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JacquesLacan

SCHRIFTE,NI
Ausgewählt und herausgegeben
von
Norbert Haas

übersetzt v,rn
Rodolphe Gasch6,Norbert Haas,
Klaus Laermann und Peter Stehlin
unter Mitwirkung von
Chantal Creusot

Quadriga
I)AS \flERK VON JACQUES LACAN
I IN.RAUSGEBER: JACQUES-ALAINMILLER

I r r t l c r r t sl tr c r S p r a c h c
l r t ' r ' , r r r s g c g t ' bvc( )l tn N o r b e r t H a a s
r r r r t lI l . r r r s. fo r r c l r i r rM
r ctz.gcr

I t ' k t , r r , t t(:, 1 ; r t rK
soclr
JacquesLacan

SCHRIFTENI
Ausgewählt und herausgegeben
von
Norbert Haas

Übersetzt von
Rodolphe Gasch6,Norbert Haas,
Klaus Laermann und Peter Stehlin
unter Mitwirkung von
Chantal Creusot

Quadriga
l ) i c i n d i e s e mB a n d e n t h a l t e n e nA r b e i t e n v o n
. l : r c q u c sl - a c a ns i n d e r s c h i e n e n
i n " F . c r i t s " ,P a r i s 1 9 6 6 .

Unlversitätc-
Bib!iothok V V\ -r/ \n, J rr: :, . "- : ]((
Mürrchert

OlP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

l.acen, Jacques:
l ) r s V e r k / v o n J a c q u e sL a c a n . H r s g . : J a c q u e s -
Alain Miller. In dt. Sprache hrsg. von Norbert
[{aas u. Hans-Joachim Metzger. - \üeinheim ;
llcrlin : Quadriga
N l ; . : l . a c a n ,J a c q u e s :[ S a m m l u n g . d t . ' ]
S ch r i f t e n .
l. Ausgew. und hrsg. von Norbert Haas. übers.
von Rodolphe Gaschd ... unter Mitw. von
(ihental Creusot. - 3., korr. Aufl. - 1991
ISIIN 3-88679-901-8

Allc l(celrrc, insbcsoncleredas Recht der Vervielfältigung


r r n t l V c r [ r r c i t u n gs o w i c d e r Ü b e r s e t z u n g ,v o r b e h a l t e n .
'l'crl
Kcirr tlcs Verkes darf in irgendeiner Form
( r l r r r t l r I i o t o k o p i c , M i k r o f i l m o d e r e i n a n d e r c sV e r f a h r e n )
, r l r r r cr c l r r i l t l i c h c G e n e h m i g u n gd e s V e r l a g e sr e p r o d u z i e r t o d e r
r r r r t c rV c r w c n d u n g c l e k t r o n i s c h e rS y s t e m ev e r a r b e i t e t ,
v c r v r c l l i l t i g r o d c r v c r b r c i t e tw e r d e n .

t ß tl i l i t i o n s d u S e u i l . P a r i s 1 9 6 6
rg l9tt6 ()uadriga Verlag, \feinheim, Berlin
o 1 9 9 1 ,. 1 .k o r r . A u f l a g e
Vicrlcrverirffcntlichung der im rtüalter-VerlagOlten
l ' 1 7 . ]c r s t h i e n c n e n A u s g a b e .
( icrlrntherstcllung: f)ruckhaus Beltz, 6944 Hemsbach

: enfred Manke
I l r r r r e h l r g g c s t a l t u n gM

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Inhalt

D A S S E M I N A RU B E RE .A . P O E S
. D E R E N T I W E N D E TBER I E F " 7
DarstellungdesweiterenVerlaufs 4r
Einführung 44
Parenthese (r966) j4
der Parenthesen

I'DASSPIEGELSTADIUM A L S B I L D N E RD E R I C H F U N K T I O N ,
Vie sieunsin der psydroanalytisdren Erfahrung ersdreint
(Beridrt für den r6. InternationalenKongreßfür Psydroanalyse
inZüridr amrT.Juli r949) 6t

F U N K T I O NU N D F E L DD E SS P R E C H E NUSN D D E R
S P R A C H EI N D E R P S Y C H O A N A L Y S E
(Beridrt auf dem Kongreßin Rom am 26. und 4. Septemberr953
im Istituto di Psicologiadella Universitädi Roma) 7r

Vorwort 73
Einleitung 78
I. LeeresSprecJren
und vollesSpredrenin der psydroanalytisdren
DarstellungdesSubjekts 84
II. Symbol und Spradreals Struktur und Grenzbestimmung des
psydroanalytisdren
Feldes rot
III. Die Resonanzder Interpretation und die Zeit desSubjektsin der
psydroanalytisdrenTedrnik rjr

DIE AUSRICHTUNG DERKUR UND DIE PRINZIPIEN


IHRER MACHT
(Vortrag beim Kolloquiumvon Royaumontro.-r3. Juli r9y8) 17L

I. \t?eranalysiertheute? 17t
II. IfleldrerPlatz gehörtder Interpretation? r8r
III. I7oran ist man mit der Ubertragung? r9r
IV. rtfliemit seinemSeinagieren 2o3
V. Man muß dasBegehrenbuchstäblidrnehmen 2ro
11DAS SEMINAR ÜBER E.A.POES
.DER ENTTTENDETE BRIEF,'

I A.d.Ü.: Im Original lautet der Titel Baudelaires Übersetzung folgend Le sdminaire


sur .La lettre vol6e'. In der deutsdren Übersetzung geht audr verloren, daß letne
Brief und Bud-rstabeheißt, was wir bei Gelegenheit mit dem Kunsrwort .Letter> um-
sdrreiben.
Und wenn esuns glüdtt,
Und wenn essidr sdridrt,
So sind esGedanken.

unsere Forsdrunghat uns zu der Erkenntnisgeführt, daß das Prinzip


des lüTiederholungszwangs2 in dem gründet, was wir die Insistenz der
signifikantenKette nannten,DiesenBegriff habenwir ausseinerKor-
relationzu Ex-sistenz(oderaudt:zum exzentrisdtenOrt) abgeleitälin
-äer
*ir das Subjekt des Unbewußten,wollen wir die Entdedrung
Freudsernstnehmen, anzusiedelnhaben.Bekanntlid'rist in der von der
Psychoanalyse inauguriertenErfahrung zu begreifen,mittels welcher
rüflinkelzüge
desImaginärendieseSymbolwerdungbis ins Innerstedes
mensdrlichen Organismussidr auswirkt.
DiesesSeminarsoll lehren,daß dieseimaginärenInzidenzen,die keines-
wegs das lVesentlidreunsererErfahrung repräsentieren'uns nur In-
konsistentesliefern, es sei denn, sie werden auf die symbolisdreKette
bezogen,die sieverbindetund ausridrtet.
Gewiß,wir kennendie Vidrtigkeit der imaginärenPrägungen3 in jenen
Aufteilungender symbolisdrenAlternative, die der signifikantenKette
ihren Verlauf geben.Vir behauptenaber, das dieserKette eigentüm-
lid:e Gesetzregieredie für das Subjekt determinierenden psydroana-
lytischenEffekte: die Verwerfung, die Verdrängung,die Verneinung
selbst- wobei wir, was die ricltige Akzentuierunganbelangt,verdeut-
lidren müssen,daß dieseEfiekte sotreu der EntstellungadesSignifikan-
ten folgen,daß die imaginärenFaktoren,trotz ihrer Trägheit,hier nur
in Gestaltvon Sdrattenund Spiegelungen auftreten.
Audr wäre dieserAkzent vergebensgesetzt,sollte er in Ihren Augen
nur dazu dienen,eineallgemeineForm von Phänomenen zu abstrahie-
ren, derenPartikularität in unsererErfahrung das Wesentlidrefür Sie
bliebe,und deren ursprünglidreZusammensetzung nur künstlidr aus-
einanderzubredren wäre.
rz Deshalbkamenwir darauf, dieVahrheit, die sidr ausdemMoment des
FreudsdrenDenkens, daswir untersudlten,ergibt,daß nämlidr die sym-
bolischeOrdnung konstitutiv seifür das Subjekt,Ihnen heutean einer

t A.d.Ü.: Im Original deutsdrin Klammern. Lacan übersetzt\fiederholungszwang


mit cutomatisme de rip|tition statt mit dem gebräudrlidtencompilsion de röpätition,
E A.d.Ü.: Im Original: imprögnationsimaginaires(Prägung)'
{ A.d.Ü.: Der Originaltext bringt die Termini Verwerfung, Verdrängung,Vernei-
nung, Entstellungdeutsdrin Klammerzusätzen,
Cieschic}te zu illustrieren; und zwar indem wir Ihnen an dieserGe-
s&ichte darstellen,wie das Subjekt aus dem Durdrlauf einesSignifi-
kanteneinehöhereDeterminierungerfährt.
I)ieseVahrheit, das wollen wir festhalten,ist nodr die Voraussetzung
clerFiktion. Folglidr eignetsidr eineFabelso gut wie jede andereGe-
sciichte,sie ins Lidrt zu rüd<en- wobei nicht zu vermeidenseinwird,
dicseauf ihre Kohärenzhin zu überprüfen.Von diesemVorbehalt ab-
gcschen, besitztsiejedoö den Vorzug, die NotwendigkeitdesSymboli-
sdrenum so reinerzu manifestieren,als sieuns vom Arbiträren regiert
crsdreint.
Aus diesemGrunde habenwir, ohne weiter zu sudren,unserBeispiel
jcncr Gesclic"hte entnommen,in der die Dialektik desSpielsvon "Grad
rrdcrUngrad", die wir uns kürzlic.trzuntrtzegemachthaben,enthalten
ist.Daß sichdieseGeschidrte überdiesals vorteilhaft erwiesenhat,einen
[.Jntersuc]rungsgang fortzusetzen,der sichsdronauf sie bezogenhatte,
ist ohne Zw eifel kein Zuf all.
I'ls handelt sicl, wie Sie wissen,um die von BaudelaireübersetzteEr-
z.ählung:.Der entwendeteBrief., In einer erstenAnnäherungmuß in
ihr cin Drama von seinererzählerischen Darstellungund den Voraus-
sctzungendieserDarstellunguntersdrieden werden.
lrn übrigenwird man sdrnellsehen,was dieseKomponentennotwendig
matfit, und man wird sehen,daß sie den Absidrtendesjenigen, der sie
zusarnmcngesetzt hat, nidrt entgangenseinkönnen.
l)ic crz.ählerisdre DarstellungverdoppeltdasDrama durdr einenKom-
rncrltltr,ohne den keine Inszenierungmöglidr wäre. Sagenwir, seine
I hrrdlung bliebe anderenfallsvom Zusdrauerraumher eigentlidrun-
sichtbar,außerdemfehlteseinemDialogentsdrieden, audr schonvon den
Arrforderungen desDramasher, jeder Sinn,den ein Zuhörermit ihm
vcrknüpfen könnte; mit anderen'\üü'orten: nichtsvom Drama könnte
in Iirscheinungtreten, könnte vom Auge oder durdr das Ohr aufge-
nonlrncnwerden,ohnedasLicht, dasdie Erzählungauf jededer Szenen
wirft vom Gesicltspunktaus, den jeder der Akteure hatte, als er sie
spicltc.
lls sind zwci Szenen.Die erstebezeidrnenwir sofort als Urszene,nidrt
denn die zweitekann als ihre Viederholungangesehen
rurrrrbsidrtlidr,
werdcnin dcm Sinne,der hierzur Debattesteht.
l)ic Urszenc,sagt man uns, spielt also im königlidrenBoudoir,und l 3
zwllr s(),clirßwir vermutenkönnen,diePersonvon allerhödrstemStan-
rlc, sic wird auchocrlaudrtePerson'genannt,die sidr dort alleinauf-
hält, wie sieeinenBrief empfängt,seidie Königin. DieseAhnung wird
durdr die Verlegenheitbestätigt,in die sie durdr den Eintritt der an-
deren erlauöten Persongebraclt wird, von der man uns sdron vorher
gesagthat, daß, nähmesie von dem genanntenBrief Kenntnis,nidrts
Geringeresaufs Spiel gesetztwäre als Ehre und Seelenruhe der Dame.
Alle Zweifel, daß essidrwirklidr um den König handelt, werden in der
Tat sdrlagartigdurdr die Szenebehoben,die mit dem Eintritt desMi-
nistersD... beginnt.In diesemAugenblidrkonntedie Königin in der
Tat nichtsBesseres tun, als sichdie UnaufmerksamkeitdesKönigs zu-
nutze madrend,den Brief umgedreht,.die Adresseobenauf" liegenzu
lassen.Dieseentgehtallerdingsnidrt dem Luc}saugedesMinisters,um
so mehr als er die Verwirrung der Königin bemerkt und so ihr Ge-
heimniserrät. Von nun an läuft alleswie in einemUhrwerk ab. Nadr-
dem er in der ihm eigenenManier und mit dem ihm eigenenSdrarfsinn
die öffentlichenAngelegenheiten erörtert hat, zieht der Minister aus
seinerTasdreeinenBrief, der dem in Rede stehendenin etwa ähnelt,
stellt sidr, als leseer, und legt ihn dann nebenden anderenhin. Nadr-
dem er noc} mit ein paar'Wortendie königlicle Gesellsd-raft unterhal-
ten hat, nimmt er den kompromittierendenBrief jäh an sidrund bridrt
raschauf, ohne daß die Königin, die seinTreiben beobadrtethat, ein-
greifenkann, will sienidrt Gefahr laufen,die Aufmerksamkeitdeskö-
niglidrenGemahlszu wedren,der in diesemAugenblicl didrt an ihrer
Seitesteht.
Einem mögliclen Zusclauerhätte also die ganzeOperation, bei der
niemandgestörthat, verborgenbleibenkönnen: ihr Quotienr besteht
darin, daß der Minister der Königin ihren Brief entwendethat und
daß, und dies stellt ein nochbedeutsameres Ergebnisdar, die Königin
weiß, daßer esist, der ihn jetzthat, und dasniclt sdruldlos.
Ein Rest, den kein Analytiker außer Adrt lassenkann, da er darauf
dressiertist, alles, was zum Signifikantengehört, festzuhalten,audr
wenn er nicht immer weiß, was er damit anfangensoll: der Brief, den
der Minister hinterläßt und den die Hand der Königin jetzt zu einer
Papierkugelzerknüllenkann.
Zweite Szene:im BureaudesMinisters.SeinPalaisund dessenUmge-
bung- wir wissendavon ausdemBerichtdesPolizeipräfektenan jenen
Dupin, desseneigentümlidreGabe,rätselhafteFälle aufzuklären,Poe
hier zum zweitenmaleinführt - hat die Polizei seitadttzehnMonaten
gründlichdurdrsudrt,indem sie dorthin so oft zurüdrkehrte,als es die
nädrtlidreAbwesenheit,eineder GewohnheitendesMinisters,erlaubte.
I I
ta Vergeblich- obwohl jeder aus der Situation schließenkann, daß der
Minister diesenBrief zur augenblicJrlidren Verfügungbereithält.
Dupin läßt sidr beim Minister melden.Dieserempfängtihn mit beton-
tcr Gleidrgültigkeit,mit \ü/orten,die den Ansdreineinesromandsdren
Ennui erwedrensollen.Dupin jedocJr,der sidr durdr dieseVerstellung
nidrt täuschenläßt, mustert unrer dem Sdrutz einer grünen Brille die
Gemädrer.Als seinBlidr sdrließlidrauf ein stark zerknittertesBillett
fällt, dasgänzlidrverlassenim Fadr einessdräbigenKartenhaltersaus
Pappkartonsteckt,der durdr seinenFlitter den Blid<auf sidr zieht und
just in der Mitte desKaminsimses hängt,weiß er auchsd-ron, daß er ge-
fundenhat, was er sudrte.SeineUberzeugungfestigtsidr durdr die Ein-
zelheiten, die sämtlidr dazu angetan sdreinen,der ausführlidren Be-
sdrreibung,die er von demenrwendeten Brief besitzt,zu widerspredren
bis auf dasFormat,dasmit ihr übereinstimmt.
l;,r kann sidr alsogetrostverabschieden, freilidr nidrt ohnevorher noch
seineSdrnupftabakdose auf dem Tisch zu (vergessen> und mit einem
Ilrief bewaffnet,der dem gegenwärtigenAussehendesgesudrtenähn-
lidr sieht, am nädrstenMorgen wieder vorzuspredren,um sie abzu-
holen. Vährend einesZwisdrenfallsauf der Straße,der für den ridr-
tigen Augenblidrvorbereitetworden ist, und bei dem der Minister ans
Itenstereilt, nutzt Dupin die Gelegenheit,nun seinerseits den Brief an
sich z.u nehmenund ihn durdr den ähnlidrenzu ersetzen;er braudrt
jctz.tnur nocl gegenüber dem Minister den SdreineinesnormalenAb-
sdrieds zu wahren.
Audr hier ist alles,zwar nidrt geräusdrlos, dodr ohneLärm vonsrarten
gcgangen.Der Quotient der Handlung bestehtdarin, daß der Minister
dcn Brief nidrt länger besitzt, davon allerdingsnidrts weiß und erst
rcdrt nicht ahnr, daß Dupin esist, der ihn ihm geraubthat. \?as ihm in
der Fland bleibt, ist darüberhinausfür den weiteren Verlauf keines-
'$üir
wcgs unsignifikant. werden nodr darauf zurüd<kommen,wieso
l)upin seinennachgeahmten Brief mit einem Spottversversehenhat.
!(/ie dcm audr sei:der Minister wird in ihm, will er ihn verwenden,fol-
'Worte
gende lesenkönnen,die gesdrrieben wurden, damit er in ihnen
die I-landsdrriftDupinserkennensoll:
. . . Iln dessein
si funeste
S' il n'cstdigned' Atröe, estdignede T hyeste.
Vorte, dic Dupin zufolgeim *Arreusovon Crdbillonzu findensind.
Mrrßrrodreigenshervorgehoben werden,daß diesebeidenHandlungen
sind?Ja, denndie Ahnlidrkeit,die wir im Augehaben,ist nidrt
::"r|'*
aus der einfadrenZusammenstellung von Zügen gebildet,die nur zu
dem einzigenZwed<ausgewählt sind, Es
ihre Differenz auszugleidren.
würde außerdemnidrt genügen,dieseZid;gevonAhnlichkeit auf Kosten
der anderenfestzuhalten,damit irgendeinerüflahrheitdaraus resul-
tierte. Vielmehr wollen wir die Aufmerksamkeitauf die Intersubjek-
tivität lenken,in der die beidenvon unsdargelegten Handlungenmoti-
rs viert sind, wie audr auf die drei Glieder, mit deren Hilfe sie diese
strukturiert.
Der Vorrang derselbenbemißt sidr daran,daß siezugleicl den drei lo-
gischenZeiten, durdr die die Entsdreidungvorangetriebenwird, und
den dreiOrten gehordren, die sieden Subjekten,weldre sievoneinander
trennt, zuweist.
Diese En*dreidung liegt im Moment einesBlidrs bescllossens. Denn
selbstwenn dieserunbemerktin ihnen sidr fortsetzt,fügen die Ränke,
die sichausihr ergeben,ihr nidrts hinzu, so wenig als der Aufschubaus
Gründender Opportunität in der zweitenSzenedie Einheit diesesMo-
mentsdurdrbridrt.
DieserBlidr setzt zwei weitere voraus, die er zusammenfaßtin ihrer
trügerischen KomplementaritäteineOffnung lassendund so dem Raub
vorgreifend,zu dem dieseAufdedtung einlädt. Drei Zeiten folglich,
die drei Blidre ausridrten,weldrendrei Subjekteunterlegtsind, die je-
weilsvon versdriedenen Personenverkörpertwerden.
Die ersteist die einesBlidrs, der nidrts sieht:Das wäre der König und
die Polizei.
Die zweitedie einesBlid<s,der sieht,daß der ersteniclts siehtund sidr
durch die Hoffnung ködern läßt, verdedrt zu sehen,was er verbirgt:
Das wäre die Königin, dann der Minister.
Die dritte, die sieht,daß diesebeidenBlidre das zu Verbergendeoffen
liegen lassenfür den, der sidr seinerbemädrtigenwill: Das wäre der
Minister und sdrließlidrDupin.
Um den so besdrriebenen intersubjektivenKomplex in seinerEinheit
begreiflicl'rzu madren,mödrtenwir ihn mit der dem Vogel Strauß in
der Fabelzugesdrriebenen Tedrnik vergleidren,mit derenHilfe dieser
sicl vor Gefahrensdrützt;denn dieseverdienteessdrließliclals politi-
sdrebestimmtzu werden,insofernsiehier auf drei Teilnehmerverteilt
ist, von weldren der zweite sidr unsichtbardünkt, aufgrund der Tat-

5 Die norwendigeReferenzist hier unserVerstchiber Die logischeZeit und die Assertion


der antizipierten Gezoifheit, in: Schiften 111,S. ror.

IJ
sacle,daß der ersteseinenKopf in den Sandgesteckthat, während er
sich von einem Dritten in aller Ruhe die Federn aus dem Hinrern
rupfen läßt; man müßtenur die spridrwörtlidreBezeiclnungdavon um
cinen einz-igenBuchstabenbereidrern,um aus ihr die politique de
l'autruicbe6zu madren,damit sie sdrließlichvon nun an in sidr einen
ncucnSinnfände.
Nadrdem wir in dieser'Weisedas intersubjektiveMuster für die sidr
wicderholendeAktion angegeben haben,brauc}enwir in ihr nur nodr
<lenWiederholungszwangTin derjenigenBedeutungwiederzuerkennen,
die unsim Text von Freudinteressiert.
I)ic Pluralität der subjektekann selbstverständlichkein Einwand sein
für all jene, die seit langem sdronmit der Perspektivevertraut sind,
rlic unsereFormel: das Unberau$teist der Diskurs desAndern zusam-
rncnfaßt.Deshalbwerden wir, was der Begrifi der Einmisdrungder
Subjckteihr hinzufügt - wir habenihn unlängsteingeführt,als wir die
Analyse des Traums von Irmas Injektion wiederaufnahmen-, hier
nidrt in E,rinnerung gerufen.
'Was
uns heuteinteressiert,ist die Art und Weise,in der sidr die Sub-
jckte in ihrer Versdriebungsim Laufe der intersubjektivenVieder-
lrolungablösen.
Vir werden sehen,daß ihre Versdriebungdurdr den Ort bestimmt
wircl, dcn der reine Signifikant,der entwendeteBrief, in ihrem Trio
cinnimn,t. Genaudarin wird die Versdriebungsidr uns als rViederho-
I rrngsz.wang darstellen.

Ilcvor wir diesenWegbeschreiten, scheintdie Fragenidrt unangebradrt,


.[r dic Absic]rtder Erzählungund dasInteresse,daswir für sieaufbrin-
gcn,sofcrnsiesidrüberhauptdecl,en,nichtanderswozu sudrensind.
Kiinncn wir die Tatsadre,daß die Geschidrteuns als ein Kriminalfall
crz.ühltwird, schlidrtfür eine Rationalisierunghalten,wie wir uns in
unscrerungeschladrten Spradreausdrüdren?
ln rtüahrheithätten wir das Recht,dieseTatsadrefür wenig gesidrert
zu haltcn,zumal all das,wodurdr ein solchrätselhafterFall von einem

I A.d.U.: Attruiche ist zusammengesetzr


aus aatryi : der andere und astrudte :
Vogel Strauß.
t A.tl.[),:S. Anm. r.
r A.d,U.: If ier und in den folgenden
Zeilen steht im Original döplacement, das La-
t,ur, vgl. dcn Beginn der vorlesung, gegen den Braudr audr für.Entstellung" ver-
wcrrdct.

t1
Verbredrenoder einemVergehenher motiviert wird - das heißt seine
'Werkzeuge
Natur und seineBeweggründe, und Ausführung,das Ver-
fahren, mit dessenHilfe der Urheber aufgefunden,wie audr die Art
und \üüeise,wie er überführtwird -, hier bei BeginnjederPeripetiesorg-
fältig eliminiertist.
I)er Betrugist von Anfang an tatsädrlidrebensooffensidrtlidr,wie die
S&lidre des Sdruldigenund ihre Auswirkungen auf sein Opfer. Das
Problem besdrränktsidr im Augenblidr, in dem es Yor uns entfaltet
wird, auf die Sudrenadr dem Objekt, das mit dem Betrug verbunden
ist, mit dem Zwed<seiner\üiedererstattung;es sdreintauchAbsidrt,
daß die LösungdiesesProblemsin dem Augenblid<,in dem esvor uns
ausgebreitet wird, sdrongefundenist. Ist es das,wodurdr man uns in
Atem hält? !üflas immer man von einemGenreund von seinenKonven-
tionen erwartenmag, wenn esdarum geht, beim Leserein spezifiscles
Interessezu wecken,wir wollen nidrt vergessen, daß "der Dupin", der
hier zum zweiten Male auftritt, ein Prototyp ist, und daß der Autor,
wenn das Genre sidr nur dem erstenverdankte, ein wenig früh mit
einerKonventionspielte.
rz Es wäre aber ebenfallsübertrieben,das Ganzeauf eineFabelzu redu-
zieren,deren Moral die wäre, daß es genüge,die Sclriftstückejener
Korrespondenzen, deren Verheimliclung der Ehefriedemanchmaler-
fordert, auf unseremTisdr liegen zu lassen- und sei audr mit ihrer
signifikantenSeitenadr unten -, um sie den Blickenzu entziehen.Das
ist ein Trugschluß, dem niemandverfallensoll; er könnteGefahrlau-
fen, enttäuscltzu werden,wenn er sidr drauf verläßt.
So beständealsoder rätselhafteFall von SeitendesPräfektenin nichts
anderemals einemUnvermögen,das Ursadrefür seinenMißerfolg ist,
womöglichnochvon SeitenDupins in einervon uns nur zögerndzuge-
standenenUnstimmigkeit zwisdrenden bestimmtsehr scharfsinnigen,
wenn audr in ihrer Allgemeinheitnidrt durdrwegabsolutstichhaltigen
Bemerkungen und der Art und'Weise,auf die er tatsädrlicheingreift.
'\üüürden
wir unsetwasstärkerdemGefühl überlassen, Sandin denAu-
gen zu haben,würden wir uns bald einmal fragen- von der Anfangs-
szenean, die nur durdr den Rang ihrer Protagonistenvor dem Vaude-
ville gerettetwird, bis zum Sturz in die Lä&erlidrkeit, die dem Mini-
ster zum Schlußoffenbarbestimmtzu seinsdreint-, ob unserVergnü-
genhier nidrt darin liegt, daß allenübel mitgespieltwird.
Vir wollten das um so lieber annehmen,als wir dabei mit all jenen,
die uns hier lesen,die Definition wiederfänden,die wir an anderer
rt
Stellevom modernenHelden gegebenhaben,
"den lächerlidreHelden-
taten in einerSituationder Verirrung auszeidrnenre.
\üerden wir aber nidrt selbstdurch die Vortrefflidrkeit des Amareur-
detektivs gefesselt,Prototyp einesneuenMaulhelden,der nodr vor der
Abgesclmadrtheitdeszeitgenössisdren .Supermann"bewahrtist?
Ein Sclerz,der uns vom Gegenteilüberzeugtund der uns in dieserEr-
z.ählungeineso vollkommene\Tahrscheinlidrkeit konstatierenläßt,daß
man sagenkann, die lfahrheit enthülltesoihre fiktive Ordnung.
Denn das ist genaudie Ricltung, in die uns die Gründe dieser]ü(ahr-
sdreinlichkeitführen. Indem wir uns zunädrstihrer Verfahrensweise
nähern,nehmenwir in der Tat ein neuesDrama wahr, das wir als
komplementär zvm erstenbegreifen,sofern diesesein Drama ohne
\üorte war, währenddasInteressedeszweitenist, auf den Eigensdraf-
tcn desDiskurseszu spielenlo.
\rlü'ennnun klar ist, daß jede der beidenSzenendeswirkliöen Dramas
uns oflenbar im Verlauf eines jeweils versdriedenenDialogs erzählt
wird, brauclt man nur mit den Begriffen,die wir mit unsererLehrezur
Oeltungbringen,gerüstetzu sein,um zu erkennen,daß dasnidrt einzig
und allein um der Bequemlidrkeitder Expositionwillen geschieht, son-
clern,daß diesebeidenDialogedadurdr,daß sievon den Möglichkeiten
desSprechens entgegengeserzten Gebraudrmadren,selbstdie Spannung
gcwinnen,die nun ein neuesDrama sdrafft,dasunserVokabular vom
erstcnuntersdreidet alseines,dasin der symbolisdrenOrdnung steht.
I)cr ersteDialog - zwisdrendem Polizeipräfektenund Dupin - spielt
sichab als der einesStummenmit einem,der hört. Das heißt,er präsen-
ticrt tatsächlichdie Komplexität dessen, was man gemeinhin,mit dem
IirgebnisgrößterKonfusion,zum Begrifi der Kommunikation verein-
fa<ht.
An diesemBeispielläßt sidr in der Tat begreifen,wie die Kommunika-
tion den Eindrudr vermitteln kann - bei dem die Theorieallzu oft sre-
hcn blcibt -, daß sie in ihrer übermittlung nur einen einzigenSinn
transportiere,so als ob der bedeutungsvolle Kommentar,mit dem der,
der hört, ihn in übereinstimmungbringt, für neurralisiertgehalten
werdenkönnte,nur weil er dem,der nicht hört, entgeht.
llält man im übrigennur den referierendenCharakterdesDialogsfest,
t Vgl. Funktion und Feld desSpredrensund der Spraöe in der Psydroanalyse, unten
S. llo.
r0 l)as vollc VerständnisdesFolgendensetztnatürlidr die wiederholteLektüre dieses
rehr vcrbreitctenund außerdemkurzen Textes.Der entwendeteBrief, voraus.

r6
dann zeigt sich, daß seine \üüahrsdreinlichkeit auf der Garantre der
Exaktheit spielt. Indessenist er dann dodr fruchtbarer, als es sdreint,
wenn wir nur seineVerfahrensweise aufde&.en:\ü?irwerdenuns aber,
wie man sehenwird, auf die Erzählung unserererstenSzenebesdrrän-
ken.
Denn der doppelteund sogardreifadresubjektiveFilter, durö den sie
uns erreidrt: - Erzählung des Freundesund Vertrauten Dupins, den
wir fortan generellals den Erzähler der Gesdridrtebezeidrnen,der Ge-
sdrichte,durdr die der Präfekt Dupin informiert, und zwar über den
Beridrt, den ihm die Königin erstattethat - ist hier mehr als die Folge
einerzufälligenAnordnung.
'Wenn
die äußersteVerlegenheit,in die die ursprünglidreErzählerin ge-
rät, aussdrließt,
daß siedie Ereignisse veränderthat, hätte man Unrecht
zu glauben,der Präfekt seihier nur seinerEinfaltsarmurwegen,auf die
er sozusagen schonpatentiertist, befähigt,der Königin seineStimmezu
leihen.
Die Tatsadre,daß die Botschaftin dieserVeise zum zweitenmalüber-
mittelt wird, bezeugt,was absolutnidrt selbstverständlidr ist: daß sie
nämlidr tatsädrlidr der Dimensionder Spradreangehört.
Die hier anwesendsind, kennen unsereeinsdrlägigenBemerkungen,
insbesondere, waswir am Kontrast der sogenannten Bienensprache illu-
striert haben: in der ein Linguistll nur die simple Signalisierung
der Lage eines Objekts, anders ausgedrüdrt,nur eine imaginäre
Funktion erblidren kann, die lediglidr etwas differenzierter ist als die
anderen.
lVir möclten hier hervorheben,daß eine solcheForm der Kommuni-
kation beim Mensdrennidrt fehlt, wie versdrwindendklein in bezug
auf seinnatürlidresGegebensein dasObjekt für ihn auchseinmag auf-
grund der Desintegration,die es durdr den GebraudrdesSymbolser-
Ieidet.
Ihr Äquivalent kann man tatsächlidrin der Gemeinsamkeitsehen,die
sichzwischenzwei Personenim Haß auf ein und dasselbe Objekt ein-
stellt: abgesehendavon,daß die Begegnung immer nur über ein Objekt
möglicJrist, das durcl die Züge desjenigen lüesensdefiniertwird, dem
der einewie der anderesic} verweigert.

11 Vgl. Emile Benveniste, Commtnication animale et hngage bumain, Diogöne Nr, r,


rgyu (A.d.U.: !fiiederabgedrudrt in E.8., Problömes de linguistiqae gön|rale,Paris
r966) und unsern Vortrag von Rom, unten S. r4o.

r7
liinc solcleKommunikation kann aberin der symbolisdrenForm nidrt
iibcrmittelt werden.Siehält sidreinzigin der Beziehungauf diesesOb-
jckt. Auf diese'Weise kann sieeineunbestimmteAnzahl von Subjekten
in cin und demselben..Ideal" vereinigen:Innerhalbder so konstituier-
tcn Mcngebleibt die Kommunikation zwisdreneinemSubjektund ei-
ncm anderendarum aber nidrt weniger in weiter niclt reduzierbarer
Vcise durdr einenidrt aussprechbare Beziehungvermittelt.
l )icscrExkurs soll hier nidrt bloß an Prinzipienerinnernund soll nicJrt
bloß an die ferne Adressejener sidr ridrten, die uns untersrellen,wir
iibcrsähendie niclt-verbale Kommunikation: Indem er die Tragweite
dcsscnbestimmt,was sidr im Diskurs wiederholt,bereiteter die Frage
rr;rdrdcm vor, wasdasSymptomwiederholt.
l)ic indirekteRelationstecktso die Dimensionder Spradreab, und der
llrzählcr fügt ihr, sieverdoppelnd,
"per Hypothese"nichtshinzu. Im
::wcitcnDialog aberhat esdamit einevöllig andereBewandtnis.
l)crrn dicsersetzt sidr dem erstenentgegenwie einer von zwei Polen,
tlic wir in der SpracJre bei andererGelegenheit untersdrieden habenund
tlic inr Cegensatz zueinanderstehenwie Wort und Spredten.
| )rrshcißt, man sdrreitetvom Feld der Exaktheit fort zum Registerder
$ihlrrhcit. DiesesRegisterindes, wir glaubennicht, daß wir daratif
zrrri.ir:k.kommen müssen,gehört ganz woandershin, eigentlichin den
llt'gründungszusammenhang der Intersubjektivität.Es gehört dorthin,
wo rlrs Subjektnicfitsfassenkann als die Subjektivität selbst,die ein
Arrdcrcsabsolutkonstituiert.Um seinenOrt hier anzugeben, begnügen
w i r rursdamit, den Dialog zu zitieren,der seineZugehörigkeitzu jüdi -
sdrcn I'lrzählungenjener Bloßstellungverdankt, in der die Beziehung
dcs Signifikantenzum Spredeenaufsd-reint in der Bescfivrörung,in der
cr gipfclt. "Siehher,wasdu für ein Lügnerbistn,wird hier verwunderr
trrrtlatcrrlosausgerufen, (wenn du sagst,du fahrst nac} Krakau, willst
tlrr tkrdr, daß icl glaubensoll, du fahrst nadr Lemberg.Nun vreiß ich
;rbt'r,tlaß du wirklicfi fahrst nadr Krakau. Also warum lügstdu?"
I )icscrSdrwallvon Aporien,eristischen Rätseln,Paradoxien,Scherzen
g;rr, dcr uns gleidrsameinführensoll in die MethodeDupins, drängre
rrnscirrcühnlicheFrageauf, wenn niclt in demLlmstand,daß diesuns
von jcurandcm,der sichals Sc}ülergibt, im Vertrauenmitgeteilt wird,
s()rtwirs wic dic Möglidrkeit dieserDelegierungsidr eröffnete.Darin
bcstelrtunfchlbardcr Vorzug desZeugnisses: die TreuedesZeugenist
tlic Miindrsl(appc, bci der die Kritik der Zeugnisfähigkeit eingesdrlä-
l'ert wircldadurch,daßmansieblind madrt.
rll
Gibt es andererseits etwasÜberzeugenderes als die Geste,mit der die
I(arten auf den Tischgelegtwerden?Sieist esin dem Maße,daß sieuns
für einen Augenblidr davon überzeugt,der Tasdrenspieler habe tat-
säcllicÄdas Verfahren seinesKunststücksso demonstriert,wie er es
angekündigthatte, währender esdodr lediglicJrin einerreinerenForm
erneuerthat: diesesMoment läßt uns den SuprematdesSignifikanten
im Subjektermessen.
verfährt Dupin, wenn er von der Gesdridrtedeskleinen
In dieser'S7eise
Vunderkindes ausgeht,das alle seincKameradenbeim Spiel "Grad
oder Ungrad" mit Hilfe desKniffs der Identifizierungmit dem Gegen-
spielerfoppte; dieserkann, wie wir sdrongezeigthaben,die ersteEbene
seinermentalenAusarbeitung,das heißt den Begriff des intersubjek-
tiven \flechselsnidrt erreidren,ohne dort sogleichAnstoß zu nehmen
am Steinseiner\üiederkehr12.
Nichtsdestoweniger werdenuns,um unserBlickfeld voll zu stellen,die
zr Namen von La Rochefoucauld, La Bruyöre,Macliavelli und Campa-
nellavorgesetzt,derenRenommeeim Vergleichzur kindlidrenHelden-
tat mehr alsgeringersdreinen müßte.
Und indem Dupin bei Chamfort anknüpft, dessenFormel lautet: "Ich
wette, daß jede öffentlicheVorstellung,jede übernommeneKonven-
tion eineDummheit ist, da sieden Beifall der größtenMengegefunden
[2g", wird er mit Sic]rerheitall jenezufriedenstellen,die glauben,sich
dem GesetzdieserFormel entziehenzu können,das heißt genau:jene
größteMenge.Daß Dupin die AnwendungdesBegriffsAnalyseauf die
Algebra durdr die Franzosenals Irreführung taxiert, kann unserem
Stolz kaum etwasanhaben,zumal die FreisetzungdesTerminuszv an-
deren Zwed<enden Psycloanalytikernicht hindert, seineRedrte hier
geltendzu macfien.Nunmehr sehenwir Dupin sidr philologischen Be-
merkungenzuwenden,die den LateinliebhabernEntzüd<enbereiten
würden:wenn er, ohneweiter kommentierenzu wollen, daran,erinnert,
daß oambitus nidtt Ehrgeiz, religio nicht Religion, homines bonesti
niclt recltsc}a{feneMänner bedeutetn,wer von Ihnen würde sidr
nicht gerne daran erinnern . . . was für den, der mit Cicero und
Lukrez Umgang hat, dieseVörter heißen.Poe amüsiertsichzweifels-
ohne.. .
Ein Verdachtdrängt sichuns allerdingsauf: will dieseGelehrsamkeits-
paradeuns am Ende die Schlüsselworte unseresDramas verständlich

lt Vgl. unsereEinführung, unten S, y7 f.

r9
madrenl3? Ifliederholtder Taschenspielerniclt vor unsseinKunststüd<,
ohnc uns diesmalmit dem Verspredrenzu ködern, er wolle uns sein
Ccheimnisanvertrauen,aberseinenEinsatzsoweit steigernd,daß er es
wirklich aufded<t,ohne daß wir das geringstedabei sehen?Das wäre
allcrclingsdas hödrste,was der Illusionist erreichenkönnte: uns durch
cin Gesc}öpfseinerFiktion utahrbaftig täuschen zu lassen.
Und sind esnidrt Effekte dieserArt, die uns berec.htigen, unbedenklich
von so manclen imaginärenHelden zu reden,als ob sie wirklich Per-
soncnwären?
Iibcnsofinden wir, wenn wir uns aufsdrließendem Verständnisder
'lVcisc,
in der Martin Heideggeruns im Vort ü'qÜfiedas Spiel der
Vrrlrrheit darstellt, nidrts anderesals ein Geheimniswieder, in das
dicscihre Freundestetseingev/eihthat, und durdr welchesdiesewissen,
rfrrßsicsiclrihnen,wo siesichverbirgt, am wabrbat'tigsten darstellt'
lVcnn also die DarlegungenDupins uns nicht so offensichtlidrin un-
scrm Glaubenan unsernGlaubenersdrütternwürden, was hätten wir
hicr nodr einen Versuchgegendie entgegengesetzte Versudtung zu
nradrcn.
S;riircnwir daherseinerFährte dort nac.h,wo sieuns von der Spur ab-
bringtta.Und daszunädrstin der Kritik, mit weldrerer dasMißlingen
rlcs l)räfckten motiviert. \ü(/irkonnten sie schonwährend der ersten
LJntcrhaltungin jenenuntersdrwelligbeißenden'Witzen sidr anbahnen
sclrcrr,um die der Präfekt siclrbei der erstenUnterhaltungnidrt küm-
nrcrteund die ihm nur Anlaß zum Gelädrtergaben.Daß ein Problem
rlrrnkclcrsdrcinen kann, weil es,wie Dupin zu verstehengibt, zu ein-
't (A.tl.Ü.: lVir folgen an dieser Stelle dem Neudrudr der Ecrits von r968, dort dic
Notiz:) Ich hatte zunädrst, diese drei Vörter betreffend, eine Andeutung zum Sinn
gcnrllt, womit jedermann diese Geschidrte kommentierte, würde nidrt die Strrrktur
rrlron zu ihrer Absidrt genügen. Idr unterdrüd<e den, nur allzu unvollkommenen'
frirrpicrzcig,wcil jemand jerzt,da idr midr für diesen Nadrdrud< wiederlese, mir ver-
ridrert, daß nach der Zeir, in der idr verkauft werde (nodr diesen 9. rz. 68), eine
Zrit seinwird, in der man midr um mehr Erklärung liest.
W r r , r u ß c r h a l bd i e s e r S e i t e s e i n e nP l a t z h ä t t e .
tt (l)tpistons donc sa
foal|e lä oü elle nous döpiste.) Gerne würden wir die Frage
nldr dcnr antinomisclren Sinn bestimmter, primitiver oder nidrtprimitiver'Wörter nodr
cirrrrr;rl ;rn ßcnvcniste stellen, nadrdem dieser den falsdren \feg, auf den Freud ihn
auf philologischcm Terrain gcführt hat, meisterhaft zu beridrtigen wußte (Vgl. La
l ' r y c l r r n ; r l y s c ,B d . r , S . 5 - r 6 ) . D e n n w i e u n s s d r e i n t b l e i b t d a s P r o b l e m , d i e I n s t a n z
rlesSigni{ikrrrrtcn in seincr Strenge freizulegen, ganz bestehen.Blodr und Von W'artburg
,l,rticlcn tl.rsAuftrctcn dcs \fortes döpister in der zweiten Verwendung, die wir von
ihrn in urrscrcrn
S a t z m a d r c n ,a u f r 8 7 5 .
fachoder zu durchsidrtigist, wird für ihn keine anderenFolgenhaben
alseineetwaskräftigereReizungdesZwerdrfells.
Das Ganzeist so angelegt,daß wir zur Annahmeverleiterwerden,die
Person sei sdrwadrsinnig.Das wird nadrdrüdrlich durdr die Tatsac}e
illustriert, daß der Präfekt und seineGehilfen sidr als Verstedreines
Gegenstandes nichtsausdenkenkönnen,was dasVorstellungsvermögen
eines ganz gewöhnlidren Spitzbubenübersteigt,dasheißt ebendie Rei-
he allzu bekannter außergewöhnlicher Verstecke,die man uns vor
Augen führt: angefangenbei den GeheimfädrerndesSdrreibtisdres bis
zu der vom Tisdr entferntenPlatte, von den aufgetrenntenPolstern
der Stühle bis zu ihren ausgehöhltenBeinen,von der Rüdrseiteder
Spiegelgläser bis zur Dickeder Budrdedrel.
Und darauf zieht man über den Irrtum her, dem der Präfekt erliegr,
'wenner aus der Tatsache,daß der Minister Dichter ist, sdrließt,ihm
fehle nicht viel zum Narren: ein Irrtum, wird man folgern, der nur,
was nidrt unerheblichist, in einer falschenAnwendung desMitrclbe-
griffs gründet, denn er folgt durdrausnicht daraus,daß alle Narren
Dichterseien.
Gewiß, aber uns selbstläßt man rätseln,in was denn in SachenVer-
stedrendie UberlegenheitdesDidrtersbestehen mag,und stecktein ihm
als ein Double zugleidrnodr ein Mathematiker,denn hier unterbriclt
man plötzlidr unsersdrwungvollesDenken,indem man uns in ein Ge-
strüpp übler Streitereienüber die Denkungsarrder Mathematikerhin-
einzieht,die, soweitidr weiß, nie so viel Anhänglidrkeit für ihre For-
meln gezeigthaben,als daß sie diesemit der räsonierenden Vernunfr
identifiziert hätten. $7ir würden zumindestbezeugen,daß im Gegen-
satz ztJ der Erfahrung, die Poe anscheinendvertraut war, uns - zu-
sammenmit unseremFreundRiguet,der hier durchseineAnwesenheit
dafür einsteht- unsereStreifzügedurdr die Kombinatorik nidrt durdr-
ausals so sdrwereVergehen(die Gott, Poe zufolge,nicJrtwohlgefällig
sind) vorkommen, wie es der Zweifel wäre, der uns eingäbe,daß
*X2 * px vielleidrt doch nicht ganz und gar gleidr q sei"; ohne daß
wir uns,wir strafenPoe darin Lügen,vor irgendwelchen unerwarreten
Mißhandlungenje hättenhütenmüssen.
\7ird alsonidrt sovielGeist lediglidr dazu aufgeboten,um den unseren
von demabzulenken,was unsanfänglichalsgesichert hingestelltwurde,
nämlich,daß die Polizei überallgesuchthabe?Das solltenwir, was das
Feld betrifft, von dem die Polizei nidrt ohne Grund annahm,daß der
Brief, die Letter, sidr in ihm befindenmüßte,im Sinneeinerzweifellos
thcoretischen ErschöpfungdesRaumesverstehen,der aber,und das ist
dcr lWitz der Geschiclte,budrstäblic}genommenwird, wobei die Auf-
tcilung in Planquadrate,nadr der vorgegangen wird, für so exakt aus-
gcgcbcnwird, daß es, wie man uns sagt, ausgesdrlossen ist, daß der
ufünfzigsteTeil einerLinie" der Aufmerksamkeitder Forsdrerkönnte
cntgangensein.Haben wir folglicl nicht das Reclt zu fragen,wie es
dar.rnkommt, daß der Brief.nirgendwo gefundenwurde, oder vielmehr
dlrauf hinzuweisen,daß alles,was man uns über die Konzeptioneiner
I lchlerei höherenRangsgesagthat, uns strenggenommen nicht erklä-
rcn kann, wieso der Brief den Nachforsdrungen entgangen ist, da das
von ihnen durdrforschteFeld ihn, wie der Fund von Dupin schließlirir
bcwcist,tatsädrlichin sichschloß.
Mußte der Brief, unter allen Objekten,mit der Eigenschaftder nalli-
birty ausgestattet sein: um uns diesesBegriffs zu bedienen,den das
rrrrtcrclemNamen *Roget' wohlbekannte\flörterbuchder semiologi-
sc'lrcn lJtopie desBisdrofsVilkins entlehncls?
l,lsist cvident (a little toor6self evid,ent),daß der Brief mit dem Ort
llcziclrungenunterhält,für die eskein französisdres \(ort gibt, dasmit
t Icr'I ragweitedesenglischen Ei genschaftswortesodd v erglidtenwerden
krnrr. f)as ]ü(ortbizarre,mit dem Baudelaireesin der Regelübersetzt,
i\t nur approximativ. Sagenwir, dieseBeziehungensind einzigartig,
tlt'nn cssind genaujene,die der Signifikantmit demOrt unterhält.
Sic wisscn,daß wir uns nidrt mit der Absidrt tragen' aus ihnen "sub-
tilc" Bcz.iehungen zu maclen,und wir niclt vorhaben,die Letter (den
lluchstaben / den Brief) mit dem Geist zu verwedrseln,und erhielten
wir sic auchauf pneumatischem rüege,auchwissenSie,daß wir durch-
,ruscrkcnnen,daß der einetötet, während der anderelebendigmadrt,
irrriofcrnder Signifikant- Sie beginnenesvielleidrt zu verstehen- die
'Wenn
Instlnz. dcs Todes materialisiert. wir jedodr zunächstan der
Mrrtcrialität des Signifikantenfestgehaltenhaben, dann, weil diese
Mrrtcrialitätin manchenPunkten einzigartigist; wobei daserstedarin
bcstcht,daß er eineTeilung nidrt zuläßt. Zerschneiden Sie einenBrief
irr klcine Teile, er bleibt der Brief, der er ist, und das in einemSinn,

ri libcn jcne,der JorgeLuisBorgesin seinem,mit der Phyle unsererRede so sehr har-


nrorricrcrrdcnuüerk, ein Los besöieden hat, das andere auf seineridrtigen Propor-
riorrcn zurüd<führen.Vgl. J. L. Borges, Die analytischeSpradre John \flilkins',
irr: l)rrs üine und das Viele, Mündren ry66; Les Temps modernes,Okt. 1955,
5.sz+-ls.
t: U,,'" Autor hervorgehoben.
von dem die Gestalttheoriemit dem verkapptenVitalismusihres Be-
griffs desGanzennidrts weiß17.
Die Sprachespridrt ihr Urteil dem, der eszu versrehenvermag:durdr
den GebrauchdesArtikels, der als partitives Partikel verwendetwird.
Ebenhierdurchsdreintder Geist,wenn der Geistdie lebendigeSignifi-
kation ist, in nidrt minder einzigartiger'Weiseals der Brief /Buc.hstabe,
der Quantifizierungin hödrstemMaße ausgeliefert.Angefangenmit
der Signifikationselbst,die eszuläßt, daß man sagt: dieserDiskurs ist
voll zton Signifikation,so wie man einer Handlung Absidrt besdrei-
nigt [d.e I'intention/, es bedauert,daß es keine Liebe [plus d'amourJ
mehr gibt, daß man vollaon Haß ist und Aufopferung aufwendet[d,a
d6vouement/,und daß soviel antörichterVoreingenommenheit sidrda-
mit aussöhnt,daß esimmer Sdrenkel[d.e la cuisse/zu kaufen und [duJ
Rififi bei den Männerngebenwird.
Über die Letter /Brief / Budrstaben J aber- begreift man sie im Sinne
des typographischen Elements,der Epistel oder im Sinne dessen,was
der Gebildete[Ie lettröJ macht- wird man sagen,daß das,was man
sagt,buclstäblich/, la lettreJ zu verstehensei,daß ein Brief Sie beim
Vagenmeistererwartet,ja sogardaß Sie Bildung Ides lettresJbesirzen
- nie wird man sagen,daß esnirgendwoBrieflidres,Buclstäblidres
[de
la lettreJgäbe,in weldrerEigenschaftesSieaudrimmer beträfe,und sei
es,um die verspätetePostzu bezeidrnen.
Das kommt daher,daß der SignifikanqEinheitist aufgrund seinerEin-
zigkeit, da er infolge seinerNatur nur das Symbol einer Abrresenheit
,i:!. Und somit kann man, wie wohl von anderenObjekten,vom Brief
nicht behaupten,er müsseirgendwo seinod.ernid'n sein,sondern,daß
er - im Gegensatzzu jenen - dort, wo er ist, wohin er aucl immer
ginge,seinund,nidtt seinwird.
Sehenwir etwas genauerzu, was den Polizistengesdrieht.Man ver-
sdrontuns mit nicJrts,was die Verfahrensweisen betrifft, mit denensie
zs den ihrer UntersuchungunterworfenenRaum durchstöbern, von seiner
Aufteilung in Raumsegmente durdr die nidrt ein undurcldringlidrer
Gegenstandsidr den Augen entzieht,bis zur Nadel, die das\Teicheaus-

17 Das trifft in einem soldren Maße zu, daß die Philosophie in den durdr stetesAb-
dreschenfarblos gewordenenBeispielen,mit denen sie, ausgehendvom Einen und
vom Vielen, argumentiert,das einfadre,in der Mitte durdrgerissene Blatt und dcn
unterbrodrenenKreis, wenn nidrt gar den zerbrodrenenKrug und ganz zu sdrweigen
vom sidr windenden durchgesdrnittenen!7urm, niciht zu demselbenZwed< verwen-
den wird.

2t
krtct, und, da ein rüfliderstandausbleibt,das Flarte sondiert,bis zum
Mikroskop, das den Bohrstaubam Rand der Bohrung, ja sogar das
nriudcsteGähnenkleinsterAbgründedenunziert.Sehenwir nicht, wie
dcr Raum sicl gleidr dem Brief entblättert,in dem Maße,wie sidr das
Nctz.dcr Polizei engerzusammenzieht und sie,nidrt damit zufrieden
clic Blattseiten der Bücher auszusdrütteln,dazu übergehen,sie zu
ziihlcn?
l)ic ForsclerhabenjedodreinensostarrenBegriff vom \Tirklidren, daß
sicniclt bemerken,daß ihre untersudrungesin ihr Objekt umwandelt.
Mcrkmal, mit dessenHilfe sie diesesObjekt von allen anderenviel-
Icichtuntersdreiden könnten.
l'ls hicßc das zweifellos aber zu große Anforderungenan sie stellen,
nidrt soschrwegenihrer mangelndenEinsidrt,sondernvielmehrwegen
tlcr unsrigcn.Ihre Einfalt ist weder individueller, noch gemeinsdraft-
lichcr Art, sie ist subjektivenUrsprungs.Die realistisdreEinfältigkeit
versuchtunablässigsidr vorzuhalten,nidrts, wie weit audr immer eine
I lancl rcidre,um es in den Eingeweidender Velt einzugraben,wäre
jcrnalsdort den Blidien entzogen,da eine andereHand es dort errei-
chcnkönnc, und daß, was versted<tist, immer nur das ist, was an sei-
ncrttPlatz t'ehlt,wie sidr der Auftragszettelausdrückr,wenn ein Band
irr dcr Bibliothek verloren gegangenist. Und stündedieserBand audr
ruf dcm Rcgaloder im Fadr nebenan,er wäre verborgen,wie sidrtbar
er aur:hsdreinenmag. Das kommt daher,daß man nur von dem, was
scirrcrrOrt wechselnkann, das heißt vom Symbolischenbudrstäblidr
l) la lettreJ sagenkann, daß es an seinemPlatz fehle. Denn für das
l(cale,in weldreUnordnungman esauchimmer bringt, befindetessidr
inrrrrcrund in jedemFall an seinemPlatz, esträgt ihn an seinerSohle
rrritsichforq ohnedaßesetwasgibt, dasesausihmverbannenkönnte.
Urrrl, trm zu unserenPolizisten zurüdrzukehren,wie hätten sie den
Ilrief, dcn sie an dem Ort genommenhaben,wo er verstedrtwar, tat-
siidrlidrfinden können?![as hielten sie in dem, was sie in ihren Hän-
tlcrr lrin und her wendeten,anderesin der F{and, als etwas, dasnicht
rler llcsdrrcibungentsprach,die sievom Brief hatten?A letter, a litter,
cin ßricf, ein Abfall. Im literarisdrenKreis um Joycelshat man mit
Zwcidcutigkeitenzur Homophoniedieserbeidenenglisdren'$7örter ge-
spielt.I'ibenweil er nur halb zerrissenist, gibt der Abfall, den die Poli-

ri Vgl. S. Bcdrctt, Our examination round his factification for incamination of


wrrrk irr pr()grcss,
Shakcspeare
and Company, r2, rue de I'Od6on,Paris ry29.

L4
zisten in diesemAugenbli& in Händen halten, ihnen erst redrt nicht
ze seinewahre Natur preis. Ein andererHandstempelauf einem Siegel
von untersdriedlidrerFarbe, ein anderer graphisdrerDuktus der Auf-
schrift sind hier die unzerbredrlichstenVersrcdre.\t7ennsie außerdem
bei der RückseitedesBriefes Halt madren,auf der, wie man weiß, da-
mals die Adressedes Empfängersgesdrriebenstand, dann weil der
Brief für siekeineandereSeitebesitztals dieseRüd<seite.
\flas könnten sie tatsädrlidr auf seinerVorderseiteaufdedren?- Seine
Botsdraft, wie man sidr zum Vergnügen unsererkybernetisdrenFesr-
stundenausdrüdrt?... Kommt uns aber nidrt der Gedanke,daß diese
Botschaft ihre Empfängerin sdron erreidrt hat und ihr in dem Fetzen
unbedeutendenPapierssogarerhalten gebliebenist, das dieseBotsdraft
jetzt nidrt weniger gut repräsentiertals dasursprünglidreBillett?
'!?'enn
man sagenkönnte, ein Brief habeseineSendungvollendet, nach-
dem er seineFunktion erfüllt habe,dann wäre die Zeremonieder Rüdr-
gabevon Briefen als Absdrlußfür das Erlöschender Leidensc}aftenin
der Liebe nidrt so gebräudrlidr. Der Signifikant ist nidrt funktional.
Ebensowenighätte die Mobilisierung der niedlidren Welt, deren Aus-
gelassenheit wir hier verfolgen,einenSinn, wenn der Brief sidr damit
begnügte,einen zu haben. Denn ihn einem Trupp von Bullen mitzu-
teilen,wäre keinesehrangemessene Art, ihn geheimzu halten.
Man könnte sogarannehmen,daß der Brief für die Königin einenganz
anderen,wenn nidrt gar verzehrendenSinn hat, als den, den er dem
Verständnisdes Ministers darbietet.Der Gang der Dinge würde da-
durcl kaum merklidr berührt. Selbstdann, wenn er jedem nidrt einge-
weihten Leserstrikt unverständlidrbliebe.
Denn er ist essidrerlidr nidrt für jeden:
"käme das Dokument, wie der
Präfekt uns, zum Gespört aller, emphatischversidrert, einer dritten
Person,die ungenanntbleiben soll, vor Augen, (derenName ins Auge
springt, wie der Sdrweinesdrwanzzwisöen den Zähnen von Varer
Ubu), so
"würde die Ehre einer Persönlidrkeit von allerhödrstemRang
in Gefahr gebracht", ja sogar person
"die Seelenruheder erlaudrten
stündeauf dem Spiel."
Gefährlidr wäre es folglidr nidrt nur, den Sinn, sondernden Text der
Botsdraft in Umlauf zu bringen, und das um so mehr, je harmloser er
ersdriene,da dadurdr das Risiko der Indiskretion erhöht würde, die
einer seinerMitwisser, ohne eszu wissen,begehenkönnte.
Nidrts verrnagdaher die stellung der Polizei zu retten und man änderte
zz nidrts, wollte man ..ihre Kulturo veredeln.Scripta manent: vergeblidr

2t
crl'iihre sie von einem Flumanismusin Luxusausgabe die sprichwört-
f idrc Lcktion, die mit verba volant ihren Abschlußfindet. 'Wollte der
I lirnrnel,daß die Schriftstüd<e
blieben,wie diesviel ehervom Spreclen
gilt: dcnn dessenunauslöschliche Sdruld befrudrtet wenigsrensunsere
I lrrndlungendurchihre Ubertragungen.
l)ic Schriftstückereden die blanken Tratren einer wildgewordenen
Vcr'hsclreitereiin den Vind. Und wären sie keine fliegendenBlätter,
g;ibccskeinegestohlenen Briefele.

I )odr wie steht es damit? Damit es gestohlene Briefe gibt, fragen wir,
wcrrrnruß dann ein Brief gehören?Vorhin habenwar das Sonderbare
in tfcr Rüd<kehrdesBriefeszu jenerPersonbetont,die vor kurzem das
l,icbcspfandin ihrer Aufregungenrkommenließ.JenevorzeitigenVer-
iiflcntlichungenvon der Art, durch die der Chevalierd'Eon einigesei-
rrcr Korrcspondentenin eine ziemlidr jämmerlicheLage gebradrthat,
sdrritz.tman aberzurneistalsunwürdig ein.
l)cr Bricf über den derjenige,der ihn geschrieben hat, nodr Reclte be-
sitzt, gchiirtealsonidrt vollständigdemjenigen,an den er gericJetet ist?
()tfcr ist csso,daß letzterernie der wahreEmpfängergewesen ist?
Wrrsurrsaufzuklärenvermagist etwas,daszunädrstden Fall nodr un-
rltrrdrsidrtigermadrenkann, die Tatsachenämlidr, daß die GesclicÄte
tunsirr fast völliger Unkenntnisüber den Absender,wie audr über den
lrrlrrrltrlcsBricfesläßt. Es wird uns nur mitgeteilt,der Ministerhabe
gh'idr ohne weiteresdie Handschrift auf der Adressean die Königin
crkrrnntund nur nebenbei,als über die Tarnung desBriefesdurch den
Mirristcrdie Redeist, wird erwähnr,seinursprünglidresSiegelsei das
rlcsOrafcn von S . . . \7as seineTragweitebetrifft, wissenwir nur um
tlic (lcfahren,die entstehen könnten,wenn er in die Hände einesge-
wissc' I)rittcn fiele,und daß seinBesitzdem Minister erlaubt hat, auf-
grunrl clerGewalt, die er ihm über die betroffenePersonverschafithat,
ilrrr "in schr gefährlicjremMaße zu politischenZweclen, auszunützen.
Allcsdrs sagtunsabernidrtsüber die Botscfiaft,die er befördert.
l,icbcs-oclerVerschwörungsbrief, denunziatoriscleroder instruieren-
tlt,r Ilricf, fordernderoder in Flerzensnotgesd-rriebenerBrief, wir kön-
n('n nur cincsfesthalten,daß die Königin ihn ihrem Flerrn und Meister
nidrt zur Kcnntnisbringenkann.
I )icse'l'crmini aber,weit davon entfernt,den in der bürgerlichen Komö-

ro A.tf .U.: Voler (in:.lettres


vol6eso) bedeutet zugleidr stehlen und fliegen.

26
die ausgespieltenüblen Ruf zu tolerieren, gewinnen einen ausgezeidr-
28 nerenSinn dadurch,daß sie den unumschränkten Gebieterder Königin
bezeidrnen,an den ihr Treuesdrwur sie in doppelter rüüeise bindet, da
ihre Stellung als Gemahlin sie ihrer Pflidrt als Untertanin nidrt enr-
hebt,sondernsievielmehrzur Aufsidrt über daserhebt,was dasKönig-
tum, entspredrenddem Gesetz,von der Macht verkörpert: das heißt
über die Legitimität.
\Telchesdaheraudrimmer der weitereVerlauf ist, den die Königin dem
Brief zu gebengedenkt,dieserBrief bleibt das Symbol einesPaktes;
und selbstdann, wenn seineEmpfängerinfür diesenPakt nidrt ein-
steht,stellt die ExistenzdesBriefessie in eine symbolisdreKette, die
von der, die ihre Pflidrr vorschreibt,untersdrieden
ist. Der Beweis,daß
diesesymbolisdreKette mit letztererunvereinbarist, wird durch die
Tatsadreverdeutlicht,daß der Besitzdes Briefesunmöglichöfientlicl
als legitim vertretenwerden kann, und die Königin, um ihm zur An-
erkennungzu verhelfen,sichnur auf ihr Privatrechtberufen könnre,
dessenPrivileg in der Ehre gründet, die dieserBesitz geradebeein-
trächtigt.
Da sie nämlich die huldvolle Gestalt der Souveränitätverkörpert,
dürfte sie auchprivat kein geheimesEinverständnisunterhaltenohne
die gesetzlidre Gewalt zu unterridrren,und siekann sidr niclt an Stelle
desSouveränsein Geheimniszunutzemachen,ohne damit auf Heim-
lidrkeit sidr einzulassen.
Die Verantwortung des Briefschreibers wird folglicJrzweitrangig im
Vergleidrzu derderjenigen,die denBrief inHänden hält:denn in ihrer
Personverdoppelt sicll die Majestätsbeleidigung durcl den höcÄsten
Hocboerrat.
'!üir
sagen:die ihn in Händen hält, und nicht: die ihn besitzt.Denn
dadurdr wird klar, daß der Besitz des Briefes seiner Empfängerin
niclt wenigerstreitiggemadrtwerdenkann, als jedemanderen,dem er
in die Hände geratenkönnte,weil, was die ExistenzdesBriefesbetrifit,
nichtsin die Ordnung desBesitzeseintrerenkann, ohnedaß derjenige,
an dessenPrärogativensie sichvergreift, über ihn zu urteilen gehabt
hätte.
All diesimpliziert jedodrnicht,daß, wenn sidr audr dasGeheimnisdes
Briefesnidrt verteidigenläßt, der Verrat diesesGeheimnisses dafür in
irgendeiner\7eise ehrenvoll sein könnte. Die bonesti hornines, die
ehrenwertenLeute,können sidt da nicht so wohlfeil herausziehen. Es
gibt mehr als einereligio,und nicht so schnellwerdendie heiligenBan-
dc aufhören uns kreuz und quer zu ziehen.\Ias arnbitu.s,den Umweg
bctrifft, so ist es, wie man sehenkann, nidrt immer Ehrgeiz, der ihn
irrspiriert.Denn wenn es einen gibt, den wir hier durdrlaufen,haben
wir ihn - wie wir hervorhebenmüssen- nicht gestohlen,da wir den
'l'itcl
von Baudelaire,wir wollen's gestehen,nidrt in der Absidrt über-
nommcnhaben,um den konventionellenCharakter desSignifikanten,
wic man es uneigentlidrausdrüdrt,sondernviel eher,um seinenVor-
rang gegenüber Bleibt nichtsdestowe-
dem Signifikat herauszustreidren.
nigcr, daß Baudelaire,bei aller Verehrung,Poeverratenhat, indem er
dcsscnTitel: "The pudoined letter, mit: "La letre vol6e, [Der ge-
stohlcneBrief] übersetzteund also untersdrlug,daß ein ziemlich sel-
'Nüort
tcrncs verwendet wird, dessenEtymologie wir leidrter definieren
kiinncn alsdessen Gebrauch.
'l'o 'Wort,
purloin ist ein anglo-französisches sagt uns das "Oxford
| )ictionaryr, dasheißt,esist ausdem Präfix pur- (dasman in purPose:
Vrrrsatz,purcbase:Erwerbung,?arPort: Bedeutungwiederfindet)und
rfcm altfranzösisdrenWort: loing, loigner,longözusammengesetzt. Im
crstcrrElementerkennenwir das lateinisdrepro wieder,sofernes sidr
von dnte durdr das unterscheidet, was über ein Rückwärtigesvoraus-
sctzt, über das es hinauszielt,gegebenenfalls um für es zu bürgen,ja
sogarfür esals Bürgeeinzustehen (währendante demvorausläuft,was
'\üüort
ihm cntgegenkommt).!üüasdas zweite, altfranzösisdre angeht:
loigncr, Verb desOrtsattributsau loing (oder aucl longö),so bedeutet
cs nidrt: in der Ferne,sondern:entlang;eshandeltsidr also darumbei-
sciteza schieben,oder um einen gebräudrlidrenAusdrud< zu verwen-
dcn, der auf demDoppelsinnspielt:mettreä gauche,auf die Seitebrin-
ßen.
Auf dieserüüeise sehenwir uns in unseremUmweg durdr das Objekt
sclbstbestätigt,das uns dorthin mitreißt: denn es ist in der Tat der
eincn IJmweg nebmendeBrief , derjenige,dessenTfeg prolongiert wur-
rlc (dasist die buchstäblidre
UbersetzungdesenglisdrenI[ortes), oder,
um auf das Briefpostvokabularzurückzugreifen,der unzustellbare
ßricl, derunshier beschäftigt.
Sinple and odd, wie man esuns von der erstenSeitean ankündigt,ist
hier alsodie EinzigartigkeitdesBriefesauf ihren einfadrstenAusdrur*
gcbradrt, der, wie der Titel anzeigt, dasanahrhat'tigeSubiekt der Er-
zühlungist: da der Brief einenUmweg gehenkann, hat er einen\üfleg,
dcr ihm eigenist.Ein Zug, durdr den sichhier seineInzidenz als Signi-
fikant bestätigt.Denn wir habenbegreifengelernt,daß der Signifikant
rB
sic} nur in einer Verschiebungerhält, die mit unserenTagesnachrichten
in Laufschrift oder mit den rotierendenGedädrtnissenunsererMa-
söinen-die-wie-Menschen-denken20 vergleidrbarist, weil er alternie-
rend funktioniert, indem sein Prinzip fordert, daß er seinenOrt ver-
läßt, um zirkulär zu ihm zurüdrzukehren.

ro Genau das ereignetsidr im'!üüiederholungszwang. Was Freud uns in


dem Text, den wir kommentieren,lehrt, impliziert, daß das Subjekt
dem Zug desSymbolischen folgt; das aber, was hier illustriert ist, ist
noö weitergreifend:nic.htallein das Subjekt,sonderndie Subjekte,in
ihrer Intersubjektivität begriffen, reihen sichdem Zug ein, andersaus-
gedrüc}t: unsereVogel-Strauße,auf die wir somit zurüdrgekommen
sind, und die, gehorsamerals Sdrafe,nodr ihr rüflesen dem Moment der
signifikantenKette, dassiedurdrläuft, nadrbilden.
'W'enn
das,was Freud freigelegthat und immer von neuemwieder in
überrasdrender'Weise freilegt, einenSinn hat, dann, weil die Versdrie-
bung desSignifikantendie Subjektein ihren Handlungen,in ihrem Ge-
scfiidr,in ihren Weigerungen, in ihren Verblendungen,in ihrem Erfolg
und ihrem Sdricksalungeachtetihrer angeborenenAnlagen und ihrer
sozialenErwerbungen,ohneRücksiclt auf den Charakterund dasGe-
schlechtbestimmt, und weil wohl oder übel dem Zug desSignifikanten
als Sad<und Pack allespsydrologisdrGegebenefolgt.

\7ir befinden uns nunmehr tatsädrlich an der Kreuzung, an der wir


unserDrama und seineRunde mit der Fragenadr der Art, in der sich
die Subjektegegenseitig ablösen,zurüd<gelassen hatten.Unser Apolog
wollte zeigen,daß der Brief und seinUmweg über ihre Auftritte und
ihre Rollen Regieführt. Und audr wenn er unzustellbarist, werdensie
ihrerseitsdarunter zu leiden haben2l.Indem sie seinenSdrattendurdr-
sdrreiten,werden sie zu seinems7idersdrein.Indem sie in denBesitz der
Letter (desBriefes/ desBuchstabens) geraten- herrlidreZweideutig-
-,
keit der Spradre werdensievon ihrem Sinnbesessen.
Das zeigt uns der Held desuns hier erzähltenDramas,als sidr genau
die Situation wiederholt, die seineVerwegenheitbeim erstenMal zu
seinemTriumph herbeigeführthatte.'Wenner ihr diesmalerliegt,dann
weil er sidr auf den zweiten Rang der Triade, dessendritten er zunädrst

20 Vgl. unsere.Einführung", S. y9 in diesemBand.


21 A.d.Ü.: Lettre en sotffrance: unzustellbarer(eigentlidr:leidender)Brief.
glcichzeitigmit dem Dieb einnahm,begebenhat - und das aufgrund
dcr Bcschaffenheit desgeraubtenGegenstandes.
l)cnn wenn es jetzt, wie vorher audr sdron,darum geht, den Brief vor
lllickcn zu bewahren,hat er keineandere'S7ahl, als dasselbe Verfahren
arrzuwenden,dessenZiel er selbstvereitelt hatte: ihn aufgededrtzu
lasscn?Und man darf mit Redrt bezweifeln,daß er somit weiß, was
cr tut, da man ihn sofort durdr einezweifacheRelation- in der wir alle
Mcrkmale der Mimikry oder dessidr tot stellendenTiereswiederfin-
dcn -, gefesseltund damit in der Schlingeder typisdr imaginärenSi- )l

tuation verstrid<tsieht:zu sehen,daß man ihn nicht sieht,die wirklidre


Situation,in der er alsnidrt Sehendergesehen wird, zu verkennen.\7as
sicht er abernicht?Eben die symbolisdreSituation,die er selbstso gut
zu selrcnwußte und in der er jetzt gesehen wird, wie er sichals nidrt
gcserhcn sieht.
l)cr Ministerhandeltwie ein Mann der weiß, daß dasSuchender Poli-
zci scinSdrutzist; wie man uns mitteilt, läßt er der Polizei durcl seine
Abwcscnheitabsidrtlichfreies Feld: nidrtsdestoweniger übersiehter,
dirß cr außerhalbdieserNadrforschungen nidrt mehr gesdrütztist.
l)as ist der Betrug des andern selbst[antruicherieJ,den er ins \7erk
Hcsctz.t hatte,gestattetman uns unserMonstrum durdt Ablegerzu ver-
rnchrcn22; nidrt aberaufgrundirgendeinerTorheit ist er ihm selbstzum
( )pfcr gcfallen.
Irrrlcnrcr die Partie dessenspielt,der verbirgt, muß er sidr in die Rolle
tlcr Kiinigin kleiden,und dasmitsamtallen Attributen der Frau und
tlcsSdrattcns,die für denAkt desVerbergenssovorteilhaft sind.
Nidrt claßwir das altehrwürdigePaar von yin und yang auf die pri-
rniircOppositionvon hell und dunkel reduzierten.SeinepräziseHand-
hrrbungberüdisichtigtdasBlendendedesLidrtscheins, nidrt minder die
Spicgclungcn,deren sich der Sdrattenbedient, um seineBeute nidrt
flhrcn zu lassen.
I )irs Zcidrcn und das \7esen,die hier auf wunderbareWeisegetrennt
:,irrtl,zcigcnuns, wer den Siegdavon trägt, wenn sie sichentgegen-
sctzol. I)cr Mann, Mann genug,bis zur Veradrtungdem gefürdrteten
Zrrrn rlcr firau zu trotzen,unterliegtbis zur Metamorphosedem Fluch
.lcsZcidrcns, um dessen Besitzer siegebrachthat.
l)crrn dicsesZcichenist in der Tat dasjenige der Frau, insofernsieihr
rr)üt'st'rr
in ihm geltend macht,indem sieesaußerhalbdesGesetzes grün-
tr A.tf .O.: autruiche (vgl. Anmerkung z) wird um das \lort tricherie, Betrug' ver-

:;""
det, dassiedurdr die lVirkung der Ursprüngestetsin der Positiondes
Signifikanten,ja sogardesFetiscJr, umfängt. Um der Madrt diesesZei-
chensgewachsen zu sein,braudrt sie sic}rnur unbewegliclrin seinem
Schattenzu halten, und findet in ihm obendrein,so die Königin, jene
Simulierung von Meistersdraftim Nicht-Handeln, welcle nur das
"Ludrsauge"desMinisterszu durdrsciauenvermodrte.
Nach demRaub diesesZeidrenssehenwir nun den Mann in seinemBe-
sitz: unheilvollerBesitz,da er sidr nur durcl die Ehre behauptenkann,
die er bedroht; verfluclter Besitz, da er auf den, der ihn verteidigt,
Strafeherabruftoder ihn zum Verbrechenverleitet,von denensowohl
die einewie audrdasandereseineAbhängigkeitvom Gesetzbrechen.
Mit diesemZeidrenmuß ein höclst sonderbares noli rnetangeregesetzt
sein, damit, dem sokratischenZitterroclen vergleidrbar,sein Besitz
seinenMann in einemsolclenMaßeerstarrenläßt, daß er demverfällt,
wassichbei ihm unzweideutigalsUntätigkeit verrät.
Denn wenn wir, wie es der Erzähler von der erstenlJnterredungan
tut, bemerken,daß mit der VerwendungdesBriefessichseineMadrt
auflöst, gewahrenwir, daß dieseBemerkungnur ausdrücklidrseinen
Gebrauchzu Machtzwecl<en anvisiert- und gleiclezeitig,daß sidr diese
VerwendungdemMinister aufnötigt.
Um niclt in der Lagezu sein,ihn sicJrvom Flalsezu sdraffen,muß esso
sein,daß er nicht weiß, was er mit dem Brief anderesmachenkönnte.
Denn dieseVerwendungbringt ihn in einederartigeAbhängigkeitvom
Brief als soldrem,daß er ihn auf die Dauer sogaraus den Augen ver-
liert.
'Süir
wollen sagen,wenn dieserGebraudrwirklidr den Brief beträfe,
könnte der Minister, der schließlicldurch den Dienst am König, sei-
nem Flerrn, dazu autorisiertwäre, der Königin eine respektvolleEr-
mahnungpräsentieren,und sollte er sidr auchihrer Rücl<wirkungmit-
tels angemessener Garantieversidrern- oder irgendeineAktion gegen
den UrheberdesBriefeseinleiten;die Tatsadre,daß dieserUrheberaus
dem Spielbleibt, zeigt,wie wenig essidr hier um Schuldhaftigkeitoder
Vergehenhandelt,sondernvielmehrum dasZeidrendes\i7iderspruches
und desArgernisses, den der Brief in jenemSinnedarstellt,in dem das
Evangeliumsagt, daß es ohne Rücksidrtauf das Unglück dessen,der
sidr zu seinemUberbringermadrt, diesenereilt -, ja er könnte sogar
den Brief als Aktenstück quali
"der dritten Person"unterbreiten,die
fiziert ist zu entscheiden,ob er der Königin ein peinlichesGericht be-
reitenoder den Minister in Ungnadefallen lassensoll.
3r
\fir erfahren nidrt, warum der Minister den Brief nidrt in dieser'Weise
nutzt, und esziemt sidr, daß wir davon nidrts wissen,da uns hier aus-
schließlidrdie \flirkung dieser Nidrtbenutzung interessiert;es genügt
uns zu wissen,daß die Art der Aneignung desBriefes kein Hindernis
für einediesermöglidrenVerwendungendarstellt.
Denn dies ist klar: wenn der nidrt-signifikadve Gebrauchdes Briefes
eine erzwungeneVerwendungfür den Minister darstellt, dann kann
seineVerwendungzu Machtzweckennur potentiell sein,da er nidrt zur
Tat schreitenkann, ohne sofort zu erlösdren;wenn der Brief als Madrt-
mittel folglidr nur durdr die letzten Anweisungen des reinen Signifi-
kanten existiert,so bedeutetdieseVerwendungzu Machtzwedren:sei-
nen Umweg verlängern - um ihn durdr einen weiteren Ubergang an
den redrtmäßigenEmpfänger kommen zu lassen,will sagen,mit Hilfe
cinesanderenVerrats, dessenRückwirkungeninfolge der]üflichtigkeit
des Briefes sdrwer vorgebeugtwerden kann -, oder den Brief. zu zer-
stören,worin daseinzigsidrereund als soldresvon Dupin gleidrvorge-
bradrte Mittel bestünde,mit dem ein Ende zu madren, was aufgrund
seinerStruktur dazu bestimmt ist, die Annulierung dessenzu bezeidr-
nen,wasesbezeidrnet.
Den Einfluß, den der Minister ausder Situationzieht, gewinnt er also
nidrt ausdemBrief,sondern,ober esweiß oder nidrt, ausderRolle,die
dieserihm zuspielt.Die'Worte desPräfektenstellenihn uns außerdem
als jemandenvor, der sdrlechterdings alleswagt, who daresall tbings,
was auf vielsagende\$üeisekommentiert wirdz those unbecomingas
uell as thosebecominga rnan;dasheißt: Dinge, die siö nicht für einen
Mann wie auch soldre, die sidr für einen Mann ziemen, und dessen
PointeBaudelairefahren läßt, indem er übersetzt:Dinge, die sidr nidrt
für einenMann ziemen,wie auchsoldre,die sidr für ihn ziemen.Denn
in ihrer ursprünglidrenForm ist die Einsdrätzungdem, was eine Frau
i nteressiert,
viel angemessener.
Hiermit wird die imaginäre Bedeutung dieser Gestalt sidrtbar, das
heißt die narzißtisdreRelation, in die der Minister, diesmal gewiß
ohne sein Wissen,verwid<elt ist. Sie wird audr im englisdrenText, auf
dcr zweitenSeite,in einerBemerkungdesErzählersangedeutet,deren
Form köstlidr ist: uDer Einfluß", sagter, den der Minister erlangthat,
hinge von der Kenntnis ab, die "der Dieb von der Kenntnis besitzt,
wcldre die beraubtePersonvom Dieb [xs,, textgetreu the robbels
hnouledge of the losels knoaiedge of tbe robber. Eine \fendung, de-
ren Gewidrt der Autor unterstreidrt, indem er sie Dupin wörtlidr wie-
t:
deraufnehmenläßt, unmittelbar im Anschlußan die Erzählung von der
RaubszenedesBriefes,mit der man angehobenhatte. Hier kann man
abermalssagen,Baudelaireschwankein seinerSprache,indem er den
einenfragen,denanderenbestätigenläßt mit folgenden'Worten:
"Veiß
der Dieb?. . .',, und dann: oderDieb weiß . . .o,'\üü'as?: die beraub-
"daß
te Personihren Dieb kennrn.
Denn worauf es dem Dieb ankommt, ist nidrt nur, daß die genannte
Personweiß, wer sie bestohlenhat, sondernaucJr,mit wem sie es in
SadrenDieb zu tun hat; will heißen,daß sieihn zu allem fähig glaubt,
was wie folgt zu verstehenist: daß sie ihm die Position verleiht, die
kein Menschwirklidr erfüllen kann, weil sieimaginär ist, nämlidr die
desabsolutenFlerrn.
In lüTahrheitist eseinePositionabsoluterOhnmacht,abernicht für den,
den man solches glaubenläßt. Der Beweisdafür bestehtnicht nur darin,
daß die Königin hier den Mut findet, die Polizei um Hilfe zu bitten.
Denn sie paßt sichihrer Versdriebungum nur eine Stufe in der Ord-
nung der Ausgangstriadean, indem sie sidr genaujener Verblendung
anvertraut,die erforderlidt ist, um dieseStelleeinzunehmen:No rnore
sagacioasagent could.,I suppose,moquiert sichDupin, be desiredor
eaenimagined.Nein, wenn siediesenSchritt getanhat, dann weniger,
weil sie zur Yerzweiflung getriebenworden wäre, driven to despair,
wie man uns sagt, als vielmehr, weil sie die Last einer Ungeduld auf
sich nimmt, die einer wahnhaften Spiegelungzugesdrrieben werden
muß.
Denn der Minister hat viel zu tun, um sichin der Untätigkeit zu halten,
die in diesemAugenblickseinLos ist. Der Minister ist in der Tat niclt
absolutverrüdrt. Das ist eineBemerkungdesPräfekten,der zu allem
seinengoldenenRat gebenmuß: dasGold seinerRatsdrlägefließt zwar
nur für Dupin und läuft bis zum Hödrstbetragvon fünfzigtausend
Francs,die esihn in der damaligenVährung jenesMetallskostenwird,
nicht ohneihm dochnodr eine\flohltatsbelohnungübrig zu lassen.Der
'Wahnsinns
Minister ist folglidr in dieserStagnationdes nicht absolut
verrüdrt und muß sidedeshalbnachdem Modusder Neuroseverhalten.
'Wie
jener Mensdr,der sichauf eineInsel zurüdrgezogenhat,um zu ver-
gessen, was?,er hat es vergessen - so hat der Minister den Brief da-
durch,daß er ihn nidrt verwandte,vergessen. Das gehtausder Beharr-
lidrkeit seinesBenehmens hervor. Die Letter (der Brief / der Budrstabe)
aber, nidrt weniger als das Unbewußtedes Neurotikers, vergißt ihn
nidrt. Sie vergißt ihn so wenig, daß sie ihn mehr und mehr nach dem

3t
lliltlc jtrnertransformiert,die sie seinemüberrasdrenden Raub aus-
sctztc; cr wird sic jctzt nadr ihrem Beispieleinem ähnlidren Raub
iibcrlasscn.
l)ic McrkmalcdieserTransformationwerden,und dasin einerziemlidr
draraktcristisdren Form,in ihrer sdreinbaren
\flillkürlichkeit angegeben,
rrtnsicin gültigcrlü(eiseder Viederkehr desVerdrängrenanzunähern.
Srrcrf:rhrcnwir zunädrst,der Minister habeebenfallsden Brief untge-
lrcltt, gcwiß nicht mit jener hastigenGesteder Königin, sondernwohl
iibcrlcgt, wie man ein Kleidungssrüd< wendet. Das ist tatsädrlidrdie
Art rrrrdriüeisein der er vorgehenmußte, dem Gebrauchder Zeit ge-
nrä{i,in der man einenBrief und dasSiegelfaltere,um eineunbesdrrie-
bc.c stclle freizumac}en,auf der eineneueAdressegesdrrieben werden
kotrntc23.
l)icsc Aufsclrift wird seineeigene.ob sienun seinereigenenoder einer
andcrcnFland entstammt- sie zeigt siclrals eine sehr feine weibliche
Sdrrift, und das Siegel geht vom Ror der Leidensdraftüber zurn
SdrwarzihrerSpiegelungen-,er drüdrt ihm seineigenesSiegel auf.Die-
sc IiigcntümlichkeiteinesBriefes,der mit dem SiegelseinesEmpfängers
vcrschenist, erweistsicfials Idee um so erstaunlicher,als sie im Text
zwar rnit Nadrdrud<ausgesprochen wird, von Dupin aber in der Dis-
kussion,der er die Identifizierung des Briefes unrerzieht,nidrt ein-
rn:rlcrwähntwird.
()b clicscUntcrlassungabsidrtlidroder unwillkürlidr ist, sieüberrascht
irr dcr Anordnung einesWerkes,dessenminuziöseRigorosität ofien-
sidrtlirir ist. In beidenFällen aber ist bezeidrnend,daß der Brief, den
dcr Minister letzten Endesan sichselbstridrtet, der Brief einer Frau
ist: als ob es sidr dabeium eine Phasehandelte,die er aufgrund einer
nntii rl irjrenKonvenienzdesSignifikantendurclquerenmüßte.

