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Zentralitätsforschung

Seminar aus der Humangeographie/Wirtschaftsgeographie


WS 2004
Leitung: Prof. Weichhart

Seminararbeitsthema:

Der aktuelle Stand der Diskurse zur


Zentralitätsforschung

ReferentInnen:
Doris Meßenzehl 9903485
Bernhard Peya 8604477
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ..........................................................................................................................................4

2. Standorttheorie des Tertiär- und Quartärsektors ........................................................................5


2.1. Zentrale Orte Theorie von W. Christaller ..................................................................................5
2.2. Prämissen und die Entstehung von hexagonalen Marktgebieten...............................................5
2.3. Defizite und Probleme ...............................................................................................................9
2.3.2. Unternehmerverhalten........................................................................................................9
2.3.3. Anwendungsbereich und Weiterentwicklung..................................................................10
2.4. Aktuelle Standort- und Agglomerationstheorien.....................................................................11
2.4.1. Marshallsche Agglomerationstheorie ..............................................................................11
2.4.2. Neue Ökonomische Geographie ......................................................................................11
2.5. Rolle der Transportkosten........................................................................................................12
2.5.1. Neoklassische Standorttheorien .......................................................................................13
2.5.2. Von Transaktionskosten zu Transaktionsnutzen .............................................................14

3. Empirische Analyse der Funktionalen Differenzierung von Regionen und Stadt-Umland-


Verflechtungen .......................................................................................................................................15
3.1. Empirie – ein „Klassiker“ in der abendländischen – und „Raumwirtschaftsforschung“.........15
3.2. Die Zentrale Orte Theorie und ihre Implikationen zur empirischen Analyse von Zentralität.16
3.2.1. Der prägende empirische Ansatz in der Zentrale Orte Theorie .......................................16
3.2.3. Der„Trick“ oder die Lösung: Christallers berühmte „Telefonmethode“.........................17
3.2.4. Zwei unterschiedliche Bedeutungen der Eigenschaft „Zentralität“ und ihre Rezeption im
Diskurs der „Empirischen Zentralitätsforschung“ ...........................................................................17
3.3. Ein kurzer Blick zur Rezeptionsgeschichte des Diskurses über die „Empirische
Zentralitätsforschung“ mit einer zusammenfassenden Darstellung der Verfeinerung traditioneller
„Empirischer Analyseverfahren“.........................................................................................................20
3.3.1. Empirische Zentralitätsforschung“ in ihrer historischen Entwicklung ............................20
3.3.2. Methoden der traditionellen „Empirischen Zentralitätsforschung“ und ihre Verfeinerung
21
3.3.3. Prinzipielle Kritik an der traditionellen empirischen Methodik der Zentralitätsforschung
23
3.4. Wesentliche Determinanten einer Neuorientierung der „Empirischen Zentralitätsforschung“
und ungelöste Fragen...........................................................................................................................24
3.4.1. Transaktionsnutzen..........................................................................................................25
3.4.2. Polyorientierung...............................................................................................................26
3.4.3. Offene Fragen..................................................................................................................26

4. Das Zentrale-Orte-Konzept als normatives Mittel in der Raumordnung ................................27


4.1. Historische Entwicklung des Zentralen-Orte-Konzepts in der Raumordnung ........................27
4.1.1. Wachstumsphase von 1950 bis 1965 ...............................................................................27
4.1.2. Reifephase von 1965 bis 1975 .........................................................................................28
4.1.3. Abschwungphase seit 1975 ..............................................................................................28
4.2. Gegenwärtige Diskussionen über das Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung ...............29
4.2.1. Kritik am Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung ...................................................29

2
4.2.2. Diskussionen gängiger Hypothesen über den Einfluss des ZOK in der Raumplanung...31
4.2.3. Gründe für die Beibehaltung des ZOK als Instrument der Raumordnung ......................34
4.3. Das Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung heute...........................................................36

5. Zusammenfassung und Ausblick..................................................................................................40

Literaturverzeichnis .................................................................................................................................41

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1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll der aktuelle Stand der Diskurse zur Zentralitätsforschung dargestellt
werden. Dabei handelt es sich um drei verschiedene Diskurse, die in gewisser Weise zusammenhängen,
doch aufgrund ihrer Bewertung und ihrer Argumentations- und Begründungszusammenhänge separat
dargestellt werden müssen.

Der erste Diskurs beschäftigt sich mit der Standorttheorie des Tertiär- und Quartärsektors, die der
neoklassischen Raumwirtschaftslehre zuzuordnen ist. Nach einer zusammenfassende n Darstellung der
Theorie soll vor allem auf die Probleme und Defizite der Theorie eingegangen werden und
Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Theorie , im Sinne von aktuellen allumfassenden
Standorttheorien, diskutiert werden.
Die empirische Analyse von Stadt-Umland-Verflechtungen wird im zweiten Diskurs dargestellt. Dabei
werden unterschiedliche methodische Zugänge, die sich für die Darstellung dieser Raumstrukturen
eigenen, vorgestellt.
Der dritte und in der Wissenschaft aktivste Diskurs versteht sich als normatives Mittel in der
Raumordungspolitik. Im Vordergrund steht hier die normative Konzeption zur Optimierung von
Siedlungssystemen. Nach einer Beschreibung der Rolle des Zentrale-Orte-Konzepts in der
Raumordnung in den letzten Jahrzehnten sollen die Vor- und Nachteile des Konzepts dargestellt
werden und Überlegungen für eine weitere Implementierung erörtert werden.

Die Darstellung der drei Diskurse zur Zentralitätsforschung ist insofern relevant, als dass die
Zentralitätsforschung wieder zunehmend in den Mittelpunkt der raumbezogenen
Wissenschaftsdiskussion geraten ist.

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2. Standorttheorie des Tertiär- und Quartärsektors

Standorttheorien beschäftigen sich mit Entscheidungsprozessen, die bei der Auswahl von optimalen
Wirtschaftsstandorten von Bedeutung sind. Bestimmte Standorte sind aus einzelwirtschaftlicher Sicht
für einen Betrieb, ein Dienstleistungsgewerbe, eine Landwirtschaft, etc. relevant. Die Frage für den
einzelnen Marktteilnehmer ist hierbei, welcher Standort für ihn der günstigste ist.
Gesamtwirtschaftliche Modelle von Standorttheorien, die in der Geographie eine hohe Relevanz
aufweisen, erfassen und erklären optimale räumliche Strukturen für eine Volkswirtschaft. In diesem
Zusammenhang haben J.H. von Thünen, A. Lösch und W. Christaller räumliche Modelle für die
Erklärung von Standortentscheidungsprozessen und für die Erarbeitung optimaler räumlicher
Strukturen erstellt. (Schätzl, 1998)

2.1. Zentrale Orte Theorie von W. Christaller

Der Geograph W. Christaller entwickelte seine Theorie der Zentralen Orte in den 30er Jahren anhand
von empirischen Forschungen in Süddeutschland. Seine Dissertation stellte einen Versuch dar „die
hierarchische Struktur der räumlichen Wirtschaft und die Hierarchie der Siedlungsstruktur aus dem
Zusammenwirken ökonomischer Bestimmungsfaktoren zu erklären und abzuleiten“. (vgl. Schätzl,
1998, S.69) In den 50er und 60er Jahren gewann die Theorie auch im deutschsprachigem Raum
wachsende Aufmerksamkeit in der raumbezogenen Wissenschaft. Sie bildete einerseits den Grundstock
für die Weiterentwicklung von neoklassischen Raumwirtschaftstheorien, andererseits wurde sie als
Anleitung von empirischen Forschungen zur Klassifizierung von Orten nach ihrer Zentralität
verstanden. Später entwickelte sich aus der Theorie das Zentrale Orte Konzept, welches als normatives
Mittel in der deutschsprachigen Raumordnung und Landesplanung eine wichtige Rolle spielte.
(Blotevogel, 1995)

2.2. Prämissen und die Entstehung von hexagonalen Marktgebieten

Christaller legte deduktiv ermittelte Prämissen zugrunde, die vereinfachte Annahmen bezüglich der
Raumausstattung, des Anbieter- und Nachfragerverhaltens und des Marktgeschehens darstellen. In
einer unbegrenzten Fläche ist weitgehende Homogenität der (Teil- )Räume zu finden:

• Produktion und Nachfrage sind in einer unbegrenzten Fläche weitgehend gleich


• Produktionsfaktoren und die Bevölkerung sind annähernd gleichmäßig im Raum verteilt
• Einkommen, Kaufkraft und Bedürfnisse aller Individuen sind gleich
• ungefähr gleichförmiges Verkehrsnetz in allen Richtungen
• Transportkosten steigen direkt proportional zur Entfernung zum Einkaufsort

Die Marktteilnehmer orientieren sich an ökonomischen Idealen:


• Anbieter streben größtmöglichen Gewinn an
• Nachfrager streben größtmöglichen Nutzen an und handeln aufgrund rationaler Entscheidungen
(„homo oeconomicus“)

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• gleiche Informationsbasis bei allen Marktbeteiligten, denen alle vorhandenen Informationen des
Marktes bekannt sind.
• keine räumliche Spezialisierung der Anbieter

Abb. 1 zeigt die Nachfragekurve für ein Produkt. Die nachgefragte Menge eines Gutes ist abhängig
vom Preis und von der Distanz zwischen Wohn- und Kaufort. Verbraucher, die am Ort A, wo das Gut
angeboten wird, wohnen, fragen beim vorgegebenen Preis PA die Menge mA nach. Andere, die an
einem weiter entfernten Ort B wohnen, müssen für das Gut den Preis plus die Transportkosten von B
nach A, also die Gesamtkosten PB zahlen. An einem noch weiter entfernten Wohnort C, wo dieses Gut
Gesamtkosten von PC erfordert, wäre die Nachfragemenge gleich Null.

Abb 1: Nachfragekurve für ein Produkt

Quelle: Schätzl, 1998, S. 70

Da der Gesamtpreis direkt proportional zur Entfernung ist, kann diese Nachfragekurve auch als
Mengen-Distanz-Funktion dargestellt werden. Abb 2 zeigt die Gesamtnachfrage in einem Marktgebiet
nach einem Produkt. Rotiert man die y-Achse, so erhält man einen Kegel, dessen kreisförmige
Grundfläche das größtmögliche Absatzgebiet, welches das Wohngebiet aller potentiellen Nachfrager
ist, darstellt. Diese Außengrenze ist die „äußere Reichweite“ eines Gutes.

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Abb. 2: Gesamtnachfrage in einem Marktgebiet nach einem Produkt

Quelle: Schätzl, 1998, S. 70

Der Anbieter benötigt, um seine Kosten zu decken, eine bestimmte Mindestabsatzmenge, die sich
gemäß Christallers Prämissen ebenfalls als kreisförmiges Gebiet auf der Modellfläche darstellen lässt.
Die Außengrenze dieser Mindestabsatzgebietes wird als „innere Reichsweite“ eines Gutes bezeichnet.
Die Produktion eines Gutes ist nur dann rentabel, wenn die „innere Reichweite“ kleiner oder
mindestens gleich der „äußeren Reichweite“ ist.
In Abb. 3 stellen die äußeren Kreise jeweils die äußere, die gestrichelten die innere Reichweite dar. Bei
sich bloß „berührenden“ äußeren Reichweiten (a) tauchen Gebiete auf, die von keinem Punkt aus
versorgt werden können, weil es von Nachfragerseite auf Grund der Transportkosten nicht mehr
rentabel wäre ein Gut zu besorgen. Diese „unterversorgten“ Gebiete können eliminiert werden, indem
die Anbieterstandorte näher zusammengerückt werden (b). So kann allerdings vor allem der Anbieter in
der Mitte der Abbildung nicht mehr kostendeckend arbeiten, weil sein Absatzgebiet möglicherweise
kleiner als die Innere Reichweite ist. Die günstigste Form des Marktgebietes ist deshalb ein
gleichseitiges Sechseck, welches durch die Verbindungslinien der Schnittpunkte der Kreise entsteht (c).

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Abb. 3: Entstehung hexagonaler Marktgebiete

Quelle: Schätzl, 1998, S. 72.

Verschiedene Güter sind durch unterschiedliche Reichweiten gekennzeichnet. Abb. 4 zeigt das System
der Zentralen Orte. G1 hat die größte, G4 die geringste Reichweite. G1 wird an allen A-Standorten
angeboten und in sechseckigen Marktgebieten abgesetzt. Das Gut G2 , mit geringerer innerer
Reichweite als G1 , wird – von anderen Betrieben als G1 – ebenfalls in den A-Orten angeboten, wobei
der Absatz über die innere Reichweite hinaus ins ganze Marktgebiet von G1 geht. Entsprechend der
zusätzlichen Nachfrage zwischen der unteren Reichweite von G2 und G1 , erzielen die Anbieter von G2
einen hö heren Gewinn als jene von G1 .

Abb. 4: System der Zentralen Orte

Quelle: Schätzl, 1998, S. 74 .


