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Kultur

Peter Sloterdijk
63, ist Philosoph und Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2002 moderiert er
das „Philosophische Quartett“ im ZDF, zusammen mit Rüdiger Safranski. Zu Sloterdijks bekanntesten Veröffent-
lichungen gehören: „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), „Regeln für den Menschenpark“ (1999) und „Du
mußt dein Leben ändern“ (2009). In diesem SPIEGEL-Essay beschäftigt er sich mit dem bürgerlichen Auf-
begehren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21 und der wachsenden Entfremdung zwischen Politik und Volk.

D E BAT T E

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��� �� � A� ����� ����� ��� B����� � � D���� ��� � ��
V�� P�� �� S��� ������

W
ann immer Politiker und Politologen sich über den Sozialstaat unseres Landes zu kritisieren, auf den Gedanken
Zustand einer modernen res publica Gedanken verfiel, die heutigen Verhältnisse mit den Niederungen der
machen, drängen Reminiszenzen an das alte Rom römischen Dekadenz zu vergleichen. Welche Vorstellungen er
sich auf. Das widerfuhr auch jüngst dem glücklosen deutschen hiermit verband, konnte nie genau ermittelt werden. Vielleicht
Außenminister, als er, um den in seinen Augen allzu üppigen waren dem Gast an der Spitze des Auswärtigen Amts vage
WERNER SCHUERING (O.); BRIDGEMANART.COM (L.); KUGLER / DAVIDS (R.)

„Tod der Lucretia“, Gemälde von Jérôme Preud’homme, 1784


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Erinnerungen an das System des kaiserzeitlichen Plebs- mend in Formalien verstrickte, setzte sich auf der Seite der
Managements durch Gladiatorenspiele in den Sinn gekommen, Unterhaltung – namentlich in den Arenen rund um das Mittel-
möglicherweise dachte er auch an die obligatorischen Getrei- meer und bei den Festen der metropolitanen Oberschicht – der
despenden für die arbeitslosen Massen der antiken Metropole. Trend zur Verrohung und Enthemmung durch. Das Miteinander
Beides wären Nachklänge des hastigen Geschichtsunterrichts, von Verwaltungsstaat und Unterhaltungsstaat antwortete auf
den die meisten deutschen Gymnasiasten des Jahrgangs 1961 einen Weltzustand, in dem die Machtausübung nur noch durch
(Westerwelle u. a.) genossen. Sie enthalten nichts, was zu die weitgehende Entpolitisierung der Reichspopulationen ge-
Besorgnis Anlass gäbe. sichert werden konnte.
Der Hinweis auf die römische Dekadenz im Mund eines deut- Das Spiel mit römischen Reminiszenzen rührt früher oder
schen Politikers aber war nicht nur ein Symptom von standes- später an gefährliche Materie. Wer Rom erwähnt, sagt zugleich
gemäßer Halbbildung. Er war auch nicht bloß ein Symptom res publica, und wer von dieser spricht, sollte nicht versäumen,
von verbalem Draufgängertum, das bei einer gewissen Klientel nach dem Geheimnis ihrer Anfänge zu fragen. Mochten auch
Eindruck machen sollte. Er enthielt eine Reihe von gefährlichen die Caesaren ihre Dekrete nach wie vor mit der geheiligten
Implikationen, denen der Redner ohne Zweifel ausgewichen Formel „Senat und Volk von Rom“ (SPQR) absegnen – es stand
wäre, hätte er sie sich bewusst gemacht. doch fest, dass beide Instanzen so gut wie völlig entmachtet
Das römische Brot-und-Spiele-System war ja nicht weniger waren.
gewesen als die erste Ausgestaltung dessen, was man seit dem Die „öffentliche Sache“ Alteuropas begann mit einem be-
20. Jahrhundert als „Massenkultur“ bezeichnet. Es symboli- denkenswerten Affektsturm: Der Sohn des letzten römisch-
sierte die Wende von der gravitätischen Senatorenrepublik etruskischen Königs, Tarquinius Superbus junior, war auf die
zum postrepublikanischen Theaterstaat mit einem kaiserlichen Reize einer jungen römischen Matrone namens Lucretia auf-
Mimen im Zentrum. Dieser Übergang war unausweichlich ge- merksam geworden, nachdem er durch die Prahlereien ihres
worden, seit das römische Imperium nach seiner Konversion Gatten Collatinus von deren Schönheit und Sittsamkeit erfahren
zur caesarischen Monarchie mehr und mehr auf die Eliminie- hatte. Offensichtlich wollte er nicht hinnehmen, dass ein Un-
rung von Senat und Volk aus der Regelung der öffentlichen tergebener erotisch glücklicher sein sollte als er selbst. Der
Angelegenheiten zusteuerte. In dieser Sicht war die römische Rest ist dank Livius Weltgeschichte und dank Shakespeare
Dekadenz nichts anderes als die Kehrseite der politischen Bür- Weltliteratur: Der junge Tarquinius dringt in Lucretias Wohnung
gerausschaltung: Während die Reichsverwaltung sich zuneh- ein und nötigt sie durch eine Erpressung, in ihre Vergewaltigung