It Vir glaubten uns verpflidrtet, dem Auditorium hier


einen Beweis an Hand
einer llricfcs aus jener zeit liefern zu müssen,der chateaubriand und seine sudre
rradr eincm sckretär bewegte.Es ersdrien uns amüsant, daß chateaubriand den
stfil.(lpunkt zu der kürzlidr restituiertenersten FassungseinerMemoiren in genau
icttetnM.rrat November r84r gesetzthat, als oDer entwendeteBriefr in
"chamber's
i.urnrl' crsclicn. Die Ergebenheitvon chateaubriand vor der Regierung,die er
t,rtlcltc,und die Ehre, die dieseErgebenheitseinerpersoneingebradrthat (man hatte
rlanrrls nodr nidrt das opfer fbezieht sidr auf einen Aussprudr von p6tain, der in
ct w;r s;rgtc,er habeseinePcrsönlidrkeitdem Vaterland geopfert,A.d.ü.] erfunden)-
fiilrrtcn sic nidrt dazu, ihn hinsidrtli& des urteils, dem, wie wir weiter unten sehen
werrlcr, dcr Minister unterstellt ist, unter die Männer von Genie mit oder ohne
(irundsätzczu zählen?

t4
Auch die Aura von Nonchalance,die soweit geht, den Ansdrein von
veichheit vorzutäuschen,das Zursdraustelleneinesdem überdruß na-
hen ennaiin seinen\7orten, die Stimmung,die der Autor einer *philo-
sophieder Einridrtung.,24durdr fast ungreifbareEindrüd<e,wie der
desMusikinstrumentsauf dem Tisdr,zu erwedrenweiß - all dasscheint
zusammenzuspielen, damit die Gestalt (der Minister), derensämtlidre
Iü7ortesie mit den Merkmalen der Männlidrkeit ausgestattethaben,
den eigentümlidrsten odor di t'eminavon sidr gibt, sobaldsiein Ersdrei-
nung tritt.
Daß essidr dabeium einenKunstgrifi handelt,versäumrDupin in der
Tat nidrt zu unrersrreidren,indem er uns auf die \fladrsamkeitdes
sprungbereiten Raubtiereshinter diesemfalsdrenAuftritt hinweist.Da
essichaberebenum die'$Tirkungdesunbewußtenin dem genauen Sinn
handelt,wonachwir lehren,daß dasUnbewußte,will heißen:daß der
Mensd-rvom signifikantenbewohnt wird - wie könnte man dafür ein
sdröneres Bild finden, als das,weldresPoe sdrmiedet,um uns die Lei-
stungDupins verständlichzu madren.Denn zu diesemzwedr greift er
auf die toponomasrisdren Namen zurüd<,die einegeographisdre Karte,
um nicht stummzu sein,ihrer Zeichnungbeifügt,und die man zum Ge-
genstandeinesRatespielsmadrenkann: man muß den Namen finden,
den ein Spielpartnergewählthat - und machtdarauf aufmerksam,daß
der vorteilhaftesteNamen, einenNeuling zu verwirren, derjenigesein
wird, der sichin großenund breitenLerternvon einemEnde der Karte
zum andern hinzieht und der, meisrenssogarohne daß der Blick bei
ihm einhält,die Bezeidrnung einesganzenlandesangibt . . .
re so der gestohlene Brief, der gleiclreinemungeheuren Frauenkörpersich
im Raum desministeriellenKabinetts ausbreitet,als Dupin esbetritt.
Er aber ist sdrondarauf vorbereitet,ihn in dieser\fleisevorzufinden,
und er braudrt diesengroßenKörper nur nodr mit Hilfe seinerdurdr
grüneGläsergesdrützten Augenzu entkleiden.
Und deshalb,ohneesnötig oder,und das ausguten Gründen,die Ge-
legenheitdazu gehabtzu haben,an den Türen desprofessorsFreudzu
hordren, geht er sdrnurstrad<s dahin, wo das, was der Körper ver-
sted<enmuß, liegt und lagert, in irgendeinersclönenMitte, in die der
Blid<hineingleitet,wahrlichan jenemort, den die verführer dassdrloß
saint-Angein der einfältigenEinbildung nennen,mit der sie sidr ver-
sichern,sie könnten von daher die Stadt überlisten.Da haben sie's!

2a Poe ist tatsädrlidr der Autor einesEssais,


der diesenTitel trägt.

1t
Zwischenden SodcelndesKamins befindetsichdasObjekt, dasmit der
braudrt. . .
I land erreic}barist, die der Räubernur nodr auszustredren
Dic Frage,ob er es auf dem Kaminsims,wie Baudelaireübersetzt,
odcr unter ihm ergreift, wie im ursprünglidrenText steht,kann ohne
Sdradenden Sdrlußfolgerungender Interpretationsküdreüberlassen
wcrden2s.

\Wiire,wenn die symbolische'\üTirkungskraft hier endensollte, damit


ludr die symboliscleSdruld gelösdrt?\üenn wir diesglaubenkönnten,
so würdcn uns doch zwei Episodendas Gegenteilbeweisen,die man
urn so wenigerfür bloßesBeiwerk halten kann, als sie auf den ersten
lllick im \Werknicht zu harmonierenscheinen.
von der BezahlungDupins, die, allesan-
| )as ist einmal die Geschichte
clcrcalseineSpielereizum Ende,von Anfang an sidr ankündigtein der
rcdrt ungeniertvorgebracJrten Fragenachder Höhe der versprodrenen
ßclohnung,mit weldrer Dupin sichan den Präfektenwendet,der sei-
ncrscits,obsdroner sichin der genauenSummezurüd<hält,ihm nicht
vcrbcrgcnwill, daß sieganzbeträdrtlidrist, und der in der Folgesogar
r.rod'reinmalauf ihre Erhöhungzu spredrenkommt.
l)cr Umstand,daß Dupin uns zuvor als einevöllig auf geistige\Telten
zurür*.gczogen lebendebedürftigePersonvorgestelltwird, stimmt uns
sc'honcher nachdenklidrüber den Handel, den er aus der Herausgabe
clcsllriefcs macht,und welcherdann dadurdr, daß er das Scleckbudr
z.unrVorscheinbringt, zu einemrunden Absdrluß kommt. Man sollte,
glrtrbcn wir, nidrt unbeachtetlassen,daß der hint, durdt den er den
Ilandcl ohne Umsdrweifeeingeleitethat, eine Gesdriclteist, die wie
lhudctaire uns sagt,mit der ..soberühmtenwie exzentrischen Persön-
lidrkcito einesenglisdrenArztes namensAbernethyverknüpft ist, und
in wcldrer ein vermögenderGeizhals,der zu einer Gratiskonsultation
krrrruncnmödrte,von demArztzu hörenbekommt,nidrt eineMedizin,
irbcrcincnArzt solleer sicl nehmen.
( ll:rubcnwir nicht mit gutemRedrt,daß esunsangeht,wenn essichfür
l)upin viclleiclt darum handelt, sidr aus dem symbolischen Kreislauf
rler Lcttcr zurückzuziehen, wir, die wir uns zu Botenaller entwendeten
llricfc machen,die bei unsfür eine'Weilezumindestin der Ubertragung
rrnzustcllbarsind. Neutralisierenwir niclt die Verantwortung, die
tlcrcrrUbcrtragungmit sichbringt, wenn wir sie auf die gleiche'lüflert-

ri Uutl sogardcr Ködrin. (Vahrsdreinlichein Hinweis auf Marie Bonaparte,A.d.Ü.)

r6
stufe stellenwie den annihilierendstenSignifikanten,des es in bezug
auf Signifikationüberhauptgibt: dasGeld.
Das aberist hier nidrt alles.Denn wenn derGewinn,zu weldremDupin
so leicht gekommenist, dessenKopf aus der Schlingeziehensoll, so
wird der Ausfall, sagenwir: der Scllag unter die Gürtellinie, den er
dem Minister plötzlich versetzt,nur um so paradoxer,scJrodrierender.
Solltedennder Streidr,dener ihm gespielthat, niclrtausgereicht haben,
seiner so unverschämtzur Sdrau gestelltenGeltung die Luft abzu-
lassen?
lVir habendie grausamenVersegenannt,die er, wie er versidrert,sich
nicht enthaltenkonnte, in dem von ihm gefälsdrtenBrief demjenigen
Augenblickzu widmen, in dem derMinister,durdr die unausbleibliclen
Herausforderungender Königin außersich,sie zu demütigengedenkt
und sichin den Abgrund stürzt: Er gibt die Sentenzfacilis descensus
Aaerni26zum Bestenund fügt hinzu, der Minister könne niclt ver-
fehlten,seineHandsclrift wiederzuerkennen, wasdadurcfi,daß er ohne
Not und erbarmungslos einenSchandfleck hinterläßt, als ein unrühm-
lidrer Triumph erscheint- Dupin hat esimmerhin auf einePersonab-
gesehen, die nic}t ohneVerdienstist. Der Groll, auf den er sidr beruft,
wegen einesüblen Betragens,dem er in \(ien (war es auf dem Kon-
greß?)ausgesetzt war, fügt dem nur nodr eine weitereAnsdrwärzung
hinzu.
Sehenwir uns dieseleidensdraftliche Explosion docJrnoch etwas ge-
nauer an und berücksiclrtigen wir insbesondere den Umstand, daß sie
die Folge einer Handlung ist, deren Gelingeneinem so kühlen Kopf
sidr verdankt.
Siefolgt genauauf denAugenblid<,in dem,nachdemder entsdreidende
Akt der IdentifizierungdesBriefesstattgefundenhat, Dupin sozusagen
den Brief bereitsin Händen hält, ihn fast sdron in Besitzgenommen
hat, ohne aber audr sdronin der Lage zu sein,sic.hseinerwieder ent-
ledigenzu können.
Er ist damit ebenfallsAbnehmerin der intersubjektivenTriade und als
soldrerin der mittleren Position,die vorher die Königin und der Mini-
ster eingenommenhaben.'ü7ird er, indem er nun mehr Überlegenheit
rs beweist,unsauchdie AbsichtendesAutors enthüllen?
Ist esihm gelungen,denBrief wieder auf seinenrec}ten\Veg zurüd<zu-
leiten,muß er ihn nur nochan seineAdressegelangenlassen.

28 Die Verselauten bci Yirgll:


facilis descensus
Aoerno.

37
DieseAdresseaber ist die Stelle,die zuvor der König eingenommen
hatte,an diesermüßteer in die Ordnung desGesetzes wiedereintreten.
Vir habengesehen, weder der König nodr die Polizei, die an dessen
Stellerüdrte, waren fähig, ihn zu lesen,da dieseStelleBlindheit ein-
schlo$.
Rexet a,.tgur,die legendäreArchaik dieser\florte scheinthier nur anzu-
klingen,weil wir ahnensollen,wie lächerlichesist, an dieseStelleeinen
Mann zu berufen.Die Gestaltender Geschichte sind ja seit geraumer
Zcit nicht geradeermutigend.SeinerNatur nachist der Mann nidrt da-
z.u beschaffen, das Gewicht des höchstenaller Signifikantenallein zu
tragen.Und die Stelle,die er einnimmt, indem er sie bekleidet,kann
zum SymboldesSdrwadrsinns werden27.
Sagenwir, hier ist derKönig durdr die demSakraleneigeneAmphibolie
mit jcnem Sd-rwadrsinn gesdrlagen,der mit dem Subjekt28zusammen-
hängt.
Das wird den Personen,die sidr an seinerStelleablösen,den Sinn ver-
lcihcn. Nidrt, daß man die Polizei für konstitutionell analphabetisdr
haltcn kann, bekannt ist ja die Rolle, die die bei der Staatsgründung
iruf demcdmpnsaufgepflanztenPiken spielen.Die Polizei aber,die hier
ilrrcm Geschäftnadrkommt, ist redrt weitherzig, was ihr nahegelegt
wird von Herren, die aus ihrem Hang zur Indiskretion kaum ein
(lchcimnis madren. Deswegenkaut man uns nidrt den bekann-
tcn Spru<*rüber die ihnen vorenthaltenenBefugnissevor: ..Sutor ne
ultra crepidam,Bullen, bleibt bei euren Stullen.ITir werden euchzu
<ficscmZw'ed<sogarwissenschaftliche Hilfsmittel stellen.Das soll euch
dann helfen,wenigeran die Wahrheitenzu denken,die man besserim
I )urrkelnläßt."2e
\fic man weiß, wird die Erleichterung,die mit so trefflichenPrinzipien
cinlrergeht,in der Gesclidrtewohl nur auf einenMorgen begrenztge-
wcscnsein,und der GesangdesSdrid<sals wed<t* Folgeeinerrichtigen
Schnsuchtnacl dem Reichder Freiheit- das Interessean all jenen,die

rt Mrrn crinnert sidr an den geistreidren Zweizeiler, der vor seinem Fall dem letzten
l(lirrig zugcsr:hriebenwurde, da er sidr dem Rendezvous von Candide in Venedig an-
g c s d r l o s s c nh a t t e :
ll n'cst plus aujourd'hui que cinq rois sur la terre.
l.cs rlultrc rois dcs cartes et le roi d'Angleterre.
tt A.d.Ü.: Großsclreibung im Original.
t0 l'lin ccller Lord, der vor dem englisdren Oberhaus spradr, in dem sein Adel ihm
Itcdrt auf diesen Platz gab, hat sidr in klaren Worten zu dieser Rede bekannt.

r8
dieseSehnsudrtmit ihren Verbrechentrüben, ein Interesse,das dafür
nodr die Beweisescfimiedet.Ja, man kann sogarfeststellen,daß diese
Praxis, die immer sdron dadurdr gut angekommenist, daß sie immer
nur zugunstender Mehrheit ausgeübtwurde, durdr jene verbürgt
wurde, die öffentlidrihre Sclmiedungen bekanntenund die selbstdaran
etwashättenaussetzen können:die bisherletzteManifestationdesVor-
rangsdesSignifikantenüber dasSubjekt.
Bleibt trotzdem wahr, daß man einer Polizeiakte immer mit einem
Vorbehaltbegegnet, wobei schwerzu erklärenist, daß dieserVorbehalt
soweit über denKreis der Historiker hinausreidrt.
lVegendiesesim AbnehmenbegriffenenGlaubenswird die von Dupin
beabsidrtigteAuslieferungdes Briefes an den Polizeipräfekten,den
Brief in seinerTragweiteschmälern.\Wasbleibt jetzt nodr vom Signifi-
kantenübrig, nadrdemer, bereitsum seineBotschaftan die Königin er-
leichtert,in seinemText ungültig wurde in dem Augenblid<,da er dem
Ministerausden Händenkam?
Er kann sogeradenocfiauf die Frageantworten,was von einemSignifi-
kanten übrig bleibt, der keineBedeutungmehr hat. Das aberist genau
die Frage,die der an ihn gerichtethat, den Dupin nunmehr an dem
durchBlindheit gezeidrneten Ort wiederfindet.

Es ist tatsächlichdie Frage, die den Minister dorthin geführt hat,


wenn anderser der Spielerist, als den man ihn uns bezeiclnet,und als
den ihn seineHandlung hinreidrenddeutlichausweist.Die Leidensdraft
desSpielersist ja nicJrtsanderesals die an den Signifikantengeridrtete
Fragenadademaatomaton desZuf alls.
"\[as bist du, Figur des'!üürfels,den irü im ZusammenfallQtiyr)3omit
meinemSchicksalwcnde?Nidrts, wenn nidrt die AnwesenheitdesTo-
des,die dasmenscfilicleLebenzu jenemAufsdrubmadrt, der von Mor-
gen zu Morgen im Namen der Bedeutungen erwirkt ist, derenHirten-
stab dein Zeichenist. So tat Sc}eherezade während Tausendundeiner
Nadrt, und so tue ich seit achtzehnMonaten, während der idr unter
dem Einfluß diesesZeichenssteheum den Preiseinersdtwindelerregen-
den Seriefalscher'\7ürfein demSpielum .Grad oderUngrad,.'
So kommt es, daß Dupin, aorn Ort her, wo er ist, sidt nicht dagegen
wehrenkann, gegenden,der sofragt, eine\(ut von manifestweiblicher
30 Man kennt die grundsätzlidreOpposition, die Aristotelesin der Begriffsanalyse,
die er in seiner"Physik" dem Zufall widmet, hinsidrtlidr der beidenhier erwähnten
Termini aufstellt. Kennte man sie."sowürde mandre Diskussion erhellt.
Natur zu empfinden.Das hehreBild, zu dem sichdie Erfindungsgabe
dcsDidrtersund die StrengedesMathematikersmit der Unberührbar-
kcit einesDandy und der EleganzeinesBetrügersvereinigten,wird
plötzlichfürdenselben, der esunsgenießenließ,zum wahren monstrr'!'rn
ltorrendum,wie seineeigenenl(orte lauten, "ein genialerKopf ohne
Grundsätze".
I-licr zeichnetsichder Ursprung diesesSdrredrensab, und der ihn er-
fährt, hat, ihn uns zu enthüllen,eigentlidrkeine Veranlassung,sidr so
viillig unerwartetals "Parteigängerder Dame" zu erklären.Man weiß,
daß Damenesnidrt lieben,wenn man Grundsätzlidres ins Spielbringt,
dcnn ihre Reizesind in hohemMaße dem MysteriumdesSignifikanten
vcrpflidrtet.
I)ahcr wird Dupin uns sdrließlidr die sdrreckenerregende Seite des
Signifikantenzukehren,den alle außerder Königin bishernur von der
Kclrrseiteher lesenkonnten. Dem Orakel, das dieseandereSeite in
ihrcr Fratzeträgt, entsprichtder GemeinplatzdesZitats so gut wie der
Umstand,daß esder Tragödieentnommenist:
. . . Un destin si funeste,
s'il n'cst digne d'Atrde, est digne de Thyeste.
So lautet die Antwort desSignifikantenjenseitsaller Bedeutungen:
"l)u glaubstzu handeln,während ich didl bewegean Fäden,mit wel-
drcn idr deineBegierdenverknüpfe.So nehmendiesezu an Kraft und
vcrmchrensicl in die Objekte,die dicfi an die ZerissenheitdeinerKin-
dcrzcit zurüdrverweisen. Dies soll dein Festmahlseinbis zur \flieder-
kclrr desSteinernenGasts,der idr sein werde für didr, wenn du mich
rtt fst. o
lJrrr wicdcr zu einer gemäßigteren Tonart zurückzufinden, sagen wir
lrrit jcncm Sdrerzwort, das wir zusammen mit einigen von Ihnen, die
tunsim lctzten Jahr an den Kongreß nach Züridr begleiteten, als Parole
lrusgcgcbcn haben: "Iß dein .Dasein'.'
lst's clics,was den Minister an einem schicksalhaftenTreffen erwartet?
l)rrpin vcrsidrertes uns, wir aber habengelernt,seinenAbschweifungen
nidrt lllzu vicl Glauben zu schenken.
Zwcifclsohne sehen wir hier den Verwegenen auf jenen Zustand
srhwadrsinnigcr Blindheit reduziert, in dem der Menscl sich jenen
'\üand
Srhriftzcidrcn an der gegenübersieht,die sein Schid<salbestim-
tncrr. I)o<jh kijnnen die Provokationen der Königin allein genügen,
cirrcn Mann wie diesen dazu zv bewegen,sidr den Sdrriftzeidren zu stel-

4o
len? \[as ist mit ihnen bewirkt? Liebe oder Haß? Jeneist blind und
+r wird ihn zwingen,seine\üaffen zu stred(en.Dieserist hellsichtig,wird
aber seinenArgwohn wecken.Ist er wirklich der Spieler,als den man
ihn unsvorstellt,wird er seineKarten, bevor er sieaufdeckt,ein letztes
Mal befragenund sich,wenn er seinSpiel gelesen hat, rechtzeitigvom
Tischerheben,um der Schande zu entgehen.
Ist dies alles und dürfen wir damit glauben,die wirkliche Strategie
Dupins über die imaginärenKniffe, mit denener uns täusclenmußte,
hinausentziffert zu haben?Ja, gewiß, denn wenn uein jeder Fall, der
Nacldenken erfordertr, wie Dupin zunächstvorbringt, "zwedtmäßig
imDunkeln untersudrtwird,, sokönnenwir jetzt dieLösungmit Leic.h-
tigkeit am hellenTagelesen.Siewar bereitsim Titel unsererErzählung
enthaltenund diesemunsdrwerzu entnehmen- und zwar nach der
Formelder intersubjektivenKommunikation,mit der wir Siesdronseit
langemvertraut gemachthaben:Ihr zufolge,sagenwir, empfängtder
SenderseineBotsdraftvom Empfängerin umgekehrterForm wieder.
Somit will .entwendeterrr,eben .unzustellbarerBriefu besagen,ein
Brief (eineLetter) erreicheimmer seinen(ihren)Bestimmungsort.

(Guitrancourt,SanCasciano,Mitte Mai, Mitte August r956)

Darstellung des weiteren Verlaufs

Auf diesenText würden wir den, der sicheinen Eindruck von unserenVorlesungen
verschaffenwollte, sdrwerlicJrhinweisen'ohne ihm den Rat zu geben,daß man sidr
durdr ihn in die Einleitung einführen lassenkann, die ihm vorausging,und die hier
folgen wird.
Sieaber war für jene gemadrt,die mit diesemEindrud<sdtonvertraut waren.
Dicser Ratsdrlagwurde, wie gewöhnlidr,nidrt befolgt: da der Gesdrmadran Klippen
das OrnamentdesBeharrensim Seindarstellt.
'Vir
nehmenhier die Ukonomie desLesersnur insofernin die Hand, als wir auf den
AdressatenunseresDiskurseszurückkommenund hervorheben,was nicht mehr in
Abrede gestelltwerden kann: unsereSdrriften reihen sidr in ein Abenteuerein, das
desPsydroanalytikers, jedenfallssoweitdie Psyüroanalysees in Fragestellt'
+z Die UmwegediesesAbenteuers,jasogarseineUnebenheiten,habenuns in ihm an die
StelledesUnterridrrendenversetzE.
Daher ein inrimer Hinweis, den man, nadrdemman zunädrstdieseEinleitung durch-
laufen hat, durdr den Hinweis auf die im Chor praktizierten Exerzitien, begreifen
wird.

4r
Lctztlidr arbeitet der vorangehende Text ja nur die Ergebnisse einer von innen,
vcrfcincrnd, heraus, die sidr als besondersdankbar erwiesen haben.
Man macht daher einen sdrledrten Gebraudr von der Einleitung, die folgen wird,
w('nn man sie für sdrwierig hält: das hieße, auf den Gegenstand, den sie präsentiert,
das zu übertragen, was allein an ihrer Perspektive liegt, sofern diese sidr nadr der
Ausbildung des Psychoanalytikers ridrtet.
Audr suchen die vier Seiten, die einigen Kopfzerbredren bereiten, keineswegs
Vcrwirrr.rng zu stiften. Sfir führen einige nadrträgliche Beridrtigungen an, um jeden
Vorwand auszuräumen, der dazu dienen könnte, sidr von dem, was sie behaupten,
rrbzuwcnden.
Nümlidr die, daß die Erinnerung, um die es sidr im Unbewußten, im Freudsdren,
wic sidr versteht, handelt, nidrt der Ordnung angehört, die man dem Gedädrtnis
urrtcrstellt, sofern letzteres das Eigentum des Lebendigen wäre.
Llrn das, was diese negative Referenz beinhaltet, genau herauszustreidren, sagen
wir, daß das, was ausgehedrt wurde, um über diese \firkung der lebendigen Materie
llet'Icnschaft zu geben, uns durdr die Resignation, die es nahelegt, nicht annehmbarer
wird.
\üüiihrcnd es doch in die Augen springt, daß wir durdr den Verzidrt auf diese
Unter-
wcrfung in dcn geordneten Ketten einer formalen Sprache in allen Punkten die Ähn-
lidrkcit mit einem Erinnern erkennen können: ganz besondersmit demjenigen, das die
lirrtdccü.ungFreuds forderr.
Wir wcrden daher bis zu dieser Behauptung gehen: wenn es überhaupt irgendwo
cirrcrr Bcweis zu erbringen gibt, dann den, daß diese Ordnung, die das Symbolisdre
korrstituicrt, nicht genügt, um hier allem die Stirn bieten zu können.
lrrr Augcnblid< sind die Beziehungen dieser Ordnung, in Anbetradrt der Erkenntnis,
rlic [ireud über die Unzerstörbarkeit dessenhat madren können, was im Unbewußten
,rtrfbcwahrt ist, die einzigen, von denen man denVerdacht hegen kann, ibm za ge-
,, il llt,tt.

(M.rn bcirdrtc Freuds Text über den uI(underblodr", der diesbezügliö, wie mandrc
;rrrrlcrc,dcn trivalen Sinn übersdrreitet, den ihm die Zerstreuten lassen.)
l)irs l)rogramm, das sidr für uns abzeidrnet, besteht folglidr darin, zu erkennen, wie
cirrc formalc Sprache das Subjekr bestimmt.
l)cr ocwinn cines solchen Programms ist allerdings nidrt einfadr: da es voraussetzr,
rlall cin Subjckt es nur erfüllen wird, indem es erwas von sidr selbst dazu beiträgt.
liirr l)syr:hoanalytiker kann nidrr umhin, sein Interesse daran hervorzuheben, sogar
rr,rclrMrflgabc des Hindernisses, auf das er dabei stößt.
l)ic, tlic daran mitwirken, räumen es ein, und sogar die anderen, in angemessener +3
t0üciscbcfragt, würden
es zugeben: es liegt hier eine seite subjektiver umkehrung
v.r, rlic für unsere psydroanalytisdre verbindung nidrt undramatisch gewesen ist,
tttttl rlcr Vorwurf, dcn die anderen mit dem Begriff der Intellektualisierung erheben,
rrrrrl nrit dcm sie uns einen streich spielen woilen, zeigt in diesem Lidrt sehr genau,
w,rr cr vcrbirgt.
()hrre zwcifcl hat keiner sidr verdienstvollere Mühe gegeben, diese seiten zu lesen,
,rlr cirrer, tlcr uns rrahe steht, und der sdrließlich nur die Hypostase zu denunzieren
w r r l l t c , d i c s c i u c r rK a n t i a n i s m u s b e u n r u h i g t e .
I ) i e K ; r r r t i s t h cl ] ü r s t e b r a u d r t a l l e r d i n g s s e l b s ti h r A l k a l i .
I lier bictct sidr cine günstige Gelegenheit, unseren l7idersadrer einzuführen, und

1'
andere audr, die weniger relevant sind, da sie jedesmal,wenn sie sidr ihr täglidres
subjekt erklären,ihren Patienten,wie man sagt,und wenn sie ihm sidr erklären,vom
magisdlenDenken Gebraudrmadten.
Daß sie dadurdr selbstin es eingehen,gesdriehttatsädtlidr mit demselbenSchritt, mit
dem der erste versucht, von uns den Keldr der Hypostase fernzuhalten, während er
dodr mit eigenerHand den Bedrergefüllt hat.
Denn wir haben niöt vor' mit unserena, f ,y, ö aus dem Realen mehr z:utagezu föt-
dern, als wir in seinerGegebenheitvorausgesetzt haben,daß heißt hier: nidrts; son-
dern wir wollen nur zeigen,daß sie hier eine syntax einführen,indem siejenesReale
überhaupterst zum Zufall madren.
Dazu stellenwir als nädrstesfest, daß die \fiederholungseffekte,die Freud zwänge
nennt, keiner anderenUrsacheentspringen.
Man hält uns entgegen,daß unserea, f ,1,ö abernidtt sind, ohnedaß ein Subjektsiclr
ihrer erinnere.Genau das steht in unserenSdrriften zur Frage: was sidr wiederholt,
geht eben aus dem, u)ds nicbt toar, hervor - eher als aus einem Nidrts des Realen,
das man sidr verpflidrtet fühlt, in ihm anzunehmen'
Merken wir än, daß die Tatsadre,daß das, q/as sidl wieclerholt, so sehr insistiert, um
sichzur Geltung zu bringen,dadurdr wenigererstaunlidlwird.
Das bezeugtder geringsteunsereroPatienten"in der Analysemit lt(orten,die unsere
Lehre um so besserbestätigen,als sie es sind, die uns dahin gebradlt haben: genauso
wie audr die eswissen,die wir ausbilden,da sie oftmals unsereTermini - wenn audr
antizipiert- in demfür sienodr frisdrenText eineranalytisdrenSitzunggehörthaben.
Daß der Kranke aber im Augenblidr,in dem er spridrt, angemessen gehört v/erde,
ist das,was wir erreichenwollen. Denn es wäre befremdend,daß man nur der Idee
dessen,was ihn vom redrten Weg abbringt, ein Ohr leihen würde, im Augenblidc,in
dem er ganz einfadr der \Tahrheit ausgeliefertist.
Aus diesemGrund ist esder Mühe vsert,die SidrerheitdesPsyöologen ein wenig zu
erschüttern,das heißt die Pedanterie,die beispielsweise das "Ansprudrsniveau,er-
funden hat, zweifellos mit der Absidrt, in ihm das eigeneals unüberbietbarenPla-
fond zu bestimmen.
Man darf niclt glauben,der Universitätsphilosophvon altem Sdrrot und Korn sei
dasBrett (La planche!A.d.U.),das dieseKurzweil unterstützenv/ürde.
Genau hier, wo sie alte Sdrulstreitigkeitenwieder erklingen läßt, stößt unsereRede
auf die Passivades Intellektuellen,es handelt sidr aber audr um die Behebungtöridr-
ter Voreingenommenheiten.
Auf der Tat ertappt, uns eine Übersdrreitungder KantisdrenKritik zu Unrecht an-
zukreiden,ist das Subjekt,das so wohlwollend mit unseremText aufräumenwollte,
dodr nidrt der Vater Ubu und sträubt sidr nidrt.
Aber es hat fast alle Lust am Abenteuerverloren. Es will sidr setzen.Das ist eine
körperlicheAntinomie zum Beruf des Analytikers. Vie kann man sitzen bleiben,
wenn man sidr in die Lage gebradrthat, auf die FrageeinesSubjektsnidrt mehr ant-
'worten zu müssen,als indem man es zuerst hinlegt?Es ist klar, daß Aufredrtstehen
nidrt wenigerunbequemist.
Deshalbstellt sidr hier die Fragenadr dem Übertragender psydroenalytischen Erfah-
rung, wenn in sie die didaktischeAbsidrt impliziert ist, ein 1üTissen
umzusetzen.
Die Inzidenzeneiner Marktstruktur sind für das Feld der Vahrheit nidrt belanglos,
dochsiesind hier bedenklidr.

43
,c,lntunfung

l)ie Vorlesungaus unseremSeminar,die wir hier in überarbeiteter


liorm nodr einmal vorlegen,wurde am 26. April r9y5 gehalten.Sieist
cin Teil desKommentars,den wir im Verlauf jenesganzenStudien-
jahres
"JenseitsdesLustprinzips"gewidmethaben.
Man weiß, daß viele von denen,die sidr auf den Titel einesPsycho-
analytikers berufen, nicht zögern, dieses\flerk von Freud als über-
Ilüssige,ja sogar gewagte Spekulation zu verwerfen; und an der
Antinomie par excellence, in der esgipfelt, dem Begrifi desTodestrie-
bcs, kann man ermessen, in welcJremMaße es für die meisten,man
vcrzciheunsdastVort, undenkbarseinkann.
lis fällt allerdingsscJrwer, das \(erk, das geradehier ein Vorspiel der
ncucnTopik ist, für eineAbschweifungoder gar einenFehltritt jener
'l'opik
zu halten, die die - im theoretischen Gebraudrwie auchin der
populären Verbreitung besondersvorherrsdrendgewordenen- Ter-
rnini desIcb, Es undüberich repräsentieren.
l)icscseinfacle Verständnissieht sidr bestätigt,dringt man in die Mo-
tivationenein, die die sogenannte Spekulationan die theoretisc}eRevi-
clicrungknüpfen,als derenKonstituenssiesicherweist.
l'lin solcherProzeß läßt keinen Zweifel an der Entartung, ja sogar
arn Widersinn, mit dem die vorliegende Gebrauchsweise der ge-
nanntcnTermini gesdrlagen ist, und der sdrondarin offenkundigwird,
daß thcoretiscler und vulgärer Gebrauch vollkommen äquivalent
sincl.
(lcwiß rccltfertigt genaudiesdie von bestimmtenEpigoneneingestan-
tlcnc Absicht,in diesenTermini die Mittel zur Aufbereitungzu finden,
durrir die die Erfahrung der Psydroanalyse von dem,was sieallgemeine
Psydrol<lgie nennen,einvernommenwerdenkann.
(lcbcn wir hier lediglicheinigeRidrtpunktean.
()bglcidr der lüTiederholungszwang im betroffenen\(erk sidr als Ant-
wort auf gewisseParadoxeder Klinik, wie etwa die Träume der trau-
tnrrtisdrcnNcuroseoder die negativetherapeutisdre Reaktion erweisen
soll, kann dieserBegriff niclt, selbstwenn er es krönte, als Hinzufü-
gunl{zun"rLehrgebäude betradrtetwerden.
lfrcrrdbcstätigtin ihm von neuemseineanfänglidreEntded<ung: die
Konzcptionder Erinnerungnämlich,die sein impliziert.
"Unbewußtes"
| )ic ncucnTatsachenbietenihm hier die Gelegenheit,sie in strengerer
44
\fleise zu restrukturieren,indem er ihr eineverallgemeinerteForm ver-
leiht, aber audr seineProblematik im lüiderstand gegenden Verfall
wiederzueröffnen,der sidr seit damalsdarin bemerkbarmadrte, daß
ihre Virkungen für schlidrtGegebenes gehaltenwurden.
I[as sichhier erneuert,artikulierte sichsdron im "Entwurfu3l, in dem
sein Ahnungsvermögendie \flege zeidrnete,durdr die seinForschenihn
führen sollte: das Systemrp, Vorläufer desUnbewußten,bezeugthier
seineOriginalität, indem es nur im Wied'erfindendes aon Grund aut'
verlorenenObjektsbefriedigtwerdenkann.
Auf diese\(eise situiert Freudsidr von Anfang an in der Kierkegaard-
schenOpposition,die den Begriff der Existenzbetrifft, sofernsiein der
'!trenn
Erinnerungoder in der \üiederholunggründet. Kierkegaardin
bewunderungswerter Weisein ihr die Differenz der antiken und mo-
dernen Konzeption des Mensdrenuntersdleidet,dann wird offenbar,
daßFreudder letzterenihren entsdreidenden Sc}ritt abfordert'wenn er
dem mit Bewußtseinineinsgesetzten Mensc.hen als Handelndemdie in
dieserlViederholungenthalteneNotwendigkeit raubt. Da dieselVie-
derholung symbolisdrelViederholungist, stellt sidr heraus,daß die
Ordnung desSymbolsnidrt mehr als durdr den Menschenkonstituiert,
sondernalsKonstituensbegriffenwerdenkann.
So sahenwir unsveranlaßt,unsereZuhörerwahrhaft mit dem Begriff
der Viedererinnerungvertraut zu machen,den das FreudscheWerh
impliziert: und zwar aus der hinreichenderwiesenenFeststellung
heraus,daß die Gegebenheiten der Analyseselbst,läßt man sie impli-
zit, in der Luft hängen.
I7eil Freud niclt vom originellenCharakter seinerErfahrung weic}t,
sehen wir ihn gezwungen,ein Element herbeizuzitieren,das sie
von Jenseitsdes Lebensbeherrsdrt- und welcheser den Todestrieb
nennt,
Der Hinweis, den Freud hier seinensogenanntenNachfolgern gibt,
vermag nur die zu entrüsten,deren Scllaf der Vernunft sich, der
lapidaren Formel Goyas gemäß,von den Ungeheuernnährt, die er
zeugt.

t1 Es handelt siö um den .Entwurf einer PsydrologieE von r89y, der, da er an Fließ
geridrtet war, im Gegensatz zu den berühmten Briefen, denen er hinzugefügt wurde,
von seinen Herausgebern nicht zensiert wurde. Gewisse Fehler bei der Lektüre des Ma-
nuskripts, die die deutscheAusgabe enthält, zeugen sogar von der geringen Beachtung, die
man seiner Bedeutung gezollt hat. Es ist klar, daß wir an dieser Stelle nur eine Position
bezeichnen, die wir in unserer Vorlesung enrwickelt haben.

4t
I)enn um seinem Gewohntem nidrt zu widersprechen,liefert Freud
uns seinenBegriff nur in Verbindungmit einemBeispiel,das hier die
grundsätzlicheFormalisierung,die er bezeidrnet,in glänzender\7eise
bloßlegenwird.
JcnesSpiel, weldresdas Kind betreibt, wenn es Gegenstände - deren
-
I')igenartübrigensgleiclgültig ist aus seinerSidrt verbannt, um sie
wicder hervorzuholenund ansdrließenderneut zum Versdrwindenzu
bringen, währenddessen es jene distinktive Silbenfolgemoduliert -
diesesSpiel,sagenwir, manifestiertin seinenradikalen Zigen die De-
tcrminierung,die das Mensdrentiervon der symbolisdrenOrdnung
cmpfängt.
I)cr Mensc}widmet seineZeit budrstäblidrder Entfaltung der struk-
turellen Alternation, in der die An- und Abwesenheitsichgegenseitig
aufrufen. Genauim Augenblidr ihrer wesentliclenKonjunktion, also
soz.usagen am Nullpunkt desBegehrens, fällt das mensdrlidreObjekt
untcr die Beschlagnahme, die, seinnatürlidresEigentumannullierend,
csfortan denBedingungen desSymbolsunterwirft.
Um die lü/ahrheit zu sagen,hier liegt nur ein erhellenderEinblidr
in dcn Eintritt des Individuums in eine Ordung vor, deren Massees
trügt und in der Form der Spradrein sidr aufnimmt, und die in der
l)iadrronie wie in der Synchronieder Bestimmungdes Signifikatsdie
tlcsSignifikantenüberauferlegt.
Man kann dieseUberdeterminierung in ihrem Auftritt selbstfassen;sie
ist dic einzige,um die esin der Freudschen Auffassungder symbolischen
lrurrktiongeht.
l)ic cinfacleKonnotation einerReihemit (+) und (-),die auf der ein-
zigcn grundsätzlichen Alternative von An- und Abwesenheitspielt,er-
laubt cs zu zeigen,wie die strengstensymbolisdrenDeterminationen
sichcincr Folgevon'tüflürfenangleichenlassen,derenRealität in stren-
gcnrSinnureinzufällignverteiltist.
lis gcnügttatsädrlich,in der DiachronieeinersoldrenReihedie Dreier-
Hruppcnz.usymbolisieren,die sidr aus jedem Wurf32sdrließenlassen,
irrdcrnman sie beispielsweise synchronisdrmittels der Symmetrieder
llcstiindigkcit(+ * +, - - -), die mit (r) bezeidrnet wird, oderder
Altcrnation(+ - +, - + -), die mit (3) gekennzeidrnet wird, defi-

ir Vir t:rlüuternder Klarheit wegendieseNotation einerZufallsfolge:


* *
l ; : : ; ; : ; u s w
16
niert; wobei man die Notation (z) der Dissymmetrie33 vorbehält, die
durdr dasUngeradein der Gestalt einer Gruppe zweier ähnlic}er Zei-
dren, der das entgegengesetzte Zeidten entweder vorangeht oder folgt
(+ - -, - * *, * * -, - - +), zu erkennenist, damitinderneuen
Reihe,die mit Hilfe dieserNotationenkonstituiertwurde, Möglichkei-
ten und Unmöglidrkeitender Sukzession sichabzeichnen.Das folgende
Netz faßt siezusammen,wie esaudr die konzentrisdreSymmetrieof-
fenbart, mit der die Triade schwangergeht - das heißt, wir fügendas
hinzu, die Struktur selbst,auf die sic.hdie von den Anthropologenim-
mer wieder eröffnete Frage3aüber den grundsätzlichenoder sdrein-
barenDualismusder symbolischen Organisationen beziehenmuß.
Hier folgt diesesNetz:

NETZ I-':

In der Reiheder Symbole(r), (t), (3) beispielsweise


kann man feststel-
len, daß die Reihesic}ran den geradenoder ungeradenRang jeder die-
ser (z) erinnernwird, solangeeine stetigeSukzession von (z) dauert,
die nadr einer (r) begonnenhat; dennvon diesemRang hängt esab, ob
dieseSequenznur durdr eine (r) nacheiner geradenZahlvon (z) oder
durdr eine(3) nadr einerungeradenZahlabreißenkann.
Somit läßt mit der erstenZusammensetzung des SymbolsersterOrd-
nung mit sichselbst- wir weisendarauf hin, daß wir sie nicht will-
kürlidr in dieserlüüeise
vorgeschlagenhaben-, eineStruktur, die gegen-
über ihren Gegebenheiten nodr vollauf transparentbleibt, die wesent-

ss Sie ist genau das, was die Verwendungsarten des englisdren \[ortes, ohne ein
Äquivalent, das wir aus anderen Spradren kennen, in sidr vereinigt: odd. Die
französisdre Gebraudrsform des Vortes impair (uagerade) zeigt, um eine Abweidrung
im Verhalten zu bezeidrnen, einen Anfang; das Vort: disparat allerdings erweist
sich als unzureidrend.
8a Vgl. seine Wiederaufnahme durdr Claude Ldvi-strauss in: Gibt es dualistisdre
Organisationen? aus: Strukturale Anthropolo gie,Frankfwt, r967.
licheVerbindungder Erinnerungmit dem Gesetzin Erscheinungtre-
tcn.
Wir werdenaber sehen,wie die symbolisdreDeterminierungundurch-
sidrtigwird und sidr die Natur desSignifikantengleidrzeitigofrenbart,
indem wir nur die ElementeunsererSyntax durdr überspringeneines
Tcrms neu kombinieren,um eine quadratischeRelation auf dieses
binäreElementanzuwenden.
Sctz.cnwir deshalbswenn folgendesbinäre Element: (r) und (l) bei-
spielsweise in der Gruppe [(r) (r) (l)] vorkommt und mit Hilfe seiner
Symbole eine Symmetriemit einer Symmetrie [(r)-(r)], (l)-(l),
t(t)-(l)l oder audrnodr [(3)-(r)] zusammengefügt wird, so sdrreiben
wir c; die Konjunktion einer Dissymmetriemit einer Dissymmetrie
(rrur [(z)-(z)]) heißt y; aberim Gegensatzzu unsererersrenSymboli-
sicrungverfügen die Kreuzkonjunktionenüber die beiden Zeichenf
und d, wobei p die Konjunktion der Symmetriemit der Dissymmetrie
[(r)-(t)], [(l)-(r)], und ö die der Dissymmetriemit der Symmetrie
[ (r)-( r)], t(r)-(:)l bezeichnen.
Man wird feststellenkönnen:wenn dieseKonvention audr einestrenge
(ilcidrheit der Kombinationsmöglidrkeitenzwischenvier Symbolen
u, fl, y, d aufstellt(im Gegensatzzur klassifikatorisdren Mehrdeutigkeit,
dic in dcr früherenKonvention dieVorkommenswahrsdreinlidrkeit der
bcidcn anderenund der desSymbols(2) gleichbewertete), so determi-
nicrt die neueSyntax,die die Sukzession von c, p, y, ö beherrscht,
abso-
lut dissymetrisdreVerteilungsmöglichkeiten zwischena und 7 einer-
scits,p und d andererseits.
lrkcnnt man in der Tat, daß irgendeinerdieserTerme irgendeinem
arrdcrenunmittelbar folgen kann und ebenfallsim 4. Zeitmetrum,das
vorr cincm der beidenausgehendgezähltwird, erreidrr werden kann,
tfann zcigt sicJrdagegen,daß das 3. Zeitmetrum,oder andersausge-
drür.ü,t,das konstituierendeZeitmetrum des binären Elements,einem
Aussdrließlidrkeitsgesetz unterworfenist, dasbesagt:auseinema oder
d kann man nur ein c oder ein p, und auseinemB oder einem7 nur ein
7 odcr <lerhalten.Diesläßt sidr wie folgt besdrreiben:
arf
VcrtcilungsschemaAA: + a,f,Td --
# ,i
r. Zeitmetrum z.Zeitmetrum 3. Zeitmetrum
in dcrn die mit dem r. und 3. Zeitmetrumverträgliclen Symbolesicl,
gcrrrüßdcr horizontalenAufreibung,die sie im Verteilungsschema
ver-
,t8
teilt, entsprechen,während ihre Auswahl im z. Zeitmetrum indifferent
ist.
Die Tatsadre, daß die hier zum Vorsc.heingekommeneVerbindung
nidrts Geringeresals die einfadrsteFormalisierungdesTausches ist, be-
'!ü7ir
stätigt uns ihre anthropologischeBedeutung. wollen auf dieser
Ebene nur auf ihre eine Subjektivität erster Ordnung konstituierende
Bedeutunghinweisen,derenBegriff wir weiter unten situierenwerden.
DieseVerbindungist, berüdrsichtigtman ihre Orientierung'tatsädrlidr
reziprok; andersausgedrüdit,sie ist nicht umkehrbar,sondernretro-
aktiv. Bestimmt man daher den Term des4. Zeitmetntms,so wird der
desz. Zeitmetrumsnicht indifferent.
Es läßt sic.hbeweisen,daß,bestimmtman den r. und den 4. Term einer
Reihenfolge,esstetseinenBuchstaben gebenwird, dessenMöglichkeit
durch die beiden mittleren Termen ausgesc}lossen wird, und daß es
zwei weitereBuchstaben gebenwird, von deneneinerimmer durchden
ersten,und ein andererdurch den zweiten diesermittleren Termen aus-
geschlossen wird. Die beidenTafeln3sQ und O zeigendie Distribution
dieserBudrstaben:

c /-\ E/-\ü-\T4p-\F4n
Tefcl fh A p

E.acnc,-\p-\T/-r\1,-1ö
Tefcl O: I c

Die ersteZeiLegestattetzwischenden beidenTafeln die gesuchteKom-


bination des r. und 4. Zeitmetrumsaufzufinden,der Budrstabeder
zweiten Zeile dagegenwird von der Kombination aus den zwei Zeit-
metren ihres Intervalls ausgesdrlossen;die beiden Sdrriftzeidrender
dritten sind von links nachrechtsdiejenigen,die jeweilsvom 2. und 3.
Zeitmetrumausgesdtlossen werden.
Dies könnte die Verbildlidrung eineserstenumrissesdes subjektiven
Verlaufsdarstellen,indem man zeigt,daß er in der Aktualität gründet,
die in ihrer GegenwartdaszweiteFutur hat. Daß sidr in der Zwischen-
s5 Diese beiden Sdrriftzeiöen entspredrender dextrogyren und lävogyren Polarisie-
Termen.
rung einer Quadrantenverbildlidrung der ausgesdrlossenen
zcit jenerVergangenheit- die er zu dem, was er projiziert, bereitsist -
cin Lodr auftut, dasein gewisses caput mort,.turnd.esSignifikanten(der
hicr als Dreiviertel aller möglidren Kombinationen,die er eingehen
kann, berechnetwird36)konstituiert,genügt,ihn an Abwesenheitfest-
z.umachen und ihn zu zwingen,seinenUmkreis zu wiederholen.
Dic Subjektivitätstehtursprünglichin keinemBezugzum Realen,son-
dcrn kommt aus einer Syntax, die die signifikanteKennzeichnungin
ihm erzeugt.
l)ie Eigenschaft(oder die Unzulänglichkeit) der Konstruktion des
Netzesvon o, f, l, ö bestehtdarin, zu verdeutlidren,wie sichin drei
StufendasReale,dasImaginäreund dasSymbolisdrezusammensetzen,
obgleicl im Innern nur das Symbolisdreals Repräsentantder beiden
crstenStufenspielenkann.
Sinnt man gewissermaßen nairr der Nähe, durch die der Triumph der
Syntax erreichtwird, nadr, so lohnt es sich,ein wenig in der Erfor-
sdrung der Kette zu verweilen, die in derselbenLinie geordnetist,
wcldrePoincardund Markow fesselte.
So stcllt man fest: wenn in unsererKette zwei B vorkommen,die ohne
l'linfügungeinesd aufeinanderfolgen, dann gesdriehtdas entwederdi-
rckt (pfi oder nadr der Einfügung einer übrigensundefiniertenAn-
zalrl von Paarenay: (Baya. . . yil; nadr dem zweitenp kann aberkein
ncucs19in der Kette erscheinen, bevor d nicht in ihr produziert wurde.
l)ic obcn definierteSukzessionzweierB kann sicl allerdingsnidrt re-
prrlcluzicrcn, ohnedaß sicl ein zweitesö dem erstenin einerVerbindung
(lrisauf die UmkehrungdesPaaresay in ya) hinzufügt, die jener äqui-
valcrrt ist, die den beidenp auferlegtist, und zwar ohne Einfügung
cincsfl.
l)aratrsgehtunmittelbardie Dissymmetriehervor, die wir weiter oben
in dcr Vorkommenswahrsdreinlidrkeit der verscliedenenSymboleder
Kcttc angekündigt hatten.
Viihrcnd die a und die 7 sichdurdr einegünstigeZufallsreihetatsäch-
lit'h cinzcln wiederholenkönnen,bis sie die ganzeKette ded<en,ist es
rrrsgcsdrlossen, dasB und ,ö,sogarunter den günstigstenBedingungen,
ilrrc I)roportionvergrößernkönnten,esseidennsiewären bis auf einen
'l'crrn
strcng äquivalent;dies begrenztdas Maximum ihrer möglidren
lrrcqucnzauf yo Prozent.

f' Zicfrt man die Ordnung der Schriftzeidren nidrt in Betradrt, wird dieses capat
, , t t r r l t l t t t r tr r u r d u r d r 7 r . b e s t i m m t .

to
Da die von denB und den ö repräsentierte'WahrsdreinlichkeitderKom-
bination derjenigenäquivalentist, welchedie a und die 7 voraussetzen
- und die wirklic}e Ziehung der rüfürfe andererseitsstreng demZufall
überlassen ist -, siehtman einesymbolische Bestimmungsichvom Rea-
len abheben,die, wie nachdrücklidrsieauchimmer jede Partialität des
Realenaufzeidrnet,die Ungleidrheit,welcle siemit sidr bringt, nur um
sobessererzevgt.
Eine Ungleidrheit,die außerdemnodr ansdraulid'rwird, einfadr wenn
man den strukturellenKontrast der beidenTafeln Q und O betradrtet,
dasheißt,die direkteoder gekreuzte'$üeise, in der sidrdie Gruppierung
(und die Anordnung) der Ausschlüsse der Ordnung der Extreme,der
Tafel gemäß,der dieseletztereangehört,unterstellt,indem sie sie re-
produziert.
Daher könnenin der Abfolge der vier Budrstabendie beidenmittleren
und äußerenPaare identisdrsein,wenn das letztere sicl in die Ord-
nung der Tafel O einsdrreibt(etwa aaaa,oaflf, fFyy, pBöö,yyyy, yyöö,
ööaa,ööBB,die möglichsind); sievermögendasnidrt, wenn dasletztere
Paar sidrim Sinnvon Q einschreibt(PPPp,ffoo,yyffl, yyaa, öööö,ööyy,
aaöö,aayysind unmögliclr).
Der belustigendeCharakter dieserAnmerkungendarf uns niclt irre-
leiten.
Denn esgibt kein anderesBand als diesesymbolisdreDeterminierung,
in der sichdiesesignifikanteüberdeterminierungsituierenließe,deren
Begriff Freud uns bereitstellt,und die sidr in seinemDenken nie als
reale überdeterminierungverstehenläßt; es ist völlig ausgesdrlos-
sen, daß er sidr auf dieseBegriffsverwirrungeinließe,in der Philo-
sophenund Medizinernur allzu leidrt ihren religiösenEifer stillenkön-
nen.
DieseSetzungder AutonomiedesSymbolisclenläßt als einzigedie Be-
freiung der Theorie und Praxis der freien Assoziationin der Psydro-
analysevon ihren Zweideutigkeitenzu. Denn esist etwasganzanderes.
wenn man ihreTriebfederauf die symbolisdreDeterminierung und ihre
Gesetze,oder wenn man sie auf die sdrolastischen Voraussetzungen
einer imaginärenTrägheit bezieht,von denensie im philosophisclen
oder pseudophilosophisdren Assoziationismus getragenwird, bevor sie
beansprudrtexperimentellzu sein.Da siederenüberprüfung aufgege-
ben haben,finden die Psychoanalytikerhier einen weiteren Ansatz-
punkt für die psydrologisierende Verwirrung, in die sieunablässigund
zuweilensogarvorsätzlic.h, zurüdrfallen.
tr
Nur soldreBeispielewie die von uns für die in ihrem Aufscfiubunbe-
stimmte Erhaltung der Forderungender symbolisdrenKette angege-
bcrrcn,erlaubenesin der Tatzu begreifen,wo dasunbewußteBegehren
in scinerunzerstörbaren Beharrlidrkeitsituiert ist, die, wie paradox sie
audrimmer in der Freudschen Lehreerscheinen mag,nic}tsdestoweniger
cinederjenigenZügeist, der am meistenhervorgehoben wird.
l)icse Eigenschaftkann jedenfallsmit keinen aus der authentisch-ex-
pcrimentellenPsydrologiebekanntenEffekten gemessen werden, die,
welchesauchimmer die Aufsdrübeund Verspätungensind, denensie
unterworfensind, wie jedeanderevitale Reaktion getilgt und gelösdrt
wcrden.
I)as ist genaudie Frage,auf die Freud in "JenseitsdesLustprinzips"
n<rdrcinmal zurüd<kommt,wenn er unterstreidrt,daß die Insistenz,in
clcrwir dcn wesentlidrenCharakterzugder PhänomenedesWiederho-
lungszwangsgefundenhaben,seinerMeinung nadr lediglidr eine vor-
vitalc und transbiologisdreMotivierung finden kann. Diese Sdrluß-
folgcrungmag überrasdren, siestammtjedodrvon Freud,der über das
spridrt, worüber er als erster gesprodrenhat. Und man muß taub
scin,um dasnicht zu hören.Man denkebloß niclt, daß ihm diesunter
scincrFederzu einer spiritualistisdrenZufludrt würde: von der Struk-
tur dcr Determinierungist hier nämlichdie Rede.Die Materie, die sie
in ihren lVirkungen verscl-riebt, übersteigtin ihrem Umfang weit die
zercbralcOrganisation,derenwedrselnden Zuständeneinigevon ihnen
rlnvcrtraut sind; die andern aber bleibendadurcJr,daß sie sichin an-
'\tücise
dcrcr materialisieren,als symbolischenicht minder aktiv und
strukturiert.
\,lflcnnder Mensdrdeshalbdie symbolisdreOrdnung zu denkensucht,
'Wesen
so ist cr in ihr zunädrstin seinem einbegriffen.Die Illusion, er
Irirbcsic durd-rseinBewußtseingebildet,rührt daher,daß er aufgrund
cincs spczifisdrenAufklaffens seinerimaginärenRelation zu seinem
Nridrstcnin dieseOrdnung als Subjekteinzugehenvermodrte.Zu die-
scnr l'lintritt war er aber nur fähig durch die radikaleEngführung des
Sprcchcns,durch dasselbealso,von dem wir im Spiel des Kindes ein
ßrrrctisclrcs Moment erkannt haben,dassich aberin seinervollständi-
gc'nlionn jedesmalwiederholt,wenn sichdasSubjektan dasAndereals
,rlrsolutcs wcndet,nämlichalsdasAndere,dasesselbstin der gleichen
Wcisc :rrrnullieren kann, wie es mit ihm verfahrenkann, und zwar,
cs sich zum Objekt macht,um eszu täuschen.DieseDialektik
irrrlt'rrr
rlcr'lntcrsubjcktivität,derennotwendigenGebrauchwir währendder
drei letzten vergangenenJahre in unsererVorlesung in Sainte-Anne
demonstrierthaben, folgt, von der Theorie der übertragung bis zur
Struktur der Paranoia,gewöhnlichdem folgendenSchemaL:

(r,)s\: --^-/ der @hdcrc

"**Y
.lr\-
SdrcmeL: 1r*1 das @ndcte
"/---$

DiesesSchemaist unserenSchülerninzwischenvertraur; in ihm stellen


die beidenmittleren Terme das Paar reziproker imaginärerObjekti-
vierungdar, daswir im
"Spiegelstadium"hervorgehoben haben.
Die Spiegelrelationzum andern,durdr die wir zunädrstder bei Freud
grundlegendenTheorie des Narzißmus tatsädrlichihre dominierende
Stellungin der Funktion desIchswiederzugeben sudrren,kann die gan-
ze Phantasmatisierung, die in der analytisclenErfahrung an den Tag
gebrachtwird, nur auf ihre tatsädrlichelJnterordnungreduzieren,in-
dem sie,wie dasim Schemaausgedrüdrtwird, zwisc}endiesesDiesseits
desSubjekts36' und diesesJenseitsdesAndern gestelltwird, in das das
Spredrensie in der Tat einfügt, sofern die Existenzen,die in diesem
gründen,dessen Zeugnisvollständigpreisgegeben sind.
rüüeildie Erben einer Praxis und einer Lehre, die in so entsdriedener
Iüileise,wie man esbei Freud lesenkann, über die grundsätzlidr narziß-
tisdreNatur jeder Verliebtheit befundenhat, diesebeidenPaarever-
wedrselten,konnten sie die Schimäreder sogenannten genitalenLiebe
in einemMaßevergöttern,daß sieihr die Tugendder Aufopferungzu-
sdrrieben,aus der so viele therapeutisdre Verirrungenhervorgegangen
sind.
Indem aberjedeReferenzauf die symbolischen Pole der Intersubjekti-
vität unterdrücktwurde, um die Kur auf eine utopisdreBerichtigung
des imaginären Paareszu reduzieren,haben wir es jetzt mit einer
Praxis zu tun, in der unrer der Flaggeder
"Objektbeziehung"all das
zusammengebraut wird, was in jedemMensc}engutenGlaubensledig-
lich dasGefühl der Niederträchtigkeithervorrufenkann.

roa A.d.U.: Sujet groß im Original.

tt
Das redrtfertigt die ridrtige Gymnastik desintersubjektiven Registers'
wclcle dergleidrenübungen darstellen, mit denen sidr unsereVode-
sungaufzuhaltensdrien.
[,s kann nidrt ausbleiben, daß die Verwandtsdraftder Beziehungzwi-
schcnden TermendesSdremaL und jener,die die vier Zeitmetrenver-
cint, die wir weiter obenin der geridrtetenReiheunterschieden haben
und in der wir die erstevollendeteForm einer symbolisdren Kette er-
ins Augestidrt, sobaldman siemiteinandervergleidrt.
blicJ<.ten,

Parentheseder Parenthesen(1966)

I Iicr gestehen wir unsere Verwunderung darüber ein, daß keiner derjenigen, die be-
srrcbt waren, die Anordnung zu entziffern, zu der sidr unsere Kette eignete, daran
tladrte, die Struktur, über die wir dodr eine klare Aussage gemadrt hatten, in der
I)arcnthcse niederzusdrreiben.
Iiinc Parenthese, die eine oder mehrere andere Parenthesen in sidr einsdrließt, etwa
(( )) oder (( ) ( )... ( )), ist das,wasderweiteroben analysiertenAufteilung
tler / und der ö entspridrt, in der es leidrt fällt festzustellen, daß die verdoppelte
l):rrcnthese fundamental isr.
Vir wcrdcn sie Anführungszeichen nennen.
Sic yrll das Ded<symbol der Struktur des Subjekts (S in unserem Sdrema L) sein, so-
fcrn sic eine Verdoppelung oder vielmehr jene Ärt von Teilung impliziert, die eine
Vcrdoppelungsfunktion in sidr birgt. Wir haben die direkte oder inverse Alternation
<lcr tcyy sdron in dieser Verdoppelung angesiedelt und zwar unter der Be-
,lingung, daß die Anzahl der Zeidren in ihr entweder gerade oder null ist.
Zwisclrcn dcn inneren Parenthesen besteht eine Alternation ydya . .. y der Null-
zrrhlcn oder ungeraden Zahlen von Zeidren.
Irrr Inncrn der Parenthesen gibt es dagegen von keinem aus beliebig viele 7.
Aullcrhalb der Anführungszeidren finden wir im Gegenteil eine beliebige Folge von
rr, tf ic kcinc, eine oder mehrere Parenthesen enthält, weldre mit dyay . . . a in null
orlcr ungcrade Anzahl von Zeidren gefüllt sind.
lirrctzcn wir die c und die 7 durdr r und o, können wir die L genannte Kette in einer
lrorrn nicdersdrreiben, die uns sdreint,
"spredrenderr
K c t t el . : ( r o . . . ( o o . . . o ) o r o r . . . o ( o o . . . o ) . . . o r ) r r r r r . . . ( r o r o . . .r ) r r r . . .
r r r r t ls o w c i t c r .
.Sltrcrhcnd' in demSinn,daß durdr sie eineLektüre erleidrtertwird,auf Kosten einer
rus;itzlidren Konvention, die sie mit dem Sdrema L in Übereinstimmung bringt.
l)icsc Konvcntion besteht darin, den o zwischen Parenthesen den \Cert eines sdrwei-
gicrrtlcnZcitmctrums z-u geben, wobei den o der Alternation ein Skandierungswert ge-
larscrr wird; diese Konvention wird durdr die Tatsadre geredrtfertigt, daß sie, wie
rrr.rn weitcr urrten sehcn kann, nidrt homogen sind.

14
Das zwisdrenAnführungszeichenStehendeyermag alsdanndie Struktur des S (Es)
aus unseremSdremaL zu repräsentieren:es symbolisiertdas als vervollständigran-
genommeneSubjekt des FreudsdrenEs, das Subjekt der psychoanalytisdren Sitzung
beispielsweise.In ihm ersdreintdas Es dann in der Form, die ihm Freud gibt, sofern
er es vom Unbewußten untersdreidet,nämlidr: logistisdr disjunkt und subjektiv
sdrweigend(dasSdrweigender Triebe).
Die Alternation von or stellt somit das imaginäreRaster(aa') desSdremaL dar.
Bleibt nodr das Privileg diesereigentlidrenAlternation (or gerade)deszwisdrenAn.
führungszeidrenStehendenund selbstverständlidrden Status von a und a'in sidr
selbstzu bestimmensT.
Das außerhalb der Anführungszeichen Stehendestellt das Feld des Andern (A im
SchemaL) dar. In ihm dominiert die \ü(iederholungin der Gestaltder r, einzigerZug, der
die gekennzeichneten Zeitmetrendes Symbolischenals solchesdarstellt(Komplement
der vorhergehenden Konvention).
Von dort her auch empfängt das Subjekt S seine Botsdraft in umgekehrter Form
(Interpretation).
Die von dieserKette isolierte Parenthese,weldre die (ro... or) enrhäh, repräsen-
tiert das Idr despsydrologischencogito, ja sogar des falsdren cogito, dasdie reine und
sdrlidrtePerversionebensogut tragenkann38.
Der einzigeRest, der sidr aus diesemVersudraufdrängt, ist die Formalisierungeines
bestimmten,an die symbolisdreKette geknüpftenGedädrtnisses, dessenGesetzman
leidrt über die Kette L formulierenkönnte.
(Es wird im \Tesentlichendurdr das RelaisdeGniert,das in der Alternation der o, r
die Ubersdrreitungeiner oder mehrererParenthesenzeidren und der jeweiligen Zei-
chenkonstituiert.)
rt(rashier festgehaltenwerden muß, ist die Sdrnelligkeit,mit der eine anregendeFor-
malisierungsowohl einesdem Subjektvorangehenden Erinnerns,als auö einerStruk-
tuierung gewonnenwird, wobei bemerkenswertist, daß sidr in ihr stabileDisparat-
heiten untcrsdreidenlassen (kehrt man beispielsweise alle Anführungszeidrenum,
bleibt dieselbedissymmetrisdre Struktur ratsädrli& erhalten)3s.
Dies hier war nur eine übung, die aber unsereAbsidrt erfüllt, in ihr die Art von
Umkreis einzusdrreiben, in dem das,was wir caput mortuum desSignifikantennann-
ten, seinenkausalenAspekt gewinnt.
DieserEffekt ist dgrart handgreiflidr,daß er sowohl hier als audr in der Fiktion des
entwendetenBriefesgefaßtwerdenkann.
57 Deren Wesenbestehtdarin, daß der Brief / Budrstabeseine Wirkungen nadl innen
übertragenkonnte: auf die Handelndender Erzählung,den Erzähler miteingesdrlos-
sen, wie audr nadr außen: auf unsereLeser, wie audr auf ihren Autor, ohne daß
irgend jemand jemalssidr um seineBedeutungkümmern mußte. Das ist gewöhnlidr
dasLos all dessen,was gesdlrieben wird.

e7 Deshalb haben wir inzwisdren eine angemessenere Topologie eingeführt.


38 Vgl. den Abb6 de Choisy, dessenberühmte Memoiren übersetzt werden können
mitz ich denbe, utenn ich d,erbin, der sidr als Frau verkleidet.
3e Fügen wir hier das Netz der a, p, y, ö hinzu, das durdr Transformationen des Net-
zes r-3 gebildetwird. Alle Mathematikerwissen,daß man es erhält, indem man die
Segmentedes ersten Netzes in Absdrnitte des zweiten transformiert und die geridr-

tt
Im Augenblidraber sind wir erst beim Entwurf einesBrüdrenbogens;
und erstdie Jahrewerdenausihm eineBrückemauernao.
So kam es,daß wir - um unserenZuhörern den Unterschiedzwisdren
dcr Zweierbeziehung, die im Begrifi der Projektion impliziert ist, und
cincr wahrhafrcn Intersubjektivität zu beweisen- uns schondesvon
I)oc selbstin der Gesdridrte,die dasSujetder gegenwärtigen Vorlesung
darstellt, bevorzugt angeführtenGedankengangs bedient hatten, wie
audr jenes,den ein angeblidreslüunderkind anstellte,um beim Spiel
"(lrad oder Ungrad" öfterszu gewinnen,als esnormalerweise der Fall
gcwcsenwäre.

tctcn Vege, die diese Absdrnitte verbinden, kennzeidrnet. Es ist das folgende (das
wir dcr Klarheit halber nebendas erstestellen):

01

r \
00 11

\ -/

Ncu r-t:

p
100

r \
@0 ')--( trl

\ )/
001

Nctz rr,f, 7, d:
dcrn nrirndic Konvention auferlegt,nadr der die Budrstabenbegründetwurden:
I.I : d
O.O:l
,.o:f
o.r:d
(lricr crkcnnt man den Grund warum wir sagen,daß es zwei Arten von o in unserer
K c t t c L g i b t :d i e o v o n / : o o ou n d d i e o v o n / : o r o ) .
'0 l)cr'l'cxt von rgtt knüpft hier wieder an. Auf die Einführung in die psydroana-
lytirdre'l'heoriedurdrsoldreübungenaufdemFeldderstrukturalenAnnäherungfolg-
terr irr clcr Tat bedeutsame Entwidclungenin unsererLehre. Der Fortsdrritt der Auf-
f,rrrurrsüber dic Subjektivierungging Hand in Hand mit einer Referenz auf dic
anulysissit,l.s,inder wir behaupten,den subjektivenProzeßzu materialisieren.

l6
58Man muß, folgt man dieserüberlegung- die, wie man hier einmalmit
redrt sagt,kindlidr ist, die aber unter anderenUmständenmehr als ei-
nen verführt -, den Punkt dingfest machen,an dem sidr ihr Trugbild
entlarvt.
Das Subjektist hier der Befragte:es antworrer auf die Frage,ob die
Anzahl der Objekte, die sein Gegnerin seinerHand verbirgt, grad
oderungradist.
Der Knabe sagtim wesenrlidren:habeidr einmal gewonnenoder ver-
loren, so weiß ich, wenn mein Gegnerein Einfaltspinselist, daß seine
List nur so weit reicht,daß er das Feld seinerEinsätzewedrselt;wenn
er aber etwasscllauerist, wird esihm dämmern,daß ich darauf kom-
men werde: fortan wird er sidr darüberim klaren sein,daß er auf das-
selbesetzenwird.
Das Kind verließsichalsoauf die Objektivierungdesmehr oder weni-
ger fortgesdrrittenenGrades zerebralerFrisierung seinesGegners,um
seinenErfolg zu sidrern.Ein Gesidrtspunkt,dessenVerbindung zur
imaginären Identifikation sofort durcl die Tatsadre offenbart wird,
daß er vorgibt, mit Hilfe einerinnerenNadrahmungseinerVerhaltens-
weisenund seinerMimik die ridrtige EinschätzungseinesObjekteszu
erreidren.
rüüasgeschieht aberim folgendenSdrritt, wenn der Gegner,der erkannt
hat, daß idr intelligent genugbin, um ihm in diesemZug zu folgen,
seineeigeneIntelligenz zeigt, indem er bemerkt,daß er dadurcJr,daß
er sidr dumm stellt, die Chancebesitzt mic} zu täuschen? Von diesem
Moment an gibt es keine andere gültige überlegungszeit,eben des-
wegen,weil siesichvon nun an nur nodr in einerunbegrenzten Oszilla-
tion wiederholenkann.
Und abgesehen vom Fall reinerDummheit,in dem die überlegungob-
jektiv zu gründensdrien,kommt dasKind nidrt umhin zu denken,daß
seinGegneran den Ed<pfeilerdiesesdritrenZeitmetrumsstoßenwird,
da er ihm das zweite ermöglichthat, durch das er von seinemGegner
selbstals das ihn objektivierendeSubjekt wahrgenommenwird, denn
esist wabr, da$ er diesesSabjekt ist; damit ist er mit ihm zusarnmen
in der Sackgasse gefangen,die jede rein duale Intersubjektivität ein-
sdrließt, jene nämlidr, ohne Hilfe einem absolut Andern ausgeliefert
zu sein.
Merken wir nebenbeinochdie sdrwindendeRollean,die die Intelligenz
in der Bildung des zweiten Zeitmetrumsspielt, in dem die Dialektik
sidr von den ZufälligkeitendesGegebenen ablöst,und daß esausreicht,
t7
rlaß ich siemeinemGegnerzumute,damit ihre Funktion nichtig wird,
clasiedamit jenenZufälligkeitenwiederanheimfällt.
Wir behauptenallerdingsnidrt, der ITeg der imaginärenIdentifikation
nrit dem Gegnersei im Augenblickeinesjeden Wurfs schonvon vorn-
lrcrcinversperrt;wir behaupten,siesdrlösse den eigentlidrsymbolisdren
l)roz.eßaus,der zum Vorscleinkommt, sobalddie Identifizierungnicht
nrit dcm Gegner,sondernmit seinemGedankengang, dener artikuliert,
gcschieht(eine Difrerenz, die übrigensim Text ausgesprochen wird).
l)ic Tatsaclebeweistaußerdem,daß einesolcherein imaginäreIdentifi-
k:rtionim Allgemeinenmißlingt.
l)cshalb läßt sichdie Zufludrt jedesSpielers,überlegter, nur jenseits
dcr Zweierbeziehung finden,dasheißt in irgendeinemGesetz,dasüber
tlic Sukzession der \flürfe, die mir aufgegebenwerden,herrsdrt.
Und das ist so wahr, daß - bin idr es,der den Wurf zv ratenaufgibt,
ths hcißt,bin ich dasaktive Subjekt- i& michin jedemAugenblidrbe-
rnühcnwerde,meinemGegnerdie ExistenzeinesGesetzes zu suggerie-
rcn, das einer bestimmtenRegelmäßigkeitmeiner \fürfe zugrunde
licgt, um ihn, indem ich esbredre,so oft wie möglichder M(iglichkeit
tlcsZr,rgriffszu berauben.
.fc sclbständigerdieseVorgehensweise sicJlvon dem zu machenweiß,
wassidr gegenmeinenWillen als wirklidre Regelmäßigkeitabzeidrnet,
tlcstomchr wirklidren Erfolg wird sieverbuchen;deshalbhat einervon
.lcncn,die an einemder VersudrediesesSpiels,daswir ohneZögernin
rlcn ltang praktischerArbeiten erhoben,teilgenommenhatten, zuge-
gcbcn,daß er in einemAugenblidr,in dem er dasbegründeteoder un-
lrcgri.indcte Geftihl hatte, allzu oft durchschautzu werden,sichdavon
bcfrcit hat, indem er sichnachder in konventioneller\fleisebezüglich
tlcr \ffurffolge übertragenenSukzessionder BudrstabeneinesVerses
vorr Mallarmd richtete, die er sodann seinem Gegner unterbreiten
wolltc.
I liittc tlas Spiel aber die Zeit einesganzen Gedidrtesgedauertund
lr.ittc clerCegner,oh'Wunder,dieseserkennenkönnen,so hätte er bei
jcdcrrr\if urf gewonnen.
l)irs crlaubteuns zu sagen:wenn das Unbewußteim FreudsclenSinn
existicrt,wir wollen sagen:wenn wir die Implikationender Lehre,
rlic cr aus den Erfahrungen der Psydropathologiedes Alltagslebens
ziclrt, vcrstehen,dann ist es nicht undenkbar, daß eine moderne
l{cdrcnmasc}rine über alle gewohntenProportionen hinaus im Spiel
.(irld odcr Ungrad' gewänne,indem sie den Satz freilegte,der ohne
rll
sein Wissenund auf lange Sidrt die Wahlakte eines Subjekts modu-
liert.
ReinesParadox zweifellos, in dem sich aber kundrut, daß wir esnicht
aufgrund einesMangels seinerEigensdraft,die die des menschlichen
Bewußtseinswäre, ablehnen,jene Maschineals Denkmaschinezu be-
oo zeidrnen,der wir derart bewunderungswürdigeLeisrungenzugestehen
würden, sonderneinzig und allein deshalb,weil sie nidrt mehr dädrte
als der Mensdr das in seinemgewöhnlichenStatustur, ohne dafür we-
niger denAppellendesSignifikantenpreisgegeben zu sein.
Die in dieser\(eise angedeutete Möglichkeitwar ebenfallsdeshalbin-
teressant,weil sieuns die Virkung der Verwirrung, ja sogarder Angst,
die einigedarüberempfindenund die sieso gut waren uns mirzureilen,
zu Gehör brachte.
Dasist eineReaktionüber die man sidrmokierenkann, da sievon Ana-
lytikern rührt, derenganzeTedrnik auf der unbewußtenDeterminie-
rung beruht, die man in ihr der sogenanntenfreien Assoziationzu-
sdrreibt- und die in jedemBuclstabenim \üerke Freuds,daswir eben
zitierten,lesenkönnen,daßeineZahl nierein zufällig gewähltwird.
BegründeteReaktion allerdings,wenn man bedenkt, daß nichts sie
lehrte,sichvon der gemeinenAnsiclt zu lösen,indem sieunterschieden,
wasdieserunbekanntist: nämlidr die Natur der Freudschen überdeter-
minierung,das heißt die symboliscleDeterminierung,wie wir siehier
vorbringen.
Müßte dieseüberdererminierungals wirklidr angesehen werden, wie
mein Beispielihnen zu suggerieren sdrien,sofern sie wie ein jeder die
Rechnungen der Masdeinemit ihrem Medranismus verwedrselnal, dann
wäre ihre Angst tatsädrlichgeredrtfertigt;denndurcheinenochunheil-
vollere Gesteals an die Axt zu rühren,wären wir derjenige,der sie an
"die Zufallsgesetze> legte; als gute Deterministen,die in der Tat jene
sind, die jene Gesteso sehr ersclüttert hat, fühlen sie mit Redrt, daß
kein einzigesdieserGesetzemehr denkbarsei,wenn man Hand an sie
legte.

ar Um diese Illusion zu beseitigen,haben wir den Zyklus jenes


Jahresmit einem
Vortrag über und Kybernetik' abgesdrlossen; er hat sehr viele auf-
"Psydroanalyse
grund der Tatsadreenttäuscht,daß wir in ihm kaum über die binäre Numerierung,
über das arithmetisdre Dreie&., ja sogar über die T.ür ganz einfadr nidrt gesprodren
haben,die dadurdr definiert wird, daß sie entwederauf oder zu seinmuß, kurz, daß
es so scJrien,als ob wir uns nur wenig über die PascalsdreEntwidrlungsstufe dieser
Fragehinausbewegthätten.

t9
l)icse Gesetzesind aber genaudie der symbolisdrenDeterminierung.
[)cnn esist klar, daß sie vor jeder wirklidren FeststellungdesZufalls
licgcn,wie man sidr audr davon überzeugenkann, daß man die ent-
sprcclendeGesetzmäßigkeit einesObjekts je nachdem beurteilt,ob es
sicJrdazu eignetoder nidrt, einein diesemFall stetssymbolische Reihe
von Zufallswürfenhervorzubringen:indem man beispielsweise zu die-
scr lunktion ein Geldstüd<qualifiziert oder das Objekt, das man er-
stirunlic}erweiselVürfel nennt.
Nadr dieserVorarbeit, mußtenwir in konkreter'tü7eise die von uns be- 6',t
haupteteDominanz des Signifikantenüber das Subjekt illustrieren.
Wcnn daseine\ü(ahrheitist, dann liegt sieüberallbereit,und wir müß-
tcn sie an jedem Punkt, der sidr in ReidrweiteunseresAnstichesbe-
findct, herausspritzenlassen können wie der Vein in Auerbachs
Kellcr.
Jn dicser'Weise habenwir uns die Erzählungselbstvorgenommen,aus
tlcr wir, ohnezunächstweiter zu sehen,die streitsameüberlegungüber
clns"Grad oder Ungrad, entnommenhaben:wir fanden in ihr eine
lf ilfe, die für einen bloßen Zufall zu halten uns unser Begriff der
synrboliscJren Determinierungsdronverbietenmüßte,und zwar selbst
drrnn,wcnn sidr im Verlauf unsererlJntersudrungniclt herausgestellt
lriittc, daß Poe, als guter Vorläufer der Forschungder kombinatori-
sdrcnStrategie,die augenblidrlichdie Ordnung der'\üissensdraften er-
ncucrt, in seinerFiktion von einer der unsrigenanalogenAnsidrt ge-
'Wir
leitct worden wäre. könnenzumindestsagen,daß das,was wir in
scincr Darlcgung davon zu Gespürbrachten,unsereZuhörer so sehr
bccirrclrudrte, daß wir abf ihre Bitten hin hier eineVersiondavon ver-
iiffcntlidrcn.
lnrlcm wir sieden ErfordernissendesGesd-rriebenen entspredrend um-
arbcitctcn, die von denen des Sprechensversdriedensind, konnten
wir nidrt umhin der Bearbeitungvorzugreifen,die wir seither von
tlcn Ilcgriffcngegeben haben,die siedamalseinführte.
l);rrlurchhat sidr die Betonung,die wir in zunehmendemMaße dem
llclirilf dcsSignifikantenim Symbol angedeihen ließen,hier retroaktiv
arrsgcwirkt.DcssenZüge durcheineArt historischeFinte im Unklaren
7,ulilsscrr,wäre unserenZuhörern, wie wir glauben,künstlichersdrie-
rrcrr.\'lfir hoffen,daß durdr unserenVerzichtihre Erinnerungnidrt ent-
tiitrsdrt wird.
Übersetztaon RodolPheGaschö
' DAS SPIEGELSTADIUMALS BILDNER
DER ICHFUNKTION'
wie sie uns in der psychoanalytischen
Erfahrung
erscheint
Beridrt für den r6. InternationalenKongreßfür Psychoanalyse
in Züridr am 17. Juli ry49

