Sie sind auf Seite 1von 2

N-Serie „Geburtsjahr 1949’

Menschen, so alt wie die Bundesrepublik Deutschland


Heute: Interview mit Volker Mai, geb. am 18. November 1949,
Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte
IN: Herr Mai, heute leben wir ganz selbstverständlich mit so modernen Dingen wie Handys,
Computern und Kreditkarten. Können Sie sich noch erinnern, wie das in Ihrer Kindheit war?
Volker Mai: Das gab es damals natürlich alles noch nicht. Meine Eltern hatten noch nicht einmal
ein Telefon. Das bekamen wir erst 1960. Da war ich schon elf Jahre alt. Jedenfalls weiß ich noch,
dass ein Telefon damals für mich ein technisches Wunder war. Und wir hatten, wie die meisten
Familien, auch keinen Fernsehapparat. Aber wir brauchten nur zu unseren Nachbarn zu gehen,
weil die schon einen Fernseher hatten. Es wurde zur Gewohnheit, dass wir fast jeden
Samstagabend dort waren. Damals gab es nur ein Programm und das war schwarz-weiß. Aber
trotzdem war ein Fernsehabend etwas ganz Besonderes. Man saß auf dem Sofa und die
Erwachsenen tranken Wein. Und es gab Salzgebäck und Pralinen. Die Sendungen waren während
der ganzen Woche ein Gesprächsthema.
IN: Autos gab es in dieser Zeit auch noch nicht viele oder hatten Ihre Eltern damals schon eins?
VM: Nein, ich wäre natürlich sehr stolz gewesen, wenn wir ein Auto gehabt hätten. Aber ich war
schon fast erwachsen, als sich meine Eltern das erste Auto leisten konnten. Es war ein weißer
VW-Käfer. Allerdings hatte ein Onkel, der in unserer Nähe wohnte, schon sehr früh ein Auto. Es
war winzig klein, und wenn wir sonntags mit meinem Onkel und meiner Tante Ausflüge machten,
musste ich immer auf dem Schoß meiner Mutter sitzen. Aber ich habe sehr schöne Erinnerungen
daran. Wenn wir zum Baden an einen See oder zum Spazierengehen in ein Waldgebiet außerhalb
der Stadt fuhren, hatten wir immer einen Ball, verschiedene Spiele und ganz viel zu Essen dabei.
Meine Mutter hatte samstags immer schon für uns alle Eier gekocht, Kartoffelsalat gemacht und
Schnitzel gebraten. Essen war damals die Hauptsache, weil die Erwachsenen oft noch an den
Hunger im Krieg und in den ersten Nachkriegsjahren dachten.
IN: Was ist denn das erste politische Ereignis, an das Sie sich erinnern können?
VM: Da brauche ich nicht zu überlegen: Das war der Mauerbau in Berlin im August 1961. Es war
der 13. August. Daran kann ich mich deshalb ganz genau erinnern, weil zwei Tage später mein
Großvater gestorben ist. Meine Großeltern wohnten in Dresden und wir wollten sie besuchen,
weil es meinem Großvater sehr schlecht ging. Im Radio kamen ständig Nachrichten über den Bau
der Mauer in Berlin und darüber, dass viele Menschen noch versuchten, aus der DDR zu fliehen.
Alle Mensehen hatten Angst vor einem Krieg und natürlich konnten wir nicht zu den Großeitern
nach Dresden reisen. Mein Vater war furchtbar aufgeregt und meine Mutter veinte, weil sie ihren
Vater vor seinem Tod so gern noch einmal gesehen hätte.
IN: Gibt es noch ein Ereignis, das Sie so klar vor Augen haben?
VM: Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist die Ermordung John F. Kennedys. Für mich war
er ein Idol. Ich hatte ihn ein Jahr vor seinem Tod einmal gesehen, als er einen Deutschlandbesuch
machte. Da kam er auch nach Frankfurt, wo ich mit meinen Eltern lebte. In der ganzen Stadt
hatten die Kinder schulfrei und standen an den Straßen, wo Kennedy in einem offenen Wagen
vorbeifuhr. Wir Kinder winkten mit kleinen amerikanischen Fahnen. Als dann am 22. November
1963 die Nachricht von Kennedys Ermordung kam, war das wie ein Schock. Ich kann mich noch
genau an die Fernsehbilder erinnern, denn das Attentat war ja gefilmt worden. Wahrscheinlich
kann sich ein junger Mensch heute gar nicht mehr vorstellen, was das damals bedeutet hat.
IN: Als Jugendlicher hatten Sie sicher Hobbys. Was haben Sie denn damals in Ihrer Freizeit
gemacht?
VM: Meistens habe ich Musik gehört: die Beatles, die Stones und andere Rockgruppen. Meine
Eltern fanden das entsetzlich. Sie hätten es lieber gehabt, wenn ich klassische Musik gehört hätte.
Aber ich finde die Stücke immer noch gut. Ich werde wohl noch mit 80 die Musik von damals
hören.
IN: Viele junge Menschen, insbesondere Gymnasiasten und Studenten, haben sich Ende der
60er-Jahre und in den 70er-Jahren für Politik interessiert. Es war modern, Kommunist zu sein.
Gehörten Sie auch zu denen, die Karl Marx gelesen und gegen den Kapitalismus demonstriert
haben?
VM: Ja, das fing mit meinem Studium an. Mein politischer Standpunkt war damals ganz klar: Ich
wollte gegen das kapitalistische System kämpfen, aber natürlich nur mit Worten. Jedenfalls war
das eine sehr aufregende Zeit. Udo, mein Sohn, macht sich oft über mich lustig, wenn ich davon
erzähle.
IN: Hat er kein Interesse an Politik?
VM: Nein, sehr wenig. Udos Welt sind die Tiere; er interessiert sich in der Hauptsache für Pferde,
Hunde und Katzen. Nächstes Jahr macht er Abitur und dann wird er wahrscheinlich Tiermedizin
studieren.
IN: Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn er sich wie Sie für den Lehrerberuf entschieden hätte?
VM: Nein. Es hätte mich zwar gefreut, aber da darf man sich als Vater nicht einmischen, finde
ich. Bestimmt wird er ein guter Tierarzt werden.