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Energie

Atlas
NACHHALTIGE ARCHITEKTUR
Edition ∂

HEGGER
FUCHS
STARK
ZEUMER
Energie
Atlas
NACHHALTIGE ARCHITEKTUR

HEGGER
FUCHS
STARK
ZEUMER

Institut für internationale Architektur-Dokumentation · München


Das Buch wurde erarbeitet am
Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen Prof. Manfred Hegger
Fachbereich Architektur, Technische Universität Darmstadt
www.tu-darmstadt.de/architektur/ee
in Verbindung mit dem
Institut für internationale Architektur-Dokumentation
GmbH & Co. KG, München
www.detail.de

Autoren Fachbeiträge:

Manfred Hegger Chris Luebkeman, Dr. sci. tech.


Prof. Dipl.-Ing. M. Econ Architekt Arup Research + Development, London
Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt
Hermann Scheer, Dr. rer. pol., MdB
Matthias Fuchs Eurosolar, Bonn
Dipl.-Ing. Architekt
Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt Robert Kaltenbrunner, Dr.-Ing. Architekt
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bonn
Thomas Stark
Dr.-Ing. Architekt Thomas Herzog, O. Prof. em., Dr. (Univ. Rom), Dr. h. c.,
Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt Dipl.-Ing. Architekt
TU München
Martin Zeumer
Dipl.-Ing. Karl-Heinz Petzinka, Prof. Dipl.-Ing. Architekt
Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt Bernhard Lenz, Dipl.-Ing., Dipl.-Ing., M. Eng Architekt
Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie, TU Darmstadt
Mitarbeiter:
Natascha Altensen; Hans Drexler, Dipl. Arch. ETH M. Arch. (Dist);
Laura Eckel; Alexandra Göbel, Dipl.-Ing.; Michael Keller, Dipl.-Ing.; Wissenschaftlicher Beirat Diagnosesystem Nachhaltige Gebäude-
Nikola Mahal; Thomas Meinberg, Dipl.-Ing. qualität (DNQ):

Mitarbeit Zeichnungen: Brian Cody, Prof. BSc(Hons) CEng MCIBSE, TU Graz


Julia Kirsten Eisenhuth; Viola John, Dipl.-Ing.; Sabine Djahanschah, Dipl.-Ing. Architektin, Deutsche Bundes-
Geraldine Nothoff, Dipl.-Ing.; Johanna Wickenbrock stiftung Umwelt
Thomas Lützkendorf, Prof. Dr.-Ing. habil., Universität Karlsruhe (TH)
Hansruedi Preisig, Prof. Dipl. Arch. SIA, FH Winterthur
Peter Steiger, Prof. em., TU Darmstadt

Redaktion Druck und Bindung:


Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell
Projektleitung und Lektorat:
Julia Liese, Dipl.-Ing. Herausgeber:
Steffi Lenzen, Dipl.-Ing. Architektin Institut für internationale Architektur-Dokumentation
GmbH & Co. KG, München
Redaktionelle Mitarbeit:
Astrid Donnert, Dipl.-Ing.; Claudia Fuchs, Dipl.-Ing.; © 2007, erste Auflage
Carola Jacob-Ritz, M. A.; Florian Krainer;
Nicole Tietze, M. A. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch
begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des
Zeichnungen: Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und
Marion Griese, Dipl.-Ing.; Daniel Hajduk, Dipl.-Ing.; Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Ver-
Caroline Hörger, Dipl.-Ing.; Claudia Hupfloher, Dipl.-Ing.; vielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in
Elisabeth Krammer, Dipl.-Ing. Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugswei-
ser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Wer-
Herstellung / DTP: kes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen
Roswitha Siegler Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils gel-
tenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungs-
Repro: pflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmun-
Martin Härtel OHG, Martinsried gen des Urheberrechts.

4
Inhalt

Impressum 4
Vorwort 6

Teil A Positionen 8

1 Globaler Wandel
Chris Luebkeman 10
2 Energiewende
Hermann Scheer 14
3 Architektur und Nachhaltigkeit –
eine schwierige Beziehung
Robert Kaltenbrunner 18
4 Die Dinge richtig tun – über
Effizienz und Nachhaltigkeit
Manfred Hegger 24
5 Solare Architektur
Thomas Herzog 28
6 Planen und Bauen
in Lebenszyklen
Karl-Heinz Petzinka, Bernhard Lenz 32

Teil B Planung 36

1 Grundlagen 38
2 Stadtraum und Infrastruktur 62
3 Gebäudehülle 82
4 Technik 110
5 Material 146
6 Strategien 176

Teil C Gebaute Beispiele im Detail 198

Projektbeispiele 1 bis 20 200 – 257

Teil D Anhang 258

Glossar: Kennwerte 258


Glossar: Klimadaten 260
Glossar: Ökobilanzdaten 262
Verordnungen, Richtlinien, Normen 268
Literatur 269
Abbildungsnachweis 272
Sachregister 276

5
Vorwort

Der Energie Atlas erweitert die Reihe der Atlan- zum nachhaltigen Fortschreiten unserer Gesell-
ten nicht nur um einen weiteren Titel, sondern schaft beitragen.
auch um eine neue Dimension. Erstmals geht Nachhaltigkeit berührt die Gesamtheit des pla-
es nicht primär um Materie, um eine Baustoff- nerischen Handelns und des Betreibens von
oder eine Konstruktionselementgruppe. Dieser Gebäuden, gesellschaftliche, wirtschaftliche
Atlas nähert sich dem Entwerfen und Konstru- und ökologische Anliegen. Sie ist eine Entwick-
ieren von zunächst unsichtbaren Eigenschaf- lung, bei der die heutige Gesellschaft Rück-
ten: der Nachhaltigkeit und der Energieeffizi- sicht nimmt auf die Bedürfnisse zukünftiger
enz von Gebäuden. Generationen. Nachhaltigkeit definiert sich
nicht nur aus den Qualitäten des Bauobjekts
Eine Reihe von Argumenten spricht jedoch für (Objektqualität), sondern auch aus seiner Lage
diese Betrachtungsweise. Kein anderer Indus- (Standortqualität) und aus seinem Entstehungs-
triezweig benötigt mehr Materialien und Ener- prozess (Prozessqualität). Effizienz im Einsatz
gie, produziert mehr Abfälle und trägt weniger von Energie und Ressourcen wird zu einem
zum Materialrecycling bei als das Bauen. Seit zentralen Qualitätsmerkmal eines Gebäudes.
geraumer Zeit bestimmen diese Themen auch Die Instrumente des material- und energie-
die internationale öffentliche Diskussion und effizienten Bauens sind zugleich die Mittel der
den Prozess der politischen Meinungsbildung. Architektur: Leichtigkeit und Masse, Schutz
Aus vielerlei Gründen: Manche Materialien wer- und Transparenz, Flächenökonomie und Raum-
den knapp und entsprechend teurer, andere wirkung.
erzeugen ungewollte Auswirkungen auf Umwelt
und Nutzer, wieder andere erfüllen nicht dauer- Gebäude unterscheiden sich in einem ganz
haft die an sie gestellten Ansprüche. Dies gilt wesentlichen Punkt von anderen Objekten
in gleichem Maße für die konventionellen Ener- unseres täglichen Bedarfs: Sie erfüllen bereits
gieträger: Auch sie sind knapp und verteuern die Voraussetzungen zur Nutzung erneuerbarer
sich zusehends; darüber hinaus gelten sie als Energiequellen. Sie verbinden sich in aller
wesentliche Verursacher des Klimawandels Regel mit dem Erdboden und können oberflä-
und weiterer Umweltbelastungen. Die prognos- chennah sein gleichmäßiges Temperaturniveau
tizierte Reichweite nicht erneuerbarer Energie- oder die Erdwärme aus tieferen Schichten aus-
träger wie Erdgas und Erdöl ist geringer als die nutzen. Sie stehen im freien Luftstrom, können
zu erwartende Lebensdauer vieler Gebäude, sich Druckunterschiede und Windenergie
nicht nur der Neubauten. Die globale Ausein- zunutze machen. Sie sind dem Tageslicht aus-
andersetzung um die Reserven spitzt sich zu, gesetzt und können auf diese Weise direkt die
Befürchtungen um die Versorgungssicherheit Hauptenergiequelle anzapfen, die uns zur Ver-
sind nur allzu berechtigt. Zunehmend werden fügung steht: die Sonne. Standortbezogen sind
uns die Endlichkeit vieler Ressourcen und die weitere erneuerbare Energiequellen verfügbar:
Folgen ihres unkontrollierten Einsatzes für Grundwasser und Fließwasser, Biomasse und
Mensch und Umwelt bewusst. Biogas, um nur einige zu nennen.

Die Architektur, das Bauen bietet die größten Trotz dieser nahe liegenden Möglichkeiten sind
Handlungspotenziale für eine nachhaltige wir im Bauwesen in Bezug auf Nachhaltigkeit
Gestaltung der Umwelt. Wir müssen unser und Energieeffizienz noch weit entfernt vom
Bemühen verstärken, Material- und Energie- Entwicklungsstand anderer Industriezweige.
effizienz im Bauen und in der Nutzung von Wir können nicht weiter abwarten. Die Politik
Gebäuden zu erhöhen. Durch kluge Entwurfs- sieht sich durch absehbare Versorgungskrisen
und Planungsentscheidungen können wir Res- und Auseinandersetzungen wie auch durch die
sourcen sparsamer einsetzen, die Dauerhaftig- öffentliche Meinung veranlasst, regulierend ein-
keit von Gebäuden verbessern und Umwelt- zugreifen – global, auf europäischer Ebene,
schäden reduzieren. Auf diese Weise können national und lokal. Architekten und Ingenieure
wir bleibende Werte schaffen und erhalten und haben die Möglichkeit, ihre kreative Meinungs-

6
führerschaft gesellschaftlich wirksam zu ses als Voraussetzung für nachhaltiges Bauen tebau und Infrastruktur über die Objektebene
machen. Das Innovationspotenzial ist gewaltig sowie zur Bewertung nachhaltiger Gebäude- bis hinein in die Gestaltung von Planungspro-
und bislang kaum ausgeschöpft. Die Heraus- qualität. Wo immer möglich, verdichten sich zessen zu behandeln – besonders aber, es in
forderung einer nachhaltigen Entwicklung im Aussagen in Bild- oder Diagrammform. Das am den größeren Zusammenhang nachhaltiger
Bausektor bietet Chancen: wissenschaftliche, Ende dieses Teils vorgestellte »Diagnosesys- Entwicklung der Architektur und des Bauens zu
technische und gestalterische Erneuerung in tem Nachhaltige Gebäudequalität« (DNQ) fasst stellen.
einem lange nicht mehr besonders innovations- wesentliche Beurteilungskriterien für zukunfts-
verdächtigen Wirtschaftszweig, neue Export- gerechtes Bauen zusammen. Sie machen Die Erarbeitung dieses Werks hat viel Energie
chancen und erneut eine Rolle als Impulsgeber handhabbar und bewertbar, was sich bislang gebunden, insbesondere menschliche Energie
für langfristige gesellschaftliche Entwicklungs- nur in pauschalen Forderungen nach Nach- von Autorenteam, Mitarbeitern und Verlag.
linien. haltigkeit ausgedrückt und diesen Begriff ent- Allen Institutionen und Personen, die beim Ent-
wertet hat. stehen dieses Werks kompetent mitgewirkt
Der Energie Atlas möchte hierzu Grundlagen Die Planungsgrundlagen bieten entsprechend haben, die uns in unseren Familien und Freun-
vermitteln, Beispiele aufzeigen und Anregun- umfangreiches Material auf verschiedenen deskreisen den Rücken für die Arbeit an die-
gen geben. Der Aufbau folgt insgesamt dem Betrachtungsebenen an. Sie zeigen auch, dass sem Werk freigehalten haben und denjenigen,
vertrauten Schema der Konstruktionsatlanten wir bereits in großem Umfang über ausgereifte die es durch Zuwendung von Mitteln großzügig
der Edition Detail. Technologien zur effizienten Nutzung der Res- unterstützt haben, danke ich herzlich.
sourcen verfügen, die uns die Erde bietet, ohne
Teil A »Positionen« widmet sich grundlegenden ihre Schönheit anzutasten. Es bleibt jedoch Vielleicht spüren unsere Leser diese Energie.
Aspekten des nachhaltigen und energieeffizi- dem Leser überlassen, hieraus eine dem Ort Ihr Einsatz hat sich gelohnt, wenn sie weitere
enten Bauens. Gastbeiträge zum globalen und der Aufgabe gerecht werdende Lösung zu Energie mobilisiert, die die gesellschaftlichen
Wandel und zur Energiewende stellen überge- entwickeln, die mit minimalen Mitteln maxima- und professionellen Herausforderungen auf-
ordnete Bezüge her. Die schwierige Beziehung len Nutzen erzielt. greift und auf diese Weise die Entwicklung der
zwischen Architektur und Nachhaltigkeit und Architektur und des Bauens fördert.
die wenig genutzten Potenziale der solaren Bei der Auswahl der im Teil C »Gebaute Bei-
Architektur sind thematisiert. Schlüsselthemen spiele« dokumentierten Gebäude stand jeweils
wie Effizienz und Lebenszyklus legen die die Beziehung zwischen Nachhaltigkeitsansatz, Darmstadt, im August 2007
Bedeutung der Nachhaltigkeitsbetrachtung in Energiekonzept und architektonischer Haltung Manfred Hegger
der Architektur offen. Sie verdeutlichen den im Vordergrund. Ausgewählt wurden weitge-
Handlungsbedarf und zeigen auf, welche hend aktuelle Projekte, die durch ihre beson-
Dynamik eine entsprechende Entwicklung im dere architektonische Interpretation von bau-
Bauen erzeugen könnte. licher Nachhaltigkeit und Energieeffizienz her-
vortreten. Die verbale, grafische und bildliche
Teil B »Planungsgrundlagen« ist dem gegen- Darstellung der Gebäude mündet jeweils in
über handlungsorientiert. Ausgehend von der eine bewertende Beschreibung des Nachhal-
Darstellung allgemeiner Grundlagen von Nach- tigkeitsansatzes nach dem Diagnosesystem
haltigkeit und Energie, Klima und Wohlbefinden Nachhaltige Gebäudequalität (DNQ). Über die
sind die verschiedenen Planungs- und Hand- gezeigten Beispiele wird deutlich, dass Tech-
lungsebenen nachhaltigen und energieeffi- nologien zur effizienten Nutzung von Ressour-
zienten Bauens behandelt: Stadtraum und cen und Energie neue architektonische Poten-
Infrastruktur, Gebäudehülle und Gebäudetech- ziale eröffnen – aber auch, dass der Suchpro-
nik sowie die Materialwahl. Die rapide Entwick- zess nach dem geeigneten architektonischen
lung in diesem Feld, insbesondere in der Ener- Vokabular zur Lösung der neuen gesellschaft-
gietechnik, hat immer wieder Aktualisierungen lichen Aufgaben noch längst nicht als abge-
erforderlich gemacht. Der derzeitige Wissens- schlossen angesehen werden kann.
stand zum Zeitpunkt der Drucklegung ist
anschaulich zusammengefasst. Die Aussagen Der Energie Atlas ist über den notwendiger-
dieses Teils münden in Handlungsanleitungen weise prägnanten Buchtitel hinausgehend
zur Entwicklung von Energiekonzepten, zur angelegt. Die Energie steht im Mittelpunkt. Der
Organisation eines integralen Planungsprozes- Anspruch war jedoch, dieses Thema von Städ-

7
Teil A Positionen

1 Globaler Wandel
Chris Luebkeman

2 Energiewende
Hermann Scheer

3 Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung


Robert Kaltenbrunner

4 Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nachhaltigkeit


Manfred Hegger

5 Solare Architektur
Thomas Herzog

6 Planen und Bauen in Lebenszyklen


Karl-Heinz Petzinka, Bernhard Lenz

Abb. A die Erde vom Mond aus betrachtet

9
Globaler Wandel

Chris Luebkeman

A 1.1
In Bezug auf Design und Konstruktion der Bei den Workshops wurde das unter dem
gebauten Umwelt beherrschen wir technisch Namen STEEP bekannte System verwendet,
fast alles. Wir sind in der Lage, Gebäude zu um die Kernthemen zu bewerten [3]. Um einen
bauen, die genauso viel Energie produzieren gleichwertigen Dialog über die Zukunft führen
wie sie verbrauchen. Wir können wundervolle zu können, wird dabei jedes Themenfeld ein-
Räume und Orte schaffen, in denen Menschen zeln betrachtet. Die einzelnen Themen wie
sich gerne aufhalten. Wir wissen, wie man demografischer Wandel, globales Nomaden-
Materialien herstellt, die theoretisch unendlich tum oder Urbanisierung werden in fünf Felder
haltbar sind – beispielsweise Titanium oder zerlegt und einzeln analysiert. Dieses Vorgehen
Glas – ebenso wie Materialien, die sich auf erlaubt einer Gruppe, die individuellen Impulse
Wunsch selbst zersetzen. Wir können schneller des Wandels zu priorisieren und dann die
fliegen als der Schall oder sogar die Brown’sche gegenseitigen Einflüsse über die vier anderen
Molekularbewegung stoppen. Und trotzdem – Felder hinweg zu überprüfen.
obwohl wir all diese Dinge können – blicken wir Jeder »Drivers of Change«-Workshop verlief
oft unsicher in die Zukunft und fragen wir uns, nach derselben Methode. Am Anfang wurde
ob wir alles richtig machen. die Gruppe bezüglich der vier in Abb. A 1.4
dargestellten globalen Zukunftsmodelle be-
Drivers of Change fragt. Die zwei verwendeten Achsen bildeten
Das Ingenieurbüro Arup hat über 10 000 Projekte wirtschaftliches Wachstum und Global Gover-
weltweit realisiert und ist bekannt für seine inno- nance [4]. Die Teilnehmer wurden gebeten,
vativen Ideen und multidisziplinären Planungs- einen Vektor zu zeichnen, dessen Ursprung
leistungen [1]. Ich hatte das Privileg von 1999 die Welt von heute zeigt und dessen Spitze in
bis 2002 die Abteilung für Forschung und Ent- der Welt endet, die in den nächsten 20 Jahren
wicklung zu leiten. Ein Team von 35 Menschen, Realität sein könnte. Die Ergebnisse waren fas-
das über ein großes Wissen über die gebaute zinierend: Zwar variierten die Vektoren je nach
Umwelt verfügt, beriet Ingenieure in der ganzen geografischer Herkunft der Teilnehmer, den-
Welt, während diese die Grenzen des Machba- noch gab es eine eindeutige Tendenz hin zu
ren ausloteten. Daran anschließend gründete einer Welt, die nach ökonomischem Wachstum
ich 2003 eine Abteilung, die unter dem Namen strebt, die aber gleichzeitig höchst separiert
»Foresight, Innovation + Incubation« (FII) be- und zerteilt sein wird: eine differenziertere Welt,
kannt ist. Seitdem hat diese Abteilung vielen die sich stärker auf Lokalisierung als auf Glo-
Kunden – Einzelpersonen, Firmen und Regie- balisierung konzentriert. Im zweiten Teil des
rungen – geholfen, ihre Gedanken bezüglich Workshops wurde nach den Beobachtungen
der Zukunft zu fassen. Teil dieses Prozesses der Teilnehmer bezüglich der Ursachen des
war die Workshopreihe »Drivers of Change«, Wandels in jedem der STEEP-Felder gefragt.
an der zwischen 2003 und 2006 ca. 9500 Men- Es zeigte sich, dass es einige globale Gemein-
schen auf fünf Kontinenten teilnahmen [2]. Zum samkeiten, aber auch ein paar unterschiedliche
Ablauf gehörte, dass jeder Teilnehmer offenlegt, Sichtweisen der Thematik gab.
was er oder sie glaubt, was die Impulse des
Wandels sowohl auf globaler als auch auf loka- Fünf Thesen
ler Ebene sind. Die Ergebnisse zeigen, dass es Die gebaute Umgebung ist das Fundament der
verschiedene Kernthemen wie Klimawechsel, Gesellschaft. Sie ermöglicht soziale Interaktion
Energie oder geografischer Wandel gibt, die zwischen allen Schichten. Die Welt »verstäd-
überall in den Köpfen verankert sind. Auf den tert« derzeit in bisher unvorhergesehener
ersten Blick erscheint dies nicht weiter beacht- Weise. Durch das enorme Wirtschaftswachs-
lich. Berücksichtigt man die Tatsache, dass tum in China sind dort in den letzten 25 Jahren
man heute mehr nach geopolitischen Unter- ca. 300 Millionen Menschen in Städte umgesie-
A 1.1 Blick auf ein Kraftwerk im Stadtteil Soweto, Johan-
nesburg (ZA)
scheidungen als nach menschlichen Gemein- delt, ein Zuwachs um 500 Millionen wird bis
A 1.2 allgegenwärtiges Verkehrschaos in Shanghai samkeiten sucht, ist eine gemeinsame globale 2050 erwartet [5]. Dies stellt die größte Mas-
(VRC) Meinung alles andere als selbstverständlich. senwanderung der Menschheitsgeschichte

10
Globaler Wandel

dar. Die Städte verändern sich, entwickeln deren Zukunft. Bald wird die Mehrheit der
sich weiter – unter dem Einsatz von Materialien Erwerbstätigen, die grundlegende Erfahrung
aus aller Welt; so gut wie alle Regionen der und spezielles Wissen haben, nicht mehr ver-
Welt berühren einander in irgendeiner Weise, fügbar sein. Dennoch besteht Hoffnung, dass –
jeden Tag. Wie wird die gebaute Umwelt in während die Infrastruktur um uns herum mit
einer Welt mit stetig steigenden Abhängigkei- unserer Gesellschaft altert – das Interesse an
ten definiert? Wer oder was bestimmt, was unserer gebauten Umwelt wieder steigen wird.
gebaut wird und wie? Und wie bestimmt dies Im reicheren Teil der Welt haben verbesserte
die »glokale«Umwelt [6]? Viele Fragen, fünf Lebensumstände und der medizinische Fort-
grundlegende Annahmen: schritt zur Reduktion der Kindersterblichkeit
und zu längeren Lebenserwartungen beigetra-
• Wandel ist konstant; Zusammenhang ist vari- gen, wodurch sich die Anforderungen an die
abel. Es wird viel über Wandel geredet und Gestaltung der Umwelt nachhaltig ändern. Die
darüber, dass sich dessen Geschwindigkeit Verschlechterung derselben Zustände in den
erhöht. Aber viel interessanter ist es, die weniger entwickelten Gebieten stellt eine große
Zusammenhänge des Wandels zu beobach- Herausforderung dar. Es ist schwer vorauszu-
ten, die ganzheitlichen Verknüpfungen be- sagen, zu welchen Entwicklungen diese Dis- A 1.2
stimmter Epochen, die Kausalität erfolgrei- krepanz führen wird. 2020 wird die Gruppe der Auswanderern in unerwarteter Weise abhängig.
cher Innovationen. Diese tiefgehende Ana- über 60-Jährigen sehr wahrscheinlich 1 Milliar- Beispiele hierfür sind u. a. illegale Wanderar-
lyse zeitgebundener Ursachen trägt dazu de Menschen betragen. 75 % dieser Gruppe beiter in den USA, welche im letzten Jahrzehnt
bei, Verwicklungen in künftigen Zusammen- werden in den Industrieländern leben – davon die dortige Wirtschaft fundamental mitgetragen
hängen vorherzusehen. Sie soll helfen, 16 % US-Amerikaner, 20 % Deutsche und 27 % haben. Oder medizinisches Personal, das von
Hochrechnungen für unterschiedliche Zu- Japaner [8]. Wer wird sich um diese alternde seinen Heimatländern, in denen es nicht
kunftsszenarien zu erstellen. Bevölkerung kümmern? Wie wird sie zurecht- bezahlt wird, in die reichen Nationen mit ihrer
• Jeder Mensch hat drei Bewertungssysteme, kommen? Wie werden wir die Gestaltung von alternden Bevölkerung zieht, während in ihren
die er benutzt: erstens die Intuition, die ihn Produkten und Dienstleistungen, Orten und Heimatländern die lebensnotwendigen Spezia-
auf einer sehr tiefen, fast animalischen Ebene Umgebungen ändern müssen, um ihre Lebens- listen fehlen.
informiert; zweitens das Herz, das die Gefüh- bedingungen zu verbessern? Weitere grundsätzliche Fragen entstehen, wenn
le und Überzeugungen repräsentiert und Im Hinblick auf die alternde »Baby-Boomer«- wir die Entwicklung der Städte betrachten. Wie
zuletzt den Kopf bzw. die analytischen Fähig- Generation der Nachkriegszeit liegt die Vermu- viele internationale Einwanderer identifizieren
keiten. Die intensivsten Momente sind jene, tung nahe, dass sich die Wahrnehmung des- sich mit ihrer Wahlheimat oder ihrem Zufluchts-
in denen alle drei gleichermaßen vereint sind. sen, was akzeptable Hilfe ist, weiterentwickeln ort? Vielleicht ist die Antwort ein neuer Multi-
• Wir haben keine andere Wahl als zu lernen, und verändern wird. Diejenigen, die sich vor der Nationalismus mit komplexen multiplen Ver-
wie wir miteinander auf diesem einen Plane- Einbindung von Technologien drücken, mit der pflichtungen. Oder vielleicht wird das Bedürfnis
ten Erde umgehen müssen. Darum sollte Begründung, dass es eine fremde Invasion sei, nach der persönlichen Verbindung zu einer
unser Handeln die nachhaltige Nutzung der werden weniger werden, je mehr Technologie in lokalen Gemeinschaft durch die globale Ver-
Ressourcen unseres Planeten unterstützen. den Alltag integriert wird. Viele vergessen, dass bundenheit verdrängt. In jedem Fall wird dieser
• Es gibt viele Behälter in der Natur, aber nur ein einfacher Graphit-Bleistift ein unglaubliches Zwiespalt zwischen Globalität und Lokalität
Menschen bauen Schachteln mit Wänden Stück »Technik« ist. Die menschliche Leis- eine wachsende Rolle in der Gestaltung unse-
und Deckeln. Deswegen können nur Men- tungsfähigkeit wird stetig beschleunigt. Die rer Umwelt spielen. Europa ist heute die Heimat
schen diese Deckel abnehmen und ihre Boomer haben sich bereits auf eine fortschritt- der meisten internationalen Einwanderer,
Schachteln verlassen. Das steht symbolisch liche Lebenssituation eingestellt und vorberei- gefolgt von Asien und Nordamerika. Wir wer-
für die Notwendigkeit, vernetzt anstatt in tet. Sie akzeptieren beispielsweise medizinische den uns wohl langsam von einer nationalen
getrennten Ebenen zu denken. Maßnahmen wie künstliche Hüft- oder Kniege- Staatsbürgerschaft zu einer Weltbürgerschaft
• Alles, was uns unbequem ist, wird nicht lan- lenke und sogar Schönheitsoperationen, um ihr bzw. transnationalen Bürgerschaft entwickeln.
ge Bestand haben. Die Beseitigung unange- Leben zu verlängern und ihren Lebensstandard Im Allgemeinen lernen Europäer mehrere
nehmer Umstände scheint eine der Hauptur- zu erhöhen – in einer Art und Weise, wie frühere Fremdsprachen, sind länger in der Ausbildung
sachen für Innovation und Wandel in der Ge- Generationen es nur als Science-Fiction kann- und steigen später in das Arbeitsleben ein.
schichte gewesen zu sein. Um gute Ideen ten. So wird es voraussichtlich nicht mehr lange 77 % der Studenten in der EU sprechen eine
für die Zukunft zu finden, müssen wir uns dauern, bis unsere Städte uns »pro-aktiv« im Fremdsprache gut genug, um an einer Unter-
nach diesen Unbequemlichkeiten umsehen. täglichen Leben unterstützen können. haltung teilzunehmen. Die größte Englisch
sprechende Bevölkerung wird künftig die chi-
Demografischer Wandel Globales Nomadentum nesische sein. Hier wirft sich die Frage auf, ob
Während der gesamten Workshopreihe war Seit den 1970er-Jahren lassen sich interessan- unsere Städte, während sie systematisch ver-
der demografische Wandel das am häufigsten te Veränderungen in der Bevölkerungsdichte in bessert werden und jeder Einwohner identifi-
genannte Thema. Seine Bedeutung unter- den verschiedenen Regionen der Erde beob- zierbar wird, mit uns in der Sprache unserer
scheidet sich von Ort zu Ort und von Region achten. Sie beruhen hauptsächlich auf der der- Wahl kommunizieren können: Werden wir Ansa-
zu Region. Trotzdem beschäftigt sich fast zeitigen Verfügbarkeit billiger fossiler Energie- gen in unserer Muttersprache hören, während
jeder Mensch mit der Frage, wie sich die träger und der sich ausweitenden globalen wir mit der U-Bahn in London oder in der Hong-
Population ändert und wie dieser Wandel die Wohlstandslücke: Eine Vielzahl an Menschen, konger Metro fahren? Welche Stadt wird den
Zukunft beeinflussen wird. Ein drängendes gebildet wie ungebildet, zieht auf der Suche ersten multimedialen Stadtführer mit automati-
Thema bezüglich der gebauten Umwelt ist nach Arbeit um. Diese Bewegung, vom in die sierter Übersetzung einführen? Es gibt bereits
die Tatsache, dass die Mehrzahl der zurzeit Stadt ziehenden Landwirt bis zum hochgebil- Überlegungen, Mittel für diejenigen bereitzu-
Berufstätigen in den Industrieländern etwa deten Arzt der sein Heimatland verlässt, findet stellen, die keine Fremdsprache fließend spre-
zwölf Jahre vom Ruhestand entfernt ist [7]. in verschiedenen Branchen, in unterschied- chen, damit sie sich beispielsweise auf Flug-
Darüber hinaus interessieren sich zu wenige lichen Teilen der Welt statt. Die globale Wirt- häfen orientieren können. Welche Sprache wür-
junge Menschen für die Baubranche und schaft ist von diesen internationalen Ein- und den wir wählen? Viele Städte beobachten uns

11
Globaler Wandel
Energieverbrauch [GJ pro Kopf]

35

USA
30
Australien
25

20
EU
15 Japan
Südkorea
10
Mexiko
Brasilien
Indien China
5 Thailand

0
0 5 10 15 20 25 30
BIP pro Kopf [1000 US-Dollar]

A 1.3
schon – wie würden wir uns fühlen, wenn die Die Produktion von Energie für die heutige an den Rohstoffvorräten lagen als an der Infra-
Stadt auch zu uns spricht? Gesellschaft muss sich ändern. Die Industrie struktur der Konsumenten. Diese wurden, auch
bewegt sich – wenn auch unwillig – vom Para- aufgrund ihrer Emissionen, in einiger Distanz
Energie und Wohlstand digma des zentralisierten Industriezeitalters zu den Städten gebaut, und die enormen Trans-
Forschungen des Internationalen Währungs- zu einem maßgeblich moderner verteilten und missionsverluste wurden einfach als notwendi-
fonds (IWF) haben gezeigt, dass es eine dezentralisierten Modell. Dieser Wandel ist ger Teil des Systems akzeptiert.
direkte Verbindung zwischen wirtschaftlichen politisch notwendig. Denn wenn man die Ener- Dabei gibt es heute immer mehr Möglichkeiten,
Schwankungen und dem Zugang zu Energie giebereitstellungskette betrachtet, gehen über die Produktion von Strom zu dezentralisieren.
gibt. In Abb. A 1.3 ist der Pro-Kopf-Energiever- zwei Drittel der erzeugten Energie durch Anstelle eines großen Kraftwerks müssten viele
brauch ausgewählter Nationen dem Bruttoin- Umwandlung und Verteilung verloren. kleine existieren, die über eine Region verteilt
landsprodukt (BIP) gegenübergestellt. Dabei Elektrische Energie bleibt ein grundlegendes sind. Angetrieben von kleinen Windturbinen,
wird deutlich, dass, während sich eine Wirt- Bedürfnis der heutigen Gesellschaft. Sie liegt Brennstoffzellen in Gebäuden, Solarzellen
schaft von einer Agrarwirtschaft über die Indus- fast allem zugrunde, was wir heute tun. Histo- oder kleinen Gasturbinen, wären alle mitein-
trialisierung zur Konsumgesellschaft wandelt, risch wurde Strom erzeugt, um das Wachstum ander verbunden. Dieser systemübergreifende
der Energieverbrauch gleichermaßen steigt. von kleinen und großen Industrien zu fördern, Ansatz erhöht zum einen die Versorgungs-
Dabei scheint es ein Niveau zu geben, auf dem die in der Nähe von Energiequellen lagen. Mit sicherheit und reduziert zum anderen die Anfäl-
sich eine Gesellschaft »optimiert«, d. h. das der Zeit übertraf der Energiedurst der Gesell- ligkeit der Stromversorgung dadurch, dass der
Bruttoinlandsprodukts steigt bei gleichem Ener- schaft die Kapazität der nahen Quellen. Des- Erzeuger wesentlich näher am Verbraucher
gieverbrauch. Ich glaube allerdings, dass es wegen entstanden große Kraftwerke, die näher und Endnutzer liegt. Zusätzlich ergibt sich bei
vielmehr eine Verschiebung des Energiever-
brauchs von einer Nation zur anderen gegeben Blockinseln Reglobalisierung
hat, d. h. ein Staat importiert den Großteil der • Volkswirtschaften erholen sich mit unterschied- + • Iran und USA melden neue Handelsabkommen
Waren aus einem anderen. Ein klassisches Bei- lichen Geschwindigkeiten • Vereinte Nationen umstrukturiert und wiederbe-
• vermehrtes Entstehen regionaler Wirtschafts- lebt, neue Mitglieder im Sicherheitsrat
spiel dafür sind die USA: Durch die Importe und Handelsblöcke • Terrorismus und geopolitische Instabilität ein-
wird quasi ein Teil des Energieverbrauchs • politische Initiativen fördern örtliches / regio- gedämmt
quasi nach China verlagert. nales Wachstum • boomende Weltwirtschaft
Zwei weitere Aspekte müssen hinsichtlich der • ideologische Unterschiede steuern globale • Macht und Einfluss der Welthandelsorganisa-
Dynamik tion WTO wächst
Grafik kritisch betrachtet werden: Der erste • langsame, aber stetige Inflation
• Arbeitsmarktreformen beeinflussen Wachstum
ist, dass die Nation, die den größten Pro-Kopf- und Beschäftigung • offene Volkswirtschaften treiben globale Dyna-
Energieverbrauch aufweist, gleichzeitig fast • technologischer Fortschritt und Produktivitäts- mik an
alle eigenen Energieressourcen verbraucht hat. zuwachs als starke Motoren für den Wirt-
Der zweite ist, dass die zwei bevölkerungs- schaftsaufschwung
Wirtschaftswachstum

reichsten Nationen der Welt, China und Indien,


das niedrigste Bruttoinlandsprodukt und den
niedrigsten Energieverbrauch pro Kopf haben. Global Governance Ordnung
Chaos
Diese beiden hoch bevölkerten Nationen stre-
ben derzeit danach, auf der Leiter nach oben
zu steigen. Wenn jeder Chinese ein Auto fahren
würde, wären die derzeit bekannten Weltöl- Szenario des Scheiterns Globaler Jojo-Effekt
reserven innerhalb eines halben Jahres • L-förmiger Verlauf der Weltwirtschaft, d. h. die • W-förmiger Konjunkturverlauf, d. h. Phasen des
erschöpft. Konjunktur erreicht eine Talsohle und dümpelt konjunkturellen Aufschwungs im Wechsel mit
ohne Wachstum vor sich hin Abschwungphasen
Verkehrsstaus sind heutzutage in jeder Stadt, in • steigende Tendenzen in Richtung Isolationis- • Regierungen und Wirtschaft arbeiten eng
jedem Land gegenwärtig (Abb. A 1.2). Die Ver- mus und Protektionismus zusammen
stopfung der Hauptverkehrsadern, der wirkli- • Länder wie die Schweiz und Japan stehen • Finanzkrisen und Terroranschläge bremsen
chen Wirtschaftsmotoren, die das Entwicklungs- Modell für eine steigende Anzahl von Volkswirt- Wirtschaftsaufschwünge
schaften • Volkswirtschaften leiden unter aufgeblähten
potenzial durch jede zeitgenössische Gesell-
• Konsumklima sinkt auf neuen Tiefstand öffentlichen Sektoren
schaft pumpen, könnte die Funktionsfähigkeit • Wiederverstaatlichung von Versorgungsunter- • höheres Risiko eines systemischen Schocks
unserer Gesellschaft drastisch einschränken. nehmen seitens der Regierungen des globalen Finanzsystems mit steigenden
Irgendwann wird diese Verstopfung, diese • Vereinte Nationen / Welthandelsorganisation - Risikoprämien
Blockade einen kritischen Punkt erreichen. WTO im Zerfall begriffen
A 1.4

12
Globaler Wandel

A 1.3 »Wohlstandsleiter«: Verhältnis von Energiever-


brauch und Bruttoinlandsprodukt verschiedener
Länder im Zeitraum von 1970 bis 1997
A 1.4 globale Zukunftsmodelle bis 2026
A 1.5 Phoenix (USA) bei Nacht – die Stadt als
Ballungszentrum
A 1.5
dieser Methode der Vorteil, aus dem großen sein [10]. 2030 werden ca. 60 % der Weltbe- und nicht erneuerbarer – Ressourcen könnten
Potenzial erneuerbarer Energien schöpfen zu völkerung in Städten leben. Was für eine Art zu einem signifikanten globalen Problem heran-
können. Wachstum wird das sein? Ist es möglich, ein wachsen, einem Dilemma von desaströsen
Abb. A 1.1 zeigt die Sonne, die über einem Stadtzentrum CO2-neutral zu machen? Ist es Ausmaßen. Wir können nur hoffen, dass das
Kraftwerk im Stadtteil Soweto in Johannesburg möglich, dass neue Städte pflanzenfreundli- globale Bewusstsein bezüglich der Zerbrech-
aufgeht. Da es zur Zeit der Apartheit gebaut cher sind? Ist es möglich, dass eine Millionen- lichkeit unseres Planeten wächst. Wir scheinen
wurde, versorgte es ursprünglich nur eine klei- stadt komplett mit dem »One-Planet«-Prinzip an einem kritischen und ernüchternden Punkt
ne Bevölkerungsschicht mit Energie – unter funktioniert [11]? Unsere Zukunft richtet sich der Geschichte angekommen zu sein. Trotz
Ausschluss all derer, die direkt im Viertel leben. danach, wie wir das Wachstum unserer Städte aller Rückschritte und Fehler ist nicht alles ver-
Das Kraftwerk stellte die Zentralisierung von steuern und die entstehenden Probleme lösen. loren. Es ist immer noch Zeit für korrektive Maß-
Energie und Macht auf vielen Ebenen dar. Es ist Zeit, dass die Gesundheit unserer Städte nahmen. Wir als Individuen in einer »glokali-
Heute, in einem politisch gewandelten und an die Spitze der globalen politischen Agenda sierten« Gesellschaft müssen auf die Vorzei-
demokratischen Südafrika, erzeugt es Energie rückt. Wir müssen sicherstellen, dass wir uns chen achten und können so vermeiden, in eine
für die gesamte Bevölkerung. Darüber hinaus der Grenzen unseres Wachstums bewusst sind Abwärtsspirale zu geraten. Wie unsere Zukunft
zeigt das Bild – vielleicht noch bedeutsamer – und dass wir unser Bestes tun, uns innerhalb aussieht und in welcher gebauten Umgebung
die wichtigste Energiequelle, die es gibt: die dieser Grenzen zu entwickeln. Das ist der ein- wir und die künftigen Generationen sie erleben,
Sonne. Können wir uns vorstellen, dass alle zig nachhaltige Weg. hängt in vielererlei Hinsicht von unseren Ent-
Energie, die von ihr erzeugt wird, erneuerbare Während wir in die Zukunft blicken, dürfen wir scheidungen ab. Sie wird nicht ultimativ von
Energie ist? Was passiert, wenn die Politik des nicht die vielen tausend Jahre Geschichte ver- Technologie und Wirtschaft abhängen, sondern
Erdöls nicht länger die Beziehungen zwischen gessen. Ein Fernsehspot des amerikanischen davon, was wir – die Menschen – entscheiden.
den Nationen bestimmt? Können wir uns vor- Automobilherstellers Studebaker aus dem mitt- Mitten in der Ungewissheit bezüglich der vor
stellen, dass wir nicht länger von Engpässen leren Westen von 1905 warb für den Motortyp uns liegenden Zeiten ist eine Sache sicher: Die
sprechen, weil die Erzeugung erneuerbarer der »pferdelosen Kutsche«. Das Auto konnte Zukunft, die wir für unsere Nachkommen hinter-
Energien so effizient geworden ist? Können mit einem Elektromotor für Stadtfahrten oder lassen, wird durch uns bestimmt sein – ob wir
wir uns vorstellen, dass jedes Gebäude so viel einem Benzinmotor für Überlandreisen ausge- uns der Herausforderung stellen oder nicht.
Energie erzeugt, dass es auch die Energie, stattet werden. Es scheint, den Herstellern war
die für seinen Bau benötigt wird, zurückzahlt? schon damals bewusst, dass bestimmte Kraft-
stoffe für bestimmte Reisemuster geeigneter Anmerkungen:
Urbanisierung sind. Sie boten Hybridfahrzeuge an, 100 Jahre [1] Arup wurde 1946 in London gegründet und ist heute
mit über 80 Büros und ca. 9000 Mitarbeitern weltweit
Zurzeit erleben wir den Wandel in ein Zeitalter, bevor die Gesellschaft erkannte, dass sie nicht eine der größten Ingenieurgesellschaften. Die Firma
in dem weltweit mehr Menschen in Städten nur eine Möglichkeit darstellen, sondern not- übernimmt multidisziplinäre Planungsleistungen in
leben als auf dem Land. Trotzdem nehmen wendig sind. Dies ist nur ein Beispiel, wie wir allen Bereichen des Hoch-, Tief- und Ingenieurbaus.
Städte weniger als 2 % der Landfläche der Erde aus der Vergangenheit lernen und uns die [2] www.driversofchange.com
[3] STEEP steht für »social, technological, economic,
ein. Die Stadtbevölkerung wächst pro Tag um gewonnenen Erkenntnisse zunutze machen
environmental and political domains«.
180 000 Menschen. Die größten Zuwächse sind können. Ein amerikanischer Bundesrichter [4] Global Governance: konzeptioneller Ansatz, die Fra-
in den weniger entwickelten Ländern zu ver- namens Oliver Wendell Holmes sagte: »Hun- gen der politischen Beherrschbarkeit von Weltpro-
zeichnen, für die bis 2020 ein Städtewachstum dert Jahre nachdem wir fort und vergessen blemen und der Globalisierungstendenzen, mit der
um 50 % vorhergesagt wird [9]. Während mehr sind, werden diejenigen, die niemals von uns sich die Weltpolitik konfrontiert sieht, zu beantworten
[5] The Source vom 5. Februar 2007
und mehr Menschen die Stadtgebiete füllen, gehört haben, mit den Folgen unseres Handels [6] »Glokal« ist eine Kombination aus den Wörtern glo-
die Zersiedelung fruchtbares Land vernichtet leben (...).« Es wäre gut, wenn wir uns an die- bal und lokal.
und gleichzeitig den gesteigerten Konsum von sen vorhersehenden Satz erinnern würden. Die [7] Das Durchschnittsalter bei qualifizierten Arbeitneh-
nicht erneuerbaren Ressourcen fördert, müssen Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen – als mern im Fachgewerbe in den USA ist laut der Natio-
nal Education Association 48 Jahre. Dem »Enginee-
wir uns fragen: Wo führt dieser Weg hin? Wie Gestalter der gebauten Umgebung – bestim-
ring UK 2006«-Report zufolge beträgt der Alters-
werden diese Städte aussehen? Wie werden sie men nicht nur unsere heutigen Wohnorte, son- durchschnitt bei Ingenieuren 55 Jahre.
beispielsweise mit Nahrungsmitteln versorgt? dern beeinflussen unsere Umwelt für immer. [8] United Nations Population Information Network
Wenn es 2015 weltweit wahrscheinlich 23 Groß- [9] ebd.
städte mit über 10 Millionen Einwohnern gibt, Hoffnungsvolle Entwicklungen [10] United Nations Population Division
[11] One-Planet-Prinzip: Jedem Bewohner einer Stadt
von denen 19 in weniger entwickelten Ländern Bevölkerungsverschiebungen, wachsender stehen, anteilig berechnet, eine bestimmte globale
liegen, werden wir mit beachtlichen Stadtpla- Mangel sowie der mutwillige Verbrauch frucht- Fläche und eine bestimmte Anzahl an Ressourcen
nungs- und Infrastrukturproblemen konfrontiert baren Landes und natürlicher – erneuerbarer zur Verfügung.

13
Energiewende

Hermann Scheer

A 2.1
Der Begriff Energiewende wird zunehmend und Erdatmosphäre. Erneuerbare Energien
öffentlich kontrovers diskutiert. Dabei ist er sind dagegen prinzipiell frei von solchen
nicht ganz eindeutig. Was an der gegenwär- Folgen nutzbar. Daraus ergibt sich das über
tigen Energieversorgung soll nun gewendet das Klimaschutzmotiv hinausgehende gene-
werden und in welche Richtung? Geht es um relle Motiv des Umweltschutzes. Selbst wenn
neue Energiequellen oder nur um den spar- es das Klimaproblem nicht gäbe, würden
samen und effizienten Einsatz der gegenwärtig immer noch massive ökologische Gründe
genutzten Energieträger? Um mehr internatio- für die Energiewende sprechen.
nal einheitliche oder dezentralisierte Energie- • Die fossilen Energien sind erschöpflich, wes-
strukturen, um mehr Wettbewerb oder eine halb ihre fortgesetzte Nutzung unweigerlich
ökologischere bzw. nachhaltigere Energie- zu steigenden Kosten sowie zu Versorgungs-
versorgung? engpässen und -notständen führt. Allein die
Gewöhnlich wird der Begriff Energiewende unerschöpfliche erneuerbare Energie eröffnet
zwar mit dem der Nachhaltigkeit assoziiert, allen Menschen eine dauerhaft gewährleiste-
aber auch das macht ihn kaum fassbarer. Mitt- te Energieversorgung. Daraus ergibt sich
lerweile wird nämlich selbst die atomare und das Motiv einer permanenten und gesicher-
fossile Energienutzung von ihren Anbietern ten Verfügbarkeit.
schon als nachhaltig etikettiert, wenn sie nur • Die atomaren und fossilen Energiereserven
etwas sicherer oder effizienter erfolgt. Doch liegen in relativ wenigen Förderregionen der
Energieträger, deren Primärressourcen nur Erde, sodass für deren Nutzung lange inter-
begrenzt zur Verfügung stehen – was für Erdöl, nationale Bereitstellungsketten erforderlich
Erdgas, Kohle wie Uranerze gilt – und die von sind (Abb. A 2.2). Dies bedingt unvermeid-
der Förderung bis zur Umwandlung und Nut- lich einen hohen infrastrukturellen Aufwand,
zung schwerwiegende Umweltschäden und führt zu wachsenden existenziellen Abhän-
Rückstände hinterlassen, rechtfertigen keine gigkeiten und provoziert wirtschaftliche, po-
Etikettierung als nachhaltig. Energiewende litische und kriegerische Konflikte. Erneuer-
bedeutet deshalb Energiewechsel, d. h. die bare Energien hingegen sind in verschiede-
Ablösung atomarer und fossiler Energieträger ner Form als natürliche Umgebungsenergie
durch erneuerbare. Allein diese sind nachhaltig, überall verfügbar und können mit technischer
weil unerschöpflich und – mit Ausnahme der Hilfe gewonnen werden – mit wesentlich
Bioenergie – emissionsfrei gewinn- und nutzbar. geringerem Infrastrukturbedarf. Daraus er-
geben sich für erneuerbare Energien Motive
Sonne oder Atomkraft – der Grundkonflikt des wie volkswirtschaftliche Effizienz, politische
21. Jahrhunderts Unabhängigkeit und Friedenssicherung.
Mit einer überwiegend noch zögerlichen Ein- • Die fossilen und atomaren Energien werden
stellung zu erneuerbaren Energien bleibt die aufgrund der genannten Rahmenbedingun-
Welt derzeit weit unter den gegebenen Mög- gen immer teurer, bezüglich ihrer direkten
lichkeiten und Notwendigkeiten. Dagegen lebt sowie indirekten Kosten. Die erneuerbaren
sie mit atomaren und fossilen Energien weit Energien werden dagegen – schon deshalb,
über ihre Verhältnisse. Das breite Spektrum weil für sie (mit Ausnahme der Bioenergie)
von Gründen für einen Wechsel zu erneuerba- keine Brennstoffkosten anfallen – im Zuge
ren Energien lässt sich aus den vier folgenden ihrer laufenden technologischen Verbesse-
elementaren Unterschieden zwischen atoma- rungen, industrieller Massenproduktion und
ren und fossilen Energien einerseits und erneu- intelligenter neuer Anwendungsformen immer
erbaren andererseits herleiten: billiger. Daraus ergeben sich soziale und
wirtschaftsstrategische Motive.
• Der Einsatz von atomaren und fossilen Ener-
A 2.1 solarthermische Stromerzeugung bei Alice
Springs (AUS)
gien bedingt massive Umwelteingriffe mit Beim Thema Energiewende geht es also um
A 2.2 Vergleich von Energiebereitstellungsketten für erdtektonischen Folgen schon bei der Förde- erneuerbare Energien – das überwältigend
die Stromerzeugung rung bis hin zu Emissionen in Gewässer, Luft große und unerschöpfliche Energiepotenzial,

14
Energiewende

das aber immer noch unterschätzt wird. Der Diese Fragen nach den Akteuren und den jeweiligen Quellenangebote – aus dem unter-
zentrale Grund hierfür ist, dass erneuerbare Handlungsfeldern für und gegen erneuerbare schiedlichen und laufend verbesserungsfähi-
Energiequellen nur partiell in die bisherigen Energien müssen beantwortet werden, um gen technischen und damit wirtschaftlichen
technischen und wirtschaftlichen Strukturen erkennbar zu machen, wie der Energiewechsel Aufwand, mit dem Energie gewonnen werden
der Energiebereitstellung passen. Mit anderen beschleunigt werden kann. kann. Weil erneuerbare Energien überall in der
Worten: Sie sind großenteils nicht kompatibel Umwelt angeboten werden, besteht die seit der
mit dem eingespielten Energiesystem, daher Genug Energie für alle – das umfassende Potenzial industriellen Revolution zunehmend übersehe-
werden sie als Fremdkörper betrachtet und erneuerbarer Energien ne und deshalb heute ungeahnte Möglichkeit,
dementsprechend abgewertet. Sie bringen Die strukturelle Vielfalt der erneuerbaren Ener- sie an derselben Stelle, zumindest aber in der-
die Kalkulationsgrößen der überkommenen gien macht es Energiepolitikern, die seit Jahr- selben Region, wo sie auch gebraucht wird,
Energiewirtschaft durcheinander – und damit zehnten an die Strukturen fossilen Energie- zu ernten bzw. einzufangen und anschließend
das gewohnte Energiedenken. verbrauchs gewöhnt sind, so schwer, sich in direkt zu nutzen oder umzuwandeln. Das
Was aber hält diejenigen, die nicht direkt oder das Potenzial erneuerbarer Energien hineinzu- bedeutet, dass für die Bedarfsdeckung durch
indirekt in das überkommene Energiesystem denken: Wer dessen wirtschaftliche und tech- erneuerbare Energien eine wesentlich kürzere
involviert sind, davon ab, den Wechsel zu nische, kulturelle und politische Chancen Energiekette – oder auch gar keine – erforder-
erneuerbaren Energien konsequent und mit erkennen will, kann und darf nicht mehr ledig- lich ist. Dadurch kann, wiederum mit moderner
der nötigen Konfliktbereitschaft zu forcieren? lich einzelne Energieleistungen miteinander Technik, eine regionale bzw. lokale Selbstver-
Warum gibt es bisher keine politischen Initia- vergleichen. Jeder isolierte kalkulatorische sorgung an die Stelle globaler Abhängigkeit
tiven, die die erneuerbaren Energien auch Kostenvergleich mit den fossilen Energieträ- von fossilen Energiequellen treten – eine Chan-
wirtschaftlich ambitioniert und konkret als gern versperrt den Blick auf die Bandbreite der ce zu neuen politischen, wirtschaftlichen und
Zukunftsprojekt vorantreiben, wie es für den Nutzungsmöglichkeiten erneuerbarer Energien. kulturellen Freiheiten.
Bau von Eisenbahnen, die Raumfahrt, die Entscheidend ist der Vergleich der jeweiligen Die Spielräume erweitern sich noch durch die
Atomtechnologie und erst jüngst die Informa- gesamten Energieversorgungsketten, der die Möglichkeit der Substituierung fossiler Rohstof-
tionstechnologie möglich ist? Warum gibt es konstanten und die variablen Faktoren einbe- fe durch regenerative. Diese ermöglichen die
immer noch keine europäischen oder interna- zieht. Der konstante Faktor ist jeweils die Quel- Kultivierung einer eigenen Rohstoffbasis in
tionalen Institutionen für erneuerbare Energien, le, wobei die Quellen bei den erneuerbaren Gegenden, in denen die dafür jeweils erforder-
wie es die Internationale Agentur für Atom- Energien nicht nur wesentlich vielfältiger, son- lichen Anbau- und Klimabedingungen vorhan-
energie (IAEA) oder die European Space dern auch breit gestreut sind. Die variablen den sind (Abb. A 2.1). Zumindest wird dadurch
Agency (ESA) in ihrem Sektor darstellen? Faktoren ergeben sich – in den Grenzen der die Rohstoffbasis auf wesentlich mehr Länder

Photovoltaik Windkraft Biomasse Erdöl Steinkohle Atomenergie

Anbau Ölförderung Bergbau Uranabbau

Transport

Ernte Veredelung Umwandlung Uranerz

Nahtransport Transport Transport Transport

Pressung Urananreicherung
Raffinerien
Gasifizierung
Speicherung
Pelletierung

Verwertung der Entsorgung ange-


Rückstände reichertes Uran

Transport Transport Transport

Tankstellen Tankstellen,
Ölhändler

Photovoltaikanlage Windkraftanlage Biomassekraftwerk Ölkraftwerk Kohlekraftwerk Atomkraftwerk

Entsorgung der Zwischenlagerung


Endverbrauch Endverbrauch
Kraftwerksrück- Endlagerung
im Inselbetrieb im Inselbetrieb
stände Wiederaufbereitung

Stromtransport Stromtransport Stromtransport


(Hochspannungsebene) (Hochspannungsebene) (Hochspannungsebene)

Stromtransport Stromtransport Stromtransport Stromtransport Stromtransport


(Mittelspannungsebene) (Mittelspannungsebene) (Mittelspannungsebene) (Mittelspannungsebene) (Mittelspannungsebene)

Verteilung Verteilung Verteilung


(Niederspannungs- (Niederspannungs- (Niederspannungs-
Verteilung Verteilung Verteilung ebene) ebene) ebene)
A 2.2

15
Energiewende

Wärme und Strom aus Biomasse für atomare / fossile


erneuerbaren Energien Energie und Energieversorgung
mit Energiespeichern Rohstoffe
Förderung von Energie – • °
Energieaufbereitung – • °
Energiespeicherung • • ° A 2.3 gleichmäßige regionale Streuung von Wirtschafts-
Energieverteilung • • •
aktivitäten im Vergleich von solarer und nicht sola-
Installation von Energieumwandlungsanlagen • • ° rer Ressourcennutzung
Betrieb von Energieumwandlungsanlagen • • A 2.4 Vermeidbarkeit von Konzentration und Monopo-
° lisierung bei Energieträgern
Wartung von Energieumwandlungsanlagen • • ° A 2.5 Pipeline in Alaska (USA)
Konzipierung von Energieangebotssystemen • • ° A 2.6 theoretisches Potenzial der jährlichen Sonnenein-
kommunale bzw. regionale Steuereinnahmen • • strahlung auf die Erde im Vergleich zum weltweit
° jährlichen Energieverbrauch sowie den fossilen
regionale Kreditgewerbe • • ° und atomaren Rohstoffreserven
• regionale Streuung möglich
° regionale Streuung nicht möglich
– entfällt
A 2.3
erweitert; umfassende Verschiebungen indus- Konzentration wird vielfältige Dezentralisie- deren Anwendungsmöglichkeiten und der
trieller Standorte können die Folge sein sowie rung – bedingt durch die Technologie und Bereitschaft zu kreativem praktischen Mitden-
Veränderungen der Welthandelsströme und die Soziologie erneuerbarer Energien (Abb. ken lässt sich plausibel darlegen, dass es
eine neue, differenziertere Arbeitsteilung in der A 2.3 und 4). durchaus möglich ist, herkömmliche Energien
Weltwirtschaft. Diejenigen, die das für utopisch halten, seien durch erneuerbare zu ersetzen.
Das alles ist gleichzeitig der größte Schritt zu an die Entwicklung der Informationstechnolo-
mehr Energieeffizienz, denn die hohen Energie- gien erinnert. Bis in die 1980er-Jahre hinein Beispiel Strom
verluste bei der Förderung, der Aufbereitung entstanden zunächst nur Großrechner in ent- Nach Angabe der Internationalen Energie-
und dem Transport fossiler und atomarer sprechenden Rechenzentren. Doch die Ent- Agentur lag der jährliche kommerzielle Strom-
Primärenergie werden dann drastisch redu- wicklung der Mikrotechnologien führte zur radi- verbrauch z. B. 2001 weltweit bei 15,5 Billionen
ziert. Der Schwerpunkt energiewirtschaftlicher kal dezentralisierten und sogar indivualisierten kWh. Um diese Strommenge ausschließlich
Investitionen verlagert sich von der Energie- Computereinführung, die allerdings Festnetze durch Windkraft bereitzustellen, müssten – aus-
lieferung auf die Bereitstellung der Anlagen- und Nachrichtensatelliten braucht. Für die gehend von 5-MW-Anlagen, die unter mittleren
technik zum regionalen und lokalen Einsam- direkte Nutzung der Solarstrahlung zur Strom- Windgeschwindigkeiten 12 Millionen kWh im
meln und Umwandeln der erneuerbaren erzeugung und der Solarwärme für die Gebäu- Jahr erzeugen – weltweit 1,25 Millionen Wind-
Energien. deheizung benötigt man nicht einmal das zwin- kraftanlagen auf der Erde aufgestellt sein. Um
gend. Das Solarhaus und die Solarsiedlung dieselbe Strommenge mit Photovoltaikanlagen
Dezentralisierte Strukturen sind auf keinen kommerziellen Energielieferan- zu erzeugen, müssten – setzt man eine Pro-
Eine Solaranlage ist Energieernte- und Um- ten mehr angeweisen. Sie werden zum Solar- duktionsleistung von 75 kWh Strom pro m2
wandlungsanlage zugleich. Somit wird für kollektor, sowohl für den Strom- wie für den Solarzellenfläche und Jahr an (was ein relativ
Gebäude, Siedlungen, Städte und Regionen Heizungsbedarf. Nach der Amortisation der geringer Wert unter deutschen Einstrahlungs-
eine autonome Energiebereitstellung möglich. hierfür notwendigen Technik ist die genutzte bedingungen ist) – weltweit rund 210 000 km2
Entweder ist gar kein Verteilungsaufwand Energie kostenfrei. Je energieeffizienter gebaut Solarzellen installiert werden. Das ist deutlich
mehr nötig oder einer mit kurzen Wegen. Aus worden ist, desto kostengünstiger ist der Weg weniger als die allein in der EU überbaute Flä-
nur wenigen Fremdanbietern in Form der zu erneuerbaren Energien. che, in die Solarzellen vielfältig integriert wer-
Energiekonzerne werden zahlreiche Selbst- den könnten. Bei solarthermischen Kraftwerken
versorger und viele lokale bzw. regionale Die Möglichkeit des vollständigen Energiewechsels müssten es – gemessen daran, dass pro Hekt-
Versorger. Damit verändern sich die Eigen- Anhand des – quantitativ alle herkömmlichen ar Kollektorfläche etwa 10 Millionen kWh produ-
tumsverhältnisse für Energieanlagen radikal: Energiequellen weit übertreffenden – natürli- ziert werden – weltweit 155 000 km2 Kollektor-
Aus scheinbar unumkehrbar monopolisierter chen Potenzials der verfügbaren Technologien, fläche sein.

