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Dänemark dkr 57,95 Frankreich € 6,80 Italien € 6,80 Österreich € 6,00 Portugal (cont) € 6,80 Slowenien € 6,50 Spanien/Kanaren € 7,00 Ungarn Ft 2490,- Germany

Ist Österreichs Vizekanzler käuflich?


NACH IHR DIE FINSTERNIS
Angela Merkels apokalyptischer Blick auf die Lage der Welt

Was geheime Videos über FPÖ-Chef Strache verraten


Nr. 21 / 18.5.2019
Deutschland € 5,30
5)&

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»EINES DER
Das deutsche Nachrichten-Magazin
BESTEN
Hausmitteilung
Betr.: Titel, Österreich, Kronprinz Haakon
WIRTSCHAFTS-
BÜCHER DER
Es war immer die große Kunst Angela Merkels,
die Deutschen zu beruhigen. Als sie sich im Jahr
2013 zum dritten Mal als Kanzlerin bewarb, tat
JÜNGEREN ZEIT. «
URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL
sie dies im Grunde mit nur einem Satz: »Sie ken- MANAGER MAGA ZIN
nen mich.« Aber stimmt das auch? Redakteur
René Pfister hat Merkel über viele Jahre begleitet,
auch bei Reisen nach Afrika, in die USA, nach
China und Russland. Der Blick Merkels auf die
Weltlage, so Pfister, hat sich in den vergangenen
Pfister, Merkel in Berlin Jahren dramatisch verändert. Abseits der Mikro-
fone schlug sie immer wieder einen apokalypti-
schen Ton an, sie verglich die Situation von heute mit der vor dem Ausbruch des
Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618, der dann weite Teile Europas zerstört hat.
Doch was folgt aus dieser düsteren Analogie? »Merkel verhält sich seltsam paradox«,
sagt Pfister. »Ihre Sicht auf die Lage könnte kaum pessimistischer sein, aber für ihre
praktische Politik hat das so gut wie keine Konsequenzen.« Seite 16

Redakteur Martin Knobbe hörte


vor einiger Zeit, dass es heimlich
aufgenommene Videos geben soll,

OLE WITT / DER SPIEGEL


die zeigen, wie der heutige Vize-
kanzler Österreichs, der FPÖ-
Politiker Heinz-Christian Strache,
und sein Parteifreund Johann
Gudenus einer angeblichen rus-
sischen Multimillionärin öffent- Deutsche, österreichische Ausgabe, Knobbe
liche Aufträge in Aussicht stellen,
im Hinblick auf eine mögliche Unterstützung im Wahlkampf. Knobbe glaubte zunächst
an eine Verschwörungstheorie, doch dann bekam er die Videos zugespielt, gemeinsam 400 Seiten · Deutsch von Karlheinz Dürr
mit Wolf Wiedmann-Schmidt und anderen Kollegen wertete er sie aus. Da auch die Gebunden mit SU · € 24,00 (D)
»Süddeutsche Zeitung« das Material erhielt, vereinbarten die Redaktionen, bei der Auch als E-Book erhältlich
Recherche zusammenzuarbeiten. Die Aufnahmen zeigen ein gut sechsstündiges Treffen
in einer Villa auf Ibiza, bei dem Strache zwischen Wodka / Red Bull und Thunfischtatar
seine Bereitschaft offenbart, mit russischem Schwarzgeld einen Vorteil gegenüber dem Sie galt als der weibliche Steve Jobs.
politischen Gegner zu erlangen. Was die FPÖ-Politiker nicht wussten: Das Angebot
der angeblichen Millionärin wurde nur zum Schein unterbreitet, um zu sehen, wie Mit ihrem milliardenschweren
weit sie gehen würden. Es war eine Falle. Walter Mayr, langjähriger Österreich-Kor- Start-up Theranos wollte Elizabeth
respondent des SPIEGEL, schrieb die delikate Affäre auf, die in der Auflage für Öster-
reich das Titelstück stellt. Mayr: »Die Videos wirken wie der Werkstattbericht aus
Holmes die Medizinindustrie
einer Bananenrepublik.« Seite 78 revolutionieren: Ein einziger Tropfen
sollte reichen, um Blutbilder zu
erstellen. Doch die Technologie
Noch bevor die Redakteure Alexander Jung hinter den schicken Apparaturen hat
und Alexander Kühn ihre erste Frage stellten,
JEPPE BØJE NIELSEN / DER SPIEGEL

begann der norwegische Kronprinz Haakon nie funktioniert. Pulitzer-Preisträger


von seiner Liebe zu Elektroautos zu schwär- John Carreyrou kam diesem giganti-
men. Norwegen ist einer der größten euro-
päischen Lieferanten von Öl und Erdgas, aber
schen Betrug auf die Spur und erzählt
auch ein Vorbild in grüner Energie. Am kom- in seinem mehrfach ausgezeichneten
menden Freitag wird Haakon deshalb nach Bestseller die packende Geschichte
Berlin reisen, wo er bei einem Umweltfestival
Jung, Kronprinz Haakon, Kühn in Oslo einen Preis für Nachhaltigkeit verleiht. Die seiner Enthüllung.
SPIEGEL-Redakteure besuchten ihn vorab im
königlichen Schloss in Oslo. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt. Erst danach
erzählte Haakon von seinen Deutschkenntnissen und davon, wie er diese verbessern
konnte: Während seiner Ausbildung bei der Marine habe er den deutschen Spielfilm
»Das Boot« gesehen – und regelmäßig den SPIEGEL gelesen. Seite 72

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 5 www.dva.de


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 21 | 18. Mai 2019

Titel Terrorismus Ein Islamisten-


paar aus Köln wollte offenbar
Regierung Angela Merkels eine Giftbombe bauen . . . . . . 47
dunkler Blick auf die Welt . . . 16
Zeitgeschichte Die Konzern-
erbin Verena Bahlsen
Deutschland verharmloste die Rolle ihrer
Familie in der Nazizeit . . . . . 48
Leitartikel EU-Kommissions-
präsident darf nur Handwerk Vietnamesische
einer der Spitzenkandidaten Azubis für deutsche
werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Bäckereien? . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

Meinung Der gesunde Kriminalität Offenbar Suizid


Menschenverstand / So gesehen: durch Pfeile einer
Das wahre Geheimnis Armbrust – steckt dahinter
von »Game of Thrones« . . . . 10 eine Art Sekte? . . . . . . . . . . . . . 52

Schäuble will Anonymität im


Netz beenden / Mehr Befugnisse Gesellschaft
für Bundespolizei / Tumbe
Smartphones für die Truppe 12 Früher war alles schlechter:
Schiffsunglücke / Haben wir
Koalition Erstmals seit Jahren »Uno« bisher falsch gespielt? 54
schrumpfen die Steuer-
zuwächse, und schon denkt
Verräterische Aufnahmen Eine Meldung und ihre
die Regierung über Heimlich aufgezeichnete Videos belasten den Geschichte Wieso ein Pflaster
Steuererhöhungen nach . . . . 26 Rassismus sichtbar macht . . . 55
österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian
Europa Manfred Weber und Strache (FPÖ). Gegen Hilfe im Wahlkampf stellte Freizeit Auffallend
Frans Timmermans, die er einer vermeintlichen Investorin aus Russland viele Bundestagsabgeordnete
Spitzenkandidaten der großen öffentliche Aufträge in Aussicht. Gerät die sind Jäger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Parteien, wollen beide
EU-Kommissionspräsident
Regierung in der Alpenrepublik ins Wanken? Seite 78 Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 61
werden – ein SPIEGEL-
Streitgespräch . . . . . . . . . . . . . . 30
Wirtschaft
Karrieren Das Vorleben von
AfD-Europakandidat Regierungsberater fordern City-
Maximilian Krah als Finanz- Maut / Flüge bleiben billig . . . 62
manager der erzreaktionären
Piusbruderschaft . . . . . . . . . . . . 34 Zukunft Quantencomputer
PAUL LANGROCK / DER SPIEGEL

werden die Wirtschaft


Wahlen Bremen liegt in radikal verändern . . . . . . . . . . . 64
vielen Deutschland-Rankings
ganz hinten – ist das die Konzerne Der neue Daimler-
Schuld der seit Jahrzehnten Chef Ola Källenius setzt sich
regierenden SPD? . . . . . . . . . . 36 von seinem Vorgänger ab . . . 70

»Gorch Fock« Die Bundeswehr Energiewende SPIEGEL-


soll nun doppelt für einige Griff in die Tasche Gespräch mit Kronprinz
Reparaturen zahlen, Haakon von Norwegen über
sonst will die Werft das Schiff Die Große Koalition funktionierte, solange die Schwierigkeit,
einbehalten . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 ausreichend Geld vorhanden war. Jetzt sprudeln nachhaltig zu leben . . . . . . . . . 72

Gesundheit Deutschland
die Einnahmen nicht mehr so üppig. Datensicherheit Das Start-up
leidet an zu vielen Kranken- Prompt sprechen beide Seiten über ein politisches Teamviewer wurde
häusern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Tabuthema: Steuererhöhungen. Seite 26 Opfer chinesischer Hacker 74

6 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Ausland Wissenschaft

Der türkische Präsident Der Ursprung der Lügen-


Erdoğan buhlt vor der propaganda im Netz / Warum
Wahl in Istanbul um die Hits immer kürzer werden . . . 98
Gunst der Kurden /
SPD-Staatsminister Roth Naturschutz Ökoromantiker –

HINDUSTAN TIMES / DDP


plädiert für Präsenz mit Blühstreifen gegen den
der EU auf dem Balkan . . . . 76 Artenschwund . . . . . . . . . . . . . 100

Affären Verdeckt auf- Demografie Schrumpft die


genommene Videos enthüllen, Weltbevölkerung früher und
wie weit der Chef der schneller als erwartet? . . . . . 102
rechtspopulistischen FPÖ,
Heinz-Christian Strache, Der nächste Gandhi Geschichte Wie die Jünger
gehen würde, um Kanzler des Nazi-Eugenikers
zu werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Seine Familie regierte Indien über mehrere Ernst Rüdin nach dem Krieg
Generationen hinweg. Nun will Rahul Gandhi bei Karriere machten . . . . . . . . . . 104
Großbritannien Den Kon-
servativen droht bei
der Wahl den Hindunationalisten Narendra Gesundheit Sogar viele
der EU-Wahl ein Debakel . . . 86 Modi als Premier ablösen. Doch die Inder verehren schlanke Menschen haben
vor allem Gandhis Schwester. Seite 88 zu viel Fett im Bauch . . . . . . 107
Indien Rahul Gandhi ist der
Abkömmling einer
großen Dynastie und will Kultur
Premier werden . . . . . . . . . . . . 88

Analyse Die USA-Iran-Krise


Deutscher Quantensprung Deutscher Sachbuchpreis
wird erstmals vergeben /
weckt Kriegsangst – Die Welt bereitet sich auf die nächste Revolution Will Smith in »Aladdin« /
aber wo ist die glaubhafte Kolumne: Zur Zeit . . . . . . . . . 108
vor: Quantencomputer, bisherigen Rechnern
diplomatische
Antwort Europas? . . . . . . . . . . 91 weit überlegen, sollen die Digitalisierung ablösen. Zeitgeist Warum Gender-
Für Deutschland bietet sich die Chance, in der Aktivisten ein Wandbild des
Frankreich Präsident Technologie von morgen führend zu werden. Seite 64 schwulen Comiczeichners
Emmanuel Macron wendet Ralf König bekämpfen . . . . 110
sich von Deutschland ab . . . . 92
Klassik Die junge Litauerin
Mirga Gražinytė-Tyla auf dem
Sport Aus Spaß Weg zur Stardirigentin . . . . 116

Was ist die härteste


Mannschaftssportart? /
wird Ernst Ausstellungen »Food – Bigger
than the Plate« im Victoria
Magische Momente: Der Zeichner Ralf and Albert Museum . . . . . . . 118
Volleyballerin Deborah König gilt als
van Daelen über Autoren SPIEGEL-Gespräch
ihren langen Weg zum
weltweit erfolgreichs- mit Ian McEwan über den
ersten Meistertitel . . . . . . . . . . 93 ter Autor schwuler Brexit und schlaue Roboter 120
Comics, sein bekann-
Vereine Warum Manchester testes Buch: »Der Serienkritik Neuverfilmung
City der Ausschluss von »Der Name der Rose« 123
bewegte Mann«.
"RALF KÖNIG - DER BEWEGTE MANN"

aus der Champions League


droht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Doch nun ist König
in den Fokus queerer Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Fußball Trainer Friedhelm Aktivisten geraten. Impressum, Leserservice . . . 124
Funkel über tätowierte Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Kicker und seine verhinderte
Sie halten seine Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Entlassung bei Fortuna Bilder für diskrimi- Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Düsseldorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 nierend. Seite 110 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelfotos [M]: Xander Heinl / Photothek / Getty Images; Action Press; Titelfoto Teilauflage Österreich [M]: Action Press 7
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Mehr Demokratie wagen


Leitartikel Die Regierungschefs sollten den Sieger der Europawahl zum Kommissionschef machen.

A
usgerechnet Emmanuel Macron! Ausgerechnet der Beispiel fragen, ob der CSU-Politiker, der noch nie Bürger-
Mann, der Europa bei der französischen Präsident- meister war, geschweige denn Bundesminister, genügend
schaftswahl vor Marine Le Pen bewahrte, ausgerech- Erfahrung mitbringt, um im Handelsstreit gegen Donald
net Frankreichs Präsident, der zum Glück nicht Trump zu bestehen. Auch die Frage, ob ausgerechnet ein
müde wird, die EU mit immer neuen Reformideen zu nerven. Deutscher an die Spitze der Kommission aufrücken muss,
Ausgerechnet dieser Mann also setzt sich kurz vor der Euro- also der Angehörige eines Mitgliedslandes, das in der EU
pawahl an die Spitze derer, die Europas Demokratie sabotie- ohnehin über den größten Einfluss verfügt, muss erlaubt
ren wollen. Er halte nichts vom Konzept des Spitzenkandi- sein (siehe SPIEGEL-Streitgespräch Seite 30).
daten, sagte Macron unlängst beim EU-Gipfel in Rumänien. Aber diese Fragen sollten nicht dazu missbraucht wer-
Auch Bundeskanzlerin Merkel bekräftigte in dieser Woche den, den Wahlsieger (und viele Millionen Wähler) nach der
eine »gewisse Skepsis gegen das Prinzip Spitzenkandidat«. Abstimmung zu diskreditieren. Wenn Weber oder Timmer-
Und Luxemburgs Regierungschef Xavier Bettel sagte: »Das mans gewinnt und es demjenigen gelingt, eine Mehrheit
war sowieso von Anfang an eine im Parlament zu finden, müssen
schlechte Entscheidung.« die Staats- und Regierungschefs
Es stimmt, noch haben sich ihn als Nachfolger Jean-Claude
nicht alle Hoffnungen erfüllt, die Junckers akzeptieren. Alles ande-
mit jener Idee verbunden waren, re wäre ein Demokratieabbau.
die erstmals bei der Europawahl Frankreichs Präsident will die
2014 zur Anwendung kam, als langjährige Vorherrschaft der
Martin Schulz und Jean-Claude Christdemokraten in der EU bre-
Juncker als Spitzenkandidaten ih- chen. Das ist sein gutes Recht.
rer Parteienfamilien ins Rennen Doch statt die Idee des Spitzen-
gingen. Der Sieger, das war die kandidaten infrage zu stellen,
Idee, sollte Chef der EU-Kommis- sollte er Webers EVP besser mit
PHILIPP GUELLAND / EPA-EFE / REX FEATURES

sion und so Regierungschef Argumenten bekämpfen. Deren


Europas werden. Die Besetzung Stärke beruht seit Helmut Kohls
des wichtigsten Amtes in der EU Zeiten vor allem darauf, dass sie
sollte eine demokratische Grund- bei der Aufnahme neuer Gruppie-
lage bekommen und die Europa- rungen nie zimperlich war. Wer
wahl an Bedeutung gewinnen. Es dem Sozialismus abschwor, durf-
war eine gute, belebende Idee. te Mitglied werden, so wuchs die
Zuvor war der Chef der Kommis- EVP zu Europas Machtmaschine
sion von den Staats- und Regie- heran. Derzeit stellt sie gleichzei-
rungschefs in Brüsseler Hinter- tig die Präsidenten von Kommis-
zimmern ausgeknobelt worden. Wahlplakat mit EVP-Spitzenkandidat Weber sion, Rat und Europaparlament.
Dass ein 28 Länder umfassen- Inzwischen treten die inneren
der Wahlkampf mühsam ist, er- Widersprüche dieses Konstrukts
leben in diesen Wochen auch Manfred Weber, der CSU- jedoch offen zutage. Die Christdemokraten müssen klären,
Mann aus Bayern, der die Europäische Volkspartei (EVP) wie weit sie den Rechtspopulisten noch hinterherlaufen wol-
in die Wahl führt, und der Niederländer Frans Timmer- len, ein Rezept, mit dem im vergangenen Oktober die CSU
mans, Spitzenkandidat der Sozialdemokraten. Ihre Namen und zuletzt Spaniens Konservative bei Wahlen gescheitert
kennen bis heute nicht allzu viele Bürger in der EU. Und sind. Hinter Webers freundlichem Gesicht steht zum Teil
dennoch ist es richtig, wenn Europa – frei nach Willy höchst unappetitliche Verwandtschaft. Wer ihn in Italien
Brandt – mit dem Spitzenkandidaten-Prinzip mehr Demo- unterstützen will, muss zum Beispiel beim Wahlbündnis
kratie wagt. Wenn man das freundliche Desinteresse von Silvio Berlusconi sein Kreuz machen, in Ungarn bei
vieler Bürger an der Europawahl aufbrechen und für eine Viktor Orbáns Fidesz-Partei und in Österreich bei der ÖVP
höhere Wahlbeteiligung sorgen will, ist die Personalisie- von Sebastian Kurz, der in Brüssel europäische Werte
rung der richtige Weg. Warum, bitte schön, sollten die Kan- predigen mag, in der Heimat aber mit Rechtspopulisten
didaten für den höchsten Posten in der EU nicht selbst von der FPÖ regiert, die diese Werte infrage stellen.
zur Wahl stehen? Es sind diese Debatten, die in Europa viel zu lange nicht
Natürlich darf Macron nun seine Zweifel am Kandidaten offen ausgetragen wurden. Dass sie nun endlich auf der
Weber vorbringen. Das Prüfen und Hinterfragen ist Teil Tagesordnung stehen, ist nicht zuletzt ein Verdienst der
eines jeden Wahlkampfs. Und natürlich kann man zum Spitzenkandidaten. Peter Müller

8 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


TISSOT heritage visodate.
INSPIRIERT VON DER TISSOT VISODATE
KOLLEKTION AUS DEM JAHR 1950.

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TI S S OT WATC H E S .CO M
TISSOT, INNOVATORS BY TRADITION
Meinung So gesehen

Achtung, Spoiler!
Mittelalterrätsel endlich gelöst
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
G Mehr als 200 Seiten mit rätsel-

Die Schönheit des Spiels haften Schriftzeichen, deren Bedeu-


tung niemand kennt: Das sogenann-
te Voynich-Manuskript stellte die
Die Parallelwelt des Profi- wenigstens einen Hauch von Gerech- Menschheit seit mehr als hundert
fußballs gebiert manchmal tigkeit verleihen soll. Die Football- Jahren vor ein Rätsel. Die wahr-
seltsame Spezies. Da Leaks-Enthüllungen des SPIEGEL und scheinlich im frühen 15. Jahrhundert
bugsierte ein ehemaliger eine gerade erfolgte Prüfung durch entstandene Schrift soll einst Kaiser
SAP-Manager einen 3000 die Uefa zeigen, dass Manchester City Rudolf II. gehört haben. 1912 erwarb
Einwohner zählenden Ort wohl im ganz großen Stil betrogen sie der polnische Sammler Wilfrid
namens Hoffenheim mit seinem hat. So frech, dass der für Korruption Michael Voynich, nach dem sie seit-
Geld an die Spitze der Bundesliga. an sich nicht unempfängliche Verband her benannt ist.
Da wurde ein sächsischer Fünftligist überlegt, den Klub von der Champions Jetzt heißt es, ein Forscher der
in nur acht Jahren zum Champions- League auszuschließen. University of Bristol habe die ge-
League-Teilnehmer, weil ein Gummi- Als Fan ist man schmutzige Kompro- heimnisvolle Schrift innerhalb von
bärchensaftproduzent ihn als kickende misse mit der kapitalistischen Wirk- nur zwei Wochen entschlüsselt.
Litfaßsäule auserkor (RB Leipzig). lichkeit gewohnt. Doch immer wenn Gerard Cheshire behauptet, das
Man muss diese Konstrukte ebenso man kurz davor ist zu resignieren, Manuskript sei das Werk einer domi-
wenig mögen wie den Gummibärchen- zeigt der Fußball, warum er so unwider- nikanischen Nonne, die darin Wis-
saft. Aber wenigstens treten sie nicht stehlich ist. Dann gibt es jene Zauber-
im Dienste eines Regimes an, das die spiele wie neulich die Halbfinals
Demokratie mit Folter unterdrückt. der Champions League, Festivals der
Bei Manchester City und Paris Saint- Schönheit und Dramatik mit wunder-
Germain ist das anders. Diese Klubs vollen Toren und irren Aufholjagden,
gehören den Scheichs aus Abu Dhabi an deren Ende man selbst vom Zu-
und Katar, die sich im Tausch gegen schauen erschöpft ist. Doch das Schöns-
ihre Milliarden für Superstars einen te an diesen Halbfinals war, dass
Imagegewinn für ihre Staaten verspre- Paris und Manchester City nicht mit-
chen. Unter moralischen Gesichts- spielen durften. Sie waren schon vorher
punkten ist das schwierig genug. Hinzu ausgeschieden. So bleibt fürs Erste eine
kommt, dass sie auch hemmungslos Hoffnung: dass das Spiel so magisch senswertes über Heilpflanzen und
tricksen und betrügen. Schon in der Ver- und so groß ist, dass auch die Skrupel- Kindererziehung für die Frauen
gangenheit verstießen Paris und Man- losen es nicht zerstören können. am Hof der Maria von Kastilien
chester City gegen das »Financial zusammengestellt habe. Verfasst sei
Fair Play« des Fußballverbands Uefa, An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und es in der bislang nie gelesenen
das dem Milliardengeschäft Fußball Markus Feldenkirchen im Wechsel. Sprache Proto-Romanisch, die er,
Gerard Cheshire, allein kraft seines
Scharfsinns und seiner Fähigkeit
zum Querdenken lesbar machen
konnte.
Das ist selbstverständlich Unsinn,
wie schon ein flüchtiger Blick auf das
Manuskript zeigt: Es enthält neben
kryptischer Schrift auch Zeichnun-
gen nackter Frauen und seltsamer
Objekte. Nichts davon steht in
erkennbarer Beziehung zueinander.
Ganz ohne Scharfsinn ist also
glasklar: Verfasst wurde dieses
Manuskript von einem dicken bärti-
gen Mann mit Brille und Schirm-
mütze namens George R. R. Martin,
der danach seine eigenen Notizen
nicht mehr entziffern konnte und
seither peinlich berührt darüber
schweigt. Niemand hat das Werk
verstanden, dennoch wurde es für
sehr viel Geld verfilmt: als letzte
Staffel von »Game of Thrones«.
Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


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Harald M. und seine Ziege „Brenda“, bezahlt von seiner Steuerrückerstattung.

Steuern? Lass ich machen.


Von der VLH.

Wir beraten im Rahmen von § 4 Nr. 11 StBerG. www.dankevlh.de


Deutschland
Man kann auf die Idee kommen, dass es vielleicht besser wäre, wenn es das Bundesland Bremen nicht gäbe. ‣ S. 36

UNITED ARCHIVES GMBH / ACTION PRESS


Schäuble

Internet

Schäuble will Anonymität im Netz beenden


Österreich plant bereits »digitales Vermummungsverbot«
 Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) macht Front hen können«, sagt Schäuble, »ich wünsche mir, dass die Ver-
gegen die Anonymität im Internet. »Für eine offene Gesell- rohung im Netz nicht achselzuckend hingenommen wird.« Der
schaft ist es schwer erträglich, wenn sich die Menschen bei einflussreiche CDU-Politiker verweist bei seinem Vorstoß auf
Debatten im Internet nicht offen gegenübertreten«, sagt der den Plan für ein sogenanntes digitales Vermummungsverbot
ehemalige Bundesinnenminister. Zu oft würden »Privatleute etwa in Österreich, wo gerade über ein entsprechendes Gesetz
und Personen des öffentlichen Lebens gerade unter dem Schutz beraten wird. Im Nachbarland müssten sich die Nutzer großer
der Anonymität beleidigt und bedroht«. Auch viele Politiker Onlineplattformen künftig mit Namen und Adresse registrieren
werden im Netz mit Hassreden und Drohungen anonymer lassen – und die Onlinedienste die Identität der Nutzer prüfen.
Absender überschüttet – besonders betroffen sind Abgeordnete Bei Bürgerrechtlern und Netzaktivisten lösen solche Vorstöße
der Grünen wie Renate Künast und Parlaments-Vizepräsidentin Proteste aus, weil diese dadurch Datenschutz und Meinungs-
Claudia Roth. »Wer seine Meinung äußert, sollte auch dazu ste- freiheit gefährdet sehen. AMA, ROM

Bundespolizei geht aus dem Entwurf einer Novelle des Darüber hinaus soll es ihr künftig
Mehr Befugnisse Bundespolizeigesetzes hervor, die im
Ministerium erarbeitet wird. Demnach
erlaubt sein, moderne Software mit bio-
metrischen Daten etwa für die Gesichts-
 Bundesinnenminister Horst Seehofer soll die Bundespolizei unter anderem erkennung zu füttern. Hausintern
(CSU) will die Bundespolizei mit weite- mehr Telekommunikationsdaten spei- bemängeln Kritiker, dass Seehofer das
ren Befugnissen ausstatten, obwohl im chern dürfen. Außerdem soll sie mehr neue Musterpolizeigesetz nicht abgewar-
Koalitionsvertrag keine solche Kompe- Möglichkeiten bekommen, Wohnräume tet hat, welches alle Polizeigesetze in
tenzerweiterung vorgesehen ist. Das zu überwachen und Zeugen zu schützen. Deutschland harmonisieren soll. AUL

12
Rechtsextremisten Jugendgewalt res Land. Bereits die derzeitige Verbots-
Anti-Asyl-Demos out »Gefühlte Unsicherheit« diskussion schürt das Vorurteil, jeder
laufe mit einem Messer durch die
 Proteste gegen Flüchtlinge scheinen Die Soziologin Marie Gegend. Dabei wissen wir wenig über
für die rechtsextreme Szene stark an Christine Bergmann, 31, die reale Gefahr, weil die Polizeistatistik
Bedeutung verloren zu haben. Wie aus vom Kriminologischen diese Tatwaffe nicht gesondert ausweist.
einer vertraulichen Analyse des Bun- Forschungsinstitut Wirklich erschreckend sind schlimme
desamts für Verfassungsschutz (BfV) Niedersachsen über Einzelfälle: Hier scheint es Handlungs-
hervorgeht, ist sowohl die Zahl der Waffenverbote bedarf zu geben.
Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte SPIEGEL: Sie erforschen Jugendkrimina-
als auch der Anti-Asyl-Demonstratio- SPIEGEL: Einige Bundesländer wollen lität, was zeigen Ihre Studien?
nen seit einiger Zeit massiv rückläufig. Messerstechereien verhindern, indem sie Bergmann: Seit 2013 befragen wir jedes
Während es von Oktober bis Dezem- Waffenverbote an stark frequentierten Jahr 10 000 niedersächsische Neuntkläss-
ber 2015, auf dem Höhepunkt der öffentlichen Orten verhängen. Was hal- ler nach mitgeführten Waffen. Und da
Flüchtlingskrise, 365 entsprechende ten Sie davon? sehen wir tatsächlich einen starken
Protestversammlungen in Deutschland Bergmann: Grundsätzlich ist es positiv, Anstieg bei Messern. 2017 gab jeder fünf-
gab, finden laut BfV seit inzwischen wenn weniger Messer mitgenommen wer- te Jugendliche an, ab und zu eine Klinge
zwei Jahren nicht mehr als 3 Anti-Asyl- den. Bei Auseinandersetzungen werden dabeizuhaben: Jungen deutlich mehr als
Kundgebungen pro Monat statt. In den mitgeführte Waffen schnell gezückt – Mädchen; deutsche etwas mehr als aus-
vergangenen Monaten habe es gar kei- wenn man sich erst eine besorgen muss, ländische Schüler.
ne mehr gegeben. »Bundesweit ist der Affekt oft schon verpufft. SPIEGEL: Vielleicht gibt es ja eine neue
betrachtet, ist das rechtsextremistische SPIEGEL: Bewirken denn Verbote, dass Pfadfinderlust …
Demonstrationsgeschehen im Bereich Messer eher daheim gelassen werden? Bergmann: … wir haben zwar nach Waf-
Anti-Asyl praktisch zum Erliegen Bergmann: Das hängt ganz von der fen gefragt, Taschenmesser aber nicht
gekommen«, schreibt der Verfassungs- Umsetzung ab. Wenn etwa bei Konzer- ausgeschlossen.
schutz im aktuellen Papier. Das gelte ten bekanntermaßen viel kontrolliert SPIEGEL: Warum bewaffnen sich Jugend-
auch für die Gegenden Deutschlands, wird, dann bringen die Besucher auch liche, fühlen sie sich unsicher?
die zuvor häufig von solchen Protesten seltener Waffen mit. Bergmann: Unsere Befragungen zeigen,
betroffen gewesen seien. 2018 wurden SPIEGEL: Die Befürworter neuer Ver- dass ein Risikofaktor für die Bewaffnung
allerdings immer noch 1770 Straftaten botszonen wollen damit das Sicherheits- ist, wenn Jugendliche zu Hause Gewalt
gegen Asylbewerber verübt. JDL gefühl der Bürger steigern. erleben. Tatsächlich berichten auch mehr
Bergmann: Da bin ich skeptisch. Jedes Schüler als früher über Prügel daheim.
Mal, wenn die Polizei eine neue Krimina- In den Elternhäusern anzusetzen könnte
litätsstatistik präsentiert, wächst die also ein Präventionsansatz sein, ebenso
Twitterpropaganda gefühlte Unsicherheit. Auch wenn die wie das Einüben anderer Formen des
Russische Hashtags Zahlen zeigen: Wir haben ein supersiche- Umgangs miteinander: etwa Empathie. AB

gegen die Nato


 Mit Tweets und anderen Social- Kirchlicher Missbrauch
Media-Aktivitäten haben russische Stel-
len offenbar versucht, die politische
Öffnung der
Diskussion in Deutschland rund um die Geheimarchive?
Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag
 Am Dienstag trifft sich in Berlin erst-

ARNE DEDERT / PICTURE ALLIANCE / DPA


der Nato am 4. April zu beeinflussen.
Das geht aus einem Bericht der US- mals eine gemeinsame Arbeitsgruppe der
amerikanischen Organisation »Ad- Deutschen Bischofskonferenz und des
vance Democracy« des früheren Missbrauchsbeauftragten der Bundes-
FBI-Analysten Daniel Jones hervor. regierung Johannes-Wilhelm Rörig.
Darin heißt es, dass »staatlich geför- Dabei soll die weitere Aufarbeitung des
derte russische Medien, unterstützt kirchlichen Missbrauchs organisiert und
von einem Netzwerk deutschsprachiger zudem geklärt werden, ob die deutschen
Twitter-Accounts«, das Jubiläum des Bischöfe künftig unabhängigen Forschern
Militärbündnisses genutzt hätten, um den Zugang zu ihren Archiven ermögli- Bischöfe in Fulda 2018
die Nato »in den Köpfen der deutschen chen. Auch die Aufarbeitung sexueller
Bevölkerung zu diskreditieren«. Die Übergriffe in katholischen Orden soll mer angewiesen. Einige der 27 Diözesen
mit Russland verbundenen Twitter- Thema sein. Die Kirche hatte die Koope- kooperierten nur unzureichend. Bei dem
Konten hätten Hashtags wie #nonato, ration mit den staatlichen Stellen nach Treffen sollen daher einheitliche Standards
#rausausdernato oder #kriegsverbre- der Veröffentlichung der Missbrauchsstu- entwickelt werden. Experten verweisen
chen verbreitet, um gegen die Allianz die der Bistümer im Herbst 2018 intensi- auf eine hohe Dunkelziffer, die Rede ist
Front zu machen. In den Tagen vor viert. Der Studie zufolge wurden in den von mehr als 100000 Betroffenen. »Die
dem Jubiläum hätten sich die Posts mit vergangenen Jahrzehnten mindestens Aufarbeitung muss jetzt konkret werden«,
Nato-kritischem Inhalt verdreifacht. In 3677 Kinder und Jugendliche von 1670 sagt Matthias Katsch von der Betroffenen-
den meisten Tweets sei die Nato als katholischen Klerikern missbraucht. Die vereinigung »Eckiger Tisch«: Verantwortli-
Aggressor, Russland als friedlich und Forscher durften allerdings keine kirchli- che müssten namentlich benannt und miss-
die Besetzung der Krim als durchaus chen Originaldokumente einsehen, son- brauchsbegünstigende Machtstrukturen
legitim bezeichnet worden. IT dern waren auf Informationen der Bistü- abgeschafft werden. BHR

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 13


Berlin-Bonn aufgebaut« werden. Der Koalitionsver-
Seehofer sitzt es aus trag sieht vor, dass der Bund mit der Regi-
on Bonn, mit Rheinland-Pfalz und Nord-
 Durch Nichtstun möchte sich Bundes- rhein-Westfalen einen »Bonn-Vertrag«
innenminister Horst Seehofer (CSU) aushandelt, der die Entwicklung der bei-
offenbar neuen Streit um den Dienstsitz den Dienstsitze regelt. Seit Jahren wird
von Bundesministerien vom Hals halten. über einen Komplettumzug nach Berlin
Eigentlich soll der Innenminister als diskutiert, da sich die Kosten für die Auf-
»Beauftragter der Bundesregierung für teilung laut Regierung auf rund acht Mil-
den Berlin-Umzug und den Bonn-Aus- lionen Euro pro Jahr belaufen. LE
gleich« die Arbeitsteilung zwischen den
Standorten organisieren. Sechs Ministe-

MARKUS NOWAK / KNA


rien haben ihren Hauptsitz noch in
Bonn. Allerdings hat das zuständige
Referat im Bundesinnenministerium der-
zeit keinen Leiter, die Stelle ist unbe-
setzt. Auf Anfrage, was Seehofer bislang
unternommen habe, teilt das Ministe-
Justiz rium lediglich mit, dass der Minister
Barley gegen Antisemiten selbst allen Beteiligten »als Ansprech-
partner« zur Verfügung stehe. Grund für

DPA
 Bundesjustizministerin Katarina Bar- die unbesetzte Referatsstelle seien Perso-
ley setzt sich für die Schaffung von nalengpässe; die Abteilung müsse »neu Bonner Umzugscontainer 1999
Schwerpunktstaatsanwaltschaften ein,
die »gezielt gegen Hass und Gewalt
gegen Juden vorgehen«. In einem Brief
an die Justizminister und -senatoren in Bundeswehr Verteidigungsministeriums verteidigt die
den Bundesländern drängt die SPD-
Politikerin zudem darauf, in der Ausbil-
Dumme Smartphones Technikposse mit den »jüngst deutlich
gestiegenen IT-Sicherheitsanforderungen«.
dung von Staatsanwälten und Richtern  Die Anschaffung von neuen Dienst- Ohne wirksamen Schutz bestünde bei den
eine einheitliche Definition von Anti- handys sorgt in der Bundeswehr für Frust neuen Smartphones die Gefahr, dass über
semitismus zu verwenden. Diese könne und Spott. In den vergangenen Monaten ungeprüfte heruntergeladene Apps und
zur »Sensibilisierung« gegenüber dem sind in der Truppe 16 000 Samsung- sonstige Datentransfers auf die interne
Phänomen beitragen. Sie verwies auf Smartphones Galaxy S8 verteilt worden. Kommunikation zugegriffen werden kön-
die Begriffsbestimmung der Internatio- Die Geräte (Handelspreis rund 400 Euro) ne. Das Problem werde bald gelöst, ver-
nalen Allianz für Holocaust-Gedenken, sollten die alten Tastentelefone ablösen, spricht das Ministerium. Noch im Laufe
der sich auch die Bundesregierung ange- mit denen dienstlich telefoniert und SMS des Jahres wolle man geprüfte Apps zur
schlossen hat. Die Täter müssten mit verschickt werden konnten. Das Problem: Verfügung stellen, »z.B. Internetzugang
allen Mitteln des Rechtsstaats zur Verant- Mehr können auch die neuen Handys für dienstliche Recherchen oder auch eine
wortung gezogen werden, sagt die Minis- nicht. Die leistungsfähigen Geräte sind Wetter-App«. In der Truppe ist man nicht
terin. Die Zahl antisemitischer Straftaten von der Bundeswehr so eingerichtet wor- so geduldig. In vielen Einheiten werden
ist im vergangenen Jahr um knapp den, dass sie sich nicht mit dem Internet statt der neuen Geräte private Smart-
20 Prozent auf 1799 gestiegen. RAN verbinden können. Eine Sprecherin des phones benutzt – ohne Schutz. HAM

Zeitgeschichte europäischen Binnenmarkt könnten sich


Die Europa-Queen viele nichts vorstellen. Als Wechmar auf
eine Aufklärungskampagne der britischen
 In der Brexit-Debatte muss sie sich Regierung hinwies, meinte die Monarchin
zurückhalten, aber der britischen Königin aus dem Haus Windsor – ursprünglich ein
lag die europäische Integration Großbri- deutsches Adelsgeschlecht – sarkastisch:
tanniens offenbar früh am Herzen. Das »Das wurde aber auch Zeit.« Mehrfach
zeigt ein Vermerk im Politischen Archiv kritisierte die Königin die damalige euro-
des Auswärtigen Amtes, den Botschafter paskeptische Premierministerin Margaret
Rüdiger Freiherr von Wechmar nach sei- Thatcher. Wechmars Hinweis, Thatcher
nem Abschiedsbesuch 1988 verfasst hat. wolle wohl ein anderes Europa als die
Elizabeth II. ließ demzufolge »keinen Bundesregierung, kommentierte Eliza-
Zweifel daran, dass die Zukunft Großbri- beth mit »das wird sich schon noch
ROTA / CAMERA PRESS / DDP IMAGES

tanniens in Europa liege«. Über ihre ändern«, und fügte nach einer Kunstpause
Untertanen sagte sie: »Manche haben hinzu, »wenn sie dann noch da ist«. Als
dies hier noch nicht gemerkt.« Die Queen der Diplomat die Anpassungsfähigkeit
ist zu Neutralität verpflichtet, öffentlich Thatchers erwähnte, meinte die Königin
darf sie sich politisch nicht äußern. Laut spitz: »Ja, nun hat auch sie das Ozonloch
Wechmar erklärte sie ihm gegenüber entdeckt.« Das Institut für Zeitgeschichte
jedoch, dass die Briten noch immer ein wird den Vermerk im De Gruyter Verlag
reichlich insulares Volk seien. Unter dem veröffentlichen. KLW

14 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


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Titel

Zeiten des Aufruhrs


16
F
ür Sekunden steht Glück in ihrem
Gesicht. Sie genießt diesen Mo-
ment, soll sie ihre Freude ver-
bergen? Ein Abend im Januar,
Angela Merkel sitzt in einem feierlich er-
leuchteten Glasbau am Brandenburger
Tor, vor ihr Christiane Amanpour, der
Superstar des amerikanischen Fernseh-
senders CNN.
»What can I say about a woman named
Angela Merkel?«, fragt Amanpour ins
Publikum.
Dass sie die erste Frau im Kanzleramt
ist?
»The first Ossi?«
Merkel sei viel mehr als das, fährt
Amanpour fort, eine Naturwissenschaftle-
rin, die noch an den Wert von Fakten glau-
be in dieser postfaktischen Welt; eine Frau,
die gegen den Nationalismus kämpfe und
den Klimawandel. Die Kanzlerin habe
Standards gesetzt beim Umgang mit den
Verzweifelten dieser Welt.
Es ist alles ein bisschen dick aufgetragen,
eine Mischung aus Oscarverleihung und
politischem Seminar, aber Merkel hat ein
Lächeln im Gesicht, nur ab und zu, wenn
die Kamera nahe auf ihr Gesicht zoomt,
setzt sie eine neutrale Kanzlerinnenmiene
auf. Sie hat, trotz allem, einen Ruf als be-
scheidendste Politikerin des Westens zu
verteidigen.
Später, als sie den Fulbright-Preis für in-
ternationale Verständigung in den Händen
hält, wird der Saal sich erheben zum Ap-
plaus, Merkel wird ans Pult gehen und
sagen, was sie nun so häufig sagt: dass es
schlecht stehe um diese Welt, dass die Leh-
ren aus dem Zweiten Weltkrieg verblass-
ten und dass die internationale Ordnung,
so wie wir sie kennen, immer mehr ins
Wanken gerate.
Merkel nennt Donald Trump nicht
beim Namen, aber jeder weiß, wer ge-
meint ist, als sie sagt: »Wir stellen fest, dass
das Denken in nationalen Einflusssphären
zunimmt und damit auch völkerrechtliche
oder menschenrechtliche Grundsätze zur
Disposition gestellt werden.«
Die deutsche Bundeskanzlerin gegen
die Mächte der Dunkelheit, das ist die Bot-
schaft des Abends. Und weil es ein so gro-
FILIP SINGER / EPA-EFE / REX

ßes Einvernehmen gibt im Saal über den


Ernst der Weltlage und das Glück, dass
wenigstens die Kanzlerin versucht, die Rei-
ter der Apokalypse aufzuhalten, weicht
Merkel von ihrem sonst unerbittlichen Ter-
minkalender ab und verspricht, noch ein

Regierung Kein anderer Bundeskanzler hat zum Ende seiner Amtszeit so düster
auf die Weltlage geblickt wie Angela Merkel. Sie sieht die Säulen der Weltordnung
zusammenbrechen und bleibt doch seltsam untätig. Von René Pfister

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 17


Titel

Viertelstündchen auf dem anschließenden In ihrer Spätphase hat sie einen Wandel Donald Trump im Oval Office. Die Reise
Empfang zu bleiben. vollzogen, den man erst auf den zweiten steht ganz im Zeichen der drohenden Straf-
Schnell bildet sich eine Traube um die Blick wahrnimmt. Nach außen redet sie zölle gegen deutsche Autos. Aber Merkel
Frau, auf der so übermenschliche Hoff- so unaufgeregt und nüchtern wie stets, nur beschäftigt vor allem, dass sich Trump aus
nungen ruhen. Es wird gedrängt und ge- manchmal, wenn man genau hinhört, be- den Vereinbarungen verabschiedet, die
knipst, auch Amanpour will ein Selfie mit kommt man eine Ahnung von ihrer dunk- über Jahre und Jahrzehnte mühsam ver-
Merkel, sie teilt es mit ihren knapp drei len Weltsicht. Abseits der Öffentlichkeit handelt werden mussten: aus dem Atom-
Millionen Followern auf Twitter. Später aber macht sie seit geraumer Zeit kein Ge- deal mit Iran und dem Klimaabkommen
gibt sie dem Fernsehsender n-tv ein Inter- heimnis mehr daraus, wie tief ihre Sorge von Paris. Nach dem Treffen mit dem Prä-
view. Als der Reporter anmerkt, dass man- ist. Ihre historischen Vergleiche können sidenten kommt Merkel wieder auf den
che Wähler in Deutschland die Kanzlerin apokalyptischer nicht sein. brüchigen Augsburger Religionsfrieden zu
kritisch sähen, weist ihn Amanpour zu- Je länger Merkel im Amt ist, desto mehr sprechen und sagt: »Ob wir aus der Ge-
recht: »Sprechen Sie nicht abfällig über dehnen sich die Linien, in denen sie denkt. schichte gelernt haben, wird sich in den
Angela Merkel, sie ist eine der wenigen, Am 17. April des vergangenen Jahres tref- nächsten Jahrzehnten zeigen.«
die noch stehen. Sie können sich glücklich fen sich die Abgeordneten der Unionsfrak- Zwei Wochen später spricht Merkel auf
schätzen, sie zu haben.« tion im Reichstag. Sie sollen die Gelegen- dem Katholikentag in Münster erstmals
Seit dreizehneinhalb Jahren regiert Mer- heit bekommen, einmal grundsätzlich öffentlich über ihre düstere historische
kel das Land, und wenn sie diese Wahl- über die EU und deren Zukunft zu reden. Analogie. Den Augsburger Frieden hatten
periode beendet, wird sie mit Helmut Kohl Nur gibt Merkel dem Treffen eine ganz ei- Männer verhandelt, die der Gewalt müde
gleichziehen, den man zum Schluss den gene Wendung und unternimmt einen Ex- geworden waren. Nur ein Menschenleben
ewigen Kanzler nannte. Von Kohl würden kurs in die Frühe Neuzeit. Sie spricht laut später aber seien neue Akteure an die
die Einheit und der Euro bleiben, das war Mitschrift von Teilnehmern von den bluti- Macht gelangt, sagt Merkel, Männer, »die
schon klar, als er, umgeben von einem letz- gen Konfessionskriegen, die der Reforma- gedacht haben: Hier kann ich noch eine
ten Häufchen Getreuer, im September tion folgen und erst mit dem Augsburger kleine Forderung mehr stellen, und da
1998 seine Wahlniederlage auf einer Bühne Religionsfrieden im Jahre 1555 ein Ende kann ich noch ein bisschen härter heran-
des Bonner Adenauer-Hauses einräumte. finden. Damals, sagt Merkel, hätten die gehen. Und schwupp – schon war die gan-
Bei Merkel liegen die Dinge komplizier- Menschen geglaubt, sie hätten Zwist und ze Ordnung im Eimer, und der Dreißig-
ter, das Vermächtnis ihrer Ära ist viel Gewalt hinter sich gelassen. jährige Krieg brach aus«.
schwerer zu fassen als das ihrer Vorgänger. »Aber dann war die Generation, die das Am 13. Juli 2018 empfängt Merkel den
Gibt es überhaupt eines? Merkel hat im- ganze Elend vor dem Religionsfrieden er- Politikwissenschaftler Herfried Münkler
mer beteuert, dass sie sich keine Gedanken lebt hatte, gestorben«, sagt Merkel. »Sie im Kanzleramt. Es ist nicht ganz einfach
um ihren Platz in der Geschichte mache. war weg. Und es kam eine neue Genera- gewesen, den Termin zu finden. Merkels
Aber sie hat ihre ganz eigene Art und Wei- tion, die sagte, wir wollen nicht so viele Kalender hat nur wenige Lücken, und
se gefunden, an ihrem Nachruhm zu ar- Kompromisse machen. Das ist uns alles zu Münkler ist zu jener Zeit Gastprofessor in
beiten. Sie weist es als »grotesk« und »ab- schwierig.« Was folgt, ist die Katastrophe Mainz, was die Sache zusätzlich verkom-
surd« zurück, wenn in der Zeitung steht, des Dreißigjährigen Kriegs, der 1618 be- pliziert. Aber Merkel hakt immer wieder
sie sei die Anführerin der freien Welt. Und ginnt. Er entfacht ein Inferno, das etwa nach, was dem Professor durchaus schmei-
doch ist das Thema ihrer Spätphase die ein Drittel der Bevölkerung auf dem Ge- chelt, und so sitzen die beiden schließlich
Verteidigung der liberalen Weltordnung, biet des heutigen Deutschlands auslöscht an jenem Sommernachmittag im Kanzler-
größer geht es kaum. Es ist ein Paradox, und von Städten wie Magdeburg nur Rui- büro und werfen einen Blick zurück in die
von dem sie am meisten profitiert. nen übrig lässt. Zeit der ersten großen europäischen Ka-
Wie jeder lang gediente Kanzler ver- »Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs tastrophe.
sucht auch Merkel, dem kleinteiligen Trüb- sind jetzt auch etwas mehr als 70 Jahre Münkler hat im Jahr zuvor ein mehr als
sinn der Innenpolitik zu entkommen, sie vergangen«, fährt Merkel fort. Damals 900-seitiges Buch über den Dreißigjähri-
ist da nicht anders als Adenauer und Kohl. habe man große Anstrengungen unter- gen Krieg veröffentlicht. Er erzählt Merkel
Aber was sie von ihren Vorgängern unter- nommen, damit sich ein solches Gemetzel von einem Klima der Hysterie und der Pro-
scheidet, ist ein tiefer Pessimismus, die Sor- nicht wiederholt; die Uno wird gegründet, vokation, das ein friedliches Zusammen-
ge, dass die Welt dem Abgrund entgegen- der Sicherheitsrat installiert, die Staaten- leben von Katholiken und Protestanten
schlittert. In ihrer Amtszeit hat sich die Tür- gemeinschaft einigt sich auf die Allgemei- immer schwieriger macht; wie im Jahr
kei von einer hoffnungsvollen Demokratie ne Erklärung der Menschenrechte. Doch 1607 Jesuiten die eigentlich braven Katho-
in ein autokratisches Regime verwandelt. wie sich die Menschen des beginnenden liken von Donauwörth aufstacheln und
Der saudische Kronprinz ist kein junger 17. Jahrhunderts in einer trügerischen Si- dazu ermuntern, stolz ihre Fahnen durch
Reformer, sondern ein grausamer Despot. cherheit gewiegt haben, genauso machen die Stadt zu tragen, woraufhin ein wüten-
Putin träumt seine Großmachtsfantasien. sich die Menschen heute wieder Illusionen der protestantischer Mob die Prozession
Und dann ist da noch Trump, dessen jüngs- über die Stabilität der Weltordnung – das angreift und Reliquien in den Straßen-
tes Projekt es ist, das schon einmal fürch- war die Botschaft Merkels. Der Firnis der dreck wirft.
terlich misslungene Experiment Regime Zivilisation ist dünn. Bei etwas gutem Willen hätte man den
Change nun an Iran auszuprobieren. Die Am 26. April 2018 bricht sie nach Wa- Fenstersturz zweier kaiserlicher Statthal-
Lunte brennt, so sieht es Merkel. shington auf, es ist ihr zweiter Besuch bei ter am 23. Mai 1618 in Prag als die unbe-

17. Juli 1954 1973 1978 Ende 1989 April 1990 August 1990
Merkels Angela Merkel wird in Hamburg Abitur im Physik-Examen an der Uni- Fall der Mauer, Vizeregierungs- Mitglied der CDU.
Weg als Tochter eines Pfarrers und
einer Lehrerin geboren. Im selben
branden-
burgischen
versität Leipzig, danach bis
1990 Mitarbeiterin an der Ost-
Merkel engagiert
sich beim
sprecherin der
letzten DDR-
Jahr übernimmt ihr Vater eine Templin. Berliner Akademie der Wissen- Demokratischen Regierung unter
Pfarrei in Ostdeutschland. schaften (Promotion 1986). Aufbruch. Lothar de Maizière.

18
GUIDO BERGMANN / BUNDESPRESSEAMT / REUTERS
Das letzte Abendessen Acht Tage nach der Wahl Donald Trumps 2016 speist Merkel mit dem scheidenden US-Präsidenten
Obama im Berliner Hotel Adlon. Er ermutigt sie, sich noch einmal zur Wahl zu stellen.

dachte Tat protestantischer Hitzköpfe ab- che, genauso wie heute Grenzlinien infrage ist lange genug im Geschäft, um zu regis-
tun können, zumal sich die Herren kaum gestellt werden, mit denen der französische trieren, wie die allgemeine Unruhe, die
ernsthaft verletzten. Aber an Beruhigung Diplomat François Georges-Picot und der düstere Erwartung ihr nutzt. Die Deut-
hat niemand ein Interesse, und so kann britische Politiker Mark Sykes im Jahr 1916 schen mögen keine Veränderungen, und
sich eine Feuersbrunst entwickeln, die den den Nahen Osten aufgeteilt haben. alles in allem hatten sie mit Merkel 13 gute
ganzen Kontinent erfasst. Im 17. Jahrhundert kämpfen die Habs- Jahre. Es gibt keinen Überdruss wie am
Denn es geht eben nicht nur um Glau- burger in Wien und Madrid, die Bourbo- Ende der Ära Kohl. Zwei Drittel der Wäh-
bensbekenntnisse. Was die Konfliktpartei- nen in Paris und der schwedische König ler wünschen sich, dass die Kanzlerin bis
en antreibt, ist eine Melange aus religiösem Gustav Adolf um die Vorherrschaft in zur Wahl im Herbst 2021 regiert.
Furor, hegemonialen Ambitionen und der Europa. Heute ist Syrien das Schlachtfeld Als Merkel im Februar auf der Münch-
Lust, dem Nachbarn das Land streitig zu eines Stellvertreterkrieges zwischen den ner Sicherheitskonferenz spricht, erhebt
machen. Zwei Stunden lang spricht Münk- USA, Iran, Saudi-Arabien, Russland und sich im Anschluss der ganze Saal und ap-
ler mit der Kanzlerin, häufig zieht er Pa- der Türkei. plaudiert. Die Kanzlerin hat eine für ihre
rallelen zur Gegenwart: Im Prager Fenster- Verhältnisse leidenschaftliche Rede gehal-
sturz bricht sich zunächst der Unmut von Furcht ist eine mächtige Waffe in der ten. Sie schlug den Bogen von Alexander
Protestanten Bahn, die sich immer stärker Politik. Sie kann Kriege auslösen und Re- von Humboldt, der versucht habe, »die
drangsaliert fühlen – genauso wie sich im volutionen entfachen, sie kann Politiker Welt als Ganzes zu verstehen«, wie Mer-
Arabischen Frühling die Wut gegen die aus dem Amt spülen, sie aber auch dort kel es formuliert, zu dem Nobelpreisträger
Machthaber in Tunis und Damaskus ent- halten. Es wäre unfair, Merkel vorzuwer- Paul Crutzen, der die Definition für das
lädt. Aber im Laufe des Dreißigjährigen fen, dass sie eine düstere Stimmung schüre, gegenwärtige Erdzeitalter lieferte, das An-
Kriegs geht es bald um territoriale Ansprü- um sich an die Macht zu krallen. Aber sie thropozän, in dem der Mensch unwieder-

Dezember 1990 Januar 1991 Dezember 1991 Juni 1993 November 1998 November 1999
Direktmandat bei der Ministerin für Merkel wird stell- Landesvorsitz CDU-Parteitag: Beginn der CDU-Spendenaffäre.
Bundestagswahl im Frauen und vertretende Bundes- der CDU im Wolfgang Schäuble Am 22. Dezember fordert Merkel
Wahlkreis Stralsund- Jugend im vorsitzende der CDU. Bundesland wird Parteichef, in der »FAZ« die Partei auf, sich
Rügen-Grimmen. Kabinett Kohl. Mecklenburg- Merkel General- von ihrem Ehrenvorsitzenden
Vorpommern. sekretärin. Helmut Kohl zu lösen.

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 19


bringlich seine Spuren auf dem Planeten
hinterlässt: durch Atombombentests, Mi-
kroplastik und den Ausstoß klimaschäd-
licher Gase.
Es ist eine Rede, aus der die ganze späte
Merkel spricht, eine Mischung aus sorgen-
voller Mahnung und naturwissenschaft-
licher Nüchternheit. Aber ihren Effekt
zieht sie daraus, dass nach Merkel der ame-
rikanische Vizepräsident Mike Pence ans
Pult tritt, ein Mann, der die Europäer in
seiner Rede anspricht wie Lakaien und
fröhlich davon berichtet, dass die USA nun
schon seit Jahren vor allem selbst produ-
ziertes Öl und Gas verheizen. Der Kon-
trast zu Merkel hätte nicht größer sein kön-
nen. Und so entlädt sich im Beifall für die
Kanzlerin eine Portion Trotz, aber auch
eine vorweggenommene Nostalgie, ein
Bangen, was denn werden soll, wenn sie
demnächst von der Bühne geht.

Vermutlich gibt es keinen Menschen auf


der Welt, der einen so tiefen Einblick in
das globale politische Geschehen hat wie
Merkel. Sie hat drei amerikanische und
vier französische Präsidenten kommen
und gehen sehen; sie sprach auf drei Uno-
Vollversammlungen, besuchte 13 G-7- oder
G-8-Treffen und mehr als 70 EU-Gipfel.
Der einzige Politiker ihrer Gewichtsklasse,
der ähnlich lange im Geschäft ist, heißt
Wladimir Putin. Aber der ist so verschla-
gen, dass ihm keiner über den Weg traut. KGB-Mann im Kreml Merkel hat Respekt vor Putins kalter Intelligenz und
Sankt Petersburg 2013 den Gentleman. Die Kanzlerin
Es gibt viele Gründe für Merkel, mit
Sorge auf den Globus zu blicken: Putin,
der seine wirtschaftliche Erfolglosigkeit
mit brutaler Machtpolitik kompensiert.
Die KP Chinas, die den Beweis erbringt, hat sie es für nicht sehr wahrscheinlich ge- nie in seiner ganzen Amtszeit hat sich der
dass Kapitalismus und Diktatur ganz wun- halten, dass Trump gewinnt. Mit Hillary Präsident so viel Zeit für ein Gespräch mit
derbar harmonieren. Und mittendrin eine Clinton wäre das Weiße Haus in guten einem anderen Regierungschef genom-
EU, geschwächt durch das Chaos um den Händen gewesen. All das, so sagen es men, notiert Obamas Redenschreiber Ben
Brexit und internen Streit. mehrere Leute, die sie gut kennen, habe Rhodes in seinen Memoiren.
Der wichtigste Grund aber heißt Do- bei ihr den Gedanken reifen lassen, sich Obama, so erzählen es seine Leute,
nald Trump. Vieles spricht dafür, dass er nicht noch einmal als Regierungschefin zu habe Merkel sehr dazu ermutigt, noch ein-
das entscheidende Motiv für Merkels vier- bewerben: »Sie war innerlich bereit los- mal anzutreten. Die Kanzlerin habe dem
te Kandidatur war. Sie hat im Sommer und zulassen.« Eine langjährige Parteifreundin Präsidenten gesagt, dass sie wahrschein-
Herbst 2016 lange überlegt. Es sei fast sagt: »Hätte Hillary gewonnen, wäre Mer- lich aus dem Amt geschieden wäre, hätte
schmerzhaft gewesen, dabei zuzuschauen, kel nicht noch einmal angetreten.« Fragt Clinton gewonnen. Im Nebenzimmer sit-
wie kalt die Kanzlerin damals das Für und man offiziell bei der Regierung nach, heißt zen die Berater von Merkel und Obama
Wider der eigenen Kandidatur abgewogen es, die Kanzlerin habe ihre Kandidatur zusammen, unter anderem Regierungs-
habe, sagt jemand, mit dem Merkel damals ausführlich begründet: »Dem ist nichts sprecher Steffen Seibert und Merkels au-
gesprochen hat. Sie habe gesehen, wie sehr hinzuzufügen.« ßenpolitischer Berater Christoph Heusgen.
sich ihre Kanzlerschaft bereits abgenutzt Am 8. November 2016 gewinnt Trump Obama hat seine Sicherheitsberaterin Su-
habe. Ihr sei auch völlig klar gewesen, wie die Wahl in den USA. Acht Tage später san Rice mitgebracht und Rhodes. Beim
sehr sie nach der Flüchtlingskrise das Land besucht der scheidende Präsident Barack Essen spricht Rhodes einen Toast auf Mer-
polarisiert habe. Obama die Kanzlerin in Berlin. Bei einem kel aus: »Auf die Anführerin der freien
All das spricht aus Sicht Merkels gegen Abendessen im Hotel Adlon sprechen die Welt«, so steht es in seinen Memoiren. Sei-
eine neuerliche Kandidatur. Außerdem beiden drei Stunden lang miteinander, bert kann sich daran nicht erinnern.

Februar 2000 April 2000 Januar 2002 September 2002 Mai 2005 September 2005
Schäuble kündigt an, den Wahl zur CDU- Merkel verzichtet zugunsten Bundestagswahl: Die Präsidien der Vorgezogene
Parteivorsitz der Union Vorsitzenden. von CSU-Chef Edmund Stoiber Rot-Grün gewinnt knapp, Parteien CDU und Bundestagswahl:
niederzulegen. Merkel auf die Kanzlerkandidatur Merkel verdrängt Friedrich CSU bestimmen Die Union wird
wird als seine Nach- bei der Bundestagswahl. Merz vom Fraktionsvorsitz. Merkel zur Kanzler- stärkste Kraft.
folgerin designiert. kandidatin.

