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Nachrichten Politik Ausland Europäische Union Historiker Kiran Klaus Patel über die Geschichte und Zukunft der EU

Lehren der Geschichte und Sorgen der Zukunft

"Die EU sollte sich ehrlich machen"


Die Europäische Union, eine Friedensmacht, die Wohlstand und Demokratie gefördert hat? Der Historiker
Kiran Klaus Patel zerpflückt diese Mythen - und erklärt, warum er den Brexit für "politische Normalität" hält.

Ein Interview von Peter Müller und Klaus Wiegrefe

Johannes Arlt/ DER SPIEGEL


Kiran Klaus Patel

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Sonntag, 09.06.2019   07:15 Uhr Drucken Nutzungsrechte Feedback Kommentieren

Von der Migrations- über die Euro- bis hin zur Brexit-Krise steht die Europäische
Union vor gewaltigen Herausforderungen. Beweist der Staatenbund seinen
Zusammenhalt oder droht ein Bruch? Und welche Lehren kann die EU aus ihrer
bewegten Vergangenheit für die Bewältigung aktueller und zukünftiger Probleme
ziehen?

Trotz der enormen Bedeutung der EU zählt Kiran Klaus Patel zu den wenigen
Wissenschaftlern, die zur Geschichte der EU in Deutschland forschen. Im Gespräch
mit SPIEGEL ONLINE spannt er den Bogen von der Urstunde der Gemeinschaft über
die Geheimniskrämerei um die Einführung des Euro - bis zu den akuten Gefahren
für den Rechtsstaat in Ländern wie Italien, Polen oder Ungarn.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Patel, die EU erhielt 2012 den Friedensnobelpreis,
da sie wesentlich dazu beigetragen habe, Europa "von einem Kontinent des Kriegs
zu einem des Friedens" zu verwandeln. Dagegen behaupten Sie, Brüssel habe bei
der Sicherung des Friedens nach 1945 nur eine "nachrangige Rolle" gespielt.
Warum?

Zur Person
Kiran Klaus Patel, geboren 1971, ist als deutsch-britischer Historiker Inhaber des
Jean-Monnet-Lehrstuhls für Geschichte an der Universität Maastricht in den
Niederlanden.

Patel: Die europäische Integration hat erst später begonnen. Die Montanunion
nahm ihre Arbeit 1952 auf, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Euratom
folgten 1958 - und das waren alles Organisationen, die nicht für Sicherheitspolitik
zuständig waren. Es war nicht Aufgabe dieser Europäischen Gemeinschaften, den
Frieden zu sichern. Da waren die Nato und die USA viel wichtiger. Die europäische
Integration profitierte mehr vom Frieden nach 1945, als dass sie zu ihm beitrug.

SPIEGEL ONLINE: Wir verbinden die europäische Integration mit der deutsch-
französischen Aussöhnung.

Patel: Die war nur ein Faktor unter vielen. Die Hauptgefahr nach 1945 war nicht ein
weiterer deutsch-französischer Krieg, sondern ein Krieg zwischen Ost und West.
Man kann sogar sagen, dass die europäische Integration die Ost-West-Spaltung
verschärft hat, weil die EG an der Seite der Nato stand.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es Geschichtsklitterung, wenn EU-Kommissionspräsident


Jean-Claude Juncker verbreitet, das Gründungsversprechen der Europäischen
Union sei "Nie wieder Krieg"?

Patel: Das Versprechen gab es durchaus, aber hatte es den erwünschten Effekt?
Wir Deutschen neigen dazu, die EU auf die Fundamentalfrage von Krieg und Frieden
in der Nachkriegszeit zu reduzieren - nach dem Motto: Damals haben die Leute die
Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen und Frieden geschaffen. Doch so war
es eben nicht. Abgesehen davon hat kein Mitgliedstaat sich davon abhalten lassen,
Krieg zu führen, wenn es im nationalen Interesse schien. Frankreich hat in
Indochina und Algerien Kriege mit Hunderttausenden Opfern geführt,
Großbritannien 1982 seine Flotte gegen Argentinien geschickt.

DER SPIEGEL
Wie die EU wurde, was sie ist

SPIEGEL: Sollte die EU den Nobelpreis zurückgeben?