Atomenergie Kohle / Gas Biomasse Photo- Windkraft Kleinwasser- Solarwärme Großwasser- solarer solarer
Erdöl voltaik kraft kraft / solarth. Wasserstoff Wasserstoff
Kraftwerke (großtechn.) (kleintechn.)

Primärenergieangebot ° ° • – – – – – – –

Primärenergiehandel ° ° • – – – – – – –

Energieaufbereitung ° ° • – – – – – ° •

Herstellung von
° ° ° ° ° ° • ° ° °
Umwandlungstechniken
Umwandlung in
° ° • • • • – ° • •
Kraftwerken
Stromtransport /
° ° • • • • – ° ° •
Sekundärenergiehandel
Finanzierung der
° ° • • • • • ° ° •
Kraftwerke

° Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse sind vorprogrammiert (außer bei Kraft-Wärme-Koppelungsanlagen).


• Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse sind technisch wie politisch vermeidbar oder unmöglich.
– entfällt
A 2.4

16
Energiewende

jährliche Sonneneinstrahlung auf die Erde

Erdöl

Erdgas

Kohle

Uran
weltweiter jährlicher Energieverbrauch
A 2.5 A 2.6
Beispiel Heizwärme Bedingungen und natürlichen Angeboten; bauten, Fertighäuser, Schulen, Gemeinde-
Um den gegenwärtigen Wärmeenergiebedarf von der jeweiligen Entwicklungsreife der Tech- oder Bürogebäude, sogar Produktionsstätten
der Weltbevölkerung durch Sonnenwärme zu niken, ihrem Industrialisierungsgrad und ihrer decken ihren gesamten Energiebedarf –
befriedigen, würden – gemessen am Ver- Kostenentwicklung; von der Aufgeschlossen- Strom und Wärme – autonom mit erneuer-
brauch 2001 in Höhe von 3,34 Billionen kWh – heit der Wirtschaftsunternehmen und nicht baren Energien, und einige produzieren als
15 000 km2 Solarkollektoren reichen, berech- zuletzt von politischen Konzepten und dem Plus-Energie-Haus sogar Überschüsse. Ihre
net auf der Basis von nur 225 kWh Solarwär- öffentlichen Bewusstsein – also von sozialen Eigentümer gehören überwiegend zu den
meleistung pro m2 Kollektorfläche. Faktoren. Die Uniformität der Energieversor- Durchschnittsverdienern. Stellen wir uns vor,
gungsstrukturen und des Energieverbrauchs, dass immer mehr Hausbesitzer in dieser
Diese Hochrechnungen zeigen nur einzelne die sich auf der Basis der fossilen Energien Weise umdenken, und schließlich alle – weil
Optionen erneuerbarer Energien auf. Schon herausgebildet haben, werden der Vergangen- es zur sozialen Selbstverständlichkeit wird.
das Strombeispiel macht deutlich, dass heit angehören. Jedes Land, jede Region wird Die Menschen wären die Sorgen wegen stei-
der weltweite Bedarf mit jeder der drei auf- eine spezifische und dabei vielfältige Energie- gender Energiepreise los, die Stadtluft wäre
geführten Optionen gedeckt wäre. Dass basis bekommen. Die Weltenergieversorgung sauberer, die Zahl der Kranken würde sinken.
das natürliche Energiepotenzial noch weit mit erneuerbaren Energien wird eine »multikul- Verändert wäre das Stadtbild, vor allem die
umfangreichere technische Aktivierungen turelle« sein. Dachlandschaften, denn statt stumpf wirken-
ermöglicht, ergibt sich aus der Tatsache, Natürlich sind vielerlei einzelne Anstrengungen der Dachziegel gäbe es viele kristallblaue
dass die Sonne mit ihren Derivaten Wind, nötig, wie z. B. das deutsche Erneuerbare-Ener- und andersfarbige Solaranlagen. Immerhin
Wellen, Wasser und Biomasse dem Erdball gien-Gesetz (EEG), um diese Vision zu realisie- geht es hier – Strom-, Wärme- und Kühlungs-
täglich 15 000-mal mehr Energie liefert, als wir ren. Aber diese Anforderungen sind nicht kom- bedarf in Gebäuden zusammengenommen –
derzeit in Form von atomaren und fossilen plizierter und aufwendiger als die Entwicklung um einen wesentlichen Teil der Problem-
Energien verbrauchen (Abb. A 2.6). Es gibt und Produktion der Satelliten-, Luftfahrt-, Kom- lösung.
also weder ein mangelndes Energiepotenzial munikations-, Medizin- oder Waffentechnik – Die solare Umrüstung des Gebäudebestands
noch eine durch die Technik gesetzte Grenze. und mit Abstand weniger komplex als die und solare Neubauten sind der »goldene
Denn es geht bei dem erforderlichen Produk- Atomtechnik. Die Behauptung, es sei nicht Boden« für Bauhandwerk, Architektur und Bau-
tionsvolumen für Anlagen um Produktions- möglich mit erneuerbaren Energien zu einer wesen. Der Durchbruch in der Bauwirtschaft
leistungen, die in anderen Industriesektoren umfassenden Energieversorgung zu kommen, kommt mit der Auftragsmenge und mit dem
seit Langem üblich sind. Auch hier kann und diskreditiert viele Berufssparten, wie die der Paradigmenwechsel bei Architekten.
wird künftig erneuerbare Energie eingesetzt Physiker, Chemiker, Ingenieure, Architekten, Immer mehr Bürger werden die individuellen
werden. und deren kreatives Potenzial. und sozialen Vorteile dieser Entwicklung erken-
Worin soll also das prinzipielle Hindernis nen und sich daran orientieren. Da Strom-,
bestehen? Die vorgestellten Hochrechnungen Chancen für die Bauwirtschaft Wärme- und Kühlbedarf in Gebäuden etwa die
dienen allein der Öffnung der Gedanken. Mit Die Bauwirtschaft, einschließlich Bauindustrie Hälfte des Gesamtenergiebedarfs der Gesell-
jedem Schritt näherer und differenzierterer und -handwerk, könnte neben der Landwirt- schaft ausmachen, ist diese Umorientierung
Betrachtung des natürlichen und technischen schaft den größten Aufschwung mit der Ener- der wichtigste Faktor der Energiewende, eines
Anwendungspotenzials wird die praktische giewende erleben, wenn sie die Chancen grundlegenden Systemwechsels. Dieser ist
Attraktivität erneuerbarer Energien größer. des solaren Bauens für sich nutzt. Zahlreiche unaufhaltbar. Die einzig offene Frage ist, wie
Schon die Bandbreite der hier vorgestellten neue Baumaterialien und Bauweisen – vom lange wir zur praktischen Neuorientierung
Möglichkeiten zeigt, dass eine weltweite Ener- wärmedämmenden und zugleich strompro- brauchen. Kein Zweifel besteht mehr daran,
gieversorgung allein mit erneuerbaren Ener- duzierenden Glas bis hin zu energiesparenden dass wir aufgrund der sich zuspitzenden Ener-
gien, auch bei wachsendem Energiebedarf in Holzkonstruktionen – könnten dabei zum Ein- gie- und Umweltkrisen keine Zeit mehr verlieren
Entwicklungsländern, bereits heute realisier- satz kommen. Jedes Gebäude muss, um die dürfen. Die Neuorientierung ist kein technolo-
bar ist. Die Mischungsverhältnisse sind von kostenlose Sonnenenergie für Wärme- und gisches Problem mehr und auch – wenn wir
Land zu Land, Region zu Region, Gemeinde Kühlzwecke optimal nutzen zu können, auf richtig rechnen – kein wirtschaftliches. Es ist
zu Gemeinde, Haus zu Haus unterschiedlich. eine der Topografie und den bioklimatischen ein politisches und ein kulturelles, denn die
Welche Mischung realisiert wird, ist von vielen örtlichen Bedingungen angepasste Weise Beschleunigungsfaktoren sind die Politik und
einzelnen Faktoren abhängig: von Energie- ausgerichtet werden – jeweils als ein Solar- diejenigen gesellschaftlichen Akteure, die sich
einspareffekten, die parallel zur Ausbreitung konzept für sich. in ihrem Gestaltungsrahmen für diesen Ener-
erneuerbarer Energien den Energiebedarf Zahllose Beispiele aus der Praxis zeigen, dass giewechsel entscheiden – im Eigen- und im
senken; von den jeweiligen geografischen dies möglich ist: Wohnhäuser etwa, auch Alt- Gesamtinteresse.

17
Architektur und Nach-
haltigkeit – eine schwierige
Beziehung

Robert Kaltenbrunner

A 3.1
Vermutlich denkt man nicht zuerst an Einstein, derzeit stärker Bezug auf das einzelne Ge-
wenn von nachhaltiger Architektur die Rede ist. bäude als auf den Siedlungszusammenhang
Und doch bieten seine Erkenntnisse einen so genommen. Nachhaltigkeit funktioniert eben
ungewöhnlichen wie notwendigen Zugang zu nicht wie die Automobilindustrie, die permanent
diesem Thema. Die klassische Physik kennt den »neuesten Stand« der Fortentwicklung
die drei Kerngebiete Mechanik, Elektrodynamik aller Systeme verkündet.
und Thermodynamik, die heute noch so be-
stehen. Allerdings hatten diese sich seit Mitte Die Gewichtung der Betrachtungsebenen
des 19. Jahrhunderts in ihrer gegenseitigen Mögen klare Kriterien und halbwegs messbare
Beziehung langsam wie Kontinentalplatten ver- Indikatoren von Nachhaltigkeit auf der konkre-
schoben. Die eigentliche Leistung Albert Ein- ten Gebäudeebene noch benennbar sein, so
steins liegt darin, dass er erkannte, was alle wird man kaum behaupten können, dass es
anderen übersahen: An den Faltungszonen aus Sicht von Städtebau und Stadtökologie
zwischen den begrifflichen Kontinenten häuften bereits einen tragfähigen Ansatz zur Bestim-
sich Grenzprobleme, die den Bewohnern der mung und Realisierung einer optimalen Rela-
einzelnen Kontinente jeweils nur als randstän- tion aus Dichte, Stadtgröße, Umwelt- und
dig erschienen. Erst aus einer nichtspezialisier- Lebensqualität gibt. Schon die Frage nach Art
ten Perspektive offenbarten sie sich in ihrer und Lage des Grundstücks kann die Parameter
ganzen Brisanz und wurden schließlich zu den für ein nachhaltiges Bauprojekt entscheidend
Ausgangspunkten von Einsteins wissenschaft- verändern. Beispielsweise führen die einzel-
licher Revolution. wirtschaftlichen Standortentscheidungen von
Solche »Grenzüberschreitungen« braucht es Haushalten und Betrieben in Richtung Stadt-
auch heute. Zwar hat das Umweltbewusstsein umland in der Summe zu erheblichen unge-
mittlerweile einen festen Platz im gesellschaft- deckten Folgekosten oder Externalitäten – vor
lichen Wertekanon erobert und der offensicht- allem in den Bereichen Infrastruktur, Verkehr,
liche Klimawandel setzt die Politik unter erheb- Umwelt und Städtebau. Damit sind gesell-
lichen Aktionsdruck. Dass deswegen aber schaftliche Nachteile verbunden, die in die
schon alle möglichen sektoralen Handlungsfel- Bilanzierung von (individuellen wie gesamtwirt-
der in durchschlagender Weise auf Nachhaltig- schaftlichen) Kosten und Nutzen der Suburba-
keit getrimmt sind, lässt sich nicht behaupten. nisierung bisher nicht hinreichend eingehen.
Noch immer klafft eine Rationalitätslücke zwi- Insofern hängt die auf den Bauprozess bezo-
schen dem (betriebs-)wirtschaftlich Zweckmä- gene Bilanz stark vom Standpunkt des Beob-
ßigen und dem Notwendigen. Die Philosophie achters ab; sie ist also nicht zuletzt weltan-
des Aristoteles, ein Lebewesen sei nicht an sei- schaulicher Natur. Einerseits steht einer ent-
ner Erscheinung, sondern an seinem Tun und scheidenden Breitenwirkung des nachhaltigen
den Reaktionen auf seine Umwelt zu erkennen, Bauens augenscheinlich jener Druck der Sach-
sollte endlich auf den Bausektor übertragen zwänge gegenüber, der mitunter dazu führt,
werden. dass bereits erreichte Qualitätsstandards –
So betrachtet, erschließt sich schnell ein ande- gerade bei privater Finanzierung – eher zurück-
rer, über das einzelne Gebäude hinausgehen- geschraubt als zu einer allgemeingültigen
der Horizont: Ökologische Einzelmaßnahmen Mindestgrundlage gemacht werden. Anderer-
machen noch keine Öko-Architektur; Solarzel- seits wird bei speziellen Bauvorhaben nament-
len und passive Sonnennutzung, ins Haus inte- lich der öffentlichen Hand – sei es nun beim
grierte Gewächshäuser, Fassadenbegrünung Umweltbundesamt in Dessau oder Norman
und Wärmedämmung sind längst nicht hinrei- Fosters Commerzbankhochhaus in Frankfurt –
chend für ein wirklich nachhaltiges Bauen. Bis- viel Wert auf »Ecological Correctness« gelegt,
A 3.1 Photovoltaikmodule in der Dachfläche, Atelier- her lässt sich eher die Optimierung von – wenn schon aus Gründen eines zukunftsgewandten
gebäude, Dresden (D) 2003, Haller Morgenstern
Quincke
auch wichtigen – Einzelaspekten beobachten, Marketings (Abb A 3.2). So bleibt eine interpre-
A 3.2 Umweltbundesamt, Dessau (D) 2005, Sauerbruch weniger ein Gesamtkonzept nachhaltigkeits- tatorische Kluft. Manche singen das Hohelied
Hutton orientierter Planungsprinzipien. Ebenso wird des Erfolges: Nachhaltigkeit stellt mittlerweile

18
Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung

ein anerkanntes Ziel des Bauens dar. Andere In der Diskussion, die hierzulande geführt wird, zahllosen Einzelergebnisse aus Naturwissen-
monieren, dass man noch immer verharre bzw. erscheint Nachhaltigkeit – besonders wenn sie schaften und technologischer Forschung plötz-
sogar zurückgefallen sei – im Glauben, dass auf Innovation und Hochtechnologie bezogen lich in einen neuen Kontext. Richard Buckmins-
technisch alles mach- und beherrschbar sei, wird – wie eine Dame ohne Unterleib, abge- ter Fuller, der mit seinem Diktum »think global –
dass mithin der Komplexität der Aufgabe nicht schnitten von kulturellen Faktoren und sozialen act local« Geschichte schrieb, prägte vor mehr
hinreichend Rechnung getragen würde. Diese Katalysatoren, ohne die noch nicht einmal die als sechs Jahrzehnten den Begriff »Cosmic
Ambivalenz ist fürs Erste kaum aufzuheben. aseptisch gedachten wissenschaftlichen Ent- Conceptioning«. Gemeint ist die Fähigkeit,
Indes soll es hier weniger darum gehen, ein deckungen, geschweige denn ihr gesellschaft- komplexe Zusammenhänge für Erhalt und Pfle-
Urteil zu fällen, als vielmehr auf einige Aspekte licher Gebrauch denkbar wären [2]. Photovol- ge der Lebensgrundlage nicht nur zu erken-
aufmerksam zu machen, die bislang vielleicht taik, Passivhausstandard, Wärmerückgewin- nen, sondern im Denken und Handeln wirksam
zu kurz kamen. nung – bloße naturwissenschaftlich-techni- werden zu lassen – vor allem in einer präzisen
Ob nachhaltig, ökologisch, ressourcenscho- sche Ansätze – greifen nicht, was mitunter in Modellierarbeit von Ereignismustern, ihren
nend, umweltgerecht, biologisch oder energie- der Fachgemeinde selbst moniert wird: »Die Veränderungen und Transformationen. Als
sparend: Gleichgültig, unter welcher Überschrift Denkweise der Bauingenieure ist vorwiegend noch keine Rede sein konnte von Energiekrise,
man sie einordnen möchte, auf eine solche technisch-rational und zu wenig auf die Kom- Umweltbelastung und Zerstörung des globalen
Art zu bauen, erhebt den Anspruch, dezentral, plexität des menschlichen Verhaltens ausge- Ökosystems, arbeitete Fuller bereits antizipato-
integriert und selbstgenügsam zu sein. Allen richtet. Dem Bauingenieur fehlen gesellschafts- risch an Konzepten zur Lösung dieser künf-
Begriffen gemein jedoch ist die Herkunft aus politische Denkansätze und Strategien zur tigen Probleme. »Die Quelle aller Kräfte«, so
den 1960er-Jahren, in denen das etablierte Durchsetzung seiner Ziele« [3]. Aber auch diagnostizierte er, »die der Mensch für die
System ins Kreuzfeuer vornehmlich jugendlicher die Architekten sind nicht ausreichend darauf Handhabung aller seiner Instrumente – beleb-
Kritik geriet. Sie entstammen somit einer sozia- eingestellt, wie es etwa die gängige Architek- ter wie unbelebter – braucht, ist die Sonne. (…)
len Bewegung, nicht bloß einer technischen turlehre manifestiert: Sie wird entweder vom Das Entwerfen von Behausungen auf wissen-
Innovation. Freimut Duve fasste einmal stellver- Primat der Gestaltung oder von einer gewissen schaftlicher Grundlage ist den Sternen mehr
tretend in Worte, wie weit der Glaube reiche: Unterkomplexität, indem reine Teilaspekte im verbunden als der Erde« [4].
»Die zentralistischen großtechnologischen Sys- Vordergrund stehen, dominiert. Buckminster Fullers Wirken stand unter dem
teme – Verkehr, Versorgung und Fernsehen – Motto »How to make the world work« – so
ebnen die historischen Städte ein. Ökologisches Gesellschaftlich-kulturelle Akzeptanz als sei ihm irgendwo in der Einöde eine Kiste
Bauen, die Suche nach dem verlorenen Men- Die häufige Verkürzung von Nachhaltigkeit mit Maschinenteilen, ganzen und zerbroche-
schenmaß in der Stadt könnte ihr wieder Gesicht auf Innovation, Wissenschaft und Technologie nen, zugeschickt worden, die er jetzt mithilfe
und Eigenheit geben« [1]. Ein ambitionierter verkennt die außerordentliche Bedeutung von einer Bedienungsanleitung und Improvisation
Anspruch also, dem bislang jedoch auf seinem konzeptionellen Inspiratoren, deren visionäre zu einem funktionierenden Ganzen zusammen-
Weg in unsere Alltagswirklichkeit nicht durch- Arbeit im Entwurf einer Zusammenschau bauen muss. Die Information der Teile über
gängig Glück beschieden war. bestand. Diese Zusammenschau stellte die ihr Funktionieren im Ganzen wird zur Aus-
gangs frage für Fullers »Systems Approach«;
die Lösungsstrategie setzt bei der Integration
der Einzelfunktionen an. Er sieht die Erde als
integral konstruierte Maschine an, die zum
Zweck dauerhafter Leistungsfähigkeit als
Ganzes begriffen und bedient werden müsse.
Wenn Fuller seine Schrift nun »Bedienungs-
anleitung« nennt, dann will er damit vor allem
auf deren Fehlen hinweisen. Die Menschheit
lebe auf der Erde, ohne ein Anleitungsbuch
für die richtige Bedienung an die Hand be-
kommen zu haben. Gemessen an der unend-
lichen Sorgfalt, mit der alle Details des »Raum-
schiffs Erde« ab ovo festgelegt worden seien,
müsse man das Fehlen einer Bedienungsan-
leitung als absichtlich und planvoll ansehen.
Eben diese bewusste Abwesenheit hat nun
aber ihr effektiv Gutes. Denn dies zwinge dazu,
»unseren Intellekt zu gebrauchen, und das ist
unsere höchste Fähigkeit, mit der wir wissen-
schaftliche Experimente anstellen und die
Bedeutung experimenteller Ergebnisse wirk-
sam interpretieren können. Gerade weil die
Bedienungsanleitung bisher gefehlt hat, lernen
wir zu antizipieren, welche Konsequenzen
sich aus einer steigenden Anzahl von Alter-
nativen ergeben, um unser Überleben und
Wachstum befriedigend zu erweitern – phy-
sisch und metaphysisch« [5]. Nachhaltige
Entwicklung, nachhaltiges Bauen gibt es
demnach nur als Synthese von technologisch-
ingenieurmäßigen Handeln und gesellschafts-
politischen, wertebasierten und werteorientier-
ten »Ansprüchen«.
A 3.2

19
Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung

A 3.3 Piazza XXIV Maggio, Neugestaltung, Cormons (I)


1990, Boris Podrecca
A 3.4 gewachsene Urbanität, Altstadt von Prag (CZ)
A 3.5 Passivhauswohnanlage, Salzburg (A) 2006,
sps-architekten
A 3.3 A 3.4
Im Kanon dieser Ansprüche wird etwa Mobi- Was heißt »mehr Lebensqualität«? kaum mehr, so als sei die Nachfrage etwas
lität nicht ausreichend berücksichtigt, ob- Der Paradigmenwechsel in unserer Gesell- Festgelegtes, nicht wiederum das Ergebnis
gleich die Geschichte der Moderne auch die schaft – weg vom einseitigen Wirtschaftswachs- von Wünschen, also Bedürfnissen, die immer
Geschichte der modernen Mobilität ist. Bauen tum, hin zu mehr Lebensqualität – spielt eben- wieder neu erzeugt werden (können) [6]. Zum
für die künftige Gesellschaft heißt, die Wech- falls eine nicht zu unterschätzende Rolle, doch anderen stellt sich die Frage, ob die siedlungs-
selwirkung zwischen Mobilität und Moderne keineswegs eine nur positive: Denn in diesem strukturelle Entwicklung der jüngeren Vergan-
gestaltend zu akzeptieren. Der enge Bezug »mehr Lebensqualität« kommt z. B. zum Aus- genheit tatsächlich nachhaltig ist. Dies ist zwar
sei kurz veranschaulicht: Frank Lloyd Wright druck, dass Familien und Haushalte heute ein mit guten Argumenten in Abrede gestellt wor-
hatte diesen als einer der ersten mit seiner höheres »Wohn-Begehren« als früher haben. den, aber sie offenbart auch insgesamt einen
»Broadacre City« dargestellt, und die kom- Unsere Gesellschaft spricht von nachhaltig und notwendigen Funktions- und Bedeutungswan-
promisslose Radikalität, mit der in Le Corbu- verbraucht gleichzeitig immer mehr Fläche. del der Stadt im 21. Jahrhundert, indem sie
siers »Ville Contemporaine« oder »Plan Laut Statistischem Bundesamt betrug 2005 die weder dynamischen noch normativen Geset-
Voisin« dem Auto Platz geschaffen wird, Pro-Kopf-Wohnfläche bundesweit ca. 42 m2. zen folgt. Stadtplanung hat damit per se einen
bleibt unübertroffen. Doch im europäischen So stößt man bei dieser Frage sehr schnell auf schwierigen Part, fordert sie doch von Bürgern,
Rahmen signalisierte die gegliederte und auf- politische und kulturelle Grundwerte unserer Architekten und Politikern ein neues Bewusst-
gelockerte, später die autogerechte Stadt, Gesellschaft: privates Eigentum, Abgeschlos- sein für den Bestand, für nachhaltiges, ressour-
das, was der Beweggrund für die künftige senheit und Unabhängigkeit der Privatsphäre. censchonendes Bauen, mehr Denkmalschutz
Entwicklung werden sollte: Das Auto avancier- Diese Werte sind aufs Engste mit der Hoffnung und weniger Prosperität.
te zum »Spiritus Rector« des Städtebaus, auf individuelle Autonomie verknüpft. Jeder Historische Bausubstanz gehört, wie der
spielte die Rolle des Katalysators, an dem Versuch, die Trends zu immer kleineren Haus- Boden, zu den nicht vermehrbaren und vor
sich urbanistische Konzepte schieden und halten und immer größeren Wohnflächen zu allem zu den nicht mehr wiederholbaren Res-
erwies sich als Sprengsatz historischer Stadt- stoppen, die Inanspruchnahme von Siedlungs- sourcen unserer Umwelt. Was bedeutet der
strukturen. Denn dort, wo das 19. Jahrhundert flächen zu bremsen, kämpft daher nicht nur behutsame und schonende Umgang mit dem
mit seinen Verwaltungs- und Erziehungsan- gegen rücksichtslosen Landschaftsverbrauch, bereits Gebauten anderes als eine nachhaltige
stalten nur insulär in bestehende Bereiche ein- vergnügungssüchtigen Konsumismus und Strategie, die grundsätzlich Anpassungsfähig-
brach und auch der Zweite Weltkrieg die zu- großstädtische Vereinzelung, sondern auch keit und Wiedernutzbarkeit unterstellt, die also
grunde liegenden jahrhundertealten Parzellie- gegen die historische Errungenschaft indivi- Altbauten eine zweite Chance gibt? Bei allen
rungsmuster nicht antasten konnte, wurden dueller Unabhängigkeit. Fortschritten, die im Neubau bereits verwirklicht
nach dem Diktat des neuen städtebaulichen Steigender Wohnflächenbedarf stellt ein reales wurden, darf man nicht übersehen, dass das
Paradigmas solche Grenzen buchstäblich Anliegen dar, mit dem man sich beim Stichwort größte ökologische Potenzial im Bereich der
überfahren. In den 1960er-Jahren blieb der »nachhaltiges Bauen« produktiv auseinander- Bestandssanierung liegt. Eine »kluge« Res-
Zusammenhang zwischen Automobil und setzen muss, d. h. systematisch danach zu fra- sourcennutzung muss in der Architektur und im
Raumstruktur als urbanistische Stellgröße gen, ob viele Menschen nicht auch gute Grün- Städtebau einen Paradigmenwechsel begrün-
präsent. Die sich abzeichnende »Verflüssi- de dafür haben, an den »schädlichen« Lebens- den, der gesellschaftlich getragen wird: weg
gung« des Raumes infolge der Automobilität weisen festzuhalten, nämlich ihre Hoffnungen von der marktwirtschaftlich orientierten Schnell-
wurde als positive Entwicklung gewertet auf individuelle Autonomie, auf Befreiung von lebigkeit im Lebenszyklus, hin zu einer neuen
und durch den extensiven Autobahn- und Mühe und Arbeit. Nur wenn es gelingt, ein Wertschätzung der Dauerhaftigkeit.
Straßenausbau gefördert – so begann die sich neues identitätsstiftendes Bild vom Bauen und Wenn es ein Grundprinzip der Nachhaltigkeit ist,
spiralförmig hochschraubende Wechselbezie- Wohnen zu formulieren, in dem das Streben in vernetzten Zusammenhängen zu denken,
hung von Infrastrukturangebot und Motorisie- nach einem angenehmen Leben mit den Gren- dann reichen diese Zusammenhänge, bildlich
rungsgrad. In den letzten Jahren verloren zen seiner natürlichen Grundlagen versöhnt ist, gesprochen, über die Grenzen des Grünstrei-
räumliche Nähe und direkte Nachbarschaft zu- kann das ökologisch Notwendige auch poli- fens hinaus und umfassen nahezu alle Muster
nehmend an Bedeutung, während Entfernung tisch machbar und mehrheitsfähig werden. Das unserer sozialen, ökonomischen und politischen
nun zu einer vorrangig zeitlichen Kategorie impliziert wiederum zweierlei. Zum einen die Wertbestimmung. So wird über kurz oder lang
wurde. Und da liegt auch das Dilemma: Wenn Frage, ob das Bedürfnis auf nicht-dirigistische auch nachhaltiges Bauen nicht länger als unver-
Mobilität die Grundlage gesellschaftlicher Weise beeinflussbar ist. Dass die Nachfrage bindliche Lebensstiloption mit privatem Weltan-
Austauschprozesse ist und sie an ihrer Um- das Angebot bestimmt, ist eine eherne Weis- schauungszusatz – und prallem Geldbeutel – zu
setzung in Verkehr zu ersticken droht, so be- heit der Marktwirtschaft, und sie scheint auch missverstehen sein [7]. Die bisherigen Ansätze
schreibt das nicht ein Ärgernis, sondern geht unserer Gesellschaft in Fleisch und Blut über- sind ein erster Schritt, aber noch keine Lösung.
an die Substanz. gegangen zu sein. Problematisiert wird sie Nachdem die moderne Architektur ökologische

20
Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung

Aspekte und Klimafragen sowie Heizkosten jah- ihr Transfer in das Bauwesen weitgehend aus. Umweltenergien sinnvoll in das Gebäudekon-
relang als lösbare Probleme und deshalb als zu Weder Hochschulen noch Fachmedien zeigen zept direkt oder eben indirekt einbeziehen, so
vernachlässigende Größen behandelt hat, ist diesbezüglich großes Engagement. Eine Frage, kann dies nicht ohne Auswirkungen auf die
heute die bessere Orientierung und Dämmung die zwar selten offen angesprochen, gleich- bauliche Gestalt bleiben. Ansätze, das nach-
von Gebäuden nicht mehr alternativ, sondern wohl aber von immenser Bedeutung ist, ist die haltige Bauen in eine zeitgenössische »Archi-
Gebot. Fraglos ist hier viel erreicht worden, auch der Form und Erscheinung, weil sie eine Kern- tektursprache« zu übertragen, existieren. Hier
über den »Green Glamour« als Ausdruck indi- domäne anspricht. Wie sieht eine Architektur sei nur auf die Idee der »Natürlichen Konstruk-
vidueller Gewissensberuhigung hinaus. Eine des nachhaltigen Bauens aus? Hier lassen sich tionen« [11] und auf den Münchner Architekten
Architektur mit dem Anspruch etwas Integrier- unterschiedlich relevante Tendenzen benen- Thomas Herzog mit seinen so intelligenten wie
tes, Vernetztes, Umweltbewusstes zu schaffen, nen. Am auffälligsten ist, dass sich weder erfrischenden Baukonzepten verwiesen. Aber
bliebe letztlich »gleichgültige Technologie, ob Architekten noch Medien besonders dafür wirklich bahnbrechend wurde diese Form
hart, ob sanft, wenn nicht subjektive seman- begeistern. Gerade die Grundhaltung, wie sie der Umsetzung nicht; und es gibt auch keine
tische Energien das technische Konstruktions- etwa Peter Eisenman einmal zum Ausdruck Anzeichen dafür, dass sich dies ändert – woran
gerippe zu einem Bild eines anderen Lebens brachte, ist selbstredend: »To talk to me about wiederum die Medien keineswegs unschuldig
ergänzen können« [8]. Mit Bepflanzung, Brenn- sustainability is like talking to me about giving sind. Trotz aller Lippenbekenntnisse hat die
wertkesseln, Solarzellen, recycelbaren Bau- birth. Am I against giving birth? No. But would I Nachhaltigkeit es auch hier schwer – ange-
stoffen und Energiekostenvergleichen ist es like to spend my time doing it? Not really. I’d sichts eines sensationshungrigen Markts und
demnach nicht getan. Vielmehr und ganz ent- rather go to a baseball game« [10]. Nachhaltig- der wirksamen Selektionsmechanismen. Man
schieden handelt es sich um eine Frage der keit scheint für Intellektuelle oder Künstler- braucht nur auf den Umstand hinzuweisen,
Bereitschaft, Bewusstwerdung und mentalen naturen ein sprödes Thema zu sein, und »öko- dass in unserer Zeit die Zuweisungskriterien für
Veränderung. Diese Frage haben sich weder logische Architektur« ein Label, das viele ab- Qualität subjektiv sind, dass Geschmäcker wie
Architekten und Bauträger noch Bewohner und schreckt. Das lässt sich wahrscheinlich darauf Zwecke der Objektivität entbehren. Anderer-
Betreiber in der notwendigen Tiefe gestellt [9]. zurückführen, dass frühe ökologische Architek- seits werden wir durch diese Freiheit an Sub-
So muss man keineswegs Anhänger eines tur an Wohn- und Lebensformen (wie z. B. Aus- jektivität nicht recht froh: Wir möchten unsere
geschichtsphilosophischen Fatalismus sein, um steigermodelle, Landkommunen) gebunden Auffassungen teilen. Dabei hört man in der
vorauszusehen, dass das Thema seine eigent- war, die den konventionellen widersprachen. Regel auf diejenigen, auf die schon viele ande-
liche Brisanz noch nicht erreicht hat. Vielleicht wird hier unbewusst, doch durchaus re hören. Geschmäcker neigen darum zu einer
spürbar, der scheinbare Gegensatz von Nach- gewissen Homogenisierung und Konventionali-
Problem: mangelnde Sinnlichkeit haltigkeit und Gestaltung kultiviert. sierung. Hier nun finden die Medien ihre Rolle:
Dabei wird man zugeben müssen, dass ratio- Auf der Suche nach einer visuellen, ästheti- Sie kanalisieren die öffentliche Debatte, über
nale, wissenschaftlich begründete Erkenntnisse schen Identität ökologischer Architektur können die Qualität zugeteilt wird. Zur Architektur zählt,
darüber, wie nachhaltiges Bauen strukturiert viele Konzepte, Grundregeln, Normen usw. bis- was einer Besprechung in den Medien wert ist.
sein müsste, bereits vorliegen. Dennoch bleibt lang nicht sehr viel weiterhelfen. Will man etwa Das Publizieren hat folglich die Stellung des

A 3.5

21
Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung

A 3.6
Konsens in der Diskussion von Argumenten Die Notwendigkeit alltagstauglicher Beispiele Attribut eines Sonnenkollektors. Gerade das
übernommen. Und da Nachhaltigkeit sehr kom- Um das Thema des nachhaltigen Bauens stär- aber gereicht ihnen wiederum zum Vorteil. Sie
plex und wenig bildhaft ist, dominieren nach ker in der breiten Öffentlichkeit und im »norma- machen deutlich: Es gibt keinen »Öko«- oder
wie vor andere Topoi. len« Bauen zu verankern, bedarf es nicht so auch nur »Energiespar«-Stil. Ein solches Bauen
sehr exzeptioneller Öko-Avantgarde-Projekte – verlangt keine einheitliche Ästhetik und keine
Mit dem nachhaltigen Bauen steht nicht zuletzt die gibt es bereits. Vielmehr wären praktische allgemeinverbindlichen Regeln, außer die eines
das berufliche Selbstverständnis der Architekten Beispiele vorzuführen, müsste der Gebrauch vernünftigen, die Umwelt nicht zerstörenden
auf dem Prüfstand. Günter Moewes etwa ist von kostengünstigen, quasi alltäglichen, d. h. (zumindest nicht verschmutzenden) Verhaltens.
der Meinung, dass vieles von dem, was unter bereits gängigen und bewährten Technologien Insofern ist auch der gerne angeführte Wider-
»ökologischem Bauen« reüssiert, lediglich den im Lebensalltag vieler bewiesen und anschau- spruch zwischen Gestaltung und Umweltan-
Eindruck des Umweltgerechten zu erwecken lich gemacht werden [14]. Eine Art Versuchs- spruch lediglich virtuell.
scheint: »Das wirkliche ökologische Bauen anordnung stellten die so genannten Energie- Ein Kernproblem liegt im Verhältnis von Investi-
ist dem ›konventionellen‹ Bauen des frühen sparhäuser am Lützowufer in Berlin dar [15]; tions- zu Betriebskosten bzw. in dem Umstand,
20. Jahrhunderts ähnlicher als der heutigen Mei- ein weiteres Referenzprojekt ist die »Solar City« dass Einsparungen nur aufgrund (zunächst)
nungsarchitektur.« Beispielsweise seien Karl- in Linz. Aus beiden lassen sich einige grund- höherer Investitions- und Baukosten möglich
Josef Schattners Umbauten in Eichstätt oder der sätzliche Erfahrungen ziehen. Wenn man sind. Das zu akzeptieren, fällt Bauträgern, Käu-
Wohnungsbau eines Otto Steidle »gewiss ökolo- davon ausgeht, dass Architektur zu ihrem fern und der öffentlichen Hand schwer. In der
gischer als die vielen frei stehenden, kurzlebi- Betrachter zu »sprechen« habe, dann ist das nicht-selbstnutzenden Bauherrnschaft, und das
gen, begrünten Holzhäuschen des vermeintlich »Ökologische« der mit eben diesem Attribut ist die Regel, zeigt sich zudem eine nur gerin-
ökologischen Bauens« [12]. Schlüsselbegriff für versehenen Häuser nicht gerade eloquent. ge Bereitschaft, sich offensiv mit den laufenden
eine solche Wertung ist die Entropie. Dieser Be- Sie bleiben im Rahmen der Konvention, sind Aufwendungen – Strom, Wasser, Heizung –
griff entstammt der Physik und basiert auf dem »architecture parlante« lediglich insofern, als auseinanderzusetzen. Diese Rubrik der Be-
zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Demzu- sie mit be- und anerkannten Bildern des Woh- triebskosten wird an den späteren Nutzer wei-
folge laufen in einem geschlossenen System alle nens arbeiten, allenfalls akzentuiert durch das tergegeben, der wiederum an den grundlegen-
Vorgänge nur in einer Richtung ab: von Zustän-
den höherer zu Zuständen niedriger Ordnung.
Entropie ist der Grad dieser stets zunehmenden
Vermischung und Zerstreuung; sie ist demnach
ein Zustand und kein Vorgang. Auch die Erde
stellt sich als weitgehend geschlossenes Sys-
tem dar, da die einzig nennenswerte Größe, die
eindringt, die Sonneneinstrahlung ist. Deshalb
ist eine Zielenergie nur durch gleichzeitige Ver-
mehrung der Entropie an anderer Stelle zu
haben, wie das Beispiel der Dampfmaschine
zeigt, deren Kraft nur durch eine ungleich hö-
here Produktion von sinnloser Abfallwärme er-
zeugt werden kann. Da nun unser ganzes Wirt-
schaften so – und nur so – funktioniert, steht
man offenkundig vor einem gravierenden, quasi
naturgesetzlichen Problem. Statt nun das Ruder
herumzuwerfen, leistet die Architektur dem auch
noch Vorschub. »Genau diese aus den Public-
Relations-Mechanismen des Wirtschaftens ge-
borene Novitätensucht führt in die Entropie, in
den überall gleichen Brei aus punktuell Ande-
rem. Wenn alle auf dem Individualitätstrip sind,
ist dies ein Verlust von Individualität. Überall das
gleiche Gemisch extremer Unikate – das wäre
die Höchstform städtebaulicher Entropie« [13].
A 3.7

22
Architektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige Beziehung

A 3.6 Umbau des ehemaligen Friedrich Gymnasiums,


Berlin (D) 2004, David Chipperfield Architects
A 3.7 Umbau des Alten Hofs, München (D) 2006,
Auer + Weber, Peter Kulka
A 3.8 Einfamilienhaus, Feldkirch (A) 2003, Walter Unter-
rainer
A 3.8
den Entscheidungen nicht beteiligt ist. Es wird Materialien stehen in einem von lokalen oder damit eröffneten Möglichkeiten lässt sich nur nach
Maßstäben urteilen, die sich am gewünschten und
viel zu wenig beherzigt, dass ökologische regionalen Bedingungen losgelösten Über-
nicht am natürlichen Leben orientieren.
Effekte umso offensichtlicher werden, je mehr fluss zur Verfügung, ebenso die wählbaren [7] Vgl. den Abschnitt »Öko-Architektur – nur was für
sich Sparerfolge unmittelbar in Euro und Cent Techniken. Freilich darf eine Architektur, die Reiche?« In: Beyel, Wolfgang; Nelles, Wilfried
niederschlagen. nachhaltig sein will, sich nicht in technischen (Hrsg.): Wirksame Energienutzung bei der Stadt-
Viele gut gemeinte und innovative Vorschläge Ansätzen oder innovativen Bauprodukten erneuerung – eine soziale und ökologische Notwen-
digkeit. ARCH+ 51/52. Aachen 1980
seitens der Architekten verkennen offenbar erschöpfen. Die jüngere Geschichte zeigt, [8] Schwarz, Ullrich: Ökologisches Bauen – Schritte aus
tief eingefräste Gewohnheiten. Ein Beispiel: dass der Erfolg im Sinne der Nachhaltigkeit dem grünen Schattenreich. In: Schwarz, Ullrich
Das Konzept der thermischen Zonierung – janusköpfig ist: Dieser lieferte den Beschwich- (Hrsg.): Grünes Bauen. Ansätze einer Öko-Architek-
gemeint sind wärmere Rückzugsbereiche im tigungstaktiken der Politiker gegen die War- tur (Reihe: Technologie und Politik). Reinbek 1982,
S. 7f.
Wohnungskern sowie Wintergärten und ähnli- nungen vor Umweltkatastrophen vorzeigbare
[9] Über Richtung und Art erforderlicher Veränderungen
che Glasvorbauten an der Südfront – setzt eine Argumente, ohne dass das System hätte entscheiden nicht allein Notwendigkeiten der Natur,
adäquate Dauernutzung voraus. Wenn der infrage gestellt werden müssen. Indem sich die Pflege der Ressourcen usw. Es sind vielmehr im
unbeheizte Wintergarten aus Raumknappheit technische Ansätze und Produktinnovationen Kern politische Ziele und kulturelle Normen, nach
zum Schlafzimmer gemacht wird, dann zeigt sogar als ein wirtschaftlicher Zweig ausbauen denen zu entscheiden ist, wie eine ökologisch ver-
antwortliche Lebensweise beschaffen sein soll.
sich, dass althergebrachte Werte wie Behag- ließen, wurden sie Teil der Wachstumsideolo- [10] »Mit mir über Nachhaltigkeit zu reden, ähnelt einem
lichkeit und Wohnlichkeit de facto mit den gie, der die ökologische Bewegung mit dem Gespräch übers Gebären. Bin ich gegen das Kin-
energetischen Intentionen kollidieren. Bei hoch Gegenmodell der Kreislaufwirtschaft entkom- derkriegen? Nein. Aber würde ich gerne meine Zeit
wärmegedämmten Gebäuden hat das Nutzer- men wollte. Dennoch übernimmt die Architek- damit verbringen, es zu tun? Würde ich nicht. Ich
verhalten entscheidenden Einfluss auf den tur als räumliches System nach wie vor Ord- würde lieber zu einem Baseball-Spiel gehen.« – Zitat
nach Hawthorne, Christopher: The Case for a Green
Energieverbrauch. Mangelnde Kenntnis, nungsaufgaben innerhalb der Gesellschaft. Aesthetic? In: Metropolis. Okt. 2002, S. 113
Sorglosigkeit oder technische Überforderung Allerdings muss sie sich ihrer Verantwortung [11] Die Übersetzung der vielfältigen Bauprinzipien der
wirken sich dabei negativ aus. Ist man sich neu und wesentlich komplexer als bisher ver- Natur, ob nun Kieselalgen oder Seifenhäute, in archi-
dessen nicht permanent bewusst oder stellt der sichern. tektonische Tragwerke verweist auf den Grundge-
danken von »Natur als Baumeister« oder »Lehrmeis-
Regelungsbedarf selbst eine Überforderung ter«. Vielfach wird heute an der Weiterentwicklung
dar, dann nützen auch die schönsten Maßnah- dieses Ansatzes gearbeitet – im Bereich der Bionik
men wenig. Wer den Anspruch erhebt, der Anmerkungen: für dynamisch-evolutionäre Anpassungsprozesse als
Umwelt und ihren Ressourcen angepasst zu [1] Duve, Freimut: Editorial. In: Schwarz, Ullrich (Hrsg.): Verweis auf das Potenzial an die Veränderlichkeit
bauen, darf eben nicht auf in sich geschlosse- Grünes Bauen. Ansätze einer Öko-Architektur der Natur.
(Reihe: Technologie und Politik). Reinbek 1982, S. 6 [12] Moewes, Günther: Weder Hütten noch Paläste.
ne, höchst komplizierte technische Systeme [2] Mittelbar wird damit auch ein Kernproblem der Öko- Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft –
bestehen, zu deren Regulierung es eines inge- logiebewegung tangiert: Die Vorstellung vom ewigen Eine Streitschrift. Basel / Berlin / Boston 1995, S. 204
nieurtechnischen Hochschulabschlusses Kreislauf der Natur, an dessen Gesetze die Men- [13] ebd., S. 167f.
bedarf. Schumachers Axiom »small is beauti- schen sich in Demut anzupassen hätten, taugt allen- [14] Das Realmodell einer ökologisch sinnvollen Bau-
falls zur Begründung eines ökologischen Autoritaris- und Wohnweise ist bereits in den 1970er-Jahren in
ful« bietet eine Art Richtschnur – weniger im
mus, dessen Gefährlichkeit darin läge, dass er Berkeley verwirklicht worden (vgl. Farallones Institu-
ideologischen Sinne als vielmehr in seiner Ten- selbst nirgends Grenzen finden würde. Die Vorstel- te: The Integral Urban House. Self-Reliant Living in
denz, dass nicht Großtechnologien, sondern lung von natürlichen Gleichgewichtszuständen, aus the City. San Francisco 1979). Gleichsam sich selbst
benutzerorientierte (ergo: kleine), für den Ein- denen sich praktische Normen ableiten ließen, hat überschreitend sollte das Bauen hier auf das Leben
zelnen handhabbare Systeme zu kultivieren etwas Entlastendes gegenüber den Interessens- übergreifen; ob und inwieweit allerdings das
widersprüchen und politischen Konflikten der Gesell- Pionierprojekt noch heute trägt, bleibt offen.
sind. Würde jeder den Anspruch ernst nehmen schaft. Wahrscheinlich liegt darin auch ihre Attrak- [15] Sie wurden im Rahmen der IBA Anfang der 1980er-
und daraus ein Programm formulieren, so tivität. Jahre errichtet. Städtebaulich vorgegeben wurde die
ginge es nicht mehr nur um die arbeitsteilige [3] Scheelhaase, Klaus: Ist der Bauingenieur fit für die »Wiederherstellung des Stadtraums am südlichen
Spezialisierung des wirtschaftenden Men- Zukunft? In: Deutsches Ingenieurblatt, Nr. 7/8 1999, Kanalufer durch eine Wand aus eng stehenden
S. 48 individualisierten Einzelkörpern«. So entstanden fünf
schen, sondern tendenziell um ein anderes
[4] Buckminster Fuller, Richard: Nine Chains to the Kuben von etwa 15 ≈ 15 m, deren energetische
Menschenbild. Dafür wäre es möglicherweise Moon. Philadelphia 1938, S. 67 Unsinnigkeit durch einen gemeinsamen Sockel nur
hilfreich, eher das Spielerische zum Thema [5] Buckminster Fuller, Richard: Einflüsse auf meine noch betont wird – bauordnungsrechtlich aufgrund
des Ausdrucks zu machen als den Verzicht- Arbeit. In: Bedienungsanleitung für das Raumschiff eines zu geringen seitlichen Bauwichs gefordert.
anspruch, in dem doch immer nur Bevormun- Erde und andere Schriften. Reinbek 1973, S. 32f. [16] Behne, Adolf: Der praktische Zweck mache das
und S. 103 Haus zum Werkzeug, der Spieltrieb des Gestaltens
dung mitschwingt [16]. [6] Im System der Beziehungen zwischen Mensch und zum Spielzeug. In: Der moderne Zweckbau Bauwelt
Das Wesen der Architektur wird heute weniger Umwelt sind beide Pole Produkt menschlicher Fundamente, Bd. 10. Frankfurt a.M. / Berlin 1964,
denn je von ihrer physischen Gestalt bestimmt. Geschichte, also prinzipiell variabel, und über die S. 11

23
Die Dinge richtig tun – über
Effizienz und Nachhaltigkeit

Manfred Hegger

A 4.1
Forschung und Entwicklung, neue Werkzeuge, ralschäden« unseres bisherigen erfolgreichen
innovative Produkte und die globale wirtschaft- Handelns gefährden mittlerweile unsere
liche Entwicklung führen es uns täglich vor Lebensgrundlagen. Wir sind uns dessen
Augen: Unsere Lebensgrundlagen verbessern bewusst. Nicht umsonst geht die zeitlich um
sich rapide, insbesondere seit Beginn der eine lange Welle fortgeschriebene Theorie
Industrialisierung. Der Fortschritt scheint unauf- nach Kondratieff davon aus, dass der fünfte
haltsam. Es gelingt der Menschheit offensicht- Zyklus, in dessen Aufschwungphase sich
lich immer besser, ihre fundamentalen Bedürf- unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche
nisse zu befriedigen. Sie entwickelt hierzu Entwicklung nunmehr offensichtlich befindet,
geeignete Technologien und Anwendungen, nicht die Bereitstellung weiterer materieller
Netze und Synergien. Die »Theorie der langen Güter als fundamentales Bedürfnis sieht, son-
Wellen der gesellschaftlichen und wirtschaft- dern die Lösung der Probleme der Umwelt.
lichen Entwicklung« nach Nikolai Kondratieff Demzufolge prägen weniger materielle Güter
besagt, dass es seit Beginn der Industrialisie- als immaterielle Leistungen wie Wissensnetz-
rung gelang, in Zeiträumen von jeweils ca. 50 werke unsere Zukunft. Diese Entwicklung
Jahren grundlegende Bedürfnisse zu decken, scheint bereits so weit fortgeschritten zu sein,
was jeweils durch bahnbrechende Innovatio- dass wir eher vor einem Umsetzungs- oder
nen erreicht wurde (Abb. A 4.4) [1, 2]. Bisher Handlungsdefizit stehen als vor einem Wis-
war es in vier langen Wellen seit Ende des sensdefizit.
18. Jahrhunderts möglich, Arbeit zu erleichtern
(1793 –1847), Ressourcen verfügbar zu Die richtigen Dinge tun – oder die Dinge richtig tun?
machen (1847–1893), Urbanität lebenswürdig Unser Handeln ist zumeist von unbedingtem
zu gestalten (1893 –1939) sowie Individualität Erfolgsstreben geprägt. Daran ist bei ober-
und Mobilität zu fördern (1939 –1989). Während flächlicher Betrachtung nichts auszusetzen.
es zu Beginn eines jeden Zyklus so aussah, als Schließlich geht es darum, ein definiertes Ziel
seien die entsprechenden Probleme unlösbar, möglichst vollständig zu erreichen. Doch es
konnten an seinem Ende im Großen und Gan- kommt auch darauf an, wie man es erreicht.
zen auch weitgesteckte Ziele erreicht werden, Dazu eine Definition der Begriffe Effektivität
zumindest für den entwickelten Teil der Welt. und Effizienz:
Soweit die gute Nachricht. Ein Vorgehen ist dann effektiv, wenn es ein
Richtig ist aber auch, dass ein großer Teil der vorgegebenes Ziel erreicht, unabhängig vom
Welt kaum Anteil an diesen Erfolgen nimmt. Aufwand, den wir für die Erreichung dieses
Zudem erzeugt die Lösung eines Kernprob- Ziels treiben [3]. Effektiv sein heißt also, die
lems regelmäßig mehrere neue Schwierigkei- richtigen Dinge zu tun und dabei keinen Auf-
ten. Einige davon sind zwangsläufig Gegen- wand zu scheuen.
stand der Problemlösung der nächsten langen Effizient ist dagegen ein Verhalten, das zur
Entwicklungsphase. Andere bleiben schlicht Erreichung eines Ziels führt und den Aufwand
unbearbeitet liegen und werden als unvermeid- dafür möglichst gering hält. Die ISO 9000 de-
liche negative Randerscheinungen betrachtet. finiert Effizienz als »Verhältnis zwischen dem
Das wird besonders anschaulich an Umwelt- erzielten Ergebnis und den eingesetzten Mit-
Folgeschäden der industriellen Entwicklung teln« [4]. Bei Effizienz geht es nicht mehr allein
und des Abbaus natürlicher Ressourcen. darum, die richtigen Dinge zu tun, sondern die
Wo liegen die Gründe hierfür? Reicht es aus, Dinge richtig zu tun.
auf die mangelnde menschliche Fähigkeit zur Wirtschaftliche wie ökologische Erwägungen
Weitsicht zu verweisen? Überfordert die stellen das Prinzip der Effektivität zunehmend
A 4.1 effiziente Hülle: Seifenblasen – Dachtragwerk Grunderkenntnis der Ökologie – alles hängt mit infrage. Denn es geht davon aus, dass wir
A 4.2 Synergien von Umweltschutz und Ökonomie allem zusammen – unser Denken? Schaffen wir über nahezu unbegrenzte Ressourcen ver-
A 4.3 effiziente Oberfläche: Schmetterlingsflügel –
geschuppte Metallfassade
uns gerne immer wieder neue Aufgaben? fügen können. Doch unglücklicherweise hängt
A 4.4 die langen Wellen der gesellschaftlichen und wirt- Jeder dieser Erklärungsversuche ist berechtigt, unsere Gesellschaft weitgehend von nicht
schaftlichen Entwicklung nach Nikolai Kondratieff entlastet uns jedoch nicht. Denn die »Kollate- erneuerbaren Ressourcen ab. Und diese

24
Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nachhaltigkeit

Reduktion von Umweltbelastungen Reduktion der Kosten

Minimierung des Energieverbrauchs Kostensenkung im Betrieb


Minimierung des Materialeinsatzes Kostensenkung in Bau und Betrieb
Minimierung toxischer Emissionen geringere Abgaben, geringere Folgekosten
geringeres Haftungsrisiko
Minimierung von Abfall und Verschnitt Kostensenkung im Bau
Schließen von Stoffkreisläufen langfristige Kostensicherheit
langfristige strategische Wettbewerbsvorteile
Erhöhen des Einsatzes erneuerbarer Ressourcen Kostensenkung in Bau und Betrieb
A 4.2 A 4.3
werden allmählich knapp. Unsere Fähigkeit, Öl bei immateriellen Produkten, die unseren Alltag sind Stand der Technik und in Deutschland bei
und Gas zu fördern und zu verbrennen, Kunst- zunehmend bestimmen: Datenbanken, Multi- Nutzung öffentlicher Zuschüsse kostenneutral
stoffe und Metalle herzustellen, materiellen media, Sicherheits- und Umwelttechnologien herstellbar. Das 1,5-Liter-Haus ist als so
Reichtum zu schaffen, übersteigt das Angebot oder Hardware für Informationsanlagen. Die genanntes Passivhaus in den vergangenen
begrenzter natürlicher Rohstoffquellen. Dies Effizienzpotenziale sind erstaunlich: Denken zehn Jahren mehr als tausendfach gebaut wor-
wiederum führt zu Verknappungen und hohen wir nur an die lange gültige, so genannte Halb- den. Der Bau erfordert gegenüber dem 6-Liter-
Preisen. Die Nutzung nicht erneuerbarer Ener- wertzeit von Computern, in der alle 18 Monate Haus ca. 5 % Mehrkosten. In der Gesamtbe-
gien verändert unser Klima und das Wetter. eine Verdoppelung der Rechnerleistung und trachtung bedeutet dies: Die Entwicklung hat
Seit der ersten Energiekrise in den 1970er-Jah- der Speicherkapazität realisiert wurde. Der Mit- innerhalb von weniger als 30 Jahren eine Effizi-
ren und der Erkenntnis von den Grenzen des teleinsatz von Material und Energie hat hier enzsteigerung bis um das 20-fache bewirkt.
Wachstums wurden erste Konsequenzen einen hohen Grad an Effizienz erreicht – und Damit einher gehen deutlich verringerte Emis-
gezogen. Sie betreffen unser Alltagsleben, diese ist ganz offensichtlich noch weiter steige- sionen und ein wesentlich verbesserter Klima-
sind in Flaschenpfand und Rücknahmever- rungsfähig. komfort.
pflichtungen, Mülltrennung oder Energiekos- Dass ähnliche Effizienzsprünge in der Bauwirt-
tenzählern und in vielen anderen Veränderun- schaft erreicht werden können, wird von vielen Ökonomie und Ökologie
gen unmittelbar greifbar. Sie wirken auch in Beteiligten heftig bestritten. Den Gegenbeweis Effizienz ist eine primär ökonomische Katego-
der Wirtschaft – im zunehmenden Einsatz liefern die bereits ergriffenen Maßnahmen zur rie. Doch schon aus den erwähnten Beispielen
nachwachsender Rohstoffe und in hochwerti- Senkung des Energieverbrauchs. Ein vor 1970 wird deutlich, dass Effizienzsteigerung und
gen Recyclingprodukten, in neuen Kraftwerks- gebautes Wohnhaus verbraucht im Durch- Kostensenkung häufig Hand in Hand gehen
technologien und Systemen zur Nutzung schnitt jährlich ca. 25–30 l Heizöl pro m2 Wohn- mit geringerer Umweltverschmutzung: Der
erneuerbarer Energien. fläche. Legt man die derzeit in Deutschland Natur werden weniger natürliche Ressourcen
Anstelle der Effektivität tritt mehr und mehr geltenden rechtlichen Vorschriften der Energie- entzogen; es entsteht weniger Abfall, Luft und
Effizienzdenken. Dies spielt vor allem dort eine einsparverordnung (EnEV) an, darf ein Wohn- Atmosphäre werden geringer belastet. In vielen
Rolle, wo die Ressourcen knapp sind und glo- haus-Neubau heute maximal 6–7 l Heizöl pro Bereichen decken sich die Ziele von Ökonomie
baler Wettbewerbsdruck herrscht. Diese Ten- m2 und Jahr verbrauchen; andere Länder set- und Ökologie (Abb. A 4.2). Daneben ergeben
denz ist besonders deutlich nachvollziehbar zen ähnliche Maßstäbe. 4- und 6-Liter-Häuser sich Vorteile, die individuellen wie gesellschaft-

Kondratieff-Zyklen: 1. Zyklus 2. Zyklus 3. Zyklus 4. Zyklus 5. Zyklus


Dampfmaschine, Eisenbahn, Schifffahrt, Elektrizität, Chemie Mobilität, Erdöl, Informationstechnik,
Baumwolle Stahl Elektronik Ökologie

Analyse Projektion

Höhepunkt der Entwicklung 1825 1873 1913 1966 2015 ?