Polizei-Einsatz gegen G-8-Gegner in Rostock 2007


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einzuwilligen. Nach ihrer Entehrung ruft die junge Frau ihre implicite zu der Auffassung oder der Befürchtung, dass auch
Verwandten zusammen, berichtet ihnen von den Vorfällen und auf die moderne Republik – wie sie vor gut 200 Jahren aus
erdolcht sich vor den Augen der Versammelten. Eine Welle dem monarchiekritischen Zorn der Amerikanischen und Fran-
der Erschütterung verwandelt nun das harmlose Hirten- und zösischen Revolutionen hervorgegangen war – zu gegebener
Bauernvolk der Römer in eine revolutionäre Menge. Tarquinius Zeit eine postrepublikanische Phase folgen werde. Typischer-
Superbus wird vertrieben, die etruskische Vorherrschaft ist für weise wäre auch diese durch das erneute Miteinander von Brot
immer beendet. Nie wieder werden Hochmütige an der Spitze und Spielen charakterisiert oder, um zeitgemäß zu reden, durch
des Gemeinwesens geduldet sein. Der Name des Königs wird eine Synergie von Sozialstaat und Sensationsindustrie. Es lässt
für alle Zeiten geächtet. sich nicht leugnen, dass die Vorboten solcher Doppelwirtschaft
allgegenwärtig sind. Lesen wir nicht seit geraumer Weile die

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us der Konvulsion der Bürger erwächst eine folgen- Zeichen, die für die Rückentwicklung des öffentlichen Lebens
schwere Idee: Die Gemeinwesenlenkung wird künftig auf Administration und Entertainment sprechen – Wärmedäm-
allein von Römern ausgeübt werden, sie wird prag- mung für Ministerien und Casting-Shows für Ambitionen? Hat
matisch und profan erfolgen. Zwei Konsuln halten sich gegen- nicht der von Großbritannien ausgehende Diskurs über „Post-
seitig in Schach, ihre jährliche Neuwahl beugt jeder erneuten demokratie“, also der Gedanke, dass Bürgerbeteiligung durch
Verwechslung von Amt und Person vor. Aufgrund dieser Be- die höhere Kompetenz politischer Spitzenentscheider einge-
schlüsse setzt sich im Jahr 509 vor Christus die am klügsten spart werden kann, diskret die Parteizentralen und soziologi-
konstruierte republikanische Maschine der Menschheitsge- schen Seminare in der westlichen Hemisphäre erobert? Sind
schichte in Gang; durch nicht Unzählige schon wie-
die nachträgliche Hinzufü- der existentiell in De-
gung des Volkstribunen- ckung gegangen, wie einst
amts erlangt sie einen un- die antiken Stoiker und
überbietbaren Grad an Epikureer, und haben sich
Effizienz. Eine Erfolgssto- darauf eingerichtet, dass
ry ohnegleichen beginnt, Bürokratie, Spektakel und
bis, fast ein halbes Jahrtau- private Sammlungen jetzt
send später, die Überdeh- die letzten Horizonte mar-
nung des römischen Macht- kieren?
komplexes den Übergang Man könnte aus diesen
zu neomonarchischen Ver- Beobachtungen den vor-
hältnissen erzwingt. schnellen Schluss ziehen,
Die Lucretia-Legende die postdemokratischen
handelt von der Geburt Tendenzen hätten sich in
der res publica aus dem der Dämmerung der zwei-
Geist der Empörung. Was ten republikanischen Ära,
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man später Öffentlichkeit die wir die politische
BIALOBRZESKI / LAIF