20
Titel

scheidungen fallen spät. Dann stehe ich »Trump lässt aus seiner Vorzeit nichts gel-
aber auch dazu.« ten«, sagt sie. Trump sei in dieser Hinsicht
Wie jedes Problem geht Merkel auch ein geradezu ahistorischer Präsident.
das Problem Trump mit Fleiß und Lektüre Merkel weiß, dass Trump bei einer Wie-
an. Sie liest ein Interview, das Trump im derwahl alle Möglichkeiten hätte, die Säu-
Jahr 1990 dem »Playboy« gab, in dem er len der Weltordnung zu zertrümmern: Der
sich über die vielen deutschen Luxusautos Präsident hat mehr als einmal klargemacht,
in den USA beklagte und Zölle als Gegen- dass er die Nato vor allem für einen Kos-
mittel empfahl. Sie sieht sich schon wäh- tenfaktor hält. Er hat die EU als »Feind«
rend des Wahlkampfs in den USA Auf- bezeichnet und sieht in ihr eine Bedrohung
zeichnungen der Show »The Apprentice« für den Wohlstand in den USA. Viele in
an, in der Trump elf Jahre lang aufgetreten Deutschland haben dies für die Sprüche
ist. Die Show basiert darauf, dass junge eines etwas überdrehten ehemaligen TV-
Kandidaten sich im Geschäftsleben bewäh- Entertainers gehalten. Merkel nicht.
ren sollen. Wer nicht überzeugt, wird von Trump werde, so glaubt sie, seine Agenda
Trump mit dem Spruch »You’re fired« aus Punkt für Punkt umsetzen.
der Show befördert. Trump, fällt Merkel
auf, setzt sich dabei gern über das Votum Im Gegensatz zu Trump hatte Merkel zu-
anderer hinweg. mindest ein paar Jahre lang eine gewisse
Merkel gehörte nie zu den Vertretern Freude an Wladimir Putin. Der russische
der Theorie, dass man den neuen Präsi- Präsident ist Merkel in jeder Faser fremd,
denten durch Demutsgesten und Schmei- ein ehemaliger KGB-Offizier, der auch im
cheleien besänftigen kann. Sie findet es fortgeschrittenen Alter mit freiem Ober-
merkwürdig, dass der japanische Premier- körper durch die Tundra reitet. Anderer-
minister Shinzo Abe Mitte November seits sieht Merkel in Putins kalter Intel-
2016 den noch nicht einmal vereidigten ligenz und in seiner Chuzpe auch einen
Präsidenten in der Plüschkulisse des New Ansporn, eine Art sportliche Herausfor-
YURI KOCHETKOV / DPA

Yorker Trump Tower besucht. »Ich setze derung.


mich nicht auf einen goldenen Sessel«, sagt Im Juni 2013 reist Merkel nach Sankt
sie ein paar Tage später in kleiner Runde. Petersburg, um gemeinsam mit Putin eine
Merkel registriert mit einer Prise Schaden- Ausstellung mit Kunstwerken zu eröffnen,
freude, dass es Emmanuel Macron nichts die sowjetische Soldaten während des
nutzt, dass er Trump nebst Gattin in ein Zweiten Weltkrieges in Deutschland er-
Chuzpe. Hier spielt er auf dem G-20-Gipfel in Sternerestaurant auf dem Eiffelturm ein- beutet haben. Ursprünglich war ein Gruß-
empfindet es als Anmaßung. lädt. Später wird auch der französische wort der Kanzlerin vorgesehen, aber weil
Präsident von Trump mit hämischen Merkel die Position vortragen will, dass
Tweets belegt. Merkel erlebt am eigenen die Werke zurückgegeben werden sollten,
Leib, wie unberechenbar der Amerikaner lässt Putin kurz vor Merkels Abflug den
Gut möglich, dass Obama der Kanzle- im Umgang mit anderen Regierungschefs Punkt von der Tagesordnung streichen.
rin den letzten Schubs gab. Vier Tage nach ist. Trump greife auf offener Bühne an. Merkel weigert sich daraufhin, den Präsi-
dem Abendessen im Adlon verkündet sie, »Dann sagt er im Vieraugengespräch: denten in die Eremitage zu begleiten; sie
sich um eine vierte Amtszeit zu bewerben. ›Ivanka loves you.‹« will nicht schweigend in der Kulisse stehen.
Es seien schwierige und unsichere Zeiten Merkel weiß um Trumps Desinteresse Putin bleibt erst bockig, den ganzen Tag
angebrochen, sagt Merkel auf einer an Details. Im vergangenen Frühjahr packt über ist offen, ob der Besuch in einem
Pressekonferenz im Konrad-Adenauer- sie das auf ihrer Reise nach Washington in Eklat endet. Am Ende lenkt Putin ein. Auf
Haus: Zeiten, »in denen die Menschen, so den schönen Euphemismus, der amerika- der Rückreise berichtet Merkel vergnügt
ist mir von sehr vielen gesagt worden, we- nische Präsident verfüge über »hoch ag- von ihrem Tag. Putin sei ein Mann, der
nig Verständnis hätten, wenn ich jetzt glomeriertes Wissen«. Die Aufmerksam- jede Schwäche ausnutze. »Er testet Sie den
nicht noch einmal meine ganze Erfahrung keitsspanne Trumps ist so kurz, dass sich ganzen Tag. Wenn Sie nicht gegentakten,
und das, was mir an Gaben und Talenten Merkel vor Gesprächen mit ihm kleine, werden Sie immer kleiner«, sagt Merkel
gegeben ist, in die Waagschale werfen einprägsame Beispiele geben lässt, mit de- und lässt dabei ihren ausstreckten Zeige-
würde, um meinen Dienst für Deutsch- nen sie komplizierte Sachverhalte wie den finger immer näher an den Daumen rü-
land zu tun«. Zollstreit erläutern kann. cken. Sie ist sichtlich erleichtert, dass Putin
Als ein Journalist der Nachrichtenagen- Viele in der Regierung hatten geglaubt, sie an diesem Tag nicht geschrumpft hat.
tur Reuters die Kanzlerin direkt fragt, ob Trump werde seinen Ton mäßigen, wenn Kohl war mit Jelzin in der Sauna und
die Wahl Trumps den Ausschlag für ihre er erst einmal im Oval Office sitze. Merkel Schröder mit Putin. Diese Form der Ver-
erneute Kandidatur gegeben habe, demen- gehörte nie zu dieser Fraktion. Er sei ge- trauensbildung steht Merkel nicht zur Ver-
tiert Merkel nicht, sondern antwortet aus- wählt worden, weil er sich vom Washing- fügung. Was sie mit Putin verbindet, ist
weichend: »Ich brauche lange, und die Ent- toner Establishment distanziert habe. die Sprache. Wenn sie miteinander telefo-

22. November 2005 Oktober 2008 September 2009 Oktober 2009 März 2011 Juni 2011
Wahl zur Bundes- Merkel und Finanzminister Bundestagswahl: Erneute Wahl zur Das Bundes- Nach der Nuklearkatastrophe
kanzlerin einer Peer Steinbrück geben im CDU/CSU und FDP Bundeskanzlerin. kabinett beschließt im japanischen Fukushima
Großen Koalition von Rahmen der Finanzkrise eine bilden eine christlich- die Aussetzung beschließt das Kabinett den
CDU/CSU und SPD. Garantieerklärung für deut- liberale Koalition. der Wehrpflicht vorzeitigen Ausstieg aus
sche Spareinlagen ab. zum 1. Juli. der Atomkraft bis 2022.

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 21


Titel

nieren, dann reden sie in der Regel erst kümmert sich Merkel mit einer solchen
einmal ein paar Sätze Deutsch. Merkel Hingabe. Aber mit Fleiß kann sie Putin
kann passabel Russisch, aber Putins nicht zur Vernunft zwingen. Er hat kein
Deutsch ist deutlich besser. Doch in den Interesse an einem Frieden, weil sich eine
vielen Begegnungen und Telefonaten der stabile Ukraine dem Westen zuwenden
beiden sei nie ein privates Wort gefallen, könnte. Auf einer ihrer letzten Reisen zu
sagt ein hochrangiger Diplomat. »Putin Putin im Mai 2017 sagt Merkel, der russi-
hat nicht einmal erzählt, dass seine Kin- sche Präsident setze nun wieder ganz auf
der auf der Deutschen Schule in Moskau »vertraute Metiers«: auf Stärke, seine Ar-
waren.« mee und hybride Kriegsführung.
Merkel gab sich nie der Illusion hin,
dass Putin sein Land in eine Demokratie Merkel erlebt in ihrer Amtszeit, wie die
verwandeln wolle. Aber sie hatte die Hoff- Idee der Demokratie an Kraft verliert: in
nung, Putins Bewunderung für den Wohl- Europa, in Russland, aber auch in China,
stand und die Innovationskraft des Wes- einem Land, von dem viele geglaubt ha-
tens werde dafür sorgen, dass er eine ben, dass wirtschaftlicher Erfolg den
maßvolle Öffnung zulasse. Putin habe ge- Wunsch nach Freiheit beflügeln werde.
glaubt, dass er – ähnlich wie Lenin in den Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten
Zwanzigerjahren mit seiner Neuen Öko- Merkels, dass sie über die Diktatur in Pe-
nomischen Politik – einen Aufschwung or- king immer mit einer gewissen Milde ur-
ganisieren könne, heißt es in der Regie- teilte. Natürlich, sie setzt sich für Dissiden-
rung. Dies sei fehlgeschlagen, und dazu ten ein. Kaum eine Reise nach China ver-
sei seit Beginn des Jahres 2014 der Verfall geht, ohne dass sie sich in der deutschen
des Ölpreises gekommen. In dieser Zeit Botschaft mit Bürgerrechtlern trifft. Aber
besetzt Putin die Krim. Der Krieg in der was bei Merkel immer überwiegt, ist der
Ukraine habe einen Wendepunkt mar- Respekt vor einer Regierungspartei, die es
kiert, sagt der Diplomat. Der Präsident geschafft hat, China innerhalb von vier
habe Merkel angelogen, was seine Solda- Jahrzehnten vom Entwicklungsland zur
ten auf der Krim betrifft. Natürlich sei da zweitstärksten Industrienation der Welt
etwas zerbrochen. Aber Merkel hatte zu formen. Ein chinesischer Politiker hat
über viele Jahre eben auch keine Strategie einmal zu Merkel gesagt, der beste Beitrag
im Umgang mit Russland, sie hat die zur Förderung der Menschenrechte sei
Ukrainepolitik der EU überlassen, was doch die Bekämpfung der Armut. Merkel
sich bitter rächt. fand das durchaus einleuchtend. Der Zertrümmerer
Die Kanzlerin schafft es, dass die Krise Sie hat sich wie kein anderer deutscher
in der Ukraine nicht eskaliert. Sie verhan- Kanzler um China bemüht, seit ihrem
delt federführend das Abkommen von Amtsantritt im Jahr 2005 war sie elfmal
Minsk, die Gespräche am 11. und 12. Feb- in Peking. China ist in Merkels Augen
ruar 2015 dauern insgesamt 17 Stunden. nicht in erster Linie ein Land, wo Kapita- kel auf dem Weg dahin. Heute überflute
Merkel sagt später, sie habe damals den lismus, Überwachungstechnik und Einpar- das Land den Westen mit Patenten. »Und
Wechsel der Tageszeiten daran erkannt, teienherrschaft eine ganz neue Form der in zehn Jahren werden wir Leute brau-
dass entweder Braten oder Marmelade auf Unterdrückung schaffen – sondern eine chen, die Patente auf Chinesisch lesen kön-
dem Tisch stand. Mahnung für die Deutschen, nicht schläf- nen, weil sie keine Lust haben, die auf Eng-
Mit dem Abkommen verhindert Mer- rig zu werden. lisch zu schreiben.«
kel, dass sich in den USA die Falken durch- Merkel hat häufig gesagt, dass China China ist für Merkel wie ein Kontrast-
setzen, die schwere Waffen in die Ukraine über Jahrhunderte hinweg eine Hochkul- mittel. Sie sieht dort die Kehrseiten der
liefern wollen. Das ist nicht wenig, viel- tur war, führend in Wissenschaft und Tech- Demokratie, an denen sie umso mehr lei-
leicht sogar die größte Leistung ihrer Kanz- nik. Sie erzählt das nicht, um die Versäum- det, je länger sie Kanzlerin ist: die quälen-
lerschaft. Wie hätte es geendet, wenn ame- nisse Chinas zu illustrieren, sondern um den Debatten, die endlosen Entscheidungs-
rikanische Raketen russische Panzer in Fet- zu zeigen, wie schnell Ordnung und Wohl- wege, die Unfähigkeit der demokratischen
zen gerissen hätten? stand zerrinnen können. Regierungen, sich einen langfristigen Plan
Doch das Abkommen von Minsk bringt Bei ihrer letzten Reise nach China im zu setzen. Shenzhen ist so etwas wie das
nie einen wirklichen Frieden. Merkel sagt Mai 2018 besucht Merkel Shenzhen, das Silicon Valley Chinas, sie besucht dort ein
einmal, sie kenne inzwischen fast jeden innerhalb von Jahrzehnten von einer Start-up, dessen Ziel es ist, mithilfe von
Baum an der sogenannten Kontaktlinie im Kleinstadt am südchinesischen Meer zu ei- künstlicher Intelligenz die Gesundheits-
Donbass, wo sich ukrainische Soldaten ner Hightechmetropole mit 12,5 Millionen vorsorge zu optimieren. Sie geht mit neu-
und prorussische Rebellen gegenüberste- Einwohnern wuchs. Vor zehn Jahren sei gierigen Augen durch die Firma, die man
hen und es immer wieder Tote gibt. Um es vielleicht noch so gewesen, dass China mit ihrer lässigen Inneneinrichtung sofort
kaum ein anderes außenpolitisches Thema westliche Ideen geklaut habe, erzählt Mer- nach Palo Alto beamen könnte.

September 2013 Dezember 2013 September 2015 März 2018 Oktober 2018 7. Dezember 2018
Wahl zum Bundes- Merkel wird Merkel lässt Flüchtlinge, Zähe Koalitionsverhand- Merkel kündigt an, nicht mehr Übergabe des Amtes
tag: Die Union ge- erneut Kanzlerin die längere Zeit am Bahn- lungen nach der Wahl vom für den CDU-Vorsitz zu kandi- der Bundesvor-
winnt, aber die FDP einer Großen hof in Budapest festge- September 2017; Merkel dieren und nach Ende der Legis- sitzenden der CDU
scheitert an der Koalition. sessen haben, nach wird erneut Kanzlerin laturperiode auch nicht erneut an Annegret Kramp-
Fünf-Prozent-Hürde. Deutschland einreisen. in einer Großen Koalition. als Kanzlerkandidatin anzutreten. Karrenbauer.

22
95 000 Griechen, 24 000 Briten und 6200
Israelis. Dass Deutschland ein fremden-
feindliches Land sei, ist eine statistisch
eher schwer zu belegende Behauptung.
Merkel hat 13 skandalfreie Regierungs-
jahre absolviert, die Vorstellung, sie sei
käuflich, ist so plausibel wie die Annahme,
Trump nehme das eheliche Treueverspre-
chen ernst. Merkel weiß um ihre Bedeu-
tung, aber gerade deshalb ist sie peinlich
genau darum bemüht, jeden Anschein hö-
fischer Willkür zu vermeiden. Das Proto-
koll bei Staatsbesuchen im Kanzleramt
kenne bei ihr in aller Regel kein Pardon,
sagt Merkel auf einer Reise nach Washing-
ton: »Militärische Ehren, eine Stunde Ge-
spräch, Pressekonferenz, Ende.«
Sie ist die erste Frau, die Deutschland
regiert, und falls es vorher Zweifel gegeben
haben sollte, ob eine Kanzlerin das Macht-
bewusstsein, die Zähigkeit und die Akribie
für das Amt mitbringt, hat Merkel sie zer-
streut. Seit der vorigen Bundestagswahl

JESCO DENZEL / BUNDESREGIERUNG / DPA


muss sich Merkel dreimal im Jahr den
Fragen des Parlaments stellen. Bei ihren
Leuten gab es anfangs die Sorge, dass die
Opposition das neue Instrument nutzen
könnte, um sie vor laufender Kamera vor-
zuführen. Das war völlig unbegründet.
Wenn sie vor das Plenum tritt, wie zu-
letzt Anfang April, retourniert sie jede At-
tacke mit der Routine eines Schachcom-
puters. Sie weiß um die Bedenken von
Trump setzt die Spielregeln der Staatengemeinschaft außer Kraft. Auf dem G-7-Treffen Start-ups gegen Uploadfilter, sie erwägt,
im Juni 2018 stimmt er erst der Gipfelerklärung zu – und kassiert sie dann per Tweet. »auch im Nicht-ETS-Bereich einen CO -
²
Bepreisungsansatz zu verfolgen«, wie sie
dem etwas verwirrt dreinblickenden FDP-
Chef Christian Lindner erklärt, und als die
Seit Merkel regiert, ist die Wirtschaft Chi- der Demokratie und zwang sie mit seinem SPD-Abgeordnete Claudia Moll ihre Frage
nas um 202 Prozent gewachsen. Viele Deut- Kniefall in Warschau, sich mit der eigenen zum Pflegepersonal-Stärkungsgesetz nicht
sche geben sich immer noch dem Irrglauben Schuld auseinanderzusetzen. Helmut Kohl, in den vorgeschriebenen 60 Sekunden zu
hin, China sei ein Land, in dem Toaster und lange als Gimpel aus der Pfalz verspottet, Ende bringt und deshalb das Mikrofon ab-
Küchenmixer zusammengeschraubt wer- hatte im richtigen Moment das Geschick gedreht bekommt, sagt Merkel milde:
den. Merkel nicht. Das Land hat sich syste- und die Weitsicht, die Nation zu einen. »Um Ihnen zu Hilfe zu eilen: Ich vermute,
matisch in europäische Technologiefirmen Was bleibt von Merkel? Es gibt eine merk- ich habe Ihre Frage erahnt.« Nach einer
eingekauft, es will führend werden bei der würdige Diskrepanz zwischen der Vereh- Stunde in Merkels Volkshochschule ist den
Entwicklung künstlicher Intelligenz und in- rung, die Merkel nun immer häufiger zuteil- Abgeordneten ganz schummrig vor lauter
vestiert dafür jährlich elf Milliarden Euro. wird, und der Enttäuschung, dass sie ihre Inhaltlichkeit, und es würde nicht verwun-
In Deutschland sind es 500 Millionen. Die Erfahrung und die Freiheit der letzten Amts- dern, wenn die Kanzlerin noch ein paar
deutsche Autoindustrie schaffe es nicht ein- jahre nicht nutzt. »Merkel hätte die Macht, Hausaufgaben verteilen würde.
mal, eigene Batteriezellen zu entwickeln, etwas Großes anzustoßen«, sagt Julianne Es ist Merkels große Stärke, jedes noch
klagt Merkel. Eine Schande, findet sie. Smith, die stellvertretende Sicherheitsbera- so dramatische Problem in kleine, gänzlich
Auf dem Heimweg nach Deutschland terin des früheren US-Vizepräsidenten Joe undramatische Fachfragen zu zerlegen.
ist Merkels Stimmung trübe. Sie spricht Biden. »Aber was wir erleben, ist ein ge- Wolfgang Schäuble hätte Griechenland
vom Desaster des Berliner Flughafens, das lähmtes Deutschland, und das ist schlecht gern aus dem Euro geworfen, aber Merkel
ihr nach dem Besuch im rastlosen China für Europa und schlecht für die USA.« steckt die Griechen so lange in ihren stren-
noch grotesker erscheint. Für nichts gebe Merkel hat das Ansehen Deutschlands gen Nachhilfeunterricht, bis sich die Märk-
es eine Dringlichkeit, klagt Merkel, wenn in der Welt gemehrt, daran kann es keinen te wieder beruhigen. In der Finanzkrise
sich etwas bewege, dann allenfalls unter vernünftigen Zweifel geben. Die Bundes- 2008 genügen ein paar besänftigende Wor-
dem Druck der Krise. »Irgendetwas muss republik ist das populärste Land der Er- te Merkels, um die Deutschen davon ab-
passieren«, sagt sie. de, ergab eine Umfrage im Sommer 2018, zuhalten, ihre Sparkonten zu plündern.
und dass niemand mehr Angst hat vor Während Merkel regiert, steigt die deut-
Was macht einen großen Kanzler aus? deutschen Knobelbechern, liegt auch an sche Wirtschaftsleistung um 23 Prozent,
Der knorrige Greis Konrad Adenauer hat der Kanzlerin, die so penetrant beschei- die Arbeitslosigkeit sinkt auf den niedrigs-
gegen alle Widerstände die Bundesrepublik den auftritt. In den vergangenen zehn Jah- ten Stand seit der Einheit.
im Westen verankert. Der Charismatiker ren ihrer Amtszeit sind 140 000 Italiener Man kann Merkel in vielen Punkten eine
Willy Brandt versöhnte die Deutschen mit nach Deutschland gezogen und geblieben, gewisse Prinzipienlosigkeit vorhalten: Die

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 23


nur mit knapper Not gewonnene Bundes-
tagswahl 2005 kuriert sie ein für alle Mal
von allen Ambitionen, den Deutschen ein
schneidiges Reformprogramm zu verord-
nen. Und ihr Bekenntnis zur Atomenergie
hält nach dem Reaktorunglück von Fuku-
shima keine 72 Stunden mehr; es wird weg-
gespült von der Furcht vor dem Wähler.
In einem Punkt allerdings wackelt Mer-
kel nie: Dass eine Kanzlerin Verantwor-
tung tragen muss für die Verbrechen, die
Deutsche begangen haben, war für sie im-
mer eine Selbstverständlichkeit. Noch be-
vor sie Regierungschefin wird, wirft sie
den Abgeordneten Martin Hohmann aus
der Fraktion, weil der eine Rede mit anti-
semitischem Unterton gehalten hat. Und
sie rüffelt ihren Parteifreund Günther Oet-
tinger, als der sich anschickt, den NS-Rich-
ter Hans Filbinger posthum zum Wider-
standskämpfer zu erklären.
Deutschland, diesen Riesen in der Mitte
Europas, muss niemand mehr fürchten.
Wenn die Nachbarn in den vergangenen
Jahren Anstoß nehmen an der Regierung
in Berlin, dann liegt das nicht an hegemo-
nialen Gelüsten, sondern an Merkels Son-
derweg in der Flüchtlingskrise, den insbe-
sondere die Osteuropäer nicht mitgehen
wollen. Man hat der Kanzlerin moralischen
Imperialismus vorgeworfen, ein Imperialis-
mus freilich, der so gar nichts mit Pickel-
haube und Tornister zu tun hat und der ihr
auch viel Respekt einträgt: »Wir sollten von Die brüchige Achse Merkel und der französische Präsident Macron
100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs.
den Deutschen lernen, wie man mit Flücht-
lingen umgeht«, sagt der israelische Histo-
riker Tom Segev auf dem Höhepunkt der
Flüchtlingskrise im Herbst 2015.
Die große Frage ist nun, was Merkel mit ner CDU-Parteitags. Immer wenn es wich- schwächte Europa unter die Kontrolle
dem Respekt macht, den sie genießt. Wie tig werde, wache sie auf. Nach der Spen- Moskaus gerät. Der erste Nato-Generalse-
nutzt sie ihr politisches Kapital in ihrer denaffäre der CDU sei das so gewesen. kretär Lord Hastings Ismay fasste den
letzten Phase im Amt? Die Außenpolitik Damals schrieb sie jenen unvergessenen Zweck des Bündnisses so zusammen: »To
der Bundesrepublik war über Jahrzehnte Beitrag für die »FAZ«, mit dem sie sich keep the Soviet Union out, the Americans
bestimmt von der Last der Vergangenheit. von Helmut Kohl distanzierte. Nun sei in, and the Germans down.« Heute sieht
Niemand wollte die Rückkehr der alten wieder so ein Wendepunkt erreicht. niemand mehr eine Bedrohung in Deutsch-
Großmacht im Zentrum des Kontinents. Aber warum tut Merkel dann nichts? land, und die Amerikaner haben die Lust
Im Widerstand von François Mitterrand Sie muss nicht noch einmal gewählt wer- verloren, für die Sicherheit eines Konti-
und Maggie Thatcher gegen die Einheit den, das gibt ihr Freiheit. Sie hat einen nents zu bezahlen, der sehr gut für sich
spiegelte sich die alte Angst vor der deut- französischen Präsidenten an ihrer Seite, selbst sorgen kann. Insofern ist die Bemer-
schen Dominanz. der zu einer Reform Europas drängt. kung Trumps, die Nato sei obsolet, so
Aber im Laufe der Neunzigerjahre wur- Und sie weiß – zumindest theoretisch – falsch nicht.
de Hitler immer mehr zur Ausrede, um es die Antwort auf die drängenden Fragen Wenn Merkel die Rede von Trudering
sich in einer Nische der Weltpolitik be- der Zeit. ernst nehmen würde, dann müsste sie den
quem zu machen. Im Jahr 2011 sagte der Im Mai 2017 sagt Merkel in einem Bier- Wählern erklären, dass sich Deutschland –
damalige polnische Außenminister Ra- zelt in Trudering, die Zeiten, in denen die zusammen mit den Europäern – verant-
dosław Sikorski: »Deutsche Macht fürchte Europäer sich auf die USA verlassen konn- wortlich fühlen muss für die eigene Peri-
ich heute weniger als deutsche Untätig- ten, seien vorbei. »Europa muss sein pherie, für Nordafrika und den Nahen
keit.« Heute, acht Jahre später, ist das Un- Schicksal in die eigene Hand nehmen.« Osten. Sie müsste die Deutschen an den
verständnis über Merkels Untätigkeit in Kaum eine andere Rede der Kanzlerin fin- Gedanken gewöhnen, dass die Bundes-
Wut umgeschlagen. »Es ist eine Schande, det mehr Widerhall, was auch daran liegt, wehr mehr Geld braucht und dass deut-
dass Merkel nicht die Chance des Mo- dass sie eine tiefe Wahrheit enthält. sche Soldaten künftig häufiger in gefährli-
ments ergreift und Führungsstärke zeigt«, Nicht erst seit Trump haben die USA che Einsätze geschickt werden. Wer kann
sagt die Biden-Beraterin Smith. das Interesse an Europa verloren und wen- nach der Flüchtlingskrise noch einen Zwei-
den sich anderen Weltregionen zu. Schon fel daran hegen, dass es ganz unmittelbare
»Ich bin wie eine Kröte im Winterschlaf«, Barack Obama blickte Richtung Pazifik. Auswirkungen auf Deutschland hat, wenn
sagt Merkel ein paar Wochen nach der Die Nato war ein Produkt des Kalten Krie- Länder wie Syrien oder Libyen im Bürger-
Wahl Donald Trumps am Rande des Esse- ges; sie sollte verhindern, dass das ge- krieg versinken?

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Titel

brauche eine »Neubegründung eines sou- Der letzte Deutsche, der ihn erhielt,
veränen, geeinten und demokratischen hieß Willy Brandt. Es war nicht zuletzt die
Europas«. feierliche Zeremonie im Dezember 1971
Macron hatte sich mit seiner Rede bis in Oslo, die den Sozialdemokraten zum
nach der Bundestagswahl geduldet, weil säkularen Heiligen der Bundesrepublik
er Merkel an seiner Seite haben wollte. machte. Brandt war der erste Bundeskanz-
Aber bis heute wartet er auf die deutsche ler, der mit diesem Preis geehrt wurde, vor-
Kanzlerin, ihre Antworten sind besten- her gab es überhaupt nur drei Deutsche,
falls kleinteilig, und an die Stelle von Un- die das Komitee für würdig erachtet hatte:
geduld im Élysée-Palast ist längst Unver- Gustav Stresemann, den Historiker Lud-
ständnis getreten, dass Merkel sich einfach wig Quidde und Carl von Ossietzky.
weigert, die Debatte über die Zukunft Im Kanzleramt heißt es, Merkel ver-
Europa zu führen. schwende keinen Gedanken an den Nobel-
»Diese Kanzlerschaft endet im Einschla- preis. Andererseits gehört Merkel schon
fen, Merkel macht das Licht aus und sagt: seit Jahren zum Kreis der Favoriten, und
gute Nacht«, sagt der Berliner Historiker natürlich wäre der Preis die Krönung ihrer
Henning Köhler, der sich sein ganzes Be- Kanzlerschaft, eine Weihe, die all die
rufsleben lang mit dem Vermächtnis deut- Schlechtredner und Schreihälse ins Un-
scher Kanzler beschäftigt hat. Er hat zwei recht setzen würde, die Merkels Flücht-
große Biografien geschrieben, eine über lingspolitik für eine Verirrung des Herzens
Kohl und eine über Adenauer. Beide hält halten.
er für große Kanzler, Merkel nicht. Von »Wir werden sie noch vermissen«, sagt
ihr werde bleiben, dass es in ihrer Amtszeit Herfried Münkler. Was von ihr bleiben
eine rechtspopulistische Partei in den Bun- werde? Das Ende der Wehrpflicht, sagt er,
destag geschafft hat. vielleicht auch der Ausstieg aus der Atom-
Ihre Macht ist brüchig geworden. Wenn energie. Aber während Münkler spricht,
PHILIPPE WOJAZER / REUTERS

die SPD nach den Europawahlen die Ner- kommen ihm schon Zweifel. Wird das
ven verliert, kann schnell alles vorbei wirklich Bestand haben über die Jahrzehn-
sein. Merkel weiß das. Sie klebt nicht am te? »Politik war für Merkel die Vermei-
Amt. Es gibt viele, die sie dazu bewegen dung des Falschen«, sagt Münkler, und
wollen, in der Politik zu bleiben. Kann dies habe ihre Politik so zögerlich erschei-
eine Frau mit ihrer Erfahrung nicht nach nen lassen. Außerdem sei Merkel nie eine
Brüssel wechseln? Immer wieder bedrän- große Rednerin gewesen.
liefern Bilder der Freundschaft, wie hier zum gen sie andere Regierungschefs. Aber Rhetorisch begabte Politiker setzten
Aber oft bleibt es bei der Inszenierung. Merkel will nicht. sich immer auch selbst unter Druck, weil
Manchmal scheint es, als begnügte sich die flammende Ansprache den Zwang zur
Merkel damit, die Sonne ihres späten Tat erzeuge. Dieses Problem hatte Angela
Ruhms zu genießen. Seit der Flüchtlings- Merkel nie.
Merkel weiß das alles. Sie redet zwar krise sammeln sich im Kanzleramt die Prei- In zwei Wochen wird die Kanzlerin in
theoretisch davon, dass Deutschland mehr se, die Merkel für ihren Dienst an der den USA sprechen, am 30. Mai soll sie die
tun müsse, aber was das praktisch heißt, Menschheit erhält. Abschlussrede für die Absolventen der
darüber verliert sie kaum ein Wort. Der damalige kolumbianische Präsident Universität Harvard halten. Die Universi-
Ein erster Schritt in Richtung mehr Ver- Juan Manuel Santos überreicht ihr im Mai tät hat einen fulminanten Trailer produ-
antwortung wäre eine Reform des deut- 2018 die »Lampe des Friedens«, eine Aus- zieren lassen, der Merkels Rede ankündigt.
schen Parlamentsvorbehalts für bewaff- zeichnung, die jährlich vom Franziskaner- Man sieht, unterlegt von dramatischer Mu-
nete Einsätze, der es im Moment schwer orden verliehen wird. Merkel habe »mit sik, Szenen aus der jüngeren deutschen
macht, schnell auf Krisen zu reagieren. richtigen, aber nicht immer populären Ent- Geschichte, am Ende taucht die Silhouette
Aber Merkel weiß, wie umstritten das ist, scheidungen« gezeigt, was Solidarität in Merkels, »the most powerful woman of
also lässt sie lieber die Finger davon. der Politik bedeute, lobt der Friedensno- the world«, aus dem Dunkel auf.
Das Gleiche gilt für den Militärhaushalt. belpreisträger. Der Film hat mit Merkel so viel zu tun
Verteidigungsministerin Ursula von der Ein halbes Jahr später hält Jordaniens wie ein Ferrari mit einem VW Käfer. Im
Leyen wollte erreichen, dass er bis zum Königin Rania die Laudatio bei der Ver- Kanzleramt haben sie sich amüsiert: ty-
Jahr 2024 wenigstens auf 1,5 Prozent der leihung der »Goldenen Victoria« des Ver- pisch Amerika eben, eine XXL-Portion
deutschen Wirtschaftsleistung steigt. Fi- bands der Deutschen Zeitschriftenverle- Pathos.
nanzminister Olaf Scholz aber plant bis ger. »Seit ihrer Amtseinführung hat sich Aber vielleicht würde ein bisschen Pa-
2023 nur mit 1,25 Prozent. »Diese Zahlen Kanzlerin Merkel die Bewunderung und thos, eine große Idee, Merkel auf ihren
kann man in den USA nicht einmal mehr den Respekt der Welt für ihr unerschütter- letzten Metern im Amt sogar guttun. Es
Leuten erklären, die Deutschland eigent- liches Engagement für Stabilität, Wohl- wäre etwas Neues. Im Moment sieht es
lich wohlgesinnt sind«, sagt Julianne stand, Freiheit und Frieden erworben«, eher so aus, als bliebe Merkel ganz die
Smith. sagt Rania. Alte: Sie läuft und läuft und läuft.
In der Theorie findet Merkel auch, dass Merkel ist auch Trägerin des Internatio-
Europa zusammenrücken muss, nicht nur nalen Karlspreises zu Aachen, sie hat die
militärisch, sondern auch, um der chinesi- Presidential Medal of Freedom aus den Video
Unterwegs mit
schen Konkurrenz gewachsen zu sein. Der Händen Barack Obamas erhalten und ist Angela
französische Präsident Emmanuel Macron 15-fache Ehrendoktorin. spiegel.de/sp212019merkel
verkündete am 26. September 2017 in ei- Was noch fehlt, ist der Friedensnobel- oder in der App DER SPIEGEL
ner Rede an der Universität Sorbonne, es preis.

25
Deutschland

FLORIAN GÄRTNER / PHOTOTHEK / IMAGO


Parteivorsitzende Söder, Kramp-Karrenbauer*: Dringend das eigene Profil schärfen

Not verbindet
Doch obwohl Scholz mehrere Vorschlä-
ge vorlegte, über welche Abgaben der
Staat die Kassen füllen könnte, kam es
nicht zum Eklat. Die Unionsvertreter, so
Koalition Union und SPD wollen auch nach der Europawahl weiter- heißt es, lauschten geduldig, ohne Empö-
rung oder kategorische Zurückweisung.
regieren. Doch der Druck von innen und außen bleibt. Umgekehrt, so heißt es, habe sich die SPD
Deshalb wird sogar ein Tabuthema diskutiert: Steuererhöhungen. offen für die Wünsche der Union nach Ent-
lastung der Unternehmen gezeigt.
Beide Seiten haben keine andere Wahl.

A m Anfang sollten die angenehmen


Dinge stehen. Als sich Partei- und
Fraktionschefs von Union und SPD
am Dienstag zum Koalitionsausschuss im
haltslage. Nüchtern und trocken, wie es
seine Art ist, referierte Finanzminister Olaf
Scholz über den Bundeshaushalt. Die
jüngste Steuerschätzung hatte auch dem
Das Geldausgeben war von Anfang an der
Kitt, der das ungeliebte Zweckbündnis von
Union und SPD zusammenhielt. Im Zwei-
fel ließ sich jeder Streit immer noch durch
Kanzleramt trafen, genossen sie zunächst letzten Regierungspolitiker klargemacht, einen Griff in die Staatskasse lösen, ob für
die Abendsonne auf dem Balkon des Kon- dass die Zeiten des Überflusses vorbei die Mütterrente, Fabriken für Batteriezel-
ferenzsaals, plauderten über die Europa- sind. Zwar steigen die Einnahmen weiter, len oder das Baukindergeld.
wahl und die Frage, wer danach wohl die aber weniger als erwartet. Auf mehr als Jetzt, da die Überschüsse zu versiegen
EU-Spitzenjobs erhalten werde. zehn Milliarden Euro bezifferte Scholz drohen und die Koalition jeden Cent um-
Im Verhandlungssaal ging es dann zu- nach Angaben von Teilnehmern die Finan- drehen muss, wächst die Not und damit
erst an die konkreten Beschlüsse, bei de- zierungslücke bis 2023. die Bereitschaft, auch mal die Hand an
nen jede Seite eine Trophäe mitnehmen Deshalb müssten nicht nur alle Vorha- eine heilige Kuh zu legen.
durfte: Die SPD bekam ihre Vorschriften ben auf den Prüfstand, so der Sozialdemo- Die finanzielle Lage verschlechtert sich
für die Besserstellung der Paketzusteller krat, sondern man müsse auch an »Ein- für Union wie SPD zum denkbar ungüns-
privater Logistikunternehmen. Und die nahmeerhöhungen« denken. Scholz rühr- tigsten Zeitpunkt: In der CDU ist die Lage
Union durfte sich über Maßnahmen zum te damit an ein Tabu. Bislang sträubten fragil. Fraktionschef Ralph Brinkhaus gilt
Bürokratieabbau freuen, mit denen die sich CDU und CSU gegen jede Art von als schwach, die Machtfrage zwischen Par-
Wirtschaft um eine Milliarde Euro entlas- Steuererhöhungen mit dem Hinweis, dass teichefin Annegret Kramp-Karrenbauer
tet werden soll. der Koalitionsvertrag sie ausschließe. und der Kanzlerin ist ungeklärt. Sollte die
Alles Kleinkram im Vergleich zu einem CDU bei der Europawahl und den Land-
* Mit CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt
Thema, das die Runde aus Rücksicht auf und Fraktionschef Ralph Brinkhaus auf dem Weg zur
tagswahlen im September und Oktober in
die bevorstehende EU-Wahl eher diskret Sitzung der Unionsabgeordneten am vergangenen Ostdeutschland schlecht abschneiden,
behandeln wollte: die angespannte Haus- Dienstag. droht weitere Unruhe.

26 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Die Sozialdemokraten wiederum müs-
sen ein Debakel bei der Europawahl, der
Bremenwahl und den vielen zeitgleich
stattfindenden Kommunalwahlen fürch-
ten. Wenn auf einen Schlag viele Ratssitze,
Bürgermeisterämter und Abgeordneten-
Jetzt im
sitze im EU-Parlament für die SPD verlo-
ren gehen, könnte der Fortbestand der Ko- Handel
alition in Berlin davon abhängen, ob SPD-
Chefin Andrea Nahles die Nerven behält.
Beide Seiten stehen unter dem Druck,
das Geschäftsmodell GroKo weiterzufüh-
ren – und notfalls den Preis dafür zu zah-
len. Daher musste der Koalitionsausschuss
das Signal aussenden, dass die Regierung
weit weg ist vom Ermüdungsbruch.
Vielleicht zuckten die Unionsvertreter
deshalb nicht sofort zurück, als Scholz sein
Konzept für höhere Staatseinnahmen prä-
sentierte. Zunächst stellte er das alte In-
strument der Finanztransaktionsteuer vor.
Die Abgabe steht schon im Koalitionsver-
trag, nur brauchte es nach bisheriger Les-
art eben noch eine Reihe von Absprachen
auf europäischer Ebene, um sie tatsächlich
einzuführen.
Scholz denkt an eine Steuer auf den Ak-
tienhandel, wie sie in Frankreich schon
existiert. Teilnehmer des Koalitionsaus-
schusses sind sich unschlüssig darüber, ob
der Finanzminister die Mehreinnahmen
für den Fall einer europaweiten Einfüh-
rung der Steuer einplant oder ob er sogar
einen nationalen Alleingang nach dem
Vorbild Frankreichs anstrebt. Ganz klar
sei das nicht geworden. Der Finanzminis-
ter selbst will sich nicht äußern. Schließlich
habe man Vertraulichkeit verabredet. So
oder so, die Staatskasse würde von einem
Milliardenbetrag profitieren.
Was aber dann kam, ließ manchen auf-
horchen. Scholz schlug höhere Tabak-
steuern vor. Diese stiegen zuletzt vor vier www.spiegel-wissen.de
Jahren. Scholz hat schon einen fertigen Ge-
setzentwurf in der Schublade. Dem Finanz-
minister schwebt vom nächsten Jahr an
eine Anhebung in fünf jährlichen Stufen
vor. Jeder Schritt brächte mehrere Hundert
Millionen Euro, am Ende 1,2 Milliarden
Euro jährlich. Verteilt auf diesen Zeitraum
würde die Erhöhung der Tabaksteuer rund
vier Milliarden Euro in die Staatskasse spü-
len. Ausgespart blieben E-Zigaretten und
Verdampfer. Der Charme der Lösung: Das
Geld stünde allein dem Bund zu.
Lesen Sie in diesem Heft:
Der SPD-Mann folgt damit, ausgerech-
net, einem Wunsch der Tabakindustrie.
Sie glaubt, dass es über kurz oder lang oh-
Falsche Erinnerungen
nehin dazu kommt. Ihr liegt daran, dass
die Steuererhöhung in Stufen vollzogen
Gefahr für die Justiz
wird, damit sich die süchtigen Konsumen-
ten daran gewöhnen können. Die Tabak- Eselsbrücken
konzerne fürchten eine kräftige Anhebung
auf einen Schlag. Die Erfahrung lehrt, dass Die besten Merktipps und Trainings
der Absatz dann extrem einbricht.
Wie CDU und CSU mit dem Vorschlag
umgehen, ist ungewiss. Fest steht, dass Gehirnforschung
27 Was passiert beim Déjà-vu?
Deutschland

ihnen ein kategorisches Nein nicht leicht- nenministerium kommt freilich zu einem Für Andrea Nahles birgt die engere Kas-
fallen dürfte: Verhindern sie die Anhe- anderen Ergebnis. senlage eigene Probleme. »Es läuft, es läuft,
bung, setzen sie sich dem Vorwurf aus, Das Konfliktpotenzial der Steuerthe- es läuft«, sagte Nahles am Mittwoch bei
nichts gegen eine gesundheitsgefährdende men reicht über die Koalition hinaus, sie einem Auftritt in Berlin, ganz so, als wäre
Sucht zu unternehmen. Stimmen sie zu, sind vor allem für CDU-Chefin Annegret sie die glücklichste Partei- und Fraktions-
würden sie bei ihrer Anhängerschaft wort- Kramp-Karrenbauer heikel. Ihre Position chefin der Welt. Tatsächlich muss Nahles
brüchig. ist nicht gefestigt, sie braucht Erfolge. dringend Projekte ausloten, mit denen ihre
An dem Abend im Kanzleramt blieb es Kramp-Karrenbauer hatte kürzlich ange- SPD in der Regierung punkten kann.
aber nicht bei Zumutungen für die Union. kündigt, auf einer Vorstandsklausur nach Die Grundrente sollte ein solches Pro-
Deren Vertreter trugen ihrerseits ihre Wün- der Europawahl die Prioritäten für den jekt sein, aber aufgrund der schwierigeren
sche vor, forderten wieder einmal niedri- Rest der Legislaturperiode festzulegen. Haushaltslage haben sich die beteiligten
gere Steuern für Unternehmen. Der Wirt- Dazu soll auf jeden Fall auch eine wirt- Minister, Vizekanzler Scholz und Sozial-
schaftsflügel von CDU und CSU fürchtet, schaftsfreundlichere Politik gehören. Die minister Hubertus Heil, hinter den Kulis-
dass der Standort Deutschland an Wettbe- Vorsitzende muss dringend das eigene sen so sehr in Finanzierungsfragen verhed-
werbsfähigkeit einbüßt. Profil und das ihrer Partei schärfen. Steuer- dert, dass das milliardenschwere Vorhaben
Zum allgemeinen Erstaunen lehnte die erhöhungen durch die Koalition würden plötzlich angreifbar scheint (SPIEGEL
SPD den Vorstoß nicht brüsk ab. Vielmehr dazu kaum passen. 20/2019).
zeigte sich Scholz aufgeschlossen. Aller- Kramp-Karrenbauer will zudem den Mit Sorge betrachtet die SPD-Spitze die
dings will er nicht, wie die Union fordert, skeptischen CDU-Wirtschaftsflügel be- Versuche der Union, das Projekt zu dis-
die Steuersätze senken. Er findet Ab- kreditieren, ehe überhaupt ein Ge-
schreibungserleichterungen besser. setzentwurf vorliegt. »Der Sozial-
Wie auch immer, beide Seiten kom- minister wird demnächst einen
men sich näher – die Not verbindet. guten, soliden Vorschlag vorlegen«,
Neben der Unternehmensteuer- sagte Nahles. »Es wird nicht gelin-
reform liegt der Union viel an gen, mit Falschmeldungen und -be-
einem weiteren Thema, für das hauptungen diese wichtige Sozial-
sich die Sozialdemokraten bislang reform zu stoppen.«
kaum begeistern können: Sie will Kluge Sozialpolitik sei immer
den Solidaritätszuschlag vollstän- auch gute Wirtschaftspolitik, so
dig abschaffen. Beim Koalitionsaus- Nahles. »Deswegen wird auch die
schuss legten die Unionsvertreter Grundrente kommen – ohne Wenn
noch einmal dar, warum der Soli und Aber: für alle, die 35 Jahre ge-
für alle Steuerzahler abgeschafft arbeitet, Kinder erzogen oder An-
werden sollte und nicht nur für gehörige gepflegt haben.« Nahles’
CARSTEN KOALL / DPA
rund 90 Prozent. Dies sei nämlich Sätze sind ein Beleg dafür, wie
grundgesetzwidrig. kompromisslos die SPD bei ihrem
Allerdings weiß die Unionsspit- Lieblingsprojekt bleiben will.
ze, dass die SPD in dieser Frage Doch anders als zunächst ge-
nicht über den Koalitionsvertrag plant, will die SPD den Gesetzent-
hinausgehen wird. CSU-Chef Mar- SPD-Politiker Nahles, Scholz: »Die Grundrente wird kommen« wurf wohl erst nach der Europa-
kus Söder hofft daher, dass das wahl präsentieren. Die Parteispitze
Bundesverfassungsgericht der Uni- hofft, die sich intern bereits anbah-
on zu Hilfe eilt. Der Soli sei zweckgebun- frieden. Fraktionschef Brinkhaus hat sie nende Debatte über den Kurs in der
den. Falle der Zweck weg, so müsse die dabei auf ihrer Seite. Er lehnt Steuererhö- Koalition kleinhalten zu können, wenn sie
ganze Abgabe entfallen, so die Argumen- hungen, vor allem eine nationale Finanz- unmittelbar nach dem Wahlsonntag ein
tation in München. Eine 90-Prozent-Lö- transaktionsteuer, entschieden ab. rotes Projekt präsentieren kann.
sung könne es nicht geben. Unklar ist, wie die Kanzlerin das Thema Letztlich haben beide Parteichefinnen
Schließlich kam noch ein dritter Streit- sieht. Bislang war es Merkel stets wichtiger, dasselbe Problem: Je schwieriger ihre
punkt auf den Tisch, der zwischen CSU den Fortbestand der Koalition zu sichern, Lage, desto größer müssen die Regierungs-
und SPD seit Wochen köchelt: die Reform als Forderungen der eigenen Leute nach- projekte sein, um die jeweilige Basis halb-
der Grundsteuer. Söder hat dem von zukommen. Sie dürfte sich kaum für wegs mitreißen zu können. Doch ange-
Finanzminister Olaf Scholz erarbeiteten Steuersenkungen verkämpfen, die mit der sichts der Kassenlage kann kein Koali-
Modell längst eine klare Absage erteilt. SPD ohnehin nicht zu machen sind. Fällt tionspartner dem anderen etwas gönnen.
Beim Koalitionsausschuss legte der baye- Kramp-Karrenbauers Forderungskatalog Und die Angst der Politikerinnen vor dem
rische Ministerpräsident nun ausführlich zu ambitioniert aus, riskiert sie, dass ihre Autoritätsverlust sorgt dafür, dass beide
dar, welche Lösung er für die beste hält – Machtlosigkeit erneut offenbar wird. sich gleichzeitig auch auf Kosten des an-
der Bund soll den Ländern die Ausgestal- Da die Kanzlerin noch immer in einer deren profilieren müssen. Das ist ein heik-
tung der Steuer überlassen. deutlich stärkeren Position ist als ihre Nach- ler Balanceakt.
Bayern könnte dann eine andere Rege- folgerin an der Parteispitze, darf Kramp- So dürfte sich die Koalition weiter
lung finden als ein finanzschwaches Land Karrenbauer sich politisch nicht zu weit durchwurschteln, mit ungeklärten Perso-
mit niedrigen Mieten und Grundstücks- von ihr entfernen. Jüngst musste sie bereits nalfragen und unerledigten Hausaufgaben.
preisen wie Mecklenburg-Vorpommern. Spekulationen entgegentreten, dass sie vor- Im Juni will man sich erneut treffen. Dann
Scholz wies eine solche Lösung am Diens- gezogene Neuwahlen anstrebe. Sie arbeite stehen auch der Haushalt und die Steuern
tag erneut zurück. Der Finanzminister ar- nicht auf einen »mutwilligen Wechsel« im auf der Tagesordnung – ganz offiziell.
gumentiert, das Grundgesetz lasse einen Kanzleramt hin, beteuerte die CDU-Che- Veit Medick, Ralf Neukirch,
Flickenteppich an Regelungen nicht zu. fin in der »Welt am Sonntag«. So zeigte Christian Reiermann
Ein Gutachten aus dem CSU-geführten In- sich, wer in der Union den Ton angibt.

28 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


#JazuEuropa

Europa braucht eine Stimme:


Ihre.
Nur eine starke EU kann ihre politischen und wirtschaftlichen
Interessen in der Welt behaupten. So garantiert sie Sicherheit
und Wohlstand für alle Bürger. Auch Sie profitieren davon.
Mit Ihrer Stimme stärken Sie Europa.
Gehen Sie am 26. Mai wählen.

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Europawahl 2019
das Ziel, bis 2050 in Europa klimaneutral
zu wirtschaften. Ich sage aber auch, dass
wir bei allen Ambitionen, den CO -Aus-
²
stoß zu senken, soziale Fragen nicht ver-

»Die wollen doch die gessen dürfen und die Wirtschaft auch
nicht. Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus
ökologischer Nachhaltigkeit, sondern aus

EU zerbrechen«
einem Ausgleich.
Timmermans: Wir können aber auch
nicht sagen: Weil sich die Lasten nicht so-
zial gerecht verteilen lassen, verzichten
wir auf Klimaschutz. Ich will das umdre-
hen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir
das sozial nachhaltig organisieren, damit
die Menschen schnell mitkommen. Wir ha-
ben nicht die Zeit, zu warten. Konkret bin

»Hör auf, ich dafür, eine europäische Steuer auf CO


einzuführen und eine Kerosinsteuer. Es ist
doch Blödsinn, dass man für beinahe um-
²

Schuldige zu suchen« sonst überall hinfliegen kann, an der Tank-


stelle aber Umsatzsteuer zahlt.
Weber: Eine CO -Steuer belastet vor allem
²
Schwächere. Ich bin gegen Verbote und
neue Belastungen für die Bürger, aber für
Innovationen und Anreize. Europa ist Vor-
SPIEGEL-Streitgespräch Wie soll Europa mit Donald Trump reiter beim Klimaschutz. Darauf können
umgehen und wie mit den Populisten von links und wir stolz sein. Aber es gibt andere Themen:
Wenn ich daran denke, dass wir im letzten
rechts? Die Europawahl-Spitzenkandidaten Frans Timmermans Dezember im Straßburger Parlament ein-
und Manfred Weber ringen um Antworten – endlich. gesperrt waren, weil draußen rund um den
Weihnachtsmarkt der Terror herrschte –
in Zukunft muss es automatischen Daten-
ausgleich geben und ein europäisches FBI,
Mittwoch früh 8.15 Uhr, ein kurzer Hand- Aachen bombardiert wurde. Dass Freund- das aus Europol entstehen soll.
schlag, dann nehmen der Niederländer schaft so leicht in Hass umschlagen kann, SPIEGEL: Viele Themen Ihres Wahlkampfs
Timmermans, 58, Erster Vizepräsident der das hat mich betroffen gemacht. sind hoch emotional besetzt, auch der trans-
EU-Kommission, und Weber, 46, Chef der SPIEGEL: Herr Weber, in welchem Mo- atlantische Handel. Nehmen wir mal an,
größten Fraktion im Europaparlament, in ment ist Ihnen klar geworden, dass Ihre Herr Weber, Sie würden Kommissionsprä-
dem nüchternen Besprechungsraum eines Leidenschaft Europa gilt? sident. Was würden Sie dem US-Präsidenten
Kölner Hotels Platz. Im Brüsseler Alltag ar- Weber: Das war auf meinem ersten Inter- sagen, wenn er weiterhin permanent mit
beiten sie oft zusammen, doch nun wollen rail-Trip. Ich war gerade mal 17 Jahre alt Strafzöllen auf europäische Autos droht?
beide Kommissionspräsident werden. In ei- und mit Freunden unterwegs, eine Woche Weber: Ich würde ihm sagen, dass wir be-
ner Wahlkampfphase, in der die Kritik am von Schottland bis Sizilien. In einem Pub reit sind, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Spitzenkandidaten-Modell wächst, treffen im Süden Englands bin ich mit einem Das geht aber nicht mit Erpressungen. Der
sie sich zu ihrem einzigen Streitgespräch 65-jährigen Briten ins Gespräch gekommen. Stil Donald Trumps ist nicht akzeptabel.
mit einem Magazin. Mit einem Ale in der Hand ging es auch Gerade wenn es um Handel geht, kann
hier um den Zweiten Weltkrieg. Die Frage, Europa selbstbewusst auftreten. Ich würde
SPIEGEL: Herr Timmermans, Herr Weber, die mich heute umtreibt, ist: Wie können den Amerikanern anbieten, Industriezölle
Europa hat ein Problem mit Emotionen. wir erreichen, dass die junge Generation komplett zu streichen.
Rechtspopulisten schüren den Hass auf die diese Vergangenheit nicht vergisst? Timmermans: Man muss sich erst einmal
EU, während bis weit in die Mitte der Ge- SPIEGEL: Bei den Europawahlen gehen an den Gedanken gewöhnen, dass es ei-
sellschaften Gleichgültigkeit zu spüren ist. viele junge Bürgerinnen und Bürger, die nen amerikanischen Präsidenten gibt, der
Bei Ihnen ist es anders: Sie haben eine Lei- nach 2000 geboren wurden, zum ersten glaubt, es sei im Interesse der USA, Euro-
denschaft für Europa. Wie kam es dazu? Mal zur Wahl. Besonders emotional be- pa zu spalten. Für uns heißt das: Wenn wir
Timmermans: Das Wichtigste für mich setzt ist bei ihnen der Klimaschutz, wie an einig sind, kann er uns zu nichts zwingen.
waren die Geschichten meines Großvaters den Freitagsdemonstrationen zu sehen ist. Die Briten erleben gerade, wie schwach
über den Krieg, die er mir erzählt hat, als Timmermans: Der Idealismus der jungen sie allein sind. Wenn sie mit Trump ein
ich noch ein kleiner Junge war. Mein Groß- Leute war immer schon da. Bislang er- Handelsabkommen schließen, müssen sie
vater erzählte, wie er als Bergarbeiter an schöpfte er sich aber oft darin, etwas auf nun auch das berühmte amerikanische
der deutschen Grenze mit vielen Deut- Facebook zu posten. Jetzt sehen sie: Wenn Chlorhühnchen akzeptieren. In Europa
schen befreundet war. Im Krieg, so sagte wir auf die Straße gehen, dann bewegt sich müssen wir das nicht.
er, war es damit aber vorbei. Sogar mein wirklich etwas, dann finden wir Gehör. Ich Weber: Das Dumme ist nur, dass Frans
Großvater, der immer mit deutschen Kol- bin froh, dass das geschieht. Timmermans Trump mit leeren Händen
legen gearbeitet hat, hat sich gefreut, als Weber: Die jungen Leute blicken auf gegenüberstehen würde. Die Sozialdemo-
Europa und verlangen Antworten, das ist kraten haben das Verhandlungsmandat für
Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer neu, und das ist richtig. Klimaschutz ist ei- die Kommission, die Zölle abzuschaffen,
und Peter Müller. nes unserer Topthemen. Ich unterstütze im Parlament abgelehnt. Sie sind in der

30
du dich hinstellst … wenn Sie sich
hinstellen …
SPIEGEL: Duzen Sie Herrn Tim-
mermans ruhig weiter, wenn Sie
das auch sonst tun.
Weber: Wenn die Angriffe kom-
men, wechsele ich immer aufs Sie,
daran sehen Sie, wie höflich ich
bin. Also: Wenn du dich hinstellst,
Frans, und sagst, ich habe eine lin-
ke Mehrheit, dann sind da doch
Politiker wie Jean-Luc Mélenchon
aus Frankreich dabei …
Timmermans: Der gehört nicht
zu uns.
Weber: Er ist Teil der Linken. So
eine abenteuerliche Koalition wäre
wie eine Zusammenarbeit von
Christian Lindner und Sahra Wa-
genknecht.
SPIEGEL: Sie müssen in Ihren Par-
teienfamilien ja beide mit schwie-
rigen Personen zurechtkommen,
fangen wir auf der Linken an. Je-
remy Corbyn, der Labour-Chef,
punktet in Großbritannien mit ex-
tremer Kapitalismuskritik, und Ju-
so-Chef Kevin Kühnert will BMW
enteignen. Wie wollen Sie, Herr
Timmermans, als Mann der Mitte,
sich da dagegenstellen?
Timmermans: Ich finde es zu-
nächst einmal toll, dass die euro-
päische Sozialdemokratie wieder
mit Leidenschaft und Energie über
grundlegende Zukunftsfragen dis-
kutiert. Dabei gibt es auch Vor-
schläge wie die von Kühnert, die
ich nicht teile. Trotzdem ist es rich-
tig und notwendig, danach zu fra-
MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL

gen, was gerechte Umverteilung


heute angesichts neuer Entwick-
lungen wie der Digitalisierung be-
deutet. Das sind im Übrigen seit
150 Jahren klassisch sozialdemo-
kratische Fragen.
SPIEGEL: Viele Ihrer Parteifreunde
Europapolitiker Timmermans, Weber: »Das muss dir doch Sorge bereiten« in Deutschland verzweifeln aber
an Kühnert, sie sagen: Kaum ha-
ben wir einen ordentlichen Lauf
Handelspolitik keine verlässlichen Partner, machen. Timmermans müsste als Kommis- im Europawahlkampf, kommt das Jüngel-
genauso wenig wie die Grünen. sionschef in die USA reisen, ohne Trump chen und macht alles kaputt.
Timmermans: Nun mal halblang. Früher etwas anbieten zu können. Warum sollte Timmermans: Das alles sollte man, denke
waren Handelsabkommen eine Sache für Trump ihn dann ernst nehmen? ich, nicht zu hoch hängen. Nachhaltigkeit
Spezialisten. Jetzt ist die Öffentlichkeit Timmermans: Sie packen hier das alte und die Frage, wie man sie mit Gerechtig-
wach geworden, das hat uns geholfen, die Schreckgespenst Ihrer CSU von einer lin- keit kombiniert, das sind Themen, die
Abkommen besser zu machen: fair, grün ken Mehrheit auf den Tisch. Ich werbe wichtig sind für junge Leute. Da kommen
und sozial, ohne geheime Schiedsgerichte. aber um eine vernünftige, progressive halt auch radikale Vorschläge, warum
All das ist den Parteien auf der linken Seite Mehrheit. Wenn es mir gelingt, eine Mehr- denn nicht? Die Sozialdemokratie ist und
zu verdanken. Das hat Herrn Weber und heit zu finden, die zum Beispiel vom grie- bleibt trotzdem die politische Kraft, die
seine Parteifreunde doch nie interessiert. chischen Premierminister Alexis Tsipras am verlässlichsten für eine wirklich soziale
Weber: Grüne, Linke und Teile der Sozial- bis zum französischen Präsidenten Emma- Marktwirtschaft einsteht. Und dafür, dass
demokraten haben auch die modernisier- nuel Macron reicht, dann ist das doch kein Globalisierung und Digitalisierung fairen
ten Abkommen abgelehnt. Ich möchte radikal linkes Gespenst. Regeln unterworfen werden.
noch mal festhalten: Mit einer linken Weber: Natürlich respektieren wir Mehr- Weber: Wenn Frans sagt, dass Kühnerts
Mehrheit, wie Frans Timmermans sie an- heiten. Die entscheidende Frage ist doch: Vorschläge konstruktiv sind, dann zeigt
strebt, sind Handelsabkommen nicht zu Was steht hinter den Mehrheiten? Wenn das, dass die Sozialdemokraten die Fragen

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 31


Deutschland

unserer Zeit weiter mit den Rezepten von dass es einen ideologischen Unterschied SPIEGEL: Die FPÖ hat gezeigt, dass sie es
gestern beantworten. BMW enteignen – zwischen Konservativen und diesen Leuten mit der Pressefreiheit, einem Grundwert
ich bitte Sie! Es gibt kaum einen anderen gibt, und ich kann nur hoffen, dieser Unter- Europas, nicht so genau nimmt.
Arbeitgeber, der so sozial ist, so viel Be- schied bleibt auch deutlich. Ich weiß, Man- Weber: Die österreichische Regierung hat-
triebsrente zahlt, der die Mitarbeiter so fred Weber ist da persönlich durchaus klar, te den Ratsvorsitz der EU im zweiten
großzügig am Gewinn beteiligt. Zu Recht doch er muss dies dann auch in seiner Rolle Halbjahr 2018 inne, sie hat mehr als 50 Ge-
sagt der BMW-Betriebsratschef, dass die als Spitzenkandidat verdeutlichen. Und die setze der EU abgeschlossen, von der CO -
²
SPD nicht mehr wählbar ist. Natürlich neue Garde in seiner Partei, der EVP, die Gesetzgebung bis hin zum Plastikverbot.
müssen wir darüber reden, wie wir das, macht mir wirklich Sorgen. Ein Kurz hat Man kann doch nicht behaupten, dass die
was wir mit der sozialen Marktwirtschaft überhaupt keine Hemmungen mehr, mit die- österreichische Regierung die europäi-
erreicht haben, im Zeitalter der Digitali- sen Leuten zusammenzuarbeiten. schen Grundwerte nicht respektiere. Ich
sierung bewahren können. Mein Vorschlag Weber: Mal langsam. Die EVP ist die Eu- könnte fragen: Warum ist Pedro Sánchez
dazu ist, dass die EU einen Digitalisie- ropapartei schlechthin, und wir werden in Spanien gemeinsam mit Leuten, die Spa-
rungsfonds einrichtet. Aus diesem Fonds die Grundwerte Europas verteidigen. Wir nien spalten wollen, an die Macht gekom-
könnten Arbeitnehmer und Unternehmen haben das bewiesen: Wir haben für ein men? Ich könnte sagen, dass die rumäni-
Unterstützung erhalten, die Schwierigkei- Rechtsstaatsverfahren gegen Ungarn ge- schen Sozialdemokraten ein Riesenpro-
ten mit der Digitalisierung haben. stimmt, wir haben Viktor Orbáns Mitglied- blem mit der Rechtsstaatlichkeit haben,
Timmermans: Nur damit es kein Missver- schaft in der EVP suspendiert, und spä- aber das führt zu nichts.
ständnis gibt: Ich habe nicht gesagt, dass Timmermans: Die österreichische Bun-
ich mit Kühnerts Vorschlägen einverstan- desregierung hat sich in der Ratspräsident-
den bin. Das bin ich nicht. Ich war auch schaft ganz ordentlich benommen, aber
beim Betriebsrat bei BMW vor Kurzem, was Vizekanzler Strache von der FPÖ jetzt
auch mich hat das beeindruckt … sagt und tut, das spaltet eine Gesellschaft.
Weber: … dann sag doch nicht, dass das Strache begibt sich auf Audienz nach
ein kreativer Vorschlag ist, sag einfach: Budapest, kurz nachdem Matteo Salvini
Das sind olle Kamellen von gestern. dort gewesen ist. Er steuert gezielt Leute
Timmermans: Die Frage ist doch: Wer an, mit denen er eine Anti-EU-Koalition
profitiert heute vom Wirtschaftswachs- bilden kann. Diese Nationalisten wollen
tum? Die Antwort: die Aktionäre. Bei den doch nur die EU zerbrechen.
Gehältern spüren die Bürger noch immer Weber: Aber Frans …
viel zu wenig vom Wachstum. Ist das gut Timmermans: Nein, nicht »aber Frans«!
so? Ich finde, nein. Es gibt da also ein Pro- MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL
Das muss dir doch Sorge bereiten!
blem der Verteilung, das muss man auch Weber: Du weißt, wie menschenverach-
benennen. Verstaatlichung brauchen wir tend Robert Fico als Ministerpräsident der
nicht. Dass aber nur noch die Aktionäre Slowakei in der Flüchtlingsfrage argumen-
bestimmen, was in einer Gesellschaft ge- tiert hat. Und? Er ist Sozialdemokrat! Des-
schieht, das ist unerträglich. wegen haben wir doch ein Grundsatzpro-
Weber: Aber das ist doch gar nicht der blem auf diesem Kontinent und kein par-
Fall! Wichtig wäre mir, dass die Gewerk- teipolitisches. Hör auf, Schuldige zu suchen
schaften auf europäischer Ebene mehr Ein- und ein ganzes Land wie Österreich an den
fluss bekommen. Die Unternehmen arbei- »Wir müssen jenen Pranger zu stellen. Es gibt doch wohl kei-
ten längst international zusammen, aber Mitgliedstaaten, die die nen Zweifel, dass Österreich ein Rechtsstaat
die Gewerkschaften sind auf den nationa- ist. Kurz hat dafür gesorgt, dass Österreich
len Ebenen zu sehr gefangen. Wir brau- europäischen Werte auf einem proeuropäischen Kurs bleibt.
chen echte europäische Gewerkschaften. missachten, das Geld kürzen.« Timmermans: Aber er arbeitet mit Leu-
SPIEGEL: Auch die Christdemokraten ha- ten zusammen, die sich nicht von den Iden-
ben schwarze Schafe, Herr Weber, Stich- Manfred Weber titären distanzieren wollen. Da haben wir
wort Viktor Orbán. Zur Belastung werden doch ein moralisches Problem bei den
auch die österreichischen Konservativen, Konservativen. Antonio Tajani, der Präsi-
weil diese gemeinsam mit der rechtspopu- testens jetzt, wo Orbán gesagt hat, er dent des Europäischen Parlaments, hat die
listischen FPÖ regieren. unterstütze mich nicht mehr, ist meine Verbrechen des italienischen Diktators
Timmermans: Für die Konservativen in Positionierung sonnenklar. Mussolini relativiert, bloß damit Italiens
Europa ist es eine Schicksalsfrage, wie weit SPIEGEL: Gegenüber Österreich scheint Rechte Gefallen an ihm finden.
sie mit den Rechtsradikalen zusammenar- sie nicht so sonnenklar zu sein. Weber: Tajani macht als Parlamentsprä-
beiten wollen. Der frühere Bundeskanzler Weber: Was ich mir wünschen würde: dass sident gute und geachtete Arbeit. Wenn
Österreichs, Wolfgang Schüssel, hat die wir dieses Thema nicht mehr parteipoli- du ihn hier so diffamierst, dann ist das ge-
FPÖ noch einigermaßen kleingekriegt, in- tisch missbrauchen. In Österreich regiert nau die Grenzüberschreitung, die ich kri-
dem er sie ignoriert hat. Aber die Rechten die SPÖ im Burgenland doch auch mit der tisiere. Warum greifen wir uns da gegen-
sind inzwischen schlauer geworden, ge- FPÖ! Deswegen ist Frans’ Angriff auf Se- seitig so an?
schickter. Ich glaube nicht, dass es dem bastian Kurz völlig unglaubwürdig. Wir Timmermans: Aber lieber Manfred,
heutigen Bundeskanzler Sebastian Kurz ge- brauchen einen neuen Rechtsstaatsmecha- wenn jemand, der die europäische Ge-
lingt, die FPÖ in den Griff zu bekommen. nismus in der EU, mit dem wir im Extrem- schichte kennt, sagt, der Mussolini hat
SPIEGEL: Warum nicht? fall Sanktionen erteilen können, also jenen auch gute Dinge gemacht – wo kommen
Timmermans: Vizekanzler Heinz-Chris- Mitgliedstaaten das Geld kürzen, die die wir da hin? So geht man doch nicht mit
tian Strache von der FPÖ will sich nicht ein- europäischen Werte missachten. Die Kom- unserer europäischen Geschichte um!
mal von Rechtsradikalen wie den Identitä- mission muss da mehr Handlungsspiel- Weber: Du weißt, dass Tajani sich dazu
ren distanzieren! Ich würde wirklich sagen, raum bekommen. erklärt hat. Was willst du denn hier bezwe-