Durch diese entstandene Struktur werden die Anzahl der Standorte im Marktgebiet minimiert und alle
Wohnorte mit allen zentralen Gütern gleichmäßig versorgt. Die dadurch entstandene optimale
Versorgung der Bewohner eines Marktgebietes hat Anstoß zu zahlreichen empirischen, theoretischen

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und regionalpolitischen Untersuchungen gegeben. Die Konfrontation der Theorie mit der Realität
macht aber auch einige Unzulänglichkeiten und Widersprüche deutlich. (Schätzl, 1998)
2.3. Defizite und Probleme

Die Prämissen, die Christallers Theorie der Zentralen Orte enthält, schränken die Anwendbarkeit ein.
Die Verhaltenspostulate der Marktteilnehmer, wie bei Einkaufsverhalten auf der Nachfragerseite sowie
bei der Standortwahl der Einzelhandels und Dienstleistungsunternehmen auf der Angebotsseite,
weichen oft zu sehr von der Realität ab. (Deiters, 1996 a)
2.3.1. Konsumentenverhalten
Die Zentrale Orte Theorie geht von zwei Annahmen auf Seiten des Konsumentenverhaltens aus. Die
„nearest-centre“-Hypothese besagt, dass Nachfrager Güter und Dienstleistungen immer am dem
Standort nachfragen, der ihrem Wohnort am nächsten gelegen ist. Darüber hinaus geht die Theorie
davon aus, dass für jedes eingekaufte Gut jeweils ein Einkaufsweg zurückgelegt wird („Singel-
purpose-shopping-trip“-Hypothese) Aus alltagsweltlichen Erfahrungen kann man allerdings feststellen,
dass beide Annahmen in der Regel nicht zutreffen. Unbeachtet bleibt hier, dass Koppelungseffekte bei
Einkaufsfahrten eine große Rolle spielen. Damit der Konsument seinen Wegeaufwand im Sinne einer
Zeit-Kosten-Mühe-Relation miniert, wird er versuchen, mit einer Fahrt in einen zentralen Ort möglichst
viele Einkäufe zu erledigen. Bei Mehrzweckfahrten we isen die zu besorgenden Güter
höchstwahrscheinlich unterschiedliche Zentralität auf. Muss der Konsument also zum Beispiel in einen
Ort A fahren um ein Gut zu besorgen, wird er wahrscheinlich ein anderes Gut niedriger Zentralität auch
aufgrund Zeit-, Kosten- und Aufwandersparnis gleich an diesem Ort besorgen, obwohl dieses Gut auch
am näher gelegenen Ort B erhältlich gewesen wäre. Dieses Beispiel widerlegt die zwei angeführten
Hypothesen und veranschaulicht gleichzeitig die Wichtigkeit von Agglomerationsvorteilen, die bei der
Theorie der Zentralen Orte ebenfalls unberücksichtigt bleiben.
Geht man also davon aus, dass Konsumenten aufgrund der Zeit-Kosten-Mühe-Relation möglichst viele
Besorgungen durch eine Fahrt zurücklegen möchten, dann erweisen sich gerade die Standorte für
Unternehmen und Dienstleistungen als vorteilhaft, in dessen Umgebung eine großer Branchen- und
Angebotsmischung zu finden ist. Diese Geschäftsagglomerationen haben durch ihr
Koppelungspotential eine so hohe Attraktivität, dass Konsumenten ihnen näher gelegene
Einkaufsstätten „überspringen“.
Die Theorie der Zentralen Orte vernachlässigt außerdem, dass das Einkaufsverhalten von
sozialgruppenspezifischen Unterschieden abhängt. Die nachgefragten Güter und Dienstleistungen sind
in ihrem „Wert“ und Nutzen (siehe unten Kapitel Transaktionsnutzen) für Konsumenten nicht
identisch. Je nach sozialem Status und individuellen Charakteristika haben Einkäufer eine individuelle
Zeit-Kosten-Nutzen Relation und bevorzugen unterschiedliche Verkaufsformen und Geschäftstypen.
(Deiters, 1996 a)
2.3.2. Unternehmerverhalten
Auch die Erklärungen zum Unternehmerverhalten sind weitgehend realitätsfremd. Die Hypothese
„monopolistische Absatzgebiete“ geht davon aus, dass Betriebe, solange es noch „unterversorgte“
Gebiete gibt, ihren Standort so wählen, dass sie möglichst weit vom nächsten Anbieter dieses zentralen
Gutes, also ihrer Konkurrenz, entfernt sind. Dabei wird die Anzahl der Standorte auf einer Fläche
minimiert. Eine weitere Annahme besagt, dass Betriebe höherrangiger Zentralität ihren Standort nur in
einem Ort wählen, der schon Güter niedriger Zentralität anbietet (Hypothese „abhängiger
Standortentscheidungen“). In der heute stark verflochtenen Welt und der Vielfalt von Unternehmen
und Dienstleistungsbetrieben sind Monopolisten eine Seltenheit und höchstens in dünn besiedelten

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ländlichen Gebieten zu finden. Gegenteiliges, nämlich die Entwicklung von Oligopolen, also mehrere
Anbieter desselben oder ähnlichen Güter- und Dienstleistungsangebots, sind zu finden. Diese
Marktform verschafft sich insofern Wettbewerbsvorteile, als dass Anbieter durch Preisabsprachen,
Marktaufteilung, etc. den Markt „beherrschen“ können. Außerdem hängen Standortentscheidungen von
der Größe und dem Risikopotential eines Betriebs ab. Je wettbewerbsstärker und größer ein
Unternehmen ist, desto eher wird es sich auch in noch nicht erschlossenen Marktgebieten niederlassen.
Weniger risikobereite Betriebe folgen eher der gegenteiligen Strategie und siedeln sich dort an, wo ihre
Güter schon erfolgreich verkauft werden konnten. Einkaufzentren „auf der grünen Wiese“ sowie die
„footloose industies“ widersprechen der Hypothese der „abhängigen Standortentscheidungen“.
(Deiters, 1996 a)
2.3.3. Anwendungsbereich und Weiterentwicklung

Die Theorie der Zentralen Orte basiert auf neoklassischen Standorttheorien, die von bestimmten
Modellannahmen ausgehen, die unter den heutigen Rahmenbedingungen kaum oder nur noch mit
vielen Defiziten, als Grundlage für die Theorie herangezogen werden können.
Christialler geht davon aus, dass alle Nachfrager und Anbieter auf dem Markt nicht nur wirtschaftlich
rational Handeln (homo oeconomicus), sondern dass der Markt auch perfekte, homogene Strukturen
aufweist. Aus der Verhaltenstheorie wissen wir allerdings heute, dass das Handeln eines Menschen
stark von emotionalen und mentalen Zuständen abhängt. Außerdem weist die Theorie deshalb schon
Mängel auf, weil sie davon ausgeht, dass alle Teilnehmer des Marktes über alle Informationen des
Marktgeschehens verfügen. In der Realität handeln wir allerdings innerhalb eines beschränkten
Informationshorizonts. (Gebhardt, 1996 b)
Die Theorie ist ein Standortmodell für den Einzelhandel und die haushaltsbezogenen Dienstleistungen.
Unternehmensorientierte Dienstleistungen, also Wirtschaftsdienste, die einen wichtigen Teil des
Marktgeschehens ausmachen, bleiben unberücksichtigt. Auch den Versuch die Theorie für diesen
Wirtschaftsbereich geltend zu machen, scheitert allein schon daran, dass Wirtschaftsdienste großteils
relativ distanzunabhängig fungieren und Agglomerationsvorteile und Transaktionskosten häufig eine
sehr ausschlaggebende Rolle spielen. (Blotevogel, 1996 a)
Unberücksichtigt bleibt in der Theorie weiter das räumlich differenzierte Wachstum der Wirtschaft und
der Stadtentwicklung. Die Wanderung mobiler Produktionsfaktoren und ein Güteraustausch über die
Grenzen hinweg sind nicht enthalten. Die Theorie bezieht sich nur auf den Tertiär- und Quartärsektor;
räumliche Auswirkungen von Industrie und Landwirtschaft werden im Modell nicht berücksichtigt.
Doch gerade Agglomerations- und Mobilitätseffekte der Industrie führen gesamtwirtschaftlich
betrachtet zu räumlichen Disparitäten.
Die Prämissen schränken eine Weiterentwicklung und die Anknüpfung an moderne Theorien der
Wirtschafts- und Sozialgeographie, die das Handeln der Menschen in den Vordergrund stellt, ein. Vor
allem die des homo oeconomicus und des vollkommenen Marktes, die den Kern der Zentrale Orte
Theorie bilden, klammern die wichtigsten Gründe für Verhaltensweisen der Marktteilnehmer aus.
Diese tragen zwar zur Klarheit und relativ einfachen und verständlichen Struktur der Theorie der
Zentralen Orte bei, sind aber realitätsfremd. Passt man die Prämissen an die heutige Wirklichkeit an, so
werden die dadurch entstandenen Modelle immer komplexer und weichen stark von der eigentlichen
Theorie ab. (Blotevogel, 1996 a)
Die beschriebenen Defizite der Theorie der Zentralen Orte lassen sich in erster Linie auf die Prämissen
zurückführen. Der Erklärungsgehalt der Theorie ist einerseits durch die überbewertete
Distanzempfindlichkeit und andererseits durch die unberücksichtigten Agglomerationsvorteile stark

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eingeschränkt. Aus diesem Grund ist der Diskurs dieser Standorttheorie obsolet geworden und spielt in
der Wissenschaft keine bedeutende Rolle mehr.
2.4. Aktuelle Standort - und Agglomerationstheorien
Die Kritikpunkte an der Zentralen Orte Theorie deuten auf die Vielfalt der Determinanten eines
gegenwärtigen Zentralitätssystems hin. Verursachungszusammenhänge von Zentralitätsphänomenen
weisen in der Tat eine komplexe Struktur auf, sodass „die Suche nach der einen ‚neuen
Zentralitätstheorie’ […] von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.“ (vgl. Weichhart, Fassmann, 2004,
S. 157)
Allerdings gibt es neuere Standort- und Agglomerationstheorien, die versuchen die Komplexität der
verschiedenen Phänomene durch eine Theorie abzudecken und zu erklären.
2.4.1. Marshallsche Agglomerationstheorie
Unter der „Marshallschen Agglomerationstheorie“ versteht man verschiedene neoklassische Modelle,
die sich auf Ideen von Alfred Marshall in seinem „Principles of Economics“ von 1890 beziehen.
Agglomeration entsteht bei Marshall in erster Linie durch geographische Standortvorteile wie die
räumlichen Bedingungen, das Klima, die Bodenqualität usw. Weiter zählt er die externen Erträge zu
den Ursachen von Agglomeration. Darunter verstehen Fujita und Thisse die Bildung hochspezialisierter
Arbeitskräfte und die Schaffung von neuen Ideen, die auf die Konzentration von Humankapital und
face-to-face Kommunikation zurückzuführen sind, sowie das Vorhandensein von modernen
Infrastruktureinrichtungen. Die Ursache dieser externen Erträge sind „Informationsspillovers“.
Darunter versteht Marshall die Schaffung von neuen Ideen bei einem Wissens- und
Informationsaustausch, der durch die räumliche Nähe von Industrien und die dadurch entstandene face-
to-face Kommunikation entstehen kann. Weitere Ursachen sind gemeinsame Produktionsfaktoren, wie
z.B. Zulieferbetriebe, ein Vorhandensein eines Marktes für spezialisierte Arbeitskräfte, die
Risikosteuerung auf großen Arbeitsmärkten und das Einkaufsverhalten der Konsumenten. (Roos, 2002)
Die externen Erträge sowie dessen fünf Ursachen werden mit neuen Agglomerationstheorien zu
erklären versucht, die alle in logisch und anhand von mathematischen Formeln nachvollziehbar sind..
Doch wie alle neoklassischen Theorien liegen auch diesen unrealistische Prämissen, die wie Annahme
des Homo oeconomicus zugrunde und entziehen sich daher jeglicher Weiterentwicklung. Auch
„weiche“ Standortfaktoren, die durch kulturelle, soziale, psychologische etc. Gegebenheiten der
Gesellschaft bestimmt sind, spielen bei der Marshallschen Agglomerationstheorie keine Rolle. Die
Theorie befasst sich außerdem nur mit dem Sekundärsektor, die Landwirtschaft und vor allem der
Dienstleistungssektor werden nicht in die Modelle miteinbezogen. (Weichhart, Fassmann, 2004)
2.4.2. Neue Ökonomische Geographie
Weitere neoklassische Modelle sind unter der Agglomerationstheorie der „Neuen Ökonomischen
Geographie“ (NÖG), die auf Krugmann zurückgeht, zusammengefasst. Im Vergleich zur
Marshallschen Agglomerationstheorie, dessen Modelle der Stadtökonomik zuzuordnen sind, beziehen
sich diese Modelle auf eine regionale Ebene. Die erklärten Prozesse der NÖG befassen sich mit
Koppelungseffekten, die zwischen Unternehmen und Haushalten entstehen. Abbildung 5 zeigt, wie es
zu Agglomerationseffekten kommt.

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Abb. 5: Zirkuläre Verursachung durch Koppelungseffekte

Konsument
en ziehen in
die Region

Vorwärts-
Rückwärts- koppelung
koppelung
Höheres
Unternehmen ziehen in Realeinkomm
die Region en für
Arbeitnehmer

Größere
Auswahl an
Güter in Region
produziert
Quelle: Roos, 2002, S. 85.

„Die Zentripetalkraft entsteht durch die Größe von Absatz- und Faktormärkten. Je mehr
Konsumenten an einem Ort wohnen, desto größer ist die Nachfrage nach lokal produzierten
Gütern. Dies wird als Rückwärtskoppelung bezeichnet. Je mehr Unternehmen wiederum an
einem Ort produzieren, desto höher ist der lokale Reallohn, was neue
Arbeitskräfte/Konsumenten attrahiert. Dies ist dann Vorwärtskoppelung.“ (vgl. Roos, 2002, S.
85)

Die NÖG zeigt, dass es auch in einem homogenen Raum zu Agglomerationserscheinungen kommen
kann. Fallen Transportkosten, so kommt es zur Konzentration von Unternehmen und Haushalten, fallen
die Skalenerträge, so ist eine dezentrale Verteilung der Produktion zu erkennen.
Auch diese Standorttheorie unterliegt relativ starker Annahmen, die nicht auf reale Gegebenheiten
anwendbar sind.
Ausschlaggebend dabei ist, dass alle räumlichen Verhaltensmuster auf die Höhe der Transportkosten
zurück zu führen sind. Welche Rolle die Transportkosten im der Standorttheorie tatsächlich spielen,
wird im Folgenden diskutiert.
2.5. Rolle der Transportkosten

In der klassischen Standorttheorie spielt die Distanz zwischen Einkaufsort und dem Konsumenten eine
entscheidende Rolle. Das heißt, Distanzen, die vom Anbieter bzw. Nachfrager zurückgelegt werden

