You are on page 1of 1

CHANCEN HOCHSCHULE 4.

November 2010 DIE ZEIT No 45 79

STUDENTEN ERKLÄREN IHRE WELT

» Hast

Illustration: Gert Albrecht für DIE ZEIT/www.gertalbrecht.de; Fotos: T. Meyer/action press (o.r.); privat
du das Gefühl, dass dir der
korrekte Gebrauch unserer Mutter-

Weg vom Projekt sprache mit ihrer Grammatik,


Rechtschreibung und Zeichenset-
zung in der Schule klar und
ausreichend vermittelt worden ist?
Wissenschaftler sind zu kleinen Rädchen einer Maschinerie Wenn nicht – wie könnte man den
mutiert, in der vor allem eines zählt: Nutzwert. Wo bleibt die Unterricht deiner Meinung nach
zweckfreie Gründlichkeit? VON DIETER LENZEN verbessern?«

… fragt:

Bastian Sick,
Autor von »Der Dativ ist
dem Genitiv sein Tod«

» Eigentlich habe ich schon das Gefühl, dass mir


Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung
in der Schule gut beigebracht wurden. Unser
Deutschlehrer war immer sehr streng: Zu Beginn des
Unterrichts mussten wir alle stehen, dann hat er
Fragen zur Grammatik gestellt. Nur wer seine Frage
richtig beantwortete, durfte sich setzen. Das war
schon sehr hart und nervig – aber heute bin ich froh,
gungszeiten und Konstanz einer Gruppe; Ver- kann von Leistungsreserven sprechen, die »ge-

A
ls »projektorientierte Polis« beschrieben die versitätsbetrieb haben eine Chance – aber eine be- dass ich weiß, wie man richtig schreibt. Ich habe das
beiden französischen Soziologen Luc Bol- fristete. Die Folgen sind besorgniserregend: Das trauen in die Leistungsbereitschaft der Wissens- hoben« wurden, und davon, dass Bereiche identi- Gefühl, dass viele meiner Freunde wegen der Sozialen
tanski und Eve Chiapello die Gesellschaft, Personal, die gesamte Institution weist Spuren ei- produzenten statt immer neuer Prüfungen und fiziert wurden, deren Inaktivität die Frage aufwarf, Netzwerke nicht mehr richtig schreiben können oder
wie sie sich nach 1968 entwickelte. In dieser Polis nes »organizational burnouts« auf, höchste Leis- Bewährungsverfahren. Und zu alldem gehört die ob die Verwendung von öffentlichen Mitteln dort wollen. Wenn man mal schnell was auf einer Pinn-
ist das Leben nicht mehr als eine Abfolge von Pro- tungsmotivation und Leistungsfähigkeit kippen Kritik als Methode. angemessen war. Die diesem Management zu- wand bei Facebook postet, muss ja auch nicht immer
jekten: zeitlich begrenzt, netzerweiternd und da- und führen in einen totalen Selbstverlust. Dies ist Aber diese Form der souplesse wird nicht genü- grunde liegende Output-Orientierung allerdings alles stimmen, und Groß- und Kleinschreibung sind
rauf ausgelegt, die Umwelt ununterbrochen nach buchstäblich tödlich für das Konzept des Gelehr- gen. Die projektorientierte Universität ist Bestand- ist mittelfristig mit einem erheblichen Verlust an auch egal. Nur übernimmt man solche Gewohn-
Innovationsmöglichkeiten abzusuchen. Dieser ten und damit für beträchtliche Teile der Geistes- teil und Produkt einer projektorientierten Politik, Zustimmung derjenigen verbunden, die den Out- heiten leider ganz schnell. Wie man den Deutsch-
Existenzmodus dominiert inzwischen auch das wissenschaften. die sich mit ähnlichen Phänomenen konfrontiert put liefern sollen. unterricht verbessern könnte? Keine Ahnung. Auf
Universitätssystem – mit erheblichen Folgen für Zeitknappheit und Unsicherheit schlagen sieht: Zeitmangel, Burn-out, Zustimmungsverlust Deren Zustimmung wird man nicht erlangen jeden Fall war die Methode meines Deutschlehrers
das Konzept von Universität, für den Beruf des sich auch in den Methoden nieder: In der pro- und Zerstörung des Politischen als Ort des Aus- können, indem man die repräsentativen Entschei- auch nicht die beste.«
Wissenschaftlers und für die Art und Weise, Wis- jektorientierten Universität ist wenig Zeit für bildens von guten Lösungen in differenzierten In- dungsstrukturen der siebziger Jahre wiederherstellt,
sen zu generieren, zu verbreiten und zu tradieren. zweckfreie Forschung, die nicht auf technologi- teressenlagen. Daraus könnte eine Gemeinschaft die ebenfalls mit dem Problem des Legitimations-
In der projektorientierten Polis der Universität sche Innovation schielen muss, es ist keine Zeit von Wissenschaft und Politik entstehen. verlustes konfrontiert waren. Deren Zustimmung … antwortet
fehlt, was für die academia konstitutiv war: aus- für Methodenreflexion und Kritik. Soweit Letz- Man müsste sich einigen: Etwa darauf, dass in erreicht man durch die Entwicklung und Erpro-
reichend Zeit. Forschung findet in Projekten statt, tere geübt wird, dient sie selbst dem Zweck der der Forschung die Zeit der großen Wettbewerbe bung neuer Formen der Partizipation, die möglichst Camila Heinisch, 22 Jahre,
sie ist kaum mehr ein kontinuierlicher Prozess des Optimierung. »Einsamkeit und Freiheit« passen langsam in eine Zeit der Kontinuität für jene viele Beteiligte erfassen. Denn die Grenzen der re- Soziologie- und
»Bei einer Sache Bleibens«. Es gibt zweckgebunde- nicht zu einer projektorientierten Universität, Strukturen überführt wird, die in den letzten Jah- präsentativen Demokratie zeigen sich in den letzten Politikstudentin, Potsdam
ne »Projektmittel«, aber praktisch keine zweck- die auf Kooperation und Zweckbindung fußt, ren projektorientiert entstanden sind. Man könnte Jahren allenthalben, auch im Bildungsbereich, wenn
freien Forschungsmittel mehr. Studiert und unter- für »Bildung« durch Reflexion von Methode sich auf die Förderung auch des Inkommensur- beispielsweise durch Volksabstimmungen Schulre-
richtet wird im Rahmen einer eng bemessenen und Zweck der Forschung, für den klassischen ablen verständigen: »Blue sky research«. Man könn- formen verhindert werden können, die wie in
»Regelstudienzeit«, beides will verwaltet sein – mit Schlüssel der Rückbindung der Lehre an die te gemeinsam zur Auffassung gelangen, dass In- Hamburg auf einem einstimmigen Beschluss eines
einem hohen Termindruck auf die Wissenschaft: Forschung, ist schwerlich Raum. novationen nicht nur technischer, sondern auch ganzen Parlaments beruhen. In anderen Ländern NACKTE ZAHLEN
Wenn ein Projekt beginnt, ist das nächste zu be- Wie wollen wir mit dieser Entwicklung zu ei- kultureller Natur sein können und darüber dis- wie Dänemark hat man das Problem früher erkannt
antragen, die Vorlesung des 6. Semesters steht drei ner projektorientierten Universität künftig umge- kutieren, ob jedes denkbare Experiment auch und mit einem »new circle of legitimation« darauf
Jahre zuvor fest, neue Theorien und Erkenntnisse hen? Ich schlage vor, den französischen Begriff der wünschenswert und somit förderungswürdig ist. reagiert. Die Entwicklung solcher Konzepte wird

