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Die Kartoffelkanone – hausgebaute Mordwaffe?

Jules Henze, Michael Wild


Colin Thaa, Raphael Knecht
Betreuer: Guido Lang
Kantonschule Kreuzlingen

Naturwissenschaftliche Woche 2007 (NWW '07)


Kreuzlingen, 27.09.2007

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Die Kartoffelkanone – hausgebaute Mordwaffe?

Jules Henze, Michael Wild


Colin Thaa, Rapahel Knecht
Betreuer: Guido Lang
Kantonschule Kreuzlingen

Zusammenfassung
Wir haben uns die Frage gestellt, ob die allseits beliebte Kartoffelkanone tödlich für den
Menschen ist. Schon nach den ersten Testschüssen war uns ziemlich schnell klar, dass die
Kanone nicht nur leichte Blessuren und Schürfungen hervorrufen kann. Die erste
abgemessene Schussweite betrug 88 m – bei einem Abschusswinkel von 75°. Wir haben
gemerkt, dass das Gasgemisch und der Ort des Zündfunkens von essentieller Bedeutung ist.
Wir haben ca. 10 Schüsse abgefeuert, die allesamt über 60 m weit kamen. Bei zweien davon
wurden über 100 m gemessen. Die höchste gemessene Mündungsgeschwindigkeit betrug ca.
42 m/s – das bei einer Kartoffel von 140 g Gewicht. Daraus resultierte eine Energie von ca. 80
Joule. Die Kräfte, die also beim Aufprall einwirkten, betrugen über 5 J/cm2.
Doch all diese Messwerte sagen eigentlich nichts über die Tödlichkeit aus. Wir wissen nicht,
wie sich die Kartoffel während dem Aufprall deformiert, ob sie abrutscht und gar nicht ihre
ganze Kraft auf den Körper übertragen kann. Deshalb haben wir zwei Direktversuche mit
Kokosnüssen durchgeführt. Beim ersten Versuch hat es die Kokosnuss nach dem zweiten
Schuss zersplittert; Ein klares Indiz für die Tödlichkeit. Beim zweiten Versuch konnten wir die
Kokosnuss erst im dritten Anlauf zerstören – das lag wohl daran, dass sie wesentlich kleiner
und kompakter als die Erste war.
Alles in allem können wir sagen, dass die Kartoffelkanone sehr wohl tödlich für den Menschen
sein kann oder ansonsten mindestens schwere Verletzungen hervorruft.

Summary
We set on the question whether the potatoe-spudgun is lethal or not. After a couple of
launches with our own spudgun, we realized that there's simply no way she's not. But we had
to check that out in a scientific way. So we mesuread a shot – it was 88 meters in distance, at
a shooting angle of about 75°. We fired about 10 shots, every single ranged more than 60
meters, two of them even above 100 meters. We would have liked to mesure the initial speed,
but the high voltage sparks created a magnetic field, what fully disturbed the instruments. But

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with the angle, the range and a little bit of physics, it was possible to find out the speed,
energy and even the force.
The biggest speed calculated was from a 105-meter shot, which was about 42 m/s. There we
had an energy of about 80 Joule. The forces that were pushing in at the impact were over
5 J/cm2. That is like if you put an object of 400 kg onto your body.
But all these measurements are not enough to really be able to be convinced of its lethality. So
we made two experiments with cocosnuts. We put them in front of the spudgun and fired it.
With the first cocosnut, it worked at the second time to break it. With the second, it took three
times to split it into pieces. That has to do with the fact, that it's smaller and more compact
than the first one.
All in all, we have the possiblility really to say that the spudgun is lethal or at least very
dangerous to the human body.

Einleitung
Die Kartoffelkanone gilt allgemein als gefährlich, in Deutschland ist sie sogar verboten. Doch
eigentlich hat man keine genaueren Angaben zur Schusskraft, welche sie entwickeln kann.
Die meisten Aussagen sind relativ, so zum Beispiel, dass die Waffe „wahnsinnig Power hat“
und „voll abgeht“.
Die Forschungsgruppe „Kartoffelkanone“ will sich einen genauen Überblick darüber
verschaffen, welche Energie eine übliche Kartoffelkanone wirklich freisetzt, und ob diese eine
Gefahr für den Menschen darstellen kann. Wir betrachten dies als notwendig, da immer noch
viele Leute unprofessionell mit dieser potenziell tödlichen Waffe umgehen.
Es soll in dieser Arbeit die Energie gemessen werden, die beim Aufprall auf die
Versuchsgegenstände wirkt. Um dies dann auch zu verbildlichen, soll ein Direktversuch mit
einer Kokosnuss stattfinden, welcher genauere Aufschlüsse darüber geben wird, wie sich die
verschiedenen Faktoren; Geschoss, Lauf und Gasgemisch auf den Schuss und den Aufprall
auswirken.

