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WERNER HEISENBERG

Der Teil und das Ganze


Gespräche im Umkreis
der Atomphysik

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ISBN 3-492-03080-7
6. Auflage, 57. -60. Tausend 1986
(1. Auflage, 1. -4. Tausend dieser Ausgabe)
© R. Piper & Co. Verlag, München 1969
Gesetzt aus der Linotype-Janson-Antiqua
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
Meiner Frau gewidmet

PIPER
MÜNCHEN ZÜRICH
Inhaltsverzeichnis

Vorwort............................................................................................................................................ 9
1. Erste Begegnung mit der Atomlehre (1919-1920)............................................................................. 11
2. Der Entschluß zum Physikstudium (1920)........................................................................................ 29
3. Der Begriff »Verstehen« in der modernen Physik (1920 bis 1922)..................................................... 45
4. Belehrung über Politik und Geschichte (1922-1924).......................................................................... 66
5. Die Quantenmechanik und ein Gespräch mit Einstein (1925-1926)..................................................... 85
6. Aufbruch in das neue Land (1926-1927).......................................................................................... 101
7. Erste Gespräche über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion (1927).............................. 116
8. Atomphysik und pragmatische Denkweise (1929)............................................................................ 131
9. Gespräche über das Verhältnis zwischen Biologie, Physik und Chemie (1930-1932)........................... 144
10. Quantenmechanik und Kantsche Philosophie (1930-1932)............................................................... 163
11. Diskussionen über die Sprache (1933)........................................................................................... 174
12. Revolution und Universitätsleben (1933)........................................................................................ 195
13. Diskussionen über die Möglichkeiten der Atomtechnik und über die Elementarteilchen (1935-1937)... 213
14. Das Handeln des Einzelnen in der politischen Katastrophe (1937-1941)........................................... 226
15. Der Weg zum neuen Anfang (1941-1945)...................................................................................... 245
16. Über die Verantwortung des Forschers (1945-1950)....................................................................... 262
17. Positivismus, Metaphysik und Religion (1952)................................................................................. 279
18. Auseinandersetzungen in Politik und Wissenschaft (1956 bis 1957).................................................. 296
19. Die einheitliche Feldtheorie (1957-1958)........................................................................................ 312
20. Elementarteilchen und Platonische Philosophie (1961-65)................................................................ 321
Register............................................................................................................................................ 335
Bildnachweis..................................................................................................................................... 336
Vorwort

Was nun die Reden betrifft, die... gehalten worden sind, so war
es mir als Ohrenzeugen... unmöglich, den genauen Wortlaut des
Gesagten im Gedächtnis zu behalten. Daher habe ich die einzelnen
Redner so sprechen lassen, wie sie nach meinem Vermuten den
jeweiligen Umständen am ehesten gerecht geworden sein dürften,
indem ich mich dabei so eng wie möglich an den Gedankengang
des wirklich Gesprochenen hielt. Tbukydides

Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Dieser an sich selbstverständliche Sachverhalt gerät leicht in
Vergessenheit, und es mag zur Verringerung der oft beklagten Kluft zwischen den beiden Kulturen, der
geisteswissenschaftlich-künstlerischen und der technisch-naturwissenschaftlichen, beitragen, wenn man ihn
wieder ins Gedächtnis zurückruft. Das vorliegende Buch handelt von der Entwicklung der Atomphysik in den
letzten 50 Jahren, so wie der Verfasser sie erlebt hat. Naturwissenschaft beruht auf Experimenten, sie
gelangt zu ihren Ergebnissen durch die Gespräche der in ihr Tätigen, die miteinander über die Deutung der
Experimente beraten. Solche Gespräche bilden den Hauptinhalt des Buches. An ihnen soll deutlich gemacht
werden, daß Wissenschaft im Gespräch entsteht. Dabei versteht es sich von selbst, daß Gespräche nach
mehreren Jahrzehnten nicht mehr wörtlich wiedergegeben werden können. Nur Briefstellen sind, wo sie
zitiert werden, im Wortlaut angeführt. Es soll sich auch nicht eigentlich um Lebenserinnerungen handeln.
Daher hat der Verfasser sich erlaubt, immer wieder zusammenzuziehen, zu straffen und auf historische
Genauigkeit zu verzichten; nur in den wesentlichen Zügen sollte das Bild korrekt sein. In den Gesprächen
spielt die Atomphysik keineswegs immer die wichtigste Rolle. Vielmehr geht es ebensooft um menschliche,
philosophische oder politische Probleme, und der Verfasser hofft, daß gerade daran deutlich wird, wie wenig
sich die Naturwissenschaft von diesen allgemeineren Fragen trennen läßt.
Viele der beteiligten Personen sind im Text mit dem Vornamen eingeführt; teils weil sie später nicht weiter an
die Öffentlichkeit getreten sind, teils weil die Beziehung des Verfassers zu ihnen durch die Verwendung des
Vornamens besser dargestellt wird. Auch läßt sich so leichter der Eindruck vermeiden, als handle es sich um
eine historisch in allen Einzelheiten getreue Wiedergabe der verschiedenen Begebenheiten. Aus diesem
Grund wurde auch darauf verzichtet, ein genaueres Bild dieser Persönlichkeiten zu zeichnen; sie werden
gewissermaßen nur an der Art, wie sie sprechen, erkennbar. Großer Wert wurde jedoch gelegt auf die
korrekte und lebendige Schilderung der Atmosphäre, in der die Gespräche stattgefunden haben. Denn in ihr
wird der Entstehungsprozeß der Wissenschaft deutlich, an ihr kann am besten verstanden werden, wie das
Zusammenwirken sehr verschiedener Menschen schließlich zu wissenschaftlichen Ergebnissen von großer
Tragweite führen kann. Es war die Absicht des Verfassers, auch dem der modernen Atomphysik
Fernstehenden einen Eindruck von den Denkbewegungen zu vermitteln, die die Entstehungsgeschichte dieser
Wissenschaft begleitet haben. Dabei mußte in Kauf genommen werden, daß im Hintergrund der Gespräche
manchmal sehr abstrakte und schwierige mathematische Zusammenhänge sichtbar werden, die nicht ohne ein
eingehendes Studium verstanden werden können.
Endlich hat der Verfasser mit der Aufzeichnung der Gespräche noch ein weiteres Ziel verfolgt. Die moderne
Atomphysik hat grundlegende philosophische, ethische und politische Probleme neu zur Diskussion gestellt,
und an dieser Diskussion sollte ein möglichst großer Kreis von Menschen teilnehmen. Vielleicht kann das
vorliegende Buch auch dazu beitragen, die Grundlage dafür zu schaffen.
1. Erste Begegnung mit der Atomlehre
(1919-1920)

Es mag etwa im Frühjahr 1920 gewesen sein. Der Ausgang des Ersten Weltkrieges hatte die Jugend unseres
Landes in Unruhe und Bewegung versetzt. Die Zügel waren den Händen der zutiefst enttäuschten älteren
Generation entglitten, und die jungen Menschen sammelten sich in Gruppen, kleineren und größeren Gemein-
schaften, um sich einen neuen eigenen Weg zu suchen oder wenigstens einen neuen Kompaß zu finden, nach
dem man sich richten konnte, da der alte zerbrochen schien. So war ich an einem hellen Frühlingstag mit
einer Gruppe von vielleicht zehn oder zwanzig Kameraden unterwegs, die meisten von ihnen jünger als ich
selbst, und die Wanderung führte, wenn ich mich recht erinnere, durch das Hügelland am Westufer des
Starnberger Sees, der, wenn eine Lücke im leuchtenden Buchengrün den Blick freigab, links unter uns lag
und beinahe bis zu den dahinter sichtbaren Bergen zu reichen schien. Auf diesem Weg ist es
merkwürdigerweise zu jenem ersten Gespräch über die Welt der Atome gekommen, das mir in meiner
späteren wissenschaftlichen Entwicklung viel bedeutet hat. Um verständlich zu machen, daß in einer Gruppe
fröhlicher, unbekümmerter junger Menschen, die der Schönheit der blühenden Natur weit geöffnet waren,
solche Gespräche geführt werden konnten, muß vielleicht daran erinnert werden, daß der Schutz durch
Elternhaus und Schule, der in friedlichen Epochen die Jugend umgibt, durch die Wirren der Zeit weitgehend
verlorengegangen und daß, gewissermaßen als Ersatz, eine Unabhängigkeit der Meinung in ihr entstanden
war, die sich ein eigenes Urteil auch dort zutraute, wo dafür die Grundlagen noch fehlen mußten.
Einige Schritte vor mir ging ein blonder, schön gewachsener Bursch, dessen Eltern mir früher einmal die
Unterstützung seiner Schularbeiten aufgetragen hatten. Noch im Jahr vorher hatte er als Fünfzehnjähriger im
Straßenkampf die Munitionskästen geschleppt, als sein Vater mit einem Maschinengewehr hinter dem
Wittelsbacher Brunnen in Stellung lag und an den Kämpfen um die Räterepublik München teilnahm. Andere,
darunter ich selbst, hatten vor zwei Jahren noch als Knechte auf Bauerngütern im Bayerischen Oberland
gearbeitet. So war uns der rauhe Wind nicht mehr fremd, und wir hatten keine Angst, uns auch über die
schwierigsten Probleme unsere eigenen Gedanken zu machen.
Der äußere Anlaß des Gesprächs war wohl der Umstand, daß ich mich auf das im Sommer bevorstehende
Abiturexamen vorzubereiten hatte und mich über naturwissenschaftliche Gegenstände gern mit meinem
Freunde Kurt unterhielt, der meine Interessen teilte und später einmal Ingenieur werden wollte. Kurt stammte
aus einer protestantischen Offiziersfamilie, er war ein guter Sportsmann und zuverlässiger Kamerad. Im Jahr
vorher, als München von den Regierungstruppen eingeschlossen und in unseren Familien das letzte Stück
Brot längst aufgezehrt war, hatten er, mein Bruder und ich einmal eine gemeinsame Fahrt nach Garching,
durch die Linien der Kämpfenden hindurch, unternommen, und wir waren mit einem Rucksack voll
Lebensmitteln, Brot, Butter und Speck, zurückgekommen. Solche gemeinsamen Erlebnisse schaffen eine gute
Grundlage für rückhaltloses Vertrauen und fröhliches Einverständnis. Hier ging es aber jetzt um die gemein-
same Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Fragen. Ich berichtete Kurt, daß ich in meinem
Physiklehrbuch auf eine Abbildung gestoßen sei, die mir völlig unsinnig vorkäme. Es handelte sich um jenen
Grundvorgang der Chemie, bei dem zwei einheitliche Stoffe sich zu einem neuen ebenfalls einheitlichen Stoff,
einer chemischen Verbindung, zusammenschließen. Aus Kohlenstoff und Sauerstoff etwa kann sich
Kohlensäure bilden. Die bei solchen Vorgängen beobachteten Gesetzmäßigkeiten könne man, so lehrte das
Buch, am besten verständlich machen, indem man annehme, daß die kleinsten Teile, die Atome, des einen
Elements und die des anderen sich zu kleinen Atomgruppen, den sogenannten Molekülen,
zusammenschließen. So bestehe etwa das Kohlensäuremole kül aus einem Atom Kohlenstoff und zwei
Atomen Sauerstoff. Zur Veranschaulichung waren solche Atomgruppen im Buch abgebildet. Um nun weiter
zu erklären, warum gerade je ein Atom Kohlenstoff und zwei Atome Sauerstoff ein Kohlensäuremolekül
bilden, hatte der Zeichner die Atome mit Haken und Ösen versehen, mit denen sie im Molekül
zusammengehängt waren. Dies kam mir ganz unsinnig vor. Denn Haken und Ösen sind, wie mir schien, recht
willkürliche Gebilde, denen man je nach der technischen Zweckmäßigkeit die verschiedensten Formen geben
kann. Die Atome aber sollten doch eine Folge der Naturgesetze sein und durch die Naturgesetze veranlaßt
werden, sich zu Molekülen zusammenzuschließen. Dabei kann es, so glaubte ich, keinerlei Willkür, also auch
keine so willkürlichen Formen wie Haken und Ösen geben.
Kurt erwiderte: »Wenn du die Haken und Ösen nicht glauben willst - und mir kommen sie ja auch recht
verdächtig vor - so mußt du wohl vor allem wissen, welche Erfahrungen den Zeichner veranlaßt haben, sie im
Bild anzubringen. Denn die heutige Naturwissenschaft geht von Erfahrungen aus, nicht von irgendwelchen
philosophischen Spekulationen, und mit der Erfahrung muß man sich abfinden, wenn man sie zuverlässig, das
heißt mit hinreichender Sorgfalt gewonnen hat. Soviel ich weiß, stellen die Chemiker zunächst fest, daß die
elementaren Bestandteile in einer chemischen Verbindung immer in ganz bestimmten Gewichtsverhältnissen
auftreten. Das ist merkwürdig genug. Denn selbst wenn man an die Existenz der Atome, das heißt
charakteristischer kleinster Teilchen für jedes chemische Element glaubt, so würden doch Kräfte von der Art,
wie man sie sonst in der Natur kennt, kaum ausreichen, um verständlich zu machen, daß ein Kohlenstoffatom
immer nur zwei Sauerstoffatome anziehen und an sich binden kann. Wenn es eine Anziehungskraft zwischen
den beiden Atomarten gibt, warum sollen dann nicht auch gelegentlich drei Sauerstoffatome gebunden
werden können?«
»Vielleicht haben die Atome des Kohlenstoffs oder des Sauerstoffs eine solche Form, daß eine Bindung von
dreien eben schon aus Gründen der räumlichen Anordnung unmöglich wird.«
»Wenn du das annimmst, und das klingt ja nicht unplausibel, dann bist du schon fast wieder bei den Haken
und Ösen des Lehrbuchs angelangt Wahrscheinlich hat der Zeichner nur eben dies ausdrücken wollen, was
du gesagt hast, da er die genaue Form der Atome ja gar nicht wissen kann. Er hat Haken und Ösen gezeich-
net, um möglichst drastisch darzutun, daß es Formen gibt, die zur Bindung von zwei, aber nicht von drei
Sauerstoffatomen an das Kohlenstoffatom führen können.«
»Schön, also die Haken und Ösen sind Unsinn. Aber du sagst, die Atome werden auf Grund der
Naturgesetze, die für ihre Existenz verantwortlich sind, auch eine Form haben, die für die richtige Bindung
sorgt. Nur wissen wir beide die Form einstweilen nicht, und auch der Zeichner des Bildes hat sie offenbar
nicht gekannt. Das einzige, was wir bisher von dieser Form zu wissen glauben, ist eben, daß sie dafür sorgen
muß, daß ein Kohlenstoffatom nur zwei, aber nicht drei Sauerstoffatome an sich binden kann. Die Chemiker
haben, das wird im Buch erwähnt, an dieser Stelle den Begriff ›chemische Valenz‹ erfunden. Aber ob das
nur ein Wort oder schon ein brauchbarer Begriff ist, müßte man erst herausbringen.«
»Es ist wahrscheinlich doch etwas mehr als nur ein Wort; denn beim Kohlenstoffatom sollen die vier
Valenzen, die ihm zugeschrieben werden - und von denen je zwei die zwei Valenzen je eines Sauerstoffatoms
absättigen sollen -, etwas mit einer tetraederförmigen Gestalt des Atoms zu tun haben. Es steckt also offen-
bar ein etwas bestimmteres empirisches Wissen über die Formen dahinter, als uns jetzt zugänglich ist.«
An dieser Stelle mischte sich Robert ins Gespräch, der bisher schweigend neben uns hergegangen war, aber
offenbar zugehört hatte. Robert hatte ein schmales, aber kräftiges Gesicht, das von ganz dunklem vollem
Haar umrahmt war und im ersten Augenblick etwas verschlossen aussah. Er beteiligte sich nur selten an dem
leichten Geplauder, das eine solche Wanderung zu begleiten pflegt; aber wenn abends im Zelt vorgelesen
oder wenn vor der Mahlzeit ein Gedicht gesprochen werden sollte, so wandten wir uns an ihn, denn keiner
wußte wie er in der deutschen Dichtung, ja sogar in der philosophischen Literatur Bescheid. Wenn er
Gedichte vortrug, so geschah es ohne jedes Pathos, ohne jeden sprachlichen Aufwand, aber doch so, daß der
Inhalt des Gedichtes auch den Nüchternsten unter uns erreichte. Die Art, wie er sprach, die gesammelte
Ruhe, in der er formulierte, zwang zum Aufhorchen, und seine Worte hatten, so schien es, mehr Gewicht als
die der anderen. Auch wußten wir, daß er sich neben der Schule mit philosophischen Büchern beschäftigte.
Robert war mit unserem Gespräch unzufrieden.
»Ihr Naturwissenschaftsgläubigen«, meinte er, »beruft euch immer so leicht auf die Erfahrung, und ihr glaubt,
daß ihr damit die Wahrheit sicher in den Händen haltet. Aber wenn man darüber nachdenkt, was bei der
Erfahrung wirklich geschieht, scheint mir die Art, wie ihr das tut, sehr anfechtbar. Was ihr sprecht, kommt
doch aus euren Gedanken, nur von ihnen habt ihr unmittelbar Kunde; aber die Gedanken sind ja nicht bei den
Dingen. Wir können die Dinge nicht direkt wahrnehmen, wir müssen sie zuerst in Vorstellungen verwandeln
und schließlich Begriffe von ihnen bilden. Was bei der sinnlichen Wahrnehmung auf uns von außen einströmt,
ist ein ziemlich ungeordnetes Gemisch von sehr verschiedenartigen Eindrücken, denen die Formen oder
Qualitäten, die wir nachher wahrnehmen, gar nicht direkt zukommen. Wenn wir etwa ein Quadrat auf einem
Blatt Papier anschauen, so wird es weder auf der Netzhaut unseres Auges noch in den Nervenzellen des
Gehirns irgend etwas von der Form eines Quadrats geben. Vielmehr müssen wir die sinnlichen Eindrücke
unbewußt durch eine Vorstellung ordnen, ihre Gesamtheit gewissermaßen in eine Vorstellung, in ein
zusammenhängendes, ›sinnvolles‹ Bild verwandeln. Erst mit dieser Verwandlung, mit dieser
Zusammenordnung von Einzeleindrücken zu etwas ›Verständlichem‹ haben wir › wahrgenommen‹. Daher
müßte doch zuerst einmal geprüft werden, woher die Bilder für unsere Vorstellungen kommen, wie sie
begrifflich gefaßt werden und in welcher Beziehung sie zu den Dingen stehen, bevor wir so sicher über
Erfahrungen urteilen können. Denn die Vorstellungen sind doch offenbar vor der Erfahrung, sie sind die
Voraussetzung für die Erfahrung.«
»Kommen denn die Vorstellungen, die du so scharf vom Objekt der Wahrnehmungen trennen willst, nicht
selber doch wieder aus der Erfahrung? Vielleicht nicht so direkt, wie man es sich naiv denken möchte, aber
doch indirekt etwa über die häufige Wiederholung ähnlicher Gruppen von Sinneseindrücken oder über die
Beziehungen zwischen den Zeugnissen verschiedener Sinne?«
»Das scheint mir keineswegs sicher, nicht einmal besonders einleuchtend. Ich habe neulich in den Schriften
des Philosophen Malebranche studiert, und da ist mir eine Stelle aufgefallen, die sich eben auf dieses Problem
bezieht. Malebranche unterscheidet im wesentlichen drei Möglichkeiten für die Entstehung der Vorstellungen.
Die eine, die du eben erwähnt hast: Die Gegenstände erzeugen über die Sinneseindrücke direkt die
Vorstellung in der menschlichen Seele. Diese Ansicht lehnt Malebranche ab, da die sinnlichen Eindrücke ja
qualitativ verschieden sind sowohl von den Dingen als auch von den ihnen zugeordneten Vorstellungen. Die
zweite: Die menschliche Seele besitzt die Vorstellungen von Anfang an, oder sie besitzt wenigstens die Kraft,
diese Vorstellungen selbst zu bilden. In diesem Fall wird sie durch die sinnlichen Eindrücke nur an die schon
vorhandenen Vorstellungen erinnert, oder sie wird von den Sinneseindrücken dazu angeregt, die Vorstellun-
gen selbst zu formen. Die dritte - und für diese entscheidet sich Malebranche: Die menschliche Seele nimmt
teil an der göttlichen Vernunft. Sie ist mit Gott verbunden und daher ist ihr auch von Gott die
Vorstellungskraft, sind ihr die Bilder oder Ideen gegeben, mit denen sie die Fülle der sinnlichen Eindrücke
ordnen und begrifflich gliedern kann.«
Damit war nun wieder Kurt ganz unzufrieden: »Ihr Philosophen seid immer schnell bei der Hand mit der
Theologie. Und wenn es schwierig wird, laßt ihr den großen Unbekannten auftreten, der alle Schwierigkeiten
sozusagen von selbst löst. Aber damit lasse ich mich hier nicht abfinden. Wenn du nun einmal die Frage
gestellt hast, so will ich wissen, wie die menschliche Seele zu ihren Vorstellungen kommt; und zwar in dieser
Welt, nicht in einer jenseitigen. Denn die Seele und die Vorstellungen gibt es doch in dieser Welt. Wenn du
nicht zugeben willst, daß die Vorstellungen einfach selbst aus der Erfahrung stammen, dann mußt du erklären,
wieso sie der menschlichen Seele von Anfang an mitgegeben sein können. Sollen sie oder wenigstens die
Fähigkeit zum Bilden der Vorstellungen - mit denen doch schon das Kind die Welt erfährt -etwa angeboren
sein? Wenn du dies behaupten willst, dann liegt doch der Gedanke nahe, daß die Vorstellungen auf den
Erfahrungen früherer Generationen beruhen, und ob es sich nun um unsere jetzigen Erfahrungen oder um die
vergangener Generationen handelt, das soll mir nicht so wichtig sein.«
»Nein«, erwiderte Robert, »so meine ich es bestimmt nicht. Denn einerseits ist es äußerst zweifelhaft, ob sich
Gelerntes, das heißt das Ergebnis von Erfahrungen, überhaupt vererben ließe. Andererseits kann das, was
Malebranche meint, wohl auch ohne Theologie ausgedrückt werden, und dann paßt es besser in eure heutige
Naturwissenschaft. Ich will's versuchen. Malebranche könnte etwa sagen: Die gleichen ordnenden
Tendenzen, die für die sichtbare Ordnung der Welt, für die Naturgesetze, die Entstehung der chemischen
Elemente und ihre Eigenschaften, die Bildung der Kristalle, die Erzeugung des Lebens und alles andere
verantwortlich sind, sie sind auch bei der Entstehung der menschlichen Seele und in dieser Seele wirksam. Sie
lassen den Dingen die Vorstellungen entsprechen und bewirken die Möglichkeit begrifflicher Gliederung. Sie
sind für jene wirklich existierenden Strukturen verantwortlich, die erst dann, wenn wir sie von unserem
menschlichen Standpunkt aus betrachten, wenn sie in Gedanken fixiert werden, in ein Objektives - das Ding -
und ein Subjektives - die Vorstellung - auseinanderzutreten scheinen. Mit der für eure Naturwis-
senschaft so plausiblen Auffassung, daß alle Vorstellung auf Erfahrung beruhe, hat diese These
Malebranches gemein, daß die Fähigkeit zum Bilden von Vorstellungen in der Entwicklungsgeschichte durch
die Beziehung der Organismen zur äußeren Welt zustande gekommen sein mag. Aber Malebranche betont
doch gleichzeitig, daß es sich um Zusammenhänge handelt, die nicht einfach durch eine Kette kausal
ablaufender Einzelvorgänge erklärt werden können. Daß hier also - wie bei der Entstehung der Kristalle oder
der Lebewesen - übergeordnete Strukturen mehr morphologischen Charakters wirksam werden, die sich mit
dem Begriffspaar Ursache und Wirkung nicht ausreichend erfassen lassen. Die Frage, ob die Erfahrung vor
der Vorstellung gewesen sei, ist also wohl nicht vernünftiger, als die altbekannte Frage, ob die Henne früher
gewesen sei als das Ei, oder umgekehrt.
Im übrigen wollte ich euer Gespräch über die Atome nicht stören. Ich wollte nur davor warnen, bei den
Atomen so einfach von Erfahrung zu sprechen; denn es könnte immerhin sein, daß die Atome, die man ja gar
nicht direkt beobachten kann, auch nicht einfach Dinge sind, sondern zu fundamentaleren Strukturen gehören,
bei denen es keinen rechten Sinn mehr hätte, sie in Vorstellung und Ding auseinandertreten zu lassen.
Natürlich kann man die Haken und Ösen in deinem Lehrbuch nicht ernst nehmen, ebenso wenig wohl auch
alle Bilder von Atomen, die man hin und wieder in populären Schriften findet. Solche Bilder, die dem
leichteren Verständnis dienen sollen, machen das Problem nur viel unverständlicher. Ich glaube, man sollte
beim Begriff ›Form der Atome‹, den du vorher erwähnt hast, äußerst vorsichtig sein. Nur wenn man das
Wort ›Form‹ sehr allgemein faßt, nicht nur räumlich, wenn es nicht viel anderes bedeutet als etwa das Wort
›Struktur‹, das ich eben benützt habe, könnte ich mich mit diesem Begriff halbwegs anfreunden.«
Durch diese Wendung des Gesprächs wurde ich ganz unvermittelt an eine Lektüre erinnert, die mich ein Jahr
vorher beschäftigt und gefesselt hatte und die mir damals an wichtigen Stellen ganz unverständlich geblieben
war. Es handelte sich um den Dialog ›Timaios‹ bei Plato, in dem ja auch über die kleinsten Teile der Materie
philosophiert wird. Aus den Worten von Robert wurde mir zum ersten Mal, wenn auch zunächst noch in
unklarer Weise, begreiflich, daß man überhaupt zu solchen merkwürdigen gedanklichen Konstruktionen über
die kleinsten Teile kommen kann, wie ich sie in Platos ›Timaios‹ vorgefunden hatte. Nicht daß mir diese
Konstruktionen, die ich zunächst für ganz absurd gehalten hatte, nun auf einmal plausibel erschienen wären;
nur sah ich hier zum ersten Mal einen Weg vor mir, der wenigstens im Prinzip zu derartigen Konstruktionen
führen konnte.
Um verständlich zu machen, daß mir die Erinnerung an das Studium des ›Timaios‹ in diesem Moment sehr
viel bedeutete, muß wohl auch kurz über die merkwürdigen Umstände berichtet werden, unter denen diese
Lektüre stattgefunden hatte. Im Frühjahr 1919 herrschten in München ziemlich chaotische Zustände. Auf den
Straßen wurde geschossen, ohne daß man genau wußte, wer die Kämpfenden waren. Die Regierungsgewalt
wechselte zwischen Personen und Institutionen, die man kaum dem Namen nach kannte. Plünderungen und
Raub, von denen einer mich einmal selbst betroffen hatte, ließen den Ausdruck »Räterepublik« als Synonym
für rechtlose Zustände erscheinen. Als sich dann schließlich außerhalb Münchens eine neue bayerische
Regierung gebildet hatte, die ihre Truppen zur Eroberung von München einsetzte, hofften wir auf
Wiederherstellung geordneter Verhältnisse. Der Vater des Freundes, dem ich früher bei den Schularbeiten
geholfen hatte, übernahm die Führung einer Kompanie von Freiwilligen, die sich an der Eroberung der Stadt
beteiligen wollten. Er forderte uns, das heißt die halberwachsenen Freunde seiner Söhne, auf, als stadtkundige
Ordonnanzen bei den einrückenden Truppen zu helfen. So ergab es sich, daß wir einem Stab, genannt
Kavallerieschützenkommando 11, zugeteilt wurden, der sein Quartier in der Ludwigstraße im Gebäude des
Priesterseminars gegenüber der Universität aufgeschlagen hatte. Hier tat ich also Dienst, oder richtiger, hier
führten wir zusammen ein sehr ungebundenes Abenteurerleben; von der Schule waren wir befreit, wie schon
so oft vorher, und wir wollten die Freiheit nutzen, um die Welt von neuen Seiten kennenzulernen. Der
Freundeskreis, mit dem ich ein Jahr später über die Hügel am Starnberger See wanderte, hatte sich in seinem
Grundstock eben hier zusammengefunden. Dieses abenteuerliche Leben dauerte aber nur einige Wochen.
Als dann die Kämpfe abgeflaut waren und der Dienst eintönig wurde, geschah es öfters, daß ich nach einer
in der Telephonzentrale durchwachten Nacht mit dem Sonnenaufgang aller Pflichten ledig war. Um mich
allmählich wieder auf die Schule vorzubereiten, zog ich mich dann mit unserer griechischen Schulausgabe der
Platonischen Dialoge auf das Dach des Priesterseminars zurück. Dort konnte ich, in der Dachrinne liegend
und von den ersten Sonnenstrahlen durchwärmt, in aller Ruhe meinen Studien nachgehen und zwischendurch
das erwachende Leben auf der Ludwigstraße beobachten. An einem solchen Morgen, als das Licht der
aufgehenden Sonne schon das Universitätsgebäude und den Brunnen davor überflutete, geriet ich an den
Dialog ›Timaios‹, und zwar an jene Stelle, wo über die kleinsten Teile der Materie gesprochen wird. Vielleicht
hat mich die Stelle zunächst nur deswegen gefesselt, weil sie schwer zu übersetzen war oder weil sie von
mathematischen Dingen handelte, die mich immer schon interessiert hatten. Ich weiß nicht mehr, warum ich
meine Arbeit gerade auf diesen Text besonders hartnäckig konzentrierte. Aber was ich dort las, kam mir
völlig absurd vor. Da wurde behauptet, daß die kleinsten Teile der Materie aus rechtwinkligen Dreiecken
gebildet seien, die, nachdem sie paarweise zu gleichseitigen Dreiecken oder Quadraten zusammengetreten
waren, sich zu den regulären Körpern der Stereometrie Würfel, Tetraeder, Oktaeder und Ikosaeder
zusammenfügten. Diese vier Körper seien dann die Grundeinheiten der vier Elemente Erde, Feuer, Luft und
Wasser. Dabei blieb mir unklar, ob die regulären Körper nur als Symbole den Elementen zugeordnet waren,
so etwa der Würfel dem Element Erde, um die Festigkeit, das Ruhende dieses Elements darzustellen, oder ob
wirklich die kleinsten Teile des Elements Erde eben die Form des Würfels haben sollten. Solche
Vorstellungen empfand ich als wilde Spekulationen, bestenfalls entschuldbar durch den Mangel an
eingehenden empirischen Kenntnissen im alten Griechenland. Aber es beunruhigte mich tief, daß ein
Philosoph, der so kritisch und scharf denken konnte wie Plato, doch auf derartige Spekulationen verfallen
war. Ich versuchte, irgendwelche Denkansätze zu finden, von denen aus die Spekulationen Platos mir
verständlicher werden könnten. Aber ich wußte nichts zu entdecken, was auch nur von ferne den Weg dahin
gewiesen hätte. Dabei ging für mich von der Vorstellung, daß man bei den kleinsten Teilen der Materie
schließlich auf mathematische Formen stoßen sollte, eine gewisse Faszination aus. Ein Verständnis des fast
unentwirrbaren und unübersehbaren Gewebes der Naturerscheinungen war doch wohl nur möglich, wenn
man mathematische Formen in ihm entdecken konnte. Aber mit welchem Recht Plato dabei gerade auf die
regulären Körper der Stereometrie verfallen war, blieb mir völlig unverständlich. Sie schienen keinerlei
Erklärungswert zu enthalten. So benützte ich den Dialog weiterhin nur, um meine Kenntnisse im Griechischen
aufzufrischen. Aber die Beunruhigung blieb. Das wichtigste Ergebnis der Lektüre war vielleicht die Überzeu-
gung, daß man, wenn man die materielle Welt verstehen wollte, etwas über ihre kleinsten Teile wissen
mußte. Aus Schullehrbüchern und populären Schriften war mir bekannt, daß auch die moderne Wissenschaft
Untersuchungen über die Atome anstellt. Vielleicht konnte ich später in meinem Studium selbst in diese Welt
eindringen. Aber das war später.
Die Beunruhigung blieb und wurde für mich ein Teil jener allgemeinen Unruhe, die die Jugend in Deutschland
ergriffen hatte. Wenn ein Philosoph vom Rang Platos Ordnungen im Naturgeschehen zu erkennen glaubte,
die uns jetzt verlorengegangen oder unzugänglich sind, was bedeutet dann das Wort »Ordnung« überhaupt?
Ist Ordnung und ihr Verständnis an eine Zeit gebunden? Wir waren in einer Welt aufgewachsen, die
wohlgeordnet schien. Unsere Eltern hatten uns die bürgerlichen Tugenden gelehrt, die für die
Aufrechterhaltung jener Ordnung die Voraussetzung bilden. Daß es zuzeiten auch notwendig sein kann, für
ein solches geordnetes Staatswesen das eigene Leben zu opfern, das hatten schon Griechen und Römer
gewußt, das war nichts Besonderes, Der Tod vieler Freunde und Verwandter hatte uns gezeigt, daß die Welt
eben so ist; aber nun gab es viele, die sagten, der Krieg sei ein Verbrechen gewesen, und zwar ein
Verbrechen eben jener Führungsschicht, die sich für die Aufrechterhaltung der alten europäischen Ordnung
vor allem verantwortlich gefühlt hatte, die geglaubt hatte, ihr auch dort Geltung verschaffen zu müssen, wo
sie mit anderen Bestrebungen in Konflikt geriet. Die alte Struktur Europas war jetzt durch die Niederlage
zerbrochen. Auch das war nichts Besonderes. Wo es Kriege gibt, muß es Niederlagen geben. Aber war
dadurch der Wert der alten Struktur grundsätzlich in Frage gestellt? Kam es nun nicht einfach darauf an, aus
den Trümmern eine neue kräftigere Ordnung aufzubauen? Oder hatten jene recht, die auf den Straßen von
München ihr Leben dafür opferten, die Rückkehr einer Ordnung alten Stils überhaupt zu verhindern und statt
dessen eine zukünftige zu verkünden, die nicht mehr eine Nation, sondern die ganze Menschheit umfassen
sollte -obwohl diese Menschheit außerhalb Deutschlands in ihrer Mehrheit vielleicht gar nicht daran dachte,
eine solche Ordnung errichten zu wollen? In den Köpfen der jungen Menschen gingen diese Fragen wirr
durcheinander, und auch die Älteren konnten uns keine Antworten mehr geben.
So fiel in die Zeit zwischen der Lektüre des ›Timaios‹ und der Wanderung auf den Höhen am Starnberger
See noch ein weiteres Erlebnis, das erheblichen Einfluß auf mein späteres Denken gewonnen hat und über
das berichtet werden muß, bevor das Gespräch über die Welt der Atome wieder aufgenommen werden kann.
Einige Monate nach der Eroberung Münchens waren die Truppen wieder aus der Stadt ausgezogen. Wir
besuchten die Schule wie vorher, ohne viel über den Wert unseres Tuns nachzudenken. Da geschah es eines
Nachmittags, daß ich auf der Leopoldstraße von einem mir unbekannten Jungen angesprochen wurde:
»Weißt du schon, daß sich in der nächsten Woche die Jugend auf Schloß Prunn versammelt? Wir wollen alle
mitgehen, und du sollst auch kommen. Alle sollen kommen. Wir wollen uns jetzt selbst überlegen, wie alles
weitergehen soll.« Seine Stimme hatte einen Klang, den ich bis dahin nicht gehört hatte. So beschloß ich, nach
Schloß Prunn zu fahren, Kurt wollte mich begleiten.
Die Eisenbahn, die damals noch ganz unregelmäßig verkehrte, brachte uns erst in vielen Stunden ins untere
Altmühltal. Es war wohl in früheren geologischen Zeiten einmal das Tal der Donau gewesen; die Altmühl hat
sich dort in vielen Windungen den Weg durch den Fränkischen Jura gegraben, und das malerische Tal ist fast
wie das Rheintal von alten Burgen bekränzt. Die letzten Kilometer zum Schloß Prunn mußten wir zu Fuß
zurücklegen, und schon sahen wir von allen Seiten junge Menschen auf die hohe Burg zustreben, die kühn auf
einem senkrecht abfallenden Felsen am Talrand errichtet ist. Im Schloßhof, in dessen Mitte ein alter
Ziehbrunnen stand, waren schon größere Scharen versammelt. Die meisten waren noch Schüler, aber es gab
auch Ältere darunter, die als Soldaten alle Schrecken des Krieges miterlebt hatten und in eine veränderte
Welt zurückgekehrt waren. Viele Reden wurden gehalten, deren Pathos uns heute fremd anmuten würde: Ob
das Schicksal unseres Volkes oder das der ganzen Menschheit für uns wichtiger wäre, ob der Opfertod der
Gefallenen durch die Niederlage sinnlos geworden sei, ob die Jugend sich das Recht nehmen dürfe, ihr Leben
selbst und nach eigenen Wertmaßstäben zu gestalten, ob die innere Wahrhaftigkeit wichtiger sei als die alten
Formen, die für Jahrhunderte das Leben der Menschen geordnet hätten - über all dies wurde mit
Leidenschaft gesprochen und gestritten.
Ich war viel zu unsicher, um mich an diesen Debatten zu beteiligen, aber ich hörte zu und dachte über den
Begriff der Ordnung selbst nach. Die Verwirrung im Inhalt der Reden schien mir zu zeigen, daß auch echte
Ordnungen miteinander in Widerstreit geraten können und daß dann durch diesen Kampf das Gegenteil von
Ordnung bewirkt wird. Dies war, so schien mir, doch nur möglich, wenn es sich um Teilordnungen handelte,
um Bruchstücke, die sich aus dem Verband der zentralen Ordnung gelöst hatten; die zwar ihre
Gestaltungskraft noch nicht eingebüßt hatten, denen aber die Orientierung nach der Mitte verlorengegangen
war. Das Fehlen dieser wirksamen Mitte wurde mir immer quälender bewußt, je länger ich zuhörte; ich litt
fast physisch darunter, aber ich wäre selbst nicht imstande gewesen, aus dem Dickicht der widerstreitenden
Meinungen einen Weg in den zentralen Bereich zurückzufinden. So vergingen Stunden, und es wurden Reden
gehalten und Streitgespräche geführt. Die Schatten auf dem Burghof wurden länger, und schließlich folgte
dem heißen Tag eine graublaue Dämmerung und eine mondhelle Nacht. Immer noch wurde gesprochen, aber
dann erschien oben auf dem Balkon über dem Schloßhof ein junger Mensch mit einer Geige, und als es still
geworden war, erklangen die ersten großen d-moll-Akkorde der Chaconne von Bach über uns. Da war die
Verbindung zur Mitte auf einmal unbezweifelbar hergestellt. Das vom Mondlicht übergossene Altmühltal
unter uns wäre Grund genug für eine romantische Verzauberung gewesen; aber das war es nicht. Die klaren
Figuren der Chaconne waren wie ein kühler Wind, der den Nebel zerriß und die scharfen Strukturen dahinter
sichtbar werden ließ. Man konnte also vom zentralen Bereich sprechen, das war zu allen Zeiten möglich
gewesen, bei Plato und bei Bach, in der Sprache der Musik oder der Philosophie oder der Religion, also
mußte es auch jetzt und in Zukunft möglich sein. Das war das Erlebnis.
Den Rest der Nacht verbrachten wir an Lagerfeuern und in Zelten auf einer Waldwiese oberhalb des
Schlosses, und dort wurde auch Eichendorffscher Romantik Raum gegeben. Der junge Geiger, schon ein
Student, setzte sich zu unserer Gruppe und spielte Menuette von Mozart und Beethoven, dazwischen alte
Volkslieder, und ich versuchte, ihn auf meiner Gitarre zu begleiten. Er erwies sich übrigens als ein lustiger
Kamerad, der sich nicht gern auf die Feierlichkeit seiner Darstellung der Chaconne von Bach anreden ließ.
Als es doch geschah, fragte er zurück: »Weißt du, in welcher Tonart die Posaunen von Jericho geblasen
haben?« - »Nein.« -»Natürlich auch in d-moll!« - »Wieso?« - »Weil sie die Mauern von Jericho d-moll-iert
haben.« Unserer Empörung über den Kalauer konnte er sich nur durch schnelle Flucht entziehen.
Diese Nacht war nun wieder in das Halbdunkel der Erinnerung zurückgesunken, und wir wanderten über die
Höhen am Starnberger See und sprachen über die Atome. Roberts Bemerkung über Malebranche hatte mir
klar gemacht, daß Erfahrungen über die Atome nur recht indirekter Art sein können und daß die Atome
wahrscheinlich keine Dinge sind. Dies hatte offenbar auch Plato im ›Timaios‹ gemeint, und nur so waren
seine weiteren Spekulationen über die regulären Körper wenigstens halbwegs verständlich. Auch wenn die
moderne Naturwissenschaft über die Formen der Atome spricht, so kann das Wort Form hier nur in seiner
allgemeinsten Bedeutung verstanden werden, als Struktur in Raum und Zeit, als Symmetrie-Eigenschaft von
Kräften, als Möglichkeit zur Bindung an andere Atome. Anschaulich würde man solche Strukturen wohl nie
beschreiben können, schon weil sie gar nicht so eindeutig in die objektive Welt der Dinge gehörten. Aber
einer mathematischen Betrachtung sollten sie vielleicht zugänglich sein.
Ich wollte also mehr über die philosophische Seite des Atomproblems wissen und erwähnte gegenüber Robert
die Stelle im ›Timaios‹ bei Plato. Dann fragte ich ihn, ob er denn überhaupt mit der Meinung einverstanden
sei, daß alle materiellen Dinge aus Atomen bestehen, daß es schließlich kleinste Teile gebe, eben die Atome,
in die man alle Materie zerlegen könne. Ich hätte den Eindruck, daß er gegen diese ganze Begriffswelt der
atomaren Struktur der Materie recht skeptisch eingestellt sei.
Er bestätigte mir dies. »Mir ist diese Fragestellung fremd, die so weit aus unserer unmittelbaren Erlebniswelt
herausführt. Die Welt der Menschen oder die der Seen und Wälder liegt mir näher als die der Atome. Aber
man kann natürlich fragen, was geschieht, wenn man die Materie immer weiter zu teilen sucht, ebenso wie
man fragen kann, ob sehr entfernte Sterne und deren Planeten von lebendigen Wesen bewohnt sind. Mir sind
solche Fragen nicht angenehm; vielleicht möchte ich die Antwort gar nicht wissen.
Ich glaube, wir haben in unserer Welt wichtigere Aufgaben als die, solche Fragen zu stellen.«
Ich antwortete: »Ich will nicht mit dir über die Wichtigkeit der verschiedenen Aufgaben rechten. Mir ist die
Naturwissenschaft immer interessant gewesen, und ich weiß, daß sich viele ernsthafte Menschen darum
bemühen, mehr über die Natur und ihre Gesetze zu erfahren. Vielleicht ist der Erfolg ihrer Arbeit auch für die
menschliche Gemeinschaft wichtig, aber darauf kommt es mir jetzt nicht an. Was mich beunruhigt, ist dies: Es
sieht so aus, und Kurt hat das ja vorhin schon gesagt, als hätte die moderne Entwicklung von
Naturwissenschaft und Technik recht dicht an die Stelle herangeführt, an der man die einzelnen Atome oder
wenigstens ihre Wirkung unmittelbar sehen kann, an der man mit Atomen experimentieren kann. Wir wissen
davon noch wenig, weil wir es nicht gelernt haben; aber wenn es so ist, wie verhält sich das zu deinen
Ansichten? Was könntest du vom Standpunkt deines Philosophen Malebranche dazu sagen?«
»Ich würde jedenfalls erwarten, daß die Atome sich ganz anders verhalten als die Dinge der täglichen
Erfahrung. Ich könnte mir wohl denken, daß man beim Versuch, immer weiter zu teilen, auf Unstetigkeiten
stößt, aus denen man auf eine körnige Struktur der Materie schließen muß. Aber ich würde vermuten, daß
sich die Gebilde, mit denen man dann zu tun bekommt, einer objektiven Fixierung in vorstellbaren Bildern
weitgehend entziehen, daß sie eher eine Art abstrakter Ausdruck für die Naturgesetze sind, aber eben keine
Dinge.«
»Wenn man sie aber direkt sehen kann?«
»Man wird sie nicht sehen können, sondern nur ihre Wirkung.«
»Das ist eine schlechte Ausrede. Denn das ist bei allen anderen Dingen doch genauso. Auch von einer Katze
siehst du immer nur die Lichtstrahlen, die von ihrem Körper ausgehen, das heißt die Wirkungen der Katze,
niemals die Katze selbst, und auch wenn du ihr Fell streichelst, ist es grundsätzlich nicht anders.«
»Doch! Da kann ich dir nicht recht geben. Die Katze kann ich direkt sehen, denn hier kann ich, ja muß ich die
Sinneseindrücke in eine Vorstellung verwandeln. Von der Katze gibt es beides: die objektive und die
subjektive Seite - die Katze als Ding und als Vorstellung. Aber beim Atom ist das anders. Da werden Vor-
stellung und Ding nicht mehr auseinandertreten, weil das Atom eigentlich beides nicht mehr ist.«
Hier mischte sich Kurt wieder ins Gespräch: »Mir wird euer Reden zu gelehrt. Ihr ergeht euch in
philosophischen Spekulationen, wo man eben doch einfach die Erfahrung fragen sollte. Vielleicht führt uns
unser Studium einmal später an die Aufgabe, über die Atome oder an den Atomen zu experimentieren; dann
werden wir schon sehen, was die Atome sind. Wir werden wahrscheinlich lernen, daß sie genau so wirklich
und real sind wie alle anderen Dinge, mit denen man experimentieren kann. Wenn es wahr ist, daß alle
materiellen Dinge aus Atomen bestehen, so sind diese Atome eben auch genauso wirklich und real wie die
materiellen Dinge.«
»Nein«, erwiderte Robert, »dieser Schluß scheint mir äußerst anfechtbar. Du könntest genausogut sagen:
Weil alle lebendigen Wesen aus Atomen bestehen, so sind die Atome auch genauso lebendig wie diese
Wesen. Das ist doch offenbar Unsinn. Erst die Zusammensetzung vieler Atome zu größeren Gebilden soll
diesen Gebilden ja die Qualitäten, die Eigenschaften geben, die sie eben als solche Gebilde oder Dinge
charakterisieren.«
»Also meinst du, die Atome seien nicht wirklich oder real?«
»Nun übertreibst du wieder! Vielleicht handelt es sich hier gar nicht um die Frage, was wir über die Atome
wissen, sondern um die ganz andere Frage, was solche Worte wie ›wirklich‹ oder ›real‹ bedeuten sollen. Ihr
habt vorhin die Stelle in Platos ›Timaios‹ erwähnt und berichtet, daß Plato die kleinsten Teile mit mathemati-
schen Formen, den regulären Körpern, identifiziert. Wenn das auch unrichtig sein mag, denn Plato hatte keine
Erfahrungen über die Atome, so kann man es doch einmal als möglich unterstellen. Würdest du solche
mathematische Formen ›wirklich‹ und ›real‹ nennen? Wenn sie Ausdruck der Naturgesetze sind, also
Ausdruck der zentralen Ordnung des materiellen Geschehens, so müßte man sie wohl wirklich nennen, denn
es gehen Wirkungen von ihnen aus, aber man könnte sie nicht real nennen, weil sie eben keine ›res‹, keine
Sache sind. Man weiß hier eben nicht mehr recht, wie man die Worte verwenden soll, und das ist kein
Wunder, weil man sich so weit entfernt hat von dem Bereich unserer unmittelbaren Erfahrung, in dem sich
unsere Sprache in vorgeschichtlicher Zeit gebildet hat.«
Kurt war mit dem Verlauf des Gesprächs noch nicht ganz zufrieden und meinte: »Auch die Entscheidung
hierüber würde ich gern der Erfahrung überlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die menschliche
Phantasie ausreicht, um die Verhältnisse bei den kleinsten Teilen der Materie zu erraten, wenn man sich nicht
vorher durch eingehende Experimente mit der Welt dieser kleinsten Teile vertraut gemacht hat. Nur wenn
dies sehr gewissenhaft und ohne alle vorgefaßten Meinungen geschieht, kann ein echtes Verständnis
herauskommen. Daher bin ich skeptisch gegen allzu eingehende philosophische Diskussionen über einen so
schwierigen Gegenstand. Denn dabei werden zu leicht gedankliche Vorurteile gebildet, die dann später das
Verständnis erschweren, statt es zu erleichtern. Ich hoffe also, daß sich in Zukunft zuerst die Natur-
wissenschaftler und erst dann die Philosophen mit den Atomen befassen.«
Um diese Zeit war die Geduld der anderen Mitwanderer wohl erschöpft. »Wollt ihr nicht endlich mit eurem
merkwürdigen Zeug aufhören, das doch kein Mensch versteht? Wenn ihr euch aufs Examen vorbereiten
wollt, so tut es zu Hause. Wie wär's mit einem Lied?« So wurde schnell angestimmt, und der helle Klang der
jungen Stimmen, die Farben der blühenden Wiesen waren wirklicher als die Gedanken über die Atome, und
sie verscheuchten den Traum, dem wir uns überlassen hatten.
2. Der Entschluß zum Physikstudium
(1920)

