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Zeitschrift Informatik 4/1998 S.

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Das Urheberrecht des Programmierers

Ursula Sury

Gesetzlicher Grundsatz
Je länger, desto mehr Arbeitnehmer sind im engern oder weitern Bereich der Reali-
sierung von Informatikprojekten angestellt. Im Rahmen ihrer arbeitsvertraglichen
Pflichten erstellen sie Konzepte, programmieren Software etc. Es ist dabei nicht sel-
ten, dass mit diesen Arbeiten eine bedeutende Wertschöpfung verbunden ist.

Gemäss Art. 2, Abs. 1, des Urheberrechtsgesetzes (URG) unterliegen individuelle


geistige Wertschöpfungen dem Urheberrecht. Dazu gehören beispielsweise Sprach-
werke, also auch Konzepte, und das Computerprogramm. Das Urheberrecht entsteht
gemäss Art. 6 URG in der natürlichen Person, die das Werk geschaffen hat, also im
Menschen aus Fleisch und Blut. Da der Arbeitnehmer das Werk aber grundsätzlich
im Dienst des Arbeitgebers erstellt, stehen die Verwendungsbefugnisse am Compu-
terprogramm gemäss Art. 17 URG dem Arbeitgeber zu, soweit und sofern dieses in
“Ausübung dienstlicher Tätigkeit und in Erfüllung arbeitsvertraglicher Pflichten” ge-
schaffen wurde, d.h. also während der Arbeitszeit in der Tätigkeit, für die man ange-
stellt wurde (Pflichtenheft). Beim Urheberrecht handelt es sich also um eine Art Per-
sönlichkeitsrecht. Das wirtschaftlich Interessante an diesem Urheberrecht, nämlich
die Verwendung in jeglicher Form, speziell die gewerbsmässige Verwertung, steht
aber dem Arbeitgeber zu.

Nicht geregelt ist die Frage, wem das Urheberrecht gehört, das der Arbeitnehmer
während der Arbeitszeit, aber nicht in Erfüllung arbeitsvertraglicher Pflichten schafft
(Zufallswerkschöpfung), oder die Frage, wem das Recht am Computerprogramm zu-
steht, das durch den Arbeitnehmer in seiner Freizeit geschaffen wird (die “zündende”
Idee kommt auf dem Nachhauseweg oder am Sonntag). Die Urheberrechte samt den
daraus fliessenden Verwendungsbefugnissen stehen deshalb dem Arbeitnehmer zu,
sofern dies nicht vertraglich anders geregelt ist.

Arbeitsvertragliche Bedürfnisse
Diese vom Gesetzgeber grundsätzlich vorgesehene Regelung vermag nun offenbar
die Arbeitgeber nicht zu befriedigen. In Einzelarbeitsverträgen werden deshalb wei-
tergehende Vereinbarungen über das Urheberrecht abgeschlossen. Das folgende
Beispiel wurde nach Inkrafttreten des revidierten URG (ab 1. Juli 1993) in verschie-
dene Einzelarbeitsverträge übernommen:

Der Mitarbeiter tritt sämtliche Rechte an einem Computerprogramm, das er während


oder ausserhalb der Arbeitszeit unter Verwendung des betrieblichen Know-how
schafft, an den Arbeitgeber ab.

Gemäss dieser Regelung würde der Arbeitgeber nicht nur die Verwendungsbefug-
nisse am Computerprogramm erhalten, sondern es würde ihm auch das Urheber-
recht übertragen, und zwar betrifft dies nicht nur Computerprogramme, die während
der Arbeitszeit in Erfüllung arbeitsvertraglicher Pflichten bzw. nicht in Erfüllung ver-
traglicher Pflichten, sondern auch solche, die ausserhalb der Arbeitszeit geschaffen
wurden. Bei dieser arbeitsvertraglichen Regelung handelt es sich also sowohl um
eine inhaltliche (Urheberrecht wird ganz übertragen) als auch um eine zeitliche Modi-
fikation (während und ausserhalb der Arbeitszeit) des gesetzgeberischen Vorschla-
ges.

Da solche oder ähnliche Regelungen offensichtlich sehr umfassend und weitgreifend


sind, stellt sich die Frage der gesetzlichen Zulässigkeit.