nennen wird, ist anfangs Moderne nannten, bereits


ein Epiphänomen des Bür- auf ganzer Linie durchge-
gerzorns. Aus dem Unmut setzt. Dann bliebe uns,
der zusammenströmenden den Bewohnern der zwei-
Menge bildete sich das ers- Forum Romanum Reichstag ten res publica amissa (des
te Forum. Die erste Tages- preisgegebenen Gemein-
ordnung umfasste nur ei- Die Politik hierzulande kommt immer mehr wesens) erneut nichts üb-
nen einzigen Punkt: die dem Monolog eines Autistenclubs nahe. rig als das Warten auf die
Zurückweisung einer herr- Caesaren – und auf deren
scherlichen Infamie. Aus ihrer synchronen Erregung über den billige Ausgaben, die Populisten, sofern Populismus heute den
zügellosen Hochmut der Machthaber lernten die einfachen Leute, Beweis liefert, dass Caesarismus auch mit Komparsen funktio-
dass sie von nun an Bürger heißen wollen. Der consensus, mit niert. Also hätte Oswald Spengler mit seiner gefährlichen Sug-
dem alles anfängt, was wir bis heute öffentliches Leben nennen, gestion recht behalten, man müsse Dekadenztheoretiker sein,
war die zivile Einmütigkeit hinsichtlich eines Affronts gegen die um als Zeitdiagnostiker auf der Höhe der Phänomene zu
ungeschriebenen Gesetze des Anstands und des Herzens. stehen?
Um das Entscheidende noch einmal zu sagen: Was wir jetzt Doch wir sind in dieser Angelegenheit besser beraten, wenn
mit dem griechischen Ausdruck „Politik“ umschreiben, ist ein wir uns vom Elan der Analogie nicht mitreißen lassen. Zwar
Derivat des Ehrsinns und der stolzen Regungen gewöhnlicher fehlt es nicht an Hinweisen darauf, dass wir postrepublikani-
Menschen. Für das Spektrum der stolzverwandten Affekte hält schen und postdemokratischen Zuständen entgegengehen. De-
die alteuropäische Tradition den Ausdruck thymós bereit. Auf ren signifikantestes Symptom, die erneute Bürgerausschaltung
der thymotischen Skala der menschlichen Psyche erklingen durch eine monologisch in sich verschränkte Staatlichkeit, ist
viele Töne – von Jovialität, Wohlwollen und Generosität über heute auf breiter Front zu diagnostizieren. Dass Politik hierzu-
Stolz, Ambition und Trotz bis hin zu Empörung, Zorn, Ressen- lande immer mehr dem Monolog eines Autistenclubs nahe-
timent, Hass und Verachtung. Solange eine politische Kommune kommt, zeigt die aktuelle Linie der schwarz-gelben Regierung
von ihrem Stolzzentrum her gelenkt wird, stehen Fragen von in Fragen der Atomenergie.
Ehre und Ansehen im Zentrum der allgemeinen Aufmerksam-

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keit. Die Unverletztheit der zivilen Würde gilt als höchstes Gut. er aber geglaubt hätte, die Bürgerausschaltung in der
Der öffentliche Argwohn wacht darüber, dass Arroganz und zweiten postrepublikanischen Situation werde so rei-
Gier, die immer virulenten Hauptmächte der Gemeinheit, in bungslos verlaufen wie nach der Etablierung des an-
der res publica niemals die Oberhand gewinnen. tiken Caesaren-Regimes, sähe sich getäuscht: Denn die klassi-
Es dürfte klar sein, warum es nicht unverfänglich ist, in un- schen Autoren Griechenlands besaßen vom Menschen als zu-
seren Tagen von römischer Dekadenz zu sprechen und aktuelle gleich erosbewegtem und stolzbewegtem Wesen ein ungleich
Zustände mit ihr gleichzusetzen. Wer so redet, bekennt sich tieferes Verständnis als die modernen, weil Letztere sich mehr-
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heitlich damit begnügten, die menschliche Psyche allein aus rechts eingeladen. In der Zwischenzeit können sie sich vor
der Libido, dem Mangel und des Habenwollens zu deuten. Zu allem durch Passivität nützlich machen. Ihre vornehmste Auf-
Fragen des Stolzes und der Ehre fällt ihnen seit über hundert gabe besteht darin, durch Schweigen Systemvertrauen auszu-
Jahren nichts mehr ein. Folglich nimmt es nicht wunder, wenn drücken.
heute weder Politiker noch Psychologen Rat wissen, sobald sie Begnügen wir uns, um höflich zu sein, mit der Feststellung,
es mit öffentlichen Regungen der vergessenen Stolzkomponente dass solches Vertrauen zu einer knappen Ressource geworden
im menschlichen Seelenhaushalt zu tun bekommen. Wer sich ist. Sogar Berliner Hofpolitologen sprechen von der manifesten
im Panorama der politischen Unruhen in Europa umsieht, be- Entfremdung zwischen der politischen Klasse und der Be-
sonders an den deutschen Krisenherden, sollte sich eines schnell völkerung. Noch scheuen die Experten vor der harten Diagno-
klarmachen: Wenn heute die se zurück, wonach die Politik
Bürgerausschaltung trotz aller der nützlichen Entpolitisierung
Aufgebote an Expertokratie des Volks vor dem Scheitern
und Amüsierkultur nicht ganz steht.
gelingt, so darum, weil man Den Römern der Caesaren-
die Rechnung ohne den Bür- zeit gelang ihr Entpolitisie-
gerstolz gemacht hat. rungskunststück, weil die kai-
serzeitlichen Eliten lange Zeit

