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Organisierte Kriminalität auf dem westlichen Balkan als sicherheitspolitische Herausforderung für die EU – Schwerpunkt

Organisierte Kriminalität auf dem westlichen Balkan als sicherheitspolitische Herausforderung für die EU – Schwerpunkt Kosovo

«Organized Crime in West Balkans Challenging Political Safety in the EU. Main Focus Kosovo»

by Rastislav Báchora

Source:

Südosteuropa Mitteilungen (Südosteuropa Mitteilungen), issue: 01 / 2008, pages: 18­31, on www.ceeol.com.

Analysen

Positionen

Essays

Rastislav Báchora, M.A.

geboren 1978 in Bratislava. Studium der Politikwissenschaft in Wien und Belgrad. 2006-2007 Forschungstätigkeit an der Verteidigungsakademie des Österreichischen Bundes- heeres (ÖBH). 2007 Feldforschungen in Serbien, Bosnien und Kosovo im Rahmen eines Stipendiums der österreichischen Forschungsgemeinschaft. Zurzeit im Zentrum für Einsatzvorbereitung beim ÖBH und Promotionsarbeit in Wien. Kontakt E-Mail: rastislav@gmx.at

Der Beitrag wurde fertig gestellt Ende Januar 2008.

Organized Crime in West Balkans Challenging Political Safety in the EU. Main Focus Kosovo

Summary

Organized Crime (OC) in the Balkans is an important challenge for the political security in the EU. Special emphasis lies on the OC-rate in the states of the former Yugoslavia and those in Kosovo. These states have in common that there are groups whose importance is related to the wartime in the 1990s. During the war OC actually was the main source of financing. Especially drug trafficking played an important role. After the war criminal networks could establish in society, economy and politics and further exert their illegal activities pursued during the war. In this context Kosovo has a remarkable position. On the one hand the entire political elite emanated from former war protagonists, on the other hand Kosovo is the most important destination concerning transit and depositing of heroine. Furthermore Albanian OC-groups, above all from Kosovo, are being classified as an increasing menace for the EU-states by EUROPOL.

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Rastislav Báchora

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Organisierte Kriminalität auf dem westlichen Balkan als sicherheitspolitische Herausforderung für die EU

Schwerpunkt Kosovo

Herausforderung für die EU Schwerpunkt Kosovo Einführung in die Problematik Die Organisierte

Einführung in die Problematik

Die Organisierte Kriminalität (im Folgenden: OK) gilt gemäß der Europäischen Sicher- heitsstrategie (ESS) 1 als eine von fünf Hauptbedrohungen für die Sicherheit der EU. Diese Bedrohung geht insbesondere von OK-Gruppen aus, die ihren Ursprung in sozioökonomisch unterentwickelten Regionen, Krisen- und Konfliktgebieten haben. Diese OK-Gruppen benutzen illegale Märkte in EU-Staaten als Operationsfelder und gefährden vor allem durch den Handel mit Drogen, Menschen 2 (insbesondere von Frauen zur Zwangsprostitution) und Waffen die umfassende Sicherheit der jeweiligen Staaten (human und state security). Um mögliche Bekämpfungsmaßnahmen gegen diese Bedrohung innerhalb der EU besser optimieren zu können, muss die gesellschafts- politische Situation im kulturhistorischen und sozialanthropologischen Zusammen- hang der Ursprungsländer untersucht werden.

Für die EU zeigt sich, dass der gesellschaftspolitische Zustand sowie die Lage der Organisierten Kriminalität auf dem westlichen Balkan (Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Kosovo, Montenegro, Mazedonien, Albanien) aufgrund der Kriege im ehemaligen Jugoslawien für die Sicherheit der EU entscheidend sind. Welche Größenordnung die OK auf dem Balkan im globalen Zusammenhang darstellt, wird ebenfalls in der ESS erläutert: „90 % des Heroins in Europa stammt von Mohn aus Afghanistan, wo vom Drogenhandel Privatarmeen unterhalten werden. Der Drogenvertrieb findet überwiegend über kriminelle Netze auf dem Balkan statt, auf deren Konto auch 200 000 der weltweit 700 000 Fälle von Frauenhandel gehen.“ 3 Dies bedeutet, dass kriminelle Vereinigungen aus einer kleinen Weltregion für etwa ein Drittel aller Opfer des globalen Frauenhandels verantwortlich sind. Die ESS

1 Die Europäische Sicherheitsstrategie wurde am 12. Dezember 2003 vom Europäischen Rat angenommen.

2 Der Menschenhandel (trafficking in human beings) zählt zu den schwersten Kriminalitätsformen und umfasst sowohl den Handel von Frauen, Kindern und Männern zwecks Prostitution als auch Handel mit Menschen zum Zweck der Zwangsarbeit oder dem Organhandel. Der Handel mit Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, ist die häufigste Erscheinung dieses Verbrechens, daher spricht man meistens vom Frauenhandel, der eigentlich ein Teilphänomen des Menschenhandels ist.

3 Vgl. Europäische Sicherheitsstrategie.

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nennt zwar im Allgemeinen OK-Netzwerke auf dem Balkan als Hauptverantwort- liche für unterschiedliche Formen der Schwerkriminalität, ohne jedoch näher auf das breite geographische und gesellschaftspolitische Spektrum der Balkanstaaten und somit auf die ethnische Zusammensetzung von OK-Gruppen im Einzelnen einzugehen. Dieser Sachverhalt soll unter anderem in diesem Beitrag näher erläutert werden.

