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Aufstand gegen Nahles


Demontage einer Vorsitzenden
die deutsche Politik aufmischt
Die neue APO: Wie die Generation YouTube
Rezoluzzer
Nr. 23 / 1.6.2019
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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Titel, Erntehelfer, Hochstaplerin

Eigentlich wollte sich der YouTuber Rezo,


nach eigenen Angaben Ende zwanzig, eine
Zeit lang von den Medien fernhalten, weil
ihm der Hype um sein Anti-CDU-Video
zu viel wurde. Für die SPIEGEL-Titelge-
schichte machte er eine Ausnahme. Redak-
teur Alexander Kühn traf ihn am Mittwoch
zu einem vierstündigen Gespräch in einem
Aachener Hotelzimmer, da Rezo öffent-
liche Cafés derzeit meidet und seine Woh-
nung für Journalisten tabu ist. Auf dem
Weg durch die Stadt hatte er sich mit Müt-
ze und Kapuze getarnt. Am Tag darauf
NICK HARWART / DER SPIEGEL

wurde er – zusammen mit einigen Pro-


tagonisten der Titelgeschichte – für das
Cover fotografiert. Seine Haare, Farbton
Lagunenblau, die im Stress der vergange-
nen Wochen etwas vernachlässigt wirkten,
hatte er extra nachkoloriert. In dem Titel-
Rezo, Kühn komplex beschreiben zwölf SPIEGEL-Kol-
leginnen und -Kollegen eine neue Protest-
generation, die spätestens bei der jüngsten Europawahl ihr politisches Potenzial
demonstriert hat. Die »19er«, wie Titelautor Lothar Gorris die Vertreter dieser Gruppe
in Anlehnung an die »68er« nennt, haben den Klimaschutz zur Existenz- und Ge-
rechtigkeitsfrage erklärt, und ihr Einfluss reicht, auch dank des Internets, weit über
ihre Altersgruppe hinaus. Union und SPD wurden bei der Wahl massiv abgestraft,
vor allem bei den Sozialdemokraten wankt nun die Parteichefin. Seite 12

Wie leben eigentlich unsere Bauern? Also die, die uns auch im Januar mit Erdbeeren
und Tomaten versorgen? SPIEGEL-Redakteur Nils Klawitter reiste ins spanische
Almería, um dieser Frage nachzugehen. Im Plastikmeer der Gewächshäuser traf
er erschöpfte Arbeiter und Tagelöhner. Menschen wie die Marokkanerin Charifa
Essamraoui, die in schiefer Haltung und mit ruiniertem Rücken Salat schneidet, der
auch in deutschen Läden im Regal liegt. Oder den Rumänen Iulian Vaduva, der die
vergangenen zwei Jahre lang mit einem kleinen Trecker Pestizide unter den Plastik-
planen ausbrachte und dem nun chronisch schlecht ist. Für viele dieser Erntehelfer,
so Klawitter, stehe Almería für die Hoffnung auf ein normales Leben in Europa.
»Aber es ist auch der Ort, wo dieser Traum zerplatzt.« Seite 74

Es gebe da eine erfolgreiche Bloggerin, die sich eine fiktive jüdische Identität be-
sorgt habe – mit dieser Information begann Redakteur Martin Doerry seine Recher-
chen über die in Dublin lebende deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst. Der Fall
scheint paradox in einer Zeit, in der der Anti-
semitismus überall in Europa wieder deutlich
zutage tritt. Doch Hingst verschafft sich mit
dieser Legende Aufmerksamkeit, die wichtigste
Währung im Netz. Bei einem Treffen in Dublin
CLIONA O' FLAHERTY / DER SPIEGEL

in der vergangenen Woche stellte Doerry die


junge Frau erstmals zur Rede. Zunächst bestritt
sie entschieden, dass sie Fälschungen verbreitet
hätte, später behauptete sie, ihr Blog sei nur
Literatur, weit entfernt von jeder Realität.
»Marie Sophie Hingst hat sich in eine Parallel-
welt hineinfantasiert«, sagte Doerry nach dem
Gespräch, »zuweilen glaubt sie wohl sogar das,
was sie sich ausgedacht hat.« Seite 112 Doerry, Hingst

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 5


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 23 | 1. Juni 2019

Titel Militär Ein Soldat warnte vor


Rechtsextremen in der Truppe,
Bewegungen Eine junge jetzt will man ihn feuern . . . . 42
Protestgeneration kämpft
gegen den Klimawandel – Finanzen Dem Fiskus könnten
sie erinnert an die 68er, Milliarden entgehen, weil
ist aber viel wirkmächtiger 12 Steuerdaten nicht verarbeitet
werden können . . . . . . . . . . . . . 45
Jungwähler Sechs junge Erwach-
sene berichten, welche Anliegen Zeitgeschichte Abhörpro-
sie in der Politik haben . . . . . . 22 tokolle der Alliierten zeigen,
wie deutsche Soldaten die
Schlacht in der Normandie
Deutschland vor 75 Jahren erlebten . . . . . . 46

Leitartikel Noch hat die SPD Umwelt In Städten sollen


im Konkurrenzkampf mit Kleingärtner ihre Lauben

EMMANUELE CONTINI / IMAGO


den Grünen nicht verloren . . . 8 verlieren, damit neue
Wohnungen gebaut werden
Meinung Der gesunde können . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Menschenverstand / So
gesehen: Neue Regeln Studium Zwei Hochschulen
gegen Meinungsmache . . . . . 10 bilden Mitarbeiter
für Geheimdienste aus . . . . . . 56
Missbrauchsopfer fordern Mil-
liarden von katholischer Kirche / Die Demontage
Altmaier schont Bauherren / Gesellschaft
AfD-Büro in Russland . . . . . . . 24 Andrea Nahles’ einsame Entscheidung, sich
vorzeitig erneut zur SPD-Fraktionschefin wählen Früher war alles schlechter:
SPD Wie hart die Bundestags- Tote in der Formel 1 /
abgeordneten nach der Wahl-
zu lassen, verstört ihre Partei. Das Manöver Sollten unsere Kinder mehr
schlappe mit ihrer Chefin spaltet die Sozialdemokraten im Bundestag. In Serien gucken? . . . . . . . . . . . . . . 60
Andreas Nahles umgingen 28 dieser Woche kam es zur Abrechnung. Seite 28
Eine Meldung und ihre
Union Schuld an der schlech- Geschichte Wie ein
ten Performance von CDU- kleiner Junge aus Ohio
Chefin Annegret Kramp- zum Helden wurde . . . . . . . . . 61
Karrenbauer ist auch ihr Team
in der Parteizentrale . . . . . . . . 32 Rhetorik SPIEGEL-Gespräch
mit Philip Collins, ehemaliger
Wahlen Porträt des Satirikers Redenschreiber von Tony Blair,
TOPFOTO / PICTURE-ALLIANCE / KPA

Nico Semsrott, der ins EU- über die Sehnsucht nach der
Parlament gewählt wurde 34 großen politischen Rede . . . . 62

CSU SPIEGEL-Gespräch mit Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 67


Alexander Dobrindt über die
Lehren der Europawahl
und die Angst der Union vor Wirtschaft
Blamagen im Netz . . . . . . . . . . 36
Kohlekraftwerk Datteln soll
Parteien Die bei der EU-Wahl Berichte aus der Hölle ans Netz gehen / UFO-Chef
erfolgreichen Ostverbände Baublies macht Lufthansa
der AfD fordern mehr Macht Vor 75 Jahren landeten die West-Alliierten in schwere Vorwürfe . . . . . . . . . . . 68
in der Bundespartei . . . . . . . . . 39 Frankreich, mit dem D-Day begann die Schlacht um
Handel Der Zollstreit zwischen
Europa Streit um Spitzenperso-
die Normandie. Abhörprotokolle von Gesprächen den USA und China
nal in der EU belastet deutsch- deutscher Soldaten in Gefangenschaft zeigen, durch eskaliert zu einem ökono-
französisches Verhältnis . . . . 40 welche Hölle die Männer damals gingen. Seite 46 mischen Kalten Krieg . . . . . . . 70

6 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Landwirtschaft Auf spanischen Wissenschaft
Feldern werden Migranten
ausgebeutet, deutsche Ver- Wie Schimpansen neue
braucher profitieren . . . . . . . . 74 Techniken erfinden /
5G-Sendemasten aus Holz? /
Medien Der Axel-Springer- Einwurf: Kluger Eltern-
Konzern will sich von der streit tut Kindern gut . . . . . . 100
Börse zurückziehen, mithilfe
des Investors KKR . . . . . . . . . . 77 Verkehr Mit Biogas auf hoher

ANDREW PARSONS / I-IMAGES / POLARIS /STUDIO X


See – Kreuzfahrtreeder ent-
Finanzindustrie Die Deutsche decken die Nachhaltigkeit 102
Bank sucht verzweifelt nach
einem Befreiungsschlag . . . . 78 Luftfahrt Der erste Nonstop-
Atlantikflug zweier britischer
Piloten vor 100 Jahren geriet
Ausland zum Höllenritt . . . . . . . . . . . . . 105

Damaskus und Moskau ver- Religionssoziologie Eine neue


letzen im Kampf um Idlib das Großstudie erforscht den
humanitäre Völkerrecht / Der Glauben der Ungläubigen 106
chilenische Außenminister
Ampuero zur Venezuelakrise 80 Astronomie Der Himmels-
Der große Verführer archäologin Anna Frebel gelang
Großbritannien Der Tory es, Licht ins Dunkel des jungen
Boris Johnson ringt mit sich Polit-Hallodri Boris Johnson ist Favorit Universums zu bringen . . . . 108
und anderen um die Nachfolge für die Nachfolge der britischen Regierungschefin
von Theresa May . . . . . . . . . . . 82
Theresa May. Mit ihm würde ein harter Brexit
Kultur
SPIEGEL-Gespräch mit wahrscheinlicher. Aber der Volksverführer war schon
Oxford-Professor Danny immer für eine radikale Wendung gut. Seite 82 Mystery-Thriller »Burning« /
Dorling über die Schuld Der Schauspieler Joachim
der britischen Eliten am Meyerhoff wechselt nach
Brexit-Desaster . . . . . . . . . . . . . 84 Berlin / Kolumne: Zur Zeit 110

Analyse Kann es der gestürzte Gleichgewicht des Schreckens Hochstapler Die Bloggerin
Kanzler Sebastian Kurz Marie Sophie Hingst hat sich
zurück ins Amt schaffen? . . . 87 In den USA ist von einem neuen Kalten Krieg eine jüdische Familiengeschich-
die Rede: Seitdem Präsident Trump den te erfunden – inklusive falscher
USA Die Demokraten streiten, Opferdokumente, die sie
ob ein Amtsenthebungsverfah-
Technologieriesen Huawei von Teilen des US-Marktes in Yad Vashem einreichte 112
ren gegen Trump ihnen helfen ausgeschlossen hat, eskaliert der Kampf der
oder schaden würde . . . . . . . . 88 Wirtschaftsmächte Washington und Peking. Seite 70 Literatur Düsterer Roman des
russischen Schriftstellers
Emanzipation Warum Hunderte Jewgeni Wodolaskin über das
arabische Frauen jedes sowjetische Jahrhundert . . . 116
Jahr vor ihrer Familie aus den
Golfstaaten fliehen . . . . . . . . . 90 Ausstellungen Eine umfassende
Schau widmet sich der
neuen Welt der Drohnen 118
Sport
ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL

Kunstmarkt Johann König


Ansturm auf den Mount ist fast blind – und einer
Everest / Magische Momente: der erfolgreichsten deutschen
Trainer Ljubomir Vranjes über Galeristen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
ein perfektes Handballspiel 93
Filmkritik Die französische
Sommerspiele Olympia-Gast- Gesellschaftskomödie
geber Tokio leidet unter »Zwischen den Zeilen« . . . . 123
der Explosion der Kosten . . . 94 Auf Ökokurs
Fußball SPIEGEL-Gespräch Kreuzfahrtreedereien wollen sich vom Stigma Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
mit Bayern-München-Vorstand des Umweltschädlings befreien, helfen sollen Impressum, Leserservice . . . 124
Karl-Heinz Rummenigge über Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
den Umgang mit Trainer
Hybridantriebe und Biogas als klimafreundlicher Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Niko Kovač und die Zukunft Kraftstoff. Doch die Technik ist sehr Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
der Bundesliga . . . . . . . . . . . . . 96 teuer – und noch lange nicht ausgereift. Seite 102 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelfoto: Nick Harwart für den SPIEGEL; von links: Simon Sumbert, Josy Zülke, YouTuber Rezo, YouTuberin Mirella, Sophie Thomas 7
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Klimawandel
Leitartikel Sind die Grünen die neue SPD?

E
s gehört zum Drama der SPD, dass sie nicht aus ih- Insofern ist der Erfolg der Grünen verdient. Sie sind
ren Fehlern lernt. Der Aufstieg der Grünen Anfang die einzige Partei, die beim Thema Klimaschutz nicht
der Achtzigerjahre ist nicht denkbar ohne einen gewackelt hat, sie waren konsequent proeuropäisch, sie
Bundeskanzler Helmut Schmidt, dessen Glaube an zeigten eine Geschlossenheit, die man so zuletzt vor Jahr-
die abschreckende Wirkung von nuklearen Sprengköpfen zehnten in der Hessen-CDU bewundern durfte. Wird der
nur noch übertroffen wurde von der Zuversicht, dass Atom- Erfolg andauern? Es ist noch nicht ausgemacht, ob die
kraftwerke der Republik eine blühende Zukunft bescheren. Republik auf die Geburt einer neuen linken Volkspartei
Wer sich vor strahlendem Müll oder Havarien fürchtete, blickt – oder auf das Entstehen einer politischen Spekula-
dem sagte Schmidt einmal: Nichts im Leben sei ohne Risiko, tionsblase. Im Bund sitzen die Grünen seit mehr als 13 Jah-
»nicht einmal die Liebe«. Schmidt hat viele Verdienste, aber ren in der Opposition. Das erlaubt ihnen, jede Fantasie zu
mit seiner beeindruckenden Ignoranz für die Gefahren der bedienen. Wer sein Umweltgewissen nach einem Flug auf
Umweltzerstörung verprellte die Seychellen erleichtern
er eine ganze Generation will, wählt die Partei genau-
und wurde, wenn auch un- so wie Klimaaktivisten, die
freiwillig, zum Gründungs- in jedem Rinderfilet ein Ver-
vater der Ökopartei. Das gehen an künftigen Genera-
Jahr 1983 markierte die erste tionen sehen. Sie alle finden
große Zäsur in der Geschich- bei den Grünen gerade eine
te der deutschen Parteien- Heimat.
landschaft, damals zogen die Die einen blicken auf
Grünen in den Bundestag den grünen Ministerpräsi-
ein. Die Europawahl des Jah- denten Winfried Kretsch-
res 2019 ist wieder ein Wen- mann, der die SUV-Produ-
depunkt: Erstmals haben die zenten Daimler und Por-
ADAM BERRY / GETTY IMAGES

Grünen in einer bundeswei- sche im Südwesten hegt und


ten Wahl die SPD überholt. pflegt wie einen Kräuter-
Der Niedergang der SPD garten. Die anderen halten
hat viele Gründe: Da wäre sich an dem Satz von Partei-
Gerhard Schröder, der im chef Robert Habeck fest,
Frühsommer 2005 die Ner- wonach »radikal das neue
ven verlor und Neuwahlen Grünenpolitiker nach der Europawahl Realistisch« sei.
ankündigte, sodass seine Die SPD wird zerrieben
Nachfolgerin Angela Merkel von ihren inneren Wider-
die Früchte seiner Reformen ernten konnte. Da wäre die sprüchen. Den Grünen steht der Tag der Wahrheit noch
pathologische Neigung, die eigene Führung zu diskredi- bevor. In der Vergangenheit waren ihre Wähler durchaus
tieren, was sich gerade wieder am Umgang mit Andrea nachsichtig, wenn es darum ging, das Wahlprogramm an
Nahles zeigt. Vor allem aber wird die SPD aufgerieben die Realität anzupassen. Die Grünen gründeten sich als
zwischen einer AfD, die von der Angst vor Überfremdung Partei des Pazifismus und schickten dann unter Gerhard
profitiert, und den Grünen, die zur neuen Heimat des städ- Schröder die ersten Bundeswehrsoldaten in den Krieg.
tischen, aufgeklärten Publikums geworden sind. In Hessen gaben sie – Klimawandel hin oder her – ihren
Natürlich ist es nicht mehr so einfach wie in den Zeiten Widerstand gegen den Bau eines dritten Terminals am
Willy Brandts, den Bogen vom Kohlekumpel in Duisburg Frankfurter Flughafen auf.
bis zum Oberstudienrat in Freiburg zu spannen – schon Nun aber profitieren sie von einer Bewegung, die ihre
allein weil der Kumpel von damals heute Päckchen für Kraft aus der Dringlichkeit des Anliegens zieht. Wer darf
Amazon ausfährt, während der Freiburger Oberstudienrat noch Kompromisse machen, wenn das Haus schon in Flam-
nun die Grünen als intellektueller erscheinende Alternative men steht, wie Greta Thunberg meint? Die Grünenspitze
hat. Die Fragmentierung der Gesellschaft setzt beiden wird sich nicht mehr damit herausreden können, dass eine
Volksparteien zu. Aber die SPD hat ein morbides Talent, kleine Partei eben nur ein Korrektiv sei. Manche glauben
in schweren Zeiten auch die wenigen Chancen zu verspie- bereits, die Grünen könnten den nächsten Kanzler oder die
len, die sich ihr bieten. Zu Beginn der Legislaturperiode nächste Kanzlerin stellen. Aber sie wären nicht die Ersten,
besetzte sie das Umweltressort mit Svenja Schulze. Kaum die zum Opfer jener Erwartungen werden, die sie selbst
im Amt, wurde die Ministerin zur tragischen Figur, weil sie geweckt haben. René Pfister
gegen Wände lief, die ihre eigene Partei mit errichtet hatte. Twitter: @rene_pfister

8 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


kfw.de

hhaltigen
Mehr zum nac
der KfW:
Engagement
es/plastik
kfw.de/stori

Weiterdenker bekämpfen künstliche


Feinde: Tüten, Becher, Folien.
Die KfW fördert nachhaltige Projekte zur Reduzierung von Plastikmüll. Durch die Finanzierung
von Meeresschutzzonen und innovativem Abfallmanagement leistet die KfW einen wichtigen Beitrag gegen
die Verschmutzung der Meere. Schließlich bieten sie Nahrung für zwei Milliarden Menschen und sind von
elementarer Bedeutung für unser Klima und die Artenvielfalt. Plastik gefährdet dieses sensible Ökosystem –
und damit uns alle. Als nachhaltige und moderne Förderbank unterstützt die KfW Weiterdenker, die
zukunsweisende Lösungen zur Abfallvermeidung, -verwertung und -entsorgung in die Tat umsetzen.
Weitere Informationen unter kfw.de/stories/plastik
Meinung So gesehen

LOL @AKK
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
Wie die CDU das Internet
regeln möchte
Dalai Habeck G Zur Vermeidung allgemeiner Kom-
munikationskatastrophen (AKK)
Nach dem guten Abschnei- Selbst Rosamunde Pilcher wäre bei sol- und zur Wiederherstellung langfristi-
den der Grünen bei der chen Sätzen übel geworden. ger Loyalität (LOL) zur Parteivorsit-
Europawahl haben die Verliebt zu sein ist ein wunderbares zenden ergehen folgende klarstellen-
Robert-Habeck-Festspiele Gefühl, ich gönne es jedem. Idealer- de Weisungen an alle Gliederungen
im deutschen Journalis- weise sollte man Berufliches und Priva- der Christlich Demokratischen Union
mus einen neuen Höhe- tes aber trennen. Jedenfalls müssen Deutschlands (CDU) bezüglich
punkt erreicht. »Was ist dieser Journalisten nicht gleich hinaustrompe- der Regulierung von Meinungsäuße-
Habeck-Faktor?«, fragte verzückt die ten, wenn sie sich verknallt haben. rungen im Internet vor Wahlen, ja
»Süddeutsche«. »Ist der nächste Kanz- Geht es um die Grünen, ist nicht nur oder nein:
ler ein Grüner?«, die »WAZ«. Der eine Verkitschung, sondern auch eine 1. Die CDU ist für die Meinungs-
»Stern« machte seinen Traum vom Infantilisierung der Berichterstattung freiheit, allerdings sind nicht alle
»Kanzler Habeck« gar zum Titel und zu beobachten. Zum Beispiel wenn die Meinungen gleich wertvoll. Unsere
bereicherte die Debatte um neue Argu- Kollegen von »Bild am Sonntag« eine in den Gremien abgestimmte For-
mente (»trennt den Müll, grüßt im Nachrichtenfassung eines Habeck- derung hierzu lautet daher: Internet-
Treppenhaus«). Habeck wird in deut- Interviews (mit Sperrfrist) verschicken, meinungen hierarchisch ordnen
schen Medien inzwischen alles zuge- in der, ohne Quatsch jetzt, folgende (IMHO)!
traut. Geht es so weiter, wird er bald Überschriften stehen: »Grünen-Chef
als US-Präsident ins Spiel gebracht. Habeck muss seit der Geburt seiner
Oder wenigstens als Dalai-Lama. Kinder bei kitschigen Filmen weinen«.
Schon vor der Europawahl konnten Und: »Für das Styling seiner Frisur
die Grünen nicht über einen Mangel braucht er ›zwei Sekunden‹«.
an Zuneigung klagen. »Er strahlt eine Die Grünen haben bei der Europa-
stabile Kuhwärme aus«, lobte die wahl 20,5 Prozent geholt, sie sind nun
»Süddeutsche« Habeck. Von einem zweitstärkste Kraft. Sie haben sich eine
»grünen Traumpaar« an der Spitze erwachsene Berichterstattung redlich
schwärmte die »taz«. Der »Stern« wur- verdient: einen Journalismus, der Fra-
de konkreter: »Als Annalena Baerbock gen an ihre Inhalte hat, gern auch kriti-
sich zum Paartanz mit Robert Habeck sche – und nicht zu ihrer Frisur oder 2. IMHO wird durchgeführt
entschied, war das wie ein Trommel- ihrem Grußverhalten im Treppenhaus. von neu zu gründenden subnationa-
wirbel, so unkonventionell, so uner- len Anstalten für Überwachung
schrocken und entschlossen, dass viele An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und (SNAFU). Vornehmlich sollen hier
spürten: Da fängt etwas Neues an.« Markus Feldenkirchen im Wechsel. junge Menschen Anstellung finden,
denn, so unsere zweite Forderung:
Wir wollen ihre werthaltige Teilhabe
fördern (WTF)!
3. Aus rechtlichen Gründen ist
stets darauf hinzuweisen, dass es sich
bei der Umsetzung von IMHO und
SNAFU mangels Kompatibilität mit
dem Grundgesetz um eine »Rege-
lung ohne festen Legalitätsbezug«
(ROFL) handelt.
4. Studien belegen, dass junge
Leute im Internet besonders gut mit
Abkürzungen zu erreichen sind.
Zur flächendeckenden Verbreitung
unserer Haltung in der jungen
Generation schreiben (»posten«)
alle Gliederungen der CDU unver-
züglich auf allen verfügbaren Kanä-
len folgende internetaffine Botschaft:
»CDU: IMHO SNAFU! Junge Leute
WTF! ROFL LOL @AKK«.
5. Bitte vergessen Sie nicht, das
Internet nach Benutzung ordnungs-
gemäß abzuschalten. Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Jugendrevolten Aktivisten Thunberg (M.), Neubauer
(3. v. r.) auf Klima-Demo in Berlin 2019, Studentenführer
Dutschke auf Vietnam-Demo in Berlin 1968
STEFAN BONESS / IPON

Titel

Kinder der Apokalypse


Bewegungen Die Europawahl war nur der Anfang: Eine junge, politische,
lautstarke Generation macht das Klima zur neuen sozialen Frage.
Wie die 68er wollen die Protestierenden den radikalen Wandel – und das
Netz macht sie wirkmächtiger als ihre Vorgänger.

12
E
s gibt ein Foto, das Ende März Koch verglich die Klima-Demos mit dem
bei einer »Fridays for Future«-De- Einzug Jesu in Jerusalem, Greta in der Rol-
monstration in Berlin aufgenom- le von Jesus Christus. Andere feiern sie
men wurde. Zu sehen sind junge als eine neue Jeanne d’Arc, stark in ihrer
Leute, auffallend mehr Mädchen als Jungs, Schwäche, weise in ihrer Naivität.
die Münder sind weit geöffnet, sie schreien Demonstrationen können Spaß machen,
Slogans, ein paar von ihnen haben noch sie können Feste der Ekstase sein, manch-
Zahnspangen. Ein Mädchen hat, so wirkt mal auch Exzesse der Gewalt, aber dieses
es zumindest, voller Inbrunst die Augen Bild zeigt keine Fröhlichkeit, keine Lust
geschlossen. Vor sich her tragen sie ein an der Rebellion oder der Gewalt, sondern
Spruchband: »Our house is on fire.« Unser eher einen Moment der Verzweiflung, der
Haus brennt. Angst und Ohnmacht, der existenziellen
Nur eine der Demonstrantinnen scheint Bedrohung: Diese Welt muss gerettet wer-
nicht so richtig dazuzugehören, sie ist klei- den, unbedingt und absolut und sofort.
ner als alle anderen. Sie bildet das Zen- 25 000 Menschen nahmen im März an
trum des Bildes. Wie sie da so steht, mit- dieser Demonstration teil, es war ein
tendrin und doch allein, erinnert es ein we- machtvoller Auftritt, aber herrje, es waren
nig an Leonardo da Vincis Gemälde »Das ja nur Kinder. Jetzt jedoch, nach diesem
Abendmahl«. Ihr Blick ist abgewandt, ihr europäischen Wahlsonntag, wirkt dieses
Mund geschlossen, das Haar zu Zöpfen ge- Foto anders – als Prophezeiung und Mani-
flochten. Es ist Greta Thunberg mit ihrem festation einer neuer Protestbewegung, die
Greta-Thunberg-Gesicht, erhaben und ent- mit großer Wucht und Schnelligkeit das
rückt und fremdelnd und auch ein wenig Parteiensystem durcheinanderwirbelt und
spöttisch in ihrer heiligen Ernsthaftigkeit: deren Radikalität größere Antworten for-
Das hier, sagt dieses Gesicht, ist nur der dert als irgendeine CO²-Steuer oder ein
Anfang, und besser ist, ihr glaubt mir. mühsam in der Großen Koalition beschlos-
Es kann einem viel einfallen zu Greta senes Klimaschutzgesetz.
Thunberg. Der Berliner Erzbischof Heiner This house is on fire. Und dieses Land
nun auch.
Es gibt ein Bild von Rudi Dutschke, das
1968 bei einer Vietnamdemonstration in
Berlin aufgenommen wurde. Dutschke
trägt einen Helm in der einen Hand, in der
anderen lustigerweise eine Aktentasche,
als ob der Wortführer der Studenten nach
der Revolution noch ins Büro müsste. Er
läuft vorweg, angriffslustig, hinter ihm die
Reihen der jungen Männer, es sind fast aus-
schließlich Männer, die sich unterhaken.
Man hört sie geradezu laut rufen auf die-
sem Foto: Ho, Ho, Ho Chi Minh. Ein Foto,
das Geschichte erzählt, vom Aufbruch und
vom radikalen Umbau einer Gesellschaft,
es ist die Geschichte von der Neuerfindung
eines Landes. Das Dutschke-Foto erzählt:
So war das damals im Februar 1968.
Und so ist das nun im Frühjahr 2019.
Die Analogie zu 1968 ist noch relativ
frisch. Alte Fahrensmänner des Protests
wie der Ur-Grüne Ralf Fücks, er ist Jahr-
gang 1951, war also erst 17, als die Straße
erobert wurde, sehen die Ähnlichkeiten.
Er betreibt heute einen Thinktank in
WOLFGANG KUNZ / ULLSTEIN BILD

Berlin und war einer der Ersten, die sich


an 1968 erinnert fühlten. Und es waren
Hamburger Aktivisten von »Fridays for
Future«, die sich vor ein paar Wochen
selbst als Nachfolger der 68er-Generation
ausriefen.
Eigentlich gehört es zur Folklore dieses
Landes, ein neues 68 auszurufen, wann
immer eine Generation junger Leute auf
die Straße geht. Das war so bei den Pro-
testen gegen die Atomkraft und bei den

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 13


Titel

Friedensdemonstrationen der Achtziger- weich, klug, zurückhaltend, so seltsam das Frage sein, wie sehr man auf den Erfin-
jahre, auch wenn die eher ein Ausläufer bei YouTube-Größen klingen mag. Er dungsreichtum der Menschheit baut und
der 68er waren. Oder bei der Attac-Bewe- wirkt durch die Effekte des Netzes, die ei- der Idee von Fortschritt vertraut. Aber
gung, die in den Nullerjahren gegen die nem Menschen ohne Funktion und Titel wahrscheinlich ist es das Recht der Jugend,
Globalisierung und den Kapitalismus auf- über Nacht ungeheure Macht geben kön- radikal zu sein und in Panik zu verfallen.
begehrte, aber genauso schnell wieder ver- nen. Mit einem Schlag gab er die CDU der In elf Jahren geht die Welt unter.
gessen wurde wie die »Occupy«-Bewe- Lächerlichkeit preis. Sie spricht weder die Es gab 68er, die ernsthaft glaubten, in
gung, die nach der Finanzkrise entstanden Sprache der Jugend, noch versteht sie die einem faschistischen Staat zu leben. An-
war. Die Suche nach den Nachfolgern von Kanäle, durch die diese Generation kom- ders aber als die Altvorderen, die eher Kin-
68 ist Ausdruck eines Wunschdenkens, ei- muniziert, sich organisiert. Die Effekte des der des Aufbruchs waren, sind die 19er die
ner Hoffnung, dass sich endlich etwas tut. Netzes sind es, die diese Generation so Kinder der Apokalypse, aufgewachsen in
Wahrscheinlich gibt es eine Art inneren schnell so stark und mächtig machen wie einem verrückten Jahrzehnt. Einem Jahr-
Drang, die Geschichte als Abfolge von keine zuvor. zehnt, das mit einer weltweiten Finanz-
Generationen zu erfassen, als einen sich Wenn die 68er den Aufstand gegen die krise und Rezession begann. Einem Jahr-
immer neu aufladenden Konflikt der Jun- Naziväter wagten, eine Rebellion gegen zehnt, in dem die Flüchtlingskrise von
gen gegen die Alten. Aber als sich im ver- die autoritären Strukturen der Nachkriegs- 2015 einen rechten Populismus produzier-
gangenen Jahr der Protest von 68 zum zeit, gegen den Muff und den Kleingeist te, eine Krise, die die Demokratien des
50. Mal jährte, blieb es seltsam still. Keine der Wirtschaftswunderjahre, und das alles Westens eher von innen als von außen
Feier der Revolte mehr und auch kein gro- auch ein Schrei war, nach Freiheit und bedroht. Einem Jahrzehnt, in dem ein neu
ßes Klagen über eine Jugend, die anschei- mehr Demokratie und mehr Sex, wer ge- gewählter amerikanischer Präsident sein
nend nichts will und nichts tut. nau sind dann die 2019er? Woher kommen Land in den Irrsinn treibt. Einem Jahr-
Millennials nennt man die Generation sie auf einmal – kamen sie überhaupt so zehnt, in dem die sexuellen Gewalttätig-
der jüngeren Leute, die ab den frühen überraschend, wie es vielen scheint? Und keiten eines amerikanischen Filmprodu-
Achtzigerjahren geboren wurden. Sie ha- können sie dieses Land, vielleicht den gan- zenten einen neuen Feminismus erzeugte,
ben nicht den besten Ruf. Sie galten als zen Westen, verändern? der Männlichkeit als solche infrage stellt.
ambitionslos, als ein wenig narzisstisch in Einem Jahrzehnt, in dem die digitale Tech-
ihrer angeblich dauerhaften Selbstbespie- Manchmal ist es nur eine Erkenntnis, die nologie eine neue Art von Öffentlichkeit
gelung und vor allen Dingen als desinte- alles in Gang bringt. Ein kleiner Satz, ein hat entstehen lassen, die neben viel Wissen
ressiert an politischen Prozessen und En- kurzer Fakt, eine kühne Prognose. In die- und Information und Austausch auch Hass
gagements. Es gibt auch schon eine Nach- sem Fall lautet dieser Satz: Entweder die und Fake News und Empörung im Über-
folgegeneration, Generation Z wird sie CO²-Emissionen sinken dramatisch bis maß produziert.
genannt oder auch iGen. Das sind die Jahr- 2030, oder die Welt wird nicht mehr zu Man muss weder besonders jung noch
gänge ab Ende der Neunzigerjahre. retten sein. besonders alt sein, um das alles ziemlich
Es ist die erste Generation, die mit dem Der Meeresspiegel steigt jetzt schon, Ex- beunruhigend zu finden.
Smartphone aufgewachsen ist, und auch tremwetter werden häufiger, Landstriche Angesichts der globalen, technologi-
sie hatte bislang keinen besonders guten werden nicht mehr bewohnbar sein, Hun- schen und gesellschaftlichen Umbrüche
Leumund: Teenager, die den ganzen Tag derte Millionen Menschen könnten in den wäre es eher erstaunlich, wenn es das nicht
am Handy daddeln oder Selfies auf Insta- Jahrzehnten danach ihre Heimat verlieren gäbe, eine überall in der westlichen Welt
gram posten. und sich auf die Flucht begeben. vorzufindende Protestbewegung, die eher
Und nun das – diese Jugend steht auf, Es ist ein ziemlich steiler Satz, er beruht weiblich ist und links, eher jung und digital
und sie hat Galionsfiguren, in denen sich auf Modellrechnungen einer höchst kom- und feministisch, gegen Rassismus und für
ihre Träume, Ängste, Wünsche bündeln: plexen Wissenschaft. Die Frage ist natür- Gerechtigkeit. Jede Ära hat den Protest,
Greta Thunberg, die 16 Jahre alt ist, in nur lich, wie absolut dieser Satz ist und was den sie verdient.
wenigen Monaten weltberühmt wurde, man aus ihm macht. Es könnte auch eine
vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos Es ist schwierig, Greta Thunberg nahe-
spricht, vom Papst empfangen wird, für zukommen. Sie tut sich schwer im Um-
den Friedensnobelpreis vorgeschlagen ist 31 Grüne Verheißung gang mit Menschen. Vor ein paar Wochen
und Hunderttausende junge Menschen Wahlergebnis bei der Europawahl ist in Deutschland ein Buch über die Ge-
unter den 18- bis 29-Jährigen,
mobilisiert. Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, in Prozent schichte der Familie Thunberg erschienen.
Mitinitiatorin der deutschen »Fridays for Es ist ein Selbstporträt. Geschrieben hat
Future«-Demos, so schlau und rhetorisch es Gretas Mutter Malena Ernman, im Na-
geschickt, dass Berufspolitiker wie CDU- men ihrer beiden Töchter und ihres Ehe-
Wirtschaftsminister Peter Altmaier im manns. »Szenen aus dem Herzen – Unser
Schlagabtausch (SPIEGEL 12/2019) nicht Leben für das Klima« heißt es.
gut aussehen. Die Thunbergs sind eine moderne
Und dann Rezo, keine 30 Jahre alt, In- 14 schwedische Familie mit den modernsten
formatiker und YouTuber aus Aachen, des- Ansichten in einem der modernsten Län-
sen Video »Die Zerstörung der CDU« über der dieser Welt. Was nicht heißen muss,
9
das Versagen der Volksparteien in der Kli- 8 dass man unbedingt mit ihnen tauschen
mapolitik kurz vor der Europawahl veröf- 7 7 7 möchte. Denn ihre Geschichte ist auch
fentlicht und fast 14 Millionen Mal ange- ein modernes Martyrium, die Geschichte
Zum Vergleich: Ergebnis in allen Altersgruppen
klickt wird. Es hat wohl dazu beigetragen, einer Überforderung, eines Leidens an
die Grünen zum Gewinner der Europa- 20,5 28,9 15,8 5,4 2,4 5,5 11,0 der Welt.
wahl in Deutschland zu machen. Die Mutter ist Opernsängerin, Ehe-
Grüne CDU/ SPD FDP Die Linke AfD
Rezo war Tage nach der Wahl ver- CSU Partei mann Svante Schauspieler und Produzent.
schwunden, der SPIEGEL hat ihn am Mitt- Sie besaßen einen Volvo, sind aufgewach-
woch aufgetrieben, einen jungen Mann, Quelle: Forschungsgruppe Wahlen Sonstige: 17 sen im liberalen Geist der Sechzigerjahre,

14
steigen und die Atmosphäre in eine gigan-
tische unsichtbare Müllhalde verwandeln.
Sie ist das Kind, wir sind der Kaiser. Und
wir sind alle nackt.«
Der Klimawandel, der Landstriche ver-
dorren und pazifische Inseln untergehen
lässt, die Stresserkrankungen, die Unge-
rechtigkeiten dieser Welt, die Krisen un-
serer ökonomischen und politischen Sys-
teme, die immer längeren Schlangen vor
den Kinder- und Jugendpsychiatrien, sie
alle seien Teil einer großen Nachhaltig-
keitskrise, die »zum Kern des Gesundheits-
zustands der Menschen« führe.
Wir alle sind krank, lautet die Diagnose,
sind Opfer einer falschen Welt, die wir uns
erschaffen haben. Und Greta ist das Kind
der Apokalypse, vor der sich die Mensch-
heit nur retten kann, wenn aus einem Mäd-
chen wie Greta, einem Opfer, eine Heldin
wird.
Die Geschichte der Thunbergs ist eine
moderne Erlösungsgeschichte, in der erst
die Krankheit dafür sorgt, dass Menschen
die Dinge so sehen, wie sie sind. Was rich-
tig ist und was falsch: Flugzeuge benutzen,
Volvo fahren, Fleisch essen, Kohlekraft-
werke laufen lassen, weil sie Arbeitsplätze
sichern – also all das, was zum Lebensstil
der Elterngeneration gehört.

»Die jungen Menschen«, sagt der Münch-


ner Soziologe Armin Nassehi, »kämpfen
heute nicht gegen ihre Eltern, sie versu-
chen, die Eltern auf ihre Seite zu ziehen
und mit ihnen gemeinsam zu kämpfen.«
Sie mahnen ihre Väter, nicht mehr mit dem
SUV zum Biosupermarkt zu fahren. Sie
fordern ihre Mütter auf, für Dienstreisen
NICK HARWART / DER SPIEGEL

auch mal die Bahn zu nehmen. Eben darin


liegt für Nassehi die Symbolkraft
der Geschichte Greta Thunbergs:
Dass sie als Erste ihre Eltern über-
Der YouTuber Rezo, Informatiker aus Aachen. zeugt hat – und nun mithilfe ihrer
Sein Video zur CDU wurde fast 14 Millionen Mal Eltern den Rest der Welt bekeh-
angeklickt. Er sagt: »Ich bin kein Aktivist.« ren will.
Viele der 68er sind auf die Stra-
sie reisten um die Welt, die ße gegangen und haben es genos-
Mutter ist Mitglied der Königlich sen, sich als Bürgerschreck zu in-
Schwedischen Musikakademie, szenieren. Es war Teil ihrer Stra-
sie besuchten klassische Konzerte in Ber- die alles richtig machen wollten, auch tegie, der Fachbegriff: subversive Aktion.
lin, und als Malena mit Greta schwanger nicht, und so entschieden sich die Thun- »Die jungen Aktivisten wollen kein Bür-
wurde, entschied sich Svante, Hausmann bergs, die Welt dort draußen zur Verant- gerschreck sein«, sagt Nassehi. »Der Bür-
zu werden. wortung zu ziehen: den schwedischen So- gerschreck kommt heute eher von rechts.«
Sie machten alles richtig, dann kam Gre- zialstaat, der versagt, eine Gesellschaft, Früher griffen Jugendliche ihre Eltern
ta in die fünfte Klasse und entwickelte eine die krank ist, eine Welt, die aus den Fugen an, deren politische Überzeugungen, Wert-
Essstörung. Nachdem sie eine Dokumen- geraten ist. »Greta«, schreibt ihre Mutter, vorstellungen, Lebensweisen. Sie entwi-
tation über eine riesige Plastikansamm- »hat eine Diagnose gestellt bekommen, ckelten ihre eigene Identität in Abgren-
lung gesehen hatte, die im Südpazifik aber das schließt nicht aus, dass sie recht zung zu Vater und Mutter. Zum Mythos
treibt, größer als Mexiko, wurde sie de- hat und wir anderen so falschliegen, wie der 68er-Generation gehört es, dass sie da-
pressiv. Die Diagnose für das aus der Bahn man nur falschliegen kann.« Greta sehe rin besonders radikal war. Junge Men-
geworfene junge Mädchen: Asperger-Syn- Dinge, die andere nicht sehen wollten. Das schen heute verstehen sich besser mit ih-
drom, hochfunktionaler Autismus, Zwangs- Mädchen gehöre zu den wenigen, die ren Eltern. Der Erziehungsstil ist nicht
störungen mit perfektionistischem An- unsere Kohlendioxide mit bloßem Auge mehr autoritär, sondern verhandlungsba-
spruch. erkennen könnten. »Sie sieht, wie die siert, Papa und Mama als beste Freunde.
Irgendjemand muss Schuld haben. Das Treibhausgase aus unseren Schornsteinen Wie schon andere Proteste kritisiert
Kind kann es nicht sein, die Eltern selbst, strömen, mit dem Wind in den Himmel auch der aktuelle Aufstand der Jugend die

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 15


Titel

bestehenden Verhältnisse – und wird als Und die Rüge geht weiter. »In der einen hungswissenschaftlerin an der Universität
Kampf gegen tief empfundenes Unrecht Sekunde sagen Politiker: ›Der Klimawan- Hildesheim. »Der Protest wird innerfami-
legitimiert. Neu hingegen ist die Reaktion del ist wichtig, wir tun alles Denkbare, um liär und gesamtgesellschaftlich nicht als
der Eltern, der Lehrer und der etablierten ihn aufzuhalten.‹ Im nächsten Augenblick Generationenkonflikt ausgetragen, son-
bürgerlich-akademischen Kreise, die ihre aber wollen sie Flughäfen erweitern, neue dern ins Abstrakte ausgelagert: Die Politi-
aufständischen Kinder unterstützen und Kohlekraftwerke errichten, mehr Autobah- ker haben die großen Themen verschlafen,
gern auch Entschuldigungen für die Schule nen bauen, und die Firmenchefs fliegen die etablierten Parteien sind erstarrt.«
schreiben, wenn das Kind am Freitag de- im Privatjet zu ihren Meetings am anderen Manche, die früher für Frieden und gegen
monstrieren geht. Obwohl der Protest die Ende der Welt. So handelt man nicht in Atomraketen demonstriert haben, sähen
Lebensweise und den Konsum der Eltern- einer Krise!« sich gewissermaßen selbst wieder protes-
generation in Zweifel zieht, fühlen sich die Sie spricht zehn Minuten lang, genau so tieren. In Greta Thunbergs Familie, aber
Alten nur selten angegriffen. Dabei ist die hat es das Programm vorgesehen. Kaum auch in weniger prominenten Familien be-
Anklage der Jungen fundamental: Ihr zer- ist das letzte Wort gesprochen, läuft Thun- obachten Eltern wohlwollend, wie ihr
stört unsere Zukunft! berg von der Bühne, klettert auf ihren Stuhl, Kind nun eine Idee des Politischen entwi-
versinkt hinter der massigen Schulter ckelt, als wichtigen Entwicklungsschritt
Dass es trotzdem funktioniert, sah man Schwarzeneggers. »Greta«, ruft die Mode- auf dem Weg zu einer eigenständigen Per-
am vergangenen Dienstagmorgen, 10.20 ratorin von der Bühne, »wenn du dich um- sönlichkeit. Sie fühlten sich in ihrem Er-
Uhr, Hofburg Wien, Klimagipfel R20 Aus- drehst, kannst du sehen, dass alle Menschen ziehungsbemühen bestätigt: aufgeklärte
trian World Summit. Greta Thunberg sitzt hier im Saal für dich aufgestanden sind.« Eltern, die engagierte, couragierte und
bei dieser Veranstaltung in der ersten Rei- Doch Greta dreht sich nicht um. selbstbestimmte Kinder großziehen. De-
he, zu ihrer Linken: Arnold Schwarzen- »Diese breite Unterstützung ist erstaun- ren Protest sei der Nachweis des eigenen
egger, der die Konferenz organisiert hat. lich«, sagt Meike Sophia Baader, Erzie- Erfolgs.
Zu ihrer Rechten: Alexander Auch dass so viele Mädchen bei dem
Van der Bellen, Österreichs Bun- Aufstand den Ton angeben, lasse sich als
despräsident, der gekommen ist, Folge einer Post-68er-Erziehung interpre-
obwohl er zurzeit andere Sorgen tieren, sagt Baader. »Darin spiegelt sich
haben dürfte: »Ich danke dir für die Überzeugung, dass man Mädchen stär-
die Hoffnung, die du in so vielen ken müsse, damit sie einen gleichberech-
von uns geweckt hast«, sagt Van tigten Platz in der Gesellschaft einnehmen.
der Bellen in seinem Grußwort, Nun bestimmen sie als Aktivistinnen die
es gilt der jungen Schwedin. Richtung des Protests. Die Mädchen ha-
Der Österreichische Rundfunk ben den Klimawandel auch als ein soziales
überträgt, es gibt einen Live- Thema auf die Agenda der öffentlichen
stream im Internet. Die Kamera Aufmerksamkeit gesetzt.«
schwenkt zu Thunberg, die Es ist ein Aufstand, der keineswegs aus
schaut ruhig geradeaus, das dem Nichts kam. Ulrich Schneekloth, Mit-
Greta-Thunberg-Gesicht. Autor der »Shell Jugendstudien«, beob-
Schwarzenegger hatte sie
nach Wien eingeladen. Am
Abend zuvor twitterte er, er sei
»starstruck«, fasziniert nach ei-
ner Begegnung mit ihr. Als wäre
GÜNTER ZINT / PANFOTO

nicht er der Hollywood-Promi,


sondern sie. Sehr viele der rund
1200 Menschen im Publikum
könnten Thunbergs Eltern, man-
che sogar ihre Großeltern sein.
Sie tragen randlose Brillen und
Doktortitel. »Hi«, begrüßt Thun-
berg ihre Zuhörer. Sie trägt Turnschuhe
und eine Bluse in Fuchsia. Uno-General-
sekretär António Guterres ist da, der As-
tronaut Scott Kelly. »Die meisten Men-
schen haben keine Ahnung, in welcher
Notlage wir uns befinden«, sagt sie. Sie
spricht langsam und deutlich, geschliffenes
Englisch mit skandinavischem Akzent.
Der Zettel in ihrer Hand zittert etwas.
»Viele von Ihnen hier im Saal sind Füh-
rungspersönlichkeiten. Hier sitzen Präsi-
denten, Politiker, Firmenchefs, Prominen-
te, Journalisten. Die Menschen hören Ih-
nen zu, sie werden von Ihnen beeinflusst. Das Erbe von 68 Protestierende Studenten in Paris
Deshalb tragen Sie eine gewaltige Ver- 1968, Familienbild der Thunbergs: Der Protest
antwortung. Und wenn wir ehrlich sind, der Kinder ist der Nachweis des eigenen Erfolgs.
haben die meisten von Ihnen diese Ver-
antwortung bisher nicht übernommen.«

16
Die Politikerin US-Demokratin Alexandria Ocasio-
achtet schon seit einigen Jahren Cortez, Idol mit fast viereinhalb Millionen
die Repolitisierung der Jugend – Followern auf Twitter: Ihre Partei braucht sie,
wenn man »Politik« nicht mit aber sie braucht ihre Partei kaum noch.
»Parteipolitik« gleichsetzt.
Die Mitgliederzahlen der Ju-
gendorganisationen der Parteien
gehen seit Jahren zurück, die
Wahlbeteiligung bei Studierendenparla-
menten ist seit Jahren extrem niedrig. 13
Prozent waren es zuletzt etwa an den Uni-
versitäten Köln, Greifswald und Hamburg,
an der FU Berlin nur magere 9 Prozent.
»Politisierung beginnt immer mit per-
sönlichem Betroffensein«, sagt Schnee-
kloth. Mit Flüchtlingen, die im Mittelmeer
ertrinken. Mit einem Eisbären in der Ark-
tis, dem die Eisscholle unter den Pfoten
wegschmilzt. Mit hungernden Kindern
nach Dürreperioden in Afrika. Doch die
etablierten Parteien sind kein Ort für
Betroffenheit. Erst mal Mitglied werden,
dann Netzwerke spinnen, einen Posten
ergattern und irgendwann vielleicht mal
etwas verändern. Genau das schreckt die
allermeisten jungen Leute ab.
Das Interesse an »Zukunftsthemen« sei
seit der letzten Shell-Studie 2015 noch ein-
mal gewachsen, sagt Schneekloth. Dass
Klimaschutz und Nachhaltigkeit an Be-
deutung gewonnen haben, liege an einer
gewissen ökonomischen Sorglosigkeit der
Jugend. »Es gibt eine Entlastung, was die
wirtschaftliche und soziale Situation jun-
ger Menschen angeht«, sagt Schneekloth.
»Sie fühlen sich sicherer – und deshalb ver-
lagert sich die Sorge von der Gegenwart
auf die Zukunft.«

JOSHUA ROBERTS / REUTERS


Es geht vielen nicht mehr so sehr um
Geldsorgen, um Jobs, um soziale Gerech-
tigkeit im herkömmlichen Sinn, ihr eigenes
Hier und Jetzt. Die Jungen stellen die Ge-
rechtigkeitsfrage neu. Im Mittelpunkt steht
nicht mehr die Umverteilung von Vermö-
gen. Im Mittelpunkt steht das Klima. Die
Klimafrage ist die neue Systemfrage.
Wie kaum jemand im Politikbetrieb ver- sio-Cortez sucht Zuspruch durch Likes, sie
Die Europawahl hat gezeigt, dass die Ge- körpert AOC, wie sie genannt wird, die hat sich eine mächtige Basis aufgebaut. Sie
neration YouTube die Agenda zunehmend Ungeduld der Millennials und, ja, auch de- ist ein Idol geworden, eine globale Marke:
prägt: Bei der Bundestagswahl 2017 stimm- ren Narzissmus. AOC.
ten noch 25 Prozent der 18- bis 29-Jährigen Ocasio-Cortez ist die perfekte Politike- Mitte Mai trat Ocasio-Cortez auf eine
für die Union. Bei der Europawahl waren rin des Digitalzeitalters, teils linke Aktivis- Bühne der Howard University in Washing-
es nur noch 14 Prozent. Die Grünen hin- tin, teils Entertainerin. Mit ihren fast vier- ton, um für den »Green New Deal« zu
gegen haben ihr Ergebnis in dieser Alters- einhalb Millionen Followern auf Twitter werben – ein Klimaschutzprojekt und
gruppe mit 31 Prozent fast verdreifacht. und dreieinhalb Millionen bei Instagram gleichzeitig ein gigantischer Investitions-
Junge Leute brauchen die Parteipolitik erreicht sie mehr Menschen als viele Fern- plan. Kritiker sagen, es sei das größte Ver-
längst nicht mehr, um sich Gehör zu ver- sehsender. Fast jeder ihrer öffentlichen staatlichungsprogramm in der Geschichte
schaffen. Das Internet ist die größte Bühne Auftritte wird von Kameras festgehalten der Vereinigten Staaten.
der Welt, YouTube, Instagram, Twitter. und verbreitet, und wenn nicht ihre An- An den Deal glauben viele ihrer Partei-
Themen, Mitstreiter, auch Vorbilder fin- hänger filmen, macht sie es selbst. freunde nicht, viel zu groß, unrealistisch.
den sich in aller Welt. Die Figur, die sie auf Twitter und Insta- Trotzdem werben etwa Präsidentschafts-
Die Amerikanerin Alexandria Ocasio- gram spielt, ist nahbar, unsicher bis ver- bewerber um ihre Unterstützung, denn
Cortez ist seit Januar mit 29 Jahren die letzlich, man kann sich mit der Ocasio- AOC hat die Jugend hinter sich, es ist fast,
jüngste Abgeordnete der US-Geschichte, Cortez im Netz leicht identifizieren. Sie als brauchte sie ihre Partei kaum noch –
sie spricht für eine trotzige Jugend. In nicht kocht Nudeln oder Suppe, fotografiert die Partei hingegen sie.
mal einem Jahr hat sie es geschafft, zur ihren Einkaufskorb oder teilt das Video Für deutsche Politiker, vor allem für sol-
politischen Ikone aufzusteigen, die eine eines älteren Mannes, der ein Lied über che von Union und SPD, hat sich bei der
Bewegung anführt – dank sozialer Medien. sie und gegen den Klimawandel singt. Oca- Europawahl einerseits gerächt, dass sie

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 17


Neubauer ist Mitglied bei den Grünen.
Sie postet über den Klimawandel, aber
auch über Mikroplastik in Kosmetika; sie
ist in diversen anderen Netzwerken aktiv,
von proeuropäischen Aktionen bis hin zu
Naturschutzblogs. Sie ist schon um die
halbe Welt geflogen, hat etwa in Tansania
Wasserleitungen installiert. Wegen der
vielen Reisen verpassten Kritiker ihr den
Spitznamen »#LangstreckenLuisa«.
»Die Europawahl war eine Schicksals-
wahl für uns junge Menschen«, sagt Neu-
bauer. Schülern, die noch zu jung zum
Wählen waren, riet sie zu einem Deal mit
den Großeltern – diese sollten doch ihre
Enkel entscheiden lassen, wo sie ihr Kreuz
setzen. Sie machte dabei keine Werbung
für die Grünen, aber sie schrieb: »Wählt
für das Klima.« Und: »Lasst uns die Wahl-
beteiligung von jungen Menschen einfach
so krass nach oben ziehen, dass sich alle
umdrehen und wünschten, diese jungen
Menschen wären wieder so bequem passiv,
wenn es ums Wählen geht.«
So funktionieren soziale Medien: Ein
Trend wächst exponentiell, sobald andere
einsteigen, die wieder andere mitziehen.
Bis sogar Modebloggerinnen mitmachen:
Auf einmal schien ein blauer EU-Hoodie
das Must-have der Frühjahrskollektionen
zu sein.
Die Beauty-und-Fashion-Bloggerin Dia-
na zur Löwen – 751 000 Instagram-Follo-
MICHAEL KAPPELER / PICTURE ALLIANCE / DPA

wer – unterstützte die Kampagne des EU-


Parlaments #diesmalwähleich und veröf-
fentlichte mehrere Videos, in denen sie
ihre Zuschauer aufforderte, wählen zu
gehen – zwischen Videos über
Neuheiten der Drogeriekette DM.
Auch Mirella Precek, 25, You-
Tuberin des Kanals mit dem schö-
Die Studentin Luisa Neubauer, Mitorganisatorin
nen Namen »Mirellativegal«, die
der deutschen »Fridays for Future«-Proteste:
sich früher nur um Mode und Un-
Die Jungen stellen die Gerechtigkeitsfrage neu,
terhaltung kümmerte, beschäftigt
im Mittelpunkt steht das Klima.
sich inzwischen auch mit Natur-
kaum Zugang zu jungen Wählern schutz und solidarisierte sich mit
finden. Das gilt besonders für den Rezo. Sie habe sich inspiriert ge-
neuen CDU-Generalsekretär, der fühlt von Klimademonstranten,
als ehemaliger Vorsitzender der Jungen Rolle. Dabei waren die Zeichen klar zu die noch jünger seien als sie: »Wir haben
Union eigentlich diese Gruppen anspre- sehen, etwa auf dem Instagram-Account gedacht, die wachsen mit dem Smart-
chen sollte. Auch den technologischen von Luisa Neubauer. phone auf, die werden nie etwas zustande
Wandel haben die großen Parteien immer Neubauer, 23, ist in Deutschland das Ge- kriegen. Jetzt legen sie das Smartphone
noch nicht verstanden. Noch zu Beginn sicht der »Fridays for Future«-Proteste. Sie beiseite und gehen auf die Straße.«
der Legislaturperiode gab es nicht einmal initiierte die ersten Demos in Berlin und Selbst jene, die mitverantwortlich ge-
in allen Büros rund um den Reichstag funk- kümmert sich immer noch wöchentlich um macht werden für die Klimakrise, haben ein-
tionierendes WLAN, aber irgendwo einen den Zusammenhalt, wenn auch ganz an- gesehen, wie mächtig etwa die Instagram-
Schredder für Disketten; Jungwähler ken- ders als das Mädchen aus Schweden. Frau Neubauer durch die Effekte des Netzes
nen die höchstens noch aus den Erzählun- Man sieht die Göttinger Geografiestu- werden kann. Als Rednerin bei der letzten
gen ihrer Eltern. dentin auf Instagram mit selbstbewussten Hauptversammlung des Energiekonzerns
Posen, die Haare fallen ihr locker über die RWE, der viele Kohlekraftwerke betreibt,
Wer eher im Gestern lebt, kann im Heute Schultern, auf ihren Lippen ein geheimnis- forderte sie: »Schalten Sie ab, noch dieses
alles verpassen. Die Christ- und Sozialde- volles Lächeln. Mehr als 34 000 Menschen Jahr!« Als wäre ihr ziemlich egal, dass das
mokraten räumten nach der Wahl ein, dass folgen Neubauer auf Instagram, auf Twit- so schnell kaum geht – auch das typisch für
sie unterschätzt hatten, wie sehr der Kli- ter sind es noch ein paar mehr. Die Akti- die neue Bewegung: Um den Kleinkram sol-
mawandel Jungwähler bewegt. Und dann vistin kettet sich nicht an Bäume oder Bag- len sich gefälligst die Profis kümmern.
viele zu den Grünen trieb, denn im Wahl- ger, sie postet. Meistens steht dabei sie Noch schlagkräftiger als Instagram ist
kampf der Union spielte das Thema keine selbst im Vordergrund. wohl YouTube, wo eben nicht nur Musik-

18 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Titel

videos laufen. Die populärste Video- mand soll sein Gesicht sehen, auch nicht Rezo war schon vor der Europawahl
plattform der Welt ist zugleich die zweit- seine Haare. »Ich ducke mich auf der Stra- abgetaucht, auch medial, seither hat er kei-
größte Suchmaschine – und damit ein zen- ße weg«, sagt Rezo später, er ist Ende ne Interviews gegeben. Ihm war alles zu
traler Informationskanal. 90 Prozent der zwanzig, viel mehr will er nicht verraten. viel geworden. Die Aufmerksamkeit, die
Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren Rezo, das ist der YouTuber mit dem Presseanfragen. Mitte Mai war er noch
nutzen YouTube mehrfach in der Woche. orangefarbenen Hoodie und den blauen ein gewöhnlicher YouTuber gewesen, der
23 Prozent geben an, dass sie sich dort Haaren. Der mit dem Zerstörungsvideo. Karaoke sang oder seine Expertise in Mas-
mehrmals pro Woche über Nachrichten in- Der die CDU als Haufen von Dilettanten turbation kundtat. Nun ist er der Mann
formieren. und Lügnern beschimpft und Studien der Stunde, Plasberg, Lanz, Will, alle
Welche Mobilisierungsmacht die Video- zum Klimawandel und zur Bildungspolitik wollen ihn haben. Berichte in der »Tages-
plattform hat, zeigt sich vor allem, wenn zitiert. Fast 14 Millionen Mal wurde schau«, Prügel von der »FAZ«, Verständ-
es sich um Themen handelt, die der Gene- dieses Video bisher aufgerufen. Theore- nis von der »taz«. Dazu Verschwörungs-
ration YouTube nahegehen, die Regulie- tisch wäre das jeder sechste Bürger dieses theorien, er sei gesteuert, von guten Kräf-
rung des Netzes etwa. Dazu gehört Artikel Landes. ten, von bösen Kräften, von wem auch im-
13, der inzwischen Artikel 17 heißt und Er selbst sagt, sein Einfluss auf die Eu- mer. »Mein erster Impuls war: Ich würde
Teil einer EU-Urheberrechtsnovelle ist. Es ropawahl sei gering gewesen: »Ich denke gern einen großen Schild über mich halten,
geht darum, wer wann haftet bei Urheber- nicht, dass ich viel bewegt habe. Ich habe bis es vorbei ist. Aber ich habe verstanden,
rechtsverstößen im Netz, ein scheinbar nicht viel Energie aufgebracht. Wenn eine dass das nicht drin ist«, sagt er.
dröges Thema, das viele Erwachsene gar Bowlingkugel auf dem Schrank liegt, reicht Rezo will Missverständnisse ausräumen.
nicht verstanden. Entsprechend über- ein kleiner Schubs für eine krasse Auswir- Das Treffen findet in einem Hotelzimmer
rascht waren die Politiker von der Wucht kung.« Er habe nur ein Video drehen wol- statt. Er will nicht, dass man weiß, wo er
der Angriffe, schließlich wollten sie doch len, mehr nicht. wohnt. Und wie.
nur Urheberrechte schützen. Rezo sagt, er habe Angst, »dass ein
YouTube-Stars mit zahlreichen Spinner bei mir zu Hause die Scheiben ein-
Abonnenten wurden zu einfluss- schmeißt.« In der WhatsApp-Gruppe sei-
reichen Polit-Influencern und nes Abiturjahrgangs hat er darum gebeten,
Aktivisten, die zu Demonstratio- dass niemand mit der großen Zeitung spre-
nen aufriefen und dort auftraten. chen möge, die gerade sein Privatleben
Während Konservative die auskundschafte.
Wütenden als ahnungslose Ma- Quasi über Nacht ist Rezo zum Gesicht
rionetten darstellten, begegneten der Generation der unter Dreißigjährigen
immerhin die jungen Europapo- geworden. Einer, den man mit der »Fri-
litiker Tiemo Wölken (SPD) und days for Future«-Bewegung zusammen-
Julia Reda (Piraten) ihnen mit bringt, auch wenn er mit ihr nichts zu tun
Respekt: Auf YouTube erklärte hat. »Ich bin kein Aktivist, ich klettere
Wölken etwa, wann genau über nicht im Hambacher Forst auf Bäume oder
die Reform debattiert wird und marschiere jeden zweiten Tag bei Demos
wie es danach weitergeht. Reda
KLAUS MEHNER / BERLINPRESSSERVICES.DE

gab Hinweise, wohin die Nutzer


scrollen mussten, um den über-
setzten Gesetzestext zu finden.
Dann kam Rezo und sein Vi-
deo. Wenige Tage vor der Wahl
legte er nach, in einem zweiten
Video sprach er zusammen mit
Dutzenden anderer YouTuber
eine Wahlempfehlung aus:
»Wählt nicht CDU, und wählt
nicht die SPD, und wählt schon
gar nicht die AfD.« Die Reaktio-
nen der Politik waren desaströs. Die CDU
stellte eine elfseitige PDF-Datei als Ant-
wort auf Rezos erstes Video ins Netz, ihre
Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbau-
er brachte mit wirren Sätzen über »Mei-
nungsmache« im Internet die jungen Leute
weiter gegen sich auf.
Es gibt in Berlin die Angst, dass am
vergangenen Sonntag nicht nur eine Wahl
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

verloren wurde, sondern eine ganze Ge-


neration.
Aachen, am Mittwoch dieser Woche.
Eine gebückte Gestalt huscht über eine Die Medien Zerstörte Autos vor dem Springer-
Straße. Den Blick gesenkt, auf dem Kopf haus in Berlin 1968, YouTuber Rezo im Video
eine Kappe, darüber eine Kapuze, sicher »Die Zerstörung der CDU«. Er hat Angst, »dass
ist sicher. Es ist der Mann, der sich Rezo ein Spinner bei mir Scheiben einschmeißt«.
nennt. Er trägt seine Tarnkleidung. Nie-

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in der ersten Reihe mit. Ich glaube, dass Jüngste. »Es war manchmal ein ziemlicher Schmerzen spüren. Man kann sich auch
ich der Gesellschaft mehr diene, wenn ich Struggle«, sagt er. Mitschüler steckten ihn bei der Arbeit verausgaben.« In den ver-
meinen Job gut mache.« Er bezeichnet im Klassenzimmer in den Papierkorb oder gangenen zehn Jahren habe er nur einmal
sich als Unterhalter. Er sagt, dass er sich warfen seine Turnschuhe in die Toilette. Urlaub gemacht. Er arbeite fast jeden Tag,
nie die Frage gestellt habe, ob er ein poli- Als Teenager habe er daran gedacht, sich selbst am Wochenende. Von morgens um
tischer Mensch sei. umzubringen. Einmal habe er auf einem neun oft bis zum Schlafengehen. Am Com-
Rezo ist der perfekte Vertreter seiner Dach gestanden und überlegt zu springen. puter, vor der Kamera.
Generation. Ein Veganer. Einer, der findet, Rezo sagt, er erzähle das alles, weil es Es gibt einen Moment an diesem Nach-
dass man Plastikmüll vermeiden und zu ihm gehöre. Er wolle aber nichts über- mittag, da überwältigen ihn die Gefühle.
Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten solle. Als er erzählt, dass er einmal im Jahr in
Er liest weder Zeitung, noch sieht er Fern- die Kirche gehe, an Heiligabend. Er be-
sehnachrichten. Er schaut Netflix. Was in »Abstand, damit die zeichnet sich nicht als christlich, aber die
der Welt passiert, erfährt er auf Twitter christlichen Werte bedeuten ihm etwas:
oder Instagram. Interessiert ihn etwas nä- Gesellschaft nicht nur aus »Ich habe stark verinnerlicht, was Jesus
her, googelt er. Manches bekommt er nur Menschen besteht, die für ein Dude war.« Rezo kommt aus einer
so ungefähr mit. Was die CDU-Chefin Theologenfamilie. Vater: Pfarrer. Mutter:
über sein Video gesagt hat, wie die Kanz- gerettet werden müssen.« Pfarrerin. Großvater, zwei Tanten, zwei
lerin danach die CDU-Chefin verteidigt Onkel ebenso. Und am Ende des Weih-
hat. Ungewöhnlich ist allenfalls seine nachtsgottesdiensts singen alle »O du
Obsession für die Bundespressekonferenz, dramatisieren, zumal es glücklich ausge- fröhliche«, was ihn jedes Mal in Strömen
deren Übertragung er, wie er sagt, seit Jah- gangen sei, »ich stell mich jetzt nicht als weinen lasse. »In diesem Moment frage
ren regelmäßig anschaut. »Weil sie etwas Opfer dar«. Er sei in Behandlung gewesen, ich mich immer: Ist das Leben, das ich
Menschliches hat: Du siehst dort sofort, nicht lange, »ein paar Talks mit Psycholo- führe, das richtige? Will ich das Ding
wenn dich jemand verarscht.« gen«. Gerettet habe ihn die Musik, er fing durchziehen? Ich weiß, meine Videos ge-
Und noch etwas an Rezo ist typisch an, in Bands zu spielen. Die Lust auf ben vielen Leuten etwas. Aber ist es das
für seine Generation: dass er an sich Selbstzerstörung veränderte sich, eine Zeit wert? Übers Jahr baut sich extrem viel auf,
und der Welt leidet – und es, anders als lang habe er sich noch geritzt. »Irgend- was sich an diesem Abend löst.« Rezo
Männer es früher gewohnt waren, auch wann habe ich gemerkt, dass ich das über- fängt an zu weinen.
zugibt. Rezo stottert, was in seinen flott tragen kann auf andere Bereiche. Man Rezo sagt, er liebe seine Eltern. »Sie
geschnittenen Videos nicht auffällt. In der muss sich nicht schneiden, um sich zu ver- sind offene, warmherzige Menschen, die
Schule war er häufig der Kleinste und letzen. Man kann auch auf andere Weise mir viel Liebe gegeben haben.« Kein 68er

1982
Flüssigkristalle bringen dem
Computer das Fahrradfahren
bei: im Display des ersten
digitalen Tachometers.

1888
Eine reife Leistung: Das
1992
Macht Gegenwind zum lauen
Vulkanisationsverfahren Lüftchen: Der Nickel-Cadmium-
macht luftgefüllte Gummi- Akku im ersten Pedelec gibt
reifen möglich und so das Radlern Extraschub.
Fahrradfahren bequemer.