fundamentale Bedürfnisse Arbeit erleichtern Ressourcen weltweit Urbanität lebenswert Individualität und Probleme für die
verfügbar machen gestalten Mobilität fördern Mitwelt lösen
flächendeckende Netze Handelsnetze Verkehrsnetze Energienetze Kommunikationsnetze Wissensnetzwerke
prägende Applikationen Maschinen Lokomotive, Beleuchtung, Telefon, Auto, immaterielle Waren,
Bahnhöfe Kino Fernseher, EDV, Informationsanlagen
Raketen und -datenbanken
prägende Technologien Dampf Stahl Elektrizität Elektronik Multimedia
Synergie-Applikationen Konsumgüter Schifffahrt Chemie, Aluminium Erdölprodukte ökologische Problemlösungen,
Verkehrssysteme
Technologie-Synergien Mechanik Großantriebe Großanlagen Waffensysteme Sicherheits- und
Umwelttechnologien

Die langen Wellen


gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Entwicklung

A 4.4

25
Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nachhaltigkeit

lichen Nutzen bringen. Diese tragen zu einem erscheinen. Materie zur Sicherstellung des
gesellschaftlichen Wertewandel und dem Leit- täglichen Überlebens lässt sich eben nicht
bild einer nachhaltigen Entwicklung bei. durch nicht-materielle Dienstleistungen oder
Der heutige Reichtum ermöglicht es, in effizien- gar durch Information ersetzen.
te und umweltfreundliche Technologien zu Andererseits können Architektur und Bauen
investieren. Die Frühzeit der Industrialisierung nicht von einer als zwingend notwendig erach-
war geprägt von Schwerindustrie und Schorn- teten gesellschaftlichen Entwicklung abgekop-
steinen – schmutzig und ressourcenver- pelt bleiben. Das Beispiel der Energieeinspa-
schwendend. Heute sind die entwickelten Län- rung zeigt, dass neue Anforderungen nicht
der reich und mächtig, die Umweltbelastungen zwingend, wie noch in den 1980er-Jahren
werden spürbar geringer. Dies zeigt auch die befürchtet, das Ende der Architektur einläuten,
Umweltkurve von Simon Kuznets: Danach läuft sondern die Entwicklung energiesparender
die gesellschaftliche Entwicklung von arm und Bauformen und Technologien fördern können.
schmutzig über wohlhabend und schmutzig zu Ein Abkoppeln von allgemeinen Entwicklungen
reich und sauber (Abb. A 4.6). Wirtschaftlicher ist auch deshalb nicht möglich, weil Bauen
Wohlstand führt demnach zu einem umwelt- einen wesentlichen Wirtschaftssektor darstellt.
A 4.5 freundlichen Strukturwandel. Fast 50 % des gesamten Anlagekapitals der
Verständlich, dass gerade die Schwellenländer entwickelten Länder ist allein im Wohnungsbau
versuchen, dieses Modell nachzuahmen. Sie gebunden, ca. 70 % im gesamten Gebäude-
bauen deshalb ihre eigene Schwerindustrie bestand.
Umweltverschmutzung

und ihre eigenen Schornsteine. Aber das Berücksichtigt man darüber hinaus die Inan-
Modell, mit dem unser Wohlstand erzeugt spruchnahme von Ressourcen, wird der Hand-
wurde, ist nicht reproduzierbar. Denn die einst- lungsdruck noch deutlicher:
arm und reich und
mals unerschöpflich scheinenden Rohstoffquel-
schmutzig schmutzig len werden knapp. Der Gipfel der Ölproduktion • Das Bauwesen verbraucht ca. 50 % aller
ist wohl erreicht. Die Experten debattieren nur auf der Welt verarbeiteten Rohstoffe.
Umweltverschmutzer.«
»Armut ist der größte

Die Reichen sind die

noch darüber, ob das Öl in 20 oder in 50 Jah- • Der Bausektor erzeugt mehr als 60 % des
(M. Gandhi, Indien)

größten Umwelt-

ren zu Ende geht. Mit anderen Ressourcen, in Deutschland anfallenden Abfalls.


verschmutzer.

z. B. wertvollen Metallen, sieht es nicht viel bes- • Die Bewirtschaftung von Gebäuden in
ser aus. Wir stoßen an die Grenzen vieler natür- Deutschland erfordert ca. 50 % des gesam-
licher Systeme. Die überhastete Ressourcen- ten Energieeinsatzes.
arm und sauber reich und sauber
ausbeute löst den spürbaren Klimawandel aus,
Zeit der unsere Lebensgrundlagen gefährdet. Die Bauen ist eine Tätigkeit mit langfristigen Aus-
A 4.6 ultimative Grenze setzt nicht zwingend die Res- wirkungen. Eben getroffene Planungsentschei-
sourcenverknappung, sondern die Zeit, die dungen bewegen erhebliche Ressourcen.
noch bleibt, in der sich das Klimasystem der Bei einer derzeit üblichen Lebensdauer von
A 4.5 effizientes Tragwerk: Baum – Baumstütze
A 4.6 Umweltkurve nach Simon Kuznets Erde selbst stabilisieren kann. Gebäuden wird der Betrieb eines heute erstell-
A 4.7 internationaler Vergleich von Bürofläche pro Mit- Es gibt bereits Auswege und neue Modelle, ten Gebäudes mit einiger Sicherheit das Ende
arbeiter die darauf basieren, die Ressourceneffizienz des Öl- und Gaszeitalters erleben. Wie können
enorm zu steigern. Im Wuppertal-Institut bei- Architektur und Technik darauf ausgerichtet
spielsweise geht man heute davon aus, dass werden?
bis zur Mitte des Jahrhunderts die gleiche
Land durchschnittliche Bürofläche Wertschöpfung mit nur einem Zehntel des heu- Handlungsfelder
pro Mitarbeiter in m2 tigen Energie- und Ressourceneinsatzes mög- Die langen zeitlichen Perspektiven können das
Deutschland 30 lich ist, letztlich also eine weltweite »Demateria- Bauen vor kurzatmigen Trends und Moden
lisierung« um den Faktor zehn. Das ist eine bewahren. Zugleich laden sie der Architektur
Dänemark 20
gewaltige Herausforderung. Doch je mehr Roh- und Gebäudetechnik in Zeiten fundamentalen
Italien 20
stoffe knapp und entsprechend teuer werden, Wandels eine besondere Verantwortung auf,
Niederlande 20 umso mehr wird es sich lohnen, energie- und damit Nutzbarkeit, Sicherheit und Komfort auf
Schweiz 20 ressourceneffiziente Produkte herzustellen, d. h. Dauer sichergestellt werden können. Neue
Schweden 18 Verbrauch und Abfall zu vermeiden, Material- Ziele sind notwendig, die Handlungsfelder viel-
Frankreich 17
kreisläufe zu schließen, erneuerbare Energien fältig.
und nachwachsende Rohstoffe zu verwenden
Slowakei 15
und schließlich zu einer dienstleistungsorien- Energie
Spanien 15 tierten Wirtschaft zu gelangen. Eine dritte Der erreichte Stand der Technik lässt baulich
Großbritannien 14 industrielle Revolution scheint denkbar. Auch eine hohe Energieeffizienz zu. Zukunftstüchtige
Polen 14 hier liegen wie so oft Risiken und Chancen Gebäude werden alle Möglichkeiten der Ener-
Russland 14 dicht beieinander. gieeffizienz ausschöpfen: über Standortwahl,
Gebäudeform und -ausrichtung, Materialwahl
Belgien 12
Und das Bauen? und Wärmeschutz, technische Ausrüstung
Griechenland 12
Unsere Bauproduktion und der Gebäudebe- und viele weitere Parameter. Möglicherweise
Irland 12 stand sind bisher kaum von Umwelt- und Effizi- wird dies in Zeiten zur Neige gehender fossiler
Österreich 12 enzdenken durchdrungen. Einerseits ist es Energiequellen nicht ausreichen. Es ist zu ver-
Ungarn 12 kaum verwunderlich. Wenn Bauen die Schaf- muten, dass sich in Zukunft zwei Teilmärkte
Bulgarien 10
fung und Erhaltung unserer materiellen Umwelt entwickeln werden: Gebäude, die noch auf
sicherstellt, muss das Streben nach »Demate- fossile Energiequellen angewiesen sind und
Estland 10
rialisierung« auf den ersten Blick deplatziert solche, die sich vollständig davon unabhängig
A 4.7

26
Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nachhaltigkeit

machen. Die Möglichkeiten der standortbezo- Architekten sehen sich häufig mit Raumpro- Gebäudehülle nicht nur sommerlichen wie
genen Nutzung unerschöpflicher, erneuerbarer grammen konfrontiert, die weder zukunftstaug- winterlichen Wärmeschutz, sondern steigert
Energiequellen im Bauen sind vielfältig: Geo- lich noch wirtschaftlich sind. Bürogebäude auch das Wohlbefinden der Benutzer. Eine
thermie über Gründung und Bohrungen, Wind- z. B. sind meist zellular organisiert, hochdiffe- geschickte Dimensionierung und Lage der
energie über Rotoren am oder im Gebäude, renziert und wenig anpassungsfähig. Solche Fensteröffnungen garantiert gute Tageslicht-
Sonnenenergie über die Aktivierung der Ge- Flächen sind heute nur noch schwer zu ver- bedingungen und vermeidet Überwärmung,
bäudehülle und vieles mehr. Diese Energie- mieten, weil sie kleinteilige und kaum verän- bei Einsparung von Energie und Kosten. Die
quellen zu erschließen, erfordert heute in der derbare räumliche Strukturen aufweisen. Der sorgfältige Wahl gesundheitlich unbedenk-
Regel noch Mehrinvestitionen. Doch bietet Flächenanspruch pro Person für Bürofläche licher und umweltfreundlicher Materialien
dies im laufenden Betrieb den nicht zu unter- liegt in Deutschland bei durchschnittlich ca. trägt wesentlich dazu bei, Unwohlsein und
schätzenden Vorteil, dass die Energiequellen 30 m2, in anderen europäischen Ländern bei das »Sick-Building-Syndrom« zu vermeiden
langfristig kostenlos und sicher verfügbar unter 20 m2 (Abb. A 4.7) [5]. Die zugrunde und erspart hohe Aufwendungen bei der mög-
bleiben. liegenden räumlichen Strukturen behindern licherweise schon frühzeitig notwendigen
nicht nur die Kommunikation und Produktivität, Entsorgung. Gesunde und angenehme Raum-
Baustoffe und Konstruktionen sondern auch die bauliche Anpassungsfähig- luftqualitäten setzen gute Lüftungskonzepte
Der Materialeinsatz für ein Gebäude lässt sich keit und Flexibilität, um eine weitere Nutzung voraus, die wiederum energiesparend sind
im Sinne der Ressourceneffizienz erheblich auch bei veränderten Bedarfsanforderungen und eine robuste, einfache Technologie bedin-
reduzieren. Noch wiegt ein Kubikmeter Brutto- zu ermöglichen. Oft wird übersehen, dass gen. Anpassungsfähige und kommunikations-
rauminhalt eines Wohnhauses im Durchschnitt gerade in den frühen Planungsphasen der freundliche Strukturen, die ohne barrierefreie
ca. 600 kg; ein normales Einfamilienhaus mit Schlüssel für ein Gebäude liegt, das hohe ar- Gestaltung nicht denkbar sind, gewährleisten
500 m3 Rauminhalt bindet entsprechend ca. chitektonische Qualität mit Wirtschaftlichkeit hohe und lang andauernde Nutzungsqualitä-
300 t Baustoffe. Die Möglichkeiten, Material und Umweltfreundlichkeit verbindet. Um dies ten. Dichte und Nutzungsmischung schaffen
effizient einzusetzen und Baustoffe in geschlos- zu erreichen, sind differenzierte und sorgfältig nachhaltige Städte und Gebäude, erleichtern
sene Materialkreisläufe einzubinden, werden entwickelte Pflichtenhefte für Gebäude erfor- gleichermaßen soziale Kontakte und Individua-
erst in Ansätzen genutzt. Doch gesetzliche derlich, die auch den Betrieb und vorherseh- lität. In all diesen Aspekten gehen wirtschaft-
Regelungen sind bereits in Planung: Die Bun- bare Veränderungen in ihren Anforderungs- liche Kriterien, Umweltqualitäten und gesell-
desregierung und die EU werden mit der katalog einbeziehen und über allgemein formu- schaftliche Wirkungen Hand in Hand.
»Nachhaltigkeitsstrategie« und der »Europäi- lierte, deshalb letztlich unverbindliche Appelle
schen Bauproduktenrichtlinie« die Anforderun- hinausgehen. Ausblick
gen formulieren und Nachweise für die Umwelt- Weil wir an die Grenzen vieler natürlicher
belastung von Baustoffen im Sinne von Öko- Standort und Grundstück Systeme stoßen, scheinen die Probleme über-
Bilanzierungen oder Öko-Audits voraussichtlich Die Standortwahl von Bau- und Sanierungs- hand zu nehmen. 9 Milliarden Menschen
ab 2010 fordern. Noch viel spannender wird es maßnahmen stellt einen immer wichtiger wer- wollen 2050 auf unserem Planeten gut leben.
sein, kreative Schritte zur Entwicklung leichte- denden Schlüsselfaktor für Umweltschutz und Die Architektur schafft hierzu wichtige Vor-
rer, nicht nur leicht wirkender Architektur zu Wirtschaftlichkeit dar. Mehr als die Hälfte der aussetzungen. Nachhaltige Technologien
unternehmen und sich konsequent immer wie- Weltbevölkerung lebt bereits in Städten. Das stehen zur Verfügung. Die Verbesserung
der nutzbarer oder nachwachsender Rohstoffe Leben in Städten ist ökonomisch und umwelt- der sozialen Verhältnisse breiter Bevölke-
zu bedienen. Ein geringerer Materialeinsatz freundlich, denn Dichte ist effizient. Die not- rungsschichten auf unserem Planeten scheint
erhöht die Chance, hochwertige Baumaterialien wendige technische Infrastruktur ist nur bei machbar. Wir haben das notwendige Geld
verwenden zu können, und verringert somit die dichter Besiedelung auf Dauer zu garantieren. und Nachhaltigkeit rechnet sich zusehends.
Gefahr des Einsatzes von wohn- und umwelt- Die Zugänglichkeit aller Einrichtungen verbes- Die Aufgabe ist keine geringere, als die mate-
schädlichen Stoffen. sert sich durch Nähe, ermöglicht eine Vielfalt rielle Grundlage unserer Zivilisation umzuge-
kommerzieller, sozialer und kultureller Angebo- stalten.
Lebenszyklus te. Öffentlicher Nahverkehr ist nur bei Dichte Die große Barriere liegt in unseren Köpfen –
In Hinblick auf die meist hohe Lebensdauer wirtschaftlich attraktiv. Die Verkehrsbewegun- wir können uns eine nachhaltige Zukunft,
eines Gebäudes sollten entsprechend lang- gen reduzieren sich. Gerade in Regionen mit nachhaltiges Bauen für die Zukunft noch
lebige und wartungsarme Bauteile verwendet schrumpfender Bevölkerung wird es zwingend nicht vorstellen. Auf einem Planeten mit viel
werden. Instandsetzung, technische Aufrüs- notwendig, Dichte weiterhin sicherzustellen Armut ist der Mangel an Vorstellungskraft
tung und gestalterische Aufwertung sind den- und damit einer Abwärtsspirale entgegenzu- die größte Armut. An diese Armut dürfen wir
noch weiterhin unvermeidliche Zäsuren im wirken. uns nicht gewöhnen. Architekten und Ingeni-
Lebenszyklus eines Gebäudes. Bauteile und eure haben beste Voraussetzungen, die Bau-
Materialien sollten für Instandsetzung und Aus- Individueller und gesellschaftlicher Nutzen steine einer nachhaltigen, besseren Zukunft
tausch möglichst zerstörungsfrei trennbar sein, Die beschriebenen Handlungsfelder können zu entwickeln, zu visualisieren und in den
im Falle von Rückbau oder Abbruch wiederver- nur in Ansätzen den erheblichen Handlungs- großen, globalen Zusammenhang zu stellen,
wendbar. Wie bereits im Geräte- oder Automo- bedarf verdeutlichen. Die Argumentation nicht als Tagträumerei, sondern wie Städte
bilbau üblich, sollte auch im Bausektor eine auf der Grundlage primär ökonomischer und Häuser als Ganzes sowie im Detail aus-
umfassende Rücknahmeverpflichtung für Bau- Begründungen soll verdeutlichen, wie eng sehen könnten.
elemente realisiert werden. Eine integrale die Bereiche Umwelt und Wirtschaft mittler-
Betrachtung von Baukosten und Betriebskos- weile verzahnt sind. Diese Handlungsfelder
Anmerkungen:
ten, das so genannte Life Cycle Costing, trägt vermitteln aber auch, dass mit dem ökologi- [1] Kondratieff, Nikolai: Die langen Wellen der Konjunk-
in seinem ganzheitlichen Ansatz wesentlich schen und dem wirtschaftlichen Vorteil auch tur. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozial-
dazu bei, die Bau- und Prozessqualität sowie der individuelle und gesellschaftliche Nutzen politik, Jg. 56 / 1926
die Effizienz im Bauen zu steigern. steigt. Unter Gesichtspunkten der Nachhaltig- [2] Nefiodow, Leo A.: Der sechste Kondratieff. Sankt
keit erstellte und sanierte Gebäude und Dienst- Augustin 2007
[3] Grauel, Ralf: Es werde Licht! In: Brand Eins. 10/2004
Anpassungsfähigkeit leistungen steigern unsere Lebensqualität, [4] DIN EN ISO 9000:2000: Grundlagen und Begriffe zu
Vor der baulichen Umsetzung stehen die Be- den Komfort und oft auch unsere Sicherheit. Qualitätsmanagementsystemen
darfsermittlung und das Nutzungskonzept. Beispielsweise bietet eine energiesparende [5] Die Welt vom 3. August 2006, S. 20

27
Solare Architektur

Thomas Herzog

A 5.1
Was die Nutzung von Solarenergie in der Man bedenke: Die Verbesserung der Wärme-
Architektur angeht, so hat sich die Sicht der dämmung kann bei großen Verglasungen
Dinge geändert. Noch vor einigen Jahren ging bewirken, dass das Problem der Kühlung von
es vorrangig darum, überhaupt solare Energie Gebäuden – dies gilt speziell für Verwaltungs-
zu nutzen, um in den Wintermonaten Heizen- bauten – im Sommerhalbjahr deutlich zunimmt.
ergie einzusparen bzw. um warmes Brauch- Heutzutage werden für die Beheizung von Büro-
wasser zu erzeugen. Seither wurden auf bei- bauten bereits Durchschnittswerte von unter
den Gebiten Fortschritte gemacht, sowohl was 10 % des Gesamtenergieverbrauchs des
die Entwicklung von Gebäudetypen angeht – Gebäudes erreicht, dagegen liegt die Kühlung
z. B. durch große Südverglasungen, stark um 10 bis 20 % höher. Gleichzeitig benötigt die
gedämmte und geschlossene Nordseiten, Kühlung pro Kilowattstunde ungefähr die drei-
Grundrisszonierung nach Art der thermischen fache Menge an Primärenergie, sodass de
Zwiebel, günstiges Verhältnis von Volumen zur facto der fünf- bis zehnfache Energiebedarf für
Oberfläche, Gebäudeorientierung u. a. – als Kühlzwecke entstehen kann. Variable g-Werte
auch was die Verbesserung der Aktivtechnik (Gesamtenergiedurchlassgrad) werden des-
betrifft (höhere Effizienz und Zuverlässigkeit). halb bei Außenwandkonstruktionen als Mög-
Dies gilt für Heizungssysteme und für Warm- lichkeit angestrebt, unterschiedlich auf Klima-
wassererzeugung, wo inzwischen ein Stand wechsel zu reagieren. Erste Anwendungen –
der Technik erreicht ist, der es ermöglicht, wie z. B. die Fassade mit Lichtlenkelementen
selbst in Mitteleuropa 60 % und mehr des bei den Verwaltungsgebäuden in Wiesbaden –
Warmwasserbedarfs von Wohnbauten über zeigen große Erfolge (Abb. A 5.6).
thermische Kollektoren oder Speicherkollekto- Auch neue Aktivtechniken wie solare Kühlsys-
ren aus Solarenergie zu gewinnen. teme sind vielversprechend, da die meiste
Energie zur Verfügung steht, wenn der Energie-
Nutzung von Solarenergie bedarf am größten ist. Reduziert man aber die
In den 1980er-Jahren gab es einen Dissens transparenten und transluzenten Anteile der
bezüglich der Bewertung des Anteils großer Gebäudehülle, sodass weniger Tageslicht ins
Glasflächen auf den Gebäudesüdseiten; sei- Gebäude eindringt, so erhöht sich der Anteil
nerzeit bestand noch nicht die Bereitschaft, der ergänzenden künstlichen Beleuchtung ent-
solare Gewinne in die Erfassung des Energie- sprechend. Nach Untersuchungen an der
haushalts einzubeziehen. Fachleute, die sich Universität Cambridge liegt heute der Anteil,
im Bereich der Normung engagierten und ihr der für die Beleuchtung benötigt wird, bei Ver-
Ziel darin sahen, den Verbrauch an fossilen waltungsbauten bei durchschnittlich 30 % ihres
Brennmaterialien durch staatliche Vorschriften Energieverbrauchs. Diese Konflikte zeigen,
zu verringern, hatten zunächst die klare Prä- dass im Gesamtzusammenhang viele Aspekte
misse der Reduzierung des U-Wertes, der den eine Rolle spielen.
Wärmedurchgang durch die Außenwände
eines Gebäudes charakterisiert. Es entstand »Intelligente« Gebäudetechnik
die primitive Version vom Gebäude als Bezogen auf den Betrieb von Gebäuden nutzen
Thermoskanne. Methodisch gesehen war dies wir Umweltenergien für ihre natürliche Belich-
eine monokausale Betrachtungsweise, die zu tung, für ihre Lüftung – soweit dies physio-
wenig berücksichtigt, dass Bauten als Ganzes logisch oder aus Gründen der Instandhaltung
funktionelle, technische und ästhetisch hoch- erforderlich ist –, zur Wärmegewinnung, zur
komplexe Gebilde darstellen. Über die trans- Kühlung und ggf. über Photovoltaik auch zur
parenten, transluzenten und opaken Bereiche Gewinnung von Strom. Daraus ergeben sich
ihrer Hülle fließt grundsätzlich Energie in bei- häufig Situationen, bei denen diese Nutzungs-
A 5.1 Kongress- und Ausstellungszentrum, Linz (A) den Richtungen auf unterschiedliche Weise, möglichkeiten zueinander in Widerspruch ste-
1993, Herzog + Partner
A 5.2 Dachkonstruktion, EXPO Hannover (D) 2000,
abhängig sowohl von lokalen Gegebenheiten hen: Je nach Jahreszeit, Tageszeit und Witte-
Herzog + Partner als auch von den jeweiligen Parametern des rungsbedingungen, je nach Nutzungsart,
A 5.3 Atelierhaus, München (D) 1994, Herzog + Partner Gebäudes. -zeitraum und -dauer entstehen im einzelnen

28
Solare Architektur

A 5.2
Gebäude unterschiedliche Ansprüche an die fahren auf und ab, verstellen ihre Neigungswin- gien zu sein. Weitgehende und oft unnötige
genannten Funktionen. Es liegt deshalb nahe, kel, Tageslicht-Ergänzungsbeleuchtung geht Automation birgt erhebliche Risiken und bedenk-
von so genannten »intelligenten« Gebäuden – automatisch an und aus, Lüftungsklappen als liche Folgen: Störanfälligkeit der technischen
ein Modebegriff, der sich auch bei uns etabliert Nachströmöffnungen werden geöffnet oder Systeme und ihrer Komponenten, Erhöhung der
hat – zu erwarten, dass sie auf die sich ständig geschlossen, die Ventilatoren- und Befeuchter- Baukosten, Vermeidung der Ursachenwahrneh-
ändernden Bedingungen und Situationen ent- leistung variiert etc.). mung eigenen Fehlverhaltens, weiter steigende
sprechend reagieren können. Weite Bereiche unseres alltäglichen Lebens sind Abhängigkeit der Menschen von immer neuen
Folgendes ist hierzu anzumerken: Die Gebäu- von solchen, im Wesentlichen elektronischen technischen Systemen sowie wachsende Ab-
deleittechnik, die gewissermaßen das Gehirn Steuerungs- und Regelungsvorgängen und ent- hängigkeit von Herstellern und Wartungsfirmen.
mit den Nerven in einem solchen System dar- sprechend selbstständig auf Einzelsituationen Damit aber – bezogen auf die Auswirkungen im
stellt, übernimmt Regel- und Steuerungsfunktio- reagierenden technischen Prozessen bestimmt. Baubereich und in der Stadtplanung – die richti-
nen, die gekoppelt sind an sich verändernde Es stellt sich die Frage nach der richtigen Balan- gen Handlungsmuster entstehen können, ist es
Zustände, sowohl im Bereich der Energieversor- ce. Im Hinblick auf Gebäude scheinen mir Dinge erforderlich, Dinge bewusst zu machen. Phäno-
gung (Wärmeerzeugung / -verteilung / -abgabe) wie der Blindanflug einer Passagiermaschine im mene müssen verstanden werden, damit sich
des Gebäudeinneren wie auch im Bereich der Nebel, ABS oder elektronische Antriebsschlupf- richtiges Handeln anschließen kann. Dement-
Manipulation an der Gebäudehülle (Jalousetten kontrolle beim Pkw nicht die geeigneten Analo- sprechend sollten die elektronischen Systeme
in einem Gebäude hauptsächlich der menschli-
chen Orientierung dienen und allenfalls in gerin-
gem Umfang automatisch erfolgende Zustands-
veränderungen im Bereich der Gebäudehülle
veranlassen.
Um nicht geistig und seelisch zu verkümmern,
müssen die Menschen anstreben, ihre Umwelt –
und die künstlich geschaffene gehört dazu –
auch in Zukunft nach wie vor mit all ihren Sinnen
wahrzunehmen, anstatt nur mit einigen Joy-
sticks den virtuellen Raum zu manipulieren.
Der bewusste und richtige Umgang mit einem
Gebäude setzt voraus, dass man es versteht.
Es wäre also wichtig, dass die »intelligenten
Systeme« beispielsweise aufzeigen, ob jemand
durch sein Verhalten – wie das Kippen eines
Fensters im Winter oberhalb eines durch Ther-
mostat gesteuerten Heizkörpers – Wärmeener-
gie nutzlos vergeudet oder durch den Betrieb
bestimmter Geräte unnötig Strom verbraucht.
Was nützt eine erst im Folgejahr eintreffende
Heizkostenabrechnung in diesem Zusammen-
hang? Niemand kann mehr rekonstruieren,
was zu ihrer Höhe geführt hat. Hier geeignete
Systeme zu entwickeln, ist eine hochrangige
Designaufgabe, die wir noch vor uns haben.
Längst Realität sind dagegen EDV-Tools für
Simulationen in unterschiedlichen Bereichen:

thermisch
• Verwalten von Klimadaten
• Aufstellen von Nutzungsprofilen
• Bearbeiten bautechnischer und geome-
trischer Variablen
A 5.3

29
Solare Architektur

A 5.4
lichttechnisch diesen Zukunftsmodellen, sondern auch in der erscheint – zu verbinden, da heutzutage eine
• mit Mehrfachreflexion, wobei aber etliches in seinerzeit zu beobachtenden Alltagswirklichkeit, räumliche Trennung von industriellen und
der Visualisierung noch irreführend ist vorrangig verursacht durch die erwähnte Ent- umweltbelastenden Vorgängen vom Bereich
flechtung der Funktionen der Stadt. des Wohnens nicht mehr zwingend verlangt
Neue Komponenten sind in Entwicklung, bereits Heute weiß man, dass rund ein Viertel der ver- wird, wie dies noch im vorigen Jahrhundert
in Erprobung oder Erstanwendungen wie: brauchten fossilen Energie in Verkehrsabläufe vielfach der Fall war.
fließt, mit den allseits bekannten, negativen Konkret heißt dies: Die Mischung der Funktio-
• Vakuum-Wärmedämmung Auswirkungen. Aus diesem Grund besteht die nen sollte sich in den baulichen Strukturen ein-
• Gläser, die auf wechselnde Solarstrahlung Hauptaufgabe nicht nur darin, fossile Brenn- binden lassen. Hervorragende Vorläufer gibt es
reagieren bzw. schaltbar sind und mit Edel- stoffe zu ersetzen oder den auf den einzelnen beispielsweise in den Wohnungsbauten der
gasfüllungen U-Werte von < 0,5 erreichen Transportfall bezogenen Verbrauch zu reduzie- zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lange
• elektrochrome und thermotrope Gläser mit ren, sondern auch die Ursachen für dieses Ver- bevor man dem Irrtum vermeintlich optimaler
variablen g-Werten kehrsaufkommen zu überdenken und zu kor- Wohnungsgestaltung auf der Grundlage von
• Lüftungskomponenten mit Vorwärmung rigieren. Es geht dabei nicht um Extremlösun- Stellflächennormen, wie jahrzehntelang nach
durch Solarstrahlung gen, sondern darum, die städtischen Funktio- dem Zweiten Weltkrieg geschehen, aufgeses-
• desintegrierte Systeme (mit unterschiedlicher nen – wo immer es möglich und vernünftig sen war. Wir brauchen also bauliche Strukturen,
Lebensdauer, unterschiedlichen technischen
Prozessen der Kombination)
• Nutzung (Aktivierung) interner Massen durch
Bauteilheizung und -kühlung
• hochflexible Photovoltaikmodule
• großformatige Photovoltaikgläser (bis 9 m2)

Einige Gedanken zur Stadt


Bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre
hatten wir erkannt, dass nicht zuletzt durch die
Forderungen der Charta von Athen infolge der
erreichten Trennung der städtischen Funktionen
– Wohnen, Produktion, Freizeit – Verluste für die
Qualität der modernen Stadt entstanden waren.
Unser Interesse konzentrierte sich damals aller-
dings auf die Merkmale der Komplexität, die es
galt wiederzugewinnen.
Wir dachten dabei an Verdichtung, Verflech-
tung, Urbanität, städtische Vielfalt und speziell
an die Auswirkungen im städtischen Raum
infolge der sich ändernden Nutzungen. Die
Hoffnungen junger Architekten richteten sich
seinerzeit auf große, variable Strukturen, wie
sie zunächst von Yona Friedmann für Paris,
von Eckhard Schulze-Fielitz z. B. für Halden
im Ruhrgebiet, von Kisho Kurokawa für große
Einzelbauten und von Kenzo Tange für die
Bucht von Tokio entworfen wurden. In diesen
Planungen schlug man Lösungen für den
gewaltig zunehmenden Verkehr – insbesondere
den Autoverkehr – bis hin zur völligen Freihal-
tung großräumiger Verkehrsebenen unter der
Bebauung vor. Infrage gestellt wurde dieser
Verkehr nicht, sichtbar war er aber nicht nur in
A 5.5

30
Solare Architektur

A 5.4 Entwurfsskizzen für Produktionshallen in Bad


Münder
A 5.5 Doppelwohnhaus, München-Pullach (D) 1989,
Herzog + Partner
A 5.6 Verwaltungsgebäude, Wiesbaden (D) 2001,
Herzog + Partner
A 5.7 Produktionshallen, Bad Münder (D) 1992,
Herzog + Partner
A 5.8 Wohnungsbau, Linz (A) 1999, Herzog + Partner
A 5.6
die im Bereich ihrer inneren Erschließung, ihrer zwangsläufig mit sozialen und hygienischen rückt. Sich nur mit Blick auf das eigene Wohl-
Flächendisposition und ihrer Raumnutzung er- Fehlentwicklungen mancher Stadtentwicklung ergehen zu engagieren, ist allgemein üblich
heblich neutraler sind, als dies für die meisten der Vergangenheit einher (Stichwort »Zilles- geworden. Eine Gesellschaft, die sich in huma-
Wohnungsbauten – zumal die öffentlich geför- Milieu«), übersieht, dass sich die materiellen nen Kategorien weiterentwickeln will, ist aber
derten – heutzutage charakteristisch ist. Bedingungen unserer Zivilisation in den maß- mehr als eine Summe von auf sich selbst bezo-
Eine andere Konsequenz hieraus wäre, Bebau- geblichen Kategorien grundlegend verbessert genen Individuen. Eine ganzheitliche Problem-
ungen möglichst zu verdichten. Nur wenn in haben. Wer den einschlägigen gebäudetechni- betrachtung wird immer wichtiger. Erreicht wer-
einem Quartier sowohl genügend Kaufkraft vor- schen Stand der Technik kennt – dies betrifft den kann sie nur, wenn es gelingt, die disziplin-
handen ist, als auch die Distanzen zu Einrich- Heizung, Lüftung, Sanitäres, Tageslichttechnik übergreifenden Denk- und Arbeitsansätze zwi-
tungen für den täglichen Bedarf für Fußgänger und baukonstruktiv-bauphysikalische Syste- schen Natur- und Ingenieur-, Geistes-, Wirt-
kurz genug sind, lässt sich eine wirksame me – wird das bestätigen. schafts- und Sozialwissenschaften zu intensivie-
Funktionsmischung erzielen; gleichzeitig kann Der Architektenberuf gehört zu den wenigen, ren und wenn Umweltgestaltung seriös betrie-
der motorisierte Verkehr in nennenswerter die in ihrem Gegenstand und ihrem Arbeits- ben als komplexe Kerndisziplin verstanden wird.
Größenordnung reduziert werden. Damit geht ansatz umfassend sind. Architekten beschäfti-
natürlich auch eine Verringerung des Landver- gen sich ganzheitlich mit komplexen Systemen, Der Text ist die überarbeitete Fassung der Erstveröffent-
brauchs und der Infrastrukturkosten einher, die vom theoretischen Konzept über die räumliche lichung in Detail 3/1999.
sowohl im Hinblick auf Investitionen wie auch Dimensionierung und Zuordnung bis hin zum
auf den Unterhalt für die Gemeinden große praktischen Gebrauch des technischen Groß-
Bedeutung haben. gegenstands Gebäude. Allerdings werden die
Gerade hier bedarf es neuer Leitbilder, die Methoden und Arbeitsweisen, aber auch die
gesellschaftlich akzeptiert werden. Das Ideal Art der Kooperation mit Spezialisten, sei es im
vom Wohnen im Grünen vermittelt ja völlig Bereich der Naturwissenschaften oder der
unzutreffenderweise den Eindruck, es würde materiellen Umsetzung, in den kommenden
sich dabei um eine ökologisch sinnvolle Stra- Jahrzehnten wahrscheinlich grundlegende
tegie handeln. Das Eigenheim am Stadtrand Veränderungen erfahren.
bei geringerer Dichte gibt zwar dem einzelnen
das Gefühl der Nähe zur Natur, macht aber Ausblick
abhängig von Verkehrsmitteln, erhöht den Ein Großteil der Probleme, die wir heute im
Treibstoffverbrauch sowie die Umweltbelas- Bereich der natürlichen Lebensressourcen
tung und hat zum Teil verheerende soziale und durch die zivilisatorischen Fehlentwicklun-
Auswirkungen. Auch dies ist im Grunde ja gen haben, ist auf einseitige Optimierungen
keine neue Erfahrung. Schließlich gibt es das zurückzuführen, bei denen die Auswirkungen
Schlagwort von der »Grünen Witwe« seit Jahr- in anderen Lebensbereichen nicht hinrei-
zehnten. chend bedacht wurden. Erfolg hat man allemal A 5.7
Weil eben viele Städte in ihrem Innenbereich leichter, wenn unangenehme oder störende
zu wenig Wohnraum mit echtem urbanen Gefü- Begleiterscheinungen nicht zur Kenntnis
ge – ohne dass dies den Charakter von Sied- genommen oder verdrängt werden; wenn es
lungen hätte – bieten, haben wir täglich Millio- um Superlative von Leistungen geht: schneller,
nen von Berufspendlern. Weil die baulichen höher, weiter; um maximale Höhe von Bauten,
Strukturen zu wenig an Veränderungspotenzial kürzeste Bauzeiten, größte Beschleunigung
eröffnen, haben wir gleichzeitig Millionen von und den kürzesten Bremsweg von Sport-
Quadratmetern Leerstand – gebundene, inef- wagen; nicht aber, wenn Ausgewogenheit und
fiziente Energie- und Materialressourcen, die Balance die Zielsetzung des Handelns sind.
zu dem opulenten Durchschnittsmaß von über Will man dies aber erreichen, so scheint es
40 m2 Wohnfläche, welche heute pro Bundes- eine der wesentlichen Voraussetzungen bezo-
bürger in Deutschland zur Verfügung stehen, gen auf den Zusammenhang zwischen techni-
als Aufwand noch hinzukommen. schen Prozessen, dem Haushalt der Natur und
Wer Sorge hat, erhöhte Dichte und räumliche sozialer Verantwortung zu sein, dass die lang-
Enge, die wir in den Straßen und Gassen süd- fristige gemeinsame Verantwortung für das
licher Länder so sehr bewundern, gehen hier Allgemeinwohl wieder stärker ins Bewusstsein
A 5.8

31
Planen und Bauen
in Lebenszyklen

Karl-Heinz Petzinka, Bernhard Lenz

A 6.1
Der Begriff »Lebenszyklus« deutet bereits an, und Zinsfußentwicklung nur schwer vorher-
dass natürliche ebenso wie künstliche Systeme sagen lassen. Trotz dieser Unsicherheiten
einem Kreislauf des Entstehens und Vergehens sollte auf ein LCC nicht verzichtet werden, da
unterliegen. So beschreibt der Lebenszyklus es ein effizientes Instrument darstellt, mit dem
eines Gebäudes die Zeitspanne, die zwischen sich konkurrierende Lösungen aus einer Hand
dem Bau und dem Abbruch einer Immobilie vergleichen und entsprechend bewerten las-
liegt. Die Erkenntnis, dass eine lebenszyklus- sen.
gerechte Planung ein hohes Potenzial an Ein- Oftmals bezieht sich ein LCC nur auf Einzel-
sparmöglichkeiten beim Unterhalt eines Ge- bauteile eines Gebäudes wie z. B. Fassaden-
bäudes birgt, ist keinesfalls neu. Dies zeigen elemente. Auf dem Markt verfügbare Simula-
bereits die Kostenanalysen der Baumeister Phi- tionssoftware betrachtet ebenfalls nur einzelne
lokles und Archilochos, die im 5. Jh. v. Chr. das Bauteile und weist ihnen aufgrund ihrer Eigen-
Erechtheion auf der Akropolis erbauten [1]. schaften eine bestimmte Lebensdauer zu,
Für zeitgemäße Finanzierungs- und Planungs- woraus sich wiederum Folgekosten für die
modelle wie z. B. Public Private Partnership Immobilie ableiten lassen. Lebenszykluskos-
(PPP) sind lebenszyklusorientierte, also über tenberechnungen werden aber auch bei der
die reinen Investitionskosten hinausgehende Wertermittlung von Immobilien eingesetzt.
Betrachtungen unerlässlich. Bei PPP-Projekten, Keinerlei Beachtung finden allerdings Para-
bei denen Finanzierung, Erstellung und Betrieb meter wie gestalterische Qualität, Komfort,
in der Regel aus einer Hand erfolgen, können Attraktivität und Ausstattungsstandard. Da
generell Gesamtkostenvorteile von 10 % und jede Immobilie in der Regel eine definierte
mehr erzielt werden. Diese resultieren nicht nur Rendite erwirtschaften muss und diese auch
aus einer preiswerteren Errichtung, sondern von Faktoren wie Zeitgeist und Mode beein-
auch zu einem erheblichen Anteil aus einem flusst wird, kann eine rein auf technische
kostenoptimierten Betrieb der Immobilie. Aspekte ausgerichtete Berechnung kaum
Da die Erstellung eines Gebäudes naturgemäß zu einem aussagekräftigen Ergebnis führen.
mit hohen Investitionen verbunden ist, führt
dies nur allzu oft dazu, dass sich die Betrach- Lebenszyklusgerechtes Planen
tungen der Investoren und Immobilieneigentü- Planungsleistungen werden anhand der ent-
mer lediglich auf die Investitionskosten fokus- stehenden Ausführungskosten beurteilt, eine
sieren. Eine Berücksichtigung des zukünftigen Berücksichtigung der Betriebskosten erfolgt
Unterhalts bleibt hier häufig außer Acht. Dabei in der Regel nicht. Bei einer lebenszyklusge-
können die Unterhaltskosten einer Immobilie rechten Planung muss die gesamte Lebens-
ein Vielfaches der Baukosten betragen. Mit dauer eines Gebäudes einbezogen werden.
einer lebenszyklusgerechten Analyse lassen Da die Betriebskosten einer Immobilie im
sich markante ökonomische und energetische Unterschied zur Gebäudeerrichtung kaum
Potenziale erschließen. unter Wettbewerbsdruck stehen, entsteht ein
gewisser Widerspruch zur HOAI, die den
Lebenszykluskosten Planer zur wirtschaftlichen Durcharbeitung
In der zum Lebenszyklus zugehörigen Lebens- anhält, aber nicht zwingend zu innovativen,
zykluskostenberechnung (Life Cycle Costing, nachhaltigen und kostenoptimierten Lösungen
LCC) werden die Höhe der Planungs-, Erstel- für den Gebäudeunterhalt führt. Gerade eine
lungs-, Betriebs-, Unterhalts-, Werterhaltungs-, Investition in eine optimierte Unterhaltspla-
A 6.1 Sanierung der Jahrhunderthalle, Bochum (D) Abbruchs- und Entsorgungskosten in einer nung kann zu deutlich verringerten Betriebs-,
2003, Petzinka Pink Architekten Gesamtkostenberechnung zusammengefasst. Nutzungs- und Instandhaltungskosten und
A 6.2 Zusammenhang zwischen Technisierungsgrad Das LCC steht somit für den ganzheitlichen somit zu merklich reduzierten Gesamtkosten
und Lebenszykluskosten Ansatz einer kostenoptimierten Gebäudepla- sowie zu einem deutlich geringeren Energie-
A 6.3 typische Betriebskostenverteilung eines Büro-
gebäudes
nung und erfolgt typischerweise in Form einer verbrauch beitragen. Entscheidend ist hierbei
A 6.4 Sanierung der Nürnberger Hypothekenbank, dynamischen Investitionskostenberechnung, eine sorgfältige Planung, da höhere Erstel-
Düsseldorf (D) 1998, Petzinka Pink Architekten wobei sich Parameter wie die künftige Preis- lungskosten nicht zwangsläufig zu Einsparun-

32
Planen und Bauen in Lebenszyklen

sonstige Kosten
Verwaltungsaufwand 8,6 %
hoch

4,1% elektrische Energie


28,4 %
Technisierungsgrad

Bewachung
4,7%
mittel

Mittelwert
niedrig

Heizung
12,1 %
Reinigung
30 40 50 60 70 80 90 100 110 31,6% sonstige
Lebenszykluskosten [CHF/m2EBFa] Verbrauchsgüter
2,1 %
Instandhaltung Instandhaltung
Verwaltungsgebäude Pflegeheime von Maschinen von Gebäuden
Wohngebäude Schulgebäude 4,2% 4,2 %
A 6.2 A 6.3
gen bei den Betriebskosten führen. Insbe- Wartungs- und Instandhaltungskosten entspre- Nutzungsintensitäten oder technischen
sondere im Bereich der technischen Gebäu- chend ab. Beinhaltet ein Bauteil ein Minimum Fortschritts vorzeitig ausgetauscht werden
deausrüstung kann ein geringerer Grad an an unterschiedlichen Baustoffen, zieht das müssen.
Technologie auch zu verminderten Unterhalts- eine verbesserte Gesamtbilanz nach sich, da Allgemein lassen sich bei der lebenszyklus-
kosten beitragen (Abb. A 6.2). Der Architekt weniger Austauschzyklen entstehen und diese gerechten Planung zwei gegenläufige Strate-
sollte also darauf achten, welcher Technisie- besser aufeinander abgestimmt werden kön- gien unterscheiden. Zum einen kann der Archi-
rungsgrad den Ansprüchen an das Gebäude nen. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der tekt lange Zyklen definieren, die nach Möglich-
idealerweise gerecht wird und welche Technik Ökonomie muss eine lebenszyklusgerechte keit viele Bauteile umfassen und in größeren
mikroklimatischen Standortfaktoren förderlich Planung über eine instandsetzungs- und war- Abständen langfristig vorhersehbare umfassen-
ist. tungsfreundliche Struktur verfügen. Eine sol- dere Investitionen nach sich ziehen. Zum ande-
Bei den eingesetzten Materialien muss hin- che würde eine Schichtung der Bauteile unter ren besteht die Möglichkeit, relativ kurze Aus-
sichtlich des Lebenszyklus und der durch Berücksichtigung der unterschiedlichen tauschzyklen festzulegen, die sich auf einzelne
Alterung bestimmten Instandsetzungszyklen Lebensdauer bedingen und nicht lösbare Ver- Funktionszonen beziehen und am bauteilbezo-
zwischen einer technischen und einer beding- bindungen ausschließen. Typischerweise sind genen Bedarf orientieren [3]. Letztere sichern
ten Nutzungsdauer unterschieden werden. aber gerade Planungen dieser Art unter ökono- zwar eine gleichbleibend hohe Rendite des
Die technische Nutzungsdauer beschreibt mischen Gesichtspunkten nur eingeschränkt Objekts, führen aber im Falle einer Bedarfsan-
den Zeitraum, in dem ein Material bei einer realisierbar, wie das folgende Beispiel einer passung dazu, dass noch fehlerfrei arbeitende
definierten Nutzung über seine volle Leis- Stahlbetondecke mit Standardaufbau (Teppich, Bauteile erneuert oder ersetzt werden müssen.
tungsfähigkeit verfügt. Die bedingte Nutzungs- Zementestrich, PE-Folie, Mineralwolle, Stahl- Letztlich entstehen unnötige Kosten und ein
dauer hingegen umfasst den zeitlichen Ab- beton C30 / 37, Gipsputz) zeigt. Betrachtet man unangemessener Ressourcenverbrauch. Daher
schnitt, in dem das Material zwar einen Verlust die unterschiedliche Lebensdauer der Einzel- eignet sich diese Strategie nur für Immobilien,
seiner Leistungsmerkmale aufweist, eine bauteile einer solchen Deckenkonstruktion, bei denen von keiner hohen Bedarfsanpassung
grundlegende Nutzbarkeit aber gewährleistet ergibt sich die folgende Problematik: Für den ausgegangen werden muss. Der wesentliche
bleibt. Die Ermittlung der Dauerhaftigkeit Beton sowie für die PE-Folie kann eine Lebens- Vorteil von langen Austauschzyklen liegt hinge-
einzelner Materialien hängt demnach immer dauer von ca. 100 Jahren, für den Zement- gen darin, dass Nutzungsanpassungen der
vom Gebäudekontext ab und lässt sich nicht estrich und für den Gipsputz eine Dauer von Immobilie im Rahmen der Bauteilerneuerung
verallgemeinern. ca. 60 Jahren, für die Mineralwolle von ca. relativ einfach vorgenommen werden können
Auch die materialgerechte Planung von stark 40 Jahren und für den Teppich von etwa und Material und Energie nicht unnötig einge-
beanspruchten Oberflächen wie z. B. Boden- 10 Jahren angesetzt werden [2]. Eine Erneue- setzt werden müssen.
belägen sollte nicht unterschätzt werden. So rung der Mineralwolldämmung bedingt hier
können die Kosten für die Reinigung und Pfle- einen vorzeitigen Ausbau des Zementestrichs
ge von Oberflächen in öffentlichen Verwal- und der PE-Folie. De facto müssen die PE-Folie
tungsbauten schnell über 30 % der laufenden 60 Jahre und der Zementestrich 20 Jahre vor
Unterhaltskosten betragen – ein Kostenfaktor, dem Ende ihrer technischen Lebensdauer ent-
der die Gesamtkosten ganz erheblich und vor fernt werden, da die Mineralwolle nicht zerstö-
allem dauerhaft beeinflusst (Abb. A 6.3). Soll rungsfrei zugänglich ist und sonst nicht erneu-
ein Gebäude besonders nachhaltig konzipiert ert werden kann. Eine Verbesserung der Kon-
werden, ist es notwendig, die Lebensdauer struktion könnte in einem solchen Fall lediglich
der einzelnen Bauteile zu berücksichtigen und über Materialsynergien erfolgen. Wenn einzel-
Konstruktion, Wartung sowie Bauunterhaltung ne Materialschichten Teilleistungen anderer
darauf abzustimmen. übernehmen würden, würde sich die Dauerhaf-
Da Gebäudebauteile nicht gleichmäßig altern, tigkeit des Gesamtsystems erhöhen und die
ergibt sich generell ein sehr inhomogenes Bild. Anzahl der notwendigen Schichten könnten
Die kosten- und stoffstrombezogene Untersu- reduziert werden. So ist z. B. ein Bitumenheiß-
chung im Rahmen einer Lebenszyklusanalyse estrich auch als Terrazzoestrich ausführbar,
geht davon aus, dass einzelne Bauteile bis der eine dauerhaft nutzbare Oberfläche bietet.
zum Ende ihrer Lebensdauer verwendet und Natürlich kann aber auch bei einer lebens-
anschließend ausgetauscht werden. Bleiben zyklusgerechten Planung nicht ausgeschlossen
Bauteile somit über einen langen Zeitraum im werden, dass Materialien oder Bauteile auf-
Gebäude, sinkt der kumulierte Aufwand für die grund veränderter Gesetzgebungen, erhöhter
A 6.4

33
Planen und Bauen in Lebenszyklen

Kosten
Festlegung der Kosten

Entstehung der Kosten

A 6.5 Planungsabhängigkeiten in den verschiedenen


Lebensphasen eines Gebäudes
A 6.6 Sanierung der Jahrhunderthalle, Bochum (D)
2003, Petzinka Pink Architekten
A 6.7 Jahrhunderthalle Bochum, Klimakonzept: Beeinflussbarkeit der Kosten
a Prinzip der Schichtlüftung im Winter
b Prinzip der Schichtlüftung in der Übergangszeit
c Status quo im Winter Initiierung Planung Realisierung Nutzung Stilllegung Zeit
A 6.5
Nutzung und Folgekosten schaftliche Lebensdauer, die die Grundlage für sage zur Gebäudenutzung treffen zu können.
Im Zuge eines immer wichtiger werdenden Wirtschaftlichkeitsberechnungen von Investo- So kann beispielsweise bei Büroimmobilien in
Facilitymanagements scheint es unabdingbar, ren und Eigentümern darstellt, orientiert sich an hervorragender Lage von einer stabilen Nut-
künftige Veränderungen des Gebäudes bereits der zu erwartenden Rendite eines Objekts. zungsstruktur, bei Gebäuden in Sanierungsge-
in der Planung zu berücksichtigen. Schwierig Dies wiederum bedeutet, dass die wirtschaft- bieten von einer dynamischen Nutzungsstruk-
gestaltet sich jedoch der Versuch, Aussagen liche und technische Lebensdauer einer Immo- tur ausgegangen werden. Letztere mündet in
über weitere Entwicklungen im Umfeld einer bilie nicht unbedingt deckungsgleich sind. der Regel in einer einfacheren Bauweise, da
Immobilie sowie über den Nutzermarkt eines Lässt sich ungeachtet der Lage eines Gebäu- eine kürzere Abschreibungszeit der Investition
Gebäudes zu treffen. So können beispielsweise des nur noch eine verminderte Rendite in Form zugrunde gelegt wird. Neben Gebäuden, wie
über die Häufigkeit des Nutzerwechsels, die der Eigennutzung oder eines verminderten z. B. die Jahrhunderthalle in Bochum, die auch
Änderung der Nutzungsart, die Intensität der Mietzinses erzielen, ist das Ende der wirtschaft- noch Jahrzehnte über ihre eigentlich prognos-
Nutzung als auch über deren Dauer keine fun- lichen Nutzungsdauer erreicht, nicht aber der tizierte Standzeit genutzt wird, gibt es auch
dierten Aussagen getroffen werden. Problema- technischen Lebensdauer des Gebäudes bzw. Objekte wie die Metastadt Wulfen, deren ca.
tisch sind solche Annahmen insbesondere vor seiner Komponenten. 100 Wohneinheiten nach nur etwa zehnjähriger
dem Hintergrund der langfristigen Kostenent- Ein äußerst wichtiges Kriterium bei der Beurtei- Nutzung, also noch weit vor der angesetzten
wicklung einer Immobilie. lung der Rendite liegt in der Vorhersage der Lebensdauer, wieder abgerissen wurden.
Ersichtlich wird dieser Zusammenhang in Abb. dauerhaften Gebäudenutzung. Gerade bei Neben den Aspekten der Rendite sind es oft-
A 6.5, da insbesondere die in der Anfangszeit Wohngebäuden wird aber der demografische mals mangelnde Nutzungsqualitäten oder tech-
des Lebenszyklus getroffenen planerischen Wandel in Deutschland zu wahrnehmbaren nische Defizite, die zu einem verfrühten Total-
Entscheidungen gravierende Änderungen nach Umwälzungen auf dem Wohnungsmarkt führen. oder Teilabbruch führen. Ein Beispiel für ein
sich ziehen. Generell lässt sich der Lebenszyk- So wird sich die Bevölkerung in Deutschland Gebäude, bei dem es aufgrund einer mangel-
lus von Gebäuden in fünf verschiedene Phasen bis 2050 um mehr als 5 % verringern. Dem haften Gebäudehülle sowie Schwächen in der
unterteilen, in denen unterschiedliche Parame- prognostizierten Rückgang von ca. 3,4 % in Nutzungsflexibilität zu einem solchem Teilab-
ter beachtet werden sollten: den alten Bundesländern steht laut wissen- bruch kam, ist die Nürnberger Hypotheken-
schaftlichen Berechnungen sogar ein Bevölke- bank in Düsseldorf (Abb. A 6.4). Das Ende der
• Initiierung rungsrückgang von über 16 % in den neuen wirtschaftlichen Nutzungszeit bedingte in die-
• Planung Ländern gegenüber. Auch der Anteil der über sem Fall den Abriss einzelner Bauteile vor
• Realisierung 60-jährigen, der 2005 bei ca. 25 % lag, wird bis Ablauf des technischen Lebenszyklus. Nach
• Nutzung 2020 voraussichtlich auf über 29 % ansteigen dem Erarbeiten eines flexiblen Nutzungskon-
• Stilllegung [4]. Demnach müssen verschiedene Parameter zepts, das einen zeitgemäßen und vor allem
berücksichtigt werden, um eine qualitative Aus- zukunftsorientierten Gebrauch gewährleisten
Nur wenn die wechselseitigen Abhängigkeiten
sowie die kausalen Zusammenhänge bekannt
sind und in die Lebenszyklusbetrachtung ein-
bezogen werden, ist es möglich, zielgerichtet
und nachhaltig zu planen, zu bauen und zu
wirtschaften.
Da sich aufgrund der unklaren künftigen Ent-
wicklung letztendlich keine richtigen, sondern
nur – vor dem Hintergrund der angenommenen
Entwicklung – zweckmäßige Entscheidungen
treffen lassen, müssen die in den ersten Pha-
sen des Lebenszyklus (Initiierung / Planung)
getroffenen Entscheidungen flexible Reaktio-
nen auf unterschiedliche Entwicklungen zulas-
sen. Es handelt sich bei einer Immobilie um ein
Gut mit einer sehr langen Lebensdauer, wes-
halb die Kostenprognose und die wahrschein-
liche Abbildung der zukünftigen Geld- und Ver-
brauchswerte äußerst komplex ist. Die wirt-
A 6.6

34
Planen und Bauen in Lebenszyklen

a b c A 6.7
sollte, wurden die massiven Brüstungen abge- mit flexiblen Eigenschaften lässt sich optimal der Umbau der Bochumer Jahrhunderthalle in
brochen und die Tragstruktur ertüchtigt. Seit an ein verändertes Umfeld und an daraus die so genannte Montagehalle für Kunst (Abb.
der Sanierung ermöglichen höhere Lastannah- resultierende Anforderungen hinsichtlich der A 6.1 und 6). Dieses Gebäude wurde ursprüng-
men in Verbindung mit einem anpassungsfähi- Umgestaltung anpassen. lich für eine im Jahr 1902 in Düsseldorf stattfin-
gen leichten Innenausbau und eine innovative dende Messe konzipiert und ein Jahr später
Fassade in Zukunft flexibel auf sich ändernde Metamorphose und Nachnutzung nach Bochum transloziert, um dort als Indus-
Entwicklungen im Umfeld der Immobilie zu rea- In der Natur sind angepasste zyklische Ent- trieanlage genutzt zu werden. 1968 erfolgte die
gieren. So kann das Gebäude bei Bedarf ange- wicklungen im Sinne einer Metamorphose Stilllegung, bis 2002 diente das Gebäude als
passt werden, ohne dass Gebäudeteile noch durchaus üblich. Lebewesen, die beispielswei- Lagerhalle, danach wurde es zu einer Auffüh-
vor Ablauf des technischen Lebenszyklus se eine Metamorphose durchlaufen, zeichnen rungsstätte für Theater und Konzerte mit inno-
abgebrochen werden müssen. Um auch im sich in jedem Stadium durch eine optimale vativer Gebäudetechnik umgebaut. Diese
Bereich der Versorgung auf künftige Nutzungs- Anpassung an ihr Umfeld aus. Da sich die Rah- lebenszyklusgerechte Nachnutzung konnte
änderungen entsprechend reagieren zu kön- menbedingungen in unserer Gesellschaft und realisiert werden, da der Bau in seiner Planung
nen, wurde neben der vertikalen auch eine ring- dementsprechend auch für unsere architektoni- entsprechend flexibel konzipiert worden war.
förmige, von außen zugängliche Installations- sche Umwelt ständig ändern, müssen Gebäu- Um den thermischen Komfort in diesem Hallen-
führung vorgesehen. So können Entscheidun- de in gewissen Grenzen wandel- und adaptier- ensemble nachhaltig und effizient sicherzustel-
gen dezentral und nutzerunabhängig getroffen bar sein. Nur wenn sie das sind, beinhaltet eine len, erhielt das Gebäude eine neue und erst-
werden, was vor allem bei den sich schnell architektonische Aussage ein Potenzial im mals dort eingesetzte Schichtlüftung, die nach
ändernden Anforderungen an die Medienver- Sinne der Nachhaltigkeit, das es ermöglicht, dem Prinzip einer Inversionswetterlage arbeitet
sorgung einen großen Vorteil bietet. die Immobilie nach Beendigung des ange- (Abb. A 6.7 a– c). So gelang es, das Gebäude
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine dachten Lebenszyklus ohne vollständigen Ver- unter Berücksichtigung von intelligenter Haus-
nachhaltige Gebäudeplanung ist ein langer, lust der vorher eingebrachten Energie in einen technik einer neuen Nutzung und einem dritten
möglichst absehbarer Nutzungszeitraum, da neuen Lebenszyklus zu überführen. Sofern eine Lebenszyklus zuzuführen.
Massenverschiebungen – wie sie bei Neu- Immobilie also über entsprechende Soft Skills Die Beachtung von Soft Skills bei einer lebens-
bauten entstehen – immer mit einem hohen verfügt, lässt sich eine solche Metamorphose zyklusgerechten Planung erschließt somit ein
Verbrauch an Ressourcen und Energie verbun- ohne hohen Energie- und Ressourcenver- Potenzial, das es ermöglicht, Gebäude in
den sind. Neben den baubiologischen Aspek- brauch problemlos durchführen – denn »Ener- Zukunft nicht nur ökonomischer, sondern auch
ten, der Effizienz und des Verbrauchs an Res- gie ist durch gute Architektur substituierbar«, energieeffizienter und nachhaltiger zu planen,
sourcen sind also insbesondere so genannte sagte schon Richard Buckminster Fuller [5]. zu bauen und zu betreiben. So sagte schon
Soft Skills – flexible Eigenschaften einer Immo- Ein eklatanter Vorteil solcher sich ablösender der im 16. Jahrhundert tätige französische
bilie (z. B. variale Grundrissnutzung) – von Lebenszyklen liegt zweifelsfrei in der Frage des Architekt Philibert de L’Orme: »Der gute Archi-
fundamentaler Bedeutung. Verfügt ein Gebäu- Recycling. Das standardisierte Verwerten eines tekt verfügt über drei Augen, vier Ohren und
de über solche Parameter, so kann auf nicht Gebäudes, dessen Lebenszyklus ausläuft, vier Hände (…). Was er zu sagen hat, betrifft
vorhersehbare Veränderungen reagiert und ist idealerweise mit dem Recycling der einzel- Lehren aus der Vergangenheit, Beobachtun-
dadurch ein wesentlicher Beitrag zur Nachhal- nen Rohstoffe verbunden, wobei in der Regel gen der Gegenwart (und) Voraussicht in die
tigkeit geleistet werden. im großen Maßstab ein »Downcycling« erfolgt, Zukunft (…)« [6].
Die Einflussfaktoren, die eine Gebäudeanpas- d. h. ein großer Anteil des zuvor verbauten
sung bedingen, sind sehr unterschiedlich. So Materials kann nicht mehr in der gleichen Qua-
Anmerkungen:
können beispielsweise strengere Gesetzge- lität wiederverwendet werden, sodass nur An- [1] Wübbenhorst, Klaus: Konzept der Lebenszyklus-
bungen energetische Sanierungsmaßnahmen teile primärer und sekundärer Baumaterialien kosten. Darmstadt 1984
erforderlich machen oder nutzungsbezogene ersetzt werden können. Der Erhalt und die [2] Herzog, Kati: Lebenszykluskosten von Baukonstruk-
Anpassungen zu Eingriffen in die Gebäude- Nachnutzung der Gebäudesubstanz sind dem tionen. In: Darmstädter Nachhaltigkeitssymposium
2003
substanz führen. Abbruch und anschließenden Neubau auf-
[3] Bundesamt für Konjunkturfragen: Impulsprogramm
Da sich die bauliche Aktivität der nächsten grund der Energieeffizienz und der Nachhaltig- IP Bau, Alterungsverhalten von Bauteilen. Bern 1994
Jahre nicht nur in Deutschland verstärkt auf keit unbedingt vorzuziehen. Ein solches Kon- [4] Roth, Karin: Wo stehen wir? In: Der Lebenszyklus
den Bereich der Sanierung und der Umnutzung zept der lebenszyklusgerechten Nachnutzung von Wohngebäuden. Hrsg. von der Bundesingeni-
konzentrieren wird, kann und muss diese Ent- ist aber wiederum nur realisierbar, wenn Ge- eurkammer. Veranstaltungsdokumentation Hamburg
Sept. 2006
wicklung auch zum Anlass genommen werden, bäude über entsprechende Soft Skills verfügen. [5] Tichelmann, Karsten; Pfau, Jochen: Entwicklungs-
darüber nachzudenken, welche Soft Skills Ge- Ein Beispiel für eine lebenszyklusgerechte wandel Wohnungsbau. Wiesbaden 2000, S. 230
bäude aufweisen müssen. Nur eine Immobilie Nachnutzung im Sinne einer Metamorphose ist [6] ebd., S. 218

