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Deutsch, Delfine und Delila

Anfangs war Delila für mich eine Kursteilnehmerin wie jede andere. In manchen Deutschstunden
hatte sie neben mir gesessen, in anderen nicht. Um ehrlich zu sein, ich hatte mir noch nicht
einmal ihren Namen gemerkt, als die Kursleiterin uns in der ersten Stunde danach gefragt hatte.
Es war mir auch gar nicht aufgefallen, wie hübsch Delila war mit ihren langen schwarzen Haaren
und den wasserblauen Augen. Sie konnte schon besser Deutsch als ich und machte wenig Fehler.
Das war das Einzige, was ich über sie wusste. Aber das war nichts Besonderes, weil ich schon
immer der Meinung war, dass Frauen eine größere Sprachbegabung haben als Männer. Eine gute
Entschuldigung für mich, wenn es mir mal wieder passierte, dass der ganze Kurs über meine
Fehler lachte. So war es auch an dem Tag, als alles anfing mit Delila.

Am Ende des Unterrichts hatten wir noch ein bisschen Zeit. Frau Bauer, unsere Lehrerin, hatte
die Idee, ein kleines Spiel mit Tiernamen zu machen. Es sollte eine Übung zu den Adjektiven sein.
Unsere Lehrerin schrieb den Namen eines Tiers an die Tafel und wir sollten dazu Eigenschaften
nennen. Als Erstes schrieb sie „Krokodil“. Jemand sagte „gefährlieh“ und ein anderer „hässlich“.
Dann fragte mich Frau Bauer, ob ich auch ein passendes Adjektiv wisse. Ich antwortete: „Nein.
Ich mag nicht Krokodile.“ Frau Bauer wollte mich verbessern und sagte: „Ich mag keine
Krokodile.“ Darauf sagte ich zu den anderen: „Sie mag auch nicht Krokodile.“ Das war natürlich
wieder falsch. Frau Bauer lachte und sagte, dass sie eigentlich gar nichts gegen Krokodile habe,
solange sie nicht mit ihnen zusammen baden müsse. Und dann erklärte sie mir noch einmal, wann
man im Deutschen „nicht“ und wann man „kein“ verwendet.
Das nächste Tier war „Katze“. Viele meldeten sich und sagten „sauber“, „schnell“, „leise“. Ich
sagte lieber nichts mehr, obwohl ich auch ein paar Adjektive wusste. Dann kam „Delfin“. Da
meldete sich Delila, die neben mir saß, und sagte: ,Delfine sind sozial und freundlich auch zu
Menschen.“ Dann dachte sie einen Augenblick nach und fügte hinzu: „Und sie haben eine
Sprache, eine geheimnisvolle Sprache. Als sie das sagte, klang ihre Stimme so wundervoll warm
und weich, dass mein Herz einen kleinen Sprung machte. Das war der Moment, in dem ich mich
in Delila verliebte. Ich weiß nicht mehr, welche Tiernamen Frau Bauer noch an die Tafel schrieb
und was im Kurs weiter gesprochen wurde. Ich hatte nur noch Augen und Ohren für Delila. Nach
dem Unterricht wollte ich sie ansprechen, um mich mit ihr zu unterhalten, aber bevor ich den
Mut dazu hatte, war Delila verschwunden.
Auf dem Weg nach Hause kam ich wie immer an vielen Geschaffen vorbei. Vor einem
Schmuckladen blieb ich stehen, weil ich im Schaufenster eine große Fotografie entdeckte. Darauf
waren zwei Delfine zu sehen, die nebeneinander aus dem Wasser heraus sprangen – ein Symbol
reiner Lebenslust. Davor lagen Eheringe .... Ich ging in das Geschäft hinein und fragte nach
Schmuck in der Form eines Delfins. Sie hatten einen Anhänger, der mir gut gefiel, und dazu suchte