Die Chemie macht das Rad zum


Titel

hätte so über seine Eltern geredet, das ist New Yorker Liberaler. Ihm war aufgefal- Bewegung wurde verbeamtet, dasselbe
ein wesentlicher Unterschied zu damals. len, dass sich ab 2013 das Klima an den wird auch dieser Bewegung widerfahren.«
Deren Ansatz ist Rezo auch »zu anti«. An- amerikanischen Universitäten änderte. Sie zwingt die Gesellschaft nur dazu, die
ders als die Revolutionäre damals habe er Als die ersten iGener auf die Colleges politischen Rahmenbedingungen zu ver-
die Gesellschaft nicht gespalten, sagt er. kamen. Einige von ihnen versuchten zu ändern. »Die Gesellschaft braucht manch-
Hat er Träume? Oh ja. »Ein Haus, zwei, verbannen, was ihnen nicht gefiel, sie mal solche Anstöße.«
drei Kinder, einen Hund.« So leben auch wünschten sich »trigger warnings«, »safe Ist ihm das sympathisch? »Viele Mei-
klassische CDU-Wähler. »Uns muss ja spaces« und dass politisch nicht konforme nungsäußerungen der jungen Protestler
nicht alles trennen«, sagt Rezo. Gastredner ausgeladen würden. Eine von sind wahnsinnig naiv«, sagt Nassehi.
Haidts Thesen lautet, dass die iGener »Aber wenn ich ehrlich bin: Ich möchte
Die 68er haben das Land neu erfunden, nicht nur das Produkt der Smartphone- nicht mit allem konfrontiert werden, was
in dem wir heute leben, jedenfalls zum Welt sind, sondern auch das ihrer Eltern. ich in dem Alter gesagt habe. Das ist ja
Teil. Ein aufgeklärtes, freies Land. Die Par- Einer Elterngeneration, die ihre Kinder der Segen: dass bei uns nicht alles aufge-
teien veränderten sich, die Grünen wurden zu ewig Schutzbedürftigen erzogen hat, zeichnet wurde.«
gegründet. Es ging alles langsamer, aber die keine anderen Meinungen ertragen. Doch vielleicht ging es damals, 1968,
nicht alles war nur dufte. Der Dogmatis- Was er meint: Ein bisschen Abstand und und heute nur so: laut sein, damit sich
mus der K-Gruppen, die in den Siebziger- Generationskonflikt mit den Eltern könn- etwas tut.
jahren die politische Subkultur prägten. te ganz sinnvoll sein, damit eine Gesell- Laura Backes, Tobias Becker,
Der Terrorismus der RAF, deren Mitglie- schaft nicht nur aus Menschen besteht, die Lothar Gorris, Judith Horchert,
der ihre Morde damit begründeten, dass gerettet werden müssen, vor dem Klima- Anna-Lena Jaensch, Alexander Kühn,
ein neuer Faschismus drohe. wandel, den Andersdenkenden, dem Ann-Katrin Müller, Miriam Olbrisch,
Die 19er sind womöglich genauso wir- Bösen. Maximilian Popp, Marcel Rosenbach,
Christoph Scheuermann, Katja Thimm
kungsmächtig, nur mit dem Unterschied, Das erklärt einen Teil der Rigorosität
dass alles nun viel schneller geschieht. Der der neuen Bewegung, ihren Hang, die Mail: lothar.gorris@spiegel.de
New Yorker Psychologe Jonathan Haidt Welt einzuteilen, hypermoralisch, in Gut
hat im vergangenen Jahr ein Buch über die und Böse.
Generation Z geschrieben. Es heißt »The Aber dass die Revolte, wie schon 1968, Video
Wie politisch ist die
Coddling of the American Mind«, die Ver- tatsächlich einen Zug ins Totalitäre be- Generation YouTube?
hätschelung der amerikanischen Seele. kommt, dafür sieht der Soziologe Nassehi spiegel.de/sp232019jugend
Haidt, Jahrgang 1963, ist keiner dieser keine Gefahr: Auch die 68er seien am oder in der App DER SPIEGEL
neuen rechten Intellektuellen, sondern ein Ende sozialdemokratisiert worden. »Die

2015
Hält die Hände am Lenker:
Mit der Chemie als Tandempartner
wird das Fahrradfahren dank neuer
Der Fahrradhelm mit integrierter
Funktechnologie macht das Werkstoffe und Verfahren immer
Smartphone auch unterwegs
nutzbar – dank Mikrochips
komfortabler und sicherer. Das Ziel:
aus hochreinem Silizium. eine gesunde und nachhaltige

2018
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Renner.
Titel

den Klimaschutz. Ich habe das Gefühl,

»Nehmt uns ernst!« wenn wir Jugendlichen nicht für unsere


Zukunft kämpfen, tut es niemand. Es ist
das erste Mal, dass ich mich engagiere,
Jungwähler Sie demonstrieren, sie machen Politik, auch das erste Mal, dass ich demonstrie-
ren gehe. Mir ist wichtig, dass jeder, der
sie bringen ihre Anliegen auf die Agenda: etwas verändern will, bei sich selbst an-
Junge Erwachsene erzählen, welche Themen sie umtreiben. fängt. Ich versuche, weniger Plastikmüll
zu verursachen, ordentlich zu recyceln
und weniger Fleisch zu essen. Die Frei-
tagsdemos können etwas verändern,
wenn wir Jungen das konsequent durch-
ziehen. In eine Partei einzutreten kann
ich mir nicht vorstellen, nicht mal bei den
Grünen. Ich bin sonst nicht so an Politik
interessiert.«

»Politik mit Satireansatz«


Hellen Siewert, 24 Jahre, studiert Compu-
terlinguistik in Potsdam und arbeitet als
Hilfskraft an einem Forschungszentrum für
künstliche Intelligenz
»Vor der Bundestagswahl 2017 habe ich
zum ersten Mal von Der Partei gehört –
und fand es sehr witzig, wie anders sie Poli-
tik macht, mit Satire. Gut gefallen haben

ERIC VAZZOLER / DER SPIEGEL


mir die Aktionen gegen die AfD, die ja hier
in Brandenburg recht präsent ist. Auf Face-
book haben Partei-Anhänger rechte Grup-
pen infiltriert und heimlich umbenannt,
›Heimatliebe‹ in ›Hummusliebe‹ zum Bei-
Simon Sumbert spiel. Durch die Facebook-Posts und Vi-
deos von Martin Sonneborn, dem EU-Spit-
zenkandidaten, habe ich erfahren, wie der
nauso der Umgang mit Geflüchteten. Ich Alltag im Europaparlament funktioniert –
»Die Älteren haben oft das Sagen« habe ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer und wie sehr er von Lobbyisten bestimmt
Simon Sumbert, 21 Jahre, studiert Politik- Flüchtlingsunterkunft gemacht, und es wird, die überall auftauchen und Politiker
wissenschaften und Volkswirtschaftslehre macht mich traurig, wenn ich höre, wie beeinflussen möchten. Das war mir in dem
in Freiburg, auf dem Titelbild links. unwürdig einige konservative und natio- Ausmaß nicht bewusst. Ich finde es toll,
»Ich freue mich gerade sehr: Vor einer nalistische Politiker über diese Menschen dass Sonneborn diese Einblicke gewährt.
Woche wurde ich in den Stadtrat von Frei- sprechen. Wenn sie sagen, Seenotrettung Europapolitik kommt mir sonst sehr abge-
burg gewählt, ich bin das jüngste neue Mit- im Mittelmeer sei ein Verbrechen, macht schottet vor. Im Oktober bin ich aus Neu-
glied. Unser Bündnis heißt ›Junges Frei- mich das wütend. Die Grünen stehen in gier zu einem Stammtisch des Kreisver-
burg‹ – wir vertreten die Interessen der dieser Frage für Humanität und Mitgefühl. bands Potsdam gegangen, die lockere Stim-
jungen Menschen. In der Vergangenheit Trotzdem bin ich unsicher, ob ich richtig
hatte ich oft das Gefühl, dass meine entschieden habe. Wenn die Grünen jetzt
Josy Zülke
Altersgenossen und ich von den anderen so groß werden, rücken sie vermutlich im-
Parteien nicht ernst genommen werden. mer weiter in die Mitte, um möglichst viele
So geht es mir auch bei den ›Fridays for Wähler zu erreichen. Nicht, dass die ir-
Future‹, bei denen ich regelmäßig mitlaufe. gendwann werden wie die CDU.«
›Ihr seid die Zukunft‹, heißt es dauernd.
Und dann werden unsere Anliegen trotz-
dem kleingeredet. Wenn wir selbst in den »Vom Lehrer motiviert«
Stadtrat einziehen, dachten wir, wird uns Josy Zülke, 18 Jahre, auf dem Titelbild Zwei-
das nicht mehr so schnell passieren. Ich te von links, war vor zwei Monaten erstmals
würde aktuell nicht in eine der traditionel- bei »Fridays for Future«. Sie besucht die
len Parteien eintreten. Dort haben oft die zwölfte Klasse einer Schule in Berlin.
Älteren das Sagen, das nervt mich. Es war »Mein Lehrer im Biologie-Leistungs-
schon merkwürdig, mein eigenes Gesicht kurs hat uns motiviert, an den Demos teil-
auf Wahlplakaten zu sehen. Ein bisschen, zunehmen. Er hat uns schon vor Jahren
NICK HARWART / DER SPIEGEL

wie wenn man beim Friseur zu lange in erklärt, wie CO²-Emissionen und Klima-
den Spiegel schaut, irgendwann war ich wandel zusammenhängen, das hat mich
von mir selbst genervt. sehr beeinflusst. Wir haben ein Plakat ge-
Bei der Europawahl habe ich meine malt: ›Schule schwänzen kann man ver-
Stimme den Grünen gegeben. Nachhaltig- kraften, Klimawandel eher nicht so.‹ Die
keit und Klimaschutz sind mir wichtig, ge- Parteien kümmern sich nicht genug um

22
mung und die witzigen Ideen ha- so privilegiert zu sein wie
ben mir gefallen. So hatte ich mir ich? Diese Menschen gilt
Politik nicht vorgestellt. Seitdem es um jeden Preis zu
bin ich regelmäßig dabei und habe schützen.
auch im Wahlkampf mitgeholfen, Das versuche ich unter

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL


Plakate aufzuhängen. Auch wenn anderem durch Aufklä-
viele denken, Die Partei mache vor rungsarbeit in den Insta-
allem Späße und wenig ernsthafte storys auf meinem Instag-
Politik, finde ich sie wichtig: Durch ramkanal, dem Podcast
den Satireansatz bekommen Men- ›Deine Homegirls‹ und in
schen Zugang zu politischen Dis- Helen Fares Diskussionen im echten

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL


kussionen, die sich sonst wenig da- Leben. Gegen Unwissen,
für interessieren. Das galt lange Ängste, Rassismus, Sexis-
Zeit auch für mich. Ich hatte in der Vergan- mus und andere ›-ismen‹ vorzugehen steht
genheit das Gefühl, dass junge Menschen im Zentrum meiner Arbeit.«
in der Gesellschaft eh nicht ernst genom-
men werden. Die Reform des Urheber-
rechts mit dem Artikel 13, inzwischen 17, »Lachen, tanzen, feiern« Moritz Bayerl
ist so ein Beispiel. Viele junge Menschen Sophie Thomas, 18 Jahre, auf dem Titelbild
haben über die sozialen Netzwerke ihre rechts, geht in Berlin zur Schule. Sie wurde
Bedenken geäußert und Argumente vorge- am Tag nach dem Wahlsonntag volljährig. da kann man schon mehr bewegen als nur
bracht, die allesamt ignoriert wurden. Und »Dass ich ausgerechnet am Tag nach der ein einzelner Schüler. Aber insgesamt ist
bei den ›Fridays for Future‹-Demonstratio- Europawahl 18 wurde, hat mich natürlich es leider so, dass man als junger Mensch
nen heißt es dann, die jungen Leute sollten ziemlich geärgert. Ich wäre gern wählen kaum ernst genommen wird. Bisher wurde
mal lieber in die Schule gehen. Das macht gegangen, ich hatte auch die Programme immer gejammert, die Jugend sei so unpo-
mich wütend – zumal die Bewegung von verschiedener Parteien durchgelesen und litisch. Als wir dann auf die Straße gingen,
vielen Wissenschaftlern, insbesondere Kli- den Wahl-O-Mat ausprobiert. Das Ergeb- bei ›Fridays for Future‹, sollten wir plötz-
maforschern, unterstützt wird.« nis hat mich nicht sonderlich überrascht, lich doch lieber in die Schule. Aber wieso
die Grünen waren bei mir ganz oben, da- sollte ich zur Schule gehen, wenn ich weiß,
nach die Linke. Nachdem ich auf einigen dass es in ein paar Jahrzehnten keine Schu-
»Gegen Rassismus und ›-ismen‹« Demos von ›Fridays for Future‹ war und len mehr geben wird – wenn wir jetzt nicht
Helen Fares, 24 Jahre, aus Leipzig studiert über YouTube viel erfahren habe, hätte auf die Straße gehen? Schülerinnen und
Psychologie und arbeitet als Moderatorin auch ich die Grünen gewählt, wenn ich hät- Schüler werden systematisch benachteiligt,
und Journalistin. te wählen dürfen. Dass man unser politischer Einfluss ist ge-
»Ich habe Die Linke gewählt. Das ist für erst ab 18 zur Wahl gehen ring, weil nur ein Bruchteil von
mich die einzige Partei, die Themen, die darf, finde ich ungerecht- uns überhaupt wählen darf.
mir wichtig sind, in den Mittelpunkt stellt: fertigt. Es geht doch um Dass wir laut werden, wird jetzt
Fluchtursachen bekämpfen durch den unsere Zukunft, warum wer- von vielen unterstützt. Meine
Stopp von Waffenexporten, die Seenot- den 16-Jährige ausgeschlos- Mutter würde am liebsten gleich
NICK HARWART / DER SPIEGEL

rettung entkriminalisieren, sichere Flucht- sen? Dass Jugendliche weni- mitdemonstrieren, so toll findet
wege schaffen und den schnellen Kohle- ger vernünftig oder schlech- sie das. Ich habe bei der Euro-
ausstieg in ganz Europa vorantreiben. Ich ter informiert sind, ist nicht pawahl die Grünen gewählt, da
fühle mich von der Politik in Deutschland wahr. sie klimapolitisch und sozial et-
in einigen Punkten alleingelassen, ich den- Jede Nacht lässt unsere was bewegen wollen. Dass die
ke da an Rassismus bei der Polizei. Aus Schule alle Lichter an, das Sophie Thomas CDU von jungen Menschen kei-
Bayern und Sachsen gibt es viel zu oft Be- ganze Gebäude ist erleuch- ne Ahnung hat, hat sich ja an ih-
richte über Racial Profiling und rassistisch tet. Mich regt das total auf, rer Reaktion auf das Rezo-Video
motivierte Beleidigungen. Es enttäuscht das ist so unnötig! Dass Erwachsene bes- gezeigt. Ein elfseitiges PDF-Dokument –
mich, dass der SPIEGEL früher Titelstorys sere Entscheidungen treffen, ist also kein ernsthaft?! Das liest sich doch kein junger
wie ›Mekka Deutschland‹, ›Blutiger Islam‹ gutes Argument. Vielleicht nehmen die Er- Mensch durch. Wir brauchen Politik, die
oder ›Der heilige Hass‹ gebracht hat. Un- wachsenen uns nicht ernst, weil wir eine uns zuhört und auf uns eingeht. Denn es
terlegt von furchteinflößenden Bildern andere Form gefunden haben, Politik zu ist unsere Zukunft, über die sie entschei-
schüren solche Berichte ohne Rücksicht machen. Auf den Freitagsdemonstrationen den. Da war ich von den Grünen auch ein
auf Muslime Ängste, Hass und infolgedes- wird gelacht, getanzt, gefeiert. Das heißt wenig enttäuscht, als ich hörte, dass sie
sen Rassismus. nicht, dass uns die Klimakrise weniger am sich nicht entschlossen gegen einen Uplo-
Dass jetzt in Sachsen so viele Menschen Herzen liegt, aber warum sollte man beim adfilter aussprechen. Viele unter 30 sind
die AfD gewählt haben, macht mich be- Protestieren keinen Spaß haben dürfen?« gegen Artikel 13, jetzt 17, und trotzdem
troffen, überrascht mich aber nicht. Ich wird er durchgesetzt. Ich hoffe, dass wir
verstehe, dass viele AfD-Wähler frustriert Schüler in Zukunft noch mehr bewegen
und deswegen empfänglich für Populismus »Meine Mutter findet das toll« können. Bei dem Rechtsruck, den es gera-
sind. Ich bin Deutschsyrerin, studiere, ar- Moritz Bayerl, 18 Jahre, besucht die zwölfte de in Europa gibt, ist es wichtig, einen Ge-
beite, zahle Steuern. Ich fühle mich, um- Klasse eines Gymnasiums in Köln. genpol zu bilden. Und das tun wir. In mei-
geben von 25,3 Prozent AfD-Wählern in »Für mich war die Europawahl ein ech- nem Freundeskreis gibt es niemanden, der
Sachsen, unwohl und missachtet, und ich ter Lichtblick. Endlich konnte ich auch nicht gewählt hat.«
habe vor allem eines: Angst. Wie soll sich wählen gehen, mich ins politische Gesche- Aufgezeichnet von Laura Backes,
also jemand fühlen, der nicht das Glück hen einbringen. Das versuche ich bereits Anna-Lena Jaensch, Miriam Olbrisch
hatte, in Bezug auf Bildung und Sicherheit bei der Landesschüler*innenvertretung,

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 23


Deutschland
»Wer Kleingärtner quält, wird abgewählt«, ist ein Slogan, der in den Gartenkolonien kolportiert wird. ‣ S. 52

ARNE DEDERT / DPA


Katholische Kirche

Missbrauchsopfer fordern Milliarden


Ruf nach hohen Entschädigungen wegen psychischer Folgekrankheiten
 Bei einem von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) orga- Der Studie zufolge wurden in den vergangenen Jahrzehnten
nisierten Arbeitstreffen haben prominente Vertreter von Miss- 3677 Kinder und Jugendliche von 1670 katholischen Klerikern
brauchsopferverbänden nach eigenem Bekunden Entschädi- missbraucht. Wissenschaftler gehen von einer Dunkelziffer von
gungszahlungen in Milliardenhöhe von der katholischen Kirche mehr als 100 000 Geschädigten aus. Bei dem Treffen in Bonn for-
gefordert. Am »Kick-off-Workshop« vergangenen Montag in derten Betroffene Einmalzahlungen von 300 000 Euro als Ent-
Bonn nahmen 28 Expertinnen und Experten teil – neben Betrof- schädigung – pro Opfer. Viele Missbrauchsbetroffene sind infolge
fenen auch Wissenschaftler, psychologische Berater und Mitar- psychischer Krankheiten nur bedingt arbeitsfähig. Die bislang
beiter des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Als von der Kirche gewährten »Leistungen in Anerkennung zugefüg-
Vertreter der DBK war der Kölner Weihbischof Ansgar Puff ten Leids« von in der Regel maximal 5000 Euro werden von
zugegen. Der Workshop gilt als Auftakt zur Überarbeitung des Experten seit Langem kritisiert, genauso wie das bisher intrans-
Entschädigungsverfahrens für kirchliche Missbrauchsopfer, wie parente Entschädigungsverfahren. Nach dem Wunsch der Betroffe-
es der deutsche Episkopat nach der Veröffentlichung der bischöf- nenvertreter soll künftig eine interdisziplinäre Expertenkommis-
lichen Missbrauchsstudie im vergangenen Herbst zugesagt hatte. sion über die Gewährung der Einmalzahlungen entscheiden. BHR

Pflichtverteidigung verteidiger bewilligt werden. Diese Richt- Selbstverständlichkeit sein«, kritisiert


»Gebot der Fairness« linie hätte bis zum 25. Mai in deutsches
Recht umgesetzt werden müssen – was
Thomae das Versäumnis. Zwar könnten
einzelne Vorschriften der Richtlinie, wie
 Nach deutschem Strafrecht haben mittel- aber nicht geschah, wie das Bundesjustiz- das BMJV betont, von der Justiz auch ohne
lose Beschuldigte nicht von Anfang an ministerium (BMJV) auf Anfrage des FDP- Verankerung im deutschen Gesetz ange-
Anspruch auf einen Pflichtverteidiger, ob- Bundestagsabgeordneten Stephan Thomae wendet werden – dies sei aber, so Thomae,
wohl eine Europäische Richtlinie das einräumte. Die Länder hatten sich gegen »keinesfalls etwas, worauf sich ein Beschul-
vorsieht. Danach soll »unverzüglich und die kostspieligen EU-Vorgaben gewehrt. digter verlassen kann«. Nach der Strafpro-
spätestens vor einer Befragung durch »Die Pflichtverteidigung ab der ersten Stun- zessordnung gibt es einen Pflichtverteidiger
die Polizei« Prozesskostenhilfe und damit de ist ein Gebot der Fairness, für Beschul- in der Regel erst nach Anklageerhebung
ein bei Bedarf vom Staat bezahlter Pflicht- digte elementar und sollte rechtsstaatliche oder in der Untersuchungshaft. HIP

24
Sicherheitskonferenz heitskonferenz, vorausgegangen. Die eigentum Ischingers, der seine Anteile
Bund zahlt zwei Millionen gemeinnützige GmbH, die die Sicherheits-
konferenz ausrichtet, war bisher Privat-
inzwischen als Schenkung in die neue
Stiftung eingebracht hat, an der auch der
 Die Bundesregierung will sich voraus- Freistaat Bayern mit einer Million Euro
sichtlich mit zwei Millionen Euro an der beteiligt ist. Sobald die Bundesregierung
neuen Stiftung Münchner Sicherheitskon- gezahlt hat, kann die Bundeskanzlerin
ferenz beteiligen. Berlin sichert sich damit den Vorsitzenden des Stifterkreises nomi-
ein Mitspracherecht bei dem diplomati- nieren. Die neue Konstruktion sieht vor,
schen Großereignis, zu dem in jedem Fe- dass Ischinger, 73, selbst über den Zeit-
bruar auch Dutzende Staats- und Regie- punkt seines Abgangs bestimmen kann.
rungschefs in die bayerische Landeshaupt- Er nominiert seinen Nachfolger, allerdings

ANDREAS GEBERT / DPA


stadt kommen. Dem geplanten Einstieg im »Einvernehmen« mit dem Vorsitzen-
des Bundes waren monatelange Gesprä- den des Stifterkreises und damit der Bun-
che zwischen dem Politischen Direktor desregierung. Der Ex-Staatssekretär und
des federführenden Verteidigungsministe- frühere Botschafter in Washington hat
riums Géza von Geyr und Wolfgang klargemacht, dass er vorerst nicht die
Ischinger, dem Vorsitzenden der Sicher- Ischinger in München Absicht habe, sich zurückzuziehen. HAM

Bundestagsabgeordneter In seiner Antwort vom 15. Mai weist Klimaschutz


AfD-Büro in Russland Risse den AfD-Mann darauf hin, dass
Abgeordnetenbüros nur im Geltungs-
Regierung schont Häusle-
 Der AfD-Bundestagabgeordnete Robby bereich des Grundgesetzes zulässig seien. bauer und Eigentümer
Schlund will in Russland eine eigene Zudem verstoße die Einrichtung eines
Repräsentanz aufmachen. Ende April Büros »zur Kontaktpflege mit offiziellen  Ein Entwurf von Bundeswirtschafts-
schrieb der Parlamentarier aus Thüringen Stellen ausländischer Staaten« gegen die minister Peter Altmaier zum Gebäude-
an den Direktor des Bundestags, er Zuständigkeit der Bundesregierung für energiegesetz erspart Bauherren
beabsichtige, »auf dem Gebiet der Russi- den »Verkehr mit anderen Staaten«. Ein mehr Aufwand für den Klimaschutz.
schen Föderation ein persönliches Ab- persönliches Büro im Ausland sei eine Der Entwurf sieht entgegen der Erwar-
geordneten-Büro zu eröffnen«. Als Mit- »rein private Angelegenheit«. Dabei sei tung vieler Umweltschützer keine höhe-
glied der Deutsch-Russischen Parlamen- die Verwendung des Bundesadlers »in ren Standards für die Isolierung und
tariergruppe liege ihm das Verhältnis der jedweder Form« untersagt und jeder Hin- Beheizung von Neubauten vor. Auch
Länder am Herzen. Er wolle daher »mit weis auf die Mitgliedschaft im Bundestag will Altmaier keine verpflichtenden
offiziellen russischen Stellen« sowie in geschäftlichen oder beruflichen An- Energiesparmaßnahmen für die beste-
»gesellschaftlichen Organisationen und gelegenheiten unzulässig. Schlund, der henden Wohn- und Gewerbeimmo-
Privatpersonen« Beziehungen unterhal- mit einer Russin verheiratet ist, reiste bilien. »Eine weitere Steigerung der
ten. Die Kosten für dieses Büro würde er 2018 als einer von neun AfD-Wahlbeob- Bau- und damit auch der Wohnkosten
nicht aus Abgeordnetenbezügen bestrei- achtern auf Einladung Moskaus zu den wollen wir unbedingt vermeiden«,
ten, so Schlund, und bat den Chef der dortigen Präsidentschaftswahlen. »Wir erklärt der CDU-Politiker. »Wohnen
Parlamentsverwaltung, Staatssekretär machen uns im Bundestag stark für Russ- muss bezahlbar sein.« Damit sich Mie-
Horst Risse, um Hinweise, »falls mein land«, zitiert die russische Propaganda- ter und Kaufinteressierte darüber infor-
Vorhaben bundestagsseitig auf zwingen- Agentur »Sputnik« den Orthopäden und mieren können, wie klimafreundlich
de rechtliche Hindernisse stoßen sollte«. früheren NVA-Offizier. HAM eine Immobilie ist, muss künftig in den
Energieausweisen auch deren CO²-Aus-
stoß angegeben werden. Eigentümer,
die auf ihrem Grundstück Solarenergie
gewinnen, werden zudem bessergestellt
als bisher. Werden in einem Neubau-
gebiet Wärme und Strom zentral gewon-
nen, so soll sich dies künftig noch stär-
ker positiv auf die Energiebilanz der
Gebäude auswirken. Der Chef der Deut-
schen Unternehmensinitiative Energie-
effizienz, Christian Noll, vermisst im
Entwurf Anreize für die Sanierung von
Altbauten sowie die Kontrollpflicht, ob
Gebäude die im Energieausweis ausge-
wiesenen Werte tatsächlich erreichen.
Noll: »Ähnlich wie in Schweden könnte
die Regierung anordnen, dass nach Fertig-
stellung des Hauses der tatsächliche Ener-
ROBBY-SCHLUND.DE

gieverbrauch gemessen wird.« Derzeit


reicht in Energieausweisen lediglich ein
errechneter Wert, der vom echten Heiz-
bedarf einer Wohnung abweichen und
Farbenfrohe Schlund-Eigenwerbung für Niederlassung in Russland neue Mieter böse überraschen kann. GT

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 25


Messerverbot Gentechnik
Bedrohte Brotzeit Streit um Sicherheit
 Bayern macht negative Auswirkun-  Am Freitag muss der Bundesrat über
gen auf sein Brauchtum geltend, falls schärfere Sicherheitsstandards bei
der Bundesrat eine von Niedersachsen bestimmten gentechnischen Arbeiten
und Bremen angestrebte Verschärfung entscheiden. Vorab gibt es Streit um die
des Waffengesetzes beantragen sollte. Empfehlungen der Agrar- und Umwelt-
»Von einer derartigen Regelung wären ausschüsse zur Novelle der entsprechen-
bereits Brotzeitmesser betroffen«, sagt den Sicherheitsverordnung. In einem
der Leiter der Staatskanzlei Florian Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt,
Herrmann (CSU). »Das ist ideologischer meldet Hermann Onko Aeikens, Staats-
gesetzgeberischer Aktivismus, den ich sekretär im CDU-geführten Bundes-
entschieden ablehne.« Die Nord-Bun- landwirtschaftsministerium »fachliche
desländer wollen verbieten, Messer mit Bedenken« gegen die Empfehlungen an.
einer feststehenden Klinge ab mehr als Ihnen zufolge sollen Experimente mit
sechs (bislang zwölf) Zentimetern mit- »Gene-Drive-Organismen« einer höhe-
zuführen; Ausnahmen für die Brauch- ren Labor-Sicherheitsstufe unterliegen,
tumspflege sollen bestehen bleiben. als die Regierung vorsieht. Der Bund
Trotz der Klausel ist der Bayerische möchte den Tagesordnungspunkt ver-
Trachtenverband besorgt. Die Trachtler tagen. Eine höhere Sicherheitsstufe
leiden nach eigenen Angaben bereits dürfte Mehraufwand für Gene-Drive-
unter den verschärften Sicherheitsvor- Experimente bedeuten. Mit der Methode
schriften auf Volksfesten. »Ein Trachten- wird das Erbgut von Organismen so ver-

JIM GATHANY / DPA


messer ist keine Waffe«, so Andreas ändert, dass sie bestimmte Erbinforma-
Oberprieler, Geschäftsführer des Ver- tionen an sämtliche Nachkommen weiter-
bands, »es hat Schmuckcharakter.« geben. Damit könnten ganze Popula-
Minister Herrmann erklärt, dass sich tionen etwa von Malaria- oder Gelb-
schon nach geltendem Recht Messerver- fiebermücken ausgelöscht werden – Malariamücken
botszonen einrichten ließen, es in indem zum Beispiel weibliche Exemplare
Bayern dafür aber noch keinen Bedarf unfruchtbar gemacht werden. »Die experte der Grünen. Es sei »erschre-
gegeben habe. Es drohe »ein Mehr an bisher geltenden Regeln können nicht ckend, dass dem Ministerium vorder-
Bürokratie«, so Herrmann. Der Innen- zuverlässig verhindern, dass solche Aus- gründige Interessen der Biotech-
ausschuss des Bundesrats hat das Thema rottungsorganismen in die Umwelt gelan- Industrie offenbar wichtiger sind als
auf Anfang September vertagt. FRI gen«, warnt Harald Ebner, Gentechnik- der Schutz des Ökosystems«. JKO

Justiz befehl akzeptiert, weil die dortigen Staats- nahme besteht. Das Weisungsrecht wird
»Politische Einflussnahme« anwaltschaften von der Exekutive un-
abhängig seien. Wie ist das in anderen
hierzulande zwar nur in den seltensten
Fällen ausgeübt. Die Kritik daran ist trotz-
Helmut Satzger, 52, Mitgliedstaaten der EU geregelt? dem nicht unberechtigt – gerade weil
Strafrechtsprofessor Satzger: Dort sind Staatsanwälte ent- es diese Option gibt, ist Einflussnahme
in München, zum weder wirklich unabhängig, oder jedenfalls nicht ausgeschlossen.
Urteil des Europäi- die Entscheidung liegt bei einem Richter. SPIEGEL: Das bayerische Justizministerium
schen Gerichtshofes, SPIEGEL: Auch der innerdeutsche Haft- hat SPIEGEL-Informationen zufolge
wonach deutsche befehl wird von einem Richter ausgestellt. veranlasst, dass Staatsanwälte künftig die
Staatsanwälte nicht Er wird ja nur vom Staatsanwalt zum Euro- Ausstellung solcher Haftbefehle bei
EU-Standards päischen Haftbefehl erweitert, wenn der Gericht beantragen. Ist das ein Ausweg?
genügen Beschuldigte im Ausland vermutet wird. Satzger: Vorerst – auch wenn ich daran
Satzger: Das genügt dem Gericht aber zweifle, dass dabei nun wirklich in jedem
SPIEGEL: Deutsche Staatsanwälte dürfen nicht. Vor allem geht es um die Frage, ob Fall eine tiefschürfende Prüfung erfolgt.
laut dem neuen Luxemburger Urteil keine im konkreten Fall eine Auslieferung Wird ein solcher Antrag vom Richter aber
Europäischen Haftbefehle mehr ausstel- wirklich angemessen ist. Das hätte ein nur abgenickt, ist das kein rechtsstaat-
len, weil sie politischer Einflussnahme Richter zu prüfen. licher Gewinn.
unterliegen können. Ist unsere Justiz nicht SPIEGEL: Zuletzt gab es Diskussionen um SPIEGEL: Was wird aus bereits bestehen-
rechtsstaatlich genug? den Europäischen Haftbefehl aus Spanien den Haftbefehlen?
Satzger: So pauschal kann man das nicht gegen den katalanischen Politiker Carles Satzger: Sie sollten schnellstmöglich von
sagen. Allerdings hat das Gericht klar- Puigdemont. Ein deutsches Gericht hatte einem Richter bestätigt werden. Irritatio-
gemacht, dass ein Europäischer Haft- seine Auslieferung wegen des Vorwurfs nen im Ausland, vor allem wenn man dort
befehl nur von einer strikt unabhängigen der Rebellion abgelehnt. Dabei war der bereits auf Basis des in Deutschland ausge-
Justizbehörde ausgestellt werden darf. Haftbefehl in Spanien von einem Richter stellten Haftbefehls tätig wurde, sind pro-
Und das ist die deutsche Staatsanwalt- ausgestellt worden. grammiert. Langfristig sollte man deshalb
schaft nicht, weil die Politik ein sogenann- Satzger: Gerade da wurde der politische bei uns an eine Reform der Stellung der
tes Weisungsrecht hat. Kontext solcher Verlangen deutlich. Umso Staatsanwälte denken. In den meisten Mit-
SPIEGEL: Die Luxemburger Richter wichtiger ist, dass zumindest keine recht- gliedstaaten der EU sind die Staatsanwalt-
hatten 2016 einen ungarischen EU-Haft- liche Möglichkeit zur politischen Einfluss- schaften unabhängig organisiert. HIP

26 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


TISSOT heritage visodate.
INSPIRIERT VON DER TISSOT VISODATE
KOLLEKTION AUS DEM JAHR 1950.

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TISSOT, INNOVATORS BY TRADITION
XINHUA / ACTION PRESS

Vorsitzende Nahles: »Eine glasklare Frage, die ich beantwortet haben will«

28
Deutschland

»Das bringt uns alle um«


Sozialdemokratie Am Mittwoch wurde Parteichefin Andrea Nahles ins Gesicht gesagt, dass sie es
nicht kann: Über Stunden hörte sie sich an, was die eigene Fraktion von ihr hält. Chronik eines
brutalen Tages, der die SPD noch beschäftigen wird. Von Christoph Hickmann und Veit Medick

E
s ist etwa Viertel vor fünf, als Sa- Vorsitzenden stünden, schreibt Groß. Der Chancen sondiert hat, verschickt eine Mail
scha Raabe das Wort ergreift. Die Brief verbreitet sich, wird öffentlich. an alle SPD-Abgeordneten: »Ich werde
SPD, sagt Raabe, sozialdemokra- Nahles sieht darin eine Attacke, mit der nicht für den Fraktionsvorsitz kandidie-
tischer Bundestagsabgeordneter sie schon länger gerechnet hat. Seit Wo- ren«, schreibt er. Das habe er Nahles kürz-
aus dem Wahlkreis Hanau, habe nach chen kursieren Gerüchte, im Fall schlech- lich in einem Vieraugengespräch gesagt.
außen vor allem zwei Gesichter: Andrea ter Wahlergebnisse drohe ihr ein Putsch. Über das Gespräch hat der SPIEGEL be-
Nahles und Olaf Scholz – und er erlebe Noch am Montagabend geht sie in die Of- richtet (22/2019), seither laufen in der SPD
nun einmal in seinem Wahlkreis, »so leid fensive: Sie will die für Ende September die Spekulationen, wer geplaudert habe,
es mir auch tut«, dass die beiden dort nicht geplante Wahl in der Fraktion vorziehen. Schulz oder Nahles oder beide. In seiner
ankämen. Sie sucht den Showdown, gegen den Rat Mail bezichtigt Schulz nun Nahles indirekt
Raabe sagt das am Mittwochnachmittag führender Genossen. Es ist ein Alleingang der Indiskretion: Er selbst habe sich an das
in der Sondersitzung der SPD-Bundestags- mit hohem Tempo. Sie will ihren Gegnern vereinbarte Stillschweigen gehalten. Da-
fraktion. Als er redet, läuft die Sitzung die Zeit zur Vorbereitung nehmen. mit erklärt er ihr offen den Krieg, doch für
schon eine Weile, es geht um den Plan von Der Bundestag hat sitzungsfrei, die Ab- die Runde im Jakob-Kaiser-Haus ist ent-
Andrea Nahles, in der kommenden Woche geordneten halten sich in ihren Wahlkrei- scheidend, dass Schulz seine Ambitionen
die Machtprobe zu suchen und die Wahl sen auf, doch für Mittwoch werden sie zur beerdigt hat. Der Abgeordnete Karamba
zum Fraktionsvorsitz vorzuziehen. Sondersitzung der Fraktion geladen. Die Diaby äußert sich in der Sitzung verärgert:
Raabe wendet sich an Scholz, Vizekanz- Diskussionen, die an diesem Tag geführt warum der Martin das nicht schon letzte
ler und Finanzminister: »Du wirst wahrge- werden, sind exemplarisch für den Zu- Woche klargestellt habe.
nommen als kaltherziger Technokrat.« stand dieser Partei, für das, was sie seit Dann sprechen die Abgeordneten wie-
Er wendet sich an Nahles, Partei- und Jahren bewegt, bedrückt. Aber auch dafür, der über Nahles’ Plan. Viele sind dagegen,
Fraktionsvorsitzende: »Ich mag dich von sie fürchten, dass die Vorsitzende mit ih-
Herzen gern, und ich werde immer sagen, rem Vorstoß die Fraktion erst recht spalten
dass du ’ne tolle Arbeitsministerin warst, »Was kommt dann? wird. Manche sind regelrecht verzweifelt
’ne tolle Fraktionsvorsitzende. Aber es ist
halt deine Tragik, dass du das nicht ver-
Was kommt danach? angesichts der Sturheit ihrer Chefin.
»Ich halte die Entscheidung, nächste Wo-
kauft bekommst.« Was heißt das che die Entscheidung herbeizuführen, für
Was Raabe da sagt: Es ist vorbei. Ein für die Fraktion?« falsch«, sagt Fraktionsvize Sören Bartol
Bruch muss her, ein Neuanfang. So kann aus Hessen nach übereinstimmenden An-
es nicht weitergehen. gaben. »Machtpolitisch entspricht das dem
Andrea Nahles, 48, hat schon viel hinter wie gnadenlos die SPD mit ihrem Füh- Lehrbuch. Ich glaube aber, dass das Ergeb-
sich. Sie hat einen Parteivorsitzenden ge- rungspersonal umgeht. nis uns alle umbringt.«
stürzt, Wahlniederlagen erlitten, persön- Die Diskussionen haben hinter ver- Er höre in fast allen Beiträgen »das Un-
liche Demütigungen ertragen. Aber dieser schlossenen Türen stattgefunden. Um sie behagen über diesen Prozess«, sagt Bartol.
Mittwoch dürfte einer der härtesten Tage zu rekonstruieren, hat der SPIEGEL mit »Was kommt dann? Was kommt danach?
in ihrer Karriere sein. mehr als zwei Dutzend Personen gespro- Was heißt das für die Fraktion?« Er könne
Als die SPD bei der Europawahl am chen, die an den Sitzungen beteiligt waren, »nur noch mal eindringlich appellieren,
Sonntag auf 15,8 Prozent abstürzte, hinter hat ihre zum Teil schriftlichen Schilderun- dass wir nächste Woche nicht diese Aus-
den Grünen auf Platz drei landete und erst- gen mit anderen Versionen abgeglichen, einandersetzung haben«.
mals in ihrem Stammland Bremen geschla- Widersprüche hinterfragt, Formulierungen Um 14.45 Uhr verlässt Andrea Nahles
gen wurde, standen sofort wieder die Fra- überprüft. Herausgekommen ist das Pro- kurz den Saal. Sie sieht einen Reporter
gen im Raum, die die SPD-Führung einen tokoll eines Tages, der die SPD noch be- draußen stehen und sagt: »Die Geier krei-
Wahlkampf lang zu verdrängen versucht schäftigen wird. sen.« Dann geht sie weiter.
hatte: Stehen noch die richtigen Leute an Mittwoch, 13 Uhr, Sitzungssaal 1302 im Kurz nach Nahles’ Rückkehr ist die
der Spitze? Stimmt die Programmatik? Jakob-Kaiser-Haus, einem Gebäude, das Abgeordnete Dagmar Schmidt an der Rei-
Und hat es noch Sinn, in der Großen zum Bundestagskomplex gehört. Der he – ebenfalls aus Hessen. Schmidt hasst
Koalition zu bleiben? Fraktionsvorstand tritt zusammen, er soll Illoyalitäten und Durchstechereien, wie es
Vor allem die Frage nach dem Personal Nahles’ Plan absegnen, die Wahl auf nächs- sie in den Wochen zuvor zuhauf gegeben
wollten Nahles und der Rest der Parteifüh- ten Dienstag vorzuziehen. hat, sie sagt: »Wenn wir so weitermachen,
rung umgehen, doch Michael Groß, ein Ihre Mitarbeiter sitzen mit todernsten bewegen wir uns absolut in den Abgrund.«
Abgeordneter aus dem Ruhrgebiet, verei- Gesichtern draußen. Drinnen geht es um Aber auch sie ist mit Nahles’ Plan
telt das. In einem Brief fordert er am Mon- die Frage, ob sich der Showdown nicht nicht einverstanden: »Irgendeine Macht-
tag nach der Wahl eine Sondersitzung der doch noch abwenden lässt. Da platzt in demonstration wird uns nicht weiterhel-
Fraktion. Es müsse »klargestellt werden«, die Runde eine Nachricht: Martin Schulz, fen«, sagt sie. Deshalb habe sie »große
ob die Abgeordneten noch hinter ihrer der in den vergangenen Wochen seine Sympathie dafür«, noch einmal nachzu-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 29


Deutschland

denken. »Wir sagen alle, es soll keine Per- und das »Netzwerk«, dessen Mitglieder Man brauche »einen Neuanfang ohne
sonaldebatten geben. Und dann kommt sich als pragmatisch bezeichnen. Parallel Andrea«, sagt ein Abgeordneter aus Nord-
am Abend das Gegenteil«, kritisiert sie. tagen auch noch Landesgruppen. rhein-Westfalen.
»Das sind Entscheidungen, die die Partei Die Seeheimer tagen im Europasaal des Ein Kollege, Axel Schäfer aus Bochum,
nicht zusammenführen in dieser Krise, Paul-Löbe-Hauses. Eigentlich sind sie stolz sagt, er könne Nahles nur raten, aus freien
sondern weiter orientierungslos zurück- darauf, stets loyal zur Führung zu stehen, Stücken den Übergang zu organisieren –
lassen.« selbst wenn es sich um eine Linke wie Nah- am besten mit einer Doppelspitze.
Ein paar Unterstützer von Nahles mel- les handelt. Seeheimer-Chef Johannes Kein Redner stellt sich vorbehaltlos und
den sich zu Wort, sie argumentieren etwa, Kahrs hat in den Tagen zuvor klargemacht, klar hinter Nahles, obwohl hier eigentlich
dass die Vorsitzende nach ihrer Ankündi- dass sich daran nichts ändern werde. Doch ihre Verbündeten sitzen. Sie kommt aus
gung nun ohnehin nicht mehr zurückkön- es kommt anders. diesem Flügel. Tatsächlich dürften die Re-
ne. Doch Matthias Miersch ist anderer Dagmar Freitag meldet sich zu Wort, debeiträge in der hastig abgehaltenen Sit-
Meinung. Miersch, Chef der Parteilinken Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen. zung nicht repräsentativ für die gesamte
in der Fraktion, gilt als möglicher Kandidat Seit 1994 sei sie nun dabei, sagt Freitag, Gruppe sein. Aber in diesen wenigen Mi-
für Nahles’ Nachfolge. Er sagt nun, dass sie habe viele Fraktionsvorsitzende kom- nuten ist es nach Schilderungen von Teil-
er in der nächsten Woche nicht gegen Nah- men und gehen sehen. »Aber ich habe nehmern nur Niels Annen, Staatsminister
les kandidieren werde. Er sagt aber auch, mich noch nie so unwohl in der Fraktion im Auswärtigen Amt, der sich voll für Nah-
dass er ihr Vorgehen für falsch halte. gefühlt.« Dass Nahles eine solche Ent- les reinhängt. Wie solle er denn aussehen,
»Andrea hat recht: Es braucht eine Klä- scheidung treffe und über die Medien der Neuanfang, hält er den Kritikern ent-
rung. Aber eine Klärung bis Dienstag mit kommuniziere, empfinde sie »als völlig gegen. Wie es denn jetzt weitergehen solle,
Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß wird der inakzeptable Geringschätzung der Frak- ruft er dazwischen.
Fraktion nicht guttun«, sagt Miersch. Man tionsmitglieder«. Um kurz nach 16 Uhr trifft sich die ge-
solle sich mehr Zeit nehmen, alle sollten Freitag macht klar, was sie generell von samte Fraktion in ihrem Saal unter der
»miteinander sprechen und zu einer Klä- Nahles hält. Deren öffentliche Auftritte sei- Reichstagskuppel. Viele Abgeordnete feh-
rung kommen, bis September oder wann en »Gegenstand jeder Diskussion mit Bür- len, sie haben es nicht nach Berlin geschafft.
auch immer«. gern und Mitgliedern an der Basis mit dem Nahles eröffnet, leitet noch einmal ihre
Am Ende bedankt sich Nahles für die Tenor: Das geht gar nicht«. Entscheidung her. Seit Wochen und Mo-
»intensive und ehrliche Debatte«. Sie er- naten schon sei sie infrage gestellt worden,
klärt noch einmal ihre Entscheidung, sie sagt sie, hinter ihrem Rücken. Viele hier
sagt, sie stelle »eine glasklare Frage, die Man brauche wüssten, von wem sie rede. Einzelne Ab-
ich beantwortet haben will«. Die Situation »einen Neuanfang ohne geordnete hätten ihren Rücktritt sogar öf-
müsse jetzt aufgelöst werden. fentlich gefordert. Sie würde sich wün-
Es ist 15.23 Uhr, als abgestimmt wird. Andrea«, sagt schen, diese Kollegen würden nun auch in
Nahles fragt, wer dafür sei, die Wahl auf ein Abgeordneter. der Sitzung mal den Mund aufmachen.
Dienstag vorzuziehen. 19 Hände gehen Gemeint ist Florian Post, Abgeordneter
hoch. »Wer ist dagegen?« 9 Abgeordnete aus München, der sich seit Monaten so
melden sich. 3 Enthaltungen. »Dann be- Der Brandenburger Abgeordnete Ul- furcht- wie ruchlos an Nahles abarbeitet.
danke ich mich für die Unterstützung«, rich Freese bekennt: »Aus Überzeugung Er meldet sich als Zweiter zu Wort.
sagt Nahles. Ende der Sitzung. und aus strategischen Gründen habe ich Er habe im Europawahlkampf mit vie-
Nahles ist blass, als sie aus dem Saal sie damals nicht gewählt, und ich werde len Menschen gesprochen. »Kein einziger
kommt. Ihre Leute eilen zu ihr hin und das auch diesmal nicht tun.« hat die Meinung ausgedrückt, dass es mit
verschwinden mit der Chefin im Aufzug. Uwe Schmidt, gelernter Hafenfacharbei- dir an der Spitze gut läuft.« Post fordert
Spätestens jetzt muss ihr klar sein, auf wel- ter aus Bremerhaven, erzählt, er habe neu- Nahles zum Rücktritt auf.
ches Wagnis sie sich eingelassen hat: Neun lich bei einem missglückten Wahlkampf- Das weckt Widerspruch, einige Kolle-
Gegenstimmen in einem Gremium, das an- auftritt hinter Nahles gesessen. Er habe sei- gen fallen regelrecht über Post her. Ein Ab-
sonsten loyal zu ihr steht. Wie viele wären ne Sonnenbrille nicht abgenommen – »weil geordneter legt Post nahe, aus der Fraktion
es gewesen, wenn die Abstimmung geheim ich nicht erkannt werden wollte«. auszutreten. »Das wird keiner bedauern.
gewesen wäre? Auch im Europasaal sitzt ein Mann mit Es wird jeder sagen: Gott sei Dank, jetzt
Für den Widerstand gibt es zwei Haupt- Sonnenbrille. Es ist Martin Schulz. Hinter ist gut.«
motive. Da sind die einen, die sich schon der Brille sehe er aus »wie der Termina- Dann spricht Thomas Oppermann. Er
länger vorstellen können, Nahles zu stür- tor«, sagt er Kollegen. In seinem Auge sei- ist Nahles’ Vorgänger und als Vizepräsi-
zen, allerdings erst im September, mit Zeit en Adern geplatzt, man sehe nur noch Blut dent des Bundestags mittlerweile so etwas
zum Planen, Sammeln und Sortieren. De- und Pupille. wie der Elder Statesman der Fraktion. Er
ren Plan ist nun durchkreuzt, sie haben Am Ende der Sitzung, nach einem Wort- schlägt einen großen Bogen und redet über
nur noch eine Woche. Andere sind solcher beitrag von Kahrs, fährt Schulz aus der die Große Koalition. Es laufe nicht gut.
Putschgedanken unverdächtig. Sie treibt Haut. Kahrs hat gerade einen Vorschlag »Erfolge werden uns nicht zugeordnet«,
die Sorge um, dass die Fraktion und mit vom Tisch gewischt, wie sich der Show- sagt er. »Uns werden alle Misserfolge zu-
ihr die Partei bei einer offenen Abstim- down noch vermeiden ließe, nun geht gerechnet.« In den nächsten Monaten müs-
mung noch tiefer gespalten werden. Schulz ihn an, ein Wort gibt das andere, se man hart mit der Union verhandeln –
Die Abgeordneten verlassen den Sit- bis Schulz brüllt: »Du bist ein Arschloch!« und noch niemand habe behauptet, dass
zungssaal, sie haben es eilig. Sie wollen zu Die Parlamentarische Linke trifft sich Nahles schlecht verhandeln würde.
den Sitzungen der sogenannten Strömun- ebenfalls im Paul-Löbe-Haus, Raum E 400. »Wir müssen Trophäen einfahren, oder
gen, die sich vor dem Treffen der Gesamt- Seit 14 Uhr sitzen die meisten Abgeordne- wir werden Konsequenzen ziehen müs-
fraktion noch rasch beraten wollen. ten hier und warten darauf, dass ihre Kol- sen«, sagt Oppermann. »Das heißt, wir
Drei Strömungen oder Flügel gibt es in legen aus dem Fraktionsvorstand dazu- stehen vor der Frage: Gibt es die GroKo
der Fraktion: die »Parlamentarische Lin- kommen. Die treffen gegen 15.30 Uhr ein, Weihnachten noch?« In einer solchen
ke«, den konservativen »Seeheimer Kreis« die Sitzung wird nicht lange dauern. Situation sei es »keine schlaue Idee, die

30
Führung auszuwechseln«. Zumal sich Aber wer soll das sein? Schulz selbst Minister müsse sich Sorgen um seinen Pos-
dann sofort die Frage stelle, wie es an der hat abgewinkt, ebenso Matthias Miersch. ten machen.
Parteispitze weitergehe. Er bitte um »ein Bleibt der nordrhein-westfälische Abge- Damit ist endgültig klar: Für Nahles
bisschen Fairness« im Umgang mit der ordnete Achim Post, dessen Name in den geht es nun um alles oder nichts.
Fraktionsvorsitzenden. jüngsten Wochen immer wieder gefallen Es ist halb neun am Abend, die Sitzrei-
Doch der Ärger über Nahles’ Vorstoß ist. Der Abgeordnete Gustav Herzog aus hen sind ausgedünnt. Viele Abgeordnete
ist groß, und er entlädt sich. Rheinland-Pfalz fragt ihn direkt: ob er kan- aus Nordrhein-Westfalen sind vor Ende
»Ich fühle mich vergewaltigt«, sagt der didieren werde? der Sitzung zum letzten Zug in die Heimat
hessische Abgeordnete Martin Rabanus. Post drückt sich um eine Antwort he- gehastet. Manche Abgeordneten über-
Daniela De Ridder aus Niedersachsen rum. Er sagt, es gehe nun um die Zukunft nachten in Berlin. Und der Parteivorstand
nimmt Nahles zunächst in Schutz: Andrea der SPD als Volkspartei, er referiert die berät in einer Telefonschaltung über die-
sei eine Kämpferin, sagt sie. Es dürfe nicht Lage der sozialdemokratischen Parteien sen Tag. In der Schalte verkündet Nahles
gelten, dass der Erfolg viele Väter habe, in Europa. Zu seinen Ambitionen, so wird laut Teilnehmern, sie sehe in der Fraktion
der Misserfolg aber nur eine Mutter, näm- es geschildert, sagt er demnach nichts. eine klare Mehrheit für sich.
lich Andrea Nahles. Sollte Nahles aber bei Zwischendurch ergreift Nahles das Wie geht es nun weiter?
ihrem Plan bleiben, sagt De Ridder, fühle Wort. Sie liest aus der Onlineausgabe der Nach diesem Mittwoch ist kaum vorstell-
sie sich »genötigt«, würde sich zurückzie- »Bild«-Zeitung vor. »Es geht nicht mehr bar, wie die SPD mit Nahles weitermachen
hen und mit Nein stimmen. darum, wer es wird, sondern nur darum, soll, wie man all diese Verletzungen heilen
könnte, wie die Genossen zurückfinden
wollen in eine Art Arbeitsmodus.
Nur: Was wäre daran anders, wenn sich
ein Gegenkandidat durchsetzen würde?
Die Spaltung bliebe ja die gleiche, nur dass
ein anderes Lager enttäuscht wäre.
Dieser Tag wird auch über die SPD
hinauswirken. Ganz gleich, was in den
nächsten Tagen passiert, die Große Koali-
tion wird nicht mehr dieselbe sein wie vor
Nahles’ Alleingang.
Vielleicht setzt Nahles sich noch einmal
durch, mit Machtpolitik alter Schule. Doch
die Aussprache in der Fraktion, in den
Strömungen und im Vorstand hat offenge-
legt, wie leid viele Abgeordnete die ewige
Rationalität, die Disziplinierung sind, das
Basta, mit dem schon Gerhard Schröder
und Peter Struck durchgriffen. Diese Er-
fahrung wird den Regierungsalltag prägen.
MICHAEL KAPPELER / DPA

Am Donnerstag, an Christi Himmel-


fahrt, geht es schon los, es kommen erste
Rufe, das Bündnis zu beenden. Sie dürften
lauter werden, spätestens nach den drei
Landtagswahlen im Osten, nach der Som-
Galerie der SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag: Es geht nun um alles oder nichts merpause. Allerspätestens.
Fiele Nahles am Dienstag, wäre die Gro-
ße Koalition womöglich noch schneller am
Es folgt Martin Schulz. Er entschuldigt wer es nicht bleibt: Andrea«, so wird dort Ende. Verliert Nahles den Fraktionsvor-
sich für seinen »überemotionalen Wortbei- während der laufenden Sitzung anonym sitz, kann sie den Parteivorsitz gleich mit
trag« beim Seeheimer-Treffen. Auch bei ein Abgeordneter zitiert. Nahles’ Kom- niederlegen, ihre Machtbasis wäre weg –
Kahrs persönlich hat er sich da schon ent- mentar: »So viel zu unserer Vertrauens- und damit ein Eckpfeiler dieser Koalition.
schuldigt. Er wehrt sich noch einmal dage- kultur.« Auch Vizekanzler Olaf Scholz, den viele
gen, dass ihm ein Putschversuch und Indis- Aber sie hat auch Unterstützer. Der Ab- Genossen als Teil des Problems wahrneh-
kretionen unterstellt wurden. Er werde ja, geordnete René Röspel erklärt, er werde men, müsste dann um sein Amt fürchten.
sagt Schulz laut Teilnehmern, von manchen sie wieder wählen. Und Außenminister Nahles’ Unterstützer streuen das drohen-
mittlerweile mit Sigmar Gabriel verglichen. Heiko Maas wirft die Frage auf, ob man mit de Ende der Koalition als Schreckens-
Bei allem Respekt, aber das treffe ihn sehr, einem Mann auch so umgegangen wäre szenario. Doch es löst in der SPD immer
sagt Schulz. Klar, sagt Schulz, »ich quatsche wie mit Nahles. Nein, befindet Maas – be- weniger Schrecken aus.
manchmal auch dummes Zeug«. Aber seit stimmte Auftritte hätte man einem Mann In der Fraktionssitzung am Mittwoch hat
seinem Rücktritt habe er versucht, »hier nicht so vorgehalten. Dafür gibt es kräfti- sich auch ein junger, aufstrebender Abge-
loyal mitzuarbeiten«. gen Applaus. Den gibt es ansonsten kaum. ordneter zu Wort gemeldet, Falko Mohrs,
Es gehe, sagt Schulz, um eine Grund- Die Stimmung bleibt gedämpft. 34, aus Wolfsburg. Alle schauten auf den
satzentscheidung: Bekäme Nahles in der Das Schlusswort hat natürlich Andrea Dienstag, sagte Mohrs. Aber wie gehe es
nächsten Woche eine Mehrheit, hätte sie Nahles. Da kursiert bereits die nächste Zei- weiter? »Ich frage mich die ganze Zeit, was
Anspruch auf Unterstützung. Bekäme je- tungsmeldung, wonach sie einen Ausweg eigentlich am nächsten Mittwoch passiert.«
mand anderes eine Mehrheit, hätte auch finden und als Ministerin ins Bundeskabi- Wie, fragte er, wolle die SPD danach wie-
der darauf Anspruch. »In der Demokratie nett wechseln könnte. Das könne sie aus- der einen »Teamgeist« entwickeln?
setzt sich eben immer jemand durch.« schließen, sagt Nahles in der Fraktion, kein

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 31


Deutschland

Wahnsinn und Klimbim D


ie Analyse der Wahlniederlage war
schonungslos. Die Partei sei derzeit
weder inhaltlich noch organisato-
risch noch personell in der Lage, einen
Wahlkampf zu führen, sagte Annegret
Union Annegret Kramp-Karrenbauer ist erst ein halbes Kramp-Karrenbauer am Montag vor den
Jahr im Amt, doch die Zweifel an der CDU-Vorsitzenden wachsen. Führungsgremien der CDU. Dann listete
Ausgerechnet ihr engster Vertrauter verschärft die Krise. sie nach Angaben von Teilnehmern eine
Reihe von Fehlern auf: Die Reaktion auf
das Video des YouTubers Rezo gegen die
CDU sei nicht gut gewesen. Beim Thema
Klimaschutz gebe die Union keine konsis-
tente Antwort. Und auf personeller Ebene
habe die Partei ebenfalls kein attraktives
Angebot, das Köpfe mit wichtigen The-
men verbinde.
Damit schob sie einen Teil der Verant-
wortung ihrer Vorgängerin zu, die 18 Jahre
lang für die Partei verantwortlich war.
Angela Merkel ließ sich jedoch nicht wi-
derspruchslos zur Mitschuldigen für das
schlechte Ergebnis bei der Europawahl ma-
chen. Mit Formulierungen wie »Gender-
wahnsinn« und »Sozialklimbim« gewinne
man keine jungen Leute, sagte sie in der
Präsidiumssitzung der CDU.
Sozialklimbim ist ein Wort des CDU-
Wirtschaftspolitikers Joachim Pfeiffer, das
auch in den eigenen Reihen Kritik ausge-
löst hatte. »Genderwahnsinn« verstanden
manche Anwesende als Anspielung Mer-
kels auf einen Scherz Kramp-Karrenbau-
ers, die sich bei einem Karnevalsauftritt
im Februar über Toiletten für das dritte
Geschlecht lustig gemacht hatte.
Beide Frauen haben recht, das ist das
Problem der CDU. Merkel hat ihrer Partei
die inhaltlichen Konturen abgeschliffen.
Zu den großen Themen, neben dem Klima
auch die Digitalisierung, hat die CDU we-
nig zu sagen, und Kramp-Karrenbauer hat
es nicht geschafft, der Partei wieder mehr
Profil zu verleihen. Bei der Europawahl
rutschte die Union um 6,5 Prozentpunkte
ab, auf nur noch 28,9 Prozent.
Knapp ein halbes Jahr nach ihrer Wahl
ist in der CDU eine Debatte darüber ent-
brannt, ob Kramp-Karrenbauer eine ge-
eignete Nachfolgerin Merkels ist. Bei dem
Versuch, die Partei von der Kanzlerin zu
emanzipieren, hat die neue Vorsitzende
Fehler über Fehler gemacht. Unter Merkel
war klar, dass die Union vor allem die
Wähler der liberalen Mitte ansprechen
wollte. Das fanden viele falsch, die sich
einen konservativeren Kurs gewünscht hät-
ten. Unter Kramp-Karrenbauer ist unklar,
ob es überhaupt eine Linie gibt.
Es habe sich der Eindruck verfestigt, es
gebe einen Rechtsruck in der CDU, sagte
die Parteivorsitzende am Montag. Das sei
STOCKI / ACTION PRESS

aber eine Fehlwahrnehmung. Zu dieser


hat sie selbst viel beigetragen.
Ihr wichtigster Beitrag zur Programm-
debatte war ein sogenanntes Werkstattge-
spräch zur Flüchtlingspolitik in der Partei-
Parteichefin Kramp-Karrenbauer: Was schiefgehen kann, geht schief zentrale, das ein Signal der Distanzierung

32
von Merkels Linie sein sollte. Kramp-Kar- »vermeintlicher Rechtsruck bei der JU so- halten ihn viele für ungeeignet. Hochran-
renbauer war das wichtig, um eine Spal- wie die medial sehr präsente, sogenannte gige CDU-Politiker haben dies Kramp-
tung der Partei zu verhindern und auch WerteUnion« hätten neben anderem zu Karrenbauer in den vergangenen Tagen
den Flügel an sich zu binden, der sich einer deutlichen Abkehr unter 30-jähriger auch mitgeteilt. Die Entscheidung, eigent-
Friedrich Merz an der Parteispitze ge- Wählerinnen und Wähler geführt, heißt es lich für die Klausurtagung des Vorstands
wünscht hatte. dort. Lange verärgerte damit gleichzeitig am Sonntag geplant, wurde verschoben.
Als sie weiter so agierte, als wollte sie die Konservativen und die Parteijugend. In Langes Wahlanalyse findet sich der
vor allem den Konservativen in der Partei Das Papier war auch eine Selbstrecht- Satz: »Bei dieser Europawahl trat erst-
gefallen, ärgerte das auch ihre Unterstüt- fertigung. Die Europawahlkampagne mit malig der zu erwartende Effekt eines Wahl-
zer. Das Gender-Witzchen fanden viele den Schlagworten »Wohlstand«, »Sicher- kampfes ohne Ausspielen des Bevölke-
Unionspolitiker unangemessen. »Wir dür- heit«, »Frieden« hat Lange konzipiert. Die rungsrückhaltes der Bundeskanzlerin ein.«
fen nicht den falschen Eindruck erwecken, Bedeutung des Themas Klimaschutz hatte Das kann man so lesen, als sei es ein Fehler
dass die CDU nach rechts rückt«, sagte die er unterschätzt. gewesen, Merkel durch Kramp-Karrenbau-
schleswig-holsteinische Bildungsministe- Es war nicht sein erster Schnitzer. Die er zu ersetzen. Die Kanzlerin sieht das
rin Karin Prien schon im April. Die Inte- missglückte Antwort der Partei auf das möglicherweise so.
grationsbeauftragte Annette Widmann- Video des YouTubers Rezo geht auf sein Merkel empfand das Werkstattgespräch
Mauz beschwor Kramp-Karrenbauer im Konto. Lange soll es gewesen sein, so be- als unnötig. Hätte Kramp-Karrenbauer
kleinen Kreis, endlich die Positionen zu richten Eingeweihte, der Bundestagsabge- eine mögliche Schließung der Grenzen als
vertreten, für die sie gewählt worden sei. ordneten davon erzählte, dass die CDU mit offizielle CDU-Position formuliert, hätte
Noch mehr schadete der Parteivor- einem Video des jungen Philipp Amthor Merkel sich öffentlich dagegengestellt,
sitzenden ein programmatischer Artikel auf Rezo antworten werde. Er gab auch ein heißt es in ihrer Umgebung. Im Lager der
zu Europa, den sie im März in der »Welt Foto der Aufnahmen an die »Bild«-Zeitung. Parteichefin nimmt man Merkel dagegen
am Sonntag« als eine Antwort auf die Vor- übel, dass sie sich aus den Wahlkämpfen
schläge des französischen Präsidenten Em- der Partei heraushält.
manuel Macron veröffentlichte. Mit For- 41,5 % Zeitenwende Die Schwäche Kramp-Karrenbauers
derungen wie der, das EU-Parlament nicht hat die Machtverhältnisse verändert. Vor
CDU/CSU
mehr in Straßburg tagen zu lassen, pro- wenigen Wochen debattierte die Partei
vozierte sie die Franzosen und verärgerte
32,9 % die Frage, ob die Vorsitzende Merkel zum
die Europapolitiker in den eigenen Reihen. 28,9 % Rückzug als Kanzlerin zwingen werde.
Kramp-Karrenbauer handelte bislang Nach dem Wahldesaster vom Sonntag
vor allem taktisch. Sie denkt als Partei-
25,7 % SPD bekannte sich Kramp-Karrenbauer im
vorsitzende. Der hätte man einen unaus- 20,5 % 20,5 % Präsidium zur Fortsetzung der Großen
gegorenen Zeitungsartikel oder einen Koalition. Merkel hatte keinen Zweifel da-
missglückten Karnevalsscherz vielleicht ran gelassen, dass sie bis zum Ende der
verziehen. Aber Partei und Öffentlichkeit Grüne Legislaturperiode regieren will.
interessiert die Frage, ob diese Frau auch 8,9 % 15,8 % Das bedeutet, dass Kramp-Karrenbau-
Kanzlerin könnte. Toilettenwitze gelten
8,4 % ers Dilemma sich verschärfen wird. Sie
vorläufiges
dabei nicht als Qualifikation. amtliches
kann sich nicht von der beliebten Kanzle-
Kramp-Karrenbauer muss nun eine Endergebnis rin absetzen, weil die eigenen Unterstüt-
Erfahrung machen, die ihre Amtskollegen zer das nicht mitmachen würden. Aber
von der SPD seit Jahren kennen: Wenn Bundestags- Bundestags- Europawahl wie soll sie dann Akzente setzen? Bislang
es erst einmal schlecht läuft, dann geht wahl 2013 wahl 2017 2019 hat sie auf diese Frage keine Antwort.
alles schief, was schiefgehen kann. Eine Eine offene Personaldiskussion will
unbedachte Äußerung über Regeln zum die CDU vermeiden. Kritiker äußern sich
Wahlkampf im Internet brachte ihr den Kramp-Karrenbauer erreichten bereits nur im Hintergrund. Das könnte sich nach
Vorwurf ein, sie wolle die Meinungs- Anrufe besorgter Landeschefs und Gene- den Landtagswahlen in Sachsen, Bran-
freiheit im Internet einschränken. Dass ralsekretäre, bevor sie von der Idee des denburg und Thüringen in der zweiten
Laschet und der Vorsitzende der Jungen Videos mit Amthor wirklich überzeugt Jahreshälfte ändern, sollte die AfD in ein
Union (JU), Tilman Kuban, darauf hinwie- war. Das mag sie auch dazu bewogen ha- oder zwei Ländern stärker als die CDU
sen, die Meinungsfreiheit sei ein hohes ben, die Veröffentlichung abzusagen. werden.
Gut, ließ sie noch schlechter aussehen. Wäre die Nachricht von dem Video nicht Die Debatte deutet sich bereits an. »Die
Viele Fehler sind der Unerfahrenheit dank Lange schon im Umlauf gewesen, Volksparteien haben in der Substanz zu
Kramp-Karrenbauers in der Bundespolitik hätte das nicht für Aufsehen gesorgt. So den großen Veränderungen, die vielen
geschuldet. Umso wichtiger wäre es für aber wirkte es, als lasse sich die Partei von Menschen Angst machen, kaum etwas an-
sie, erfahrene Berater an ihrer Seite zu einem jungen YouTuber vorführen. zubieten. Das schließt auch die CDU ein«,
haben. Doch ausgerechnet ihr wichtigster Auch die verhängnisvolle Antwort an sagt der Vorsitzende des Auswärtigen Aus-
Mann, CDU-Planungschef Nico Lange, Macron hat Lange verfasst. Er besprach schusses, Norbert Röttgen.»Schlagwörter
wirkt mit dieser Aufgabe überfordert. sich vorher weder mit Abgeordneten und Worthülsen sind keine Konzepte. Das
Lange, ein ehemaliger Zeitsoldat, war noch mit der Fachabteilung im Konrad- zu ändern ist die Aufgabe, an der sich die
für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Adenauer-Haus, wie Mitarbeiter berich- Zukunft der Partei, aber auch die von An-
verschiedenen Ländern tätig. Sein Selbst- ten. Die hätte die Forderung, endlich EU- negret Kramp-Karrenbauer entscheiden
bewusstsein übertrifft seine Erfahrungen Beamte zu besteuern, wohl aus dem Text wird.« Dass ein CDU-Politiker, der Kramp-
in der Berliner Politikszene. Am Abend gestrichen. Eine Steuer gibt es längst. Karrenbauer gegen Merz unterstützt hatte,
der Europawahl verfasste er nach Anga- Lange galt als Favorit für die Nachfolge ihre Zukunft infrage stellt, dürfte ihr end-
ben von Mitarbeitern eine spontane Wahl- des scheidenden Bundesgeschäftsführers gültig den Ernst der Lage klarmachen.
analyse und verschickte sie an die Partei- Klaus Schüler. Damit würde seine Macht Ralf Neukirch
spitze, ein ungewöhnlicher Vorgang. Ein weiterwachsen. Doch im Parteipräsidium

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 33


Deutschland

Die Weisheit des


sieben Jahren vorgestellten Programm gab
er den Titel »Freude ist nur ein Mangel
an Information«.

Maulwurfs
In der Rolle eines weisen, maulwurfs-
grummeligen Eremiten kombiniert Sems-
rott die Schilderung von privaten Mise-
ren – darunter Studienabbruch, Hilf-
losigkeit im Liebesleben und eine durch
Wahlen Nico Semsrott wird von vielen jungen Menschen als Satirestar keine Therapie kurierbare Schwermut –
verehrt. Nun hat er für »Die Partei« ein Mandat in Brüssel errungen. mit der Schilderung einer pathologischen
Gesellschaft. Den Leistungsdruck des
Kapitalismus, die mediale Über-

M an kann womöglich Fort-


schritt dazu sagen. Vor an-
derthalb Jahren, im Bun-
destagswahlkampf, trat der Satiri-
forderung, vor allem aber die Dau-
ererregung der Rechtspopulisten
und ihrer Anhänger kontert der En-
tertainer Semsrott mit maximaler
ker Nico Semsrott noch unter dem Lethargie.
Motto »Weil ich mir egal bin« an. Sein bislang grandiosester Streich
Auf Wahlplakaten blickte er bleich ist ein YouTube-Video, in dem er
und traurig, die Schrift verkündete: mit fast schon komatöser Seelen-
»Wir geben der Krise ein Gesicht.« ruhe das Weltbild der AfD zerlegt,
Es klappte nicht mit dem Mandat. indem er diverse AfD-Parolen vor-
Nun aber ist er mit dem Slogan trägt und sie durch Zuspitzung ent-
»Besser als nix« tatsächlich ins Eu- zaubert. »Ich sehe was, was du
ropäische Parlament gewählt wor- nicht siehst, und das ist die Islami-
den. Erbaulicher? Semsrott spricht sierung des Abendlandes«, heißt es
mit betont tonloser, leiernder Stim- in diesem Video, das seit August
me. »Das ist bei uns jetzt kein opti- 2016 mehr als 2,6 Millionen Mal
mistischer Ansatz wie bei den Grü- angeklickt wurde.
nen, so in der Art: ›Ey, die Blumen Das Paradoxe am scheinbar völ-
sprießen, die Schmetterlinge flat- lig ehrgeizfreien Spiel des Satiri-
tern, wir bauen jetzt das neue kers Semsrott, der lieber nicht Co-
Europa.‹ Nee, wir sagen: Eigentlich median genannt werden will (»Sa-
ist alles im Arsch. Aber wir schauen tire muss wehtun. Alles andere ist
mal, was wir noch rausholen kön- belanglos, also Comedy.«), ist der
nen, indem wir die letzten Kräfte aufklärerische Ehrgeiz, den er als
mobilisieren.« Bühnenheld wie als Politiker offen-
Der Unterhaltungskünstler Nico bart. Seine Arbeit als Komiker be-
Semsrott, 33, hat bei der Europa- schreibt er so: »Die Figur, die ich
wahl eines der beiden Mandate spiele, weiß zwar, dass alles schon
für die Satirepartei »Die Partei« er- Semsrott-Plakat verloren ist, aber sie setzt sich trotz-
rungen. Das andere ging an Martin »Die Figur, die ich spiele, weiß, dass alles schon verloren ist« dem zur Wehr. Weil sie die Arsch-
Sonneborn, 54. Sonneborn hat löcher und das Böse nicht gewin-
»Die Partei« im Jahr 2004 mit ein paar dent Sloweniens, ebenfalls ein Comedian – nen lassen will.« Über seine Pläne für die
Mitstreitern im Dunstkreis der Zeitschrift wie im Grunde ja auch Donald Trump. An- Abgeordnetenzeit in Brüssel sagt er: »Viel-
»Titanic« gegründet. 2,4 Prozent der Stim- tipolitiker sind gerade beliebte Politiker, leicht gehe ich am Ende enttäuscht raus
men holte »Die Partei« nun bundesweit und Humor ist eine scharfe Waffe. Oder aus der Politik. Mein Vorteil ist, dass ich
bei den Wahlen fürs Europäische Parla- wie Semsrott 2017 für sich warb: »Liebe schon enttäuscht reingehe.«
ment. Unter den Wählern, die jünger als Nichtwähler, wenn’s euch egal ist, wer im Solche Sätze sagt Semsrott in schneller
30 Jahre sind, brachte sie es zur viert- Bundestag sitzt, wäre es dann nicht schön, Folge, ohne dass man ihm irgendeine Mühe
stärksten Kraft hinter den Grünen, der von jemandem vertreten zu werden, dem’s anmerkt. Er ist in Hamburg aufgewachsen,
Union und der SPD, noch vor den Linken. egal ist, dass er im Bundestag sitzt?« hat nach dem Abitur tatsächlich ein Studi-
Semsrott selbst sagt bei einem Telefonat Auf der Bühne trägt Semsrott stets um abgebrochen und diverse Praktika, un-
am Dienstag nach der Wahl, das er aus einen dunklen Kapuzenpulli. Die Augen- ter anderem bei SPIEGEL ONLINE, absol-
Brüssel führt, wo er gerade die Lage er- lider auf halbmast, die Gesichtszüge blei- viert. Mit seinen Poetry-Slam-Auftritten,
kundet: »Ich bin ein lebendes Mahnmal ern, die Körperhaltung schlaff, so trägt er für die er bejubelt und preisgekrönt wurde,
für die vergessene Jugend in Europa.« vor, was er über eine traurige Welt und sei er »in eine Karriere reingescheitert«,
Und so überraschend der Erfolg der seine meist depressive Grundstimmung wie er das ausdrückt.
»Partei« ohnehin ist – noch erstaunlicher zu berichten hat. Er selbst nennt sich ei- Der Erfolg der Partei »Die Partei« habe
dürfte sein, wie sehr Satiriker gerade die nen »Demotivationstrainer«. Zunächst damit zu tun, glaubt Semsrott, »dass viele
europäische Politik verändern: Beppe Gril- bei Poetry-Slam-Wettkämpfen, dann auf der jüngeren Wähler sich einfach nicht von
lo und seine Fünf-Sterne-Bewegung in Kabarettbühnen und seit 2017 als wieder- den anderen Parteien repräsentiert fühlen«.
Italien, Jón Gnarr, der die isländische kehrender Gast der »heute-show« im ZDF Aber eben auch mit dem Auftreten der
Hauptstadt Reykjavík als Bürgermeister hat sich Semsrott ein großes Publikum »Partei«-Kandidaten und ihren Wahlwer-
regierte. Wolodymyr Selenskyj, der neue erspielt, das hingerissen seinen Vorträgen bespots, in denen zum Beispiel ein Höchst-
ukrainische Präsident ist immerhin ein Se- folgt. Seine Monologe sind fast immer wahlalter für Senioren gefordert wird. Für
rienstar, Marjan Šarec, der Ministerpräsi- Katastrophenberichte. Einem erstmals vor einen ihrer Spots zur EU-Wahl hatte »Die

34 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Partei« der Flüchtlingshilfsorganisation
Sea-Watch den Sendeplatz freigeräumt, da-
mit sie Bilder eines im Mittelmeer ertrin-
kenden Jungen zeigen konnte. Semsrott
formuliert es so: »Wir machen ernste Poli-
tik, die manchmal auch Lust bereitet.«
Mit hörbarem Stolz berichtet er von
einer Studie, die ihm unter allen deutschen
EU-Parlamentskandidaten die größte
Reichweite und den größten Impact be-
scheinigt habe, was Instagram, Twitter
Jetzt im
oder YouTube angehe. »Wir haben eine
an die Zeit angepasste Kommunikation. Handel
Wir sind unterhaltsam. Man guckt sich
unsere Sachen freiwillig an, man schickt
sie an Freunde weiter.«
Die Leitartiklerfloskel, dass der Erfolg
der »Partei« ein Zeichen von Politikver-
drossenheit sei, bringt Semsrott in Rage.
»Das Wort ist falsch. Die Leute sind par-
teienverdrossen, aber politisch so interes-
siert und engagiert wie sonst was.« Er
selbst staune, sagt Semsrott, wie viele Bür-
ger in den vergangenen zwei Jahren im
Kampf um den Hambacher Forst und ge-
gen die schärferen Polizeigesetze, gegen
die Klimakatastrophe und gegen rechts
den Weg auf die Straße gefunden hätten.
»Das ist doch beeindruckend, wie sehr die-
se Zivilgesellschaft on fire ist«, findet der
Satiriker. »Große Teile der deutschen Be-
völkerung sind politischer als die Politiker
selbst.«
Regelrecht wütend mache ihn die Lei-
denschaftslosigkeit der Mächtigen in Ber-
lin, die zum Beispiel in der Bundespresse-
konferenz demonstriert werde, sagt Sems-
rott. »Wie unglaublich langsam unsere
Politiker ihre Debatten führen! Wie un-
fassbar zäh über erneuerbare Energien www.spiegel-geschichte.de
oder die mörderische Grenzpolitik der EU
geredet wird!«
Ein unter den Fans längst berühmter
Satz der Bühnenfigur Semsrott, die sich
nur schwer zu irgendeiner Aktion aufraf-
fen kann, lautet: »Jede Entscheidung ist X Auch als App für iPad, Android
der Tod von Milliarden Möglichkeiten.« sowie für PC/Mac. Hier testen:
An der Wählerentscheidung, Sonneborn
und ihn nach Brüssel zu schicken, gibt es geschichte.spiegel.de/digital
eines, was den Politiker Semsrott, wie er
sagt, »aufrichtig deprimiert«. »Die Partei«
wird mit zwei männlichen Abgeordneten
ins EU-Parlament einziehen, eine erst auf
Listenplatz drei gesetzte Kandidatin na-
mens Lisa Bombe hat es knapp nicht ge-
schafft.
»Natürlich ist es nicht gut, dass wir eine
männliche Doppelspitze haben«, sagt
Nico Semsrott. »Satire hin oder her. Mir
Lesen Sie in diesem Heft:
ist das peinlich.« Wolfgang Höbel
Goethe »Wo die Zitronen blüh’n«
Video
»Depressive
Antifa!«
Mafia Ein Pate aus dem Ruhrpott
spiegel.de/sp232019semsrott
oder in der App DER SPIEGEL
Wenn bei Capri …
35
Der Soundtrack zum Fernweh
»Wer auf YouTube zum Battle
gefordert wird, muss reagieren«
SPIEGEL-Gespräch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt über die Angst der Union vor
Blamagen im Internet, seine Vorstellungen von ambitioniertem Klimaschutz und
zu der Frage, wie lange Annegret Kramp-Karrenbauer im Schatten der Kanzlerin stehen kann

Dobrindt, 48, Vorsitzender der CSU-Abge-


ordneten im Bundestag, eilt verspätet in
das Restaurant Vestibül im Wiener Burg-
theater. Soeben hat er Gespräche mit der
schwedischen Klimaaktivistin Greta Thun-
berg und mit Arnold Schwarzenegger ge-
führt, der für seine Klimainitiative »R20
Austrian World Summit« nach Wien einge-
laden hatte. Dobrindt ist mit dem Flugzeug
angereist, aber, das stellt er sofort klar, er
hat dafür eine Klima-Ausgleichsabgabe
gezahlt. Der CSU-Mann, früher schärfster
Kämpfer seiner Partei gegen grüne Ideo-
logen, erfindet sich in den Tagen nach der
Europawahlschlappe der Union und dem
Triumph der Grünen neu – als Klimaretter.