35
Teil B Planung

1 Grundlagen

2 Stadtraum und Infrastruktur

3 Gebäudehülle

4 Technik

5 Material

6 Strategien

Abb. B Luftbild von Venedig (I)

37
Grundlagen

B 1.1
Für eine zukunftsfähige globale Entwicklung ren Wirtschaftsbereichen, z. B. im Automobil-
unserer Gesellschaft kommt der Lösung der bau oder der Landwirtschaft, ist die Effizienz-
Energieproblematik eine entscheidende und Nachhaltigkeitsoffensive bereits weiter
Bedeutung zu. Die Sicherung des heute fortgeschritten. Sie offenbart im unmittelbaren
erreichten Lebensstandards und die weitere Vergleich den technologischen Rückstand im
wirtschaftliche, technische sowie gesellschaft- Bauwesen. Folgende Aspekte verdeutlichen
liche Entfaltung sind in hohem Maße von einer den Handlungsbedarf in Architektur und Bau-
verbesserten Energieeffizienz aller Gebäude wesen:
und technischen Systemen sowie einer dauer-
haften und klimaschonenden Energieversor- Klimaschutz
gung abhängig. Dass akuter Handlungsbedarf • Rund 40 % der Treibhausgase resultieren aus
besteht, bestreitet inzwischen niemand mehr. der Gebäudeerstellung und -nutzung, die
Die Erschöpfung der fossilen Energieträger Öl somit maßgeblich zur globalen Erwärmung
und Gas ist absehbar. Verteilungskämpfe um beitragen.
knapper werdende Energieressourcen nehmen • In den Industrienationen wird ca. 40 % der
an Härte zu; infolge der Marktgesetze steigen Gesamtenergie für den Betrieb von Gebäu-
die Energiepreise. Die Folgen für die Umwelt den verbraucht. Hinzu kommen etwa 10 %
durch den Einsatz nicht erneuerbarer Rohstoffe Energieverbrauch für Materialherstellung,
sind seit Langem bekannt. Nun verlangt auch Bauprozesse sowie Transport von Bau-
die Einsicht, dass ihre ungezügelte Verwen- materialien.
dung einen langfristigen Klimawandel auslöst,
rasches Handeln: Die Temperatur der Erdober- Ressourcenschonung
fläche nimmt weltweit zu, Polareis und Glet- • Der Bausektor verbraucht ca. 50 % aller von
scher schmelzen, die Ozeane erwärmen sich der Erde entnommenen Materialien.
und versauern, der Meeresspiegel steigt, extre- • Hoch- und Tiefbau sind zu etwa 60 % am
me Wetterereignisse nehmen zu. Die globale Abfallaufkommen beteiligt.
Erwärmung ist inzwischen zur lokalen Bedro- • Der Bedarf nach Siedlungs- und Verkehrsflä-
hung geworden und versetzt die Menschheit in chen hat sich in Deutschland in den vergan-
eine nie dagewesene Situation. Um unkontrol- genen 40 Jahren nahezu verdoppelt. Täglich
lierbare Auswirkungen der Temperaturände- werden trotz stagnierender Bevölkerungs-
rung zu verhindern, müssen sich die Konsum- zahlen in Deutschland 129 ha Freiflächen
und Wirtschaftsverhalten innerhalb der nächs- versiegelt [1], das entspricht etwa 164 Fuß-
ten 10 bis 20 Jahre radikal verändern. ballfeldern.
Die »Theorie der langen Wellen« besagt, dass • Der durchschnittliche Wohnflächenbedarf
gesellschaftliche Entwicklungen immer auf pro Person stieg in Deutschland zwischen
einer Technologieänderung von Energie-, Stoff- 1960 und 2005 von 19 auf 42 m2 an.
und / oder Informationsströmen basieren (siehe
Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nach- Versorgungssicherheit
B 1.1 Satellitenbild der Erde bei Nacht
B 1.2 systemanalytische Studie des Club of Rome zur haltigkeit, S. 24). Demzufolge zeichnet sich • Unsere material- und energieintensive Wirt-
Zukunft der Weltwirtschaft mit Trend zu krisenhaf- auch im Bauwesen ein Paradigmenwechsel ab schaftsweise erzeugt hohe Abhängigkeiten –
ten Zuständen ab dem Jahr 2020 – mit weitreichenden Auswirkungen für das vielfach von Ländern, die politisch wenig sta-
B 1.3 Entwicklung von durchschnittlicher Jahrestempe- künftige Planen und Bauen. bil sind und denen in Zukunft besonders
ratur (Referenzjahr 1950) und CO2-Konzentration
Infolge der meist hohen Lebensdauer von drastische Auswirkungen des Klimawandels
in den vergangenen 400 000 Jahren
B 1.4 flächenintensive Siedlungsstruktur Bauwerken haben einmal getroffene Entschei- bevorstehen. In der EU werden derzeit 50 %
B 1.5 Sprengung einer Wohnanlage im Jahr 1972 nach dungen und Maßnahmen eine langfristige der benötigten Primärenergieträger impor-
einer Lebensdauer von nur 17 Jahren, St. Louis Wirkung. Insbesondere die erheblichen Masse- tiert, in Deutschland sogar rund 74 %.
(USA) 1955, Minuro Yamasaki ströme sowie die hohen Ressourcen- und • Aufgrund des wirtschaftlichen Fortschritts in
B 1.6 Ungenügende Tageslichtqualität, maschinelle Kli-
matisierung und schadstoffbelastete Innenraum-
Energieverbräuche von Gebäuden erfordern den Entwicklungs- und Schwellenländern
luft sind häufig für das »Sick-Building-Syndrom« die Ausbildung eines neuen, tragfähigen Leit- wird bis 2030 eine Steigerung des Weltener-
verantwortlich. bildes einer nachhaltigen Architektur. In ande- gieverbrauchs um etwa 60 % erwartet.

38
Grundlagen

CO2-Konzentr. [ppm]
2006: 383 ppm
350
300
250

200
Prognose Industrie-
produktion 150

Temperaturunterschied [K]
2
Rohstoffe
0
-2
-4
Nahrungs-
Bevölkerung mittel -6
Umweltver-
-8
schmutzung
-10
400000 300000 200 000 100 000 0
1900 1950 2000 2050 2100 Rückrechnung [a]
B 1.2 B 1.3
Betriebskostensenkung Komfort und Gesundheit nicht eintraten, verdeutlichten die entworfenen
• In den vergangenen zehn Jahren sind die • In Europa leben etwa 80 % der Menschen in Szenarien – die Wechselwirkungen von Bevöl-
Heizkosten in Deutschland um ca. 90 % Städten und verbringen den überwiegenden kerungsentwicklung, Industrieproduktion,
gestiegen. Dies reduziert das verfügbare Teil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen. Ressourcenverbrauch und Umweltverschmut-
Einkommen der privaten Haushalte und hat • Das »Sick-Building-Syndrom« (SBS) stellt zung – jedoch erstmals die natürlich vorgege-
somit negative Auswirkungen auf die Kon- sich in etwa bei einem Drittel aller neubezo- bene Limitierung unserer Handlungsweisen
junktur. genen Gebäude ein. (Abb. B 1.2).
• Für die Wohnungswirtschaft lassen sich
Ertragssteigerungen durch eine Erhöhung Architekten und Ingenieure müssen sich diesen Klimawandel
der Kaltmiete bei steigenden Betriebs- umfassenden Herausforderungen stellen. Es Die Temperatur der Erdoberfläche stieg in den
kosten (»zweite Miete«) kaum noch reali- geht darum, künftig mit dem geringstmöglichen vergangenen 100 Jahren um etwa 0,8 °C; von
sieren. Einsatz von Energie und Ressourcen die höchst- den vergangenen zwölf Jahren (1995 – 2006)
mögliche Gesamtwirtschaftlichkeit, Behaglich- gehörten elf zu den wärmsten seit Beginn der
Bausubstanz und Werterhaltung keit und Architekturqualität zu erzielen. Temperaturaufzeichnung. Der globale Klima-
• Gebäude stellen wirtschaftlich das wertvolls- wandel – lange wegen der komplexen Wech-
te Gut einer Gesellschaft dar. Etwa die Hälfte selbeziehungen von Einzelfaktoren bezweifelt –
aller Anlageinvestitionen in Deutschland sind Globale Rahmenbedingungen ist inzwischen anerkannte Realität und gefähr-
allein im Wohnungsbau gebunden. det unsere Lebensgrundlagen. Die Verände-
• Durch unzureichende Beachtung der mög- Seit dem Beginn der industriellen Revolution rungen wurden zunächst eher subjektiv wahrge-
lichen Energieeffizienz werden bei Sanie- hat sich unsere Lebensweise radikal verändert. nommen, vor allem durch die Häufung extremer
rungsmaßnahmen derzeit nur rund ein Drittel Der Wohlstand in den industrialisierten Regio- Klimaphänomene in jüngster Vergangenheit.
der wirtschaftlich rentablen Einsparpotenzia- nen der Welt basiert, neben stetigen Innovatio- Doch der Dokumentarfilm »An Inconvenient
le umgesetzt. nen und neuen Technologien, hauptsächlich Truth« (dt.: Eine unbequeme Wahrheit) des
auf dem Verbrauch endlicher, fossiler Energie- ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore rüttelte
Impulse für die Bauwirtschaft träger. Das Satellitenbild der Erde bei Nacht 2006 die Öffentlichkeit auf, indem er die heute
• Rund drei Viertel des Wohngebäudebe- zeigt erkennbar den Grad der Ressourcennut- bereits sichtbaren und die zu erwartenden Fol-
stands in Deutschland gelten als sanierungs- zung sowie den regional sehr ungleich verteil- gen des Klimawandels veranschaulichte.
bedürftige Altbauten. ten Energieverbrauch (Abb. B 1.1). Spätestens Mit Veröffentlichung des vierten Sachstandsbe-
• Dennoch reduzierte sich das Auftragsvolu- die erste Ölkrise in den 1970er-Jahren offen- richts des UN-Weltklimarats IPCC [3] im Jahr
men im Hochbau in den vergangenen zehn barte die Abhängigkeit unseres Wirtschafts- 2007 vertiefte sich die öffentliche Diskussion.
Jahren um 57 %, wobei 2005 das Investiti- wachstums von fossilen Brennstoffen. Auch Die Tatsache des beschleunigten Klimawan-
onsvolumen im Altbau (69 %) bereits deutlich wenn die düsteren Prognosen der »Grenzen dels gilt seither auch in der Politik als allgemein
über dem des Neubaus (31 %) lag. des Wachstums« des Club of Rome [2] bisher anerkannt. Der IPCC-Bericht stellt zweifelsfrei

B 1.4 B 1.5 B 1.6

39
Grundlagen

Primärenergieverbrauch [EJ]
fallende Erträge der pflanzlichen Produktion in vielen Gebieten, erneuerbare
insbesondere in Entwicklungsländern Energien
Nahrungsmittel 400
möglicherweise steigende fallende Erträge in vielen Kernenergie
Erträge in höheren Breiten entwickelten Regionen
Erdgas
Verschwinden klei- signifikante Abnahme der Mineralöl
Anstieg des Meeres- 300
Wasser nerer Gletscher, Was- Wasserverfügbarkeit in vielen
spiegels bedroht
serversorgung mehrerer Gebieten, einschließlich Mittel-
größere Städte
Kohle
Gebiete bedroht meerraum und südliches Afrika

umfangreiche Schäden 200


Ökosysteme an Korallenriffen Zahl der vom Aussterben bedrohter Arten steigt

steigende Intensität von Stürmen, Waldbränden, Dürren,


extreme Wetterereignisse Überflutungen und Hitzewellen 100
Risiko abrupter, unwider-
ruflicher Veränderungen wachsende Gefahr bedrohlicher Rückwirkungen und abrupter
Verschiebungen im Klimasystem in großem Maßstab
globaler Temperatur-
anstieg [°C] 0 1 2 3 4 5 1870 1890 1910 1930 1950 1970 1990
B 1.7 B 1.8
den Zusammenhang zwischen dem globalen sicher. Damit ist das System bereits geladen. logisch verantwortungsvollem Handeln und der
Klimawandel und dem vom Menschen verur- Auch in diesem Fall werden die Auswirkungen Notwendigkeit möglichst dauerhaften Wirt-
sachten, steigenden Ausstoß von Treibhaus- massiv sein. Wenn die 6 -Prognose eintritt, schaftswachstums. Zunehmend wird jedoch
gasen fest. Seit 1750 ist die CO2-Konzentration wird unsere Welt eine andere sein« [4]. Der deutlich, dass in der Preisgestaltung vieler Pro-
in der Atmosphäre um 36 % auf mittlerweile Weltklimarat geht von einem maximal tolerier- dukte und Dienstleistungen negative ökologi-
383 ppm (parts per million) gestiegen und hat baren Temperaturanstieg um weitere 2,0 °C sche und soziale Effekte (z. B. Schädigung des
vermutlich das höchste Niveau innerhalb der aus, bevor eine irreversible Schädigung des Ökosystems), die aus herkömmlichen Produk-
letzten 20 Millionen Jahre erreicht (Abb. B 1.3). Klimasystems erfolgt (Abb. B 1.7). Um diesen tions- und Konsumprozessen resultieren, nicht
Aktuell steigt die Kohlendioxidkonzentration »Point of no Return« nicht zu überschreiten, berücksichtigt werden. Dies sind die »externen
jedes Jahr um weitere 2,5 ppm an. Die Klima- dürfte die CO2-Konzentration der Atmosphäre Kosten«, die Auswirkungen bezeichnen, wel-
debatte hat eine neue Dimension erreicht. Sie bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf höchs- che nicht direkt von den Verursachern getra-
dreht sich nicht mehr um die Fragestellung, ob tens 450 ppm ansteigen (Abb. B 1.10). Zudem gen werden. Als Grundlage für ein nachhalti-
die erhöhte CO2-Konzentration Folgen für das besteht große Unsicherheit, wie besonders ges Wirtschaften sind Unternehmen künftig
Weltklima hat. Vielmehr bewegt nun die zentra- empfindliche Regionen und Ökosysteme auf gefordert, die externen Kosten durch Anwen-
le Frage: Wie viel Kohlendioxid kann die Erd- veränderte Temperaturen und Niederschläge dung des Verursacherprinzips in die Markt-
atmosphäre noch aufnehmen, bevor Überle- reagieren. Klimaforscher bezeichnen das und Preismechanismen einzubeziehen.
bensrisiken für die Menschheit auftreten? Wel- Abschmelzen des grönländischen Eisschildes
che Maßnahmen sind zu ergreifen? Wie viel oder das Auftauen des sibirischen Permafrost- Stern-Report
Zeit bleibt noch, unser Wirtschaftsverhalten bodens als so genannte Kippschalter (»Tipping Der 2006 erschienene »Stern-Report« [5] galt
grundlegend umzuformen? Points«). Durch selbstverstärkende Wirkungen bereits kurz nach seiner Veröffentlichung als
Die wissenschaftlichen Voraussagen über den könnten sie womöglich Prozesse von unkontrol- Beginn eines neuen Zeitabschnitts in der öko-
zu erwartenden Temperaturanstieg in unseren lierbarer Dynamik entfalten (Abb. B 1.9). nomischen Bewertung des Klimawandels. Der
Breiten bis zum Jahr 2100 (gegenüber 1990) frühere Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas
schwanken aufgrund der Komplexität des Kli- Volkswirtschaftliche Effekte Stern, beziffert darin die Risiken und Kosten
masystems zwischen 1,5 und 5,8 C. Das Pots- In der Vergangenheit verwiesen ökonomische der globalen Klimaänderung erstmals aus-
dam-Institut für Klimafolgenforschung bemerkt Bewertungen und volkswirtschaftliche Analysen drücklich aus volkswirtschaftlicher Sicht. Dem-
in diesem Zusammenhang: »1,5 C sind schon auf die Unvereinbarkeit von nachhaltigem, öko- zufolge bedeuten ein weiterhin ungehemmter
CO2 - Emissionen [Mrd. t CO2 /a]

Schmelzen des 100 Prognose


grönländischen
Methan- Szenario »A1FI«
Eisschildes
ausgasung 80
Versiegen der klimawandel-
Tiefenwasserbildung induziertes
Ozonloch
verringerte Sonnen- 60
rückstrahlung im
Himalaya
Wiederbegrünung 40
der Sahara Szenario »550«

Störung 20
Versiegelung von des indischen
Störung der nährstoffreichen historisch
Monsuns Szenario »450«
marinen Kohlen- Staubquellen 0
stoffpumpe Kippen der Störung natürlicher 1940 1980 2020 2060 2100
Amazonas- Klimaschwankungen
vegetation (El Niño) Szenario histor. »A1FI« »550« »450«

CO2-Konzentration
Versiegen der Tiefenwasserbildung im Jahr 2100 [ppm] (360) 950 550 450
und assoziierter Nährstoffversorgung
Schmelzen des west- mittlerer Tempera-
antarktischen Eisschildes turanstieg [°C] 0,4–0,8 4,5–5 2,5–3,0 1,5–2
antarktisches Ozonloch
B 1.9 B 1.10

40
Grundlagen

Weltbevölkerung [Mrd.]
weltweite Rohölförderung [Mio. Barrel / Tag]
Rohölpreis [USD / Barrel]

80 100
Prognose
90 8
70
80
60
70
6
50 Entwicklungsländer
60

40 50
4
40
30 Campbell BGR Shell
30 2002 2005 1995
20 2
20 Industrienationen
10
10
Prognose 0
0 0
1950 1960 1970 1980 1990 2010 1950 2000 2050 2100 1950 1975 2000 2025 2050
B 1.11 B 1.12 B 1.13
Ausstoß von Treibhausgasen und daraus resul- lichkeit fossiler Rohstoffe auf (Abb. B 1.11); die B 1.7 Folgen des globalen Temperaturanstiegs laut
tierende klimatische Veränderungen mittelfristig Schere zwischen Angebot und Nachfrage »Stern-Report«
B 1.8 Entwicklung des weltweiten Primärenergiever-
einen Rückgang des jährlichen globalen Brut- beginnt sich zu öffnen. brauchs von 1870 bis 2000 und seiner Deckung
toinlandsprodukts von 5 bis 20 %. Die Folge- Die Erde ist mittlerweile so gut erforscht, dass nach Energiequellen
kosten steigender Meeresspiegel, sinkender vermutlich alle größeren Lagerstätten bisher B 1.9 »Tipping Points« des Klimasystems
landwirtschaftlicher Erträge und gewaltiger ungeförderter Energierohstoffe bekannt sind. B 1.10 Vergleich verschiedener Szenarien zur Entwick-
Migrationsströme werden mit den Auswirkun- Die statistischen Reichweiten konventionell för- lung der energiebedingten CO2-Emissionen
sowie ihrer Auswirkungen auf CO2-Konzentration
gen der Weltwirtschaftskrise in den 1930er- derbarer, nicht erneuerbarer Energiereserven und Temperaturanstieg in der Atmosphäre
Jahren verglichen (Abb. B 1.7). Stern folgert, betragen für B 1.11 Entwicklung des nominalen Rohölpreises in US-
dass die Vorteile eines entschiedenen und Dollar pro Barrel (= ca. 159 l Öl) von 1946 bis
frühzeitigen Handelns die Kosten des Nicht- • Mineralöl 41 Jahre, 2006
B 1.12 Entwicklung und Prognose des weltweiten
handelns bei Weitem übersteigen. Den Berech- • Erdgas 62 Jahre, Ölfördermaximums (»Peak-Oil«) nach Studien
nungen zufolge ließen sich mit 1 % des globa- • Kohle 200 Jahre, von Shell (1995), Colin J. Campbell (2002) und
len Bruttoinlandsprodukts pro Jahr die bedroh- • Uran 40 Jahre. dem Bundesamt für Geowissenschaften und
lichsten Auswirkungen des Klimawandels ver- Rohstoffe (2005)
hindern. Die Entscheidungen und Investitionen Innerhalb der statistischen Reichweite kann B 1.13 Prognose des Bevölkerungswachstums bis 2050
B 1.14 Rangfolge der zehn Länder mit den größten
der kommenden 10 bis 20 Jahre werden nach eine konstante Förderung bis zur Erschöpfung bekannten Erdöl- bzw. Erdgasreserven im Jahr
dem »Stern-Report« maßgeblich das Klima in aller Reserven nicht aufrechterhalten werden. 2005
der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts bestim- Das weltweite Ölfördermaximum – der so ge-
men. Dieser an die britische Regierung gerich- nannte Peak-Oil – bezeichnet den Scheitel-
tete, jedoch notwendigerweise global argu- punkt, an dem die Hälfte aller konventionell för-
mentierende Report beschränkt sich in seiner derbaren Erdölvorkommen erschöpft sein wer-
Rang Land Erdgasreserven
Analyse nicht ausschließlich auf die Beschrei- den (Abb. B 1.12). Die Ausbeutung von Lager- in Mrd. m3
bung drohender Gefahren, sondern formuliert stätten verläuft entsprechend einer Glockenkur-
1. Russland 47 544
Handlungsempfehlungen, mittels derer sich die ve. Wenn der »Peak-Oil« erreicht ist, sinkt die
2. Iran 27 484
Risiken reduzieren lassen. Durch die verstärkte Förderung den Prognosen zufolge erst lang-
Nutzung erneuerbarer Energien, den Einsatz sam, dann schneller und zum Ende langsam 3. Katar 25 768
von kohlenstoffarmen Technologien und eine auslaufend. Dieser Wendepunkt wird zwischen 4. Saudi-Arabien 6830
deutliche Steigerung der Energieeffizienz könn- 2008 und 2020 zu erwarten sein. Dann beginnt 5. Vereinigte Arabische Emirate 6068
ten laut Stern die drastischen Folgen des Kli- das Ende des Ölzeitalters; es entsteht eine sich 6. USA 5448
mawandels (»das bisher größte und weitrei- ausweitende Deckungslücke zwischen Ener-
7. Nigeria 5226
chendste Marktversagen«) verhindert werden. giebedarf und maximaler Förderleistung.
8. Algerien 4542
Nachhaltiges, ökologisch verantwortungsvolles Entsprechend den Mechanismen der Marktwirt-
Handeln steht hiernach nicht mehr im Wider- schaft steigt der Preis für ein Gut so lange, bis 9. Venezuela 4284
spruch zum Wirtschaftswachstum, sondern bil- das Angebot größer ist als die Nachfrage. Das 10. Irak 3168
det langfristig die entscheidende Grundlage Preisniveau möglicher Erdölsubstitute (z. B. er-
dafür. neuerbare Energien, Kohleverflüssigung etc.) Rang Land Erdölreserven
sowie die Senkung der Nachfrage durch ge- in Mio. t
Fossile Energiewirtschaft steigerte Energieeffizienz bilden somit den 1. Saudi-Arabien 36 037
Industriegesellschaften sind in hohem Maße künftigen Kurswert des Erdöls. 2. Iran 18 022
von der Verfügbarkeit der Energierohstoffe Darüber hinaus sind die Staaten der EU abhän-
3. Irak 15 646
abhängig. Nicht erneuerbare Energieträger gig von Erdöl- und Erdgasimporten aus Regio-
haben derzeit weltweit einen Anteil von 86 % nen, die politisch oftmals als instabil gelten 4. Kuwait 13 845
am gesamten Primärenergieverbrauch. In oder autokratisch regiert werden (Abb. B 1.14). 5. Vereinigte Arabische Emirate 13 306
Deutschland beträgt dieser Wert sogar 95 %. Zu den Ländern mit den meisten Erdgas- bzw. 6. Venezuela 10 847
Allein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Ölreserven gehören Saudi-Arabien, Iran, 7. Russland 10 148
hat die Menschheit mehr fossile Rohstoffe ver- Kuwait und die Vereinigten Arabische Emirate. 8. Libyen 5323
braucht als in ihrer gesamten Geschichte zuvor Ein verstärkter Kohleabbau wäre unter dem
9. Nigeria 4881
(Abb. B 1.8). Die rapide steigenden Energie- Gesichtspunkt der Verfügbarkeit vordergründig
10. Kasachstan 4100
preise der vergangenen Jahre zeigen die End- sinnvoll; die damit verbundenen besonders
B 1.14

41
Grundlagen

hohen CO2-Emissionen würden jedoch den Kli- werden. Die industrialisierten Länder der Welt
USA 5778 (22%)
mawandel nochmals erheblich verschärfen. werden nicht dauerhaft mehr »Verschmut-
China 4497 (17%)
zungsrechte« beanspruchen können als Ent-
EU-25 4003 (15%) Gesellschaftliche Auswirkungen wicklungs- und Schwellenländer (Abb. B 1.15
Russland 1581 (6%) Im Kontext der globalen Erwärmung ist auch und 16). In Deutschland müsste sich demnach
Japan 1258 (5%) unser Konsumverhalten hinsichtlich seiner der Pro-Kopf-Ausstoß von knapp 11 t auf ein
Indien 1148 (4%) Zukunftstauglichkeit zu hinterfragen. Der Klima- Achtel des heutigen Wertes reduzieren. Aus
wandel wird durch die demografische Entwick- der Klimadebatte resultieren somit auch unan-
Deutschland 865 (3%)
lung zusätzlich forciert; die Bevölkerungszah- genehme Fragestellungen bezüglich unserer
Großbritannien 553 (2%)
len steigen von heute 6,6 Milliarden Menschen Lebensweise: Verfügt künftig jeder Mensch
Kanada 544 (2%) auf voraussichtlich 9 Milliarden im Jahr 2050 über das gleiche Recht auf 1,3 t CO2-Emissio-
Südkorea 489 (2%) und stagnieren wohl erst im Jahr 2100 bei ca. nen? Müssen wir zwischen »Überlebensemissi-
Italien 468 (2%) 10 Milliarden Bewohnern (Abb. B 1.13). Um onen« und »Luxusemissionen« unterscheiden?
eine angemessene und nachhaltige Lebens- Gilt es, in irgendeiner Form auch Verzicht zu
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
grundlage für zusätzliche 2,4 Milliarden Men- üben? Werden in Zukunft Emissionsrechte
CO2-Ausstoß [Mio.t ]
schen bereitstellen zu können, sind die verfüg- auch individuell gehandelt? Letztlich scheint
B 1.15 baren Ressourcen und ihre natürlichen Limitie- die Klimaerwärmung auch eine stärkere Vertei-
Katar 45 rungen sowie die sich abzeichnenden Folgen lungsgerechtigkeit zu erzwingen.
Kuwait 26 des Klimawandels zu beachten. Der Bevölke-
Ver. Arab. Emirate 24 rungsanstieg vollzieht sich vornehmlich in Ent- Politische Zielsetzungen

Luxemburg 23 wicklungs- und Schwellenländern. Ungeachtet Die aktuellen Maßnahmen der internationalen
23
aller Effizienzbemühungen wird der Energiebe- Klimaschutzpolitik basieren im Wesentlichen
Bahrain
darf in Asien bis 2050 um etwa 40 % und in auf den Ergebnissen der Klimarahmenkonven-
USA 20
Lateinamerika um voraussichtlich 55 % zuneh- tionen von 1992. Bei der auch als »Erdgipfel«
Trinidad & Tobago 20 bezeichneten UN-Konferenz in Rio de Janeiro
men. In den Schwellenländern werden somit in
Brunei 18 den kommenden Jahren enorme Investitionen verständigten sich über 150 Staaten erstmals
Australien 17 für Energiesysteme ausgelöst. Diese legen die über generelle globale Umweltthemen, ohne
Finnland 14 Energieinfrastruktur – und damit die Höhe der allerdings konkrete Schritte oder Ziele festzu-
11 CO2-Emissionen – für Jahrzehnte fest. Ange- schreiben. Erst mit Unterzeichnung des Kyoto-
Deutschland
sichts der demografischen, wirtschaftlichen Protokolls im Jahr 1997 wurden auf internatio-
klimaverträglich 1,3
und klimatischen Entwicklung bleibt laut IPCC- naler Ebene verbindliche Zielwerte für Treib-
0 10 20 30 40 Report nur noch ein Zeitfenster bis zum Jahr hausgase beschlossen. In dem Abkommen
CO2-Ausstoß pro Kopf [t] 2020 offen, um durch die signifikante Reduk- verpflichteten sich die Industriestaaten ihre
B 1.16 tion von Treibhausgasen die weltweite Erwär- CO2-Emissionen bis 2012 um insgesamt 5,2 %
mung auf maximal 2,0 C zu begrenzen. Da gegenüber 1990 zu reduzieren. Es dauerte
B 1.15 Länder mit den höchsten CO2-Emissionen im lediglich 10 bis 20 Jahre für gravierende Ver- jedoch noch acht weitere Jahre, bis mindes-
Jahr 2003 änderungen zur Verfügung stehen, müssen tens 55 Staaten, die 1990 mehr als 55 % der
B 1.16 CO2-Ausstoß pro Kopf von ausgewählten Län-
dern im Jahr 2003
die meisten Innovationen mittels bereits vor- CO2-Emissionen verursacht hatten, das
B 1.17 angestrebte und bis 2002 erreichte Emissions- handener Technologien erfolgen. Allein auf Abkommen ratifizierten. Das Protokoll trat
veränderungen im Rahmen des Kyoto-Protokolls neue technische Lösungen zu hoffen – um somit erst Anfang 2005 in Kraft. In Abhängig-
B 1.18 unterschiedliche Energieformen dann wie gewohnt weiterzuwirtschaften – wird keit von der wirtschaftlichen Entwicklung der
B 1.19 Energiebilanz der Erde
nicht ausreichen, um die anstehenden Aufga- einzelnen Länder bestehen laut Abkommen
ben zu bewältigen. verschieden hohe Reduktionsvorgaben. Die
Die globalen Herausforderungen erfordern EU verpflichtete sich zu einer Senkung der
-19 neben technischen auch unmittelbare gesell- Treibhausgase um insgesamt 8 %, wobei für
Deutschland -21 schaftliche und soziale Innovationen. In den die einzelnen EU-Länder ebenfalls unterschied-
-1
Dänemark -21 meisten Industrienationen kann man die liche Ziele gelten (Abb. B 1.17).
-15 gegenwärtige Entwicklung des gesellschaft- Auch wenn das Kyoto-Protokoll einen Meilen-
Großbritannien -13
lichen Lebens durch die Attribute Individuali- stein in der internationalen Klimaschutzpolitik
9
Österreich -13 sierung, Anonymisierung und Entsolidarisie- darstellt, gelten die Bestrebungen nach heuti-
9 rung charakterisieren. Die historischen Erfah- gem Erkenntnisstand als keineswegs ausrei-
Italien -7
-2 rungen aus den Anfängen der Ökologiebewe- chend, um der globalen Erwärmung entgegen-
Frankreich 0 gung haben allerdings gezeigt, dass sich eine zuwirken. Weltweit liegen die Treibhausemissi-
29
Irland 13 altruistische Mensch-Umwelt-Beziehung nicht onen heute ca. 25 % über denen des Basis-
39 in dogmatischer oder deterministischer Weise jahrs 1990. Das Reduktionsziel, die Treibhaus-
Spanien 16
verordnen lässt. Es bleibt abzuwarten, inwie- gase bis 2050 weltweit um 50 % gegenüber
-2
Schweiz -8 weit »qualitatives« Wachstum – als Maxime für dem Stand von 1990 zu senken, lässt sich nur
8 Lebensqualität – die bisherige Doktrin nach erreichen, wenn die Industrienationen ihre
Japan -6
20 »quantitativem« Wachstum zu ersetzen ver- Emissionen um 60 bis 80 % vermindern.
Kanada -6 mag. Der Klimawandel berührt infolgedessen Um auf internationaler Ebene eine Führungs-
6
Norwegen 1 auch ethische Fragen, für politische Entschei- rolle und Vorbildfunktion zu übernehmen, emp-
13 dungsträger wie für jeden Einzelnen. fiehlt die EU-Kommission den Industrienationen
USA1 -7
Derzeit produziert jeder Mensch im weltweiten eine Minderung der Treibhausgase bis zum
22
Australien1 8 Durchschnitt jährlich 4,4 t CO2. Bis 2050 müs- Jahr 2020 um 30 %. Ohne dem Nachfolgepro-
angestrebt bis 2008 / 2012 [%] bisher erreicht [%]
sen nach derzeitigem Erkenntnisstand die tokoll vorzugreifen, beabsichtigen die EU-Staa-
Emissionen pro Bewohner um mehr als zwei ten sich aber bereits jetzt selbst zu verpflich-
1
ursprüngliches Ziel, Kyotoprotokoll nicht unterzeichnet Drittel, auf »klimaverträgliche« 1,3 t reduziert ten, die Emissionen bis 2020 um mindestens
B 1.17

42
Grundlagen

20 % zu reduzieren und den Anteil der erneuer- Entropie eines abgeschlossenen Systems die zusammen mit dem natürlichen Isotopen-
baren Energien an der Energieversorgung auf immer konstant bleibt oder zunimmt. Bei irre- zerfall die so genannte Erdwärme bilden.
20 % zu steigern. versibel ablaufenden Prozessen findet immer • Gravitation: Die Planetenbewegungen rufen
eine Entropiezunahme statt, wie z. B. beim in Verbindung mit der Massenanziehung zwi-
Abbau von Ressourcen. Wenn die bekannten schen Erde und Mond die Gezeiten hervor.
Energie Kupfervorkommen nahezu verbraucht sind, • Solarstrahlung: Die solare Strahlung erreicht
dann bedeutet dies genauer gesagt, dass Kup- aufgrund thermonuklearer Umwandlung in
Energie kann umgewandelt, gespeichert oder fer mehr oder minder gleichmäßig über die der Sonne sowohl die Atmosphäre als auch
transportiert werden – und dennoch ist sie Erde verteilt wurde und sich die Entropie durch die Erdoberfläche.
kein Stoff. Sie entzieht sich der sinnlichen die Gleichverteilung vergrößert hat. Die Wieder-
Wahrnehmung, lediglich die Erscheinungsform herstellung der Ausgangssituation (geringe Die Energiemengen dieser drei Quellen sind
(z. B. Wärme des Feuers) oder der Energie- Entropie) lässt sich nur durch den Einsatz von extrem unterschiedlich: Der weitaus größte
träger (z. B. Holzscheit) lassen sich durch Energie erreichen. Daraus folgt, dass Systeme Anteil ist die solare Strahlung. Sie macht über
unsere Sinne erfahren. Die Ursprünge des ohne Energiezufuhr von außen sich immer in 99,9 % der gesamten zur Verfügung stehenden
Begriffs »Energie« reichen bis in die Antike Richtung eines Zustands größerer Unordnung Energiemenge aus. Die Erdwärme stellt mit
zurück. Der griechische Philosoph Aristoteles bewegen. Der Mensch kann die Entropiezu- einem Anteil von etwa 0,02 % die zweitgrößte
bezeichnete »energeia« (dt.: Tätigkeit, Wirk- nahme durch effiziente Energie- und Ressou- Quelle dar. Um einen weiteren Faktor zehn
samkeit) als die Wirkkraft, durch die Mögliches rennutzung nicht aufhalten, sondern bestenfalls geringer ist der Beitrag der Gezeiten aufgrund
in Seiendes übergeht. Seine heutige natur- verlangsamen. Nur der Sonne gelingt es, die der Planetengravitation und -bewegung. Im
wissenschaftliche Bedeutung erlangte der Entropie zu senken, da sie dem System Erde Sinne eines geschlossenen Energiesystems
Begriff »Energie« erst im 19. Jahrhundert. Die von außen Energie zuführt. kann vorausgesetzt werden, dass sich die Erde
physikalische Definition des Begriffs lautet in einem energetischen Gleichgewichtszustand
seither: »die im System gespeicherte Arbeit Energiebilanz der Erde befindet. Dies bedeutet, dass der zugeführten
oder die Fähigkeit des Systems zur Verrich- Sämtliche auf der Erde zur Verfügung stehen- Energiemenge ein entsprechend gleich großer
tung von Arbeit«. Energie tritt in verschiedenen den Energieströme speisen sich prinzipiell aus Entzug gegenübersteht. Knapp ein Drittel der
Formen auf und lässt sich hinsichtlich ihrer drei Quellen: auf die Erde gerichteten Solarstrahlung mit
physikalischen Eigenschaften beispielsweise einer spezifischen Leistung von 1367 W/m2
in mechanische, thermische oder chemische • Erdwärme: Bei der Entstehung der Erde wur- (Solarkonstante) wird bereits bei Eintritt in die
Energie unterteilen (Abb. B 1.18). den große Mengen an Energie freigesetzt, Erdatmosphäre reflektiert. Aufgrund von Wech-
Im Jahr 1847 formulierte Hermann Helmholtz
die entscheidende Entdeckung für das Ver-
ständnis bei Energieumwandlungen: Energie
Energieform Erscheinungsweise (Beispiel) technische
kann nicht erzeugt, sondern nur von einer Form Energieumwandlung
in die andere umgewandelt werden. Dieser so
mechanische Energie / potenzielle Energie Stausee Laufwasserkraftwerk
genannte Energieerhaltungssatz begründete
mechanische Energie / kinetische Energie fließendes Wasser Speicherwasserkraftwerk
gleichzeitig den ersten Hauptsatz der Thermo-
dynamik. Demnach ist die Energiemenge in thermische Energie Warmwasser Fernwärme
geschlossenen Systemen immer konstant. Die elektrische Energie Strom Wärmepumpe
umgangssprachliche Bezeichnung »Energie- Strahlungsenergie Sonnenlicht Solarkollektor
verbrauch« stellt physikalisch betrachtet die chemische Energie Erdgas Gasbrennwertkessel
Transformation von einer Energieform in eine nukleare Energie Kernspaltung Atomkraftwerk
andere dar und kann wie folgt beschrieben
B 1.18
werden:

Energie = Exergie + Anergie = konstant


Einstrahlung Abstrahlung
3 ·1017 kWh/ a

3 ·1016 kWh/ a
Erdwärme 0,02%

Planetengravitation
und -bewegung 0,002 %

Als Exergie bezeichnet man die Energiemenge


eines Systems, die für eine erforderliche Ener-
giedienstleistung Arbeit verrichten kann, wäh- 1,5·10 21 kWh /a
100%
rend Anergie den Anteil nicht arbeitsfähiger
Energie charakterisiert. Beim Beheizen von
Gebäuden wird beispielsweise die chemische Reflexion 31% Atmosphären-
Energie eines Brennstoffs durch die Verbren- obergrenze
nung in Wärmeenergie umgewandelt. Die Absorption 17%
Gesamtenergie setzt sich dabei aus dem nutz- Reflexion 4%
Erdoberfläche
baren Anteil (Exergie) sowie dem durch Abwär-
me und Umwandlungsverluste nicht nutzbaren Verdunstung 21%
Anteil (Anergie) zusammen. Exergie bleibt
somit im Gegensatz zu Energie nicht erhalten, Strahlung 18%
sondern wird durch die Transformation in Aner-
Konvektion 9% Weltprimär-
gie entwertet. Biomasse- energie-
Die physikalischen Gesetzmäßigkeiten hinsicht- erzeugung verbrauch
lich möglicher Energieumwandlungen werden 0,1% 0,0005 %
in der Physik mit dem Begriff »Entropie« (gr.: 1,5·1018 kWh/a 7,5 ·1015 kWh / a
Entropía = Wendung, Umwandlung) beschrie-
Energiereserven
ben. Rudolf Claudius definierte 1865 den zwei-
fossil-biogen ca. 9 ·10 16 kWh fossil-mineralisch ca. 1·10 18 kWh
ten Hauptsatz der Thermodynamik, wonach die
B 1.19

43
Grundlagen
Anteil der genutzten Energieträger weltweit [%]

80 24 erneuerbare Energien 5,3%


CO2-Emissionen [Mrd. t/a]
Kohle 22
70
20 Kernenergie 12,6%
60 18
16
50
14
40 12 Mineralöl 35,7 %
Braunkohle
38 % Primärenergie 10,9%
10
30 [Mrd. tSKE/a]
Holz 26 % 8
Erdgas 23 %
20 6
4
10 Erdgas 22,8 %
Kernenergie 7% Bevölkerung
Erdöl 3,5 % 2 Steinkohle
[Mrd.]
Wasserkraft 2,5 % 13,0%
0 0
1850 1900 1950 2000 1870 1900 1930 1960 2000
B 1.20 B 1.21 B 1.22
selwirkungen mit atmosphärischen Bestand- oben beschriebenen Quellen gespeist werden energie aus dem Zusammenspiel der Atmo-
teilen erreicht schließlich etwa die Hälfte der und damit in menschlichen Dimensionen als sphärenbewegung durch Solarstrahlung und
Strahlung die Erdoberfläche und trifft auf die unerschöpflich gelten. Als erneuerbare Primär- Erdrotation. Als Erscheinungsformen können
Kontinente und Meere (Abb. B 1.19). Diese energieträger gelten neben den genannten Pri- folglich definiert werden:
Energie steht nun für Konvektion, Verdunstung märquellen jedoch auch daraus abgeleitete
und Strahlung zur Verfügung und wird nach Energieformen wie z. B. Windenergie oder • Atomkraft, die in Form von Kernspaltung oder
der Umwandlung als langwellige Wärmestrah- Wasserkraft. Die Verfügbarkeit von Sekundär- Fusion genutzt werden kann
lung wieder in den Weltraum abgestrahlt. Nur oder Endenergie – wie etwa Solarstrom aus • fossile Energieträger (Kohle, Erdöl, Erdgas)
ein verhältnismäßig geringer Teil bleibt – über einer Photovoltaikanlage – hängt dabei allein als Produkte vergangener Solarstrahlung
den Photosyntheseprozess in organische Sub- von der Funktionstüchtigkeit des technischen • die als Geothermie bezeichnete oberflächen-
stanz umgewandelt – auf der Erde zurück. Systems zur Umwandlung ab. ferne Erdwärme
Durch diese Speicherung in Form von Biomas- • durch Gravitation hervorgerufene Gezeiten-
se fällt die zugeführte Energiemenge geringfü- Energieformen energie
gig größer aus als die abgestrahlte. Wird die Die Energie der Erde besteht, wie zuvor
organische Substanz energetisch nicht direkt beschrieben, aus den drei primären Energie- Die meisten Erscheinungsformen resultieren
verwertet, wandelt sie sich im Verlauf langer quellen Solarstrahlung, Erdwärme, Gravitation allerdings aus der aktuellen Solarstrahlung, die
Zeiträume in fossil-biogene Energieträger um. und tritt in unterschiedlichen Erscheinungsfor- in direkter und diffuser Form zur Verfügung
Zusammen mit den fossil-mineralischen Stoffen men bzw. Wirkungsweisen auf. Diese werden steht und das oberflächennahe Erdreich, die
in Form von gebundener Kern- bzw. Strah- ergänzt durch die in Atomkernen gespeicher- Atmosphäre sowie die offenen Gewässer
lungsenergie begründen sie die Energiereser- ten, nicht erneuerbaren Energien. erwärmt. Als Folge dieser Erwärmungen treten
ven der Erde. Die intensive Nutzung der fossi- Ebenso gelten die über einen langen Zeitraum abgewandelte Energieformen wie Wind, Mee-
len Rohstoffe in den vergangenen 150 Jahren aus vergangener Solarstrahlung gebildeten resströmung, Wellenbewegung und Laufwas-
hebt jedoch den energetischen Gleichge- fossilen Erscheinungsformen aus menschlicher ser auf. Schließlich ist die Solarstrahlung Basis
wichtszustand auf. Denn es wurde wesentlich Sicht als nicht erneuerbar. Abb. B 1.23 zeigt der Biomasseproduktion.
mehr Energie freigesetzt, als dem System Erde die Energiequellen und deren unterschiedliche
zugleich an Energieströmen zufloss bzw. an Erscheinungsformen auf der Erde, wobei nur Entwicklung des Energieverbrauchs
Energiereserven neu gebildet wurde. die wesentlichen Zusammenhänge dargestellt An der bisherigen Entwicklung der weltweiten
Hier setzt die Definition von erneuerbarer Ener- sind, da sich die einzelnen Formen nicht immer Energiebereitstellung lässt sich ablesen, dass
gie an. Dabei handelt es sich um diejenigen eindeutig einer bestimmten Quelle zuordnen die Nutzung der verschiedenen Energiequellen
Energieträger, die fortlaufend aus den drei lassen. So resultiert beispielsweise die Wind- und -arten gewisse Zyklen durchläuft. Nach

Kernenergie Solarstrahlung Erdwärme Gravitation B 1.20 strukturelle Entwicklung der Energieträger welt-
weit von 1850 bis 2000
B 1.21 Vergleich zwischen Bevölkerungswachstum,
vergangene aktuelle Energieverbrauch und CO2-Emissionen von 1870
Strahlung Strahlung bis 2000
B 1.22 Anteile der Energieträger am Primärenergiever-
Atomkraft Kohle Globalstrahlung oberflächenferne Gezeitenenergie brauch in Deutschland 2006
Erdöl oberflächennahe Erdwärme B 1.23 Energiequellen der Erde und ihre Erscheinungs-
Erdwärme formen
Erdgas
Atmosphären- B 1.24 derzeitige Szenarien des globalen Primärenergie-
wärme verbrauchs für das Jahr 2050 bei einem Bevöl-
Wind kerungswachstum auf 9 bis 10 Milliarden
Meereswärme WBGU: exemplarischer Entwicklungspfad
(2003)
Meeresströmung
Shell SCA: Spirit of coming Age (2001)
Wellenbewegung WEC A3: Wachstum (1999)
Laufwasser Shell DAS: Dynamic as Usual (2001)
Biomasse- WEC B: Business as Usual (1999)
produktion RIGES: Renewable intensive scenario (1993)
SEE: Solar Energy Economy (2003)
nicht erneuerbar erneuerbar WEC C1: ökologische Priorität (1999)
Faktor 4: Effizienzrevolution (1999)
B 1.23

44
Grundlagen

Primärenergie [EJ/a]
1169 1121
1200
1049
1000
854 825
800
636 635
597
600
431
423
400

200

0
2000 WBGU Shell SCA WEC A3 Shell DAS WEC B RIGES SEE WEC C1 Faktor 4
erneuerbare Energien Kernenergie Mineralöl
traditionelle Biomasse Erdgas Kohle
B 1.24
einer Start- und Anstiegsphase erreichen alle stands erwarten die meisten Studien einen gen Kernkraftwerke während der Betriebs-
fossilen Rohstoffe – mit zunehmend abgebau- Zuwachs des weltweiten Bruttosozialprodukts phase keine CO2-Emissionen, über den gesam-
ter bzw. verbrauchter Menge – ihren Scheitel- bis zum Jahr 2050 um das drei- bis vierfache. ten Lebenszyklus betrachtet erfordern Bau
punkt und münden schließlich in eine Phase bzw. Abriss der Reaktoren, Uranförderung,
sinkender Bedeutung (Abb. B 1.20). Ausge- Fossile Energie Abfallentsorgung und Sicherheitsrisiken aller-
hend von Holz und Kohle als dominierende Die weltweite Energieversorgung basiert ak- dings erhebliche Aufwendungen. Die Kernkraft
Energieträger im 19. Jahrhundert ist die struk- tuell zu rund 80 % auf den fossilen Energieträ- verfügt derzeit über einen Anteil von ca. 17 %
turelle Zusammensetzung im 20. Jahrhundert gern Kohle, Erdöl und Erdgas sowie der Kern- an der weltweiten Stromerzeugung, beträgt
durch einen breiten Energiemix gekennzeich- energie. Da die Entstehungszeiträume der aber unter 7 % an der gesamten Energiever-
net. Interessant erscheint in diesem Zusam- fossilen Energieträger weit über menschliche sorgung. Risiken und Nutzen der kohlenstoff-
menhang auch, dass in der Vergangenheit Maßstäbe hinausgehen, übersteigt der heuti- freien Stromerzeugung aus Kernenergie sind
immer eine unmittelbare Wechselbeziehung ge Verbrauch ihre Entstehung deutlich. Fossile vor diesem Hintergrund abzuwägen. Für die
zwischen Bevölkerungswachstum, Energie- Energiereserven bildeten sich zu verschiede- heute verbreitete Reaktortechnologie besteht
verbrauch und CO2-Emissionen bestand (Abb. nen Zeiten in der Erdgeschichte durch bioche- auch ein Ressourcenproblem. Preiswertes
B 1.21). Die meisten Prozentanteile zur weltwei- mische und chemische Umwandlungsprozesse Uran für Leichtwasserreaktoren reicht noch
ten Energiebereitstellung werden derzeit noch aus organischem Material. Die Entstehungs- etwa für 40 Jahre. Brutreaktoren (»schnelle
durch Erdölgewinnung erzielt. Die Kohlenut- zeiträume der Energieträger betragen: Brüter«), die neben der Stromproduktion auch
zung hatte zwar bereits zu Beginn des 20. der Erzeugung von weiterem spaltbaren Mate-
Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht, spielt • Erdöl und Erdgas: 20 – 440 Millionen Jahre rial dienen, sind in keinem Land im Dauerbe-
aber heute noch bei der Energieversorgung • Kohle: 10 – 370 Millionen Jahre trieb. Das als Abfallprodukt entstehende Pluto-
eine zentrale Rolle. Mit steigender Tendenz ent- nium erhöht aufgrund seiner Eignung zur
wickelt sich der Anteil von Erdgas und Kernen- Zur Minderung der Klimaänderungen setzen waffentechnischen Verwendung die atomare
ergie, während Holz und Wasserkraft als tradi- Vertreter der fossilen Energiewirtschaft vor Bedrohung.
tionelle erneuerbare Energiequellen eher von allem darauf, künftig CO2-Emissionen unter- An der Realisierung von Kernfusionsreaktoren
untergeordneter Bedeutung sind. irdisch einzulagern. Bei der Kohlendioxidse- wird seit den 1960er-Jahren intensiv geforscht.
In Deutschland ist der Primärenergieverbrauch questrierung wird CO2 aus Abgasen von Kraft- Mittels Kernfusion wäre bei vergleichsweise
entgegen des weltweiten Trends in den letzten werken und Industrieanlagen technisch abge- niedrigem Brennstoffverbrauch und geringem
Jahren konstant rückläufig; der Energiemix schieden, komprimiert und schließlich unter radioaktiven Abfall theoretisch die Produktion
weist indessen eine ähnliche Struktur auf hohem Druck in etwa 1000 m tiefe salzwasser- großer Mengen elektrischer Energie möglich.
(Abb. B 1.22). Auch die deutsche Energie- haltige Schichten (Aquifere) gepresst. In Euro- Die Entwicklung von Kernfusionsreaktoren
bereitstellung wird vom Erdöl dominiert. Die pa sollen bis zum Jahr 2015 zwölf Demonstra- erfordert allerdings enorme Investitionen; eine
Kohlenutzung nimmt kontinuierlich ab, bildet tionsanlagen in Betrieb gehen. Hinsichtlich der kommerzielle Nutzung dieser Technologie wird
aber für die Stromerzeugung nach wie vor Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Verfah- – wenn überhaupt realisierbar – in frühestens
eine wichtige Grundlage. Erdgas zeigt hinge- rens bestehen jedoch erhebliche Unwägbar- 50 Jahren erwartet.
gen zunehmende Tendenzen. Der Anteil erneu- keiten. Durch Risse im Gestein könnte bei der Bei der Gewinnung, Nutzung und Entsorgung
erbarer Energiequellen steigt seit 1995 durch Kohlendioxideinlagerung salz- bzw. schwer- von radioaktiven Stoffen bestehen hochgra-
den Ausbau der Windenergie deutlich an. metallhaltiges Wasser der Aquifere verdrängt dige Gesundheitsgefahren. Da die Halbwerts-
Die Prognosen hinsichtlich der künftigen Ent- werden und somit die Grundwasserreservoirs zeit von Uran235 über 700 Millionen Jahre
wicklung des globalen Energieverbrauchs sind verseuchen. Bei größeren Leckagen bestünde beträgt, müssen diese Stoffe mit großem tech-
mit Ungewissheiten behaftet (Abb. B 1.24). Alle die Gefahr, dass die Emissionen in großem nischen und logistischen Aufwand dauerhaft
Szenarien gehen jedoch davon aus, dass auf- Umfang die Atmosphäre belasten. Des Weite- von der Umwelt abgeschirmt und überwacht
grund wachsender Bevölkerungszahlen sowie ren rechnet man infolge der CO2-Sequestrie- werden.
des steigenden Bruttosozialprodukts in den Ent- rung mit Effizienzverlusten der Kraftwerke von
wicklungs- und Schwellenländern der Energie- bis zu 20 %, wodurch sich Ressourcenver- Erneuerbare Energie
verbrauch in den kommenden Jahren erheblich brauch, Importabhängigkeit und Kosten ent- Abgesehen von den seit Langem üblichen For-
zunehmen wird. Derzeit verfügt mehr als ein sprechend erhöhen würden. men der Nutzung von Biomasse, Wind und
Fünftel der Menscheit über keinen Zugang zu Wasserkraft, tritt ab Mitte der 1970er-Jahre
Elektrizität, zwei Fünftel decken ihre Energiebe- Kernenergie angesichts steigender Preise fossiler Brenn-
dürfnisse überwiegend traditionell durch Bio- Die Nutzung der Kernenergie ist politisch und stoffe eine verstärkte Nutzung erneuerbarer
masse. Aufgrund dieses Entwicklungsrück- gesellschaftlich stark umstritten. Zwar erzeu- Energiequellen in das Blickfeld der Bemühun-

45
Grundlagen

Weltenergieverbrauch 2005 Solarstrahlung auf Kontinente Wind Biomasse Erdwärme Wasser Meereswärme, Wellenenergie

