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Vorwort zu

Amazon die Könige der Ausbeuter!

Immer wieder hört man von Amazon , das die Mitarbeiter unter Druck gesetzt
werden.

Dieser Sache bin ich mit diesem Buch, einmal nachgegangen um es wirklich der
Wahrheit entspricht.

Es können auch Gerüchte sein von der Konkurrenz, damit man bei Amazon nicht
mehr über das Internet einkaufen geht.

Was genau so abgeht bei Amazon davon erzählt nun mein neustes Buch!

1.Kapitel

Sekundenregeln und Schikanen:

Vom Irrsinn, bei Amazon zu arbeiten!


"Kollegen werden abgemahnt, weil sie 16 Sekunden zu früh in die Mittagspause
gegangen sind. Solche Dinge passieren täglich."

Bei Amazon ist es sehr ruhig.

Das ist das erste, was auffällt, wenn man Amazons Logistiklager in Bad Hersfeld
betritt. Die Hallen sind riesig: 110.000 m2 insgesamt, so groß wie 17 Fußballfelder.
Hier arbeiten 2.000 Menschen in drei Schichten. Und trotzdem hört man kaum
etwas.

Wer den Ort besucht, an dem das Herz des Weihnachtsumsatzes schlägt, sieht
hochkonzentrierte Menschen in Warnwesten, die mit einem Scanner in der Hand
Waren aus meterlangen, mehrstöckigen Regalen holen. Andere Angestellte
verpacken die Produkte, scannen die Waren, überprüfen Pakete. Mitarbeiter laufen
entlang der vorgeschriebenen, mit Klebeband abgeklebten Wege durch die Hallen.
Schon auf den ersten Blick ist klar: Hier wird nichts dem Zufall überlassen.

Das ist das Erfolgsgeheimnis von Amazon, das nicht nur den Versandhandel
revolutioniert hat, sondern auch Logistikabläufe: Das erfolgreiche Unternehmen ist
in den 90ern in Seattle als Online-Buchhändler gestartet, hat aber bald weitere
Produkte aufgenommen. Mittlerweile ist Amazon Weltmarktführer im Online-Handel
und lässt Einzelhändler regelmäßig verzweifeln.

Und das nicht nur, wenn Amazon ankündigt, 2018 eigene Läden in Deutschland zu
eröffnen, sondern auch wegen der ständigen Expansion in andere
Geschäftsbereiche. Streaming-Dienste, eigene Serienproduktionen,
Lebensmittelbestellungen, eigentlich gibt es bei Amazon nichts, was es nicht gibt.
Und das auch noch schnell: Der Riese bietet seit November 2007 in Deutschland den
Prime-Service an, bei der die Bestellung bereits am nächsten Tag eintrifft. Mit dem
Dienst Prime Now setzt Amazon noch eins drauf: Die aufgegebene Bestellung kommt
in großen deutschen Städten gerademal zwei Stunden später beim Kunden an.

2.Kapitel

Die Tricks, mit denen Amazon Steuern in Milliardenhöhe am Staat vorbei schmuggelt

Gnadenloses Ausnutzen von Steuerschlupflöchern liegt in Amazons DNA. Die


Erfolgsgeschichte eines der größten Unternehmen der Welt zeigt, dass sich der
Riese in der freien Wirtschaft unsauber an die Spitze gespielt hat.

Auf die blitzschnelle Lieferung von unterschiedlichsten Produkten ist Amazon


besonders stolz. In Bad Hersfeld, an einem seiner elf Deutschland-Standorte, zeigt
Amazon gerne, was die Firma kann: Fast täglich können Besucher das Logistiklager
besichtigen und sich zeigen lassen, wie Amazons Versandhandels-Effizienz
funktioniert.
Amazons beispielloser Erfolg basiert auf Daten. Die Internet-Plattform speichert alle
Daten seiner Kunden und verwendet sie algorithmisch weiter. So weiß Amazon auch
ein paar Jahre später noch, was ein User bestellt hat und kann aufgrund von
berechneten Empfehlungen ein Einkaufsumfeld schaffen, das es Einzelhändlern
schwer macht, in Konkurrenz zu treten. Genau das gleiche datengesteuerte
Effizienzgebot gilt aber auch für die Waren und Mitarbeiter: Amazon kann
Warenströme umlenken, kurzfristig auf Engpässe reagieren - und aus all dem lernen
und sich stetig verbessern. Mittlerweile geht Amazon sogar noch einen Schritt weiter
und setzt – zumindest in Hamburg – Roboter zum Warenpacken ein.

3.Kapitel

"Wir machen jeden Tag dieselbe Arbeit."

Trotz futuristisch anmutender Logistik klagen die menschlichen Mitarbeiter immer


wieder über Arbeitsbedingungen, die eher Erzählungen aus den Fabriken zum
Beginn des Kapitalismus gleichen, über Gängelungen, Druck, schlechte Bezahlung
und Überwachung. Gegen diese Bedingungen protestieren Angestellte schon seit
Jahren immer wieder. Natürlich hört und sieht man davon in den Werbevideos, die
Amazon im Netz zeigt, nichts. Von diesen schwelenden Konflikten wollen auch
diejenigen, die uns für das US-Unternehmen durch die riesigen Logistikhallen führen,
nichts wissen.

Wie es wirklich ist, für den Versandriesen zu arbeiten, können nur die beurteilen, die
Amazon in Deutschland jeden Tag zum Erfolg verhelfen. Motherboard hat sich mit
zwei von ihnen über ihren Job unterhalten. Lest hier die Gesprächsprotokolle:

Anonym, männlich, arbeitet im Logistiklager in Leipzig

"Ich bin 36 Jahre alt, ich arbeite bei Amazon in Leipzig und bin zur Zeit in der
Wareneinlagerung tätig. Mein Lohn war richtig schlecht, als ich vor fünf Jahren
angefangen habe. Der lag damals sogar noch unter dem Mindestlohn. Damals hatte
ich auch keinen festen Vertrag, das heißt, ich musste ständig Überstunden machen
und mir wurden regelmäßig die freien Tage gestrichen. Der Einstiegslohn lag damals
bei 7,67 € und ging dann hoch auf 8,48 €. Das ist natürlich viel zu wenig. Seit wir
angefangen haben zu streiken, steigt er aber kontinuierlich. Heute verdiene ich pro
Monat 2053 € brutto, also mehr als zu Beginn, aber auch nicht wirklich viel.

Aber schlechte Bezahlung ist nicht das einzige Problem bei Amazon. Viel schlimmer
ist: Wir machen jeden Tag dieselbe Arbeit. Das ist furchtbar. Im Moment sieht das so
aus: Ich komme morgens an und steche mich ein. Dann bekommen wir gesagt, was
wir machen müssen und welche Zahlen es als Vorgaben an dem Tag gibt, also wie
viele Produkte wir schaffen müssen einzuräumen. Dann nimmt man sich seinen
Wagen, Cart heißt der bei uns, da sind dann die Artikel drin und die packt man dann
in die Regale. Das bedeutet, man scannt erst den Artikel ab, dann das Fach und
räumt sie dann ein. Und das mache ich dann den ganzen Tag.

Es gibt zwei Pausen am Tag. Die eine ist 20 Minuten lang, die andere 25 Minuten. Die
Mittagspause dauert 25 Minuten. Wenn es klingelt, darf ich meinen Cart verlassen
und mit dem zweiten Klingeln muss ich wieder zurück sein. Der Weg zur Kantine
dauert acht bis neun Minuten, dann hole ich mir das Essen und muss mich beeilen,
es schnell zu essen. Rauchen schaffe ich danach oft gar nicht mehr.

Jeder versucht immer, als Erster bei der Essensausgabe zu sein, aber es kommt
trotzdem vor, dass man es nicht rechtzeitig zurück schafft. Am Anfang gibt es dann
nur Mitarbeitergespräche, aber die Manager gehen auch weiter bis zur Abmahnung
oder Kündigung, wenn solche Verspätungen öfter vorkommen. Mitarbeitergespräche
hatte ich schon öfter, habe aber selber noch keine Abmahnung bekommen. Ich
versuche mich aber auch immer zu verstecken oder in der Masse der anderen
unterzugehen.

Die Manager beobachten uns immer ganz genau. Sie stehen da, oft mit einem
Zeugen, und schreiben sich auf, wer zu früh los geht, wer zu spät zurückkommt. Das
macht sogar der General Manager, also der, der das Logistiklager leitet. Wenn sie
dich sehen, dann bekommt man eine Nachricht, dass man sich bei seinem
Vorgesetzten melden soll und dann gibt es ein Gespräch. Da sitzt dann auch jemand
aus der Personalabteilung dabei und die sagen dir dann, dass dein Verhalten dem
Arbeitsvertrag zuwider läuft – und sie drohen mit Abmahnung.

Das ist aber nicht die einzige Überwachungsmaßnahme in unserem Job. Amazon
verfolgt wirklich jeden unserer Schritte. Wenn der Scanner zum Beispiel mal nicht
betätigt wird, zum Beispiel weil ich auf Toilette gehe oder mich mit jemandem
unterhalte, passiert es schon, dass ein Manager plötzlich vorbeikommt und sich
erkundigt, was los ist. Meistens fragen sie dann: "Kann ich dir helfen? Ist alles in
Ordnung? Bist Du krank?" Ab und zu muss man dann auch zu Feedback-Gesprächen
und wird dort dann gefragt, was man in der Zeit gemacht hat, in der der Scanner
inaktiv war.

4.Kapitel

Wer krank war wird eingeschüchtert!

"Wer krank war, wird eingeschüchtert"

Man bekommt auch ständig Zahlen vorgelegt und mitgeteilt, ob man zu schlecht
oder zu langsam gearbeitet hat. Vor allem die Neuen und die, die noch keine festen
Verträge haben, lassen sich davon beeindrucken und arbeiten dann kontinuierlich
durch.

Das setzt mich natürlich unheimlich unter Druck. Und nicht nur mich. Ich kenne
einige Kollegen, die wegen Burnout krankgeschrieben wurden. Deswegen ist der
Krankenstand bei uns auch extrem hoch. Teilweise waren bis zu 20% der Belegschaft
krankgeschrieben. Da fehlen dann 400 von 2000 Mitarbeitern im Lager.

Amazon geht gegen die Fehlzeiten nach Krankheit aktiv vor. Sie versuchen Dich
dann, wenn Du wiederkommst, mit gewissen Maßnahmen einzuschüchtern. In
Einzelgesprächen drohen sie mit Abmahnungen und indirekt auch mit Kündigungen.
Vor allem die Kollegen, die gewerkschaftlich organisiert sind, landen regelmäßig in
diesen Maßnahmen. Der nächste Schritt nach diesen Maßnahmen ist dann die
krankheitsbedingte Kündigung.

Aber es regt sich auch Widerstand. Mittlerweile sind etwa 30% meiner Kollegen in
der Gewerkschaft ver.di organisiert. Wenn wir streiken, macht etwa ein Drittel der
Kollegen mit. Aber das reicht natürlich noch nicht, weil jeder bei uns fast alles kann.
Das heißt, wenn jemand in der Rückgabe-Abteilung fehlt, aber einer zu viel in der
Einlagerungs-Abteilung ist, dann wird der einfach dort eingesetzt".
5.Kapitel

Amazon das Gefängnis!

"Ich habe vor sieben Jahren bei Amazon als Weihnachtsaushilfe angefangen.
Mittlerweile habe ich eine Festanstellung und arbeite in der Kundenberatung.
Außerdem bin ich Mitglied bei der Gewerkschaft ver.di und setze mich für die Rechte
der Amazon-Lagerarbeiter ein. Der Umgang mit den Kollegen ist sehr gut und das
schätze ich an meiner Arbeit. Aber ansonsten fühlt man sich wie in einem Gefängnis.
Jeden Tag passiert dasselbe. Und die Vorgesetzten behandeln uns wie kleine Kinder.
Wir sind für sie alle nur Zahlen im System. Das gefällt mir gar nicht.

In Gesprächen stellten wir fest, dass wir Mitarbeiter ähnliche Erfahrungen gemacht
haben. Wir haben erst dann begriffen, dass es sich hier um ein kollektives Problem
handelt: die Arbeitsbedingungen bei Amazon.

6.Kapitel

Die Kontrolle der Chefs!

"Ich hab es selbst schon erlebt, dass unsere Chefs zur Kontrolle unter den Treppen
standen und mit Abmahnung gedroht haben, wenn man sich nicht am Geländer
festhält."

Darüber sprachen wir dann mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Schritt
für Schritt traten immer mehr ver.di bei: In einem halben Jahr erhöhte sich die Zahl
von 70 auf 400 Mitglieder bei uns in Bad Hersfeld.