32
cken? Wenn wir uns hier gegenseitig als nicht sehr bekannt sind, mit Ihrem zurück- kann, indem man Leuten wie Trump nach-
Rechte und Linke diffamieren, dann bleibt haltenden Stil damit umgehen? läuft, wird man scheitern. Dann wählen
von der Mitte nicht viel übrig. Dann gehen Weber: Ich werde meine Art, Politik zu die Leute das Original. Man muss sich statt-
wir den Radikalen auf den Leim. Ich möch- machen, nicht dem Zeitgeist opfern. Ich dessen klar bekennen zu einer sozialen
te, dass wir in der Mitte die Vergewisse- bin ein Mann, der den Kompromiss sucht, Politik, zu Nachhaltigkeit, zur Gleichheit
rung haben, dass wir auf gemeinsamem ich bin aber auch ein Politiker, der Lust zwischen Mann und Frau, zu den Werten
Grund stehen. auf Debatte und inhaltliche Abgrenzung der Demokratie, dann hat man eine Linie.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass gera- hat. Ich bin, anders als die europäischen SPIEGEL: Mit Ihnen, Herr Weber, bewirbt
de in Staaten, die zu den Kernländern der Sozialdemokraten, gegen die europäische sich ein Deutscher auf den Posten des
EU gehören, eine solche Wut gegen die Arbeitslosenversicherung, weil die dazu Kommissionschefs. Spielen Vorbehalte aus
europäische Idee entstanden ist – auch führte, dass meinetwegen Tsipras in Grie- der Vergangenheit, der Zeit des National-
wenn die Gründe unterschiedlich sind: chenland Versprechungen und neue Schul- sozialismus, da noch eine Rolle?
Großbritannien, Italien, die Gelbwesten den machen und dann zu den Bulgaren Weber: Natürlich bin ich mit Herz und
in Frankreich, überall brodelt es. gehen und sagen kann, ihr müsst mir Seele Deutscher, aber ich möchte vor al-
Timmermans: Wir haben so viele Krisen helfen, meine Probleme in Griechenland lem als Kandidat der Europäischen Volks-
hinter uns, Finanzkrise, Eurokrise, Flücht- zu lösen. Zwischen mir und Frans gibt es partei wahrgenommen werden.
lingskrise, die Leute haben eine enorme klare Unterschiede. Und die machen wir Timmermans: Selbstverständlich gibt es
Unsicherheit erlebt. Alle Sorgen, alle Wut, sichtbar und geben den Menschen bei Kritik an Deutschland und auch an mei-
all das hat die Brexit-Abstimmung beein- nem Land, etwa wegen der Sparpolitik
flusst. Familien haben sich über dieser Fra- während der Eurokrise. Da sagt man im
ge so zerstritten, dass sie nicht miteinan- Süden oft: Uns wird ein Wirtschaftsmodell
der reden. Und eine gespaltene Gesell- auferlegt, um Deutschland und Holland
schaft bewegt sich nicht. Sie ist in der Zeit zum Exportweltmeister zu machen. Aber
eingefroren. Die Briten haben nichts mehr die Deutschen mit Krieg zu verbinden –
gemacht in der Infrastruktur, der Bildung, dieser Reflex, den es auch in meinem Land
der Gesundheit. Deswegen müssen wir noch lange gab, der ist weg.
den Leuten, die politisch in der Mitte sind SPIEGEL: Was hat dazu beigetragen?
und die sich lieber nicht äußern, weil es Timmermans: Natürlich die vielen Jahre
so viel Lärm gibt, Mut machen. Politik und Jahrzehnte, in denen Deutschland
hat die Aufgabe zu zeigen: Es gibt Vor- nun schon ein verlässlicher Partner in
schläge, die unsere Gesellschaft heilen und Europa ist. Aber auch Angela Merkel hat
weiterbringen. ihre Verdienste. Das zu sagen ist für einen
MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL

Weber: Ein wesentlicher Grund für die Sozialdemokraten vielleicht ungewöhn-


Verunsicherung ist die Dynamik der Ver- lich, aber sie hat in der Flüchtlingspolitik
änderungen, das sehe ich auch so. Aber Menschlichkeit gezeigt. Natürlich gibt es
was ist die Antwort darauf: Wie kann schwierige Folgen dieser Flüchtlingspoli-
Europa bei den Menschen ankommen? tik – das sieht man an Italien, das sieht
Das Erste: Wir müssen liefern. Die Men- man an der AfD in Deutschland –, aber
schen verbinden mit Europa zu wenig man muss sich mal vorstellen, Deutsch-
Alltagserfolge, weil vieles national ge- land hätte im September 2015 beschlos-
bucht wird. Deswegen schlage ich auch so »Wenn man glaubt, man sen, die Grenzen für die Flüchtlinge aus
konkrete Punkte wie den Masterplan im kann gewinnen, Ungarn zu schließen: was dann in Grie-
Kampf gegen Krebs vor. Ich stehe für ein chenland los gewesen wäre, was dann
Mandat, das jetzt die Krisenzeit abschließt wenn man Trump nachläuft, im Balkan und vor allem, was dann in
und mutig in die Zukunft geht. wird man scheitern.« Ungarn los gewesen wäre. Orbán müsste
Timmermans: Wenn das deine Analyse Frau Merkel heute eigentlich dankbar
ist, wieso unterstützt deine Partei dann Frans Timmermans dafür sein.
nicht gerechte Mindestlöhne in allen SPIEGEL: Frankreichs Präsident Macron
EU-Mitgliedstaaten? Es muss Schluss da- hat zuletzt sehr deutlich gemacht, dass er
mit sein, dass Leute für drei Euro die Stun- den Wahlen somit die Möglichkeit, dass vom Spitzenkandidaten-Modell nichts
de arbeiten, denn damit unterbieten sie sie selber durch ihre Stimme entscheiden, hält. Welche Zusicherung können Sie bei-
auch die Löhne in unseren Ländern und in welche Richtung dieser Kontinent de Ihren Wählern geben, dass eine Stimme
machen unsere Wirtschaft schwächer. Zwei- geht. So wird aus der Mitte heraus Zu- für Sie am Ende nicht verschenkt ist?
tens: Warum unterstützt du die Arbeits- kunft diskutiert. Weber: Ich glaube an die Kraft der Demo-
losenrückversicherung nicht? Das Wachs- Timmermans: Was den Umgang mit kratie. Mit der Wahl Jean-Claude Junckers
tum der Rechtsradikalen in manchen Populisten und radikalen Rechten anbe- vor fünf Jahren und der Stärkung des Eu-
Ländern hat doch auch mit sozialer Ver- langt, ist Premierminister Pedro Sánchez ropäischen Parlaments ist die EU-Politik
elendung zu tun. Natürlich – wenn es eine in Spanien ein gutes Vorbild. Er hat immer endlich etwas demokratischer und trans-
Krise gibt, muss ein Staat sparen, aber seine Linie gezogen, hat sich immer ent- parenter geworden. Es wäre für Europa
wenn er im sozialen Bereich spart, dann schieden gegen die extreme Rechte in Spa- verheerend, das rückabzuwickeln. Die gro-
macht er mehr kaputt, als er dann später nien geäußert, ist dabei aber freundlich ße Mehrheit des Europäischen Parlaments
wieder reparieren kann. und in der Mitte geblieben. Was haben die hat sich mehrfach festgelegt, niemanden
SPIEGEL: Sie beide sagen, sie wollten auf Konservativen in Spanien gemacht? Sie zum Kommissionspräsidenten zu wählen,
konfrontative Politik verzichten, obwohl sind in der Rhetorik und inhaltlich immer der nicht davor Gesicht und Programm ge-
wir im Zeitalter der konfrontativen Politik mehr nach rechts gegangen – und haben zeigt hat und als Spitzenkandidat seiner
leben – Trump, Xi, Erdoğan, Orbán, Putin. ihr Ergebnis bei den Wahlen halbiert. Partei angetreten ist. Für die EVP ist klar:
Wie wollen Sie, die Sie beide in Europa ja Wenn man glaubt, dass man gewinnen Wir kämpfen dafür, stärkste Fraktion zu

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 33


Deutschland

Liechtensteiner Erbe
werden, und würden davon auch einen
Führungsanspruch ableiten.
Timmermans: Bei allem Respekt, den ich
für Herrn Macron habe, aber was wir beim
jüngsten EU-Gipfel in Sibiu auch gehört ha- Karrieren Sachsens AfD-Vize und Europawahlkandidat Maximilian
ben, war die einstimmige Unterstützung al-
ler sozialdemokratischen Premierminister Krah managte einst Millionentransaktionen für die
für meine Kandidatur und für den Spitzen- ultrarechte Piusbruderschaft – mit trickreichen Methoden.
kandidaten-Prozess. Dieser Prozess macht
Europa demokratischer und gibt den Bür-
gerinnen und Bürgern mehr Macht. Ich
kann mir kaum vorstellen, wie der Europäi-
sche Rat einen Kandidaten ablehnen will,
der aus diesem Prozess hervorgegangen ist
und die Unterstützung der Mehrheit des Eu-
ropäischen Parlaments hinter sich hat.
SPIEGEL: Wir haben unser Gespräch mit
dem Thema Emotionen begonnen, wir wer-
den es damit auch beenden.
Weber: Sie wollen noch mehr Emotionen?
SPIEGEL: Ja, wollen wir. Sie sind Konkur-
renten und starten auch mit unterschied-
lichen Voraussetzungen. Herr Timmer-
mans hat hohe politische Ämter ausgefüllt,
er ist gut zehn Jahre älter als Sie, Herr
Weber, er ist international aufgewachsen,
spricht sieben Sprachen fließend. Sie kom-
men vom Dorf in Bayern, und Ihnen fehlt
die Amtserfahrung. Fühlen Sie sich Herrn
Timmermans manchmal unterlegen?
Weber: Jeder hat seine Persönlichkeit, je-
der seine Entwicklung, ich stehe zu meiner
Verwurzelung in meiner Heimat und im
Parlament. Was uns aber total verbindet:
dass wir für den European Way of Life
brennen. Ich freue mich aber auch, wenn
ich mit ihm streiten darf wie jetzt hier. Das
sind Prinzipien der demokratischen Poli-
tik, für die wir beide stehen. Insofern schät-
ze ich ihn und bleibe beim Du.
Timmermans: Wir führen hier nicht für
Sie auf, dass wir uns bei bestimmten The-
men nicht einig sind. Es gibt Unterschiede.
Aber es führt zum Verhängnis, wenn man

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL


in der Politik einen Gegner zum Feind
macht. Das ist das, was die Extremen ma-
chen, das ist das, was Trump macht. Sie
müssen sich einmal anschauen, wie Orbán
und wie Jarosław Kaczyński, der Partei-
vorsitzende der polnischen PiS, mich an-
greifen, Tag und Nacht. Ich bin ein emo- Firmenkonstrukteur Krah: 300 Euro Honorar pro Stunde
tionaler Mensch, man sieht mir an, wenn
mir etwas nicht passt, aber in der Demo-
kratie muss man den Konkurrenten als
Konkurrenten sehen und nicht als Feind.
SPIEGEL: Warum ist das so wichtig?
Timmermans: In der Demokratie wech-
A uf den Heiligen Vater ist Maximilian
Krah, 42, nicht gut zu sprechen. In
einem Videokommentar bedachte
der Vizechef der sächsischen AfD den
nur in spiritueller Hinsicht, auch in welt-
lichen Belangen. Jahrelang managte er mil-
lionenschwere Vermögenstransaktionen
der umstrittenen und erzkonservativen
seln die Machtverhältnisse. Heute ist je- Papst kürzlich mit wenig pastoralen Wor- Priestervereinigung Fraternitas Sacerdo-
mand in der Opposition, morgen in der ten. Franziskus sei nach Afrika gefahren, talis Sancti Pii X., gemeinhin bekannt als
Regierung, und da muss er genauso an- um dort »Stiefel zu lecken«, höhnte Krah. Piusbruderschaft. Das bestätigte Krah in
ständig mit mir umgehen wie ich vorher Und in den Kirchen werde heutzutage einem Gespräch mit dem SPIEGEL.
mit ihm. Ich werbe dafür, dass wir diese über alles gepredigt, nur »nicht über die Das einstige Engagement des heutigen
politische Kultur in Europa beibehalten, Ewigkeit, nicht über Gott und nicht über AfD-Politikers für den fundamentalisti-
sonst geht hier nichts mehr. Jesus Christus«. schen Klerikerzirkel dürfte im laufenden
SPIEGEL: Herr Timmermans, Herr Weber, In religiösen Angelegenheiten kennt Europawahlkampf nicht überall gut an-
wir danken Ihnen für dieses Gespräch. sich Krah, der auf Platz drei der AfD-Liste kommen. Während die AfD sich gern ge-
zur Europawahl kandidiert, gut aus. Nicht gen das Establishment stellt, gegen Kun-

34
geleien der wirtschaftlichen und politi- Bruderschaft, mit 28 Jahren, als frisch zu- kam dabei eine Schlüsselrolle zu: Zwischen
schen Eliten, wandte Krah Methoden an, gelassener Anwalt. Damals setzte er für 2008 und 2013 war er Mitglied sowohl des
die man genau aus solchen elitären Zirkeln die Brüder eine presserechtliche Gegen- Verwaltungsrats der Pacelli Anstalt als
kennt: So kümmerte er sich von 2008 an darstellung durch. Später war er für das auch des Stiftungsvorstands in Wien.
im Auftrag der Piusbruderschaft etwa um »Generalhaus«, das internationale Haupt- Nach langen Gesprächen mit den Fi-
die Übernahme einer Erbschaft in zwei- quartier der Brüder in der Schweiz, tätig. nanzbehörden, sagt Krah heute, sei das
stelliger Millionenhöhe. Dazu errichtete Dort hatte die Spitze der Bruderschaft ein Geld schließlich bei der Privatstiftung an-
der Rechtsanwalt eine diskrete Firma im Problem, bei dem sie juristischen Beistand gekommen – steuerfrei, wie geplant.
Fürstentum Liechtenstein, eine Privatstif- gut gebrauchen konnte. Offenbar sollte das Erbe ursprünglich
tung in Wien sowie eine kleine Aktienge- 2003 war in Genf die wohlhabende in Immobilien angelegt werden, am besten
sellschaft in der Schweiz. Ziel der Aktion Rosa Gutmann verstorben. Die 91-jährige in der Schweiz. Zu diesem Zweck hatte
war unter anderem, Steuern zu sparen. Millionärin, Eigentümerin großer Waldge- Krah, nur wenige Tage nach Gründung der
Krahs Nähe zu einer ominösen AfD- biete in Niederösterreich und passionierte Jaidhofer Privatstiftung, im Kanton Zug
Unterstützerorganisation, dem Verein zur Rehjägerin, hatte einen Teil ihres Vermö- eine kleine Aktiengesellschaft namens
Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der gens der Piusbruderschaft vermacht – da- Dello Sarto AG gegründet. Giuseppe Mel-
bürgerlichen Freiheiten, könnte sich eben- runter Schloss Jaidhof, den einstigen Jagd- chiorre Sarto war der bürgerliche Name
falls als problematisch erweisen. Für den sitz der Familie, ein opulentes Ensemble von Papst Pius X. Doch zu dieser Anlage
Klub, der mithilfe der Schweizer Werbe- mit annähernd hundert Räumen. kam es offenbar nie: Die Firma, sagt Krah
agentur Goal AG jahrelang Stimmung für Doch das Erbe war kompliziert: Gut- heute, sei eine Fehlgründung gewesen.
die AfD machte, interessiert sich inzwi- mann hatte das Geld in eine Familien- Für seine Dienste im Zusammenhang mit
schen die Berliner Staatsanwaltschaft. Seit stiftung im Steuerparadies Liechtenstein dem Gutmann-Erbe sei er von den Pius-
April ermittelt die Behörde zu diversen eingebracht. In Stiftungsprotokollen war brüdern auf Honorarbasis entlohnt worden,
Werbeaktionen des Vereins – unter an- vermerkt, dass nach dem Ableben der Stif- mit 300 Euro pro Stunde. 2013 sei er
derem zu einer rechten Wochenzeitung schließlich aus der Jaidhofer Privatstiftung
namens »Deutschland Kurier« (SPIEGEL und der Liechtensteiner Pacelli Anstalt aus-
17/2019). Zu den eifrigsten Autoren des »Eine elegante und geschieden. Seither habe er sich nie wieder
Vereinsblatts zählte Krah: Zwischen Juli verschwiegene Möglich- um das Erbe gekümmert, sagt Krah.
2017 und September 2018 verfasste er min- Vorher hatte er jedoch noch ein publici-
destens 44 Kolumnen (»Hier kräht der keit, das Geld im Sinne tyträchtiges Mandat erhalten: Der briti-
Krah«). Auch als sich die AfD im Sommer der Brüder zu verwalten.« sche Piusbruder-Bischof Richard Wil-
2018 von dem Unterstützerklub distanzier- liamson hatte in einem Interview für das
te und später sogar gerichtlich gegen ihn schwedische Fernsehen die Existenz der
vorging, hielt Krah dem Verein die Treue. terin ein Teil des Geldes an den österrei- Gaskammern in NS-Konzentrationslagern
Noch im März besuchte er mit Vereinschef chischen Verein der Freunde der Priester- angezweifelt. Nachdem der SPIEGEL 2009
David Bendels einen Kongress in Italien, bruderschaft St. Pius X. gehen sollte. Es Williamsons Aussagen in Deutschland
seine Kommentare für die inzwischen ein- ging um eine ansehnliche Summe, in der öffentlich gemacht hatte, leitete die Staats-
gestellte Zeitung führt Krah als Video- österreichischen Presse war von 60 Mil- anwaltschaft Regensburg ein Ermittlungs-
kolumne im Internet fort. lionen Euro die Rede. verfahren wegen Volksverhetzung gegen
Die Goal AG, die die Kampagnen des Es sei damals darum gegangen, sagt ihn ein. Krah wirkte kurz als Verteidiger
Vereins organisierte, steht wiederum im Krah heute, »eine elegante und verschwie- Williamsons, dann gab er das Mandat ab.
Zentrum einer Spenden- und Strohmann- gene Möglichkeit zu finden, das Erbe im Der Piusbruderschaft diente er in der
affäre um mutmaßlich illegale Wahlkampf- Sinne der Bruderschaft zu verwalten«. Affäre Williamson weiter als Rechtsbera-
hilfen für weitere AfD-Spitzenpolitiker. Und zwar steuerfrei. Anwalt Krah ging ter. Am Ende wurde der Bischof zu einer
2016 und 2017 hatten sich Parteichef Jörg trickreich ans Werk. Zunächst gründete er Geldstrafe verurteilt.
Meuthen, der heute auf Platz eins der im September 2008 in Liechtenstein eine Im Jahr 2013, sagt Krah, habe er die
Europaliste kandidiert, sowie der zweit- Firma namens Pacelli Anstalt. Wenige Mo- Kontakte zur Piusbruderschaft schließlich
platzierte Guido Reil von der Goal AG teu- nate später errichtete er in Wien die ge- abgebrochen. Er sei damals ausgestiegen,
re Werbekampagnen spendieren lassen. meinnützige Jaidhofer Privatstiftung St. um sich politisch zu exponieren – zunächst
Maximilian Krah, der dritte Mann auf Josef und Marcellus. In die sollte das Gut- bei der Dresdner CDU, ab 2017 dann bei
der AfD-Europaliste, verteidigte hingegen mann-Erbe fließen, sie sollte das Schloss der AfD. Dort legte Krah eine rasante Par-
sein Engagement für den »Deutschland erhalten und das Vermögen verwalten. teikarriere hin: Im Februar 2018 wurde er
Kurier«. »Es ist ein wunderbares Zeitungs- Jetzt kam die Liechtensteiner Pacelli stellvertretender Chef des sächsischen
und Medienprojekt, das ich gern unterstüt- Anstalt ins Spiel. Juristisch wäre es näm- AfD-Landesverbands, im November aus-
ze«, erklärte er. Wer das Blatt finanziert, lich problematisch gewesen, wenn die Be- sichtsreicher Europakandidat.
wisse er nicht. Von seinem einstigen Auf- günstigten der Erbschaft – also die Pius- Der Papst lässt Krah auch im Endspurt
traggeber, der Piusbruderschaft, sei nie- brüder – auch den Vorstand der Stiftung vor der Wahl nicht los. Am Mittwoch teilte
mals Geld geflossen, beteuert er. besetzt hätten. Dank Krahs Konstruktion der AfD-Mann stolz ein Zeitungsinterview
Die Piusbruderschaft, 1970 gegründet, konnte das nun die Liechtensteiner Brief- auf seiner Facebook-Seite. Er halte Fran-
ist ein internationaler Zusammenschluss kastenfirma übernehmen. »Sämtliche Mit- ziskus für eine absolute Katastrophe und
katholischer Fundamentalisten. Ihre Mes- glieder des Stiftungsvorstands«, so heißt bestenfalls postkatholisch, sagte er dem
sen zelebrieren die Piusbrüder bis heute es in der Gründungsurkunde der Jaidhofer Wochenblatt »Die Tagespost«. Er könne
auf Latein, ihre Anhänger lehnen die Re- Privatstiftung, »werden von der Pacelli jeden Katholiken nur davor warnen, diesen
formen des Zweiten Vatikanischen Konzils Anstalt bestellt und abberufen.« Papst allzu ernst zu nehmen. Als Vorbild
ab. Einzelne Piusbrüder fielen bereits mit Wer also die Liechtensteiner Briefkas- empfahl er stattdessen: Donald Trump.
antisemitischen Äußerungen auf. tenfirma kontrollierte, kontrollierte auch Ann-Katrin Müller, Sven Röbel,
Maximilian Krah hatte nach eigenen die österreichische Stiftung – und damit Veronika Völlinger, Steffen Winter
Angaben erstmals 2005 Kontakt zu der das gutmannsche Millionenerbe. Krah

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 35


Deutschland

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


Die letzte Bastion
Wahlen Bremen liegt in vielen Deutschland-Rankings ganz hinten. Ist das die Schuld
der SPD, die das kleinste Bundesland seit 72 Jahren ununterbrochen regiert?

S
eit fünf Jahren steht ein Bauzaun mand. Frühestens im Jahr 2021 soll das Bürger von Bremen und Bremerhaven
vor der Bremer Bildungsbehörde. Kunstwerk instand gesetzt werden, zumin- mehr als 30 000 Euro an die Stadtkasse
Ein Fassadengestalter hat in den dest Teile davon. überweisen. Die Pro-Kopf-Verschuldung
Sechzigerjahren den Sockel des Das vergitterte Relief symbolisiert die des Stadtstaats ist – mit Abstand – bun-
Gebäudes im Bahnhofsviertel mit einem Probleme der Behörde, der Stadt und des desweit die höchste.
prächtigen Relief aus Muschelkalk verziert. ganzen Bundeslands. Und es erinnert Bil- Am 26. Mai wählen die Bewohner der
Bremen war damals so reich, dass es sich dungssenatorin Claudia Bogedan jeden Hansestadt ein neues Parlament. Erstmals
Kunst am Bau leistete und jedes Jahr Morgen an ihre größte Sorge: Es fehlt Geld. seit Ende 1946 ist die Macht der Sozial-
Millionen in den Länderfinanzausgleich Für die Renovierung des Kunstwerks, für demokraten ernsthaft bedroht, die CDU
einzahlte, für ärmere Bundesländer wie Klassenräume und Turnhallen, für Lehrer liegt in Umfragen leicht vor der SPD. Die
Bayern. und Erzieher. Genossen mit ihrem Bürgermeister Cars-
Heute ist das Ornament eine Gefahr für Den anderen Ressorts des Senats geht ten Sieling könnten ihre letzte Bastion ver-
Passanten, der Muschelkalk so marode, es nicht besser. Wäre die Stadt ein Unter- lieren. Darum blicken auch die Spitzen der
dass Teile herabstürzen können. Die nehmen, hätte sie wohl längst Insolvenz Bundes-SPD nervös in Richtung Weser.
Baustelle sieht aus, als rückten jeden Mo- anmelden müssen. Um die 21,6 Milliarden Die Bilanz der Regierungsarbeit fällt be-
ment Arbeiter an. Aber es kommt nie- Euro Schulden abzutragen, müsste jeder scheiden aus, in vielen Rankings hält Bre-

36 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


men die rote Laterne: In keinem Bundes-
land sind prozentual mehr Kinder und Ju-
gendliche von Armut bedroht, nirgendwo 31770 € 166 105
sind die Schulleistungen der Neuntklässler Schulden hatte Privatinsolvenzen Firmeninsolvenzen
im Durchschnitt kamen 2018 je 10000 Unternehmen
schlechter, nirgendwo gibt es trotz Fach- jeder Bremer am auf 100000 wurden 2018 in Bremen
kräftemangels eine so hohe Arbeitslosen-
quote, nirgendwo gehen mehr Firmen
Abgehängte 31. Dezember 2018.
Deutschland: 23095 €
Bremer Einwohner.
Deutschland: 107
angemeldet.
Deutschland: 59
pleite, nirgendwo müssen mehr Einwoh- Hanseaten Sachsen: 1040 € Baden-Württemberg: 72 Bayern: 41
ner Privatinsolvenz anmelden. Selbst die
Scheidungsrate ist in Bremen höher als
im Rest der Republik.
Wo Bremen die
schlechteste Bilanz
aller Bundesländer
9,7 % 23,0 % 35,5 %
Warum ist das so? Liegt es, wie Politiker beträgt die So hoch ist das So hoch ist das
und Verwaltungsbeamte der Weserstadt aufweist Arbeitslosenquote Armutsrisiko Armutsrisiko für
gern behaupten, am Sterben der Werften? in Bremen. für Bremer (2017). Bremer Kinder und
Jugendliche (2017).
An der sozialen Zusammensetzung der Deutschland: 4,9% Deutschland: 15,8% Deutschland: 20,4%
Stadt? Daran, dass Bremen einfach zu Bayern: 2,8 % Bayern: 13,2 %
klein ist, um als Bundesland Erfolg zu

35,4 % 25,5 % 467670 €


haben? Und welchen Anteil hat die SPD,
die die Geschicke in Bremen seit mehr als
72 Jahren lenkt? der Bremer Viertklässler der Bremer Viertklässler betrugen 2016
Auf der Suche nach Antworten kommt blieben mit ihren verfehlten 2016 mit ihren die laufenden Ausgaben
man rasch auf die Idee, dass es vielleicht mathematischen Leistungen im Lesen an Grundmitteln je
besser wäre, wenn es das Bundesland Bre- Fähigkeiten 2016 unter den Mindeststandard. Bremer Universitäts-
men gar nicht gäbe. dem Mindeststandard. professor.
Deutschland: 15,4% Deutschland: 12,5% Deutschland: 621 020 €
Bremen hat weniger Einwohner als
Frankfurt am Main, aber eine eigene Bür-
gerschaft, eine eigene Rundfunkanstalt, als einer der ersten Politiker islamistische Die Aktion des Innensenators kann
ein eigenes Landeskriminalamt, einen Gefährder abschieben ließ und die Deut- man auch als Sinnbild verstehen. Nach
eigenen Verfassungsschutz – in der Han- sche Fußball Liga zwang, sich bei soge- mehr als 72 Jahren an der Macht räumt
sestadt gibt es alles, was die anderen nannten Hochrisikospielen an den Kosten die SPD den Müll weg. Ihren Müll.
15 Bundesländer auch haben. Nur in klei- für zusätzliche Polizisten zu beteiligen. Gröpelingen war mal eine Boomtown.
ner. Nordrhein-Westfalen versorgt mit die- Nun will er die Stadt vom Unrat befreien. Es gibt hier Häuser, die mit hübschen Er-
sen Institutionen knapp 18 Millionen Ein- An einer Straßenecke bleibt der Sozial- kern verziert sind und kleine Vorgärten
wohner, das benachbarte Niedersachsen demokrat stehen und blickt auf prall ge- haben. In dem Viertel lebten die Arbeiter
immerhin 8 Millionen. füllte Müllsäcke. Einige sind aufgerissen. der Schiffswerft AG Weser, die zu den
Die Bürger Bremens sind durchaus stolz »Das waren Ratten«, sagt jemand aus dem größten in Europa zählte. Dann kam die
auf ihre Stadt, die vier Stadtmusikanten, Tross des Senators. Krise: 1961 ging der Autohersteller Borg-
das Rathaus, das zum Unesco-Weltkultur- An Laternenmasten, neben den Eingän- ward in die Insolvenz, 1983 die Schiffbauer
erbe zählt, und auch auf die politische gen der Mehrfamilienhäuser, auf Spielplät- von der AG Weser und 1996 der Bremer
Eigenständigkeit. Die kostet allerdings: zen – überall liegt Abfall herum. Eigentlich Vulkan, der letzten Großwerft im Bundes-
11,6 Millionen Euro im Jahr für die Bezüge wäre der Senator für Inneres dafür nicht land. Etliche große und mittlere Betriebe
der Senatoren und des Bürgermeisters so- zuständig. Aber weil der Müll illegal ent- in der Textilwirtschaft und Nahrungsmit-
wie Aufwendungen für die 83 Abgeordne- sorgt worden ist und auch aus »Ma- telindustrie machten zu. Es folgten aber
ten. Dazu 6,7 Millionen für die 64 Ange- tratzenhäusern« stammt, in denen mehr nur wenige neue Firmen nach.
stellten der Bürgerschaft und Verwaltungs- Bewohner leben, als angemeldet sind, geht »Der Senat hat es lange versäumt, den
sowie Immobilienkosten. es um Kriminalität. Viele der Menschen Strukturwandel aktiv zu gestalten«, sagt
Würde Bremen mit Niedersachsen fu- in den Häusern hier stammen aus Bulga- Wirtschaftshistoriker Barfuß. Die Politik
sionieren, könnten zwischen 70 bis 100 rien und Rumänien. habe anfänglich versucht, schwächelnde
Millionen Euro eingespart werden, »und »Das Müllproblem in Gröpelingen hat Industrien zu erhalten, und viel in umstrit-
zwar allein durch den Wegfall der politi- auch mit der Privatisierung kommunaler tene Leuchtturmprojekte investiert.
schen Führung auf Landesebene«, sagt der Unternehmen zu tun«, sagt Mäurer. Weil Ende der Sechzigerjahre habe der SPD-
Bremer Finanzwissenschaftler André Hei- die Kassen leer waren, habe die Stadt vor geführte Senat sogar davon geträumt,
nemann. Im Wahlkampf wird die Stellung Jahren Wohnungsbaugesellschaften und dass Bremen eine Millionenmetropole
Bremens als Bundesland kaum diskutiert. öffentliche Unternehmen verkauft. Die pri- nach dem Vorbild US-amerikanischer
»Die politischen Akteure und Institutionen vatisierte Stadtreinigung »holte zwar den Großstädte werde. Es waren Träume aus
verdanken ihren Status größtenteils der Müll ab, viel mehr aber auch nicht«. Beton, von einer autogerechten, verdich-
Eigenstaatlichkeit«, sagt der Wirtschafts- Seit vergangenem Jahr ist in Bremen teten Stadt. Auf der grünen Wiese entstan-
historiker Karl Marten Barfuß. Das Bun- die Müllabfuhr teilweise wieder in städti- den das »Demonstrativbauvorhaben« Te-
desland erhält vom Bund jedes Jahr allein scher Hand, sie entsorgt nun auch den il- never, eine gigantische Hochhaussiedlung
60 Millionen Euro für politische Führung. legalen Müll, zudem gibt es einen neuen für 8000 Menschen, und am Bahnhof eine
Vielleicht wäre das Geld an anderer Stel- Ordnungsdienst. Mäurer will in Gröpelin- gewaltige Hochstraße auf Stelzen.
le besser investiert. gen nun Haus für Haus klären lassen, wie Die Genossen an der Weser dachten
An einem nasskalten Mittwoch im März viele Menschen dort gemeldet sind. groß: Die Hochstraße mündete in einen
ist Ulrich Mäurer im Stadtteil Gröpelingen Schrottimmobilien will er schließen und Kreisel, von dem aus der Verkehr in alle
unterwegs. Der Innensenator, 67 Jahre alt, notfalls abreißen lassen. Mehr als 500 Richtungen weiterfließen sollte. Aber
trägt einen langen schwarzen Mantel und Autowracks oder nicht mehr betriebsbe- aus der geplanten Querung über die We-
seinen weißen Schnauzer. Er war es, der reite Fahrzeuge ließ er abschleppen. ser wurde nichts, ebenso wenig wie aus

37
den Großstadtträumen. Die Hansestadt unterschätzt, dass Familien ins Umland
schrumpfte in den Achtzigerjahren um zogen – und mit ihnen die Steuern.
50 000 Einwohner auf 520 000. Rund 120 000 Menschen pendeln aus
Inzwischen wohnen wieder 565 000 dem niedersächsischen Umland in die
Menschen in der Stadt, denn auch Bremen Hansestadt, die sogenannte Einpendler-
und Bremerhaven haben vom Boom der quote liegt bei 42,7 Prozent, sie ist deutlich
vergangenen Jahre profitiert. Die Wirt- höher als etwa in Hamburg (36,4 Prozent)
schaft wuchs, 2017 sogar stärker als in und Berlin (21,8 Prozent). Allein bei Mer-
etlichen anderen Bundesländern. Viele cedes-Benz kommt etwa die Hälfte der
Start-ups haben sich angesiedelt. Die Wirt- Mitarbeiter aus der Peripherie. »Bremen
schaftskraft Bremens liegt über dem Bun- ist eine schmale, aber lange Stadt, die ent-
desschnitt, auch dank großer Arbeitgeber lang der Weser gewachsen ist«, sagt Jan
wie Mercedes-Benz. Die Arbeitslosen- Wedemeier vom Hamburgischen Welt-

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


quote fiel um fast die Hälfte. wirtschaftsinstitut. Aus dem niedersäch-
Trotzdem sind noch immer 9,7 Prozent sischen Delmenhorst ist man oft schneller
der Einwohner arbeitslos, wieder ein Ne- in der Bremer Innenstadt als aus dem ent-
gativrekord. Wie in vielen Großstädten, legenen Stadtteil Blumenthal.
die von einem Strukturwandel betroffen Für die Bürger gibt es gute Argumente
sind, gibt es besonders viele Langzeit- dafür, in den sogenannten Speckgürtel
arbeitslose. außerhalb der Stadt zu ziehen. »Die Infra-
Die Erblast sei das Resultat einer Ab- Wahlplakat mit Bürgermeister Sieling struktur, etwa die Ausstattung von Schulen,
wärtsspirale, in die Bremen schon vor Jahr- Gute Daten – aber bei den Nachbarn ist durch die hohen Steuereinnahmen oft
zehnten geraten sei, urteilt Günter War- besser als in Bremen selbst, wo der größte
sewa, Direktor des Instituts Arbeit und Teil des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaf-
Wirtschaft der Universität Bremen. Inves- men summieren sich auf 1,3 Milliarden tet wird«, sagt Wirtschaftshistoriker Barfuß.
titionen in Verwaltungspersonal und Infra- Euro im Jahr. Die Stadt bleibe auf den Kosten für Stra-
struktur sollten in den Achtziger- und Bremen soll Schulden abbauen, doch ßen, Krankenhäuser und Theater sitzen,
Neunzigerjahren helfen, die örtliche Kon- Experten sagen, die langen Jahre des Spa- obwohl diese von den mobilen Nachbarn
junktur anzukurbeln. »Damals sind zusätz- rens hätten das Land in eine Sackgasse ge- natürlich gern mitgenutzt würden. »In
liche Beschäftigte im öffentlichen Dienst führt, aus der es aus eigener Kraft nicht den niedersächsischen Nachbarkreisen
und in den nahestehenden Bereichen ein- mehr herausfinden kann. »Die Schulden sieht man schwäbische Arbeitsmarktdaten,
gestellt worden, um der beginnenden aus der Vergangenheit lassen kaum Spiel- weil die Leute zum Arbeiten in die Stadt
Arbeitsmarktkrise entgegenzusteuern«, raum für Investitionen in die Zukunft«, pendeln«, klagt Bremens Bürgermeister
sagt Warsewa. Nun ächzt Bremen unter sagt Regionalforscher Warsewa. Carsten Sieling.
den Pensions- und Versorgungszahlungen. Dass Bremen überschuldet ist, hat auch Der 60-Jährige mit dem grau geschei-
Seit den Neunzigerjahren befindet sich mit der Reform des Länderfinanzausgleichs telten Haar und der schmalen Brille regiert
der Haushalt des Stadtstaats dauerhaft in zu tun, die von den Ländern 1969 beschlos- seit vier Jahren im alten Rathaus zusam-
einer Notlage. Für den Stabilitätsrat des sen wurde, mit der Stimme Bremens. Es war men mit den Grünen. Sein Vorgänger trat
Bundesfinanzministeriums, der auch über eine Stimme für den eigenen Abstieg. Ein- ab, nachdem er bei der Bürgerschaftswahl
die Haushalte der Länder wacht, ist Bre- kommensteuern fließen seitdem nicht mehr nur 32,8 Prozent geholt hatte, damals ein
men der größte Problemfall. Die Zahlun- dorthin, wo die Menschen arbeiten, sondern historisch schlechtes Ergebnis. Nun stellt
gen des Bundes und der Länder an Bre- wo sie wohnen. Die Landespolitiker hatten sich Sieling erstmals zur Wahl.
Die SPD habe »das Ding vor die Wand
gefahren«, sagt Carsten Meyer-Heder. Der
58-Jährige ist CDU-Spitzenkandidat für
die Bürgerschaftswahl, ein Quereinsteiger
und IT-Unternehmer. Dem glatzköpfigen
Manager in schwarzem Hemd und Jeans
ist die Politik noch fremd. »Ich könnte
auch segeln gehen«, sagt er. Aber er wolle
»echten Change« für Bremen. Er hat einen
umfangreichen und kleinteiligen Plan für
das Land erarbeitet, in dem viel von Qua-
lität und Digitalisierung die Rede ist.
Die CDU ist beflügelt von ihren guten
Umfragewerten. Da sich die Grünen nicht
festgelegt haben, ob sie mit Sieling weiter-
regieren möchten oder doch lieber mit der
Union, könnte es spannend werden.
JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL

Neben den Länderfinanzen ist Bildung


das bestimmende Thema im Wahlkampf.
Die frühkindliche Bildung gilt als Schlüssel
für den späteren Lernerfolg, als Chance
für den sozialen Aufstieg, den das Land
Kindern aus benachteiligten Familien eb-
nen müsste. Aber selbst die Bildungssena-
Abgesperrte Fassade der Bildungsbehörde: »Immer nur in ganz kleinen Schritten voran« torin fand 2017 nur nach einigen Mühen

38 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Deutschland

einen Kitaplatz für die eigene Tochter, ob- Bogedans Erklärung ist nicht falsch. Kin- In Gröpelingen entstand eine Oberschu-
wohl sie versprochen hatte, dass jedes der mit Migrationshintergrund hinken im le, die nicht in einem Gebäude unterge-
Kind einen Platz bekomme. Schnitt den Leistungen ihrer deutschstäm- bracht ist, sondern ausschließlich aus Con-
Die Bremer hätten viel aufzuholen. Seit migen Mitschüler hinterher. Und in Bremen tainern besteht. »Normalerweise müssten
Beginn der Pisa-Tests im Jahr 2000 landet gibt es viele Kinder mit einer Zuwande- in Gröpelingen die besten Schulen stehen«,
das Bundesland regelmäßig ganz hinten. rungsgeschichte, allerdings ist deren Anteil sagt Michal Myrcik. »Diese Kinder bekom-
Die anderen Kellerkinder Hamburg und in Hamburg ähnlich hoch. Bremen kopiert men aber das Gefühl, sie hätten keine bes-
Berlin hielten meist den Anschluss zu den inzwischen ein Modell aus Hamburg und sere Schule verdient«, sagt der Sonder-
Flächenländern, Hamburg kämpfte sich in lädt alle Kinder im Jahr vor der Einschu- pädagoge, der an der Gesamtschule West
jüngster Vergangenheit sogar ins Mittel- lung zu einem Sprachtest. Kinder, die arbeitet, nur wenige Hundert Meter von
feld. Im IQB-Bildungstrend 2016, einer schlecht abschneiden, sollen zusätzliche der Containerschule entfernt. Bis vor Kur-
Art Deutschland-Pisa, verschlechterten Förderung erhalten. Doch ausgerechnet in zem war er Vorsitzender des Personalrats
sich die Leistungen der Bremer Schüler im Stadtteilen mit einem hohem Ausländer- der Bremer Schulen.
Vergleich zu 2011 sogar noch. anteil fehlen in Bremen Kindergartenplätze. »Viele Lehrer in Bremen sind frustriert«,
Mehr als ein Drittel der Bremer Viert- Fragt man andere Kultusminister, wa- sagt Myrcik, »weil es immer nur in ganz
klässler erreichte die Mindeststandards in rum Bremens Schüler so hinterherhängen, kleinen Schritten vorangeht.« Es gebe
Mathematik nicht – nirgendwo lag der An- wird die Schuld eher bei Lehrern und Poli- nicht genügend Pädagogen und Erzieher,
teil höher. Schon am Ende der Grundschu- tikern gesehen. Die Bremer, so heißt es, viele Kollegen seien überarbeitet, manche
le liegt die Leistung der Kinder im Schnitt hätten sich selbst aufgegeben. »Die glau- dauerhaft krankgeschrieben. Die Schulen
ein ganzes Schuljahr hinter den Spitzen- ben nicht mehr an sich«, sagt die Schul- in Niedersachsen genössen einen besseren
reitern aus Bayern und Sachsen. ministerin eines Flächenlands. Offen äu- Ruf. Deshalb gingen viele lieber dorthin.
Die Erklärungen der Bremer Schulpoliti- ßern will sich allerdings niemand. »Ich »Wer möchte schon freiwillig in einem ma-
ker klingen seit Jahren gleich. »Die Zusam- möchte in Bremen nicht Bildungssenator roden und unterfinanzierten System arbei-
mensetzung unserer Schülerschaft ist ex- sein«, sagt einer, »da kann man nur ver- ten?«, fragt Myrcik. Für einen Aufbruch
trem heterogen«, sagt Bogedan. Jedes dritte lieren.« fehle den Pädagogen die Kraft. »Ich habe
Kind, das in die Schule kommt, spricht nach Gute Bildung kostet Geld. Geld, das das Gefühl, wir können all die Defizite
Angaben der Schulbehörde nicht richtig Bremen nicht hat. Rund 6700 Euro gab überhaupt nicht mehr aufholen.«
Deutsch . »Wer kein Deutsch versteht, kann die Stadt im Jahr 2016 durchschnittlich pro Hubert Gude, Miriam Olbrisch
erst mal auch nicht lesen oder rechnen ler- Schüler aus – und damit deutlich weniger Mail: hubert.gude@spiegel.de,
nen«, sagt Bogedan. Es gebe Stadtteile, da als die beiden anderen Stadtstaaten: Berlin miriam.olbrisch@spiegel.de
liege der Anteil nahe 100 Prozent. 9200 Euro, Hamburg 9000 Euro.

Von hier. Von uns.


Spitzenmäßig.

Der auch.

Spitzenmäßiges zur Spargelsaison.


Viele wissen nicht, dass auch hier in Württemberg Spargel angebaut wird. Die passenden Weine von uns sind da schon viel bekannter, wie zum
Beispiel dieser rassige Riesling. Seine fruchtigen Aromen von grünen Äpfeln und Weinbergspfirsichen machen diesen trockenen Wein zum
perfekten Begleiter jedes „Spitzen“-Menüs. Entdecken Sie das Beste aus Württemberg: Achten Sie einfach auf das Siegel unserer Erzeuger.

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Deutschland

Kein Geld? Kein Schiff


mindest ein Teil der Außenstände begli-
chen ist. Sonst drohe auch die Bredo-
Werft insolvent zu werden.
‣ Die Bundeswehr. Für Verteidigungsmi-
»Gorch Fock« Die Elsflether Werft kassierte von der Bundeswehr für nisterin Ursula von der Leyen (CDU)
ist die jüngere Geschichte der »Gorch
die Reparatur und wurde insolvent. Der Subunternehmer Bredo- Fock« ein Debakel. Die Kosten für die
Werft hat offene Rechnungen – und nimmt das Schulschiff als Pfand. Reparatur des maroden Seglers stiegen
von anfangs 9 auf 135 Millionen Euro.
Die Marine hat Millionen Euro an die

A n Bord der »Gorch Fock« lief zu-


letzt eigentlich alles nach Plan. Hin-
ter der weißen Bauplane, die das
Segelschulschiff der Marine verhüllt, häm-
drehung hinzu: Die Bredo-Werft nimmt
Deutschlands berühmtes Marineschul-
schiff, das früher den Zehnmarkschein
schmückte, als Faustpfand. Wenn der
Elsflether Werft überwiesen, die diese
aber nicht an den Subunternehmer wei-
terleitete. Die Bredo-Werft will daher,
dass die Bundeswehr die erbrachten
merten und schweißten Werftarbeiter. Sie Bund nicht mehrere Millionen Euro zahlt, Leistungen ein zweites Mal bezahlt.
setzten Bullaugen ein und bereiteten die will sie das Schiff nicht hergeben. Dass die Staatsanwaltschaft gegen einen
Montage der 1700 PS starken Maschine Die Hauptakteure der Auseinanderset- Marineprüfer und einen ehemaligen Vor-
vor, die den Dreimaster antreiben soll, zung sind: stand der Elsflether Werft wegen Korrup-
wenn mal kein Wind weht. In einigen Wo- ‣ Die Elsflether Werft in einem idylli- tion ermittelt, wird fast zur Nebensache.
chen sollen Handwerker die rostigen Plat- schen Ort an der Weser. Sie hatte 2015 Der aktuelle Konflikt mit der Bredo-
ten des Rumpfs mit Sand abstrahlen und den Auftrag übernommen, das Schiff Werft hat das Potenzial, den Zeitplan der
sie mit leuchtend weißer Farbe versehen, zu überholen. Im Februar 2019 meldete Marine, der durch die Insolvenz der Elsflet-
bevor das Schiff Ende Juni ins Wasser sie Insolvenz an, auch weil die ehema- her Werft bereits in Verzug geriet, abermals
kommt. ligen Vorstände Millionen in fragwür- über den Haufen zu werfen. Es sind schlech-
Aber Ende vergangener Woche war im dige Investments gesteckt hatten. Die te Nachrichten für von der Leyen. Völlig of-
Dock plötzlich von einem Notfallplan die Bundeswehr entschied, dass die Elsflet- fen scheint, wann das Schiff fertig wird und
Rede: rasch alle Luken zuschweißen. Fer- her unter neuer Führung den Auftrag ob die Bundeswehr noch nachzahlen muss.
tig. Kein Sandstrahlen. Kein Farbanstrich. trotzdem zu Ende bringen sollten. Bereits im März schickte der Geschäfts-
Das Schiff sollte schnell raus aus dem Dock ‣ Die Bredo-Werft in Bremerhaven, in de- führer der Bredo-Werft eine Liste mit sei-
der Bredo-Werft in Bremerhaven, wo der ren Dock die »Gorch Fock«-Generalüber- nen Forderungen an das Ausrüstungsamt
Segler, bis auf den Rumpf in Einzelteile holung stattfindet und deren Beschäftigte der Bundeswehr in Koblenz. Er teilte mit,
zerlegt, gerade repariert wird. einen Teil der Arbeiten übernommen ha- die Elsflether Werft habe drei Rechnungen
Die Geschichte der Sanierung der ben. Wegen der Insolvenz der Elsflether in Höhe von insgesamt 11,3 Millionen
»Gorch Fock« ist voller Skandale, fragwür- Werft blieb das Subunternehmen auf ho- Euro seit Dezember 2018 nicht beglichen.
diger Entscheidungen und ständig steigen- hen Rechnungen sitzen. Die Firma will Im Insolvenzverfahren der Elsflether
der Kosten. Nun kommt eine weitere Um- das Schiff erst dann freigeben, wenn zu- Werft ist das Bremerhavener Unterneh-

MOHSSEN ASSANIMOGHADDAM / DER SPIEGEL

»Gorch Fock« im Bremerhavener Dock: »Darum meinen wir, dass der leere, nicht schwimmfähige Kasko unserem Hause gehört«

40 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


IN DER SPIEGEL-APP Deutschland

men derzeit der größte Gläubiger. Eigent- Die angestrebte Lösung: Die Summe
lich müsste die Werft – so wie die anderen sollte auf ein Treuhandkonto der Bremer
betroffenen Lieferanten und Unterauftrag- Aufbau-Bank gezahlt werden. Mit dieser
nehmer – das langwierige Verfahren ab- Sicherheit wollte sich die Bredo-Werft fri-
warten und darauf hoffen, dass sie am sches Geld leihen. Doch der Deal platzte.
Ende wenigstens einen Teil ihrer offenen Das Geld auf einem Treuhandkonto habe
Rechnungen erstattet bekommt. der Bank nicht zur Besicherung von Kre-
Für die Bremerhavener Werftchefs ist diten gereicht, heißt es.
das keine Option. Sie sehen sich als Opfer Wirtschaftssenator Günthner, der nicht
der Elsflether Werft und deren fragwürdi- an der Unterredung teilgenommen hatte,
gen Ex-Chefs. will nun, dass die Bundeswehr direkt zahlt.
Um seine Position zu untermauern, »Der Bund hat eine Verantwortung gegen-
schickte der Geschäftsführer der Bredo- über der Werft und sollte die drei Millio-
Werft einen farbigen Plan mit nach Ko- nen ohne Auflagen auszahlen.« Insgesamt
blenz. Von der Bredo-Werft neu herge- seien womöglich mehr als tausend Arbeits-
stellte Bereiche seien rot und grün kolo- plätze in Gefahr.
riert, heißt es da. Bis auf wenige Teile ist Auf eine solche Argumentation lässt
der Rumpf rot und grün eingefärbt. Da- sich das Verteidigungsministerium nicht
rum »meinen wir«, schreibt der Werftchef, ein. »Die Bundeswehr ist Auftraggeber der
»dass der von uns hergestellte, leere, nicht Instandsetzung der ›Gorch Fock‹. Lokale
schwimmfähige Kasko unserem Hause Standortpolitik gehört nicht zum Aufga-
gehört, bis wir vollständig bezahlt sind«. benspektrum der Streitkräfte«, teilte die
Zumindest stünden der Bredo-Werft Pressestelle mit. Die Beamten verlangten
»70 Prozent Miteigentumsanteile« des ultimativ eine schriftliche Zusage der Bre-
Rumpfs zu. do-Werft, dass die Arbeiten an der »Gorch
Natürlich, fügte der Geschäftsführer an, Fock« fortgesetzt werden könnten. Die
sei man an einer einvernehmlichen Lösung Frist: Dienstagnachmittag, 16 Uhr.
interessiert. Die Bundeswehr müsse aber Kurz vor Ende des Ultimatums beschlos-
verstehen, dass es um 500 Arbeitsplätze sen die Gesellschafter der Bredo-Werft,
auf der Werft gehe. mehrere Millionen Euro in das Unterneh-
Mit kleinen Machtdemonstrationen ver- men nachzuschießen. Nur so ließ sich of-
suchten die Bremerhavener schon früher, fenbar die Zahlungsunfähigkeit abwenden.
ihre Forderungen zu unterstreichen. Mal Gegenüber dem Bund versicherte die
stand ein Kran plötzlich still, was zur Folge Bredo-Werft, die Reparatur der »Gorch
hatte, dass die »Gorch Fock«-Stamm- Fock« könne weitergehen. Der Notfallplan
besatzung, die auf einem Wohnschiff ne- der Elsflether Führung, die »Gorch Fock«
ben dem Dock untergekommen ist, ihren Hals über Kopf zu Wasser zu lassen, ist
Wind voraus Müll nicht entsorgen konnte. Mal verwehr-
ten die Bredoer den Zugang zum Dock.
vorerst vom Tisch.
Eine Eskalation im Streit um das Segel-
Seit mehr als zehn Jahren fotografiert Nun hat sich Bremens Wirtschaftssena- schulschiff scheint damit nur verschoben.
der Künstler und Fotograf Ulrich tor Martin Günthner (SPD) eingeschaltet. Am 21. Juni könnte es in Bremerhaven
Sollte die Elsflether Werft die Bredo-Werft zum Showdown kommen. Dann soll die
Mertens Windkraftanlagen. Er beglei-
mit in die Insolvenz ziehen, fürchtet der »Gorch Fock« ausgedockt werden. Die
tet Arbeiter beim Aufbau der Gigan- Senator, dass in einer Kettenreaktion wei- Bredo-Werft will das verhindern, wenn
ten, sucht Orte auf, an denen alte und tere Firmen zahlungsunfähig werden. die Rechnungen bis dahin nicht bezahlt
neue Technologien, etwa Kohle- Am Dienstag vergangener Woche trafen sind.
und Windkraftwerke, aufeinander- sich Wirtschaftspolitiker aus Bremen und In einem internen Rundschreiben berei-
treffen und hält den Wandel der Land- Niedersachsen mit den Chefs der Werften tet die Geschäftsführung die Belegschaft
schaften fest. »Mein Ziel ist es, die in Konferenzraum 169 der Bremer Wirt- auf diesen Tag vor. »Gegen Zahlung von
Energiewende in Deutschland für schaftsbehörde. 4,3 Millionen Euro netto geben wir die Zu-
kommende Generationen in Bildern Es war eine hitzige Debatte, so berich- rückbehaltungsrechte auf und docken die
festzuhalten«, sagt er. ten es Teilnehmer. Man könne nicht wegen ›Gorch Fock‹ aus. Ohne Zahlung kein Aus-
ein paar Millionen Euro eine Werftenkrise docken!«
in Bremerhaven auslösen, mahnte der Bre- Wenn es keine Lösung gibt, »dann ste-
Sehen Sie die Visual Story im
mer Staatsrat. Schließlich einigte man sich hen hier im Dock mehr als 500 Mitarbeiter
digitalen SPIEGEL, oder scannen Sie darauf, dass die Bredo-Werft legitime For- und ihre Kinder, um zu verhindern, dass
den QR-Code. derungen in Höhe von 4,3 Millionen Euro das Schiff ins Wasser kommt«, sagt ein füh-
habe. Die Bredo-Geschäftsführung sagte render Mitarbeiter. »Die ›Gorch Fock‹ ist
zu, die »Gorch Fock« freizugeben, wenn unsere letzte Hoffnung.« Hubert Gude
sie diese Summe bekomme. Mail: hubert.gude@spiegel.de
Die Vertreter der Bundeswehr boten
3 Millionen Euro unter der Bedingung,
dass der Rumpf nicht gepfändet wird. Zu- Grafik
Der Aufbau der
dem sollten 1,13 Millionen Euro durch den »Gorch Fock«
Verkauf eines Grundstücks der Elsflether spiegel.de/sp212019gorch
Werft zusammenkommen und an die Bre- oder in der App DER SPIEGEL
JETZT DIGITAL LESEN do-Werft gehen.

42 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


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Deutschland

Krankes System
Gesundheit Deutschland hat im internationalen Vergleich besonders viele Kliniken. Das klingt
wie eine gute Nachricht – doch Experten warnen vor Gefahren für die Patienten.