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müssen, sind ein ausschlaggebender Faktor für die beim Handel entstehenden Kosten. Räumliche
Muster in Standorttheorien orientieren sich demnach stark an den anfallenden Transportkosten.
Aufgrund von wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen haben die Transportkosten bei der
Standortentscheidung sowie bei der Wahl der Einkaufsstätte in der Realität aber an Wichtigkeit
verloren.
2.5.1. Neoklassische Standorttheorien
In der ZOT sind die Transaktionskosten, also die Kosten die bei einem Einkauf entstehen, der
ausschlaggebende Faktor für das räumliche Muster. Betrachtet man noch mal die Abb. 2, so kann man
erkennen, dass der Preis P eines Gutes von der Entfernung zum Einkaufort abhängt. Der Preis eines
Gutes oder einer Dienstleistung ist direkt proportional zur Entfernung. Die angestrebte
Gewinnmaximierung der Anbieter sowie die Kostenminimierung auf Seiten der Nachfrager sind
ebenfalls abhängig von den Transportkosten. Christaller geht weiter davon aus, dass Anbieter sowie
Nachfrager hinsichtlich der Transportkosten streng rational handeln. Die Entscheidung eines
Nachfragers, ob er ein zentrales Gut im Ort A oder B kauft, hängt ausschließlich von den
Transportkosten, die er für die Strecke aufwenden muss, ab. Auf gleiche Weise richtet sich die
Standortentscheidung eines Anbieters nach dem Profit, also nach der Differenz zwischen Äußerer und
Innerer Reichweite seines Gutes.
Die ZOT stellt somit die Transportkosten in den Mittelpunkt aller wirtschaftlichen Entscheidungen, die
räumliche Standortmuster maßgeblich definieren.
Dass die ZOT die räumlichen Prozesse der Tertiär- und Quartärsektors nicht mehr erklären kann,
wurde in Kapitel 2.3 ausführlich diskutiert. Die Basis der Theorie, nämlich der Stellenwert der
Transportkosten bei der Entstehung von räumlichen Mustern, hat sich in der Realität auch stark
verändert.
Um die Jahrhundertwende und auch noch in den Jahren der Entstehen der ZOT spielten
Transportkosten die ausschlaggebende Rolle bei der Entwicklung von Städten. Große Städte
entwickelten sich hauptsächlich entlang von wichtigen Wasserstraßen oder am Meer, denn der
Transport auf dem Wasser war damals der einfachste und kostengünstigste. In Nordamerika war die
Beförderung von einer Tonne zum Beispiel noch vor der Jahrhundertwende mit durchschnittlich 0,185
Dollar (angeglichen an den heutigen Dollarwert) pro Meile im Vergleich zu 0,023 Dollar heute
anzusetzen. Die Transportindustrie belief sich in dieser Zeit auf bis zu 9% des BIP, während heute ein
Prozentwert von höchstens 2 erreicht wird. Die Zentralität einer Stadt hing von den Transportkosten ab.
In den letzten Jahrzehnten hat sich einerseits die Technologie des Transports verbessert und ist dadurch
auch kostengünstiger geworden. Auf der anderen Seite hat der Übergang von der Dominanz des
Sekundär- zum Tertiärsektor die Notwendigkeit schwere und sperrige Güter zu transportieren
gravierend nachgelassen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Transportkosten zur
Beförderung von Gütern innerhalb des letzten Jahrhunderts um fast 90% zurückgegangen sind. Der
abgeschwächte Stellenwert der Transportkosten in der heutigen Wirtschaft macht Standortmodelle wie
das von Christaller zur Beschreibung der heutigen Situation irrelevant. (Glaeser, Kohlhase, 2003)
Trotzdem sind Distanzen nicht völlig zu vernachlässigen. Auch wenn sie beim Transport von Gütern
eine fast zu vernachlässigende Rolle spielen, so sind die Beförderungskosten von Personen noch immer
hoch, und Menschen siedeln sich offensichtlich in gewisser Weise konzentriert im Raum an, was bei zu
vernachlässigenden Transportkosten nicht der Fall wäre. Agglomerationsvorteile, die bei dieser
konzentrierten Ansieldung entstehen und genutzt werden können, sich hauptsächlich beim Austausch
von Wissen und im Dienstleistungssektor zu erkennen. Außerdem treten Vorteile der Dichte dann in

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den Vordergrund, wenn man auch den Nutzen, den ein Konsument bei einem Einkauf erfährt, in
Betracht zieht.
2.5.2. Von Transaktionskosten zu Transaktionsnutzen

Transaktionskosten sind heute bei Einkaufsentscheidungen nicht nur wegen fallenden Transportkosten
weniger ausschlaggebend. Schließlich geht es dem Konsumenten nicht nur um eine
Kostenminimierung, sondern auch um eine Nutzenmaximierung. Ein Konsument erfährt bei einem
Einkauf nicht nur Kosten, sondern auch immer einen Nutzen.
Am Beispiel vom Möbelhaus IKEA lässt sich der Nutzen gut darstellen, denn die Beliebtheit des
Möbelhauses kann sicherlich nicht allein durch reduzierte Transaktionskosten erklärt werden. Der
Konsument vergrößert seinen Nutzen durch die Zufriedenheit, die er durch das Zusammenbauen der
Möbel erfährt. Auch die Möglichkeit Kinder durch Betreuungseinrichtungen im Kaufhaus zu
beschäftigen stellen einen weiteren Nutzen dar. Durch die Inneneinrichtung und die „Wohlfühl“-
Werbung vermittelt der Ort außerdem ein positives Lebensgefühl. Bei diesem Beispiel wird deutlich
wie individuell der Transaktionsnutzen sein kann. Im Vergleich zu Transaktionskosten ist er rein
subjektiv und stellt eine Bewertung des Einkaufsvorgangs dar. Durch dessen Komplexität und oft
Irrationalität wird das Konsumentenverhalten von sehr unterschiedlichen und unterbewussten Motiven
geprägt. (Bergmann, 2003)
In einem Transaktionsprozess müssen daher nicht nur die Transaktionskosten, wie Zeit,
Transportkosten, Aufwand, etc., sondern vielmehr der Transaktionsnutzen, wie der Erfüllungsgrad,
Erlebnispotential, Qualität, Koppelungsgewinn, Erfahrung, etc. berücksichtigt werden.

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3. Empirische Analyse der Funktionalen Differenzierung von Regionen
und Stadt-Umland-Verflechtungen

Diese Konzeption innerhalb der Zentralitätsforschung entwickelte sich unmittelbar nach der
allgemeinen Akzeptanz der Zentrale-Orte-Theorie von Walter CHRISTALLER im europäischen
Umfeld raumbezogener Wissenschaftsdisziplinen. Dieser Diskurs beschäftigt sich mit der Messung und
Quantifizierung von Merkmalen, die „Zentralität“ schaffen oder produzieren. Unter „Zentralität“ ist:
„allgemein die Eigenschaft eines Standortes, Mittelpunkt eines Raumes zu sein. Bezüglich =>
Zentraler Orte bedeutet Z. speziell => Bedeutungsüberschuß ( „ss“ sic ! ), der sich darin äußert („ss“
sic !), daß ( „ss“ sic ! ) im Zentralen Ort => zentrale Dien-ste und Güter für einen Einzugsbereich,
der über den Ort hinaus reicht, angeboten werden.“ (H. LESER, 1016 )
Obwohl auch diese Forschungsrichtung innerhalb der Zentralitätsforschung ihren Ausgang von der
Zentrale-Orte-Theorie W. Christallers nahm, war es dennoch schon immer ein Anliegen von
raumbezogenen Wissenschaften, „Räume“ oder „Raumeinheiten“ an sich zu gliedern, mehr oder
weniger zu ordnen oder vielleicht zu klassifizieren.
Christallers Theorie gab nun den entscheidenden Impuls, theoriegestützt empirische Forschung zu
betreiben, um zuvor genannte Anliegen für räumliche Bezugselemente umzusetzen.
3.1. Empirie – ein „Klassiker“ in der abendländischen – und
„Raumwirtschaftsforschung“

Bereits im griechischen Altertum dienten empirische, d.h. aus Erfahrung gewonnene Erkenntnisse zur
Überprüfung, Unterstützung oder Sicherung von Ideen über die reale (Um- )Welt bzw. zur Erklärung
ihrer Phänomene. Die moderne Wissenschaft, basierend auf die in der Antike grundgelegten
wissenschaftlichen Tradition und wieder entdeckt in der „Aufklärung“ an der Wende vom 18. zum 19.
Jahrhundert., übernahm diese Technik wissenschaftlicher Prüfverfahren und baute deren methodisches
Arsenal im Laufe der Zeit auf vielfältige Weise aus oder verfeinerte konsequent die Arbeitstechniken.
Generell gilt dies für die Naturwissenschaften, wo die empirische Analyse im Laufe der Zeit einen
wichtigen und obligaten Platz im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit einnahm; im Besonderen für die
Geographie und deren Teildisziplin der Wirtschaftsgeographie. Letztgenannte sieht ihre primäre
Aufgabe darin, ökonomische Aktivitäten zu erforschen und sie in der Bezugskategorie „Raum“ zu
lokalisieren. Dabei spielen Verteilung und Struktur, Verflechtungen und Interaktionen in und von
Raumeinheiten eine wichtige Rolle. Um dies nach wissenschaftlichen Grundsätzen tun zu können,
braucht die Forschungspraxis die Empirie im Sinne einer Operationalisierung von quantitativen und
qualitativen Datenmaterial verschiedener Kategorien und Datenqualität:
„Empirische Untersuchungen sind für die Theoriebildung von Bedeutung, etwa um deduktive
Erklärungsansätze zu überprüfen oder um auf induktivem Weg zusätzliche theoretische
Erkenntnisse zu gewinnen.“ (L. SCHÄTZL, S. 11)
Obiges Zitat trifft auf die Zentrale-Orte-Theorie zu, die das theoretische Grundkonzept der Zentrale –
Orte – Forschung darstellt und allgemein akzeptiert als Ausgangspunkt der Zentralitätsforschung gilt.
Im Verlauf der Ausführungen dieses Kapitels wird hoffentlich deutlich werden, dass es eine Vielzahl
empirischer Analysen und Untersuchungen im Gefolge der Zentrale-Orte-Theorie als so genannte
„Basis – Theorie“ in diesem Kontext gibt, die wesentlich zum Erscheinungsbild der
Zentralitätsforschung beitragen und für deren Erkenntnisfähigkeit sind.

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Ausgehend von der deutschen Zentralitätsforschung ist gegenwärtig eine Diskussion unter Fachleuten
ausgebrochen und im Gange, die aufgrund der veränderten Bedingungen in Gesellschaft und Wirtschaft
von heute die gewohnte Ausrichtung der Zentrale–Orte–Forschung in ihrer Gesamtheit hinterfragen.
Neben den beiden anderen Diskursen ist auch die empirische Zentralitätsforschung im Kreuzfeuer der
Kritik, da man zusehends der Meinung ist, dass die alten Verfahren und Methoden nicht mehr den
Ansprüchen der Realität entsprechen und diesen gerecht werden. Es werden neue Formen und Ansätze
zu empirischen Analysen und Untersuchungen gesucht, die erkenntnistheoretisch näher die veränderten
Bedingungen reflektieren und gleichzeitig helfen sollen, empirische Analysen und Untersuchungen
wieder aussagekräftiger zu machen. In diesem Sinne widmet sich dieses Kapitel jenen Fragen, die in
der traditionellen empirischen Zentralitätsforschung von Bedeutung waren und heute einer
Transformation bedürfen, um weiterhin Erkenntnisse der Fachwissenscha ft zur räumlichen Wirkung
der Eigenschaft „Zentralität“ zu liefern. Möge die Übung gelingen!
3.2. Die Zentrale Orte Theorie und ihre Implikationen zur empirischen Analyse von
Zentralität

Nicht nur für die in dieser Arbeit, sondern auch für die empirische Analyse der funktionalen
Differenzierung von Raumeinheiten wurde die Zentrale -Orte-Theorie prägend und ihr „Entdecker“, W.
Christaller, legte in seiner Arbeit bereits die grundlegenden Bedingungen „Empirischer Analyse“ fest,
an denen sich künftige Generationen von Wissenschaftern dieser (Fach -) Disziplin bis zum heutigen
Tag orientieren sollten. Dieses Vorbild – deswegen nennt man auch die Zentrale-Orte-Theorie von
Christaller als „BASIS – Theorie“ der Zentrale-Orte-Forschung – gilt besonders für die Empirie, da ein
wesentlicher Zusammenhang zwischen theoretischem Hintergrund oder theoretischer Ausstattung einer
(Fach-) Wissenschaft und den Verfahren zur Operationalisierung ihrer (Hypo-) Thesen und ihres
Modells / ihrer Modelle besteht.
3.2.1. Der prägende empirische Ansatz in der Zentrale Orte Theorie

Walter Christaller verfolgte in seiner Dissertation bereits erwähnten deduktiven Ansatz empirischer
Beweisführung seiner Theorie der Zentralen Orte, d.h. er prüfte nach Erstellung und Formulierung
seines Modells zur räumlichen Wirkung der Eigenschaft „Zentralität“ dessen Aussagen durch
empirische Analyse der Realität:
„Christallers Vorgehensweise ist explizit die der „Verifikation“, d.. h., er unterwirft seine Theorie
nicht einer Überprüfung, er versucht nicht wie Popper sagen würde -, sie zu falsifizieren, sondern er
vergleicht sie mit den empirischen Daten. Dort, wo sich Widersprüche ergeben, werden
Hilfstheorien hinzugefügt, die das Theoriegebäude mit den Daten in Einklang bringen.“ ( P.
KOSCHITZ, S. 46 )

Es wird deutlich, dass empirisches Vorgehen in der Theorie der Zentralen Orte einerseits bedeutet, die
wesentlichen Aussagen der Theorie zu prüfen und andererseits die Theorie in Hinblick auf ihren
Erkenntnisgehalt auszudehnen, um sowohl der Vielschichtigkeit realer Phänomene zu entsprechen als
auch das Erklärungspotential des ausgewiesenen Modells umfassender zu gestalten.
Diese beiden dargelegten empirischen Wege im Zusammenhang mit dem theoretischen Grundgerüst,
der deduktive und induktive Ansatz, spielen in der weiteren Tradierung oder Forschungshistorie der
empirischen Zentralitätsforschung noch eine wichtige Rolle.