Schulzeit und Universitätsstudium waren für mich durch einen tiefen Einschnitt getrennt. Nach einer dem
Abitur folgenden Wanderung durchs Frankenland mit der gleichen Gruppe von Freunden, mit denen ich im
Frühling am Starnberger See über die Atomlehre gesprochen hatte, erkrankte ich schwer, mußte mit hohem
Fieber für viele Wochen das Bett hüten und war auch in der anschließenden Erholungszeit noch lange mit
meinen Büchern allein. In diesen kritischen Monaten war mir ein Werk in die Hände geraten, dessen Inhalt
mich faszinierte, obgleich ich es nur halb verstand. Der Mathematiker Hermann Weyl hatte unter dem Titel
›Raum-Zeit-Materie‹ eine mathematische Darstellung der Prinzipien der Einsteinschen Relativitätstheorie
gegeben. Die Auseinandersetzung mit den hier entwickelten schwierigen mathematischen Methoden und
dem dahinterliegenden abstrakten Gedankengebäude der Relativitätstheorie beschäftigte und beunruhigte
mich. Sie bekräftigte meinen schon vorher gefaßten Entschluß, an der Universität München Mathematik
studieren zu wollen.
In den ersten Tagen meines Studiums trat dann aber noch eine merkwürdige und auch für mich
überraschende Wendung ein, die kurz berichtet werden muß. Mein Vater, der an der Universität München
Mittel- und Neugriechische Sprache lehrte, hatte mir eine Unterredung mit dem Professor für Mathematik
Lindemann verschafft, der durch die endgültige mathematische Entscheidung des uralten Problems von der
Quadratur des Zirkels berühmt geworden war. Ich wollte Lindemann bitten, mich zu seinem Seminar
zuzulassen; denn ich bildete mir ein, durch die Mathematikstudien, die ich während der Schulzeit nebenher
getrieben hatte, für ein solches Seminar genügend vorbereitet zu sein. Ich besuchte Lindemann, der auch in
der Hochschulverwaltung tätig war, im ersten Stock des Universitätsgebäudes in einem merkwürdig alt-
modisch ausgestatteten dunklen Raum, der in mir durch die Steifheit seiner Einrichtung etwas beklemmende
Gefühle auslöste. Bevor ich noch mit dem Professor, der sich nur langsam erhob, gesprochen hatte, bemerkte
ich auf dem Schreibtisch neben ihm kauernd ein kleines Hündchen mit schwarzem Fell, das mich in dieser
Umgebung ganz unmittelbar an den Pudel in Fausts Studierstube erinnerte. Der dunkle Vierbeiner blickte
mich feindselig an, er betrachtete mich offenbar als einen Eindringling, der die Ruhe seines Herrn stören
wollte. Dadurch etwas verwirrt, brachte ich mein Anliegen nur stockend vor und bemerkte erst jetzt beim
Sprechen, wie unbescheiden meine Bitte eigentlich war. Lindemann, ein alter Herr mit weißem Vollbart, der
schon etwas müde aussah, empfand diese Unbescheidenheit offenbar auch, und die leichte Gereiztheit, die ihn
ergriff, mag der Grund dafür gewesen sein, daß nun plötzlich das Hündchen auf dem Schreibtisch entsetzlich
zu bellen anfing. Sein Herr versuchte vergeblich, es zu beruhigen. Das kleine Tier steigerte seinen Zorn über
mich zu einem wütenden Kläffen, das in immer neuen Anfällen aus ihm hervorbrach, so daß die
Verständigung immer schwieriger wurde. Lindemann fragte noch, welche Bücher ich denn in der letzten Zeit
studiert hätte. Ich nannte das Werk von Weyl ›Raum-Zeit-Materie‹. Unter dem anhaltenden Toben des
kleinen schwarzen Wächters schloß Lindemann darauf das Gespräch mit den Worten: »Dann sind Sie für die
Mathematik sowieso schon verdorben.« Damit war ich entlassen.
Mit dem Studium der Mathematik war es also nichts. Eine enttäuschte Beratung mit meinem Vater führte zu
dem Schluß, daß ich es ja auch mit dem Studium der mathematischen Physik versuchen könnte. So wurde ein
Besuch bei Sommerfeld vereinbart, der damals das Fach der Theoretischen Physik an der Universität
München vertrat und als einer der glänzendsten Lehrer der Hochschule und als ein Freund der Jugend galt.
Sommerfeld empfing mich in einem hellen Zimmer, durch dessen Fenster man im Hof der Universität die
Studenten auf den Bänken unter der großen Akazie sitzen sah. Der kleine, untersetzte Mann mit dem etwas
martialisch anmutenden dunklen Schnurrbart machte zunächst einen strengen Eindruck. Aber schon aus den
ersten Sätzen schien mir eine unmittelbare Güte zu sprechen, ein Wohlwollen für den jungen Menschen, der
hier Führung und Rat suchte. Wieder kam die Rede auf meine neben der Schule betriebenen mathematischen
Studien und auf das Buch von Weyl ›Raum-Zeit-Materie‹. Sommerfeld reagierte ganz anders als Lindemann:
»Sie sind viel zu anspruchsvoll«, meinte er, »Sie können doch nicht mit dem Schwierigsten anfangen und
hoffen, daß Ihnen das Leichtere von selbst in den Schoß fällt. Ich verstehe, daß Sie von dem Problemkreis
der Relativitätstheorie fasziniert sind, und die moderne Physik dringt auch noch an anderen Stellen in
Bereiche vor, in denen philosophische Grundpositionen in Frage gestellt werden, in denen es sich also um
Erkenntnisse der erregendsten Art handelt. Aber der Weg dahin ist weiter, als Sie sich jetzt vorstellen. Sie
müssen mit bescheidener, sorgfältiger Arbeit im Bereich der traditionellen Physik anfangen. Wenn Sie Physik
studieren wollen, so haben Sie übrigens zunächst die Wahl, ob Sie vor allem experimentieren oder theoretisch
arbeiten wollen. Nach dem, was Sie erzählen, liegt Ihnen die Theorie vielleicht näher. Aber haben Sie sich in
der Schulzeit nicht auch gelegentlich mit Apparaten und Experimenten beschäftigt?«
Ich bestätigte dies und berichtete, daß ich als Schuljunge gerne kleine Apparate, Motoren und
Funkeninduktoren gebaut hätte. Aber im ganzen sei mir die Welt der Apparate doch eher fremd, und die
Sorgfalt, die man bei genauen Messungen auch relativ unwichtiger Daten aufwenden müsse, fiele mir sicher
außerordentlich schwer.
»Aber Sie müssen, auch wenn Sie Theorie treiben wollen, mit großer Sorgfalt kleine und Ihnen zunächst
unwichtig scheinende Aufgaben bearbeiten. Wenn solche großen bis in die Philosophie reichenden Probleme
zur Diskussion stehen wie die Einsteinsche Relativitätstheorie oder die Plancksche Quantentheorie, so gibt es
auch für den, der über die Anfangsgründe hinaus ist, viele kleine Probleme, die gelöst werden müssen und die
erst in ihrer Gesamtheit ein Bild des neu erschlossenen Gebiets vermitteln.«
»Aber mich interessieren die dahinterliegenden philosophischen Fragen vielleicht noch mehr als die einzelnen
kleinen Aufgaben«, wandte ich schüchtern ein. Aber damit war Sommerfeld gar nicht zufrieden.
»Sie wissen doch, wie Schiller über Kant und seine Ausleger gesagt hat: ›Wenn die Könige baun, haben die
Kärrner zu tun‹. Zunächst sind wir alle Kärrner! Aber Sie werden schon sehen, daß Ihnen auch das Freude
macht, wenn Sie solche Arbeit sorgfältig und gewissenhaft tun und dabei auch, wie wir hoffen, etwas her-
ausbringen.« Sommerfeld gab mir dann noch Anweisungen für die Anfänge meines Studiums und versprach,
mir vielleicht schon sehr bald ein kleines Problem vorzulegen, das mit Fragen der neuesten Atomtheorie zu
tun hätte und an dem ich meine Kräfte erproben könnte. Damit war über meine Zugehörigkeit zur
Sommerfeldschen Schule für die nächsten Jahre entschieden.
Dieses erste Gespräch mit einem Gelehrten, der in der modernen Physik wirklich Bescheid wußte, der auf
dem Gebiet zwischen Relativitätstheorie und Quantentheorie selbst wichtige Entdeckungen gemacht hatte,
wirkte noch lange Zeit in mir nach. Die Forderung nach der Sorgfalt im Kleinen leuchtete mir ein, da ich sie in
anderer Form auch von meinem Vater oft gehört hatte. Aber es bedrückte mich, noch so weit von dem
Bereich entfernt zu sein, dem mein eigentliches Interesse galt. So fand diese erste Unterredung ihre
Fortsetzung in manchen anderen Gesprächen mit meinen Freunden, und mir ist besonders eines in der
Erinnerung geblieben, das die Stellung der modernen Physik in der kulturellen Entwicklung unserer Zeit
betraf.
Mit dem Geiger, der in der Nacht von Schloß Prunn die Chaconne von Bach gespielt hatte, traf ich mich in
jenem Herbst häufig im Haus unseres Freundes Walter, der ein guter Cellist war. Wir versuchten gemeinsam,
uns in die klassische Trioliteratur einzuarbeiten, und hatten uns damals gerade vorgenommen, für eine Feier
das berühmte Schuberttrio in B-Dur einzustudieren. Da Walters Vater früh verstorben war, lebte seine
Mutter allein mit ihren beiden Söhnen in einer großen und sehr kultiviert eingerichteten Wohnung in der
Elisabethstraße, nur wenige Minuten von meinem elterlichen Haus in der Hohenzollernstraße entfernt, und
der schöne Bechsteinflügel im Wohnzimmer erhöhte für mich noch den Reiz, dort zu musizieren. Im
Anschluß an die gemeinsame Musik saßen wir dann oft bis spät in die Nacht zusammen, in Gespräche
vertieft. Bei dieser Gelegenheit kam die Rede auch auf meine Studienpläne. Walters Mutter fragte mich,
warum ich mich nicht für das Studium der Musik entschieden hätte:
»Aus Ihrem Spiel und aus der Art, wie Sie über diese Musik sprechen, habe ich den Eindruck, daß die Kunst
Ihrem Herzen näher liegt als Naturwissenschaft und Technik, daß Sie im Grunde den Inhalt solcher Musik
schöner finden als den Geist, der sich in Apparaten und Formeln oder in raffinierten technischen Geräten
ausdrückt. Wenn das so ist, warum wollen Sie sich für die Naturwissenschaft entscheiden? Der Weg der
Welt wird doch schließlich bestimmt durch das, was die jungen Menschen wollen. Wenn die Jugend sich für
das Schöne entscheidet, wird es mehr Schönes geben; wenn sie sich für das Nützliche entscheidet, wird es
mehr Nützliches geben. Daher hat die Entscheidung eines jeden einzelnen ihr Gewicht nicht nur für ihn selbst,
sondern auch für die menschliche Gesellschaft.«
Ich versuchte mich zu verteidigen: »Ich glaube eigentlich nicht, daß man vor eine so einfache Wahl gestellt
wird. Denn auch abgesehen davon, daß ich wahrscheinlich kein besonders guter Musiker werden könnte,
bleibt doch die Frage, in welchem Gebiet man heute am meisten ausrichten kann, und diese Frage zielt auf
den Zustand des betreffenden Gebiets. In der Musik habe ich den Eindruck, daß die Kompositionen der
letzten Jahre nicht mehr so überzeugend sind wie die der früheren Zeiten. Im 17. Jahrhundert war die Musik
noch weitgehend von dem religiösen Kern des damaligen Lebens bestimmt, im 18. Jahrhundert ist der
Übergang in die Gefühlswelt des Einzelnen vollzogen worden, und die romantische Musik des 19.
Jahrhunderts ist bis in die innersten Tiefen der menschlichen Seele vorgedrungen. Aber in den letzten Jahren
scheint die Musik in ein merkwürdig unruhiges und vielleicht etwas schwächliches Experimentierstadium zu
geraten, in dem theoretische Überlegungen eine größere Rolle spielen als das sichere Bewußtsein eines
Fortschritts auf vorbestimmter Bahn. In der Naturwissenschaft, und besonders in der Physik ist das anders.
Dort hat die Verfolgung des vorgezeichneten Weges - dessen Ziel damals, vor zwanzig Jahren, das
Verständnis gewisser elektromagnetischer Erscheinungen sein mußte - von selbst zu Problemen geführt, in
denen philosophische Grundpositionen, die Struktur von Raum und Zeit und die Gültigkeit des Kausalgesetzes,
in Frage gestellt werden. Hier, glaube ich, eröffnet sich ein noch unübersehbares Neuland, und
wahrscheinlich werden mehrere Generationen von Physikern zu tun haben, um die endgültigen Antworten zu
finden. Es scheint mir eben sehr verlockend, dabei irgendwie mitzutun.«
Unser Freund Rolf, der Geiger, war damit nicht zufrieden. »Gilt das, was du von der modernen Physik sagst,
nicht auch im gleichen Maße von unserer heutigen Musik? Auch hier scheint der Weg vorgezeichnet. Die
alten Schranken der Tonalität werden überwunden, wir treten in ein Neuland ein, in dem wir hinsichtlich der
Klänge und Rhythmen fast jede beliebige Freiheit haben. Können wir da nicht ebensoviel Reichtum erhoffen
wie in deiner Naturwissenschaft?«
Walter aber hatte doch einige Bedenken bei diesem Vergleich. »Ich weiß nicht«, warf er ein, »ob Freiheit in
der Wahl der Ausdrucksmittel und fruchtbares Neuland notwendig das gleiche sind. Es sieht zwar zunächst
so aus, als ob eine größere Freiheit auch eine Bereicherung, eine Vermehrung der Möglichkeiten darstellen
müsse. Aber das kann ich für die Kunst, die mir näher liegt als die Wissenschaft, eigentlich nicht zugeben.
Der Fortschritt der Kunst vollzieht sich doch wohl in der Weise, daß zunächst ein langsamer historischer
Prozeß, der das Leben der Menschen umgestaltet, ohne daß der Einzelne darauf viel Einfluß ausüben könnte,
neue Inhalte hervorbringt. Einzelne begabte Künstler versuchen dann, diesen Inhalten sichtbare oder hörbare
Gestalt zu geben, indem sie dem Material, mit dem ihre Kunst arbeitet, den Farben oder den Instrumenten,
neue Ausdrucksmöglichkeiten abringen. Dieses Wechselspiel oder - wenn man so will - dieser Kampf zwi-
schen dem Ausdrucksinhalt und der Beschränktheit der Ausdrucksmittel ist, so scheint mir, die
unumgängliche Voraussetzung dafür, daß wirklich Kunst entsteht. Wenn die Beschränktheit der Aus-
drucksmittel wegfällt, wenn man zum Beispiel in der Musik jeden beliebigen Klang hervorbringen kann, so
gibt es diesen Kampf nicht mehr, so stößt die Anstrengung der Künstler gewissermaßen ins Leere. Daher bin
ich gegen allzu große Freiheit skeptisch.« »In der Naturwissenschaft«, fuhr Walter fort, »werden immer
wieder neue Experimente durch neue Techniken ermöglicht und ausgeführt, neue Erfahrungen gesammelt,
und dadurch werden wohl die neuen Inhalte hervorgebracht. Die Ausdrucksmittel sind hier die Begriffe, in
denen die neuen Inhalte erfaßt und damit verstanden werden sollen. Zum Beispiel habe ich aus populären
Schriften entnommen, daß die Relativitätstheorie, die dich so interessiert, auf gewissen Erfahrungen beruht,
die so um die Jahrhundertwende gemacht wurden, als man versuchte, die Bewegung der Erde im Raum mit
Hilfe der Interferenz von Lichtstrahlen nachzuweisen. Als dieser Nachweis mißlang, merkte man, daß die
neuen Erfahrungen oder, was dasselbe ist, die neuen Inhalte eine Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten,
das heißt des Begriffssystems der Physik, nötig machten. Daß dann radikale Änderungen an so
fundamentalen Begriffen wie Raum und Zeit notwendig würden, hatte wohl zu Anfang niemand
vorausgesehen. Aber das war offenbar die große Entdeckung Einsteins, der als erster erkannte, daß an den
Vorstellungen von Raum und Zeit etwas verändert werden kann und auch verändert werden muß.
Ich würde das, was du von deiner Physik schilderst, also eher mit der Entwicklung der Musik in der Mitte des
18. Jahrhunderts vergleichen. Damals war durch einen langsamen historischen Prozeß jene Gefühlswelt des
einzelnen Menschen ins Bewußtsein der Zeit getreten, die wir aus Rousseau oder später aus Goethes Wer-
ther kennen, und es ist dann den großen Klassikern, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, gelungen, durch
Erweiterung der Ausdrucksmittel für diese Gefühlswelt eine angemessene Darstellung zu finden. In der
heutigen Musik aber sind mir die neuen Inhalte zu wenig erkennbar oder zu unplausibel, und der Überfluß in
den Ausdrucksmöglichkeiten macht mich eher besorgt. Der Weg der heutigen Musik scheint gewissermaßen
nur im Negativen vorgezeichnet: man muß die alte Tonalität aufgeben, weil man glaubt, daß ihr Bereich
erschöpft sei; nicht weil starke neue Inhalte vorhanden wären, die sich in ihr nicht mehr ausdrücken ließen.
Wohin man aber gehen soll, nachdem man die Tonalität verlassen hat, darüber besteht bei den Musikern noch
keine Klarheit, da gibt es nur tastende Versuche. In der modernen Naturwissenschaft sind die
Fragestellungen gegeben, die Aufgabe besteht darin, die Antworten zu finden. In der modernen Kunst sind
die Fragestellungen selbst unbestimmt. Aber du solltest noch etwas mehr von dem Neuland erzählen, das du
in der Physik vor dir zu sehen glaubst und in dem du später auf Entdeckungsfahrten ausgehen willst.«
Ich versuchte, das wenige, was ich durch meine Krankheitslektüre und durch populäre Bücher über
Atomphysik in Erfahrung gebracht hatte, den anderen verständlich zu machen.
»In der Relativitätstheorie«, so antwortete ich Walter, »haben die Experimente, die du genannt hast und die
offenbar mit Experimenten anderer Art gut zusammenpassen, Einstein veranlaßt, den bisherigen Begriff der
Gleichzeitigkeit aufzugeben. Das ist schon sehr aufregend. Denn zunächst glaubt ja jeder Mensch, daß er ge-
nau wisse, was das Wort ›gleichzeitig‹ bedeutet, auch wenn es sich auf Ereignisse bezieht, die sich in großem
räumlichem Abstand abspielen. Aber offenbar weiß man es nicht genau. Wenn man nämlich fragt, wie man
denn feststellen kann, ob zwei derartige Ereignisse gleichzeitig seien, und dann verschiedene Feststellungs-
möglichkeiten auf ihre Ergebnisse hin untersucht, so erhält man von der Natur die Auskunft, daß die Antwort
nicht eindeutig ist, daß sie vielmehr vom Bewegungszustand des Beobachters abhängt. Raum und Zeit sind
also nicht so unabhängig voneinander, wie man bisher geglaubt hatte. Einstein hat in einer ziemlich einfachen
und geschlossenen mathematischen Form diese neue Struktur von Raum und Zeit beschreiben können. In den
Monaten meiner Krankheit habe ich versucht, in diese mathematische Welt etwas einzudringen. Dieser ganze
Bereich ist aber, wie ich inzwischen von Sommerfeld gelernt habe, schon ziemlich weitgehend erschlossen
und daher gar kein Neuland mehr.
Die interessantesten Probleme liegen jetzt in anderer Richtung, nämlich in der Atomtheorie. Dort handelt es
sich um die Grundfrage, warum es in der materiellen Welt immer wiederkehrende Formen und Qualitäten
gibt. Warum zum Beispiel die Flüssigkeit Wasser mit allen ihren charakteristischen Eigenschaften immer
wieder neu gebildet wird, etwa beim Schmelzen des Eises oder beim Kondensieren von Wasserdampf oder
beim Verbrennen von Wasserstoff. Das ist in der bisherigen Physik zwar immer vorausgesetzt, aber niemals
verstanden worden. Wenn man sich die materiellen Körper, zum Beispiel das Wasser, als aus Atomen
zusammengesetzt denkt - und die Chemie macht ja von dieser Vorstellung erfolgreich Gebrauch -, so würden
die Bewegungsgesetze, die wir als Newtonsche Mechanik in der Schule gelernt haben, niemals zu
Bewegungen der kleinsten Teile von einem solchen Stabilitätsgrad führen können. An dieser Stelle müssen
also Naturgesetze ganz anderer Art wirksam werden, die dafür sorgen, daß sich die Atome immer wieder in
der gleichen Weise anordnen und bewegen, so daß immer wieder Stoffe mit den gleichen stabilen
Eigenschaften entstehen. Die ersten Andeutungen für solche neuen Naturgesetze sind offenbar vor zwanzig
Jahren von Planck in seiner Quantentheorie gefunden worden, und der dänische Physiker Bohr hat die
Planckschen Ideen mit Vorstellungen über die Struktur des Atoms in Verbindung gebracht, die Rutherford in
England entwickelt hatte. Er hat dabei zum ersten Mal Licht auf die merkwürdige Stabilität im atomaren
Bereich werfen können, von der ich gerade gesprochen habe. Aber in diesem Gebiet ist man, wie
Sommerfeld meint, von einem klaren Verständnis der Verhältnisse noch weit entfernt. Hier öffnet sich also
ein riesiges Neuland, in dem man vielleicht noch für Jahrzehnte neue Zusammenhänge entdecken kann. So
müßte man doch eigentlich die ganze Chemie auf die Physik der Atome zurückführen können, wenn man an
dieser Stelle die Naturgesetze richtig formuliert hat. Es wird darauf ankommen, die richtigen neuen Begriffe
zu finden, mit denen man sich in dem neuen Gebiet zurechtfinden kann. Ich glaube also, daß man heute in der
Atomphysik wichtigeren Zusammenhängen, wichtigeren Strukturen auf die Spur kommen kann als in der
Musik. Aber ich gebe gern zu, daß es vor 150 Jahren gerade umgekehrt gewesen ist.«
»Du meinst also«, antwortete Walter, »daß der Einzelne, der an der geistigen Struktur seiner Zeit mitwirken
will, auf die Möglichkeiten angewiesen ist, die ihm die historische Entwicklung eben für diese Zeit bereitstellt?
Wenn Mozart in unserer Zeit geboren wäre, so könnte er auch nur atonale experimentierende Musik
schreiben wie unsere heutigen Komponisten?«
»Ja, das vermute ich. Wenn Einstein im 12. Jahrhundert gelebt hätte, so hätte er sicher keine bedeutenden
naturwissenschaftlichen Entdeckungen machen können.«
»Vielleicht ist es aber auch unerlaubt«, warf Walters Mutter ein, »immer gleich an die großen Gestalten wie
Mozart oder Einstein zu denken. Der Einzelne hat meist nicht die Möglichkeit, an einer entscheidenden Stelle
mitzuwirken. Er nimmt mehr im stillen, im kleinen Kreise teil, und da muß man sich eben doch überlegen, ob
es nicht schöner ist, das B-Dur-Trio von Schubert zu spielen, als Apparate zu bauen oder mathematische
Formeln zu schreiben.«
Ich bestätigte, daß mir gerade an dieser Stelle viele Skrupel gekommen wären, und ich berichtete auch über
mein Gespräch mit Sommerfeld und darüber, daß mein zukünftiger Lehrer das Schillerwort zitiert hatte:
»Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.«
Rolf meinte dazu: »Darin geht es natürlich uns allen gleich. Als Musiker muß man zunächst unendlich viel
Arbeit allein für die technische Beherrschung des Instruments aufwenden, und selbst dann kann man nur
immer wieder Stücke spielen, die schon von hundert anderen Musikern noch besser interpretiert worden sind.
Und du wirst, wenn du Physik studierst, zunächst in langer mühevoller Arbeit Apparate bauen müssen, die
schon von anderen besser gebaut, oder wirst mathematischen Überlegungen nachgehen, die schon von
anderen in aller Schärfe vorgedacht worden sind. Wenn dies alles geleistet ist, bleibt bei uns, sofern man eben
zu den Kärrnern gehört, immerhin der ständige Umgang mit herrlicher Musik und gelegentlich die Freude
daran, daß eine Interpretation besonders gut geraten ist. Bei euch wird es dann und wann gelingen, einen
Zusammenhang noch etwas besser zu verstehen, als es vorher möglich war, oder einen Sachverhalt noch
etwas genauer zu vermessen, als die Vorgänger es gekonnt haben. Darauf, daß man an noch Wichtigerem
mitwirkt, daß man an entscheidender Stelle weiterkommen könnte, darf man nicht allzu bestimmt rechnen.
Selbst dann nicht, wenn man an einem Gebiet mitarbeitet, in dem es noch viel Neuland zu erkunden gibt.«
Walters Mutter, die nachdenklich zugehört hatte, sprach nun mehr vor sich hin als zu uns gewandt, so als ob
sich ihre Gedanken erst im Sprechen formten:
»Wahrscheinlich wird das Gleichnis von den Königen und den Kärrnern immer falsch gedeutet. Natürlich
kommt es uns zunächst so vor, als gehe der ganze Glanz von der Tätigkeit der Könige aus und als sei die
Arbeit der Kärrner nur nebensächliches Beiwerk. Aber vielleicht ist es gerade umgekehrt. Vielleicht beruht
der Glanz der Könige im Grunde auf der Arbeit der Kärrner; er besteht überhaupt nur darin, daß die Kärrner
für viele Jahre mühevolle Arbeit, aber damit auch die Freude und den Erfolg mühevoller Arbeit gewinnen
können. Vielleicht erscheinen uns Gestalten wie Bach oder Mozart nur deshalb als Könige der Musik, weil sie
für zwei Jahrhunderte so vielen kleineren Musikern die Möglichkeit gegeben haben, in größter Sorgfalt und
Gewissenhaftigkeit ihre Gedanken nachzuvollziehen, neu zu interpretieren und damit den Zuhörern
verständlich zu machen. Und selbst die Zuhörer nehmen noch an dieser Arbeit des sorgfältigen Nachvollzie-
hens und Interpretierens teil, und dabei werden ihnen jene Inhalte gegenwärtig, die von den großen Musikern
dargestellt worden sind. Wenn man die historische Entwicklung ansieht - und das scheint mir für die Künste
und die Wissenschaften in gleicherweise zuzutreffen -, so muß es in jeder Disziplin lange Zeiten der Ruhe
oder einer nur langsamen Entwicklung geben. Auch in diesen Zeiten kommt es auf die gewissenhafte, bis in
alle Einzelheiten genaue Arbeit an. Alles, was nicht mit vollem Einsatz gemacht ist, wird sowieso vergessen
und verdient nicht, auch nur erwähnt zu werden. Aber dann bringt dieser langsame Prozeß, in dem sich mit
dem Wandel der Zeiten auch der Inhalt der betreffenden Disziplin verändert, plötzlich und manchmal ganz
unerwartet neue Möglichkeiten, neue Inhalte hervor. Große Begabungen werden von diesem Vorgang, von
den Wachstumskräften, die hier spürbar werden, gewissermaßen magisch angezogen, und so kommt es, daß
innerhalb weniger Jahrzehnte auf einem engen Raum die bedeutendsten Kunstwerke geschaffen oder
wissenschaftliche Entdeckungen größter Wichtigkeit gemacht werden. So ist in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts die klassische Musik in Wien entstanden, so im 15. und 16. Jahrhundert die Malerei in den
Niederlanden. Die großen Begabungen geben den neuen geistigen Inhalten zwar ihre äußere Darstellung, sie
schaffen die gültigen Formen, in denen sich die weitere Entwicklung vollzieht; aber sie bringen die neuen
Inhalte doch nicht eigentlich selbst hervor.
Es kann natürlich sein, daß wir jetzt am Anfang einer naturwissenschaftlichen Epoche von großer
Fruchtbarkeit stehen, und dann wird man einen jungen Menschen nicht davon abhalten können, an ihr
teilnehmen zu wollen. Man kann ja auch nicht verlangen, daß sich zur gleichen Zeit bedeutende
Entwicklungen in vielen Künsten und Wissenschaften vollziehen; man muß im Gegenteil dankbar sein, wenn
es wenigstens an einer Stelle geschieht, wenn man an einer solchen Entwicklung unmittelbar als Zuschauer
oder als aktiv Mitwirkender teilnehmen kann. Mehr kann man nicht erwarten. Daher finde ich auch diese oft
erhobenen Vorwürfe gegen die moderne Kunst - sei es moderne Malerei oder moderne Musik - ungerecht.
Nach den großen Aufgaben, die der Musik oder den bildenden Künsten im 18. und 19. Jahrhundert gestellt
waren und die gelöst worden sind, mußte eine ruhigere Epoche folgen, in der zwar das Alte bewahrt, Neues
aber nur unsicher experimentierend versucht werden kann. Der Vergleich dessen, was jetzt in der Musik
konstruiert werden kann, mit den Ergebnissen der großen Epoche der klassischen Musik wäre unbillig. Aber
vielleicht können wir den Abend damit beschließen, daß ihr noch einmal versucht, den langsamen Satz des
Schubertschen B-Dur-Trios so schön zu spielen, wie es euch eben möglich ist.«
So geschah es, und aus der Art, wie Rolf im zweiten Teil dieses Stücks auf seiner Geige die etwas
schwermütigen C-Dur-Figuren erklingen ließ, konnten wir seine Trauer darüber ahnen, daß wir die große
Epoche der europäischen Musik für endgültig vergangen hielten.
Einige Tage später, als ich den Hörsaal der Universität betrat, in dem Sommerfeld seine Vorlesungen zu
halten pflegte, entdeckte ich in der dritten Reihe einen Studenten mit dunklem Haar und einem etwas
unbestimmten, hintergründigen Gesicht, der mir nach meinem ersten Gespräch mit Sommerfeld schon im
Seminarraum aufgefallen war. Sommerfeld hatte mich mit ihm bekannt gemacht und mir hinterher beim
Abschied an der Tür seines Instituts noch gesagt, daß er diesen Studenten für einen seiner begabtesten Schü-
ler halte, von dem ich viel lernen könne. Ich sollte mich ruhig an ihn wenden, wenn ich in der Physik etwas
nicht verstünde. Er hieß Wolfgang Pauli, und er hat in der ganzen späteren Zeit, solange er lebte, für mich
und für das, was ich wissenschaftlich versuchte, die Rolle des stets willkommenen, wenn auch sehr scharfen
Kritikers und Freundes gespielt. Ich setzte mich also neben ihn und bat ihn, mir nach der Vorlesung noch
einige Ratschläge für mein Studium zu erteilen. Da betrat Sommerfeld schon den Saal, und während er die
ersten Sätze seiner Vorlesung sprach, flüsterte mir Wolfgang noch ins Ohr: »Sieht er nicht aus wie ein alter
Husarenoberst?« Als wir nach der Vorlesung in den Seminarraum des Instituts für theoretische Physik
zurückgekehrt waren, stellte ich Wolfgang im wesentlichen zwei Fragen. Ich wollte wissen, wieweit man die
Kunst des Experimentierens lernen müsse, wenn man doch in der Hauptsache theoretisch arbeiten wolle, und
wie wichtig nach seiner Ansicht in der heutigen Physik die Relativitätstheorie im Vergleich zur Atomtheorie
sei. Zur ersten Frage meinte Wolfgang: »Ich weiß, daß Sommerfeld großen Wert darauf legt, daß wir auch
etwas Experimentieren lernen, aber ich selbst kann es sicher nicht; mir liegt der Umgang mit Apparaturen
überhaupt nicht. Ich bin mir klar darüber, daß alle Physik auf den Ergebnissen von Experimenten beruht; aber
wenn diese Ergebnisse einmal vorliegen, so wird die Physik, jedenfalls die heutige Physik, für die meisten
Experimentalphysiker zu schwer. Dies liegt offenbar daran, daß wir mit den technischen Mitteln der heutigen
Experimentalphysik in Bereiche der Natur vordringen, die mit den Begriffen des täglichen Lebens nicht mehr
angemessen beschrieben werden können. Wir sind daher auf eine abstrakte mathematische Sprache ange-
wiesen, mit der man ohne eine gründliche Schulung in moderner Mathematik gar nicht umgehen könnte. Man
muß sich also leider einschränken und spezialisieren. Mir fällt die abstrakte mathematische Sprache leicht,
und ich hoffe, damit in der Physik etwas ausrichten zu können. Dabei ist eine gewisse Kenntnis der experi-
mentellen Seite natürlich unerläßlich. Der reine Mathematiker, selbst wenn er gut ist, versteht von Physik
überhaupt nichts.«
Ich berichtete daraufhin über mein Gespräch mit dem alten Lindemann, über sein schwarzes Schoßhündchen
und die Lektüre des Weylschen Buches ›Raum-Zeit-Materie‹. Dieser Bericht machte Wolfgang offenbar den
größten Spaß. »Das stimmt genau mit meinen Erwartungen«, meinte er. »Lindemann ist ein Fanatiker der
mathematischen Präzision. Alle Naturwissenschaft, auch die mathematische Physik, ist für ihn unklares
Geschwätz. Weyl versteht wirklich etwas von Relativitätstheorie, und damit scheidet er für Lindemann aus
der Reihe der ernstzunehmenden Mathematiker selbstverständlich aus.«
Auf meine Frage nach der Bedeutung von Relativitätstheorie und Atomtheorie antwortete Wolfgang
ausführlicher: »Die sogenannte spezielle Relativitätstheorie«, sagte er, »ist völlig abgeschlossen, und man muß
sie einfach lernen und anwenden so wie jede ältere Disziplin der Physik. Sie ist also auch für einen, der
Neues entdecken will, nicht mehr sonderlich interessant. Die allgemeine Relativitätstheorie oder, was
ungefähr dasselbe ist, die Einsteinsche Theorie der Gravitation ist noch nicht im gleichen Sinn abgeschlossen.
Aber sie ist insofern auch recht unbefriedigend, als in ihr auf hundert Seiten Theorie mit schwierigsten
mathematischen Ableitungen nur ein Experiment kommt. Daher weiß man auch noch nicht so sicher, ob sie
überhaupt richtig ist. Aber diese Theorie eröffnet neue Denkmöglichkeiten, und daher muß man sie unbedingt
ernst nehmen. Ich habe in der letzten Zeit einen größeren Artikel über die allgemeine Relativitätstheorie
geschrieben, aber vielleicht finde ich eben deshalb die Atomtheorie im Grunde viel interessanter. In der
Atomphysik gibt es eine Fülle von noch unverstandenen experimentellen Ergebnissen: Die Aussagen der
Natur an einer Stelle scheinen denen an einer anderen Stelle zu widersprechen, und es ist bisher nicht möglich
gewesen, ein auch nur halbwegs widerspruchsfreies Bild der Zusammenhänge zu zeichnen. Es ist zwar dem
Dänen Niels Bohr gelungen, die merkwürdige Stabilität der Atome gegenüber äußeren Störungen mit der
Planckschen Quantenhypothese in Verbindung zu bringen - die man natürlich auch nicht versteht - und
neuerdings soll Bohr sogar das Periodische System der Elemente und die chemischen Eigenschaften einzelner
Stoffe qualitativ verständlich machen können. Aber wie er das zuwege bringen will, kann ich nicht recht
einsehen, da er ja die genannten Widersprüche offenbar auch nicht beseitigen kann. Also in diesem ganzen
Gebiet tappt man noch im dichtesten Nebel herum, und es wird wohl noch eine Reihe von Jahren dauern, bis
man sich zurechtgefunden hat. Sommerfeld hofft, daß man auf Grund der Experimente neue
Gesetzmäßigkeiten wird erraten können. Er glaubt an Zahlenbezie hungen, beinahe eine Art Zahlenmystik, so
wie seinerzeit die Pythagoräer bei den Harmonien schwingender Saiten. Wir nennen diese Seite seiner
Wissenschaft daher auch gerne ›Atomystik‹; aber bisher weiß niemand etwas Besseres. Vielleicht findet
man sich sogar leichter zurecht, wenn man die bisherige Physik in ihrer großartigen Geschlossenheit noch
nicht gut kennt. Du bist also im Vorteil« - Wolf gang lächelte dabei etwas maliziös - »aber die Unkenntnis ist
natürlich keine Garantie für den Erfolg.«
Trotz dieser kleinen Grobheit hatte Wolfgang mir eigentlich alles bestätigt, was ich mir als Begründung für
mein Physikstudium zurechtgelegt hatte. Ich war also froh, es nicht mit der reinen Mathematik versucht zu
haben, und das schwarze Hündchen in Lindemanns Amtsstube erschien mir in der Erinnerung als ein »Teil
von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«.
3. Der Begriff »Verstehen« in der modernen Physik
(1920-1922)