91,3
in der Zwischenzeit sind nicht vorgesehen. souplesse, zu Deutsch: Biegsamkeit, zur Leitlinie Und: wenn man sich darüber einig ist, dass es das selbst eine Aufgabe der Wissenschaft sein – auch
Die projektorientierte Universität verändert des Handelns der Universität zu machen – nicht Ziel von Wissenschaft ist, Gewissheiten, evidence, hier also gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem
die Lebensbedingungen der Menschen, die Wis- im Sinn der Anpassung, sondern in dem Sinne, zu generieren, aber ebenso und gleichwertig auch politischen System und dem Bildungssystem.
senschaft machen, und damit diese selbst: Zeitlich dass Wissenschaft sich an die Logik der projekt- Wahrheiten, einen gesellschaftlichen Konsensus Die Universität muss die Politik im Sinne der
begrenzte Projekte sind ihrer Natur nach Aufgaben orientierten Universität »anschmiegt«, um diese darüber, wie wir künftig miteinander leben wol- souplesse für sich nutzen, denn Bildungspolitiker
für ganze Gruppen von Wissenschaftlern, die in- in ihrer Logik zu unterlaufen. Dazu gehört die len, dann wäre eine Gemeinschaft von Wissen- sind in derselben Lage wie die »Insassen« der Uni-
terdisziplinär, also arbeitsteilig verfahren – dies Verlangsamung des Tempos, mit dem immer neue schaft und Politik erreicht. versität: Sie müssen ihren finanzpolitischen
kulminiert in der Idee des »Clusters«. Der größte Projekte beantragt werden; dazu gehören Gründ- Schließlich die akademische Selbstverwaltung. »Wärtern« klarmachen, was passiert, wenn die
Teil des Personals arbeitet inzwischen ohne Status lichkeit in der Analyse und Veröffentlichung von Kein Zweifel, ebenso wie die wettbewerbsorien- projektorientierte Bildungsrepublik in sich zu- ... Prozent aller Vermittlungsgutscheine
und befristet, bis das Projekt beendet ist – und er- Forschungsergebnissen, beides darf Zeit be- tierte Forschung und wie der Bolognaprozess hat sammensinkt. werden nicht genutzt. Die Gutscheine können
füllt damit unfreiwillig die 68er Forderung nach anspruchen. Dazu gehören Verfahren, mit denen das New Public Management einen einzigartigen bei der Jobsuche bei privaten Arbeits-
Gerechtigkeit, die nicht durch zementierte Hie- mehr Stabilität in den wissenschaftlichen Lebens- Aktivierungsschub für den tertiären Sektor des Dieter Lenzen ist Erziehungswissenschaftler und vermittlungsagenturen eingelöst werden
rarchien behindert wird. Mehr Menschen im Uni- verhältnissen erzeugt wird, wie längere Beschäfti- deutschen Bildungswesens mit sich gebracht. Man Präsident der Universität Hamburg