Zulässigkeit arbeitsvertraglicher Regelungen


Im Obligationenrecht, Art. 332, ist eine ähnliche Frage geregelt, und zwar handelt es
sich um das Recht des Arbeitnehmers im Einzelarbeitsvertrag an Erfindungen. Der
Gesetzgeber meint aber nicht nur Erfindungen im engen Sinne, sondern auch spezi-
elle Entwicklungen, die etwas spezifisch Neues enthalten, wie beispielsweise paten-
tierbare Produkte und Verfahren etc. Diese Regelung gilt nicht für urheberrechtliche
Werke, da es dafür ein Spezialgesetz gibt. Art. 332, Abs. 1, OR, regelt klar, dass Er-
findungen (Entwicklungen), die der Arbeitnehmer bei Ausübung seiner dienstlichen
Tätigkeit und in Erfüllung seiner vertraglichen Pflichten schafft, dem Arbeitgeber ge-
hören. Für den Bereich der Erfindungen werden also nicht nur die Verwendungsbe-
fugnisse dem Arbeitgeber übertragen, sondern das Recht als solches.

Art 332, Abs. 2, bestimmt, dass sich der Arbeitgeber den Erwerb von Erfindungen
ausbedingen kann, die der Arbeitnehmer bei Ausübung seiner dienstlichen Tätigkeit
(also während der Arbeitszeit), aber nicht in Erfüllung vertraglicher Pflichten gemacht
hat. Die Literatur spricht hier von sogenannten “Zufallserfindungen”. Der Arbeitneh-
mer ist nicht dafür angestellt (kein Bestandteil seines Pflichtenheftes), während der
Arbeitszeit macht er aber zufällig eine Erfindung. Will der Arbeitgeber die so ge-
machte Erfindung dann tatsächlich erwerben, hat er dem Arbeitnehmer, gemäss Art.
332, Abs. 4, OR, eine angemessene Vergütung auszurichten. Diese Pflicht zur Aus-
richtung einer angemessenen Vergütung entspricht zwingendem Recht gemäss Art.
362 OR, wonach von bestimmten Vorschriften zu Ungunsten des Arbeitnehmers
nicht abgewichen werden kann. Die Möglichkeit des Erwerbs von Erfindungen, die
der Arbeitnehmer ausserhalb der Arbeitszeit schafft (freie Erfindungen), hat der Ge-
setzgeber nicht geregelt. Diese Frage wollte er offenbar bewusst nicht regeln, da er
das Recht der Persönlichkeit des Arbeitnehmers, insbesondere auch die grundsätz-
lich völlig freie Betätigung des Arbeitnehmers ausserhalb der Arbeitszeit bewusst
nicht beeinträchtigen wollte. Der Arbeitnehmer kann sich in seiner Freizeit, unabhän-
gig von Weisungen und Ansprüchen des Arbeitgebers verhalten, sofern und soweit
er den Arbeitgeber damit nicht konkurrenziert. Eine andere Regelung würde auch
dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht und -Schutz (insbesondere ZGB 27) wider-
sprechen, wonach man auch nicht freiwillig über ein bestimmtes Mass hinaus seine
persönlichen Freiheiten und die Privatautonomie einschränken darf.

Was der Gesetzgeber für den Bereich der Erfindungen und Entwicklungen geregelt
und zwingend statuiert hat, lässt sich auf den Bereich des Urheberrechtes analog
übertragen, wo solche gesetzliche Regelungen fehlen. Dies lässt den Schluss zu,
dass ein entschädigungsloses Übergehen von Urheberrechten, die während der Ar-
beitszeit, aber nicht in Erfüllung arbeitsvertraglicher Pflichten geschaffen wurde,
nichtig ist. Die Übertragung von Urheberrechten an Computerprogrammen, die wäh-
rend der Freizeit geschaffen wurde, widerspricht auch zwingendem gesetzlichem
Recht und ist ebenso nichtig (Art. 20 OR). Dies ist sicher der Grund dafür, dass ei-
nem in letzter Zeit auch noch andere Regelungen in Arbeitsverträgen begegnen,
z.B.:

Vom Arbeitnehmer in Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit gemachte Erfindungen