TIM WEGNER / LAIF


Herzoperation: Wer nachts eingeliefert wird, stirbt deutlich häufiger

H
erbert Wilke, 84 Jahre alt, hatte Im niedersächsischen Landkreis Nort- Helios-Klinik in Bad Gandersheim, ist mit
tagsüber noch Holz gehackt. Um heim existieren gleich drei Kliniken für 89 Betten nicht einmal halb so groß und
23 Uhr klagte er über Kopfweh, knapp 133 000 Einwohner, mehr als im verzeichnet prozentual noch höhere Ver-
plötzlich konnte er nicht mehr deutschen Durchschnitt. Was wie eine gute luste. Nummer drei schließlich, das Einbe-
sprechen. Der Rettungsdienst brachte den Nachricht für potenzielle Patienten klingt, cker Bürgerspital mit 103 Betten, quält sich
Mann ins Krankenhaus nach Northeim. ist laut Experten eine Gefahr für die Ge- schon durch seine zweite Insolvenz.
Dort legten sie ihn auf die Isolierstation, sundheit: Weil es zu viele und zu kleine Kliniken leben wesentlich von den Zah-
wegen seiner Durchfälle. Schon auf dem Häuser gebe, sei deren Qualität oft zu lungen der gesetzlichen Krankenkassen,
Flur, sagen die Angehörigen, seien seine schlecht. sie erhalten pro Behandlungsfall eine be-
Schreie zu hören gewesen. »Deutschland hat international eine sehr stimmte Summe. Größere Häuser können
Das war am 5. November 2018. Erst hohe Krankenhausdichte«, sagt der Ge- damit besser wirtschaften. Denn egal ob
drei Tage später wurde der Kopf des Pa- sundheitsökonom Jonas Schreyögg. Der eine Akutklinik 50 oder 500 Betten hat –
tienten untersucht. Seine Töchter sagen, Professor aus Hamburg gehört dem Sach- sie muss rund um die Uhr leistungsfähig
sie hätten abwechselnd auf einen Arzt ge- verständigenrat zur Entwicklung der Ver- sein, Ärzte und Schwestern bereithalten.
wartet, um auf den Zustand ihres Vaters sorgung im Gesundheitswesen an, den das Zudem sind die Kliniken immer mehr
hinzuweisen. Bei der Computertomografie Bundesgesundheitsministerium berufen dazu gezwungen, Mittel für Investitionen
habe sich die Ursache der Beschwerden hat. Er sagt: »Die Überkapazitäten sind selbst zu erwirtschaften, seitdem der Staat
gezeigt: eine massive Hirnblutung. ein riesiges Problem.« dieser Pflicht immer weniger nachkommt.
Herbert Wilke ist seitdem ein Pflege- Wohin das führen kann, zeigt sich im Auch das fällt größeren Häusern leichter.
fall – und seine Familie mit der Frage be- Landkreis Northeim mit seinen drei Kran- Die Niedersächsische Krankenhausge-
schäftigt, ob das so kommen musste. Man kenhäusern. Nummer eins, die Helios-Kli- sellschaft etwa beklagt einen Investitions-
könnte glauben, dass es hier auf dem Land, nik in der Kreisstadt, war beim Bau vor stau von 1,3 Milliarden Euro; das Land
im ehemaligen Zonenrandgebiet, einfach fünf Jahren für 275 Betten ausgelegt; im müsse doppelt so viel zahlen wie bisher,
zu wenige Kliniken gäbe und es deshalb aktuellen Bettenplan sind nur noch 210 um die Investitionskosten zu decken. Doch
zu lange gedauert hätte, bis Wilke einge- verzeichnet, das vergangene Geschäftsjahr statt Steuermittel gebündelt in rentable
liefert wurde. Unter allen denkbaren Ur- schloss das Haus mit einem Minus von große Kliniken zu investieren, schauen die
sachen scheidet diese allerdings aus. fünf Millionen Euro ab. Nummer zwei, die meisten Landesregierungen zu, wie sich

44 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


zu viele und zu kleine Krankenhäuser tuts für Bevölkerung und Entwicklung Er habe nicht den Grundsätzen entspro-
einen ruinösen Wettbewerb um immer we- (SPIEGEL 15/2019). Da wirkt es verständ- chen, sagt eine Sprecherin des Gesund-
niger und immer ältere Patienten liefern. lich, wenn Kommunen um ihre Kranken- heitsministeriums, betont aber, dass dies
Der Kreis Northeim mit seinen drei Kli- häuser kämpfen, auch die Chefin des Krei- noch keine Ablehnung sei.
niken hat seit 2005 rund zehn Prozent sei- ses Northeim verteidigt ihre Spitäler. »Als »Es ist offenkundig, dass das Kranken-
ner Einwohner verloren. Die Jüngeren fah- Landrätin eines Flächenlandkreises, der haus Einbeck keine Zukunft hat«, sagt
ren zudem oft weite Wege, um in größeren stärker als andere Regionen von der dagegen Jörg Niemann, Chef des nieder-
Krankenhäusern versorgt zu werden. Als demografischen Entwicklung betroffen ist, sächsischen Verbands der Ersatzkassen.
Helios vor drei Jahren die Geburtsstation kann man nicht ernsthaft Vorschläge für »Wenn ein Haus zweimal Insolvenz an-
in Bad Gandersheim schloss, trafen danach Krankenhausschließungen unterbreiten, melden muss, ist der Nachweis mangeln-
zwar etwas mehr Gebärende 25 Kilometer wenn man die Versorgung der Menschen der Leistungsfähigkeit erbracht.«
weiter südlich in Northeim ein. Doch sehr im Auge hat«, sagt Astrid Klinkert-Kittel, Noch existieren alle drei Krankenhäuser
viele Schwangere fuhren die A 7 offenbar eine parteilose Politikerin. im Kreis – und der Streit um ihren Fortbe-
gleich durch bis in die Universitätsstadt Der Landesrechnungshof argumentiert stand wird inzwischen hässlich. Der Land-
Göttingen – trotz der doppelten Distanz. andersherum: Gerade weil Südniedersach- tagsabgeordnete Uwe Schwarz (SPD), ein
2015 ersannen die Kassen als Ausweg sens Bevölkerung schrumpfe, sollte man altgedienter Gesundheitspolitiker, hatte sich
aus der Misere einen Topf eigens für Kran- dort weniger Kliniken vorhalten, mahnen stets für den Erhalt aller Kliniken seines
kenhausschließungen. Daraus wurde ein die Prüfer. Dieser Logik mag die Landrätin Wahlkreises eingesetzt. Doch nun, da das
Strukturfonds, aus dem die Bundesländer nicht folgen, sie will mehr Geld für Inves- Krankenhaus seines Heimatorts Bad Gan-
eine halbe Milliarde Euro pro Jahr abrufen titionen in ihre Krankenhäuser. dersheim um jeden Patienten buhlen muss,
können – etwa um aus einer Klinik ein Al- Der Wunsch zielt auf das marode Kran- verlangt er die Schließung von Einbeck, für
tersheim oder eine Ambulanz zu machen. kenhaus in Einbeck, der größten Stadt des das sich ein neuer Investor interessiert. Man-
Der Fonds sei zwar die richtige Antwort, Kreises. Der Saatgut-Multi KWS und eine che vermuten einen Zusammenhang mit
aber die Summe viel zu gering, sagt Ex- Brauerei haben dort ihren Sitz, es gibt ein der Tätigkeit von Schwarz’ Ehefrau, sie ist
perte Schreyögg. Denn es gehe um Zigtau- Automuseum und viele hübsche Fachwerk- die Bürgermeisterin von Bad Gandersheim;
sende Arbeitsplätze: »Wir brauchen einen häuser. Das Krankenhaus, ein Gebäude das Paar weist solche Vorwürfe zurück.
Strukturwandel wie beim Ausstieg aus der aus den Siebzigerjahren, sieht dagegen aus Müssten nicht die beiden kleineren
Braunkohle, nötig wären eine Art Kohle- wie ein Sanierungsfall und ist auch einer. Krankenhäuser schließen? Darüber will
kommission und viele Milliarden Euro.« Nach der ersten Insolvenz, im Jahr 2012, niemand reden, keiner will sich unbeliebt
Das Problem der Überversorgung be- übernahmen Einwohner die Regie; sie stif- machen. Der Northeimer CDU-Bundes-
trifft Ballungszentren genauso. Braucht teten Geld, sammelten Spenden. Die Mit- tagsabgeordnete Roy Kühne, ein Physio-
München wirklich 25 Akutkrankenhäuser? arbeiter verzichteten über Jahre auf Teile therapeut, sitzt im Gesundheitsausschuss.
In der Großregion Kopenhagen werden ihres Gehalts. So konnte der Fortbestand Krankenhäuser gehören zu den Themen,
fast genauso viele Einwohner in nur 4 Kli- gesichert werden. Doch seit knapp zwei mit denen er sich bestens auskennt, doch
niken versorgt. Der dänische Staat hat fünf Jahren ist die Klinik wieder zahlungs- zu Klinikschließungen »äußert sich Herr
Milliarden Euro für eine radikale Ver- unfähig. Allein der fällige Neubau würde Dr. Kühne nicht«, lässt sein Büro wissen
schlankungskur bereitgestellt: Ein Kran- rund 40 Millionen Euro kosten. Ein För- und schickt statt einer konkreten Antwort
kenhaus soll bald 270 000 Einwohner ver- derantrag beim Land blieb bisher erfolglos. allgemeine Ausführungen zu »patienten-
sorgen – in Deutschland teilen sich rech- orientierter Versorgung«.
nerisch etwa 60 000 Einwohner eines. Den Northeimer Ärzteverein-Vorsitzen-
Die Statistiken sprechen für die däni- Mehr Betten … den Christian Steigerthal ärgert das: »Wir
sche Strategie: Pro Stationsbett stehen Krankenhausbetten auf 1000 Einwohner wissen doch alle längst, dass es in unserer
mehr Pfleger und Ärzte bereit als hierzu- schrumpfenden Kommune nur für eine Kli-
lande. Nach einem Herzinfarkt sterben in Deutschland nik eine Zukunft geben kann.« Seit 15 Jah-
heute deutlich weniger Patienten als vor ren wird im Kreis darüber diskutiert, Ein-
der Schließungswelle. In deutschen Klini- 8,2 8,1 zum Vergleich beck zu schließen. Der gut vernetzte Haus-
ken ist die Wahrscheinlichkeit, nach einem in Dänemark arzt Steigerthal vermutet, dass Helios
Infarkt zu sterben, fast doppelt so hoch 2,5 überhaupt nur die zwei Kliniken übernom-
wie in dänischen. Hochgerechnet sind es 3,7 men habe, weil der Konzern fest mit der
hierzulande 7000 Tote mehr im Jahr. 2007 2015 2007 2015 Schließung des Konkurrenten rechnete.
Die deutschen Bundesländer verwenden Helios will das nicht bestätigen. Der
die Mittel des Strukturfonds nur ungern Konzern hat sich vertraglich verpflichtet,
für die Schließung kompletter Krankenhäu- den Betrieb der Klinik in Bad Ganders-
ser. Nur jeder siebte Antrag wurde 2017
…weniger Betreuung zum Vergleich
heim bis 2032 aufrechtzuerhalten.
in Dänemark
für diesen Zweck gestellt. Kliniksterben ist Krankenpfleger »Unsere Kliniken in Northeim haben im
auf 1000 Einwohner
ein Schmähwort, Politikern graut davor. 16,9 Konzern ein Alleinstellungsmerkmal in
Schreyögg kennt das Dilemma. Landkreise in Deutschland Sachen Unwirtschaftlichkeit«, räumt Re-
müssten zur Kompensation einer Klinik- 14,3 gionalgeschäftsführer Reiner Micholka ein.
schließung deutlich mehr Gelder für neue 12,7 Das will er aber nicht auf die Konkurrenz-
Arbeitsplätze erhalten. »Nur so wird ver- 10,9 situation schieben, eigene Management-
mieden«, sagt er, »dass der Landrat aus fehler hätten auch dazu beigetragen, etwa
Angst, nicht wiedergewählt zu werden, zu häufige Geschäftsführerwechsel.
eine Schließung blockiert.« Der Rettungsdienst, den Helios bisher
Politiker sorgen sich zu Recht darum, in Teilen des Landkreises übernommen hat-
Quelle:
dass der ländliche Raum attraktiv bleibt. OECD te, wird rekommunalisiert. Helios konnte
Der Sog der Großstädte ist gewaltig, das die Rettungswagen zuletzt kaum noch
2007 2015 2007 2015
zeigte kürzlich eine Studie des Berlin-Insti- durchgehend besetzen. Weil die drei Akut-

45
kliniken nicht genug Ärzte dafür entbehren
können, muss der Kreis nun seine Versor-
gung mit Notärzten selbst organisieren.
Reinhard Busse, Professor für Manage-
ment im Gesundheitswesen an der TU Ber-
lin, hält radikale Maßnahmen für notwen-
dig. Ginge es nach ihm, dürfte keines der
drei Northeimer Krankenhäuser so exis-
tieren: Er schlägt vor, dass alle Kliniken
künftig mehr als 300 Betten haben müs-
sen. Zwei Drittel der heute bundesweit
rund 1400 Akutkrankenhäuser würden da-
mit wegfallen. Die Versorgung, beteuert
Busse, würde dadurch besser. Dann könn-
ten es sich alle Kliniken leisten, ständig
einen Kardiologen vorzuhalten. Heutzu-
tage muss selbst in Großstädten der Fach-
arzt aus dem Bett geklingelt werden. In
Berlin sterben Menschen, die nachts einen
Herzinfarkt erleiden und im Krankenhaus
landen, deutlich häufiger als Infarkt-
patienten, die tagsüber eingeliefert werden.
Hierzulande werden dreimal so viele
Bluthochdruckpatienten stationär behan-

Das Nachrichten-Magazin
delt wie in anderen westlichen EU-Län-
dern. Die Kliniken füllen die Betten über
die Notaufnahmen selbst. »Jeder zweite
Notfallpatient wird dabehalten«, sagt Bus-
se, fast doppelt so viele wie anderswo.

für Kinder. Er berät Bundesländer bei der Klinik-


planung. Dem Land Niedersachsen stellt
der Experte ein vernichtendes Zeugnis aus:
»Hannover plant gar nicht! Das Land
schreibt nur eine Liste fort, den Kranken-
hausbettenplan: Wenn die Belegungszah-
len einer Klinik sinken, werden dem Haus
Jetzt ein paar der vom Land subventionierten
Betten gestrichen, fertig.« Dadurch würden
testen: die Kliniken kleiner, aber nicht rentabler.
Demografische Daten würden ebenso we-
www.deinspiegel.de nig berücksichtigt wie der Trend, ein pas-
sendes Krankenhaus im Internet auszu-
suchen, egal in welcher Distanz.
Wie schwierig es sein kann, ein Kran-
kenhaus zu schließen, zeigt sich in einem
Nachbarkreis von Northeim. Dort gibt es
in Clausthal-Zellerfeld eine Kleinstklinik
mit nur 39 Planbetten. Sie werde, sagen
die Kassen, künstlich am Leben gehalten:
Altersschwache Patienten würden eigens
aus größeren Kliniken hertransportiert,
um die Stationen wenigstens zur Hälfte zu
füllen. Der Klinikbetreiber möchte das
Haus angeblich nicht schließen, weil er
dann eine hohe Vertragsstrafe an den
Landkreis zahlen müsste.
Niedersachsens Krankenkassen haben
der Klinik gegen den Willen der Landes-
regierung gekündigt, ein bundesweiter Prä-
zedenzfall, über den jetzt Gerichte ent-
scheiden müssen. »Wenn man nicht einmal
Clausthal-Zellerfeld kündigen kann«, sagt
Ersatzkassen-Chef Niemann, »lässt sich
gar kein Krankenhaus schließen.«
Annette Bruhns
Mail: annette.bruhns@spiegel.de

46
Deutschland

Tödliche
Bohnen
Terrorismus Ein Islamistenpaar
aus Köln plante offenbar einen
Anschlag mit einer Giftbombe.
Ermittlungen zeigen, wie nah die
beiden ihrem Ziel schon waren.

S ief Allah H. plante sein Vorhaben


gewissenhaft. Über den Messenger-
dienst Telegram tauschte der Tune-

DAVID YOUNG / DPA


sier Botschaften mit zwei Spezialisten aus:
welche Zutaten er für den Sprengstoff
brauche, wie man einen Zünder baue und
wie genau man das hochgiftige Rizin aus
dem Samen des Wunderbaums gewinne. Spezialkräfte in Köln-Chorweiler: »Wenn du groß bist, wirst du auch Attentäter«
Einer der Männer ermutigte H., er wer-
de ihn »Schritt für Schritt begleiten«. Im
Mai 2018 hatte H. an einen der beiden ge- Die gelernte Arzthelferin ist Mutter von Zu diesem Zeitpunkt waren er und seine
schrieben: Er wolle eine »tödliche Spreng- sieben Kindern vier verschiedener Väter. Frau seit Monaten mit Vorbereitungen be-
ladung« bauen, »die auf vier bis fünf Qua- Seit 2010 war sie arbeitslos. schäftigt. Er war zweimal nach Polen ge-
dratmetern explodiert« und möglichst vie- Über das Internet knüpfte sie Kontakt fahren, um gefährliche Feuerwerkskörper
le Ungläubige töte, so haben es Ermittler mit dem 13 Jahre jüngeren Sief Allah H., zu kaufen, sie bestellte Böller in einem On-
des Bundeskriminalamts und der Bundes- der sich in Tunesien als Straßenverkäufer lineshop. Nach Einschätzung der Ermittler
anwaltschaft herausgefunden. Ob die im und Hilfsarbeiter durchschlug. sammelten die beiden mehr als ein Kilo-
Internet bestellten Stahlkugeln in einer Er lernte nie richtig Deutsch, sie sprach gramm Sprengstoff. Einen Teil davon ver-
Bombe wirklich »gut genug sind, um Scha- nur ein paar Brocken Arabisch, es reichte wendeten sie für eine Probesprengung, ein
den zuzufügen«, fragte H. zudem nach. Ja, aber für gemeinsame Pläne. Sie heirateten knappes Kilogramm stellten Spezialisten
doch, beruhigte ihn sein Kontaktmann. im Oktober 2015, H. zog zu seiner Ehefrau in ihrer Wohnung sicher.
Bevor H. seinen mutmaßlichen Plan um- nach Deutschland. Die Ermittler glauben Dort fanden sich auch 84 Milligramm
setzen konnte, nahm ihn die Polizei vor heute, dass die beiden damals schon plan- Rizin. Das Paar hatte offenbar mehr als
knapp einem Jahr in seiner Kölner Woh- ten, nach Syrien auszureisen, um sich dem 3000 Rizinusbohnen im Internet bestellt,
nung fest. Ab Anfang Juni soll H. sich vor »Islamischen Staat« (IS) anzuschließen. dann geschält und in einer Knoblauchpres-
dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Dazu kam es nicht, weil einer der Väter se und zwei Kaffeemühlen zerkleinert.
der »Vorbereitung einer schweren staats- von Yasmin H.s Kindern weder seine Hätten H. und seine Frau alle Samen ver-
gefährdenden Gewalttat« und weiterer Sprösslinge bei sich aufnehmen noch deren arbeitet und eine so präparierte Bombe
Vorwürfe verantworten. Auch H.s Ehefrau Ausreise nach Syrien zustimmen wollte. gezündet, so glauben die Ermittler, hätten
Yasmin ist angeklagt. Sief Allah H. versuchte es also allein, bis zu 100 Menschen sterben können.
In der 94-seitigen Anklageschrift legen scheiterte aber zweimal. Ende August 2017 Aus ihrer Gesinnung machte Yasmin H.
die Ermittler dar, dass die Bundesrepublik flog er in die Türkei, zehn Tage später kehr- nach Aussagen von Bekannten keinen
einem potenziell verheerenden Anschlag te er unverrichteter Dinge zurück. Auch Hehl. Sie habe offen über ihre Begeiste-
entgangen ist. Die Eheleute H. hatten ein neuer Versuch kurz darauf glückte rung für den IS gesprochen und einem ih-
Sprengstoff und Geschosse beschafft, einen nicht. Trotzdem blieb Sief Allah H. mit IS- rer Söhne gesagt: »Wenn du mal groß bist,
Zünder fast fertiggebaut, eine erfolgreiche Mitgliedern im Kontakt. Diese sollen ihm wirst du auch Attentäter«, dann könne er
Probesprengung durchgeführt – und genug vorgeschlagen haben, einen Anschlag in sich »auch in die Luft sprengen«.
Rizinusbohnen gekauft, um bei einem An- Deutschland zu verüben. Das Paar verfolgte den mutmaßlichen
schlag bis zu 100 Menschen zu töten. Nach Lektüre einer Publikation aus Anschlagsplan in seiner Wohnung, in
Die Anwälte von Yasmin H. wollten auf dem IS-Umfeld entschied sich das Paar of- Köln-Chorweiler, nur wenige Hundert
Anfrage nicht Stellung nehmen. Serkan fenbar, eine Bombe mit Gift zu verwenden. Meter von der Zentrale des Bundesamts
Alkan, einer der Anwälte von Sief Allah Die konkrete Wahl fiel auf den Stoff Rizin. für Verfassungsschutz entfernt, das für
H., beklagt, die Justiz weigere sich, einen Am besten zu verwenden, so legte es das die Terrorabwehr zuständig ist. Die deut-
Pflichtverteidiger, den H. loswerden möch- Schriftstück nahe, in geschlossenen und schen Behörden kamen allerdings erst
te, von seinen Aufgaben zu entbinden. Ein belebten Räumen wie Bussen, Restaurants, nach dem Hinweis eines US-amerikani-
faires Verfahren gegen seinen Mandanten einer Bank oder einem Einkaufszentrum. schen Geheimdienstes auf die Spur der
sei damit nicht gewährleistet. Sief Allah H. notierte Schlüsselbegriffe beiden. Dem US-Dienst waren die son-
Einiges spricht dafür, dass die Deutsche wie »Gasflasche«, »Böller«, »Klingel oder derbaren Bestellungen des Paares im In-
und der Tunesier schon radikale Muslime Wecker« in seinem Terminkalender und ternet aufgefallen.
waren, als sie sich 2014 kennenlernten. fertigte Skizzen an. »Es geht gut, wir ler- Jörg Diehl, Fidelius Schmid
Yasmin H., heute 43 Jahre alt, konvertierte nen«, schrieb er im April 2018 einem Be- Mail: fidelius.schmid@spiegel.de
laut den Ermittlungen 2004 zum Islam. kannten.

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 47


Deutschland

Zeitung auf. Erst recht, als Kritiker konter-


ten, ihren Reichtum verdanke die Jung-
unternehmerin doch auch den Zwangsarbei-
tern, mit denen ihre Familie im Krieg das
Keksgeschäft am Laufen gehalten hatte.
Verena Bahlsen, der ein Viertel der Fir-
ma mit einem Jahresumsatz von knapp
550 Millionen Euro gehört, ließ daraufhin
über die »Bild« wissen, wie sie das sah.
»Wir haben die Zwangsarbeiter genauso
bezahlt wie die Deutschen und sie gut be-
handelt.« Und weiter: »Das Gericht hat
die Klagen (der Zwangsarbeiter –Red.) ab-
gewiesen. Bahlsen hat sich nichts zuschul-
den kommen lassen.«
Es hätte danach keine Historiker, nur ei-
nen Deutschlehrer gebraucht, um Verena
Bahlsen klarzumachen, dass in Zwangs-
arbeit das Wort »Zwang« steckt und sich
die Firma schon allein deshalb etwas hat

WOLFGANG STAHR / DIE ZEIT / LAIF


zuschulden kommen lassen. Die Arbeits-
kräfte wurden aus ihrer Heimat ver-
schleppt. Dass die Klagen abgewiesen wur-
den, war der Verjährung geschuldet, nicht
einem Freispruch. Und Experten weisen
darauf hin, dass der Bruttolohn der gleiche
gewesen sein mag, Zwangsarbeitern in der
Regel aber ein großer Teil gleich wieder
Firmenerbin Bahlsen, Vater Werner Michael: Alles »vor meiner Zeit« abgezogen wurde. »Der Verdienst war
um ein Vielfaches geringer«, sagt die Lei-
terin des Dokumentationszentrums NS-

It-Girl mit Vergangenheit Zwangsarbeit in Berlin, Christine Glau-


ning.
Also bemühte sich der Konzern diese
Woche, den Schaden zu begrenzen. Er be-
Zeitgeschichte Konzernerbin Verena Bahlsen hatte ihre Familie kannte sich zu dem »großen Leid und Un-
vorschnell von Sünden in der Nazizeit freigesprochen. Nun zeigt sich: recht«, das »Zwangsarbeitern widerfah-
Ihr Opa und seine Brüder waren in der Partei, förderten die SS. ren« sei. Er erinnerte an die 1,5 Millionen
Mark, mit denen sich Bahlsen an der Stif-
tungsinitiative der deutschen Wirtschaft

S ommer 1945: Deutschland hatte den


Krieg verloren, und aus Millionen
Nazis wurden Millionen Deutsche,
die eigentlich keine Nazis gewesen sein
Werner Bahlsen, nach dem Krieg ein
großer Unternehmer, Mäzen, CDU-Politi-
ker, übernahm im Krieg noch eine Keks-
und Marmeladenfabrik in der Ukraine.
im Jahr 2000 beteiligt hatte. Auch Verena
Bahlsen entschuldigte sich nach einigen
Tagen Bedenkzeit. Nichts liege ihr ferner,
als den Nationalsozialismus zu verharm-
wollten. Höchstens Karteikarten-Nazis, Hauptsache, das Geschäft lief weiter, auch losen; sie wolle sich jetzt intensiver mit
vielleicht sogar mit einer klitzekleinen mit Zwangsarbeitern. Denn Bahlsen war der Firmengeschichte befassen.
Spur von Widerstand; da müsste sich doch mit seinen »Fruchtschnitten« und der Und doch verschleiert diese Firma of-
noch was finden lassen. »Flieger-Sonderverpflegung« kriegswich- fenbar weiter, wie sehr sie von Zwangs-
So saß damals auch Hans Bahlsen, tig. Von Stalingrad bis Tobruk. arbeit profitiert hat – die jetzt genannte
44, Vorstand der weltbekannten Keks- Und damit nun ins Jahr 2019, zu Verena Zahl von 200 Kräften erscheint zu niedrig.
fabrik in Hannover, über seinem Frage- Bahlsen, dem It-Girl der Gründerszene. Erst recht aber waren die persönlichen Ver-
bogen für die Entnazifizierung. Und, ja, er So frech, so fresh, so forsch. Eine 26-jähri- strickungen der drei Brüder Hans, Klaus
fand etwas: »Ich war Stadtverordneter ge Millionenerbin mit einem Hang zu ori- und Werner ein Familiengeheimnis, das
für die Deutsche Volkspartei im Rathaus ginellen Ideen, aber offenbar wenig Wis- über Jahrzehnte gut verborgen blieb.
von 1932–1933 und wurde 1933 von sen über die Jahre 1933 bis 1945. Das war Das eine wie das andere ist keine
der NSDAP dieses Postens enthoben.« ja alles, wie Verena Bahlsen sagt, »vor mei- Schwarz-Weiß-Geschichte. Auch wenn vie-
Ein Regimegegner also, ein Opfer der ner Zeit«. le Papiere in den Bombennächten von
Nazis? Auf einem Marketingkongress in Ham- Hannover verloren gegangen sind – so wie
Nein, nur ein Wendehals. Am 1. Mai burg hatte sie vor ein paar Tagen ihre Welt es aussieht, waren weder die drei Bahlsen-
1933 trat Hans Bahlsen in die NSDAP ein, erklärt: dass sie gern Kapitalistin sei, Geld Brüder glühende Nazis, noch waren die
Mitgliedsnummer 3 555 351, am selben verdienen wolle, Jachten kaufen. Gut, das Arbeitsbedingungen in ihren Werken für
Tag in die SS, Nummer 99 713. Seine Brü- mit der Jacht war nur so dahingesagt; ei- Zwangsarbeiter besonders brutal. Der Fall
der Werner und Klaus, die mit ihm im Vor- gentlich will sie keine Jacht. Aber das Wort Bahlsen steht aber beispielhaft für die
stand saßen, waren Anfang 1935 Förder- klingelt, und in einer Szene, in der Auf- Anbiederung deutscher Unternehmer an
mitglieder der SS, unterstützten die Trup- merksamkeit mit Anerkennung verwech- das Regime und die Selbstverständlichkeit,
pe mit Geld. Jahre später, 1942, gingen sie selt wird, klingelt »Jacht« nun mal besser mit der sie ihren Profit suchten – mit den
dann auch in die Partei. als »Boot«. Da horchte sogar die »Bild«- Mitteln und Möglichkeiten einer men-

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schenverachtenden Diktatur. Auch das ist zu den braunen Herrschern. Nicht nur Ar- chen wollen. Bahlsen gab nach dem Krieg
Schuld. beitskräfte waren knapp, auch Rohstoffe. zu: »Ich hatte nach Darlegung der ideellen
Den tiefsten Einblick in die Zwangsar- Umso wichtiger, dass die Gauwirtschafts- Ziele keine Bedenken.« Die seien ihm erst
beit bei Bahlsen vermittelt eine Magister- kammer Bahlsen 1939 eine »kriegswichti- später gekommen, »als ich mich näher mit
arbeit aus dem Jahr 1996, für die der His- ge Produktion« bescheinigte. 40 Prozent den Anschauungen der SS vertraut ge-
toriker Uwe Lehmensiek ins Firmenarchiv verkaufte Bahlsen an die Wehrmacht; da- macht hatte«. Nachdem er den Befehl be-
gelassen wurde. Schon im ersten Kriegs- für bekam man bevorzugt Zuweisungen. kommen habe, aus der Kirche auszutreten,
jahr – die Männer waren an der Front, An guten Verbindungen hatte Bahlsen habe er das »mit meinem Gewissen nicht
Frauen zu Rüstungsunternehmen abgezo- gleich nach Hitlers Machtübernahme ge- verantworten« können. Am 3. Dezember
gen worden – forderte Bahlsen demnach arbeitet. Hans Bahlsen ging in die NSDAP 1934 habe ihn die 4. SS-Motor-Standarte
Zwangsarbeiter aus dem Ausland an. »Als und in die SS, beides am 1. Mai 1933. Nach Braunschweig aus der SS entlassen, schrift-
Ersatz sind uns bislang 129 Polinnen zuge- dem Krieg erklärte er seinen SS-Beitritt lich, auf seinen Antrag hin.
wiesen worden. Ein weiterer Transport so, als hätte er nichts dafür gekonnt: »Bei Auch an dieser Darstellung hat SS-Ex-
von 76 Polinnen soll am 29.6. kommen«, der korporativen Übernahme der Mitglie- perte Schulte seine Zweifel: Da die Origi-
hieß es in einem Schreiben an die Rüs- der des Automobilklubs in die Motor-SS nalschreiben fehlen – Bahlsen hatte nur
tungsinspektion in Hannover. wurde ich am 1. 5. 1933 SS-Anwärter«, eigene Abschriften eingereicht – wisse
Hans Bahlsen nannte 1949 eine Zahl schrieb er in den Entnazifizierungsbogen. man nicht, ob es nicht andere Gründe ge-
von 250 Zwangsarbeitern. Vermutlich sei geben habe. Was auffällt: Während Hans
das aber nur der Stand bei Kriegsende ge- Bahlsen behauptet, danach nichts mehr
wesen, so Lehmensiek. Über die Jahre Auch das Parteibuch mit der SS zu tun gehabt zu haben, heißt
müssten es deutlich mehr gewesen sein.
Denn aus den Firmenunterlagen ergibt
war Hans Bahlsen es in der von ihm vorgelegten, angeblichen
Austrittsbestätigung der Motor-SS: »Ihrer
sich, dass im Dezember 1942 schon 200 wohl kaum hinterher- Bitte um Aufnahme als Förderndes Mit-
Polinnen und 70 Ukrainerinnen bei Bahl- geworfen worden. glied der SS wird gern stattgegeben.«
sen beschäftigt waren. Im März 1944 Und während Hans offenbar ausschied,
sprach die Firma von »ca. 150 Ukrainern wurden seine Brüder Klaus und Werner zah-
und Ukrainerinnen«, die »nach hier ver- Der Historiker und SS-Experte Jan Erik lende SS-Fördermitglieder – bis 1935, wenn
bracht« worden seien. Schulte hält das für unglaubwürdig. »Man man ihren Angaben für die Entnazifizierung
Rund 60 Frauen klagten schließlich im wurde nicht zwangsweise in die SS über- glauben darf. Schulte: »Diese freiwillige
Jahr 1999 auf Entschädigung. Einige von führt, die Mitgliedschaft war freiwillig. Sie Unterstützung der SS war insbesondere
ihnen schilderten tatsächlich, dass sie erfolgte immer individuell und musste zu- seit 1933 eine Möglichkeit, dem Regime
»sehr gut« behandelt worden seien – Essen, vor eigens beantragt werden.« Jeder An- die Treue zu versichern.« Dass die beiden
Waschgelegenheiten, die Baracken, alles wärter habe in der Regel zwei Bürgen ge- 1942 in die NSDAP eintraten, lasse sich
besser als befürchtet. Und doch seien sie braucht; die hätten bestätigen müssen, vermutlich mit Opportunismus erklären.
aus ihrer Heimat verschleppt worden, und dass der Kandidat eisern hinter der NS- Im Fall von Werner könnte das spät be-
wenn Bomben fielen, konnten sie im Ba- Weltanschauung stand. antragte Parteibuch auch mit der Keks-
rackenlager nicht in einen Bunker gehen, Auch das Parteibuch war Hans Bahlsen und Marmeladenfabrik in Kiew zu tun ge-
nur in Splitterschutz-Unterstände. Einmal, wohl kaum hinterhergeworfen worden. habt haben, die er leitete. Zugeschanzt von
so schilderte es eine Polin, kam nachts die »Der 1. Mai 1933 war ein klassisches Ein- der Zentralhandelsgesellschaft Ost, einer
Polizei. Sie hätten im Schnee draußen an- trittsdatum, danach verhängte die Partei staatlichen Monopolgesellschaft.
treten müssen, nur in Unterwäsche. Ein einen Aufnahmestopp. Das Datum spricht Was Hans, der Älteste, im Krieg ge-
anderes Mal seien fünf Frauen eingesperrt dafür, dass der Unternehmer schnell noch macht hat, bleibt unklar, er wurde als ein-
worden, »im Kesselhaus mit Ratten«. Mitglied werden wollte«, sagt Schulte. ziger Bruder eingezogen und kam gegen
Damit die Keks-Fließbänder weiter lie- Mit dem SS-Eintritt habe Hans Bahlsen Kriegsende als Hauptmann kurz in Kriegs-
fen, brauchte Bahlsen gute Beziehungen seine Regimetreue wohl noch unterstrei- gefangenschaft. Seine Brüder blieben ver-
schont – untauglich gestempelt der eine,
unabkömmlich für die Fabrik der andere.
Nur Hans wurde im Entnazifizierungs-
verfahren als Mitläufer eingestuft, Werner
und Klaus galten als entlastet. Die Briten
waren in ihrer Zone um Milde bemüht.
Eine Unterstützung des Nationalsozialis-
mus liege bei beiden, abgesehen von der
einfachen Mitgliedschaft in NS-Organisa-
tionen, nicht vor, hieß es 1948 in den Ent-
scheiden.
So gesehen hatte Verena Bahlsen sogar
recht: Opa Werner und Großonkel Klaus
hatten sich nichts zuschulden kommen las-
sen, Großonkel Hans zumindest nichts
Schlimmes. Nach der amtlichen Lesart.
Fragt sich, ob Verena Bahlsen bereit ist,
sich selbst noch mal die Mühe des Lesens
zu machen. Für die richtige Lesart.
Felix Bohr, Jürgen Dahlkamp, Jörg Schmitt
PHL

Mail: juergen.dahlkamp@spiegel.de
Bahlsen-Zwangsarbeiterinnen in Hannover: Ersatz aus Polen

49
Deutschland

Azubis aus Lutz Koscielsky will sich damit nicht ab-


finden. 1930 kam sein Großvater aus Polen
und eröffnete in Treffurt seine Bäckerei.
den.« Inzwischen betreibt er sechs Filialen,
nicht mehr auf den Dörfern, sondern in
Supermärkten. Die Leute seien mobiler

Asien Sie überstand die Nazizeit, und auch in


der DDR konnten Handwerker oftmals
besser leben als die sogenannte Intelligenz.
und warteten nicht mehr auf den rollenden
Stand, sagt Koscielsky.
Nun will der Bäcker mit einer fernlie-
Treffurt lag in der Grenz- und Sperrzone genden Idee das Handwerk retten. Kos-
Handwerk Bäckereien fehlt der zu Hessen, die Bäckerei versorgte die ört- cielsky ist dafür 9000 Kilometer weit ge-
Nachwuchs, kaum jemand liche Grenzkompanie. »Wir haben jeden flogen und hat sich eine Woche im Anzug
will früh aufstehen. In Thüringen Tag alles verkauft, was in den Laden kam«, schwitzend durch Vietnam gequält, als So-
erinnert sich der Obermeister. Ein Bröt- zius auf dem Motorroller ist er durch Ha-
sollen Vietnamesen chen, stark subventioniert, kostete 5 DDR- noi gebrettert und hat notgedrungen das
das alte Handwerk retten. Pfennige, das Drei-Pfund-Brot 93 Pfen- oftmals industriell gefertigte Brot des auf-
nige. Was zur Folge hatte, dass die ört- strebenden asiatischen Staates verkostet.
lichen Bauern Koscielskys Backwaren Denn Koscielsky will junge Vietnamesen

E in Mann wie Lutz Koscielsky


braucht nicht viel, um glücklich
zu sein. Es reicht eine große
Blechwanne, gefüllt mit frischem Sau-
gern ans Viehzeug verfütterten.
Mit der Wende kam zunächst der Ein-
bruch. Plötzlich standen hessische Bäcker
mit Verkaufswagen im Osten. »Ich musste
zur Ausbildung in thüringische Bäckereien
lotsen.
Der Plan wird politisch flankiert. Thü-
ringens Ministerpräsident Bodo Ramelow
erteig. Sie steht in Ko scielskys Back - lernen, dass es so etwas wie Kamerad- (Linke) war mit Koscielsky im April in
stube im thüringischen Treffurt unter schaft zwischen den Bäckern nicht gab.« Asien, wegen des Fachkräftemangels
der alten Drehhebelknetmaschine, mit Die Fachkräfte wanderten über die nahe will er mittelfristig pro Ausbildungsjahr
der sein Großvater schon in den Fünfzi- Grenze in den Westen ab, weil dort besser 1000 junge Vietnamesen in seinen Frei-
gerjahren Brot herstellte. Koscielsky bezahlt wurde. Die Familie Koscielsky staat locken. 350 sind bereits in Thüringen
schaut auf den Teig in der Ecke, dann packte an. Sie besorgte sich selbst acht Ver- in der Lehre. Koscielsky war zunächst
lugt er durch seine Brillengläser und kaufswagen, stellte sie aber, wie er sagt, misstrauisch. Bis er vor Ort in Vietnam
strahlt: »Bäcker, das ist der geilste Job, nur dorthin, wo kein anderer Bäcker war. war. »Ich habe vergeblich das Haar in der
den es gibt.« »Die Leute haben wieder Schlange gestan- Suppe gesucht.«
Eine steile These, denn ge- Ab kommendem Jahr wol-
rade hat der Zentralverband len es die Bäcker mit dem
des Deutschen Handwerks asiatischen Nachwuchs für das
errechnet, dass die Zahl der zutiefst deutsche Handwerk
Bäckereien und Fleischereien versuchen. Koscielsky hat
innerhalb von zehn Jahren um schon Polen in der Firma, mit
knapp ein Drittel gesunken denen er gute Erfahrungen ge-
ist. Alteingesessene Geschäfte macht hat. Er hofft, dass sich
schließen, weil keiner sie mehr die Einwanderer aus Vietnam
führen will. Es fehlt der Nach- integrieren und dann langfris-
wuchs. Kaum jemand möchte tig in Deutschland bleiben. Er
mehr um 4.30 Uhr aufstehen, selbst kann sich vorstellen,
um Brötchen und Brot in den mehrere Vietnamesen auszu-
Ofen zu schieben. bilden.
Koscielsky weiß das nur zu Denn in diesem Jahr hat
gut. Er ist nicht nur Bäcker in er keinen Lehrling gefunden,
dritter Generation, sondern obwohl der Zentralverband
auch Landesinnungsmeister in des Deutschen Bäckerhand-
Thüringen. Als die DDR unter- werks längst mit einer eige-
ging, wurden im neu gegrün- nen Website für mehr Nach-
deten Freistaat 1100 Bäckerei- wuchs wirbt: Back-dir-deine-
en gezählt. Vergangenes Jahr zukunft.de. Die Deutschen
waren es noch 400. Innungsbäcker touren mit ei-
Auch das Interesse des nem Backbus über die Schul-
Nachwuchses sank in den Jah- höfe der Republik.
ren des Umbruchs erheblich. Immerhin muss sich Lutz
1992 registrierte der Landes- Koscielsky keine Sorgen um
innungsverband 579 Bäcker- einen Nachfolger machen. Mit
lehrlinge, 102 junge Leute seinem Sohn arbeitet die vier-
wollten Backwaren verkaufen. te Generation im Geschäft.
2018 wollten nur 34 Men- Der serviert unter der Marke
schen in Thüringen Bäcker »Gaumenglück« argentini-
NORA KLEIN / DER SPIEGEL

werden und 21 Verkäufer. sches Rumpsteak oder Poke-


Rund 40 Prozent der Auszu- Bowls als Mittagstisch – im-
bildenden brechen ihre Lehre mer zusammen mit traditio-
ab, weil sie mit den Anfor- nellen Backwaren.
derungen nicht klarkommen. Steffen Winter
Im Rest der Republik sind die Mail: steffen.winter@spiegel.de
Zahlen nicht ermutigender. Bäckermeister Koscielsky: »Der geilste Job, den es gibt«

50 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Wohin,
Europa?
Alles rund um die Wahl im ZDF und
in der ZDFmediathek

Bettina Schausten
Deutschland

Pfeil durchs Herz


torischem Vorbild zusammenfügte. Wer
heute durch das Schaufenster des Ladens
blickt, sieht dort eine gefesselte Puppe in
Strapsen, übersät mit blutigen Flecken.
Kriminalität Vier Frauen und ein Mann begehen offenbar Suizid. Über Jahre unterrichtete W. zudem an ver-
schiedenen Orten Kampfsport.
In drei Fällen ist der Schuss einer Armbrust Wenig spricht dafür, dass er mit diesen
die Todesursache. Steckt dahinter eine Art Sekte? Geschäften Reichtümer verdiente, den-
noch standen vor seinem Haus ein schwar-
zes Auto, ein weißer Kastenwagen, ein

A ls Endpunkt seiner Reise wählte das


Trio eine abgelegene Pension im
idyllischen Ilztal nahe Passau. Dort
checkten die Gäste am Freitag vergangener
Frauen mit dem Verstorbenen bekannt.«
Welcher Art die Bekanntschaft war, dazu
melden sich nun immer mehr Zeugen. Ihre
Aussagen beschreiben ein Binnenverhält-
Quad, zwei Anhänger, alles Fahrzeuge, die
W. genutzt habe, erzählen die Nachbarn.
Er habe mit seinen Gefährtinnen im
Garten Bogenschießen geübt, mit Plastik-
Woche ein, ein Mann mit weißem Bart und nis, das bisweilen an eine Sekte erinnert. tieren als Ziel. Mehrere Frauen hätten bei
zwei jüngere Frauen, beide schwarz geklei- Demnach scheint das Leben der vier Frau- ihm gewohnt, man habe sie aber selten ge-
det. Sie bezahlten ihr Dreibettzimmer für en um Torsten W. gekreist zu sein. sehen, und wenn doch, dann seien sie mit
drei Nächte im Voraus, obwohl sie vermut- Bekannte, Angehörige und Nachbarn gesenktem Blick und ohne Gruß vorbei-
lich wussten, dass sie so lange nicht mehr zeichnen das Bild eines Mannes, der labile gegangen, immer in Schwarz gekleidet.
leben würden. Sie buchten kein Frühstück Menschen um sich scharte. Alle fünf Toten In dem Wohnhaus, das die Polizei mitt-
dazu, kamen ohne Reisegepäck, nicht ein- kommen aus Rheinland-Pfalz, sie lernten lerweile versiegelt hat, ist eine Wand groß-
mal Zahnbürsten nahmen sie mit. sich vermutlich dort kennen. Torsten W. flächig bemalt: Eine Frau in Strümpfen
Am Samstagvormittag fand ein Zimmer- und Kerstin E. wohnten in Borod im Wes- kniet zusammengekrümmt und mit Schnü-
mädchen die Leichen von Torsten W., 53, terwald. Im benachbarten Hachenburg ren gefesselt am Boden, die Haare fallen
Kerstin E., 33, und Farina C., 30. Der her- betrieb W. einen Mittelalterladen, den er in ihr schmerzverzerrtes Gesicht. Daneben
beigerufenen Polizei bot sich ein grausa- aber wieder aufgegeben haben soll. steht ein Mann mit freiem Oberkörper in
mes Bild: W. und E. lagen Hand in Hand Laut der Facebook-Seite konnten Mit- selbstbewusster Pose.
auf einem Bett, getroffen von insgesamt telalterfans dort Beerenweine, Honigbier Einer seiner ehemaligen Schüler war
sieben Pfeilen. Drei steckten im Körper und Met kaufen. In den Räumen traf sich einer von denen, die offenbar in den Bann
des Mannes, zwei in seinem Kopf. eine Nähgruppe, die Gewänder nach his- von W. gerieten. Er habe sich als junger
Bei der Frau befand sich ein Pfeil in der Mann von W. gestärkt und aufgenommen
Schläfe, ein anderer durchbohrte ihr Herz. gefühlt, erzählt der heute 43-Jährige. »Das
Die Pfeile abgefeuert hat vermutlich Fari- war, als könnte ich allein ganze Wälder
na C. Sie lag auf dem Boden, getötet von roden.« Dann wieder habe er seinem Leh-
einem Pfeil, der durch den Hals ihr Rü- rer nichts recht machen können. »Mit nur
ckenmark durchtrennt hatte. Sie hatte ihn einem Satz machte er mich wieder zu
nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen einem kleinen Wurm.« Irgendwann sei er
wohl selbst abgeschossen. Neben dem so abhängig von W. gewesen, dass er bereit
Mann und der Frau auf dem Bett lagen gewesen sei, ihm Geld zu geben. Am Ende
ihre jeweiligen Testamente. sei es so viel gewesen, dass er Privatinsol-
Das Szenario mutet an wie die brutale venz habe anmelden müssen.
Fantasie eines Schwedenkrimis. Der rät- Auch andere hätten W. größere Sum-
selhafte Fall beschäftigt seither Ermittler men überlassen. W. habe sich mit Frauen
in drei Bundesländern. Staatsanwälte las- umgeben und damit geprahlt, mit wie
sen das Umfeld der Toten durchleuchten, vielen er im Bett gewesen sei, erzählt der
die Polizei durchsuchte am Mittwoch das Kampfsportler. Er habe seine Gefährtin-
Wohnhaus von Torsten W. Zwar spricht nen herumkommandiert. Es seien Macht-
der Passauer Oberstaatsanwalt Walter Fei- spiele gewesen, religiöse Rituale habe er
ler von »erweitertem Suizid« und »Tötung nie beobachtet. Irgendwann sei ihm aus
auf Verlangen«. Doch viele Umstände sind eigener Kraft der Ausstieg gelungen:
bislang völlig unklar. »Sonst hätte ich jetzt vermutlich auch einen
Nicht nur die gewählte Tötungsmethode Pfeil in der Brust.«
wirkt wie ein Ausrufezeichen. Am Diens- Carina U., die nun tot in Niedersachsen
tag fand die Polizei in einer Wohnung in gefunden wurde, lernte W. über den Kampf-
Wittingen im niedersächsischen Landkreis sport kennen, so stellen es ihre Eltern dar.
Gifhorn zwei weitere tote Frauen, die ver- Ihre Tochter besuchte damals ein privates
mutlich ebenfalls Suizid begingen. Sie sol- Gymnasium in einer Zisterzienserabtei in
len keine äußeren Verletzungen gehabt ha- Marienstatt, fünf Kilometer von Hachen-
ben: die Lehrerin Gertrud C., die mit der burg entfernt. Sie lernte dort Latein, spielte
mutmaßlichen Schützin Farina C. eine ein- Klavier, ein Foto auf der Schulhomepage
getragene Lebenspartnerschaft eingegan- aus dem Jahr 2014 zeigt sie am Flügel bei
gen war, sowie die 19-jährige Carina U., einem Konzert, sie sei ein lebenslustiges
die auch unter der Adresse gemeldet war. Mädchen gewesen, sagen ihre Eltern.
Bislang ist offen, was in der Gruppe ge- Ihre Tochter habe sich nach einem
nau geschah. In der Mitteilung der Staats- Selbstverteidigungskurs bei W. völlig ver-
anwaltschaft Hildesheim heißt es nüchtern: Kampfsportler W. 2018, Onlinewerbung ändert, so erzählen es Vater und Mutter.
»Nach bisherigen Erkenntnissen waren die Schwertkampf und Beerenwein Sie habe ständig über ihren Trainer und

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Kampfsport gesprochen, schwarze Klei- sich Farina C. gemeldet, die sich als Sekre- Geldauflage an eine gemeinnützige Ein-
dung getragen und sich zurückgezogen. tärin Torsten W.s vorgestellt habe, erzählt richtung« eingestellt worden.
Mit ihrem Freund habe sie per SMS Krüger. »Darf ich Sie verbinden, mein War W. wirklich gewalttätig, ein Hoch-
Schluss gemacht. Als sie 16 Jahre alt war, Chef ist an Ihrem Hof interessiert«, habe stapler und manipulativ? Ein ehemaliger
erklärte sie in der Schule, sie wolle nicht sie am Telefon gesagt. Kompagnon von ihm sagt, die Guru-An-
mehr nach Hause. Sie erhob Vorwürfe ge- Torsten W. sei zur Besichtigung in ei- würfe seien abwegig. Auch wenn sie stim-
gen ihre Eltern, schaltete das Jugendamt nem großen Auto vorgefahren, ein Wagen men, stellt sich die Frage, wie sie mit dem
ein, angeblich auf Anraten ihres Lateinleh- »mit allem Schickimicki«. W. habe einen Suizidszenario zusammenhängen. Detektiv
rers, der ebenfalls in Kontakt mit W. ge- schwarzen Anzug getragen und sich als Will hält es für möglich, dass W.s Geldquel-
standen habe, wie die Eltern erzählen. Der Psychologe vorgestellt. Eine blonde Frau len versiegt waren. Nichts deutet aber bis-
Lehrer beging vor einigen Jahren Suizid. habe ihn begleitet, die sich als seine Le- lang darauf hin, dass W. in Niedersachsen
Das Jugendamt nahm Carina in seine benspartnerin und Wirtschaftsjuristin aus- war, als die beiden Frauen dort starben.
Obhut, über die Gründe will sich die Be- gegeben habe. Die sei später nie mehr auf- Eine der Toten dort, Gertrud C., arbei-
hörde nicht äußern. Carina kam in eine getaucht, stattdessen seien zwei andere tete als Lehrerin an einer Grundschule. Sie
Hilfeeinrichtung, die Schule brach sie ab. Frauen in die Wohnungen des Hofes gezo- sei seit einem halben Jahr krank gewesen,
Die Eltern engagierten den Koblenzer Pri- gen, »die den Kopf immer unten hielten«. erzählt man sich im Ort, angeblich wegen
vatdetektiv Rolf Will. Sie wollten wissen, Kurze Zeit später sei eine dritte dazuge- eines Burn-outs. Nach den Angaben des
Wittinger Bürgermeisters war
die Lehrerin seit April 2017
dort gemeldet, im Anschluss
an die Zeit auf dem Reiterhof.
Carina, die von ihren Eltern
gesuchte junge Frau, kam im
Oktober 2017 hinzu, Farina C.
erst im März 2019.
Wenig deutet darauf hin,
dass nachgestellte mittelalter-
liche Turniere in diesem Dra-
ma eine entscheidende Rolle
spielten. Vier der fünf Toten
werden als Mitglieder der »In-
ternational Jousting League«
geführt, die solche Ritterturnie-
re organisiert. Doch der Vor-
sitzende der Liga, Fred Piraux,
sagt, der einzige Kontakt habe
darin bestanden, im Septem-
MATTHIAS SCHRADER / AP / DPA

ber 2018 die Aufnahmeanträge


entgegenzunehmen.
Aus dem bayerischen Innen-
ministerium heißt es, es sei sehr
selten, dass Armbrüste benutzt
werden, um Menschen zu töten.
Das Landeskriminalamt soll
Tatort an der Ilz bei Passau: Szenario wie in einem Schwedenkrimi nun für die Staatsanwaltschaft
Passau klären, ob es überhaupt
möglich ist, sich mit einer Arm-
was mit ihrer Tochter geschehen war. Ca- kommen. W. habe ihm gesagt, die Frauen brust zu erschießen. Ob Strafverfolger das
rinas Mutter vergleicht den Fall mit jungen seien Patientinnen, denen er helfe. Beziehungsgeflecht hinter den vermuteten
Leuten, die in einer Sekte einer Gehirn- Krügers Wohnung liegt ebenfalls auf Suiziden vollständig entwirren können, ist
wäsche unterzogen werden oder dazu ge- dem Hof, er berichtet von bizarren Szenen. ungewiss. Die Staatsanwaltschaft Passau
bracht werden, in den Krieg zu ziehen. Einmal hätten die Frauen die Lampen im betont, sie brauche dazu einen Verdächti-
»Die Gesetzgebung ist für solche Fälle Stall angeblich nicht ordentlich geputzt. gen, gegen den sie wegen eines Tötungs-
nicht ausgelegt«, sagt sie. W. habe sich vor sie gestellt , mit der Gerte delikts ermitteln könne. Doch den gibt es
Gleich nach ihrem 18. Geburtstag im auf seine Reitstiefel geschlagen und ge- bislang nicht – die Beteiligten sind tot.
Oktober 2017 habe Carina die Einrichtung schrien: »Das macht ihr alles noch mal. Matthias Barsch, Anna Clauß,
verlassen, berichtet Will. Sie sei an einem Zack, zack!« Jan Friedmann, Anna-Lena Jaensch,
Bahnhof von W. abgeholt worden. Später Vermieter und Mieter zerstritten sich, Jean-Pierre Ziegler
habe sie mit W. lange in Borod gewohnt, weil ihre Hunde sich ineinander verbissen. Mail: jan.friedmann@spiegel.de
das Haus aber so gut wie nie verlassen. Als Krüger den fremden Hund habe zu-
Anfang des Jahres 2017 lebte W. mit rückdrängen wollen, soll W. ihn mit der Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Le-
mehreren Frauen für zwei Monate in Nie- Hand an die Schläfe geschlagen haben. Die ben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen
dersachsen. Der 44-jährige Alexander Krü- Staatsanwaltschaft Celle bestätigt: »Gegen Menschen darüber. Sofortige Hilfe erhalten
ger vermietete seinen Reiterhof an die Torsten Ralf W. wurde hier im Jahr 2017 Sie rund um die Uhr bei der Telefonseel-
Gruppe, ein hübsches Anwesen mit Haupt- ein Ermittlungsverfahren wegen des Ver- sorge unter den kostenlosen Rufnummern
haus, drei Ställen, Reithalle und Wiesen dachts der vorsätzlichen Körperverletzung 0800 1110111 und 0800 1110222.
drum herum. Auf ein Pacht-Inserat habe geführt.« Es sei »gegen Zahlung einer

53
Gesellschaft
»Es ist alles wunderbar erhalten, nur das Herz ist natürlich zerschossen.« ‣ S. 56

1993 kam es zu 307 Schiffsverlusten.

300

200

Früher war alles schlechter


100
Nº 176: Schiffsverluste 2017 waren es nur 98.

Schiffe über hundert


Bruttoregistertonnen; 1995 2000 2005 2010 2015
Quelle: Allianz

Junge, komm bald wieder. Seit der Mensch das Meer befährt, zeigt Kapitänen und Lotsen Geschwindigkeit, Größe und
weiß er, dass dieses Unterfangen voller Gefahren ist. Odysseus den exakten Kurs von Schiffen in ihrer Nähe. Moderne Tanker
und Robinson Crusoe, Sindbad und Kapitän Ahab; »Titanic«, haben überdies eine Doppelhülle, sodass die Ladung bei
»Pamir«, »München«: Seefahrergeschichten sind Geschichten Beschädigung nicht so leicht auslaufen kann. Dem technischen
vom Wagen, vom Kentern, vom Stranden, vom Untergehen – Fortschritt (und den Katastrophen der Vergangenheit) ist es
vom Scheitern. Noch die jüngere Geschichte ist voll von Un- vor allem zu danken, dass sich die Zahl der Verluste von Schif-
glücken. 1994 fanden 852 Menschen den Tod, als die »Estonia« fen mit mehr als hundert Bruttoregistertonnen von 1990 bis
in der kalten Ostsee sank. 1999 flossen 17 000 Tonnen Schweröl 2017 mehr als halbiert hat. Das stellt die Safety & Shipping
in den Atlantik, als der Tanker »Erika« vor der französischen Review der Allianz-Versicherung fest. Allerdings: Trotz aller
Küste auseinanderbrach. 2012 schlug die »Costa Concordia« vor Technik sind drei Viertel aller Havarien noch immer auf mensch-
Italien leck, 32 Menschen starben. Dennoch wird die Seefahrt liches Versagen zurückzuführen. So befährt der Mensch
immer sicherer. Moderne Radarsysteme stellen Ziele in der seit Jahrtausenden die See – und ist sich selbst das größte Risiko
Nähe präziser dar als die alten, das AIS-System zur Navigation dabei. Max Polonyi, gesellschaft@spiegel.de

Regelkunde sodass der andere dann acht Karten zie- SPIEGEL: Eine Schmeißpflicht?
Haben wir »Uno« hen muss. Aber so ist es nicht.
SPIEGEL: Haben wir Uno jahrelang falsch
Schäfer: Ob sie den Gegner wirklich
rausschmeißen müssen, wenn sie auf sein
jahrelang falsch gespielt, gespielt? Feld kommen.
Herr Schäfer? Schäfer: Manche ja, so scheint es. Vier
ziehen heißt vier ziehen, so sind die
SPIEGEL: Nicht wahr, oder?
Schäfer: Doch! Oder ob man bei »Mono-
Volker Schäfer, 51, Inhaber des Spiel- Regeln. Wenn jemand nach falschen poly« wirklich das ganze Steuergeld
warenladens »Allerlei Spielerei« in Regeln acht Karten aufnehmen muss, ist bekommt, wenn man auf »Frei Parken«
Hannover, über einen Kartenspielklassiker das Spiel ja ganz schnell vorbei. landet. Irgendjemand hat mal gesagt: In
Wo bleibt da der Spaß? Deutschland kann es keine
SPIEGEL: Die Firma Mattel sah sich SPIEGEL: Halten sich die Deut- Revolution geben, weil man
gezwungen, auf Twitter die Regeln von schen beim Spielen gern an dazu den Rasen betreten
»Uno« klarzustellen. Worum geht es? die Regeln? müsste.
Schäfer: Uno ist ein Kartenspiel, bei dem Schäfer: Das ist mein Ein- SPIEGEL: Zurück zu Uno:
gewinnt, wer als Erster alle Karten auf druck, ja. In Frankreich Wenn man korrekt spielt und
einem Stapel abgelegt hat. Man kann den etwa gibt es Spiele, die tole- einen »+4«-Schlag nicht mit
Gegnern das Leben schwer machen mit rieren Regelverstöße. In einem Gegenschlag kontern
»+2«- oder »+4«-Karten, dann muss der Hannover kommen Leute darf, dauert das Spiel doch viel
Gegenspieler zwei oder vier Karten auf- zu mir in den Laden und länger.
nehmen. Viele Spieler haben offenbar fragen, ob es bei »Mensch Schäfer: Ja. Aber machen Sie
gedacht, man könnte auf eine »+4«-Karte ärgere Dich nicht« eine doch, was Sie wollen, es ist ein
mit einer »+4«-Gegenkarte reagieren, Schmeißpflicht gibt. Spiel. Das soll Spaß machen! MAP

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und aufklärt. Die Universität Stanford verlieh ihm einen Dok-
Eine Meldung und ihre Geschichte
tortitel in Politikwissenschaften. Er sagt, er beschäftige sich
jeden Tag mit dem Thema Diskriminierung; er habe ein feines

Offene Wunde Gespür dafür, wann Weiße Schwarze ungerecht behandeln.


Apollon erzählt, wie er eines Nachts nach dem Fußballtrai-
ning mit Kapuze über dem Kopf zu seinem Briefkasten ge-
gangen sei. Auf der Straße standen zwei argwöhnische Poli-
Warum einem schwarzen US-Amerikaner beim zisten. »Es war sehr unheimlich. Ich hätte leicht erschossen
Anblick eines Pflasters die Tränen kamen werden können, nur weil ich an einem kalten Abend mit ei-
nem Kapuzenpullover in meiner eigenen Gegend unterwegs
war«, sagt Apollon.