16
3.2.2. Zentralität – Problem der Messung und Operationalisierung

In der eingangs zitierten Definition von Zentralität ist von der Eigenschaft bestimmter Standorte die
Rede, die diese je nach ihrer Ausstattung mit Gütern oder Diensten mehr oder weniger besitzen. Damit
wird ausgedrückt, dass „Zentralität“ nicht eine Eigenschaft per se ist, sondern durch andere Indikatoren
angezeigt oder einem Standort aufgrund bestimmter Realitäten zugesprochen oder zuerkannt wird. Für
die empirische Analyse bzw. der empirischen Methodik heißt das, dass Zentralität nicht direkt, sondern
indirekt, zu messen ist. Somit handelt es sich bei dieser Art von Eigenschaft nicht um eine einfach zu
quantifizierbare, sondern diese ist „per definitionem“ der Zentrale Orte Theorie eine qualitative
Messgröße, deren Operationalisierung über Umwegen zu geschehen hat:
„Da sich die Theorie der Zentralen Orte nicht einfach auf die Größe („ss“ sic!) der Orte bezieht,
sondern auf dessen Funktionen als zentraler Ort, sucht Christaller nach Merkmalen, die die
Zentralität eines Ortes sichtbar werden lassen. Er findet sie in den Infrastruktureinrichtungen, die
eine Voraussetzung bilden für die Erfüllung der zentralen Funktionen - also etwa das Standesamt,
den Kaufmannsladen und den Arzt auf niedrigster, das Landesgericht, die Börse und die
Universitätsklinik auf höchs ter Stufe. Diese Merkmale jedoch lassen sich nicht quantifizieren, und
so greift Christaller auf einen Trick zurück, (…).“ (P. KOSCHITZ, S. 48)
Das Problem der indirekten Messung von Zentralität hat in diesem Diskurs innerhalb der
Zentralitätsforschung eine lange Tradition und bestimmte nach wie vor in großem Maße die
methodische Gestaltung empirischer Analysen. Hier setzt übrigens ein Kritikpunkt der gegenwärtigen
Diskussion innerhalb der (Fach-) Wissenschaft über die Modernisierung ihres wissenschaftlichen
Fundamentes an, der noch zu besprechen sein wird.
3.2.3. Der„Trick“ oder die Lösung: Christallers berühmte
„Telefonmethode“

Die in der empirischen Zentralitätsforschung auftretenden Probleme zu einer geeigneten


Operationalisierung der qualitativen Eigenschaft Zentralität umgeht Christaller aus den oben erläuterten
Gründen relativ einfach, in dem er als Maß von Zentralität die Telefonanschlüsse als Ausdruck von
Infrastruktureinrichtungen pro Standort bestimmt; einfach ausgedrückt:
„Dabei dient die Zahl der Telefonanschlüsse einer Stadt in Rela tion zu ihrer Einwohnerzahl und der
durchschnittlichen Zahl von Telefonanschlüssen pro Einwohne r im Ergänzungsgebiet als Indik ator.
Je größer schließlich die Differenz zwischen dem Ist – und dem Soll – Wert ist, desto größer ist der
Bedeutungsüberschuss des Zentralen Ortes gegenüber seinem Umland.“ (E. J. AIGNER, S. 17)
Diese empirische Methode wissenschaftlicher Operationalisierung der Eigenschaft Zentralität muss aus
ihrem historischen Kontext gesehen werden und demnach muss aus heutiger Sicht nicht extra darauf
hingewiesen werden, dass diese Art der Feststellung und Zuweisung von Zentralität auf räumliche
Standorte für die gegenwärtige Zentralitätsforschung nicht mehr geeignet ist, Aussagen zum Hier und
Jetzt zu treffen. Dennoch wurde diese Art der indirekten Beweisführung von Zentralität und die sich
daraus ergebenden Konsequenzen zur Raumgliederung von Raumeinheiten beispielhaft und wurde als
exemplarischer Versuch in der Nachfolge Christallers gesehen.
3.2.4. Zwei unterschiedliche Bedeutungen der Eigenschaft „Zentralität“ und
ihre Rezeption im Diskurs der „Empirischen Zentralitätsforschung“

Neben dem grundsätzlichen Problem der Quantifizierbarkeit der qualitativen Eigenschaft „Zentralität“
hinsichtlich ihres Einflusses auf die Gliederung von Raumeinheiten wurde im Rahmen der Umsetzung

17
des Modells von Christaller zum Zweck der Raum(er–)forschung alsbald ein neues Problem
offenkundig. Die empirische Untersuchung zu Fragen von Zentralität und Zentralitätsmerkmalen bzw.
–tendenzen förderte aufgrund der nicht eindeutigen Festlegung des Begriffes Zentralität in der
Zentrale-Orte-Theorie selbst je nach wissenschaftlichem Standpunkt und Verständnis zwei
unterschiedliche Merkmale von Zentralität ans Tageslicht, das auf die weitere Forschungspraxis
deutlich einwirkte.
Zum einen kann Zentralität bedeuten, dass ein Standort in Relation zu seinem näheren oder weiteren
räumlichen Umfeld eine gewisse (zentrale ) Bedeutung ausübt – sozusagen einen Bedeutungsüberschuss
gegenüber Standorten mit geringerer Zentralität hat. Diese Differenzierung von unterschiedlichen
Standorten ist eine relative, da hier ihre Verflechtung zueinander im Raum / in der Raumeinheit im
Vordergrund der Betrachtung steht. Demgegenüber und zum anderen kann die Messgröße Zentralität
als absolutes Merkmal aufgefasst werden, die rein auf eine bestimmte Ausstattungsqualität, die
Gesamtbedeutung, eines Standortes bezogen wird und nur den Standort selbst meint.
Diese beiden Bedeutungsvarianten des Begriffes Zentralität entwickelten sich hins ichtlich der
Forschungspraxis empirischer Zentralitätsforschung innerhalb dieses Diskurses auseinander. Je nach
gewählter Methode der empirischen Untersuchung kam eine der beiden Begrifflichkeiten zum Zuge;
die Möglichkeiten verfügbarer Daten und ihrer Datenqualitä t als auch die Komplexität von Zentralität
in den real – räumlichen Gegebenheiten waren nur in der Lage, jeweils nach einer der beiden
Begrifflichkeiten räumlich forschend tätig zu werden. Lag die eine Methode aus unterschiedlichen
Gründen einer empirischen Analyse zugrunde, so musste die andere ausgeschlossen oder besser:
zwangsweise vernachlässigt werden:

„Der Auffassung CHRISTALLERS ( 1933 ), Zentralität im Sinne des Bedeutungsüberschusses


eines Ortes zu messen, wobei die Versorgungsleistung für die eigene Bevö lkerung als nicht – zentral
aus geklammert wird, um nur die Leistungen für die Umlandbewohner zu bewerten, steht der Ansatz
BOBEKS ( 1969 ) gegenüber, der in der Zentralität eines Ortes dessen Gesamtbedeutung
hinsichtlich seiner Versorgungsleistung sieht, wobei es hier unwichtig ist, ob diese Leistungen von
der ortsansässigen Bevölkerung oder den Umlandbewohnern in Anspruch genommen wird. (… ).
Somit steht der „Umlandbedeutung“ (bei Ausklammerung der „Eigenbedeutung“) die
„Gesamtbedeutung“ gegenüber. (R. LUKHAUPT, S. 55)
Die Synonyme der Eigenschaft Zentralität, die „Umlandbedeutung“ bzw. die „Gesamtbedeutung“,
hatten auf die empirische Forschungspraxis zur Zentralitätsforschung beträchtliche Wirkung, da aus
diesen beiden Standpunkten zwei verschiedene Forschungsrichtungen entstanden.
Empirische Analysen zur Zentralitätsforschung mithilfe der Überschussmethode oder
Umlandbedeutung hatten stärker den Aspekt der Raumforschung im Blickwinkel des Interesses und
waren nach Christallers Vorbild streng nach seiner Theorie der Zentralen Orte geleitet. Hingegen lag
das Interesse der empirischen Analyse von Zentralitätsmerkmalen nach der Methode der
Gesamtbedeutung auf der Raumgliederung, wobei im Laufe der Ze it dieser Forschungszweig der
empirischen Zentralitätsforschung immer stärker die Tendenz zur Beschreibung (= deskriptiv!) von
Raumeinheiten annahm. Dieser Umstand führte allmählich dazu, dass die Theorie der Zentralen Orte in
den Analysen immer mehr an Stellenwert verlor und die alleinige deskriptive Ausweisung von
Raumeinheiten für die (politische) Raumordnung immer interessanter wurde. Ein gutes Beispiel zur
Verdeutlichung des geschilderten Arguments liefert Abbildung 6 der „Raumstrukturgliederung der
Pfalz“.

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Abb. 6: Raumstrukturgliederung der Pfalz

Quelle: R. LUKHAUP, Beilage 1.

Damit war diesem Zweig der Empirie der Weg in eine boomende Zukunft geöffnet, währenddessen der
ursprünglichere Ansatz, dem auch Christaller den Vorzug gab, aufgrund des Terrainverlusts relativ früh
an Gewicht innerhalb der Zentralitätsforschung verlor. Kritik ist deshalb zu üben, da die
Umlandbedeutung durch Grundlagenforschung engen Kontakt zum ersten und ältesten Diskurs der
Zentralitätsforschung hielt, d. h. wichtige Impulse zur Entwicklung von Standorttheorien lieferte. Mit
dem „Versiegen“ des Diskurses der „Nomologischen Standortthe orien“ (P. WEICHHART, H.
FASSMANN, S. 30) verlor auch die Überhangmethode an Einfluss in der empirischen Praxis. Im
folgenden Großkapitel wird davon noch zu hören sein.

19
3.3. Ein kurzer Blick zur Rezeptionsgeschichte des Diskurses über die „Empirische
Zentralitätsforschung“ mit einer zusammenfassenden Darstellung der Verfeinerung
traditioneller„Empirischer Analyseverfahren“

Es erscheint an dieser Stelle zweckmäßig, hier einen kurzen Überblick über die Entwicklung des
Diskurses der empirischen Zentralitätsfor schung seit Entwicklung der Zentrale-Orte-Theorie“ bis heute
zu geben, da damit einerseits das Verständnis zur Intention des Diskurses verbessert werden kann und
andererseits die Zielrichtung bzw. Absicht der Empirie im Rahmen der Zentrale-Orte-Forschung
deutlicher wird. Es sei auch daran erinnert, dass durch solche Darstellungen mögliche Veränderungen
in der Konzeption des Diskurses erkannt bzw. mögliche nicht erwünschte Entwicklungen, die heute zu
Kritik Anlass geben, zeitlich besser eingeordnet werden können.
3.3.1. Empirische Zentralitätsforschung“ in ihrer historischen Entwicklung

Die Abb. 7 zeigt deutlich unterschieden vier Phasen der Entwicklung der Zentrale-Orte-Theorie in der
Geographie.
Abb. 7: Phasen der Entwicklung der Zentrale-Orte-Theorie

Quelle: GEBHARDT, vgl. R. LUKHAUP, S. 67.

Durch das Naheverhältnis von Theorie und Empirie kann diese Graphik durchaus auch für den Diskurs
der empirischen Zentralitätsforschung gelten. Besonders Phase „II“ (Wachstum) und Phase „III“
(Reife) sind hier von besonderem Interesse, da die empirischen Arbeiten zu Phänomenen der Zentralität
den rein deskripitiven Charakter bereits ab 1950 annehmen und wie die Verteilung der Kurve deutlich
darstellt, einen wahren Boom in den 60er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts auslösen. Genau

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zu diesem Zeitpunkt erfährt die Zentrale-Orte-Theorie in der Raumplanung ihren Aufschwung und
wird als Zentrale–Orte–Konzept das raumplanerische Instrument schlechthin! Viele Auftragsarbeiten
kennzeichnen diese Phase, da mehr und mehr die Raumplanung auf empirische Analysen angewiesen
ist, um ihren Auftrag mithilfe der Umsetzung des Zentrale–Orte–Konzepts tatkräftig zu realisieren.
Dies ist auch jene Ära in der empirischer Zentralitätsforschung, die von der Raumplanung fast
vollständig vereinnahmt wird und durch das Zurückdrängen der theoretischen Basis den beginnenden
Abstieg einleitet. Vielleicht ist hier der Keim zeitlich festzulegen, der dann in den 90ern des 20.
Jahrhunderts Früchte trägt und zum Abstieg tradierter Formen innerhalb der Zentralitätsforschung
insgesamt aufgrund der gegenwärtigen innerfachlichen Diskussion über Neuorientierung , theoretische
Neu – Konzeption , etc., führte. Diese Phase wird hier als „Obsolvenz“ tituliert, wobei ehrenhalber
angemerkt werden muss, dass es nicht so sehr um die Abschaffung der Zentrale-Orte-Theorie an sich
geht, sondern um deren Weiterentwicklung, Neu – Formulierung von Forschungsansätzen mit neuem
theoretischem Gebäude auf Basis genannter Theorie und um neue empirische Methoden, die besser als
bisher die Eigenschaft Zentralität an den veränderten Bedingungen der Realität messen können.
Letzteres wird hauptsächliches Anliegen des Kapitel 3.4 sein.
3.3.2. Methoden der traditionellen „Empirischen Zentralitätsforschung“ und
ihre Verfeinerung

Glaubt man der einschlägigen Literatur, so lassen sich in der traditionellen empirischen
Zentralitätsforschung zwar viele methodische Messverfahren identifizieren, dennoch können sie nach
drei spezifischen Kriterien zusammengefasst werden. Im Folgenden soll davon die Rede sein, wobei
gleichzeitig versucht werden soll, die Vor – und Nachteile jeder Gruppe von zusammengehörenden
Messverfahren zur Beschreibung von Zentralitätsmerkmalen zu zeigen.
3.3.2.1. Beschäftigungszahlen

„Der erste Versuch, bei der Bestimmung der Zentralität vo n Siedlungen auf die Zahl der in zentralen
Einrichtungen Beschäftigten zurückzugreifen, geht in der Zentralitätsforschung sehr weit zurück.
(G. HEINRITZ, S.48ff)
Diese Gruppe von Daten aus amtlichen Statistiken umfassen eine Vielzahl von möglichen statistisch
interessanten Gruppen zum Bereich der arbeitenden Bevölkerung in den verschiedenen
Wirtschaftssektoren. Dabei sind besonders jene Berufe und Berufs tätigen von Interesse, die im tertiären
und quartären Sektor besc häftigt sind. Hier liegen jene zentralen Dienste und zentralen Güter, die für
die empirische Analyse zu Fragen von Zentralitätsmerkmalen besonders wichtig und augenscheinlich
sind.
Der Vorteil in diesem empirischen Messverfahren liegt darin, dass die Daten in zeitlicher Abfolge
relativ gut dokumentiert sind und in ausreichendem Maße vorhanden sind. Damit ist eine einfache
Methode zur Quantifizier ung des Phänomens Zentralität erreicht, ohne sich die Mühe zu machen, auf
verschlungenen Umwegen dem Untersuchungsgegenstand näher zu kommen. Die Verwendung
entweder absoluter Zahlen oder relativer Zahlen macht die empirische Analyse beider Merkmale von
Zentralität ( „Gesamtbedeutung“ oder „Umlandmethode“ ) ebenfalls relativ einfach.
Probleme dieses empirischen Verfahrens bestehen einerseits in der Datena ggregation wie auch an der
Orientierung an der Wohnbevölkerung. Die Masse täglicher Pendler wird nicht in die Statistik
aufgenommen, obwohl dieser Teil der Bevölkerung im besonderen Maße für Zentralitätseffekte von
Standorten sorgen. Einmal in Hinsicht auf die Verkehrsintensität und zweitens in Hinblick auf deren
Wohnort, welcher ein Indikator für die Umlandverflechtung eines zentralen Ortes sein kann. Zudem