1 A.d.U.:
lonction du Je. Zw Gebraudrvon je und moi 'tgl. Anm, 7 zu "Die Aus-
richtungder Kur und die Prinzipien ihrer Macht'.
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Der Begriff Spiegelstadium, den, ich anläßlich unseres letzten Kongı-es..


ses vor dreizehn Jahren eingeführt habe und in der französischen
Gruppe inzwischen allgemein verwendet wird,_-fisclıieıı es mir wert zu
sein, Ihrer Aufmerksamkeit erneut empfohlen-_ zu werden; dies um so
mehr, als der Begriff geeignet ist, die Funktion des Ich (je), wie wir sie
in der Psychoanalyse erfahren: zu verdeutlichen. Gerade unsere spe..
zielle Erfahrung stellt uns jeder Philosophie entgegen, die sich unmit-
telbar vom cogito ableitet. _
Vielleicht erinnern sich einige unter. Ihnen an den Verhaltensaspekt,
von dem wir ausgehen, und den wir mittels einer Tatsache der ve;-_
gleichenden Psychologie erhellen: Das Menschenjungeerkennt auf einer \

Altersstufe von kurzer, aber durchaus merklicher Dauer, während der


eslvom Schimpansenjungen an motorischer Intelligenz übertroffen wird,
im Spiegel bereits sein eigenes Bild als solches. Dieses Erkennen wird
signalisiert durch die illuminative Mimik des Alm-Erlebnissesz, in dem
- als einem wichtigen Augenblick des Intelligenz-Aktes - sich nach Köh_
ler die Wahrnelımung der Situation ausdrückt. -
Dieser Akt erschöpft sich nicht, wie beim Affen, im ein für allemal er;
lernten Wissen von der Nichtigkeit des Bildes, sondern löst beim Kind
sofort eine Reihe von Qesten aus, mit deren Hilfe es spielerisch die Be-
ziehung der vom Bild aufgenommenen Bewegungen zur gespiegelten
Umgebung und das Verhältnis dieses ganzen virtuellen Komplexes zur
Realität untersucht, die es verdoppelt, bestehe sie nunim eigenen Kör-
per oder in den Personen oder sogar in Objekten, die sich neben ihm
befinden. s B
Dieses Ereignis kann - wir wissen es seit Baldwin - vom sechsten Mo-
nat an ausgelöst werden; seine Wiederholung hat - als ein ergreifendes
Schauspiel - unser Nachdenken oft festgehalten: vor dem Spiegel ein
Säugling, der noch nicht gehen, ja nicht einmal aufrecht stehen kann,
der aber, von einem Menschen oder einem Apparat (in Frankreich
nennt man ihn «trotte-bébé››) umfangen, in einer Art jubilatorischer
Geschäftigkeit aus den Fesseln eben dieser Stütze aussteigen, sich in
eine mehr oder weniger labile Position bringen und'einen momentanen
Aspekt des Bildes noch einmal erhaschen will, um ihn zu fixieren.
Solche Aktivität behält für uns bis zumAlter von achtzehn Monaten
den Sinn, den wir ihr geben. Sie verrät nicht nur einen libidinösen
Dynamismus, der bis dahin problematisch geblieben ist, sondern auclı
~ı ' '

2 A.d.Ü.: Deutsch im Original.


. 63

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eine ontologische Struktur der menschlichen Welt, die in unsere Re-


flexionen über paranoische Erkenntnis eingeht. A A
Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im
vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine
beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwand-
lung. Daß ein Bild für einen solchen Phasen-Effekt prädestiniert ist,
zeigt sich bereits zur Genüge inder Verwendung, die der antike Ter-
minus Imago in der Theorie findet.
Die jubilatorische Aufnahme seines Spiegelbildes durch ein'Wesen, das
noclı eingetaucht ist in motorische Ohnmacht und Abhängigkeit von
Pflege, wie es der Säugling in diesem inftms-Stadium ist, wird von nun
an - wie uns scheint - in einer exemplarischen Situation die symbolische
Matrix darstellen, an der das Ich (je) in einer ursprünglichen Form siclı
niedcrschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifi-
kation mit dem andern und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die
Funktion eines Siıbjektes wiedergibt. p
Diese Form könnte man als Ideal-Ic/13, bezeidınen und sie so in ein be-
reits bekanntes Begriffsregister zurückholen; .damit würde sie zum
Stamm der sekundären Identifikationen, worunter wir die Funktionen
der Libido-Normalisierung verstehen. Aber von besonderer Wichtig-
keit ist gerade, daß diese Form vor jeder gesellschaftlichen Determinie-
rung die Instanz des Ich (moi) auf einer fiktiven Linie situiert, die das
Individuum allein' ııie mehr auslöschen kann, oder vielmehr: die nur
asymptotisch das Werden des Subjekts erreichen wird, wie erfolgreich
immer die dialektischen Synthesen verlaufen mögen, durch die es, als
Ich (je), seine Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität überwin-
den muß. A - i " _
Die totale Form des Körpers, kraft der das Subjekt in einer Fata Mor-
gana die Reifung seiner Macht vorwegnimmt, ist ihm nur als <šGesta1t$›
gegeben, in einem Außerhalb, wo zwar 'diese Form eher bestimmend
als bestimmt ist, wo sie ihm aber als Relief in Lebensgröße erscheint.
das sie erstarren läßt, und einer Symmetrie unterworfen wird, die ihre-
Seiten verkehrt - und dies im Gege_nsatz zu der Bc_wegungsfülle,_mit
der es sie auszustatten meint. Solcllermaßen symbolisiert diese «Ge-

° A.d.Ü.: Lacan übersetzte Freuds «Ideal-Ich» in diesem Aufsatz noch mit je-idéal.
Dazu folgende Anmerkunglin der Neuausgabe (Ecrits, 1966): «Wir lassen die Be-
sonderheit der in diesem Aufsatz verwendeten .Übersetzung des Ideal-Ich von Freud
stehen, ohne die Gründe dafür weiter auszuführen, und fügen nur hinzu, daß wir sie
nicht beibehalten haben.» ` f -

64
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stalt›› - deren Prägnanz offenbar als artgebunden zu betrachten ist,


obschon ihr Bewegungsstil noch verkannt werden könnte - durch die
zwei Aspekte ihrer Erscheinungsweise die mentale Permanenz des Icb
(je) und präfiguriert 'gleichzeitig dessen entfremdendi; Bestimmung; sie
geht schwanger mit den Entsprechungen, die das Ich vereinigen mit
dem Standbild, auf das hin der Mensch sich projiziert, wie mit dem
Phantomen,›die es beherrschen, wie auch schließlich mit dem Automaten,
in dem sich, in mehrdeutiger Beziehung, die Welt seiner Produktion zu
vollenden sucht. i _ t
Für die Imagines - wir haben des Vorrecht, zu sehen, :wie ihre ver-
schleierten Gesichter in unserer alltäglichen Erfahrung und ini Halb-
schatten der symbolischen Wirksamkeifi' Konturen gewinnen - scheint
das Spiegelbild die Schwelle der sichtbaren Welt zu sein, falls wir uns
der spiegelartigen Anordnung überlassen, welche die Imago des eigenen
Körpers in der I-Ialluzination und im Traum darbietet - handle es sich
nun um seine individuelle Züge, seine Gebrechen oder seine Projek-
tionen auf ein Objekt -, oder falls wir die Rolle des spiegelnden Appa-
rates in denErscheinungsweisen des Doppelgängers entdecken, in denen
sich psychische Realitäten manifestieren, die im übrigen sehr verschie-
denartig sein können. '
Daß eine «Gestalt›› bildnerische Wirkungen auf den Organismus aus-
zuüben wermag, ist durch ein biologisches Experimentieren bezeugt,
das der Idee einer psychischen Kausalität derart fremd gegenübersteht,
daß es sich nicht entschließen kann, sie als solche zu formulieren. Den-
noch erkennt es, daß die Reifung der_Geschlechtsdrüsen bei der Taube
den Anblick eines Artgenossen unbedingt voraussetzt - wobei dessen
Gesclilecht keine große Rolle spielt -, und daß diegleiche Wirkung audi
erzielt wird durch das Aufstellen eines Spiegels in der Nähedes Indi-
viduums, so daßes sich darin sehen kann-. In ähnlicher Weise kann der
Generationswechsel bei den Wanderheuschrecken von der Form des
Einzelgängers zu der des Schwarms erreicht werden, indem das Indivi-
dıtium in einem bestimmten Stadium dem bloßen Anblick eines beweg-
ten Bildes von einem Artgenossen ausgesetzt wird - wobei die künst-
lichen Bewegungen allerdings möglichst denen ähnlich sein müssen, die
der Art entsprechen. Diese Tatsachen fügen Sidi in eine Ordnung ho-
momorpher Identifikation, welche in die Frage nach dem Sinn der
Sdıönheit als einer bildenden und erogenen miteinbezogen wäre.
4
Vgl. Claude Levi-Strauss, L'efficacité symbolique, in: Revue d'histoire des reli-
gions, Jihıuar-März_i949. _ _ " _ ¬

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Doch die Tatsachen der Mimikry, begriffen als heteromorphe Iden-


tifikation, interessieren uns hier nicht weniger, um so mehr als sie
das Problem der Bedeutung des Raumes für den lebenden Organis-
mus stellen; die psychologischen Begriffe scheinen mindestens so ge-
eignet zu sein, einiges Licht in diese Dinge zu bringen, wie die lächer-
lichen Versuche, solche Tatsachen auf ein angeblich vorherrschendes Ge-
setz der Anpassung zurückzuführen. Erinnern wir uns nur an die Ein-
blicke, die uns das Denken eines Roger Caillois (das damals eben den
Bruch mit der Soziologie, wo es entstanden war, vollzogen hatte) ver-
schaffte, als er unter dem Begriff «psyclmstlıénie lëgenalaire die morpho-
logische Mimikry einer Zwangsvorstellung vom Raum in ihrer entrea-
lisierenden Wirkung zuordnete.
Wir haben in der gesellschaftlichen Dialektik, welche die 'menschliche
Erkenntnis als eine paranoische strukturiert5, den Grund gezeigt, der
diese Erkenntnis im Kraftfeld des Begehrens autonomer macht als die
des Tieres, der sie aber auch auf jenes «bißchen Realität» beschränkt,
das die surrealistische Unzufriedenheit an ihr denunziert.Auch zwingen
uns diese Überlegungen, in der räumlichen Befangenheit, die das Spie-
gelstadium manifestiert, beim Menschen die Wirkung einer organischen
Unzulänglichkeit seiner natürlichen Realität anzuerkennen, die sogar
jener Dialektik vorausgeht - wenn wir überhaupt dem Terminus Na-
tur einen Sinn geben wollen. - g r ` _ g r
Die Funktion des Spiegelstadiums erweist sich uns nun als ein Spezial-
fall der Funktion der Imago, die darin besteht, daß sie eine Beziehung
herstellt zwischen dem Organismus und seiner Realität - oder, wie man
zu sagen pflegt, zwischen der Innenwelt und der Umweltó.
Aber diese Beziehung zur Natur ist beim Menschen gestört durch ein
gewisses Aufspringen (dê/viscence) des Organismus in seinem Innern,
durch eine ursprüngliche Zwietracht", die sich durch die Zeichen von
Unbehagen und motorischer Inkoordination in den ersten Monaten des
Neugeborenen verrät. Das objektive .Wissen um die anatomische Un-
vollendetheit des Pyramidalsystems und um die Remanenz gewisser
organischer Flüssigkeiten des mütterlichen :Körpers bestätigt, was wir
“1S"___ß...G°
<=59111331Een-.ei_a,sr,_„_tat§ší.9h1ichen. ._.spf2ifiscben Vetzfiffsëfâë.._4.er
menschlichen.Gelzwfeteıslierslif I › ~
,...ı-»-

Erinnern wir uns zwischendurch, daß diese Gegebenheit von den


_ I' .
5 Vgl. darüber Ecrits S. nr und 180.2 ` 1 ` s
° A.d.Ü.: Deutsch im Original.
7 A.d.Ü.: Im Original Discorde (mit großem D).

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..._ .__-1:“-Z--'°-.-"“'=-'----_
_ __-------_- - -- -- -T - __.-. 1.'-"' _' ' "__.,.'

Embryologen als solche anerkannt und als Foetalisation bezeichnet


wird; sie bestimmt den Vorrang der sogenannten höheren Nervensyste-
me und speziell der .Hirnrinde, die ja seit den Eingriffen der Psycho-
Chirurgen als intraorganischer Spiegel zu gelten hat. -
Diese Entwicklung wird erlebt als eine zeitliche Dialektikywelche die
Bildung des Individuums entscheidend als Geschichte projiziert: das
Spiegelstadizım ist ein Drama, dessen innere Spannung von der Unzu-
länglichkeit auf die Antizipation überspringt und für das an der lok-
kenden Täuschung der räumlichen Identifikation festgehaltene Subjekt
die Phantasmen ausheckt, die, ausgehend von einem zerstückelten Bild
des Körpers, in einer Formienden, die wir in ihrer Ganzheit eine ortho-
pädische nennen könnten, und in einem Panzer, der aufgenommen wird
von einer wahnhaften Identität, ileren starre Strukturen die ganze
mentale Entwicklung des Subjekts bestimmen werden. So bringt der
Bruch des Kreises von der lnnenwelt zur Umfwelts die unerschöpfliche
Quadratur der Icb-Prüfungen (récolements du moi) hervor. A '
Dieser zerstüdselte Körper, dessen Begriff ich ebenfalls in unser System
theoretischer Bezüge eingeführt habe, zeigt sich regelmäßig in den
Träumen, wenn_die fortschreitende Analyse auf eine bestimmte Ebene
aggressiver Desintegration des Individuums stößt..Er erscheint dann
in der Form losgelöster Glieder und exoskopisch dargestellter, geflügel-
ter und bewaffneter Organe, die jene inneren Verfolgungen aufneh-
men, die der Visionär Hieronymus Bosch in seiner Malerei für immer
festgehalten hat, als sie im fünfzehnten Jahrhundert zum imaginären
Zenith des modernen Menschen heraufstiegen. Aber diese Form erweist
sich als greifbar im Organischen selbst, an den Bruchlinien nämlich, wel-
che 'die fantasmatische Anatomie iumreißen und die offenbar werden in
Spaltungs- und Krampfsymptomen, in hysterischen Symptomen.
Entsprechend symbolisiert sich die lc/0-Bildung (formation du je) in
Träumen als ein befestigtes Lager, als ein Stadiong, das - quer durch die
-,innere Arena bis zur äußeren Umgrenzung, einem Gürtel aus Schutt
und Sumpfland - geteilt ist in zwei einander gegenüberliegende Kampf-
felder, wo das Subjekt verstrickt ist in die`Suche~. nach dem erhabenen
und fernen inneren Schloß, dessen Form - manchmal im gleichen Szena-
rio danebengestellt - in ergreifender Weise das Es symbolisiert. Wir
finden diese Strukturen einer Befestigungsanlage - deren Metaphorik
3 A.d.Ü.: Deutsch im Original. ' _
9 A.d.Ü.: Das französisdıe Wort stade kann sowohl «Stadium» wie «Stadium bc-
deuten, also sowohl etwas zeitlichwie etwas räumlich Begrenztes. -«
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Philosophieren üiiit sg 1-ebhaft giifordert wird duıich- as '


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. . Ophıeren begreift Jene Negatıvıtat 101 Cf . die
sıe ıın den« Grenzen bewußtseinsmšißiger self-Genügsamkeıı: bleıbt, „_ ›
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W011 Síß bereits in ihre Voraussetzungen eingeschrieben ist, C110 _Ü1“_S1°n g


der Autonomie - der sie sich überläßt - verkettet mit den konstıtlltıveıi.
' Verkennungen des Ich (moi). Ein Spiel des Geistes, das V0“ den An
leihen bei der analytischen E f Ü

Anm a ß ung zu g1Pfeln,


' e r ahrung ganz
~ besonders zehl' t › um
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111 bc-
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_ gründen. `
Am Ende des historischen Umerfangens einer Gesellschaft, sıchlsšfiäfií
andere als eine nützliche Funktion mehr zuzuerkennen, und angcâeren
der Angst des Individuums vor sozialen Bindungen in def Masse'
Aufkommen der Lohn 'e r

Ilxistentialismus an denJ Rechtfertigungen


nes Unterfangens zu sein scheınt,
abschätzen, . die laßtišlghsäb..
-- ' die
ššeíheit er
jektiven Sackgassen gibt, die eben daraus resultieren: Eine n eineS'Ge_
sich nirgends so authentisch bejaht' wie innerhalb der _Maä?r Ohnmacht
fängnisses; ein Fordern von Engagemfiflß in “lem fich líbersteigen; ı

des feinen Bewußtseins ausdrückt, irgendeine Sıtu21I10f1 zu U - s


eine voyeurhaft-sadisti cl .
i r l n Beziehung* e . 1

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ım Selbstmord re
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des ande rn, d as sıch


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Solehen Vorstellungen widersetzt sich Unsere ganšeaııf das Wa/ameh..
fiihrt uns weg von der Annahme, daß _clas.Ic/:›d(mz;1 ,jenem «Realitäts- V'

imzmgs- und_ Bewußtseinsüfstem z.ent'ncrt unieniristische Vorurteil for"


p1~inZip›› organisiert sei, in dem sıfilldenes SZ
.
mulıert,das der Dıalektık - der LH . lcnntnıs entS .
' çhıeden WI'dersprichtš
__ diese unsere Erfahrung laßt ._ uns V1~ elmehr von der Ver/eenmmg
_ . vgn Anna _ gfunfe-
ren
tion ausgehen, dıe das Ich ın .all dendenn wenn die Vemcmımg_,de, artiliıı-
. sıert' Freud S0 genau
lıerten Strukturen charakterı ›
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[Di offenbare Form darstellt, so bleiben doch deren Wirkungen zum größ-
luı ten Teil verborgen, solange sie nicht erhellt werden in irgendeinem
sis Lichte, das von der Ebene der Fatalität reflektiert Wird, wo sich das
tııı Es manifestiert.
läı' Solchermaßen kann jene Trägheit verstanden Werden, die den Bildun-
riü gen des Ich eignet, in denen die ausführlichste Definition der Neurose zu
Ch« schen ist: die Befangenheit des Subjekts in der Situation gibt die allge-
da
meinste Formel für den Wahnsinn ab, sowohl für den zwischen den
(lc:
Mauern der Asyle wie für den, der mit seinem Lärm und seiner Wut die
fit!
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xafc Erde betäubt. . _


ggf: Die Leiden der Neurose und der Psychose sind für uns die Schule der
elı: seelischen Leidenschaften, so wie der Balken der psychoanalytischen
J
E951 Waage - wenn wir den Grad derßedrohung ganzer Bevölkerungsgrup-
'r
vr) pen ermessen wollen - uns anzeigt, wie weit die Leidenschaften im
be. Staate abgetötet sind. a .
1

cııı In diesem Punkt, wo sid« Natur und Gesellschaft treffen und den die
Ešcfl
J

heutige Anthropologie so hartnäckig erforscht, erkennt allein die


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Psychoanalyse jenen Knoten imaginärer Knechtschaft, den die Liebe
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immer neu lösen oderlzerschneiden muß. _ _
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Für ein solches Werk erweist sich nach unserer Meinung das altruistisehe
(le
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Gefühl als eitel; wir setzen die Aggressivität ins Licht, Welche unter den
Aktionen des Philantropen, des Idealisten, des Pädagogen, sogar des
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(]r Reformators liegt. l
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lıfl. In der Zuflucht, welchewir vor dem Subjekt für das Subjekt retten,
ıst kann die Psychoanalyse den Patienten bis zu der Grenze der Entzük-
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I fcs kung begleiten, Wo sich ihm in der Formel «du bist_es›› die Chiffre
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unsrer Macht als Praktiker, ihn dahin zu führen, vvo die wahre Reise
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FUNKTION UND FELD


DES SPRECHBNS UND DER SPRACI-IE
IN DER PSYCHOANALYSE D
Bericht auf dem Kóngreß in R001 am 726- und 27- 5ePfemb°1` 195 3 l
im Istituto di Psicologia della Unıversıtà dı Roma.
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Vorwort
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Inslvesoindere sollte nicht 'vergessen werden, daß die


Trennung in Emlaryologie, Anatomie, Physiologie,
Psychologie, Soziologie und Klinik in der Natur nicht `
auftritt und :laß es eigentlich nur eine Disziplin gibt,
die Neurobiologie, der nach unserer Auffassung das _
Epit/aeton menschlich laeigegeløen werden muß. (Ein Zitat
als Motto eines Instituts für Psychoanalyse im jahre 1952.) d p

Der hier folgende Vortrag verdient durch die Erwähnung seiner Um-
stände eingeleitet zu werden; er ist durch sie gekennzeichnet.
Sein Thema wurde dem Autor vorgeschlagen für den üblichen theoreti-
schen Hauptvortrag.des jährlichen Treffens„mit dem die Gesellschaft,
die damals in Frankreich die Psychoanalyse repräsentierte, seit acht-
zehn Jahren eine unter dem Titel «Kongreß französischsprachiger Psy-
choanalytiker» ehrwürdig gewordene Tradition pflegte. Seit zwei Jah-
ren umfaßte dieses Treffen generell die Psychoanalytiker der roma-
nischen Länder, wobei Holland aufgrund besonderer sprachlicher Tole-
ranz ebenfalls vertreten war. Im September 195,3 sollte der Kongreß
in Rom stattfinden. _ A ' S
Inzwischen führten schwere Meinungsverschiedenheiten in der franzö-
sischen Gruppe zu einer Spaltung. Sie waren entstanden aus Anlaß
der Gründung eines Instituts für Psychoanalyse. Aus der Fraktion
derer, denen es gelungen war, ihre Statuten undihr Programm durch-
zusetzen, konnte man damals hören, daß sie den, der zusammen mit
anderen eine abweichende Konzeption durchzuführen versucht hatte,
daran hindern würden, in Rom zu sprechen. Und sie benutzten zu
diesem Zweck alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel.
8 Es schien indes denen, die damals die neue Société Française de Psych-
analyse gegründet hatten, nicht angezeigt, die Mehrheit der Studenten,
die sich ihrer Lehre anschloß,_um die angekündigte Veranstaltung
zu bringen oder auf den bedeutenden Ort zu verzichten, an dem sie
hatte stattfinden sollen. A - i S"
Zudem versetzten die großen Sympathien, die ihnen von seiten der
italienischen Gruppe entgegengebracht wurden, sie nicht in die Rolle
ungebetener Gäste in der Ewigen Stadt. _ P
Der Autor dieses Vortrags glaubte - wie wenig auch immer er der
r Ä 73
C
\

Aufgabe gerecht werden sollte, über dasllSprpççl1enp_(pa_roh_:) zu sprechen


- auf einige stillschweigende Nachsicht rechnen zu können, die diesem
Ort eigen ist. 'r s 5' D .
Er erinnerte sich, daß, lange bevor hier die Glorie des höchsten Throns
der Erde offenbar wurde, Aulus Gellius den sogenannten Mons.Vati-
canus in seinen Noctes _/ltticae etymologisch von fuagire ableitetel,
was das erste Schreien von Säuglingen bedeutet. ~
Wenn nun also sein Diskurs nichts .weiter als ein, Säuglingsgeschrei
'sein sollte, so erfüllten sich in ihm zumindest die Auspizien, daß
er- in s@iner-DiS2ip1ifl_ die Fflndefesflfs @fı1su=rts› die ia-<ísf Sereßhß
liflsf=.f1_- H A F
Zudem gewinnt diese Erneuerung zuviel Sinn aus der Geschichte, um
nicht, nach'Meinung des Autors, mit dem traditionellen Stil zu brechen,
der den wissenschaftlichen Bericht zwischen Kompilation und Zusam-
menfassung ansiedelt, und ihm den ironischenStil einer Infragestel-
lung der Grundlagen dieser Disziplin zu geben. s
Weil seine Zuhörer Studenten waren, die unser Sprechen erwarten,
wurde sein Diskurs vor allem durch sie als dessen Adressaten auf-
wieglerisch, um stellvertretend für sie; auf Vorschriften zu verzichten,
die von Auguren üblicherweise fordern, Strenge durch Kleinlichkeit zu
demonstrieren sowie Vorschriftund Überzeugung zu verwechseln.
In dem damaligen Konflikt war ihre Autonomie so ungeheuerlich
unterschätzt worden, daß die erste daraus resultierende Forderung
eine Reaktion auf jenen Ton war, der dieses Übermaß möglich gemacht
hatte. s
jenseits der lokalen Besonderheiten, die diesen Konflikt hervorriefen,
war eine Unzulänglichkeit zutage getreten, die jene Besonderheiten
bei weitem übertraf. Daß man auch nur die Absicht hatte haben kön-
nen, die Ausbildung von Analytikern so autoritär zu regeln, warf
die Frage danach auf, ob nicht die etablierten Formen dieser Ausbildung
auf fortgesetzt aufrechterhaltene Unmündigkeit hinausliefen.
Gewißsind die streng reglementierten Initiationsformen, in denen
Freud die Garantie für die Weitergabe seiner Lehre sah, bei einer
Disziplin gerechtfertigt, die nurdadurch überleben kann, daß sie sich
auf dem Niveau unverkürzter und ungetrübter Erfahrung hält. in
Aber haben sie nicht zu einem trügerischen Forrnalismus geführt, der

1 A.d.Ü.: Aulus Gellius, Noctes Atticae, ed. P. K. Marshall, Oxford (Clarendon


Press) 1968, XVI. 17. 2, S. 496. _

74
/.

Initiativen entmutigt, indem er das Risikö bestraft, und der die Herr-
schaft gelehrter Meinungen ins Prinzip gelehriger Vorsichtigkeit ver-
kehrt, die authentische Forschung von vornherein lähmt?
Die große Komplexität der Begriffe, die auf unserem Gebiet ins Spiel
gebracht werden, bringt es mit sich, daß wie nirgendwo sonst jemand,
der ein Urteil abgibt, ganz und gar kein Risiko mehr _eingeht, sich
als unfähig zu entlarven. - ` =
Die Konsequenz daraus sollte unser' erster, wenn nicht einziger Vor-
schlag sein: man muß zu einer generellen Freigabe von wissenschaftli-
chen Behauptungen aufgrund einer Klärung ihrer Prinzipien gelangen.
Die strenge Auswahl, die in der Tat notwendig ist, dürfte nicht in
kleinlicher Kooptation unabsehbar vertagt werden, sondern sollte auf
der Fruchtbarkeit der konkreten Arbeit und auf dem dialektischen
Nachweis der Fähigkeit beruhen, Thesen kontradiktorisch zu verteidi-
gen. -A R i
Dies impliziert von uns aus keine Wertschätzung von Abweichungen.
Auf dem Internationalen Kongreß in London, wo wir wegen eines
Formfehlers unsererseits als Bittsteller auftraten, haben wir ganz im
Gegenteil nicht ohne Überraschung eine uns wohlgesonnene Persönlich-
keit sich darüber beklagen gehört, daß' wir unsere Sezession nicht
mit einer theoretischen Meinungsverschiedenheit begründen konnten.
Soll das heißen, daß ein Verband, der international sein möchte, ein
anderes Ziel verfolgen kann als die Aufrechterhaltung des Prinzips
der Gemeinsamkeit unserer Erfahrung? s _ 7
Gewiß ist es eine Binsenwahrheit, daß das längst den Bach runter
ist und daß les so nicht mehr ist. Dem undurchdringlichen Zilboorg,
der, unseren Fall beiseiteschiebend, darauf bestand, daß keine Spal-
tung ohne wissenschaftliche Debatte zulässig sei, konnte, ohne Anstoß
zu geben, Wälder eindringlich erwidern, daß bei einer-Darlegung der
Prinzipien, auf die jeder von uns seine Erfahrung zu gründen glaubt,
unsere Mauern sehr schnell in babylonischer Verwirrung zerfallen wür-
den. _ i ~
Es ist, so meinen wir, durchaus nicht nach unserem Geschmack, es
uns als Verdienst anzurechnen, wenn wir etwas Neues bringen.
In einer Disziplin, die ihren wissenschaftlichen Wert allein den theore-
tischen Konzepten verdankt, die Freud mit fortschreitender-Erfah-
rung formuliert hat, die aber, da sie bisher unzureichend kritisiert
240 sind uncl soviel umgangssprachliche Ambiguität mit sich führen, von
dieser Resonanz profitieren (was zu Mißverständnissen führen kann),
B 75
_.

in einer solchen Disziplin schiene es uns verfrüht, mit der Tradition


ihrer Terminologie zu brechen. i
Aber es scheint uns, daß diese Termini nur dann geklärt werden kön-
nen, wenn man ihre Äquivalente im aktuellen Sprachgebrauch der
Anthropologie, ja der neuesten Probleme der Philosophie aufsucht,
die die Psychoanalyse oft nur aufzugreifen braucht. E
Vordringlich ist *jedenfalls die Aufgabe, in den Begriffen, die im Rou-
tinegebrauch verschleißen, den Sinn freizulegen, den sie im Rückgriff
auf ihre Geschichte wie in der Reflexion auf ihre subjektiven Grund-
lagen wiedergewinnen: . ' _
Darin liegt ohne Zweifel die Aufgabe des Lehranalytikers, von der
alle anderen abhängen, und sie ist es, bei der sich Erfahrung am
besten bezahlt macht. ' _ A
Vernachlässigt man sie, so verwischt man den Sinn eines Handelns,
das seine Wirkung allein aus seinem Sinn erhält, und die tech-
nischen Regeln, die reduziert werden zu bloßen Rezepten, nehmen
der Erfahrung jede Reichweite der Erkenntnis und selbst jedes Reali-
tätskriterium. T _
Denn niemand ist weniger anspruchsvoll als ein Psychoanalytiker,
wenn es darum geht, einem Handeln eine Satzung zu geben, das
auch er selbst beinahe für magisch hält, da er nicht weiß, wo in einer
Vorstellung seines Gebiets er es einordnen soll, und das er kaum mit
seiner Praxis zu vereinbaren beabsichtigt. I V '
Die Inschrift, die wir als Ornament vor dieses Vorwort gestellt haben,
ist ein schönes Beispiel dafür. Eignet sie sich zudem nicht für ein
Konzept psychoanalytischer Berufsausbildung, das mit dem einer
Fahrschule zu vergleichen wäre, die, nicht zufrieden damit, das Privileg
zu beanspruchen, den Führerschein zu verleihen, sich vorstellte, den
Automobilbau zu kontrollieren? _ I
Dieser Vergleich mag wert sein, was er will, aber er ist gewiß soviel
wert wie jene, die bei den ernstesten unserer klösterlichen Zusammen-
künfte kursierten und die, weil sie in unserem Diskurs mit Idioten ent-
standen sind, nicht einmal den Reiz eines Ulksunter Eingeweihten ha-
ben, sondern ihren Gebrauchswert aus ihrer hochtrabenden Dummheit
zu erhalten scheinen.
Das beginnt bei dem bekannten Vergleich des Kandidaten, der sich
verfrüht zu praktizieren verleiten läßt, mit einem Chirurgen, der ohne
Asepsis operiert, und das geht bis zu jenem Vergleich, der einem die
Tränen über die unglücklichen Studenten ins Gesicht treibt, die der 241
76 T
¬¬.„,_'»-

Streit ihrer Lehrer wm Kinder auseinanderreißt, deren Eltern sich


scheiden lassen.
Ohne Zweifel ist dieser letzte Vergleich von dem Schuldigen Respekt
denen gegenüber inspiriert, die in der Tat dem ausgesetzt sind, was
wir unter Mäßigung unseres 'Ge'dankens einen <<Unterrichtszwang››
nennen, der sie auf eine harte Probe stellt. Aber man kann sich,
wenn man dabei das Tremolo in der Stimme der Lehrer hört, auch
fragen, ob nicht die Grenzen der Kinderei ohne Vorwarnung bis zur
Dummheit ausgedehnt wordensind. `
Die Wahrheiten, die solche Klischees verdecken, verdienten, einer ge-
naueren Untersuchung unterzogen zu werden. "
Sollte nicht die Psychoanalyse als die Methode, Wahrheit durch Ent-
mystifizierung subjektiver Verschleierungen zu gewinnen, einen maß-
losen Ehrgeiz zeigen, ihre Prinzipien auf sich selbst als Korporation
anzuwenden, sei es auf die Vorstellung, die die Analytiker sich von
ihrer Rolle gegenüber Kranken machen, oder von ihrem Ort inder
gelehrten Welt, sei es auf ihre Beziehungen zu ihresgleichen oder auf
ihre Aufgaben als Lehrende? V _- .
Um einige Fenster wieder zu öffnen, die auf das helle Tageslicht
des Freudschen Denkens führen, nimmt möglicherweisedieses Exposé
einigen die Angst, die eine symbolische Handlung erzeugt, wenn sie
sich in ihrer eigenen Undurchsichtigkeit verliert.
Gleichwohl haben wir,_indem wir die Begleitumstände dieses Vortrags
schildern, nicht die Absicht, die allzu offensichtlichen Mängel zu ent-
schuldigen, die er aufgrund'der damaligen Hast an sich hat, da er
durch diese selbe Hast seinen richtungweisenden Sinn und seine Form
erhalten hat. _ ` V '
Zudemhaben wir in einem exemplarischen Sophisma der intersub-
jektiven.Zeit_die Funktion der Hast bei der logischen Überstürzung
dargelegt, in der eine unerläßliche Bedingung der Wahrheit liegt“.
Nichts Geschaffenes, das nicht dringend und eilig erschiene; nichts
Dringendes und Eiliges, das nicht dazu zwingt, es sprechend (dans la
parole) einzuholen. i p ~
Aber auclı nichts, das nicht kontingent würde, sobald für den Menschen
der Augenblick kommt, in dem er sich entschließt, Partei zu ergreifen
und die Unordnung zu denunzieren, umibeider Zusammenhalt in der

13 Vgl. Die logische Zeit und die Ässertion der antizzjvierten Gewißheit, in: Schriften III,
S. ıoı-121. ' ' V
77
__\____

Realität zu begreifen und durch seine Gewißheit die Handlung zu


antizipieren, die sie gegeneinander abwägt. ' g

O
\

Einleitung I _ 242

Dieses wollen wir festsetzen solange wir hier noch in


dem Aphhelio unserer Materie sind, denn wenn wir erst i
in das Perihelium leommen, da mögten wir es iiher der ' ~
Hitze vergessen. c (Lichfêflhffg)

«Flesh composed of suns. How can such'he?›› exclaim A


the simple ones. _ _ _
A (Rohert Browning, Parleying with certain people.)'
. ~ `
j .

So groß ist das Entsetzen, das sich desiMenschen bei der Entdeckung
des Bildes seiner Macht bemächtigt, daß er in seinem eigenen Handeln
sich von ihm abwendet, sobald dieses Handeln ihm jenes Bild unver-
stellt zeigt. Das jedenfalls geschieht im Fall der Psychoanalyse.Die
prometheische Entdeckung Freuds war ein solches Handeln. Sein Werk
gibt uns Zeugnis davon. Aber es ist nicht minder präsent in jeder
Untersuchung, die einer von denen bešcheiden ausführt, die bei ihm
gelernt haben. _
Man kann im Verlauf der letzten jahre eine zunehmende Abneigung
beobachten, sich für die Funktionen des Sprechens (parole) und das
Gebiet der Sprache (langage) zu interessieren. Sie motiviert die «Ver-
änderungen von Ziel und Technik», zu denen man sich innerhalb der
psychoanalytischen Bewegung bekennt und deren Beziehung zum
Nachlassen der therapeutischen Effizienz recht zweideutig ist. Den
Widerstand des Objekts in der Theorie und Technik so in den Vorder-
grund zu rücken, ist etwas, das selbst der Dialektik der Analyse unter-
worfen werden muß, die darin nur ein Alibi des Subjekts erkennen
kann. I '_ E r
Versuchen wir, die Topik dieser Bewegung nachzuzeichnen. Wenn man
jene Literatur betrachtet, die wir so als unsere wissenschaftliche Tätig-
keit ansehen, ergeben sich deutlich drei Bereiche, in denen die Probleme
der Psychoanalyse heute angesiedelt sind: Ä -
78
HÜÄÜ'

Ü ..

A) Die Funktion des Imaginären,'wie wir sagenwerden, oder direkter:


der Phantasmen in der/Technik der Erfahrung und in der Objektkon-
E

stitution auf den verschiedenen Stufen der psychischen Entwicklung.


Der Forschungsansatz ist hier aus der Kinderanalyse gekommen und
von dem fruchtbaren Gebiet, das die präverbalen Strukturierungen
den Versuchungen und Versucheiı der Forscher bot.- Hier ruft sein
Höhepunkt.-jetzt auch schon eine Umkehr hervor, insofern sich das
Problem stellt, den Phantasmen in ihrer Interpretation ein_e symbo-
lische Sanktionierurrg zu geben. 7
43 B) Der Begriff der libidinösen Objektbeziehungenlverändert - mit
seiner Erneuerung der Idee eines Fortschritts - insgeheim- die Durch-
führung der Kur. Die neue Perspektive hathier ihren Fluchtpunkt
in der Ausdehnung der Methode auf die Psychosen und auf prinzipiell
je verschiedene Gegebenheiten. Die Psychoanalyse wird dabei zu einer
existentiellen Phänomenologie, ja sogar zueinem Aktivismus der
Barmherzigkeit. Auchhier zeigt sich eine deutliche Reaktion in Rich-
tung einer Rückkehr zum Symbol als technischem Angelpunkt. D A
C) Die Bedeutung der Gegenübertragung und - damit zusammenhän-
gend - der psychoanalytischen Ausbildung. Hier liegt der Akzent
auf den Sdıwierigkeiten, die Kur zu beenden; sie treffen mit denen
zusammen, die in dem Augenblick entstehen, in dem die Lehranalyse
des Kandidaten aufhört und dieser in die Praxis eingeführt wird.
An ihnen läßt sich dasselbe Hin und Her beobachten: auf der einen
Seite behandelt man,_nicht ohne einige Kühnheit, das Dasein des
Analytikers als nicht zu vernachlässigendes Element in den Auswir-
kungen der Analyse und erklärt sogar, es müsse, selbst wenn diese
sich ihrem ,Ende nähere, in seinem Verhalten deutlich hervortreten;
auf der anderen Seite proklamiert man mit nicht weniger Nachdruck;
eine Lösung könne nur aus der immer weiter vorangetriebenen Erfor-
schung des Unbewußten hervorgehen. "
Über die Pioniertätigkeit hinaus, die sie auf verschiedenen Grenzgebie-
ten mit der Vitalität der sie tragenden Erfahrung unter Beweis stellen,
haben diese drei Probleme einen gemeinsamen Zug. Für.den Analyti-
ker ist es die Versuchung, die Grundlagen des Sprechens gerade auf
den Gebieten aufzugeben, wo dessen Gebrauch, -obwohl er an _Unaus-
sprechliches grenzt, mehr denn je der Untersuchung bedürfte: dem
der pädagogischen Bemutterung, dem der wohlwollenden Samariter-
dienste und dem der Herrschaft durch Dialektik. Groß wird die Ge-
fahr zumal, wenn er darüberhinaus seine Sprache zugunsten bereits
79
. -- " ' „í

institutionalisierter Sprachen aufgibt, von denen er kaum weiß, Welche


Kompensationen sie der Unwissenheit bieten. _ _ _ _
Zwar würde man wirklich gern mehr über die Wirkung von 3ym_
bolisierungen auf Kinder wissen, aber die weiblichen Analytiker, die
zugleich Mütter sind, ja selbst jene, die auch unseren bedeutendsten
Ratschlägen einen matriarchalischen Anstrich geben, sind nicht gegen
jene Sprachverwirrung gefeit, in der Ferenchi eine Gesetzmäßigkeit der
Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen siehtz. _ A
Die Vorstellungen, die sich unsere Weisen von einer vollendeten Ob-
jektbeziehung machen, sind recht unbestimmt und bringen bei näherem
Zusehen eine Mittelmäßigkcit zum Vorschein, die unserem Berufsstand
keine Ehre macht. ` - r
Kein Zweifel, daß diese Ergebnisse, mit denen der Psychoanalytiker
sich_dem Typ des modernen Heros annähert, den lächeiliche Helden-
taten in einer Situation der Verwirrung auszeichnen, nur korrigiert
werden können durch eine erneute Erforschung gerade. des Gebiets,
auf dem der Psychoanalytiker Meisterschaft erwerben sollte, dem der
Funktionen des Sprechens. '_ '
Aber es scheint, als habe man seit Freud dieses zentrale Feld unser-es
Gebiets brach liegen lassen. Bemerkenswert ist, wie er selbst sich vor
zu weiten Exkursionen an die Peripherie dieses Feldes hütete: die
verschiedenen Phasen der Libidoentwicklung beim Kind hat er bei
der Analyse von Erwachsenen entdeckt; beim kleinen Hans hat er
nur über dessen Eltern eingegriffen und schließlich hat er ein ganzes
Stück der Sprache des Unbewußten im päranoischen Deliriumentzif-i
fert, ohne dazu etwas anderes als den Schlüsseltext zu benutzen, den
Schreber in der Lava seiner Geisteskatastrophe hinterließ. In der Dia-
-lektik seines Werks wie bei der Tradierunig seines Sinns hat er jedoch
die Position der Meisterschaft in ihrer ganzen Größe behauptet.
Soll das nun heißen, daß, wenn der Platz des Meisters leer bleibt,
der Grund dafür weniger in seinem Tod zu suchen ist als in einer
zunehmenden Verwischung des Sinns seines Werks? Kann man, um
sich davon zu überzeugen, nicht einfach ffeststellen, was an dessen
Stelle getreten ist? I_
Da wird in einem verdrießlichen Stil, der in seiner Undurchsichtigkeit
absichtlich Wichtiges übergeht, eine Technik tradiert, die der kleinste

* Ferenczi: Confusions of Tongues between the Adult and the Child, in: Internatio'
nal Journal of Psydıoanalysis, Bd. 3o (1949), S. zz;-230; zuerst dt. in: Int. Zs. f.
PsA, Bd. 19 (1933), S. gif. _

80
-W

Luftzug scheint in Verwirrung setzen zu können. Man ist auf dem


Weg des Formalismus bis hin zum Ritual so weit gegangen, daß man
sich fragen kann, ob diese Technik nicht von demselben Hieb eines
Vergleichs mit .der Zwangsneurose getroffen wird, mit dem Freud
so überzeugend auf den Ablauf, wenn nicht gar die Genese religiöser
Riten gezielt hat. ' ' r ii _ I
Wenn man die Literatur betrachtet, die von solcher Aktivität hervor-
gebracht wifd und sie ernähren soll, wird diese Analogie deutlicher:
man hat da oft den Eindruck eines geschlossenen Kreises, in dem
'die Unkenntnis über den Ursprung verschiedener Begriffe das Problem
hervorbringt, sie miteinander in Übereinstimmung zu bringen, und
in dem die Anstrengung, dieses Problem ziı~Dlösen, die Unkenntnis
wiederum verstärkt. -› V D W D ~
Um zu den Gründen dieses Sprachverschleißes (détérioration du dis-
cours) in der Analyse vorzudringen, ist es legitim, die 'psychoanaly-
tische Methode auf die~Gesamtheit derer anzuwenden, die sich ihrer
Sprache bedienen. D
In der Tat ist, von einem Sinnverlust der analytischen Tätigkeit zu
sprechen, so wahr undso vergeblich, wie es wahr und yergeblidı ist,
ein Symptom durch seinen Sinn zu erklären, solange dieser Sinn nicht
anerkannt wird. Es ist bekannt, daß beim Fehlen einer solchen Aner-
kennung die Tätigkeit des Analytikers unabhängig davon, auf wel-
chem Niveau sie sich bewegt, bloß als aggressiv empfunden werden
kann; weiter ist_bekannt, daß, sobald soziale «Widerstände›› fehlen,
mit denen die Gruppe der Psychoanalytiker sich beruhigen konnte,
ihre Toleranzschwelle gegenüber ihrer eigenen Aktivität, die dann
„«akzeptiert››, wenn nicht gar gebilligt wird, nur noch von dem numeri-
schen Verhältnis abhängt, mit dem sich ihre Anwesenheit auf der Skala
sozialer Rangordnung messen läßt. D r .
Diese Ansatzpunkte genügen, um die symbolischen, imaginären und
realen Bedinguñgen anzugeben, die - als Isolierung, Ungeschehen-
machen, Verleugnung und allgemein als Verkennen - die Abwehr-
mechanismen bestimmen werden, die wir in der psychoanalytischen
Lehre erkennen können. ` 7 -
Wenn man also nach ihrer Zahl die Bedeutung der amerikanischen
Vertreter in der analytischen Bewegung mißt, wird man den Bedin-
gungen Gewicht beizumessen haben, die in den Vereinigten Staaten
vorherrschen. _ D _
Zunächst wird man auf dem Gebiet der Symbolbildung die Bedeu-
- ' 81
- †~ıı-ı'..μ¬- --.J "' ' ...--""-
J-;"""""'*III-ık ±-ff

¶'

_ ı

tung jenes Faktors c nicht vernachlässigen dürfen, auf den wir während
des Kongresses für Psychiatrie von 1950 hingewiesen haben, um eine
charakteristischeKonstante eines gegebenen kulturellen Milieus zu be-
zeichnen: hier des Umstands der Ahistorizität, in der nach übereinstim-›
mender Meinung aller Beobachter das Hauptkennzeichen von «K0m-
munikation›› in den USA zu sehen ist. Diese Ahistorizität ist nach
unserer Auffassung das genaue Gegenteil der analytischen Erfahrung,
Dazu kommt eine recht autochthone Geistes7haltung, die unter dem
Namen Behaviorismus so sehr die psychologische Begriffsbildung in
Amerika dominiert, daß sie eindeutig seit jeher die Inspirationen
Freuds in der Psychoanalyse unterdrückt. "-
Was die beiden anderen Gebiete betrifft, so überlassen wir denen,
die es interessiert,7das Urteil darüber, was die im Leben der pgyçho-
analytischen Gesellschaften zutage tretenden Mechanismen einerseits
den an äußerlichem Prestige orientierten Beziehungen innerhalb der
Gruppe verdanken und andererseits den spürbaren Auswirkiıngen ihres
freien Unternehmertums auf die Gesamtgesellschaft; denn man muß
der Behauptung eines ihrer erleuchtetsten Vertreter Glauben-schenken,
es bestehe eine Konvergenz zwischen der Fremdheit einer Gruppe,
in der Einwanderer vorherrschen, und der Distanzierung, in die eine
solche Gruppe mittels der Funktion getrieben wird, diedie obenge-
nannten kulturellen Bedingungen erheischen. › 7
Es erscheint jedenfalls unbezweifelbar, daß die Auffassungen der Psy-
choanalyse in den Vereinigten Staaten uminterpretiert wurden zu einer
Anpassung des Individuums an seine soziale Umgebung, zur Unter-
suchung von patterns des Verhaltens und zu7 der ganzen Objektivie-
rung, die der Begriff der human relations impliziert. Besonders im
Begriff des human engineering, der dort entstanden ist, drüdct sich
jene privilegierte Haltung aus, die den Menschen als Objekt ansieht.
Der.Distanziertheit, die notwendig ist, um eine solche Haltung auszu-
bilden und aufrechtzuerhalten, muß man es zuschreiben, daß sich in
der Psychoanalyse die lebendigsten Begriffe ihrer Erfahrung, der des
Unbewußten und der der Sexualität, so weit verfinstert haben, daß
es den Anschein hat, als müßten sie bald nicht einmal mehr Erwähnung
finden. 'ii T
Wir haben nicht über den Formalismus und den Krämergeist zu be-
finden, auf die die offiziellen Dokumente dieser Gruppe selbst lıin-
weisen um siezu verurteilen. Der Pharisäer und der Krämer interes-
7

sieren uns nur wegen ihres gemeinsamen Wesens, der Quelle der
82 -
-ıı-.Jr

Schwierigkeiten, die beide mit dem Sprechen gerade dann haben, wenn
es sich um das talking shop, ihre Geschäftssprache, handelt.
Die Unfähigkeit, Motive rnitzuteilen-D-mag sie es auch his zum Magister
bringen - reicht nicht zur Meisterschaft, die zumindest für die Ausbil-
dung von Psych7oanalytikern unerläßlich ist. Man ist sich dessen neulich
nur zu sehr bewußt geworden, als jemand, um einen Vorrang aufrecht-
zuerhalten, nurso zum Schein eine Stunde geben mußte. _
Darum ist die Verbundenheit mit der traditionellenDTechnik, die von
der selben Seite immer erneut beteuert wird, nach der Bilanz der
Versuche in den eben aufgezählten Grenzgebieten nicht ohne Zwei-
deutigkeit. Diese wird 'deutlich an der Substitution des Terminus «klas-
sischg› für «orthodox›› bei der Bezeichnung dieser Technik. _ Man ist
allenfalls den guten Formen verbunden; denn' über die Lehre selbst
hat man nichts zu sagen. _ 1 D t
Wir dagegen betonen ausdrüdclich, daß die Technik nicht richtig ver-
standen, also auch nicht richtig angewandt werden kann, -wenn man
die Begriffe verkennt, die sie begründen. E
'Unsere Aufgabe wird sein zu zeigen, daß diese Begriffe ihren vollen
Sinn erst dann gewinnen, wenn sie sich im Feld der ,Sprache orien-
tieren und sich der Funktion des Sprechens einordnen. _ _
An diesem Punkt müssen 'wir feststellen, daß, um irgendeinen Freud-
schen Begriff zu handhaben, die Lektüre Freuds nicht für überflüssig
gehalten werden sollte; und das gilt selbst für jene Begriffe, die gän-
gige Vorstellungen als Homonyme haben. Das beweist das Mißgeschick
einer Triebtheorie, an das wir uns eben jetzt erinnern, einer Revision
Freuds durch einen'Autor, .der für jenen von Freud ausdrücklich als
mythisch bezeichneten Anteil seiner Theorie wenig empfänglich war.
Offensichtlich hat er es kaum bemerkt; denn er wendet sich ihr über
das Werk von Marie Bonaparte zu, das er unablässig als Äquivalent
7 des Freudtextes zitiert, ohne im geringsten den Leser davon in Kennt-
nis zu setzen. Vielleicht tut er es im nicht unberechtigten Vertrauen
auf dessen guten Geschmack, der beides nicht verwechselt, aber nir-
gendwo beweist er, daß er den Niveauunterschied des Textes zweiter
Hand überhaupt wahrnimmt. Am Ende schließt der Autor aufgrund
der strikten Tautologie seiner falschen Prämissen von Reduktionen
zu Deduktionen, von Induktionen zu Hypothesen: daß die in Frage
stehenden Triebe zurückführbar sind auf den Reflexbogen. So wie
der Stapel Teller, der in klassischer Manier in tausend Scherben zer-
bricht, während der Künstler nach diesem Spektakel nur zwei nicht
_ _ 83

T
zusammenpassende Stücke in Händen hält, so wird auch die komplexe
Konstruktion von der-Entdeckung der Libidoverschiebung zwischen
den erogenen Zonen bis hin zum metapsychologischen Übergang eines
generalisierten Lustprinzips in den Todestrieb, zum Binom eines pas..
siven Lebenstriebs, gebildet nach dem Modell der Tätigkeit von Läuse-
sucherinnen, die dem Dichter teuer sinda, und eines 'Destruktions-
triebs, der einfach mit der Motrizität von Nervenzellen gleichgesetzt
wird. Ein Ergebnis, das an hervorragender Stelle wegen der beabsich-
tigten oder -unbeabsichtigten Kunst erwähnt zu werden verdient, die
Ko}nsequenzen eines falschen Verständnisses bis zum Rigorismus' zu
zıe ıen.
ı›

I. Leeres Sprechen und volles Sprechen in der


'psychoanalytischen Darstellung des Subjekts
Donne en ma bouc/Je parole vraíe et estable et fay de moy
langue caulte. V
(L'[nterneZe Consolacíon, XLVe C/m'pitre.' qıfon ne doit pas
c/øascun croire et du legíer trebucbement de paroles.)" ~

Cause toujoiırs.
(Devise «k:msalz`stischen» Den/eens.)5

Ob sie sich als Instrument der Heilung, der Berufsausbildung ode;


der Tiefeninterpretation versteht, die Psychoanalyse hat nur ein' Me-
dium: das Sprechen des Patienten. Die Offensichtlichkeit dieser Tat-
sache entschuldigt nicht, daß man sie übergeht. Denn jedes Sprechen
appelliert an eine Antwort. l `

3 A.d.Ü._: Rimbaud hat ein Gedicht mit dem Titel «Les dıereheuses de poux›› ge-
schrieben, vgl.: Oeuvres, ed. P. Berrichon, .Paris (Mercure de France) 1924, S. 91 f.
4 A.d.Ü.: «Leg mir ein wahrhaftes und beständiges Wort in den Mund und mache aus
mir eine behutsame Sprache» Das Motto ist ausdem 4 5. Kapitel des Livre de Pinternelle
consolation, hg. M. L. Moland und Ch. d'I-Iéricault, Paris (jannet) 1866: «Daß man
nicht jedem glauben darf oder Wie leicht man sich versprid1t.»
“ A.d.U.: Ein Wortspiel, das sowohl «Immer eine Ursache››_wie «Plaudere nur wei-
ter» bedeutet. ' ' '.

84 -
Wir werden zeigen, daß es, solange ein Zuhörer da ist, kein Sprechen
ohne Antwort gibt, selbst wenn esnur auf ein Schweigen trifft, und
daß gerade darin die zengrale Bedeutung der Funktion des Sprechens
in der Analyse liegt. W'
Wenn aber der Psychoanalytiker nicht weiß, wie es sich mit dieser
f

Funktion verhält, wird er 'ihren Appellcharakterum so stärker erfah-


ren, und wenn sich in diesem zunächst die Leere Vernehmen läßt,
wird er sie' in sich selbst empfinden .und jenseits des Spredıens eine
Realität suchen, die diese Leere ausfülltı
Er verfällt also darauf, das Verhalten des Subjekts zu analysieren,
um in ihm zu finden, was es selbst nicht sagt. Um aber ein Geständ-
nis dessen zu erhalten, ist es notwendig, darüber zu sprechen. Er findet
also das Sprechen wieder, aber es ist ein suspekt gewordenes Sprechen,
weil es erstnach der Niederlage seines Schweigens antwortet, und
zudem ist es ein Sprechen vor dem Echo seines eigenen Nichts.
Was aber war nunjener Appell des Subjekts jenseits der Leere seiner
Aussage? Im Anfang ein Appell an die Wahrheit, hinter dem .später-
hin die Appelle bescheidenerer Bedürfnisse sich anmeldeten. Zunächst
und vor allem jedoch war es ein der Leere eigentümlicher Appell
in dem zweideutigen Aufklaffen einer versuchten Verführung des ande-
ren mit den Mitteln der Selbstgefälligkeit und der Selbststilisierung
zum Monument des eigenen Narzißmus. .
«Na bitte, die Selbstbizobachtungl» ruft der Fachsimpler, der sich in
ihren Gefahren nur zu gut auskennt. Er dürfe wohl behaupten, so
gesteht er, ihre Reize kennengelernt und erschöpfend ausgekostet zu
haben. Leider habe er keine Zeit zu verlieren. Denn von ihm könne
man ganz hübsdı profunde Dinger hören, wenn er sich mal auf die
Couch legte. r _ f t , B
Es ist seltsam, daß ein Analytiker, der unweigerlich zu Beginn seiner
Laufbahn an eine Figur wie diese gerät, der Selbstbeobachtung in
l

der Psychoanalyse noch Bedeutung beimißt. Denn sobald. es darauf


ankommt, verschwinden all die schönen Sachen, die der Fachsimpler
noch in Reserve zu haben glaubte. Die Rechnung, mit der sie bei
einer Analyse in der Kreide stehen, ist kurz; aber für unseren Mann
ziemlich dnerwartet tauchen andere auf, die ihm zunächst dumm und Iı

ärgerlich erscheinen und ihn eine ganze Weile verstummen lassen. Das
übliche Schicksals! I S -__ _ p

° Dieser Absatz wurde 1966 überarbeitet. -


_ .1 .

W' Fs
_, .___._.._......„..,.„,„„_.„„„„„,„„„„„ ,mu „ I“, M 5,.. .. . - -- ---^--~¬"'*" " __ _,~~¬-"f"¬"'/
c

Er begreift nun den Unterschied zwischen der Sipiegelfechterei eines


Monologs, dessen bequeme Phantasien ihn dazu verleiteten aufzu-
schneiden, und der harten Arbeit eines Diskurses ohne Ausflüchtc,
den die Psychologen nicht ohne Humor und die Therapeuten nicht
ohne List mit dem Namen «freie Assoziation» geschmückt haben.
Sie allerdings ist Arbeit, und zwar so sehr, daß man hat sagen können,
Sie @ff01'd@1'C eine Lehrleit, und daß, man darüberhinaus in einer
Lehrzeit sogar den formenden Wert der Arbeit meinte_ sehen zu kön-
nen- D0Cl1 W218 f01'mt sie, wenn man sie so auffaßt,'anderes als einen
Facharbeiter? 1 ' *
Wie ist es *nun also mit dieser Arbeit bestellt? Untersuchen wir ihre
Bedingungen und ihre Früchte in der Hoffnung, ihr Ziel und ihren
Ertrag besser kennenzulernen. i ' _
Man hat beiläufig das Treffende des Terminus «durcharbeiten›› be-
merkt, dem im Englischen «working trough›› entspricht und der bei
uns die Übersetzer zur Verzweiflung getrieben hat, obwohl sich ihnen
die definitive Formulierung anbo_t, die ein Meister des' Stils in unserer
Sprache prägte: «Cent fois sur .le métier, remeftez . . .›› Aber welchen
Fortschritt macht in unserem Fall das'Werk7? I ,
Die Theorie erinnert uns an die Triade: Frustration, Aggressivität,
Regression. Als Erklärung ist sie so einleuchtend, daß sie uns davon
dispensieren könnte, sie zu verstehen. Intuition ist schnell bei der
Hand, doch sollte uns alle Evidenz um so suspekter sein, jesmehr sie
zum Gemeinplatz geworden ist. Wenn die Analyse ihre Schwäche
überlisiten soll, darf sie sich nicht damit zufrieden geben, Zuflucht
bei der Affektivität zu suchen. Diese ist ebenso ein Tabuwort dialek-
tischer Unfähigkeit wie das Verb «intellektualisieren››, dessen pejora-`
tive Auffassung aus dieser Unfähigkeit einen Vorzug macht; beide sind
in der Geschichte der Sprache die Stigmata unserer Abgestumpftheit in
Bezug auf das Subjekt“. , s

'°' A.d.Ü.: Es handelt sich um ein Zitat aus Boileau, L'art poétique, dasrichtig lautet:
«Hatez-vous lentement, et sans perdre courage / vint fois sur le rnétier remettez
votre ouvrage. / Polissez-le sans cesse et le repolissez / ajoutez quelquefois, et souvent
effacez.›› Gries übersetzt: «Ihr müsset euch bequemen, / ein Werk wol zwanzig mal
von neuem vorzunehmen. / Verliert_ nie den Muth, verbessert Wort und Sinn, /
Streicht diesen Ausdrud-t weg, setzt cfort was neues hin.›› N. Boileau Despreaux «Ge-
danken von der Dichtkunst›› zit. nach: _I.A.P. Gries, Versuch in gebundenen Über-
setzungen und eigenen Gedichten, Hamburg (Martini) 1745, S. zo f.
9 Wir hatten zuvor formuliert: «. . . auf dem Gebiet der Psychologie.›› (1966)

86
Ffiíí

Fragen wir uns doch lieber, woher diese Frustration kommt. Aus dem
Schweigen des Analytikers? Eine Antwort, ja vor allem eine zustim-
mende Antwort auf das leere Sprechen zeitigt oft Wirkungen, die
belegen, daß sie sehr viel frustrierender ist als ein Schweigen. Handelt
es sich nicht eher um eine Frustration, die dem Diskurs des Subjekts
eigen ist? Betreibt hier nicht das Subjekt eine immer größere Enteig-
nungdes Seins seiner selbst, von dem es nach wohlmeinendenßildern,
die dessen Idee nicht weniger inkohärent lassen, nach Richtigstellun-
gen, die .es nicht schaffen, sein .Wesen freizusetzen, nach Stützen und
Verboten, die sein Standbild nicht zu wackeln hindern, nach narziß-
tischen Umarmungen, die _einen Hauch von Selbstbeseelung vortäu-,
schen - bc-itreibt also hier nicht das Subjekt, sage ich, eine Enteignung
seines Seins, von dem es endlich erkennt,idaß es nie etwas anderes
war als sein imaginäres Werk und daß dieses Werk es um alle Sicher-
heit bringt? Denn in der Anstrengung, die das Subjekt unternimmt,
es fiir einen andern wiederaufzubauen, findet es die grundlegende
Entfremdung wieder, die es jenes Werk als ein anderes hat entwerfen
lassen und die. es schon dazu bestimmt hat, ihm durch einen anderen
entrissen zu werdeng. z _ ' 1
jenes ego, dessen Stärke unsere Theoretiker gegenwärtig durch die
Fähigkeit definieren, Frustrationen auszuhaltén, ist seinem Wesen
nach selbst Frustration“. Es ist Frustration nicht eines Begehrens
des Subjekts, sondern eines Objekts, in dem sein Begehren entfremdet
wird. Dieses Objekt vertieft, je 'differenzierter es wird, für das Subjekt
die Entfremdung seines Lusterlebens. Eine Frustration zweiten Grades
also und dergestalt, daß das Subjekt- wie immer es die Form jenes
f

' Dieser Absatz wurde 1966 überarbeitet. ' '


1° Hier liegt das Kreuz einer sowohl theoretischen wie praktisd1enAbweiehung.Denn
das ego mit der Disziplin des Subjekts gleichzusetzen, heißt, die durdı das Imaginäre
bewirkte Vereinzelung mit der Bändigung der Triebe zu verwechseln. Darin liegt der
Ursprung vieler Fehluriteile in der Behandlungsführung: so wird zum Beispiel eine
Stärkung des Ich bei den vielen Neurosen angestrebt, die durdı eine zu starke Idr.
stuktur hervorgerufen worden sind -- was selbstverständlich eine Sackgasse dar-
stellt. Haben wir nicht aus der Feder unseres Freundes Midıael Balint lesen müssen,
daß eine Ichstärkung bei Fällen von Eiaeulatio präcox dem Subjekt zuträglich sei,
weilsie einen längeren Aufschub seines Begehrens erlauben würde? Wie aber soll man
sich das denken, wenn das Subjekt gerade der Tatsadıe, daß sein Begehren von der
imaginären Funktion des ego abhängig gemadıt wird, den Kurzschluß des Aktes
verdankt, dessen psychoanalytisdıe Klinik klar beweist, daß er an die narzißtische
Identifizierung mit dem Partner gebunden ist? '.. -› _ `
Objektes in seinem Diskurs zurückführen mag auf ein passivisches
Bild, durch das es sich in seiner Parade vor dem Spiegel zum Objekt
macht - sich nicht damit zufrieden geben kann. Denn selbst wenn
es in diesem Bild seine vollkommenste Ähnlichkeit erreichte, wäre
das, was es darin zu erkennen gäbe, noch immer das Lusterleben des an-
deren. Darumgibt es keine adäquate Antwort auf diesen Diskurs, denn
das Subjekt hält jedes Sprechen für Verachtung (mépris), das auf seinen
Irrtum (méprise) eingeht. R - ' `
Die Aggressivität, die das Subjekt hier empfindet, hat nichts zu tun
mit der animalischen Aggressivität des f1'ustrierten,Begehrens. Diese
Beziehung, mit der man sich leidıt zufrieden gibt, verdeckt eine andere,
die für alle und für jeden weniger angenehm ist: die Aggressivität
des Sklaven, der auf die Frustration seiner Arbeit mit einem Todes-
wunsch antwortet. i '
Man begreift infolgedessen, wie diese Aggressivität auf jede Inter-
vention antworten kann, die die imaginären Intentionen des Diskur-
ses denunziert und das Objekt auseinandernimmt, das das Subjekt
konstruiert hat, um jenen Intentionen Genügefzu tun. Das ist in der
Tat, was man Widerstandsanalyse nennt. Offensichtlich hat sie ihre
Klippen. Sie zeichnen sich schon .mit der Existenz des Naiven ab,
der stets nur die aggressive Bedeutung der Phantasien seiner Patienten
sich manifestieren sieht“. ' F
Es ist derselbe, der nicht zögert, für eine «kausalistiscl-re» Analyse 25
zu plädieren, die danach trachten soll, das Subjekt in seiner Gegenwart
umzuformen durch gelehrte Erklärungen seiner Vergangenheit._Bis
in seinen Ton hinein verrät er die Angst, die er sich ersparen möchte,
denken zu müssen, daß die Freiheit seines Patienten ander seiner
Intervention- hängen könnte. _-Daß der _Notbehelf, auf den er sich
stürzt, in manchem Augenblick' für das Subjekt von Nutzen sein kann,
hat nur so viel Bedeutung wie ein anregender Scherz und sollte uns
nicht weiter aufhalten. A 1
Schauen wir uns lieber jenes bie et nam: genauer an, auf das_manche
die Durchführung der Analyse meinen beschränken zu müssen. Es
kann in der Tatnützlich sein, vorausgesetzt, daß die imaginäre In-

“ So in derselben Arbeit, der wir am Ende unserer Einleitung den Lorbeer über-
reichen (1966). Es zeigt sich im folgenden, daß Aggressivität nur ein Nebeneffekt der
analytischen Frustration ist; wenn dieser auch durch eine bestimmte Art der Inter-
vention verstärkt werden kann, so ist er nicht als solcher der Grund des Begriffs-
paares Frustration/Regression.

88
tention, die der Analytiker in ihm entdeckt, nicht aus dem symboli-
schen Bezug gelöst wird, in dem sie sich ausdrückt. Nichts darf dabei
die Instanz des Ich (moi) im Subjekt betreffend hineingelesen werden,
das nicht von diesem in der ersten Person, also in der grammatikali-
schen Form des Ich (je), übernommen werden kann.
<gIch bin das nur gewesen, um das zu werden, was ich sein kann.>›
Wenn das nicht immer wieder die Pointe der Aufnahme” wäre, die
das Subjekt mit ,seinen Trugbildern vollzieht, wo könnte man dann
hier einen Fortschritt feststellen? , I
Infolgedessen kann der Analytiker nicht ohne Gefahr das Subjekt
bis in die Intimität seiner Gebärden, ja seiner Statik verfolgen, ohne
sie als stumıne Teile in Seinen narzißtischen Diskurs zu reintegrieren.
Auch jüngere Praktiker haben dies überaus aufmerksam wahrgenom-
men.
Die Gefahr _besteht hier nicht so sehr in einer negativen Reaktion
des Subjekts, sondern vielmehr darin, daß es wie zuvor in eine eben-
falls nur imaginäre Objektivation seiner Statik, ja seiner Statue in
ein neues Statutseiner Entfremdung eingefangen wird.
Die Kunst des Analytikerssoll sich dagegen darauf richten, die Si-
cherheit des Subjekts zu durchbrechen und zugleidı in der Schwebe zu
halten, bis aus' ihr die letzten Trugbilder verschwinden. Und im
Diskurs soll gerade in seiner Skandierung ihre Auflösung sich ankün-
digen. _
Wie immer leer dieser Diskurs tatsächlich erscheinen mag, er ist es
nur, wenn man ihn nadı seinem Oberflächenwert beurteilt. Dieser
bestätigt den Satz Mallarmés, in dem er den gemeinen Gebrauch der
Sprache dem Austausch einer Münze vergleicht, deren Vorder- und
Rüdtseite nur noch abgegriffene Figuren tragen und die man sich
«schweigend» von Hand zu Hand reidıt. Diese Metapher genügt, uns
daranzu erinnern, daß das Sprechen auch in seiner extremsten Ab-
nutzung seinen Wert als Tessera behält“. 8 _ s
Selbst wenn mit ihm nichts mehr kommuniziert wird, repräsentiert

1* A.d.Ü.: Das hier mit «Aufnahme› übersetzte Wort assomption hat zugleich die
Bedeutung «Aufnahme in den Himmel» _ ' ' _
1“ A.d.Ü.: Tessera war in Rom ein Erkennungszeichen oder eine verabredete Parole.
In den frühen Mysterienkulten bezeichnete es eine Tonsdıerbe, deren Bruchstelle
exakt der einer anderen Scherbe angepaßt werden konnte, uni die gegenseitige Er-
kennung der Initiierten zu gewährleisten. Das Mallarmê-Zitat steht in den Oeuvres
Complètes, Paris (Gallimard) 1945, S. 368, 857. '“
. __ 89

ıl
_ Q

der Diskurs das Vorhandensein von Kommunikation; selbst wenn


er das Offensichtliche verleugnet, bejaht er, daß das Sprechen Wahr- 2
heit konstituiert; selbst wenn er darauf abzielt zu täuschen, spekuliert
er mit dem Vertrauen auf das Zeugnis, das er ablegt. ~
Zudem weiß der Psychoanalytiker besser als irgend jemand sonst, daß
es hier darauf ankommt, welchem «Teil›› dieses Diskurses der bezeich-
nende Ausdruck anvertrautwird, und er verfährt im Idealfall fol-
gendermaßen: Die Erzählung einer alltäglichen Geschichte hält er für
ein Gleichnis, das den, der Ohren hat zu hören, auf sein Heil ver-
weist; ein langes Epos in Prosa hält er für einen kurzen Zwischenruf
oder er hält im Gegenteil einen einfachen Lapsus für eine ungemein
komplexe Erklärung; ja sogar den Seufzer im Schweigen hält er für
das Ganze einer lyrischen Entwicklung, an deren Stelle er tritt. I
Eine glückliche Zeichensetzung gibt dem.Diskurs des ,Subjekts seinen
Sinn. Infolgedessen spielt das Ende der Sitzung, das die gegenwärtig
gebräuchliche Technik zu einem rein chronometrischen Anhaltspunkt
macht, der als solcher ,dem Verlauf des Diskurses äußerlich ist, die
Rolle einer angekündigten Skandierung, die ganz den Stellenwert
eines Eingreifens des Analytikers zu dem Zweck annimmt, die ab-
schließenden Momente _sich überstürzen zu lassen. Demzufolge sollte
dieser Begriff des Endesieiner Sitzung aus seiner üblichen Routine
befreit und allen brauchbaren Zielen der Technik unterworfen wer-
den. 'R .
Auf diese Weise kann eine Regression stattfinden, die ja innerhalb des
Diskurses nur eine Aktualisierung von Phantasiebeziehungen ist, die
durch ein ego auf jeder Stufe der Dekomposition seiner Struktur wie-
dergegeben werden. Denn schließlich ist diese Regression keine reale;
sie manifestiert sich sogar in der Sprache nur durch die Modulation
der Stimme, die sprachlichen Wendungen und jenes «leichte Verspre-
chen››, die bei Erwachsenen im Extrem nicht über das Gekünstelte
der Babysprache hinausgehen dürften. Der Regression die Realität einer
aktuellen Objektbeziehung beizumessen, hieße, das Subjekt in eine es
entfremdende Illusion zu projizieren, die im Grunde nur ein Alibi des
Psychoanalytikers wiedergibt.
Nichts könnte daher Psychoanalytiker mehr verwirren als der Versuch,
sich an einem angeblich g/efühlsmäßigen Zugang zur Realität des Sub-
jekts zu orientieren. Dieses Sahnetörtchen der intuitionistischen, ja
sogar der phänomenologischen Psychologie hat im gegenwärtigen Ge-
brauch eine Verbreitung gewonnen, die für die Verminderung der
90 I ._ _
_ , `

Macht des Sprechens im heutigen gesellschaftlichen Kontext recht


symptomatisch ist. Seine zwanghafte Bedeutung aber wird offenkun-
dig, wenn sie' innerhalb einer Beziehung gefördert wird, die gemäß
ihren eigenen Regeln jeden Realkontakt ausschließt. . ' '
Junge Aiinalytiker, die sich indes durch die nicht hinterfragbare Be-
gabung, die dieses Mittel vorauszusetzen scheint, beeindrucken lassen,
könnten, um es zu entwerten, nichts besseres finden, als sich auf den
Erfolg der Kontrollen zu besinnen, denen sie selbst unterliegen. Vom
Standpunkt eines 'intuitiveiı Realkontakts aus müßte selbst die bloße
li/löglichkeit solcher Kontrollen problematisch werden. Doch ganz im
Gegenteil demonstriert in ihnen, wie manunzweideutig feststellen
muß, der Kontrollierende ein zweites Gesicht, das die Erfahrung für
ihn mindestens ebenso instruktiv sein läßt wie für den Kontrollierten.
Und das beinahe umso mehr, je weniger der letztere Fähigkeiten unter
Beweis-stellt, die gewisse Leute ohnehin für desto weniger mitteil-
bar halten, je mehr sie sich auf ihre technischen Geheimnisse einbil-
den. _; A A
Die Lösung diesesRätsels ist, daß der'Kontrollierte die Rolle eines
Filters, ja sogar eines Refraktors des Diskurses des Subjekts spielt
und daß somit dem Kontrollierenden eine bereits fix und fertige Ste-
reographie präsentiert wird, die schon die drei oder vier Register auf-
weist, nach' denen er die Partitur liest, _die durch diesen Diskurs kon-
stituiert wird. . B
Wenn der Kontrollierte durch den Kontrollierenden in eine subjektive
Lage versetzt werden könnte, die von der verschieden wäre, die der
schauderhafte Terminus <<Kontrolle›› impliziert (der zum Glück wenig-
stens im Englischen durch den der snp_er'uision ersetzt worden ist),
wäre das beste Ergebnis, das er von dieser Übung haben könnte, daß
er lernte, sich in der Position eines subjektiv anderen Zustands zu
halten, in den die Kontrollsituation den Kontrollierenden vorab ver-
setzt. ' - .-
Er fände durch sie authentischen Zugang zu dem, was die klassische
Formel der gleidıschwebenden Aufmerksamkeit“ nur näherungsweise
ausdrückt. Denn wesentlich ist zu wissen, worauf diese Aufmerksam-
keit sich richtet. Gewiß nicht (und unsere ganze Arbeit will das bewei-
sen) auf ein Objekt jenseits des subjektiven Sprechens, wie es gewisse

14 A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, Gesammelte Werke, Frankfurt (S. Fisd1er)“_1_969, Bd. VIII,
S. 377 f. und Bd. XIII, S. 215. (Im folgenden zitiert als: G. W.). “ `f_3›
_ _ " 91
Leute voller Anstrengung niefaus dem Auge verlieren. Wenn das näm-
lich der Weg der Analyse sein sollte, würde sie ohne jeden Zweifel
zu anderen Mitteln greifen oder aber sie böte das einzige Beispiel
einer Methode, die sich die Mittel ihres Zwecks untersagte. -
Daseinzige Objekt, das .dem Analytiker zugänglich ist, ist die imagi-
näre Beziehung, die ihn mit dem Subjekt -als 'Ich (moi) verbindet.
Und da er sie nicht ausschalten kann, kann er sich ihrer bedienen,
um das Soll seiner Ohren gemäß_ dem Gebrauch zu erfüllen, den die
Physiologie in Übefeinstimmung mit dem Evangelium als normal hin-
stellt: Ohren zu haben, am nicht zu hören, oder anders gesagt, um
das aufzudecken, was gehört und verstanden werden muß. Denn er
hat keine weiteren, weder ein drittes noch ein viertes Ohr, die man
sich für ein unmittelbares Hören von Unbewußtem zu Unbewußtem
wünschen mag“. Was von dieser angeblichen Kommunikation zu 2
ihalten ist, werden wir noch ausführen. 'i A
Wir haben uns der Funktion des Sprechens in der Analyse von ihrer
unangenehmsten'Seite genähertj der eines leeren Sprechens, in dem das
Subjekt vergeblich von jemandem zu reden scheint, der sich -und
wäre er ihm zum Verwechselnähnlich - nief der Aufnahme in den
Himmel“ seines Begehrens anschließt. Darin haben wir den Grund
einer abnelımenden Wertschätzung des Sprechens in der Theorie und
Technik gezeigt. Es war notwendig, was wie ein schwerer Mühlgtein
auf ihm lag, nach und nach emporzustemmeiı; denn nur als Regu-
lationsrad der Bewegung der Analyse können die individuellen psycho-
physiologischen Faktoren dienen, die in Wirklichkeit ails der Dialek-
tik der Analyse ausgeschlossen bleiben. Die Modifikation der spezifi-
schen Trägheit dieser Faktoren zum Ziel der Analyse zu erheben,
hieße, sich einer 'Fiktion von Bewegung zu überamworten, W01-in sich
eine gewisse Richtung der analytischen Technik auch wirklich zu gefal-
len scheint. l
. i

Wenn wir unseren Blick jetzt auf das (nach seiner Geschichte, seiner
Kasuistik und dem Gang der Behandlung) andere Extrem der psycho-
analytischen Erfahrung richten, finden wir dort im Gegensatz zur
Analyse des /sie et nzmc den Wert der Anamnese als Index und Trieb-
/..

1” A.d.Ü.: Es wird hier angespielt auf Matth. 13, 13 und auf Reiks Buch «Listening
with the Third Ear», New York 1950. _
1°~ A.d.Ü.: Vgl. Anm. 12, oben S. 89. -

92
feder des therapeutischen Fortschrittszim Gegensatz zur zwanghaften
Intrasubjektivität eine hysterische Intersubjektivität, im Gegensatz
zur Widerstandsanalyse die symbolische Interpretation. In ihm nun
verwirklicht sidı das volle Sprechen. Untersuchen wir also die Bezie-
l}ungen,~ diees begründet. i t
Wie man weiß, wurde die vonlBreuer und Freud entwickelte Methode
kurz nach ihrer Entstehung von einer Patientin Breuers, der Anna
O., auf den Namen «talking cure›› getauft. Die Erfahrung mit dieser
Hysterikerin war es,` die Freud und Breuer zur Entdeckung des patho-
genen, traumatisch genannten Ereignisses führte. r .
Wenn dieses Ereignis als Ursache des Symptoms erkannt wurde, so
geschah das, weil in den <<stories›› der Kranken seine Umsetzung ins
Sprechen (paroles) das Symptom-verschwinden ließ. Aus der psycholo-
gischen Theorie, in die man diesen Vorgang sogleich als Tatsache einge-
bracht hat, wurde der Begriff des Bıewußtwerdens entliehen, der auf-
grund seines Ansehens das Mißtrauen verdient, daswir da, wo Erklä-
rungen selbstverständlich sein wollen, stets für angebracht halten. Die
psychologischen Vorurteile der damaligen Zeit widersetzten sich der
Auffassung, daß man in der Verbalisierung als solcher eine andere
Realität als die eines flatus 'uocis erkennen könne. Aber im hypnoti-
schen Zustand bleibt die Verbalisierung vom Bewußtwerden getrennt,
und .das sollte genügen, eine Revision der Auffassung ihrer Wirkung
zu veranlassen. ` _
Doch warum statuieren-hier die Helden einer behavioristischen /luf-
hebzmg” nicht ein Exempel und erklären, daß sie nicht wissen müssen,
ob das Subjekt sich an irgend etwas wieder erinnert hat? Es habe
lediglich ein Ereignis erzählt, sagen sie. :Wir dagegen sagen, es habe
es verbalisiert oder (um diesen Begriff zu entwickeln, dessen Nachklang
im Französischen einen anderen Aspekt der Pandora“ evozicrt als
den der Büchse,'in die er vielleicht sollte eingeschlossen werden): es
habe es zu Wort kommen lassen (faire passer dans le verbe) oder
genauer: zu jenem Epos, indem es gegenwärtig von den Ursprüngen
seiner Person berichtet. Und es tut dies in einer Sprache, die es er-
laubt, daß sein Diskurs von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wird,
und die darüber hinaus deren gegenwärtigen Diskurs voraussetzt. Da-
ı
_ Ä
Ü

1" A.d.Ü.: Deutsdı im Original. . ° ,_


18 A.d.Ü.: «Pandoı-e» ist im französischen Boulevardtheater der Spitzname eınes
Gendarms, der mit der stereotypen Formel «Verbalisons›› Strafen verhängt.

