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M artin H eidegger

BEMERKUNGEN ZU
KUNST - PLASTIK - RAUM
Herausgegeben von Hermann Heidegger

Erker-Verlag St. Gallen


Verehrte Anwesende!
Lieber H err Heiliger!

Mit der Ausstellung Ihres Werkes und mit meinen fol­


genden Bemerkungen möchte hier in St. Gallen zugleich
etwas von der Arbeit der Akademie der Künste in Berlin
vernehmbar werden.1
Es sei versucht, in der gebotenen Kürze einiges zur
Frage nach der Kunst (Kunst und Raum) zu sagen. Die
Fragen bleiben Vorschläge; Gedanken für das Nachden­
ken, Anstößiges, d.h. Anregendes und Befremdendes
für ein mögliches Gespräch.
Vermutlich wurde noch zu keiner Zeit so Vieles und
Verwirrendes, im Gebrauch der Worte so Ungeprüftes
über Kunst geredet und geschrieben wie heutigentags.
Diese Tatsache muß ihre Gründe haben. Einen davon
entdecken wir, sobald wir bedenken, daß es im Zeitalter
der griechischen Kunst nichts dergleichen gab wie eine
Literatur über die Kunst. Die Werke von Homer und
Pindar, von Aischylos und Sophokles, die Bau- und
Bildwerke der großen Meister sprachen selber. Sie spra­
chen, d.h. sie zeigten, wohin der Mensch gehöre, sie
ließen vernehmen, von woher der Mensch seine Bestim­
mung empfange.2 Ihre Werke waren nicht Ausdruck
bestehender Zustände und schon gar nicht Beschrei­
bungen seelischer Erlebnisse. Die Werke sprachen als

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das zeigende Echo der Stimme, die das Ganze des Da­
seins dieses erstaunlichen Volkes bestimmte. Jene
Stimme stimmte den griechischen Menschen in jene
Stimmung, die im Wort αιδώς genannt wird, was wir
nur ungefähr übersetzen durch Scheu vor dem, was
eigentlich ist. Die Kunst der Bildhauer zum Beispiel
benötigte keine Galerien und Ausstellungen, die Kunst
selbst der Römer brauchte keine Documenta.
Erst als das große Zeitalter des griechischen Dichtens,
Bildens und Denkens sich seinem Ende zuneigte, hat
Aristoteles ein Wort zur Kunst gesagt, das seitdem ver­
gessen, in jedem Falle noch nie hinreichend durchdacht
wurde. Dies Wort sei nachher, am Ende dieses Hinwei­
ses, kurz erläutert.
N un wird man sich beeilen, darauf hinzuweisen, daß
heute gerade die bildende Kunst, und hier vor allem die
Plastik, sich anschicke, wieder einen ihr gemäßen O rt zu
finden. Denn sie gelangt in eine neue Beziehung zur
Industrielandschaft, ordnet sich ein in die Architektur
und in den Städtebau. Die Plastik wird mitbestimmend
für die Raumplanung. Dies liegt offenbar daran, daß sie
eine ausgezeichnete Beziehung zum Raum hat, daß sie
sich in gewisser Weise als eine Auseinandersetzung mit
dem Raum versteht.
Das Erwachen und Gestalten der griechischen Polis
im Angesicht der Götter und die Einrichtung und
Raumplanung der Industriegesellschaft im Atomzeit­
alter sind freilich grundverschiedene und dennoch
wesenhaft ineinander verfügte Epochen des abendländi­
schen Daseins. Raumplanung, Auseinandersetzung mit