Ziel dieses Artikels ist es also darzulegen, warum sich ethnische OK-Gruppen und Strukturen aus dem Balkan in bestimmten Deliktfeldern so erfolgreich durchsetzen konnten. Weiters gilt zu klären, ob es Unterschiede zwischen den einzelnen ethnisch strukturierten OK-Gruppen in den Staaten des westlichen Balkans gibt. Die Beant- wortung dieser Frage sollte zu einem differenzierteren OK-Bedrohungsbild für die EU führen. Obwohl in diesem Artikel keine phänomenologische Beschreibung einzelner Formen der Schwerkriminalität erfolgt, nimmt der Drogen- und Menschenhandel dennoch einen wichtigen Stellenwert in der gesamten Problematik ein. Insbesondere der Handel mit Heroin, der über die Landwege der westlichen Balkanstaaten in die EU gelangt und dort von entsprechenden OK-Netzwerken, die auch im Menschen- handel eine dominierende Stellung einnehmen, vertrieben wird. Die zentralen Frage- stellungen lauten:

a) Welche Besonderheiten weisen OK-Strukturen auf dem westlichen Balkan auf?

b) Gibt es Unterschiede innerhalb dieser OK-Gruppen?

c) Welche OK-Gruppen aus dem westlichen Balkan stellen die größte Bedrohung für die Sicherheit der EU-Staaten dar?

d) Welche Gegenstrategien können eingeleitet werden?

2. Begriffsklärungen

2.1. Organisierte Kriminalität Die Untersuchung von OK-Themen macht aus wissenschaftlicher Sicht einen multi- disziplinären Zugang zwecks optimaler Erkenntnisgewinnung notwendig. Vom sozial- wissenschaftlichen Gesichtspunkt her betrachtet, gilt die OK als ein Phänomen der sozialen Realität und erfordert als solches eine definitorische Abgrenzung. Es gibt eine Fülle an wissenschaftlichen und „administrativen“ Definitionen, die sich je nach Zweck unterscheiden. International gesehen ist die Definition der UN-Konvention gegen die Transnationale Organisierte Kriminalität maßgebend und normierte auch die nationale Gesetzgebung in vielen Staaten. Die UN-Konvention versteht unter einer OK-Gruppe Folgendes: „’Organized criminal group’ shall mean a structured group of three or more persons, existing for a period of time and acting in concert with the aim of committing one or more serious crimes or offences established in accordance with this Convention, in order to obtain, directly or indirectly, a financial or other material benefit.” 4

4 Nations Convention against Transnational Organized Crime A/RES/55/25, Article 2.

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Diese definitorischen Parameter der OK-Gruppen sind der Ausgangspunkt für Gegen- maßnahmen im Kampf gegen die OK. Abstrahiert man wesentliche Merkmale der

gesamten UN-Definition, sind OK-Gruppen durch folgende Kriterien charakterisiert:

• Struktur;

• Größe (mindestens drei Personen);

• Dauerhaftigkeit;

• Zweck (eine oder mehrere schwere Straftaten);

• Ziel (finanzielle oder materielle Vorteile).

2.2. „Balkan Organized Crime“ (BOC) Die definitorische und systematische Zuordnung von OK-Gruppen zu einem bestimmten geographischen Raum ist institutionellen Normierungsmaßnahmen unterworfen. Daher gibt es bei internationalen Organisationen, nationalen Behörden und akademischen Einrichtungen verschiedene Formen der Zuweisung von OK-Gruppen zur Balkanregion. In deutschsprachigen Fachpublikationen wird oft die begriffliche Erfassung von ethnisch strukturierten OK-Gruppen, sofern es sich nicht um explizite länderspezifische OK-Analysen handelt, allgemein unter dem Sammel- begriff „OK auf oder aus dem Balkan“ zusammengefasst. Neben dieser allgemeinen Beschreibung gibt es aber eine Reihe weiterer Sammelbegriffe für die Bezeichnung dieser OK-Gruppen.

In den USA wurde vom Federal Bureau of Investigation (FBI) der Begriff „Balkan Organized Crime“ (BOC) im Zuge einer kriminalpolitischen Initiative eingeführt, die später auch zur Etablierung einer eigenen, auf BOC spezialisierten, FBI-Einheit führte. Der BOC-Begriff selbst ersetzte im allgemeinen Dienstgebrauch die in den 1990er Jahren noch weit verbreitete Bezeichnung „Yugoslav/Albanian/Croatian/Serbian (YACS) Crime“. 5 Auch EUROPOL verwendet in seinem neuesten European Organized Crime Threat Assessment (OCTA) den Begriff „Balkan Organized Crime“. Der (ursprünglich amerikanische) BOC-Begriff erfasst OK-Gruppen aus den Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo,

Mazedonien, Albanien, Rumänien, Bulgarien und Griechenland. 6

verwendet die „Initiative Against Organized Crime“ (SPOC) des Stabilitätspaktes sowie die Southeast Cooperative Initiative (SECI) den Begriff „Organized Crime (OC) in South East Europe (SEE)“ und versteht darunter OK-Gruppen aus allen südosteuropäi- schen Staaten. Dadurch werden die im US-amerikanischen BOC-Begriff enthaltenen Staaten um Ungarn und die Türkei ergänzt. Hingegen bezieht sich der OK-Bericht des Europarates zwar auf die OK in Südosteuropa, doch nur die OK-Lage in Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Albanien

wird beschrieben. 7 Dass im Bericht des Europarates der Schwerpunkt ausschließlich auf der OK in den Staaten des westlichen Balkans liegt (obwohl Südosteuropa als

Adäquat dazu

5 Vgl. Richard A. Balezza: YACS Crime Groups (S. 7-12), in: FBI – Law Enforcement Bulletin, 11/1998.

6 Vgl. http://www.fbi.gov/congress/congress03/ashley103003.htm.

7 Europarat und Europäische Kommission, Situation Report on Organized and Economic Crime in South-eastern Europe, CARPO Regional Projekt, Strassburg 2006 (S. 5).