Die beiden ersten Jahre meines Studiums in München spielten sich in zwei sehr verschiedenen Welten ab, im
Freundeskreis der Jugendbewegung und im abstrakt-rationalen Bereich der theoretischen Physik, und beide
Bereiche waren so von intensivem Leben erfüllt, daß ich immer wieder in einem Zustand höchster Spannung
war; es wurde mir nicht leicht, aus dem einen Bereich in den anderen überzuwechseln. Im Sommerfeldschen
Seminar gehörten die Gespräche mit Wolfgang Pauli zum wichtigsten Teil meines Studiums. Aber Wolfgangs
Lebensweise war der meinen fast diametral entgegengesetzt. Während ich den hellen Tag liebte und alle
freie Zeit wenn möglich außerhalb der Stadt auf Wanderungen im Gebirge oder badend und kochend am
Ufer eines der bayerischen Seen verbrachte, war Wolfgang ein ausgesprochener Nachtmensch. Er
bevorzugte die Stadt, ließ sich gern abends durch den Besuch von amüsanten Aufführungen in irgendwelchen
Lokalen anregen und arbeitete danach einen großen Teil der Nacht hindurch an seinen physikalischen
Problemen mit höchster Intensität und großem Erfolg. Aber natürlich kam er dann, zu Sommerfelds
Leidwesen, nur selten in die Morgenvorlesung und erst um die Mittagszeit ins Seminar. Diese
Verschiedenheit unseres Lebensstils gab Anlaß zu mancherlei Sticheleien, vermochte aber unsere
Freundschaft nicht zu trüben. Unser gemeinsames Interesse an der Physik war so stark, daß es die
verschiedenen Interessen auf allen anderen Gebieten leicht überspielte.
Wenn ich an den Sommer 1921 zurückdenke und versuche, die vielen Erinnerungen in einer Vorstellung
zusammenzufassen, so vor meinen Augen das Bild eines Zeltlagers am Waldrand; weiter unten liegt, noch im
Grau der Morgendämmerung, der See, in dem wir tags zuvor gebadet hatten, und dahinter in der Ferne der
breite Bergrücken der Benediktenwand. Die Kameraden schlafen noch, aber ich verlasse allein vor
Sonnenaufgang das Zelt, um auf Fußpfaden in etwa einer Stunde die nächste Bahnstation zu erreichen, von
der mich der Morgenzug rechtzeitig nach München bringen soll, damit ich das Sommerfeldsche Kolleg um 9
Uhr nicht versäume. Der Pfad führt zuerst zum See hinunter und durch mooriges Gelände, dann auf einen
Moränenhügel, von dem man im Morgenlicht die Alpenkette von der Benediktenwand bis zur Zugspitze
überblicken kann. Auf den blühenden Wiesen tauchen die ersten Mähmaschinen auf, und ich bedauere ein
wenig, daß ich nicht mehr wie drei Jahre vorher als Knecht am Großthalerhof in Miesbach mit einem
Gespann Ochsen versuchen kann, die Mähmaschine so geradlinig durch die Wiesen zu führen, daß kein
Streifen ungeschnittenen Grases - unser Bauer nannte das eine »Sau« - stehenblieb. So gingen in meinen
Gedanken der Alltag des bäuerlichen Lebens, der Glanz der Landschaft und das bevorstehende
Sommerfeldsche Kolleg bunt durcheinander, und ich war überzeugt, der glücklichste Mensch der Welt zu
sein.
Wenn dann ein oder zwei Stunden nach dem Ende der Sommerfeldschen Vorlesung Wolfgang im
Seminarraum erschien, so könnte sich unsere Begrüßung etwa in folgender Weise abgespielt haben.
Wolfgang: »Guten Morgen, da ist ja unser Naturapostel. Du siehst so aus, als habest du wieder einige Tage
nach den Prinzipien eures Schutzheiligen Rousseau gelebt. Ihm wird doch der berühmte Leitsatz
zugeschrieben ›Zurück zur Natur; auf die Bäume ihr Affen‹.« »Der zweite Teil stammt nicht von Rousseau«,
konnte ich entgegnen, »und vom Baumklettern war keine Rede. Aber du hättest nicht ›Guten Morgen‹, du
hättest ›Guten Mittag‹ sagen sollen. Es ist 12 Uhr. Ich betone, es ist 12 Uhr. Aber nächstens mußt du mich
mal in eins deiner Nachtlokale mitnehmen, damit ich endlich auch gute physikalische Einfälle bekomme.«
»Das würde bei dir bestimmt nichts helfen; aber du könntest mir erzählen, was du über die Arbeit von
Kramers herausgebracht hast, über die du nächstens im Seminar referieren sollst.« Damit ging das Gespräch
dann schon in die sachliche Diskussion über. An unseren physikalischen Unterhaltungen beteiligte sich auch
häufig ein anderer Studienfreund, Otto Laporte, der mit seinem gescheiten und nüchternen Pragmatismus ein
guter Vermittler zwischen Wolfgang und mir war. Später hat er mit Sommerfeld zusammen wichtige Arbei-
ten über die sogenannte Multiplett-Struktur der Spektren veröffentlicht.
Wahrscheinlich war es auch seiner Vermittlung zu danken, daß wir einmal zu dritt, das heißt Wolfgang, Otto
und ich, eine Radtour in die Berge unternahmen, die von Benediktbeuern über den Kesselberg hinauf an den
Walchensee und von da weiter ins Loisachtal führte. Es war wohl das einzige Mal, daß Wolfgang sich auch
in meine Welt wagte. Aber dieser Versuch hat durch lange Gespräche, die wir auf dieser Fahrt und auch
später in München zu zweit oder zu dritt führten, noch viele Früchte getragen.
Wir waren also für einige Tage gemeinsam unterwegs. Nachdem wir die Sattelhöhe des Kesselbergs, etwas
mühsam unsere Räder schiebend, erklommen hatten, fuhren wir ohne Anstrengung die kühn in den Berghang
geschnittene Straße am steilen Westufer des Walchensees entlang - ich ahnte damals nicht, wie wichtig
dieses Fleckchen Erde später für mich werden sollte - und wir passierten die Stelle, an der einst ein alter
Harfner und sein Töchterlein in Goethes Postkutsche nach Italien zugestiegen waren, Vorbilder für Mignon
und den alten Harfner im ›Wilhelm Meister‹. Über den dunklen See hinweg hatte Goethe, so berichtet sein
Tagebuch, zum ersten Mal das beschneite Hochgebirge gesehen. Aber obwohl wir diese Bilder mit Freude in
uns aufnahmen, ging unser Gespräch doch auch immer wieder zu den Fragen, die uns im Zusammenhang mit
Studium und Wissenschaft beschäftigten.
Wolfgang fragte mich einmal - ich glaube, es war abends im Wirtshaus in Grainau - ob ich die Einsteinsche
Relativitätstheorie verstanden hätte, die im Sommerfeldschen Seminar eine so große Rolle spielte. Ich konnte
nur antworten, daß ich das nicht wisse, da mir nicht klar sei, was eigentlich das Wort »Verstehen« in unserer
Naturwissenschaft bedeute. Das mathematische Gerüst der Relativitätstheorie mache mir zwar keine
Schwierigkeiten; aber damit hätte ich doch wohl noch nicht verstanden, warum ein bewegter Beobachter mit
dem Wort »Zeit« etwas anderes meine als ein ruhender Beobachter. Diese Verwirrung des Zeitbegriffs
bleibe mir unheimlich und insofern auch noch unverständlich.
»Aber wenn du das mathematische Gerüst kennst«, wandte Wolfgang ein, »so kannst du doch für jedes
gegebene Experiment ausrechnen, was der ruhende Beobachter und was der bewegte Beobachter
wahrnehmen oder messen wird. Du weißt auch, daß wir allen Grund haben anzunehmen, daß ein wirkliches
Experiment genauso ausfallen wird, wie die Rechnung vorhersagt. Was verlangst du dann mehr?«
»Das ist gerade meine Schwierigkeit«, antwortete ich, »daß ich auch nicht weiß, was man mehr verlangen
könnte. Aber ich fühle mich von der Logik, mit der dieses mathematische Gerüst arbeitet, gewissermaßen
betrogen. Oder, du kannst auch sagen, ich habe die Theorie mit dem Kopf, aber noch nicht mit dem Herzen
verstanden. Was ›Zeit‹ ist, glaube ich zu wissen, auch ohne daß ich Physik gelernt habe, und unser Denken
und Handeln setzt diesen naiven Zeitbegriff ja immer schon voraus. Vielleicht kann man auch so formulieren:
unser Denken beruht darauf, daß dieser Zeitbegriff funktioniert, daß wir mit ihm Erfolg haben. Wenn wir nun
behaupten, dieser Zeitbegriff müßte geändert werden, so wissen wir nicht mehr, ob unsere Sprache und unser
Denken noch brauchbare Werkzeuge sind, um uns zurechtzufinden. Ich will mich dabei nicht auf Kant
berufen, der Raum und Zeit als Anschauungsformen a priori bezeichnet und damit diesen Grundformen, so
wie sie auch in der früheren Physik zu gelten schienen, einen Absolutheitsanspruch einzuräumen wünscht.
Ich möchte nur betonen, daß Sprechen und Denken unsicher werden, wenn wir so grundlegende Begriffe
ändern, und Unsicherheit ist mit Verständnis nicht vereinbar.«
Otto empfand meine Skrupel als unbegründet. »In der Schulphilosophie sieht es freilich so aus«, meinte er,
»als ob solche Begriffe wie ›Raum‹ und ›Zeit‹ schon eine feste, nicht mehr zu ändernde Bedeutung hätten.
Aber das zeigt eben nur, daß diese Schulphilosophie falsch ist. Ich kann mit schön formulierten Redensarten
über das ›Wesen‹ von Raum und Zeit nichts anfangen. Du hast dich wahrscheinlich schon zuviel mit
Philosophie beschäftigt. Aber du solltest auch die beherzigenswerte Definition kennen: ›Philosophie ist der
systematische Mißbrauch einer eigens zu diesem Zwecke erfundenen Nomenklatur‹. Jeder Absolutheits-
anspruch ist eben von vorneherein abzulehnen. In Wirklichkeit sollte man nur solche Wörter oder Begriffe
benutzen, die unmittelbar auf sinnliche Wahrnehmung bezogen werden können, wobei man sinnliche
Wahrnehmung natürlich auch durch kompliziertere physikalische Beobachtung ersetzen darf. Solche Begriffe
können ohne viel Erklärung verstanden werden. Gerade dieser Rückgriff auf das Beobachtbare war Einsteins
großes Verdienst. Einstein ist mit Recht in seiner Relativitätstheorie von der banalen Feststellung
ausgegangen: Zeit ist das, was man von der Uhr abliest. Wenn du dich an solche banale Bedeutung der
Wörter hältst, so gibt es in der Relativitätstheorie keine Schwierigkeiten. Sobald eine Theorie gestattet, das
Ergebnis der Beobachtungen richtig vorherzusagen, so liefert sie damit auch alles, was für ein Verständnis
nötig ist.«
Wolfgang machte dazu einige Vorbehalte. »Was du sagst, gilt doch wohl nur unter einigen sehr wichtigen
Voraussetzungen, die man nicht unerwähnt lassen darf. Erstens muß man sicher sein, daß die Vorhersagen
der Theorie eindeutig und in sich widerspruchsfrei sind. Im Falle der Relativitätstheorie ist dies wohl durch
das einfach überschaubare mathematische Gerüst gewährleistet. Zweitens muß aus der begrifflichen Struktur
der Theorie hervorgehen, auf welche Phänomene sie angewendet werden kann und auf welche nicht. Wenn
es eine solche Grenze nicht gäbe, so wäre jede Theorie sofort zu widerlegen, da sie ja nicht alle Phänomene
der Welt vorhersagen kann. Aber selbst wenn diese Voraussetzungen alle erfüllt sind, so bin ich doch noch
nicht ganz sicher, ob man automatisch volles Verständnis besitzt, wenn man alle zum Bereich gehörenden
Phänomene vorhersagen kann. Ich könnte mir auch umgekehrt denken, daß man einen Erfahrungsbereich
vollständig verstanden hat, aber doch die Ergebnisse künftiger Beobachtung nicht genau vorausberechnen
kann.«
Ich versuchte nun durch historische Beispiele meine Zweifel an der Gleichsetzung der Fähigkeit zur
Vorausberechnung mit Verständnis zu begründen. »Du weißt, daß im alten Griechenland der Astronom
Aristarch schon an die Möglichkeit dachte, daß die Sonne im Mittelpunkt unseres Planetensystems steht.
Dieser Gedanke ist aber von Hipparch wieder abgelehnt worden und dann in Vergessenheit geraten, und
Ptolemäus ist von der in der Mitte ruhenden Erde ausgegangen, er hat die Planetenbahnen als aus mehreren
überlagerten Kreisbahnen, aus Zyklen und Epizyklen zusammengesetzt betrachtet. Er konnte mit dieser
Auffassung die Sonnen- und Mondfinsternisse sehr genau vorausberechnen, und seine Lehre hat daher auch
für anderthalb Jahrtausende als gesicherte Grundlage der Astronomie gegolten. Aber hatte Ptolemäus das
Planetensystem wirklich verstanden? Hat nicht erst Newton, der das Trägheitsgesetz kannte und die Kraft
als Ursache für die Veränderung der Bewegungsgröße einführte, durch die Gravitation die
Planetenbewegung wirklich erklärt? Hat nicht er als erster diese Bewegung verstanden? Das scheint mir eine
ganz entscheidende Frage. Oder nehmen wir ein Beispiel aus der neueren Geschichte der Physik. Als man in
ausgehenden 18. Jahrhundert die elektrischen Erscheinungen genauer kennengelernt hatte, gab es sehr
genaue Berechnungen über die elektrostatischen Kräfte zwischen geladenen Körpern, das habe ich in
Sommerfelds Kolleg gelernt; wobei die Körper, ähnlich wie in der Newtonschen Mechanik, als die Träger der
Kräfte erschienen. Aber erst als der Engländer Faraday die Frage änderte und nach dem Kraftfeld, das heißt
nach der Verteilung der Kräfte in Raum und Zeit fragte, hatte er die Grundlage für ein Verständnis der
elektromagnetischen Erscheinungen gefunden, das dann von Maxwell mathematisch formuliert werden
konnte.«
Otto fand diese Beispiele nicht besonders überzeugend. Er meinte: »Ich kann da nur einen Gradunterschied
sehen, nicht eine grundsätzliche Verschiedenheit. Die Astronomie des Ptolemäus war sehr gut, sonst hätte sie
nicht anderthalb Jahrtausende gehalten. Die von Newton war im Anfang auch nicht besser, und erst im Laufe
der Zeit stellte sich heraus, daß man mit der Newtonschen Mechanik die Bewegungen der Himmelskörper
tatsächlich genauer vorausberechnen kann als mit den Zyklen und Epizyklen des Ptolemäus. Ich kann
eigentlich nicht zugeben, daß Newton etwas grundsätzlich Besseres gemacht hätte als Ptolemäus. Er hat nur
eine andere mathematische Darstellung der Planetenbewegungen gegeben, und die hat sich dann allerdings
im Laufe der Jahrhunderte als die erfolgreichere erwiesen.«
Wolfgang fand diese Auffassung aber dann doch zu einseitig positivistisch. »Ich glaube«, entgegnete er, »daß
sich Newtons Astronomie grundsätzlich von der des Ptolemäus unterscheidet. Newton hat nämlich die
Fragestellung geändert. Er hat nicht primär nach den Bewegungen, sondern nach der Ursache für die
Bewegungen gefragt. Er hat sie in den Kräften gefunden und hat dann entdeckt, daß die Kräfte im
Planetensystem einfacher sind als die Bewegungen. Er hat sie durch sein Gravitationsgesetz beschrieben.
Wenn wir jetzt sagen, daß wir seit Newton die Bewegungen der Planeten verstanden haben, so meinen wir
damit, daß wir die bei genauerer Beobachtung sehr komplizierten Bewegungen der Planeten auf etwas sehr
Einfaches, nämlich auf die Kräfte der Gravitation zurückführen, sie dadurch erklären können. Bei Ptolemäus
konnte man die Komplikationen zwar durch ein Übereinanderlagern von Zyklen und Epizyklen beschreiben,
mußte sie aber als empirischen Tatbestand einfach hinnehmen. Außerdem hat Newton gezeigt, daß bei der
Bewegung der Planeten grundsätzlich das gleiche geschieht wie bei der Bewegung eines geworfenen Steins,
bei der Schwingung eines Pendels, bei dem Tanzen eines Kreisels. Dadurch, daß in der Newtonschen
Mechanik alle diese verschiedenen Phänomene auf die gleiche Wurzel, nämlich auf den bekannten Satz
›Masse X Beschleunigung - Kraft‹ zurückgeführt werden, ist diese Erklärung des Planetensystems der des
Ptolemäus turmhoch überlegen.«
Otto gab sich aber noch nicht geschlagen. »Das Wort ›Ursache‹, die Kraft als Ursache der Bewegung, das
klingt ja sehr schön; aber im Grunde ist man damit doch auch nur einen kleinen Schritt weitergekommen.
Denn dann muß man weiterfragen, was ist die Ursache für die Kraft, für die Gravitation? Man wird also
nach deiner Philosophie die Planetenbewegung erst ›ganz‹ wirklich verstanden haben, wenn man die Ursache
für die Gravitation kennt usw. ad infinitum.«
Dieser Kritik des Begriffs ›Ursache‹ widersprach Wolfgang aber energisch. »Natürlich kann man immer
weiter fragen, darauf beruht alle Wissenschaft. Aber das ist hier kein besonders treffendes Argument.
Verstehen der Natur bedeutet doch wohl: in ihre Zusammenhänge wirklich hineinschauen; sicher wissen, daß
man ihr inneres Getriebe erkannt hat. Ein solches Wissen kann nicht durch die Kenntnis einer einzelnen
Erscheinung oder einer einzelnen Gruppe von Erscheinungen erworben werden, selbst wenn man in ihnen
gewisse Ordnungen entdeckt hat; sondern erst dadurch, daß man eine große Fülle von Erfahrungstatsachen
als zusammenhängend erkannt und auf eine einfache Wurzel zurückgeführt hat. Dann beruht die Sicherheit
eben auf dieser Fülle. Die Gefahr des Irrtums wird um so geringer, je reichhaltiger und vielfältiger die
Erscheinungen sind und je einfacher das gemeinsame Prinzip ist, auf das sie zurückgeführt werden können.
Daß man später vielleicht noch umfassendere Zusammenhänge entdecken kann, ist gar kein Einwand.«
»Und du meinst«, fügte ich ein, »daß wir uns auf die Relativitätstheorie verlassen können, weil sie eben auch
eine große Fülle von Erscheinungen, bei der Elektrodynamik bewegter Körper zum Beispiel, einheitlich
zusammenfaßt und auf eine gemeinsame Wurzel zurückführt. Da der einheitliche Zusammenhang hier
einfach
und mathematisch leicht durchschaubar ist, entsteht in uns das Gefühl ihn ›verstanden‹ zu haben, obwohl wir
uns an eine neue, oder sagen wir etwas abgeänderte Bedeutung der Wörter ›Raum‹ und ›Zeit‹ gewöhnen
müssen.«
»Ja, so etwa meine ich es. Der entscheidende Schritt bei Newton und bei dem von dir erwähnten Faraday
war jeweils die neue Fragestellung und als eine Folge davon die neue klärende Begriffsbildung. ›Verstehen‹
heißt doch wohl ganz allgemein: Vorstellungen, Begriffe besitzen, mit denen man eine große Fülle von
Erscheinungen als einheitlich zusammenhängend erkennen, und das heißt: ›begreifen‹, kann. Unser Denken
beruhigt sich, wenn wir erkannt haben, daß eine besondere, scheinbar verwirrende Situation nur der
Spezialfall von etwas Allgemeinerem ist, das eben als solches auch einfacher formuliert werden kann. Das
Zurückführen der bunten Vielfalt auf das Allgemeine und Einfache, oder sagen wir im Sinne deiner Griechen:
des ›Vielen‹ auf das ›Eine‹, ist, was wir mit »Verstehen« bezeichnen. Die Fähigkeit zum Vorausberechnen
wird oft eine Folge des Verstehens, des Besitzes der richtigen Begriffe sein, aber sie ist nicht einfach
identisch mit dem Verstehen.«
Otto murmelte: »Der systematische Mißbrauch einer eigens zu diesem Zwecke erfundenen Nomenklatur. Ich
sehe nicht ein, warum man so kompliziert über dies alles reden muß. Wenn man die Sprache so benützt, daß
sie sich auf das unmittelbar Wahrgenommene bezieht, so können kaum Mißverständnisse passieren, weil man
dann ja bei jedem Wort weiß, was es bedeutet. Und wenn eine Theorie sich an diese Forderungen hält, wird
man sie immer auch ohne viel Philosophie verstehen können.«
Aber Wolfgang wollte das nicht ohne weiteres gelten lassen. »Deine Forderung, die ja so plausibel klingt, ist,
wie du weißt, vor allem von Mach erhoben worden, und es wird gelegentlich gesagt, Einstein habe die
Relativitätstheorie gefunden, weil er sich an die Philosophie von Mach gehalten habe. Aber diese
Schlußweise scheint mir eine viel zu grobe Vereinfachung. Es ist bekannt, daß Mach nicht an die Existenz
der Atome geglaubt hat, weil er mit Recht einwenden konnte, daß man sie nicht direkt beobachten kann.
Aber es gibt eine große Fülle von Erscheinungen in Physik und Chemie, von denen wir erst jetzt hoffen
können, sie zu verstehen, nachdem wir die Existenz der Atome wissen. An dieser Stelle ist Mach doch
offenbar durch seinen eigenen, von dir so empfohlenen Grundsatz in die Irre geführt worden, und ich möchte
dies nicht als reinen Zufall betrachten.«
»Fehler werden von jedem gemacht« meinte Otto beschwichtigend. »Man soll sie nicht zum Anlaß nehmen,
die Dinge komplizierter darzustellen als sie sind. Die Relativitätstheorie ist so einfach, daß man sie wirklich
verstehen kann. Aber in der Atomtheorie, da sieht es allerdings noch düster aus.«
Damit waren wir beim zweiten Hauptthema unserer Diskussionen angekommen. Aber die Gespräche
hierüber erstreckten sich weit über unsere Radtour hinaus und fanden im Münchner Seminar, auch oft mit
unserem Lehrer Sommerfeld zusammen, viele Fortsetzungen.
Der zentrale Gegenstand dieses Sommerfeldschen Seminars war die Bohrsche Atomtheorie. In ihr wurde -
auf Grund entscheidender Experimente von Rutherford in England - das Atom als ein Planetensystem im
Kleinen aufgefaßt, in dessen Mittelpunkt der Atomkern steht, der fast die ganze Masse des Atoms trägt,
obwohl er sehr viel kleiner als das Atom ist, und der von den erheblich leichteren Elektronen als Planeten
umkreist wird. Die Bahnen dieser Elektronen sollten aber nicht, wie man es bei einem Planetensystem
erwarten würde, durch die Kräfte und durch die Vorgeschichte bestimmt sein und eventuell durch äußere
Störungen auch geändert werden können, sondern sie sollten, um die merkwürdige Stabilität der Materie
gegenüber äußeren Einwirkungen zu erklären, durch zusätzliche Forderungen festgelegt werden, die mit
Mechanik oder Astronomie im alten Sinne nichts zu tun haben. Seit der berühmten Arbeit von Planck aus
dem Jahre 1900 nannte man solche Forderungen Quantenbedingungen. Und diese Bedingungen brachten
eben jenes merkwürdige Element von Zahlenmystik in die Atomphysik, von dem vorher schon die Rede war.
Gewisse aus der Bahn zu berechnende Größen sollten ganzzahlige Vielfache einer Grundeinheit, nämlich des
Planckschen Wirkungsquantums sein. Solche Regeln erinnerten an die Beobachtungen der alten Pythagoreer,
nach denen zwei schwingende Saiten dann harmonisch zusammenklingen, wenn bei gleicher Spannung ihre
Längen in einem ganzzahligen Verhältnis stehen. Aber was hatten Planetenbahnen der Elektronen mit
schwingenden Saiten zu tun! Schlimmer war noch, wie man sich die Ausstrahlung von Licht durch das Atom
vorzustellen hatte. Das strahlende Elektron sollte dabei sprunghaft von einer Quantenbahn in die andere
überwechseln und die bei diesem Sprung freiwerdende Energie als ganzes Paket, als Lichtquant, in die
Strahlung abgeben. Man hätte solche Vorstellungen wohl überhaupt nie ernst genommen, wenn man nicht
damit eine ganze Reihe von Experimenten hätte sehr gut und genau erklären können.
Von dieser Mischung aus unverständlicher Zahlenmystik und unbezweifelbarem empirischem Erfolg ging
natürlich für uns junge Studenten eine große Faszinationskraft aus. Sommerfeld hatte mir schon kurze Zeit
nach dem Beginn meines Studiums die Übungsaufgabe gestellt, aus gewissen Beobachtungen, die er von
einem befreundeten Experimentalphysiker erfahren hatte, Schlüsse auf die bei diesen Erscheinungen
beteiligten Elektronenbahnen und deren Quantenzahlen zu ziehen. Das war nicht schwierig, aber das Ergebnis
äußerst befremdlich gewesen. Ich mußte statt ganzer Zahlen auch halbe Zahlen als Quantenzahlen zulassen,
und das widersprach völlig dem Geist der Quantentheorie und der Sommerfeldschen Zahlenmystik. Wolfgang
meinte, ich würde wohl auch noch Viertel- und Achtel-Zahlen einführen, und schließlich würde sich die ganze
Quantentheorie unter meinen Händen verkrümeln. Aber die Experimente sahen eben doch so aus, als ob die
halben Quantenzahlen zu Recht bestünden, und es war nur ein neues Element von Unverständlichkeit zu
vielen anderen vorherigen dazugetreten.
Wolfgang hatte sich ein schwierigeres Problem gestellt. Er wollte nachsehen, ob bei einem komplizierteren
System, das man nach den Methoden der Astronomie eben noch durchrechnen konnte, die Bohrsche Theorie
und die Bohr-Sommerfeldschen Quantenbedingungen zum experimentell richtigen Ergebnis führten. Es waren
uns in unseren Münchner Diskussionen nämlich Zweifel gekommen, ob die bisherigen Erfolge der Theorie
nicht auf besonders einfache Systeme beschränkt seien, ob nicht schon bei dem von Wolfgang zu
studierenden komplizierteren System ein Miß erfolg eintreten würde.
Im Zusammenhang mit dieser Arbeit fragte mich Wolfgang eines Tages: »Glaubst du eigentlich, daß es so
etwas wie Bahnen der Elektronen in einem Atom gibt?« Meine Antwort mag etwas gewunden ausgefallen
sein: »Zunächst kann man ja doch in einer Nebelkammer die Bahn eines Elektrons direkt sehen. Der beleuch-
tete Kondensstreifen der Nebeltröpfchen zeigt an, wo das Elektron gelaufen ist. Wenn es aber eine Bahn des
Elektrons in der Nebelkammer gibt, so muß es doch wohl auch eine im Atom geben. Aber ich gebe zu, daß
mir hier auch schon Zweifel gekommen sind. Denn wir berechnen zwar eine Bahn nach der klassischen
Newtonschen Mechanik, dann aber geben wir ihr durch die Quantenbedingungen eine Stabilität, die sie nach
eben dieser Newtonschen Mechanik nie besitzen dürfte; und wenn das Elektron bei der Strahlung von einer
Bahn in die andere springt - das wird ja behauptet - so sagen wir lieber gar nichts mehr darüber, ob es hier
Weitsprung oder Hochsprung oder sonst irgendetwas Schönes macht. Also irgendwie muß doch die ganze
Vorstellung von der Bahn des Elektrons im Atom Unsinn sein. Aber was dann?«
Wolfgang nickte. »Das Ganze ist wirklich ungeheuer mystisch. Wenn es eine Bahn des Elektrons im Atom
gibt, so läuft dieses Elektron offensichtlich mit einer bestimmten Frequenz periodisch um. Dann folgt doch
nach den Gesetzen der Elektrodynamik, daß von der periodisch bewegten Ladung elektrische Schwingungen
ausgehen, das heißt, daß einfach Licht in dieser Frequenz ausgestrahlt wird. Davon soll aber wieder keine
Rede sein; sondern die Schwingungsfrequenz des ausgestrahlten Lichtes liegt irgendwo in der Mitte zwischen
der Bahnfrequenz vor dem mysteriösen Sprung und der nach dem Sprung. Das alles ist im Grunde doch heller
Wahnsinn.«
»Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode«, zitierte ich.
»Ja, vielleicht. Niels Bohr behauptet, jetzt für das ganze Periodische System der chemischen Elemente in
jedem einzelnen Atom die Elektronenbahnen zu kennen, und wir beide glauben hier, wenn wir ehrlich sind,
überhaupt nicht an Elektronenbahnen. Sommerfeld glaubt vielleicht noch dran. Aber eine Elektronenbahn in
einer Nebelkammer, die können wir trotzdem alle sehr gut sehen. Wahrscheinlich hat doch Niels Bohr in
irgendeinem Sinne recht; aber wir wissen eben noch nicht in welchem Sinn.«
Im Gegensatz zu Wolfgang war ich in solchen Fragen optimistisch und mag etwa folgendes geantwortet
haben. »Ich finde diese Bohrsche Physik trotz aller Schwierigkeiten sehr faszinierend. Bohr muß ja auch
wissen, daß er von Annahmen ausgeht, die in sich Widersprüche enthalten, die also in dieser Form nicht
stimmen können. Aber er hat einen untrüglichen Instinkt dafür, wie man mit diesen unhaltbaren Annahmen zu
Bildern vom atomaren Geschehen kommt, die doch einen entscheidenden Teil Wahrheit enthalten. Bohr
benützt die klassische Mechanik oder die Quantentheorie eigentlich nur so, wie ein Maler Pinsel und Farbe
benützt. Durch Pinsel und Farbe ist das Bild nicht bestimmt, und die Farbe ist nie die Wirklichkeit; aber wenn
man das Bild vorher, wie der Künstler, vor dem geistigen Auge hat, so kann man es durch Pinsel und Farbe -
vielleicht nur unvollkommen -auch den anderen sichtbar machen. Bohr kennt das Verhalten der Atome bei
Leuchterscheinungen, bei chemischen Prozessen und in vielen anderen Vorgängen ganz genau, und dadurch
hat er intuitiv eine Vorstellung von der Struktur der verschiedenen Atome gewonnen; ein Bild, das er nun mit
dem unvollkommenen Hilfsmittel der Elektronenbahnen und Quantenbedingungen den anderen Physikern
verständlich machen will. Es ist also gar nicht so sicher, daß Bohr selbst an die Elektronenbahnen im Atom
glaubt. Aber er ist von der Richtigkeit seiner Bilder überzeugt.
Daß es für diese Bilder einstweilen noch keinen angemessenen sprachlichen oder mathematischen Ausdruck
gibt, ist doch gar kein Unglück. Es ist im Gegenteil eine außerordentlich verlockende Aufgabe.«
Wolfgang blieb skeptisch. »Ich will zunächst einmal herausbringen, ob die Bohr-Sommerfeldschen Annahmen
bei meinem Problem zu vernünftigen Resultaten führen. Wenn nicht - und ich vermute beinahe, daß sich das
herausstellen wird - dann weiß man jedenfalls, was nicht geht, und damit ist man schon einen Schritt weiter.«
Dann fuhr er nachdenklich fort: »Die Bohrschen Bilder müssen schon irgendwie richtig sein. Aber wie kann
man sie verstehen, und welche Gesetze stehen hinter ihnen?«
Einige Zeit später fragte mich Sommerfeld nach einem längeren Gespräch über die Bohrsche Atomtheorie
ziemlich unvermittelt: »Würden Sie Niels Bohr gerne persönlich kennenlernen? Bohr soll nächstens in
Göttingen eine Reihe von Vorträgen über seine Theorie halten. Ich bin dazu eingeladen, und ich könnte Sie ja
mitnehmen.« Ich mußte einen Moment mit der Antwort zögern, da eine Eisenbahnfahrt nach Göttingen und
zurück für mich damals ein unlösbares finanzielles Problem dargestellt hätte. Vielleicht hat Sommerfeld
diesen Schatten über mein Gesicht huschen sehen. Jedenfalls fügte er hinzu, daß er für meine Reisekosten
sorgen könnte, und da war meine Antwort natürlich gegeben.
Der Frühsommer des Jahres 1922 hatte Göttingen, das freundliche Städtchen der Villen und Garten am Hang
des Hainbergs, mit unzähligen blühenden Büschen, Rosen und Blumenbeeten geschmückt, so daß schon der
äußere Glanz die Bezeichnung rechtfertigte, die wir diesen Tagen später gegeben haben: Die »Bohr-
Festspiele« zu Göttingen. Das Bild der ersten Vorlesung ist mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Der
Hörsaal war überfüllt. Der dänische Physiker, der schon seiner Statur nach als Skandinavier zu erkennen
war, stand mit leicht geneigtem Kopf freundlich und fast etwas verlegen lächelnd auf dem Podium, auf das
aus den weit geöffneten Fenstern das volle Licht des Göttinger Sommers einströmte. Bohr sprach ziemlich
leise, mit weichem dänischem Akzent, und wenn er die einzelnen Annahmen seiner Theorie erklärte, so setzte
er die Worte behutsam, sehr viel vorsichtiger, als wir es sonst von Sommerfeld gewohnt waren, und fast
hinter jedem der sorgfältig formulierten Sätze wurden lange Gedankenreihen sichtbar, von denen nur der
Anfang ausgesprochen wurde und deren Ende sich im Halbdunkel einer für mich sehr erregenden
philosophischen Haltung verlor. Der Inhalt der Vorlesung schien neu und nicht neu zugleich. Wir hatten die
Bohrsche Theorie ja bei Sommerfeld gelernt, also wußten wir, worum es sich handelte. Aber was gesagt
wurde, klang in Bohrs Mund anders als bei Sommerfeld. Es war ganz unmittelbar zu spüren, daß Bohr seine
Resultate nicht durch Berechnungen und Beweise, sondern durch Einfühlen und Erraten gewonnen hatte und
daß es ihm jetzt schwerfiel, sie vor der hohen Schule der Mathematik in Göttingen zu verteidigen. Nach jeder
Vorlesung wurde diskutiert, und am Ende der dritten Vorlesung wagte ich eine kritische Bemerkung.
Bohr hatte über jene Arbeit von Kramers gesprochen, über die ich im Sommerfeldschen Seminar hatte
referieren müssen, und er sagte am Schluß: Obwohl die Grundlagen der Theorie ja noch ganz ungeklärt seien,
könne man sich doch wohl darauf verlassen, daß die Ergebnisse von Kramers richtig seien und später vom
Experiment bestätigt werden würden. Ich stand also auf und brachte Einwände vor, die sich aus unseren
Münchner Gesprächen ergeben hatten und die mich an den Resultaten von Kramers zweifeln ließen. Bohr
spürte wohl, daß die Einwände auf einer sorgfältigen Beschäftigung mit seiner Theorie beruhten.
Er antwortete zögernd, so, als sei er durch den Einwand etwas beunruhigt, und nach Abschluß der Diskussion
kam er zu mir und fragte mich, ob wir nicht zusammen am Nachmittag einen Spaziergang über den Hainberg
machen könnten, um die von mir aufgeworfenen Fragen gründlich zu besprechen.
Dieser Spaziergang hat auf meine spätere wissenschaftliche Entwicklung den stärksten Einfluß ausgeübt,
oder man kann vielleicht besser sagen, daß meine eigentliche wissenschaftliche Entwicklung erst mit diesem
Spaziergang begonnen hat. Unser Weg führte auf einem der zahlreichen wohlgepflegten Waldpfade an der
oft besuchten Kaffeewirtschaft ›Zum Rohns‹ vorbei auf die sonnenbeschienene Höhe, von der man das
berühmte Universitätsstädtchen, von den Türmen der alten Johannis- und Jacobikirche beherrscht, und die
Hügel auf der anderen Seite des Leinetals überblicken konnte.
Bohr begann das Gespräch, indem er auf die Diskussionen vom Vormittag zurückkam: »Sie haben heute früh
einige Bedenken gegen die Arbeit von Kramers geäußert. Ich muß gleich sagen, Ihre Zweifel sind mir
durchaus verständlich; und ich glaube, ich sollte Ihnen etwas ausführlicher erklären, wie ich zu diesen ganzen
Problemen stehe. Ich bin im Grund nämlich viel mehr einig mit Ihnen, als Sie denken, und ich weiß sehr wohl,
wie vorsichtig man bei allen Behauptungen über die Struktur der Atome sein muß. Vielleicht darf ich zuerst
etwas über die Geschichte dieser Theorie erzählen. Der Ausgangspunkt war ja nicht der Gedanke, daß das
Atom ein Planetensystem im Kleinen sei und daß man hier die Gesetze der Astronomie anwenden könnte. So
wörtlich habe ich das alles nie genommen. Sondern für mich war der Ausgangspunkt die Stabilität der
Materie, die ja vom Standpunkt der bisherigen Physik aus ein reines Wunder ist.
Ich meine mit dem Wort Stabilität, daß immer wieder die gleichen Stoffe mit den gleichen Eigenschaften
auftreten, daß die gleichen Kristalle gebildet werden, die gleichen chemischen Verbindungen entstehen usw.
Das muß doch bedeuten, daß auch nach vielen Veränderungen, die durch äußere Wirkungen zustande
kommen mögen, ein Eisenatom schließlich wieder ein Eisenatom mit genau den gleichen Eigenschaften ist.
Das ist nach der klassischen Mechanik unbegreiflich, besonders dann, wenn ein Atom Ähnlichkeit mit einem
Planetensystem hat. In der Natur gibt es also eine Tendenz, bestimmte Formen zu bilden - ich meine das
Wort ›Formen‹ jetzt im allgemeinsten Sinne - und diese Formen, auch wenn sie gestört oder zerstört worden
sind, immer wieder neu entstehen zu lassen. Man könnte in diesem Zusammenhang sogar an die Biologie
denken; denn die Stabilität der lebendigen Organismen, die Bildung kompliziertester Formen, die doch nur
jeweils als Ganzheit existenzfähig sind, ist ein Phänomen ähnlicher Art. Aber in der Biologie handelt es sich
um ganz komplizierte, zeitlich veränderliche Strukturen, von denen wir jetzt nicht reden wollen. Ich möchte
hier nur von den einfachen Formen sprechen, denen wir schon in Physik und Chemie begegnen. Die Existenz
einheitlicher Stoffe, das Vorhandensein der festen Körper, alles das beruht auf dieser Stabilität der Atome;
ebenso die Tatsache, daß wir zum Beispiel von einer Leuchtröhre, die mit einem bestimmten Gas gefüllt ist,
auch immer wieder Licht der gleichen Farbe, ein leuchtendes Spektrum mit genau den gleichen Spektrallinien
bekommen. Das alles ist ja keineswegs selbstverständlich, sondern es scheint im Gegenteil unverständlich,
wenn man den Grundsatz der Newtonschen Physik, die strenge kausale Determiniertheit des Geschehens,
annimmt, wenn der jetzige Zustand jeweils durch den unmittelbar vorhergehenden und nur durch ihn eindeutig
bestimmt sein soll. Dieser Widerspruch hat mich sehr früh beunruhigt.
Das Wunder von der Stabilität der Materie wäre vielleicht noch länger unbeachtet geblieben, wenn es nicht in
den vergangenen Jahrzehnten durch einige wichtige Erfahrungen anderer Art neu beleuchtet worden wäre.
Planck hat, wie Sie wissen, gefunden, daß die Energie eines atomaren Systems sich unstetig ändert; daß es
bei der Ausstrahlung von Energie durch ein solches System sozusagen Haltestellen mit bestimmten Energien
gibt, die ich später stationäre Zustände genannt habe. Dann hat Rutherford seine Versuche über die Struktur
der Atome angestellt, die für die spätere Entwicklung so entscheidend waren. Dort in Manchester, in
Rutherfords Laboratorium, habe ich diese ganze Problematik kennengelernt. Ich war damals fast so jung wie
Sie jetzt, und ich habe unendlich viel mit Rutherford über solche Fragen gesprochen. Schließlich sind in dieser
Zeit die Leuchterscheinungen genauer untersucht worden, man hat die für die verschiedenen chemischen
Elemente charakteristischen Spektrallinien ausgemessen, und die vielfältigen chemischen Erfahrungen
enthalten natürlich auch eine Fülle von Auskünften über das Verhalten der Atome. Durch diese ganze
Entwicklung, die ich damals unmittelbar miterlebt habe, ist eine Frage gestellt worden, der man in unserer Zeit
nicht mehr Ausweichen konnte; nämlich die Frage, wie das alles zusammenhängt. Die Theorie, die ich
versucht habe, sollte also auch nichts anderes tun, als diesen Zusammenhang herstellen.
Nun ist das aber eigentlich eine ganz hoffnungslose Aufgabe; eine Aufgabe ganz anderer Art als wir sie sonst
in der Wissenschaft vorfinden. Denn in der bisherigen Physik oder in jeder anderen Naturwissenschaft
konnte man, wenn man ein neues Phänomen erklären wollte, unter Benützung der vorhandenen Begriffe und
Methoden versuchen, das neue Phänomen auf die schon bekannten Erscheinungen oder Gesetze
zurückzuführen. In der Atomphysik aber wissen wir ja schon, daß die bisherigen Begriffe dazu sicher nicht
ausreichen. Wegen der Stabilität der Materie kann die Newtonsche Physik im Inneren des Atoms nicht
richtig sein, sie kann bestenfalls gelegentlich einen Anhaltspunkt geben. Und daher wird es auch keine
anschauliche Beschreibung der Struktur des Atoms geben können, da eine solche - eben weil sie anschaulich
sein sollte - sich der Begriffe der klassischen Physik bedienen müßte, die aber das Geschehen nicht mehr
ergreifen. Sie verstehen, daß man mit einer solchen Theorie eigentlich etwas ganz Unmögliches versucht.
Denn wir sollen etwas über die Struktur des Atoms aussagen, aber wir besitzen keine Sprache, mit der wir
uns verständlich machen könnten. Wir sind also gewissermaßen in der Lage eines Seefahrers, der in ein
fernes Land verschlagen ist, in dem nicht nur die Lebensbedingungen ganz andere sind, als er sie aus seiner
Heimat kennt, sondern in dem auch die Sprache der dort lebenden Menschen ihm völlig fremd ist. Er ist auf
Verständigung angewiesen, aber er besitzt keinerlei Mittel zur Verständigung. In einer solchen Lage kann
eine Theorie überhaupt nicht ›erklären‹ in dem Sinn, wie das sonst in der Wissenschaft üblich ist. Es handelt
sich darum, Zusammenhänge aufzuzeigen und sich behutsam voranzutasten. So sind auch die Rechnungen
von Kramers gemeint, und vielleicht habe ich mich heute vormittag nicht vorsichtig genug ausgedrückt. Aber
mehr wird einstweilen überhaupt nicht möglich sein.«
Aus diesen Äußerungen Bohrs spürte ich unmittelbar, wie sehr alle die Zweifel und Einwände, die wir in
München besprochen hatten, auch ihm geläufig waren. Um sicher zu sein, daß ich ihn richtig verstanden
hatte, fragte ich zurück: »Was bedeuten aber dann die Bilder von den Atomen, die Sie in den letzten Tagen in
Ihren Vorlesungen gezeigt und besprochen haben und für die Sie auch Gründe angegeben haben? Wie sind
die gemeint?«
»Diese Bilder«, antwortete Bohr, »sind ja aus Erfahrungen erschlossen, oder, wenn Sie wollen, erraten, nicht
aus irgendwelchen theoretischen Berechnungen gewonnen. Ich hoffe, daß diese Bilder die Struktur der
Atome so gut beschreiben, aber eben auch nur so gut beschreiben, wie dies in der anschaulichen Sprache der
klassischen Physik möglich ist. Wir müssen uns klar darüber sein, daß die Sprache hier nur ähnlich gebraucht
werden kann wie in der Dichtung, in der es ja auch nicht darum geht, Sachverhalte präzis darzustellen,
sondern darum, Bilder im Bewußtsein des Hörers zu erzeugen und gedankliche Verbindungen herzustellen.«
»Aber wie sollen dann eigentlich Fortschritte erzielt werden? Schließlich soll die Physik doch eine exakte
Wissenschaft sein.«
»Wir müssen erwarten«, meinte Bohr, »daß die Paradoxien der Quantentheorie, die unverständlichen Züge,
die mit der Stabilität der Materie zusammenhängen, mit jeder neuen Erfahrung in ein immer schärferes Licht
treten. Wenn dies geschieht, so kann man hoffen, daß sich im Laufe der Zeit neue Begriffe bilden, mit denen
wir auch diese unanschaulichen Vorgänge im Atom irgendwie ergreifen können. Aber davon sind wir noch
weit entfernt.«
Bohrs Gedankengänge verbanden sich für mich mit der von Robert auf unserer Wanderung am Starnberger
See vertretenen Ansicht, daß die Atome keine Dinge seien. Denn obwohl Bohr so viele Einzelheiten von der
inneren Struktur der chemischen Atome zu erkennen glaubte, waren die Elektronen, aus denen ihre Atom-
hüllen bestanden, offenbar keine Dinge mehr; jedenfalls keine Dinge im Sinne der früheren Physik, die man
ohne Vorbehalte mit Begriffen wie Ort, Geschwindigkeit, Energie, Ausdehnung beschreiben könnte. Ich
fragte Bohr daher: »Wenn die innere Struktur der Atome einer anschaulichen Beschreibung so wenig
zugänglich ist, wie Sie sagen, wenn wir eigentlich keine Sprache besitzen, mit der wir über diese Struktur
reden könnten, werden wir dann die Atome überhaupt jemals verstehen?« Bohr zögerte einen Moment und
sagte dann: »Doch. Aber wir werden dabei gleichzeitig erst lernen, was das Wort ›verstehen‹ bedeutet.«
Inzwischen waren wir auf unserer kleinen Wanderung auf den höchsten Punkt des Hainberges gelangt, an
eine Wirtschaft, die vielleicht deshalb der »Kehr« genannt wird, weil man dort auch vor alten Zeiten schon
umzukehren pflegte. Von dort wandten auch wir uns wieder dem Tal zu, diesmal in südlicher Richtung mit
dem Blick auf Hügel und Wälder und auf Dörfer im Leinetal, die inzwischen längst in das Stadtgebiet
einbezogen worden sind.
»Wir haben nun über so viele schwierige Dinge geredet«, so griff Bohr das Gespräch wieder auf, »und ich
habe Ihnen auch davon erzählt, wie ich selbst in diese ganze Wissenschaft hereingekommen bin; aber ich
weiß noch gar nichts von Ihnen. Sie sehen noch sehr jung aus. Fast konnte man glauben, daß Sie mit dem
Studium der Atomphysik angefangen und erst danach auch die ältere Physik und anderes gelernt hätten.
Sommerfeld muß Sie sehr früh in diese abenteuerliche Welt der Atome eingeführt haben. Und wie haben Sie
den Krieg miterlebt?«
Ich gestand nun, daß ich mit meinen zwanzig Jahren erst im vierten Semester studierte, also von der
eigentlichen Physik noch entsetzlich wenig wußte, und berichtete von Sommerfelds Seminaren, in denen mich
gerade die Verworrenheit, die Unverständlichkeit der Quantentheorie besonders angezogen hätte. Zum
Kriegsdienst sei ich zu jung gewesen, von unserer Familie habe nur mein Vater als Reserveoffizier in
Frankreich gekämpft; um ihn hätten wir viel Sorge gehabt, aber er sei 1916 verwundet zurückgekommen. Im
letzten Kriegsjahr hatte ich dann, um nicht zu sehr hungern zu müssen, als Knecht auf einem Bauernhof im
bayerischen Voralpenland gearbeitet. Außerdem hätte ich die Revolutionskämpfe in München etwas
miterlebt. Aber sonst sei ich vom eigentlichen Krieg verschont geblieben.
»Ich würde gerne viel von Ihnen hören«, meinte Bohr, »und dabei über die Zustände in Ihrem Land lernen,
das ich noch so wenig kenne. Auch über die Jugendbewegung, von der mir die Göttinger Physiker erzählt
haben. Sie müssen uns einmal in Kopenhagen besuchen, vielleicht auch für längere Zeit zu uns kommen,
damit wir zusammen Physik treiben können. Dann werde ich Ihnen auch unser kleines Land zeigen und Ihnen
von seiner Geschichte erzählen.«
Als wir uns den ersten Häusern der Stadt näherten, ging das Gespräch auf die Göttinger Physiker und
Mathematiker über, auf Max Born, James Franck, Richard Courant und David Hubert, die ich ja erst in
diesen Tagen kennengelernt hatte, und wir erörterten kurz die Möglichkeit, daß ich auch einen Teil meiner
Studienzeit in Göttingen verbringen könnte. So erschien die Zukunft voller neuer Hoffnungen und
Möglichkeiten, die ich mir, nachdem ich Bohr nach Hause begleitet hatte, noch auf dem Heimweg zu meiner
Herberge in leuchtenden Farben ausmalte.
4. Belehrung über Politik und Geschichte
(1921-1924)

Der Sommer des Jahres 1922 endete für mich noch mit einer recht enttäuschenden Erfahrung. Mein Lehrer
Sommerfeld hatte mir vorgeschlagen, die Versammlung der Deutschen Naturforscher und Ärzte in Leipzig zu
besuchen, auf der Einstein einen der Hauptvorträge über die allgemeine Relativitätstheorie halten sollte. Mein
Vater hatte mir eine Rückfahrkarte von München nach Leipzig geschenkt, und ich freute mich darauf, den
Entdecker der Relativitätstheorie nun selbst sprechen zu hören. Nach der Ankunft in Leipzig bezog ich eine
der billigsten Herbergen im schlechtesten Viertel der Stadt, da ich mir etwas Besseres nicht leisten konnte.
Im Tagungsgebäude traf ich einige jüngere Physiker, die ich in Göttingen während der »Bohrfestspiele«
kennengelernt hatte, und ich erkundigte mich nach dem Einsteinschen Vortrag, der schon in einigen Stunden
am Abend des gleichen Tages gehalten werden sollte. Mir fiel dabei eine gewisse Gespanntheit der
Atmosphäre auf, deren Grund ich mir zunächst nicht erklären konnte; aber ich spürte, daß hier alles anders
war als damals in Göttingen. Die Zeit bis zum Vortrag nutzte ich durch einen Spaziergang zum
Völkerschlachtdenkmal aus, unter dem ich mich, mit leerem Magen und übermüdet von der nächtlichen
Eisenbahnfahrt, ins Gras legte und alsbald einschlief. Ich wachte davon auf, daß ein junges Mädchen mich
mit Pflaumen bewarf, sich aber dann neben mich setzte und mir, zur Besänftigung meines Zorns und zur sehr
willkommenen Stillung meines Hungers, aus ihrem Korb so viel von ihren Früchten anbot, wie ich haben
wollte.
Der Einsteinsche Vortrag fand in einem großen Saal statt, den man, ähnlich einem Theaterraum, durch viele
kleine Türen von allen Seiten betreten konnte. Als ich hineingehen wollte, drückte mir an einer solchen Tür
ein junger Mann - wie ich später hörte, ein Assistent oder Schüler eines bekannten Physikprofessors aus
einer süddeutschen Universitätsstadt - einen bedruckten roten Zettel in die Hand, auf dem vor Einstein und
seiner Relativitätstheorie gewarnt wurde. Es handele sich dabei, so war etwa zu lesen, um ganz ungesicherte
Spekulationen, die durch eine dem deutschen Wesen fremde Reklame jüdischer Zeitungen ungebührlich
überschätzt worden seien. Im ersten Augenblick dachte ich, der Handzettel sei wohl das Werk eines
Verrückten, wie sie hin und wieder auf solchen Tagungen auftauchen. Als mir aber berichtet wurde, daß
tatsächlich der wegen seiner bedeutenden experimentellen Arbeiten hochangesehene Physiker, von dem auch
Sommerfeld in seinen Vorlesungen oft gesprochen hatte, der Urheber des Zettels sei, brach mir eine meiner
wichtigsten Hoffnungen zusammen. Ich war so überzeugt gewesen, daß wenigstens die Wissenschaft vom
Streit der politischen Meinungen, den ich ja im Bürgerkrieg in München genugsam kennengelernt hatte, voll-
ständig ferngehalten werden könnte. Nun sah ich, daß auf dem Umweg über charakterlich schwache oder
kranke Menschen selbst das wissenschaftliche Leben durch böse politische Leidenschaften infiziert und
entstellt werden kann. Was den Inhalt des Handzettels betraf, so bewirkte er natürlich, daß ich alle
Vorbehalte gegenüber der allgemeinen Relativitätstheorie, die Wolf gang mir gelegentlich erklärt hatte,
zurückstellte und nun von der Richtigkeit der Theorie fest überzeugt war. Denn ich hatte ja längst aus meinen
Erfahrungen im Münchner Bürgerkrieg gelernt, daß man eine politische Richtung nie nach den Zielen
beurteilen darf, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die
sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt. Schlechte Mittel beweisen ja, daß die Urheber an die Überzeugungskraft
ihrer These selbst nicht mehr glauben. Die hier von einem Physiker gegen die Relativitätstheorie eingesetzten
Mittel waren so schlecht und unsachlich, daß dieser Gegner offenbar nicht mehr darauf vertraute, die
Relativitätstheorie durch wissenschaftliche Argumente widerlegen zu können. Nach dieser Enttäuschung
konnte ich aber auch bei Einsteins Vortrag nicht mehr recht zuhören, und ich machte nach dem Ende der
Sitzung keine Anstrengung, etwa durch Sommerfelds Vermittlung Einstein kennenzulernen. Ich ging bedrückt
in meine Herberge zurück; dort mußte ich feststellen, daß hier inzwischen all mein Hab und Gut, Rucksack,
Wäsche und ein zweiter Anzug gestohlen worden waren. Zum Glück hatte ich meine Rückfahrkarte noch in
der Tasche. Ich ging auf den Bahnhof und stieg in den nächsten Zug nach München. Auf der Fahrt war ich
völlig verzweifelt, weil ich wußte, daß ich meinem Vater den großen finanziellen Verlust nicht aufbürden
konnte. Als ich dann auch in München meine Eltern zunächst nicht antraf, suchte ich mir Arbeit als Holzfäller
im Forstenrieder Park, einem Waldgebiet südlich vor der Stadt. Dort war im Fichtenwald der Borkenkäfer
eingefallen, und viele Bäume mußten geschlagen, ihre Rinde verbrannt werden. Erst als ich so viel Geld
verdient hatte, daß ich den Verlust einigermaßen ersetzen konnte, kehrte ich wieder zur Physik zurück.
Diese ganze Episode ist berichtet worden, nicht um unerfreuliche Geschehnisse wieder ans Licht zu ziehen,
die besser in Vergessenheit gerieten, sondern weil sie später in meinen Gesprächen mit Niels Bohr und in
meinem Verhalten in dem gefährlichen Raum zwischen Wissenschaft und Politik eine gewisse Rolle gespielt
haben. Zunächst freilich hinterließ das Leipziger Erlebnis eine tiefe Enttäuschung und einen Zweifel am Sinn
der Wissenschaft überhaupt. Wenn es selbst hier nicht um Wahrheit, sondern um den Kampf der Interessen
ging, lohnte es dann, sich damit zu beschäftigen? Die Erinnerung an den Spaziergang über den Hainberg
überwog aber schließlich solche pessimistischen Stimmungen, und ich bewahrte die Hoffnung, daß die so
spontan ausgesprochene Einladung Bohrs irgendwann zu einem langen Besuch in Kopenhagen mit vielen
Gesprächen führen würde.
Allerdings vergingen bis zum Besuch bei Bohr noch anderthalb Jahre, die mit einem Studiensemester in
Göttingen, einer Doktorarbeit über die Stabilität von Flüssigkeitsströmen und dem darauffolgenden Examen in
München und einem weiteren Semester als Assistent Borns in Göttingen ausgefüllt waren. In den Osterferien
1924 bestieg ich endlich in Warnemünde das Fährboot, das mich nach Dänemark bringen sollte, und ich freute
mich unterwegs an den vielen Segelschiffen, darunter riesigen Veteranen aus der alten Zeit mit vier Masten
und voller Takelage, die damals die Ostsee bevölkerten. Der erste Weltkrieg hatte ja einen erheblichen Teil
aller auf der Welt vorhandenen Dampfschiffe auf den Meeresgrund geschickt; die alten Lastensegler mußten
hervorgeholt werden, und dem Seefahrer bot sich ein buntes Bild, wie hundert Jahre vorher. Bei der Ankunft
gab es kleine Schwierigkeiten mit meinem Gepäck, die ich, der Landessprache unkundig, nur schwer beheben
konnte. Als ich aber sagte, daß ich im Institut bei Professor Niels Bohr arbeiten wollte, öffnete dieser Name
alle Türen und beseitigte im Nu die Hemmnisse. So fühlte ich mich von der ersten Stunde an geborgen unter
dem Schutz einer der stärksten Persönlichkeiten des kleinen freundlichen Landes.
Die ersten Tage im Bohrschen Institut wurden mir trotzdem nicht leicht. Ich sah mich plötzlich einer großen
Zahl glänzend begabter junger Menschen aus aller Herren Länder gegenüber, die mir an Sprachkenntnissen
und Weltgewandtheit weit überlegen waren und die in unserer Wissenschaft viel gründlicher beschlagen
waren als ich. Auch Niels Bohr kam nur selten zu mir, er hatte offenbar viel mit der Institutsverwaltung zu
tun, und ich sah ein, daß ich seine Zeit nicht mehr beanspruchen durfte als die anderen Institutsmitglieder.
Nach einigen Tagen aber trat er in mein Zimmer und fragte, ob ich bereit sei, ihn für einige Tage auf einer
Fußwanderung durch die Insel Själland zu begleiten. Im Institut sei doch zu wenig Gelegenheit zu
ausführlichen Gesprächen, und er wolle mich richtig kennenlernen. So zogen wir zu zweit, nur mit
Rucksäcken bepackt, aus. Zunächst mit der Straßenbahn an den Nordrand der Stadt, von da zu Fuß durch
den sogenannten Tiergarten, ein früheres Jagdgebiet mit dem hübschen Schlößchen Eremitage in der Mitte
und riesigen Rudeln von Hirschen und Rehen auf den Lichtungen; dann ging die Wanderung weiter nach
Norden. Der Weg führte manchmal an der Küste entlang, manchmal im Land durch Wälder und an Seen
vorbei, die in der frühen Jahreszeit noch still zwischen den eben erst grünenden Büschen lagen und an deren
Ufern die Sommerhäuser noch mit geschlossenen Fensterläden schliefen. Unser Gespräch wandte sich bald
den Verhältnissen in Deutschland zu, und Bohr wollte von meinen Erlebnissen beim Beginn des Ersten
Weltkriegs hören, der nun zehn Jahre zurücklag.
»Mir ist oft von diesen Tagen des Kriegsausbruchs erzählt worden«, sagte Bohr. »Freunde von uns mußten in
den ersten Augusttagen 1914 durch Deutschland reisen und berichteten von einer großen Welle von
Begeisterung, die durch das ganze deutsche Volk gegangen sei und die selbst den Außenstehenden irgendwie
ergriffen, aber doch auch mit Schaudern erfüllt habe. Ist es nicht merkwürdig, daß ein Volk in einem Rausch
von echter Begeisterung in den Krieg zieht, während man doch wissen mußte, wieviel entsetzliche Opfer bei
Freund und Feind der Krieg später fordern, wieviel Unrecht von beiden Seiten dabei geschehen würde?
Können Sie mir das erklären?«
»Ich war damals ein Schuljunge von 12 Jahren«, mag ich geantwortet haben, »und ich bildete mir meine
Meinung natürlich aus dem, was ich von den Gesprächen zwischen Eltern und Großeltern verstand. Ich finde
nicht, daß das Wort ›Begeisterung‹ den Zustand richtig beschreibt, in den wir damals alle versetzt waren.
Niemand von denen, die ich kannte, freute sich über das, was bevorstand, und niemand fand es gut, daß es
jetzt Krieg geben würde. Wenn ich beschreiben soll, was geschah, so würde ich sagen: wir spürten alle, daß
es auf einmal ernst wurde. Wir empfanden, daß wir bis dahin von viel schönem Schein umgeben waren, der
durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers plötzlich verschwunden war, und dahinter kam nun
ein harter Kern der Wirklichkeit zum Vorschein, eine Forderung, der unser Land und wir alle nicht mehr
ausweichen konnten und die eben bestanden werden mußte. Dazu hat man sich dann, zwar mit tiefster Sorge,
aber doch mit ganzem Herzen entschlossen. Natürlich waren wir vom guten Recht der deutschen Sache
überzeugt; denn Deutschland und Österreich sahen wir immer als eine zusammengehörige Einheit, und die
Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gattin durch Mitglieder eines serbischen
Geheimbundes empfanden wir eindeutig als ein Unrecht, das uns angetan war. So mußte man sich also
wehren, und dieser Entschluß ist wohl, wie ich sagte, von fast allen Menschen in unserem Land mit ganzem
Herzen gefaßt worden.
Ein solcher gemeinsamer Aufbruch hat etwas Berauschendes, etwas ganz Unheimliches und Irrationales, das
ist wohl wahr. Das habe ich selbst an jenem 1. August 1914 erfahren. Ich fuhr damals mit meinen Eltern von
München nach Osnabrück, wo mein Vater als Hauptmann der Reserve einrücken mußte. Überall waren die
Bahnhöfe mit rufenden, durcheinanderlaufenden, erregt sprechenden Menschen überfüllt, riesige Güterzüge
wurden mit Blumen und Zweigen geschmückt und mit Soldaten und Waffen beladen. Bis zuletzt standen
junge Frauen und Kinder um die Wägen; es wurde geweint und gesungen, bis der Zug die Halle verließ. Man
konnte mit dem fremdesten Menschen so sprechen, als habe man ihn jahrelang gekannt; jeder half jedem
anderen, wie es eben möglich war, und alle Gedanken waren auf das eine Schicksal gerichtet, das nun uns
allen gemeinsam widerfuhr. Ich möchte diesen Tag sicher nicht aus meinem Leben streichen. Aber - wie ist
das - hatte dieser unglaubliche, unvorstellbare Tag, den man nie vergessen kann, wenn man dabei war, etwas
mit dem zu tun, was man so gemeinhin Kriegsbegeisterung oder sogar Freude am Kriege nennt? Ich weiß
nicht, ich glaube, man hat das später nach dem Ende alles falsch gedeutet.«
»Sie müssen verstehen«, sagte Bohr, »daß wir in unserem kleinen Land natürlich sehr anders über diese
schwierigen Fragen denken. Darf ich mit einer historischen Bemerkung anfangen? Vielleicht ist die
Machtausweitung, die Deutschland im letzten Jahrhundert hatte gewinnen können, doch irgendwie zu leicht
gegangen. Da war zunächst der Krieg gegen unser Land im Jahr 1864, der bei uns viel Bitterkeit hinterlassen
hat, dann der Sieg über Österreich 1866 und über Frankreich 1870. Es muß für die Deutschen so ausgesehen
haben, als könne man sozusagen im Handumdrehen ein großes zentraleuropäisches Reich aufbauen. Aber
das kann doch nicht so einfach sein. Um Reiche zu gründen, dazu muß man, selbst wenn es nicht ohne
Gewalt geht, vor allem die Herzen vieler Menschen für die neue Form des Zusammenschlusses gewinnen.
Das ist den Preußen trotz all ihrer Tüchtigkeit offenbar nicht gelungen; vielleicht weil ihre Lebensart zu hart
war, vielleicht weil ihr Begriff von Disziplin den Menschen in den anderen Ländern nicht eingeleuchtet hat.
Die Deutschen haben wohl zu spät bemerkt, daß sie die anderen nicht mehr überzeugen konnten. So mußte
der Überfall auf das kleine Land Belgien doch als ein reiner Gewaltakt erscheinen, der auch durch die
Ermordung des österreichischen Thronfolgers in keiner Weise gerechtfertigt werden konnte. Die Belgier
hatten doch nichts mit diesem Attentat zu tun, auch waren sie nicht an einem Bündnis gegen Deutschland
beteiligt.«
»Sicher haben wir Deutschen in diesem Krieg sehr viel Unrecht getan«, mußte ich einräumen, »ebenso wie
wohl auch unsere Gegner. In einem Krieg geschieht eben sehr viel Unrecht. Und ich will auch zugeben, daß
das einzige hier zuständige Gericht, die Weltgeschichte, gegen uns entschieden hat. Im übrigen bin ich wohl
noch zu jung, um zu beurteilen, welche Politiker an welchen Stellen richtige oder falsche Entscheidungen
getroffen haben. Aber es gibt hier zwei Fragen, die mehr die menschliche Seite dieser Politik betreffen und
die mich immer wieder beunruhigt haben. Ich würde gerne wissen, wie Sie darüber denken. Wir haben über
den Kriegsausbruch gesprochen und auch darüber, daß in den ersten Stunden und Tagen des Krieges die
Welt verwandelt war. Die kleinen Sorgen des Alltags, die uns früher bedrängt hatten, waren verschwunden.
Die persönlichen Beziehungen, die früher im Mittelpunkt des Lebens gestanden hatten, etwa zu den Eltern
und Freunden, wurden unwichtig im Vergleich zu der allgemeinen ganz direkten Beziehung zu allen
Menschen, die dem gleichen Schicksal ausgesetzt waren. Die Häuser, die Straßen, die Wälder, alles sah
anders aus als früher und, um mit Jacob Burckhardt zu reden, ›selbst der Himmel hatte einen anderen Ton‹.
Mein nächster Freund, ein Vetter aus Osnabrück, der einige Jahre älter war als ich, wurde auch Soldat. Ich
weiß nicht mehr, ob er eingezogen wurde oder ob er sich freiwillig gemeldet hat. Diese Frage war ja gar nicht
gestellt. Die große Entscheidung war gefallen, jeder, der körperlich tauglich war, wurde Soldat. Mein Freund
wäre nie auf den Gedanken gekommen, den Krieg zu wünschen oder sich an Eroberungen für Deutschland
beteiligen zu wollen. Das weiß ich aus unseren letzten Gesprächen vor seinem Abmarsch. Daran hat er
überhaupt nicht gedacht, wenn er auch vom Sieg überzeugt war. Aber er wußte, daß jetzt der Einsatz seines
Lebens gefordert wurde; das galt für ihn wie für alle anderen. Er mag für einen Moment bis ins innerste Herz
erschrocken sein, aber dann hat er ›ja‹ gesagt, wie sie alle. Wäre ich einige Jahre älter gewesen, so wäre es
mir wohl genauso gegangen. Mein Freund ist dann in Frankreich gefallen. Aber hätte er nach Ihrer Meinung
denken sollen, das sei alles Unsinn, Rausch, Suggestion, diese Forderung nach dem Einsatz des Lebens dürfe
nicht ernst genommen werden? Welche Instanz hatte denn das Recht dies zu sagen? Der Verstand des
jungen Menschen, der doch die Zusammenhänge der Politik gar nicht durchschauen kann, der nur einzelne
schwer verständliche Fakten hört, wie ›Mord in Sarajewo‹ oder ›Einmarsch in Belgien‹.«
»Was Sie sagen, macht mich sehr traurig«, antwortete Bohr, »denn ich glaube so gut zu verstehen, was Sie
meinen. Vielleicht gehört das, was diese jungen Menschen empfunden haben, die ihrer guten Sache gewiß in
den Krieg zogen, zum größten menschlichen Glück, das man erleben kann. Es gibt auch keine Instanz, die zu
dem Zeitpunkt, den Sie geschildert haben, noch ›nein‹ sagen könnte. Aber ist das nicht eine schreckliche
Wahrheit? Hat der Aufbruch, den Sie erlebt haben, nicht auch eine deutlich sichtbare Verwandtschaft mit
dem, was etwa geschieht, wenn im Herbst die Zugvögel sich sammeln und nach Süden ziehen? Keiner der
Zugvögel weiß, wer über den Zug nach Süden entscheidet und warum dieser Zug stattfindet. Aber jeder
einzelne wird ergriffen von der allgemeinen Erregung, von dem Wunsch dabeizusein, und so ist er glücklich,
mitfliegen zu können, auch wenn der Flug für viele ins Verderben führt. Bei den Menschen ist das Wunder-
bare an diesem Vorgang, daß er einerseits so elementar unfrei ist, wie etwa ein Waldbrand, wie irgendein
gesetzmäßig ablaufender Naturvorgang; daß er andererseits in dem Einzelnen, der ihm ausgesetzt ist, das
Gefühl äußerster Freiheit erzeugt. Der junge Mensch, der am allgemeinen Aufbruch teilnimmt, hat alle Last
der täglichen Sorgen und Kümmernisse abgeworfen. Wo es um Tod oder Leben geht, zählen die kleinen
Bedenken nicht mehr, die sonst das Leben eingeengt hatten; da brauchen keine Rücksichten auf
untergeordnete Interessen genommen zu werden. Wo nur das eine Ziel, der Sieg, mit dem ganzen Einsatz
angestrebt wird, erscheint das Leben so einfach und überschaubar wie nie zuvor. Es gibt wohl keine schönere
Schilderung dieser einzigartigen Situation im Leben des jungen Menschen als das Reiterlied in Schillers
Wallenstein. Sie kennen ja die Schlußzeilen: ›Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben
gewonnen sein.‹ Das ist wohl einfach wahr. Aber wir müssen trotzdem, nein, eben deshalb, alle
Anstrengungen machen, Kriege zu vermeiden; und dazu muß man natürlich versuchen, die
Spannungssituationen, aus denen die Kriege entstehen, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dafür kann es
zum Beispiel gut sein, daß wir hier in Dänemark zusammen wandern.«
»Ich möchte noch meine zweite Frage stellen«, setzte ich das Gespräch fort. »Sie sprachen von der
preußischen Disziplin, die den Menschen in den anderen Ländern nicht eingeleuchtet hat. Ich selbst bin ja in
Süddeutschland aufgewachsen und denke daher nach Tradition und Erziehung anders als die Menschen etwa
zwischen Magdeburg und Königsberg. Aber diese Richtlinien des preußischen Lebens, Unterordnung des
Einzelnen unter die gemeinsame Aufgabe, Bescheidenheit der privaten Lebensführung, Ehrlichkeit und
Unbestechlichkeit, Ritterlichkeit, pünktliche Pflichterfüllung, die haben mir doch immer einen großen Eindruck
gemacht. Selbst wenn diese Grundsätze von politischen Kräften später vielleicht auch mißbraucht worden
sind, ich kann sie nicht so gering achten. Warum empfinden zum Beispiel Ihre Landsleute hier in Dänemark
darin anders?«
»Ich glaube«, meinte Bohr, »wir können die Werte dieser preußischen Haltung sehr wohl erkennen. Aber wir
wollen dem Einzelnen, seinen Absichten und Plänen, mehr Spielraum lassen als es die preußische Haltung tut.
Wir können uns einer Gemeinschaft eigentlich nur dann anschließen, wenn es eine Gemeinschaft von sehr
freien Menschen ist, unter denen jeder die Rechte des anderen voll anerkennt. Die Freiheit und
Unabhängigkeit des Einzelnen ist uns wichtiger als die Macht, die man durch die Disziplin einer Gemeinschaft
gewinnt. Es ist ja so merkwürdig, wie solche Lebensformen oft durch historische Leitbilder bestimmt werden,
die eigentlich nur noch als Mythos oder Sage lebendig sind, aber doch noch eine große Kraft entfalten. Die
preußische Haltung hat sich, so würde ich glauben, an der Gestalt des Ordensritters gebildet, der die
Mönchsgelübde abgelegt hat, Armut, Keuschheit und Gehorsam; der die christliche Lehre im Kampf gegen
die Ungläubigen ausbreitet und daher unter dem Schutz Gottes steht. Wir in Dänemark denken statt dessen
an die Helden der isländischen Sage, an den Dichter und Kämpfer Egil, Sohn des Skallagrim, der schon als
Dreijähriger, gegen den Willen des Vaters, das Pferd aus dem Gehege holte und ihm über viele Meilen
nachritt. Oder an den weisen Nial, der rechtskundiger war als alle anderen Männer auf Island und der daher
in allen Streitfällen um Rat gefragt wurde. Diese Männer, oder ihre Vorfahren, waren ja nach Island
ausgewandert, weil sie sich unter das Joch der mächtiger werdenden norwegischen Könige nicht beugen
wollten. Es war ihnen unerträglich, daß ein König von ihnen verlangen könnte, an einem Kriegszug
teilzunehmen, den dieser König und nicht sie selber führten. Sie waren tapfere, kriegerische Leute, und ich
fürchte, daß sie vor allem von der Seeräuberei lebten. Wenn Sie die Sagen lesen, werden Sie vielleicht
entsetzt sein, wieviel da von Kampf und Totschlag die Rede ist. Aber diese Männer wollten vor allem frei
sein, und eben deshalb respektierten sie auch das Recht der anderen, ebenso frei zu sein. Gekämpft wurde
um Besitz oder Ehre, aber nicht um die Macht über andere. Natürlich weiß man auch nicht mehr so genau,
wieviel von diesen Sagen auf historische Begebenheiten zurückgeht. Aber in diesen knappen, chronikartigen
Darstellungen dessen, was in Island geschah, steckt eine große dichterische Kraft, und daher ist es nicht so
merkwürdig, daß diese Bilder auch heute noch unsere Vorstellung von Freiheit bestimmen. Im übrigen ist
wohl auch das Leben in England, in dem die Normannen ja früh eine große Rolle gespielt haben, von diesem
Geist der Unabhängigkeit geprägt worden. Die englische Form der Demokratie, die Fairneß und die
Rücksicht auf die Vorstellungen und Interessen eines anderen, die hohe Bewertung des Rechtes mögen doch
alle auch aus dieser Quelle stammen. Wenn die Engländer ein großes Weltreich aufbauen konnten, so haben
dabei diese Wesenszüge sicher eine große Rolle gespielt. Freilich ist im einzelnen auch viel Gewalt geübt
worden, wie bei den alten Wikingern.«
Inzwischen war es Nachmittag geworden. Wir wanderten dicht am Strand durch kleine Fischerdörfer und
konnten über den Öresund hinweg jetzt gut die von der Abendsonne beschienene schwedische Küste
erkennen, die sich hier der dänischen bis auf wenige Kilometer nähert. Als wir Helsingör erreichten, fing es
schon an zu dunkeln. Aber wir machten noch einen kurzen Rundgang durch die Außenanlagen des Schlosses
Kronborg, das an der engsten Stelle des Öresunds die Durchfahrt beherrscht und auf dessen Wällen noch
alte Geschütze stehen, Symbole einer längst vergangenen Macht. Bohr begann, mir über die Geschichte des
Schlosses zu erzählen. Friedrich II. von Dänemark hatte es gegen Ende des 16. Jahrhunderts als Festung im
niederländischen Renaissancestil erbaut. Die hoch aufgeschütteten Wälle und die weit gegen die Wasser des
Öresunds hinausgeschobene Bastion erinnern daran, daß hier noch militärische Macht ausgeübt werden
sollte. Die Kasematten sind im 17. Jahrhundert im Schwedenkrieg noch als Aufenthaltsraum für Gefangene
verwendet worden. Aber als wir in der Abenddämmerung auf der Bastion neben den alten Kanonen standen
und den Blick abwechselnd über die Segelschiffe auf dem Öresund und über den hohen Renaissancebau
gleiten ließen, empfanden wir deutlich die Harmonie, die von einer Stelle ausgehen kann, an der der Streit nun
bis zu Ende gekämpft ist. Man spürt zwar noch die Kräfte, die einst Menschen gegeneinander getrieben,
Schiffe zerstört, Siegesjubel und Verzweiflungsschreie ausgelöst haben, aber man weiß doch gleichzeitig, daß
sie nicht mehr gefährlich sind, daß sie nicht mehr das Leben gestalten oder verzerren können. Man empfindet
ganz unmittelbar, beinahe körperlich, die Ruhe, die sich über dies alles gebreitet hat.
An das Schloß Kronborg oder richtiger an den Ort, an dem es steht, knüpft sich auch die Sage von Hamlet,
dem dänischen Prinzen, der wahnsinnig wurde oder sich so stellte, um der Bedrohung durch seinen
mörderischen Onkel zu entgehen. Bohr sprach davon und sagte dann: »Ist es nicht merkwürdig, daß dieses
Schloß ein anderes wird, wenn man sich vorstellt, daß Hamlet hier gelebt hat? Von unserer Wissenschaft her
würde man doch glauben, das Schloß besteht aus Steinen; wir freuen uns an den Formen, in denen sie der
Architekt zusammengefügt hat. Die Steine, das grüne Dach mit seiner Patina, die Holzschnitzereien in der
Kirche, das ist wirklich das Schloß. An alledem ändert sich gar nichts, wenn wir erfahren, daß Hamlet hier
gelebt hat, und doch ist es dann ein anderes Schloß. Auf einmal sprechen die Mauern und Wälle eine andere
Sprache. Der Schloßhof wird zur Welt, ein dunkler Winkel erinnert an die Dunkelheit in der menschlichen
Seele, wir vernehmen die Frage ›Sein oder Nichtsein‹. In Wirklichkeit wissen wir fast nichts über Hamlet.
Nur eine kurze Notiz in einer Chronik aus dem 13. Jahrhundert soll den Namen ›Hamlet‹ enthalten. Niemand
kann beweisen, daß es ihn wirklich gegeben hat, geschweige denn, daß er hier gelebt hat. Aber jeder von uns
weiß, welche Fragen Shakespeare mit dieser Gestalt verbunden, in welche Abgründe er dabei
hinabgeleuchtet hat, und so mußte die Gestalt auch einen Ort auf dieser Erde bekommen, und sie hat ihn hier
in Kronborg gefunden. Aber wenn wir das wissen, so ist Kronborg eben ein anderes Schloß.«
Unter solchen Gesprächen war die Dämmerung schon fast in die Nacht übergegangen, ein kalter Wind blies
über den Öresund und zwang uns zum Aufbruch.
Am nächsten Morgen hatte der Wind sich noch verstärkt. Der Himmel war blankgefegt, und über der
hellblauen Ostsee war im Norden die schwedische Küste bis zum Vorgebirge Kullen gut zu erkennen. Unser
Weg führte am Nordrand der Insel entlang nach Westen. Hier liegt das Land etwa 20 bis 30 m über dem
Meeresspiegel und fällt an manchen Stellen klippenartig steil zum Strand ab. Der Blick auf das Vorgebirge
Kullen veranlaßte Bohr zu der Bemerkung: »Sie sind in München in unmittelbarer Nachbarschaft des
Gebirges aufgewachsen, Sie haben mir ja von Ihren vielen Bergwanderungen erzählt. Ich weiß, daß für
Gebirgsbewohner unser Land zu flach ist. Vielleicht werden Sie sich also mit meiner Heimat nicht anfreunden
können. Aber für uns ist das Meer so wichtig. Wenn wir über das Meer hinausschauen, so glauben wir, damit
einen Teil der Unendlichkeit zu ergreifen.«
»Das kann ich sehr wohl spüren«, erwiderte ich, »und es ist mir schon aufgefallen, zum Beispiel bei dem
Gesicht des Fischers, den wir gestern am Strand gesehen haben, daß der Blick der Menschen hier in die
Weite gerichtet und ganz ruhig ist. Bei uns im Gebirge ist das anders. Da geht der Blick von den zufälligen
Einzelheiten der nächsten Umgebung über recht verzwickte Felsgebilde oder vereiste Spitzen direkt in den
Himmel. Vielleicht sind deshalb bei uns die Menschen so lustig.«
»Wir haben nur einen Berg in Dänemark«, fuhr Bohr fort, »der ist 160 m hoch, und weil er so hoch ist,
nennen wir ihn ›Himmelberg‹. Es geht die Geschichte von einem unserer Landsleute, der einem
norwegischen Freund diesen Berg zeigen wollte, um ihm auch etwas Eindruck mit unserer Landschaft zu
machen. Der Gast habe sich aber nur verächtlich umgedreht und gesagt: ›So etwas nennen wir bei uns in
Norwegen ein Loch.‹ Ich hoffe, Sie sind nicht so streng mit unserer Landschaft. Aber erzählen Sie mir noch
etwas über die Wanderungen, die Sie mit Ihren Freunden zusammen machen. Ich würde gerne wissen, wie
es dabei im einzelnen zugeht«
»Wir sind oft mehrere Wochen zu Fuß unterwegs. Zum Beispiel sind wir im vergangenen Sommer von
Würzburg durch die Rhön bis an den Südrand des Harzgebirges gelaufen und von dort über Jena und Weimar
wieder zurück durch den Thüringer Wald bis Bamberg. Wir schlafen, wenn es warm genug ist, einfach im
Wald unter freiem Himmel, häufiger im Zelt, und wenn das Wetter zu schlecht wird, auch bei Bauern im
Heu. Manchmal helfen wir, um uns ein solches Quartier zu verdienen, den Bauern bei der Ernte, und wenn
die Arbeit nützlich war, kann es passieren, daß wir dafür herrlich viel zu essen bekommen. Sonst kochen wir
uns aber selbst, meist am Lagerfeuer im Wald, und abends werden im Schein des Feuers Geschichten
vorgelesen, oder es wird gesungen und musiziert. Von Leuten der Jugendbewegung sind viele alte Volkslieder
gesammelt worden, die dann später in mehrstimmigen Sätzen und mit Geigen- und Flötenbegleitung
aufgeschrieben worden sind. An solcher Musik haben wir viel Freude, und wir finden, auch wenn dabei mehr
schlecht als recht musiziert wird, daß es manchmal sehr schön klingt. Vielleicht träumen wir uns gelegentlich
in die Rolle des fahrenden Volkes im ausgehenden Mittelalter, und wir vergleichen die Katastrophe des
letzten Krieges und der darauffolgenden inneren Kämpfe mit den hoffnungslosen Wirren des Dreißigjährigen
Krieges, aus dessen Elendszeit ja manches dieser herrlichen Volkslieder stammen soll. Das Gefühl für die
Verwandtschaft dieser Zeiten scheint die Jugend in vielen Teilen Deutschlands ganz spontan ergriffen zu
haben. So bin ich einmal von einem mir unbekannten Jungen auf der Straße angesprochen worden, ich solle
ins Altmühltal kommen, dort sammle sich die Jugend auf einer alten Ritterburg. Und wirklich strömten dann
von allen Seiten Scharen von jungen Menschen auf dieses Schloß Prunn zu, das an einer sehr malerischen
Stelle im Fränkischen Jura von einem fast senkrecht abfallenden Felsen ins Altmühltal hinabschaut. Ich war
damals auch wieder eingefangen von den Kräften, die von einer spontan gebildeten Gemeinschaft ausgehen
können, ähnlich wie am 1. August 1914, über den wir gestern gesprochen haben. Sonst aber hat diese
Jugendbewegung sehr wenig mit politischen Fragen zu tun.«
»Das Leben, das Sie schildern, sieht ja sehr romantisch aus, und man könnte Lust bekommen, selber dabei zu
sein. Auch scheint mir an verschiedenen Stellen wieder das Leitbild des Ordensritters wirksam, von dem wir
gestern gesprochen haben. Aber bei Ihnen werden doch keine Gelübde verlangt, die man ablegen muß, wenn
man in die Gruppe eintreten will, so wie es etwa bei den Freimaurern üblich sein soll?«
»Nein, es gibt keine geschriebenen oder auch nur mündlich überlieferten Regeln, an die man sich zu halten
hätte. Gegen solche Formen wären viele von uns sehr skeptisch. Vielleicht muß man aber einschränkend
sagen, daß es Regeln gibt, die in Wirklichkeit befolgt werden, obwohl niemand sie verlangt. So wird zum Bei-
spiel nicht geraucht und nur selten Alkohol getrunken, die Kleidung ist nach dem Geschmack unserer Eltern
zu einfach und nachlässig, und ich kann mir auch nicht denken, daß irgendeiner von uns sich für Nachtleben
und Nachtlokale interessierte, aber es gibt da keinerlei Prinzipien.«
»Was geschieht denn, wenn einer diese so unsichtbaren Regeln doch übertritt?«
»Ich weiß nicht, vielleicht würde er einfach ausgelacht. Aber es geschieht eben nicht.«
»Ist es nicht unheimlich, ja vielleicht auch großartig«, sagte Bohr, »daß die alten Bilder eine solche Kraft
besitzen, daß sie noch nach Jahrhunderten das Leben der Menschen gestalten, ohne alle geschriebenen
Regeln und allen äußeren Zwang? Die beiden ersten Regeln des Mönchsgelübdes, über die wir gestern
gesprochen haben, wird man schon gelten lassen. Sie laufen ja in unserer Zeit einfach auf Bescheidenheit und
auf Bereitschaft zu einem etwas härteren, enthaltsameren Leben hinaus. Aber ich hoffe, daß die dritte Regel,
der Gehorsam, nicht allzu früh eine Rolle spielen wird; denn dann könnten große politische Gefahren
entstehen. Sie wissen, daß ich die Isländer Egil und Nial noch höher schätze als die preußischen
Ordensmeister.
Aber Sie haben mir erzählt, daß Sie den Bürgerkrieg in München miterlebt haben. Dann müssen Sie sich
doch auch Gedanken über die allgemeinen Fragen der staatlichen Gemeinschaft gemacht haben. Wie
verbindet sich Ihre Stellung zu den damals gestellten politischen Problemen mit Ihrem Leben in der
Jugendbewegung?«
»Im Bürgerkrieg stand ich«, so antwortete ich, »auf Seiten der Regierungstruppen, da mir die Kämpfe sinnlos
vorkamen, und ich hoffte, daß sie so schneller zum Ende kämen. Aber ich hatte gerade gegenüber unseren
damaligen Gegnern ein sehr schlechtes Gewissen. Die einfachen Menschen, gerade auch in der Arbeiter-
schaft, hatten ja im Kriege mit dem gleichen vollen Einsatz für den Sieg gekämpft wie alle anderen, sie hatten
die gleichen Opfer gebracht wie alle; ihre Kritik an der damaligen Führungsschicht war durchaus berechtigt,
denn die Führung hatte dem deutschen Volk offenbar ein unlösbares Problem gestellt. Daher schien es mir
wichtig, nach dem Ende des Bürgerkrieges möglichst schnell in freundschaftlichen Kontakt zur Arbeiterschaft
und zu den einfachen Menschen zu kommen. Das war ein Gedanke, der auch von weiten Kreisen der
Jugendbewegung aufgegriffen wurde. Wir haben zum Beispiel damals vor vier Jahren mitgeholfen, in
München Volkshochschulkurse einzurichten, und ich war unverschämt genug, nächtliche Führungen über
Astronomie zu veranstalten, bei denen ich einigen hundert Arbeitern mit ihren Frauen unter freiem Himmel
die Sternbilder erklärte, über die Bewegungen der Planeten und ihre Entfernung erzählte und sie für die
Struktur unseres Milchstraßensystems zu interessieren suchte. Ich habe auch einmal vor einem ähnlichen
Kreis mit einer jungen Dame zusammen einen Kurs über die deutsche Oper abgehalten. Sie hat Arien
gesungen, und ich habe sie auf dem Klavier begleitet, und sie hat dann etwas über die Geschichte und über
den inneren Aufbau der Oper erzählt. Das war natürlich skrupelloser Dilettantismus; aber ich glaube, die
Arbeiter haben unseren guten Willen bemerkt und hatten ebensoviel Freude an den Vorträgen wie wir selber.
Damals haben sich auch viele junge Menschen in der Jugendbewegung dem Beruf des Volksschullehrers
zugewandt, und ich bilde mir ein, daß jetzt unsere Volksschulen oft bessere Lehrer haben als die sogenannten
höheren Schulen.
Im ganzen kann ich verstehen, daß man im Ausland die deutsche Jugendbewegung zu romantisch und
idealistisch findet und daher Sorge hat, daß eine so große Aktivität auch in falsche politische Kanäle geleitet
werden könnte. Aber ich habe da einstweilen keine Angst. Es ist doch mancher gute Anstoß von dieser
Bewegung ausgegangen. Ich denke etwa an das neu geweckte Interesse für alte Musik, für Bach und für die
Kirchen- und Volksmusik vor seiner Zeit, an die Bemühungen um ein neues schlichteres Kunsthandwerk,
dessen Erträge nicht nur den Reichen zukommen sollen, und an die Versuche, durch Laienspielgruppen oder
Laienmusikkreise auch im Volk die Freude an echter Kunst zu wecken.«
»Es ist gut, daß Sie so optimistisch sind«, meinte Bohr. »Man liest hin und wieder in den Zeitungen auch über
düstere antisemitische Strömungen in Deutschland, die offenbar von Demagogen hochgetrieben werden.
Haben Sie davon etwas bemerkt?«
»Ja, in München spielen solche Gruppen eine gewisse Rolle. Sie haben sich mit alten Offizieren verbündet,
die die Niederlage im letzten Krieg noch nicht haben verwinden können. Aber wir nehmen diese Gruppen
eigentlich nicht ganz ernst. Man kann doch mit dem reinen Ressentiment keine vernünftige Politik machen.
Am schlimmsten finde ich, daß es auch gute Wissenschaftler gibt, die solchen Unsinn nachschwätzen.«
Ich erzählte nun mein Erlebnis auf der Naturforscher-Tagung in Leipzig, wo der Kampf gegen die
Relativitätstheorie mit politischen Mitteln geführt worden war. Wir ahnten damals beide nicht, welche
fürchterlichen Folgen aus den scheinbar unwichtigen politischen Verirrungen später entstehen sollten. Aber
davon soll hier noch nicht die Rede sein. Bohrs Antwort bezog sich daher in gleicher Weise auf die
unvernünftigen alten Offiziere und auf den Physiker, der sich nicht mit der Relativitätstheorie abfinden
konnte. »Sehen Sie, an dieser Stelle empfinde ich wieder deutlich, daß die englische Haltung der preußischen
an einigen Punkten überlegen ist. In England gehört es zu den höchsten Tugenden, gut verlieren zu können.
Bei den Preußen ist es eine Schande zu unterliegen; bei ihnen ehrt es allerdings den Sieger, dem Unterle -
genen gegenüber großmütig zu sein; das ist durchaus zu loben. Aber in England ehrt es den Unterlegenen,
dem Sieger gegenüber großmütig zu sein, indem er, der Unterlegene, die Niederlage anerkennt und ohne jede
Verbitterung trägt. Das ist wahrscheinlich schwerer als die Großmut des Siegers. Aber der Unterlegene, der
sich zu dieser Haltung durchringen kann, erhebt sich damit schon beinahe wieder auf den Rang des Siegers.
Er bleibt frei neben anderen Freien. Sie verstehen, daß ich schon wieder von den alten Wikingern rede. Sie
finden das vielleicht auch zu romantisch, aber es ist mir mehr ernst, als Sie vielleicht denken.«
»Doch, ich habe durchaus verstanden, daß es ernst ist«, konnte ich nur noch bestätigen.
Mit solchen Gesprächen waren wir bis in die Gegend des Ferienortes Gilleleje gekommen, der an der
Nordspitze der Insel Själland liegt, und wir wanderten über den Sandstrand, der im Sommer von Scharen
vergnügter Badegäste bevölkert ist. An diesem kalten Tag aber waren wir die einzigen Besucher. Und da es
nahe am Wasser hübsche flache Steine gab, übten wir uns darin, die Steine übers Wasser springen zu lassen
oder auf alte Spankörbe oder Balken zu werfen, die in einiger Entfernung vom Ufer als Strandgut im Wasser
trieben. Bohr erzählte dazu, er sei einmal kurz nach dem Kriege mit Kramers zusammen hier am Strand
gewesen. Da hätten sie am Ufer, noch etwas unter Wasser, eine deutsche Mine liegen sehen, die offenbar
unversehrt an den Strand getrieben und deren Zünder über der Wasseroberfläche deutlich zu erkennen war.
Sie hätten versucht, den Zünder zu treffen, hätten aber nur einige Male die Mine erreicht, bis sie sich klar
machten, daß sie ja vom Erfolg des Wurfes nie etwas erfahren würden; denn die Explosion hätte vorher
ihrem Leben ein Ende gesetzt. Deshalb seien sie dann zu anderen Zielen übergegangen. Die Versuche,
entfernte Gegenstände mit Steinen zu treffen, wurden auch auf unserer weiteren Wanderung gelegentlich
fortgesetzt, und dabei ergab sich noch einmal die Gelegenheit, über die Kraft der Bilder zu sprechen. Einmal
sah ich neben der Straße vor uns einen Telegraphenmast, der noch so weit entfernt war, daß ich nur mit
äußerster Kraft werfend hoffen konnte, ihn überhaupt mit einem Stein zu erreichen. Entgegen allen Regeln
der Wahrscheinlichkeit traf ich ihn beim ersten Wurf. Bohr wurde ganz nachdenklich und sagte dann: »Wenn
man versuchen würde zu zielen, sich zu überlegen, wie man werfen, wie man den Arm bewegen muß, so
hätte man natürlich nicht die geringste Aussicht zu treffen. Aber wenn man sich entgegen aller Vernunft
einfach vorstellt, daß man treffen könnte, dann ist das etwas anderes, dann kann es offenbar doch
geschehen.« Wir sprachen dann noch lange über die Bedeutung der Bilder und Vorstellungen in der
Atomphysik, aber die ser Teil des Gesprächs soll hier nicht aufgezeichnet werden.
Die Nacht verbrachten wir in einem einsamen Wirtshaus am Waldrand im nordwestlichen Teil der Insel, und
am nächsten Morgen zeigte mir Bohr noch sein Landhaus in Tisvilde, in dem später so viele Gespräche über
Atomphysik geführt wurden. Aber um diese Jahreszeit war es noch nicht zum Besuch eingerichtet. Auf dem
Rückweg nach Kopenhagen machten wir kurz in Hilleröd Station, um einen Blick auf das berühmte Schloß
Frederiksborg zu werfen, einen festlichen Renaissancebau im niederländischen Stil, der umgeben von See und
Park offenbar früher dem Jagdvergnügen des königlichen Hofes gedient hatte. Man konnte deutlich spüren,
daß Bohrs Interesse an dem alten Hamletschloß Kronborg größer war als hier an dem etwas spielerischen
Bau einer auf das höfische Leben ausgerichteten Zeit. So wandte sich das Gespräch bald wieder der
Atomphysik zu, die in der Folgezeit unser ganzes Denken, vielleicht sogar den wichtigsten Teil unseres
Lebens erfüllen sollte.
5. Die Quantenmechanik und ein
Gespräch mit Einstein (1925-1926)