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dem Raum bis zur Weltraumfahrt, sind uns schon
selbstverständliche Tatsachen geworden.
Doch: Was ist der Raum? Was heißt Auseinanderset­
zung des Künstlers mit dem Raum? Wer soll uns diese
Fragen beantworten? Man wird darauf bestehen, daß
hierüber der Künstler selbst am besten unterrichtet sei.
Er vollzieht eine Auseinandersetzung mit dem Raum.
Gewiß; doch kann er in diesem Vollzug und durch ihn
schon wissen, was in solcher Auseinandersetzung ge­
schieht? Kann der Bildhauer als Bildhauer, d.h. durch
eine Plastik, sagen, was der Raum ist und was Ausein­
andersetzung mit dem Raum heißt? Er kann es nicht.
Dieses Nichtkönnen bedeutet jedoch keine Schwäche,
sondern die Stärke des Künstlers. Der Bildhauer kann so
wenig durch ein Bildwerk sagen, was die bildende Kunst
sei, wie der Physiker als Physiker durch seine For­
schung sagen kann, was die Physik ist. Das, was die
Physik ist, läßt sich nicht auf physikalischem Wege mit
physikalischen Mitteln untersuchen. Die Physik als
Wissenschaft ist kein mögliches Objekt für ein physika­
lisches Experiment.
Was die bildende Kunst, was die Kunst als solche ist,
läßt sich nicht mit Hilfe von Meißel und Hammer, nicht
durch Farbe mit dem Pinsel, auch nicht durch das mit
Hilfe dieser Werkzeuge hergestellte Werk bestimmen
und darstellen. Die Kunst als solche ist kein mögliches
Thema des künstlerischen Bildens.3
Wir treffen hier auf einen seltsamen Sachverhalt, der
uns hie und da im Ungefähren beunruhigt, aber längst
nicht klar und entschieden und ausdauernd genug.

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Zu einem Teil wird diese Unruhe niedergehalten und
überdeckt durch die Schriftstellerei über Kunst.4 Wie
schwer der genannte Sachverhalt zu denken ist, läßt sich
an einer Aussage verdeutlichen, die kürzlich von einem
angesehenen Kunstkenner und Kunstschriftsteller zu
vernehmen war. Er schreibt: <Kunst ist, was bedeutende
Künstler machen.> Schön. Aber wir fragen zurück: Was
ist ein Künstler? Offenbar derjenige, der dem Anspruch
der Kunst genügt. Der Künstler empfängt seine Bestim­
mung aus dem, was die Kunst ist. Und was ist ein be­
deutender Künstler? Nicht der am meisten gehandelte
und gekaufte, sondern derjenige, der dem höchsten An­
spruch der Kunst am reinsten genügt. Und was ist
Kunst? Nach der erwähnten Aussage das, was bedeu­
tende Künstler machen.
So wird deutlich: Wir drehen uns im Kreis. Die ange­
führte Aussage über die Kunst erweist sich als nichts­
sagend. Denn sie sagt weder etwas über die Kunst noch
etwas über die Künstler. Aber diese kreisende Bewe­
gung (des landläufigen Vorstellens) ist kein Zufall. Wir
treffen überall auf sie. Deshalb wäre es zu billig, die er­
wähnte Aussage über die Kunst für widerlegt zu halten
durch den Hinweis, sie bewege sich im Kreis. Es handelt
sich hier nicht um ein Widerlegen, sondern um die Ein­
sicht in eine fundamentale Schwierigkeit des Denkens.
Wenn wir sagen: der Raum ist das, womit der Bild­
hauer sich auseinandersetzt, dann steht sogleich die
Frage auf: Wer ist ein Bildhauer? Antwort: ein Künstler,
der sich auf seine Weise mit dem Raum auseinander­
setzt.