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it einem Mal steht er den Ansprüchen ihrer Bürger-
wieder auf der Büh- welt halbwegs brauchbare Er-
ne – der thymotische satzangebote machten – trotz
Citoyen, der selbstbewusste, handfester Anzeichen postre-
informierte, mitdenkende und publikanischer Dekadenz: Sie
mitentscheidungswillige Bür- verstanden sich darauf, im ci-

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ger, männlich und weiblich, vis romanus den Stolz auf die
und klagt vor dem Gericht der zivilisatorischen Leistungen
öffentlichen Meinung gegen des Imperiums zu wecken; sie
die misslungene Repräsenta- banden die Völker der Periphe-
tion seiner Anliegen und sei- rie durch römische soft power
ner Erkenntnisse im aktuellen an das Zentrum; sie waren
politischen System. Er ist wie- klug genug, den Massen in den
der da, der Bürger, der empö- Städten die Teilhabe am thea-
rungsfähig blieb, weil er trotz tralischen Narzissmus des Kai-
aller Versuche, ihn zum Libi- serkults zu gewähren. Im Ver-
do-Bündel abzurichten, seinen gleich hiermit springt die Hilf-
Sinn für Selbstbehauptung be- losigkeit unserer politischen
wahrt hat, und der diese Qua- Klasse in allen Belangen des
litäten manifestiert, indem er thymotischen Haushalts ins
seine Dissidenz auf öffentliche Auge. Sie hat den Bürgern oft
Plätze trägt. Der unbequeme nicht mehr zu bieten als die
Bürger weigert sich, ein politi- Aussicht auf Teilhabe an ihrer
scher Allesfresser zu sein, duld- eigenen Kläglichkeit – ein An-
sam und fern von „nicht hilf- gebot, auf das die Bevölkerung
reichen“ Meinungen. Diese in der Regel nur im Karneval
informierten und empörten und bei Aschermittwochs-
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Bürger verfielen plötzlich, reden eingeht. Wird die Frage


man begreift nicht wie, auf Gladiatorenkampf, Bundesligaspiel gestellt, wie das breite Volk
den Gedanken, den Artikel 20 auf die Performance der Regie-
Absatz 2 des Grundgesetzes Den Römern gelang ihr Entpolitisierungskunst- renden reagiert, verzeichnen
auf sich selbst zu beziehen, wo- stück, weil sie Ersatzangebote machten. Meinungsforscher seit einiger
nach alle Staatsgewalt vom Zeit am häufigsten die Aus-
Volk ausgehe. Was ist in ihn gefahren, wenn er das mysteriöse kunft: mit Verachtung. Unnötig zu sagen, dass dieses Wort zum
Verfassungsverbum „ausgehen“ als Anweisung versteht, seine elementaren Vokabular der thymotischen Analyse gehört.
vier Wände zu verlassen, um zu bekunden, was er will und Wenn die Bezeichnung für den Minuspol der Stolz-Skala so
weiß und fürchtet? häufig und so heftig gebraucht wird wie zur Stunde, dürfte be-
An der Quelle des römischen Gemeinwesengefühls stand die greiflich werden, in welchem Maß die psychopolitische Regu-
Unwilligkeit, die allzu krass gewordene Arroganz der Herr- lierung unseres Gemeinwesens aus dem Ruder läuft.
schenden länger zu dulden. Auch heute sehen zahllose Bürger