B 1.25
gen. Vor dem Hintergrund des Reaktorun- Potenziale Das wirtschaftliche Potenzial bildet wiederum
glücks in Tschernobyl 1986 wurden diese Zu den verfügbaren Potenzialen von erneuer- den Teil des technischen Potenzials ab, der
Anstrengungen mit erhöhter Motivation in baren Energien wurden in den letzten Jahren zum Betrachtungszeitpunkt ökonomisch sinn-
Angriff genommen. Messbare Auswirkungen detaillierte Analysen durchgeführt, deren voll nutzbar ist. Hier beeinflussen allerdings
lassen sich etwa seit 1990 feststellen. Als Folge Ergebnisse eine relativ hohe Streuung aufwei- vielfältige Randbedingungen wie z. B. die Kos-
günstiger politischer Rahmenbedingungen sen. Das theoretische Potenzial enthält das ten fossiler Brennstoffe, Verzinsung, Abschrei-
zeichnet sich ein geringes, aber kontinuierli- gesamte physikalische Angebot einer bestimm- bungsdauer und betriebs- oder volkswirtschaft-
ches Wachstum der erneuerbaren Energieträ- ten Energiequelle in einem definierten räum- liche Betrachtungen die Rentabilität erheblich.
ger ab. Die Entwicklung in Deutschland zeigt, lichen und zeitlichen Betrachtungsraum – bei- Würde man künftig dazu übergehen, die exter-
dass die Zunahme in erster Linie auf der ver- spielsweise die von der Sonne jährlich auf die nen Kosten der fossilen Energiewirtschaft (z. B.
mehrten Nutzung der Windkraft sowie gasför- Oberfläche Deutschlands eingestrahlte Ener- Klimaerwärmung, extreme Wetterereignisse) in
miger und flüssiger Biomasse beruht (Abb. B gie, die jährliche kinetische Energie des Win- die gesamtwirtschaftliche Betrachtung einzu-
1.26). In der Energieerzeugung aus Windkraft des einer bestimmten Region oder der gesam- beziehen, würde das wirtschaftliche Potenzial
und Solarwärme ist Deutschland inzwischen te Energieinhalt der jährlich nachwachsenden der erneuerbaren Energien deutlich höher aus-
weltweit führend, im Solarstromertrag wird es Biomasse eines Landes. Die möglichen Erträge fallen.
nur von den USA und Japan übertroffen. basieren hierbei allein auf dem natürlichen Das erschließbare Potenzial beschreibt den tat-
Betrachtet man die Struktur der Energiebereit- Energieangebot, das jedoch Schwankungen sächlich zu erwartenden Beitrag zur Energie-
stellung aus erneuerbaren Quellen, so kommt aufzeigt, wie z. B. die jährlich unterschiedliche versorgung unter aktuellen Randbedingungen.
der Nutzung fester Biomasse in Form von Solarstrahlung. Es liegt aufgrund von Herstellerkapazitäten,
Holzverfeuerung die größte Bedeutung zu, Das technische Potenzial ist ein Teil des theore- vorhandenen Konkurrenzsystemen, mangeln-
wobei hier die statistische Erfassung aufgrund tischen Potenzials, bei dem die für eine prakti- der Information, rechtlicher oder administrativer
dezentraler Strukturen überwiegend auf sche Nutzung erforderlichen technischen Rest- Hemmnisse etc. unter dem wirtschaftlichen
Schätzungen beruht. Die feste Biomasse riktionen berücksichtigt werden (Abb. B 1.25). Potenzial. Infolge von Subventionen kann das
stellt zusammen mit der Wasserkraftnutzung Es variiert in Abhängigkeit von der zugrunde erschließbare Potenzial jedoch das wirtschaft-
und der Windenergie über 75 % des Beitrags gelegten Technik wie dem Systemwirkungs- liche übertreffen.
aus erneuerbaren Quellen bereit. Die weiteren grad. Des Weiteren unterscheidet man zwi-
Energiequellen in Form von Solarwärme, Solar- schen technischen Erzeugungspotenzialen am Entwicklungsszenario für Europa
strom (Photovoltaik) und Geothermie sind Anfang einer definierten Stufe der Wandlungs- Wenn man die für den Energiebedarf bestim-
derzeit noch von geringer Bedeutung. Zusam- kette und technischen Substitutionspotenzialen menden Größen definiert, wie z. B. wirtschaftli-
men tragen inzwischen alle erneuerbaren Ener- bezüglich End-, Sekundär- oder Primärenergie che und demografische Entwicklungen, erwar-
gien mit ca. 6 % zur Primärenergiebereitstel- (siehe S. 50). Während das theoretische Poten- tete Energiepreissteigerungen sowie techni-
lung und mit etwa 12 % zur Stromerzeugung in zial wenig praktische Relevanz hat, ist das tech- scher Fortschritt, lassen sich daraus Szenarien
Deutschland bei. nische Potenzial von hohem Aussagewert. hinsichtlich des zukünftigen Energieverbrauchs
Primärenergie [PJ /a]
Primärenergie [PJ/ a]

700 Biomasse 665 16 000 100 %

Solarthermie und Erdwärme 14 000


600
Wind und Photovoltaik 80 %
Wasser 12 000
500
10 000
382 60 %
400
8 000
284 erneuerbare Energien
300 40 %
229 6 000 Erdgas
203 211
190 Mineralöl
200
4 000
Kohle
20 %
100 Kernenergie
2 000
CO2-Emissionen [%]
0 0 0% (1990=100 %)
1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2004 2010 2020 2030 2040 2050
B 1.26 B 1.27

46
Grundlagen

Stromerzeugung [Mrd. kWh]


Photovoltaik < 0,01%
60
Geothermie < 0,01%
50 oberflächen-
< 0,01%
nahe Wärme

B 1.25 theoretisches jährliches Potenzial (große Würfel 40 Solarthermie < 1%


im Hintergrund) und technisches Potenzial Biomasse
ca. 5%
(kleine Würfel im Vordergrund) im Vergleich mit 30 (gasförmig)
dem Weltenergieverbrauch 2005 Biomasse
< 1%
B 1.26 Beitrag erneuerbarer Energien zur Primärener- (flüssig)
gieversorgung in Deutschland von 1975 bis 20
Windenergie ca. 25%
2005
B 1.27 Szenario für die Entwicklung des Primärenergie- 10 Wasserkraft ca. 75%
verbrauchs und der CO2-Emissionen in Europa
Biomasse (fest) ca. 7 %
bis zum Jahr 2050
0
B 1.28 Beitrag erneuerbarer Energien zur Stromerzeu- 1990 1995 2000 2005 500 600
0 100 200 300 400
gung in Deutschland von 1990 bis 2005 [TWh]
Photovoltaik Biomasse Nutzung 2005
B 1.29 technisches Potenzial und Nutzung erneuerbarer
Energien in Deutschland im Jahr 2005 Windenergie Wasserkraft max. technisches Erzeugungspotenzial
B 1.28 B 1.29
und dessen Deckung ableiten. Die meisten Technische Systeme für eine zukunftsfähige strahlung werden solarthermische Kleinanlagen
Prognosen erwarten – entgegen der bisherigen Energieversorgung überwiegend zur Wärmebereitstellung für Trink-
Entwicklung – den kontinuierlichen Rückgang Untersuchungen für Deutschland zeigen, dass wasser und zur Heizungsunterstützung einge-
des Primärenergieverbrauchs in Europa bis die Biomassenutzung insgesamt das größte setzt. Bislang sind weltweit bereits über 30 Mil-
2050, insbesondere durch effizienten Wärme- technische Potenzial birgt. Zur Erzeugung von lionen m2 an Kollektorflächen installiert. Die Kol-
schutz von Gebäuden sowie eine stetige Niedertemperaturwärme bietet sich neben der lektoren können frei aufgestellt oder in die
Zunahme des Anteils erneuerbarer Energien solarthermischen Nutzung auch die oberflä- Gebäudehülle integriert werden (siehe Gebäu-
an der Energiebereitstellung (Abb. B 1.27). chennahe Wärme (Erdwärme und Außenluft) dehülle, S. 93). Trotz des unterschiedlich
Die erneuerbaren Energiequellen sollen zur sowie die oberflächenferne Wärme (Geother- hohen Strahlungsanteils verschiedener Stand-
Mitte des 21. Jahrhunderts aufgrund der deut- mie) an. Diese Quellen weisen eine sehr hohe orte ist die Solarthermie heute in Deutschland
lich reduzierten Gesamtsumme knapp die Leistungsfähigkeit auf, die bislang quasi unge- nahezu überall rentabel.
Hälfte des Energiebedarfs decken. Des Weite- nutzt bleibt. Im Bereich der Stromerzeugung Dies gilt mit Einschränkungen ebenfalls für
ren wird davon ausgegangen, dass sich der stellt neben der Wasserkraft und Windenergie photovoltaische Systeme zur Stromerzeugung.
Kohleanteil verringern wird und voraussichtlich vor allem die photovoltaische Wandlung der Ihr modularer Aufbau erlaubt eine sehr große
eine starke Reduktion der Kernenergie bevor- Solarstrahlung eine bedeutende Alternative zur Bandbreite an installierter Leistung. Auch Pho-
steht [6]. konventionellen Erzeugung dar. Sie bietet tovoltaikmodule lassen sich direkt in die
In der Elektrizitätsversorgung gehen die Prog- zugleich das größte Energiereservoir bei bisher Gebäudehülle integrieren (siehe Gebäudehülle,
nosen davon aus, dass in den kommenden geringster Verwendung. Im Gegensatz dazu S. 106). Die Systemtechnik basiert auf Entwick-
Jahren zunächst weiterhin die Quellen Wasser- erreicht die Nutzung der Wasserkraft bereits lungen seit Mitte des 20. Jahrhunderts und
kraft und Windenergie wesentliche Beiträge lie- ihre Grenzen. Die Erschließung der Windener- befindet sich auf einem hohen technischen
fern, ab 2010 die Biomasseverstromung hinzu- gie hat in den letzten Jahren enorme Zuwachs- Niveau. In Deutschland wurden bereits über
kommt und ab 2020 schließlich auch die geo- raten erfahren mit weiterhin steigender Ten- 300 MW installierter Leistung realisiert, dies
thermische und photovoltaische Stromerzeu- denz (Abb. B 1.28). entspricht etwa einer Fläche von 3 Millionen m2.
gung nennenswerte Erträge beisteuern. Außer- Insgesamt bestehen in Deutschland beacht- Aufwindkraftwerke bieten eine weitere Option
dem könnten künftig auch größere Mengen an liche Möglichkeiten zur Nutzung erneuerbarer zur großtechnischen Nutzung der Globalstrah-
importiertem Strom aus erneuerbaren Energie- Energiequellen. In der Summe erreicht bereits lung. 1989 errichtete das Ingenieurbüro
quellen – z. B. aus äquatornahen solarthermi- unter heutigen Randbedingungen das er- Schlaich, Bergmann und Partner eine erste
schen Kraftwerken – bezogen werden. Mit Aus- schließbare Potenzial der erneuerbaren Ener- Versuchsanlage in Manzanares, Spanien, um
nahme der Wasserkraft verfügen sämtliche gieträger die Größenordnung des derzeitigen Erfahrungen für den praktischen Betrieb zu
Energiequellen über deutliche Steigerungs- Endenergiebedarfs (Abb. B 1.29). Dies gilt mit sammeln. Die Funktionsweise dieses Kraftwerk-
potenziale. unterschiedlichem Mix auch für die anderen typs beruht auf einfachen Prinzipien (Abb. B
Vor allem in der Elektrizitätsversorgung weist europäischen Länder. 1.35): Luft wird unter einem transparenten Kol-
die Nutzung erneuerbarer Energiequellen Die Chance erneuerbare Energie nutzen zu lektordach erwärmt und steigt infolge der Ther-
gegenüber konventionellen Energieträgern eine können, hängt maßgeblich von der verfügbaren mik in eine mittig angeordnete Röhre auf. Am
wichtige Besonderheit auf: Der größte Teil des Systemtechnik ab. Technologien zur Versor- Fuß des Kamins wandeln eine bzw. mehrere
Potenzials zur Stromerzeugung basiert auf den gung von Gebäuden werden im Kapitel Tech- Turbinen die Luftströmung in Elektrizität um.
stark schwankenden Quellen Solarstrahlung nik umfassend dargestellt (siehe S. 113). Der Nahe Mildura in Australien soll im Jahr 2010
und Wind. Sollen diese in Zukunft in hohem folgende Abschnitt erläutert die grundlegenden das erste 200 MW-Kraftwerk seinen Dauerbe-
Maße reale Kraftwerksleistung ersetzen, erfor- globalen Perspektiven für eine nachhaltige trieb aufnehmen.
dert dies eine erhebliche Umgestaltung der Energiewirtschaft.
heutigen Versorgungsstrukturen hinsichtlich Biomasse
Lastmanagement, Reservehaltung und Kraft- Globalstrahlung Das Verfeuern von Holz stellt derzeit weltweit
werksregelung. Um die Globalstrahlung aktiv verwenden zu die häufigste Anwendung erneuerbarer Energie
Die Wärmeerzeugung basiert zunächst weiter- können, gibt es generell zwei Maßnahmen: die dar, wobei sich die energetischen Nutzungs-
hin auf Einzelfeuerstätten zur Biomasseverfeue- Umwandlung in Wärme oder Strom. Solarther- möglichkeiten von Biomasse äußerst vielfältig
rung. Maßgebliche Veränderungen werden hier mische Anlagen existieren bereits seit dem gestalten. Prinzipiell kann feste, flüssige und
über Konzepte zur Nahwärmeversorgung 19. Jahrhundert, heute übliche Systeme haben gasförmige Biomasse zur Wärmegewinnung
durch Biomasseheizzentralen, geothermische sich seit Jahrzehnten bewährt. Neben solar- verfeuert oder über motorisch betriebene
Kraftwerke und insbesondere durch solarther- thermischen Kraftwerken zur Stromerzeugung Blockheizkraftwerke zur kombinierten Wärme-
mische Kollektorgroßanlagen erwartet. in Ländern mit besonders hoher Sonnenein- und Stromerzeugung eingesetzt werden (siehe

47
Grundlagen

Kosten [ct / kWh]


B 1.30 externe Kosten für verschiedene Stromerzeu-
gungsoptionen Treibhauseffekt
8
B 1.31 Visualisierung »Seaflow-Park«: Meeresströ- Luftschadstoffe
mungskraftwerk mit zehn Turbinen und einem 7
geplanten Ertrag von 10 MW PV: Photovoltaik
B 1.32 Prognose der Differenzkosten erneuerbarer 6
Energien im Vergleich zu konventionellen Ener- DK: Dampfkraftwerk
gieträgern bei anhaltend steigenden Energie- 5
GuD: Gas- und Dampfkraftwerk
preisen 4
B 1.33 Korrelation zwischen Bruttoinlandsprodukt und
Primärenergiebedarf ausgewählter Länder im 3
Jahr 1970
B 1.34 Forschungsprojekt »ZED« mit zwei Vertikalgene- 2
ratoren, Modellfoto, London (GB) 1995, Future
1
Systems
B 1.35 Visualisierung eines geplanten Aufwindkraft- 0
werks in Mildura (AUS), geplante Fertigstellung
2010, Schlaich Bergermann und Partner Braun- Braun- Stein- Stein-
kohle kohle kohle kohle Erdgas PV PV Lauf- Wind Wind
DK 40% GuD 48 % DK 43% GuD 46% GuD 57% (heute) (2030) wasser onshore offshore
B 1.30
Technik, S. 115 und S. 143). Die ausgereifte den. Dies erfolgt über tiefe Erdsonden oder Laufwasserkraftwerke in Betrieb, die über 4 %
Systemtechnik erzielt hohe Wirkungsgrade bei das »Hot-Dry-Rock-Verfahren«, das Wärme- des Nettostroms erbringen. Beim weitaus größ-
zugleich niedrigen Emissionswerten. Der Leis- energie aus bis zu 7000 m Tiefe gewinnt. Dem ten Teil handelt es sich um Kleinwasserkraft-
tungsbereich reicht vom Kilowatt- bis in den Erdreich entnommenes bzw. durch Erdreich werke im Leistungsbereich unter 1 MW, die
Megawattbereich. erwärmtes Wasser mit einem Temperaturniveau sich oftmals in privater Hand befinden.
von etwa 100 bis 300 °C wird in einem oberir-
Erdwärme – oberflächennah dischen Kraftwerk über Dampfprozesse für die Meeresströmung
In den oberen Erdschichten und im Grundwas- Stromproduktion verwendet oder in Nah- bzw. Die Ausgleichsströmungen der Weltmeere
ser gespeicherte Sonnenenergie kann über Fernwärmenetze eingespeist. Die erforderliche infolge Temperaturdifferenzen, unterschiedli-
Erdreichwärmetauscher und Brunnenanlagen Technik zur geothermischen Energieerzeugung che Salzkonzentrationen oder Gezeitenwechsel
mithilfe von Wärmepumpen zur Gebäudebe- steht in Europa bereits seit einigen Jahrzehnten lassen sich über einen unter Wasser angetrie-
heizung und Trinkwassererwärmung heran- zur Verfügung. benen Rotor zur Stromerzeugung nutzen. Dazu
gezogen werden (siehe Technik, S. 121). Die müssen allerdings spezielle strömungsdynami-
hierzu erforderliche Technik wurde bereits im Atmosphäre sche Gegebenheiten vorliegen, wie sie in Euro-
19. Jahrhundert entwickelt. Erdreichwärme- In der Außenluft enthaltene Wärmeenergie lässt pa insbesondere vor der britischen Küste anzu-
tauscher sind überall in Europa einsatzfähig. sich durch Wärmepumpen ebenfalls zur Ge- treffen sind. Nach Einschätzungen des techni-
Inzwischen werden europaweit pro Jahr über bäudeheizung sowie zur Trinkwassererwär- schen Potenzials könnte Großbritannien 10 bis
300 000 Wärmepumpensysteme installiert. mung nutzen. Es handelt sich prinzipiell um 20 % seines Elektrizitätsbedarfs aus Meeres-
dieselbe Systemtechnik wie bei erdreichgekop- strömungskraftwerken decken (Abb. B 1.31).
Erdwärme – oberflächenfern pelten Wärmepumpen, wobei hier die Atmos- Auch die Meeresbrandung kann prinzipiell in
Richtung Erdmittelpunkt nimmt die Temperatur phärenwärme über einen Luftwärmetauscher Kombination mit geeigneten Kraftwerken zur
der festen Erdkruste deutlich zu. Das hohe entzogen wird. Im Heizfall besteht allerdings Stromgewinnung genutzt werden. Eines der
Temperaturniveau tiefer Erdschichten kann eine ungünstige Korrelation zwischen dem einfacheren Systeme wandelt beispielsweise
über geothermische Kraftwerke genutzt wer- Temperaturniveau der Außenluft (z. B. -10 °C) die kinetische Energie der Brandungswellen
und dem Wärmebedarf (z. B. +20 °C). Die Effi- durch einen entsprechend konstruierten Kollek-
zienz von Wärmepumpen sinkt mit zunehmen- tor in potenzielle Energie um. Die eigentliche
der Temperaturdifferenz. Stromerzeugung funktiontiert dann auf die glei-
che Weise wie bei Speicherwasserkraftwerken.
Winde
Die Nutzung der Windenergie reicht historisch Gezeiten
betrachtet weit zurück. Im 17. und 18. Jahrhun- Die in erster Linie durch Gravitation verursach-
dert gab es beispielsweise in den Niederlan- ten Gezeiten können – vergleichbar mit der
den etwa 9000 Windmühlen. Derzeit wird die Brandungsenergie – energetisch umgewandelt
Windenergie in Deutschland primär zur Strom- werden. Dies erfordert allerdings einen mittle-
erzeugung verwendet, mittlerweile mit einem ren Tidenhub von mindestens 3 m, der an deut-
Anteil von über 5 %. An besonders ertragrei- schen Küsten nicht erreicht wird. Weltweit
chen Standorten mit hohen mittleren Windge- gesehen werden bereits einige dieser Kraftwer-
schwindigkeiten ab ca. 3 m / s kommen Wind- ke eingesetzt, allerdings schätzt man das
kraftanlagen im Leistungsbereich bis 5 MW Gesamtpotenzial als eher gering ein.
zum Einsatz. Derzeit existieren erste planeri-
sche Ansätze zur Integration von Windkraft- Wellen
systemen in Gebäuden (Abb. B 1.34). Wellenenergie ist in erster Linie durch Wind-
energie induziert. Im Unterschied zum Gezei-
Laufwasser tenkraftwerk resultiert die Stromgewinnung bei
Die Nutzung der Wasserkraft zählt zu den Wellenkraftwerken nicht aus dem Tidenhub,
ältesten Formen der Gewinnung erneuerbarer sondern aus der kontinuierlichen Wellenbewe-
Energie. Man unterscheidet zwischen Nieder- gung. Nach Berechnungen des internationalen
druckanlagen (Laufwasserkraftwerke) und Mit- Weltenergierates (World Energy Council, WEC)
tel- bzw. Hochdruckanlagen (Speicherwasser- verfügt diese Kraftwerkstechnologie über ein
kraftwerke). In Deutschland sind knapp 6000 beträchtiches Leistungspotenzial.
B 1.31

48
Grundlagen

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf [USD/ a]


Differenzkosten [Mrd. EUR /a]
4 Prognose
Meereswärme
Schweden
Nicht nur Grund-, sondern auch Meerwasser Strom 104 Schweiz
Deutschland
speichert Energie, die bei geeigneten Tempe- Frankreich USA
raturdifferenzen ab etwa 20 K von oberflächen- Neuseeland Australien
nahem und tiefem Wasser über ein Meeres- Kraftstoffe Japan
2 Italien
Griechenland
wärmekraftwerk zur Stromerzeugung genutzt Irland
Portugal Spanien
werden kann. Neben Problemen der Energie- Zypern
speicherung und des Transports bestehen Brasilien Südafrika
Wärme 103 Mexiko
Algerien Irak
jedoch noch zahlreiche technische Fragestel- Tunesien Peru
lungen, die eine kommerzielle Nutzung in 0
Marokko Kolumbien
absehbarer Zeit nicht erwarten lassen. Sri Liberia
Lanka Ägypten

Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien Indien


Die gesamtgesellschaftlichen Gestehungskos- -2 102
Sudan

ten fossiler und nuklearer Energieversorgungs- 2005 2010 2015 2020 2025 1 10 100
systeme liegen wesentlich höher als betriebs- Primärenergiebedarf pro Kopf [103 kWh/a]
wirtschaftliche Berechnungen dies bisher aus- B 1.32 B 1.33
weisen. Wirtschaftsfaktor dar. Der Inlandsumsatz in Ausgelöst durch die Ölkrise zu Beginn der
Für eine umfassende ökonomische Bewertung Deutschland weist seit einigen Jahren 1970er-Jahre entkoppelte sich die Entwicklung
müssen künftig die erheblichen Umweltschä- Zuwachsraten von ca. 20 % auf. Kaum eine der Volkswirtschaft vom Energieverbrauch.
den der fossilen Energieumwandlung – »exter- andere Branche verfügt über einen ähnlich In Deutschland veränderte sich seit 1980 der
ne Kosten« – in die volkswirtschaftliche Be- deutlichen Beschäftigungszuwachs. Primärenergiebedarf nur noch wenig, während
trachtung einbezogen werden. Untersuchun- das Bruttoinlandsprodukt weiter anstieg (Abb.
gen des Bundesministeriums für Umwelt, Na- Effiziente Energienutzung B 1.36). Im Jahr 2000 konnte im Vergleich
turschutz und Reaktorsicherheit (BMU) zufolge Die Energiepolitik der Vergangenheit betrach- zum Jahr 1970 der gleiche Lebensstandard
spielen die CO2-Emissionen hierbei eine zen- tete eine nachhaltige Energieversorgung mit einem Drittel weniger Primärenergieein-
trale Rolle [7]. Die BMU-Studie veranschlagt stets als im Zielkonflikt zum Wirtschaftswachs- satz sichergestellt werden. Als Kehrwert zum
Schadenskosten von 70 ™ pro Tonne CO2. tum stehend. Es wurde ein kausaler Zusam- bereits erwähnten BIP / PEB-Indikator gibt
Den derzeitigen Stromgestehungskosten fossi- menhang hergestellt zwischen Bruttoinlands- das PEB / BIP-Verhältnis demnach Auskunft
ler Kraftwerke von 3 bis 4 ct / kWh wären dem- produkt (BIP) und Primärenergieverbrauch über den Grad der Energieeffizienz einer
nach z. B. bei der Stein- und Braunkohlever- (PEB). Demnach setzte jeder ökonomische Nation. Je höher das Bruttoinlandsprodukt
stromung diese externen Kosten in Höhe von Aufschwung den Anstieg des Energiever- im Vergleich zum Energieverbrauch, desto
6 bis 8 ct / kWh hinzuzurechnen. Die Gewin- brauchs voraus. Im Jahr 1970 verfügten Län- mehr Wertschöpfung wurde mit der einge-
nung von Strom aus erneuerbaren Energien – der mit einem niedrigen Bruttoinlandsprodukt setzten Energie erzielt.
inklusive Bau und Entsorgung der Anlagen – auch über einen niedrigen Primärenergiebe-
verursacht hingegen eine deutlich geringere darf. Die Industrienationen hingegen wiesen Energiebereitstellungskette
Folgebelastung (Abb. B 1.30). gleichermaßen ein hohes Bruttoinlandspro- Große Verluste entstehen insbesondere bei
Die tatsächlichen externen Kosten der fossilen dukt und einen hohen Primärenergiebedarf den Umwandlungsprozessen von Primären-
Energiewirtschaft – wie z. B. Schädigung von auf. Das BIP / PEB-Verhältnis galt somit als ergieträgern (z. B. Kohle) zur eigentlichen
Ökosystemen, Beeinträchtigung der Biodiver- Indikator für den jeweiligen Lebensstandard Energiedienstleistung wie etwa Licht (Abb.
sität, Versorgungsunsicherheit sowie geopo- (Abb. B 1.33). B 1.39). Die Energiebereitstellungskette lässt
litische Risiken – finden aufgund von Unsicher-
heiten bei der monetären Bewertung der Schä-
den derzeit (noch) keine Berücksichtigung.
Während die Bezugspreise für fossile und nuk-
leare Energie angesichts ihrer begrenzten Ver-
fügbarkeit, künftiger CO2-Aufschläge, Versor-
gungsunsicherheiten und »Risikozulagen« kon-
tinuierlich steigen, nehmen die Gestehungskos-
ten für erneuerbare Energien aufgrund der sin-
kenden Technikkosten (»economies of scale«)
stetig ab. Daher dürfte es lediglich eine Frage
der Zeit sein, wann erneuerbare Energien weni-
ger Betriebskosten verursachen als Energien
aus erschöpflichen Quellen.
Die »Leitstudie 2007« des BMU kommt zu dem
Schluss, dass bei einem weiterhin deutlichen
Preisanstieg der herkömmlichen Energieversor-
gung voraussichtlich 2025 die erneuerbaren
Energien das Preisniveau der erschöpflichen
Energiequellen erreichen (Abb. B 1.32). Ab
diesem Zeitpunkt tragen sie zur Stabilisierung
der Energiekosten bei, die – ohne erneuerbare
Energiequellen – unaufhaltsam weiter steigen
würden [6].
Der Ausbau einer zukunftsfähigen Energiever-
sorgung stellt zunehmend einen bedeutenden
B 1.34 B 1.35

49
Grundlagen
Änderung [%]

Primärenergiebedarf [EJ / a]
200 700 Verbrauch nach Ländergruppen
Entwicklungsländer
Bruttoinlandsprodukt BIP 600
175 GUS, Osteuropa, Mittlerer Osten
OECD-Länder
500
150 * Pro-Kopf-Verbrauch

400 65* mittlerer Pro-Kopf-VerbrauchWelt=70 GJ /a


125 Primärenergiebedarf PEB 32*
300
122*
100 Bedarfsdeckung nach Energiequellen
Verhältnis PEB /BIP 200
erneuerbare Energien ohne trad. Biomasse
92*
75 196* traditionelle Biomasse
100
92* Kernenergie

50 0 fossile Energien
1970 1980 1990 2000 2050
B 1.36 B 1.37
sich folgendermaßen definieren (Abb. B 1.38): Strategien für eine nachhaltige Energiewirtschaft Handeln bewusst auf energieintensive Pro-
• Als Primärenergie bezeichnet man den Energie- und Ressourcenschutz, Umwelt- dukte und Dienstleistungen verzichten.
rechnerisch nutzbaren Energiegehalt schutz und Sicherheitspolitik werden zuneh-
fossiler, nuklearer und erneuerbarer Ener- mend als Einheit wahrgenommen. Die aktuel- Eine zukunftsfähige Energiewirtschaft kann nur
gieträger, die in der Natur vorkommen und le Energiewirtschaft sieht sich im Wesentlichen durch die Verfolgung dieser Strategien mit
noch nicht umgewandelt oder aufbereitet mit vier Problemen konfrontiert: Klimagefähr- ihren sich ergänzenden Wechselwirkungen
wurden. dung, steigende fossile Rohstoffpreise, unsi- erreicht werden. Ein deutlich verminderter
• Die Sekundärenergie wird als Ergebnis von chere Versorgungslage und zunehmende Energieverbrauch infolge von Effizienz- und
Umwandlungsprozessen – und demzufolge geopolitische Verteilungskonflikte um Ener- Suffizienzmaßnahmen bildet die Vorausset-
mit entsprechenden Energieverlusten – aus gie. Für eine Umgestaltung der Energiewirt- zung, um den verbleibenden Bedarf durch den
der Primärenergie gewonnen. Zu den Sekun- schaft sind parallel mehrere Strategien erfor- Einsatz erneuerbarer Energien zu decken.
därenergieträgern zählen beispielsweise derlich [8]: Das »Idealszenario« einer nachhaltigen globa-
Benzin, Briketts oder Heizöl. len Energieversorgung bis zum Jahr 2050
• Die Endenergie entspricht dem Anteil der • Effizienz: Durch rationelle Energiewandlung basiert auf diesen Strategien und umfasst fol-
Sekundärenergie, der nach Transport-, Lei- und -verwendung können die gewünschten gende Eckpunkte (Abb. B 1.37): Der derzeit
tungs- bzw. Transformationsverlusten vom Energiedienstleistungen, wie z. B. ein ange- geografisch sehr unregelmäßig verteilte
Verbraucher bezogen wird. nehm temperierter Raum oder die Fortbewe- durchschnittliche Pro-Kopf-Energieverbrauch
• Als Nutzenergie wird die tatsächlich für die gung von A nach B, bei gleicher Wirkung in Höhe von 70 GJ/a gleicht sich bis zur Mitte
Energiedienstleistung (z. B. Raumwärme) deutlich effizienter bereitgestellt werden. des Jahrhunderts an. Dazu müssen die
verwendete Energiemenge bezeichnet. • Konsistenz: Aufgrund des Verbrauchs endli- Industrienationen ihren Energieverbrauch von
cher Energierohstoffe und der Ablagerung heute 196 GJ/a etwa halbieren, während die
Insgesamt gehen von der geförderten bzw. von Schadstoffemissionen in der Atmosphäre Entwicklungsländer ihren Verbrauch verdop-
gewonnenen Primärenergie durch Umwand- ist das derzeitige Energiesystem »offen«. peln können. Des Weiteren wird die Reduktion
lung und Transport derzeit rund zwei Drittel Das Ausbilden eines »geschlossenen« Ener- des fossilen Ressourceneinsatzes um 50 %
verloren; dem Verbraucher steht beim jetzi- giesystems, das Energie nahezu ohne Roh- sowie der Verzicht auf Kernenergie und der
gen Energienutzungssystem demnach nur stoffverbrauch bereitstellt, lässt sich nur Ausbau der erneuerbaren Energien um das
rund ein Drittel der geförderten Energie zur durch Nutzung erneuerbarer Energievorkom- 24-fache verlangt. Das technische Potenzial
Verfügung. Amory Lovins, Leiter des Rocky men erreichen. steht im Überfluss zur Verfügung, dennoch
Mountain Institute, prägte in diesem Zusam- • Suffizienz: Der Energieverbrauch wird maß- sind erhebliche Anstrengungen erforderlich.
menhang den Begriff »Negawatt« – als hypo- geblich auch durch die Lebens- und Kon- Um dieses »Idealszenario« zu erreichen, müss-
thetische Einheit gesparter Energie. Lovins sumgewohnheiten bestimmt. Ein nachhaltiger te der Anteil der erneuerbaren Energiequellen
zufolge wird zukünftig der vermiedene Verlust Umgang mit Ressourcen setzt voraus, dass in den kommenden 50 Jahren jährlich um 6 bis
die wichtigste Energiequelle darstellen. Konsumenten durch eigenverantwortliches 7 % wachsen.

Primärenergie 100 %

23% Umwandlungs-
Sekundärenergie 77 % verluste (Kraftwerk,
Raffinerie, Kokerei)
5% Eigenverbrauch in
den Energiesektoren;
Leitungsverluste
Endenergie 66 % 6 % nichtenergetischer
Verbrauch (z.B. Rohbenzin
in der Chemie)
Nutz-
energie 36 % Verluste beim
Verbraucher
30%
Kraft, Wärme, Licht
B 1.38 B 1.39

50
Grundlagen

B 1.36 Entwicklung von Bruttoinlandsprodukt und


Polarzone
Primärenergiebedarf in Deutschland
B 1.37 Idealszenario einer nachhaltigen globalen Ener-
gieversorgung für das Jahr 2050
B 1.38 Verluste der Energiebereitstellungskette in gemäßigte
Deutschland Zone
B 1.39 Nachtaufnahme von Los Angeles (USA)
B 1.40 Klimazonen der Erde
Sub- nördl.
B 1.41 Verteilung der jährlichen Niederschlagsmengen
tropen Wendekreis
B 1.42 Verteilung der jährlichen Globalstrahlung

Tropen
Äquator

südl.
Wendekreis
feucht-warm
trocken-heiß
Klima und Komfort gemäßigt
kalt
Die Verbreitung des Menschen über den Glo- B 1.40
bus begann vor etwa 200 000 Jahren in der
afrikanischen Savanne. Mit einer Ausbreitungs-
geschwindigkeit von durchschnittlich etwa
400 m / Jahr erreichte der Homo sapiens
schließlich vor ca. 40 000 Jahren die Atlantik- Polarzone
küste auf der Iberischen Halbinsel. Der
menschliche Organismus ist allerdings auch
gemäßigte
heute noch auf ein Leben unter den klimatisch Zone
idealen Ursprungsbedingungen Afrikas einge-
stellt. Infolge des rasanten Bevölkerungs-
Sub- nördl.
wachstums und somit der Besiedelung nahezu
tropen Wendekreis
sämtlicher Landstriche der Erde entwickelte
der Mensch Strategien, um so unterschiedliche
Regionen wie die Polarzone mit Durchschnitts- Tropen
temperaturen von bis zu - 25 °C oder die Tro- Äquator
pen mit Temperaturen von etwa + 26 °C als
Lebensraum zu erschließen. Vor allem Klei-
dung als zweite Haut und Gebäudehüllen als
> 2000 mm
dritte Haut übernehmen die Aufgabe, Schwan- > 1500 mm südl.
kungen des Außenklimas auszugleichen und > 1000 mm Wendekreis
Behaglichkeit sicherzustellen. > 500 mm
Vor der Industrialisierung, als das Komfort- > 250 mm
niveau im Vergleich zum heutigen Standard < 250 mm
deutlich geringer war und es nur wenige tech- B 1.41
nische Möglichkeiten gab, ein von den Umfeld-
einflüssen unabhängiges Raumklima zu erzeu-
gen, waren insbesondere die Bauteile der
Gebäudehülle unmittelbar vom Einfluss der
standortspezifischen Bedingungen geprägt. Polarzone
Die Vergegenwärtigung der prägenden Klima-
faktoren und -elemente bildet die Vorausset-
gemäßigte
zung, um energieeffiziente Entwurfskonzepte Zone
bei gleichzeitig optimalen Komfortbedingungen
entwickeln zu können.
Sub- nördl.
tropen Wendekreis
Klima
Der Begriff »Klima« bezeichnet den Zustand
der Atmosphäre an einem Ort, der sich durch Tropen
meteorologische Größen beschreiben lässt. In Äquator
der Abgrenzung zu Wetter und Witterung unter-
scheidet man folgende zeitliche Dimensionen:
> 2200 kWh/m2a
• Wetter: momentaner Zustand der Atmosphä- > 1950 kWh/m2a südl.
re; eine Stunde bis wenige Tage > 1700 kWh/m2a Wendekreis
• Witterung: Charakter des Wetters über einige > 1400 kWh/m2a
Tage bis zu einer Woche, im Extrem eine > 1100 kWh/m2a
< 1100 kWh/m2a
Jahreszeit
B 1.42

51
Grundlagen

Klimazone Klimaelemente bauliche Grundanforderungen

Polarzone • geringe Sonneneinstrahlung, jahreszeitlich sehr niedrige Jahresdurchschnitts-Temperaturen (0 – 6 °C) • Schutz vor Kälte in den meisten Monaten des Jahres
(kalt) • geringe tägliche Temperaturunterschiede (Sommer: lange Helligkeit, Winter: anhaltende Dunkelheit) • Schutz vor Starkwind und Sturm vor allem in der kalten
• hohe jährliche Temperaturunterschiede bei kontinentaler Lage (Sibirien 45 – 60 K) Jahreszeit
• mittlere / niedrige jährliche Temperaturunterschiede bei meeresnaher Lage (Island, Norwegen 11–15 K) • bestmögliche Nutzung der Sonnenwärme während des
• geringe relative Luftfeuchte besonders in den Wintermonaten kurzen Sommers
• lange Frostperioden (5 – 9 Monate), zum Teil Dauerfrost in den tieferen Bodenschichten
• geringe Niederschlagsmengen (ca. 250 mm / a in der Arktisrandzone)
gemäßigte • sehr unterschiedliche Sonnenstrahlungsintensität (in Mitteleuropa hoher Anteil diffuser Strahlung bei • Schutz vor winterlicher Auskühlung
Zone häufiger Bewölkung, in den Übergangsgebieten zu den Tropen teilweise höhere direkte Strahlungs- • Schutz vor sommerlicher Hitze
(gemäßigt) mengen) • Schutz vor gelegentlichen, in manchen Gegenden häu-
• hohe jährliche Temperaturunterschiede (in Mitteleuropa durchschnittlich ca. 18 – 20 K) figen Niederschlägen
• mittlere bis geringe tägliche Temperaturunterschiede (in Mitteleuropa durchschnittlich ca. 6 – 8 K)
• mittlere bis hohe relative Luftfeuchte (in Mitteleuropa ca. 60 – 80 %)
• mittlere Niederschlagsmengen (in Mitteleuropa ca. 800 – 1000 mm pro Jahr, in den Übergangsgebieten
zu den Tropen ca. 300 – 400 mm pro Jahr)
Subtropen • intensive direkte Sonneneinstrahlung • Schutz vor den Belastungen hoher Wärmeaufnahme
(trocken-heiß) • niedrige relative Luftfeuchte (ca.10 – 50 %) durch direkte Sonnenstrahlung und hohe Luft-
• sehr geringe durchschnittliche Niederschlagsmengen (ca. 0 – 250 mm pro Jahr), jedoch seltene temperaturen
Regenfälle mit kurzzeitig hohen Niederschlagsmengen • Schutz von Bauteilen und Baustoffen vor direkter Son-
• hohe Lufttemperaturen am Tage (Maximaltemperaturen im Jahresdurchschnitt ca. 35 – 38 °C, neneinstrahlung sowie ihre Auswahl und Verwendung
Einzeltemperaturen in kontinentalen Wüstengebieten über 50 °C) unter Berücksichtigung der hohen, kurzzeitigen Tempe-
• mittlere, teilweise niedrige Lufttemperaturen während der Nacht (Minimaltemperaturen im Jahresdurch- raturdifferenzen
schnitt ca. 16 – 20 °C, Einzeltemperaturen bis zur Frostgrenze möglich)
• hohe tägliche Temperaturschwankungen (durchschnittlich 20 K)
• unterschiedliche, teilweise starke Luftbewegung, in Wüstengebieten als Sand- und Staubstürme
• geringe Bewölkungsdichte, meist klarer Himmel, zeitweise hoher Staubanteil der Luft
Tropen • bei wolkenlosem Himmel hohe, ansonsten meist durch Bewölkung gemäßigte, direkte Sonnenstrahlung • Entlastung vom ungünstigen Einfluss aus Wärme und
(feucht-warm) • hohe relative Luftfeuchte (60 – 100 %) Luftfeuchte (Schwüle) durch Nutzung von Luftbewe-
• hohe Niederschlagsmengen (1200 – 2000 mm / a, im Extremfall bis 5000 mm / a) gungen zur Unterstützung der Wärmeabgabe über
• geringere tägliche und jährliche Temperaturunterschiede (Tagesmittel: ca. 7 K, Jahresmittel: ca. 5 K) Hautverdunstung
• höchste Tages-Lufttemperaturen im Jahresdurchschnitt ca. 30 °C • Schutz von Gebäuden und Bauteilen vor direkter Son-
• niedrigste Nacht-Lufttemperaturen im Jahresdurchschnitt ca. 25 °C nenstrahlung und unerwünschter Wärmespeicherung
• hohe Bewölkungshäufigkeit, d. h. hoher Anteil an diffuser Strahlung durch Beschattung, Baukörperform und -orientierung
• niedriger Luftdruck • Schutz von Bauteilen vor Dauerdurchfeuchtung durch
• oft nur geringe Luftbewegung, bei Regenfällen jedoch z. T. Sturmböen gute kontrollierte Regenwasserableitung und gute Be-
• regionales Vorkommen tropischer Wirbelstürme (Zyklone, Taifune, Hurrikans) lüftung
B 1.43
• Klima: durchschnittlicher Zustand der Erd- sich aus ozeanisch bzw. kontinental wirksa- Die Klimafaktoren beeinflussen somit das täg-
atmosphäre über 30 bis 40 Jahre men Effekten zusammen. Nach dem Makro- liche Wetter, dessen Ausprägung sich durch
klima wird die Erde in verschiedene Klimazo- messbare Klimaelemente bestimmen lässt. Über
Oftmals wird die Bezeichnung Klima mit dem nen eingeteilt; ihre Besonderheiten bilden 30 bis 40 Jahre betrachtet, bilden die Durch-
»globalen Klima« gleichgesetzt. Da jedoch glo- den übergeordneten Rahmen für energie- schnittswerte dieser Messgrößen das Klima ab.
bale Klimatrends und Mittelwerte für lokale effizientes Planen und Bauen.
Standorte erheblich voneinander abweichen Klimazonen
können, unterteilt man die räumliche Dimension Klimafaktoren / Klimaelemente Infolge der Kugelform der Erde und der dar-
in drei Maßstäbe: Die klimabestimmenden Prozesse und Zustän- aus sich ergebenden unterschiedlichen Ein-
de eines Ortes bezeichnet man als Klimafakto- fallswinkel der Sonnenstrahlung sowie der
• Das Mikro- bzw. Kleinklima beschreibt die ren. Hierzu zählen die geografische Breite (z. B. geneigten Erdachse sind auf der Erde stark
meteorologischen Bedingungen bodennaher Sonneneinstrahlung), Lage zum Meer (z. B. unterschiedliche Temperaturen zu verzeichnen.
Luftschichten in etwa 2 m Höhe für spezifi- Niederschläge, geringere Temperaturschwan- Zudem bestimmt die Planetenrotation als
sche Standorte und ihre unmittelbare Umge- kungen in Meereshöhe), Höhenlage bzw. Lage zentraler Wirkungskomplex sowohl die Wetter-
bung. Verschiedene Einflussgrößen wie die zu Gebirgen (Temperaturabnahme mit zuneh- dynamik der Erdatmosphäre als auch die
Boden- bzw. Geländebeschaffenheit, die mender Höhe, Niederschläge in Abhängigkeit Klimazonen.
Lage am Hang, Tal oder in der Ebene, Vege- von Wind zu- und abgewandter Seite) sowie Die Vielzahl der vorhandenen Klimaklassifika-
tation, Beschattung sowie die Nachbarbe- Bodenbedeckung (z. B. niedrige Temperaturen tionen basiert entweder auf den globalen Wind-
bauung müssen berücksichtigt werden. Das in Waldgebieten, höhere in Städten). zirkulationssystemen oder leitet sich von den
Mikroklima wird durch landschaftsgestalten- Klimaelemente hingegen stellen meteorologi- Wirkungen auf die Erdoberfläche ab. Am ver-
de bzw. bauliche Maßnahmen beeinflusst; sche Größen dar, die messbare Eigenschaften breitetsten ist die »ökoklimatische Klassifika-
seine Auswirkungen auf das Innenraumklima des Klimasystems kennzeichnen. Folgende tion« aus dem Jahr 1923 [9]. Sie unterteilt die
und das menschliche Wohlbefinden sind von Elemente sind bei der Konzeption von Gebäu- Erde anhand bestimmter meteorologischer
zentraler Bedeutung. den von zentraler Bedeutung: Größen (z. B. Temperatur, Niederschläge) in
• Beim Mesoklima, auch Lokalklima genannt, vier unterschiedliche Klimazonen:
beträgt die räumliche Ausdehnung zwischen • Sonnenstrahlung (direkt und diffus)
einigen hundert Metern bis zu wenigen hun- • Lufttemperatur und ihre tages- bzw. jahres- • Polarzone (kalt)
dert Kilometern. Hierzu werden die unter- zeitliche Schwankung • gemäßigte Zone (gemäßigt)
schiedlichen Einzelklimata eines bestimmten • Luftdruck • Subtropen (trocken-heiß)
Ortes (z. B. Tal, Siedlung, Insel) zusammen- • Luftfeuchtigkeit • Tropen (feucht-warm)
gefasst. • Wind (Stärke und Richtung)
• Das Makro- bzw. Großklima verfügt über eine • Niederschlag (Menge und zeitliches Auftreten) Diese Zonen werden in weitere Klimatypen
Ausdehnung von mehr als 500 km und setzt • Verdunstung (z. B. Kalt- bzw. Warmtropen) oder Vegetations-

52
Grundlagen

B 1.43 Zusammenhang von Klimazonen, Klimaelemen- < 1200 kWh / m2a


ten und baulichen Grundanforderungen
B 1.44 durchschnittliche jährliche Globalstrahlung in > 1200 kWh / m2a
Europa > 1400 kWh / m2a
B 1.45 durchschnittliche jährliche Globalstrahlung in
> 1600 kWh / m2a
Deutschland
> 1800 kWh / m2a
> 2000 kWh / m2a
> 2200 kWh / m2a

zonen (z. B. Tundra, Steppe oder tropischer


Regenwald) gegliedert. Von Nord nach Süd
erstrecken sich die o.g. vier Klimazonen in
annähernd parallelen Gürteln um den Erdball
(Abb. B 1.40 und 41). Mit zunehmender Entfer-
nung vom Äquator bzw. vom nächsten Ozean
verstärken sich die jahreszeitlichen Tempera-
turschwankungen der jeweiligen Zonen. Ihre
prägenden Klimaelemente sowie die daraus
resultierenden baulichen Anforderungen sind
in Abb. B 1.43 beschrieben [10].

Solarstrahlung
Für die passive und aktive Nutzung der Son-
nenenergie im Bauwesen stellt die Solarstrah-
lung eine wesentliche Einflussgröße dar. Die
Sonne setzt bei der Umwandlung von Wasser- B 1.44
stoff in Helium Strahlungsenergie frei, die an
ihrer Oberfläche eine Intensität von ca.
63 000 kW/m2 bei Temperaturen von etwa
6000 °C aufweist. Von der gesamten Strah- Kiel
lungsleistung der Sonne treffen am Rand der
Rostock
Erdatmosphäre pro Quadratmeter 1367 W / m2
(Solarkonstante) auf. Bei den Strahlungsantei- Hamburg
len, die nach Durchdringung der Atmosphäre
auf der Erdoberfläche ankommen, trifft man fol- Bremen
gende Unterscheidung:
Berlin
Hannover
• Direktstrahlung trifft gerichtet und ungehin-
dert auf die Erdoberfläche auf. Münster
• Diffusstrahlung erreicht nach Streuung in der
Essen
Atmosphäre (z. B. durch Wolken, Wasser-
Kassel Leipzig
und Staubteilchen) die Oberfläche.
Dresden
Köln
In der Summe werden diese beiden Strah-
lungsanteile als Globalstrahlung bezeichnet.
Aufgrund des unterschiedlichen Einstrahlungs-
winkels verändern sich Intensität sowie jahres-
zeitliche Schwankung des solaren Angebots Frankfurt
mit zunehmender Entfernung vom Äquator. Trier
Nürnberg
Während die Globalstrahlung im Äquatorbe-
reich etwa 2200 kWh / m2a beträgt, lassen sich
in Mitteleuropa solare Gewinne von durch-
schnittlich 1100 kWh / m2a erzielen (Abb. B < 950 kWh/m2a Stuttgart Passau
1.42). Vergleicht man das Strahlungsprofil in > 950 kWh/m2a
Nord- bzw. Südeuropa mit der Sahara, zeigen Freiburg Ulm München
> 1000 kWh/m2a
sich mit steigendem Breitengrad neben den 2
> 1050 kWh/m a
größeren saisonalen Unterschieden auch die
Unterschiede von diffusen und direkten Strah- > 1100 kWh/m2a
lungsanteilen (Abb. B 1.48). Beide Strahlungs- > 1150 kWh/m2a
B 1.45

53
Grundlagen

21. Juni
Sommersonnenwende
N
21. März /21. Sept.
Tag- und Nachtgleiche
NW NO Meridian
Juni 21. Dez.
Juli /Mai Wintersonnenwende
B 1.46 Sonnenstandsdiagramm für 51 ° nördliche West
August /April
Breite (jeweils am 21. des Monats) 18.00 6.00
B 1.47 jährlicher Sonnenverlauf auf der nördlichen Nord
Erdhalbkugel W O
September / 9.00
15.00
B 1.48 Mittelwerte von Diffus- und Direktstrahlung März
12.00
unterschiedlicher Regionen im Vergleich
Oktober / Februar
a Nordeuropa / London (GB), 51 ° nördliche
Breite November / Januar Süd Sonnenbahnen
Dezember
b Südeuropa / Almeria (E), 36 ° nördliche Breite
SW SO Azimut
c Afrika / Sahara, 20 ° nördliche Breite
B 1.49 systematische Darstellung von Behaglichkeits-
faktoren S
B 1.50 ausgewählte Klimadaten von Berlin (D) Ost
B 1.46 B 1.47
arten können prinzipiell energetisch genutzt chend der geografischen Lage spezifische derschlag neigen. Die Menge an Wasser-
werden, jedoch basieren solartechnische Klimadaten einzuholen (Abb. B 1.50, weitere dampf, den die Luft maximal aufnehmen kann,
Erträge hauptsächlich auf dem Anteil der Daten siehe Anhang, S. 260). Dazu zählen wird von der Temperatur beeinflusst. Durch die
Direktstrahlung. neben der Globalstrahlung vor allem Angaben Maßeinheit »absolute Luftfeuchtigkeit« lässt
Des Weiteren haben die Dauer des hellen Ta- zu Temperatur, Luftfeuchte und Wind. sich in g / m3 die tatsächlich in der Luft enthalte-
ges und die Sonnenstunden erhebliche Einflüs- ne Wasserdampfmenge abbilden. Sie ist für die
se auf die solaren Gewinne (Abb. B 1.44). In Temperatur Diffusion von Feuchtigkeit aus Räumen von
Europa liegt die jährliche durchschnittliche Son- Die Außenlufttemperatur ist neben dem solaren Bedeutung. Die relative Luftfeuchtigkeit wird in
nenscheindauer bei 1400 – 2500 Stunden. Die Strahlungsangebot zudem von der Höhe des Prozentanteilen angegeben und kennzeichnet
Abweichungen zwischen mediterranen Gebie- Ortes über dem Meeresspiegel abhängig. Alle das Verhältnis des aktuellen Wasserdampfge-
ten, Ländern mit Kontinentalklima oder Hochge- 200 Höhenmeter nimmt die Temperatur um ca. halts in der Atmosphäre zum maximal mögli-
birge betragen somit ca. 40 %. In Deutschland 1 °C ab. Die mittlere Lufttemperatur wirkt sich chen Wasserdampfgehalt.
schwankt die jährliche Sonnenscheindauer zwi- deutlich auf die Transmissions- bzw. Lüftungs-
schen 1400 und 1800 Stunden, mit einem annä- wärmeverluste im Winter sowie die mögliche Wind
hernd gleichgroßen Anteil von direkter und dif- Überhitzung im Sommer aus. Die Häufigkeit Gerichtete Luftbewegungen in der Atmosphäre
fuser Strahlung. Die Globalstrahlung liegt etwa von extremen Temperaturen ist im Zusammen- entstehen durch unterschiedlichen Luftdruck
zwischen 900 kWh / m2a und 1150 kWh / m2a, hang mit Effizienz bzw. Auslegung von passi- von Luftmassen. Luftteilchen aus Gebieten mit
wobei rund drei Viertel der Einstrahlung im ven Maßnahmen sowie der Dimensionierung hohen Luftdruckverhältnissen (Hochdruckge-
Sommerhalbjahr auftrifft (Abb. B 1.45). der Anlagentechnik zu betrachten. Soll bei- biet) fließen solange in das Gebiet mit niedrige-
Die Nutzung der Sonnenenergie durch passive spielsweise eine Nachtauskühlung ausgenutzt rem Luftdruck (Tiefdruckgebiet), bis ausge-
Maßnahmen oder aktive Systeme erfordert werden, müssen geringe nächtliche Außenluft- glichene Druckverhältnisse bestehen. Neben
neben Angaben zu Intensität und Sonnen- temperaturen herrschen. In Deutschland den statisch relevanten Windlasten sind für die
scheindauer auch Informationen hinsichtlich beträgt die mittlere Jahrestemperatur etwa Entwicklung von natürlichen Belüftungskonzep-
des Einfallwinkels sowie des Sonnenverlaufs 8,4 °C, im Sommer 16,5 °C und im Winter 0,9 °C. ten vor allem die vorherrschende Windrichtung
(Abb. B 1.47). Die natürlichen Lichtverhältnis- Die Schwankungen zwischen Tag und Nacht sowie die Druck- und Sogverhältnisse von Inte-
se, Besonnungsdauer und Verschattung, kann liegen bei 5 bis 10 K. resse. Bei geschickter Anordnung von Zu- und
man bezogen auf einen geografischen Stand- Abluftöffnungen lässt sich in Abhängigkeit von
ort, mithilfe eines Sonnenstanddiagramms Luftfeuchte der Gebäudetiefe und -höhe Wind zur Durch-
bestimmen (Abb. B 1.46). Die Luftfeuchte stellt das Maß zur Bestimmung lüftung von Gebäuden einsetzen. In Deutsch-
der Wasserdampfmenge in der Atmosphäre land betragen die mittleren Windgeschwindig-
Klimadaten dar. Sie wirkt sich gleichermaßen auf Gesund- keiten im Norden bei vorherrschender Wind-
Um das lokal verfügbare, natürliche Energie- heit und Wohlbefinden des Menschen aus wie richtung West bis Südwest ca. 5 m / s und im
aufkommen optimal zu nutzen, sind entspre- auf Aussagen, ob Regionen zu Nebel bzw. Nie- Süden etwa 2 m / s.
Mittelwerte horizontaler Einstrahlung [kWh/ m2d]
Mittelwerte horizontaler Einstrahlung [kWh /m2d]

Mittelwerte horizontaler Einstrahlung [kWh/ m2d]

10 Nordeuropa (London) 10 Südeuropa (Almeria) 10 Afrika (Sahara)


direkt direkt direkt
diffus diffus diffus
8 8 8

6 6 6

4 4 4

2 2 2

0 0 0
J F M A M J J A S O N D J F M A M J J A S O N D J F M A M J J A S O N D
a b c B 1.48

54
Grundlagen

Behaglichkeit

physikalische Bedingungen intermediäre Bedingungen physiologische Bedingungen

thermisch akustisch visuell olfaktorisch sonstige

Gesundheitszustand,
mittl. Raumumschlie-

Farben, Farbkompo-

Nahrungsaufnahme
Raumlufttemperatur

ethnische Einflüsse
sition, -wiedergabe

Raumluftelektrizität
Beleuchtung, Kon-

Blendung, Leucht-

Kohlendioxid und
ßungstemperatur

trast, Lichtwinkel
Raumluftfeuchte

dichteverteilung

Jahresrhythmus
Geräuschpegel

Raumbelegung
Akklimatisation
Nachhallzeiten
Luftbewegung

psychosoziale
Geruchs- und

Adaption und
Außenbezug,

andere Gase
Frequenzen

Konstitution
Tages- und

Geschlecht
Verfassung
körperliche
Ekelstoffe

Luftdruck

Kleidung

Faktoren
Ausblick

Tätigkeit
Staub

Alter
B 1.49
Behaglichkeit tile, thermische, akustische und der olfaktorische der thermischen Behaglichkeit zu: Sie beein-
Das Wohlbefinden des Menschen basiert als Sinn für die Wahrnehmung der Architektur wich- flusst wesentlich den menschlichen Wärme-
subjektives Empfinden auf der Wahrnehmung tige Funktionen, auch als Mittel zur Konkreti- haushalt und wirkt sich zudem unmittelbar auf
einer Vielzahl von äußeren Einflüssen. Neben sierung des primär visuell wahrgenommenen den Energieverbrauch von Gebäuden aus.
normierten, physikalisch messbaren Umge- Umfelds. Übereinstimmung, Harmonie und
bungsbedingungen (z. B. Raumlufttemperatur, Überlagerung zwischen dem visuellen Eindruck Der Wärmehaushalt des Menschen
Beleuchtungsstärke, Geräuschpegel) bestim- und anderen Wahrnehmungsebenen verdich- Ein möglichst ausgeglichener Wärmehaushalt
men auch individuelle, physiologische Kriterien ten sich so zu einem Gesamtbild. mit nahezu gleicher Körperkerntemperatur um
(z. B. Alter, Geschlecht, Konstitution) sowie Der Mensch speichert aufgenommene Informa- 37 °C bildet die Grundvoraussetzung für Wohl-
intermediäre Bedingungen (z. B. Kleidung, tion, indem er Wahrnehmungen mit dem jewei- befinden und Leistungsfähigkeit. Sinkt die
Tätigkeitsgrad) das Wohlbefinden (Abb. B ligen Erlebnis verknüpft. Mit jeder sensuellen Umgebungstemperatur ab, lässt der Körper
1.49). Behaglichkeit stellt somit keine exakt Verknüpfung erhöht sich die Möglichkeit, eine zuerst die Extremitäten abkühlen, um die Funk-
messbare Größe dar, sondern kennzeichnet Erinnerung »wiederzufinden«. Die Verknüp- tion des Gehirns, des Herzens und anderer
individuelle Erfahrungswerte, bei denen der fungsstrategien lassen sich an einem einfachen lebenswichtiger Organe zu schützen (Abb. B
Mensch die Umgebungsverhältnisse als kom- Beispiel z. B. einer finnischen Sauna verdeut- 1.51). Zur Aufrechterhaltung seiner Körper- und
fortabel empfindet. lichen. Denkt man zunächst an eine einfache Stoffwechselfunktionen erzeugt der mensch-
Fichtenholzkonstruktion (visuell), tritt auch das liche Organismus Wärme, die durch Umwand-
Wahrnehmungsebenen Feuchteempfinden sowie die Wärme der Sitz- lung von chemischer Energie aus Nährstoffen
Der Mensch nutzt den visuellen Sinn als Leit- bänke (thermisch) oder der Geruch des harzi- entsteht. Um konstante Temperaturen zu
sinn. 80 – 90 % der Informationsreize eines gen Holzes (olfaktorisch) hinzu. Die Anregung gewährleisten, ist eine laufende Abgabe der
Menschen basieren auf dem Sehsinn. Aller- vieler Sinne schafft eine höhere Chance auf inneren Wärmeproduktion an die Umgebung
dings kann das menschliche Gehirn diese über bleibende Erinnerungen an spezifische Orte erforderlich. Der Körper bedient sich dabei
den Sehsinn einströmende Informationsmenge oder Bauten. folgender Mechanismen (Abb. B 1.52):
nicht komplett verarbeiten. Daher wird sie redu-
ziert, durch eigene Erfahrungen ergänzt und zu Raumklima • Verdunstung von Wasser über Atmung und
einem Gesamtbild zusammengefügt. Über die Aus den prägenden Wahrnehmungsebenen Haut (Transpiration)
so genannte Perzeption erzeugt jeder Mensch des Menschen leiten sich auch die für das • Konvektion von der Körperoberfläche an die
ein Abbild der Welt. Nutzer entwickeln ein Ver- Raumklima maßgeblichen Faktoren ab. Um Raumluft
ständnis für ihr räumliches Umfeld, fügen die- Wohn- und Arbeitsbedingungen möglichst • Wärmeleitung des Körpers an unmittelbar
ses ihrem Erfahrungsschatz hinzu und transfe- komfortabel zu gestalten, muss gleichermaßen verbundene Gegenstände (Fußboden, Stuhl
rieren gleichzeitig die jeweils spezifischen Kon- ein thermisch, akustisch, visuell und olfakto- etc.)
texte auf ihre aktuelle Empfindung. risch angenehmes Raumklima gewährleistet • Wärmestrahlung an raumumschließende
Neben dem visuellen Leitsinn erfüllen der tak- sein. Eine vorrangige Bedeutung kommt hierbei Oberflächen und umgebende Gegenstände
Berlin Min. Monat Max. Monat Jahresmittel
Temperatur [°C]

Niederschlag [mm]

30 125
Lufttemperatur [C°] - 0,6 Jan 18,5 Jul 8,9
mittlere tägliche Höchsttemperatur [C°] 1,7 Jan 23,8 Aug 13,1
20 100 mittlere tägliche Tiefsttemperatur [C°] - 3,5 Jan 13,3 Jul 4,7
absolute Höchsttemperatur [C°] 13,0 Jan 37,8 Jul 37,8
absolute Tiefsttemperatur [C°] -26,0 Feb 5,7 Jul - 26,0
10 75 mittlere relative Luftfeuchtigkeit [%] 66,0 Mai 88,0 Dez 78,0
mittlerer Niederschlag [mm] 31,0 Mär 70,0 Jul 581,0
max. Niederschlag [mm] 85,0 Feb 230,0 Jul 803,0
min. Niederschlag [mm] 1,0 Apr, Sep – Nov 16,0 Jan 381,0
0 50 max. täglicher Niederschlag [mm] 20,0 Dez 125,0 Aug 125,0
Niederschlagstage [d] 12,0 Mär, Sep 17,0 Jan 166,0
Verdunstung [mm] 0 Jan – Feb 125,0 Jul 615,0
-10 25 mittlere Sonnenscheindauer [h] 36,0 Dez 244,0 Jul 1818,0
Strahlung [Wh/ m2d] 607,0 Jan 5436,0 Jun 2805,0
mittlere Windgeschwindigkeit [m / s] 2,8 Aug – Sep 3,8 Mär 3,2
-20 0 1
J F M A M J J A S O N D Jahresseinstrahlungssumme horizontal 1010 kWh / m2a

B 1.50

55
Grundlagen

Wärmeabgabe pro Person [W]


Temperatur der Umgebung 180 Empfindungs-
+17 °C +20 °C
temperatur
0 °C 20 °C 35 °C 160

140

120

100
Konvektion Verdunstung tW = +14 °C tW = +19 °C
80 Raumum-
Wärmeleitung schließungs-
60 temperatur

40

20
Wärmestrahlung
0
Temperatur des
28 °C 31 °C 32 °C 34 °C 36 °C 37 °C 12 16 20 24 28 32 36
Körpers Raumlufttemperatur tL = 21 °C
Raumlufttemperatur [°C]
B 1.51 B 1.52 B 1.53
Bei geringen Temperaturen erfolgt die Ent- gung (Abb. B 1.54). Mit steigenden körperli- Thermischer Komfort
wärmung hauptsächlich über Konvektion, chen Aktivitäten nimmt die erzeugte Wärme- Setzt man physiologische Rahmenbedingun-
Wärmestrahlung und -leitung. In einer zu kal- menge zu. Bei der Verrichtung von leichter gen sowie weitere physikalische Einflüsse (z. B.
ten Umgebung wird zunächst die Durchblu- Bürotätigkeit erzeugt ein Mensch mit durch- Raumluftgeschwindigkeit und -luftfeuchte, mitt-
tung der Körperoberfläche eingeschränkt und schnittlicher Konstitution und Größe bei einer lere Raumumschließungstemperatur) als opti-
durch Bewegung (beginnend mit Zittern) Raumlufttemperatur von 20 °C eine Wärmeleis- mal sowie eine normale körperliche Konstitu-
Wärme erzeugt. Mit steigenden Temperaturen tung von 125 bis 170 W. Bei schwerer körper- tion voraus, so konnten Untersuchungen zur
nimmt indessen der Verdunstungsanteil bei licher Arbeit kann die Wärmeleistung auf 360 Unfallhäufigkeit und Leistungsfähigkeit bei sit-
der Wärmeabgabe deutlich zu. Wird die bis 490 W ansteigen. Somit liegt je nach Tätig- zender Bürotätigkeit nachweisen, dass der
Umgebungstemperatur als zu warm empfun- keitsgrad die Grenze des Schwüleempfindens Bereich der thermischen Behaglichkeit engen
den, erhöht sich zunächst die Durchblutung, zwischen 19,5 und 28 °C, die Grenze des Grenzen unterliegt (Abb. B 1.55). Bei zu hohen
um dann durch vermehrte Verdunstung (Trans- Kühleempfindens zwischen 14,5 und 18 °C oder niedrigen Raumlufttemperaturen steigt
piration) die Hautoberfläche zu kühlen. Die sowie das Feld der thermischen Behaglichkeit das Unfallrisiko bzw. nehmen Geschicklichkeit
Thermoregulation des menschlichen Körpers bei 17 bis 24 °C. In den vergangenen Jahren hat der Hände, Arbeitsleistung und geistige Fähig-
verfügt über derart feine Mechanismen, dass sich insbesondere bei Planungen für Produk- keiten rapide ab. Die DIN 1946-2 definiert ther-
sich bei Zu- oder Abnahme der Temperatur tions- und Büroräume die Erkenntnis durchge- mische Behaglichkeit für den Menschen als
um 1,5 K der Stoffwechsel um ca. 20 % verän- setzt, dass optimale raumklimatische Komfort- gegeben, wenn er mit Temperatur, Feuchte
dert. bedingungen für die Leistungsfähigkeit und und Luftbewegung in seiner Umgebung zufrie-
Die Wärmeproduktion des Körpers steht zudem Zufriedenheit der Mitarbeiter sich auch ökono- den ist und weder wärmere noch kältere, weder
in engem Zusammenhang mit der Art der Betäti- misch niederschlagen. trockenere noch feuchtere Raumluft wünscht.