A m Abend des 15. April verletzte sich der US-Amerika-


ner Dominique Apollon bei dem Versuch, eine Packung
Vanilleeis mit einem Löffelstiel zu öffnen, an dem klei-
nen Finger seiner rechten Hand. Die Wunde war nicht lang,
Er träume von einem Amerika, in dem alle Menschen
gleich behandelt werden, egal welche Hautfarbe sie haben.
Es ist der Martin-Luther-King-Traum: In den USA, sagt Apol-
lon, seien sie weit gekommen. Andererseits: Als er das braune
aber tief. Apollon versorgte sie mit einem Pflaster des Her- Pflaster auf seinen braunen Finger klebte, habe er gemerkt,
stellers Johnson & Johnson, transparente Klebefläche, weiße wie normal die Diskriminierung von Hautfarben immer noch
Wattierung in der Mitte. »Tolle Produkte«, sagt Apollon am sei, die anders sind als weiß.
Telefon, »handelsüblich in den USA.« Dominique Apollons Als Apollon am Morgen, nachdem er das Foto seiner Hand
Haut ist dunkel, sein Vater stammt aus Haiti. Das weiße Pflas- getwittert hatte, auf sein Handy schaute, sah er, dass sein Tweet
ter fiel an seinem Finger auf, weil der Kontrast zu seiner mehrere Tausend Mal geteilt worden war. Der britische Schau-
Hautfarbe so groß war. spieler John Boyega, dem in dem sozialen Netzwerk rund
Apollon sagt, er habe zu- anderthalb Millionen Menschen
nächst nicht weiter über das wei- folgen, hatte das Foto weiterver-
ße Pflaster nachgedacht. Er ist breitet. Boyega hat selbst dunkle
45 Jahre alt. Seit seiner Kindheit, Haut. Er schrieb, dass an Filmsets
sagt er, habe er Wunden immer Pflaster für schwarze Schauspie-
mit Pflastern in dieser Farbe be- ler angemalt würden, damit sie
klebt, weil die eben überall er- vor der Kamera nicht auffielen.
hältlich seien. Pflaster seien doch Tausende diskutierten nun unter
immer schweinchenrosa oder Apollons Tweet über Rassismus.
weiß, »total normal«. Ein Weißer schrieb, auch er
Rassismus ist ja häufig leicht zu habe noch kein Pflaster gefunden,

QUELLE: TWITTER
erkennen – etwa dann, wenn ein das seinen Hautton treffe. Pflas-
Schwarzer, nur weil er in einem ter seien kein Modestatement.
teuren Auto sitzt, irgendwo in Ein anderer Weißer schrieb, es
den USA von der Polizei angehal- sei doch egal, welche Farbe Pflas-
ten wird. Es kommt aber auch vor, Verletzter Finger, Apollon ter haben, wichtig sei nur, dass
dass etwas sehr Großes in etwas sie Wunden abdeckten. Wieder
sehr Kleinem sichtbar wird – ein anderer schrieb, Apollon solle
einem Pflaster beispielsweise. einfach seine Klappe halten.
Kann es tatsächlich sein, dass ein Dann twitterte eine Nutzerin
Klebestreifen die Geschichte der das Foto einer schwarzen Frau,
weißen Dominanz gegenüber die »Nude-Lipcolor«, also ver-
dem schwarzen Amerika erzählt? meintlich hautfarbenen Lippen-
Dominique Apollon jedenfalls stift, aufgetragen hatte. Auf dem
versorgte die Wunde zunächst Foto wirken ihre Lippen un-
und fuhr dann zur Arbeit. Als er Von der Website Jetzt.de natürlich schweinchenrosa. Eine
am Abend nach Hause kam, hat- andere postete einen Artikel aus
te sich das Pflaster voll Blut gesogen. In einer Küchenschub- dem britischen »Independent«, der darüber informiert, dass
lade fand er eine Packung Pflaster eines anderen Herstellers. erst seit dem Jahr 2018 Spitzenschuhe für schwarze Ballett-
Er hatte sie vor Monaten gekauft und wieder vergessen. Diese tänzerinnen in Großbritannien verkauft werden. Eine Nut-
Pflaster hatten eine dunkelbraune Farbe. Apollon entfernte zerin erzählte, dass sie als Kind keine Buntstifte gefunden
das weiße Pflaster von seinem kleinen Finger und überklebte habe, die ihrer Hautfarbe entsprächen. Das habe sie sehr
ihn mit einem braunen. Es hatte den gleichen Farbton wie traurig gemacht.
seine Haut. Apollon sagt, er habe es minutenlang betrachtet, Ballettschuhe, Lippenstift, Stifte, Pflaster – »es gibt so
er habe seinen Blick einfach nicht abwenden können. viele Produkte, die nur für Weiße gedacht sind«, sagt Apollon.
Das Pflaster fiel gar nicht mehr auf, sagt Apollon. »Es sah »Es geht nicht um die Farbe, es geht um das Gefühl von Aus-
einfach nur wunderschön aus.« Er fotografierte seine Hand grenzung.«
und twitterte das Bild. Zu dem Foto schrieb er, es habe 45 Jah- Seither sind vier Wochen vergangen. Persönlich, sagt er,
re gedauert, doch nun wisse er zum ersten Mal in seinem habe sich für ihn nichts verändert. Er hoffe, dass sein Foto die
Leben, wie es sich anfühle, ein Pflaster in seinem Hautton Leute dazu bewegt hat, darüber nachzudenken, dass ihre Nor-
zu tragen. »Man kann es kaum erkennen.« Und: »Ich muss malität andere diskriminieren könnte. »Mehr nicht«, sagt er.
wirklich meine Tränen zurückhalten.« Beim amerikanischen Amazon waren Pflaster in dunklem
Apollon arbeitet bei dem US-amerikanischen Zentrum Hautton nach Apollons Tweet zwischenzeitlich ausverkauft.
Race Forward, das zu Diskriminierung und Rassismus forscht Max Polonyi

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 55


Gesellschaft

Schützenfest
Freizeit Im Bundestag gibt es im Verhältnis deutlich mehr Jäger als in der Bevölkerung. Was treibt
Politiker auf den Hochsitz? Wie gehen sie damit um, dass sie freiwillig töten?
Drei Ausflüge mit drei Jägern – und drei Antworten. Von Marc Hujer und Dennis Williamson (Fotos)

CDU-Politiker Thies bei Klietz, Sachsen-Anhalt: »Wir Demokraten müssen endlich den Rotkäppchenblick ablegen«

56
E
s gibt viele Gründe, Jäger zu wer- Für jemanden, der gewählt werden will, Strom, damit man nicht völlig das Gefühl
den. Die Liebe zur Natur, die Liebe ist es eine Frage des Mutes, sich von einem hat, in der Wildnis zu leben.« Seit 20 Jahren
zum Wald. Der eine hat sich einen Journalisten auf die Jagd begleiten zu las- kommt er hierher, immer wieder mal an ei-
Jagdhund angeschafft, der artge- sen. Er kann damit gewinnen, als jemand, nem Wochenende, wenn er nicht in seinem
recht gehalten sein will, der andere sucht der zu dem steht, was er tut. Er kann aber Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen sein muss.
nach einer Freizeitbeschäftigung, nach Ge- auch scheitern: als jemand, der rücksichts- Thies setzt sich, seine Frau hat Kaffee
sellschaft. Status spielt eine Rolle, Prestige. los seiner Vorliebe nachgeht. Im Moment gekocht. Es gibt dazu Schichttorte mit Zu-
Manchen lockt die Aussicht auf eine öko- des Abdrückens liegen für den Jäger ckerguss. Er sagt: »Die hat meine Sekretä-
logisch korrekte Essensbeschaffung. Womit Erfolg und Blamage eng beieinander. rin gebacken.«
sich alle Jäger beschäftigen müssen: Nicht- Setzt er einen tödlichen Schuss, der das Thies ist Rechtsanwalt, er ist es gewohnt,
jägern die Lust am Schießen zu erklären, die Tier ohne Leiden zur Strecke bringt? Dinge von allen Seiten zu betrachten. Sei-
Faszination des archaischen Kampfs Mensch Oder entlarvt er sich als Stümper, der dem ne Frau zum Beispiel habe vor acht Jahren
gegen Tier. Wie rechtfertigt man heutzutage Tier nachspüren muss, weil er es nur ver- den Jagdschein erworben, sagt er, obwohl
eine Leidenschaft, zu der das Töten gehört? letzt hat? die Jagd ja Männersache gewesen sei. Din-
Früher zählte die Jagd wie selbstver- Können Politiker zu etwas stehen, das ge ändern sich. Nichts bleibt, wie es ist. Er
ständlich zum gesellschaftlichen und poli- keinen ungeteilten Applaus garantiert? müsse sogar zugeben, dass sie heute »eine
tischen Leben, systemübergreifend. Erich sauberere Kugel« als er schießen könne,
Honecker jagte ebenso leidenschaftlich jedenfalls beim Ansitzen vom Hochsitz
wie Franz Josef Strauß, Bundespräsident Der Romantiker aus. Er lächelt. Bei der Drückjagd, wenn
Walter Scheel war ebenso Jäger wie der Hans-Jürgen Thies, 63, CDU, Mitglied im man das Gewehr »mitziehen« müsse, sehe
rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu. Ausschuss für Ernährung und Landwirt- es anders aus.
Längst jedoch hat die Staatsjagd einen schaft, Wahlkreis 146 (Soest). Jagdschein Thies schaut auf die Uhr. Er will das
zweifelhaften Ruf, wenigstens in Deutsch- seit 1975. »Büchsenlicht« abpassen, jene Zeit am
land. Das Sterben, das Töten Abend, wenn es für die Jagd ge-
überhaupt, ist weitgehend aus der rade noch hell genug ist. Bis da-
Gesellschaft verdrängt. Wer eine hin will er noch einiges schaffen:
Waffe gegen ein Lebewesen rich- erst eineinhalb Stunden auf dem
tet, muss sich erklären – zumal, Hochsitz am Großen Luch sit-
wenn er in der Politik tätig ist. zen, einem ehemaligen Moor-
Von den 709 Abgeordneten, gebiet, in dem er gern jagt. Dann
die im Deutschen Bundestag sit- mit seiner Frau im »Seeblick«
zen, sind nach einer Zählung der zu Abend essen, um schließlich
»Frankfurter Allgemeinen« rund noch einmal eineinhalb Stunden
30 Jäger; die genaue Zahl ist »anzusitzen«, sobald der Mond
nicht bekannt, weil Angaben zu aufgegangen ist. »Ich kann nicht
Hobbys freiwillig sind. Fast alle ausschließen, dass wir heute ei-
Jäger im Bundestag sind der nen Wolf sehen werden«, sagt
Zählung nach Männer, fast alle Thies.
gehören entweder der CDU, der Alle reden gerade über den
FDP oder der AfD an; einer ist Wolf: die Kanzlerin, seine Partei,
Sozialdemokrat. Jäger sind dem- die FDP, die SPD, vor allem aber
nach, wenn man es an ihrem An- Jagdtrophäen*: »Das Dunkle da, sehen Sie das?« die AfD, die, wie Thies findet,
teil an der Bevölkerung misst, im die Angst vor dem Wolf scham-
Deutschen Bundestag mehr als los für ihre fremdenfeindliche
neunfach überrepräsentiert. Als Hans-Jürgen Thies sein erstes Wild- Agenda nutzt. Die ganzen Begriffe, die
Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich schwein erlegte, einen »mordsmäßigen sich so gut auf die Flüchtlingsdebatte über-
das Bild des Jägers gewandelt hat. Wäh- Keiler mit starkem Ebergeruch«, war er tragen ließen: Obergrenzen, Lebensraum,
rend die Staatsjagd in Verruf geriet, wurde 20 Jahre alt und völlig ratlos, was er damit wolfsfreie Zonen, Hybridisierung, Reinras-
die Freizeitjagd aufgewertet. Jäger sehen anfangen sollte. Er rief einen befreundeten sigkeit. »Die AfD muss nur sagen: ›Weg
sich immer stärker als Heger des Waldes, Koch an, der in einem Altenheim arbeitete. mit der Willkommenskultur beim Wolf!‹,
die dafür sorgen, dass die heimische Tier- Der holte den toten Eber ab, legte das und jeder versteht die Metapher.« Thies
und Pflanzenwelt vielfältig bleibt, dass be- Fleisch in Rotweinbeize, würfelte und findet, dass die CDU darauf eine Antwort
wahrt wird, was den Wald ausmacht. servierte es im Heim als Gulasch. »War geben müsse.
Jäger, so kann man das sehen, geben wahrscheinlich kein Viersternemenü«, »Wir haben jetzt ein Positionspapier zu
dem Leben im Wald eine Ordnung. Für sagt Thies, »aber die älteren Herrschaften dem Thema verfasst«, sagt Thies. Es ist
Politiker eine schöne Gelegenheit, konser- haben sich danach die Finger geleckt.« ein sechs Seiten langer Text, der rechtzei-
vativen Habitus mit einer grünen Haltung Thies empfängt in seiner Jagdhütte in tig vor den drei Landtagswahlen in Bran-
zu versehen. Klietz, einem Dorf im Elb-Havel-Winkel, denburg, Sachsen und Thüringen fertig ge-
Der SPIEGEL hat Bundestagsabgeord- wo Sachsen-Anhalt an Brandenburg worden ist. Dort habe das Thema, so habe
nete gefragt, ob sie bereit wären, sich auf grenzt, etwa zwei Autostunden von Berlin es die Kanzlerin genannt, »hohes Verhet-
der Jagd begleiten zu lassen. Drei haben entfernt. 3000 Euro Pacht zahlt er im Jahr zungspotenzial«.
zugesagt: einer aus der CDU, einer aus der für die Hütte. »Es ist nicht so komfortabel In dem Papier steht alles Mögliche drin,
FDP, einer aus der AfD. Die drei Abgeord- hier«, sagt Hans-Jürgen Thies, »aber zum Artenschutz, zur Notwendigkeit, dass
neten durften bestimmen, wie sie sich als zweckmäßig, so wie es für die Jagd sein es für jedes Tier Lebensraum geben müsse.
Jäger präsentieren wollten. Würden sie muss: Wir haben Wasser, Heizung und Und, dass der Wolf wieder zur Jagd frei-
sich dabei zuschauen lassen, wenn sie ab- gegeben werden müsse. Ein Positions-
drückten? * In der Jagdhütte des CDU-Politikers Hans-Jürgen Thies. papier, ganz im Sinne von Thies. »Wir De-

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 57


Gesellschaft

mokraten«, sagt er, »müssen endlich den strengere Hygieneregeln bei Lebensmit- Krankenhaus. Das ist der Maßstab, an
Rotkäppchenblick ablegen.« teln, für eine Beschränkung der Tabakwer- dem er jetzt andere misst.
Thies ist kein Eiferer. Er ist überzeugt bung. Nicht für ein Verbot, das wäre ihm Er finde, dass die Deutschen »einfach
davon, dass Wahlen in der Mitte gewon- zu radikal; Thies ist für die vernünftige, mehr rangenommen werden müssen«,
nen werden. Er kann mit allen Parteien die abgewogene Lösung, die immer ein sagt er. Dass es kein Arbeitslosengeld mehr
gut leben, der FDP, der SPD, den Grünen; bisschen langweilig wirkt. ohne Gegenleistung geben solle, dass im
nur mit den Extremen nicht, den Linken, Seine bisher längste Rede dauerte acht Prinzip jeder, der nicht krank sei, Spargel
der AfD. Wobei ihm manchmal schon Minuten. Es ging um Verbraucherschutz stechen gehen müsse, wenn er keine bes-
Leute in der eigenen Partei zu extrem bei Lebensmitteln. Bevor er seinen letzten sere Arbeit finde. Busen fordert, dass Schü-
sind. Satz gesagt hatte, unterbrach ihn die Bun- lerausflüge zu Schlachthöfen bundesweit
Friedrich Merz zum Beispiel, der ihm destagsvizepräsidentin: »Herr Abgeord- in Lehrpläne aufgenommen werden müss-
nah sein könnte, weil er aus Thies’ Gegend neter, kommen Sie bitte zum Schluss.« ten, damit die Kinder wieder wüssten, wo
stammt. Thies nimmt das Nachtsichtgerät zur ihre Wurst herkomme.
Kurz vor dem letzten Parteitag, sagt Hand. Die Bilder sehen ein bisschen so Deutschland ist ihm zu verwöhnt. In
Thies, habe ihn der ehemalige Deutschleh- aus wie die Nachtbilder aus dem Krieg, Deutschland klappe zu wenig.
rer von Merz in der Bürgersprechstunde diffuse Schatten überall. Aber er erkennt »Wir schaffen es nicht, einen Flughafen
aufgesucht und ihn gebeten, für Merz zu tatsächlich alle möglichen Tiere, die er mit zu bauen.«
stimmen. Beim Parteitag schlug er Merz seinem Fernglas niemals gesehen hätte: »Wir schaffen es nicht, Olympia nach
kurz auf die Schulter, richtete schöne Rehe am Waldrand, einen Hasen im Un- Deutschland zu holen.«
Grüße vom Deutschlehrer aus, dann wähl- terholz, Wildschweine außerhalb seiner »Wir schaffen es auch nicht, den Ryder
te er Annegret Kramp-Karrenbauer. Schussweite. Cup nach Deutschland zu holen«, ein Golf-
Thies steht auf, zieht den Jagdanorak »Wenn überhaupt, darf ich jetzt nur turnier.
an, greift sich das Gewehr, hängt sich sein Schwarzwild schießen«, sagt Thies. Wild- Als Politiker kämpft er für ein Land, das
Fernglas um und nimmt seinen Filzhut schweine also. Das übrige Schalenwild hat man wieder vorzeigen kann. »Wir brau-
vom Haken. jetzt Nachtruhe. chen mehr Ehrgeiz«, sagt er.
Das Große Luch ist eine weitläufige Eineinhalb Stunden sitzt Thies auf sei- Bald nach dem ersten Kontakt mit dem
Wiesenfläche, die an drei Seiten von Wald nem Hochsitz, schaut abwechselnd in die SPIEGEL hatte er seinen Jagdfreunden von
umgeben ist. Thies erzählt, aus wie vielen Nacht und durch sein Gerät. Immer wieder der Idee mit der Drückjagd erzählt. Die
Kräutern das Rehwild seine Mahlzeiten entdeckt er neue Tiere, die er leider nicht Jagdfreunde hielten es für keine gute Idee,
zusammensucht (aus 70), er weiß, wann schießen darf. An diesem Abend fällt kein sich von einem Journalisten auf der Jagd
die Eiruhe des Marders endet (im Februar), einziger Schuss. Thies macht nicht den Ein- begleiten zu lassen, und so ließ Busen lie-
er wünscht sich das Muffelwild zurück, er druck, als sei er übermäßig enttäuscht da- ber die Finger davon. Stattdessen schlug
wünscht sich neuen Lebensraum für Fasa- rüber. Er möge die Stille, sagt er, und den er ein paar andere Termine vor: Treffen
ne, Kaninchen, Rebhühner und Hasen. Blick durch das Nachtsichtgerät. in seinem Berliner Büro. Besuch eines
Für einen Moment sieht es so aus, als Vielleicht, sagt er, wäre so ein Gerät mal Stammtischs in seinem Wahlkreis. Besuch
reichte es Thies, von der Jagd nur zu er- ein schönes Geschenk zum Geburtstag. auf einem Bauernhof. Besuch seines An-
zählen. Eineinhalb Stunden wartet er ge- wesens. Und, weil es ja um die Jagd gehen
duldig, schaut durch sein Fernglas, reicht sollte, als Abschluss einen Abstecher in
es weiter, schaut wieder durch. Einmal Der Prestigejäger den Schießkeller des Jagdsportgeschäfts
spannt er seine Büchse, aber nichts pas- Karlheinz Busen, 68, FDP, Mitglied im Elsbernd, wo er sein Gewehr, einen 98er
siert. Kein Reh. Kein Hirsch. Kein Wild- Ausschuss für Ernährung und Landwirt- Repetierer, Kaliber 7,62 Millimeter, für die
schwein. Kein Wolf. schaft, Wahlkreis 126 (Borken II). Jagd- Drückjagd einschießen will.
»Bei Mondlicht kommen wir wieder«, schein seit 1982. »Schade, dass es mit der Jagd nicht ge-
sagt Thies. »Da sind die Chancen größer.« klappt hat«, sagt Busen. Er sagt es, als hät-
Drei Stunden später sitzt er wieder auf Eigentlich wollte sich Karlheinz Busen zu te höhere Fügung den Ausflug verhindert.
dem Hochsitz, nachdem er im »Seeblick« einer Drückjagd begleiten lassen. Dabei Er steht auf, um sein Anwesen zu zeigen,
eine ordentliche Portion Schweinebäck- scheuchen Treiber und Jagdhunde das Wild das Haupthaus, in dem sein Büro und eine
chen gegessen hat. Der Himmel ist zwar aus dem Unterholz, den Jägern entgegen. Kapelle untergebracht sind, die Reithalle,
wolkenverhangen, aber Thies hat ein Sein Mitarbeiter stellte ein abwechslungs- in der er Ponys hielt, als seine Kinder noch
Nachtsichtgerät dabei, das er sich bei sei- reiches Programm in Aussicht, das mit nicht erwachsen waren, die sogenannte
nem Jagdgeschäft in Nordrhein-Westfalen einem Treffen auf Busens Anwesen in Gro- Jagdhütte, in der er seine Trophäen aufge-
für diesen Abend ausgeliehen hat. Es kos- nau (Westfalen) beginnen sollte, zu dem hängt hat, und schließlich den Teich hinter
tet 2000 Euro. Er überlegt noch, ob er sich ein Hochsitz gehört. Es klang alles sehr viel- dem Haupthaus, wo sein Hochsitz steht,
das kaufen soll. versprechend. Vielleicht, sagte der Mitar- winterfest, plexiverglast. Von dort hat er
Er kann sich dafür begeistern, was heute beiter, komme ja schon beim ersten Treffen einen Blick über den Garten, zu dem eine
technisch alles möglich ist. All die Hilfs- das ein oder andere Tierchen vorbei. 7000 bis 8000 Quadratmeter große Rasen-
mittel, die der Mensch erfindet, um es mit Und dann sitzt Karlheinz Busen im Win- fläche gehört, die er an freien Wochen-
den Tieren aufzunehmen, denen er, was tergarten des Hauptflügels seines Hauses enden mit dem Aufsitzmäher stutzt.
die Sinne betrifft, natürlich absolut unter- und lässt erst einmal Schnittchen servieren. Unter dem Hochsitz hat Busen Spuren
legen sei. Kameras zum Beispiel, die durch Er trägt geschnürte Stiefeletten aus zweifar- entdeckt. Er bleibt stehen. »Das könnte die
Bewegungssensoren ausgelöst werden und bigem Leder, Jeans und eine Jagdjacke aus Ricke gewesen sein«, sagt Busen. Eine Ricke
einem die Fotos aufs Handy schicken. Loden, darunter ein weißes Hemd und eine ist ein weibliches Reh, es kommt hier immer
Dann wisse man, wo wann etwas los sei Wollweste mit Hornknöpfen aus Plastik. wieder vorbei, um an Busens Hausteich zu
im Revier. Busen ist Unternehmer, Bauingenieur, saufen. Busen geht ein paar Schritte, am
Als Abgeordneter kämpft Thies für die zweiter Bildungsweg, Selfmademan, der Teich vorbei, um zurück zum Haupthaus
kleineren Verbesserungen des täglichen älteste Sohn unter sieben Geschwistern. zu gehen, dann bleibt er stehen. Weiter hin-
Lebens, für mehr Verbraucherschutz, für Seine Mutter putzte bis zu ihrer Rente im ten hat er etwas entdeckt, etwas Dunkles.

58 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


»Irgendwas ist da«, sagt Busen. »Das
Dunkle da, sehen Sie das?«
Sein Mitarbeiter bietet an, im Haus
schnell ein Fernglas zu holen.
»Irgendwas ist dahinten«, sagt Busen,
»Da hat man ’nen Blick für.«
Ein spannender Moment, für alle Betei-
ligten. Sollte sich Busens Jagdehrgeiz auch
ohne Drückjagd befriedigen lassen?
Der Mitarbeiter trabt mit dem Fernglas
herbei.
Danke, sagt Busen und schaut lange
durch sein Fernglas.
Ein Busch. Sonst nichts.
Einen Moment lang überlegt er.
»Okay«, sagt er dann. »Gehen wir
schießen?«
Das Jagdsportgeschäft Elsbernd sieht
aus wie ein Lagerhaus, das verlassen am
Rande eines Gewerbegebiets liegt. Keine
FDP-Politiker Busen in seinem Haus in Gronau: »Wir brauchen mehr Ehrgeiz« Auslagen, nur ein Schild, auf dem steht,
dass zu dem Geschäft ein 100 Meter langer
Schießstand gehört, der im Keller unter-
gebracht ist.
Eine Mitarbeiterin schließt den Laden
auf, Busen besorgt sich Munition, dann
steigt er die Stufen zum Schießstand hinab.
Er lässt sich die Zielscheibe auf 50 Meter
justieren, das soll reichen für heute.
Er holt seinen 98er Repetierer aus dem
Futteral, ein schweres Jagdgewehr mit
Schnitzereien am Schaft.
Er legt an. Einmal, zweimal. Plötzlich
blutet er. Er hat sich an den Ornamenten
seines Gewehrs den Finger geritzt.

Der Traditionsjäger
Peter Felser, 49, AfD, stellvertretender
Fraktionsvorsitzender, Mitglied im Aus-
schuss für Ernährung und Landwirtschaft,
Wahlkreis 256 (Oberallgäu-Kempten-
Lindau). Jagdschein seit 2002.

Als Peter Felser seinen ersten Rehbock


schoss, vom Hochsitz hinter seinem Hof
im Allgäu aus, war er 32 Jahre alt und so
nervös, dass ihm die Hand zu zittern be-
gann. Er wartete damals an einer Stelle,
an der er am Vorabend drei Rehe im Wald
hatte verschwinden sehen. Es war um fünf
Uhr morgens. Ein sauberer Schuss, aufs
Blatt, ein perfektes erstes Mal.
Felser hat zur Ansitzjagd in seinen
Wahlkreis im Oberallgäu eingeladen, in
sein bevorzugtes Jagdrevier, das ein Be-
rufsjäger verwaltet. Nur Blattschüsse sind
dort erlaubt, keine Kopf- oder Halsschüsse,
weil das Risiko zu groß ist, dass man die
Tiere nur verwundet. Zu den Grundsätzen
des Berufsjägers gehört: »Wenn wir die
Tiere schon über den Haufen schießen,
dann wenigstens ordentlich.« Auch weil
Jäger sich rechtfertigen müssen, haben sie
sich Regeln gegeben.
Es ist eine Gruppe von vier Hobby-
AfD-Politiker Felser auf seinem Hof in Buchenberg: »Heute kriegen Sie auch ’ne Wildwurst« jägern, die sich versammelt hat: ein Holz-

59
händler, ein IT-Spezialist, eine Mitarbeite- falls er nicht richtig getroffen hat. Für den
PLAN B rin des Landratsamts und Felser. Jedem Fangschuss.
SAMSTAG, 18. 5., 17.35 – 18.05 UHR | ZDF wird ein Hochsitz zugewiesen. Felser be- »Schweiß«, sagt Felser. »Sehen Sie das?
kommt den über dem Ochsentobel, einer Schweiß!«
Europa in Bewegung – Senke, in der sich Suhlen befinden, »Ba- »Schweiß« ist Jägersprache. Gemeint ist
grenzenlos arbeiten, reisen, dewannen«, wie Felser das nennt. »Heute Blut.
leben kriegen Sie auch ’ne Wildwurst«, ver- Felser lässt sein Gewehr sinken.
13 Länder in sechs Wochen per spricht er. Vor ihm liegt das tote Kitz.
Interrail: Zwei Berliner wollen Euro- Felser steigt in seinen Geländewagen »Was Sie jetzt sehen«, sagt Felser, »ist
pa auf den Zahn fühlen. Welche und fährt die gewundene Straße zum Och- reine Materie.«
Chancen bietet die EU gerade jungen sentobel hinauf. Überall entdeckt er Idylle. Es ist ein weiter Weg bis zum Auto zu-
Europäern? »Bombastisch, dieser Wald!«, sagt er, »da rück, durch Brombeeren hindurch, den
hat der Hase wieder ’ne Chance.« Es ist Ochsentobel hinauf, selbst ein Kitz wird
seine Heimat. Es geht ihm auch darum, auf diesem Weg zur Last. Endlich liegt das
SPIEGEL GESCHICHTE das alles hier zu erhalten: »Schauen Sie Kitz neben Felsers Wagen.
SONNTAG, 19. 5., 20.15 – 21.05 UHR | SKY mal, was da an Weißtannen und Buchen Er geht zum Kofferraum, zieht sich
nachkommt, ohne dass da etwas gepflanzt ein paar weiße Einmalhandschuhe aus La-
Die Geburt der Bundesrepublik wurde, ein Paradies für Rehe!« tex an, für die Hygiene, und nimmt das
Am 23. Mai 1949 unterzeichnet Er ist kein Alexander Gauland, kein Pro- Wildmesser zur Hand. »Mit dem schneide
Konrad Adenauer in Bonn das vokateur. Er will die AfD als konservative ich auch die Wildwurst«, sagt Felser.
Grundgesetz der Bundesrepublik Partei etablieren, der es um mehr geht als Er beugt sich über das Kitz, das er noch
Deutschland. Zuvor wurde um Flüchtlinge. »aufbrechen« muss: Brust und Bauch auf-
ein Grundrechtekatalog erarbeitet, Für ihn gehört die Jagd zum Leben, schlitzen, die Speiseröhre abtrennen und
der die Würde des Menschen nicht zuletzt zur Lebensmittelversorgung. die Eingeweide in einem Stück heraus-
zum obersten Staatsziel erklärt. Fragt man ihn, warum seit Jahren die Zahl nehmen.
der Jagdscheininhaber steigt, sagt er: »Die »Ich muss verdammt aufpassen, dass ich
Sehnsucht zum Archaischen. Die Leute das Gescheide nicht aufschlitze«, sagt Fel-
SPIEGEL TV wollen sich wieder erden.« ser und setzt den Schnitt den Bauch ent-
MONTAG, 20. 5., 22.50 – 0.00 UHR | RTL Er parkt sein Auto in der Nähe des Och- lang, die Brust bis zum Hals hinauf, er
sentobels und holt sein Gewehr aus dem durchtrennt die Speiseröhre und öffnet die
Armenhaus Europa Kofferraum, eine Blaser R93, eine Allgäu- Bauchdecke, um das Gescheide herauszu-
Eine knappe Woche vor der Wahl er Marke. Funktionell, kein Schnick- nehmen. »Es ist alles wunderbar erhalten,
zeigt SPIEGEL TV in einer Sonder- schnack. Dazu ein Messer; eine Wildwan- nur das Herz ist natürlich zerschossen«,
sendung die Schattenseiten Europas. ne, die er für fünf Euro im Baumarkt ge- sagt Felser. Er nimmt das Herz in die Hand:
kauft hat; seinen Jagdschein, falls er in »Schauen Sie mal her, das hat nur noch
eine Kontrolle kommt. Und einen Gehör- den Schlag gespürt, einen Satz gemacht
schutz. und vielleicht noch einmal den Himmel
Es ist ganz still auf dem Hochsitz, Felser gesehen.«
sagt nur das Nötigste. Er flüstert. Er streift die Handschuhe ab. »Sie sehen
Nach ein paar Minuten erscheint eine also, dass ich das Handwerk halbwegs be-
Geiß im Ochsentobel. Felser legt kurz an, herrsche«, sagt Felser.
drückt aber nicht ab. Eine Geiß darf er Er steht auf, um sich nach einem Fich-
nicht schießen, schon gar nicht, solange er tenzweig umzusehen.
nicht weiß, ob sie ein Kitz hat, weil ein Es ist Jagdtradition, dem erlegten Wild
Kitz ohne Mutter bald verenden würde. einen Zweig ins Maul zu legen, den »letz-
Aber vielleicht kommt ja noch ein Kitz? ten Bissen«. Damit wollen Jäger dem ge-
SPIEGEL TV

Ein Rehkitz darf er schießen. schossenen Tier die letzte Ehre erweisen.
Ein Kitz zu schießen, wenn ein Journa- Es sei, sagt Felser, die letzte Verbeugung
Protestierende in Frankreich list danebensitzt, ist ein besonderes Wag- vor dem Leben, das man genommen habe.
nis. Wird man ihm das als Geradlinigkeit Felser legt dem Kitz einen Fichtenzweig
Rechtspopulismus in Italien und auslegen? Oder als Dummheit? ins Maul und senkt den Kopf. »Dein Kör-
Ungarn, Brexit-Frust in Großbritan- Es dauert nicht lange, da hat er in der per bleibt hier«, sagt er, »deine Seele lebt
nien, soziale Schieflage und Suhle tatsächlich ein Rehkitz entdeckt, es weiter.«
Politikverdrossenheit in Frankreich. steht nah an der Mutter. Ein Schuss wäre Drei Jäger, drei Ausflüge. Und ein totes
zu gefährlich. Der könnte die Mutter strei- Tier. Der Einzige, der zum tödlichen Schuss
fen, das will und darf Felser nicht riskieren. kam, war der Mann der AfD.
SPIEGEL TV REPORTAGE Sein Atem wird schwerer, seine Hand be- Möglich, dass die beiden anderen diesen
DIENSTAG, 21. 5., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1 ginnt zu zittern. Die Mutter macht einen Schuss für ein Wagnis halten. Möglich
Satz nach vorn. Das Kitz steht frei. auch, dass Felser es genau deswegen ge-
Feuerwache Berlin Neukölln – Felser drückt ab. macht hat. Twitter: @marc_hujer
Inferno im Hinterhof Einen Moment lang bleibt er sitzen. Es
Neun Autos stehen in einem Hinter- gehört sich, sagt er, fünf Minuten zu war-
hof in Flammen – ein Einsatz, ten, damit das Tier in Ruhe sterben kann. Video
Auf der Pirsch
der auch für erfahrene Feuerwehr- Dann verlässt er den Hochsitz und macht
männer nicht alltäglich ist. Der sich auf die Suche nach dem Rehkitz, das spiegel.de/sp212019jagd
Parkplatz gehört zum Ordnungsamt. er im Dickicht der Brombeersträucher ver- oder in der App DER SPIEGEL
War es Brandstiftung? mutet. Er hat das Gewehr im Anschlag,

60
Gesellschaft

Unsere Herzen
Sie bekommen Fragen gestellt, auf die niemand eine Ant-
wort hat.
Also antworten sie wie Fußballer nach einer Niederlage
oder wie Politiker in Talkshows. Die jungen Frauen erzählen
irgendwas, das sie aus dem Gestrüpp führen soll: ESC-Welt,
Leitkultur Alexander Osang über Deutsche auf die schönen, positiven Dinge fokussiert, große Familie,
beim Eurovision-Wettbewerb tolle Energie. Sie antworten an den tückischen Fragen vorbei.
Niemand gibt Antworten, weil Antworten gefährlich sind. Ant-
worten werden nur noch zu Hause gegeben, hinter verschlos-

D eutschland ist im Hotel Royal Beach in Tel Aviv ab-


gestiegen. Es ist sehr heiß in der Stadt, und ich bin mit
dem Fahrrad hergekommen. Der erste Satz, den ich
in der kühlen Lobby des Hotels höre: »Ist Rainer schon da?«
senen Türen, an Kneipentischen. Wie die Zöglinge von Heidi
Klum betrachten die S!sters ihre Konkurrenten nicht als Fein-
de, sondern als Freunde. Wie Erich Mielke lieben sie alle.
Sie mögen das Hummus, das ihnen der Koch Tom Franz
Ich weiß sofort, dass ich richtig bin. empfiehlt, essen es aber heute nicht.
Ich weiß nicht, wer Rainer ist, und werde es auch nicht er- Die beiden Frauen sind auf Israel vorbereitet worden wie
fahren. Ich weiß nicht mal, wer nach ihm gefragt hat. Aber auf den Besuch bei der seltsamen Tante. Sie waren in Yad
im Moment ist es der deutscheste Satz, den ich mir vorstellen Vashem, am See Genezareth und haben sich von Tom Franz,
kann. Ist Rainer schon da? Ich blinzle in den Halbschatten. der sich selbst mal als »kulinarischen Botschafter« bezeich-
Auf einem Bildschirm in der Lobby blinkt im Abstand von nete, in die Besonderheiten der lokalen Küche und Religion
zehn Sekunden die deutsche Flagge auf. Dazwischen blinken einführen lassen. Sie werden von Thomas Schreiber begleitet,
die Fahnen von Spanien und der Schweiz, auch die sind Gäste der Programmbereichsleiter Fiktion & Unterhaltung beim
im Royal Beach. Der ESC ist in der Stadt. In der Halle wartet NDR ist, dem Sender, der das alles organisiert. Schreiber
eine kleine deutsche Journalistendelegation auf die beiden wirkt still und klug. Er war Hörfunkkorrespondent in London
deutschen Kandidatinnen sowie Mitarbeiter der Arno-
für den diesjährigen Euro- Schmidt-Stiftung. Er hat den
vision-Wettbewerb. Sie hei- Programmbereich Kultur/
ßen Carlotta Truman und Fernsehen des NDR geleitet
Laurita Spinelli und nennen und saß in der ARD-TV-
sich S!sters. Außerdem ist Nachrichtenredaktion, als
Tom Franz mit von der Par- die Mauer aufging. Er war
tie, ein zum Judentum kon- Redakteur einer Dokumen-
vertierter Kölner, der 2013 tation über die Familie
eine Kochshow im israeli- Quandt und einer weiteren
schen Fernsehen gewonnen über die RAF. Ein nationa-
hat. Franz wird gerade von les Portfolio. Und jetzt: die
einer NDR-Maskenbildne- S!sters in Israel. Eine blonde
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL
rin abgepudert. Sie heißt Frau und eine dunkelhaari-
Claudia. ge. Sie seien ganz toll zusam-
Ein paar Minuten später mengewachsen, sagt Tho-
laufen wir durch schmale mas Schreiber.
Straßen zum Carmel-Markt, Die beiden Frauen ste-
und ich frage mich, ob man hen am Ende eines ein-
uns ansieht, dass wir eine jährigen Auswahlprozesses.
deutsche Delegation sind. Gesangsduo S!sters in Tel Aviv 965 Bewerbungen. Zwei
Die Steuben-Parade, die Fachjurys. Ein Songwriting-
einmal im Jahr über die Camp. Umfragen. Recher-
Fifth Avenue zieht, erkennt man an den Lederhosen, den chen. Sie haben ein Lied aus dem deutschen Volk gefiltert.
Gamsbarthüten und der Blasmusik. Aber die New Yorker Es heißt »Sister«.
Marschierer sprechen kaum mehr richtiges Deutsch. Sie tun Was aber erzählt es der Welt hier von uns?
eher so, als wären sie Deutsche. »Es geht darum, welches Bild man in drei Minuten hinter-
Unsere Parade in Tel Aviv verhält sich umgekehrt. Laurita lassen kann«, sagt Schreiber und lächelt. »Ein Fernsehbild.«
Spinelli von den S!sters heißt eigentlich Laura Kästel. Tom Für den letzten deutschen ESC in Düsseldorf hat er sich
Franz hat als rheinischer Katholik angefangen, inzwischen ein pulsierendes Herz als Logo ausgedacht. Weil wir Deut-
hängen ihm Gebetsbänder aus der Hose, er kocht koscher, schen zwar als perfekt, effektiv und pünktlich gelten, aber
und seine Frau, die aus einer Familie von Holocaust-Opfern nicht als emotional. Darum geht es. Wir zeigen der Welt,
stammt, ist ihm zuliebe religiös geworden. dass wir anders sind als gedacht. Wir haben es als Clown
Die Steuben-Paraden-Marschierer ziehen durch die Upper probiert. Mit blinkendem Anzug. Als Blumenkind mit Gitar-
East Side und singen: »Ein Prosit der Gemütlichkeit«. Die re. Als Mongolen. Als Countryband. Nach dem Rundgang
S!sters kommen aus Hannover beziehungsweise Königsau esse ich mit Franz und Schreiber in einem wunderbaren
und singen: »I see flames in your eyes / Damn, they burn so Hummusladen am Rande des Marktes. Wir reden über je-
bright.« menitische Gewürze, israelische Immobilienpreise, Gott und
Natürlich baumeln die Mikrofone des deutschen Fern- die Einschaltquoten von Kochshows und vom ESC. Wir
sehens ins Bild. Es gibt uns, die besorgten, blassen Journalis- scheinen sehr weit weg zu sein von der deutschen Leitkultur.
ten, die nie vergessen, die Welt zu retten, nicht mal auf dem Aber am Ende kann man nicht aus seiner Haut.
engen Carmel-Markt zwischen schreienden Händlern und »I’m tired, tired of always losing«, singen die S!sters gleich
betörenden Gerüchen. Vor einem Gewürzstand sollen sich am Anfang ihres Liedes. Ich habe das Verlieren satt.
die S!sters zum Nahostkonflikt äußern. Das ist natürlich eine sehr deutsche Zeile. I

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 61


Wirtschaft
»Elektroautos bringen mir das Gefühl aus meiner Kindheit zurück.« ‣ S. 72

FRANK AUGSTEIN / AP / PICTURE ALLIANCE


Mautzone in der Londoner Innenstadt

Umwelt

Regierungsberater fordern City-Maut


Städte wie Stockholm, London oder Oslo sollen als Vorbild dienen.

 Ein Bündnis namhafter Ökonomen fordert die Bundes- RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, und
regierung dazu auf, eine City-Maut für Autos einzuführen. dem Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirt-
»Die schrittweise Einführung einer Gebühr für die Fahrt mit schaftsministeriums Hans Gersbach. Die Forscher argumen-
dem Auto in eine Stadt ist anderen Regulierungsinstrumen- tieren, eine solche Gebühr sei sinnvoller als Fahrverbote für
ten wie etwa Fahrverboten deutlich überlegen«, schreiben Dieselfahrzeuge, die wegen der überhöhten Stickoxidwerte
die Wissenschaftler. Dadurch erhöhe sich »die Attraktivität in vielen deutschen Städten derzeit eingeführt werden. Zur
der Nutzung anderer Verkehrsmittel, etwa des öffentlichen Höhe der Maut geben die Wissenschaftler keine Empfehlung,
Nahverkehrs (ÖPNV) oder des Fahrrades«, heißt es in dem sie solle jedoch schrittweise erhöht und zunächst in einzelnen
Plädoyer an das Wirtschafts-, Verkehrs- und Umweltministe- Städten und Stadtvierteln eingeführt werden. Die Erfahrun-
rium. Unterzeichnet ist es unter anderem vom obersten Wirt- gen aus Städten wie Stockholm, London und Oslo bestärkten
schaftsweisen der Bundesregierung, Christoph Schmidt vom die Unterzeichner in ihrer Forderung. GT

Steuern zum Jahressteuergesetz von Finanzminis- haltsbestandteil versteuert werden. Mit


Bund hilft Mietern von ter Olaf Scholz (SPD) vor, den das Kabi-
nett schon bald beschließen will. Danach
der Maßnahme will die Bundesregierung
Werkswohnungen und deren Neubau
Werkswohnungen sollen Mieter von Werkswohnungen künf- attraktiver machen. Auch für Mieter der
tig nichts mehr versteuern müssen, wenn 36 000 bundeseigenen Wohnungen sieht
 Die Bundesregierung plant Steuer- der Preis für ihre Wohnung bis zu einem die Bundesregierung Vergünstigungen vor.
erleichterungen für Mieter von Werks- Drittel unter der ortsüblichen Vergleichs- Für sie soll künftig eine Höchstmiete von
wohnungen. Sie sollen ihren Vorteil aus miete liegt. Der Fiskus will erst zugreifen, zehn Euro pro Quadratmeter gelten.
billigerer Miete künftig nicht mehr so wenn die Wohnung noch preiswerter ist. Damit soll gewährleistet sein, dass Bundes-
stark wie bisher als geldwerten Vorteil ver- Bislang muss der komplette Unterschied bedienstete auch in teuren Ballungs-
steuern müssen. Das sieht der Entwurf zur örtlichen Durchschnittsmiete als Ge- gebieten günstigen Wohnraum finden. REI

62 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Klinikkosten Zuletzt wurden gut 17 Prozent aller Kran- niken, die »systematisch falsch« abrechne-
Kassen fürchten kenhausrechnungen gegengecheckt. Je
sauberer und ehrlicher ein Haus abrech-
ten, argumentiert er, das zeigten Erfahrun-
gen aus der Vergangenheit mit höheren
Falschabrechnungen net, desto geringer soll die Quote ausfal- Prüfquoten. Es könne nicht sein, »dass
len. Zu Beginn im Jahr 2020 soll zunächst falsch abgerechnete Leistungen nicht
 Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für alle eine Höchstquote von 10 Prozent beanstandet werden dürfen«, sagt auch
(CDU) will die Prüfung von Klinikabrech- gelten. Die Kassen kritisieren das Vor- Dirk Janssen vom Vorstand des BKK Lan-
nungen vereinfachen, stößt damit bei den haben. Auf dem Milliardenmarkt Kran- desverbandes Nordwest. Für die Kassen
gesetzlichen Krankenkassen aber auf kenhaus könnten »Falschabrechnungen in geht es um viel Geld. Allein 2017 mussten
Widerstand. Sein Gesetzentwurf sieht großem Umfang auf Kosten der Beitrags- die Kliniken nach den Kontrollen 2,8 Mil-
auch die Einführung von Quoten für die zahler unbeanstandet« bleiben, heißt es in liarden Euro an die Kassen zurückzahlen,
Kontrollen vor. So sollen die Kassen ab einem Papier des AOK-Bundesverbandes. weil sich mehr als jede zweite geprüfte
2021 nur noch eine begrenzte Zahl von »Nachbesserungsbedarf« sieht auch Wolf- Abrechnung als fehlerhaft erwies. Der
Abrechnungen untersuchen lassen dürfen: gang Matz, Vorstandschef der Kaufmän- Bundesrechnungshof hatte eine Reform
von etwa 5 bis maximal 15 Prozent. nischen Krankenkasse KKH. Es gebe Kli- der Kontrollen angemahnt. COS

Fluglotsen Vegan-Trend
2000 Euro extra pro Schicht Jedes dritte Steak aus
 Die bundeseigene Deutsche Flugsiche- Kunstfleisch?
rung (DFS) könnte in diesem Sommer
erneut für erhebliche Verspätungen im  Die Fleischbranche muss sich in den

H.J. KOCH / DFS / DPA


Luftverkehr sorgen und damit Regierung kommenden Jahren auf einen gewalti-
und Kunden verprellen. DFS-Chef Klaus- gen Umbruch einstellen. Das sagt eine
Dieter Scheuerle fehlen für die Ferienzeit aktuelle Erhebung der Unternehmens-
Dutzende Lotsen, deshalb will er seine beratung A.T. Kearney voraus, für die
Kontrolleure zu freiwilligen Zusatzeinsät- Experten und Unternehmen weltweit
zen animieren – gegen Aufschläge von Lotse im Tower des Flughafens Düsseldorf befragt wurden. Demnach könnte der
bis zu 2000 Euro pro Extraschicht. Mehr Absatz von veganen Fleischimitaten
als eine pro Monat ist nicht drin, weil die ums Geld«, stellt GdF-Tarifvorstand Mar- und künstlichem Fleisch in den nächs-
Kontrolleure im Hochsommer ohnehin kus Siebers klar, »sondern auch um die ten Jahren explosionsartig wachsen –
extrem belastet sind. Doch die Anfang Frage, wer an dem Modell partizipiert.« zulasten des herkömmlichen Fleisch-
April gestarteten Gespräche zwischen Er und seine Kollegen wollen mit der verzehrs. Laut der Studie dürfte der
der DFS-Leitung und der Gewerkschaft Geschäftsführung zudem eine langfristige Marktanteil von Fleischersatz aus
der Flugsicherung (GdF) kommen bislang Vereinbarung zur Ausbildung und Rekru- Pflanzen und Fleisch aus Zellkulturen
nur zäh voran. Der letzte, für Anfang tierung von Flugraumüberwachern erar- bis 2030 auf 28 Prozent des gesamten
Mai angesetzte Verhandlungstermin wur- beiten, damit künftig Personalengpässe Fleischmarkts anwachsen. Das entsprä-
de von den GdF-Funktionären sogar erst gar nicht entstehen. Ob die Streitpar- che einem Umsatz von knapp 400 Mil-
abgesagt. Sie verlangen, dass nicht nur teien bis zum Ferienbeginn Ende Juni liarden Dollar. 2040 könnte der Markt-
Lotsen, sondern auch Fachkräfte wie eine Lösung finden, ist fraglich. Kommt anteil der Fleischalternativen sogar 60
Techniker oder Flugdatensachbearbeiter es zu keiner Einigung, bleibt bei der DFS Prozent betragen. Die Autoren erwar-
auf Wunsch gut bezahlte Sonderschich- alles beim Alten – zulasten der Airlines ten, dass im Labor gezüchtetes Kunst-
ten schieben dürfen. »Es geht nicht nur und Passagiere. DID, MUM fleisch bis dahin genauso schmeckt und
aussieht wie echtes Fleisch und ähnlich
viel kostet. Bislang ist es nicht markt-
reif und sehr teuer. Bei einem Preis von
Luftfahrt gen und liegt mit über 5300 Starts und 40 Dollar pro Kilo Kunststeak könnte
Fliegen wird billiger Landungen pro Woche zehn Prozent
über dem Angebot von 2018; 699 unter-
Laborfleisch massentauglich werden, so
die Experten von A.T. Kearney. Diese
 Die Preise von Low-Cost-Anbietern schiedliche Verbindungen werden nun in Schwelle könnte 2030 erreicht sein. AKN
für Flüge ab Deutschland sind im Früh- diesem Segment von Deutschland aus
jahr 2019 im Vorjahresvergleich gesun- bedient. Das höchste Wachstum entstand
ken. Lagen die Preise für 2018 zwischen laut DLR-Auswertung an größeren Flug-
53 und 117 Euro, liegt die Spanne 2019 häfen wie Düsseldorf oder Berlin-Tegel.
bei 50 bis 106 Euro. Dies zeigt eine Ana- Mitverantwortlich dafür ist die Pleite von
lyse des Deutschen Zentrums für Luft- Air Berlin im Jahr 2017, vor allem Easyjet
und Raumfahrt (DLR). Für den unter- und Eurowings übernahmen Strecken der
suchten Stichtag 12. März 2019 kostete Airline. Die DLR-Forscher bemängeln in
ein Eurowings-Ticket pro Strecke durch- ihrer Analyse den geringen direkten Wett-
schnittlich 106,04 Euro, der Preis für eine bewerb unter den Airlines im Billigflug-
Easyjet-Buchung lag bei 55,65 Euro. segment; allein auf Eurowings entfielen
Günstigste Airline in der Analyse ist mit mehr als die Hälfte aller Flüge. Keine
LIDL / OBS

49,81 Euro pro Ticket die ungarische Daten legte das DLR für Linien wie Luft-
Gesellschaft Wizz. Zudem ist die Zahl hansa vor, die nicht zum Segment der
der preisgünstigen Flüge insgesamt gestie- Billigfluglinien zählen. MUM Pflanzliche Burger

63
D-WAVE SYSTEMS

Quantenprozessor mit Kühlaggregat: »Die Fortschritte zuletzt waren geradezu fantastisch«

64
Wirtschaft

Die Maschine für alles


Zukunft Weltweit bereiten sich Unternehmen und Regierungen auf die nächste Technologie-
revolution vor: Quantencomputer sollen sogar die Digitalisierung in den Schatten stellen.
Für Deutschland könnte es die letzte Chance sein, nicht abgehängt zu werden. Von Thomas Schulz

W
ie unendlich kompliziert muss zwei Werten speichern: null oder eins. Entwicklung von Batterien erheblich be-
eine Idee sein, dass Albert Quantencomputer dagegen arbeiten mit schleunigen. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Einstein an ihr verzweifelt? Qubits, sie können 0 und 1 zugleich dar- Die Quanten zu beherrschen wäre ins-
»Spukhaft« seien diese Quan- stellen, genauso wie sich in der Quanten- besondere eine Revolution für die Indus-
ten, klagte Einstein, und nur zu verstehen, welt ein Elektron an zwei Orten gleichzei- trie, für Maschinenbauer, Chemiefabrikan-
wenn man glaube, dass der Herrgott »wür- tig befinden kann. ten, Autokonzerne. Es wäre eine Zeiten-
felt oder sich telepathischer Mittel be- Der Fachbegriff ist Superposition, Über- wende, mit Folgen für die gesamte Wirt-
dient«. So »unerträglich« schienen Ein- lagerung, sie ermöglicht erheblich mehr schaft. Und sie steht, so scheint es, kurz
stein die Mechanismen dieser kleinsten Be- Kombinationen. Und deswegen können bevor.
standteile des Universums, dass er lieber viel mehr Daten gleichzeitig bearbeitet »Die Fortschritte zuletzt waren gerade-
an seinem Lebenswerk zweifelte, als die und viel komplexere Rechenaufgaben ge- zu fantastisch«, sagt Michael Marthaler.
Gesetze der Quanten zu akzeptieren: löst werden.  Er forscht seit über einem Jahrzehnt  an
»Wenn schon, dann möchte ich lieber Wenn heute ein Ingenieur eine Idee für den Mechanismen der Quanten, und wer
Schuster oder Angestellter in einer Spiel- eine neue Batterie hat, muss er sie bauen seinen Lebenslauf liest, würde eher einen
bank sein als Physiker.« und dann testen. So werden im Jahr viel- professoralen Typ mit ergrautem Kinnbart
Die Welt der winzigsten aller Teile ist, leicht einige Dutzend Ansätze ausprobiert. erwarten: promoviert am Karlsruher In-
gelinde gesagt, eine seltsame Welt, das Quantenprozessoren aber sollen die kom- stitut für Technologie zu Quanteneffekten
lässt sich auch ohne Nobelpreis schnell er- plexen elektrochemischen Prozesse simu- in supraleitenden Materialien, dazu Dut-
kennen. Die Regeln der klassischen Physik lieren und so in der gleichen Zeit mehrere zende internationale wissenschaftliche
gelten hier nicht, erst recht nicht die der Millionen Ideen prüfen. Das würde die Veröffentlichungen. Aber Marthaler ist ein
menschlichen Intuition: Objekte selbstironischer Enddreißiger mit
können in mehreren Zuständen zu- skeptischem Blick und Turnschu-
gleich existieren, wie ein Fernseher, hen, und statt an der Uni theoreti-
der gleichzeitig an- und ausgeschal- sche Aufsätze zu schreiben, hat er
tet ist. Partikel verändern sich, gleich um die Ecke im Erdgeschoss
wenn sie beobachtet werden, als einer ehemaligen Brauerei ein
wäre der Himmel nur blau, wenn Start-up gegründet, um erste Quan-
man hinschaut – sonst aber rot.  tenanwendungen für Unterneh-
CLEMENS BILAN / EPA-EFE / REX FEATURES

Aber wenn man diese Quanten men zu entwickeln. Unter deut-


beherrschen könnte, was für Mög- schen Grundlagenforschern ist das
lichkeiten böten sich dann? Un- nahezu unerhört. Immer noch.
glaubliche, auch das ahnte schon »Wir sind ganz sicher auf dem
Einstein, und die Geschichte hat ge- Weg zur zweiten Quantenrevolu-
zeigt: Die Menschheit machte enor- tion«, sagt Marthaler. Die erste
me Sprünge, wenn es ihr gelang, Quantenrevolution war Genies wie
ein Stück mehr vom Universum zu Niels Bohr und Werner Heisenberg
verstehen und nutzbar zu machen. zu verdanken, die in den Zwanzi-
Das Atom, oder das Byte.  gerjahren Theorien über diese mi-
Mit einem Quantencomputer lie- kroskopische Welt entwickelt hat-
ße sich quasi die Natur selbst be- ten, aus denen weltverändernde
rechnen, denn er würde ausgewähl- Anwendungen entstanden: Transis-
te Aufgaben Millionen Mal schnel- tor, Laser, GPS.  Und wie das mit
ler lösen als die größten heutigen Revolutionen mitunter so ist, ver-
Supercomputer – und damit Dinge spricht die zweite größer zu werden
ermöglichen, die bislang undenk- als die erste. Sie könnte, sagen
bar sind. Es wäre ein Computer, nicht wenige, am Ende selbst die
der alles, was denkbar ist, auch be- Errungenschaften der Digitalisie-
rechnen kann. Ein Superhirn. Eine rung in den Schatten stellen. 
G L ASKEW II / DER SPIEGEL

Maschine für alles. Die Frage ist, wann es so weit


Wie ein Quantencomputer funk- sein wird, in 5, 10 oder 15 Jahren,
tioniert, lässt sich nicht wirklich da wollen sich die Experten nicht
schnell erklären, aber die einfachs- festlegen. Manche sagen: Der Fort-
te Variante geht so: Die Informa- schritt beschleunigt sich stark, viele
tionseinheit klassischer Computer Entwicklungen werden schneller
ist das Bit, und es kann einen von Google-Büro in Berlin, Forscher Neven: »Klotzen, nicht kleckern« kommen als erwartet. Andererseits

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 65


ist Quantenmechanik selbst für Genies ver- Mächtige Technologie rend auf Quantenmechanik, um Welten
dammt schwer. Was Quantencomputer von klassischen mächtiger wäre als ein regulärer Computer.
Wie lange es genau dauern werde, sei Rechnern unterscheidet So unglaublich ein solcher Sprung
letztlich egal, sagt Marthaler, es zähle klingt, er wäre »am Ende nur logisch, da
nur, schon jetzt die ersten Anwendungen Die kleinste Informationseinheit eines klassischen die Quantenphysik das Betriebssystem der
mit der Industrie zu erproben. Das ist ein Computers ist das Bit: Es kann zu einem Zeitpunkt Natur ist«,  sagt Hartmut Neven. Der Wis-
sehr wichtiger Satz für Deutschland. Denn entweder den Wert 0 oder den Wert 1 annehmen. senschaftler leitet das Quantum Artificial
im Kern geht es nicht nur um eine viel- Intelligence Laboratory von Google. Oft
Bei einem Qubit (Quantenbit) können sich beide Werte
versprechende Technologie, sondern um überlagern. Dieser Zustand heißt Superposition. ganz in Schwarz gekleidet und mit silbern
sehr Grundsätzliches: das Selbstverständ- glänzenden Turnschuhen wirkt er eher wie
nis einer führenden Industrienation. 1 ein Künstler.
Das mag erst mal hochtrabend klingen, Bit: 1 Qubit: Neven stammt aus Aachen und promo-
0
aber tatsächlich hat Deutschland in den 0 vierte am Institut für Neuroinformatik der
vergangenen Jahrzehnten bei allen Tech- Ruhr-Universität Bochum. Dass ein deut-
nologiesprüngen den Anschluss verpasst: Beim Quantencomputer werden mehrere Qubits zu scher Forscher eine wichtige Abteilung bei
Quantenregistern zusammengefasst. Die enthaltenen
Die Grundlagenforschung ist Weltklasse, Qubits in Superposition stehen durch das Prinzip der einem amerikanischen Tech-Riesen leitet,
aber es entstehen keine führenden Unter- Verschränkung miteinander in Wechselwirkung: ist längst kein Zufall, sondern hat System:
nehmen und keine neuen Branchen. Kein Ändert sich der Wert eines der Qubits, so hat dies Deutschland hat eine grandiose Wissen-
IBM oder Apple in der PC-Revolution, auch Auswirkungen auf die anderen. schaftsszene, doch wer ein kommerzielles
kein Nokia in der Handyrevolution, kein Produkt bauen will, geht eher nach Kali-
Google in der Internetrevolution. Und bei Schon eine kleine Erhöhung der Anzahl an ver- fornien, wo es reichlich Geld und Ambi-
schränkten Qubits hat eine enorme Auswirkung auf
der künstlichen Intelligenz werden deut- die Anzahl der Operationen, die ein Quantencomputer tionen gibt. 
sche Konzerne ebenso wenig von globaler parallel durchführen kann: »Ich will nicht behaupten, dass Quanten-
Bedeutung sein, auch dieser Zug ist abge- computer ein Wundermittel für alle Proble-
fahren.  me der Welt sind«, sagt Neven, aber eigent-
Stattdessen lebt das Land noch immer 4 2 lich tut er dann genau das. Er holt weit aus
davon, die Technologie des Wirtschafts- Operationen Qubits und malt ein heraufziehendes Quantenzeit-
wunders, den Maschinenbau, mit den neu- alter aus, voller Hoffnungen und Chancen.
en Technologien aufzuhübschen. Es baut »Wir sind bald acht Milliarden Men-
dann eben computergesteuerte Gabelstap- schen, aber wir haben nicht die technolo-
ler oder Gasturbinen, die eine intelligente gischen Grundlagen, um acht Milliarden
Software haben. 32 5 Menschen einen westlichen Lebensstil zu
Die erwartete Quantenwelt bietet eine Operationen Qubits ermöglichen, ohne enorme ökologische
neue Chance, denn sie wird völlig anders Schäden zu verursachen.« Dazu müssten
als die digitale sein und ganz neue Regeln wir zunächst »unsere industriellen Grund-
haben. Und deshalb könnten ihre Anfüh- lagen umstellen, ganz schnell ändern, wie
rer auch aus Karlsruhe und Tübingen kom- wir Energie erzeugen, nutzen und spei-
men statt aus San Francisco. Und es wäre 1024 10 chern«. Und bei der Lösung dieser Schick-
gut, Deutschland und Europa würden ihre Operationen Qubits salsfrage könnten Quantenprozessoren er-
Chance diesmal nicht verspielen. heblich helfen. Aber wie?
Immerhin: Die EU hat im vergangenen »Indem sich zum Beispiel viele neue
Herbst ein Förderprogramm für Quanten- Ideen und Forschungsansätze simulieren
technologien aufgelegt, ausgestattet mit ei- lassen«, sagt Neven. Etwa eine neue Solar-
ner Milliarde Euro. Politiker und Physiker zelle. Ein effizienteres Produkt zu ent-
verkündeten bei der Auftaktveranstaltung wickeln dauert heute Jahre und verschlingt
in der Wiener Hofburg: »Quanten sind die enorme Summen. Die chemischen Prozes-
Zukunft.« se müssen im Labor probiert, dann muss
Allerdings investiert China zehn Mil- die Energiegewinnung über Monate ver-
liarden Dollar in ein nationales Quanten- folgt werden; und wenn es nicht funktio-
labor, das 2020 fertig sein soll. Und die niert, müssen die Ingenieure von vorn be-
führenden Tech-Unternehmen der Welt, ginnen. Mit herkömmlichen Rechnern
von Amazon über IBM bis Alibaba, haben lässt sich der Prozess nicht simulieren, es
längst eigene Quantenabteilungen auf- sind zu viele Daten und Faktoren. Aber
gebaut, um auch die heraufziehende post- mit Quantenprozessoren ließen sich all die-
digitale Welt zu dominieren. über 1 Mio. 20 se Entwicklungsschritte sparen – und was
Es lohnt sich also abzutauchen in diese Operationen Qubits wäre das für ein Sprung, wenn Solarzellen
bizarre, komplizierte Welt der Quanten, jährlich ihre Leistung verdoppeln würden?
und beginnen muss man, wie fast immer, »Wenn Sie einen Quantencomputer hät-
wenn es um Hightech geht, bei Google. Der ten mit 300 Quantenbits, wäre der gleich
kalifornische Tech-Konzern arbeitet be- mächtig wie ein Computer, der jedes Atom
reits seit 2011 an einem eigenen Quanten- im sichtbaren Universum als eine Speicher-
computer. Eine zwingende Entscheidung zelle verwendet«, sagt Professor Peter Zol-
für einen Konzern, der dauerhaft das wich- ler von der Universität Innsbruck. Neven
tigste Technologieunternehmen der Welt und sein Google-Team sind bereits bei 72
sein will. Forscher wie der legendäre Physi- Qubits angekommen.
ker Richard Feynman sagten schon vor Jahr- Noch gibt es weltweit nur eine Handvoll
zehnten voraus, dass eine Maschine, basie- solcher Maschinen, eine davon steht hinter

66
Wirtschaft

mehreren Sicherheitsschleusen am Ende lich, für die heutige Supercomputer mehr Auch die Deutsche Bank beschäftigt
eines verwinkelten Ganges  versteckt, in als hundert Jahre brauchen würden: riesi- sich bereits mit dem Thema, weil die da-
den Tiefen des nordkalifornischen For- ge neue Moleküle zusammenstellen, Mars- tenfressenden Quantenalgorithmen viel-
schungszentrums der Nasa. Die US-Raum- kolonien planen, Maschinen entwickeln, leicht leisten könnten, worauf viele Invest-
fahrtbehörde und Google bündelten bereits die riesige Mengen Kohlendioxid aus der mentbanker schon lange hoffen: die un-
vor einigen Jahren ihre Expertise in Da- Luft filtern. sichtbaren Muster der Finanzmärkte zu
tenverarbeitung und Physik. Die Zusam- Google ist sicher, dass diese Welt kom- entschlüsseln. Viele führende Banken lo-
menarbeit liegt nahe, buchstäblich. Das men wird, der Konzern baut seine Quan- ten aus, wie ein Quantencomputer ihre
Nasa-Zentrum liegt nur wenige Kilometer tenabteilung ständig aus und hat bereits Handelsstrategien und Portfolios beein-
entfernt vom Google-Hauptquartier. Von verschiedene Ableger für Hardware, Soft- flussen würde.
außen wirkt der Quantencomputer wenig ware und Cloud-Anwendungen geschaf- Die vielleicht noch größere Frage aber
futuristisch, nur ein schwarzer Kasten, etwa fen. Die große Frage dabei: Lassen sich wird sein, was mit den Unternehmen ge-
so groß wie ein Gartenhäuschen. Doch in auch schon in den kommenden Jahren, be- schieht, die nicht auf die kommende Quan-
seinem Inneren liegt die Temperatur nahe vor die Quantenprozessoren ganz fehler- tenwelt vorbereitet sind. Ob etwa Banken,
minus 273 Grad Celsius, es herrscht abso- frei sind, Praxisanwendungen für die In- die nicht mit Quantenalgorithmen arbei-
lute Stille und totale Dunkelheit. Nur unter dustrie finden? »Wir glauben: ja«, sagt Ne- ten, ausmanövriert werden. Ob Maschi-
diesen Bedingungen, wenn sich keine Ma- ven. »Aber wir sind uns nicht völlig sicher.« nenbauer, die nicht ständig neue Proto-
terie mehr bewegt, funktioniert die bizarre Google lotet schon jetzt aus, welche An- typen am Quantenrechner simulieren, kei-
Welt der Quantenmechanik.  wendungen interessierte Konzerne genau ne Chance mehr haben.
Der Kern, der eigentliche Quantenchip, brauchen, wie die Software aussehen muss, »Wir müssen jetzt schon quantenbereit
ist kaum fingernagelgroß. Er sitzt fast un- wie die Hardware. Noch in diesem Jahr sein, um dann sofort loslegen zu können,
sichtbar am untersten Ende eines knapp
zwei Meter langen Gewirrs aus Kabeln, Me-
tallplatten und Leitungsbahnen. Einen Tran-
sistor gibt es nicht. »Das hier ist ein völlig
anderes Biest, gemacht für das Multiver-
sum«, sagt Neven. Deswegen werden Quan-
tencomputer auch nicht den normalen PC
auf dem Schreibtisch ablösen, sie werden auf
absehbare Zeit nur für spezielle, extrem kom-
plizierte Aufgaben zum Einsatz kommen.
Derzeit arbeiten alle Quantencomputer-
forscher auf ein Ziel hin: den Summit-
Supercomputer am amerikanischen Oak
Ridge National Laboratory zu schlagen,
den derzeit mächtigsten Rechner der Welt.
Die Google-Forscher haben sich dafür ein
konkretes Experiment vorgenommen. Ihr
Quantenprozessor soll eine Rechenaufga-
be in wenigen Sekunden lösen, für die der
herkömmliche Supercomputer eine Wo-
che braucht. Dann wäre erstmals die

RAMON HAINDL / DER SPIEGEL


»Quantum Supremacy« bewiesen, die ex-
STEPHEN LAM / REUTERS

perimentell bestätigte Überlegenheit der


Quanten. Neven ist optimistisch, schon in
den kommenden Monaten so weit zu sein.
»Daran arbeiten wir wie die Wahnsin-
nigen, opfern unsere Wochenenden und
selbst die Weihnachtsferien«, sagt Neven. Quantencomputer bei der Nasa, Physiker Marthaler: Selbst für Genies schwer
Mit im Rennen sind IBM und Microsoft,
aber Neven will unbedingt als Erster
durchs Ziel, es geht um viel, es wäre »ein will der Konzern die »Google Quantum wenn die Technologie voll da ist«, sagt
nobelpreiswürdiges Resultat.« Cloud« so weit haben, dass externe Un- Max Riedel, der sich bei Siemens um die
Die bewiesene Überlegenheit wird je- ternehmen auf Nevens Quantenprozesso- Zukunftstechnologie kümmert. Er nennt
doch nur der Startschuss sein für den Be- ren zugreifen können. sich selbst »Quantenevangelist«, weil er
ginn der neuen Computerära. Bis ein für Google hat dazu insbesondere zu deut- seine Kollegen davon überzeugen muss,
den Routinegebrauch einsatzbereiter Quan- schen Unternehmen enge Kontakte ge- sich heute mit eventuellen Möglichkeiten
tenrechner steht, werden wohl noch rund knüpft, zum Beispiel zu VW und Daimler. einer Technologie zu befassen, die frühes-
zehn Jahre vergehen. Denn noch machen Nicht nur wegen Nevens Herkunft, son- tens in fünf, vielleicht auch erst in zehn
die Quantenprozessoren Fehler, winzige dern weil »gerade die traditionelle Indus- Jahren reif sein wird.
zwar, aber sie summieren sich im Laufe trie besonders von Quantenanwendungen »Viele Abteilungsleiter antworten mir:
der Rechenoperationen. profitieren wird«. Nahezu alle führenden Komm wieder, wenn es funktioniert«,
Google kann heute seinen Quantenpro- deutschen Industrie- und Technikkonzer- sagt Riedel. Aber was sind schon zehn
zessor rund 30 Mikrosekunden laufen las- ne haben Quantenbeauftragte ernannt, Jahre, wenn es um solche Einschnitte
sen. Wenn die Quantenmaschinen aber manche haben eigene Forschungsgruppen geht? Was wäre gewesen, wenn Siemens
erst einmal die ganze Nacht lang laufen gegründet, darunter Bosch, SAP, Bayer, schon 1997 von einem Smartphone-Evan-
können, werden Rechenoperationen mög- die Telekom und alle Autohersteller. gelisten darauf vorbereitet worden wäre,

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 67


Das Karlsruher Unternehmen hat bis-
lang überhaupt kein Wagniskapital aufge-
nommen. »Wir finanzieren uns allein
durch unsere Aufträge«, sagt Marthaler.
Potenzielle Geldgeber, die seine junge Fir-
ma anschieben wollten, gebe es zwar ge-
nug: »Gespräche führen wir reichlich.«
Aber Marthaler will das Silicon Valley
nicht kopieren. Er sagt: »Hier bei uns weht
mehr der Geist des süddeutschen Mittel-
ständlers.« Und: »Begrenzte Ressourcen
helfen, sich zu fokussieren.«