ich eine silberne Kette aus. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Schmuck kaufte. Mit
einem kleinen Geschenkpäckchen verließ ich aufgeregt und glücklich den Laden.
In dieser Nacht konnte ich lange keine Ruhe finden, weil ich an Delila dachte. Als ich dann endlich
einschlief, hatte ich eilen Traum. Zuerst war ich irgendwo in Afrika. Da war auch Frau Bauer,
unsere Kursleiterin, die mit einem Krokodil im Fluss badete. Ich stand am Ufer und schaute zu.
Als sie mich entdeckte, lachte sie und rief mir zu, dass ich auch ins Waser kommen solle. Dann
änderte sich der Traum. Ich sah Deila, die am Meer auf einem Felsen stand und mit einem
eleganten Sprung ins tiefblaue Wasser tauchte. Ein Delfin kam angeschwommen und wollte mit
ihr spielen. Delila fing an, sich mit dem Delfin zu unterhalten. Ich konnte die Sprache nicht
verstehen, aber es klang ein bisschen wie Deutsch. Sie lachten, spielten und hatten sehr viel Spaß
miteinander. Auf einmal küsste Delila den Delfin ganz zärtlich – und ich wachte mit Herzklopfen
auf. In der nächsten Deutschstunde steckte ich das Päckchen aus dem Schmuckgeschäft heimlich
in Delilas Tasche. Danach war ich so aufgeregt, dass ich im Unterricht nur noch Fehler machte.
Wir waren bei den starken Verben und mir fielen die einfachsten Formen nicht mehr ein. Frau
Bauer wollte wissen, wo ich mit meinen Gedanken sei. Natürlich konnte ich ihr keine ehrliche
Antwort geben. Ich war mit meinen Gedanken bei Delila und dem kleinen Delfin in ihrer Tasche.
Was würde Delila tun, wenn sie den Schmuck zu Hause entdecken würde? Würde sie wissen, dass
er von mir war?
Am nächsten Tag setzte sich Delila im Unterricht nicht neben mich, aber um den Hals trug sie die
Kette mit dem Delfin. Und wieder machte mein Herz einen kleinen Sprung. Wir sprachen nicht
miteinander, aber einmal lächelte sie, als ich sie anschaute. War es ein Spiel? Wartete sie darauf,
dass ich etwas sagen würde? Ich wollte nichts falsch machen, also war ich ganz vorsichtig.
Vielleicht wusste sie ja gar nicht, dass der Delfin von mir war. In den nächsten Wochen schenkte
ich ihr heimlich noch mehr Delfine: kleine Figuren aus Holz oder Glas, ein Paar Ohrringe, ein
Stofftier, einen Delfin aus Schokolade
Nie sagte sie etwas und ich wusste immer noch nicht, was sie dachte. Aber mein Deutsch wurde
besser, weil ich mich vor
 Delila nicht blamieren wollte. Ich lernte Vokabeln und übte
Grammatik wie nie zuvor. Frau Bauer lobte mich vor der ganzen Klasse und sagte, dass
ich Fortschritte gemacht hätte.
Und dann kam der Tag, auf den ich gewartet hatte. Nach dem Unterricht wartete Delila
auf mich und fragte lächelnd: „Nun sag mal, Dennis, warum schenkst du mir eigentlich
immer Delfine?“ Sie hatte also von Anfang an gewusst, dass ich es war. „Jetzt nur keine
direkte Antwort geben“, dachte ich. „Ich liebe Delfine“, wollte ich sagen. Aber ich war
schrecklich nervös und sagte stattdessen: „Ich liebe Delila.“ Vor Schreck über meinen
Versprecher bekam ich einen ganz roten Kopf. Aber sie lachte nur und nahm mich in den
Arm. Seitdem sind wir zusammen, Delila und ich. Ich glaube, Delfine bringen Glück.