SPIEGEL: Herr Dobrindt, wie alt waren


Sie, als Sie in die CSU eingetreten sind?
Dobrindt: Ich bin mit 16 Jahren Mitglied
bei der Jungen Union geworden. Mitte der
Achtzigerjahre lag ich damit nicht wirklich
im Mainstream.
SPIEGEL: Wie kam es zu diesem Schritt?
Dobrindt: Es hat mich fasziniert, wie Hel-
mut Kohl mit dem Wechsel zur christlich-
liberalen Koalition die politische Wende
in Deutschland eingeleitet hat. An einen
Sitz im Bundestag habe ich damals nicht
gedacht. Ich wollte einfach mitgestalten
an politischen Entscheidungen.
SPIEGEL: Junge Leute unter 25 fühlen heu-
te anders: Nur zwölf Prozent haben bei
der Europawahl CDU oder CSU gewählt.
Ist die Union ein Klub für alte Leute?
Dobrindt: Nein. Wir sind in allen Alters-
gruppen ab 35 Jahren die stärkste Kraft und
damit nach wie vor breit aufgestellt. Das
muss uns jetzt auch wieder bei den Alters-
gruppen darunter gelingen. Es ist kein Na-
turgesetz, dass wir bei jungen Wählern von
den Grünen abgehängt werden. Bei der
Landtags- und bei der Bundestagswahl 2013
INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

waren wir als CSU die mit weitem Abstand


stärkste Kraft bei den Jungwählern in Bay-
ern. Dafür müssen im Wahlkampf die In-
halte und die Kommunikation stimmen.
SPIEGEL: Sie spielen auf den Umgang der
Union mit dem YouTuber Rezo an, der in
seinem millionenfach angeklickten Video
»die Zerstörung der CDU« betreibt? Abgeordneter Dobrindt: »Zur Instagram-Ikone taugen andere besser«

36
Deutschland

Dobrindt: Wenn man eine Woche vor dem nen Gesellschaft. Aber Gesellschaften, in SPIEGEL: Sie meinen den Klimaschutz?
Wahltermin auf YouTube zu einem Battle denen das Netz komplett staatlich über- Dobrindt: Klimaschutz, Naturschutz, die
herausgefordert wird, muss man reagieren. wacht wird, sind solche, in denen wir nicht Bewahrung der Schöpfung – genau diese
SPIEGEL: Wo sahen Sie die Gefahr? leben wollen. Themen machen den Gencode christlicher
Dobrindt: Das Video verdichtet in einer SPIEGEL: Kann unsere Demokratie Schritt Volksparteien aus. Ausgerechnet hier ha-
schnellen Abfolge komplexe Inhalte zu halten mit der Digitalisierung? ben wir aber im Wahlkampf – auf der Stra-
sehr einfachen Botschaften, sodass ein ver- Dobrindt: Wir erleben in ganz Europa, ße wie auch im Netz – zu wenig Angebote
tieftes Nachdenken über das Gesprochene dass die größten Profiteure von Meinungs- gemacht.
beim Zuschauer gar nicht stattfindet. Hän- freiheit und demokratischer Transparenz SPIEGEL: Ist das nicht auch Ihr Erbe? Als
gen bleibt, dass die Volksparteien versagen genau diese Werte infrage stellen. Manche CSU-Generalsekretär haben Sie Ökos und
oder falsch handeln. In Zeiten einer hoch ganz bewusst, weil sie wie die Rechtspopu- Vegetarier verspottet, als Verkehrsminister
dynamischen Kommunikation in den so- listen unsere Demokratie destabilisieren die Autoindustrie gehätschelt.
zialen Netzwerken und Plattformen muss und letztlich einen Systemumsturz wollen. Dobrindt: Ich mag Autos, das stimmt.
man auf so etwas reagieren, und zwar auf Andere unbewusst, weil ihnen zum Bei- Aber ich mag keine Betrügereien. Da habe
dem Feld, wo man attackiert worden ist. spiel die Dynamik des Föderalismus zu ich bei der Automobilindustrie im Diesel-
SPIEGEL: Hätte die Union mit einem Vi- langsam ist. Ich glaube, dass in Wahrheit skandal immer einen klaren Strich gezo-
deo antworten sollen statt mit einem elf- nur Demokratien in der Lage sind, tech- gen. Und ich finde es geradezu grotesk,
seitigen PDF-Dokument? nologische Umbrüche in der Gesellschaft wenn ein Konzern verkündet: Wir bauen
Dobrindt: Wenn der Gegner dich zum so zu steuern, dass sie zum Vorteil für alle Elektroautos, wenn die Politik es will. Ich
Schachspiel auffordert, kannst du jeden- und nicht zum Nachteil für viele werden. sage, ein Autokonzern hat die verdammte
falls nicht antworten: Okay, ich gehe mal SPIEGEL: Sie haben drei Handys vor sich Pflicht, sein Angebot so weiterzuent-
meine Würfel holen. Man kann Schlachten auf dem Tisch liegen, sind aber nicht auf wickeln, dass er auch in Zukunft die mo-
nur gewinnen, wenn man auf demselben Instagram oder Twitter. Wie weit her ist dernsten, innovativsten und besten Autos
Spielfeld steht wie der Angreifer. es mit ihrer Social-Media-Kompetenz? der Welt baut, und nicht einfach auf die
SPIEGEL: Wenn die CDU gegen einen Dobrindt: Ich bin auf Facebook, die CSU Ansage der Politik zu warten.
Schachgroßmeister aber nur Amateure im Bundestag ist auch auf Instagram und SPIEGEL: Sie haben hier in Wien mit Greta
aufbieten kann, dann war es vielleicht Thunberg und Arnold Schwarzenegger zu-
klug, dem Duell vorerst auszuweichen. sammengesessen und über Klimaschutz
Dobrindt: Wer zaudert, wird Debatten diskutiert. Was sagen Sie denen, welchen
nicht gewinnen können. Außerdem teile »Der Wahlkampf hat Beitrag Sie dazu leisten?
ich Ihren Vorhalt von Meister und Ama- gezeigt, dass wir beim Dobrindt: Wir haben alle kein Verständnis
teuren nicht. für Menschen, die sich einreden, der Kli-
SPIEGEL: Warum nehmen Sie die You- wichtigsten Thema zu mawandel würde sich irgendwie von allein
Tube-Community als Angreifer wahr und wenig präsent waren.« auflösen. Aufgeklärte Menschen können
nicht als Wählerschaft, mit der man viel- eigentlich nur noch über die Frage streiten,
leicht besser Frieden schließt? wie schnell und mit welchen Mitteln wir
Dobrindt: Ich unterscheide sehr wohl zwi- unseren CO -Ausstoß verringern können.
²
schen dem einzelnen Absender, der uns an- Twitter. Aber in einer breiten Volkspartei Und da ist meine Position seit Langem, da-
gegriffen hat, und den Millionen Empfän- wie der CSU muss nicht jeder alles bedie- für braucht es Anreize, Zwangsmaßnah-
gern, die wir als Wähler erreichen wollen. nen. Zur Instagram-Ikone taugen andere men fruchten nicht. Aus Bürgern, die sich
Die Volksparteien haben einen Nachhol- Kolleginnen und Kollegen besser. Doro- von gefühlten politischen Gängelungen für
bedarf beim Thema digitale Kommu- thee Bär zum Beispiel, unsere Staatsminis- den Klimaschutz ausgegrenzt fühlen, wer-
nikation. Die Dynamik der digitalen Kom- terin für Digitalisierung, leistet einen star- den mit Sicherheit keine überzeugten Kli-
munikation kann man nicht beklagen, ken Beitrag für unsere Wahrnehmung in maaktivisten. Die Klimawende gelingt
sondern man muss versuchen, sie zu nut- den digitalen Medien. durch Innovationen, nicht durch Verbote.
zen, um für unsere Politik zu werben. SPIEGEL: Ein CDU-Abgeordneter twitter- Öko muss Spaß machen, um die Menschen
SPIEGEL: Anders als CDU-Chefin Anne- te, dass die Jungwähler schon zur Vernunft in der Breite zu erreichen. Wir brauchen
gret Kramp-Karrenbauer sinnieren Sie kommen und konservativ wählen würden, deshalb eine Politik, die Anreize für Inno-
nicht über Regeln für die »Meinungsma- sobald sie ihr erstes eigenes Geld verdien- vationen setzt.
che« im Internet? ten. Sehen Sie das auch so? SPIEGEL: Sie selbst haben bislang prak-
Dobrindt: So habe ich sie nicht verstanden. Dobrindt: Je weniger man sich als junger tisch nichts für den Klimaschutz erreicht.
Fortschritt lässt sich auch nicht aufhalten. Wähler mit der Union identifiziert, desto Dobrindt: Schönes Vorurteil. Aber wir ha-
Genauso wie sich Arbeitnehmer auf die schwerer lässt man sich später von unseren ben zum Beispiel die größte Dynamik im
Veränderung ihrer Arbeitssituation durch politischen Inhalten überzeugen. Wir sind Aufwachsen der erneuerbaren Energien.
die Digitalisierung einstellen müssen, muss keine Partei für eine bestimmte Einkom- Bei der Mobilität haben wir die Halbie-
auch die Politik zu Veränderungen bei der mensgruppe oder Altersschicht. Wir sind rung der Dienstwagensteuer für Hybrid-
Wählerkommunikation bereit sein. eine Volkspartei, und als solche haben wir und Elektrofahrzeuge umgesetzt. Das war
SPIEGEL: Hinter der Plattform YouTube den Anspruch, uns nicht von jungen Wäh- meine Initiative, und sie zeigt auch schon
steht der Riese Google. Muss eine Regie- lern zu entkoppeln. Wirkung, aber dabei muss es nicht bleiben.
rung nicht neue Technologien genau beob- SPIEGEL: Welche Lehre soll die Union also Ich will einen Schritt weitergehen – mit ei-
achten und, wenn nötig, regulieren? aus dem Europawahlergebnis ziehen? ner Nullbesteuerung von reinen E-Dienst-
Dobrindt: Natürlich darf im Netz nicht al- Dobrindt: Die Erkenntnis kann doch nur wagen. So kann es uns gelingen, dass wir
les erlaubt sein. Deswegen gibt es zu Recht lauten: Volksparteien, überprüft eure zügig auch einen breiten Gebrauchtwagen-
das Hatespeech-Gesetz, das Beleidigun- Schwerpunkte. Der Wahlkampf hat ge- markt für E-Fahrzeuge bekommen. Das
gen, Diskriminierung und Rassismus un- zeigt, dass wir bei dem wichtigsten Thema, Gleiche gilt für steuerliche Förderungen
terbinden soll. Das ist der Rahmen für die das uns der Wähler vorgegeben hat, zu we- bei der energetischen Gebäudesanierung.
Kommunikation in einer freien und offe- nig präsent waren. Eines darf man allerdings auch nicht ver-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 37


gessen, wir retten in Deutschland das Welt- alle« und »alle Grenzen zu«, zwischen
klima nicht allein, Deutschland ist für zwei »Klimaschutz um jeden Preis« und »Klima-
Prozent der weltweiten CO -Emissionen wandel gibt es nicht«. Diese Konflikt-
²
verantwortlich. dimensionen spalten unser Land.
SPIEGEL: Was schließen Sie daraus? SPIEGEL: Was heißt das für die Union?
Dobrindt: Die »R20«-Klimaschutzkonfe- Dobrindt: Ich glaube, dass es den bürger-
renz hier in Wien zeigt doch, dass das alte lichen Volksparteien CSU und CDU gelin-
Motto »Think global, act local« unserer gen kann, das politische Angebot für den

INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL


Verantwortung als Industrienation nicht gesellschaftlichen Ausgleich zu schaffen.
gerecht wird. Wir brauchen ein neues Pa- Wir haben in der zweiten Hälfte des vori-
radigma: »Think global, act global«. Denn gen Jahrhunderts den Konflikt zwischen
während Staaten wie Deutschland oder Markt und Staat gelöst mit der sozialen
Frankreich ihre Emissionen stetig reduzie- Marktwirtschaft und damit eine verbin-
ren, verschlechtert sich die weltweite Kli- dende bürgerliche Klammer gebildet, hin-
mabilanz, und dafür sind vor allem China, ter der sich die Mehrheit in unserem Land
Indien und die USA verantwortlich. Dobrindt, SPIEGEL-Redakteurinnen* versammeln konnte. Diese bürgerliche
SPIEGEL: Während Greta auf Sie zeigt, zei- »Öko muss Spaß machen« Klammer brauchen wir jetzt auch bei den
gen Sie auf China? neuen Konfliktdimensionen Ökologie und
Dobrindt: Ich sage ausdrücklich, unsere SPIEGEL: Der alte Alexander Dobrindt Identität. Beide Sehnsüchte, Umwelt-
Verantwortung für die Welt ist größer, als hätte die Schüler vielleicht »Klima-Kra- schutz und kulturelle Identität, sind übri-
nur auf die deutsche Energiewende zu wallos« genannt. Ihr neues Ich ist geradezu gens im Kern konservative Anliegen, weil
schauen. Wir können gar nicht so viele unheimlich verständnisvoll. sie Dinge bewahren wollen.
Kohlekraftwerke abschalten, wie gleich- Dobrindt: Letztlich fordern die Schüler SPIEGEL: Warum profitiert die Union
zeitig in Afrika neue geplant und gebaut ein, was wir im Pariser Klimaabkommen dann nicht von diesem neuen Zeitgeist?
werden. Wenn wir erneuerbare Energien vereinbart haben. Das Klimaabkommen Dobrindt: Vielleicht weil es noch nicht ge-
in Dritte-Welt-Ländern fördern und aus- hat auch meine Zustimmung. Ich kritisiere, nügend gelingt, den Wählern zu vermit-
bauen, nutzt das der globalen Klimabilanz wenn Ideologie vor der Vernunft steht, teln, dass nur eine Volkspartei beide An-
mehr als manche nationalen Maßnahmen. was ich den Grünen immer mal wieder an- liegen versöhnen kann. Zu diesem Kurs
SPIEGEL: Ganz schön clever, das Problem laste. gehört auch die harte Abgrenzung von der
Klimaschutz zu exportieren. SPIEGEL: Früher haben Sie die Grünen als AfD. Das Wesen der Rechtspopulisten, die
Dobrindt: Nein. Das heißt nicht, dass wir »Protestsekte« bezeichnet, als »verlänger- sich ein Land zur Beute machen wollen,
unsere Anstrengungen bei der Einsparung ten Arm von Brandstiftern und Steinewer- hat man jetzt auf schockierende Weise bei
von CO verringern sollten. Im Gegenteil: fern«. Sind Sie jetzt so diplomatisch, weil der FPÖ in Österreich gesehen.
²
Wir sollten schneller werden. Der Kohle- Sie sich den Grünen vielleicht demnächst SPIEGEL: Finden Sie eigentlich, um im
ausstieg bis 2038 könnte auch ambitionier- als Juniorpartner andienen müssen? YouTube-Sprech zu bleiben, dass die AfD
ter sein. Dobrindt: Gott bewahre. Aber es stimmt, »zerstört« gehört?
SPIEGEL: Sie wollen den Kohlekompro- dieses Zitat hat in die damalige Zeit ge- Dobrindt: Ich will sie überflüssig machen.
miss wieder aufschnüren? Laufen Sie jetzt passt, ich hab’s in letzter Zeit nicht wieder Wer glaubt, er könne die AfD einfach zer-
auch mit bei »Fridays for Future«? verwendet. Zwar habe ich selten einen stören, hat die Dimension dieser Aufgabe
Dobrindt: Der Fehler bei diesem Kompro- politischen Fehdehandschuh liegen lassen, nicht begriffen.
miss ist, dass er ohne eine breite Debatte aber alles hat eben seine Zeit, und man SPIEGEL: Angela Merkel trat im Europa-
zwischen Politik und Gesellschaft stattge- merkt, dass die Bevölkerung vieler Kon- wahlkampf fast nicht auf. Hat sie ihre Par-
funden hat. Wenn wir ein Bewusstsein für flikte überdrüssig ist und sich einen ande- tei im Stich gelassen?
die große Herausforderung, aber auch die ren Stil wünscht. Und was die Grünen an- Dobrindt: Die Union muss lernen, auch
enorme Chance schaffen wollen, dass wir geht – bei den Jamaikaverhandlungen zukünftig Wahlen zu gewinnen, ohne An-
als erstes Land der Welt gleichzeitig aus konnten sogar Toni Hofreiter und ich in gela Merkel.
der Kernenergie und der Kohle aussteigen der Verkehrspolitik Kompromisse erzielen. SPIEGEL: Die stiehlt als eine Art Königin
und die erneuerbaren Energien ausbauen, Ich will nicht ausschließen, dass eine neue von Europa derzeit ihrer Nachfolgerin An-
dann brauchen wir eine breite Debatte Jamaikaverhandlungsrunde ganz anders negret Kramp-Karrenbauer die Show. Wie
dazu. Das findet bisher nicht statt, weil ausgehen könnte als vor zwei Jahren. lange kann die neue Parteivorsitzende das
wir darüber nicht politisch streiten, son- SPIEGEL: Bei der Europawahl lag die durchhalten, bis sie verbrannt ist?
dern ein Expertenzirkel entschieden hat. AfD in zwei Bundesländern vorn. Steht Dobrindt: Die Union hat sich für eine Per-
SPIEGEL: Es saßen doch alle mit am Tisch. der größere Gegner für Sie rechts oder sonalaufstellung entschieden, zu der ich
Politik, Umweltverbände, Industrie und links? nur raten kann, eindeutig zu stehen. Wo
Gewerkschaften. Breiter geht es kaum. Dobrindt: Das klassische Links-rechts- man hinkommt, wenn man ständig Spit-
Dobrindt: Aber genau dieses Outsourcing Schema ist heute ergänzt worden durch zenpersonal infrage stellt, sieht man bei
von politischen Kompromissen an solche zwei neue Konfliktlinien: Ökologie und der SPD. Schuld am dortigen Wahldesas-
Runden führt doch dazu, dass Entscheidun- Identität. Auch hier geht es um Extrem- ter ist nicht Andrea Nahles, sondern es
gen am Schluss zwar mit allen erdenklichen positionen zwischen »Grenzen auf für sind jene Teile der Partei, die einen weite-
Lobbygruppen entstehen, aber nicht im ren Linksruck fordern. Wer Enteignungs-
Dialog von Bevölkerung und Politik. Ich gedanken und Sozialismusideen diskutiert
sehe auch nicht, dass die Anwesenheit von »Die Union muss und sich daraufhin wundert, dass das Wäh-
Greenpeace-Vertretern am Verhandlungs- lerstimmen kostet, leidet offensichtlich an
tisch die Schüler vom Streiken gegen den lernen, auch zukünftig politischem Realitätsschwund.
Kohlekompromiss abgehalten hätte. Wahlen zu gewinnen, SPIEGEL: Herr Dobrindt, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
* Melanie Amann und Anna Clauß in Wien. ohne Angela Merkel.«
38
Deutschland

schätzen. Das ist jene Organisation rund lament gewählt, formuliert schon Ansprü-

Quote für um den Thüringer Landes- und Fraktions-


chef Björn Höcke, die vom Verfassungs-
schutz als »Verdachtsfall« eingestuft wird.
che an die Bundespartei: »Wir streben
zwei Plätze im Bundesvorstand an«, sagt
er. Aktuell hat Sachsen dort keinen Ver-

den Osten Während Jörg Meuthen, Parteichef und


Europa-Spitzenkandidat aus Baden-Würt-
temberg, die Partei als wirtschaftsliberal
treter, es dominieren Parteifreunde aus
westlichen Ländern, die zum Ärger des
»Flügels« eine Taskforce gegen rechtsex-
Parteien Die AfD ist in den und bürgerlich-konservativ bewirbt, wol- treme Umtriebe an der Basis einsetzten.
ostdeutschen Ländern stärker len die »Flügel«-Leute noch radikalere An- In der Brandenburger AfD gibt Andreas
sagen, »sozialpatriotische« Positionen zur Kalbitz, der auch im Bundesvorstand ist,
denn je. Nun wollen die rechten Parteiräson machen und quasi eine Quote den Ton an. Der »Flügel«-Koordinator, oft
Landesverbände die Ausrichtung für den Bundesvorstand. als »Mann hinter Höcke« beschrieben, war
der Bundespartei verändern. Mittwochabend, Dresden, Landesge- einer der Ersten, die bei der Wahlparty
schäftsstelle der AfD: Die Parteispitze sitzt am Sonntag stolz die Ost-Wahlergebnisse
zusammen und überlegt, ob man einen zitierten. Auch er meldet nun Ansprüche

T ino Chrupalla, Bundestagsabge-


ordneter und Vizechef der AfD-
Fraktion, sitzt im Restaurant Die
Eins unten im Gebäude des ARD-Haupt-
Ministerpräsidentenkandidaten aufstellen
soll. Teilnehmer der Runde berichten, dass
sie sich am Ende geeinigt hätten, auf den
Ausgang der Wahl zum Oberbürgermeis-
für die Vorstandswahlen Ende November
an. Sollte sich Alexander Gauland, der
auch Brandenburger ist, vom Parteivorsitz
zurückziehen, will Kalbitz neben seinem
stadtstudios und isst Haxe vom Schwein. ter in Görlitz zu warten – denn da ist einer eigenen weitere Posten für den Osten: »Es
Wenige Tage nach der Europawahl ist der ihren in der Stichwahl. ist richtig, wenn der Osten angemessen im
Chrupalla in Feierlaune: »Die AfD ist im Falls Sebastian Wippel nicht Oberbür- Bundesvorstand abgebildet ist«, sagt er.
Osten die Volkspartei, das haben die Wah- germeister wird, heißt es, würde er in Gör- Im Westen Deutschlands brauche es offen-
len am Sonntag gezeigt«, sagt bar noch ein bisschen Zeit, bis
er und grinst. die AfD so stark verwurzelt sei
Es sind gute Zeiten für Chru- wie in seiner Region.
palla, der aus Sachsen kommt. Zahlenmäßig sind die Westver-
Dort ist die AfD bei der Europa- bände der AfD freilich stärker,
wahl mit 25,3 Prozent stärkste deshalb scheiterten ostdeutsche
Partei geworden, mit gut zwei Kandidaten und Themen oft auf
Prozentpunkten vor der CDU. Parteitagen. Kalbitz wünscht
Bei den Kommunalwahlen lan- sich, dass die Kollegen im Wes-
dete sie in allen Landkreisen auf ten programmatisch von seiner
Platz eins oder zwei – nur nicht AfD-Region lernen: »Der sozial-
in den studentischen Groß- politische Fokus, den wir gesetzt
städten Dresden und Leipzig. haben, ist das Erfolgsrezept.«
SVEN DÖRING / DER SPIEGEL / AGENTUR FOOCUS
Chrupalla, der vor der Politik Vor allem wenn man das mit
als Malermeister gearbeitet hat, »klaren, pointierten Zielgruppen-
und seine Kollegen im Landes- ansprachen« kombiniere.
verband haben nun Großes Ähnlich klingt es bei Höcke.
vor – in Sachsen, wo sie am Wo- Nach den Wahlen teilt der
chenende direkt ein Regierungs- Thüringer mit, dass die Ergeb-
und nicht nur ein Wahlpro- nisse »die erneute Bestätigung
gramm verabschieden wollen, unseres Kurses in Thüringen,
aber auch auf Bundesebene. der Solidarität und Patriotismus
Die Europawahl, bei der die verbindet«, seien. Während
AfD bundesweit mit elf Prozent AfD-Abgeordneter Chrupalla: In Feierlaune »das bundesweite Ergebnis der
viel schlechter abschnitt als von AfD enttäuscht«, triumphiert
ihr selbst erwartet, verschiebt Höcke, habe man in seinem
die Machtbalance in der Partei gen Osten. litz zur Landtagswahl antreten dürfen. Land die »starken 22 Prozent« der Bun-
Während fast alle guten Europalistenplät- Sollte er aber gewinnen, würde der Bun- destagswahl verteidigen können.
ze mit westdeutschen Kandidaten besetzt destagsabgeordnete Chrupalla dort als Noch beschwichtigen die »Flügel«-Ver-
waren, schaffte die AfD im Westen nur Direktkandidat antreten – in jenem Wahl- treter, sie planten »keine Machtergreifung«
schwache Ergebnisse. In Sachsen und kreis, in dem auch Ministerpräsident Mi- in der Bundespartei. Doch gemäßigte AfD-
Brandenburg dagegen war sie stärkste Par- chael Kretschmer kandidiert. Chrupalla Vertreter sehen die Entwicklung mit Sorge.
tei, in Thüringen, Mecklenburg-Vorpom- hat Kretschmer schon einmal besiegt und »Der ›Flügel‹ marschiert mit jeder Wahl
mern und Sachsen-Anhalt direkt hinter den CDU-Mann aus dem Bundestag ver- mehr ins Zentrum der Partei, quasi wort-
der CDU. Da in drei Ostbundesländern im drängt. Dieser AfD-Mann, so die Gedan- wörtlich«, sagt ein Bundesvorstandsmit-
September und Oktober auch Landtags- kenspiele, könnte vielleicht als Kandidat glied. Auch Parteichef Meuthen zeigt sich
wahlen stattfinden, wächst der Einfluss für die Staatskanzlei aufgestellt werden. schon mal vorsichtig ablehnend, was den
der Sachsen, Brandenburger und Thürin- Landeschef Jörg Urban ist sich sicher, Anspruch auf Plätze im Bundesvorstand
ger in der AfD – mit erheblichen Folgen dass seine AfD im September die »mit angeht: »Wir haben keinen Regionalpro-
für den Kurs der gesamten Partei. Abstand stärkste Partei« in Sachsen wird. porz.« Aber: »Jeder, der sich berufen fühlt,
Die drei Ostverbände stehen deutlich Dann werde man im Parlament nach ist frei, dann zu kandidieren.«
weiter rechts als ihre Pendants im Westen, Mehrheiten suchen. Ziel sei »eine Re- Ann-Katrin Müller, Steffen Winter
und sie werden von Männern angeführt, gierung unter Führung der AfD«. Urbans Mail: ann-katrin.mueller@spiegel.de
die dem »Flügel« angehören oder ihn Vize Maximilian Krah, frisch ins EU-Par-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 39


Deutschland

Übler Rückfall
Und eine Kanzlerin im Abgang, die bis
zum Schluss die mächtigste Frau Europas
bleiben will. Anderthalb Stunden lang
haben Merkel und Macron am Abend der
Europawahlen telefoniert, aber von einer
Europa Brexit, Nord Stream, Eurozone: Das Verhältnis zwischen Annäherung beim Streit um das Spitzen-
Berlin und Paris ist angespannt. Jetzt droht personal ist nichts zu spüren.
auch noch Streit um das europäische Spitzenpersonal. Wenn Macron das Wort »Spitzenkandi-
dat« ausspricht, kann jeder hören, wie we-
nig er von der Idee hält. Er hastet durch

D er Raum, in dem die deutsche Kanz-


lerin den französischen Präsidenten
von ihrem Spitzenkandidaten über-
zeugen will, ist deutsch eingerichtet: eine
vertreten kann. Sie muss verhindern, dass
ein Kommissionspräsident gegen den Wil-
len der Deutschen bestimmt wird.
Macron dagegen hat sich mit den euro-
das lange deutsche Wort, Betonung auf
der dritten Silbe, die Konsonanten fallen
wie kleine Speere in den französischen
Satz. Aus dem Mund von Macron klingt
Sitzgruppe aus braunem Leder, am Fenster päischen Liberalen zusammengeschlossen »Spitzenkandidat« ein wenig wie Stachel-
eine einsame Topfpflanze. Auf dem Tisch und will, am liebsten gemeinsam mit den draht.
steht eine Plastikflasche mit Mineralwas- Grünen, die Dominanz der großen Blöcke, Nach dem gemeinsamen Essen der
ser und eine Thermoskanne mit Kaffee. der Konservativen und der Sozialdemo- Staats- und Regierungschefs erklärt Ma-
Kein Zweifel: mehr Kanzleramt als Élysée. kraten, ein für alle Mal beenden. Er lehnt cron zum wiederholten Male, wie wenig
Dorthin, in einen der deutschen Delega- das Spitzenkandidatenprinzip ab, vor al- er von diesem Auswahlprinzip hält, nach
tionsräume im vierten Stock des neuen lem aber den Mann, für den Merkel kämp- dem nur Kommissionspräsident werden
Ratsgebäudes in Brüssel, ziehen sich An- fen muss: Manfred Weber (CSU). kann, wer bei den Wahlen als Spitzenkan-
gela Merkel und Emmanuel Macron am So stehen sie sich gegenüber: ein frus- didat angetreten ist. Schon vor Wochen
Dienstagnachmittag zurück, bevor sie trierter Präsident, enttäuscht von Kleinmut hat er gesagt, es gebe keine rechtliche
45 Minuten später zu ihren Kollegen beim und Bedenkenträgerei der Deutschen, ent- Grundlage für das Verfahren. Nun, nach
informellen EU-Dinner stoßen. Merkels schlossen, Europa notfalls mit anderen Part- den Wahlen, ist das Verfahren für ihn erst
Sprecher postet noch davor ein Foto auf nern voranzubringen (SPIEGEL 21/2019). recht nicht mehr zeitgemäß, weil es die al-
Twitter, Angela Merkel und Emmanuel
Macron, beide lächelnd.
Doch der Schein trügt. Das Verhältnis
zwischen Berlin und Paris ist so ange-
spannt wie lange nicht mehr. Seit Macron
vor zwei Jahren in den Élysée-Palast ein-
gezogen ist, hat das deutsch-französische
Verhältnis eine neue, hitzigere Betriebs-
temperatur. Macron will Europa ver-
ändern, doch die Deutschen wiegeln ab.
Das ist die Ausgangslage.
Berlin hat Macrons Reform der Eurozo-
ne abgelehnt, man streitet über Rüstungs-
projekte und Waffenexporte, beim Brexit
gelang es mit Mühe, einen Kompromiss
zu finden, ebenso im Streit um die deutsch-
russische Gaspipeline Nord Stream 2.
Und jetzt, nach den Europawahlen, da
die EU ihre wichtigsten Posten neu besetzt,
droht wieder Ärger. Im Ringen um das
europäische Spitzenpersonal verfolgen Pa-
ris und Berlin unterschiedliche Interessen.
Macron will den Augenblick nutzen, um
die EU zu verändern, sie zu erneuern –
wie er es in so vielen Reden angekündigt
hat. Dafür braucht er einen tatkräftigen
Kommissionschef, der in seinem Sinne
agiert.
Merkel muss dagegen den deutschen
EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber
unterstützen. Das erwartet ihre Partei, die
ihr ohnehin vorwirft, sie im Europawahl-
kampf im Stich gelassen zu haben. Seit
Merkel den CDU-Parteivorsitz abgegeben
SIPA PRESS / ACTION PRESS

und ihren Rückzug aus der Politik ange-


kündigt hat, ist sie, was man eine »lame
duck« nennt, eine lahme Ente. Um zu ver-
hindern, dass ihre Macht weiterbröckelt,
muss die Kanzlerin beweisen, dass sie in
Brüssel immer noch deutsche Interessen

40 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


ten Machtverhältnisse, die Dominanz der Spitzenkandidatensystems. Sie hält Weber in der EVP, wehrten sich gegen Barnier.
einst großen Volksparteien, widerspiegelt. für einen akzeptablen Kandidaten, da ist »Bloß kein Franzose«, laute das Diktum
»Diese Wahlen markieren einen Wende- sie von der CSU Schlimmeres gewohnt. aus Berlin, so erzählt es ein führender
punkt für Europa«, sagt Macron in Brüssel. Vor allem aber weiß die Kanzlerin: CDU europäischer Konservativer. Als einen
Zum ersten Mal seit 1979 könnten die bei- und CSU in der Heimat erwarten von ihr, »üblen Rückfall in Nationalismen«, die
den großen Parteien zusammen keine dass sie Weber in Brüssel durchbringt. Die man eigentlich überwunden haben wollte,
Mehrheit bilden. »Da können wir nicht harte Opposition Macrons und anderer beschreibt ein Beobachter die Verhand-
einfach weitermachen wie gewohnt.« findet sie daher verstörend. lungen.
Die Gegenbewegung hat Macron gera- Aus Sicht der Deutschen verstößt Ma- Diese Gefahr sieht man auch in Paris:
de beim Dinner zu spüren bekommen, bei cron mit seinem kämpferischen Auftritt »Es geht jetzt zuallererst um Inhalte und
Schweinefilet mit Spargel und Bohnen gegen ein ungeschriebenes Gesetz der nicht um Nationalitäten, die Besetzung
stellte sich Merkel eindeutig hinter Weber, Gemeinschaft. Die »Chefs«, wie die Gip- des Kommissionsvorsitzes ist kein Kampf
die Chefs waren unter sich und konzen- felteilnehmer genannt werden, wissen um eine Landesflagge«, mahnt Amélie de
triert, es ging zur Sache, der Handyemp- voneinander, was zu Hause von ihnen Montchalin, Staatssekretärin für europäi-
fang war ausnahmsweise blockiert. erwartet wird, jeder kennt die Zwänge aus sche Angelegenheiten im französischen
Merkel wehrte sich gegen Macrons Argu- eigener Erfahrung, daher versuchen sie in Außenministerium. »Es geht hier nicht um
ment, Weber fehle die nötige Erfahrung. Das der Regel, Kompromisse nicht durch öffent- eine Auseinandersetzung zwischen Frank-
habe man über sie selbst auch gesagt, als sie liche Äußerungen unnötig zu erschweren. reich und Deutschland, das hat damit
vor 14 Jahren ins Amt gekommen sei, sagte Doch gerade das tut Macron. Er hat die nichts zu tun.«
sie. Der Abend endete mit einem Zwischen- Kanzlerin öffentlich unter Druck gesetzt Während Merkels CDU bei den Euro-
sieg der Kanzlerin, einer Atempause für We- und die Personalfrage damit zur Machtfra- pawahlen eine Niederlage einstecken
ber. Versuche von Franzosen und anderen, ge gemacht. Nun verteidigt Merkel Weber musste und ihrer Regierung durch die
bereits am Dienstag einen festen Kriterien- auch deshalb, weil ihr nicht gefällt, wie Selbstzerfleischung des Koalitionspartners
katalog für den künftigen Kommissionschef lautstark Macron in Brüssel auftritt. SPD eine Krise droht, kam Macron ge-
festzulegen, hatte Merkel abgewehrt. Macron ist der vierte französische Prä- stärkt nach Brüssel. Zwar erreichte La
Merkel war, das muss man wissen, ähn- sident, mit dem Merkel es in ihrer Kanz- République en marche, seine Regierungs-
lich wie Macron nie eine Anhängerin des lerschaft zu tun hat. Um den zappeligen partei, am Sonntag nur Platz zwei hinter
Nicolas Sarkozy zu verstehen, soll sie an- Marine Le Pens Rassemblement National.
geblich Louis-de-Funès-Filme angeschaut Aber der Abstand zu den Rechtspopulis-
haben, François Hollande wirkte dagegen ten war mit nur 0,9 Prozentpunkten ge-
neben der deutschen Kanzlerin wie eine ringer als befürchtet.
Schlaftablette. Macron aber bietet Merkel Vor allem aber sieht sich La République
Paroli. Er will Europa gestalten, er macht en marche durch die Wahl als neue politi-
ihr den Platz als unumstrittene Nummer sche Kraft im Land bestätigt. Die klassi-
eins in Europa streitig. sche Rechte, Merkels Verbündete in der
Merkel weiß, dass es einen Punkt geben EVP, ging mit 8,5 Prozent unter, ein histo-
könnte, an dem sie Weber vielleicht auf- rischer Tiefstand; die Sozialisten kamen
geben müsste. Dafür hat sie am Dienstag- knapp über 6 Prozent. Für En marche hat
abend vorgebaut: Die EU müsse »hand- dieser Wahlabend bestätigt, dass die Be-
lungsfähig« bleiben. Die Dinge, so sieht wegung die französische Parteienland-
es die Kanzlerin, dürfen sich beim Perso- schaft unumkehrbar verändert hat. Das
nal nicht so verkanten, dass gar nichts hat Konsequenzen auch für Brüssel. Wa-
mehr geht. Man solle »pfleglich miteinan- rum, so argumentiert En marche, sollten
der umgehen«, mahnt sie beim Gipfel. die Franzosen nun Weber, einem Vertreter
Doch Macron scheint entschlossen, das der klassischen Rechten, noch dazu der
zumindest befürchten Diplomaten in Brüs- CSU, die Europapolitik anvertrauen?
sel, die Mahnung zur Mäßigung als Zeichen Der Streit um die Spitzenposten ist nur
der Schwäche auszunutzen und Merkels Nie- einer der vielen Konflikte, die das deutsch-
derlage als seinen Sieg zu feiern. Entspre- französische Tandem lähmen. Derzeit neh-
chend deutlich mache Berlin in Richtung men Deutsche und Franzosen in Brüssel
Paris klar, so ist zu hören, dass Macron nicht immer öfter entgegengesetzte Positionen
darauf zu hoffen brauche, einen Franzosen ein. Für Europa, das geben auch Diploma-
auf einen der Topjobs zu hieven, wenn Mer- ten kleinerer Länder unumwunden zu, ist
kel keinen Deutschen durchbekomme. diese Entwicklung gefährlich.
Denn als Alternative zu Weber präfe- Der polnische Ratspräsident Donald
riert Macron entweder den Brexit-Unter- Tusk sprach das beim Abendessen am
händler Michel Barnier oder die liberale Dienstag hinter verschlossenen Türen aus:
Dänin Margrethe Vestager. Barnier ist, wie Eigentlich sähen die kleineren EU-Mitglie-
Weber, Mitglied der EVP – also der nach der es nicht besonders gern, wenn der
wie vor stärksten Fraktion – und außer- deutsch-französische Motor brumme,
dem natürlich: Franzose. denn dann hätten alle anderen nicht mehr
Genau das ist das Problem. Vor allem viel zu melden. Jetzt aber würden sich alle
die CDU, also die Deutschen, so heißt es wünschen, dass Deutschland und Frank-
reich sich endlich mal wieder einig wären.
Julia Amalia Heyer, Christiane Hoffmann,
Kanzlerin Merkel, Präsident Macron in Berlin Peter Müller, Britta Sandberg
»Pfleglich miteinander umgehen«

41
Deutschland

Auf verlorenem Posten


Militär Ein Soldat prangert Rechtsextremismus in den eigenen Reihen an, meldet zahlreiche
Verdachtsfälle an den Geheimdienst. Jetzt soll er gefeuert werden.

P
atrick J. wollte Deutschland die-
nen, er war bereit, sein Leben zu
riskieren, wenn es denn nötig sein
würde. Ihm schwebte vor, als Elite-
soldat weltweit im Einsatz zu sein. Doch
aus einer Karriere beim streng geheim agie-
renden Kommando Spezialkräfte wird
wohl nichts. Statt auf verdeckter Mission
im Ausland verbringt Patrick J. seine Tage
mit Fahrdiensten in Ostdeutschland. Die
Bundeswehr hat ihn kaltgestellt.
Die Führung wirft ihm unter anderem
vor, er habe vor zweieinhalb Jahren einen
Untergebenen in der Spezialausbildungs-
kompanie in Pfullendorf grundlos stramm-
stehen lassen. Vor allem aber habe er Dut-
zende Kameraden rechtsextremer Umtriebe
bezichtigt. In vielen Fällen hätten sich die
Vorwürfe jedoch »als übertrieben und halt-
los erwiesen«, heißt es in einem Schreiben
des Personalamts der Bundeswehr an ihn.
Das allerdings ist bestenfalls die halbe
Wahrheit. Denn Patrick J. hat neben zahl-
reichen Fällen, die in einer Grauzone lie-
gen, durchaus handfeste Hinweise auf
rechtsextreme Umtriebe in der Bundes-
wehr geliefert.
So führt der Militärische Abschirm-
dienst (MAD), der Geheimdienst der Bun-
deswehr, laut einem vertraulichen Schrei-
ben des Bundesverteidigungsministeriums
mehrere »nachrichtendienstliche Opera-
tionen zu Verdachtspersonen, die auf In-
formationen des Herrn J. zurückzuführen
sind«. Auch das Bundeskriminalamt prüfe
die Hinweise auf eine »mögliche strafrecht-
liche Relevanz«.
Dennoch wird der Unteroffizier vermut-
lich nur noch wenige Wochen Teil der
Truppe sein. Ende April hat er einen Brief
vom Personalamt bekommen, in dem ihm
seine Entlassung angekündigt wird.
Der Vorgang ist bemerkenswert. Er er-
zählt eine Menge über die Bundeswehr
und große Teile der militärischen Führung,
die Fehlverhalten in den eigenen Reihen
gern ohne großes Aufsehen klären würde
und regelmäßig als bedauerlichen Einzel-
fall abtut.
Zugleich illustriert der Fall die erstaun-
liche Wendung von Verteidigungsministe-
rin Ursula von der Leyen. Ihre Entschlos-
DOMINIK BUTZMANN

senheit zur Aufklärung rechter Tendenzen


in der Bundeswehr hat die CDU-Politike-
rin mittlerweile gegen politischen Pragma-
tismus eingetauscht.
Sollte die Bundeswehr Patrick J. raus-
werfen, würde das ein fatales Signal an all Unteroffizier J. vor dem Bundestag: »Ziemlich viele Einzelfälle«

42
jene Soldaten senden, die sich trauen,
Missstände in der Truppe anzuprangern.
Im Bundestag sorgt der Verdacht, dass
mit J. ein unliebsamer Whistleblower still
und leise entfernt werden soll, bereits für
Unruhe. Nächste Woche will das Parlamen-
tarische Kontrollgremium beraten, ob man
den Soldaten in den abhörsicheren Raum
des Geheimdienstgremiums einlädt, damit
er seine Sicht der Dinge schildern kann.
Patrick J., 31, ein kompakter Mann mit
breiten Schultern, erscheint zum Gespräch
im Berliner SPIEGEL-Büro mit Gepäck.

PATRICK SEEGER / DPA


Darin ist seine Uniform verstaut, akkurat
gefaltet. Für die Fotoaufnahmen vor dem
Reichstagsgebäude legt er sie stolz an.
Bevor er als Zeitsoldat zur Bundeswehr
kam, erzählt J., habe er überlegt, Polizist Wandschmuck*: Auf der Suche nach Wehrmachtdevotionalien
zu werden. Zwischendurch studierte er für
mehrere Jahre Jura. Er habe sich immer
eher dem konservativen Lager zugeordnet te, die Polizei habe Anweisungen, »je- Ähnlich hat Verteidigungsministerin Ur-
als dem linken. den, der sich gegen das antideutsche sula von der Leyen noch im Frühjahr 2017
Schon zu Wehrdienstzeiten vor bald Merkel-Regime stellt, hinzurichten«. argumentiert. Damals war gerade der rechts-
zehn Jahren habe er aber gemerkt, dass Anstatt den Wirrkopf zurechtzuweisen, radikale Soldat Franco A. aufgeflogen, der
einige Kameraden ein rechtslastiges Welt- verlor sich der Soldat selbst in Ver- sich als Flüchtling getarnt und womöglich
bild hätten, das über das hinausgehe, was schwörungstheorien: »Das einzigste über einen Anschlag nachgedacht hatte.
tolerierbar sei. Durch die Flüchtlingskrise was wir sind, sind dumme Arbeiter, die Schnell stand fest, dass es schon Jahre zu-
sei das Problem noch massiver geworden. einer großen GmbH angehören«; vor Hinweise auf die Gesinnung des Solda-
Im Sommer 2016 meldete Patrick J. zum ‣ einen Stabsunteroffizier, der schutzsu- ten gegeben hatte, die aber von Vorgesetz-
ersten Mal einen Verdacht an den MAD. chende Syrer »Fahnenflüchtige« ge- ten als Spinnereien abgetan worden waren.
Patrick J. ist ein Mann mit einer Mission: nannt haben soll. In einer WhatsApp- Von der Leyen blies daraufhin zum
»Die Bundeswehr muss ihr Rechtsextremis- Gruppe habe er ein Foto von einem mit Kampf gegen den »falsch verstandenen
musproblem endlich ernst nehmen«, sagt Nazitattoos übersäten Oberkörper ge- Korpsgeist«. Massiv unter Druck, attestier-
er. Weil sie das aus seiner Sicht bisher nicht postet. SS-Runen sind darauf zu erken- te sie ihrer Truppe ein »Haltungsproblem«.
genügend getan habe, begann er auf eigene nen, ein Porträt von Adolf Hitler und Die Befehlshaberin ordnete eine Durch-
Faust zu recherchieren, in den Kasernen der Schriftzug »Sieg Heil«. Wer der suchung der Stuben in allen Kasernen an
und in den sozialen Netzwerken. Heraus- Mann auf dem Foto ist, ist unklar; und ließ nach Wehrmachtdevotionalien
gekommen ist ein mehr als hundert Seiten ‣ einen Stabsunteroffizier, der auf Insta- fahnden. Generäle liefen Sturm gegen die
dicker Bericht, der inzwischen im Berliner gram mit rechter Szenekleidung sowie Befehlshaberin, viele Soldaten fühlten sich
Regierungsviertel die Runde macht. einem Tattoo posierte, das an einen zu Unrecht pauschal verurteilt. Von dem
Patrick J. hat darin zahlreiche Hinweise Reichsadler erinnert. Unter den Face- Vertrauensverlust in der Truppe hat sich
auf mögliche rechtsextreme Umtriebe in book-Freunden des Mannes fanden sich von der Leyen bis heute nicht erholt.
der Truppe zusammengetragen. Einiges Rechtsextremisten, die das KZ Ausch- Die Ermittlungen gegen Franco A. förder-
spielt sich in einem Graubereich ab, ist ver- witz mit Legosteinen nachbauen oder ten auch Verbindungen zu merkwürdigen
mutlich weder strafbar noch eindeutig ver- zum Geburtstag Hitlers eine Torte mit Chatgruppen zutage, in denen sich Soldaten
fassungsfeindlich. Ansatzpunkte, genauer der Zahl »88« posten, ein Neonazicode und andere Staatsdiener offenbar auf den
hinzusehen, liefert sein Dossier aber alle- für »Heil Hitler«. Zusammenbruch der Bundesrepublik vor-
mal. So entdeckte er etwa: Patrick J.s Material ist derart umfang- bereiteten. Derzeit untersucht der Geheim-
‣ einen Stabsgefreiten, der auf Instagram reich, dass er den Behörden eine CD er- dienstbeauftragte des Bundestags, ob sich
vor der preußisch-königlichen Kriegs- stellte, mehr als hundert Namen meldete ein bedrohliches rechtes Netz gebildet hat.
flagge posierte und sich mit seinen er. Einen Auftrag für die Recherchen hatte Die Ministerin aber hält sich seit ihrem
Hashtags als »Ibster« outete – als Sym- ihm niemand erteilt. Er ist überzeugt, et- harsch kritisierten Vorstoß öffentlich zu-
pathisanten der vom Verfassungsschutz was tun zu müssen, was andere aus fal- rück. Selbst als gut ein Jahr später eine
beobachteten »Identitären Bewegung«; schem Kameradschaftsgeist unterlassen. Abschiedsfeier des Kommandos Spezial-
‣ einen Hauptgefreiten, der sich in Chats »Wenn rechtsextreme Vorfälle in der Bun- kräfte öffentlich wurde, bei der rechte Mu-
als »durch und durch rechts« bezeich- deswehr bekannt werden, ist oft die Rede sik gespielt und der Hitlergruß gezeigt wor-
nete: Er kämpfe »gegen die komplette von bedauerlichen Einzelfällen«, sagt er. den sein sollen, beließ es von der Leyen
Selbstaufgabe der weißen Nationen« Natürlich sei nicht die ganze Truppe rechts- bei der lauwarmen Bewertung, das Spek-
und »den linken Schwachsinn, der ei- lastig, er erhebe keinen Generalverdacht. takel sei »geschmacklos« gewesen.
nem in der Schule, in den Nachrichten »Es sind aber ziemlich viele Einzelfälle.« Dem MAD hat Patrick J. mit seinem
und in den Medien eingeprügelt wird«; Report in den vergangenen Monaten viel
‣ einen Oberstabsgefreiten, der auf Face- Arbeit gemacht. Nie zuvor hat der Militär-
book mit der »Reichsbürgerbewegung« Vor zwei Jahren blies geheimdienst so viele detaillierte Hinweise
sympathisierte, die an der völkerrecht- von der Leyen zum Kampf
lichen Legitimität der Bundesrepublik
zweifelt. Im Netz tauschte sich der Sol-
gegen den »falsch ver- * Darstellung eines Wehrmachtsoldaten, Wehrmacht-
maschinenpistole in Aufenthaltsraum der Kaserne
dat mit einem Mann aus, der behaupte- standenen Korpsgeist«. Illkirch 2017.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 43


auf angeblich rechtsgesinnte Soldaten auf sein will. So soll im Frühjahr 2017, als am Heikel sind auch Grenzüberschreitun-
einmal bekommen. Anders als von der Bun- Zaun der Kaserne im thüringischen Son- gen, die Patrick J. in der Staufer-Kaserne
deswehr wird Patrick J. beim MAD nicht dershausen eine Gruppe mutmaßlicher in Pfullendorf vor etwa zweieinhalb Jah-
als übereifriger Nazijäger abgetan. Der Migranten vorbeilief, ein Oberfeldwebel ren mitbekommen haben will. So habe
Dienst prüft laut Ministerium jeden der sinngemäß gerufen haben: »Igitt, wo kom- dort das Gerücht von Scheinerschießun-
rund hundert Hinweise, er ermittelt gegen men die denn bloß alle her?« gen die Runde gemacht. Ein Kamerad
sieben Soldaten. Die Hinweise sind also kon- Als die Truppe beim Marschieren nicht habe auf seiner Stube rechtsextreme Mu-
kret genug, um eine nachrichtendienstliche die Formation eingehalten habe, habe ein sik gehört, zwei andere hätten unter ihrer
Beobachtung zu rechtfertigen. Die Hürden Unteroffizier angeblich gesagt: »Was wür- Feldbluse einen Ritteraufnäher mit dem
hierfür sind hoch. Zwei weitere Soldaten de Hitler sagen, wenn er euch marschieren einstigen Schlachtruf der Kreuzzügler ge-
hat der MAD ohnehin bereits im Visier. sehen würde?« Und ein Gefreiter habe den tragen, »Deus vult«, Gott will es. Und ein
In zwei der insgesamt neun Fälle wurde weiterer Soldat habe in der Kantine den
der Verdacht auf ein eindeutig rechtsextre- Spruch gemacht: »Wenn du nicht zu Hause
mes Weltbild oder fehlende Verfassungs- Will die Truppe mit bist, dann fickt der Neger deine Freundin.«
treue seit dem Frühjahr ausgeräumt. Die dem angeblichen Einzelne Teile seiner Aussagen bestätig-
anderen sieben Operationen aber laufen ten sich. So hatten Kameraden tatsächlich
noch. Daneben hat der MAD Informatio- Querulanten schnellen Kreuzritterabzeichen bei Ebay geordert.
nen über mehrere der durch Patrick J. ge- Prozess machen? Auch räumte einer der Männer ein, beim
meldeten Zivilisten, die sich in den sozialen Abendessen einen rassistischen Witz ge-
Medien als Rechtsextreme geoutet hatten, macht zu haben, allerdings habe er
an den Verfassungsschutz weitergereicht. Sprachassistenten Siri auf seinem iPhone »Schwarzer« gesagt, nicht »Neger«. Belege,
Für die Bundeswehr und das Verteidi- so eingestellt, dass es ihn mit »mein Füh- dass rechtsextreme Musik gehört wurde,
gungsministerium ist Patrick J. unange- rer« angeredet habe. gab es nicht. Und den schwersten Vorwurf,
nehm. Wie viele Whistleblower ist er kein Das Verteidigungsministerium teilte auf die angeblichen Scheinerschießungen, konn-
ganz einfacher Mensch, er wirkt bisweilen Anfrage mit, man begrüße es, wenn »cou- ten die bundeswehrinternen Ermittler eben-
getrieben. Man kann sich vorstellen, dass ragierte Angehörige der Bundeswehr Hin- falls nicht bestätigen. Die Staatsanwalt-
in der Truppe manche von seinen zahlrei- weise zu möglichen extremistischen Sach- schaft stellte ihre Ermittlungen ein.
chen Schriftsätzen genervt sind. Aber darf verhalten zur Meldung bringen«. Allen Konsequenzen gab es für die Soldaten of-
das ein Kriterium sein? Vorwürfen werde nachgegangen. Man fenbar nicht, für Patrick J. allerdings schon.
In seinem Bericht führt Patrick J. nicht könne aber zu »einzelnen Verdachtsfall- Bei den Zeugenbefragungen beschuldig-
nur Funde aus dem Internet an, sondern bearbeitungen und laufenden Operatio- te ihn einer seiner Kameraden: Er habe
auch Vorfälle, deren Zeuge er gewesen nen keine Angaben machen«. ihn auf der Stube im Schlafanzug stramm-
stehen lassen, einfach so. Was nach einer
Lappalie klingt, ist in der Welt der Bun-
deswehr ein »Missbrauch der Befehlsbe-
fugnis«. Die Justiz verurteilte Patrick J. zu
1500 Euro Geldstrafe, was er nicht hinneh-
men will; er bestreitet den Vorwurf.
Patrick J. ist nun ein Soldat auf verlore-
nem Posten. Der Abend auf der Stube und
seine vielen, angeblich häufig falschen Ver-
dächtigungen hätten gezeigt, dass ihm die
»charakterliche Eignung« fehle, schrieb
ihm die Bundeswehr. Am 15. Juni soll sein
letzter Tag in der Truppe sein.
Es sei denn, in letzter Minute setzt noch
ein Umdenken ein. Nachdem ein Bundes-
tagsabgeordneter und der SPIEGEL diese
Woche Nachfragen zu dem Fall gestellt
hatten, forderte Staatssekretär Gerd Hoofe,
die rechte Hand von Verteidigungsministe-
rin von der Leyen, umgehend die Akten der
Bundeswehr über die geplante unehrenhaf-
te Entlassung an. Schon nach einer groben
Durchsicht wurde Hoofe misstrauisch, denn
die Akten legen nahe, dass die Truppe mit
dem angeblichen Querulanten ungewöhn-
lich schnellen Prozess machen will.
»Der Umgang mit dem Fall J.«, teilte
das Verteidigungsministerium einige Stun-
den später mit, »wird noch mal über-
prüft.« Gleich für Anfang kommender
Woche sei ein Gespräch zwischen Hoofe
und dem Soldaten angesetzt.
Matthias Gebauer,
Wolf Wiedmann-Schmidt
Gemeinsam machen wir das deutsche
Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt.
Erfahren Sie mehr unter www.pkv.de/uwe 44 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019
Deutschland

tern vor Ort gelangen, die Steuerhinter- käme, würde zudem auf personell ausge-
Teures zieher ausfindig machen sollen.
An Daten jedenfalls fehlt es nicht: Das
dünnte Finanzämter treffen. Dort fehlen
bundesweit rund 6000 Beamte.
Bundeszentralamt für Steuern hat für die Sorgen bereiten, zumindest der Oppo-
Versäumnis Jahre 2014 bis 2017 knapp vier Millionen
Datensätze aus EU-Partnerstaaten erhal-
sition und dem Bundesrechnungshof, die
Angaben für das Jahr 2014. Es droht Ver-
ten. Das geht aus der Antwort des Bun- jährung, monieren die Prüfer in einem
Finanzen Bund und Länder tun desfinanzministeriums (BMF) auf eine Gutachten vom Herbst vorigen Jahres.
sich schwer, Steuerdaten aus dem Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervor. Das Scholz-Ministerium wiegelt ab: Für
Ausland zu verarbeiten. Die Die Daten geben Aufschluss über Ver- einen Großteil der Fälle verlängere sich
mögenswerte von durchschnittlich 47 Mil- die Verjährungsfrist, weil die Steuererklä-
Suche nach Betrügern scheitert liarden Euro und Einkommen von 32 Mil- rung nicht immer pünktlich im Folgejahr
an der notwendigen Software. liarden Euro, dazu zählen etwa Einkünfte abgegeben wurde. Hätten die Steuerpflich-
aus Mieten oder Ruhegehälter. tigen die Einkommen absichtlich oder
Hinzu kommen noch einmal 6,5 Millio- leichtfertig verschwiegen, steige die Ver-

F inanzminister Olaf Scholz (SPD) be-


sitzt ein feines Gespür dafür, wann
es sich lohnt, ein Thema zu besetzen.
Ob er zuständig ist oder nicht, spielt dabei
nen Datensätze, in denen Erträge in Höhe
von 478 Milliarden Euro aufgeschlüsselt
werden. Diese Angaben wurden nach
einem OECD-Standard in rund 80 Län-
jährungsfrist sogar auf bis zu zehn Jahre.
Alles also halb so wild? Eher nicht.
Selbst wenn Scholz’ Leute recht hätten,
wären »noch mehrere Hunderttausend
keine Rolle. Zur europäischen Datensätze des Jahres 2014«
Arbeitslosenversicherung äu- von der Regelverjährung betrof-
ßert er sich ebenso wie zur Zu- fen, kritisiert der Rechnungshof.
kunft der Rente – Scholz hat zu Am Ende drohen dem Fiskus
allem etwas zu sagen. deshalb Steueransprüche in Mil-
Leise wird der Minister aller- liardenhöhe zu entgehen.
dings, wenn die Dinge in sei- Auch auf die Verlängerung
nem eigenen Hause nicht plan- der Verjährungsfrist kann Scholz
mäßig laufen. Wenige bis gar nicht bauen. Denn dazu müss-
keine Äußerungen von Scholz ten die Finanzbehörden jeden
finden sich deshalb zu einem einzelnen Vorgang als Fall für
Problem, das Deutschland Mil- die Steuerfahndung anlegen.
liarden Euro kosten könnte. Das ist aufwendig, und auch da-
Es geht um den »automati- für fehlt das Personal.
schen Informationsaustausch« Wahrscheinlich werden sich
steuerrelevanter Daten auf in- viele Finanzämter deshalb mit
ternationaler Ebene. Um sicher- einem Kniff behelfen, der sich
zustellen, dass Steuerpflichtige schon im Umgang mit den Steu-
ihr Geld nicht im Ausland vor er-CDs bewährt hat. Sie wollen
dem deutschen Fiskus verste- die Steuerzahler anschreiben, sie
cken, sind die Behörden auf mit dem Hinweis auf eingelaufe-
Informationen aus anderen ne Informationen verunsichern
Staaten angewiesen. Auch die und dann auf die Möglichkeit der
Abgeltungsteuer ließe sich nur Selbstanzeige verweisen.
abschaffen, wenn Klarheit be- Auf psychologische Tricks
stünde, wie viel Geld im Aus- wollen sich jedoch nicht alle ver-
JENS OELLERMANN / BILD

land noch zu holen ist. Die Steu- lassen. »Steuerdelikte in astro-


er ist vor allem unter Genossen nomischen Summen drohen zu
verhasst, weil sie viele Kapital- verjähren«, kritisiert Markus
erträge pauschal nur mit 25 Pro- Herbrand, Finanzpolitiker der
zent belastet. FDP-Bundestagsfraktion. Und
Scholz’ Schweigen hat einen das nur, weil sich die Finanz-
Grund. Seit einiger Zeit liefern Minister Scholz minister nicht für eine funktio-
die Partnerstaaten zwar eine Alles halb so wild? nierende IT-Infrastruktur ein-
Flut von Daten. Doch sobald gesetzt haben. »Ein Totalausfall
diese in Deutschland anlanden, ist Schluss dern erhoben und betreffen Kapitalerträge für Deutschlands Beitrag im internatio-
mit der geplanten Automatik. Seit Jahren aus den Jahren 2016 und 2017. nalen Kampf gegen Steuerhinterziehung«
werkeln der Bund und die Länder, die für Die Finanzbehörden in Deutschland sei das, schimpft Herbrand.
die Finanzverwaltung zuständig sind, an könnten nun prüfen, ob sich in dem Da- Der Bundesrechnungshof in Bonn will
einer einheitlichen Computersoftware. tenwust Hinweise auf Schwarzgeld oder Scholz und seinen Kollegen aus den Län-
Die wird zwar aufgebaut, die Schnittstel- unversteuerte Zinserträge finden. Wenn dern nun noch ein paar Monate Zeit geben.
len aber funktionieren noch nicht, die Wei- alles glatt liefe. Tut es aber nicht. Im nächsten Jahr werden sich seine Ex-
tergabe der Daten stockt. Zwar hat das Bundeszentralamt damit perten das Verfahren erneut anschauen.
Das Problem ist nicht neu und auch begonnen, die Informationen an die Län- Es ist davon auszugehen, dass sie wieder
nicht allein von Scholz zu verantworten. der weiterzugeben. Bei den Behörden vor etwas zu beanstanden haben.
Schon sein Vorgänger schlug sich mit der Ort sind laut Deutscher Steuer-Gewerk- Christian Reiermann
Frage herum, wie die Daten vom Bundes- schaft bisher jedoch keine Daten an- Mail: christian.reiermann@spiegel.de
zentralamt für Steuern zu den Finanzäm- gekommen. Die Datenflut, wenn sie denn

45
Deutschland

Protokolle
des Grauens
Zeitgeschichte Vor 75 Jahren landeten die Alliierten in
der Normandie, um Hitlers Wehrmacht niederzukämpfen.
Geheime Abhördokumente von Gesprächen
deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft zeigen,
wie diese die Normandieschlacht erlebten.

S
ie leben, aber sie reden vom Ster- ten drehten sich um die eigene Achse, die
ben. Wovon auch sonst, so groß hatten das De-Gaulle-Abzeichen drauf
war der Schrecken, so alltäglich in Rot, und so ein paar Lausejungens,
das Grauen. Jetzt, am 17. Novem- vierzehnjährige oder dreizehnjährige,
ber 1944, sind Georg Hornung und Josef fielen auch auf die Fresse.
Lessman in Sicherheit, zwei deutsche Kriegsalltag 1944.
Soldaten in US-amerikanischer Kriegs- Die Schlacht um die Normandie zählt
gefangenschaft. auch dank Hollywood zu den wohl be-
Was die beiden nicht wissen: Die Ame- rühmtesten Waffengängen der Weltge-
rikaner hören in Fort Hunt bei Washington schichte. Millionen Menschen haben im
mit, was ihre deutschen Gefangenen mit- Laufe der Jahrzehnte Klassiker wie Ste-
einander besprechen, und schreiben es auf. ven Spielbergs »Der Soldat James Ryan«
Die Schlacht um die Normandie liegt einige (1998) gesehen.
Wochen zurück, die Erinnerung ist noch Zum 75. Jahrestag hat der SPIEGEL eini-
frisch. Und so erzählt Hornung an diesem ge Tausend Kopien alliierter Abhörproto-
Tag dem Kameraden, wie ein Major sei- kolle deutscher Kriegsgefangener aus Som-
nem Regiment vorgeschlagen habe, sich mer und Herbst 1944 ausgewertet. Die Ori-
den Alliierten zu ergeben, weil die Lage ginale liegen in Archiven in Washington
aussichtslos gewesen sei. O-Ton Hornung: und London und sind Teil eines größeren
Und unser Regimentskommandeur sag- Bestandes, den die Historiker Sönke Neit-
te zu dem Major, was haben Sie gerade zel und Felix Römer vor wenigen Jahren
gesagt? Und da hat der Major es ihm auftaten und für ihre Forschungen auswer-
wiederholt. Da hat der Regimentskom- teten*. Die Zitate daraus sind hier, um der
mandeur ihm mit der Hand eins über besseren Lesbarkeit willen, teilweise ge-
den Schädel gehauen. Und dann hat er kürzt wiedergegeben.
gesagt: Kameraden, der Mann ist vogel- Manchmal geht aus den Unterlagen
frei, den könnt ihr erschießen. Und da der Name des Gefangenen hervor. In an-
ist einer von uns hingegangen und hat deren Fällen sind nur der militärische
den Major erschossen. Rang, die Einheit sowie Ort und Datum
Auch der Kriegsgefangene Nummer DZ der Gefangennahme vermerkt. Die Pa-
7765 (M) – ein Leutnant der Wehrmacht – piere erlauben es in jedem Fall, dicht an
hat in der Normandie gekämpft. Er ist in die Wehrmachtsoldaten
einem Lager in Trent Park im englischen heranzukommen.
Middlesex inhaftiert. Die Briten hören ihre Was haben sie – vom »Da fuhren dann die Torpedoboote,
Gefangenen ebenfalls ab; laut Protokoll er- Gefreiten bis zum General,
zählt der Leutnant seinen Mitgefangenen: von der Marine bis zur Landungsboote, Trossschiffe,
Da lag ich mit Unteroffizier Winzel allein Waffen-SS – über die al- man sollte es nicht für möglich halten.«
auf der Straßenkreuzung. Ich hatte noch liierte Invasion erzählt?
zwei Maschinengewehre und zwei Ma- Damals, als sie unter sich Zitat aus einem Protokoll
gazine voll, da kamen auf uns zugerannt, waren, als die Erinnerung
vielleicht entfernt noch von uns 200 m, noch frisch war und nicht
ungefähr 20 Amerikaner und ungefähr überformt durch Filme oder Angelesenes
5 De-Gaullisten, dabei noch so halbwüch- aus Büchern.
sige Jungen. Ich sagte: »Winzel, jetzt ist Es begann im Morgengrauen des 6. Juni
die Scheiße am Stinken.« Haben wir bei- 1944 mit der größten Landungsopera-
de uns hinter die Mauer gekniet und ha-
ben mit einem halben Magazin dazwi-
* Sönke Neitzel: »Abgehört«. List; 640 Seiten; 10,95 Euro.
schengehalten. Da kullerten ein paar Felix Römer: »Kameraden. Die Wehrmacht von innen«.
Amerikaner durcheinander, zwei Zivilis- Piper; 544 Seiten; 12,99 Euro.

46
GAMMA / LAIF

Alliierte Soldaten am Omaha Beach im Juni 1944

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 47


Deutschland

tion in der Geschichte der Menschheit. Bundesrepublik, keine Nato, keine US-
Allein am D-Day, dem ersten Tag der Präsenz in Europa heute. Es ist also kein
Invasion, brachten die Alliierten eine Wunder, dass Wissenschaftler und Jour-
Streitmacht aus Großbritannien über den nalisten beinahe jedes Detail der so be-
Kanal nach Frankreich, die beinahe so deutenden Kämpfe ausgeleuchtet haben.
groß war wie die Bundeswehr heute: Wer hat erfolgreicher gekämpft, Briten
mehr als 150 000 Mann und 16 000 Pan- oder Amerikaner? Antwort: am D-Day
zer, Jeeps, Lastwagen. Etwa 1,5 Millionen die Briten, später die Amerikaner.
Soldaten sollten allein in den nächsten Wie viele alliierte Soldaten brachen psy-
acht Wochen folgen – vorwiegend Briten chisch zusammen? Ungefähr 25 000.
und Amerikaner, aber auch Kanadier, Die Abhörprotokolle zeigen nun, wel-
Franzosen, Polen, Tschechen, Belgier, Nie- ches Leid sich hinter den Analysen und
derländer, Norweger. Zahlen verbirgt, welche Furcht die Sol-
Die Normandieschlacht endete mit daten peinigte.
der deutschen Niederlage im Kessel von Wir waren in einem Bunker drin. Wir
Falaise im August 1944. Alle Träume haben fast keine Luft mehr gekriegt; wir
Adolf Hitlers, die Westalliierten aus waren 30 Mann. Kannst dir vor-
Europa zu vertreiben, hatten sich damit stellen, was wir für Angst hatten.
als Illusion erwiesen. Für die Sieger war Wenn die mit den Flammenwer- »Es gab Offiziere, die fanden keinen
der Weg nach Paris frei. Und Hitler muss- fern gekommen wären, auf den
te nun einen Mehrfrontenkrieg führen, einen Ausgang nur, da wären anderen Weg mehr. Die haben auf
den die Wehrmacht nicht gewinnen wir zusammengeschmolzen. ihre eigenen Truppen geschossen.«
konnte. (Ein Unteroffizier, abgehört am
Zurück blieben Tote über Tote, Ver- 10. Juli) Ein Oberleutnant
wundete, eine verwüstete Landschaft. Über den Druck auf Kamera-
Die Wehrmacht beklagte den Verlust von den, die nicht kämpfen wollten:
240 000 Soldaten; Briten, Amerikaner, Ka- Man musste immer 200 bis 300 Meter
nadier verloren ungefähr 225 000 Mann. nach hinten flitzen, die Männer, die in-
Sie wurden in der Normandieschlacht von zwischen stiften gegangen waren, wie-
Bomben zerfetzt, von Maschinengeweh- der ranzuholen, teilweise mit der Pistole.
ren niedergemäht, durch Granaten ver- Ich selbst habe das immer peinlichst ver-
letzt. Zudem kamen knapp 20 000 fran- mieden, obwohl es mir ein paarmal be- waren den Überwachungsprotokollen zu-
zösische Zivilisten um. Längst vergleichen fohlen war, von der Waffe Gebrauch zu folge immer die anderen: Marineoffiziere
Experten das Sterben am Atlantik mit machen. Aber es gab Offiziere, die fan- schimpften über das Heer (»so eine Plei-
dem Grauen von Stalingrad. den keinen anderen Weg mehr. Die ha- te«), Heeresoffiziere über die Marine (»In
Noch wichtiger als die militärische war ben auf ihre eigenen Truppen geschossen. jedem Krieg versagen diese Leute«). Und
die politische Bedeutung der Normandie- (Ein Oberleutnant, abgehört am 6. Juli) alle ätzten über die Luftwaffe. Gängiger
schlacht: Briten und Amerikaner verhin- Über das Plündern der französischen Zivil- Spott: »Wenn du ein schwarzes Flugzeug
derten durch ihre Präsenz auf dem euro- bevölkerung: siehst, so ist es ein Engländer, wenn du
päischen Festland, dass die Rote Armee Oberst Kessler: »Die Fallschirmjäger ha- ein weißes siehst, so ist es ein Amerika-
des Kremldiktators Josef Stalin Deutsch- ben sich benommen wie die Schweine. ner, wenn du gar nichts siehst, ist es die
land und möglicherweise sogar Frank- Hinten in Avranches haben die die Tre- Luftwaffe.«
reich allein besetzte und befreite. Ohne sore der Juweliere mit Hafthohlladun- Der »Führer« hatte der Landung der
die Landung in der Normandie keine gen gesprengt.« Alliierten augenscheinlich gelassen entge-
Oberst Reimann: »Um zu klauen?« gengeblickt. Als er am Mittag des D-Day,
Oberst Kessler: »Ja.« eines Dienstags, auf seinem idyllisch ge-
Oberst Reimann: »Sind das Deutsche?« legenen Berghof bei Berchtesgaden vom
Oberst Kessler: »Deutsche Fallschirm- Beginn der Invasion erfuhr, zeigte er sich
jäger. Es wird alles gedeckt.« (Abgehört sogar erfreut: »Solange sie in England
am 9. August 1944) waren, konnten wir sie nicht fassen. Jetzt
Und natürlich über den Frust der Nie- haben wir sie endlich dort, wo wir sie
derlage. schlagen können.«
Ungefähr 200 000 Deutsche ergaben In der Bevölkerung wurde die Neuig-
sich in der Normandieschlacht. Nur ein keit »mit großer Begeisterung aufge-
kleiner Teil wurde in alliierten Internie- nommen«, wie der Inlandsgeheimdienst
rungslagern abgehört, doch nach ihren des Reichssicherheitshauptamtes meldete.
Aussagen kann es keinen Zweifel geben, Die Rote Armee näherte sich bereits Ost-
dass der Sieg der Alliierten einen Stim- preußen, die Westalliierten hatten Südita-
NATIONAL ARCHIVES, WASHINGTON

mungsumschwung herbeiführte. »Ich bin lien samt Rom befreit, britische und ame-
immer ein Optimist gewesen. Ich habe nie- rikanische Bomber legten Deutschlands
mals geglaubt, dass wir den Krieg verlie- Städte in Ruinen. Da hofften viele, ein Er-
ren, aber heute bin ich davon überzeugt«, folg an der Westfront könnte das Blatt
gestand ein Major, während heimlich ein wenden.
Band lief. Hitler hatte dort mit viel Propaganda-
Und da nur der Erfolg viele Väter hat, getöse den Atlantikwall bauen lassen.
begann bald die Suche nach den Gründen Dieser sollte einen alliierten Angriff so
Dokument aus Fort Hunt für die Niederlage bei anderen. Schuld lange an der Küste aufhalten, bis Ver-

48
kommen – wohl wissend, dass die Mit-
gefangenen vor dem inneren Auge sahen,
was gemeint war.
Und dann kam die alliierte Flotte. Im
Morgengrauen war die Armada vor der
normannischen Küste aufgetaucht, mehr
als 1000 Kriegsschiffe, darunter Schlacht-
schiffe, Kreuzer und Zerstörer, die aus
allen Rohren feuerten, und gut 4000 Lan-
dungsboote: »Wir sahen die ganze Be-
scherung da draußen liegen, Schlacht-
kreuzer am Horizont, so ungefähr 20 Ki-
lometer Entfernung, und da fuhren dann
die Torpedoboote, Landungsboote, Tross-
schiffe, man sollte es nicht für möglich
halten.« So steht es in einem Abhör-
protokoll.
Die deutsche Marine verfügte im Lan-
dungsbereich über gerade einmal einige

ALAMY / LOC PHOTO / MAURITIUS IMAGES


Dutzend Boote. Und an den fünf Lan-
dungsabschnitten kämpften nach Schät-
zungen insgesamt nicht mehr als 2000 An-
gehörige der Wehrmacht.
Die Offiziere hatten sich vor der Inva-
sion schriftlich verpflichten müssen, ihre
Stellung bis zum letzten Mann zu vertei-
digen. Auch Oberst Ludwig Krug unter-
zeichnete ein solches Dokument. Sein
Kapitulierende deutsche Soldaten bei Ravenoville im Juni 1944 Gefechtsstand war jedoch sofort umzin-
gelt, und der enttäuschte Krug (»Ich habe
mir die Invasion anders vorgestellt«) bat
stärkung aus dem Hinterland eintraf. Die Das Grauen von Omaha Beach ist seinen Vorgesetzten um Weisung. Beide
Zahlen waren beeindruckend: Zwischen später vielfach bezeugt worden: die Angst fürchteten offenkundig, vor ein Kriegs-
Nordnorwegen und der spanischen Gren- der Männer in den Booten, das Erbrechen gericht gestellt zu werden, und schoben
ze hatten Soldaten und Zwangsarbeiter wegen des hohen Wellengangs, die Schutz- einander die Verantwortung zu.
rund 17,3 Millionen Tonnen Beton in losigkeit am Strand gegenüber den Deut- Laut Krug verlief das Gespräch wie
Bunkeranlagen verbaut; allein an den schen, die aus ihren höher gelegenen Stel- folgt:
französischen Küsten legten sie 6,5 Mil- lungen auf die GIs feuerten. Krug: »Herr General, ich bitte
lionen Minen. Wie sprachen die gefangenen Soldaten um Befehl.«
Wie aus den Abhörprotokollen hervor- über den Beginn der Invasion? Der General: »Was soll ich Ihnen
geht, wussten die Soldaten vor Ort aller- Viele erlebten am 6. Juni erstmals die befehlen?«
dings um die Schwächen des Atlantikwalls. volle Feuerkraft der größten Luftwaffe Krug: »Herr General, ich weise
Er wies in der Normandie größere Lücken (USA) und der größten Marine (Großbri- auf diesen Befehl hin, den ich
auf. Hitler und die Führung der Wehr- tannien) der Welt. Mehr als 14 000-mal unterschrieben habe.«
macht hatten vermutet, die Invasion werde überquerten alliierte Bomber oder Jäger Der General: »Tun Sie, was Sie für
mehr als 200 Kilometer nordöstlich am im Laufe des Tages den Kanal. Tausende richtig halten.«
Pas-de-Calais stattfinden, und vor allem Fallschirmjäger und hölzerne Lastensegler, Krug: »Wollen Herr General nicht
dort die Befestigungen verstärkt. beladen mit Jeeps oder Haubitzen, lande- einen Befehl geben?«
In der Normandie seien nur einige ten im Hinterland. Der General: »Nein, ich übersehe
Punkte ausgebaut worden, berichtete der »Der Himmel war schwarz. Flugzeug die Lage nicht.«
Major Hans-Joachim Förster einem Mit- nach Flugzeug, unglaublich! Wir gaben auf Krug: »Ich auch nicht.«
gefangenen, »was dazwischenliegt, ist un- zu zählen. Und so tief flogen sie. Sie wuss- Der General: »Handeln Sie nach
gefähr Käse«. ten genau, dass da keine Flak war«, be- Ihrem Gewissen.«
Und ein Obergefreiter rätselte sogar richtete ein Überlebender einem anderen Krug ergab sich.
über den Standort des Bollwerks, das ihn Gefangenen. Das Bombardement sei »un- Heute gilt die Invasion als überwiegend
hatte schützen sollen: »Wo ist denn der glaublich« gewesen. amerikanische Operation. Seit Ronald
Atlantikwall?« Antwort eines Offiziers: Die Gefangenen bedienten sich meist Reagan haben die US-Präsidenten die Er-
»Oben in Calais.« Kommentar des Ober- einer distanzierten Ausdrucksweise. Sel- innerung an den D-Day als Gedenken an
gefreiten: »Da nützt er doch nichts.« ten war die Rede davon, dass Gliedma- einen selbstlosen Kampf amerikanischer
Der alliierte Plan sah vor, am D-Day ßen abgerissen oder Leiber zerfetzt wur- Helden zur Befreiung der Unterdrückten
innerhalb eines 70 Kilometer langen Be- den. Das Stöhnen der Verwundeten, die dieser Welt inszeniert.
reichs bei Caen zu landen. Briten, Ameri- Schreie der Sterbenden, das behielt jeder Allerdings ist die Saga unvollständig,
kaner, Kanadier eroberten vier Strand- für sich, eingekapselt in der Erinnerung, vor allem die Bedeutung der Briten war
abschnitte in etwa einer Stunde; nur am die oft lebenslang nachhing. beträchtlich: Ihre Navy stellte mit Ab-
Omaha Beach kämpften die Amerikaner Stattdessen sprachen die Gefangenen stand den Großteil der Schiffe, die den
fast den ganzen Tag lang und verloren davon, sie seien »kaputt geschossen« wor- Kanal überquerten. Am D-Day waren
rund 4000 Mann. den oder hätten »fürchterliche Hiebe« be- ungefähr so viele Bomber und Soldaten

