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Abiturprüfung 2016

Deutsch

Thema 4: Hilde Domin Ich will dich

Das Gedicht „Ich will dich“ wurde 1970 von Hilde Domin geschrieben. Es ordnet sich in
die Gattung der Gedankenlyrik ein.
In dem Gedicht geht es um den Freiheitsbegriff, welcher als zu oft und zu leichtfertig
verwendet dargestellt wird. Das lyrische Ich strebt danach den Begriff der Freiheit
wieder zu einem Wort zu machen, das weder übermäßig noch leichtfertig oder
verallgemeinernd verwendet wird. Der Titel sowie die ersten beiden Verse des
Gedichts lassen darauf vermuten, dass das lyrische Ich der Freiheit im Rahmen des
Gedichts eine Wertschätzung oder sogar eine Art Liebeserklärung entgegen bringt.
Das Gedicht umfasst sieben Strophen wobei die erste Strophe lediglich vier Verse
umfasst im Gegensatz zu den darauf folgenden sechs Strophen mit jeweils fünf
Versen. Ein Metrum ist in dem Gedicht nicht vorhanden und das Versmaß erstreckt
sich von nur einem Wort pro Vers bis hin zu acht Worten im vierten Vers der vierten
Strophe, wobei auch im Versmaß keine Regelmäßigkeit zu erkennen ist. Ebenso wenig
wie einem Metrum folgt das Gedicht einem Reimschema. Eine weitere Auffälligkeit ist
die Tatsache, dass das Gedicht abgesehen von einer Ausnahme keine Satzzeichen
enthält. Das hat den Effekt, dass unterschiedliche Zusammenhänge zwischen
verschiedenen Fragmenten des Gedichts hergestellt werden können, wodurch sich
auch der Umfang der verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten um einiges
vergrößert. Mit diesen Unregelmäßigkeiten ist bereit die äußere Form des Gedichts
eine Metapher für die Aussage des Gedichtes. Denn eben diese Unregelmäßigkeiten
erschweren dem Leser das Verständnis. Dadurch hat das Gedicht nichts leichtfertiges,
allgemeines oder gewöhnliches an sich und das ist genau das, was das lyrische Ich aus
dem Begriff der Freiheit machen möchte, ein Wort, das weder einer allgemeinen
Bedeutung entspricht noch leichtfertig verwendet wird.
In der ersten Strophe des Gedichts spricht das lyrische Ich davon, die als geleckt
bezeichnete Freiheit mit Schmirgelpapier aufrauen zu wollen. Die Freiheit als Geleckt
zu bezeichnen stellt diese metaphorisch als von vielen Menschen in dem Mund
genommen dar was auf eine übermäßige Nutzung dieses Begriffes hindeutet die dann
durch das Aufrauen jedoch an Komplexität gewinnen soll. „Freiheit“ steht als einziges
Wort im ersten wodurch sofort hervor geht, dass dies das Thema ist, welches den
restlichen Teil des Gedichtes bestimmt. Die Aussage „Ich will dich / aufrauen mit
Schmirgelpapier“ (S. 1; V. 2-3) ist durch ein Enjambement getrennt wodurch der erste
der beiden Verse zwei Bedeutungen erhält. Wenn dieser unabhängig vom zweiten der
beiden Verse betrachtet wird wird die Freiheit lediglich als solche gewollt was auf eine
gewisse Unfreiheit des lyrischen Ichs hindeutet. Die Beiden Verse im Zusammenhang
betrachtet sagen jedoch aus, dass das lyrische Ich die Freiheit mit Schmirgelpapier
aufrauen also ihr die glatte Oberflächen nehmen möchte. Dies ist keine sanfte
Methode ein Objekt zu verändern und steht dadurch im Widerspruch zu dem
Bedürfnis, dem diese Tat entspringt den Freiheitsbegriff von willkürlichem Gebrauch zu
schützen und zu etwas Besonderem zu machen. Die Freiheit wird in dieser Strophe so
wie in dem Rest des Gedichtes direkt angesprochen, wodurch die Freiheit personifiziert