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Wie werden wir aus diesem Kreis herausfinden?
Diese Frage ist schon als Frage verfehlt. Denn sie ver­
kennt, daß wir uns auf keine Weise aus dem Bezie­
hungsgefüge, das hier Kreis und Zirkel genannt wird,
herausnehmen können. Wer wir? Wir Menschen. Also
gehört dieses Kreisen - im vorliegenden Fall die Be­
stimmung der Kunst vom Künstler her und die Bestim­
mung des Künstlers von der Kunst aus - zu unserem
Menschsein.
Statt das Vergebliche zu unternehmen, aus diesem
Kreis herauszukommen, gilt es zu erfahren, um welchen
Sachverhalt es sich handelt, wenn wir immer wieder auf
dieses Kreisen treffen. Diese Erfahrung erwächst uns
freilich nur in einer langmütigen und vielfältigen Besin­
nung.
Für diesen Augenblick muß allerdings ein Hinweis
genügen. Wir versuchen, ihm zu folgen, und zwar im
Hinblick auf die Frage: Was ist der Raum ?
Die erste ausgeführte thematische Erörterung dieser
Frage finden wir im IV. Buch der aristotelischen Vorle­
sungen über die Φυσάς. Man übersetzt dieses griechi­
sche Wort recht ungenau durch das lateinische natura,
Natur. Die Griechen denken die φύσει όντα, das von
Natur Anwesende, als dasjenige, was von ihm selbst
her aufgeht und so erscheint. Dies auf solche Weise An­
wesende wird gegen jenes unterschieden, was seine An­
wesenheit nicht der φΰσις verdankt, sondern durch das
Her-stellen von seiten des Menschen ins Anwesen ge­
langt. Das Sichauskennen in solchem Herstellen heißt
griechisch τέχνη. Dieses Wort ist auch der griechische

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Name für die Kunst. Unser Wort Kunst kommt von
Kennen, sich auskennen in einer Sache und deren H er­
stellung. Τέχνη und Kunst meinen nicht ein Machen,
sondern eine Art von Erkennen. Dieses jedoch hat für
die Griechen den Grundzug des Entbergens, des ent-
bergenden Darlegens des Vorliegenden. Das von sich
her erscheinende Anwesende sind die leblosen und be­
lebten Körper (σώματα). Was wir unbestimmt genug
Raum nennen, wird im Hinblick auf anwesende Körper
vorgestellt.
Daß Aristoteles die Frage nach dem Raum in seiner
<Physik> erörtert, wird und bleibt für die Raumvorstel­
lung im abendländischen Denken und Bilden entschei­
dend.
Aristoteles nennt das, was uns <Raum> heißt, mit zwei
verschiedenen Wörtern: τόπος und χώρα, τόπος ist der
Raum, den ein Körper unmittelbar einnimmt. Dieser
vom Körper besetzte Raum wird durch den Körper
(σώμα) erst gebildet. Dieser Raum hat mit dem Körper
die selben Grenzen. Hierbei müssen wir beachten: Die
Grenze ist für die Griechen nicht solches, wobei etwas
aufhört und endet, sondern jenes, von woher etwas be­
ginnt, wodurch es seine Vollendung hat. Der von einem
Körper besetzte Raum, τόπος, ist sein Ort.
Im Unterschied zum τόπος meint χώρα den Raum,
insofern er solche Orte aufnehmen (δέχεσΌαι) und um­
fangen, behalten (περιέχειν) kann. Daher ist χώρα ein
δεκτικόν und περιέχον.
Der Raum wird im griechischen Sinne vom Körper
aus gesehen als dessen O rt und Ortbehalt. Jeder Körper