_ 93
__"'Ibıııııv!1

"her kann der Vortrag des Epos einen lang zurüdcliegenden Diskurs in
seiner arc/oaischen, ja sogar fremden Sprache enthalten oder er kann
sich in der unmittelbaren Gegenwart mit der ganzen Lebhaftigkeit
fortsetzen, .die einem Schauspieler zu Gebote steht; seiner Art nach
ist er jedoch indirekter Diskurs, isoliert zwischen den Anführungszei-
chen im Faden der Erzählung; wird er aufgeführt, so geschieht das
auf einer Szene, die die Anwesenheit nicht nur des Chors, sondern
auch von Zuschauern erfordert., ,
Die hypnotisclfe Erinnerung ist zweifelsohne Reproduktion der Ver-
gangenheit, aber vor allem ist sie gesprochene Repräsentation und
als solche setzt sie alle Arten von Gegenwart voraus. Sie verhält sich
zur Erinnerung im Wachztistand, die sich auf das richtet, was man 'fu

merkwürdigerweise «das Material» der Analyse nennt, wie das'Drama,


das die Ursprungsmythen der Polis vor der Bürgerversammlung vor-
führt, sich zur Geschichte verhält, die zweifelsohne aus Materialien
gemacht ist, in der aber heutzutage eineNation Symbole des Schicksals
zu lesen lernt._ In der Sprache Heideggers kann man sagen, daß die
eine sowohl wie die andere das Subjekt als gefwesendf° konstituieren,
das heißt als etwas, das so gewesen ist; Aber in der inneren Einheit
dieser Zeitlichkeit bezeichnet das Dasein die Konvergenz des Gewe-
senen. Das heißt es käme, wenn andere Begegnungen von irgendeinem
der gewesenenrMomente an unterstellt würden, ein anderes Dasein
zustande, das sich ganz anders gewesen sein ließe.
Die Zweideutigkeit der hysterischen Offenbarung der Vergangenheit
rührt inhaltlich nicht her aus ihrem Schwanken.zwischen Imaginärem
und Realem, denn ihr Inhalt kommt aus diesem sowohl als aus jenem.
Das sollt- nicht heißen, daß sie einfach lügt. Vielmehr stellt sie uns
die Geburt der Wahrheit im Sprechen dar, und deshalb stoßen wir
256, -
uns an der Realität von etwas, das weder wahr noch falsch ist. Darin
liegt jedenfalls das beunruhigendste Moment ihrer Problematik.
Denn von der Wahrheit dieser Offenbarung zeugt das gegenwärtige
Sprechen (parole présente) in der aktuellen Wirklidıkeit, undes be-
gründet jene Wahrheit im Namen dieser Wirklichkeit. In dieser Wirk-
lichkeit zeugt allein das Sprechen von dem Teil der Mächte 'der Ver-
gangenheit, der an jedem Scheideweg zurückgewiesen wurde, wo ein
Ereignis eine Wahl getroffen hat.
Daher hat die Bedingung der Kontinuität der Anamnese, an der Freud

1° A.d.Ü.: Vgl. M. Heidegger «Sein und Zeit››,_Tübingen (Niemeyer)1° 1963, S. 316.

94 __ `
|1 --ıııv

die Vollständigkeit einer Heilung mißt, nichts zu tun mit Bergsons


Mythos einer Wiederherstellung der Dauer (durée), bei der die Authen-
tizität eines jeden Augenblicks zerstört würde, wenn er nicht die Stim-
mung aller voraufgegangenen Augenblicke in sich enthielte. Denn es
handelt sich für Freud weder um ein biologisches Gedächtnis, noch um
dessen intuitionistische Mystifikation, noch auch_um eine Paramnesie
des Symptoms, sondern um ein Wiedererinnern, das heißt um Geschich-
te. Wo einzig deren Daten gewiß sind, ruht die oszillierende Balance
zwischen den Konjekturen des Vergangenenund den Versprechen des
Zukünftigen auf des Messers Schneide. Kategorisch gesagt: es handelt
sich in der psyclfoanalytischen Anamnese nicht um Realität, sondern
um Wahrheit; denn es ist die Wirkung des vollen Sprechens, die
Kontingenz des Vergangenen neu zu ordnen, indem es ihr den Sinn
einer zukünftigen Notwendigkeit gibt, wie sie konstituiert wird durch
dasbißchen Freiheit, mit dem das Subjekt sie vergegenwärtigt. _ r -
Die Mäander der Untersuchung, denen Freud im Bericht über den
Fall des «Wolfsmannes›› folgt, bestätigen diese Thesen und gewinnen
an ihnen ihren vollen Sinn. _ 1 ` B
Freud fordert einen vollkommen objektiven Beweis, soweit es sich
darum handelt, die Urszene zu datieren, aber er setzt ohne weiteres
alle Wiederbelebungen des Eindrucks dieses Ereignisses voraus, die
ihm nötig erscheinen, um' dessen Wirkung an jedem der Wendepunkte
zu erklären, an denen das Subjekt sich umstrukturiert. Es handelt
sich dabei um ebenso viele Umstrukturierungen des Ereignisses, die
sich, wie er sagt, nachträglich vollziehen“. Darüberhinaus erklärt er
mit einer Kühnheit, die an Dreistigkeit grenzt, es sei legitim, in der
Analyse psychischer Prozesse die Zeitphasen auszulassen, in denen
ein Ereignis im Subjekt latent bleibt“. Das heißt, er setzt sich über die
Zeiten des Verstehens hinweg zugunsten der Augenblicke des Schlie-
(iens, die das Nachdenken des Subjekts übereine Entscheidung des
Sinns jenes ursprünglichen Ereignisses beschleunigen. .
Zeit des Verstehens und Augenblick des Schließens sind Funktionen,
die wir in einem rein logischen Theorem definiert haben” und die
unseren Schülern deshalb vertraut sind, weil siesich als sehr geeignet
< p

2° S. Freud, G. W., Bd. XII, S. 71; A.d.Ü.: Deutsch im Original. _


*1 A.a.O.: S. 72, Anm. 1: Der Begriff der Nachträglichkeit wird in den letzten Zeilen
der Anmerkung betont. "
*{Vgl. Die logische Zeit und die (lssertion der antizipierten Gewißheit, in: Schriften III,
S. 101-121. .

i 9:
1!
_--ı-ıı....„„„...¬..~„“`„„ır-*-'

für die dialektische Analyse erwiesen haben, durch die wir sie in
den Prozeß einer Psychoanalyse einführen.
Eben diese Aufnahme” seiner Geschichte durch das Subjekt, wie sie
im Sprechen konstituiert wird: das sich an den anderen wendet, bildet
die Grundlage der neuen Methode, der Freud den Namen Psychg-
aiıalyse gab. Und das nicht 1904, wie es jüngst eine Autorität lehrte
(die, als sie den Deckmantel weisen Schweigens fallen ließ, sich
insofern bloßstellte, als klar wurde, daß sie von Freud nur die Titel
seiner Werke kennt), sondern 18 9 gf“. .
In dieser Analyse des Sinns seiner Methodeverneinen wir ebensowenig
wie Freud die psycho-physiologische Diskontinuität, die sich in den
Zuständen manifestiert, in denen das hysterische Symptom auftritt.
Ebensowenig verneinen wir, daß`dieses mit Methoden wie Hypnose,
ja sogar Narkose behandelt werden kann, die die Diskontinuität sol-
cher Zustände reproduzieren. So einfach und ausdrücklich, wie Freud
es sich von einem bestimmteiı Augenblick an versagt hat, auf sie
zurückzugreifen, leugnen wir jede aus jenen Zuständen herrührende
Hilfe bei der Erklärung des Symptomssowohl wie für seine Hei-
lung. r f .
Denn wenn die Originalität der psychoanalytischen Methode sich her-
leitet aus Mitteln, deren sie sich entschlägt, so geschieht das, weil
die Mittel, die sie sich vorbehält, genügen, einen Gegenstandsbereich
zu konstituieren, dessen Grenzen die Relativität ihres Verfahrens be-
stimmen. . _
. g \

Ihre Mittel sind die des Sprechens, insofern dieses den Funktionen
des Individuums einen Sinn verleiht; ihr Gegenstandsbereich ist der
des konkreten_Diskurses, insofern dieser die überindividuelle Realität
des Subjekts darstellt; ihr Vorgehn ist das der' Geschichte, insofern
diese das Hervortreten der Wahrheit im Realen begründet.
In der Tat akzeptiert das Subjekt zuerst, wenn es sich auf eine Analyse
einläßt, eineıan sich grundlegendere Verfassung als all die Instruk-
tionen, durch' die es sich mehr oder weniger verlockend täuschen läßt:

*3 A.d.Ü.: Vgl. Anm. 12, S. 89. ~, “ _


2* In einem Artikel, der auch dem anspruchslosesten französischen Leser zugänglich
ist, weil er in der Revue neurologique erschienen ist, deren Hefte gewöhnlich in den
Bibliotheken der Arztzimmer in Krankenhäusern stehen. 'Der Schnitzer, den wir hier
monieren, zeigt unter anderem, wie sich jene Autorität, die wir schon auf S. _83 f.
begrüßten, zum Anspruch ihrer leadership verhält. A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W.,
Bd. I, S. 407 ff.:/L'hérédité et Pétiologie des névroses. .
96
es akzeptiert das analytische Gespräch (interlocution). Und wir sehen
nichts Ungehöriges darin, wenn diese Bemerkung den, der sie hört,
sprachlos macht (interloqué). Denn das gibt uns Gelegenheit, nach-
drücklich darauf hinzuweisen, daß die Rede (allocution) des Subjekts
einen Adressaten (allocuteur) einsdıließtzs, anders gesagt: daß der
Sprechende (locuteur)26 sich in ihr alsilntersubjektivität konstitu-
left.

Zweitens eröffnetsich uns auf der Grundlage dieses analytischen Ge-


sprächs (interlocution), insofern es die Antwort des Gesprächspartners
(interlocuteur) einschließt, der Sinn dessen, was Freud als Wiederher-
stellung der Kontinuität in den Motivationen des Subjekts fordert.
Die praktische Prüfung dieses Ziels zeigt unsnämlich, daß es sich
nur in der intersubjektiven Kontinuität des Diskurses erfüllt, in der
sich die Geschichte des Subjekts konstituiert. _
Daher kann das Subjekt in bezug auf seine Geschichte in einsprachli-
ches Delirium verfallen, wenn es unter dem Einfluß einer jener Drogen
steht, die das Bewußtsein einschläfernund die heutzutage den Namen
«Wahrheitsseren›› tragen. Mit diesem Namen verrät die Treffsidıeré-
heit des Widersinns die der Sprache eigene Ironie. Sogar die Wieder-
gabe einer Tonbandaufzeichnung seines Diskurses kann, selbst wenn
sie dem Subjekt vom Arzt übermittelt wird, nicht-die selbe Wirkung
haben wie das analytische Gesprädı, da sie `das Subjekt in dieser ent-
fremdeten Form erreicht. ø s r
Auch von einem dritten Begriff aus erhellt sich uns die Grundlegung
der Freudschen Entdeckung des Unbewußten. Sie kann mit wenigen
Worten folgendermaßen formuliert werden:
Das Unbewußte istder Teil'des konkreten Diskurses als eines überindi-
viduellen, der dem Subjekt bei der Wiederherstellung der Kontinuität
seines bewußten Diskurses nidıt zur Verfügung steht.
Damit verschwindet das Paradox, das der Begriff des Unbewußten
darstellt, solange man ihn auf eine individuelle Realität bezieht. Redu-'

*5 Selbst wenn es nur vor sich hin spricht. Es wendet sidı an jenen (großen) Anderen,
dessen Theorie durch unsere Arbeiten inzwischen gesichert ist undider einige épodıè in
der Wiederaufnahme des Begriffs der Intersubjektivität nötig macht, um die wir uns
bis heute bemühen (1966). - A
" Wir verdanken diese Termini'dem verstorbenen Edouard Pidıon, der ebensowohl
bei den Hinweisen, die er gab; um unsere Wissenschaft aufzuhellen, wie mit den
Indikationen, die ihn im Dunkel der' Person leiteten, eine Divination bewies, die
wir allein auf seine Übung in der Semantik zurückführen können.

4 97
„Q

1!
íiZ'_____--11"*-"*'¬" '^ """"'-_ "__ '

zierte man ihn nämlich auf eine unbewußte Tendenz, hieße dasnur,
dies Paradox aufzulösen, indem man der Erfahrung auswiche, die
25
deutlich zeigt, daß das Unbewußte an den Funktionen des Vorstellens,
ja des Denkens teilhat. Freud hat unzweideutig darauf insistiert, als
er sich nicht in der Lage sah, im Begriff eines unbewußten Vorstellens
die Verbindung,gegensätzlicher Termini zu vermeiden, und er hat
ihm darum die Fürbitte sit venia verløo mit auf den Weg gegeben. Wir
gehorchen diesem Begriff ohnehin, wenn wir, statt uns selbst, das
Wort (verbe), insbesondere das im Diskurs gesprochene Wort, das
wieselflink von Mund zu Mund läuft, dafür haftbar machen, den
Handlungen des Subjekts, die durdı es eine Botschaft empfangen,
einen richtungweisenden Sinn zu geben. Dieser Sinn macht aus den
Handlungen des Subjekts Akte der eigenen'Gešchidıte und gibt ihnen
ihre Wahrheit. ' .t
Der Einwand einer contradictioin adjecto, den eine logisch schlecht
begründete Psych logie gegen den Begriff des unbewußten Vorstellens
erhebt, entfällt infolgedessen mit der genauen Bestimmung des Gegen-
standsbereichs der Psychoanalyse, soweit sich in ihm die Realität der
Rede in ihrer Autonomie mani?-festiert. Das eppfir si muofue! des _Psy--
choanalytikers teilt mit dem Galileis eine Schlüssigkeit, die nicht die
eines Tatsachenexperiments ist, sondern die eines experimentum men-
tis.' s W W y
Das Unbewußte ist das Kapitel meiner Geschichte, das weiß geblieben
ist oder besetzt 'gehalten wird 'von einer Lüge. Es ist das zensierte Ka-
pitel. Doch seine Wahrheit kann wiedergefundenäwerden. Zumeist
steht sie schon anderswo gesdırieben, " B
-~ etwa auf Denkmälern: Das ist mein Leib, das heißt der hysterische
Kern der Neurose, in dem das hysterische Symptom eine sprachliche
Struktur aufweist und sich wie eine Inschrift entziffern läßt, die, nach-
dem sie einmal-aufgezeichnet worden ist, ohnegroßen Verlust zerstört
werden kann; ' s _
- in Archivdokumenten: Das sind Erinnerungen an meine Kindheit,
schwer zugänglich wie solche Dokumente, solange ich ihre Herkunft
nicht kenne; ,_ _ I - j V
- in der semantischen Entwicklung: Sie entspricht dem Vorrat und
der Verwendung des Vokabulars, das mir eigen ist, sowie meinem
“Lebensstil und meinem Charakter; _ i j '
- ebenso in der Tradition, ja sogar in den Legenden, die in heroisierter
Form meine Geschichte lenken; ~ .
98

/.
"M7

- endlidı in den Spuren, deren Sinn meine Exegese wiederherstellt


und die unausweichlich von den Entstellungen hinterlassen werden,
die notwendig sind, um das gefälschte Kapitel in Übereinstimmung
zu bringen mit den anderen, die es umgeben.
0 Wem als Student die zugestandenermaßen seltene Idee kommt, der
wir mit unserer Lehre zu einiger Verbreitung verhelfen müssen, daß,
um Freud zu verstehen, eineFreudlektüre der Fenichels vorzuziehen
sei, der wird sich, wenn er dieser Idee folgt, darüber klar werden,
daß das eben Gesagte bis in die Lebendigkeit der Argumentation
hinein so wenig originell ist, daß in ihm nicht eine Metapher erscheint,
die sich in Freuds Werk nidıt mit der Häufigkeit eines Motivs wieder-
hólt, hinter dem eine sinnvolle Textur erscheint.
Er kann dann in jedem Augenblick seiner Praxis recht einfach darauf
kommen, daß diese Metaphern ihre metaphorische Dimension ganz
ebenso verlieren, wie. sich eine Negation durch Verdopplung aufhebt,
und er wird erkennen, daß das so ist, weil er sich auf das* eigenste
Gebiet der Metapher begeben hat, die ja nur ein Synonym der symbo-
lischen Verschiebung ist, wie sie im Symptom ins Spiel gebracht wird.
ø Er wird nach dieser Überlegung die imaginäre Verschiebung besser
beurteilen können, die das Werk Fenichels motiviert, indem er den
Unterschied in der Konsistenz und technischen Effizienz erwägt zwi-
schen der Bezugnahme auf die angeblich organischen Stadien der indi-
viduellen Entwicklung einerseits und andererseits der Erforsdıung der
besonderen Ereignisse einer subjektiven Lebensgeschichte. Es ist genau
der gleiche Unterschied, der authentische historische Forschung von
den angeblichen Gesetzen der Geschichte trennt, von denen sich sagen
läßt, daß sie von einem Philosophen jeder Epoche den herrschenden
Wertvorstellungen' entsprechend verbreitet werden.
Das šoll nicht heißen, es gelte von dem je verschiedenen Sinn nichts
zu bewahren, der im allgemeinenVer1auf der Geschichte auf jenem
Weg entdedrt wurde, der von Bossuet zu Toynbee führt und an dem
sich die Gedankengebäude von Comte und Marx erheben. Jedermann
weiß indes, daß sie zur Orientierung der ,Forschung über die jüngste
Vergangenheit ebensowenig taugenwie zu halbwegs vernünftigen An-
nahmenüber zukünftige Ereignisse. Im übrigen sind sie bescheiden
genug, ihre Gewißheit aufs Übermorgen zu vertagen, und auch nicht
allzu pingelig, Retuschen zuzugeben, die Voraussagen über das erlau-
ben, was gestern passiert ist. . ' ' e
Wenn also ihre Bedeutung für den wissenschaftlichen Fortsdıritt recht
1
ı

'99
, , „ln-ır fà-ıiií-'32-:l-_-7..-›.._:ı.„,.†„:¦¦ I _ _ ___ __ ___.„._ __.. 3 ,-

šefmg 155 5° hegt ihr Reiz in etwas anderem nämlich in ihrer je


weils bßtrëıclitlichen Bedeutung als Ideale Denn sie führt
ı ıı ı . , 'I

° uns ZUI'
Unterscheidung dessen, was man als primäre und Sekundä F k .
. . . _ re
der Historisierung bezeichnen kann un non
VOI1 del' PSYCh0ë11121lYSe wie von der Geschichtswissenschaft zu b h
ten, sie seien als Wissenschaften Theorien des Besonderen he`ßt auf)
0 I . e "

. . 1 t..
nichten, daß die Tatsachen, mit denen sie zu tun haben ,rei
26
lıg oder kunstlıch induziert sind und daß ihr Wert sich ,letztlich auf
ı ıı 0 ı . . * I n a _

die kflldß F1'age I121Ch dem Trauma reduzieren lasse


Die Ereignisse werden in eine " ~ -
ders gesagt' die çeschichte e r*pilmai:g âhstonsıemng erzeugt; an'
' felšriet si ereits auf der Szene a f
der man sie_ › ist sie _erst e'lnmal niedergeschrieben,
' - .
vor seinem .° u
eigenen
Inneren wie vor denAugen der Außenwelt spielt
In der und der Epoche wird dei- und der Aufruhr im°Faubou Sa' t
. s _ „ r in -
Antoine von den Beteiligten als Sie d ' g
oder des Hofes erlebt. _ 0 er Niederlage des Parlaments

Niederlage des Proletaiirfii iiifcfmiieımš anderen Zeit als Sièg oder


_ 1' er our eoisie. Wenn es n
einen Ausdruck des Kardinals Retz zu überngehmen die V"lk uni °ui;ln
die stets die Zeche zall "' 3-« 0 eriism '
ar nicht imm dl en mussefls So handelt es sich doch ganz und
3 er um 215 Selbe historische Ereignis' denn das wofür
sie _ zahlen, hinterläßt im Gedächt nis ' der Menscheni nicht
. ' die
'i lb
Erinnerung. , _ ' Se e
Wenn zum Beispiel das Parlament oder der Hof verschwinden so
gewinnt das CISIB dieser beiden Ereignisse traumatische Bedeutiing
und ist wenn
tatsädıíidı mit .man `
d Z11_1Cl1t " ' seinen
aäsdrucklıch - -
Sinn .
erneuert, geeignet,c
_ _ _ er
1 aus em Gedachtnis zu verschwinden. Dagegen
e t .. . _ '

blelbf dıe Ermnefung


. . . 2111. das zweite Ereignis selbst ,unter der Ze nsur
sehr lebendig (wie ja die Amnesie der Verdrängung eine der leb
. .. . _ en-
digsten Form_en des Gedachtnisses ist), solange es Menschen gibt; die
1111'C Revolte ifi den Dienst des Kampfes für die politische Machtüber
nahme des Proletafiats Stellen, Menschen also denen die Schlüsselwor
te des dialektischen Materialismus sinnvoll erseheinen s
Es Wäre hier Zuviel behaUPtef› Wenn mansagen würde daß wir unsere
deiner unglen auf das Gebiet der Psychoanalyse ubertragen sollten,
B H k . i 'ıı ,

eI1_n wi 1' ewegen' uns bereits' auf diesem


- ' -
Gebiet; ..
ebenso ware es
zuviel behauptet, die durch diese Bemerkungen sich vollziehende Em
mischung der_Entzifferungsted'ınik des Unbewußten und der Theo,-ie
der Instinkte, ja der Triebe verstehe sidi von selbst
0 /g . '

Wir lehren das Subjekt, sein Unbewußtes als seine Geschichte zu erken-
IOO .
*W

nen, das heißt, wir helfen ihm, die geschichtliche Aktualisierung der
Tatsachen zu vollenden, die im Laufe seines Lebens eine gewisse Zahl
von historischen <<Wendepunkten›› bestimmt haben. Aber wenn sie
diese Rolle gespielt haben, so waren sie selbst bereits geschichtliche
Tatsachen und das bedeutet: in einem bestimmten Sinn anerkannt
oder eine`r bestimmten Ordnung entsprechend zensiert.
So ist jede Fixierung an ein sogenanntes Stadium der Triebentwicklung
voii allem einhistorisches Stigma, ein Schandfleck, denman vergißt
oder für ungeschehen erklärt, beziehungsweise ein Ruhmesblatt, das
verpflichtet. Doch das Vergessene bringt sich im Handeln in Erinnerung,
das Ungescheheninachen widerspricht dem, was anderswo gesagt wird,
und die Verpflichtung* setzt im Symbol die Täuschung fort, in der das
Subjekt sich gefangen gefunden hat. ' A
Um es kurz zu sagen: Die Stadien der Triebentwicklung sind bereits,
während sie durchlebt werden, als Subjektivität organisiert. Und um
es klar zu sagen: Die Subjektivität des Kindes, das das Epos der
allmählichen Kontrolle seines Sphinkters in Siegen und Niederlagen
aufzeichnet, sich dabei' an der imaginären Sexualisierung seiner After-
Öffnung freut, aus seinen exkrementellen Ausscheidungen Aggression,
a_us seiner Verhaltung Verführung und aus seiner Entleerung Symbole
macht, diese Subjektivität ist nicht grundlegend *verschieden von der
des Psychoanalytikers, der sich die Formen der Liebe zu vergegenwär-
tigen versucht, die er prägenital nennt. _ -. A
Das anale Stadium ist also, anders gesagt, nidıt weniger rein historisch,
noch ist es weniger rein ini der Intersubjektivität gegründet, wenn
es durchlebt wird, als wenn es im Denken nachvollzogen wird. Da-
gegen führt seine Einstufung als Abschnitt einer angeblichen Trieb-
reifung die- größten Geister geradewegs zu der irrigen Auffassung,
es für die ontogenetisdie Wiederholung einer Entwicklungsstufe des
tierischen Phylums zu halten, die bei den Spulwürmern oder sogar
bei den Quallen zusuchen wäre. Es ist dies eine Spekulation, die,
obwohl sie aus der Feder eines Balint ingeniös erscheint, anderswo
zu den haltlosesten Träumereien führt, ja sogar zu dem Wahn, bei
den Einzellern das imaginäre Schema körperlichen Eindringens suchen
zu wollen, das als Furcht angeblich die weibliche Sexualität beherrscht.
Warum soll man dann nidit das Urbild des Ich in der Krabbe sehen
unter dem Vorwand, daß beide nach jeder Häutung ihren Panzer
wieder ausbilden? '_ A
Irgendwann zwischen ı9io und 1920 hat ein gewisserjaworski ein
_ ioi
0.

recht hübsches System konstruiert, in dem «die biologische Eb<2nC>>›


bis zu den äußersten Grenzen der Kultur alles umfaßte und das im
Ernst der Gattung der Schal'entiere, wenn ich mich recht erinnere,
irgendwo im späten Mittela_lter ihr historisches Pendant unter dem
Titel einer allgemeinen Blütezeit der Ritterrüstungen zuordnete und
keine Tierart, nicht einmal Mollusken und Wanzen, ohne ein mensch-,
liches Pendant ließ. i .
Eine Analogie ist keine Metapher, und die Zuflucht, die die Natur-
philosophen bei ihr gefunden haben, erfordert-das' Genie eines Goethe;
doch selbst dessen Beispiel ist nicht gerade ermutigend. Nichts ist
dem Geist unserer Disziplin mehrzuwider, und Freud hat, indem
er sich ausdrücklich von der Analogie distanzierte, den eigentlichen
Zugang zur Traumdeutung und mit ihr zum Begriff des analytischen
Symbols eröffnet. Dieser Begriff steht, wie wir behaupten, im strikten
Gegensatz zu analogischem Denken, dessen zweifelhafte Tradition
zur Folge hat, daß selbst unter uns manche es noch für verbindlich
halten. B B T .
Deslıalb müssen wegen ihrer erhellenden Macht Überspitzungen inS
Lächerliche vorgebracht werden; denn indem sie für die Absurdität
einer Theorie die Augen öffnen, verweisen sie deren Anhänger auf
Gefahren, die nichts Theoretisches haben. B i I G ._
Die Mythologie von der' Triebreifung, die aus Teilstücken von Freuds
Werk zusammengesetzt ist, bringt in der Tat geistige Probleme hervor,
deren Dampf, zu wolkigen Idealen kondensiert, wiederum auf den
ursprünglichen Mythos herniederregnet.. Die Federn der Besten lassen
ihre Tinte ab, um Gleichsetzungen vorzunehmen, die den Erfordernis-
sen der mysteriösen genital love Genüge tun sollen. (Esgibt-Begriffe,
deren Seltsamkeit besser, gleichsam in Klammern, mit einem Fremd-
wort ausgedrückt wird und die, was sie darzustellen versuchen, durch
das Eingeständnis eines non liqııet paraphieren.)' Niemand jedoch
scheint durch das Unbehagen verwirrt, das daraus folgt, und man
sieht in ihm eher einen Grund, alle die Herren von Münchhausen
einer psychoanalytischen Normalisierung zu ermutigen, sich in der
I-Ioffnting an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, den Himmel
der vollen Verwirklichung des Genitalobjekts, ja des`Objekts über-
haupt zu erreichen.
Wenn wir als Psychoanalytiker recht gut dazu in der Lage sind, die
Macht des Wortes zu erkennen, so ist das kein Grund, ihr den Wert
von etwas Unlösbarem gu geben oder «schwere Bürden zu binden
IO2.
und sie den Menschen auf den Hals zulegen››, wie es der Fluch Chri-
sti über die Pharisäer in der Schrift des heiligen Matthäus ausdrücktzi.
Die begriffliche Armut, mit der wir ein subjektives Problem zu erfas-
sen versuchen, mag anspruchsvollen Geistern vielleidıt etwas zu wün-
schen übiiglassen, sobald sie sie mit den Begriffenivergleichen, die
bis in ihre Verworrenheit die alten Dispute über Natur und Gnade
strıakturieirtenzs. Zudem mag sie sie um die Qualität der psycholo-
gischen und soziologischen Wirkungen fürchten lassen, die man mit
ihr herbeiführen kann. Und tatsächlich ist zu wünschen, daß eine
größere Wertschätzung~der Funktionen des logos das Mysterium un-
seres phantastišchen Charisma auflöst. A
Um uns an eine klarere Tradition zu halten, sollten wir uns die be-
rühmte Maxime vergegenwärtigen, in deriLa Rochefoucauld sagt, daß
<<_es Leute gibt, die sich nie verliebt°hätten, wenn sie nicht die Liebe
vom Hörensagen gekannt hätten››2°. Nicht um im romantischen Sinn
der völlig imaginären <<Erfüllung›› einer Liebe das Wort zu reden,
die sich den bitteren Einwand der Maxime zu Herzen nehmen würde,
sondern um wirklich anzuerkennen, was die Liebe dem Symbol ver-
dankt;und was im Sprechen an Liebe mitschwingt.
jedenfalls muß man nur auf das Werk Freuds zurückgreifen, um
zu bemerken, welchen zweitklassigen und hypothetischen Rang er der
Instinkttheorie beimißt. Sie kann sich, wie er nachdrücklich äußert,
nach seiner Auffassung nicht einen Augenblick gegen die geringste
Einzelheit'einer Geschichte behauptenf Und der genitale Narzißmus,
auf den er sich in dem Moment beruft, in dem er den Fall des Wolfs-
mannes zusammenfaßt, zeigt deutlich .die Verachtung, die er für die
Ordnung der Phasen der Libidoentwicklung hegt3°. Darüberhinaus
beruft er sich auf den Triebkonflikt nur, um sich sogleich wieder von
ihm zu entfernen und in der symbolischen Isolierung des «Ich-bin-

27 A.d.Ü.: Matth: 23, 3. . .


2“ Der Hinweis auf die Aporie des Christentums kündigte eine detaillierte Erörte-
rung dieser Aporie im Jansenismus an. Pasçals noch immer makellose Wette hat uns
zu einer erneuten Untersuchung gezwungen, um dahinterzukommen, 'welcher für
den Analytiker unschätzbare Wert in ihr stedst. Bisher (Juni 1966) unveröffentlicht.
A.d.Ü.: Vgl. B. Pascal: Oeuvres Complètes, ed._]. Chevalier, 0.0. ([Paris] Gallimard,
Pléiade) ı954,Nr.4§ı,S. ızızff. _
2° A.d.Ü.: La Rochefoucauld «Réflexions ou sentences et maximes morales››, Edition
de 1678, in: Oeuvres complètes, ed. L. Martin-Chauffier und J. Marchand, o.
([Paris] Gallimard, Pléiade) 1964, Maxime 136, S. 136. .
3° A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. XII, S. 145 f. und 154. _
1'.

. I!

- ıo3
nicht-kastriert››, mit der sich das Subjekt behauptet, den Zwang zu
erkennen, an den. seine heterosexuelle Partnerwahl als Abwehr der
Tatsache gebunden bleibt, daß sein Ich (moi) die Beute einer homo-
sexuellen Strömung wird, sobald es auf die imaginäre Matrix der
Urszene zurückfällt. So verläuft in Wahrheit der subjektive Konflikt,
in dem es sich nur um die Abenteuer der Subjektivität handelt, bis
das personale Ich (je) gegen die Instanz des Ich (moi) nach Maßga-
be des religiösen Katechismus oder der iindoktrinierenden Auf-
klärung“ gewinnt oder verliert. Freud hat mit seiner analytischen
Arbeit das Subjekt sich die Wirkungen dieses Konflikts vergegenwärti-
gen lassen, bevor er sie uns in d_er'Dialektik des Odipuskomplexes
erläutert hat. " . ` 1
Bei der Analyse eines solchen Falles sieht man recht gut, daß die
Verwirklichung der vollkommenen Liebe nicht eine Frucht der Natur,
sondern der Gnade ist, das heißt einer intersubjektiven Übereinkunft,
die ihre Harmonie der zerrissenen Natur auferlegt, die sie ihrerseits
unterstützt. A _ I
Aber, wird hier schließlich ein ungeduldig gewordener Zuhörer aus-
rufen, was ist denn nun dieses Subjekt, mit dem Sie unser Auffassungs-
vermögen strapazieren? Haben wir nicht schon bei Herrn Selbstver-
ständlich” gelernt, daß alles, was der.Einzelne empfindet, subjektiv
sei. ' . ` ' -
- Oh, einfältiger Mund, dessen'Lob noch meine letzten Tage erfüllen
wird. Du solltest Dich öffnen, um mir zuzuhören! Nicht nötig, die
Augen zu schließen. Das Subjekt reicht weiter als das, was der Ein-
zelne «subjektiv» empfindet, nämlich genau so weit wie die Wahrheit,
die es erreichenkann und die vielleicht aus eben dem Munde-kommt,
den Sie gerade schon wieder geschlossen haben. Gewiß, diese Wahrheit
seiner Gescl-ıidıte ist nicht ganz in seinem Rollenskript' enthalten, und
doch ist ihre Stelle durch die schmerzlichen Erschütterungen bezeidinet,
die es empfindet, weil es nur ihre Erwiderungenkennt, und zwar auf
Blättern, deren Unordnung ihm kaum Erleichterung verschafft.
«Daß das Unbewußte des Subjekts der Diskurs des anderen ist, zeigt
sich nirgendwo deutlicher als in den Studien, die Freud dem gewidmet
hat, was er, soweit es sich im Kontext der psychoanalytischen Erfah-
rung darstellt, Telepathie genannt hat. Es ist dies eine Übereinstim-
*1 A.d.Ü.: Deutsdı im Original. › '
” A.d.Ü.: «M. de La Palice›› ist eine Anspielung auf den Ausdruck «une vêrité de La
Palice››, der eine Biıisenwahrheit bezeichnet. `
104
mung von Äußerungen des Subjekts mit Tatsachen, von denen es keine
Kenntnis haben kann, die sich aber stets in den Bahnen einer anderen
Erfahrung bewegen, ander der Analytiker alsGesprächspartner teil-
hat; eine Übereinstimmung zudem, die in den meisten Fällen auf einer
rein sprachlichen'Konvergenz beruht, die bis zum Gleichklang gehen
kann, o_der bei der, wenn sie ein Handeln umfaßt, das acting out eines
anderen Patienten des Analytikers vorliegt oder eines Kindes des
Patienten, das sich ebenfalls einer Analyse unterzieht. Es handelt sich
däbei um Fälle von Resonanz in den Kommunikationsnetzen des Dis-
kurses, deren gründliche Untersuchung einiges Licht auf analoge Tat-
sachen des täglichen«Lebens werfen könnte. '
Die Allgegenwart des menschlichen Diskurses kann fvielleicht eines
Tages unter' offenem Himmel umfangen werden von der schrankenlo-
sen Kommunikation ihres Textes. Das muß nicht heißen, daß beide
dann besser aufeinander abgestimmt, sind. Doch genau das ist der
Gegenstandsbereich, den unsere Erfahrung in einer Beziehung polari-
siert, die nur zum Schein eine Zweierbeziehung ist; denn jede Dar-
stellung der Struktur dieses Bereichs in bloß dualen Begriffen ist ihm
theoretisch so inadäqiıat wie ruinös für seine Technik.- A
' \

..

II. Symbol und Sprache als Struktur und


Grenzbestimmung des psychoanalytischen Feldes
' _

Ti?? ågxiyv Ö tı. xda /lalcb 'Üμi'v. i


(Evangelium nach _/o/J. VIII, 25) ' Z
Lösen Sie Kreuzworträtsel. '
(Ratschlag an einen jungen Psychoanalytiker)

Wir wollen, um den Faden unserer Erörterung wiederaufzunehmen,


noch einmal sagen, daß die Analyse durch Reduktion der Geschichte
des Einzelsubjekts an Gestalten” von Beziehungen rührt, aus denen
sie eine regelmäßige Entwicklung extrapoliert, daß aber weder die
Entwicklungspsychologie noch die differentielle Psychologie,_die durch
sie einige Aufklärung erfahren können, "in ihr Gebiet-fallen, da beide

33 A.d.Ü.: Deutsch im Original. i


~~ ro;
1..

experimentelle Beobachtungsbedingungen erfordern, die mit denen der


Analyse nur den Namen gemein haben.
Wir können noch weitergehend formulieren: Was sich als Psychologie
dem Rohzustand der Alltagserfahrung darstellt (die nur professionell
mit Ideen Beschäftigte mit sensibler Erfahrung“ verwechseln) - zum
Beispiel in einer Unterbrechung der alltäglichen Sorge das plötzliche
Erstaunen über das, was Lebewesen in einer Unvereinbarkeit paart,
diedie Grotesken eines Lionardo oder eines Goya übertrifft, oder
die eigentümlich widerstandsfähige Trägheit im Erstaunen der Haut,
wenn sie gestreichelt wird von "einer Hand, die diese Entdeckung auf-
regt, weil sie noch nicht stumpf ist vor Begierde - all das, so muß man
feststellen, ist ausgeschaltet in einer experimentellen Erfahrung, die
solchen Launen gegenüberisprötde und solchen Mysterien gegenüber Wi-
derborstig ist. l R A
Eine Analyse geht normalerweise zu Ende, ohne uns mehr als nur spär-
liche Hinweise auf die besondere Sensibilität unseres Patienten gegen-
über Tönen und Farben zu geben oder auf die Geschwindigkeit seiner
taktilen Auffassungsgabe, auf die schwachen Punkte seines Fleisches,
auf seine Fähigkeit, etwas zu behalten oder zu erfinden, ja auf die
Lebhaftigkeit seiner Neigungenf . A i
Das ist nur -scheinbar paradox und beruht nicht auf persönlichem Ver-
sagen. Wehn man dieses Paradox aus den Negativbedingungen unserer
Erfahrung begründen kann, so zwingt es uns nur ein'bißchen mehr,
diese Erfahrung daraufhin zu befragen, was sie Positives besitzt. B
Das Paradox nämlich löst sich nicht auf unter den Anstrengungen
26
derer, die -- den Philosophen vergleichbar, die Plato verspottet, ihr
Hunger n_ach Realität treibe sie so weit, die Bäume zu küssen -
jedes Ereignis, indem eine sich entziehende»Realität aufkeimt, für
eine lebendige Antwort halten, von der sie inaschen möchten. Denn
es sind dieselben, die sich das zum Ziel setzen, was jenseits der Sprache
liegt, und die auf das «Berühren verboten» unserer Grundregel mit
einer Art Zwang reagieren. Kein Zweifel, daß auf diesem Weg die
allerfeinste Reaktion in der Übertragung darin besteht, daß Analy-
tiker und Patient sich gegenseitig beschnuppern. Wir übertreiben nicht:
Ein junger; in der Ausbildung stehender Psychoanalytiker kann heut-
zutage nach zwei oder drei Jahren erfolgloser Analyse die lang erwar-
tete Herstellung einer Objektbeziehung mit-solcher Witterung seines
Objekts herbeiführen, um als Garantie seiner Fähigkeiten das dignus
est entrare unserer Zustimmung zu erhalten. B S
er '

106 f
Wenn die Psychoanalyse eine Wissenschaft werden kann - denn sie
ist es noch nicht - und wenn sie in ihrer Technik nicht auf den
Hund kommen soll - und vielleicht ist das bereits geschehen -,
müssen wir den Sinn ihrer Erfahrung wiedergewinnen.
Zu diesem Zweck können wir nichts besseres tun, als uns dem Werk
Freuds wieder zuzuwenden. Es genügt nicht, sich als Techniker auszu-
geben, um sich darauf zu berufen, daß man Freud III. nicht verstehe,
und. um ihn zurückzuweisen im Namen Freuds II., den man zu ver-
stehen glaubt. Die Unkenntnis Freuds I. schließlich entschuldigt nicht,
daß .mandie fünf großen -Psychoanalysen für eine 'Serie von schlecht
ausgewählten und dargestellten Fällen hält und meint, sich wundern
zu müssen, daß das Körnchen Wahrheit, das sie enthalten, nicht verlo-
ren gegangen ist“. B ' _
Nim_mt_ man sich das Werk Freuds wieder vor und beginnt bei der
Tmumdeutnngss, so erinnert man sich, daß der Traum-die~Struktur
eines Satzes hat oder, um dem Buchstaben des Textes zu folgen, eines
Rebus, das heißt einer Schrift, deren ursprüngliche Ideographie sich
in den Träumen von Kindern darstellen soll und die bei Erwachsenen
eine phonetische und zugleich symbolisdie Verwendung von signifikan-
ten Elementen (éléments signifiants) wieder hervorbringt, wie man
sie ganz ebenso in den Hieroglyphen des alten Ägyptens und in den
in China noch heute gebräuchlichen Schriftzeichen findet. A
Doch bei diesen geht es nur um die Dechiffrierung eines Mittels, wäh-
rend erst mit einer Übersetzung des Textes die Hauptsache beginnt.
Von ihr sagt Freud, sie «sei in der Ausarbeitung des Traumes, das
heißt in seiner Rhetorik gegeben. Ellipse und Pleonasmus, Hyperbaton
und Syllepsis, Rückgriff, Wiederholung und Apposition sind syntak-
tische Verschiebungen, Metapher, Katachrese, Antonomasie, Allegorie,
Metonymie und Synekdochesind semantische Verdichtungen, in denen
Freud uns die angeberischen und demonstrativen, die heuchlerischen
und überzeugenden, die zurückweisenden und verführerischen Inten-
tionen lesen lehrt, mit denen das Subjekt seine Traumrede schmückt.
Zweifellos hat er zur ,Regel erhoben, daß in ihr immer nach dem
Ausdruck eines Begehrens zu suchen sei. Aber verstehen wir ihn recht!
Wenn Freud als Motiv eines Traums, der seiner Theorie scheinbar

34 Diese Äußerungen stammen aus dem Mund eines der Analytiker, die am meisten
von dieser Debatte betroffen waren (1966). . - _ _
35 A.d.Ü.: Im Original deutsch. '
i 107
zuwiderläuft, bei jemandem, den er davon zu überzeugen versucht
hat, gerade das Begehren (den L<Wunsch››) annimmt, ihm zu widerspre-
chen“, warum nimmt er dann nicht das selbe Motiv für sich in An-
spruch, da er ja um zu dieserlFormulierung zu gelangen, seine eigene
These als Gesetz von anderswo bezieht? i Z
Rund heraus gesagt: Es erscheint nirgendwo deutlicher, daß das Begeh-
ren des Menschen seinen Sinn im Begehren des anderen findet. Und
das nicht so sehr, Weil der andere den Schlüssel zum begehrten Objekt
besitzt, sondern vielmehr weil sein erstes Objekt darin besteht, vom
anderen anerkannt zu werden. _ _ - i
Wer unter uns weiß übrigens nicht aus Erfahrung, daß, sobald in
der Analyse die Übertragung beginnt - und eben dies ist für uns
der Beweis, daß sie es wirklich tut - jeder Traum des Patienten
in seinem Verhälfnis zum analytischen Diskurs als Provokation, als
verdecktes Geständnis oder als Ablenkungsmanöver interpretiert wer-
den muß und daß die Träumd sich mit dem Fortschritt der Analyse
immer mehr auf die Funktion von Elementen des sich daraus~ent-
wickelnden Dialogs reduzieren lassen? A , ' ›
Inder Psychopathologie des Alltagslebens, einem weiteren Gebiet,
das durch ein Werk Freuds erschlossen wurde, wird deutlich, daß jede
Fehlleistung ein geglückter, ja sogar ein ziemlich hübsch gedrechselter
Diskurs ist und daß beim Lapsus der Knebel des Sprech_ens um gerade
das Stückchen gedreht wird, das erforderlich ist, damit, iwer__ Ohren
hat zu hören, höre. t i „
Doch gehen wir geradewegs auf den Punkt zu, an dem das Buch
sich dem Zufall zuwendet und dem Aberglauben, den dieser hervor-
ruft, sowie den Tatsachen, mit denen es sich bemüht, die subjektive
Bedeutung von Zufällen bei willkürlich gewählten Zahlen zu demon- 2
strieren. Die Grundstrukturen des Gebiets der Psychoanalyse treten
nirgends klarer hervor als bei einem solchen Erfolg.. Und der beiläu-
fige Rückgriff, auf unbekannte Denkvorgänge ist hier nicht mehr als
eine Entschuldigung, die aus der Not eines vollständigen Zutrauens
zu Symbolen geboren ist, das dadurch unsicher wird, sich über alle
Maßen bestätigt zu finden. . _ a
Wenn Freud in der Psychopathologie der Psychoanalyse für ein neuro-
tisches oder nicht neurotisches Symptom das Minimum an Überbe-

3° Vgl. Gegenwunschträume in: Traumdeutung, G. W., Bd. II/III, S. 156--157 'und


163-164. r _
z
:o8
stimmtheit fordert, das ein Doppelsinn dergestalt konstituiert, daß
das Symptom zugleich Symbol eines abgestorbenen Konflikts ist und
darüber hinaus eine Funktionin einem gegenwärtigen, nicht minder
symbolischen Konflikt besitzt, wenn er uns ferner lehrt, im Text der
freien Assoziationen der wachsenden Verästelung einer Linie von Sym-
bolen zu folgen, um an den Punkten, an denen die sprachlichen Formen
sich überschneiden, die Knoten ihrer Struktur zu ermitteln -, dann
ist bereits vollkommen einleuchtend, daß das_Symptom sich ganz in
einer Sprachanalyse auflöst, weil es selbst wie eine Sprache strukturiert
ist, und daß es eine Sprache ist, deren Sprechen befreit werden muß.
Demjenigen, dessen Verständnis in die Natur der Sprache nur wenig
eingedrungen ist, kann das Experiment mit der Zalılenassoziation
auf Anhieb zeigen, was es dabei im wesentlichen zu begreifen gilt,
nämlichdie kombinatorische Fähigkeit,die das Zweideutige der Spra-
che ordnet. In ihr kann er die eigentliche Triebkraft des Unbewußten
erkennen. A
Wenn sich ausgehend von einer selbstgewählten Zahl die Zahlen, die
man durch Auseinanderreißen d_er Ziffernfolge erhält, nach ihrer Ver-
mischung in allen Operationen der Arithmetik, ja sogar nada wieder-
holter Division der .ursprünglichen Zahl durch eine der Teilzalılen,
wenn sich also diese Zahlen unter allen anderenals symbolbildend
für die Geschichte des Subjekts erweisen", so deshalb, weil sie in
`der ursprünglichen Wahl latent vorhanden waren und von ihr ausge-
gangen sind. Wenn man infolgedessen die Idee als abergläubisch zu-
rückweist, daß es sich hier um eben die Ziffern handelt, die das Ge-
sdiick des Subjekts .bestimmt haben, so wird man zugeben müssen,
daß sie in der ,Ordnung des Auftretens ihrer Kombinationen, das
heißt in der konkreten Spradie, die sie darstellen, alles enthalten,
was die Analyse dem Subjekt alshsein Unbewußtes offenbart.
Sprachwissensclıaftler und .Ethnologen geben uns über die kombina-
torische Sicherheit, die sich in den vollkommen unbewußten Systemen
manifestiert, mit denen sie es zu tun haben, so viel Aufschluß, daß
die hier vertretene These für sie nichts Überrasdıendes haben dürfte.
' 0

Wenn aber jemand weiterhin Zurückhaltung ihr gegenüber für ange-


bracht hält, so rufen wir wiederum den als Zeugen, der, nidıt ohne

3' Um das Ergebnis dieser Verfahren genießen zu können, muß man sich in die Bemer-
kungen vertiefen, auf die wir hingewiesen haben, als das Buch von Emile Borel «Le
Hasard» erschien. In ihnen wird demonstriert, was man so an schlüpfrig «Witzigemfi
ausgehend von einer beliebigen Zahl, gewinnen kann (1966). -
._ 109
í.¬.¬,.._.._.-.__ --

Anspruch auf Glaubwürdigkeit", als Entdecker des Unbewußten dessen


Ort exakt bestimmen kann. Er wird uns nicht im Stich lassen.
Obwohl sie mit gutem Grund iıicht im Mittelpunkt unseres Interesses
steht, ist die Studie Der Witz und seine Beziehung zum Unbewuß-
ten Freuds unangreifbarstes, weil durchsichtigstes Werk. In ihm wird
die Wirkung des Unbewußten bis in die feinsten Feinheiten demon-
striert, und die Züge, die es uns offenbart, sind die des Geistes in
der ihm durch.die Sprache zuteil gewordenen Ambiguität. In der Spra-
che tritt als die andereiSeite der 'hoheitlichen Macht des Witzes die
Pointe auf, mit der dieser sein ganzes Reich in einem Augenblick
vernichtet. Durch sie erweist__sich in ider Tat sein schöpferisches Han-
deln als absolute Zwedrfreiheit, 'in der die Herrschaft über Üdas Reale
sich als Herausfofderung des Unsinns ausdrückt, in der der Humor
durch die bösartige Anmut eines freien Geistes eine Wahrheit symbo-
lisiert, die ihr letztes Wort nichtgfausspricht. _ -
Es ist unerläßlidı, den wunderbar genauen Umwegen der Zeilen dieses
Buches auf dem Spaziergang zu folgen, zu dem Freud uns -in den
erlesenen Garten der bittersten Liebe einlädt.. B
Alles hat dort Reichtum und Substanz. Der Geist (esprit), der als
Exilierter in einer Schöpfung lebt, deren unsichtbare Stütze er ist,
weiß, daß es in jedem Augenblick in seiner Gewalt steht, sie zu vernich-
ten. Seine geheime Königswürde gebietet über hochmütige und ge-
meine, dandyhafte und sanftmütige Formen, ganz zu schweigen von
den allgemein verachteten, deren heimlidıen Glanz Freud aufblitzen
läßt. Geschichten vom Heiratsvermittler, der durch die mährischen
Gettos läuft, .eine verrufene Gestalt des Eros und wie dieser Sohn
des Elends und der Not, diese Geschichten also berichten, wie er mit
serviler Diskretion die Begehrlichkeit eines Freiers lenkt und ihn dann
plötzlich mit einer in ihrem Unsinn erhellenden Antwort verhöhnt.
<<_]eder, der sich die Wahrheit so in einem unbewadıten Moment ent-
schlüpfen läßt››, kommentiert hier Freud, «ist eigentlich froh darüber,
daß er der Verstellung ledig wird.››38 _
In der Tat, es ist die Wahrheit, die sich da in seinen Worten de-
maskiert, daniit der Geist (esprit) eine noch trügerisdiere Maske auf-
setzt, eine Sophistik, die nur ein Tridr ist, eine Logik, die Täuschung
bleibt, eine Komik, die nur blendet. Der Geist im Witz ist immer
anderswo. «Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes besteht also

=fl A.d.U.= s. Praia, G. w., Bd. vl, s. ns. `


I I0
auch . . . Sie besagt, daß nur das ein Witz ist, was ich als einen Witz
gelten lasse››39, fährt Freud fort, der weiß, wovon er spricht.
Nirgends wird denn auch die Intention des Individuums deutlicher
durch den Einfall des Subjekts überholt; nirgends ist die Unterschei-
dung, die wir zwischen Individuum und Subjekt machen, spürbarer;
denn es ist nicht bloß erforderlich, daß etwas an meinem Einfall
mir fremd gewesen ist, damit ich an ihm Gefallen finde, vielmehr
muß es das auchbleiben, damiter diese Wirkung erzielt. Von hier
aus begründet sidı die von Freud exakt beobachtete Notwendigkeit
einer dritten Person als Zuhörer, die stets vorausgesetzt wird, sowie
der Umstand, daß der Witz (mot d'esprit) auch bei indirekter Mittei-
lung seine Macht nicht verliert. Er ist ein rascher Vorstoß auf den
Ort des-Anderen, ein Ambozeptor“, den das Feuerwerk eines Wortes
erhellt, das sich voller Heiterkeit versprüht. ' A
Der Geist des Witzes fällt in sich zusammen, wenn durchs Erklären die
Wahrheit zur Platitüde wird. -
Eben das aber betrifft unser Problem. Die gegenwärtige Veraditung
für Forschungen über die Sprache von Symbolen, die man schon bei
flüchtiger Durchsichtunserer Publikationen vor und nadı den Zwan-
ziger Jahren feststellt, läuft für unsere Disziplin auf nichts Geringeres
,hinaus als auf einen Objektwechsel, dessen Anpassungstendenz an
das platteste Niveau der Kommunikation aus einem Verlangen nach
Übereinstimmung mit den neuen, der Technik gesetzten Zielen mög-
lıcherweise für die ziemlich trübselige Bilanz verantwortlich ist, die
einige der Intelligentesten aus ihren Ergebnissen ziehen“.
Wie anders erschöpft das *Sprechen seinen Sinn oder - um mit dem
Oxforder logisdien Positivismus zu reden - den Sinn des Sinns,
wenn nicht in dem Akt, der eserzeugt? Damit kehrt' sich die Goethe-
sche Umkehrung seiner Gegenwart im Ursprung, die der Satz aus-
drückt «Im Anfang war dieTat››, ihrerseits um: Es war doch das
Wort (verbe), das im Anfang war, und wir leben in seiner Schöpfung,
aber die Tat unseres Geistes setzt diese Schöpfung stets von neuem
I'

II

3° A.d.Ü.: Freud, a. a. O., S. 1 15 f. '


4° A.d.Ü.: «Ambozepton ist_ein von dem Mediziner und Biologen Paul Ehrlich
(1354--1915) entwickelter Terminus für einen Schutzkörper mit zwei speziell bin-
dfifldefls haptophoren Gruppen. , ' ~
“ C. I. Oberndorf «Unsatisfactory Results of Psyd1oanalytic'Therapy*› im PSYÖW'
analytic Quarterly, Bd. 19 (1950), S. 39 3--407. - k

. - 111
Q 1- '-
fort.. Und wır können diese Tat bloß reflektieren, indem wir uns
von ıhr vorantreiben lassen. K ' _
Wil' S@llI>St Werden uns darauf nur einlassen, weil wir wissen, daß
das ihr Mittel und Weg ist _ _ _ 1 t _
Unkenntnis der Gesetze schütztnicht vor Bestrafung. Übersetzt aus
dem Humor des Gesetzbuches drückt diese Formel trotzdem eine 2

Wahrheit aus, auf der unsere Erfahrung beruht und die sie bestätigt.
Denn'n1em9~11d lebt wirklich in Unkenntnis der Gesetze, weil das
Gfiäfifl C108 MßnSChen das Gesetz der Sprache ist,'seit' die ersten Wörter
des Erkennens den ersten rituellen Gaben vorangingen. Und es hat
der abscheulichen Danaer bedurft,_die übers Meer kamen und auf
ıhm wıeder flohen, dnmit die Mensdien täusdıende Wörter mit treu-
losen Gaben fürchten lernten. Bis dahin waren für die friedlichen
Argonauten, die durch symbolisdıen Handel die kleinen Inseln ihrer
Gemeinschaft miteinander verknüpften, diese rituellen Gaben in ihrem
Austausch sowie in ihrer Darbietung als Zeichen und sogar bei ihrer
HS'-*Stellung S0 eng mit dem Sprechen verbunden, daß man beide mit
dem gleidıen Ausdruck benannte“. ' i
Beginnt mit den Gaben Oder 01'161' mit den Losungsformeln, die ihren
heilsmächtigen Unsinn dazu tun, die Sprache als Gesetz? Diese rituel-
len Gaben nämlich sind bereits Symbole in dem Sinne, in dem-«Sym-
bol” einen Vefffag bedeutet, und ferner, weil .sie zunächst Signifi-
kantßn eines Vertrages sind, den sie als Signifikat begründen; denn
es ist augenfällig, daß die Gegenstände des symbolischen Tauschs -
Gefäße, die leer bleiben müssen, Schilde, die zum Tragen zu schwer
sind, Garben, die vertrodrnen, Lanzen, die man in den Boden steckt
- nicht für den Gebrauch bestimmt und ihrer Fülle wegen sogar
überflüssig sind. . z
Ist diese Neutralisierung desSignifikanten schon das ganzeWesen
d.er Sprache? Wäreıdem so, fände man einen Anhaltspunkt am Beispiel
der Wasserschwalben in dem Fisch, den sie während ihres Zuges von
Schnabel zu Schnabel wandern lassen. Wenn wir das in Übereinstim-
mung mit den Ethologen als ein Instrument ansehen, die Gruppe
wie bei einem Fest in eine reigenförmige Bewegung zu bringen, so
könnte man darin mit voller Berechtigung ein Symbol erkennen.
Wie man sieht, zögern wir nicht, die Ursprünge symbolischen Ver-

42 Vgl. u. a.: Maurice Lpenhardt, Do Karno: La personne et le mythe dans le monde


mélanésien, o. O. ( [Paris] Gallimard) 1947, Kap. IX und X. . .

II2

ı
-¬...__#f-

haltens außerhalb der Grenzen des Menschen zu suchen. Doch ganz


gewiß tun wir dies nicht auf dem Wege einer Ausarbeitung von Zei-
chen, wie es nach vielen anderen jules I_-I._Massermann"° versucht.
Wir werden einen Augenblick bei diesem Versuch verweilen, nicht
etwa nur wegen des kessen Tons, mit dem er auftritt, sondern wegen
der günstigen Aufnahme, die er bei den Redakteuren unseres offiziel-
len Journals gefunden What, die - einer Tradition entsprechend, die
sie beim Arbeitsamt abgeguckt 'haben müssen - es nie Versäumen,
alles aufzuführen, was unserer Disziplin als «positive Referenz» die-
nen kann. s i .
Man denke! Ein Mann, der eine Neurose ex-pe-ri-men-tell bei einem
Hund erzeugt. hat, der auf einem Tisch festgebunden war. Und mit
welch ingeniösen Mitteln! Eine Klingelvorrichtung, ein Teller voll
Fleisch, den sie ankündigt, und ein Teller voll Äpfel, der statt dessen
auftaucht. Den Rest erspare ich dem Leser. Nein, ihn würde man
'ganz-gewiß nicht, so versichert zumindest er selbst uns, bei den -
wie er sich ausdrückt - «weitläufigen Spintisierereien» ertappen, die
die Philosophen dem Problem der Sprache gewidmet haben. Er geht
diesem Problem direkt an die Kehle. _ ' 1
Stellen Sie sich vor, durch kluge Konditionierung von Reflexen bringt
maiı einen Wasdıbären dahin, daß_er auf seinen Futtertrog losgeht,
sobald man ihm die Speisekarte zeigt, auf der sein Menu steht. Uner-
wähnt bleibt, ob sie die Preise enthält. Aber ein anderes überzeugen-
des Detail fehlt nicht: Ist er vom Service enttäuscht, zerreißt er die
Karte,.die ihm zu viel versprochen hat, wie es eine aufgebrachte Ge-
liebte mit den Briefen ihres ungetreuen Liebhabers machen würde
(sic). s. L _ '
Das also ist einer der Bögen, durch die der Autor den,Weg vom
Signal zum Symbol legt. Dieser Weg ist zweispurig befahrbar und
in der Gegenrichtung bieten sich kaum weniger imposante Kunststücke
dar. i r _ if
Wenn man nämlich beim Mensdıen eine Assoziation herstellt zwisdıen
der Projektion von hellem Licht auf seine Augen und zuerst dem
Geräusch, später der Handhabung einer Klingel gemäß der Anwei-
sung: <<Kontrahieren!» (auf englisch: contract), 'kommt man dahin,
daß die Versuchsperson, wenn sie die Zeitabstände der Anweisungen
_ .-

43 jules H. Masscrmann «Language, Behavior and Dynamic Psychiatry›, in: Inter-


national Journal of Psychoanalysis, Bd. 25_ (1944),-S. 1-8. „

' . 113
. ._-.-.._ .-__« -.4-.__ "'

1'

selbst variieren, sie murmeln und zfiletzt nur noch in Gedanken repro-
duzieren darf, jedesmal ihre Pupillen kontrahiert; das heißt, man
erreicht eine Reaktion des autonom genannten Nervensystems, das
eben normalerweise intentionalen Wirkungen nicht unterliegt. Auf
diese Weise hat Hudgins, wenn man unserem Autor glauben darf,
«bei einer Gruppe von Versuchspersonen eine weitgehend individuali-
sierte Konfiguration affiner und visceraler Reaktionen auf das Ge-
d21flk@H5Ymb0l (idea-Symßøl) <contract› geschaffen, einen response,
der durch ihre verschiedenen individuellen Erfahrungen hindurch zu-
rückführbar ist auf eine scheinbar weit entfernte, in Wirklichkeit jedoch
wesentlich physiologische Ursache, in unserem Beispiel: auf den Schutz
der Netzhaut vor allzuviel Licht.›› Und der Autor schließt: «Die Be-
deutung solcher Versuche für die psychosomatische und linguistische
Forschung braucht nicht weiter ausgeführt zu werden.››i '
Wir jedoch hätten noch gerne gewußt, ob die in der angegebenen Weise
geschulten Versuchspersonen auch, bei Redewendungen wie marriage
contract, bridge-ciontmct, breach of contract auf diese Vokabel rea-
gieren oder sogar bei fortschreitender Reduktion des Stimulusbis auf
die erste Silbe: contract, contrac, contra, contr ..". . Der Gegenbeweis,
den man von einer exakten Methode verlangen darf, bietet sich hier dem
französischen Leser von selbst dar, sobald er, der sich keiner anderen
Konditionierung .unterzogen hat alsider des hellen Lichts, das Jules
H. Massermann auf das Problem wirft, dic erste Silbe murmelt“.
Wir würden von Massermann außerdem gern wissen, ob er den Ein-
druck hat, man könne bei den Wirkungen, die an koinditionierten
Versuchspersonen zu beobachten sind, auf eine weitere Ausarbeitung
ganz einfach verzichten. Entweder treten sie_ nämlich nicht mehr auf
und beweisen damit, daß sie nicht einmal bedingt vom Bedcutungslaut
(sémantème) abhängen, oder aber sie treten weiterhin auf und stellen
die Frage nach dessen Grenzen. „
Anders gesagt: sie würden im Instrument des Wortes selbst die Unter-
scheidung von Signifikant und Signifikat hervortr_eten lassen, die der
Autor im Begriff des idea-symbol behende vcrwischt hat. Ohne es
nötig zu haben, nada den Reaktionen von Versuchspersonen auf die
Anweisung donft contract,ja auf die ganze Konjugation von to contract
zu fragen, könnten wir den Autor darauf hinweisen, daß per defi-
nition_em jedes beliebige Element einer Sprache (languej dieser als

44 A.d.Ü.: «con›› bedeutet «Dummkopf›› oder «doof››. _

1 14
-a.„-„___-1;

Ausdrucksform (langage) dadurch zugehört, daß es sich als solches


für alle Sprecher dieser Sprache (langue) innerlıalb einer angenomme-
nen Gesamtheit von homologen Elementen unterscheidet.
Es folgt daraus, daß die besonderen Wirkungen eines Elements der
Sprache an die Existenz dieser Gesamtheit gebunden sind, und zwar
vor aljer möglichen Bindung an eine besondere Erfahrung des Subjekts.
Diese letztere zu untersuchen, ohne' auf ihr Verhältnis zur Gesamtheit
von homologen Elementen innerhalb der Sprache einzugehen, hieße
die der Sprache eigentümliche Funktion zu leugnen. ,
Hätte unser Autor sich dieser Grundsätze erinnert, hätte er es vermut-
lich vermieden; mit unvi-:rgleichlicher Naivität zwischen den Katego-
rien der Grammatik seiner Kindheit und Realitätsbeziehungen wört-
liche Übereinstimmungen aufzudecken.
Dieses Monument einer Naivität, die imübrigen auf unserem Gebiet
recht verbreitet ist, verdiente nicht soviel Aufmerksamkeit, wenn
es sich hier nicht um einen Psychoanalytiker handelte oder vielmehr
um jemanden, der wie zufällig allesiin sich vereinigt, was sich in
einer gewissen Richtung der Psychoanalyse unter den Titeln Ich-Psy-
cho`logie und Technik der Widerstandsanalyse tut und was, weil es
der Freudschen Erfahrung vollkommen entgegengesetzt ist, gleichsam
e contrario den Zusammenhang einer gesunden Auffassung der Sprache
mit der Aufrechterhaltung eben jener Erfahrung zeigt. Denn Freud
hat in der Natur des Menschen die Folgen seines Verhältnisses zur
symbolischen Ordnung entdeckt und zugleich die Entschlüsselung ihres
Sinns bis zu den grundlegenden Instanzen der Symbolisierung im Sein.
Das zu verkennen, bedeutet, seine Entdeckung dem Vergessen zu über-
antworten, seine Erfahrung zur Ruine werden zu lassen.
Wir behaupten, und diese Behauptung sollte dem Ernst unserer gegen-
wärtigen Ausführungen keinen Abbruch tun, daß wir lieber jenen
oben erwähnten Waschbären auf dem Sessel hinter der Couch sitzen
sähen,i auf den .- unserem Autor zufolge - Freud aus Schüchtern-
heit den Analytiker verbannte, als einen Wissenschaftler, der sich
über die Sprache und das Sprechen in dieser Weise verbreitet.
Zumindest ist der Wasclıbär dank Jacques Prévert (<<Ein Stein, zwei
Häuser, drei Ruinen, vierTotengräber, ein Garten, Blumen, ein Wasch-
bär››44°) für immer in das poetische Bestiarium aufgenommen und hat
C

In

*"21 A.d.Ü.: Anfang des Gcdid1tes'«Inve_ntaire›› in: J. Prévert, Paroles, o. O. ([Paris]


Gallimard) 1949, S. 240 ff. '
' H I1;

R
iııııl-'

damit in seinem Wesen Anteil an einer besonderen Funktion des_Sym-


bols. Jedoch das Wesen nach unserem Ebenbild, das seine systematische
Verkennung dieser Funktion offen eingesteht, entfernt sich für immer
von allem, das durch sie ins Leben gerufen werden kann. Die Frage
nach dem Rang indessen, der unserem Ebenbild in der Klassifikation
der Natur zukommt, würde sich, wie uns scheint, nur aufgrund eines
unangemessenen Humanismus stellen, „wenn nicht sein Diskurs, der
sich mit einer unter unserem Schutz stehenden Technik des Sprechens
kreuzt, darin fruchtbar wäre, unfruchtbare Monstren zu erzeugen.
Weil er selbst es sich zur Ehre anredinet, dem Vorwurf des Anthropo-
morphismus zu trotzep, tun wir ktin`d, daß wir zuallerletzt gerade
diesen Begriff verwenden würden, wenn wir behaupten, daß er sich
selbst zum Maß aller Dinge macht. _
Doch kehren wir zurück zum syriıbolischen Objekt, das in seinem
Stoff auch dann Bestand hat, wenn es das Gewicht des Gebrauchs,
verloren hat, dessen imponderabileı-.Sinn jedoch erhebliche Verschie-
bungen nach sich zieht. Liegt in ihm «das Gesetz und die Sprache?
Vielleicht noch nicht. ' s
Denn selbst wenn in einer Seescliwalbenkolonie irgendein Obermotz
aufträte, der vor deıı 'geöffneten Schnäbeln der anderen den symbo-
lichen Fisch einfach verschlingen und damit die Ausbeutung der
Sßllwfllbß dU1'C11 die Schwalbebeginnen würde, mit der wir früher
einmal gern unsere Phantasie beflügelten, so genügte das nicht, jene
mythische Geschichte als Bild unserer eigenen hervorzubringen, deren
geflügeltes Epos uns auf der Insel der Pinguine in seinen Bann geschla-
gen hat, und irgend etwas würde fehlen, um ein _'@<geschwälbeltes››
Universum entstehen zu lassen. -
Dieses «Irgend etwas» vollendet das Symbol zur Sprache. Damit das
von seinem Gebrauch befreite symbolische Objekt zu einem vom bie
et nunc befreiten Wort wird, kommt es nicht auf den materiellen,
lautlicheni Unterschied an, sondern auf sein Verschwinden, in dem
erst das Symbol zur Dauer des Begriffs findet,
Durch das Wort, das bereits eine Anwesenheit darstellt, die auf Abwe-
senheit gründet, erhält in einem besonderen Augenblick die Abwe-
senheit selbst einen Namen. Genial hat Freud“ das kindliche Spiel
als immer wiederholtes Neuschaffen dieses Moments begriffen. Aus
der Modulation des Begriffspaars von Anwesenheit und Abwesenheit
.›' - '
4° A.d.Ü.: S. Freud, G. W., Bd. XIII, S. 1 1 ff.

116
0-ı-Zr

das ebenfalls genügt, im Sand dieSpur des einfachen und des gebro-
chenen Zeichens der chinesischen kwa-Mantik zu schreiben, entsteht
das Universum des Sinns einer Sprache, in dem sich das Universum der
Dinge einrichtet. , R s ' `
Durch das, was nur als Spur eines Nichts Gestalt annimmt und dessen
Basis sich Infolgedessen nicht verändern kann, erzeugt der Begriff,
indem er die Dauer (durée) des Vergänglichen bewahrt, die Sache.
Denrf es ist noch nicht genug zu sagen, der Begriff' sei. die Sache
selbst, was jedes Kind, im Widerspruch zur herrschenden Lehrmeinung,
dartun kann. Es ist vielmehr die Welt der Worte, die die Welt der
Dinge schafft- die zuerst im /øic et nunc eines werdenden Ganzen un-
unterscheidbar.sind -, indem sie ihrem Wesen konkretes Sein verleiht
'J
und ihrem Immerseienden überall seinen Platz zuweist: xrí'1μa,ëc
åeí“. I
Der Mensch spricht also, aber er tut es, weil das Symbol ihn zum
Menschen gemacht hat. Selbst wenn in der ,Tat eine Überfülle von
Geschenken den Fremden empfängt, der sich zu erkennen gegeben
hat, unterliegt das Leben der Stammesgruppen, die eine Gemeinschaft
bilden, Verwandtschaftsregeln, die genau bestimmen, wie der Aus-
tausch von Frauen vollzogen werden muß, und wechselseitigen Abga-
bépflichten, die durch die Verwandtschaftsregeln festgelegt sind. Ein
Sprichwort der Sironga lautet: «Ein angeheirateter Verwandter ist
eine Elefantenkeule.››” Der Verwandtschaft ist ein System von Prä-
ferenzen vorgeordnet, das als Gesetz die Verwandtschaftsnamen be-
stimmt. Für die Gruppe ist es, wie die Sprache, in seiner Form ver-
77 pflichtend, aber in seiner Struktununbewußt. In dieser Struktur, deren
Gleichgewicht und deren Engpässe nach der Unterscheidung der Ethno-
logen durch einen generalisierten oder restringierten Austausch geregelt
werden, findet sich zum Erstaunen des Theoretikers ~die gesamte
Logik der Kombinationen. So erweisen sich die Gesetze der Zahl,
das heißt des reinsten Symbols, immanent in einem ursprünglichen
Symbolismus. Im Reichtum der Formen zumindest, in denen sich die
angeblich elementaren Strukturen der Verwandtschaft entwickeln,

4° A.d.Ü.: «Ein dauernder Besitzai Zit. nach: Thucydide, La guerre du Pêloponnèsß


(griech. und frz.), ed. J. de Romilly, Bd. I, Paris (Société d'édition «Les belles
lettres››) 1953, I.:-ıxii. 4, S. 15: «Meine Geschichte wurde gesdırieben als ein dauernder
I
Besitz, nicht als das Sdıaustüdt einer Stunde» -
" A.d.Ü.: Das Sprichwort ist das Motto von Lêvi-Strauss' Budı «Les structures
élémentaires de la parenté››, Paris 1949. _ i
.
. .. Q
117
werden sıe lesbar. Das wiederum veranlaßt uns zu denken, daß viel-
leicht nur unser mangelndes Bewußtsein von ihrer Beständigkeit uns
an die Freiheit der Wahl in den angeblich komplexen Verwandt-
schaftsbeziehungen glauben läßt, unter deren Gesetz wir leben. Wenn
bereits die`Statistik ahnen läßt, daß diese Freiheit nicht rein willkür-
lich ausgeübt wird, heißt das, daß sie von einer subjektiven Logik
in ihren Auswirkungen gesteuert ist, A
Gerade híßlfläßt sich, wie wir meinen, die Auffassung vertreten, daß
der Üdipuskomplex, der nach unserer Erkenntnis mit seiner Bedeutung
(signification) das gesamte Gebiet-derErfahrung durchdringt, die Gren-
zen absteckt, die unsere Disziplin der Subjektivität zuweist; das heißt
also das,_was das Subjekt. von seiner uhbewußten Teilhabe an der
Bewegung kemplexer Venlrandtschaftsstrukturen erkennen kann, in-
dem es an seiner besonderen Existenz die symbolischen Auswirkungen
jener tangential auf den Inzest bezogenen Strebungen verifiziert, die
mit dem Beginn einer universalen Gemeinschaft auftreten.
Nach diesem Grundgesetz überlagert das Reich der Kultur durch die
Regelung von Verwandtschaftsbeziehungeny das der Natur, das dem
GCSEIZ der Paarung unterliegt. Das Inzestverbot ist nur der subjektive
Angelpunkt, der in der 'modernen Tendenz nackt hervortritt, die der
Wahl des Subjekts unfersagten Objekte auf Mutter und Schwester zu
reduzieren, wobei darüber hinaus noch lange nicht alles erlaubt ist.. '
Hinreichend deutlich ist zu erkennen, daß dieses Grundgesetz mit
einersprachlichen Ordnung identisch ist. Denn keine Macht außer
der sprachlichen Benennung von Verwandtschaftsgraden ist imstande,
das System von Präferenzen und Tabus zu institutionalisieren, das
durch Generationen hindurch die Fäden der Abstammung miteinander
verflicht und verknotet. Die Verwischung der Generationsgrenzen
wird denn auch in der Bibel wie in allen traditionalen Gesetzen ebenso
verflucht wie die Entweihung des Wortes (verbe) und die Gottverlas-
senheit des Sünders. L1- ' . i -
Wir wissen, welch verheerende, bis zur Dissoziation der Persönlichkeit
führende Wirkung eine regelwidrige Generationsfolge für das Subjekt
haben kann, wenn soziäler Zwang die Lüge unterstützt. Solche Wir-
kungen werden nicht geringer, wenn ein Mann die Mutter der Frau
heiratet, von der er bereits ein Kind hat, und wenn dieses nun einen
kleinen Bruder seiner Mutter selbst zum Bruder hat. Wenn es aber
dann - und dieser Fall ist nicht frei erfunden - aus Mitleid in
den Haushalt einer Tochter seines Vaters aus einer früheren Ehe aufge-
118
"'\~fiııır"

nommen wird, wird sein Verhältnis zu seiner neugewonnenen Stief-


mutter wiederum das eines Halbbruders sein, und man wird sich die
gebrochenen Gefühle vorstellen können, mit denen er bei dieser Wie-
derholung seiner eigenen Geschichte die Geburt eines Kindes erwartet,
das zugleich sein Bruder und sein Neffe ist.
Ähnliche Wirkungen kann eine einfache Verschiebung in der Geschlech-
terfolge hervorriıfen, die durch ein spät in einer zweiten-Ehe geborenes
Kind entsteht, dessen junge Mutter ebenso alt ist wie ein älterer Bru-
der. Genaü dies war,`wie man weiß, bei 'Freud der Fall.
Dieselbe Funktion symbolischer Identifikation, mit der Primitive mei-
nen, sich die gleichnamigen Ahnen einverleiben zu können, und die
.selbst bei Modernen eine alternierende Wiederkehr von Charakteren
detprminiert, führt bei denen, die solchen Unstimmigkeiten in- ihre_r
Beziehung zum Vater ausgesetzt sind, zu einer Dissoziation des Odi-
puskomplexes, in der man eine ständige Quelle pathogener Wirkungen
sehen-muß. Selbst wenn sie von einer einzigen Person repräsentiert
wird, vereinigen sich in der Vaterfunktion imaginäre und reale Be-
ziehungen, die der symbolischen Beziehung gegenüber, die sie wesent-
lich konstituiert, stets mehr oderweniger unangemessen sind. _
Im Namen des Vaters müssen wir die Grundlage der Symbolfunktion
erkennen; die seit Anbruch der historischen Zeit seine Person mit der
Figur des Gesetzes identifiziert. Diese Auffassung erlaubt es uns, in
der Analyse eines Falles deutlich die unbewußten Wirkungen dieser
Funktion von den narzißtischen undivor allem von den realen Be-
ziehungen zu unterscheiden, die das Subjekt zu dem Bild und dem
Handeln dei' Person unterhält, die diese_Symbolfunktion verkörpert,
und es folgt daraus eine Art des Verstehens, die sich bis in das
Verhalten des Therapeuten während seiner analytischen Eingriffe be-
merkbar macht. In der Praxis hat sich diese Methode sowohl bei
uns selbst wie bei unseren Schülern als fruchtbar erwiesen, und in
.Kontrollanalysen sowie bei mitgeteilten Fällen hatten wir oft Ge-
legenheit, auf die schädlichen Konfusionen hinzuweisen, die ihre Un-
kenntnis zur Folge hat. _ .
Darum setzt die Tugend des Wortes (verbe) die Bewegung der Großen
Schuld fort, deren Ökonomie Rabelais“ in einer berühmten Metapher
bis an die Sterne ausweitet. Es ist kaum überraschend, daß das Kapitel,
43 A.d.Ü.: Rabelais, Le tiers livre des faicts et dicts héroiques du bon Pan_tagruel,`in:
Oeuvres complètes, ed. J.Boulenger und L. Sdıeler, o. O. ([Paris] Gallimard, Pléiade)
1955, Kap. III und IV, S.'338 ff. sowie: Quart livre, Kap. IX, a. a.O., S.._;6ı ff. _
- ' 119
1 "".

ıı
iii?

in dem er durch makkaronische Verschlingungen von Verwandtschafts- 279


nameıı ethnographisdıeEntdeckungen vorwegnimmt, uns zeigt, wie
er die Substanz des menschlichen Mysteriums erahnt, das wir hier
aufzuhellen suchen. ,
Indem sie gleichgesetzt wird mit dem heiligen han oder dem allgegen-
wärtigefı Mana ist die unverbrüchliche Schuld Garantie dafür, daß
die Reise, auf die Frauen und Güter geschickt werden, in einem unun-
terbrochenen Kreislauf andere Frauen und Güter als Träger der glei-
dien Identität an ihren Ausgangspunkt zurückbring_t. Lévi-Strauss
nennt diese Identität das Symbol Null und reduziert damit die Macht
des Wortes (parole) auf die Form eines algebraisdıen Zeichens“. _
Synıbole hüllen das Leben des Menschen so vollständig ein in ihr
Netz, daß sie, nodı bevor er auf die Welt kommt, diejenigen zusam-
menführen, die ihn «aus Knochen und aus Fleisch››5° zeugen; daß
sie ihm bei seiner Geburt als Geschenk der Sterne oder gar°der Feen
das Zeichen seines Schicksals übergebeni daß sie ihm die Wörter (mots)
zur Verfügung stellen, die ihn treu oder abtrünnig werden lassen,
sowie das Gesetz des Handelns, das ihm auch dorthin folgen wird,
wo er`noch nicht ist, ja sogar über seinen Tod hinaus; daß endlich
durch sie sein Ende in einem Jüngsten Gericht seinen Sinn findet, \

in dem das Wort (verbe) ihn als Seiendes erlöst oder verdammt -
außer wenn er die subjektive Verwirklichung des Seins zum Tode er-
reicht“. L ' 'i _
In' Knechtschaft und Größe würde alles Lebendige sich zugrunde
richten, wenn nicht das Begehren sein Teil bewahrte in den Inter-
ferenzen und Schlägen, die die Zyklen der Sprache auf es zulaufen las-
sen, S0b2lld die Spffidlvßfwirrung eingreift und sobald in der Zerrissen-
heit eines universalen Werks die Ordnungsvorstellungen sichiwiderspre-
chen. `
Aber dieses Begehren selbst fordert, um im Menschen befriedigt zu
werden, Anerkennung irr__ı Symbol. oder im Imaginären durch eine Über-
einstimmung im Sprechen oder durch einen Kampf um Prestige. ~
h

4° A.d.Ü.: Vgl. C. Levi-Strauss «Introduction à l'oeuvre de Marcel-Mauss›, in: M.