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Material und Methoden
 Material:
 Polypropylenrohre
 Sperrholz
 Kartoffeln
 Gas als Treibmittel (Butan/Propan Gemisch)
 ca. 20 Schrauben
 Holzstab
 Zündspule
 Analysator als Netzgerät
 Draht
 Gewebeklebband
 Lichtschranken
 Laptop
 Software zur Datenaufnahme
 Weitere Projektile (z.b. Reis, Mehl, Äpfel usw.)
 Geeigneter Teststandort
 Werkzeug (Bohrer, Schraubenzieher, usw.)
 Kokosnuss als Schädelersatz

 Funktionsweise:
Das durch den Deckel zuvor herein gesprühte Campinggas wird durch einen Funken, der per
Knopfdruck durch eine Zündspule erzeugt wird, entzündet. Dieses befindet sich in der Brenn-
bzw. Explosionskammer. Der dadurch erzeugte Überdruck beschleunigt die Kartoffel aus dem
Rohr hinaus. Das Projektil (Geschoss) kann es über 100m weit befördern.

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1. Lauf 5. elektrischer Zünder
2. Mündung 6. Kontakte
3. Deckel mit 7. Explosionskammer
4. Sperrholz verstärkt

 Ablauf unseres Experiments:


Da Kartoffelkanonen in letzter und aber auch schon vor längerer Zeit gross in den Medien
behandelt wurden – in Deutschland sogar verboten sind –, wollen wir nun die
Durchschlagskraft dieser, mit handelsüblichen Materialen herstellbare Waffe testen. Dazu
messen wir die Geschwindigkeit des Projektils und berechnen daraus die kinetische Energie.

Schon anhand dessen lässt sich ungefähr abschätzen, wie gefährlich es für Lebewesen sein
kann, dem Feuer dieser Waffe ausgesetzt zu sein. Um ganz sicher zu sein, und falls es die
Zeit erlaubt (was eigentlich der Fall sein sollte) werden wir eine authentische Puppe aufbauen,
um die Feuerkraft zu demonstrieren. So zum Beispiel könnte eine Kokosnuss verwendet
werden um die Verletzungen an einem menschlichen Kopf zu demonstrieren.
So sollte sich herrausstellen, wie gefährlich diese Waffe sein kann.
Unser Hauptziel besteht darin, herauszufinden, ob der Medienrummel um die Gefährlichkeit
der Kanone gerechtfertigt ist, oder ob die Medien einmal wieder masslos übertreiben.

 Budget:
Für den Bau der Kanone werden nur ca. 20 € benötigt.
Die Projektilkosten und andere Utensilienkosten bekaufen sich auf ca. sFR. 10.-

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Resultate

Weite m Gewicht N Geschwindigkeit m/s Flugzeit s Winkel °


Schuss 1 80 1.25 29.81 5.36 62
Schuss 2 83 1.40 30.36 5.46 62
Schuss 3 90 1.40 31,62 5.69 62
Schuss 4 92 1.50 35.72 5.14 45
Schuss 5 62 1.00 29.32 4.22 45
Schuss 6 100 1.15 37.24 5.36 45
Schuss 7 105 1.1 42.91 4.89 34

Mit oben genannten Resultaten konnten wir mit folgender Formel die kinetische Energie des
Geschosses berechnen:
Ekin = ½ mv2 = ca. 80 Joule

Folgende Tabellen zeigen die von uns gemessenen Daten:


Weite in m
110.00

100.00
90.00

80.00
70.00

60.00 Weite m
50.00

40.00
30.00

20.00
10.00

-
Schuss 1 Schuss 2 Schuss 3 Schuss 4 Schuss 5 Schuss 6 Schuss 7

Gewicht in N
1.50
1.40
1.30
1.20
1.10
1.00
0.90
0.80 Gewicht N

0.70
0.60
0.50
0.40
0.30
0.20
0.10
-
Schuss 1 Schuss 2 Schuss 3 Schuss 4 Schuss 5 Schuss 6 Schuss 7

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Winkel in Grad °
65.00
60.00
55.00
50.00
45.00
40.00
35.00 Winkel Grad
30.00
25.00
20.00
15.00
10.00
5.00
-
Schuss 1 Schuss 2 Schuss 3 Schuss 4 Schuss 5 Schuss 6 Schuss 7