Wir wollten gemeinsam Druck machen, deshalb entschieden wir uns für Streik. Wir
mussten aber erst einmal lernen, wie Streiken überhaupt funktioniert. Beim ersten
Mal haben wir gezittert: Das war ein Warnstreik und wir fragten uns, ob auch
genügend mitmachen. Wir hatten Angst, ganz alleine vor den Toren zu stehen. Das
war dann aber nicht so, und mit jedem Streik werden es mehr. Die anderen sehen,
dass es sich lohnt:

Wir haben gewaltige Verbesserungen erreicht, vor allem bei der Lohnhöhe.
Mittlerweile sind wir routinierter und so aufgestellt, dass wir auch ganz spontan zum
Streik aufrufen können.

Doch ganz so rosig ist das alles trotzdem nicht. Seitdem wir mit Streiks drohen
können, verschlimmert die Geschäftsführung nämlich auch den Druck auf uns: Sie
will einen Gesundheitsbonus einführen, der Gesunde belohnt, und versucht,
krankheitsbedingte Kündigungen durchzusetzen. Sie behauptet, es handle sich um
Einzelfälle. Aber es ist doch klar, wie sich repressive Führungssysteme auf die
Psyche der Menschen und damit auf deren Gesundheit auswirken.
Bei uns kommt es vor, dass ein Kollege abgemahnt wird, weil er 16 Sekunden zu
früh in die Pause geht. Solche Dinge passieren täglich. Da stehen zu Pausenzeiten
regelmäßig Manager vor dem Pausenraum und kontrollieren, ob jemand zu früh
kommt.

Wir haben diese Regel: den Handlauf benutzen. Das heißt, wir sollen uns am
Treppengeländer festhalten. Ich hab es selbst schon erlebt, dass da unsere
Vorgesetzten zur Kontrolle unter den Treppen standen und mit Abmahnung gedroht
haben, wenn man den Handlauf nicht benutzt hat.

7.Kapitel

Amazon der Scanner Wahnsinn!

"Amazon kann über sein Scanner-Log ausrechnen, wer wie lange auf der Toilette
war."

Dann ist da noch die Sache mit dem Scanner. Der Scanner zeichnet vordergründig
die Warenflüsse auf. Jeder Scanner ist aber nur einer Person zugeordnet und deshalb
weiß das System immer ganz genau, wer die Waren und Regale scannt. Und wann.
So wird jeder einzelne kleine Arbeitsschritt aller Angestellten aufgezeichnet - und all
das kann auch im Nachhinein überprüft werden. Amazon kann über sein Scanner-Log
ausrechnen, wer wann wie lange auf der Toilette war. Es finden Gespräche mit
Mitarbeitern statt, wenn der Scanner feststellt, dass sie zu lange nichts gescannt
haben. Das System ist wohl so eingestellt, dass der Vorgesetzte sieht, wenn ein
Vorgang zu lang gedauert hat. Dann gehen die direkt zu den Kollegen hin. Die sagen
dann aber nicht: warum arbeitest du nicht? Sondern es wird nett gefragt: Hast du
irgendwelche Probleme? Hast du technische Probleme? Was stimmt nicht? Wieso
hast du solange nichts gescannt?

Wir machen uns auch Sorgen, was mit den Daten, die Amazon erhebt, passiert. Wir
wissen nur, dass die Daten nicht nur in Deutschland, sondern mindestens auch in
den USA gespeichert werden. Angeblich auch in Luxemburg. Aber warum? Wir
lassen uns deshalb jetzt von Datenschutzexperten beraten und versuchen, die
offenen Fragen zu klären. Und wir fordern, dass man die Daten anonymisiert.

Klar, die Vorgesetzten müssen erkennen können, wenn möglicherweise im


Arbeitsablauf etwas nicht stimmt. Aber es ist nicht ok, Protokolle zu einzelnen
Mitarbeitern aufzuzeichnen, auf deren Grundlage der Person dann vielleicht
gekündigt wird. Die Gründe für eine Kündigung werden meistens nicht genannt, aber
wir können davon ausgehen, dass Amazon auf Basis der einzelnen Leistungsprofile
über die Verträge der Mitarbeiter entscheidet. Das legen auch Gespräche mit
Teamleitern und Managern nahe.

Eine erfahrene Datenschutzexperten, die jetzt mit uns zusammenarbeitet, sagte,


dass es das menschenverachtendste Überwachungssystem wäre, das sie je erlebt
hätte. Auch deshalb streiken wir natürlich".

Amazon wollte auf Anfrage von Motherboard keine Angaben zum Warenvolumen in
Bad Hersfeld oder zum Krankenstand machen.

Auf den Vorwurf der Überwachung angesprochen bestreitet Stephan Eichenseher,


Pressesprecher des Unternehmens in Deutschland, dass die Scanner mehr können,
als Waren einspeichern: "Es sind Standardgeräte, wie sie in so gut wie allen
Logistik-, Transport- und Handelsunternehmen genutzt werden", so Eichenseher in
einer E-Mail an Motherboard. Amazon nutze kein GPS, um den Standort der
Mitarbeiter festzustellen, und die erfassten Daten würden es auch nicht erlauben,
"Feststellungen dazu zu treffen, wo sich ein Mitarbeiter in einem bestimmten
Zeitraum aufhält – außer der Mitarbeiter scannt gerade einen Regalplatz".

Die Scanner seien eine "erhebliche Erleichterung für die Mitarbeiter, die vorher mit
Papierlisten gearbeitet haben", heißt es aus dem Unternehmen. "Was der Mitarbeiter
gerade macht, welchen Weg ein Mitarbeiter gewählt hat, um von einer
Arbeitsaufgabe zur nächsten zu gelangen, mit welcher Geschwindigkeit sich ein
Mitarbeiter bewegt oder was ein Mitarbeiter zwischen zwei Scanvorgängen gemacht
hat", werde nicht erfasst oder ausgewertet.

Auch eine Abmahnung wegen einer 16-sekündigen Verspätung bestreitet Amazon.


"Wenn ein Mitarbeiter allerdings wiederkehrend die vereinbarten Arbeitszeiten nicht
einhält und dies beobachtet wird, kann dies zu Disziplinarmaßnahmen führen", so
Eichenseher weiter.

Fakt ist, dass viele Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen als so unangenehm


empfinden, dass die Streiks sich ausweiten und das Unternehmen mitunter in echte
Bedrängnis bringen. Am letzten sogenannten "Black Friday", einem der
umsatzstärksten Tage für Amazon im gesamten Jahr, streikten nach Angaben von
ver.di 2.300 Amazon-Mitarbeiter an sechs Standorten in Deutschland, darunter auch
Leipzig und Bad Hersfeld. Außerdem wurde in Polen und Italien gestreikt. Die
nächsten Streiks stehen auch schon an – und zwar zwischen den Jahren, wenn die
Geschenke möglichst schnell umgetauscht werden sollen. Unklar ist, ob sich die
Belegschaft auch dieses Mal konkrete Verbesserungen erkämpfen kann. Sicher ist
jedoch, dass sie den zahlen- und wachstumsgetriebenen Erfolgsgeschichten der
Technologieunternehmen durch das Öffentlich machen ihrer Erfahrungen ihre
eigenen Geschichten entgegensetzen.

8.Kapitel

Wir sind die neuen Leibeigenen und Jeff Bezos ist der neue König!
Eigentlich sollen neue Technologien wie künstliche Intelligenz und Big Data
Unternehmen helfen, produktiver zu werden. Bei Amazon setzt man die digitalen
Waffen gegen die eigenen Mitarbeiter ein.

Lange Arbeitszeiten, Intrigen und Diskriminierung sind bei vielen Firmen an der
Tagesordnung. Ob Banker bei Goldman Sachs, Manager bei Tesla oder Apple-Store-
Mitarbeiter, die Arbeitsbedingungen sind oft grenzwertig. Jeff Bezos' umstrittener
Tech-Konzern scheint es aber auf die Spitze zu treiben: Der Online-Warenhaus-Gigant
nutzt modernste Datenanalyse und künstliche Intelligenz nicht nur zur Optimierung
der eigenen Produkte, sondern auch zur gezielten Überwachung der Mitarbeiter.

Jeff Bezos ist ein Datenfreak. Alles und jedes wird gemessen: die Leistung, die
Pinkelpausen. Algorithmen entscheiden über Lohn, Beförderung – oder Entlassung.

9.Kapitel

Amazon:

So unmenschlich entlässt der Konzern Mitarbeiter!

Jemanden aus dem Job zu entlassen, ist niemals angenehm. Doch was Amazon sich
nun ausgedacht hat, um Mitarbeitern die Nachricht ihrer Entlassung zu überbringen,
könnte unmenschlicher kaum sein.
Amazon: Strenge Überwachung der Mitarbeiter

In Baltimore gibt es ein elektronisches Überwachungssystem, das aufzeichnet, wie


oft Arbeiter bei Amazon pausieren, zur Toilette gehen, etwas essen. Manche
Mitarbeiter stehen durch das System anscheinend so sehr unter Druck, dass sie
nicht mal mehr zur Toilette gehen wollen, berichtet Business Insider.

Sobald das System merkt, dass ein Mitarbeiter öfter als gewünscht pausiert, kann es
Verwarnungen aussprechen. Und den Angestellten sogar kündigen und vor die Tür
setzen.

System überwacht die Produktivität der Angestellten bei Amazon

Abgesehen von den Pausen überwacht das System auch, wie produktiv die
Angestellten sind. Sollte eine bestimmte Rate nicht erreicht werden, gibt es
ebenfalls Verwarnungen und sogar Kündigungen.

Angeblich sei die Zahl der Kündigungen durch das vollautomatisierte System bei
Amazon gesunken, so Business Insider.

Amazon äußert sich folgendermaßen dazu: „Bei Amazon bieten wir


wettbewerbsfähige Löhne, die am oberen Ende dessen liegen, was in vergleichbaren
Jobs bezahlt wird. Hinzu kommen umfassende Zusatzleistungen und vielfältige
Möglichkeiten für die Entwicklung der eigenen Karriere. Gleichzeitig ist es unsere
höchste Priorität, unseren Mitarbeitern ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld zu
bieten. Andernfalls wäre es unmöglich, die Tausenden festangestellten Mitarbeiter in
wettbewerbsstarken Arbeitsmärkten zu halten und weitere einzustellen.

Wie alle Unternehmen haben auch wir Erwartungen hinsichtlich der Leistung unserer
Mitarbeiter - dies allerdings ausschließlich mit Blick auf die operative Planbarkeit der
Einhaltung der Kundenversprechen. Bei uns werden Produktivitätsrichtwerte nach
objektiven und realistischen Gesichtspunkten festgelegt und über längere Zeiträume
evaluiert. Hierbei wird insbesondere auch die durchschnittliche Leistung der
Belegschaft selbst berücksichtigt. Unsere Führungskräfte arbeiten eng mit ihren
Mitarbeitern zusammen, um diese zu fördern und zu coachen. Wir arbeiten
gemeinsam mit unseren Mitarbeitern ständig daran, unsere Prozesse zu verbessern
und die Arbeitsabläufe zu optimieren, um als Team gemeinsam jeden Tag besser und
effizienter zu werden. “

Dass Menschen allerdings keine Maschinen sind und auch mal schlechte und
unproduktive Tage haben können, diesen Spielraum lässt die Überwachung nicht zu.

10. Kapitel

An der Basis gegen Amazon!


Ein Mann kämpft gegen Amazon!

Christian stört der große Druck auf die Mitarbeiter, der durch viele kleine Regeln
ausgeübt wird. Aber statt zu kündigen, bleibt er und kämpft.

Das Erste, was Christian seltsam vorkam, waren die Hinweise überall. Vor allem auf
dem Klo. Als er das erste Mal an seinem neuen Arbeitsplatz, im Amazon-Werk in Bad
Hersfeld, auf die Toilette ging, fielen ihm gleich mehrere Schilder auf. Eins davon mit
einer Grafik, die verbietet, sich auf die Toilette zu stellen. Ein anderes fordert den
Betrachter auf, eine „angemessene Menge Klopapier“ zu benutzen. Das Ganze in
Strichmännchen-Optik, in jedem Amazon-Lager der Welt verständlich.

Damals fand Christian das lustig. Jetzt, sieben Jahre später, weiß er: Das ist bitterer
Ernst. Die Schilder sind vielleicht der plakativste Teil des Systems Amazon, ein
strenger Apparat aus Vorschriften und Regeln. Wer die nicht ernst nimmt, kann -
seinen Job verlieren. Christian, der heute 39 ist, hat sich davon nicht einschüchtern
lassen oder seinen Job einfach hingeschmissen. „Ich wusste von Anfang an, dass ich
nur hier an der Basis, als Arbeiter, was verändern kann“, sagt er heute. Und mit dem
ersten Tag nahm er sich vor: „Dieses System wird mich nicht kleinkriegen.“

Heute ist Christian einer, dem die Mitarbeiter vertrauen und den die Chefs fürchten.
Weil er auf Betriebsversammlungen ruhig, aber bestimmt so lange unangenehme
Fragen stellt, bis die Veranstaltung abgebrochen wird. Weil er in der Eingangshalle
Flyer verteilt und zum Streik aufruft. Weil Amazon in Bad Hersfeld schon mal für
kurze Zeit seine Aufträge an andere Standorte abgeben musste, weil er es schaffte,
mehr als 500 der 2000 Arbeiter zum Streiken zu bewegen.