was wiederum eine Gewisse Sympathie des Lesers für die im Gedicht behandelte
Freiheit schafft. In der zweiten Strophe definiert das lyrische Ich von welcher Freiheit in
dem Gedicht die Rede ist. Es handelt sich hierbei um „meine / unsere / Freiheit“ (S. 2;
V. 2-4) womit Freiheit im generellen Sinne und die Freiheit aller gemeint ist. Der
Freiheit wurde hier im vierten Vers der Strophe das Adelsprädikat „von und zu“
hinzugefügt, was den Freiheitsbegriff mit dem Adel vergleicht, der zu früherer Zeit
noch durchaus Bedeutung und Relevanz hatte, was in der modernen Zeit jedoch
verloren ging und heute ist das Adelsprädikat lediglich ein Zusatz zum Namen. Durch
diesen Vergleich erscheint auch die Freiheit als etwas, dass früher noch Relevanz und
Bedeutung enthielt, sich in der heutigen Zeit jedoch auf ein daher gesagtes Wort
beschränkt, dass jegliches Gewicht und jede ihm ehemalig innewohnende Macht
verloren hat. Die ersten vier Verse der Zweiten Strophe sind eingeklammert. Dies
schafft einerseits den Eindruck, dass deren Aussage, es handele sich um jedermanns
Freiheit , eigentlich nebensächlich da selbstverständlich ist. Auf der anderen Seite
unterstreichen die Klammern diesen Teil des Gedichtes auch, durch die Auffälligkeit,
dass hier als einziges Satzzeichen verwendet wurden. Dies lässt vermuten, dass das
lyrische Ich betonen wollte, wie allgemein der Freiheitsbegriff mittlerweile geworden
ist, ein Begriff der solcher Allgemeinheit und Gewöhnlichkeit entspricht, dass es einer
Betonung bedarf den Leuten klar zu machen, dass es sich um ihre Freiheit handelt,
eins der wichtigsten Menschenrechte und gleichzeitig eins, dass für so immer wieder
für viele Konflikte sorgt. In dem letzten Vers der zweiten Strophe wird die Freiheit als
Modefratz bezeichnet. Dies wirkt bereits nahezu wie eine Beleidigung was zum
Ausdruck bringt, wie sehr das lyrische Ich verachtet, was aus dem Freiheitsbegriff
geworden ist. Auch unterstreicht die Bezeichnung Modefratz erneut wie allgemein die
Verwendung des Wortes Freiheit geworden ist und dass genau wie bei modernen
Modeerscheinungen kaum noch tiefe in diesem Begriff vorhanden ist. In der dritten
Strophe wird beschrieben, wie der Freiheitsbegriff durch übermäßige Verwendung
abgenutzt wird. Die ersten drei Verse dieser Strophen sagen, dass die Freiheit mit
Zungenspitzen geleckt wird, bis diese ganz rund ist. Diese Beschreibung verdeutlicht
bildhaft, wie oft das Wort Freiheit in den Alltag eingebunden wird. Mit dem Bild von der
Zungenspitze ist ein sehr sensorisch sensibles Sinnesorgan gewählt, was den Kreislauf
verdeutlicht in dem sich die Abnutzung der Freiheit befindet. Desto öfter das Wort
Freiheit verwendet wird, desto glatter und runder wird seine symbolische Oberfläche
was wiederum dazu führt, dass dessen Verwendung weniger unangenehm wird. Hier
lässt sich auch ein Zusammenhang zu dem, in der ersten Strophe dargestellten
Bedürfnis herstellen die Freiheit mit Schmirgelpapier aufrauen zu wollen, da dies es
unangenehmer machen würde diese auf die Zungenspitze zu nehmen womit gemeint
ist, dass es schwerer würde Freiheit nebensächlich oder leichtfertig zu erwähnen. Im
vierten und fünften Vers der dritten Strophe wird die Freiheit als „Kugel auf allen
Tüchern“ bezeichnet. Das Symbol der Kugel verdeutlicht einmal mehr die Simplizität ,
die die Freiheit erhielt, und dass ihr eben wie einer Kugel jegliche markante
Oberflächenform fehlt. Übrig geblieben ist lediglich eine von allen Betrachtungsweisen