Patel: Die EU hat durchaus eine Friedensleistung erbracht, aber erst deutlich
später als gedacht, besonders ab den Siebzigerjahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?


Patel: Ich denke an die Stabilisierung der jungen Demokratien in Griechenland,
Spanien und Portugal. Sie alle kamen aus autoritären Regimen, und die EG half
ihnen, sich politisch, sozial, ökonomisch in das westliche Gefüge einzufinden. Ein
zweiter Faktor ist die Rolle der EG in den Achtzigerjahren. Die Spannungen
zwischen den Supermächten drohten damals zu eskalieren. Brüssel trug dazu bei,
dass die Entspannungspolitik in Europa aufrechterhalten wurde. Das war ein bisher
unterschätzter Beitrag zum Ende des Kalten Kriegs.

SPIEGEL ONLINE: Und das rechtfertigt den Friedensnobelpreis?

Patel: Sie sollten auch berücksichtigen, was die gemeinsame Agrarpolitik der EG
zum sozialen Frieden beigetragen hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Subventionen in Milliardenhöhe für die Bauern sicherten den
Frieden?

Patel: Die Landwirtschaft litt seit den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts unter
einer massiven Transformationskrise. Das führte in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts zu Radikalität und Extremismus. In Deutschland tendierten die
Bauern nach rechts, in anderen Ländern nach links. In jedem Fall schwächte es die
demokratischen Ordnungen. Nach 1945 wurde der Wandel dank der
Transferleistungen deutlich abgefedert. Immerhin ging es um fast ein Drittel der
Beschäftigten. Die Bauern demonstrierten, aber dabei blieb es.

SPIEGEL ONLINE: Kann man aus diesem Erfolg lernen? Wir erleben ja erneut einen
radikalen Wandel, die digitale Revolution.

Patel: Es wäre naheliegend, eine derartige Form der Sozialpolitik für die Verlierer
der Digitalisierung auf den Weg zu bringen. Wenn Europa diesen Menschen kein
Angebot unterbreitet, werden wir einen hohen politischen Preis zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Die EU hat nicht nur den Bauern geholfen. Sie nimmt für sich in
Anspruch, für alle ein "halbes Jahrhundert Wohlstand" geschaffen zu haben.

Patel: Es liegen dazu erstaunlich wenige Berechnungen vor. Diesen zufolge aber
trug die europäische Integration zum Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahrzehnte
durchschnittlich nur ein halbes Prozent Wachstum pro Jahr bei - spürbar, aber nicht
entscheidend. Erst in den Zeiten von Helmut Schmidt und Helmut Kohl, als die Lage
schwieriger wurde, gewann die europäische Einheit an wirtschaftlicher Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Die EU rühmt sich auch für ihren Einsatz für Demokratie und
Menschenrechte. Europa sei ein "Grundwerteklub", sagt Kanzlerin Angela Merkel.
Trifft zumindest das zu?

Patel: Für die Vergangenheit nur mit großen Einschränkungen. Frankreich, die
Niederlande und Belgien waren Kolonialmächte, als die europäische Integration
begann. Weder nach innen noch in Bezug auf Staaten, die nicht der Gemeinschaft
angehörten, hat Brüssel einen hohen Maßstab angelegt. Als sich Anfang der
Sechzigerjahre das Spanien der Franco-Diktatur um engere Beziehungen bemühte,
hatten Paris und Bonn damit kein Problem. Grundrechte, Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit spielten keine große Rolle. Das Europäische Parlament und der
Europäische Gerichtshof sorgten dafür, dass sich das im Lauf der Jahre änderte.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist der polnische Rechtsstaat gefährdet, Ungarn torpediert
die Wissenschaftsfreiheit, Italien ignoriert in der Eurodebatte den Vertrag von
Maastricht.