Geschwindigkeit in m/s
45

40

35

30

25
Geschwindigkeit m/s
20

15

10

0
Schuss 1 Schuss 2 Schuss 3 Schuss 4 Schuss 5 Schuss 6 Schuss 7

Diskussion
Die Diagramme im Vergleich:
Aus den Grafiken können wir einige grundlegende physikalischen Gesetze herauslesen.
Jedoch verursachen Messfehler ungenaue Resultate. Am besten trifft diese Aussage im
Hinblick auf die Geschwindigkeit und die daraus errechneten Werte zu. Wir berechneten die
Werte Geschwindigkeit, Zeit und max. Höhe mit der Formel der krummen Flugbahn welche
ausschliesslich im Vakuum gilt. So sind die angegebenen Geschwindigkeiten, ermittelt aus
dem Schusswinkel und der Schussweite tendentiell zu niedrig. Ohne den Luftwiderstand hätte
das Geschoss eine höhere Distanz zurückgelegt, was rechnerisch eine höhere
Schussgeschwindikeit ergeben hätte. Selbstverständlich wäre es mit mehr Aufwand auch
möglich gewesen den Luftwiderstand rechnerisch miteinzubeziehen, jedoch einfacher die
Geschossgeschwindigkeit beim Verlassen des Laufes per Lichtschranken zu messen. Dies
war von unserem Forschungsteam auch ursprünglich so geplant. Da wir bei der Zündung aber
zwingend mit Hochspannung arbeiten mussten, traten Konflikte mit dem Messsystem auf.
Unsere Lichtschranken wurden durch das erzeugte elektrische Feld soweit gestört, dass eine
vernünftige Messung unmöglich war. Mit Aluminiumfolie oder einer anderen Art der
Abschirmung könnte man das gegebenfalls verhindern. Die Fehler, verursacht durch rein
rechnerische Ermittelung der Geschossgeschwindigkeit, ist aber vernachlässigbar in Bezug
auf den sehr geringen Wertebereich.

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Die höchste Schussweite erreichte der letzte Versuch bei einem flachen Schusswinkel. Im
Vakuum gilt 45° als der Schusswinkel der grössten Reichweite. Durch den Luftwiderstand
verringert sich jedoch dieser optimale Winkel, was dazu führt, dass der letzte Schuss am
nächsten an den optimalen Bereich heranlangt.

Die schlechten Werte von „Schuss 5“ resultieren aus einem nicht komplett abgedichteten
Kanonenlauf, was zu Druckverlust führt und die auf die Kartoffel übertragende Kraft verringert.

Zur Gefährlichkeit:
Für die Beantwortung unsere Fragestellung beziehen wir uns auf die ungefähren
Geschwindigkeiten, die in einem Bereich von ca. 35 m/s liegen. Da wir die Frage hinsichtlich
einer gebräuchlichen Kartoffelkanone beantworten wollen, beschränkten wir uns auf leicht
erhältliche Materialen. Besondere Gasmischungen für die Druckerzeugung wurden nicht
verwendet! So kann man das Resultat auf die am häufigsten benutzten
Kanonenkonstruktionen übertragen.
Nach wenigen Schüssen war uns klar, dass diese „Bastelarbeit“ nicht nur leichte Blessuren
hervorruft. Bei einer anfänglichen Geschwindigkeit von ca. 35 m/s steckt in einer 130g
schweren Kartoffel eine kinetische Energie von bis zu 80 J.
Dies entspricht einer Energie von etwa 5 Joule pro cm². ( bei einem Durchmesser von 4.8cm
der Kartoffel)
Zum Vergleich: Bei einer Airsoftgun (Kügelchenpistole), die ab 18 Jahren verkäuflich ist und
eine Projektilenergie von 2 Joule aufweist, beträgt die übertragene Energie pro cm² 7 Joule.
Das ist die gleiche Grössenordung wie bei der Kartoffelkanone, nur, dass. die Kartoffel ca. 100
mal schwerer ist als das „Kügelchen“ und ausserdem acht mal grösser. Die Airsoftgun ist
durchaus fähig, ein Auge auszuschiessen, also kann man es sich leicht ausmalen, wie sich
das Kartoffelgeschoss auf den menschlichen Kopf auswirkt.
Eine andere Abschätzung zeigt ebenfalls die Gefährlichkeit der Kanone: Wenn wir davon
ausgehen, dass die Kartoffel beim Aufprall innerhalb des halben Kartoffellänge abgebremst
wird, ergibt das eine mittlere Belastung, welche dem Gewicht von 400 Kilo entspricht.

Die Sache lässt sich jedoch durch Verwendung von weicheren Geschossen verharmlosen, da
das auftreffende Projektil die selbe Kraft erfährt wie das Opferobjekt. Je nach Stossfestigkeit
der zusammentreffenden Objekte ist der Schaden also unterschiedlich. Steine z.B. anstatt
Kartoffel würden einen erheblich grösseren Schaden anrichten.

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Da ein Schusstest mit Kartoffeln und einer Kokosnuss als Opferobjekt jedoch nach mehreren
Schüssen zu einem Zerbersten der Nuss geführt hat, ist es berechtigt, übliche
Kartoffelkanonen als „tödlich“ einzustufen.
Unsere Hypothese „Es wird genügend Energie freigesetzt, um einen Menschen tödlich zu
verletzen“ ist hiermit also bestätigt.

Die genaueren Auswirkungen auf den menschlichen Körper konnten wir aufgrund
Zeitmangels leider nicht untersuchen.

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Impressionen

Zündung aus sicherer Umgebung (gestellte Szene)

Forschergruppe „Kartoffelkanone“

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Sicht vor dem Schuss auf Kokosnuss

Webverzeichnis
Anleitung zum Bau einer Kartoffelkanone:
http://snoop.alphanet.ch/?q=users/mussi/firearms/spudgun-g.html

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