und Blickwinkeln identische Form. Die Tücher stehen für die Verschiedenheit der
Menschen für die jedoch alle unter dem Verständnis von Freiheit lediglich eine Kugel
übrig blieb. „Kugel“ steht hier ebenso wie „Freiheit“ in Strophe eins und „Modefratz“ in
Strophe zwei als einziges Wort in einem Vers. Dadurch, dass „Kugel“ und „Modefratz“
als Bezeichnungen für Freiheit verwendet werden taucht die Freiheit in jeder der
ersten drei Strophen unter einer anderen Bezeichnung auf. Wobei diese Bezeichnugen
für sich bereits darstellen was laut dem lyrischen Ich aus der Freiheit geworden ist. In
der vierten Strophe variiert die Handlung in dem Sinne, dass das lyrische Ich übergeht
davon, lediglich zu beschreiben was mit der Freiheit passiert ist zu Beschreibungen
was es aus dem Freiheitsbegriff machen möchte um diese leichtfertige Verwendung zu
beenden womit wieder aufgenommen wird, das bereits in der ersten Strophe
angedeutet wurde, dass das lyrische Ich danach strebt der Freiheit wieder Struktur zu
verleihen. In den ersten beiden Versen dieser Strophe spricht das lyrische ich wieder
lediglich davon das Wort „Freiheit“ aufrauen zu wollen. In dem darauf folgenden Vers
wird dieses Vorhaben jedoch noch gesteigert mit der Aussage „ich will dich mit
Glassplittern spicken“. Anders als beim Aufrauen wird hier nicht nur das, was die
Freiheit heute ist bearbeitet sonder es wird noch mit zusätzlichen Materialien versehen
was wiederum die Komplexität der Freiheit erhöht. Ebenso sind Glassplitter sehr
scharfe Objekte an denen man sich sehr leicht verletzen kann. Das impliziert, dass das
lyrische Ich möchte, dass mit dem Freiheitsbegriff vorsichtiger umgegangen wird. Hier
wird im Gegensatz zum Aufrauen nicht lediglich der Freiheitsbegriff in seiner
vorherigen Struktur verletzt sonder ebenso die Menschen, die nicht achtsam mit
diesem umzugehen wissen. Dies unterstreicht wieder einmal wie wichtig dem
lyrischen Ich eine Veränderung in dem Umgang mit dem Wort „Freiheit“ ist. Im vierten
Vers der vierten Strophe wird wieder die Zunge als Symbol verwendet, die die Freiheit
jetzt, da mit Glassplittern gespickt, nur noch schwer nimmt. Die hier genannte
Schwere steht sowohl dafür, dass die Leichtigkeit genommen ist, die die Verwendung
des Wortes „Freiheit“ so alltäglich gemacht hat, als auch dafür, dass die Freiheit in
ihrer Bedeutung durch die Glassplitter an Gewicht und damit an Bedeutung wieder
gewann. Im letzten Vers der vierten Strophe ist die rede davon, dass die Freiheit so
„niemandes Ball“ sei. Die Bezeichnung der Freiheit als Ball zeigt erneut die Leichtigkeit
die Freiheit begleitet hatte aber ebenso, dass das lyrische Ich Freiheit als etwas sieht,
dass lediglich ernst zu betrachten sei. Auch ist der Ball als eine Art Spielball zu
verstehen, was heißt, dass die die Freiheit willkürlich wie ein Spielzeug Verwendung
fand. In der fünften Strophe spricht das lyrische Ich davon auch noch andere Worte mit
Glassplittern spicken zu wollen. Diese Aussage lässt darauf schließen, dass die
Gesellschaft an sich in den Augen des lyrischen Ichs an Tiefgründigkeit und Bedeutung
verloren hat, so ist doch die Sprache zugleich Spiegel und stärkstes Ausdrucksmittel
der Menschen. Auch bezieht sich das lyrische Ich in den letzten beiden Versen dieser
Strophe auf Konfuzius und darauf, dass Konfuzius eben diesen Akt des Worte mit
Glassplittern spickens befohlen hätte. Damit, dass sich das lyrische Ich auf den