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Untersuchungsgebiet bereits im Namen des Berichts erwähnt wird), ist dadurch zu erklären, dass jene OK-Gruppen insgesamt eine Sonderrolle im Rahmen der gesamten OK-Problematik einnehmen.

3. OK und der westliche Balkan

3.1. Besonderheiten der OK-Gruppen auf dem westlichen Balkan Die Staaten des westlichen Balkans haben wesentliche Gemeinsamkeiten und sind auch für die OK-Gruppen von Bedeutung. Die Tatsache, dass sich die OK-Gruppen aus den westlichen Balkanstaaten in bestimmten Bereichen der Schwerkriminalität in den EU-Staaten und auch in Nordamerika durchgesetzt haben, beruht auf mehreren Faktoren, die im Einzelnen kurz präsentiert werden sollen.

Erstens liegt die Balkanhalbinsel und somit der gesamte westliche Balkan auf der wichtigen Verbindungslinie zwischen Asien und Europa. Diese so genannte Balkan- route, die schon seit Jahrhunderten für legalen und illegalen Handel genutzt wird, ist für die gegenwärtige OK-Problematik auf Grund des florierenden Drogenhandels auf dieser Bewegungslinie bedeutend. In der Regel sind entlang der Balkanroute besondere OK-Strukturen vorzufinden, die einerseits von Staat zu Staat in unter- schiedlicher Form und Intensität Einfluss auf die gesellschaftspolitischen Prozesse ausüben und andererseits mit ihren Netzwerken auf den illegalen Märkten in den EU-Staaten unterschiedlich starke Positionen einnehmen.

Zweitens wurden durch die Kriege in den 1990er Jahren die staatlichen Strukturen jener Länder dermaßen geschwächt, dass sie der Einflussnahme durch OK-Strukturen leicht ausgesetzt waren und immer noch sind. Die staatlichen Institutionen sowie die wesentlichen Wirtschaftsbereiche sind von OK-Netzwerken infiltriert. 8 Dazu kommt noch die florierende Korruption, die die kriminellen Machenschaften vor Strafver- folgungsbehörden zu einem erheblichen Teil bewahrt. Gegenwärtig sind OK-Gruppen auf dem westlichen Balkan eng mit staatlichen Stellen verbunden. Diese kriminellen Netzwerke sollen die Geheimdienste, das Militär, politische Eliten, paramilitärische Formationen, geistliche Autoritäten sowie führende Wirtschaftstreibende mit einbinden. 9 Auch diese Situation ist im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen zu sehen, denn die OK war im Rahmen der Kriegsökonomie eine wesentliche Finanzierungsquelle der Konfliktparteien. In der Regel waren es Angehörige diverser Sicherheitsapparate, die über OK-Aktivitäten Finanzmittel zur Abdeckung der Kriegs- kosten beschafft haben. Es kam zu einer regelrechten Kriminalisierung von Teilen des Militärs, der Geheimdienste und diverser paramilitärischer Bewegungen, die mit grenzüberschreitenden OK-Aktivitäten vor allem im Schlepperwesen, Drogen- und Waffenhandel große Geldsummen anhäuften.

8 Vgl. ebd. (S. 14).

9 Vgl. Understanding Balkan Organized Crime: A key to Success in Iraq? (Interview mit Mark Edmond Clark), www.ciaonet.org/special_section /iraq/papers/clm10/clm10.html.

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Drittens wurden die Volkswirtschaften durch die Konflikte ruiniert und im Zuge der Privatisierung kriminalisiert, weshalb weite Teile der Bevölkerung arbeitslos und somit in die Armut getrieben wurden. Laut Experten ist die Sicherheit der Staaten des westlichen Balkans durch die Wirtschaftskriminalität wesentlich stärker beeinträch- tigt als durch klassische Formen der OK. Denn Kapitalflucht, Wirtschaftsbetrug in großem Ausmaß sowie die Kriminalisierung im Zuge der Privatisierungen staatlicher Schlüsselbetriebe und wichtiger Industriezweige haben negative Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Daher sind einerseits schlechte sozioökonomische Be- dingungen sowohl das Resultat als auch die Ursache für die Bildung und Stärkung weiterer OK-Gruppen.

Viertens wurden durch die Schrecken der bewaffneten Auseinandersetzungen Bruta- lität und Gewalt gegenüber anderen Menschen zur alltäglichen Verhaltensweise. Die Gewalttätigkeit in den jeweiligen Gesellschaften wird von den OK-Gruppen forciert und gezielt eingesetzt. Die Brutalität scheint besonders ein Charakteristikum der OK- Gruppen aus den ehemaligen Konflikt- und Kriegsgebieten zu sein. Der Einsatz von Gewalt hilft, sich gegen Konkurrenten durchzusetzen, Opfer von Frauenhandel gefü- gig zu machen und mögliche Zeugen vor Gericht im Sinne der OK-Verdächtigen zu beeinflussen oder einzuschüchtern.

Fünftens können die OK-Gruppen aus den westlichen Balkanstaaten auf eine bestens etablierte und integrierte Diaspora innerhalb der EU-Staaten und Nordamerika zu- rückgreifen. Dies ermöglicht den Aufbau und die Aufrechterhaltung gut funktionie- render Vertriebsnetze für Drogen sowie Frauen im Rahmen der Zwangsprostitution.