Mauss, Sociologie et authropologie, Paris (PUF) 1950. Dor; wird der Begriff des
Mana verglichen mit dem Nullphonem, das R. Jakobson in die Phonologie einge-
führt hat. _ _
5° A.d.Ü.: Anspielung auf eine binäre Opposition, die Lévi-Strauss in den «Struc-
tures élémentaires de la parenté››, Paris 1949, darstellt.
51 A.d.Ü.: Vgl. Heidegger «Seirbund Zcit››, a. a. O., S. 2 35 ff. i

IZO
¬~..,____„-

Was bei einer Psychoanalyse auf dem Spiel steht, ist, daß im Subjekt
das bißchen Realität heraufkommt, über das dieses Begehren verfügt,
um symbolische Konflikte und imaginäre Fixierungen in Übereinstim-
mung zu bringen. Und unser Vorgehen ist die intersubjektive Erfah-
rung, in der dieses Begehren sich zu erkennen gibt.
Infolgedessen,ist, wie man sieht, das Problem eines .der Beziehungen
des Sprechens und der Sprache im Subjekt. , _
In diesen Beziehungen stellen sich auf unserem Gebiet drei Paradoxa
dar. 'I i _ '
Im Wahnsinn welcher Art auch immer müssen wir einerseits die ne-
gative Freiheit eines Sprechens erkennen, das darauf verzichtet hat,
sich erkennen zu lassen, also das, was wir ein Übertragungshinderı_1is
nennen, und andeierseits die Ausbildung eines einzigartigen Wahns,
der - sei er nun fabelhaft, phantastisch oder kosmologisch, deutend,
fordernd oder idealistisch-~ das Subjekt in einer Sprache ohne Dialek-
tik objektiviertsz. _ f '
Sprachlosigkeitfabsence de la parole) manifestiert sidi hier in den
stereotypen Formeln eines Diskurses, in denen das Subjekt sozusagen
eher gesprochen wird alscspricht. Wir finden hier Symboledes Unbe-
wußten' in den versteinerten Formen, die neben den mumifizierten
Formen,šin denen Mythen in unseren Anthologien erscheinen, ihren
Platz in einer Naturgeschichte» dieser Symbole einnehmen. Doch ist
es falsch zu sagen, das Subjekt übernehme diese Symbole: denn der
Widerstand dagegen, sie zu erkennen, ist, wenn das Subjekt beim
Versuch einer Kur dazu 'angeleitet 'wird, hier nicht geringer als bei
den Neurosen. W -' `
Es wäre, beiläufig gesagt, lohnend, im sozialen Raum die Orte zu ermit-
teln, die die Kultur diesen Subjekten speziell im Hinblick auf. ihre
Verwendung bei der Erfüllung sozialer Leistungen zugewiesen hat,
die mit der Sprache zusammenhängen; denn es ist. nicht unwahrschein-
lich, daßsidı hier einer der Faktorenzeigt, die diese Subjekte durch
die Brechungen als Produkt symbolischer Diskordanzen zeichnen, wie
sie für kompleıie Strukturen der Zivilisation charakteristisch sind. s

5* Ein Aphorismus Lidıtenbergs lautet: «Eini Narr, der sich einbildet, ein Fürst zu
sein, ist von dem Fürsten der es in der Tatiist, durch nichts unterschieden, als daß
jener ein negativer Fürst, und dieser ein negativer Narr ist-, ohne Zeidien betrachtet
sind sie gleich.› A.d.Ü.: G. C. Liditenbcrg, Aphorismen, ed. A. Leitzmann, r. Heft:
1764-1771, Berlin (Behr) 1902, A 108, S. 31 (= Deutsche Litteraturdenkmale, ed.A.
Sauer, No. 12.3, F. 3, Nr. 3). - _ ~
_ C

. rar
Das zweite Paradox stellt das besondere Gebiet dar, das die Psycho-
analyse entdeckt hat, nämlich das Symptom, die Hemmung und Angst
in der Ökonomie, die die verschiedenen Neurosen konstituiert.
Das Sprechen ist hier aus dem konkreten Diskurs, der das Bewußtsein
ordnet, verjagt, aber es findet Halt und Unterstützung entweder in
den natürlichen Funktionen des Subjekts, sofern nur irgendeine organi-
sche Disproportion die Kluft zwischen dessen individuellem Sein und
seinem Selbst aufreißt, die aus der Krankheit eine 'Einführung des
Lebendigen in die Existenz des Subjekts macht“, -- oder aber in
den Bildern, die an der Grenze der. fnnenfwelt zur Umwelt“. ihre
beziehungsreiche Strukturierung entfalten. A
Das Symptom ist hier Signifikant eines aus dem Bewußtsein des Sub-
jekts verdrängten Signifikats. In den Sand des Fleisches u_nd auf den
Schleier der Maja geschrieben, hat ee als Symbol teil an der Sprache 2
aufgrund der semantischen Ambiguität in seiner Konstitution, auf
die wir bereits hingewiesen haben. . A _ r . J i
Aber es ist Sprechen im vollen Sinn, denn es umfaßt im Geheimnis
seiner Chiffrierung den Diskurs des anderen. -
Durch Dechiffrierung dieses Sprechens hat Freud die ursprüngliche
Sprache der Symbole” wiederentdeckt, die noch lebendig ist in den
Leiden der Zivilisierten (Das Unbehagen in der Kultur). --
Die Hieroglyphen der Hysterie, die Wappen der Phobie, die Labyrin-
the der Zwangsneurose - der Zauber der Impotenz, das Rätsel der
Hemmung, die Orakel der Angst --,' die redenden Waffen (armes)
des Charakters“, das Siegel der Selbstbestrafung, die_Verkleidungen
der Perversion -, das sind die Hermetismen, die unsere E_xegese auf-
löst, die Zweideutigkeiten, die unsere Fürbitte ablöst, die-Ränke und
Schliche endlich, die unsere Dialektik durch eine Rettung des in ihnen
gefangenen Sinns erlöst, die von der Aufdeckung. eines Palimpsests

53 Um eine unmittelbare subjektive Bestätigung dieser Bemerkung Hegels zu erhal-


ten, genügt es, während der jüngsten Epidemie einen blinden Hasen mitten auf der
Landstraße sitzen gesehen zu haben, der der untergehenden.Sonne die Leere seines
Blick gewordenen Gesichts zuwandte. Er war bis zum Tragisdıen menschlich. A.d.Ü.:
Vgl. G. W. F. Hegel, System der Philosophie. Zweiter Teil; Die Naturphilosophie,
Jubiläumsausgabe, ed. Glod-cner, Bd. IX, Stgt. (Frommann) 1958, S. 697. I
§4 A.d.Ü.: Deutsch im Original. .
55 Die vorausgehenden und die folgenden Zeilen zeigen unsere Auffassung dieses Be-
griffs. ./' i
5° Der Irrtum Reichs war es - wir werden darauf zurückkommen --, daß er ein
Wappen (armoirie) für einen Panzer (armure) hielt.

122. '
¬¬`-._/

über die Verkündung eines Mysteriennamens bis zur Vergebung durch


das Wort reicht. 5
Das dritte Paradox im Verhältnis der Sprache zum Sprechen ist das
des Subjekts, das in den Objektivationen des Diskurses seinen rich-
tungweisenden Sinn verliert. Wie immer metaphysisch die Definition
dieses Paradoxes auch erscheinen mag, es kann nichtübersehen werden,
daß es zuvörderst in unserer Erfahrung vorhanden ist. Denn hier
liegt die tiefste Entfremdung des Subjekts der wissenschaftlichen Zivili-
sation, und auf eben diese Entfremdung stoßen wir zuerst, wenn
uns das Subjekt von sich zu sprechen beginnt. Darum müßte eine
Analyse, um sie vollkommen aufzulösen, bis an die Grenze der Weis-
heit geführt werden. . W ' „ ,
Um das exemplarisch zu formulieren, wüßten wir kein angemesseneres
Gebiet anzugeben als das der Umgangssprache und darauf zu verwei-
sen, daß das «ce suis.-je» der Zeit Villons sich verkehrt hat in das
«c'est moi›› des modernen Menschen.“ L '
Das Ich (moi) des modernen Menschen_hat, wie wir anderswo darge-
legthaben, in der schönen Seele als einer dialektischen Sackgasse seine
Form angenommen. Die schöne Seele erkennt nicht ihre eigene raison
dfêtre in der Unordnung, die sie der Welt vorhält. _
Doch dem Subjekt bietetsich ein Ausweg aus dieser Sackgasse, in
der sein Diskurs deliriert. Kommunikation kann sich ihm verläßlich
herstellen in dem gemeinsamen Werk der Wissenschaft und mit der
Anwendung, die sie-in einer universalen Zivilisation erfordert; solche
Kommunikation findet tatsächlich im Innern der ungeheuren, durch
diese Wissenschaft konstituierten Objektivation statt und sie erlaubt
ihm, seine Subjektivität zu vergessen. Es kann in seiner täglichen
Arbeit effektiv an dem gemeinsamen Werk mitarbeiten und seine Frei-
zeit vom Kriminalroman bis zur Memoirenliteratur, von Pädagogik-
vorträgen bis zur Orthopädie von Gruppenbeziehungen mit allen An-
nehmlichkeiten einer überwuchernden Kultur ausstaffieren, die ihm
Stoff bietet, seine Existenz und seinen Tod zu vergessen und zugleidı
in falscher Kommunikation den besonderen Sinn seines: Lebens zu
verkennen. ' L _ _ .
Wenn das Subjekt in einer Regression, die oft bis zum Spiegelstadium
zurückführt, nicht die Umgrenzung eines Stadions wiederfände, in
dem sein Ich (moi) seine imaginären Heldentaten bewahrt, wären
schwerlich Grenzen der Leichtgläubigkeit angebbar,-»der es in dieser
Lage verfallen muß. Und eben das macht unsere Verantwortung so
' 123

\I
--...-.--

furchtbar, wenn wir ihm mit den mi)/thischen Manipulationen unserer


Lehre eine zusätzliche Gelegenheit bieten, sich in der auseinandergefal-
teten Trinität von ego, superego und id zu entfremden.
Es erhebt sich hier eine Sprachmauer, die dem Sprechen trotzt, und
die Vorsichtsmaßregeln gegen das Gerede, mit denen sich der Diskurs
des «Normalmenschen›› unserer_Kultur beschäftigt, machen sie nur noch
undurchdringlicher. A i . -
Es wäre gewiß nicht müßig, diese Undurchdringlichkeit an den stati-
stisch erhobenen Summen von Kilogramm bedruckten Papiers, von Kilo-
metern Schallplattenrillen und von Radiosendezeit zu messen, die diese
Kultur pro Kopf ihrer Einwohner in den Zonen A, B und C ihres
Geltungsbereichs produziert. Das wäre mal ein hübsches Forschungs-
objekt für unsere kulturellen Körpersclıaften. Man könnte 'sich klar-
machen, daß sich die Frage der Sprache nicht beschränken läßt auf
das Gebiet der Windungen, in denen sich ihr Gebrauch im Indivi-
duumreflektiert. ' 5 of r
We are the hollow men
We are the stufied men- '
Leaning together ' .v
Headpiece filled with stmw. Alas! _
und so fort“. -
Die Ähnlichkeit dieser Situation mit der Entfremdung des Wahnsinns
23
freilich entsteht, sofern die oben gewonnene Formel gültig ist, daß
nämlich im Wahnsinn das Subjekt gesprochen wird und nicht selber
spricht, aus dem seitens der-Psychoanalyse unterstellten Ansprudı,
es gebe ein wahres Sprechen (parole vraie). Wenn diese Folgerung,
die die konstitutiven Paradoxien unseres gegenwärtigen Vorhabens
zum äußersten treibt, gegen den gesunden Menschenverstand der psy-
choanalytischen Sichtweise gewandt werden sollte, 'würden wir diesen
Einwand unbedingt für erheblich halten und uns doch zugleich durch
ihnbeštätigt finden. Und zwar, ohne um berufene Eideshelfer ver-
legen zu sein, durch einen dialektischen Rückgriff zunächst auf Hegels
Ablehnung der Schädellehre” und dann auf Pascals Warnung, die

V A.d.Ü.: Beginn des Gedidıts «The hollow Men» von T. S. Eliot. In der Über-
setzung von H. M. Enzensberger: «Wir sind die hohlen Männer /die Ausgestopften l
aufeinandergestützt / Stroh im Schädel. Ach . . .›› zit. nach: Museum der modernen
Poesie, Frankfurt (Suhrkampjfi 1963, S. 315 ff. -
“B A.d.Ü.: G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, ed. Hoffmeister, Hamburg,
(Meiner)° 1952, S. 237ff. .

124
__,-f

vom Anbruch der historischen Epoche des Ich- (moi) mit folgenden
Worten zurückklingt: «Die Menschen sind so notwendig verrückt, daß
es nur Verrücktheit anderer Art wäre, nicht verrückt zu sein.››5°
Das soll indes nicht heißen, unsere Kultur verlaufe in der Finsternis
außerhalb schöpferischer Subjektivität; Diese hat im Gegenteil nicht
aufgehört, für eine Erneuerung deriunerschöpften Macht der Symbole
im menschlichen Austausch zu kämpfen, in dem sie zutage treten. 5
Auf die geringe Zahl derer zu verweisen, die diese Schöpfungen tragen,
hieße, eine romantische Ansicht zu übernehmen und Ungleichwertiges
miteinander zu vergleichen. Tatsache ist, daß diese Subjektivität, .auf
"welchem Gebiet immer sie erscheinen mag - als mathematische, poli-
tische, religiöse, selbst als in der Werbung tätige ~, unausgesetzt
die_ gesamte Bewegung der Menschheit unterhält. Und ein weiterer,
zweifellos nicht weniger illusorischerBlick ließe uns etwas Gegenteiliges
akzentuierenf daß nämlich der symbolische Charakter dieser Subjek-
tivität nie zuvor deutlicher zutage getreten ist. Die Ironie_von_Revolu-
tionen ist es, eine in ihrer Ausübung um so unumschränktere Herrschaft
hervorzubringen, nicht, wie man sagt, je anonymer diese ist, sondern
je mehr sie auf die Wörter (mots) beschränkt wird, die sie bezeichnen.
Und mehr denn je steckt andererseits die Macht der Kirchen in der
Sprache, die sie zu bewahren gewußt haben.. Es ist dies eine Instanz,
die - wie man sagen muß - Freud in dem Artikel im Dunklen
belassen hat, in dem er darstellt, was wir als die kollektiven Subjekti-
vitäten von Kirche und Heer bezeichnen würden“. _
Die Psychoanalyse hat in der Ausrichtung der modernen Subjektivität
eine Rolle gespieltund sie kann diese Rolle nicht aufrechterhalten, ohne
sie der Bewegung der Wissenschaft einzuordnen, die diese Rolle erläu-
tert. Hier stellt sich nun die Frage nach den Grundsätzen, die unserer
Disziplin ihren Platz unter den Wissenschaften sichern sollen: eine
Frage der Formalisierung, die bisher wahrlich recht schlecht in Angriff
genommen worden ist.. _ L
Von der Verquertheit jener Medizin erneut befallen, gegen. die sie
sidı hat durchsetzen müssen, scheint die Psychoanalyse wie die Medi-
zin mit der Verspätung eines halben Jahrhunderts hinter der Entwick-
lung der Wissenschaften her zu sein und wieder Anschluß an sie gewin-
nen zu wollen. _ “
5° A.d.Ü.: B. Pascal, Pensêes, in: Oeuvres complètes, ed. J. Chevalier, o. O. ([Paris]
Gallimard, Pléiade)' 1954, S. 1 134, Nr. 184. .
°° A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. XIII, S. `1o1 ff. "
* _. 1:15
In einer abstrakten objektivierenden Formulierung unserer Erfahrung
nach fiktiven, ja sogar simulierten Prinzipiender experimentellen Me-
thode finden wir die Wirkung von Vorurteilen, von denen unser Gebiet
zunächst„gereinigt sein müßte, wenn wir es gemäß seiner eigenen
Struktur bestellen wollen.
Bei uns als Praktikern der Symbolfunktion ist es erstaunlich, daß wir
uns davon abwenden,_sie genauer zu ergründen, ja daß wir sogar ver-
kennen, daß sie es ist, die uns ins Zentrum einer Bewegung versetzt,
die eine neue Ordnung der Wissenschaften mit einer erneuten Infrage-
stellung der Anthropologie hervorbringt. ' '_
Diese neue Ordnung bedeutet nichts anderes als eine Rückkehr zum
Begriff der wahrhaftigen Wissenschaft, deren Anspruch bereits vor-
liegt in einer Tradition, die mit Platos T/aeaitetos beginnt.. Dieser
Begriff wurde, wie man weiß, in seinei* positivistisclıeni Umkehrung
entwertet, die zwar die Humanwissenschaften als Krönung des Bau-
werks der experimentellen Wissenschaften bezeichnet, sie ihnen aber
in Wirklichkeit unterordnet. Er entsteht aus einer falschen Auffassung
der Wissenschaftsgeschichte, die sich auf den Vorrang der spezialisier-
ten Entwicklung experimenteller Verfahien gründet. _
Doch da heute die mit' Konjekturen arbeitenden, sinnverstehenden
Wissenschaften den Begriff einer seit jeher gültigen Wissenschaft wie-
dergewinnen, zwingen sie uns, die Klassifikation der Wissenschaften,
die wir vom 19. Jahrhundert übernommen haben, in einer Richtung
zu revidieren, die uns hellsichtige Köpfe weisen.
Man muß, um dessen gewahr zuwerden, nur die konkrete Entwicklung
der verschiedensten Disziplinen verfolgen. ` _
Die Linguistik kann uns hier zur Orientierung dienen; denn eben das
ist auch die Rolle, die sie an der Spitze der zeitgenössischen Anthropolo-
gie spielt und der gegenüber wir nicht gleichgültig bleiben' können.
Die mathematisierte Form, in derisich die Entdeckung des Phonems
darstellt als Funktion von Oppositionspaaren, die gebildet sind durch
die kleinsten unterscheidbaren und unterscheidenden Elemente der
Semantik, führt uns auf die` Grundlagen, mit denen Freuds späte Lehre
in einer vokalischen Konnotation von Anwesenheit und Abwesenheit
die subjektiven Ursprünge der Funktion des Symbols beschreibt.
Die Reduktion jeder Sprache auf eine sehr kleine Anzahl dieser pho-
nologischen Oppositionen, die eine ebenso strenge Formalisierung auch
der entlegensten Morphemefnach sich zieht, läßt uns einen genauen
Zugang zu unserem Gebiet finden.
126
Es bleibt uns überlassen, uns dieser Auffassung anzuschließen und den
Niederschlag der Sprachstruktur in der Psychoanalyse zu entdecken,
wie es parallel zur Linguistik die Ethnographie bereits tut, wenn
sie Mythen nach einer Synchronie von Mythemen dechiffriert.
Ist es nicht unmittelbar evident, daß Lévi~Strauss mit dem Hinweis
auf das Implikationsverhältnisi von `Sprachstrukturen und dem Teil
der soziälen Gesetze, der Verwandtschaft und Verscbwägerung regelt,
bereits gerade das Terrain erobert, auf dem Freud das Unbewußte
ansiedeltóı? W ` 1 s V
Von daher erscheint es zwingend, eine allgemeine Theorie des Symbols
zur Achse einer neiuen Klassifikation der Wissenschaften zu machen,
bei der die Humanwissenschaften als Wissenschaften von der Subjek-
tivität wieder ihre zentrale Stellung einnehmen. Lassen Sie mich
das Grundprinzip dieser Theorie kurz skizzieren, das weiterer Ausar-
beitung bedarf. . ,
Die Funktion des Symbols stellt sich als eine doppelte Bewegung im
Subjekt dar: Der Mensch macht seine Handlung zum Objekt, doch
geschieht dies nur, um ihr rechtzeitig ihre grundlegende Rolle wieder-
zugeben. In dieser Doppelsinnigkeit, die in, jedem Augenblick wirksam
ist, ruht aller Fortschritt einer Funktion, in der Handeln und Erkennen
einanderabwechselnóz. ` . `
Dafür zwei Beispiele, das eine von der Schulbank, das andere mitten
aus dem heutigen Leben. ' i
Das erste ist mathematisch. Jemand objektiviert in einer ersten Pha-
se zwei Mengen, die er gezählt hat, in zwei Kardinalzahlen; in einer
zweiten Phase führt er mit ihnen eine Addition durch. (Vgl. das Bei-
spiel, das Kant in der 2. Aufl. der Einleitung zur Kritik der reinen Ver-
mmft bringtfiza.) g - _
Das zweite ist historisch. Jemand, der in unserer Gesellschaft in der
Produktion tätig ist, stuft sich in einer ersten Phase als Proletarier
ein; in einer zweiten Phase' beteiligt er sich aufgrund dieser Zugehörig-
keit zum Proletariat an einem Geneiralstreik. _ _«
6 Wenn nach unserem Eindruck diese beiden Beispiele aus den entgegen-

gesetztesten Bereichen innerhalb des Konkreten stammen - dem_ eines

°1 -Vgl. C. Lévi-Strauss «Language and the Analysis of Social Laws» in:`American


Anthropologist, 53 (1951), S. 15;-163; A.d.Ü.: Deutsch in:_ Strukturale Anthropo-
logie, Frankfurt (Suhrkamp) 1969, S. 68 ff.. e . I
°2 Die letzten vier Absätze wurden 1966 überarbeitct._
“'21 A.d.Ü.: B ı6f. -
V _, I27
_.._-qı=μ.ı

immer müßigeren Spiels mathematischer Gesetze und dem der ehernen


Front kapitalistischer Ausbeutung -, so geschieht das gerade deshalb,
weil ihre Auswirkungen, die uns weit voneinander .ihren Ursprung
zu haben scheinen, unsere Subsistenz dergestalt ermöglichen, daß sie
sich im Konkreten in einer doppelten Umkehrung kreuzen: Die subjek-
tivste der Wissenschaften hat eine neue Realität geprägt, und die
Schattenseite imsozialen Yerteilungsprozeß bewaffnet sich mit einem
handlungsmächtigen Symbol. ' S _ , ef
Hier seheint der Gegensatz zwischen den exakten Wissenschaften und
denen niclıt mehr zulässig, bei „denen es keinen Grund gibt, sie nicht
«Konjekturalwissenschaften›› zu n'ennen; denn dieser Gegensatz ent-
behrt jeder Grundlage“. Ä
Exaktlıeit nämlich unterscheidet sich von der Wahrheit, und Konjek-
turen schließen Genauigkeit nichıi aus. Selbst wenn eine experimentell
verfahrendeWissensd1aft ihre Exaktheit von derMathematik herleitet,
bleibt ihre Beziehung zur Natur darum nicht minder problematisch.
Wenn uns unsere Verbindung mit der Natur in der Tat veranlaßt,
uns poetisch zu fragen, ob wir nicht ihre eigene Bewegung in unserer
Wissenschaft wiederfinden, in . .f. dieser Stimme, L'
Die sich in ihrem Gesang nicht mehr f
Als irgend jemandes Stimme erkennt,
Sondern als die der Wellen und Wälder“, ' '
so ist klar, daß ,unsere physische Natur bloß eine Hervorbringung des
Geistes ist, deren Instrument das mathematische Symbol darstellt.
Denn experimentelle Wissenschaft ist nicht sowohl durch die Quantität
zu definieren, auf die sie sich in der Tat bezieht, als vielmehr durch
die Messung, die sie in das Reale einführt. -
Man kann das an der Messung der Zeit sehen, ohne die eine experimen-›
telle Naturwissenschaft nicht möglidı wäre. _I-Iuygens Uhr, die allein
ihr die präzise 'Genauigkeit gibt, ist nur das Verifikationsorgan der
Hypothese Galileis über die gleiche Schwerkraft von,Körpern, das
heißt über die gleichmäßige Beschleunigung, die als Gesetz in jedem ein-
zelnen freien Fall identisch bleibt. . ~ A '
Kurios ist der Hinweis darauf, daß die Konstruktion der Uhr voll-

" Die beiden letzten Absätze wurden überarbeitet (1966).


°* A.d.Ü.: Das französische Original lautet: «...cette...voix I qui se eonnait quand
elle sonne / n'être plus la voix de personne I tant que des ondes et des bois.›› Es
handelt sich um Xlalérys Gedicht «La Pythie››, in: Oeuvres, ed. J. Hytier, 0.0.
([Paris], Gallimard,”Pléiade) 1957, Bd. I, S. 130 ff. '
128 ~
-ııı.-~† - -

endet wurde, bevor diese Hypothese durch experimentelle Beobach-


tung verifiziert werden konnte, und daß Huygens Uhr aufgrund dieser
Tatsache Galileis Hypothese zugleich überflüssig machte und ihr das
Instrument ihrer exakten Geltung verschafftös.
Doch die Mathematik kann auch eine andereZeit symbolisieren, näm-
lich dieiintersubjektive Zeit, die menschliches i~Handeln strukturiert.
Deren Formeln beginnt uns die Spieltheorie zu liefern,pdie man auch
Sfrategie nennt, obwohl sie besser Stocbastik genannt werden sollte.
Der Autor dieser Zeilen hat in der Logik eines Sophismas die Trieb-
feder der Zeit zu demonstrieren versuclıt, durch die ,menschliches Han-
deln, soweit es sich nach dem Handeln des anderen richtet, im Skandie-
ren seines Zögerns die Entstehung von Gewißheit findet. In der Ent-
scheidung, zu der die Gewißheit führt, gibt dieses Handeln der Sank-
tionierung des Vergangenen seinen riditungsweisenden Sinn in die Zu-
kunft. ' '
In' jenem Artikel wird gezeigt, daß auf Seiten des Subjekts die anti-
zipierte Gewißheit in der Zeit des Verstebens aufgrund der Hast,
mit der sie den Augenblick des Sc/aließens überstürzt, im anderen
die Entscheidung bestimmt, die die eigene Bewegung des Subjekts zu
,Irrtum oder Wahrheit macht. i s
An diesem Beispiel wird deutlich, wie mathematische Formalisierung,
die die Logik von Boole und sogar die Mengenlehre inspiriert hat,
der Wissenschaft vom menschlichen Handeln jene Struktur der inter-
subjektiven Zeit_vermitteln__kann, die die psychoanalytische Konjektur
bra'ucht, um sich der Strenge ihrer wissenschaftlichen Geltung zu verge-
wıssern.
Wenn andererseits die Geschichte von Techniken der'Geschichtsschrei-
bung zeigt, daß deren Fortschritt sich definiert durch das Ideal einer
Identifizierung der Subjektivität des Historikers mit der grundlegen-
den Subjektivität der primären Historisierung, in der ein Ereignis als
menschliches auftritt, so ist klar, daß genau darin die Psychoanalyse
ihren Gegenstandsbereich findet: nämlich in einer Erkenntnis, die die-
ses Ideal realisiert, und in einer Wirksamkeit, durch die sie ihre Recht-
fertigung gewinnt. Das Beispiel der Geschichte löst zudem wie ein
Trugbild den Rückgriff auf die erlebte Reaktion auf, der zwanghaft

'5 Zur Hypothese Galileis und zu Huygens Uhr vgl.: A. Koyré «An Experiment in
Measurement» in: Proceedings of the American Philosophie-.ıl Society, Bd. 97 (April
1953). Die beiden letzten Absätze wurden überarbeitet (1966). „
. 129
«---~------ -

unsere Technik und unsere Theorie beherrscht; denn die fundamentale


Geschichtlichkeit des Ereignisses, das wir in Erinnerung behalten, ge-
nügnum die Möglichkeit einer subjektiven Wiederholung der Ve,-gan-
genheit in der Gegenwart sich vorzustellen.
Darüber hinaus läßt uns dieses Beispiel begreifen, wie die psychoana-
lytische Regression jene progressive Dimension der Geschichte des
Subjekts impliziert, deren Fehlen Freud an Jungs Begriff der new
rotischen Regression hervorhebt. Wir .verstehen, wie die Erfahrung
selbst diese :Progression erneuert, indem sie ihre Ablösung gewährlei..
SCCI.
Die Bezugnahme auf die Linguistik schließlich wird uns in eine Me-
thode einführen, die uns aufgrund der Unterscheidung synchronischer
und diachronischer Strukturen in der Sprache den unterschiedlichen
Wert besser zu verstehen erlaubt, den unsere Sprache bei der 1me,._
pretation der Widerstände und der Übertragung besitzt, und die es
uns ferner erlaubt, die eigentümlichen Wirkungen der Verdrängung
und die Struktur des indivilluellen Mythos in einer Zwangsneurose
differenziert zu beurteilen. _ -
Man kennt die Liste der Disziplinen, did Freud als Nnçl-1b;n-n;i5Sen_
schaften der Psychoanalyse auf einer idealen psychoanalytischen
Hochschule für notwendig gehalten hat. Auf ihr findet man neben
der Psychiatrie und der Kunde vom Sexuialleben, <<Kn1;urge5chiChte
Mythologie, Religionspsychologie und Literaturwissenschaft»66, i
Die Gesamtheit dieser Gebiete, die den'Ablauf einer Unterweisung
in der Technik der Analyse bestimmen, liegt normalerweise in dem von
uns beschriebenen epistemologischen Dreieck, das mit seiner Methode
für die differenzierte Ausbildung in Theorie und Technik der PsyCh0_
analyse verbindlich sein sollte. .
Wir würden von uns aus gern noch die folgenden Gebiete hinzufügen:
die Rhetorik, die Dialektik, und zwar in dem teclmigçhen Sinn den
dieser Begriff in der Topik des .Aristoteles besitzt, die Grammatik
und -› als den Gipfel einer Ästhetik der Sprache - diesPoetik, die die
vernachlässigte Technik des Witzes mitenthalten sollte. i
Wenn diese Fächer gewissen Leuten etwas altmodisch erscheinen soll-
ten, nehmen wir diesen Vorwurf auf uns, weil es sich bei ihnen nm
eine Rückkehr zu den Urspriingen unserer Disziplin handelt.
Denn in ilirer frühen Entwicklung hatte die Psychoanalyse, die gebun-
1.

“ A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. XIV, S. 281.

r 30 .~

r'
den ist an die Entdeckung und Untersuchung von Symbolen, teil an
der Struktur dessen, was das Mittelalter unter dem Namen der «artes
liberales›› kannte. Da sie wie diese keine wirkliche Formalisierung
besaß, organisierte sie sich wie die «artes liberales›› um ein Corpus
vorrangiger Probleme, von denen jedes durch ein irgendwie recht be-
glücktes Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Maß bestimmt
wurde. Dieser Eigenart verdankt die Psychoanalyse einen gewissen
Charme und eine Menschlichkeit, die in unseren' A`ugen den zuweilen
etwas erheiternden (récréatif) Aspekt ihrer Darstellung jener Probleme
aufwiegen. Aber wir sollten diesen Aspekt in der frühen Entwicklung
der Psychoanalyse nicht geringschätzig abtun; er drückt in der Tat
nichts Geringeres aus als eine Erfrischung (rêcréation) des menschlichen
Geistes in/einer Dürrezeit des Szientismus.
Verachten sollten wir diesen Aspekt um so weniger, als die Psychoana-
lyse ihr Niveau nicht gehoben hat, indem sie sich auf den falschen
Weg einer Theoretisierung begab, die ihrer dialektischen Struktur zu-
widerläuft. i ' ~ '
Die Psychoanalyse wird ihre Theorie und Technik wissenschaftlich
nur begründen können, indem sie die wesentlichen Dimensionen ihres
Erfahrungsbereichs adäquat formalisiert. Das sind neben der hi-
storischen Theorie des Symbols, die intersubjektive Logik sowie die
Zeitlichkeit des Subjekts. _ -
ı ' _
1'

` .

III. Die Resonanz der Interpretation und die Zeit


des Subjekts in der psychoanalytischen -Technik
Entre Phomme et l'amonr, i
Il y a la femme.
Entre Plaomme et la femme, -
Il y a im monde. -
Entre Pbomme et le monde,
Il y ct un mar“. _
(Antoine'Tndal, Paris en l'cm zooo).

°" A.d.Ü.: «Zwischen dem Mann und der Liebe / steht die Frau. Zwischen dem Mann
und der Frau / liegt eine Welt. Zwisdıen dem Mann und der Welt / steht eine
Mauern» . ` '
13.1

„I
Nam Sibyllnm qnidem Cıimis ego ipse ocnlis meis 'vidi in
ampnlla pendere, et cum illi pneri dicerent: Zißiólla rt Oš/lets'
respondelmt illa: ånoßaveív Oš/lw (Satyricqn, XLVIII)*”.
, _

Führt man die psychoanalytische Erfahrung auf das Sprechen und


die Sprache `als ihre Grundlagen zurück, so betrifft das zugleich ihre
Technik. Wenn die psychoanalytische Erfahrung auch noch nicht ins
Unaussprechliche abgeglitten ist, so läßt sich doch eine Tendenz dazu
entdecken, die analytische Interpretation entlang einerEinbahnstraße
mehr und mehr von ihrem Prinzip zu entfernen. Der Verdacht ist
daher begründet, daß die Abweichung in der Praxis die neuen Ziele
motiviert, denen sich die Theorie öffnet. ~ _ S 9
Bei näherem Zusehen stellt man fest, daß diei Probleme der Symbolin-
terpretation angefangen hablen, unsere kleine Welt einzuschüchtern,
bevor sie ihr lästig wurden. Die Erfolge_Freuds rufen heute wegen
der Ungeniertheit der Indoktrination, aus der sie hervorzugehen schei- 29
nen, Erstaunen hervor, und die Art, wie diese Indoktrination sich
in den Fällen der Dora, des Rattenmannes und des ,Wolfsmannes
zur Schau stellt, hat für uns etwas Skandalöses. Da zögern nun aller-
dings unsere Schlaumeier nicht, daran zu zweifeln, ob dieses Vorgehen
die richtige Technik gewesen sei. '
Diese erkaltende Liebe zu Freud innerhalb der psychoanalytischen
Bewegung rührt her von einer Sprachverwirrung, aus der neulich im
persönlichen Gespräch die für die gegenwärtige Hierarchie dieser Be-
wegung repräsentativste Persönlichkeit auch keinen Hehl machte.
Recht bemerkenswert ist, daß diese Verwirrung mit der Prätention
wächst, aufgrund derer jeder Analytiker sich berufen glaubt, die Bedin-
gungen einer vollendeten Objektivierung in unserer analytischen Er-
fahrung zu entdecken. Zugleich wächst die Verwirrung mit dem Enthu-
siasmus, den solche theoretischen Essays desto eher scheinen hervorrufen
zu können, je mehr sie sich als realitätsfremd (dêréel) erweisen.
Sicher ist, daß die Prinzipien der Widerstandsanalyse, wie gut fundiert
sie immer _sein mögen, in der Praxis dazu geführt haben, das Subjekt
mehr und mehr zu verkennen, weil sie nicht in ihrem Verhältnis zur
Intersubjektivität des Sprechens verstanden wurden. F
“ß A.d.Ü.: «Denn mit eigenen Augen habe ich die cumäische Sibylle in einer Grotte
hängen sehen, und immer, wenn Jungen sie fragten: <Was wünschst Du,Sibylle?›, ant-
wortete sie: <Ich'wünsche zu sterben.›» Das Zitat ist zugleich Motto von T. S.E1iots
Gedicht, The Waste Land, London (Faber öt Faber) 1956. -
_/
132 ~
r¬-ıı-ıııır

Folgt man dem Ablauf der ersten sieben Sitzungen im Fall des Ratten-
mannes, die Freud uns vollständig mitteilt, so ersdıeint es wenig wahr-
scheinlich, daß er die Widerstände nicht am rechten Ort erkannt hat,
nämlich eben dort, wo unsere modernen Techniker uns weismachen,
daß er ihr Auftreten ungenutzt habe verstreichen lassen. Denn schließ-
lich ist es Freuds eigener Text, der es ihnen erlaubt, auf sie hinzuwei-
sen. In ihm zeigt sich einmal mehr die erschöpfende Darstellung eines
Themas, die uns an den Schriften Freuds erstaunt, ohne daß.auch
nur eine Interpretation bisher ihren Reichtum erfaßt hätte.
Wir meinen, daß Freud sidı nicht nur darauf eingelassen hat, seinen
Patienten zu ermutigen,;s_eine anfängliche Zurückhaltung abzulegen,
sondern daß er die verführerische Wirkung dieses Spiels im Imaginären
durchaus begriffen hat. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, sich.
der”Beschreibung zuzuwenden, die ervom Gesichtsausdruck seines Pa-
tienten während der peinlichen Erzählung von der vorgestellten Qual
gibt, die das Thema seines Zwangs ist, das der Ratten, die sich in
den After des Gemarterten einbohren. Sein <<Gesicl^ıtsausdruck››, so
schreibt er, zeigte-das'«Grauen vor seiner ihm selbst unbekannten
Lust››°°. Die augenblickliche Wirkung der Wiederholung dieser Erzäh-
lung entgeht ihm ebensowenig wie die daraufhin erfolgende Identi-
fizierung des Analytikers mit dem «grausamen Hauptmann››79, der
der Erzählung in der Erinnerung des Subjekts mit Gewalt Zutritt
verschafft hat. Er übersieht auch nicht die Tragweite der theoretischen
Erläuterungen, die das Subjekt als Bürgschaft fordert, um seinen Dis-
kurs fortzusetzen. _ g
Weit davon entfernt, jetzt den Widerstand_ zu interpretieren, erstaunt
uns Freud damit, daß er dieser Forderung niachgibt, und zwar so
weitgehend, daß er auf das Spiel des Subjekts einzugehen.scheint. I
Doch der überaus vage, uns beinahe banal erscheinende Charakter
der Erläuterungen, mit denen er es zufriedenstellt, ist recht aufschluß-
reich: Es handelt sich bei ihnen weder um eine :Doktrin, noch gar
um eine Indoktrinierung, sondern um die symbolische Gabe eines Spre-
chens, das im Kontext einer imaginären Teilhabe, die es umfaßt, mit
einem geheimen Pakt schwanger geht. Deren Tragweite enthüllt sich
späterhin in der symbolischen, vom Subjekt in seinem Denken vollzo-
genen Gleichsetzung der Ratten mit den Gulden, die es dem Analyti-
ker zahlt. . '
“°'A.d.Ü.: S. Freud, G. W., Bd. VII, S. 392.
7° A.d.Ü.: S. Freud, a. a.O., S. 397. “

_ . 133
Q
0.--0

Wie man sieht, ist Freud also weit davon entfernt, den Widerstand
zu verkennen. Vielmehr benutzt er ihii als eine geeignete Disposition,
um eine Resonanz des Sprechens hervorzurufen. Er hält sich, so weit
er kann, -an seine erste Definition des Widerstands“, indem er sich
seiner bedient, um das Subjekt implizit in seiner Botschaft zu begrei-
fen. Ebenso bricht er ein Gespräch sofort ab, wenn. er bemerkt, daß
der Widerstand, sobald er schonend behandelt wird, dahin tendiert,
den Dialog auf einer Ebene der Konversation weiterzuführen, in der
das Subjekt seine Verführung und zugleich _seine Ausweichmanöver
fortsetzt. s _, R I
Doch wir lassen uns belehren, daß die 'Analyse darin besteht, auf
allen Notenlinien der Parfitur zu spielen, die das Sprechen in den
Registern der Sprache bereitstellt. Von ihnen hängt die Überdeter-
niiniertheit ab, die nur innerhalb dieser Ordnung sinnvoll ist.
Hier sehen wir zugleich die Ursache von Freuds Erfolg. Damit nämlich
die Botschaft des Analytikers eine Antwort auf die Grundfrage des
Subjekts gibt, muß das Subjekt sie in der'Tat wie eine ihm eigentüm-
liche Antwort hören. Das Privileg der Patienten Freuds, das richtige
Wort (bonne parole) aus dem Munde dessen zu hören, der es verkün-
det hatte, kam dieser ihrer Forderung entgegen. W ” I ~ .
Im Fall des Rattenmannes hatte, nebenbei bemerkt, das Subjekt bereits
einen Vorgeschmack davon erhalten beim Blättern in dem damals
gerade erschienenen Werk «Zur Psychopathologie des Alltagslebens››.
Das soll nicht heißen, daß dieses Buch, selbst. unter Analytikern, heute
viel besser bekannt ist, aber die Vulgarisierung der Ideen Freuds im
Bewußtsein der Allgemeinheit, ihre Aufnahme in das, was wir die
Sprachmauer nennen, würde die Wirkung unseres Sprechens abschwä-
chen, wenn wir sie im Stil von Freuds Bemerkungen gegenüber dem
Rattenmann formulieren würden. S . 9
Doch eskommt hier auch nicht "darauf an, ihn zu' imitieren. Um
die Wirkung von ,Freuds Sprechen wieder zu erreichen, halten wir
uns nicht an seine Begriffe, sondern an die Prinzipien, denen es ge-
gehorcht. “ A _
Diese Prinzipien sind keine anderen als die der Dialektik des Selbst-
bewußtseins, wie sie sich von Sokrates bis Hegel entfaltet. :Ihren Aus-
gang nimmt sie von der ironischen Annahme, alles Vernünftige sei
wirklich, und schließlich stürzt sie sich in das wissenschaftliche Urteil,
/' s
'" A.d.Ü.': S. Freud, G. W., Bd. I, S. 268 f.

134
\-'flııııuııv-'

alles Wirkliche sei vernünftig". Doch Freuds Entdeckung bestelıt in


dem Beweis, daß ein solcher Verifikationsprozeß sich zwar am Subjekt
vollzieht, aber authentisch nur zu durchlaufen ist um den Preis seiner
Entfernung au_s dem Zentrum des Selbstbewußtseins, auf dessen Achse
die Hegelsche Rekonstruktion der Phänomenologie des Geistes _es noch
hielt. Freuds Entdeckung machtalso jenes Streben nach «Bewußtwer-
dung›› nóch hinfälliger, das sich nicht jenseits von deren psychologischer
Erscheinung der Konjunktur eines besonderen Augenblicks verschriebe,
der allein das Universale- leibhaftig werden läßt und ohne, den es
sich in bloße Allgemeinheit auflösen würde. W * .
Diese Bemerkungen' bezeichnen die Grenzen, innerhalb derer es unserer
Technik unmöglich ist, die Strukturmomente der Hegelschen Phäno-
menologie außer acht zulassen: zunächst vor allem die Dialektik
von _I:-Ierr und Knecht, ferner die der schönen Seele und des Gesetzes
des Herzens, allgemeiner dann alles, was uns zu begreifen erlaubt,
wie sich die Konstituierung des Objekts einer Verwirklichung des Sub-
jekts unterordnet. ` W _ 7 I
Wenn indes an der Forderung einer ursprünglichen Identität von Be-
sonderem; und Allgemeinem, an der Hegels Genie sich erweist, etwas
Prophetisches haftet, so vermag nur die Psychoanalyse das Paradigma
dieser Forderung in der Struktur zu liefern, in der diese Identität
sich als die das Subjekt zerteilende Identität entfaltet, ohne an ein
Morgen zu appellieren. * I '
Hinzufügen ivollen wir noch, daß uns das zu einem Vorbehalt gegen
jede Formulierung nötigt, die auf eine Totalität im Individuum re-
kurriert; denn das Subjekt bringt eine Teilung in diese Totalität eben-
so wie ins Kollektiv, das ihr Äquivalent ist. Die Psychoanalyse führt
eigentlich das eine wie das andere auf den Status einer Täuschung
zurück. W A _ W
Allem Anschein nach würde man das nicht mehr vergessen. können,
wenn nicht gerade die Psychoanalyse lehrte, daß man es vergessen
kann. Aufgrund einer Wendung, die legitimer ist, als man glauben
mag, liefern uns die Psychoanalytiker selbst die Bestätigung dafür,
daß ihre «neuen Tendenzen» eben dieses Ver`gessendarstellen.W W S
Wenn indes Hegel uns gerade recht ist, um unserer sogenannten ana-
lytischen Neutralität einen Sinn zu geben, der nicht bloßer. Stupor

72 A.d.Ü.: Vgl. G. W. F, Hegel, Grundlinien der Ph'_ifos`ophie des Rechts, in: Werke,
Bd. VII, Frankfurt (Suhrkamp) 1970, S. 2.4. f
. I”
_ _.....„.....1M;-:t
_ -..„.
- __ _ ' -J-1-' W
-

wäre, so soll das nicht heißen, daß wir nichts lernen könnten von
der geschmeidigen Maieutik des Sokrates oder gar von dem faszinie-
renden technischen Verfahren, mit dem Plato sie uns präsentiert, und
sei esnur, um an Sokrates und seinemi Begehren das noch unberührte
Rätsel eines Psychoanalytikers“kennenzulernen und um unser Verhält-
nis zur Wahrheit auf die platonische Schau zu beziehen. Das hat
in diesem Fall so zu geschehen, daß der Abstand beachtet wird zwi-
schen der Erinnerung, die Plato für jedes Auftauchen einer Idee vor-
auszusetzen sich genötigt sah, und der Ersdiöpfung des Seins, das
sich in einer Wiederholung verzehrt, wie sie Kierkegaard beschreibt“.
Doch es g ibt zwısi ch en dem Gesprächspartnerdes Sokrates und dem
unseren auch einen historischen Unterschied, den auszumessen nicht
müßig ist. Wenn Sokrates sich auf eine handwerkliche Vernunft stützt,
die er ebensogut aus dem Diškurs eines Sklaven zutagejfördernkann,
so tut er es, um wirkliche Herren zur Notwendigkeit einer Ordnung
zu führen, die deren eigene Herrschaft für falsch erklärt und Wahrheit
an die Stelle der Zentralbegriffe (maitre-mots) der Polis setzt. Wir
Analytiker aber haben es mit Sklaven zu_ tun, die sich für Herren
halten und die in einer Sprache von universeller Reichweite mit den
Fesseln der Ambiguität eine Stütze ihrer Knechtschaft finden. Das geht
so weit, daß man mit einigem Humor sag'en könnte, es sei unser Ziel,
in ihnen wieder die souveräne Freiheit herzustellen, die Humpty
Dumpty beweist, wenn er Alice daran erinnert, daß er zumindest Herr
des Signifikanten, wenn schon nicht Herr des Signifikats ist,in dem sein
Sein Gestalt angenommen hat~"3°.
Wir kommen also wieder zurück auf unsere doppelte Beziehung zum
Sprechen und zur Sprache. Um das Sprechen des Subjekts zu befreien,
führen wir es in die Sprache seines Begehrens ein, das heißt in die erste
Sprache (langage premier), in der es schon jenseits dessen, was`es

7“ Diese Bemerkungen sind bei sich bietcndcr Gelegenheit ausgearbeitet worden


( r 966). Vier Absätze wurden umgeschrieben. - `
A.d.Ü.: Vgl. S. Kierkegaard, Die Wiederholung, in: Werke, ed. L. Richter, Bd. II,
Hamburg (Rowohlt) 1961, S. 23.
"fl A.d.Ü.: «When I-use a word››, Humpty Dumpty said in rather a scornful tonß.
«it means just what I choose it to mean -- neither mor nor less.›› W ~
«The question is››, said Alice, «whether you can make words mean so many different
things.›› - ' _ I
«The question is››, said Humpty, «whıch rs to be Master - thats all.›› L. Carrol.
Through the Looking-Glass and what Alice found there, in: Alıce's Adventures in
Wonderland, London und Glasgow (Collins) 1954, S. zo9 f.
136 W/
r'-~'

uns von sich sagt, vor allem mit der Symbolik seiner Symptome ohne
sein Wissen zu uns spricht.
Es handelt sich bei dem Symbolismus, der in `der Analyse zutage
gefördert wird, in der Tat um eine Sprache. Diese hat, einem spieleri-
schen Wunsch entsprechend, den man in einem Aphorismus Lichten-
bergs finden kann, den universalen Charakter einer Sprache, die sich
in allen anderen Sprachen vernehmen_ läßt. Aber als Sprache, die das
94 Begehren/.an eben dem Punkt ergreift, wo dieses sich vermenschlicht,
indem es sich zu erkennen gibt, ist sie zugleich das absolut,Besondere
des Subjekts. , 0
Wir nennen sie die erste Sprache und vermeiden es, von primitiver
Sprache zu reden; denn Freüd, den man aufgrund seiner Verdienste
um, ihre vollständige Aufdeckung mit Champollion vergleichen kann,
hat sie insgesamt aus den Träumen unserer Zeitgenossen dechiffriert.
Autoritativ definiert wurde ihr Gebiet durch einen der wenigen, die
zu ihrer Erforschung Neues beigetragen haben. Ich spreche von Ernest
Jones, dem letzten_Überlebenden derer, denen vom Meister die sieben
Ringe geschenkt wurden. Durch- seine Anwesenheit in Ehrenämtern
einer Internationalen Assoziation beweist er, daß solche Ämter nicht
bloß den Trägern von Reliquien vorbehalten sind. '
In einem grundlegenden Artikel über die Symbolik" bemerkt Jones
ungefähr auf der fünfzehnten Seite, Wdaß sich alle Symbole, obwohl
es im psychoanalytischen Sinn Tausende gibt, auf den eigenen Körper,
auf Verwandtschaftsverhältnisse, Geburt, Leben und Tod beziehen.
Diese von uns ,als Tatsache anerkannte Wahrheit erlaubt uns zu ver-
stehen, daß das Symbol, obwohl es, psychoanalytisch gesprochen, ins
Unbewußte verdrängt wird, keine Spur einer Regression oder gar
von Unreife an sich trägt. Um seine Wirkungen ins Subjekt zu tragen,
genügt es daher, daß es sich vernehmen läßt; denn diese Wirkungen
verlaufen ohne Wissen des Subjekts. .Wir geben das Win unserer alltäg-
lichen Erfahrung zu, wenn wirmanche Reaktionen von Neurotikern
oder Normalen als Antwort auf den symbolischen Sinn eines Han-
delns, einer Beziehung oder eines Objekts erklären. ~
Zweifellos also kann der Analytiker mit-der Macht des Symbols spie-
len, indem er es nach genauem Kalkül Win dersemantischen Resonanz
seiner Bemerkungen hervorruft. ' ~
7" E.- Jones «On the Theory of Symbolism» in: British journal of Psydiology,
Bd. 9 (1916), S. 695 f; in erweiterter Fassung in: Papers on P_sy_c_ho-analysis, 2. Cd-,
London 1918; A.d.Ü.: Dt. zuerst in: Int. Zs. f. ärztl. PsA,_Bd. 5 (1919).
. . ' 137
Die Verwendung von Wirkungen des Symbols wäre gewiß ein Weg
zu einer erneuerten Technik der Interpretation. ' V
Beziehen könnten wir uns dabei auf das, was eine hinduistische Tradi-
tion über das a'/o'vani75 lehrt, sofern sie an ihm die Eigenart des
29
Sprechens darstellt, etwas zu Gehör zu bringen, was es selbst nicht
sagt. Das veranschaulicht sie an einem Geschichtchen, dessen Naivität,
die bei solchen Beispielen üblich scheint, genug Humor zeigt, um uns
zu veranlassen, zu der .Wahrheit vorzudringen, die das Geschichtchen
verbirgt. W I i i S. -
Ein Mädchen wartete einmal am Ufer eines Flusses auf ihren Gelieb-
ten, als sie einen Brahmanen auf sich zukommen sah. Sie lief ihm
entgegen und rief im Ton der liebenswürdigsten Begrüßung: «Welches
Glück! Der Hund, der Euchlan diesem Ufer durch sein Bellen zuweilen
ersclirßdit hat, iSt Weg. Eben ist er von einem Löwen verschlungen
worden, der oft hier in der Gegend umhedstreicht . . .›› ' i
Die Abwesenheit des Löwen kann also eine ebenso große Wirkung
hervorrufen wie, wenn er da wäre, sein Sprung; dennder Löwe
springt, wie das von Freud geschätzte Sprichwort sagt, nur einmal“.
Der Prime/mmktcr von Symbolen rückt sie in der Tat in die Nähe
jener Zahlen, aus denen alle anderen Zahlen zusammengesetzt sind.
Wenn Symbole nun hinter allen Semantemen der Sprache stehen, kön-
nenpwir den vollen Evokationswert des Sprechens wiederlıerstellen,
indem wir vorsichtig ihre Interferenzen suchen und uns dabei -von
einer Metapher leiten lassen, deren symbolische Verschiebung den
Nebensinn der Begriffe neutralisiert, die .sich beim Sprechen ein-
stellen. _
Um gelehrt oder gelernt zu werden, würde diese Technik eine gründ-
liche Beherrschung der Möglichkeiten einer Sprache erfordern, wie
sie vor allem in deren poetischen Texten konkret realisiert sind. Wie
man weiß, war das bei Freud der Fall in bezug auf die deutsche
Literatur und in bezug auf das durch eine unvergleichliche Übersetzung
in sie integrierte Theater Shakespeares. Sein gesamtes Werk legt nicht
weniger i`n seiner Technik als in seinen Entdeckungen Zeugnis ab von
dieser stets erneuten Hinwendung zur Literatur. Darüberhinaus stützt
ersich zugleich auf seine Kenntnis der klassischen Antike sowie der

75 Es handelt sidı um die Lehre des Abhinavagupta aus dem ıo. _Ih.; vgl. das Werk
von Dr. Kanti Chandra Pandey «Indian Esthetics» in; Chowkamba Sanskrit Series,
Studies, vol. II, Benares 1950. -
7° A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W.,/Bd. XVI, S. 62.

138
modernen Volkskunde und verfolgt mit Interesse die Ergebnisse des
zeitgenössischen Humanismus auf dem Gebiet der Ethnographie.
Von den Praktikern der Psychoanalyse sollte gefordert werden, Ver-
suche, Freud auf diesen Wegen zu folgen, nicht für überflüssig zu
halten.
Doch wir schwimmen gegen den Strom. Man kann das an der herab-
lassenden Beachtung messen, die, als handelte es sich um etwas Neues,
dem woçding zuteil wird. Die Morphologie des Englischen gibt hier
einem noch schwer zu definierenden Begriff, eine so subtile Unter-
stützung, daß es nötig ist,_den Fall zu untersuchen. t ›
296 Was dieser Begriff verdeckt, ist indes kaum ermutigend, wenn ein
Autor" sich darüber erstaunt zeigt, einen je verschiedenen Erfolg
bel der Analyse ein und desselben.Widerstands erzielt zu haben, je
nachdem, ob er - wie er betont «ohne vorherige bewußte Überlegung»
- den Begriff need for love anstatt und anstelle des Begriffs demand
for love verwandte, den er zunächst vorgebracht hatte, ohne es sich,
wie wiederum erselbst betont, weiter überlegt zu haben. Wenn diese
Anekdote den Zusammenhang einer Interpretation mit der Ego Psy-
clsrologybelegen soll, die im Titel des betreffenden Aufsatzes firmiert,
so scheint es, daß sie weit eher einen Zusammenhang mit der Ego
Psychology ihres Autors dokumentiert, indem dieser sich mit einem
so schlechten Englisch zufrieden gibt, daß er in seiner Praxis bereits
an die Grenze der Faselei stößt“. ' . 'I
Denn need und demand haben für das Subjekt einen diametral entge-
gengesetztenfSinn, und zu behaupten, daß sie in ihrem Gebrauch auch
nur für einen Moment verwechselt werden können, läuft auf eine
vollkommene Verkennung der intimation des Sprechens hinaus. i
In seiner symbolisierenden Funktion nämlich zielt das Sprechen auf
nichts Geringeres als auf eine Transformierung des Subjekts, an das
es sich mittels einer Verbindung wendet, die es mit demjenigen her-
stellt, der es hervorbringt. Das heißt esieführt eine Signifikanten-Wir-
kung herbei. . r - B
Deshalb müssen wir noch einmal auf die Struktur der Kommunikation
in der Sprache zurückkommen und definitiv das Mißverständnis der
Sprache als Zeichen (langage-signe) zerstreuen, das eine Quelle von
' n

ii" E. Kris «Ego Psychology and Interpretation» in: Psychoanalytic Quarterly, Bd. zo
(1951) S. 15-29; vgl. vor allem S. 27 f. '
78 Dieser Absatz wurde überarbeitet (1966). W ' '
O
9

ı
-v

Verwirrungen des Diskurses und von Fehlentwicklungen des Sprechens


darstellt.
Wenn die Kommunikation der Sprache wirklichwie ein Signal aufge-
faßt wird, mit dem ein Sender einen Empfänger vermittels »eines ge-
wissen Codes über etwas informiert, gibt es keinen Grund, warum
wir nicht jedem anderen Zeichen ebenisoviel oder gar mehr Glauben
schenken sollten, wenn das <<etwas››, um das~es sich handelt, von einem
Individuum kommt. Alle Gründe sprechen dann sogar dafür, jeder
Art von Ausdruck den Vorzug zu geben, die sich natürlichen Zeichen
annähert. ` _ B
Auf diese Weise ist bei uns die Technik desiSprechens in Mißkreclit
geraten. Denken Sie nur, wie wir nach einer Geste, Grimasse, Körper-
haltung, Mimik oder Bewegung suchen, nach_ einem leichten Zittern,
einem Einhalten in dem gewohnten Verhaltensablauf. Denn wir sind
durchtrieben, und nichts wird uns daran hindern, unsere Spürhunde
auf eine solche Fährte zu setzen. '
Daß die Vorstellung von der Sprache als Zeichen (langage-signe) unzu-
reichend ist, werden wir an eben dem Phänomen zeigen,_-das sie im
Tierreich am besten illustriert und von dem es scheint, man hätte
es zu diesem Zweck erfinden müssen, wenn es nicht jüngst Gegenstand
einer wirklichen Entdeckung gewesen wäre. ~
Wissenschaftlich nicht mehi*.umstritten ist, daß die Biene, die vom
Honigsammeln zu ihrem Korb zurückkelırt, ihren pArtgenos'sinnen
durch zwei Arten von Tänzen einen nahen oder entfernteren Fundort
anzeigt. Der zweite Tanz ist der bemerkenswertere; denn die Ebene,
auf der er eine Achterkurve beschreibt, die ihm den Namen wagging
dance eingetragen hat, sowie die Frequenz der getanzten Kurvenab-
läufe in einer gegebenen Zeit bezeichnen einerseits exakt die Richtung,
die abhängt vom Neigungswinkel der Sonne, an der sich die Bienen
dank ihrer Sensibilität gegenüber polarisiertem Licht stets orientieren
können; andererseits bezeichnen sie die Entfernung des entsprechen-
den Fundorts bis zu mehreren Kilometern. Die anderen Bienen beant-
worten die Botschaft, indem sie sich unverzüglich an den bezeichneten
Ort begeben. _, _
Karl von Frisch hat etwa 'fzehn jahre gebraucht, um diese Art von
Botschaften zu dekodieren. Denn es handelt sich in der Tat um einen
Code oder um ein Signalsystem, das wir allein aufgrund seines gat-
tungsbestimmenden Charakters nicht als konventionelles System an-
sehen dürfen. - p
140 i

_.ı
F'-'-`±ıı`ı\\""

Ist es indes eine Sprache? Wir können sagen, daß es sich von einer
Sprache gerade durch die starre Korrelation seiner Zeichen mit der
Realität unterscheidet, die diese Zeichen bedeuten. Denn in einer Spra-
che gewinnen Zeichen ihren Wert aus ihrem wechselseitigen Verhältnis
in'der lexikalischen Verteilung ihrer Semanteme ebenso wie in der
positionellen oder flexionellen Verwendung ihrer Morpheme. Das setzt
sie in einen Gegensatz zu der Starrheit der Kodierung, die das Kom-
munikationssystem der Bienen beherrscht. Die Verschiedenheit mensch-
licher Sprachen erhält unter diesem Aspekt besonderes Gewicht.
Wenn f'erncr eine Botschaft in der hier beschriebenen Art das Handeln
eines socius bestimmt, so wird sie doch nie von ihm weiterübermittelt.
Das wiederum bedeutet, daß sie gebunden bleibt an ihre Funktion
eines handlungsauslösenden Relais, von dem kein Subjekt sie ablöst
und zum Symbol der Kommunikation selbst erhebt“. R
Die Form, in der sich Sprache ausdrückt, definiert durch sich selbst
Subjektivität. Die Sprache sagt: «Geh dort lang, und wenn Du das
und das siehst, biege in die und die Richtung ab.›› Mit anderen Worten:
sie bezieht sich auf den Diskurs des anderen. Als solche ist sie ver-
wickelt in die höchste Funktion des Sprechens, insofern das Sprechen
den, der es hervorbringt, verpflichtet, indem es seinen Adressaten
mit einer neuen Wirklichkeit besetzt. Das geschieht zum Beispiel, wenn
durch ein «Du bist mein Weib» ein Subjekt sich als den Mann des
<<conjungo›› besiegelt. .~ ›
Dies ist in der Tatdie wesentliche Form, aus der alles menschliche
Sprechen eher sich ableitet, als daß es zu ihr hinleitete. '
Daher das Paradox, mit dem einer unserer scharfsinnigsten Hörer
glaubte uns widerlegen zu können, als wir begannen, unsere Ansichten
über die Analyse als Dialektik öffentlich vorzutragen. Er formulierte
es folgendermaßen: <<Die menschliche Sprache bildet also eine Kommu-
nikation, bei der der Sender vom Empfänger seine eigene Botschaft
in umgekehrter Form wieder empfängt.›› Es ist das eine Formel, die
wir aus dem Munde dessen, der sie als Einwand brachte, nur aufzu-

"°'Diese Bemerkung wendet sich an jene, die sie nodı verstehen können, nad-ı_dem sie
im Littré nadı der Rechtfertigung einer Theorie gesucht haben, die aufgrund der
Übersetzung des griediischen pambolê aus dem Sprechen ein «Neben-Handeln» maßht
(doch warum nicht ein «Handeln-im-Hinblids-auf»?), ohne zugleidı zu bemerisfim
daß, wenn dieses Worfimmer bezeichnet, was es bedeutet, der Grund dafür in der
Predigtspradıe liegt, die seit dem ıo. Jahrhundert das «verbum›› dem fleiscl'ıgeworde__-
nen Logos vorbehält. ' " _ _' '
- 141
nehmen brauchten, um an ihr das Gepräge unseres eigenen Denkens
wiederzuerkennen, daß nämlich das Sprechen subjektiv immer seine
Antwort einbezieht, daß das «Du würdest mich nicht suchen, wenn
Du mich nicht gefunden hättest››8° diese Wahrheit nur generell be-
stätigt und daß dies der .Grund dafür ist, warum in der paranoischen
Verweigerung von Anerkennung oder Dankbarkeit die unbekennbare
Empfindung in der Form negativer Verbalisierung in einer quäleri-
schen Verfolgungs-«Interpretation›› zutage tritt._ Ü
Wenn Sie sich beglückwünschen, jemanden getr`offen zu haben, der
dieselbe Sprache spricht wie Sie, lwollen Sie ganz ebenso damit nicht
sagen, daß Sie ihm in einem Allerwelts-Diskurs (discours de tous)
begegnen, sondern daß Sie durch eine besondefe Art zu sprechen (pa-
role particulière) mit ihm verbunden sind.
Man sieht also hier die immanente Antinomie im Verhältnis des Spre-
chens und der Sprache zueinander. In dem Maße, wie die Sprache
funktioneller wird, wird sie für das Sprechen zunehmend ungeeignet;
299
gerät uns die Sprache dagegen allzu privat, verliert sie ihre Funktion
als Sprache. i . Ü , H'
Bekannt ist bei Primitiven die traditionale Verwendung von Gelıeim-
namen, mit denen das Subjekt sich selbst oder seine Götter so weit-
gehend identifiziert, daß, diese Namen zu offenbaren, bedeuten wür-
de, sich selbst zu verlieren oder die Götter zu verraten. Mitteilungen
unserer Patienten, wenn nicht eigene Erinnerungen belehren uns, daß
nicht selten Kinder spontan die Macht dieses Brauchs wiederentdecken.
Schließlich bemißt sich der Wert einer Sprache für das Sprechen an
Ü

der Intersubjektivität eines «Wir››, das sie übernimmt. j


An einer umgekehrten Antinomie läßt sich beobachten, daß der Rolle
der Sprache, je mehr sie durch 'Annäherung an die Information sich
neutralisiert, desto mehr Redundanz vorzuwerfen ist. Der Begriff
der Redundanz stammt aus Untersuchungen, die desto genauer waren,
je mehr sie von ökonomischen Interessen bestimmt wurden. Das Aus-
gangsproblem war das einer Kommunikation über große Entfernungen
hinweg und insbesondere die Möglichkeit, mehrere Unterhaltungen
über einen einzigen Telefondraht laufen zu lassen. Dabei konnte fest-
gestellt werden, daß ein bedeutender Teil des phonetischen Materials
zur Herstellung der gewünschten' Kommunikation in der Tat über-
flüssig ist. A r

8° A.d.Ü.: B. Pascal, Pensées, a. a. O., Nr. 736, S. 1313.

142
-rh-Gill*

Für uns ist das überaus lehrreichsı; denn was bei der Information
als Redundanz auftritt, ist genau das, was beim Sprechen als Resonanz
dient. . 1 , 7
Die Funktion der Sprache besteht ja hier nicht darin zu informieren,
sondern zu evózieren. ' _ -
Was ich im Sprechen suche, ist die Antwort des anderen. Was. mich
als Subjekt konstituiert, ist meine Frage. Um vom anderen erkannt
zu werden, spreche ich das, was war, nur aus im Blick auf das, was
seiniwiürd. Um ihn zu finden, rufe ich ihn bei einem Namen, den
er, um mir zu antworten, übernehmen oder ablehnen muß.
Ich identifiziere mich in der Sprache, aber nur indem ich mich dabei
in ihr wie_ein Objekt verliere. Was sich in meiner Geschichte verwirk-
licht, ist nicht die abgeschlossene Vergangenheit (passé défini) dessen,
was war, weil es nicht mehr ist, auch nicht das'Perfekt dessen, der
in dem gewesen ist, was' ich bin, sondern das zweite Futur (futur
antérieur) dessen, was ich für das werde gewesen sein, was zu werden
ich im Begriff stehe.
Stelle ich mich nun dem anderen gegenüber,'um ihn zu befragen,
so kann keinkybernetischer Apparat, wie -kompliziert Sie ihn sich
auch vorstellen mögen, die Antwort zu einer Reaktion machen. Die
Definition der Antwort als response im zweiten Teil des Stimulus-
response-Schemas ist bloß eine Metapher, die sich auf eine dem Tier
zugeschriebene Subjektivität stützt, um sie dann im physikalischen
Schema wegzulassen, auf das die Definition sie reduziert. Wir nennen
das: Ein Kaninchen erst in den Zylinder stecken, um es dann daraus
hervorzuzaubern. Eine Reaktion ist also keine Antwort. t
Wenn« ich einen Knopf drücke und das Licht angeht, so_ist das keine
Antwort außer' für mein Begehren. Wenn ich, um zu dem selben _Er-
gebnis zu kommen, ein ganzes Relaissystem ausprobieren muß, dessen
genaue Einstellung ich nicht kenne, so ist das keine Frage außer für
31 jeder Sprache ihre Übermittlungsform. Da die .Legitimität solcher Forderungen
von' ihrem Erfolg abhängt, ist es nicht verboten, sie moralisierend zu gebrauchen. Be_-
trachten wir z. B. die Maxime, die wir als Motto unseres Vorworts aufgespießt haben.
Belastetimit Redundanzen mag sie vielleicht platt erscheinen. Erleichtern wir sie aber
von dieser Redundanz, so erweist sich ihre Kühnheit des Enthusiasmus würdig, den
sie verdient: «Bessoni vergesdastren unginbry anaphi ologi psysocline indnat nitritt
-- dassini nune n'rbiol' wirtrift ithemensdı zuzumüha . . .›› Hier ist endlich die Rein-
heit der Botsdiaft offengelegt. Sinn hebt hier wieder sein Haupt, das Zeugnis des
Seins entbirgt sich und siegreich vererbt unser Geist der Zukunft unsterblich. sein...-

Wort. ' -_
143
..____„_.--

meine Erwartung. Und die Frage verschwindet, sobald ich eine aus-
reichende Kenntnis des Systems gewonnen habe, um es fehlerfrei zu
handhaben. l
Wenn ich aber den, mit dem ich spreche, bei irgendeinem Namen
nenne, den ich ihm gebe, so lege ich ihm die subjektive Funktion
zu, mir zu antworten, die er auch dann erfüllt, wenn er sie zurückweist.
Hierbei zeigt sidi infolgedessen die entscheidende Rolle meiner eigenen
Antwort. Diese Rolle besteht nicht nur, wie man gesagt hat, darin,
vom Subjekt als Billigung oder Ablehnung seines eigenen Diskurses
aufgenommen zu werden, sondern darin, es als Subjekt anzuerkennen
oder abzutun. Gerade darin bestehtı, jedesmal wenn er sprechend ein-
greift, die Verantwortung des Analytikers. A
Das Problem des therapeutischen Effekts falscher Interpretationen,
das Edward Glover” in einem bemerkenswerten Artikel aufgeworfen
hat, hat ihn zu Schlußfolgerungen geführt, bei denen die Frage der
zutreffenden Genauigkeit von Interpretationen in den Hintergrund
tritt. So wird zum Beispiel nicht nur jede gesprochene Intervention
vom Subjekt seiner Struktur entsprechend aufgenommen, sondern lauf-
grund ihrer Form übernimmt sie Subjekt selber eine strukturierende
Funktion. Gerade die Wirkungsmöglichkeit nicht-analytischer Thera-
pien, ja sogar der einfachsten ärztlichen Rezepteibesteht darin; daß
es sich bei ihnen um einen Eingriff handelt, den man als Zwangssystem
der Suggestion, als hysterische Suggestion phobischer _Natur, ja sogar
als Unterstützung einer Verfolgungsangst betrachten kann. Jeder von
diesen Eingriffen erhält seine besondere Prägung aufgrund der Bestäti-
gung, die Cr der Verkennung der eigenen Realität durch das Subjekt 'Ii

gibt. '
Das Sprechen ist in der Tat eine Gabe aus Sprache, und die Sprache
ist nichts Immaterielles. Sie ist ein subtiler Körper“, aber ein Körper
ist sie. Wörter stecken in allen Körperbildern, die das Subjekt fesseln;
sie können eine I-Iysterikerin schwanger werden lassen, sie können
sich mit dem Obj_ekt`des Penisneids identifizieren, das Harnfließen des
urethralen Ehrgeizes repräsentieren oder das verhaltene Exkrement der
Lust des Geizes.
Darüberhinaus können Wörter selber eine symbolische Beschädigung

32 Glover «The Therapeutic Effect of Inexact Interpretation. A Contribution to


the Theory of Suggestiom, in: Int. J. PsA, Bd. ,ı2 (1931), S. 4.
B3 A.d.Ü.: Vgl. Anm. 26 zu «Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer
Macht».

144 Q
erfahren und imaginäre Handlungen vollziehen, deren Subjekt der
Patient ist. Man erinnere sich der Wespe, die, um ihren Anfangsbuch-
staben kastriert, in dem Augenblick zu S.P., den Initialen des Wolfs-
manns, wurde, als dieser sich der symbolischen Bestrafung bewußt ge-
worden war, die/Gruscha,idie Wespe, an ihm vorgenommen hatte“.
Man erinnere sich ferner des S, daš das Residuum der hermetischen
Formel darstellt, zu der sich die Zauberworte des Rattenmannes ver-_
dichtet hatten, als Freud aus dieser Chiffre das Anagramm des Na-
mens der Geliebten zog. In dieser Formel wird das S mit dem Amen
vom Schluß seines Stoßgebets vermählt und überschwemmt auf ewig
den Namen der Dame mit dem symbolischen Ausstoß einer impotenten
Begierde“. " s
In gleicher Weise zeigt uns ein von den aufschlußreichen Bemerkungen
Abrahamsinspirierter Artikel von Robert Fliess“, daß der Diskurs
insgesamt gemäß den Verschiebungen iin'Körperbild erotisiert werden
kann, die zu einem gegebenen Moment von der analytischen Beziehung
bestimmt sind. i
Der Diskurs übernimmt dannjeweils eine phallisch-"~urethrale, analero-
tische, ja oral-sadistische Funktion. Es ist übrigens bemerkenswert,
daß der Autor die Wirkung dieser Funktion zumeist im Schweigen
erfaßt, das eine Hemmung der Befriedigung anzeigt, die das Subjekt
im Schweigen empfindet. . .- '
Auf diese Weise kann das Sprechen im Subjekt zum imaginären, ja
sogar zum realen Objekt werden und als solches in mehr als einer
Hinsicht die Funktion der Sprache herabsetzen. Wir stellen es dann
in die Parenthese des Widerstands, den es manifestiert. ,
302 Doch tun wirdas nicht, um es auf den Index der analytischen Bezie-
hung zu setzen; denn die würde damit- bis hin zu ihrer raison d'être
alles verlieren. _ R
Die Analyse kann nur das Heraufkommen des wahren Sprechens (pa-
role vraie) zum Ziel haben und auf Seiten des Subjekts die Verwirk-
lichung seiner Geschichte in ihrer Beziehung zu einer Zukunft. μ A
Diese Dialektik durchzuhalten, bedeutet, sich jeder objektivierenden
Ausrichtung_der Analyse zu widersetzen. Diese Notwendigkeit hervor-
zuheben, ist eine Grundvoraussetzung, um die Verirrungen der neuen
_ __ı.

3*' A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. X_II, S. 128. _


35 A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. VII, S. 442 f. -
3° R. Fliess «Silence and Verbalization. A Supplement to 'the Theory of the <Analy-
tic Rule›», in: Int.`]. PsA., Bd. 30 (1949), S. 1. _
145
sv

Tendenzen zu durchschauen, die in der Psychoanalyse hervorgetreten


sind.
Wir wollen unsere Erörterungen veranschaulichen, indem wir uns
nochmals Freud zuwenden und insbesondere dem Fall des Rattenmanns,
dessen wir uns bereits zuvor zur Erläuterung bedient haben.
Freud springt sogar mit der Exaktheit der Tatsachen nach seinem
Belieben um, wenn es darum geht, zur Wahrheit des Subjekts vorzu-
dringen. Beim Rattenmann bemerkt er einmal die bestimmende.Rolle,
die am Ursprung der gegenwärtigen Phase seiner Neurose der Vor-
schlag seiner Mutter, sich zu verheiraten, für das Subjekt gespielt
hat. Er hatte diesen Geistesblitz, wie wir in unserem Seminar gezeigt
haben, aufgrund eigener Erfahrung. Nichtsdestowenigcr zögert er
nicht, dem Subjekt die Wirkung die es Vorschlags zu interpretieren,
als berulie sie auf dem Verbot einer Verbindung mit der Dameseines
Herzens seitens des verstorbenen Vaters. r ' '
Das ist nicht bloß der Sache nach, sondern auch psychologisch ungenau.
Denn dieKastrationshandlung des Vaters, die Freud hier mit einer
Nachdrücklichkeit betont, die man für systematisch beabsichtigt halten
kann, hat 'in diesem Fall nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Doch
die Einsicht in die dialektische Beziehung ist so, treffend, daß die
Interpretation dieser Einzelheit dur`ch Freud das entscheidende Auf-
treten der Todessymbole auslöst, die das Subjekt narzißtisch an den
toten Vater und zugleich an die idealisierte Dame binden, wobei sich
die Bilder beider gegenseitig in einem für Zwangscharaktere typischen
Gleichgewicht halten: das eine in einer phantasmatischen Aggressivi-
tät, die es 'am Leben erhält, das andere in einem Kult der Selbstabtö-
tung, der es in ein Idol verwandelt. .-
Freud erreicht sein Ziel auf gleiche Weise, wenn er die erzwungene
Subjektivierung der Zwangsschuldm, die der Patient als Druck-
mittel bis zum Delirium gegen sich ausspielt, in dem Szenarium der
vergeblichen Rückgabe des Geldes erkennt, das allzu deutlich 'die
imaginären Momente ausdrückt, als daß das Subjekt auch nur versuch-
30
te, es in die Tat umzusetzen. Freud läßt seinen Patienten in dem
Bericht von der Taktlosigkeit des Vaters, von seiner Heirat mit der
Mutter, von dem «hübschen armen Mädchen››, von den unglücklichen
Liebesaffären, von der Undankbarkeit in der Erinnerung an einen

37 Der Terminus soll hier als Äquivalent zu dem der Zwangsbefürchtung gelten, der
ohne Sinnverlust in seine semantischen Bestandteile zerlegt werden muß.

146 'ii
hilfreichen Kameraden - Freud also läßt seinen Patienten mit der
schicksalhaften Konstellation, die selbst seine Geburt beherrschte, in
seiner Lebensgeschichte das Aufklaffen wiederfinden, das jene sym-
bolische Schuld unmöglich zuzuschütten vermochte, deren Protest die
Neurose ist. ' ~ '
Hier gibt es keine Spur eines Rückgriffs auf das gemeine Gespenst
einer was-weiß-icl_a'-wie-gearteten ursprünglichen <<Furcht››, auf den
doch recht einfach zu mobilisierenden Masoclıismus, noclı gar auf jenen
zwanghaften Gegen-Zwang, den gewisse Analytiker unterm Titel der
Widerstandsanalyse propagieren. Die Widerstände selbst werden, wie
ich anderswo gezeigt habe, so lange wie möglich in Richtung auf
einen Fortschritt des Diskurses genutzt. Und wenn es notwendig wird,
ihnen ein Ende zu setzen, erreicht man es, indem manihnen nach-
gıbt. 3 _
Auf diese Weise' gelingt es dem Rattenmann, subjektiv zu einer wirk-
lichen Vermittlung in F0rm` einer Übertragung zu gelangen, indem
er Freud eine imaginäre Tochter schenkt, um durch sie einen Bund
mit ihm einzugehen. In einem Schlüsseltraum enthüllt sie ihm ihr
wahres Gesicht: das des Todes, der ihn aus seinen Bitumenaugen an-
schautßa. 'i i . c
Wenn nun beim Subjekt mit diesem symbolischen Pakt die Tricks
seinerKnechtschaft verschwinden, läßt die Realität es nicht im Stich
und erfüllt seinen Wunsch nach einer Vermählung mit dem Tod. Die
als Epitaph fungierende Notiz, die Freud 1923 diesem jungen Mann
gewidmethat, der, «wie so viele andere wertvolle und hoffnungsvolle
junge Männer»89, in einem Krieg umgekommen ist, der seinen Fall
mit der Härte des Schicksals beendet hat, diese Notiz also erhebt
den Fall zur Schönheit des Tragischen. I
Um zu wissen, 'wie man dem Subjekt in der Analyse antworten' soll,
muß man methodisch zunächst den Ort ausfindig machen, an dem
sich sein ego befindet. Es handelt sich um jenes ego, das Freud selbst als
durch einen sprachlichen Kern geformt, definiert hat. Anders gesagt:
es geht darum zu erkennen, durch wen und für- wen das Subjekt
seine. Frage stellt. Solange man das nicht erkannt hat, läuft- man
Gefahr, das Begehren, das es in dieser Frage zu erkennen gilt, und

38 A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. VII, S. 421, wo sich der Ausdruck «Dreckpat-
zen» findet. _ -
3° A.d.Ü.: S. Freud, a. a. O., S. 463. '

c 147
zugleich das Objekt, auf das dieses Begehren sich richtet, widersinnig
zu übersetzen. ~ '
Der Hysteriker fängt sein Objekt mit einer raffinierten Intrige ein,
und sein ego ist der Dritte im Bunde aufgrund einer Vermittlung,
die es dem Subjekt erlaubt, das Objekt zu genießen, in welchem seine
Frage sich inkarniert. Der Zwangsneurotiker zieht die Objekte, in
denen seine Frage in einem vielfachen Alibi tödlicher Figuren. wider-
hallt, in den Käfig seines Narzißmus' undlenkt, indem er als Domp- 304
teurihrer Akrobatik auftritt, ihre zweideutigen Huldigungen in die
Richtung der Loge, in der er selbst den Platz eines Gèbieters einnimmt,
der sich nicht zu selıen vermag. l
Traloit sua qnemque 'volnptas9°; der eine identifiziert sich mit einem
Schauspiel, und der andere setzt sich in Szene. i R '
Dem Hysteriker müssen Sie zur Einsicht darüber verhelfen, wo sein
Handeln abläuft, denn der Begriff des acting ont _ist bei ihm wörtlich
zu nehmen, da er) außerhalb seiner agiert. Den Zwangsneurotiker müs-
sen Sie dahin bringen, Sie als den von der Bühne aus unsichtbaren
Zuschauer zu erkennen, an den er über die Vermittlung des Todes
gebunden ist. . `
Stets muß man im Verhältnis der Instanz des Ich eines Subjekts (moi
du sujet) zum personalen Ich seines Diskurses (je de son discours)
den richtungweisenden Sinn dieses Diskurses begreifen, um die Ent-
fremdung des Subjekts aufzuheben. ~
Doch wird man nicht dahin gelangen, wenn man der Vorstellung
verhafte_t bleibt, daß die Instanz des Ich (moi) im Subjekt identisch
ist mit der Gegenwart, die zu einem spricht. e
Dieser Irrtum wird durch die Terminologie der Topik begünstigt, die O

für ein objektivistisches Denken eine allzu große Versuchung darstellt,


indem sie ihm erlaubt, vom Ich (moi), das als System der Wahrneh-
mung und des Bewußtseinsgı, das heißt als System der, Objektiva-
tionen des Subjekts definiert ist, zu einem Ich (moi) abzugleiten, das
als Korrelat einer absoluten Realität begriffen wird, und damit in
einer merkwürdigen Wiederkehr des verdrängten psychologistischen
Denkens eine <<Realitätsfunktion›> im Ich wiederzufinden, an der je-
mand wie Pierre Janet seine Vorstellungen orientiert.

9" A.d.Ü.: Maxime aus Vergil, Bucolica jl 6;: «Jeden treibt seine eigene Begierde»
Vgl. P. Vergili Maronis, Opera, ed. R. Sabbadini, Bd. I, Rom (Typis Regiae Off-
ficinae Polygraphicae)" 1937, S. 41.
M A.d.U.= s. Freud, G.w., B4. X111, s. 247 ff.
148 '
1-ııııçv

Ein solches Abgleiten kann nur deshalb erfolgen, weil m_an_ nicht er-
kannt hat, daß die Topik von ego, id und superego im Werk Freuds
der Metapsychologie untergeordnet ist, deren Begriffe Freud zur glei-
chen Zeit entfaltet und ¬ohne die die Topik ihren Sinn verliert. Mit
diesem Abgleiten hat man sich einer psychologischen Orthopädie ver;
schrieben, die nicht/aufhöreniwird, Früchte zu tragen.
Michael Balint hat überaus eindringlich die vielfache Verflechtung von
Theorie und Technik bei der Herausbildung einer neuen Konzeption
von Psychoanalyse beschrieben underörtert. Er findet keine bessere
Formel zu charakterisieren, worauf sie hinausläuft, als das von Rick-
man entlehn"te Wort vom Heraufkommen einer itwo-body-psycbology.
Besser kann man es in der Tat nicht ausdrücken. Die Analyse wird
zur Beziehung zweier Körper, zwischen denen sich eine phantasma-
tische Kommunikation herstellt, in der der Analytiker dem Subjekt
beibringt, sich als Objekt. aufzufassen. Subjektivität ist in ihr nur
in der Parenthese der Illusion zugelassen, und das Sprechen wird auf
den Index einer_ Suche nach Erlebnissen gesetzt, die zum obersten
Ziel' der Analyse wird. Das dialektisch notwendige Ergebnis erscheint
in dem Umstand,'°daß die von jeder Zügelung befreite Subjektivität
des Analytikers das Subjekt allen Vorhaltungen überantwortet, die
der Analytiker ihm macht. ' -
Wenn die intrasubjektive Topik einmal zu Einheiten geronnen ist,
setzt sie sich in der Tat in der Arbeitsteilung zwischen den in der
Analyse einander konfrontierten Subjekten durch. 'Diese abwegige An-
wendung der Formel Freuds, daß alles, was id war„eg0 werden sollegz,
tritt in einer entmystifizierten Form auf. Das zu einem Dieses (cela)°3
umgebildete Subjekt muß sich nach einem ego richten, in dem der
Analytiker ohne Schwierigkeit seinen Verbündeten erkennt, da es sich
in Wirklichkeit um sein eigenes ego handelt.) R 8 l _
Genau dieser Vorgang drückt sich in manchen theoretischen Formulie-
rungen vom splitting des ego in' der Analyse aus. Die Hälfte des
ego des Subjekts geht auf die andere Seite der_Mauer, die den Analy-
sanden vom Analytiker trennt, dann die -Hälfte der Hälfte' und
so weiter in einer asymptotischen Prozession, die, wie weit sie auch
immer in die Meinung vorgetrieben wird, die das Subjekt von sich
W A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G.W., Bd. XV, S. 86: «Wo Es war, soll Ich werden» Lacari
verwendet hier (wie zuvor schon) statt der französisdıen die englisd1enTermir1i, um
polemisch deren Differenz zu Freud zu bezeichnen. Ä A
°3 A.d.Ü.: «Cela›› meint eine objektivistische Form des Es (ça). ..