Die Entwicklung der Atomphysik erfolgte in jenen kritischen Jahren so, wie Niels Bohr es mir beim
Spaziergang auf dem Hainberg vorhergesagt hatte. Die Schwierigkeiten und inneren Widersprüche, die einem
Verständnis der Atome und ihrer Stabilität entgegenstanden, konnten nicht etwa gemildert oder beseitigt
werden. Im Gegenteil, sie traten immer schärfer hervor. Jeder Versuch, sie mit den begrifflichen Mitteln der
früheren Physik zu bewältigen, schien von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Da war zum Beispiel die Entdeckung des Amerikaners Compton, nach der Licht (oder genauer:
Röntgenstrahlung) bei der Streuung an Elektronen seine Schwingungszahl ändert. Dieses Ergebnis konnte
erklärt werden, wenn man annahm, daß das Licht, wie Einstein es vorgeschlagen hatte, aus kleinen
Korpuskeln oder Energiepaketen besteht, die sich mit großer Geschwindigkeit durch den Raum bewegen und
gelegentlich, eben beim Vorgang der Streuung, mit einem Elektron zusammenstoßen. Andererseits gab es
viele Experimente, aus denen hervorging, daß sich Licht von den Radiowellen gar nicht grundsätzlich, sondern
nur durch die kürzere Wellenlänge unterscheidet, daß ein Lichtstrahl also ein Wellenvorgang, nicht etwa ein
Strom von Teilchen sein muß. Sehr merkwürdig waren auch die Ergebnisse von Messungen, die der
Holländer Ornstein vorgenommen hatte. Hier handelte es sich darum, die Intensitätsverhältnisse von
Spektrallinien zu bestimmen, die in einem sogenannten Multiplett vereinigt sind. Diese Verhältnisse konnten
mit Hilfe der Bohrschen Theorie abgeschätzt werden. Es stellte sich heraus, daß zwar die aus der Bohrschen
Theorie gewonnenen Formeln zunächst unrichtig sind, daß man aber durch eine geringfügige Abänderung
dieser Beziehungen zu neuen Formeln kommen konnte, die den Erfahrungen offenbar genau entsprachen. So
lernte man, sich den Schwierigkeiten allmählich anzupassen. Man gewöhnte sich daran, daß die Begriffe und
Bilder, die man aus der früheren Physik in den Bereich der Atome übertragen hatte, dort nur halb richtig und
halb falsch sind; daß man für ihre Anwendung also keine allzu strengen Maßstäbe anlegen darf. Andererseits
konnte man unter geschickter Ausnutzung dieser Freiheit gelegentlich die richtige mathematische
Formulierung der Einzelheiten einfach erraten.
In den Seminaren, die unter Leitung Max Borns im Sommersemester 1924 in Göttingen stattfanden, wurde
daher schon von einer neuen Quantenmechanik gesprochen, die später an die Stelle der alten Newtonschen
Mechanik treten sollte und von der einstweilen nur an einzelnen isolierten Stellen die Konturen zu erkennen
waren. Auch im darauffolgenden Wintersemester, in dem ich wieder vorübergehend in Kopenhagen arbeitete
und mich um den Ausbau einer Theorie bemühte, die Kramers von den sogenannten
Dispersionserscheinungen entworfen hatte, konzentrierten sich unsere Anstrengungen darauf, die richtigen
mathematischen Beziehungen zwar nicht abzuleiten, wohl aber aus der Ähnlichkeit zu den Formeln der
klassischen Theorie zu erraten.
Wenn ich an den Zustand der Atomtheorie in jenen Monaten denke, so werde ich gleichzeitig immer an eine
Wanderung erinnert, die ich wohl auch etwa im Spätherbst 1924 zusammen mit einigen Freunden aus der
Jugendbewegung in den Bergen zwischen Kreuth und Achensee unternommen habe. Im Tal war damals das
Wetter trüb gewesen, die Berge tief von Wolken verhangen; beim Aufstieg hatte sich der Nebel immer
dichter um unseren enger werdenden Pfad geschlossen, und nach einiger Zeit waren wir in ein völlig
unübersichtliches Gewirr von Felsen und Latschen geraten, in dem wir beim besten Willen keinen Weg mehr
erkennen konnten. Wir versuchten trotzdem an Höhe zu gewinnen, allerdings mit etwas bangen Gefühlen, ob
wir im Notfall wenigstens den Rückweg noch finden könnten. Aber mit dem weiteren Steigen ergab sich eine
merkwürdige Veränderung. Der Nebel wurde stellenweise so dicht, daß wir die anderen aus dem Blickfeld
verloren und uns nur noch durch Rufen verständigen konnten. Aber gleichzeitig wurde es über uns heller. Die
Helligkeit fing an zu wechseln. Wir waren offenbar in ein Feld ziehender Nebelschwaden gelangt, und mit
einem Mal konnten wir zwischen zwei dichteren Schwaden die helle, von der Sonne beleuchtete Kante einer
hohen Felswand erkennen, deren Existenz wir nach unserer Karte schon vermutet hatten. Einige wenige
Durchblicke dieser Art genügten, um uns ein klares Bild der Berglandschaft zu vermitteln, die wahrscheinlich
vor uns und über uns lag; und nach weiteren zehn Minuten scharfen Anstiegs standen wir auf einer
Sattelhöhe über dem Nebelmeer in der Sonne. Im Süden waren die Spitzen des Sonnwendgebirgs und
dahinter die Schneegipfel der Zentralalpen in voller Klarheit zu erkennen, und über unseren weiteren
Aufstiegsweg gab es keinerlei Zweifel.
In der Atomphysik waren wir im Winter 1924/25 offenbar schon in jenen Bereich gelangt, in dem zwar der
Nebel oft undurchdringlich dicht war, in dem es aber sozusagen über uns schon heller wurde. Die
Unterschiede der Helligkeit kündigten die Möglichkeit entscheidender Durchblicke an.
Als ich im Sommersemester 1925 wieder die Arbeit in Göttingen aufnahm - seit Juli 1924 war ich
Privatdozent an der dortigen Universität - begann ich meine wissenschaftliche Arbeit mit dem Versuch, die
richtigen Formeln für die Intensitäten der Linien im Wasserstoffspektrum zu erraten, und zwar nach ähnlichen
Methoden, wie sie sich in meiner Arbeit mit Kramers in Kopenhagen bewährt hatten. Dieser Versuch
mißlang. Ich geriet in ein undurchdringliches Dickicht von komplizierten mathematischen Formeln, aus dem
ich keinen Ausweg fand. Aber bei diesem Versuch befestigte sich in mir die Vorstellung, daß man gar nicht
nach den Bahnen der Elektronen im Atom fragen dürfe, sondern daß die Gesamtheit der
Schwingungsfrequenzen und der die Intensität der Linien bestimmenden Größen (der sogenannten Amplitu-
den) als ein vollwertiger Ersatz der Bahnen gelten könnte. Jedenfalls konnte man diese Größen ja direkt
beobachten. Es war also ganz im Sinne der Philosophie, die unser Freund Otto als Einsteins Standpunkt auf
der Radtour an den Walchensee vertreten hatte, nur diese Größen als die Bestimmungsstücke des Atoms zu
betrachten. Mein Versuch, einen solchen Plan beim Wasserstoffatom durchzuführen, war an der
Kompliziertheit des Problems gescheitert. Daher suchte ich nach einem mathematisch einfacheren
mechanischen System, bei dem ich vielleicht mit meinen Rechnungen durchkommen könnte. Als ein solches
System bot sich das schwingende Pendel oder allgemeiner der sogenannte anharmonische Oszillator dar, der
in der Atomphysik etwa als Modell von Schwingungen in Molekülen vorkommt. Meine Pläne wurden nun
durch ein äußeres Hindernis mehr gefördert als gestört.
Ende Mai 1925 erkrankte ich so unangenehm an Heufieber, daß ich Born bitten mußte, mich für 14 Tage von
meinen Pflichten zu entbinden. Ich wollte auf die Insel Helgoland reisen, um in der Seeluft, fern von
blühenden Büschen und Wiesen, mein Heufieber auszukurieren. Bei der Ankunft in Helgoland muß ich mit
meinem verschwollenen Gesicht einen recht kläglichen Eindruck gemacht haben; denn die Hauswirtin, bei der
ich ein Zimmer mietete, meinte, ich hätte mich wohl am Abend vorher mit anderen geprügelt, sie wolle mich
aber schon wieder in Ordnung bringen. Mein Zimmer lag im zweiten Stock ihres Hauses, das hoch oben am
Südrand der Felseninsel einen herrlichen Blick auf die Unterstadt, die dahinter liegende Düne und das Meer
gewährte. Wenn ich auf meinem Balkon saß, hatte ich oft Gelegenheit, an Bohrs Bemerkung zu denken, daß
man beim Blick über das Meer einen Teil der Unendlichkeit zu ergreifen glaubt.
In Helgoland gab es außer den täglichen Spaziergängen auf dem Oberland und den Badeunternehmungen zur
Düne keinen äußeren Anlaß, der mich von der Arbeit an meinem Problem abhalten konnte, und so kam ich
schneller voran, als es mir in Göttingen möglich gewesen wäre. Einige Tage genügten, um den am Anfang in
solchen Fällen immer auftretenden mathematischen Ballast abzuwerfen und eine einfache mathematische
Formulierung meiner Frage zu finden. In einigen weiteren Tagen wurde mir klar, was in einer solchen Physik,
in der nur die beobachtbaren Größen eine Rolle spielen sollten, an die Stelle der Bohr-Sommerfeldschen
Quantenbedingungen zu treten hätte. Es war auch deutlich zu spüren, daß mit dieser Zusatzbedingung ein
zentraler Punkt der Theorie formuliert war, daß von da ab keine weitere Freiheit mehr blieb. Dann aber
bemerkte ich, daß es ja keine Gewähr dafür gäbe, daß das so entstehende mathematische Schema überhaupt
widerspruchsfrei durchgeführt werden könnte. Insbesondere war es völlig ungewiß, ob in diesem Schema der
Erhaltungssatz der Energie noch gelte, und ich durfte mir nicht verheimlichen, daß ohne den Energiesatz das
ganze Schema wertlos wäre. Andererseits gab es in meinen Rechnungen inzwischen auch viele Hinweise
darauf, daß die mir vorschwebende Mathematik wirklich widerspruchsfrei und konsistent entwickelt werden
könnte, wenn man den Energiesatz in ihr nachweisen könnte. So konzentrierte sich meine Arbeit immer mehr
auf die Frage nach der Gültigkeit des Energiesatzes, und eines Abends war ich soweit, daß ich daran gehen
konnte, die einzelnen Terme in der Energietabelle, oder wie man es heute ausdrückt, in der Energiematrix,
durch eine nach heutigen Maßstäben reichlich umständliche Rechnung zu bestimmen. Als sich bei den ersten
Termen wirklich der Energiesatz bestätigte, geriet ich in eine gewisse Erregung, so daß ich bei den folgenden
Rechnungen immer wieder Rechenfehler machte. Daher wurde es fast drei Uhr nachts, bis das endgültige
Ergebnis der Rechnung vor mir lag. Der Energiesatz hatte sich in allen Gliedern als gültig erwiesen, und - da
dies ja alles von selbst, sozusagen ohne jeden Zwang herausgekommen war - so konnte ich an der
mathematischen Widerspruchsfreiheit und Geschlossenheit der damit angedeuteten Quantenmechanik nicht
mehr zweifeln. Im ersten Augenblick war ich zutiefst erschrocken. Ich hatte das Gefühl, durch die
Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merkwürdiger
innerer Schönheit zu schauen, und es wurde mir fast schwindlig bei dem Gedanken, daß ich nun dieser Fülle
von mathematischen Strukturen nachgehen sollte, die die Natur dort unten vor mir ausgebreitet hatte. Ich war
so erregt, daß ich an Schlaf nicht denken konnte. So verließ ich in der schon beginnenden Morgendämmerung
das Haus und ging an die Südspitze des Oberlandes, wo ein alleinstehender, ins Meer vorspringender
Felsturm mir immer schon die Lust zu Kletterversuchen geweckt hatte. Es gelang mir ohne größere
Schwierigkeit, den Turm zu besteigen, und ich erwartete auf seiner Spitze den Sonnenaufgang.
Was ich in der Nacht von Helgoland gesehen hatte, war nun freilich nicht viel mehr als jene
sonnenbeschienene Felskante in den Achenseer Bergen. Aber der sonst so kritische Wolfgang Pauli, dem ich
von meinen Ergebnissen berichtete, ermutigte mich, in der eingeschlagenen Richtung weiterzugehen. In
Göttingen nahmen sich Born und Jordan der neuen Möglichkeit an. Der junge Engländer Dirac in Cambridge
entwickelte eigene mathematische Methoden zur Lösung der hier gestellten Probleme, und schon nach
wenigen Monaten war durch die konzentrierte Arbeit dieser Physiker ein geschlossenes,
zusammenhängendes mathematisches Gebäude errichtet, von dem man hoffen konnte, daß es zu den
vielfältigen Erfahrungen in der Atomphysik wirklich paßte. Von der äußerst intensiven Arbeit, die uns in der
Folgezeit für eine Reihe von Monaten in Atem hielt, soll hier nicht berichtet werden. Wohl aber von einem
Gespräch mit Einstein, das einem Vortrag über die neue Quantenmechanik in Berlin folgte.
Die Universität Berlin galt damals als die Hochburg der Physik in Deutschland. Hier wirkten Planck, Einstein,
von Laue und Nernst. Hier hatte Planck die Quantentheorie entdeckt und Rubens sie durch seine Messungen
der Wärmestrahlung bestätigt, und hier hatte Einstein im Jahre 1916 die allgemeine Relativitätstheorie und die
Theorie der Gravitation formuliert. Im Zentrum des wissenschaftlichen Lebens stand das physikalische
Kolloquium, das wohl noch auf eine Tradition aus der Zeit von Helmholtz zurückging und zu dem die
Professoren der Physik meist vollzählig erschienen. Im Frühjahr 1926 wurde ich eingeladen im Rahmen
dieses Kolloquiums über die neu entstandene Quantenmechanik zu berichten. Da ich die Träger der
berühmten Namen nun zum ersten Mal persönlich kennenlernen konnte, gab ich mir große Mühe, die für die
damalige Physik so ungewohnten Begriffe und mathematischen Grundlagen der neuen Theorie möglichst klar
darzustellen, und es gelang mir, besonders Einsteins Interesse zu wecken. Einstein bat mich nach dem
Kolloquium, ihn in seine Wohnung zu begleiten, damit wir über die neuen Gedanken ausführlich diskutieren
könnten.
Auf dem Weg dorthin erkundigte er sich nach meinem Studiengang und meinen bisherigen Interessen in der
Physik. Als wir aber in der Wohnung angekommen waren, eröffnete er das Gespräch sofort mit einer Frage,
die auf die philosophischer. Voraussetzungen meiner Versuche zielte: »Was Sie uns da erzählt haben, klingt ja
sehr ungewöhnlich. Sie nehmen an, daß es Elektronen im Atom gibt, und darin werden Sie sicher recht
haben. Aber die Bahnen der Elektronen im Atom, die wollen Sie ganz abschaffen, obwohl man doch die
Bahnen der Elektronen in einer Nebelkammer unmittelbar sehen kann. Können Sie mir die Gründe für diese
merkwürdigen Annahmen etwas genauer erklären.«
»Die Bahnen der Elektronen im Atom kann man nicht beobachten«, habe ich wohl erwidert, »aber aus der
Strahlung, die von einem Atom bei einem Entladungsvorgang ausgesandt wird, kann man doch unmittelbar auf
die Schwingungsfrequenzen und die zugehörigen Amplituden der Elektronen im Atom schließen. Die
Kenntnis der Gesamtheit der Schwingungszahlen und der Amplituden ist doch auch in der bisherigen Physik
so etwas wie ein Ersatz für die Kenntnis der Elektronenbahnen. Da es aber doch vernünftig ist, in eine
Theorie nur die Größen aufzunehmen, die beobachtet werden können, schien es mir naturgemäß, nur diese
Gesamtheiten, sozusagen als Repräsentanten der Elektronenbahnen, einzuführen.«
»Aber Sie glauben doch nicht im Ernst«, entgegnete Einstein, »daß man in eine physikalische Theorie nur
beobachtbare Größen aufnehmen kann.«
»Ich dachte«, fragte ich erstaunt, »daß gerade Sie diesen Gedanken zur Grundlage Ihrer Relativitätstheorie
gemacht hätten? Sie hatten doch betont, daß man nicht von absoluter Zeit reden dürfe, da man diese absolute
Zeit nicht beobachten kann. Nur die Angaben der Uhren, sei es im bewegten oder im ruhenden Bezugssy-
stem, sind für die Bestimmung der Zeit maßgebend.«
»Vielleicht habe ich diese Art von Philosophie benützt«, antwortete Einstein, »aber sie ist trotzdem Unsinn.
Oder ich kann vorsichtiger sagen, es mag heuristisch von Wert sein, sich daran zu erinnern, was man wirklich
beobachtet. Aber vom prinzipiellen Standpunkt aus ist es ganz falsch, eine Theorie nur auf beobachtbare
Größen gründen zu wollen. Denn es ist ja in Wirklichkeit genau umgekehrt. Erst die Theorie entscheidet
darüber, was man beobachten kann. Sehen Sie, die Beobachtung ist ja im allgemeinen ein sehr komplizierter
Prozeß. Der Vorgang, der beobachtet werden soll, ruft irgendwelche Geschehnisse in unserem Meßapparat
hervor. Als Folge davon laufen dann in diesem Apparat weitere Vorgänge ab, die schließlich auf Umwegen
den sinnlichen Eindruck und die Fixierung des Ergebnisses in unserem Bewußtsein bewirken. Auf diesem
ganzen langen Weg vom Vorgang bis zur Fixierung in unserem Bewußtsein müssen wir wissen, wie die
Natur funktioniert, müssen wir die Naturgesetze wenigstens praktisch kennen, wenn wir behaupten wollen,
daß wir etwas beobachtet haben. Nur die Theorie, das heißt die Kenntnis der Naturgesetze, erlaubt uns also,
aus dem sinnlichen Eindruck auf den zugrunde liegenden Vorgang zu schließen. Wenn man behauptet, daß
man etwas beobachten kann, so müßte man also eigentlich genauer so sagen: Obwohl wir uns anschicken,
neue Naturgesetze zu formulieren, die nicht mit den bisherigen übereinstimmen, vermuten wir doch, daß die
bisherigen Naturgesetze auf dem Weg vom zu beobachtenden Vorgang bis zu unserem Bewußtsein so genau
funktionieren, daß wir uns auf sie verlassen und daher von Beobachtungen reden dürfen. In der
Relativitätstheorie wird zum Beispiel vorausgesetzt, daß auch im bewegten Bezugssystem die Lichtstrahlen,
die von der Uhr zum Auge des Beobachters gehen, hinreichend genau so funktionieren, wie man das auch
früher erwartet hätte. Und Sie nehmen mit Ihrer Theorie offenbar an, daß der ganze Mechanismus der
Lichtstrahlung vom schwingenden Atom bis zum Spektralapparat oder bis zum Auge genauso funktioniert,
wie man das immer schon vorausgesetzt hat, nämlich im wesentlichen nach den Gesetzen von Maxwell.
Wenn das nicht mehr der Fall wäre, so könnten Sie die Größen, die Sie als beobachtbar bezeichnen, gar nicht
mehr beobachten. Ihre Behauptung, daß Sie nur beobachtbare Größen einführen, ist also in Wirklichkeit eine
Vermutung über eine Eigenschaft der Theorie, um deren Formulierung Sie sich bemühen. Sie vermuten, daß
Ihre Theorie die bisherige Beschreibung der Strahlungsvorgänge in den Punkten, auf die es Ihnen hier
ankommt, unangetastet läßt. Damit können Sie recht haben, aber das ist keineswegs sicher.«
Mir war diese Einstellung Einsteins sehr überraschend, obwohl mir seine Argumente einleuchteten, und ich
fragte daher zurück: »Der Gedanke, daß eine Theorie eigentlich nur die Zusammenfassung der
Beobachtungen unter dem Prinzip der Denkökonomie sei, soll doch von dem Physiker und Philosophen Mach
stammen; und es wird immer wieder behauptet, daß Sie in der Relativitätstheorie eben von diesem Gedanken
Machs entscheidend Gebrauch gemacht hätten. Was Sie jetzt eben gesagt haben, scheint mir aber genau in
die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Was soll ich nun eigentlich glauben, oder richtiger, was glauben
denn Sie selbst in diesem Punkt?«
»Das ist eine sehr lange Geschichte, aber wir können ja ausführlich darüber reden. Dieser Begriff der
Denkökonomie bei Mach enthält wahrscheinlich schon einen Teil Wahrheit, aber er ist mir etwas zu banal.
Ich will zunächst ein paar Argumente für Mach anführen. Unser Umgang mit der Welt vollzieht sich doch
offenbar über unsere Sinne. Schon wenn wir als kleine Kinder sprechen und denken lernen, so geschieht das,
indem wir die Möglichkeit erkennen, sehr komplizierte, aber irgendwie zusammengehörige Sinneseindrücke
durch ein Wort zu bezeichnen, etwa durch das Wort ›Ball‹. Wir lernen es von den Erwachsenen und
empfinden dabei die Befriedigung, uns verständigen zu können.
Man kann also sagen, daß die Bildung des Wortes und damit des Begriffes ›Ball‹ ein Akt der Denkökonomie
sei, indem sie uns erlaubt, recht komplizierte Sinneseindrücke einfach zusammenzufassen. Mach geht dabei
gar nicht auf die Frage ein, welche geistigen und körperlichen Voraussetzungen beim Menschen - hier beim
kleinen Kinde - gegeben sein müssen, damit der Prozeß der Verständigung eingeleitet werden kann. Bei den
Tieren funktioniert er bekanntlich sehr viel schlechter. Aber davon brauchen wir nicht zu sprechen. Mach
meint nun weiter, daß die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien - eventuell sehr komplizierter Theorien -
sich grundsätzlich in ähnlicher Weise vollzieht. Wir versuchen, die Phänomene einheitlich zu ordnen, sie in
irgendeiner Weise auf Einfaches zurückzuführen, bis wir mit Hilfe einiger weniger Begriffe eine vielleicht
sehr reichhaltige Gruppe von Erscheinungen verstehen können; und ›verstehen‹ heißt dann wohl nichts
anderes, als sie eben mit diesen einfachen Begriffen in ihrer Vielfalt ergreifen zu können. Das klingt nun alles
recht plausibel, aber man muß doch fragen, wie dieses Prinzip der Denkökonomie hier eigentlich gemeint ist.
Handelt es sich um eine psychologische oder um eine logische Ökonomie, oder anders gefragt, handelt es sich
um die subjektive oder um die objektive Seite der Erscheinung. Wenn das Kind den Begriff ›Ball‹ bildet, wird
damit nur psychologisch eine Vereinfachung erreicht, indem die komplizierten Sinneseindrücke durch diesen
Begriff zusammengefaßt werden, oder gibt es den Ball wirklich? Mach würde wahrscheinlich antworten, ›der
Satz, es gibt den Ball wirklich, beinhaltet ja gar nicht mehr als die Behauptung der einfach zusammenfaßbaren
Sinneseindrücke‹. Aber da hat Mach unrecht. Denn erstens enthält der Satz ›es gibt den Ball wirklich‹ ja
auch eine Menge von Aussagen über mögliche Sinneseindrücke, die vielleicht in der Zukunft eintreten
werden. Das Mögliche, das zu Erwartende, ist ein wichtiger Bestandteil unserer Wirklichkeit, der nicht neben
dem Faktischen einfach vergessen werden darf. Und zweitens muß man bedenken, daß der Schluß von den
Sinneseindrücken auf die Vorstellungen und Dinge zu den Grundvoraussetzungen unseres Denkens gehört;
daß wir also dann, wenn wir nur von den Sinneseindrücken reden wollten, uns unserer Sprache und unseres
Denkens berauben müßten. In anderen Worten, die Tatsache, daß es die Welt wirklich gibt, daß unseren
Sinneseindrücken etwas Objektives zugrunde liegt, kommt bei Mach etwas zu kurz. Ich will damit nicht einem
naiven Realismus das Wort reden; ich weiß schon, daß es sich hier um sehr schwierige Fragen handelt, aber
ich empfinde den Machschen Begriff der Beobachtung eben auch als etwas zu naiv. Mach tut so, als wisse
man schon, was das Wort ›beobachten‹ bedeutet; und da er glaubt, sich an dieser Stelle um die Entscheidung
›objektiv oder subjektiv‹ drücken zu können, erhält sein Begriff der Einfachheit einen so verdächtig
kommerziellen Charakter: Denkökonomie. Dieser Begriff hat eine viel zu subjektive Färbung. In Wirklichkeit
ist die Einfachheit der Naturgesetze auch ein objektives Faktum, und es käme darauf an, in einer richtigen
Begriffsbildung die subjektive und die objektive Seite der Einfachheit ins richtige Gleichgewicht zu setzen.
Das ist halt sehr schwer. Aber kehren wir lieber wieder zum Gegenstand Ihres Vortrages zurück. Ich habe
den Verdacht, daß Sie gerade an der Stelle, von der wir eben gesprochen haben, in Ihrer Theorie später noch
Schwierigkeiten bekommen werden. Ich will das genauer begründen. Sie tun so, als könnten Sie auf der Seite
der Beobachtung alles so lassen wie bisher, das heißt, als könnten Sie einfach in der bisherigen Sprache über
das reden, was die Physiker beobachten. Dann müssen Sie aber auch sagen: In der Nebelkammer
beobachten wir die Bahn des Elektrons durch die Kammer. Im Atom aber soll es nach Ihrer Ansicht keine
Bahnen des Elektrons mehr geben. Das ist doch offenbar Unsinn. Einfach durch Verkleinerung des Raumes,
in dem das Elektron sich bewegt, kann doch der Bahnbegriff nicht außer Kraft gesetzt werden.«
Ich mußte nun versuchen, die neue Quantenmechanik zu verteidigen. »Einstweilen wissen wir noch gar nicht,
in welcher Sprache wir über das Geschehen im Atom reden können. Wir haben zwar eine mathematische
Sprache, das heißt ein mathematisches Schema, mit Hilfe dessen wir die stationären Zu-stände des Atoms
oder die Übergangswahrscheinlichkeiten von einem Zustand zu einem anderen ausrechnen können. Aber wir
wissen noch nicht - wenigstens noch nicht allgemein - wie diese Sprache mit der gewöhnlichen Sprache
zusammenhängt. Natürlich braucht man diesen Zusammenhang, um die Theorie überhaupt auf Experimente
anwenden zu können. Denn über die Experimente reden wir ja immer in der gewöhnlichen Sprache, das heißt
in der bisherigen Sprache der klassischen Physik. Ich kann also nicht behaupten, daß wir die
Quantenmechanik schon verstanden hätten. Ich vermute, daß das mathematische Schema schon in Ordnung
ist, aber der Zusammenhang mit der gewöhnlichen Sprache ist noch nicht hergestellt. Erst wenn das einmal
gelungen ist, wird man hoffen können, auch über die Bahn des Elektrons in der Nebelkammer so zu sprechen,
daß keine inneren Widersprüche auftreten. Für eine Auflösung Ihrer Schwierigkeit ist es wohl einfach noch
zu früh.«
»Gut, das will ich gelten lassen«, meinte Einstein, »wir werden uns ja in einigen Jahren noch einmal darüber
unterhalten können. Aber vielleicht sollte ich im Zusammenhang mit Ihrem Vortrag noch eine andere Frage
stellen. Die Quantentheorie hat ja zwei sehr verschiedene Seiten. Einerseits sorgt sie, wie besonders Bohr
immer mit Recht betont, für die Stabilität der Atome; sie läßt die gleichen Formen immer wieder neu
entstehen. Andererseits beschreibt sie ein merkwürdiges Element von Diskontinuität, von Unstetigkeit in der
Natur, das wir zum Beispiel sehr augenfällig erkennen, wenn wir im Dunkeln auf einem Leuchtschirm die
Lichtblitze beobachten, die von einem radioaktiven Präparat ausgehen. Diese beiden Seiten hängen natürlich
zusammen. In Ihrer Quantenmechanik werden Sie von diesen beiden Seiten reden müssen, wenn Sie zum
Beispiel über die Aussendung von Licht durch die Atome sprechen. Sie können die diskreten Energiewerte
der stationären Zustände berechnen. Ihre Theorie kann also, so scheint es, Rechenschaft geben von der
Stabilität gewisser Formen, die nicht stetig ineinander übergehen können, sondern die eben um endliche
Beträge verschieden sind und die offenbar immer wieder gebildet werden können. Was geschieht aber bei
der Aussendung von Licht? Sie wissen, daß ich die Vorstellung versucht habe, daß das Atom von einem
stationären Energiewert zum anderen gewissermaßen plötzlich herunterfällt, indem es die Energiedifferenz als
ein Energiepaket, ein sogenanntes Lichtquant, ausstrahlt. Das wäre ein besonders krasses Beispiel für jenes
Element von Unstetigkeit. Glauben Sie, daß diese Vorstellung richtig ist? Können Sie den Übergang von
einem stationären Zustand zu einem anderen irgendwie genauer beschreiben?«
In meiner Antwort mußte ich mich auf Bohr zurückziehen. »Ich glaube, von Bohr gelernt zu haben, daß man
über einen solchen Übergang in den bisherigen Begriffen überhaupt nicht reden, daß man ihn jedenfalls nicht
als einen Vorgang in Raum und Zeit beschreiben kann. Damit ist natürlich sehr wenig gesagt. Eigentlich nur
dies, daß man eben nichts weiß. Ob ich die Lichtquanten glauben soll oder nicht, kann ich nicht entscheiden.
Die Strahlung enthält ja offenbar dieses Element von Unstetigkeit, das Sie mit Ihren Lichtquanten darstellen.
Andererseits aber auch ein deutliches Element von Kontinuität, das in den Interferenzerscheinungen zutage
tritt und das man am einfachsten mit der Wellentheorie des Lichtes beschreibt. Aber Sie fragen natürlich mit
Recht, ob man aus der neuen Quantenmechanik, die man ja auch noch nicht wirklich verstanden hat, etwas
über diese schrecklich schwierigen Fragen lernen kann. Ich glaube, daß man es zum mindesten hoffen sollte.
Ich könnte mir vorstellen, daß man zum Beispiel eine interessante Auskunft bekommen würde, wenn man ein
Atom betrachtet, das im Energieaustausch mit anderen Atomen in der Umgebung oder mit dem
Strahlungsfeld steht. Man könnte dann nach der Schwankung der Energie im Atom fragen. Wenn sich die
Energie unstetig ändert, so wie Sie es nach der Lichtquantenvorstellung erwarten, so wird die Schwankung,
oder mathematisch genauer ausgedrückt, das mittlere Schwankungsquadrat größer sein, als wenn sich die
Energie stetig ändert. Ich möchte glauben, daß aus der Quantenmechanik der größere Wert herauskommen
wird, daß man das Element von Unstetigkeit also unmittelbar sieht. Andererseits müßte doch auch das
Element von Stetigkeit zu erkennen sein, das im Interferenzversuch sichtbar wird. Vielleicht muß man sich
den Übergang von einem stationären Zustand zu einem anderen so ähnlich vorstellen, wie in manchen Filmen
den Übergang von einem Bild zum nächsten. Der Übergang vollzieht sich nicht plötzlich, sondern das eine
Bild wird allmählich schwächer, das andere taucht langsam auf und wird stärker, so daß eine Zeitlang beide
Bilder durcheinander gehen und man nicht weiß, was eigentlich gemeint ist. Vielleicht gibt es also einen Zwi-
schenzustand, in dem man nicht weiß, ob das Atom im oberen oder im unteren Zustand ist.«
»Jetzt bewegen sich Ihre Gedanken aber in einer sehr gefährlichen Richtung«, warnte Einstein. »Sie sprechen
nämlich auf einmal von dem, was man über die Natur weiß, und nicht mehr von dem, was die Natur wirklich
tut. In der Naturwissenschaft kann es sich aber nur darum handeln, herauszubringen, was die Natur wirklich
tut. Es könnte doch sehr wohl sein, daß Sie und ich über die Natur etwas Verschiedenes wissen. Aber wen
soll das schon interessieren? Sie und mich vielleicht. Aber den anderen kann das doch völlig gleichgültig sein.
Also, wenn Ihre Theorie richtig sein soll, so werden Sie mir eines Tages sagen müssen, was das Atom tut,
wenn es von einem stationären Zustand durch Lichtaussendung zum anderen übergeht.«
»Vielleicht«, antwortete ich zögernd. »Aber es kommt mir so vor, als ob Sie die Sprache etwas zu hart
verwendeten. Doch gebe ich zu, daß alles was ich jetzt antworten könnte, den Charakter einer faulen
Ausrede hat. Warten wir also ab, wie sich die Atomtheorie weiter entwickelt.«
Einstein schaute mich nun etwas kritisch an. »Warum glauben Sie eigentlich so fest an Ihre Theorie, wenn
doch so viele und zentrale Fragen noch völlig ungeklärt sind?«
Sicher habe ich hier lange gebraucht, bis ich auf diese Frage Einsteins antworten konnte. Aber dann habe ich
wohl etwa folgendes gesagt: »Ich glaube ebenso wie Sie, daß die Einfachheit der Naturgesetze einen
objektiven Charakter hat, daß es sich nicht nur um Denkökonomie handelt. Wenn man durch die Natur auf
mathematische Formen von großer Einfachheit und Schönheit geführt wird - mit Formen meine ich hier:
geschlossene Systeme von grundlegenden Annahmen, Axiomen und dergleichen - auf Formen, die bis dahin
noch von niemandem ausgedacht worden sind, so kann man eben nicht umhin zu glauben, daß sie ›wahr‹ sind,
das heißt daß sie einen echten Zug der Natur darstellen. Es mag sein, daß diese Formen auch von unserer
Beziehung zur Natur handeln, daß es in ihnen auch ein Element von Denkökonomie gibt. Aber da man ja von
selbst nie auf diese Formen gekommen wäre, da sie uns durch die Natur erst vorgeführt worden sind, ge-
hören sie auch zur Wirklichkeit selbst, nicht nur zu unseren Gedanken über die Wirklichkeit. Sie können mir
vorwerfen, daß ich hier ein ästhetisches Wahrheitskriterium verwende, indem ich von Einfachheit und
Schönheit spreche. Aber ich muß zugeben, daß für mich von der Einfachheit und Schönheit des
mathematischen Schemas, das uns hier von der Natur suggeriert worden ist, eine ganz große
Überzeugungskraft ausgeht. Sie müssen das doch auch erlebt haben, daß man fast erschrickt vor der
Einfachheit und Geschlossenheit der Zusammenhänge, die die Natur auf einmal vor einem ausbreitet und auf
die man so gar nicht vorbereitet war. Das Gefühl, das einen bei einem solchen Anblick überkommt, ist doch
völlig verschieden etwa von der Freude, die man empfindet, wenn man glaubt, ein Stück (physikalischer oder
nichtphysikalischer) Handwerksarbeit besonders gut geleistet zu haben. Darum hoffe ich natürlich auch, daß
sich die vorher besprochenen Schwierigkeiten noch irgendwie lösen werden. Die Einfachheit des mathemati-
schen Schemas hat außerdem hier zur Folge, daß es möglich sein muß, sich viele Experimente auszudenken,
bei denen man das Ergebnis mit großer Genauigkeit nach der Theorie vorausberechnen kann. Wenn die
Experimente dann durchgeführt werden und das vorausgesagte Ergebnis liefern, so kann man doch kaum
mehr daran zweifeln, daß die Theorie in diesem Gebiet die Natur richtig darstellt.«
»Die Kontrolle durch das Experiment«, meinte Einstein, »ist natürlich die triviale Voraussetzung für die
Richtigkeit einer Theorie. Aber man kann ja nie alles nachprüfen. Daher interessiert mich das, was Sie über
die Einfachheit gesagt haben, noch mehr. Aber ich würde nie behaupten wollen, daß ich wirklich verstanden
hätte, was es mit der Einfachheit der Naturgesetze auf sich hat.«
Nachdem das Gespräch über die Wahrheitskriterien in der Physik noch eine Zeitlang weitergeführt worden
war, verabschiedete ich mich und traf Einstein dann erst anderthalb Jahre später auf der Solvay-Konferenz in
Brüssel, auf der die erkenntnistheoretischen und philosophischen Grundlagen der Theorie noch einmal den
Gegenstand äußerst erregender Diskussionen bildeten.
6. Aufbruch in das neue Land
(1926-1927)