3.2. Deliktfelder und Struktur Für die Sicherheit und das wirtschaftliche Überleben der westlichen Balkanstaaten ist die Wirtschaftskriminalität ausschlaggebend. Jedoch wird die Sicherheit der Men- schen sowohl in der Region selbst als auch in den Staaten der EU durch die OK-Akti- vitäten vor allem im Bereich der Schwerkriminalität direkt beeinträchtigt. Jene Deliktfelder, die von den OK-Netzwerken nicht nur auf dem westlichen Balkan, son- dern über Diaspora- und Migrationsnetzwerke auch in der EU betrieben werden, sind neben dem bereits öfter angesprochenen Handel mit Drogen, Menschen und Waffen auch die illegale Immigration (Schlepperkriminalität) sowie unterschiedliche Formen der Wirtschaftskriminalität. Die Planung kann dabei sowohl in den Operationsgebie- ten außerhalb der Heimat oder aber in den Ursprungsländern selbst erfolgen. In der Regel befinden sich die Hauptorganisatoren dieser Machenschaften in ihren Ur- sprungsländern, wo sie keine Strafverfolgung zu fürchten haben. Die Durchführung der grenzüberschreitenden Handlungen erfolgt durch gut organisierte und der Marktsituation angepasste Netzwerke. Modernste Kommunikationstechnik, konspira- tive Vorgehensweise und gute Verbindungen zu staatlichen Stellen sind weitere we- sentliche Merkmale dieser OK-Gruppen. 10

10 Vgl. Europarat und Europäische Kommission, Situation Report …, 2006 (S. 17).

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Die OK-Größenordnung auf dem westlichen Balkan wurde von Experten versucht zu ermitteln. Das Ergebnis von Untersuchungen, welche die Situation des Jahres 2005 darstellen, nennt die Zahl zwischen 2500-7500 Verdächtigen, die Mitglieder von OK- Gruppen in den Staaten des westlichen Balkans sind und grenzüberschreitend tätig sein sollen. Diese Gruppen bestehen in der Regel aus zwischen drei und zwanzig An- gehörigen, wobei es allerdings wesentliche Unterschiede zwischen den einzelnen eth- nischen OK-Gruppen gibt. 11 Der strukturelle und organisatorische Aufbau sowie die Funktionsweise der OK-Gruppen in den Staaten des westlichen Balkans scheinen mit einer Ausnahme gleich zu sein. Außer den albanischen OK-Gruppen besitzen alle an- deren Gruppierungen im OK-Bereich des westlichen Balkans eine flache Organisati- onsstruktur ohne strengen hierarchischen Aufbau und sind zudem in nicht ethnisch homogene Netzwerke eingebunden. Die Organisationsstruktur albanischer OK-Grup- pen ist hingegen durch klare Hierarchien und extreme Homogenität auf der Basis fa- miliärer Verwandtschaftsmuster charakterisiert. Im Unterschied zu den anderen BOC-Gruppen werden bei den albanischen Vereinigungen aus dem Kosovo auch hi- storisch-kulturelle Verhaltensregeln ausgehend aus dem Kanun angewendet. 12

3.3. Die Balkanroute Wie schon erwähnt, haben die Staaten des westlichen Balkans gemeinsam, dass sie auf der wichtigen geostrategischen Verbindungslinie zwischen Europa und Asien, der so genannten Balkanroute, liegen. Die Balkanroute ist gegenwärtig insbesondere wegen des Transports von Opiaten und Heroin aus Afghanistan 13 in die EU-Staaten bedeutend, wird aber auch für den Handel von synthetischen Drogen und Kokain aus der EU in die Balkanstaaten genutzt. Nicht nur Drogen, sondern auch Menschen und Waffen werden über die Balkanroute in beide Richtungen geschmuggelt und gehandelt. Jedoch stellt der Handel mit Heroin das größte Problem dieser Bewe- gungsachse dar. Seit Jahren ist zu verzeichnen, dass die Masse des afghanischen Opiums und Heroins über die Balkanroute nach Europa zum Verbraucher oder zum Weitertransport nach Nordamerika gelangt. 14 Die jüngsten Entwicklungen weisen auf eine Verschlimmerung der Drogenproblematik hin. Auf Grund des vermehrten Angebots ist auch die Nachfrage nach Heroin gestiegen. Bei anhaltend niedrigen Preisen geraten immer mehr Menschen in Abhängigkeit. Zudem gibt es mehr Drogen- tote, da die Qualität des Heroins gestiegen ist, die bei gleich bleibender Menge bereits zum Tod führt. 15

Die Balkanroute stellt keinen einheitlichen Weg dar, sondern ist in mehrere Teilrouten unterteilt. Während in UN-Berichten die Balkanroute lediglich in eine Westbalkan-

11 Vgl. ebd. (S. 16).

12 Vgl. http://www.fbi.gov/hq/cid/orgcrime/balkan.htm.

13 Der Opiumanbau in Afghanistan hat im Jahr 2006 mit 6.610 Tonnen einen neuen Rekord erreicht und deckt 92 % der weltweiten Opiummenge ab. Vgl. United Nations World Drug Report 2007 (S. 43f.).

14 Vgl. United Nations World Drug Report 2007 (S. 51 u. S. 182)

15 Interview mit einem österreichischen Strafverfolgungsbeamten mit langjähriger Erfahrung im Be-

reich der OK auf dem westlichen Balkan. Gespräch geführt und aufgezeichnet in Wien am 22. Januar

2008.