21
wird diese Gruppe von der Statistik am falschen Ort gezählt – nämlich am Wohnort und nicht am
Arbeitsstandort, das einen nicht unerheblichen Unterschied für die Analyse von Zentralität darstellt.
Aufgrund der Vielseitigkeit und des Umfanges dieses Datensatzes wurden viele einzelne Ansätze zur
Berechnung und Darstellung von Zentralitätserscheinungen im Laufe der empirischen Forschung
entwickelt und zunehmend verfeinert, um ein besseres oder genaueres Abbild der realen Wirklichkeit
zu kreieren. Wichtige Vertreter bzw. Wegbereiter sind O. SCHLIER ( 1937 ) und E. NEEF ( 1950 ).
3.3.2.2. Ausstattung mit zentralen Einrichtungen als Maß für
„Zentralität“

Dieser wissenschaftlich – empirisch motivierte Ansatz wird in der Fachwissenschaft oft auch mit dem
Begriff der Katalogmethode umschrieben. Dabei handelt es sich meist um eine Zusammenstellung,
eben eines Katalogs, mit repräsentativen zentralen Einrichtungen für einen Standort oder einer Vielzahl
von Standorten. Diese erwähnten Einrichtungen werden je nach ihrer Anzahl oder dem Vorkommen am
Standort gewichtet, sodass am Ende eine hierarchische Kategorisierung als Ergebnis vorhanden ist, die
eine Aussage über den Grad an Zentralität der untersuchten Standorte zulässt; höherrangige zentrale
Einrichtungen bedeuten höherrangige Zentralität des Standortes / der Standorte, weniger höherrangige
zentrale Einrichtungen eben geringere Zentralität des Standortes / der Standorte. Die Katalogmethode
ist eine profunde empirische Methode, um die Gesamtbedeutung eines Ortes, mehrerer Orte,
darzustellen, blendet aber völlig die Reichweite als Indikator für die Messung von Zentralität aus, d. h.
muss die „Überschussbedeutung“ im Zuge der Untersuchung völlig außer Acht lassen. Zu Bedenken ist
in diesem Zusammenhang, dass:
„Das Vorhandensein einer bestimmten Imstitution ( … ) noch nichts darüber aus (sagt!), von
welchem Benutzerkreis sie in Anspruch genommen wird. Will man also Zentralität als relativen
Begriff verwenden und dementsprechend den Bedeutungsüberschuß ( „ss“ sic ! ) erfassen, so kommt
dafür die Katalogmethode nicht in Betracht.“ (G. HEINRITZ, S. 55)
Diese Einschränkung muss auch in gewissem Maße für den Katalog und seines Inhaltes gelten, der sehr
stark von der analysierenden Person beeinflusst ist, die für die Zusammenstellung und Auswahl seines
Inhaltes verantwortlich ist. Generell sind hier Problemkreise angesprochen, die in der Fachwissenschaft
mit dem Problem der „Eichung“ solcherart Kataloge umschrieben werden. Der Zeitfaktor spielt
ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Katalogmethode, da darauf zu achten ist, dass der Katalog in
Bezug zu seinem Inhalt stets aktuell zu sein hat. Diese Methode hat vor allem H. BOBEK (1966 ) in die
Fachwelt eingeführt, populär gemacht und zum Teil immer wieder verbessert.

3.3.2.3. Indikator „Reichweite“ zur Messung von „Zentralität“

Darunter sind ebenfalls mehrere Methoden zur Bestimmung von Effekten der Zentralität
zusammengefasst, die – wie der Titel dieses Kapitels bereits erwähnt – sich mit der Umlandbedeutung
von Standorten höherer Zentralität auseinandersetzt. Quasi als methodischer Kontrapunkt zu den
Katalogmethoden steht hier die Umlandbedeutung von Standorten im Zentrum der empirischen
Analyse.
Die „Versorgungsüberschussmethode“: „ ( … ) geht ( … ) von der Annahme aus, dass ein Ort dann
eine zentralörtliche Bedeutung besitzt, wenn sein Versorgungspotenzial nicht nur zur
Bedarfsdeckung der ortsansässigen Bevölkerung aus reicht, sondern auch für das Umland relevant
ist. Der Zentralitätsgrad wird durch die Zahl der „nicht – ortsansässigen, „zusätzlich“ versorgten
Menschen bestimmt.“ (R. LUKHAUP, S. 61)
22
Die Umsatzüberschussmethode (Anm.: entwickelt von PRESTON) ist mehr oder minder methodisch
gleich der Versorgungsüberschussmethode, der einzige Unterschied liegt in der Analyse von
Kennziffern zum „Umsatz“:
„Während sich die gesamt – oder absolute Bedeutung („nodality“) eines Ortes im Gesamtumsatz
seiner Einzelhandels – und haushalts-orientierten Dienstleistungen niederschlägt, manifestiert sich
dessen Überschussbedeutung („centrality“) in dem Anteil des Gesamtumsatzes , der durch den
Konsum nichtortsansässiger Bewohner bedingt ist („complementary region consumption“ und “
irregular consumption”).” (R. LUKHAUP, S. 62)
Eine dritte Methode sei hier noch kurz erwähnt, die auch das Ziel verfolgt, jene Ausstrahlung eines mit
zentralen Einrichtungen ausgestatteten Standortes auf seine (regionale) Umgebung zu messen, die als
Zeichen von höherer Zentralität interpretiert wird. Die so genannte Ausstattungsüberschussmethode
(Anm.: nicht zu verwechseln mit der Katalogmethode!) zäumt im Gegensatz zu den beiden zuvor
genannten empirischen Verfahren das „Pferd“ sozusagen von hinten auf:
„Messen die Versorgungs – und Umsatzüberschussmethode die Auswirkungen funktionaler
Überausstattung, so ist es umgekehrt möglich, auch die zentralörtlich relevante Überausstattung zu
ermitteln.“ (R. LUKHAUP, S. 63 )
Dieses letzte hier erwähnte empirische Verfahren führt wieder an den Beginn dieser Ausführungen, da
damit im Grunde genommen jene Methodik empirischer Überprüfung angedeutet wird, die schon von
Christaller eingesetzt wurde und die in der Fachwelt als die berühmte „Telefonmethode“ Eingang in die
Wissenschaft gefunden hat.
3.3.3. Prinzipielle Kritik an der traditionellen empirischen Methodik der
Zentralitätsforschung

Allen bisher besprochenen Methoden, egal, wessen übergeordneten methodischen Ansatz sie
angehören mögen, ist gemeinsam das Problem der räumlichen Abgrenzung. Das bezieht sich vor allem
auf jene Methoden besonders, die ihrem methodischen Standpunkt entsprechend der Bedeutung des
Umlandes von Zentralität den Vorrang geben.
Die Abgrenzung der Raumeinheiten erfolgt meist nach den politischen Grenzen oder der politischen
Administration von Gebieten, die der Beziehung oder Verflechtung von Strukturen der Zentralität im
Raum oft nicht mehr wirklich entsprechen, d. h. die räumlichen Muster der auf Zentralität beruhenden
Beziehunge n nicht der Realität entsprechend wiedergeben. In früheren Zeiten mag dies für
Erklärungsversuche von Zentralitätserscheinungen empirisch noch hilfreich gewesen sein, in der
gegenwärtig veränderten Realität unter den heute anzutreffenden Tendenzen der Raumgliederung ist
dieses Verfahren nicht mehr zielsicher und – führend. Die Abgrenzung nach administrativen Kriterien
erfolgte deshalb , da zum einen die Datenbasis (Stichwort: offizielle Statistik!) eine bessere Grundlage
zur empirischen Verarbeitung von quantifizierbaren Merkmalen bot bzw. zum anderen aus alter
Tradition und Sichtweise durch das in der Theorie der Zentralen Orte festgeschriebene „Prinzip der
Zuordnung“ (E. J. AIGNER, S. 5). Unter Umständen ist bei Erstgenannten auch das nicht der Fall oder
zumindest kritisch zu hinterfragen, da in den 60er Jahren des vergangenen Jhts. vielerorts
Gemeindezusammenlegungen stattfanden.
Ein zweiter Kritikpunkt ergibt sich aus dem Umstand, dass gegenwärtig durch tiefgreifende
Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft eine Tendenz zugunsten niederrangiger Zentren im
hierarchischen System eingesetzt hat. Höherrangige zentrale Standorte verlieren entgegen den
Postulaten der klassischen Zentrale-Orte-Theorie an Bedeutung, ehemals niedrigrangige
Agglomerationen könne n ihre Zentralität verbessern. Zu diesem Trend würde auch die
23
Suburbanisierung passen, d. i. die zunehmende Ansiedlung ehemals städtischer Bevölkerung in die
nahe gelegenen Stadt – Umland – Gemeinden mit niedrigerem Rang innerhalb der
Zentralitätshierarchie in einer Raumeinheit.
Abschließend sollte noch bedacht werden, dass die Arbeit mit Zahlen und Daten, die nun einmal ein
klassischer Verarbeitungsprozess empirischer Forschung = nicht nur in der Zentralitätsforschung = ist,
zum Problem führt, welcher Ansatz einer empirischen Analyse zugrunde liegt – welche
Verarbeitungsmethode von Daten verwendet wird und wie die Daten aggregiert sind:
„Die mit gleichen Datensätzen, jedoch unterschiedlichen Ansätzen durchgeführten
Bestimmungsmethoden der Zentralität zeigen, dass die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen
können. Je nach Messkonzept werden verschiedene Aspekte von Zentralität erfasst. Die Umsetzung
in die Praxis erscheint somit erschwert, da mit der Methodenwahl auch die Ergebnisorientierung
bestimmt wird. Eine anzustrebende Verbindlichkeit der Ergebnisse der Zentralitätsmessung bleibt
damit aus.“ (R. LUKHAUP, S. 65 )

3.4. Wesentliche Determinanten einer Neuorientierung der „Empirischen


Zentralitätsforschung“ und ungelöste Fragen

Die vielfache Unzufriedenheit der Rezeption und des Erkenntnisgewinns empirischer


Zentralitätsforschung in Hinsicht auf das Erklärungspotential dieses Diskurses führte und führt zu einer
angeregten Diskussion innerhalb der Fachwissenschaft und auch außerhalb, bezieht man den Bereich
der Raumordnung mit ein:
„Um den aktuellen Veränderungstendenzen unserer Siedlungssysteme und Standortstrukturen
gerecht werden zu können, musste jedoch eine grundlegende Transformation der
Forschungsinteressen erfolgen. Es entstanden eine Reihe neuer Arbeitsbereiche, welche
verschiedene Teilaspekte oder einzelne Problemfelder der empirischen Zentralitätsforschung
aufgriffen und vor dem Hintergrund der aktuellen sozioökonomischen und politischen
Rahmenbedingungen unter neuen Gesichtspunkten bearbeiten. Zum Te il handelt es sich hier um
Forschungsgebiete, die gar nicht auf die Tradition der Zentralitätsforschung zurückverweisen und
die hier bestehenden Bezüge nicht weiter reflektieren.“ (P. WEICHHART, H. FASSMANN, S. 99)
Hier vollzieht sich auf Ebene der Wissenschaft und in diesem Fall der empirischen
Zentralitätsforschung eine Entwicklung zu Ver– oder Auslagerung von ehemaligen typischen
Forschungsinteressen und Arbeitsbereichen der Fachdisziplin zu anderen Hilfswissenschaften, wie der
Sozialgeographie, Geographie der Städtesysteme, Geographie des Einzelhandels und/oder Geographie
der (unternehmensorientierten) Dienstleistungen, welche bereits im ökonomischen Feld der
Betriebswirtschaftslehre längst von statten ging. Zudem wird hier im Rahmen der Wissenschaft
nachvollzogen, das heutzutage mit dem Terminus der zunehmenden Verflechtung und Vernetzung von
Akteuren in Raum, Gesellschaft und Wirtschaft umschrieben wird. Diese immer stärker zunehmende
Komplexität soll anhand des gegenwärtigen Systems der „Wirtschaftssektoren“ in Abb. 8 exemplarisch
dargestellt sein.

24
Abb. 8: Wirtschaftssektoren

Quelle: P. WEICHHART, H. FASSMANN, 2004, S. 44.

Diese Zunahme an Verflechtungen und Vernetzungen aller Beteiligter in einem bestimmten Verbund
oder System ist auch als einer der wesentlichen Gründe dafür zu identifizieren, warum die empirische
Zentralitätsforschung mit ihren traditionellen Mitteln und Methoden der Analyse nicht mehr in der
Lage war, die reale Welt in ihrem gegenwärtigen Erscheinungsbild zu zeigen und Trends abzubilden.
Es wird in der Welt der Wissenschaft allgemein und der empirischen Zentralitätsforschung im
besonderen künftig wichtig sein, diese vernetzten Strukturen jeweils für sich nützen zu können, um den
Herausforderungen zu begegnen. Das Gebot lautet daher: verstärkte Zusammenarbeit mit
disziplinenfremden Wissenschaften, um das eigene Erkenntnispotential bestmöglich auszuschöpfen !
Innerhalb der gerade laufenden Diskussio n über die Neuorientierung der Zentralitätsforschung fanden
einige neue Ansätze in der Fachwelt Beachtung. Hier sollen kurz jene dargestellt werden, die besonders
für den empirischen Diskurs von Interesse sind.
3.4.1. Transaktionsnutzen

Verkürzt formuliert lässt sich konstatieren, dass Verbraucher (= Konsumenten ) nicht mehr nach der
ökonomisc hen Rationalität zur Kostensenkung handeln, sondern ihr Verhalten nach dem
größtmöglichen Nutzen ausrichten. (P . WEICHHART, H. FASSMANN, S. 46 ff. ) Dieser Begriff
wurde als Ergänzung zu den bereits vorhandenen und in der traditionellen empirischen
Zentralitätsforschung fest verankerten Transaktionskosten in die derzeit laufende wissenschaftliche
Diskussion eingeführt. Der Transaktionsnutzen erscheint für die gegenwärtige n Bedingungen besser
geeignet, Zentralitätstendenzen festzuhalten. Da es sich um einen Begriff handelt, der wesentlich von
qualitativen Eigenschaften aus dem sozialgeographischen Umfeld geprägt wird, stellt sich für die
empirische Zentralitätsforschung das Problem der Operationalisierung, das durch ein Bündel an
quantitativen Merkmalen aller Voraussicht nach am besten zu verarbeiten sein wird. Der
Transaktionsnutzen als neues Instrument der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zentralität