~ .. 149
...-
wird gewonnen haben, nicht ganz die Marge_ zu beseitigen ver-
mag, von der aus es sich auf den Irrweg der Analyse zurückbesinnen
kann. 1
Wie aber kann das Subjekt bei einer Analyse, die nach dem Prinzip
vcrfährt, daß alle seine Formulierungen Widerstandssysteme darstel-
len, gegen die vollständige Desorientierung verteidigt werden, in der
dieses Prinzip die Dialektik des Analytikers beläßt? . 4 r '
Freuds Interpretation,ideren dialektisches Verfahren im Fall der'Do'ra
so deutlich in Erscheinung tritt, weist diese Gefahr nicht auf. Denn
sobald die Vorurteile des Analytikers, (das heißt s_eine Gegenüber-
tragung, ei_n Begriff, dessen korrekter Gebrauch unserer Meinungnach
nicht über die dialektischen Gründe des Irrtums hinaus ausgedehnt
werden sollte), sobald also die Vorurteile des Analytikers ihn bei
seiner Intervention irregeführt haben, zahlt er sofoıi-t den Preis dafür
in Form einer negativen Übertragung. Diese tritt mit desto größerer
Intensität auf, je weiter die Analyse das Subjekt bereits in die authen-
tische Erkenntnis eingeführt hat, und gewöhnlich zieht sie einen Ab-
bruch der Analyse nach sich. A
“Eben das ist ja auch im Fall der Dora aufgrund der Hartnäckigkeit
Freuds geschehen, mit der er ihr die Einsicht hat vermitteln wollen,
daß das verborgene Objekt ihres Begehrens in der Person jenes Herrn
K. zu suchen sei, in dem er wegen der Vorurteile, die seine Gegen-
übertragung bildeten, ein Glücksversprechen für sie zu sehen sich
genötigt fand“. R -
Zweifellos fiel Dora selber in dieser .Beziehung einer Täuschung zum
Opfer, doch_hat sie nicht weniger lebhaft gespürt, daß es Freud mit 306
ihr ebenso erging. Aber als sie ihn nach fünfzehn Monaten wieder
aufsucht, nach einer Zeitspanne also, in die sich die schicksalhafte
Zahl ihrer «Zeit des Verstehens›› einschreibt, beginnt sie, wie man
spürt, mit der Täuschung, vorgetäuslcht zu haben. Die Konvergenz
dieser Täuschung zweiten Grades mit der aggressiven Absicht, die
ihr Freud gewiß nicht ohne Richtigkeit, aber doch in Unkenntnis
des realen Beweggrundes vorhält, zeigi: uns den Umriß einer intersub-
jektiven Komplizenschaft, die eine auf ihre Rechte pochende «Wider-
standsanalyse›› zwischen ihnen beiden hättefortsetzen können. Ohne
Zweifel :hätte sich mit den Mitteln, die uns inzwischen aufgrund
unserer' Fortschritte in der Technik zu Gebote stehen, der menschliche
/

°*' A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. V, S. 282 f.

150
Irrtum über 'die Grenze hinaus fortsetzen lassen, jenseits derer er
teuflisch wird.
All das ist nicht auf unserem Mist gewachsen. Freud selbsthat nach-
träglich die für die Beurteilung des späteren Sachverhalts bedeutsame
Quelle seines Scheiterns darin gesehen, daß er während der Analyse
die homosexuelle Stellung de_s Objekts verkannte, auf das das Begehren
der Hysterikerin sich fichtetegs. . '
Zweifelsohne verweist die gesamte Entwicklung, die zur gegenwärti-
gen Tendenz-derPsychoanalyse geführt hat, von Anbeginn an auf
das schlechte Gewissen des Analytikers angesichts des Wunders, das
er durch sein S_prechen wirkt. Er interpretiert ein Symbol, und auf
einmal verschwindet ein Symptom, das jenes Symbol mit Buchstaben
des Leidens ins Fleisch des Subjekts eingeschrieben hat. Diese Wunder-
tätigkeit verstößtgegen die guten Sitten. Schließlich sind wir Wissen-
schaftler und sollten nicht die Praktiken der Magie verteidigen. Man
entledigt sich ihrer, indem man dem Patienten magisches Denken vor-
wirft. Bald sind wir soweit, unseren Kranken das Evangelium nach
Légvy-Br-uhl zu predigen. Einstweilen jedoch sind wir zu Denkern ge-
worden und richten die angemessene Distanz wieder auf, die es den
Kranken gegenüber zu wahren gilt und deren Tradition man ein wenig
zu schnell aufgegeben hat. Überaus vornehm wurde diese Tradition
ausgedrückt von Pierre Janet in seinen Zeilen über die (im Vergleich
mit unserer erhabenen Position) geringen Fähigkeiten einer Hysteri-
kerin: «Die arme Kl'ei'ne››,'so läßt er uns wissen, «versteht nichts von
der Wissenschaft und stellt sich nicht einmal vor, daß man Interesse
an ihr haben könnte . . . Stellt man die Unkontrolliertheit in Rech-
nung, die für das Denken der Hysteriker charakteristisch ist, so wird
man, statt sich über ihre Lügen aufzuregen, die übrigens recht naiv
sind, sich eher darüber wundern, daß es unter ihnen nochiso vieleehr-
liche Leute gibt und so weiter.››
Soweit diese Zeilen eine Einstellung wiedergeben, der heute viele jener
Analytiker verfallen sind, die sich dem Kranken gegenüber dazu her-
ablassen, «seine Sprache» zu sprechen, können sie uns helfen zu begrei-
7 fen, was inzwischen geschehen ist. Wenn Freud intellektuell imstande
gewesen wäre, diese Zeilenzu unterschreiben, wie hätte er dann aus
den kleinen Geschichten seiner ersten Kranken die Wahrheit heraus-
hören können, was ihm ja tatsächlich gelang, oder wie_hätte er gar

°5 A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, a.a.O., S. 284, Anm. 1.


151
das dunkle Delirium eines Schreber so weit entziffern können, daß
er es zum Maß des ewig an seine Symbole geketteten Menschen machen
konnte? A T I
Ist unsere Vernunft so schwach, daß sie sich nicht, in der Besinnlichkeit
der Gelehrtensprache und im ersten Austausch eines symbolischen Ob-
jekts als identische efkennt und daß sie nicht in beiden das gleiche
Maß ihrer ursprünglichen List wiederfindet? i
Ist es notwendig, daran zu erinnern, was die Elle des «Denkens››
den Praktikern einer Erfahrung wert ist, die die Beschäftigung mit
ihm eher mit innerer Erotik vergleichen als. mit einem_Äquivalent
des Handelns? _ - a
Muß, wer zu Ihnen spricht, beweisen, daß er für sêinen Teil nicht
aufs Denken zu rekurrieren braucht, um zu begreifen, daß er, wenn
er zu Ihnen in diesem Augenblick vom Sprechen spricht, das insofern
tun kann, als wir über eine gemeinsame Technik des Sprechens ver-
fügen, die Sie in die Lage versetzt, ihn zu verstehen, wenn er von
ihr spric:ht,_und die ihn befähigt, sich über Sie an diejenigen zu wenden,
die davon nichts verstehen? ' . `
Zweifellos müssen wir unser Ohr dem Nichtgesagten öffnen, das in
den Löchern des Diskurses ruht, aber .es ist nicht herauszuhören wie
Klopfzeichen hinter einer Mauer. › `
Denn um uns von nun an, wie manche sich rühmen, nur mit diesen
Geräuschen zu beschäftigen, müssen wir einräumen, daß wir uns nicht
die geeignetsten Bedingungen geschaffen haben, um ihren Sinn zu
entziffern. Wie soll man, ohne sich über das Verständnis dieses Sinns
Kopfschmerzen zu bereiten, etwas übersetzen, was nicht per se die
eigene Sprache ist? Kommen wir also dahin, ans Subjekt zu appellie-
ren, weil wir schließlich dieses Verstehen auf sein Konto überweisen
müssen, so schließen wir es ein in eine Wette, die zum Gegenstand
hat, daß wir es* verstehen, und wir warten darauf, daß wir bei einer
Erwiderung beide gewinnen. Damit wird es, diesem Hin und Her
folgend, ziemlich einfach lernen, selbst den Takt anzugeben - eine
Suggestion, die soviel wert ist wie jede andere; das heißt, daß man
bei dieser Suggestion, .wie bei jeder anderen, nicht weiß, wer anspielt.
Der Vorgang wird als recht sicher erkannt, wenn es sich darum handelt,
ans Loch zu gelangengó.
Auf halbem Wege zu diesem Extrem stellt sich die Frage: Bleibt die

°° Zwei 'Absätze wurden überarbeitet (1966). /.

152
Psychoanalyse _eine dialektische Beziehung, in der das Nicht-Handeln
des Analytikers den Diskurs des Subjekts zur Verwirklichung seiner
Wahrheit lenkt, oder wird sie reduziert auf eine Beziehung von Phan-
tasmen, in der zwei «Abgründe sich einander nähern››, ohne sich zu
berühren, bis die Skala imaginärer Regressionen erschöpft ist, also
auf eine Art lvundlirzgw, das als psychologische Probe bis an seine
äußersten Grenzen getrieben wird? ›
Diese Illusion, die uns dazu treibt, die Realiiät des Subjekts jenseits der
Mauer der Sprachezu suchen, ist die gleiche, aufgrund derer das Sub-
jekt glaubt, seine Wahrheit sei in uns bereits vorhanden oder wir
wüßten sie im vorhinein. Und eben auch dadurchklafft das Subjekt
unseren objektivierenden Interventionen entgegen.
Ohne Zweifel muß es für seinen Teil diesen subjektiven Irrtum nicht
verantworten, der, ob er nun in seinem Diskurs eingestanden wird
oder nicht, der Tatsache immanent ist, daß es in die Analyse gekom-
men istund dem grundlegenden Pakt zugestimmt hat. Die Subjektivi-
tät dieses Moments sollte man um so weniger vernachlässigen, als wir
in ihm den Grund dessen finden können, was man insofern als die
konstitutiven Faktoren der Übertragung bezeichnen kann, als sie sich
durch einen Realitätsindex von den nur abgeleiteten Faktoren dersel-
ben unterscheidengs. _. . ~-
Wie erinnerlich insistierte Freud, als er die Gefühle berührte, die in
die Übertragung eingebracht werden, auf der Notwendigkeit, in ihnen
einen Realitätsfaktor zu unterscheiden. Es wäre, so schließter, ein
Mißbrauch der Folgsamkeit des Subjekts, wollte man ihm in allen
Fällen einreden, seine Gefühle gegenüber dem Analytiker seien eine
simple Wiederholung seiner Neurose in der Übertragung. Wenn in-
folgedessen diese wirklichkeitsbezogenen Gefühle sich als die primären

“T Man bezeidınet mit diesem Begriff einen ursprünglich keltischen Brauch, den es
nodı bei einigen biblischen Sekten Amerikas gibt. Er gestattet es Verlobten und sogar
durchreisenden Gästen, gemeinsam mit der Tochter'des Hauses unter der Bedingung
im selben Bett zu sdılafen, daß beide ihre Kleider anbehalten. Die Bedeutung des
Wortes stammt daher, daß die Mädchen gewöhnlich wie Bündel in Tüdıer einge-
wickelt wurden. (Quincey erwähnt diesen Brauch; vgl. auch das Buch von Aurand
le Jeune über diese Praktik in der Amish-Sekte.) Der Mythos von Tristan und Isolde,
ja der Komplex,_den er repräsentiert, könnte dem Psychoanalytiker als Garant seiner
Suche nach der Seele dienen, die durch eine allrnähliche Ablösung instinktmäßigcr
Phantasmen eine mystifızierende Vermählung herbeiführt. . _ `
"Ü Man findet hier definiert, was wir später als Stütze der Übertragung bezeichnet
haben, nämlich das angeblich wissende Subjeki (sujet-supposé-savoir) (1966).

i " Išs
_-Mıfl ._i._ _¬`ı____,.-___J

ı-

erweisen und unser persönlicher Charme als Analytiker ein Zufalls-


faktorfibleibt, kann der Anschein. entstehen, es gebe dabei irgendein
Geheimnis. T A
Doch dies Geheimnis klärt sich auf, wenn es_ in der Phänomenologie
des Subjekts gesehen wird, denn das Subjekt konstituiert sich durch
3
die Suche nach Wahrheit. Man braucht sich nur den traditionellen
Lehren zuzuwenden, die uns die Buddhisten (aber nicht nur sie) liefern,
um in dieser Art von Übertragung einen der Existenz eigentümlichen
Irrtum zu erkennen. Sie gliedern diese Lehren unter drei Gesichtspunk-
ten, die sie wie folgt zusammenstellen: Liebe, Haß_und Ignoranz.
Als Gegeneffekt der Bewegung der Analyse verstehen wir ihre Äqui-
valenz in dem, was man eine ursprünglich positive Übertragung nennt.
jedes der drei wird von den anderen ıbeiden unter diesem existentiellen
Aspekt erhellt, wenn man nicht das dritte ausnimmt, das wegen seiner
Nähe zum Subjekt gewöhnlich weggelassen wird. Ã i '
Wir erinnern hier an eine Invektive seitens eines Autors, dessen Schuld
uns gegenüber an der gleichen Verwendung des Terminus <<'real>› zu
erkennen. ist. Durch diese Invektive wurden wir`in einer (von uns
bereits allzu häufig zitierten) Arbeit insofern zum Zeugen mangelnder
Zurückhaltung, als sie das Spiel der Instinkte in-der Analyse sinnlos
objektivierte. Mit folgenden Worten machte er, wie man so sagt,
«seiner Seele Luft››: «Es ist höchste Zeit, daß mit der Hochstapelei
Schluß gemacht wird, die glauben machen möchte, in der analytischen
Behandlung gehe irgend etwas Reales vor sich.›› Übergehen wir einfach,
was daraus geworden ist. Denn wenn die Analyse das orale Laster
des Hundes, von dem die Heilige Schrift spricht, nicht geheilt hat,
ist seine Verfassung jetzt schlimmer als zuvor: er frißt, was andere
atısgekotzt-habengaa. s
Dieser Witz ist indes nicht schlecht gezielt. Denn er sucht in der Tat
nach einer`bisher in der Analyse nicht vorgenommenen Unterschei-
dung, die wir später in den Begriffen des Symbolischen, Imaginären
und Realen fundiert haben. i
In der analytischen Erfahrung bleibt die Realität in der Tat oft von
negativen Formen verschleiert, aber es ist nicht allzu schwer, sie aus-
zumachen. S g

W' A›d-Ü-¦ SP1'-425, II: «Wie ein Hund sein gespeiets wider frisst / Also istder
Narr der seine narrheit wider treibt.› Zit. nach M. Luther, Die gantze Heilige
Sehrifft Deudsdi, Wittenberg 1545, (repr. München [Rogner ôc Bernhard] 1972,
S.rı29J ,
1
154
Ihr begegnet man zum Beispiel in dem, was wir als aktives Eingreifen
mißbilligen; doch wäre es falsch, ihre Grenzen dadurch zu. bestim-
men. . `
Denn es ist andererseits klar, daßidie Enthaltung des Analytikers,
seine Weigerung zu antwoııten, ein Element der Realität in der Analyse
darstellt. Genauer gesagt liegt in dieser Negativität, soweit sie als
reine Negativität von jedem besonderen Motiv gelöst ist, die Gelenk-
stelle zwischen dem 'Symbolischen und dem Realen. Das folgt einfach
0 daraus, daß dieses Nicht-Handelnsich auf unser durch jenes Prinzip
gestützte Wissen gründet, daß alles,'was wirklich ist, vernünftig ist.
Ferner gründet es sich auf das daraus abzuleitende Motiv, es sei Sache
des Subjekts, sein ihm eigenes Maß wiederzufinden.
Im übrigen wird diese Enthaltung nicht unbegrenzt beibehalten; so-
bald die Frage des Subjekts die Form, eines wahren Sprechens ange-
nommen hat (parole vraie), sanktionieren wir sie durch unsere Ant-
wort. Doch haben wir gezeigt, daß das wahre Sprechen seine Antwort
bereits enthältund daß wir sie nur wie in einer Antiphon verdoppeln.
Kann das nun etwas 'anderes heißen, als daß wir lediglich dem Spre-
chen des Subjekts seine dialektische Interpunktion geben?
Hieraus erhellt das weitere Moment, in dem das Symbolische und
das Reale sich verbinden und das wir theoretisch bereits begründet
haben: die Funktion der Zeit. Es lohnt sich, einen Augenblick bei den
technischen Wirkungen der Zeit zu verweilen.
Die Zeit spielt in der Technik unter verschiedenen Gesichtspunkten
eine Rolle. ' - ' I ~' 1
Zunächst stellt sie sich in der Gesamtdauer der Analyse dar und be-
dingt den Sinn, der einer Beendigung der Analyse zugeben ist. Diese
Frage ist vorrangig vor der nach den Zeichen ihres Endes. Wir werden
das Problem der Festsetzung eines Endes kurz berühren. Doch ist
schon jetzt deutlich, daß die Dauer der Analyse für das Subjekt nur
als unbegrenzt antizipiert werden kann. S
Und das aus zwei Gründen, 'die man nur in dialektischer Perspektive
trennen kann:

Der eine betrifft die Grenzen unseres Feldes und bestätigt unsere
Bemerkungen über die Bestimmung seines Umfangs. Wir können die
Zeit des 'Versiehens bei einem Subjekt insofern nicht vorhersehen,
als sie einen psychologischen Faktor einschließt, der sich uns als solcher
entzieht. '"
_ Iss
-"¬'%I--ı.ı..g"'/ :Z

' u

Der zweite Grund betrifft das Subjekt selbst. Die Festsetzung eines
Endes der Analyse kommt einer verräumlichenden Projektion gleich,
in der das Subjekt je schon von dem Moment an sich selbst entfremdet
ist, in dem seine Wahrheit als terminierbar vorausgesehen werden
kann. Was immer von ihr in einer verräumlichten Intersubjektivität
ankommen mag, es ist dies: daß die Wahrheitbereits da ist; das heißt,
wir würden im Subjekt seine ursprüngliche Täuschung in dem Maße
wieder herbeiführen, in dem es in uns seine Wahrheit setzt, und wir
würden insofern, als wir es mit' unserer Autorität darin bestärkten, die
Analysein eine Verwirrung lenken,deren Resultate unmöglich zu kor-
rigieren wären. s g -
Gerade das ist in dem berühmten Fall des \Volf§manns geschehen,
31
dessen 'exemplarische Bedeutung Freud so gut begriffen hat, daß er
in seinem Aufsatz über «Die endliche und die unendliche Analyse»
wieder auf ihn eingeht. ' , i l
Welche (im eigentlichen Sinne des Wortes) divinatorisclie” Sicherheit
auch immer ein Analytiker bei der vorweggenommenen Festsetzung
eines Endes der Analyse dem Beispiel Freuds folgend unter ,Beweis
stellen mag, der`diese' erste Form aktiven Eingreifens selbst eingeführt
hat (pro pmíorl), diese Festsetzung wird das ,Subjekt stets in einer
Entfremdung von seiner Wahrheit belassen. _ g
Die Bestätigung dessen finden wir darüberhinaus in zwei Tatsachen
des Freudsclıen Falls: A - 'J
Trotz des ganzen Bündels von Beweisen, die die Historizität ,seiner
Urszene belegten, trotz der gegenüber Freuds Versuchen, sie metho-
disch in Zweifel zu stellen, unerschütterlichen Überzeugung von dieser
Historizität vermochte der Wolfsmann erstens nie, ihre Wiedererinne-
rung in seine Geschichte zu integrieren. I H `
Zweitens zeigt er seine Entfremdung schließlich in der kategorischsten
Form, der Paranoia. , ,_
9” Aulus Gellius schreibt: «Wenn es bei einem Prozeß darum geht, wer' mit dem
Amt des Anklägers betraut werden soll und wenn zwei oder mehr Personen
für dieses Amt eingeschrieben zu werden verlangen, heißt das Urteil, mit dem das
Gericht den Ankläger benennt, divinatio . . . Dieses Wort kommt daher, daß, weil
Ankläger und Angeklagrer zwei korrelativc Institutionen sind, von 'denen eine nicht
ohne die andere existieren kann, und weil die Art des Urteils, um die es hier~gel_ıt,
einen Angeklagten ohne Ankläger präsentiert, daß man sich also auf die divinatio
stützen muß, um zu finden, was der Fall nicht hergibt, vielmehr noch unerkannt läßt,
eben einen Ankläger.›› A.d.Ü.: Aulus Gellius, Noctes Atticae, ed. P. K. Marshall, Ox-
ford (Clarendon Press) 1968, II. 4. 3., S. 82. i
_/
156
--1.17
|
ı
ı

Tatsächlich spielt hier noch ein anderer Faktor mit, durch den die
Wirklichkeit in die Analyse eingreift, nämlich die Übergabe des Gel-
des, dessen symbolischen Wert wir uns anderswo darzustellen vorbe-
halten, dcssen Reichweite aber bereits angedeutet ist in dem, was
wir über die Verbindung des Sprechens mit einer für den primitiven
Tausch grundlegenden Gabe geäußert haben. Hier nun ist die Gabe
des Geldes aufgrund der Initiative Freuds verweigert worden, in der.
wir, ebenso wie in der Beharrlichkeit, mit der er'auf den Fall zurück-
kommt, eine in ihnf selbst nicht aufgelöste subjektive Form der Pro-
bleme erkennen können, die dieser Fall offenläßt. Niemand zweifelt
12 daß dies ein auslösender Faktor der Psychose gewesen ist, ohne indes
genauer zu wissen, warum. i
Begreift man denn nicht, 'daß man ein Subjekt entschieden in die
Entfremdung von seiner Wahrheit hineintreibt, wenn man zuläßt,
daß es aufgrund der Verdienste seines Falls um die Wissenschaft als
Pensionär der Psychoanalyse ernährt wird? (Denn nur aufgrund einer
Sammlung unter den Analytikern vermochte der Wolfsmann mit einer
Rente seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.) i '
Das Material der nachfolgenden Behandlung, in der der Kranke Frau
Ruth -MacBrunswi“ck anvertraut wurde, belegt die Verantwortung
jener ersten Kur, indem es unsere These über den jeweiligen Ort des
Sprechens und der Sprache in der psychoanalytischen Vermittlung er-
härtet.. vg _ .,
Darüberhinaus kann man unterm Gesichtspunkt des Sprechens und
der Sprache begreifen, wie Ruth MacBrunswid< sich im ganzen nicht
schlecht mit ihrer 'delikaien Rolle gegenüber der Übertragung zurecht-
gefunden hat. (Man wird sich der Mauer in unserer Metapher erinnern,
die ebenfalls in einem der Träume auftaucht. Die Wölfe des Schlüssel-
traums gieren danach, um sie herumzugelangen . . Den Hörern un-
seres Seminars ist all das bekannt, und die übrigen mögen sich darin
übengga. - ' y t
Wir wollen ein anderes, uns gegenwärtig besonders unter den Nägeln
brennendes Problem der Funktion der Zeit in der analytischen Technik
angehen. Wir wollen über die Sitzungsdauer sprechen. . S
Es handelt sich auch hierbei um ein Element, das ,tatsächlich zur Reali-
tät gehört, denn es stellt unsere Arbeitszeit dar, und damit fällt es
unter die Rubrik einer beruflichen Arbeitsregelung, die man für vor-
dringlich halten mag.
9°* Zwei Abschnitte neu geschrieben (ı966).

~ i 1:7
HI!-1'-
.,~.-J

Doch ihre subjektiven Auswirkungen sind nicht weniger bedeutsam,


vor allem-für den Analytiker. Das Tabu, mit dem in der jüngsten
Diskussion die Sitzungsdauer belegt worden ist, beweist zur Genüge,
daß in diesem Betracht die subjektive Einstellung der Analytiker ganz
und gar nicht frei ist, und die skrupulöse, um' nicht zu sagen zwang-
hafte Art, mit der gewisse, wenn nicht die, meisten Analytiker die
Einhaltung eines Standards beachten, dessen .historische und geogra-
phische Abweichungen im übrigen niemanden zu beunruhigen scheinen,
ist gewiß ein Zeichen dafür, daß hier ein Problem vorliegt, das man
um so weniger anzugehen bereit ist, als man spürt, daß es die Funktion
des Analytikers sehr. weitgehend in Frage stellen würde. - `
Andererseits kann man seine Bedeutung. für das Subjekt, das sich
einer Analyse unterzieht, nicht verkennen. Das_ Unbewußte, so äußert
man in einem Ton, der desto' erfahrener klingt, 'je weniger man in
der Lage ist zu rechtfertigen, was man sagen möchte, das Unbewußte
also braucht Zeit, um sich zu offenbaren. Dem stimmen wir durchaus
zu. Doch fragen wir, wie es zu messen ist. Istí_ sein Maß dasdes
Unıversums der Präzision, um einen Ausdruck Alexandre Koyrés zu
gebrauchen? Zweifelsohne leben wir in diesem Universum, 'doch ist
seine Geltung für den Menschen vergleichsweise jungen Datums, da
es genau bis zur Uhr von Huygens zurückreicht, also ins Jahr 16 5 9,
und das Elend des modernen Menschen läßt uns' daran zweifeln, ob
diese Präzision für ihn ein Faktor der Befreiung ist. Ist diese Zeit
des freien Falls geheiligt, weil sie der Zeit der Sterne entspricht; die
in Ewigkeit durch Gott festgesetzt ist, der, wie Lichtenberg sagt, unsere
Sonnenuhren aufziehtggb? Vielleicht erhalten wir eine bessere Vorstel-
lung vonder Zeit, wenn wir die Zeit, die nötig ist, um ein symbolischeS
Objekt hefvofzubfifigfin, mit dem unaufmerksamen Augenblick ver-
gleichen, in dem wir es fallenlassen? `i ~ _ ,
Wie dem auch Sei, glauben wir, wenn unsere Arbeit als Analytiker
in dieser Zeitspanne problematisch bleibt, einiges Licht in die Funktion
der Arbeit "bei dem gebracht zu haben, was der Patient in dieser
Zeit realisiert. , › 8 ' S
Doch die Realität dieser Zeit nimmt, was immer sie sein mag, sofort
einen verräumlichten Wert an, nämlich den der Annahme eines Pro-
dukts dıeser Arbeit. , `
Wh A-d-Ü-¦ Y81- G« C» Lidflfiflbfifg, Aphorismen, ed. A. Leitzrnann, 3. Heft: 177i
"" 1779› Beflm (Behr) 19°5› F 1013, 5« 306 (= Deutsche Literaturdenkmale des I8.
und 19. Jahrhunderts, No. 136, F. 3, Nr. 15), 'I

153 '
_!
Wir spielen eine Rolle des Aufzeichnens, indem wir die in jedem
symbolischen Austausch fundamentale Funktion übernehmen, das zu
sammeln, was do /eamo99°, der Mensch in seiner Authentizität, das blei-
bende Sprechen nennt (parole qui dure). i g ' `
Als Zeuge aufgerufen für die Ehrlichkeit des Subjekts, als Verwahrer
der Prozeßakten seines Diskurses, als Referenz für seine Genauigkeit,
als Garant seiner Aufrichtigkeit, als Hüter seines Testaments, als Ge-
richts_schreiber seines jeweils letzten Willens hat der Analytiker etwas
von einem Kopisten. /r _ ' _ I i,
Doch er bleibt Herr der .Wahrheit, deren' Fortschritt dieser Diskurs
ist. Vor allem er ist es, der, wie wir gesagt haben, dessen Dialektik
interpunktiert; Hier nun wird er als Preisrichter dieses Diskurses auf-
gefaßt. Das hat die folgenden zwei Konsequenzen.
Die Unterbrechung der Sitzung kann vom Subjekt nicht als keine
Interpunktion in seinem Fortschritt empfunden werden. Wir wissen,
wie es sie in ihrer Terminiertheit einkalkuliert, um sie in seine eigenen
Fristen, ja sogar in' seine Ausreden einzuplanen, wie es sie vorweg-
nimmt, indem es sie wie eine :Waffe in der Hand wiegt und sie wie
eine Deckung belauert. _ - „
Beim Studium symbolischer Schriften, ob es sich um die Bibel handelt
oder um chinesische kainonische Texte, läßt sich in der Tat feststellen,
daß das Fehlen der Interpunktion .eine Quelle von Zweideutigkeiten
ist. Eine vorgegebene Interpunktion fixiert den Sinn; ihre Änderung
erneuert ihn oder stößt ihn um, und ist sie falsch, kommt sie einer
Entstellung des Sinns gleich. _,
Die Indifferenz, mit der ein Einschnitt des timing die,Augenblicke
der Hast im Diskurs' des Subjekts unterbricht, kann sich fatal auf
den Schluß auswirken, zu dem dieser Diskursssich überstürzt, ja sie
kann ein Mißverständnis festigen oder gar einen Vorwand liefern
für eine abweisende List.
Anfänger scheinen von den Auswirkungen solcher Vorfälle stärker
beeindruckt zu sein, was zu der Vermutung Anlaß gibt, daßidie anderen
sich ihrer wie einer Routineangelegenheit unterziehen. t
Gewiß bleiben wir mit der Neutralität, die wir bei der strikten Anwen-
dung der Regel über die Länge der Sitzung an den.Tag legen, auf
der Linie des Nicht-Handelns. ` - . , ,
Doch hat dieses Nicht-Handeln seine Grenzen, oder aber es gibt

“C A.d.Ü.: Vgl. Anm. 42.

- “ 159
Z_ ¬*--~-~f

« 1
keine Intervention des Analytikers mehr. Und warum soll man sie
gerade in diesem so hervorragend wichtigen Punkt unmöglich ma__
chen? i "
Die Gefahr, daß dieser Punkt für den Analytiker zwanghaften Wert
gewinnt, liegt einfach darin, daß er dem Einverständnis des .Subjekts
Vorschub leistet, das nicht bloß dem Zwanghaften gegenüber offen
ist, sondern beim Analytiker auch eine besondere Kraft gerade' anf...
grund des Gefühls seiner Arbeit entwickelt. Bekanntlich durchzieh;
ein Moment von Zwangsarbeit beim Subjekt selbst seine Freizeit.
Aufrechterhalten wird es durch die, subjektive Beziehung zum Herrn,
insofern es dessen Tod erwartet.
Der Zwanghafte zeigt in der Tat eine der Verhaltensweisen, die Hegel
in der Dialektik von Herr und Knecht nicht entwickelt hat'°°.' Der
Knecht hat angesichts der Todesgefahr nachgegeben, in der die Gele-
genheit zu herrschen ihm im Kampf um reine Anerkennung angeboten
worden ist. Da. er aber weiß, daß er sterblich ist, weiß er auch, daß
der Herr sterben kann. Infolgedessen kann er sich darauf einlassen,
für den Herrn zu arbeiten und in der Zwischenzeit auf Genuß zu
verzichten. In der Ungewißheit über den Augenblick, in dem der Tod
des Herrn eintreten wird, wartet er. T I .*
Das ist der intersubjektive Grund des Zweifelns wie des Aufschiebens,
die Charakterzüge des Zwanghaften sind.
All seine Arbeit verläuft unter Anleitung dieser Intention und wird
durch sie doppelt entfremdend: ,Denn nicht bloß wird das Werk des
Subjekts ihm von einem anderen entwendet, was die Grundbezie-
hung jeder Arbeit ist, sondern die Anerkennung seines eigenen' Wesens
durch sich selbst entgeht dem Subjekt nicht weniger in seinem Werk,
in dem diese Arbeit ihre Begründung findegdenn es 5e1b5t'«igt nicht
in ihm››. Es ist in dem antizipierten Augenblick des Todes des Herrn,
von dem an es selbst leben wird; doch während es diesen Augenblick
erwartet, identifiziert es sich mit dem Herrn als einem Toten und ist
aufgrund dessen selbst bereits tot. A
Nichtsdestoweniger bemüht es sich, den Herrn durch die Vorführung
der guten Absichten zu täuschen, die in seiner Arbeit zutage treten.
Die braven Kinder des analytischen Katechismusunterrichts drücken
diesen Sachverhalt in ihrer rüden Sprache aus, wenn sie sagen, das
ego des Subjekts traclıte danach, das szøperego zu verführen.
10° A.d.Ü.: G. W. F. I-Iegel «Phänornenologie des Geistess, ed. J. Hoffmeister, Harn-
burg (Meiner) °ı952, S. r4ı_ ff.
160
Diese intrasubjektive Formulierung wird unmittelbar entmystifiziert,
sobald man sie in der analytischen Beziehung sieht, in der dasworking
through des Subjekts in der Tat zur Verführung des Analytikers be-
nutzt wird. _ i
Wenn der dialektische Fortschritt der Kur sich einer Infragestellung
der Intentionen des ego bei unseren Subjekten nähert, ist es denn
auch kein Zufall, daß das Phantasma vom Tod des Analytikers, oft
in der Form einer Befürchtung, ja der Angst niemals ausbleibt.
Das Subjekt 'beginnt dann stets erneut mit einer noch demonstrati-
veren Vorführung seines «guten Willens››.
Wie kann man,infolgedessen'die` Wirkung einer gewissen Geringschät-
zung bezweifeln, die der Herr dem Produkt einer solchen Arbeit entge-
genbringt? Der Widerstand des Subjekts kann ihretwegen völlig durch-
einandergeraten.› - i 1
Von. diesem Augenblick an ,beginnt sein bis dahin tinbewußtes Alibi
sich ihm zu offenbaren, und manisieht es leidenschaftlich nach einem
Grund für so viele Anstrengungen suchen. i "
Wir würden uns hierüber nicht in dieser Weise verbreiten, wenn wir
nicht überzeugt wären, daß wir mit unseren Experimenten in Bezug
auf das, was man unsere Kurzsitzungen genannt hat, während einer
erfolgreich abgeschlossenen Phase unserer analytischen Erfahrung in
der Lage waren, Phantasmen von einer analen Schwangerschaft, ver-
bunden mit ihrer im Traum stattfindenden Beendigung durch einen
Kaiserschnitt bei 'einemigewissen männlichen Subjekt in einem Zeit-
raum ans Tageslicht zu fördern, in dem wir uns. sonst noch seine
Spekulationen über die Kunst Dostojewskis hätten anhören müssen.
Wir sind indes nicht dazu da, dieses Verfahren zu verteidigen, sondern
zu zeigen, daß es in seiner Anwendung als Technik einen genauen
dialektischen Sinn hatm. ~ T
Wir sind zudem nicht die einzigen, die bemerkthaben, daß dieses
Verfahren sich der Technik annähert, die man mit dem Namen Zen be-
zeichnet und die als Mittel der Offenbarung des Subjekts in der tradi-
tionellen Askese gewisser fernöstlicher Schulen angewandt wird. ;
6 Wir wollen nicht so weit gehen wie diese Technik, die in ihren Extre-
men gewissen Beschränkungen sich widersetzt, die unsere Technik Sifill
auferlegt; doch scheint uns eine zurückhaltende Anwendung ihrer
1°* Mag man dies nun für einen zum Bauen ungeeigneten Stein halten oder für den
Eckstein unserer Konstruktion, unsere Stärke liegt jedenfalls darin, in diesem Punkt
nicht nadıgt-:geben zu haben (1966). ~
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_ V

Prinzipien in der`Analyse viel zulässiger zu sein als gewisse Arten


der sogenannten Widerstandsanalyse, zumal sie keinerlei Gefahr einer
Entfremdung des Subjekts in sich birgt.
Denn sie bricht den Diskurs nur ab, um das Sprechen zu entbinden.
Da stehen wir nunalso am Fuß der Mauer, am Fuß der Sprachmauer-
Wir stehen hier auf unserem Platz, das heißt auf der selben-Seite WIG
der Patient, und wir werden an dieser-Mauer, die für ihn und UI15
die selbe ist, auf das Echo seines Sprechens zu antworten versuchen.
Jenseits dieser Mauer gibt es für uns nur äußere Dunkelheit. S011
das nun heißen, wir seien vollkommen Herr der Lage? Gewiß nicht;
Freud hat uns darüber in seinem Vermächtnis Bemerkungen zur negël'
tiven Reaktion des Therapeuten hinterlassen. { A _ .
Der Schlüssel zu diesem Geheimnis, sagt man, liege in der Instanz
eines ursprünglichen Masochismus, anders gesagt: einer Manifestatıøfl
jenes reinen Todestriebs, dessen Rätsel uns Freud auf der Höhe seinßl'
analytischen Erfahrung aufgegeben hat. - _
Wir können uns darüber ebensowenig erhaben dünken, wie wir hier
die Untersuchung dieses Todestriebs aufzuschieben vermögen.
Wir bemerken, daß sich in .der Ablehnung dieses Endpunkt“
der Frcudschen Lehre diejenigen, die die Analyse um eine Vorstellung
des ego zentrieren, deren Irrtum wir nachgewiesen haben, mit d<2I1@_n
treffen, die wie Reich in dem Prinzip, den unaussprechlichen orgëlfll'
sche_n Ausdruck jenseits des Sprechens zu suchen, so weit gehen, daß
sie, 'um diesen Ausdruck von seiner Panzerung zu befreien, genau
wie.Reich eine Herbeiführung des Orgasmus, die sie wie er von d_§31'
Analyse erwarten, in der Überlagerung von zwei wurmartigen Gebıl-
den symbolisieren könnten, deren verblüffendes Schema man in Reichs
Buch über die Charakteranalyse findetm. . B A
Ein solches Zusammentreffen zweier Positionen wird uns zweıfell0S
als gutesOmen für die Schärfe des Denkens ihrer jeweiligen Vertreter
gelten, sobald wir den engen Zusammenhang aufgewıesen haben, der
den Begriff des Todestriebs mit den Problemen des Sprechens ver-
bindet. 1 '
Bereits einer geringen Anstrengung des Denkens erscheint der Begriff
des Todestriebs als ironisch, denn seine Bedeutung muß in der Ver-
1°2 A.d.Ü.: Lacan bezieht sidı auf die englische Ausgabe: Wilhelm Reich, Character
Analysis translated by Theodore P. Wolfe, London (Vision PresS› Peter Nevıll)
0 J, P, 3:65. Vgl.: Wilhelm Reidı, Charakteranalyse, Köln (Kiepenheuer und Witsdıl
I970,S.44s- ' s t
162
bindung zweier einander entgegengesetzter Termini gesucht werden.
317 Trieb ist im weitesten Verstande das Gesetz, das in seiner _Abfolge
einen Verhaltenszyklus mit dem Ziel der Erfüllung einer Lebensfunk-
tion steuert, und der Tod erscheint zunächst als Zerstörung des Le-
bens. ` B ,
Die Definition, die am Beginn der Biologie Bichat :gegeben hat, der
Leben als die Gesamtheit der Kräfte bezeichnete, die dem Tod wider-
stehen, nicht weniger als die modernste Auffassung des Lebens, die
sich in Cannons Begriff der Homöostase als Funktion eines Systems,
findet, das sein eigenes Gleichgewicht erhält, erinnern indes daran,
daß Leben und Tod selbst 'innerhalb der Erscheinungen, die man dem
Leben zıırechnet, sich in polarem Verhältnis miteinander verbinden.
Infolgedessen dürfte die Kongruenz der Gegensätze im Begriff des
Todestriebs mit den Phänomenen der Wiederholung, auf die Freuds
Erklärung jene Gegensätze unter der Bezeichnung eines Automatismus
in der Tat bezieht, keine Schwierigkeiten bereiten, wenn es sich um
einen biologischen Begriff handelte. ' I `
Jeder spürt wohl, daß das nicht so ist, und gerade daran stoßen sich
manche unter uns; Die Tatsache, daß sich viele bei der scheinbaren
Unvereinbarkeit der beiden Teile des Begriffs Todestrieb aufhalten,
vermag insofern unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, als sie eine Unbe-
darftheitin Fragen der Dialektik anzeigt, die zweifellos durch das
klassische Problem der Semantik in der Bestimmungsform aus der Fas-
sung gebracht würde: mitder die hinduistisclfe Ästhetik in der Formel
«Ein kleines Dorf auf dem Ganges» die zweite Form der Resonanz der
Sprache illustriertma. ~
Man muß sich dem Begriff des Todestriebs in der Tat über seine
Resonanz in dem nähern, was wir die Poetik des Freudschen Werks
nennen wollen. Sie ist der Hauptzugang, um in dessen Sinn einzu-
dringen, und zugleich die wesent1iche.Dimension, um seine dialektische
1°“ Es ist die Laksanalaksana genannte Form. 4 »-
A.d.Ü.: Vgl. zu der poetischen Theorie des dbvani die folgende Erläuterung: It «finds
its origin in the analysis of language and meaning. The phrase, a herdsmen's station
on the Ganges is obviously as it stands absurd; the denotation (abhidha)'givcs no
sense, and we are obliged to find a transferred sense (lakshana) whidı gives us the
sense of a station on the bank of the Ganges . . . There is brought to us by sudı_a
phrase deliberately used in poetry a sense of the holy calm of suoh a station on the
sacred stream with all its assoeiations of piety››.Keith, History of Sanskrit Literature,
Oxford 1928, S. 387, zit. naeh: A. Wilden, The Language of 'the' Self, Baltimore
(Johns Hopkins Press) 1968, S. 152. '` f
- - 163
o

Rüdcwirkung von den Anfängen des Werks bis zuseinem Höhepunkt


zu begreifen, den eben dieser Begriff bezeichnet. Man muß zum Beispiel
daran erinnern, _daß Freud uns bezeugt, seine Berufung zum Arzt
aufgrund eines öffentlichen Vortrags von Goethes Prosahymnus «Die
Natur›› gefunden zu haben1°4, diesem von einem Freund wieder-
gefundenen Text, in dem der Dichter gegen Ende seines Lebens ein
Putativkind der jugendlichen Ergüsse seiner Feder anzuerkennen be-
reit war. A i
Am anderen Extrem von Freuds Leben finden .wir in dem Artikel
über <_<Die endliche und die unendliche Analyse» 'seine neue Auffassung
ausdrücklich mit dem Konflikt der beiden Prinzipien in Beziehung
gebracht, denen Empedokles aus Agragas im fünften Jahrhundert vor
Christus in der vorsokratischen Ungieschiedenheit von Natur und Geist
die Abwechslung der Perioden des Weltprozesses unterwarf105.
Die`se_ beiden Tatsachen sind ein zureichender Hinweis darauf, daß
es sich beim Todestrieb um den Mythos von der Dyade handelt, dessen
Darstellung durch Plato im übrigen in «jenseits des Lustprinzips»
zitiert wirdwó, um einen Mythos also, den der Subjektivität des
modernen Menschen nur verständlich ist, wenn er zur Negativität
des Urteils erhoben wird, in das er eingezeichnet ist. ; i
Wie der Automatismus der Wiederholung, den man so sehr verkennt,
daß *man ihn in zwei Begriffe zerlegen will, auf nichts anderes zielt
als auf die historisierende Zeitlichkeit der Erfahrung der Übertragung,
so drückt der Todestrieb wesentlich die Grenze der geschichtlichen
Funktion des Subjekts aus. Diese Grenze ist der Tod; und das nicht
als der irgendwann fällige Termin des Lebens des Individuums oder
als empirische Gewißheit des Subjekts, sondern gemäß der Formel*
Heideggers als «die eigenste, unbezügliche, gewisse und als solche unbe-
stimmte, unüberholbare Möglichkeit des Daseins››1°", womitidas Sub-
jekt als Dasein durch seine Zeitlichkeit definiert ist.
Diese Grenze ist in der Tat jeden Augenblick in dem gegenwärtig,
was diese Geschichte als Erreichtes besitzt. Sie repräsentiert das Ver-
gangene, in seiner realen Form, das heißt weder die physikalische
Vergangenheit, deren Existenz außer Kraft gesetzt ist, noch dieepische
,
Vergangenheit, wie sie sich im Werkdes Gedächtnisses vervollkomm-
.

1°' A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. XIV, S. 546. .


105 A.d.U.= vgl. s. Freud, G. W., Bd. xvı, s. 92.
1°“ A.d.Ü.: Vgl. S. Freud, G. W., Bd. XIII, S. 62 f.
1°? A.d.Ü.: M. Heidegger, Sein und Zeit, a. a. O., S. 258 f.

164 '
net hat, noch' auch die historische Vergangenheit, in der der Mensch
einen Garanten seiner Zukunft findet, sondern die Vergangenheit,
die sich in der Wiederholung als umgekehrte manifestiert“.
Dies ist der Tote, den die Subjektivität sich zum Partner in einer
Triade macht, die durch ihre Vermittlung im universalen Konflikt
von Philia, der Liebe, und von Nai/eos, der Zwietracht, entsteht.
Infolgedessen ist es micht mehr nötig, auf den veralteten Begriff des
ursprünglichen Masochismus zu rekurriefen, um den Sinn der Wieder~
holungsspiele zu begreifen, in denen die Subjektivität die Beherr-
schung ihrer Gottverlassenheit und die Geburt des,Symbols hervor-
bringt. â ' ' „
Freud hat uns in genialer Intuition diese Verdunkelungsspiele vor
Augen geführt, damit wir in ihnen erkennen, daß der Moment,
in dem das Begehren sich vermenschlicht, zugleich der ist, in dem
das_Kind zur Sprache geboren wird. ' B
Wir können heute daran begreifen, daß das Subjekt in diesem Vor-
gang nicht nur einen Verlust bewältigt, indem es ihn auf sich nimmt,
sondern daß es sein Begehren durch ihn zur zweiten Potenz erhebt.
Denn sein Handeln zerstört das Objekt, das es in der antizipierenden
Provokation seiner Anwesenheit und seiner Abwesenheit erscheinen
und verschwinden läßt. Dieses Handeln negativiert damit das Kräfte-
feld des Begehrens, um sich selbst zum eigenen Objekt zu werden.
Und dieses Objekt, das sogleich in. dem symbolischen Paar zweier
elementarer Stoßgebete' Gestalt annimmt, verkündet im Subjekt die
diachronische Integration einer Didıotomie von Phonemen, deren
synchronische Struktur eine bestehende Sprache ihm *zur Assimilation
anbietet; so beginnt das Kind sich auf das System des konkreten Dis-
kurses seiner Umgebung einzulassen, in dem es mehr oder weniger
näherungsweise in seinem Fort! und in seinem Da! die Vokabeln re-
produziert, die es daraus erhält1°°. 4 '
Fort! Da! Schon in seiner' Einsamkeit ist das Begehren des Menschen-
jungen das Begehren eines anderen geworden, eines alter ego, von
dem es beherrscht wird und dessen Begierdeobjekt von jetzt an sein
eigener Schmerz ist. _ ' ~ . A

1°” Die vier Worte «in der Wiederholung umgekehrt», in denen unsere letzte Formu-
lierung der Wiederholung steckt (1966), wurden an die Stelle eines ungeeigneten Re-
kurses auf die «ewige Wiederkehr» gesetzt, der alles war, was wir damals von uns
geben konnten. '_ . _
1°* A.d.U.= vgl. s. Freud, G. w., Bd. X111, s. 11-14.
165
J
.| \_
Ü- *¬-H
Q

4.

Ob das Kind sich nun an einen imaginären oder realen Partner wendet,
es wird ihn gleichermaßen der Negativität seines Diskurses gehorchen
sehen, und da sein Ruf die 'Wirkung hat, diesen Partner verschwinden
zu lassen, wird es in beschwörender Vorladung die Provokation seiner
Rückkehr suchen, die seinem Begehren den Partner wiedergibt.:
Das Symbol stellt sich so zunächst als Mord der Sache dar, und dieser
Tod konstituiert im Subjekt die Verewigung seines Begehrens.
Das erste Symbol, in dem wir Humanität in ihren Überresten erken-
nen, ist das Beg`räbnis, und die Vermittlung des Todes ist in jeder
Beziehung zu erkennen, in der der Mensch zum Leben seiner Geschichte
gelangt. i L p
Dieses Leben allein überdauert und ist wahrhaftig, denn es wird,
ohne sich zu verlieren, in einer ununterbrochenen Tradition von Sub-
jekt zu Subjekt übermittelt. Wie kann man nur übersehen, wie weit
es jenes ererbte Leben des Tieres transzendiert, in dem das Individuum
in der Gattung verschwindet, da kein Grabmal seine ephemere Erschei-
nung von der unterscheidet, die es in der Unveränderlidıkeit des Typus
wieder hervorbringt.. Läßt man jene hypothetischen Mutationen des
phylum beiseite, die von einer Subjektivität, der der Mensch sich vorerst
nur von außen nähert, integriert werden müssen, so unterscheidet sich
durch nichts außer durch die Experimente, denen der Mensch sie unter-
wirft, eine Ratte von einer Ratte, ein Pferd von einem Pferd, es
sei denn durch diesen haltlosen Übergang vom Leben zum Tod, wäh- 32
rend Empedokles, der sich in den Ätna stürzt, im Gedächtnis der Men-
schen diesen symbolischen Akt seines Seins zum Tode für immer leben"-
dig erhält.
Die Freiheit des Menschen ist ganz innerhalb des grundlegenden Drei-
ecks eingeschrieben, das gebildet wird aus dem Verzicht, den er wegen
des Genusses der Früchte seiner Knechtschaft dem Begehren des ande-
ren durch die Todesdrohung auferlegt, ferner aus dem Einverständnis
mit dem Opfer seines Lebens aus Gründen, die dem menschlichen
Leben sein Maß geben, und schließlichaus der selbstmörderischen Ent-
sagung des Besiegten, die den Herrn bei/seinem Sieg frustriert, indem
sie ihn seiner unmenschlichen Einsamkeit überläßt.
Von diesen Gestalten des Todes stellt die dritte den äußeren Umweg
dar, durch den die unvermittelte Besonderheit des Begehrens, indem
sie ihre unaussprechliche Form zurückerobert, in der Verleugnung einen
letzten Triumph erlangt. Weil wir es mit ihr zu tun haben, müssen Hu..

wir ihren Sinn erkennen. Sie ist in der Tat keine Perversion des
166 L '
Instinkts, sondern jene verzweifelte' Affirmation des Lebens, die die
reinste Form darstellt, in der wir den Todestrieb erkennen. ›
Das Subj ekt-sagt Nein zu diese1ríWieselspiel1°9“ der Intersubjektivität, in
dem das Begehren sich nur für einen Moment zu erkennen gibt, um sich
in einem Wollen zu verlieren, das das Wollendes anderen ist. Geduldig
entzieht es sein ungewisses Leben den schäfchenwolkigen Vereinigun-
gen des Eros des Symbols, um dieses schließlich in wortloser Ver-
wünschung zu bestätigeiı. Z
Wenn wir im Subjekt an das heranreidıen wollen, was vor den seriellen
Spielen des Sprechens dawar und was für die'Geburt von Symbolen
von größter ,Bedeutung ist, so finden wir es im Tode, aus dem seine
Existenz allen Sinn gewinnt, den sie besitzt. In der Tat behauptet
es sich für die anderen als Begierde des _Todes; wenn es sich mit dem
anderen identifiziert, so tut es das, indem es ihn in der Metamor-
phose des Bildes seines Wesens erstarren läßt, und alles Seiende wird
von ihm niemals anders als unter dem Schatten des Todes evozicrt.
Zu sagen, daß dieser Todessinn im Sprechen einen der Sprache äußer-
lichen Mittelpunkt aufdeckt, ist mehr als bloß eine Metapher; er zeigt
eine Struktur. Diese ist verschieden von der Verräumlichung eines
Kreisumfangs oder einer Kugel,fin der manche gern dieiGrenzen des
Lebendigen und seines. Milieus schematisch darstellen. Sie entspricht
vielmehr jener Gruppe von Beziehungen, die die symbolische Logik
topologisch als Ring bezeichnet. . p 1
Um eine intuitive Vorstellung davon zu geben, scheint es, daß man,
21 eher als auf die Oberfläche einer Zone, auf die dreidimensionale Form
eines Torus insofern rekurrieren müßte, als dessen peripheres und zen-
trales Äußeres nur eine einzige Fläche bilden“°.
Dieses Schema tut der endlosen Kreisbewegung des dialektischen Pro-
zesses Genüge, die sich ergibt, wenn das Subjekt, sei es in der lebens-
wichtigen Zweideutigkeit des unmittelbaren Begehrens oder in der
vollen Übernahme seines Seins zum Tode, seiner Einsamkeit gewahr
wird. i A ` B
Doch man kann an diesem Schema zugleich begreifen, daß die Dialek-
tik nichts Individuelles ist und daß die Frage der Beendigung der
Analyse die Frage nach dem Augenblick ist, in dem die Befriedigung des

1°°a A.d.Ü.: Vgl. Die Ausridıtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, unten
S.23;Anm.35. , _
11° Es sind dies Prämissen der Topologie, die wir seit fünf Jahren anwenden (1966).
_ _ 167
Ü

Subjekts sich in jedermanns Befriedigung verwirklichen kann, das heißt


in der Befriedigung all derer, mit denen es sich in einem Menschenwerk
zusammentut. Das Werk des Psydıoanalytikers ist vielleicht das höchste
von allen, die dem Jahrhundert aufgegeben sind, denn es stellt die Ver..
mittlung her zwischen dem Menschen der Sorge und dem`Subjekr des
absoluten Wissens. Aus diesem Grund auch erfordert es eine lange sub-
jektive und nie zu unterbrechende Askese; wobei das Ende der Lehr-
analyse selbst nicht vom praktischen Engagement des Subjekts zu tren-
nen ist. ` i , 6
Wer den Horizont der Subjektivität seiner Epoche nicht zu erreichen
vermag, sollte also lieber darauf verzichten, Analytiker zu werden.
Denn wie kann er sein Dasein zur Achse so vieler Leben machen,
wenn er selbst nichts von der Dialektik versteht, die ihn mit diesen
Leben in einer symbolischen Bewegung verbindet. E1; sollte die Win-
dung des fortgesetzten Baus zu Babel kennen, in die seine, Epoche
ihn zwängt, und er sollte von seiner Funktion als Dolmetscher im
Durcheinander der Sprachen wissen. Die Sorge, in der Finsternis des
mzmdus, die der ungeheure Turm umschließt, auf ewigem Holz die
verfaulende Schlange des Lebens zu sehen, sollte er mystischen Visionä-
ren überlassen. 6 '
Man möge uns zu lachen gestatten, wenn man uns unterstellt, wir
hätten den Sinn des Freudschen Werks von den biologischen Grund-
lagen, die er selbst ihm gewünscht hat, auf die kulturellen Beziehungen
abgelenkt, von denen es durchzogen ist. Wir wollen Ihnen hier weder
die Doktrin des Faktors la predigen, mit dem die ersteren zu bezeich-
nen wären, noch die des Faktors c, in dem man die letzteren erkennen
würde. Wir haben Ihnen nur das verkannte abc der Sprachstruktur
ins Gedächtnis rufen wollen und Sie noch einmal das vergessene lo-rz,
ba des Sprechens buchstabieren lassenm. Denn welches Rezept könn-
te Ihnen bei einer Technik nützen, die aus dem Sprechen besteht und
ihre Wirkung aus der Sprache zieht, wenn Sie Funktion und Feld weder
des Sprechens noch der Sprache erkennen.
Die psychoanalytische Erfahrung hat ini Menschen den Imperativ des
Wortes (verbe) als des Gesetzes wiedergefunden, das ihn nach seinem
Bilde geformt hat. Sie handhabt die poetische Funktion der Sprache,
um seinem Begehrenihre symbolische Vermittlung zu geben. Möge

1" A.d.Ü.: Französische Kinder lernen mit dieser Silbenfolge das Lesen; vgl. außer-
dem S. Freud, G. W., Bd. V, S. 198. . L

168 B
ip-.__

diese Erfahrung Sie endlich begreifen lassen, daß in der Gabe (don)
des Sprechensm alle Realität ihrer' Wirkungen liegt; denn aufgrund
dieser Gabe ist die gesamte /Realität auf den Menschen gekommen
und durch sein fortgesetztes Handeln behauptet er sie. `
Wenn das Gebiet, das diese Gabe des Sprechens definiert, Ihrem Han-
deln wie Ihrem Wissen genügen muß, so wird es auch Ihrem persön-
lichen Einsatz genügen. Denn es bietet ihm ein hervorragendes Be-
tätigungsfeld. , ' -
Als die Devas, die Menschen und die Asuras, so lesen-wir im ersten
Brâhmana der fünften Lektion der Brihadâranyaka-Upanishad112“, ihr
Noviziat bei Prajapâti beendeten, richteten siean ihn die Bitte: «Sprich
ZU 11115.?) ' -

«Da››, sagte Prajapâti, der Gott des Donners. «Habt Ihr mich verstan-
den?›› Und die Devas antworteten: «Du hast uns gesagt: Damyata,
beherrscht Euch.›› Der heilige Text will sagen, daß die höheren Mächte
sich dem Gesetz des Sprechens unterwerfen. W
«Da››, sagte Prajapâti, der Gott des Donners. «Habt Ihr mich verstan-
den?›› Und die Menschen antworteten: <<Du hast uns gesagt: DMM,
gebet einander.›› Der heilige Text will sagen, daß die Menschen sich
durch die Gabe des Sprechens erkennen. _ p
«Da», sagte Prajapâti, der'Gotf des Donners. «Habt Ihi' mich verstan-
den?›› Und die Asuras antworteten: «Du hast uns gesagt: Däyadbfvam,
laßt Gnade walten.›› Der heilige Text will sagen, daß die Mächte
der Tiefe der Anrufung des Sprechens Resonanz bietenm. p t
Das, so fährt der Text fort, läßt die Stimme Gottes im Donner ver-
nehmen: Unterwerfung, Gabe, Gnade. Da, da, da. , , I
Denn Prajapâti anwortet allen: «Ihr habt mich verstanden.» `

Übersetzt von Klaus Laermann

113 Es handelt sich hier, richtig verstanden, nicht um jene «Gaben», deren Fehlen man
den Novizen ankreidet, sondern um einen Ton, der ihnen häufiger fehlt, als ihnen
recht ist. - i- ^ W
"za A.d.Ü.: Vgl. die engl. Übersetzung von F. Max Müller, in: The Upanishads,
Part II, Oxford (Clarendon Press) 1884, S. 189 f. (== The..Sacred B001<S Of the
East, Bd. 15) (repr. Delhi, Patria, Varanasi [Motilal Banarsidass] 1965). '
"3 Ponge schreibt das «résom (1966). A.d.Ü.: Ein Wortspiel auf raison (Vernunft).
. ` 169
_

`›`__

___

ı1.
.

_'I`
DIE AUSRICHTUNG DER KUR UND
DIE PRINZIPIEN IHRER MACHT
_. I

Vortrag beim Kolloquium von Royaumont Io.-13. Juli 1958 1


rı i "

1
vl

Ü _.

1 Erster Vortrag des an diesem Datum auf Einladung der Société française de psy-
cbanalyse versammelten internationalen Kolloquiums, ersdıienen in La Psycbanalyse,
vol. 6.
ı

1 I .
ı

I. Wer analysiert heute?

1. Daß eine Analyseidie Züge der Person des Analysierten trägt,


davon spricht man wie von einer Selbstverständlichkeit. Indessen hält
man sich für kühn, wenn man sich für die Wirkungen interessiert,
die dabei von der Person des Analytikers ausgehen könnten. Das
zumindest macht verständlich, daß es uns kalt über den Rücken läuft
bei all den modischen Auffassungen der Gegenübertragung, die ohne
Zweifel dazu beitragen, die Unzulänglichkeit von deren Konzeption
zu verschleiern. Welches Beispiel von Seelengröße geben wir nicht,
wenn wir uns als aus demselben Lehm gemacht zeigen wie die, die
wir mit unsern Händen formen! 1 '
Ich habe da ein böses Wort geschrieben. Es ist harmlos für die, die
es meint, trägt man doch heute 'nicht mehr die geringste Scheu zu
sagen, man bemühe sich unter dem Namen der Psychoanalyse um eine
«emotionale Reedukation des Patienten» [2.z]2.
Siedelt man das Handeln des Analytikers- auf diesem Niveau an,
führt das zu einer prinzipiellen Haltung, auf die bezogen alles, was
sich zur Gegenübertragung sagen läßt, selbst wenn es nicht aus der
Luft gegriffen ist, nur als Ablenkung dient. Denn von nun an liegt
der Betrug, den wir hier ausräumen wollen“, jenseits.
Gleichwohl richtet sich unsere Anklage nicht gegen die antifreudschen
Momente der Psychoanalyse von heute. In diesem Punkt muß man ihr
sogar dankbar sein, daß sie ihre Maske hat fallen lassen, brüstet sie sich
doch damit, daß sie überdas hinausgeht, wovon sie im übrigen nichts
weiß, indem sie von der Lehre Freuds gerade soviel behalten hat, um
noch zu spüren, wie sehr von ihr abweicht, was sie von ihrer Erfahrung
zum Ausdruck bringt. D A '
Wir wollen zeigen, wodurch die Unfähigkeit zu authentischer Praxis,
wie es in der Geschichte der Menschen so geht, sich auf die Ausübung
einer Macht reduziert. K. _ W I r
2. Die Zahlen zwisdıen eckigen Klammern verweisen auf die Literaturangaben am
Ende dieses Vortrags. - -
3 Um gegen den Geist einer Gesellschaft einen Begriff zu kehren, nach dem man sie
einschätzen kann: Der Satz, mit dem Freud sich den Vorsokratikern gleichstellt: «Wo
Es war, soll Ich werden››, wird dort ganz einfach zum französischen Gebrauch über-
setzt mit: Das Ich soll das Es ausquartieren. A.d.Ü: Wenn Lacan im folgenden
wiederholt die «Psychoanalytiker von heute» und die «Psychoanalyse von heute»
anspricht, bezieht er sich auf das am Ende des Aufsatzes zitierte Werk dieses Titels.
173
--1

2. Der Psychoanalytiker lenkt freilich die Kur. Erster Grundsatz die-.


ser Kur, der ihm gleich zu Anfang vorbuchstabiert wird und auf
den er, damit er sich's einpräge, während seiner ganzen Ausbildung
immer wieder trifft, ist, daß er den Patienten durchaus nicht lenken
darf. Gewissensstärkung im Sinne moralischer Führung, wie sie ein
Angehöriger der katholischen Kirche darin sehen könnte, bleibt hier
radikal ausgeschlossen. Wenn die Psychoanalyse der Moraltheologie
Probleme aufgibt, so nicht Probleme der Gewissensstärkung, womit
wir daran erinnern, daß die Gewissensstärkung nicht ohne Probleme
ist.
Die Ausrichtung der Kur ist etwas anderes. Sie besteht zunächst darin,
durch das Subjekt die analytische Regel zur Anwendung kommen
zu lassen, meinetwegen die Richtlinien, die, wie man nicht übersehen
kann, im Prinzip der sogenannten «analytischen Situation» gegenwär-
tig sind, eben weil das Subjekt sie am besten ohne daran zu denken
anwendet. _
Diese Richtlinien ergehen in einer einleitenden Unterredung in Gestalt
von Weisungen, die, so wenig der Analytiker sie kommentiert, wie
man annehmen ínuß bis hinein in die Untertöne ihrer Aussage die Lehre
befördern, die der Analytiker daraus zieht nach der Konsequenz, die
sie für ihn erreicht hat. Was ihn nicht weniger zum Bundesgenossen je-
ner Unmenge von Vorurteilen macht, die beim Patienten an demselben
Platz lauern: nach Maßgabe der Meinung, die dieser sich durch die Me-
dien bilden konnte über die Prozedur und das Ende des Unternehmens.
Dies genügt bereits uns zu zeigen, daß das Problem der Ausrichtung
schon von den Richtlinien des Anfangs an sich nicht auf einer univoken
Kommunikationsebene formulieren läßt, was uns zwingt, das_Pro-
blem jetzt auf diesem Moment beruhen zu lassen und es durch seine
Entwicklung zu erhellen. _
Halten wir nur fest, daß dieses Moment seine Wahrheit daran hat,
den Patienten vergessen zu lassen, daß es sich nur um Worte handelt,
daß dies dem Analytiker aber nicht die Freiheit gibt, es selber zu
vergessen [16]. -

3. Im übrigen haben wir angezeigt, daß wir unser Thema von der
Seite des Analytikers her angehen wollen.
Sagen wir, bei der Kapitaleinlage im gemeinsamen Unternehmen inve- 587
stiert nicht allein der Patient mit seinen Schwierigkeiten. Auch der
Analytiker mtíß bezahlen:
174
-“V

-- Ganz bestimmt zahlt er mit Wörtern, insofern die Umwandlung,


die diese in der analytischen Operation erfahren, sie auf die Ebene
ihrer Deutungskraft hebt. _ „ F
-- Er bezahlt aber auch mit seiner Person, insofern er, was immer
er davon haben mag, diese hergibt als Träger jener besonderen von
der Analyse in der Übertragung freigelegten Erscheinungen._
- Nicht zu vergessen, daß er wohl die Essenz seiner intimsten Einsicht
wird drangeben müssen, sich in ein Geschehen zu mischen, das, wie
Freud schreibt [6], an den «Kern unseres Wesens» rührt: Sollte er hier
als einziger aus dem Spiel bleiben?

Es möge, wer mir. Waffenglück wünscht, sich keine Sorgen machen


um mich bei dem Gedanken, daß ich mich -hier wieder einmal Gegnern
ausliefere, die nichts eiligeres zu tun haben, als mich auf meine Meta-
physik festztinageln. _ j .
Im Zentrum ihres Anspruchs, sich mit Effizienz zu begnügen, erhebt
sich nämlich eine Äußerung wie die: daß der Analytiker weniger durch
das heile, was er sagt und tut, als durch das, was er ist [22]. Offensicht-
lich verlangt keiner Rechenschaft vom Urheber solcher Äußerungen,
und noch weniger fordert man ihnszur Zurückhaltung auf, wenn 'er mit
einem matten Lächeln über die Lächerlichkeit, die er riskiert, sich hinter
Herzensgüte verschanzt, seiner eigenen (man muß eben gut sein, nichts
Transzendentes in dem Zusammenhang), um einer aussichtslosen Debat-
te über die Ubertragungsneurose ein Ende zu setzen4. Wer aber könnte
so grausam sein, jemandem mit Fragen zu kommen, der unter der
Last eines Koffers seufzt, wenn seine Haltung keinen Zweifel daran
läßt, daß dieser voll Steineist. -
Trotzdem ist das Sein das Sein, wer immer es anruft, und wir haben
das Recht zu fragen, was er da tut. '

4. Ich setze also den Analytiker wiederauf die Armesünderbank,


sofern ich selber einer bin, weil ich darauf hinweisen möchte, daß
er um so weniger sicher ist in seinem Handeln, als er durch dieses in
seinem Sein betroffen ist. A - '
Als Interpret dessen, was mir in Rede oder Tat vorgesetzt wird,
ı

' «Wie die analytische Behandlung absdıließem, Revue franç. de Psycbanalyse, 1954,
IV, p. 519 et passim. Um den Einfluß einer solchen Ausbildung erkennen zu können,
lese man:Ch'.-H.Nodet, «Le Psydıa_naliste››, Uëvolution psychiatrique, 1957, No IV,
p. 68 9-691. ' _
175
“L-"""

entscheide ich über meinen Orakelspruch und formuliere ihn, alleiniger


Herr an Bord meines Schiffes neben Gott, nach meinem Belieben,
dabei kann ich wohlgemerkt durchaus nicht alle Auswirkungen meiner
Worte absehen, bin aber gerade darauf gefaßt und suche zu parieren,
mit anderen Worten: ich bin immer frei in der Wahl des Moments,
der Anzahl und der Art meiner Eingriffe, daß es scheint, als wäre
die Regel gänzlich darauf abgestellt, in nichts mein Tun als Exekutor
zu stören, womit der «Material››aspekt korreliert, unter dem meine
Handlung hier nimmt, was sie produziert hat. s

5. Was die Handhabung der Übertragung angeht, so erweist sich da


meine Freiheit im Gegenteil als entfremdet durch die Entzweiung,
die meine Person in ihr erfährt, und jedermann weiß, daß hier das
Geheimnis der Analyse zu suchen ist. Das hindert nicht, daß man
sich fortschrittlich vorkommt mi_t dem klugen Satz: daß die Psycho-
analyse studiert werden müsse als eine Zweiersituation. Zweifelsohne
macht n'ıan.hier Voraussetzungen, die die Bewegungen derselben ein-
schränken, aber nach wie vor dient die so konzipierte Situation (mit
nicht mehr Künstlichkeit als die oben zitierte emotionale Reedukati_o'n)
dazu, Grundsätze der Dressur eines sogenannten schwachen Ich aufzu-
stellen, und zwar durch ein Ich, das man gerne für stark' genug halten
möchte zu diesem Vorhaben, eben weil es stark ist. Daß man solches
nicht ohne Unbehagen von sich gibt, beweisen die Anfälle von über-
raschend naiver Reue, etwa, wenn gesagt wird, man bestehe darauf,
daß die «Heilung von innen heraus›› [2z]5 zu erfolgen habe. Dabei
ist aber nur um so mehr bezeichnend, daß die Zustimmung des Subjekts,
auf das man sichin derselben Passage dann wiederberuft, erst in der
zweiten Phase einer zunächst oktroyierten Wirkung erfolgt.
Es geschieht nicht zu unserem Vergnügen, daß wir diese Abweichungen
zur Schau stellen, vielmehr wollten wir solche Fährnisse uns zu Weg-
zeichen machen.
In Wirklichkeit erlebt jeder Analytiker (gehörte er auch zu denen, die
sich derart verrennen) die Übertragung immer in einem Staunen, das
man zuletzt als Wirkung einer Zweierbeziehung erwartet hätte, die

5 Wir versprechen unsern Lesern, daß wir sie im Folgenden nicht mehr mit solchen
läppischen Formeln langweilen werden, die hier wirklich nur den Zweck haben zu
zeigen, wcihin es mit dem analytischen Diskurs gekommen ist. Wir sind somit bei
unsern ausländischen Hörern entschuldigt, die sicher dergleichen* nicht weniger in
ihrer Sprache haben, vielleicht aber nicht ganz so plattes Zeug. -

176
'WV'

wie jede andere sein soll. Er sagt sich, daß er hier mit einer Erscheinung
redinen muß, für die er nicht verantwortlich ist, und man weiß_,;mit
welchem Nachdruck Freud auf deren spontanes Auftreten beim' Pa-
tienten hingewiesen hat. »
Seit einiger Zeit belieben die Analytiker in den umwerfenden Revisio-
nen, mit denen sie uns beglücken, uns beizubringen, daß dieser Nach-
druck, hinter den sie sich lange verschanzt hatten, bei Freud eine Art
Flucht vor dem Engagement meine, welches im Situationsbegriff not-
wendig mitgedacht sei. Sie sehen, man ist hier ganz auf der Höhe.
Dabei ist's eher das bequeme Hochgefühl der Gebärde, mit der sie
die Gefühle, die sie ihrer Gegenübertragung zuschreiben, in die Schale
einer Waage werfen, auf der die Situation durch ihren Druck ins
Gleichgewicht kommen soll - wa_s für uns von der Misere eines Be:
wußtseins zeugt, die mit dem .Verzicht zusammenhängt, die wahre
Natur der Übertragung zu begreifen. R
Über das, was der Analysierte an phantasmatischen Gebilden auf
die Person des Analytikers ablädt, sollte man nicht in der gleichen
Weise vernünfteln wie darüber, wie ein idealer Spieler die`Absichten
seines Partners zu erraten versucht. Sicher auch Strategie gibt es dai,
aber man täusche sich nicht bei der Metapher des Spiegels, die ja
die glatte Oberfläche meint, die der Analytiker dem Patienten prä-
sentiert. Verschlossenes Gesicht und zugenähter Mund haben hier
durchaus nicht denselben Zweck wie beim Bridge. Eher versichert sich
der Analytiker damit der Hilfe dessen, was in diesem Spiel die franzö-
sische_Sprache «den Toten›› nennt, aber es geht hier darum, den Vierten
in Erscheinung treten zu lassen, der hier Partner des Analysierten wird,
dessen Spiel diesen der Analytiker durch seine Würfe erraten lassen
möchte: Dies ist die Fessel der, sagen wir: Selbstverleugnung, die der
Einsatz der Partie dem Analytiker in der Analyse anlegt. ,A
Man könnte hier bei der Metapher bleiben und sein Spiel bestimmen
je nachdem ob er <<rechts›› oder <<links›› vom Patienten Platz nimmt,
das heißt eine Stellung einnimmt, aus der er nach oder vor dem Vierten
spielt, das heißt vor oder nach diesem mit dem «Toten›› spielt. .
Dabei ist aber gewiß, daß die Gefühle des.Analytikers nur einen
möglichen Platz in diesem Spiel haben, den des «Toten››; und daß
durch dessen Wiedererweckung das Spiel läuft, ohne daß man weiß,
wer es führt. -
Dies der Grund, wafum der Analytiker weniger frei ist in seiner
Strategie als in seiner Taktik.
. _ 177.
6. Gehen wir weiter. Noch weniger frei ist der Analytiker in dem,
was Strategie und Taktik dominiert: in seiner Praxis nämlich, wo
er besser daran täte, sich nach seinem Seinsverfehlen als nach Seinem
Sein zu richten. '
Um die Dinge anders zu formulieren: Sein auf den Patienten gerichte..
tes Handeln entgeht ihm mit der Vorstellung, die er sich davon macht,
wenn er nicht dessen Anfang wieder aufgreift in dem, wodurch es
möglich wird, wenn er nicht an dem Paradox festhält, daß es etwas
von einer Vierteilung an sich hat, und noch einmal im Prinzip sich die
Struktur vornimmt, nach der jedes Handeln in die Realität eingreift.
Für die Psychoanalytiker von heute versteht sich dieser Bezug auf
die Realität von selbst. Abweichungen davon beim Patienten messen
sie nach dem Autoritätsprinzip der Erziehung aller Zeiten. Nur beru-
fen sie sich dabei auf die Lehranalyse, die garantieren soll, daß der
Realitätsbezug bei den Analytikern in ausreichendem Maße da ist,
was nicht darüber hinwegtäuschen kann", daß sie, wenn sie sich den
Problemen der Menschheit stellen, die sich an sie richtet, in ihren An-
sichten bisweilen doch ein wenig provinziell sind. Damit wird das
Problem nur auf eine individuelle Stufe zurückgeschoben..
Wenn sie also das Verfahren der Analyse bestimmen als Reduktion
der Abweichungen beim Subjekt, die dessen Übertragung und dessen
Widerständen zugeschrieben werden, die aber ausgezeichnet sind durch
Bezug auf die Realität, so kann es kaum beruhigen, wenn sie sich
laut auf die «ganz einfache Situation››- berufen, die die Analyse als
Maßstab dafür offerieren soll. Nun, bis zur Erziehung der Erzieher,
die so leicht über eine Erfahrung urteilen, die sie immerhin durchlaufen
mußten, wird noch einige Zeit verstreichen. . - _
Bei einer solchen Einschätzung nimmt man unwillkürlich an,.die Ana-
lytiker hätten dieser Erfahrung andere Richtungen geben müssen,
wenn sie, um sie selber zu erfinden, sich auf ihren Realitätssinn ver-
lassen mußten: ein Vorrang, den man sich nur schwer vorstellen kann.
Ein wenig sind sie selber unsicher, und sie bemühen sich drum so
peinlich, dabei die Formen zu bewahren.
Man begreift auch, daß, um eine so offensichtlich prekäre Konzeption
zu unterstützen, gewisse Leute jenseits des Ozeans das Bedürfnis ge-
habt haben, hier einen festen Wert einzuführen, der gleichsam das
Urmeter fürs Reale abgeben soll: das autonome ego. Dieses stellt
das vermeintlich organisierte Ensemble disparatester Funktionen dar,
durchdie dem Subjekt ein Gefühl der Angeborenheit vermittelt wer-
178
-flııgív

den soll. Das Subjekt hält man „dann für autonom, weil es abge-
schirmt sein soll von allen Konflikten der Person (non-conflictual
sp/oere)_[14]. _ „
Man erkennt hier eine uralte Täuschung, die von der allerakademisch-
sten Selbstbeobachtungspsychologie bereits als unhaltbar verworfen
wurde. Trotzdem wird ein Regredieren dieser Art gefeiert als Heim-
kehr in den Schoß einer «Allgemeinen Psychologie››. R t
Jedenfalls löst es die Frage nach dem Sein des Analytikersó. Eine
ganze Mannschaft von egos, die allerdings weniger gleichóe sind als
autonom (aber an welchem Ursprungssiegel sollten sie sich erkennen
im Dünkel ihrer Autonomiel) bietet sich den Amerikanern an mit
dem Versprechen, sie zur bappiness zu führen ohne die Autonomien,
gleichviel ob egoistische oder nicht, durcheinanderzubringen, die, um
soweit zu kommen, den American way of life mit ihren «konfliktloåfifl
Sphären» pflastern. p, r .

7. Fassen wir zusammen: Wenn es der Analytiker nur mit Widerstän-


den zu tun hätte, müßte er nur zweimal hinsehen, bevor er eine Deu-
tung gibt, wie es ja tatsäclılich bei ihm auch der Fall ist, aber mit
solcher Vorsicht wäre es für ihn dann auch schon getan. * K
Nur wird diese Deutung, wenn er sie gibt, aufgefaßt werden als von
der Person kommend, dieizu sein ihm die Übertragung auferlegt.
Wird er bereit sein, aus diesem Irrtum über die Person Vorteil zu
ziehen? Die Moral der Analyse steht dem nicht entgegen unter der
Bedingung, daß er diesen Effekt einer Deutung unterzieht, ohne die
dieVAnalyse nicht über grobe_Suggestion hinauskäme.
Eine unanfechtbare Position -- nur daß das Sprechen des Analytikers,
noch als eines, das vom Andern der Übertragung. ausgeht, gehört wer-
den wird und der Ausgang des Subjekts aus der Übertragung so ad
z'nfi`m'mm sich verzögert. R
Weil also das Subjekt dem-Analytiker zu sein unterstellt (Sein,
das anderswo wäre), wird es möglich, daß eine Deutung zurückkehrt
an die Stelle, von wo aus sie auf eine Verteilung der Antworten
hinarbeitenkann. 7 - ' A .
Aber wer wird jetzt sagen können, was der Analytiker ist und was

° In Frankreich hatte der oben zitierte Doktrinär des Seins prompt die folgende Lö-
sung parat: Das Sein des Psychoanalytikers ist angeboren [vgl. La P.D.A., I, p. r36].
'ia A.d.Ü.: Gleichklang von «egos» und migaux» im Französischen.

179
P-

von dem übrig bleibt, wenn er vor der Aufgabe' steht, zu deuten.
Daß er's doch selber sage, wenn, daß er ein Mensch sei, alles ist,
was er uns zur Antwort zu geben hat. Ob er's hat oder nicht, wäre
schon die ganze Geschichte: Trotzdem ist hier der Punkt, an dem
er umlenkt, nicht nur vor der Unverschämtheit des Geheimnisses, son-
dern weil es in diesem Haben um das Sein geht, und darum, wie.
Wir werden noch sehen, daß dieses Wie nicht bequem ist. F
So zieht er sich lieber auf sein Ich zurück und auf die Realität, von
der er einen Zipfel in der Hand hält. Aber nun ist er mit seinem
Patienten auf ich und Ich". Und was geschieht, wenn sie spinnefeind
sind aufeinander? Hier rechnetman dann listigerweise auf die Kom-
plizenschaft dessen, was man bei der Gelegenheit den gesunden Teil
des Ich nennt, denjenigen, der so denkt wie wir. _
-W. U. A. Z., kann man schließen, was uns zum Ausgangsproblem zu-
rückführt: meinetwegen die Analyse wiederzuerfinden.
Oder sie noch einmal zu machen: wobei wir die Übertragung als eine 592
besondere Form des Widerstands behandeln. A - ii
Viele verkünden dies. Ihnen stellen wir die Frage, die über diesem
Kapitel steht: Wer ist der Analytiker? Der, der interpretiert, indem
er sich die Übertragung zunutze macht? Der, der diese analysiert als
Widerstand? Oder der, der seine Vorstellung von der Realität auf-
zwingt? y ' ' `
Eine Frage, die denen, an die sie gerichtet ist, näher auf den Pelz
rückt und der man nicht so leicht ausweichen kann wie der Frage:
Wer spricht, mit der ein bestimmter meiner Schüler ihnen Löcher in
den Bauch redete, was die Patienten angeht. Denn ihre Antwort
ist die von'Ungeduldigen; wäre die Frage anders gestellt, ein Tier
unserer Spezies »wäre in noch ärgerer Weise tautologisch, sagen zu
müssen: Ich.
Ganz roh.