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 49


der Briten im Einsatz wie der Amerika-
ner. Und der Landungsplan stammte
maßgeblich von dem britischen General
Bernard Montgomery (Spitzname »Mon-
ty«), Befehlshaber der alliierten Boden-
truppen.
Erst später zementierte sich die militä-
rische Dominanz der Amerikaner, wie der
Invasionsexperte Peter Lieb in seinem
Buch »Unternehmen Overlord« schreibt.
Und noch etwas stimmt nicht an der
Heldenversion: Die amerikanischen Sol-
daten kämpften keineswegs so edel, wie
häufig beschworen, was freilich nicht
verdecken sollte, dass sie einen gerech-
ten Krieg führten. Deut-
sche Soldaten wurden
nach der Gefangennah- »Da fing einer hinten an, eine weiße
me vielfach umgebracht
(SPIEGEL 17/2010). Fahne an einem Stock zu wedeln.
Diese gewährten ihrer- Den haben wir dann auf 100 m umgelegt.«
seits auch kein Pardon,
wie die Abhörprotokolle Hasso Viebig
belegen. »Da sind zehn
amerikanische Fallschirm-
jäger gekommen, die haben wir unter
AFP

der Hand abgemacht«, vertraute ein


Obersturmführer der Waffen-SS einem Major Viebig (r.), Kameraden nach Gefangennahme durch Alliierte bei Falaise im August 1944
Mitgefangenen an. Ein Grenadier berich-
tete in kleiner Runde, ein Oberst habe
einen Obergefreiten angeschissen, weil Historiker glauben, dass auf deutscher Sei- einem Stuhl schnupperten, habe Sperrle
der 35 Gefangene gemeldet – und nicht te insbesondere Einheiten der Waffen-SS gesagt: »Was machen die beiden da? Fickt
ermordet hatte. Und anders als die Al- Kriegsverbrechen begingen, auf alliierter ihr schon wieder?« Kommentar des Erzäh-
liierten verübten die Deutschen in Frank- Seite US-Fallschirmjäger und Kanadier. lers: »Kein Wunder, dass wir den Krieg
reich zahlreiche Kriegsverbrechen an Zi- Die Briten hingegen verhielten sich offen- verlieren. Das war das Niveau.«
vilisten. bar weitgehend korrekt. Vermutlich lag es Schon in den Wochen vor dem D-Day
Ein Unteroffizier namens Kaun vom am Selbstverständnis der Truppen Seiner hatten Royal Air Force und U. S. Army Air
Jäger-Regiment 31, ebenfalls in britischer Majestät: Die Ermordung Gefangener galt Forces systematisch Straßen, Brücken,
Gefangenschaft, erzählte laut Abhörpro- als »unbritisch«. Gleise in Frankreich zerstört, die Richtung
tokoll einem Mitgefangenen von einem Die Wehrmacht hätte wohl überhaupt Normandie führten.
Kriegsverbrechen in der Normandie, des- nur eine Chance gehabt, die Invasion ab- Es sei »unmöglich« gewesen, sich auf
sen Zeuge er wurde: zuwehren: wenn es ihr gelungen wäre, der Straße zu bewegen, erzählte ein Leut-
Da waren SS-Leute, die haben da so eine jenes Wettrennen zu gewinnen, das am nant, »was an Reserven von hinten ran-
Kolonne von Gefangenen nach hinten D-Day begann. Noch war der alliierte Brü- geführt worden ist, ist restlos zur Sau
geschleppt, die wurden eskortiert von ckenkopf klein, es ging für beide Seiten gemacht worden«.
sechzehnjährigen Burschen – das war ein darum, möglichst schnell weitere Truppen Dennoch kamen die Alliierten deutlich
ulkiger Anblick! Diese großen Kanadier und insbesondere Panzer heranzuschaffen. langsamer vorwärts als geplant. Erst am
und unsere ausgemergelten, dünnen … Allerdings verfügten die Alliierten über 19. Juli fiel Caen, was für den D-Day vor-
Es war ein Weg von 2 km, und da haben die totale Luftüberlegenheit – ein Dauer- gesehen war.
die Kanadier auch einen Verwundeten thema in Fort Hunt und Trent Park. Man Die britischen wie auch die amerika-
von uns tragen müssen. Und auf einmal sei schon beim Start abgeschossen worden nischen Streitkräfte sind später scharf
stellt der eine von den Gefangenen die und überhaupt nur ganz selten bis zur Front kritisiert worden: zu schwerfällig, zu pas-
Bahre nieder und sagt, er trägt nicht gelangt, jammerte ein deutscher Pilot. siv, zu schwach. Dabei können Armeen
mehr. Nun kommt da ein Panzerwagen Kaum ein Soldat zeigte Verständnis für nur jene Kriege führen, die ihnen ihre Ge-
gefahren, und der hat seinen Kopf oben die eigene Luftwaffe. Er habe doch Hugo sellschaften zugestehen, wie Historiker
raus und sieht da, wie die debattieren. Sperrle erlebt, Generalfeldmarschall und Lieb schreibt. Die Kanadier waren sogar
Da sagt der: »Einen Moment«, steigt zur als Oberbefehlshaber der Luftflotte 3 mit- Freiwillige. Und in den Demokratien in
Turmluke raus, hat eine Spitzhacke in verantwortlich für das Desaster, erzählte Großbritannien, Kanada, den USA war es
der Hand und geht auf den los und sagt, ein Offizier. Das sei ein »Bulle, ziemlich den Wählern wichtig, möglichst wenige
ob er das jetzt heben will, und der sagt: verfettet, der nach jeden paar Worten so Söhne, Brüder, Ehemänner zu verlieren,
»Nein«. Und da hat er erklärt: »Mir ha- stöhnt«. Mit großem Begleitkommando, was zumindest tendenziell gelang. Die
ben sie zu Hause im Sudetenland meinen eigenem Küchenwagen und zwei Hunden Zahl der eigenen Verluste war zwar hoch,
Vater und zwei Schwestern hingemacht, habe Sperrle die Verteidigungsstellungen blieb aber deutlich unter den Erwartungen.
mein Haus und alles, mir ist alles inspiziert. Zum Essen sei er in schneewei- Überrascht erzählte ein deutscher Ma-
wurscht«, und nimmt die Spitzhacke und ßem Anzug erschienen, mit weißen Schu- jor seinen Mitgefangenen von einem Ge-
trifft ihn gerade auf den Schädel. Na, der hen und Monokel, und habe sich vor allem spräch mit einem amerikanischen Offizier.
war natürlich sofort weg. für seine Hunde interessiert. Als die an Der habe erklärt, US-Truppen legten kei-

50 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Deutschland

nen sonderlichen Wert darauf, »tapfer zu bezeichnete ein Landser es, wenn nie-
sein«. Ihnen genüge es, die Wehrmacht mand die sicheren Räume verlassen ZDFZEIT
mit ihrer Überlegenheit zu erdrücken. wollte. Andere berichteten vom »Hori- DIENSTAG, 4. 6., 20.15 – 21.00 UHR | ZDF
Und das taten sie auch. zontschleichen«: Statt wie befohlen auf
Nach den Erzählungen der deutschen schnellstem Weg zur Hauptkampflinie Deutschland und die
Gefangenen muss der Beschuss fürchter- vorzurücken, mäanderten die Männer Flüchtlinge – Die große
lich gewesen sein. »Ich hatte einen Ober- parallel zur Front, in der Hoffnung, es
Bürgermeister-Bilanz
leutnant, ein ganz schneidiger Hund, nach werde sie nicht treffen. Immer mehr Rund 1,6 Millionen Flüchtlinge hat
der dritten Nacht kam der fertig zu mir streckten die Waffen, anstatt den angeb- Deutschland seit 2015 aufgenom-
und sagte: ›Die Leute halten das nicht lichen Heldentod zu sterben. men. Wie haben sie das Land verän-
mehr aus‹«, erzählte Konteradmiral Wal- Man erkenne an Uniform, Haarschnitt, dert? Deutschlands Bürgermeister
ter Hennecke, der sich am 26. Juni ergab. Rasur, ob jemand für Volk und »Führer« ziehen Bilanz.
An der 150 Kilometer langen Front gekämpft habe, meinte einer: »Die ge-
der Amerikaner gingen im Durchschnitt kämpft haben, haben zerrissene Kleider
35 000 Granaten pro Tag auf die Wehr- gehabt, da hat man ausgesehen wie ein
macht nieder. Und so langsam zermürb- Schwein.«
ten die Verluste, die Angst, der Lärm, Angesichts der Überlegenheit der Bri-
der Schlafmangel die Truppe. General- ten und Amerikaner ist es auf den ersten
leutnant Erwin Menny, Kommandeur Blick erstaunlich, dass am Ende der Nor-
der 84. Infanteriedivision, erzählte laut mandieschlacht der Blutzoll beider Seiten
Abhörprotokoll: ungefähr gleich groß war. Doch den Deut-
Durch dieses irre Artilleriefeuer und die- schen spielte das Gelände in die Hände.
se wahnsinnigen Fliegerangriffe waren Teile der Normandie waren von Knicks
die Landser demoralisiert. Wenn da ein durchzogen, die einem Verteidiger De-
Amerikaner auftauchte, auch wenn es ckung boten.
gar nicht notwendig war, dann liefen Und natürlich zahlte sich die Erfahrung
sie eben zurück. Wenn irgendwo mal aus den vergangenen Kriegsjahren aus.
zehn Panzer durchgebrochen waren, Der deutsche Panzer »Tiger« war den al-
was ja kein Unglück ist – das genügte, liierten Modellen überlegen, die 8,8-cm-
dass da eine ganze Division ausriss. Flak bei Briten und Amerikanern gefürch-
Und dann die entmutigende Unterlegen- tet, die Offiziere und Unteroffiziere der Ausbildungszentrum in Essen
heit, die ein Dauerthema unter den Gefan- Wehrmacht dem Gegner oft voraus.
genen war: Panzer, die stehen blieben, Auch an Härte gegenüber den eigenen
weil der Sprit aus war. Geschütze, die ver- Männern, womit einige im Internierungs-
stummten, weil es an Munition mangelte. lager prahlten. Major Hasso Viebig etwa SPIEGEL TV REPORTAGE
Divisionen, die nur über einige Hundert erzählte: DIENSTAG, 4. 6., 23.10 – 1.15 UHR | SAT.1
Kämpfer verfügten. Es wurde langsam hell, und da sahen
Im fünften Kriegsjahr war es unmöglich, wir in der gegenüberliegenden Hecke Ramsch oder Reibach? –
die Verluste auch nur annähernd zu erset- Amerikaner. Da haben wir so etliche
Auf der Suche nach
zen. Mitte Juli verzeichnete die Wehr- umgelegt mit MG und Maschinenpistole.
dem verborgenen Schatz
macht in der Normandie 117 000 Gefallene, Plötzlich ein Saufeuer aus der ganzen Das Auktionshaus Eppli bekommt
an deren Stelle gerade einmal 10 000 neue Hecke mit Kanonen und MG und weiß Post aus dem Weltall: Der Brief soll
Männer traten. Und die Nachrücker waren Gott was allem. Da fing einer hinten an, mit der »Apollo 15« zum Mond ge-
oft nicht die besten Soldaten. Ein Offizier eine weiße Fahne an einem Stock zu flogen sein. Eine geheime Aktion,
klagte laut Abhörprotokoll: wedeln. Den haben wir dann auf 100 m die damals einen Skandal auslöste.
Einen mit verkrüppelter Hand. Zwei umgelegt. Mit einer weißen Fahne, wis- Nun wird die Schmuggelware ver-
hatten Sehschwäche – ganz furchtbar, sen Sie, das passte uns nicht, da hätten steigert. Startgebot: 22 000 Euro.
sie konnten gar nicht schießen. Keiner sie uns lieber totschießen sollen. Hinter den Kulissen eines Auktions-
war im Sportverein, keiner gehörte der Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Leu- hauses.
Partei an, Sportabzeichen hatten, glau- te wie Viebig mit der Gefangennahme
be ich, zwei. Das Alter setzt sich zusam- durch Briten oder Amerikaner belohnt
men: einmal ganz junge Leute, 18-Jäh- wurden, denn der Krieg war für sie vorbei. SPIEGEL GESCHICHTE
rige, 19-Jährige, hatten keinen Arsch in Viebig kehrte 1946 nach Deutschland zu- DIENSTAG, 4. 6., 23.15 – 1.05 UHR | SKY
der Hose; zum Teil ältere Leute, über 35, rück und stieg später zum Brigadegeneral
Nach dem Massaker –
die schon verarbeitet waren, Familien- in der Bundeswehr auf.
Flucht vom Platz
väter. Ja Menschenskind, wem gebe ich Die alliierten Soldaten hingegen muss-
des Himmlischen Friedens
nun die hoch qualifizierten Waffen über- ten weiterkämpfen, bis zum 8. Mai 1945.
haupt? Viele von ihnen bezahlten das mit dem Im Frühjahr 1989 protestieren chine-
Der Feind hingegen verfügte über schein- Leben. Klaus Wiegrefe sische Studenten auf dem Platz des
bar unerschöpfliche Ressourcen. Rund Mail: klaus.wiegrefe@spiegel.de Himmlischen Friedens in Peking. Sie
1200 deutschen Panzern standen bald setzen sich für mehr Freiheit und die
knapp 3800 alliierte Panzer gegenüber, auf Demokratisierung der Gesellschaft
400 000 deutsche Soldaten kamen 1,5 Mil- Video ein. Anfang Juni schlägt die kommu-
Filmaufnahmen von
lionen Männer der Invasionsstreitkräfte. Operation »Neptune« nistische Führung den Aufstand bru-
In der zweiten Julihälfte sank die Kampf- spiegel.de/sp232019normandie
tal nieder. Die Anführer der Bewe-
moral der Deutschen nachweislich. Die oder in der App DER SPIEGEL gung werden zu Staatsfeinden erklärt
»Bunkerkrankheit« breitete sich aus – so und auf Fahndungslisten gesetzt.

51
Deutschland

Parzelle um Parzelle
Umwelt In großen Städten sollen Kleingärten verschwinden, damit dort Wohnungen
und Schulen gebaut werden können. Muss das sein?

L
utz Klinke hat in diesem Frühjahr Wohnungen gebaut, auf Kosten von ker, Verwaltungsangestellte und Kran-
schon die Beete vom Unkraut be- 150 Gärten. Auch in Erfurt, Potsdam und kenpfleger.
freit, jetzt müsste er neuen Rasen Gießen mussten sich Kleingärtner wegen Alle sollen sich ein Stückchen Grün leis-
aussäen, um die vertrockneten Bauprojekten neue Hobbys suchen. ten können, so das Selbstverständnis der
Stellen wieder grün zu bekommen. Und Muss das wirklich sein? Kleingartenvereine. Deshalb schreibt das
die Wände seiner Hütte brauchten einen Ja, sagen die, für die Kleingärten von Bundeskleingartengesetz auch eine güns-
neuen Anstrich. Er weiß nur nicht, »ob Spießern bevölkert werden, die sich vom tige Pacht vor. Selbst in Städten zahlt man
sich der Aufwand noch lohnt«. Rest der Stadtgesellschaft abschotten und nur wenige Hundert Euro pro Jahr für eine
Klinke, 54, von Beruf Handwerker, be- wertvollen Baugrund besetzen. Nein, sa- Parzelle. Sofern man das Glück hat, eine
sitzt eine von 80 Parzellen der Kleingar- gen jene, für die Kleingärten die letzten zu ergattern.Die Nachfrage nach den Par-
tenkolonie »Morgengrauen« in Berlin-Ma- Oasen zwischen durchbetonierten Häuser- zellen ist riesig. Wer in einer deutschen
riendorf. Doch sein grünes Idyll könnte schluchten sind. Großstadt einen Kleingarten haben möch-
bald Geschichte sein. Auf dem Grundstück Der Konflikt um die Lauben ist Aus- te, muss sich jahrelang gedulden. Allein in
sollen ab 2020 eine Schule und eine Kita druck des modernen Verteilungskampfes Berlin stehen zurzeit 12 000 Menschen auf
gebaut werden, so sieht es ein Entwurf des den Wartelisten. Spaten und Harke sind
Senats vor. Noch wird verhandelt, aber wieder hip, fast jede zweite Parzelle wird
wenn es schlecht läuft für Klinke und seine an eine junge Familie vergeben.
Nachbarn, muss die ganze Kolonie weichen. Die Gärten wecken Begehrlichkeiten aus
Es geht um drei Hektar Land. Klinke allen Richtungen. Geht es nach dem Klein-
lässt seinen Blick über die Kleingärten gartenentwicklungsplan des Berliner Se-
schweifen. »Wenn ich diese Fläche sehe«, nats, sollen ab dem kommenden Jahr etwa
sagt er, »dann frage ich mich: Soll hier 850 Parzellen mit Schulen, Sportplätzen
ein Olympiastadion hinkommen? Warum oder Verkehrsprojekten bebaut werden.
brauchen die so viel Platz?« Für ihn geht Wie viele Wohnungen dazukommen, legt
es um die Frage, ob er noch einen Eimer der Stadtentwicklungsplan Wohnen fest.
Farbe für seine Hütte kaufen soll. Für Ber- Noch ist er nicht beschlossen, doch laut der
lin geht es darum, was in einer wachsen- Senatsbaudirektorin haben die Planer
den Großstadt Vorrang hat: neue Schulen, 26 Kolonien im Blick, die ab 2030 für 7000
Straßen und Wohnungen? Oder die Nah- Wohnungen in Anspruch genommen wer-
erholung seiner Bürger? den könnten. Die Behörden versprechen
Deutschland ist das Land der Klein- den Gärtnern, Ersatzflächen anzubieten.
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

gärtner, laut dem Bundesverband Deut- Der Landesvorsitzende vom Bund Deut-
scher Gartenfreunde gibt es hierzulande scher Architekten fordert sogar, so viele
900 000 Parzellen. Fünf Millionen Men- Kleingärten zu opfern, dass 300 000 Woh-
schen nutzen einen Kleingarten, sie pflan- nungen Platz finden. Ähnlich denkt Chris-
zen Tomaten und Radieschen an oder su- tian Müller, Vorstandsmitglied der Bau-
chen in ihrem eigenen kleinen Reich Ab- kammer in Berlin. Seit Jahrzehnten würden
stand vom stressigen Alltag. Hobbygärtner Klinke Kleingärtner »wie heilige Kühe« behandelt,
Seit Planer, Politiker und Investoren in »Warum brauchen die so viel Platz?« sagt der Ingenieur. Sich in Zeiten von ex-
den Großstädten die letzten Baulandreser- plodierenden Mieten und Wohnungs-
ven zusammenkratzen, sind die Kolonien in den Ballungsräumen. Es ist der Kampf notstand nicht an die Gärten ranzutrauen,
akut gefährdet. Sie liegen oft günstig, mit- um das wertvollste Gut, das es in Städten halte er für »eine Fehlentscheidung«. Kürz-
ten in Wohngebieten mit guter Anbindung heutzutage gibt: Platz. lich verschickte seine Baukammer eine
und Infrastruktur. Würde man die Hütten Seit 27 Jahren hat Kleingärtner Klinke Pressemitteilung: »20 Prozent der Klein-
abreißen, könnte man sofort losbaggern. seine Laube in Berlin. Weil damals das gärten an Straßenland bebauen heißt
Zumal die Grundstücke der Kleingärten Geld nicht reichte für ein Haus mit 200 000 Neubauwohnungen.« Er erntete
oftmals in städtischem Besitz sind. Garten, legte er sich den Kleingarten zu, einen Shitstorm der Pächter.
In den vergangenen fünf Jahren ver- erzählt er. Fast jeden Tag kommt er her, Müller sagt: »Das Problem ist, dass wir
schwanden in Deutschland insgesamt kümmert sich um den Rhabarber. Er ist seit drei Jahren nicht hinter dem Bedarf
6500 Kleingärten, weil die Flächen umge- stolz auf seinen Kirschbaum, genießt an neuen Wohnungen hinterherkommen.«
wandelt wurden oder noch werden. Das es, die Vögel zwitschern zu hören. Die Das ist nicht nur in Berlin so. Laut einer
geht aus einer bislang unveröffentlichten Kolonie »Morgengrauen« ist fast hundert Studie der Hans-Böckler-Stiftung fehlen
Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- Jahre alt, über die Hecken und Zäune hin- in deutschen Großstädten fast zwei Mil-
und Raumforschung hervor. In Hamburg- weg grüßen sich Urberliner wie Klinke, lionen bezahlbare Wohnungen, selbst in
Barmbek hat es 330 Gärten erwischt, aber auch Menschen mit türkischen oder Moers oder Ulm gibt es viel zu wenig.
dafür entstehen 1400 Wohnungen, in Ber- indischen Wurzeln. Unter Kleingärtnern Die Bundesregierung hat sich deshalb
lin-Schmargendorf werden derzeit 1000 findet man Lehrerinnen und Informati- vorgenommen, bis 2021 rund 1,5 Millio-

52 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

Kolonie »Morgengrauen« in Berlin-Mariendorf: Würde man abreißen, könnte man sofort losbaggern

53
Deutschland

nen neue Wohnungen zu schaffen. Wie verfasste einen offenen Brief an die Ober- leicht so, wie es derzeit in Hamburg ver-
das funktionieren soll, weiß niemand so bürgermeisterin, veranstaltete Pressekon- sucht wird. Jedes Jahr, so hat es der Senat
genau. Manche Planer wollen zusätzlichen ferenzen, organisierte Demos. Burg hielt 2011 entschieden, sollen 10 000 neue Woh-
Wohnraum auf Park- und Bürohäuser set- Vorträge in der Bezirksvertretung, sie er- nungen gebaut werden. Gleichzeitig muss
zen. Andere wollen zur Nachverdichtung zählte, dass stündlich 5000 Fahrzeuge an die Stadt ein Versprechen einhalten, das
auch an die Kleingärten ran. der Kleingartenanlage vorbeirauschen und sie dem Landesbund der Gartenfreunde
Es gibt ein Menschenrecht auf Wohnen, dass die Obstbäume und Beerensträucher vertraglich zugesichert hat: Für jeden
es ist im Sozialpakt der Vereinten Natio- dringend benötigten Sauerstoff produzie- Kleingarten, der aus triftigen Gründen wei-
nen verankert. Von einem Recht auf einen ren würden. Sie erzählte, dass in den Klein- chen muss, wird Ersatz geschaffen.
Schrebergarten steht dort nichts. gärten Eulen und Falken Schutz fänden. Marianne Haustein, 67, ist eine der
Ein Anruf beim Bundesverband Deut- Und dass Freiland in den Städten genauso Kleingärtnerinnen, die es womöglich trifft.
scher Gartenfreunde. Der Geschäftsführer wichtig sei wie Bauland. Ihre Parzelle im Heimgartenbund in Alto-
Stefan Grundei ist ein freundlicher Mann Am Ende stimmte der Stadtrat dagegen, na ist 450 Quadratmeter groß, seit vielen
mit ruhiger Stimme, man darf ihn nur nicht die Bebauung der »Flora«-Anlage weiter Jahren bewirtschaftet sie den Garten. Jetzt
auf die Neubaupläne ansprechen: »Wir re- zu prüfen. Burg ist trotzdem nicht beruhigt. soll auf dem Grundstück eine Schule ent-
den ständig davon, wie wir mit den Folgen »Es wird weitergehen«, sagt sie, »Klein- stehen, möglicherweise sogar zwei. Und
des Klimawandels fertigwerden, wie Städ- gärten werden wieder und wieder von neue Wohnungen müssen auch her.
te und Regionen robuster werden gegen der Politik infrage gestellt, weil es leider Haustein wird deswegen wohl umzie-
Starkregen und Hitzeperioden. Wir reden hen müssen. Ihr neuer Garten würde über
davon, dass wir Artenvielfalt erhalten wol- der Autobahn A 7 liegen. Die wird gerade
len, und gleichzeitig machen wir Kleingär- an einigen Stellen überdacht, um Lärm
ten platt? Das ist doch verrückt.« und Schmutz einzudämmen. Auf den
Grundei sagt, dass von den Kolonien Deckeln wird Platz für rund 400 neue
sehr wohl alle in den Städten profitierten. Kleingärten entstehen.
Die Gärten würden Lärm abpuffern und Die Kleingärtner in Altona wehren sich
seien »Frischluftschneisen«. Das Grün in gegen die Umzugspläne. Der Hamburger
den Anlagen würde an heißen Sommerta- Wohnungsbaukoordinator Matthias Kock
gen die Temperatur in den Städten senken. sagt, er könne den Frust verstehen. Trotz-
»Die Gärten sind damit ökologische Kli- dem sei das »die Lösung, von der die meis-
maanlagen.« ten Menschen profitieren« würden: Mehr
Wer ihm zuhört, ahnt: Die Hobbygärtner Wohnraum, weniger Verkehrsbelastung,
lassen sich nicht einfach so aus ihren Lau- und die Kleingärtner stünden nicht mit lee-
ben vertreiben, ihre Lobby ist stark. Das ren Händen da. Die versprochenen Ersatz-
mussten zuletzt auch die Stadtplaner in parzellen werden allerdings wohl deutlich
MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL

Köln erfahren, als sie es mit Barbara Burg kleiner ausfallen.


und ihren Mitstreitern zu tun bekamen. Hobbygärtnerin Haustein fällt es schwer,
Burg, 56, Fotografin und Hobbygärtne- sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Zur
rin, hat an einem Tisch in ihrer Parzelle Not, sagt sie, werde sie auf den Deckel
im Kölner Stadtteil Nippes Platz genom- umziehen, so wie ihre Nachbarn auch.
men. Sie habe »hart dafür gekämpft«, dass »Zumindest bleiben wir dann als Gemein-
sie heute noch unter ihrem Kaiser-Wil- schaft beisammen.«
helm-Apfelbaum sitzen könne, erzählt sie. Laubenbesitzerin Burg Auch ihre Kollegen in Köln und Berlin
Der Kleingartenverein »Flora« hat 322 »Der Umgang mit Grün ist diabolisch« kämpfen weiter. Kleingärtner Klinke rech-
Parzellen, sie liegen auf dem Inneren net zwar damit, dass im Februar die Kün-
Grüngürtel, einem schmalen Bogen aus im Trend liegt, überall die Böden zu ver- digung kommt, aber er will nicht einfach
Wiesen, Bäumen und Parks, der sich um siegeln.« so aufgeben. In der Kolonie »Morgengrau-
das Kölner Stadtzentrum legt. Burgs Gar- Burg zieht ein Tablet aus ihrer Tasche. en« wollen sie nun Unterschriften sam-
ten befindet sich neben vierstöckigen Häu- Darauf hat sie eine Präsentation gespei- meln und Protestplakate aufhängen.
sern, mit dem Fahrrad sind es von hier nur chert, in der sie mit Fotos dokumentiert In Köln hat Gärtnerin Burg kürzlich
zehn Minuten zum Hauptbahnhof, ein hat, wo in Köln zuletzt Grünflächen ver- einen Brief von der Stadt bekommen. Un-
Sahnestück für den Wohnungsbau. schwunden sind. 22 Kunstrasensportplät- ter ihrer Parzelle seien »sehr hohe Boden-
Vor drei Jahren zog das Amt für Stadt- ze mit Hunderten Tonnen Granulat da- belastungen« aufgrund von Altablagerun-
entwicklung die Kleingartenanlage für rauf gibt es laut Burg inzwischen. Für den gen festgestellt worden, schrieb das Amt
eine Wohnungsbauoffensive in Betracht. 23. Platz seien kürzlich mehr als 20 Bäu- für Landschaftspflege und Grünflächen.
Die Fläche gehört der Stadt, der Verein me gefällt worden. »Der Umgang mit Burg vermutet dahinter einen Trick, um
ist nur Pächter. Burg erzählt, sie habe aus Grün in der Stadt ist diabolisch.« sie doch noch loszuwerden. Sie traut der
der Zeitung von den Plänen erfahren. Sie Aus dem Kölner Baudezernat ist zu hören, Stadt inzwischen alles zu.
und andere Gärtner gründeten eine dass es »derzeit keine Pläne« gebe, Klein- Lukas Eberle, Anna-Lena Jaensch,
Bürgerinitiative, die Grüne Lunge Köln. gärten zu opfern. Man wolle die Klientel in Veronika Völlinger
Schnell hatten sich mehr als hundert Geg- den Kleingärten nicht weiter vergraulen. Mail: lukas.eberle@spiegel.de
ner des Bauvorhabens zusammengefun- »Wer Kleingärtner quält, wird abge-
den, eine schlagfertige Truppe im Kampf wählt«, lautet ein Slogan, der in den Gar-
ums Grün. tenkolonien kolportiert wird. Die Urbani- Video
Kampf für Kölns
Sie setzte eine Onlinepetition auf, sierung wird das nicht aufhalten, bis 2050 Grüne Lunge
»Kleingärten schützen, Bebauung verhin- werden voraussichtlich 84 Prozent der spiegel.de/sp232019schrebergaerten
dern«, in gut sieben Monaten unterschrie- Deutschen in Städten leben. Es müssen oder in der App DER SPIEGEL
ben 20 000 Menschen. Die Grüne Lunge also Kompromisse gefunden werden, viel-

54 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


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THOMAS DASHUBER / DER SPIEGEL
Dozent Dietrich an der Bundeswehr-Universität München: »Kritische Geister hervorbringen«

im militärischen Nachrichtenwesen anstre-

Die Master-Spione ben. Oder Mitarbeiter des BND oder eines


Amts für Verfassungsschutz. Ihre Identität
bleibt geheim. Uwe Borghoff, Vizepräsi-
dent der Bundeswehr-Uni München und
Studium Wie wird man eigentlich Geheimdienstler? Hochschulen einer der beiden Leiter des Studiengangs,
in Berlin und München bilden Führungskräfte für die sagt nur so viel: »Jeder ist hier immatri-
deutschen Sicherheitsbehörden aus. Nicht jeder ist willkommen. kuliert mit einem Namen.«
Die Schutzmaßnahmen hätten ihren
Grund, sagt Jan-Hendrik Dietrich, Profes-

S ein Name ist frei wählbar, den ech-


ten gibt er sowieso nicht preis. Also
soll er hier Frank Müller heißen.
Frank Müller ist 47 Jahre alt, seit 15 Jahren
Initiative, den Studiengang einzurichten,
kam vom Kanzleramt. Es will Führungs-
nachwuchs für die Verfassungsschutzäm-
ter in Bund und Ländern sowie den Bun-
sor an der Hochschule des Bundes und
Borghoffs Co-Leiter. Die Planer des Stu-
diengangs wollten ausschließen, dass ein
ausländischer Dienst eine angehende Ge-
im Dienst, gelernter Verwaltungsbeamter desnachrichtendienst (BND) heranziehen. heimdienstfachkraft ins Visier nehme und
und arbeitet für den Verfassungsschutz Bislang gab es Fortbildungen hier und Kur- anwerbe.
Niedersachsen. Der Mann ist spezialisiert se da, aber kein abgestimmtes Curriculum. Wer MISS-Master werden will, muss
auf Rechtsextremismus, zuletzt war er Drei Dutzend Männer und Frauen stu- sich der höchsten Sicherheitsüberprüfung
nicht operativ tätig. dieren auf dem umzäunten Gelände eines Ü3 unterziehen, berichten die Studienlei-
Die Angaben lassen sich nicht überprü- ehemaligen Fliegerhorsts in Neubiberg. ter. Das aufwendige Verfahren koste pro
fen, es ist unklar, welche Details die Aus- Dort hat die Universität der Bundeswehr Person bis zu 50 000 Euro. Die Biografie
sagegenehmigung umfasst, die er vor dem München ihren Sitz. Sie bietet den Studien- des Bewerbers wird genau durchleuchtet.
Interview mit einem Journalisten bei sei- gang gemeinsam mit der Hochschule des Der Kandidat muss drei Bekannte benen-
nen Vorgesetzten einholen musste. Gesi- Bundes für öffentliche Verwaltung in Ber- nen, die zu seinem Lebenslauf befragt wer-
chert ist hingegen, dass Müller gerade eine lin an. Auf dem Lehrprogramm stehen den können. Wer die Überprüfung über-
Juravorlesung verlassen hat, um in einem Lesungen von Islamwissenschaftlern und steht, muss sich alle Reisen in Staaten mit
Nebenraum Auskunft zu geben, warum er Russlandexperten ebenso wie Referate aus besonderen Sicherheitsrisiken – unter an-
studiert: Ihn interessiere das Auswerten der Bundesanwaltschaft oder Terrorismus- derem China und Russland – von seiner
großer Datenmengen, aber auch der ethi- Fallstudien. Dienstbehörde genehmigen lassen.
sche Rahmen nachrichtendienstlicher Ar- Der Masterstudiengang ist auf zwei Jah- Den Studiengang dürfen derzeit nur
beit. »Man muss aufpassen, dass man nicht re angelegt, 120 Credit-Points werden nach deutsche Staatsangehörige belegen. Dabei
meint, mit undemokratischen Mitteln die dem gängigen Studienpunktesystem ver- ist eines der Ziele des Programms der pro-
Demokratie schützen zu müssen.« geben. Wer mitmachen will, braucht einen fessionelle Austausch, um sich internatio-
Um über solche Fragen zu reflektieren, Bachelor oder einen vergleichbaren Ab- nalen Standards anzunähern. In den USA
hat Müller sich für den neuen Studiengang schluss. Mittelfristig soll es rund 70 Plätze und Großbritannien gibt es solche Studien-
»Master in Intelligence and Security Stu- pro Jahrgang geben. Aber sich einfach mal gänge längst. Experten lehren in Oxford,
dies« (MISS) eingeschrieben. Die Teilneh- bewerben? Das geht nicht. Die Studenten in Cambridge oder am King’s College in
mer lernen in München und Berlin. Die sind Bundeswehroffiziere, die einen Job London. »Das Fach ist dort im Unter-

56 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Deutschland

schied zu Deutschland positiv besetzt«, Ein Hauptziel des Studiengangs sei es, Staatssekretär, der im Kanzleramt für die
sagt Hochschullehrer Dietrich. »kritische Geister hervorzubringen«, sagt Geheimdienste zuständig ist. Die Kosten
In Deutschland sind die Geheimdienste Leiter Dietrich. »Wir wollen nicht zeigen, tragen die Hochschule des Bundes und
mit einigen der dunkelsten Kapitel der Ge- wie man besser spionieren kann. Es soll die Bundeswehr-Uni in Neubiberg. In Neu-
schichte verwoben. Auf das Reichssicher- reflektierter zugehen.« In den Kursen biberg baut der Bund ohnehin für meh-
heitshauptamt und die Gestapo folgten die taucht immer wieder der Umgang der zu- rere Millionen Euro große IT-Kompetenz-
Stasi in Ostdeutschland und Behör- zentren mit zusätzlichen Profes-
den im Westen, in denen niemand suren auf.
zurückblicken mochte. »Bei uns Vom Know-how vor Ort profi-
bleibt das Bild: antidemokratisch, tieren die angehenden Nachrichten-
ungesetzlich«, sagt der Lehrbeauf- dienstler ebenso. »Unsere Absol-
tragte Wolfgang Krieger, pensionier- venten«, sagt Borghoff, »sollten
ter Professor an der Universität Mar- sich mit Spezialisten unterhalten
burg. Kaum ein journalistischer Text können.« Dabei gehe es weniger

EON PRODUCTIONS / AP
über Nachrichtendienste komme um potente Spähprogramme als
ohne den Begriff »Machenschaften« etwa darum, Datenbanken mitei-
aus, beklagt der Zeithistoriker. nander zu verknüpfen. Im Vertie-
Er sieht jedoch nicht nur Image- fungsfach »Intelligence and Cyber
probleme, sondern auch Defizite in- Security« lernen Studenten unter
nerhalb der Dienste. »Es gehört James-Bond-Darsteller Daniel Craig: »Positiv besetzt« anderem Verschlüsselungstechnik.
nicht zur deutschen Tradition, sich Die Chancen der Absolventen
mit den eigenen Fehlern zu beschäf- scheinen auch außerhalb der Behör-
tigen«, sagt Krieger. »Die angelsächsischen ständigen Ämter mit der rechten Terror- den nicht schlecht. Reiseunternehmen und
Dienste sind sehr viel selbstkritischer.« gruppe NSU auf. »Der NSU ist ein Lehr- Technologiekonzerne hätten sich schon
Hierzulande lasse man sich auch im Nach- stück, wie man es nicht machen sollte«, nach den künftigen MISS-Absolventen er-
hinein nur ungern in die Karten schauen. sagt Dietrich. »Insofern ist die Akademi- kundigt, berichtet Borghoff. Andere An-
Der Zugang zu ehemals klassifizierten Do- sierung eine Reaktion auf dieses Desaster.« rufer seien indes abgewiesen worden: allzu
kumenten sei vergleichsweise restriktiv, Erst politische Gremien hätten das NSU- Wissbegierige aus dem Ausland.
für den Blick auf vergangene Entscheidun- Versagen aufgearbeitet. Jan Friedmann
gen fehle Historikern wie ihm der Zugang Die Politik redet auch beim neuen Stu- Mail: jan.friedmann@spiegel.de
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Gesellschaft
»Mutige Reden führen die Zuhörer immer irgendwohin.« ‣ S. 62

1953 verunglückte Chet Miller. 1952

Früher war alles schlechter


1 2 2 4 1 1956 2 1 1
Nº 178: Tod in der Formel 1
1962

1963 1965 1971 1972 1976 1979


1 1 1 1 1 2 2 1 1 1 1 1980

1981

1999
1998 1997 1996 1995 2 1993 1992 1991 1990 1989 1988 1987 1986 1985 1984 1983 2

1994: Roland Ratzenberger und Ayrton Senna


2000

2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2015 2016 2017 2018 2019
1

Fahrer, die bei der Weltmeisterschaft im Training oder während des Rennens verunglückten und starben
2014: Unfall Jules Bianchi

Der Tod fuhr immer mit. So auch in der siebten Runde des Gro- in die Zuschauer flog, 15 von ihnen tötete und 60 weitere ver-
ßen Preises von San Marino, als Ayrton Senna in seinem Renn- letzte. Oder der 5. September 1970, als Jochen Rindts Lotus nach
wagen aus der Tamburello-Kurve schoss und in die Strecken- einer Karambolage auseinanderbrach und Rindt posthum zum
begrenzungsmauer knallte. Die Fernsehbilder von diesem 1. Mai Weltmeister gekürt wurde. Während die Autos immer schneller
1994 zeigen Sennas Rennwagen aus der Hubschrauberperspek- wurden, starben in den Sechziger- und Siebzigerjahren insgesamt
tive, ein Wrack ohne Frontflügel und rechtes Vorderrad. Stunden 16 Fahrer. Sennas Unfall markiert eine Zeitenwende. Bis zum Tod
später erklärten Ärzte den wahrscheinlich besten Rennfahrer Jules Bianchis 2015 gut neun Monate nach seinem Unfall blieb
aller Zeiten für tot. Bereits am Vortag war der Österreicher Senna 21 Jahre der letzte Fahrer, der an den Unfallfolgen starb.
Roland Ratzenberger in der Qualifikation tödlich verunglückt. Als Reaktion auf seinen Unfall 1994 reduzierte die Dachorganisa-
Das Wochenende im Mai 1994 gilt als eines der schwärzesten in tion FIA den Motorhubraum der Autos, verschärfte die Crash-
der Geschichte dieses Motorsports. Senna war der 31. Tote der tests und veränderte die Streckenführungen. Die Folge ist, dass
Formel 1 seit ihrem Start 1950. Unvergessen ist auch der 10. Sep- Formel-1-Fahrer heute kaum noch bei der Ausübung ihres
tember 1961, als der Ferrari von Wolfgang Graf Berghe von Trips Berufs sterben. Das Risiko bleibt. Max Polonyi, gesellschaft@spiegel.de

Erziehung synchronisiert. Wer sich dort einen Krimi fremdsprachige Serien und Filme als
Sollten unsere Kinder aus den USA anschauen will, muss das auf Anreiz gut. Wenn sie untertitelt sind, ist
Englisch tun und dabei lesen. Also wird das Gehirn mehr gefordert. Wir konzen-
mehr Serien gucken, auch die Lesekompetenz gefördert. trieren uns besser auf die Sprache, weil
Herr Boeckmann? SPIEGEL: Sollten Kinder also mehr Pro-
duktionen mit Untertiteln sehen?
wir mitlesen. Das funktioniert sogar für
die Muttersprache. Wissenschaftler in
Klaus-Börge Boeckmann, 54, ist Boeckmann: Ja. Es gab schon Experimen- Indien haben Teile von Bollywoodserien
Sprachendidaktiker an der Pädagogischen te, bei denen Kinder, die kein Wort Unga- untertitelt und damit funktionalen An-
Hochschule Steiermark. risch konnten, Filme mit ungarischen alphabeten das Lesen beigebracht.
Untertiteln anschauten. Hinterher konnten SPIEGEL: Schauen Sie sich Filme und
SPIEGEL: Stundenlang Serien anschauen sie ein paar Worte Ungarisch. Man nimmt Serien in fremden Sprachen an?
macht dumm, sagen viele Eltern. Es kann Untertitel wahr, auch wenn man es nicht Boeckmann: Ja, und es funktioniert auch
auch schlauer machen, sagt ein Befund will. Natürlich funktioniert das nur, wenn umgekehrt: Man sieht den Film auf
der University of London – wenn es die Kinder alt genug sind, um mitzulesen. Deutsch und schaltet die Untertitel auf
Serien mit Untertiteln sind. Stimmt das? SPIEGEL: Ist die Schrift Englisch ein. Mit »Down-
Boeckmann: Die EU-Kommission hat mal so wichtig? Die Mutter- ton Abbey« habe ich
die Fremdsprachenkompetenz zwischen sprache lernt man ja es so gemacht. Die beiden
Ländern verglichen, in denen eher syn- auch, ohne lesen und Sprachen verschmelzen.
chronisiert wird, wie in Deutschland, oder schreiben zu können. Kurz danach konnte
nicht synchronisiert, aber untertitelt, wie Boeckmann: Bei der ich gar nicht mehr sagen,
in Skandinavien. Skandinavier können Zweitsprache ist es ob ich die Folge auf
KIKA

besser Englisch als die Deutschen. Auch in so: Wir müssen sie ler- Deutsch oder auf Englisch
den Niederlanden wird traditionell nicht nen wollen. Da sind »Peppa Pig«-Szene gesehen hatte. CAT

60 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Er sah, wie sich ein Mann dem Chevrolet näherte. Der Mann
Eine Meldung und ihre Geschichte
öffnete die Tür, setzte sich auf den Fahrersitz und startete
den Motor.

Klack, klack Chance habe zuerst gedacht, der Mann sei von einem Park-
service, der zum Krankenhaus gehört. Doch der Mann sprach
eine Sprache, die Chance nicht verstand. Er konnte nicht
vom Parkservice sein. »Die Leute vom Parkservice sprechen
Wie ein Junge zum Helden von Ohio wurde meistens Englisch«, sagt Chance am Telefon.
Irgendetwas stimmte hier also nicht.
Nita Coburn hörte die Schreie ihrer beiden Urenkel, so

F ür Chance Isaiah Blue, acht Jahre alt, begann der


25. April wie ein normaler Donnerstag. Er trug ein
T-Shirt, auf dem eine Gruppe von Superhelden namens
Avengers zu sehen war, er frühstückte Cornflakes mit Milch
erinnert sie sich heute. Sie ließ den Rollstuhl los und rannte
hinaus. Der Mann trat aufs Gaspedal, das Auto beschleunigte.
Chance schnallte sich ab. Er hätte jetzt einfach aus der linken
Tür springen können, in die Freiheit, doch seine Schwester
und spielte mit seiner Schwester vor der Haustür Football. war noch angeschnallt. Also rollte sich Chance auf ihre Seite,
Es waren Osterferien in Middletown, einer kleinen Stadt im half ihr beim Abschnallen, griff ihren Arm und stürzte sich
US-Bundesstaat Ohio. aus der rechten Seitentür. Sein Körper hing schon halb aus
Dass dieser Tag nicht so normal enden würde, wie er be- dem Auto, da langte der Mann nach hinten und erwischte
gonnen hatte, dass Chance nur wenige Stunden später sich den Pullover, den Skylar um die Hüfte gebunden hatte.
selbst und seine zehnjährige Schwester Skylar aus einem fah- Chance zog an ihrem Arm und zog, dann fielen beide auf
renden Auto retten würde, war an diesem Morgen nicht ab- den Asphalt.
zusehen. Nita Coburn war währenddessen dem Auto hinterher-
Am Telefon erzählen er und seine Urgroßmutter Nita gerannt und bekam den Türgriff zu fassen. Sie riss die Tür
Coburn wenige Tage später von seiner heroischen Tat, de- auf, der Mann zog sie wieder zu. Wenige Meter lief sie mit,
rentwegen ihn Politiker im Senat von Ohio ehrten und die dann fiel auch sie hin. Dass ihre Urenkel sich zu diesem Zeit-
»Washington Post« die Poli- punkt schon aus dem Auto
zei zitierte mit den Worten: befreit hatten, bekam sie zu-
»Dieser kleine Junge ist ein erst nicht mit. Das Auto raste
Held.« davon.
Chance und Skylar sind Man kann sich die Szene
Halbgeschwister. Sie wuchsen im Internet anschauen, eine
beide nach ihrer Geburt zu- Überwachungskamera des
erst bei ihrer anderen Urgroß- Krankenhauses hat die Ret-
mutter auf, bis die verstarb. tungsaktion von Chance ge-
Ihre leibliche Mutter ist ab- filmt.
hängig von Opioiden, Ohio ist Skylar hatte sich den Knö-
einer der US-Staaten, die von chel aufgeschürft, Nitas Hand
der Schmerzmittelepidemie lief später blau an, Chance
FOX NEWS

am stärksten betroffen sind. blieb unverletzt.


Nita Coburn sagt: »Chance Die Polizei stoppte den
und seine Schwester hatten ei- Geschwister Chance, Skylar Mann nicht weit entfernt von
nen holprigen Start ins Le- Chance’ Haus. Sie identifizier-
ben.« Heute kümmern sich te ihn als Dalvir Singh, einen
Coburn, 69, und Großtante 24-Jährigen, der wegen seiner
Angela zusammen um die bei- Heroinabhängigkeit im Kran-
den Kinder. kenhaus behandelt wurde. Ob
Am besagten Tag im April, Von der Website Rtl.de er nur den Wagen stehlen
es war mittlerweile Nachmit- wollte oder auch die beiden
tag, klagte Angela wieder über Magenschmerzen. Sie war Geschwister entführen, wird gerade in einer Gerichtsver-
zwei Tage lang nicht zur Arbeit gegangen. Sie stiegen ge- handlung geklärt.
meinsam in Coburns silbernen Chevrolet Malibu, die Groß- Chance und Skylar hätten den Rest des Tages noch viel
tante auf dem Beifahrersitz, Nita Coburn am Lenkrad, hinter geweint, erinnert sich ihre Urgroßmutter. Chance sagt, er
ihr Chance und neben ihm seine große Schwester Skylar. Sie habe abends ferngesehen, es lief »Last Man Standing«, eine
fuhren los, in Richtung Atrium Medical Center. TV-Serie.
Als die vier am Krankenhaus eintrafen, parkte Nita Coburn Drei Wochen nach dem Tag im April reiste der Achtjährige
ihren Wagen unter dem Vordach nahe der Notaufnahme. Sie nach Columbus, in die Hauptstadt Ohios, wohin ihn zwei re-
besorgte einen Rollstuhl, in den sie Angela setzte. Weil es publikanische Senatoren eingeladen hatten. Der Senat von
schnell gehen sollte, ließ sie den Autoschlüssel stecken. Sie Ohio tagt in einem Saal mit Tischen aus glänzendem Holz
drückte den kleinen Knopf an der Innenseite der Tür hinunter und Teppichboden. An diesem Tag standen dort Chance und
und schloss den Wagen damit ab, klack, die Zentralverriege- seine Schwester Skylar. Senator Steve Wilson beugte sich hi-
lung griff an jeder Seite. Es gab danach ein weiteres Klack, nunter zu seinem Ehrengast und sagte: »Wie wir heute sehen,
denn die Zentralverriegelung funktioniert nur, wenn der gibt es Helden in allen Formen und Größen.«
Schlüssel nicht steckt. Alle Türknöpfe sprangen wieder hoch. In wenigen Tagen beginnen für Chance die Sommerferien.
Das zweite Klack hörte Nita Coburn jedoch nicht. In der dritten Klasse möchte er ins Footballteam seiner Schule.
Während Coburn den Rollstuhl mit Angela nun zum Ein- Und wenn er, der Held von Ohio, später erwachsen ist, will
gang schob, saß Chance im Auto, neben ihm seine Schwester. er Feuerwehrmann werden. Yannick Ramsel

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MARK REINSTEIN / ALAMY / MAURITIUS

ALESSIA PIERDOMENICO / REUTERS


Obama 2016 Blair 2007

»Angela Merkel ist 16 Jahre


lang sehr gut ohne die große
Rede ausgekommen«
SPIEGEL-Gespräch Philip Collins, ehemaliger Redenschreiber von Tony Blair, über die Kraft
der Sprache – und die Sehnsucht nach der großen politischen Rede
DAMON WINTER / NYT/ LAIF

MURAT TUEREMIS / LAIF

Trump 2016 Merkel 2018

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Gesellschaft

Collins, 52, war Investmentbanker, bevor Wo Sie nicht enden: bei dem, was eine gro- Die Luftschlacht um England – und sein
er Chefredenschreiber des damaligen briti- ße Rede ausmacht. Wirklich große Reden berühmter Satz, gerichtet an die britische
schen Premierministers Tony Blair wurde. sind mehr als nur schöne Worte. Sie ver- Luftwaffe: »Nie zuvor in der Geschichte
Nach Blairs Rücktritt im Sommer 2007 sah ändern die Welt. menschlicher Konflikte hatten so viele so
es kurz so aus, als würde Collins selbst in SPIEGEL: Die Deutschen, viele Europäer wenigen so viel zu verdanken.« Rhetorik
die Politik gehen, er entschied sich aber sehnen sich trotzdem seit Jahren nach der und Anlass kommen zusammen. Großartig.
anders. Heute ist er Kolumnist der Zeitung großen Rede, zur Einwanderung, zu SPIEGEL: Stimmt es, dass Churchill gestot-
»The Times«. 2017 veröffentlichte er das Europa, zur Ungleichheit. Woher kommt tert hat?
Buch »When They Go Low, We Go High«, diese Sehnsucht? Collins: Als er jung war, ja. Er musste ler-
in dem er 25 berühmte Reden der Welt- Collins: Aus dem Wunsch nach Führung. nen, seine Stimme zu kontrollieren.
geschichte analysierte. Und aus dem Wunsch, dass jemand aus- SPIEGEL: Wenn er »Nazis« sagte, klang
drückt, was bis dahin unfertig in meinem das wie »Narzees«.
SPIEGEL: Herr Collins, wann haben Sie Kopf war – und das ich selbst nicht formu- Collins: Er wusste natürlich, wie man das
zuletzt eine Rede gehört, die Sie begeistert lieren könnte. ausspricht. Aber auf diese Weise zeigte er
hat? SPIEGEL: Die Menschen sehnen sich also seinem Publikum, dass er keine Angst vor
Collins: Das ist lange her. Es hat nicht nur zu Recht? ihnen hatte. Dass er sie nicht ernst nahm.
damit zu tun, dass die Politiker schlecht Collins: Absolut. Führung ist mehr, als nur SPIEGEL: Einmal soll er sogar eine Rede
sind, obwohl das eine Rolle spielt. Ich darüber zu klagen, wie kompliziert alles gehalten haben, ohne die Zigarre aus dem
glaube, dass es heutzutage schwerer ist als ist. Andererseits: Angela Merkel ist 16 Jah- Mund zu nehmen.
früher, eine große Rede zu halten, weil die re lang sehr gut ohne die große Rede aus- Collins: Weil er sich darüber ärgerte, dass
großen Themen fehlen. Und wenn es gro- gekommen. er eine Rede wiederholen sollte. Am Nach-
ße Themen gibt, hat ein Einzelner kaum SPIEGEL: Finden Sie? mittag hatte er im Unterhaus gesprochen,
die Möglichkeit, etwas zu verändern. Neh- jetzt wollte die BBC die Rede fürs Radio
men Sie die Einwanderung. Als Premier- aufnehmen. Wegen der Zigarre hörte es
minister kann ich dazu die beste Rede mei- sich an, als wäre er betrunken. Aber er
nes Lebens halten – meine Möglichkeiten war nüchtern, was selten genug vorkam.
zu handeln sind beschränkt. Weil ich für SPIEGEL: Mal angenommen, Hitler hätte
das meiste nicht zuständig bin. Ähnlich ist den Krieg gewonnen. Würden wir Chur-
es mit dem Klimawandel. Politik machen chill dann immer noch für einen großarti-
heißt heutzutage, wo alles mit allem zu- gen Redner halten?
sammenhängt, Millionen kleine Entschei- Collins: Sicherlich nicht. Der Glanz
dungen zu treffen. kommt zu einem großen Teil daher, dass
SPIEGEL: Früher war das anders? Großbritannien auf der Seite der Sieger
Collins: Oh ja! Benjamin Disraeli beispiels- stand. Man findet in der Anthologie gro-
weise, der frühere Premierminister. 1872 ßer Reden wenige Verlierer. Geschichte
redete er in Manchester über öffentliche wird von den Siegern geschrieben.
MICHA THEINER / DER SPIEGEL

Gesundheit, über Cholera und andere an- SPIEGEL: Ob eine Rede als »groß« in die
steckende Krankheiten, über Slums, über Geschichte eingeht, ist oft Glückssache.
die Wohnungsnot. Er tat es, weil die Re- Als der damalige US-Präsident John F.
gierung damals die Möglichkeit hatte, Din- Kennedy in einer berühmten Rede das
ge zu ändern, Wohnungen zu bauen oder Mondprojekt ankündigte, wusste er, dass
eine Kanalisation. Heute sind alle anste- die Mission auch scheitern könnte.
ckenden Krankheiten besiegt. Was wir ha- Kolumnist Collins Collins: Tatsächlich gab es eine Rede für
ben, sind chronische Krankheiten. »Rhetorik ist näher an Musik als an Poesie« den Fall, dass die Astronauten nicht zu-
SPIEGEL: Aber es gibt doch genug große rückkehren. Eine der großen ungehaltenen
Probleme, Ungleichheit zum Beispiel. Reden.
Collins: Nehmen wir mal an, ich könnte Collins: Politisch auf jeden Fall. Das zeigt SPIEGEL: Kennedy wie auch Bill Clinton
daran etwas ändern – es würde mich Jahre schon die reine Dauer ihrer Amtszeit. Man gelten bis heute als große Redner.
kosten. Rhetorisch macht es einen großen kann ohnehin nicht sagen, dass große Collins: Clintons Problem war, dass es
Unterschied, ob ich sage: Ich werde anste- Redner immer die besten Politiker sind. Amerika während seiner Präsidentschaft
ckende Krankheiten ausrotten. Oder ob Winston Churchill zum Beispiel war ein wirtschaftlich gut ging. Ihm fehlte die Ge-
ich sage: Ich werde die Ungleichheit in den fürchterlicher Politiker. Er lag in fast allem legenheit zur Größe. Glück, sagt Henry
nächsten fünf Jahren geringfügig reduzieren. falsch, zeitweise war er regelrecht ge- de Montherlant, schreibt mit weißer Tinte
SPIEGEL: Vielleicht waren Politiker damals fährlich. auf weiße Blätter.
einfach mutiger als heute. SPIEGEL: Aber immer war ihm Rhetorik SPIEGEL: Macht es für einen Redenschrei-
Collins: Und wenn ich mutig wäre? Was wichtig. ber einen Unterschied, ob er für eine gute
müsste ich tun, um die Ungleichheit auf Collins: Er war besessen davon. Zu Beginn oder schlechte Sache arbeitet?
der Welt zu beseitigen? seiner Karriere machte er große Worte Collins: Wer eine Rede schreibt, ist mög-
SPIEGEL: Uns fielen Millionen Dinge ein … über kleine Dinge. Er trat bespielsweise licherweise davon überzeugt, einer guten
Collins: Das bezweifle ich. Und selbst bei irgendeiner Nachwahl auf und sagte: Sache zu dienen.
wenn Ihnen Millionen Dinge einfielen, »Nie zuvor in der Geschichte menschlicher SPIEGEL: War Hitler ein großer Redner?
zeigt das doch nur, dass ich recht habe. Konflikte haben so viele Menschen in Old- Oder nur ein lauter?
Was immer Sie machen: Sie landen bei der ham so ausreichend zu essen gehabt.« Collins: Seine Argumente waren lächer-
Erledigung von Millionen kleinen Dingen. SPIEGEL: Eine Redefigur, die später bei lich. Kaum einen Gedanken brachte er zu
ihm wieder auftauchte. Ende. Er widersprach sich ständig. Einfach
Das Gespräch führten die Redakteure Hauke Goos Collins: 1940, praktisch über Nacht, war dumm.
und Jörg Schindler in London. der Augenblick endlich groß genug für ihn. SPIEGEL: Trotzdem wurde er bejubelt.

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Gesellschaft

KPA / ZUMA / KEYSTONE

INTERTOPICS / DDP
Hitler um 1940 Churchill 1949

»Ich habe nichts anzubieten außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.« Winston Churchill

Collins: Weil die Emotion, das Theatespek- kann den ganzen Rest ihrer Argumente dem, was die Menschen glauben, dann
takel seiner Reden unglaublich waren. Das von diesem einen Satz herleiten. Das leis- sagt man, dass ihre Sicht falsch oder un-
machte sie gewaltig und sehr wirkungsvoll. ten nicht viele Reden. vollständig ist. In einer Demokratie ist das
Die Zuschauer waren eindeutig aufge- SPIEGEL: Das hinzukriegen ist die Aufga- Argument die Währung der Politik.
peitscht. Man muss seine Reden hören, nicht be von Leuten wie Ihnen, oder? SPIEGEL: Martin Luther King war Predi-
lesen. Wenn man sie liest, sind sie grotesk. Collins: Jawohl: einen Satz zu finden, der ger, Barack Obama hörte sich häufig an
SPIEGEL: Muss der Redner Leidenschaft die Grundidee der Rede ausdrückt. Die wie ein Prediger. Als Obama Präsident
für seine Sache haben? Oder reicht es, Lei- meisten berühmten Reden haben einen wurde, wollte plötzlich jeder reden kön-
denschaft zu spielen? Leitsatz, der sie zusammenfasst. Chur- nen wie er.
Collins: Ich glaube, das Publikum würde chills »Their finest hour«. Martin Luther Collins: Oh ja. Ich habe aufgehört zu zäh-
den Unterschied erkennen. Der Redner Kings »I have a dream«. Kennedys »Ask len, wie viele britische Politiker mich ba-
muss schon wahrhaftig sein. Und zwar auf not what your country can do for you«. ten, ich möge ihre Reden ein bisschen nach
eine Weise, die die Menschen erhebt und Das ist kein Zufall. Obama klingen lassen. Jedes Mal sagte ich:
zum Handeln bewegt. SPIEGEL: Weiß man als Redenschreiber, Lassen Sie mich all die Gründe aufzählen,
SPIEGEL: War die britische Premierministe- welche Zeile sich einprägen wird? weshalb Sie nicht Obama sind. Obama hat-
rin Margaret Thatcher eine große Rednerin? Collins: Mitunter findet man keine Zeile. te das Gewicht seines Amtes – das erlaubt
Collins: Technisch nicht. Ihr Vortrag war Wenn man gut ist, weiß man’s, wenn man es, rhetorisch ein bisschen aufzudrehen.
dürftig, gestelzt. Aber sie hatte etwas mit- eine hat. Manchmal allerdings wird eine SPIEGEL: Warum ist Obama als Redner so
zuteilen. Sie kämpfte gegen eine kriselnde Zeile historisch, die gar nicht in der Rede gut?
Wirtschaft. Und sie wusste sehr klar, was vorgesehen war. Collins: Einerseits wegen seiner persönli-
sie wollte. SPIEGEL: Zum Beispiel? chen Geschichte – ein schwarzer Präsident
SPIEGEL: Sie war gut zu verstehen, weil Collins: Martin Luther King wollte seine der Vereinigten Staaten. Andererseits weil
sie so langsam redete. Rede in Washington eigentlich anders nen- er seine Reden praktisch singt. Seine Stim-
Collins: Sehr langsam, sehr bedächtig, ein nen. Er hatte die Formulierung »I have a me ist großartig. Sein Vortrag hat Rhyth-
wenig gönnerhaft; es war irritierend, ihr dream« schon so oft benutzt, dass seine mus; er kann relativ schmucklose Prosa in
zuzuhören. Kein Rhythmus, kein Gefühl Leute sagten: Bitte nicht schon wieder. Er Musik verwandeln. Es gibt nicht viele Red-
für Sprache. Ihre Reden klingen gelesen nannte die fertige Rede dann »A cancelled ner, die das können.
besser als gesprochen, weil sie gut argu- check«, »Ein nicht eingelöster Scheck«. SPIEGEL: Man muss Reden also hören.
mentiert. Sie ließ einen nie darüber im Kein Wort vom Traum. Collins: In seinem Fall: ja. Kings »I have
Zweifel, was sie dachte. SPIEGEL: Wieso nahm er es am Ende rein? a dream«-Rede ist auch groß, wenn man
SPIEGEL: Wie hat Ihnen die Rede gefallen, Collins: Die Gospelsängerin Mahalia Jack- sie nur liest. Obamas Reden klingen gele-
die Greta Thunberg, die 16-jährige Schwe- son stand neben ihm auf dem Podium und sen oft professoral. Aber wenn er sie vor-
din, in Davos gehalten hat? Die Zeile »Ich sagte: Erzähl ihnen von dem Traum! Also trägt, sind sie erhebend.
will, dass ihr in Panik geratet«. improvisierte er. Außergewöhnlich. SPIEGEL: Er hat ein bemerkenswertes
Collins: Technisch war das eine ziemlich SPIEGEL: King beschreibt in dieser Rede Gefühl für Timing.
gute Rede. Die Tatsache, dass Sie sich an etwas, das es noch nicht gibt – er be- Collins: Und für Pausen. Seine Pausen
diese Zeile erinnern; dass ich mich an diese schreibt es also, damit es kommt. sind besser als die Reden vieler anderer.
Zeile erinnere, beweist das. Eine Weltsicht, Collins: Mutige Reden führen die Zuhörer Er hat die große Fähigkeit, einfach zu war-
zusammengefasst in einem Satz. Man immer irgendwohin. Man beginnt mit ten. Als Zuhörer hat man trotzdem jeder-

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MICHAEL OCHS ARCHIVES / GETTY IMAGES
King 1967 Kennedy 1962

AP
»Ich bin ein Berliner.« John F. Kennedy

zeit das Gefühl, dass er die vollkommene Collins: Rhetorik ist meiner Meinung nach schlüpfrig. Andererseits ist »authentisch«
Kontrolle hat. Nie klingt es so, als hätte er näher an Musik als an Poesie. Ich zum Bei- nicht das richtige Wort. Es ist nicht zwin-
vergessen, was er sagen wollte. Man hat spiel höre Musik, während ich schreibe. gend notwendig, authentisch zu sein. Hit-
vielmehr den Eindruck, dass er absichtlich Aber nicht, um poetisch zu schreiben. Mir ler war authentisch, aber er war böse. Trump
langsamer wird, damit wir über das Ge- geht es um den Rhythmus. Ich suche die ist authentisch. Ich wollte, er wäre es nicht.
sagte kurz nachdenken können. Die meis- Musik in der Poesie. Wenn überhaupt, dann geht es darum, au-
ten Redner sprechen zu schnell, wenn sie SPIEGEL: Damit eine Rede ihre Musikali- thentisch und moralisch integer zu sein.
auf dem Podium stehen. tät entfalten kann, braucht sie Zeit. Ver- SPIEGEL: Hat Trump einen Redestil?
SPIEGEL: Trotzdem sagen Sie, in seiner schwindet etwas, wenn Politiker ihre Bot- Collins: Er ist nicht besonders nachdenk-
Familie sei er nur der zweitbeste Redner. schaften immer häufiger twittern? lich. Er redet einfach. Und er hat die selt-
Collins: Ein Scherz. Aber Michelle Oba- Collins: Ich denke nicht. Die großen Dinge same Eigenart, dieselben Dinge wieder
mas Rede auf dem Parteitag war fantas- werden immer noch in Reden beschrieben. und immer wieder zu sagen. Seine Rheto-
tisch. Ein Satz, der sich sofort einprägt: Und die Soundbites und Einzeiler, die es rik ist sehr emotional. Auf gewisse Weise
»When they go low, we go high.« Sie hatte braucht, damit man sich erinnert, lassen zu sehr. Ein Übermaß an Gefühlen, nicht
dasselbe Team von Redenschreibern wie sich auch in einer Rede unterbringen. Als besonders gut ausgedrückt.
ihr Mann. Sie sind sehr gut. Und sie arbei- Redenschreiber weiß ich, dass von einer SPIEGEL: Haben Sie seine Rede zur Amts-
ten völlig anders als Redenschreiber an- halbstündigen Rede des Premierministers einführung gesehen?
derswo. In den USA arbeitet ein ganzes 20 Sekunden in den Abendnachrichten Collins: Deprimierend. Alle Amtseinfüh-
Team an einer Rede. So entsteht Wett- landen. Welche 20 Sekunden sind also die rungsreden sind im Grunde ähnlich: Nach
bewerb. In Großbritannien bevorzugen wichtigsten? Schon beim Schreiben bemü- dem Wahlkampf, der notwendigerweise
Politiker meist einen einzigen Schreiber. hen wir uns, den Inhalt der Rede aufs We- spaltet, bringen sie das Land wieder zu-
SPIEGEL: Tony Blair hatte nur Sie? sentliche zu reduzieren. Trumps »Make sammen. Ein schöner Moment. Der Sieger
Collins: Natürlich haben auch andere Vor- America great again« war eine Rede, be- lässt die Schärfe des Wahlkampfs hinter
schläge gemacht, die Entwürfe gelesen, Kri- vor es ein Tweet wurde. sich und sagt: Von nun an bin ich der Prä-
tik geübt. Aber ich war der einzige Schrei- SPIEGEL: Wie ist Trump als Redner? sident aller Amerikaner.
ber. Blair hat selbst viel geschrieben, er war Collins: Eigenartig wirkungsvoll. Er ist im- SPIEGEL: Und Trump?
erheblich beteiligt. So sollte es auch sein. merhin Präsident der Vereinigten Staaten. Collins: Tat nichts dergleichen. Er ver-
SPIEGEL: Gibt es eine Rede, auf die Sie Und er hat Persönlichkeit. Er hat ein ent- stärkte das Trennende noch: Amerika ist
besonders stolz sind? schiedenes Gefühl für seine Trumphaftig- bankrott. Amerikanische Politik funktio-
Collins: Die letzte Parteitagsrede von keit. Als Redner ist er nicht langweilig. Er niert nicht. Eine Schande. Alles manipu-
Blair. Wenn man sich die heute noch mal ist unterhaltsam. Interessant. Und er hat liert. Eine Verschwörung. In diesem Mo-
anschaut, sieht man, dass es um die Glo- genug Eigenarten und Gesten, um paro- ment war klar: Er würde ein sehr entzwei-
balisierung und ihre Opfer ging. Um die diert zu werden, das ist immer ein gutes ender Präsident sein.
Ungleichheit, die sie verursacht. 2006! Es Zeichen. Theresa May ist sehr schwer SPIEGEL: Trump hält sich manchmal an
ist Quatsch, so zu tun, als wäre diese Er- nachzumachen, weil sie so konturlos ist. das, was seine Leute ihm aufschreiben,
kenntnis neu. Trump ist als Redner unterscheidbar. manchmal auch nicht. Wie war die Zusam-
SPIEGEL: Muss man musikalisch sein, um SPIEGEL: Ist er authentisch? menarbeit zwischen Ihnen und Blair?
eine gute Rede zu schreiben? Oder um gut Collins: Definitiv. Auch sein Verhältnis zur Collins: Eng und partnerschaftlich. Der
zu reden? Wahrheit ist authentisch – wenn auch ganze Prozess dauerte meistens etwa zwei

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Gesellschaft

DAVE CAULKIN / AP
Thatcher 1987 Reagan 1987

AP
»Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor!« Ronald Reagan

Wochen. Ein erstes Meeting mit ein paar Collins: Wenn er sprach, klang es, als wür- SPIEGEL: Reden müssen komplexe Sach-
Leuten; eine Diskussion über die große de er plaudern. Sehr bemerkenswert. Eher verhalte vereinfachen. Die Linie zwischen
Linie; ein erster Plan. Die Hauptarbeit unrhetorisch im herkömmlichen Sinn, Vereinfachung und Lüge ist häufig sehr
geschah dann in den zwei Tagen vor der aber sehr wirkungsvoll. fein.
Rede. Normalerweise schrieb ich den SPIEGEL: Jedenfalls hat er seine Gelegen- Collins: Richtig. Andererseits ist es in einer
Hauptteil einer Rede, während er den An- heit zur Größe genutzt. wachsamen Demokratie praktisch unmög-
fang und das Ende übernahm. Am Morgen Collins: Es war Kalter Krieg. Und Reagan lich zu lügen. Es ist eindeutig möglich, die
der Rede kamen wir noch einmal zusam- stand vor dem Brandenburger Tor und sag- Wahrheit auszuschmücken. Oder zu um-
men, er und ich, gingen das Ganze durch te: »Tear down this wall« – das bedeutete gehen. Oder zu unterdrücken. Aber mit
und schauten, dass die Teile zusammen- schon etwas. Es war aber nur bedeutungs- einer Lüge durchzukommen, wenn so vie-
passten. voll, weil sein sowjetischer Gegenspieler le Menschen zuhören, ist sehr schwer.
SPIEGEL: Was macht der Redenschreiber, Michail Gorbatschow die Möglichkeit an- SPIEGEL: Was heißt das in der Praxis?
wenn der Politiker die Rede hält? gedeutet hatte, dass die Mauer geöffnet Collins: Als ich für Blair arbeitete, hatten
Collins: Irgendwo sitzen und bangen. Tat- werden könnte. Die Worte hatten Kraft, wir ein ganzes Team von Faktencheckern.
sächlich hört man dann all die Formu- weil ein Amerikaner sie sprach. Die meisten Fakten bekamen wir von Re-
lierungen, die nicht funktionieren. Sätze, SPIEGEL: Gefühl für den Augenblick also. gierungsbehörden. Also gab es eine zweite,
die zu lang sind. Wo der Rhythmus nicht Collins: Wobei dieser berühmte Satz gar unabhängige Gruppe von Leuten, die alles
stimmt. Man leidet. nicht im Manuskript sein sollte. Sein Re- noch mal überprüfte, sobald das geschrie-
SPIEGEL: Haben Schreiber und Redner im- denschreiber hatte den Satz geschrieben, bene Manuskript vorlag. Denn wenn nur
mer ein partnerschaftliches Verhältnis? dann war er aber wieder gestrichen wor- eine Sache nicht gestimmt hätte, hätte die
Collins: Unterschiedlich. Kennedy und den. Colin Powell, der kurz darauf Reagans ganze Rede nicht gestimmt. Und der Feh-
sein Redenschreiber Ted Sorensen bei- Sicherheitsberater wurde, hatte abgeraten, ler wäre das Einzige, woran sich die Leute
spielsweise hatten ein Verhältnis auf Au- ebenso George Shultz, sein Außenminister. erinnert hätten.
genhöhe; Kennedy schrieb selbst mit, kri- Reagan fuhr dann mit seinem Redenschrei- SPIEGEL: Aber Trump lügt, oft mehrmals
tisierte viel. Ronald Reagan war anders. ber Peter Robinson zum Brandenburger am Tag, ohne dass daraus etwas folgt.
Er war beteiligt, aber er trug so gut wie Tor. Und sagte im Auto einfach: »I think Collins: Trotzdem denke ich, dass Wahr-
nichts bei. Er war der Schauspieler, der am I’m going to say it.« heit wichtig ist. Ich weiß, dass Trump ein
Ende ablieferte. SPIEGEL: Populisten beklagen, dass man unfassbar lockeres Verhältnis zur Wahr-
SPIEGEL: Die Menschen glaubten ihm, heute nicht mehr sagen dürfe, was man heit hat. Am Ende aber wird ihn die Wahr-
was er sagte. denke. Es gebe keine Redefreiheit mehr. heit einholen.
Collins: Seltsamerweise ja. Es ist nicht Ist da was dran? SPIEGEL: Herr Collins, wir danken Ihnen
ganz ungefährlich: Das Risiko liegt darin, Collins: Ich kann damit nichts anfangen. für dieses Gespräch.
dass der Redner ohne Überzeugung Ich habe nicht das Gefühl, dass es Dinge
spricht. Jemand anders hat die Worte ge- gibt, die ich nicht sagen darf. Abgesehen
schrieben, die er vorträgt; wenn man nicht von jenen Dingen, von denen ich froh bin, Videoanalyse
Das Obama-
sehr begabt ist, geht da viel verloren. Nicht dass man sie nicht sagen darf. Vieles von Prinzip
so bei Reagan. Er war in der Lage, sich dem, was wir Political Correctness nennen, spiegel.de/sp232019rede
den Text zu eigen zu machen. ist doch nichts anderes als Höflichkeit und oder in der App DER SPIEGEL
SPIEGEL: Worin lag seine Wirkung? gute Umgangsformen.