25
und Zentralitätstendenzen in räumlichen Einheiten wird in der künftigen empirischen
Zentralitätsforsc hung einen wesentlichen und inhaltlichen Schwerpunkt haben.
3.4.2. Polyorientierung
Ähnlich wie der Transaktionsnutzen stellt auch die Polyorientierung einen neuen Ansatz dar, besser als
in der Vergangenheit Zentralität als Gliederungsprinzip im Raum nachzuweisen. Unter
Polyorientierung lässt sich der Umstand verstehen, dass Konsumenten nicht mehr ein und dasselbe
nächstgelegene Zentrum in ihrem räumlichen Umfeld aufsuchen, um ihren Bedarf nach der
Nutzenmaximierung zu decken, sondern höchst mobil verschiedene zentrale Standorte je nach
Maßgabe aufsuchen. Dabei ist entscheidend, dass die klassischen Einzugsgebiete zentraler Orte eine
Auflösung über die gewohnten administrativen Grenzen hinaus erfahren. Die neu zu interpretierenden
Einzugsgebiete zentraler Standorte bilden graphisch gesehen einen „Cluster“ derjenigen
Konsumentenstandorte, die aus einem bestimmten Verhalten heraus diesen Standort aufsuchen. (P.
WEICHHART, H. FASSMANN, S. 109 ff.) Die Erforschung der Polyorientierung ist wie der Begriff
des Transaktionsnutzens ein weiterer Ba ustein in der Neuorientierung empirischer
Zentralitätsforschung, um die räumliche Wirkung von Zentralitätsprozessen unter den neuen
Bedingungen der Realität zu beschreiben.
3.4.3. Offene Fragen
Es wurde bereits im Rahmen dieses Großkapitels auf die enge Verschränkung zwischen theoretischem
Gebäude und der Empirie auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Zentralitätsforschung hingewiesen.
Zur Neuorientierung dieses Forschungsdiskurses lassen sich noch offene Fragen der empirischen
Zentralitätsforschung feststellen, die sich meist auf das Teilgebiet einer Differenzierung oder
Gliederung von Raumeinheiten beziehen. Es herrscht momentan ein „Räumlicher Strukturwandel“ (E.
IRMEN, A. BLACH, S. 445 – 462) vor, der sich mit „Konzentration“, „Dekonzentraion“ oder
Dispersion im räumlichen Bezugssystem auswirkt. Inwieweit hier die empirische Zentralitätsforschung
wie zuvor neue methodische Ansätze finden kann, ist durch die noch nicht entwickelte theoretische
Fundierung nicht ganz geklärt. Ebenso wird zu prüfen sein, wie die Entwicklung der „Global Cities“,
die sich durch ihr Entziehen aus den nationalen Kontexten nicht in das hierarchische System der
Zentrale-Orte-Theorie einordnen lassen, weiter voranschreiten wird und welche Implikationen sich für
die Raumgliederung ergeben.

26
4. Das Zentrale-O rte-Konzept als normatives Mittel in der
Raumordnung
Der Diskurs, der sich mit der Implementierung von Zentralen Orten und zentralörtlichen Systemen in
die Raumordnungspolitik beschäftigt, ist zur Zeit der aktivste und hat scheinbar zu einem neuen
Denkansatz in der gegenwärtigen Planung geführt.
Walter Christaller sah sein Raummodell als ein für die Raumordnung geltendes Idealmodell für
Siedlungs- und Marktsysteme und durchaus als eine Anleitung zum raumordnungspolitischen Handeln.
Gesamtwirtschaftlich betrachtet, werden durch ein von der Zentrale-Orte-Theorie abgeleitetes
Raummodell die Anbieterstandorte maximiert und dadurch gleichzeitig eine flächendeckende
Versorgung sichergestellt. Dem Modell zufolge bietet es optimale Bedingungen für Anbieter als auch
für Nachfrager.
Das Zentrale-Orte-Konzept versteht sich als Raumordnungskonzept, dass vor allem in den 60er und
70er Jahren in die deutschsprachige Landes- und Regionalplanung implementiert wurde und auf der
Theorie der Zentralen Orte basiert. (Blotevogel, 1996 a)
4.1. Historische Entwicklung des Zentralen-Orte-Konzepts in der Raumordnung

Das Zentrale-Orte-Konzept (hier abgekürzt mit ZOK), hat über Jahrzehnte hinweg eine entscheidende
Rolle in der deutschsprachigen Raumordnung gespielt. Zu den Handlungsfeldern der Zentrale-Orte-
Politik gehört die Siedlungsstruktur, der Verkehr, die Versorgung und die gewerbliche Wirtschaft.
Um die Bedeutung der neuerlich wieder aufgetauchten Diskussion über das ZOK, das schon als obsolet
galt, zu verstehen, ist er sinnvoll die einzelnen Entwicklungsphasen des Konzepts in der Raumordnung
im Folgenden kurz darzustellen.
4.1.1. Wachstums phase von 1950 bis 1965

Christaller entwickelte die Zentrale -Orte-Theorie in der nationalsozialistischen Zeit der 30er Jahre in
Deutschland. Sie stellte die „ideale“ zentralistische Raumordnungsstruktur für Deutschland und die neu
eroberten Gebiete dar. Durch die streng „von oben“ verordnete Planung und aufgrund des Missbrauchs
der Theorie als Instrument zur Schaffung einer Raumordnung in der nationalsozialistischen Zeit, stößt
sie in der frühen Nachkriegszeit auf viel Kritik. Auch Christallers nomologisch orientiertes
Wissenschaftsverständis und sein konzeptioneller Ansatz war der deutschsprachigen Wissenschaft
damals fremd und stieß kaum auf Verständnis. Deshalb gewann die Zentrale Orte Theorie erst mit
einigen Jahren Verspätung, beim Aufbau des Raumordnungssystems in Deutschland, an Bedeutung.
(Blotevogel, 1996 b)
Seit den 50er Jahren steht in der deutschen Raumordnungspolitik die Versorgung von ländlichen-
peripheren Gebieten im Mittelpunkt. Eine grundlegende Ausstattung von Infrastruktureinrichtungen
und die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe sollten dem eingesetzten Trend der Land-Stadt
Wande rung der Bevölkerung entgegenwirken und gleichwertige Lebensbedingungen schaffen. Der
infrastrukturelle Ausbau eines Netzes von Unterzentren, der die Ausstattung von Bildungs-, Kultur-
und Verwaltungseinrichtungen beinhaltete, hatte in den 60er Jahren durchaus einer „Unterentwicklung“
ländlich-peripherer Räume entgegengewirkt. Somit sind die relativ dezentral ausgebauten
Infrastruktureinrichtungen diesem raumordnungspolitischen Instrument zu verdanken. (Blotevogel,
1996 b)

27
4.1.2. Reifephase von 1965 bis 1975

Erst in den 60er und 70er Jahren findet die Zentrale Orte Theorie von Christaller in der Form des ZOK
Einzug in die deutsche und österreichische Raumordnung. Das ZOK, ein flächendeckendes
raumordnungspolitisches Instrument, wurde in die Programme und Pläne der Landesplanung eingeführt
und die Zentralen Orte und ihre Verflechtungsbereiche kartographisch dargestellt. Im
Sachverständigenausschuss für Deutschland (SARO) und durch das SARO-Gutachten 1961 bekam das
Zentralitätskonzept eine tragende Rolle in der überörtlichen Raumordnung. Vor allem in den ländlichen
Gebieten mit „Entwicklungsrückstand“ sollen Gemeinden mit einer „zentralörtlichen Bedeutung“, die
in den 60er Jahren flächendeckend ermittelt worden waren, gefördert werden. (ARL, 1991)
In der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) 1968 wurde ein vierstufiges
Klassifikationssystem, das aus Ober-, Mittel-, Unter- und Kleinzentren besteht, implementiert.
Nachdem man sich in den 60er Jahren eher auf die Versorgung der Unterzentren konzentriert hatte,
flossen die Gelder im darauf folgenden Jahrzehnt vermehrt in den Infrastrukturausbau der Mittel- und
Oberzentren. Durch die erhöhte Mobilität der Bevölkerung aufgrund des zunehmenden
Individualverkehrs, wuchsen der Aktionsraum der Bevölkerung und dadurch die Notwendigkeit des
Ausbaus höherrangiger Zentren. Eine weitere Änderung bei der Ausweisung von Zentralen Orten in
den 70er Jahren bestand darin, dass diese Orte, zusätzlich zur Versorgungsfunktion auch die Funktion
von „Entwicklungszentren“ innehatten. Das Bundesraumordnungsprogramm von 1975 sah vor, dass
die Standortattraktivität für Gewerbe und Industrie von ausgewählten Mittel- und Oberzentren
ausgebaut wird. Diese dadurch entstehenden Entwicklungszentren dienen zum Abbau von regionalen
Disparitäten in strukturschwachen Regionen. Diese Entwicklungszentren sind Teil des punkt-achsialen
Raumstrukturmodells, ein flächendeckendes Netz an dessen Knoten (Entwicklungszentren) und Linien
(Entwicklungssachsen) die wirtschaftliche Entwicklung des Bundesgebietes konzentriert und
miteinander verbunden ist. Dadurch wird eine großräumige dezentralisierende Konzentration in der
Siedlungsentwicklung erreicht, die den Abbau von Disparitäten bewirkt. (Dietrichs, 1986) Diese
erweiterte Funktionszuschreibung zentraler Orte führte dazu, dass das ZOK im zunehmenden Maße ein
Instrument der Landesplanung darstellte um raumentwicklungspolitische Ziele zu verfolgen.
In dieser Zeit wurden auch bundesweit empirische Zentralitätsforschung betrieben dessen Ergebnisse
als Basis für die Gebietsreform, eine Neugliederung auf kommunaler Ebene zwischen 1967 und 1975,
verwendet wurden. Um leistungsfähigere Verwaltungen zu schaffen, kam es vielerorts zu
Gemeindezusammenlegungen. Das starre Festhalten am ZOK ging sogar soweit, dass Zentren mit
Bedeutungsüberschuss, die in keinen Wirkungsbereich eines überörtlichen Zentrums fielen, als
„Selbstversorgerorte“ ausgewiesen wurden. (Blotevogel, 1996 b)
4.1.3. Abschwungphase seit 1975

In der zweiten Hälfte der 70er und am Anfang der 80er Jahre verlagerte sich der Ausbau auf
Oberzentren, die besondere Standorte hochwertiger Infrastruktur und wichtige Zentren des
Arbeitsmarktes darstellten.
Mit der Zeit wuchs allerdings auch, auf Grund des starren Charakters und der „von oben“
durchgeführten Planungsstrategie, die Kritik am ZOK. Außerdem musste festgestellt werden, dass das
ZOK nicht immer die raumordnungspolitische Wirkung erzielte, die man sich nach Anwendung des
Instruments erwartete. Ziele wie der Abbau von räumlichen Disparitäten und die Schaffung von
gleichwertigen Lebenschancen wurden mit dem Instrument des ZOK in diesem Sinne nicht erreicht
und führte bestenfalls zu unveränderten Bedingungen. Trotz vermehrter Kritik blieb das ZOK jedoch in
den Programmen und Gesetzen der Raumordnung verankert und zentrale Orte wurden weiterhin

28
gefördert. Tendenziell verlor die Raumordnung in der Politik jedoch an Bedeutung. (Blotevogel, 1996
b)
In den 90er Jahren gewann das ZOK in der deutschen Raumplanung wieder an Wichtigkeit, da das
Konzept in die Raumordnungspolitik der neuen deutschen Bundesländer implementiert wurde.
(Blotevogel, 1996 b)
Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Einfluss des ZOK in der Raumordnung in der
öffentlichen Infrastrukturplanung also in den Bereichen, in denen der Staat unmittelbar raumwirksam
handelt, am größten ist. Auch die vollzogene Gebietsreform zeigt den Wirkungsbereich des ZOK.
Standortentscheidungen im Einzelhandel wurden allerdings nur teilweise durch das Konzept
beeinflusst. Die Siedlungsentwicklung konnte ebenfalls nicht in dem gewünschten Ausmaß gesteuert
werden. (Blotevogel, 1996 b)
4.2. Gegenwärtige Diskussionen über das Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung

Die Bedeutung des Zentrale-Orte-Konzept ist durch die Kritik, die sich vor allem in den 80er Jahren
verstärkte, aus dem Diskussionsmittelpunkt der raumbezogenen Wissenschaft verschwunden. Seit
einigen Jahren wurde das Zentrale-Orte-Konzept allerdings wieder verstärkt zum Gegenstand der
Wissenschaft und seine Bedeutung für die Raumordnung diskutiert. Es stellt sich nach wie vor die
Frage, ob das Zentralitätskonzept auf die veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Bedingungen im Planungsverständnis des Postfordismus anwendbar ist. In der neu aufgetauchten
Diskussion kommt wiederum die Diskrepanz zwischen der Kritik am Zentrale-Orte-Konzept und dem
starren Festhalten dieses für die Raumordnung relevanten Instruments zum Vorschein. Im Folgenden
sollen die Kritikpunkte am ZOK sowie Gründe für eine Beibehaltung aufgezeigt werden.