Sein Kampfgeist entwickelte sich erst mit der Zeit. Vor sieben Jahren fing Christian
als Weihnachtsaushilfe bei Amazon an. Davor hatte er für eine Zeitarbeitsfirma beim
Dänischen Bettenlager Möbelteile von bis zu 50 Kilogramm von A nach B geschleppt.
Und davor sein Politik- und BWL-Studium abgebrochen. Eine prekäre Situation, in der
die Aussicht auf eine Festanstellung erst mal paradiesisch wirkte. Und ein
Unternehmen wie Amazon, mit seiner fortschrittlichen Ausstrahlung und dem 15-
Kilo-Tragelimit umso attraktiver. Doch die Ernüchterung kam vor der Festanstellung.
„Mir war schnell klar: Selberdenken ist nicht gefragt, und jeder, der das kritisiert,
wird niedergebügelt“, erinnert er sich. In einer ersten Betriebsversammlung meinte
einer der Chefs, als Ostdeutscher könne er froh sein, überhaupt einen Job zu haben.
Wenn ihm die Bedingungen nicht passen würden, solle er doch zu Lidl gehen.

Christian ließ sich nicht beeindrucken. Er blieb ruhig und wartete auf die
Festanstellung mit Kündigungsschutz. Seit er vor sechs Jahren seinen unbefristeten
Arbeitsvertrag in die Hand gedrückt bekam, gibt er keine Ruhe mehr. Noch am
gleichen Tag ging er zum wöchentlichen Kneipenabend, um einen Betriebsrat zu
gründen. Mittlerweile ist er einer von zwei Vertrauensleuten in Bad Hersfeld, dem
größten Amazon-Standort Deutschlands. Seine Kollegen kommen mit ihren
Problemen zu ihm, er setzt sich mit der Führungsetage auseinander. „Ich glaube, bei
Amazon habe ich den Ruf als Querulant weg“, sagt er und lacht dabei eher
zurückhaltend als aufmüpfig.

Nach einem großen Kämpfer sieht er nicht aus, wie er da in dem spärlich möblierten
Verdi-Büro nahe des Hersfelder Amazon-Lagers bedacht an seinem Kaffee nippt.
Eher wie ein ruhiger Stratege. Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen haben ihn
zum vielleicht unbequemsten Amazon-Mitarbeiter gemacht. Er glaubt: „Es gibt nur
zwei Möglichkeiten, mit dieser Art von Arbeit umzugehen. Entweder du wirst
psychisch krank und gehst freiwillig wieder, oder du entwickelst deine eigenen
Strategien, um etwas zu verändern.“ Christian hat sich für Letzteres entschieden.
Und zu ändern gibt es so einiges, findet er.

11.Kapitel

Das Unternehmen gibt sich familiär und hierarchiefrei!

Wenn man ein Amazon-Werk besucht, ist nicht sofort klar, was Christian meint. Im
Logistikzentrum Graben nahe Augsburg, gut 400 Kilometer südlich von Bad Hersfeld,
gibt sich das Unternehmen familiär und hierarchiefrei. Auf dem Gang wird geduzt, im
Foyer ein Hinweis auf kostenlose Grippeimpfungen und im Treppenhaus ein riesiges
Wandgemälde. Dann aber die erste Regel: „Halte beim Treppenlaufen immer die
Hand griffbereit am Handlauf“, steht auf einem Schild, dazu eine passende Grafik.

„Sicherheit und Gesundheit werden bei Amazon ganz großgeschrieben“, sagt Anette
Nachbar, Unternehmenssprecherin in Neon gelber Warnweste. Ein Slogan, den sie in
der kommenden Führung durch die vier großen Logistikbereiche wie ein Mantra
wiederholen wird. Sie versteht es, Besucher für dieses eigene Universum aus
Paketen, Boxen und Förderbändern zu begeistern, in der sich die sogenannten
Amazonier bewegen. Ein Universum, dessen Logik überall auf der Welt
standardisierten Abläufen folgt und in dem man eine eigene Sprache spricht „Da
steckt viel Intelligenz und Software dahinter“, sagt Nachbar stolz. Sie selbst habe
alle Arbeitswege durchlaufen und kenne die Arbeit in der Produktion. „Umso -
wichtiger ist es, dass sich alle an die Regeln halten.“

Ein netter Euphemismus für permanente Kontrolle am Arbeitsplatz, meint Christian.


Was die Unternehmenssprecherin in Graben als Sicherheitshinweis bezeichnet,
empfindet er als Bevormundung: „Bei den täglichen Meetings wird immer wieder
erklärt, wie wir unsere Schuhe binden oder die Treppe runterlaufen sollen. Ich gehe,
seit ich vier bin, unfallfrei Treppen rauf und runter, das ist lächerlich. Wir sind doch
keine Kinder, denen man so was beibringen muss.“ Trotzdem hätte er einmal fast
eine Abmahnung – quasi die Gelbe Karte vor der Kündigung – bekommen, als ihm
ein Vorgesetzter nach der Pause entgegenkam und seine Hand nicht am Geländer
sah. Oder als er seine Pause um acht Minuten vorverlegte, weil er es für sinnvoll
hielt, danach am Stück länger an einem Auftrag zu arbeiten.

12.Kapitel

Selbstbestimmt zu arbeiten, ist bei Amazon nicht drin!

Acht Minuten. Sich Arbeit selbst einzuteilen, den eigenen Tag selbst zu planen, die
eigenen Aufgaben zu priorisieren, kurz: selbstbestimmt, als mündiger Mitarbeiter zu
arbeiten, ist bei Amazon nicht drin. Den Vertrauensleuten liegen zahlreiche solcher
Ermahnungen und Abmahnungen vor, in denen es um Minutenverspätungen oder
die inkorrekte Körperhaltung am Arbeitsplatz geht. In einer davon wird einem
Mitarbeiter mit fristloser Kündigung gedroht. Er habe sich vier Minuten vor dem
Pausenzeichen „einen zusätzlichen Freizeitvorteil verschafft.“
In Großkonzernen mit konkreten Pausenregelungen ist das ein legitimer Grund für
eine Abmahnung, bestätigt Rechtsanwalt Najib Asgarzoei von der
Arbeitsrechtskanzlei Hentschel. Wäre da nicht die Gegendarstellung, in der die
betroffene Person sich rechtfertigt: Sie musste danach draußen beim Ausladen
helfen und sich dafür schon vorher andere Arbeitsschuhe anziehen. Umkleidezeit
zählt nicht zur Pause. Fälle dieser Art gibt es viele. Und sie passen so gar nicht zu
der Aussage der Unternehmenssprecherin, die behauptet, bei Amazon würde man
aus den gleichen Gründen abgemahnt wie an jedem anderen Arbeitsplatz auch,
sprich: nicht wegen solchen Kleinigkeiten.

Das Gefühl, dass am eigenen Arbeitsplatz etwas stört, kennen viele Menschen.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die nur nerven, manchmal aber auch größere
Ungerechtigkeiten oder gar systematische Ausbeutung von Arbeitskräften.
Strukturen, die vielleicht schon immer so waren und gegen die man scheinbar nichts
ausrichten kann. Regeln, die man unsinnig findet, aber dennoch befolgen muss. An
diesen Stellen trotzdem Energie und Kraft zu investieren, um etwas zu verändern,
erfordert viel Mut. Man müsste sich mit Vorgesetzten anlegen, könnte damit den Job
riskieren, ohne zu wissen, ob es überhaupt etwas bringt. Die meisten lassen es also
bleiben.

Christian denkt anders: Er will keinen anderen Job, er will, dass sich die
Arbeitsbedingungen verbessern. Diese Perspektive ist die einzige, die für ihn infrage
kommt. Auch wegen seines abgebrochenen Studiums: „An der Uni hab ich mich
zwar eher auf theoretischer Ebene mit Arbeitskämpfen auseinandergesetzt. Jetzt bin
ich selbst an der Basis. Und das ist wahnsinnig motivierend“, sagt er.

13.Kapitel

Mittlerweile kämpft Christian für größere Ziele!

Anfangs waren Christians Widerstandstechniken subtiler. Den Bevormundung , die


viele bei Amazon als Teil des Systems akzeptieren, versuchte er mit Humor und vor
allem mit Ausdauer entgegenzuwirken. Zweimal täglich gibt es ein Teammeeting,
bei dem die Arbeiter selbst die Sicherheitsregeln wiederholen müssen. Wenn
Christian an der Reihe war, zog er seine eigene subversive Show durch: „Ich erklärte
die Regeln so penibel ausführlich, dass es praktisch unmöglich war, sich nicht über
die Absurdität dieser Vorschriften zu wundern. Irgendwann kam mein Chef dann
selbst zu mir und meinte, ich bräuchte die nicht mehr erklären.“
Mittlerweile kämpft Christian für größere Ziele: „Seit Jahren streben wir mit der
Gewerkschaft einen Tarifvertrag an, wie ihn die meisten großen Unternehmen früher
oder später einführen.“ Tarifvertrag, das würde bedeuten: festes Urlaubs- und
Weihnachtsgeld, regelmäßige Lohnerhöhungen und verbindliche Regelungen zu -
befristeten Arbeitsverträgen.

Solange es all das nicht gibt, bleibt Christian ein Störenfried. Wenn er von seinen
Aktionen erzählt, wirkt er wie ein kleiner Junge, der sich einen Streich ausgedacht
hat. Spontan-Streiks machen ihm am meisten Spaß. Wenn besonders viel Ware im
Werk ist, gehen alle gemeinsam raus, verteilen Flyer und bauen Info-Zelte auf.

In Graben hängt das konzerninterne Bonusprogramm überdimensional ausgedruckt


im Eingangsbereich der Kantine. Diejenigen, die auch auf dem Weg dorthin sind,
strecken ihre Hand schnell Richtung Treppengeländer, sobald sie die
Unternehmenssprecherin in der gelben Warnweste sehen. „Sicherheit ist das A und
O bei Amazon“, sagt sie noch einmal. Und Sicherheit ist einer von drei Parametern,
anhand derer der monatliche Bonus für alle Angestellten vergeben wird. Sicherheit,
Qualität und Produktivität. Wofür die drei Wörter genau stehen und wie man
„Sicherheit“ misst, möchte sie nicht im Detail erklären.

14.Kapitel

Der Bonus ist keine Belohnung, sondern nur ein weiteres Mittel der Kontrolle!

Für Christian ist das Bonussystem ein gängiger Streitpunkt. Die Mitarbeiter werden
damit zu schnellem Arbeiten motiviert. Statt festen Zuschlägen gibt es flexible Boni,
basierend auf der Leistung der ganzen Gruppe. Wenn einer langsamer arbeitet oder
einen Arbeitsunfall hat, werden im Bonussystem alle bestraft: Produktivität wird in
sogenannten Units gemessen, also dem Warenumsatz, den eine Abteilung pro Monat
schafft. „Es gibt Zeiten, da hat man es mit sehr sperrigen Produkten zu tun, für die
man dann halt auch länger braucht. Solche Feinheiten werden aber nicht
einberechnet“, kritisiert Christian. „Auch der Punkt Sicherheit ist eine Frechheit. Der
ganzen Gruppe werden Punkte abgezogen, wenn sich jemand verletzt. Aber warum?
Unfälle sind menschlich und sollten nicht noch bestraft werden.“
Der Bonus sei keine Belohnung, sondern nur ein weiteres Mittel der Kontrolle. Er
schaffe eine Arbeitsatmosphäre, in der die Mitarbeiter einander gegenseitig
kontrollieren und sich gegenüber der Gruppe schuldig fühlen, wenn sie selbst nicht
schnell genug arbeiten oder sich verletzen. Außerdem sei überhaupt nicht
transparent, wonach sich der Bonus richtet. „Die Ziele werden jeden Monat von der -
Geschäftsleitung definiert. Niemand weiß genau, welche Leistung es zu erbringen
gilt.“

Mit einer deutschlandweiten Kampagne versucht Amazon, dem Unmut der


Mitarbeiter entgegenzuwirken. „Hier bin ich richtig“, verkünden Amazonier auf
zahlreichen Plakaten, auch in Graben. „Egal, wer du bist. Egal, wen du kennst. Egal,
wo du vorher warst. Hier zählt nur, was du hier tust. Und wohin du mal willst“, steht
in einer Sprechblase unter einem grauhaarigen Mann mit Schnauzer. Er scheint
zufrieden.