Art der Betätigung


völlige Ruhe geringe Betätigung leichte Arbeit leichte körperliche schwere körperliche
ruhiges Liegen in Ruhe sitzen Arbeit Arbeit
Grundumsatz
Angaben für eine Person Kind Erwachsener Kind Erwachsener Kind Erwachsener Kind Erwachsener Kind Erwachsener
erforderlicher [kJ / d] 5900 7500 8000 9700 8800 10 500 10 100 12 600 11 300 14 700
Energieverbrauch pro Tag [kcal / d] 1410 1790 1910 2320 2100 2510 2410 3010 2700 3510
[kWh / d] 1,6 2,1 2,2 2,7 2,4 2,9 2,8 3,5 3,1 4,1
Gesamtwärmeabgabe [W] 50 – 65 65 – 85 60 – 80 75 – 100 100 – 130 125 – 170 170 – 225 215 – 295 280 – 380 360 – 490
(inkl. Verdunstung)
davon trockene Wärme- [W] 35 – 45 50 – 65 45 – 60 60 – 75 70 – 95 95 – 130 120 – 160 165 – 220 200 – 275 280 – 370
abgabe (Konvektion,
Leitung und Strahlung)
Wasserdampfproduktion [g / h] 21 – 28 23 – 32 25 – 34 27 – 38 41 – 57 46 – 62 70 – 95 78 – 108 117 – 160 130 – 180
pro Stunde
Sauerstoffbedarf pro Stunde [l / h] 9 – 12 12 – 16 10 – 14 14 – 19 17 – 24 24 – 32 30 – 41 40 – 51 50 – 68 65 – 90

ausgeatmetes Kohlen- [l / h] 7 – 10 10 – 13 9 – 12 12 – 16 15 – 20 19 – 26 25 – 34 32 – 43 46 – 56 55 – 75
dioxid pro Stunde
(Konzentration in der
Luft 0,03 – 0,05 Vol. %)
erforderliche Frischluftraten, [m3 / h] 12 – 17 17 – 21 15 – 20 20 – 26 25 – 33 32 – 42 42 – 57 55 – 72 70 – 93 90 – 130
wenn CO2 maximal 0,10 Vol. %
Schwülegrenze in Bezug [°C] 28 28 26 26 24 24 21,5 21,5 19,5 19,5
auf die Raumlufttemperatur
Gleichgewicht = Behaglichkeit [°C] 24 24 22 22 20,5 20,5 19 19 17 17
Grenze des Kühleempfindens [°C] 18 18 17 17 16 16 15,5 15,5 14,5 14,5
B 1.54

56
Grundlagen

Abweichung [%]
140
Ein thermisch komfortables Umfeld resultiert bei Räumen mit hohem Erwartungsniveau (Ka-

er
Männ

somit hauptsächlich aus physikalischen Ein- tegorie A, unzufriedene Nutzer unter 6 %), sehr

nne
flussgrößen wie Raumlufttemperatur und mitt- enge Grenzen bestehen, sind bei Räumen mit

r, F
lere Raumumschließungstemperatur (nicht zu geringeren Anforderungen (Kategorie C, unzu- 120

rau
en
kalt oder zu warm), Raumluftfeuchte (nicht zu friedene Nutzer unter 15 %) stärkere Tempera- en
trocken oder zu schwül) und Luftbewegung turschwankungen zugelassen. Frau

(keine Zugluft). Auch wenn diese Parameter 100


Unfallhäufigkeit Unfallhäufigkeit
sich gegenseitig beeinflussen und Wohlbefin- Raumlufttemperatur und mittlere Raumumschlie- e
änd
den zudem immer auf subjektiven Empfindun- ßungstemperatur er H

ge
chk eit d

ist
gen basiert, lassen sich dennoch einige Richt- Die Behaglichkeit in Gebäuden wird überwie- ickli

. F Ar
ch
Ges

äh be
werte für ein behagliches Umfeld benennen: gend von der Raumlufttemperatur sowie der 80

ig
ke tsle
eit

ite ist
Raumlufttemperatur von 20 bis 22 °C (im Som- mittleren Raumumschließungstemperatur gk

n
i
rti
mer bis 26 °C), Raumluftfeuchte von 35 bis bestimmt. Im Mittel entsprechen diese Werte in er
fe

un
g
60 % sowie Luftbewegung bis 0,15 m / s. etwa der Empfindungstemperatur, die zwi- Fin

g
60
Doch auch bei optimalen Bedingungen ist auf- schen 19 und 20 °C betragen sollte. Innerhalb 10 15 20 25 30
grund der vielfältigen Parameter und individuel- gewisser Grenzen können sich Oberflächen- Temperatur [°C]
len Einflussgrößen (z. B. Art der Bekleidung, und Lufttemperaturen gegenseitig ausgleichen. B 1.55

Anteil Unzufriedener (PPD) [%]


körperliche Betätigung, Alter, Geschlecht etc.) Je geringer die Differenz dieser Temperaturen 80
eine hundertprozentige Nutzerzufriedenheit (im Idealfall nicht mehr als 3 K), desto behagli-
60
nicht erreichbar. cher wird dies vom Menschen empfunden. Ein
Um dieser individuellen und subjektiv abwei- übermäßig asymmetrisches thermisches Profil, 40
chenden Bewertung des Menschen Rechnung wie es z. B. bei Räumen mit großen Fensterflä-
30
zu tragen, wird das thermische Empfinden als chen und mangelhaften Wärmeschutzeigen-
so genannter PMV-Wert (Predicted Mean Vote) schaften auftreten kann, führt zu Unbehagen. 20
angegeben (Abb. B 1.57). Über diesen lässt Wie aus Abb. B 1.59 hervorgeht, bildet ein
15
sich der PPD-Wert (Predicted Percentage of guter baulicher Wärmeschutz der Hüllflächen
Dissatisfied) ermitteln – die Anzahl jener, die mit somit die Grundlage dafür, durch hohe Ober- 10
dem vorherrschenden Raumklima unzufrieden flächentemperaturen komfortable Umfeldbedin- 8
sind. Durch die individuelle Bewertung der gungen bei gleichzeitig niedrigerem Energie-
6
raumklimatischen Verhältnisse liegt dabei selbst verbrauch herzustellen. Insbesondere bei der 5
bei einem PMV-Wert von 0 (behaglich) die An- Planung von Flächenheizungen gilt, dass bei 4
zahl der Unzufriedenen bei 5 % (Abb. B 1.56). Raumtemperaturen von ca. 20 °C die Tempera- -2,0 -1,0 0 1,0 2,0
tur des Fußbodens nicht über 26 °C und der Komfortempfinden (PMV) [-]
Europäische Richtlinien Decke nicht über 34 °C liegen sollte (Abb. B B 1.56
Als Methoden zur Bewertung des thermischen 1.60 und 61). Empfindung Predicted Mean Vote (PMV)
Raumklimas stehen derzeit vornehmlich die kalt -3
DIN 1946-2, der CEN-Bericht CR 1752 sowie Raumluftfeuchte
kühl -2
die DIN EN ISO 7730 zur Verfügung. Allerdings Bei Umgebungstemperaturen von 20 bis 22 °C
erträglich (leicht) kühl -1
wurden die Bewertungsmethoden primär zur kann die relative Raumluftfeuchte zwischen 35
Auslegung raumlufttechnischer Anlagen ge- und 70 % schwanken, um als behaglich emp- neutral (behaglich) 0
schaffen; zur Beurteilung des Klimakomforts funden zu werden (Abb. B 1.62). In diesem erträglich (leicht) warm 1
bei freier Lüftung existieren keine eigenstän- Behaglichkeitsbereich steigt pro 10 % erhöhter warm 2
digen Richtlinien. Luftfeuchte die gefühlte Raumtemperatur des heiß 3
Bei der DIN 1946-2 [11] beziehen sich die Menschen um 0,3 K. Ab 70 % relativer Feuchte B 1.57
Richtwerte der »operativen« Temperatur – besteht die Gefahr von Tauwasseranfall sowie
Sommer Winter
auch Empfindungstemperatur genannt – immer einer vermehrten Schimmelpilzbildung an kal-
(Kühlperiode) (Heizperiode)
auf die zeitgleiche Außenlufttemperatur (Abb. ten Außenbauteilen, soweit sie über keinen
B 1.65). Eine schnelle Zu- oder Abnahme der guten Wärmeschutz verfügen (Abb. B 1.64). CEN CR 1752
Außenlufttemperatur muss demzufolge durch Ein Feuchtegehalt der Luft unter 35 % begüns- Kategorie A 24,5 °C ±1,0 22,0 °C ±1,0
die Anlagentechnik ausgeglichen werden. Die tigt demgegenüber die Staubentwicklung und Kategorie B 24,5 °C ±1,5 22,0 °C ±2,0
Neufassung DIN EN 13779 [12] verweist für fördert die elektrostatische Aufladung von Bau- Kategorie C 24,5 °C ±2,5 22,0 °C ±3,0
Nichtwohngebäude mit raumlufttechnischen teilen, was insbesondere bei Fußböden und
DIN EN ISO 7730 24,5 °C ±1,5 22,0 °C ±2,0
Anlagen auf die Empfehlungen der DIN EN ISO metallischen Berührungsflächen als unange-
7730. Zur Schaffung neuer sowie zur Bewer- nehm empfunden wird. Infolgedessen wird als B 1.58
tung vorhandener Umgebungsklimata dient die Richtwert eine Raumluftfeuchte von 40 bis
B 1.51 Temperaturverteilung im Körper bei verschiede-
DIN EN ISO 7730 [13]. Sie beruht auf dem 60 % empfohlen. Um bereits in der Planungs- nen Außentemperaturen
PMV-Modell und empfiehlt die Einhaltung eines phase ein späteres »Barackenklima« – infolge B 1.52 Wärmeabgabe des Menschen bei unterschied-
Komfortbereichs zwischen - 0,5 < PMV < + 0,5 hoher Temperatur- und Feuchteschwankungen lichen Raumlufttemperaturen (Bürotätigkeit)
(Abb. B 1.56), das einem Anteil unzufriedener als unbehaglich empfundene Umfeldbedingun- B 1.53 Empfindungstemperatur bei unterschiedlichen
Raumumschließungstemperaturen
Nutzer von 10 % entspricht. Da sich diese Um- gen – auszuschließen, werden für Innenräume
B 1.54 Richtwerte zum menschlichen Luft-, Wärme- und
gebungsbedingungen nur durch den Einsatz ausreichende Speichermassen benötigt (siehe Feuchtigkeitshaushalt
von Anlagentechnik erzielen lassen, sieht die Material, S. 158). B 1.55 Unfallhäufigkeit und Produktivität in Abhängigkeit
geplante Neufassung der Richtlinie vor, bei von der Raumtemperatur bei sitzender Tätigkeit
freier Lüftung höhere Temperaturen – analog Luftbewegung B 1.56 PPD-Wert in Abhängigkeit vom PMV-Wert
B 1.57 Bewertungsskala des »vorhergesagten mittleren
Abb. B 1.58, Kategorie C – zuzulassen. Der Auch die Luftbewegung im Raum übt einen Votums« (PMV)
CEN-Bericht CR 1752 [14] definiert Kategorien spürbaren Einfluss auf den Wärmehaushalt des B 1.58 Anforderungen an die operative Raumtempera-
der Innenraumqualität von A bis C. Während Menschen und somit auf das Wohlbefinden tur bei sitzender Tätigkeit

57
Grundlagen
Wandtemperatur tw [°C]

Fußbodentemperatur tFB [°C]

Deckentemperatur tD [°C]
30 30 40
unbehaglich warm unbehaglich warm
28 28 38
Behaglichkeitsfeld
26 26 36 noch behaglich
23
°C
24 24 34
te =21°C behaglich
22 22 32

20 20 30
19 behaglich
18 °C 18 28
2 K noch behaglich
16 /m 16 26
W ta =- 10°C
,2
=0
14 U 0,5 14 24
unbehaglich kalt
12 1,0 12 22 unbehaglich
1,5
10 10 20 kalt
12 14 16 18 20 22 24 26 28 12 14 16 18 20 22 24 26 28 12 14 16 18 20 22 24 26 28
Raumlufttemperatur tL [°C] Raumlufttemperatur tL [°C] Raumlufttemperatur tL [°C]
B 1.59 B 1.60 B 1.61
aus. In DIN EN ISO 7730 sind Richtwerte für Dazu zählen: [lm] angegeben und beschreibt die gesamte
Luftgeschwindigkeiten im Zusammenhang • öffenbare Fenster ausgestrahlte Lichtleistung einer Lichtquelle.
mit dem Turbulenzgrad der Strömung ange- • individuell beeinflussbarer Sonnen- bzw. Die Beleuchtungsstärke hingegen – in der Ein-
geben, da Luftströmungen mit wechselnden Blendschutz heit Lux [lx] definiert – kennzeichnet den Licht-
Anströmungsrichtungen und Geschwindig- • Ventilatoren (lokaler Einsatz im Sommer) strom, der auf eine bestimmte Fläche trifft. Die
keiten das Zugempfinden verstärken. Bei • Thermostatventile Richtlinien der empfohlenen Beleuchtungsstär-
Raumlufttemperaturen von 20 °C werden • Raumluftregelung ken leiten sich jeweils aus den schwierigsten
schon Luftgeschwindigkeiten über 0,15 m / s zu erwartenden Sehaufgaben ab.
als unbehaglich empfunden (Abb. B 1.63). Im Vergleich von mechanisch und natürlich
Wenn die Raumlufttemperaturen über 23 °C belüfteten Räumen weisen die o. g. Untersu- Blendung
liegen, trägt jedoch eine erhöhte Luftgeschwin- chungen nach, dass Menschen bei freier Lüf- Neben einer angemessenen Beleuchtungsstär-
digkeit dazu bei, dass durch die Abgabe von tung eine größere Bandbreite von Temperatu- ke sollten auch die Kontrastverhältnisse ange-
Körperwärme ein behagliches Umfeld herge- ren akzeptieren und somit gegenüber den nehm gestaltet werden. Die Leuchtdichte
stellt wird. Bereits während der Planung und gesetzlichen Regelungen erweiterte Behaglich- [cd / m2] definiert den von einer angestrahlten
insbesondere auch bei der Bauüberwachung keitsgrenzen möglich sind. Fläche ausgehenden Lichtstrom. Absolute
lassen sich spätere Zuglufterscheinungen Blendung des Menschen entsteht als Ergebnis
durch eine wind- und luftdichte Detailausbil- Visueller Komfort zu hoher Lichtintensität (>104 cd / m2), wohinge-
dung vermeiden. Visuelle Raumwahrnehmung erzeugt über die gen relative Blendung durch zu hohen Kontrast
Unverwechselbarkeit der Gestaltung die Bil- hervorgerufen wird. Idealerweise überschreiten
Alle Faktoren, die das thermische Wohlbefin- dung einer Identität. Sind die für den Benutzer die Leuchtdichteverhältnisse für eine konkrete
den beeinflussen, wirken sich auch unmittel- notwendigen Informationen übersichtlich ver- Sehaufgabe, die unmittelbare Umgebung und
bar auf den Energieverbrauch von Gebäuden fügbar, erhöhen sich Wohlbefinden, Orientie- das fernere Umfeld nicht ein Verhältnis von
aus. Niedrige Strömungsgeschwindigkeiten rungsfähigkeit, Sicherheitsgefühl und Produk- 10 : 3 : 1. Helle Wand- und Deckenoberflächen
bei Lüftungsanlagen sparen Energie und tivität. erhöhen die Abstrahlung vom Umfeld und kön-
erhöhen das Wohlbefinden. Höhere Innen- Doch auch physikalische Rahmenbedin- nen durch eine gleichmäßigere Leuchtdichte-
Oberflächentemperaturen durch entsprechen- gungen des Sehens tragen maßgeblich zum verteilung die Gefahr relativer Blendung redu-
de Wärmeschutzmaßnahmen steigern das Wohlbefinden bei. Das menschliche Auge zieren (Abb. B 1.67).
Wohlbefinden und vermindern Transmissions- nimmt die elektromagnetische Strahlung des
wärmeverluste (Abb. B 1.53). Bei niedrigen Sonnenlichts in einem Wellenlängenbereich Lichtwinkel und Kontrast
U-Werten der Außenbauteile können die von ca. 380 nm (violettes Licht) bis etwa Je nach Auftreffen bzw. Reflexion des Lichts
Raumlufttemperaturen ohne Komforteinbußen 780 nm (rotes Licht) wahr. Vor allem der visu- beeinflussen Lichtfarbe, Farbwiedergabe,
abgesenkt werden; je 1 K Temperaturabsen- elle Cortex im Gehirn verarbeitet die vom Lichtrichtung und Farbigkeit von Oberflächen
kung reduziert sich der Heizwärmebedarf um Auge stammenden Erregungsmuster nach- die Raumwahrnehmung. Bei flach einfallendem
ca. 6 %. folgend zur Empfindung von Licht und Farbe. Licht lassen sich helle Materialien besonders
Aus aktuellen Untersuchungen geht hervor, Optimaler Sehkomfort für Arbeitsbereiche gut plastisch erfahren, während dunkle Ober-
dass auch die Art der Belüftung das Wohlbefin- besteht, wenn die Leuchtdichteverhältnisse flächen aufgrund des geringen Kontrasts eher
den erheblich mitbestimmt [15]. In Gebäuden der Arbeitsplatzumgebung (Umfeldleuchten- zweidimensional wirken. Durch ihren höheren
mit natürlicher Lüftung empfinden durchschnitt- dichte) auf die jeweilige Sehaufgabe (Infeld- Reflexionsgrad verbessern helle Oberflächen
lich 20 % der Nutzer das Raumklima als unbe- leuchtendichte) abgestimmt sind. Dies lässt die Lichtwirkung und optimieren gleichermaßen
haglich, in teilklimatisierten Gebäuden 34 % sich prinzipiell durch Tageslicht, künstliche den Tageslichteinfall sowie die Kunstlichtver-
und in vollklimatisierten Gebäuden sind sogar Beleuchtung oder eine Kombination beider sorgung.
54 % der Nutzer unzufrieden. Darüber hinaus Lichtquellen erreichen. Allerdings erzeugt
steigt bei Personen, die das Raumklima als natürliches Tageslicht komfortablere Bedin- Farbigkeit und -komposition
gesundheitsschädlich einschätzen, die Wahr- gungen, da es alle Spektralfarben umfasst. Die Farbigkeit von Raumoberflächen unterstützt
scheinlichkeit, am »Sick-Building-Syndrom« zu Visuelle Behaglichkeit steht im Zusammen- assoziative Bezüge. Warme Farben wirken
erkranken, um das 2,6-fache an. hang mit verschiedenen energierelevanten anregend und lassen eine Fassade, einen
Die Möglichkeit, das Raumklima zu beeinflus- Einflussgrößen. Raum oder ein Objekt kleiner erscheinen. Im
sen und auf die individuellen Bedürfnisse anzu- Gegensatz hierzu erzeugen kalte Farben
passen, stellt eine weitere bedeutende Ein- Beleuchtungsstärke Abstand und vergrößern den Raumeindruck.
flussgröße für die Zufriedenheit der Nutzer dar. Der Lichtstrom wird in der Maßeinheit Lumen Doch nehmen wir Farben nicht nur optisch

58
Grundlagen

Luftbewegung in Kopfhöhe v [cm/s]


relative Luftfeuchte ϕ [%]

50

relative Luftfeuchte ϕ [%]


100 100
90
unbehaglich feucht Wachstumsbereich
80 40 90

70
unbehaglich
60 30 80
behaglich
50

40 20 70
Sporenkeimung
30
noch behaglich behaglich
unbehaglich
20 10 60
trocken
unbehaglich
10

0 0 50
12 14 16 18 20 22 24 26 28 12 14 16 18 20 22 24 26 28 10 20 30 40 50
Raumlufttemperatur tL [°C] Raumlufttemperatur tL [°C] Raumlufttemperatur [°C]
B 1.62 B 1.63 B 1.64
wahr, auch das subjektive Kälte- und Wärme- Schall B 1.59 Behaglichkeit in Abhängigkeit von Raumlufttem-
empfinden kann durch Farbgebung spürbar Schall breitet sich durch kleinste Druck- und peratur, mittlerer Raumumschließungstemperatur
und U-Wert der Gebäudehülle
beeinflusst werden. So wurde in Versuchen Dichteschwankungen in einem elastischen B 1.60 Behaglichkeit in Abhängigkeit von Raumluft- und
festgestellt, dass Räume, die mit einem kalten Medium (z. B. Luft, Festkörper) aus. Man Fußbodentemperatur
Farbton wie z. B. Blaugrün gestrichen waren, unterscheidet zwischen Infraschall (< 20 Hz), B 1.61 Behaglichkeit in Abhängigkeit von Raumluft- und
das Wärmeempfinden der Testpersonen um Hörschall (20 – 20 000 Hz), Ultraschall Deckentemperatur
B 1.62 Behaglichkeit in Abhängigkeit von Raumlufttem-
ca. 3 °C herabsetzten. Ein orangefarbener (20 Hz – 1 GHz) und Hyperschall (> 1 GHz),
peratur und relativer Luftfeuchte
Raum hingegen erhöhte die subjektiv empfun- wobei der Mensch das Spektrum von 1000 B 1.63 Behaglichkeit in Abhängigkeit von Raumlufttem-
dene Temperatur. Dies ist durch die physiolo- bis 5000 Hz innerhalb des Hörschall-Frequenz- peratur und Luftgeschwindigkeit in Körpernähe
gischen Auswirkungen des Farbtons auf den bereichs am besten wahrnehmen kann. Schall B 1.64 Wachstumsbereich von Schimmelpilzen
Organismus zu erklären, die eine leichte Erhö- überträgt sich, ähnlich wie Licht, in Form von B 1.65 zulässige Temperaturbereiche nach DIN 1946-2
für die Auslegung raumlufttechnischer Anlagen
hung der Pulsfrequenz und des Blutdrucks her- Absorption, Reflexion undDissipation (Um- B 1.66 empfohlenen Nachhallzeiten nach Raumfunktio-
beiführen. wandlung in Wärme). Zudem unterscheidet nen
Eine uniforme und monotone Farbgestaltung man zwischen Lärm und Geräusch. Lärm be- B 1.67 empfohlene Reflexionsgrade für Oberflächen
auf Grundlage vereinfachter, physiologischer zeichnet störend empfundenen Schall (z. B. nach EN 12464-1
Farbwirkung sollte jedoch vermieden werden. Straßenlärm), Geräusche hingegen können
Erst eine Komposition aus miteinander harmo- Assoziationen wecken und somit die akus-
nierenden Farbtönen leitet hin zu einem als tische Behaglichkeit positiv beeinflussen.
angenehm empfundenen Gesamteindruck.
Schallleistung/bewerteter Schalldruckpegel
Farbwiedergabe Der Schalldruckpegel [Lp] stellt ein logarithmi-
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen ist sches Maß zur Beschreibung von Schallereig-
operative Raumtemperatur [°C]

28
auf natürliches Sonnenlicht geeicht. Das sich nissen dar und wird in Dezibel [dB] angege-
über den Tagesablauf verändernde Spektrum ben. Der messbare Schalldruckpegelbereich 26
des Lichts steuert u. a. den Tagesrhythmus reicht ca. von 0 bis 160 dB. Ein Schalldruckpe- kurzzeitig
sowie die Organfunktionen. Eine Verzerrung gel-Unterschied von 3 dB ist bei mittleren bzw. empfohlen
24
dieses Spektrums kann sich negativ auf Wahr- hohen Pegeln und Frequenzen deutlich wahr-
nehmung und Wohlbefinden auswirken. Daher nehmbar. Unterschiede von 10 dB bedeuten
sollte die vorherrschende Lichtfarbe bei norma- dann in der Wahrnehmung etwa eine Verdop- 22
bei Quelllüftung
len Tätigkeiten natürlich oder naturähnlich sein. pelung der Lautstärke. Um das menschliche
Das Frequenzmuster des Lichts sollte durch Lautheitsempfinden näherungsweise nachzu- 20
20 22 24 26 28 30 32
die Verglasung entsprechend möglichst wenig bilden, wird im Gegensatz zum unbewerteten
Außenlufttemperatur [°C]
verändert werden (siehe Material, S. 155, Pegel [dB] beim »bewerteten Schalldruckpe-
Abb. 5.25). gel« [dB(A)] der Sinneseindruck des Frequenz- B 1.65
gangs in Abhängigkeit zum Schalldruckpegel
Akustischer Komfort berücksichtigt. Je nach Nutzung werden spezi- Raumfunktion Nachhallzeit [ms]
Die auditive Wahrnehmung basiert auf Schwin- fische maximal dB(A)-Werte für Störgeräusche Büroraum 35
gungsübertragungen der Umgebungsluft (Luft- empfohlen. In Tonstudios oder Opernhäuser
Klassenzimmer 40 – 60
schall) oder von Festkörpern (Körperschall). liegen diese beispielsweise bei etwa 25 dB(A)
Lärmbelastungen können bereits bei niedrigen und für Büroräume bei ca. 35 dB(A). Oper 130 – 160
Schalldruckpegeln auftreten, Schlaf und Erho- Orgelmusik 250 – 300
lung beeinträchtigen sowie die Produktivität Nachhallzeiten B 1.66
mindern. Der akustische Komfort von Räumen Durch die Nachhallzeit werden die akustischen
bestimmt sich aus einer Vielzahl von Parame- Eigenschaften von Räumen beschrieben.
Bauteil Reflexionsgrad
tern: z. B. Schallpegel der Außenlautstärke, Eine möglichst kurze Nachhallzeit (bis 50 ms)
Schalldämmmaß der Gebäudehülle, Geräusch- sorgt dabei für eine Erhöhung der Sprachver- Decke 60 – 90 %
entwicklung der Gebäudetechnik, Form bzw. ständlichkeit. Bei Musik fördert eine mittlere Wand 30 – 80 %
Größe des Raumes sowie der Oberflächen- Nachhallzeit (ca. 80 ms) die Deutlichkeit, Arbeitsfläche 20 – 60 %
beschaffenheit von Umschließungsflächen und wohingegen Klangfülle durch lange Nachhall-
Boden 10 – 50 %
des Mobiliars. zeiten begünstigt wird (Abb. B 1.66).
B 1.67

59
Grundlagen

Anforderung Randbedingung Dienstleistung Energiethemen

Temperaturkomfort herstellen Außentemperatur (-20 bis +40 °C) Heizen und Kühlen
Wärme
Helligkeitskomfort herstellen Helligkeit (0 – 100 000 Lux) Beleuchten

Luftqualität sichern Luftverbrauch (15 – 130 m3 / h Pers) Be- und Entlüften Kälte

Luftfeuchtekomfort herstellen Luftfeuchtigkeit (0 – 100 %) Be- und Entfeuchten


Luft
Trinkwarmwasser bereithalten Trinkwasserversorgung (ca. 10 °C) Trinkwasser erwärmen

Elektrische Geräte betreiben Geräteeffizienz mit Strom versorgen Licht

Prozesswärme bereitstellen Prozesseffizienz Prozesswärme erzeugen


Strom
Prozesskälte bereitstellen Prozesseffizienz Prozesskälte erzeugen
B 1.68
Olfaktorischer Komfort bedingungen. Gesetzliche Regelungen zur bis etwa 100 000 Lux an einem sonnenreichen
Der Geruchssinn dient neben dem Erkennen CO2-Konzentration sowie erforderliche Luft- Tag. Daraus leitet sich die Dienstleistung
von verdorbenen Nahrungsmitteln vor allem im wechselraten sind im Kapitel Technik (siehe »Beleuchten« ab. Der Aufenthalt in geschlos-
Bereich der sozialen Kommunikation zur Steue- S. 133) aufgeführt. Ebenso dienen die Indika- senen Räumen bewirkt aufgrund entsprechen-
rung vegetativer bzw. hormoneller Vorgänge. toren »Olf« und »Dezipol« der Beurteilung der Emissionen einen gewissen »Luftver-
Die Riechschleimhaut in der oberen Nasenhöh- der Luftqualität: Während Olf die Stärke von brauch«. Gewünscht ist jedoch eine im Idealfall
le verfügt über mehr als 350 verschiedene Re- Geruchsquellen (z. B. Menschen, Tiere, Pflan- konstante hohe Luftqualität. Dies bedingt einen
zeptortypen, die Geruchsmoleküle aus der Luft zen, Ausdünstungen von Materialien etc.) gezielten Luftaustausch durch »Be- und Entlüf-
herauslösen und chemisch registrieren. Da der kennzeichnet, fließt beim Dezipol – als Maß ten«. Sollen bestimmte Grenzwerte der Luft-
Geruchssinn mehrere tausend Gerüche diffe- für die empfundene Geruchsemissionen – der feuchtigkeit nicht über- oder unterschritten wer-
renziert – sie aber nicht vollständig benennen Luftvolumenstrom mit ein. Die Luftqualität von den, ist die Dienstleistung »Befeuchten und
kann –, unterscheidet man sieben wesentliche Räumen liegen entsprechend den Nutzungs- Entfeuchten« gefragt.
Duftkategorien: blumig, ätherisch, moschus- anforderungen zwischen 0,7 und 2,5 Dezipol. Üblicherweise beträgt das Temperaturniveau
artig, kampferartig, faulig, schweißig und ste- Neben der Luftqualität von Innenräumen haben der Frischwasserversorgung von Gebäuden
chend. Schadstoffemissionen aus Baustoffen eine etwa 10 °C. Um insbesondere für die Körper-
Neben den drei Hauptbestandteilen Stickstoff große Wirkung auf Gesundheit und Wohlbe- hygiene angenehme Bedingungen zu schaffen,
(78 %), Sauerstoff (21 %) und Argon (0,9 %) finden von Nutzern. Weiterführende Erläute- ist das Trinkwasser entsprechend zu erwär-
setzt sich Luft noch aus vielfältigen weiteren rungen finden sich im Kapitel Material (siehe men. Nicht zuletzt sollen elektrische Geräte
Spurenelementen (z. B. Kohlendioxid, Wasser- S. 171). betrieben werden können. Diese reichen von
stoff und anderen Edelgasen) sowie Fremdstof- Erschließungssystemen wie Rolltreppen oder
fen zusammen. Die Qualität der Innenraumluft Energiedienstleistungen Aufzügen über Arbeitshilfen oder Telekommu-
wird durch unterschiedliche Faktoren beein- Um Behaglichkeit herzustellen und die bereits nikation bis zu Haushaltsgeräten wie Kühl-
flusst, wie beispielsweise die Zusammenset- erwähnten Komfortbedingungen erfüllen zu schränken und Unterhaltungselektronik. Bei
zung der Außenluft, Ausstattungen und Bauma- können, ist eine intelligente Planung von industrieller Nutzung werden diese Anforderun-
terialien sowie nutzungsbedingte Verunreini- Gebäuden mit deutlich erhöhter Energieeffizi- gen ergänzt durch einen prozessbedingten
gungen durch den Menschen. Die Gewährleis- enz notwendig. Dennoch wird in den meisten Wärme- oder Kältebedarf.
tung angenehmer und gesunder Raumluftbe- Klimazonen eine Zufuhr von Energie erforder- Während sich die standortspezifischen klima-
dingungen erfordert eine ausreichende Frisch- lich bleiben. Die Höhe des Energieverbrauchs tischen Randbedingungen kaum beeinflussen
luftzufuhr sowie die Abfuhr von CO2, Feuchtig- während der Nutzungsphase steht dabei, lassen, besteht bei den nutzerbedingten Anfor-
keit, Schad- und Geruchsstoffen. Aufgrund der neben der Ausbildung des Baukörpers und derungen ein erheblicher Spielraum. So hat
hohen Bedeutung der Luftqualität für Gesund- der Gebäudehülle, im Zusammenhang mit z. B. die im Sommer zulässige maximale Luft-
heit und Produktivität geben die so genannten klimatischen Randbedingungen, der eingesetz- temperatur einen entscheidenden Einfluss auf
MAK-Werte (Maximale Arbeitsplatz-Konzentra- ten Systemtechnik und nicht zuletzt dem Kom- den Umfang der Energiedienstleistung »Küh-
tion) entsprechende Richtwerte für die maximal fortanspruch sowie dem Nutzerverhalten. len«. Ebenso beeinflusst das Nutzerverhalten
zulässige Konzentration von Schadstoffen vor. im Hinblick auf Heizung, Lüftung, Beleuchtung
Seit 2005 bestehen in Deutschland zudem wei- Bedarf und Bedürfnis oder Verwendung von Trinkwarmwasser maß-
tere rechtliche Orientierungsgrößen durch den Der Energiebedarf von Gebäuden resultiert geblich die Inanspruchnahme energetisch rele-
Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) sowie den biolo- hauptsächlich aus Randbedingungen und nut- vanter Dienstleistungen. Hier ist in Abstimmung
gischen Grenzwert (BGW). zerbedingten Anforderungen, die zunächst mit den Nutzern eine grundsätzliche Hinterfra-
Für die Beurteilung der Innenraumluft sind unabhängig von architektonischen Parametern gung der Bedürfnisse unabdingbar. Abwei-
sowohl die CO2-Konzentration als auch die mittelbar oder unmittelbar energierelevante chungen vom technisch machbaren Optimum
Indikatoren »Olf« und »Dezipol« von Bedeu- Dienstleistungen auslösen (Abb. B 1.68). sind sinnvoll; allerdings sollte der Nutzer Ein-
tung. Die CO2-Produktion des Menschen In Mitteleuropa schwanken die Außenlufttempe- schränkungen aufgrund ökonomischer und/
schwankt je nach Tätigkeit zwischen 7 und 75 l raturen von - 20 °C bis + 40 °C. Die nutzerbe- oder ökologischer Argumente explizit zustim-
pro Stunde und Person und trägt maßgeblich dingten Behaglichkeitsanforderungen streben men (z. B. freie Lüftung). Um Wohlbefinden her-
zur Verschlechterung der Raumluftqualität bei. jedoch die Einhaltung bestimmter Temperatur- zustellen und die Bedürfnisse von Nutzern und
Bereits im 19. Jahrhundert definierte der Hygie- bereiche an. Daraus ergeben sich entspre- Nutzung umfassend behandeln zu können,
niker Max Josef von Pettenkofer die auch heute chend die Dienstleistungen »Heizen« und sind die fünf verschiedenen Energiethemen
noch gültigen Richtwerte von 0,1 Vol % CO2- möglicherweise auch »Kühlen«. Ebenso variiert Wärme, Kälte, Licht, Luft und Strom zu unter-
Gehalt als Maßstab für komfortable Raumluft- die Helligkeit von nahezu 0 Lux in der Nacht scheiden (Abb. B 1.69).

60
Grundlagen

Energiethemen Energiebedarf minimieren Energieversorgung optimieren

Wärme Wärme erhalten Wärme effizient gewinnen

Kälte Überhitzung vermeiden Wärme effizient abführen

Luft natürlich lüften effizient maschinell lüften

Licht Tageslicht nutzen Kunstlicht optimieren

Strom Strom effizient nutzen Strom dezentral gewinnen

B 1.69
Hinsichtlich des Wärmehaushalts ist im Heiz- wird überwiegend durch die Bedürfnisse des Anmerkungen:
fall dafür zu sorgen, dass Wärme nicht verlo- Nutzers und die entsprechende Ausstattung an [1] Stand 2000
[2] Meadows, Donella; Meadows, Dennis; Zahn, Erich;
ren geht und somit möglichst lange erhalten elektrischen Geräten bestimmt. Im Planungs- Milling, Peter: Die Grenzen des Wachstums. Bericht
bleibt. Da trotz aller Bemühungen in vielen prozess kann jedoch deutlich Einfluss auf die des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stutt-
Fällen eine Wärmezufuhr erforderlich ist, anzustrebende Energieeffizienz ausgeübt wer- gart 1972
muss eine effiziente Erzeugung, Speicherung, den. Darüber hinaus besteht ein großes Poten- [3] Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC):
Fourth Assessment Report. Summary for Policy-
Verteilung und Übergabe von Wärme sicher- zial in der dezentralen Stromerzeugung durch
makers (AR4). 2007
gestellt werden. In allen diesen Bereichen, Kraft-Wärme-Kopplung und einer solaren Akti- [4] Schellnhuber, Joachim zitiert nach Lebert, Stephan:
insbesondere jedoch bei der Erzeugung, vierung der Gebäudehülle. Ein Mann läuft Sturm. In: Die Zeit 37/2005
besteht das Potenzial, durch Nutzung erneuer- [5] Stern, Nicolas: The Economics of Climate Change.
barer Energie ein CO2- minimiertes oder gar Technologieniveau Ein Bericht im Auftrag des britischen Schatzkanzlers.
2006
CO2-neutrales Gesamtkonzept zu realisieren. Die Frage, in welchem Umfang Energiedienst- [6] Nitsch, Joachim: Leitstudie 2007. Aktualisierung und
Zahlreiche Technologien zur Nutzung von leistungen durch technische Systeme bereitge- Neubewertung der Ausbaustrategie Erneuerbare
Biomasse, solarthermische Systeme und Wär- stellt werden müssen, hängt von der Nutzungs- Energien bis zu den Jahren 2020 und 2030 mit Aus-
mepumpen bieten eine Vielzahl von Möglich- art und dem Anforderungsniveau ab, ganz ent- blick bis 2050. Untersuchung im Auftrag des Bun-
desministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reak-
keiten. scheidend aber auch von der Gebäudeform,
torsicherheit. 2007
Im Bereich der Kälte besteht entsprechend der Gebäudehülle sowie der Materialwahl. [7] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
zunächst das Ziel, durch geplante bauliche Hierbei lassen sich zwei unterschiedliche Stra- Reaktorsicherheit: Umweltpolitik. Erneuerbare Ener-
und baukonstruktive Maßnahmen eine Überhit- tegien verfolgen. gien in Zahlen – nationale und internationale Ent-
zung der Nutzräume zu vermeiden. Ist den- Eine orientiert sich an den jeweiligen technolo- wicklung. 2007
[8] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
noch eine Kühlung erforderlich, gelten hier gischen Mittel, um eine optimale Funktionswei- Reaktorsicherheit: Erneuerbare Energien – Innovatio-
Anforderungen und Möglichkeiten analog zur se zu gewährleisten, wobei auch zahlreiche nen für die Zukunft. 2004, S. 15
Wärmeversorgung. Bei der Gebäudekühlung Energiesysteme, Klappen, Ventile, Sensoren [9] Lauer, Wilhelm: Klimatologie. Braunschweig 1995
bieten vor allem Systeme zur Nutzung des Käl- etc. ein adaptives Verhalten ermöglichen. [10] Schütze, Thorsten; Willkomm, Wolfgang: Klimage-
rechtes Bauen in Europa. Planungsinstrumente für
tepotenzials des Erdreichs und des Grundwas- Diese werden von einer komplexen Software
klimagerechte, energiesparende Gebäudekonzepte
sers sowie die solare Kühlung günstige Pers- gesteuert, die in Abhängigkeit von klimatischen in verschiedenen europäischen Klimazonen. For-
pektiven. Randbedingungen und Nutzerverhalten die schungsvorhaben der Fachhochschule Hamburg im
Zur Gewährleistung von angemessener Luft- optimale Regelstrategie sicherstellt. In nahezu fachbereichsübergreifenden Forschungsschwer-
qualität ist zunächst ein gut regelbarer natür- jedem Gebäude und an jedem beliebigen punkt »Planungsinstrumente für das umweltverträgli-
che Bauen« der Fachbereiche Architektur und Bau-
licher Luftwechsel erforderlich. Nutzungsbe- Standort sind durch optimierte technische ingenieurwesen, Abschlussbericht 2000
dingte Situationen und Maßnahmen zur Reduk- Gebäudeausrüstung behagliche Innenraum- [11] DIN 1946-2: Raumlufttechnische Anlagen in Arbeits-
tion des Heiz- und Kühlenergiebedarfs können bedingungen erreichbar. und Versammlungsräumen. 1994
jedoch eine maschinelle Unterstützung der Die andere Strategie zielt darauf ab, über [12] DIN EN 13779: Lüftung von Nichtwohngebäuden.
Allgemeine Grundlagen und Anforderungen an Lüf-
Frischluftzufuhr erforderlich machen. Beson- die städtebauliche Anordnung sowie eine
tungs- und Klimaanlagen. 2005
ders bei der Frischluftversorgung bietet eine energieoptimierte Gebäudeform und -hülle, [13] DIN EN ISO 7730: Ermittlung des PMV und des PPD
frühzeitige Abstimmung der Luftführung mit die Nutzungsverteilung und die Materialwahl und Beschreibung der Bedingungen für thermische
baulichen Maßnahmen (z. B. Abluft über Atrium das Gebäude so zu gestalten, dass die Behaglichkeit. 1995
oder Doppelfassade) Synergieeffekte. In vielen gewünschten Bedingungen – ggf. mit gerin- [14] CEN-Bericht CR 1752: Auslegungskriterien für
Innenräume. 1998
Fällen bergen technische Komponenten zur gen Abstrichen bezüglich des Optimums – [15] Hellwig, Runa Tabea: Thermische Behaglichkeit.
Wärmerückgewinnung ein erhebliches Einspar- mit einem Minimum an Technik erreicht wer- Unterschiede zwischen frei und mechanisch belüfte-
potenzial. den. ten Bürogebäuden aus Nutzersicht. Dissertation der
Beim Energiethema Licht steht eine verbesser- Für diese Strategien haben sich im allgemei- Technischen Universität München 2005
te Nutzung des Tageslichts im Vordergrund. nen Sprachgebrauch die Begriffe »Hightech«
Ergänzend ist eine technische Optimierung des und »Lowtech« etabliert. Da, wie in den meis-
Kunstlichts z. B. durch Differenzierung der ten Fällen, keine dieser reinen Lehren allein
Beleuchtungsstärken, Auswahl energiesparen- umsetzbar ist, erreicht ein abgestimmtes
der Leuchtmittel und bedarfsgerechte Rege- Zusammenspiel beider Strategien, das den
B 1.68 Randbedingungen, Anforderungen, Dienstleis-
lung anzustreben. so genannten passiven oder kybernetischen tungen und Energiethemen
Der Bedarf an elektrischer Energie, der über (selbstregelnden) Systemen den Vorrang lässt, B 1.69 die zehn Bausteine des energieoptimierten
das Kunstlicht und die Luftführung hinausgeht, meist das beste Ergebnis. Bauens nach Energiethemen

61
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.1
Gebäude müssen immer in Zusammenhang mit Stadträume oder der so genannten Zwischen-
ihrem Umfeld betrachtet werden. Zahlreiche städte bieten nur erste Anhaltspunkte. Sinken-
Faktoren wie Klima, Landschaft, Topografie, de Bevölkerungszahlen und kleinere Haus-
bauliches Umfeld, Verkehr und Infrastruktur haltsgrößen bedingen andere Lebensmodelle
wirken auf jedes Bauwerk ein und bestimmen und erzeugen eine sich verändernde Bedarfs-
den städtebaulichen Kontext sowie das Ener- struktur.
gieangebot. Architektur ist zudem meist in ein
komplexes Netzwerk von Ver- und Entsorgungs- Geschichte der Flächennutzung
systemen eingebunden. Dabei umfasst die Ver- In der mittelalterlichen Stadt wurde das produ-
netzung nicht allein die technische Infrastruk- zierende Gewerbe in den ebenerdigen Etagen
tur, sondern auch soziale und kulturelle Ein- der Häuser untergebracht, in den darüberlie-
richtungen, um Mobilität, Kommunikation und genden Etagen gewohnt. Oft waren auch die
andere Dienstleistungen sicherzustellen. Dies das Umland bewirtschaftenden Landwirte in
entspricht der technischen und ökonomischen die Stadtstruktur integriert. Das Wachstum der
Vernunft sowie der Natur des Menschen als Städte vollzog sich dadurch, dass platzinten-
soziales Wesen, das auf Nachbarschaften, sive Nutzungen, z. B. Bauernhöfe und landwirt-
soziale und kulturelle Angebote angewiesen schaftliche Funktionsflächen, ausgelagert wur-
ist. Schließlich macht eine hoch arbeitsteilige den.
Beschäftigungsstruktur den Zugang zu Arbeits- Durch die Industrialisierung und das damit ver-
plätzen, Handel und Gewerbe notwendig. bundene Bevölkerungswachstum in den Städ-
Dichte städtische Strukturen sind für eine ener- ten entstand ein rapide ansteigender Flächen-
gieeffiziente, wirtschaftliche Bereitstellung von bedarf, der zu dichten Blockstrukturen führte,
Dienstleistungen und den Betrieb von Gebäu- die heute noch ganze Stadtteile prägen. Dabei
den in der Regel am besten geeignet. Neben wurden Freiräume und öffentliche Flächen auf
der standortgerechten Planung und der tech- ein Minimum reduziert. Diese kleinräumliche
nischen Infrastruktur ist eine effiziente Flächen- Flächeneffizienz brachte z. B. das Berliner Zim-
nutzung ausschlaggebend für eine energe- mer hervor: große Räume in den Ecken der
tische Optimierung von Baukörper und Stadt- Block-Hof-Strukturen, die jedoch nur über sehr
raum. geringen Lichteinfall verfügten. Die extrem ver-
dichtete Bebauung deckte zwar den Wohnbe-
darf, erfüllte jedoch kaum hygienische Notwen-
Flächennutzung digkeiten.
Der Wert von Freiraum und Erholungsfunktion
Der Umgang mit Landfläche als endliche Res- wurde offensichtlich. Als Idealbild des Lebens
source war schon immer geprägt von verschie- in der Landschaft entwickelten sich zunächst
denen Interessen und dem Gebot effizienter vor den eigentlichen Städten neu angelegte
Nutzung. Die Bebauung steht in Konkurrenz Gartenstädte, die erste Teilzentren in urbanen
zur Nahrungs- und Energieproduktion, zur Roh- Räumen schufen.
stoffversorgung, zur Erhaltung von Natur, Land- Als Antwort auf übervölkerte Strukturen,
schaft und Artenvielfalt sowie zu vielen anderen schlechte gesundheitliche Bedingungen und
B 2.1 scheinbare Raumerweiterung durch Spiegelung, Funktionen. fehlende Freiraumangebote proklamierten
Wohnhäuser als Nachverdichtung und Blockrand- Innerhalb bebauter Gebiete konkurrieren ande- Stadtplaner und Architekten in den 1920er-
schließung, Paris (F) 2000, Herzog & de Meuron
re Nutzungen und Belange um Raum. Gesteu- Jahren das Motto »Luft, Licht und Sonne«. Es
B 2.2 Entwicklung des Heizwärmebedarfs von Gebäu-
den nach Baujahr und Anteil im deutschen ert sind sie von sozialen Wertvorstellungen und wurden z. B. Abstände zwischen den Gebäu-
Bestand durch technische Vorgaben, durch die Öffent- den definiert, die eine Besonnung aller Wohn-
B 2.3 sektorbezogener Energieverbrauch in Deutsch- lichkeit oder wirtschaftliche Einzelinteressen. räume zuließen, und erste Blockstrukturen
land im Jahr 2005 Immer spielt dabei das Entwicklungsmuster der entkernt (Abb. B 2.29).
B 2.4 plakative Verbildlichung der Forderungen der
Charta von Athen 1929
Flächennutzung für die Effizienz eine zentrale Die Charta von Athen im Jahre 1929 versuchte,
B 2.5 Verhältnis von Bebauungsdichte und Energiever- Rolle. Die prototypischen Modelle monozent- das Problem durch eine umfassende Neustruk-
brauch ausgewählter Städte risch, polyzentrisch und sektoral organisierter turierung von Städten zu lösen. Besonders die

62
Stadtraum und Infrastruktur
Heizwärmebedarf [kWh / m2 a]

300 bis 1918 1919−48 1949−57 1958−68 1969−77 a b c d e a erste Wärmeschutz-


verordnung, 1977
250 b zweite Wärmeschutz-
verordnung, 1984 15,7 %

Stand der Technik


26,8%
c dritte Wärmeschutz-
200 verordnung, 1995
d Energiestandard
150 EnEV 2002, EnEV 2007
28,8 %
e Passivhausstandard
100 28,7 %
Industrie
Verkehr
50 Haushalte
Gewerbe,
0 Handel,
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Dienst-
Wohnungsbestand [%] leistungen
B 2.2 B 2.3
Forderungen nach großzügigen Freibereichen schiedlichen Räume gewinnen dadurch eine
für Stadtbewohner, Stärkung der Einzelfunktio- Gleichwertigkeit in der Betrachtung, ohne ihre
nen und die Erhöhung der Ordnung im System eigene Identität zu verlieren. Jeder Raum über-
bildeten die Basis städtebaulicher Zielsetzun- nimmt für sich eine zentrale Funktion in der Ver-
gen (Abb. B 2.4). Aus Teilzentren wurden sorgung.
selbst Städte, die funktional z. B. als Wohnstadt Dies bedeutet kein romantisierendes »Zurück
bezeichnet wurden. zur Natur«. Auch hinterlassene Altlasten und
Die klare Trennung von Nutzungen widerstrebt Brachen können neue Qualitäten hervorbrin-
allerdings dem Strukturverständnis des Sys- gen. So bezeichnen die »Landmarken« zur
tems Stadt an sich. Synergien zwischen den Stärkung der lokalen Identität über die IBA
einzelnen Nutzungen können sich nicht mehr Emscher Park oder die neu entstehende Seen-
bilden, Strukturen müssen doppelt errichtet, landschaft in der Niederlausitz durch die IBA
Bedarfe doppelt gedeckt werden. Dadurch Fürst-Pückler-Land einerseits Folgen des bis-
wird Verkehr erzeugt, Raum, Zeit und Energie herigen Energieumgangs, erzeugen anderer-
verschwendet (Abb. B 2.5). Sekundäre Effekte seits jedoch Bilder für eine neue Zukunft (siehe
sind die zunehmende Umweltbelastung in Material, S. 167). Sie sind Sinnbild energie-
Stadträumen und die reduzierte Lebensquali- effizienter und nachhaltiger Entwicklung, in der
tät für die Bewohner. auch die negativen Folgen früheren Handels
Die Reduktion von Flächenverbrauch schafft aufgearbeitet und in einen neuen Mehrwert
Dichte, ermöglicht eine »Stadt der kurzen umgewandelt werden.
Wege« und einen effizienten Energieeinsatz.
Sinnvoll dimensionierte Kleinzentren decken Dichte und Energie
den täglichen Bedarf, spezielle bauliche Ange- Innerhalb eines Vergleichs des Pro-Kopf-Ener-
bote wie Museen können auch ausgefallene gieverbrauchs verschiedener Städte zeigt sich
Wünsche bedienen. Die Stadt grenzt sich mit eine deutliche Abhängigkeit von Dichte und
einem solchen Idealbild klar von dem umge- Energieeffizienz. Dicht besiedelte Städte verfü- B 2.4
80 000
jährlicher Ölverbrauch pro Einwohner [l]

benden Freiraum ab, der für die Versorgung gen über einen bis zu Faktor acht reduzierten
mit Lebensmitteln, Natur und Energie lebens- Energieverbrauch. Ab 75 Personen pro Hektar Houston
notwendig ist. Diese Freiraumqualitäten stellen schwächt sich die Wirkung von Dichte auf den Phoenix
zugleich hohe Nutzungsqualitäten dar. Eine Energieverbrauch ab. Bei mehr als 150 Perso- Detroit
energetisch wie räumlich optimierte Flächenge- nen pro Hektar ist nur noch eine geringe Ein-
staltung sorgt für eine durch vielfältige Qualitä- sparung möglich (Abb. B 2.5). 60 000
Los Angeles
ten gleichzeitig nachhaltige Entwicklung des San Francisco
Raumes. Neubau und Energie Washington DC
Grundsätzlich ist daher eine verdichtete Bau- Chicago
Energie und Raum weise im Neubau zu fördern. Der Energiebe- New York
Biogene Energiequellen ermöglichen die Wie- darf eines Gebäudes wächst jedoch mit zuneh- 40 000
Melbourne
dergewinnung lokaler Arbeitsplätze im länd- mender Höhe. Gesteigerte statische Bedarfe Adelaide
lichen Raum, diversifizieren und stabilisieren verringern den nutzbaren Raum und erhöhen Sydney
ihn, schaffen zusätzliche Einkommensquellen die in den Baustoffen gebundene Energie. Toronto

und lassen die vielfältige Schließung von Stoff- Energetische Erschließungshilfen (z. B. Auf-
kreisläufen zu. Die Energieerzeugung reduziert züge) oder notwendige technische Lüftung
20 000
sich nicht mehr auf eine zentralistisch gesteuer- verbrauchen zusätzlich Raum und Energie. Paris
Zürich
Frankfurt
te Bedarfsdeckung, sondern erlaubt auf lokalen London
Begebenheiten basierende, spezifische Lösun- Bestand und Energie Amsterdam
Wien
Singapur
gen. Bestehende Gebäude sind die in urbanen Räu-
Die bisher übliche, häufig auf die Agglomera- men langfristig verfügbare Ressource, in die Hongkong
Moskau
tionen reduzierte Betrachtungsweise von länd- heute etwa 80 % der Bauinvestitionen fließen. 0
lichen und urbanen Räumen wird aufgebrochen. Im Zuge solcher Maßnahmen im Bestand ist es 0 50 100 150 200 250 300
Die strukturell und gestalterisch sehr unter- naheliegend, deren Energieverbrauch zu sen- Bebauungsdichte [Person/ ha]
B 2.5