Wenn man fragt, worin eigentlich die große Leistung des Christoph Kolumbus bestanden habe, als er
Amerika entdeckte, so wird man antworten müssen, daß es nicht die Idee war, die Kugelgestalt der Erde
auszunützen, um auf der Westroute nach Indien zu reisen; diese Idee war schon von anderen erwogen
worden. Auch nicht die sorgfältige Vorbereitung seiner Expedition, die fachmännische Ausrüstung der
Schiffe, die auch von anderen hätte geleistet werden können. Sondern das schwerste an dieser Entdek-
kungsfahrt war sicher der Entschluß, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen und so weit nach Westen zu
segeln, daß mit den vorhandenen Vorräten eine Umkehr nicht mehr möglich war.
In ähnlicher Weise kann wirkliches Neuland in einer Wissenschaft wohl nur gewonnen werden, wenn man an
einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und
gewissermaßen ins Leere zu springen. Einstein hatte in seiner Relativitätstheorie jenen Begriff der
Gleichzeitigkeit aufgegeben, der zu den festen Grundlagen der früheren Physik gehört hatte, und es war eben
dieser Verzicht auf den früheren Begriff der Gleichzeitigkeit, der von vielen, selbst bedeutenden Physikern
und Philosophen nicht vollzogen werden konnte, der sie zu erbitterten Gegnern der Relativitätstheorie machte.
Man kann vielleicht sagen, daß der Fortschritt der Wissenschaft von den an ihr Mitwirkenden im allgemeinen
nur fordert, neue Gedankeninhalte aufzunehmen und zu verarbeiten; dazu sind die in der Wissenschaft
Tätigen fast immer bereit. Wenn wirkliches Neuland betreten wird, kann es aber vorkommen, daß nicht nur
neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern daß sich die Struktur des Denkens ändern muß, wenn man das Neue
verstehen will. Dazu sind offenbar viele nicht bereit oder nicht in der Lage. Wie schwer es sein kann, diesen
entscheidenden Schritt zu tun, davon hatte ich auf der Naturforschertagung in Leipzig ja einen ersten starken
Eindruck bekommen. So mußten wir darauf gefaßt sein, daß uns auch in der Quantentheorie der Atome die
eigentliche Schwierigkeit noch bevorstünde.
In den ersten Monaten des Jahres 1926, etwa um die gleiche Zeit, als ich meinen Vortrag in Berlin zu halten
hatte, wurde uns Göttingern eine Arbeit des Wiener Physikers Schrödinger bekannt, der die Probleme der
Atomtheorie von einer ganz neuen Seite her anpackte. Schon ein Jahr vorher hatte Louis de Broglie in Frank-
reich darauf aufmerksam gemacht, daß der merkwürdige Dualismus zwischen Wellenvorstellung und
Teilchenvorstellung, der eine rationale Erklärung der Lichterscheinungen einstweilen unmöglich machte, auch
bei der Materie, zum Beispiel bei den Elektronen, eine Rolle spielen könnte. Schrödinger entwickelte diesen
Gedanken weiter und formulierte in einer Wellengleichung das Gesetz, nach dem sich die Materiewellen unter
Einfluß eines elektromagnetischen Kraftfeldes fortpflanzen sollten. Nach dieser Vorstellung konnten die
stationären Zustände einer Atomhülle den stehenden Schwingungen eines Systems, zum Beispiel einer
schwingenden Saite, verglichen werden; wobei allerdings die Größen, die man sonst als Energien der
stationären Zustände betrachtet hatte, hier als Frequenzen der stehenden Schwingungen erschienen. Die Re-
sultate, die Schrödinger auf diese Weise erhielt, paßten sehr gut zu den Ergebnissen der neuen
Quantenmechanik, und es gelang Schrödinger auch sehr bald nachzuweisen, daß seine Wellenmechanik
mathematisch der Quantenmechanik äquivalent war, daß es sich also um zwei verschiedene mathematische
Formulierungen des gleichen Sachverhalts handelte. Insofern waren wir über diese neue Entwicklung sehr
glücklich, denn unser Vertrauen in die Richtigkeit des neuen mathematischen Formalismus wurde dadurch
erheblich gestärkt; außerdem konnte man nach dem Schrödingerschen Verfahren viele Rechnungen
durchführen, die in der Quantenmechanik außerordentlich kompliziert gewesen wären.
Die Schwierigkeiten begannen aber bei der physikalischen Interpretation des mathematischen Schemas.
Schrödinger glaubte, daß er mit dieser Wendung von den Teilchen zu den Materiewellen schließlich die
Paradoxien würde beseitigen können, die das Verständnis der Quantentheorie lange Zeit so hoffnungslos er-
schwert hatten. Die Materiewellen sollten also in ähnlichem Sinn anschauliche Vorgänge in Raum und Zeit
sein, wie man es etwa von den elektromagnetischen Wellen oder den Schallwellen gewohnt war. Die so
schwer verständlichen Unstetigkeiten wie »Quantensprünge« und dergleichen sollten aus der Theorie voll-
ständig verschwinden. Ich konnte diese Deutung nicht glauben, da sie unseren Kopenhagener Vorstellungen
total widersprach, und ich war beunruhigt zu sehen, daß viele Physiker gerade diese Deutung Schrödingers
als Befreiung empfanden. In den vielen Gesprächen, die ich mit Niels Bohr, Wolfgang Pauli und vielen
anderen im Lauf der Jahre geführt hatte, glaubten wir volle Klarheit darüber gewonnen zu haben, daß eine
anschauliche raum-zeitliche Beschreibung der Vorgänge im Atom nicht möglich wäre. Denn das Element der
Unstetigkeit, das Einstein in Berlin ja auch als einen besonders charakteristischen Zug der atomaren
Erscheinungen bezeichnet hatte, konnte eine solche Beschreibung nicht zulassen. Freilich war das zunächst
nur eine negative Feststellung, und von einer vollständigen physikalischen Deutung der Quantenmechanik
waren wir noch weit entfernt. Aber wir glaubten doch, sicher zu sein, daß man von der Vorstellung
objektiver, in Raum und Zeit ablaufender Vorgänge irgendwie loskommen müßte. Im Gegensatz dazu lief die
Schrödingersche Deutung nun darauf hinaus - und das war die große Überraschung - daß man die Existenz
dieser Unstetigkeiten einfach leugnete. Es sollte nicht mehr wahr sein, daß das Atom beim Übergang von
einem stationären Zustand zu einem anderen seine Energie plötzlich ändert und die abgegebene Energie in
Form eines Einsteinschen Lichtquants ausstrahlt. Vielmehr sollte die Ausstrahlung so zustande kommen, daß
bei einem solchen Vorgang zwei stehende Materieschwingungen gleichzeitig angeregt sind und die Interfe-
renz dieser beiden Schwingungen zur Aussendung von elektromagnetischen Wellen, zum Beispiel
Lichtwellen, Anlaß gibt. Diese Hypothese schien mir zu kühn, um wahr sein zu können, und ich sammelte alle
Argumente, die bewiesen, daß die Unstetigkeiten doch ein echter Zug der Wirklichkeit seien. Das
nächstliegende Argument war natürlich die Plancksche Strahlungsformel, an deren empirischer Richtigkeit
man ja nicht mehr zweifeln konnte und die doch der Ausgangspunkt für Plancks These von den diskreten
stationären Energiewerten gewesen war.
Gegen Ende des Sommersemesters 1926 wurde Schrödinger von Sommerfeld eingeladen, im Münchner
Seminar über seine Theorie vorzutragen, und dabei ergab sich für mich die erste Gelegenheit zur Diskussion.
Ich hatte in diesem Semester wieder in Kopenhagen gearbeitet und mir durch eine Untersuchung über das
Heliumatom auch die Schrödingerschen Methoden angeeignet. In einem anschließenden Erholungsurlaub am
Mjösasee in Norwegen hatte ich die Arbeit abgeschlossen und war dann, mit dem Manuskript im Rucksack,
ganz allein vom Gudbrandsdal über mehrere Bergketten hinweg auf ungebahnten Pfaden an den Sognefjord
gewandert. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Kopenhagen war ich schließlich nach München
gefahren, um einen Teil der Ferien bei meinen Eltern zu verbringen. So hatte ich Gelegenheit Schrödingers
Vortrag zu hören. Zu dem Seminar war auch der Leiter des Instituts für Experimentalphysik an der
Universität München, Wilhelm Wien, erschienen, der sonst gegen die Sommerfeldsche »Atomystik« äußerst
skeptisch eingestellt war.
Schrödinger setzte zunächst die mathematischen Prinzipien der Wellenmechanik am Wasserstoffatom
auseinander, und wir alle waren begeistert darüber, daß man ein Problem, das Wolfgang Pauli mit den
Methoden der Quantenmechanik nur in recht komplizierter Weise hatte lösen können, nun mit konventionellen
mathematischen Methoden elegant und einfach erledigen konnte. Am Schluß aber sprach Schrödinger auch
über seine Deutung der Wellenmechanik, die ich nicht glauben konnte. In der darauf folgenden Diskussion
brachte ich meine Einwände vor; insbesondere wies ich darauf hin, daß man mit Schrödingers Auffassung
nicht einmal das Plancksche Strahlungsgesetz würde verstehen können. Mit dieser Kritik hatte ich aber gar
kein Glück. Wilhelm Wien antwortete recht scharf, daß er zwar mein Bedauern darüber verstünde, daß es
nun mit der Quantenmechanik zu Ende sei und daß man von all dem Unsinn wie Quantensprüngen und
dergleichen nicht mehr zu reden brauche; aber die von mir erwähnten Schwierigkeiten würden zweifellos von
Schrödinger in kürzester Frist gelöst werden. Schrödinger war nicht ganz so sicher in seiner Antwort, aber
auch er blieb überzeugt, daß es nur eine Frage der Zeit sei, wann man die von mir aufgeworfenen Probleme
in seinem Sinne bereinigen könnte. Mit meinen Argumenten konnte ich auf niemanden mehr Eindruck
machen. Selbst Sommerfeld, der mir wohlwollte, konnte sich der Überzeugungskraft der Schrödingerschen
Mathematik nicht entziehen.
So zog ich etwas betrübt nach Hause, und es mag sein, daß ich noch am selben Abend einen Brief an Niels
Bohr geschrieben habe, um ihm über den unglücklichen Ausgang der Diskussion zu berichten. Vielleicht war
es die Folge dieses Briefs, daß Bohr eine Einladung an Schrödinger schickte, im September für ein bis zwei
Wochen nach Kopenhagen zu kommen, um die Deutung der Quanten- oder Wellenmechanik in allen
Einzelheiten durchzusprechen. Schrödinger sagte zu, und natürlich fuhr auch ich nach Kopenhagen, um bei
diesen wichtigen Auseinandersetzungen dabeizusein.
Die Diskussionen zwischen Bohr und Schrödinger begannen schon auf dem Bahnhof in Kopenhagen und
wurden jeden Tag vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein fortgesetzt. Schrödinger wohnte bei Bohrs
im Hause, so daß es schon aus äußeren Gründen kaum eine Unterbrechung der Gespräche geben konnte.
Und obwohl Bohr sonst im Umgang mit Menschen besonders rücksichtsvoll und liebenswürdig war, kam er
mir hier beinahe wie ein unerbittlicher Fanatiker vor, der nicht bereit war, seinem Gesprächspartner auch nur
einen Schritt entgegenzukommen oder auch nur die geringste Unklarheit zuzulassen. Es wird kaum möglich
sein wiederzugeben, wie leidenschaftlich die Diskussionen von beiden Seiten geführt wurden, wie tief
verwurzelt die Überzeugungen waren, die man gleichermaßen bei Bohr und Schrödinger hinter den
ausgesprochenen Sätzen spüren konnte. So kann es sich im Folgenden nur um ein sehr blasses Abbild jener
Gespräche handeln, in denen mit äußerster Kraft um die Deutung der neugewonnenen mathematischen
Darstellung der Natur gerungen wurde.
Schrödinger: »Sie müssen doch verstehen, Bohr, daß die ganze Vorstellung der Quantensprünge notwendig zu
Unsinn führt. Da wird behauptet, daß das Elektron im stationären Zustand eines Atoms zunächst in
irgendeiner Bahn periodisch umläuft ohne zu strahlen. Es gibt keine Erklärung dafür, warum es nicht strahlen
soll; nach der Maxwellschen Theorie müßte es doch strahlen. Dann soll das Elektron aus dieser Bahn in eine
andere springen und dabei strahlen. Soll dieser Übergang allmählich erfolgen oder plötzlich? Wenn er
allmählich erfolgt, so muß das Elektron doch allmählich seine Umlaufsfrequenz und seine Energie ändern. Es
ist nicht zu verstehen, wie es dabei noch scharfe Frequenzen der Spektrallinien geben soll. Geschieht der
Übergang aber plötzlich, sozusagen in einem Sprung, so kann man zwar unter Anwendung der Einsteinschen
Vorstellungen von den Lichtquanten zur richtigen Schwingungszahl des Lichtes kommen, aber man muß dann
fragen, wie sich das Elektron beim Sprung bewegt. Warum strahlt es dabei nicht ein kontinuierliches
Spektrum aus, so wie die Theorie der elektromagnetischen Erscheinungen das fordern würde? Und durch
welche Gesetze wird seine Bewegung beim Sprung bestimmt? Also die ganze Vorstellung von den
Quantensprüngen muß einfach Unsinn sein.«
Bohr: »Ja, mit dem, was Sie sagen, haben Sie durchaus recht. Aber das beweist doch nicht, daß es keine
Quantensprünge gibt. Es beweist nur, daß wir sie uns nicht vorstellen können, das heißt, daß die
anschaulichen Begriffe, mit denen wir die Ereignisse des täglichen Lebens und die Experimente der
bisherigen Physik beschreiben, nicht ausreichen, um auch die Vorgänge beim Quantensprung darzustellen.
Das ist doch gar nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, daß die Vorgänge, um die es sich hier handelt,
nicht Gegenstand der unmittelbaren Erfahrung sein können, daß wir sie nicht direkt erleben, also auch unsere
Begriffe nicht danach ausrichten.«
Schrödinger: »Ich möchte mich nicht mit Ihnen in eine philosophische Diskussion über Begriffsbildung
einlassen, das soll hinterher Sache der Philosophen sein; sondern ich möchte einfach wissen, was im Atom
geschieht. Dabei ist es mir völlig gleichgültig, in welcher Sprache man darüber redet. Wenn es Elektronen im
Atom gibt, die Teilchen sind, so wie wir uns das bisher vorgestellt haben, so müssen sie sich auch irgendwie
bewegen. Es kommt mir im Augenblick nicht darauf an, diese Bewegung genau zu beschreiben; aber
schließlich muß es doch einmal möglich sein herauszubringen, wie sie sich im stationären Zustand oder auch
beim Übergang von einem Zustand zum anderen verhalten. Aber man sieht doch dem mathematischen
Formalismus der Wellen- oder Quantenmechanik schon an, daß es auf diese Fragen keine vernünftige
Antwort gibt. In dem Moment jedoch, in dem wir bereit sind, das Bild zu wechseln, also zu sagen, daß es
keine Elektronen als Teilchen, wohl aber Elektronenwellen oder Materiewellen gibt, so sieht alles anders aus.
Wir wundern uns dann nicht mehr über die scharfen Frequenzen der Schwingungen. Die Ausstrahlung von
Licht wird genauso einfach verständlich wie die Aussendung von Radiowellen durch die Antenne des
Senders, und die vorher unlösbar scheinenden Widersprüche verschwinden.«
Bohr: »Nein, das ist leider nicht richtig. Die Widersprüche verschwinden nicht, sondern sie werden nur an
eine andere Stelle geschoben. Sie sprechen zum Beispiel von der Aussendung von Strahlung durch das Atom,
oder allgemeiner, von der Wechselwirkung des Atoms mit dem umgebenden Strahlungsfeld, und Sie meinen,
daß durch die Annahme, es gäbe Materiewellen, aber keine Quantensprünge, die Schwierigkeiten beseitigt
würden. Aber denken Sie nur an das thermodynamische Gleichgewicht zwischen Atom und Strahlungsfeld,
etwa an die Einsteinsche Ableitung des Planckschen Strahlungsgesetzes. Für die Ableitung dieses Gesetzes
ist es entscheidend, daß die Energie des Atoms diskrete Werte annimmt und sich gelegentlich unstetig ändert;
diskrete Werte der Frequenzen von Eigenschwingungen helfen gar nichts. Sie können doch nicht im Ernst die
ganzen Grundlagen der Quantentheorie in Frage stellen wollen.«
Schrödinger: »Ich behaupte natürlich nicht, daß diese Zusammenhänge schon voll verstanden wären. Aber
Sie haben ja auch noch keine befriedigende physikalische Deutung der Quantenmechanik. Ich sehe nicht ein,
warum man nicht hoffen darf, daß die Anwendung der Wärmelehre auf die Theorie der Materiewellen
schließlich auch zu einer guten Erklärung der Planckschen Formel führen wird - die allerdings dann etwas
anders aussehen wird als die bisherigen Erklärungen.«
Bohr: »Nein, das darf man nicht hoffen. Denn man weiß ja schon seit 25 Jahren, was die Plancksche Formel
bedeutet. Und außerdem sehen wir doch die Unstetigkeiten, das Sprunghafte in den atomaren Erscheinungen
ganz unmittelbar, etwa auf dem Szintillationsschirm oder in einer Nebelkammer. Wir sehen, daß plötzlich ein
Lichtblitz auf dem Schirm erscheint oder daß plötzlich ein Elektron durch die Nebelkammer läuft. Sie können
diese sprunghaften Ereignisse doch nicht einfach wegschieben und so tun, als ob es sie nicht gäbe.«
Schrödinger: »Wenn es doch bei dieser verdammten Quantenspringerei bleiben soll, so bedaure ich, mich
überhaupt jemals mit der Quantentheorie abgegeben zu haben.«
Bohr: »Aber wir anderen sind Ihnen so dankbar dafür, daß Sie es getan haben, denn Ihre Wellenmechanik
stellt doch in ihrer mathematischen Klarheit und Einfachheit einen riesigen Fortschritt gegenüber der
bisherigen Form der Quantenmechanik dar.«
So ging die Diskussion über viele Stunden des Tages und der Nacht, ohne daß es zu einer Einigung
gekommen wäre. Nach einigen Tagen wurde Schrödinger krank, vielleicht als Folge der enormen
Anstrengung; er mußte mit einer fiebrigen Erkältung das Bett hüten. Frau Bohr pflegte ihn und brachte Tee
und Kuchen, aber Niels Bohr saß auf der Bettkante und sprach auf Schrödinger ein: »Aber Sie müssen doch
einsehen, daß...« Zu einer echten Verständigung konnte es damals nicht kommen, weil ja keine der beiden
Seiten eine vollständige, in sich geschlossene Deutung der Quantenmechanik anzubieten hatte. Aber wir
Kopenhagener fühlten uns gegen Ende des Besuchs doch sehr sicher, daß wir auf dem richtigen Weg wären.
Wir erkannten allerdings gleichzeitig, wie schwierig es sein würde, auch die besten Physiker davon zu
überzeugen, daß man hier auf eine raum-zeitliche Beschreibung der Atomvorgänge wirklich verzichten
müsse.
In den folgenden Monaten bildete die physikalische Deutung der Quantenmechanik das zentrale Thema der
Gespräche zwischen Bohr und mir. Ich wohnte damals im obersten Stockwerk des Institutsgebäudes in einer
hübsch eingerichteten kleinen Dachwohnung mit schrägen Wänden, von der man auf die Bäume am Eingang
des Fälledparks hinabschauen konnte. Bohr kam oft noch spät abends in mein Zimmer, und wir erörterten alle
möglichen sogenannten Gedankenexperimente, um zu sehen, ob wir die Theorie wirklich schon vollständig
verstanden hätten. Dabei stellte sich bald heraus, daß Bohr und ich die Lösung der Schwierigkeiten in etwas
verschiedener Richtung suchten. Bohrs Bestrebungen gingen dahin, die beiden anschaulichen Vorstellungen,
Teilchenbild und Wellenbild, gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen, wobei er zu formulieren suchte,
daß diese Vorstellungen sich zwar gegenseitig ausschlössen, daß aber doch beide erst zusammen eine
vollständige Beschreibung des atomaren Geschehens ermöglichten. Mir war diese Art zu denken nicht
angenehm. Ich wollte davon ausgehen, daß die Quantenmechanik in ihrer damals bekannten Form ja schon
eine eindeutige physikalische Interpretation für einige in ihr vorkommende Größen vorschrieb - zum Beispiel
für die Zeitmittelwerte von Energie, elektrischem Moment, Impuls, für Schwankungsmittelwerte usw. - daß
man also aller Wahrscheinlichkeit nach keinerlei Freiheit hinsichtlich der physikalischen Interpretation mehr
hatte. Vielmehr müßte man die richtige allgemeine Interpretation durch sauberes logisches Schließen aus der
schon vorliegenden spezielleren Interpretation ermitteln können. Daher war ich auch - sicher zu Unrecht -
etwas unglücklich über eine an sich ausgezeichnete Arbeit Borns in Göttingen, in der er Stoßprozesse nach
den Schrödingerschen Methoden behandelt und dabei die Hypothese aufgestellt hatte, daß das Quadrat der
Schrödingerschen Wellenfunktion ein Maß für die Wahrscheinlichkeit sei, ein Elektron an der betreffenden
Stelle zu finden. Ich hielt die Bornsche These zwar durchaus für richtig, aber es mißfiel mir, daß es so
aussah, als habe hier noch eine gewisse Freiheit der Deutung bestanden. Ich war überzeugt, daß die
Bornsche These bereits zwangsläufig aus der schon festgelegten Interpretation spezieller Größen in der
Quantenmechanik folgte. Diese Überzeugung wurde noch bestärkt durch zwei sehr aufschlußreiche
mathematische Untersuchungen von Dirac und Jordan.
Zum Glück kamen Bohr und ich bei unseren abendlichen Gesprächen doch meist für ein gegebenes
physikalisches Experiment zu den gleichen Schlußfolgerungen, so daß wir hoffen konnten, daß unsere so
verschiedenartigen Bestrebungen schließlich zum gleichen Ergebnis führen würden. Freilich konnten wir
beide nicht verstehen, wie ein so einfaches Phänomen, wie etwa die Bahn eines Elektrons in der
Nebelkammer, mit dem mathematischen Formalismus der Quanten- oder Wellenmechanik in Einklang ge-
bracht werden könnte. In der Quantenmechanik kam der Bahnbegriff gar nicht vor, und in der
Wellenmechanik konnte es zwar einen engen gerichteten Materiestrahl geben; der aber mußte sich allmählich
über Raumgebiete ausbreiten, die sehr viel größer waren, als der Durchmesser eines Elektrons. Die
experimentelle Situation sah sicherlich anders aus. Da unsere Gespräche oft bis spät nach Mitternacht
ausgedehnt wurden und trotz der über Monate fortgesetzten Anstrengungen nicht zu einem befriedigenden
Ergebnis führten, gerieten wir in einen Zustand der Erschöpfung, der in Anbetracht der verschiedenen
Denkrichtungen auch manchmal Spannungen hervorrief. Daher entschloß sich Bohr im Februar 1927, zu
einem Skiurlaub nach Norwegen zu reisen, und ich war auch ganz froh darüber, nun in Kopenhagen einmal
allein über diese hoffnungslos schwierigen Probleme nachdenken zu können. Ich konzentrierte meine
Anstrengungen jetzt ganz auf die Frage, wie in der Quantenmechanik die Bahn eines Elektrons in der
Nebelkammer mathematisch darzustellen sei. Als ich schon an einem der ersten Abende dabei auf ganz
unüberwindliche Schwierigkeiten stieß, dämmerte es mir, daß wir vielleicht die Frage falsch gestellt hatten.
Aber was konnte hier falsch sein? Die Bahn des Elektrons in der Nebelkammer gab es, man konnte sie beob-
achten. Das mathematische Schema der Quantenmechanik gab es auch, und es war viel zu überzeugend um
noch Änderungen zuzulassen. Also mußte man die Verbindung - entgegen allem äußeren Anschein -
herstellen können. Es mag an jenem Abend gegen Mitternacht gewesen sein, als ich mich plötzlich auf mein
Gespräch mit Einstein besann und mich an seine Äußerung erinnerte: »Erst die Theorie entscheidet darüber,
was man beobachten kann.« Es war mir sofort klar, daß der Schlüssel zu der so lange verschlossenen Pforte
an dieser Stelle gesucht werden müsse. Daher unternahm ich noch einen nächtlichen Spaziergang durch den
Fälledpark, um mir die Konsequenzen der Einsteinschen Äußerung zu überlegen. Wir hatten ja immer
leichthin gesagt: die Bahn des Elektrons in der Nebelkammer kann man beobachten. Aber vielleicht war das,
was man wirklich beobachtet, weniger. Vielleicht konnte man nur eine diskrete Folge von ungenau
bestimmten Orten des Elektrons wahrnehmen. Tatsächlich sieht man ja nur einzelne Wassertröpfchen in der
Kammer, die sicher sehr viel ausgedehnter sind als ein Elektron. Die richtige Frage mußte also lauten: Kann
man in der Quantenmechanik eine Situation darstellen, in der sich ein Elektron ungefähr - das heißt mit einer
gewissen Ungenauigkeit - an einem gegebenen Ort befindet und dabei ungefähr - das heißt wieder mit einer
gewissen Ungenauigkeit - eine vorgegebene Geschwindigkeit besitzt, und kann man diese Ungenauigkeiten so
gering machen, daß man nicht in Schwierigkeiten mit dem Experiment gerät? Eine kurze Rechnung nach der
Rückkehr ins Institut bestätigte, daß man solche Situationen mathematisch darstellen kann und daß für die
Ungenauigkeiten jene Beziehungen gelten, die später als Unbestimmtheitsrelationen der Quantenmechanik
bezeichnet worden sind. Das Produkt der Unbestimmtheiten für Ort und Bewegungsgröße (unter
Bewegungsgröße versteht man das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit) kann nicht kleiner als das
Plancksche Wirkungsquantum sein. Damit war, so schien mir, die Verbindung zwischen den Beobachtungen
in der Nebelkammer und der Mathematik der Quantenmechanik endlich hergestellt. Allerdings mußte man
nun nachweisen, daß aus jedem beliebigen Experiment nur Situationen entstehen können, die jenen
Unbestimmtheitsrelationen genügen. Aber das schien mir von vornherein plausibel, da ja die Vorgänge beim
Experiment, bei der Beobachtung, selbst den Gesetzen der Quantenmechanik genügen müssen. Wenn man
sie also hier voraussetzt, können aus dem Experiment kaum Situationen entstehen, die nicht in die
Quantenmechanik passen. »Denn erst die Theorie entscheidet, was man beobachten kann.« Ich nahm mir
vor, dies in den nächsten Tagen an einfachen Experimenten im einzelnen durchzurechnen.
Auch hier kam mir die Erinnerung an ein Gespräch zu Hilfe, das ich einmal mit einem Studienfreund in
Göttingen, Burkhard Drude, geführt hatte. Bei der Erörterung der Schwierigkeiten, die mit der Vorstellung
von Elektronenbahnen im Atom verknüpft sind, hatte Burkhard Drude die prinzipielle Möglichkeit erwogen,
ein Mikroskop von außerordentlich hohem Auflösungsvermögen zu konstruieren, in dem man die Bahn des
Elektrons direkt sehen könnte. Ein solches Mikroskop könnte dann allerdings nicht mit sichtbarem Licht, aber
vielleicht mit harter Gamma-Strahlung arbeiten. Im Prinzip hätte man die Bahn des Elektrons im Atom damit
vielleicht photographisch aufnehmen können. Ich mußte also versuchen nachzuweisen, daß auch ein solches
Mikroskop nicht gestatten würde, die durch die Unbestimmtheitsrelation gegebenen Grenzen zu
überschreiten. Dieser Nachweis gelang und stärkte mein Vertrauen in die Geschlossenheit der neuen
Interpretation. Nach einigen weiteren Rechnungen dieser Art faßte ich meine Ergebnisse in einem langen
Brief an Wolfgang Pauli zusammen und erhielt von ihm aus Hamburg eine zustimmende Antwort, die mich
sehr ermutigte.
Es gab dann noch einmal schwierige Diskussionen, als Niels Bohr von seinem Skiurlaub aus Norwegen
zurückkam. Denn auch Bohr hatte seine eigenen Gedanken weiter verfolgt und wie in unseren Gesprächen
versucht, den Dualismus zwischen Wellenbild und Teilchenbild zur Grundlage der Deutung zu machen. Im
Mittelpunkt seiner Überlegungen stand der von ihm nun neugeprägte Begriff der Komplementarität, der eine
Situation beschreiben sollte, in der wir ein und dasselbe Geschehen mit zwei verschiedenen
Betrachtungsweisen erfassen können. Diese beiden Betrachtungsweisen schließen sich zwar gegenseitig aus,
aber sie ergänzen sich auch, und erst durch das Nebeneinander der beiden widersprechenden
Betrachtungsweisen wird der anschauliche Gehalt des Phänomens voll ausgeschöpft. Bohr hatte am Anfang
einige Vorbehalte gegen die Unbestimmtheitsrelationen, die er wohl als einen zu speziellen Sonderfall der
allgemeinen Situation der Komplementarität empfand. Aber wir erkannten doch bald - hilfreich unterstützt
durch den schwedischen Physiker Oskar Klein, der damals auch in Kopenhagen arbeitete - daß es keinen
ernsthaften Unterschied zwischen den beiden Deutungen mehr gäbe, daß es also nur noch darauf ankäme,
den voll verstandenen Sachverhalt so darzustellen, daß er trotz seiner Neuartigkeit auch der physikalischen
Öffentlichkeit verständlich würde.
Die Auseinandersetzung mit der physikalischen Öffentlichkeit kam dann im Herbst 1927 auf zwei
Veranstaltungen, einer allgemeinen Physikertagung in Como, auf der Bohr einen zusammenfassenden
Vortrag über die neue Situation hielt, und dem sogenannten Solvay-Kongreß in Brüssel, zu dem nach den
Gepflogenheiten der Solvay-Stiftung nur eine kleine Gruppe von Spezialisten eingeladen wurde, die über die
Probleme der Quantentheorie eingehend diskutieren sollten. Wir wohnten alle im gleichen Hotel, und die
schärfsten Diskussionen wurden nicht im Konferenzraum, sondern während der Mahlzeiten im Hotel geführt.
Bohr und Einstein trugen die Hauptlast dieses Kampfes um die neue Deutung der Quantentheorie. Einstein
war nicht bereit, den grundsätzlich statistischen Charakter der neuen Quantentheorie zu akzeptieren. Er hatte
natürlich nichts dagegen, Wahrscheinlichkeitsaussagen dort zu machen, wo man das betreffende System nicht
in allen Bestimmungsstücken genau kennt. Auf solchen Aussagen beruhte ja die frühere statistische
Mechanik und die Wärmelehre. Einstein wollte aber nicht zulassen, daß es grundsätzlich unmöglich sein sollte,
alle für eine vollständige Determinierung der Vorgänge notwendigen Bestimmungsstücke zu kennen. »Der
liebe Gott würfelt nicht«, das war eine Wendung, die man in diesen Diskussionen oft von ihm hören konnte.
Daher konnte Einstein sich nicht mit den Unbestimmtheitsrelationen abfinden, und er versuchte sich
Experimente auszudenken, in denen diese Relationen nicht mehr gelten. Die Auseinandersetzungen begannen
meist schon am frühen Morgen damit, daß Einstein uns zum Frühstück ein neues Gedankenexperiment
erklärte, das nach seiner Ansicht die Unbestimmtheitsrelationen widerlegte. Wir begannen natürlich sofort mit
der Analyse, und auf dem Weg zum Konferenzraum, auf dem ich Bohr und Einstein meist begleitete, wurde
eine erste Klärung der Fragestellung und der Behauptung erreicht. Es wurden dann im Laufe des Tages viele
Gespräche darüber geführt, und in der Regel war es am Abend so weit, daß Niels Bohr bei der gemeinsamen
Mahlzeit Einstein beweisen konnte, daß auch das von ihm vorgeschlagene Experiment nicht zu einer Um-
gehung der Unbestimmtheitsrelationen führen könnte. Einstein war dann etwas beunruhigt, aber schon am
nächsten Morgen hatte er beim Frühstück ein neues Gedankenexperiment bereit, komplizierter als das
Vorhergehende, das nun die Ungültigkeit der Unbestimmtheitsrelationen wirklich demonstrieren sollte.
Diesem Versuch ging es freilich am Abend nicht besser als dem ersten, und nachdem dieses Spiel einige
Tage fortgesetzt worden war, sagte Einsteins Freund Paul Ehrenfest, Physiker aus Leyden in Holland:
»Einstein, ich schäme mich für dich; denn du argumentierst gegen die neue Quantentheorie jetzt genauso, wie
deine Gegner gegen die Relativitätstheorie.« Aber auch diese freundschaftliche Mahnung konnte Einstein
nicht überzeugen.
Wieder wurde mir klar, wie unendlich schwer es ist, die Vorstellungen aufzugeben, die bisher für uns die
Grundlage des Denkens und der wissenschaftlichen Arbeit gebildet haben. Einstein hatte seine Lebensarbeit
daran gesetzt, jene objektive Welt der physikalischen Vorgänge zu erforschen, die dort draußen in Raum und
Zeit, unabhängig von uns, nach festen Gesetzen abläuft. Die mathematischen Symbole der theoretischen
Physik sollten diese objektive Welt abbilden und damit Voraussagen über ihr zukünftiges Verhalten
ermöglichen. Nun wurde behauptet, daß es, wenn man bis zu den Atomen hinabsteigt, eine solche objektive
Welt in Raum und Zeit gar nicht gibt und daß die mathematischen Symbole der theoretischen Physik nur das
Mögliche, nicht das Faktische, abbilden. Einstein war nicht bereit, sich - wie er es empfand - den Boden unter
den Füßen wegziehen zu lassen. Auch später im Leben, als die Quantentheorie längst zu einem festen
Bestandteil der Physik geworden war, hat Einstein seinen Standpunkt nicht ändern können. Er wollte die
Quantentheorie zwar als eine vorübergehende, aber nicht als endgültige Klärung der atomaren Erscheinungen
gelten lassen. »Gott würfelt nicht«, das war ein Grundsatz, der für Einstein unerschütterlich feststand, an dem
er nicht rütteln lassen wollte. Bohr konnte darauf nur antworten: »Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe
sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.«
7. Erste Gespräche über das Verhältnis von
Naturwissenschaft und Religion (1927)

An einem der Abende, die wir anläßlich der Solvay-Konferenz gemeinsam im Hotel in Brüssel verbrachten,
saßen noch einige der jüngeren Mitglieder des Kongresses zusammen in der Halle, darunter Wolfgang Pauli
und ich. Etwas später kam auch Paul Dirac dazu. Einer hatte die Frage gestellt: »Einstein spricht so viel über
den lieben Gott, was hat das zu bedeuten? Man kann sich doch eigentlich nicht vorstellen, daß ein
Naturwissenschaftler wie Einstein eine starke Bindung an eine religiöse Tradition besitzt.« »Einstein wohl
nicht, aber vielleicht Max Planck«, wurde geantwortet. »Es gibt doch Äußerungen von Planck über das
Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft, in denen er die Ansicht vertritt, daß es keinen Widerspruch
zwischen beiden gebe, daß Religion und Naturwissenschaft sehr wohl miteinander vereinbar seien.« Ich
wurde gefragt, was ich über Plancks Ansichten auf diesem Gebiet wisse und was ich darüber dächte. Ich
hatte zwar erst ein paar Mal mit Planck selbst gesprochen, meist über Physik und nicht über allgemeinere
Fragen, aber ich kannte verschiedene gute Freunde Plancks, die mir viel über ihn erzählt hatten; so glaubte
ich mir ein Bild von seinen Auffassungen machen zu können.
»Ich vermute«, so mag ich geantwortet haben, »daß für Planck Religion und Naturwissenschaft deswegen
vereinbar sind, weil sie, wie er voraussetzt, sich auf ganz verschiedene Bereiche der Wirklichkeit beziehen.
Die Naturwissenschaft handelt von der objektiven materiellen Welt. Sie stellt uns vor die Aufgabe, richtige
Aussagen über diese objektive Wirklichkeit zu machen und ihre Zusammenhänge zu verstehen. Die Religion
aber handelt von der Welt der Werte. Hier wird von dem gesprochen, was sein soll, was wir tun sollen, nicht
von dem was ist. In der Naturwissenschaft geht es um richtig oder falsch; in der Religion um gut oder böse,
um wertvoll oder wertlos. Die Naturwissenschaft ist die Grundlage des technisch zweckmäßigen Handelns,
die Religion die Grundlage der Ethik. Der Konflikt zwischen beiden Bereichen seit dem 18. Jahrhundert
scheint dann nur auf dem Mißverständnis zu beruhen, das entsteht, wenn man die Bilder und Gleichnisse der
Religion als naturwissenschaftliche Behauptungen interpretiert, was natürlich unsinnig ist. Bei dieser
Auffassung, die ich aus meinem Elternhaus gut kenne, werden die beiden Bereiche getrennt der objektiven
und der subjektiven Seite der Welt zugeordnet. Die Naturwissenschaft ist gewissermaßen die Art, wie wir
der objektiven Seite der Wirklichkeit gegenübertreten, wie wir uns mit ihr auseinandersetzen. Der religiöse
Glaube ist umgekehrt der Ausdruck einer subjektiven Entscheidung, mit der wir für uns die Werte setzen,
nach denen wir unser Handeln im Leben richten. Wir treffen diese Entscheidung zwar in der Regel in
Übereinstimmung mit einer Gemeinschaft, zu der wir gehören, sei es Familie, Volk oder Kulturkreis. Die
Entscheidung ist aufs stärkste durch Erziehung und Umwelt beeinflußt. Aber letzten Endes ist sie subjektiv
und daher dem Kriterium ›richtig oder falsch‹ nicht ausgesetzt. Max Planck hat, wenn ich ihn recht verstehe,
diese Freiheit ausgenützt und sich eindeutig für die christliche Tradition entschie den. Sein Denken und
Handeln, gerade auch in den menschlichen Beziehungen, vollzieht sich ohne Vorbehalt im Rahmen dieser
Tradition, und niemand wird ihm dabei den Respekt versagen können. So erscheinen die beiden Bereiche, die
objektive und die subjektive Seite der Welt, bei ihm fein säuberlich getrennt - aber ich muß gestehen, daß mir
bei dieser Trennung nicht wohl ist. Ich bezweifle, ob menschliche Gemeinschaften auf die Dauer mit dieser
scharfen Spaltung zwischen Wissen und Glauben leben können.«
Wolfgang pflichtete dieser Sorge bei. »Nein«, meinte er, »das wird kaum gutgehen können. Zu der Zeit, in der
die Religionen entstanden sind, hat natürlich das ganze Wissen, das der betreffenden Gemeinschaft zur
Verfügung stand, auch in die geistige Form gepaßt, deren wichtigster Inhalt dann die Werte und die Ideen der
betreffenden Religion waren. Diese geistige Form mußte, das war die Forderung, auch dem einfachsten
Mann der Gemeinschaft irgendwie verständlich sein; selbst wenn die Gleichnisse und Bilder ihm nur ein
unbestimmtes Gefühl dafür vermittelten, was mit den Werten und Ideen eigentlich gemeint sei. Der einfache
Mann muß überzeugt sein, daß die geistige Form für das ganze Wissen der Gemeinschaft ausreicht, wenn er
die Entscheidungen seines eigenen Lebens nach ihren Werten richten soll. Denn Glauben bedeutet für ihn ja
nicht ›Für-richtig-Halten‹, sondern ›sich der Führung durch diese Werte anvertrauen‹. Daher entstehen große
Gefahren, wenn das neue Wissen, das im Verlauf der Geschichte erworben wird, die alte geistige Form zu
sprengen droht. Die vollständige Trennung zwischen Wissen und Glauben ist sicher nur ein Notbehelf für sehr
begrenzte Zeit. Im westlichen Kulturkreis zum Beispiel könnte in nicht zu ferner Zukunft der Zeitpunkt
kommen, zu dem die Gleichnisse und Bilder der bisherigen Religion auch für das einfache Volk keine
Überzeugungskraft mehr besitzen; dann wird, so fürchte ich, auch die bisherige Ethik in kürzester Frist
zusammenbrechen, und es werden Dinge geschehen von einer Schrecklichkeit, von der wir uns jetzt noch gar
keine Vorstellung machen können. Also mit der Planckschen Philosophie kann ich nicht viel anfangen, auch
wenn sie logisch in Ordnung ist und auch, wenn ich die menschliche Haltung, die aus ihr hervorgeht,
respektiere. Einsteins Auffassung liegt mir näher. Der liebe Gott, auf den er sich so gern beruft, hat irgendwie
mit den unabänderlichen Naturgesetzen zu tun. Einstein hat ein Gefühl für die zentrale Ordnung der Dinge. Er
spürt diese Ordnung in der Einfachheit der Naturgesetze. Man kann annehmen, daß er diese Einfachheit bei
der Entdeckung der Relativitätstheorie stark und unmittelbar erlebt hat. Freilich ist von hier noch ein weiter
Weg zu den Inhalten der Religion. Einstein ist wohl kaum an eine religiöse Tradition gebunden, und ich würde
glauben, daß die Vorstellung eines persönlichen Gottes ihm ganz fremd ist. Aber
es gibt für ihn keine Trennung zwischen Wissenschaft und Religion. Die zentrale Ordnung gehört für ihn zum
subjektiven ebenso wie zum objektiven Bereich, und das scheint mir ein besserer Ausgangspunkt.«
»Ein Ausgangspunkt wofür?« wandte ich fragend ein. »Wenn man die Stellung zum großen Zusammenhang
sozusagen als eine reine Privatsache ansieht, so wird man Einsteins Haltung zwar sehr gut verstehen können,
aber dann geht von dieser Haltung doch gar nichts aus.«
Wolfgang: »Vielleicht doch. Die Entfaltung der Naturwissenschaft in den letzten zwei Jahrhunderten hat doch
sicher das Denken der Menschen im ganzen verändert, auch über den christlichen Kulturkreis hinaus. So
unwichtig ist es also nicht, was die Physiker denken. Und es war gerade die Enge dieses Ideals einer ob-
jektiven in Raum und Zeit nach dem Kausalgesetz ablaufenden Welt, die den Konflikt mit den geistigen
Formen der verschiedenen Religionen heraufbeschworen hat. Wenn die Naturwissenschaft selbst diesen
engen Rahmen sprengt - und sie hat das in der Relativitätstheorie getan, und dürfte es in der Quantentheorie,
über die wir jetzt so heftig diskutieren, noch viel mehr tun - so sieht das Verhältnis zwischen der
Naturwissenschaft und dem Inhalt, den die Religionen in ihren geistigen Formen zu ergreifen suchen, doch
wieder anders aus. Vielleicht haben wir durch die Zusammenhänge, die wir in den letzten dreißig Jahren in
der Naturwissenschaft dazugelernt haben, eine größere Weite des Denkens gewonnen. Der Begriff der
Komplementarität zum Beispiel, den Niels Bohr jetzt bei der Deutung der Quantentheorie so sehr in den
Vordergrund stellt, war ja in den Geisteswissenschaften, in der Philosophie keineswegs unbekannt, selbst
wenn er nicht so ausdrücklich formuliert worden ist. Daß er in der exakten Naturwissenschaft auftritt,
bedeutet aber doch eine entscheidende Veränderung. Denn erst durch ihn kann man verständlich machen,
daß die Vorstellung eines materiellen Objektes, das von der Art, wie es beobachtet wird, ganz unabhängig ist,
nur eine abstrakte Extrapolation darstellt, der nichts Wirkliches genau entspricht. In der asiatischen
Philosophie und in den dortigen Religionen gibt es die dazu komplementäre Vorstellung vom reinen Subjekt
des Erkennens, dem kein Objekt mehr gegenübersteht. Auch diese Vorstellung wird sich als eine abstrakte
Extrapolation erweisen, der keine seelische oder geistige Wirklichkeit genau entspricht. Wir werden, wenn
wir über die großen Zusammenhänge nachdenken, in Zukunft gezwungen sein, die - etwa durch Bohrs
Komplementarität vorgezeichnete - Mitte einzuhalten. Eine Wissenschaft, die sich auf diese Art des Denkens
eingestellt hat, wird nicht nur toleranter gegenüber den verschiedenen Formen der Religion sein, sie wird
vielleicht, da sie das Ganze besser überschaut, zu der Welt der Werte mit beitragen können.«
Inzwischen hatte sich Paul Dirac zu uns gesetzt, der - damals kaum 25 Jahre alt - für Toleranz noch nicht viel
übrig hatte. »Ich weiß nicht, warum wir hier über Religion reden« warf er ein. »Wenn man ehrlich ist - und
das muß man als Naturwissenschaftler doch vor allem sein - muß man zugeben, daß in der Religion lauter
falsche Behauptungen ausgesprochen werden, für die es in der Wirklichkeit keinerlei Rechtfertigung gibt.
Schon der Begriff ›Gott‹ ist doch ein Produkt der menschlichen Phantasie. Man kann verstehen, daß primitive
Völker, die der Übermacht der Naturkräfte mehr ausgesetzt waren als wir jetzt, aus Angst diese Kräfte
personifiziert haben und so auf den Begriff der Gottheit gekommen sind. Aber in unserer Welt, in der wir die
Naturzusammenhänge durchschauen, haben wir solche Vorstellungen doch nicht mehr nötig. Ich kann nicht
erkennen, daß die Annahme der Existenz eines allmächtigen Gottes uns irgendwie weiterhilft. Wohl aber
kann ich einsehen, daß diese Annahme zu unsinnigen Fragestellungen führt, zum Beispiel zu der Frage,
warum Gott Unglück und Ungerechtigkeit in unserer Welt, die Unterdrückung der Armen durch die Reichen
und all das andere Schreckliche zugelassen hat, das er doch verhindern könnte. Wenn in unserer Zeit noch
Religion gelehrt wird, so hat das doch offenbar nicht den Grund, daß diese Vorstellungen uns noch
überzeugten, sondern es steckt der Wunsch dahinter, das Volk, die einfachen Menschen zu beschwichtigen.
Ruhige Menschen sind einfacher zu regieren als unruhige und unzufriedene. Sie sind auch leichter
auszunützen oder auszubeuten. Die Religion ist eine Art Opium, das man dem Volk gewährt, um es in
glückliche Wunschträume zu wiegen und damit über die Ungerechtigkeit zu trösten, die ihm widerfährt.
Daher kommt auch das Bündnis der beiden großen politischen Mächte Staat und Kirche so leicht zustande.
Beide brauchen die Illusion, daß ein gütiger Gott, wenn nicht auf Erden, so doch im Himmel die belohnt, die
sich nicht gegen die Ungerechtigkeit aufgelehnt, die ruhig und geduldig ihre Pflicht getan haben. Ehrlich zu
sagen, daß dieser Gott nur ein Produkt der menschlichen Phantasie ist, muß natürlich als schlimmste
Todsünde gelten.«
»Damit beurteilst du die Religion von ihrem politischen Mißbrauch her«, wandte ich ein, »und da man fast
alles auf dieser Welt mißbrauchen kann - sicher auch die kommunistische Ideologie, von der du neulich
gesprochen hast - wird man mit einer solchen Beurteilung der Sache nicht gerecht. Schließlich wird es immer
menschliche Gemeinschaften geben, und solche Gemeinschaften müssen auch eine gemeinsame Sprache
finden, in der über Tod und Leben und über den großen Zusammenhang, unter dem sich das Leben der
Gemeinschaft abspielt, gesprochen werden kann. Die geistigen Formen, die sich in der Geschichte bei diesem
Suchen nach einer gemeinsamen Sprache entwickelt haben, müssen doch eine große Überzeugungskraft
besessen haben, wenn so viele Menschen Jahrhunderte hindurch ihr Leben nach diesen Formen ausgerichtet
haben. So leicht, wie du es jetzt sagst, läßt sich die Religion nicht abtun. Aber vielleicht besitzt für dich eine
andere, etwa die alte chinesische Religion, eine größere Überzeugungskraft als eine, in der die Vorstellung
eines persönlichen Gottes vorkommt.«
»Ich kann mit den religiösen Mythen grundsätzlich nichts anfangen« antwortete Paul Dirac, »schon weil sich
die Mythen der verschiedenen Religionen widersprechen. Es ist doch reiner Zufall, daß ich hier in Europa und
nicht in Asien geboren bin, und davon kann doch nicht abhängen, was wahr ist, also auch nicht, was ich
glauben soll. Ich kann doch nur glauben, was wahr ist.
Wie ich handeln soll, kann ich rein mit der Vernunft aus der Situation erschließen, daß ich in einer
Gemeinschaft mit anderen zusammenlebe, denen ich grundsätzlich die gleichen Rechte zu leben zubilligen
muß, wie ich sie beanspruche. Ich muß mich also um einen fairen Ausgleich der Interessen bemühen, mehr
wird nicht nötig sein; und all das Reden über Gottes Wille, über Sünde und Buße, über eine jenseitige Welt, an
der wir unser Handeln orientieren müssen, dient doch nur zur Verschleierung der rauhen und nüchternen
Wirklichkeit. Der Glaube an die Existenz eines Gottes begünstigt auch die Vorstellung, daß es ›gottgewollt‹
sei, sich unter die Macht eines Höheren zu beugen, und damit sollen wieder die gesellschaftlichen Strukturen
verewigt werden, die in der Vergangenheit vielleicht naturgemäß waren, die aber nicht mehr in unsere
heutige Welt passen. Schon das Reden von einem großen Zusammenhang und dergleichen ist mir im Grunde
zuwider. Es ist doch im Leben wie in unserer Wissenschaft: Wir werden vor Schwierigkeiten gestellt, und wir
müssen versuchen sie zu lösen. Und wir können immer nur eine Schwierigkeit, nie mehrere auf einmal lösen;
von Zusammenhang zu reden ist also nachträglicher gedanklicher Überbau.«
So ging die Diskussion noch eine Zeitlang hin und her, und wir wunderten uns, daß Wolfgang sich nicht weiter
beteiligte. Er hörte zu, manchmal mit etwas unzufriedenem Gesicht, manchmal auch maliziös lächelnd, aber er
sagte nichts. Schließlich wurde er gefragt, was er dächte. Er schaute beinahe erstaunt auf und meinte dann:
»Ja, ja, unser Freund Dirac hat eine Religion; und der Leitsatz dieser Religion lautet: ›Es gibt keinen Gott, und
Dirac ist sein Prophet‹.« Wir alle lachten, auch Dirac, und damit war unser abendliches Gespräch in der
Hotelhalle abgeschlossen.
Einige Zeit später, es mag wohl erst in Kopenhagen gewesen sein, erzählte ich Niels von unserem Gespräch.
Niels nahm sofort das jüngste Mitglied unseres Kreises in Schutz. »Ich finde es wunderbar«, sagte er, »wie
kompromißlos Paul Dirac zu dem steht, was sich klar in logischer Sprache ausdrücken läßt. Was sich über-
haupt sagen läßt, so meint er, läßt sich auch klar sagen und - um mit Wittgenstein zu reden - worüber man
nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. Wenn Dirac mir eine neue Arbeit vorlegt, so ist das
Manuskript so klar und ohne Korrekturen mit der Hand geschrieben, daß schon der Anblick ein ästhetischer
Genuß ist; und wenn ich ihm dann doch vorschlage, diese oder jene Formulierung zu ändern, so ist er ganz
unglücklich, und in den meisten Fällen ändert er nichts. Die Arbeit ist ja auch so oder so ganz ausgezeichnet.
Neulich war ich mit Dirac in einer kleinen Kunstausstellung, in der eine italienische Landschaft von Manet
hing, eine Szenerie am Meer in herrlichen graublauen Tönen. Im Vordergrund war ein Boot zu sehen,
daneben im Wasser ein dunkelgrauer Punkt, dessen Begründung nicht leicht zu verstehen war. Dirac sagte
dazu: ›Dieser Punkt ist nicht zulässig.‹ Das ist natürlich eine merkwürdige Art der Kunstbetrachtung. Aber er
hat wohl recht. In einem guten Kunstwerk, wie in einer guten wissenschaftlichen Arbeit muß jede Einzelheit
eindeutig festgelegt sein, es kann nichts Zufälliges geben.
Trotzdem: Über Religion kann man wohl nicht so reden. Mir geht es zwar so wie Dirac, daß mir die
Vorstellung eines persönlichen Gottes fremd ist. Aber man muß sich doch vor allem darüber klar sein, daß in
der Religion die Sprache in einer ganz anderen Weise gebraucht wird als in der Wissenschaft. Die Sprache
der Religion ist mit der Sprache der Dichtung näher verwandt als mit der Sprache der Wissenschaft. Man ist
zwar zunächst geneigt zu denken, in der Wissenschaft handele es sich um Informationen über objektive
Sachverhalte, in der Dichtung um das Erwecken subjektiver Gefühle. In der Religion ist objektive Wahrheit
gemeint, also sollte sie den Wahrheitskriterien der Wissenschaft unterworfen sein. Aber mir scheint die ganze
Einteilung in die objektive und die subjektive Seite der Welt hier viel zu gewaltsam. Wenn in den Religionen
aller Zeiten in Bildern und Gleichnissen und Paradoxien gesprochen wird, so kann das kaum etwas anderes
bedeuten, als daß es eben keine anderen Möglichkeiten gibt, die Wirklichkeit, die hier gemeint ist, zu
ergreifen. Aber es heißt nicht, daß sie keine echte Wirklichkeit sei. Mit der Zerlegung dieser Wirklichkeit in
eine objektive und eine subjektive Seite wird man nicht viel anfangen können.
Daher empfinde ich es als eine Befreiung unseres Denkens, daß wir aus der Entwicklung der Physik in den
letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie problematisch die Begriffe ›objektiv‹ und ›subjektiv‹ sind. Das hat ja
schon mit der Relativitätstheorie angefangen. Früher galt die Aussage, daß zwei Ereignisse gleichzeitig seien,
als eine objektive Feststellung, die durch die Sprache eindeutig weitergegeben werden könne und damit auch
der Kontrolle durch jeden beliebigen Beobachter offen stehe. Heute wissen wir, daß der Begriff gleichzeitig«
ein subjektives Element enthält, insofern, als zwei Ereignisse, die für einen ruhenden Beobachter als
gleichzeitig gelten müssen, für einen bewegten Beobachter nicht notwendig gleichzeitig sind. Die
relativistische Beschreibung ist aber doch insofern objektiv, als ja jeder Beobachter durch Umrechnung
ermitteln kann, was der andere Beobachter wahrnehmen wird oder wahrgenommen hat. Immerhin, vom Ideal
einer objektiven Beschreibung im Sinne der alten klassischen Physik hat man sich doch schon ein Stück weit
entfernt.
In der Quantenmechanik wird die Abkehr von diesem Ideal noch viel radikaler vollzogen. Was wir mit einer
objektivierenden Sprache im Sinne der früheren Physik übertragen können, das sind nur noch Aussagen über
das Faktische. Etwa: Hier ist die photographische Platte geschwärzt, oder: Hier haben sich Nebeltröpfchen
gebildet. Über die Atome wird dabei nicht geredet. Aber was sich aus dieser Feststellung für die Zukunft
schließen läßt, hängt ab von der experimentellen Fragestellung, über die der Beobachter frei entscheidet. Es
ist natürlich auch hier gleichgültig, ob der Beobachter ein Mensch, ein Tier oder ein Apparat ist. Aber die
Prognose über das zukünftige Geschehen kann nicht ohne Bezugnahme auf den Beobachter oder das
Beobachtungsmittel ausgesprochen werden. Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder
physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Welt der Naturwissenschaft des
vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit. Es wird
zwar bei jeder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auch in Zukunft notwendig sein, die objektive und die
subjektive Seite zu unterscheiden, einen Schnitt zwischen beiden Seiten zu machen. Aber die Lage des
Schnittes kann von der Betrachtungsweise abhängen, sie kann bis zu einem gewissen Grad willkürlich
gewählt werden. Daher scheint es mir auch durchaus begreiflich, daß über den Inhalt der Religion nicht in
einer objektivierenden Sprache gesprochen werden kann. Die Tatsache, daß verschiedene Religionen diesen
Inhalt in sehr verschiedenen geistigen Formen zu gestalten suchen, bedeutet dann keinen Einwand gegen den
wirklichen Kern der Religion. Vielleicht wird man diese verschiedenen Formen als komplementäre
Beschreibungsweisen auffassen sollen, die sich zwar gegenseitig ausschließen, die aber erst in ihrer
Gesamtheit einen Eindruck von dem Reichtum vermitteln, der von der Beziehung der Menschen zu dem
großen Zusammenhang ausgeht.«
»Wenn du die Sprache der Religion so ausdrücklich unterscheidest von der Sprache der Wissenschaft und
der Sprache der Kunst«, setzte ich das Gespräch fort, »was bedeuten dann die oft so apodiktisch
ausgesprochenen Sätze wie ›es gibt einen lebendigen Gott‹, oder »es gibt eine unsterbliche Seele‹? Was heißt
das Wort ›es gibt‹ in dieser Sprache? Wir wissen ja, daß sich die Kritik der Wissenschaft, auch Diracs Kritik,
gerade gegen solche Formulierungen richtet. Würdest du, um zunächst nur die erkenntnistheoretische Seite
des Problems zu betrachten, folgenden Vergleich zulassen:
In der Mathematik rechnen wir bekanntlich mit der imaginären Einheit, mit der Quadratwurzel aus -1 ,
geschrieben − 1 , für die wir den Buchstaben i einführen. Wir wissen, daß es diese Zahl i unter den
natürlichen Zahlen nicht gibt. Trotzdem beruhen wichtige Zweige der Mathematik, zum Beispiel die ganze
analytische Funktionentheorie auf der Einführung dieser imaginären Einheit, das heißt darauf, daß es −1
nachträglich doch gibt. Würdest du wohl zustimmen, wenn ich sage, der Satz ›es gibt − 1 ‹ bedeutet nichts
anderes als ›es gibt wichtige mathematische Zusammenhänge, die man am einfachsten durch die Einführung
des Begriffs − 1 darstellen kann«. Die Zusammenhänge bestehen aber auch ohne diese Einführung. Daher
kann man diese Art von Mathematik ja auch sehr gut in Naturwissenschaft und Technik praktisch anwenden.
Entscheidend ist zum Beispiel in der Funktionentheorie die Existenz wichtiger mathematischer
Gesetzmäßigkeiten, die sich auf Paare von kontinuierlich veränderlichen Variablen beziehen. Diese
Zusammenhänge werden leichter verständlich, wenn man den abstrakten Begriff − 1 bildet, obwohl er zum
Verständnis nicht grundsätzlich nötig ist und obwohl es zu ihm unter den natürlichen Zahlen kein Korrelat gibt.
Ein ähnlich abstrakter Begriff ist der des Unendlichen, der in der modernen Mathematik ja auch eine
bedeutende Rolle spielt, obwohl ihm nichts entspricht und obwohl man sich durch seine Einführung in große
Schwierigkeiten stürzt. Man begibt sich also in der Mathematik immer wieder auf eine höhere
Abstraktionsstufe und gewinnt dafür das einheitliche Verständnis größerer Bereiche. Könnte man, um auf
unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, das Wort ›es gibt‹ in der Religion auch als ein Aufsteigen zu einer
höheren Abstraktionsstufe auffassen? Dieses Aufsteigen soll es uns leichter machen, die Zusammenhänge
der Welt zu verstehen, mehr nicht. Die Zusammenhänge aber sind immer wirklich, gleichgültig mit welchen
geistigen Formen wir sie zu ergreifen suchen.«
»Sofern es sich um die erkenntnistheoretische Seite des Problems handelt, mag dieser Vergleich wohl
hingehen«, antwortete Bohr. »Aber in anderer Hinsicht ist er doch ungenügend. In der Mathematik können
wir uns vom Inhalt der Behauptungen innerlich distanzieren. Letzten Endes bleibt es da bei einem Spiel der
Gedanken, an dem wir teilnehmen oder von dem wir uns ausschlie ßen können. In der Religion aber handelt es
sich um uns selbst, um unser Leben und unseren Tod, da gehören die Glaubenssätze zu den Grundlagen
unseres Handelns und so zumindest indirekt zu den Grundlagen unserer Existenz. Wir können also nicht
unbeteiligt von außen zusehen. Auch läßt sich unsere Haltung zu den Fragen der Religion gar nicht trennen
von unserer Stellung in der menschlichen Gemeinschaft. Wenn Religion entstanden ist als die geistige Struktur
einer menschlichen Gemeinschaft, so mag dahingestellt bleiben, ob im Lauf der Geschichte die Religion als
stärkste gemeinschaftsbildende Kraft angesehen werden muß oder ob die schon bestehende Gemeinschaft
ihre geistige Struktur entwickelt und weiterbildet und ihrem jeweiligen Wissen anpaßt. Der Einzelne scheint in
unserer Zeit weitgehend frei wählen zu können, in welche geistige Struktur er sich mit seinem Denken und
Handeln einfügt, und in dieser Freiheit spiegelt sich die Tatsache, daß die Grenzen zwischen den
verschiedenen Kulturkreisen und menschlichen Gemeinschaften an Starrheit verlieren und zu verfließen
beginnen. Aber selbst wenn dieser Einzelne sich um äußerste Unabhängigkeit bemüht, er wird bewußt oder
unbewußt viel von den schon vorhandenen geistigen Strukturen übernehmen müssen. Denn er muß ja auch
mit den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, in der zu leben er sich entschlossen hat, über Leben und Tod
und über die allgemeinen Zusammenhänge sprechen können; er muß seine Kinder nach den Leitbildern der
Gemeinschaft erziehen, er muß sich in das ganze Leben der Gemeinschaft einfügen. Daher helfen hier
erkenntnistheoretische Spitzfindigkeiten nichts. Wir müssen uns auch hier darüber klar sein, daß ein
komplementäres Verhältnis besteht zwischen dem kritischen Nachdenken über die Glaubensinhalte einer
Religion und einem Handeln, das die Entscheidung für die geistige Struktur dieser Religion zur Voraussetzung
hat. Von der bewußt vollzogenen Entscheidung geht für den Einzelnen eine Kraft aus, die ihn in seinem
Handeln leitet, ihm über Unsicherheiten hinweghilft und ihm, wenn er leiden muß, den Trost spendet, den das
Geborgensein in dem großen Zusammenhang gewähren kann. So trägt die Religion zur Harmonisierung des
Lebens in der Gemeinschaft bei, und es gehört zu ihren wichtigsten Aufgaben, in ihrer Sprache der Bilder und
Gleichnisse an den großen Zusammenhang zu erinnern.«
»Du sprichst hier oft über die freie Entscheidung des Einzelnen«, fuhr ich mit meinen Fragen fort, »und du
setzt sie, wenn wir mit der Atomphysik vergleichen, in Analogie zu der Freiheit des Beobachters, sein
Experiment so oder so anzustellen. In der früheren Physik wäre für einen solchen Vergleich kein Platz ge-
wesen. Aber wärest du bereit, die besonderen Züge der heutigen Physik noch unmittelbarer mit dem Problem
der Willensfreiheit in Verbindung zu bringen? Du weißt, daß die nicht vollständige Determiniertheit des
Geschehens in der Atomphysik gelegentlich als Argument dafür verwendet wird, daß jetzt wieder Raum für
den freien Willen des Einzelnen und auch Raum für das Eingreifen Gottes geschaffen sei.«
Bohr: »Ich bin überzeugt, daß es sich hier einfach um ein Mißverständnis handelt. Man darf die
verschiedenen Fragestellungen nicht durcheinanderbringen, die, wie ich glaube, zu verschie denen, zu einander
komplementären Betrachtungsweisen gehören. Wenn wir vom freien Willen reden, so sprechen wir von der
Situation, in der wir Entscheidungen zu treffen haben. Diese Situation steht in einem ausschließenden
Verhältnis zu der anderen, in der wir die Motive für unser Handeln analysieren, oder auch zu der, in der wir
die physiologischen Vorgänge, etwa die elektrochemischen Prozesse im Gehirn studieren. Hier handelt es
sich also um typisch komplementäre Situationen, und daher hat die Frage, ob die Naturgesetze das Geschehen
vollständig oder nur statistisch determinieren, nicht unmittelbar mit der Frage des freien Willens zu tun.
Natürlich müssen die verschiedenen Betrachtungsweisen schließlich zusammenpassen, das heißt sie müssen
ohne Widersprüche als zu der gleichen Wirklichkeit gehörig erkannt werden können; aber wie das im
einzelnen geschieht, wissen wir einstweilen noch nicht. Wenn schließlich vom Eingreifen Gottes die Rede ist,
so wird offenbar nicht von der naturwissenschaftlichen Bedingtheit des Ereignisses gesprochen, sondern von
dem Sinnzusammenhang, der das Ereignis mit anderen oder mit dem Denken der Menschen verbindet. Auch
dieser Sinnzusammenhang gehört zur Wirklichkeit, ebenso wie die naturwissenschaftliche Bedingtheit, und es
wäre wohl eine viel zu grobe Vereinfachung, wenn man ihn ausschließlich der subjektiven Seite der
Wirklichkeit zurechnen wollte. Aber auch hier kann man von ana-
logen Situationen in der Naturwissenschaft lernen. Es gibt bekanntlich biologische Zusammenhänge, die wir
ihrem Wesen nach nicht kausal, sondern finalistisch, das heißt in bezug auf ihr Ziel, beschreiben. Man kann
zum Beispiel an die Heilungsprozesse nach Verletzungen eines Organismus denken. Die finalistische
Interpretation steht in einem typisch komplementären Verhältnis zu der Beschreibung nach den bekannten
physikalisch-chemischen oder atomphysikalischen Gesetzen; das heißt im einen Fall fragen wir, ob der
Prozeß zu dem gewünschten Ziel, der Wiederherstellung normaler Verhältnisse im Organismus führt, im
anderen nach dem kausalen Ablauf der molekularen Vorgänge. Die beiden Beschreibungsweisen schließen
einander aus, aber sie stehen nicht notwendig in Widerspruch. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß eine
Nachprüfung der quantenmechanischen Gesetze in einem lebendigen Organismus diese Gesetze dort genauso
bestätigen würde wie in der toten Materie. Trotzdem ist auch die finalistische Beschreibung durchaus richtig.
Ich glaube, die Entwicklung der Atomphysik hat uns einfach gelehrt, daß wir subtiler denken müssen als
bisher.«
»Wir kommen immer zu leicht wieder auf die erkenntnistheoretische Seite der Religion zurück«, warf ich ein.
»Aber Diracs Plädoyer gegen die Religion betraf ja eigentlich die ethische Seite. Dirac wollte vor allem die
Unehrlichkeit kritisieren oder die Selbsttäuschung, die sich zu leicht mit allem religiösen Denken verbindet und
die er mit Recht unerträglich findet. Aber er wurde dabei zu einem Fanatiker des Rationalismus, und ich habe
das Gefühl, daß der Rationalismus hier nicht ausreichen kann.«
»Ich glaube, es war sehr gut«, meinte Niels, »daß Dirac so energisch auf die Gefahr der Selbsttäuschung und
der inneren Widersprüche hingewiesen hat; aber es war dann wohl auch dringend notwendig, daß Wolfgang
mit seiner witzigen Schlußbemerkung ihn darauf aufmerksam machte, wie außerordentlich schwer es ist,
dieser Gefahr ganz zu entgehen.« Niels schloß das Gespräch ab mit einer jener Geschichten, die er bei
solchen Gelegenheiten gern erzählte: »In der Nähe unseres Ferienhauses in Tisvilde wohnt ein
Mann, der hat über der Eingangstür seines Hauses ein Hufeisen angebracht, das nach einem alten
Volksglauben Glück bringen soll. Als ein Bekannter ihn fragte: ›Aber bist du denn so abergläubisch? Glaubst
du wirklich, daß das Hufeisen dir Glück bringt?‹, antwortete er: ›Natürlich nicht; aber man sagt doch, daß es
auch dann hilft, wenn man nicht daran glaubt. ‹«
8. Atomphysik und pragmatische
Denkweise (1929)