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und eine Ostbalkan-Route unterteilt wird, nimmt EUROPOL eine detailliertere Gliede- rung der Balkanroute vor. Im EU Situation Report von EUROPOL ist die Balkanroute in weitere Teilrouten unterteilt: 16

a) Die südliche Balkanroute: Türkei – Griechenland – Albanien und Italien.

b) Die zentrale Balkanroute: Türkei – Bulgarien – Mazedonien – Kosovo – Serbien – Montenegro – Bosnien und Herzegowina – Kroatien – Slowenien – Italien und/oder Österreich.

c) Die nördliche Balkanroute:

Unterer Nordabschnitt: Türkei – Bulgarien – Rumänien – Ungarn – Österreich; Mittlerer Nordabschnitt: Türkei – Bulgarien – Rumänien – Ungarn – Slowakei – Tschechien – Deutschland; Oberer Nordabschnitt: Türkei – Bulgarien – Rumänien – Polen – Ukraine – Deutschland.

Auf Grund der sichergestellten Menge von Opiaten und Heroin in Bulgarien und Rumänien ist in den letzen zwei Jahren eine teilweise Verlagerung des Transportes auf die „Ostbalkanroute“ zu verzeichnen. Die „zentrale Balkanroute“ über die Länder des westlichen Balkans ist aber nach wie vor die wichtigste Transportroute des Suchtmittels aus Asien nach Europa. 17 In der Praxis bedeutet das, dass in jenen Ge- bieten, durch welche das Opium und das Heroin am meisten geschmuggelt wird, auch Depot- und Weiterverarbeitungsstätten vorhanden und somit dort auch die einflussreichsten OK-Gruppen vorzufinden sind. In diesem Zusammenhang übertrifft das Kosovo alle anderen Länder, denn es gilt allgemein als das wichtigste Transport-, Lagerungs- und Aufbereitungsgebiet für Suchtmittel in der gesamten Region.

4. OK im Kosovo

Das Kosovo ist seit dem Ende des Krieges im Jahr 1999 auf der Grundlage der UN- Resolution 1244 völkerrechtlich (gegenwärtig noch) ein Teil Serbiens, das von der internationalen Staatengemeinschaft im Namen der UNO verwaltet wird. Deshalb hat das Kosovo eine doppelte Verwaltungsstruktur, die der United Nations Interims Mission im Kosovo (UNMIK) und die der albanischen Selbstverwaltung / Provisional Institutions of Self-Government (PISG). De facto ist das Kosovo also ein internatio- nales Protektorat, in dem OK-Gruppen und -Netzwerke eine im gesamten Balkan- raum unvergleichbare Position haben. Gemäß der UNMIK stellt die OK im Kosovo eine ernste Bedrohung für die Sicherheit und den Frieden in der gesamten Region dar.

Das Kosovo ist nach Erkenntnissen von internationalen Strafverfolgungsbehörden die wichtigste Depotdestination für Opiate und Heroin aus Afghanistan. So sollen bis zu

16 Vgl. EUROPOL: European Union Situation Report on Drugs Production and Drug Trafficking 2003- 2004 (S. 9).

17 Vgl. United Nations World Drug Report 2007 (S. 51).

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4-5 Tonnen Heroin monatlich über die Grenzen des Kosovos gehandelt werden. 18 In die Staaten der EU gelangt dann das Suchtgift über albanische Distributions- und Verteilerringe. Zudem ist das Kosovo nicht nur ein wichtiges Transitland, sondern auch ein Zielgebiet von Opfern des Frauenhandels, die über die Balkanroute zu den entsprechenden Destinationen gebracht werden. Mit allen kriminellen Handlungen zusammen wird eine große Geldsumme umgesetzt. Laut Schätzungen beträgt der Tagesumsatz der kosovarischen OK 1,5 Millionen Euro, was einen Jahresumsatz von 550 Millionen Euro ausmacht. 19

4.1. Kriegsökonomie im Kosovo Die Machtstellung der OK-Strukturen im Kosovo ist eng mit den Ereignissen während der bewaffneten Konfrontationen in den Jahren 1996-1999 verbunden. Mittels allgemeiner Grundsätze der Kriegsökonomie werden an dieser Stelle kurz die Entwicklungszusammenhänge der OK im Kosovo im gesellschaftspolitischen Kontext erläutert. Es wird daher auf allgemein empirische Erkenntnisse eingegangen, bevor die Situation im Kosovo im Konkreten präsentiert wird.

Gemäß kriegsökonomischen Prämissen haben Konfliktparteien mehrere Möglich- keiten, sich zu finanzieren. Weltweite Untersuchungen haben ergeben, dass die OK vor allem in internen Konflikten eine essenzielle Finanzierungsquelle bei bewaffneten Auseinandersetzungen darstellt. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn OK-Strukturen zur Finanzierung von Guerilla-Armeen im Kampf gegen staatliche Strukturen herangezogen werden. Während Staaten sowohl illegale als auch legale Mittel zur Kriegsfinanzierung einsetzen, sind Guerilla-Bewegungen von illegalen Finanzein- nahmen – insbesondere von grenzüberschreitenden OK-Aktivitäten – nahezu abhängig. 20 Dabei nimmt der Drogenhandel einen wesentlichen Stellenwert ein:

Die größten Gewinne im Rahmen der Kriegsökonomie werden im Allgemeinen durch den Drogenhandel erzielt. Alain Labrousse bezeichnet den Drogenhandel dement- sprechend als eine „Lebensader des Krieges“. 21 In dem Fall, dass das Kampfgebiet auf einer wichtigen Drogenroute liegt, werden Akteure bemüht sein, sich in den Handel einzuspannen, den Weitervertrieb zu organisieren und Drogenringe und Verteilernetzwerke auf den internationalen Märkten und in den Staaten der Endver- braucher zu etablieren. Dies scheint auch für das Kosovo zutreffend zu sein.