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hat jedoch seinen - eigenen -, ihm gemäßen Ort. Die
leichten Körper sind und bewegen sich nach oben; die
schweren sind und bewegen sich nach unten. Der Raum
hat ausgezeichnete Ö rter und διαστήματα, Auseinan­
derstände (nicht gleich: extensio).
Später - in der neuzeitlichen Physik seit Galilei und
Newton - verliert der Raum die Auszeichnung der in
ihm möglichen Orte und Richtungen. Er wird zur
gleichförmigen dreidimensionalen Ausdehnung für die
Bewegung von Massenpunkten, die keinen ausgezeich­
neten O rt haben, sondern an jeder beliebigen Stelle des
Raumes sein können.
Diesen immer noch vom physikalischen Körper her
gesehenen Raum deutet dann Kant als eine Weise, wie
der Mensch - als das für sich seiende Subjekt - die ihn
affizierenden Gegenstände im vorhinein vorstellt. Der
Raum wird zur reinen Form des Anschauens, die allem
Vorstellen von sinnlich gegebenen Gegenständen vor­
aufgeht. Der Raum existiert nicht an sich; er ist eine sub­
jektive Form des Anschauens der menschlichen Subjek­
tivität.
Bei allen Unterschieden der Denkweisen im griechi­
schen und neuzeitlichen Denken wird der Raum in der
gleichen Weise vom Körper her vorgestellt. Raum ist die
dreidimensionale Ausdehnung, extensio. In ihr haben
die Körper und deren Bewegungen ihre Bahn, ihr Sta­
dion, ihre durchlaufbaren Strecken und Spannen, auf
denen sie gleichsam herumspazieren.
Das griechische στάδιον, das Spazieren, die Spanne
sind dasselbe Wort wie das lateinische spatium. Die

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extensio, die Ausdehnung, gibt die Möglichkeit für das
Spatium. Oder müssen wir sagen, mit Spatium und
extensio sei nur noch das rechnerisch Durchmeßbare
von χώρα und τόπος vorgestellt; so sei vom unmittelbar
erfahrenen Raum abgesehen und nur noch das Be­
rechenbare des Raumes gedacht, ja der Raum mit dieser
seiner Berechenbarkeit identifiziert?
Nach der gewöhnlichen Vorstellung steht und geht
auch der Mensch wie ein ruhender und bewegter Körper
mit seinem Volumen im Raum. Dieser Körper hat eine
Seele, in deren Innerem Erlebnisse als Erlebnisstrom ab­
laufen.
Aber was ist nun der Raum selbst - in seinem Eige­
nen? Was gibt dem Raum die Möglichkeit, dergleichen
wie etwas Aufnehmendes, Umfassendes und Einbehal­
tendes zu sein? Worauf beruht das, was Aristoteles als
τόπος und χώρα, was die Neuzeit als extensio und spa-
tium, die moderne Physik als Kraftfeld bestimmt?
Was ist der Raum als Raum - ohne die Rücksicht auf
die Körper gedacht? Die Antwort auf diese Frage ist
einfach. Aber gerade deshalb ist das, was sie sagt, schwer
zu erblicken und noch schwerer zu behalten und in sei­
ner Tragweite zu durchdenken. Denn das gewöhnliche
Vorstellen hält etwas erst dann für geklärt, wenn es er­
klärt, d.h. auf etwas anderes zurückgeführt wird, im
vorliegenden Fall der Raum als bezogen auf den physi­
kalischen Körper. Demgegenüber wird im sachgerech­
ten Denken eine Sache nur dann in ihrem Eigenen er­
fahren, wenn wir auf das Erklären verzichten und das
Zurückführen auf anderes fahren lassen. Statt dessen gilt