63
Stadtraum und Infrastruktur

historische Bauform typische Dachform


B 2.6 klassische Bautypologien nach Klimazonen:
a kalt
b gemäßigt
a 96 % 100 % c trocken-heiß
d feucht-warm
B 2.7 Transmissionswärmeverluste verschiedener Kör-
per gleichen Volumens
B 2.8 schematische Darstellung nachverdichteter
b 98 % 133 % Strukturen im Wohnungsbau
B 2.9 Ausrichtung des Baukörpers zur passiven Nut-
zung von Solarenergie, Wohnungsbau, Berlin (D)
1997, Assmann Salomon und Scheidt
B 2.10 Ausrichtung des Baukörpers zur aktiven Nutzung
c 100 % 142 % von Solarenergie, Wohnungsbau, Dornbirn (A)
1999, Roland Gnaiger, Udo Mössler
B 2.11 verdichteter Wohnungsbau, Hamburg (D) 1998,
Atelier 5
B 2.12 schematische Darstellung von Nutzungen und
d 112 % 200 % Proportionen eines Gebäudes nach Klimazonen
B 2.6 B 2.7
ken. Das Einsparpotenzial reicht bei Wohnge- Ebene. Eine nachhaltige Entwicklung basiert für dessen wirtschaftliches Überleben notwen-
bäuden bis zum Faktor zehn (Abb. B 2.2), bei auf einer Verknüpfung unterschiedlicher dig. »Business Improvement Districts« (BID),
Sondernutzungen wie Schwimmbädern sogar Bedürfnisse und Interessen, um integrativ über- die seit 2007 auch im deutschen Baugesetz-
darüber hinaus. geordnete Bedarfe zu decken und lokale Quali- buch verankert sind, versuchen z. B. innerstäd-
Sanierung (Anpassung an den aktuellen tech- täten zu erhalten. tische Zonen durch verstärkte Rückkopplung
nischen Standard) und Modernisierung (Erhö- an Bedarfe und Nutzer zu stärken. Auf der
hung des Gebrauchswerts) bedingen sich Energetische Integration anderen Seite geht es auch um die Erhaltung
dabei gegenseitig. Bei energetischen Maßnah- Den vor allem von der Großindustrie herbeige- ökologischer Qualitäten wie z. B. der Biodiver-
men erfolgt gleichzeitig die Erhöhung des wünschten »Big Shot« in der Effizienz – im Hin- sität. Miteinander vernetzte, den urbanen
Komforts, die ohne gleichzeitige Erhöhung des blick auf eine technologiereduzierte Problemlö- Raum gliedernde Freiräume verschmelzen
energetischen Standards nicht voll wirksam sung in der Energieversorgung, z. B. in der Rückzugsräume für Flora und Fauna mit er-
werden kann. Je nach Art der Betrachtung kön- Kraftwerkstechnik die Technologie der CO2- höhtem Erholungs- und Freizeitangebot für
nen folgende Arbeitsfelder entstehen: Abspaltung – kann und wird es aufgrund der den Menschen.
Vielschichtigkeit der auftretenden Probleme
• Modernisierung: nicht geben. Alle bestehenden Strukturen zur Soziale Integration
Modernisierungen ermöglichen bei nicht zeit- Energieversorgung sind auf die Möglichkeit Für die Erhaltung und Steigerung der Attrakti-
gemäßer Raumstruktur eine Anpassung der des Umbaus auf erneuerbare Energieträger zu vität des urbanen Raumes sind bezüglich der
Gebäude an bestehende Komfortstandards. überprüfen. Die Abstimmung dezentraler und demografischen Entwicklung und der verän-
Sie basieren energetisch auf der Optimie- zentraler Energieerzeugung zieht zwar einen derten sozialen Anforderungen bestimmte
rung von Gebäudehülle (siehe S. 82) und erhöhten Regelungsbedarf nach sich, führt Reaktionen notwendig, die in neue Ziele für
Technik (siehe S. 110) jedoch in der Vielfalt der Angebote auch zu das Bauen münden:
• Umnutzung (Konversion): einer größeren Versorgungssicherheit.
Die bauliche Wiederverwendung von Gebäu- Hinzu kommt eine Zusammenführung der heute • Zugänglichkeit:
den erhält das gewohnte Bild der Stadt und noch weitgehend voneinander getrennten Ver- Barrierefreiheit ermöglicht eine Nutzung ohne
zugleich die in Baustoffen gebundene Ener- brauchsentwicklung und Energieerzeugung. fremde Hilfe für alle Menschen.
gie. Nutzungsbezogen führt sie zu einer bes- Innerhalb der Gebäude ist künftig die passive • Identitätsbildung:
seren Bedarfsdeckung im urbanen Raum und aktive Nutzung von Energiequellen auf- Stadtraum und Gebäude wirken bei individu-
und kann zu einer erhöhten Nutzungsdichte einander abzustimmen (Abb. 2.9 und 10). eller Gestaltung identitätsstiftend. Sie erhal-
beitragen. Energieflüsse und Bedarfe können jedoch nicht ten und stärken lokale Besonderheiten und
• Nachverdichtung: allein auf einzelne Gebäude beschränkt blei- tragen zur räumlichen Vielfalt bei. Privater,
Nachverdichtungen erfüllen dieselben Fakto- ben. Die Bilanzgrenze muss mittelfristig auf halböffentlicher und öffentlicher Raum ermög-
ren wie Konversionen und schaffen zusätz- Gebäudeensembles bis hin zu Stadtteilen
lich Wohn- und Arbeitsraum (Abb B 2.1). erweitert werden.
Sie können auf eine Parzelle bezogen Rand-
flächen schließen, die Parzellentiefe besser Nutzungsintegration
ausnutzen oder bestehende Strukturen auf- Die Versorgung mit Dienstleistungen ist ent-
stocken und zum Erhalt der Bevölkerungs- scheidend für die nachhaltige Entwicklung
dichte bei höherem Wohnbedarf und sinken- einer urbanen Struktur. Eine Nutzungsmischung
den Haushaltsgrößen beitragen (Abb. B 2.8). wirkt sich immer positiv auf den Energiever- Aufstockung Erweiterung Anbau
brauch aus, weil Verkehr vermieden wird. Kann
Nachhaltige Raumentwicklung ein Bedarf lokal nicht gedeckt werden (Innen-
Der urbane Raum kann nur aus dem Zusam- verkehr), bewegt sich der Mensch in einen an-
menspiel von baulicher Nutzung, Freiräumen deren urbanen Raum, um dort seinen Bedarf
und der Vernetzung mit benachbarten Räumen zu decken (Außenverkehr). Große Supermärkte
funktionieren. Urbane Räume sind heute sehr verfügen z. B. über Einzugsgebiete bis zu
heterogen – sowohl in der Flächennutzung 200 km. Eine Überschreitung von 20 % Außen-
als auch in der Versorgung. Über die Stärkung verkehr führt dazu, dass Energie, Ressourcen
von Heterogenität und Individualität erhöht oder Wirtschaftskraft aus einem Raum abflie-
sich die Attraktivität des Raumes auf energe- ßen [1]. Die letztlich durch den Menschen be- Block- Innenhof-
tischer, nutzungsbezogener und sozialer wertete Attraktivität eines Raumes ist also struktur bebauung
B 2.8

64
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.9 B 2.10 B 2.11


lichen die Identitätsbildung auf unterschied- Standortgerechte Planung lichst gering ist (A / V-Verhältnis, Abb. B 2.7).
lichen Ebenen (Abb. B 2.11). • gemäßigte Zone (gemäßigt):
• Integration: Das am Standort vorherrschende Klima In gemäßigten Klimata sind Transmissions-
Der immer stärkeren Segregation innerhalb bestimmt das verfügbare Energieangebot und wärmeverluste und Zugerscheinungen
sozialer Strukturen kann z. B. durch vielfälti- damit auch die gestalterischen Entwicklungs- besonders zu beachten. Unerwünschte ther-
ge, durchmischte, über Nachbarschaftshilfen möglichkeiten (siehe Grundlagen, Abb. B mische Effekte werden durch dichte und gut
verknüpfte und wandelfähige Wohntypen 1.43). Energien können auf verschiedene gedämmte Wände reduziert, unterstützt
entgegengewirkt werden. Treff- und Kommu- Weise für das Gebäude bereitgestellt werden. durch Speichermassen. Das Dach besitzt ein
nikationspunkte im Außen- und Innenraum Die Gebäudehülle dient dazu, vor den negati- mittleres Gefälle, das Niederschlag gut
fördern den Austausch. ven Auswirkungen des Klimas zu schützen und abführt und gleichzeitig einen geringen
• Mitbestimmung: ggf. Energien für das Gebäude aus der Umwelt Windwiderstand bietet. Je größer die Ener-
Attraktivität, Raumvielfalt und vor allem Iden- zu gewinnen (siehe Gebäudehülle, S. 85). gieverluste durch die thermische Hülle sind,
tifikation basieren auf der Möglichkeit der desto relevanter wird die Kompaktheit.
Einflussnahme der Beteiligten. Planungspro- Makroklima • Subtropen (trocken-heiß):
zesse sind entsprechend offen zu gestalten Das Makroklima schafft je nach Klimazone Die hohen Temperaturschwankungen über
(siehe Strategien, S. 188). unterschiedliche Voraussetzungen für das Tag und Nacht werden durch schwere
menschliche Wohlbefinden. Die einwirkenden Gebäude mit hohen Speichermassen kom-
Aus der Definition der Nachhaltigkeit nach Klimafaktoren haben über die Entwicklung des pensiert, z. B. aus Stein oder Lehm. Eine
Gro Halem Brundtland wird deutlich, dass Bauens zu typischen Bauformen in den einzel- typischerweise dicht-urbane Bauweise
Hinterlassenschaften für kommende Genera- nen Klimaregionen geführt (Abb B. 2.6): ermöglicht gegenseitige Verschattung und
tionen nicht nur Werte bedeuten, sondern auch reduziert die solare Aufheizung. Die flachen
Probleme mit sich bringen können [2]. Gebäu- • Polarzone (kalt): Dächer sammeln den geringen Nieder-
de sind Objekte, die Generationen überdauern, Traditionelle Bauformen in den kalten Klima- schlag; überschüssiges Wasser trägt über
und sollten deshalb einen langfristigen Nutz- zonen nutzen häufig die Dämmwirkung von Verdunstung zur Kühlung bei. Kleine Fenster
wert bieten. Anpassungsfähigkeit an sich ver- Holz. Die Dächer sind in der Regel flach lassen wenig Solarstrahlung in das Gebäude
ändernde Bedürfnisse und vorgeplante Wan- geneigt, nutzen im Winter den Schnee als eindringen. Die Haupträume liegen zumeist
delbarkeit von Gebäuden müssen als poten- zusätzliche Dämmschicht und bieten gleich- ebenerdig auf der kühlen Bodenplatte.
zieller Mehrwert entsprechend berücksichtigt zeitig Schutz gegen kalte Winde. Besonders • Tropen (feucht-warm):
werden, was nicht allein für Funktion und Nut- in kalten und gemäßigten Zonen herrschen Das immerfeuchte Klima mit geringen Tempe-
zung, sondern ganz besonders auch für Tech- kompakte Bauweisen vor, bei denen die raturschwankungen über den Tagesverlauf
nik und Energieversorgung gilt. Außenfläche im Verhältnis zum Volumen mög- macht gebäudeintegrierte Speichermassen

Platzierung von Platzierung von optimales Platzierung massiver Verwendung von Atrien energetischer
Nebenflächen Bereichen mit Seitenverhältnis Gebäudeteile a als Solarfalle Gebrauchswert
solaren Gewinnen Länge: Breite b zur Belüftung und Kühlung für Atrien

kalt 1: 1 a a

gemäßigt 1: 1,6 a

trocken 1: 2 b b

tropisch 1: 3 b
B 2.12

65
Stadtraum und Infrastruktur

Tag Gegenströmung

Sonnenaufgang (Berg- Sonnenuntergang (Talwind


wärmere wind und Hangaufwind) und Hangabwind)
Seewind Landluft
kühlere See-
oder Meeresluft Front des Seewindes

Nacht
Gegenströmung
Mittag (Hangaufwind Mitte der Nacht (Hang-
und Talwind) abwind und Bergwind)

kühlere
Landluft
wärmere See-
oder Meeresluft Landwind
später Nachmittag früher Morgen, vor Sonnen-
(Talwind) aufgang (Talwind)
B 2.13 B 2.14 B 2.15
weitgehend unwirksam. Daher sind die her- tions- und Speicherfähigkeit der Oberfläche, bebauter Räume besitzt aufgrund der hohen
kömmlichen Bauweisen in den Tropen die sich besonders beim großräumigen »See- Rauigkeit geringere Windgeschwindigkeiten;
zumeist aufgeständerte Leichtbauten aus klima« an Meeresufern oder an großen Seen die Nutzung und die vorhandenen Oberflächen
Holz. Sie schützen einerseits vor eindringen- bemerkbar machen. Wasser weist ein sehr erhöhen den Staubanteil, der vermehrt Luft-
der Feuchtigkeit, andererseits ermöglichen geringes Albedo (Reflexionsanteil der Global- feuchte an sich bindet. Dadurch fällt in urbanen
sie kühlende Effekte durch einen hohen Luft- strahlung) von ca. 5 % auf, absorbiert also Räumen mehr Niederschlag als im Umland,
austausch. Die Dachformen sind als Regen- nahezu die gesamte auftreffende Energie (Abb. besonders in der Abwindfahne der Städte. Die
wie als Sonnenschutz ausladend und steil. B 2.18). Aufgrund seiner hohen Speichermasse Erhöhung des Niederschlags beträgt für mittel-
Geschlossene Wände würden die kühlende und entstehender Verdunstungskühle erwärmt europäische Städte ca. 10 %. Zusätzlich steigt
Luftzirkulation behindern und werden deshalb sich Wasser über den Tag nur gering. Land- das Risiko sommerlicher Gewitter.
häufig durch luftdurchlässige Öffnungen oder massen heizen sich deutlich schneller auf und Aufgrund der erhöhten, verfügbaren adiabaten
Flechtwerke ersetzt. erzeugen so durch die über dem Land als Kühlleistung müssten urbane Räume theore-
Thermik aufsteigende Luft einen Unterdruck; tisch kühler sein als das Umland. Faktisch
Auch wenn traditionelle Bautypologien oft nicht die über dem Meer abgekühlte Luft strömt haben Städte im Vergleich zum Umland aber
mehr in der Lage sind, heutige Anforderungen landeinwärts. Nachts sinkt die Temperatur auf messbar erhöhte Temperaturen. Diese entste-
zu erfüllen, liefern sie doch wertvolle gestalte- dem Land deutlich, nicht jedoch über dem hen zum einem durch im Verhältnis zum
rische Anregungen und Lösungsansätze. So Meer – der Prozess kehrt sich um (Abb. B 2.14). Umland höhere Absorptionsgrade städtischer
lassen sich für zeitgemäße Bauten typische Ähnliche Effekte lassen sich auf Landmassen Oberflächen und zum anderen dadurch, dass
Positionen für Erschließung, solar aktivierte Flä- bei unterschiedlichen Oberflächen nachwei- der Niederschlag, bevor er lokal verdunsten
chen, Orientierung, Speichermassen oder Atri- sen, allerdings weniger signifikant. Die erhöhte kann, über die Kanalisation aus dem Stadtraum
en herleiten (Abb. B 2.12). Rauigkeit der Oberflächen führt in Bodennähe abgeführt wird. Weil damit die Anreicherung
zu geringeren Windgeschwindigkeiten und von Grundwasser verringert wird, verfügen
Mesoklima erhöhten Windverwirbelungen (Abb. B 2.19). städtische Räume meist über abgesenkte
Unterschiedlich starke solare Besonnung sorgt Aufgrund der Topografie entstehen über die Grundwasserspiegel. Für urbane Räume sind
für lokale Temperaturunterschiede der Erd- verstärkte Besonnung und Beschattung ein- deshalb besonders die ungehinderte Frischluft-
oberfläche und der erdnahen Luftschichten. zelner Oberflächen z. B. Hang- und Talwinde zufuhr und die Bewahrung des Niederschlags-
Druckdifferenzen infolge von Temperaturunter- (Abb. B 2.15). Zusammen bilden diese Fakto- wassers im Stadtsystem bedeutsam.
schieden erzeugen Hoch- und Tiefdruckgebie- ren die zentralen Bestandteile des lokalen
te, die sich untereinander ausgleichen, indem Windsystems. Frischluftzufuhr
Luft vom Hochdruck zum Tiefdruck strömt. Es Die aus dem Umland in den Stadtraum boden-
entstehen Seewinde, topografisch bedingte Stadtklima nah zufließende kühlere Luft benötigt definierte
Strömungen oder lokale Thermik. Für die meisten Baumaßnahmen ist das Stadt- Fließräume, die über eine geringe Rauigkeit der
Bestimmende Faktoren sind die solare Absorp- klima relevant (Abb. B 2.17). Die Atmosphäre Oberflächen verfügen. Solche »Frischluft-
Stadtkern
Stadt Taunus

Wald

B 2.13 Central Park, New York (USA)


B 2.14 Seewinde über den Tagesverlauf
B 2.15 Hang- und Talwinde über den Tagesverlauf radiale Grünerschließung Wiesbaden
B 2.16 schematische Darstellung städtischer Systeme z.B. Hamburg
zur Frischluftzuführung, Beispiel Wiesbaden
B 2.17 Aufbau der Stadtatmosphäre sowie grundsätz-
liche Abhängigkeiten innerhalb des Systems
B 2.18 Albedo verschiedener Oberflächen
B 2.19 Windgeschwindigkeiten in Abhängigkeit von der
Rauigkeit α und der Höhe über Grund
B 2.20 schematische Darstellung der Niederschlags-
führung im Stadtteil Kronsberg, Hannover (D)
B 2.21 Wasserflächen als Teil der Wasserversorgung konzentrische Grünerschließung
und der adiabaten Freiraumkühlung, Autobahn- (Green Belt)
raststätte bei Abbeville (F) 1998, Bruno Mader z.B. London
B 2.16

66
Stadtraum und Infrastruktur

Albedo [%]
Landklima Stadtklima Landklima 100
90

Hauptwindrichtung
80
frischer weißer
Staub erhöhter Schnee Anstrich
70
Niederschlag
Aufheizung
60
alter
Schnee
Verdunstung 50
Frischluft Frischluft
trockener
40
Sand Wände
Eis roter, brauner,
30
Wüste grüner Anstrich
Dächer
20
Wiesen Stadt
Grundwasserstand Straßen Wald
10
Wasser
0
B 2.17 B 2.18
schneisen« können z. B. Fluss- oder Bachläufe, Wasserkreislauf abzupuffern und zur Verbesserung der
Niederungen, Verkehrswege oder offene Frei- Bei starkem Niederschlag können Oberflächen- Böden beizutragen.
räume sein. Die Bebauung und die Freiraum- gewässer und Kanalisation den auftretenden
gestaltung definieren dabei das System der Wasserstrom – besonders von versiegelten Flä- • Entsiegelung:
Stadtdurchlüftung. Als besonders nützlich chen – nur bedingt aufnehmen. Dann werden Möglichst viele städtische Oberflächen soll-
haben sich um den Stadtkern gelegte Grün- größere Rohrquerschnitte und der Bau von auf- ten wasserdurchlässig sein. Dabei ist eine
gürtel (z. B. in London) oder auf den Stadtkern wendigen Regenwasserrückhaltebecken meist eventuelle Gefährdung der Grundwasser-
zulaufende Freiraumradialen (z. B. in Hamburg) als zwingend erforderlich erachtet. Durch eine qualität durch mitgeführte Schadstoffe
erwiesen (Abb B 2.16). Eine zum Stadtkern hin veränderte Gestaltung von Freiflächen und (Öle etc.) zu berücksichtigen. Der Grad
zunehmende Verdichtung unterstützt durch Gebäuden lassen sich jedoch solche kosten- der Durchlässigkeit wird über so genannte
erhöhten Auftrieb das lokale Windsystem. In intensiven technischen Anlagen weitgehend Abflussbeiwerte definiert (Abb. B 2.22).
einzelnen Städten treten verstärkt Inversions- vermeiden (Abb. B 2.20 und 21). Hierzu gehö- • Sickerflächen:
wetterlagen auf, d. h. eine kältere Luftschicht ren alle Maßnahmen, die den Wasserkreislauf Niederschlag, der nicht direkt über die Ober-
legt sich über die aufgeheizte Stadtatmosphäre des lokal gefallenen Niederschlags so wenig flächen in den Wasserkreislauf zurückgeführt
und lässt kaum Luftaustausch mit dem Umland wie möglich unterbrechen, seinen Abfluss ver- werden kann, sollte versickert werden. Die
zu. Dem kann durch unterschiedlich starke Ab- zögern, Wasser als Potenzial vor Ort erhalten Art der Sickerfläche ist abhängig vom jeweili-
sorptionsgrade von Flächen und somit durch und über erhöhte Verdunstung das Mikroklima gen Boden. Die Versickerung kann etwa über
die bewusste Erzeugung von thermischen Luft- in der Stadt positiv beeinflussen (Abb B 2.17): Mulden erfolgen, deren Größe überschlägig
bewegungen entgegengewirkt werden. 10 bis 20 % der zu entwässernden Fläche
Innerhalb des urbanen Systems bewirken auch • Wasserrückhaltung: betragen sollte. Häufig werden zusätzlich
große Parkflächen im Stadtgebiet einen posi- Rückhaltung von Wasser kann technisch hohlraumdurchzogene Rigolen aus Kies oder
tiven durchlüftenden Effekt (z. B. der Central oder naturnah, zentral in Rückhaltebecken Schotter eingesetzt. Sie verringern den Flä-
Park in New York, Abb. B 2.13), der durch ein oder dezentral in Zisternen erfolgen. Letzte- chenbedarf, erhöhen das kurzzeitige Spei-
Netz von Grünverbindungen noch unterstützt res ermöglicht durch Regenwassernutzung chervolumen und ermöglichen eine konstante
werden kann. Die frische Zuluft aus Umland gleichzeitig eine Reduktion des Trinkwasser- Versickerungsleistung (Abb. B 2.24 und 25).
oder aus Parks verfügt über einen erhöhten verbrauchs. Eine Pufferung der Wassermas- • Verdunstung:
Anteil biogener Schwebstoffe wie Blütenpollen. sen auf Gründächern oder in Oberflächenge- Oberflächengewässer und Vegetation tragen
Bei der Verknüpfung von Individualverkehr wässern verbessert das Mikroklima, vermei- in Stadträumen über ihre Verdunstungsleis-
und Frischluftzuführung entsteht durch Ver- det Temperaturspitzen und reduziert den tung zur Verringerung der Abwassermengen
kehrsabgase wie Stick- oder Schwefeloxide Staubanteil in der Luft. An Flüssen bieten und zu einer Temperaturabsenkung bei. Sie
eine Feinstaubproblematik, indem Abgase sich großdimensionierte Flutmulden die Möglich- dienen zugleich der Landschaftsgestaltung
an den Pollen anlagern und diese in Allergene keit, die Speicherkapazität des Oberflächen- und erhöhen damit die Aufenthaltsqualität
umwandeln. gewässer zu erhöhen, Hochwasserspitzen deutlich.
Höhe über Grund [m]

100 % 100 % 4 4 4 5
93% 93%
500

100% 90% 80% 1 1 1


400
Erschließungsstr.

Erschließungsstr.

300 2

3b
100 % 93% 82% 72%
200 3a

92% 85% 72% 59%


100 3a 3a 3a 3a
86% 76% 62% 49%
82% 58% 40% 23%
0
offene freies Wälder/ Stadt- 1 Ableitung und Retention in den Hangalleen
See Gelände Vororte zentren 2 Speicherung
α= 0,1 α=0,16 α =0,22 α =0,35 3a Versickerung 3b Retentionsflächen Hangfuß
4 Drosselabflussnetz
B 2.19 B 2.20 B 2.21

67
Stadtraum und Infrastruktur

Oberfläche Abflussbei-
wert [-]
Dächer, Neigung ≥ 15 ° 1,0 1
Beton- und Asphaltflächen 0,9
Pflasterflächen 0,75
Kiesdächer, Höfe, Promenaden 0,5
Betonpflaster, versickerungsfähige Fugen 0,40 2 Entnahme
Filterkies
Granitpflaster, versickerungsfähige Fugen 0,33 2 Dränrohr
Dachgärten 0,3 Filtersand- Verfüll-
Spiel- und Sportplätze 0,25 substrat material
ggf. Geotextil Brauch-
Rasenfugenpflaster, Splittfugen 0,22 2
nichtbindiges wasser-
Vorgärten 0,15 Verfüllmaterial speicher
Schrebergärten 0,05
Parks und Anlagen an Gewässern 0
1
entspricht 100 % Wasserabfluss
2
nach Forschungsergebnissen
B 2.22 B 2.23 B 2.24
Mikroklima lässt sich durch Sonnenstandsmodelle nach- positiv aus. So entstehen z. B. über Gründä-
Innerhalb einer kleinräumigen, mikroklima- vollziehen. Damit können die Effizienz aktiver chern im Sommer Temperaturen von ca. 35 °C,
tischen Betrachtung ist besonders der lokal- wie passiver Sonnenenergienutzung ermittelt, über Kiesdächern jedoch bis zu 70 °C.
spezifische Schutz vor unerwünschten Klima- die Besonnung von Räumen und Freiflächen
wirkungen auf Gebäude von Bedeutung, aber geprüft und notwendige Verschattungsmaß- Erdreich
auch die Zugänglich- und Erschließbarkeit von nahmen eingeleitet werden. Das Erdreich absorbiert oberflächennah die
Umweltenergien. Über die Oberflächengestaltung im unmittel- einfallende Solarstrahlung. Masse und Wasser-
baren Umfeld des Gebäudes lässt sich die gehalt machen es zu einem effizienten Spei-
Solare Exponiertheit Strahlung am Gebäude verstärken, denn hohe cher. Bei mit zunehmender Tiefe gleichmäßi-
Eine hohe Globalstrahlung und eine lange Son- Anteile reflektierender Oberflächen tragen dazu gen Temperaturen über das Jahr ermöglicht
nenscheindauer deuten auf ein technisch gut bei, Strahlung und Tageslicht in das Gebäude das Erdreich ähnlich wie Grundwasser einen
erschließbares Potenzial zur Energiegewin- zu lenken. Geeignete Mittel sind helle Boden- konstanten Betrieb von Wärmepumpen bei
nung, aber auch auf die Möglichkeit der Über- beläge oder Wasserflächen, die eine einfalls- guter Effizienz, soweit unverschattete Oberflä-
hitzung von Gebäuden hin. Die Leistung der winkelabhängige Reflexion besitzen. Je flacher chen verfügbar sind.
Solarstrahlung auf horizontale Flächen liegt in die einfallende Strahlung, desto höher ist die
Deutschland im Mittel bei ca. 1000 W/m2. Der Reflexion. Windexponiertheit
Anteil der besonders gut nutzbaren direkten Besonders windexponierte Gebäude haben
Strahlung an der Globalstrahlung liegt in mittel- Wasser als »Mikroklimaregler« über ihre Gebäudehülle einen erhöhten Ener-
europäischen Breiten bei etwa 50 %, in Skandi- Wasser speichert den nicht reflektierten Anteil gieverlust. Typische Windrichtungen und
navien bei ca. 20 %. Den Klimazonen entspre- der solaren Strahlung. Als Bestandteil der - geschwindigkeiten können in einer Windana-
chend können diese Werte stark differieren Frischluftzuführung regulieren so z. B. vorgela- lyse ermittelt werden. Die auftretenden Wind-
(siehe Grundlagen, S. 54). gerte Teiche die Temperaturspitzen der Zuluft effekte lassen sich auch durch Strömungssimu-
Je nach Standort des Gebäudes im topografi- und können zu einem reduzierten Energiebe- lationen oder Windkanaltests eruieren. Zur Ver-
schen Umfeld, Vegetation und Nachbargebäu- darf des Gebäudes beitragen (Abb. B 2.23). ringerung der Windgeschwindigkeiten am
den verändern sich die mikroklimatischen Vor- Generell wirkt sich Wasserrückhaltung und Gebäude können Bäume, Hecken oder Wälle
aussetzungen für das Bauen (Abb B 2.27). Die - versickerung durch erhöhte adiabate Kühlleis- beitragen, die in gewisser Entfernung gegen
Fremd- und Eigenverschattung von Flächen tung und Speicherfähigkeit mikroklimatisch die vorherrschende Windrichtung stehen (Abb.
B 2.28). Eine direkte Fassadenbegrünung
Flächenversickerung Muldenversickerung
bewirkt hingegen nur eine geringe Einsparung
von ca. 0,5 % des Heizenergiebedarfs. Sie
senkt jedoch durch erhöhte adiabate Kühlleis-
tung die Umgebungstemperatur am Gebäude,
sodass dadurch in Bezug auf die sommerliche
Überhitzungsgefahr die Behaglichkeit steigt.
Über die Druckdifferenz an Fassaden ermög-
offene Rigolenversickerung Mulden-Rigolenversickerung licht Wind eine natürliche Gebäudelüftung.
Zusätzlich ergeben sich verschiedene kons-
truktive und technische Nutzungsmöglichkeiten
für Wind, z. B. Nachtluftspülung (siehe Gebäu-
dehülle, S. 101).

Baukörpergestaltung
Auch über die Baukörpergestaltung können
punktuelle Rigolenversickerung Mulden-Rigolenversickerung Energieverluste minimiert und Energiegewinne
maximiert werden. Art und Maß der Nutzung
definieren den entsprechenden Bedarf. So las-
sen sich z. B. für den Wohnungsbau die Räume
und Nutzungen entsprechend der erwünschten
solaren Einstrahlung und ihrem Lichtbedarf
nach Himmelsrichtungen optimiert anordnen
B 2.25

68
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.22 Abflussbeiwerte nach DIN 1986 Süd Nord Süd / West Nord / Ost
B 2.23 Wasser als Reflexionsfläche, Büro- und Werk-
stattgebäude, Weidling (A) 2002, Architekturbüro
Reinberg
B 2.24 typischer Regenwasserspeicher mit nachge-
schalteter Versickerung an einem Wohnhaus
B 2.25 schematische Darstellung verschiedener Versi-
ckerungsarten
B 2.26 Prinzipien thermischer Baukörperzonierung:
a konzentrische Anordnung
b lineare Anordnung
c geschossweise Staffelung
B 2.27 Wirkungen unterschiedlicher topografischer a b c
Lagen auf mögliche solare Energiegewinne und
-verluste infolge von Wind B 2.26
B 2.28 mikroklimatisch wirksame Elemente und ihre
Wirkung auf den Baukörper
B 2.29 bevorzugte Nutzungsanordnung im Wohnungs- Windrichtung
bau N

(Abb. B 2.29) und sinnvolle Fensterflächen-


anteile festlegen (siehe Gebäudehülle S. 90).
Mikroklimatische Faktoren können in Verbin-
dung mit Nutzungsanforderungen den Baukör-
per auf vielfältige Weise strukturieren. freie Lage geschützte Mulde, Südhang- Kuppen-
(Referenz) Lage Kaltluftsee lage lage

Grundrisszonierung Differenz der Umgebungs- ± 0°C k.A. -3 °C +2 °C -1 °C


temperatur
Nutzungszonen können sich z. B. nach Tempe- ±0%
Wärmeverluste k.A +25 % - 17 % +10 %
raturanforderungen, dem Tageslichtbedarf
Wärmeverluste ±0% -50% k.A +100 % +100 %
oder nach bevorzugten Zeiten des Aufenthalts
durch Wind
von Nutzern richten. Energetisch wirksam ist
vor allem die thermische Zonierung: Haupt- B 2.27
nutzungen werden durch vorgelagerte Puffer- Sonneneinstrahlung geringe Aufheizung
räume oder Nebennutzflächen thermisch ge-
schützt (Abb. B 2.12). Bei Gebäudetypen mit
einem hohen Wärmebedarf (z. B. Wohnungs- Verringerung der
bauten) gibt es drei prinzipielle Zonierungs- Windgeschwindigkeit
möglichkeiten (Abb. B 2.26). Verdunstung Verdunstung
Verdunstung
• konzentrische Zonierung:
Die konzentrische Zonierung ermöglicht hohe Reflexion Fassaden-
Gebäudetiefen und integriert die klimatisch begrünung
zu schützenden, thermisch stabil zu halten-
den Nutzungen in den Gebäudekern.
• lineare Zonierung:
Eine lineare Zonierung basiert auf der Orien-
Grundwasserspiegel Wasserversickerung
tierung zur Sonne. Die Räume mit dem größ-
ten Licht- und Wärmebedarf sind nach B 2.28
Süden, Osten oder Westen ausgerichtet, die
geringer oder nicht dauerhaft zu beheizen- Haushaltsräume
Vorratsräume
den nach Norden. Eingang / Treppenhaus
• geschossweise Zonierung: Abstellräume
Die geschossweise Zonierung legt die Garderobe Waschküche
Räume mit hohen thermischen Anforderun- Norden Bad und WC
gen typischerweise in den Kern eines
Schlafzimmer
Geschossstapels.

Speichermassenpositionierung
Die Vorteile einer klimatischen Zonierung kön- Wohnterrasse
nen durch eine gezielte Anordnung der Spei-
Arbeitszimmer
chermassen weiter verbessert werden (Abb.
B 2.36). Besteht bei einem Gebäude aufgrund Gästezimmer
Kinderzimmer
von wechselnden externen Lasten Überhit- Wohnzimmer
Sommer Balkon
zungsgefahr, kann die Positionierung und
Aktivierung von Speichermassen (z. B. solar Winter
Garten
beschienene Böden) Temperaturspitzen wirk- Esszimmer
sam abpuffern. Ist ein Gebäude besonders
durch interne Lasten bestimmt (z. B. Bürobau-
Sonnenschutz
ten), kann Speichermasse über Konvektion
Wäschetrockenraum
auch sekundär aktiviert werden.
B 2.29

69
Stadtraum und Infrastruktur

Anteil [%]

[m/s] Grad
100 300
Spitzenlast
260
Windrichtung
16
80
15
Mittellast
Pumpstrom 12
Steinkohle 10 Windgeschwindigkeit
60

[kW]
Erdgas 500
450 Summenleistung der 16 Anlagen
Gas
40 40
Strom 35
Braunkohle
30
Wasser Grundlast 25
20 20
Abwasser
Kernenergie 15
Straßen Wasserkraft 10
0 Einzelleistungen von 16 Anlagen
5
0 2 4 6 8 10 12 6 12 18 24 10 20 30 40 50 60
Investitionskosten in 2004 [Mrd. Euro] Uhrzeit Zeit [s]
B 2.30 B 2.31 B 2.32
Die genaue Betrachtung äußerer Einflussgrö- Mit dem Bestreben nach effizienter Energie- Andererseits könnten sie mit zunehmendem
ßen und innerer Anforderungen hilft bekannte und Ressourcenversorgung verändern sich Einsatz regenerativer Energiequellen einen Teil
Gebäudetypologien kritisch zu prüfen und auch die Rahmenbedingungen für die Infra- ihrer Versorgungsfunktion zurückgewinnen.
neue zu entwickeln. Dabei lassen sich die struktur – auf der nutzenden wie auf der versor-
grundlegenden energetischen und nutzungs- genden Seite. Dies gilt nicht allein für steigen- Netzwerke
bezogenen Erwägungen sinnfällig zusammen- de, sondern in gleichem Umfang auch für ver- Auch wenn Gebäude in Zukunft weit weniger
führen (Abb. B 2.33). ringerte Anforderungen, denn Teilauslastung Ressourcen verbrauchen sollten, werden sie
von Infrastruktur kann zu einer geringeren weiterhin in der Regel abhängig von externen
Effizienz im System führen und »überdehnte Energie- und Ressourcenzuflüssen bleiben. Die
Infrastruktur und technische Erschließung Infrastrukturen« entstehen lassen. Der Rat für dafür notwendigen technischen Netze wurden
nachhaltige Entwicklung in Deutschland kommt bisher weitgehend als gerichtete, rein versor-
Gebäude stehen nicht isoliert; sie sind während daher zu der Feststellung: gende Strukturen errichtet (Abb. B 2.31).
des Betriebs eingebunden in Netze von über- »Erforderlich ist in Zukunft ein integriertes Mit zunehmender Dezentralisierung kann die
geordneten technischen Infrastrukturen. Neben Management der technischen Infrastruktur Infrastruktur nicht mehr als eine gerichtete,
Energie verbrauchen sie Trinkwasser, erzeu- inklusive der Bestandssicherung, der Investi- baumartig verzweigte Verteilstruktur angese-
gen Abwasser sowie Müll und benötigen eine tionen und des Rückbaus sowie der sozialen hen werden (Abb. B 2.40). Erst im Zusammen-
Verkehrsanbindung. Infrastruktur von der öffentlichen Verkehrs- spiel von Angebot und Bedarf – als ungerichte-
Der Flächenanteil der technischen Infrastruktur erschließung über die (...) Grundversorgung ter Fluss – kommt der technischen Infrastruktur
an der gesamten bebauten Fläche in Deutsch- und der Pflege und Erhaltung der natürlichen wirklich die Eigenschaft eines Netzwerks zu.
land beträgt zwischen 40 und 45 %, wobei der Ressourcen.« [3] Energie und Ressourcen fließen von einem
Hauptteil durch die Verkehrserschließung Dabei zeigt sich insbesondere die Wechselbe- Hoch zu einer Senke.
belegt wird. Für ihre Instandhaltung und Ver- ziehung zwischen urbanen und ländlichen Räu-
besserung werden jährlich 10 bis 15 % des men. Einerseits ist die Erschließung ländlicher Versorgungssicherheit
Bruttoinlandprodukts investiert (Abb. 2.30). Räume durch Infrastrukturen kostenintensiv. Erneuerbare Energiequellen wie Wind und

typologischer Vergleich Einfamilienhaus Reihenhaus Mehrfamilienhaus Hochhaus Terrassenhaus


Ausrichtung: Nord-Süd
Gebäudevolumen: 4320 m3
Fensterflächenanteile:
Nord 20 %
Ost 30 %
West 30 %
Süd 50 %

A / V-Verhältnis [1/ m] 0,78 0,65 0,43 0,49 0,78


Hüllfläche gesamt [m2] 3384 2808 1848 2104 3384
Fläche gegen Außenluft [m2] 2664 2088 1608 2024 2124
Fläche gegen Erdreich [m2] 720 720 240 80 1260
solar nutzbare Dachfläche [m2] 720 720 240 80 720
Verhältnis Außenluft zu Erdreich [-] 3,7 : 1 2,9 : 1 6,7 : 1 26,3 : 1 1,7 : 1
Fensterflächenanteil [%] 23 21 27 30 20
thermische Verluste der Hülle [H t '] 0,49 0,46 0,56 0,63 0,45
spezifischer Heizwärmebedarf qh [kWh / m2 a] 72 (100 %) 60 (83 %) 48 (66 %) 56 (77 %) 66 (9 %)
Primärenergiebedarf gesamt QP [kWh / a] 168 000 (100 %) 136 000 (81 %) 113 000 (67 %) 126 000 (75 %) 146 000 (87 %)
Beleuchtung + o o + –
thermisch nutzbare Freiflächen + o o o o
spezifische energetische Aspekte hohes A /V-Verhältnis geringes A / V-Verhältnis geringstes A / V- hoher Flächenbedarf für viel erdberührte Fläche,
hoher Flächenverbrauch bei gleichbleibender Verhältnis die Gebäudetechnik, anfallendes Drainage-
Solarnutzfläche erhöhte Luftgeschwindig- wasser
keit an der Fassade
B 2.33

70
Stadtraum und Infrastruktur

Transportverluste 10 km 100 km 1000 km

B 2.30 Investitionskosten für Infrastrukturnetze in Energieform


Deutschland im Jahr 2004
B 2.31 exemplarische Lastverteilung im deutschen Strom Wind
Stromnetz über den Tagesverlauf 380 KV 0,15 % 1,5 % 15 % Wasser
B 2.32 Einzelleistung von Windkraftanlagen sowie ihre 800 KV 0,05 % 0,5 % 1,5 % Biomasse
Summenleistung als Teilkraftwerk Wärme 1 Erdwärme
B 2.33 Bautypologien und ihre energetischen Eigen- 130 °C ~3 % ~13 % – Sonne
schaften im Vergleich 70 °C ~1,5 % ~6,5 % –
B 2.34 Transportverluste innerhalb verschiedener Ener-
gienetzwerke Energieträger
B 2.35 mögliches Zusammenspiel erneuerbarer Ener-
Holz, Öl 2 0,08 % 0,8 % 8%
giequellen in einem zukünftigen Stromnetz
Gas k. A. k. A. k. A.
B 2.36 Position und Wirkung von Speichermassen im
Raum 1
a externe Lasten Wärmetransport ist stark abhängig von der Fließge-
b interne Lasten schwindigkeit; Fernwärmenetze haben Verluste bis zu
B 2.37 Energiesilo, Creuzburg (D) 2004, Planfabrik SPS, 40 %.
2
Hartmut Sommer ausgehend von Transport per LKW
B 2.34 B 2.35
Sonne sind in ihrem Aufkommen nur bedingt eignen sich daher nur für kleinräumige Lösun-
vorhersehbar. Sie reduzieren im Stromnetz den gen (z. B. Wärmenetze), wohingegen Netze mit
Bedarf an fossiler Energie, ohne jedoch selbst geringen Verlusten auch eine flächendeckende
die volle Versorgungssicherheit gewährleisten Versorgung ermöglichen (z. B. Stromnetz).
zu können. Aus diesem Grund müssen weitere Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Sonnen-
Teilversorger des Stromnetzes zur Versor- Netzen von Energieträgern (z. B. Gas) und Net- einstrahlung
gungssicherheit beitragen und die Energie- zen von Energieformen (Strom, Wärme).
einspeisung oder die Verbräuche kalkulierbar
werden. Bei der Windkraft wurden Prognose- Netze von Energieträgern
modelle für die Einspeisung entwickelt, deren Netze von Energieträgern weisen geringe ener-
Vorhersagen 24 Stunden im Voraus eine getische Verluste auf. Die reine Verfügbarma-
a
Abweichung von nur 8 bis 10 % aufweisen. chung, z. B. von Erdöl, bedarf etwa 10 % ihres
Damit lässt sich der Energieertrag besser ein- Brennwerts, wobei die Hauptverluste beim
schätzen und die zusätzlich benötigte Regel- Transport entstehen. Bei der festen Biomasse
leistung reduzieren (Abb. 2.32). liegen diese aufgrund der Vielzahl der notwen-
Die nicht regelbare Versorgung kann durch digen Aufbereitungsprozesse bei etwa 20 %,
speicherfähige Energieträger (z. B. Biogas, bio- denn Holz muss z. B. zu Hackschnitzel oder
gene Brennstoffe oder Energiespeicher) aus- Holzpellets verarbeitet, getrocknet und zum
geglichen werden (Abb. B 2.37). Die Möglich- Verbraucher transportiert werden.
keit der bedarfsgerechten Abrufbarkeit, des
Ausgleichens von Über- und Unterkapazitäten Gasnetz
wird über die Erhöhung der Speicherkapazität Das einzige, in Mitteleuropa nahezu flächen-
zu einer zentralen Aufgabe für eine zukunfts- deckende Energieträgernetz ist das Gasnetz.
sichere Energieversorgung. 2004 wurden 47,2 % aller deutschen Haushalte b
Viele Nutzungen in Gebäuden, insbesondere mit Gas beheizt. 42 Untertage-Gasspeicher, B 2.36
die Wärmeversorgung (z. B. zur Warmwasser- die entweder auf unterirdischen Hohlräumen
bereitung) und große elektrische Verbraucher (Kavernen) oder porösen aber gasdicht
(z. B. Tiefkühltruhen), könnten selbst als eine umschlossenen Gesteinsschichten basieren,
Art Speicher fungieren, da sich ihre Leistungs- ermöglichen eine Speicherkapazität von maxi-
aufnahme zeitlich stark verlagern lässt. Sie mal 75 Tagen für das Gesamtsystem.
könnten zu Spitzenzeiten abgeschaltet und bei Bisher deckt die EU ca. 60 % des Erdgasbe-
verfügbaren Überkapazitäten wieder in Betrieb darfs aus eigenen Quellen; 40 % werden impor-
genommen werden. Dazu bedarf es jedoch tiert. Der Eigenanteil wird jedoch nach Schät-
künftig einer Kopplung und Regelung von Ver- zungen bis 2020 auf 25 % sinken. Daher sind
brauch und Energieerzeugung. große Investitionen in die übergeordnete Gas-
infrastruktur geplant.
Energieinfrastruktur Das Gasnetz kann mittelfristig zur regenera-
Regional wie international gibt es unterschied- tiven Energieversorgung beitragen. Da sich
liche Angebote von Energieträgern und Ener- Erd-, Gruben-, Holz- oder Biogas in ihrem che-
gieformen. Das daraus resultierende, differen- mischen Hauptbestandteil Methan (CH4) ent-
zierte Energieangebot ermöglicht in Zukunft sprechen, kann ähnlich wie beim Stromnetz ein
eine stärkere Vernetzung der einzelnen Ener- Verbund verschiedener Einspeiser entstehen.
gieteilsysteme (Abb. B 2.35). Je nach Quelle unterscheiden sich die weiteren
Energieverlagerung und -verteilung erzeugt Bestandteile des Gases – insbesondere in
Verluste, die sich über den Primärenergiefaktor Bezug auf Feuchtesättigung und Schwefelwas-
quantifizieren lassen (siehe Technik, S. 114). serstoffanteil (H2S). Da beide zur Korrosion der
Dieser beschreibt als gebündelter Wert den Leitungen führen, muss das »Rohgas« vor der
Teil der Energieverluste, die außerhalb des Einspeisung in »Produktgas« umgewandelt
Gebäudes in der gesamten »Vorkette« entste- werden. Erste Versuchsanlagen zur Einspei-
hen (Abb. B 2.34). Netze mit hohen Verlusten sung von Bio- und Holzgas sind in Betrieb. Als
B 2.37

71
Stadtraum und Infrastruktur
Gestehungskosten [ct / kWh]

16

12 100 %

26% 49%
8 27 % Strom
75 %
4

0 a 55 % Fernwärme

-4

-8
100 % 34% 53%
Biogas Biogas Biogas Biogas Biogas Biogas
Gülle Gülle Gülle NaWaRo NaWaRo NaWaRo 87 %
3
50 m / h 3
250 m /h 3
500 m /h 3
50 m / h 3
250 m / h 500 m3 / h 35 % Strom
Biogas (Substrat) Aufbereitungskosten DWW-Verfahren Einspeisung und Durchleitung
Biogas (Konversion) Bilanzkosten bei Brennstoffnutzung im BHKW inkl. Förderungsmittel in Dtschl. b 55 % Nahwärme
B 2.38 B 2.39
Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) R = I / U. Erhöht man die Spannung und verrin- Eine längere Speicherung erfolgt zumeist durch
sind Biogasanlagen über die Einspeisevergü- gert die Stromstärke, lässt sich dieselbe Leis- Pumpspeicherwerke (siehe Technik, S. 145).
tung des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) tung (P = I•U) bei reduziertem Widerstand über- Zur weiträumigen Verteilung auf europäischer
in Deutschland heute schon wirtschaftlich ein- tragen. Daher nutzt man hohe Spannungen für Ebene ist das 380- kV-Netz ausgebaut. Auf
setzbar (Abb. B 2.38). die Energieübertragung, niedrige Spannungen 100 km Leitung gehen etwa 1,5 % der trans-
werden für die sichere Energienutzung verwen- portierten Leistung verloren. Hochspannungs-
Netze von Energieformen det. An den Übergängen in die Verteilebenen Gleichstrom-Übertragungsnetze (HGÜ / HVDC)
Einmal erzeugt, lassen sich Energieformen im sind Umspannwerke erforderlich, die einen mit einer Stromspannung von 800 kV ermögli-
Gegensatz zu Energieträgern nur mit hohem erheblichen Flächenbedarf haben (Abb. chen geringere induzierte Ströme, weniger Ver-
Aufwand speichern. Daher sind Netze von B 2.40). Sie wandeln die elektrische Wechsel- luste (0,5 % Leistungsverlust auf 100 km) und
Energieformen gegenüber Energieträger stärker spannung mit Transformatoren um, wobei einen sinkenden Materialaufwand. Sie sind
durch die Notwendigkeit einer bedarfsgerech- erhöhte elektromagnetische Belastungen des Bestandteil einer geplanten Stromversorgung
ten Erzeugung von Energie geprägt. Die Tech- Umfelds entstehen. Auch durch Leitungsverlus- auch über die europäischen Grenzen hinaus
nologie der Kraft-Wärme-Kopplung erzwingt te werden elektromagnetische Wellen emittiert. (Abb. B 2.35).
dabei zusätzlich eine verknüpfte Betrachtung In Deutschland gilt nach DIN VDE 0848 der Der Trend hin zur dezentralen Stromerzeugung
von Strom- und Wärmebedarf (Abb B 2.39). ebenso durch die World Health Organisation bedeutet nach einer Studie der Deutschen
Strom eignet sich aufgrund vergleichsweise (WHO) empfohlene Maximalwert von 5 kV / m. Energieagentur (dena) einen vernachlässig-
geringer Verluste über größere Strecken zum Ein durch Baubiologen empfohlener optimierter baren zusätzlichen Leitungsbedarf in Deutsch-
großräumigen Verteilen von Energie. Wärme Wert von 2,5 kV / m bedeutet bei einer Nenn- land [4]. Durch die Anzahl der einspeisenden
hingegen hat hohe Leitungsverluste, kann spannungsoberleitung von 380 kV einen Min- Teilnehmer steigt jedoch der Bedarf an Rege-
jedoch den Wärmebedarf von Gebäuden mit destgebäudeabstand von 30 bis 60 m. Masse lung. Mittelfristig benötigt das Stromnetz einen
kostengünstiger Gebäudetechnik decken. verringert die Wirkung elektromagnetischer zusätzlichen Informationskanal, dessen Einsatz
Felder. Mittlerweile werden in Deutschland ca. in den »Grid Codes«, den Regeln eines Netz-
Stromnetz 71 % aller Netzleitungen unterirdisch geführt – werks, niedergelegt werden sollte. Ist dieser
Das Stromnetz besteht aus hierarchisch gestaf- mit steigender Tendenz. Kanal installiert, kann sich die Regelung mittel-
felten Verteilungsebenen, die sich zum Ver- Das Stromnetz besitzt nur geringe Speicherka- fristig so weit entwickeln, dass auch einzelne
braucher hin kaskadenartig verzweigen (Abb. pazitäten. Für Spitzenlasten werden zusätzliche Verbraucher (z. B. Waschmaschinen) über ein
B 2.40). Die Länge aller öffentlichen Stromlei- Kraftwerke bereitgehalten, deren Leistung bei »peer-to-peer-Netzwerk« ihren Bedarf anzei-
tungen in Deutschland beträgt etwa 1,6 Millio- Bedarf abgerufen werden kann. Bei kurzfris- gen und über dieses gesteuert ihren Betrieb
nen km. tigen Spannungsschwankungen oder zur aufnehmen.
Verluste entstehen infolge des Widerstands (R) dezentralen Aufrechterhaltung der Netzspan-
der elektrischen Leiter, der abhängig von der nung (< 1 Minute) eignen sich Schwungräder, Fern- und Nahwärmenetze
Stromstärke (I) und der Stromspannung (U) ist: wie z. B. die Rotoren von Windkraftanlagen. Im Jahr 2005 lag der Anteil der Wärmenetzver-

Höchstspannungsebene Haushalte
Kraftwerk Nichtwohngebäude 6%
220 / 380 kV Industrie
ca. 36 000 km
Hochspannungsebene
110 kV
ca. 75 000 km Ballungs- 50 % 44 %
Industrie Eisenbahn Regionen
zentren

Mittelspannungsebene
10 / 20 kV
ca. 490 000 km Industrie Gewerbe Städte Orte

angeschlossene Wärmeleistung
Niederspannungsebene
Jahr 2000 2001 2002 2003 2004 2005
230 / 400 V
[kWh] 53 606 51 649 52 162 52 112 52 264 52 729
> 1 000 000 km
Umspannwerk Haushalte Wohnhaus Gewerbe Industrie Verwaltung
B 2.40 B 2.41

72
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.38 Gestehungskosten für die Produktion von Biogas Fernwärmenetz Basel


über unterschiedliche Technologien im Jahr
Netzlänge: 198,2 km
2006
Wärmeproduktion: 100340 Mio. kWh/a
B 2.39 Vergleich dezentraler und zentraler Energie-
Netzverlust: 10%
versorgung über Kraft-Wärme-Kopplung
Vorlauftemperatur: 170°C
a zentrales Heizkraftwerk
Spitzenleistung: 309 MW •
b dezentrales Blockheizkraftwerk
Anschlussstellen: Krankenhäuser, •
B 2.40 kaskadenartiges Modell des Stromnetzes mit
öffentliche Gebäude,
Leitungslängen (D)
Industrie-und
B 2.41 Leistung und Nutzung der Fernwärmeversor-
Gewerbebauten,
gung in Deutschland
ca. 40000 Wohneinheiten
B 2.42 Schema eines Fernwärmenetzes am Beispiel von
Basel (CH) im Jahr 2004
B 2.43 Nutzungspotenzial für Nah- und Fernwärmenetze
bis in das Jahr 2020
B 2.44 Schema eines Nahwärmenetzes am Beispiel der
Papierfabrik Salach (D) im Jahr 2004 •
• Heizkraftwerk 0 1 km
B 2.42
sorgung bei der Beheizung von Wohngebäu- sowohl auf die Dimension des Netzes als auch speicher erfolgen. Bei hohem und gleichmäßi-
den in Deutschland bei 14 %, die Leitungs- auf die Art der Energieerzeugung, d. h. zentral gem Warmwasserbedarf wie bei Mehrfamilien-
länge betrug ca. 50 000 km (Abb. B 2.41). oder dezentral. Bei der dezentralen Erzeugung häusern, Hotels, Wohnheimen, Krankenhäusern
Wärmenetze bestehen nur örtlich, sind nicht von Biogas wird deutlich, wo die sinnvolle oder Wohnsiedlungen ab 30 Wohneinheiten
weiträumig ausgebaut oder miteinander ver- Grenze zwischen Gas- und Wärmenetzen liegt eignen sich Systeme mit Kurzzeitwärmespei-
bunden. 84 % der Energie aus Wärmenetzen (Abb. B 2.50). cher. Ähnlich wie bei der klassischen Trinkwas-
wird durch Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) Wärmenetze sind deshalb besonders bei serbereitung wird die Wärme dabei in Warm-
erzeugt. Verschiedene Studien zur künftigen hohen Energieabnahmen im zu versorgenden wasserspeichern vorgehalten. Die Anlagen
Energieversorgung gehen von einer Zunahme Gebiet interessant. Die nicht universell einsetz- werden heute zumeist auf einen Deckungs-
der effizienteren dezentralen Stromerzeugung bare Energieform Wärme reduziert dabei das anteil von ca. 50 % optimiert. Auf den EnEV-
auf KWK-Basis aus (Abb. B 2.43). Die dauer- Abnehmerpotenzial und dient hauptsächlich Standard bezogen, kann so bei Wohnge-
hafte Produktion von Strom erzeugt konstant zur Gebäudebeheizung, in Einzelfällen auch bäuden ca. 20 % des Primärenergiebedarfs
Wärme als »Abfallprodukt« der Stromerzeu- zur Gebäudekühlung (Abb. B 2.41). Sinkende gedeckt werden (Abb B 2.48).
gung (Abb. B 2.39). Energiebedarfe durch bessere thermische Hül- Bei solar unterstützten Anlagen mit Langzeit-
Die Energieverluste eines Wärmenetzes sind len verringern das Absatzpotenzial. Gleichzei- wärmespeicher werden Wasser oder Erdreich
abhängig von der Länge des Netzes und sei- tig stehen für das Wärmeaufkommen im Som- verwendet (Abb. B 2.47). Sie verfügen über ein
ner Betriebstemperatur. Je geringer die Tem- mer oft keine entsprechenden Abnehmer zur Deckungspotenzial von 40 bis 60 % des Pri-
peratur des Trägermediums, desto geringer Verfügung. Viele Netze benötigen daher eine märenergiebedarfs und eignen sich aufgrund
sind auch die thermischen Verluste dieses Verdichtung der Versorgungsstruktur und eine des höheren technischen Aufwands erst ab
Systems. Gleichzeitig sinkt jedoch auch die Kopplung an neue Energiebezieher. Zur Regu- 100 bis 250 Wohneinheiten (Abb B. 2.46; siehe
maximal übertragbare Energiemenge bzw. die lierung des Wärmebedarfs über den Jahresver- auch Technik, S. 124).
Pumpleistung im System muss erhöht werden. lauf bieten sich Möglichkeiten wie die Integra-
Daher werden viele Wärmenetze mit hoher tion von industriellen Abnehmern zur Abnahme Kältenetze
Temperatur (> 100 °C) betrieben, wobei die von Prozesswärme und die verstärkte Kältever- Kältenetze besitzen im Verhältnis zu Wärmenet-
Energieträger zumeist Wasser oder Wasser- sorgung über Sorptionskältemaschinen, z. B. zen geringere Verluste, da ihre Betriebstempe-
dampf sind. Die maximale Transportlänge vom durch verbilligte Tarife für die Abnahme von ratur meist eine geringere Temperaturdifferenz
Erzeuger zum am weitesten gelegenen Ver- Wärme im Sommer (siehe Technik, S. 130). zur Umgebungstemperatur aufweist. Die mittle-
braucher beträgt selten mehr als 20 km. ren Leistungsbedarfe von Kälte sind bei vielen
Dennoch können Fernwärmenetze system- Solar unterstützte Nahwärmenetze Gebäuden geringer als die von Wärme. Aus-
bedingt Verluste von bis zu 40 % aufweisen. Die Speisung von Nahwärmenetzen kann nahmen stellen z. B. bestimmte Produktions-
Dabei besteht terminologisch keine klare Tren- neben der Wärmeerzeugung durch Verfeue- stätten, Laborgebäude oder Einkaufszentren
nung zwischen Nah- und Fernwärme (Abb. rung von Brennstoffen auch durch solar unter- dar. Bisher entstanden nur wenige öffentliche
B 2.42 und 44). Die Begriffe beziehen sich stützte Anlagen mit Kurz- oder Langzeitwärme- Kältenetze, z. B. in Chemnitz (Abb B 2.45). Ihre
Papierfabrik Salach
Nutzenergiebedarf (Nah- / Fernwärme) [PJ / a]

450
400 Netzlänge: 1,35 km (inkl. Hausanschlussleitungen)
Wärmeproduktion: k.A.
350 Netzverlust: k.A.
Vorlauftemperatur: 70 –90°C •
300 Spitzenleistung: ca. 1 MW, 610 kW Papierfabrik
251,1 245,0 Anschlussstellen: ca. 150 Wohneinheiten
250 168,2 ( Endausbau 2010)

200
27,2
150 41,9 41,3 40,9 39,6

100

50
134,8 127,7 124,8 122,7 118,9 •
0
2000 2005 2010 2015 2020
Bestand Anschlussverdichtung Netzerweiterung • Wärmequelle 0 50 m
B 2.43 B 2.44

73
Stadtraum und Infrastruktur

Wasser Nieder-
temperatur- thermischer
Strom, Kühlturm wärme Energiespeicher
Hilfsenergie Absorptions-
kältemaschinen
Kaltwasser-Tank-
Abwärme speicher