Nachdem der damalige serbische Machthaber Slobodan Milošević 1989/1990 die Autonomie des Kosovos aufheben ließ, wurde von den Albanern im Kosovo nicht nur

18 Vgl. Helmut Kramer / Vedran Džihić: Die Kosovo Bilanz – Scheitert die internationale Gemeinschaft?, Wien 2005 (S. 154).

19 Angabe aus einem nur für den Dienstgebrauch verfassten Bericht über Security Sector Reform auf dem westlichen Balkan vom Institut für Europäische Politik (IEP), Berlin 2007 (S. 53).

20 Illegale Kriegsfinanzierung wurde von allen Konfliktakteuren in den Kriegen in Kroatien, Bosnien und Kosovo angewandt.

21 Vgl. Alain Labrousse: Territorien und Netzwerke: das Drogengeschäft (S. 379-400), in: Jean-Christophe Rufin (Hrsg.): Ökonomie der Bürgerkriege, Hamburg 1999 (S. 379).

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eine parallele Verwaltungsstruktur aufgebaut, sondern auch eine Guerilla-Bewegung formiert, die den bewaffneten Kampf mit der Armee und Polizei der Belgrader Zentralregierung aufnahm. Die in die Kämpfe verwickelten Hauptakteure waren die albanische Befreiungsarmee des Kosovos / Ushtria Çlirimtare e Kosovës (UÇK), welche sich der jugoslawischen Volksarmee / Vojska Jugoslavije (VJ) sowie diversen Polizeieinheiten des serbischen Innenministeriums / Ministarstvo unutrajšnih poslavova (MUP) entgegenstellte. Sowohl die Parallelstrukturen als auch der Kampf der UÇK wurden auf unterschiedliche Art und Weise finanziert, wobei im Sinne der Kriegsöko- nomie auf OK-Methoden zurückgegriffen wurde. Insbesondere der Handel mit Drogen wurde eine lukrative und mit der Zeit eine der wichtigsten Finanzierungs- quellen für die albanische Befreiungsarmee im Kosovo. 22 Laut Interpol kontrollierten die Kosovo-Albaner bereits Ende der 1990er Jahre über ihre Diaspora den Heroin- markt in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Belgien, Norwegen, Schweden sowie Ungarn und der Tschechischen Republik. 23 Der Vertrieb von Heroin diente zunächst hauptsächlich der Kriegsfinanzierung. 24 Aber auch Menschenschmuggel und Menschenhandel wurden von der UÇK für die Finanzierung des bewaffneten Kampfes herangezogen.

4.2. OK-Akteure und politische Eliten Nach Kriegsende gründeten die führenden Persönlichkeiten und Kommandanten der UÇK ihre eigenen Parteien und beherrschen seitdem nicht nur die gesellschaftspoliti- schen Prozesse des Kosovos, sondern üben auch Kontrolle über wesentliche OK- Aktivitäten aus. Einige Quellen geben an, dass zum Teil Politiker auch Drahtzieher krimineller Netzwerke seien, die in EU-Staaten operieren. Schenkt man einem Bericht des serbischen Sicherheits- und Nachrichtendienstes / Bezbednosno-informativna agencija (BIA) Glauben, dann soll das Kosovo in drei OK-Zonen aufgeteilt sein. Gemäß dem Dokument sind diese Zonen gleichzeitig entscheidende Machtbasen der wichtigsten politischen Subjekte und entsprechender Familienclans. Als ein Beispiel für die Ver- bindungen zwischen OK und der politischen Elite des Landes wird auf der Grundlage der vorliegenden Quellen die Zone von Drenica angeführt.

Gemäß dem BIA-Bericht liegt diese Zone auf der Hauptverbindungsroute zwischen Montenegro und Mazedonien und soll von einer OK-Gruppe kontrolliert werden, die vor allem Waffen- und Menschenhandel betreibt. Diese OK-Gruppe soll angeblich unter dem Kommando des Vorsitzenden der Demokratischen Partei Kosovos / Partia Demokratike e Kosovës (PDK), Hashim Thaçi, stehen. 25 Teile eines an die Öffentlich-

22 Vgl. Andreas Heinemann-Grüder / Wolf-Christian Pates: Wag the Dog: The Mobilization and

Demobilization of the Kosovo Liberation Army, Bonn International Centre for Conversation (BICC), Friedrich-Naumann-Stiftung, Skopje 2001 (S. 13).

23 Vgl. Frank Cilluff / George Salmoiraghi: And the winner is

The Washington Quarterly, 3/1999 (S. 23).

the Albanian Mafia (S. 21-25), in:

24 Vgl. Antonio Maria Costas: Drugs, Crime, and Terrorist Financing – Breaking the Links, Conference on Combating Terrorist Financing, USA, UNODC, NATO, OSCE, Vienna, 9 November 2005 (S. 5).