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Grund, sich über die Anmaßung der Herrschenden zu erregen. er Traum der Systeme gebiert Ungeheuer: Das erleben
Selbst wenn die Anmaßung anonym geworden ist und sich in die Regierenden auf ihre Weise, sobald unzufriedene
den sachzwanggetriebenen Systemen versteckt – die Bürger, Bürger sich ihren Projekten und Prozeduren in den Weg
insbesondere in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler und als Adres- stellen. Es überrascht nicht, wenn Verachtung spontan auf Ver-
saten hohler Reden vor Wahlen, spüren doch hin und wieder achtung antwortet. Der unwillkommenen Bürgerdissidenz trat
deutlich genug, welches Spiel mit ihnen getrieben wird. man in Stuttgart und Berlin erschrocken mit Großaufgeboten
Aber warum nur können die Leute mit einem Mal nicht auf von Polizei und Schimpfworten entgegen. So also sieht es aus
den ihnen zugedachten Plätzen ruhig halten? Wieso ist auf ihre – das dunkle Etwas, von dem alle Staatsgewalt ausgeht? „Be-
systemrelevante Lethargie kein Verlass mehr? In der repräsen- rufsprotestierer, Freizeitanarchisten, Stimmungsdemokraten,
tativen Demokratie werden Bürger in erster Linie als Lieferan- Altersegoisten, Wohlstandsverwahrloste!“ In diesen Vokabeln
ten von Legitimität für Regierungen gebraucht. Deswegen wer- fassten die Landesregierung und ihre Alliierten in der Haupt-
den sie in weitmaschigen Abständen zur Ausübung ihres Wahl- stadt ihre Eindrücke von den Zehntausenden zusammen, die
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gegen ein zerbröckelndes Großprojekt auf die Straße gingen. Zorn erst einmal sein Thema gefunden, lässt er sich nicht mehr
Soll man diese Wortwahl dadurch entschuldigen, dass die Spre- leicht davon ablenken. Für die politische Klasse kommt hinzu,
cher unter Schock standen? Im Gegenteil, man schuldet diesen dass die moderne Bürgerausschaltung sich als „Einbeziehung“
Politikern Dank, dass sie endlich aussprachen, wie sie über die des Bürgers präsentieren will. Dessen Entpolitisierung muss
Bürger denken. Bemerkenswerterweise war ein wichtiger Teil mit so viel restlicher Politisierung verbunden bleiben, wie zur
der manchmal seriösen Presse bereit, sich in die bedrängte Selbstreproduktion des politischen Apparats nötig ist.
politische Klasse einzufühlen: „Wutbürger“ nannte man jüngst In keiner Hinsicht sind die Bürger unserer Hemisphäre so
die neuen Protestierer – was eine kluge Prägung gewesen wäre, ausgeschaltet wie in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler. Es ist
hätte sie die Erinnerung an den ursprünglichen Zusammenhang dem modernen Staat gelungen, seinen Angehörigen im Moment
von Empörung und Republik beschworen. Leider diente sie im ihrer materiellsten Zuwendung zum Gemeinwesen, im Augen-
aktuellen Gebrauch nur dazu, die lästigen Dissidenzfliegen zu blick ihres Einzahlens in die gemeinsame Kasse, die passivste
verscheuchen. Man sieht jedenfalls: Manche Journalisten wissen, Rolle aufzudrängen, die er zu vergeben hat: Statt die Geber-
wie sie das Ihre zum Werk der Bürgerausschaltung beitragen qualität der Zahlenden hervorzuheben und den Gabe-Charak-
können. ter von Steuern respektvoll zu betonen, belasten die modernen
Mit Schlagstöcken und Tränengas antwortete die verschreckte Fiskalstaaten ihre Steuerzahler mit der entwürdigenden Fiktion,
Kaste auf resolute Argumentierer aus dem Volk, die Unstim- sie hätten bei der öffentlichen Kasse massive Schulden, so hohe
miges in den Plänen für den neuen Stuttgarter Bahnhof entdeckt Schulden, dass sie dieselben nur in lebenslangen Raten tilgen
hatten. Mit der Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens rea- können. Sie bilden ab sofort eine Kollektivschuldgruppe, die
gierte die altehrwürdige morgen und bis zu ihrem
SPD auf ein bewährt ro- letzten Atemzug für das
bustes Mitglied, das unter bezahlen wird, was die
Aufbietung ausführlicher Bürgerausschalter von heu-
Beweise Unstimmiges in te ihr aufbürden. Man sa-
der deutschen Zuwande- ge nicht, die heutige Politik
rungspolitik aufdeckte – habe keine Visionen mehr.
und dabei Tatsachen vor- Noch gibt es eine Utopie
trug, die ohne genetische für unser Gemeinwesen:
Begründungsversuche so- Wenn das Glück auf unse-
lider dastehen als mit die- rer Seite ist und alle alles
sen. Beide Male hieß es, tun, was in ihrer Macht
man habe sich die not- steht, gelingt am Ende
ANN RONAN PICTURE LIBRARY / TOPFOTO / HIP