Deutsch, Delfine und Dennis

Liebe Doris,
hoffentlich bist du mir nicht böse, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich muss
mich im Augenblick auf die Zertifikatsprüfung in Deutsch vorbereiten, und eigentlich hätte
ich gar keine Zeit, Briefe zu schreiben. Aber das muss ich dir doch unbedingt erzählen:
Ich habe mich verliebt!
Er heißt Dennis und ist Amerikaner. Nun rate mal, wo wir uns getroffen haben: im
Sprachkurs. Gleich als ich das erste Mal in die Klasse kam, fiel er mir auf. Er war der größte
von allen und ich fand ihn sofort unheimlich attraktiv. Zufällig war neben ihm ein Platz frei
und ich setzte mich dahin. Natürlich merkte ich mir sofort seinen Namen, als die
Kursleiterin die Teilnehmerliste ausfüllte und wir uns alle vorstellen mussten. Auch in den
folgenden Stunden versuchte ich immer wieder einen Platz neben ihm zu bekommen,
doch er schien sich nicht weiter für mich zu interessieren.
Aber dann machte die Kursleiterin in einer Stunde eine spielerische Übung mit uns: Wir
sollten sagen, was uns zu bestimmten Tieren einfiel. Dennis machte einen kleinen Fehler,
über den der ganze Kurs lachen musste, während ich Mitleid mit ihm hatte. Als über
Delfine gesprochen wurde, meldete ich mich – du weißt ja, dass ich Delfine faszinierend
finde. Ich sagte etwas über ihre geheimnisvolle Sprache. Nachdem ich zu Ende geredet
hatte, schaute ich zufällig in seine Richtung. Dabei begegneten sich unsere Blicke, und
das passierte noch mehrere Male in der Stunde.
Am nächsten Tag saß ich wieder neben Dennis. Da merkte ich, dass er ein kleines Päckchen
in meine Tasche steckte. Weil er es heimlich machte, tat ich so, als ob ich es nicht gesehen
hätte. Dennis war jedenfalls sehr nervös in dieser Stunde: Er konnte sich gar nicht
konzentrieren. Das fiel auch unserer Kursleiterin auf und sie fragte ihn, wo er mit seinen
Gedanken sei. Da bekam er einen roten Kopf und konnte keine Antwort geben. Natürlich
dachte ich mir schon, dass er wegen dem Päckchen so aufgeregt war. Sobald die Stunde
zu Ende war, ging ich mit meiner Tasche zur Toilette und schaute nach. Stell dir vor: Es
war ein Halskettchen mit einem süßen kleinen Delfin als Anhänger. Ich habe mich so
gefreut! Und natürlich war mir da auch klar, warum er mich am Tag vorher so angeschaut
hatte. Er hatte sich in mich verliebt. Aber ich wollte es ihm auch nicht zu leicht machen.
Deshalb ließ ich mir nichts anmerken. Ein kleines Zeichen wollte ich ihm aber schon geben,
und darum trug ich am nächsten Tag im Unterricht seine war. Trotzdem sagte ich nichts
und setzte mich im Unterricht auch nicht in seine Nähe. Eigentlich wartete ich nur darauf,
dass er den Mut haben würde, sich mit mir zu verabreden. Das tat er nicht, aber er steckte
mir immer wieder heimlich kleine Delfine in die Tasehe. Ist das nicht süß? Ich sammelte
die Figuren neben meinem Bett, und vor dem Einschlafen streichelte ich sie.
Nach drei Wochen hielt ich es dann nicht mehr aus, weil Dennis nichts weiter unternahm.
Da habe ich ihn nach dem Unterricht einfach angesprochen. „Warum schenkst du mir
eigentlich diese kleinen Delfine?“, habe ich ihn gefragt. Du kannst dir nicht vorstellen, was
er geantwortet hat, liebe Doris. Er sagte: „Ich liebe Delila“ und wurde ganz rot. Eigentlich
hatte er nämlich sagen wollen: „Ich liebe Delfine.“ Vor lauter Aufregung hatte er sich
versprochen. Das war so süß, dass ich ihn einfach in den Arm genommen habe. Das ist
die Geschichte, die ich dir unbedingt erzählen wollte, liebe Doris. Wir sind sehr glücklich
miteinander, Dennis und ich. Nach der Prüfung wollen wir zusammen eine Urlaubsreise
machen. Dennis möchte irgendwo hinfahren, wo es Delfine gibt... Du bekommst auf alle
Fälle eine Ansichtskarte von uns.

Herzliche Grüße
Deine Delila