25 Vgl. BIA: Albanski terrorizam i organizovani kriminal na Kosovu i Metohiji, 2003 (S. 25).

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keit gelangten Dokuments des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) scheinen die Informationen des zitierten BIA-Berichts zu bestätigen. Dieser Quelle nach wird Hashim Thaçi auch vom BND als einer der führenden Drahtzieher grenzüberschrei- tender krimineller Aktivitäten identifiziert. Anders als beim serbischen Dokument, wird Thaçi zudem mit dem Drogenhandel und mit Auftragsmorden in Verbindung gebracht. 26

Neben Hashim Thaçi werden im deutschen Bericht einer Reihe weiterer Persönlichkei- ten der politischen Elite, wie dem ehemaligen UÇK-Kommandanten und Parteivorsit- zenden der Allianz für die Zukunft des Kosovos /Aleanca për Ardhmërinë e Kosovës (AAK), Ramush Haradinaj, 27 eine direkte Verbindung zum Drogen- und Menschenhandel nachsagt. 28

Dass Hashim Thaçi als eine Schlüsselfigur der OK in offiziellen Quellen genannt wird, ist politisch deswegen so brisant, weil er nach dem Wahlsieg der PDK im November 2007 am 9. Januar 2008 vom Parlament in Priština/Prishtinë zum neuen Premierminister Kosovos gewählt wurde. Diese unmittelbaren personellen und strukturellen Verbindungen zwischen Politik und der OK sind gemäß Strafverfol- gungsexperten im keinen anderen Land so direkt gegeben wie im Kosovo. OK- Netzwerke im Kosovo haben nicht die staatlichen Institutionen wie in anderen Staaten des westlichen Balkans infiltriert, sondern stellen selbst das politische und administrative Establishment dar.

5. Albanische OK in EU-Staaten als Bedrohung?

Im Zusammenhang mit der Bedeutung von OK-Gruppen für die Sicherheit der EU- Staaten ist zu betonen, dass innerhalb der EU kriminelle Netzwerke aus allen Staaten des westlichen Balkans aktiv sind, jedoch sind albanische OK-Netzwerke mit Abstand die relevantesten unter ihnen. Obwohl in offiziellen Berichten in der Regel von ethnisch albanischen OK-Gruppen gesprochen wird – darunter finden sich Kriminelle aus Albanien und Mazedonien –, bestehen albanische OK-Netzwerke im Ausland hauptsächlich aus Albanern aus dem Kosovo. Dies liegt daran, dass die Albaner aus dem Kosovo auf Grund der Reisefreiheit im ehemaligen Jugoslawien die ältesten und größten Diaspora-Gemeinden in Westeuropa und auch in Nordamerika aufgebaut haben. 29

26 Vgl. Jürgen Roth: Rechtsstaat? Lieber nicht!, www.weltwoche.ch/artikel?AssetID=12373&CategoryID=73. Diese Quelle wird auch beim „Situation Report on Organized and Economic Crime in South-eastern Europe“ aus dem Jahr 2006 vom Europarat sowie der EU-Kommission (S. 106) zitiert, was die Qualität der Information zu bestätigen scheint.

27 Ramush Haradinaj war vom 3. Dezember 2004 bis 8. März 2005 Premierminister im Kosovo.

28 Vgl. Jürgen Roth: Rechtsstaat? Lieber nicht!, Weltwoche 43/2005.

29 Vgl. Clint Williamson: Balkan Organized Crime: The Emerging Threat (S. 42-48), in: International Organized Crime, United States Department for Justice Executive Office for United States Attorneys Office of Legal Education, Washington, vol. 51, no. 5/2003 (S. 44).

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Um die gegenwärtige Bedeutung der albanischen OK für die Sicherheit zu beschrei- ben, soll ein kurzer Vergleich mit der serbischen OK gezogen werden: Während der Ära von Milošević war die serbische OK in Europa und Nordamerika in wesentlichen Deliktfeldern der Schwerkriminalität stark vertreten und daher sicherheitspolitisch relevant. Doch nach dem Regimewechsel in Belgrad im Oktober 2000 verlor die serbische OK ihre Machtposition außerhalb Serbiens. Dies lässt einerseits Schlüsse zu auf den kriminellen Charakter des vorangegangenen Regimes, aber auch auf die Nutzung von OK-Aktivitäten im Rahmen der Kriegsökonomie. Als Paradebeispiele für eine staatlich gelenkte und mit OK-Mitteln finanzierte Truppe in den Balkankriegen gelten die serbische Freiwilligengarde / Srbska dobrovoljačka garda (SDG), besser bekannt als die „Tiger“ von Željko Ražnjatović Arkan, oder die serbische Spezialein- heit Rote Barette / Crvene beretke des Staatssicherheitsdienstes / Služba državne bezbednosti (SDB) unter dem Kommando vom Milorad Ulemek, alias „Legija“. So soll der ehemalige Geheimdienst SDB unter Milošević zudem direkt im Heroinhandel involviert gewesen sein. 30

Der US-amerikanische OK-Experte Clint Williamson, der auch Leiter der UNMIK- Justizabteilung war, zieht folgenden Vergleich zwischen der serbischen und albani- schen OK: „By the time Slobodan Milosevic fell from power in October 2000, the Serbian organized crime presence outside Serbia was significantly diminished. The new leaders, and their government patrons, were too busy making money and protecting their political interests in Serbia to pay much attention to the rest of Europe.“ 31

Während OK-Gruppen aus allen Staaten des westlichen Balkans insgesamt an Bedeutung verlieren, scheinen albanische OK-Gruppen vornehmlich aus dem Kosovo die Schwächung der Konkurrenten für sich ausgenutzt zu haben. Zudem gab es im Kosovo nach dem Krieg keinen wirklichen Elitenwechsel wie in anderen Staaten der Region, der neue und nicht ausschließlich aus der Kriegsära stam- mende Akteure hervorgebracht hätte. Daher haben albanische OK-Gruppen die Vormachtstellung in wichtigen Deliktfeldern eingenommen, die sie nun mit äußerster Gewalt gegen Konkurrenten verteidigen.