BLOOMBERG / GETTY IMAGES


Zufälligerweise sitzt der Maschinen-
bauer Trumpf mit einem Ableger im sel-
ben Gebäude wie das Quanten-Start-up,
und für Marthaler kann es kein besseres
Beispiel geben für eine vorsichtige, am
Ende aber erfolgreiche Entwicklung einer
Künftiges Anwendungsgebiet Solarzellenentwicklung: Schon wieder zu spät für Europa? neuen Technologie: Trumpf entwickelte
bereits in den Sechzigerjahren die ersten
Laser-Schneidemaschinen, begann in den
dass sich mit dem iPhone alles ändern Quantentechnologie lassen sich komplexe Achtzigerjahren, sie erfolgreich global zu
würde? Molekülstrukturen simulieren. Solche Si- verkaufen, und ist heute Weltmarktführer.
Die Bundesregierung will vorbauen. mulationen lassen sich heute schon bedingt Marthalers langfristige Pläne sehen so
650 Millionen Euro stellte sie im vergan- auf Supercomputern durchführen, und des- aus: in rund drei Jahren die erste rentable
genen Herbst in Aussicht, »um das Funda- halb hat Marthalers Karlsruher Start-up, Anwendung auf Quantencomputer haben,
ment für eine industrielle Führungsrolle HQS Quantum Simulations, auch schon dann die Nische Simulation besetzen und
in den Quantentechnologien zu schaffen«. erste Kunden, darunter Bosch und BASF. immer weiter verbreitern. In sechs bis sie-
Das klingt nach viel, ist aber doch erstaun- Im Silicon Valley wären Marthaler und ben Jahren mit neuen Algorithmen neue
lich wenig angesichts der eigenen Analyse seine Truppe Stars, sie würden den ganzen Simulationsfelder erobern und die Nische
der Bundesregierung: »Die Möglichkeiten Tag Gespräche führen mit Wagniskapital- dann vollständig dominieren, als Hidden
dieser Technologien sind so groß, dass sie gebern, die sich so anhören würden: Wir Champion der Quantensimulation für Ma-
erhebliche Auswirkungen auf die Wirt- laufen vorneweg beim Rennen um die Zu- terialwissenschaften.
schaft und Gesellschaft haben können und kunftstechnologie des Jahrhunderts, wir Man kann das fokussierte Bescheiden-
auch sicherheitspolitisch von hoher Rele- wollen die Größten in einem neuen Mil- heit nennen, weil es maßvoll und durch-
vanz sind.« liardenmarkt werden, und wir brauchen dacht klingt. Oder ambitionslos und über-
Im deutschen Forschungszentrum Jülich jetzt sofort 200 Millionen Dollar, wir ha- vorsichtig, weil Google derweil plant, die
soll ein besonders leistungsfähiger euro- ben bereits Weltkonzerne als Kunden. Es Klimakatastrophe aufzuhalten und ein
päischer Quantencomputer ans Netz ge- ginge darum, rasend schnell zu expandie- Quantencloudangebot für alle Unterneh-
hen – und ähnlich wie die Google-Prozes- ren – so wie es Uber, Facebook, Amazon men der Welt zu schaffen. Ganz sicher il-
soren über die Cloud für Nutzer aus aller vormachen. lustriert es eine Mentalitätsfrage, die junge
Welt zugänglich sein. Das Projekt wird deutsche Unternehmer unterscheidet von
vom Quanten-Flaggschiffprogramm der den Tech-Eroberern in Kalifornien und die
EU finanziert, die Federführung liegt bei Vorreiter dazu führt, dass in Deutschland viele klei-
deutschen Experten der Saar-Universität. Patentanmeldungen zum Quantencomputing ne Hidden Champions entstanden sind –
Ein Anfang, aber noch nicht der große von 1991 bis 2017 und in den USA die erfolgreichsten Kon-
Ruck, den es braucht, um eine neue Tech- zerne der Welt. Die Frage ist, wer bei die-
nologie zu erobern. Das ist erstaunlich USA 506 sem rasenden Fortschritt auf lange Sicht
leichtsinnig für eine Nation, die ihr Selbst- besser fährt.
bewusstsein vor allem aus ihrer ökonomi- Japan 207 Neulich waren Hartmut Neven, der
schen Vormachtstellung bezieht. Es geht Quantenchef von Google, und Professor
letztlich um eine große Frage: Gibt es wirk- Kanada 173 Tommaso Calarco von der Universität
lich ein Zukunftsmodell Deutschland, eine Ulm gemeinsam zum Mittagessen. Calarco
Vision, wohin das Land abseits seiner kri- China 59 koordiniert wesentlich das Quanten-
selnden Autoindustrie will? Oder reicht es, Flaggschiffprogramm der EU und wollte
das Modell der Wirtschaftswunderjahre Australien 44 von den Google-Leuten vor allem eine Ein-
immer wieder aufzuwärmen – akribisch schätzung hören: Ist es auch bei dieser
vor sich hin wurschteln, mittelständische Südkorea 37 Technologie schon wieder zu spät für
Hidden Champions bauen, und am Ende Europa?
Großbritannien 35
können Bosch und Siemens auch irgend- »Nein«, sagte Neven. »Das Rennen ist
wie künstliche Intelligenz?  Deutschland 25 noch nicht zu Ende.« Aber nur wenn
Über solche Fragen kann man sich gut Europa, wenn vor allem Deutschland end-
mit Quantenforscher Marthaler unterhal- Italien 12 lich Mut zeige, richtig loszustürmen:
ten. Er ist überzeugt, dass die ersten Quan- »Klotzen und nicht kleckern«, sagte Neven.
tenanwendungen für die Industrie vor al- Finnland 9 »Nur so kann das noch was werden.«
lem in Materialwissenschaften, Chemie und Mail: thomas.schulz@spiegel.de
Pharmazie entstehen werden, denn mit Quelle: European Commission Joint Research Centre

68 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


EXCELLENCE. SIMPLY DELIVERED.
SINCE THE SUMMER OF ’69.
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NIELS STARNICK / BILD AM SONNTAG
Künftiger Daimler-Chef Källenius

Ende der Sneakers-Ära


verpassen. »Die Zeit ist reif, um eine wirk-
lich breite Elektroflotte in den Markt zu
bringen«, sagte er und verkündete am ver-
gangenen Montag einen kühnen Plan:
Daimlers Produktpalette soll bis 2039
Konzerne Der scheidende Daimler-Chef Dieter Zetsche hinterlässt komplett CO²-neutral werden. Fahrzeuge
seinem Nachfolger viele Probleme. Ola Källenius muss den mit Benzin- und Dieselmotor sollen nach
Autohersteller radikal umbauen und wütende Politiker beruhigen. und nach verschwinden.
Die Ziele sind radikal. Es ist keines-
wegs sicher, dass die Kunden in ein paar

N och fährt Dieter Zetsche, 66, mor-


gens mit einer schwarzen Maybach-
Limousine am Daimler-Vorstandsge-
bäude in Stuttgart vor. Bis Mittwoch, dann
Auch die Dieselvergangenheit lässt
Daimler nicht los. Seit Februar läuft ein
Bußgeldverfahren. Zudem ermittelt die
Staatsanwaltschaft wegen Betrugsver-
Jahren massenhaft E-Autos kaufen wer-
den. Der Neue glaubt an eine »angebots-
induzierte Nachfrage«. Soll heißen: Wenn
Millionen von Elektromobilen erst ein-
tritt Deutschlands bekanntester Autoboss dachts gegen Daimler-Mitarbeiter. Der mal auf dem Markt sind, werden die Kun-
nach 13 Jahren ab – es ist das Ende einer Konzern bestreitet, betrogen zu haben. den schon zugreifen. Beim Wettbewerber
Ära. Mit seinem lässigen Äußeren – Walross- Und so ruhen nun alle Hoffnungen auf VW, der schon zuvor beschlossen hat, auf
bart, Jeans und Sneakers – hat Zetsche sich Zetsches Nachfolger. Ola Källenius, 49, E-Mobilität zu setzen, jubeln die Mana-
selbst zur Marke entwickelt. Er ist inzwi- soll Daimler vom Dieseldunst befreien und ger: endlich ziehe Daimler mit.
schen fast so populär wie Mercedes. in eine emissionsfreie Zukunft führen. Von Källenius hat sein ganzes Berufsleben –
Doch beide Marken, Zetsche und Mer- ihm wird es abhängen, ob Mercedes weiter 26 Jahre – bei Daimler verbracht. Von sei-
cedes, haben zuletzt Kratzer abbekom- eine führende Weltmarke bleibt – oder nen Mitarbeitern wird er geschätzt, ebenso
men. Seinem Nachfolger hinterlässt der von Rivalen wie Tesla eingeholt wird. von Rivalen. Källenius gilt als machtbe-
Daimler-Chef einen verunsicherten Konzern. Viel Zeit bleibt ihm nicht. »Wenn Daim- wusst, hart in der Sache, aber konziliant
Zwar ist der Autobauer immer noch der ler den Strukturwandel weiter ver- im Umgang. Während Zetsche auf Kritik
größte Premiumhersteller der Welt, aber schleppt, droht dem Konzern langfristig oft barsch reagiert, geht sein Nachfolger
ein Pionier ist er nicht mehr. Andere meis- das gleiche Schicksal wie dem Ruhrge- auf Andersdenkende zu.
tern den Wandel zur E-Mobilität schneller biet«, warnt Bert Flossbach. Seine Vermö- Vor einiger Zeit lud Källenius eine Hass-
oder arbeiten profitabler. Um aufzuholen, gensverwaltung Flossbach von Storch figur der Branche ein: Axel Friedrich,
musste Zetsche die Entwicklungskosten zählt zu den zehn größten Aktionären von Berater der Deutschen Umwelthilfe, die
nach oben schrauben – ausgerechnet jetzt, Daimler. unter Autobossen als »Abmahnverein«
da die Absatzmärkte rund um den Globus Källenius hat bereits vor Amtsantritt be- verschrien ist. Friedrich gilt auch bei
schwächeln. gonnen, Mercedes ein grüneres Image zu Daimler-Leuten als missionarischer Eife-

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Wirtschaft

rer, seit er Mercedes-Fahrzeuge mit eige- Start-up-Kultur verbinden, wie sie Tesla Abschalteinrichtungen enthalten. Laut
nen, portablen Messgeräten untersuchte oder Google auszeichne. Daimler sind das »Spekulationen, die wir
und verräterische Werte aufdeckte, die Der neue Daimler-Chef selbst ist kein nicht kommentieren«. Doch die Droh-
auf illegale Abschalteinrichtungen hin- Ingenieur, sondern Betriebswirt. Das kann kulisse schien Wirkung zu entfalten.
deuteten. von Vorteil sein, weil er zu Kompromissen Zetsche sagte Scheuer zu, der Konzern
Källenius störte das nicht. Er diskutierte bereit sein dürfte, die für seine Vorgänger werde jeden Autofahrer, der einen Daim-
mit Friedrich über seine E-Mobilitätsoffen- kaum vorstellbar waren. Und zu neuen ler nachrüsten lasse, mit 3000 Euro un-
sive – und über die Widerstände, auf die Bündnissen. terstützen. Gleichzeitig beließ es das
er im Konzern stößt. Källenius trägt bei Källenius tauscht sich sogar mit dem Verkehrsministerium beim Rückruf von
solchen Gelegenheiten übrigens meist Le- Erzrivalen BMW intensiv aus. Während europaweit rund 700 000 Autos. Ein
derschuhe, keine Sneakers. die Konkurrenten unter Zetsche oft im schmutziger Deal? Daimler bestreitet das:
Friedrich kommt seither nur Lob über Clinch lagen, kann Källenius die Partner- »Eine solche Absprache gab es nicht.«
die Lippen. Der neue Mann höre zu, wolle schaft gar nicht weit genug gehen. Die Die Verstimmung jedenfalls blieb, auf
die Sichtweise der Umweltverbände ver- Autokonzerne arbeiten bereits bei Mobi- beiden Seiten. Erst kürzlich kündigte
stehen. »Er ist nicht arrogant oder von litätsdiensten zusammen, künftig auch Daimler an, kein Geld mehr für Parteien
oben herab«, sagt der Daimler-Kritiker – beim autonomen Fahren. zu spenden. Von vielen wird das als
Wesensmerkmale, die er von Zetsche und Seine Sparringspartner bei BMW müs- Retourkutsche gewertet. Thomas Bareiß
seinen Leuten gewohnt war. sen Källenius’ Eifer manchmal geradezu (CDU), Staatssekretär im Bundeswirt-
Die Fähigkeit zum Ausgleich wird Käl- bremsen. Schließlich stehe man immer schaftsministerium, bezeichnete den
lenius brauchen. Ihm stehen Konflikte noch im Wettbewerb. Gemeinsame Fahr- Schritt als »verantwortungslos, demokra-
ins Haus. Um die milliardenschweren In- zeugplattformen, die der künftige Daim- tiegefährdend, dumm«.
vestitionen in E-Mobilität und Digitalisie- ler-Chef sich vorstellen kann, soll es erst Zumal der Abgasskandal für den Kon-
rung stemmen zu können, muss gespart einmal nicht geben. Doch klar ist: Das Ver- zern längst nicht ausgestanden ist. Die
werden, wohl auch bei den Jobs. Rund hältnis der beiden Premiumhersteller wird Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt
10 000 Stellen könnten wegfallen, wurde sich grundlegend ändern. bislang zwar nur gegen Mitarbeiter unter-
zuletzt spekuliert. Konzernkenner glau- Auch mit dem chinesischen Großaktio- halb des Vorstands. Das könnte sich indes
ben, dass nicht einmal das ausreichen när Li Shufu wird Daimler wohl enger zu- ändern, sollten die Ermittler die gleiche
wird. sammenrücken. Der Kleinwagen Smart ist Strategie einschlagen wie ihre Münchner
»Die Produktionsstruktur ist nicht mehr künftig eine deutsch-chinesische Gemein- Kollegen im Fall Audi: Dort musste Vor-
zeitgemäß«, sagt Fondsmanager Floss- schaftsproduktion. Li und Källenius haben standschef Rupert Stadler in Untersu-
bach. Alle müssten Opfer bringen – Ar- bereits ausgelotet, wie sich die Zusammen- chungshaft. Unter seiner Ägide sollen
beitnehmer, Management und Aktionäre. arbeit noch vertiefen ließe. auch dann noch Autos verkauft worden
»Angesichts des hohen Investitionsbedarfs Die größte Altlast aus der Ära Zetsche sein, als jedem klar sein musste, dass sie
wäre eine niedrigere Dividende angemes- wird Källenius jedoch nicht mit ein paar unzulässige Software enthielten. Stadler
sen«, so Flossbach. Die Aktionäre kritisie- netten Treffen beiseiteräumen können: die beteuert seine Unschuld.
ren auch die hohen Pensionslasten, allein politischen und juristischen Verwerfungen Einen ähnlichen Vorwurf könnten die
Zetsche hat als Rentner Ansprüche im aus der Dieselaffäre. Das Verhältnis von Staatsanwälte nun gegen das Daimler-Ma-
Wert von 42 Millionen Euro. Daimler zur Politik bleibt angespannt, ein nagement erheben. Schließlich ist die Lis-
Die Spargerüchte versetzen Betriebs- Insider nennt es sogar »total vermurkst«. te der betroffenen Mercedes-Modelle lang,
räte und Gewerkschafter in Alarmbereit- Was vor allem an Zetsche liegt. Autos mit zweifelhafter Software wurden
schaft. »Plumpes Kostenschrubben ist Der hatte noch im Januar 2016 erklärt, zum Teil noch 2018 produziert. Daimler
noch keine Strategie«, sagt Daimler-Be- »bei uns wurden keine Abgaswerte mani- bestreitet, gegen Gesetze verstoßen zu ha-
triebsratschef Michael Brecht. »Sparen ist puliert«. Wenige Monate später entdeckte ben. Der Konzern hat Widerspruch gegen
nicht das einzig Entscheidende dafür, ob das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) Abschalt- den Rückruf des KBA eingelegt.
es uns künftig noch gibt oder nicht.« Daim- einrichtungen, die aus Sicht der Behörde Källenius hat eigentlich keine Zeit, sich
ler beteuert, konkrete Zahlen stünden unzulässig waren. Die Daimler-Vertreter mit der Vergangenheit zu beschäftigen.
noch nicht fest. stritten jegliches Fehlverhalten ab. Die Aktionäre treiben ihn an, wollen Er-
Noch schwieriger wird Vergangenes Jahr wurde gebnisse sehen. Ihnen schwebt ein Kon-
es für Källenius, die Kultur es selbst dem autofreundli- zern vor, in dem die einzelnen Sparten
zu ändern. Bei Daimler do- Innovationsschub chen Verkehrsminister An- eigenständiger agieren können. So wie es
minieren wie in der gan- Forschungs- und Entwicklungs- dreas Scheuer zu bunt. Im die von Zetsche angestoßene Holding-
zen Branche immer noch ausgaben bei Mercedes-Benz*, Herbst versuchte der CSU- struktur ermöglicht. Als ersten Schritt for-
die Ingenieure. Dabei weltweit in Mrd. € Politiker, die Konzernbosse dern sie einen Börsengang der Lkw-Sparte.
braucht die Firma zuneh- 13,8 zu Nachrüstungen zu drän- Geht alles gut, könnte Zetsche in zwei
mend IT-Experten, die das gen, um Dieselfahrverbote Jahren zu Daimler zurückkehren. Dann
Auto mit dem Internet ver- zu verhindern. Um den will er Chef des Aufsichtsrats werden.
knüpfen. Druck auf Daimler zu er- Voraussetzung ist, dass er nicht noch stär-
Ein Unternehmensbera- höhen, griff er auf die Er- ker in den Sog der Dieselaffäre gerät.
ter, der selbst im Konzern 8,2 kenntnisse des KBA zu- Einen mächtigen Fürsprecher hat der
gearbeitet hat, beschreibt rück. Manager bereits gefunden: Großaktionär
die Kultur bei Daimler als Der Minister signalisier- Li Shufu, heißt es in seinem Umfeld, soll
einen »langsam dahinflie- te Zetsche angeblich, dass sich kürzlich für Zetsche als Chefkontrol-
ßenden Strom«, geprägt seine Leute keinen Diesel leur stark gemacht haben.
»von langen Zyklen und aus dem Hause Daimler Simon Hage, Martin Hesse,
Solidität«. Diese alte Inge- für legal erachteten. Der Gerald Traufetter
nieursdenke müsse Källe- 2014 2018 Verdacht: Mehrere Millio- Mail: simon.hage@spiegel.de
nius mit der aggressiveren *inkl. Sachinvestitionen nen Fahrzeuge könnten

71
Wirtschaft

»Ich würde gern komplett


nachhaltig leben«
SPIEGEL-Gespräch Norwegen ist ein Vorbild in grüner Energie, aber auch ein fossiler Gigant.
Kronprinz Haakon versucht zu erklären, wie das zusammenpasst.

Haakon, 45, wohnt nicht im Königlichen Haakon: Oh ja, das tut man, zum Glück. schen müssen ihren eigenen Weg finden.
Schloss in Oslo, das ist seinen Eltern vorbe- Ich fahre gern Auto. Ich kann Ihnen aber sagen, wie es Norwe-
halten, Norwegens Monarchen Sonja und SPIEGEL: Ihr Land ist in Europa die Num- gen gemacht hat. Wer ein E-Auto kauft,
Harald. Aber der Kronprinz hat ein Ar- mer eins, was die Elektromobilität angeht. muss darauf keine Steuer zahlen. Das
beitszimmer in dem klassizistischen Bau, Haakon: Voriges Jahr war in Norwegen je- macht ziemlich viel aus, denn in Norwe-
im zweiten Obergeschoss mit Blick zur der dritte verkaufte Neuwagen ein E-Auto. gen geben wir bis zum Doppelten von
Stadtseite. Über den weißen Flügeltüren Dieses Jahr könnte es fast jeder zweite dem, was ein Neuwagen kostet, noch ein-
prangen goldverzierte Bögen. Auf einem sein. Das Ziel der norwegischen Regierung mal ans Finanzamt ab. Wer ein Elektro-
Regal steht ein Schwarz-Weiß-Bild seiner ist es, dass 2025 alle verkauften Neuwagen auto fährt, darf auch die Busspur benutzen
Frau Mette-Marit, an der Wand hinter dem emissionsfrei sein werden. und kostenlos parken. Außerdem hat die
Schreibtisch hängen Fotos der Kinder. Am SPIEGEL: Es ist irritierend, hier in Oslo Regierung ein landesweites Netz von La-
kommenden Freitag wird der Kronprinz spazieren zu gehen. Wegen der vielen Elek- destationen errichtet. Aber das ist nur ein
zum Greentech Festival nach Berlin reisen, troautos ist der Verkehr auffallend leise. Teil des Verkehrskonzepts. Wir setzen
wo es um Nachhaltigkeit und grüne Mobi- Haakon: Das ist schön, oder? auch auf Züge, Straßenbahnen, Busse.
lität geht. SPIEGEL: Allerdings ist Oslo vermutlich Oder auf Fahrräder. Am besten ist es na-
nicht repräsentativ für Norwegen. türlich, zu Fuß zu gehen.
SPIEGEL: Königliche Hoheit, wir möchten Haakon: Das stimmt. Wir haben in den SPIEGEL: Norwegen hat mehr grüne Ener-
mit Ihnen über Elektroautos reden. Städten weitaus mehr E-Autos als auf dem gie, als es benötigt. Es könnte einmal so
Haakon: Ich muss gestehen, dass ich kein Land. Und es gibt immer noch große Fahr- etwas wie die Batterie Europas werden.
typischer Autonarr bin. Es gibt Menschen, zeuge mit Verbrennungsmotoren, die sehr Was halten Sie von der Idee?
vorwiegend sind es wohl Männer, die alles laut sind. E-Autos machen selbst in Nor- Haakon: Das ist auf jeden Fall eine Per-
über die Leistung von Autos wissen. Ich wegen bislang nur acht Prozent aller Fahr- spektive. Deutschland und Norwegen ar-
gehöre nicht dazu. Aber ich mag Elektro- zeuge aus. Wir haben noch einiges zu tun. beiten ja bereits zusammen. In der Nord-
autos, sehr sogar. SPIEGEL: Was kann Deutschland von Nor- see wird gerade ein Stromkabel verlegt,
SPIEGEL: Woher kommt das? wegen lernen, wenn es um Elektromobili- das die Länder verbindet …
Haakon: Als ich klein war, fand ich es tät geht? SPIEGEL: … Nordlink.
wahnsinnig aufregend, ferngesteuerte Au- Haakon: Länder lernen ständig voneinan- Haakon: Es soll grünen Strom über Gren-
tos zusammenzubauen. Ich habe dabei der, Norwegen von Deutschland wie hof- zen hinweg transportieren. Wenn Deutsch-
viel gelernt: wie Einzelteile zu einem Gan- fentlich auch umgekehrt. Allerdings möch- land gerade viel Wind und Sonne hat, im-
zen werden und was am Ende Tolles dabei te ich ungern Ratschläge geben, die Deut- portieren wir Energie nach Norwegen.
herauskommt. E-Autos bringen mir dieses Währenddessen speichern wir mehr Was-
Gefühl aus meiner Kindheit zurück. ser in unseren Becken. Hat Deutschland
SPIEGEL: Besitzen Sie ein E-Auto? Fossile Power mal wenig Wind und Sonne, kann es un-
Haakon: Seit 15 Jahren schon. Mein erstes Deutschlands Erdöl- und Erdgaslieferanten, sere Reserven für Wasserkraft nutzen. Ein
kam aus Norwegen, es war ziemlich klein Anteile in Prozent Kabel ist nicht genug, aber es ist ein An-
und hieß Think. Es brachte mich morgens fang.
Erdöllieferanten Erdgaslieferanten
zum Königlichen Schloss, ich wohne 20 2018 1. Halbjahr 2018 SPIEGEL: Norwegen gewinnt 95 Prozent
Minuten entfernt von hier, und an guten seines Stroms aus Wasserkraft. Das ist be-
Tagen auch zurück. Jedenfalls in den ers- merkenswert.
ten Jahren, als es neu war. Später musste Haakon: Wir sind mit erneuerbaren Res-
ich es zwischendurch aufladen, um sicher- 36,3 Russland 39,0 Russland sourcen gesegnet. Mit Wasserkraft hat die
zugehen, dass es den Heimweg schafft. Es Industrialisierung Norwegens begonnen.
hatte seine Tücken. Ich wäre mehrere Male Norwegische Unternehmen investieren
beinahe auf der Autobahn stehen geblie- 11,8 Norwegen auch in die Entwicklung von Solarenergie.
ben. Seither hat sich zum Glück einiges 8,5 Libyen 31,2 Niederlande Ebenso fließt Geld in Windkraft, und ein
geändert. Es gibt wirklich gute Alternati- 8,0 Kasachstan beträchtlicher Teil der Forschung beschäf-
ven zu Autos mit Verbrennungsmotoren. 7,8 Großbritannien tigt sich mit der Entwicklung von Offshore-
SPIEGEL: Sitzt man als Kronprinz eigent- Windanlagen. Bislang sind sie vergleichs-
lich selbst am Steuer?
27,6 sonstige 26,3 Norwegen weise teuer, aber wir hoffen, dass sich das
ändern wird.
Das Gespräch führten die Redakteure Alexander Jung 3,5 sonstige SPIEGEL: Andererseits gehört Ihr Land zu
und Alexander Kühn in Oslo. Quelle: Bafa Europas größten Exporteuren von Öl und

72
JEPPE BØJE NIELSEN / DER SPIEGEL
Thronfolger Haakon in seinem Arbeitszimmer: »Ich bin kein Aktivist«

Gas. Norwegen ist ein grünes Vorbild, ver- rung aus. Verzeihen Sie bitte, aber: Nor- geschehen sollen. Es wäre besser gewesen
dankt seinen Reichtum aber fossilen wegen, das Öl und Gas liefert, selbst je- für die Welt.
Brennstoffen. Das ist ein Widerspruch. doch von erneuerbarer Energie lebt – das SPIEGEL: Sie klingen jetzt wie ein Akti-
Haakon: Ich verstehe, was Sie meinen. erinnert uns an einen Drogendealer, der vist.
Der Handel mit Öl und Gas gehört seit gefährlichen Stoff verkauft und die Erlöse Haakon: Ich bin kein Aktivist.
vielen Jahren zur norwegischen Wirt- dafür nutzt, sich und seine Familie gesund SPIEGEL: Wie sehen Sie eigentlich Ihre
schaft. Die Welt ist noch immer abhängig und fit zu halten. Rolle als Kronprinz: ein grünes Vorbild,
von fossiler Energie, aber wir müssen da- Haakon: Ich denke nicht, dass das ein ge- der oberste Umweltschützer des Landes?
von wegkommen. Wir brauchen den Wan- eigneter Vergleich ist. Haakon: Meine Rolle ist nicht politisch.
del hin zu erneuerbaren Energien, und SPIEGEL: Aber sehen Sie nicht auch eine Aber natürlich versucht die königliche Fa-
Norwegen arbeitet daran, ihn zu beschleu- gewisse Doppelmoral, wenn ein Land, des- milie, ihren Beitrag zu leisten. Auf dem
nigen. Wir müssen als Weltgemeinschaft sen Wohl von Öl und Gas abhängt, die grü- Dach des Königlichen Schlosses hier in
eine Lösung finden, aber wir können auch ne Wende vorantreiben soll? Oslo haben wir Solarzellen anbringen las-
als Nationalstaaten eine Menge tun. Haakon: Die Position der Regierung ist, sen. Es gibt eine Umweltgruppe, die von
SPIEGEL: Heißt das, Norwegens Öl- und dass wir die Energiewende wollen. Ich meiner Frau geleitet wird. Diese Gruppe
Gassektor wird an Bedeutung verlieren? selbst finde es fantastisch, dass Wind- und überlegt, wie wir nachhaltiger wirtschaften
Haakon: Ja, das wird so kommen. Sonnenenergie in den vergangenen Jahren können, es geht um die Vermeidung von
SPIEGEL: In fünf Jahren, in zehn? immer wettbewerbsfähiger geworden sind. Müll und ums Energiesparen. Dasselbe tun
Haakon: Wir fördern heute schon weniger In vielen Fällen ist Solarstrom billiger zu wir auf Gut Skaugum, wo wir wohnen. Im
Öl als früher. erzeugen als Kohlestrom. Wir sind an dem vergangenen Jahr hat meine Frau angeregt,
SPIEGEL: Die Industrie aber will in den Punkt angelangt, an dem die Preise uns dass wir bei uns zu Hause auf Plastik ver-
nächsten Jahren neue Ölfelder erschließen. helfen. Ich bin überzeugt, dass die Wende zichten sollten.
Das sieht nicht nach einer Richtungsände- kommen wird. Das hätte schon viel früher SPIEGEL: Mit Erfolg?

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 73


Wirtschaft

Zugriff aus
Haakon: Plastik ganz aus unserem Leben wusst. Andererseits ist es auch wichtig,
zu verbannen ist schwer. Das fängt beim Menschen persönlich zu treffen, wenn
Essen an, das in Plastik verpackt ist. Im- man etwas bewirken will.

Fernost
merhin haben wir es geschafft, unseren SPIEGEL: Ist Fliegen Ihre größte Umwelt-
Verbrauch drastisch zu reduzieren. sünde?
SPIEGEL: Ihre Tochter Ingrid Alexandra Haakon: Vermutlich ja. Außerdem lebe
ist jetzt 15, Ihr Sohn Sverre Magnus 13 Jah- ich in einem ziemlich großen Haus, auch
re alt. Erziehen Sie und Ihre Frau die bei- mein Büro befindet sich in einem großen Datensicherheit Das Erfolgs-
den zum Umweltschutz? Haus. Ich würde gern komplett nachhaltig Start-up Teamviewer wurde Op-
Haakon: Sie erziehen uns. In der Schule leben. Davon bin ich um einiges entfernt.
lernen sie zum Glück viel darüber. Ich bemühe mich aber, meinen CO2-Fuß- fer eines Cyberangriffs. Experten
SPIEGEL: Haben Ihre Kinder schon mal abdruck zu verkleinern. vermuten dahinter Hacker im
die Idee geäußert, freitags für den Klima- SPIEGEL: Haben Sie eine Ahnung, wie
Auftrag des chinesischen Staates.
schutz auf die Straße zu gehen anstatt zum groß er ist?
Unterricht? Haakon: Vermutlich größer als jener der
Haakon: Unsere Kinder gehen freitags zur
Schule, der Klimaschutz liegt ihnen trotz-
dem am Herzen. Weltweit protestieren
junge Leute gegen die bisherige Klimapoli-
meisten anderen Menschen.
SPIEGEL: In früheren Jahrhunderten war
der Adel berühmt für seine Dekadenz.
Heute geben sich Mitglieder europäischer
F ür die Softwareschmiede Team-
viewer aus Göppingen liefen die
Geschäfte in den vergangenen Jahren
prächtig. Das 2005 gegründete Start-up
Königshäuser als grüne ist eines der wenigen deutschen »Tech-Uni-
Pioniere. Hilft das auch corns« – jener jungen Unternehmen also,
dem royalen Image? die es auf eine Bewertung von mehr als
Haakon: Ich betrachte mich einer Milliarde Dollar bringen.
nicht als Pionier. Ich bin auch Der Clou seiner Software: Man kann
kein Politiker. Wir haben damit von jedem Rechner auf andere End-
eine konstitutionelle Monar- geräte und deren Inhalte zugreifen. Viele
chie in Norwegen. Es ist an Anwender nutzen das kostenlose Privat-
den Politikern, die knappen angebot, etwa um sich mit dem eigenen
Ressourcen zu verteilen, Rechner zu Hause zu verbinden. Unter-
nicht an der königlichen Fa- nehmenskunden organisieren damit unter
milie. Meine Rolle gestattet anderem ihren IT-Support. Techniker aus
es mir nicht, mich an politi- der Zentrale greifen per Teamviewer auf
schen Debatten zu beteili- die Computer von Angestellten überall auf
gen, aber ich kann meine dem Globus zu. Das spart Zeit, Nerven
Stimme erheben, wenn es und Reisekosten. Insgesamt, so wirbt das
um die großen Herausforde- Unternehmen, sei die Software auf knapp
rungen der Menschheit geht. zwei Milliarden Geräten aktiviert worden.
SPIEGEL: Wenn es also da- Der Zugriff auf entfernte Rechner ist
rum geht, ob in der Arktis komfortabel – aber anfällig für Missbrauch.
nach Öl oder Gas gebohrt Sicherheit gehört deshalb zu den wichtigs-
werden soll, halten Sie sich ten Produktversprechen der Schwaben.
SOCIALMEDIASERVICE / DDP

zurück. Doch offenbar gab es bei der Firma


Haakon: Es ist nicht an selbst einen erfolgreichen Hackerangriff,
mir, diese Frage zu klären. hinter dem Experten staatliche Auftrag-
Ich halte mich aus politi- geber vermuten. Der bislang öffentlich
schen Kontroversen heraus. nicht bekannt gewordene Vorfall flog in-
SPIEGEL: Fällt das mitun- tern im Herbst 2016 auf. Da schlummerte
Kronprinzessin Mette-Marit (M.) beim Müllsammeln 2015 ter schwer? die Schadsoftware bereits rund zwei Jahre
»Zu Hause auf Plastik verzichten« Haakon: Für gewöhnlich im Firmennetz. Die Kunden der Firma er-
nicht. Ich weiß, was meine fuhren davon bislang nichts.
Rolle ist. Der Fall zeigt erneut, wie verwundbar
tik, inspiriert von der schwedischen Schü- SPIEGEL: Frustriert es Sie eigentlich, wenn die deutsche Wirtschaft ist. Laut einer
lerin Greta Thunberg. Ich halte diese Be- die Öffentlichkeit mehr an Klatsch über Bitkom-Studie entstand durch Spionage
wegung für enorm wichtig. Womöglich Sie und Ihre Gattin Mette-Marit interessiert und Datendiebstähle in den Jahren 2016
wird sie uns im Rückblick einmal als ein ist als an Ihren Botschaften zum Klimaschutz? bis 2018 ein Gesamtschaden von mehr als
historischer Moment erscheinen. Als ein Haakon: Natürlich würde ich mir wün- 43 Milliarden Euro, sieben von zehn deut-
Moment, in dem es möglich wurde, den schen, dass die Medien sich mehr auf un- schen Industrieunternehmen waren von
Wandel einzuleiten, der längst notwendig sere Anliegen konzentrierten. Aber frus- Cyberattacken betroffen.
gewesen wäre. Die Schüler sagen, wir tun triert bin ich nicht. Ich bin dankbar, in ei- Teamviewer räumt den Vorgang gegen-
nicht genug, um die Erde zu schützen. Of- ner Position zu sein, in der ich öffentlich über dem SPIEGEL nun erstmals ein: »Es
fensichtlich haben sie recht. ansprechen kann, was mir wichtig ist. Und gibt Indizien dafür, dass ein Angriff aus
SPIEGEL: Zu Ihrer Arbeit gehört es, dass ich habe die Möglichkeit, jeden Tag be- dem Herbst 2016 in der Tat auf die soge-
Sie häufig im Flugzeug sitzen. Tun Sie es eindruckende Menschen zu treffen, von nannte Winnti-Gruppe zurückgeht.«
mit schlechtem Gewissen? denen ich lerne. Das Schadprogramm namens »Winnti«
Haakon: Ja, ich fliege viel. Dass das die SPIEGEL: Königliche Hoheit, wir danken setzten Angreifer bereits bei ähnlichen At-
Umwelt schädigt, ist ein Problem, das wir Ihnen für dieses Gespräch. tacken gegen die Dax-Konzerne Bayer
noch nicht gelöst haben. Das ist mir be- und Thyssenkrupp ein. Nach Ansicht von

74 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


TEAMVIEWER.COM
Teamviewer-Zentrale in Göppingen: Alle »Systeme komplett überprüft, bereinigt und neu aufgestellt«

IT-Sicherheitsexperten wird es von Grup- gehabt haben, den Quellcode zu verändern ten Drittparteien war eine breite Informa-
pen genutzt, die im Auftrag des chine- und eigene Zugänge einzubauen – um spä- tion an die Kunden hier nicht angezeigt.«
sischen Staates operieren. Wie bei Netz- ter bei denjenigen ein Einfallstor zu haben, Intern nahm man die Sache offenbar
angriffen typisch, ist eine zweifelsfreie die sich die Software des Unternehmens ernst. Ende des Jahres 2016 gab Teamvie-
Zuordnung kaum möglich. Die Indizien herunterladen. wer eine Generalüberholung der eigenen
seien aber erdrückend, sagt Andreas Rohr, Die Gruppen, die Winnti einsetzen, IT-Infrastruktur in Auftrag. Es handle sich
technischer Direktor der Deutschen Cyber- sind schon früher durch ein solches Vor- um einen »radikalen Schnitt«, schrieb der
Sicherheitsorganisation (DCSO), die von gehen aufgefallen. Sie manipulierten etwa Dienstleister über seinen Großauftrag bei
Teamviewer beim Herausdrängen der den Code von Onlinespielen; wer die lud, Teamviewer, die IT-Landschaft werde
Angreifer eingebunden wurde. »Die Schad- holte sich eine gefährliche Hintertür auf »komplett neu aufgesetzt«, um für mehr Si-
software stammt mit hoher Wahrschein- den Rechner. cherheit zu sorgen: »Hintertüren im Quell-
lichkeit von einer chinesischen Söldner- Bei Teamviewer heißt es dazu, die eige- code werden ebenfalls ausgeschlossen.«
gruppe, welche gegen Bezahlung ziel- nen Systeme hätten den Angriff »rechtzei- Das Unternehmen spricht auf Anfrage
gerichtete Angriffe und Kampagnen im tig genug entdeckt, um größere Schäden zu von einer »Vorsichtsmaßnahme«, bei der
Internet ausführt.« Ihr Zielspektrum folge verhindern«. Man habe interne und exter- man alle »Systeme einmal komplett
den Vorgaben des aktuellen Fünfjahres- ne Spezialisten sowie Ermittlungsbehörden überprüft, bereinigt und neu aufgestellt«
plans der chinesischen Regierung, die Vor- eingeschaltet und »keine Belege dafür ge- habe – so sei das eigene Rechenzentrum
gehensweise der Täter sei identisch mit der funden, dass Kundendaten entwendet« neu aufgebaut worden. Über die durch
bei den beiden Dax-Konzernen: »Wir sind oder »Computersysteme von Kunden infi- den Angriff entstandenen Kosten wollte
sicher, dass es sich um dieselbe Angreifer- ziert wurden«. Auch habe man »keinen Be- Teamviewer keine Angaben machen. Ins-
gruppe handelt.« leg dafür, dass der Quellcode manipuliert, gesamt sei in die IT-Sicherheit seither ein
Der Fall ist politisch auch deshalb brisant, entwendet oder in anderer Form miss- hoher einstelliger Millionenbetrag geflos-
weil darum gerungen wird, wie westliche bräuchlich genutzt wurde – selbst wenn Tei- sen, heißt es in Unternehmenskreisen.
Regierungen mit dem chinesischen Tele- le davon gesehen worden sein sollten«. Die Mittel sind sicher gut investiert, denn
kommunikationsgiganten Huawei umge- Deshalb habe man sich auch dagegen Teamviewer will künftig noch stärker im
hen sollen. Die US-Regierung drängt ihre entschieden, die Kunden zu warnen: »Nach Internet der Dinge mitmischen – schon jetzt
Partner seit Langem, den Konzern vom übereinstimmender Meinung aller relevan- nutzen Kunden die Software etwa zur Fern-
Aufbau der neuen 5G-Netze auszuschlie- steuerung von Windkraftanlagen. Seit 2014
ßen – mit Verweis auf Spionagerisiken. Erst ist der Finanzinvestor Permira Eigentümer
am Mittwoch erließ US-Präsident Donald Die Fern-Steuerung der Firma, die er damals für rund eine Mil-
Trump ein Dekret, das Geschäfte zwischen Mit Software des Tech-Unternehmens Teamviewer liarde Dollar erwarb. Der Investor drängt
Huawei und US-Unternehmen weiter er- kann aus der Ferne auf Rechner und andere Geräte auf weiteres Wachstum. Zuletzt gab es in
schwert. Die Winnti-Attacken scheinen die zugegriffen werden. der Finanzbranche Hinweise darauf, dass
Kritiker zu bestätigen: Wie einem staatsna- ein Börsengang vorbereitet wird.
hen Konzern wie Huawei vertrauen, wenn Einen Teil der aktuellen Wachstums-
chinesische Hacker in staatlichem Auftrag strategie kann man dabei durchaus als
deutsche Unternehmen ausspionieren? Gegenangriff interpretieren, allerdings mit
Aus der Perspektive eines fremden Der Computer zu Hause lässt sich von
legitimen Mitteln. Teamviewer soll näm-
Nachrichtendienstes ist Teamviewer ein überallher bedienen. Unternehmen wickeln lich vor allem in Asien zulegen. Im März
interessantes Ziel. Wie bei vergleichbaren ihren IT-Support über die Software ab, auch eröffnete dafür ein Büro in Shanghai. Man
früheren Angriffen kann es um klassische Onlinekonferenzen sind möglich. wolle so »die Expansion im Schlüssel-
Industriespionage gegangen sein – also um Firmen steuern über Teamviewer markt China vorantreiben«.
das Stehlen von Geschäftsgeheimnissen. Bei Geräte und Anlagen, etwa Bewässerungs- Marcel Rosenbach
Teamviewer ist indes auch ein weiteres systeme, Kassen in Filialgeschäften oder Mail: marcel.rosenbach@spiegel.de
Motiv denkbar: Die Angreifer könnten vor- Windenergieanlagen.

75
Ausland
»Ihr Idioten habt den Brexit verbockt! Runter von meiner Straße!« ‣ S. 86

BRENDAN SMIALOWSKI / AFP


Mit Socken kann man Eindruck machen, dachte wohl Billy Nungesser, Vizegouverneur
von Louisiana, als er US-Präsident Donald Trump am Flughafen empfing. Und
tatsächlich wirkte Trump erfreut. Der Ausflug lief für den Präsidenten rund: Bei einer
Spendenveranstaltung warb er vier Millionen Dollar für seine Wahlkampagne ein.

Analyse

Schlüssel zum Sieg


Der türkische Präsident Erdoğan wendet sich vor der Neuwahl in Istanbul alten Rivalen zu – den Kurden.

Gewinnen um jeden Preis. Das ist die Parole, die der türkische Erdoğan jedoch radikal mit den Kurden. Er ließ PKK-Stellungen
Präsident Recep Tayyip Erdoğan für die Neuwahl in Istanbul am bombardieren und Demirtaş verhaften. Nun will Erdoğan die
23. Juni ausgegeben hat. Die reguläre Wahl vom 31. März hat er Kurden bei der Istanbul-Wahl wieder auf seine Seite ziehen. Laut
annullieren lassen, nachdem seine AK-Partei Oppositionskandidat Schätzungen stellen diese in Istanbul mindestens 15 Prozent der
Ekrem Imamoğlu unterlegen war. Erdoğans Problem ist, dass er etwa zehn Millionen Wähler. Erdoğan schickt seine Funktionäre
nicht weiß, wo er die Stimmen für ein besseres Ergebnis herneh- in mehrheitlich kurdische Viertel in Istanbul. Das Besuchsverbot
men soll. Zwar lag Imamoğlu im März nur mit knapp 14 000 Stim- gegen den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan wurde am
men vorn. Das Wählerpotenzial der AKP aber scheint erschöpft. Donnerstag aufgehoben. Gerüchten zufolge könnte HDP-Chef
Mehrere Oppositionspolitiker haben angekündigt, zugunsten Demirtaş noch vor der Wahl aus dem Gefängnis freikommen.
Imamoğlus auf eine Kandidatur zu verzichten. Ob Erdoğans Werben verfängt, ist fraglich. Die HDP hat bei
Die Verzweiflung im Präsidentenpalast in Ankara ist offenbar der Wahl im März in Istanbul indirekt Imamoğlu unterstützt.
so groß, dass sich Erdoğan um neue Verbündete bemüht – die Co-Parteichefin Pervin Buldan hat angekündigt, dass sie dies bei
Kurden. Erdoğan eröffnete einst Friedensverhandlungen mit der der Neuwahl genauso halten will. Erdoğans AKP befindet sich
PKK und räumte Kurden neue Freiheiten ein. Als sich die linke, in einem Bündnis mit der rechtsextremen MHP. Stimmen, die sie
prokurdische Partei HDP unter ihrem Co-Vorsitzenden Selahat- bei den Kurden gewinnt, könnte sie bei den Nationalisten wieder
tin Demirtaş zur Konkurrentin für die AKP entwickelte, brach verlieren. Maximilian Popp

76
Balkan Weg in die EU zurückgelegt. Die Opposi- balkan ein Vakuum hinterlassen, dann sto-
»Nun müssen wir liefern« tion gefährdet mit ihrer Obstruktionspoli-
tik die Würdigung dieser Erfolge.
ßen da Mächte hinein, deren Auffassungen
von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie wir
Serbien und Kosovo denken darüber nach, SPIEGEL: Nach den Europawahlen sollte nicht teilen: China, Russland, die Türkei.
Grenzen neu zu ziehen. In Albanien geht über den Beginn von Beitrittsverhandlun- SPIEGEL: Die Regierungen Serbiens und
die Opposition auf die Straße. Michael gen mit Albanien und Nordmazedonien des Kosovo überlegen, die Grenze neu zu
Roth, 48, Staatsminister für Europa im entschieden werden. Einige zögern, etwa ziehen; die EU-Kommission hat sich dafür
Auswärtigen Amt (SPD), fordert mehr Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. offen gezeigt. Was halten Sie davon?
Engagement von der EU in der Region. Roth: Wir haben Zusagen gemacht, nun Roth: Nichts. Dieser Vorschlag befriedet
müssen wir liefern. Nordmazedonien und nicht, er ruft neue Spaltungen hervor.
SPIEGEL: Herr Roth, macht Ihnen der Bal- Griechenland haben mit der Lösung des Wir sollten keinerlei Zweifel daran lassen,
kan Sorge? Namensstreits Geschichte dass die Zukunft der Gesellschaf-
Roth: Wir sollten uns stärker engagieren. geschrieben. Welcher Politiker in ten auf dem Westbalkan multi-
Die EU ist bei aller Kritik der größte einem EU-Staat würde sich trau- ethnisch und multireligiös ist. Es
Friedens- und Stabilitätsanker der Welt. en, gegen deutliche gesellschaft- kann keine neuen Grenzziehun-

GETTY IMAGES
Aber unsere eigenen Probleme verstellen liche Widerstände einen Versöh- gen entlang von Ethnien geben.
uns bisweilen den Blick auf unsere un- nungsprozess einzuläuten, nach- SPIEGEL: Es wird wohl Monate
mittelbare Nachbarschaft. dem man sich 28 Jahre lang mit dauern nach den Europawahlen,
SPIEGEL: In Albanien demonstriert die Verachtung begegnet ist? Wir erle- bis sich Rat und Parlament auf
Opposition gegen Korruption in der ben ja im Kosovo, was es bedeutet, wenn einen Kommissionspräsidenten verstän-
Regierung. Geraten dadurch die Beitritts- ein Land hingehalten wird. digen. In dieser Phase werden kaum Bei-
gespräche in Gefahr? SPIEGEL: Sind Sie für die Visaliberalisie- trittsverhandlungen beschlossen.
Roth: Proteste sind eine Selbstverständ- rung zwischen der EU und dem Kosovo? Roth: Wir können den Weltlauf nicht von
lichkeit in einer Demokratie. Aber Gewalt Roth: Wir werben dafür nicht als generöses Wahlterminen in der EU abhängig
und Hass, der Boykott von Wahlen, der Geschenk, sondern weil das Kosovo die Be- machen. Der Zeitplan gibt vor: Im Juni
Auszug der Opposition aus dem Parla- dingungen der EU erfüllt hat. Es darf nicht 2019 entscheidet der Rat. Nach allem, was
ment sind absolut inakzeptabel. Albanien der Eindruck entstehen, dass wir immer wie- aus der EU-Kommission zu vernehmen
hat bereits eine große Strecke auf dem der draufsatteln. Wenn wir auf dem West- ist, sind die Bedingungen erfüllt. CSC

Japan
Ziemlich blamiert
 Mehrere Kabinettsmitglieder der
konservativen Regierungspartei (LDP)
mussten in den vergangenen Monaten
zurücktreten. Sie hatten sich mit
ziemlich unsensiblen Aussagen bla-
miert – zuletzt etwa der Minister für
die Olympischen Spiele 2020 in Tokio,
Yoshitaka Sakurada, der »enttäuscht«
war über die Leukämieerkrankung
einer japanischen Schwimmerin, da

DELIL SOULEIMAN / AFP


dies die Begeisterung über die Spiele
dämpfen werde. Bürgern aus der radio-
aktiv belasteten Katastrophenregion
um Fukushima riet Sakurada, sich lie-
ber um die Wiederwahl des örtlichen
LDP-Kandidaten zu kümmern als um Hochzeitspaar, Gäste in Rakka 2017
den Wiederaufbau ihrer Heimat. Für
Regierungschef Shinzo Abe kommen Syrien erlaubt einem muslimischen Mann, bis zu
diese Ausfälle zu einem denkbar
schlechten Zeitpunkt: Im Juli steht die
Heirat aus Not vier Frauen zu heiraten, wie es in der
Scharia traditionell üblich ist. Allerdings
Oberhauswahl an. Die LDP könnte  Der Bürgerkrieg führt dazu, dass scheint der Staat inzwischen den rasan-
Sitze verlieren. Die Partei hat deshalb immer mehr polygame Ehen in Syrien ten Anstieg der Zweitehen als Problem
an ihre Mitglieder einen Ratgeber geschlossen werden. Laut Medienberich- zu betrachten. So verabschiedete das
verteilen lassen, wie sie Kommunika- ten sind es inzwischen fast die Hälfte Parlament im Februar eine Gesetzesände-
tionspannen verhindern. Unsensible aller Eheschließungen. 2010 waren es nur rung, die in der teils konservativen
Kommentare über Unglücke und Kata- fünf Prozent. Viele Männer sind gestor- Gesellschaft Syriens umstritten ist: Nun
strophen seien zu meiden, heißt es ben, in Haft oder ins Ausland geflohen, können Frauen per Ehevertrag ihrem
darin. Und auch die eigene Meinung weshalb nun Frauen in der Überzahl sind. Mann Zweitehen verbieten. Zudem kön-
über Homosexualität und Frauenrechte Hinzu kommt, dass die Not zugenommen nen sie einfordern, nicht im selben Haus
solle man besser für sich behalten. hat – und der Druck auf viele Familien, wie die Zweitfrau wohnen zu müssen.
Finanzminister Taro Aso (LDP) hatte ihre Töchter zu verheiraten. Mehr als Das Heiratsalter wurde von 17 auf 18 Jah-
damit irritiert, dass er sexuelle Beläs- 93 Prozent der Bevölkerung leben re angehoben. In der Praxis allerdings
tigung zu relativieren schien. RAS in Armut. Die syrische Gesetzgebung werden Gesetze oft umgangen. RAS

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 77


Ausland

»Joschi, mach
das jetzt klar«
Affären Heimlich aufgenommene Videos von 2017 zeigen,
wie der heutige Vizekanzler Österreichs,
Heinz-Christian Strache (FPÖ), in eine Falle tappt und einer
angeblichen russischen Millionärin für ihre mögliche
Hilfe im Wahlkampf öffentliche Aufträge in Aussicht stellt.

E
in schneeweißes Ferienhaus auf ei- Kurz und seiner Österreichischen Volks-
nem Hügel, wenige Kilometer von partei (ÖVP).
Ibiza-Stadt entfernt. Drei Schlaf- Knapp sechs Stunden lang sitzen sie
zimmer, vier Bäder, ein Außen- schon beisammen an diesem warmen
pool, ein separates Gästehaus, auf rund Abend, da beschleicht den FPÖ-Vorsitzen-
500 Quadratmeter Wohnfläche kostet die den Strache ein böser Verdacht: »Falle, Fal-
Nacht knapp tausend Euro. le, eine eingefädelte Falle«, flüstert er sei-
Die Runde, die hier am Abend des nem Nachbarn Gudenus zu. Doch schnell
24. Juli 2017 auf der Terrasse bei Cham- scheinen die Bedenken wieder verflogen.
pagner, Thunfischtatar und Sushi zusam- »Des is ka Falle«, beruhigt der Parteifreund.
menkommt, diskutiert heikle Fragen: Wie Letztlich behält der FPÖ-Chef mit sei-
können einer russischen Investorin Aufträ- ner Vermutung aber recht. Das Treffen ist
ge der österreichischen Wirtschaft und des eine Falle. Die Villa ist verwanzt und mit
Staates zugeschanzt werden? mehreren Kameras ausstaffiert, die ver-
Große Würfe werden erwogen, nichts deckt alles aufnehmen.
scheint unmöglich. Es geht um Casino- Die angebliche Russin Aljona Makaro-
lizenzen, den Verkauf eines alten Luxus- wa, die auch die lettische Staatsbürger-
hotels, Aufträge am Autobahnbau, alles schaft besitzen will, spielt die investitions-
für die Investorin aus Russland. Sogar von willige Nichte eines reichen Oligarchen.
einer Übernahme der »Kronen Zeitung« Ihre Legende: Sie wolle mehr als eine Vier-
ist die Rede. Sie zählt zu den auflagen- telmilliarde Euro in Österreich anlegen, als
stärksten Blättern des Landes. Kapital, das »nicht auf die Bank darf«, weil
Es mischen mit: eine angebliche Russin, es »eigentlich nicht ganz legal« sei, wie
eine Österreicherin mit serbischen Wur- der Begleiter der Frau freimütig erzählt. SPIEGEL und »Süddeutsche Zeitung«
zeln und Masterabschluss, drei Österrei- In anderen Worten: Schwarzgeld. dazu entschlossen, die Inhalte der Gesprä-
cher in Freizeitkleidung. Die Videos von jenem langen Abend che zu veröffentlichen.
Zwei von ihnen sind zu diesem Zeit- auf Ibiza wurden dem SPIEGEL und der Die Quelle ist den Redaktionen be-
punkt bereits auf dem Sprung ins Zentrum »Süddeutschen Zeitung« zugespielt. kannt, sie besteht darauf, anonym zu blei-
der politischen Macht: Heinz-Christian Die Aufnahmen bergen politischen ben. Ungeklärt ist, auf wessen Betreiben
Strache, Chef der Freiheitlichen Partei Sprengstoff, sie offenbaren höchst fragwür- die FPÖ-Politiker in die Falle gelockt wur-
Österreichs (FPÖ), und Johann Gudenus, dige Ansichten von Politikern, die heute den und welches Motiv dahinterstand.
Mitglied des Bundesvorstands der FPÖ, Österreich mitregieren. Sie belegen, dass Die Bild- und Tondokumente wurden
ehemaliger Vizebürgermeister von Wien, diese Politiker sich dazu bereit zeigten, von zwei externen Gutachtern forensisch
der Mann der gebürtigen Serbin. mithilfe russischen Geldes das Wahlergeb- geprüft. Es fanden sich keine Hinweise,
Knapp drei Monate später wird in Öster- nis ihrer Partei, der FPÖ, nach oben zu dass die Aufnahmen nachträglich mani-
reich ein neuer Nationalrat gewählt werden. treiben. Versprechen, die an diesem puliert wurden. Dem SPIEGEL liegt ein
Strache wird fünf Monate nach dem Abend gemacht, und Praktiken, die offen- Foto der Rechnung für die Villa auf
Treffen in der Villa als Vizekanzler Öster- bart wurden, wären für politische Amts- Ibiza vor. Sie wurde demnach vom 22. bis
reichs vereidigt werden, Gudenus zum inhaber womöglich strafrechtlich relevant. zum 25. Juli 2017 gebucht, Kosten
Fraktionschef aufsteigen. Auf Ibiza, beim Wegen der politischen Bedeutung und 2936 Euro. Die Bilder auf der Website der
feuchtfröhlichen Feilschen um millionen- des öffentlichen Interesses haben sich Vermietungsagentur zeigen nachweislich
schwere Deals, wirken die beiden noch
wie Zechkumpane in Urlaubslaune. Doch
seit Dezember 2017 bestimmen sie mit »Journalisten sind ja sowieso die größten Huren
über den Kurs der Regierung in Wien: als
Koalitionspartner und Mehrheitsbeschaf-
auf dem Planeten.«
fer des konservativen Kanzlers Sebastian Strache zum angeblichen Übernahmeplan der »Krone«

78
FPÖ-Chef Strache (r.), Vertrauter Gudenus mit Ehefrau bei Treffen auf Ibiza 2017 (Videostandbild): »Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden«

dieselben Räume, die im Video zu sehen Der jungen Russin aus Lettland wird Die erfundene Behauptung der letti-
sind. nahegelegt, die Hälfte des Verlags der schen Russin, sie erwäge, die Hälfte der
Die Abschriften der Gespräche wurden »Krone« diskret zu erwerben. Wenn diese »Krone«-Anteile zu kaufen, und sei dafür
abgeglichen und in wesentlichen Auszügen Zeitung vor der Wahl »auf einmal uns bereits mit zwei der vier Erben des ver-
beglaubigt, ein vereidigter Dolmetscher pusht«, begeistert sich Strache und speku- storbenen »Krone«-Herausgebers Hans
hat zentrale Stellen der russischen Dialoge liert in Prozenten, »dann machen wir nicht Dichand in Kontakt, erstaunt den FPÖ-
übersetzt. Am Ende wurden die beteilig- 27, dann machen wir 34«. Jeder Artikel, Chef anfangs noch. »Das hätt ich nicht er-
ten Politiker mit den Inhalten konfrontiert. der »uns zugutekommt, treibt Rot und wartet«, sagt er. Nach und nach aber
Die Videos aus Ibiza wirken wie der Schwarz die Weißglut ins Gesicht«. Er schwinden offenbar die Zweifel, und es
Werkstattbericht aus einer Bananenrepu- meint die seit Kriegsende in Österreich siegt der Appetit auf einen Deal, der Stra-
blik: Ungeniert erzählen zwei führende meist gemeinsam regierenden Sozial- und che dem Ziel der Kanzlerschaft näher brin-
Politiker aus Österreich einer ihnen fast un- Christdemokraten. gen könnte, aber natürlich »immer rechts-
bekannten Frau, wie sie sich das Leben an Die »Krone« erreicht mehr als ein konform«, wie er betont.
den Schalthebeln der Macht vorstellen. Viertel aller Österreicher. Dem Politprofi Mit dieser Zeitung, so wirbt Strache,
Und wie sie dieser Frau für Hilfestellung Strache, Parteichef seit 2005, dürfte klar spiele sie »mit bei den zehn mächtigsten
auf dem Weg nach ganz oben entgegen- sein, dass es mit der Rückendeckung Leuten Österreichs«. Zwar gebe es in der
kommen würden. durch Österreichs Sturmgeschütz der De- »Krone«-Redaktion noch Querköpfe,
An jenem Abend geht es nach zwei magogie leichter werden würde, ins Kanz- »drei, vier Leute, die müssen abserviert
Stunden um das Boulevardblatt »Krone« leramt am Wiener Ballhausplatz einzu- werden«, aber »wir holen gleich noch mal
und dessen Einfluss auf die anstehende ziehen. fünf neue herein«. Ob das so einfach ist?
Wahl. Die Runde beschließt, das Gespräch Genau das ist Straches Ziel im Sommer »Journalisten sind ja sowieso die größten
von der Terrasse nach drinnen zu verlegen. 2017. Damals hat der junge ÖVP-Aufstei- Huren auf dem Planeten«, sagt Strache.
Heinz-Christian Strache will wissen: »Was ger Sebastian Kurz die in Umfragen lange Die junge Frau fragt, was für sie persön-
ist da scho’ vorangeschritten?« führende FPÖ bereits abgehängt. lich bei dem Investment herausspringen

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 79


würde. »Du hast die Waffe in der Hand,
dass alle dich schalten und walten lassen
in Österreich«, antwortet Strache. Wer die
»Krone« besitze, verfüge nicht nur über
die Meinungshoheit, sondern auch über
»das Machtmonopol, andere Geschäfts-
zweige zu eröffnen«. Später wird Strache
der Frau öffentliche Aufträge im Auto-
bahnbau in Aussicht stellen, die bislang
das Unternehmen Strabag erhalten habe.
Er könne den »Missing Link« zur Fun-
ke-Mediengruppe herstellen, behauptet
Strache. Der deutschen Verlagsgruppe,
einst WAZ, gehörte damals noch die eine
Hälfte der »Kronen-Zeitung«, den Nach-
kommen des langjährigen Herausgebers
Hans Dichand die andere.
Den richtigen Mann, um bei der Neu-
ausrichtung des Boulevardblatts zu helfen,
kenne er auch schon, sagt Strache: Hein-
rich Pecina. Der Investor, ein »großer Play-
er«, habe »für Orbán alle ungarischen Me-
dien der letzten 15 Jahre aufgekauft und
für ihn aufbereitet«.
Tatsächlich war es der aristokratisch
auftretende Unternehmer Pecina, der für
den ungarischen Premierminister Viktor
Orbán die Flurbereinigung der ungari-
schen Presselandschaft organisiert hat.
Blätter wie »Népszabadság« und andere
regierungskritische Zeitungen wurden er-
worben, über Nacht eingestellt oder an
orbánfreundliche Interessenten weiter-
verhökert. Von Ungarn lasse sich lernen,
findet Strache: »Wir wollen eine Medien-
landschaft ähnlich wie der Orbán auf-
PHILIPP HORAK / ANZENBERGER

bauen.«
Heinrich Pecina sagt auf Anfrage, er
habe mit der »Krone« nie etwas zu tun ge-
habt: »Auf jeden Fall hatte und habe ich
keine Möglichkeiten, die ›Kronen Zeitung‹
in welcher Weise auch immer zu kontrol-
lieren oder zu beeinflussen. Was ich des-
halb auch niemals behauptet habe.« Kanzler Kurz: Druck erheblich erhöht
Neben der »Krone« sei nur der öffent-
lich-rechtliche Sender ORF wirklich wich-
tig, führt Strache in dem Video weiter aus. sitz im ORF-Stiftungsrat führt heute Nor- Die FPÖ hat heute nicht nur im öffent-
Denkbar sei dessen teilweise Privatisie- bert Steger, ehemals Parteichef der FPÖ. lich-rechtlichen Rundfunk Macht, sondern
rung, etwa zugunsten des Unternehmers Steger wurde vor drei Wochen mit einem auch in vielen anderen Bereichen des Lan-
Dietrich Mateschitz, Chef von Red Bull Angriff auf den bekanntesten ORF-Jour- des. Sie führt zum Beispiel die Schlüssel-
und dem dazu gehörigen Medienunterneh- nalisten über Österreich hinaus bekannt: ministerien für Äußeres, für Inneres, für
men: »Wir könnten uns vorstellen, den Sarkastisch empfahl er Armin Wolf, dem Verteidigung und Soziales.
ORF völlig auf neue Beine zu stellen.« Sich Moderator der Hauptnachrichtensendung Alle drei österreichischen Geheimdiens-
selbst nennt Strache den »Red Bull des ORF, nach einem FPÖ-kritischen In- te unterstehen Ministerien, die von der
Brother from Austria«. terview: »Ich würde ein Sabbatical neh- FPÖ geführt werden, einer Partei, die
Immer wieder stellt die angebliche Rus- men, auf Gebührenzahler-Kosten durch durch ein 2016 besiegeltes Kooperations-
sin die Frage nach einer Gegenleistung. die Welt fahren und mich neu erfinden.« abkommen mit der Kremlpartei »Einiges
Wenn sie die »Krone« noch vor der Wahl Es ist nicht so, dass politisch motivierte Russland« verbandelt ist. Die Angst, Mos-
übernehme und »uns zum Platz eins Interventionen beim ORF etwas Neues wä- kau höre nun überall mit, hat bei west-
bringt«, sagt der FPÖ-Chef schließlich, ren. Sie sind seit Jahrzehnten die Regel. lichen Geheimdiensten dazu geführt, dass
»dann können wir über alles reden«. Doch seitdem die FPÖ in der Regierung sie ihr Wissen nur noch beschränkt mit
Es ist der größte Offenbarungseid, den ist, wird die redaktionelle Unabhängigkeit Wien teilen.
Strache an diesem Abend leistet: Man kön- des Senders massiv infrage gestellt. »Wie Die Affinität der Partei zu Russland
ne über alles reden. Über alles. ein Löwe«, versprach Vizekanzler Strache spielt auch beim Treffen auf Ibiza eine
Was auf Ibiza noch Wunschdenken ist, auf Facebook, werde er sich dafür einset- entscheidende Rolle. Johann Gudenus,
wird unter der Koalition von ÖVP und zen, dass die »ORF-Zwangsgebühren« ab- der für die angebliche Russin dolmetscht,
FPÖ nach und nach Wirklichkeit. Den Vor- geschafft werden. belegte Kurse an einer Universität in