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es, die Sache rein von ihr selbst her zu erblicken, so, wie
sie sich zeigt.
Was also ist der Raum als Raum? Antwort: der Raum
räumt. Räumen heißt roden, freimachen, freigeben ein
Freies, ein Offenes. Insofern der Raum räumt, Freies
freigibt, gewährt er erst mit diesem Freien die Möglich­
keit von Gegenden, von Nähen und Fernen, von Rich­
tungen und Grenzen, die Möglichkeiten von Abständen
und Größen.
Achten wir auf dieses Eigenste des Raumes, daß er
räumt, dann sind wir endlich imstande, einen Sachver­
halt zu erblicken, der dem bisherigen Denken ver­
schlossen blieb.
Es gilt zu sehen, wie der Mensch im Raum ist. Der
Mensch ist nicht so im Raum wie ein Körper. Der
Mensch ist so im Raum, daß er den Raum einräumt,
Raum immer schon eingeräumt hat. Nicht zufällig
spricht unsere Sprache, wenn wir etwas zugeben, ein
Argument zulassen, von einem Einräumen. Der Mensch
läßt den Raum als das Räumende, Freigebende zu und
richtet sich und die Dinge in diesem Freien ein. Der
Mensch hat keinen Körper und ist kein Körper, sondern
er lebt seinen Leib. Der Mensch lebt, indem er leibt5und
so in das Offene des Raumes eingelassen ist und durch
dieses Sicheinlassen im vorhinein schon im Verhältnis
zu den Mitmenschen und den Dingen sich aufhält.
Der Mensch ist nicht begrenzt durch die Oberflächen
seines vermeintlichen Körpers. Wenn ich hier stehe, so
stehe ich als Mensch nur hier, sofern ich zugleich schon
dort beim Fenster und d.h. draußen auf der Straße und

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in dieser Stadt, kurz gesagt: in einer Welt bin. Wenn ich
zur Tür gehe, dann transportiere ich nicht meinen Kör­
per zur Tür, sondern ich ändere meinen Aufenthalt
(<Leiben>), die immer schon bestehende Nähe und Ferne
zu den Dingen; die Weite und Enge, darin sie erschei­
nen, wandelt sich.
Das den Menschen auszeichnende Einräumen des
Raumes, die Eingelassenheit in diesen, das In-der-Welt­
sein, wird auch heute noch kaum zureichend erblickt.
So hat der Existenzialismus, der atheistische von Sartre
wie der christliche, das Phänomen des In-der-Welt-seins
völlig mißdeutet. Man meint, dieser Titel besage: der
Mensch sei in der Welt wie der Stuhl im Zimmer und das
Wasser im Glas.
So verhält es sich gerade nicht. Ein Kopf ist kein mit
Augen und Ohren behafteter Körper, sondern vom
blickenden und hörenden In-der-Welt-sein geprägtes
Leibphänomen. Wenn der Künstler einen Kopf model­
liert, so scheint er nur die sichtbaren Oberflächen nach­
zubilden; in Wahrheit bildet er das eigentlich Unsicht­
bare, nämlich die Weise, wie dieser Kopf in die Welt
blickt, wie er im Offenen des Raumes sich aufhält, darin
von Menschen und Dingen angegangen wird.
Der Künstler bringt das wesenhaft Unsichtbare ins
Gebild und läßt, wenn er dem Wesen der Kunst ent­
spricht, jeweils etwas erblicken, was bis dahin noch nie
gesehen wurde. -
Zurück zum Raum. Der Raum ist Raum, insofern er
räumt (rodet), freigibt das Freie für Gegenden und Orte
und Wege. Aber der Raum räumt auch nur als Raum,

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insofern der Mensch den Raum einräumt, dieses Frei­
gebende zugibt und sich auf dieses einläßt, sich und die
Dinge in ihm einrichtet und so den Raum als Raum hü­
tet. Wir sagen, wenn ein Mensch ein freies, heiteres Ver­
hältnis zur Welt hat, er sei aufgeräumt. Ein Körper kann
nie aufgeräumt sein, ihm eignet nicht das Freie des Hei­
teren. Der Mensch macht nicht den Raum; der Raum ist
auch keine nur subjektive Weise des Anschauens; er ist
aber auch nichts Objektives wie ein Gegenstand. Viel­
mehr braucht der Raum, um als Raum zu räumen, den
Menschen. Dieses geheimnisvolle Verhältnis, das nicht
nur den Bezug des Menschen zum Raum und zur Zeit
betrifft, sondern den Bezug <des Seins zum> Menschen
(Ereignis), dieses Verhältnis ist es, was sich hinter dem
verbirgt, was wir voreilig und oberflächlich genug als
die erwähnte Kreis- und Zirkelbewegung vorstellen,
wenn wir die Kunst vom Künstler her und den Künst­
ler von der Kunst aus bestimmen müssen.
Solange wir uns - gleichsam blind - in diesem Zirkel
herumbewegen, vermögen wir nicht zu sagen, was die
Kunst ist.
Ich vermerkte, daß Aristoteles davon etwas sage. Was
er sagt, ist zum Glück keine Definition, sondern ein
Wink für das Denken.
Aristoteles kennzeichnet die Kunst durch das griechi­
sche Wort ποιησις; nach dem Wörterbuch bedeutet das
<die Mache - das Machen - Verfertigern. Dies meinend,
denken wir jedoch nicht griechisch; ποιησις heißt:
her-vor-bringen, vor ins Unverborgene und her aus dem
Verborgenen, dies jedoch so, daß das Verborgene und