Das Wirken dieser OK-Gruppen wird von EUROPOL auch in Zahlen gefasst: Albanische OK-Gruppen, vornehmlich aus dem Kosovo, scheinen beinahe eine Monopolstellung auf den Heroinmärkten der EU zu haben. „Ethnic Albanian OC groups have increased their role in the trafficking of heroin. They are reported to control up to 80 per cent of such trafficking in some of the Nordic countries and 40 per cent of heroin trafficking in other Western European countries (…).” 32 EUROPOL gibt in seinem Bericht aus dem Jahr 2004 an, dass die albanische OK in „bestimmten Regionen die vollständige Kontrolle über bestimmte Kriminalitätsbereiche wie Drogenhandel,

30 Vgl. Miloš Vasić: Atentat na Zorana, Beograd 2005 (S. 11).

31 Clint Williamson: Balkan Organized Crime …, 2003 (S. 44).

32 EUROPOL: EU Organized Crime Report, Public Version, The Hague, 25 October 2005 (S. 11).

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illegale Einwanderung und Menschenhandel erlangte“. Für die Sicherheit der EU wird daher der folgende Schluss gezogen: „Albanische organisierte Kriminalität gilt als zunehmende Bedrohung der Mitgliedstaaten.“ 33

6. Zusammenfassung und Ausblick

Die OK-Gruppen auf und aus dem westlichen Balkan stellen eine eigene Gruppe von Kriminellen dar, die sich vor allem durch Verbindungen zur Politik und zu diversen Sicherheitsapparaten charakterisieren lassen. Dies ermöglicht ihnen relative Sicherheit vor Strafverfolgung in ihrer Heimat und garantiert ihnen bestes Know-how sowie Ausrüstung für die Begehung von organisierten Straftaten im Ausland, wo sie in bestimmten Bereichen eine dominierende Stellung einnehmen.

Obwohl die OK-Gruppen auf dem Balkan im Allgemeinen gewisse Ähnlichkeiten in ihrer Entwicklungsgeschichte, Struktur und Organisation aufweisen, hebt sich die albanische OK von diesen deutlich ab. Die OK im Kosovo stellt deshalb eine Aus- nahme dar, weil sie nicht in das staatliche System von außen eingedrungen ist, sondern selbst das politische System darstellt. Polemisch ausgedrückt stellen OK- Netzwerke eine „Kaderschmiede“ für junge und aufstrebende Politiker im Kosovo dar. Diese Tatsache muss auch unter dem Aspekt bewertet werden, welchen Einfluss dies auf die regionale Sicherheit im westlichen Balkan einerseits und auf die Sicherheit in der EU andererseits hat und in Zukunft haben wird. Die albanischen OK-Netzwerke, die in EU-Staaten ihren illegalen Aktivitäten nachgehen, scheinen eine wesentliche sicherheitspolitische Größenordnung darzustellen.

Die Stellung der albanischen OK aus dem Kosovo für die Sicherheit der EU ist gegenwärtig ein Problem, welches nur langfristig zu lösen ist. Jene Kräfte im Kosovo, die gegen die OK vorgehen sollten – so wie das Kosovo Police Service (KPS) – stehen ebenfalls im Verdacht, mit OK-Gruppen verbunden zu sein, weshalb Ange- hörige internationaler Organisationen kein Vertrauen in die lokale Polizei haben. Die lokale Verwaltung hat zunehmend Verantwortung von den internationalen Institutionen übernommen, so auch die KPS von der UNMIK-Polizei. Gerade diese Verantwortungsübergabe in Sicherheitsfragen führt zu einer Schwächung der Sicherheit und ist für die OK-Bekämpfung in weiterer Folge negativ. 34 Daher ist kurz- bis mittelfristig mit einer Verschlechterung der Situation zu rechnen.

Die EU wird in Zukunft mit wesentlichen Aufgaben im Kosovo betraut werden. Konkret bedeutet dies, dass die EU nach einer Unabhängigkeitserklärung des Kosovos für die OK-Bekämpfung die wesentliche Verantwortung wird tragen

33 EUROPOL: Lagebericht der EU über Organisierte Kriminalität, offene Fassung (deutsche Version), Dezember 2004 (S. 9).

34 Interview mit einem österreichischen Militärpolizisten, der mehrere Auslandseinsätze im Kosovo hatte. Gespräch geführt und aufgezeichnet am 18. Januar 2008 in Wien.

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müssen. In welche Richtung sich das Kosovo als ein potenziell souveräner Staat entwickeln wird, hängt in erster Linie von der wirtschaftlichen und sozialen Genesung ab, die nur durch ausländische Investoren erfolgen kann. Inwieweit aber ausländische Großinvestoren Interesse daran haben werden, in einem Land zu investieren, wo führende politische Entscheidungsträger selbst unter Verdacht stehen, in die Organi- sierte Kriminalität verwickelt zu sein, ist fraglich.

Es bleibt aber zu hoffen, dass der verarmten und in schlechten sozioökonomischen Verhältnissen lebenden Mehrheit der Bevölkerung im Kosovo bald durch wirtschaft- liche Maßnahmen geholfen wird. Solche Maßnahmen stellen langfristig nicht nur die beste Methode zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität im Kosovo, sondern auch in der EU dar.

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