4.2.1. Kritik am Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung

Die ZOK berücksichtigt nicht den tiefgreifenden Wandel im Verkehrsverhalten, in der Mobilität der
Bevölkerung und in der Struktur des Handels. Die Zentralitätsforschung in der Vergangenheit
konzentrierte sich hauptsächlich auf die Versorgung und die Dienstleistungen der Haushalte.
Wirtschaftsdienste, also unternehmensorientierte Dienstleistungen wie z.B. Unternehmensberater,
spielten eine unwichtige Rolle.
Des Weiteren ging das Konzept weder auf die veränderte Struktur des Einzelhandels, noch auf das sich
schnell wandelnde Nachfrageverhalten der Konsumenten ein. Vor allem in den letzten 10 Jahren
konnte man vermehrt ein Wachstum von Einzelhandelsstandortkonzentrationen im interkommunalen
Bereich, sprich „auf der grünen Wiese“ beobachten. Dezentrale und wohnungsnahe Standorte nahmen
an Bedeutung ab. Durch den Anstieg des Individualverkehrs stieg gleichzeitig auch die Mobilität der
Bevölkerung. Diese ermöglicht den Konsumenten wiederum eine vergrößerte Auswahlmöglichkeit von
mehreren Standorten, was auch die Konkurrenz der Dienstleistungen untereinander verstärkte.
Um das Konsumverhalten einer modernen Gesellschaft zu erklären, bedarf es mehr als nur geläufigen
Klassifikationen nach Einkommensklassen und Bildungsstandard. Vielmehr müssen auch persönliche
Lebensstile und unterschiedliche Wertorientierungen in die Zentralitätsforschung Eingang finden.
Schließlich konzentriert sich das Konsumverhalten nicht, wie im ZOK angenommen, ausschließlich auf
die Versorgung der Konsumenten, sondern ist vor allem von sehr komplexen, oft durch viele Faktoren
bestimmten, individuellen Verhaltensmustern gekennzeichnet. Konsumenten besorgen ihre Einkäufe
zum Beispiel nicht notwendigerweise am nächstgelegenen Anbieterstandort. Dabei spielen die
Koppelung von verschiedenen Besorgungen bzw. Einkaufsgängen sowie die Tendenz Einkaufen als

29
Freizeitaktivität zu betreiben eine große Rolle. (Deiters, 1996 b) Die dadurch hervorgerufenen
Veränderungen im Zentrengefüge wurden anscheinend bei der Fortschreibung des Konzepts nicht
berücksichtigt. (Deiters, 1996 a)
Ein grundlegender Kritikpunkt der Implementierung des ZOK in die Raumordnung ist das Fehlen eines
Alternativkonzeptes, welches nicht das Prinzip des ZOK an sich in Frage stellt, sondern nur einen
alternativen Entwurf darstellen würde. Eine Alternative wäre z.B. ein statt vier- zweistufiges,
leistungsfähigeres Zentrale-Orte-System. Auch wenn diese in der Entstehungsphase diskutiert wurden,
wurden sie jedoch nicht der Öffentlichkeit vorgelegt. Die Auswahlmöglichkeit verschiedener Entwürfe
wäre demokratischer und hätte möglicherweise zu mehr Partizipation beigetragen. (Dietrichs, 1986)
Außerdem wurde das hierarchische System zentraler Orte in den 70er Jahren flächendeckend
ausgewiesen, und nicht wie in den Jahren davor nur auf ländlich-periphere Gebiete. Als problematisch
erweist sich in diesem Zusammenhang die auf starren Richtwerten basierte Auswahl von Gemeinden
mit zentralörtlicher Bedeutung und die Erhebung der Verteilung und Ausstattungen von Siedlungen
zum Planziel.
Das ZOK wurde in der Raumordnung allein deshalb überfordert, weil es als Entwicklungsmotor für die
regionale Wirtschaftsstruktur verwendet wurde. Es wurde dabei allerdings vergessen, dass das Konzept
als versorgungsorientiertes Raumstrukturmodell entwickelt wurde und dieser zusätzlichen
Funktionszuschreibung nicht gerecht werden konnte. (Deiters, 1996 a)
Ein weiterer Kritikpunkt sind Umsetzungsdefizite bei der Implementierung des ZOK in die
Raumordnung: In manchen Regionen (z.B. in Bayern) finden sich eine hohe Anzahl von zentralen
Orten unterster Stufe, die eine zielgerechte und wirkungsvolle Förderung behindern. (Geipel, 1977) Die
Implementierung des ZOK auf das ganze Bundesgebiet (siehe Abb. 9) zeigt auch heute noch, dass
einerseits Verdichtungsräume als Oberzentren ausgewiesen werden, andererseits stellten
Provinzhauptstädte sowie Mittelstädte im strukturbenachteiligten Gebieten ebenfalls Oberzentren dar.
Die Schwellenwerte für die Zuweisung der Hierarchiestufe wurden in den einzelnen Bundesländern

30
sehr unterschiedlich angesetzt. (Dietrichs, 1986)

Abb. 9: Zentrale Orte in Deutschland

Quelle: Blotevogel, Präsentation der Fachtagung der ÖGR und ÖROK, 09.11.2004.

Die Versorgungsbedürfnisse und –gewohnheiten der Bevölkerung können längst nicht mehr mit der
strenge n Bündelung und einheitlichen Abgrenzungen von Zuständigkeitsbereichen von zentralen Orten
und Einrichtungen beschrieben werden. Raumordnungspolitische Fehlentwicklungen zeigen außerdem,
dass der normative Aspekt des ZOK nicht genügend ausgearbeitet und diskutiert wurde. (Deiters, 1996
a)
4.2.2. Diskussionen gängiger Hypothesen über den Einfluss des ZOK in der
Raumplanung

Für eine Diskussion über den Stellenwert des ZOK in der Raumordnung bedarf es einer gründlichen
Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten an den sozia len, räumlichen, wirtschaftlichen, etc.
Wirkungen des ZOK der letzten Jahrzehnte. Die Hauptkritikpunkte am ZOK hat Blotevogel in fünf
Hypothesen formuliert, die im Folgenden diskutiert werden. (Blotevogel, 1996 c)
4.2.2.1. Wirkungslosigkeits-Hypothese

Es ist unums tritten, dass Ziele des ZOK wie die Verhinderung von Streusiedlungen und von
Einzelhandelsstandorte „auf der grünen Wiese“ nicht erreicht wurden. Allerdings darf diese mangelnde
Wirkungslosigkeit nicht auf das ZOK an sich zurückgeführt werden, denn die Ursache liegt vielmehr
an Umsetzungsdefiziten. So sind z.B. Fehlentwicklungen in der Raumentwicklung der neuen deutschen
Bundesländer auf eine noch nicht vorhandene funktionierende Landes- und Regionalplanung in den

31
ersten zwei Jahren 1990-1992 zurück zu führen. Doch auch in den alten Bundesländern sind
Fehlentwicklungen aufgrund von zu spät entwickelter Instrumente und Mangel politischen Willens,
diese konsequent und wirksam durch zu setzen, zu erkennen.
Völlige Wirkungslosigkeit darf dem ZOK hingegen auch nicht unterstellt werden, denn die Wirkung
wird erst dann ersichtlich, wenn man die bestehenden Raumordnungsmuster des Bundesgebietes mit
der anderer Staaten ohne eine solche Raumplanungstradition (USA, Italien) vergleicht. Da zeigt sich,
dass die bestehende Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur ein Zusammenwirken von Markt- und
Planungsprozessen ist und sich ohne die Raumordnungspolitik der letzen Jahrzehnte ganz andere
räumliche Muster gebildet hätten.
4.2.2.2. Zentralisierungs- bzw. Dorfverödungs-Hypothese

Vor allem in ländlichen Raum haben die Zentralisierung von Infrastruktur und die Zusammenlegung
von Gemeinden zu einer Verödung von ländlich-peripheren Gebieten beigetragen. Diese Hypothese
steht in erster Linie im Widerspruch zur Wirkungslosigkeits-Hypothese. Wird diese verifiziert, so
macht es keinen Sinn gleichzeitig Wirkungen feststellen. Ein weiterer Kritikpunkt der Hypothese ist,
dass vor allem in den 50er und 60er Jahren der flächendeckende dezentrale Ausbau der Infrastruktur im
Vordergrund stand. Auch wenn in den darauf folgenden Jahrzehnten Verödungsprozesse im ländlichen
Raum nicht vermieden werden konnten, so kann das nicht ausschließlich auf das ZOK zurückgeführt
werden, sondern liegt am „betriebswirtschaftlich notwendigen Anstieg der Mindest-Tragfähigkeit für
zentrale Einrichtungen“ (vgl. Blotevogel, 1996c, S. 649) Im Einzelhandel bewirkte dies die Schließung
von kleinen und die Vergrößerung der Einzugsbereiche von größeren Läden und einen dadurch
entstehenden Bedeutungsgewinn für Mittelzentren. Das ZOK stellt nicht die Ursache dieser Prozesse,
sondern ein Instrument der zentralisierenden Infrastrukturplanung dar.
4.2.2.3. Funktionalisierungshypothese

Diese Hypothese besagt, dass ein hierarchisches System wie das ZOK in der Zeit des Postfordimus
veraltet ist. Erstrebenswert ist vielmehr eine Funktionsspezialisierung von Städten und Gemeinden, die
dann in Netzwerken konkurrieren und kooperieren. Kritiker dieser Hypothese argumentieren in erster
Linie mit dem Missverständnis des Begriffs „hierarchisches System“. So ist die Hierarchie des ZOK
nicht als „organisatorische Über- und Unterordnungen mittels Kommandostrukturen und
Abhängigkeiten“ zu verstehen, sondern als „abgestufte Größen- und Funktionsverteilungen“. (vgl.
Blotevogel, 1996c, S. 650) Demnach ist auch unter der Zentralen Orte Hierarchie eine
Funktionsspezialisierung von Städten und Gemeinden durchaus möglich und keineswegs
ausgeschlossen. Empirische Beispiele wie z.B. die Funktion von Hafenstädten, verwaltungsspezifische
Funktionen von Hauptstädten und spezielle Funktionen von Fremdenverkehrsorten zeigen, dass sich
die Zentrale Orte Hierarchie mit der Funktionsspezialisierung und „Städtenetzen“ ergänzt.
4.2.2.4. Inflexibilitätshypothese

Verstärkt ist auch die Kritik an der Starrheit und Rigidität des ZOK zu hören, das die Flexibilität
unterschiedlicher Planungsbehören behindere. Nicht die räumliche Distribution von Wachstum und
Umverteilung von Ressourcen stehe im Vordergrund, sondern eine Moderation von Prozessen und
Management von Projekten, die in flexible Rahmenbedingungen eingebettet sein sollen.
Dieser Argumentation ist insofern recht zu geben, als dass das ZOK, in der Weise wie es in die
Raumordnungspolitik implementiert wurde, sicherlich zu einem teils sehr unflexiblen und starren
System beitrug. Der Übergang der Ära des Fordismus zum Postfordimus bringt andere Anforderungen

32
an die räumliche Planung mit sich. Eine Entwicklung von einer „teleologischen Planung mit einer
linearen technokratischen Planungsrealisierung zur rein inkrementalistischen Planung“ wurde verstärkt
in den 90er Jahren und noch mehr in der Zukunft deutlich. (vgl. Blotevogel, 1996c, S. 651) Dieser
Prozess ist Teil der allgemeinen Deregulierung staatlichen Handelns, dem, trotz aller Beschönigungen
von flexibleren Systemen und trotz lauter Kritik an der starren und rigiden Planung, einige Argumente
entgegen zu halten sind. Zum einen führen Deregulierungsprozesse zu verstärkten regionalen
Disparitäten, die zu ungleichen Lebensbedingungen in unterschiedlichen Regionen führen. Zum
anderen dürfen auch die Nachteile, die eine flexible Planung, die auf Moderations- und
Managementaufgaben reduziert ist, nicht unberücksichtigt bleiben. Je schwächer und ungebundener die
Planungsvorgaben des Staates und Bindungswirkung an höhere Gebietskörperschaften sind, desto
willkürlicher und kurzfristiger können Entscheidungen getroffen werden und desto mehr kommen auch
„starke“ Interessenvertretungen zum Zug. Außerdem können durch vorgegebene Planungsvorgaben im
ZOK Konflikte durch Funktionszuweisungen für z.B. Gemeinden verhindert werden. Bei dieser
Argumentation gegen die Inflexibilitätshypothese darf nicht verstanden werden, dass die Planung nach
dem ZOK wie sie in den vergangenen Jahrzehnten dominierte, unverändert beibehalten werden soll. Es
soll nur gezeigt werden, dass trotz aller Vorteile einer flexibleren, komplexeren und offeneren
gestalteten Planung, ein gewisses Festhalten an „von oben“ aufgesetzter Richtlinien die Nachteile
dieser Art von Planung verhindern oder zumindest dessen negative gesellschaftlichen Auswirkungen
gedämpft werden können.
4.2.2.5. Investitionsbehinderungs-Hypothese

Vertreter dieser Hypothese kritisieren in erster Linie den Steuerungsversuch von Investitionen, der vor
allem den Einzelhandel und den Dienstleitungssektor betrifft. Aus Sicht der Investoren schränkt das
ZOK damit die Standortwahl ein. Im Sinne der freien Marktwirtschaft stellen diese „veralteten“
Regulationsvorschriften eine Behinderung von Investition dar und wirken sich hemmend auf die
volkswirtschaftliche Entwicklung eines Landes aus.
Die Stellungnahme zu diesem Argument hängt im Wesentlichen von der persönlichen Einstellung ab,
welche gesellschaftspolitische Rolle der Staat einnimmt und von welchen „Kräften“ die Wirtschaft
gelenkt werden soll. Dies wirft schließlich die Frage auf, wie die Rollenverteilung zwischen staatlichen
Ebenen, Organisationen, Unternehmen, privaten Haushalten, etc. geregelt werden soll. Eine weit
reichende Deregulierung von räumlicher Planung ist aus umwelt- und raumordnungspolitischer Sicht
sehr problematisch, da langfristig angelegte Strategien fehlen. Aus diesem Grund müssen
vorausschauende Planungsstrategien und eine Reihe von Grundsätzen, Zielen und Strategien
beibehalten werden. Allerdings ist das ZOK als Standortraster mit seinem normativen Charakter dafür
aber kaum verwendbar. Die Schaffung von zentralen Orten ist daher nicht Ziel der
Raumordnungspolitik, sondern höchstens ein Instrument zur Verfolgung gewisser
raumordnungspolitischer Ziele.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Kritikpunkte, die gegen das ZOK erhoben werden, im
Allgemeinen gerechtfertigt sind und tatsächlich Schwachpunkte des ZOK aufzeigen. Allerdings ist die
Kritik teilweise überzogen und unberechtigt, weil sie sich nicht direkt auf das Konzept bezieht, sondern
auf die Probleme und Fehler in dessen Umsetzung. Diese Argumentation zeigt außerdem, dass die
Diskussion über die zukünftige Stellung des ZOK in der Raumordung unklar und deshalb umstritten
ist. (Weichhart, Fassmann, 2004)

33
4.2.3. Gründe für die Beibehaltung des ZOK als Instrument der
Raumordnung

Auch in der postfordistischen Zeit, die durch Deregulierungs- und Flexibilisierungsmaßnahmen


gekennzeichnet ist und sozialräumliche Disparitäten mit einer teil scheinbaren Selbstverständlichkeit
gesellschaftspolitisch in Kauf genommen werden, soll der Anspruch an eine Raumordnungspolitik,
die eine flächendeckende Schaffung von gleichwertigen Lebensbedingungen zum Ziel hat, jedoch
nicht der Vergangenheit angehören. Der heute zu beobachtenden Rückzug der Einzelhandels- und
Dienstleistungsbetriebe im ländlichen Raum, macht das ZOK als Instrument zur Sicherung
flächendeckender Grundversorgung wieder aktuell. (Blotevogel, 1996 c)
Die nach US-amerikanischen Vorbild wachsenden großflächigen Einkaufzentren „auf der grünen
Wiese“ werden in der deutschsprachigen Raumordnungspolitik als eine nicht unbedingt
erstrebenswerte Entwicklung gesehen. Das ZOK soll in diesem Fall als ordnendes Instrument in der
Raumordnungspolitik angesehen werden. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Raumordnung
nicht allein durch Auswirkungen von Marktprozessen einer freien Wirtschaft entsteht, sondern die
Gesellschaft als das entscheidende Steuerungsinstrument der Raumordnung gilt. Laut Blotevogel
sollte das ZOK heute als „räumliches Organisationsmittel“ definiert werden. (vgl. Blotevogel, 1996
c, S.655)
4.2.3.1. Nachhaltigkeit und Urbanität

Das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaft, Natur und Wirtschaft hat in den letzten
Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. Diese Art von Entwicklung, die die Sicherung von
ökologischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen in unserer Umwelt auch für die Zukunft
zum Ziel hat, ist heute unabhängig von der politischen Einstellung akzeptiert. Das Prinzip der
Nachhaltigkeit wird ausdrücklich als Ziel im deutschen Raumordnungsgesetzt (1998), im EUREK
und in verschiedenen österreichischen Gesetzen und Programmen erwähnt. Das ZOK leistet insofern
einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung, als dass eine Minimierung der Transportwege, eine
bestmögliche Verteilung von Versorgungseinrichtungen und eine Optimierung des räumlichen
Gefüges von Einzelhandelsstandorten angestrebt werden. Eine gezielte Zentralitätspolitik kann
somit zu einer nachhaltigen Entwicklung der Raum- und Siedlungsstruktur beitragen.
Zur Verfolgung der Ziele einer nachhaltigen Entwicklung geht Blotevogel von vier verschiedenen
Handlungsfeldern (Siedlungsstruktur, Versorgung, Verkehr und gewerbliche Wirtschaft) aus, die in
Abbildung 10 dargestellt sind. Diesen wird durch das Steuerungsinstrument des ZOK ein
Orientierungs rahmen gegeben und der Handlungsspielraum beeinflusst.