Christian nimmt den Menschen da auf den Plakaten ihre Aussagen ab: „Es gibt auch
überzeugte Pro-Amazonier“, meint er. Menschen, die wie er in einer verzweifelten
Lage Arbeit gefunden haben, sich wertgeschätzt und im Team aufgehoben fühlen.
Oder Menschen, die sich zu 100 Prozent mit dem Unternehmen identifizieren und
glauben, wenn es keinen Bonus gibt, dann müssten sie sich im nächsten Monat halt
mehr anstrengen.

Eine spezielle Gruppendynamik, die es so nur bei Amazon gibt, wo die Grenzen von
Zwang und Freiwilligkeit nicht mehr klar zu benennen sind, glaubt Christian: „Es ist
ein bisschen wie in einer Sekte. Entweder wird man von diesem System aufgesaugt
und macht alles mit, oder man muss ziemlich strampeln, um etwas zu verändern.
Aber raus will man auch nicht unbedingt.“ In der Gewerkschaftsarbeit hat er einen
Sinn gefunden, für den es sich zu bleiben, zu kämpfen lohnt. „Pro Amazon“, steht
deshalb auch auf dem T-Shirt, mit dem er jeden Tag zur Arbeit geht. Und darunter,
etwas kleiner gedruckt: „mit Tarifvertrag“. 30 Stück hat er davon zu Hause im
Schrank. Damit er auch an Tagen kämpferisch bleibt, an denen ihm vielleicht die
Kraft fehlt.

15.Kapitel

Amazon, der Albtraum für Angestellte?

80 Stunden pro Woche, kein Urlaub – und wer Krebs hat, möge sich bitte
zusammenreißen. Ganz normaler Arbeitsalltag bei Amazon? Eine Recherche legt
unhaltbare Zustände offen - doch es gibt auch Kritik an den Enthüllungen!

"Einmal, da habe ich vier Tage lang nicht geschlafen", erinnert sich Dina Vaccari.
2008 fing sie beim Versandhaus-Riesen Amazon an. Irgendwann kam Vaccari mit der
Arbeit nicht mehr hinterher und beauftrage einen Freiberufler in Indien, der ihr unter
die Arme greifen sollte. Von ihrem eigenen Geld.

Verrückt, könnte man denken, doch bei dem US-Unternehmen völlig normal. Jeff
Bezos, Gründer und Eigentümer vom Amazon, stellt höchste Ansprüche an Top-
Manager und Büroangestellte, berichtet die Tageszeitung "New York Times".

16.Kapitel

Amazon will Effizienz, auch im Büro!

Dass die Arbeiter in den Lagerhallen Amazons ans Limit gepusht werden, ist nichts
Neues – doch auch bei den Büroangestellten teste das Unternehmen die Grenze des
Aushaltbaren, heißt es in dem "NYT"-Bericht. Die interne Telefonliste erklärt, wie
man Feedback an die Vorgesetzten von Kollegen weitergibt. Ganz geheim. Am Ende
des Jahres werden die Angestellten, die am schlechtesten per formt haben, vor die
Tür gesetzt. Ein nützliches Hilfsmittel, um Kollegen systematisch zu sabotieren,
berichten Angestellte.

So, wie Elizabeth Willet, die für die US-Armee im Irak stationiert war. Willet war
zunächst begeistert, einen Job bei einer so energiegeladenen Firma zu bekommen.
Bis sie ein Kind bekam. Mit ihrem Chef einigte sie sich damals drauf, von 7 Uhr bis
16.30 Uhr zu arbeiten, ihr Kind aus der Kita zu holen und später am Laptop weiter zu
arbeiten. Die Kollegen sahen nur, dass Willet früher ging – nicht, wann sie morgens
am Schreibtisch saß. "Ich kann dich nicht verteidigen, wenn deine Kollegen sagen,
du würdest deine Arbeit nicht machen", so ihr Chef damals. Willet verließ die Firma
nach gut einem Jahr.

17.Kapitel

Kein Platz für den Faktor Mensch?

"Du kannst lang, hart oder klug arbeiten, aber bei Amazon.com reicht es nicht, nur
zwei von dreien zu bedienen", schrieb Bezos schon 1997 in einem Brief an die
Aktionäre. Man schleust eine große Anzahl Angestellter durch das Unternehmen, um
die Superstars raus zu filtern und zu behalten. "Zielgerichteter Darwinismus", so ein
ehemaliger Personalchef von Amazon. Doch der hat seinen Preis: Im Durchschnitt
bleiben Mitarbeiter nur ein Jahr bei Amazon, ergab eine Studie im Jahr 2013.

"Du gehst aus dem Konferenzraum und siehst, wie ein erwachsener Mann sein
Gesicht in den Händen verbirgt", erzählt Bo Olsen, der weniger als zwei Jahre im
Buchvertrieb arbeitete. "Ich habe fast jede Person, mit der ich zusammengearbeitet
habe, am Schreibtisch weinen gesehen."

Die "New York Times" berichtet von Frauen, die selbst an Krebs erkrankt waren und
mit schlechten Bewertungen unter Druck gesetzt wurden. Eine andere Frau erlitt
eine Fehlgeburt mit Zwillingen. Einen Tag nach der OP musste sie wieder auf
Dienstreise.

Ein Sprecher von Amazon wies auf Anfrage der "New York Times" alle Vorwürfe
zurück, dies sei nicht Amazons Art, mit Krisen der Angestellten umzugehen: "Wenn
uns so etwas zu Ohren kommen würde, würden wir direkt eingreifen."

18.Kapitel

Wer bei so einer Firma arbeiten würde, wäre verrückt!

Sind die beschriebenen Fälle nur vereinzelte Vorfälle? Kurz nach Erscheinen des
Artikels meldet sich Bezos selbst bei seinen Angestellten. Das in dem Artikel
beschriebene Amazon sei nicht der Arbeitsplatz, den er kennen würde. Er ermutige
alle Kollegen, sich an Personalabteilung oder ihn direkt zu wenden, wenn Kollegen
nach persönlichen Krisen oder Krankheiten schlecht und ohne Mitgefühl behandelt
werden. "Wer in einer solchen Firma, wie von der New York Times beschrieben,
arbeiten würde, wäre verrückt dort zu bleiben. Ich würde eine solche Firma
verlassen", so Bezos in der Mail.

Inzwischen hat sich auch Jay Carney, Vizepräsident für internationale


Angelegenheiten bei Amazon, im amerikanischen TV-Sender CBS zu Wort gemeldet:
"Es ist ein unfassbar verlockender Arbeitsplatz", zitiert das Nachrichtenportal Politico
den ehemaligen Sprecher des Weißen Hauses. "Das grundsätzliche Problem des
Artikels ist die Unterstellung, eine Firma mit einer solch grausamen, darwinistischen
Atmosphäre wie die 'New York Times' sie beschreibt, könne auf dem Markt überleben
und wachsen." Amazon wäre nicht so erfolgreich, wenn es die Firma wäre, die die
New York Times beschreibt.

Nick Ciubotariu, Entwicklungsleiter und seit 2014 bei Amazon, kann die Vorwürfe
nicht bestätigen. Man würde Mitarbeiter nicht gegeneinander aufhetzen, sondern –
wie in jedem anderen Unternehmen auch – Ideen diskutieren.

Doch noch mehr eilen zur Ehrenrettung Amazons: Ex-Twitter-CEO Dick Costolo
bezeichnet den Artikel als "aus dem Kontext gerissen" und als Zeichen, dass man
durch Übertreibungen punkten möchte. Der Investor Marc Andreessen findet noch
klarere Worte: Er habe mit Hunderten Amazon-Mitarbeitern gesprochen. In den
vergangenen 20 Jahren sei niemand darunter gewesen, der das Unternehmen nicht
für einen guten Arbeitsplatz hielt.

19. Kapitel

Amazon gängelt Mitarbeiter wie vor 110 Jahren!

Rückkehr des „Taylorismus“: Beim Versandhändler Amazon herrscht völlige


Standardisierung. Fast jede Bewegung der Mitarbeiter ist genau festgelegt.
Individuell darf nur noch der Kunde sein.

Wie Roboter bewegen sich die Mitarbeiter in orangen Signaljacken durch die Gänge.
Sie schieben Wagen mit Paketen an den Regalen vorbei, der Scanner in der Hand
bestimmt ihren Weg. Keiner spricht. Es ist gespenstisch still im Warenlager von
Amazon.

Nur die Gabelstapler hupen, immer wenn die Fahrer an einen Übergang für die
Fußgänger kommen – auch wenn keiner in Sicht ist. „Amazon möchte, dass die
Mitarbeiter ihr Gehirn ablegen, bevor sie das Lager betreten“, sagt Stefan G.,
Lagerarbeiter in Bad Hersfeld. Er hat vorher in einem Metallbetrieb gearbeitet.

„Dort war es positiv, eine eigene Meinung zu haben“, erinnert er sich. „Mich haben
sie jetzt so weit. Ich mache, was man mir sagt.“

Amazon, der weltweit größte Onlinehändler, verspricht seinen Kunden perfekten


Service: „Hallo, Benedikt“, begrüßt die Webseite, danach folgen Angebote, die oft
überraschend genau auf die Wünsche des Kunden zugeschnitten sind. Es ist der
Alles-Laden, Versand sofort, Ankunft am nächsten Tag.

Dieses Versprechen von Zuverlässigkeit kommt bei den deutschen Kunden gut an.
Von 2010 bis 2012 steigerte der Konzern seinen Umsatz in Deutschland um 60
Prozent auf 6,4 Milliarden Euro. Amazon dominiert den deutschen Versandhandel,
verbucht ein Viertel aller Umsätze für sich.

„Ich sehe keinen Konkurrenten, der dem Unternehmen die Stellung streitig machen
kann“, sagt Mirko Warschun, Handelsexperte bei der Unternehmensberatung AT
Kearney.
20.Kapitel

Völlige Konformität

Hinter den Kulissen, in den Versandzentren, setzt der Konzern aus Seattle weltweit
auf völlige Konformität – individuell dürfen bei Amazon nur die Kunden handeln. Wer
auf „Bestellen“ klickt, setzt eine Maschinerie in Gang, die den Mitarbeitern keine
Abweichungen von standardisierten Abläufen erlaubt.

Nur dank dieses auf Effizienz, Leistungsdruck und Kontrolle ausgerichteten


Geschäftsmodells kann Amazon die Nachfrage Hunderttausender Artikel innerhalb
weniger Stunden befriedigen. Zugleich bringt dieses Modell den Konzern aber bei
seinen Kunden in Verruf. Negative Berichte und eine Gewerkschaftskampagne haben
dafür gesorgt, dass sich das Bild des Versandhauses in Deutschland verschlechtert
hat.

Im „Yougov“-Markenindex stürzte das Ansehen des Unternehmens im Frühling von


87 auf 50 Punkte ab. Ein Skandalbericht über die angeblich schlechte Behandlung
von Leiharbeitern am Standort Bad Hersfeld hatte Amazon seine Position als
beliebtesten Onlinehändler genommen.

Nun läuft in Deutschland das Weihnachtsgeschäft an – und Aktionen der


Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di werden dem Konzern erneut negative
Schlagzeilen bescheren. Im Advent plant die Gewerkschaft Arbeitsniederlegungen,
um Amazon unter Druck zu setzen. „Man muss mit weiteren Streiks rechnen“, sagt
Ver.di-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger der „Welt am Sonntag“

Und: „Unsere Aktionsfähigkeit kann auf alle Standorte übergreifen. Weitere


Standorte für neue Streiks neben Leipzig und Bad Hersfeld sind in Planung.“
Manchmal reichten „wenige Menschen an der richtigen Stelle, um Amazon zu
treffen. Wir werden uns auf Tage konzentrieren, die das Geschäft besonders stören,
und die Streiks auch miteinander vernetzen“, fügt sie hinzu.

21.Kapitel

Kulturkampf Amerika versus Deutschland!

Seit April bestreikt die Dienstleistungsgewerkschaft immer wieder einzelne


Versandzentren. Erklärtes Ziel der Gewerkschafter: Amazon soll einen Tarifvertrag
für seine über 9000 deutschen Angestellten abschließen. Der Streit ist aber nicht nur
ein Tarifkonflikt, sondern auch ein deutsch-amerikanischer Kulturkampf zwischen
einer Gewerkschaft, die im Handelsbereich mit sinkenden Mitgliederzahlen und
abnehmender Tarifbindung kämpft, und einem US-Konzern, der mit Mitbestimmung
und Flächentarifverträgen wenig anfangen kann.