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Gesellschaft

erklärte es mir wie eine Geschlechtsumwandlung. Ich beglei-

Andere Liga tete ihn vor vielen Jahren zu einem letzten Saisonspiel. Da-
mals spielte Union in der dritten Liga. Wir sind noch nicht
so weit, sagte mein Freund. Es war ein Kackspiel, aber alle
schienen glücklich. Ein alter Berliner Reporterkollege schrieb
Leitkultur Alexander Osang über die historische mir gelegentlich Köpenicker Spielberichte nach New York,
Mission des 1. FC Union Berlin als ich dort lebte. Mein Freund Carsten schickte mir Bilder
vom Weihnachtssingen, mein Freund Robert nahm mich mit
zu Spielen, wenn sein Sohn nicht konnte. Als das neue Sta-

V ergangene Woche saß ich auf einem Stein in der jorda-


nischen Wüste und sah in den roten Abendhimmel. In
meinem Rücken betete ein Beduine namens Suleiman,
der uns auf den Berg geführt hatte, um uns die Stille zu zeigen.
dion eingeweiht wurde, das Union-Fans mitaufgebaut hatten,
lud mich ein Kollege aus dem Westen ein, die Eröffnung an-
zusehen. Er schien mir etwas beweisen zu wollen. Wowereit
war da, Gysi und Maschine von den Puhdys.
Auf einem Stein neben mir saß mein Sohn. Es war wirklich Das letzte Mal war ich im Herbst mit meinem Kumpel Step
unglaublich still. Nur das Feuer, auf dem Suleiman süßen Tee dort, mit dem ich einst Pumpenschlosser gelernt habe. Step
kochte, mit dem er gleich sein Fasten brechen würde, knis- folgte nach dem Mauerfall der Arbeit in den Westen. Manch-
terte ein wenig. mal kommt er nach Hause, um seine Eltern zu besuchen und
Mein Sohn beugte sich zu mir herüber und fragte leise: »Wann ein Spiel. Wir sahen ein fürchterliches Gewürge gegen einen
fängt eigentlich das Spiel an?« Er meinte das erste Relegations- Gegner, den ich vergessen habe. Am Ausgang traf ich einen
spiel der Fußballbundesliga, Stuttgart gegen Union Berlin. der besten konservativen Zeitungskommentatoren, die ich
Der Junge wurde in Köpenick geboren, ist aber in New kenne. Er stammt aus Frankfurt am Main, trug einen Union-
York groß geworden, hat in Großbritannien Psychologie Schal und wirkte so glücklich wie die anderen.
studiert und eine Freundin aus London. Ich hatte gedacht, Sie holten ein 2:2 in Stuttgart. Dann ging der Mond auf
dass die Ost-Berliner Gene ausgewaschen sind. Aber etwas über der jordanischen Wüste und löschte den Sternenhimmel.
hat überlebt. Mein Sohn schien zufrieden. Ich sah in den großen Mond
Wir waren für ein paar und fragte mich, ob er mich
Tage nach Jordanien gefahren. irgendwann auch schlucken
Meine Frau, mein Sohn, seine würde. Der Aufstieg des 1. FC
Freundin und ich. Rotes Meer, Union schien so zwangsläufig
Weltwunder in Petra und so wie früher die historische Mis-
weiter. Diese Nacht schliefen sion der Arbeiterklasse.
wir in einem Beduinenlager Der Junge erlebte das zwei-
in der Wüste. Es war eine te Relegationsspiel in Berlin,
Art Achtsamkeitscamp. Keine ich sah es mit meiner Frau auf
Plastikflaschen, keine Steck- dem Sofa in Tel Aviv. Meine
dosen, kein Alkohol, kein Niko- Frau nimmt Fußball normaler-
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

tin, und die Handybenutzung weise nur alle vier Jahre wahr,
außerhalb der Zimmer war wenn Weltmeisterschaft ist.
verboten. Das Abendessen war Aber das hier war Union. Sie
vegan. Wir aßen bei Kerzen- war mal als Kind An der Alten
schein und tranken Wasser. Försterei und brachte später
Anschließend kletterten wir ihren Opa noch im Rollstuhl
aufs Dach der Unterkunft und zum Stadion. Sie zeigen im
ließen uns von einem Beduinen Feiernde nach Union-Sieg (im israelischen Fernsehen) israelischen Fernsehen Fuß-
die Sterne erklären. Ich dachte ballspiele aus allen europäi-
an den 1. FC Union Berlin und schen Ligen, auch die zweite
fühlte mich sehr allein im Universum. Selbst die Freundin mei- Bundesliga. Die meisten Reporter haben, glaube ich, keine
nes Sohnes ist schon mal im Stadion gewesen. Sie ist Anthro- Ahnung von Fußball, wollen aber auch dazugehören. Wie
pologin, hat aber auch keine Erklärung dafür, was dort passiert. ich. Es war ein Gewürge wie immer, aber mit hebräischem
Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, hat mich mein Vater Kommentar. Als am Ende rot gekleidete Menschen das
mit zu einem Union-Spiel genommen. Nick Hornby hat ein Spielfeld stürmten, Menschen mit Gesichtern, in denen
solcher Fußballnachmittag mit seinem Vater zum lebenslan- sich Glück und Entbehrung mischten, hatte ich kurz das
gen Arsenal-Fan gemacht. Bei mir passierte nichts. Gefühl aufzusteigen.
Ich bin kein Union-Fan, müsste aber einer sein. Ich bin Es war schnell vorbei. Am nächsten Tag sah ich in der
Arbeiter, ich komme aus Ost-Berlin, ich mag den BFC Dyna- »Tagesschau« einen Bericht über die Berliner Nacht, der
mo nicht und Hertha BSC schon gar nicht. Alle Menschen in klang, als wäre der Aufstieg Unions ein Event zum 30-jähri-
meiner Nähe sind Union-Fans. Nina Hagen singt die Hymne. gen Mauerfalljubiläum. Der »Kultklub« sei in der Bundesliga
Wenn ich ihre Stimme höre, zieht mein Leben an mir vorbei. angekommen. Spätestens wenn man in der »Tageschau« Kult
Ost-Berlin, Sex, New York und das Weltall. genannt wird, ist es vorbei mit dem Kult. Union, hieß es, sei
Ich war in keinem Fußballstadion so oft wie An der Alten ein »Schmuddelkind« des DDR-Fußballs gewesen, von Funk-
Försterei. Meine Freunde nahmen mich mit, weil sie davon tionären gehasst, aber bei Arbeitern und Bauern beliebt. Bei
ausgingen, dass ich fühlte wie sie. Es ist nicht nur so, dass die Bauern? Klar, auch bei Bauern. Bauern aus Oberschöneweide.
Westler denken, die Ostler seien alle gleich. Die Ostler den- Die Sprecherin Linda Zervakis kommentierte die Meldung
ken es auch. Wir sind sinnlicher, wütender, scheuer, stiller. mit einem Lächeln, als würde sie gleich ein Union-Hütchen
Wir sagen Kaufhalle, supi, Plaste und lieben Union. aufsetzen und in die Nacht tanzen.
Ich habe einen guten Kollegen, der etwa zehn Jahre nach Union gilt als anderer Fußballklub. Wenn aber alle anders
dem Mauerfall vom BFC Dynamo zu Union wechselte. Er sind, fragt man sich irgendwann: anders als wer eigentlich? I

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 67


Wirtschaft
»Die Tagelöhner sind die Unsichtbaren, die in keiner Statistik auftauchen.« ‣ S. 74

ZIESE / BLICKWINKEL / IMAGO


Kraftwerk Datteln

Kohleausstieg

Großkraftwerk Datteln soll ans Netz


Wirtschaftsministerium spielt Inbetriebnahme durch, um ältere Meiler schnell schließen zu können.
 Das im Bau befindliche Kohlekraftwerk in Datteln soll und Ökonomie versöhnen«. Es würde aber keinesfalls länger
trotz des geplanten Kohleausstiegs ans Netz gehen. Die An- als bis 2038 laufen. Dann ist laut Kommission »Wachstum,
lage mit einer Leistung von mehr als einem Gigawatt könnte Strukturwandel und Beschäftigung« das Ende der Kohlever-
nach Überlegungen des Bundeswirtschaftsministeriums ältere stromung erreicht. Zwischenzeitlich sollte Datteln nicht ans
und ineffiziente Kraftwerke ersetzen – etwa Meiler in Herne Netz. Im Fall einer Stilllegung würde der Betreiber Uniper
und Gelsenkirchen, die einen Wirkungsgrad von weniger als Entschädigung verlangen. Wegen technischer Probleme hatte
40 Prozent haben. Datteln kommt auf mehr als 45 Prozent. sich der Bau des Kraftwerks verzögert, nun könnte Datteln
»Dadurch würden wir den Ausstoß von Kohlendioxid auf 2020 in Betrieb gehen. Bis zum Ende der Sommerpause will
einen Schlag deutlich reduzieren, ohne dass die Versorgungs- Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ein Gesetz vor-
sicherheit gefährdet wird«, sagt Oliver Wittke, Parlamen- legen, in dem auch die Zukunft von Datteln geklärt werden
tarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Das Kraft- soll. Offenbar will Unionsmann Wittke mit den Überlegun-
werk könne zum Testfall für »klimapolitischen Pragmatis- gen ein Signal an die Grünen senden, die er durch den Nie-
mus« werden, so der CDU-Abgeordnete, er wolle »Ökologie dergang der SPD als möglichen Koalitionspartner ansieht. GT

Düngeverordnung treffen im Bundeslandwirtschaftsministe- schlecht vorbereitet gewesen. »Wir ver-


Klöckner wirft Ministern rium fünf Tage später erschien jedoch kein
Einziger der Unterzeichner. »Hier wäre
missen eine geordnete Gesprächsführung
und vorbereitende Vorlagen für fundierte
Scheinheiligkeit vor der Ort gewesen, ihre im Brief gestellten Diskussionen«, so das rheinland-pfälzi-
Forderungen und Vorschläge zu bespre- sche Umweltministerium. Klöckner
 Bundeslandwirtschaftsministerin Julia chen«, so Klöckner in einem Antwort- begründet ihr »straffes Vorgehen« mit
Klöckner (CDU) kritisiert das Verhalten schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Be- Druck aus Brüssel. Der Europäische
der zuständigen Landesminister der Grü- merkenswert sei die »Ferndiagnose« des Gerichtshof hat Deutschland wegen der
nen bei der Nachbesserung der Düngever- schleswig-holsteinischen Landwirtschafts- Überschreitung des Nitratgehalts im
ordnung. Kurz vor der Europawahl hatten ministers Jan Philipp Albrecht, der trotz Grundwasser verurteilt. Gelingt es nicht,
neun von ihnen medienwirksam in einem Abwesenheit eine »chaotische Sachlage« der EU-Kommission Mitte Juni annehm-
Brief an Klöckner die jetzigen Vorschläge attestierte. Die meisten Minister, die Ver- bare Pläne vorzustellen, droht ein neues
als ungenügend bezeichnet und umfassen- treter geschickt hatten, beklagen, das Verfahren und Strafzahlungen von mehr
de Änderungen gefordert. Zum Arbeits- Treffen sei zu kurzfristig angesetzt und als 850 000 Euro – pro Tag. MSC

68 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Rohstoffe
Maisfeld
Regen in den USA macht Mais
und Biosprit teurer
 Weil der Maispreis steigt, wird auch Biosprit teurer. Innerhalb
von gut zwei Wochen hat die Maisnotierung an der Börse in
Chicago um fast ein Viertel zugelegt. Ein Scheffel, rund 25 Kilo-
gramm, kostete Mitte der Woche 4,35 Dollar, so viel wie seit drei

JIM YOUNG / REUTERS


Jahren nicht mehr. Mais dient als Nahrungs- und Futtermittel,
aber auch zur Erzeugung von Biosprit. Verantwortlich für den
Preissprung ist vor allem das Wetter. Im Mittleren Westen der
USA, dem größten Anbaugebiet, hat es anhaltend geregnet, die
Farmer konnten kaum die Saat ausbringen. Nur 58 Prozent der
Felder waren bis vor einer Woche bestellt, sonst sind es zur sel-
ben Zeit im Schnitt 90 Prozent. Mit dem Ende des Monats Mai Es sei nicht übertrieben zu sagen, »dass der Maispreis in Chicago
ist die Chance zur Aussaat von Mais vorbei. Anderenfalls bleibt explodiert«, schreiben die Analysten der Commerzbank. Die
den Pflanzen zu wenig Zeit zum Wachsen, entsprechend gerin- absehbare Maisverknappung hat dazu beigetragen, dass auch die
ger fällt die Ernte aus – und daher steigen jetzt schon die Preise. Ethanolpreise in die Höhe gegangen sind. AJU

Siemens Klimaschutz die Abgaben auf den Ausstoß von Treib-


hausgasen angemessen zu erhöhen. Bei
Belegschaftsaktionäre Deutliche Mehrheit der SPD-Wählern lag der Anteil der Befür-
rügen Management Deutschen für C02-Steuer worter bei 72 Prozent, deutlich höher als
bei den Anhängern von CDU (59 Pro-
 Bei den Belegschaftsaktionären des  Fast zwei Drittel der Deutschen spre- zent) oder AfD (46 Prozent). Noch mehr
Siemens-Konzerns wächst die Skepsis chen sich für eine Energiesteuerreform befürworten eine CO²-Steuer, wenn der
gegenüber der geplanten Abspaltung aus, die sich am CO²-Verbrauch orien- Staat das Aufkommen zurückerstatte,
des Energiegeschäfts. Bereits vor gut tiert. Wie eine repräsentative Umfrage etwa in Form einer Prämie am Jahres-
einer Woche hatte der traditionsreiche des Meinungsforschungsinstituts Infratest ende. In diesem Fall steigt beispielsweise
Verein von Belegschaftsaktionären Kri- Dimap im Auftrag der Umweltschutz- die Zustimmung in Ostdeutschland von
tik an dem Vorhaben geübt. Er vertritt organisation German Watch ergibt, halten 55 auf 64 Prozent. Die Ablehnung dort
nach eigenen Angaben mehrere Tau- es 62 Prozent der Befragten für sinnvoll, sinkt von 43 auf 27 Prozent. MSA, GT
send betriebliche Anteilseigner und
argumentiert, Konglomerate sorgten in
Krisenzeiten für mehr Stabilität. Außer-
dem lasse sich im Servicegeschäft, etwa Gewerkschaften Baublies: Die UFO ist bis 2016 einfach
mit Turbinen, nach wie vor gutes Geld zu schnell gewachsen, wir haben unsere
verdienen. Mit noch schärferen Aussa-
»Die Lufthansa hat Mitgliederzahl innerhalb weniger Jahre
gen meldet sich nun auch die Konkur- Funktionäre umgarnt« verdoppelt. Leider haben wir es ver-
renzorganisation Wir für Siemens zu säumt, angemessene Strukturen zu schaf-
Wort. Sie existiert seit 2015 und steht Nicoley Baublies, fen und die Basis stärker einzubinden.
F. RUMPENHORST / DPA

der IG Metall nahe. Ihre Vertreter hal- 46, über seinen Die Lufthansa hat das ausgenutzt, indem
ten den Ausstiegsbeschluss für einen Rücktritt als Chef sie ihr genehme Funktionäre bewusst
»strategischen Fehler« und rügen die der Kabinen- umgarnt und protegiert hat. Wie wir in
damit einhergehende »Verkleinerung Gewerkschaft unseren Gremien damit umgegangen
des Konzerns«. Siemens mache sich UFO sind, war desaströs. Wir hätten uns viel
durch die Konzentration auf digitale früher professionelle Hilfe holen sollen.
Produktion und intelligente Infrastruk- SPIEGEL: Die monatelangen Querelen SPIEGEL: Sie selbst haben sich angeblich
tur abhängig von »kurzzyklischen innerhalb der UFO entzündeten sich neben Ihrem Lufthansa-Salär von der
Geschäften und den Zyklen nur weni- auch an Ihrer Person. Warum ziehen Sie UFO ein Vorstandsgehalt von 8000 Euro
ger Branchen«. Die Rebellen kritisieren sich erst jetzt zurück ? pro Monat genehmigt.
damit indirekt auch zwei prominente Baublies: Die Lufthansa hat bewusst ver- Baublies: Ich habe das UFO-Gehalt um
Metaller, die bei Wir für Siemens im sucht, einen Keil in die UFO-Führung zu die Lufthansa-Bezüge gekürzt, um der
Beirat und gleichzeitig im Konzernauf- treiben, was ihr auch gelungen ist. Jetzt Organisation Geld zu sparen. Dies und
sichtsrat sitzen: die Gesamtbetriebs- wird ernsthaft aufgeklärt, ein Interims- anderes prüft jetzt die Staatsanwaltschaft.
ratsvorsitzende Birgit Steinborn und vorstand ist benannt und kann einen SPIEGEL: Treten Sie noch mal an?
IG-Metall-Finanzchef Jürgen Kerner. Neustart einleiten. Das war für mich der Baublies: Ich habe in den vergangenen
Beide hatten der Ausgliederung der richtige Zeitpunkt zu gehen. zwölf Jahren viel Energie in die UFO
Energiesparte zusammen mit anderen SPIEGEL: Sie hinterlassen die UFO in gesteckt. Die letzten Monate sind nicht
Arbeitnehmervertretern bei der Sitzung keinem guten Zustand. Gleich zwei Staats- spurlos an mir vorübergegangen. Wenn
des Kontrollgremiums Anfang Mai anwaltschaften ermitteln gegen frühere die Ermittlungen abgeschlossen sind,
zugestimmt – um dem Bereich bessere Spitzenfunktionäre wegen Untreue und muss man sehen, ob meine Kollegen eine
Zukunftsperspektiven zu eröffnen, wie Betrug, nun droht auch noch die Ab- erneute Kandidatur von mir wünschen
es in ihrem Umfeld heißt. DID erkennung als Tarifpartner der Lufthansa. und ob ich das überhaupt will. DID

69
Wirtschaft

Eiserner Vorhang
Handel Der Zollstreit zwischen den USA und China eskaliert zum Wirtschaftskrieg um
Hochtechnologie, Rohstoffe und Finanzmacht. Doch lässt sich die Globalisierung zurückdrehen?

E
s sind nur ein paar Schritte, die
vom Potsdamer Hasso-Plattner-
Institut ans Ufer des Griebnitzsees
führen. Wo heute Touristen von
Ausflugsdampfern winken, verlief einst
die Zonengrenze, die mit ihren Selbst-
schussanlagen und Minenfeldern das bru-
tale Symbol des Kalten Krieges war.
Einen symbolträchtigeren Ort hätte sich
Hu Houkon deshalb kaum aussuchen kön-
nen, als er vergangene Woche vor einer
neuen, gefährlichen Konfrontation warnte:
dem sich verschärfenden Wirtschaftskrieg
zwischen den USA und China.
Hu ist stellvertretender Vorstandsvorsit-
zender des Tech-Giganten Huawei mit
Hauptsitz in Shenzhen, den US-Präsident
Donald Trump für derart »gefährlich« hält,
dass seine Regierung den Konzern auf die
schwarze Liste setzte, die amerikanischen
Unternehmen den Handel mit ihm verbietet.
Vergangene Woche war Hu an die Informa-
tik-Uni vor die Tore Berlins gekommen, um
auf einer Konferenz über Cybersicherheit
zu reden. Er wies bei der Gelegenheit nicht
nur die US-Vorwürfe zurück – sondern sand-
te auch ein paar subtile Drohungen in Rich-
tung Amerika. Trumps Dekret basiere auf
»unbelegten Vorwürfen« klagte der Vizechef
des Technologiekonzerns. Es enthalte »un-
faire Restriktionen« und würde einen »ge-
fährlichen Präzedenzfall« schaffen, dessen
Folgen keineswegs nur China träfen, son-
dern Tausende Unternehmen und Millionen
Verbraucher auf dem gesamten Erdball.
»Wir wollen keine neue Mauer aufbauen«,
warnte der Huawei-Mann, »weder im Han-
del noch in der Technologie.«
Die Welt wird Zeuge einer Systemaus-
einandersetzung, die nicht nur chinesische
Manager an den Ost-West-Konflikt der
Sechziger- und Siebzigerjahre erinnert, an
den Kalten Krieg der Supermächte.
Was als begrenzter Streit um Zölle und
Importquoten begann, hat sich in den ver-
gangenen Wochen zu einem umfassenden
Powerplay ausgewachsen: zwischen dem
aufstrebenden China, das nach mehr als
zwei Jahrzehnten atemraubenden Wachs-
tums die Vorherrschaft in wichtigen Zu-
kunftsindustrien anstrebt, und den USA,
die um ihre jahrzehntelange ökonomische
Führungsrolle und die Stellung als alleinige
Supermacht fürchten.
Es geht um Einflusszonen, technologi-
sche Dominanz und den wechselseitigen

70
Vorwurf, unfair zu spielen. China spionie- ist inzwischen mit Zöllen und Gegenzöllen nesen den Zugang zur Wall Street zu er-
re US-Konzerne aus und kupfere illegal belegt. US-Konzerne wie Intel und Qual- schweren. Umgekehrt ist China einer der
Produktionsverfahren ab, heißt es in Wa- comm haben nach Trumps Dekret die Zu- größten Gläubiger der USA.
shington. Die USA wollten ein fleißiges sammenarbeit mit Huawei aufgekündigt. Wie ernst die Lage ist, machte der stell-
Schwellenland mit allen Mitteln am Auf- Umgekehrt droht Peking, den Vereinigten vertretende chinesische Außenminister
stieg hindern, klagt die Führung in Peking. Staaten Rohstoffe zu entziehen oder US- Zhang Hanhui diese Woche noch einmal
Nach der Logik von Aktion und Reak- Multis vom eigenen Markt auszusperren. deutlich: Der von den USA vorsätzlich
tion ist der Konflikt zuletzt gefährlich Auch auf die Finanzwelt schlägt der ausgelöste Handelskonflikt sei »reiner
eskaliert. Mehr als die Hälfte des chine- Handelskrieg inzwischen durch: In den Wirtschaftsterrorismus«, sagte er – und
sisch-amerikanischen Handelsvolumens USA findet der Vorschlag Anhänger, Chi- kündigte eine verstärkte wirtschaftliche
Zusammenarbeit mit Russland an.
Noch hoffen viele, dass sich Trump und
Chinas Präsident Xi Jinping beim G-20-Gip-
fel Ende des Monats im japanischen Osaka
auf ein Handelsabkommen einigen werden.
Doch selbst dann, so fürchten andere, wür-
den die beiden Mächte ihren Zweikampf
fortsetzen, nach technologischer Autarkie
streben und auf den Finanzmärkten als
erbitterte Kontrahenten auftreten.
Getrennt von einem »ökomischen eiser-
nen Vorhang«, so der frühere US-Finanz-
minister Hank Paulson, wären große Teile
der Welt gezwungen, sich in rivalisierende
Wirtschaftsblöcke aufzuteilen. Vor allem
Exportnationen wie Deutschland müssten
sich dann zwischen China- und US-Ge-
schäft entscheiden. Weltweit würden be-
währte Lieferbeziehungen gekappt, die
Wachstumsraten sinken und die Preise stei-
gen. Die eng verflochtene Weltwirtschaft
würde sich ein Stück weit entkoppeln.
Nur: Lässt sich die Globalisierung über-
haupt zurückdrehen? Welche Druckmittel
halten China und die USA in Händen, um
sich gegenseitig das Leben schwer zu ma-
chen? Und wer ginge als Sieger vom Feld?
Der Kampf um Vorherrschaft wird in den
nächsten Jahren vor allem auf drei Feldern
ausgetragen werden: in der Hochtechno-
logie, bei Rohstoffen und auf den Finanz-
märkten.

Vorsprung durch Technik


Wer die glamouröse Seite des chinesisch-
amerikanischen Hightech-Duells besichti-
gen wollte, konnte das Ende Februar bei
der weltgrößten Mobilfunkmesse in Bar-
celona tun. Der Huawei-Konzern stellte
dort seine neuen Tech-Spielzeuge auf glit-
zernden Messeständen aus und sparte an
nichts – vor allem nicht an Kampfansagen
in Richtung Apple. Während die Chinesen
die Vorzüge ihrer faltbaren Luxus-Smart-
phones und neuen Notebooks priesen,
wurden auf einer Riesenleinwand die Pro-
dukte des Rivalen aus Cupertino einge-
blendet. Bisweilen gab es für die Spitzen
gegen Apple sogar Szenenapplaus.
Der einstige Billigheimer aus China, das
TONI ALBIR / EPA-EFE / REX

war die klare Botschaft, spielt längst auf Au-


genhöhe im Premiumsegment. Im vorigen
Jahr zogen die Chinesen beim Smartphone-
Verkauf erstmals mit den iPhone-Machern
Huawei-Stand auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona gleich, im ersten Quartal dieses Jahres
lagen die Chinesen vorn. Seinen Anspruch

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 71


trägt Huawei schon im Na- Ohne die Chips und ohne
men. Der bedeutet über- den Google Play Store, Goo-
setzt: »China ist fähig». gle-Mail und -Maps, so das
Und der Konzern aus Kalkül des Weißen Hauses,
dem Reich der Mitte führt könnte selbst ein Gigant wie
auch den wichtigen Markt Huawei in Schwierigkeiten
mit Mobilfunksendeanla- geraten. Das gilt umgekehrt
gen an, wo es sehr zum Miss- aber auch für die US-Unter-
fallen von Donald Trump nehmen. Offenbar hat die
praktisch keine amerikani- Trump-Regierung die mög-
sche Konkurrenz mehr gibt. lichen Kollateralschäden
Anders als die Europäer nicht mitbedacht.
haben die Chinesen zudem So stürzten die Aktien-
mit Alibaba (E-Commerce), kurse der Chipproduzenten
Baidu (Suche) und Tencent und Huawei-Ausstatter Mi-
(soziale Netzwerke) längst cron und Qualcomm unter
ernst zu nehmende Rivalen Trumps Bannfluch ab.
zu den großen US-Plattfor- Zudem haben einige US-
men aufgebaut. Das bringt Netzbetreiber in ländlichen
das Land in eine ideale Aus- Gebieten Technik der Chi-
gangsposition für den nächs- nesen im Einsatz. Auch des-
ten Megatrend: künstliche halb gewährte das US-
Intelligenz (KI). Bis 2030 Handelsministerium einen
will China hier weltweit füh- zeitlichen Aufschub von
rend sein und weitere Mil- rund drei Monaten.
liardensummen investieren. Ohnehin ist fraglich, was
Auch das Programm die amerikanischen Maß-
»Made in China 2025« nahmen noch bewirken
kann man als ökonomische können. China hat sich in
Kampfansage verstehen, vielen Branchen und Tech-

KYODO NEWS / IMAGO


etwa in Sachen Elektromo- nologien längst eine füh-
bilität: Bis 2025 will China rende Stellung gesichert. Al-
80 Prozent der Inlandsnach- lein Huawei und seine Toch-
frage nach Elektroautos aus ter HiSilicon hatten bis
eigener Herstellung decken. Ende vorigen Jahres rund
Chinas Lenker sehen ihre Präsidenten Trump, Xi: Kollateralschäden nicht mitbedacht 18 700 Standards rund um
schnelle Aufholjagd beim die neue Mobilfunkgenera-
technologischen Fortschritt tion 5G eingereicht – die
als weitgehend abgeschlossen, nun sollen Kritiker beruhigt das keineswegs – zu- beiden größten Wettbewerber Ericsson
die Überholmanöver folgen. mal aktuell die Milliardenaufträge für den (Schweden) und Nokia (Finnland) kom-
Dabei spielt China nicht immer fair. Es Aufbau der nächsten Mobilfunkgeneration men auf 10 000 und knapp 7000.
nutzte die neuen Technologien schon früh 5G vergeben werden. Sie wird die Basis Die US-Regierung kann den Aufstieg der
als geheimdienstliche Waffe, etwa bei der für Zukunftstechnologien wie die vernetz- Tech-Weltmacht China bestenfalls bremsen,
Industriespionage. Viele Cyberattacken, te Produktion und das autonome Fahren. aber nicht mehr verhindern. Trump könnte
wie die Angriffe auf Unternehmensnetze Das erklärt die aktuelle Eskalation und ist in den anstehenden Verhandlungen allen-
von Thyssenkrupp oder Bayer schreiben auch der Grund, warum Donald Trump falls verlangen, dass China seine aggressive
IT-Experten Hackern im chinesischen bei seinen jüngsten verbalen Attacken Industriespionage zurückfährt und fairere
Staatsauftrag zu. Chinesische Behörden gegen Huawei von einer Gefahr für die Bedingungen für einen Markteintritt west-
versuchen zudem, mit rabiaten Methoden »nationale Sicherheit« sprach. licher Unternehmen schafft.
bis zur Erpressung Einblicke in die Ge- Das Kalkül hinter seinem Bann ist klar: Womöglich führt Trumps Anti-Huawei-
schäftsmodelle und Geheimnisse west- Er zielt auf eine der wenigen noch vorhan- Feldzug sogar dazu, dass China seine
licher Firmen zu bekommen. denen Achillesfersen des Tech-Standorts Bemühungen verstärkt, die letzten Tech-
Auch Huawei ist mehrfach des Diebstahls China: Bei der Chipherstellung kann das Lücken zu schließen und noch unab-
geistigen Eigentums bezichtigt worden, Reich der Mitte noch nicht mithalten. hängiger zu werden. Anzeichen dafür gibt
etwa von den US-Wettbewerbern Cisco und Ohne Chips aber läuft nichts, kein Smart- es, sowohl in der Chip- als auch in der
Motorola. Im Januar erst beschuldigte das phone, kein Rechner, keine Mobilfunk- Softwarebranche – bei Huawei beispiels-
US-Justizministerium Huawei, technische sendeanlage. weise wird schon seit geraumer Zeit an
Details über den Handy-Test-Roboter »Tap- Um sich aus dieser Abhängigkeit zu einem eigenen mobilen Betriebssystem
py« bei T-Mobile US gestohlen zu haben. befreien, hatte eine staatlich kontrollierte gearbeitet.
Die US-Ankläger werfen dem Konzern so- chinesische Investmentgesellschaft schon Huawei-Gründer Ren Zhengfei bemüh-
gar vor, ein Bonusprogramm für Mitarbeiter 2015 erfolglos versucht, den US-Chip- te sich diese Woche erst einmal um verbale
aufgelegt zu haben, die bei anderen Firmen hersteller Micron zu übernehmen. Einen Abrüstung. Er sei dagegen, dass die Regie-
besonders wertvolle Informationen klauten. weiteren Versuch bei einem anderen US- rung in Peking mit Vergeltungsmaßnah-
Huawei hat alle Spionagevorwürfe stets be- Halbleiterhersteller stoppte Donald Trump men auf die US-Dekrete reagiere – und er
stritten – und die Schuld im »Tappy«-Fall 2017. Auch Huawei muss deshalb weiterhin rechne auch nicht damit. In einem Inter-
seinen Mitarbeitern zugeschoben, die an- in erheblichem Umfang Chips importieren, view mit der amerikanischen Nachrichten-
geblich auf eigene Faust agiert hätten. vor allem aus den USA. agentur Bloomberg sagte er: »Das wird

72 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Wirtschaft

nicht passieren, und wenn es passiert, dann Lynas startete 2012 die Produktion an der und im Grunde entschieden: China hat sich
bin ich der Erste, der dagegen protestiert.« Mine Mount Weld, 700 Kilometer nord- die wichtigsten Quellen gesichert. Viele
östlich von Perth; der Chemiekonzern BASF, Unternehmen geraten in eine gefährliche
Schlacht um die Rohstoffe auch ein großer Katalysatorhersteller, ge- Abhängigkeit, nicht nur in Amerika. Auch
hört zu den Lynas-Kunden. Das alles half, die deutsche Industrie ist verwundbar.
Wenn Chinas Präsident Xi Jinping einem die Lage auf dem Markt für Seltene Erden Als sich vor rund neun Jahren der Eng-
Betrieb einen Besuch abstattet, steckt oft zu entspannen, zumindest übergangsweise. pass bei Seltenen Erden abzeichnete, reifte
eine Botschaft dahinter. Vor knapp zwei Wenn China nun erneut den Joker zieht, in der heimischen Wirtschaft die Idee, ge-
Wochen reiste der Staatschef in die Pro- hätte dies »kurzfristig enorme Konsequen- meinsam der Gefahr zu begegnen. Eine
vinz Jiangxi zu einem Produzenten soge- zen«, sagt Harald Elsner von der Bundes- sogenannte Rohstoffallianz von Unterneh-
nannter Seltener Erden – und sandte da- anstalt für Geowissenschaften und Roh- men formierte sich – darunter Thyssen-
mit ein Signal, um nicht zu sagen, eine stoffe. Denn der Abbau ist aufwendig, die krupp, Bayer und BASF –, die aber bald
deutliche Warnung: dass nämlich Amerika Verarbeitung schwierig, das Geschäft sel- wieder zerfiel, als der akute Notstand vo-
und die ganze Welt hochgradig abhängig ten profitabel – und China nach wie vor rüber war. Das könnte sich noch rächen.
seien von chinesischen Rohstofflieferun- dominant.
gen. Und dass die Volksrepublik jederzeit Vor allem die USA sind verletzlich. 80 Die Geld-Waffe
in der Lage sei, den Nachschub zu stoppen. Prozent ihrer Importe von Seltenen Erden
Seit Langem beherrscht China als Qua- stammen aus China. Doch nicht nur bei Kaum jemand schießt so scharf gegen Chi-
simonopolist den globalen Markt für Sel- diesen Elementen ist die Abhängigkeit na wie Stephen Bannon. Der frühere Chef-
tene Erden, das sind 17 chemische Elemen- groß. Grafit zum Beispiel, das für Brenn- stratege Donald Trumps drohte vor Kur-
te mit komplizierten Namen wie Yttrium, stoffzellen nötig ist, beziehen die Vereinig- zem ausgerechnet in der »South China
Neodym oder Dysprosium. Viele davon ten Staaten zu 37 Prozent aus der Volks- Morning Post«: »Als Nächstes stoppen wir
sind essenzielle Bestandteile von Zukunfts- republik. Bei Magnesium, wichtig bei der alle Börsengänge.«
technologien: als Verstärker für Magneten Verarbeitung von Keramik, liegt der Anteil Zwar hat der US-Präsident Bannon be-
in Windkraftanlagen, als Poliermittel für bei rund 60 Prozent. reits im Sommer 2017 gefeuert. Doch die
Gläser in der Optikindustrie, als Hitze- Besonders folgenschwer aber ist im an- Tiraden des Scharfmachers sind ein Indiz
schild für Katalysatoren. Würden die Ma- brechenden Zeitalter der Elektromobilität dafür, dass die Finanzmärkte zum nächs-
terialen knapp, hätte dies nach Einschät- der Zugriff auf Rohstoffe, die für E-Auto- ten Schlachtfeld für den Konflikt zwischen
zung von Hubertus Bardt vom Institut der Batterien unverzichtbar sind. Chinesische China und den USA werden könnten.
deutschen Wirtschaft »fatale Wirkungen Firmen kontrollieren die Minenproduk- Beide Seiten haben enorme Druckmit-
für die Weltwirtschaft«. tion im Kongo, wo gut die Hälfte des Welt- tel: Der amerikanische Dollar ist mit Ab-
Schon einmal hat China diese Karte ge- angebots an Kobalt herstammt. Und in stand die wichtigste Handels- und Reserve-
spielt. Vor neun Jahren stoppte die Volks- den Hauptförderregionen von Lithium, in währung. Mit den Sanktionen gegen Iran
republik den Export Seltener Erden, da- Australien und Chile, sind sie vielerorts und Russland hat die US-Regierung ge-
mals hatte der Konflikt mit Japan um eine an Projekten beteiligt. zeigt, dass sie diese Waffe einsetzen kann,
Inselgruppe die Lage eskalieren lassen. Inzwischen fördern chinesische Unter- um Länder vom Welthandel weitgehend
Die Preise für die Hightech-Metalle schos- nehmen mehr als 60 Prozent des Rohstoffs abzuschneiden.
sen in die Höhe, die Industrie sah sich ge- weltweit. Innerhalb weniger Jahre haben China wiederum kann über den Wech-
fangen in der Versorgungsfalle – aber sie Unternehmen wie Ganfeng oder Tianqi selkurs seiner Landeswährung Renminbi
befreite sich daraus. Die Unternehmen das bisherige Oligopol dreier westlicher die globalen Handelsströme beeinflussen
drosselten, wo immer möglich, den Ver- Anbieter gesprengt und sind zu Global und ist außerdem der mit Abstand größte
brauch, ersetzten Seltene Erden durch Playern aufgestiegen. Gläubiger der Vereinigten Staaten.
andere Materialen und erschlossen neue Ein erbitterter Verteilungskampf um die Mehr als drei Billionen Dollar an Wäh-
Quellen: Der australische Bergbaubetrieb begehrten Bodenschätze ist entbrannt – rungsreserven hat China angehäuft, einen

Erfolgreiche Volksrepublik Internationale Devisenreserven* Produktion Seltener Erden 2018,


Patentanträge nach Herkunftsland in Billionen Dollar in tausend Tonnen
des Antragstellers
1,3 Mio. *gesamt, ohne Goldreserven
Quelle: Thomson Reuters 4
Quelle: USGS

Datastream
120

3
China

USA
437353
525476
2
80%
der Seltenen Erden
importierten die USA
1 zwischen 2014 und 2017
aus China
China USA 20
161308 Quelle: WIPO 15 15

2007 2017 2007 2017 China Australien USA sonstige

73
Wirtschaft

großen Teil davon halten die Chinesen in 2018 42 chinesische Börsengänge. Weil die
amerikanischen Staatsanleihen. Als die Pe- Firmen sich damit den Regeln der ameri-
kinger Notenbank im März US-Bonds im kanischen Börsenaufsicht unterwerfen,
Wert von rund 20 Milliarden Dollar auf hätte Trump hier einen Hebel, Druck auf
den Markt warf, spekulierten die Finanz- Peking auszuüben.
märkte über eine gezielte Attacke gegen Um dem zu entgehen und sich unab-
Trump. Seit zweieinhalb Jahren hatte Pe- hängiger von amerikanischem Investoren-
king nicht so viele US-Papiere verkauft. geld zu machen, könnten bald mehr chi-
Die Logik dahinter: Wenn der größte Geld- nesische Konzerne der Idee von Alibaba
geber sich von den USA abwendet, könn- folgen.
ten die Zinsen steigen, weil die Regierung Chinas größter Halbleiterhersteller
mehr Rendite bieten muss, um andere An- SMIC etwa verkündete vergangene Wo-
leihekäufer zu finden. Trump dagegen che den Rückzug von der New Yorker Bör-
drängt seit Monaten die amerikanische se. Den Finanzfirmen von der Wall Street
Notenbank Fed, die Zinsen zu senken, um würde damit künftig eine Menge lukrati-
die Wirtschaft anzuheizen. ves Geschäft entgehen. Noch gefährlicher:
Dass Peking seinen Anleihenschatz tat- Wenn Chinas Investoren ihre US-Aktien
sächlich als Waffe einsetzt, halten Exper- im Wert von 200 Milliarden Dollar auf
ten indes für unwahrscheinlich. »Wollte den Markt werfen, könnten die Kurse auf
China wirklich die US-Zinsen hochtreiben, breiter Front rutschen.
müsste es aggressiver vorgehen und würde Kein Wunder, dass die US-Finanzkon-
sich damit selbst in den Fuß schießen«, zerne in Washington auf Entspannung
sagt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. drängen. »Die USA haben zwar im Han-
Ein Ausverkauf der US-Papiere würde delskrieg weit mehr Trümpfe in der Hand
deren Kurse drücken und somit China hohe als China«, sagt Harvard-Ökonom Rogoff.
Verluste bescheren sowie auch Verwerfun- »Aber deshalb ist ein Handelskrieg noch
gen an den Devisenmärkten auslösen. Der lange keine kluge Idee.«
Renminbi könnte aufwerten, was China im

Hölle im
Handel massiv schaden dürfte. »Es ist wie Die Logik der Bombe
in dem alten Sprichwort: ›Schuldest du der
Bank hundert Dollar, hast du ein Problem. Im Kalten Krieg zwischen den USA und

Gewächshaus
Schuldest du der Bank Millionen Dollar, der Sowjetunion galt das sogenannte
hat die Bank ein Problem‹«, sagt Rogoff. Gleichgewicht des Schreckens. Beide Sei-
Am Dienstag gab Finanzminister Ste- ten hatten so viele Atomwaffen in ihren
ven Mnuchin nun einen neuen Warn- Arsenalen, dass sie glaubwürdig mit ge-
schuss Richtung China ab. In dem halb- genseitiger Vernichtung drohen konnten. Landwirtschaft Tagelöhner in
jährlichen Bericht seines Ministeriums zur So kam es, dass die große Bombe nie ein- Südspanien schuften für ein paar
Währungspolitik wichtiger Handelspart- gesetzt wurde.
ner ist von »Fehlausrichtung« und »Unter- So könnte es auch im heraufziehenden Euro, damit es in deutschen
bewertung des Renminbi gegenüber dem Systemkonflikt zwischen den USA und Läden im Januar Erdbeeren gibt
Dollar« die Rede. Allerdings sah Mnuchin China laufen. Die beiden Mächte werden und Tomaten das ganze Jahr.
davon ab, China formal der Manipulation kaum eine ultimative Zerstörung wagen.
zu bezichtigen. »Das hätte den Konflikt Aber ihre Rivalität ist derart groß, dass es
extrem befeuert«, sagt Gene Frieda, De-
visenstratege bei der Fondsgesellschaft
Pimco.
Die Zeiten, in denen Peking gezielt die
ständig zu neuen Drohgebärden kommen
wird.
Für Europa bietet das Chancen und
Risiken zugleich. Einerseits könnte der
W er aus dem Weltall auf Spanien
blickt, wie es der Astronaut Pedro
Duque getan hat, sieht im Südos-
ten des Landes einen hellen Fleck. Als ob
eigene Währung schwächte, sind vorbei. Kontinent zum Vermittler zwischen den sich dort ein Schneesturm entladen hätte.
Zu groß ist die Angst, verunsicherte Inves- konkurrierenden Weltmächten werden. Es ist das »Plastikmeer« von Almería –
toren könnten eine regelrechte Kapital- Andererseits hätte er unter den Kollateral- eine Fläche, groß wie 47 000 Fußballfelder,
flucht auslösen. Stattdessen versucht Chi- schäden zu leiden, die ein verschärfter voller Gewächshäuser. Der Gemüsegarten
na, sich unabhängiger vom amerikani- Wirtschaftskrieg zur Folge hätte. Gerade Europas. Und mittendrin wohnt Charifa
schen Kapitalmarkt zu machen. So plant Deutschland könnte dann wegen seiner Essamraoui, 42, eine Erntearbeiterin. Der
der Internetkonzern Alibaba derzeit Me- starken wirtschaftlichen Verflechtungen Salat, den sie schneidet, landet auch in
dienberichten zufolge, neue Aktien im mit China und den USA zu einer Art Front- Deutschland im Regal.
Wert von bis zu 20 Milliarden Dollar an staat werden, wie einst im Kalten Krieg. Wenn man sie fragt, wovon sie träume,
der Hongkonger Börse auszugeben. 2014 »Wir müssen uns darauf einstellen, dass dann sagt die Marokkanerin: »Von einem
hatte Alibaba noch in einem spektakulä- der Konflikt der Weltmächte USA und Chi- kleinen Haus im Dorf.« Ihr Zuhause ist
ren Börsengang in New York 25 Milliarden na der beherrschende Konflikt des nächs- nur eine Hütte. Zwei Räume für sie und
Dollar eingesammelt. ten Jahrzehnts sein wird«, sagte der Kieler ihren Mann, zusammen kaum 25 Quadrat-
Der Schritt hatte damals einen Ansturm Handelsökonom Gabriel Felbermayr kürz- meter, mit selbst gebauter Außenküche.
chinesischer Firmen auf die US-Börsen lich dem »Handelsblatt«. »Es geht um die Ein Erntehelferverschlag aus der Franco-
ausgelöst. Seither reißen sich Investoren Weltherrschaft.« Zeit, mitten zwischen den Gewächshäu-
um die Aktien der wachstumsstarken Un- Martin Hesse, Alexander Jung, sern in San Isidro bei Almería. 160 Euro
ternehmen aus der Volksrepublik. An der Marcel Rosenbach, Michael Sauga Miete zahlt sie dem spanischen Vermieter
New York Stock Exchange und der Tech- Mail: michael.sauga@spiegel.de
pro Monat. 1000 Euro hatte er schon beim
nologiebörse Nasdaq gab es seit Anfang Einzug als Provision verlangt. So viel ver-

74
unter dem Meeresspiegel gesunken. Man
behilft sich mit Meerwasserentsalzungsan-
lagen, die immer größer werden müssen,
oder bohrt neue Brunnen. Andalusien ist
voller illegaler Wasserschächte – im Januar
fiel ein Kind in ein solches Loch und starb.
Derart riskanter Raubbau taucht aller-
dings in keiner Wirtschaftlichkeitsstatistik
auf, und deshalb stehen viele der Gewächs-
haushochburgen in Städte-Rankings gar
nicht schlecht da. Doch hinter der Fassade
tobt ein gnadenloser Preiskampf: 14 Cent
pro Kilo brauche man zum Überleben,
sagt ein Zucchini-Bauer. Vergangenes Jahr
boten ihm die großen Abnehmer mitunter
nur 3 Cent – für Ware, die dann für rund
zwei Euro pro Kilo in deutschen Super-
märkten liegt.
Richtig profitabel ist das Geschäft nur

LAURA LEÓN / DER SPIEGEL


für wenige, Zwischenhändler wie Juan
Garcia Lax etwa, der Lidl mit Früchten
aus der Region versorgt. Der Spanier mit
Firmensitz in Köln ist einer der ganz Gro-
ßen im Geschäft mit Gemüse, rund zwei
Milliarden Euro Umsatz, zweistelliger Mil-
Anbauflächen bei Almería: Hinter der Fassade tobt ein gnadenloser Preiskampf lionengewinn pro Jahr.
Die Marokkanerin Charifa Essamraoui
hat es noch gut getroffen. Sie besitzt Auf-
dient Essamraoui etwa im Monat. Wenn ben war, hatte sie nicht genau gelesen. Ir- enthaltspapiere und hat einen Zeitvertrag,
sie denn Arbeit hat. gendwie habe sie das »umtauschen« kön- der ihr zumindest auf dem Papier den Min-
Seit elf Jahren ist sie hier, sie hat bei über nen und fing in den Gewächshäusern von destlohn von 900 Euro pro Monat ver-
40 Grad Hitze Tomaten im Gewächshaus Almería an. spricht. Dass sie jeden Tag 80 Kilometer
gepflückt, in gebückter Haltung Salat auf Die Akkordproduktion hat Spuren in bis zu den Salatfeldern fahren muss und
den Feldern geschnitten, wie zuletzt im dieser kargen Ecke Andalusiens hinterlas- nicht einen Cent Fahrtkosten erstattet be-
April und Mai. Ihre Hände sind geschwol- sen, wo einst der Western »Spiel mir das kommt? Geschenkt.
len, ihr Gang ist schwer, die Knie und ihr Lied vom Tod« gedreht wurde. Der Preis Es geht schließlich noch schlechter: »Ein
Kreuz eigentlich zu lädiert für die Arbeit. der »Plastikproduktion« ist hoch, für die knappes Drittel der Migranten hat keine
Oft wird der Salat noch kurz vor der Ernte Umwelt und die Menschen. Nirgendwo in Papiere«, sagt José Garcia Cuevas von der
mit der Giftspritze behandelt – Kollegen Spanien wird so viel an Kunstdünger und Landarbeitergewerkschaft SOC-SAT.
von ihr haben das gefilmt. Dennoch hat Pestiziden eingesetzt wie in Andalusien. Diese Tagelöhner sind die Unsichtbaren,
sich Essamraoui nicht geschont, hat weiter In der trockenen Gegend wird zudem das die in keiner Statistik auftauchen. Sie war-
Überstunden gemacht und sonntags gear- Wasser knapp. 200 Liter beansprucht die ten jeden Morgen auf dem sogenannten
beitet – für ihren Traum, irgendwann raus- Produktion eines Kilos Tomaten insge- Pflückerstrich, den Kreisverkehrinseln der
zukommen aus der Gewächshaushölle. samt, fast 2000 Liter sind für Trendfrüchte Ausfallstraßen von El Ejido, der Gemüse-
Die Marokkanerin ist eine von geschätzt wie Mangos und Avocados nötig. Inzwi- hochburg bei Almería. 32 bis 35 Euro
120 000 Migranten, die in Almería ihr schen ist der Grundwasserspiegel in der bieten ihnen die Plantagenbesitzer für
Glück versuchen. Sie stammen aus Afrika Südostecke Spaniens teils auf 500 Meter acht Stunden Schwarzarbeit unter Plastik.
und Osteuropa und arbeiten dafür, dass Auch ihre Produkte gelangen nach Deutsch-
der nordeuropäische Konsument auch im land, über Umwege. Vor Ort nehmen gro-
Januar Erdbeeren essen kann, dass Toma- ße Genossenschaften wie La Uníon oder
ten, Mangos, Avocados zu jeder Jahreszeit Vicasol die Ware ab und schicken sie auf
verfügbar sind. Zwei, drei Ernten sind un- die Reise.
ter den Planen pro Jahr möglich. Der größ- Viele der Unsichtbaren leben in einer
te Anteil der Produktion landet in deut- der vielen »Chabolas« in den Slums der
schen Supermärkten. Provinz Almería. Rund 60 solcher Bara-
In das Plastikmeer schaffte es Charifa ckensiedlungen gibt es allein in der Ge-
Essamraoui über einen Kontaktmann, lan- gend von San Isidro, erzählt der Gewerk-
ge vor der Flüchtlingskrise. In ihrer Hei- schafter Cuevas. Etwa 2500 Menschen
mat Fkih Ben Salah in Zentralmarokko leben dort. Arbeiter wie Morad, 28, und
LAURA LEÓN / DER SPIEGEL

hätte sie gern eine Familie gegründet, Mimoun, 30, beide Marokkaner, die ihre
»aber es gab keine Arbeit, es gab keine Nachnamen nicht gedruckt sehen wollen.
Chancen mehr«. Der Vermittler lockte mit Ihre Siedlung liegt an der Straße zum
Blankoarbeitsverträgen. 7000 Euro zahlte Naturpark Capo de Gata mit einigen der
sie dafür, ihr Türöffner nach Europa. Mit schönsten Strände Spaniens. Gesehen ha-
dem Papier erhielt sie ein Arbeitsvisum, ben die beiden die noch nie.
sie kam legal mit der Fähre. Dass auf dem Arbeiterin Essamraoui Zwischen Massen aus Abfall haben sie
Vertrag ein Callcenter in Albacete angege- »Es gab keine Chancen mehr« sich eine der fensterlosen Hütten gebaut. Sie

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 75


befestigten Holzpflöcke im Boden, nagel- Bioproduzenten Luis Andujar sich darü-
ten Europaletten als Außenwände dran ber aufregt, dass die Arbeiterinnen im Ver-
und überzogen das Ganze mit Plastik- packungsbereich zweimal pro Tag für etwa
planen. Hier leben sie zu zweit, dritt oder drei Minuten aufs Klo gingen. Sie würde
auch zu sechst, ohne fließendes Wasser, jetzt Klolisten führen, und wer sich nicht
ohne Toilette. Morad wohnt hier seit zwei, eintrage, könne nach Hause gehen.
Mimoun seit über vier Jahren. Die Energie In der Vergangenheit rechtfertigten sich
für Licht und Wärme kommt aus illegal angegriffene Firmen und ihre Abnehmer
angezapften Stromleitungen oder aus Gas- gern mit einem Verweis auf Global G.A.P.
flaschen, die manchmal explodieren. Dieser Standard der Industrie soll gute
Mit dem Schlauchboot sind die beiden fachliche Praxis belegen und wirbt damit,

LAURA LEÓN / DER SPIEGEL


übers Mittelmeer gekommen. Sie hatten »die Eintrittskarte für den Weltmarkt« zu
schlechte Zeiten, zuletzt auch sehr schlech- sein. Den Ausbeutungscharakter hat das
te. Ihre Hütten liegen etwas abseits, nur Siegel diesem Markt freilich nicht nehmen
noch wenige Chefs sammeln hier Leute können. Cuevas hält es für eine miese Ma-
auf. Inzwischen sind sie manchmal über sche. Er habe Hunderte Arbeiter solch zer-
eine Woche ohne Arbeit. Im Moment gehe tifizierter Betriebe gesehen, die kaum über
es nur noch ums Überleben, sagt Morad. Arbeiter Vaduva die Runden gekommen seien.
»Ohne Papiere bist du nichts.« Mit dem Trecker in der Chemiewolke Auch Iulian Vaduva, 37, arbeitet in ei-
Die spanischen Einwanderungsgesetze, nem nach Global G.A.P. zertifizierten Be-
sagt Felix Hoffmann, seien geradezu per- trieb in San Isidro. An diesem Abend sitzt
fekt auf die kommerzielle Nutzung von gal stehen. Er ist mit seinem Anwalt er- der Rumäne bei Cuevas im Büro. Er ist
Migranten zugeschnitten. Hoffmann ist schienen. Die Arbeiter haben sich hübsch blass, dünn, seine Hände zittern etwas. Im
Kultur- und Sozialanthropologe an der gemacht, tragen Lederjacken, verschlisse- Gewächshaus haben die Gewerkschafter
Europa-Universität in Frankfurt (Oder) ne Jacketts, die Frauen Kleider. In abgegrif- am Morgen Info-Zettel über die Rechte
und hat seine Dissertation über die Ein- fenen Umschlägen haben sie ihre Verträge der Arbeiter verteilt. Als Vaduvas Chef
wanderungsökonomie in Almería geschrie- dabei. Es geht um vorenthaltenen Lohn. mittags davon erfuhr, machte er ihn fertig.
ben. Nicht nur vom Schreibtisch aus – er Niemand zwinge sie, 60-Kilo-Salat- »Es hieß, ich sei ein Krebsgeschwür.«
hat dort gelebt, über Monate, in einer WG boxen zu tragen, sagt der Anwalt. Charifa Über Jahre wurden die Arbeiter hier
mit Afrikanern. und die anderen lächeln. Wie sollen sie mit 37 Euro pro Tag abgespeist, wer in
»Nach Almería gehen die, die keine Aus- die Vorgaben anders schaffen? Wären sie den kleinen Firmenverschlägen zwischen
sicht auf Asyl haben«, sagt er. Die meisten produktiver, könnten sie 20 Euro pro Stun- den Gewächshäusern wohnte, bekam nur
wollten das auch gar nicht, sondern die de verdienen, so der Anwalt. Nur komisch, 34 Euro. Die Diskrepanz zwischen tat-
Chance auf ein normales Leben. Ein lega- dass viele oft unter dem Mindestlohn blie- sächlich geleisteten und abgerechneten
les. Anders als Länder wie Deutschland ben, erwidert der Gewerkschafter Cuevas, Stunden war enorm.
und Italien bietet Spanien diesen Men- der die Arbeiter vertritt. Man könne den Dennoch verstand sich Vaduva lange
schen dafür eine Chance, eine kleine. »In Salat auch mit Maschinen ernten, kontert gut mit seinem Arbeitgeber. Die halbe
Almería kann man sich diese Legalität ver- der Anwalt. Familie des Rumänen arbeitet seit Jahren
dienen«, sagt Hoffmann über die spani- Einen Kompromiss, 900 Euro Grund- in dem Betrieb, ab und zu gab es kleine
sche Sonderregelung. lohn plus 100 Euro Fahrtkosten pro Monat Extrazahlungen – Erntedank. Vaduva war
Das Land erteilt Migranten nach drei für jeden, lehnt der Arbeitgeber ab. We- sogar einer der Ersten, der die Erfindung
Jahren eine befristete Aufenthalts- und nige Tage darauf werden die Marokkaner seines Chefs anwenden durfte: Hinten auf
Arbeitserlaubnis – wenn sie sich sozial verwarnt. Zwei Wochen später sind alle einen kleinen Trecker hatte der einen In-
»verwurzelt« haben und ein Jahresvertrag entlassen, auch Charifa Essamraoui. dustrieventilator geschraubt, in den die
des Arbeitgebers vorliegt. »Vorher muss Es ist nicht leicht, die Arbeitgeber in Al- Pestizide geleitet wurden, um sie in den
man sich quasi in der Illegalität beweisen, mería zu den Arbeitsbedingungen zu be- Gewächshäusern breiter versprühen zu
nicht auffallen, sich durchschleichen«, sagt fragen. Nach mehrfachen Versuchen lässt können. Es gibt Aufnahmen davon: Va-
Hoffmann. Drei Jahre Probezeit zu Hun- Essamraouis Firma wissen, sie werde von duva auf dem Trecker und hinter seinem
gerlöhnen mit späterer Aussicht auf einen einem Qualitätsunternehmen auditiert, Rücken die Chemiewolke.
Vertrag, den sich manche Chefs dann noch alle Prüfungen, auch zum Wohlergehen Zwei Jahre hat er fast täglich gespritzt,
bezahlen lassen – die Auslese hier ist still der Arbeiter, seien stets positiv ausgefallen. ohne Schutzkleidung. Vor vier Monaten
und gnadenlos. »Wir exportieren Zukunft und Respekt«, erzählte er seinem Chef dann von seinen
Mit Tariflöhnen und ordentlicher Bezah- heißt es auf der Seite des Produzentenver- Kopfschmerzen, dem Schwindel. Dass er
lung, sagt Hoffmann, wäre Almería nicht bandes. Zu einem Gespräch sah man sich abgenommen habe und sich häufig über-
konkurrenzfähig. »So aber läuft dort seit nicht in der Lage. Auch keine der anderen geben müsse. »Die Arbeit muss gemacht
über 30 Jahren eine gut geölte Maschine.« Firmen beantwortete Fragen. werden, wurde mir gesagt«, so Vaduva.
Es ist Ende April, als Charifa Essam- Dafür gibt es Videos, etwa auf YouTube. Spanien sei mal ein Traum für ihn ge-
raoui versucht, sich zu wehren. Gemein- Auf einem ist zu sehen, wie ein Chef aus- wesen. »Aber ich habe mich geirrt.«
sam mit 20 anderen Marokkanern sitzt sie rastet und handgreiflich wird, als ein Arbei- Nils Klawitter
in der Regionalverwaltung Almería, in der ter ihn an den Mindestlohn erinnert. Das Mail: nils.klawitter@spiegel.de
Schlichtungsstelle für Arbeitsangelegen- Gesetz gehe ihm »am Arsch vorbei«. Acht
heiten. Und zum ersten Mal seit Jahren Tage sollte der Arbeiter bezahlt bekom-
sieht sie ihrem Chef ins Gesicht, einem men, für einen Monat Arbeit. Mehr als Video
In der Baracken-
aufgedunsenen Mann Mitte vierzig, der zwei Dutzend derartiger Beschwerden be- siedlung von Almería
unter anderem die Marke Florette belie- komme er an manchen Tagen, sagt Cuevas. spiegel.de/sp232019ausbeutung
fert, deren geschnippelte und fertig ver- In einer anderen Filmsequenz ist zu ver- oder in der App DER SPIEGEL
packte Salate bei Edeka und Rewe im Re- nehmen, wie eine Managerin des großen

76
Wirtschaft

geredet, berichten Insider. Am Ende seien »nur zweit- oder drittrangig auf den Ge-

Projekt die Gespräche nur noch mit KKR geführt


worden – auch weil der Investor akzeptiert
habe, dass Springer weiter in Journalismus
winn zu schauen«, heißt es im Haus.
Sollte das Vorhaben, intern »Project
Heritage« (Erbe) getauft, klappen, wäre

»Erbe« investieren wolle. KKR, so heißt es, werde


Zugang zu neuen Finanzierungen eröffnen.
Ein konkretes Übernahmeziel gebe es der-
das für Springer ein historischer Schritt –
und ein Befreiungsschlag. Der Verlag war
1985 das erste deutsche Medienhaus, das
Medien Der Axel-Springer- zeit aber nicht, versichern Insider. sich an die Börse gewagt hatte. Das Sagen
Konzern will sich mithilfe des Mit dem Rückzug von der Börse bekäme aber behielt stets Friede Springer, die den
der Konzern, so die Hoffnung, die Chance, Großteil ihrer Anteile in der Axel Springer
Finanzinvestors KKR von der in Geschäfte zu investieren, die sich nicht Gesellschaft für Publizistik gebündelt hat
Börse zurückziehen. Für den Ver- schnell rechnen, ohne sich hierfür von den und gut fünf Prozent direkt hält. Auf der
lag wäre das ein Befreiungsschlag. Aktionären verprügeln lassen zu müssen. Hauptversammlung reichte das, zumal im
Es gehe um die Freiheit, für ein paar Jahre Verbund mit Döpfner, immer für eine kom-
fortable Stimmenmehrheit.
Mächtige Familie
F ür Mathias Döpfner war das vergan-
gene Jahr ein ziemlich teures. Dem
Chef des Axel-Springer-Konzerns ge-
hören 2,8 Prozent des Verlags. Noch im
Hauptaktionäre des Axel-Springer-Konzerns
sonstiger Axel Springer
Der unbedingte Wille der Verleger-
witwe, die Kontrolle zu behalten, aber hat
Springer in den vergangenen Jahren in ein
Dilemma manövriert. Zwar leistete sich
vergangenen Mai war sein Aktienpaket Aktienbesitz Gesellschaft für der Konzern immer wieder auch große Zu-
184 Millionen Euro wert. Doch seither ist 44,8% Publizistik käufe wie das US-Wirtschaftsportal »Busi-
im Alleinbesitz von
der Kurs in die Tiefe gerauscht, Döpfners Friede Springer ness Insider« für gut 350 Millionen Euro.
Papiere hatten bis Mitte dieser Woche 48 37,5% Für die »Financial Times« wäre der Kon-
Millionen verloren. Schlimmer noch: Weil zern 2015 willig gewesen, bis zu einer Mil-
er und seine Vorstandskollegen auch da- liarde Euro auszugeben. Zuletzt kamen
nach entlohnt werden, wie die Aktie sich gar Gerüchte auf, Springer könnte das
entwickelt hat, sind in diesem Jahr 74 Mil- Kleinanzeigengeschäft von Ebay – ge-
lionen Euro Bonus futsch. Härter trifft der schätzter Wert zehn Milliarden Dollar –
Friede Springer
Kursverfall Friede Springer, zumindest auf 5,1% kaufen. Die Gerüchte entpuppten sich
dem Papier. Der Verlegerwitwe gehören schnell als unrealistisch, doch selbst für
Ariane Melanie Axel Sven
direkt und indirekt knapp 43 Prozent an Springer 2,4 % Mathias Springer 7,4% Deals von weit kleinerer Größenordnung
Springer. Döpfner 2,8% würde Springer frisches Geld benötigen.
Bei der Bilanzvorlage im März ließ Kapitalerhöhungen aber brächten die
Döpfner seinem Frust deshalb freien Lauf. Stimmenmehrheit der Verlegerin schnell
Die Börse ticke nur kurzfristig, er aber in Gefahr. Um der Falle zu entkommen,
müsse als Firmenchef langfristig denken. wurden zuletzt allerhand Ideen geprüft –
Was den Verlag am meisten ärgert: Kein und verworfen: Da gab es den Gedanken,
Medienhaus in Europa hat die Digitalisie- das digitale Rubrikengeschäft um Step-
rung so konsequent angepackt wie Sprin- stone abzuspalten und in Teilen an die Bör-
ger – 84 Prozent der Gewinne kommen se zu bringen; oder, vor gut vier Jahren,
aus digitalen Geschäften, von der Jobbörse die Idee, Springer in eine Kommandit-
Stepstone bis zur Wohnungsplattform Im- gesellschaft auf Aktien umzuwandeln, die
mowelt. An der Börse wird der Konzern Friede Springers Einfluss dauerhaft gesi-
trotzdem abgestraft, weil ihm das darben- chert hätte, aber am Kapitalmarkt nicht
de Printgeschäft von »Bild« bis »Welt« wie goutiert wurde.
ein Mühlstein um den Hals hängt. Nun also KKR. Der Investor schwimmt
Nun hat sich Springer zu einem radika- im Geld. Zuletzt verwaltete KKR in seinen
len Schritt entschlossen: Der US-Finanz- Fonds 200 Milliarden Dollar. Im deutschen
investor KKR soll dem Verlagshaus helfen, Mediengewerbe sind die Amerikaner ge-
den Rückzug von der Börse anzutreten. rade auf Shoppingtour: Sie schnappten
Gemeinsam mit KKR, so die Idee, wollen sich Günther Jauchs Produktionsfirma i&u
Friede Springer und Döpfner ein Konsor- TV, die Tele München Gruppe und die
tium gründen, das den übrigen Aktionären Filmfirma Wiedemann & Berg.
ein Übernahmeangebot unterbreiten soll. Der potenzielle Einstieg bei Springer
Die finanzielle Last trüge wohl in erster belebt deshalb eine alte Fantasie: dass
Linie KKR, weitere Details des Konstrukts Springer mit KKR einen neuen Anlauf
sind bisher nicht bekannt. Der aktuelle Bör- Richtung ProSiebenSat.1 nehmen könnte.
senwert der freien 44,8 Prozent der Anteile Der TV-Konzern ist derzeit an der Börse
NEUGEBAUER / BRAUERPHOTOS

liegt bei 2,7 Milliarden Euro – nicht einge- billig zu haben, Mitte der Woche griff
rechnet sind dabei die Aktien der Verleger- deshalb auch die italienische Mediengrup-
enkel Axel Sven und Ariane, die zuletzt pe Mediaset des früheren Ministerprä-
versichert hatten, dabeizubleiben. Ob eine sidenten Silvio Berlusconi zu. Sie kaufte
Offerte zustande kommt und genügend An- 9,6 Prozent. Kommentieren will man das
leger überzeugt, ist noch ungewiss. alles bei Springer derzeit nicht.
Vor Monaten schon habe sich Döpfner Martin Hesse, Isabell Hülsen
auf die Suche nach einem Partner gemacht Verlegerin Springer, Vorstand Döpfner Mail: isabell.huelsen@spiegel.de
und mit verschiedenen Finanzinvestoren In ein Dilemma manövriert

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 77


Wirtschaft

Der letzte Joker


abbruchreif, sein Niedergang hat die ganze
Bank schrumpfen lassen. Die ist mittler-
weile so klein, dass US-Rivalen den Kon-
zern aus der Portokasse kaufen könnten –
wenn die denn bloß Interesse hätten.
Finanzindustrie Die Deutsche Bank braucht einen Befreiungsschlag, Sewing, der erste deutsche alleinige Vor-
doch Vorstandschef Sewing verliert sich im Klein-Klein. standschef seit 2002, hat den Absturz der
Helfen soll nun einer, der bislang in der zweiten Reihe stand. einst stolzen Institution nicht abbremsen,
geschweige denn stoppen können. Seit sei-

N
nem Amtsantritt im April 2018 hat die Ak-
ormalerweise zeigen sich Top- zern kann auch niemand hoffen. Hoops’ tie 46 Prozent verloren; seine Bilanz ist
manager eher kühl, wenn sie Geschäft steht gerade einmal für ein Sieb- ähnlich verheerend wie die seiner Vorgän-
über ihre Unterlinge sprechen. tel des Konzernumsatzes. Es wirft zwar ger John Cryan und Josef Ackermann,
Doch wenn Deutsche-Bank-Chef verlässliche Margen ab, aber niedrige. dem freilich die Finanzkrise dazwischen-
Christian Sewing im kleinen Kreis über Dem hinabgeprügelten Kurs der Deutsche- kam. Ausgerechnet Anshu Jain, das Ge-
Stefan Hoops redet, bricht sich schiere Be- Bank-Aktie hilft das wenig. sicht der Skandalvergangenheit, schneidet
geisterung Bahn. Das Business hochjubeln zu müssen noch am besten ab (siehe Grafik).
Hoops ist zwar erst 39 Jahre alt, aber zeigt, wie schlecht es um den Rest bestellt 20 Jahre nachdem die Deutsche Bank
Sewing sieht in dem Leiter der Abteilung ist. Etwa das klassische Kapitalmarktge- der Wall Street den Kampf angesagt und
Global Transaction Banking (GTB) jetzt schäft, der Handel mit Wertpapieren also. mit Volldampf den Einstieg ins Investment-
schon Großes: Der Mann habe reichlich Er hat die Deutsche Bank einst groß ge- banking gewagt hat, muss sie vor den US-
Persönlichkeit, Wissen, Netzwerke. Wenn macht, derzeit ist der Bereich weitgehend Rivalen kapitulieren. Erst ging es vom An-
die zwei als Duo Kunden der Bank besuch-
ten, mache das dreimal mehr Spaß, als
wenn er allein Klinken putze, berichtet Se-
wing. Sein Fazit: »Der ist einfach stark.«
Die Verehrung hat diverse Gründe.
Zum einen ist Hoops ein Abbild seines
Chefs. Beide sind Konzerngewächse,
adrett frisiert, servil, radikal ehrgeizig,
sportverrückt. Einziger Unterschied: Se-
wing klagt, dass er kaum dazu komme, sei-
nem Hobby zu frönen – er ist leidenschaft-
licher Tennisspieler. Hoops dagegen zieht
es allmorgendlich an die Kraftmaschinen.
Der Effekt ist unübersehbar: Der Mann
scheint fast nur aus Muskeln zu bestehen.
Zum anderen ist Hoops, dessen Kon-
zernbereich GTB für Unternehmen Zah-
lungsvorgänge abwickelt und Handels-
geschäfte finanziert, der letzte Hoffnungs-
träger auf bessere Zeiten für die Deutsche
Bank – und damit auch für Sewing selbst.
Und so wird Hoops’ etwas dröger Ge-
schäftsbereich von Sewing tüchtig auf-
gepumpt. Das Transaktionsbanking sei
»das Herzstück« der Deutschen Bank, be-
schwor der Vorstandschef jüngst auf der
Hauptversammlung die Aktionäre. Hoops
werde alle Ressourcen bekommen, die er
brauche, um zu wachsen, vor allem in
Asien. Dafür sei er anderswo zu harten
Einschnitten bereit, donnerte Sewing,
ohne indes konkreter zu werden.
Die Szene ist symptomatisch für die
Deutsche Bank. Ein Geschäftsbereich, der
intern lange stiefmütterlich behandelt wur-
de und extern kein Begriff war, wird plötz-
lich überlebenswichtig. Tatsächlich hat das
Transaktionsbanking Vorteile: Es tuckert
verlässlich wie ein VW Käfer, verbraucht
MARTIN LEISSL / LAIF

kaum Kapital und ist die letzte Domäne,


in der die Bank noch globalen Führungs-
anspruch anmelden kann im Rennen mit
Riesen wie State Street und BNY Mellon.
Aber glamourös geht anders. Und auf
einen Rendite-Push für den gesamten Kon- Manager Hoops: Sportlich, servil, radikal ehrgeizig

78 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


griffs- in den Verteidigungsmodus. Jetzt Runtergewirtschaftet Aktie der Deutschen Bank, in Euro
heißt es nur noch: Rette sich, wer kann.
91,17
Die Zeit läuft nun gegen Sewing. Seit
Josef Anshu Jain/ John Cryan Christian
dem Abbruch der Fusionsgespräche mit Ackermann Jürgen Fitschen* 1. Juli 2015 Sewing
der Commerzbank (SPIEGEL 18/2019) hat 80
1. Mai 2002 1. Juni 2012 bis 7. April seit 8. April
er keine Schonfrist mehr. Auf der Haupt- bis 31. Mai 2012 bis 30. Juni 2018 2018
versammlung wurden Vorstand und Auf- 2015
sichtsrat nur knapp entlastet, das Signal Veränderung des
war eindeutig: Er braucht einen Plan B. 60 Aktienkurses
Doch Sewing steckt in einem Dilemma. in der jeweiligen
Amtszeit
Einerseits sind die Erwartungen gewaltig.
–57 % + 5% –55% –46%
»Die Führung ist viel zu zögerlich. Der Um-
satz schmilzt viel schneller weg als die Kos- 40
ten, Wachstum gibt es kaum. Wir erwarten
schnelles Handeln«, sagt der Vertreter ei-
nes Großaktionärs. Andererseits fehlt der
finanzielle Spielraum, den die Bank für 20
einen radikalen Umbruch brauchte. Eine
13,22
Kapitalerhöhung ist fast unmöglich ange- Quelle: Thomson Reuters Datastream,
Stand: 30. Mai 2019 9,00
sichts des Dauertiefs der Aktie. *bis Mai 2016
Noch wird an der neuen Strategie getüf-
telt. Der Konzern muss gleichzeitig wach-
sen und drastisch sparen, so viel scheint Kurzfristig dürfte dies indes kaum zu kommando und soll aufräumen, wo seit
klar. Erste Umrisse zeichnen sich ab. Wie machen sein. Schon die im April lancierten Jahren Wildwuchs und Kompetenzwirr-
aus dem Geldhaus dringt, will Sewings Gespräche mit der Schweizer UBS über warr herrschen. In IT, Abrechnung, Doku-
Strategietruppe bis spätestens Ende Juli, einen Einstieg bei der DWS waren eine mentation. Alles soll effizienter, billiger
wenn die Bank Quartalszahlen vorlegt, ein Nebelkerze, um Handlungsfähigkeit zu de- und mit weniger Personal erledigt werden.
Grand Design entwerfen. monstrieren für den Fall, dass die zu dem Schwer vorstellbar nur, dass dieses
Doch beim Timing fangen die Probleme Zeitpunkt noch laufenden Fusionsgesprä- Klein-Klein die Aktionäre überzeugt. Bes-
schon an. Die Aktionäre werden eine halb- che mit der Commerzbank scheitern soll- ser ankommen dürften dagegen personelle
herzige Lösung nicht mehr akzeptieren. ten. Tatsächlich war die Sondierung mit Veränderungen, die sich seit Langem an-
Zugleich fehlt Sewings Leuten die Zeit, ei- der UBS längst beendet, wissen Insider. kündigen und bald vollzogen werden
nen tiefgreifenden Umbau seriös zu pla- In ihrer Not denken die Banker bereits könnten: der Abgang der umstrittenen
nen. Dazu ist die Sache viel zu komplex. darüber nach, notfalls mit einer geringeren Compliance-Vorständin Sylvie Matherat,
Das gilt vor allem für das Investment- Eigenkapitalquote auszukommen als den deren Sparte immer wieder Skandale pro-
banking, das am meisten Kapital bindet 13,7 Prozent, die sie derzeit aufweist. Ein duziert, sowie das Aus von Garth Ritchie,
und besonders von den Launen der Börsen gewagtes Manöver: Die Weltwirtschaft Vorstand für die Großbaustelle Invest-
abhängt. Intern wird diskutiert, das hoch- schwächelt, Kreditausfälle würden das mentbanking. Sie werden wohl in den
defizitäre US-Geschäft drastisch abzu- Bankkapital aufzehren. Fraglich, ob die kommenden Wochen gehen müssen.
schmelzen, etwa indem der Handel mit Aufsichtsbehörden da mitspielen würden. Ritchie kreidet die Führung fehlenden
Aktien, amerikanischen Staatsanleihen Doch weil alles so kompliziert und ris- Elan an. Zudem zieht er wegen seines lu-
und Zinsderivaten eingestellt wird. kant ist, fällt der Umbau vielleicht eine krativen Vertrags den Aktionärszorn auf
Damit würde die Deutsche Bank end- Nummer kleiner aus. In der Bank schwär- sich. Dabei war es der Aufsichtsrat, der im
gültig ihren Anspruch aufgeben, ein Glo- men sie jedenfalls auffällig von Einsparun- September 2018 seinen auslaufenden Kon-
bal Player zu sein. Denn es hieße, dass gen im sogenannten Infrastrukturbereich, trakt um fünf Jahre verlängert hatte. Mar-
man Umsatz aufgibt – etwa weil die Bank dem Back Office. Beschlossen ist bereits, cus Schenck, sein Co-Chef als oberster In-
ihre Stammkunden aus der Industrie bei Teile der Compliance mit der Abteilung vestmentbanker, hatte angesichts der Dau-
deren nächster Kapitalerhöhung künftig für Finanzkriminalität und der Steuerung erkrise die Flucht ergriffen; auch Ritchie
an US-Geldhäuser weiterempfehlen müss- nicht finanzieller Risiken zu verschmelzen. selbst war genervt und wollte abspringen.
te, damit die ihre Aktien auch in Amerika Das klingt dröge, ist aber gefährlich. Über Es drohte ein Führungsvakuum.
verkaufen können. die fehleranfälligen Systeme der Bank wur- Und so ließ sich Ritchie seine Amtsmü-
Ein Horrorszenario für alle, die alter den jahrelang enorme Summen Schwarz- digkeit teuer abkaufen. Heute kassiert der
Größe nachtrauern. Und am Ende kaum geld gewaschen, Milliardenbeträge ost- smarte Südafrikaner mit 8,6 Millionen
zielführend. Denn was, wenn die Einnah- europäischer Herkunft. Dem Konzern Euro mehr als sein Vorgesetzter Sewing.
men weiterhin stärker fallen als die Kosten, drohen Strafen und peinliche Enthüllun- Geht er nun tatsächlich, stellt sich er-
wie es seit Jahren der Fall ist? Irgendwann gen. Und nun wird ausgerechnet an der neut die Führungsfrage in der noch immer
hätte sich der Konzern totgeschrumpft. Abteilung für Finanzkriminalität herum- umsatzstärksten Konzernsparte der Deut-
Erst einmal geht der Umbau ins Geld. gedoktert? schen Bank. Intern wie extern wird nach
Abfindungen für ausrangierte Investment- Dennoch ist sicher, dass im Back Office Kandidaten gefahndet. Chancen auf den
banker, die den Konzern verlassen müss- heftig gespart werden wird – auch weil Topjob hat einer, der seinen Ehrgeiz kaum
ten, sind sündhaft teuer. Bezahlt werden man dort keine Kunden verschrecken verbergen kann und mit seinem Geschäfts-
könnte dies theoretisch durch den Verkauf kann wie im Investmentbanking. In der bereich ohnehin schon Teil des von
von Aktien der Vermögensverwaltungs- Deutschen Bank wird das Großreinema- ihm bewunderten Investmentbankings ist:
tochter DWS. Die ist seit 2018 an der Bör- chen vor allem mit einem Namen verbun- Stefan Hoops, Sewings letzter Joker.
se und schlägt sich dort halbwegs wacker, den: IT-Vorstand Frank Kuhnke, intern we- Tim Bartz
in jedem Fall noch besser als die Mutter, gen seiner robusten Ansprache »Frank the Mail: tim.bartz@spiegel.de
deren Aktie nahe dem Allzeittief dümpelt. tank« genannt. Er gilt als Ein-Mann-Roll-

79
Ausland
»Boris ist gefährlich, er hat weder Prinzipien noch einen moralischen Kompass.« ‣ S. 84

JUAN IGNACIO RONCORONI / EPA-EFE / REX


Im Kampf für ein liberaleres Abtreibungsrecht gingen am Dienstag in Buenos Aires Zehntausende Menschen
auf die Straße und zogen vor das argentinische Parlament. Die Protestbewegung, deren Symbol ein grünes
Tuch ist, will das seit 1921 geltende Recht mit einer Gesetzesinitiative modernisieren – es ist der achte
Versuch. Im vergangenen Jahr scheiterte die vom Parlament bereits gebilligte Reform im Senat des Landes.