80
Ausland

Moskau. Der Sohn eines früheren FPÖ- Summen gebe es einen Verein, der gemein- land auch die NPD verwendet. Sie punk-
Parlamentariers und verurteilten Holo- nützig sei und nichts mit der Partei zu tun tete bei den letzten Wahlen überdurch-
caust-Leugners ist seit seiner Jugend im habe. »Dadurch hast du keine Meldungen schnittlich unter Arbeitern und einfachen
freiheitlichen Lager verankert. Mittlerwei- an den Rechnungshof«, doziert Strache Angestellten. Wer den volksnahen Vize-
le gilt Gudenus als einer der wichtigsten und holt dabei weit mit den Armen aus, kanzler Strache zuletzt erlebte, etwa am
Kontaktleute der FPÖ nach Russland. in den Fingern fast immer eine Zigarette. 1. Mai im Linzer Bierzelt, und wer weiß,
Vom tschetschenischen Gewaltherrscher Gudenus ergänzt auf Russisch, über diesen wie Strache schwierige Sachverhalte auf
Ramsan Kadyrow ließ sich Gudenus Verein wisse niemand etwas. Er werde von simple Nenner zu bringen versteht, der
nach Grosny einladen und von den rus- drei Rechtsanwälten geführt, sagt Strache. staunt über das, was auf Ibiza über den
sischen Besatzern auf die annektierte Spenden an politische Parteien unter- tatsächlichen Umgang des FPÖ-Chefs zur
Halbinsel Krim. In der Moskauer Christ- liegen in Österreich ähnlichen Regeln wie Sprache kommt.
Erlöser-Kathedrale wetterte er 2014 gegen in Deutschland: Überschreiten sie den Be- Von Abenden mit Kaviar und Austern
die EU als Hort einer »Homosexuellen- trag von 50 000 Euro, müssen sie ans für 1600 Euro pro Tisch schwärmt Strache
lobby«. höchste Finanzkontrollorgan des Bundes da, »so teuer war’s ned«. Auch von einem
Parteichef Strache sieht in »Joschi« sei- gemeldet werden. Spenden von Auslän- Freund, der eine Diamantenmine in Afrika
nen Mann fürs Grobe. Beide Männer sind dern dürfen nur bis zu einer Höhe von gekauft habe, und von einem Geschäfts-
seit Jahren vertraut: In der Studentenver- 2641 Euro angenommen werden. mann, der in seinem schwer bewachten
bindung Vandalia in Wien war der junge Strache behauptet, es gebe zehn poten- Büro in Tel Aviv angeblich Diamanten im
Gudenus Straches »Leibfuchs«. Nun ist zielle FPÖ-Großspender, die er alle per- Wert von 400 Millionen Euro hortet.
Gudenus der Mann für Russland, er hat sönlich aufsuchen wolle: Gaston Glock In der Öffentlichkeit gibt Strache gern
das Treffen in der Villa mit Strache einge- zum Beispiel, sagt er, während Gudenus den Kämpfer gegen das Establishment. In
fädelt. stehend die Hände zu einer Pistole formt, der Villa klingt es nun so, als stünde der
Dem jungen FPÖ-Funktionär war ge- um Aljona zu verdeutlichen, womit der FPÖ-Vorsitzende mit Österreichs Milliar-
raume Zeit zuvor die vermeintlich reiche Kärntner Waffenhersteller sein Geld ver- dären seit Langem auf Du und Du. Mit dem
Russin angepriesen worden. Sie wolle dient. Heidi Horten, die milliardenschwere vermögenden, von jeher der Linken nahe-
Grundbesitz in Österreich kaufen, Gude- Kaufhauserbin. Außerdem gebe es Unter- stehenden Wiener Händler Martin Schlaff
nus’ Familie gehören Ländereien in Nie- stützer, erzählt Strache weiter, die an den habe er »eine gute Gesprächsbasis«, den
derösterreich. Man traf sich in Wien. Im
Video hört man Gudenus sagen, dass die
Frau den fünffachen Preis für ein Grund- »Da stehen Leute dahinter, die nicht wollen,
stück bieten würde. In den Gesprächen
entstand offenbar der Plan für einen grö- dass Österreich islamisiert wird.«
ßeren Coup.
Österreich solle künftig »die Visegrád- Strache zu potenziellen Großspendern
Gruppe« ansteuern, sagt Strache in einem
der Videos, die informelle Länderkoope- heutigen Kanzler Sebastian Kurz »und Immobilienmogul und Karstadt-Eigentü-
ration der osteuropäischen EU-Staaten uns« zahlten oder vielleicht zu zahlen be- mer René Benko habe er angeblich auf Ibi-
Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. absichtigten, wie angeblich der Milliardär za getroffen, der sei dort auf der 62-Meter-
Das Land müsse sich »sehr stark Richtung und Immobilienkrösus René Benko. Und Jacht »Roma« gewesen. Auch dem Salzbur-
Osten öffnen«, nach Russland. »Wir haben »ein paar Big Player« wie den Glücksspiel- ger Red-Bull-Produzenten und Betreiber
die Dekadenz im Westen«, sagt Strache, konzern Novomatic, einer von Österreichs von Servus TV, Mateschitz, ist Strache ver-
»im Osten sind sie normal.« größten Steuerzahlern: »Die zahlen an alle bunden. Der sei »lieb«, sagt Strache, aber
Er sei ja oft in Moskau gewesen, erzählt drei«, so behauptet Strache, also an die verstehe das Mediengeschäft nicht. Von
der FPÖ-Chef, bereits vor mehr als zehn konservative ÖVP, an die sozialdemokra- ukrainischen und russischen Freunden mit
Jahren habe er sich mit einem Putin-Bera- tische SPÖ und an die FPÖ. viel Geld spricht Strache, von Kontakten
ter getroffen und Pläne geschmiedet, »wie Alle genannten Firmen und Personen zu einem Milliardärsclan in China. »Die
wir strategisch zusammenarbeiten«. Auch teilen auf Anfrage mit, dass sie niemals di- Hunde«, sagt der heutige Vizekanzler in
Serbien sei ein fantastisches Land, einige rekt oder indirekt an die FPÖ gespendet dem Video, »haben dicke Kohle.«
seiner Freunde hätten dort kräftig inves- haben. Nach den angeblichen Spendern Straches eigener Weg nach oben war
tiert. Er selbst sei in Umfragen in dem gefragt, bestätigen auch Strache und Gu- steinig. Von der Mutter, einer Drogistin,
Land fast so beliebt wie Putin. denus schriftlich, dass von den »genannten allein erzogen, geriet der junge Wiener
Neben vielen Eitelkeiten des Parteichefs Personen und Unternehmen keine Spen- über eine schlagende Schülerverbindung
ist Geld das bestimmende Thema dieses den an die FPÖ« eingegangen seien. schnell in Kontakt mit Rechtsextremen.
Treffens. Es geht auch darum, wie die FPÖ Auf Ibiza allerdings sagt Strache, Aljo- Fotos zeigen ihn später bei Wehrsport-
finanziell unterstützt wird. Strache offen- na sei herzlich eingeladen und könne »uns übungen mit Neonazis. Vom äußersten
bart der angeblichen Russin einen Weg, jederzeit über den Verein spenden«, vo- rechten Rand des politischen Spektrums
wie sie ihr Geld womöglich an gesetzlichen rausgesetzt, sie sei »positiv gestimmt«. wandte sich der gelernte Zahntechniker
Hürden vorbei an die FPÖ bringen könnte. Die Sponsoren der Partei seien in der Re- erst Anfang der Neunziger ab. Als Strache
Sollte das, was Strache schildert, tatsäch- gel Idealisten, sagt Strache und wendet 2005 Vorsitzender der von Jörg Haider
lich existieren, wäre es offensichtlich ein sich an seinen Freund Gudenus. »Joschi« heruntergewirtschafteten FPÖ wurde, la-
Modell der illegalen Parteienfinanzierung. möge der Frau erklären, »dass da Leute gen die Freiheitlichen in Umfragen bei
»Es gibt ein paar sehr Vermögende, die dahinterstehen, die nicht wollen, dass etwa vier Prozent. Innerhalb der nächsten
zahlen zwischen 500 000 und anderthalb Österreich islamisiert wird; sie wollen zwölf Jahre aber gelang es dem FPÖ-Chef,
bis zwei Millionen«, behauptet Strache. nicht, dass ihre Kinder und Enkelkinder die Zustimmungsrate für seine Partei zu
Geflossen sei das Geld noch nicht, verrecken«. versechsfachen.
schränkt er an anderer Stelle ein, er habe Die FPÖ versteht sich als »soziale Hei- Strache versucht gar nicht erst zu ver-
aber bereits Zusagen erhalten. Für solche matpartei«, ein Slogan, den in Deutsch- bergen, wie stolz er darauf ist. Seine wie-

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 81


derkehrenden Bekenntnisse zur Ehrlich-
keit an diesem Abend auf Ibiza klingen
wie eine Selbstbeschwörung. »Das ist mir
heilig, ich mach nichts, was rechtswidrig
ist«, sagt er mehrmals auf dem Sofa zwi-
schen Red-Bull-Drinks und Aschenbe-
chern. »Das ist mein Werdegang, und das
ist meine Stärke.« Bestechungsversuche
habe er immer abgelehnt, denn: »Ich
brauch den Scheiß nicht.« Er wolle guten
Gewissens »in der Früh aufstehen und sa-
gen, ich bin sauber«. Das sei immer sein
Weg gewesen, der »hat mich in Wahrheit
dorthin gebracht, wo ich heute bin. Heute
sagen die Großen: Den müssen wir ernst
nehmen«.
Während sich Strache selbst für unan-
greifbar hält, spricht er genüsslich über
die Verletzbarkeit anderer »Schnee-
brunzer«, also Trottel. Über angebliche
Eskapaden zweier Politiker der früheren
Koalition aus Sozial- und Christdemokra-
ten sei belastendes Material im Umlauf,
behauptet der FPÖ-Chef in der Villa.
Diese Politiker wüssten das und hätten
deshalb eine Art Nichtangriffspakt ge-
schlossen.
Würde man die dazugehörigen Fotos
»übers Ausland spielen«, wäre bei Roten
und Schwarzen der Teufel los, sagt Strache.
Dann ginge »der atomare Krieg« los.
Der, der gerade noch seine Unbestech-
lichkeit gepriesen hat, bleibt allerdings sit-
zen, als es in der Villa um ganz offensicht-
lich unsaubere Geschäfte in der Zukunft
geht. Über eine mögliche Privatisierung
GIANMARIA GAVA / ANZENBERGER

von Staatsliegenschaften diskutiert die


Runde bald, in die das russische Schwarz-
geld fließen könnte.
Manche der von den Lockvögeln aufge-
brachten Vorschläge schließt Strache kate-
gorisch aus. Es gebe »Bereiche, die priva-
tisieren wir nicht«. Zu anderen schweigt
er und nimmt nur einen tiefen Zug von sei- Parteiobmann Strache: »Niemals irgendwelche Vorteile erhalten oder gewährt«
ner Zigarette oder kaut an den Nägeln. Im-
mer wieder betont er, dass sich alles im le-
galen Bereich abspielen müsse. Auch um einen Einstieg der angeblichen »Das Erste in einer Regierungsbeteiligung,
Wieder andere Ideen kommentiert er. Russin in die vom Staat kontrollierten Spiel- was ich heute zusagen kann«, verspricht
Als der Begleiter der angeblichen Oligar- casinos geht es. Diese müssten endlich ihrer er der Frau mit dem angeblichen russi-
chennichte unverhohlen darauf hinweist, Machtstellung beraubt werden, stimmt schen Vermögen: »Der Haselsteiner kriegt
dass es ihr nicht nur darum gehe, an öf- Strache zu. »Dieses Monopol wollen wir keine Aufträge mehr!«
fentliche Aufträge zu kommen, sondern aufbrechen.« Das sei aber »verdammt Der Tiroler Industrielle und Philanthrop
vor allem einen »Überpreis« dafür bezahlt schwer«. Strache wird wissen, warum. Ein Hans Peter Haselsteiner war Vorstands-
zu bekommen, also einen Aufschlag zulas- Verfahren gegen den früheren Finanzminis- vorsitzender des Baukonzerns Strabag,
ten des Steuerzahlers, reagiert Strache zu- ter Karl-Heinz Grasser wegen des – von der 2018 mehr als 15 Milliarden Euro Um-
nächst abweisend. Dann antwortet er mit ihm bestrittenen – Verdachts auf Bestech- satz auswies. Haselsteiner hält bis heute
»Jaaa. Ja. Ja«. Als der Begleiter schließlich lichkeit im Zusammenhang mit der geplan- mit seiner Familie mehr als ein Viertel der
von einem Überpreis spricht, der »garan- ten Aufweichung des Glücksspielmonopols Aktien.
tiert wird«, antwortet der FPÖ-Chef: war gerade erst eingestellt worden. In den Neunzigerjahren saß der Unter-
»Noch einmal, beim staatlichen Auftrag Doch beim Thema Autobahn und Stra- nehmer für das Liberale Forum im Natio-
hast du das.« ßenbau wird der FPÖ-Obmann hellwach: nalrat, zuletzt unterstützte er die wirt-
schaftsliberale Partei »Neos« mit insge-
»Alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag samt 1,7 Millionen Euro an Spenden. Dass
es »dem Oligarchen Haselsteiner und an-
kriegt, kriegt sie dann.« deren rot-schwarzen Systemgünstlingen
offensichtlich nur um öffentliche und staat-
Strache zu möglichen Angeboten an angebliche russische Investorin liche Aufträge … geht«, erzürnt den dama-

82
Ausland

ligen Oppositionsführer Strache wenige Die Koalition der ÖVP mit der FPÖ stand
Tage vor seinem Abflug nach Ibiza so sehr,
dass er seiner Wut öffentlich auf Facebook
zuletzt ohnehin unter Spannung. Die Ver-
bindungen der Freiheitlichen zu rechts-
Ein SPIEGEL-
Luft macht.
So scheint ihm die Frage der angebli-
extremen Gruppen wie der »Identitären
Bewegung«, rassistische Äußerungen und
Gespräch live –
chen lettischen Russin und ihres männ- Publikationen im Umfeld der Partei, ihr
lichen Begleiters nach Aufträgen beim
Autobahnbau gerade recht zu kommen.
Umgang mit kritischen Berichterstattern
des ORF, all das wurde in Österreich zu- über Fantasie
Wenn sie der FPÖ entscheidend helfe vor
der Wahl, »dann brauchen wir gar nicht
letzt heftig diskutiert.
Im Umfeld von Kurz hieß es dennoch, und Fake News
reden, tschuldige, tschuldige, dann sag ich zu einem Bruch der Koalition in Wien wer-
ihr: Dann soll sie eine Firma wie die de es nicht kommen. Zwar wünsche man
Strabag gründen. Alle staatlichen Aufträ- sich lieber eine andere Koalition, zugleich

© Ingo Pertramer

© Reto Klar
ge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie sei die FPÖ derart inhaltsleer, dass die
dann.« ÖVP mehr oder weniger durchregieren
Für einen Vizekanzler wäre es vermut- könne. Ob Kurz bei dieser Haltung blei-
lich strafbar, eine solche Auftragsvergabe ben kann, wenn sich sein Vizekanzler zu-
in Aussicht zu stellen. Damals, 2017, war mindest in der Vergangenheit für Geschäf-
Strache aber noch in keinem Amt, das ihm te mit illegalem Geld offen gezeigt hat, ist
erlaubt hätte, Bauaufträge zu vergeben. fraglich.
Strafbar dürften seine Aussagen deshalb Mehr als sechs Stunden dauert das Tref-
wohl nicht sein, ethisch bedenklich sind fen in der Villa, gegen Ende entwickelt sich
sie allemal: Als eine Art Gegenleistung eine Atmosphäre, die Strache misstrauisch
für Unterstützung im Wahlkampf öffentli- werden lässt. Aljona habe schmutzige Ze-
che Aufträge zu offerieren hat zumindest hennägel, fällt dem FPÖ-Chef plötzlich
den Beigeschmack von Korruption. auf, »das passt nicht zum Gesamtbild«,
Nach dem Treffen in der Villa gefragt, murmelt er irritiert. Bereits zuvor hatte Joachim Meyerhoff Volker Weidermann
erinnert sich Heinz-Christian Strache da- er geklagt, seine aufstrebende rechtspopu-
ran, dass eine »vermeintlich lettische listische Partei müsse ständig auf der
Staatsbürgerin« mit ihrem Vertrauten zu Hut sein: »Wir wissen, dass wir 24 Stun-
einem Abendessen eingeladen habe. Es den beobachtet werden, dass man uns bei Der Schriftsteller und Schauspieler
sei ein »rein privates« Treffen in »lockerer, jeder Kleinigkeit vernichten will.« Doch Joachim Meyerhoff und SPIEGEL-
ungezwungener und feuchtfröhlicher At- sein Vertrauter Gudenus wiegelt ab. Stra- Autor Volker Weidermann sprechen
mosphäre gewesen«, teilt Strache per che trinkt und plaudert schließlich munter und lesen über die weltverändernde
WhatsApp mit. »Auf die relevanten gesetz- weiter. Macht von Literatur.
lichen Bestimmungen und die Notwendig- Weit nach Mitternacht drängen die Be- Motto des Abends:
keit der Einhaltung der österreichischen sucher zum Aufbruch. Sie wollen noch in
»Die Realität schwindelig schreiben,
Rechtsordnung wurde von mir in diesem einen Klub, ins »Hï Ibiza« im wenige Kilo-
bis sie ohnmächtig wird und sich
Gespräch bei allen Themen mehrmals hin- meter entfernten Playa d’en Bossa.
erzählen lässt.«
gewiesen.« Das gelte auch für »allenfalls Beim Hinausgehen redet Strache dem
in Aussicht gestellte Parteispenden bzw. Vertrauten der Russin und Gudenus noch
Spenden an gemeinnützige Vereine im Sin- einmal zu. Sie solle das »Gescheite und
ne der jeweiligen Vereinsstatuten«. Er Richtige« machen und die »Krone« kau-
oder die FPÖ hätten »niemals irgendwel- fen. Der Komplize von Aljona aber warnt:
che Vorteile« von diesen Personen erhal- »Sie fliegt morgen weg, wenn ihr es ma- Montag, 27. Mai, 19.00 Uhr,
ten oder gewährt. »Im Übrigen«, rechtfer- chen wollt, müsst ihr es machen, bevor sie
tigt sich Österreichs Vizekanzler, »gab es weg ist.« Spiegelsaal
neben dem Umstand, dass viel Alkohol im Bevor sie ins Auto steigen, schickt Stra-
Clärchens Ballhaus – Spiegelsaal,
Laufe des Abends gereicht wurde, auch eine che seinen Günstling Gudenus nochmals
hohe Sprachbarriere, wo ohne einen pro- zurück. »Joschi, mach das jetzt klar!« Auguststraße 24, 10117 Berlin
fessionellen Übersetzer von Russisch, Eng- Gudenus und Aljona verziehen sich in
lisch auf Deutsch übersetzt wurde.« die Küche. Auch dort filmt eine Kamera
Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse und unter
Ähnlich äußert sich Johann Gudenus, mit.
www.spiegel-live.de
der sagt, er habe die lettische Staatsbürge- Der FPÖ-Mann flüsterte der Frau in Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 12 Euro,
rin schon länger gekannt. Sie habe sich für leicht holprigem Russisch zu: »Wir sind zu Abonnenten 12 Euro zzgl. Gebühren.
einen Jagdgrund von ihm interessiert. Die 100 Prozent bereit zu helfen, egal was Einlass ab 18 Uhr. Änderungen vorbehalten.
Frau habe erzählt, dass sie mit ihrer Toch- kommt.« Verpassen Sie keine Veranstaltung mehr,
ter nach Wien ziehen und in Österreich Maik Baumgärtner, Vera Deleja-Hotko, und melden Sie sich für unseren Newsletter
wirtschaftlich Fuß fassen und investieren Martin Knobbe, Walter Mayr, Alexandra unter spiegel-live.de an.
wolle. Beide Politiker geben an, nach dem Rojkov, Wolf Wiedmann-Schmidt
Treffen keinen Kontakt mehr zu der Frau
gehabt zu haben.
Die fragwürdigen Äußerungen des Video
Die Falle
österreichischen Vizekanzlers und seines
engen Vertrauten dürften trotz der Erklä- spiegel.de/sp212019oesterreich
rungen den Druck auf Österreichs Bundes- oder in der App DER SPIEGEL
kanzler Sebastian Kurz erheblich erhöhen.

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 83


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von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
Europawahl 2019
für die Internationale Metaphysische Uni-

Geisterstunde
versität, sie trugen Titel wie »Was ist para-
normal?«, »Was ist nicht paranormal?«
oder »Fische, die aus dem Nichts fallen«.
Glaubt er das alles selbst, was er da
Großbritannien Den regierenden Konservativen droht bei der schreibt? So gefragt, fuchtelt Matthews mit
einem Schinkensandwich und antwortet:
EU-Wahl ein womöglich folgenschweres Debakel – in ihrer »Nun, ich habe mit Hunderten Menschen
Not setzen sie auch auf die Hilfe eines Experten für Übersinnliches. gesprochen, die überzeugt davon sind,
Geister gesehen zu haben – schwer zu sa-
gen, wie man das einschätzen soll.« Per-

E s ist nicht so, dass Rupert Matthews


leicht aus der Fassung zu bringen
wäre. Der Mann hat – so sagt er – in
englischen Kellern Gespenster gejagt und
Die abgetauchten Parteigranden aber
tun so, als ginge sie diese Wahl, zu der sie
ihr Volk genötigt haben, nichts an. Eine
Kandidatenliste fürs EU-Parlament wurde
sönlich sei er noch keinem Untoten begeg-
net, jedenfalls nicht, soweit er das beurtei-
len könne. Selbst Theresa May sei ja nach
wie vor quicklebendig – auch wenn viele
in Westminster Abbey übersinnlichen quasi über Nacht zusammengeschustert. in London die Regierungschefin längst als
Aktivitäten nachgespürt. Wenig Irdisches Es gibt kein Programm, keine großen »wandelnde Tote« bezeichnen.
ist ihm fremd, und im Grunde auch wenig Kundgebungen, keine Reden. Und frei Aber Gruselgeschichten fallen bei den
Außerirdisches. Aber was er an die- nach dem Kultserienmotto »Don’t men- Briten in diesen Zeiten auf fruchtbaren Bo-
sem Samstagmorgen in Wellingborough, tion the war« gibt es vonseiten der Tory- den. Vor allem wenn sie in Brüssel spielen.
Northamptonshire, zwei Autostunden Zentrale auch nur einen gut gemeinten Deshalb erzählt der Familienvater und
nördlich von London, erleben muss, ist Ratschlag für das tapfere Häuflein der ver- selbst ernannte Historiker Matthews sei-
dann doch auch für ihn etwas gespenstisch. bliebenen konservativen Wahlkämpfer: nen Landsleuten gern noch ganz andere
»Guten Tag, ich bin von der konservati- besser nicht über den Brexit reden. Geschichten. Sie handeln davon, dass bis-
ven Par...«, sagt Matthews, als sich am Dumm nur, dass der Brexit das Einzige lang noch jedes multinationale Projekt am
Stadtrand eine blaue Tür öffnet. Weiter ist, was die Briten derzeit interessiert. Machtwillen seiner Gründer gescheitert
kommt der Wahlkämpfer leider nicht, weil Und so bleibt es eben einigen Uner- sei. Oder davon, dass der Lissabonner Ver-
sie sich wie von Geisterhand gleich wieder schrockenen wie Matthews überlassen, trag der EU-Kommission das Recht gebe,
schließt. »Nein!« – »Kein Kommentar!« – den offensichtlich aussichtslosen Kampf Truppen in aufmüpfige Mitgliedstaaten
»Sie nicht!«, schallt es ihm an den Türen für die Konservativen zu führen. Sein Vor- ohne deren Erlaubnis zu entsenden. Schon
zwei, drei und vier barsch entgegen. Hin- teil: Er hat schon ganz anderen Schrecken 2011, fünf Jahre vor dem Brexit-Votum,
ter der fünften rumpelt ein offenbar großer die Stirn geboten – wobei nicht ganz klar hat Matthews behauptet: »Gäbe es zum
und ziemlich aggressiver Hund. Die sechs- ist, welcher der markerschütterndste war: Beispiel Unruhen in London, könnte die
te lässt der Politiker aus, weil an der Haus- Kommission die Deutschen bitten, eine
wand ein Schild prangt: »Keine Politiker!« Panzerdivision zu schicken.«
Nach einer Stunde steht Rupert Mat- »Wäre schön gewesen Heute lacht der Gespensterjäger über
thews, ein kleiner Mann mit großer Bar-
bour-Jacke, der eine der Kampagnen für
zu erzählen, dass derartige Aussagen – bisschen übertrieben
vielleicht, »hat aber schöne Schlagzeilen
den Brexit leitete und jetzt um den Einzug ich der letzte britische gebracht«. Und seine Wirkung beim Wahl-
ins EU-Parlament kämpft, etwas atem- EU-Abgeordnete war.« volk sicher nicht verfehlt. Später wurde
und ratlos vor der Straße Ultra Close. In Matthews Manager der Brexit-Kampagne
der Hand hält er einen Stapel Flugblätter, »Better Off Out«.
die ihm keiner abnehmen wollte, seine Theresa May, Jean-Claude Juncker oder Alles hätte perfekt sein können: der EU-
Wangen sind in der Mittagssonne violett der Geist von König Georg II. Austritt am 29. März, sein Land auf dem
durchblutet. Matthews schnauft und lä- Es waren hübsche Schlagzeilen, die die Weg zu alter Größe und er selbst eine Fi-
chelt schief: »Ich habe noch nie so viele EU-Mission des Mannes aus Leicester im gur für die Geschichtsbücher. »Wäre schön
zornige Menschen auf einmal getroffen. Sommer 2017 begleiteten. Damals, ein gewesen, den Kindern zu erzählen, dass
Sieht verdammt schlecht aus.« Jahr nach dem Brexit-Referendum, zog ich der letzte britische EU-Abgeordnete
Es ist kein Vergnügen, in diesen Tagen der Nachrücker Matthews als mutmaßlich war.« Aber dann musste die unbegabte
im Vereinigten Königreich ein Konserva- letzter britischer Europaabgeordneter aus, Theresa May ja die Scheidungsverhand-
tiver zu sein. Fast drei Jahre ist es her, dass um die Brüsseler Bürokraten das Fürchten lungen grandios vermasseln. Deshalb tritt
sich die Briten mehrheitlich für einen Ab- zu lehren. Ein Geisterjäger und Experte er nun halt noch mal an, Ehrensache. »Der
schied aus der Europäischen Union ent- für Paranormales auf dem Weg ins EU-Par- Brexit ist eine unerledigte Aufgabe.«
schieden haben. In nicht mal einer Woche lament – das hatte wirklich noch gefehlt. Dafür lässt er sich nun eben auch die
beginnen die Wahlen für ein neues Parla- Und zeigte nebenbei, wie ernst die Briten Türen vor der Nase zuschlagen. Kürzlich
ment, und da das Königreich, ob es will ihre alten Klubkameraden noch nahmen. erst, in Loughborough, nur ein paar Kilo-
oder nicht, noch eine ganze Weile Klub- 180 Bücher hat der 57-jährige Matthews meter entfernt von daheim, schrie ihn ein
mitglied zu bleiben scheint, ist es gezwun- nach eigener Zählung bislang publiziert, Mann an: »Ihr Idioten habt den Brexit ver-
gen mitzuwählen. darunter »Geschichte außerirdischer Ak- bockt! Runter von meiner Straße!« Mat-
Seitdem sie das kleinlaut einräumen tivitäten«, »Begegnungen mit Aliens« und thews trat den Rückzug an, er wollte nicht
musste, verharrt die regierende konserva- »Geisterführer durch England«, aber auch enden wie die bedauernswerten Keller-
tive Partei von Premierministerin Theresa »Santa – die autorisierte Biografie des wesen, über die er so gern schreibt.
May in Schockstarre. In Umfragen stehen Weihnachtsmanns«. Er hat obskuren Dop- Es sind sehr wirkliche Heimsuchungen,
die Tories schlecht da, mittlerweile sind pelgängern hinterherrecherchiert, die in mit denen Matthews und die Konservati-
sie sogar von einer neu gegründeten Partei den Zwanzigerjahren durchs britische Par- ven in diesem surrealen Frühling zu kämp-
überholt worden, der Brexit-Partei des lament geisterten. Er gab als vermeint- fen haben. Kein Mensch weiß, ob es The-
EU-Gegners Nigel Farage. licher »Professor« bisweilen Onlinekurse resa May am Ende noch gelingt, irgend-

86 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


einen Brexit-Kompromiss aus dem Hut zu
zaubern. Oder ob die Regierungschefin
Mitte Juni Geschichte sein wird, wie es die
wachsende Zahl ihrer innerparteilichen
Gegner verlangt. Niemand vermag vorher-
zusagen, wie ein Nachfolger, sei es Jeremy
Hunt oder Boris Johnson, das Patt im Par-
lament auflösen soll. Und ob am Ende wo-
möglich doch der Sozialist und Labour-
Chef Jeremy Corbyn den Schlüssel zu
10 Downing Street ausgehändigt bekommt.
Am schmerzhaftesten für die Tories
ist vor der EU-Wahl jedoch, dass ihr
schlimmster Albtraum, der Ex-Tory und
Rechtsaußenkobold Nigel Farage, sich
anschickt, ihnen die größte denkbare Nie-
derlage zuzufügen. Seit wenigen Wochen
führt der Mann mit dem Nussknacker-
grinsen seine neue Brexit-Partei, mit wenig
Personal, schlankem Apparat, aber offen-
bar mit unerhörtem Appeal bei den chaos-
müden Briten.
Aktuelle Umfragen sehen die Ein-Mann-
ein-Thema-Partei bei rund 34 Prozent, Fa-
rage würde damit mehr Stimmen auf sich
vereinen als Tories und Labour zusammen-
genommen. In manchen Umfragen nähern
sich die Konservativen sogar einem ein-
stelligen Ergebnis, möglich, dass sie am
23. Mai, an dem in Großbritannien ge-
wählt wird, als sechste Kraft ins Ziel kom-
men – hinter der Brexit-Partei, Labour,
den Liberaldemokraten, den Grünen und
der ebenfalls neu gegründeten Anti-Bre-
xit-Allianz Change UK.
Es wäre genau die Art von »politischer
Revolution«, von der der Trump-Freund
und Verschwörungstheoretiker Farage seit
Jahren träumt. Und es könnte der Auftakt
für einen Sommer sein, wie ihn das poli-
tisch gebeutelte Großbritannien noch nicht
erlebt hat. Denn auch in Umfragen für eine
womöglich bald stattfindende britische
Parlamentswahl steht die Brexit-Partei
glänzend da, während die Konservativen
stetig an Boden verlieren.
Sinnbildlich für den Trend standen am
Wochenende Ereignisse in Ostengland:
Während der Tory Rupert Matthews in
Wellingborough vor verschlossenen Türen
stand, versetzte Nigel Farage im gut 130 Ki-
lometer entfernten Lincoln sein Publikum
in Rage, indem er einfach nur Namen von
Menschen durch eine Veranstaltungshalle
brüllte, die in seinen Augen Verräter an
der britischen Sache sind: Tusk, Juncker,
May. Saaldiener karrten derweil Dutzende
Stühle herbei, um den etwa tausend Brexit-
Fans einen Platz zu bieten.
Möglich, dass der Ungeist des Nigel
MARY TURNER / DER SPIEGEL

Farage bald über die Konservativen hin-


wegrollt. Und dass Theresa Mays Partei
auf die Hilfe von Geisterbeschwörern an-
gewiesen sein wird, um weiter gehört zu
werden. Rupert Matthews sollte sich be-
reithalten. Jörg Schindler
Politiker Matthews in Wellingborough: Besser nicht über den Brexit reden

87
Ausland

Der falsche Gandhi


Indien Schon sein Urgroßvater regierte das Land, seine Großmutter und sein Vater
ebenso. Nun will Rahul Gandhi das Erbe seiner Vorfahren fortführen und
neuer Premier werden. Aber die Inder lieben nicht ihn, sondern seine Schwester Priyanka.

R
ahul Gandhi war 14 Jahre alt, als der USA und Südafrikas allesamt zeit- ten Belege dafür, dass die Demokratie in
zwei Leibwächter seine Großmut- gleich dazu aufgerufen, über die Zukunft Indien funktioniere, sei der Fakt, dass Ra-
ter erschossen. Er war kaum 21, ihres Landes zu entscheiden. hul Gandhi noch immer nicht Premier ist.
als eine Bombe seinen Vater zer- Am 23. Mai wird sich herausstellen, Seit vier Generationen lenkt die Nehru-
riss. Heute ist er 48 und tut genau das, was ob Premier Narendra Modi eine zweite Gandhi-Familie nun schon mit Unter-
sein Vater tat, als er starb: Er macht Wahl- Chance erhält: ein 68 Jahre alter, stolzer brechungen die Geschicke der größten
kampf. Hindu-Nationalist, der vor Machtwillen Demokratie der Erde. Ihre Mitglieder
Der Hubschrauber setzt auf dem Sand- strotzt. Der sich vor den Indern als »Wäch- haben Indien in die Unabhängigkeit ge-
platz auf. Eine Staubwolke wirbelt auf, ter« stilisiert, als letzte Instanz zwischen führt, aber auch zeitweise in die Auto-
zwei Rauchbomben explodieren, und he- gierigen Politikern, islamistischen Ter- kratie. Sie haben dem Land den Sozia-
raus steigt – wie immer in weißer Kurta roristen und dem Staat. Oder ob Rahul lismus gebracht und schließlich auch ein
und weißer Hose – der Kandidat Rahul Gandhi die alte Kongresspartei mit ihrer wenig Kapitalismus.
Gandhi. Die Zuhörer klettern auf Plastik- großen Tradition, die bis ins 19. Jahrhun- Rahul Gandhi ist der Sechste aus der
stühle. Sie schwenken Fahnen und rufen dert und zum Befreiungskampf zurück- Nehru-Gandhi-Dynastie an der Spitze der
seinen Namen. Rahul Gandhi er- Kongresspartei, wenn man seinen
klimmt die Bühne und winkt. Am Ururgroßvater mitrechnet – den
Rand flattern die Poster seiner Ver- Staatsgründer Jawaharlal Nehru.
wandten im Wind: Sonia, die Mut- Trotz der Namensgleichheit ist die
ter. Priyanka, die Schwester. Und Familie mit dem Nationalhelden
er selbst: Rahul, der Sohn. Mahatma Gandhi nicht verwandt.
Jahrelang hatten sich die Gan- Es galt als geradezu vorbe-
dhis davor geziert, in die Politik stimmt, dass Rahuls Leben ihn und
zurückzukehren. Drei indische seine Schwester in die Politik füh-
Premiers hat die Familie in der Ver- ren würde und einen der beiden
gangenheit hervorgebracht, zwei eines Tages an die Spitze der
Gandhis starben bei Attentaten. Regierung.
Ihre Geschichte ist die einer Fa- Es ist der letzte Sonntag im März,
JITENDRA ARYA / CAMERA PRESS / PICTURE PRESS

milie, der die Politik Macht ver- im südindischen Bundesstaat Kar-


lieh und am Ende vieles nahm. nataka. Der Wahlkampf hat gerade
Sie habe »wie eine Tigerin ge- erst begonnen. Rahul Gandhi
kämpft«, um ihren Mann vor der spricht über sein größtes Verspre-
Politik zu bewahren, schrieb Sonia chen: ein universelles Grundein-
Gandhi einmal. »Sie würde ihn zer- kommen. Wer arm ist, soll künftig
quetschen.« umgerechnet rund 920 Euro pro
Und doch sind sie wieder alle Jahr bekommen. Das sei revolutio-
dabei. Da ist Rahul, wie er im nord- när, sagen seine Unterstützer. Wag-
indischen Bundesstaat Haryana halsig, sagen manche Ökonomen.
Hände schüttelt. Priyanka, wie sie Und bei seiner Wahlveranstaltung?
in einem Boot über den Ganges Gandhi-Familie um 1975*: Eine Geschichte der Macht Sind die ersten Zuhörer eingenickt.
schippert. Sonia, die hinduistische Gandhi kam mehrere Stunden zu
Rituale vollführt. spät. Die Sonne hat die Menschen
Was treibt einen Menschen – nach all reicht, noch einmal von den Toten erwe- ausgedörrt, sie verlassen in Scharen den
dem Hass und der Gewalt – zurück in die cken kann. Die Wähler hatten sie nach Platz. Am Ausgang wartet eine Frau, die
Politik? Steckt dahinter Machtdurst oder vielen, vielen Korruptionsskandalen 2014 Puffreis mit viel Masala verkauft. Was sie
Masochismus? Oder ist das einfach normal mit dem schlechtesten Ergebnis in ihrer über Rahul Gandhi denke? Sie zögert.
in einem Land, in dem alles Sache der Geschichte abgestraft. »Wenn Modi hier gewesen wäre«, sagt sie,
Familie ist, selbst das Regieren? Gandhi, ihr Vorsitzender, hat die Wahl »wäre der Platz aus allen Nähten geplatzt.«
In Indien spielt sich derzeit die größte nun zur Abstimmung über die Demokratie Zwar stimmt es, was seine Verteidiger
demokratische Wahl der Welt ab: Rund ausgerufen: Er beschuldigt Modi und seine aus der Partei über ihn sagen. Rahul
900 Millionen Stimmberechtigte wählen BJP, sie führten das Land in die Autokratie. Gandhi gibt mittlerweile eine bessere Figur
ein neues Parlament, mehr als fünf Wo- Gandhis Gegner hingegen würden – nicht ab. Er ist scharfzüngiger und selbstbewuss-
chen lang, bei geschätzten Kosten von bis ganz zu Unrecht – einwenden: Einer der bes- ter als bei seinem Debüt vor 15 Jahren.
zu neun Milliarden Euro. Rund 8000 Kan- Aber er tritt gegen Modi an, einen der ta-
didaten kämpfen um 543 Sitze im Unter- * Sanjay, Rajiv, Indira, Sonia (sitzend) und Maneka lentiertesten Redner, die Indien jemals hat-
haus. Es ist, als wären die Bürger der EU, Gandhi mit Kindern Rahul und Priyanka. te. Modi spricht zwei Wochen nach Gandhi

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Wahlkämpfer Gandhi (M.), Schwester Priyanka in Lucknow: »Wer so aufwächst, der läuft nicht davon«

ganz in der Nähe. Vor ihm drängen sich für ihren Bruder nie tun würden. Sie strei- Familien der Oberschicht zu Hause ge-
die Massen, der Premier brüllt: »Wer hat cheln ihre Wangen, drücken ihre Hände. sprochen haben.
Pakistan das Fürchten gelehrt?« Und die April, ein Donnerstag in Uttar Pradesh, Es gibt viele Gründe für den Erfolg von
Menge schreit: »Modi, Modi, Modi!« im Norden des Landes. Die ersten beiden Dynastien in Indien. Seien es die Yadavs
Rahul Gandhi sei intelligent, warmher- Wahltage sind gelaufen. Fünf Männer sit- in Uttar Pradesh, die Abdullahs in Jam-
zig und belesen, sagen seine Freunde. Ein zen in einem Teehaus. Der Chai blubbert mu und Kaschmir oder die Patnaiks in
eher stiller Charakter, der sich nicht in den auf dem Gaskocher. Rahul sei neulich vor- Odisha – die Macht befindet sich hier seit
Vordergrund dränge. Der Kampfsport beigefahren, sagt einer. Das Fenster sei je in den Händen von Söhnen, Töchtern,
mag, einen Pilotenschein besitzt und viel hochgekurbelt gewesen. »Ich glaube, der Cousins und Witwen. Und zunehmend
joggt. Es sei ihm ernst, wenn er sagt, er war eingenickt.« Eine Woche später sei auch in denen von Kricket- und Bollywood-
wolle den Schwachen helfen. Aber Rahul Priyanka auf der Durchreise gewesen, sie stars. Das hat viel mit Vetternwirtschaft
Gandhi ist vor allem dafür bekannt, was sei ausgestiegen und habe jedem die Hand zu tun, aber auch mit Wiedererkennbar-
er nicht ist. Er ist kein Visionär. Er reißt geschüttelt. keit. In einem Land mit Hunderten Mil-
SUBHANKAR CHAKRABORTY / HINDUSTAN TIMES / SIPA USA / DDP

die Massen nicht mit. Ihm fehlt der unbän- Es gibt keinerlei Grund anzunehmen, lionen Wählern und 23 Landessprachen
dige Wille, es nach oben zu schaffen, wahr- dass Priyanka Gandhi mehr von Sozial- ist es nicht leicht und billig, einen Kandi-
scheinlich weil er schon immer oben war. hilfeprogrammen oder Wirtschaftsrefor- daten bekannt zu machen.
Er ist nicht Modi. Und was viele besonders men versteht als ihr Bruder. Sie kandidiert Modi gilt als der starke Mann. Priyanka
schmerzt: Er ist nicht seine Schwester. nicht einmal. Sie betreut nur den Wahl- Gandhi ist eine Frau und damit immer
Es ist kein Geheimnis, dass viele Inder kampf im Osten des wichtigen Bundes- auch potenziell eine zweite Indira. Ganz
lieber sie gehabt hätten: die 47-jährige Pri- staats Uttar Pradesh. Seit ihrer Heirat hat besonders dann, wenn sie die Haare so
yanka Gandhi. Stattdessen ging ihrer Mei- sie auch einen neuen Namen. Aber das trägt wie die legendäre Großmutter und
nung nach der falsche Gandhi in die Politik, interessiert kaum jemanden. Sie hat, was die gleichen Saris. Und Rahul Gandhi?
dieser »Pappu«, wie ihn seine Gegner bö- sich nicht lernen lässt: Charisma, Leich- »Rahul hätte einen guten Professor in
serweise getauft haben, die Koseform für tigkeit, Schlagfertigkeit. Sie spricht Hindi den USA abgegeben«, sagt einer, der mit
einen kleinen Jungen. Priyanka Gandhi hin- besser als ihr Bruder, dem das Reden ihm gearbeitet hat. Er durchdringt die Pro-
gegen lässt sie schwärmen. Wo sie auftaucht, auf Englisch leichter fällt – weil das die bleme intellektuell, hat aber nicht das Cha-
strömen die Menschen herbei, wie sie es Sprache ist, die die Gandhis wie viele risma, Menschen von der Lösung zu über-

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 89


jiv wollte nicht Premier werden. Sonia woll-
te es nicht. Aber die Gandhis sind der Kleb-
stoff, der dafür sorgt, dass nicht alles ausei-
nanderfliegt.« Mit diesem Argument holten
sie in den Neunzigerjahren auch die um ih-
ren ermordeten Mann Rajiv trauernde Wit-
we Sonia Gandhi aus der Klausur: Wenn
du es nicht machst, dann stürzt alles in sich
zusammen, wofür dein Mann gekämpft hat.
Eine Zeit lang behielten sie damit auch
recht. Sonia Gandhi ist in Italien geboren
und aufgewachsen. Sie wurde römisch-ka-
tholisch erzogen. Doch letztendlich schlos-
sen die Inder »Madam« ins Herz. Unter
ihr besiegte überraschend die Kongress-
partei 2004 den damaligen Favoriten, die

ADNAN ABIDI / REUTERS


BJP, und bildete eine Regierungskoalition.
Doch wohnt den Geschwistern Rahul
und Priyanka der gleiche Zauber inne?
Laut Umfragen ist folgendes Szenario
am wahrscheinlichsten: Die BJP verliert
Premier Modi in Varanasi: »Wer hat Pakistan das Fürchten gelehrt?« die Mehrheit, bleibt aber dennoch stärkste
Kraft. Die Kongresspartei wird Sitze hinzu-
gewinnen. Wer am Ende regiert, wird da-
zeugen, ist im Westen besser aufgehoben weisen außer seinem Namen, fragen sie. von abhängen, wer Allianzen mit den vie-
als im ländlichen Indien. Rahul Gandhi hat noch nie ein Ministeramt len Regionalparteien schmieden kann. Der
Der eigentliche Grund, dass seine bekleidet. Er hat während der vergangenen nächste Premier wird wahrscheinlich Modi
Schwester nicht kandidiert, heißt es in In- Legislaturperiode keine einzige Frage im heißen, vielleicht aber auch Gandhi. Oder
dien, sei ihr Mann. Er soll angeblich in Parlament gestellt. Wenn er Indien zu ei- – auch das ist in einer parlamentarischen
zwielichtige Immobiliengeschäfte verwi- nem gerechteren Ort machen will, warum Demokratie möglich – einen ganz anderen
ckelt sein, was er bestreitet. Tatsächlich fängt er dann nicht bei seiner Partei an? Namen tragen.
hatte sie stets gesagt, sie wolle sich um ihre Das Gerede von der Dynastie sei doch Was sich aber schon jetzt abzeichnet:
Kinder kümmern. Nun, da die groß sind, Unsinn, findet Sam Pitroda, ein ehemali- Indien ist nicht mehr das Land, das es ein-
wolle sie ihrem Bruder beistehen. Und er ger Freund und Berater von Rajiv Gandhi, mal war. Herkunft bringt einen nach wie
sei die richtige Wahl. dem Vater des Kandidaten. Heute berät vor weit; nur nicht mehr automatisch nach
Als Großmutter Indira Gandhi 1984 von er dessen Sohn. »Rahul wurde gewählt, ganz oben. Ein neuer Typ Politiker ist ent-
ihren Leibwächtern erschossen wurde, weil er der Beste ist. Und wenn das nicht standen, der keine Familienbande hat und
machte das die Tote zur Heldin. Und aus mehr der Fall ist, dann wirft die Partei ihn daher als nicht korrupt gilt.
den Geschwistern beste Freunde. Der Tag raus.« Die beiden trafen sich das erste Mal Modi ist so einer. Er hat nicht im Aus-
des Attentats war der letzte, an dem sie in den Achtzigerjahren. Im Zimmer saßen land studiert, und er verkörpert die Erfah-
eine Schule besuchten. Danach wurden sie der Premier, der KPdSU-Generalsekretär rung, die viele Inder machen müssen: dass
zu Hause unterrichtet, der einzige Ort, den Michail Gorbatschow und der Teenager man im Leben um alles kämpfen muss.
sie ohne Personenschutz betreten durften, Rahul, der einfach ein bisschen zuhörte, Auch darum, Premier zu werden.
war der Garten. Es war ein Leben im gol- wie die mächtigen Männer da plauderten. Es reicht nicht mehr aus, ein Gandhi zu
denen Käfig: wo Staatschefs ein und aus Rahul Gandhi erzählte Pitroda auch ein- sein, aber es schadet auch nicht.
gingen, aber fast niemand in ihrem Alter. mal, wie seine Großmutter ihn bat, Akten April, Amethi in Uttar Pradesh, der
Die Geschwister wurden zu Klassenkame- zu tragen. Wenn sie nicht guckte, las er Wahlkreis von Rahul Gandhi. Die Men-
raden, Spielkameraden und Vertrauten. sie. Manchmal nahm Oma ihre Enkel auch schen drängen, stoßen und schubsen. Blü-
Ein Band, das bis heute hält. mit auf Staatsreisen. tenblätter regnen herab. Endlich kommt
Nach der Schule studierte Priyanka »Wer so aufwächst, der läuft nicht da- der Wagen in Sicht. Auf dem Dach stehen
Gandhi Psychologie und Buddhismuskun- von«, sagt Pitroda. »Der verspürt eine Priyanka und Rahul Gandhi. Aber sie sind
de. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Pflicht gegenüber seinem Land.« In seinen nicht allein. Neben ihnen stehen zwei junge
Ihr Bruder ging für mehr als ein Jahrzehnt Augen haben zwei Gandhis ihr Leben für Studenten. Priyanka Gandhi hat ihren Sohn
ins Ausland. Er studierte in Cambridge die Nation gelassen, und es sei die Aufgabe und ihre Tochter mitgebracht. Gemeinsam
und ein Jahr lang auch in Harvard, zu- der nächsten Generation, ihr Erbe zu winken sie den jubelnden Massen zu.
weilen unter falschem Namen und mit schützen. »Wie willst du deinem toten Va- Wenn Indien wählt, dann ist vieles mög-
dichtem Bart. Wenn er darüber spricht, ter sonst jemals gegenübertreten?« lich. Nur eines ist unwahrscheinlich: dass
wie er im Ausland ohne Personenschützer Auch Rahul Gandhi hat so gesprochen. die Geschichte der Gandhis hier endet.
Zug fuhr und wie Menschen dort seine Nach dem Tod des Vaters wurde dessen Laura Höflinger
Freunde wurden, ohne ehrerbietig den Asche in einen Zug in Richtung des heili- Twitter: @hoeflingern
Kopf zu senken, klingt es immer, als habe gen Flusses Ganges geladen. Von Bord aus
er damals eine schöne Zeit gehabt. sah er »eine große Menge, die neben dem
Warum kehrte er 2002 zurück? Es gibt Zug herlief, aufgewühlt und erschüttert«. Video
Immer wieder
nicht wenige Inder, die sich wünschen, Das sei der Tag gewesen, an dem er ent- Gandhi
dass in der Kongresspartei Talent endlich schied, Politiker zu werden. spiegel.de/sp212019indien
mehr zählt als Abstammung. Was hat »Welche Wahl blieb ihm denn?«, fragt ein oder in der App DER SPIEGEL
der Urenkel eines Nationalhelden vorzu- seit Schultagen Vertrauter der Familie. »Ra-

90 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Ausland

In Deckung
Analyse Der USA-Iran-Konflikt zeigt, wie sehr die EU in außenpolitische Schockstarre verfallen
ist. Die Europäer geben sich Kriegsängsten hin, haben aber keine Antwort auf Donald Trump.

E
s war vor etwas mehr als einem Jahr, als sich Europa Leben zu erhalten, hat die EU vor vier Monaten die Grün-
in eine der größten außenpolitischen Schlachten der dung von Instex angekündigt, einem Mechanismus, mit dem
vergangenen Jahre warf. Diplomaten aus Großbri- die US-Sanktionen gegen Banken umgangen werden sollen.
tannien, Frankreich und Deutschland belagerten die Geschehen ist seither wenig. Nichts ist für die Glaubwürdig-
US-Regierung von Donald Trump in der Absicht, jenes Atom- keit der EU-Außenpolitik aber fataler als hohle Zusicherun-
abkommen mit Iran zu bewahren, das Trump kippen wollte. gen. Selbst wenn am Ende nur wenige Unternehmen den
In einem letzten verzweifelten Appell reisten Frankreichs Mechanismus nutzen würden, muss er umgesetzt werden.
Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Drittens: Die Gefahr ist gering, aber sie existiert, dass die
Merkel nach Washington, aber auch das half nicht. Am Hardliner im Weißen Haus den US-Präsidenten in einen Kon-
8. Mai 2018 kündigte Trump den Ausstieg an. flikt hineintreiben, den er nicht steuern kann. Europa muss
Ein Jahr später ist die Lage so: Der Konflikt zwischen den zumindest an einer Option arbeiten, um Trump eine diplo-
USA und Iran heizt sich auf, täglich gibt es Berichte über matische Tür zu öffnen. Iran lehnt eine Neuverhandlung und
angebliche Provokationen. Aber Europa wirkt ratlos. Der Erweiterung des Atomabkommens bislang ab; Europa muss
Kampfgeist von vorigem Jahr ist auch in der Bundesrepublik daher als Mittler dem Regime in Teheran deutlich machen,
verflogen, die Energie verpufft. Stattdessen macht sich in dass die Alternative – eine militärische Eskalation mit den
Deutschland Panik breit, die USA und womöglich dessen
schon einen neuen Krieg im Verbündeten in der Region –
Nahen Osten heraufziehen mehr Risiken birgt. Europa
sieht, ohne dass jemand eine sollte dazu beitragen, Iran
Antwort auf die Gefahr hät- als Hegemonialmacht einzu-
te. Sind die Europäer, die dämmen.
Deutschen wirklich so ohn- Die Situation wird für Ber-
mächtig, wie sie wirken? lin und Brüssel nicht einfa-
Zugegeben, die Europä- cher dadurch, dass in Tehe-
ische Union steckt in einer ran ein theokratisch-militäri-
AHMAD HALABISAZ / XINHUA / DPA
schwierigen Lage. Aus Wa- sches Regime an der Macht
shington schickt ein unbere- ist, das Israels Existenzrecht
chenbarer, unsicherer Präsi- bedroht, Milizen von Syrien
dent einen Flugzeugträger bis in den Jemen ausstattet
zum Persischen Golf und und die Region seit Jahren –
droht mit Sanktionen, soll- ähnlich wie Saudi-Arabien –
ten europäische Firmen mit destabilisiert. Es zeigt sich
Iran weiterhin Geschäfte ma- Iranische Patrouille in der Straße von Hormus hier das große Dilemma deut-
chen. Trumps Sicherheits- scher Außenpolitik im Nahen
berater John Bolton, der die Osten. Einerseits hat Merkels
USA 2003 mit in den Irakkrieg geführt hat, träumt wieder Regierung viel Personal, Zeit und politisches Kapital in das
von »regime change«; schon kursieren Pläne, die Zahl der Atomabkommen investiert. Andererseits schreckt die Bun-
Soldaten in der Region auf 120 000 zu erhöhen. Teheran wie- desrepublik jetzt, da es ernst wird, auch aus Rücksicht auf Is-
derum warnt, Teile des Atomprogramms hochzufahren, soll- rael vor einer Politik zurück, die allzu iranfreundlich ist.
ten die Europäer den Deal nicht bewahren. Die Lage ist besonders heikel für Außenminister Heiko
Es ist an der Zeit, aus der Defensive zu kommen – in Brüs- Maas, der bei seinem Amtsantritt sagte, »wegen Auschwitz«
sel, aber auch in Berlin, Paris und London. Zwar sind die sei er in die Politik gegangen. Maas wirkt derzeit überfordert,
Handlungsoptionen beschränkt, aber es gibt sie. und es ist nicht der einzige Krisenherd der deutschen Außen-
Erstens: Trotz der Drohungen hat keine der beiden Seiten politik. Omid Nouripour, der Außenexperte der Grünen,
ein Interesse an einer Eskalation, weder die USA noch Iran. empfahl Maas, nach Teheran zu reisen. Er hatte recht. Wenn
Trump könnte seinen Wählern einen neuen Krieg im Nahen die Deutschen wegen einer Eskalation um Iran besorgt sind,
Osten nicht verkaufen – es gehörte zu seinen wichtigsten sollten sie sich umso intensiver bemühen, diplomatische Ka-
Versprechen, mit Amerikas Kriegen Schluss zu machen. Das näle zu öffnen. Die gibt es momentan nicht ausreichend.
Regime um Revolutionsführer Ali Khamenei weiß wiederum, Viele Europäer klammern sich an die Hoffnung, dass
dass es bei einem Militärkonflikt viel mehr zu verlieren als Trump nächstes Jahr abgewählt wird und sein Nachfolger
zu gewinnen hätte. Einen Krieg wird es dann geben, wenn dann vieles besser macht. Doch das genügt in der gegen-
die Lage aus Versehen außer Kontrolle gerät. wärtigen Lage nicht. Die Diplomatie in Deutschland und
Zweitens: Es hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren und Europa ist, so scheint es, angesichts des Dauerfeuers aus Wa-
Diplomatie zu betreiben, das heißt, engen Kontakt zu beiden shington in einen Zustand der Schockstarre verfallen. Davon
Seiten zu halten. Europa hat ein Interesse an einem atom- profitieren diejenigen in Washington, Teheran und Riad, die
waffenfreien Iran, es muss aber mehr tun, als Worte der Er- einfache Lösungen anbieten – die Hardliner, die mit dem
mutigung nach Teheran zu schicken. Um den Iran-Deal am Feuer spielen. Christoph Scheuermann

91
Ausland

Hangover
bar so zugeneigten Paar – dem jungen, man auch die Minimalversion eines Bud-
überzeugten Europäer Macron und der gets zur Stabilisierung der Eurozone ver-
mächtigsten Politikerin Europas – an einem worfen habe. Der Widerstand der Nieder-

im Élysée
Tiefpunkt angekommen. länder und die deutschen Zögerlichkeiten
Schon Monate war die schleichende Ent- gegenüber Macrons Vorschlägen hätten
fremdung spürbar. Macron hatte seit Be- dazu geführt, dass der Präsident, der ver-
ginn seiner Präsidentschaft wie keiner sei- sprach, Europa neu zu gestalten, nun kurz
Frankreich Das Verhältnis ner Vorgänger auf die bilaterale Beziehung vor den Europawahlen dastehe wie je-
zwischen Berlin und Paris ist an zu Deutschland gesetzt, um schnelle Erfol- mand, der nicht mehr in der Lage ist, seine
einem Tiefpunkt angekommen. ge für sein europäisches Reformprojekt Pläne durchzusetzen.
vorweisen zu können. Zwei Jahre später Das schwächt Macron in einer ohnehin
Präsident Macron setzt nicht mehr ist die Bilanz mager, sieht man von der im- schwierigen Lage. In Umfragen liegt seine
nur auf die Deutschen. mer wieder zitierten Entwicklung gemein- Partei La République en marche mit dem
samer Kampfflugzeuge und Panzer ab. rechtspopulistischen Rassemblement Na-
Der große Wurf blieb aus. Macrons Sor- tional Marine Le Pens gleichauf. Demnach

W enn man in diesen Tagen mit Be-


ratern aus dem Umfeld des Élysée
spricht, geschieht etwas sehr Un-
französisches: Unverhohlen tragen sie ihre
bonne-Rede, in der er im Herbst 2017 mit
großer Geste für eine Neugründung eines
souveränen Europa warb, ist längst ver-
hallt und fast vergessen; eine klare Ant-
würden beide auf jeweils gut 22 Prozent
der Stimmen kommen.
Die nach dem 26. Mai anstehenden Ver-
handlungen um Spitzenposten in der EU
Ernüchterung und tiefe Enttäu- werden die verschiedenen Interes-
schung zum Stand der deutsch- sen von Deutschen und Franzosen
französischen Beziehungen vor. erneut zum Vorschein bringen.
Einige von ihnen wirken dabei Macron ist gegen das Prinzip der
merkwürdig abgeklärt – als hätten Spitzenkandidaten und kann sich
sie das Ende dieser vor Jahrzehn- wenig mit dem von der Kanzlerin
ten eingegangenen Sonderbezie- präferierten EVP-Kandidaten Man-
hung längst akzeptiert und einge- fred Weber anfreunden. Er würde
sehen, dass sie, so wie sie einmal wohl lieber den Franzosen und Bre-
war, nicht mehr zu retten ist. Das xit-Verhandler Michel Barnier als
ist ungewöhnlich in einem Land, Kommissionschef sehen.
das Krisen zwischen Berlin und Pa- Bei einem Paar sei der Moment
ris lange mit blumigen Formeln der Gleichgültigkeit immer der
und Wortgirlanden zudeckte. schwierigste, sagt der Macron-Ken-
Was sich da gerade abspiele, sei ner und Präsident der Berliner
eine große Premiere, sagt jemand, Hertie School of Governance, Hen-
der Emmanuel Macron seit Jahren rik Enderlein. »Insofern spricht
berät. Sicher, es habe immer Span- jetzt vieles dafür, die Unterschiede
nungen gegeben, zwischen Angela klar anzusprechen und von einer
Merkel und Nicolas Sarkozy, zwi- emotionalisierten Freundschaft zu
schen der Kanzlerin und François einer interessengetriebenen Zweck-
Hollande. Diese hätten sich aber gemeinschaft zu finden.«
wieder gelöst. Doch nun befinde Zu lange habe man die Rituale
man sich in einer Phase, in der – dieser Freundschaft gepflegt und
aus Paris besehen – die Kräftever- einen ehrlichen inhaltlichen Aus-
hältnisse in Europa neu definiert tausch vermieden, heißt es auch
würden. Und das deutsch-französi- selbstkritisch in Paris, wo Macron
sche Paar habe in diesem Europa diese Woche die Vorteile einer
DIDIER LEBRUN / IMAGO

nicht mehr seinen alten Platz. »fruchtbaren Konfrontation« erläu-


Es ist, als habe ein großer deutsch- terte. Eine neue Europastrategie
französischer Hangover Paris er- der Franzosen zeichnet sich ab:
fasst. Während die Kanzlerin in der weg von der exklusiven Zweier-
»Süddeutschen Zeitung« diese Wo- beziehung mit Deutschland, hin
che etwas verbrämt von »Ungleich- Politiker Macron, Merkel: Weg von der Zweierbeziehung zu Projekten mit mehreren euro-
zeitigkeiten« und »Mentalitäts- päischen Partnern, an denen alle
unterschieden« in ihrem Verhältnis teilnehmen können, die inhaltlich
zu Macron sprach, aber auch davon, dass wort aus Deutschland gab es bekanntlich übereinstimmen. Die von Frankreich an-
man immer eine Mitte finde, scheint man nie. Vielleicht nicht, weil der französische geführte Klimainitiative beim EU-Sonder-
im Élysée entschlossen, die Schwierigkei- Präsident zu viel auf einmal wollte und gipfel im rumänischen Sibiu zeigte, wie so
ten nun beim Namen zu nennen. »Wir eine Neugestaltung Europas vor allem zu etwas gehen könnte. Neun Staaten haben
müssen raus aus diesem Narrativ, dass alles seinem Projekt deklarierte. Die Kanzlerin die Erklärung unterzeichnet. Deutschland
gut geht und wir so tolle Freunde sind«, soll das verstimmt haben, heißt es in Paris. kündigte erst Tage später an, nachziehen
so ein Berater, »das haben wir lange genug Berlin, so sagt es Jean Pisani-Ferry, der zu wollen. Eine EU, in deren Zentrum
gemacht. Der Präsident hat nicht vor, die- im Wahlkampfstab Macrons Wirtschafts- nicht mehr die deutsch-französische Be-
sen Kurs fortzusetzen.« berater war, habe mit dem Nein zu einer ziehung steht, ist schwer vorstellbar. Doch
Und so sind die Beziehungen zwischen Reform der Eurozone Macron erst die Flü- in Paris wird daran gerade sehr ernsthaft
Berlin und Paris ausgerechnet unter die- gel gestutzt und dann noch die wenigen gearbeitet. Britta Sandberg
sem einst vielversprechenden, sich schein- Federn ausgerupft, die übrig waren, indem

92 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Sport
»Diese Tätowierungen. Ein Irrsinn. Das ist doch furchtbar!« ‣ S. 96

Verletzungen in den beiden höchsten Ligen


Durchschnittswerte pro Saison
FUSSBALL prominente BASKETBALL EISHOCKEY HANDBALL
Beispiele:

DPA PICTURE-ALLIANCE; IMAGO SPORT (3)


Marco Devin Christoph Martin
Reus Booker Ullmann Strobel
am
häufigsten
verletztes Ober- Sprung-
Körperteil schenkel gelenk Kopf Knie

Ausfalltage
pro Spieler 27,6 Tage 15,6 Tage 22,9 Tage 29,8 Tage
Quelle:
VBG-Sport-
pro Team 726,4 Tage 198,8 592,9 report 2018 586,8

Die härteste Mannschaftssportart ist: Fußball! In den beiden Gesundheit. Dagegen spiegelt sich das Vorurteil über Basketball
höchsten Profiligen gab es in der vergangenen Saison knapp als »körperlose Sportart« in den Zahlen der Versicherung wider.
2600 Verletzungen. Die Spieler fielen deshalb mehr als 26 000 Fouls werden rigoroser geahndet, Spieler geraten weniger häufig
Tage aus. Diese Zahlen der Berufsgenossenschaft überraschen, aneinander. Auch deshalb muss ein Basketballer im Schnitt zwölf
galten doch bisher Eishockey und Handball als riskanter für die Tage weniger wegen einer Verletzung aussetzen als ein Kicker.