Doch wie behandelt Amazon seine Mitarbeiter wirklich? Das ist eine Frage, die selbst
Gewerkschafter nicht in einem Satz beantworten können.

Im Ver.di-Büro Bad Hersfeld sitzen im Oktober fünf fest angestellte Amazon-


Mitarbeiter und der Betriebsratsvorsitzende des Lagers „FRA 1“, benannt nach dem
nächstgelegenen Flughafen Frankfurt/Main. Der Amazon-Standort ist mit 3500
Mitarbeitern der größte in Deutschland.

Alle außer dem Betriebsratsvorsitzenden Lothar Bruns wollen ihre Namen lieber
nicht veröffentlicht sehen. Wie es denn sei, bei Amazon zu arbeiten? „Das kann man
so pauschal nicht sagen, das erlebt jeder anders“, sagt Christian Z. Silke R.
berichtet, dass Amazon ein guter Arbeitgeber sei, die Kollegen nett. Sie wünsche
sich aber die Sicherheit eines Tarifvertrags.

Je länger die Amazon-Angestellten sprechen, desto mehr Unzufriedenheit klingt


durch. Nicht mit der Arbeitssicherheit oder dem Lohn. Mit 1900 Euro brutto im Monat
sind die Angestellten zufrieden. Stattdessen berichten sie von einem System mit
Leistungsdruck, starren Vorgaben und als Schikanen empfundenen Äußerungen
mancher Führungskräfte. Es passiere immer wieder, dass man auch wegen kleiner
Regelverstöße eine Abmahnung erhalte.

22.Kapitel

Jeder Schritt ist genormt!

Bei der Arbeit im Lager wird kein Detail dem Zufall oder dem Willen des
Arbeitnehmers überlassen. „Die ganze Firma besteht aus Regeln, jeder Arbeitsschritt
ist genormt. Ob die Vorgaben Sinn machen, ist egal“, sagt Markus L. Überall im
Lager prangen Befehle. „Handlauf benutzen“ lautet der erste davon, auf einem
Plastikschild im Treppenhaus.

Zur Sicherheit zeigt es zusätzlich ein Foto des Handlaufs. Im Pausenraum hängt der
Schriftzug „Pausenraum“, darunter ein Foto von einem leeren Tisch. „Tische sauber
und ordentlich verlassen“ lautet die Anweisung. Wer einen Schreibtisch hat, muss
die Computermaus am Abend in einem gelb markierten Rechteck platzieren.

Aus Sicht von Amazon ist diese Gängelung notwendig, Standardisierung ist das
Erfolgsgeheimnis des Unternehmens. „Sie ist die Basis unseres Wachstums“, sagt
Amazon-Manager Carsten Müller. Er leitet das Versandzentrum im
brandenburgischen Brieselang. Das Geschäft mit knappsten Margen setzt die
Konkurrenz unter Druck, erlaubt Tiefstpreise und das Versprechen schneller,
versandkostenloser Lieferung.

Je mehr Bestellungen Amazon abwickelt, desto knapper kann der Konzern pro
einzelner Bestellung kalkulieren. In den vergangenen vier Jahren wies Amazon eine
Umsatzrendite von durchschnittlich gerade einmal 1,8 Prozent pro Quartal aus, der
Konzern verdient an einem verkauften Zehn-Euro-Artikel unterm Strich also nur 18
Cent. Und das nur, weil jeder Ablauf bis ins kleinste Detail optimiert ist.

Abweichungen würden die Kalkulation stören. Seitdem Amazon mit seinem Express-
Angebot „Prime“ Kunden Lieferungen innerhalb von 24 Stunden zusagt, wurde der
Effizienzdruck noch einmal erhöht. In Rekordzeit eröffnet der Konzern neue
Versandzentren, um sein Netzwerk dichter zu stricken und das 24-Stunden-
Versprechen zu erfüllen.

Vom Baubeginn bis zum ersten versandten Paket in Brieselang vergingen weniger
als sechs Monate. Dieses Tempo ist nur möglich, wenn alle Abläufe weltweit
kopierbar sind.

23.Kapitel

Komplexe Software!

Bestellt ein Kunde ein Produkt, entscheidet eine weltweit vernetzte


Steuerungssoftware, welches Versandzentrum den Auftrag übernimmt. Sie
berücksichtigt dabei nicht nur Lagerbestände und Lieferzeit, sondern auch
Kapazitäten der einzelnen Lager sowie Störfaktoren wie Glatteis, Maschinendefekte
– oder eben Streiks. Dieses System erschwert es Ver.di enorm, den Riesen aus dem
Takt zu bringen.

Die Schlagzahl halten Mitarbeiter hoch, die der Konzern robotergleich einsetzt. Als
„Picker“ sammeln sie mit kleinen Wagen Waren aus den Regalen und lassen sich
dabei von einem Navigationssystem steuern. Das kleine Handgerät, der Scanner,
gibt ihnen vor, welche Waren sie in welcher Reihenfolge woher holen müssen,
erfasst die gesammelten Produkte im Wagen – und meldet die Leistungen jedes
einzelnen Pickers an seinen Abschnittsleiter.

Wer langsamer arbeitet als vom System vorgegeben, der bekommt eine schriftliche
Kurznachricht vom Chef auf sein Handgerät geschickt. Unterhaltungen zwischen den
Angestellten sind unerwünscht.

Der Leistungsdruck sei hoch, sagt Betriebsrat Bruns, der schon seit 14 Jahren bei
Amazon arbeitet. „Beim Start-Meeting morgens kann es passieren, dass der Chef
einem seine individuelle Leistungskurve ausgedruckt vor die Nase hält.“ Liegt sie
unter dem Schnitt der Abteilung, dann werde gefragt, warum.

Dank der Standardisierung einfachster Abläufe kann Amazon zur Weihnachtszeit


seine Belegschaft allein in Deutschland innerhalb weniger Tage um 15.000
ungelernte Arbeitskräfte aufstocken. Äußert ein einzelner Angestellter
Änderungswünsche, quittieren die Vorgesetzten das mit dem immer gleichen Satz:
„Danke, das nehme ich so mit.“

Änderungen jedoch werden nur dann umgesetzt, wenn sie messbare Vorteile
bringen. Der gesamte Konzern ist zahlengetrieben, in den Lagerhallen hängen
aktuelle Statistiken über die Tages-, Wochen-, Monatsleistung. Die Manager der
mittleren Ebene werden vor allem an der Erfüllung dieser Zahlenvorgaben
gemessen – wer patzt, muss mit bohrenden Fragen seiner unter demselben Druck
stehenden Vorgesetzten rechnen.

24.Kapitel

Rückkehr des Taylorismus

Experten sehen in dem System die Rückkehr einer eigentlich überwunden


geglaubten Arbeitsform. „Es gibt Dienstleistungsbereiche wie den Onlinehandel,
Logistik oder auch Callcenter, wo es die Tendenz gibt, Tätigkeiten für Mitarbeiter zu
vereinfachen, zu standardisieren. Gerade bei Amazon kann man von einem neuen
oder Neo-Taylorismus sprechen“, sagt Jürgen Pfitzmann, Arbeitsorganisationsexperte
von der Universität Kassel.

Der Taylorismus sei auf Überwachung und Kontrolle begründet, Mitwirkung und
Freiheit des Mitarbeiters seien stark eingeschränkt oder existierten nicht. Das könne
zu psychischen Problemen und Demotivation führen.

Amazons globaler Logistik-Vorstand, Dave Clark, verteidigt das Zahlensystem: „Wie


viele Firmen haben wir Erwartungen an unsere Angestellten – Vorgaben für
Produktivität gibt es nicht nur bei Amazon“, sagt er. „Wir achten sehr genau darauf,
diese Zahlenvorgaben an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen, und Einzelne
nicht zu überfordern. Manche mögen das als sehr enge Kontrolle empfinden – doch
de facto arbeiten wir sehr langfristig und vorhersehbar.“

Ver.di missfällt diese Art des Umgangs mit den Mitarbeitern, dort setzt die
Kampagne an. Außerdem wollten die Menschen eine „verbindliche Tarifstruktur“,
sagt Gewerkschafterin Nutzenberger in ihrem Berliner Büro. Dabei gehe es nicht nur
um Geld, sondern auch um Aufstiegschancen und ein geregeltes Einkommen.

Die Pausenräume seien häufig zu weit weg und es gebe kaum klimatisierte
Arbeitsplätze, klagt die Ver.di-Frau. Amazon hat in beiden Punkten bereits
Verbesserungen eingeleitet. Richtige Skandale klingen anders. In der Fleischbranche
zum Beispiel werden teilweise Löhne unter sechs Euro gezahlt. „Wegen der
öffentlichen Aufmerksamkeit achtet Amazon nun stärker darauf, keine
Skandalmeldungen zu verursachen wie vor einem Jahr mit der Leiharbeit“, registriert
auch Nutzenberger.

25.Kapitel

Gewerkschaft den Wind aus den Segeln nehmen!

Nach den Angriffen der vergangenen Jahre hat Amazon der Gewerkschaft
zunehmend den Wind aus den Segeln genommen: Das Unternehmen bemüht sich,
keine Leiharbeiter mehr zu engagieren und hat sich zum Ziel gesetzt,
deutschlandweit 80 Prozent der Mitarbeiter fest anzustellen.

Amazon will mindestens 9,55 Euro pro Stunde zahlen – und jetzt gibt es auch noch
Weihnachtsgeld. Zu Halloween spendierte Amazon in Bad Hersfeld Punsch für alle,
Kaffee und Tee sind in den Lagern neuerdings umsonst. „Die geben sich schon
Mühe“, bestätigt Betriebsrat Bruns.

Allerdings anders, als sich das die Gewerkschaft vorstellt. Das Unternehmen will,
dass sich die Mitarbeiter wie Anteilseigner verhalten. Deswegen gibt es selbst für die
einfachen Arbeiter einen Bonus: Wenn die Ziele bei Produktivität, Sicherheit und
Inventargenauigkeit eingehalten oder übertroffen werden, zahlt Amazon maximal
acht Prozent Gehalt zusätzlich.

Leistung und Bonushöhe zeigt eine Digitalanzeige im Eingangsbereich der


Versandzentren stundengenau an. Nach zwei Jahren Betriebszugehörigkeit erhalten
die Mitarbeiter Aktienoptionen, um noch enger eingebunden zu werden.
Lagerarbeiter zu Aktionären – das klingt nicht nach Klassenkampf.

Ver.di führt diesen Kampf nicht nur wegen der Mitarbeiter. Im Einzelhandel sinkt seit
Jahren die Tarifbindung, damit schwindet auch die Bedeutung von Ver.di. Und eine
Gewerkschaft, die keine Löhne mehr verhandelt, kann nur schwer Mitglieder werben.
Selbst im Westen liegt die Tarifbindung im Einzelhandel nur bei 45 Prozent.

„Amazon hat bei uns einen hohen Stellenwert, weil sich der Preis und der
Marktanteil auf die Bedingungen im traditionellen Handel auswirken“, sagt
Nutzenberger, „und weil gute Arbeitsbedingungen im Versand- und Onlinehandel
ebenso wichtig sind wie im stationären Einzelhandel.“
26.Kapitel

Amazon sieht sich als Start-up!

Doch Amazon ist ein US-Unternehmen, das sich selbst immer noch als Start-up
begreift. Es fällt ihm schwer, die Gewerkschaften als Partner zu sehen – sie sind eher
Störfaktoren in der eigenen Beziehung zu den Arbeitnehmern. „Wir pflegen eine
direkte Beziehung mit unseren Leuten: durch Betriebsräte und Mitarbeiterforen und
durch viele Möglichkeiten zum Feedback“, sagt Logistik-Vorstand Clark.

Er ist weltweit für alle Versandzentren verantwortlich, und will sich von
Gewerkschaftern nicht reinreden lassen: „Ver.di ist nicht Teil dieser Beziehung,
deswegen verwende ich nicht viel Zeit für sie.“

Tatsächlich beschreibt das Unternehmen die Existenz von Betriebsräten und


Gewerkschaften im Geschäftsbericht 2012 als „Risiko“. Seine Löhne lehnt Amazon in
Deutschland an den Tarifvertrag in der Logistik an, dessen Vorgaben knapp zwei
Euro pro Stunde unter denen des Versandhandels liegen. Tarifverhandlungen lehnt
der Konzern seit Jahren ab, Gespräche mit Ver.di hätten zu keinem Ergebnis geführt,
sagt Nutzenberger. „Amazon will keinen Tarifvertrag.“

Ralf Kleber, Deutschlandchef des Unternehmens, antwortet darauf mit einer


Gegenfrage: „Warum sollten wir Tarifverhandlungen beginnen? Davon würde nur die
Gewerkschaft profitieren. Amazon zahlt in der Logistik-Branche bereits
überdurchschnittlich, und wir stehen in einem direkten Dialog mit unseren
Arbeitnehmern – dafür benötigen wir Ver.di nicht.“

27.Kapitel

Neue Klagen in Vorbereitung:

Mit den Betriebsräten gibt es ohnehin schon genug Ärger. Lothar Bruns beklagt, dass
viele Manager arbeitsrechtlich schlecht ausgebildet seien. In Fulda gibt es am 16.12.
einen Termin vor dem Arbeitsgericht – der Betriebsrat wirft dem Unternehmen vor,
die Informationspflichten bei der Umgestaltung von Arbeitsplätzen nicht eingehalten
zu haben. Auch in anderen Bereichen pocht der Betriebsrat auf seine
Mitbestimmungsrechte – und plant entsprechende Klagen.