7 A.d.Ü.: Mais alors le voilà å je et ci moi avec son patient. Das Französische erlaubt
zu unterscheiden zwischen je als Subjekt eines Satzes in direkter Rede und dem Per-
sonalpronomen moi, das auclı für die Bezeichnung der psychischen Instanz des Ich ver-
wendet wird. Vgl. Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoana-
lyse, oben S. 89 u. 148 und Das Spiegelstadium als Bilder der Ichfunktion, Oben
S. 61 ff. .-

180
II. Welcher Platz gehörtder Interpretation?

r.Bisher ließen wir sämtliche Fragen unbeantwortet, die sich hier


einem Neuling stellen. Indem wir aber die Probleme um die Ausrich- 1

tung der Analyse, die zur Zeit in der Diskussion sind, zusammenfassen
soweit diese Aktualität die gegenwärtige Praxis derselben widerspie-
gelt, glauben wir, die Proportionen richtig wiedergegeben zu haben.
Will sagen: die untergeordnete Stellung, die die Interpretation gegen-
wärtig in der Psychoanalyse einnimmt. Nicht daß man den Sinn für
dieselbe verloren hätte, nur zeugt die Art und Weise, wie man an
diesen Sinn herangeht, durchweg von einer Verlegenheit. Kein Autor
stellt sich hier, ohne es mit allen möglichen Weisen verbaler Interven-
tion zu versuchen, die nichtDeutung sind: Erklärungen, Gratifika-
tionen, Antwortenauf den Anspruch und so weiter. Das Verfahren
verrät sich, sewie es dem Brennpunkt des Interesses sich nähert. Es
hat notwendig zur Folge, daß selbst ein Gedanke, der ausgesprochen
wird, das Subjekt zur Einsicht (insight) in eine seiner Verhaltensweisen
zu führen, speziell in die Bedeutung einer solchen als Widerstand,
jeden andern Namen annehmen kann: Konfrontation zum Beispiel
und wär's die des Subjekts mit seiner eigenen Aussage, nur nicht
Deutung, da es doch lediglich um eine erhellende Aussage geht. R
Auf rührende Weise bemüht sich ein Autor, der Gestalttheorie mit
Gewalt die Metapher abzugewinnen, mit deren Hilfe er zum Ausdruck
bringen könnte, was die Interpretation an' Entschiedenheit in eine
93 intentionale Ambiguität hineinbringen kann, welchen Abschluß in ein

Unvollständiges, was freilich erst nachträglich realisiert wird [2].


ı

2. Was sich so den Blicken entzieht, ist, wie man spürt, das Wesen
einerTransmutation im Subjekt, und dies ist um so schmerzlicher für
das Denken, als diese ihm- just in dem Augenblick entwischt, da sie
vor sich geht. Tatsächlich, den Finger zu heben genügt nicht, wenn
man zeigen will, wo Interpretation wirksam wird, man muß sich
schon radikal zu einem Konzept der Funktion des Signifikanten be-
kennen, um in den Griff zu bekommen, wie hier das Subjekt sich
einer Ordnung unterwirft, um von ihr verführt zu werden.
Will sie die Diachronie der unbewußten Wiederholungen entziffern,
muß die Interpretation in die Synchronie der hier sich zusammen-
fügenden Signifikanten etwas einführen, das schlagartig die Überset-
181
zung möglich macht - dies genau ist die Funktion des Andern im
Unterschlagungsgeschäft des Codes: seinetwegen erscheint in diesem
das fehlende Element.
Filigranartig taucht diese Bedeutung des Signifikanten in der Ortung
der analytischen Wahrheit auf, sobald ein Autor bei der Definition
der Aporien sich strikt an den Erfahrungszusammenhang hält. Man
lese Edward Glover und man ermißt, wie hoch der Preis ist, den
er für das Fehlen dieses Terminus zu zahlen hat. In seinen triftigsten
Konzeptionen findet er die Interpretation überall, weil er sie nirgends
festzumachen weiß, sogar noch in einer simplen ärztlichen Verordnung,
und man weiß nidıt, ob er sich selbst versteht,wenn er ganz einfach
erklärt, die Symptombildung sei eine fehlerhafte Interpretation des
Subjekts [13].
So gesehen wird die Interpretation zu einer Art Phlogiston: manifest
in allem, was man' zu Recht oder zu Unrecht versteht, sofern es nur
die Flamme des Imaginären speist mit jener reinen Parade, die unter
dem Namen der.Aggressivität sich an der Technik jener Zeit schadlos
hält (193 1, das ist noch neu genug, um noch von heute sein zu können.
Vgl. [1 3]).
Nur dadurch, daß die Interpretation schließlich im Hier uncl jetzt
dieses Spiels kulminiert, unterscheidet sie sich noch von der Lektüre
der signatura rerum, in der Jung mit Böhme rivalisiert. Ihr dahin
zu folgen, ginge nur wenig ans Sein unserer Analytiker.
Zu wissen, wieviel es bei Freud geschlagen hat, steht auf einem andern
Zifferblatt, weshalb es nicht überflüssig ist, zu verstehen, wie das
Uhrwerk auseinanderzunehmen ist. - 2

3. Zunächstist unsere Lehre vom Signifikanten Schulung, in der die, 5


die wir ausbilden, sich brechen an den verschiedenen Wirkungen, die
der Signifikant im Auftreten des Signifikats ausübt, wodurch allein
zu-begreifen ist, wie Interpretation, indem sieihier sich einschreibt,
Neues hervorzubringen vermag. -
Sie gründet sich nämlich durchaus nicht auf die Übernahme von Arche-
typen göttlichen Ursprungs, sondern auf die Tatsache, daß das Un-
bewußte radikal die Struktur von Sprache hat, daß ein Material
hier im Spiel ist nach Gesetzen, die mit denen identisch sind, die
das Studium der positiven Sprachen freilegt, der Sprachenalso, 'die
wirklich gesprochen werden oder einmal gesprochen worden sind.
Die Phlogistonmetapher, die uns Glover gerade eingegeben hat, ver-
182
dankt ihre Verwendbarkeit dem Irrtum, den sie evoziert: Die Bedeu-
tung geht ebensowenig aus dem Leben hervor wie den Körpern bei
der Verbrennung Phlogiston entweicht. Über sie müßte wohl eher
gesprochen werden wie von der Verbindung des Lebens mit dem Atom,
das das Zeichen O hat“, das Zeichen, insofern dieses zunächst Gegen-
wart oder Abwesenheit konnotiert, indem es wesentlich das Und hin-
zufügt, die beide verbindet, da es ja, indem es Gegenwart und Ab-
wesenheit konnotiert, die Gegenwart auf dem'I-iundament der Ab-
wesenheit errichtet wie es die Abwesenheit in der Gegenwart kon-
stituiert.
Man erinnert sich, wie Freud auf der Suche nach einem Modell für
den Wiederholungszwang mit der ihm eigenen Sicherheit auf seinem
Gebiet genau an dem Schnittpunkt einhält, an dem er das Versteckspiel
wie die wechselseitige Skandierung zweier Phoneme beobachtet, deren
Verbindung ihm bei einem Kinde aufgefallen war. r
Mit einem Sfchlagzeigt sich hier sowohl die Bedeutung des Objekts,
welches als insignifikantes erscheint (was das Kind 'auftreten und ver-
schwinden läßt), als auch der akzidentelle Charakter der phonetisch
vollendeten Form im Vergleich zur phonematischen' Unterscheidung,
und niemand kann Freud bestreiten, daß er diese mit Recht durch
jenes «Fortl Dal» aus seiner Erwachsenensprache übersetzt [9]. *
Inscminationspunkt einer symbolischen Ordnung, die vor dem infan-
tilen Subjekt existiert und nach welcher dieses sich wird strukturieren
müssen. -

4. Wir wollen uns die Mühe ersparen, die Regeln der Interpretation
aufzuzählen. Nicht daß solche Regeln nicht zu formulieren wären, aber
5 Formeln machen Erklärungen notwendig, die wir nicht als bekannt
voraussetzen dürfen und die hier in der Kürze nicht zu geben sind.
Halten wir uns lieber an das, was man' beim Lesen der klassischen
Kommentare zur Interpretation immer wieder mit Bedauern feststellt:
wie wenig Vorteil man gerade aus den Gegebenheiten zieht, die man
vorantreibt. R
Um ein Beispiel zu geben: jeder bezeugt es auf seine Weise, daß,
damit eine Interpretation wohl begründet sei, nicht die Überzeugung
3 O, das statt vokalisiert zu werden als symbolischer Budıstabe für Sauerstoff, wie es
die Metapher nahelegt, der wir nachgehen, eher gelesenwerden kann als: Null, sofern
diese Ziffer die essentielle Funktion der Stelle in der Struktur des Signifikanten sym-
bolisiert.
183

J
zählt, die sie transportiert, sondern daß das Kriterium der Interpreta-
tion viel eher im Material zu sehen ist, das diese in der Folge zutage
bringt.
Indessen ist der psychologisierende Aberglaube so mächtig in den G31..
stern, daß man das Phänomen andauernd auf eine Zustimmung deS
Subjekts hin betrachtet und dabei völlig außer Acht läßt, was Freud
über die Verneinung° als Form der Bejahung ausführte, von der man
zumindest doch sagen muß, daß sie nicht einfach Luft ist. 3
So übersetzt Theorie, wie der Widerstand in der Praxis erzeugt wird.
Nichts anderes wollen auch wir zeigen, wenn wir sagen, es gibt keinen
andern Widerstand gegen die Analyse als den~des Analytikers selber.
u

5. Das Gravierende ist, daß in der Auffassung der heutigen Autoren


die Abfolge der analytischen Wirkungen auf den Kopf gestellt er-
scheint. Ihren Vorstellungen nach wäre die Interpretation nur ein
Stottern verglichen mit der Eröffnung einer umfassenderen Beziehung,
in der man sich endlich verstände (<<von innen heraus» zweifelsohne).
Die Interpretation wird so zu einer Forderung der Schwäche, der
wir zu Hilfe kommen müssen. Auch etwas sehr Schwieriges, was man
ihr zu schlucken geben muß, ohne das sie es zurückweist. Um zwei
Dinge gleichzeitig geht es also, das heißt um ein recht unbequemes
Mittel. _ s. s s
Es handelt sich indessen dabei nur um Folgen, die aus den Leiden
des Analytikers sich ableiten lassen: um seine Furcht nicht etwa vor
dem Irrtum sondern vor der Ignoranz, um seinen Hang, der nicht
auf Befriedigung aus ist sondern darauf, nicht zu enttäuschen, um
sein Bedürfnis, nicht zu lenken aber die Oberhand zu behalten.
Es geht bei diesem oder jenem durchaus nicht um die Gegenübertra-
gung, es geht um die Folgen der Zweierbeziehung, über die der Thera-
peut nicht hinauskommt - und wie sollte er auch über sie hinaus-
kommen, -wo er sie doch zum Ideal seiner Handlung macht! '
Prímum fvifverc, sicher: man muß den Bruch umgehen. Daß man unter
dem Namen der Technik ein läppisches Wohlverhalten versteht, das
man zu diesem Ende. lehrt, mag noch hingehen. Wenn man jedoch
die physische Notwendigkeit: daß der Patient beim .Treffen anwesend
ist, mit der analytischen Beziehung verwechselt, dann täuscht man
sich uiıd führt auch den Anfänger auf lange Zeit an der Nase herum.

9 A.d.Ü.: Deutsch im Original.

I8/4 i
ıı

6.So betrachtetwird die Übertragung zur Sicherheitsmaßnahme des


Analytikers und der Bezug aufs Reale das Terrain, auf dem der Kampf
entschieden wird. Die bis zur Konsolidierung der Übertragung aufge-
schobene Interpretation wird von da her abhängig von deren Reduk-
tion.
Daraus folgt, daß sie in einem working trougb aufgeht, das sehr gut
mit dem Begriff «Übertragungsarbeit›› zu übersetzen wäre, die das
Alibi sein soll für eine ArtRevanche für die anfängliche Schüchtern-
heit, das heißt für ein Beharren, das allen möglichen forcierten Opera-
tionen Einlaß gewährt, die unter der Flagge dei' Ich-Stärkung se-
geln [2I-22]. A ' R

7. Hat man indessen, als man Freuds Vorgehen beispielsweiseim Fall


des Rattenmanns kritisierte, bemerkt, daß der Grund für jene voraus-
laufende Indoktrination, über die wir uns wundern, einfach der ist,
daß Freud genau in umgekehrter Reihenfolge vorgeht? Er beginnt
nämlich damit, den,Patienten an eine erste Wahrnehmungseiner Stel-
lung im Realen heranzuführen, und sollte dies auch eine Überstürzung,
womöglich gar eine, sprechen wir das Wort aus: Systematisierung
der Symptome nach sich ziehen [8]. .
Das zweite der wohlbekannten Beispiele: Er bringtiDora zu der Fest-
stellung, daß sie an der großen Unordnung in der Welt ihres Vaters,
die Gegenstand ihrer Klagen ist, mehr als nur teilgehabt, daß sie viel-
mehr sich zum Angelpunkt derselben gemacht hat, und diese ohne ihr
Dazutun nicht hätte weiterbestehen können [7]. i
Ich verweise seit langer Zeit auf das Hegelsche Verfahren einer Um-
kehrung der Positionen von Schöner Seeleund Realität, die sie anklagt.
Es geht dabei nicht darum, jene dieser anzupassen, vielmehr ist zu
zeigen, daß sie ihr nur zu gutangepaßt ist, da sie an ihrer Fabrikation
sich beteiligt. 4
Hier aber bricht der Weg ab, der mit dem andern zu durchlaufen
ist. Denn schon hat die Übertragung ihrWerk getan und hat gezeigt,
daß es um etwas ganz anderes geht als um die Beziehungen des Ichs
zur Welt. ' s
Freud scheint sich nicht immer völlig zurechtzufinden in den Fällen,
die er uns mitteilt, Deswegen auch sind sie so kostbar. "
Er erkannte nämlich sofort, daß an dem Punkt das Prinzip seiner
Macht lag, worin diese sich nicht von der Suggestion unterschied,
aber auch, -daß diese Macht ihm einen Ausgang aus dem Problem
' _ 185
nur bot unter der Bedingung, von ihr keinen Gebrauch zu machen,
denn von da ab erst konnte sie diese ihre ganze Übertragungsent-
wicklung nehmen.
Von diesem Augenblick an richtet er sich nicht länger an den, den
er in seiner Nähe hält, und er verweigert ihm daher auch das Gegen-
über von Gesichtzu Gesicht.
Bei Freud ist die Deutung ein solch verwegenes Geschäft, daß wir,
die wir sie vulgarisiert haben, nicht mehr imstande sind, ihre mantische
Kraft zu erkennen. Wenn er von Trieb” spricht, etwas völlig anderem
als Instinkt, deckt die Frische der Entdeckung für uns zu, was der Trieb
in sich einschließt an Ankunft von Signifikantem. Jedoch indem Freud
zutage bringt, was man nur als die Schicksalsliiıien des Subjekts be-
zeichnen kann, ist'.s die Gestalt von Tiresias, mit der wir uns fragen
angesichts der Ambiguität, in der sein Verdikt wirksam wird.
Denn diese geschauten Linien betreffen in so geringem Maße das
Ich des Subjekts wie all das, was dieses hic er mmc in der Zweierbezie-
hung vergegenwärtigen kann, daß Freud, als er im Fallerdes Ratten-
manns genau auf den Pakt ZHSIGUCII, den dessen-Eltern mit ihrer
Hochzeit geschlossen hatten, auf ein Ereignis also, das einige Zeit
vor dessen Geburt lag, die folgende Mischung -von Bedingungen wie-
derfindet: gerade noch gerettete Ehre, Gefühlsbetrug, gesellschaftlichen
Kompromiß und verjährte Schuld, wovon das große Triebszenario das
ihm den Patienten zugeführt hat, einen kryptographischen Abzug dar-
zustellen scheint; hier findet er endlich den Grund für die Sackgasse, in
welchen sich dessen sittliches Leben und sein Begehren verlaufen.
Aber am erstaunlichsten ist, daß der Zugang zu diesem Material erst
eröffnet wird durch eine Deutung, in der Freud mutmaßliche Schlüsse
zog aus einem Verbot, das der Vater des_ Rattenmanns ausgesprochen
hat (und das sich auf die Legitimation jener hohen Liebe bezog, der
dieser sich gewidmet lıatte), um jene Vergeblichkeit zu erklären, mit
dem ihm diese Verbindung in all ihren Aspekten gezeichnet erschien.
Eine Deutung, die doch zumindest ungenau genannt werden muß,
da sie dementiert wird durch die Realität, die sie behauptet, die aber
,gleichwohl wahr ist dadurch, daß Freud intuitiv vorwegnimmt, was
wir zur Erkenntnis der Funktion des Andern in der Zwangsneurose
beigetragen haben, indem wir zeigen konnten, daß' diese Funktion
in der_Zwangsneurose von einem Toten übernommen wird, und
598

1° A.d.Ü.: Deutsdi im Original, auch im Folgenden.

186
daß dies in diesem Fall nicht besser als durch den Vater geschehen
konnte, der ja, tatsächlich tot, die Position eingenommen hat, die
Freud als die des absoluten Vaters erkannt hat.
, _

8. Die unsere Schriften lesen und unserem Unterricht folgen, mögen


uns verzeihen, wenn sie hier Beispiele wiederfinden, mit denen ich
ihnen vielleicht zu oft schon gekommen bin.
Nicht nur bin ich, um zu zeigen, auf welcher Ebene die Interpretation
wirksam wird, verhindert, meine eigenen Analysen anzuführen, ist
doch die Interpretation, die sich als koextensiv zur Geschichte erweist,
in dem kommunizierenden Milieu, in dem sich viele' unserer Analysen
abspielen, nicht mitzuteilen, ohne daß wir das Risiko laufen, die Ano-
nymität des Falls aufzuheben. Es ist mir bei solcher Gelegenheit auch
schon gelungen, genug zu sagen ohne allzuviel zu sagen, das heißt
mein Beispiel vorzubringen, ohne das es jemand mit Ausnahme des
Betroffenen erkennen konnte. 1
Auch halte ich den Rattenmann nicht für einen Fall, den Freud geheilt
hat, denn wenn ich dem hinzufügte, daß ich nicht glaube, daß die
Analyse unschuldig ist an dem tragischen Schluß der Geschichte, dem
Tod auf dem Schlachtfeld, was gäbe ich da nichttall denen 'Gelegenheit
zu fluchen, die sich Schlechtes dabei denken! ,
Der Horizont, an dem Freud sich die grundlegenden Entdeckungen
zeigten, an denen wir, was die Dynamik und die Struktur der Zwangs-
neurose anbelangt, uns immer noch orientieren, dieser Horizont, sage
ich, tut sich auf in einer Ausrichtung der Kur, die sich, wie icli eben
gezeigt, habe, an den Prozeß hält,.der von der ,Richtigstellung der
Verhältnisse zwischen dem Subjekt und dem Realen über die Entwick-
lung der Übertragung bis zur Deutung führt. Nicht mehr, aber auch
nicht weniger. _ '
Die Frage ist nun gestellt und es gilt zu erkennen, ob wir, indem
wir diese Ordnung yumkehrten, jenen Horizont nicht verloren haben.
I

9. Man kann sagen, daß die neuen Wege, durch die man den Marsch,
den der Entdecker eröffnet hat, legalisieren wollte, Zeugnis ablegen
von einer Begriffsverwirrung, die nur das Studium des besonderen
Falls rückgängig machen kann. Wir greifen daher im Folgenden ein
Beispiel auf,.das bereits zu unserer Lehre beigetragen hat. Es ist;
wohlgemerkt, von einem Autor von Rang, der durch seine Abstam-
mung ein besonderes Gespür für die Dimension der Deutung besaß.
187
Es handelt sich um Ernst Kris und um einen Fall, den er, was er uns
nicht verschweigt, von Melitta Schmideberg übernommen hat [1 5].
Es geht um ein in seinem intellektuellen Leben gehemmtes Subjekt, das
insbesondere unfähig ist zu einer Publikation seiner Forschungen -
es
dies wegen eines Zwangs zum Plagiat, dessen es anscheinend nicht
Herr zu werden vermag. Soweit das subjektive Drama.
Nach Melitta Schmidebergs Auffassung handelt es sichgum die Rekur-
renz eines kindlichen Vergehens - der Patient hatte Süßigkeiten
und Bücher gestohlen -, und auf diesem Wege unternahm sie dann
auch die Analyse des unbewußten Konflikts. I
Ernst Kris schmeichelt sich, den Fall in einer methodischen Deutung
wiederaufzunehmen, die von der Oberfläche in~die Tiefe vordringen
soll, wie er sagt. Daß er sie in den Schutz der Hartmannschen Ich-Psy-
chologie stellt, die er unterstützen zu müssen glaubt, ist.Beiwerk ange-
sichts dessen, was nun geschieht. Ernst Kris ändert die Perspektive
des Falls und gibt vor, dem Subjekt den insig/at eines neuen Anfangs
zu vermitteln ausgehend von einer Tatsache, die nur eine Wiederho-
lung von dessen Zwang darstellt, bei der Kris jedoch lobenswerterweise
sich nicht mit den Aussagen des Patienten -zufriedengibt. Als dieser
nämlich behauptet, er hätte gegen seinen Willen die Ideen zu einer
von ihm eben fertiggestellten Arbeit einem Werk éntnommen, das
ihm nun ins Gedächtnis kommt, wodurch ihm eine nachträgliche Kon-
trolle möglich wird, schlägt _er nach undentdeckt, daß nichts VOD
alledem über das in wissenschaftlichen Kreisen übliche Maß hinaus-_
geht. Kurz, als er sich vergewissert hat, daß sein Patient nicht plagia-
torisch belastet ist, so sehr er es zu sein glaubt, geht er daran ihm
zu zeigen, daß er es sein will, um sich daran zu hindern, es wirklich
zu sein - was heißt: die Abwehr vor dem Trieb zu analysieren,
der sich hier in der Hinneigung zu den Ideen der andern manifestiert.
Dieses Eingreifen kann man als einen Irrtum ansehen aus dem ein-
fachen Grund, weil es Abwehrund Trieb als konzentrisch auffaßt
und meint, es sei sozusagen das eine nach dem andern gemodelt. '
Der Beweis dafür, daß es auch wirklich Irrtum ist, liegt da, wo Kris
es bestätigt sieht: In dem Augenblick nämlich, als er den Kranken
glaubt fragen zu können, was er von der dergestalt umgekehrten Weste
hält, gibt ihm der nach kurzem Nachsinnen zur Antwort, seit einiger
Zeit streiche er nach Verlassen der Sitzung durch eine Straße voll
netter kleiner Restaurants und halte auf den Speisekarten Ausschau
nach seinem Lieblingsgericht: frischem Hirn.
188
I

4 _J
Ein Geständnis, das nicht so sehr als eines betrachtet werden darf,
das durchs Material, das es bringt, das Gelingen des Eingreifens bestä-
tigt, sondern uns vielmehr den korrigierenden Wert eines acring out
zu haben scheint im Bericht selbst, den es davon gibt.
Solcher Senf nach dem Essen, der dem Patienten in die Nase steigt,
scheint mir eher dem Gastgeber zu sagen, daß er beim Auftragen
fehlte. So zwanghaft, ihn zu riechen, sein mag, er ist ein him; als
zweifellos passageres Symptom warnt er den Analytiker: Sie sind
daneben. p
Sie sind daneben, wiederhole ich, und wende mich der Erinnerung
an Ernst Kris zu, die in mir iaufsteigt, denk ich an den-Kongreß
von Marienbad, wo ich am Tag nach meinem Vortragüber das Spiegel-
stadium mich verabschiedete, um dem Wind der Zeit nachzuspüren,
einer Zeit voll .dunkler Verheißungen, an der Olympiade in Berlin.
Liebenswürdig hielt mir Kris entgegen: «ça ne se fait pas››, hier bereits
diesem Hang zum. Respektierlichen nachgebend, der im vorliegenden
Fall vielleicht sein Vorgehen beeinflußt hat. -
Ist's das, Ernst Kris, was Sie in die Irre führt, oder nur, daß Ihre Ab-
sichten gerade seien, weil's Ihr Urteil auch ist, woran kein Zweifel sein
kann, wenn nicht die Dinge wären, die schuld sind an der Schikane.
Nicht daß Ihr Patient nicht stiehlt, ist hier entscheidend. Entscheidend
ist, daß er nicht . .. Nein, nicht «nicht››: daß er nic/ots stiehlt. Und
genau das hätte man ihm zu verstehen geben sollen.
Gerade umgekehrt als Sie glauben läßt ihn nicht seine Abwehr gegen
die Idee zu stehlen in der Meinung, daß er stiehlt. Vielmehr: daß
er einen Gedanken haben könnte, wozu.ihm der Gedanke nicht kommt
oder ihiı doch kaum streift. - t
Es ist also nutzlos, ihn in diesen Prozeß zu verwickeln und durch-
blicken zu lassen, wo Gott selbst sich nicht erkennen könnte, was
sein Kollege ihm an 'mehr oder weniger Originellem klaut, wenn er
mit ihm ein Schwätzchenmacht. B I
Sollte diese Lust auf frisches Hirn nicht Ihre eigenen Begriffe aufzu-
frischen vermögen und Sie in den Thesen von Roman Jakobson an
die *Funktion der Metonymie erinnern, auf die wir gleich noch zu
sprechen kommen werden. A
Sie reden von Melitta Schmideberg, als ob sie die Kriminalität mit
dem Es verwechselt hätte. Ich bin da nicht so sicher, und wenn ich
an den Aufsatz denke, in dem sie den Fall zitiert, so suggeriert mir
die Abfassung des Titels eine Metapher. A .
. 189
- - . " ~___' _. .. ' 'I.:-im

Sie behandeln den Patienten wie einen Zwangscharakter, während


er Ihnen doch die Hand hinstreckt mit seinem Essensphantasma und
ihnen damit die Gelegenheit gibt, der Nosologie Ihrer Epoche eine
Viertelstunde fvorauszusein und mentale Anorexie zu diagnostizieren. 60
Sie würden damit auch diesen Doppelbegriff, den Sie auf seinen eigent-
lichen Sinn gebracht hätten, zurechtgerückt haben, nachdem der Ge-
meingebrauch ihn auf die zweifelhafte Qualität einer ätiologischen
Indikation reduziert hat. s
Anorexie in diesem Fall in bezug auf das Mentale, auf das Begehren,
aus dem die Vorstellung lebt, und das bringt uns auf den Skorbut,
der auf dem Floßiherrscht, auf dem ich es zusammen mit den mageren
Jungfrauen auf die Reise schicke. ~
Deren symbolisch motivierte Verweigerung scheint mir viel Ähnlich-
keit zu haben mit der Abneigung, die der Patient vor dem hat, was
er denkt. Schon seinem Papa, Sie sagen es uns, war der Zugang zur
Ideenwelt verstellt. Sollte der Großvater, der sich in dieser Materie
einen Namen gemacht hatte, ihm das alles verleidet haben? Wie soll
ma`n das wissen! Sicher haben Sie recht, im Signifikanten: groß, so
wie er in der Verwandtschaftsbezeichnung enthalten ist, ohne zu zö-
gern den Ursprung der Rivalität zu sehen, die anläßlich. einer Angel-
partie mit dem Vater im Wettstreit um den- größten Fisch zum Aus-
druck kam. Aber es inspiriert mich doch diese Herausforderungder
reinen Form eher als daß sie sagen will: hier ist nichts zu braten.
Es besteht also keine Gemeinsamkeit zwischen Ihrer Wallfahrt, die
von der Oberfläche ausgehen soll, und der subjektiven Berichtigung,
wie sie oben in der Freudschen Methode herausgestellt wurde, obschon
sie dort auf keinerlei topischer Priorität sich gründet.
Auch ist diese Berichtigung bei Freud dialektisch und geht von den Aus~
sagen des Subjekts aus, um auf sie zurückzukommen, was besagen will,
daß eine Interpretation nur genau sein kann als - Interpretation.
Sich hier auf die Seite des Objektiven zu schlagen, ist Unfug› und
wär's auch nur deshalb, weil das Plagiatentum sich relativ verhält
zu den landläufigen Sitten“.
11 Das Beispiel hier wäre: in den USA, wo Kris gelandet ist, gelten Publikationen 2118
Bcsitztitel, und eine Lehre wie die meine müßte jede Woche ihre Rechte schützen ge-
gen die Plünderung, zu der sie reichlich Anlaß böte. In Frankreich unterwandern
meine Gedanken gleichsam eine Gruppe, in der man Geboten folgt, durch diß meine
Lehre untersagt ist. Weil sie verflucht sind, können Ideen hier nur als Sdımufls
für einige Modenarren da sein. Egal: Die Leere, diesie ertönen lassen, läßt 11161“. Ob
man mich nun zitiert oder nicht, eine andere Stimme hören.

190 I
ıı.

Die Vorstellung aber, daß die Oberfläche die Ebene des Oberflächlichen
ist, ist selbst gefährlich. R _
Eine andere Topik tut ınot, damit man sich nicht im Platz des Be-
gehrens irre.
02 Das Begehren von der Karte wischen, das doch schon in der Landschaft
des Patienten verschüttet ist, ist nicht die beste Nachfolge, die Freuds
Unterweisung haben konnte. P .
Noch ist dies das Mittel, mit der Tiefe Schluß zu machen, denn diese
wird auf der Oberfläche sichtbarfwie eine Flechte, die an Festtagen
im Gesicht erblühtı. i i
Q

I .

III. Woran ist man mit der Übertragung?


~ ı 4:

1. Wir wollen uns auf die Arbeit unseres Kollegen Daniel Lagache
beziehen, um uns ein exaktes historisches Bild machen zu können
von den Arbeiten, die in Freuds Umkreis in Fortsetzung seines Werks
und in der Folgezeit der von ihm entdeckten Übertragung gewidmet
worden sind. Indem Lagache in die Funktion des Phänomens Struktur-
unterscheidungen einführt, die für die Kritik desselben von essentieller
Bedeutung sind,. erweitert er den Gegenstandsbereich seiner Arbeit.
Wir erinnern hier nur an die recht gelungene Formulierung einef Wech-
selbeziehung zwischen Wiederholungsbedürfnis und Bedürfniswieder-
holung, die das Phänomen in seiner letzten Natur erfaßt. _
Nun wird durch eine Arbeit dieser Art, wenn anders wir daraus in
unserer Lehre die gemeinten Konsequenzen gezogen haben, speziell
durch die Einteilung, “die sie einführt, recht deutlich, wie sehr die
Diskussion des Problems auf Teilaspekte sich versteiftıhat, insbeson-
dere wie der allgemeine Gebrauch des Begriffs, selbst in der Analyse,
seiner fragwürdigsten, wenn auch geläufigsten Auslegung verhaftet
bleibt: indem man aus ihm die Abfolge oder Summe aller positiven
oder negativen Gefühle macht, die der Patient seinem Analytiker
zuwendet. A e
Um abschätzen zu können, wie weit wir damit in unserer wissenschaft-
lichen Gemeinsdıaft sind, ist zu sagen, daß, so' sehr dies auch zu
fordern wäre, weder Ubereinstimmung noch Klarheit herrschen in den
folgenden Punkten: Handelt es sich um denselben Effekt der Bezie-
_ I9I
--¬-:-_--- -
-¬-a:-_-3.

hung zum Analytiker, der manifest wird in jener zu Beginn einer


jeden Behandlung zu beobachtenden Verliebtheit und in jenem Geflecht
der Befriedigungen, das einen Abbruch dieser Beziehung so schwierig
macht, da die Übertragungsneurose über die im engeren Sinne analyti-
schen Mittel, wie es scheint, hinausgehtilst es überhaupt noch die
Beziehung auf den Analytiker und deren fundamentale Frustration,
was in der zweiten Phase der Analyse-die Skandierung: Frustration,
Aggression, Regression begründet, in der die fruchtbarsten .Wirkungen
der Analyse sich einschreiben sollten? Wie sind die Erscheinungen
einzuordnen, deren Bewegung durchkreuzt wird von _Phantasmen, die
6
offenkundig die Person des Analytikers miteinbeziehen?
Warum diese Dunkelheiten so hartnäckig bestehen bleiben mußten,
ist in einer beispiellos scharfsichtigen Arbeit aufgezeigt worden: Da-I
nach sind es noch jedesmal, wenn im Laufe der Zeit die Problematik
der Übertragung einer Revision unterzogen wurde, die antreibenden
technischen Divergenzen gewesen, die eine wirkliche Kritik des Über-
tragungsbegriffs verhindert haben [20]. i _

2. Dieser Begriff ist für die analytische Aktion, zu der wir hier zurück-
kehren wollen, von so zentraler Bedeutung, daß, wie wir hier sagen
können, an ihr sich der Partialcharakter der Theorien messen läßt,
an welchem die Reflexion derselben haltmacht. Damit ist gesagt, daß
man nicht fehlgehen kann im Urteil, wenn man sich an die Hand-
habung der Übertragung hält, die ausiihnen folgt. Solcher Pragma-
tismus ist angemessen. Denn diese Handhabung der Übertragung ist
eins mit ihrem Begriff, und so geringfügig bearbeitet dieser in der
Praxis auch sein mag, er kann sich nur an den Einseitigkeiten der
Theorie ausrichten.
Andererseits kann man nicht sagen, daß die verschiedenen gleichzeitig
nebeneinander bestehenden Einseitigkeiten sich ergänzten. Worin sich
bestätigt, daß sie an einem zentralen Fehler leiden.
Um hier bereits ein wenig Ordnung einzuführen, reduzieren wir diese ~.

Besonderheiten der Theorie auf drei, auch wenn wir uns damit selbst
zu einer Parteinahme bekennen müßten, die aber weniger gravierend
ist, weil sie nur der Darstellung dient.
4

3. Wir verbinden den Genetismus, insofern er die' analytischen Phäno-


mene auf die hier betroffenen Entwicklungsmomente gründen und
sich an der sogenannten direkten Beobachtung des Kindes orientieren
192 :_ '
` 1
ı-_

will, mit einer besonderen Technik, derjenigen nämlich, die das We-
sentliche dieses Vorgehens in der Analyse der Abwehrmechanismen
erblickt.
Diese Verbindung ist historisch offenkundig. Man kann sogar sagen,
daß sie anders gar nicht besteht, weil sie ausschließlich konstituiert
ist durch ein Versagen der Solidarität, die sie vorgibt. .
Ausgangspunkt derselben ist, wie man zeigen kann, der legitime Glau-
be an den Begriff eines unbewußten Ich, in dem Freud seine Lehre
einer Neuorientierung unterzog. Weiterzugehn bis zu der Annahme,
die unter seiner Funktion versammelten Abwehrmechanismen folgten
in ihrem Auftreten ihrerseits einem Gesetz, das jener Abfolge von
Phasen gleichen, ja sogar mit ihr korrespondieren sollte, durch' die
Freud das Zutagetreten des Triebs mit der Physiologie zu verknüpfen
versucht lıatte, ist der Schritt, den Anna Freud in ihrem Buch «Das
Ich und die Abwehrmechanismen» vorschlägt, und den sie durch die
Erfahrung überprüft haben wollte. t . ` -
Dies hätte in der Tat die Gelegenheit sein können für eine fruchtbare
Kritik der Beziehungen zwischen der Entwicklung und jenen offenbar
komplexeren Strukturen, die Freud in die Psychologie eingeführt hat.
Aber die Operation rutschte tiefer, so viel größer war die Verlockung,
in die beobachtbaren Etappen dersensomotorischen Entwicklung und
des intellektuellen Wachstums jene Mechanismen hereinzunehmen, die
vom Fortschritt derselben sich sollten abheben lassen, wieeman glaub-
IIC.
Man kann sagen, daß die Hoffnungen, die Anna 'Freud an dieses
Unternehmen knüpfte, enttäuscht worden sind. Die analytische Tech-
nik ist damit in nichts aufgeklärt worden, wenn auch die Details,
die eine durch die Analyse aufgeklärte Beobachtung von Kindern zu-
tage fördern konnte, manchmal sehr suggestiv sind. '
Der hier als Alibi für eine verunglückte Typologie fungierende Begriff
des pattern begünstigt eine Technik, die zur Aufdeckung eines in-
aktualen pattern sich an dessen Differenz zu einem pattern festklam-
mert, das_ in seinem Konformismus die Garantie seiner Konformität
hat. Beschämend, welche Erfolgskriterien aus solcher Falschmünzerei
resultieren: Aufstieg in eine .höhere Gehaltsklasse„der Notausgang
einer Liaison mit der Sekretärin, welche den biederen Ehetrabern zu
einem gelegentlichen Galopp verhilft, der Beruf und die politische
Gemeinschaft, das alles scheint uns nicht so recht würdig, den im
planning des Analytikers, ja sogar in seiner Interpretation artikulier-
_ 193
ten Appell an die Zwietrachtnfi der Lebens- und Todestriebe zu
erheischen - selbst wenn es sich noch so präremiög als ein Beitı-Q
zum Problem der «Ökonomie›› versteht, die hier, völlig widersprüqhlicš
zum Denken Freuds, als Spiel eines in seinem Gegensatz homologen
Kräftepaars auftritt.

4. Weniger abgeschliffen in ihrem analytischen Profil scheint uns die


zweite Seite, auf der erscheint, was von der Übertragung sich den
Blicken entzieht: der Drehpunkt, der die Objektbeziehung sein soll'
Diese Theorie mag in den letzten Jahren in Frankreich ziemlich außer
Kurs gekommen sein, sie läßt trotzdem nicht anders als der Genetismus
immer noch ihre hohe Abkunft erkennen. Eingeführt in die Diskussioj,
wurde sie von Abraham, dem wir als originalen Beitrag den Begriff
des Partialobjekts verdanken. Auf die Bedeutung desselben einzu,
gehen, ist hier nicht der Ort. Uns geht es hier eher darum die Verbin, 60
dung aufzuzeigen, die dieser Begriff zum partialen Charakter der
Übertragung unterhält, von der Abraham nur einen Aspekt Wahn,
nimmt, den er dann, so undurchsichtig wie er ist, als Liebesfähigkeit her,
ausstellt, als gäbe es beim Kranken eine konstitutionelle Gegebenheit,
an der sich der Grad seiner Heilungschancen ablesen ließe,- das einzige
übrigens, woran die Behandlung von Psychosen soll scheitern können.
Wir haben hier tatsächlich zwei Gleichungen. Übertragung als Sexual..
übertragung ist Ansatzpunkt für die sogenannte Objektliebe. An der
Übertragungsfähigkeit bemißt sich der Zugang zum Realen. Man kann
nicht genug betonen, daß es sich hier um eine petitio principii han..
delt. s ' '
Im Gegensatz zu den Annahmen des Genetismus, der auf einer Ord..
nung gestalthafter I-Iervorbringungen im Subjekt aufbaut, behaupte;
Abrahams Perspektive eine Finalität, die im Instinkt begründet sein
soll, insofern als sie sich unter dem I-Ieranreifen eines nicht benenn..
baren Objekts das Objekt groß O vorstellt, das die Phase der Ob-
jektalität regiert (die durch ihreaffektive Substantialität bedeutungs..
mäßig von der Objektivität untersdıieden ist).
Diese ektoplasmatisdıe Konzeption des Objekts zeigte bald schon ihre 'Q

Gefahren, nachdem sie aufs Niveau jener grobschlächtigen Dichotomie


herabgesunken war, die daraus resultierte, daß man den prägenitalen
dem genitalen Charakter entgegenhielt.
"H A.d.Ü.: Im Original Großsdıreibung Discoıide, was an die ınythische Figur erin-
nert. ' `

194
Dieses erstrangige Thema erfährt eine summarische Entwicklungda-
durch, daß`dem prägenitalen Charakter insgesamt die Züge eines pro-
jektiven Irrealismus, eines mehr oder weniger dosierten Autismus,
der Befriedigungsrestriktion durch Abwehr, der Objektkonditionie-
rung verliehen werden, diese letzte durch eine Isolation, die doppelt
Schutz bieten soll vor den Zerstörungskräften, die auf ihn gerichtet
sind, ein Amalgam also sämtlicher Störungen der Objektbeziehung,
das die extreme Abhängigkeit aufweisen soll, die daraus für das Sub-
jekt resultiert. Ein Gemälde, das trotz seiner gewollten Verworrenheit
recht zweckmäßig wäre, müßte es nicht als Negativ dienen zu jenem
Schäferidyll des «Übergangs von der prägenitalen zur genitalen Form››,
wo' die Triebe <<nicht länger jenen Charakter eines unbändigen, gren-
zenlosen, unbedingten, Zerstörung nach sich ziehenden Besitzstrebens
annehmen.›› Sie sind dann «wahrlich zärtlich und liebevoll, und zeigt
sich das Subjekt hier nicht allzu opferwillig, das heißt' desinteressiert,
und sind diese Objekte» (hier erinnert sich der Autor an meine Bemer-
kungen) «zutiefst narzißtische Objekte wie indem oben geschilderten
Fall, wird es ihm möglich, den andern zu begreifen, sich ihm anzu-
passen. Überhaupt zeigt die innerste Struktur dieser objektalen Bezie-
6 hungen, wie unabdingbar es für das Glück des Subjekts ist, daß das
Objekt an seiner eigenen Lust teilhabe. Die Vorlieben, die Begierden,
die Bedürfnisse des Objekts (was für ein Salat!)12 sind von allergrößter
Wid1tigkeit.›› B `
Gleichwohl ist dann «das Ich hiervon einer Beständigkeit, die nicht Ge-
fahr läuft, durch den Verlust eines bedeutenden Objekts” gefährdet zu
werden. Es bleibt unabhängig von seinen Objekten.›› ' :-
«Seine Organisation verlangt, daß das Denken, das es sich aneignet,
essentiell logisch ist. Es kennt nicht die spontane Regression auf ar-
chaische Weisen in -der Auffassung der Realität, affektives Denken
und magischer Glaube spielen dabei nur eine absolut zweitrangige
Rolle, die Symbolisierung geht in ihrem Ausmaß und in-ihrer Be-
deutung nicht über das hinaus, was im Leben üblich (!!)14 ist. Der
Stil der Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt ist hier auf das
Höchste entwickelt (sic).››14“ , s
Das also ist jenen versprodıen, die «am Schluß einer geglückten Ana-
lyse . . . sich des enormen Unterschieds bewußt werden zwischen dem,
1' Klammer vom Autor dieses Vortrags.
13 A.d.Ü.: Großgeschrieben im Original.
1' und "R Klammer vom Autor dieses Vortrags.

r 19:
was sie sich ehedem unter Seırualfreuden vorstellten und dem, was
nun ihre Empfindung ist.›› L ~
Man versteht, daß für die, die von vorneherein über diese Freude
verfügen, «die Genitalbeziehung sich - um es direkt zu sagen - ohne
große Geschichten vollzieht» [21
Ohne Geschichten außer der, auf umwerfende Weise sich zu paaren
in dem Wort: se taper le derriêre au lustrels, dessen Platz uns hier
markiert scheint für den künftigen Scholiasten, der hier sein ewiges
Geschäft wird aufnehmen können. t

5. Soll man Abraham tatsächlich folgen, wenn er uns die Objektbe-


ziehung vorstellt als etwas, das typisch sich in der Tätigkeit des Samm-
lers zeigt, so ist deren Regel womöglich nicht in dieser erbaulichen
Antinomie zu suchen, sondern eher in einer Art Sackgasse, die' für
das Begehren als solches konstitutiv ist.
Daß das Objekt als gebrochen und dekomponiert sich darstellt, hat
'seinen Grund vielleicht anderswo als in einem pathologischen Faktor.
Und was~hat die absurde Hymne an die Harmonie des Genitalen
mit dem Realen zu tun! g s t
Soll das Drama der ödipalen Situation aus'unserer Erfahrung ge-
strichen werden, das in Freud seinen Gestalter gefunden hat, der in
ihm gerade die banalsten Beschränkungen und Erniedrigungen“ des 6
Liebeslebens, auch des erfülltesten, erklärt sah. _
Ist es an uns, Eros, den Schwarzen Gott, umzufrisieren zum Locken-
schaf des Guten Hirten? s
Ohne Zweifel ist Sublimierung am Werk in diesem Opfer, das von
der Liebe ausstrahlt, aber man sollte sich doch etwas weiter in die
Struktur des Sublimen vertiefen und dieses nicht, wogegen Freud jeden-
falls sich verwahrt hat, mit dem perfekten Orgasmus verwechseln.
Das Schlimmste ist, daß in natürlichster Zärtlichkeit sich ergehende
Seelen schließlich soweit kommen, 'daß sie sich fragen,'ob sie wohl
der aberwitzigen Norm der Genitalbeziehung zu genügen vermögen
- abermals eine Bürde, die wir wie jene vom Evangelium Verfluchtfifl
den Unschuldigen auf den Rücken laden.
Man wird indessen, liest man uns (wenn überhaupt etwas auf die
Zeiten kommt, in welchen man nicht mehr verstehen wırd, worauf

15 A.d.Ü.: Wörtlidız sich den Hintern am Lüster ansdılagen.


1° A.d.Ü.: Im Original deutsch in Klammern.

196
diese heftigen Ausfälle sich praktisch richteten), sich vorstellen können,
unsere Kunst hätte darin bestanden, den sexuellen Appetit bei Drüsen-
gestörten anzuregen _-_ und dabei haben wir zur Physiologie der Drü-
sen nicht dås Geringste beigetragen und brauchen auch herzlich wenig
davon zu verstehen.

6. Wenigstens drei Seiten braucht eine Pyramide, auch eine aus Häre-
sie. Die, welche den hier im Aufklaffen der Übertragungskonzeption
beschriebenen Zweiflächer schließt, möchte, wenn man so sagen darf,
dessen Ränder wieder verbinden. t - '
Wenn die Übertragung ihre Kraft daran hat, daß sie auf die Realität
zurückgeführt wird, deren Repräsentant der Analytiker ist, und es
sich darum handelt, das Objekt” in der Treibhausluft einer geschlosse-
nenSituation heranreifen zu lassen, bleibt dem Analysierten, wenn der
Ausdruck erlaubt ist, nur noch ein Objekt zu knacken: und das wäre
der Analytiker. ._ .;
Daher der Begriff einer intersubjektiven Introjektion, der, unglücklich
in einer Zweierbeziehung installiert, unsere dritte Verwechslung dar-
stellt. . , , i ' ~
Tatsächlich geht es um einen verbindenden- Weg, dessen Metapher
die diversen theoretisd-ıen Soßen, die ihn, bezogen auf die jeweilige
Topik, gängig machen, nur bewahren können, indem sie sie variieren
nach dem Operationsniveau, das sie für seriös halten: Introjektion
bei Ferenczi, Identifizierung mit dem Über-Ich des Analytikers bei
Strachey, narzißtische Endverzückung bei Balint.
8 Wir' wollen die Aufmerksamkeit auf die Substanz dieser mystischen
Speisung lenken, und wenn wir uns dabei einmal mehr auf das be-
ziehen müssen, wa_s vor unserer Türe passiert, so deshalb, weil die
analytische Erfahrung bekanntlich ihre Kraft aus dem Besonderen
schöpft. t
So scheint uns, daß man die Wichtigkeit, die in der Kur dem Phan-
tasma des phallischen Verschlingens beigemessen wird, für welches
das Bild des Analytikers herhalten muß, hervorheben sollte -in ihrem
Zusammenhang mit einer Ausrichtung der_Kur, die sie ausschließlich
mit der Einrichtung der Distanz zwischen dem Patienten und dem
Analytiker als Objekt der Dualbeziehung in Verbindung bringt. il
Denn so schwachsinnig die Theorie auch sein mag, vermittels welcher

" A.d.Ü.:<Großgesd1rieben im Original.

i 197
'ff-f- f :. „_“--"jij E _- _ ____.L_ '___ 2 ¦ ¦ ' ._ _. . _- _ _: _-___-†_ .. ---'HP'

ein Autor System in seine,Technik bringt es bleibt nichtsdestowenigef


Wahl“, daß er tatsächlich analysiert und diaß der im Irrtum freigelegfe
Zusammenhang hier der Garant des effektiv praktizierten Irrweges
ıst.
šíafillhlef deutlich wird, ist die Ausnahmefunktion des Signifikaflten
. a us uf der Art und Welse, wie das Subjekt dem Begehren präsent
ıst, allerdıngs in einer, wie man sagen kann blinden Erfahrung: Weil
ef Vönlg 2111 Orientierung über die wirklicheh Verhältnisse der an211Y"
“fallen Situation fehlt, die wie jede andere Situation in der gesprochefi
Wffd, dadurch, daß man sie innerhalb einer Zweierbeziehung ansiedelfi
wıll, notwendig zerstört werden muß. '
àlí:n;1ud1e`Natuf (ier 5Ymbolischen Einverleibung verkannt bleibt, und
_ S guten Grundefl, und ausgesdılossen ist, daß in der AnalY5e
“gend etwas Reales konsumiert wird, so zeigt sich nach den eleinefl'
taren Bestımmungen meiner Lehre, daß in dem, was sich produziert,
nur “fich Imagifiäres erkannt werden kann. Denn man muß nieht
ulfbedmgf den P1311 eines Hauses kennen,-um mit dem Kopf gegen
seine Mauern zu rennen, darauf kann man sogar recht gut verzichten.
wir Selbst haben lefiem Autor zu einer Zeit als wir die~Debatfe
unt? uns führtem angezeigt, daß, hält man :iich an eine imaginäre
Bezıehung zwischen den Objekten, als Ordnungskategorie nur die Di-
mension der Distanz Übrigbleibt.-Dieses nicht in deriAbsicht, dßß
er dem beipflichte. _
Die Distanz zur einzigen Dimension zu machen in der die Beziehufl*
gen des Neurotikerstzum Objekt sich abspielen ,führt in unüberwind-
be-1'e WiCleI'SPI°üChe, die man oft genug sowohl im Innern des SystemS
als auch In efitgegefigesetzter Richtung finden kann, die die verschie-
densten Autoren, um ihre Impressionen zur Ordnen aus derselben Me-
tapher ableiten. Zuviel oder zuwenig Distanz zuin Objekt scheinen
manchmal bis zur Ununterscheidbarkeit vertauscht. Und nicht die Di-
stanz des Obiekffi, Sondern vielmehr seine zu große Veftrautheit mit
dem Sublekf, erschien Ferenczi als charakteristisch für den Neuroti-
ker.
WaS einer Sagen will, entscheidet sich in seiner Technik, und die Tech-
nik der Annäherung, des mpprocher, enthüllt, so unbezahlbar der
Effekt dieses WOIIBS auch sein mag, wenn es in einem englischen
Exposé unübersetzt auftaucht, in der Praxis ein Bestreben, das an
Zwang grenzt. ~ S'
Man kann kaum glauben, daß das Ideal einer solchen auf Null
193 .
(englisch nil) reduzierten Distanz seinen Urheber nicht erkennen las-
sen soll, wie hier seine theoretische Paradoxie sich verdichtet.
Wie dem auch sei, sicher ist, daß diese Distanz als universal gültiger
Parametef aufgefaßt wird, der die verschiedenen Techniken zum Ab-
bau der Neurose - mag einem die Diskussion über ihren Umfang noch
so chinesisch vorkommen - regelt.
Was eine solche Konzeption den speziellen Bedingungen der Zwangs-
neurose verdankt, kann nicht ganz auf die Seite des Objekts abge-
schoben werden. - , .
Vielmehr scheint ihr nicht einmal gutgeschrieben werden' zu können,
daß ein Vorteil aus -den Resultaten zu ziehen wäre, die sie aus
der Zwangsneurose gewinnen könnte. Wenn wir uns wie Kris auf
eine in zweiter Instanz wiederaufgenommene Analyse beziehen dür-
fen, können wir bezeugen, daß eine solche Technik, die unbestreitbar
Talent verrät, bei einem klinischen Fall einer reinen Zwangsneurose
bei einem Mann zu einer urplötzlichen Verliebtheit geführt hat, die,
obzwar platonisch, so doch nicht weniger zügellos war, und die sich
auch als nicht weniger irreduzibel erwies, weil sie auf das erste in seiner
Umgebung erreichbare gleichgeschlechtige Objekt sich richtete.
Spricht man hier von transitorischer Perversion, so kann das einen
notorischen Optimisten befriedigen, doch nur um den Preis, daß man
in dieser atypischen Wiederherstellung des in dieser Beziehung viel
zu sehr vernachlässigten Dritten erkennt, daß man nicht zu sehr auf
den Punkt der Nähe in der.Beziehung zum Objekt losschießen sollte.
ı
1
3 _

7. Das Abstumpfen der Technik durch fortschreitenden Th_eorieverlust


kennt keine Grenze. Auf die Erfindungen solch wilder Analyse haben
wir bereits hingewiesen, erstaunt und peinlich berührt zugleich, daß
da nicht die geringste Kontrolle sich geregt haben soll. Seinen Analy-
tiker riechen zu können, erscheint in einer Arbeit' buchstäblich als
Verwirklichung, womit der glückliche Ausgang der Übertragung be-
zeichnet wird. ) S I `
Was den Wert dieses letzten Beispiels ausmacht, ist, wie man hier
sehen kann, eine Art unfreiwilliger Humor. Jarry hätte an ihm seine
0 helle Freude gehabt. Tatsächlich kann man sich nur noch an das Fol-
gende halten, wenn man die Entwicklung der analytischen Situation
real nimmt: Wahr ist, daß neben dem Schmecken nur noch in der
Dimension des Riechens die Distanz sich auf Null _(m`l) reduzieren
läßt, diesmal imfRealen. Ob man darin einen Hinweis für die Aus-
199
richtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht sehen kann, ist eher
fragwürdig. t
Indes, daß ein Käfiggeruch durch eine Technik zieht, in der man sozu-
sagen über die Nase peilt, hat nicht nur eine lächerliche Seite. Die
Schüler meines Seminars erinnern sich an jenen Uringeruch, der die
Wendung brachte in einem Fall von transitorischer Perversion, mit
dem wir uns zur Kritik der besagten Technik beschäftigt haben. Man
kann nicht sagen, daß er ohne Zusammenhang gewesen wäre mit
dem Ereignis, das die Beobachtung motiviert, denn der Patient hatte,
als er durch ein Loch in der Wand eines Klosetts einer Frau beim
Urinier_en~zusehen konnte, seine Libido plötzlich umgesetzt, ohne daß
er dazu durch irgend etwas prädestiniert gewesen wäre, wie es scheint:
nachdem die mit dem Phantasma der phallischen Mutter verknüpften
infantilen Regungen bis zu diesem Zeitpunkt nur in'Gestalt der Phobie
aufgetreten waren [23].
Gleichwohl ist hier keine direkte Verbindung, wie es ebenfalls nicht
korrekt wäre, in diesem Voyeurismus eine Umkehrung des exhibi-
tionistischen Aktes zu sehen, der bereits im Atypischen der Phobie
mit der völlig korrekt gestellten Diagnose enthalten ist: für den Pa-
tienten in Gestalt der Angst, seiner Größe -wegen verspottet zu werden.
Wie wir schon sagten, beweist die Analytikerin,'der wir diese bemer-
kenswerte Publikation verdanken, seltenen Scharfsinn, 'indem sie im-
mer wieder, mit peinlicher Hartnäckigkeit, auf die Interpretation einer
gCWiSSen RüStL1ng zurückkommt, die in einem Traum aufgetaucht war
in der Stellung eines Vcrfolgers, der dazu noch mit einer Fliegenspritze
bewaffnet war wie mit einem Symbol der phallischen Mutter.
Hätte ich nicht elıer vom Vater sprechen sollen, fragt sie sich, und
rechtfertigt ihre Unterlassung damit, daß in der Geschichte des Patien-
ten ein realer Vater nicht aufgetreten war.
Meine Schüler können hier bedauern, daß ihr die Lehren meines Se-
minars dabei nicht zur Hilfe kommen konnten, denn sie wissen, nach
welchen Prinzipien ich sie zu unterscheiden gelehrt habe zwischen
dem phobischen Objekt als Signifikanten, der alles tut, um an die
Stelle des Mangels des Anderen zu treten, und dem jeglicher Perversion
zugrundeliegenden Fetisch als dem im' Schnitt des Signifikanten er-
blickten Objekt. _ I i
In Ermangelung dessen vermochte sich die talentierte Anfängerin auch
nicht an den Dialog der Rüstungen in André Bretons Discours sur
le peu de réalité erinnern. Das hättesie auf die Spur gebracht.
200 _
1-

Aber wiekann man so etwas hoffen, wo doch diese Analyse zur


Kontrolle eine Ausrichtung erfuhr, die sie auf dauernde Störmanöver
verwies, was den~Patienten auf die reale Situation hinführen sollte.
Was wundern wir uns, daß die Analytikerin anders als die Königin
von Spanien offenbar Beine hat, beweist sie dies doch selbst durch
die Unduldsamkeit ihrer Rufe zur Ordnung der Gegenwart.
Sicher zeigt sich ein solches Vorgehen nicht ohne Grund in dem gutarti-
gen Ausgang des acting out, das hier in der Probe steht: denn auch
die Analytikerin sah sich - dessen war sie sichübrigens bewußt
- einem ständigen kastrierenden Eingreifen ausgesetzt. -
Warum aber soll diese Rolle der Mutter zugeteilt werden, die ja die
ganze Zeit über eher als Vermittlerin aufgetreten war, wie alles in
der Anamnese dieser Krankengeschichte zeigt? , v
Das Fehlen des Ödipuskomplexes "ist kompensiert worden, durchweg
jedoch in der in ihrer Naivität entwaffnenden Form einer völlig ge-
zwungenen wenn nicht gar willkürlichen Berufung auf den Mann
der Analytikerin, der sich dafür geradezu anbot, hatte er doch, selber
Psychiater, seine Frau mit dem Patienten versehen. g
Das ist hier kein gewöhnlicher Umstand. ijedenfalls ist er zurück-
zuweisen als der analytischen Situation äußerlich.
Es sind nicht die ungelenken Umwege der Behandlung an sich, was
einen reserviert sein läßt dem Ausgang derselben gegenüber,und der
doch recht maliziöse Humor jener meist als Preis der Schändung ent-
wendeteri letzten Honorare während einer Behandlung ist an sich
durchaus kein schlechtes Zeichen für die Zukunft.
Die Frage, die zu stellen wäre, ist die' nach der Grenze zwischen
Analyse und Reedukation, wennihr Prozeß selber sich an der Heraus-
forderung der realen Einwirkungen ausrichtet. Man sieht das, wenn
man in dieser Krankengeschichte die biographischen Daten mit den
Übertragungsgebilden vergleicht: Der Anteil, den die Entzifferungdes
Unbewußten ausmacht, ist wirklich sehr klein. Man fragt sich sogar,
ob nicht der größte Teil unberührt in jener Verzystung .des Rätsels
bleibt, das unter dem Etikett einer transitorischen ,Perversion den
Gegenstand dieses instruktiven Beitrags ausmacht.

8. Daß der Nichtanalytiker unter den Lesern sich nur nicht täusche:
Durchaus nicht soll hier der Wert einer Arbeit herabgemindert werden,
auf die das Vergilsche Epitheton improbus genau zutrifft.
612 Wir verfolgen hier keine andere Absicht als den Analytikern warnend
` ıoı
F-.4-ø - “ '

vor Augen zu führen, wie ihre Technik ins Gleiten gerät, wenn Sle
nicht erkennen, wo in Wahrheit sich deren Wirkung entfaltet.
Bei all der Hartnäckigkeit in den Versuchen, eine Definition dieses
Orts zu finden, kann man nicht sagen, daß die Erfahrung, die dıe
Analytiker aufrollen, so bescheiden sie auch sein mag und so fiktıv
die Positionen auch sind, auf die sie sich zurückziehen, immer un-
fruchtbar bliebe. . t
Genetische Untersuchungen und direkte Beobachtung haben sich durch-
aus nicht von einer eigentlichen analytischen Beseelung abgelöst. Wır
selbst haben, als wir uns in unserem“ Seminar ein Jahr lang mit dem
Thema-der Objektbeziehungen beschäftigt haben, auf den Wert einer
Konzeption hingewiesen, die in aller Deutlichkeit herausstellt, iílnß
die Beobachtung des Kindes an der Funktion des-Bemutterns in _Clf›`I`
Objektgenese sich zu orientieren hat. Wir denken an den Begriff elflee
Übergangsobjekts, der, eingeführt von D. W. Winnicott, ein Schlüssel
zur Erklärung der Genese des Fetischismus ist [27]. ~
Bleibt,`daß die offenkundigen Zweifel über die großen Freudschen
Begriffe, die einem bei der Lektürekommen, den Schwächen korrelle*
ren, die die praktische Arbeit erschweren. Was wir damit sagen Wollen
ist, daß Forscher und Forschergruppen, je deutlicher Sie SPÜf°n› fíaß
sie in Sackgassen geraten bei dem Versuch, ihr Handeln in seiner
Authentizität zu bestimmen, dieses um so eher in die Richtung emef
Machtausübung zwingen wollen. _
Soldıe Macht substituieren sie der Beziehung zum Sein, in der jeneS
Handeln seinen Platz einnimmt, und begeben sich so seiner Mıttel,
namentlich der der Sprache, ihrer wahrhaften Erhabenheit. Daher
ist es eine, wenn audi noch so befremdliche, Art Wiederkehr des Ver-
drängten, die von Anmaßungen aus, die am wenigsten dazu angetan
sind, sich mit der Würde jener Mittel zu belasten, diesen Bindungsfehler
aus einem Rekurs auf das Sein als Gegebenheit des Realen entstehen
läßt, wobei der hier herrschende Diskurs jede Frage von sich weıst, die
superbe Plattheit nicht schon erkannt hätte.

202
¦'¬-ıııııılIl""'»~ f

ı-

IV. Wie mit seinem Sein agieren?


| 1

_,

1. Sehr früh in der Geschichte der Psychoanalyse erscheint die Frage


nach dem Sein des Psychoanalytikers. Daß dies durch den Mann ge-
schieht, den das Problem der analytischen Aktion am meisten gequält
613 hat, kann uns nicht überraschen. Tatsächlich macht Ferenczis Aufsatz
«Introjektion und Übertragung››, der von 1909 datiert [3], hier den
Anfang, er antizipiert auf lange Zeit alles, was später zu diesem
Thema gesagt worden ist.
Ist nach der Auffassung Ferenczis Übertragung Introjektion der Per-
son des Arztes in der subjektiven Ökonomie, so geht es hier doch
nicht mehr um diese Person als Träger eines Wiederholungstriebs,
eines nicht angepaßten Verhaltens oder als Bild eines Phantasmas.
Vielmehr meint Ferenczi, daß ing die Ökonomie des Subjekts hier
all das aufgenommen werde, was der Psychoanalytiker in dem Duo
als das Hier und Jetzt einer Fleisch gewordenen Problematik ver-
gegenwärtigt. Geht dieser Autor nicht sogar soweit zu sagen, eine
Kur sei nur dadurch zu beendigen, daß der Arzt dem Kranken die
Verlassenheit eingesteht, in deren Stand er sich selber befindetıa.

2. Ist es nötig, daß man mitrsolcher Lächerlichkeit dafür bezahlt, nur


damit das Seinsverfehlen des Subjekts als Zentrum der analytischen
Erfahrung erkennbar wird, als Feld auch, auf dem die Passion des
Neurotikers zur Entfaltung kommt? a
Außerhalb des Feuers der ungarischen Schule, dessen Glut nun zerstreut
ist und bald zu Asche zerfallen sein wird, ist es allein den Engländern
in ihrer kalten Objektivität gelungen, dieses Aufklaffen, von dem
der Neurotiker in all seinen Versuchen, seine Existenz zu rechtfertigen,
Zeugnis gibt, zu erfassen und damit von der zwischenmenschlichen
Beziehung, ihrer Wärme und ihrem vielfältigen Trug, die Beziehung
zum Andern zu unterscheiden, in der das Sein seinen Status findet. a
Wir erinnern hier nur an Ella Sharpe und die treffenden Bemerkungen,
mit welchen sie den wirklichen Nöten des Neurotikers nachgeht [24].
Die Kraft ihrer Argumente kommt aus einer Art Naivität, deren
Reflex jene mit Recht berühmte Schroffheit ist, die ihren Stil als Thera-

13 Berichtigung des Textes im vorletzten Satz und in der ersten Zeile des folgenden
Abschnittes (ı966)._ v
203
peutin wie Schriftstellerin aiıszeichnet. Es ist kein gewöhnlicher Zug,
daß sie ihre Eitelkeit nicht verbergend vom Analytiker eine Allwissen-
heit verlangt, mit deren Hilfe dieser die Absichten in den Diskursen
des Analysierten soll lesen können.
Man muß ihr dafür danken, daß sie, was die Schulung des Praktikers
anbelangt, literarische Bildung an die ersteiStelle setzt, selbst wenn
ihr dabei zu entgehen scheint, daß in der vorgeschlagenen Minimallek-
türe Werke der Einbildungskraft dominieren, in denen der Signifikant
61
des Phallus kaum verhüllt eine zentrale Rolle spielt. Das beweist
nur, daß die Auswahl ebenso von Erfahrung geleitet ist wie es ihr
glüdtt, prinzipielle Unterweisung zu geben. ~ ' ~
\

3. Ob mit oder ohne Vorläufer, es waren abermals die Engländer,


ı

die das Ende der Analyse auf das Kategorischste durch die Identifika-
tion des Subjekts mit dem Analytiker definiert haben. Gewiß, die
Auffassungen darüber, ob es sich dabei um dessen“ Ich oder Über-Ich
handelt,_gehen auseinander. So leicht läßt sich die Struktur, die Freud
im Subjekt freilegte, nicht meistern, wenn man versäumt, in der-
selben das Symbolische vom Imaginären und vom Realen zu unter-
scheiden. ` _
Sagen wir nur, daß Anstoß erregende -.Aussagen dieser Art nicht ge-
macht würden, wenn die, die sie vortragen, nichts dazu drängte. Die
von Melanie Klein in der Praxis entfaltete Dialektik der phantasierten
Objekte läßt sich tendenziell in eine Theorie übersetzen, die auf Iden-
tifikationsbegriffen aufbaut. e t
Denn diese Objekte, die, partial oder nicht partial, bestimmt signifi-
kant sind, Brust, Kot oder Phallus, gewinnt oder verliert zweifelsohne
das Subjekt, das von ihnen zerstört wird oder sie beschützt, das vor
allem aber diese Objekte ist je nach dem Platz, an dem diese in seinem
fundamentalen Phantasma funktionieren, und dieser Modus der Iden-
tifikation zeigt nur die Pathologie der abschüssigen Bahn, auf die
das Subjekt gestoßen wird in einer Welt, in der seine Bedürfnisse
auf Tauschwerte reduziert sind, wobei diese abschüssige Bahn ihre
radikale Möglichkeit nur an jener Mortifikation hat, die der Signifi-
kant über das Leben des Subjekts verhängt, indem er es nummeriert.

4. Es möchte scheinen, daß der Psychoanalytiker, weil er dem Subjekt


hilft, dieser Pathologie heil entkommen sein müßte, die, wie man
sieht, auf nichts weniger als auf einem ehernen Gesetz beruht.
:o4 -
Deshalb bildet man sich auch ein, der Psychoanalytiker müsse ein
glücklicher Mensch sein. Verlangt man von ihm denn nicht'Glück,
und wie sollte er es geben, wenn er nicht selbst ein wenig davon
besäße? sagt sich der gesunde Menschenverstand.
Tatsächlich sträuben wir uns auch gar nicht dagegen, Glück zu ver-
sprechen in einer Zeit, in der die Frage nach seinem Maß kompliziert
geworden ist: in erster Linie darin, daß Glück, wie Saint-Just es for-
mulierte, zu einem Faktor der Politik geworden ist. .
5 Wir wollen, gerecht sein, der humanistische Fortschritt von Aristoteles
bis zum heiligen Franz (von Sales) hat die Aporien des Glücks nicht
ausgefüllt. S
Es ist bekanntlich verlorene Zeit, das Hemd eines glücklichen Men-
schen zu suchen, und was man den Schatten eines Glücks nennt, meidet
man besser wegen der Übel, die er mit sich bringt. A
Inder Beziehung zum Sein hat der -Analytiker sein Operationsniveau
zu suchen, und die Chancen, die ihm zu diesem Ende die Lehranalyse
bietet, sind nicht nur an dem vermeintlich bereits gelösten Problem
des Analytikers zu messen, der ihn dorthin führt. ' ~
Es gibt Mißgeschicke des Seins, die die Kollegien aus Klugheit und
aus jener falschen Scham, die Herrschaft absichert, heraus nicht von
sich abzulösen wagen. r
Eine Ethik wäre zu formulieren, welche die Freudschen Eroberungen
auf dem Gebiet des Begehrens miteinbezöge: An deren Spitze wäre
die Frage nach dem Begehren des 'Analytikers zu stellen.

5. Der Zerfall der analytischen Spekulation speziell auf diesem Gebiet


muß einen treffen, allein schon wenn man für die Resonanz der alten
Arbeiten nicht ganz unempfindlich ist.
Weil sie einen Haufen Dinge verstehen, bilden sich die Analytiker
in ihrer Gesamtheit ein; Verstehen trage sein Ziel in sich, und dieses
Ziel könne nichts anderes sein als ein Happy-End. Dabei 'könnten
sie am Beispiel der Physik sehen, daß man bei den allergrößten Erfol-
gen nicht weiß, wohin die Reise geht. _
Oft ist es besser, nicht zu verstehen, um zu denken, und man kann
meilenweit im Verständnis davongaloppieren, ohne daß der kleinste
Gedanke dabei herausspringt. s _
Selbst die Behaviouristen habenmit einem Verzicht aufs Verstehen
begonnen. Aber da ihnen jeder weitere Gedanke abging in einer Ma-
terie, unserer, dieeantiphysis ist, haben sie, ohne es zu verstehen,
zo;
dann sich das erschlichen, was wir verstehen: das gab unserem Stolz
wieder Auftrieb.
Ein Beispiel, wozu wir in moralischer Hinsicht fähig sind, gibt der
Begriff derAufopferungsbereitschaft. Er umschreibt ein Zwangsphan-
tasma, das von sich selber notwendig unverstanden bleiben muß: Alles
für den andern, der mir ähnlichısa ist, sagt man, und will die Angst
nicht wahrhaben, die vom Andern (mit großem A) ausgeht dadurch,
daß es nicht ein Ähnliches ist. A

6. Wir behaupten nicht, die Psychoanalytiker zu lehren, was Denken 61


ist. Sie wissen es. Aber es ist nicht so, daß sie es von sich aus begriffen
hätten. Sie haben hier bei den Psychologen gelernt. Denken ist ein
Probehandeln, wiederholen sie gelehrig. (Freud selbst leistet dieser
Täuschung Vorschub, was ihn nicht daran hindert, ein strenger Denker
zu sein, dessen Handeln sich im Gedanken vollendet.) A
,In Wahrheit ist das Denken der Analytiker ein Handeln, das sich
auflöst. Darum besteht auch einige Hoffnung, daß, wenn man ihre
Gedankendarauf lenkt, es wieder aufzunehmen, sie es auch .Wieder
überdenken. W .

7. Der Analytiker ist der Mensch, zu dem man spricht und zu dem
man frei spricht. Dafürist er da. Washeißt das? _
Alles, was man über die Verbindung von Ideen sagen kann, ist nur
psychologistische Einkleidung. Die mitgeteilten Wortspiele sind weit
davon entfernt - und"außerdem ihrem Begriff nach so unfrei wie nur
etwas. V
Die Freiheit, die das Subjekt, eingeladen in der Analyse zu sprechen,
zeigt in dem, was es sagt, ist in Wirklichkeit nicht allzu groß. Nicht,
daß es streng an der Kette seiner Assoziationen liegt, die es ohne
Zweifel unterdrücken, sondern daß diese auf ein freies Sprechen, auf
ein volles Sprechen zusteuern, könnte ihm peinlich werden.
Nichts fürchtet man mehr, als etwas zu sagen, das wahr sein könnte.
Denn es würde es ganz und gar, wenn es das wäre, und Gottweißwas
geschieht, wenn etwas, weil es wahr ist, nicht mehr in die Ungewißheit
zurücktreten kann. a '
Ist dies der Prozeß der Analyse: ein Fortschreiten' der Wahrheit?

132 A.d.Ü.: tour pour Pautre, mon semblable heißt eigentlich «Alles für den andern,
meinen Nädıstens, wobei aber das Wortspiel mit semblable untergeht.

206 ' ,
Schon höre ich die Jüngelchen tuscheln von meinen intellektualistischen
Analysen und daßich, wenn ich pointiert formuliere, das Unaussprech-
liche zu bewahren wisse. i
Daß unser Hören sich jenseits des Diskurses einrichte, ich weiß es
so gut wie irgendwer, wenn ich mich nur entscheide zu hören und
nicht abzuhören. Ja, gewiß, nicht den Widerstand abzuhören, nicht
die Spannung, den Opisthotonus, die Blässe, nicht die_Adrenalinentla-
dung (sic), in der sich ein stärkeres Ich (resic) weiterbilden soll: was
ich höre, höre ich nach dem Vernehmen. s
Das Vernehmen zwingt mich nicht zu verstehen. Was ich vernehme,
bleibt darum nicht weniger ein Diskurs, und wäre dieser so wenig
diskursiv wie ein Ausruf. Denn ein Ausruf ist der Sprache (langage),
nicht dem expressiven Schrei zuzuordnen. Es ist ein Teil des Diskurses,
der_das keinem andern abtritt wegen der Syntaxwirkungen in einer
bestimmten gegebenen Sprache (langue déterminée). < A
7 Auf das, was ich zweifelsfrei vernehme, habe ich nichts wieder zu sa~
gen, wenn ich davon nichts verstehe, und verstände ich etwas, wäre ich
sicher, mich zu täuschen. Das könnte mich nicht daran hindern, darauf
zu antworten. Das geschieht außerhalb der Analyse in einem solchen
Fall. Ich schweige. Jedermann ist einverstanden, daß ich den Sprecher
frustriere, er selber zuerst, ich auch. Warum? ~
Wenn ich ihn frustriere, so weil er von mir etwas beansprucht. Ihm
zu antworten eben. Aber er weiß wohl, daß es nur Worte wären.
Wie er sie von jedem beliebigen haben kann. Es ist nicht einmal
sicher, ob er es mir zu danken hätte, wenn es gute Worte, noch weniger,
wenn es schlechte wären. Solche Worte beansprucht er garnicht von
mir. Er beansprucht von mir . . . aus der Tatsache heraus, daß
er spricht: sein Anspruch ist intransitiv, er verlangt nicht nach einem
Objekt. . .
Gewiß, sein Anspruch erhebt sich auf dem Feld eines impliziten An-
spruchs desjenigen, um dessen willener da ist: ihn zu heilen, ihn
ihm selbst zu enthüllen, ihn mit der Psychoanalyse bekannt zu machen,
ihn zum Analytiker zu qualifizieren. Aber dieser Anspruch, er weiß
es, kann warten. Sein momentaner Anspruch hat damit nichtszu
tun, es ist nicht einmal seiner, denn letztlich habe ich ihm ja angeboten
zu sprechen. (Einzig das Subjekt ist hier transitiv.) '
Es ist mir also alles in allem gelungen, was man allgemein in der
Handelswelt gerne mit solcher Leichtigkeit zustande gebracht sähe:
Mit dem Angebot habe ich die Nachfrage geschaffen. -
a ' 207
8. Aber es ist dies, wenn man so sagen kann, ein radikaler Anspruch,
Ganz bestimmt hat Madame Macalpine recht, ausschließlich in der
analytischen Regel den Motor der Übertragung zu suchen. Doch sie
irrtisich, wenn sie im Fehlen jedes Objekts einen offenen Zugang
zur infantilen Regression sieht [24]. Solches wäre eher ein Hindernis,
denn wie jedermann, an erster Stelle der Kinderanalytiker, weiß,
braucht es eine Menge kleiner Gegenstände, um eine Beziehung mit
dem Kind zu unterhalten. j
Durch das Mittel des Anspruchs öffnet sich die ganze Vergangenheit
bis zum. Grund der ersten Kindheit. Ansprüche stellen, das Subjekt
tat nie anderes, konnte überhaupt dadurch_ nur leben, und wir greifen
dies auf. _ i
Diesen Weg kann die analytische Regression nehmen und sie stellt
sich in der Tat auch so dar. Man redet von ihr, als ob das Subjekt
sich als Kind gebärden wollte. Zweifelsohne kommt so etwas vor,
wobei solches Getue nichts Gutes ahnen läßt. Sie weicht jedenfalls
von dem ab, was man für gewöhnlich in dem, was man für Regression
hält, beobachtet. Denn die Regression demonstriert.ja nichts anderes
61
als die Wiederkehr und Vergegenwärtigung von Signifikanten, die
in Ansprüchen kursieren, die verjährtsind. A `

9. Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Diese Situation erklärt


die Primärübertragung - und die Liebe, in welcher diese bisweilen'
sich manifestiert. .y t
Denn wenn Liebe heißt: geben, was man nicht hat, ist freilich wahr,
daß das Subjekt mit Recht erwartet, daß man sie ihm gebe, zumal
ja der Psychoanalytiker nichts anderes zu geben hat. Aber selbst dieses
Nichts ist nicht geschenkt, und es ist besser so: Für dieses Nichts
bezahlt man ihm, durchaus nicht wenig, und man zeigt damit, daß
es anders nicht viel wert wäre.
Mag indessen die Primärübertragung in den meisten Fällen im Dun-
keln bleiben, es bleibt diesem Dunkel doch unbenommen zu träumen
und seinen Anspruch zu reproduzieren, und gäbe es auch nichts mehr
zu beanspruchen. Dieser Anspruch, leer zu sein, wird “drum nur um so
reiner sein.
Man wird einwenden, daß der Analytiker immerhin seine Gegenwart
gibt, aber ich glaube, diese ist zunächst nur das Implikat seines Zu-
hörens, und dieses wieder nur die Bedingung des Sprechens. Warum
auch, wenn dem nicht so wäre, verlangte die Technik, daß er mit
208 A -
diesem so vorsichtig verfahren soll? Erst später wird seine Gegenwart
bemerkt.
Im übrigen ist das Gefühl seiner Gegenwart, wo es am deutlichsten
sich ausprägt, gebunden an einen Moment, in dem das Subjekt nur
schweigen kann, das heißt: wo es selbst noch vordem Schatten des
Anspruchs zurückweicht.
Also ist der Analytiker der, der den Anspruch.trägt, nicht um das
Subjekt. zu frustrieren, wie gesagt wird, sondern'damit die Signi-
fikant'en wieder- in Erscheinung treten, an denen seine Frustration
hängt." I

ıo. Denken wir daran, die Primäridentifıkation entsteht im ältesten


Anspruch, sie leitet sich her aus der mütterlichen Allmacht und ver-
pflichtet nicht nur die Bedürfnisbefriedigung auf den Apparat des
Signifikanten, sondern zerlegt, filtert und modeliert die Bedürfnisse
nach den Engführungen der Struktur des Signifikantem. e
Die Bedürfnisse unterliegen denselben .konventionellen Bedingungen
wie der Signifikant in seiner doppelten Bestimmung: Synchron in
der Opposition zwischen irreduziblen Elementen, diachron in der Sub-
stitution und Kombination, wodurch die Sprache, wenn schon alles
gewiß nicht ausfüllt, so doch das Ganze der zwischenmenschlichen
Beziehung strukturiert. '
Hieraus erklärt sich das Schwanken in Freuds Aussagen über die Be-
ziehungen zwischen Über-Ich und Realität. Wohlgemerkt, das Über-
Ich ist nicht die Quelle der Realität, wie er gelegentlich sagt, doch
steckt es deren Bahnen ab, bevor es im Unbewußten die ersten idealen
Wegzeichen wiederfindet, wo die Triebe, indem den Bedürfnissen der
Signifikant sich substituiert, als verdrängte sich konstituieren.
I

11. Es besteht nun also kein Bedürfnis mehr, noch weiter die Trieb-
feder der Identifikation mit dem Analytiker zu suchen. Die Identifika-
tion kann sehr unterschiedlich sein, aber es wird immer eine Identifi-
kation mit Signifikanten sein.
In dem Maße wie eine Analyse sich entwickelt, hat es der~Analytiker
nach und nach mit sämtlichen Artikulationen des Anspruchs des Sub-
jekts zu tun. Er darf darauf, wie wir später noch sagen werden,
nur aus der Übertragungshaltung antworten.
Wer würde im übrigen nicht unterstreichen wollen, wie wichtig das
ist, was man die permissive Hypothese der Analyse nennen könnte!
y zog
1

Indessen bedarf es, damit das, was nicht verboten ist, obligatorisch
werde, keiner eigenen Politik.
Analytiker, die wir fasziniert nennen von Folgeerscheinungen der Fru-
stration, nehmen nur eine Suggestionshaltung ein, die das Subjekt
aufs Herumreichen seines Anspruchs reduziert. Ohne Zweifel ist mit
emotionaler Reedukation gerade das gemeint. W
Güte ist dabei zweifelsohne nötiger als anderswo, doch kann diese die
Übel nicht heilen, die sie selber auf den Plan ruft. Ein Analytiker,
der das Wolıl des Subjekts will, wiederholt, wozu er selber gebildet,
ja manchmal sogar verdreht wurde. Auch die abwegigste Erziehung
hatte nie anderes im Auge als das Wohl des Subjekts. i
Es gibt eine Theorie der Analyse, die im Gegensatz zum vorsichtigen
Aufbau der Analyse bei Freud den Bereich der Symptome auf die
Angst reduziert. Daraus folgt eine Praxis, in der sich das, was _ich
gelegentlich die-obszöne und blutrünstige Erscheinungsform des Über-
Ich genannt habe, niederschlägt, .woraus für die Übertragungsneurose
kein anderer Ausgang ist als: den Kranken sich setzenzu heißen,
ihm durch das Fenster die ladıenden Seiten der Natur zu zeigen und
zu sagen: «Los! Nun seien Sie mal ein artiges Kind» [22].