Philosophen Konfuzius bezieht untermauert es seine Argumentation was die Relevanz
angeht den Worten ihr Gewicht und ihre Komplexität zurück zu geben. In der sechsten
Strophe des Gedichts wird Konfuzius sinnbildlich zitiert mit seiner Aussage, dass eine
Eckenschale auch Ecken haben muss da der Staat sonst zugrunde gehe. So ist eine
Eckenschale, ein altertümliches Opfergefäß, nicht mehr eckig. Dieser Vergleich
verdeutlicht wie viele Bedeutungen sich im laufe der Zeit verändert haben. Die
Begriffe jedoch blieben die gleichen was zu Widersprüchen führt. Mit der Aussage,
dass der Staat sonst zugrunde gehe wird unterstrichen, dass die Sprache ein Kulturgut
ist und dass eine Gesellschaft ohen Kultur auseinander bricht. Auch in der siebten
Strophe wird Konfuzius zitiert mit der Aussage „Nennt das Runde rund und das Eckigen
eckig“ (S. 7; V. 3-5). nichts weiter als dass sei vonnöten. Damit wird noch einmal
darauf angespielt, dass in der modernen Gesellschaft kaum noch die Wahrheit gesagt
wird, sowohl in der Politik und der Presse als auch in kleinerem Rahmen wie
Beziehungen. Vieles wird durch die Blume gesagt und durch Umschreibungen, die im
Endeffekt ohne Aussage bleiben verlieren Begriffe wie beispielsweise die Freiheit ihre
Bedeutung. In den letzten beiden Strophen wird drei mal die Phrase „sagt er“
wiederholt wodurch das lyrische Ich seine Aussagen mit den Aussagen Konfuzius‘
untermauert.
Mithilfe der vielen Vergleiche und Metaphern, die Hilde Domin in ihrem Gedicht
verwendet untermauert sie die Aussage, dass der Freiheitsbegriff sowie andere Worte
der modernen Sprache durch leichtfertigen und unpassenden Gebrauch an Bedeutung
verloren haben und dass es wichtig ist diese Begriffe wieder zu etwas Besonderem zu
machen. Jedoch widerspricht sich das Ziel, Freiheit zu etwas besonderem zu machen
was nicht einfach so von jedem Menschen in dem Mund genommen werden darf, der
Definition von Freiheit in sich. So ist gerade in der heutigen Gesellschaft, in der der
Begriff Freiheit laut der Aussage des Gedicht nicht mehr angemessen angewendet
wird, die Möglichkeit ein Leben zu führen so viel größer als noch vor hundert Jahren.
Die leichtfertige Verwendung von verschiedenen Begrifflichkeiten in sich ist bereits ein
Zeichen dieser Freiheit, die Freiheit der Sprache. So ist die Kultur, die laut dem Gedicht
so dringend erhalten bleiben muss zwar keineswegs ein Hindernis in Hinblick auf ein
freies Leben und eine freie Gesellschaft und dennoch widerspricht es der Freiheit sich
dem Zwang zu unterwerfen eben diese zu erhalten. Das lyrische Ich des Gedichtes als
Beispiel ist so stark konzentriert darauf dem Begriff „Freiheit“ all seine Bedeutung und
Tiefgründigkeit wieder zu geben, dass es selber dabei sehr viele Grenzen zieht, die
dieser Bedeutung in sich widersprechen. So lässt sich zusammenfassend sagen, dass
die Aussage des Gedichts nicht ganz und gar auf die Gesellschaft wie sie heute
besteht übertragbar ist, da sie einen Widerspruch in sich darstellt und dennoch ist die
dargestellte Problematik des Kulturverlustes durch eine gewisse Banalität in der
Sprache durchaus existent. Die Methode jedoch Schritte zurück zu machen in dem
Begrifflichkeiten ihre ursprünglichen Bedeutung zurück gewinnen ein Kontrast zu einer
Entwicklung, da die Gesellschaft lediglich die Möglichkeit halt sich nach vorn zu
entwickeln.

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