Bei Amazon betont man, dass dem Unternehmen „sehr viel daran gelegen ist, mit
dem Betriebsrat gut zusammenzuarbeiten“. Und wenn Fehler gemacht würden,
diese zu beheben. Es gebe sogar ein „Employee Relations Team“, das zur Beratung
bei solchen Fragen ständig von Lager zu Lager reise. Die Manager sollten demnächst
in Sachen Betriebsverfassungsgesetz und Mitbestimmung „weitergebildet werden“.

Amazon sieht es nicht gern, wenn die Mitarbeiter aktiv bei Ver.di sind. Bei einem
Streik habe der Betriebsleiter in Bad Hersfeld jedem Kollegen, der zur Arbeit
erschienen sei, die Hand persönlich geschüttelt und ihm gedankt, sagen Mitarbeiter.
In den Betriebsversammlungen, die einmal im Monat stattfinden, sprechen die
Manager Ver.di offen an: „Ihr müsst euch fragen, ob Ver.di die richtige Lösung für
euch ist.“

Wie stark die Gewerkschaft bei Amazon organisiert ist, gibt sie nicht bekannt. In Bad
Hersfeld liege der Organisationsgrad im „vierstelligen Bereich“, sagt Bruns. Beim
letzten Streik hätten aber nur 600 Mitarbeiter mitgemacht.

28.Kapitel

Wütende Kommentare gegen Ver.di!

Viele Angestellte betrachten Ver.dis Engagement mit Sorge. Für sie ist die Arbeit oft
die einzige Chance. In von Ver.di eingerichteten Internetforen kritisieren sie die
Streiks, da sie eine Verlagerung ihrer Jobs in Versandzentren in Polen oder
Tschechien fürchten. Dort stehen Kommentare wie dieser: „Überlegt euch mal was
ihr mit euren scheiß Streiks erreicht!?!?! Nämlich nur eins: Ihr gefährdet unsere
Arbeitsplätze!“

Obwohl die Lagerhalle in Brieselang erst im Oktober eröffnet worden ist, arbeiten
hier schon 1200 Mitarbeiter – 300 fest, 800 befristet bis zum 31. Dezember. Fast alle
kommen aus der Langzeitarbeitslosigkeit. Amazon braucht sich sein Personal nicht
selbst zu suchen: Die Arbeitsagenturen und Jobcenter kümmern sich darum.

Vor allem nach zwei Kriterien entscheidet der Konzern, wo er sich ansiedelt: die
Anbindung an Straßen und Flughäfen und das Reservoir an Arbeitskräften.
Besonders geeignet sind Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit.

So wie der Landkreis Havelland. Im dortigen Jobcenter, in Brieselang, begrüßen zwei


große Werbetafeln die Besucher: Die eine wirbt für Jobs bei Amazon, die andere für
Zalando. Die beiden Lagerhallen stehen im Gewerbegebiet direkt nebeneinander.

In einem kleinen Büro sitzen der Landrat Burkhard Schröder und sein Dezernent
Dennis Granzow. Sie freuen sich darüber, dass Amazon gekommen ist. 161
Langzeitarbeitslose haben sie schon vermittelt, auf mindestens 300 hoffen sie. Der
ortsübliche Lohn im Handel liegt bei nur 7,50 Euro.
10.500 Hartz-IV-Empfänger im erwerbsfähigen Alter gibt es im Havelland, viele von
ihnen ohne Qualifizierung. Bei Amazon ist jeder in vier Tagen angelernt und voll
einsetzbar. Solche Jobs gibt es in Deutschland nur noch selten.

29.Kapitel!

Hoffen auf längere Beschäftigung:

Im Lager Brieselang hoffen viele derjenigen, die befristet beschäftigt sind, dass sie
länger bleiben können. Erkan Güler, 35, aus Berlin-Spandau, hat Abitur und eine
Ausbildung als Koch und Kellner. Für ihn sei der Job bei Amazon aber besser, sagt er.
Er habe oft schwarz und abends arbeiten müssen.

„Ich hoffe, dass der Vorarbeiter ein gutes Wort für mich einlegt.“ Wie viele der 800
Saisonkräfte eine Festanstellung bekommen, will Manager Müller jedoch nicht sagen.
Auch bei anderen Themen bleibt er vage. Etwa, ob es eine Klimaanlage im Sommer
geben werde.

Man müsse erst einmal sehen, wie heiß es hier überhaupt werde. Was er sicher
sagen kann, ist, dass ein starrer Tarifvertrag nicht das Richtige für Amazon sei.
Könnte Ver.di ein Problem werden für das Weihnachtsgeschäft? Nein, ist Müller sich
sicher, das Winterwetter sei für die Logistik eine „größere Herausforderung“.

30.Kapitel

WAS IST MOBBING?

Mobbing am Arbeitsplatz bedeutet, dass ein Mensch von Vorgesetzten oder Kollegen
systematisch schikaniert, benachteiligt, beleidigt oder ausgegrenzt wird – und zwar
über einen längeren Zeitraum. Das Mobbing kann von einzelnen Kollegen oder
ganzen Gruppen ausgehen. Mobbing kann sich auf der Arbeitsebene, auf der
sozialen Ebene oder auf beiden Ebenen abspielen.

Wer am Arbeitsplatz Mobbing betreibt, zweifelt die Fähigkeiten der gemobbten


Person an, übt unsachliche Kritik an ihrer Arbeit, ordnet sinnlose oder kränkende
Tätigkeiten an, verschweigt wichtige Informationen oder manipuliert sogar
Arbeitsergebnisse.

Wer auf der sozialen Ebene mobbt, behandelt die gemobbte Person wie Luft, und
beleidigt, belästigt oder verleumdet sie. Oder er kränkt sie durch Anspielungen,
vermeidet es auffällig, mit ihr in einem Raum zu sein, oder versteckt und beschädigt
persönliche Sachen.

… und was nicht?

Am Arbeitsplatz gibt es – wie in der Familie – immer mal wieder Konflikte und
Meinungsverschiedenheiten. Da vergreift sich schon mal jemand im Ton oder knallt
mit der Tür. Das ist nicht schön, aber menschlich – und kein Mobbing. Meist findet
sich ein Kompromiss und man geht wieder freundlich und konstruktiv miteinander
um. Mobbing dagegen hat Methode und System und tritt über einen längeren
Zeitraum und ohne aktuellen Anlass auf.

MOBBING:

DIE VIER TYPISCHEN PHASEN

Wenn nicht früh und entschlossen gegengesteuert wird, läuft Mobbing am


Arbeitsplatz meist in vier typischen Phasen ab. Am Ende verlässt die gemobbte
Person meist die Abteilung oder das Unternehmen.

1. Im Rahmen eines Konfliktes kommt es zu Schuldzuweisungen und ersten


persönlichen Angriffen.

2. Die betroffene Person wird immer häufiger schikaniert und ausgegrenzt. Dies führt
zu einem Verlust des Selbstwertgefühls.

3. Die gemobbte Person ist völlig verunsichert und verängstigt, kann sich nicht mehr
konzentrieren und macht Fehler. Es folgen arbeitsrechtliche Sanktionen wie z.B.
Abmahnung, Versetzung oder Kündigungsdrohung.

4. Die gemobbte Person gibt auf: Sie kündigt ihren Arbeitsplatz oder wird gekündigt
oder willigt in einen Auflösungsvertrag ein. Das Ziel der Mobber ist erreicht.

NEGATIVE FOLGEN

Mobbing verursacht einen hohen Leidensdruck und kann zu schweren psychischen


und physischen Krankheiten führen. Viele Betroffene werden während einer
Mobbing-Episode arbeitsunfähig, manche scheiden in der Folge ganz aus dem
Arbeitsleben aus. Das zeigt: Mobbing ist für die Betroffenen die Hölle. Es verursacht
immense Kosten für die Unternehmen durch Fehlzeiten sowie verminderte Leistung –
und für die Gesellschaft durch die Folgeerkrankungen bis hin zur dauerhaften
Arbeitsunfähigkeit.

WAS TUN, WENN SIE VON MOBBING BETROFFEN SIND?

Wenn Sie sich gemobbt fühlen, sollten Sie so schnell wie möglich reagieren. Je
länger Sie warten, desto mehr verselbstständigt sich das Geschehen und desto
schwieriger ist es zu stoppen. Wenden Sie sich an wohlgesonnene Kollegen oder
Vorgesetzte und, sofern vorhanden, an den Personal- oder Betriebsrat. Die können
Ihnen helfen, den Konflikt zu analysieren, Lösungsmöglichkeiten zu suchen und das
weitere Vorgehen zu planen. Führen Sie ein Mobbing-Tagebuch, in das Sie alle
Angriffe eintragen und beschreiben, wie diese auf Sie wirken. Sollten Sie in Ihrem
Betrieb keinen Ansprechpartner finden, können Sie auch eine
Mobbingberatungsstelle, eine Selbsthilfegruppe oder Ihre Gewerkschaft aufsuchen.
Wir von ver.di beraten Sie und helfen Ihnen, sich wirkungsvoll zu wehren. Ist das
Mobbing schon recht fortgeschritten, nehmen Sie sich, wenn möglich, eine Auszeit,
um eine Verschärfung der Situation zu vermeiden, bis Sie sich im Klaren über die
Hilfe- und Lösungsmöglichkeiten sind.

UND WENN DAS MOBBING VOM CHEF AUSGEHT?

Nicht selten sind es Vorgesetzte, die mobben. Statistisch gesehen gehen 37 Prozent
aller Mobbingfälle von Vorgesetzten aus. In weiteren 12 Prozent der Fälle mobben
Vorgesetzte gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen des Betroffenen. Praktiker aus
der Mobbingberatung gehen sogar von einer weit höheren Beteiligungsrate der
Vorgesetzten aus. Gerade das Mobbing durch Vorgesetzte wirkt in der Regel sehr
bedrohlich, da es Gefühle der Hilflosigkeit und Existenzängste auslöst. Auch in
diesem Fall gilt: Holen Sie sich so früh wie möglich Hilfe und Unterstützung bei Ihrem
Personal- oder Betriebsrat, der Gewerkschaft oder einer Mobbingberatungsstelle. So
können Sie Lösungen finden, bevor die Situation eskaliert.

31. Kapitel

Mobbing am Arbeitsplatz:

Eine ernsthafte Gefahr für alle Betroffenen

Die Schikane durch Kollegen und Vorgesetzte!


Die Arbeitswelt bietet Raum für viele Arten von Konflikten, die zwischen einzelnen
Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern entstehen. Diese lassen sich in den meisten
Fällen friedlich und erwachsen aus der Welt schaffen.

Oft liegen auch nur einfache Missverständnisse vor. Komplexer und schwieriger wird
jedoch es beim Thema Belästigung und üble Nachrede am Arbeitsplatz, oder kurz:
Mobbing.

In diesem Ratgeber erfahren Sie, wie sich das Arbeitsschutzgesetz zur Problematik
Mobbing am Arbeitsplatz verhält, wie diese Art der Schikane im Detail funktioniert,
und welche komplexen Ursachen dahinterstecken. Auch die Folgen, welche die
ständigen Sticheleien der Kollegen nach sich ziehen, werden diskutiert.

Weiterhin gibt es eine umfangreiche Übersicht zu vorbeugenden Maßnahmen und


empfehlenswerten Hilfsangeboten, die Betroffene in jedem Fall in Anspruch nehmen
können und auch sollten, um der Mobbingspirale zu entkommen. Nicht zuletzt
werden Sie über die aktuelle Rechtslage in Bezug auf Mobbing ausführlich
aufgeklärt.

Arbeitsbedingungen

Raus aus der Opferrolle! Mobbing am Arbeitsplatz

Schikanen können krank machen

Wichtige Informationen kommen nicht an, in der Kantine wird getuschelt, keiner
grüßt mehr: Mobbing kann den Berufsalltag zur Hölle machen – und krank. Doch wo
liegt die Grenze zwischen normalen Meinungsverschiedenheiten und systematischer
Ausgrenzung? Welche Rolle spielt der Chef? Und wo können sich Betroffene
Unterstützung holen?