Analyse

Assads finaler Feldzug


Während syrische und russische Angreifer in Idlib wüten, schaut der Westen ratlos zu.

Fast könnte man sagen, alles läuft nach Plan in Idlib. Dem Plan Diesmal hätte es die Chance gegeben, den Feldzug zu stop-
von Baschar al-Assad, Syriens Machthaber, dessen Motto schon pen. Im September hatten sich Russland und die Türkei auf eine
2012 an den Mauern zerstörter Dörfer geschrieben stand: »Assad Waffenruhe geeinigt. Kernbedingung: Ankara müsse die Radikal-
für immer! Oder wir brennen das Land nieder!« Sieben Kriegs- islamisten entmachten, die Idlib weitgehend kontrollierten. Was
jahre später wiederholt sich, was unter anderem schon in Aleppo die Türkei nicht tat und damit den Anlass lieferte für die Offensive.
geschah: Syrische und russische Jets bombardieren Märkte, Wie geht es nun weiter? Das ist schwer zu prognostizieren, weil
Schulen, Krankenhäuser – eine eklatante Verletzung des humani- sowohl Russland als auch die Türkei jeweils widerstreitende Interes-
tären Völkerrechts, empören sich die Europäer. Deutschland, sen haben: Ankara will keine weiteren Flüchtlinge aus Syrien auf-
Frankreich und Großbritannien zeigen sich bestürzt über die An- nehmen, aber gleichzeitig seinen Krieg gegen die Kurden fortsetzen.
griffe auf Gesundheitseinrichtungen, deren Koordinaten die Uno Die Russen möchten die Türkei aus der Nato herauslösen und su-
zuvor übermittelt hatte – damit sie verschont bleiben. Dabei chen ihre Nähe, unterstützen aber nach wie vor Assad. Sicher ist,
hatten Assads Rückeroberungen stets zuerst die Krankenhäuser dass es für die Menschen in Idlib keinen Ausweg gibt, anders als bei
zum Angriffsziel gehabt. Seit Ende April wurden nach Uno-Anga- den bisherigen Feldzügen des Regimes. Damals wurden Oppositio-
ben 20 Kliniken zerstört, 300 Zivilisten starben, etwa 300 000 nelle jeweils in Bussen nach Idlib evakuiert. Doch von Idlib werden
der drei Millionen Menschen in der Provinz sind auf der Flucht. keine Busse mehr nach Idlib fahren. Christoph Reuter

80 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Spanien Europaabgeordneten des Landes. Wer
Puigdemonts Dilemma sich dazu nicht am 17. Juni einfindet, ver-
liert seinen Sitz in der EU-Volksvertre-
 Nachdem die Katalanen ihren ehe- tung. Puigdemont hat allerdings das Pro-
maligen Ministerpräsidenten Carles Puig- blem, dass in Spanien gegen ihn ein
demont ins Europaparlament gewählt Haftbefehl vorliegt. Seine Anwälte be-
haben, steht Spanien ein absurdes ju- haupten zwar, er genieße wegen seines
ristisches Ringen darum bevor, ob er Mandats bereits Immunität, doch Rechts-

FETHI BELAID / AFP


sein Mandat antreten kann. 2017 war er experten des Europaparlaments sagen,
wegen der Organisation eines illegalen frei von Strafverfolgung sei er erst, wenn
Unabhängigkeitsreferendums abgesetzt er am 2. Juli um zehn Uhr an der konsti- Karoui
worden. Der Anklage wegen Rebellion tuierenden Sitzung in Straßburg teilneh-
entzog er sich durch Flucht nach Belgien. me. Der Separatistenführer hat bereits
Jetzt muss er seine Ernennungsurkunde einen Rückschlag erlitten, als er versuch- Tunesien
in Madrid abholen und einen Eid auf die
spanische Verfassung leisten – so wie alle
te, sich eine provisorische Akkreditierung
im EU-Parlament zu verschaffen. HZU
Medienmogul will
Präsident werden
 Manche Tunesier fühlen sich durch
Venezuela der Lima-Gruppe in New York organi- Nabil Karoui an Silvio Berlusconi er-

»Gewaltfrei aus
siert. Chile hat vorgeschlagen, gemein- innert. Beide besitzen ein Medienimpe-
sam Übereinstimmungen zu suchen. rium, und wie sein Geschäftspartner

der Krise«
SPIEGEL: Wie lange können die Venezo- Berlusconi will Karoui nun persönlich
laner noch abwarten? Viele haben keine die Politik erobern. Seinem eigenen
Arbeit, nichts zu essen. Fernsehsender Nessma TV gab der
Der chilenische Außen- Ampuero: Wir haben es mit der größten 55-Jährige am Montag ein Interview
minister Roberto Flüchtlingskatastrophe in Lateinamerika und verkündete seine Ambitionen:
Ampuero, 66, skizziert zu tun. Über drei Millionen Venezolaner Im November wolle er für das Präsiden-
Lösungswege für Vene- haben ihre Heimat aus politischen oder tenamt antreten; auch für die Parla-
zuela. Chile gehört zur wirtschaftlichen Gründen schon verlas- mentswahl im Oktober werde er Kandi-
Lima-Gruppe, einem sen. Die meisten zogen in Nachbarländer daten präsentieren. »Wir werden eine
Zusammenschluss wie Kolumbien, 300 000 sind in Chile Revolution haben, aber dieses Mal
von 14 amerikanischen angekommen. Die Stabilität der gesam- durch die Wahlurnen«, sagte Karoui.
Staaten. Sie bemühen sich um Vermitt- ten Region ist in Gefahr. Tunesien war 2011 die Wiege des Ara-
lung im festgefahrenen Konflikt zwischen SPIEGEL: Maduro hat jetzt vorgeschla- bischen Frühlings. Seit dem Sturz des
dem Regime um Nicolás Maduro gen, das Parlament neu zu wählen. Weil Dauerherrschers Zine el-Abidine Ben
und der Opposition unter Juan Guaidó. dort die Opposition dominiert, hatte er Ali befindet sich das Land auf einem
es entmachtet. Die EU hat den früheren zögerlichen Weg der Demokratisierung,
SPIEGEL: In der norwegischen Haupt- Außenminister von Uruguay beauftragt, gebremst jedoch durch alte Machtcli-
stadt Oslo haben am Mittwoch erste bei der Organisation freier Wahlen zu quen und eine schwierige Wirtschafts-
direkte Gespräche zwischen Entsandten helfen. Ist das nützlich? lage. Der erste demokratisch gewählte
der Regierung von Nicolás Maduro und Ampuero: Jede Initiative ist willkommen. Präsident, Béji Caïd Essebsi, will nach
Vertretern des Interimspräsidenten Juan Um eine dauerhafte Lösung zu finden, fünf Jahren Amtszeit aus Altersgrün-
Guaidó stattgefunden. Offenbar ergebnis- müssen aber vor allem die Länder der den nicht mehr antreten – er ist 92.
los. Wie geht es weiter? Region einbezogen sein. Karoui, der ihn 2014 unterstützt hatte,
Ampuero: Chile und die Lima-Gruppe SPIEGEL: China und Russland unterstüt- ist nun der Erste, der sich offen bewirbt.
wünschen einen demokratischen und zen Maduro, Washington hat mit militäri- Schon länger wird dem Medienmogul
gewaltfreien Weg aus der Krise. Bisher scher Gewalt gedroht. Wo steht Chile? vorgeworfen, seine Firmen für politi-
waren Verhandlungen für Maduro nur Ampuero: Schon heute mischt sich Kuba sche Ziele zu missbrauchen. Im April
ein Vorwand, um Zeit zu schinden. Des- militärisch ein. Wir sind gegen jede mi- stürmten Polizisten den Sender und
halb haben wir für kommenden Montag litärische Intervention. Wir suchen eine beschlagnahmten Teile der Ausrüstung.
ein Treffen von Mitgliedern der Interna- friedliche, der venezolanischen Verfas- Täglich berichtet Nessma TV über
tionalen Kontaktgruppe mit Vertretern sung gemäße Lösung. HZU die von seinem Inhaber gegründete
Wohltätigkeitsstiftung; wenn Karoui
selbst Essen und Kleidung an Bedürf-
MERIDITH KOHUT / THE NEW YORK TIMES / REDUX / LAIF

tige verteilt, sind regelmäßig seine


Kamerateams zur Stelle. Die Anschul-
digungen gegen ihn weist er zurück,
sie seien ausschließlich politisch moti-
viert – das gelte auch für den bereits
öffentlich erhobenen Vorwurf des Steu-
erbetrugs. Kritiker sehen darin eine
weitere Parallele zu Berlusconi: Der
frühere italienische Regierungschef
wurde schließlich wegen Steuerhinter-
Neugeborenenstation in San Cristóbal ziehung verurteilt. Berlusconi ist an
Karouis Sender übrigens beteiligt. RAS

81
ANDREW PARSONS / I-IMAGES / POLARIS / STUDIO X

Tory-Politiker Johnson: Prinzipienlosigkeit zum Prinzip erhoben

82
Ausland

Das Spiel seines Lebens


Großbritannien Im Machtkampf um die Nachfolge von Partei- und Regierungschefin
Theresa May liegt der Polit-Hallodri Boris Johnson anscheinend unerreichbar vorn. Mit ihm wäre
alles möglich – selbst eine vollkommen unerwartete Wendung.

J
etzt sind sie plötzlich alle wieder da. werden ins Rennen gehen. May, heißt es diktatur zu beschreiben. »Brüssel rekru-
Andrea Leadsom, die ehemalige bei den Konservativen, habe die Latte so tiert Schnüffler, damit EU-Dünger überall
Vorsitzende des britischen Unter- tief gehängt, dass sich praktisch jeder zu- gleich riecht«, »Schnecken sind Fische,
hauses. Michael Gove, der stets so traue, es besser machen zu können. Dabei sagt die EU« – so lauteten die Überschrif-
lange loyal ist, bis er es nicht mehr ist. Und, müssten eigentlich alle wissen: Zu gewin- ten seiner Kolumnen.
natürlich, Boris Johnson, der den Brexit nen gibt es in der großen Brexit-Lotterie Das war nicht immer ernst gemeint,
wuppen wird, weil er Boris Johnson ist. zwar viel – aber weitaus höher stehen die kam aber an beim Volk. In Johnsons eige-
Jetzt stehen diese Konservativen – Chancen, so zu enden wie Theresa May. ner Partei fühlten sich die so lange margi-
neben acht, zehn, zwölf anderen – wieder Reihenweise laden Kandidaten die briti- nalisierten Europagegner bestätigt; einem
da, wo sie schon einmal standen: am sche Presse zu sich nach Hause ein, führen Erz-EU-Feind wie Nigel Farage halfen die
Beginn einer epischen Schlacht um das ihre Frauen vor, plaudern über Jugend- Zerrbilder dabei, seine eigene »Unabhän-
höchste Regierungsamt. Als hätte es die sünden oder ihre entbehrungsreiche Kind- gigkeitspartei« (Ukip) aufzubauen.
vergangenen drei Jahre, als hätte es diesen heit. Es menschelt bei den Konservativen, Der Zündler selbst räumte Jahre später
ganzen Selbstzerfleischungsprozess, als die im Ruf stehen, den Kontakt zu den ein- in der BBC ein: »Alles, was ich aus Brüssel
hätte es Theresa May nie gegeben. Ge- fachen Briten verloren zu haben. schrieb, hatte diese tolle, explosive Wir-
schichte wiederholt sich. Beim ersten Mal Nur einer hat das alles nicht nötig: kung auf die Tory-Partei – das hat mir ein
war es eine Farce. Und beim zweiten Mal? Alexander Boris de Pfeffel Johnson, der unheimliches Gefühl für Macht gegeben.«
Vor fast genau drei Jahren haben die Mann, den alle Welt nur »Boris« nennt, Es hat ihn nie wieder verlassen.
Briten mit knapper Mehrheit für den Aus- muss sich seinem Volk nicht mehr vorstel- Dabei ist unklar, ob Johnson wirklich
tritt aus der Europäischen Union gestimmt. len. Die Briten kennen fast all seine Eska- überzeugter EU-Gegner ist oder nur so tut.
Vor acht Wochen hätten sie draußen sein paden, Skandale und Lügen, für die er sich In seiner Karriere hat er praktisch zu je-
sollen, aber sie entschieden sich im letzten demnächst sogar vor Gericht verantwor- dem Standpunkt früher oder später auch
Moment für einen Aufschub, weil sonst ten muss. Und trotzdem – oder deshalb – den Gegenstandpunkt eingenommen. Als
ein politischer Infarkt gedroht hätte. In lieben ihn die Konservativen. Johnson ist Bürgermeister von London stritt er für die
fünf Monaten läuft die nächste, womöglich Rechte von Homosexuellen und Migran-
letzte Frist ab. ten, um in seinen Kolumnen später von
Die Briten haben nun erst einmal ihre Mit dem großen »Negerbabys« zu schreiben und Muslimin-
Regierungschefin vom Hof gejagt und wer-
den sich fortan sechs, vielleicht auch acht
Verführer käme der nen als wandelnde »Briefschlitze« zu ver-
höhnen. Er hat Elitismus gepriesen, um
Wochen einräumen, um eine oder einen Brexit letztlich wieder dann gegen »den Zynismus der Elite« zu
neuen zu wählen. Wobei nur ein Bruchteil bei sich selbst an. Felde zu ziehen. Boris Johnson hat die
von ihnen wirklich wird wählen dürfen. Prinzipienlosigkeit zum Prinzip erhoben.
Das Schicksal der 66 Millionen Bürger Es passt ins Bild, dass Johnson vor dem
liegt in der Hand der rund 120 000 kon- haushoher Favorit für Mays Nachfolge bei Brexit-Referendum im Juni 2016 zwei Ar-
servativen Parteimitglieder, die nicht nur den Buchmachern und bei den Tory-Mit- tikel vorbereitet hatte: ein Plädoyer für
überdurchschnittlich reich, weiß und alt gliedern. Wenn es ihm gelingen sollte, den EU-Verbleib – und einen flammenden
sind, sondern auch überdurchschnittlich auch die konservativen Abgeordneten im Appell dagegen. Spät entschied er sich für
häufig für den Brexit gestimmt haben. Parlament auf seine Seite zu ziehen, kann die Brexit-Seite, sie schien ihm für sein
Als Favoriten gelten daher vor allem ihn niemand mehr schlagen. Außer er sich Langzeitziel Downing Street die vielver-
jene Politiker, die in den vergangenen Jah- selbst. Darin hat er Erfahrung. sprechendste. Einen Brexit-Plan hatte er
ren als Hardliner aufgefallen sind. Allen Premierminister Boris Johnson? Für nicht, er glaubte auch nicht, je einen zu
voran Spaßvogel Johnson, mit dem das den Rest der EU wäre es, wie es in Brüssel brauchen. Dass die EU-Gegner am Ende
Königreich wenigstens besser gelaunt sei- heißt, ein »Horrorszenario«. Für Großbri- gewannen, erwischte ihn unvorbereitet.
nem Schicksal entgegenschlittern würde. tannien aber schlösse sich ein Kreis. Mit Nun will Johnson es noch einmal wis-
Ende kommender Woche, wenn der dem großen Verführer käme der Brexit sen. Das größte Hindernis auf dem Weg
Staatsgast Donald Trump die Insel wieder letztlich wieder bei sich selbst an. sind die rund 300 Tory-Abgeordneten im
verlassen und Premierministerin May ihre Lange bevor die Begriffe »Brexit« und Unterhaus. Sie werden das Feld vom
letzten Meter als Tory-Parteichefin hinter »Fake News« erfunden waren, gefiel sich 10. Juni an auf zwei Kandidaten reduzie-
sich hat, wird der Machtkampf um ihre der frühere Journalist Johnson darin, sei- ren. Diese werden anschließend durchs
Nachfolge – und damit auch das Endspiel nen Landsleuten ein grotesk verzerrtes Land tingeln und unter Tory-Mitgliedern
um den Brexit – voll entbrennen. Schon Bild der Europäischen Union zu präsen- für sich werben. Viele EU-kritische Abge-
jetzt ist klar, dass das Bewerberfeld so breit tieren. Als Brüssel-Korrespondent des ordnete haben nicht vergessen, dass John-
sein wird wie selten zuvor. Mays halbes »Daily Telegraph« ließ er zwischen 1989 son nur so lange gegen Mays Brexit-Deal
Kabinett, etliche von ihr geschasste Ex-Mi- und 1994 keine Gelegenheit aus, die EU war, bis er am Ende doch dafür stimmte.
nister und wohl auch viele Hinterbänkler als unkontrollierbare, regelwütige Quasi- Manche könnten geneigt sein, anstelle des

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 83


Ausland

Polit-Hallodris kompromisslose Brexiteers


wie Dominic Raab oder Mays Dauerkon-
kurrentin Leadsom zu unterstützen.
Was aber, wenn es Johnson tatsächlich
schaffen sollte? Einen Plan hat der Mann,
»Wir sind ein Land, das
den Details noch nie sonderlich interes-
siert haben, bis heute nicht. In den vergan-
genen Monaten, in denen er per »Daily
Telegraph«-Kolumne genüsslich auf May
Menschenschlächter
eindrosch, beschränkte er sich darauf, ans
Selbstvertrauen seiner Landsleute zu ap-
pellieren: Eine Nation, in der ein einzelnes
Oxford-College mehr Nobelpreise gewon-
bis heute feiert«
nen habe als ganz Frankreich, sei zu Grö-
ßerem berufen, als Mitglied in einem stau- SPIEGEL-Gespräch Am Brexit-Desaster ist für den
bigen 28er-Klub zu sein. Oxford-Professor Danny Dorling eine vom
Was er allerdings anders machen will
als May – niemand weiß es. Zumal sich Nationalismus besoffene Elite schuld. Sie wurde in der
mit deren Abgang nichts an den Mehr- Tradition des britischen Empire erzogen und
heitsverhältnissen ändern wird. Die infor-
melle Koalition der Tories mit den nord- glorifiziert bis heute die Untaten des Kolonialismus.
irischen Ultranationalisten von der DUP
verfügt gerade noch über eine Fünf-Stim-
men-Mehrheit. Fast alle Kompromisse Der Sozialgeograf Dorling, 51, befasst sich stimmte konservative Abgeordnete seine
wurden zuletzt im Unterhaus erwogen seit Jahren mit der wachsenden Spaltung rücksichtslose Art schätzen.
und wieder verworfen. Zudem hat die EU der britischen Gesellschaft. Er lehrt als Pro- SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch, der
deutlich gemacht, dass es mit ihr keine fessor am St Peter’s College. Gemeinsam Hauptgrund für den Brexit sei, dass eine
Neuverhandlung des Austrittsabkommens mit seiner Kollegin Sally Tomlinson ver- Gruppe von Menschen gefährliche Illu-
geben wird. öffentlichte er kürzlich das Buch »Rule Bri- sionen über Großbritanniens Rolle in
Johnson – und jedem anderen poten- tannia: Brexit and the End of Empire«. der Welt verbreitet habe. Ist Johnson einer
ziellen Premierminister – bleiben damit davon?
fürs Erste nur zwei kühne Optionen: Er SPIEGEL: Herr Professor Dorling, Boris Dorling: Ja, Boris und Jacob Rees-Mogg
könnte, so hat er es selbst einst Theresa Johnson scheint nur noch wenige Schritte gehören zu dieser Clique. Aber es gibt
May geraten, wie Mose zum »Pharao nach von Downing Street entfernt zu sein. Gute noch viel mehr. Es handelt sich fast aus-
Brüssel« gehen und verlangen, dass dieser Aussichten für das Vereinigte Königreich? schließlich um weiße Männer mit ähn-
sein Volk ziehen lasse. Ohne jedes Abkom- Dorling: Ich habe kürzlich lichem Hintergrund. Prak-
men und mit allen ökonomischen und im Zug nach Oxford eine tisch keiner von ihnen ist
sozialen Erschütterungen, die ein No-Deal- 75-jährige Dame getroffen. arm. Sie gehören zu den
Szenario mit sich bringen würde. Sie erzählte mir, dass sie reichsten fünf Prozent.
Nur: Das Parlament hat sich bereits mit zusammen mit mehreren SPIEGEL: Zum Beispiel?
großer Mehrheit gegen diese Option ge- Freundinnen in die konser- Dorling: Nehmen Sie den
stellt. Würde Johnson das ignorieren, ris- vative Partei eingetreten sei Milliardär James Gold-
kierte er ein sofortiges Misstrauensvotum. – mit der einzigen Absicht, smith, der eine Partei al-
Er könnte daher auch den entgegen- im Fall eines Führungs- lein zu dem Zweck ge-
THE GUARDIAN / PICTURE PRESS

gesetzten Weg einschlagen und ein zweites kampfs um die Tory-Spitze gründet hat, ein EU-Refe-
Brexit-Referendum ausrufen. Dass er das gegen Boris Johnson vo- rendum abzuhalten. Viele
ausgeschlossen hat, muss man nicht ernst tieren zu können. Dafür haben das vergessen, weil
nehmen. Es könnte, so heißt es in London, müssen die Ladys aller- es schon 25 Jahre her
sein »Nixon-in-China-Moment« werden. dings vor mindestens drei ist. Wir reden hier über
Nur ein Kommunistenhasser wie US-Prä- Monaten beigetreten sein, eine größere Gruppe von
sident Richard Nixon habe seinerzeit sonst dürfen sie diesmal Personen, die zumeist in
ungestraft mit Chinas Staatsführung ver- leider nicht mitstimmen. Autor Dorling Eton oder anderen Privat-
handeln können – nach demselben Muster SPIEGEL: Aber ist Boris »Zum Scheitern verurteilt« schulen erzogen wurden,
sei es nur einem Brexiteer möglich. Johnson nicht genau die in denen Geschichte noch
Zuzutrauen wäre es dem Spieler Boris Art von Anführer, nach nach alter Väter Sitte
Johnson. »Es ist genau dieser Opportunis- der sich das Land sehnt? gelehrt wurde – und manchmal noch im-
mus, diese Bereitschaft, sein Fähnchen Dorling: Er ist ein Anführer, dem es gelin- mer wird.
nach dem Wind zu hängen, die es möglich gen könnte, all den Ärger und Frust, der SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
erscheinen lässt, dass Mr Johnson sich neu sich im Land angestaut hat, für seine Zwe- Dorling: Ich rede von Geschichtsbüchern,
erfindet«, sagt Camilla Cavendish, einstige cke zu nutzen. Aber nur eine Minderheit die zum Teil jahrzehntealt sind. Davon,
Strategiechefin der Regierung Cameron. der Briten wünscht ihn sich als Premier- dass permanent Stolz auf die Nation ge-
Es wäre ein Moment für die Geschichts- minister. Boris ist gefährlich, er hat weder lehrt wird. Davon, dass diese Schüler, zum
bücher. Und auf einen solchen Moment Prinzipien noch einen moralischen Kom- Beispiel in Oxford, zum Beten in Schul-
wartet Boris Johnson im Grunde schon ein pass, das ist wohlbekannt. Er könnte aller- kapellen gehen, in denen überall Namen
ganzes Leben lang. Jörg Schindler dings Regierungschef werden, weil be- der alten, im Krieg gefallenen Helden ein-
Mail: joerg.schindler@spiegel.de graviert sind. Das zentrale Monument auf
Das Gespräch führte der Redakteur Jörg Schindler. dem Bonn Square in Oxford ist ein Denk-

84
GILLMAN & SOAME
Student Johnson (4. v. r.), Kommilitonen in Oxford 1987: Privatschulen, in denen Geschichte nach alter Väter Sitte gelehrt wurde

mal für englische Soldaten, die eine ganze den – und es war knapp –, hätten wir heu- Dorling: Oder besuchen Sie die Westmins-
Provinz in Indien überrannt haben. Dieje- te nicht mehr diese Vorstellung unserer ter Abbey in London, das lohnt sich. Die
nigen, die den Brexit seit den Neunziger- eigenen Großartigkeit. Kathedrale erinnert ein wenig an die »Nar-
jahren vorangetrieben haben, kommen SPIEGEL: Es wäre für Großbritannien bes- nia«-Filme. Wie in Narnia, wo all die Tiere
alle aus einer Welt, in der das Empire als ser gewesen, den Krieg zu verlieren? zu Stein erstarrt sind, stehen überall diese
großartige Sache gefeiert wird. Dorling: Das sage ich nicht. Aber erinnern steinernen Statuen. Sie zeigen zum großen
SPIEGEL: Das Empire ist Geschichte. Sie sich daran, wie unbedeutend wir davor Teil Personen, die Menschenschlächter wa-
Dorling: Aber es lebt als Idee weiter. Das waren. Die Schlacht um Britannien hat ren. Wir leben in einem Land, wo sie bis
Vereinigte Königreich existiert überhaupt uns wieder großartig gemacht. Wir waren heute gefeiert werden.
nur wegen dieser Idee. Die Union wurde auf der Siegerseite, konnten Geschichte SPIEGEL: Finden sich derartige Überreste
geschlossen, als uns klar wurde, dass die neu schreiben und haben danach endlos des Empire auch an normalen Orten?
Spanier mit ihren Schiffen voller Gold viele Kriegsfilme produziert. Man kann Dorling: Man findet sie überall. Nehmen
drauf und dran waren, uns abzuhängen. diesem Mythos nicht entkommen. Schau- wir die Home Counties, diesen Ring von
Das war der Moment, als wir aufhörten, en Sie sich den Saal an, in dem ich vorhin Regionen rund um London. Viele Men-
uns gegenseitig zu bekämpfen, um gemein- einen Vortrag gehalten habe … schen, die dort leben, sind Nachfahren von
sam gegen die Spanier vorzugehen und SPIEGEL: … den Palmerston-Saal des St Männern, die jahrzehntelang für die
uns einen größeren Anteil an der Welt zu John’s College von Cambridge. Kolonialverwaltung in Indien gearbeitet
sichern. Diese Idee von der eigenen Größe Dorling: Er ist nach einem der ruchloses- haben. Dann kamen sie zurück und er-
wurde verstärkt durch die Erzählung, dass ten britischen Premierminister aller Zeiten hielten als Belohnung ein Häuschen mit
wir nie überfallen und unterjocht wurden. benannt: Lord Palmerston hatte die beiden Rosengarten vor der Tür. Es war ihr Weg,
SPIEGEL: Teilweise ein Mythos. Opiumkriege mit China zu verantworten. sozial aufzusteigen. Man kann sagen, die
Dorling: Aber ein sehr mächtiger. Eine Einer seiner Nachfolger, William Glad- Landschaft in Südengland ist eine Land-
Invasion, selbst wenn du sie zurück- stone, sprach von den unmoralischsten schaft, die das Empire geformt hat. Oder
schlägst, zeigt dir: Nichts ist von Dauer. Kriegen in der Geschichte der Menschheit. nehmen wir die großen Industriestädte im
Nichts sorgt für eine größere soziale Um- Können Sie sich vorstellen, dass in Norden – Manchester, Liverpool. Sie wur-
wälzung, als einen Krieg zu verlieren. Die Deutschland ein Saal nach einem Wehr- den reich, weil sie an der Schaltstelle des
herrschende Klasse wird ersetzt. Wären machtgeneral benannt würde? Sklavenhandels oder anderer Wirtschafts-
wir im Zweiten Weltkrieg überrannt wor- SPIEGEL: Heute eher nicht. zweige saßen, die nur so profitabel waren,

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 85


Ausland

weil wir den Kolonien unfaire Bedingun- SPIEGEL: Hat das Empire aus dem Verei- shire, Dorset, konservatives Herzland. Die
gen diktieren konnten. nigten Königreich nicht eine erfolgreiche Mehrheit dort hat immer die Tories gewählt,
SPIEGEL: Der britische Historiker David multikulturelle Gesellschaft gemacht? hat ein Haus, das heute vielleicht 300 000
Olusoga, dessen Vater Nigerianer ist, Dorling: Es ist eine multikulturelle, große Pfund wert ist. Aber die Kinder dieser Leute
schreibt in »Schwarz und britisch – Eine Familie – aber eine extrem patriarchische müssen darum bangen, einen Kredit zu be-
vergessene Geschichte«, dass das Land be- Familie, und der dominierende und bru- kommen, und ihre Enkel haben wirtschaft-
stimmte Aspekte seiner Geschichte ein- tale Vater ist weiß. lich keine Chance. Diese Menschen haben
fach nicht wahrhaben wolle. Warum nicht? SPIEGEL: Lässt sich Theresa Mays persön- immer das getan, was man ihnen gesagt hat.
Dorling: Weil es zu schmerzhaft wäre. Wir liche Obsession mit dem Thema Einwan- Es hat nicht funktioniert. Sie sind abgehängt
haben mehr als 400 Jahre den effektivsten derung nach dem Brexit-Votum auch auf in Gegenden, die wir nicht als abgehängte
Sklavenhandel betrieben, den es je gab. diesen Empire-Mythos zurückführen? Gegenden wahrnehmen.
Wir haben fast den ganzen afrikanischen Dorling: Ja. Sie ist ganz in der Nähe mei- SPIEGEL: Gerade dem Süden Englands
Kontinent entvölkert. Man kann das an al- nes Elternhauses aufgewachsen. Seit ich geht es doch wirtschaftlich zumeist gut.
ten Weltkarten ablesen. Darauf hingewie- sechs war, haben wir in dem Oxford- Dorling: Es sieht gut aus, weil wir Durch-
sen, antworten wir: Die Spanier und Por- Vorort Risinghurst gelebt. Hätte das Haus schnittszahlen betrachten. Aber es ist nun
tugiesen haben doch damit angefangen. nur 40 Meter weiter östlich gestanden, mal so, dass die oberen 10 Prozent 40 Pro-
Und unseren Kindern erzählen wir stolz wäre ich in Theresa Mays Schule gegan- zent des Einkommens einstreichen. Des-
vom Philanthropen William Wilberforce, gen. In meiner Schule gab es zahllose wegen müssen sich auch in einem Land-
der dieses System bekämpft hat – als hät- schwarze und asiatische Schüler, Urdu strich wie Hampshire die meisten Leute
ten wir den weltweiten Sklavenhandel be- war die zweite Sprache. Auf Theresa abstrampeln. In der Region Somerset, die
endet. Das ist bemerkenswert. Mays Schule dagegen gingen ausschließ- im Parlament von Brexit-Hardliner Jacob
SPIEGEL: Glorifizieren Nationen nicht lich Weiße. Rees-Mogg vertreten wird, erhalten im
immer ihre Vergangenheit? SPIEGEL: Und? Schnitt die meisten Menschen nur den Min-
Dorling: Nicht immer. Wenn man als Eng- Dorling: Vergessen Sie nicht, dass das zu destlohn. Diese Leute wollten einfach nur
länder durch Berlin geht, hat man ein ver- einer Zeit war, in der man Schwarze für haben, was sie mal hatten.
blüffendes Erlebnis, weil nicht überall zweitklassig hielt. Bis in die Fünfzigerjahre SPIEGEL: Nehmen wir an, es kommt doch
Gewalt verherrlicht wird. Man schaut sich durften Schwarze in Oxford nicht in Auto- zum harten Brexit ohne Abkommen. Ist es
ein Kriegsmahnmal an, das eine Frau mit fabriken arbeiten. May ist in einer zutiefst möglich, dass Menschen wie Boris Johnson
ihrem schreienden Kind, aber keine Sol- rassistischen Zeit und einem zutiefst ras- recht behalten, Ihr Land im Alleingang Er-
daten darstellt. In meiner Stadt dagegen, sistischen Umfeld aufgewachsen. folg hat und eine Art Empire 2.0 aufbaut?
in Oxford, zeigt die prominenteste Statue SPIEGEL: Das macht sie noch nicht zu Dorling: Na klar. Wir müssen Großbritan-
auf der Hauptstraße Cecil Rhodes. Eine einer rassistischen Politikerin. nien dafür nur in eine Schatzinsel ver-
der unmenschlichsten Gestalten in der wandeln. Wir wissen, wie das geht, weil die
Geschichte der Menschheit, jemand, der meisten Schatzinseln dieser Welt – die Cay-
für das Empire Kolonien erwarb. Er war man Islands, Guernsey und Jersey, die Isle
vermutlich auch pädophil. Und ironischer- »Die Hardline-Brexiteers of Man – dem königlichen Privy Council un-
weise beschäftigen sich mehr Menschen wollen niedrigere Steuern terstehen. Wir sind gut darin, Schattenban-
mit dieser Frage als mit der Tatsache, dass ken aufzubauen, wie die »Panama Papers«
er in seinen Minen kalt lächelnd Tausende für Milliardäre, mehr gezeigt haben. Es würde allerdings den Tod
schwarze Kinder sterben ließ. Diener und Knechte.« für die vielen kleinen anderen Inseln bedeu-
SPIEGEL: Sie sagen, Großbritannien woll- ten, denn: Wenn wir den windigen Geschäf-
te der EU vor rund 50 Jahren nur bei- ten auch in London nachgehen könnten, wa-
treten, weil es nach dem Verlust seiner rum sollten wir es dann noch woanders tun?
Kolonien wirtschaftlich geschwächt war. Dorling: Sie mag nicht mal wissen, dass SPIEGEL: Das Vereinigte Königreich als
Dorling: Ja, wir waren wirtschaftlich schwer sie rassistisch ist. Aber sie hat als Innen- eine Art XXL-Version der Cayman Islands?
angeschlagen. Es ging bergab, weil bei- ministerin systematisch eine Politik einge- Dorling: Das ist es, was die Hardline-
spielsweise Indien jedes Jahr weniger ge- führt, um Menschen ihr Recht zu nehmen, Brexiteers wollen. Wir würden die Steuern
webte Baumwolle aus Manchester kaufte. in Großbritannien zu leben. Betroffen wa- für Milliardäre massiv senken. Wir könn-
Als freie Nation war es dazu nicht mehr ren vor allem Menschen afrokaribischer ten wieder Bälle im alten Stil organisieren
gezwungen. Die Annahme war, dass es Herkunft, viele von ihnen wurden rechts- und hätten auch wieder viel mehr Diener
uns wieder besser ginge, wenn wir uns widrig abgeschoben. Niemand geht so hart und Knechte. Wir würden nach amerikani-
dem neuen Markt der europäischen Ge- gegen so viele Leute vor, ohne von rassis- schem Vorbild Unigebühren von 60 000
meinschaft anschlössen. tischen Motiven geleitet zu sein. Pfund für die Reichen aus China und Indien
SPIEGEL: So kam es ja auch. SPIEGEL: Es muss erleichternd für Sie sein, erheben. Und wer sich anstrengt, hart ar-
Dorling: Aber für viele hat sich das wie ei- dass May bald Geschichte sein wird. beitet und es in sich hat, der kann bis ganz
ne nationale Demütigung angefühlt. Dorling: Ja, das ist es. Obwohl sie sich ge- nach oben kommen und die Welt ein biss-
SPIEGEL: Können Sie nachweisen, dass die gen Ende ihrer Amtszeit als durchaus nütz- chen mitregieren. Wir werden wieder groß
Sehnsucht nach dem Empire die wichtigste lich erwiesen hat. Weil sie gar nichts mehr sein. So stellen die sich das vor.
Brexit-Triebfeder war? umsetzen konnte, hat sie ihre Partei we- SPIEGEL: Schöne alte Welt.
Dorling: Beweisen nicht, ich denke, das nigstens auch davon abgehalten, weitere Dorling: Wäre nur blöd, wenn die EU sich
ist überwiegend eine unterbewusste Sache. soziale Schäden im Land anzurichten. als Reaktion darauf von uns abwenden
Aber was wir klar nachweisen können, ist SPIEGEL: Wie passen Ihre Befunde zu der würde. Ein Offshoreparadies ohne jede
der Zusammenhang mit der Angst vor Ein- These, dass es vor allem abgehängte Briten Verbindung zum Kontinent wäre ziemlich
wanderung. Warum lehnen viele Briten waren, die für den Brexit gestimmt haben? sicher zum Scheitern verurteilt.
Einwanderer und Fremde so sehr ab? Weil Dorling: Nun, es waren Abgehängte – aber SPIEGEL: Herr Professor Dorling, wir dan-
in unseren alten Lehrbüchern steht, dass abgehängte Tory-Wähler. Brexit-Hochbur- ken Ihnen für dieses Gespräch.
wir ihnen seit je überlegen sind. gen finden wir vor allem im Süden, Wilt-

86
Kurz mal weg
Analyse Als erster österreichischer Kanzler stürzte Sebastian Kurz über ein Misstrauensvotum.
Trotzdem darf er sich Hoffnungen machen, im Herbst wiedergewählt zu werden.

W
as an Sebastian Kurz einerseits befremdet, ande- sprach, war nicht nur dramaturgisch ungeschickt. Es be-
rerseits beeindruckt, ist seine Nonchalance. Eben schert den Sozialdemokraten nun auch einen Wahlkampf,
erst als österreichischer Regierungschef gestürzt, in dem Kurz nicht müde werden wird, vor einer vermeint-
ist er am Dienstag schon wieder pausenlos auf lich drohenden »rot-blauen Mehrheit« zu warnen – einem
Sendung. Dass er in den Hauptnachrichten süffisant als »Alt- Bündnis aus SPÖ und FPÖ, wie es bisher schon im Bur-
kanzler« begrüßt wird, lächelt der 32 Jahre junge Wiener genland erprobt wird.
weg. Er rechnet damit, dass er wiederkommt. Die ÖVP dürfte zudem darum bemüht sein, die Aufmerk-
Die Republik wird gerade von der größten Krise der Nach- samkeit hin zu den Auftraggebern des Ibiza-Videos zu
kriegsgeschichte erschüttert. Der SPIEGEL und die »Süddeut- lenken. Kurz nannte explizit Tal Silberstein, einen Spin-
sche Zeitung« hatten ein Video öffentlich gemacht, das doku- doktor, der schon einmal für die SPÖ eine Schmutzkam-
mentiert, wie der inzwischen zurückgetretene Vizekanzler pagne gegen konservative Widersacher betrieb, als Verdäch-
Heinz-Christian Strache einer vermeintlichen Oligarchen- tigen – ohne dafür jedoch Belege zu erbringen.
nichte 2017 auf Ibiza Staats- Was plant Kurz? Schon
aufträge gegen Wahlkampf- jetzt liegt die ÖVP in Umfra-
hilfe in Aussicht stellt. Die gen bei etwa 35 Prozent und
Koalition aus Kurz’ konserva- damit so weit vorn, dass alles
tiver Volkspartei (ÖVP) und andere als ein erneuter Wahl-
Straches rechtspopulistischer sieg einer Sensation gleich-
FPÖ brach daraufhin zusam- käme. Die Frage, die der Ex-
men. Am Montag brachten Kanzler zu klären hat, ist nun
FPÖ und Sozialdemokraten vor allem, wer der Volkspar-
(SPÖ) das Kabinett per Miss- tei nach der Abstimmung als
trauensvotum zu Fall. Koalitionspartner beisprin-
Nun hat Österreich zum gen könnte.
ersten Mal eine Frau als Der bisherige Alliierte, die
Bundeskanzlerin: Die Verfas- FPÖ, ist gespalten. Ein ver-
sungsrichterin Brigitte Bier- gleichsweise moderater Flügel
lein soll das Land bis zu den um den ehemaligen Verkehrs-
CHRISTIAN BRUNA / EPA-EFE / REX

Neuwahlen im September minister und angehenden


mit einer Expertenregierung Parteivorsitzenden Norbert
verwalten, in der erfahrene Hofer stünde wohl für eine er-
Beamte Ministerrang haben. neute Regierungsbeteiligung
Sie wirkt wie ein Gegenmo- bereit. Weite Teile der Partei
dell zu den FPÖ-Ministern, sympathisieren hingegen mit
die bis vor Kurzem an der dem Hardliner und Ex-Innen-
Macht waren. Kanzler Kurz minister Herbert Kickl, zu
Kurz räumt zwar Enttäu- dem Kurz alle Brücken abge-
schung über das Ende einer brochen hat.
– aus seiner Sicht – erfolgreichen Regierung ein. Doch seine Die wirtschaftsliberale Partei Neos, derzeit bei acht
Wortwahl deutet darauf hin, dass die Wahlkampfstrategie Prozent Zustimmung, wäre insofern eine Option, als sie wirt-
der ÖVP längst feststeht. In verkürzter Form ließe sie sich schaftspolitisch den Positionen der ÖVP nahesteht und den
wie folgt beschreiben: Kurz, ein erfolgreicher Kanzler, wurde Misstrauensantrag gegen die Regierung nicht unterstützte.
durch eine konzertierte Aktion von Rechten und Linken, von In Fragen von Zuwanderung und innerer Sicherheit allerdings
Freiheitlichen und Sozialdemokraten, im Parlament zur Stre- gäbe es erhebliche Differenzen mit den Konservativen.
cke gebracht, ist aber entschlossen, sein Land ab dem Herbst Aus der Regierungszentrale am Ballhausplatz hat sich Kurz
aus dem Chaos zurück zur Stabilität zu führen. mittlerweile in die Bundesgeschäftsstelle seiner Partei unweit
Er werde bis zu den Neuwahlen »wieder stärker bei den des Wiener Rathauses zurückgezogen – von hier aus plant
Menschen in Österreich unterwegs« sein, das Tagesgeschäft er die Rückkehr ins Kanzleramt. Denkbar, so verlautet es
im Parlament seinen »ausgezeichneten« Parteifreunden aus seinem Lager, sei künftig auch eine Minderheitsregierung:
überlassen und sich an Koalitionsspekulationen nicht betei- ein Kanzler Kurz also, der mit wechselnden Mehrheiten das
ligen, sagt Kurz. Er profitiert davon, dass sein Hauptkon- Land steuert. Das wäre für Österreich ein Novum.
kurrent, die Sozialdemokratie, zahnlos wirkt. Die SPÖ hat »Das Parlament hat bestimmt. Das Volk wird entscheiden!«
bei der Europawahl am Sonntag mit 23,9 Prozent der Stim- – mit diesem kunstvoll zugespitzten Slogan, der dem Volk
men ihr historisch schlechtestes Ergebnis erzielt. Die neue mehr politische Vernunft zubilligt als den Volksvertretern,
Parteichefin Pamela Rendi-Wagner fremdelt erkennbar in zieht Kurz selbstbewusst in den Wahlkampfsommer. Viel
ihrem Amt. Dass sie unmittelbar nach der Niederlage am spricht dafür, dass der Optimismus des abgewählten Kanzlers
Sonntag dem EU-Wahlsieger Kurz das Misstrauen aus- berechtigt ist. Walter Mayr

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 87


Wahlkämpfer Trump: Sein Kalkül ist, dass ihm die Impeachment-Debatte eher nutzt als schadet

Ein Weg
Demokraten, die sich schon seit Längerem
zuspitzt: Wie sollen sie mit den Vorwürfen
gegen den Präsidenten umgehen? Wenn

zur Wiederwahl
der Sonderermittler öffentlich nochmals
betont, was er bereits schriftlich nieder-
gelegt hatte, nämlich dass es Hinweise auf
mögliche Gesetzesverstöße gibt – warum
eröffnen die Demokraten im Abgeordne-
USA Die Demokraten streiten darüber, ob sie ein Amtsenthebungs- tenhaus dann kein Amtsenthebungsver-
verfahren gegen Präsident Donald Trump einleiten fahren gegen den Präsidenten?
sollen. Es gibt ausreichend Indizien, aber die Risiken sind hoch. Worauf wartet die Opposition?
Die Partei ist in zwei Lager gespalten.
Auf der einen Seite steht eine Riege mäch-

M ehr als zwei Jahre lang hatte das


Land auf ihn gewartet, und dann,
als Robert Mueller endlich kam,
war er nach zehn Minuten wieder weg. Am
nen, dass der Präsident kein Verbrechen
begangen hat, hätten wir das gesagt.«
Es waren explosive Worte, gesprochen
von einem Juristen, der jede Silbe abwägt.
tiger, zumeist älterer Funktionäre um Nan-
cy Pelosi, die Sprecherin des Abgeordne-
tenhauses. Sie warnen vor den politischen
Folgen eines Impeachment-Verfahrens
Mittwochvormittag trat der Sonderermitt- Zwar standen sie fast wörtlich auch in seinem und befürchten, dass es Trump nützen
ler an ein Rednerpult im Justizministerium 448 Seiten langen Bericht – aber nun hatte würde. Auf der anderen Seite steht eine
in Washington, blickte in die Kameras und er sie explizit selbst noch einmal vor den wachsende Zahl eher junger, linker Demo-
tat, was er seit Beginn der Russlandunter- Kameras ausgesprochen und damit indirekt kraten, die dem Präsidenten eine Straftat
suchungen im Mai 2017 nicht getan hatte: Trumps Behauptung widerlegt, der Bericht nicht durchgehen lassen wollen und ihre
Er sprach über die Frage, ob das Wahl- bedeute für ihn eine umfassende Entlastung. Parteifreunde für zu ängstlich halten.
kampfteam von Donald Trump im Vorfeld Mueller bestätigte bei seinem Auftritt, Die Rufe nach einem Amtsenthebungs-
der Präsidentschaftswahl mit den Russen dass er Indizien gesammelt habe, die den verfahren sind unüberhörbar geworden.
kooperiert hatte, um gegen Hillary Clinton Vorwurf der Justizbehinderung erhärteten. Der Kongress müsse nun handeln, schrieb
zu gewinnen. Allerdings werde Trump durch eine Direk- die linke Senatorin Elizabeth Warren; sie
Seine Arbeit sei abgeschlossen, erklärte tive des Justizministeriums geschützt. »Ein zählt zu den zwei Dutzend Bewerbern, die
der Ermittler, der durch sein Schweigen Präsident kann nicht wegen einer Straftat sich ins Rennen um die Präsidentschaft ge-
BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

in den vergangenen zwei Jahren zu einer auf Bundesebene angeklagt werden, wäh- worfen haben. Der Senator und Kandidat
rätselhaften Projektionsfigur geworden rend er im Amt ist«, sagte Mueller. Er Bernie Sanders, der bislang eher auf der
war. Er werde das Justizministerium ver- machte deutlich, dass es Aufgabe des US- Seite der Impeachment-Skeptiker stand,
lassen und »ins Privatleben« zurückkeh- Kongresses sei, darüber zu richten. signalisierte jetzt auch Unterstützung. Der
ren. Dann sagte Mueller den Satz: »Wenn Die Worte des Sonderermittlers befeu- demokratische Senator Cory Booker mein-
wir mit Sicherheit hätten feststellen kön- erten deshalb eine heikle Debatte unter te, der Kongress habe nach Muellers Auf-

88
Ausland

tritt eine moralische Verpflichtung, ein sol- Einschätzungen nicht allein: Steven Ratt- worden, zu dem ihn die Opposition ma-
ches Verfahren einzuleiten; Booker gehört ner, einst Berater im Finanzministerium chen wollte. Die Demokraten mussten
zum gemäßigten Flügel der Partei. der Obama-Regierung, schreibt für die einsehen, dass die Ermittlungen begrenz-
Sogar aus dem Team des früheren Vize- »New York Times« über weitere Modell- ter waren als gedacht und dass sie Trumps
präsidenten Joe Biden, der ebenfalls zu rechnungen, die alle Trump im kommen- Finanzen beispielsweise fast vollständig
den Moderaten in der Partei gerechnet den Jahr als Gewinner sehen – voraus- ausklammerten. Fünf Ausschüsse im Ab-
wird, heißt es, ein Impeachment-Verfahren gesetzt, die Wirtschaft bleibt stark. geordnetenhaus, das seit Anfang des Jah-
sei fast »unvermeidlich«. Auch der Historiker Allan Lichtman res von den Demokraten kontrolliert wird,
Die Debatte zeigt, wie nervös die Oppo- von der American University in Washing- untersuchen Trumps Geschäfte, Finanzen
sition im Jahr vor der Präsidentschaftswahl ton glaubt, dass es kein leichter Kampf für und Amtsführung, bislang mit bescheide-
geworden ist. Trumps Kalkül ist, dass ihm die Opposition wird. Er sagt, den Demo- nem Erfolg.
ein Streit bei der Konkurrenz um die Amts- kraten bleibe wohl kein anderes Mittel als Nancy Pelosi ist die Anführerin der
enthebung eher nutzt als schadet. Er kann das Amtsenthebungsverfahren, um die Demokraten, bis ein Präsidentschaftskan-
sich als Opfer einer Kampagne von Demo- Chancen des Präsidenten zu schmälern. didat gekürt ist. Sie würde diese Untersu-
kraten inszenieren, die in ihm von Anfang Lichtman hat 13 Schlüsselfaktoren ausge- chungen am liebsten im Stillen fortführen
an einen illegitimen Präsidenten sahen. macht, die für eine Wiederwahl als Präsi- und sich auf Gesetze und Initiativen kon-
Noch sind es fast anderthalb zentrieren, die bei den Wählern an-
Jahre bis zur Wahl, in dieser Zeit kommen. Ihr Trauma ist das Amts-
kann viel passieren. Außerdem enthebungsverfahren gegen Bill
liegen Trumps Zustimmungswerte Clinton, das die Republikaner 1998
relativ konstant um 41 Prozent, vorbereiteten und kurz nach den
was verglichen mit vielen seiner Zwischenwahlen einleiteten. Das
Vorgänger eher niedrig ist. Zu- Verfahren stürzte das Land in mo-
gleich boomt die Wirtschaft, die natelange politische Turbulenzen,
Löhne steigen, und die Arbeits- brachte Clinton Sympathien und
losigkeit ist sehr gering. Sollte das kostete die Republikaner bei der
Wachstum bis ins Wahljahr hinein Wahl fünf Sitze im Repräsentanten-
anhalten, ist keinesfalls ausge- haus. Pelosi glaubt deshalb, dass
schlossen, dass Trump trotz der das Risiko des Impeachments zu
Impeachment-Debatte einen Weg hoch ist. Bislang hat sie es geschafft,
für seine Wiederwahl findet. eine Mehrheit der Abgeordneten
Das wäre der Albtraum für die auf ihrer Seite zu halten.
Demokraten. Eine zweite Amtszeit Zudem ist der Ausgang eines
für den Mann, der nachweislich solchen Verfahrens nahezu vor-
immer wieder die Wahrheit ver- herbestimmt. Es würde im Justiz-
biegt und lügt, der amerikanische ausschuss des Abgeordnetenhauses
Institutionen wie die Justiz atta- geprüft, wo die Demokraten die
ckiert, das FBI und die freie Presse; Mehrheit haben; dann entscheidet
der gegen die US-Verbündeten in das Plenum über die formelle Ein-
Europa vorgeht und eine Männer- leitung. Wenn die Abgeordneten
MELISSA GOLDEN / REDUX / LAIF

freundschaft mit Wladimir Putin in- die Amtsenthebung beschließen,


szeniert. würde das Verfahren zum Senat
So unmöglich erscheint dieses übergehen, wo zwei Drittel der Se-
Szenario nicht mehr. Auch deshalb natoren einer Entfernung des Prä-
klammern sich viele in der Partei sidenten aus dem Amt zustimmen
an einem Amtsenthebungsver- müssten – was kaum geschehen
fahren fest. Der Ökonom Ray Fair, wird, da die Republikaner hier in
Forscher an der Yale University, hat Demokratin Pelosi: Lieber Untersuchungen im Stillen der Mehrzahl sind.
in einem über Jahrzehnte geteste- Es gibt nur einen einzigen repu-
ten Modell berechnet, dass im Mo- blikanischen Abgeordneten, der
ment einiges für Trump als Sieger spricht. dent entscheidend seien. So sollte der sich in der Impeachment-Frage eindeutig
Fair zufolge gibt es zwei entscheidende Amtsinhaber unangefochtener Spitzen- gegen den Präsidenten positioniert hat:
Faktoren für Präsidentschaftswahlen: ers- kandidat seiner Partei sein und unberührt Justin Amash aus Michigan. Amash hat
tens die Wachstumsrate des Bruttoinlands- von größeren Skandalen. sich in den vergangenen Wochen unter
produkts, zweitens die Inflation. Beides Auch diese Methode hat sich bewährt. Konservativen einen Ruf als talentierter
spielt Trump derzeit in die Hände. Ihm Lichtman konnte damit seit 1984 die Er- Selbst-Saboteur erworben, dem seine
hilft außerdem, dass er der Amtsinhaber gebnisse von neun Präsidentschaftswahlen Karriere unwichtig ist. Es ist sehr wahr-
ist und damit über einen Bonus verfügt. richtig vorhersagen, darunter die Wahl scheinlich, dass er mit seiner Haltung
In der Vergangenheit gewährten die Wäh- Trumps. Er ist in diesem Jahr vorsichtig in seiner Partei ein Einzelfall bleibt –
ler ihren Präsidenten meist eine zweite mit Prognosen, sagt aber, Trump habe gute und noch fraglicher ist, ob er nächstes
Amtszeit. Chancen. »Ohne Impeachment sind die Jahr überhaupt wiedergewählt wird.
Fairs Berechnungen sind nicht perfekt, Aussichten für die Demokraten trübe.« Wer sich bei den Republikanern gegen
aber er konnte damit beide Siege von Ba- Es zeigt sich, wie riskant die Strategie Donald Trump stellt, hat das bisher meist
rack Obama voraussagen und prophezeite der Demokraten war, den Bericht des Son- mit dem Verlust des Amtes bezahlt.
2016 einen Wahlgewinn für Donald derermittlers abzuwarten und erst dann Christoph Scheuermann
Trump, als viele Demoskopen dessen Wi- zu beraten, wie man in der Russlandaffäre Twitter: @chrischeuermann
dersacherin vorn sahen. Fair ist mit seinen agiert. Robert Mueller ist nie der Held ge-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 89


Ausland

Die Widerspenstigen
Emanzipation Hunderte Frauen fliehen jedes Jahr aus den Golfstaaten, weil sie es leid
sind, von ihren Ehemännern oder Vätern gedemütigt und kontrolliert
zu werden. Doch auch im Ausland sind sie nicht immer sicher vor ihren Familien.

GENE GLOVER / DER SPIEGEL

Geflohene Albolooki

90
G
ierig nehmen die beiden Schwes- sorgte, oder wie Dina Ali Lasloum, die männer seien ihre Cousins bestimmt ge-
tern aus Saudi-Arabien alles 2017 in Manila von Verwandten zurück in wesen, eine Wahl hätten die Schwestern
auf, was ihnen in den Straßen- den Flieger nach Riad gezerrt wurde. nicht gehabt. Was hat sie ihre Jugend über-
schluchten von Hongkong be- Die Herrscherfamilien in Saudi-Arabien leben lassen? »Dass wir uns gegeneinan-
gegnet: Männer in Nadelstreifen, Frauen und den Vereinigten Arabischen Emiraten der Trost spenden konnten«, sagt Reem.
in luftigen Kleidern auf den Fähren in setzen mit ihren Geschichten die Frauen Zwei Jahre lang haben die Frauen ihre
der Kowloon-Bucht, Nachtmärkte, Cock- unter Druck. Die »Saudi Gazette« macht Flucht geplant, haben Geld beiseitegelegt,
tailbars, Amüsierviertel. Die jungen für das Phänomen »feindliche Staaten« ein paar Tausend Dollar, und wieder und
Frauen genießen ihre neue Freiheit, das verantwortlich, die die Frauen verführten, wieder alles besprochen. Im September,
sieht man ihnen an. Sie laufen an einem um Saudi-Arabien zu diffamieren. »Unse- während eines Familienurlaubs in Sri Lan-
Tag im März in zerrissenen Jeans und re Feinde versuchen, unsere Gesellschaft ka, ergriffen sie schließlich die Gelegen-
mit offenem Haar durch die Stadt; sie mit diesem Krebs zu infiltrieren.« heit: Sie stahlen ihre Pässe aus dem Hotel-
haben viele Fragen. Am besten, sagen Reem und Rawan wuchsen in einer Mit- zimmer ihrer Eltern und buchten heimlich
sie, gefielen ihnen hier die Menschen, telklassefamilie auf. Ihr Vater, so erzählen übers Smartphone Flugtickets nach Aus-
wie sie leben, was sie lieben, all tralien. Sie drapierten ihre Gebets-
das sei so aufregend. umhänge auf dem Bett, sodass es
Dann steigen sie in einen Fahr- aussah, als ob sie schliefen. Dann
stuhl und setzen sich ans Fenster machten sie sich auf den Weg zum
eines Hotelzimmers hoch über Flughafen.
Hongkong, der genaue Ort muss Mehr als fünf Stunden später, in
geheim bleiben, die Handys sind der Transitzone des Flughafens
ausgeschaltet, Fotos nur von hin- von Hongkong, gerieten ihre Plä-
ten. Sicherheitsvorkehrungen wie ne ins Wanken: Zwei Männer war-
bei Whistleblowern – nur geht es teten am Gate, nahmen ihnen Rei-
hier um zwei Schwestern aus Sau- sepässe und Bordkarten ab. Als
di-Arabien, 18 und 20 Jahre alt, sich die Männer als Angestellte
Rawan und Reem wollen sie ge- des saudi-arabischen Konsulats
nannt werden, in Wirklichkeit hei- entpuppten, witterten die Schwes-
ßen sie anders. tern Verrat.
Die Schwestern erzählen die Es ging nun um Minuten. Auf
Geschichte ihrer Flucht, vorsichtig, der Toilette fällte Rawan, die Jün-
stockend, denn sie haben an die- gere, einen Entschluss. Sie schnapp-
sem Märztag noch immer Angst, te die Pässe aus den Händen der
ihr Vater könnte sie aufspüren und Männer und lief mit ihrer Schwes-
gewaltsam nach Hause holen. Nur ter aus der Transitzone in die Men-
manchmal müssen sie laut lachen. schenmasse vor der Passkontrolle,
Wenn die Jüngere, Rawan, flucht. dann weiter in den Airport Express
Oder wenn Reem erzählt, wie sie nach Hongkong Central, mitten hi-
sich schon als kleine Mädchen mit nein ins fremde Leben. Von einem
ihren Saftgläsern zugeprostet ha- Hotel aus setzten sie einen Hilferuf
ben, so wie sie es in den verbote- auf Twitter ab. Ein Franzose las
nen Filmen gesehen hatten. Und den Tweet, kontaktierte einen An-
ihre Mutter aus dem Zimmer rann- walt und Helfer vor Ort. Mehr als
te und spitze »Haram«-Schreie aus- ein Dutzend Mal mussten die Mäd-
stieß, »verboten«. chen ihre Unterkunft wechseln, be-
Reem und Rawan sind zwei von vor ihnen im März die Weiterreise
mindestens tausend Frauen, die je- in einen Drittstaat gestattet wurde.
des Jahr aus Saudi-Arabien fliehen, Schwestern aus Saudi-Arabien in Hongkong Wer mit den beiden spricht,
weil sie Patriarchat und Unterdrü- »Wir riskieren unser Leben« begreift, dass es sich hier nicht um
ckung durch Ehemänner und Väter verwöhnte Teenager handelt, wie
nicht länger ertragen – »runaway ihnen in der Heimat oft unterstellt
girls« werden sie in ihrer Heimat genannt, sie in dem Gespräch in Hongkong, arbeitet wird, sondern um kluge, mutige Frauen
»Ausreißerinnen«. Rawan mag den Begriff in der Gefängnisverwaltung von Riad. Seit voller Kampfgeist und Zuversicht.
nicht. Sie findet, er klingt nach ausbüxen, sie denken könnten, seien sie von zwei äl- Vorbild für Reem und Rawan und viele
»dabei riskieren wir unser Leben«, sagt sie. teren Brüdern und einem jüngeren be- andere »Ausreißerinnen« ist Prinzessin
Rawan und Reem waren im vergangenen wacht worden. »Sie hielten uns wie Skla- Latifa, 33, die Tochter des Emirs von Du-
September auf der Flucht nach Australien ven«, sagt Reem. Zwei Wörter hätten ihre bai und Premiers der Vereinigten Arabi-
in Hongkong gestrandet. Kindheit bestimmt: Schande und Verbot. schen Emirate. Das Video, das nach ihrer
Arabische »Ausreißerinnen« gab es »Es gab keine Freude in unserem Haus«, missglückten Flucht veröffentlicht und auf
schon in den Siebzigerjahren, doch noch klagt Rawan, »am schlimmsten war, wenn YouTube von mehr als zwei Millionen
nie waren sie so sichtbar wie heute. Sie wir laut lachten.« Der dreisteste Bruder Menschen gesehen wurde, endet mit den
tun sich mit Aktivisten zusammen, die sei der jüngste gewesen, zehn Jahre alt, Worten: »Sollte ich es nicht schaffen, dann
Rechtsbeistand und Unterkünfte organi- sagt Reem. Dauernd habe er befohlen: hoffe ich wenigstens, dass sich bei uns et-
sieren. Sie stellen Videos auf YouTube – »Zügle deine Stimme, senke den Blick, was zum Positiven verändert.« (SPIEGEL
so wie Rahaf al-Qunun, 18, deren Flucht bedecke deine Haut.« Selbst im Haus hät- 50/2018)
nach Bangkok und schließlich nach Kana- ten sie sich verhüllen müssen, Schläge sei- Latifa war sich der Gefahr bewusst, die
da im Januar international für Aufsehen en normal gewesen. Als zukünftige Ehe- ihr Ungehorsam mit sich brachte. Sie muss

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 91


Ausland

geahnt haben, welchen Schaden ihr Ver- Frauen wie Latifa, Reem und Rawan ren sie in Saudi-Arabien geblieben: eine
schwinden für ihren Vater, den Emir, be- haben unzählige Gründe, aus den Ländern Ehe, die 22 Jahre lang die Hölle für sie war.
deuten würde. Das Video hat sie selbst am Persischen Golf zu fliehen; der wich- Anders als Prinzessin Latifa ist Albolooki
gedreht, unmittelbar vor ihrer Flucht, im tigste ist das Vormundschaftsrecht. Es gilt heute in Sicherheit, ihr Asylantrag in
Dubaier Apartment von Tiina Jauhiainen, in einigen Ländern des Nahen Ostens, Deutschland läuft.
ihrer finnischen Fitnesstrainerin, die als aber kaum irgendwo wird es so streng Doch sie zahlt einen hohen Preis für
eine der wenigen in die Pläne der Prinzes- praktiziert wie in Saudi-Arabien und den ihre Freiheit: Sie verließ ihre vier Kinder.
sin eingeweiht war. Emiraten. Nach dem Gesetz dürfen Frauen »Welche Mutter tut so etwas freiwillig?«,
Jauhiainen, 42 Jahre alt, sitzt an einem ohne Erlaubnis des Vormunds, also des fragt sie und weint bitterlich.
Frühlingsnachmittag in einem Café in Vaters, Ehemanns oder Bruders, das Land Hind Albolooki sagt, sie habe nie daran
London. Sie erinnert sich noch sehr genau nicht verlassen, manche nicht mal das gedacht wegzulaufen, auch dann nicht, als
daran, wie sie Latifa 2010 in Dubai ken- Haus, sie dürfen auch nicht studieren. sie von Prinzessin Latifa erfuhr. Wie ganz
nenlernte. Jauhiainen wurde damals in ein Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed Dubai verfolgte sie Latifas Flucht, obwohl
Anwesen am Stadtrand gebeten. Sie sollte bin Salman inszeniert sich als Reformer. Er das Video nach einem Tag gesperrt war.
einer reichen Emiraterin Trainingsstunden hat die Kleiderordnung gelockert und das Albolooki war eine verwöhnte junge
in Capoeira geben, dem brasilianischen Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Frauen Frau, ihre Mutter wählte den Ehemann, ei-
Kampftanz. wie Reem und Rawan helfen diese Neue- nen Medizinstudenten aus einflussreicher
Erst allmählich begriff Jauhiainen, wer rungen wenig, »was bringen uns Reformen, Familie. Ihre Schwiegermutter wählte das
diese Emiraterin war, die dort in einem wenn Mutter sie für Teufelszeug hält und Brautkleid. Albolooki fügte sich, gebar
40-Zimmer-Palast mit Trainings- Kinder, im Gegenzug wurde ihr ein
räumen, Pool und 100 Angestellten Luxusleben geboten: eine Villa in
lebte. Latifa, so erzählt ihre ehema- Dschumaira, Reisen nach Mailand
lige Trainerin, fristete trotz allen zu Gucci und Prada, ein blauer Ma-
Reichtums ein trostloses Dasein. serati Ghibli.
Sie durfte Dubai nicht verlassen, Ihr Mann, ein führender Mitar-
nicht studieren. Sieben Jahre lang beiter im Gesundheitsministerium,
hatte Latifa ihre Flucht geplant, habe ihr Beruhigungsmittel gege-
mithilfe eines französisch-ameri- ben. Er schlug sie, vergewaltigte sie,
kanischen Ex-Agenten, Hervé Jau- so berichtet es Albolooki, betrog
bert. sie mit der Schwägerin und zwang
Im Februar 2018 gelang es den sie, ihm beim Sex mit anderen
Frauen, sich nach Oman abzuset- Frauen zuzusehen. »Meine Familie

DETAINED IN DUBAI
zen – und von dort auf eine Jacht kannte diese Geschichten«, sagt sie.
des Ex-Agenten. Latifa wollte in »Niemand sagte jemals ein Wort.«
Miami um politisches Asyl bitten. Dann machte Albolooki den
Doch die Jacht wurde von der Fehler, von Scheidung zu sprechen.
indischen Küstenwache gekapert. Prinzessin Latifa, Helferin Jauhiainen 2018 Der Ehekrieg begann. Sie musste
»Am achten Tag (auf See) hörten Vorbild für Ausreißerinnen den Autoschlüssel abgeben, ihre
wir gegen 22 Uhr Schüsse an vier Kreditkarten, die diaman-
Deck«, erzählt Jauhiainen. Schlaf- tenbesetzte Uhr. Der Familienrat
trunken sei sie nach oben geklettert – und Vater sagt: ›Ihr werdet niemals Auto fah- wurde einberufen. Sie hätten alles ver-
sah rote Laserpunkte von Gewehren auf ren, das verbiete ich!‹ «, fragen sie. sucht, sagten die Männer, Albolooki wolle
ihrem Körper. »Erschießt mich gleich Frauen, die aus Ländern wie Saudi-Ara- nicht gehorchen, »geh und hol deinen Pass,
hier«, habe Latifa gefleht, »nur bringt bien fliehen, sind häufig auf die Gemeinde wir werden ihn einbehalten«.
mich nicht zurück nach Dubai!« aus Fluchthelfern angewiesen, auf Netzak- Albolooki tat scheinbar, wie ihr gehei-
Die Angreifer ignorierten den Wunsch. tivisten und Menschenrechtler in den USA, ßen. Ihre Tochter aber hatte den Ernst der
Latifa und Jauhiainen wurden zurück nach Europa, Australien. In den Golfstaaten Lage begriffen, sie reichte ihrer Mutter den
Dubai geschafft. Jauhiainen saß in Einzel- können sie nichts unternehmen, aber an Pass, dazu eine Handtasche mit Bargeld.
haft, wurde verhört und hatte Todesangst. den Grenzen, den Transitzonen der Flug- Eine Hausangestellte ließ sie durch das
Nach zwei Wochen wurde sie von den häfen und später im Exil, da schon. Gartentor entwischen. Albolooki entwi-
Behörden schließlich nach Europa ab- Jérémy Desvages, 32 Jahre alt, Program- ckelte einen Mut, von dem sie nichts ge-
geschoben. Seither ist sie auf der Flucht, mierer aus Frankreich, ist einer von ihnen. ahnt hatte: Sie versteckte sich in der Nähe
wechselt regelmäßig ihren Wohnort – und Er las den Tweet, den Reem und Rawan des Hauses auf einer Baustelle, vergrub
kämpft mit Anwältinnen um die Frei- im Hongkonger Hotel abgesetzt hatten, ihr Handy im Sand, damit man sie nicht
lassung ihrer Freundin Latifa, mit der sie und nahm sich fortan ihrer an, wie auch orten konnte, stülpte ihre Abaja über sich
seit mehr als einem Jahr nicht mehr hat 15 weiterer Flüchtlinge aus der Golfregion. und verharrte so mehrere Stunden. Mit-
sprechen können. Er leistet seelischen Beistand, besorgt An- hilfe eines Taxifahrers und einer Freundin
Vor ein paar Monaten schickte ihr wälte und Unterkünfte. Reem und Rawan besorgte sie sich ein neues Handy und ein
jemand ein Foto. Es zeigt die ehemalige besuchte er in Hongkong. Warum? »Weil Flugticket nach Europa.
irische Staatspräsidentin Mary Robinson, ich die Möglichkeit dazu habe«, sagt er und Sie schaffte es nach Deutschland. Sie
eine Freundin der emiratischen Herrscher- zeigt auf seinem Handy Hilferufe und Be- wird zum ersten Mal in ihrem Leben Geld
familie, neben einer sediert wirkenden Prin- weisfotos: Prellungen an den Oberarmen, verdienen müssen, fühlt sich aber gewapp-
zessin Latifa am Esstisch. In London im Blutergüsse, blau geschlagene Augen. net, will anderen Mut machen. Bereut sie,
Café betrachtet Jauhiainen das Foto: »Se- Desvages kümmert sich auch um Hind gegangen zu sein? »Nicht einen Tag.«
hen Sie Latifas Gesicht, starr wie eine Mas- Albolooki, eine Emiraterin aus Dubai, Fiona Ehlers
ke, ihr Blick, ganz vernebelt. Als ob wir auf 42 Jahre alt. Sie hat das hinter sich, was Mail: fiona.ehlers@spiegel.de
diese Inszenierung hereinfallen würden.« Reem und Rawan wohl erwartet hätte, wä-

92 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Sport
»Alle rennen immer dem Geld hinterher.« ‣ S. 96

Ansturm auf den Mount Everest


P ROJECT P O S S I B L E / A F P

Lawinenunglück 2014 und Erdbeben 2018


2015 verhinderten Besteigungen 815

Quelle: Billi Bierling / Himalayan Database

1953
erfolgreiche
Besteigungen 2
Todesfälle 17

Der Ansturm auf den Mount Everest hat Auswirkungen auf steigungen gelingen, wird die 10 000er-Marke gebrochen
die Zahl der Todesfälle. In diesem Jahr starben bereits 11 Bergstei- werden. Von 1953 bis 2018 haben über 5300 Bergsteiger, davon
ger. Die meisten Opfer hatte es 2014 gegeben, als allein 16 Sher- rund ein Zehntel Frauen, den Gipfel erreicht; etliche Träger
pas bei einem Lawinenabgang ums Leben kamen, insgesamt sind waren mehrmals oben. Schlangen bildeten sich in diesem Jahr,
es bisher 292 Tote. Wenn wie im vergangenen Jahr über 750 Be- weil das Zeitfenster für den Aufstieg wegen des Wetters eng war.

Magische Momente über sich hinaus. Er war in einem Flow,

»Ein fast perfektes Spiel«


und unsere Abwehr ließ Kiel kaum eine
Lücke. Es war ein fast perfektes Spiel.
SPIEGEL: Sie sind berühmt für Ihren
Handballtrainer Ljubomir Vranjes, 45, über eine Flensburger Sensation Siegeswillen. Liegt der Ehrgeiz in Ihrer
Jugend begründet, als niemand glaubte,
SPIEGEL: Vor fünf Jahren Jungs nur: »Lauft, kämpft – wir brauchen dass Sie mit einer Größe von nur 1,66 Me-
wurden Sie von Ihren die Pause, und dann drehen wir das tern Handballprofi werden könnten?
Spielern in die Luft gewor- Spiel.« Vranjes: Mir wurde nichts geschenkt.
fen. Welche Bilder kom- SPIEGEL: Wieso waren Sie da so sicher? Alles musste ich mir erkämpfen,
men Ihnen in den Sinn, Vranjes: Ich sah, dass die Kieler müde und immer wieder hieß es: »Du bist nicht
wenn Sie an den 30:28-Sieg wurden. In der zweiten Hälfte wuchs geeignet, du schaffst das nicht.« Das
im Endspiel der Champions dann unser Torwart Mattias Andersson ging mir gewaltig auf den Sack, aber es hat
League über den THW Kiel denken? mich angestachelt, mein Leben
BILDBYRAN / IMAGO SPORT

Vranjes: Ein Bild kann nicht be- geprägt, als Spieler und als Trainer.
schreiben, was wir an diesem SPIEGEL: Hängt ein Foto vom
unglaublichen Wochenende in Köln Triumph 2014 bei Ihnen an der
erlebt haben. Das Halbfinale gegen Wand?
Barcelona war praktisch verloren, Vranjes: Noch nicht. Der Tag wird
dann passierte, was eigentlich kommen, aber ich bin als Trainer
unmöglich ist. nicht fertig. So schön der Erfolg
SPIEGEL: Sie meinen den Ausgleich war, ich möchte noch viel errei-
zwei Sekunden vor Schluss und den chen.
Sieg im Siebenmeterwerfen? SPIEGEL: Wer schnappt sich dieses
Vranjes: Natürlich. In Barcelona Jahr den Champions-League-Titel?
MIKA VOLKMANN / DDP IMAGES

wusste doch niemand, wer Hampus Vranjes: Barcelona ist Favorit,


Wanne ist. Er war damals 20 und aber das ist bekanntlich kein gutes
verwandelte den letzten Siebenme- Omen. Veszprém hat zurzeit einen
ter eiskalt. Lauf und kann es schaffen. Wich-
SPIEGEL: Tags darauf gerieten Sie tiger ist mir aber, dass mein Nach-
im Endspiel rasch in Rückstand. folger Maik Machulla mit Flens-
Vranjes: Kiel führte 12:6, und in burg die deutsche Meisterschaft
einer Auszeit sagte ich meinen Vranjes nach dem Sieg der SG Flensburg-Handewitt 2014 verteidigt. PK

93
Besucher im Nationalstadion von Tokio im Juli 2018: »Kultur der Angst«

Baustelle Olympia
Sommerspiele Rund ein Jahr vor Beginn der Wettkämpfe ringt Tokio mit Korruptionsvorwürfen
und explodierenden Kosten. Nun soll ein Judoheld das Chaos ordnen.

D
er Mann, der Japans wichtigster bands, vor seinem nächsten großen Kampf. Doch Yamashita müsste sich an der
Sportfunktionär werden soll, hat Wenn Japans Nationales Olympisches Ko- JOC-Spitze vor allem als Krisenmanager
schon viele aufs Kreuz gelegt. Ya- mitee (JOC) Ende Juni einen neuen Präsi- beweisen. Denn rund 14 Monate vor der
suhiro Yamashita, Kampfgewicht denten wählt, geht der noch immer stäm- Eröffnungsfeier im Tokioter Nationalsta-
127 Kilogramm, gewann vier Weltmeister- mige 62-Jährige als Favorit ins Rennen. dion werden die Olympiavorbereitungen
titel im Judo, holte 1984 olympisches Gold. Bekommt er den Posten, wäre Yama- von immer neuen Problemen gestört: ei-
In Japan nennen sie ihn »Judogott« und shita Gastgeber der größten Sportveran- nem schwelenden Korruptionsverdacht,
verehren ihn als einen der größten Athle- staltung der Welt – 2020 steigen in Tokio menschenunwürdigen Arbeitsbedingun-
ten des Landes. Nun steht Yamashita, mitt- die Olympischen Sommerspiele. Ein Traum- gen auf den Olympiabaustellen, explodie-
lerweile Chef des nationalen Judover- job, könnte man meinen. renden Kosten.