Wärme
Fernwärmenetz Abwärme Fernkältenetz
Kühlenergie

Strom, Kompressions-
Braunkohle Hilfsenergie kältemaschinen
Heizkraftwerk

Kraft-Wärme-Kopplung zentrale Kälteerzeugung Fernkälte

B 2.45
Langzeitspeicher-Dimensionierung
bisherige Leitungslänge beträgt in Deutschland und Abwassermengen sollten daher durch
Heißwasser-Wärmespeicher 43 km [5]. Kältenetze funktionieren entweder geeignete bauliche und technische Maßnah-
• 1,5 – 2,25 m3 pro m2 Kollektorfläche als abgeschlossenes System oder als Sekun- men (z. B. wassersparende Amaturen)
Kies / Wasser-Wärmespeicher därnetz von Wärmenetzen. Sorptionskältema- begrenzt werden. Zusätzlich empfiehlt sich
• 2,5 – 4,0 m3 pro m2 Kollektorfläche schinen verknüpfen dabei die Energieerzeu- vielerorts die Nutzung von Regen- und Grau-
Erdsonden-Wärmespeicher gung von Wärme und Kälte. Sie ermöglichen wasser (einmal genutztes, nicht stark ver-
mittelfristig nicht nur hohe Effizienz in Kälte-, schmutztes Wasser).
• 8,0 – 10,0 m3 pro m2 Kollektorfläche
• Sondenabstand: 1,5 – 2,5 m, in Fels bis zu 3 m sondern auch in Wärmenetzen.
• Sondentiefe: 20 – 80 m Innerhalb der Netze können kurzzeitig hohe Wasseraufbereitung
Aquifer-Wärmespeicher Wärmelasten auftreten – z. B. bei Großveran- Der Trinkwasserverbrauch pro Kopf ist in den
staltungen –, die eine entsprechend starke letzten Jahren durch wassersparende Techno-
4,0 – 6,0 m3 pro m2 Kollektorfläche
B 2.46 Dimensionierung der Anlagentechnik voraus- logien sowie ein verändertes Nutzerverhalten
setzen. Die Integration von Kältespeichern im in Deutschland stetig gesunken, differiert lokal
Nahwärmenetz-Dimensionierung mit Langzeitspeicher
System reduziert diese Anforderungen deutlich aber deutlich. Auch international gibt es große
und kann zu einer besseren Auslastung der Unterschiede (Abb. B 2.51). Lag der tägliche
Mindestanzahl Wohneinheiten
Kältemaschinen beitragen. Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland im Jahr
• ca. 200 – 500 WE mit je 70 m2 Wohnfläche bzw. 1990 noch bei 147 l, wurden 2005 täglich nur
100 – 120 Einfamilienhäuser
Wasser noch 128 l Wasser genutzt.
Kollektorfläche Obwohl die Erdoberfläche zu ca. zwei Dritteln Rohwasser kann aus Grund-, Quell- und Ober-
• 0,14 – 0,20 m2 Kollektorfläche pro m 2 Wohnfläche von Wasser bedeckt ist, ist dieser Grundstoff flächenwasser, durch Auffangen von Nieder-
• 1,25 – 2,5 m2 Kollektorfläche pro MWh Jahresgesamt-
des Lebens eine wertvolle und als Trinkwasser schlag (z. B. Zisternen) oder in küstennahen
wärmebedarf (kleinere Werte gelten für sonnenreiche
Standorte und hocheffiziente Kollektoren) von Knappheit bedrohte Ressource. Gleichzei- Trockengebieten auch durch Meerwasserent-
• jährlicher solarer Energieertrag: 300 – 450 kWh / m2 a tig ist Wasser im Klimasystem ein entscheiden- salzung gewonnen werden. Zur Qualitätssiche-
Speichervolumen (Wasseräquivalent) der Energieträger. rung sind spezielle Grundwasserschutzgebiete
Das humide Klima mitteleuropäischer Breiten ausgewiesen. In Deutschland wird zur Trink-
• 1,5 – 2,25 m3 pro m2 Kollektorfläche (kleinere Werte
gelten für ein größeres Verhältnis zwischen Solar- bietet die Möglichkeit, Oberflächen- oder wassergewinnung am häufigsten Grundwasser
energieangebot und Heizwärmebedarf) Grundwasservorräte anzureichern und Trink- genutzt (65 %), gefolgt von Uferfiltrat, das aus
• Der Speichertyp hängt in erster Linie von den örtlichen wasser bereitzustellen – entsprechende Rah- Grund- und Oberflächenwasser besteht. Der
Gegebenheiten, insbesondere von den lokalen geolo- menbedingungen sind jedoch nicht überall sandige Uferbereich befördert die mechani-
gischen und hydrologischen Verhältnissen ab.
gegeben. Eine überhöhte Wasserentnahme sche Vorreinigung des Wassers.
solarer Deckungsanteil führt zu einer Absenkung des Grundwasser- Um aus Rohwasser Trinkwasser zu erzeugen,
• ca. 40 – 50 % am Jahreswärmebedarf spiegels, was lokale Ökosysteme erheblich wird es gemäß DIN 2000 zentral gereinigt und
• bis ca. 60 % bei Niedrigenergiehäusern
beeinträchtigen kann. Trinkwasserverbrauch sterilisiert, ggf. werden auch gelöste Ionen
B 2.47
Grauwasser
Toiletten-
(z.B. Wasch-, Dusch-,
Nahwärmenetz-Dimensionierung mit Kurzzeitspeicher spülung
Badewannenwasser)
Kollektorfläche
• 0,7 –1,0 m2 Kollektorfläche pro Person (ca. 0,02 – 0,03 m2
Kollektorfläche pro m2 Wohnfläche) Abmessungen h•b•t
• 0,4 – 0,5 m2 Kollektorfläche pro Person für solare [m] 1,5 • 1,1 • 0,6 UV-Licht
Vorwärmanlagen (solarer Deckungsanteil 25 – 40 %)
• jährlicher solarer Energieertrag: 300 – 450 kWh / m2 a Gewicht ca. 130 kg
Kapazität insgesamt Überlauf
Speichervolumen Trinkwasser-
500 l
• 0,05 – 0,06 m3 pro m2 Kollektorfläche (Flachkollektor) nachspeisung
• 0,06 – 0,08 m3 pro m2 Kollektorfläche (Vakuumröhren- Druck [bar] max. 4,7
kollektor) min. 1,7

solarer Deckungsanteil Netzanschluss 230 V / 50 Hz

• ca. 50 – 60 % am Energiebedarf zur TWW- Bereitung max. Leistung 1 kW


Druckluft
• ca. 10 –15 % am Jahreswärmebedarf, bis ca. 20 % bei Strom- 0,6 kWh / d
Niedrigenergiehäusern verbrauch Abwasserkanal

B 2.48 B 2.49

74
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.45 Schema eines Kältenetzes am Beispiel von Entfernung effizienteste Transportart Land Trinkwasserverbrauch
Chemnitz (D) von Energie aus Biogas pro Kopf und Tag
B 2.46 überschlägige Dimensionierung verschiedener [l]
Langzeitwärmespeicher
bis 1,5 km Nahwärmenetz Grundbedarf nach WHO 50
B 2.47 überschlägige Auslegung von solar unterstützten
Nahwärmenetzen mit Langzeitspeichern ab 1,5 km eigene Gasleitung Europa
B 2.48 überschlägige Auslegung von solar unterstützten über 5 km Gasaufbereitung, Einspeisung Belgien 122
Nahwärmenetzen mit Kurzzeitspeichern in das Gasnetz Deutschland 128
B 2.49 schematische Darstellung einer Grauwasser-
nutzungsanlage Österreich 145
B 2.50 alternative Lösungen für den Transport gewon- Frankreich 151
nener Energie aus Biogas nach Entfernung Schweden 188
B 2.51 Trinkwasserverbrauch pro Kopf und Tag im Jahr Italien 213
2005
Schweiz 237
B 2.52 Nutzungsmöglichkeiten verschiedener Gebäude-
wasserströme Indien 25
Japan 278
USA 295

B 2.50 B 2.51
(z. B. Eisen oder Salze) entfernt oder ergänzt. Grauwasser nutzt man insbesondere für die regen kann der Volumenstrom das 100-fache
Die Einstellung von pH-Wert und Leitfähigkeit Toilettenspülung. Da der tägliche Wasserver- der Schmutzwassermenge bei Trockenheit
sowie die Zugabe von Chlor bedingen sich brauch zum Baden und Duschen etwa dem ausmachen. Selten sind Kanalisationen und
neben der zu erreichenden Wasserqualität Wasserverbrauch zur Toilettenspülung ent- Kläranlagen in der Lage, solche großen Was-
auch durch die Qualität des vorhandenen spricht, kann der Wasserbedarf damit um ca. sermengen zu bewältigen, was dazu führen
Rohrleitungsnetzes. 30 % reduziert werden. Grauwasseranlagen fil- kann, dass das Abwasser dann nicht richtig
Um den Druck innerhalb des Leitungssystems tern und reinigen das Wasser, zusätzlich wird gereinigt wird. Deshalb wird in der Regel
aufrechterhalten zu können, werden Hochbe- es durch UV-Lichtbehandlung entkeimt. Die das so genannte Trennsystem genutzt, das
hälter, Pump- und Druckerhöhungsstationen Anlagen benötigen ein eigenes Grauwasserlei- Schmutz- und Regenwasser in zwei getrennten
genutzt, die wiederum einen hohen finanziellen tungsnetz innerhalb des Gebäudes und einen Rohrsystemen führt (Abb. B 2.72). Dadurch
und technischen Aufwand für Bau und Instand- Grauwasserspeicher (Abb. B 2.49). wird eine knappere Dimensionierung der Rohr-
haltung nach sich ziehen. Die Betreiber haben Neuartig sind technische Lösungen, die über leitungen möglich und der Betrieb von Kläran-
dabei einen ständigen Wasserdurchfluss im die Stoffstromanalyse nutzbare Teilströme des lagen optimiert.
Netz zu gewährleisten. Jedes Wassernetzwerk Wassers isolieren. Möglich ist etwa die Nut-
weist Undichtigkeiten auf; innerhalb der EU zung des Regenwassers innerhalb der Gebäu- Abwasserbehandlung
betragen die Verluste in der Wasserversor- detechnik, z. B. zur Kühlung, wobei ebenso Um das Abwasser zu reinigen, unterscheidet
gung zwischen 8 % in Deutschland und 27 % Low-Tech-Lösungen für offene Wasserflächen man drei Reinigungsstufen:
in Italien [6]. als auch High-Tech-Nutzungen für Klimaanla-
gen verfügbar sind. Ebenso auf der Stoffstrom- • mechanische Reinigung (erste Reinigungs-
Abwassernutzung betrachtung basieren Vakuumtoiletten, die stufe): Große Verunreinigungen werden
Um Wasser als vorhandene Ressource effi- konzentriertes Schwarzwasser sammeln – ggf. durch Rechen entfernt; im Sandfang und Vor-
zient nutzen zu können, kann es für einzelne getrennt in Braun- und Gelbwasser –, es in klärbecken lagern sich durch Verringerung
Bedarfe mehrfach verwendet werden (Abb. B Tanks speichern und als Rohstoff für weitere der Fließgeschwindigkeit zunächst schwere,
2.52). Aus Regenwasser kann z. B. zunächst Nutzungen bereitstellen (Abb. B 2.52). Damit später auch leichte Schwebstoffe ab.
Grauwasser und später Schwarzwasser (fäkal- wird auch Upcycling möglich. Solche Systeme • biologische Reinigung (zweite Reinigungs-
haltiges Wasser) werden, was einem verlang- können Gebäude nahezu oder sogar vollstän- stufe): Das Wasser wird zur Stickstoffelimi-
samten Downcycling-Prozess entspricht. dig abwasserlos gestalten. nation mit Mikroorganismen in Verbindung
Regenwasser eignet sich z. B. zur Toiletten- gebracht, die aufgrund des hohen Nährstoff-
spülung, zur Gartenpflege, aber auch als tech- Abwasserabführung angebots wachsen und selbst Schwebstoffe
nisches Betriebsmittel zu Kühlzwecken. Die Erfolgt der Abwassertransport durch eine bilden. Das Belebtschlammverfahren benö-
vor der Nutzung notwendige Filterung kann »Mischkanalisation«, werden alle Abwässer tigt dazu viel Sauerstoff. Der entstehende
durch eine Flächenbegrünung der Regenwas- in einem Kanalsystem gesammelt und der Klärschlamm wird im Nachgang wieder
sersammelflächen unterstützt werden. Abwasserbehandlung zugeführt. Bei Stark- mechanisch entfernt.
Stoffstrom Aufbereitung Nutzungsmöglichkeiten Weiternutzung

Regenwasser einfache Filtration (Kiesschicht) Bewässerung Grundwasserergänzung


Filtration Kühlung (technisches Betriebsmittel) –
Dusche, Waschmaschine Grauwasser
Toilettenspülung Gelb- und Schwarzwasser
biologische Aufbereitung Wasserversorgung
Grauwasser Sterilisierung Waschmaschine Grauwasser
Toilettenspülung Gelb- und Schwarzwasser
Filtration, biologische Aufbereitung Bewässerung Grundwasserergänzung
biologische Aufbereitung Wasserversorgung
Gelbwasser Sterilisierung durch Speicherung und Trocknung Düngerproduktion
Speicherung Rohstoff chemische Industrie
Schwarzwasser anaerobe Gärung Biogasproduktion Humus- und Düngerproduktion
Küchen- und Bioabfälle Kompostierung Humus- und Düngerproduktion
B 2.52

75
Stadtraum und Infrastruktur

mechanische Reinigung biologische Reinigung


Mechanische und biologische Reinigung
Rechen Sandfang Vorklärbecken Belüftungsbecken Nachklärbecken Faulturm
ermöglichen den Entzug von etwa 90 % der
biologisch abbaubaren Verschmutzungen
Biogas des Abwassers (Abb. B 2.53).
• chemische Reinigung (dritte Reinigungs-
Trocknung stufe): Eine nur selten eingesetzte dritte
Zulauf Reinigungsstufe kann über verschiedene,
energetisch wie ressourcentechnisch auf-
wendige Verfahren nahezu jede gewünschte
Ablauf
Impfschlamm Chemikalie aus dem Abwasser entfernen.
Faulturm
Abwasserbehandlungsanlagen haben einen
Input Mikroorganismen, Flächenbedarf von 0,5 bis 2 m2 pro Einwohner
Sauerstoff (Abb B 2.57). Ein reduzierter Wasserverbrauch
Output Sand Klärschlamm Klärschlamm Biogas Biomasse in Verbindung mit der Verringerung von Haus-
haltsgrößen und der Erhöhung der Wohnfläche
B 2.53 pro Person senkt den Abwasserstrom.
Dadurch entstehende Rückstände führen zu
Durchströmungsproblemen und steigenden
Wartungs- und Reinigungsstückkosten für zen-
trale Abwasseranlagen. Die Kosten für die
Abwasseraufbereitung über großtechnische
Anlagen übersteigen in Deutschland die Trink-
Zulauf wasseraufbereitungskosten deutlich. Mit
Zulauf
4400 GWh / a verbrauchen Abwasseranlagen
sogar mehr Energie als alle deutschen Schu-
len zusammen [7]. Der Energieaufwand ent-
steht insbesondere durch die notwendige
Belüftung, Umwälzung und den Transport des
zu reinigenden Wassers. Die biologische Rei-
Zulauf
nigungsstufe erzeugt dabei zwei Drittel des
Flächenaufwands einer Abwasseraufberei-
tungsanlage.
Ablauf Ablauf O2 Ablauf
Wegen der hohen Kosten solcher zentralen
Anlagen bietet sich als Alternative die dezen-
trale Abwasserbehandlung an. Für die biolo-
Tropfkörperverfahren Tauchkörperverfahren Membranfilterverfahren
gische Reinigung stehen neben dem auch
B 2.54 großtechnisch eingesetzten Belebtschlamm-
verfahren folgende weitere Verfahren zur Ver-
fügung (Abb. B 2.54):

• Beim Tropfkörperverfahren wird das Abwas-


Vorreinigung Reinigung durch Wurzelraumentsorgung
ser über Füllkörper aus Kunststoff oder
mineralischem Material verrieselt. Die reini-
geeignete Pflanzen
z.B. Rohrkolben, Flatterbinse, Schwertlilie, Schilf, Flechtbinse genden Mikroorganismen befinden sich auf
der vergrößerten Oberfläche der Füllkörper,
die gleichzeitig eine gute Belüftung gewähr-
leisten.
Mehrkammer- Pumpen- Stau- und
ausfaulgrube schacht Kontroll- • Beim Tauchkörperverfahren befindet sich ein
schacht Tauchkörper immer zur Hälfte im zu reinigen-
den Abwasserstrom, die Sauerstoffzufuhr für
die Mikroorganismen erfolgt durch dauerhaf-
Sand und Kies te Rotation.
Zulauf grober Kies bzw. bindiger Boden Abdichtung Gefälle 2% Ablauf • Als kleinräumige Variante des Belebt-
schlammverfahrens bedarf das Membran-
B 2.55
filterverfahren im Gegensatz zu anderen
Techniken keiner Nachklärung. Die Reini-
gung der Membran erfolgt durch Rotation,
Spülung und aufsteigende Luftbläschen.
Mehrkammer- Pumpen- Stau- und
ausfaulgrube schacht Kontroll- Oft werden heute biologische Reinigungsver-
schacht
fahren bevorzugt, mit denen das Abwasser in
Abwasserteichen oder Pflanzenkläranlagen
nach DIN 4261 naturnah geklärt wird. Die
meist kleineren Anlagen eignen sich insbeson-
Zulauf grober Kies Abdichtung Gefälle 2% Ablauf dere für häusliche oder vergleichbare Abwäs-
ser bei einem typischen Einsatzgebiet bis ca.
B 2.56

76
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.53 Funktionsschema einer klassischen Kläranlage


mit mechanischer und biologischer Reinigungs-
stufe
B 2.54 schematische Darstellung alternativer Belüf-
tungstechniken biologischer Klärstufen
B 2.55 Funktionsschema einer horizontalen Pflanzen-
kläranlage
B 2.56 Funktionsschema einer vertikalen Pflanzenklär-
anlage
B 2.57 Luftbild einer Kläranlage im Ruhrgebiet
B 2.58 funktionell gestalteter Eingangsbereich mit Müll-
sammelstation, Siedlung Ochsenanger, Bam-
berg (D) 2000, Melchior Eckey Rommel
B 2.59 Ablagerungsquoten verschiedener Abfallarten
in Deutschland
B 2.60 ökologische Bewertung und Prognose der Ent-
wicklung der Abfallwirtschaft in Deutschland
B 2.61 Stoffströme und ihre Weiternutzung innerhalb
der Abfallwirtschaft

B 2.57 B 2.58
200 Einwohner. Die Klärung kann dabei hori- fährdende Stoffe (wie schwermetallhaltige Bat- und Gestaltung des Abfallplatzes als Kriterium
zontal wie vertikal erfolgen. terien oder Farben und Lacke) entzogen wer- herangezogen (Abb. B. 2.58). Einzelne Nut-
Bei einer horizontalen Pflanzenkläranlage wer- den. zungen können spezielle Abfallströme generie-
den bei 60 bis 80 cm tiefen Beeten 3 bis10 m2 Die getrennte Sammlung ermöglicht schon bei ren, die differenzierte Maßnahmen erfordern
pro Person für die Klärung benötigt, je nach- der abfallproduzierenden Stelle die Trennung (z. B. Gastronomie).
dem, ob nur Grauwasser oder das gesamte von Stoffströmen. Allerdings sind einzelne
Abwasser geklärt werden soll (Abb. B 2.55). Stoffströme anfällig für Verunreinigungen, die Abfallbehandlung
Die vertikale Pflanzenkläranlage erreicht eine durch Nachsortierung entfernt werden müs- Belastungen des Klimas entstehen vor allem
höhere wirksame Tiefe von 80 bis 120 cm sen, wodurch ein zusätzlicher Energiebedarf durch die anaerobe Zersetzung biologischer
bei gleichmäßigerer Volumenauslastung und für den Transport entsteht. Ob eine zentrale Anteile des abgelagerten Abfalls, bei der kli-
reduziert den Flächenbedarf. Dabei sind zwi- mechanische Sortierung oder eine lokale maschädliches Deponie- bzw. Methangas ent-
schen 1,5 und 5 m2 pro Person erforderlich Vorsortierung die energetisch vorteilhaftere steht. Dieses lässt sich jedoch sammeln und in
(Abb. B 2.56). Lösung darstellt, ist ortsabhängig. Blockheizkraftwerken energetisch nutzen.
Durch eine leicht zugängliche Lage und eine Um die Methanproduktion von Deponien zu
Abfälle aus Betrieb und Nutzung gute Gestaltung von Abfallsammelplätzen sind reduzieren, ist seit 2005 eine Behandlung des
Abfall gilt als Rohstoff. Daher ist eine möglichst die Funktionsfähigkeit und das Nutzerverhalten Mülls in Deutschland zwingend vorgeschrie-
hohe Recyclingquote erstrebenswert. Nach entscheidend beeinflussbar. ben: Die biologisch-mechanische Vorbehand-
dem Kreislaufwirtschaftsgesetz sollte Abfall Die Abfallsammlung im öffentlichen Raum eig- lung, auch »Kaltes Verfahren« genannt, bear-
möglichst verwertet, nur wenn unumgänglich net sich für hochwertige, masseintensive oder beitet den Abfall zunächst mechanisch, wobei
eine Beseitigung in Betracht gezogen werden. gesundheitlich bedenkliche Abfälle. Getrennte weiter verwendbare Rohstoffe abgetrennt wer-
Schon heute wird ein Großteil der in Deutsch- Sammelsysteme gibt es z. B. für Papier, Glas, den (Abb. B. 2.61). Die Mechanismen der Sor-
land anfallenden Abfälle recycelt; die Ablage- Biomasse, Kunststoffe, Textilien, Metalle, Elek- tierungsanlagen basieren z. B. auf Größe,
rungsquoten sind, bis auf Bauabfälle, stark trogeräte oder Altöl. Die Sammelstellen lassen Farbe, Magnetismus oder Gewicht des zu
rückläufig (Abb. B 2.59). Energetisch bietet sich ober- oder unterirdisch anordnen. Unterir- behandelnden Abfalls (Abb. B. 2.62). Die bio-
insbesondere die stoffliche Verwertung – Wie- dische Sammelstellen sind zwar teurer, dafür logischen Restmassen können kompostiert
der-, Weiterverwendung oder Wiederverwer- aber besser zu integrieren und verringern den oder wie Klärschlamm anaerob vergoren wer-
tung – das größte Einsparungspotenzial (siehe Flächenverbrauch. Andererseits besteht eine den, wobei zugleich eine Hygienisierung der
Material, S. 174). erhöhte Missbrauchs- und Vandalismusgefahr. Restmassen erfolgt und nutzbares Biogas ent-
Die Lage an nutzerbezogenen Wegen begüns- steht.
Abfallsammlung tigt die private Abfallsammlung. Die lokale Unter die thermische Behandlung fallen alle
Siedlungsabfall ist der heterogenste Abfalltyp. Bedeutung des Themas »Abfall« zeigt sich Arten der Verbrennung. Die dabei entstehende
Über gesonderte Schadstoffsammelstellen in der Immobilienbewertung: Dort wird zur Wärme wird über Generatoren in Strom umge-
können dem Abfall besonders gesundheitsge- Bewertung der Umfeldqualität auch die Lage wandelt oder kann für Nah- und Fernwärme-
Ablagerungsquote [%]

Treibhauspotenzial [Mio. t CO2-eq]

60 30 Papier Sortier- verschiedene


25 Papierqualitäten
anlage
50 20
15
40 Aluminium
10
Weißblech
5
30 Verbunde
0
Leichtver- Sortier-
-5 packungen anlage Folien
20
-10 Kunststoffarten
10 -15 Kunststoffflaschen
-20
XPS
0 -25
1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 1990 2004 2020 Mischkunststoffe

produzierendes Gewerbe Gesamtbilanz Sortierreste


Deponie Energiegewinn
Sonderabfälle
Verbrennung Verbrennung Glas Glasauf- verschiedene
Siedlungsabfälle stoffliche Verwertung Energiegewinn
Bauschutt Sammlung stoffl. Verwertung bereitung Glasscherben
B 2.59 B 2.60 B 2.61

77
Stadtraum und Infrastruktur

Transport- Arbeit W / km typische typische Ein- typische Verkehrsmittelnutzung [%]


mittel Auslastung zugsradien Weglängen
[%] [%] [km] [km] [min] [km / h] gesamt ländlicher Ballungs-
Raum raum

zu Fuß 100 100 – 1,4 21,1 4,3 22 21 24

Fahrrad 30 100 – 3,3 22,3 10,6 9 11 9

Bus und 420 20 – 25 1 2


12,6 39,6 18,1 8 5 12
Bahn

Auto 930 – 25 – 30 14,1 20,7 32,8 3 61 63 55


(überland) (F: 45 (F: 46 (F: 40
2700 (Stadt) – MF: 16) MF: 18) MF: 15)

Flugzeug 830 60 > 200 km k. A. k. A. k. A. k. A. k. A. k. A.


1
Reisebus: 60 %; Hochgeschwindigkeitszug: 45 %
2
Bus und Straßenbahn: 400 m, S-Bahn: 500 –1000 m F = Fahrer
3
angegebene Werte für Fahrer; Mitfahrer: 15,4 km / 22,0 km / 31,6 km MF = Mitfahrer
B 2.62 B 2.63
netze genutzt werden. Bei der Pyrolyse, der Verkehrsinfrastruktur z. B. bei 250 bis 300 km / h. Die Senkung
Abfallverschwefelung, wird durch hohe Tem- Flächendeckende Verkehrsinfrastrukturen sind der Geschwindigkeit führt dabei in der Regel
peraturen unter Ausschluss von Sauerstoff die Straßen- und Schienennetze. Das öffentliche zu einer Energieeinsparung. Im städtischen
chemische Zusammensetzung des Abfalls ver- deutsche Straßennetz umfasst etwa 626 300 km öffentlichen Schienennahverkehr reduziert
ändert. Es entsteht z. B. Gas, das ins Gasnetz und bedeckt ca. 1,2 % der gesamten Landes- sich z. B. der Energiebedarf durch die Verrin-
eingespeist werden kann, aber auch Schla- fläche. 63,1 % hiervon entfallen auf die lokale gerung der Maximalgeschwindigkeit von 70
cken als Restmasse. Erschließung durch Gemeindestraßen (Abb. auf 50 km / h um 50 %. Effizienz, Zugänglich-
Die durch das Bundesministerium für Umwelt, B 2.64). Das deutsche Schienennetz umfasst keit und Geschwindigkeit ergeben so
Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) auf- ca. 43 800 km. technologietypische Einzugsradien (Abb.
gestellten Zielvorgaben bis 2020 sehen eine Ermittelt man den Flächenbedarf der beste- B 2.63).
Deckung von 1 % des deutschen Energiebe- henden Infrastrukturen für Verkehr pro Kopf, so Innerhalb des Güterverkehrs sind Bahn und
darfs durch thermische Abfallbehandlung vor ist dieser mit etwa 50 m2 höher als die durch- Schiff besonders energieeffiziente Transport-
(Abb. B 2.60). schnittliche Wohnfläche pro Kopf (siehe Archi- systeme. Der Transport über die Straße
tektur und Nachhaltigkeit – eine schwierige gewährleistet demgegenüber eine optimier-
Verkehr Beziehung, S. 18). Bezogen auf Flächenver- te Verteilung der Güter, die jedoch deutlich
Mobilität stellt in einer arbeitsteiligen Gesell- brauch und Verkehrsleistung ist das Schienen- energieaufwendiger ist (Abb. B 2.65).
schaft eine notwendige Voraussetzung für die netz dabei etwa doppelt so leistungsfähig wie Auch im motorisierten Personenverkehr stellt
Wirtschaft und das Individuum dar. Da Verkehr das Straßennetz. Mit der Schifffahrt greift der die Bahn die energieeffizienteste Technolo-
besonders zwischen Gebäuden stattfindet, ist Güterverkehr auf Seen, Flüsse und Kanäle zu. gie dar. Der hohe Energiebedarf beim moto-
seine Struktur und sein Energieverbrauch eng Der geringe Landschaftsverbrauch beim Flug- risierten Individualverkehr (MIV) bedingt sich
verknüpft mit städtebaulichen und architektoni- verkehr wird durch flächendeckende Lärm- insbesondere durch die geringe Auslastung
schen Gegebenheiten und wird letztlich durch und Umweltbelastungen relativiert. (25 – 30 %) und geringe Energieausnutzung
diese ausgelöst. In Deutschland stellt der Ver- sowie hohe Gesamttransportgewichte im
kehr den Sektor mit dem zweitgrößten Energie- Transportmittel Verhältnis der zu transportierenden Menschen.
verbrauch dar (Abb B. 2.2). Bauliche Maßnah- Drei zentrale Faktoren beeinflussen den Ener- Um die Auslastung im Personenverkehr weiter
men und Anreizsysteme schaffen die Voraus- giebedarf von Transportsystemen: Effizienz zu steigern, eignen sich z. B. ein verstärktes
setzung, den Individualverkehr auf effizientere des Transportmittels, Geschwindigkeit und Angebot an öffentlichem Personennahverkehr,
öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern und auf Auslastung. Während bei der Effizienz und Car-Sharing oder Automietstationen.
Eigenkraft basierende Techniken wie z. B. der Auslastung immer möglichst hohe Werte Die effizienteste Fortbewegung erfolgt durch
Fahrrad fahren umzusteigen. erforderlich sind, ist die optimale Geschwin- eigene Körperkraft. Die Fortbewegung mit
Grundsätzlich lässt sich das Verkehrsaufkom- digkeit abhängig von der zurückzulegenden dem Fahrrad verlangt dabei um 70 % weniger
men in Personen- und Güterverkehr unterteilen Entfernung. Eine ideale Systemgeschwindig- Körperkraft wie das Zufußgehen.
(Abb. B 2.66). keit für Fernreisen durch Mitteleuropa liegt Wichtig zur Bewertung der unterschiedlichen
Arbeit Linienverkehr 8662 Straßen Länge Anteil
Ausbildung [km] [%]
Wirtschafts- Schienenverkehr 2131
verkehr Bundesautobahnen 11 786 1,9
Luftverkehr 146 Bundesstraßen 41 228 6,6
bringen
und holen motorisierter 163,6
Landesstraßen 86 838 13,9
Individualverkehr 56140
private Er- Kreisstraßen 90 996 14,5
15% transportierte Personen [Mio. /a]
ledigungen
Gemeindestraßen 395 400 63,1
31% Einkauf
6% Schienenverkehr 317,3
Freizeit B 2.66
Binnenschifffahrt 236,8 Transportmittel im Güterverkehr Transport-
8%
Seeschifffahrt 281,0 kilometer
[t km / MJ]
9% Luftverkehr 2,9
Flugzeug 0,3
19% 12% Rohölleitungen 95,5 LKW 1,7
Straßengüter- 2765,0 Bahn 3,3
verkehr transportierte Güter [Mio. t/a] Schiff 4,3
B 2.64 B 2.65 B 2.67

78
Stadtraum und Infrastruktur

B 2.62 Windsichter: Separierung von Leichtverpackun-

[1000EUR /a]
Grundstücks- und Mobilitätskosten 1
10

780 EUR

931 EUR

4225 EUR
gen und Folien per Luftdruck innerhalb einer 8
Sortieranlage
6
B 2.63 Kennwerte unterschiedlicher Transportmittel
B 2.64 Verkehrsaufkommen nach Nutzung in Deutsch- 4
land 2
B 2.65 beförderte Personen und Güter in Deutschland 0
im Jahr 2005
B 2.66 Anteile verschiedener Straßen am deutschen -2
Straßennetz im Jahr 2004 -4
B 2.67 Effizienz von Transportmitteln im Güterverkehr -6
mittlerer günstiger günstiger
B 2.68 Mehrkosten für die Finanzierung eines inner-
Grundst.-Preis, Grundst.-Preis, Grundst.-Preis,
städtischen Grundstücks sowie Einsparungen große Entf. sehr große Entf.
mittlere Entf.
durch geringeren Mobilitätsbedarf am Beispiel
von Hamburg Grundstückskosten2 Summe (Mehrkosten)
B 2.69 autofreies Quartier, Siedlung Thalmatt 1, Heren-
Mobilitätskosten
schwanden (CH) 1974, Atelier 5
B 2.70 serielle Straßenbahnhaltestellen, Hannover (D) 1
Grundstücksgröße: 200 m2, pro Haushalt je ein Auto
2
2000, Despang Architekten Kostendifferenz im Verhältnis zu einem innerstädtischen
Grundstück
B 2.68 B 2.69
Transportarten ist auch ihre Klimawirkung. Der Stadtverkehr und damit verbundenen Energieaufwand (Abb.
bei einer Verbrennung entstehende Wasser- Bezieht man in die Betrachtung der Mobilität B 2.69).
dampf ist z. B. in Bodennähe von geringer mit ein, dass Menschen ca. 90 % ihrer Zeit in In urbanen Räumen ist im Verhältnis zu länd-
Bedeutung, in hochgelegenen atmosphä- Gebäuden verbringen, so kann Verkehr als Be- lichen Siedlungen zum einen ein erhöhter
rischen Schichten ausgestoßen, trägt er wegung zwischen Bauten beschrieben wer- Anteil an öffentlichem Personennahverkehr,
jedoch deutlich zum Klimawandel bei. So ist den. zum anderen an rad- und fußläufiger Mobilität
der Flugverkehr die mit Abstand klimabelas- Einer der häufigsten Wege ist der zwischen zu verzeichnen. Anreizsysteme können eine
tendste Transportform. Wohnung und Arbeitsplatz (Abb. B 2.67). Am weitere Umschichtung des motorisierten Indivi-
Innerhalb des Stadtverkehrs wird zum Klima- Beispiel von Hamburg lässt sich nachweisen, dualverkehrs auf die öffentlichen Verkehrsmit-
schutz mitunter die Nutzung von Elektroautos dass eine innerstädtische Wohnlage trotz der tel leisten. Hierzu tragen insbesondere leichte
gefördert, da sie im Stadtbereich weitgehend bis zu siebenfach höheren Kosten für ein Zugänglichkeit, enge Taktraten und subjektiv
umweltneutral sind. Die Primärenergiebilanz Grundstück über eingesparte Mobilitätskosten erhöhtes Sicherheitsempfinden bei. Für Quar-
und damit die Umweltwirkung lässt sich jedoch wirtschaftlicher ist als eine gleichwertige tiere lassen sich je nach Zugänglichkeit durch
nur auf Basis der Energieerzeugung für den Wohnlage im Umland (Abb B 2.68). Dieser Individualverkehr unterschiedliche Quartiers-
Strom bewerten. Bezug kann als weitgehend allgemeingültig formen bilden, die den Nutzer in seinem Ver-
betrachtet werden. Hinzu treten Einsparungen halten mehr oder weniger stark einschränken
Mobilitätsbedarf durch eine ggf. geringere Anzahl zu betreiben- (Abb. B 2.73).
Täglich wendet ein Mensch durchschnittlich der Autos oder den Zeitgewinn (bis zu Faktor In der Standortwahl wird die gute ÖPNV-
75 – 85 Minuten für Mobilität auf, wobei uner- fünf). Im energetischen Vergleich ist so z. B. Anbindung zu einem entscheidenden Faktor.
heblich ist, zu welchen Verkehrsformen er ein Altbau mit einem Energieverbrauch von In der Raumgestaltung treten die Aspekte der
Zugang hat und in welchem nationalen oder 200 kWh / m2a und 150 m2 Nutzfläche in etwa Über- und Einsichtlichkeit der entsprechenden
regionalen Kontext er sich befindet [8]. einem Passivhaus zuzüglich 10 000 km / a indu- Verkehrsknotenpunkte für Nutzer hinzu. Grund-
Während der Zeitaufwand für Mobilität also ziertem motorisierten Individualverkehr gleich- sätzlich werden dabei ebenerdige Situationen
offensichtlich geringen Veränderungen unter- wertig. Die Energiebilanz einer Familie kann in durch den Menschen positiver eingeschätzt
liegt, vergrößern sich hingegen die Bewe- Städten bis zum Faktor vier geringer sein als (Abb. B 2.70 a – c). Eine helle Gestaltung der
gungs- bzw. Einzugsradien und damit die im ländlichen Raum. Räume insbesondere bei geringen Personen-
durch den Verkehr erreichbaren Ziele. Gleich- Damit ist die beste Vermeidungsstrategie von aufkommen und bei Nacht bieten für unter-
zeitig steigt das Verkehrsaufkommen. Beides Verkehr eine verdichtete Bauweise, gepaart irdische Standorte einen gewissen Ausgleich.
ist Ausdruck der immer stärkeren Flexibilisie- mit einem lokalen Angebot an interessanten Letztere reduzieren den Verbrauch an nutz-
rung unserer Lebensgewohnheiten [9]. Plätzen, vielfältigen räumlichen Situationen baren Flächen im Stadtraum, benötigen aller-
Der Mensch legt im Mittel 3,5 Wege pro Tag und der Nähe von Bedarf und Angebot. Kurze dings einen hohen Energieeinsatz für Belüf-
zurück. 50 % dieser Wege sind kürzer als Distanzen zu Einkauf, Schule, Arbeit, Erholung tung und Belichtung, soweit keine unmittel-
3 km. und anderen Funktionen ersparen Verkehr bare Licht- und Luftversorgung durch den

a b c B 2.70

79
Stadtraum und Infrastruktur

Regenwasser
Schmutzwasser

Strom, Straßen-
beleuchtung Regen- Straßen-
etc. wasserkanal wasser
Fern- Gas
heizung Hochdruck-
Telefon- und Datenleitungen
wasserleitung
Ferngasversorgung
Schmutzwasserkanal
mit Kontrollschacht

B 2.71 B 2.72
Außenraum herstellbar ist (Abb. B 2.71). potenziale darstellen. Die Sicherheit kann Am Gebäude entstehen unter Berücksichti-
Zur Erschließung der näheren Umgebung durch das Angleichen der verschiedenen gung von Ausrichtung und Zugänglichkeit
sollten attraktive Fuß- und Radwege mit einer Geschwindigkeiten oder die Trennung der Ver- des Objekts zum Straßenraum sowie zur
sicheren, vorrangigen Wegführung und leicht kehrsformen erhöht werden. Letzteres ist aller- Lage und Gestaltung der Eingangsbereiche
erreichbaren Fahrradabstellplätzen in einem dings mit erheblichem Flächenaufwand ver- Flächen für den ruhenden Verkehr. Die Ein-
Mobilitätskonzept vorgesehen werden. bunden und kann einen Verlust urbaner Quali- richtung von Fahrradstellplätzen, die möglichst
täten bewirken. kompakte Anordnung von Pkw-Stellplätzen
Straßenraum Durch entsprechende Gestaltungsmaßnahmen sowie die Reduktion von Parkplätzen zuguns-
Innerhalb von Siedlungsgebieten belegen wird bei Geschwindigkeitsübergängen eine ten einer Umlagerung auf ÖPNV unterstützen
öffentliche Verkehrsbauwerke durchschnittlich erhöhte Aufmerksamkeit des Verkehrsteilneh- den Wechsel auf energieeffiziente Formen der
39 % der Flächen. Angesichts dieses hohen mers erzielt. Die Entschleunigung des Raum- Fortbewegung. Hierzu tragen auch Anreiz-
Flächenaufwands erscheinen Maßnahmen zur verkehrs, z. B. eine verkehrsberuhigte Platzge- systeme wie z. B. integrierte ÖPNV-Tickets bei.
effizienten Flächennutzung, zur Verringerung staltung, trägt gleichzeitig zur Erhöhung der
des Flächenverbrauchs sowie zur Umwand- Aufenthaltsqualität im Straßenraum bei (Abb. Ruhender Verkehr
lung gering genutzter Verkehrsflächen sinnvoll B 2.73). Mobilität ist immer auch mit Stillstand ver-
(Abb. B 2.72). Schnell und dicht fließender Verkehr erzeugt knüpft. Ein Pkw wird im Durchschnitt nur zu
Durch verschiedene Verkehrsformen entstehen negative Wirkungen auf das soziale Umfeld. ca. 1 % seiner Lebensdauer bewegt [1]. Pkw
innerhalb des Straßenraums unterschiedliche Mit der Zunahme segregierender Verkehrs- erzeugen neben dem Bedarf an Mobilitätsinfra-
Bewegungsgeschwindigkeiten. Diese können ströme geht nachweislich die Abnahme lokaler struktur einen hohen Raumbedarf durch Park-
sich gegenseitig behindern oder Gefahren- Kontakte von Anwohnern einher. und Stellflächen. Der Flächenbedarf für Stell-

• angestrebte
Verdrängung von
Fremdverkehr
Verringerung der
Geschwindigkeit
Verdeutlichung
der Wohnfunktion
mehr Sicherheit für
Fußgänger und Kinder
mehr Bewegungsraum
für Fußgänger
Verringerung
von Verkehrslärm
Appell zur Rücksicht
»positive Motivation«
Kfz-Besitz Straßengestaltung
Wirkung
• wahrschein-
liche Wirkung
Abnahmne des KFZ-Besitzes

Zunahme der MIV-Beschränkungen

autonormales Quartier verkehrsgerechte Gestaltung • mögliche Wir-


überdurchschnittlicher Besitz von ungehinderter MIV-Verkehr, kung
KFZ pro Person, meist gesetz- Tempo 50 km / h
liche Förderung, hohe Anzahl Maßnahme
Zweitwagen Sackgasse
Verkehrsleitung

• • • •
Beispiel: Stadtrandgebiete und volle Bedarfsdeckung für Park-
Umland flächen, lokale Garagen
Schleifenstraße • •

Einbahnstraße • •
autoreduziertes Quartier verkehrsberuhigte Gestaltung
unterdurchschnittlicher Besitz von eingeschränkter MIV-Verkehr,
Detailgestaltung

KFZ pro Person, Anreize für Auto- Tempo 30 km / h, Wohn- und Materialwechsel •
freiheit (z. B. speziellen Zugang zu Spielstraßen bei Fahrbahnen
ÖPNV, Car-Sharing)
eingeschränkte Parkflächen, Profilverengung • • • •
Beispiel: Französisches Viertel, zentrale Parkeinrichtungen
Tübingen (D) (z. B. Tiefgaragen)
optische Umgestaltung • • • • • •
des Straßenraums

autofreies Quartier MIV-freie Gestaltung fahrdynamische • • •


Hindernisse
kein Besitz von KFZ, Anreize für Fußgängerzonen, Radwege-
alternative Transportmittel (z. B. erschließung, Lieferverkehr frei Neuordnung des • •
Fahrräder) ruhenden Verkehrs
Parkflächen am Rand des Quar-
Aufpflasterung • • • • • • •
Beispiel: GWL Terrain, Amsterdam tiers in Paletten oder Parkhäusern,
(NL) spezielle Besucherparkplätze
B 2.73 B 2.74

80
Stadtraum und Infrastruktur

Luftströmung
warme Luft
Solarstrahlung
B 2.71 natürliche Belichtung in der Stadtbahnstation Rat-
haus-Süd, Bochum (D) 2006, Pahl + Weber-Pahl
B 2.72 schematischer Schnitt durch einen Straßenraum
B 2.73 Abhängigkeiten von Kfz-Besitz, Stellplatzbedarf
und Nutzereinschränkung
B 2.74 Maßnahmen und Wirkungen im Straßenverkehr
B 2.75 schematische Darstellung der Tiefgaragen eines
Verwaltunggebäudes, Wiesbaden (D) 2001,
Thomas Herzog
B 2.76 Luftbild der Innenstadt von Houston, Texas (USA)
B 2.77 Flächenbedarf verschiedener Stellplatzsituationen
B 2.78 schematische Darstellung verschiedener Park-
systeme:
a Parksafe
b Flurparker
c Doppelparker
d Tripelparker
B 2.75 B 2.76
plätze aller in Deutschland angemeldeten Pkw kann. Da die Stellplätze keine Fahrerschlie-
entspricht etwa 20 % der deutschen Wohnflä- ßung benötigen, ergibt sich gegenüber direkt
che. Dies erzeugt bei ebenerdigen Parkmög- anfahrbaren Stellplätzen ein deutlich verrin-
lichkeiten Konflikte zwischen hochwertiger gerter Flächen- und Raumbedarf, allerdings
Nutzung und niederwertigem Parkraum (Abb. bei erhöhten Betriebskosten (Abb. B 2.78).
mögl. Stell- 34 40 68 80
B 2.76). Daher sind in diesem Zusammenhang
platzanzahl
besonders flächensparende Parkmöglichkei- Energetisch stellen parkende Autos unaus- auf 100
ten zu bedenken: gelastete Kraftwerke mit äußerst geringem Weglänge
Wirkungsgrad für die Fortbewegung (ca. 18 %) mögl. Stell- 4,4 3,2 4,4 5
• Parkflächen: dar. Der Deutsche Pkw-Bestand verfügt mit platzanzahl
Über die Anordnung der Stellplätze lässt ca. 46 Mio. Fahrzeugen und einer geschätzten auf 100 m 2
sich der notwendige Flächenbedarf um bis durchschnittlichen Motorleitung von 60 kW Fläche
zu 35 % reduzieren (Abb. B 2.77). Im Wohn- über eine mechanische Leistung von 2,8 Ter- Flächenbe- 22,5 30,8 22,5 20
bereich besteht über so genannte Doppel- rawatt. Als motorgetriebene Objekte beinhalten darf pro Stell-
platz inkl.
und Dreifachparker die Möglichkeit, die sie prinzipiell alle notwendigen Bestandteile Erschl. m 2
Stellplatzfläche zu reduzieren. Die höhenver- für eine dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung. Bei
stellbaren Plattformen benötigen als Doppel- einer jährlichen Standzeit von ca. 8600 Stun- B 2.77
parker dazu eine Stellplatzhöhe von 3,50 bis den könnten damit 24 000 TWh Strom erzeugt
4,95 m. werden. Die Bruttostromerzeugung in Deutsch-
• Hochgaragen: land beträgt etwa 550 TWh, was ca. 2 % die-
Durch die Stapelung von Stellplatzflächen ses theoretischen Potenzials entspricht.
kann der Flächenbedarf im Stadtraum verrin- Zudem entstünde bei diesem Prozess Wärme-
gert werden. Die Fahrerschließung benötigt energie in Höhe von ca. 50 000 TWh, was dem
jedoch nochmals etwa die gleiche Fläche ca. 20-fachen des jährlichen Endenergiebe-
wie der Stellplatz selbst (Abb. B 2.78). darfs oder dem 575-fachen der jährlichen
In Wohngebieten tragen Quartiersgaragen in Fernwärmeerzeugung in Deutschland ent-
Form von Hoch- oder Tiefgaragen dazu bei, spricht.
den öffentlichen Raum vom Verkehr zu ent-
lasten, schaffen zusätzliche Treffpunkte in
Anmerkungen:
einem Quartier (soziale Wirkung) und bewir- [1] Knoflacher, Herrmann: Stehzeuge. Wien / Köln / Wei-
ken ein hohes Sicherheitsempfinden bei den mar 2001 a Querschnitt Längsschnitt
Nutzern. [2] Hauff, Volker: Unsere gemeinsame Zukunft. Der
• Tiefgaragen: Brundtland Bericht der Weltkommission für Umwelt
und Entwicklung. Greven 1987
Tiefgaragen sind in Bau und Betrieb beson-
[3] Mehr Wert für die Fläche: Das »Ziel-30-ha« für die
ders aufwendig. Mit dauerhaft notwendiger, Nachhaltigkeit in Stadt und Land. Rat für Nachhal-
künstlicher Belichtung und Belüftung kann tige Entwicklung (Hrsg.). Berlin 2004
ihr Energiebedarf über dem Heizwärmebe- [4] Energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegra-
darf eines Gebäudes liegen. Natürliche tion von Windenergie in Deutschland an Land und
Offshore bis zum Jahr 2020 (denaNetzstudie). Deut-
Belichtung und Belüftung müssen daher ent- sche Energieagentur (Hrsg.). Köln 2005
sprechend berücksichtigt werden, zumal sie [5] Meyer, Franz: Kältespeicher in großen Kältenetzen.
zugleich das Sicherheitsempfinden der Benut- In: Projektinfo 10/05. Bine Informationsdienst 2005
[6] Wasser-Wissen, RWE AG b Querschnitt Längsschnitt
zer positiv beeinflussen (Abb. B 2.74). Im
[7] Steigerung der Energieeffizienz von Kläranlagen.
Gegenzug ermöglicht ihre unterirdische Lage
Vortrag zum BMU / UBA Fachgespräch Energieeffizi-
ein erhöhtes Angebot an hochwertigen, eben- enz auf Kläranlagen, Ingenieurberatung für Abwas-
erdigen Nutzflächen in dichter Bebauung. sertechnik Bernd Haberkern. Bonn 2007
• automatische Parksysteme: [8] Steierwald, Gerd: Stadtverkehrsplanung. Berlin / Hei-
Sie basieren auf dem Grundprinzip, Autos delberg / New York 2005
[9] Tully, Claus J.; Baier, Dirk: Mobiler Alltag – Mobilität
wie in einem Regal im Stadtraum mecha- zwischen Option und Zwang. Vom Zusammenspiel
nisch abzustellen, was oberirdisch, unter- biographischer Motive und sozialer Vorgaben. Wies-
irdisch oder gebäudeintegriert geschehen baden 2006 c Querschnitt d Querschnitt
B 2.78

81
Gebäudehülle

B 3.1
Die Hülle eines Gebäudes definiert die Tren- Nutzung
nung zwischen innen und außen, sie prägt Aufgabe der Gebäudehülle ist es, für die je-
das äußere Erscheinungsbild des Bauwerks weilige Nutzung sichere, gesunde und behag-
und kommuniziert mit ihrem Umfeld. In der liche Innenraumverhältnisse zu schaffen, wobei
Entwicklungsgeschichte der Gebäudehülle sich die Rahmenbedingungen zum Teil erheb-
stehen daher gestaltprägende Merkmale, lich unterscheiden. Für Wohngebäude beste-
Proportion, Materialität und kulturelle Bedeu- hen prinzipiell andere Anforderungen als für
tungen im Vordergrund. Ihr funktionaler Nutzen Büroräume oder Museen, Theaterräume und
besteht primär darin, das Bauwerk vor Wind, Produktionshallen. Allein aufgrund der Nutzung
Niederschlag und Sonneneinstrahlung zu können rechtliche Vorgaben, z. B. ein hoher
schützen. Mit zunehmenden Behaglichkeits- Luftaustausch oder Beleuchtungsstärken, eine
anforderungen übernimmt die Gebäudehülle entsprechende Ausbildung der Gebäudehülle
jedoch auch eine komplexere klimaregulie- bewirken.
rende Funktion. Die angestrebte Behaglichkeit umschreibt eine
Durch die steigende Bedeutung des Energie- subjektive Wahrnehmung, die von einer Viel-
verbrauchs von Bauwerken rückt die Gebäude- zahl unterschiedlicher Einflussfaktoren be-
hülle – und hierbei besonders die Fassade – stimmt wird (siehe Grundlagen, S. 55). Bei allen
verstärkt in den Mittelpunkt gestalterischer und Überlegungen zur Energieoptimierung von
technischer Überlegungen. Die Außenflächen Gebäudehüllen sind die nutzerspezifischen
eines Bauwerks prägen wesentlich dessen Anforderungen sowohl elementare Bedingung
energetisches Verhalten. Das gilt sowohl für die als auch zugleich Ziel. Ein tragfähiges Konzept
Optimierung des Wärmetransports zwischen beinhaltet die Synthese aller relevanten Para-
innen und außen als auch für die dezentrale meter und stellt den Nutzer in den Mittelpunkt
Energieerzeugung über die Gebäudehülle der Betrachtung. Gerade bei Gebäuden, deren
(Abb. B 3.1). Energiekonzept auf ein enges Zusammenwir-
Parallel hierzu nimmt das Bewusstsein einer ken mit den äußeren Einflüssen basiert, ist es
nachhaltigen Verwendung von Ressourcen zu. erforderlich und auch zulässig, die subjektiven
Die Wahl der Hüllmaterialien definiert in erheb- Anforderungen des Nutzers zu hinterfragen. So
lichem Maße sowohl den Energieaufwand für ist eine zeitlich begrenzte Abweichung von den
die Erstellung des Gebäudes als auch die Fol- idealen Kennwerten oftmals sinnvoll, wenn
geaufwendungen, z. B. für Betriebsenergie, dadurch die unterstützende Klimatechnik redu-
Reinigung oder Instandhaltung (siehe Material, ziert werden kann. Zudem stellen statische,
S. 165). Weitere Aspekte der Nachhaltigkeit unabhängig vom Wetter herrschende Innen-
sind Lärm- und Sichtschutz, die Dauerhaftigkeit raumbedingungen nicht zwingend ein Opti-
der Materialien und die Rückbaufähigkeit. mum für das menschliche Wohlbefinden dar.

Entwurfsbestimmende Faktoren Klimatische Aspekte


An die Gebäudehülle als energetische Schnitt- In der frühen baugeschichtlichen Entwicklung
stelle zwischen Umweltbedingungen und raum- haben sich in den unterschiedlichen Klima-
klimatischen Bedürfnissen der Nutzer werden zonen der Erde Bauformen und Konstruktionen
zahlreiche Anforderungen gestellt (Abb. B 3.2). entwickelt, die in engem Zusammenhang mit
Die daraus abzuleitenden Aufgaben führen in den ortsspezifischen klimatischen Gegebenhei-
vielen Fällen zu Zielkonflikten, wie z. B. zwi- ten stehen. Im Gegensatz dazu ist die Architek-
schen Ausblick, Tageslichtnutzung und Son- tur des »International Style« vielfach dadurch
nenschutz. Neben gestalterischen Vorstellun- geprägt, dass umfangreiche technische Syste-
gen und ökonomischen Kriterien unterliegt die me die gewünschten Innenraumbedingungen
B 3.1 semitransparente Solarzellen in der Fassade, Entwicklung von Gebäudehüllen komplexen an jedem beliebigen Standort mit entsprechen-
Seilbahnstation, Lech am Arlberg (A) 2002,
Hans Riemelmoser
Bedingungen, die jeweils objektspezifisch zu dem energetischen Aufwand gewährleisten.
B 3.2 Gebäudehülle: Einflussfaktoren, Eigenschaften optimieren sind. Allgemein lassen sich hierfür Die Planung energieeffizienter Gebäude erfor-
und Funktionen folgende Themenfelder beschreiben: dert einen sensiblen Umgang mit den spezifi-

82
Gebäudehülle

schen makro- und mikroklimatischen Bedin- Ein zunehmend wichtiger Aspekt ist die Inte- hier die Energieeinsparverordnung (EnEV), die
gungen. Neben Einsparungen bei technischen gration dezentraler Haustechnik in die Gebäu- auf dem Gesetz zur Einsparung von Energie in
Systemen und reduziertem Energiebedarf steht dehülle. Hier steht inzwischen eine umfangrei- Gebäuden (EnEG) basiert und konkrete Vorga-
insbesondere die erhöhte Behaglichkeit im Mit- che Auswahl zur Verfügung, die von Stellmoto- ben zum maximal zulässigen Primärenergiebe-
telpunkt. Die technischen und materialbezoge- ren für die automatische Nachtluftkühlung über darf von Gebäuden umfasst (siehe Strategien,
nen Eigenschaften der Außenflächen überneh- vollautomatisch regulierte Sonnenschutzsyste- S. 183). Die für die Gebäudehülle wesentlichen
men dabei eine Schlüsselfunktion. Eine genaue me bis hin zu Fassadenlüftungsgeräten und gesetzlichen Regelungen sind im Anhang auf-
Analyse der klimatischen Kennwerte ist daher aktiven Solarelementen reicht. Hierbei sind geführt (siehe S. 268)
eine wichtige Voraussetzung für die Entwick- unterschiedliche Dauerhaftigkeiten von Hüll-
lung einer standortgerechten Gebäudehülle. systemen und technischen Komponenten zu Historische Entwicklung
beachten. Eine nachträgliche Verbesserung In warmen Klimazonen wurden Bauten von
Konstruktion der energetischen Eigenschaften ist bei der Beginn an konstruktiv in Tragwerk (z. B. Holz-
Die Ausbildung der Hülle kann durch die Art Gebäudehülle zudem mit hohem Aufwand ver- stützen) und Gebäudehülle (z. B. Tierfelle) auf-
der Gebäudekonstruktion beeinflusst sein. bunden. Es macht deshalb Sinn, bei Neubau- geteilt. In den gemäßigten und kalten Klima-
Hierbei ist entscheidend, ob die Außenhaut wie Sanierungsmaßnahmen die weitere Ent- zonen überwogen demgegenüber massive
eine tragende Funktion übernimmt oder ob sie wicklung von Komfortansprüchen und der Außenwände, die zugleich statische Funktionen
frei von primären statischen Anforderungen ist. Energiebereitstellung abzuschätzen und mög- übernahmen (z. B. Mauerwerk). Diese beein-
Materialwahl und Konstruktion bedingen sich lichst entsprechend hohe Standards zu rea- flussten durch konstruktiv bedingte kleine Öff-
dementsprechend gegenseitig. Überwiegen lisieren. nungen und ihre hohe Speichermasse maß-
im Wohnungsbau weitgehend massive Außen- geblich das Innenraumklima.
wände mit klimaregulierender Wirkung, sind bei Rechtliche Anforderungen Insbesondere Naturwissenschaftler trugen im
vielen zeitgenössischen Verwaltungsgebäuden Die Planung wird zunehmend durch rechtliche 19. Jahrhundert über bauphysikalische Erklä-
Trag- und Hüllfunktion getrennt, oftmals in Ver- Grundlagen beeinflusst. Zahlreiche Dokumente rungen der Funktionsweise von Gebäudehüllen
bindung mit großflächiger Verwendung von beinhalten Vorgaben und Empfehlungen be- zur weiteren Entwicklung bei. Der Franzose
Glas. Transparente Flächen bedürfen beson- züglich der energetischen Eigenschaften der Jean Fourier stellte um 1820 eine Theorie über
derer Sorgfalt bei der Planung, weil sie in der Gebäudehülle. Die entsprechenden Gesetze die Wärmeleitung in festen Körpern auf und
Regel vielfältige Funktionen zu erfüllen haben werden von Bundes- oder Landesregierungen prägte mit den Begriffen »Wärmefluss«, »Tem-
und unerwünschte Nebenwirkungen entfalten erlassen und bilden oftmals die Grundlage für peraturgefälle« und »Wärmeleitfähigkeit« unse-
können. Um diese zu bewältigen, sind sie darauf aufbauende Verordnungen oder Richt- ren heutigen Sprachgebrauch. Im Jahre 1828
daher meist ergänzt durch unterstützende Sys- linien. Verordnungen dienen der Präzisierung führte dann der ebenfalls aus Frankreich stam-
teme wie öffenbare Elemente, Sonnenschutz, von Gesetzen und verweisen zudem auf zahl- mende Physiker Jean Claude Eugène Péclet
Blendschutz etc. reiche Normen. Ein Beispiel für Deutschland ist den k-Wert (heute U-Wert in W / m2K, siehe

äußere Einflussfaktoren Gebäudehülle innere Einflussfaktoren

Licht Eigenschaften thermisch

Solarstrahlungsintensität Transparenz Raumlufttemperatur


Solarstrahlungswinkel Transluzenz mitt. Raumumschließu