wendigen Reaktionen, das sogar das Unmögliche, die


Zuschlagen und das Aus- Staatsbankrottvermeidung.
schließen, nicht leicht- Sie ist von nun an der rote
gemacht. Bürgerausschal- Stern am Abendhimmel
tung als Beruf – das ist der Demokratie.
gelegentlich noch härter Unzählige Kommentare
als das übliche Bohren von haben seit der 2008 aufge-
harten Brettern. brochenen Finanzkrise die
DAPD

Auf breiter Front sieht Gefährlichkeit der Speku-


man dieselben Bunker- Kaiser Augustus Kanzlerin Merkel lation an den Finanzmärk-
reflexe gegen die Störung ten beschworen. Von der
der Routinen, dasselbe Bürgerausschaltung als Beruf – das ist gelegentlich gefährlichsten der Speku-
Unbehagen an der Wort- noch härter als das übliche Bohren dicker Bretter. lationen war nie die Rede:
ergreifung der Unberufe- Die meisten heutigen Staa-
nen, dieselbe Verwechslung von Verstopfung mit Charakter- ten spekulieren, durch keine Krise belehrt, auf die Passivität
festigkeit. der Bürger. Westliche Regierungen wetten darauf, dass ihre
Bürger weiter in die Unterhaltung ausweichen werden; die

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ber so viel eingehauste Dumpfheit kann nur eine ge- östlichen wetten auf die unverwüstliche Wirksamkeit offener
nauere Analyse des politischen Systems und seiner Pa- Repression. Die Zukunft wird bestimmt sein vom Wettbewerb
radoxien hinausführen: Den Caesaren gelang es noch zwischen dem euro-amerikanischen und dem chinesischen
scheinbar spielend, Bürgerausschaltung und Bürgerbefriedung Modus der Bürgerausschaltung. Beide Verfahren gehen davon
miteinander zu verbinden. Die moderne repräsentative Demo- aus, man könne das Aufklärungsgebot der Repräsentation von
kratie ist dazu in der Regel außerstande. Daher stehen den Mo- positivem Bürgerwillen und gutem Bürgerwissen im Regierungs-
dernen nur zwei Auswege offen, von denen einer ökonomisch handeln umgehen, indem man weiter mit hoher Bürgerpassi-
ruinös, der andere psychopolitisch unberechenbar ist: die Bür- vität rechnet. Das ging bisher erstaunlich gut: Sogar nach der
gerausschaltung durch Stillhalteprämien und die Bürgerlähmung missglückten Kopenhagener Weltklimakonferenz von 2009 wid-
durch Resignation. Wie Prämien funktionieren, weiß jeder, der meten sich die Bürger Europas in jenem fatalen Dezember lie-
die aktuellen Debatten über den Alimentenstaat beobachtet. ber ihren Weihnachtseinkäufen als der Politik; sie zogen es vor,
Auch wie die Resignation erzielt wird, ist kein Geheimnis. Diese mit vollen Tüten nach Hause zu kommen, statt ihre mit leeren
gleicht oberflächlich der Zufriedenheit unter einer guten Regie- Händen zurückgekehrten „Vertreter“ zumindest symbolisch so
rung. Sie unterscheidet sich von ihr durch die mutlos grollende zu teeren und zu federn, wie sie es verdient hätten.
Stimmung, nach deren Urteil die da oben im Grunde doch alle Auch ohne divinatorische Begabung kann man wissen: Der-
gleich sind. In solchem Klima können Wahlbeteiligungen, wie gleichen Spekulationen werden früher oder später zerplatzen,
in den USA üblich, auf unter 50 Prozent absinken, ohne dass weil keine Regierung der Welt im Zeitalter der digitalen Zivilität
die politische Klasse Grund sähe, sich zu beunruhigen. vor der Empörung ihrer Bürger in Sicherheit ist. Hat der Zorn
Bürgerausschaltung mittels Resignation ist ein Spiel mit dem seine Arbeit erfolgreich getan, entstehen neue Architekturen
Feuer, da sie jederzeit in ihr Gegenteil, die offene Empörung der politischen Teilhabe. Die Postdemokratie, die vor der Tür
und den manifesten Bürgerzorn umschlagen kann. Hat der steht, wird warten müssen. �
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