Die fünf Jahre nach der Solvay-Konferenz in Brüssel sind den jungen Menschen, die an der Entwicklung der
Atomtheorie mitgearbeitet haben, später in so hellem Glanz erschienen, daß wir oft von ihnen als dem
»goldenen Zeitalter der Atomphysik« gesprochen haben. Die großen Schwierigkeiten, die in den Jahren
vorher alle unsere Kräfte in Anspruch genommen hatten, waren beseitigt. Die Tore zu dem neu
erschlossenen Gebiet der Quantenmechanik der Atomhülle standen weit offen; und dem, der hier forschen
und mitarbeiten, der von den Früchten des Gartens pflücken wollte, boten sich unzählige Probleme, die, früher
unlösbar, mit den neuen Methoden behandelt und entschieden werden konnten. An vielen Stellen, wo früher
rein empirische Regeln, unbestimmte Vorstellungen oder unklare Ahnungen das wirkliche Verständnis hatten
ersetzen müssen - so etwa in der Physik der festen Körper, des Ferromagnetismus, der chemischen Bindung
- konnte man mit den neuen Methoden vollständige Klarheit gewinnen. Dazu kam das Gefühl, daß die neue
Physik auch in philosophischer Hinsicht der früheren an entscheidenden Stellen überlegen, daß sie - in noch
näher zu bestimmender Weise - weiter und großzügiger sei.
Als ich im Spätherbst 1927 von den Universitäten in Leipzig und Zürich Angebote erhalten hatte, dort eine
Professur zu übernehmen, entschied ich mich für Leipzig, wo mir die Zusammenarbeit mit dem
ausgezeichneten Experimentalphysiker Peter Debye besonders verlockend erschien. Zwar hatte ich in
meinem ersten Seminar über Atomtheorie dann nur einen einzigen Hörer, aber ich war überzeugt, daß es mir
schließlich gelingen müßte, viele junge Menschen für die neue Atomphysik zu gewinnen.
Ich hatte mir ausbedungen, daß ich, bevor ich in Leipzig die volle Verantwortung übernähme, noch für ein
Jahr nach den Vereinigten Staaten reisen dürfte, um dort über die neue Quantenmechanik vorzutragen. So
bestieg ich da im Februar 1929 bei schärfster Kälte in Bremerhaven das Schiff, das mich nach New York
bringen sollte. Schon die Ausfahrt aus dem Hafen erwies sich als schwierig. Sie dauerte zwei Tage, da die
Fahrrinne zum Meer durch dicke Eisbarrieren blockiert war, und unterwegs gerieten wir in die schwersten
Stürme, die ich jemals auf Seereisen miterlebt habe, so daß erst nach 15 Tagen recht rauher Seefahrt die
Küste von Long Island und schließlich im Abendlicht die berühmte »Himmelslinie«, die Skyline von New
York, vor mir auftauchten.
Die neue Welt schlug mich fast vom ersten Tag an in ihren Bann. Die freie, unbekümmerte Aktivität der
jungen Menschen, ihre unkomplizierte Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft, der fröhliche Optimismus, der von
ihnen ausging, all das erweckte in mir ein Gefühl, als seien Lasten von meinen Schultern genommen. Das In-
teresse für die neue Atomtheorie war groß. Ich konnte viele Universitäten zu Vortragen besuchen und so das
Land in den verschiedensten Aspekten gut kennenlernen. Wo ich länger blieb, entspannen sich menschliche
Beziehungen, die über gemeinsame Tennisspiele, Bootsfahrten oder Segelpartien hinausgingen, und die
gelegentlich zu eingehenderen Gesprächen über die neuen Entwicklungen in unserer Wissenschaft führten.
Ich erinnere mich besonders an ein Gespräch mit meinem Tennispartner Barton, einem jungen
Experimentalphysiker in Chicago, der mich einmal für einige Tage zum Fischen in entlegenere Seengebiete in
den Norden des Landes eingeladen hatte.
Die Rede kam auf eine Beobachtung, die ich bei meinen verschiedenen Vorträgen in Amerika immer wieder
gemacht hatte und die mich verwunderte. Während in Europa die unanschaulichen Züge der neuen
Atomtheorie, der Dualismus zwischen Teilchen und Wellenvorstellung, der nur statistische Charakter der
Naturgesetze, in der Regel zu heftigen Diskussionen, manchmal zu erbitterter Ablehnung der neuen
Gedanken führten, schienen die meisten amerikanischen Physiker bereit, die neue Betrachtungsweise ohne
jede Hemmung zu akzeptieren. Ihnen machte sie offenbar keine Schwierigkeiten. Ich fragte Barton, wie er
sich diesen Unterschied erkläre, und erhielt etwa folgende Auskunft.
»Ihr Europäer, und besonders ihr Deutschen, neigt dazu, solche Erkenntnisse so schrecklich prinzipiell zu
nehmen. Wir sehen das viel einfacher. Früher war die Newtonsche Physik eine hinreichend genaue
Beschreibung der beobachteten Tatsachen. Dann hat man die elektromagnetischen Erscheinungen
kennengelernt und herausgebracht, daß die Newtonsche Mechanik dafür nicht genügt, daß aber die
Maxwellschen Gleichungen für die Beschreibung dieser Phänomene einstweilen ausreichen. Schließlich hat
das Studium der Atomvorgänge gezeigt, daß man mit der Anwendung der klassischen Mechanik und der
Elektrodynamik nicht zu den beobachteten Ergebnissen kommt. Also war man genötigt, die früheren Gesetze
oder Gleichungen zu verbessern, und so ist die Quantenmechanik entstanden. Im Grunde verhält sich der
Physiker, auch der Theoretiker, doch hier einfach wie der Ingenieur, der etwa eine Brücke konstruieren soll.
Nehmen wir an, er bemerkt dabei, daß die statischen Formeln, die man bisher benützt hatte, für seine neue
Konstruktion noch nicht ganz ausreichen. Er muß etwa für den Winddruck, für die Alterung des Materials,
für Temperaturschwankungen und dergleichen noch Korrekturen anbringen, die er durch Zusätze in die
bisherigen Formeln einbauen kann. Damit kommt er zu besseren Formeln, zu verläßlicheren
Konstruktionsvorschriften, und jeder wird sich über den Fortschritt freuen. Aber grundsätzlich ist damit doch
eigentlich nichts geändert. So scheint es mir auch in der Physik. Vielleicht macht ihr den Fehler, die
Naturgesetze für absolut zu erklären, und ihr wundert euch dann, wenn sie geändert werden müssen. Schon
die Bezeichnung ›Naturgesetz‹ stellt, so scheint mir, eine bedenkliche Glorifizierung oder Heiligung einer
Formulierung dar, die im Grunde doch auch nur eine praktische Vorschrift für den Umgang mit der Natur in
dem betreffenden Gebiet sein kann. Also würde ich folgern, man muß jeden Absolutheitsanspruch vollständig
aufgeben; dann gibt es keine Schwierigkeiten.«
»Es wundert dich also gar nicht«, wandte ich ein, »daß ein Elektron einmal als Teilchen, ein anderes Mal als
Welle erscheint. Du empfindest das nur als eine - vielleicht in dieser Form nicht erwartete - Erweiterung der
früheren Physik.«
»Doch, darüber wundere ich mich schon; aber ich sehe ja, was in der Natur geschieht, und damit muß ich
mich abfinden. Wenn es Gebilde gibt, die einmal wie eine Welle, ein anderes Mal wie ein Partikel aussehen,
so muß man offenbar neue Begriffe bilden. Vielleicht sollte man solche Gebilde ›Wellikel‹ nennen, und die
Quantenmechanik ist dann eine mathematische Beschreibung des Verhaltens dieser ›Wellikel‹.«
»Nein, diese Antwort ist mir doch zu einfach. Es handelt sich ja gar nicht um eine besondere Eigenschaft der
Elektronen, sondern um eine Eigenschaft aller Materie und aller Strahlung. Ob du nun Elektronen oder
Lichtquanten oder Benzolmoleküle oder Steine nimmst, immer gibt es die beiden Züge, die partikelartigen oder
wellenartigen, und daher kann man auch grundsätzlich den statistischen Charakter der Naturgesetze überall
wahrnehmen. Nur treten eben die quantenmechanischen Züge bei atomaren Gebilden sehr viel auffallender in
Erscheinung als bei Dingen der täglichen Erfahrung.«
»Nun gut, dann habt ihr eben die Newtonschen und die Maxwellschen Gesetze etwas abgeändert, und für
den Beobachter zeigen sich die Änderungen bei den atomaren Erscheinungen sehr deutlich, während sie im
Bereich der täglichen Erfahrung kaum zu sehen sind. So oder so handelt es sich um mehr oder weniger
wirksame Verbesserungen, und sicher wird auch die Quantenmechanik in Zukunft noch verbessert werden,
um andere Erscheinungen, die man noch nicht so gut kennt, richtig beschreiben zu können. Einstweilen
erscheint aber die Quantenmechanik als eine für alle Experimente im atomaren Bereich brauchbare
Handlungsvorschrift, die sich offenbar vorzüglich bewährt.«
Diese ganze Betrachtungsweise Bartons leuchtete mir gar nicht ein. Aber ich merkte, daß ich schon etwas
präziser formulieren mußte, um mich verständlich zu machen. Ich antwortete also etwas pointiert: »Ich
glaube, daß man die Newtonsche Mechanik überhaupt nicht verbessern kann; und damit meine ich folgendes:
Sofern man irgendwelche Erscheinungen mit den Begriffen der Newtonschen Physik, nämlich Ort,
Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse, Kraft usw. beschreiben kann, so gelten auch die Newtonschen
Gesetze in aller Strenge, und daran wird sich auch in den nächsten hunderttausend Jahren nichts geändert
haben. Präziser müßte ich vielleicht sagen: Mit dem Grad von Genauigkeit, mit dem sich Erscheinungen mit
den Newtonschen Begriffen beschreiben lassen, gelten auch die Newtonschen Gesetze. Daß dieser Ge-
nauigkeitsgrad beschränkt ist, das hat man natürlich auch in der früheren Physik gewußt; denn niemand hat je
beliebig genau messen können. Daß der Meßgenauigkeit eine prinzipielle Grenze gesetzt ist, so wie es in der
Unbestimmtheitsrelation formuliert wird, das ist allerdings eine neue Erfahrung, die man erst im atomaren
Bereich gemacht hat. Aber für den Augenblick brauchen wir darüber gar nicht zu reden. Es genügt
festzustellen, daß innerhalb der Meßgenauigkeit die Newtonsche Mechanik wirklich gilt und auch in Zukunft
gelten wird.«
»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Barton. »Ist denn nicht die Mechanik der Relativitätstheorie eine
Verbesserung gegenüber der Newtonschen Mechanik? Und dabei ist doch von Unbestimmtheitsrelation
überhaupt nicht die Rede.«
»Von den Unbestimmtheitsrelationen nicht«, versuchte ich weiter zu erklären, »aber von einer anderen
Raum-Zeit-Struktur, insbesondere von einer Beziehung zwischen Raum und Zeit. Solange wir von einer
scheinbar absoluten Zeit reden können, die vom Ort und vom Bewegungszustand des Beobachters unabhän-
gig ist, solange wir es mit starren oder praktisch starren Körpern bestimmter Ausdehnung zu tun haben, so
gelten auch die Newtonschen Gesetze. Aber wenn es sich um Vorgänge mit sehr hohen Geschwindigkeiten
handelt, und wir dann sehr genau messen, so bemerken wir, daß die Begriffe der Newtonschen Mechanik
nicht mehr recht auf die Erfahrung passen. Daß also zum Beispiel die Uhr eines bewegten Beobachters
langsamer zu laufen scheint, als die eines ruhenden usw., und dann müssen wir zur relativistischen Mechanik
übergehen.«
»Warum bist du dann nicht bereit, die relativistische Mechanik als eine Verbesserung der Newtonschen zu
bezeichnen?«
»Mit meinem Widerspruch gegen das Wort ›Verbesserung‹ an dieser Stelle wollte ich nur einem
Mißverständnis vorbeugen, und wenn diese Gefahr beseitigt ist, kann man auch ruhig von Verbesserung
reden. Das Mißverständnis, das ich meine, bezieht sich gerade auf deinen Vergleich mit den Verbesserungen,
die der Ingenieur bei seinen praktischen Anwendungen der Physik vornehmen muß. Es wäre völlig falsch, die
grundsätzlichen Änderungen, die beim Übergang von der Newtonschen Mechanik zur relativistischen oder
zur Quantenmechanik auftreten, mit den Verbesserungen des Ingenieurs auf eine Stufe zu stellen. Denn der
Ingenieur braucht ja, wenn er verbessert, an seinen bisherigen Begriffen nichts zu ändern. Alle Wörter
behalten die Bedeutung, die sie vorher hatten, nur werden in den Formeln Korrekturen angebracht für
Einflüsse, die man vorher vernachlässigt hatte. Änderungen solcher Art aber hätten in der Newtonschen
Mechanik gar keinen Sinn. Es gibt keine Experimente, die sie nahelegten. Darin besteht eben der immer noch
gültige Absolutheitsanspruch der Newtonschen Physik, daß sie in ihrem Anwendungsbereich nicht durch
kleine Abänderungen verbessert werden kann, daß sie hier längst ihre endgültige Form gefunden hat. Es gibt
aber Erfahrungsbereiche, in denen wir mit dem Begriffssystem der Newtonschen Mechanik nicht mehr
durchkommen. Für solche Erfahrungsbereiche brauchen wir ganz neue begriffliche Strukturen, und die
werden zum Beispiel durch die Relativitätstheorie und Quantenmechanik geliefert. Die Newtonsche Physik
hat, darauf kommt es mir an, einen Grad von Abgeschlossenheit, den das physikalische Rüstzeug des
Ingenieurs niemals besitzt. Die Abgeschlossenheit bewirkt, daß es keine kleinen Verbesserungen geben kann.
Aber der Übergang zu einem ganz neuen Begriffssystem mag möglich sein, wobei das alte System dann wohl
als Grenzfall in dem Neuen enthalten sein muß.«
»Woher weiß man denn«, fragte Barton zurück, »daß ein Gebiet der Physik in dem Sinn abgeschlossen ist,
wie du es gerade von der Newtonschen Mechanik behauptet hast? Welche Kriterien zeichnen die
abgeschlossenen Gebiete vor den noch offenen aus, und welche in diesem Sinne abgeschlossenen Gebiete
gibt es nach deiner Ansicht in der bisherigen Physik?«
»Das wichtigste Kriterium für ein abgeschlossenes Gebiet ist wohl das Vorhandensein einer präzis
formulierten, in sich widerspruchsfreien Axiomatik, die zugleich mit den Begriffen auch die gesetzmäßigen
Beziehungen innerhalb des Systems festlegt. Wie weit ein solches Axiomensystem auf die Wirklichkeit paßt,
kann natürlich immer nur empirisch entschieden werden, und man wird von einer Theorie nur dann reden,
wenn große Erfahrungsbereiche durch sie dargestellt werden.
Wenn man dieses Kriterium gelten läßt, so würde ich in der bisherigen Physik vier abgeschlossene Bereiche
unterscheiden: Die Newtonsche Mechanik, die statistische Theorie der Wärme, die spezielle
Relativitätstheorie zusammen mit der Maxwellschen Elektrodynamik und schließlich die neuentstandene
Quantenmechanik. Für jeden dieser Bereiche gibt es ein präzis formuliertes System von Begriffen und
Axiomen, dessen Aussagen offenbar in Strenge gültig sind, solange wir in den Erfahrungsbereichen bleiben,
die mit diesen Begriffen beschrieben werden können. Die allgemeine Relativitätstheorie kann wohl noch nicht
zu den abgeschlossenen Gebieten gerechnet werden, da ihre Axiomatik noch unklar ist und ihre Anwendung
auf Fragen der Kosmologie noch viele Lösungen zuzulassen scheint. Man wird sie also einstweilen zu den
offenen Theorien rechnen sollen, in denen es noch mancherlei Unbestimmtheiten gibt.«
Barton gab sich mit dieser Antwort halbwegs zufrieden, aber er wollte noch mehr über die Motive für diese
Lehre von den abgeschlossenen Systemen wissen. »Warum legst du eigentlich so großen Wert auf die
Feststellung, daß der Übergang von einem Bereich zum anderen, etwa von der Newtonschen Physik zur
Quantentheorie, nicht kontinuierlich, sondern gewissermaßen unstetig erfolgt? Gewiß, du hast recht, es
werden neue Begriffe eingeführt, und die Fragestellungen sehen im neuen Gebiet anders aus. Aber warum ist
das so wichtig? Schließlich kommt es auf den Fortschritt der Wissenschaft an, darauf, daß wir immer weitere
Gebiete der Natur verstehen. Aber ob dieser Fortschritt kontinuierlich erfolgt oder unstetig in einzelnen
Schritten, das scheint mir doch ziemlich gleichgültig.«
»Nein, das ist gar nicht gleichgültig. Deine Vorstellung vom kontinuierlichen Fortschritt im Sinne des
Ingenieurs würde unserer Wissenschaft jede Kraft, oder sagen wir, jede Härte nehmen, und ich wüßte nicht,
in welchem Sinne man dann noch von einer exakten Wissenschaft sprechen könnte. Wenn man die Physik in
dieser rein pragmatischen Weise betreiben wollte, so griffe man jeweils irgendwelche Teilbereiche heraus, die
gerade experimentell gut zugänglich sind, und versuchte, die Erscheinungen dort durch Näherungsformeln
darzustellen. Wenn die Darstellung zu ungenau ist, könnte man ja Korrekturterme zufügen und sie damit
genauer machen. Aber es bestünde gar kein Grund mehr, nach den Zusammenhängen im Großen zu fragen,
und man hätte kaum Aussicht bis zu den ganz einfachen Zusammenhängen vorzustoßen, die - um ein Beispiel
zu nennen - die Newtonsche Mechanik vor der Astronomie des Ptolemäus auszeichnen. Also das wichtigste
Wahrheitskriterium unserer Wissenschaft, die am Schluß stets aufleuchtende Einfachheit der Naturgesetze,
ginge verloren. Du kannst natürlich wieder sagen, daß in dieser Forderung nach Einfachheit der
Zusammenhänge ein Absolutheitsanspruch stecke, für den es keine logische Rechtfertigung gäbe. Warum
sollen die Naturgesetze einfach sein, warum sollen sich große Erfahrungsbereiche einfach darstellen lassen?
Aber da muß ich mich auf die bisherige Geschichte der Physik berufen. Du wirst zugeben, daß die vier
abgeschlossenen Gebiete, die ich genannt habe, eine jeweils sehr einfache Axiomatik besitzen und daß ganz
weite Zusammenhänge durch sie dargestellt werden. Erst bei einer solchen Axiomatik ist der Begriff
›Naturgesetz‹ wirklich berechtigt, und wenn es sie nicht gäbe, hätte die Physik wohl nie den Ruhm gewonnen,
eine exakte Wissenschaft zu sein.
Diese Einfachheit hat noch eine andere Seite, die unser Verhältnis zu den Naturgesetzen betrifft. Aber ich
weiß nicht, ob ich mich hier richtig und verständlich ausdrücken kann. Wenn man, wie man es in der
theoretischen Physik ja zunächst immer tun muß, die Ergebnisse von Experimenten in Formeln zusammenfaßt
und so zu einer phänomenologischen Beschreibung der Vorgänge kommt, so hat man das Gefühl, daß man
diese Formeln selbst erfunden hat, mit mehr oder weniger befriedigendem Erfolg erfunden hat. Wenn man
aber auf diese ganz einfachen großen Zusammenhänge stößt, die schließlich in der Axiomatik fixiert werden,
so sieht das ganz anders aus. Da erscheint vor unserem geistigen Auge auf einmal ein Zusammenhang, der
auch ohne uns immer schon dagewesen und der ganz offensichtlich nicht von Menschen gemacht ist. Solche
Zusammenhänge sind doch wohl der eigentliche Inhalt unserer Wissenschaft. Nur wenn man die Existenz
solcher Zusammenhänge ganz in sich aufgenommen hat, kann man unsere Wissenschaft wirklich verstehen.«
Barton schwieg nachdenklich. Er widersprach nicht, aber ich hatte doch den Eindruck, daß ihm meine Art
des Denkens etwas fremd blieb.
Zum Glück war unser Wochenende nicht nur mit solch schwierigen Gesprächen angefüllt. Die erste Nacht
hatten wir in einer kleinen Hütte am Ufer eines einsamen Sees verbracht, inmitten eines scheinbar endlosen
Gebiets von Seen und Wäldern. Am Morgen vertrauten wir uns der Führung eines Indianers an, mit dem wir
zum Fischen auf den See hinaussegelten, um unseren Proviant mit Beute aus dem See aufzufrischen.
Tatsächlich konnten wir an der Stelle, an die uns der Indianer gebracht hatte, binnen einer Stunde acht
ungewöhnlich große Hechte fangen, was nicht nur für uns, sondern auch für die Familie des Indianers ein
reichliches Abendessen ergab. Nach diesem Erfolg wollten wir am nächsten Morgen den Fischzug
wiederholen, diesmal ohne die Führung durch den Indianer. Wetter und Wind waren ungefähr die gleichen
wie am Tag vorher, und wir segelten auch an die gleiche Stelle im See. Aber trotz aller Bemühungen wollte
den ganzen Tag über nicht ein einziger Fisch anbeißen. Schließlich kam Barton auf unser Gespräch vom
vorigen Tage zurück und meinte: »Wahrscheinlich ist es mit der Welt der Atome ähnlich wie mit den Fischen
und dem See hier in dieser Einsamkeit. Wenn man sich mit den Atomen nicht so gut vertraut gemacht hat,
bewußt oder unbewußt, wie diese Indianer mit Wind und Wetter und den Lebensgewohnheiten der Fische, so
hat man wenig Aussicht etwas davon zu verstehen.«
Gegen Ende meines Amerika-Aufenthaltes verabredete ich mich mit Paul Dirac für die allerdings auf großen
Umwegen geplante gemeinsame Heimreise. Wir wollten uns im Yellowstonepark treffen, dort noch etwas
wandern, dann zusammen über den Stillen Ozean nach Japan reisen und über Asien nach Europa zurück-
kehren. Als Treffpunkt war das Hotel vor dem bekannten Geysir ›Old Faithful‹ ausersehen. Da ich schon
den Tag vor dem verabredeten Zeitpunkt im Yellowstonepark eingetroffen war, unternahm ich noch allein
eine Bergbesteigung. Erst unterwegs lernte ich, daß die Berge dort im Gegensatz zu den Alpen völlig
einsame, von Menschen kaum betretene Naturgebilde sind. Es gab weder Wege noch Fußpfade, weder
Wegweiser noch Markierungen, und im Falle von Schwierigkeiten hätte man nicht auf irgendwelche Hilfe
rechnen können. Beim Aufstieg hatte ich durch Umwege viel Zeit verloren, und beim Abstieg wurde ich so
müde, daß ich mich zunächst einmal an irgendeiner geeigneten Stelle ins Gras legte und sofort einschlief. Ich
erwachte davon, daß mir ein Bär übers Gesicht leckte. Ich war doch etwas erschrocken und fand dann in der
nun hereinbrechenden Dunkelheit nur mit größter Mühe meinen Weg zurück zum Hotel.
In dem zur Verabredung an Paul geschriebenen Brief hatte ich erwähnt, daß wir vielleicht zu einigen der in
der Umgebung gelegenen Geysire wandern könnten, wobei es natürlich günstig wäre, wenn man sie gerade in
Tätigkeit sehen könnte. Es war charakteristisch für Pauls sorgfältige und systematische Art, daß er, als wir
uns trafen, bereits einen genauen Fahrplan aller in Betracht kommenden Geysire ausgearbeitet hatte, in dem
nicht nur die Tätigkeitszeiten dieser natürlichen Springbrunnen verzeichnet waren, sondern in dem auch eine
Route ausgeklügelt war, nach der wir von einem zum anderen Geysir wandernd gerade immer rechtzeitig zu
Beginn der Tätigkeit dieses neuen Geysirs kamen, so daß wir im Lauf des Nachmittags eine große Anzahl
dieser Naturfontänen bewundern konnten.
Zu Gesprächen über unsere Wissenschaft gab vor allem die lange Seereise von San Francisco über Hawai
nach Yokohama Gelegenheit. Zwar beteiligte ich mich gern an den an Bord des japanischen Dampfers
üblichen Spielen wie Tischtennis oder Shuffle-Board, aber es blieben immer noch viele Stunden, in denen man
vom Liegestuhl aus die Delphine beobachtete, die sich um das Schiff herumtummelten, oder sich an den
Schwärmen fliegender Fische freute, die von unserem Dampfer aufgescheucht wurden. Da Paul meist den
Liegestuhl neben meinem einnahm, konnten wir ausführlich über unsere Erfahrungen in Amerika und unsere
Zukunftspläne in der Atomphysik sprechen. Die Bereitwilligkeit der amerikanischen Physiker, auch die
unanschaulichen Züge der neuen Atomphysik zu akzeptieren, verwunderte Paul weniger als mich. Auch er
empfand wohl die Entwicklung unserer Wissenschaft als einen mehr oder weniger kontinuierlichen Vorgang,
bei dem es nicht so sehr darauf ankomme, nach der begrifflichen Struktur zu fragen, die sich im jeweiligen
Stadium der Entwicklung eingestellt habe, als nach der Methode, die für einen möglichst sicheren und raschen
Fortschritt der Wissenschaft anzuwenden sei. Denn wenn man von der pragmatischen Denkweise ausgeht,
so erscheint der Fortschritt der Wissenschaft doch als ein stets weiterlaufender Anpassungsprozeß unseres
Denkens an die stetig erweiterte experimentelle Erfahrung, bei dem es keinen Abschluß gibt. Daher darf
auch der vorübergehende Abschluß nicht zu prinzipiell genommen werden, wohl aber die Methode der
Anpassung selbst.
Daß bei diesem Prozeß letzten Endes einfache Naturgesetze entstehen oder, wie ich lieber sagen würde, ans
Licht gebracht werden, davon war auch Paul fest überzeugt. Aber methodisch war für ihn die einzelne
Schwierigkeit der Ausgangspunkt, nicht der große Zusammenhang. Wenn er mir seine Methode schilderte, so
hatte ich oft das Gefühl, daß für ihn die physikalische Forschung aussehe etwa wie eine schwierige
Felskletterei für manche Alpinisten. Es scheint nur darauf anzukommen, die nächsten drei Meter noch zu
überwinden. Wenn dies immer wieder gelingt, so wird man schließlich den Gipfel schon erreichen. Aber sich
die ganze Kletterroute mit allen Schwierigkeiten vorzustellen, führt nur zur Entmutigung. Außerdem erkennt
man ja die wirklichen Probleme erst, wenn man an die schwierigen Stellen kommt. Für mich wäre ein solcher
Vergleich ganz unzutreffend gewesen. Ich konnte nur damit anfangen - um bei dem Bild zu bleiben - eine
Entscheidung über die ganze Kletterroute zu treffen. Denn ich war überzeugt, daß dann, wenn man die
richtige Route gefunden hätte, und auch nur dann, die einzelnen Schwierigkeiten überwunden werden
könnten. Der Fehler in dem Vergleich bestand für mich darin, daß man bei einem Felsturm ja keineswegs
sicher sein kann, daß er so gebildet ist, daß man hinaufsteigen kann. Bei der Natur aber glaubte ich fest
daran, daß ihre Zusammenhänge letzten Endes einfach seien; die Natur ist, das war meine Überzeugung, so
gemacht, daß sie verstanden werden kann. Oder vielleicht sollte ich richtiger umgekehrt sagen, unser
Denkvermögen ist so gemacht, daß es die Natur verstehen kann. Die Begründung für diese Überzeugung
war wohl schon von Robert in unserem Gespräch am Starnberger See ausgesprochen worden. Es sind die
gleichen ordnenden Kräfte, die die Natur in allen ihren Formen gebildet haben und die für die Struktur unserer
Seele, also auch unseres Denkvermögens verantwortlich sind.
Paul und ich sprachen viel über diese methodische Frage und über unsere Hoffnungen hinsichtlich der
zukünftigen Entwicklung. Wenn wir unsere an dieser Stelle verschiedenen Auffassungen etwas pointiert
ausdrücken wollten, so sagte Paul: »Man. Kann nie mehr als eine einzige Schwierigkeit auf einmal lösen.«
Während ich genau umgekehrt formulierte: »Man kann nie nur eine einzige Schwierigkeit lösen, man wird
immer gezwungen sein, mehrere auf einmal zu lösen.« Paul wollte mit seiner Formulierung wohl vor allem
ausdrücken, daß er es für vermessen halte, mehrere Schwierigkeiten auf einmal lösen zu wollen. Denn er
wußte genau, wie hart in einem von der täglichen Erfahrung so weit entfernten Gebiet wie der Atomphysik
um jeden Fortschritt gerungen werden muß. Andererseits wollte ich nur darauf hinweisen, daß die echte
Lösung einer Schwierigkeit wohl immer darin besteht, daß man an dieser Stelle auf die einfachen großen Zu-
sammenhänge gestoßen ist. Und dabei werden dann von selbst andere Schwierigkeiten beseitigt, an die man
zunächst gar nicht gedacht hatte. So enthielten also wohl beide Formulierungen einen erheblichen Teil
Wahrheit, und wir konnten uns über den scheinbaren Widerspruch nur trösten, indem wir an eine Äußerung
Niels Bohrs dachten, die wir oft von ihm gehört hatten. Niels pflegte zu sagen: »Das Gegenteil einer richtigen
Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe
Wahrheit sein.«
9. Gespräche über das Verhältnis zwischen
Biologie, Physik und Chemie (1930-1932)