Teaser Mobbing

Colourbox

Was ist Mobbing?

Wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten.


Das ist normal – und ein gelegentlicher Konflikt ist noch lange kein Mobbing. Anders
sieht es aus, wenn jemand über einen längeren Zeitraum systematisch angefeindet
und schikaniert wird. Mobbing hat Methode; Ziel ist es, eine Person auszugrenzen
und bewusst zu demütigen. Mit einem konstruktiven Umgang mit Konflikten hat das
nichts zu tun. Mobber halten zum Beispiel Informationen zurück und manipulieren
Arbeitsergebnisse, sie geben sinnlose Anweisungen, setzen Gerüchte in die Welt und
schrecken auch vor Gewalt und sexuellen Übergriffen nicht zurück. Eine einheitliche
Definition, was Mobbing ist, gibt es nicht; der Begriff taucht in keinem Gesetz auf.

Mobbing, Bossing, Staffing

Weil Mobbing viele unterschiedliche Formen annehmen kann, ist es von den
Betroffenen nicht immer leicht zu erkennen. Ein Indiz ist die Häufigkeit: Wenn der
oder die Täter über ein halbes Jahr hinweg mindestens einmal in der Woche
zuschlagen, ist die Grenze zwischen Zufall und System erreicht. Je nachdem, von
wem die Angriffe ausgehen, unterscheidet man zwischen verschiedenen Formen des
Mobbings. Beim klassischen Mobbing finden die Attacken unter hierarchisch
Gleichgestellten statt, beim Bossing gehen die Angriffe vom Chef aus. Wenn sich
Untergebene aggressiv gegenüber dem Vorgesetzten verhalten, handelt es sich um
Staffing.

Mobbing ist Chefsache

Egal, um welche Form es sich handelt: In fast allen Fällen des Mobbings sind die
Vorgesetzten involviert. Entweder, weil sie selbst die Attacken fahren oder Opfer
sind – oder weil sie durch ihren Führungsstil eine Unternehmenskultur schaffen, in
der Mobbing gedeihen kann. Oft tritt Mobbing gehäuft in bestimmten Abteilungen
auf, nicht selten sieht der Chef weg und entzieht sich seiner Verantwortung.
Vorgesetzte, die offen kommunizieren und ihre Mitarbeiter in Entscheidungen
einbeziehen, sind dagegen das beste Mittel gegen Mobbing. Wenn der Chef seine
Rolle ernst nimmt und sich um seine Abteilung kümmert lassen sich Konflikte oft
schnell klären und weitere Eskalation vermeiden.

Frau, unglücklich, in Bürosituation

Colourbox

Die vier Phasen des Mobbing

In der Regel läuft Mobbing nach einem bestimmten Muster ab.

Phase 1: Konflikte und einzelne Vorfälle


Am Anfang des Mobbing steht ein ungelöster oder nicht bearbeiteter Konflikt.
Daraus ergeben sich zunächst erste Abneigungen, Schuldzuweisungen und
vereinzelte persönliche Angriffe.

Phase 2: Beginn des Psychoterrors

Dann weiten sich die Differenzen aus. Der ungelöste Konflikt gerät in den
Hintergrund, die betroffene Person wird immer häufiger zur Zielscheibe von
systematischer Schikane. Das Selbstwertgefühl der gemobbten Person nimmt ab, sie
wird zunehmend isoliert und ausgegrenzt. Das passiert nach etwa sechs Monaten.

Phase 3: Arbeitsrechtliche Sanktionen

Im nächsten Schritt eskaliert die Entwicklung. Durch die ständigen Demütigungen ist
die gemobbte Person so verunsichert, dass die Arbeit darunter leidet. Der oder die
Betroffene gilt zunehmend als „problematisch“, es werden arbeitsrechtliche
Maßnahmen wie Abmahnung, Versetzung oder Kündigung angedroht. Diese Phase
kann bis zu zwei Jahren anhalten. Oft verkennt nicht nur die Unternehmensführung
die Situation, sondern auch der behandelnde Arzt; es kommt zu Fehldiagnosen.

Phase 4: Ausschluss aus dem Unternehmen

Viele Mobbingfälle enden mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, manchmal sogar mit
dem Ausscheiden aus der Arbeitswelt. Entweder kündigen die Betroffen selbst oder
es wird ihnen gekündigt bzw. sie stimmen einem Auflösungsvertrag zu. Oft sind
psychosomatische Krankheiten oder langfristige Krankschreibungen die Folge,
manchmal auch eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit. Diese Stufe dauert etwa zwei
bis sechs Jahre.

32.Kapitel

Mobbing Teil2

Mobbing kann krank machen

"Dicke", "Hässliche", "Verschrobene" oder "Unglückliche" sind die typischen


Mobbing-Opfer? Von wegen. Studien zeigen, dass die Persönlichkeit beim Gemobbt-
Werden keine Rolle spielt, es kann jeden treffen. Die Opfer erleben die Angriffe und
Schikanen als tiefgehende, einschneidende Krise; vergleichbar einem Trauma, wie es
sich nach einem schweren Unfall oder einem Raubüberfall einstellt: Mit jeder
Attacke, mit jedem Angriff erleben sie ihre Ohnmacht und Demütigung aufs Neue.
Herzrasen, Schlafstörungen, Nervosität, Konzentrationsschwäche sowie Kopf- und
Magenschmerzen sind oft die ersten Krankheitssymptome. Langfristig kann es zu
Depressionen, anhaltenden Persönlichkeitsveränderungen und funktionellen
Störungen sämtlicher Organe kommen. Die Sucht- und Suizidgefährdung steigt.

Wichtig: Schnell handeln und Unterstützung suchen

Je mehr sich der Arbeitgeber seiner Verantwortung und rechtlichen Verpflichtung, für
ein gutes Arbeitsklima zu sorgen, bewusst ist, desto besser und schneller lässt sich
Mobbing stoppen. Aber: Er kann nur dann Konsequenzen ziehen, wenn er über die
Vorfälle informiert ist. Betroffene sollten deshalb nicht darauf warten, dass sich die
Situation von alleine klärt, sondern sich so schnell wie möglich Unterstützung holen
– bei Frauenvertretungen, Betriebs- und Personalräten oder direkt bei ihrer
Gewerkschaft. Sie helfen dabei, den Konflikt zu analysieren und das weitere
Vorgehen zu planen.

Mobbing: Schadensersatz und Schmerzensgeld

Mobbing ist in der Arbeitswelt ein großes Thema, das viel diskutiert wird. Wer von
einem Vorgesetzten systematisch „fertig gemacht“ wird, kann sich auch vor Gericht
dagegen wehren. Welche Ansprüche Betroffene haben und wie sie diese durchsetzen
können erklärt der folgende Beitrag.

Was ist Mobbing?

Es gibt keine gesetzliche Vorschrift, die ausdrücklich regelt, welche Ansprüche einem
Mobbingopfer zustehen. Mehr noch: Der Ausdruck „Mobbing“ taucht in keinem
einzigen Gesetz auf. Deshalb sagt das Bundesarbeitsgericht (BAG), dass auch in
Mobbing-Fällen allein nach den allgemeinen gesetzlichen Regeln zu beurteilen ist, ob
arbeitsrechtliche Pflichten oder ein Recht bzw. Rechtsgut Marias verletzt wurden und
deshalb Schadensersatz zu leisten ist.

Als Anspruchsgrundlage kommen die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches


(BGB) und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Betracht.
Sind die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt, kann Maria einen Anspruch auf
Schadensersatz und/oder Schmerzensgeld nicht nur gegen Karl, sondern unter
bestimmten Voraussetzungen auch gegen die Arbeitgeberin haben.

Ansprüche nach den Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches - BGB

Da Karl Maria peinigt, liegt es nahe, dass sich Maria an ihn wendet. Eine Pflicht zum
Schadensersatz besteht für Karl nur, wenn er systematisch und mit der Zielrichtung
handelt, Marias allgemeines Persönlichkeitsrecht und/oder ihre Gesundheit zu
beeinträchtigen. Es muss über einen längeren Zeitraum hin-weg eine fortgesetzte
Kette von systematischen Benachteiligungen bzw. Schikanen vorliegen.

Übliche Konfliktsituationen am Arbeitsplatz lösen keine Schadensersatzpflicht aus.


Was noch „üblich“ und was bereits „systematisch und zielgerichtet“ ist, kann nur
unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls beurteilt werden. Dabei gilt,
dass viele kleine, für sich genommen „harmlose“ Vorkommnisse in einer
Gesamtschau zu einem Schadensersatzanspruch führen können.

Maria kann sich statt an Karl auch an ihre Arbeitgeberin wenden. Das ist sinnvoll,
wenn bei Karl vermutlich nichts zu holen sein wird.

Die Arbeitgeberin könnte jedoch einwenden: „Wieso soll ich Schadensersatz leisten?
Ich habe doch gar nichts gemacht!“ Dieser Einwand ist nur berechtigt, wenn Karl
nicht Marias Vorgesetzter ist. Sind Maria und Karl gleichrangige Kolleginnen, kann
Maria von ihrer Arbeitgeberin nach den Regeln des BGB keinen Schadensersatz
verlangen.
Ersatzfähiger Schaden

Unabhängig davon, an wen Maria sich wendet, muss ihr aufgrund der Verletzung
ihres allgemeinen Persönlichkeitsrechts und/oder ihrer Gesundheit ein materieller
Schaden entstanden sein.

Ein solcher Schaden kann zum Beispiel in Behandlungskosten bestehen, die von der
Krankenkasse nicht übernommen werden. Aber auch eine entgangene
Gehaltserhöhung oder eine niedrigere Rente wegen Frühverrentung kommt als
Schadensposten in Betracht.

Maria hat jedoch zu beachten, dass sie verpflichtet ist, ihren Schaden möglichst
klein zu halten. Sie kann also beispielsweise nicht die Kosten für eine extrem teure
Spezialtherapie geltend machen, wenn es eine wesentlich billigere, aber gleich
wirksame Behandlungsmöglichkeit gibt.

Ursächlicher Zusammenhang zwischen Handlung und Schaden

Voraussetzung für einen Schadensersatzanspruch ist weiter, dass die


Rechtsverletzung den eingetretenen materiellen Schaden verursacht hat.

Das wird beispielsweise dann problematisch, wenn die aufgetretene psychische


Erkrankung Ursachen haben könnte, die nichts mit Marias Arbeitsverhältnis zu tun
haben. In einem solchen Fall wird es letztlich auf das Ergebnis des Gutachtens eines
Facharztes für Neurologie/Psychiatrie ankommen.

Anspruch auf Schmerzensgeld


Der Schadensersatz soll einen materiellen Schaden ausgleichen, also einen
eingetretenen Vermögensschaden wieder beseitigen. Dem gegenüber dient
Schmerzensgeld dem Ausgleich von immateriellen Schäden, wie zum Beispiel dafür,
dass Maria körperliche oder seelische Schmerzen erdulden muss.

Voraussetzung von Schmerzensgeld ist immer, dass Maria einen


Schadensersatzanspruch wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der
Freiheit oder der sexuellen Selbstbestimmung hat. Es müssen also zusätzlich zum
immateriellen Schaden die oben dargestellten Voraussetzungen vorliegen.

Die Höhe des Schmerzensgeldes legt das Gericht nach billigem Ermessen fest. Maria
sollte bei einer Klage auf Schmerzensgeld also beantragen: „Die Beklagte wird zur
Zahlung eines Schmerzensgeldes verurteilt, dessen Höhe in das Ermessen des
Gerichts gestellt wird, das aber nicht

unter … Euro liegen sollte.“

Wer muss was beweisen?

Das Hauptproblem bei der gerichtlichen Durchsetzung von Schadensersatz- und


Schmerzensgeldansprüchen ist, dass Maria - egal, gegen wen sie Ansprüche geltend
macht - behaupten und beweisen muss, dass Karl sie beleidigt, schikaniert oder
diskriminiert hat. Maria muss die einzelnen Mobbingaktivitäten konkret nach Zeit,
Ort und beteiligten Personen darlegen. Dabei reicht es nicht aus, wenn Maria etwa
pauschal behauptet: „Ich wurde ständig beleidigt“ oder „Karl hat mich sexuell
belästigt“. Erforderlich ist vielmehr: „Am 2.7.2013 hat Karl um 10.32 Uhr in Halle B
zu mir gesagt: ‚Du Schlampe!’“ oder „Am 6.7.2013 hat Karl mich um 16.46 Uhr
hinter den Getränkeautomat gedrängt und versucht, mich zu küssen“.
So ein detaillierter Vortrag ist vor allem bei länger zurückliegenden Vorfällen sehr
schwierig. Er kann nur gelingen, wenn Maria sich jeden einzelnen Vorfall sorgfältig
notiert, um eventuell auch nach Jahren noch darauf zurückgreifen zu können.
Außerdem wird Karl oder Marias Arbeitgeberin im Prozess die Vorfälle sehr
wahrscheinlich entweder ganz bestreiten oder sie zumindest bagatellisieren. In
diesem Fall muss Maria das Gegenteil beweisen. Deshalb sollte Maria sich
unmittelbar nach dem eigentlichen Vorfall zusätzlich gleich notieren, wer das
Geschehen möglicherweise vor Gericht bezeugen könnte.