und geschaffene Werke gehören der X, unabhängig davon, ob der Arbeitnehmer in
Erfüllung einer vertraglichen Pflicht handelte oder nicht. Erfindungen und Werke, die
nicht in Erfüllung einer vertraglichen Pflicht gemacht oder geschaffen wurden, ent-
schädigt die X dem Arbeitnehmer angemessen, sofern sie ihm die Erfindung oder
das Werk nicht zur eigenen Verwertung freigibt. Sämtliche vom Arbeitnehmer im
Rahmen des Arbeitsverhältnisses mit der X bereits erstellten oder in Zukunft noch zu
erstellenden Werke (Computerprogramme, Dokumentationen etc.) gehen automa-
tisch ins unbeschränkte und alleinige Eigentum der X über, ohne dass die X eine zu-
sätzliche Gegenleistung zu erbringen hat. Alle derzeitigen und künftigen Rechte an
solchen Werken, insbesondere die Rechte zur Verwendung, Vermietung, Veräusse-
rung und Veränderung solcher Werke, die im Auftrage der X erstellt worden sind
bzw. noch erstellt werden, tritt der Arbeitnehmer vollumfänglich der X ab. Die Abtre-
tung umfasst in jedem Fall sämtliche in den Art. 9 bis 11 URG umschriebenen
Rechte. Der Arbeitnehmer verzichtet demzufolge darauf, an solchen Werken irgend-
welche Urheberrechte geltend zu machen.

Sofern der Arbeitnehmer ausserhalb der Arbeitszeit, auch nicht während Überstun-
den, mit Hilfe der Entwicklungsumgebung des Arbeitgebers Werke schafft, kann si-
cher eine Entschädigung für den Gebrauch (Miete) verlangt werden.

Es gibt Arbeitgeber, die bewusst nichtige Regelungen verfassen, in der Hoffnung, der
Arbeitnehmer bemerke dies nicht und verhalte sich dann entsprechend. Diese Re-
gelungen haben also insofern klar eine prozessprophylaktische Wirkung. Regelun-
gen, die nichtig sind, bleiben aber nichtig, obwohl die Parteien diese unterzeichnet
haben; der Arbeitnehmer verliert also seine Persönlichkeitsrechte im konkreten Fall
nicht, selbst wenn er eine entsprechende Regelung unterzeichnet hätte.

Zusammenfassung
Das Bedürfnis des Arbeitgebers betreffend Recht an Computerprogrammen, die
durch Arbeitnehmer im Einzelarbeitsvertrag geschaffen werden, wird durch die aktu-
elle gesetzliche Regelung offenbar nicht befriedigt. Einem arbeitsvertraglichen
Rundumschlag stehen aber zwingende gesetzliche Regelungen im Wege, insbeson-
dere was den Persönlichkeitsschutz des Arbeitnehmers anbelangt. Im unternehmen-
spraktischen Alltag wird der Arbeitgeber argumentieren, es sei für ihn schwierig
nachzuvollziehen und zu beweisen, welche Urheberrechte während oder ausserhalb
der Arbeitszeit, in Erfüllung oder nicht in Erfüllung arbeitsvertraglicher Pflichten ge-
schaffen wurden. Es erscheint also klar, dass die Bedürfnisse des Arbeitgebers nicht
alleine mit arbeitsvertraglichen und somit rechtlichen Regelungen abgedeckt werden
können. Dieses Problem kann (wie übrigens viele Fragen im Bereiche des Informatik-
rechtes) nur interdisziplinär gelöst werden. Konkret stellen sich einerseits Anforde-
rungen an das Führungsverhalten des Arbeitgebers, anderseits wird die Abhängigkeit
des Arbeitgebers vom Arbeitnehmer immer grösser, was das klassische Denken im
Dienstverhältnis (Chef/Angestellter mit Weisungsrecht des Chefs und Subordination
des Angestellten) aufweicht. Der Arbeitnehmer wird, mindestens unternehmerisch
gesehen, zum Mitunternehmer und Partner des Arbeitgebers. Haben der Arbeitneh-
mer und der Arbeitgeber die gleichen, insbesondere auch die gleichen wirtschaftli
chen Interessen, so werden sich die diskutierten Probleme lösen lassen, da der Ar-
beitgeber in der Regel über geeignete Distributionskanäle verfügt und somit die
Wertschöpfung urheberrrechtlicher Werke auch tatsächlich realisieren kann. In die-
sem Sinne ist dieser Tendenz zur Vergemeinschaftung und gegenseitiger Abhängig-
keit durch entsprechende Lohnformen gerecht zu werden. Jegliche Regelung muss
im Einklang mit dem Recht sein und beiden Parteien nützen, WIN-WIN!

Ursula Sury ist Rechtsanwältin in Luzern und leitet den Fachhochschul-Lehrgang


Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft HSW der Fachhochschule
Zentralschweiz sowie den ersten und bis heute einzigen Nachdiplomkurs in Daten-
schutz- und Informatiksicherheit, welcher am Institut für Wirtschaftsinformatik der
Hochschule durchgeführt wird. Die Autorin ist schwergewichtig im Bereich des Infor-
matikrechtes und des Franchising tätig.