Patel: Demokratische Standards einzuhalten, war eben nicht Ausgangspunkt der


europäischen Integration. Werte und Normen sind weniger tief verankert, als wir es
gerne hätten. Da sollte sich die Europäische Union ehrlich machen. Dazu kommt,
dass die Herrschaft des Rechts schon immer fragil war. In Ungarn oder Italien ist
sehr präsent, dass Schröder ab 2001 jahrelang den Stabilitätspakt gebrochen hat.
Das Argument wird oft gebracht: Ihr Deutschen habt euch auch nicht an die Regeln
gehalten.
SPIEGEL ONLINE: Die osteuropäischen Länder sind der EU vor allem beigetreten, um
wirtschaftlich zu profitieren. Nun verlangt Brüssel die Einhaltung von Werten. Muten
wir den Osteuropäern zu viel zu?

Patel: Wir sollten die Regierungen nicht mit den Gesellschaften gleichsetzen.
Gerade in Polen gibt es auch scharfe Kritik an der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Die osteuropäischen Länder haben nach dem Untergang des
sowjetischen Imperiums 1990/91 ihre Souveränität erlangt. Ist es nicht
verständlich, dass sie sich schwertun, diese an Brüssel abzugeben?

Patel: Die Debatte, ob die Integration nationale Souveränität stützen oder


überwinden soll, wurde auch in den alten Mitgliedstaaten geführt. Die britische
Premierministerin Margaret Thatcher fürchtete "einen europäischen Superstaat,
der von Brüssel aus eine neue Vorherrschaft ausübt". Frankreichs Präsident
Charles de Gaulle hatte sich einst ähnlich geäußert. Andererseits sollten wir
differenzieren: Die baltischen Staaten, die Teil der Sowjetunion waren und nach
Ihrer Logik besonderes Interesse haben müssten, ihre Souveränität zu wahren,
verhalten sich anders als etwa Polen.

SPIEGEL ONLINE: In den Nachkriegsjahrzehnten begrüßten die meisten


Westeuropäer einen Zusammenschluss.

Patel: Das wird oft behauptet, trifft aber nicht zu. Wenn Sie die Umfragen genau
lesen, erkennen Sie, dass Europa der Mehrheit egal war. Warum auch nicht? Im
Leben der Bürger spielte es lange keine große Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wann änderte sich das?

Patel: Wenn man einen gemeinsamen Markt schafft, stellen sich irgendwann
Fragen nach Verbrauchersicherheit und Umweltschutz. Das machten sich Akteure
zunutze, um den Gestaltungsspielraum der Gemeinschaft zu erweitern. Auch die
Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs war eine treibende Kraft. Es
geschah wenig Sichtbares, aber hinter den Türen wurden gerade in den
Achtzigerjahren Weichen gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die damalige politische Elite es versäumt, diese


Veränderungen ins allgemeine Bewusstsein zu rufen?

Patel: Manches war so technisch, dass die Politiker selbst nicht mitbekamen, was
vor sich ging. Anderes sollte absichtlich nicht in den Vordergrund gestellt werden,
um Debatten zu vermeiden. Helmut Kohl, Frankreichs damaliger Präsident François
Mitterrand und Kommissionschef Jacques Delors wollten den Binnenmarkt
vervollständigen. Sie priesen das große Ziel, belästigten die Bürger aber lieber nicht
mit Details.

SPIEGEL ONLINE: War der Euro auch so ein Projekt, das klammheimlich am Bürger
vorbei betrieben wurde?

Patel: In gewisser Weise ja, die ersten ernsthaften Debatten über eine
gemeinsame europäische Währung gab es schließlich schon in den
Siebzigerjahren. Ich warne aber, von einer Verschwörung gegen die Bürger zu
sprechen. Die Integration, auch beim Euro, wäre ohne ein technokratisches
Element nicht möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das heute anders?

Patel: Viele Sachprobleme können ohne technokratische Expertise nicht gelöst


werden. Allerdings steht heute mehr auf dem Spiel als früher. Es gibt kaum noch
einen Lebensbereich, in dem die EU nicht zuständig ist. Ohne die Akzeptanz der
Bürger geht es daher nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Erkenntnis bei Europas Spitzenpolitikern schon


angekommen?
Patel: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versucht ja, eine neue Erzählung
von Europa zu schaffen. Leider steht er mit seinen Bemühungen ziemlich allein da.

SPIEGEL ONLINE: In der Brexit-Debatte sind Sie entspannt und behaupten, der
Austritt Großbritanniens aus der EU sei ein Fall von "politischer Normalität".