34
Abb. 10: Das Zentrale-Orte-Konzept als Mittel zur Erreichung raumordnungspolitischer
Ziele

Leitprinzip Ziele Handlungsfelder Steuerungsinstrumente

Sozial: Gereichte Siedlungsstruktur


Verteilung von
Ressourcen

Versorgung
Nachhaltige Ökonomisch: Zentrale-Orte-
Entwicklung Effizienter Einsatz Konzept
von Ressourcen
Verkehr

Ökologisch: Begrenzung
des Verbrauchs von Gewerbliche
Ressourcen Wirtschaft

Quelle: Blotevogel, 2002, S. XV.

Die einzelnen Handlungsfelder sind laut Blotevogel durch die in Tabelle 1 beschriebenen Aufgaben
gekennzeichnet.
Tab. 1: Handlungfelder der Zentrale-Ort -Politik
Handlungsfeld Aufgaben
Siedlungsstruktur • Element zur Ordnung der „Zwischenstadt“ vor allem in suburbanen Räumen zur
Verhinderung des „urban sprawl“
• Ausrichtung an den öffentlichen Verkehr und Zentren
• Entwicklung nachhaltiger Siedlungsstruktur
• Konzentration auf Siedlungsschwerpunkte im ländlichen Raum
Versorgung • Gewährleistung von Mindeststandards der Versorgung
• Standortraster für den unvermeidlichen Rückbau der Infrastruktur bei rückläufiger
Bevölkerung und schwindenden Tragfähigkeiten
Verkehr • Regionalisierung des öffentlichen Verkehrsnetzes
• Verknüpfung von Raumordnung und Bundesverkehrswegeplanung auf der strategischen
Ebene
Gewerbliche • Metropolregionen (und Oberzentren) als Entwicklungsmotoren der Volkswirtschaft
Wirtschaft
• Standorte für interkommunale/regionale Gewerbegebiete
Quelle: Blotevogel, Präsentation der Fachtagung der ÖGR und ÖROK, 09.11.2004.

35
Trotz Sub- und Disurbanisierungsprozessen in den europäischen Städten unterscheiden sie sich
charakterlich stark von z.B. amerikanischen Städten. Die Urbanität, also die hohe und relativ kompakte
Vielfalt von Dienstleistungen und kulturellen Einrichtungen, die für europäische Städte kennzeichnend
ist, soll erhalten bleiben. Das ZOK als Organisationsmittel kann einen Beitrag zur Erhaltung dieser
Urbanität beitragen. (Blotevogel, 2002)
4.2.3.2. Polyorientierung und territoriale Kohäsion

Die Raumordnungspolitik der europäischen Union sieht ein polyzentrisches Städtesystem vor, das zu
einer ausgewogenen wirtschaftlichen Entwicklung beitragen soll. Darunter versteht man eine
dezentrale Verteilung von Verdichtungsräumen in der Union, die durch ein aktives Beziehungsgefüge
zwischen den Städten und zwischen ländlichen und städtischen Regionen gekennzeichnet ist. Somit ist
dieses Netzwerk von Städten für die EU- als auch für die regionale Ebene zu verstehen und soll auf
beiden Maßstabsebenen gegen die räumliche Konzentration von wirtschaftlicher Entwicklung
beitragen. Das Ziel dieser polyzentrischen Entwicklung kann in der EU durch eine Zentralitätspolitik
erreicht werden, denn sowohl der Aspekt einer flächendeckenden Versorgung als auch die Entwicklung
von Zentren wird durch das ZOK propagiert. (Weichhart, Fassmann, 2004)
Die Kohäsionspolitik der EU, die eng in Verbindung mit der Polyorientierung steht, ist ebenfalls Ziel
der europäischen Raumentwicklung. Wirtschaftliche Disparitäten sollen sowohl innerhalb von
Nationalstaaten als auch europaweit abgebaut werden und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit
gefördert werden. Aus diesem Grund besteht die Notwendigkeit der Förderung der Zentralitätsfunktion
über die Grenzen hinaus. (Weichhart, Fassmann, 2004)
Zusammenfassend könnte man von einer Art Dilemma in der Zentralitätsforschung sprechen: Auf der
einen Seite kann das ZOK unter den heutigen sozioökonomischen Bedingungen die aktuellen
Entwicklungen und räumlichen Strukturen in der Raumordnung nicht erklären und hat in der
Vergangenheit zu raumordnungspolitischen Fehlentwicklungen beigetragen. Auf der anderen Seite
sollte man an ihm festhalten, denn es leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung von
„Nachhaltigkeit, Zentrenschutz und funktionierenden Nahversorgung“ (Weichhart, Fassmann, 2004, S.
36). Es stellt sich also die Frage, ob die klassische Theorie an die veränderten Rahmenbedingen
angepasst und möglicherweise künftigen normativen Zielvorstellungen gerecht werden kann.
(Gebhardt, 1996 b)

4.3. Das Zentrale Orte Konzept in der Raumordnung heute

Am Beispiel des Bundeslandes Salzburg soll veranschaulicht werden, inwieweit Zentralität im


Landesentwicklungsprogramm heute verankert ist. Im Programm wird ausdrücklich die Entwicklung
von Zentralen Orten erwähnt. Ein Ziel in den Grundsätzen und Leitlinien des Programms ist die
dezentrale Konzentration. Durch die Ausweisung von Zentralen Orten unterschiedlicher Stufe soll die
punktuelle Verdichtung von Siedlungen und Versorgungseinrichtungen gewährleistet werden. Diese
flächenmäßige Ausweisung von Zentralen Orten soll einerseits den Bedeutungsüberschuss des
Zentralraums Salzburg minimieren und auf der anderen Seite die Versorgung von peripheren
ländlichen Gegenden unterstützen. Mit der Entwicklung von Hauptverkehrsachsen und dem Ausbau
des öffentlichen Verkehrswesens soll die Entwicklung der zentralen Orte gefördert werden. Durch die
Ausweisung von zentralen Orten sollen die Distanzen zu Versorgungseinrichtungen für die gesamte
Bevölkerung minimiert werden.
Tabelle 2 zeigt die Einstufung Zentraler Orte in Salzburg und den entsprechenden Entwicklungszielen.

36
Tab. 2: Einstufung Zentraler Orte in Salzburg
Stufe Entwicklungsziele Orte in Salzburg
A Der Zentrale Ort der Stufe A dient zur Versorgung der Stadt Salzburg
Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen des
spezialisierten, höheren Bedarfs. Seine Bedeutung für das
Land Salzburg, für die Republik Österreich und den
europäischen Raum soll gesichert werden.
B Zentrale Orte der Stufe B dienen über eine Planungsregion Hallein, Oberndorf bei Salzburg sowie in
hinausgehend zur Versorgung der Bevölkerung mit Gütern Funktionsteilung Neumarkt am Wallersee
und Dienstleistungen des gehobenen Bedarfes. und Straßwalchen, Bischofshofen und St.
Johann im Pongau, Saalfelden am
Steinernen Meer und Zell am See.

C Zentrale Orte der Stufe C dienen zur Versorgung der Abtenau, Seekirchen am Wallersee,
Bevölkerung einer Planungsregion Tamsweg und Mittersill sowie in
mit Gütern und Diensten des höheren Grundbedarfes. Funktionsteilung, Kuchl und Golling an der
Salzach, Bad Hofgastein und Badgastein,
Radstadt und Altenmarkt im Pongau.

D Zentrale Orte der Stufe D dienen der Versorgung der Bürmoos, Hof bei Salzburg, St. Gilgen,
Bevölkerung von Teilen einer Planungsregion mit Gütern Thalgau, Mattsee, Schwarzach im Pongau,
und Diensten des qualifizierten Grundbedarfs. Wagrain, Werfen, Lofer am Steinernen Meer,
Neukirchen am Großvenediger und
Taxenbach, sowie in Funktionsteilung
Mauterndorf und St. Michael im Lungau.

E Zentrale Orte der Stufe E dienen zur Versorgung der (Die Festlegung der Zentralen Orte der Stufe
Bevölkerung mit Gütern und Diensten des Grundbedarfs E ist Aufgabe der Regionalen Planung.
in ihrem Einzugsbereich. In einzelnen Gemeinden können auch
mehrere Zentrale Orte der Stufe E
vorkommen.)

Zentrale Orte Bad Reichenhall, Berchtesgaden, Freilassing,


außerhalb des Laufen an der Salzach und Traunstein im
Bundeslandes Freistaat Bayern; Bad Ischl, Mattighofen,
(ohne Mondsee und Vöcklabruck in Oberösterreich;
Einstufung) Murau und Schladming in der Steiermark;
Kitzbühel, Lienz und St. Johann in Tirol.
Bayern: Laufen, Freilassing und Bad
Reichenhall.

Quelle: Landesentwicklungsprogramm Salzburg, 2003

Abbildung 11 stellt die angestrebte Zentralörtliche Gliederung des Landesgebietes dar. Auch Zentrale
Orte außerhalb des Bundesgebietes, die für Teile des Bundeslandes eine Funktion haben, sind auf der
Karte enthalten.

37
Abb. 11: Großraumstruktur der Zentralen Orte

Quelle: Landesentwicklungsprogramm Salzburg, 2003

4.4. Die Zukunft des Zentrale Orte Konzepts in der Raumordnung

Unter den heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterliegt die


Schaffung von Zentralität jedoch nicht mehr ausschließlich der Politik, sondern fällt in zunehmendem
Ausmaß in den Handlungsbereich der Wirtschaft. Die Gestaltung der Raum- und Siedungspolitik ist
demnach auch den Gesetzen des freien Marktes überlassen. Es stellt sich daher heute die Frage,
inwieweit mit welchen Politikbereichen die Raumordnung kooperieren müsste, um die Struktur von
zentralen Orten und die Umsetzung des ZOK zu schaffen. Standorte der sozialen Infrastruktur wie
Schulen, Krankenhäuser, Einrichtungen von öffentlichen Verwaltungen und Ausbau der
Verkehrsinfrastruktur etc. sind fast ausschließlich von der öffentlichen Hand geplant. Durch
Deregulierungsmaßnahmen orientieren sich Standortkonzentrationen von Unternehmen des Tertiär-
und Quartärsektors hingegen an marktwirtschaftlichen Überlegungen, die nicht im Sinne des
Disparitätenausgleichs entstehen, sondern sich nach den Konsummustern und –vorstellungen der
Bevölkerung richten. Da diese unterschiedlichen Vorstellungen ein hohes Konfliktpotential darstellen,

38
muss die Raumordungspolitik im Entscheidungsprozess verschiedene Akteure und Institutionen, neue
Marktbedingungen, unterschiedliche Konsummuster etc. mit einbeziehen. Man spricht hier auch von
einem Policy-Mix, der die Grundlage für die Realisierung des ZOK in der Raumordnung bildet.
(Weichhart, Fassmann, 2004))
Die komplexe und vielfältige Nachfrageorientierung der Konsumenten, die stark durch den
Transaktionsnutzen determiniert ist, schreibt auch der Verkehrspolitik eine nicht zu vernachlässigende
Rolle zu. Sie beeinflusst und reguliert insofern die räumliche Verteilung der Nachfrage, als dass die
Entwicklungsdynamik von Standorten von der verkehrlichen Infrastruktur abhängt. Aufgrund dieser
starken, räumlichen Wirkung auf die Strandortkonzentrationen, bedarf es einer engen Zusammenarbeit
zwischen Verkehrs- und Raumordnungspolitik.

39
5. Zusammenfassung und Ausblick
Der Diskurs über die Standorttheorie des Tertiär- und Quartärsektors in der Zentralitätsforschung zeigt,
dass die Primärtheorie, also die Theorie der Zentralen Orte auf Grund heute unrealistischer Annahmen
Zentralitätsphänomene nicht mehr erklären kann. Auch gegenwärtige Standorttheorien, die versuchen
unter den heutigen Rahmenbedingungen Zentralitätsphänomene zu erklären, scheitern an der extremen
Realitätsferne ihrer Annahmen. Es kann also behauptet werden, dass eine allgemeingültige
Standorttheorie den Erklärungs - und Gültigkeitsansprüchen nicht gerecht werden kann.
Eine Möglichkeit zur Erfassung und Erklärung von Zentralitätsphänomenen heute ist ein gleichzeitiges
Heranziehen von mehreren Einzeltheorien, die den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Wandel berücksichtigen und zu erklären versuchen. Nicht jede einzelne Theorie, sondern das daraus
entstandene Geflecht kann heutige Zentralitätsphänomen erfassen und erklären.
Das Zentrale-Orte-Konzept als normatives Mittel der Raumordnungspolitik steht in einem Dilemma.
Nachdem es aufgrund seiner Starrheit und „von oben“ institutionalisierten Planungsstrategie kritisiert
wurde, ist es in den letzten Jahren wieder zunehmend in den Diskussionsmittelpunkt geraten. In einer
Zeit wo Deregulierungs- und die Flexibilisierungsmaßnahmen in fast allen Bereichen zu erkennen sind,
kann angenommen werden, dass das Zentrale-Orte-Konzept als Organisationsmittel einen wichtigen
Beitrag zur einer nachhaltigen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft beiträgt. Dabei stellt das
Konzept keine Behinderung für jegliche Entwicklungen dar, sondern wird hat den Stellenwert als
wichtiges komplementäres raumordnungspolitisches Mittel inne.

40
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