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das Verbergen nicht beseitigt, sondern gerade bewahrt
wird. Von ποιησις kommt unser Wort Poesie, Dich­
tung. Alle Kunst ist je auf ihre eigene Weise Dichtung.
Und was sagt Aristoteles von der ποιησις im 9. Kapi­
tel seiner <Poetik>? Er sagt καί φιλοσοφώτερον και
σπουδαιότερον ποιησις Ιστορίας έστίν,6 <sowohl
philosophischer als auch strenger ist die Kunst, die
Dichtung im Unterschied zur Histories
Aber was heißt philosophischen? Philosophisch ist
jenes Sehenlassen, das das Wesenhafte der Dinge in den
Blick bringt.
ιστορίας heißt griechisch die Erkundung, zum Bei­
spiel von Zuständen und Bräuchen bei verschiedenen
Völkern; ιστορίας heißt auch die Tatbestandsaufnahme
für eine Gerichtsverhandlung.
Die ιστορίας geht auf die jeweiligen einzelnen Fak­
ten.
Das Philosophische macht das Wesenhafte sichtbar.
Wir können das Wort des Aristoteles auch so ausle­
gen, daß wir sagen: Die Kunst ist philosophischer als die
Wissenschaft.
Ein Wort, das zu denken gibt in unserem Zeitalter, wo
der Glaube an die Wissenschaft, sprich Naturwissen­
schaft und Kybernetik, sich als die neue Religion einzu­
richten beginnt.
Philosophischer als die Wissenschaft und strenger,
d. h. näher am Wesen der Sache - ist die Kunst.

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Anmerkungen

1einfache Überlegungen
2<Macht> der Kunst - αλήθεια vgl. Athen-Vortrag.
MARTIN H eid eg g er , Die Herkunft der Kunst und die Bestim­
mung des Denkens. Vortrag in der Akademie der Wissenschaften
und der Künste in Athen, 4. April 1967. Erschien zuerst in der Fest­
schrift für Walter Biemel zum 65. Geburtstag: <Existenz und Nähe>,
Würzburg 1983, S. 11-22, dann in: Martin Heidegger, <Denk-
erfahrungen>, Frankfurt a.M. 1983, S. 135-149. Wird in der Martin-
Heidegger-Gesamtausgabe in der III. Abteilung, Bd. 80 erscheinen.
3 Aber Dichtung - des Dichters.
4Der Ausweg ins Selbstverständliche.
5<Leiben>? Aufenthalt in der Welt.
6Aristoteles, Über die Dichtkunst. Griechisch und deutsch. Mit
sacherklärenden Anmerkungen herausgegeben von Dr. Franz Suse-
mihl. Zweite Auflage, Leipzig 1874. Kapitel 9,1451 b 6 sq.