Nach der Rückkehr aus Amerika und Japan war ich in Leipzig in einen großen Pflichtenkreis eingespannt.
Ich mußte Vorlesungen und Übungen abhalten, an Fakultätssitzungen und Prüfungen teilnehmen, das sehr
kleine Institut für theoretische Physik modernisieren und in einem Seminar über Atomphysik junge Physiker in
die Quantentheorie einführen. Eine so umfangreiche Tätigkeit war mir neu und machte mir Freude. Aber die
Verbindung mit dem Kopenhagener Kreis um Niels Bohr war mir im Laufe der Jahre so unentbehrlich
geworden, daß ich fast jede Ferienzeit dazu ausnützte, für einige Wochen nach Kopenhagen zu fahren, um
mit Niels und den anderen Freunden über die Entwicklung unserer Wissenschaft zu beraten. Viele wichtige
Gespräche spielten sich dann allerdings nicht im Bohrschen Institut ab, sondern in seinem Landhaus in
Tisvilde oder auf dem Segelboot, das Niels zusammen mit einigen Freunden im Kopenhagener Hafen an der
Langelinie liegen hatte, und mit dem man die Ostsee auch auf weiten Strecken befahren konnte.
Das Landhaus lag im Norden der Insel Själland einige Kilometer vom Strand entfernt am Rand eines großen
Waldgebiets. Ich kannte es schon von unserer ersten gemeinsamen Fußwanderung her. Zum oft besuchten
Badeplatz gelangten wir über breite sandige Waldwege, aus deren Geradlinigkeit zu vermuten war, daß der
ganze Wald zum Schutz gegen Stürme und Dünenwanderung künstlich angelegt worden war. Niels besaß, als
seine Kinder noch klein waren, auch ein Pferd und einen ländlichen Wagen, und ich empfand es immer als
eine besondere Ehre, wenn mir erlaubt wurde, mit einem der Kinder allein durch den Wald zu kutschieren.
Am Abend saßen wir dann oft um das offene Kaminfeuer. Dessen Betrieb machte allerdings einige
Schwierigkeiten. Wenn die Türen des Wohnzimmers verschlossen waren, so rauchte der Kamin stark. Wir
waren also gezwungen, wenigstens eine Türe offen zu halten. Dann entwickelte sich ein kräftiger Zug und
ein prasselndes Feuer. Aber die von außen einströmende kalte Luft kühlte das Zimmer ab. Niels, der die
paradoxen Formulierungen liebte, behauptete also, der Kamin sei zum Kühlen des Zimmers eingerichtet.
Trotzdem war der Raum um den Kamin sehr beliebt und gemütlich, und besonders wenn noch andere
Physiker aus Kopenhagen zu Besuch gekommen waren, entwickelten sich hier bald lebhafte Gespräche über
die Probleme, die uns gemeinsam interessierten. Ein Abend ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, an
dem, wenn ich mich recht erinnere, Kramers und Oskar Klein unsere Gesprächspartner waren. Wie schon
oft kreisten unsere Gedanken und Reden um die alten Diskussionen mit Einstein und um die Tatsache, daß es
uns nicht gelungen war, Einstein mit dem statistischen Charakter der neuen Quantenmechanik zu versöhnen.
»Ist es nicht merkwürdig«, begann Oskar Klein, »daß Einstein so große Schwierigkeiten hat, die Rolle des
Zufälligen in der Atomphysik zu akzeptieren? Er kennt doch die statistische Wärmelehre besser als die
meisten anderen Physiker, und er hat selbst eine überzeugende statistische Ableitung des Planckschen
Gesetzes der Wärmestrahlung gegeben. Fremd können ihm solche Gedanken also sicher nicht sein. Warum
fühlt er sich dann gezwungen, die Quantenmechanik abzulehnen, nur weil das Zufällige in ihr eine
grundsätzliche Bedeutung gewinnt?«
»Es ist natürlich gerade dieses Grundsätzliche, was ihn stört«, versuchte ich zu antworten. »Daß man etwa
bei einem Topf voll Wasser nicht weiß, wie alle einzelnen Wassermoleküle sich bewegen, ist
selbstverständlich. Daher kann sich niemand darüber wundern, daß wir Physiker hier Statistik treiben müssen,
so wie etwa eine Lebensversicherungsgesellschaft über die Lebenserwartung ihrer vielen Versicherten
statistische Rechnungen anstellen muß.
Aber grundsätzlich hätte man in der klassischen Physik angenommen, daß man wenigstens im Prinzip die
Bewegung jedes einzelnen Moleküls verfolgen und nach den Gesetzen der Newtonschen Mechanik
bestimmen kann. Es gab also scheinbar in jedem Augenblick einen objektiven Zustand der Natur, aus dem
man auf den Zustand im nächsten Augenblick schließen konnte. Das ist aber in der Quantenmechanik
wirklich anders. Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören, und die
Quanteneffekte, die sich am Beobachtungsmittel auswirken, führen von selbst zu einer Unbestimmtheit in
dem zu beobachtenden Phänomen. Damit aber will sich Einstein eben nicht abfinden, obwohl er die
Tatsachen ja gut kennt. Er meint, daß es sich bei unserer Interpretation nicht um eine vollständige Analyse
der Phänomene handeln könne; daß also in Zukunft noch irgendwelche anderen, neuen Bestimmungsstücke
des Geschehens aufgefunden werden müßten, mit deren Hilfe man dann das Phänomen objektiv und
vollständig festlegen kann. Aber das ist doch sicher falsch.«
»Mit dem was du sagst«, warf Niels ein, »bin ich noch nicht so ganz einverstanden. Der grundsätzliche
Unterschied zwischen den Verhältnissen in der alten statistischen Wärmelehre und denen in der
Quantenmechanik ist zwar vorhanden, aber du hast seine Bedeutung stark übertrieben. Außerdem finde ich
solche Formulierungen wie ›die Beobachtung stört das Phänomen‹ ungenau und irreführend. In Wirklichkeit
haben wir doch bei den atomaren Erscheinungen von der Natur die Belehrung empfangen, daß man das Wort
›Phänomen‹ gar nicht verwenden kann, ohne gleichzeitig genau zu sagen, an welche Versuchsanordnung
oder welches Beobachtungsmittel dabei gedacht werden soll. Wenn eine bestimmte Versuchsanordnung
beschrieben ist und wenn dann ein bestimmtes Beobachtungsergebnis vorliegt, so kann man schon von
Phänomen reden, aber nicht von einer Störung des Phänomens durch die Beobachtung. Es ist zwar wahr, daß
man die Ergebnisse verschiedener Beobachtungen nicht mehr so einfach aufeinander beziehen kann, wie das
in der früheren Physik möglich war. Aber man sollte das nicht als Störung des Phänomens durch die
Beobachtung auffassen; sondern sollte eher von der Unmöglichkeit sprechen, das Ergebnis der Beobachtung
so zu objektivieren, wie das in der klassischen Physik oder in der täglichen Erfahrung geschieht.
Verschiedene Beobachtungssituationen - und damit meine ich die Gesamtheit von Versuchsanordnung,
Ablesung der Instrumente usw. - sind eben häufig komplementär zueinander; das heißt sie schließen einander
aus, können nicht gleichzeitig verwirklicht werden, und die Ergebnisse der einen können nicht eindeutig mit
denen der anderen verglichen werden. Daher kann ich auch keinen so prinzipiellen Unterschied zwischen den
Verhältnissen in der Quantenmechanik und denen in der Wärmelehre sehen. Eine Beobachtungssituation, in
der eine Temperaturmessung oder Temperaturangabe vorkommt, steht ja auch in einem ausschließenden
Verhältnis zu einer anderen, in der die Koordinaten und Geschwindigkeiten aller beteiligten Teilchen bestimmt
werden können. Denn der Begriff der Temperatur ist ja geradezu definiert durch jenen Grad von Unkenntnis
über die mikroskopischen Bestimmungsstücke des Systems, der die sogenannte kanonische Verteilung
charakterisiert. Oder, um es weniger gelehrt auszudrücken: Wenn ein System, das aus vielen Teilchen
besteht, mit der Umgebung oder mit anderen großen Systemen in ständigem Energieaustausch steht, so
schwankt zwar die Energie des einzelnen Teilchens ständig, auch die des ganzen Systems. Aber die Mit-
telwerte über viele Teilchen und längere Zeiten entsprechen sehr genau den Mittelwerten über diese
Normalverteilung oder ›kanonische‹ Verteilung. Das steht ja schon alles bei Gibbs. Und eine Temperatur
kann man eben nur durch Energieaustausch definieren. Eine genaue Kenntnis der Temperatur ist also nicht
vereinbar mit einer genauen Kenntnis der Orte und Geschwindigkeiten der Moleküle.«
»Aber heißt das nicht«, fragte ich zurück, »daß die Temperatur gar keine objektive Eigenschaft ist? Bisher
waren wir doch gewohnt zu denken, daß die Behauptung ›der Tee in dieser Kanne hat eine Temperatur von
70°‹ etwas Objektives aussagt. Das heißt, daß jeder, der die Temperatur in der Teekanne mißt, eben 70°
feststellen wird, unabhängig davon, wie er die Messung vornimmt. Wenn aber der Begriff Temperatur
eigentlich eine Aussage über unseren Grad der Kenntnis oder Unkenntnis der Molekülbewegungen in der
Teeflüssigkeit bedeutet, dann könnte doch die Temperatur für verschiedene Beobachter ganz verschieden
sein, auch wenn der wahre Zustand des Systems der gleiche ist; denn die verschiedenen Beobachter könnten
doch verschieden viel wissen.«
»Nein, das ist nicht richtig«, unterbrach mich Niels. »Schon das Wort ›Temperatur‹ bezieht sich ja auf eine
Beobachtungssituation, bei der ein Energieaustausch stattfindet zwischen dem Tee und dem Thermometer,
was auch immer die Eigenschaften des Thermometers sonst sein mögen. Ein Thermometer ist also nur dann
wirklich ein Thermometer, wenn in dem zu messenden System, hier dem Tee, und dem Thermometer die
Molekülbewegungen mit dem geforderten Grad von Genauigkeit der ›kanonischen‹ Verteilung entsprechen.
Unter diesen Voraussetzungen geben aber auch alle Thermometer das gleiche Resultat, und insofern ist die
Temperatur eine objektive Eigenschaft. Du siehst daraus wieder, wie problematisch die Begriffe ›objektiv‹
und ›subjektiv‹ sind, die wir bisher so leichtsinnig verwendet haben.«
Kramers hatte bei dieser Interpretation der Temperatur doch noch einige Hemmungen und wollte daher
genauer von Niels hören, in welchem Sinne er von der Temperatur eines Systems sprechen wolle.
»Du beschreibst die Verhältnisse in der Teekanne beinahe so«, sagte er, »als wolltest du eine Art
Unbestimmtheitsrelation zwischen der Temperatur und der Energie der Teekanne behaupten. Das kann aber
zumindest in der alten Physik wohl kaum deine Meinung sein?«
»Bis zu einem gewissen Grad doch«, entgegnete Niels. »Das siehst du am besten, wenn du etwa nach den
Eigenschaften eines einzelnen Wasserstoffatoms im Tee fragst. Die Temperatur dieses Wasserstoffatoms,
wenn man überhaupt davon reden will, ist doch sicher genauso hoch wie die des Tees, also zum Beispiel 70°,
da es ja im vollen Wärmeaustausch mit den anderen Molekülen im Tee steht. Seine Energie aber schwankt
eben wegen dieses Energieaustausches. Man kann also nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für die
Energie angeben. Wenn man umgekehrt die Energie des Wasserstoffatoms gemessen hätte und nicht die
Temperatur des Tees, so könnte man aus dieser Energie keine bestimmten Schlüsse auf die Temperatur des
Tees ziehen, sondern auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für die Temperatur angeben. Die
relative Breite dieser Wahrscheinlichkeitsverteilung, also die Ungenauigkeit der Werte für Temperatur oder
Energie, ist bei einem so kleinen Objekt wie dem Wasserstoffatom verhältnismäßig groß, daher fällt sie hier
auf. Sie wäre bei einem größeren Objekt, zum Beispiel einer kleinen Teemenge innerhalb der ganzen
Teeflüssigkeit sehr viel geringer und könnte vernachlässigt werden.«
»In der alten Wärmelehre«, fragte Kramers weiter, »so wie wir sie in der Vorlesung dozieren, wird einem
Objekt doch immer Energie und Temperatur gleichzeitig zugeschrieben. Von einer Ungenauigkeit oder einer
Unbestimmtheitsrelation zwischen diesen Größen ist doch keine Rede. Wie ist das mit deinen Ansichten
vereinbar?«
»Diese alte Wärmelehre«, antwortete Niels, »verhält sich zur statistischen Wärmetheorie ähnlich wie die
klassische Mechanik zur Quantenmechanik. Bei großen Objekten macht man keinen nennenswerten Fehler,
wenn man der Temperatur und der Energie gleichzeitig bestimmte Werte gibt, so wie man auch bei großen
Objekten ihrem Ort und ihrer Geschwindigkeit gleichzeitig bestimmte Werte geben kann. Bei sehr kleinen
Objekten aber wird das in beiden Fällen falsch. Bei diesen kleinen Objekten hat man bisher in der
Wärmelehre oft gesagt, daß sie zwar eine Energie, aber keine Temperatur besäßen. Aber das scheint mir
keine gute Redeweise, schon weil man nicht weiß, wo man die Grenze zwischen kleinen und großen
Objekten ziehen sollte.« Wir konnten nun gut verstehen, warum für Niels der grundsätzliche Unterschied
zwischen den statistischen Gesetzen der Wärmelehre und denen der Quantenmechanik viel weniger be-
deutsam war als für Einstein. Niels empfand die Komplementarität als einen zentralen Zug der
Naturbeschreibung, der in der alten statistischen Wärmelehre, insbesondere in der ihr durch Gibbs gegebenen
Fassung, schon immer vorhanden, aber nicht genügend beachtet worden war; während Einstein immer noch
von der Vorstellungswelt der Newtonschen Mechanik oder der Maxwellschen Feldtheorie ausging und die
komplementären Züge in der statistischen Thermodynamik gar nicht bemerkt hatte.
Die Diskussion wandte sich dann weiteren Anwendungen des Komplementaritätsbegriffs zu, und Niels
sprach davon, daß dieser Begriff auch für die Abgrenzung des biologischen Geschehens von den
physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten wichtig werden könne. Aber dieses Thema wurde noch
ausführlicher auf einer unserer großen Segelpartien abgehandelt, so daß es richtig erscheint, jetzt noch von
dem einen langen nächtlichen Gespräch auf dem Segelboot zu berichten.
Der Kapitän des Segelboots war der Physiko-Chemiker an der Universität Kopenhagen, Bjerrum, der mit
dem trockenen Humor des alten Seefahrers auch eine gründliche Ausbildung in Fragen der Navigation
verband. Schon bei meinem ersten Besuch auf dem Boot hatte seine anziehende Persönlichkeit mir so viel
Vertrauen eingeflößt, daß ich bereit gewesen wäre, in jeder Lage seinen Anordnungen blindlings zu folgen.
Zur Mannschaft gehörte außer Niels noch der Chirurg Chievitz, der das Geschehen an Bord gern mit
ironischen Bemerkungen kommentierte und daher unseren Kapitän oft als Zielscheibe seines freundlichen
Spottes aufs Korn nahm. Bjerrum vermochte sich solcher Angriffe aber sehr gut zu erwehren, und es war ein
Genuß diesem Geplänkel zuzuhören. Außer mir gehörten bei dieser Reise dann noch zwei weitere Mitglieder
zur Mannschaft, an deren Namen ich mich aber nicht mehr erinnern kann.
Am Ende jedes Sommers mußte die Yacht Chita von Kopenhagen nach Svendborg auf der Insel Fyn
gebracht werden, wo sie den Winter über blieb, damit die nötigen Ausbesserungsarbeiten vorgenommen
würden. Die Reise nach Svendborg konnte selbst bei günstigem Wind nicht in einem Tag bewältigt werden;
wir richteten uns also auf eine mehrtägige Unternehmung ein. In aller Frühe brachen wir von Kopenhagen
auf, bei recht frischem Wind aus Nordwest und hellem Himmel. Wir konnten schon bald das Südende der
Insel Amager passieren und fuhren in die offene Kjögebucht nach Südwesten hinaus. Nach einigen weiteren
Stunden kam die hohe Klippe Stevns-Klint in Sicht. Aber nachdem wir auch hier vorbeigesegelt waren, hörte
der Wind auf. Wir lagen fast bewegungslos im ruhigen Wasser, und nach ein oder zwei Stunden fingen wir an
ungeduldig zu werden. Da wir kurz vorher über unglückliche Nordpolexpeditionen gesprochen hatten, be-
merkte Chievitz zu Bjerrum: »Wenn das so weitergeht mit dem Wind, wird unser Proviant bald zu Ende sein,
und wir müssen darum losen, wer zuerst von den anderen aufgegessen wird.« Bjerrum reichte Chievitz eine
Flasche Bier und meinte: »Ich wußte nicht, daß du schon so bald eine Seelenstärkung nötig hättest, aber die
Flasche sollte noch für eine Stunde Flaute reichen.« Der Umschwung kam dann aber schneller, als wir
vorgesehen hatten. Der Wind hatte vollständig gedreht und wehte jetzt von Südosten, der Himmel bezog sich,
und mit der immer stärker werdenden Brise fielen die ersten Regentropfen. Wir mußten unser Ölzeug anzie-
hen. Beim Einlaufen in die enge Durchfahrt zwischen den Inseln Själland und Möen hatten wir schon mit
einem scharfen Südwind und dichten Regenschauern zu kämpfen. In der schmalen Fahrrinne mußten wir so
oft kreuzen und wenden, daß wir nach ein oder zwei Stunden der Erschöpfung nahe waren. Meine Hände
schmerzten, sie waren angeschwollen von der ungewohnten Arbeit mit den Tauen, und Chievitz meinte: »Ja,
eine schmalere Fahrrinne hat unser Kapitän leider nicht finden können. Aber wir segeln ja auch zum
Vergnügen, da darf man so etwas nicht zu genau nehmen.« Niels hielt immer tapfer mit bei allen Manövern,
und ich bewunderte, wieviel Körperkräfte er noch in Reserve hatte.
Endlich mit einbrechender Dunkelheit erreichten wir den Storström, eine breite Wasserstraße zwischen den
Inseln Själland und Falster, und da unser Kurs jetzt nach Nordwesten gerichtet war und der Regen aufgehört
hatte, wurde es ein ruhiges Segeln, fast vor dem Wind. Wir konnten uns ausruhen und wurden gesprächig.
Wir mußten jetzt bei völliger Dunkelheit nach dem Kompaß segeln, nur gelegentlich konnten wir uns an
fernen Leuchtfeuern orientieren. Einige der Mannschaft hatten sich unten in die Koje gelegt, um von der
harten Arbeit auszuruhen und zu schlafen. Chievitz saß am Steuer, Niels neben ihm mit einem Blick auf den
Kompaß, und ich mußte ganz vorne Ausguck halten nach Positionslichtern von Schiffen, die uns gefährlich
werden konnten. Chievitz meditierte: »Ja, mit den Positionslichtern der Schiffe geht's ja ganz gut, da werden
wir wohl nicht zusammenstoßen. Aber wenn sich in diese Gegend zum Beispiel ein Walfisch verirrt hätte, die
haben keine Positionslichter, weder backbord rot, noch steuerbord grün, da könnte doch leicht ein
Zusammenstoß passie ren. Heisenberg, sehen Sie Walfische?«
»Ich sehe fast nur Walfische«, antwortete ich,« aber ich vermute doch, daß die meisten von ihnen große
Wellen sind.«
»Das müssen wir hoffen. Aber was würde eigentlich passieren, wenn wir mit einem Walfisch
zusammenstießen? Unser Boot und der Walfisch, beide würden wohl ein Loch bekommen. Aber das ist eben
der Unterschied zwischen lebendiger und toter Materie. Das Loch beim Walfisch würde von selbst zuheilen,
unser Boot würde wohl kaputt bleiben. Besonders, wenn wir damit auf dem Meeresgrund lägen. Aber sonst
müßten wir es eben wieder reparieren lassen.«
Niels mischte sich nun ins Gespräch. »Mit dem Unterschied zwischen lebendiger und toter Materie ist es
wohl nicht ganz so einfach. Es ist wahr, im Walfisch wirkt, wenn man es so ausdrücken will, eine gestaltende
Kraft, die dafür sorgt, daß auch nach der Verletzung sich wieder ein ganzer Walfisch bildet. Natürlich weiß
der Walfisch von dieser gestaltenden Kraft nichts. Sie steckt wohl in einer noch nicht bekannten Weise in
seinem biologischen Erbgut.
Aber das Schiff ist ja in Wirklichkeit auch kein ganz toter Gegenstand. Es verhält sich zum Menschen so, wie
das Netz zur Spinne oder das Nest zum Vogel. Die gestaltende Kraft geht hier vom Menschen aus, und die
Reparatur des Bootes entspricht also doch in gewissem Sinne der Heilung beim Walfisch. Denn wenn nicht
ein lebendiges Wesen, in diesem Falle der Mensch, die Gestaltung des Bootes bestimmte, würde es natürlich
auch nie repariert werden. Daß beim Menschen diese gestaltende Kraft durch das Bewußtsein geht, ist
allerdings ein wichtiger Unterschied.«
»Wenn du so von gestaltender Kraft sprichst«, fragte ich zurück, »meinst du damit etwas ganz außerhalb der
bisherigen Physik und Chemie, außerhalb der heutigen Atomphysik, oder meinst du, daß sich diese
gestaltende Kraft irgendwie in der Lagerung von Atomen, in ihrer Wechselwirkung oder irgendwelchen
Resonanzeffekten und dergleichen ausdrücken kann?«
»Zunächst wird man ja wohl feststellen müssen«, antwortete Niels, »daß ein Organismus einen Charakter von
Ganzheit hat, wie ihn ein nach der klassischen Physik zu beurteilendes System aus vielen atomaren
Bausteinen niemals haben könnte.
Aber es handelt sich ja jetzt nicht mehr um die alte Physik, sondern um die Quantenmechanik. Natürlich ist
man versucht, einen Vergleich zu ziehen zwischen den ganzheitlichen Strukturen, die wir in der
Quantentheorie mathematisch darstellen können, etwa den stationären Zuständen von Atomen und
Molekülen, mit jenen, die als Folge biologischer Prozesse auftreten. Aber es gibt da doch auch sehr
charakteristische Unterschiede. Die ganzheitlichen Strukturen der Atomphysik, Atome, Moleküle, Kristalle,
sind ja statische Gebilde. Sie bestehen aus einer bestimmten Anzahl von Elementarbausteinen, Atomkernen
und Elektronen, und sie zeigen keinerlei Veränderung in der Zeit, es sei denn, daß sie von außen gestört
werden. Wenn eine solche äußere Störung eintritt, so reagieren sie zwar auf die Störung, aber wenn diese
nicht zu groß war, kehren sie nach dem Abklingen der Störung wieder in ihren Ausgangszustand zurück. Die
Organismen aber sind keine statischen Gebilde. Der uralte Vergleich eines Lebewesens mit einer Flamme
macht deutlich, daß die lebendigen Organismen, wie die Flamme, eine Form sind, durch die die Materie
gewissermaßen hindurchströmt. Es wird sicher nicht möglich sein, etwa durch Messungen zu bestimmen,
welche Atome zu einem Lebewesen dazugehören und welche nicht. Die Frage muß also wohl so lauten:
Kann die Tendenz, solche Gestalten zu bilden, durch die eine Materie mit sehr bestimmten komplizierten
chemischen Eigenschaften für eine begrenzte Zeit ›hindurchströmt‹, aus der Quantenmechanik verstanden
werden?«
»Der Mediziner«, warf Chievitz ein, »braucht sich um die Beantwortung dieser Frage natürlich gar nicht zu
kümmern. Er nimmt an, daß der Organismus die Tendenz hat, normale Verhältnisse wiederherzustellen, wenn
sie gestört waren, und wenn man dem Organismus die Möglichkeit dazu gibt; und der Mediziner ist
gleichzeitig überzeugt, daß die Vorgänge kausal ablaufen, das heißt, daß zum Beispiel auf einen
mechanischen oder chemischen Eingriff hin genau das erfolgt, was nach Physik und Chemie erfolgen sollte.
Daß diese beiden Betrachtungsweisen eigentlich gar nicht zusammenpassen, wird den meisten Medizinern
nicht bewußt.«
»Das ist doch der typische Fall zweier komplementärer Betrachtungsweisen«, meinte Niels. »Wir können
entweder über den Organismus mit den Begriffen sprechen, die sich im Laufe der menschlichen Geschichte
aus dem Umgang mit lebendigen Wesen gebildet haben. Dann reden wir von ›lebendig‹, ›Funktion eines
Organs‹, ›Stoffwechsel‹, ›Atmung‹, ›Heilungsprozeß‹ usw. Oder wir können nach dem kausalen Ablauf
fragen. Dann benützen wir die Sprache von Physik und Chemie, studieren chemische oder elektrische
Vorgänge, zum Beispiel bei der Nervenleitung, und nehmen dabei an, offensichtlich mit großem Erfolg, daß
die physikalisch-chemischen Gesetze, oder allgemeiner, die Gesetze der Quantentheorie im Organismus
uneingeschränkt gelten. Die beiden Betrachtungsweisen widersprechen einander. Denn im einen Fall setzen
wir voraus, daß das Geschehen durch den Zweck bestimmt ist, dem es dient, durch das Ziel, auf das es
gerichtet ist; im anderen glauben wir, daß es durch das unmittelbar vorhergehende Geschehen, die unmittelbar
vorhergehende Situation festgelegt sei. Daß beide Forderungen sozusagen zufällig das gleiche ergeben,
erscheint doch als äußerst unwahrscheinlich. Aber die beiden Betrachtungsweisen ergänzen einander auch;
denn in Wirklichkeit wissen wir ja längst, daß beide richtig sind, eben weil es Leben gibt. Die Frage, die sich
für die Biologie stellt, lautet also nicht, welche der beiden Betrachtungsweisen richtiger sei, sondern nur, wie
die Natur es zuwege gebracht hat, daß sie zusammenpassen.«
»Du würdest also nicht glauben«, fügte ich ein, »daß es neben den aus der heutigen Atomphysik bekannten
Kräften und Wechselwirkungen noch irgendeine besondere Lebenskraft gibt - so wie es etwa der Vitalismus
früher angenommen hat -, die für das besondere Verhalten der lebendigen Organismen, hier also für das
Zuheilen der Wunde beim Walfisch, verantwortlich ist. Vielmehr wird nach deiner Ansicht der Platz für die
typisch biologischen Gesetzmäßigkeiten, für die es in der anorganischen Materie kein Analogen gibt, durch die
von dir eben als komplementär beschrie bene Situation geschaffen.«
»Ja, damit bin ich einverstanden«, meinte Niels. »Man kann wohl auch sagen, daß die beiden
Betrachtungsweisen, von denen wir gesprochen haben, sich auf komplementäre Beobachtungssituationen
beziehen. Im Prinzip könnten wir wahrscheinlich die Stellung jedes Atoms in einer Zelle ausmessen. Aber
man kann sich nicht denken, daß eine solche Messung möglich wäre, ohne die lebendige Zelle dabei zu töten.
Was wir am Schluß wüßten, wäre also die Anordnung der Atome in einer getöteten Zelle, nicht in einer
lebendigen. Wenn wir dann nach der Quantenmechanik ausrechnen, was mit der aus der Beobachtung
entnommenen Anordnung von Atomen weiter geschieht, so wird die Antwort lauten, daß die Zelle zerfällt, in
Verwesung übergeht oder wie man das nennen will. Wenn wir umgekehrt die Zelle am Leben erhalten
wollen und daher nur sehr begrenzte Beobachtungen der atomaren Struktur zulassen, so werden die aus
diesen begrenzten Ergebnissen gewonnenen Aussagen auch noch richtig bleiben, sie werden aber keine
Entscheidung darüber zulassen, ob die Zelle am Leben bleibt oder zerfällt.«
»Diese Abgrenzung der biologischen Gesetzmäßigkeiten von den physikalisch-chemischen durch die
Komplementarität finde ich einleuchtend«, setzte ich das Gespräch fort. »Aber das, was du gesagt hast, läßt
noch die Wahl offen zwischen zwei Interpretationen, die nach Ansicht vieler Naturwissenschaftler radikal
verschieden sind. Träumen wir uns für einen Moment in einen zukünftigen Zustand der Naturwissenschaft, in
dem die Biologie ebenso vollständig mit Physik und Chemie verschmolzen sein wird, wie in der heutigen
Quantenmechanik Physik und Chemie miteinander verschmolzen sind. Glaubst du, daß die Naturgesetze in
dieser gesamten Wissenschaft dann einfach die Gesetze der Quantenmechanik sein werden, denen man noch
biologische Begriffe zugeordnet hat, so wie man den Gesetzen der Newtonschen Mechanik noch statistische
Begriffe wie Temperatur und Entropie zuordnen kann; oder meinst du, in dieser einheitlichen Natur-
wissenschaft gelten dann umfassendere Naturgesetze, von denen aus die Quantenmechanik nur als ein
spezieller Grenzfall erscheint, so wie die Newtonsche Mechanik als Grenzfall der Quantenmechanik
betrachtet werden kann? Für die erste Behauptung spräche, daß man ja den quantenmechanischen Gesetzen
jedenfalls noch den Begriff der erdgeschichtlichen Entwicklung, der Selektion hinzufügen muß, um die Fülle
der Organismen zu erklären. Man kann keinen Grund einsehen, warum die Hinzufügung dieses historischen
Elements prinzipielle Schwierigkeiten machen sollte. Die Organismen wären also Formen, die die Natur im
Laufe einiger Milliarden Jahre auf der Erde im Rahmen der quantenmechanischen Gesetze eingeübt hat.
Aber es gibt wohl auch Argumente für die zweite Auffassung. Zum Beispiel kann man sagen, daß in der
Quantentheorie bisher nichts von einer Tendenz zur Bildung von solchen ganzheitlichen Formen zu erkennen
sei, die durch immer wechselnde Materie mit sehr bestimmten chemischen Eigenschaften für eine begrenzte
Zeit aufrechterhalten werden. Ich weiß nicht, welches Gewicht die Argumente für die beiden Auffassungen
haben. Aber was meinst du dazu, Niels?«
»Zunächst kann ich nicht einsehen«, antwortete Niels, »daß die Entscheidung zwischen den beiden
Möglichkeiten im jetzigen Stadium der Wissenschaft so besonders wichtig sein soll. Es kommt doch vor allem
darauf an, daß wir gegenüber der beherrschenden Rolle der physikalischen und chemischen
Gesetzmäßigkeiten im Naturgeschehen einen angemessenen Platz für die Biologie finden. Dazu reicht aber
die Überlegung über die Komplementarität der Beobachtungssituationen, die wir vorhin angestellt haben, of-
fensichtlich aus. Eine Ergänzung der Quantenmechanik durch biologische Begriffe wird daher so oder so
stattfinden. Ob aber zugleich mit der Ergänzung auch eine Erweiterung der Quantenmechanik notwendig sein
wird, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen. Vielleicht ist der Reichtum an mathematischen Formen,
der in der Quantentheorie steckt, längst groß genug, um auch die biologischen Formen darzustellen. Solange
die biologische Forschung selbst keinen Grund für eine Erweiterung der quantentheoretischen Physik sieht,
soll man natürlich auch nicht nach solchen Erweiterungen suchen. Es ist in der Naturwissenschaft immer eine
gute Politik, so konservativ wie möglich zu sein und nur unter dem Zwang sonst unerklärbarer Beobachtungen
Erweiterungen vorzunehmen.«
»Es gibt ja Biologen, die glauben, daß dieser Zwang vorliege«, setzte ich das Gespräch fort, »die meinen, daß
die Darwinsche Theorie in ihrer heutigen Form: ›zufällige Mutationen und Auswahl durch den
Selektionsprozeß« nicht ausreiche, um die verschiedenen organischen Formen auf der Erde zu erklären. Aber
dem Laien leuchtet es ja durchaus ein, wenn er von den Biologen lernt, daß zufällige Mutationen eintreten
können, daß sich also das Erbgut der betreffenden Art gelegentlich ändert, einmal in dieser, einmal in jener
Richtung, und daß durch die Umweltbedingungen einige dieser abgeänderten Arten in der Fortpflanzung
bevorzugt, andere gehemmt werden. Wenn dann Darwin erklärt, daß es sich hier um einen Ausleseprozeß
handelt, daß eben nur ›der Kräftigste überlebt‹, so wird man das gern glauben, aber man wird vielleicht
fragen, ob es sich bei diesem Satz um eine Aussage oder um eine Definition des Wortes ›kräftig‹ handelt.
Wir nennen eben jene Arten ›kräftig‹ oder ›geeignet‹ oder ›lebenstüchtig‹, die unter den gegebenen
Umständen besonders gut gedeihen. Aber selbst wenn wir einsehen, daß durch diesen Ausleseprozeß Arten
entstehen, die besonders geeignet oder lebenstüchtig sind, so ist es doch immer noch schwer zu glauben, daß
so komplizierte Organe wie etwa das menschliche Auge nur durch solche zufälligen Änderungen allmählich
entstanden sind. Viele Biologen sind ja offenbar der Ansicht, daß so etwas möglich sei, und sie sind wohl
auch in der Lage anzugeben, welche einzelnen Schritte im Lauf der Erdgeschichte zu dem Endprodukt, dem
Auge, geführt haben könnten. Aber andere scheinen skeptisch.
Mir wurde von einem Gespräch erzählt, das der Mathematiker und Quantentheoretiker von Neumann einmal
mit einem Biologen über diese Frage geführt hat. Der Biologe war ein überzeugter Anhänger des modernen
Darwinismus, von Neumann war skeptisch. Der Mathematiker führte den Biologen ans Fenster seines
Studierzimmers und sagte: ›Sehen Sie dort drüben auf dem Hügel das hübsche weiße Landhaus? Das ist
durch Zufall entstanden. Im Lauf der Millionen Jahre ist der Hügel durch geologische Prozesse gebildet
worden, die Bäume sind gewachsen, morsch geworden, zerfallen und wieder gewachsen, und dann hat der
Wind gelegentlich die Spitze des Hügels mit Sand bedeckt, Steine sind vielleicht durch einen vulkanischen
Prozeß dorthin geschleudert worden und durch Zufall auch einmal geordnet aufeinander liegen geblieben.
Und so ist es weiter gegangen. Natürlich ist im Lauf der Erdgeschichte durch diese zufälligen ungeordneten
Vorgänge meist irgendetwas anderes entstanden. Aber einmal ist eben auch nach langer, langer Zeit das
Landhaus entstanden, und dann sind Menschen eingezogen und bewohnen es jetzt.‹ Der Biologe war
natürlich nicht sehr glücklich über diese Argumentation. Aber von Neumann ist ja auch, kein Biologe, und ich
traue mir kein Urteil darüber zu, wer hier recht hat. Ich vermute, daß es auch unter den Biologen keine
einheitliche Meinung darüber gibt, ob der Darwinsche Ausleseprozeß zur Erklärung der komplizierten
Organismen ausreicht oder nicht.«
»Das ist wohl einfach eine Frage nach der Zeitskala«, meinte Niels. »Die Darwinsche Theorie in ihrer
heutigen Form enthält ja zwei unabhängige Aussagen. In der einen wird behauptet, daß im Prozeß der
Vererbung immer neue Formen ausprobiert werden, von denen die meisten unter den gegebenen äußeren
Umständen wieder als unbrauchbar eliminiert werden; nur wenige geeignete bleiben übrig. Das ist wohl
empirisch sicher richtig. Es wird aber zweitens angenommen, daß die neuen Formen durch rein zufällige
Störungen der Genstruktur zustande kommen. Diese zweite These ist, auch wenn wir uns schwer etwas
anderes vorstellen können, viel problematischer. Das Neumannsche Argument soll natürlich dartun, daß zwar
nach hinreichend langer Zeit fast alles durch Zufall entstehen kann, daß man aber bei einer solchen Erklärung
leicht zu absurd langen Zeiten kommt, die in der Natur sicher nicht zur Verfügung stehen. Schließlich wissen
wir aus physikalischen und astrophysikalischen Beobachtungen, daß seit der Entstehung primitivster
Lebewesen auf der Erde höchstens einige Milliarden Jahre vergangen sein können. In dieser Zeit muß also
die ganze Entwicklung von den primitivsten bis zu den höchstentwickelten Lebewesen abgelaufen sein. Ob
das Spiel der zufälligen Mutationen und Auslese durch den Selektionsprozeß ausreicht, um in dieser Zeit zu
den komplizierten hochentwickelten Organismen zu führen, hängt also von den biologischen Zeiten ab, die zur
Entwicklung neuer Arten gebraucht werden. Ich vermute, daß man bisher noch viel zuwenig über diese
Zeiten weiß, um eine zuverlässige Antwort geben zu können. Daher wird man das Problem wohl einstweilen
auf sich beruhen lassen müssen.«
»Ein weiteres Argument«, fuhr ich fort, »das für die Notwendigkeit einer Erweiterung der Quantentheorie
gelegentlich angeführt wird, ist die Existenz des menschlichen Bewußtseins. Es kann ja kein Zweifel darüber
bestehen, daß der Begriff ›Bewußtsein‹ in Physik und Chemie nicht vorkommt, und man kann auch wirklich
nicht einsehen, wie irgend etwas Ähnliches aus der Quantenmechanik sich ergeben sollte. In einer
Naturwissenschaft, die auch die lebendigen Organismen mit umfaßt, muß das Bewußtsein aber einen Platz
haben, weil es zur Wirklichkeit gehört.«
»Dieses Argument«, sagte Niels, »sieht natürlich im ersten Augenblick sehr überzeugend aus. Wir können in
den Begriffen von Physik und Chemie nichts finden, das auch nur entfernt mit dem Bewußtsein zu tun hätte.
Wir wissen nur, daß es Bewußtsein gibt, weil wir es selbst besitzen. Das Bewußtsein ist also auch ein Teil
der Natur, oder sagen wir allgemeiner, der Wirklichkeit, und wir müssen neben Physik und Chemie, deren
Gesetze in der Quantentheorie niedergelegt sind, noch Gesetzmäßigkeiten ganz anderer Art beschreiben und
verstehen können. Aber selbst hier weiß ich nicht, ob man mehr Freiheit braucht, als durch die Kom-
plementaritätsüberlegung schon gegeben wird. Es scheint mir auch hier wenig Unterschied zu machen, ob
man - wie in der statistischen Deutung der Wärmelehre - mit der unveränderten Quantenmechanik neue
Begriffe in Verbindung bringt und in ihnen neue Gesetzmäßigkeiten formuliert, oder ob man, wie es bei der
Erweiterung der klassischen Physik zur Quantentheorie notwendig war, die Quantentheorie selbst zu einem
allgemeineren Formalismus erweitern muß, um auch die Existenz des Bewußtseins mit zu ergreifen. Das
eigentliche Problem lautet doch: Wie kann der Teil der Wirklichkeit, der mit dem Bewußtsein anfängt, mit je-
nem anderen zusammenpassen, der von Physik und Chemie beschrieben wird? Wie kommt es, daß die
Gesetzmäßigkeiten in diesen beiden Teilen nicht in Konflikt geraten? Hier handelt es sich doch offensichtlich
um eine echte Situation der Komplementarität, die man, wenn man später mehr über die Biologie weiß,
natürlich noch im einzelnen genauer analysieren muß.«
So setzte sich das Gespräch noch über Stunden fort. Eine Zeitlang übernahm Niels das Ruder, und Chievitz
kontrollierte den Kompaß, und ich saß weiter vorne, um in der schwarzen Nacht irgendwelche Lichtpunkte zu
entdecken. Die Mitternacht war vorüber. Hinter den noch immer ziemlich dichten Wolken zeigte manchmal
ein heller Schein die Stellung des Mondes an. Wir mußten, seit wir in den Storström eingefahren waren, wohl
gut 40 km zurückgelegt haben. Also sollten wir uns schon dem Sund von Omö nähern, den wir noch passieren
wollten, bevor wir vor Anker gingen. Nach der Seekarte war die Einfahrt in den Sund durch einen aus dem
Wasser herausragenden Besen markiert. Aber wie man in pechschwarzer Nacht nach 40 km Kompaßsegeln
in schwach strömendem Wasser einen Besen finden sollte, blieb mir zunächst schleierhaft.
Chievitz fragte: »Heisenberg, haben Sie den Besen schon gefunden?«
»Nein, Sie könnten genausogut fragen, ob ich den Tischtennisball schon gefunden hätte, der beim letzten
durchfahrenden Dampfer über Bord gegangen ist.
»Dann sind Sie ein schlechter Segler.« »Können Sie nicht nach vorne kommen?«
Chievitz sprach jetzt so laut, daß man es auch in der Koje unten hören mußte: »Es ist immer die alte
Geschichte, wie in allen schlechten Romanen; der Kapitän schläft, das Schiff läuft auf ein Riff, und die
Mannschaft geht unter.«
Von unten tönte Bjerrums verschlafene Stimme: »Wißt Ihr wenigstens ungefähr, wo wir sind?«
Chievitz: »Doch, ganz genau, auf der Yacht Chita, unter Führung von Kapitän Bjerrum, der leider schläft.«
Bjerrum kam nun nach oben und übernahm die Navigation. In weiter Ferne konnte man noch die Signale
eines Leuchtfeuers erkennen, das nun genau angepeilt werden mußte. Außerdem erhielt ich den Auftrag, mit
einem Lot die Wassertiefe auszumessen, was bei der relativ langsamen Fahrt einigermaßen genau möglich
war. Nun wurde die Seekarte zu Rate gezogen, und da wir zwei Koordinaten für unsere Position hatten, die
Gerade zum Leuchtfeuer und die Linie der gemessenen Wassertiefe, ergab sich eine Position, die, wie wir zu
unserer freudigen Überraschung feststellten, nur noch einen guten Kilometer von jenem gesuchten Besen
entfernt sein sollte. Wir segelten dann noch einige Minuten in der vorgeschriebenen Richtung. Bjerrum kam
zu mir nach vorne an die Spitze, und während ich noch absolut nichts sehen konnte, sagte er plötzlich: »Da ist
er«, und wir hatten nur noch einige hundert Meter zur Einfahrt in den Sund von Omö. Auf der anderen Seite
der Insel gingen wir dann vor Anker und waren alle froh, den Rest der Nacht in der Koje in tiefem Schlaf
verbringen zu können.
10. Quantenmechanik und Kantsche Philosophie
(1930-1932)

Mein neuer Leipziger Kreis erweiterte sich in jenen Jahren rasch. Hochbegabte junge Menschen aus den
verschiedensten Ländern stießen zu uns, um an der Entwicklung der Quantenmechanik teilzunehmen oder sie
auf die Struktur der Materie anzuwenden. Und diese aktiven, allem Neuen aufgeschlossenen Physiker berei-
cherten unsere Diskussionen im Seminar und erweiterten fast von Monat zu Monat den Raum, der durch die
neuen Gedanken erschlossen werden konnte. Der Schweizer Felix Bloch begründete das Verständnis der
elektrischen Eigenschaften der Metalle, Landau aus Rußland und Peierls diskutierten über die mathemati-
schen Probleme der Quantenelektrodynamik, Friedrich Hund entwickelte die Theorie der chemischen
Bindung, Edward Teller berechnete optische Eigenschaften von Molekülen. Im Alter von knapp 18 Jahren
trat Carl Friedrich von Weizsäcker dieser Gruppe bei und brachte eine philosophische Note in ihre Ge-
spräche; obwohl er Physik studierte, war deutlich zu spüren, daß er immer dann, wenn durch unsere
physikalischen Probleme im Seminar Fragen der Philosophie oder der Erkenntnistheorie aufgeworfen wurden,
besonders aufmerksam und gespannt zuhörte und unter starker innerer Beteiligung mitdiskutierte.
Eine besondere Gelegenheit zu philosophischen Gesprächen ergab sich dann ein oder zwei Jahre später, als
eine junge Philosophin, Grete Hermann, nach Leipzig kam, um sich mit den Atomphysikern über deren
philosophische Behauptungen auseinanderzusetzen - Behauptungen, von deren Unrichtigkeit sie zunächst fest
überzeugt war. Grete Hermann hatte im Kreis um den Göttinger Philosophen Nelson studiert und
mitgearbeitet, und sie war dort in den Gedankengängen der Kantschen Philosophie aufgewachsen, so wie sie
von dem Philosophen und Naturforscher Fries am Anfang des 19. Jahrhunderts interpretiert worden war. Es
gehörte zu den Forderungen der Friesschen Schule und damit auch des Nelsonschen Kreises, daß
philosophische Überlegungen den gleichen Grad von Strenge haben müßten, wie ihn sonst nur die moderne
Mathematik verlangt. Mit diesem Grad von Strenge glaubte nun Grete Hermann nachweisen zu können, daß
an dem Kausalgesetz - in der Form, die ihm Kant gegeben hat - nicht gerüttelt werden könne. Die neue
Quantenmechanik aber stellte diese Form des Kausalgesetzes doch in gewisser Weise in Frage, und die junge
Philosophin war entschlossen, diesen Kampf bis zum Ende auszufechten.
Unser erstes Gespräch, in dem sie mit Carl Friedrich von Weizsäcker und mir diskutierte, könnte sie etwa mit
folgender Überle gung begonnen haben:
»In der Philosophie Kants ist das Kausalgesetz doch nicht eine empirische Behauptung, die durch die
Erfahrung begründet oder auch widerlegt werden könnte, sondern es ist umgekehrt die Voraussetzung für alle
Erfahrung, es gehört zu jenen Denkkategorien, die Kant ›a priori‹ nennt. Die Sinneseindrücke, mit denen wir
die Welt aufnehmen, wären ja nichts als ein subjektives Spiel von Empfindungen, denen kein Objekt
entspräche, wenn es nicht eine Regel gäbe, nach der die Eindrücke aus einem vorhergehenden Vorgang
folgen. Diese Regel, nämlich die eindeutige Verknüpfung von Ursache und Wirkung, muß also schon
vorausgesetzt werden, wenn man die Wahrnehmungen objektivieren will, wenn man behaupten will, daß man
etwas - ein Ding oder einen Vorgang - erfahren habe. Die Naturwissenschaft andererseits handelt von
Erfahrungen, und zwar gerade von objektiven Erfahrungen; nur solche Erfahrungen, die auch von anderen
kontrolliert werden können, die in diesem präzisen Sinne objektiv sind, können den Gegenstand der
Naturwissenschaft bilden. Daraus folgt doch zwangsläufig, daß alle Naturwissenschaft das Kausalgesetz vor-
aussetzen muß, daß es nur soweit Naturwissenschaft geben kann, wie es auch Kausalgesetz gibt. Das
Kausalgesetz ist also gewissermaßen ein Werkzeug unseres Denkens, mit dem wir versuchen, das
Rohmaterial unserer Sinneseindrücke zu Erfahrung zu verarbeiten. Und nur in dem Umfang, in dem dies
gelingt, besitzen wir auch einen Gegenstand für die Naturwissenschaft. Wie kann es also sein, daß die
Quantenmechanik dieses Kausalgesetz auflockern will und doch gleichzeitig Naturwissenschaft bleiben
möchte?«
Ich mußte nun versuchen, zunächst die Erfahrungen zu schildern, die zur statistischen Deutung der
Quantentheorie geführt hatten.
»Nehmen wir an, wir hätten es mit einem einzelnen Atom der Sorte Radium B zu tun. Es ist zwar sicher
leichter mit vielen solchen Atomen auf einmal, das heißt mit einer kleinen Menge Radium B, zu
experimentieren als mit einem einzelnen Atom, aber prinzipiell gibt es wohl kein Hindernis, auch das
Verhalten eines einzelnen solchen Atoms zu untersuchen. Dann wissen wir also, über kurz oder lang wird das
Radium B-Atom in irgendeiner Richtung ein Elektron aussenden und damit in ein Radium C-Atom übergehen.
Im Mittel wird das nach einer knappen halben Stunde geschehen, aber das Atom kann sich ebensogut schon
nach Sekunden oder erst nach Tagen umwandeln. Im Mittel heißt dabei; wenn wir es mit vielen Radium B-
Atomen zu tun haben, dann wird nach einer halben Stunde ungefähr die Hälfte umgewandelt sein. Aber wir
können, und darin äußert sich eben ein gewisses Versagen des Kausalgesetzes, beim einzelnen Radium B-
Atom keine Ursache dafür angeben, daß es gerade jetzt und nicht früher oder später zerfällt, daß es gerade
in dieser Richtung und nicht in einer anderen das Elektron aussendet. Und wir sind aus vielen Gründen
überzeugt, daß es auch keine solche Ursache gibt.«
»Eben an dieser Stelle«, entgegnete Grete Hermann, »könnte doch der Fehler der heutigen Atomphysik
liegen. Aus der Tatsache, daß man für ein bestimmtes Ereignis noch keine Ursache gefunden hat, kann doch
unmöglich gefolgert werden, daß es auch keine Ursache gibt. Ich würde daraus nur schließen, daß hier noch
eine ungelöste Aufgabe vorliegt, das heißt daß die Atomphysiker weiter suchen sollen, bis sie die Ursache
gefunden haben. Die Kenntnis, die sie vom Zustand des Radium B-Atoms vor der Aussendung des Elektrons
haben, ist bisher offenbar unvollständig, denn sonst müßte man ja bestimmen können, wann und in welcher
Richtung das Elektron ausgesandt werden soll. Man muß also weiter suchen, bis man eine vollständige
Kenntnis erworben hat.«
»Nein, wir halten diese Kenntnis für vollständig«, versuchte ich weiter zu erklären. »Denn aus anderen
Experimenten, die wir auch mit diesem Radium B-Atom anstellen könnten, geht hervor, daß es keine
weiteren Bestimmungsstücke dieses Atoms geben kann als jene, die wir schon kennen. Ich will das genauer
auseinandersetzen: Wir haben eben festgestellt, daß man nicht weiß, in welcher Richtung das Elektron
ausgesandt werden wird, und Sie haben geantwortet, also müsse man weiter nach Bestimmungsstücken
suchen, die diese Richtung determinieren. Aber nehmen wir weiter an, wir hätten solche Bestimmungsstücke
gefunden, so geraten wir in folgende Schwierigkeit. Das auszusendende Elektron kann ja auch als eine
Materiewelle aufgefaßt werden, die vom Atomkern ausgestrahlt wird. Eine solche Welle kann Inter-
ferenzerscheinungen auslösen. Nehmen wir ferner an, daß die Teile der Welle, die zunächst vom Atomkern
in entgegengesetzten Richtungen ausgesandt werden, in einer dazu eingerichteten Apparatur zur Interferenz
gebracht werden und daß als Folge des Apparates danach in einer bestimmten Richtung Auslöschung eintritt.
Das würde bedeuten, daß mit Sicherheit vorhergesagt werden kann, daß das Elektron schließlich nicht in
dieser Richtung ausgesandt werden wird. Wenn wir aber neue Bestimmungsstücke kennengelernt hätten, aus
denen hervorginge, daß das Elektron zunächst vom Atomkern in einer ganz bestimmten Richtung ausgesandt
werden wird, so würde die Interferenzerscheinung ja gar nicht zustande kommen können. Die Auslöschung
durch Interferenz würde nicht eintreten, und der vorher gezogene Schluß könnte nicht aufrecht erhalten
werden. Tatsächlich aber wird die Auslöschung experimentell beobachtet werden. Die Natur teilt uns also
mit, daß es die umstrittenen Bestimmungsstücke gar nicht gibt, daß unsere Kenntnis schon ohne neue
Bestimmungsstücke vollständig ist.«
»Aber das ist ja fürchterlich«, meinte Grete Hermann. »Auf der einen Seite sagen Sie, unsere Kenntnis des
Radium B-Atoms sei unvollständig, denn wir wissen nicht, wann und in welcher Richtung das Elektron
ausgesandt werden wird; auf der anderen Seite sagen Sie, die Kenntnis sei vollständig, denn wenn es noch
weitere Bestimmungsstücke gäbe, würden wir in Widerspruch zu gewissen anderen Experimenten geraten.
Aber unsere Kenntnis kann doch nicht gleichzeitig vollständig und unvollständig sein. Das ist doch einfach
Unsinn.«
Carl Friedrich fing nun an, die Voraussetzungen der Kantschen Philosophie etwas genauer zu analysieren:
»Der scheinbare Widerspruch«, sagte er, »der hier vorliegt, kommt wohl dadurch zustande, daß wir in dem,
was wir sagen, so tun, als ob man von einem Radium B-Atom ›an sich‹ sprechen könnte. Das ist aber nicht
selbstverständlich und eigentlich auch nicht richtig. Schon bei Kant ist das ›Ding an sich« ja ein
problematischer Begriff. Kant weiß, daß man vom ›Ding an sich‹ nichts aussagen kann; gegeben sind uns nur
Objekte der Wahrnehmung. Aber Kant nimmt an, daß man diese Objekte der Wahrnehmung sozusagen nach
dem Modell eines ›Dinges an sich« verknüpfen oder ordnen kann. Er setzt also eigentlich jene Struktur der
Erfahrung als a priori gegeben voraus, an die wir uns im täglichen Leben gewöhnt haben und die in präziser
Form die Grundlage der klassischen Physik bildet. Die Welt besteht nach dieser Auffassung aus Dingen im
Raum, die sich in der Zeit verändern, aus Vorgängen, die aufeinander nach einer Regel folgen. Aber in der
Atomphysik haben wir gelernt, daß sich die Wahrnehmungen nicht mehr nach dem Modell des ›Dinges an
sich‹ verknüpfen oder ordnen lassen. Daher gibt es auch kein Radium B-Atom ›an sich‹.«
Grete Hermann unterbrach ihn: »Die Art, wie Sie den Begriff ›Ding an sich‹ benützen, scheint mir nicht
genau dem Geist der Kantschen Philosophie zu entsprechen. Sie müssen deutlich unterscheiden zwischen
dem Ding an sich und dem physikalischen Gegenstand. Das Ding an sich tritt nach Kant in der Erscheinung
überhaupt nicht auf, auch nicht indirekt. Dieser Begriff hat in der Naturwissenschaft und in der ganzen
theoretischen Philosophie nur die Funktion, dasjenige zu bezeichnen, worüber man schlechterdings nichts
wissen kann. Denn unser ganzes Wissen ist auf Erfahrung angewiesen, und Erfahrung bedeutet gerade,
Dinge so kennen, wie sie uns erscheinen. Auch die Erkenntnis a priori geht nicht auf ›Dinge, wie sie an sich
sein mögen‹, denn ihre einzige Funktion ist, Erfahrung möglich zu machen. Wenn Sie im Sinne der klassischen
Physik vom Radium B-Atom ›an sich‹ sprechen, so meinen Sie damit also eher das, was Kant einen Gegen-
stand oder ein Objekt nennt. Objekte sind Teile der Welt der Erscheinung: Stühle und Tische, Sterne und
Atome.«
»Auch wenn man sie gar nicht sieht, wie zum Beispiel die Atome?«
»Auch dann, denn wir erschließen sie aus der Erscheinung. Die Welt der Erscheinung ist ein
zusammenhängendes Gefüge, und es ist ohnehin, selbst in der alltäglichen Wahrnehmung, nicht möglich,
scharf zwischen dem zu unterscheiden, was man unmittelbar sieht und dem, was man nur erschließt. Sie
sehen diesen Stuhl; seine Rückseite sehen Sie jetzt gerade nicht, aber Sie nehmen sie doch mit derselben
Sicherheit an wie die Vorderseite, die Sie sehen. Das heißt eben, daß Naturwissenschaft objektiv ist; sie ist
objektiv, weil sie nicht von Wahrnehmungen, sondern von Objekten redet.«
»Aber vom Atom sehen wir weder die Vorder- noch die Rückseite. Warum soll es dieselben Eigenschaften
haben wie Stühle und Tische?«
»Weil es ein Objekt ist. Ohne Objekte keine objektive Wissenschaft. Und was Objekte sind, ist durch die
Kategorien Substanz, Kausalität usw. bestimmt. Wenn Sie auf die strenge Anwendung dieser Kategorien
verzichten, so verzichten Sie auf die Möglichkeit von Erfahrung überhaupt.«
Aber Carl Friedrich wollte nicht lockerlassen. »Es handelt sieh in der Quantentheorie um eine neue Art, die
Wahrnehmungen zu objektivieren, auf die Kant noch nicht hat verfallen können. Jede Wahrnehmung bezieht
sich auf eine Beobachtungssituation, die angegeben werden muß, wenn aus Wahrnehmung auch Erfahrung
folgen soll. Das Ergebnis der Wahrnehmungen läßt sich nicht mehr in der gleichen Weise objektivieren, wie
das in der klassischen Physik möglich war. Wenn ein Experiment gemacht worden ist, aus dem geschlossen
werden kann, daß hier und jetzt ein Radium B-Atom vorhanden sei, so ist die damit erworbene Kenntnis
vollständig für diese Beobachtungssituation; aber für eine andere Beobachtungssituation, die etwa Aussagen
über ein ausgesandtes Elektron zuläßt, ist sie nicht mehr vollständig. Wenn zwei verschiedene
Beobachtungssituationen in dem Verhältnis zueinander stehen, das von Bohr komplementär genannt worden
ist, so bedeutet eine vollständige Kenntnis für die eine Beobachtungssituation zugleich eine unvollständige
Kenntnis für die andere.«
»Und damit wollen Sie die ganze Kantsche Analyse der Erfahrung zerstören?«
»Nein, das wäre meiner Ansicht nach gar nicht möglich. Kant hat ja sehr genau beobachtet, wie Erfahrung
wirklich gewonnen wird, und ich glaube, daß seine Analyse im wesentlichen richtig ist. Aber wenn Kant die
Anschauungsformen Raum und Zeit und die Kategorie Kausalität als ›a priori‹ zur Erfahrung bezeichnet, so
begibt er sich damit in die Gefahr, sie gleichzeitig absolut zu setzen und zu behaupten, daß sie auch inhaltlich
in beliebigen physikalischen Theorien der Erscheinungen in gleicher Form auftreten müßten. Dies ist aber
nicht der Fall, wie durch Relativitätstheorie und Quantentheorie erwiesen wird. Trotzdem hat Kant in einer
Weise vollständig recht: Die Experimente, die der Physiker anstellt, müssen zunächst immer in der Sprache
der klassischen Physik beschrieben werden, da es anders gar nicht möglich wäre, dem anderen Physiker
mitzuteilen, was gemessen worden ist. Und erst dadurch wird der andere in die Lage versetzt, die Ergebnisse
zu kontrollieren. Das Kantsche ›a priori‹ wird also in der modernen Physik keineswegs beseitigt, aber es wird
in einer gewissen Weise relativiert. Die Begriffe der klassischen Physik, das heißt auch die Begriffe ›Raum‹,
›Zeit‹, ›Kausalität‹, sind in dem Sinn a priori zur Relativitätstheorie und Quantentheorie, als sie bei der
Beschreibung der Experimente verwendet werden müssen - oder sagen wir vorsichtiger, tatsächlich
verwendet werden. Aber inhaltlich werden sie in diesen neuen Theorien doch modifiziert.«
»Mit alledem habe ich doch noch keine ganz klare Antwort auf meine Ausgangsfrage erhalten«, sagte Grete
Hermann. »Ich wollte doch wissen, warum wir dort, wo wir noch keine Ursachen gefunden haben, die zur
Vorausberechnung eines Ereignisses, zum Beispiel des Aussendens eines Elektrons, genügen, nicht weiter
suchen sollen. Sie wollen dieses Suchen ja auch nicht einfach verbieten; aber Sie sagen, dieses Suchen kann
zu nichts führen, da es keine weiteren Bestimmungsstücke geben kann; denn gerade die mathematisch präzis
formulierbare Unbestimmtheit gibt für eine andere Versuchsanordnung zu bestimmten Voraussagen Anlaß.
Und auch dies wird von den Experimenten bestätigt. Wenn man so redet, so erscheint die Unbestimmtheit
gewissermaßen als eine physikalische Realität, sie erhält einen objektiven Charakter, während doch
gewöhnlich Unbestimmtheit einfach als Unkenntnis interpretiert wird und insofern etwas rein Subjektives ist.«
Hier versuchte ich wieder in das Gespräch einzugreifen und sagte: »Damit haben Sie genau den
charakteristischen Zug der heutigen Quantentheorie beschrieben. Wenn wir aus den atomaren Erscheinungen
auf Gesetzmäßigkeiten schließen wollen, so stellt sich heraus, daß wir nicht mehr objektive Vorgänge in
Raum und Zeit gesetzmäßig verknüpfen können, sondern - um einen vorsichtigeren Ausdruck zu gebrauchen
- Beobachtungssituationen. Nur für diese erhalten wir empirische Gesetzmäßigkeiten. Die mathematischen
Symbole, mit denen wir eine solche Beobachtungssituation beschreiben, stellen eher das Mögliche als das
Faktische dar. Vielleicht könnte man sagen, sie stellen ein Zwischending zwischen Möglichem und
Faktischem dar, das objektiv höchstens im gleichen Sinne genannt werden kann wie etwa die Temperatur in
der statistischen Wärmelehre. Diese bestimmte Erkenntnis des Möglichen läßt zwar einige sichere und
scharfe Prognosen zu, in der Regel aber erlaubt sie nur Schlüsse auf die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen
Ereignisses. Kant konnte nicht voraussehen, daß in Erfahrungsbereichen, die weit jenseits der täglichen
Erfahrung liegen, eine Ordnung des Wahrgenommenen nach dem Modell des ›Dings an sich‹ oder, wenn Sie
wollen, des ›Gegenstands‹ nicht mehr durchgeführt werden kann, daß also, um es auf eine einfache Formel
zu bringen, Atome keine Dinge oder Gegenstände mehr sind.«
»Aber was sind sie dann?«
»Dafür wird es kaum einen sprachlichen Ausdruck geben können, denn unsere Sprache hat sich an den
täglichen Erfahrungen gebildet, und die Atome sind ja gerade nicht Gegenstände der täglichen Erfahrung.
Aber wenn Sie mit Umschreibungen zufrieden sind: Sie sind Bestandteile von Beobachtungssituationen, Be-
standteile, die für eine physikalische Analyse der Phänomene einen hohen Erklärungswertbesitzen.«
»Wenn wir schon über die Schwierigkeiten des sprachlichen Ausdrucks reden«, warf hier Carl Friedrich ein,
»so besteht doch vielleicht die wichtigste Lehre, die man aus der modernen Physik ziehen kann, darin, daß
alle Begriffe, mit denen wir Erfahrungen beschreiben, nur einen begrenzten Anwendungsbereich haben. Bei
allen solchen Begriffen wie ›Ding‹, ›Objekt der Wahrnehmung‹. ›Zeitpunkt‹, ›Gleichzeitigkeit‹, ›Ausdehnung‹
usw. können wir experimentelle Situationen aufweisen, in denen wir mit diesen Begriffen in Schwierigkeiten
geraten. Das bedeutet nicht, daß diese Begriffe nicht gleichwohl Voraussetzung aller Erfahrungen seien, aber
es bedeutet, daß es sich um eine Voraussetzung handelt, die jeweils kritisch analysiert werden muß, aus der
keine absoluten Forderungen hergeleitet werden können.«
Grete Hermann war über diese Entwicklung unseres Gesprächs wohl sehr unglücklich. Sie hatte gehofft, mit
den Denkwerkzeugen der Kantschen Philosophie die Ansprüche der Atomphysiker in aller Schärfe
widerlegen zu können oder umgekehrt einzusehen, daß Kant an irgendeiner Stelle einen entscheidenden
Denkfehler begangen hätte. Nun sah es beinahe aus wie ein farbloses Unentschieden, das ihren Wunsch
nach Klarheit nicht voll befriedigte. Sie fragte also weiter: »Bedeutet diese Relativierung des Kantschen ›a
priori‹, ja der Sprache selbst, nicht einfach eine volle Resignation im Sinne des ›ich sehe, daß wir nichts
wissen können‹? Gibt es also nach Ihrer Ansicht keinen Boden der Erkenntnis, auf dem man fest stehen
kann?«
Carl Friedrich antwortete nun sehr mutig, daß er gerade aus der Entwicklung der Naturwissenschaft die
Berechtigung zu einer etwas optimistischeren Auffassung nehme:
»Wenn wir sagen, daß Kant mit seinem ›a priori‹ die Erkenntnissituation der damaligen Naturwissenschaft
richtig analysiert habe, daß wir aber in der heutigen Atomphysik vor einer neuen Erkenntnissituation stünden,
so hat diese Aussage vielleicht eine gewisse Verwandtschaft mit der anderen Aussage, daß die Hebelgesetze
des Archimedes die richtige Formulierung der für die damalige Technik wichtigen praktischen Regeln
enthielten, daß aber diese Gesetze für die heutige Technik, zum Beispiel für die Technik der Elektronen, nicht
mehr ausreichen. Die Hebelgesetze des Archimedes enthalten echtes Wissen, nicht nur unbestimmtes
Meinen. Sie werden zu allen Zeiten gelten, in denen von Hebeln die Rede ist, und wenn es auf den Planeten
irgendwelcher weit entfernten Sternsysteme Hebel gibt, so müssen auch dort die Behauptungen des
Archimedes richtig bleiben. Der zweite Teil der Aussage, daß die Menschen mit der Erweiterung ihres
Wissens in Bereiche der Technik vorgedrungen seien, in denen der Begriff des Hebels nicht mehr ausreicht,
bedeutet also eigentlich weder eine Relativierung noch eine Historisierung der Hebelgesetze; er bedeutet nur,
daß die Hebelgesetze in der geschichtlichen Entwicklung Teile eines umfassenderen Systems der Technik
werden, daß ihnen später nicht mehr die zentrale Bedeutung zukommt, die sie am Anfang hatten. In ähnlicher
Weise glaube ich, daß die Kantsche Analyse der Erkenntnis echtes Wissen, nicht nur unbestimmtes Meinen
enthält, und daß sie überall dort richtig bleibt, wo lebendige Wesen, die reflektieren können, zu ihrer Umwelt
in die Beziehung treten, die wir vom menschlichen Standpunkt aus »Erfahrung‹ genannt haben. Aber auch
das Kantsche ›a priori‹ kann später aus seiner zentralen Stellung verdrängt und Teil einer sehr viel
umfassenderen Analyse des Erkenntnisprozesses werden. Es wäre an dieser Stelle sicher falsch,
naturwissenschaftliches oder philosophisches Wissen mit dem Satz ›Jede Zeit hat ihre eigene Wahrheit‹
aufweichen zu wollen. Aber man muß sich doch gleichzeitig vor Augen halten, daß sich mit der historischen
Entwicklung auch die Struktur des menschlichen Denkens ändert. Der Fortschritt der Wissenschaft vollzieht
sich nicht nur dadurch, daß uns neue Tatsachen bekannt und verständlich werden, sondern auch dadurch, daß
wir immer wieder neu lernen, was das Wort ›Verstehen‹ bedeuten kann.«
Mit dieser Antwort, die ja teilweise von Bohr stammte, war Grete Hermann, wie uns schien, einigermaßen
zufrieden, und wir hatten das Gefühl, das Verhältnis der Kantschen Philosophie zur modernen
Naturwissenschaft besser verstanden zu haben.
11. Diskussionen über die Sprache (1933)