Aber selbst wenn Maria alle einzelnen Vorfälle sauber dokumentiert und im Prozess
vorgetragen hat, ist sie immer noch nicht am Ziel. Sie muss zusätzlich eine
systematische und zielgerichtete Verletzung ihrer Rechtsgüter darlegen und
beweisen.

Die Latte, die die Gerichte bei Schadensersatzansprüchen wegen Mobbings


aufgebaut haben, liegt also mehr als hoch.

Achtung: Ausschlussfristen!

In vielen Tarif- und Arbeitsverträgen sind Ausschlussfristen vereinbart. Das bedeutet,


dass Ansprüche innerhalb bestimmter Fristen geltend gemacht werden müssen.
Geschieht dies nicht, verfällt der Anspruch endgültig.

In einem Urteil aus dem Jahre 2007 hat das BAG für einen bestimmten Tarifvertrag
entschieden, dass auch Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche wegen
Mobbing unter die vereinbarten Ausschlussfristen fallen. Dieser Tarifvertrag
verwendet absolut gängige Formulierungen. Das bedeutet, dass das Ergebnis des
BAG auf die meisten Vereinbarungen von Ausschlussfristen anwendbar ist.

Doch wann beginnen diese Ausschlussfristen zu laufen? Das BAG beantwortet diese
Frage in derselben Entscheidung. Die Frist beginnt „… in Mobbingfällen regelmäßig
mit Abschluss der zeitlich letzten vorgetragenen ‚Mobbing-Handlung’“. Das
bedeutet, dass auch Schadensersatz und Schmerzensgeld verlangt werden kann,
wenn einzelne Vorfälle bereits jahrelang zurückliegen. Falls die Mobbinghandlungen
aufhören, etwa, weil Karl den Betrieb verlässt, kann Maria den Anspruch nur noch
bis zum Ablauf der Ausschlussfrist geltend machen.

Ansprüche aus Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) regelt ebenfalls Schadensersatz- und


Schmerzensgeldansprüche. Dafür muss ein Verstoß gegen das
Benachteiligungsverbot vorliegen. Das ist dann der Fall, wenn Maria aus einem oder
mehreren der folgenden Gründe benachteiligt wurde:

wegen ihrer Rasse

wegen ihrer ethnischen Herkunft

wegen ihres Geschlechts

wegen ihrer Religion/Weltanschauung

wegen einer Behinderung

wegen ihres Alters oder

wegen ihrer sexuellen Identität.

Eine Benachteiligung liegt bereits vor, wenn eine Person wegen eines oder mehrerer
der oben genannten Gründe „eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine
Person in einer vergleichbaren Situation erfährt, erfahren hat oder erfahren würde.“
Das Gesetz fasst den Benachteiligungsbegriff also außerordentlich weit.

Sehr häufig entstehen Ansprüche nach dem BGB und nach dem AGG aufgrund
derselben Sachverhalte. Trotzdem bestehen ganz erhebliche Unterschiede
hinsichtlich der Voraussetzungen und hinsichtlich der Rechtsfolgen.

Besonderheiten des AGG-Verfahrens (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz - AGG)

Im Rahmen des AGG kann sich Maria ausschließlich an ihre Arbeitgeberin richten.
Ein Anspruch gegen Karl wie bei den Regelungen des BGB ist nicht möglich.

Es ist nicht erforderlich, dass ein systematisches und zielgerichtetes Handeln zu


Marias Schädigung vorliegt. Theoretisch kann für einen Schadensersatzanspruch
eine einzige Mobbinghandlung ausreichen. In der Praxis wirkt sich dieser
Unterschied aber allenfalls in ganz besonderen Extremfällen aus. Voraussetzung
bleibt nämlich, dass ein materieller Schaden entstanden ist. Das dürfte bei einem
einmaligen Mobbingverhalten kaum jemals der Fall sein.

Wie bei Ansprüchen nach dem BGB kann die Arbeitgeberin auch nach dem AGG
schadensersatzpflichtig sein, wenn das Mobbing von ihr selbst oder von Marias
Vorgesetzten ausgeht. Darüber hinaus kommt im Bereich des AGG eine Haftung der
Arbeitgeberin auch für Dritte in Betracht. So zum Beispiel für das Verhalten von
Lieferanten und Kunden des Betriebs.

Muss der Arbeitgeber „schuld“ sein?

Eine Schadensersatzpflicht besteht jedoch nur, wenn Marias Arbeitgeberin die


Rechts- oder Rechtsgutsverletzung „vertreten“ muss. Das ist der Fall, wenn sie in
irgendeiner Weise “etwas dafür kann“. Für die Rechtsprechung widerspricht dieses
gesetzliche Vertreten-Müssen nicht der europäischen Richtlinie, deren Ausfluss das
AGG ist; BAG vom 18.06.2015 8 AZR 848/13 sowie Bundesverwaltungsgericht vom
25.07.2013 2 C 12/11.
Viele andere Juristen sind dagegen der Auffassung, dass für einen
Schadensersatzanspruch kein Verschulden der Arbeitgeberin erforderlich sei. Dieser
Meinungsstreit ist von Belang, weil es für Maria einfacher wäre, Schadensersatz zu
bekommen, wenn sich die anderen Juristen gegen die Rechtsprechung durchsetzen
könnten.

Bis dahin werden die Gerichte weiterhin prüfen, ob die Arbeitgeberin die Rechts-
oder Rechtsgutsverletzung zu vertreten hat. Das ist auch dann der Fall, wenn die
Arbeitgeberin ein so genanntes Organisationsverschulden trifft, wenn sie also ihren
Verpflichtungen aus § 12 AGG nicht nachgekommen ist. Danach muss sie die
erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor Benachteiligungen treffen und ihre
Mitarbeiter*innen schulen, damit Benachteiligungen gar nicht erst auftreten.

Bei Ansprüchen auf Ersatz eines immateriellen Schadens sind sich alle einig: Ein
Verschulden der Arbeitgeberin ist nicht erforderlich. Einigkeit besteht auch darüber,
dass bei einem Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot immer ein immaterieller
Schaden vorliegt.

Ausschlussfristen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

Schadensersatzansprüche nach dem AGG müssen nach innerhalb einer Frist von
zwei Monaten der Arbeitgeberin gegenüber schriftlich geltend gemacht werden. Die
Frist beginnt zu dem Zeitpunkt, in dem der oder die Beschäftigte von der
Benachteiligung erfährt.

Darüber hinaus muss der Anspruch auf Ersatz eines immateriellen Schadens
„innerhalb von drei Monaten, nachdem der Anspruch schriftlich geltend gemacht
worden war“ beim Arbeitsgericht eingeklagt werden. Für eine Klage auf Ersatz eines
materiellen Schadens gilt dies jedoch nicht.

Wer muss was beweisen

Im Bereich des BGB muss Maria darlegen und im Fall des Bestreitens beweisen, dass
Karl sie beleidigt, diskriminiert oder schikaniert hat, und ihr gerade deshalb ein
materieller Schaden entstanden ist. Das gilt für einen AGG-Anspruch genauso.

Zusätzlich muss Maria hier aber behaupten und nachweisen, dass die
Benachteiligung gerade wegen ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft oder
anderer gesetzlicher Merkmale erfolgt ist. Kommt Maria beispielsweise ursprünglich
aus einem afrikanischen Land und Karl sagt „Du Schlampe!“ zu ihr, müsste Maria
vortragen und beweisen, dass Karl sie gerade wegen ihrer ethnischen Herkunft
beleidigt hat.

Dies dürfte im Einzelfall sehr schwer werden. Deshalb sieht das Gesetz eine
Erleichterung für Maria vor. Gelingt es ihr, darzulegen und zu beweisen, dass Karl für
die AfD im Gemeinderat sitzt oder sich in Leserbriefen fremdenfeindlich geäußert
hat, muss Marias Arbeitgeberin beweisen, dass kein Verstoß gegen das
Benachteiligungsverbot vorliegt.

8 Tipps, die Sie bei Mobbing berücksichtigen sollten

1. Wehren Sie sich

Und das gleich zu Beginn. Je früher Sie sich wehren und damit zeigen, dass man sich
mit Ihnen nicht alles erlauben kann, desto größer die Chance, den Konflikt im Keim
zu ersticken. Auch wenn Sie sich vor dem Konflikt scheuen – das ist normal. Den
meisten Menschen geht es so. Der Angreifer muss merken, dass er es mit einem
Gegner zu tun hat, der sich wehrt. Wenn Sie sich nicht wehren und schweigen,
werden Sie immer mehr zum Opfer.
Sollten Sie sich nicht trauen, sich zur Wehr zu setzen, tun Sie es trotzdem – also im
Sinne von „Ich traue mich nicht, aber ich tue es trotzdem!“.

Oder womit ein Mobber in der Regel auch nicht rechnet: Fragen Sie ihn, was er
genau mit seiner Bemerkung meint oder bezwecken will. Das bringt manchen
Angreifer leicht aus seinem „Konzept“.

2. Notizen als Erinnerungsstütze

Machen Sie sich Notizen. Notieren Sie, wenn Sie jemand „angreift“, wenn Sie jemand
verletzt. Führen Sie ein Mobbingtagebuch.

3. Suchen Sie die Aussprache

Suchen Sie die Aussprache mit Ihrem „Gegner“. Greifen Sie den anderen im
Gespräch nicht persönlich an. Und wenn ein Gespräch nichts bringt, dann müssen
Sie sich an eine höhere Stelle wenden.

4. Beschweren Sie sich

Sollte der Mobber nicht nachgeben, beschweren Sie sich beim Vorgesetzten. Wenn
dieser der Mobber ist, wenden Sie sich direkt an den Arbeitgeber oder Betriebsrat.
Sollten Sie einen Kollegen als Zeugen haben, umso besser. Aber auch ein
Mobbingtagebuch tut hier gute Dienste.

5. Unterstützung im Kollegenkreis

Suchen Sie Unterstützung im Kollegenkreis. Wenn Sie Kollegen finden, die Ihnen
beistehen, merkt der Mobber schnell, dass Sie nicht alleine sind.

6. Reden Sie mit anderen

Reden tut immer gut. Sprechen Sie mit vertrauten Personen über Ihr Problem. Das
können Freunde sein, Bekannte oder beispielsweise auch der Vertrauensarzt.
7. Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch

Es gibt heute viele Beratungsstellen, die sich auf Mobbing spezialisiert haben. Auch
im Internet gibt es zahlreiche Anlaufstellen. In einschlägigen Foren finden Sie Hilfe
und Unterstützung, können sich mit anderen Betroffenen austauschen. Hierzu habe
ich Ihnen unten einige Linktipps zusammengestellt.

Sie können auch auf einen Rechtsanwalt zurückgreifen. Vor allem dann, wenn Sie
eine Rechtsschutzversicherung haben und wenn Sie nicht aufgeben und Ihr Recht
durchsetzen wollen. Immer wieder kommt es vor, dass ein Arbeitsgericht einen
Arbeitgeber zur Zahlung von Schmerzensgeld und Schadensersatz aufgrund von
Mobbing verklagt.

8. Jobwechsel als Ausweg

Schauen Sie sich rechtzeitig nach Möglichkeiten für einen Arbeitsplatzwechsel um.
Vielen fehlt oft die Kraft und Energie, gegen Mobbing vorzugehen. Dann bleibt als
Ausweg immer noch ein Jobwechsel. Auch wenn damit der Mobber sein Ziel erreicht
– es geht um Ihre Gesundheit, um Ihre Lebensqualität!

Nachwort zu

Amazon die Könige der Ausbeuter!

Ich lasse meine Gedanken so kreiseln, und denke dabei an die Arbeiter

die nun jeden Tag unter Druck gesetzt werden.

Sie müssen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, werden sogar technisch

überwacht, was eigentlich gegen alle Menschenrechte verstößt, die einzige Methode

um das, ganze zu stoppen wäre.

Wenn ganz Deutschland oder auch ganz Europa nichts mehr kaufen würde, bei
Amazon
dadurch könnte man diesen Ausbeuter König Amazon für immer stürzen.

Ich hoffe das ich mit meinem neusten Buch, gegen diesen widerlichen Konzern
Amazon

etwas erreichen kann.

Selbst sogar in Deutschland, versucht der Konzern Amazon amerikanische


Verhältnisse zu schaffen.