94
Sport

Dabei hätte eigentlich alles besser wer- Bedingungen, die an die Zustände in Katar Bürgermeisterin die Finanzlage prüfen soll-
den sollen. Als das Internationale Olym- erinnerten, Gastgeber der nächsten Fuß- te. Mit 6,6 Milliarden US-Dollar war zu
pische Komitee (IOC) vor sechs Jahren ballweltmeisterschaft. Beginn der Planungen für 2020 kalkuliert
Tokio zum Ausrichter der Spiele wählte, Besonders betroffen seien Ausländer. worden. Ueyamas Team bilanzierte hinge-
galt Japans hochmoderne Hauptstadt als Im April trat ein Gesetz zur Anwerbung gen, dass die Gesamtkosten mehr als
sichere Bank. Zu groß schienen die Risiken von Gastarbeitern in Kraft, das in Japans 30 Milliarden Dollar betragen könnten.
der Mitbewerber: Istanbul mit seiner Nähe alternder Gesellschaft dort Löcher stopfen Viereinhalbmal so viel wie ursprünglich
zum Krieg in Syrien; Madrid als Spaniens soll, wo es an Arbeitskräften mangelt. Das angenommen.
Hauptstadt, die tief in einer Schuldenkrise gilt auch für den Bausektor, der für viele Derartige Budgetexplosionen sind in
steckte. Japaner unattraktiv ist. Fehlende Stellen Japan besonders beunruhigend. Das Land
Die Sommerspiele fanden bereits 1964 werden oft mit Arbeitsmigranten gefüllt, hat eine Staatsverschuldung von fast
in Tokio statt, zweimal waren Sportler etwa aus China und Vietnam. 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleis-
bei Winterspielen zu Gast in Japan, stets Die »Tokyo 2020«-Organisatoren wei- tung, der Schuldenanteil ist damit fast
ohne große Zwischenfälle. Was sollte da, sen jede Verantwortung von sich, man sei doppelt so hoch wie etwa im finanziell
von der fortlaufenden Krise um die Atom- nicht Auftraggeber der Bauprojekte. Für wankenden Italien. Wegen der alternden
ruine im rund 250 Kilometer entfernten BHI-Generalsekretär Ambet Yuson eine Bevölkerung fällt es Japan zudem immer
Fukushima einmal abgesehen, schon typische Reaktion. »Unsere Vorschläge schwerer, die nötigen Erlöse zu erwirt-
schiefgehen? wurden vom Organisationskomitee nicht schaften, um den Haushalt sanieren zu
Doch dann begann das Chaos. Vor drei akzeptiert. Unser Bemühen, vor Ort Si- können. Die Milliardenkosten für eine gut
Jahren wurde bekannt, dass die französi- cherheits- und Gesundheitsbedingungen zweiwöchige Sportparty müssen somit
sche Finanzstaatsanwaltschaft die Vergabe zu prüfen, wurde gerügt.« von einer schrumpfenden Zahl an Arbeits-
der Spiele an Tokio untersucht. Ausgangs- Das IOC sagt, man nehme die Vor- kräften beglichen werden.
punkt der Ermittlungen bildeten zwei würfe der BHI »sehr ernst« und habe sich Ueyamas Kommission machte Sparvor-
Zahlungen des japanischen Bewerbungs- schläge, unter anderem habe man eine Ver-
komitees in Höhe von rund zwei Millionen kleinerung der Schwimmhalle erwirken
US-Dollar an die Firma Black Tidings in können. Mittlerweile schätzt Ueyama die
Singapur, Betreff: »Tokyo 2020 Olympic Gesamtkosten nicht mehr auf 30 Milliar-
Game Bid«. Bestechungsgeld zum Kauf den, sondern auf rund 20 Milliarden Dol-

KYODO / MAXPPP / PICTURE ALLIANCE


stimmberechtigter IOC-Mitglieder, so ver- lar. Dabei wäre auch dies noch fast doppelt
muten die französischen Fahnder. so viel wie das, was »Tokyo 2020« in sei-
Hinter Black Tidings steht der Senega- ner Budgetplanung ausweist.
lese Papa Massata Diack, einer der vielen Ueyama setzt bei seiner Hoffnung auf
ALESSANDRO DI CIOMMO / ZUMA PRESS / IMAGO

korrupten Köpfe des Weltsports. Auch für weitere Sparmaßnahmen vor allem auf das
die Beeinflussung der Wahl Rio de Janei- IOC. »Das hat mittlerweile großes Interes-
ros zum Olympiaausrichter 2016 soll die se daran, Kosten zu sparen. Ich vermute,
Familie Diack Geld erhalten haben. das IOC macht sich Sorgen, dass Bürger
Anfang dieses Jahres wurde bekannt, Ehemaliger Bewerbungschef Takeda aus demokratischen Ländern Olympia-
dass gegen Tsunekazu Takeda, ehemals Verdächtige Zahlungen bewerbungen ansonsten nicht mehr unter-
Chef der Tokio-Bewerbung, ebenfalls er- stützen werden.«
mittelt wird. Schließlich habe der ehema- diesbezüglich mit der internationalen Ar- Tatsächlich konnten laut IOC bereits
lige Olympiareiter die zwei verdächtigen beitsorganisation ILO abgestimmt. Man 2,2 Milliarden Dollar aus Etatposten ein-
Zahlungen an Black Tidings angeordnet. sei bestrebt, »angemessene Lösungen zu gespart werden, etwa durch den Verzicht
Takeda, Urenkel eines japanisches Kaisers, finden«. auf eine neue Basketballarena. John Coates,
beteuert seine Unschuld, hat aber dennoch Die braucht es auch im Hinblick auf die Chef einer IOC-Delegation, die Ende Mai
seine Ämter geräumt, unter anderem als Kosten der Spiele. Das Multimilliarden- Tokio besuchte, gibt sich damit aber noch
JOC-Präsident. projekt Olympia solle den Steuerzahler nicht zufrieden: »Wir glauben, dass weite-
Kann Judo-Ikone Yasuhiro Yamashita nichts kosten, verkünden die Macher von re Budgetkürzungen möglich sind.«
nun den Funktionärsfilz lösen? Immerhin: »Tokyo 2020«, sämtliche Ausgaben seien Ein Vorhaben, das zumindest offiziell
Im Jahr 2013, als der nationale Judover- privat finanziert. Es sei ein Weltereignis, von Verbänden der olympischen Sommer-
band Schlagzeilen mit einem Gewalt- und für die Bürger zum Nulltarif. sportarten unterstützt wird. Es dürfe aber
Missbrauchsskandal machte, profilierte Ist das wirklich so? »Daran glaubt nie- nicht an der falschen Stelle gespart werden:
sich Yamashita als rigoroser Aufräumer. mand«, sagt Shinichi Ueyama, Politikpro- bei den eigentlichen Wettkämpfen. Judo-
Die Korruptionsaffäre bliebe allerdings fessor an der renommierten Keio-Univer- weltverbandspräsident Marius Vizer sagte,
nicht Yamashitas einziges Problemfeld. sität in Tokio. Finanztechnisch gesehen hät- er mache sich »ernsthafte Sorgen«: »Wir
Vor gut zwei Wochen präsentierte die Bau- ten die Organisatoren zwar recht, weil sie sind einverstanden mit den Kürzungen,
und Holzarbeiter-Internationale (BHI) ei- im Budget nur die Betriebskosten auflisten. aber nur solange sie nicht die Qualität der
nen Bericht über die Arbeitsbedingungen Dazu gehören etwa die Aufwendungen für Wettkämpfe beeinflussen.« Auch die Seg-
auf den olympischen Baustellen. Darin in- Busshuttles, Strom oder die Kleidung der ler, Triathleten und Tennisspieler äußerten
formiert der Gewerkschaftsbund über »ge- Helfer während der Spiele. Der – staatlich Bedenken.
fährliche Formen der Überarbeitung« und finanzierte – Bau von Wettkampfstätten Nur einer ist daueroptimistisch: der
eine »Kultur der Angst«. Bis zu 28 Tage oder die erhöhten Sicherheitskosten sind IOC-Präsident. Im November sagte Tho-
am Stück müssten Arbeiter antreten, in ei- hiervon aber ausgenommen. »Die Tokioter mas Bach, er erinnere sich an keine Olym-
nigen Fällen hätten sie ihre Sicherheitsklei- Metropolregierung trägt die gesamte Fi- piastadt, die besser auf die Spiele vorbe-
dung aus eigener Tasche bezahlen müssen. nanzierungsverantwortung«, sagt Ueyama. reitet gewesen wäre als Tokio. Er erwarte
Rund die Hälfte der Beschäftigten arbeite Also die öffentliche Hand. »exzellente Olympische Spiele«.
ohne schriftlichen Vertrag. Mindestens Ueyama stand 2016 einer Expertenkom- Felix Lill, Thilo Neumann
zwei Todesfälle habe es bereits gegeben. mission vor, die im Auftrag der Tokioter

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 95


Sport

»Ich wollte ihm nicht wehtun«


SPIEGEL-Gespräch Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München,
über seinen Umgang mit Trainer Niko Kovač und die Furcht vor einer Fanrevolte

Rummenigge, 63, ist seit 2002 Vorstandsvor- vale ist. Wenn ich das Dortmunder Spiel quasi identisch und sehr erfolgreich. Das
sitzender der FC Bayern München AG. Zwi- unter ihm mit dem aktuellen Auftreten von war spektakulärer Fußball und hatte schon
schen 2008 und 2017 war er zudem Vorsit- Liverpool vergleiche, sehe ich da noch eine was von Tiki-Taka. Das wird auch der An-
zender der European Club Association (ECA), deutliche, sehr positive Entwicklung. spruch des Klubs in der Zukunft sein. Wir
einer Interessenvertretung europäischer Fuß- SPIEGEL: Vielleicht hätten Sie ihn vor elf haben jetzt das Double gewonnen, und
ballvereine. Der gebürtige Westfale war von Jahren doch verpflichten sollen. damit ist der ganze Verein sehr zufrieden.
1974 bis 1989 Fußballprofi und spielte unter Rummenigge: Er war damals in Mainz SPIEGEL: Beim Achtelfinal-Aus gegen den
anderem in München und Mailand, er be- noch ganz am Anfang seiner Laufbahn. FC Liverpool hat Bayern München unge-
stritt 95 Länderspiele für Deutschland. Ich weiß nicht, ob er bei einem Klub wie wohnt defensiv gespielt. Trauen Sie es
Bayern München auch so eine Kontinuität Niko Kovač zu, eine neue Ära zu prägen?
SPIEGEL: Herr Rummenigge, wie wer- erreicht hätte wie anschließend in Dort- Rummenigge: Was ist eine Ära? In den
den Sie das Finale der Champions League mund und jetzt in Liverpool. Außerdem vergangenen 15 Jahren war weder van
an diesem Samstagabend erle- Gaal noch Heynckes oder
ben? Guardiola länger als drei Jahre
Rummenigge: Das Spiel er- am Stück hier. Niko hat einen
zeugt Wehmut in mir. Wir waren Vertrag bis 2021. Und ich wün-
ja auch schon ein paarmal im Fi- sche ihm, dass er hier erfolg-
nale, das waren immer wirklich reiche Jahre verbringt. Das ist
großartige Erlebnisse. Wenn ich nämlich die Voraussetzung: Das
das Spiel nur als Fan verfolge, System FC Bayern fußt auf
fehlt mir die Nervosität und das Erfolg. Ich will mir gar nicht
Mitfiebern. Und ich ärgere mich ausmalen, was hier los gewe-
bis heute, dass wir dieses Jahr sen wäre, wenn wir Vizemeister
so früh ausgeschieden sind. geworden wären.
SPIEGEL: Vier englische Teams SPIEGEL: Verstehen Sie die Kri-
stehen in den beiden Endspie- tiker, die Ihnen in dieser Saison
len der Europapokale. Ist die vorgeworfen haben, Kovač nicht
Übermacht der Premier League genügend gestärkt zu haben?
noch zu brechen? Rummenigge: Wir haben den
Rummenigge: Natürlich be- Trainer extrem gestärkt, zum
kommen die Engländer wahn- Beispiel im November nach
sinnig viel Geld aus den TV-Ver- dem grotesken 3:3 gegen Düs-
FOX-IMAGES / DDP

trägen, diese Schere wird in na- seldorf. Wir haben mit den Spie-
her Zukunft nicht zu schließen lern Klartext gesprochen, ge-
sein. Aber man muss auch an- meinsam Dinge verändert und
erkennen, dass sie einen wirk- so wieder die Kurve gekriegt.
lich guten Job machen. Sie ha- Fußballfunktionär Rummenigge: »Bewusst öffentlich polarisiert« SPIEGEL: Sie und Sportdirektor
ben sich die besten Trainer und Hasan Salihamidžić haben es
Manager der Welt geholt, dazu in dieser Saison aber durchweg
großartige Spieler, und nun auch die Nach- hatten wir hier in den vergangenen zehn vermieden, Kovač eine Jobgarantie über
wuchsausbildung neu strukturiert. Sie sind Jahren großartige Zeiten. Denken Sie an die Saison hinaus zu geben.
mittlerweile der Maßstab. Jupp Heynckes oder Pep Guardiola. Ich Rummenigge: Der Erfolg ist Teil unserer
SPIEGEL: Beim FC Liverpool sorgt Jürgen habe manchmal 15 Minuten lang vom Klub-DNA. Diesen Erfolgsdruck haben wir
Klopp für Furore. Uli Hoeneß hat einmal Fenster meines Büros bei Guardiolas Trai- uns selbst auferlegt, und dem muss jeder
verraten, dass er Klopp 2008 fast verpflich- ning zugeschaut und oft gedacht, dass das beim FC Bayern standhalten. Das weiß Niko
tet hätte, sich dann aber für Jürgen Klins- wie die Suche nach dem perfekten Fußball auch, er war hier bereits als Spieler tätig.
mann entschieden hat. Trauern Sie Klopp ist. Guardiola hat so viel Neues und auch SPIEGEL: Haben Sie versucht, den Trainer
hinterher? unglaublich Kluges hierhin mitgebracht, und die Mannschaft mit Ihren Aussagen
Rummenigge: Jürgen Klopp ist ein Toptrai- das war schon toll. Auch ohne Klopp ha- anzustacheln?
ner. Das hat er insbesondere in diesem Jahr ben wir tolle Zeiten erlebt und viele Titel Rummenigge: Ich bin nach diesem spek-
bewiesen. Ich habe ihn in den vergangenen gewonnen. takulären 5:0 gegen Borussia Dortmund
Jahren ja wirklich aus der Nähe verfolgt, SPIEGEL: Steht der FC Bayern jetzt an ei- in unsere Kabine gegangen. Da war Party-
weil Dortmund seit 2010 unser größter Ri- nem Punkt, sich wieder eine neue Philo- stimmung, pure Euphorie. Ich dachte mir:
sophie suchen zu müssen? »Hoppla, wir haben doch noch sechs Spie-
Das Gespräch führten die Redakteure Rafael Busch- Rummenigge: Die Philosophie von Louis le vor uns.« Ich habe anschließend sehr
mann und Christoph Winterbach in München. van Gaal, Heynckes und Guardiola war bewusst öffentlich polarisiert und versucht,

96 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES
Bayern-Profis bei Doublefeier am Sonntag in München: »Zum ersten Mal nach sechs Jahren ein spannendes Meisterschaftsrennen«

durch meine Aussagen einen Kontrapunkt gen zu einer Reform der Königsklasse ab SPIEGEL: Gibt es für diese Reformbestre-
zu setzen. Sowohl der Trainer als auch die 2024. Wird sie sich grundlegend ändern? bungen eine Mehrheit?
Mannschaft sollten begreifen, dass wir Rummenigge: Das hoffe ich nicht. Warum Rummenigge: Bislang ist noch überhaupt
noch nichts gewonnen hatten. müssen wir eigentlich überhaupt etwas nichts entschieden, alles steht auf dem
SPIEGEL: Kovač hat bei einer Pressekon- verändern? Um die Champions League be- Prüfstand. Ich bin auch kein großer Freund
ferenz gesagt, dass man zwar Schläge ein- neidet uns die ganze Welt. Sie ist der mit der Idee, die Gruppenphase zu erweitern.
stecken könne, aber es in der Seele trotz- Abstand beste und am schwierigsten zu Wir haben jetzt schon bei dem aktuellen
dem wehtue. gewinnende Wettbewerb der Welt. Es ist Modell mit den Vierergruppen oft zum
Rummenigge: Ich wollte ihm nicht weh- für mich jedes Mal aufs Neue elektrisie- Ende hin sogenannte Dead Games, wo es
tun. Ich wollte nur alle auf unser gemein- rend, wenn das Flutlicht angeht und die um nichts mehr geht.
sames Ziel fokussieren. Hymne erklingt. SPIEGEL: Die Klubvereinigung ECA hat
SPIEGEL: Gehen Sie definitiv mit Kovač SPIEGEL: Warum wird dann ständig vier Achtergruppen vorgeschlagen. Wel-
in die neue Saison? versucht, die Champions League zu ver- che Gründe sprechen dafür?
Rummenigge: Ich kenne keinen Verein, ändern? Rummenigge: Für Klubs aus den kleine-
der seinen Trainer nach dem Double ent- Rummenigge: Das hängt mit dem Geld ren Ländern könnte das schon sinnvoll
lassen hätte. zusammen. Jeder Klub versucht, inter- sein. Sie hätten dann eine Garantie auf
SPIEGEL: Ist der Gewinn der Champions national noch ein bisschen mehr für sich mehr Spiele, also auch auf mehr Einnah-
League für den FC Bayern in naher Zu- herauszuholen. Die großen fünf Ligen men. Es ist eine unglaublich heterogene
kunft realistisch? Europas scheinen mit dem aktuellen Mo- Welt, die in diesen internationalen Wett-
Rummenigge: Es ist zumindest unser aller dell einverstanden zu sein. Die Niederlän- bewerben herrscht. Das alles unter einen
Traum. Ich bin ja bis 2021 in meiner Funk- der, Belgier, Polen und Österreicher wollen Hut zu bringen ist nicht so einfach.
tion als Vorstandsvorsitzender hier und aber auch feste Vertreter in der Königs- SPIEGEL: Der Dortmunder Geschäftsfüh-
würde sehr gern dieses Erlebnis aus Lon- klasse haben. Und das ist verständlich. rer Hans-Joachim Watzke sagt, dass die
don 2013 noch mal erleben. Unser Sieg SPIEGEL: Warum? Reform der Champions League so oder so
hat so nachhaltige, unfassbare Glücksge- Rummenigge: Ajax ist niederländischer kommen werde. Warum sehen das viele
fühle bei mir erzeugt. Ich habe mit meiner Meister und stand im Halbfinale der Cham- als unausweichlich an?
Frau am Tag nach dem Finale zu dem Fred- pions League. Aber kommende Saison müs- Rummenigge: Ich sehe das nicht so. Die
Astaire-Song getanzt: »I’m in Heaven« sen sie wieder durch eine Qualifikations- Klubs treffen sich nächste Woche in Malta,
singt er, ein ganz alter Song, aber den hatte runde. Wenn sie Pech haben, fliegen sie da da wird es sicherlich große Diskussionen
ich irgendwie im Hinterkopf und habe ihn raus. Wie soll man so einen Kader planen, geben. Ich schließe auch nicht aus, dass
mir gewünscht. den man seriös finanzieren will? Natürlich der Status quo erhalten bleibt. Am Ende
SPIEGEL: Sie schwärmen so von der Cham- verstehe ich, dass diese Klubs ein bisschen muss die Uefa bei der Entscheidungsfin-
pions League. Aktuell gibt es Bestrebun- mehr Planungssicherheit haben wollen. dung sehr sensibel vorgehen.

97
Sport

SPIEGEL: Woran orientieren Sie sich bei SPIEGEL: Wie haben Sie im November runde gespielt. Vielleicht kann Bayer Le-
den Beratungen? beim Spiel gegen Dortmund die Proteste verkusen auch eine Rolle spielen. Um die
Rummenigge: Der wichtigste Gedanke ist: gegen die Super League wahrgenommen? Spannung besser in die Wohnzimmer der
Wie wirkt sich jede Veränderung auf den Rummenigge: Die habe ich natürlich zur Fans zu transportieren, könnte das Fern-
Fußball aus? Wird etwas infrage gestellt, Kenntnis genommen. Das Engagement sehen möglicherweise auch ein paar Dinge
fügt das dem Sport möglicherweise Scha- der Fankurven führt auch dazu, dass man verändern. In der Premier League werden
den zu? Dann empfehle ich, es nicht zu das eine oder andere überdenkt. die Spiele von weiter unten, näher am
machen. Alle rennen immer dem Geld hin- SPIEGEL: Finden Sie die deutschen Fuß- Feld, gefilmt. Da sind die Kameras mehr
terher. Aber wohin geht dann dieses Geld? ballfans zu konservativ? in Bewegung, es gibt mehr Nahaufnahmen
Es ist ja nicht so, dass wir jetzt eine Ge- Rummenigge: Es gibt eine generelle, ge- von Spielern. Theoretisch kann man das
winnexplosion hätten und unsere Aktio- sellschaftspolitische Entwicklung, so eine auch hier einführen. Aber da wird es wie-
näre daran partizipierten. Das Geld wan- romantische Rückbesinnung auf Tradition. der Diskussionen geben, wer diese Inves-
dert in die Spielergehälter und Berater- Nehmen Sie den Streit um die Montags- titionen trägt.
honorare. Am wichtigsten wird es sein, spiele in der Bundesliga, die wieder abge- SPIEGEL: Dieses Jahr haben erstmals alle
dass der Europapokal nicht an den Wo- schafft wurden. Da ist auch verpasst wor- Meister der fünf größten Ligen Europas
chenenden ausgetragen wird. Denn das den, es den Fans transparent zu vermitteln ihre Titel verteidigt. Liegt das daran, dass,
würde einen zu großen Kampf mit den na- und sie mitzunehmen. Sie sind bei uns kri- außer in Deutschland, überall Investoren
tionalen Ligen erzeugen. tischer als in anderen Ländern. in den Klubs bestimmen dürfen?
SPIEGEL: Aber 2016 haben Sie Rummenigge: Diese Eigentü-
doch noch gemeinsam mit dem merstruktur wäre von relativ
Italiener Andrea Agnelli Wo- geringer Bedeutung, wenn FFP,
chenendtermine für die Cham- die Financial-Fair-Play-Regeln,
pions League gefordert. konsequent und seriös umge-
Rummenigge: Nein, habe ich setzt würden. Dafür hätten wir
nicht. eine stabile Gesetzgebung ge-
SPIEGEL: In den Football-Leaks- braucht, doch es gab nicht ge-
Daten findet sich eine von Ihnen nug Rückendeckung aus der
und Herrn Agnelli unterschrie- Politik. Als die Uefa 2014 ge-
bene Mail, in der Sie genau das gen Manchester City und Paris
fordern – um die »Anforderun- Saint-Germain ermittelt hat,
gen des breitesten globalen Pu- kam von den Klubs immer
blikums zu erfüllen«. die unterschwellige Drohung:
Rummenigge: Ich bin nicht über Wenn wir gegen das FFP vor
Nacht vom Saulus zum Paulus ge- dem Europäischen Gerichtshof
worden. Die Forderung nach Wo- klagen, werdet ihr mit Pauken
chenendspielen weise ich von mir. und Trompeten verlieren.
SPIEGEL: Sie verhandelten da- STAR-IMAGES / DDP IMAGES
SPIEGEL: Die Uefa hat keine
mals mit der Uefa um ein neu- wirkliche Handhabe in ihren
es Champions-League-Format. Untersuchungen. Sie kann die
Wurde die Mail als Drohszena- Klubs nur darum bitten, den Er-
rio eingesetzt? mittlern Unterlagen zur Verfü-
Rummenigge: Die Uefa hatte gung zu stellen.
damals keinen Präsidenten, sie Meistertrainer Kovač: »Der Erfolg ist Teil unserer Klub-DNA« Rummenigge: Aber wir leben
war führungslos. Man hat uns in einer Fußballwelt, die trans-
vorgeworfen, dass wir als kleine parenter geworden ist und die
Gruppe unsere Interessen durchgedrückt SPIEGEL: Nehmen Sie wahr, dass durch Gefahr birgt, dass solche Dinge aufge-
hätten. Aber wir mussten handeln. Prak- Bayern Münchens siebte Meisterschaft in deckt werden – wie im Fall Manchester
tisch zur selben Zeit gab es ziemlich lukra- Folge die Kritik an dem Niedergang des City von Ihnen. Und das ist dann für
tive Anfragen für eine Super League. Wettbewerbs in der Bundesliga noch mal manchen Verein der Super-GAU. Stellen
SPIEGEL: Von wem ging das aus? größer geworden ist? Sie sich vor, was bei Manchester City los
Rummenigge: Vor allem die Spanier hat- Rummenigge: Ja, aber wir hatten ja im- wäre, wenn das Team in der nächsten Sai-
ten da ziemlich große Offerten liegen. Es merhin zum ersten Mal nach sechs Jahren son nicht an der Champions League teil-
war für uns nach kürzester Zeit klar, dass Dominanz wieder ein spannendes Meis- nehmen würde!
wir daran nicht teilnehmen würden, egal terschaftsrennen. Ich kann mich erinnern, SPIEGEL: Wann haben Sie das letzte Mal
wie viel wir dort verdienen könnten. Wir wie wir 2014 im März Meister geworden einem Fußballspiel zugeschaut, ohne an
gehören zur Bundesliga, da führt kein Weg sind. Da habe ich in Berlin im Winterman- Geld denken zu müssen?
dran vorbei. tel gesessen und schon die deutsche Meis- Rummenigge: Während eines Spiels den-
SPIEGEL: Einige nennen die Super League terschaft gefeiert. Das ist langweilig. ke ich nie an Geld, nur an Fußball.
die Endstufe der Fußballevolution. SPIEGEL: Wie soll die Bundesliga wieder SPIEGEL: Herr Rummenigge, wir danken
Rummenigge: Ich glaube, dass die Super spannender werden? Ihnen für dieses Gespräch.
League – wenn überhaupt – nicht so Rummenigge: Wir brauchen mehrere
schnell kommen wird. Zu meinen Lebzei- Teams, die um den Titel mitspielen kön-
ten wird die Champions League nicht ab- nen. Aber ich habe auch den Eindruck, Video
Wenn Rummenigge
geschafft. Dortmund oder Bayern könnten dass es in den nächsten Jahren besser wer- spricht
sich derzeit gar nicht erlauben, an einer den könnte. Borussia Dortmund hat ja spiegel.de/sp232019rummenigge
Super League teilzunehmen. Das würde bereits auf dem Transfermarkt ordentlich oder in der App DER SPIEGEL
hier zu einer Revolution führen. gefischt. RB Leipzig hat eine starke Rück-

98 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


IN DER
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»Wo kommt ihr her?« Alcock antwortete: »Aus Amerika.« Die Iren hielten das für einen Witz. ‣ S. 105

JASON WEINGART
Tornado Alley, so nennen die Amerikaner den Korridor im Zentrum der USA, der häufig von Wirbelstürmen
heimgesucht wird. Hier tobt solch ein Unwetter über dem texanischen Tahoka. In den vergangenen 30 Tagen hat
der Nationale Wetterdienst mehr als 500 Tornados gezählt. Eine solche Häufung gab es seit 2011 nicht mehr.

Verhaltensforschung Die sambischen Tiere kannten die Technik Fußnote

50
Nachäffen ist menschlich nicht. Drei der vier Schimpansengruppen
brachten sich selbst bei, wie sie mit dem
 Schimpansen benutzen Werkzeuge, Stock die Kartoffeln bearbeiten mussten.
um an Nahrung zu gelangen oder um diese Für Tennie ein Hinweis darauf, dass
essbar zu machen; verschiedene Gruppen der Werkzeuggebrauch eine natürliche
nutzen dabei unterschiedliche Techniken. Fähigkeit der Schimpansen ist – und kein Lux Beleuchtungsstärke – so hell,
Die Tübinger Wissenschaftler Elisa Bandini Nachahmen der Technik anderer. »Das wie das Licht bei vielen Menschen
und Claudio Tennie wollten nun testen, ist der wesentliche Unterschied zwischen abends zu Hause eingestellt ist –
ob die Tiere den Gebrauch der Werkzeuge menschlicher und Tierkultur«, so Tennie. können bereits den Anstieg der
voneinander abkupfern – oder ihn indi- Die Affen profitierten zwar generell vom Ausschüttung des Schlafhormons
viduell aufs Neue erlernen. Dazu boten die »sozialen Lernen«, einer Art gemeinsam Melatonin um mehr als 100 Minu-
Forscher vier Gruppen von halbwilden entstehender Problemlösung. Der Schritt ten verzögern. Das fanden Forscher
Tieren, die in einem Gehege für Schimpan- von diesem Ad-hoc-Werkzeuggebrauch der Monash University in Mel-
senwaisen in Sambia leben, eine Box mit zum absichtlichen Nachahmen aber sei der bourne heraus. Selbst 30 Lux, also
schwer zugänglichen Kartoffeln entscheidende. »Nur er kann zu einer Ver- ein recht schummriger Schein,
an. Sie waren gekocht, aber noch besserung der Technik führen.« Anders führten dazu, dass das Hormon bei
so hart, dass sie erst mit einem als bei den Stöcken oder Steinen der manchen Probanden erst weit
Stock zerstückelt werden muss- Primaten stecke in menschlichem über eine Stunde später vermehrt
ten, bevor sie gefressen wer- Werkzeug oft Know-how, das sich ausgeschüttet wurde. Wie sensi-
den konnten. Schimpansen in erst aus der Weiterentwicklung bel der Einzelne dabei auf das Licht
Guinea gelangen auf die- eines simpleren Gegenstands ha- reagierte, war von Mensch zu
OKAPIA

se Art an Palmherzen. be heranbilden können. KK Mensch sehr unterschiedlich.

100
Städtebau Wir müssen bedenken: Wir bauen nicht Holz sicher für ein positiveres, wärmeres

»Holz ist die


mehr für die Ewigkeit. Der Digitalstan- Image sorgen.
dard von heute kann in 15 oder 20 Jahren SPIEGEL: In anderen Ländern versteckt

bessere Lösung«
schon wieder veraltet sein. Dann kann man Mobilfunkmasten gern in Palmen-
man aus dem Holz wieder Energie attrappen oder baut sie gleich vollständig
gewinnen, es wird vollständig wiederver- in Kakteen aus Plastik ein. Hatten Sie und
Christopher Robeller, 38, wertet. Ganz anders als beispielsweise Ihre Studenten bei den Entwürfen Ähnli-
ist Juniorprofessor für Beton, das ein Zement-Sand-Gemisch ist ches im Sinn? Vielleicht eine Funkmast-
Architektur und leitet und in dieser Hinsicht viel schlechter ab- Linde?
die Arbeitsgruppe Digi- schneidet. Robeller: Wir wollten mit den Entwürfen
taler Holzbau an der SPIEGEL: Viele Menschen haben Sorge nichts verstecken, sondern sind im Gegen-
Technischen Universität vor der Strahlung von Sendemasten. Soll teil das Thema offensiv angegangen: Ein
Kaiserslautern. Mit sei- das Holz etwa auch helfen, ihnen die Sendemast ist ein Sendemast und kein
nen Studenten entwi- Angst vor der vermeintlich bösen Technik Baum. Und trotzdem kann er eine Stadt
ckelte er Ideen, wie Sendemasten für den zu nehmen? verschönern. Wer sagt, dass er nur so
Mobilfunkstandard 5G aussehen könnten. Robeller: Der Mobilfunk wird tatsächlich dastehen muss? Er könnte auf öffentlichen
eher als kalte Technologie empfunden. Plätzen im Sommer auch Schatten spenden
SPIEGEL: Herr Robeller, warum sollten Da kann so ein organisches Material wie oder gleich mit als Paketstation dienen. KK
Funkmasten aus Holz sein?
Robeller: Für 5G wird es vermutlich
wesentlich mehr Sendemasten brauchen
als bisher, die dann auch überall sichtbar
in den Städten stehen. Wie die aussehen,
ist eine wichtige Frage, wenn wir überle-
gen, wie wir den öffentlichen Raum in
Zukunft gestalten wollen.
SPIEGEL: Ist Holz überhaupt haltbar
genug? Verwittert es nicht viel zu
schnell?
Robeller: Das ist ein weit verbreiteter Irr-
tum. Holz ist oft die bessere Lösung. Es

TECHNISCHE UNIVERSITÄT KAISERSLAUTERN


ist ein hochmoderner, leistungsfähiger
Werkstoff. In der Schweiz stehen Holz-
häuser, die sind mehr als 800 Jahre alt.
Und man kann sich denken: Damals hat
bestimmt noch niemand chemischen
Holzschutz eingesetzt.
SPIEGEL: Sollten wir nicht eher weniger
Bäume fällen als mehr?
Robeller: Holz ist ein nachwachsender
Rohstoff mit einer guten CO -Bilanz. Schattenspendende Sendemasten (Computergrafik)
²

Einwurf

Raus damit
Weshalb Eltern sich vor ihren Kinder streiten dürfen

Eins vorneweg: Der Papst ist anderer Meinung. Als er kürzlich in los ist, geben sie sich womöglich selbst die Schuld. Schlimm
der Sixtinischen Kapelle taufte, drückte er zwar Verständnis dafür genug. Doch das Problem ist noch größer. Eine Studie ergab
aus, dass Eltern sich manchmal uneins seien. »Aber macht es so«, jetzt: Wer nicht gelegentlich vor seinen Kindern Emotionen
sagte er, »dass die Kinder es nicht hören, dass sie es nicht sehen – zeigt, riskiert, dass sie schlecht lernen, wie man die eigenen Ge-
ihr kennt nicht die Angst, die ein Kind bekommt, wenn es die Eltern fühle reguliert und Konflikte löst. Eltern, die sich verstellten,
streiten sieht.« So erhielten die Mütter und Väter den nicht ganz steckten die Kinder in Experimenten mit ihren negativen Emo-
neuen Tipp: Schluckt den Ärger runter, bis die Kleinen im Bett sind. tionen an – ob sie es wollten oder nicht. Man weiß, dass es schon
Ganz gleich was man davon hält, Erziehungsratschläge vom Babys stresst, wenn das Gesicht etwa der Mutter zur Maske
Pontifex zu bekommen: Was es bisweilen für Mühe kostet, sich wird, hinter der sie ihre Gefühle versteckt. Auf der anderen
vor den Kindern zusammenzureißen, haben schon fast alle Seite: Ungezügelte Wut stresst auch.
Eltern erlebt. Wer sich auf diese Weise davon abhält, herumzu- Wie streitet man nun richtig? Was raten Forscher? Dass Kin-
brüllen und Geschirr zu zerschlagen, tut damit wahrscheinlich der durchaus mal mitbekommen dürfen, wie ein konstruktiver,
das Richtige. Doch wer einer Wut, die seit Tagen oder Wochen kultivierter Streit aussieht. Ohne Gewalt, ohne persönliche Belei-
schwelt, damit begegnet, dass er den Kindern immer weiter heile digungen. Dass man ihnen erklären kann, um was es geht und
Welt vorspielt, tut wahrscheinlich das Falsche. Ist Streit im wie man das Problem löst. Auch richtig streiten will gelernt sein.
Anmarsch, riechen Kinder Lunte. Erklärt ihnen niemand, was Von Eltern wie von Kindern. Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 101


ILJA C. HENDEL / DER SPIEGEL

Hybridkreuzer »Roald Amundsen«, »Fridtjof Nansen« auf der Kleven-Werft im norwegischen Ulsteinvik

102
Wissenschaft

Käpt’n Grünbär
Verkehr Der Kreuzfahrttourismus boomt – und schadet massiv der Umwelt. Die meisten
Reedereien verfeuern skrupellos Schweröl. Dabei geht es auch anders: Ein paar Pioniere setzen
auf Hybrid- und Gasantriebe. Wie öko kann die maritime Spaßgesellschaft werden?

D
er höchste Flachbildschirm der dienst verzichten möchte, hängt die Karte Neupreises eines großen Kreuzfahrtschiffs:
modernen Seefahrt wird 17 Meter mit der Aufschrift »Green Stay« an die »Die entscheidenden Mehrkosten verur-
emporragen. Über sieben Ge- Außentür. Das spart Waschmittel, Energie sacht der Tank.« Die gigantischen Methan-
schosse hinweg können die Passa- und Geld, das Hurtigruten wiederum gu- behälter, in denen der Brennstoff tief-
giere der MS »Roald Amundsen« aus ten Zwecken zuführt. gekühlt und somit flüssig gelagert wird,
gläsernen Aufzügen auf die Flimmerfläche »Wir sind Teil einer umweltschädlichen nehmen ein Vielfaches des Raums ein, den
blicken. Industrie«, räumt Ege ein, »aber wir sind ein Dieselbunker mit gleichem Energie-
Abbilden wird der LED-Gigant wohl oft die Einzigen, die strengere Regeln for- gehalt benötigt.
das Gleiche, was der Reisende beim Blick dern.« Als Beispiel nennt er den Verzicht Kohlmann ist verantwortlich für die Er-
aus dem Fenster oder von einem der Bal- auf Schweröl: Seit zehn Jahren setzt Hur- probung und Einführung moderner An-
kone zu sehen bekommt: die Naturpara- tigruten den verpönten Kraftstoff, bei des- triebstechniken bei Carnival Maritime,
diese der Arktis und Antarktis. sen Verfeuerung Schwefelverbindungen eine Art Käpt’n Grünbär der Firma. Mit
Ökoaffine Bildungsbürger mit besonde- und andere Schadstoffe entstehen, nicht der Havarie des italienischen Kreuzfahrt-
rem Hang zu Polargebieten sind die Ziel- mehr ein – auch dort nicht, wo es erlaubt schiffs »Costa Concordia« im Januar 2012
gruppe der norwegischen Reederei Hurtig- ist. Bis zur Antarktis, sagt Ege, fahre die vor der Insel Giglio war der Konzern auch
ruten. Und das neue Flaggschiff, ein Expe- Reederei mit dem teureren Marinediesel moralisch auf Grund gelaufen und entdeck-
ditionskreuzfahrer mit eismeertauglichem te die Ökotechnik als Schlüssel zu einer
Bug und Platz für gut 500 Passagiere, soll neuen Identität. Die Entsorgung des Wracks
dem bislang unerfüllten Traum von der Mit reiner Batteriekraft geriet zu einer Umweltaktion von fast
nachhaltigen Seereise ein wenig näher kämen die Expeditions- bizarrer Gründlichkeit. Sie kostete 1,5 Mil-
kommen: Sein großer technischer Trumpf liarden Euro, etwa dreimal so viel wie ein
ist nicht der Riesenbildschirm, sondern touristen keine Neubau des havarierten Schiffstyps.
eine stattliche Ansammlung von Batterie- 50 Kilometer weit. Kohlmann widmet grünen Technolo-
zellen, verteilt auf Regalwände in zwei gien ein wachsendes Budget. Zu den For-
dunklen Stauräumen unter Deck. schungsprojekten zählt die Nutzung der
Die »Roald Amundsen« wird den Fahr- und nehme dabei Mehrkosten von bis zu Abwärme aus Kühlmittel und der Auspuff-
dienst am 27. Juni als erstes Kreuzfahrt- 15 Millionen Euro pro Jahr in Kauf. anlage zur Energieeinsparung. Auch hier-
schiff mit Hybridantrieb antreten, jenem Vorbildlich ist das allemal, wenngleich bei seien Erdgas und nahezu schwefelfreier
Zusammenspiel von Elektro- und Verbren- sich das skandinavische Unternehmen Marinediesel hilfreich: »Die sauberen
nungsmotor, mit dem Toyota auf der Stra- nicht als einzige Reederei der Welt im Sin- Kraftstoffe machen eine größere Abküh-
ße punktete. Genau diese Technik soll nun ne der Nachhaltigkeit verdient gemacht lung des Auspuffs ohne Korrosionsschä-
auch Schiffe sparsamer machen, laut Pro- hat. Carnival, einer der globalen Groß- den möglich.«
gnose von Hurtigruten um 20 Prozent. transporteure der maritimen Spaßgesell- Die Hybridtechnik, auf die Hurtigruten
»Wir sind die grünste Kreuzfahrtreede- schaft, ging bereits einen großen Schritt nun setzt, interessiert Kohlmann ebenfalls.
rei der Welt«, sagt Hurtigruten-Sprecher weiter und setzte mit der »Aida nova« das In drei Jahren, so sein Wunsch, soll eine
Rune Thomas Ege, wobei er anmerkt, dass erste Kreuzfahrtschiff mit Erdgasantrieb Pilotanlage in einem der Carnival-Schiffe
ihm eigentlich schon der Begriff »Kreuz- ein. Zehn weitere Modelle mit dieser An- laufen. Doch was das von den Norwegern
fahrt« missfalle. Das Unternehmen starte- triebsart sollen bis 2025 folgen. propagierte Einsparpotenzial von 20 Pro-
te im späten 19. Jahrhundert als Postschiff- Methan, das Molekül, aus dem Erdgas zent angeht, ist der Ingenieur skeptisch:
linie und hält noch heute auf den Schiffen, im Wesentlichen besteht, ist die klima- »Ein Schiff fährt nicht wie ein Auto.« So
die die Küstenroute bedienen, Kabinen für freundlichste aller fossilen Ressourcen, sei das Einfangen von Bremsenergie, der
den öffentlichen Transportdienst frei – sub- denn sie enthält weit weniger Kohlenstoff physikalische Clou des Hybridsystems auf
ventioniert vom Staat Norwegen. als Erdöl, aus dem Benzin und Diesel ge- der Straße, im Wasser kaum möglich.
In ihrem wachsenden Geschäftsfeld, wonnen werden. So entstehen bei der Ver- Den größten Effekt erwarten sich die
das die Reederei »Expeditionsseereisen« brennung im Motor auch deutlich gerin- Ingenieure von Hurtigruten durch das
nennt, ist sie inzwischen Weltmarktführer. gere Mengen schädlicher Abgase. Selbst »Peak Shaving«. Häufig braucht ein Schiff
Statt Diskotheken und Klettergärten gibt ohne Katalysatoren und Filter kommen abrupt mehr Energie, etwa beim Manö-
es Vorlesungsräume an Bord, in denen mit- aus dem Schornstein eines mit Erdgas be- vrieren oder plötzlichen Zuschalten star-
reisende Wissenschaftler von den Leiden triebenen Schiffs kaum noch messbare An- ker Stromverbraucher. In diesem Fall muss
der Ökosysteme berichten, die der natur- teile von Ruß und Stickoxiden – und über- bislang häufig ein zusätzlicher Motor an-
verbundene Premiumkreuzfahrer sorgen- haupt kein Schwefel. Das einzige Problem: geworfen und kurz darauf wieder gestoppt
voll durchmisst. Ein solches Schiff ist teuer. werden, was Verschleiß und Verbrauch in
Es gibt keine Plastikbecher auf den Etwa 25 Millionen Euro, schätzt Carni- die Höhe treibt.
Schiffen, dafür reichlich ökokorrekte Er- val-Manager Jens Kohlmann, kommen an Mit der ausgleichenden Kraft aus den
mahnungen. Wer auf den Kabinenputz- Baukosten hinzu, etwa drei Prozent des Akkuregalen kann solches maschinelle Ge-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 103


Expedition mit Strom 4
Baujahr.................2019 Besatzungs-
Die Technik Länge in Metern.....140 mitglieder............. 151
der MS »Roald Breite in Metern....23,6 Passagierzahl....... 530
Amundsen« Decks ........................ 12 Motorleistung
in Kilowatt ....4 x 3600
Geschwindigkeit
in Knoten .................15
Batteriekapazität
in Megawatt-
stunden ........ 1,2 bis 6

Quelle: Hurtigruten
1
2
1 Schrauben
Sie werden wie bei den
meisten Schiffen dieser Größe 3
nicht direkt von den Dieselaggregaten, 2
sondern von Elektromotoren angetrieben.
2 Batteriepuffer 3 Hybridantrieb
Sie unterstützen den Dieselantrieb und Vier Dieselmotoren treiben Generatoren
liefern kurzzeitig mehr Leistung, etwa beim an, die die Batterien aufladen und 4 Abgase
Manövrieren. In Häfen ohne Landstrom ver- den Strom für die Elektromotoren der Anstelle des sonst üblichen Schweröls
sorgen sie das Schiff über mehrere Stunden. Schiffsschrauben erzeugen. wird schwefelarmer Marinediesel verbrannt.

zappel elegant unterbunden werden. Auch In den Genuss der maritimen Biokost Nansen, ist bereits in Produktion und soll
in Häfen, die keinen oder einen zu schwa- wird allerdings nur der Teil der Flotte im kommenden Jahr in Dienst gestellt wer-
chen Stromanschluss haben, wird der bord- kommen, der die traditionelle Küstenrou- den. Kundig und stolz führt Kai Albrigtsen
eigene Stromspeicher nützlich sein und te bedient. Denn Gasschiffe brauchen eine durch den Rohbau des entstehenden Lu-
das Schiff über eine Nacht hinweg abgas- Infrastruktur an Flüssiggastankstellen – xusliners. 700 Kilometer Kabel werden
und lärmfrei mit Energie versorgen. und die wird in Europa gerade langsam am Ende verlegt sein. Ein Kransystem
Hurtigruten wird diesen Modus »Silent aufgebaut. Reisen in die Antarktis, wie kann Schlauchboote von Bord lassen, wo
Night« nennen. sie die »Roald Amundsen« vorhat, sind immer die Passagiere der arktischen Natur
Doch während der lauten Tage und mit Gasantrieb noch nicht zu bewerk- noch etwas näher kommen möchten. Die
Nächte auf hoher See, wenn das Schiff ein- stelligen. Beibootflotte erinnert ein wenig an die
fach nur fährt und fährt, kann der E-An- Das Flaggschiff der Hurtigruten-Flotte Kampfgeschwader von Greenpeace und
trieb nichts Nützliches tun, schon gar nicht wird also weiterhin Diesel verfeuern, soll zuweilen auch in artverwandter Mis-
die ganze Fuhre über lange Zeit allein be- wenn es denn endlich losfährt. Mit einem sion zum Einsatz kommen: Albrigtsen be-
wegen. Die »Roald Amundsen« wird über Jahr Verspätung wird die Kleven-Werft richtet von Passagieren, die bei früheren
rund 1,2 Megawattstunden chemisch ge- den Hybridkreuzer ausliefern, wenn alles Ausflügen stundenlang Plastikmüll von
speicherte Energie verfügen; Platz ist in gut geht. Gebuchte Fahrten wurden bereits den Küsten klaubten.
den Akkukojen für das Fünffache – doch abgesagt, Tickets zurückerstattet; und Der 55-Jährige hat eine außergewöhn-
selbst damit würde die Elektroexpedition misslicherweise kann Hurtigruten den liche Karriere bei Hurtigruten gemacht:
keine 50 Kilometer weit kommen. Schiffbauer nicht einmal in Regress neh- 1980 begann er seinen Dienst als Küchen-
Ein reiner Stromkreuzer für die große men, da die Reederei Eigentümer der junge. In diesem Jahr wird er als Kapitän
Fahrt ist Illusion. Hurtigruten wird deshalb Werft ist. das Kommando über die »Roald Amund-
auch auf Erdgas setzen. Die Umrüstung »Der Zeitplan war zu ambitioniert« sagt sen« übernehmen. Offen und freundlich
von sechs Schiffen auf einen Methan- Kleven-Chef Olav Nakken. Vor allem war beantwortet er alle Fragen, auch die deli-
Hybridantrieb ist bereits geplant: 800 Mil- der Betrieb im beschaulichen Ulsteinvik kateste.
lionen Euro soll die grüne Flottenrenovie- bei Ålesund ein wenig aus der Übung. Was schluckt so ein Schiff?
rung kosten. Für die Gastanks sollen vo- Über mehr als ein Jahrzehnt hatte er vor- Im Durchschnitt, sagt der Kapitän, seien
raussichtlich Autostellplätze weichen, was wiegend Spezialschiffe, etwa für den Ein- es 86 Liter Marinediesel pro Seemeile. Das
schon wieder eine nette grüne Geste wäre. satz an Ölplattformen, produziert. Die ergibt etwa 4600 Liter auf 100 Kilometer,
Und auch an einen ganz und gar nach- Komplexität eines modernen Passagier- bei voller Belegung also pro Passagier
haltigen Ersatz der fossilen Ressource ist schiffs zu beherrschen, in dem am Ende knapp 9 Liter.
gedacht. Methan lässt sich in vergleichs- von Hunderten Nachttischlampen bis zum Auf der Reise durch die schmelzenden
weise simplen Prozessen aus Biomasse LED-Kino alles montiert sein muss, ist Polarparadiese hat der Expeditionstourist
und organischen Abfällen gewinnen. Mitte eine Kunst für sich. gute Gründe, sich auch mit der unbeque-
Mai gab die Reederei einen Vertragsab- Und die »Roald Amundsen« wird ein men Wahrheit zu befassen, dass er selbst
schluss mit dem norwegischen Biogaspro- – für den Maßstab von Hurtigruten – mon- ein Teil des Problems ist. Christian Wüst
duzenten Biokraft bekannt. Einen Teil ih- dänes Gefährt sein. Sie hat zwar noch
res Kraftstoffbedarfs soll künftig syntheti- nicht ganz die Ausstattung der Bespa-
sches Gas decken, das aus Fischabfällen und ßungsgiganten anderer Reedereien, aber Video
Im Maschinenraum
anderen organischen Reststoffen gewonnen immerhin schon Luxussuiten mit eigenem des Hybridschiffs
wird. »Unsere Schiffe werden buchstäblich Whirlpool. spiegel.de/sp232019kreuzfahrt
von der Natur angetrieben werden«, er- Ein nahezu identisches Schwesterschiff, oder in der App DER SPIEGEL
klärte Hurtigruten-Chef Daniel Skjeldam. benannt nach dem Arktiserkunder Fridtjof

104
Wissenschaft

Tollkühne
Mühevoll war der mit 4000 Litern Sprit endlich besserte, erkannte Alcock, dass er
schwerstbeladene Bomber in St. John’s ab- den Horizont nicht unter, sondern vertikal
gehoben, nur knapp überwand er Bäume neben sich hatte. Jetzt reagierte er blitz-

Männer
und Dächer. Nach acht Minuten Flugzeit schnell, aber bis er die Maschine im Griff
war er gerade mal in eine Höhe von hatte, war ihre Flughöhe auf keine 20 Me-
300 Metern vorgedrungen. Meteorologen ter gefallen. »Es schien«, schrieb Brown,
hatten Alcock und Brown passables Flug- »als ob wir die Schaumkronen der Wellen
Luftfahrt Vor 100 Jahren gelang wetter vorhergesagt, doch weit gefehlt: In anfassen könnten.«
zwei Briten der erste Nonstop- ihrem offenen, nur von einer Windschutz- Dann, wieder hoch oben, bemerkten
scheibe geschützten Cockpit stießen sie die beiden, dass Schnee eine wichtige An-
Flug über den Atlantik. Warum bald auf Regen, Schnee, Hagel, dichten zeige bedeckte, die auf einer Verstrebung
gerieten die forschen Pioniere Nebel und heftige Turbulenzen. zwischen den Flügeln angebracht war. Für
in Vergessenheit? Das Meer sahen sie selten, ebenso we- dieses Problem gab es nur eine Lösung.
nig den Horizont und die Sterne. Nur hin Brown kletterte aus dem Cockpit heraus
und wieder konnte Brown mit seinem Sex- und kniete, dem eisigen Fahrtwind trot-

E r flog von New York nach Paris, ganz


allein in 33,5 Stunden. Diese Leis-
tung machte den jungen Amerikaner
Charles Lindbergh 1927 schlagartig welt-
tanten die Position des Doppeldeckers be-
stimmen, wie er in einem 1920 erschiene-
nen Buch erzählte. Die meiste Zeit verließ
er sich bei der Navigation auf sein Gefühl,
zend, auf dem Rumpf, mit der einen Hand
hielt er sich fest, mit der anderen klopfte
er den Schnee von dem Instrument.
Gegen 8.15 Uhr war es so weit: Nach
berühmt. Viele Menschen glauben bis heu- »ich hoffte auf das Beste«. mehr als 3000 Kilometern in meist diesi-
te, dass Lindbergh der erste Transatlantik- Brown saß links, Alcock rechts, aber ger Luft sahen sie Land. Um 8.40 Uhr setz-
flieger war – doch das ist falsch. unterhalten konnten sie sich nicht. Zu laut ten sie sanft auf, doch unglücklicherwei-
Die ursprünglichen Hel- se erwies sich die schein-
den sind fast vergessen – bar ideale Landestelle als
eine Ungerechtigkeit der feuchtes Moor. Dennoch:
Geschichte: Vor 100 Jah- Sie hatten ihre Mission
ren, am 15. Juni 1919, erfüllt. Die »New York
landete ein umgerüsteter Times« berichtete auf der
Weltkriegsbomber vom Titelseite über die Atlantik-
Typ Vickers Vimy in einem bezwinger. Der britische
Moor nahe der Stadt Clif- Luftfahrtminister Winston
den in Irland. Als der zwei- Churchill überreichte ih-
motorige Doppeldecker aus nen das »Daily Mail«-
Holz und Stoff mit der Preisgeld. König George V.
Nase voran im Morast ver- schlug sie umgehend zu
sackte, krochen zwei un- Rittern. Stundenlang ga-
verletzte Männer heraus, ben Sir John und Sir Ar-
der englische Pilot John thur Autogramme.
Alcock, 26, und sein Navi- Warum also wurde den
gator Arthur Brown, 32. Männern, anders als Lind-
Helfer eilten hinzu und bergh, nie bleibender Ruhm
fragten: »Wo kommt ihr zuteil? Lindbergh selbst
GRANGER, NYC / INTERFOTO

her?« Alcock antwortete: hat sich bei ihnen aus-


»Aus Amerika. Gestern wa- drücklich bedankt. Nach
ren wir in Amerika.« seiner Landung in Paris
Die Iren hielten das für sagte er: »Alcock und
einen Witz. Brown haben mir den Weg
Doch tatsächlich: 16 Stun- gezeigt.«
den und 28 Minuten hatten Piloten Alcock, Brown 1919 Die Route New York–Pa-
Alcock und Brown in der Schnee und Hagel im offenen Cockpit ris faszinierte das staunen-
Luft verbracht, womit sie de Publikum offenbar stär-
gleichzeitig den Rekord für ker als die nur halb so wei-
den bis dahin längsten Langstreckenflug brüllten die Motoren. Nach dem Start zer- te Strecke der Pionierflieger. Lindberghs
aufstellten. An Bord befand sich ein Sack legte sich auch noch ein Auspuff, sodass Flugzeug, die »Spirit of St. Louis«, war
voller Briefe, die kurz zuvor in St. John’s der rechte Motor fortan »wie ein Maschi- technisch moderner und glamouröser –
auf Neufundland, ihrem Abflugort, abge- nengewehr« ratterte. Brown verständigte und dass er mit nur einem Motor und ohne
stempelt worden waren. Noch nie war Post sich mit seinem Sitznachbarn über Gesten Navigator flog, beeindruckte die Men-
so schnell zwischen den Kontinenten be- und bekritzelte Zettel. schen damals tief.
fördert worden. Kurz vor Sonnenaufgang gerieten sie in John Alcock hatte keine Chance, wei-
»Wir hatten eine furchtbare Reise«, be- eine so dichte Wolke, dass sie nicht einmal tere Großtaten zu vollbringen. Ein hal-
richtete Alcock kurz darauf in der Londo- mehr den Bug ihres Flugzeugs sehen konn- bes Jahr nach dem Transatlantikflug soll-
ner »Daily Mail«. Deren Besitzer hatte ten. Sie verloren mit einem Schlag alle te er eine neue Vickers zu einer Flugschau
schon 1913 für die erste, damals komplett Orientierung, gleichzeitig fiel auch ihr nach Paris bringen. In der Normandie
utopische Atlantiküberquerung per Flug- Fahrtmesser aus. Momente später erlitt stürzte er am 18. Dezember 1919 in dich-
gerät 10 000 Pfund ausgelobt, eine Sum- die Maschine einen Strömungsabriss. tem Nebel ab und starb am selben Tag.
me, die heute mehr als einer Million Euro Der Bomber kam ins Trudeln und sack- Marco Evers
entspricht. te Hunderte Meter ab. Als sich die Sicht

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 105


Wissenschaft

Satanische Fotos
verstörend anders. In etlichen Ländern
werden sie durch Behörden oder Eiferer
verfolgt und eingeschüchtert.
»Es gibt das Vorurteil, dass ungläubige
Religionssoziologie An was glauben Ungläubige eigentlich? Gern an Menschen keine Wertvorstellungen hätten,
weil ihnen die Religion fehle«, sagt Lois
Übernatürliches – eine Expertentagung an einer päpstlichen Lee, Soziologin an der britischen Kent Uni-
Universität in Rom hat überraschende Antworten zutage gefördert. versity und wissenschaftliche Leiterin der
Studie: »Aber wir widerlegen das.«
Sind Ungläubige besonders scharfzün-

P aul Goo ist irritiert. »Was soll diese


Ausstellung?«, fragt er, ein freund-
licher Priester Mitte dreißig aus Ka-
nada, der gerade seine Abschlussarbeit
mann zu leben, bringt den Kirchennach-
wuchs auf. Doch es gibt auch Zuspruch:
»Sehr erhellend«. »Wunderschön«. Und:
»Es ist so cool, Atheist zu sein :)«.
gig und lautstark, wie man es noch von
Vorzeigeatheisten wie dem britischen Evo-
lutionsbiologen Richard Dawkins kennt?
Nein, ergab die Studie, die Selbstsicherheit
schreibt. Ein Kommilitone aus Tansania, Hauptattraktion der Atheismuskonfe- der Skeptiker entspricht in etwa der Mei-
auch er ganz in Schwarz mit weißem Pries- renz an der »Greg«, wie Studenten ihre nungsfreude im Rest der Gesellschaft.
terkragen, ist wütend. Warum muss er sich Uni nennen, war eine repräsentative Um- Lees Befund: Bei zentralen Grundwer-
hier an seiner Alma Mater von Ungläubi- frage, die in sechs Ländern durchgeführt ten liegen Normalbevölkerung und Un-
gen belästigen lassen? wurde, darunter auch Nationen, die bis- gläubige »erstaunlich dicht beieinander«.
Sie meinen die Fotoschau, die hier ge- lang Atheismusforschern viel Kopfzerbre- Die Befragten durften aus einer Liste von
zeigt wird, ausgerechnet an ihrer Hochschu- chen bereitet haben: China, Japan und 43 Begriffen auswählen, die sie sinnstif-
le, zu Füßen einer marmornen Jesusstatue. Brasilien; Deutschland war nicht dabei. tend finden. »Familie« landete ganz vorn,
Auf den Bildern des britischen Fotografen Die Leitfrage: Haben eigentlich auch gefolgt von »Freiheit«.
Aubrey Wade sind Ungläubige aus aller Ungläubige etwas, an das sie glauben? Allerdings ist der Begriff »Familie«
Welt zu sehen: eine elegante Nō-Schauspie- »Ungläubige« steht dabei meist in Anfüh- durchaus mehrdeutig. Die einen denken
lerin aus Japan, zwei eng umschlungene rungszeichen, denn dahinter verbergen dabei an traditionelle Rollenmuster, andere
Männer aus Brasilien, eine wild tätowierte sich die unterschiedlichsten Überzeugun- an gleichgeschlechtliche Patchwork-Part-
»Chaos-Magierin«, die mit »Fake-Religion« gen, von radikalen Atheisten über mode- nerschaft. Solche Details gilt es genauer zu
den Glauben attackiert, sozusagen Weih- rate Agnostiker bis hin zu Humanisten beleuchten – die Ergebnisse der Studie sind
wasser mit Weihwasser bekämpft. oder Freidenkern – Unglaube kommt in noch vorläufig, ein Jahr lang wollen die
Die Invasion der Gottlosen trug sich die- vielen Facetten vor. Autoren ihren Datensatz detaillierter aus-
se Woche im Herzen des Katholizismus Die Ressentiments vor allem gegen werten und abgleichen.
zu: an der Gregoriana in Rom. Die päpst- Atheisten hingegen sind, wie es sich für Der Interimsreport hat Schwächen: Lei-
liche Universität, an der Goo studiert, gilt ordentliche Ressentiments gehört, eindi- der fehlten in der Befragung europäische
als Kaderschmiede des Vatikans, gegrün- mensional: Ungläubige gelten als arrogant, Länder mit einer starken nicht religiösen
det im Jahre des Herrn 1551 vom heiligen streitsüchtig, unglücklich und irgendwie Tradition, kritisiert der amerikanische Re-
Ignatius von Loyola, dem Spiritus ligionssoziologe Barry Kosmin vom
Rector der Jesuiten. Trinity College in Hartford, Natio-
Dort, zwischen Kruzifixen und nen wie Frankreich oder die Tsche-
Samtsesseln, Nonnen und Papstpor- chische Republik. Vor allem stört ihn
träts, trafen sich mehr als 70 Fachleu- und andere Kollegen, dass die reli-
te für Atheismus und Agnostizismus gionsfreundliche John Templeton
zum Tagungsmotto »Cultures of Un- Foundation das Ungläubigen-For-
belief« – Kulturen des Unglaubens. schungsprogramm finanziert hat,
Das Thema trifft einen Nerv, mit umgerechnet 2,6 Millionen Euro.
denn in westlichen Industrienatio- »Allein schon die Frage nach dem
nen laufen den Kirchen die Gläubi- Unglauben ist negativ und toxisch,
gen weg. Der Anteil der nicht kon- ich erkenne mich darin nicht wie-
fessionell Gebundenen liegt in der«, beschwert sich Andrew Cop-
Deutschland bei etwa einem Drittel. son, Chef der internationalen Huma-
Weltweit gelten rund 1,2 Milliarden nistenvereinigung mit Sitz in Lon-
Menschen laut dem Meinungsfor- don. Und überhaupt, warum findet
schungsinstitut Pew Forum als reli- die Konferenz ausgerechnet an einer
gionsfern. Also annähernd so viele, päpstlichen Uni statt?
wie es Katholiken auf der Welt gibt. Ganz einfach: Der Tagungsort hat
Etlichen von Paul Goos’ Kommi- Tradition. Vor 50 Jahren gab es hier
litonen erscheint die Fotoausstellung eine Konferenz zu demselben Thema.
wie eine gezielte Provokation, eine Es herrschte Kalter Krieg, der Papst
AUBREY WADE / DER SPIEGEL

Mutprobe boshafter Kirchenhasser. sorgte sich um die Zukunft der Kirche,


In einem Pappkarton kann man er richtete ein »Sekretariat für die
seinen Kommentar hinterlassen – Nichtglaubenden« ein, das Zweite Va-
»Absolut falsch« steht da auf einem tikanische Konzil hatte »den Atheis-
Zettel, »Satanisch und peinlich« auf mus als eines der schwerwiegendsten
einem anderen. Vor allem das Foto Probleme unserer Zeit« bezeichnet.
eines ehemaligen Priesters aus Bra- Heute glaubt in Deutschland nur
silien, der sich dem Atheismus zu- Exponat »Chaos-Magierin« rund die Hälfte der Kirchenmit-
gewandt hat, um mit seinem Ehe- Die Entzauberung der Welt könnte selbst ein Mythos sein glieder an die Unsterblichkeit der

106
AUBREY WADE / DER SPIEGEL
Besucher vor Ungläubigenporträts in der katholischen Gregoriana-Universität in Rom: »So cool, Atheist zu sein«

Seele oder an ein Leben nach dem Tod University im nordirischen Belfast. Aber nischer Atheist vom Foto, der als Shinto-
(SPIEGEL 17/2019). nicht zwingend in der Studie, sondern viel- priester arbeitet. Wie geht das zusammen?
Die Welt wird immer weiter entzaubert, mehr »in der Erwartung, dass Menschen Paul Goo, der kanadische Pfarrer, steht
der Glaube verblasst, der Mensch wird ra- ausschließlich rationale Wesen sind«. vor dem Bild und staunt. Daheim in Van-
tionaler, so die Überzeugung damals wie »Messiness« nennt Lanman das Phäno- couver, berichtet er, muss er sich stets für
heute. Säkularisierung wird dieser Effekt men – das ganz alltägliche Kuddelmuddel seinen Glauben rechtfertigen – allein
genannt. im Kopf des Homo sapiens, des angeblich schon wegen der nicht abreißenden Vor-
Hier zeigt die neue Studie wieder ein- »wissenden Menschen«. Der im Alltag oft würfe des Kindesmissbrauchs in der ka-
mal: Die Entzauberung der Welt könnte widersprüchlich und aus dem Bauch he- tholischen Kirche.
selbst ein Mythos sein. Zwar gibt es unter raus handele. Auch Gläubige fragen, für welche
den Kirchenmitgliedern auch Atheisten; Wirtschaftswissenschaftler haben den Grundwerte eine Kirche stehe, deren Ver-
das ist bekannt. Doch ebenso gibt es viele Modellmenschen relativiert, den »Homo treter sich immer wieder an Minderjähri-
Atheisten, die an Übernatürliches glauben. oeconomicus«. Ähnliches geschieht auch gen vergriffen haben, ohne dass sie ge-
Selbst unter US-amerikanischen Atheis- mit dem Homo religiosus: Wir sind aus stoppt wurden durch Bibel, Beichtstühle,
ten bestreiten nur 35 Prozent die Existenz krummem Holz geschnitzt, das gilt auch Bischöfe. »Der Unglaube liegt bei uns
übernatürlicher Phänomene. Unter chine- für jene, die sich als ultrarationale Skepti- förmlich in der Luft«, sagt Goo.
sischen Atheisten sind es sogar nur 8 Pro- ker sehen, aber in schwachen Momenten So könnte die Ungläubigenforschung
zent. Ähnlich sieht es aus bei der Frage, dann doch an das eine oder andere kleine helfen, der Kirche wieder einen Kompass
ob sich der Mensch im Zuge der Evolution Wunder glauben. zu geben: indem die Umfrage Priester an
aus anderen Lebewesen entwickelt habe. Diese »Messiness« ist für viele Forscher fundamentale Werte erinnert, daran, was
Zwischen 20 und 51 Prozent der Ungläu- frustrierend. Aber sie kann auch erfri- wirklich wichtig ist im Leben. Familie,
bigen stimmen dem erstaunlicherweise schend wirken, weil sie den Blick lenkt aber auch Freiheit, Freundschaft, Respekt.
nicht zu. Und 18 Prozent der brasiliani- von einer künstlichen Polarisierung zwi- Ein Gott wäre dabei eher optional.
schen Atheisten und Agnostiker fühlen schen Gläubigen und Ungläubigen hin zu »Diese Frau ist so lebensbejahend, das
sich selbst ganz klar als Christen. fundamentalen Fragen: Wie wollen wir le- spricht mich an«, sagt Goo und rückt sei-
Wie kann das sein? Muss das nicht ein ben? Was haben Menschen gemeinsam? nen Priesterkragen zurecht. Er meint das
Missverständnis sein, ein Messfehler? Einige Bilder der Ausstellung im Foyer Foto der tätowierten »Chaos-Magierin«.
Ja, einen Fehler gebe es, sagt Jonathan der Greg illustrierten das besser als man- Hilmar Schmundt
Lanman, Anthropologe an der Queen’s che Studie. Huldvoll lächelte da ein japa-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 107


Wissenschaft

Wie alles begann


Punkt des Himmels ausrichtete, dessen Ko-
ordinaten Frebel eingegeben hatte. Bis zu
hundert Sterne schaffte sie in guten Näch-
ten. Lunch gab’s zwei Stunden nach Mit-
Astronomie Anna Frebel betreibt Himmelsarchäologie – und stieß ternacht.
Das Licht von 1777 Sternen hat Frebel
bei ihrer Suche nach den ältesten Sternen auf ein ausgewertet. Einer davon weckte ihr be-
gewaltiges Weltenfeuer. Es trug den Keim neuer Galaxien in sich. sonderes Interesse, er trägt den Namen
HE 1327-2326. »Irgendwie sah sein Spek-
trum anders aus«, sagt die Astronomin.

E s ward Licht. Es ward Stoff. Es ward


Gestalt. Und all das geschah inner-
halb erstaunlich kurzer Zeit.
Nach rund 200 Millionen Jahren Fins-
lassen. Dann war die junge Astronomin al-
lein mit sich.
Frebel liebte diese Nächte, selbst dann,
wenn Wolken die Sicht versperrten und
»Und tatsächlich: Er erwies sich für mich
als eine Art Karrieregarantie.«
Denn es zeigte sich, dass das Licht die-
ses Sterns bei einer Wellenlänge von
ternis loderten plötzlich im Universum hel- sie ausharren musste, bis in den frühen 386 Nanometern eine schwache Linie im
le Feuerbälle auf. Gerade noch hatte es Morgenstunden der Himmel endlich auf- Violetten aufweist. Solche Absorptions-
nichts als öde Schwaden aus Wasserstoff klarte. Manchmal erwischte sie auch eine linien im Spektrum von Sternen verraten,
und Helium gegeben. Dann, binnen weni- völlig wolkenfreie Nacht und konnte bei welche Stoffe in ihrer Hülle wabern. Sehr
ger Millionen Jahre, gingen daraus Ele- laut wummernder Musik nonstop auf Ster- genau lässt sich so die Zusammensetzung
mente, Sterne und Galaxien hervor. Der nenjagd gehen. ferner Sterne rekonstruieren.
Stoff, aus dem dereinst Planeten und Surrend bewegte sich dann das ganze Die Linie, die Frebel sah, stammt vom
irgendwann auch Leben entstehen wür- Gebäude zusammen mit dem 2,3-Meter- Element Eisen, und dass sie so schwach
den, war geboren. Spiegel, während dieser sich auf jenen ist, bedeutet: Dieser Stern ist ungeheuer
Ausgerechnet über diese turbulente Um- alt. Bis heute, 15 Jahre nachdem die For-
bruchzeit jedoch, in der das Universum scherin erstmals über HE 1327-2326 ge-
einen unvermittelten Ausbruch von Schöp- Kosmische Schleuder schrieben hat, zählt er zu den Rekordhal-
fungskraft entfaltete, ist das Wissen beson- Wie Ursterne die Bausteine des Alls schufen tern in Sachen Sternenalter.
ders dürftig. Es schwingt Wehmut mit, wenn Frebel
Die Geschichte des Urknalls selbst kön- von ihrer Zeit am Siding-Spring-Obser-
nen die Physiker inzwischen in erstaun- vatorium erzählt. Sie weiß, dass diese
licher Detailgenauigkeit berechnen. Doch langen Nächte der Vergangenheit ange-
wenn es darum geht nachzuvollziehen, hören – nicht nur weil für sie als allein-
wie aus dem »primordialen Gas«, das nach erziehende Mutter das Reisen zu fernen
dem Urknall zurückblieb, das heutige Uni- Teleskopen schwieriger geworden ist, son-
versum der Sterne und Galaxien wurde, kurzlebiger dern auch weil Beobachtungen wie die
sind sie noch immer weitgehend auf Ver- Urstern ihren heute nicht mehr üblich sind. An
mutungen angewiesen. kaum einem der großen Teleskope ver-
Zwar können die Astronomen mit ihren bringen die Astronomen noch selbst
Im jungen Universum verklumpen riesige Gas-
Hochleistungsteleskopen viele Milliarden massen, bis in ihnen die ersten Sonnen zünden. die Nächte. Stattdessen sitzen Techniker
Jahre zurück in die Zeit schauen. Es gelingt Diese massereichen Ursterne verfeuern ihren Vorrat im Kontrollraum. Die Beobachtungs-
ihnen, das Licht sogenannter Quasare auf- an Wasserstoff sehr rasch und stürzen daraufhin erst daten finden die Forscher dann in ihren
zufangen, die wenige Hundert Millionen in sich zusammen, um danach in einer Mails.
Jahre nach dem Urknall glühten. Doch Supernovaexplosion zu enden. Ihr jüngstes Forschungsprojekt jedoch
weiter reicht ihr Blick nicht: Das Licht Während des Sternentods hätte Frebel ohnehin nicht am Instrument
bilden sich erstmals zahl-
der ersten Sterne ist zu schwach, als dass reiche schwere Elemente. selbst durchführen können. Denn diesmal
es sich mit heutigen Geräten nachweisen war sie auf die Scharfsicht des »Hubble«-
ließe. Weltraumteleskops angewiesen.
Anna Frebel verfolgt deshalb einen an- Erneut nahm Frebel, wie damals in
deren Ansatz. Statt direkt in die Vergan- Australien, HE 1327-2326 ins Visier. Doch
genheit zu blicken, guckt die Astronomin nun galt ihr Interesse nicht der Eisenlinie.
vom Massachusetts Institute of Technolo- Supernova Kollegen aus Japan hatten sich bei ihr mit
gy in der Gegenwart nach, was von der einer ganz anderen Frage gemeldet.
Vergangenheit geblieben ist – Frebel be- »Kannst du auch Zink nachweisen?«, woll-
treibt Himmelsarchäologie. Stern der ten sie wissen.
Gerade hat die Forscherin, gebürtig aus zweiten Die japanischen Astrophysiker hatten
Generation
Berlin, einen wichtigen Fund verkündet: am Computer Tausende verschiedene
Sie vermaß das Spektrum eines der ältes- Szenarien durchgerechnet, wie sich Ge-
ten bekannten Sterne in bisher unerreichter burt und Tod der ersten Sterne abgespielt
Genauigkeit und zog daraus Rückschlüsse Materiejet haben könnten. Am Ende kamen sie zu
auf die Dynamik der ersten Sonnen- dem Schluss, dass die Existenz des Ele-
explosionen, Supernoven genannt. ments Zink besonders aufschlussreich sein
Lange Nächte am Teleskop haben Frebel Neuen Berechnungen zufolge zerbarsten Sterne würde.
einst auf die Spur dieses Sterns gebracht. der ersten Generation höchst ungleichmäßig. Schwere Der Nachweis dieses Schwermetalls al-
Es war am australischen Siding-Spring- Elemente wie Zink wurden in sogenannten Jets hinaus- lerdings ist schwer zu führen, zumal wenn
geschleudert bis in fernste Regionen. Das Metall wirkte
Observatorium, in der wohl aufregendsten fortan gleichsam als Kühlmittel im All und beförderte es nur in winzigen Spuren vorkommt.
Zeit in Frebels bisherigem Forscherleben. so die Entstehung langlebiger Sterne, die, wie HE 1327- Anna Frebel durchforstete deshalb die Ka-
Oft hatten alle anderen das Gebäude ver- 2326, teilweise bis heute strahlen. taloge nach Spektrallinien, die dieses Ele-

108
Erst als Riesenwolken, hundertfach schwe-
rer als die Sonne, unter dem eigenen Ge-
wicht kollabierten, reichte die Macht der
Schwerkraft aus, die Hitze zu überwinden.
Umso heftiger war das Inferno, das nun
entbrannte: Heiß, hell und kurz war das
erste Sternenfeuer.
Gierig verschlang es allen verfügbaren
Wasserstoff, nach kaum mehr als einer
Million Jahren war er aufgebraucht, und
die Ursterne kollabierten – um sodann in
fulminanten Supernoven wieder auseinan-
derzuspritzen.
Doch wie vollzogen sich diese frühesten
aller Explosionen? Was genau geschah
beim ersten Sternentod?
Dies ist eine Schicksalsfrage. Denn in
der Glut der ersten Supernoven entschied
sich, wie es weiterging. Damals entstanden
Natrium, Aluminium, Silicium – und bis
heute wirkt nach, in welchen Mengen das
geschah.
Das Element Zink spielt bei alledem
eine Sonderrolle. Viel Zink im frühen Uni-
versum bedeutet den Rechnungen der
Japaner zufolge, dass die ersten super-
heißen Riesensterne am Ende ihres kurzen
Lebens nicht wie riesige Kugeln in sich zu-
sammenkrachten.
Denn bei der Implosion wären mons-
tröse schwarze Löcher entstanden. Und
diese hätten unwiderbringlich alles, was
sich im Zentrum eines solchen Sterns be-
fand, verschluckt. Besonders Zink hätte
einen solchen Kollaps niemals überstehen
können.
Folglich muss eine solche frühe Super-
nova ungleichmäßig abgelaufen sein. Der
glühend heiß lodernde Stern wabbelte und
KEN RICHARDSON / DER SPIEGEL

rotierte. Bei seinem Tod kollabierte er in


einem turbulent-chaotischen Durcheinan-
der, bei dem das gierig saugende schwarze
Loch im Zentrum zwar viel, doch nicht
alles verschlingen konnte.
Ein solcher im Todeskampf wirr fla-
ckernder Stern sprühte im letzten Augen-
Astrophysikerin Frebel: »Eine Art Karrieregarantie« blick mit nuklearer Asche um sich. Wäh-
rend ein großer Teil der erbrüteten
Elemente auf Nimmerwiedersehen im
ment verraten würden. Bei 213,8 Nano- Lieblingsstern HE 1327-2326 richten. Das Schlund des schwarzen Lochs verschwand,
metern wurde sie fündig. Ergebnis übertraf alles, was Frebel er- wurde der Rest der Glut ins All geschleu-
Licht solcher Wellenlänge liegt jedoch wartet hatte. »Ich weiß noch, wie ich dert. Dort schwelte sie weiter.
im UV-Bereich, die Atmosphäre ist dafür die Daten sah und diese Zinklinie hervor- Denn schwere Elemente sind wirksam
undurchlässig. Für Frebel war deshalb klar: stach«, berichtet Frebels Mitarbeiterin als Kühlmittel. Geraten sie in primordialen
Einzig ein Teleskop im Weltraum würde Rana Ezzeddine. »Ich wollte es nicht Wasserstoff, befördern sie den Kollaps der
es auffangen können. glauben.« Gaswolken. So wirken Zink und andere
Frebel beantragte also Beobachtungs- Der Befund erlaubt nur einen Schluss: schwere Elemente als Geburtshelfer neuer
zeit für den »Cosmic Origins Spectro- Der Moment der Schöpfung ist anders Sterne.
graph«, ein Gerät an Bord des »Hubble«. abgelaufen als gedacht. Die Zinklinie im Die Indizien, meint Astronomin Frebel,
Sie erhielt eine Absage: 20 Stunden Beob- Sternenlicht dieses stellaren Methusalems deuteten sogar darauf hin, dass sterbende
achtungszeit erschien den Hütern des Tele- zwingt die Astrophysiker, die Geschichte Sterne in der einen Galaxie ihr Erbe bis in
skops zu lang für die Vermessung eines der Materie umzuschreiben. benachbarte Galaxien spien.
einzigen Sternenspektrums. Klar ist: Gerade die Entstehung der ers- Wenn das stimmt, dann hat der Aus-
Wieder und wieder versuchte es die ten Sterne war besonders schwierig. Denn wurf des Todes in der einen Welteninsel
Astronomin, wieder und wieder wurde ihr das primordiale Gas konnte sich nicht als Keim neuen Lebens in der nächsten
Antrag abgelehnt. Dann endlich, im Mai recht zusammenballen. Die entstehende gedient. Johann Grolle
2016, durfte sie das Instrument auf ihren Hitze wirkte jeder Verdichtung entgegen.