V. Man muß .das Begehren buchstäblich nehmen. -~ 620

I. Ein Traum ist schließlich nur ein Traum, wie man heute hören
kann [22]. Ist das nichts, daß Freud in ihm das Begehren” erkannte?
Das Begehren, niclıt die Triebe. Man muß eben die «Traumdeutung››
lesen, wenn man wissen will, was Freud dort <<Wunsch›› nennt.-
Halten wir bei der Vokabel «Wunsch›› und dem entsprechenden 'wish
im Englischen und unterscheiden wir beide von dësir, da beide losgehen

1° A.d.Ü.: Die folgenden Sätze sind ein Grund, daß wir Lacans zentralen Begriff des
dëfíf mit "Be8°hI'ßn», nicht mit «Wunsdu übersetzen. Daraus ergeben sich Probleme
der Rückübersetzung. So folgt aus unserer Entscheidung, daß der Satz le rêfve est la
rëalisatiøn d'ım dêsir wiederzugeben wäre rnit: «Der Traum ist die Verwirklidıung
eines Begehrens››, wobei der deutschsprachige Leser im Auge behalten muß, daß bei
Freud von «Wunsd1erfüllung» die Rede ist. Lacan selbst verweist auf «Begehren››, so
in dem Vortrag über die «Bedeutung des Phalluss, der in «Sdıriften II» enthalten
sein wird. Vgl. audı J. Laplandıe und J.-G. Pontalis, Das Vokabular der Psychoana-
lyse, Frankfurt a. Main 1972, S. 634 ff. ' . '

210
wie naß gewordene Knallfrösche, was nichts weniger als die Vorstel-
lungvon Konkupiszenz erweckt. Dem entspricht im Französischen
das Wort voeu.
Voenx, Wünsche, können fromm sein oder sehnsüchtig, sie können
aufsässig sein und sie können einen hereinlegen. Eine Frau kann einen
Traum haben, der von keinem andern Begehren beseelt ist, als Freud,
der sie mit der Theorie bekannt gemacht hat, derzufolge der Traum
ein Begehren ist, den Beweis zu liefern, daß es sich damit durchaus
nicht so verhält. Der entscheidende Punkt ist, daß das Begehren sich
artikuliert in einem Diskurs, der voll List ist. Nicht weniger wichtig
ist es jedoch zu sehen, was die Konsequenz davon ist, daß Freud
sich begnügt, hierin das Traumbegehren und die Bestätigung seines
Gesetzes zu erkennen, denn nurso läßt sich begreifen, was Begehren
in seinem Denken_heißen soll. _ A
Dessen Exzentrik geht bei ihm sogar noch weiter, da ein Straftraum
mitunterdas Begehren nada dem bezeichnet, was die Strafe ,unter-
drückt. = _ _
Bleiben wir nicht bei den Schubladenetiketten stehen, obschon nicht
wenige sie mit der Frucht der Wissenschaft verwechseln. Lesen wir die
Texte und folgen wir Freuds Denken auf jenen Umwegen, die es uns
aufnötigt, und vergessen wir nicht, daß derselbe Freud, der im Blick auf
das Ideal eines wissenschaftlichen Diskurses diese Umwege bedauert,
auch versichert, sein Gegenstand hätte ihn dazu gezwungen“.
Man sieht also, daß dieser Gegenstand identisdı ist mit den besagten
Umwegen, denn Freud kommt bei der ersten Gelegenheit in seinem
Werk, als er den Traum einer Hysterika berührt, auf den Umstand
zu sprechen, *daß sich in diesem durch Verschiebung, genau gesagt
hier durch die Anspielung auf das Begehren einer andern, ein Begehren
vom Vorabend befriedigt, das in seiner herausragenden Position unter-
stützt wird von einem Begehren, das wohl auf eine andere Ebene
gehört, denn Freud ordnet es ein als das Begehren, ein unbefriedigtes
Begehren zu haben [7]21.
2° Vgl. Brief 118 vom 11.9.1899 an Fließ in: Aus dem Anfängen der Psychoanalyse,
Frankfurt a.Main' 1962, S. 254f. ı
21 Hier der Traum, wie ihn die Patientin in ihrer Erzählung auf S. 152 der G. W.,
II-III wiedergibt: «Ich fwiii ein Soııper geben, babe aber nichts *vorrätig als etwas
geräucberten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu geben, erinnere mich aber, daß es
Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich will mm einigen Lieferan-
ten telephonieren, aber das Telepbon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein
Souper zu geben, -verzichten» -
21 1
Man rechne nach, wie vieler Verweisungen es hier bedarf, damit das
Begehren zu einer geometrisch wachsenden Kraft werden kann. Ein
Indiz allein würde nicht genügen, deren 'Grad zu beschreiben. Man
müßte schon zwei Dimensionen in diesen Verweisungen unterscheiden:
ein Begehren des Begehrens, anders gesagt ein durch ein Begehren
bedeutetes Begehren (das Begehren der Hysterika, ein unbefriedigtes
Begehren zu habe, ist bedeutet in ihrem Wunsch nach Kaviar: der
Wunsch nach Kaviar ist sein Signifikant) schreibt sich ein in das zweite
Register eines Begehrens, das einem Begehren substituiert. ist (im
Traum ist der Wunsdı der Freundin nach geräucherteın Lachs dem
Wunsch der Patientin substituiert, der auf Kaviar sich richtet, was
die Substitution eines Signifikanten unter einen andern Signifikanten
wäre)22.

2.`Was wir so finden, hat nichts Mikroskopisches an sich, wie es ja


auch keiner speziellen Instrumente bedarf zu der Erkenntnis, .daß
das Blatt die Strukturmerkmale der Pflanze hat, ,von der es genommen
ist. Hätte man auch nie eine Pflanze'anders_ erblickt als ohne Blätter,
man würde sofort gewahr, daß ein Blatt mit weit größerer Wahr-
scheinlichkeit ein Teil der Pflanze ist als ein Stück Haut.
Das Begehren aus dem Traum der Hysterika, aber auch das allerklein-
ste Nichts an seinem Platz in Freuds Text faßt zusammen, was das
ganze Buch über die sogenannten unbewußten Mechanismen Ver-
dichtung, Verschiebung und so weiter ausführt, indem es von deren
gemeinsamer Struktur zeugt: nämlich von der Beziehung des _Be-
gehrens auf jenes Mal der Sprache, das das Freudsche Unbewußte
spezifiziert und unsere Konzeption des Subjekts zu einer dezentrischen
macht. . ' - 1
Ich denke, meine Schüler werden es zu schätzen wissen, daß ich sie
so und nicht anders an jene fundamentale Opposition von Signifikant
und Signifikat heranführe, in der, wie ich ihnen zeige, die Macht
der Sprache beginnt, freilich nichtohne ihnen im Hinblick auf die
Ausübung derselben noch einige Nüsse zu knacken zu geben. ` ,
Ich erinnere an den Gesetzesautomatismus, demzufolge sichin der
signifikanten Kette artikulieren '

22 Womit Freud die hysterische Identifizierung motiviert, indem er präzisiert, daß


der geräucherte Lachs für die Freundin dieselbe Rolle spielt wie der Kaviar für die
Patientin. -
ı

212
a) die Substitution eines Terms unter einen andern, wodurch der Me-
taphereffekt,
b) die Kombination eines Terms mit einem andern, wodurch der Me-
tonymieeffekt entsteht [1 7].
Wenden wir diese Gesetze hier an, so können wir erkennen, daß,
wenn im Traum unserer Patientin der geräucherte Lachs, Objekt des
Begehrens ihrer' Freundin, alles ist, was sie anzubieten hat, Freud
in der Annahme, der geräucherte Lachs sei hier dem Kaviar substi-
tuiert, den er ja als Signifikanten des Begehrens der Patientin auffaßt,
uns den Traum als Metapher des Begehrens vorstellt.
Was aber ist die Metapher anderes als eine positive Sinnwirkung,
das heißt ein gewisser Übergang des Subjekts zum Sinn und in die
Richtung des Begehrens? 1 '
Nachdem hier das Begehren des Subjekts als das vorgestellt wird, was
sein (bewußter) Diskurs impliziert, nämlich als vorbewußtes - was
offenbar ist, denn ihr Mann ist bereit, ihr Begehren zu befriedigen,
während die Patientin, die ihn von der Existenz eines solchen Begeh-
rens überzeugt hat, will, daß er nichts dazu tue, was dann erst ein Freud
als Begehren, ein unbefriedigtes Begehren zu haben, zur Artikulation
bringen wird -, sollten wir nun weiter gehen, wenn wir wissen wollen,
was ein solches Begehren im Unbewußten sagen will. '
Der Traum ist nicht das Unbewußte, aber wie' Freud uns sagt, sein
Königsweg. Das befestigt uns in der Meinung, daß er durch Wirkung
der Metapher verfährt. Diese Wirkung entdeckt der Traum. Für wen?
Darauf kommen wir gleich zurück.
Halten wir für den Augenblick fest, daß das Begehren, wenn es als
unbefriedigtes bezeichnet ist, dies durch den Signifikanten: Kaviar
ist, sofern der. Signifikant es als unerreichbar symbolisiert, daß aber,
sowie es' als Begehren in den Kaviar schlüpft, das Begehren nach
Kaviar seine Metonymie ist, die notwendig wird durch das Seinsver-
fehlen, in dem es sich hält. L
Die Metonymie ist, wie ich 'Sie lehre, der Effekt, der möglich wird
dadurch, daß es keine Bedeutung gibt, die nicht auf eine andere Bedeu-
tung verwiese, und wo deren allgemeinster Nenner entsteht, dieses
Wenige an Sinn nämlich (das für gewöhnlich mit dem Insignifikan-
ten verwechselt wird), dieses Wenige an Sinn, sage ich, das sich im
Grund des Begehrens herausstellt und ihm den Akzent von Perversion
gibt, den wir in der vorliegenden Hysterie zu entlarven versucht
sind. i
N213
Das Wahre an dieser Erscheinung ist, daß das Begehren die Metonymie
des Seinsverfehlens ist.

3. Kommen wir nun auf das Buch zurück, das im Französischen <<La
science des rêves» betitelt ist; das deutsche Wort <<Deutung›› bezieht
sich eher auf Mantisches oder besser: auf die Signifikanz. Freud be-
hauptet durchaus nicht, in diesem Buch eine erschöpfende Behandlung
der psychologischen Probleme zu geben. Man lese es nur und man
wirdfeststellen, daß Freud dieseiwenig erforschten Probleme (spärlich,
um nicht zu sagen kümmerlich, sind die Untersuchungen zu Raum
und Zeit im Traum, über den sensoriellen Stoff des Traums, Träume
in Farben oder atonale Träume, und wie steht's mit dem Riechbaren,
mit dem Schmeckbaren, mit der Berührungsqualität, wenn das Schwin-
delerregende, das Geschwollene, das Schwere da sind?) nicht einmal
berührt. Die Freudsche Lehre für eine Psychologie zu halten, ist eine
grobe Verwechslung. R i „ 4
Freud ist weit davon entfernt, dieser Verwechslung Vorschub zu leisten.
Er weist im Gegenteil darauf hin, daß ihn am'Traum allein dessen
Bearbeitung interessiert. Was ist damit gesagt? Genau das, was wir
übersetzen mit seiner Sprachstruktur. Wie aber soll Freud dies aufge-
gangen sein, wo doch diese Struktur von Ferdinand de Saussure erst
später artikuliert worden ist? Wenn sie seine eigenen Termini über-
lagert, ist nuf um so erstaunlicher, daß Freud sie vorwegnahm. Jedoch
wo hat er sie entdeckt? In einem signifikanten Fluß, dessen Geheimnis
ist, daß das Subjekt noch nicht einmal weiß, woes, Organisator des-
selben zu sein, vortäuschen soll. _
Es sich darin wiederfinden zu lassen als begehrend heißt umgekehrt
machen, daß es darin sich als Subjekt anerkenne, denn das Rinnsal
des Begehrens zweigt gleichsam ab von der signifikanten Kette und
das Subjekt muß von einem Zubringer profitieren, um sein eigenes
feedback zu erhaschen. .
Das Begehren unterwirft nur das (ne fait qu'assujettir), was die Ana-
lyse subjektiviert (subjecltive). ' 4 _ f Ø

4. Und das führt uns auf die Frage zurück, dieswir weiter oben ver-
lassen haben: Wem entdeckt der Traum seinen Sinn, bevor der Analy-
tiker kommt? Dieser Sinn geht seiner Lektüre wie auch der Wissen-
schaft von seiner Entzifferung voraus. .
Eins wie das andere zeigt, der Traum ist gemacht zur Anerkennung
214 _
ı
` ı

-,unsere Stimme zögert jedoch eine Weile um zu schließen -: des


Begehrens. Denn das Begehren ist, wenn Freud wahr spricht über
das Unbewußte und wenn die Analyse notwendig ist, nur in der
Deutung zu erfassen. i
Aber fassen wir noch einmal zusammen: die Bearbeitung des Traums
lebt aus dem Begehren -- warum zögert unsere Stimme und schließt
nicht: nach Anerkennung, als erlösche das zweite Wort, welches
eben noch, als es das erste war, das andere in seinem Lichte aufsog.
Schließlich gibt man sich ja nicht im Schlaf zu erkennen. Und der
Traum, teilt Freud uns mit und sieht hier anscheinend nicht die Spur
eines Widerspruchs, dient vor allem dem Begehren nach Schlaf. Er
ist narzißtischer Rückzug der Libido und Abzug von Besetzung von
der Realität. __ _, i
Im übrigen ist es eine Erfahrungstatsache, daß, sobald mein Traum
meinen Anspruch einholen will (nicht, wie man ungenau sagt, die
Realität, die meinen Schlaf beschützen kann) oder auch, was sich hier
als dessen Äquivalent darstellt, den Anspruch des andern, ich auf-
wache. . -

5. Ein Traum ist letzten Endes nur ein Traum. Wer heute den Traum
als .Instrument für die Analyse verschmäht, hat, wie wir sehen konn-
ten, sicherere und direktere Wege gefunden, den Patienten auf gute
Grundsätze zurückzuführen und auf normale Begierden, die den wah-
ren Bedürfnissen genüge tun. Welchen? Den Bedürfnissen von jeder-
mann, mein Lieber. Wenn's das ist, was Dir Angst macht, so vertraue
Deinem Analytiker, steig auf den Eiffelturm und sieh, wie herrlich
Paris ist. Schade nur, daß einige schon von der ersten Etage aus über
die Brüstung springen, und justament solche, deren Bedürfnisse sämt-
lich auf das richtige Maß zurückgeführt worden sind.. Negative thera-
peutische Reaktion, nennen wir das. i
Gottseidank geht die Verweigerung nicht bei allen so weit. Das Symp-
tom bricht ganz einfach wieder durch wie wildes Gras: Wiederholungs-
zwang. A _ _
Indessen sind hier die Karten nur falsch herum ausgegeben: Man
wird nämlich nicht gesund, weil man sich erinnert. Man erinnert sich,
weil man gesund wird. Seitdem man diese Formel gefunden hat, ist
die Reproduktion der Symptome unproblematisch geworden, ein Pro-
blem ist nur noch die Reproduktion der Analytiker. Die der Patienten
ist gelöst. 5 V _ '
215
y I --in-íııı.-ıı-ı_±,|-ı-I'-'JC ol'-\""'

6. Ein Traum ist also nur ein Traum. Aus der Feder eines Psychoana-
lytikers, der sich auch in die Lehre einmischt, stammt sogar der Satz
er sei eine Produktion des Ich. Das beweist, daß man nicht allzuviel
riskiert, wenn man die Menschen aus dem Traum holen will: dieser
geht dann eben am hcllichten Tage weiter, wie man sehen kann, und
dies sogar bei Leuten, die sich aufs Träumen kaum einlassen,
Doch selbst die sollten, wenn sie Psychoanalytiker sind, Freud zum
Traum lesen, anders können sie unmöglich verstehen, was er mit dem
Begehren des Neurotikers, mit verdrängt, mit unbewußt, mit Deutung
mit Analyse selbst sagen will, und anders ist unmöglich einzugané
zu finden zu allem, was seine Technik oder seine Doktrin angeht,
Wir werden noch die Quellen des kleinen Traums sehen, den wir
weiter oben für unsere Zwecke herausgegriffen haben.
jenes Begelıren unserer (wie Freud selbst sie nennt) witzigen Hysteri-
kerin, ich spreche von ihrem wachen Begehren, ihrem Wunsch nach
Kaviar, ist das Begehren einer überglücklichen Frau, die dies gerade
nicht sein will. Ihr Metzger von Mann nämlich versteht sich darauf,
an der Stelle der Befriedigungen, die jeder braucht, das Tüpfelchen
aufs i zu setzen. _ 3
So gibt cr, als ihm ein Maler, gottweiß mit welchen Hintergedanken,
Komplimente wegen seines interessanten Schädels macht, diesem in
seiner derben Manier zu verstehen, da könne er noch lange warten,
ein Stück vom Hintern eines schönen Mädchens sei ihm ja sicher lieber,
und falls er erwarte, daß er ihm ein solches noch hinterhertrüge, könne
er ihn mal. 5 .
So spricht ein ganzer Mann, über den eine Frau sich nicht beklagen
braucht, ein genitaler Charakter, der, wie sich's gehört, darauf acht gibt,
daß die seinige, wenn er mit ihr geschlafen hat, sich's nicht nachher noclı
selber besorgen muß. Freud verschweigt uns übrigens nicht, daß -sie
selbst ganz verliebt ist und sich dauernd mit ihm herumneckt.
Nur: Sie will nicht in ihren tatsächlichen Bedürfnissen allein befriedigt
werden. Sie will noclı andere als Draufgabe, und um sicher zu gehen,
daß sie dies auch sind, sjie nicht befriedigen. Darum kann auf die
Frage: Was steht im Begehren der witzigen Fleischersfrau? zur Antwort
gegeben werden: Kaviar. Diese Antwort ist aber_ hoffnungslos, denn
Kaviar, das will sie auch wieder nicht. I

7. Darin liegt aber nicht alles, nicht ihr ganzes Geheimnis. Denn nicht
ı

nur schließt eine solche Sackgasse sie nicht ein, sie findet hier sogar
216

ıı

ıı
den Schlüssel ins Freie, der der Schlüssel des Begehrens aller gewitzten
Hysterikerinnen auf der ganzen Welt ist, egal ob Fleischersfrauen oder
nicht. ii 1 A
Genau dies sieht Freud in einem jener Seitenblicke, in welchen er
das Wahre überrascht, während er im Vorbeigehen noch jene Abstrak-
tionen zerstört, die, wenn's nach den positiven Geistern ginge, alles
und jedes erklären sollen: hier die Nachahmung, an der Tarde so
sehr hängt. Auf den essentiellen Dreh, den Freud hier an der hysteri-
schen Identifikation aufdeckt, muß man im Besonderen kommen.
Wenn unsere Patientin sich mit ihrer Freundin identifiziert so deshalb,
62 weil diese unnachahmlich ist in dem unbefriedigten Begehren nach
jenem Lachs, den Gott verdamme, wenn nicht Er es ist, der ihn räu-
chert. .
So antwortet der Traum der Patientin auf den Anspruch ihrer Freun-
din, die gern zu ihr zum Abendessen kommen möchte. Und man
weiß nicht, was sie, abgesehen davon, daß man bei ihr gut ißt, dazu
wohl antreibt, es sei denn der Umstand, den unsere Fleischersfrau nicht
aus den Augen verliert, daß nämlich ihr_Gatte immer gerne davon
spricht. Doch mager, wie sie ist, kann sie ihm, der die Rundungen über
alles liebt, doch kaum gefallen.
Sollte er indessen auch ein Begehren haben, das ihm in der Quere
bleibt, während alles in ihm befriedigt ist? Dies gehört in denselben
Zusammenhang, der im Traum aus dem Begehren ihrer Freundin das
Scheitern ihres Anspruchs macht. '
Denn so präzis der Anspruch durch das Requisit des eben geborenen
Telefons auch symbolisiert sein mag, esist vergebens. Der Anruf der
Patientin kommt nicht an; ein starkes Stück, wenn die andere immer
dicker würde, damit ihr Mann dann an ihr sichergötzsen könnte.
Aber wie kann eine andere geliebt werden (genügt nicht, damit die
Patientin daran denkt, der Umstand, daß der Mann ihr Beachtung
schenkt) von einem Mann der an ihr sich nicht befriedigen könnte
(er, der Mann mit dem «Stück vom Hintern››)? Hier stellt sich in
aller Schärfe die Frage, die sehr allgemein die nach der hysterischen
Identifikation ist. '

8'. Zu dieser Frage wird das Subjekt hier genau. Worin, sich die Frau
mit dem Mann identifiziert und die Schnitte geräucherter Lachs an
die Stelle des Begehrens des Andern tritt.
Da dieses Begehren zu nichts langt (wie sollten mit einer einzigen
217

.-
-¬gq›.r

Schnitte geräucherter Lachs soviel Leute geladen werden können), muß


ich wohl letzten Endes (und am Ende des Traums) auf mein Begehren,
zu speisen zu geben (auf meine Suche nach dem Begehren des Andern,
das das Geheimnis meines eigenen ist), verzichten. Alles ist mißlungen,
und Sie sagen, daß der Traum die Verwirklichung eines Begehrens ist.
Wie reimen Sie sich das zusammen, Professor?
So gefragt, geben die Psychoanalytiker schon 'lange keine Antwort
mehr, nachdem sie selbst verzichtet haben, sich Gedanken zu machen
über die Begierden ihrer Patienten: _Sie reduzieren diese auf deren
Ansprüche, was ihnen die Aufgabe erleichtert, sie in ihre eigenen zu
verwandeln. Ist's nicht der Weg des Vernünftigen, den sie damit ge-
wählt haben? " in
Gelegentlich aber läßt sich das Begehren nicht so leicht wegzaubern,
weil es allzu offensichtlich ist und genau im Zentrum der Szene steht
auf dem Tisch der Agapen wie hier, in Gestalt-des Lachses, eines durch
Zufall~recht hübschen Fisches, den man nur, wie's im Restaurant ge-
6
macht wird, unter einem feinen Tuch aufzutragen braucht, auf daß
das Entfernen desselben dem gleich werde, zu dem man am Ende
der antiken Mysterien kam. - '
Phallus zu sein, und sei's auch ein etwas schmächtiger. Haben wir
hier nicht die letzte Identifikation mit dem Signifikanten des Begeh-
rens? , .
Dies ist offenbar für eine Frau nicht selbstverständlich, und einige
von uns wollen mit diesem Logogriph auch nichts mehr zu tun haben.
Müssen wir nun Buchstabe für Buchstabe die Rolle des Signifikanten
auseinandernehmen und uns dann den Kastrationskomplex und, gott-
behüte, womöglich noch jenen Penisneid auf den Hals laden, wo doch
Freud selbst an diesem Kreuzweg sich nicht mehr herauszuwinden
wußte, da er jenseits nichts sah als die Udnis der Analyse? B
Immerhin, er führte sie bis dahin, und es war ein'Ort, der weniger
Plagen hatte als die Übertragungsneurose, die Sie zwingt, einen Pa-
tienten wegzuscheuchen, den man bitten muß, langsam zu gehen, damit
er seine Fliegen nicht zurückläßt.

9. Sprechen wir trotzdem aus, was das Begehren strukturiert. i


Begehren ist, was manifest wird in dem Zwischenraum, den derAn-
spruch diesseits seiner selbst aushebt, insofern das Subjekt, indem es
die signifikante Kette artikuliert, das Seinsverfehlen an den Tag bringt
mit dem Appell, das Komplement davon vom Andern zu erhalten,
218
\.

insofern der Andere, Ort des Sprechens, auchder Ort dieses Verfehlens
ıst. 3 8
Was damit dern Andern zu erfüllen aufgegeben ist und eigentlich
das ist, was er nicht hat, da auch ihm das Sein abgeht, ist das, was
Liebe heißt, aber auch Haß ist und Ignoranz. e
Es ist auch, Leiden des Seins, was jeder Anspruch über das sich in
ihm artikulierende Bedürfnis hinaus evoziert, und es ist wohl das,
was dem Subjekt um so gründlicher vorenthalten bleibt als das im
Anspruch artikulierte Bedürfnis befriedigt wird. _
Mehr noch, die Bedürfnisbefriedigung erscheint hier -nur als der Trug,
in dem der Liebesanspruch zerschellt, wobei das Subjekt auf den Schlaf
verwiesen wird, wo es sein Wesen treibt am Rande des Seins, das
es in sich sprechen läßt. Denn das Sein der Sprache ist das Nicht-Sein
der Objekte, und daß das Begehren von Freud an seinem Platz im
Traum entdeckt wurde - immer schon der Skandal sämtlicher An-
strengungen des iDenkens, sich in der Wirklichkeit anzusiedeln -,
genügt uns zu unserer Instruktion. '-
Sein oder nicht sein, schlafen, träumen vielleicht, noch die, vermeint-
lich, schlichtesten Träume des Kindes.(<<schlicht››. wie die analytische
Situation zweifelsohne) zeigen schlichterweise wunderbare oder verbo-
tene Objekte. i L
ro. Aber nicht immer schläft das Kind wie hier ein im Herzen des
Seins, besonders dann nicht, wenn der Andere, der ja auclı seine Vor-
stellungen von seinen Bedürfnissen hat, sich einmischt, und es anstelle
von dem, was er nicht hat, bis zum Ersticken vollstopft mit dem
Brei dessen, was er hat, und» so seine Pflege mit dem Geschenk seiner
Liebe verwechselt. 1
Gerade das Kind, das man mit dem höchsten Maß an Liebe nährt,
verweigert die Nahrung und spielt mit seiner Weigerung wie mit
einem Begehren (mentale Anorexie). i
An diesen äußersten Grenzen begreift man wie nirgendwo, daß der
Haß auf die Liebe herausgibt (rend la monnaie de l'amour), daß aber
Ignoranz ohne Vergebung bleibt. _
Schließlich: Fordert nicht das Kind, das sich weigert, den Ansprudı
.der Mutter zu befriedigen, daß diese außer ihm noch ein Begehren
habe, weil hier der Weg zum Begehren ist, der ihm fehlt?
11. Tatsächlich ist eines der Prinzipien, die aus diesen Prämissen fol-
gen, dieses, daß
I 219

-
ııııı-I

- wenn das Begehren tatsächlich im Subjekt ist gemäß jener Be-


dingung, die ihm durch die Existenz des Diskurses auferlegt ist: daß
es sein Bedürfnis durch die Engführungen des Signifikanten gehen
läßt; V -
- wenn andrerseits, wie wir oben durch unsern Aufriß der Übertra-
gungsdialektik zu verstehen gegeben haben, wir das Andere mit einem
großen A als den Ort der Entfaltung des Sprechens” definieren müssen
(als den «andern Schauplatz››23, von dem Freud in der «Traumdeu-
tung» spricht); i _ _
- wir anzunehmen haben, daß, Tatsache eines der Sprache ausgeliefer-
ten Tieres, das Begehren des Menschen das Begehren' des Andern ist.
Damit ist eine völlig andere Funktion gemeint als die primäre Identifi-
kation, die wir weiter oben angesprochen haben, denn nicht darum
geht es, daß das Subjekt die Insignien des andern übernehme, sondern
darum, daß das Subjekt die für sein Begehren konstitutive Struktur
in eben dem Aufklaffen finden muß, das sich auftut durch den Effekt
der Signifikanten bei jenen, die für es das Andere repräsentieren kön-
nen, sofern sein Anspruch ihnen unterworfen (assujetti) ist. `
Möglicherweise blicken wir hier im Vorbeigehen auf den Grund jenes
Verdunkelungseffekts, der uns inder Anerkennung des Traumbegeh-
6
rens zurückhielt. Getragen ist das Traumbegehren nicht vom Subjekt,
das «Ich›› sagt in seinem Sprechen. Artikuliert gleichwohl am Ort
des Andern, ist es Diskurs, Diskurs, dessen Grammatik als solche Freud
zu schreiben begonnen hat. So haben die Wünsche, die es konstituiert,
keinen Optativ, um den Indikativ ihrer Formel zu modifizieren.
Woran, durch eine linguistische Referenz, zu sehen wäre, daß der
sogenannte Aspekt des Verbs hier der der «erfüllten Vergangenheit››24
(eigentlicher Sinn der Wunsc/aerfiillung) ist.
Diese ex-sistence, (Entstellung)25 des Begehrens im Traum erklärt,

23 A.d.Ü.: Im Original deutsch.


24 A.d.Ü.: Im Französischen klar: «est ici celui de Faccompli (vrai sens de ia: Wunsch-
erfüllung)». Wobei Wunscherfüllung übersetzt wird mit accompiissement du désir. „-
2“ Wobei man nicht vergessen darf: daß dieser Terminus zum erstenmal in der
«Traumdeutung›› auf den Traum bezogen verwendet wird - daß diese Verwendung
seinen Sinn wiedergibt und zugleich aber den Terminus: distorsion, womit die Eng-
länder ihn übersetzen, indem sie ihn aufs Ich anwenden. Diese Anmerkung erlaubt ein
Urteil über den Gebrauch, den man in Frankreich vom Ausdruck distorsion du Moi
(= Verdrehung des Ida) macht, indem die Anhänger der Ich-Stärkung, die nicht
gewarnt sind, den «falschen Freundenš, die die englischen Wörter sind, zu mißtrauen
(die Wörter sind doch so unwidıtig, nicht wahr), nur: verdrehtes Ich verstehen.

220 ' I
daß die Signifikanz des Traums hier das Begehren maskiert, während
sein Motiv, das nur problematisch ist, verblaßt. v
-1» '

12.. Das Begehren entsteht im Jenseits des Anspruchs dadurch, daß


dieser, indem er das Leben des Subjekts nach seinen Bedingungen
artikuliert, das Bedürfnis zurechtstutzt; aber es gräbt sich auch ein
in seinem Diesseits dadurch, daß er, bedingungsloser Anspruch der
Anwesenheit und Abwesenheit, das Seinsverfehlen, evozicrt unter den
drei Gestalten des Nichts, das dem Liebesanspruch zugrunde liegt,
des Hasses, der bis zur Verneinung des Seins des andern geht, und
des Unaussprechlichen an dem, was sich in seinem Vorstelligwerden
ignoriert. In dieser fleischgewordenen Aporie, von der man bildlich
sagen kann, daß sie ihre schwere Seele den lebensfähigen Abkömm-
lingen des verwundeten Triebs verdankt und ihren subtilen Körper“
dem in der signifikanten Folge aktualisierten Tod, behauptet sich das
Begehren als absolute Bedingung. ~ '
Weniger noch als das Nichts, das den Reigen der die Menschen be-
wegenden Bedeutungen durchläuft, ist es derAbdruck der Bahn und
wie das Mal vom Prägeeisen des Signifikanten, mit dem das Subjekt,
das spricht, an der Schulter gezeichnet ist. Es ist weniger reines Erleiden
des Signifikats als reines Tun des Signi_fikanten, das in dem Augenblick
zum Stillstand kommt, wo das Lebendige, Zeichen geworden, es in-
signifil-:ant macht. _ F
In 'diesem Einschnittsmoment erscheint die Gestalt eines blutigen Fet-
zens: das Pfund Fleisch, das das Leben zahlt, uni daraus den Signifi-
kanten der Signifikanten zu machen, und das als solches unmöglich
dem imaginären Körper wiedererstattet werden kann; es ist der ver-
lorene Phallus des einbalsamierten Osiris.
13.Die Funktion dieses Signifikanten als solchen in der Suche des
Begehrens ist nun tatsächlich, wie Freud herausgestellt hat,_der Schlüs-
sel zur Beendigung der Analyse, und kein Kunstgriff könnte ihn zu
dem Ende ersetzen. . _
Um eine Vorstellung davon zu geben, beschreiben wir im Folgenden,
was sich am Ende der Analyse eines Zwangsneurotikers zugetragen
hat,nach einer langen Arbeit, in welcher man sich nicht damit begnügte,
die «Aggressivität des Subjekts» zu analysieren (anders gesagt: nicht
2° A.d.Ü.: Zu anima corporalis und corpus .subtile in der Alchimie, vgl. C. Jung:
Psychologie und Alchemie, Gesammelte Werke Bd. tz, Olten und Freiburg im Breis-
gau (Walter) 1972, S. 322 H.
221'
bloß Blindekuh spielte mit seinen imaginären Aggressionen), sondern
es erkennen ließ, welchen Platz es in dem zerstörerischen Spiel einge..
nommen hatte, das von einem Elternteil mit dem Begehren des andern
getrieben worden war. Er ahnt seine Ohnmacht, zu begehren, ohne
den Andern zu zerstören, und folglich auch sein Begehren selbst, inso-
fern es Begehren des Andern ist. F
Um soweit zu kommen, ist ihm gezeigt worden, mit welchem Manöver
er die ganze Zeit über das “Andere in Schutz genommen hat. Erkennbar
wurden in der Durcharbeitung” sämtliche Kunstgriffe- einer Verbali-
sierung, die den andern vom Andern unterscheidet und die ihn von \

der dem Ennui des Andern reservierten Loge aus die zirzensisohen
Spiele zwischen den zwei andern (des kleinen a und des Ich, seines
Schattens) arrangieren läßt. _, _. _
Bestimmt genügt es, um die Zwangsneurose auf diesen Rond-point
zu bringen, nicht, indieser ihrer wohlbekannten Ecke rundzulaufen,
noch, diesen Rond-point zu kennen, um sie auf ihn hinzuführen, auf
einem Weg, der nie der direkteste sein wird. Dazu braucht es nicht
nur den Plan eines wiederaufgebauten Labyrintlıs, nicht nur einen
ganzen Stoß bereits entdeckter Pläne. Es braucht vor allem eine 'all-
gemeine Kombinatorik, die zweifelsfrei über der Vielfalt der Pläne
steht, die aber auch, was viel nützlicher ist, die optischen Täuschungen,
besser die wechselnden Perspektiven des Labyrinths erfassen kann.
Denn weder die einen noch die andern fehlen in der Zwangsneurose, Q

deren Kontrastarchitektur noch nicht genug bemerkt wordenist und


die man nicht auf die Formen der Fassade beschränken darf. Zentral
in all den verführerischen, rebellischen, gleichgültigen Attitüden geht
es um Ängste, diemit Leistungen verknüpft sind, um Ranküne, die
durchaus sich mit Großmut verträgt (zu behaupten, Zwangsneuroti-
63
kern fehle es an Opferwillenl), um Unstetigkeit des Geistes, hinter
der sich felsenfeste Treue verbergen kann. All dies ist in einer Analyse
gleichzeitig in Bewegung, wobei es natürlich zu gelegentlichen Flauten
kommt. Der große Treck aber bleibt. _
Und hier endlich ist unser Subjekt am Ende seiner Rolle, angelangt
an dem Punkt, uns einen Streich zu spielen, der recht eigentümlich
ist in dem, was er aufdeckt von einer Struktur des Begehrens.
Sagen wir, daß es reifen Alters, wie man sich komischerweise aus-

2" A.d.Ü.: Im Original travail de transfert, wörtlich «Übertragungsarbeit››, was


Lacan in Klammern mit «Durdıarbeitung›› übersetzt. -
ı

2.52
ı

drückt, und abgeschlafften Geistes uns gerne betrügen würde mit dem
Gaukelspiel einer Menopause auf seiner Seite, die eine plötzliche Im-
potenz entschuldigen soll, nur um die unsere anzuklagen.
Tatsächlich kostet die Neuverteilung der Libido gewissen Objekten
den Posten, und wär dieser auch unkündbar.
Kurz, es ist impotent im Verkehr mit seiner Geliebten und schlägt
ihr rückgreifend auf seine Erkenntnisse über die Funktion des poten-
tiellen Dritten im Paar vor, sie solle-mit einem andern Mann ins
Bett gehen, damit man sehe. Wenn sie nun an der Stelle bleibt, an
die sie die Neurose gestellt hat, und die Analyse sie dort trifft, so
deshalb, weil sie ohne allen Zweifel seit langem den Begierden des
Patienten, mehr aber noch den sich in diesen durchsetzenden unbe-
wußten Postulaten stattgegeben hat. v
Man wird auch niehtverstaunt sein, daß sie dann prompt, in derselben
Nacht noch jenen Traum hat, densie unserem Helden brühwarm
erzählt. ' ,
Sie besitzt einen Phallus, dessen Umrisse sie unter ihren Kleidern
spüren kann, was sie aber nicht hindert, auch eine Vagina zu haben
und vor allem zubegehren, daß dieser Phallus in sie komme.
Als unser Patient dies vernimmt, spürt er plötzlich seine Kräfte wie-
derkehren und er liefert davon auf der Stelle seiner Gevatterin den
glänzen_dsten Beweis. -
Was für eine Interpretation wäre hier angezeigt?
Erraten haben wir bei dem Anspruch, den unser Patient an seine
Geliebte stellte, daß er uns schon lange dazu bringen will, ihm seine
verdrängte Homosexualität zu bestätigen. B
Eine Erscheinung, die Freud sehr rasch voraussehen konnte ausseiner
Entdeckung des Unbewußten: Unter den regressiven Ansprüchen gibt
es einen auf Fabelbildung, der sich an den durch die1Analyse ausgebrei-
teten Wahrheiten vollsaugen möchte. Die aus Amerika wiedergekehrte
Analyse hat die Erwartungen Freuds noch weit übertroffen.
Wir haben uns aber an dem.Punkt, wie man sich denken kann, eher
spröde verhalten. '
32 Wir wollen bemerken, daß die Träumende hier ebensowenig sich dar-

auf einläßt, da ihr Szenario jeden Helfer ausschließt. Was selbst einen
Anfänger dazu anhielte, voll und ganz dem Text zu vertrauen, sofern
er eine Ausbildung nach unsern Prinzipien erfahren hat.
Wir analysieren gleichwohl nicht ihren Traum, sondern die Wirkung
dieses Traums auf unsern Patienten. T
i 223
ı~
Wir könnten uns anders verhalten und diesem jene weniger offen-
kundige, in der Geschichte versteckte Wahrheitunseres Beitrags zu
verstelıen geben: daß die Kastrationsabwehr, wenn irgend etwas ihr
gleicht, in erster Linie eine Abwehr der Kastration des Andern (der
Mutter zuerst) ist. g
Wahre Meinung ist nicht Wissen, und Gewissen ohne Wissen ist nichts
als Komplize der Ignoranz. Unsere Wissenschaft läßt sich nur vermit-
teln, indem sie in der Gelegenheit das Besondere artikuliert. 4 B
Hier ist die Gelegenheit einmalig zu zeigen, was gemeint ist, wenn
wir sagen: daß das unbewußte Begehren das Begehren des Andern
ist - denn der Traum ist dazu da, dem Begehren des Patienten
jenseits von dessen Anspruch stattzugeben, was dadurch sich zeigt,
daß er Erfolg hat. Wenn es auch kein Traum des Patienten ist, ist
er uns doch genau so viel wert, denn wenn er zwar nicht .in gleicher
Weise an uns sich wendet, wie er ausgeht vom Analysierten, so wendet
er sich an diesen so gut als es der Analytiker tun könnte. ;
Wir haben die Gelegenheit, den Patienten die Funktion des Signifi-
kanten begreifen zu lassen, die der_ Phallus in seinem Begehren hat.
Als solcher nämlich fungiert der Phallus im Traum, damit der Patient
den Gebrauch des Organs wiederfinde, das er repräsentiert, wie wir
zeigen werden durch die Stelle, auf die der Traum zielt in der Struktur,
in der sein Begehren gefangen ist. - .
Nicht nur träumte die Frau, sie hat ihm von dem Traum auch erzählt.
Wenn sie nun in diesem Diskurs als Besitzerin eines Phallus sich aus-
gibt, sollte das schon alles sein, wodurch ihm sein erotischer Wert
wiedergegeben ist? Einen Phallus zu haben genügt tatsächlich nicht,
ihr eine Objektposition wiederzugeben, die sie einem Phantasma über-
antwortet, von dem aus unser Patient als Zwangsneurotiker sein -Be-
gehren behaupten könnte in einem Unmöglichen, das dessen metony-
mische Bedingungen aufrecht erhielte. Diese letzteren machen seine
Wahl immer von neuem zu einem Spiel des Entwischenlassens, in
das die Analyse störend eingebrochen war, das aber die Frau wieder
herstellt mit 'Hilfe einer List, hinter deren handfestem Charakter
sich ein Raffinßmßflt Vfirbirgt, das sehr gut zu illustrieren vermag,
wie das Unbewußte Wissen einschließt.
Unserm Patienten nämlich hilft dieser Phallus nichts, nichts, ihn zu
haben; denn sein Begehren ist, Phallus zu sein. Und das Begehren
der Frau tritt ihm diesen hier ab, indem es ihm zeigt, was sie nicht
hat. ' ›
224
Die Beobachtung, der alles gleich viel bedeutet, wird die Entdeckung
einer kastrierenden Mutter immer an die große Glocke hängen, so-
wenig die Anamnese Anlaß dazu geben mag. Sie macht sich hier
breit wie man's erwartet.
Man glaubt, damit hätte man alles zu Ende gebracht. Wir indessen
können so nichts anfangen bei einer Deutung, wo, sich darauf zu
berufen, nicht weit führen könnte, oder nur dazu, den Patienten aber-
mals auf den Punkt zu bringen, wo er sich zwischen dem Begehren
und dessen Verachtung hindurchwinden muß: natürlich der Verachtung
seiner mürrischen Mutter, die das allzu heftige Begehren tadelte, dessen
Bild ihm sein Vater hinterlassen hat. - B
Aber das hieße, ihm' weniger mitteilen, als ihm seine Geliebte sagt:
daß nämlich ihr Traum, einen -Phallus zu haben, nicht ausschließt,
daß sie ihn auch nochibegehre. Insofern war sein eigenes Seinsverfehlen
berührt. T 4 r a
Ein Verfehlen, das von einem. Exodus herrührt: Sein Sein ist immer
anderswo. Er hat es «auf die Seiteigebracht››, wie man sagen kann.
Sagen wir das, weil wir die Schwierigkeit des Begehrens motivieren
wollen? Eher doch, weil das Begehren eines nach Schwierigkeiten ist.
Lassen wir uns nur nicht täuschen bei der Sicherheit, die das Subjekt
daran hat, daß die Träumende einen Phallus habe, daß sie ihm diesen
nicht mehr zu nehmen brauche - und sei's auch nur, um gelehrt
darauf hinzuweisen, daß die Sicherheit hier zu sehr betont ist, um
nicht problematischzu sein. f _
Denn das hieße gerade verkennen, daß diese Sicherheit gar nicht soviel
Gewicht forderte, wenn sie nicht in Gestalt eines Zeichens sich aus-
drücken müßte, und daß sie gerade dadurch ihre Wirkung tut, daß
das Zeichen als solches gezeigt wird, daß es dort erscheint, wo es
nicht sein kann. '
Die Bedingung des Begehrens, die den Zwangsneurotiker vor allem fest-
hält, ist jenes Mal selbst, mit dem das Begehren, so wie er es vorfindet,
verderbt ist vom Ursprung seines Objekts her: die Schmuggelei.
Einzigartiger Modus der Gnade, der nur durch die Verleugnung
der Natur sich darstellt. Hierin verbirgt sichleine Gunst, die bei un-
serem Subjekt dauernd Einlaß begehrt. Und eines Tageswird es sie,
indem es sie wegschickt, eintreten lassen.

14. Weil es von großer Wichtigkeit ist, daß das Begehren in der Aus-
richtung der Kur seinen Platz behält, sind wir gehalten, diesen Platz
0 .
1'

, 225
I.
0 _

durch die Beziehung zu den Wirkungen des Anspruchs zu bestimmen,


die hier nur im Zusammenhang mit dem Prinzip der Macht der Kur
betrachtet werden.
Daß der genitale Akt tatsächlich in der unbewußten Artikulation
des Begehrens seinen Platz finden muß, macht die eigentliche Ent-
deckung der Analyse aus, und gerade deshalb haben wir nie .daran
gedacht, hier der Illusion des Patienten nachzugeben, wenn er sich
vormacht, daß es seiner Sache auch nur im geringsten förderlich sein
könnte, wenn wir es ihm im Hinblick auf Bedürfnisbefriedigung mit
seinem Anspruch leichter machen wollten. (Noch weniger haben wir
je versucht, ihm mit dem Klassischen: coims normalis došim repetatıqr
das Rückgrat zu stärken.) j W
Weshalb denkt man hier anders und glaubt, es sei für den Fortschritt
der Kur wesentlicher, sich aus welchen Gründen immer auf andere
Aflspfüfihe ZU Ve1'1@8efl› und zwar unter dem Vorwand, diese seien re-
gressiv? i
Gehen wir einmal mehr davon aus, daß in erster Linie für das Subjekt
sein Sprechen eine Botschaft ist, denn es entsteht am Ort des Andern.
Daß damit sein Anspruch selbst hier entspringt und als solcher abge-
faßt ist, erklärt sich nicht allein daraus, daß er dem Code des Anderen
unterstellt ist. Er stammt vielmehr von diesem Ort des Andern (ja
sogar aus dessen Zeit).
Das ist klar zu lesen im freiesten Sprechen, das das Subjekt produziert.
Es wendet sich an seine Frau oder seinen Meister, ihnen sein Wort
zu geben mit einem Du bist (die oder der), ohne kundzutun, was
es selber ist, es sei denn dadurch, daß es sich selbst eine Morddrohung
zuraunt, die der Doppelsinn des Französischen hörbar machtzß.
Das Begehren, das, wie man hier sieht, immer im Anspruch durch-
scheint, ist drum nicht weniger jenseits. Es ist auch diesseits eines
flfldfifI1 Afl5P1`UCh5› in dem das Subjekt, verhallend am Ort des andern,
weniger seine Abhängigkeit ausstreichen dürfte durch eine Rückkehr-
versicherung als daß es vielmehr das Sein selbst fixiert, das es hier
vorschlägt. r _ _
Das will besagen, daß allein aus einem Sprechen, das dem Subjekt
das Mal, das es durch seine Worte empfängt, wieder nähme, jene
Loâsprechung kommen kann, die das Subjekt seinem Begehren zurück-
ga e.
iz

23 A.d.Ü.: In tu es = du bist klingt tuer = töten. `

226
Indesist das Begehren nichts anderes als die Unmöglichkeit solchen
Sprechens, das, wenn es auf das erste antwortet, nicht umhin kann,
sein Mal zu verdoppeln und so jene Spaltung” aufzunehmen, der das
Subjekt unterworfen ist, weil es Subjekt nur ist, sofern es spricht.
(Symbolisiert ist dies in dem Querbalken edler Bastardschaft3°, mit
dem wir das S des Subjekts versehen, um festzuhalten, daß eseben jenes
Subjekt S ist“. T . -
5 Die Regression, die man in der Analyse an die erste Stelle setzt (zwei-
felsohneizeitlidıe Regression, wobei man aber präzisieren muß, daß
es sich um die Zeit der Wiedererinnerung handelt), bezieht sich nur
auf die (oralen, analen.etc.) Signifikanten des Anspruchs: und 'auf
den entsprechenden Trieb ausschließlich über diese. K
Reduziert man diesen Anspruch auf seinen Platz, kann dies auf das
Begehren einen Schein von Reduktion durch die Bedürfniserleichterung
werfen.
Dies ist dann aber eher ein Effekt der Schwerfälligkeit des Analytikers.
Denn wenn es stimmt, daß die Signifikanten des Anspruchs die Fru-
strationen unterstützt haben, wo das Begehren sich fixiert hat (Freuds
Fixierung), so ist das Begehren subjektzwingend nur an ihrer Stelle.
Ob sie sich nun als frustrierend oder gratifizierend versteht, jede Ant-
wort auf den Anspruch in der Analyse führt hier die Übertragung
auf die Suggestion zurück.
Tatsächlich bestehtzwischen Übertragung und Suggestion, dies genau
ist die Entdeckung Freuds, eine Beziehung in dem Sinne, daß Über-
tragung auch Suggestion ist, Suggestion aber, die allein vom Liebesan-
spruch aus wirksam wird, der nicht mit irgendwelchen Bedürfnisan-
sprüchen gleichgesetzt werden darf. Daß dieser Anspruch als solcher
sich nur konstituiert, insofern das Subjekt Subjekt des Signifikanten
ist, macht es überhaupt erst möglich, daß man ihn' mißbräuchlich auf
die Bedürfnisse zurückführt, denen diese Signifikanten entlehnt sind
3° A.d.Ü.: Im Original: «refente (Spaltung)›.
*° A.d.Ü.: Begriffe aus der Wappenbesthreibung. -
31 Vgl. das (S 0 An) und das (S <3' a) unserer Skizze, die wir in '«Subversion des Sub-
jekts» wiederaufgenommen haben (A.d.Ü.: Erscheint in «Sdıriften II››). Das Zeichen
O bezeichnet die Beziehungen: Einsdıließung - Aussdıließung - Konjunktion -
Disjunktion. Die Verbindungen, die es in diesen zwei Klammern bezeichnet, erlauben
das S mit Querstrieh zu lesen: S im Prozeß des fading im Schnitt des Anspruchs: S, im
Prozeß des fadíng vor dem Objekt des Begehrens. Namentlich: Trieb und Phan-
tasma. A.d.Ü.: Wir setzen für Anspruch das Zeichen An, da A bereits besetzt ist für
der / das Andere. -
227
____i.-.1
Oi'

- was die Psychoanalytiker dann auch ohne zu zögern tun, wie


wir sehen. _ E
Es darf indessen die Identifikation mit dem allmächtigen Signifikanten
des Anspruchs, wovon wir bereits gesprochen haben, nicht verwechselt
werden mit der Identifikation mit dem Objekt des Liebesanspruchs.
Diese ist wohl auch Regression, was Freud betont, als er sie als
den zweitens Modus der Identifikation bestimmt, den er in der
zweiten Topik durch die Niederschrift von «Massenpsychologie und
Ichanalyse›› unterscheidet. Doch handelt es sich um eine andere Re-
gressıon. .
Hier ist der exit, der einen aus der Suggestion herausläßt. Die Identi-
fikation mit dem Objekt als Regression eröffnet, da sie vom Liebesan-
spruchnausgeht, die Übertragungssequenz (sie eröffnet sie und sie
schließt sie nicht), den Weg also, wo die Identifikationen benennbar
werden, die diese Regression, in dem sie sie anhalten, skandieren.
Diese Regression ist aber nicht stärker vom Bedürfnis im Anspruch
abhängig, als das sadistische Begehren expliziert ist im analen An-
spruch, denn zu glauben, das Skybalon sei an sich ein schädliches
Objekt, ist lediglich eine ganz gewöhnliche Verstandestäuschung. (Ver-
stand inehme ich hier in jenem unseligen Sinne, der durch Jaspers
in Umlauf gekommen ist. «Sie verstehenz' -›› so lautet die Eingangs-
636
floskel, mit der einem, der nichts versteht, zu imponieren versucht,
wer selbst nichts zu verstehen zu geben hat.) Aber der -Anspruch,
ein Häufchen Scheiße zu sein, sollte unsere Blickrichtung etwas ver-
ändern, wenn das Subjekt sich darin entdeckt. Mißgeschick des Seins,
von dem wir bereits. gesprochen haben.
Wer es nicht versteht, seine Lehranalysen bis zu jenem Wendepunkt
voranzutreiben, an dem in einer Erschütterung sich zeigt, daß alle
Ansprüche, die im Verlauf der Analyse sich artikulierten, und mehr
noch als jeder andere der Anspruch, der an ihrem Anfang steht -
Analytiker zu werden - *und der damit hinfällig wird, nur Übertra-
gungen waren, bestimmt, ein unstetes, in seinem problematischen Sta-
tus recht zweifelhaftes Begehren aufrecht zu erhalten -, W01* CÜCS
nicht versteht, hat keine Ahnung, was es zu erlangen gilt vom Subjekt,
damit es eine Analyse ausrichten oder auch nur eine angemessene
Interpretation geben kann. p G
Diese Betrachtungen bestärken uns in der Meinung, idaßes natürlich
ist, die Übertragung zu analysieren. Denn die Übertragungin sich
selbst ist schon Analyse der Suggestion, insofern sie das Subjekt in
228 ı
¬-ı±ııı__,/ -P

Beziehung zu seinem Anspruch setzt in einer Haltung, die diesem


nur aus dem Begehren kommen kann.
Nur zur Aufrechterhaltung dieses Übertragungsrahmens muß die Fru-
stration die Gratifikation überwiegen. r
Der Widerstand, den das Subjekt der Suggestion entgegenbringt, er-
klärt sich allein aus dem Begehren, sein Begehren wach zu halten.
Als solchem käme ihm die Bedeutung einer positiven Übertragung
zu, denn was die Ausrichtung der Kur aus den Folgen des Anspruchs
heraushält, ist das Begehren. r
Diese Vorstellungen lassen, wie man sieht, 'die überkommenen Meinun-
gen zu dieser Materie nicht unberührt. Wenn sie nur zu bedenken
gäben, daß hier irgendwo ein Fehler steckt bei der Verteilung der
Karten dieses Spiels, hätten wir unsern Zweck erreicht. r

15. Hier sind ein paar Bemerkungen zur Bildung der Symptome am
Platz. - Ü
Seit Freud in seiner demonstrativen Studie über die subjektiven Phä-
nomene: Träume, Versprecher, Witze, die, was er uns ausdrücklich
zu verstehen gegeben hat, mit jenen identisch sind inihrer Struktur
(aber für unsere Weisen liegt dies wohlgemerkt alles viel zu tief unter
ihrer Erfahrung, die _sie - Gottweiß auf welchen Wegen! - sich erwor-
ben haben, viel zu tief, als daß sie auch nur im Traum daran däch-
ten, darauf zurückzukommen) -, Freud also hat hundertmal betont:
die Symptome sind überdeterminiert. Für den durchschnittlichen Phra-
sendrescher, der uns für morgen schon verspricht, die Analyse auf
ihre biologischen Grundlagen zurückzuführen, ist das alles eine große
Selbstverständlichkeit. Das redet sich so leicht daher, daß er es gar
nicht zu begreifen braucht. Was aber dann? ' A r
Lassen wir beiseité, was ich zur Überdeterminierung im strengen Sinne
bemerkt habe: daß sie nur in der Struktur der Sprache erfaßbar ist.
Was heißt dann: in den neurotischen Symptomen?
Das heißt, daß Interferenzbeziehungen bestehen zwischen den Wir-
kungen, die bei einem Subjekt auf einen bestimmten Anspruch ant-
worten, und denen ausieiner Position, die das Subjekt als solches inbe-
zug auf den andern (den andern, hier Seinesgleichen) einnimmt.
«Die das Subjekt als solches einnimmt›› soll heißen, daß die Sprache
ihm erlaubt, sich als den Maschinisten, als eigentlidien Inszenator
der ganzen imaginären Verhaftung zu betrachten, deren lebende Ma-
rionette es anders nur darstellte. s
' 229
FW

DasPhantasma illustriert diese ursprüngliche Möglichkeit auf das beste.


Jeder Versuch, dasselbe auf die Einbildungskraft zu reduzieren, ist
daher, wenn er sein Scheitern nicht zugibt, fortdauernder Widersinn,
Widersinn, von dem auch die Kleinschule, die die Dinge hier weit
vorangetrieben hat, sich nicht lösen kann, da sie nicht einmal eine
Ahnung hat von der Kategorie des Signifikanten. ,
Indessen macht der Begriff des Phantasmas, ist dieses erst einmal
definiert als Bild, das in der signifikanten Struktur in Funktion tritt,
überhaupt keine Schwierigkeiten mehr. f
Sagen wir, das Phantasma in seiner fundamentalen Verwendungist
das, vermittels dessen das Subjekt sich auf der Ebene seines dahin-
schwindenden Begehrens halten kann, dahinschwindend deshalb, ~_weil
die Befriedigung des Anspruchs sofort ihm sein Objekt nimmt. .
«]a, aber wie die sich anstellen, die Neurotiker, was soll man denn
da tun! Sie sind nicht zu begreifen! ›› tönen die Familienväter.
Genau das hat man schon lange, immer schon, behauptet, und die
Analytiker bleiben dabei. Einfaltspinsel nennen esdas Irrationale und
haben nicht einmal bemerkt, daß Freuds Entdeckung sich gerade darin
zeigt, daß er zunächst für sicher hält, was unsere Exegeten sofort aus
dem Sattel hebt: daß das Wirkliche (das Reale) vernünftig (rational)
ist, worauf er dann konstatiert, daß das Vernünftige (das Rationale)
wirklich (real) sein“. Damit vermag er zu artikulieren, daß das, was
an wenig Räsonablem im Begehren sich zeigt, vom Übergang des
Vernünftigen, soweites real ist, ,also der Sprache, ins Reale bewirkt
ist, sofern nämlich das Vernünftige hier schon sein Wälle aufgeworfen
hat.
Das Paradox des Begehrens ist nämlich nicht Privileg des Neurotikers,
eher rechnet er mit seinem Vorhandenseindurch die Art und Weise,
wie er ihm gegenübertritt. Das verschafft ihm keinen schlechten Rang
in der Ordnung menschlicher Würde und macht den mittelmäßigen
Afif'~lYtikefn keine Ehre, die- was kein Werturteil sein soll, sondern
eine Idealvorstellung, gekleidet in die Form eines Wunsches aller In-
teressierten - an diesem Punkt nicht an die besagte Würde heran-
kommen: ein merkwürdiger Abstand, der immer schon versteckt aus-
gesprochen wurde von Analytikern - den übrigen nämlich, ohne daß
318 A.d.Ü.: Der Leser wird verstehen, warum wir das I-Iegelzitat durch die Termini
«rational» und «real›› in Klammern ergänzen. Es folgt dies zum Teil aus den termi-
nologischen Entscheidungen unserer Übersetzung. Vgl. auch Funktion und Feld der
Spradıe und des Sprechens in der Psychoanalyse, oben, S. A134 f.

230 ›

1'
man sie nun vonden ersten unterscheiden müßte, denn sie hätten
gar nicht daran gedacht es zu tun, wenn sie nicht zuvor sich dem
Irrtum der ersten hätten entgegensetzen müssen.

16. Die Art also wie der Neurotiker auf das Begehren bezogen ist,
kurz gesagt: sein Phantasma prägt durch sein Vorhandensein die Ant-
wort des Subjekts auf den Anspruch,'anders gesagt die Bedeutung
seines Bedürfnisses.
Aber dieses Phantasma hat nichts zu tun mit der Bedeutung, in die
es interferiert. Diese Bedeutung kommt in Wirklichkeit aus dem An-
dern, soweit von ihm abhängt, ob der Anspruch Erhörung findet.
Und das Phantasma gelangt dahin nur, weil es sich auf dem Rückweg
befindet aus einer größeren Kreisbahn, die, indem es den Anspruch
bis an die Grenzen des Seins führt, das Subjekt sich die Frage stellen
läßt nach jenem Mangel, dem Verfehlen,_ in dem es sich selber als
Begehren erscheint. _ i
Es ist kaum zu glauben, daß die Analyse bestimmte immer schon
ins Auge fallende Züge des menschlichen Handelns als solchen hier
nicht ans Licht gebracht hat. Wir wollen davon sprechen, wodurch
dieses Handeln des Menschen zur Geste” wird, die auf- ihr Chanson
sich stützt. Dieser Aspekt von Tat, Leistung, von durchs Symbol einge-
engtem Ausgang, das, 'was diesen also symbolisch macht (aber nicht
in dem entfremdeten Sinne, den dieser Ausdruck für gewöhnlich hat),
das schließlich, um dessentwillen man von einem Übergang zur 'Tat
ı

sprechen kann, dieser Rubikon, der für ein Begehren steht, das immer
verborgen bleibt in der Geschichte um seines Erfolges willen, all das,
auf das hin jene vom Analytiker acting out genannte Erfahrung die-
sem einen gleichsam experimentellen Zugang erschließt, und~ worin
sich seine ganze Kunst zeigt - der Analytiker verkürzt es im günstig-
sten Falle auf einen Rückfall des Subjekts, im schlechtesten auf einen
Fehler des Therapeuten. .
Verwundert konstatiert man, wie den Analytiker angesichts des Han-
delns falsche Scham anfällt, worin sich zweifelsohne eine echte ver-
birgt: die, die ihm aus einem Handeln kommt, dem eigenen, einem
der höchsten, wenn es in die Niederungen der Verworfenheit hinab-
steigt.
9 Was ist es denn anderes, wenn der Analytiker sich dazwischenwirft

32 A.d.Ü.: «Geste›› hier ein Wortspiel im alten Sinne der Chanson de geste = Tat.
. 231
und die Botschaft der Übertragung, die er deuten soll, als eine trügeri-
sche Bedeutung des Realen entlarvt, die nur Mystifikation ist?
Der Analytiker von heute glaubt doch die Übertragung genau da
fassen zu können, wo nach seiner Definition das Phantasma und die
sogenannte passende Antwort auseinandergehen. Auf was passend,
wenn nicht auf den Anspruch des Andern, und Worin sollte dieser An-
spruch mehr Bestand oder weniger Bestand haben als die erhaltene
Antwort, wenn der Analytiker sich nicht für autorisiert hielte, jeden
Wert des Phantasmas zuverleugnen, indem er seine eigene Realität
ausmißt. G A I
Genau der Weg, auf dem er vorangeht, verrät ihn, wenn er auf diesem
Weg sich ins Phantasma einführenimuß und sich als imaginäre Hostie
anbietet für Fiktionen, in welchen ein stumpfsinniges Begehren wu-
chert, anbietet als ein unerwarteter Odysseus, der. sich zur Speise gibt,
damit der Schweinestall der Circe gedeihe.
Man sage ja nicht, ich wolle hier jemandem die Ehre abschneiden,
denn dies genau ist der Punkt, an dem alle die,i die ihre Praxis nicht
anders zu artikulieren vermögen, von selber sich Gedanken machen
und sich beunruhigt fragen: Ist? es nicht bei den Phantasmen, wo
wir dem Subjekt die Gratifikationlverschaffen, an der sich die Ana-
lyse festfährt? Dies dieFrage, die sie immer wiederholen in dem
ausweglosen Insistieren des Unbewußten, das sie quält“. F

17. So läßt der Analytiker von heute seinen Patienten bestenfalls


auf dem Punkt rein imaginärer Identifikation, der der Hysteriker
verfallen bleibt, insofern sein Phantasma die Klebrigkeit derselben
einschließt. B '
Also gerade der Punkt, wo Freud ihnwährend der ganzen ersten
Zeit seiner Laufbahn zu schnell herausholen wollte, indem er das
Verlangen nach Liebe forciert aufs Objekt der Identifikation bezog
(bei Elisabeth von R. auf den Schwager; bei Dora auf Herrn K.;
bei der jungen Homosexuellen aus dem Fall weiblicher Homosexuali-
tät 'sieht er klarer, stolpert aber, als er sich von der negativen Über-
tragung im Realen getroffen meint).
Erst das Kapitel über die «Identifizierung›› in «Massenpsychologie
und Ich-Analyse» setzt Freud in den Stand, klar diesen dritten Identifi-

”' A.d.Ü.: Die Anspielung auf «Gewissensquab (tourment de conscierzce -- trmrmfflt


de Pinconscient) ist im Deutschen schwer hörbar zu machen.

232 i
kationsmodus zu unterscheiden, der bestimmt ist durch seine Funktion
als Träger des Begehrens und damit insbesondere durch die Beliebigkeit
seines Objekts.
Aber unsere Psychoanalytiker bleiben hart: Dieses beliebige Objekt
ist die Substanz des Objekts, nehmet hin meinen Leib, nehmet hin
mein Blut (diese Profanation stammt aus ihrer Feder). Das Geheimnis
0 der Erlösung des Analysierten ist in dieser imaginären Vergießung,
deren Oblat der Analytiker ist. A
Wie sollte das Ich, mit dem sie sich hier zu helfen behaupten, nicht
unter die verstärkte Entfremdung fallen, der sie das Subjekt überant-
worten. Immer schon und lange vor Freud haben die Psychologen,
wenn sie sich auch nicht in diesen Wendungen ausgedrückt haben,
gewußt, daß, wenn das Begehren die Metonymie des Seinsverfehlens
ist, das Ich die Metonymie des Begehrens ist. A r
So funktioniert die abschließende Identifizierung, deren sich die Ana-
lytiker rühmen. A Q i '
Geht es um Ich oder Über-Ich ihres Patienten, so zögern sie oder
besser: machen sich nichts aus der Kur, 'um's genau zu sagen, und
der Patient kann sich dann mit ihrem starken Ich identifizieren.
Freud hat dieses Resultat in dem eben zitierten Aufsatz s_ehr genau vor-
ausgehen, indem er zeigte, wie bei der Entstehung einer Führergestalt
das unbedeutendste Objekt die Rolle eines Ideals übernehmen kann.
Nicht von ungefähr orientiert sich die analytische Psychologie immer
mehr an der Gruppenpsychologie, beziehungsweise an der Psychothe-
rapie desselben Namens. i
Beobachten wir die Auswirkungen davon in der analytischen Gruppe
selbst. Es stimmt einfach nicht, daß die so betitelten Lehranalysanden
sich nach dem Bild ihres Analytikers ausrichten, auf welcher Ebene
man dieses auch betrachten mag. Viel eher sind die Analysanden eines
Analytikers untereinander verbunden durch einen Zug, der in der
Ökonomie eines jeden durchaus von sekundärer Bedeutung sein kann,
in dem sich aber die Unzulänglichkeit des Analytikers in bezug auf
seine Arbeit abzeichnet. i
So läßt beispielsweise der, für den das Problem des Begehrens sich
reduziert 'auf die Enthüllung der_Angst, in diesem Leichentuch all
diejenigen zurück, die er geführt hat.

18. Wir sind nun also bei dem verflixten Prinzip dieser Macht, die
immer offen ist für eine blinde Ausrichtung. Es ist die Macht, das
_ 233
Gute zu tun, keine Macht hat ein anderes Endziel, und darum hat
die Macht kein Ende. Hier aber geht es um anderes, es geht um
die Wahrheit, um die einzige, um die Wahrheit über die Wirkungen
der Wahrheit. Als Ödipus sich auf diesen Weg machte, hatte er bereits
auf die Macht verzichtet. _
Worauf zielt folglich die Ausrichtung der Kur? Vielleicht genügt es,
ihre Mittel zu befragen, um sie in ihrer Richtigkeit zu definieren. A
Halten wir fest: s
I. Daß das Sprechen hier alle Gewalten hat, die besonderen Gewalten
der Kur; ~ _
2._Daß man weit davon entfernt ist durch die Regel das Subjekt
auf das volle Sprechen oder auf den zusammenhängenden Diskurs
zu verpflichten, sondern ihm die Freiheit 'läßt, sich hierin zu ver..
suchen;
3. Daß es gerade diese Freiheit sehr schlechtverträgt; I .
4. Daß der Anspruch eigentlich das ist, was in der Analyse ausgeklam-
rnert bleibt, da ausgeschlossen ist, daß der Analytiker einem solchen
stattgibt; j s i
5. Daß dem Eingeständnis des Begehrens kein Hindernis in den Weg
gelegt werden darf, und daß dies der Punktist, auf den hin das
Subjekt auszurichten, ja sogar zu kanalisieren ist;
6. Daß der Widerstand gegen solches Eingeständnis in letzter Analyse
hier 2111 Hißhffi anderem liegen kann als an der Unverträglichkeit des
Begehrens mit dem Sprechen. s
Sätze, die in meinem Diskurs zu finden vielleicht einige, selbst einige
meiner gewohnten Hörer wundern wird. _,
Man spürt hier die brennende Versuchung beim Analytiker, auf den
Anspruch zu antworten, so wenig es auch sein mag.
Mehr noch, wie ist das Subjekt daran zu hindern, ihm eine solche
Antwort zu unterstellen in der Gestalt seines Anspruchs auf Heilung
und gemäß dem Gesichtskreis eines Diskurses, den es ihm imputiert
mit um 30 größerem Recht, als unsere Autorität Anspruch aufcihn
erhebt, egal ob zu Recht oder sonstwas.
Wer wird nun dieses Nessushemd vonuns nehmen, das wir uns selber
gfiwifht hfi1h@I1¦id9~ß diflfñnalyse auf sämtliche Desiderate des An-
SPrUChS 2111tW01'IBI Und Zwar mittels verbreiteter Normen? Wer wird
diesen ungeheuren Mist der analytischen Literatur aus dem Augiasstall
hinauskehren? g
Zu welchem Schweigen muß deriAnalytiker nun sich verpflichten,
234 _
_ ______ J

um überdiesem Sumpf den erhobenen Finger des heiligen johannes


von Leonardo hervortreten zu lassen zu dem Ende, daß die Deutung
den verlassenen Horizont des Seins wiederfindc, an dem ihre Kraft
des Anspielens sich entfalten soll?

ı9.Da es sich darum handelt, das Begehren zu fassen, und dieses


nur buchstäblich zu fassen ist, weil seinen' Platz als Himmelsvogel
die Netze der Letter determinieren, überdeterminieren, wie sollte man
da vom Vogler nicht verlangen, daß er zuallererst literarisch gebildet
sei?
Die <<literarische›› Seite in Freuds Werk,'die ein Professor für Literatur
in Zürich“ nachzubuchstabieren begonnen hat, wer von uns hat ver-
sucht, deren Bedeutung herauszuarbeiten?
Dies nur alsl-Iinweis. Wir wollen weitergehen. Fragen wir, wie es
damit beim Analytiker sein soll (mit dem «Sein›› des Analytikers)
in Rücksicht auf sein eigenes Begehren; _ _
Wer besitzt noch die Naivität, in Rücksicht auf Freud sich an die
Gestalt eines rechtschaífenen Bürgersvon Wien zu halten, der seinen
Besucher André Breton damit in Erstaunen versetzte, daß er durchaus
nicht als ein von Mänaden Gejagter sich aufspielte. Nun da wir nichts
mehr besitzen alsdas Werk, erkennen wir in ihm nicht einen Feuer-
strom, der nicht' das geringste zu tun hat mit den artifiziellen Wässer-
chen eines François Mauriac? r
Wer verstand es besser als er, indem er kein Hehl aus seinen Träumen
machte, die Schnur zu drehen, auf der der.Ring gleitet, der uns mit
dem Sein verbindet, und ihn so in den geschlossenen Händen, die
sich ihn im Wieselspiel” menschlicher Leidenschaft weiterreichen,
kurz_aufleuchten_zu lassen?
Wer hat wie dieser Stubengelehrte gewettert gegen die, die den Genuß
gepachtet haben und die Last des Bedürfnisses abladen auf die'Schul-
tern der andern?

3'* A.d.Ü.: Gemeint ist Walter Muschg, dessen Zürcher Antrittsvorlesung über «Psy-
choanalyse und Literaturwissenschaft» handelte und der ab 1936 in Basel gelehrt hat.
Die Freudschule von Paris würdigte Muschg mit einer Übersetzung eines seiner Auf-›
sätze zu diesem Thema und einem längeren Kommentar dazu. S. La Psychanalyse,
Vol. 4, Paris.
35 A.d.Ü.: Ein französisches Kinderspiel, bei dem ein Ring, der an einer Schnur
hängt, im Kreis von Hand zu Hand gleitet. Zu erraten ist,- in wessen Hand der Ring
am Ende eines Versspruchs sich befindet. _
7-35
:fc:

Wer hat wie dieser Kliniker, der gebunden War an die Alltäglichkeit
des Leids, das Leben ähnlich unerschrocken abgefragt nach seinem
Sinn, und das nicht um zu sagen, daß es keinen hat, was bequem
wäre, wollte man sich die Hände in Unschuld waschen, sondern nur
einen, wo das Begehren getragen ist vom Tod?
Begehrensmensch, Mensch eines Begehrens, das er gegen seinen Willen
verfolgte auf Wegen, wo es sich spiegelt im Riechen, im Herrschen
und im Wissen, der es hier .aber verstand, er allein, eingeweiht in
abgelebte Mysterien, den Signifikanten ohne Gleichen zu enthüllen;
diesen Phallus, den zu bekommen wie zu geben gleichermaßen unmög-.
lich ist für den Neurotiker, gleichviel ob _er weiß, daß der Andere
ihn nicht hat, oder hat, weil in beiden Fällen sein Begehren anderswe
ist: nämlich Phallus zu sein, und daß der Mensch, ob Mann oder
Frau, akzeptieren muß, ilın zu haben und nicht zu haben, ausgehend
von der Entdeckung, daß er nicht Phallus ist.
Hier schreibt sich jene letzte Spaltung“ ein, durchdie das Subjekt
dem Logos sich artikuliert und über die Freud, als er über sie zu
schreiben begann [r2], auf dem letzten Gipfel eines Werkes von den
Dimensionen des Seins uns die Lösung dert«unendlichen›› Analyse
gab, als sein Tod das Wort Nichts darunter setzte. _ g

3° A.d.Ü.: Deutsch im Original.

2 36
_ __ _________

Hinweis und Literaturangaben

Dieser Vortrag ist ein ausgewähltes Stück aus unserer Lehre. Unser Diskurs auf dem
Kongreß und die Antworten, die dieser erhielt, haben ihn in seinen Zusammenhang
gestellt. -
Wir haben damals eine Skizze vorgelegt, die die Ausrichtungen, die wir hier in bezug
auf das Feld der Analyse und die Handhabung derselben vorstellen, präzise erfaßt,
Wir geben hier alphabetisch geordnet nach Autoren die Belegstellen, auf die unser
Text durch die Zahlen in eckigen Klammern verweist. › 4
Wir verwenden folgende Abkürzungen: _
G. W.: Sigmund Freud, Gesammelte Werke (Imago-Ausgabe). Die römische Zahl
meint die Bandnummer. -
I.].P.: International journal of Psychoanalysis. _
The P. Q.: The Psychoanalytic Quarterly. `
La P. D. A.: Ein Werk mit dem Titel: La psychanalyse d'aujourd'hui, erschienen bei
den Presses uniVCI'SiIfiifßS de Ffaflßß, auf das wir uns nur um der naiven Einfalt
willen beziehen, mit der sidi darin der Hang dokumentiert, in der Psychoanalyse die
Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Madıtherabzusetzen. Eine Arbeit, die
sicher nach außen wirkt, aber auch nach innen: als Obstruktion.Wir zitieren also nicht
die Autoren, die durch keinerlei wissenschaftlichen Beitrag im strengen Sinne auf-
treten.
[1] Karl Abraham, Die Psychosexuellen Differenzen der`Hysterie und der Dementia
praecox (Erster Internationaler psydnoanalytischer Kongreß in Salzburg, 26. April
1908), Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 2. Heft, Juli 1903, Neue
Folge Bd. 19, S. 521-533, und in Klinische Beiträge zur Psychoanalyse (Internatio-
naler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig-Wien--Zürich 1921).
[1] G'-f01'g°5 DCVef°UX› 501110 Criteria for the timing of confrontations and interpre-
tations, I. J. P. XXXII, 1 (Januar 1951), p. 19-24.
[3] Sandor Ferenczi, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch für psychoanalytisdıe
und psychopathologische Forschungen Bd. I (1909), S, 422-457 und 3_ F” Bausteine
zur Psychoanalyse, Bd. I, Bern 19642, S. 9-5 7. - '
[4] Anna Freud, Das Ich und die Abwehrmechanismen, 1936, Kap. IV; Die Abwehr-
mechanismen. Vgl. Versuch einer Chronologie, S. 60--63 (Internationaler Psychoann-
lytischer Verlag, Wien 1936). i I I _
[5] Sigmund Freud, Studien über Hysterie, 1895, G. W., I, Fall Elisabeth von R..
S. 196-151, S. 12;-127. -
[6] Sigmund Freud, Die Traumdeutung, G. W., II-III. Vgl. Kap. IV: Die Traum-
entstellung, S. 152--156, S. 157 und S. 163-168. Kern unseres ,Wesens, S. 609.
I7] Sigmund Freud' Bruchstück einer HYSterie-Analyse (Dora), beendet am 24. Jan.
1901 (vgl. Sigmund Freud, Aus den Anfängen der Psychoanalyse, Frankfurt am Main
1962, S. 280, Brief 140).
[8] Sigmund Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 1909, G. W.,
VII. Vgl. in I, d) Die Einführung ins Verständnis der Kur, S. 40:.--404 und die Fuß-
note S. 404 f., dann I, f) Die Krankheitsveranlassung, also Freuds entscheidende Deu-
137
tung dessen, was wir mit «Das Thema (Sujet) der Krankheit» übersetzen Würden,
und I, g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee, auf S. 417--438.
[9] Sigmund Freud, jenseits des Lustprinzips, 1920, G. W., XIII: Vgl. wenn noch
nötig S. 1 1--14 des II. Kap. '
[10] Sigmund Freud, Massenpsydıologie und Ich-Analyse, i 1921, G» W-2 XIII,
Kap. VII: Die Identifizierung, S. 116-1 18.
[11] Sigmund Freud, Die endliche und die unendliche Analyse, 1937, G. W., XVI,
S. 59-99, ins Französische übersetzt unter dem Titel: Analyse terminëefl) et analyse
ı'ntermz`nahle(!!). Unsere Ausrufezeidıen gelten den Standards, die in der französi-
schen Übersetzung von Freuds Werken praktiziert werden.
[12] Sigmund Freud, Die Ichspaltung im Abwehrvorgang,-G. W., XVII, Schriften
aus dem Nadılaß, S. 58-62. Datum des Manuskripts: 2. Jan. 1938 (unvol-lendet).
[13] Edward Glover, The therapeutic effect of inexact interpretation: a contribution
to the theory of suggestion, I._].P., XII, 4 (Okt. 1931),'S. 399-411.
[14] Hartmann, Kris and Löwenstein, ihre Veröffentlichungen im Team, in The
psychoanalytic study of the child, seit 1946. __ _ _
[15] Ernst Kris, Ego psychology and interpretation in psychoanalytic therapy, The
P.Q., XX, No 1, jan. 1951, S. 21-25.
[16] Jacques Lacan, Unser Vortrag von Rom, 26-27. Sep. 1953; Funktion und Feld
des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, siehe oben S. 71 ff.
[17] Jacques Lacan, Die Instanz der Letter im Unbewußten oder die Vernunft seit
Freud, 9. Mai 1957, ersdıeint in «Sdıfifçen 11,., ' , _
[18] Daniel Lagache, Le problème dutransfert (Vortrag an der XIV. Konferenz der
Psychoanalytiker französischer Sprache, 1. Nov. 1951), Rev. franç. Psychan., t. XVI,
1952, No 1-2, S. 5-115.
[19] Serge Le_c1aire, A la recherdıe des principes d'une psychothérapie des psychoses
(K0I1gfCß V011 BOIIHCVRI, I 5- April 1957), L'Evolution psydıiatrique, 1958, fasc. 2, p.
377-419-
[20] Ida Mâcalpine, The development of the transference, The P.XIX, No 4,
Okt. 1950, S. 500-539, besonders S. 502-508 und S. 522-528.
ill] L9- P-D-A» 5- SI f. (über «prägenital›› und «genital››), passim (über die Ichstär-
6
kung und die Methode derselben), S. 102 (über die Distanz zum Objekt, methodi-
sches Prinzip einer Kur). ' '
[22] La P. D. A. Vgl. in der Reihenfolge S. 133 (emotionale Reedukation), S. 133
(Gegensatz der P.D.A. zu Freud in der Frage über die Bedeutung der Zweierbezie-
hUf18)› 5' 132 (die Heilung «von innen heraus››), S. 135 (wichtig ist . . . nicht so sehr,
was der Analytiker sagt oder tut, als vielmehr das, was er ist), und S. 136, etc.,
passim und auch S. 162 (über den Abschiedam Ende der Behandlung), S. 149 (über
den Traum). 1 i L "
[2 3: R. L., Perversion sexuelle transitoire au cours d'un traitement psydıanalytiqüßs
Bulletin d'activités de 1'Association des Psychanalystes de' Belgique, No 25, 3- I-17›
1 18, rue Froissart, Brüssel.
[24] Ella Sharpe, Technique of psychoanalysis, Coll. Papers, Hogarth Press. Vgl.
S. 81 (über das Bedürfnis, seine Existenz zu rechtfertigen); S. 12-14 (über die Kennt-
nisse und die erforderlidıen Techniken des Analytikers).

238 I
,.

[25] Melitta Schmideberg, Intellektuelle Hemmung und Eß-störung, Zeitschrift für


psychoanalytische Pädagogik, VIII, 1934.
[26] _].D.Williams, The compleat strategyst, The Rand Series, McGraw-Hill Book
Company Inc., New York, Toronto, London.
[27] D.W.Winnicott, Transitional objects and transitional phenomena, 15. Juni
1951, I.].P., XXXIV, 1953, S. 11, S. 29-97.
Übersetzt 'von Norhert Haas
I

139
Begriffsregister

Aufgenommen in dieses Register, das im zweiten Band dieser Ausgabe : er s änzt wer-
_
den wird, sind mit wenigen Ausnahmen nur Termini Laca ns 'ım engeren Sinne.
` Die
Entspredıungen des psychoanalytısdıen Vokabulaısfindet man bei J. Laplanche und,
J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psydıoanalyse › Frankfur t am M aın` 1972, in der
Übertragung von Emma Moersch 1 der wir n 111' In
` d en Begriffen
` <Spıegelstadıum»
' ' und
«Phantasma» nidit folgen. '

der l das andere = Pautre


der l das Andere _ = l'Autre _
Anspruch - = demande
Augenblidc des Schließens moment de cnnclum
Aufklaffen _ _ = beance
Bedeutung = signification
Bedürfnis = begein
Begehren, seltener Begierde, Wunsch = désir `
Diskurs = discours
Effekt, Wirkung = effe;
Engführung = défilé
das Imaginäre › = Pimaginaire
signifikante Kette = chaine signifiante
Letter, Buchstabe, Brief = lettre
Lust == plaisir
Lusterleben, seltener Genuß = jouissance
Phantasma = famásme
das Reale = le reel
Seinsverfehlen = manque à être
Signifikant 2 signifiant

Slgfilfikat =

Spiegelstadium 1 = stade du miroir


Sprechen _ .__
- parole
leeres Spredıen = parole vide
volles Sprechen --
._- paro
' 1 e pleine
(1215 symbOllSd'1C = lg symbolique

Term = terme (in linguistischer Verwendung)


Zelt (ICS vCfStChCnS x temps pour comprendre

240
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