Magische Momente Van Daelen: Der letzte Satz war Kopf-

»Polonaise durch die Halle«


sache. Aber ich hatte die ganze Zeit über
ein gutes Gefühl.
SPIEGEL: Es reichte. Ihre Starspielerin
Volleyballerin Deborah van Daelen, 30, über den ersten Meistertitel Krystal Rivers erzielte den letzten Punkt
zum 15:11.
SPIEGEL: Frau van Daelen, Van Daelen: Wir sagten uns: Wir können Van Daelen: Ich kann es noch immer
vergangene Woche ge- schon jetzt stolz sein auf das, was wir er- nicht fassen. Nicht, weil ich nicht daran
wann der MTV Stuttgart reicht haben. Es geht nicht mehr um Müs- geglaubt hätte, aber ich wusste ja
mit Ihnen die erste sen, Müssen, Müssen – wir müssen nur nicht, wie sich so ein Sieg anfühlt – ich
Meisterschaft der Vereins- noch eins: das Spiel genießen. Also gingen war ja noch nie deutscher Meister!
geschichte, zuvor hatte wir raus und haben jeden Punkt gefeiert. SPIEGEL: Wie wurde gefeiert?
Stuttgart viermal hinter- SPIEGEL: Sie gewannen die ersten zwei Van Daelen: Wir tanzten Sirtaki auf dem
einander im Finale verloren. Warum hat Sätze, doch Schwerin glich noch einmal aus. Feld, später wurde mein Lied gespielt,
TOM BLOCH / IMAGO

es diesmal gereicht? Der fünfte Satz musste entscheiden. »Per Spoor« von meinem niederländi-
Van Daelen: Wir haben die Erfahrungen schen Landsmann Guus Meeuwis.
aus den letzten Jahren mitgenommen wie in Der Song handelt von einer Zug-
einem Rucksack und sind daran als Team fahrt, also gab es Polonaise durch
gewachsen – wir sind also aus den Nieder- die Halle, ich vorneweg mit
lagen gestärkt hervorgegangen. Zudem hat- Trommel, alle haben mitgemacht.
ten wir in dieser Saison mentales Coaching, Später haben wir den VIP-Be-
führten Gruppen- und Einzelgespräche. Wir reich abgerissen, danach ging es
haben uns in den Play-offs nur von Spiel zu mit Freunden, Fans und Familien
TOM BLOCH / BEAUTIFUL SPORTS

Spiel fokussiert, auch wenn die Erwartungs- in die Stadt. Wir konnten drei
haltung von außen war, dass wir als Tabel- Monate nicht feiern, nun kam die-
lenerster durch die K.-o.-Runden spazieren. se ganze Anspannung raus.
SPIEGEL: Sie schafften es in die Finalserie SPIEGEL: Wer ist die Partyqueen
gegen Schwerin, das Team, dem Sie in im Team?
den vergangenen zwei Jahren unterlegen Van Daelen: Ich bin die Kapi-
waren. Nach vier Partien stand es 2:2, es tänin, ich gehe auch beim Feiern
kam zum Entscheidungsspiel in Stuttgart. MTV-Frauen (blaues Trikot) im Entscheidungsspiel voran! TNE

93
Sport

Königsklasse ohne Scheich


Vereine Uefa-Ermittler fordern offenbar den Ausschluss von Manchester City aus der
Champions League. Kommt der Widerstand gegen die Methoden des englischen Meisters zu spät?

N
ur einen Tag lang währte das Die Fußballwelt sah tatenlos zu. Einer- Klub spontan die Vertragssummen mit
Glücksgefühl der Fans von Man- seits fasziniert. Aber auch zunehmend skep- Abu-Dhabi-Firmen und datierte sie auf
chester City. Am Sonntag hatte tisch, weil ein solch rasanter Aufstieg nur den Saisonbeginn zurück.
ihr Kapitän Vincent Kompany möglich schien, indem Regeln der Branche Manchester City verschaffte sich da-
nach 14 gewonnenen Spielen hintereinan- ausgehebelt wurden. Die Berichte des durch einen einmaligen Wettbewerbsvor-
der den Meisterpokal in die Höhe gewuch- SPIEGEL und seiner europäischen Partner- teil. Was soll’s, kommentierten die »Man-
tet. Jeden einzelnen Sieg hatte sein Team redaktionen vom Recherchenetzwerk Eu- chester Evening News« nach den SPIEGEL-
gebraucht, um in der Abschlusstabelle ropean Investigative Collaborations Enthüllungen, es seien doch nur Regeln
der Premier League einen Punkt vor leisteten den Zweifeln Vorschub. eines Sportverbands gebrochen worden:
Jürgen Klopps FC Liverpool zu Interne Dokumente der Ent- »Niemand stirbt, niemand leidet.«
stehen. hüllungsplattform Football Leaks Offenbar hat der attraktive Pep-Fußball
Den englischen Supercup hat legen nahe, dass Manchester City vielen Zuschauern die Sicht vernebelt.
City, wie der Verein kurz ge- systematisch gegen die Uefa- Denn die Einhaltung von Regeln ist We-
nannt wird, diese Saison bereits Finanzregeln verstoßen hat. Die sensmerkmal des Sports. Auch oder erst
gewonnen. Ebenso den Ligapokal. Uefa will mit dem sogenannten Fi- recht im Profifußball. Denn was ist mit Jür-
Am Samstag könnte auch noch der nancial Fair Play die Chancengleichheit gen Klopp, dessen FC Liverpool nach der
FA-Pokal dazukommen. Doch ausgerech- sichern, sie möchte verhindern, dass besten Saison der Vereinsgeschichte nur
net in diese Siegesfeiern hinein verbreitet Klubs wesentlich mehr Geld ausgeben, auf dem zweiten Platz steht? Was ist mit
sich die Schreckensbotschaft. als sie einnehmen. Doch Manchester City Vereinen, die den Mittelfeldstar Kevin De
Seit Montag berichten Medien aus gut hielt sich offenkundig nicht daran. Der Bruyne verpflichten wollten, den deut-
informierten Kreisen, dass die Ermittlungs- Klub musste keine Spieler verkaufen, um schen Nationalspieler Leroy Sané, aber an
kammer des europäischen Verbands ihre sich neue Stars leisten zu können. Citys Zahlungskraft abprallten? Und was
Untersuchungen gegen den Klub abge- Die Milliarden flossen aus Abu Dhabi, ist mit Vereinen der Bundesliga, die sich
schlossen habe. Am Donnerstag bestätigte der Heimat von Scheich Mansour. Dessen an die Satzungen halten, aber inzwischen
die Uefa, dass der Fall nun an die für Recht- Halbbruder war unter anderem der Chef abgehängt sind?
sprechung zuständige Kammer weiterge- der Airline Etihad, deren Name auf den Die augenscheinlichen Schummeleien
leitet wurde. Geht es nach den Ermittlern, himmelblauen Trikots prangt. Doch die des Scheichklubs betreffen Millionen Fans
soll der englische Meister, trainiert von Sponsoringdeals mit Etihad sowie mit wei- europäischer Vereine, die gegen City in der
Startrainer Pep Guardiola, wohl für min- teren Förderern aus Abu Dhabi waren Champions League ausgeschieden sind.
destens eine Saison aus der Champions wohl nur Maskerade, wie Football-Leaks- Citys Siegeszug war wohl ein fauler Zauber.
League ausgeschlossen werden. Dokumente vermuten lassen. Dabei ging es Scheich Mansour um mehr
Es wäre ein bisher einzigartiger Vor- Offenbar bezahlte Mansour einen Groß- als nur Fußball. City ist ein Imageprojekt
gang: Nie zuvor wurde ein Verein dieser teil des angeblichen Sponsorings selbst für Abu Dhabi, die »Citizens« sind gewis-
Strahlkraft aus dem wichtigsten europäi- und ließ die Gelder lediglich durch die Un- sermaßen die inoffizielle Nationalmann-
schen Wettbewerb geschmissen. ternehmen seiner Vertrauten schleusen. schaft der Vereinigten Arabischen Emirate.
City ist erst seit wenigen Jahren Dauer- Und wenn City zum Ende einer Saison Das Führungspersonal entstammt dem Ver-
gast in der europäischen Königsklasse. trotz der exorbitanten Förderung dennoch trauenszirkel des Kronprinzen Mohamed
Jahrzehntelang verfügte der Verein nur an finanzielle Grenzen stieß, erhöhte der bin Zayed Al Nahyan, der wiederum eng
über ein unspektakuläres Mittelklasseteam mit dem saudischen Kronprinzen verbün-
im Schatten des Stadtrivalen United. Dann det ist, im Jemen Krieg führt und Regime-
übernahm Scheich Mansour bin Zayed Al kritiker unterdrückt. Als Anfang des Jahres
VICTORIA HAYDN / MANCHESTER CITY FC VIA GETTY IMAGES

Nahyan, 48, den Klub. Konkurrenten in den Emiraten der Asian Cup ausgetragen
fürchteten schnell, dass das Mitglied der wurde, war es den Zuschauern unter An-
Herrscherfamilie von Abu Dhabi Milliar- drohung von Gefängnisstrafe verboten, für
den in den Verein pumpen und ihn künst- das verfeindete Katar zu jubeln. Fußball
lich aufblasen würde, um ihn in die Elite- und Politik sind in Abu Dhabi untrennbar
Etage des europäischen Fußballs zu kata- miteinander verbunden.
pultieren. Der Fall des Briten Matthew Hedges of-
Sie sollten recht behalten. Kein engli- fenbart, wie das Fußballprojekt den Emi-
scher Verein kann mit Citys Investitionen raten nutzt. Hedges, ein Wissenschaftler
mithalten. In den vergangenen zehn Jah- an der englischen Universität Durham,
ren hat der Klub 1,2 Milliarden Euro mehr war vor einem Jahr festgenommen wor-
in Spieler investiert, als er durch Verkäufe den, nachdem er zwei Wochen lang in den
eingenommen hat. Dazu kommen Aus- Emiraten geforscht hatte. Er wurde einge-
gaben für Infrastruktur, Gehälter und Part- Trainer Guardiola, Geldgeber Mansour sperrt und von einem Gericht in Abu Dha-
nerschaften mit anderen Klubs. »Niemand stirbt, niemand leidet« bi wegen angeblicher Spionage zu lebens-

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SHAUN BOTTERILL / GETTY IMAGES
Spieler von Manchester City bei der Meisterfeier am Sonntag: Inoffizielle Nationalmannschaft der Vereinigten Emirate

langer Haft verurteilt. Erst nach Interven- formationen ließen sich wie Puzzleteile zichten. Allein für diese Saison summieren
tion des britischen Außenministers wurde zusammensetzen. sich diese für den Verein auf etwa 93 Mil-
Hedges begnadigt. Trotz dieses augen- Niemand bekommt normalerweise einen lionen Euro. Zudem würde dem Klub Ärger
scheinlichen Willkürakts ergriffen Fans solchen Einblick in Klubinterna. Erst recht mit seinen Stars drohen, die sich um eine
von Manchester City während der Krise nicht die Uefa-Ermittler, die keine Doku- Europokalsaison beraubt fühlen könnten.
in sozialen Netzwerken Partei für das Emi- mente beschlagnahmen können und des- So wird seit geraumer Zeit unter Spieler-
rat Abu Dhabi. Diese Reaktionen bestäti- halb darauf angewiesen sind, dass Klubs auf beratern erzählt, dass die möglichen Uefa-
gen, was Experten »soft-power diplomacy« ihre Anfragen wahrheitsgetreu antworten. Sanktionen ein durchaus gewichtiger Grund
nennen: Über den Erfolg im europäischen Bereits 2014 hatte sich die Uefa mit dafür sein könnten, dass einige der Stars,
Fußball züchtet sich die Führung von Abu Manchester City angesichts von Verstößen etwa die deutschen Nationalspieler Ilkay
Dhabi Unterstützer im Westen. gegen das Financial Fair Play auf ein soge- Gündoğan und Leroy Sané, derzeit nicht
Und für diese Mission war Manchester nanntes Settlement geeinigt. Doch die Ent- bereit sind, ihre Verträge zu verlängern.
City offenbar bereit, sich über Regeln hin- hüllungen des SPIEGEL und seiner Partner Doch selbst wenn City ein Jahr lang aus-
wegzusetzen. ließen den Verband erneut aufmerken. setzen muss, ist das Investitionsprojekt
Am Dienstag ließ der Klub verlautba- Sollte die Uefa nun anhand der Bericht- schon zu weit vorangeschritten, als dass
ren, dass man der Uefa »umfassende Be- erstattung zu dem Schluss kommen, dass der Klub ernsthaft bedroht wäre. Er ist glo-
weise« für seine Unschuld vorgelegt habe. Manchester City vor fünf Jahren die Er- bal expandiert und hat sich ein interna-
Den Vorwurf, »finanzielle Unregelmäßig- mittler bewusst getäuscht hat, könnte der tionales Fußballimperium aufgebaut, mit
keiten« begangen zu haben, bezeichnet Verband den Klub allein deswegen bestra- Beteiligungen und Partnerklubs auf allen
City als »komplett falsch«. Am Donners- fen. Der Ermittlungschef, der ehemalige Kontinenten. Der Verein wird seine Mann-
tag droschen die Vereinsverantwortlichen belgische Premierminister Yves Leterme, schaft weiter verstärken und den europäi-
in einem Statement auf die Regelhüter ein. hält Citys Verstöße jedenfalls für so gra- schen Fußball dominieren können.
City sprach von Fehlern und Fehlinterpre- vierend, dass er keine Chance für ein er- Der Scheichklub ist längst zu groß ge-
tationen der Kammer und unterstellte den neutes Settlement sieht. Er hätte eine Geld- worden, um sich von der Uefa aufhalten
Ermittlern, einen feindlichen, unrechtmä- strafe von bis zu 100 000 Euro verhängen zu lassen.
ßigen Prozess zu führen. können, doch offenbar reichte ihm auch Rafael Buschmann, Christoph Winterbach
Auf den Inhalt der SPIEGEL-Recher- das nicht. Darum hat Leterme den Fall nun
chen ging der Klub öffentlich bislang kaum an die rechtsprechende Kammer weiterge-
ein. Über Monate hinweg hatten die Journa- reicht, die in ihrem Urteil unabhängig ist. Video
Finanzielle Fouls
listen an ihren Recherchen gearbeitet. Die Ein Ausschluss aus der Champions
Football-Leaks-Daten enthielten E-Mails, League würde die Klubführung in mehrerer spiegel.de/sp212019mancity
unterschriebene Verträge, Bilanztabellen Hinsicht treffen. City müsste auf die Teil- oder in der App DER SPIEGEL
und interne Vereinspräsentationen. Die In- nahmeprämien der Champions League ver-

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 95


Sport

»Lebt sparsamer«
trainiert Spieler kaputt – auch Felix Ma-
gath nicht. Aber Fußballer müssen im Spiel
den inneren Schweinehund überwinden,
sie müssen ihren Gegnern hinterherlaufen,
obwohl es wehtut. Wenn sie das im Trai-
Fußball Friedhelm Funkel, dienstältester Trainer der Bundesliga, ning nie geübt haben, machen sie es in
über Hip-Hop in der Kabine und seine einer Partie auch nicht.
verhinderte Entlassung bei Fortuna Düsseldorf SPIEGEL: Siezen die Spieler Sie bei Fortu-
na Düsseldorf?
Funkel: Generell ja. Die umgehen das
SPIEGEL: Herr Funkel, ist ein Trainer im ge der Sprints. Wenn einer körperlich im manchmal, sagen lieber: Trainer. Und wenn
Alter von 65 Jahren für seine Spieler roten Bereich ist, kommt der Athletiktrai- einer mal duzt, egal, nicht so schlimm. Man
manchmal auch ein Ratgeber? ner zu mir, deutet auf seinen Laptop und kann nicht nur Vorschriften machen, man
Funkel: Ich denke schon. Ich unterhalte sagt: Friedhelm, guck, der ist überbelastet. muss sich anpassen oder Dinge, die nicht
mich mit meinen Jungs oft über private Also gibt’s ’ne Pause. ganz so wichtig sind, hinnehmen.
Dinge, und da sage ich ihnen durchaus, SPIEGEL: Sie klingen, als wären Sie von SPIEGEL: Wo mussten Sie sich anpassen?
wenn mir etwas auffällt. dieser Maßnahme nicht immer überzeugt. Funkel: Ich gehe zum Beispiel am Spieltag
SPIEGEL: Was fällt Ihnen auf? Funkel: Manchmal sage ich dem Athletik- vor dem Aufwärmen nicht in die Mann-
Funkel: Ich bin von meinen Eltern zur trainer schon: Ach komm, lass mal. Weil schaftskabine.
Bescheidenheit erzogen worden. Deshalb es mir zu viele Pausen gibt. Kein Trainer SPIEGEL: Warum?
kommt es vor, dass ich frage: Warum
brauchst du so ein teures Auto? Brauchst
du Schuhe, die über tausend Euro kosten?
SPIEGEL: Was erhalten Sie als Antwort?
Funkel: Meist sagen sie: Weil ich es mir
leisten kann. Dann sage ich: Geld auszu-
geben geht schneller, als es zu verdienen.
Lebt sparsamer.
SPIEGEL: Sie haben als Spieler und Trainer
mehr als 45 Jahre im deutschen Profifuß-
ball erlebt. Nur Jupp Heynckes und Otto
Rehhagel haben mehr Erfahrung als Bun-
desligatrainer. Wie erleben Sie die aktuelle
Spielergeneration?
Funkel: Die Sportler sind selbstsicherer,
professioneller als wir früher. Die bereiten
sich auf jedes Training vor, sie ernähren
sich richtig. Ich habe als Spieler 1975 mit-
tags bei meiner Mutter Sauerbraten mit
Rotkohl und Kartoffeln gegessen. Zwei
Stunden später habe ich 90 Minuten Bun-
desligafußball gespielt.
SPIEGEL: Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass
so ein Braten beim Sport schwer im Magen
liegt?
Funkel: Nein. Aber das Spiel damals war
ja langsamer. Schnelligkeit, Athletik, das
hat in den vergangenen Jahren enorm zu-
genommen. Schauen Sie sich die Spieler
an. Die haben alle ein Sixpack. Wenn die
das Trikot ausziehen, guckt jede Frau hin,
derart durchtrainiert sind die.
SPIEGEL: War das zu Ihrer Zeit als Fuß-
baller nicht so?
Funkel: Wir haben uns nicht getraut, das
Trikot auszuziehen, weil sonst jeder die
Ringe um die Hüfte gesehen hätte (lacht).
SPIEGEL: Wären Sie lieber heutzutage
Profi gewesen?
MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL

Funkel: Insgesamt haben es die Fußballer


heute besser. Sie verdienen viel Geld. Es
wird anspruchsvoller trainiert. Früher sind
wir bis zum Umfallen gelaufen. Heute gibt
es Trinkpausen, eine Belastungssteuerung.
Die Spieler haben einen Gurt um mit ei-
nem Chip. Es wird alles gemessen, die
Laufleistung, die Zahl der Sprints, die Län- Coach Funkel im Stadion in Düsseldorf: »Unglaubliche Zuwendung«

96
Funkel: Es ist mir dort zu laut. SPIEGEL: Tut Kovač Ihnen leid?
Diese Musik, dieses Bumbumbum. Funkel: Er ist bisher mit einer ab-
Furchtbar. soluten Ruhe mit der Situation um-
SPIEGEL: Viele Fußballer mögen gegangen. Wie er diesen Stress
Hip-Hop. letztendlich verarbeitet, ob das ge-
Funkel: Ich mag Helene Fischer, sund ist, das weiß ich nicht. Ich
Andrea Berg. Aber gut, die Jungs weiß ja nicht, wie sehr er das alles
putschen sich mit ihrer Musik auf. in sich hineinfrisst.
Gott sei Dank gibt es in heutigen SPIEGEL: Sie werden jetzt als Trai-
Stadien eine Kabine für den Trai- ner der Saison gefeiert, weil Sie mit

JAN HUEBNER / SCHEIBER / IMAGO


nerstab. Dort bin ich und bereite der Fortuna, die von Experten als
mich auf das Spiel vor. erster Abstiegskandidat gehandelt
SPIEGEL: Gibt es Benimmregeln in wurde, souverän die Klasse gehal-
der Kabine von Fortuna Düssel- ten haben. Doch auch Sie wollte
dorf? man in der Winterpause in Düssel-
Funkel: Ich will Ordnung haben. dorf loswerden.
Da kommt später die Putzfrau. Die Funkel: Das war unnötig. Es war
soll nicht erst mal alles wegräumen offenbar geplant, in die neue Sai-
müssen, bevor sie sauber machen Tätowierter Fortuna-Profi Andre Hoffmann son mit einem neuen Trainer zu
kann. Ich kann es nicht leiden, »Wisst ihr eigentlich, wie ihr ausseht, wenn ihr alt seid?« starten. Ich habe gesagt: Wenn das
wenn die Badelatschen rumfliegen. so sein sollte, sagt mir das einfach.
Unter der Bank, auf der die Spieler sitzen, Funkel: Ja, schlimm. Mittlerweile sehe ich Dann gehe ich im Sommer in Rente, kein
gibt es eine Ablage. Dort gehören die Ba- das auch so. Ich schimpfe oft mit meinem Problem. Aber es hat niemand ausgespro-
delatschen hin. Das kann man von jedem Torwart Michael Rensing, wenn er kurz chen. Ich wollte bis zum ersten Spiel der
verlangen. vor Schluss aufreizend langsam abschlägt. Rückrunde wissen, wie es weitergeht.
SPIEGEL: Bei vielen Vereinen herrscht in Damit provozierst du nur die Zuschauer Aber mein Vertrag wurde zunächst nicht
der Kabine Smartphoneverbot. und den Schiedsrichter. verlängert.
Funkel: Ich spreche das nicht explizit aus. SPIEGEL: In den vergangenen Jahren wa- SPIEGEL: Die Geschichte ging anders aus,
Das hat keinen Sinn. Aber ich sage den ren vor allem jüngere Trainerkollegen an- wie man heute weiß. Die Fans, die Me-
Jungs schon, dass ich es nicht mag, wenn gesagt, die Generation der sogenannten dien, Ihre Spieler stellten sich hinter Sie.
sie sich zu sehr mit ihren Handys beschäf- Konzepttrainer. Haben die wirklich mehr Hat Sie das gerührt?
tigen. Ich sage ihnen: Postet nicht jedes drauf als die alte Fußballlehrergarde? Funkel: Absolut. Als ich meinen Spielern
Mal Bilder nach dem Spiel aus der Kabine. Funkel: Glaube ich nicht. In Wahrheit erzählt habe, dass ich im Sommer wohl
Bitte. Das muss doch nicht sein. fehlt vielen jungen Kollegen völlig die Er- aufhören muss, hatten sie Tränen in den
SPIEGEL: Und dann posten sie doch. fahrung. Ich werde nie vergessen, wie in Augen. Mir sind auch die Tränen gekom-
Funkel: Tja. Das ist denen heute eben Stuttgart vor einigen Jahren ein neuer Trai- men. Und das passiert sehr selten. Dann
wichtig. Genauso wie diese Tätowierun- ner sagte, er habe ein alternativloses Kon- habe ich diese unglaubliche Zuwendung
gen. Ein Irrsinn. Ich sage immer, Männer, zept. Er wollte mit Powerfußball die Top erfahren. Das hat dazu geführt, dass wir
wisst ihr eigentlich, wie ihr ausseht, wenn fünf der Bundesliga angreifen und mit dem uns dann schnell auf eine Vertragsverlän-
ihr so alt seid wie ich? Das ist doch furcht- VfB langfristig vielleicht wieder deutscher gerung geeinigt haben.
bar! Dann könnt ihr euch nicht mehr ohne Meister werden. So darf ich doch nicht SPIEGEL: Werden Sie nach dem Engage-
Hemd zeigen. Aber bitte schön. Die wol- beim neuen Verein anfangen! Ich habe da- ment in Düsseldorf als Trainer zu Ihrem
len das so. mals gedacht: Mein Gott, weiß der über- Heimatklub KFC Uerdingen zurück-
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Trainer Karl- haupt, was er da redet? kehren?
Heinz Feldkamp hat Sie 1986 in der Halb- SPIEGEL: Sie halten nichts von Konzept- Funkel: Nein, nein, nach Düsseldorf ist
zeitpause beim legendären 7:3-Sieg von trainern? meine Mission als Trainer beendet. Ich
Bayer Uerdingen gegen Dynamo Dresden Funkel: Was ist denn ein Konzepttrainer? schließe nicht aus, dass ich noch irgendwas
aufgefordert, den gegnerischen Torwart Haben ältere Trainer wie Lucien Favre, im Fußball mache – vielleicht irgendwo
zu verunsichern. Arbeiten Sie auch mit Huub Stevens oder ich etwa kein Kon- im Vorstand oder in beratender Funktion.
solchen Mitteln? zept? Dieser Begriff ist ein Affront ge- Aber ich werde 66, da möchte ich auch
Funkel: Nein, das mache ich nicht. Der gen die erfahrenen Fußballlehrer. Jeder noch ein bisschen die Zeit genießen, mit
Kalli hat mich damals gepackt, weil ich ein Coach, auch in der Kreisklasse A, hat meiner Frau, mit meinen Kindern und En-
Schlitzohr war. Ich sollte den Torwart von eine Vorstellung, wie er Fußball spielen kelkindern.
Dresden am Trikot ziehen und vor Eck- lassen will. SPIEGEL: Was haben Sie vor?
bällen ein bisschen auf die Füße treten. SPIEGEL: Der Erfolgsdruck auf Trainer Funkel: Ich freue mich darauf, endlich
Der ist so nervös geworden, der hat Fehler wird immer größer. Der 1. FC Köln hat mal nicht während der Winterpause im
um Fehler gemacht. Ich habe auch noch im April Markus Anfang entlassen, ob- Dezember Skiurlaub machen zu müssen,
einen Elfmeter rausgeholt, der keiner war. wohl der Klub auf einem Aufstiegsplatz wenn es arschkalt ist und schweineteuer.
Ich habe mich einfach theatralisch fallen in die Bundesliga stand. In München ist Sondern endlich mal im März, da sind
lassen, das war unsportlich, aber das war Bayern-Coach Niko Kovač umstritten, die Pisten leer, und das Wetter ist schöner.
mir damals egal. Wir haben das Spiel ge- obwohl er womöglich das Double ge- Ich bin auch vor ein paar Jahren für zwei
wonnen. So etwas geht inzwischen nicht winnt. Wochen in Afrika durch die Wildnis ge-
mehr, irgendeine Kamera würde das im- Funkel: Das ist ein Unding. Vereine haben fahren. So etwas will ich in Zukunft ma-
mer einfangen. heute Kaderplaner, Sportdirektoren, Sport- chen können. Die Zeit rennt.
SPIEGEL: Wir lachen jetzt, aber eigentlich vorstände. Aber die werden selten zur Interview: Gerhard Pfeil, Christoph
ist diese Schauspielerei doch mit das Rechenschaft gezogen, wenn es nicht läuft. Winterbach
Schlimmste am Fußball, oder? Es trifft nur die Trainer.

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 97


Wissenschaft+Technik
Ist der Blühstreifen am Maisfeld nur ein Feigenblatt der Hochleistungslandwirtschaft? ‣ S. 100

TODD DARLING / POLARIS /STUDIO X


Die Zukunft steht in Dongguan, einer Stadt im Süden Chinas: In einem futuristischen Labor testet der chine-
sische Konzern Huawei seine 5G-Antennen. 5G ist der derzeit modernste Mobilfunkstandard, der Daten
mehr als 60-mal schneller übertragen kann als die derzeitige LTE-Technik. Huawei gilt als führender Anbieter
der neuen Übertragungstechnik. Ob sich das Unternehmen beim Aufbau des deutschen 5G-Netzes beteiligen
darf, ist indes umstritten – es ist per Gesetz zur Kooperation mit der chinesischen Regierung verpflichtet.

Einwurf

Kirschen im Kopf
Was Modern Talking mit unserer sinkenden Aufmerksamkeitsspanne zu tun hat

Ein aktueller Hit in den deutschen Charts heißt »Cherry Lady«, es Großbritannien und Dänemark nachgewiesen, dass die kollektive
ist ein Cover des legendären Modern-Talking-Songs aus dem Jahr Aufmerksamkeitsspanne generell kürzer geworden ist – zum Bei-
1985 und dauert nur 2.15 Minuten. Das ist schnell überstanden. spiel bei Büchern, Filmen und sogar Tweets. Die Hypothese der
Den Coversong hat der 24-jährige Berliner Rapper Capital Bra Wissenschaftler: Es werde heute mehr produziert und mehr konsu-
gemacht, einer der derzeit erfolgreichsten Musiker Deutschlands. miert als früher; weil aber die Aufnahmefähigkeit des Menschen
Mit seiner musikalischen Kurzatmigkeit folgt er einem allgemei- grundsätzlich begrenzt sei, verlagere sie sich angesichts des Über-
nen Trend: Hits sind in den vergangenen Jahren immer kürzer ge- flusses an Angebot in immer kürzeren Abständen auf etwas Neues.
worden. So hat ein Datenanalyst vor einiger Zeit alle Songs unter- Überträgt man diese These auf die Musik, stellt sich die Frage:
sucht, die ab dem Jahr 2000 in den US-amerikanischen Billboard Lohnt es sich heutzutage nicht mehr, einen allzu langen Song
Hot 100 Charts auftauchten. Im Schnitt betrug die Länge eines zu produzieren? Zumindest wohl nicht, wenn man einen Hit lan-
Songs im Jahr 2000 noch mehr als vier Minuten, im Jahr 2017 den möchte. Aber das muss kein kultureller Verlust sein. Viele
nur noch knapp über dreieinhalb. Insgesamt sind heutige Hits also Songs ersparen uns durch ihre Kürze Schlimmeres. Das Cover von
rund eine halbe Minute kürzer als noch vor knapp 20 Jahren. »Cheri, Cheri Lady« nervt auch so schon – und das will etwas
Woran liegt das? Für eine Studie, die im Journal »Nature Com- heißen, schließlich quälte die Originalfassung von Modern Talking
munications« erschienen ist, haben Forscher aus Deutschland, die Zuhörer ganze 3.45 Minuten. Yannick Ramsel

98 DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019


Internet sind extrem emotional, die Gifs eignen
»Die meiste sich perfekt zum Teilen. Bei Terror-
anschlägen haben Verschwörungstheoreti-
Lügenpropaganda stammt ker zudem einen Zeitvorteil; denn ihre Be-

GETTY IMAGES
aus dem Inland« hauptungen werden oft binnen weniger
Minuten rausgehauen, während seriöse
Medien oft Stunden brauchen, bis sie die
Die Kommunikationswissenschaftlerin Lage einigermaßen zuverlässig einschät- Festung vor Ischia
Lisa-Maria Neudert, 27, erforscht am zen und Fakten verifizieren können, etwa
Oxford Internet Institute die Verbreitung darüber, wer hinter einem Schusswaffen- Linguistik
von Fake News im Netz. angriff wie dem in Las Vegas 2017 steht.
SPIEGEL: Empfehlen Sie eine stärkere
Doch keine Aliens
SPIEGEL: Frau Neudert, versucht Russ- Regulierung von Social Media?  Das Ding war einfach nicht zu kna-
land, mit Desinformationen im Netz die Neudert: Die aktuelle Gesetzgebung und cken. Seit hundert Jahren versuchen
Europawahl zu manipulieren? die Regeln im Umgang mit politischen Wissenschaftler, das »Voynich-Manu-
Neudert: Es gibt viel Gerede und Angst- Inhalten müssen an das digitale Zeitalter skript« zu entziffern, das aus der ersten
macherei. Derzeit haben wir noch keine angepasst werden. Bei der Wahlwerbung Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt.
Hinweise auf eine massive Einflussnah- im Fernsehen etwa gelten in vielen Län- Einige Fantasten hielten den Text gar
me. Das kann natürlich noch kommen. dern Regeln: Sender müssen offenlegen, für eine Hinterlassenschaft Außer-
Bei der französischen Präsidentschafts- wer einen Werbespot geschaltet hat. In irdischer. Jetzt will Gerard Cheshire von
wahl 2017 wurden 20 000 E-Mails, Deutschland gelten strenge Regeln, was der Universität Bristol das mehr als
die den damaligen Kandidaten Em- etwa die jeweilige Sendezeit der Parteien 200-seitige Rätsel gelöst haben, wie er
manuel Macron belasteten, erst unmittel- angeht, und ein Verbot der Wahlwerbung im Journal »Romance Studies« schreibt.
bar vor dem Wahltermin veröffentlicht, kurz vor den Wahlen. Für Facebook und Der Forscher hat die Sprache des Ma-
um eine größere Wirkung zu entfalten andere Netzkonzerne dagegen gelten nuskripts als Proto-Romanisch identifi-
und Verwirrung zu stiften. derlei Regeln nicht in derselben Form. ziert, eine Übergangsform zwischen
SPIEGEL: Wie gehen Sie dem Lateinischen und den romanischen
bei Ihrer Spurensuche Sprachen, zu denen Spanisch und Por-
vor? tugiesisch gehören. Bisher habe es keine
Neudert: Wir haben bis- Zeugnisse dieser Übergangssprache
lang mehrere zehn gegeben, weil offizielle Dokumente
Millionen Posts auf Twit- damals fast nur in Latein verfasst wor-
ter, Facebook und Ins- den seien, so Cheshire. Das »Voynich-
tagram durchforstet. Manuskript« stamme aus einer Festung
Wir teilen die Posts vor der italienischen Insel Ischia, ver-
dann in zwei Kategorien fasst von einer einfachen Person, in
ein: Nachrichten aus normaler Alltagssprache. Es gehe darin
seriösen Quellen einer- um Kräuterheilmittel, therapeutisches
seits und Junk News, Baden, Astrologie und Elternschaft.
also Posts, die einseitig »Eine der wichtigsten Entwicklungen
DAVID FISHER

berichten, Lügen oder in der romanischen Linguistik«, lobt


Verschwörungstheorien Cheshire selbst seine Studie. Doch Fach-
verbreiten, oft mit un- kollegen sind skeptisch. So twitterte
genannten oder dubio- Neudert Lisa Fagin Davis, Geschäftsführerin der
sen Quellen. Medieval Academy of America: »Sorry
SPIEGEL: Wie hoch ist der Anteil von der- SPIEGEL: Gerade erst wurde der Twitter- Leute, Proto-Romanisch gibt es nicht.
lei Junk News im Verhältnis zu seriösen Account der SPD-Politikerin Sawsan Das ist, wieder einmal, Unsinn.« RED
Nachrichteninhalten? Chebli gesperrt, weil die automatischen
Neudert: In den USA liegt er derzeit bei Missbrauchsfilter anscheinend unzuver-
etwa 50 Prozent, in Großbritannien lässig arbeiten. Wie kann man das
zuletzt bei rund 20 Prozent, ähnlich wie Umschlagen in Zensur verhindern? Fußnote

5-mal
in Deutschland bei der vergangenen Bun- Neudert: Sawsan Cheblis Account wurde
destagswahl. Zur EU-Wahl läuft unsere von Twitter gesperrt, weil ihr Tweet
Auswertung noch, aber für die europäi- über den Vornamen Mohammed gegen
schen Länder rechnen wir mit einem die Regeln der Plattform »zum Ver-
ähnlichen oder sogar geringeren Anteil. öffentlichen von irreführenden Informa-
SPIEGEL: Wer steckt dahinter? tionen zu Wahlen« verstoßen haben soll. höher ist das Risiko, an Prostatakrebs
Neudert: In Deutschland stammt die Nachdem der Fall nochmals überprüft zu sterben, wenn dessen Zellen von
meiste Lügenpropaganda nicht von aus- wurde, wurde die Sperrung umgehend der normalen Chromosomenzahl
ländischen Akteuren, sondern von extre- wieder aufgehoben. Der Fall zeigt, wie abweichen. Das fanden US-Forscher in
mistischen politischen Gruppierungen schwierig es ist, politische Inhalte im einer Studie heraus, die im renommier-
aus dem Inland, die verwirren oder pola- Netz sinnvoll zu regulieren, aber auch, ten Journal »PNAS« erschienen ist.
risieren wollen. dass es an Transparenz und klaren Durch eine entsprechende Chromoso-
SPIEGEL: Warum ist der Anteil der Richtlinien mangelt. Hier müssen Politik menanalyse könnten Patienten künftig
Lügennachrichten so hoch? und Plattformen zusammenarbeiten, individueller behandelt werden. In
Neudert: Viele sind sehr geschickt opti- um Standards für das digitale Zeitalter Deutschland ist das Prostatakarzinom
miert auf virale Verbreitung; die Bilder zu setzen. HIL die häufigste Krebsart bei Männern.

99
GETTY IMAGES

Blühstreifen an Getreidefeld: Nur ein Feigenblatt der Agrarindustrie?

100
Wissenschaft

Bienenstädte
Naturschutz Die Landwirtschaft lässt die Insektenbestände schrumpfen. Mit Blühstreifen und
Insektenhotels wollen Ökoromantiker den Artenschwund eindämmen. Dienen solche
Aktionen nur der Gewissensberuhigung? Oder liegt die Zukunft der Bestäuber gar im urbanen Raum?

I
m Süden der belgischen Univer- zugleich auch die Menschen, die diese ge- Einsatz von Dünger und Pestiziden, die
sitätsstadt Löwen haben sich an schaffen haben. den Insekten schaden.
diesem Frühlingsabend ein paar In Timmermans Heimatstadt sind sol- Ein paar Blühstreifen hier und da än-
Dutzend Menschen versammelt, che Initiativen gern gesehen. Löwens jun- dern an der Misere wenig. »Für eine hohe
um ihr Werk zu bewundern. Bislang ger Rathauschef Mohamed Ridouani setzt Artenvielfalt in der Agrarlandschaft
hatten die Männer, Frauen und Kinder auf Bürgerbeteiligung in allen Bereichen; brauchten wir dort rund zehn Prozent na-
nicht viel mehr gemeinsam als ihren die Stadt hat ehrgeizige Klimaziele. 2018 turbelassene Flächen«, sagt die Biologin
Wohnort im Stadtteil Heverlee, wo sie in gewann Löwen den European Green Leaf Alexandra-Maria Klein von der Univer-
meist weiß oder rot verklinkerten Ein- Award der EU-Kommission. sität Freiburg – illusorisch in Zeiten, in
familienhäusern hinter dem Bahndamm »Nachbarschaftsprojekte haben ein rie- denen fast jedes Stückchen Land intensiv
leben. Seit Kurzem aber eint sie ein heh- siges Potenzial«, sagt Ridouani. Seit Jah- genutzt wird.
res Ziel. ren vergibt er Fördermittel an Löwener, Klein erforscht vor allem das, was den
Die Aktivisten wollen etwas tun gegen die in ihrem Viertel etwas auf die Beine Bestäubern schadet. Gegenwärtig bereitet
den Schwund der Artenvielfalt, von dem stellen wollen. Das kann ein Spielplatz sie ein Großprojekt vor, das die Wechsel-
jetzt überall die Rede ist, gegen das Sterben sein oder ein Musikfestival, ein Kunstwerk wirkung verschiedener Chemikalien auf
der Bienen, Schmetterlinge und Schweb- oder eben ein Pflanzprojekt. Wildbienen untersuchen soll; denn vor
fliegen. Nicht nur die Belgier haben ein Herz einer Zulassung werden zum Beispiel Sub-
Auf einer Strecke von 300 Metern ha- für Biene & Co. US-amerikanische Städ- stanzen gegen Käfer oder Pilze isoliert ge-
ben die Anwohner vor ein paar Wochen te können sich als insektenfreundliche testet. »Wir wissen wenig darüber, wie die
den Bahndamm begrünt. Die Züge nach »Bee City« zertifizieren lassen, der Lon- Kombination sich auf Gesundheit und Ver-
Ottignies in der Nachbarprovinz brausen doner Stadtbezirk Brent kündigte Anfang halten der Bienen auswirkt«, sagt Klein.
künftig vorbei an Faulbaum und Hunds- Mai einen elf Kilometer lan- Doch auch die Bienen-
rose, Wolligem Schneeball und Ohr-Weide. gen Bienenkorridor an. expertin setzt auf Bürger-
Daneben steht ein sogenanntes Insekten- Auch in Deutschland wird Kribbelndes Thema projekte. Gemeinsam mit
hotel. Das Bauwerk aus Holz und Ziegel- in diesem Frühjahr aller- Wie wichtig den Deutschen Schülern des United World
steinen soll den Tieren Unterschlupf bie- orten gesät und gepflanzt der Schutz von Insekten ist College, einer internationa-
ten, das Grünzeug Nahrung. gegen den Artenschwund, »sehr wichtig« len Lehranstalt in Freiburg,
Die Heverleer sind gekommen, um zu die Bestäuberrettung gerät oder »wichtig« hat sie 350 Insektenhotels
schauen, wie es vorangeht mit ihrem zum Volkssport: Kreisver- gebaut und jeweils paar-
Projekt Weltrettung. Abwechselnd wol- kehre und Parkanlagen, weise an Schulen in ganz
len sie sich um Pflege und Schnitt der
Pflanzung kümmern. »Naturschutz muss
Hochhausdächer und Bal-
kone werden bienenfreund-
89% Deutschland verteilt. Eines
der beiden Häuser wird im
nicht nur von Regierungen oder Umwelt- lich gestaltet. Schulkinder Herbst zurückgeschickt, da-
organisationen geleistet werden«, sagt streuen unter wohlwollender mit Klein und ihr Team
Wim Timmerman, »auch Bürger können Begleitung der Lokalpresse 11 % schauen können, welche
viel erreichen.« Wildblumensamen an Feld- »nicht so wichtig« oder Arten sich je nach Standort
Timmerman gibt tagsüber Sprachkurse ränder oder zimmern Insek- »gar nicht wichtig« darin finden.
in verschiedenen Firmen, vor allem aber tenhotels. Manche Gemein- Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-
Die Ausbeute könnte in
bringt er gern Menschen zusammen. Er de will zum Schutz von Bie- »Politbarometer« vom 19. bis 21. Februar; den Städten ergiebiger sein
1226 Befragte
hat »Ecostrades« ersonnen, ein Kunstwort nen und Käfern artenarme als auf dem Land: Schon
aus Ökologie und dem flämischen »Auto- Steinvorgärten verbieten. jetzt, das berichtete Kleins
strades« (Autobahnen). Der Bahndamm Landwirte verkaufen auf ihren Flächen Kollegin Susanne Renner von der Münch-
ist ein Beispiel für eine solche »Schnell- Blühpatenschaften. ner Ludwig-Maximilians-Universität im
straße für die Migration von Fauna und Derlei Ökoromantik macht die Welt zwei- März im Fachblatt »Proceedings of the
Flora« (Timmerman). fellos bunter – doch bremst sie auch den Ver- Royal Society B«, finden Insekten in den
Seine Vision: Überall in der Stadt, ja im lust der Artenvielfalt? Oder dienen all diese Städten häufig bessere Bedingungen vor
ganzen Land könnten sich Menschen or- Aktionen vor allem dazu, das schlechte Ge- als außerhalb. Viele der mehr als hundert
ganisieren, Nachbarn oder Arbeitskolle- wissen zu beruhigen? Ist der Blühstreifen Wildbienenarten, die in deutschen Städ-
gen, und gemeinsam ihre Umgebung um- am Maisfeld am Ende nur ein Feigenblatt ten vorkommen, sind weniger gefährdet
gestalten. Bahndämme und Straßenränder, der Hochleistungslandwirtschaft? als Wildbienen in ländlichen Regionen.
Grünflächen auf Firmengeländen, Parks Tatsächlich kommen Studien zum Ver- Für die Bestäubung von Nutzpflanzen
und Gärten. Dereinst könnten solche Area- lust der Biodiversität zu einem klaren Be- auf den Äckern hilft das wenig. »Dafür
le überall dicht beieinanderliegen, hofft fund: Es sind vor allem der Schwund von fliegen die Wildbienen nicht weit genug
Timmerman, dann wären die Inseln der kleinteiligen Lebensräumen in der Agrar- bei der Nahrungssuche«, erläutert Biolo-
Biodiversität miteinander verbunden und landschaft und in den Wäldern sowie der gin Klein, »eigentlich müsste sich auch

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 101


Wissenschaft

Leerer
Planet
Demografie Bisher galt die
Bevölkerungsexplosion als eine
der größten Bedrohungen.
Doch womöglich schrumpft die
Menschheit schneller als erwartet.

W ir schreiben das Jahr 2022. Die


Menschheit steht am Abgrund.
Der Planet ächzt unter der Über-
bevölkerung. New York ist auf 40 Millio-
nen Einwohner angewachsen, viele von

BART DEWAELE
ihnen hausen in Elendsquartieren. Die
Menschen hungern, die Böden geben nicht
mehr genug her. Verzweifelt essen sie eine
Insektenhotel in Löwen: Faulbaum und Hundsrose, Wolliger Schneeball und Ohr-Weide geheimnisvolle Notnahrung. Doch was
nur Eingeweihte wissen – die grünliche
Substanz ist aus Leichen gemacht.
jedes Dorf bemühen, bienenfreundlicher Nachwuchs füttern die Tiere mit Pollen – Was war das für ein wohliger Grusel,
zu werden.« und das oft nur mit dem ganz bestimmter als der Science-Fiction-Schocker »Soylent
Aus diesem Grund will etwa Braun- Pflanzen. »Manche Wildbienen sind auf Green« 1973 in die Kinos kam! Und der
schweig zwar im großen Stil Wohnraum Pollen einer einzigen Pflanzenart speziali- Thriller hatte durchaus einen ernsten Hin-
für Bestäuber schaffen, ihnen zugleich siert«, erklärt Greil. Fehlt das Gewächs, fällt tergrund: Die Angst vor einer »Bevölke-
aber auch Verbindungen aus der Groß- bei vielen Arten die Fortpflanzung aus. rungsexplosion« war so allgegenwärtig
stadt hinaus eröffnen. Knapp sechs Mil- Zu wenig Nachwuchs gibt es auch, wenn wie heute die Furcht vor der »Klimakata-
lionen Euro kostet das Projekt »Bienen- die Tiere kaum noch Nistplätze finden. Ein strophe«, angefeuert durch einen teilweise
stadt Braunschweig« – am Ende sollen Insektenhotel, wie es in jedem Baumarkt alarmistischen Bericht des Club of Rome
rund 30 Hektar Stadtgebiet umgestaltet zu finden ist, demonstriert zwar Umwelt- mit dem Titel »Die Grenzen des Wachs-
sein, es wird artenreiche Wiesen geben bewusstsein, nützt aber jenen etwa drei tums«. Um die drohende Bevölkerungs-
und Blühstreifen, an städtischen Gebäu- Vierteln aller Wildbienenarten nichts, die explosion zu entschärfen, ordnete Chinas
den begrünte Dächer und Fassaden, Streu- Nester im Boden anlegen. Staatsführung ab 1979 die Einkindpolitik
obstwiesen und viele neue Bäume und Damit die Forscher ein passgenaues an, um die scheinbar nicht mehr zu kon-
Sträucher. Bienenbüfett gestalten können, läuft in trollierende Kinderflut einzudämmen.
Henri Greil, der das Modellprojekt am Braunschweig daher eine Wildbienen- Die Weltbevölkerung lag damals bei gut
Braunschweiger Julius-Kühn-Institut für inventur. Mithilfe von Insektenfallen im vier Milliarden Menschen, seither hat sie
Bienenschutz koordiniert, trifft sich regel- gesamten Stadtgebiet wollen Greil und sei- sich nahezu verdoppelt, und sie wächst
mäßig mit Landwirten aus der Region. ne Kollegen herausfinden, welche Arten weiter mit großer Geschwindigkeit. Die
»Wenn wir Korridore in die Außenbezirke in der niedersächsischen Großstadt über- Vereinten Nationen warnen deshalb auch
anlegen«, sagt der studierte Architekt, haupt heimisch sind. heute vor einer ungebremsten Bevölke-
»können sich Wildbienen auch zurück in Doch was ist am Ende gewonnen, wenn rungszunahme, die über das Jahr 2100
die ländlichen Gebiete ausbreiten.« Städte jenen Arten Asyl bieten, die ihre hinaus weitergehe, ohne dass ein Ende in
Schon häufiger hat sich Greil mit der ländliche Heimat verloren haben? Sicht wäre.
Frage beschäftigt, wie sich Architektur Bestäuberexpertin Klein hofft, dass »Bis zum Jahr 2100 wird die Weltbevöl-
und Artenschutz verbinden lassen, vor der Einsatz für die Stadtinsekten zumin- kerung mit großer Wahrscheinlichkeit auf
ein paar Jahren am Beispiel von Fleder- dest auf die Lage der Wildbienen, Fliegen 11,2 Milliarden Menschen anwachsen«,
mäusen. Bienen, das hat er erkannt, ha- und Schmetterlinge aufmerksam macht. sagt Frank Swiaczny, 52, Vizedirektor der
ben gegenwärtig eine größere Lobby: »Wenn unsere Kinder dadurch ein Be- zuständigen Statistikabteilung der Ver-
»Viele Bürger haben sich bei uns gemeldet wusstsein für Biodiversität entwickeln und einten Nationen, Population Division ge-
und gefragt, wie sie uns unterstützen kön- dafür, warum sie für uns alle lebenswichtig nannt.
nen.« Auch Firmen, Wohnungsbaugesell- ist«, sagt die Biologin, »dann haben wir Andere Experten aber sehen längst An-
schaften, ein Golfklub und eine Senioren- schon viel erreicht.« Julia Koch zeichen für eine bemerkenswerte Trend-
residenz machen mit bei der geplanten umkehr. »Die Vereinten Nationen liegen
Bienenstadt. falsch, die Zahlen basieren auf fehlerhaften
Gegenwärtig sind Greil und seine Kolle- Animation Annahmen«, kritisiert der Kanadier Dar-
Was hilft wilden
gen damit beschäftigt, für jede Fläche den Bienen? rell Bricker, 58, Manager bei der Markt-
bestmöglichen Pflanzenmix zu finden. Die spiegel.de/sp212019oeko
forschungsagentur Ipsos: »Die Bevölke-
schönste Blütenpracht hilft nichts, wenn sie oder in der App DER SPIEGEL rungszahlen werden viel niedriger aus-
Wildinsekten nur Nektar bietet; denn ihren fallen und sich ab Mitte des Jahrhunderts

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an ein Plateau annähern. Ab 2070 wird
die Menschheit schrumpfen.«
Schrumpfungsthese die Bevölkerung stabil. Liegt die Zahl da-
runter, schrumpft die heimische Bevölke-
»Empty Planet« heißt Brickers im Fe- Bevölkerungsentwicklung nach dem rung sogar. In weiten Teilen der Industrie-
bruar erschienenes Buch, das er gemein- Wittgenstein Centre for Demography, nationen ist das längst der Fall. Gegen Mit-
sam mit dem Journalisten John Ibbitson in Milliarden te des Jahrhunderts erfasst der Schwund
geschrieben hat*. Immer neue Daten un- aber auch riesige Schwellenländer wie Chi-
terstützen demzufolge die Prognose, dass 5 na, Indonesien oder Brasilien.
wir bald spürbar weniger werden. Wie lässt sich eine solche Entwicklung
Eine dauerhaft schrumpfende Weltbe- erklären? »Das wichtigste Fortpflanzungs-
völkerung? Das hat es noch nie gegeben organ des Menschen ist das Gehirn, daher
in der Menschheitsgeschichte. Meist war ist die Schulbildung von Frauen entschei-
der Bevölkerungsrückgang örtlich und dend«, sagt der Mathematiker Wolfgang
zeitlich begrenzt – ausgelöst etwa durch Lutz, 62, Direktor des Wittgenstein Cen-
Seuchen, Kriege oder Naturkatastrophen. tre in Wien: »Sobald Mädchen Zugang zu
Wie kann es sein, dass die obersten Asien Schulbildung, Krankenversorgung und Ar-
Menschenzähler bei den Vereinten Natio- Die Demografen gehen beitsmarkt bekommen, gehen die Gebur-
nen diesen Gezeitenwandel übersehen? von einer stärker tenraten zurück. Und das gilt weltweit.«
Der Uno-Experte Swiaczny kennt Bri- sinkenden Geburtenrate Die Uno-Projektionen dagegen berück-
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ckers Prognosen, hält sie aber für voreilig: u. a. in China aus. sichtigen das Bildungsthema kaum, was
»Eine Stabilisierung in diesem Jahrhun- zumindest teilweise die Unterschiede in
dert«, sagt er, »erscheint mit einer Wahr- den Vorhersagen erklärt.
scheinlichkeit von rund 27 Prozent zwar Lutz ist eine führende Stimme der
unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.« Schrumpfungsthese. Geboren wurde er in
Alle zwei Jahre stellt der Statistiker, der Rom als Sohn des Historikers Heinrich
in Mannheim Geografie studiert und frü- Lutz, der dort in den Archiven des Vati-
her beim Bundesinstitut für Bevölkerungs- kans forschte. Irgendwann Anfang der
forschung gearbeitet hat, eine Aktualisie- Siebziger erzählte der Vater dem Teen-
rung der Uno-Zahlen vor; die nächste »Re- Afrika ager aufgeregt von der dystopischen Stu-
vision« wird er voraussichtlich Mitte Juni Stärker als die Uno die des Club of Rome. Und fügte bedau-
berücksichtigt die
präsentieren. »Die neuen Zahlen werden 3 ernd hinzu: Als Historiker könne er dazu
Prognose die
leicht unter der letzten Berechnung liegen, leider wenig sagen. Da entschied sich sein
zunehmende Bildung
aber nicht erheblich abweichen«, verrät der Frauen. Sohn, Zukunftsforscher zu werden.
er bereits gegenüber dem SPIEGEL. Wird nun also alles gut? Keineswegs,
Doch Bricker traut diesen Zahlen nicht. denn ein ungebremster Bevölkerungsrück-
»Die Uno schreibt einfach die Entwicklun- gang kann ähnlich große Herausforderun-
gen der letzten Jahrzehnte fort, und sie gen mit sich bringen wie ein ungebremster
unterschätzt dabei, wie rasch sich die Welt Babyboom.
verändert«, sagt er. Vor allem in Afrika Das lässt sich in Ländern wie Japan
schwäche sich das Bevölkerungswachstum erahnen, dessen Bevölkerung in den
stark ab, zum Beispiel in Nigeria oder nächsten Dekaden wohl um ein Viertel
Äthiopien falle die Fertilitätsrate viel schrumpfen könnte. Ähnlich sieht es in
schneller als von den Vereinten Nationen 2 Südkorea aus, wo die Kinderzahl pro Frau
erwartet. im vergangenen Jahr bereits unter eins ge-
Der kanadische Forscher steht nicht sunken ist. Oder in etlichen deutschen
allein mit seiner Kritik an den alarmie- Kleinstädten, wo Läden und Schulen
renden Uno-Zahlen. Ein kleines Daten- schließen und sich immer mehr Rentner
beben erschütterte die Demografenbran- ihr ergrautes Haupt zerbrechen über Al-
che im vorigen November, als in der medi- tersarmut und Pflegenotstand.
zinischen Fachzeitschrift »Lancet« ein Der Kanadier Bricker empfiehlt die ka-
globaler Überblick über das Wachsen nadische Lösung: die gezielte Anwerbung
und Schrumpfen von Ländern erschien von qualifizierten Zuwanderern, am bes-
und vor allem für Riesenländer wie China ten aus Ländern, die noch einen Gebur-
eine überraschend geringe Fertilitätsrate 1 tenüberschuss haben. So ließe sich ein
auswies. Die Autorenliste liest sich wie allzu plötzliches Schrumpfen abfedern.
ein Who’s who der Demografenbranche, Sein Buch wird derzeit ins Japanische,
ihre Namen füllen elf eng bedruckte Lateinamerika/Karibik Koreanische und Chinesische übersetzt.
Seiten. Europa Nicht jedes Land ist dazu bereit, sich
Im weltweiten Durchschnitt habe sich für Fremde zu öffnen. Doch selbst für
die Kinderzahl pro Frau seit 1950 fast hal- Nationen, die sich für die Einigelung
biert, von rund 4,7 auf nur noch 2,4 im entscheiden, sieht der Autor Vorteile:
Jahr 2017, so die Studie. Damit nähert sich Kleinstädte schrumpfen, Farmen veröden,
die Kinderzahl weltweit einer wichtigen Nordamerika Fabriken verstummen. Im Gegenzug er-
Grenze: Wenn auf ein Paar im Schnitt obern Wälder ihren Lebensraum zurück –
nicht mehr als 2,1 Kinder kommen, bleibt und die Natur atmet auf in der heilsamen
Leere. Hilmar Schmundt
* Darrell Bricker, John Ibbitson: »Empty Planet«. 1950 2015 2100 Twitter: @hilmarschmundt
Crown; 304 Seiten. Quelle: Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital 2018

DER SPIEGEL Nr. 21 / 18. 5. 2019 103


Wissenschaft

Im Dienst des Bösen


Geschichte Der Nazi-Eugeniker Ernst Rüdin ließ Patienten zwangssterilisieren, Kinder ermorden.
Und er förderte junge Forscher aus aller Welt. Sie machten
nach dem Krieg Karriere – mit nur leicht entschärften Versionen seiner Theorien.

D
er einflussreichste Rassenhygie- Als führender Mitarbeiter der Deut-
niker des »Dritten Reichs« fehlte, schen Forschungsanstalt für Psychiatrie
als in der Nacht des 16. Oktober (DFA) in München, des Vorläufers des heu-
1946 zehn der schlimmsten Ver- tigen Max-Planck-Instituts für Psychiatrie,
brecher des Naziregimes in der Sporthalle etablierte Rüdin nach dem Ersten Welt-
des Nürnberger Justizgefängnisses ge- krieg in Deutschland eine besonders men-
henkt wurden. schenverachtende Form der psychiatri-
Der in der Schweiz geborene Psychiater schen Genetik. Für das im Juli 1933
Ernst Rüdin war von den Alliierten zuvor von den Nationalsozialisten verabschie-
als Mitläufer aussortiert worden – obwohl dete »Gesetz zur Verhütung erbkranken
Tausende Tote auch auf das Konto dieses Nachwuchses« habe Rüdins DFA »wesent-
selbst ernannten Reformers gingen. Ledig- liche Argumente geliefert«, wie Roelcke

STAATSBIBLIOTHEK ZU BERLIN / BPK


lich durch ein Herzleiden eingeschränkt, schreibt. Bis 1945 wurden basierend auf
verlebte Rüdin seine letzten Lebensjahre diesem Gesetz bis zu 365 000 Menschen
in München; 1952 starb er. sterilisiert. Schätzungsweise 5000 dieser
Statt Kranken zu helfen, kannte dieser unfreiwilligen Patienten starben bei den
Psychiater für vermeintlich Schwachsin- Eingriffen.
nige und »Degenerierte« vor allem eine Während des Zweiten Weltkriegs verlor
Therapie: die Zwangssterilisation. Schon Rüdin, inzwischen führender psychiatri-
etliche Jahre vor der Machtergreifung der scher Genetiker des Nazireichs, offenbar
Nationalsozialisten machte er als radika- Psychiater Rüdin um 1940 jeden Rest von Menschlichkeit. »Wir ha-
ler Verfechter eines sogenannten erbge- Verfechter eines »erbgesunden Volkes« ben zwar kein Interesse an der Erhaltung
sunden Volkes von sich reden. unheilbarer und ruinenhafter Opfer der
Es dauerte dennoch bis in die Achtzi- setze zur Zwangssterilisation im Nazireich. Vererbung am Leben«, meldete Rüdin im
gerjahre, dass sich Forscher erstmals da- Trotz seiner bereitwilligen Linientreue Jahr 1942 dem Reichsforschungsrat. »Aber
rüber Gedanken machten, ob und in wel- musste Kallmann Ende 1936 aus der Hit- wir haben ein Interesse daran, bei den
cher Weise Rüdin Schuld auf sich geladen lerdiktatur fliehen – er hatte einen jüdi- letztgenannten Menschen durch rechtzei-
hatte. schen Familienhintergrund. In den Verei- tige Eingriffe in Pathogenese und Krank-
Was bis heute kaum bekannt ist: Bis nigten Staaten fand er eine neue Heimat. heitsverlauf wenigstens individuell noch
weit in die Nachkriegszeit hinein pro- Dort präsentierte sich der Psychiater zu retten, was zu retten ist, um so noch
pagierte eine Gruppe internationaler nun plötzlich als Gegner der Nazipro- wenigstens ihre soziale Brauchbarkeit zu
Mediziner die Lehren Rüdins – in den gramme zur sogenannten Rassenhygiene, erhalten.«
USA, in Großbritannien und sogar im »was er definitiv nicht war«, wie Roelcke Gemeint war, die Arbeitskraft geistig
liberalen Schweden, wie der Historiker feststellt. Alsbald entwickelte Kallmann behinderter Menschen so gut wie möglich
Volker Roelcke, 60, jetzt im Fachjournal auch jene Strategie der Rechtfertigung, die zu erhalten und auszubeuten.
»History of Psychiatry« offenlegt. seinem Förderer und Vorbild in Deutsch- Nach Erkenntnis Roelckes war Rüdin
Etliche eugenisch motivierte Wissen- land nach dem Zusammenbruch der Nazi- auch über deren mögliche Tötung im Bilde
schaftler, die in den Dreißigerjahren von diktatur zugutekam. Rüdin sei ein Opfer und wehrte sogar vereinzelte Versuche
Rüdin in München angeleitet und geför- der Nazis geworden, erklärte Kallmann; von Leitern psychiatrischer Anstalten ab,
dert worden waren, reüssierten nach dem die braunen Machthaber hätten die Wis- das Morden zu stoppen. »Für Rüdin«, be-
Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt senschaft benutzt und missbraucht. Tat- findet der Historiker, »stellte die Euthana-
mit leicht entschärften Versionen von sächlich hatte Rüdin jedoch schon um sie einen integralen Bestandteil eines um-
Rüdins aus heutiger Sicht fragwürdigen 1910 »das lawinenartige Anschwellen der fassenden Reformprogramms dar.«
Theorien. finanziellen Lasten« beklagt, das durch Aus heutiger Sicht kaum zu glauben:
»Das ist die große Irritation für die heu- die »Zunahme der Verpflegungsnotwen- Um angehenden Akademikern einen Auf-
tige Medizin: Diese Männer waren wissen- digkeit Defekter und Kranker aller Art« enthalt in Rüdins Forschungsanstalt zu er-
schaftlich gesehen hoch angesehen. Sie entstehe. möglichen, wurden solche Gastwissen-
zählten zu den international führenden schaftler am Münchner Institut von der
Vertretern der psychiatrischen Genetik«, Rockefeller-Stiftung in New York auch
sagt Roelcke. noch nach der Machtergreifung der Natio-
In dem vielleicht absurdesten Fall geht »Wir haben kein Interesse nalsozialisten am 30. Januar 1933 großzü-
es um den Psychiater Franz Josef Kall- an der Erhaltung gig alimentiert.
mann: Der Rüdin-Intimus plädierte in den
Dreißigerjahren für eine Verschärfung
ruinenhafter Opfer der Erst Ende 1934 stoppten die Unterstüt-
zer aus den Vereinigten Staaten die Förde-
der – ohnehin schon unmenschlichen – Ge- Vererbung am Leben.« rung. Doch da hatte Rüdin bereits etliche

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junge Gastwissenschaftler ausgebildet, die
seine radikalen Thesen von der »Rassen-
hygiene« künftig auch im Ausland verbrei-
ten konnten.
Einer davon war der Psychiater Eliot
Slater, der 1934 mit einem der letzten Ro-
ckefeller-Stipendien nach München ge-