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 109


Kultur
Die Erinnerung ist so unregierbar wie egozentrisch. ‣ S. 116

Szene aus »Burning«

CAPELIGHT PICTURES
Kino Jong-su, der eine verschwundene Frau sucht. Auf den Spuren
der Geliebten taucht er immer tiefer in die Welt der Schönen

Im Grenzgebiet und Reichen ein. Seine Angebetete hatte nämlich noch einen
Verehrer, den dubiosen Playboy Ben (»The Walking Dead«-
Star Steven Yeun in seiner ersten koreanischsprachigen Rol-
 Barrikaden brennen in dem südkoreanischen Psychothril- le). Aber ist der so reich (und so sadistisch), dass er die Frau
ler »Burning« nicht, es sind nur verlassene Gewächshäuser, unbemerkt verschwinden lassen könnte? Nach einer Kurz-
die irgendwo zwischen Seoul und der Grenze zu Nordkorea geschichte von Haruki Murakami führt Lee Chang Dong ins
in Flammen aufgehen. Trotzdem durchweht der Geist von Grenzgebiet zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, Ratio
Klassenkampf den Film des Regisseurs Lee Chang Dong. und Paranoia. Wer sich hier nicht mit Genuss um seinen Ver-
Erzählt wird die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers stand bringen lässt, ist selbst schuld. HPI

Sachbücher er sich im betrunkenen Zustand gern brüs- Warum entsetzt uns eine Figur, die zu
Letzte Fragen tete: Niemand könne so schnell wie er ihrer Zeit stets im richterlichen Auftrag
einen Menschen enthaupten. Als Henker handelte? Die Juristen, die Reichhart die
 Am 22. Februar 1943 richtete er Chris- im Ruhestand in den Sechzigerjahren sag- Aufträge gaben, setzten ihre Laufbahn
toph Probst, Hans und Sophie Scholl hin te er jedoch: »Ich tät’s nie wie- nach dem Krieg fort. Er hinge-
und in den vier Tagen danach 44 weitere der!« Reichhart ist ein Neben- gen starb 1972 isoliert und
Menschen – Johann Reichhart, der letzte darsteller der großen Geschich- geächtet, sein Leben war allzu
bayerische Henker, handelte nicht aus te, aber in der aufwühlenden bezeichnend für ein Deutsch-
ideologischem Antrieb. Nach dem Krieg biografischen Studie, die der land, von dem man in der
stand er in Diensten der amerikanischen Autor Roland Ernst unter dem Bundesrepublik nichts mehr
Armee und tötete mit derselben hand- Titel »Der Vollstrecker« nun wissen wollte. NM
werklichen Effizienz 156 Nationalsozialis- über das Leben Reichharts vor-
ten. Am Anfang seiner Laufbahn 1924 legte, ist man schnell bei den Roland Ernst: »Der Vollstrecker.
war das amtlich bestellte Töten nur eine letzten Fragen: Wie frei ist der Johann Reichhart. Bayerns letzter Hen-
schlecht bezahlte Nebentätigkeit, mit der Einzelne in der Geschichte? ker«. Allitera; 192 Seiten; 19,90 Euro.

110 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Theater was heißt da schon »lesen«. Meyerhoff Nils Minkmar Zur Zeit
Meyerhoff wechselt ist ein Ganzkörpervortragender, Schau-
spieler seines Lebens und des Lebens Des Menschen Wolf
 Am Montag konnte man wieder ein- um ihn herum. Er kann zum Beispiel
mal erleben, was für eine Sturmgewalt auch über die Art, wie ein Mann Bild.de brachte neulich die
der Schauspieler Joachim Meyerhoff auf im Flugzeug neben ihm seinen Schlagzeile »Wolf reißt
der Bühne ist. Bei einer SPIEGEL-Ver- Joghurt aß, eine minutenlange Lamm«. Das war bemerkens-
anstaltung im Spiegelsaal in Berlin las er Show machen, und die Leute im wert, denn eigentlich wäre
aus seinem vierbändigen Lebensroman- Publikum wischen sich die Lach- ja das Gegenteil einen Arti-
werk »Alle Toten fliegen hoch«. Aber tränen aus den Augen. Er war kel wert. Andererseits passte
aus Wien, wo er seit vielen Jahren es genau in den Zeitgeist: Viele
Ensemblemitglied des Burgtheaters ist, Menschen sorgen sich wieder um den
nach Berlin gekommen. Mit Wien, so Wolf, nachdem es in den vergangenen
erzählte er am Rande der Veranstaltung, Jahrhunderten stets anders war und
ist nach dieser Spielzeit Schluss. Er die Menschen in Sorge vor ihm waren.
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

wechselt an die Schaubühne in Berlin. Die Politisierung des Wolfes folgt einer
»Einfach Lust auf was Neues« sei einer gewissen Logik: Erst müssen wir weißen
der Gründe, sagte er. Und darüber, »was Männer die Welt mit Menschen anderer
die ›Burg‹ für mich war und ist, könnte Hautfarbe teilen, zugleich beanspruchen
ich ein ganzes Buch schreiben«, fügt er die Frauen die Hälfte von allem, und
hinzu. Und irgendwie wirkt es so, als nun macht uns dieser Fleischfresser
hätte er da innerlich gerade schon mit noch den Lammbraten streitig. Das Be-
Meyerhoff Schreiben begonnen. VW sondere am Wolf ist die Vielfalt und Hef-
tigkeit der Zuschreibungen, zu diesem
Tier hat jeder eine Meinung.
Der Philosoph Mark Rowlands hielt
Ausstellungen sich mal einen Wolf als Haustier und

Auftritt einer Weltbürgerin


schrieb in seinem Buch »Der Philosoph
und der Wolf« über seine Erfahrungen
mit dem Tier, das letztlich ihn erzog.
 Die 1881 geborene russische Künstlerin »New York Times« nannte Gontscharowa Eine Szene schildert, wie Rowlands
Natalija Gontscharowa beschwor in ihren und Larionow wegen ihrer vielen Reisen morgens in einem Café Zeitung las. Das
Werken das ästhetische Experiment, die und Kontakte bereits 1922 »Weltbürger«. Blatt warnte vor einem entlaufenen
stilistische Vielseitigkeit. Für ihre beson- Das eigentliche Zuhause der Künstlerin jungen Wolf, und die anderen Gäste
dere Stellung in der Kunstgeschichte des blieb, das wird man auch in der Lon- überboten sich in Gefahrenbeschrei-
20. Jahrhunderts wird sie vom kommen- doner Schau sehen, die Welt der grenzen- bungen, planten sogar eine große Treib-
den Donnerstag an mit einer großen losen Kreativität. Die Tate Modern jagd. Dabei übersahen sie, dass zu
Ausstellung im Londoner Museum Tate hat 160 Werke geliehen, sie stammen aus ihren Füßen der Wolf von Mark Row-
Modern gefeiert. Heute sind ihre Werke Museen von Moskau bis Chicago. UK lands friedlich ein Nickerchen hielt.
Klassiker; auf dem Nach der Lektüre des Buches sah ich
Kunstmarkt werden auch einen Wolf, an der Leine einer
Millionen dafür gezahlt. Dame vor dem Supermarkt. Es handel-
Doch einst waren sie te sich um einen Mischling mit hohem
vor allem atemberau- Wolfsanteil bestätigte sie und bat mich
bend anders, revolutio- zugleich um Diskretion, denn die Hal-
när. Als Malerin misch- tung eines solchen Tieres ist verboten.
te Gontscharowa Volks- Dabei können wir den Wolf gut gebrau-
tümliches und Avantgar- chen: Als im amerikanischen Yellow-
distisches, sie hatte Mut stone-Nationalpark Wölfe angesiedelt
zur Farbe, zum Auffäl- wurden, begann ein komplexer und fas-
ligen, zum Ausdrucks- zinierender Prozess, der noch immer
starken. Auch ihre Kos- untersucht wird. Hirsche wurden ver-
tüme und Bühnenbilder ständlicherweise vorsichtiger, Biber hin-
fürs Ballett wurden gegen frecher – der Park veränderte
bewundert, waren seine Gestalt. Könnte die Rückkehr des
gefragt, trugen bald zu Wolfes dem deutschen Wald helfen?
ihrer Bekanntheit bei. Doch: Tiere im Wald, ist das poli-
© ADAGP, PARIS AND DACS, LONDON 2019

1915 zog sie mit ihrem tisch durchsetzbar? Einen Dienst er-
Kollegen und späteren weist uns der Wolf schon heute – er be-
Ehemann Michail Lario- weist, dass in Gesellschaften, in denen
now aus dem vorrevolu- die Menschen kaum etwas zu befürch-
tionären Russland nach ten haben, einige gern durchdrehen
Paris, in die damalige möchten. Zur Not wegen eines Tieres,
Welthauptstadt der das ihre Nähe eher meiden wird.
Moderne (und des Bal-
letts). Dort lebte sie bis An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und
zu ihrem Tod 1962. Die Gontscharowa-Gemälde »Linen«, 1913 Elke Schmitter im Wechsel.

111
Kultur

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: »Eine entsetzliche Geschichte«

In der Fake-Welt
Hochstapler Die Bloggerin Marie Sophie Hingst verbreitet eine fiktive jüdische Familiengeschichte –
im Netz und in Yad Vashem, wo sie falsche Opferdokumente eingereicht hat.
Ihr Großvater soll Auschwitz-Häftling gewesen sein, tatsächlich war er evangelischer Pfarrer.

D
en drei Männern vom Archiv war meidet solche Begegnungen mit der Öf- Ihre Namen möchten die Herren vom
die Angelegenheit sichtlich unan- fentlichkeit lieber. Doch der Fall einer pro- Archiv nicht im SPIEGEL gedruckt sehen,
genehm. Etwas verlegen saßen movierten Historikerin, einer Kollegin so- man spreche hier nur als Institution, als
sie an diesem Nachmittag Anfang zusagen, die bis vor Kurzem am Trinity staatliche Instanz. »Frau Dr. Hingst«, so
April in einem Büro des Stralsunder Stadt- College in Dublin forschte, hatte den Ar- lautet das quasiamtliche Urteil der Archi-
archivs. Vor ihnen auf einem runden Tisch chivaren keine Ruhe gelassen. Marie So- vare, habe sich eine fiktive Familienge-
lagen Aktenordner sowie großformatige phie Hingst, die »Dame aus Dublin«, so schichte angeeignet. »Bis auf einige Na-
MICHAEL KAPPELER / DPA

Kopien mit Stammbäumen und anderen erklärte einer von ihnen gleich zu Beginn men ist alles frei erfunden.«
biografischen Angaben – eine kleine Prä- des Gesprächs, verbreite öffentlich »Le- Was vielleicht nicht so schlimm wäre,
sentation für den Redakteur aus Hamburg. genden« über Stralsunder Bürger. »Eine wenn die Historikerin nur harmlose Spe-
Wer sonst im Hauptberuf eher geräusch- entsetzliche Geschichte« sei das, man gebe kulationen unter die Leute gebracht hätte.
los Dokumente und Archivalien sortiert, hier »Menschen eine falsche Identität«. Tatsächlich aber hat Hingst die Namen von

112 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Die frühen Jahre in Dublin, so sagt sie mit
leiser Stimme bei einem ersten Telefonat
mit dem SPIEGEL, seien schwere Jahre ge-
wesen, sie habe kaum jemanden gekannt.
Sie sei damals sehr isoliert gewesen, in ge-
nau jener Zeit also, als ihr Blog entstand,
ein kreatives Universum, das offenbar zu
einer Art Ersatzheimat für sie wurde.
So begann diese eigenartige Geschichte
einer Hochstaplerin, die mit ihren Legen-
den offensichtlich keine materiellen Vor-
teile im Sinn hatte – die sich aber als ver-
meintliche Nachfahrin von Holocaust-
Opfern interessanter machte, interessanter
jedenfalls als andere, nicht jüdische Deut-
sche. Positiver Nebeneffekt: Mittelbar
zählte sie nun zu den Opfern und nicht zu
den Tätern. Wie Wolfgang Seibert, der in-
zwischen zurückgetretene Vorsitzende der
jüdischen Gemeinde Pinneberg. Der Sohn
evangelischer Eltern hatte sich ebenfalls
eine jüdische Familiengeschichte mit
Holocaust-Vergangenheit ausgedacht, wie
der SPIEGEL (43/2018) enthüllte.
Auch Hingst bemüht sich um die Nähe
zur jüdischen Community. Sie moderiert
Podiumsgespräche für den Förderkreis des
Berliner Holocaust-Denkmals, arbeitet für
das Selma Stern Zentrum für Jüdische Stu-
dien in Berlin-Brandenburg und engagiert
sich in der Jewish Society des Dubliner
Trinity College. Und sie sucht die Nähe
CLIONA O' FLAHERTY / DER SPIEGEL

zu anderen Opfern: Während der Haft von


Deniz Yücel und Mesale Tolu schrieb sie
den beiden Postkarten ins Gefängnis in
der Türkei, Yücel angeblich täglich – eine
Aktion, die ihr eine Menge positive Schlag-
zeilen in den Medien bescherte.
Zuletzt, im März, veröffentlichte Hingst
ein viel beachtetes Buch: »Kunstgeschich-
Historikerin Hingst: »Bis auf einige Namen ist alles frei erfunden« te als Brotbelag«, ein Bildband mit be-
kannten Gemälden und den als Brotbelag
nachgestellten Kopien. Die Autorin hatte
22 angeblichen Holocaust-Opfern, allein »Future of Europe«-Preis der »Financial im vergangenen Sommer per Twitter und
8 davon aus Stralsund, dem Archiv der Times« ausgezeichnet. Bei der Preisverlei- Instagram um entsprechende Foto-Einsen-
israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad hung in Dublin – man kann sie im Internet dungen gebeten. Die skurrile Kampagne
Vashem gemeldet – 22 Menschen, von de- hören – erzählte sie wieder vom Leidens- war so erfolgreich, dass der Kölner Verlag
nen die meisten gar nicht existierten. Die weg ihrer vermeintlich jüdischen Familie DuMont deren Ergebnisse aus der digita-
Unterlagen des Stadtarchivs und weitere und verglich deren Schicksal mit dem der len in die analoge Welt zurückholte und
Quellen zeigen: Nur drei Personen haben Flüchtlinge, die heute an Europas Küsten einen Überraschungserfolg auf dem Buch-
wirklich gelebt. Keiner von ihnen war Jude, strandeten. Es gab starken Beifall. markt landen konnte.
keiner wurde ermordet. Wer ist diese Frau, und warum hat sie Wer Hingst bei Twitter folgt, bekam
Und Marie Sophie Hingst hat ihre Le- das getan? Hochstapler gibt es viele, über- aber auch ein Foto des Schreibens aus Yad
genden nicht nur in Yad Vashem hinterlegt, all auf der Welt. Der Wunsch, Opfer des Vashem zu sehen, mit dem ihr für die
sondern auf vielen Wegen verbreitet: in Holocausts zu seinen Vorfahren zu zählen, Übergabe der angeblichen Familiendoku-
Vorträgen und Gesprächen mit Kommi- dürfte eine deutsche Besonderheit sein. mente gedankt wurde. 15 Formulare hatte
litonen etwa, vor allem aber in ihrem 2013 Auf Fotografien wirkt die 31-Jährige mit sie am 8. September 2013 handschriftlich
begonnenen Blog »Read on my dear, read ihren langen braunen Haaren mädchen- ausgefüllt und unterschrieben, 7 weitere
on«, in dem sie gern und immer wieder haft und keinesfalls prätentiös, Eitelkeit wurden digital versandt. Mit diesem
von ihrer angeblich jüdischen Großmutter scheint ihr fremd. Ihr ganzer Habitus wirkt Schritt hatte sich Marie Sophie Hingst erst-
erzählt, ein Blog übrigens, mit dem sie von ebenso intellektuell wie bescheiden. mals in die Parallelwelt einer zweiten, fik-
den Goldenen Bloggern zur »Bloggerin des Aufgewachsen in einer Akademiker- tiven Existenz begeben: als Kind einer jü-
Jahres 2017« gewählt wurde und der inzwi- familie in Lutherstadt Wittenberg, hat dischen Familie, die viele Angehörige im
schen fast 240 000 regelmäßige Leser zählt. Hingst in Dessau Abitur gemacht und in Holocaust verlor – und die es in Wirklich-
Auch jenseits ihres Blogs stößt ihre Sto- Berlin, in Lyon und in Los Angeles Ge- keit niemals gab.
ry auf großes Interesse. 2018 wurde Hingst schichte studiert. 2013 ging sie nach Dub- Die väterliche Familie Hingst ist im Kon-
bei einem Essaywettbewerb mit dem lin, wo sie am Trinity College promovierte. volut falscher »Pages of Testimony«, wie

113
die Opferblätter in Yad Vashem genannt vice noch im Archiv der Gedenkstätte scher Tradition die Rede. Besonders
werden, gleich achtmal vertreten. Die Exis- Auschwitz, noch im Gedenkbuch des Bun- schamlos aber sind Hingsts Fantasiege-
tenz von sechs Personen, die sie in Jerusa- desarchivs für die Opfer der nationalsozia- schichten von den jährlichen Sommerfes-
lem nannte, alle angeblich Brüder ihres listischen Judenverfolgung in Deutschland ten der Holocaust-Überlebenden im Gar-
Großvaters, konnte das Stralsunder Archiv sind die Namen der 22 angeblichen Holo- ten der Großmutter. Sie selbst habe als
ausschließen, die Namen fehlen in den voll- caust-Opfer auffindbar. kleines Mädchen die Einladungen an die
ständig erhaltenen Akten des Standesamts. Solche Hochstapeleien sind kein Verbre- »Lieben Auschwitzer« in Umschläge ste-
Zwei der von ihr genannten Mitglieder chen, aber skandalös sind sie allemal. Wer cken und verschicken müssen. Und sie
der Familie Hingst haben wirklich gelebt, Holocaust-Opfer erfindet, verhöhnt im habe an diesem traurig-schönen Tag, beim
nämlich ihr Urgroßvater Hermann Hingst Nachhinein all jene, die wirklich von den Fest der »Auschwitzer«, immer einen Rock
und seine Frau Marie. Den beiden dichtete Nazis gequält und umgebracht wurden. tragen müssen, was sie gehasst habe – nur
sie jüdische Vorfahren an, Marie zum Bei- Hingst hat sich bei der Darstellung ihrer der wunderbare Kuchen und die bewegen-
spiel soll eine gebürtige Cohen gewesen angeblich jüdischen Familiengeschichte in den Geschichten der Überlebenden hätten
sein, außerdem sei das Paar 1942 von den viele Widersprüche verwickelt. Wer ihren sie entschädigt.
Nazis ermordet worden. Ansonsten blieb Blog liest, der erfährt, dass ihr Urgroßvater Die vielen Unstimmigkeiten sind auf-
sie weitgehend bei der Wahrheit: Her- zusammen mit seiner Familie schon im merksamen Lesern irgendwann aufgefal-
mann und Marie wohnten den »Pages of Februar 1940 nach Auschwitz deportiert len. Die Historikerin Gabriele Bergner aus
Testimony« zufolge in der Großen Paro- und umgebracht worden sei. Erstens wur- Teltow bei Berlin – sie gilt als Expertin für
wer Straße in Stralsund – was stimmt. Und de damals noch niemand aus dem Deut- internationale Personenrecherchen – zähl-
Hermann war von Beruf Lehrer – was schen Reich nach Auschwitz geschickt, das te zu den Ersten, die einen Verdacht
ebenfalls stimmt. geschah frühestens 1941. Zweitens nennt schöpften. Bald bildete sich um sie ein klei-
Das Stralsunder Stadtarchiv besitzt sie in den »Pages of Testimony« sechs Söh- nes Team von Rechercheuren, darunter
einen Personalfragebogen der Mecklenbur- ne und nicht vier (wie im Blog), die umge- eine Anwältin, ein Genealoge und ein Ar-
ger Landesregierung aus dem chivar, die sich per Mail über
Oktober 1947, den Hermann die jeweils neuesten Hirnge-
Hingst zum Zwecke einer spinste von Marie Sophie
Weiterbeschäftigung in der Hingst austauschten.
Sowjetischen Besatzungszone Ein erster Versuch Anfang
ausfüllen musste. Darin sind vergangenen Jahres, die Blog-
nicht nur sein Beruf und seine gerin zur Rede zu stellen, wur-
evangelische Religionszugehö- de von ihr sofort abgewehrt;
rigkeit vermerkt, sondern auch im Blog schrieb sie nebulös

CLIONA O' FLAHERTY / DER SPIEGEL


seine Kinder: zwei Töchter und von gegen sie gerichteten »An-
ein Sohn namens Rudolf, 1917 griffen« und »Verschwörungs-
geboren, von Beruf Pfarrer. theorien«. Einen weiteren Vor-
Rudolf war Marie Sophies stoß aus dem vergangenen
Großvater, ab 1956 arbeitete Dezember, diesmal auf der
er als Pastor in der Friedrich- Kommentarseite ihres Blogs,
städter Gemeinde in der Lu- bei dem ein anonymer Leser
therstadt Wittenberg, er starb auch die Fälschungen in Yad
bereits 1977. Rudolfs Ehefrau, SPIEGEL-Redakteur Doerry, Bloggerin Hingst*: Märchenhafte Züge Vashem erwähnte, beantwor-
ebenjene Großmutter, von der tete sie schon auffallend aggres-
Marie Sophie so gern erzählt, siv: »Wird Ihnen eigentlich
hieß Helga Louisa Brandl. Dass sie Zahn- bracht worden sein sollen. Und drittens nicht vor sich selbst übel«, fragte sie,
ärztin war und 1922 geboren wurde, be- wurde ihr Urgroßvater laut dem von ihr »wenn Sie solche unverschämten Verleum-
richtet Hingst in ihrem Blog. Dass sie evan- selbst an Yad Vashem geschickten Doku- dungen hier herausrotzen?«
gelisch war wie auch ihr Vater, natürlich ment nicht in Auschwitz, sondern erst 1942 Marie Sophie Hingst ließ sich nicht stop-
nicht. in Ponar getötet (was in Litauen liegt und pen. Im Dezember 2018 wandte sich Ga-
Urgroßvater Josef Karl Brandl be- nicht in Lettland, wie sie schreibt), ihre Ur- briele Bergner an den SPIEGEL. Inzwi-
kommt bei Hingst allerdings einen leicht großmutter im selben Jahr in Treblinka. schen war noch ein zweiter Erzählstrang
veränderten Namen. In den »Pages of Tes- Im Blog nimmt ihre Familiengeschichte ins Visier der Rechercheure geraten, ein
timony« heißt er Jakob Brandel und wurde ohnehin märchenhafte Züge an: Parallel Slumkrankenhaus nämlich, das Hingst im
angeblich zusammen mit Frau und Kin- zur Geschichte des Urgroßvaters Hingst, zarten Alter von 19 Jahren zusammen mit
dern 1942 in Auschwitz umgebracht. der angeblich mit Ehefrau und vier Söhnen einem Freund in Neu-Delhi gegründet ha-
Neben den 14 Opferblättern für die Fa- ermordet wurde (nur der fünfte Sohn, der ben wollte. Hingst hatte dort angeblich
milien Hingst und »Brandel« hat die His- Großvater der Autorin, soll Auschwitz nicht nur Patienten – ohne ärztliche Aus-
torikerin noch acht weitere Dokumente überlebt haben), erzählt sie spiegelbildlich bildung – behandelt, sondern auch Sexu-
für im Holocaust umgekommene Personen auch die Geschichte des anderen Urgroß- alaufklärung für junge indische Männer
mit den Familiennamen »Rosenwasser« vaters, der mit Ehefrau und vier Töchtern betrieben.
und »Zilberlicht« eingereicht, hier soll es umgebracht worden sei; nur die fünfte Genaue Orts- und Zeitangaben fehlen
sich offenbar um ihre mütterlichen Vorfah- Tochter überlebte, die Oma der Autorin. ebenso wie Fotos, die die Existenz der klei-
ren handeln. Diese Menschen tauchen al- Geradezu romanhaft lesen sich auch nen Klinik belegen könnten. Soweit be-
lerdings sonst in ihren Erzählungen nie auf. ihre Erzählungen über diese Frau. Immer kannt, war Hingst 2015 einmal für drei Mo-
Tatsächlich haben die von Hingst in Yad wieder ist vom heldenhaften Widerstand nate in Neu-Delhi gewesen, allerdings bei
Vashem gemeldeten Personen nirgendwo der Großmutter gegen die Zwänge jüdi- einem germanistischen Sommerseminar
Spuren hinterlassen: Weder in den Digital über Franz Kafka. Erst danach berichtete
Collections des International Tracing Ser- * In Dublin am Donnerstag vergangener Woche. sie von der Klinikgründung im Jahr 2007.

114 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Kultur

Die Angaben zum Indienprojekt waren als Brotbelag«. Mehrere Blätter berichte- lassen, sie machte aber ein paar Bemerkun-
jedoch ebenso widersprüchlich wie die ten wohlwollend über die ungewöhnliche gen, die erkennen ließen, dass sie mit der
über ihre jüdische Familie: Mal hatte sie Idee. Auch der Redakteur aus Hamburg Freundin »C.« ihre Mutter meint.
im »Slum« Okhla – in Wahrheit ein Stadt- kündigte sich nun bei ihr an. 24 Stunden später, am Freitag vergan-
teil im Süden Delhis – eine eigene Klinik Für den vorgeschalteten Fototermin gener Woche, wurde die Mutter telefo-
gegründet, mal in einer schon bestehenden schlug sie die National Gallery in Dublin nisch informiert. Von den Opferblättern
Klinik gearbeitet, mal betrieb sie in Delhi vor, passend zum neuen Buch. Am Don- in Yad Vashem, der Klinik in Indien, der
nur ein »slum support scheme«, also eine nerstag vergangener Woche kam es dann Sexualberatung für Flüchtlinge hörte sie
Art Sozialprojekt. im Café des ehrwürdigen Merrion Hotel nun zum ersten Mal. Zitate aus dem Tele-
Hingst hat sich mit ihren Fantastereien in Dublin, ganz in der Nähe der National fonat wollte sie jedoch im SPIEGEL nicht
wahrscheinlich als unverwundbar empfun- Gallery, zum persönlichen Gespräch. veröffentlicht sehen.
den. Wer sollte ihr schon nachweisen kön- Schon im Vorfeld hatte sie die ange- Wenige Minuten später rief Marie So-
nen, dass es das alles nicht gab? Nachdem kündigten Fragen zu ihrer jüdischen Fa- phie Hingst an. Ihre Stimme klang dünn
sie im Januar 2017 in ihrem Blog davon be- miliengeschichte ausklammern wollen. und kleinlaut, ganz anders als am Vortag
richtet hatte, dass sie ihre Erfahrungen in Als sie ihr trotzdem gestellt wurden, re- in Dublin. Sie müsse sich entschuldigen, sie
der Sexualberatung indischer Männer nun agierte sie zunächst verärgert: Wie man habe Fehler gemacht, vieles sei falsch ge-
auch »in einer kleinen deutschen Stadt« bei dazu komme, sich so in ihr Leben einzu- wesen, was sie gesagt habe. Sie entschuldige
jungen Flüchtlingen anwandte, wurden so- mischen. Was auch immer für Dokumen- sich für ihren Auftritt gestern im Hotel.
gar die Medien hellhörig. te existierten, sie wisse es besser. Schließ- Am vergangenen Sonntag ließ Marie
Zeit Online brachte bald einen langen lich jedoch wurde sie vorsichtiger. Sie Sophie Hingst schließlich über einen An-
Text von Hingst, die hier allerdings unter gebe nur das wieder, was ihr die jüdische walt aus München mitteilen, dass die Texte
dem jüdisch klingenden Pseudonym »So- Großmutter erzählt habe. Sie müsse das in ihrem Blog »ein erhebliches Maß an
phie Roznblatt« auftreten durfte. Sie er- jetzt überprüfen. Nach einer Stunde ver- künstlerischer Freiheit für sich in An-
zählte abenteuerliche Episo- spruch« nähmen. »Es handelt
den aus ihrer Aufklärungs- sich hier um Literatur, nicht
arbeit mit jungen Syrern, de- um Journalismus oder Ge-
nen sie einen angemessenen schichtsschreibung.« So ähn-
Umgang mit dem anderen Ge- lich steht es mittlerweile auch
schlecht beigebracht haben in ihrem Blog.
wollte. Ein letzter Schachzug also,
Der Beitrag von Zeit On- die Spuren zu verwischen. Der
line wurde zwar von Lesern Text des Anwalts enthält nicht
kritisch kommentiert, von etwa ein Dementi ihrer Lügen-
»Zweifeln an der Authenti- geschichten, sondern formuliert
zität des Beitrags« war da die nur einen neuen, ästhetischen
Rede. Doch die Redaktion Anspruch. Bis dahin hatte sie
ließ sich nicht beirren, die Kritikern, die die Authentizität
Autorin sei doch »auf alle des Blogs infrage stellten, erbit-
Fragen der Leser eingegan- tert widersprochen. Jetzt wer-
gen«, und wer dennoch mehr den die Legenden sicherheits-
wissen wolle, wende sich bitte Gefälschtes Opferdokument: Aus dem Nachlass ihrer Oma? halber zu Literatur erklärt.
schön »mit einer höflichen Außerdem ließ sie durch
Frage an die Autorin«. ihren Anwalt erklären, dass sie
Zeit Online hat den Vorgang nach einer ließ sie zornig den Raum, ohne sich zu »zu keiner Zeit« im »Rahmen von Texten
SPIEGEL-Anfrage überprüft. »Wir gehen verabschieden. mit realen Lebensdaten Unwahrheiten über
nun davon aus«, heißt es in einer ersten In diesem Moment muss Marie Sophie ihre eigene Familiengeschichte verbreitet«
Stellungnahme der Redaktion, »dass die Hingst erkannt haben, dass ihre Parallel- habe. Sie habe zwar eine »Liste von 22 Per-
Autorin des Gastbeitrags uns getäuscht hat. welt nicht länger Bestand haben würde. sonen aus dem Nachlass ihrer Großmutter«
Wesentliche Teile des Beitrags dürften er- Eine gefährliche Situation: für ihr Selbst- Yad Vashem übergeben, sie aber nicht
funden sein.« Und weiter: »Der Fakten- bild – das offenbar mit der fiktiven Identi- selbst überprüft. Eine »Liste« wohlgemerkt.
check vor Veröffentlichung war offensicht- tät fast deckungsgleich geworden war –, Tatsächlich hatte sie selbst 22 Formulare
lich bei Weitem nicht ausreichend.« für ihre Integrität und natürlich auch für ausgefüllt. Nun soll also die tote evangeli-
Aber auch andere Medien ließen sich die ihren Job als Projektmanagerin eines in- sche Oma an allem schuld gewesen sein.
Heldengeschichte der jungen Sexualaufklä- ternationalen IT-Konzerns in Dublin, den Bleibt nur noch die Frage, wie Yad
rerin nicht entgehen. Bei Deutschlandfunk sie im vergangenen August angetreten hat. Vashem mit den gefälschten »Pages of Tes-
Nova, zum Beispiel, trat sie unter dem Aber wie konnte es so weit kommen, timony« umgeht. Am Anfang dieser Wo-
leicht veränderten Pseudonym »Marie-So- ohne dass ein Mitglied ihrer realen Familie che hat der Stralsunder Oberbürgermeister
phie Roznblatt« auf. Man habe keinen An- intervenierte? Nahm womöglich niemand das Auswärtige Amt in Berlin auf die
lass gehabt, »an der Glaubwürdigkeit der ihre Fake-Existenz zur Kenntnis, weil man »Falschdarstellung« in den Opferbögen hin-
Geschichte zu zweifeln«, teilt Deutschland- ihre Spuren im Internet nicht verfolgte oder gewiesen und darum gebeten, die Gedenk-
radio nun mit. Das sei »im Nachhinhein verfolgen konnte? stätte Yad Vashem offiziell zu informieren.
möglicherweise zu nachlässig« gewesen. Im Blog taucht immer wieder eine Freun- Die Archivare in Jerusalem dürften erst
Irgendwann geriet das angebliche Auf- din »C.« auf, die ihr angeblich sogar einen mal mit Kopfschütteln reagieren: Da brin-
klärungsprojekt in Vergessenheit. Größere Kredit zur Anschaffung eines Röntgenge- gen die Deutschen schon sechs Millionen
öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr Hingst räts für ihre Slumklinik gegeben hat. Die Juden um. Und dann erfinden sie auch
erst wieder in diesem Frühjahr nach dem Bloggerin hatte im Merrion Hotel zwar jede noch 22 Opfer hinzu. Martin Doerry
Erscheinen ihres Buches »Kunstgeschichte Frage nach ihrer Familie unbeantwortet ge-

115
Kultur

roman. Sein Held und Icherzähler – der

Chaos statt Platonow heißt, wie ein weiterer großer


Autor, dessen Geschichten in der Sowjet-
union im Untergrund weitergereicht wur-

Diktatur den – sammelt im Schreiben auf, was vom


Leben übrig bleibt, und er stellt fest: Die
Erinnerung ist so unregierbar wie egozen-
trisch. Sie hält sich an Kleinigkeiten fest,
Literatur Der Petersburger Autor Jewgeni Wodolaskin an einem Duft, an einem Marienkäfer auf
einem Geschichtsbuch und an einem Ofen,
rekapituliert das düstere in dem man Flugblätter verfeuerte. Was
sowjetische Jahrhundert in einem Liebesroman. darauf stand, »ist vollkommen aus mei-
nem Gedächtnis verschwunden«. Geblie-
ben ist, neben den Impressionen, vor al-

D as Puschkin-Haus in Sankt Peters-


burg liegt auf der Wassiljewski-In-
sel, umgeben von den trägen Armen
der Newa. Es ist kein Palast, sondern ein
schildert haben, die meisten von ihnen
bedroht und im Verborgenen. Durch sie
ist all das präsent, was »Luftgänger« in
An- und Aufrissen skizziert – die Zwangs-
lem ein Gefühl: die Liebe zu Anastassija,
seiner Nachbarin in der Zwangswohn-
gemeinschaft, in Russland Kommunalka
genannt.
ehemaliges Zollhaus, ein säulengesäumter belegung großer Wohnungen mit jeweils Dieser Liebe ist allerdings kein Glück
Kuppelbau, in dessen Nachbarschaft ein einer Familie pro Zimmer, die Zeiten des beschieden, Platonow wird verhaftet und
Fitnessstudio und ein Restaurant einen Hungers und des Schwarzhandels, die landet auf dem Solowski-Archipel, dem
mutlosen Eindruck machen. Die Touris- nächtlichen Verhöre und die Folter, um berüchtigten Gulag im Weißen Meer, wo
tenpfade zwischen Eremitage und Fabergé- »Geständnisse« zu erzwingen, die Prei- er sich als Versuchsobjekt der Wissenschaft
Museum verlaufen auf der gegenüberlie- sgabe der Verbannten an Sadisten und Kri- »einfrieren« lässt – was historisch nichts
genden Seite der Stadt. minelle. weiter ist als ein Gedankenspiel, das
Wer hierherkommt, kann sich in den Doch »Luftgänger« ist keine Chronik Wodolaskin allerdings mit ironischer Ge-
sanftgrün tapezierten Sälen mit den Prezio- einer Epoche, sondern ein Gedächtnis- nauigkeit entwickelt. Für den Helden sei-
sen von Tolstoi und Turgenjew, nes Romans ist dies lediglich
Dostojewski und Gogol, Tsche- ein vergleichsweise gnädiger
chow und natürlich Puschkin Tod, denn wer sich dazu bereit
befassen, die in den Vitrinen lie- erklärt, der wird, statt irgend-
gen. Er kann hier im Archiv wann an Entkräftung zugrun-
auch philologische Forschung de zu gehen, von jeglicher Ar-
betreiben, wie es der Schriftstel- beit freigestellt, gut ernährt
ler Jewgeni Germanowitsch und schließlich mit einer Sprit-
Wodolaskin, 55, geboren in ze ins Jenseits befördert. In
Kiew, seit Jahrzehnten tut. Im seinem Falle allerdings nur
März erschien sein zweiter vermeintlich oder jedenfalls
Roman in deutscher Sprache; nicht endgültig.
in Russland ist »Luftgänger« Denn Platonow wacht in
längst ein Erfolg: das Erinne- einem Krankenhaus wieder
rungsbuch eines Mannes, der auf. Wie steht es um die So-
so alt ist wie das Jahrhundert. wjetunion, wohin bin ich
Ganna-Maria Braungardt hat zurückgekommen, will er wis-
es souverän in ein trockenes sen. Inzwischen, so lautet die
Deutsch gebracht, das sich zu Antwort, »wurde die Diktatur
den Schrecken, von denen es vom Chaos abgelöst. Es wird
berichtet, wie Löschpapier ver- gestohlen wie nie zuvor. An
hält; es bleiben Umrisse übrig, der Macht ist ein Mann, der zu
Flecken und Spuren, den Rest viel Alkohol trinkt.«
muss man sich denken. Es ist nicht schwer, diese
Und das kann man natür- Epoche zu positionieren. Sie
lich, vor allem in Russland, liegt fast 20 Jahre zurück; am
aber auch als deutscher Leser 31. Dezember 1999 übergab
von Alexander Solschenizyn Boris Jelzin, das erste gewähl-
oder Warlam Schalamow, von te russische Staatsoberhaupt,
Swetlana Alexijewitsch oder die Geschäfte an Wladimir Pu-
Iwan Bunin, von all diesen tin. Dessen Amtszeit ist schwe-
KSENIA IVANOVA / DER SPIEGEL

großartig übersetzten Autoren, rer zu charakterisieren, die Wi-


die den Barbarenkult der Bol- dersprüche sind andere: Seit
schewiki, die Schrecken der Jahren wird das Leben in Russ-
stalinistischen Lager und den land für die allermeisten be-
Alltag in der Sowjetunion ge- rechenbarer. Die Korruption
zieht sich dorthin zurück, wo
Jewgeni Wodolaskin: »Luftgänger«.
Aus dem Russischen von Ganna-Ma-
das ganz große Geld zu ma-
ria Braungardt. Aufbau; 430 Seiten; Schriftsteller Wodolaskin chen ist. Es gibt weniger Stress
24 Euro. »Jeder schämt sich für sich allein« und mehr Zufriedenheit im

116
Alltag – solange man sich nicht für Politik
interessiert. Wodolaskin interessiert sich
für Politik. Er nennt Ljudmila Ulitzkaja
eine Freundin. Diese Autorin, im Westen
bekannter als er, ist mit der Aktivistensze-
ne, den Protestierenden gegen die Auto-
kratie Putins in Moskau, eng verbunden.
Doch in Moskau gehen die Uhren an-
ders, das sagt Wodolaskin wie so viele Pe-
tersburger, in der Hauptstadt zittern die
Zeiger stärker und schlagen heftiger aus.
Und Wodolaskin ist kein Mann der De-
monstrationen mehr. Gegen den Versuch,
Gorbatschow zu stürzen, ging er 1991 auf

EASTBLOCKWORLD.COM
die Straße, auch schreibt er Kolumnen in
der unerschrocken regierungskritischen
»Nowaja Gaseta«. Als Schriftsteller aller-
dings nimmt er keinen politischen Auftrag
an. Der Adressat der Literatur ist für ihn
niemals die Gesellschaft, das Vaterland Solowski-Insel: Das Unverfügbare des Menschen
oder der Staat, es ist immer der Einzelne.
»Der Journalismus misst die Temperatur
der Gesellschaft«, so formuliert er seine dolaskins wie eine Hauptschlagader durch- prom, die Sperren für russische Sportler,
mediale Aufgabenteilung, »aber der zieht, pochend und bis zum Schluss ge- die Handelssanktionen: Da kann man sich
Schriftsteller stellt die Diagnose.« heimnisvoll. Ein Prolet aus der Kommu- schon sehr in die Ecke gedrängt fühlen.«
Sein Erzähler Platonow, der also gegen nalka wurde erschlagen; er war ein De- Darunter aber liege Enttäuschung. »Gor-
Ende der Jelzin-Ära in seiner Geburts- nunziant, doch ohne Überzeugung, ein batschow und Jelzin waren eindeutig pro-
stadt Sankt Petersburg erwacht, betrach- moralisch bewusstloses Individuum, ver- westlich, Putin ist angetreten als prowest-
tet die Gegenwart mit Bewunderung für ächtlich wie die alte Wucherin, die Raskol- licher Mensch, und Russland wollte nach
ihre Beherrschung der Technik, die nach- nikow erschlug. An der Aufklärung dieses Europa. Die Armee wurde aus Deutsch-
totalitäre Gesellschaft aber mit Befrem- Mordes hat, mehr als ein halbes Jahrhun- land abgezogen, ihr habt euch, Gott sei
den. Die Leute tanzen so, wie früher »im dert später und in einem anderen System, Dank, wiedervereinigt, der Warschauer
Laientheater Besessene dargestellt« wur- niemand mehr ein Interesse. Pakt war kaputt, und wir waren bereit. Da
den, und bei den Gesprächsrunden im »Jeder schämt sich für sich allein«, sagt hieß es, warten Sie doch erst mal draußen
Fernsehen fallen sich alle gereizt ins Wort. Wodolaskin im Gespräch, »aber es gibt im Gang …« Die Situation erscheint ihm
Es gibt Spielshows, da schickt man Leute fast niemanden ohne Schuld.« Sein wis- angespannter als im Kalten Krieg. Aber
auf eine Insel, um zu überleben. »Alle sind senschaftlicher Lehrer – und in manchem »ich spüre keine Aggressivität bei den Leu-
lustig, schlagfertig und, wie ich finde, vermutlich ein Vorbild für seinen Helden – ten. Es ist eher ein Nachdenken, wohin
ziemlich armselig. Offenbar gab es in war der berühmte Slawist Dmitri Licha- wir gehören und wie es weitergehen soll
ihrem Leben keine Insel, auf der sie über- tschow, geboren in Sankt Petersburg und mit Russland«.
leben mussten«, räsoniert der Entkomme- als junger Mann, wie Wodolaskins Plato- Das milde Grün der Wände ist inzwi-
ne der Solowski-Inseln. »Vermissen sie so now, Häftling auf den Solowski-Inseln. schen dunkler geworden. In der Vitrine
etwas vielleicht?« Der Gelehrte kam in den Dreißigerjah- blinkt der Verschluss von Dostojewskis ab-
Es fällt dem Überlebenden nicht leicht, ren zurück ins Puschkinhaus in die Stadt, gegriffener Börse. In der Mitte des 19. Jahr-
ins Leben zurückzufinden; die Erinnerung die nun Leningrad hieß, »in die schreck- hunderts war der Spezialist für extreme
an seine Kindheit vor der Revolution und lichsten Jahre der ganzen russischen Ge- menschliche Situationen politischer Häft-
an seine Lebensliebe ist süßer und stärker schichte«, auf dem Höhepunkt von Stalins ling in Sibirien. Auf einer Reise in die
als jede Annehmlichkeit der Gegenwart. Terrorregime. Zu dieser Zeit wurden hier Schweiz, viele Jahre später, infizierte er
Das Unverfügbare des Menschen, das bei den Versammlungen der Philologen sich mit der Spielsucht; in Baden-Baden
variiert dieser Roman immer wieder neu, Ausschlussverfahren betrieben, die fak- und Wiesbaden verlor er seine Ersparnisse
liegt in seinem persönlichen Erleben – in tisch Todesurteile bedeuteten. »Er hat mir beim Roulette. Danach erschien »Verbre-
dem das Kleine groß wird und das Große erzählt, wie er sich verhalten hat: Er ging chen und Strafe«, sein Protokoll einer
klein. »Ein historischer Blick macht jeden bei den Abstimmungen hinaus. Er wollte Schuld und der spirituellen Rettung durch
zur Geisel großer gesellschaftlicher Ereig- nicht die Hand heben. Mehr konnte er sich erbarmende Liebe und das Ritual der
nisse«, notiert Platonow in dem Tagebuch, nicht tun.« Beichte. Der Materialismus des Westens
das er auf Geheiß seines Arztes führt. »Ich Lichatschow starb 1999 hochbetagt in war Dostojewski, wie auch Tolstoi, immer
dagegen sehe die Dinge anders: genau um- seiner Stadt, die nun wieder Sankt Peters- ein Dorn im slawischen Auge. Inzwischen
gekehrt. Große Ereignisse entstehen in je- burg hieß, geehrt und anerkannt. Ein ka- ist er in Russland angekommen; mit seinen
dem einzelnen Individuum. Vor allem gro- puttes, ein mühsam geflicktes, ein un- Coffeeshops, seinen Fast-Food-Restau-
ße Erschütterungen.« ausweichlich schuldhaftes Leben? »Wir rants und seiner universellen Mode hat er
Es ist die berühmte russische Seele, die können einen Menschen nur in seinem na- eine Benutzeroberfläche der Welt geschaf-
hier beharrlich beschworen wird. Ein deut- türlichen Zustand beurteilen«, sagt Wodo- fen, die viele Unterschiede der Mentalität
licher Hinweis auf Fjodor Dostojewski und laskin. »In gewalttätigen Systemen kann scheinbar abschleift.
seinen Helden Raskolnikow, der in »Ver- fast jeder menschliche Züge verlieren.« In einem Roman wie »Luftgänger«
brechen und Strafe« die Gewissenstortur Wodolaskin reist häufig durch das Land. kann man sie allerdings noch einmal er-
eines Mörders erlebt, findet sich in einer Gegenwärtig bemerkt er eine gewisse Ge- fahren. Elke Schmitter
Totschlagsgeschichte, die den Roman Wo- reiztheit. »Das Misstrauen wegen Gaz-

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 117


Kultur

Todesstich
nigten Staaten geschafft haben. Auch sie Keine von Lieferwagen verstopften Innen-
sollten Ziele treffen, die zu weit entfernt städte mehr, keine gehetzten, unterbezahl-
waren, um sie auf andere Art angreifen zu ten Boten mehr, alles kommt sauber und
können. sanft aus der Luft. Auch um den Zusam-
Ausstellungen Das Zeppelin Die moderne Kampfdrohne hingegen menhang zwischen dem Drohnenboom
soll vor allem Risiken minimieren. Jets und der Entwicklung künstlicher Intelli-
Museum zeigt in der können abgeschossen werden, die Piloten genz geht es in der Ausstellung. Darum,
Schau »Game of Drones«, wie dabei sterben oder in Gefangenschaft wie viel Autonomie die Menschen den Ma-
Drohnen die Welt verändern. geraten. In westlichen Ländern wendet schinen einzuräumen bereit sind. Und wie-
kaum etwas die Stimmung der Bevölke- weit sie willens sind, sich selbst wegzu-
rationalisieren. Denn Drohnen

S ie heißen »Rabe«, »Ad-


ler« oder »Falke«. Die
Drohnen, mit denen mo-
derne Kriege geführt werden,
werden immer mehr Aufgaben
übernehmen, die heute noch
Menschen erledigen.
Der Superheldenfilm »Cap-
haben scharfe Augen. Viele von tain America: The Winter Sol-
ihnen können jederzeit aus hei- dier« entwirft das Schreckens-
terem Himmel zuschlagen. Oft szenario einer riesigen Drohne,
sind sie selbst kaum zu sehen – die ganze Landstriche über-
wohl aber zu hören. wacht, Terroristen anhand ihrer
»Game of Drones. Von unbe- Verhaltensmuster identifizieren
mannten Flugobjekten« heißt soll und sie selbstständig töten
eine Ausstellung, die am 7. Juni kann.

JAMES BRIDLE / BOOKTWO.ORG


im Friedrichshafener Zeppelin Tatsächlich hat das US-Mili-
Museum eröffnet wird. Der por- tär bereits Schwärme von Mi-
tugiesische Komponist Gonçalo nidrohnen getestet, die von
F. Cardoso und der niederländi- einem bemannten Flugzeug aus
sche Designer Ruben Pater ha- abgesetzt werden können. Die
ben für die Schau ein Tonarchiv amerikanische Künstlerin Mar-
geschaffen, das die Klänge von tha Rosler deutet in ihrer Instal-
17 verschiedenen Drohnen- lation »Theater of Drones« an,
typen erfasst. Man kann die wie die Miniaturisierung der
Sounds der Drohnen per Knopf- Technik voranschreitet. Mögli-
druck abrufen wie bei der Vo- cherweise gibt es irgendwann
gelstimmenerkennung. Es gibt Drohnen, die so groß wie Mü-
Weltgegenden, wo von dieser cken sind, deren Stich aber
Unterscheidung abhängt, ob tödlich ist.
das fliegende Objekt den Tod Die Asymmetrie moderner
bringt oder Leben rettet. Kriege besteht auch darin, dass
Die Ausstellung »Game of Drohnen von oben alles sehen
Drones« umkreist ihren Gegen- können, aber von unten kaum
stand von allen Seiten, mit zu erkennen sind. Wobei der
einem Drohnenblick: Sie zeigt Künstler Adam Harvey für die
ihn als Waffe, als Spielzeug, als Ausstellung Kleidung entwor-
fliegendes Auge, das helfen fen hat, die davor schützt, von
kann, Umweltverschmutzun- den Infrarotkameras der Droh-
ADAM HARVEY

gen zu erkennen, oder als Über- nen erfasst zu werden.


wachungsinstrument, das in Unklar bleibt, wer zukünftig
jeden Winkel unseres Lebens die Lufthoheit hat. In seiner
eindringen kann. In Ruanda Kunstwerk »Drone Shadow«, Schutzkluft gegen Infrarotkameras Videoinstallation »Drones and
fliegen Transportdrohnen mit Sehen und nicht gesehen werden Drums« zeigt der Chilene Igna-
Blutkonserven in entlegene Ge- cio Acosta, wie sich Angehörige
biete des Landes. Im australischen Can- rung so schnell gegen einen Krieg wie der des Volkes der Samen im nordschwedi-
berra liefert ein Tochterunternehmen von Tod eigener Soldaten. schen Jokkmokk gegen ein Bergbaupro-
Google Pizzen per Drohne aus. Drohnen werden nicht müde, haben jekt zu Wehr setzen, indem sie mit Luft-
Es ist der Anfang einer technischen Re- kein Gewissen und keine moralischen Skru- aufnahmen nachweisen, welche Auswir-
volution, der hier skizziert wird. Sie wird pel. In der Friedrichshafener Ausstellung kungen es für die Umwelt hat.
sich noch enorm beschleunigen und könn- hängt eine israelische »Harop«-Drohne, Drohnen demokratisieren den Blick
te unsere Gesellschaft nachhaltiger ver- die ihr Ziel ansteuert wie ein Kamikaze- von oben auf die Welt. In den USA nutz-
ändern, als es das Auto getan hat. flieger und sich beim Angriff selbst zerstört. ten Ureinwohner, durch deren Gebiet eine
Schon 1849 setzten österreichische Sie passt zu einem Krieg, bei dem man es Pipeline gebaut wurde, die Technologie,
Truppen bei der Belagerung Venedigs Bal- auf der Gegenseite mit Selbstmordattentä- um ihre Demonstrationen und eventuelle
lons ein, die mit Sprengsätzen bestückt tern zu tun hat. Übergriffe der Polizei zu dokumentieren.
waren. Im Zweiten Weltkrieg ließ die ja- Aber auch die zivile Welt könnte im Bevor die Drohnen abhoben, wurden sie
panische Armee etwa 9000 Ballons auf- Drohnenzeitalter grundlegend anders aus- gesegnet – wie spirituelle Vögel.
steigen, die Bomben trugen. 300 davon sehen. Die Drohne wird als die Lösung vie- Lars-Olav Beier
sollen es über den Pazifik bis in die Verei- ler Probleme des Onlinehandels gepriesen.

118 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


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Kultur

nen geredet habe. Die wuchtigen Brillen-

Alles muss raus


gläser vor seinen Augen können einen täu-
schen, sie lassen ein Gegenüber vielleicht
denken, dass jemand, der eine Sehhilfe
trägt, ganz gut sehen kann.
Kunstmarkt Johann König ist einer der wichtigsten Galeristen Vielleicht habe er das Buch auch schrei-
ben wollen, sagt er, weil er sich die ver-
Deutschlands – und fast blind. Mit gerade gangenen 25 Jahre vor allem abgelenkt
mal 37 Jahren veröffentlicht er nun seine Biografie. habe und der Unfall jetzt erst so richtig
bei ihm angekommen sei.
Der Unfall geschah, als er zwölf Jahre

B erlin, ein hoher Galerieraum, unten


Mitarbeiter vor Monitoren. Oben,
an einer der Innenwände, ist ein Bal-
kon installiert, darauf ein junger Typ in
über seine beruflichen Erfolge veröffent-
licht er nun eine Biografie mit dem Titel
»Blinder Galerist«*. Das Buch ist in Zusam-
menarbeit mit dem Autor Daniel Schreiber
alt war. Damals hantierte er in seinem
Zimmer mit kleinen, vom üblichen Styro-
por befreiten Munitionskügelchen, wie sie
eigentlich für Startschusspistolen verwen-
Nylonhose, der muskulöse Oberkörper entstanden, es ist erstaunlich unverstellt. det werden. Jungskram. Er wollte sie von
nackt. Es ist eine Skulptur, sie besteht Vieles scheint, erst einmal, nicht zu- einem Behältnis in ein anderes umsortie-
hauptsächlich aus Stahl und Aluminium, sammenzupassen, die Beschreibung eines ren, wollte Platz schaffen für seine neuen
natürlich ist sie regungslos, und doch Traumas, die Schilderung einer Kunstwelt, Baseball-Sammelkarten. Die Tür hatte er
scheint ihr Blick keine Ruhe zu geben. die »auf Exzess aufgebaut ist«, in der wilde abgeschlossen, und er weiß selbst nicht
Das Werk heißt »Der Beobachter«, aber Partys und andere Übertreibungen zele- mehr, wie er sie später mit seinen zerfetz-
der Kerl beobachtet einen nicht nur, er briert werden. Doch in der Gesamtheit ten Händen öffnete.
guckt auf einen herab, herablassend gera- ergibt das alles Sinn, denn es gehört zum Der Schock nach der Explosion, die
dezu. Wie eine Personifikation des Schick- Leben dieses Mannes. seine Hände, sein Gesicht und vor allem
sals, das ja auch überheblich ist. In diesem Nur warum schreibt einer schon mit seine Augen stark verletzte, hat die Erin-
Raum, in diesem Zusammenhang, wirkt 37 seine Biografie? nerung an viele Momente ausgelöscht, er
dieses Stück Kunst wie ein sehr persönli- Lange genug, so sagt König bei einem schrie, »wenn ich blind bin, bringe ich
ches Statement. Gespräch in seiner Galerie, habe er den mich um«.
Die Galerie gehört Johann König. Seit Eindruck erweckt, als hätte er kein Pro- »Das ganze Kinderzimmer muss voller
einem Unfall in seiner Kindheit kann er blem, als wäre alles in bester Ordnung, Blut gewesen sein«, seine Kindheit sei an
kaum etwas sehen. Trotzdem wurde er »was aber absurd war«. diesem Tag im Februar zu Ende gewesen,
einer der bekanntesten Galeristen des Lan- Vielen in der Kunstbranche sei nicht heißt es im Buch. Die erste Genesung soll-
des, hat sich international einen Namen klar gewesen, wie ausgeprägt seine Seh- te zwei Jahre dauern, und es würden wei-
gemacht, unterhält eine Dependance in behinderung wirklich sei, meint er. Dann tere Jahre vergehen, »bis ich nach mehre-
London. scherzt er und sagt, eine Mitarbeiterin ren Operationen auf meinem linken Auge
Über all das, über seine ewige Hilflosig- habe ihn gewarnt, dass etliche Leute nun- wieder einige Prozent sehen konnte und
keit, die ihn, wie er sagt, oft an den Rand darüber spekulieren würden, ob er sie es mithilfe einer Brillenstärke von 16 Di-
des Lächerlichseins bringe, aber ebenso überhaupt erkannt habe, wenn er mit ih- optrien in die verschwommene Welt der
Sehbehinderten schaffte«.
Derzeit, sagt er, komme er auf eine Seh-
fähigkeit von etwa 25 bis 30 Prozent, die
oft extremen Schwankungen machten ihm
am meisten zu schaffen. Die Furcht vor
völliger Erblindung bleibt, und er habe
nie gelernt, »irgendwie mit ihr umzu-
gehen«.
Im Buch und im Gespräch schildert er,
was ihm ständig widerfährt: wie er sich
verläuft, Leute nicht erkennt, Dinge um-
stößt. Irgendwann ist er beim Umsteigen
am Frankfurter Hauptbahnhof in ein
Gleisbett gefallen. Aber er beschreibt
eben auch, wie er sich trotz aller Rück-
schritte behauptet hat.
König verbrachte einige Jahre seiner
Jugend auf einem Internat in Marburg,
einer Blindenstudienanstalt. Noch bevor
er dort das Abitur bestand, hatte er eine
MUSTAFAH ABDULAZIZ / DER SPIEGEL

Galerie in Berlin eröffnet. Er sagt, er sei


»total privilegiert« gewesen, weil er mit
Kunst und Künstlern aufgewachsen sei.
Der Maler Gerhard Richter war der Trau-
zeuge seiner Eltern, mit der Familie des
Konzeptkünstlers On Kawara wurden

* Johann König, Daniel Schreiber: »Blinder Galerist«.


Werk »Der Beobachter« von Elmgreen & Dragset: Bild des Schicksals Propyläen; 168 Seiten; 24 Euro. Erscheint am 14. Juni.

120 DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019


Leuten wie Neo Rauch – einer der Stars
des Galeristen Gerd Harry Lybke. Dann
trennten sich die beiden, Lybke freut sich,
dass Weischer anderweitig untergekom-
men ist.
Über König sagt er, der »ist als Galerist
genauso hungrig wie ich«. Viele würden
Königs ausgeprägtes unternehmerisches
Denken, seine Liebe zur PR kritisieren; er,
Lybke, aber beobachte ihn mit »Aufmerk-
samkeit und Freude«.
König ist sich sicher, er habe sich durch
seine Einschränkung eine Hartnäckigkeit
angeeignet, wenn er in diesem Beruf
verwegene Ideen entwickeln und sie auch
umsetzen wolle.
Vor ein paar Jahren suchte er einen neu-
en Standort und fand im weniger begehr-
ten Teil von Kreuzberg eine aufgegebene
katholische Kirche. Sie stammt aus der
Nachkriegszeit, er hat sie umbauen lassen,
aber das Kirchenhafte samt Glockenturm
beibehalten.
Das Innere strahlt, wenn es so etwas ge-
ben kann, eine warme Betonseligkeit aus.
Das Haus erwies sich als Verstärker seines
Erfolgs, er sagt, hier werde Kunst weniger
gesehen und eher erlebt – und dann auch
gekauft.
Einen Teil des Gebäudes bewohnt er
selbst mit seiner Patchworkfamilie, er ist
früh Vater geworden, mit Anfang zwanzig.
Mittlerweile hat er vier Kinder, im Skulp-
turengarten hinter der Galerie wurde Platz
geschaffen für einen Sandkasten. Er will
jenen alten Mythos ein wenig zerstören,
demzufolge ein Galerist eine unnahbare,
fast unsichtbare, irgendwie höhere Instanz
MUSTAFAH ABDULAZIZ / DER SPIEGEL

ist. Zugleich gilt seine Galerie als Beispiel


für das »über-coole« Berlin, wie es in der
»New York Times« hieß.
So steht er einerseits für eine neue anti-
elitäre, antiarrogante Haltung der Kunst
gegenüber. Andererseits dreht sich in der
Kunstwelt nun einmal viel um Geld, um
Namen. Wenn König und seine Frau Lena
Händler König: »Ich habe mir Druck gemacht, Gas gegeben« zu einem Essen in ihre Galerie einladen,
dann kommen alle, die Sammler, Kunst-
kritiker und selbst deren oberste Bosse,
Urlaube verbracht, eine der legendären oder daran, dass es da mehr ums Verste- die Verleger.
Brillo-Boxen von Andy Warhol diente als hen als ums Sehen gehe, mehr um Erkennt- Jede Behinderung ist seiner Meinung
Fernsehtisch. nis als ums Erkennen. Dabei hatte er am nach eine »Kategorie sozialer Ungleich-
Sein Vater Kasper König lehrte als Pro- Anfang Angst, »man würde mich nicht heit«. Er sagt, er habe selbst lernen müs-
fessor, wurde Akademiedirektor, dann ernst nehmen, mich auslachen, ich habe sen, seine Andersartigkeit anzuerkennen,
Museumschef, er ist noch immer einer mir Druck gemacht, Gas gegeben«. Gas sie zu umarmen und daraus auch eine
der bekanntesten Ausstellungsmacher der gibt er bis heute, inzwischen hat er auch »Qualität zu schöpfen«. Vielleicht werfen
Welt. Eine Zeit lang sah es so aus, als wür- Malerei im Programm. ihm jetzt einige wieder Selbstvermarktung
de Johann Königs älterer Halbbruder Leo Vor ein paar Jahren wechselte der Ma- vor. Er aber hat eher die Sorge, dass in
die nächste Berühmtheit dieser Familie, ler Norbert Bisky zu ihm, seine Bilder seinem Buch nicht herauskommt, »dass
sehr jung eröffnete er in den USA eine sind sehr gefragt, und für seine ehemalige ich nonstop arbeite«.
Galerie. Das hat den Jüngeren angespornt. Galerie muss sein Weggang ein echter Manche Menschen haben sehr genaue
Nun ist er vor allem derjenige, über den Verlust gewesen sein. Bisky sagt, König Vorstellungen davon, wie ihre Mitmen-
geredet wird. habe »Chuzpe und Energie«, er sei einer, schen zu leben, wie sie sich zu benehmen
Zuerst habe er sich als Galerist auf Kon- »der nicht nur redet, sondern auch haben.
zeptkunst konzentriert, und er weiß selbst macht«. Königs Buch sagt so viel wie: Haltet
nicht, ob das daran gelegen habe, dass er Matthias Weischer ist ein anderer von euch nicht daran. Ulrike Knöfel
mit dieser Art Kunst aufgewachsen sei, Königs Malern. Früher war er – neben

121
IN DER SPIEGEL-APP

Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control);
nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

Belletristik Sachbuch

1 (19) Donna Leon Ein Sohn ist 1 (1) Bas Kast Der Ernährungskompass
uns gegeben Diogenes; 24 Euro C. Bertelsmann; 20 Euro

2 (1) Ferdinand von Schirach 2 (–) Michael Winterhoff


Kaffee und Zigaretten Luchterhand; 20 Euro Deutschland verdummt
Gütersloher Verlagshaus; 20 Euro
3 (–) Ian McEwan
Maschinen wie ich 3 (5) Meike Winnemuth
Bin im Garten Penguin; 22 Euro
Diogenes; 25 Euro
4 (4) Michelle Obama
Ein Roboter namens Adam
Becoming Goldmann; 26 Euro
steht im Mittelpunkt
des Romans, in dem es um 5 (2) Harald Jähner
künstliche Intelligenz, Wolfszeit Rowohlt Berlin; 26 Euro
aber viel mehr noch um
menschliche Moral geht. 6 (6) Stephen Hawking Kurze Antworten
auf große Fragen Klett-Cotta; 20 Euro

4 (4) Dörte Hansen 7 (3) Jürgen Todenhöfer


Mittagsstunde Penguin; 22 Euro Die große Heuchelei Propyläen; 19,99 Euro

5 (2) Martin Walker 8 (7) Greta Thunberg / Svante Thunberg /


Menu surprise Diogenes; 24 Euro Malena Ernman / Beata Ernman
Szenen aus dem Herzen S. Fischer; 18 Euro
6 (3) Simon Beckett
ANN ESSWEIN

Die ewigen Toten Wunderlich; 22,95 Euro 9 (9) Sebastian Fitzek Fische, die auf
Bäume klettern Droemer; 18 Euro
7 (5) Axel Milberg
Düsternbrook 10 (8) Marcel Eris / Dennis Sand
Piper; 22 Euro
MontanaBlack Riva; 19,99 Euro

8 (7) Saša Stanišić 11 (10) Andreas Michalsen


Herkunft Luchterhand; 22 Euro Mit Ernährung heilen Insel; 24,95 Euro

9 (9) Daniela Krien 12 (11) Andrea Wulf Die Abenteuer des


Krankes Wasser Die Liebe im Ernstfall Diogenes; 22 Euro Alexander von Humboldt
C. Bertelsmann; 28 Euro
10 (6) Sibylle Berg
Die Menschen hier nennen ihn Groß- GRM Kiepenheuer & Witsch; 25 Euro 13 (–) Jürgen Kaube Ist die Schule zu blöd
mütterchen, für die indigenen Maya für unsere Kinder?
hat er einen Vor- und Nachnamen: 11 (8) Walter Moers Rowohlt Berlin; 22 Euro
Cristalina Atitlán. Der Atitlánsee liegt Der Bücherdrache Penguin; 20 Euro

mitten in Guatemala, für Hundert- 12 (–) Martha Grimes Inspektor Jury und Die klare Antwort auf die
tausende Menschen ist er die einzige der Weg des Mörders Goldmann; 20 Euro Titelfrage lautet: Ja! Doch
Frischwasserquelle. Doch seit Jahr- der Autor beschränkt sich
13 (10) Anne Frank nicht aufs Lamentieren,
zehnten leiten sie ihre Abwässer sondern stellt Forderungen.
Liebe Kitty Secession; 18 Euro
hinein. Pestizide, Algen – der Atitlán
droht zu kippen. Nun will eine Organi- 14 (12) Leïla Slimani All das 14 (12) Lucas Vogelsang / Joachim Król
sation den See retten und plant die zu verlieren Luchterhand; 22 Euro Was wollen die denn hier?
größte Kläranlage Mittelamerikas. Rowohlt; 20 Euro
15 (17) Alina Bronsky Der Zopf meiner
Warum ist die Bevölkerung dagegen? Großmutter Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro 15 (16) Theo Waigel Ehrlichkeit ist
eine Währung Econ; 24 Euro
Sehen Sie die Visual Story im digitalen 16 (15) John Ironmonger Der Wal und
das Ende der Welt S. Fischer; 22 Euro
16 (13) Yuval Noah Harari 21 Lektionen für
SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code. das 21. Jahrhundert C. H. Beck; 24,95 Euro
17 (11) Joël Dicker Das Verschwinden
17 (15) Anne Fleck
der Stephanie Mailer Piper; 25 Euro
Ran an das Fett Wunderlich; 24,99 Euro

18 (18) Nele Neuhaus 18 (18) Dieter Nuhr


Muttertag Ullstein; 22 Euro Gut für dich! Lübbe; 15 Euro

19 (13) Sebastian Fitzek 19 (20) Harald Welzer Alles könnte


Der Insasse Droemer; 22,99 Euro anders sein S. Fischer; 22 Euro

20 (14) Carmen Korn 20 (19) Ian Kershaw


JETZT DIGITAL LESEN Zeitenwende Kindler; 19,95 Euro Achterbahn DVA; 38 Euro

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Kultur

miss, eine unauffällige Bürokratie, der halbwegs funktionie-

Lebenslügen der rende Alltag – sich einer auf »personal stories« und Sensa-
tionen trainierten Öffentlichkeit nicht mehr vermitteln lässt?
Und was wird aus den gebildeten Ständen, wenn selbst die

gebildeten Stände Eltern der YouTuber-Generation beim zweiten Glas Rotwein


zugeben, längst lieber Serien zu gucken, als die Zeitung oder
einen Roman zu lesen?
Offenbar war es das Anliegen des Regisseurs, die Lebens-
Filmkritik Juliette Binoche und charmante lügen der tonangebenden Schichten zu enthüllen: Diese Leute
Kollegen trödeln und plaudern sind verheiratet, aber sie gehen fremd; sie zehren von intel-
sich durch »Zwischen den Zeilen«. lektuellen und moralischen Ressourcen, die sie weder nach-
füllen noch erneuern. Ihre Altbauwohnungen sind Kulissen
Kinostart: 6. Juni einer absterbenden Kultur, und sie selbst sind voller Un-
sicherheit und Angst, bereits überflüssig zu sein. In ihren

F ranzösische Filme haben beim deutschen Publikum den


Ruf charmanter Unerschrockenheit. Sie greifen, wie
»Ziemlich beste Freunde«, Klassenschranken und tragi-
sche Schicksale auf, ohne in Melancholie zu versinken. Sie
Unternehmen belegen die Digital Natives bereits strategisch
wichtige Plätze, und weil die Älteren nicht wissen, was sie
mit den Jüngeren anfangen können, behandeln sie diese wie
eine Bedrohung: Jetzt mögen es nur analphabetische Kinder
erzählen anschaulich und versöhnlich vom Generationen- sein, aber morgen können sie uns schon enthaupten!
konflikt wie »Frühstück bei Monsieur Henri«. Oder
sie thematisieren die Vorurteile aller gegen alle ohne
republikanischen Selbsthass wie die Komödien um
den bourgeoisen Provinzpatriarchen »Monsieur
Claude«. Wer sich einen Film aus Frankreich an-
schaut, erwartet nicht nur historische Gemäuer, ge-
pflegte Landschaften und Menschen mit unange-
strengtem Chic, sondern auch das angenehme Gefühl
beim Verlassen des Kinos, man habe die aktuellen
Gesellschaftsprobleme im Blick und allen Grund zur
Beruhigung. Es wird schon nicht so schlimm kom-
men, am Ende sind wir alle selbstverliebte, aber
harmlose Betrüger, und eine Pâté mit einem Bor-
deaux hilft über jede soziale Flaute hinweg.
Insofern hat Olivier Assayas, als Regisseur zuletzt
für »Personal Shopper« in Cannes ausgezeichnet
und eine anerkannte Größe des frankofonen Films,
alles richtig gemacht: In »Zwischen den Zeilen«
bewegen sich namhafte Darsteller in atmosphärisch
perfekten Kulissen; man plaudert in Pariser Bistros,
deren Geruch nach altem Holz und frischen Frites

ALAMODE FILM
der Zuschauer einzuatmen meint. Und man ist auch
beim obligaten Ausflug in das noble, beneidenswert
gastliche Haus auf dem Lande dabei, in dem das
Kaminfeuer brennt und in dessen Park sich unter Darstellerin Binoche: Du gehst wieder fremd?
mächtigen Bäumen vertraulich parlieren lässt. Nach
gemeinsam verbrachten Nächten erwachen die Frau-
en in elfenhafter Frische und die jeweiligen Geliebten erotisch All dies hätte Witz und würde womöglich sogar Erkennt-
oder wenigstens geistig animiert, und wenn ein Kind die Sze- nisgewinn bringen, wenn irgendeiner dieser Konflikte anders
ne unerwartet stört, wird es mit liebevollem elterlichem Witz durchgespielt würde als ein gesprochener Leitartikel – und
unfallfrei wieder ins Bett oder zum Kindermädchen expediert. wenn irgendeines dieser menschlichen Klischees, die Assayas
Anmut und lässige Schönheit dominieren die Bilder, und bei da vor die gütige Kamera bringt, in einem Moment von Freu-
jedem der zahlreichen Essen unter Freunden nähme man de oder Verzweiflung zu leben begänne. So aber gähnen wir
gern auf einem der komfortablen Sessel Platz. uns höflich verdrossen durch Ehegespräche, die so quälend
Gleichwohl fühlen sich diese gut hundert Film- sind wie erwartbar: Es gibt also wirklich eine Gelieb-
minuten bald wie eine Abendeinladung an, bei der te, und es ist tatsächlich vorbei? Und du bist nun end-
man auf einen dringenden Anruf hofft, der einen lich schwanger geworden, und das macht mich sagen-
wieder nach Hause bringt – und sei es in eine unauf- haft glücklich? Und in drei Jahren sehen wir einen
geräumte Küche mit quengeligen Vierlingen. Das hat Fortsetzungsfilm, und du gehst wieder fremd?
nichts damit zu tun, dass die besprochenen Themen Es ist gerade viel los in Frankreich. Noch mischen
nicht interessant oder sogar wichtig wären: In »Zwi- Video die Gelbwesten den traditionellen Zentralismus auf,
schen den Zeilen« geht es um einen Schriftsteller Ausschnitte an der Côte d’Azur verdüstert hochgerüstete Polizei
(Vincent Macaigne), der die neue Verlagswelt und aus das touristische Bild, in den Banlieues riecht es nach
die Art, wie ein Verleger (Guillaume Canet) heute »Zwischen Bürgerkrieg. Das Freundlichste, was man über diesen
den Zeilen«
Bestseller macht, nicht mehr versteht. Eine Geschich- Film sagen kann: Er nimmt keine Notiz davon, und
te, die Chiffre für den großen sozialen und medialen spiegel.de/ er schlägt keinen Profit daraus. Er schwebt über der
sp232019film
Wandel ist, in dem wir leben. Was wird aus der Poli- oder in der App Realität wie ein Schlager, der ein Chanson sein will.
tik, wenn das Wesen der Demokratie – der Kompro- DER SPIEGEL Elke Schmitter

DER SPIEGEL Nr. 23 / 1. 6. 2019 123


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