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Kiran Klaus Patel


Projekt Europa: Eine kritische Geschichte

Verlag: C.H.Beck
Seiten: 463
Preis: EUR 29,95

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Patel: Algerien hat 1962 und Grönland 1985 die Gemeinschaft verlassen. Das war,
insbesondere bei Algerien, keine Kleinigkeit, Algerien galt als Teil Frankreichs und
nicht als Kolonie. Obwohl Großbritannien viel bedeutender ist, kann man aus den
Fällen Lehren ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Patel: Nach den Verhandlungen ist vor den Verhandlungen. Mit dem Austritt ist es
nicht getan. Wir sollten daher nicht nur auf das Austrittsdatum starren. Wie der
Brexit in 20 Jahren beurteilt wird, hängt entscheidend davon ab, wie sich danach
die Beziehungen zu London in der Wirtschaftspolitik, aber auch außenpolitisch und
militärisch entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäischen Gemeinschaften und die Europäische Union


haben vielen Widerständen getrotzt. Heute häufen sich die Krisen: Brexit,
Flüchtlinge, Euro, dazu Donald Trump, China, Wladimir Putin. Droht die EU zu
zerbrechen?

Patel: Die große Leistung der Europäischen Union bestand bislang darin, solche
Krisen unabhängig voneinander zu behandeln, also Brandmauern zwischen ihnen
zu errichten. Ungarn und Polen etwa haben die Einheit der EU in den Brexit-
Gesprächen nicht gefährdet, obwohl die EU in Rechtsstaatsfragen große Probleme
mit beiden Ländern hat. Wenn aber etwa einmal die Migrationskrise und die
Eurokrise in einem Land zusammenkommen sollten, vielleicht in Italien, dann
haben wir ein existenzielles Problem.

Johannes Arlt/ DER SPIEGEL


Patel mit den SPIEGEL-Redakteuren Peter Müller und Klaus Wiegrefe in Hamburg

SPIEGEL ONLINE: Sie zerstören Europas Mythen. Haben Sie keine Angst, als
Kronzeuge europafeindlicher Kräfte wahrgenommen zu werden?

Patel: Ich dekonstruiere nicht nur Mythen, sondern präsentiere eine faktische
Basis. Wenn man einen Strich zieht, bleibt Europa ein Erfolgsprojekt - allerdings
nicht so strahlend und problemfrei, wie manche behaupten. Nur mit dieser
realistischen Einschätzung kann man Euroskeptiker überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Patel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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insgesamt 21 Beiträge

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tomrobert heute, 07:44 Uhr


1. Druck von außen
der Druck von außen sich politisch zu einen und der Druck durch die Märkte wird eigentlich völlig
ausgeklammert Selbst die kleinen Staaten erkennen es am deutlichsten dass ohne die Gemeinschaft
nichts sind dass der [...]

gluonball heute, 07:49 Uhr


2. Sehr schön
Dieses ewige: " Europa ist der alleinige Grund für den Frieden!" Ohne Beleg ging mir immer schön auf die
Nerven damit würde dann gerne alles schlechte der EU runtergespielt.

Myrlin heute, 08:00 Uhr


3. Kriege
Es gibt nicht nur Kriege, die mit Gewalt einhergehen. Handelskrieg ist ein gutes Beispiel. Klassenkampf ein
anderes. Es ist natürlich erfreulich, das 'keine Panzer fahren', aber in Bezug zur Demokratiedefinition mit
[...]

Sumerer heute, 08:09 Uhr


4.
Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist sicher die bisher mit Abstand größte Herausforderung der
Europäischen Union. Nur, weshalb kam es dazu? Für mich bleibt unbeantwortet, dass die Integration
volkommen [...]

tanzbewegung/nthweiden heute, 08:16 Uhr


5. Europäische Union
NATÜRLICH ist man heute klüger als 1958! Eine wiissenschaftliche Betrachtung kann zwar Fakten und
Messdaten präsentieren und bewerten, wer aber sagt uns, dass diese Bewertungen zutreffen? Politik
dagegen besteht zu grossen [...]

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