Beilagen

(zu S. 13 f )

Der Raum räumt. Nach der gewöhnlichen Logik sagt dieser Satz
nur: der Raum ist Raum. Ein solcher Satz sagt zweimal das Selbe. Er
tritt auf der Stelle: Der Satz ist eine Tautologie. Sie führt nicht wei­
ter. Solche Sätze sind für das gewöhnliche Vorstellen nichtssagend
und also abzulehnen.
Mit der Berufung auf die Logik halten wir uns an die höchste In­
stanz des Denkens. Aber die naheliegende und daher übliche Beru­
fung auf die Logik hat etwas Verfängliches. Sie legt das Denken auf
eine Form fest, in der es sich ausspricht. Durch diese Festlegung ver­
wehrt uns die Logik gerade, uns auf das einzulassen, was das Den­
ken denkt. In diesem Fall: auf das zu achten, von woher das Denken
vernimmt und empfängt, was es zu denken hat: das Räumende des
Raumes.
Wo zeigt sich uns dieses Räumende des Raumes? Wo finden wir
das Eigene des Raumes selbst? Dieses Finden im Suchen nach dem

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Raum selbst; unser Suchen nach, unser Verhältnis zum Raum selbst.
Also Verhältnis Mensch und Raum. Der Mensch - Raum. Die
gewöhnliche Vorstellung von Raum und seiner Beziehung zum Kör­
per. Also: Raum und Mensch als Körper. Mensch? Raum. Bereits aus
dem Versuch der Frage herausgefallen. Räumen des Raumes.
Der Mensch im Raum, in Räumen; der Mensch als solcher räu­
mend (räumlich wie kein anderes Seiendes sonst). Der Mensch räu­
mend im Raum und so dem Raum gemäß.

(zu, S. 13 f.)

Der Raum räumt. Das Räumen als roden, roden als lichten; lichten,
freimachen, freigeben.
Und die Räumlichkeit des Menschseins. Das Räumen = Raum nur
aus der Inständigkeit in der Lichtung, ekstatisch.
Lichtung und Ereignis.

(zu S. 16)

ποίησις- ιστορία
Vgl. Aristoteles, Poetik, c. 9,1451 b 6.

ιστορικός und ποιητής


...άλλα τοϋτο διαφέρει τω τόν μέν, τα γενόμενα λεγειν, τον δέ
οία άν γένοιτο. διά και φιλοσοφώτερον και σπουδαιότερον
ποίησις ιστορίας έστίν. ή μέν γάρ ποίησις μάλλον τα καθόλου,
ή δ'ιστορία τα καθ' έκαστου λε'γει.

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Nachbemerkung des Herausgebers

Die vorliegende Veröffentlichung gibt den Text der Ansprache wie­


der, die Martin Heidegger am 3. Oktober 1964 anläßlich der Eröff­
nung einer Ausstellung mit Werken von Bernhard Heiliger in der
Galerie im Erker in St. Gallen hielt.
Die Handschrift des Textes befindet sich im Deutschen Literatur­
archiv in Marbach (Heidegger-Nachlaß).
In der Heidegger-Gesamtausgabe wird die Ansprache in den Band
80 <Vorträge> aufgenommen werden.
Der Text wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.
Die <Beilagen> zu S. 13f. und 16 und die Anmerkungen 1, 2, erster
Satz, 3, 4 und 5 stammen von Martin Heidegger. Die Anmerkung 2,
zweiter Satz, und alle folgenden Sätze sowie die Anmerkung 6 wur­
den vom Herausgeber aufgenommen.
Herzlichen Dank sage ich Herrn Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von
Herrmann für seine Hilfe bei einigen schwierigen Entzifferungen
und Herrn Dr. Hartmut Tietjen für die Übertragung der Handschrift
in eine sorgfältige Maschinenschrift.
Attentai, im Mai 1995 Hermann Heidegger

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© 1996 by Erker-Verlag, Franz Larese und Jürg Janett,
Gallusstrasse 32, CH-9000 St. Gallen.
Alle Rechte Vorbehalten
Satz und Druck: gsd glarus satz + druck ag, Glarus
Einband: Buchbinderei Burkhardt AG, Mönchaltorf
ISBN 3-905546-39-6