Das »goldene Zeitalter der Atomphysik« ging nun schnell seinem Ende entgegen. In Deutschland wuchs die
politische Unruhe. Radikale Gruppen von rechts und links demonstrierten auf den Straßen, bekämpften sich
mit Waffen in den Hinterhöfen der ärmeren Stadtviertel und agitierten gegeneinander in öffentlichen Ver-
sammlungen. Fast unmerklich breitete sich die Unruhe und mit ihr die Angst auch im Universitätsleben und in
den Fakultätssitzungen aus. Eine Zeitlang versuchte ich die Gefahr von mir wegzuschieben, die Auftritte auf
den Straßen zu ignorieren. Aber die Wirklichkeit ist schließlich doch stärker als unsere Wünsche, und sie
drang diesmal in Form eines Traumes in mein Bewußtsein ein. An einem Sonntagmorgen wollte ich mit Carl
Friedrich sehr früh zu einer Radtour aufbrechen; ich hatte den Wecker auf fünf Uhr gestellt. Aber vor dem
Erwachen erschien mir im Dämmerzustand ein merkwürdiges Bild. Ich ging wieder wie im Frühjahr 1919 in
der ersten Morgensonne durch die Ludwigstraße in München. Die Straße war von einem rötlichen, immer
heller und unheimlicher werdenden Licht erfüllt, eher Feuer als Morgensonne. Menschenmengen mit roten
und schwarzweißroten Fahnen fluteten vom Siegestor gegen die Brunnen vor der Universität, ein Brausen
und Toben erfüllte die Luft. Plötzlich fing dicht vor mir ein Maschinengewehr zu hämmern an. Ich versuchte
mich durch einen Sprung in Sicherheit zu bringen - und erwachte; das Hämmern des Maschinengewehrs war
einfach das Klingeln des Weckers gewesen, und das rötliche Licht war die Morgensonne auf den Vorhängen
meines Schlafzimmers. Aber von diesem Augenblick an wußte ich, daß es nun wieder ernst werden würde.
Der Katastrophe im Januar 1933 folgte noch einmal eine glückliche Ferienzeit mit den alten Freunden, die wie
ein schöner, aber schmerzlicher Abschied vom »goldenen Zeitalter« lang in unserer Erinnerung
nachleuchtete.
In den Bergen oberhalb des Dorfes Bayrischzell auf der Steilen Alm am Südhang des Großen Traithen stand
mir eine Skihütte zur Verfügung. Sie war früher einmal von meinen Freunden aus der Jugendbewegung
wiederaufgebaut worden, nachdem eine Lawine sie halb zerstört hatte. Der Vater eines Kameraden, ein
Holzhändler, hatte Holz und Werkzeug gestiftet, der Bauer, dem die Hütte gehörte, das Baumaterial im
Sommer auf die Alrn gefahren, und im Lauf einiger schöner Herbstwochen war durch die Arbeit meiner
Freunde ein neues Dach entstanden, die Fensterlä den waren repariert und im Inneren eine Schlafstelle
hergerichtet. Im Winter durften wir dafür regelmäßig die Alm als Skiunterkunft benutzen, und für die
Osterferien 1933 hatte ich Niels und seinen Sohn Christian, Felix Bloch und Carl Friedrich zu einem Skiurlaub
auf die Hütte eingeladen. Niels, Christian und Felix wollten von Salzburg, wo Niels irgendeine Verpflichtung
hatte, nach Oberaudorf herüberkommen und von dort aufsteigen. Carl Friedrich und ich waren schon zwei
Tage vorher zur Hütte gegangen, um sie wohnlich herzurichten und mit Proviant zu versorgen. Einige
Wochen vorher waren bei günstigem Wetter Kisten mit Lebensmitteln zum Brünnsteinhaus gefahren worden,
von dort mußten wir sie in Rucksäcken in die knapp eine Stunde entfernte Almhütte tragen.
In diesem Anfangsstadium unserer Unternehmung gab es einige Schwierigkeiten. In der ersten Nacht, die
Carl Friedrich und ich allein in der Hütte verbrachten, stürmte und schneite es unaufhörlich. Wir konnten am
Morgen nur noch mit Mühe den Hütteneingang freischaufeln. Auch als wir uns gegen Mittag mit großer
Anstrengung einen Weg durch den fast meterhohen Neuschnee zum Brünnsteinhaus bahnten, war noch kein
Ende des Schneetreibens abzusehen, und wir fingen an, die Lawinengefahr ernst zu nehmen. Vom
Brünnsteinhaus telephonierte ich verabredungsgemäß mit Niels in Salzburg, schilderte ihm die Lage auf
unserem Berg und versprach, ihn am nächsten Tag zusammen mit Carl Friedrich an der Bahnstation
Oberaudorf abzuholen. Niels meinte zunächst, das sei doch ganz unnötig, er, Christian und Felix würden
einfach in Oberaudorf ein Taxi nehmen und zur Hütte fahren. Ich mußte ihm klar machen, daß diese
Vorstellung extrem unrealistisch sei, und so blieb es bei der Verabredung in Oberaudorf. Auch in der zweiten
Nacht schneite es so beständig wie in der ersten, und am Morgen war die Hütte fast im Schnee begraben.
Von unserer Spur vom Tag vorher war nichts mehr zu sehen. Aber der Himmel wurde klar, das Gelände gut
überschaubar, so daß man lawinengefährdete Stellen vermeiden konnte. Carl Friedrich und ich bahnten also,
abwechselnd spurend, einen neuen Weg zum Brünnsteinhaus, und von dort konnten wir bergab fahrend ohne
Schwierigkeiten eine Spur bis nach Oberaudorf legen. Den so gebahnten Pfad wollten wir später zum
Aufstieg zusammen mit unseren Gästen benutzen. Bei klarem Himmel und ruhigem Wetter sollte er
wenigstens bis zum Nachmittag erhalten bleiben.
Als wir mittags zu dem verabredeten Zug auf dem Bahnsteig in Oberaudorf standen, war jedoch von Niels,
Christian und Felix nichts zu sehen. Wohl aber wurde aus einem Abteil sehr viel Gepäck ausgeladen: Skier,
Rucksäcke, Mäntel, die nach der Ausrüstung unserer Gäste aussahen. Wir erfuhren vom Stationsvorsteher,
daß die zum Gepäck gehörigen Reisenden dadurch, daß sie auf einer Station eine Tasse Kaffee trinken
wollten, den Zug verloren hätten und nun erst mit dem nächsten Zug um 4 Uhr nachmittags ankommen
könnten. Mit Sorge schloß ich, daß wir den größten Teil des Aufstiegs unter sehr schwierigen Schneeverhält-
nissen im Dunkeln zu machen hätten. Carl Friedrich und ich benutzten die Zeit, um unnötige Gepäckstücke
aus dem Kopenhagener Gepäck auszusondern; mit den körperlichen Kräften mußte hausgehalten werden.
Pünktlich um vier Uhr kamen unsere Gäste, und ich erklärte Niels, daß wir mit dem Weg zur Hütte noch ein
Abenteuer zu bestehen hätten. Es sei so viel Schnee gefallen, daß der Aufstieg wohl einfach unmöglich wäre,
wenn nicht Carl Friedrich und ich von oben kommend eine Spur in den meterhohen Neuschnee gezogen
hätten.
»Das ist merkwürdig«, antwortete Niels nach einigem Nachdenken, »ich dachte immer, ein Berg ist etwas,
das man von unten anfängt.«
Diese Bemerkung gab dann noch Anlaß zu weiteren Betrachtungen. Es wurde daran erinnert, daß man in
Amerika so etwas wie »inverses Bergsteigen« erleben könne, wenn man den Grand Canyon besuchte. Dort
komme man im Schlafwagen auf 2000 m Höhe am Rande einer großen Wüstenebene an, von da könne man
dann zum Colorado-River hinabgehen und müsse allerdings die 2000 m auch wieder hinaufsteigen, um den
Schlafwagen zu erreichen. Aber so etwas wird dann eben »Canyon« und nicht »Berg« genannt. Mit solchen
Gesprächen kamen wir in den ersten zwei Stunden gut voran. Aber ich mußte damit rechnen, daß ein Auf-
stieg, für den man im Sommer nur zwei bis drei Stunden benötigt, unter diesen Schneeverhältnissen auch
sechs oder sieben Stunden erfordern könnte. Als es völlig dunkel geworden war, gelangten wir in den
mühsameren Teil unseres Weges. Ich ging voran, dann kam Niels, in der Mitte Carl Friedrich, der unseren
Weg mit einem Windlicht erleuchtete, schließlich Christian und Felix. Die Spur war im allgemeinen noch tief
eingegraben und daher leicht zu finden. Nur an Stellen, die sehr frei lagen, hatte der Wind sie wieder
zugeweht. Es war mir unheimlich, daß der hohe Schnee immer noch ganz pulvrig war. Da Niels schon etwas
ermüdete, mußten wir langsam steigen. Es war gegen zehn Uhr abends, und ich vermutete, daß wir immer
noch etwa eine halbe bis eine Stunde zum Brünnsteinhaus zu gehen hätten.
Wir passierten nun einen steilen Hang, und da geschah etwas sehr Merkwürdiges. Ich hatte das Gefühl,
irgendwie ins Schwimmen zu geraten. Ich konnte meine Bewegungen nicht mehr recht kontrollieren, und
plötzlich wurde ich von allen Seiten so heftig zusammengedrückt, daß ich für einen Moment nicht mehr atmen
konnte. Zum Glück blieb ich mit meinem Kopf noch oberhalb der andrängenden Schneemassen, und ich
konnte mich in Sekunden auch mit den Armen wieder freimachen. Ich drehte mich um. Es war völlig dunkel,
und keiner der Freunde war zu sehen. Ich rief »Niels« und erhielt keine Antwort. Ich war zu Tode
erschrocken, weil ich annahm, sie seien alle in der Lawine begraben. Erst als ich mit äußerster Anstrengung
auch meine Skier noch ausgegraben und freigemacht hatte, entdeckte ich weit oberhalb meiner Stellung am
Hang ein Licht und rief nun ganz laut und erhielt Antwort von Carl Friedrich. Jetzt erst dämmerte es mir, daß
ich offenbar ein großes Stück des Hanges von der Lawine mitgenommen worden war, ohne es zu merken.
Aber zum Glück waren alle anderen noch oberhalb der Lawine geblieben, wie ich schnell durch Zuruf
feststellen konnte. Es war dann nicht schwer, wieder bis zum Windlicht aufzusteigen, und wir setzten unseren
Weg nun mit äußerster Vorsicht fort. Um elf Uhr nachts kamen wir im Brünnsteinhaus an und beschlossen,
den Übergang zur Hütte nicht mehr zu riskieren. Wir übernachteten im Haus und kamen erst am nächsten
Morgen, nach einem Weg durch blendend weiße Schneemassen unter einem dunkelblauen Himmel, zu
unserer Alm.
Da uns die Anstrengung des Aufstiegs und der Schrecken über die Lawine noch in den Gliedern steckten,
wurden an diesem Tage keine größeren Ausflüge mehr unternommen. Wir lagen auf dem freigeschaufelten
Hüttendach in der Sonne und sprachen über die neuesten Ereignisse unserer Wissenschaft. Niels hatte eine
Photographie, eine Nebelkammeraufnahme aus Kalifornien, mitgebracht, die sofort im Mittelpunkt des
Interesses stand und über die wir heftig diskutierten. Es handelte sich um ein Problem, das einige Jahre
vorher durch Paul Dirac in seiner Arbeit über die relativistische Theorie des Elektrons aufgeworfen worden
war. In dieser Theorie, die sich inzwischen an der Erfahrung ausgezeichnet bewährt hatte, mußte aus
mathematischen Gründen der Schluß gezogen werden, daß es neben den elektrisch negativ geladenen
Elektronen noch eine zweite verwandte Teilchensorte geben sollte, die elektrisch positiv geladen war. Dirac
hatte zunächst versucht, diese hypothetischen Teilchen mit dem Proton, das heißt dem Atomkern des
Wasserstoffatoms, zu identifizieren. Damit waren wir anderen Physiker aber nicht zufrieden gewesen; denn
man konnte fast zwingend nachweisen, daß die Masse dieser positiv geladenen Teilchen ebensogroß sein
mußte wie die der Elektronen, während die Protonen ja fast zweitausend mal schwerer sind. Außerdem
sollten sich die hypothetischen Teilchen ganz anders verhalten als die gewöhnliche Materie. Sie sollten dann,
wenn sie mit einem gewöhnlichen Elektron zusammentreffen, sich mit diesem zusammen in Strahlung
verwandeln können. Heute sprechen wir daher auch von »Antimaterie«.
Nun zeigte uns also Niels eine Nebelkammeraufnahme, aus der die Existenz eines derartigen »Antiteilchens«
hervorzugehen schien. Man sah eine Spur von Wassertröpfchen, die offenbar durch eine von oben
kommende Partikel erzeugt war. Das Teilchen hatte dann eine Bleiplatte durchschlagen und auf der anderen
Seite der Platte wieder eine Spur hinterlassen. Die Nebelkammer lag in einem starken Magnetfeld, die
Spuren waren daher durch die ablenkende magnetische Kraft gekrümmt. Die Dichte der Wassertröpfchen in
der Spur entsprach genau der Dichte, die für Elektronen zu erwarten war. Aus der Krümmung aber mußte
auf eine positive elektrische Ladung geschlossen werden, wenn das Teilchen wirklich von oben gekommen
war. Diese letztere Annahme aber wiederum folgte fast zwangsläufig aus der Tatsache, daß die Krümmung
oberhalb der Platte geringer war als unterhalb, daß also das Teilchen in der Bleiplatte an Geschwindigkeit
verloren hatte. Wir diskutierten nun lange über die Frage, ob diese ganze Schlußkette zwingend sei. Es war
uns allen klar, daß es sich um ein Ergebnis von größter Tragweite handeln könnte. Nachdem sich unser
Gespräch eine Zeitlang um mögliche experimentelle Fehlerquellen gedreht hatte, fragte ich Niels:
»Ist es nicht merkwürdig, daß wir in dieser ganzen Diskussion niemals über Quantentheorie reden? Wir tun
so, als sei das elektrisch geladene Teilchen genauso ein Ding, wie ein elektrisch geladenes Öltröpfchen oder
ein Holundermarkkügelchen aus den alten Apparaten. Wir wenden völlig unbesehen die Begriffe der
klassischen Physik darauf an, so als ob wir noch nie von den Grenzen dieser Begriffe und von den
Unbestimmtheitsrelationen gehört hätten. Können dadurch nicht doch Fehler entstehen?«
»Nein, ganz sicher nicht«, antwortete Niels. »Es gehört doch geradezu zum Wesen eines Experiments, daß
wir das Beobachtete in den Begriffen der klassischen Physik beschreiben können. Darin besteht natürlich
auch die Paradoxie der Quantentheorie. Einerseits formulieren wir Gesetze, die anders sind als die der klassi-
schen Physik, andererseits benützen wir an der Stelle der Beobachtung, dort wo wir messen oder
photographieren, die klassischen Begriffe ohne Bedenken. Und wir müssen das tun, weil wir ja auf die
Sprache angewiesen sind, um unsere Ergebnisse andern Menschen mitzuteilen. Ein Meßapparat ist eben nur
dann ein Meßapparat, wenn in ihm aus dem Beobachtungsergebnis ein eindeutiger Schluß auf das zu
beobachtende Phänomen gezogen, wenn ein strikter Kausalzusammenhang vorausgesetzt werden kann.
Sofern wir aber ein atomares Phänomen theoretisch beschreiben, müssen wir an irgendeiner Stelle einen
Schnitt ziehen zwischen dem Phänomen und dem Beobachter oder seinem Apparat. Die Lage des Schnittes
kann wohl verschieden gewählt werden, aber auf der Seite des Beobachters müssen wir die Sprache der
klassischen Physik verwenden, weil wir keine andere Sprache besitzen, in der wir unsere Ergebnisse
ausdrücken könnten. Nun wissen wir zwar, daß die Begriffe dieser Sprache ungenau sind, daß sie nur einen
begrenzten Anwendungsbereich haben, aber wir sind auf diese Sprache angewiesen, und schließlich können
wir doch mit ihr das Phänomen wenigstens indirekt begreifen.«
»Könnte man sich nicht vorstellen«, warf Felix ein, »daß wir, wenn wir die Quantentheorie noch besser
verstanden haben, auf die klassischen Begriffe verzichten und mit einer neugewonnenen Sprache leichter
über die atomaren Erscheinungen reden können?«
»Das ist gar nicht unser Problem«, antwortete Niels. »Naturwissenschaft besteht darin, daß man Phänomene
beobachtet und das Ergebnis anderen mitteilt, damit sie es kontrollieren können. Erst wenn man sich darüber
geeinigt hat, was objektiv geschehen ist oder immer wieder regelmäßig geschieht, hat man eine Grundlage für
das Verständnis. Und dieser ganze Prozeß des Beobachtern und Mitteilens geschieht faktisch in den
Begriffen der klassischen Physik. Die Nebelkammer ist ein Meßapparat, das heißt wir können aus dieser
Photographie hier eindeutig schließen, daß ein positiv geladenes Teilchen, das sonst die Eigenschaften eines
Elektrons hat, durch die Kammer gelaufen ist. Dabei müssen wir uns darauf verlassen, daß der Meßapparat
richtig konstruiert war, daß er fest auf dem Tisch angeschraubt war, daß auch die photographische Kamera
so fest montiert war, daß keine Verschiebungen während der Aufnahme eintreten konnten, daß die Linse
richtig eingestellt war usw.; das heißt wir müssen sicher sein, daß alle die Bedingungen erfüllt waren, die
eben nach der klassischen Physik für eine zuverlässige Messung erfüllt sein müssen. Es gehört zu den
Grundvoraussetzungen unserer Wissenschaft, daß wir über unsere Messung in einer Sprache reden, die im
wesentlichen die gleiche Struktur hat wie die, mit der wir über die Erfahrungen des täglichen Lebens
sprechen. Wir haben gelernt, daß diese Sprache nur ein sehr unvollkommenes Instrument ist, um uns zu-
rechtzufinden und zu verständigen. Aber dieses Instrument ist gleichwohl die Voraussetzung unserer
Wissenschaft.«
Während wir so, in der Sonne auf dem Hüttendach liegend, unseren physikalischen und philosophischen
Überlegungen nachgingen, unternahm Christian eine kleine Entdeckungsfahrt in die nähere Umgebung
unserer Alm. Er brachte ein halb vom Schnee zerstörtes Windrad mit, das offenbar meine Freunde bei einem
früheren Aufenthalt konstruiert hatten - vielleicht um Stärke und Richtung des Windes anzuzeigen, vielleicht
auch nur, weil es lustig aussieht. Natürlich beschlossen wir nun, ein neues und besseres Windrad aufzustellen.
Niels, Felix und ich versuchten jeweils ein solches Gebilde aus einem Stück Küchenholz zu schnitzen.
Während Felix und ich bemüht waren, eine aerodynamisch ideale Form, also eine Art Propeller, herzustellen,
beschränkte sich Niels darauf, die beiden Flügel als zwei im rechten Winkel gegeneinander verstellte Ebenen
aus einem Stück Vierkantholz zu schnitzen. Im Endergebnis aber zeigte sich, daß unsere ideal gedachten
Propeller mechanisch so ungenau gebastelt waren, daß sie sich nur schlecht im Winde drehten, während
Niels' Windrad so gut ausgewogen war und in allen Einzelheiten, zum Beispiel bei der Bohrung für den Stift,
um den sich das Rad drehen sollte, so sauber gearbeitet war, daß es sofort als das beste anerkannt und
aufgestellt wurde und sich in der Tat völlig fehlerlos und schnell im Wind drehte. Über die beiden anderen
Versuche sagte Niels nur: »Ja, die Herren sind so ehrgeizig«. Aber er war offenbar ehrgeizig in Bezug auf
saubere Handwerksarbeit gewesen, und das paßte gut zu seiner Einstellung zur klassischen Physik.
Am Abend wurde Poker gespielt. Zwar gab es auch ein schlechtes Grammophon und einige noch schlechtere
Schlagerplatten auf der Hütte, aber das Bedürfnis nach dieser Art von Musik war gering. Der Stil, der sich
bei unserem Pokerspiel entwickelte, wich etwas vom üblichen ab. Die Kartenkombination, auf die man seinen
Einsatz begründete, wurde laut ausgesprochen und gepriesen, so daß es auch eine Frage der
Überredungskunst wurde, ob man den anderen diese Kartenkombination glaubhaft machen konnte. Für Niels
war das wieder ein Anlaß, über die Bedeutung der Sprache zu philosophieren.
»Es ist ja klar«, meinte er, »daß man die Sprache hier ganz anders verwendet als in der Wissenschaft.
Jedenfalls kann es sich hier nicht darum handeln, die Wirklichkeit darzustellen, sondern sie zu verschleiern.
Das Bluffen gehört nun einmal zum Spiel. Aber wie kann man die Wirklichkeit verschleiern? Die Sprache
kann im Hörer Bilder erzeugen, Vorstellungen, die dann sein Handeln leiten und die stärker werden als die
Vermutungen, zu denen er aus nüchterner Überlegung gekommen wäre. Aber wovon hängt es ab, ob wir
diese Bilder mit hinreichender Intensität im Denken des Hörers erzeugen können? Doch sicher nicht einfach
von der Lautstärke, mit der wir sprechen. Das wäre viel zu primitiv. Wohl auch nicht von einer Art Routine,
wie sie etwa ein guter Verkäufer erwirbt. Denn keiner von uns besitzt eine solche Routine, und man kann
sich auch kaum denken, daß wir auf sie hereinfielen. Vielleicht hängt die Fähigkeit zu überzeugen einfach
davon ab, wie intensiv wir selber uns die Kartenkombination vorstellen können, die wir den anderen
suggerieren wollen.«
Diese Überlegung fand dann später im Spiel eine unerwartete Bestätigung. Niels behauptete in einem Spiel
mit großer Überzeugungskraft, fünf Karten der gleichen Farbe zu besitzen. Es wurde sehr hoch geboten, und
die Gegenseite gab schließlich auf, nachdem vier Karten aufgelegt worden waren. Niels gewann eine hohe
Spielgeldsumme. Als Niels uns nach dem Spiel voll Stolz seine fünfte Karte derselben Farbe auch noch
zeigen wollte, entdeckte er zu seinem größten Schrecken, daß er gar nicht fünf Karten gleicher Farbe
besessen hatte. Er hatte eine »Herz Zehn« mit einer »Karo Zehn« verwechselt. Sein Bieten war also reiner
Bluff gewesen. Nach diesem Erfolg mußte ich wieder an unser Gespräch auf der Wanderung durch Seeland
denken und an die Kraft der Bilder, die das Denken der Menschen durch Jahrhunderte bestimmt.
An den Abenden wurde es auf den Schneefeldern um unsere Hütte schnell empfindlich kalt. Selbst der steife
Grog, der das Pokerspiel belebte, konnte nicht lange gegen die Kälte im schlecht geheizten Raum
aufkommen. Daher stiegen wir bald in unsere Schlafsäcke und legten uns auf den Strohsäcken des
Nachtlagers zur Ruhe. In der Stille fingen aber meine Gedanken an, wieder um die Nebelkammeraufnahme
zu kreisen, die Niels uns mittags auf dem Hüttendach gezeigt hatte. Konnte es wahr sein, daß es wirklich die
von Dirac vorhergesagten positiven Elektronen gab; und wenn ja, was waren die Konsequenzen? Je mehr ich
darüber nachdachte, desto stärker ergriff mich die Art von Erregung, die eintritt, wenn man gezwungen wird,
sein Denken an grundsätzlich wichtigen Stellen zu ändern. Im Jahr vorher hatte ich über die Struktur der
Atomkerne gearbeitet. Die Entdeckung des Neutrons durch Chadwick hatte den Gedanken nahegelegt, daß
die Atomkerne aus Protonen und Neutronen bestehen, die durch starke, bisher unbekannte Kräfte
zusammengehalten werden. Das sah sehr plausibel aus. Erheblich problematischer war schon der Vorschlag
gewesen, daß es im Atomkern neben Proton und Neutron keine Elektronen mehr geben sollte. Einige meiner
Freunde hatten mich dafür aufs schärfste kritisiert. »Man kann doch sehen«, hatten sie gesagt, »daß beim
radioaktiven Beta-Zerfall Elektronen den Atomkern verlassen.« Aber ich hatte mir das Neutron als zu-
sammengesetzt aus Proton und Elektron gedacht, wobei ein solches Gebilde, nämlich das Neutron, aus
zunächst unverständlichen Gründen ebenso groß sein sollte wie das Proton. Die starken neuentdeckten
Kräfte, die den Atomkern zusammenhalten, schienen sich empirisch bei der Vertauschung von Proton und
Neutron nicht zu ändern. Diese Symmetrie konnte man zum Teil dadurch glaubhaft machen, daß man
annahm, die Kraft komme durch den Austausch des Elektrons zwischen den beiden schweren Teilchen
zustande. Aber dieses Bild hatte doch zwei bedenkliche Schönheitsfehler. Erstens war nicht so recht
einzusehen, warum es nicht auch starke Kräfte zwischen einem Proton und einem Proton oder einem
Neutron und einem Neutron geben sollte. Und dann war unverständlich, warum diese beiden Kräfte auch -
bis auf die relativ kleinen elektrischen Beträge - empirisch gleich groß zu sein schienen. Auch hatte das
Neutron empirisch so viel Ähnlichkeit mit dem Proton, daß es unvernünftig aussah, das eine als einfach, das
andere als zusammengesetzt aufzufassen.
Wenn es aber das von Dirac vorhergesagte positive Elektron oder, wie man jetzt sagt, das Positron, gab, so
war eine neue Lage entstanden. Dann konnte man ja auch das Proton als zusammengesetzt aus Neutron und
Positron auffassen, dann war die Symmetrie zwischen Proton und Neutron auf einmal wieder voll hergestellt.
Hatte es dann überhaupt einen Sinn zu sagen, daß Elektron oder Positron im Atomkern vorhanden seien?
Konnten sie nicht in ähnlicher Weise aus Energie entstehen, wie sich umgekehrt nach der Diracschen
Theorie Elektron und Positron zusammen in Strahlungsenergie verwandeln? Aber wenn sich Energie in Paare
von Elektron und Positron verwandeln kann und umgekehrt, konnte man dann überhaupt noch fragen, aus
wieviel Teilchen ein Gebilde wie ein Atomkern bestünde?
Bis dahin hatten wir immer an die alte Vorstellung des Demokrit geglaubt, die man mit dem Satz umschreiben
kann: »Am Anfang war das Teilchen«. Man nahm an, die sichtbare Materie sei zusammengesetzt aus
kleineren Einheiten, und wenn man immer weiter teile, so komme man schließlich zu den kleinsten Einheiten,
die Demokrit »Atome« genannt hatte, und die man jetzt etwa »Elementarteilchen«, zum Beispiel »Protonen«
oder »Elektronen« nennen würde. Aber vielleicht war diese ganze Philosophie falsch. Vielleicht gab es gar
keine kleinsten Bausteine, die man nicht mehr teilen kann. Vielleicht konnte man die Materie immer weiter
teilen, aber am Schluß ist es eigentlich gar kein Teilen mehr, sondern man verwandelt Energie in Materie, und
die Teile sind nicht mehr kleiner als das Geteilte. Aber was war dann am Anfang? Ein Naturgesetz,
Mathematik, Symmetrie? »Am Anfang war die Symmetrie.« Das klang wie Platons Philosophie im ›Timaios‹,
und meine Lektüre auf dem Dach des Priesterseminars in München im Sommer 1919 kam mir wieder ins
Gedächtnis. Wenn das Teilchen auf der Nebelkammeraufnahme wirklich das Diracsche Positron war, so war
damit das Tor zu einem ungeheuer weiten neuen Land geöffnet, und man konnte schon undeutlich die Wege
erkennen, auf denen man in dieses Land vorstoßen müßte. Schließlich bin ich über solchen Spekulationen
aber doch eingeschlafen.
Am nächsten Morgen war der Himmel so blau wie am Tag vorher. Die Skier wurden gleich nach dem
Frühstück angeschnallt, und wir wanderten über die Himmelmoos-Alm zum kleinen See bei der Seeon-Alm,
von dort über ein Joch in den einsamen Talkessel hinter dem Großen Traithen und so von rückwärts zum
Gipfel dieses unseres Hüttenberges. Auf dem Kamm, der vom Gipfel nach Osten führt, wurden wir zufällig
Zeugen eines merkwürdigen, meteorologischen und optischen Phänomens. Der leichte Wind, der vom Norden
wehte, blies eine dünne Dunstwolke den Hang herauf, die dort, wo sie unseren Kamm erreichte, hell von der
Sonne beschienen wurde; unsere Schatten waren deutlich auf der Wolke zu erkennen, und wir sahen den
Schatten unseres Kopfes jeweils von einem hellen Glanz, wie von einem leuchtenden Ring, umgeben. Niels,
der sich über das ungewöhnliche Phänomen besonders freute, berichtete, er habe schon früher von dieser
Lichterscheinung gehört. Dabei sei auch die Meinung vertreten worden, daß der leuchtende Glanz, den wir
sahen, das Vorbild für die alten Maler gewesen sei, die Köpfe der Heiligen mit einem Heiligenschein zu
umgeben. »Und vielleicht ist es ja charakteristisch«, fügte er mit einem leichten Augenzwinkern hinzu, »daß
man diesen Schein immer nur um das Schattenbild des eigenen Kopfes sehen kann.« Diese Bemerkung
weckte natürlich großen Jubel und gab noch Anlaß zu mancherlei selbstkritischen Betrachtungen. Aber wir
wollten nun rasch zur Hütte und veranstalteten ein Wettrennen den Berg hinunter. Da Felix und ich
besonders ehrgeizig fuhren, hatte ich beim Anschneiden eines steilen Hanges noch einmal das Pech, eine
ziemlich große Lawine in Gang zu setzen. Aber zum Glück konnten wir alle oberhalb bleiben und trafen,
wenn auch in großen Zeitabständen, wohlbehalten in der Hütte ein. Es war nun meine Aufgabe, das
Mittagessen zu kochen, und Niels, der etwas angestrengt war, setzte sich zu mir in die Küche, während die
anderen, Felix, Carl Friedrich und Christian, sich auf dem Hüttendach sonnten. Ich benutzte die Gelegenheit,
unser Gespräch, das wir oben auf dem Kamm begonnen hatten, noch etwas fortzusetzen.
»Deine Erklärung des Heiligenscheins«, sagte ich, »ist natürlich sehr schön, und ich bin auch gern bereit, sie
wenigstens für einen Teil der Wahrheit zu halten. Aber ich bin doch nur halb zufrieden; denn ich habe einmal
in einem Briefwechsel mit einem allzu eifrigen Positivisten der Wiener Schule etwas anderes behauptet. Ich
hatte mich darüber geärgert, daß die Positivisten so tun, als habe jedes Wort eine ganz bestimmte Bedeutung,
und als sei es unerlaubt, das Wort in einem anderen Sinne zu verwenden. Ich habe ihm dann als Beispiel
geschrieben, daß es doch ohne weiteres verständlich sei, wenn jemand über einen verehrten Menschen sagt,
daß das Zimmer heller werde, wenn dieser Mensch das Zimmer betrete. Natürlich sei mir klar, daß das
Photometer dabei keinen Helligkeitsunterschied registrieren würde. Aber ich wehrte mich dagegen, die
physikalische Bedeutung des Wortes ›hell‹ als die eigentliche zu nehmen und die andere nur als die übertra-
gene gelten zu lassen. Ich könnte mir also denken, daß die eben genannte Erfahrung auch irgendwie zur
Erfindung des Heiligenscheins beigetragen hat.«
»Natürlich will ich auch diese Erklärung gelten lassen«, antwortete Niels, »und wir sind ja viel mehr einig als
du denkst. Selbstverständlich hat die Sprache diesen eigentümlich schwebenden Charakter. Wir wissen nie
genau, was ein Wort bedeutet, und der Sinn dessen, was wir sagen, hängt von der Verbindung der Wörter im
Satz ab, von dem Zusammenhang, in dem der Satz ausgesprochen wird, und von zahllosen Nebenumständen,
die wir gar nicht alle aufzählen können. Wenn du einmal in den Schriften des amerikanischen Philosophen
William James liest, wirst du finden, daß er diesen ganzen Sachverhalt wunderbar genau beschrieben hat. Er
schildert, daß bei jedem Wort, das wir hören, zwar ein besonders wichtiger Sinn des Wortes im hellen Licht
des Bewußtseins erscheint, daß aber daneben im Halbdunkel noch andere Bedeutungen sichtbar werden und
vorbeigleiten, daß dort auch Verbindungen zu anderen Begriffen geschlagen werden und die Wirkungen sich
bis in das Unbewußte hinein ausbreiten. Das ist in der gewöhnlichen Sprache so, erst recht in der Sprache
der Dichter. Und das trifft bis zu einem gewissen Grad auch für die Sprache der Naturwissenschaft zu.
Gerade in der Atomphysik sind wir ja wieder von der Natur darüber belehrt worden, wie begrenzt der
Anwendungsbereich von Begriffen sein kann, die uns vorher völlig bestimmt und unproblematisch
schienen. Man braucht ja nur an solche Begriffe wie ›Ort‹ und ›Geschwindigkeit‹ zu denken.
Aber natürlich war es auch eine große Entdeckung des Aristoteles und der alten Griechen, daß man die
Sprache so weit idealisieren und präzisieren kann, daß logische Schlußketten möglich werden. Eine solche
präzise Sprache ist sehr viel enger als die gewöhnliche Sprache, aber sie ist für die Naturwissenschaft von
unschätzbarem Wert.
Die Vertreter des Positivismus haben schon recht, wenn sie den Wert einer solchen Sprache sehr stark
betonen und uns eindringlich vor der Gefahr warnen, daß die Sprache, wenn wir der» Bereich des logisch
scharfen Formulierens verlassen, inhaltslos werden kann. Aber sie haben dabei vielleicht übersehen, daß wir
in der Naturwissenschaft diesem Ideal bestenfalls nahekommen, es aber sicher nicht erreichen können. Denn
schon die Sprache, mit der wir unsere Experimente beschreiben, enthält Begriffe, deren Anwendungsbereich
wir nicht genau angeben können. Man könnte natürlich sagen, daß die mathematischen Schemata, mit denen
wir als theoretische Physiker die Natur abbilden, diesen Grad von logischer Sauberkeit und Strenge haben
oder haben sollten. Aber die ganze Problematik taucht dann wieder auf an der Stelle, wo wir das
mathematische Schema mit der Natur vergleichen. Denn irgendwo müssen wir von. der mathematischen
Sprache zur gewöhnlichen Sprache übergehen, wenn wir etwas über die Natur aussagen wollen. Und das
letztere ist doch die Aufgabe der Naturwissenschaft.«
»Die Kritik der Positivisten«, setzte ich das Gespräch fort, »richtet sich doch vor allem gegen die sogenannte
Schulphilosophie und hier in erster Linie gegen die Metaphysik in ihrer Verbindung mit Fragen der Religion.
Dort wird, so meinen die Positivisten, vielfach über Scheinprobleme geredet, die sich, wenn man sie
sprachlich sauber analysieren wollte, als nichtexistent erweisen würden. In welchem Umfang hältst du diese
Kritik für berechtigt?«
»Sicher enthält auch eine solche Kritik einen erheblichen Teil Wahrheit«, antwortete Niels, »und man kann
viel daraus lernen. Mein Einwand gegen den Positivismus rührt nicht davon her, daß ich an dieser Stelle
weniger skeptisch wäre, sondern davon, daß ich umgekehrt fürchte, es könnte in der Naturwissenschaft
grundsätzlich gar nicht viel besser sein. Um es überspitzt zu formulieren: In der Religion verzichtet man von
vorneherein darauf, den Worten einen eindeutigen Sinn zu geben, während man in der Naturwissenschaft von
der Hoffnung - oder auch von der Illusion - ausgeht, daß es in viel späterer Zeit einmal möglich sein könnte,
den Wörtern einen eindeutigen Sinn zu geben. Aber um es nochmal zu wiederholen, man kann aus dieser
Kritik der Positivisten viel lernen. Zum Beispiel kann ich nicht sehen, was es bedeuten soll, wenn vom ›Sinn
des Lebens‹ gesprochen wird. Das Wort ›Sinn‹ soll doch immer eine Verbindung herstellen zwischen dem,
um dessen Sinn es sich handelt, und etwas anderem, etwa einer Absicht, einer Vorstellung, einem Plan. Aber
das Leben - damit ist hier doch das Ganze gemeint, auch die Welt, die wir erleben, und da gibt es ja gar nichts
anderes, mit dem wir es verbinden könnten.«
»Aber wir wissen doch, was wir meinen«, erwiderte ich, »wenn wir vom Sinn des Lebens sprechen.
Natürlich hängt der Sinn des Lebens von uns selber ab. Man bezeichnet damit, so würde ich denken, die
Gestaltung unseres eigenen Lebens, mit der wir uns in den großen Zusammenhang einordnen; vielleicht nur
ein Bild, einen Vorsatz, ein Vertrauen, aber insofern doch etwas, das wir gut verstehen können.«
Niels schwieg nachdenklich und sagte dann: »Nein, der Sinn des Lebens besteht darin, daß es keinen Sinn hat
zu sagen, daß das Leben keinen Sinn hat. So bodenlos ist eben dieses ganze Streben nach Erkenntnis.«
»Aber bist du damit nicht doch zu streng mit der Sprache? Du weißt, daß bei den alten chinesischen Weisen
der Begriff ›Tao‹ an der Spitze der Philosophie stand, und ›Tao‹ wird doch oft mit ›Sinn‹ übersetzt. Die
chinesischen Weisen hätten wohl gegen eine Verbindung der Wörter ›Tao‹ und ›Leben‹ nichts einzuwenden
gehabt.«
»Wenn man das Wort ›Sinn‹ so allgemein verwendet, mag es wieder anders aussehen. Und keiner von uns
kann sicher sagen, was das Wort ›Tao‹ eigentlich bedeutet. Aber wenn du von den chinesischen Philosophen
und vom Leben sprichst, dann liegt mir eine der alten Legenden noch näher. Es wird da von drei Philosophen
erzählt, die einen Schluck Essig probierten; und man muß wissen, daß Essig in China ›Lebenswasser‹
genannt wird. Der erste Philosoph sagte: ›Es ist sauer‹, der zweite: ›Es ist bitter‹, der dritte aber, das war
wohl Lao-tse, rief aus: ›Es ist frisch‹.«
Carl Friedrich kam in die Küche und erkundigte sich, ob ich mit dem Essen immer noch nicht fertig wäre.
Zum Glück konnte ich ihm sagen, er solle die anderen hereinrufen und die Aluminiumteller und Bestecke
holen, dann würde es gleich zu essen geben. Wir setzten uns zu Tisch, und der alte Spruch »Hunger ist der
beste Koch« bewährte sich zu meiner Beruhigung aufs beste. Nach dem Essen ergab sich bei der Verteilung
der Pflichten, daß Niels das Geschirr waschen wollte, während ich den Herd saubermachte, andere Holz
hackten oder sonst Ordnung schafften. Daß in einer solchen Almküche die hygienischen Anforderungen nicht
denen der Stadt entsprechen können, bedarf keiner Erwähnung. Niels kommentierte diesen Sachverhalt,
indem er sagte: »Mit dem Geschirrwaschen ist es doch genau wie mit der Sprache. Wir haben schmutziges
Spülwasser und schmutzige Küchentücher, und doch gelingt es, damit die Teller und Gläser schließlich
sauberzumachen. So haben wir in der Sprache unklare Begriffe und eine in ihrem Anwendungsbereich in
unbekannter Weise eingeschränkte Logik, und doch gelingt es, damit Klarheit in unser Verständnis der Natur
zu bringen.«
In den nächsten Tagen gab es wechselndes Wetter und verschie dene größere oder kleinere
Unternehmungen; einen Aufstieg auf das Trainsjoch und Ski-Exerzitien auf dem Übungshang bei der
Unterberger-Alm. Noch einmal wurden unsere Diskussionen auf das Problem der Sprache gelenkt, als Carl
Friedrich und ich eines Nachmittags versucht hatten, einem Rudel Gemsen, die sich am steilen Hang des
Traithen Futter suchten, mit unseren Photokameras aufzulauern. Es war uns nicht gelungen, die Gemsen zu
überlisten und hinreichend nah an das Rudel heranzukommen. Wir bewunderten den Instinkt der Tiere, der es
ihnen ermöglicht, die geringsten Anzeichen der Menschen, eine Spur im Schnee, ein Knicken in den Zweigen
oder einen Windhauch mit der Witterung als Zeichen der Gefahr zu deuten und den richtigen Fluchtweg zu
wählen. Das gab Niels Veranlassung über den Unterschied zwischen Intellekt und Instinkt zu meditieren.
»Die Gemsen sind vielleicht nur deshalb so erfolgreich gewesen, euch auszuweichen, weil sie eben nicht
darüber nachdenken oder sprechen können, wie man das macht. Weil ihr ganzer Organismus darauf
spezialisiert ist, im bergigen Gelände Sicherheit vor Angreifern zu finden. Eine Tierart wird infolge des
Selektionsprozesses wohl in der Regel ganz bestimmte körperliche Fähigkeiten fast bis zur Vollendung
entwickeln. Damit ist sie aber auch auf diese Art, den Lebenskampf zu bestehen, angewiesen. Wenn sich die
äußeren Bedingungen stark ändern, können sie sich nicht mehr umstellen und sterben aus. Es gibt Fische, die
können elektrische Schläge austeilen und sich damit ihrer Feinde erwehren. Es gibt andere, deren Aussehen
so vollständig dem Meeressand angepaßt ist, daß sie, wenn sie sich auf den Boden des Meeres legen, nicht
mehr vom Sand unterschieden werden können, und die sich dadurch vor Angreifern schützen. Nur bei den
Menschen ist die Spezialisierung in einer anderen Weise erfolgt. Sein Nervensystem, das ihn zum Denken
und Sprechen befähigt, kann als ein Organ betrachtet werden, mit dem der Mensch räumlich und zeitlich viel
weiter ausgreifen kann als das Tier. Er kann sich daran erinnern, was gewesen ist, und kann vorausrechnen,
was wahrscheinlich geschehen wird. Er kann sich vorstellen, was in einem räumlich weiten Abstand von ihm
passiert, und er kann sich die Erfahrungen anderer Menschen zunutze machen. Dadurch wird er in einer
gewissen Weise viel flexibler, anpassungsfähiger als das Tier, und man kann von einer Spezialisierung zur
Flexibilität sprechen. Aber natürlich muß durch diese bevorzugte Entwicklung von Denken und Sprechen,
allgemeiner: durch das Übergewicht des Intellekts, die Fähigkeit zum zweckmäßigen instinktiven Verhalten im
einzelnen eher verkümmern. Dadurch ist der Mensch an vielen Stellen dem Tier unterlegen. Er hat keine so
feine Witterung, und er kann die Berge nicht so sicher hinauf- und herunterspringen wie die Gemsen. Aber er
kann diese Mängel durch das Übergreifen in größere räumliche und zeitliche Bereiche kompensieren. Die
Entwicklung der Sprache ist dabei wohl der entscheidende Schritt. Denn das Sprechen, und damit indirekt
auch das Denken, ist eine Fähigkeit, die sich - im Gegensatz zu allen anderen körperlichen Fähigkeiten - nicht
im einzelnen Individuum entwickelt, sondern zwischen den Individuen. Wir lernen das Sprechen nur von
anderen Menschen. Die Sprache ist gewissermaßen ein Netz, das zwischen den Menschen ausgespannt ist,
und wir hängen mit unserem Denken, mit unserer Möglichkeit der Erkenntnis in diesem Netz.«
»Wenn man die Positivisten oder die Logiker über die Sprache reden hört«, fügte ich ein, »so gewinnt man
den Eindruck, daß dabei die Formen und Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache ganz unabhängig von der
Selektion, vom vorhergegangenen biologischen Geschehen betrachtet und analysiert werden. Wenn man aber
Intellekt und Instinkt so vergleicht, wie du es eben getan hast, so könnte man sich auch vorstellen, daß in
verschiedenen Gebieten der Erde ganz verschiedene Formen des Intellekts und der Sprache entstanden sind.
Tatsächlich sind ja auch die Grammatiken verschiedener Sprachen sehr verschieden, und vielleicht könnten
Unterschiede in der Grammatik auch zu Unterschieden in der Logik führen.«
»Natürlich kann es dabei verschiedene Formen des Sprechens und Denkens geben«, antwortete Niels,
»ebenso wie es verschie dene Rassen oder verschiedene Arten von Organismen gibt. Aber ähnlich wie alle
diese Organismen doch nach den gleichen Naturgesetzen konstruiert sind, zum großen Teil auch mit fast den
gleichen chemischen Verbindungen, so werden auch den verschiedenen Möglichkeiten der Logik gewisse
fundamentale Formen zugrunde liegen, die nicht vom Menschen gemacht sind und die ganz unabhängig von
uns zur Wirklichkeit gehören. Diese Formen spielen dann in dem Selektionsprozeß, der die Sprache
entwickelt, eine entscheidende Rolle, aber sie werden nicht etwa durch diesen Prozeß erst hervorgebracht.«
»Um noch einmal auf den Unterschied zwischen den Gemsen und uns zurückzukommen«, setzte Carl
Friedrich die Diskussion fort. »Vorhin schien deine Ansicht zu sein, daß Intellekt und Instinkt sich gegenseitig
ausschließen. Meinst du das nur in dem Sinn, daß durch den Selektionsprozeß entweder die eine oder die
andere Fähigkeit zu einer hohen Vollendung entwickelt wird, daß aber die gleichzeitige Entwicklung von
beiden nicht erwartet werden könne? Oder denkst du an ein echtes Verhältnis von Komplernentarität, so daß
die eine Möglichkeit die andere vollständig ausschließt?«
»Ich meine nur, daß die beiden Arten, sich in der Welt zurechtzufinden, radikal verschieden sind. Aber
natürlich sind auch viele unserer Handlungen noch durch den Instinkt bestimmt. Ich könnte mir zum Beispiel
denken, daß bei der Beurteilung eines anderen Menschen, wenn wir etwa aus seinem Aussehen und seinen
Gesichtszügen erraten wollen, ob er intelligent ist, ob wir mit ihm gut sprechen können, nicht nur Erfahrung
sondern auch Instinkt eine Rolle spielt.«
Während dieses Gesprächs waren einige von uns schon damit beschäftigt, die Hütte aufzuräumen, und da wir
daran denken mußten, daß in einigen Tagen die Ferienzeit zu Ende ging, hatte Niels sich daran gemacht, sich
zu rasieren. Bis dahin hatte er fast wie ein alter norwegischer Holzfäller ausgesehen, der viele Wochen ohne
alle Zivilisation im Wald verbracht hat; jetzt bewunderte Niels, wie er sich im Spiegel während des Rasierens
wieder in einen Professor der Physik zurückverwandelte. Aus seiner Meditation darüber entsprang der Satz:
»Ob eine Katze wohl auch intelligent aussähe, wenn man sie rasieren würde?«
Am Abend wurde wieder Poker gespielt, und da bei unserer Art des Spielens die Sprache, nämlich die
Anpreisung der behaupteten Kartenkombination eine so große Rolle spielte, schlug Niels vor, es einmal ganz
ohne Karten zu versuchen. Wahrscheinlich würden Felix und Christian dann gewinnen, meinte er, weil er sich
gegen deren Überredungskunst sicher nicht durchsetzen könne. Der Versuch wurde unternommen, führte
aber nicht zu einem brauchbaren Spiel, und Niels kommentierte:
»Dieser Vorschlag war wohl eine Überschätzung der Sprache; denn die Sprache ist auf die Verbindung mit
der Wirklichkeit angewiesen. Beim richtigen Poker liegen immerhin einige Karten auf dem Tisch. Die
Sprache wird dazu benützt, diesen wirklichen Teil eines Bildes mit möglichst viel Optimismus und
Überzeugungskraft zu ergänzen. Aber wenn man von gar keiner Wirklichkeit ausgeht, kann niemand mehr
glaubhaft suggerieren.«
Als die Ferientage zu Ende waren, fuhren wir mit unserem Gepäck auf der kürzeren westlichen
Abstiegsroute ins Tal zwischen Bayrischzell und Landl ab. Es war ein warmer sonniger Tag, und unten, wo
der Schnee aufhörte, blühten die Leberblümchen zwischen den Bäumen, und die Wiesen waren übersät mit
gelben Himmelschlüsseln. Da unser Gepäck schwer war, ließen wir beim ›Zipfelwirt‹ zwei Pferde vor einen
alten offenen Bauernwagen spannen. Noch einmal vergaßen wir, daß wir in eine Welt voll politischen
Unglücks zurückkehren mußten. Der Himmel war so hell wie die Gesichter der beiden jungen Menschen Carl
Friedrich und Christian, die mit uns auf dem Wagen saßen, und so fuhren wir in den bayrischen Frühling
hinab.
12. Revolution und Universitätsleben
(1933)

Als ich zu Beginn des Sommersemesters 1933 in mein Leipziger Institut zurückkehrte, war die Zerstörung
schon in vollem Gange. Mehrere meiner tüchtigsten Seminarteilnehmer hatten Deutschland verlassen, andere
rüsteten sich zur Flucht. Auch mein ausgezeichneter Assistent, Felix Bloch, entschloß sich zur Auswan-
derung, und natürlich mußte auch ich mich fragen, ob mein Verbleiben in Deutschland noch einen
vernünftigen Sinn haben könne. Aus dieser Zeit des quälenden Nachdenkens über das, was zu tun richtig sei,
sind mir zwei Gespräche besonders in Erinnerung geblieben, die mir hier weitergeholfen haben; das eine mit
einem jungen national-sozialistischen Studenten, der bei mir Vorlesungen hörte, das andere mit Max Planck.
Ich bewohnte damals eine kleine Dachwohnung mit schrägen Wänden im obersten Stockwerk meines
Instituts. Beim Einzug hatte ich mir als wichtigsten Einrichtungsgegenstand bei der Leipziger Firma Blüthner
einen Flügel gekauft, auf dem ich oft abends allein oder im Rahmen einer Kammermusik zusammen mit
Freunden spielte. Da ich nebenher an der Musikhochschule beim Pianisten Hans Beltz Unterricht nahm,
mußte ich auch manchmal die Mittagspause zum Üben benützen, und in jenen Wochen hatte ich mir gerade
das Schumann-Konzert in a-moll vorgenommen.
Eines Nachmittags verließ ich nach einer solchen Übestunde meine Wohnung, um ins Institut
hinunterzugehen, da sah ich vor mir auf der Fensterbank im Flur einen jungen Studenten sitzen, den ich in
meinen Vorlesungen gelegentlich auch in brauner Uniform gesehen hatte. Er stand etwas verlegen auf und
grüßte, und ich fragte ihn, ob er mich sprechen wolle.
Nein, antwortete er ein wenig stockend, er habe nur bei der Musik zugehört. Aber da ich nun die Frage an ihn
richtete, wäre er vielleicht doch dankbar, wenn er mit mir sprechen könnte. Ich bat ihn in mein Wohnzimmer,
und hier schüttete er mir sein Herz aus.
»Ich besuche Ihre Vorlesung und weiß, daß ich dabei etwas lernen kann. Aber sonst gibt es keine
Verbindung zu Ihnen. Ich habe gelegentlich schon zugehört, wenn Sie hier Musik studieren. Ich kann sonst so
selten Musik hören. Ich weiß auch, daß Sie in der Jugendbewegung gewesen sind, und zu der habe ich doch
auch gehört. Aber Sie kommen nie zu unseren Jugendveranstaltungen, ob es sich nun um ein Treffen der
nationalsozialistischen Studenten oder der Hitlerjugend oder einen noch größeren Kreis handelt. Ich selbst bin
Hitlerjugendführer, und ich würde Sie so gern einmal in unserer Gruppe haben. Aber Sie tun so, als gehörten
Sie ganz zum festgefügten Kreis der alten und konservativen Professoren, die nur noch in der Welt von
gestern leben können, denen das neue Deutschland, das jetzt entsteht, völlig fremd, um nicht zu sagen verhaßt
ist. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß jemand, der noch so jung ist und so lebendig musiziert wie
Sie, unserer Jugend, die heute Deutschland neu aufbaut oder aufbauen will, fremd und verständnislos
gegenübersteht. Wir brauchen doch Menschen, die mehr Erfahrung haben als wir und die bereit sind, bei
diesem Aufbau mitzuhelfen. Sie stoßen sich vielleicht daran, daß jetzt auch häßliche Dinge geschehen, daß
unschuldige Menschen verfolgt oder aus Deutschland vertrieben werden. Aber glauben Sie mir, solches
Unrecht finde ich genauso schrecklich wie Sie, und ich bin sicher, daß keiner meiner Freunde sich an so
etwas beteiligen würde. Man kann wahrscheinlich bei einer großen Revolution nicht vermeiden, daß in der
ersten Erregung zu weit gegangen wird, daß sich nach den ersten Erfolgen auch minderwertige Menschen
beteiligen. Aber man kann hoffen, daß sie auch nach einer kurzen Übergangsperiode wieder ausgeschieden
werden. Gerade dafür brauchen wir eben die Mitwirkung aller derer, die in der richtigen Weise aufbauen
wollen, die zum Beispiel in die Bewegung noch mehr von jenen Gedanken bringen würden, die schon in der
Jugendbewegung lebendig waren. Also sagen Sie mir, warum Sie mit uns nichts zu tun haben wollen.«
»Wenn es sich nur um die jungen Studenten handelte, so würde ich mir vielleicht zutrauen, durch Reden und
Mitwirken dazu beizutragen, daß sich die Meinung derer durchsetzt, die ich für die Guten halte. Aber jetzt
sind ja große Volksmassen in Bewegung geraten, da wird es auf die Meinung der paar Studenten und Pro-
fessoren kaum ankommen. Auch haben sich die Führer der Revolution ja durch das Verächtlichmachen der
sogenannten Intellektuellen schon dagegen abgesichert, daß das Volk die Mahnung zur Vernunft ernst
nehmen könnte, die vielleicht von geistig differenzierteren Menschen ausgeht. Ich muß Ihnen also umgekehrt
eine Frage stellen: Woher wissen Sie denn, daß Sie ein neues Deutschland aufbauen? Daß Sie dazu den
besten Willen haben, kann ich Ihnen nicht von vorneherein abstreiten. Aber einstweilen weiß man doch nur
sicher, daß das alte Deutschland zerstört wird, daß sehr viel Unrecht geschieht, und alles andere ist
einstweilen reiner Wunschtraum. Wenn Sie versuchen würden, nur dort zu verändern und zu verbessern, wo
Mißstände eingerissen sind, so könnte ich das gern gelten lassen. Aber was wirklich geschieht, ist doch etwas
völlig anderes. Sie müssen verstehen, daß ich nicht mithelfen kann, wenn Deutschland zerstört wird; das ist
doch ganz einfach.«
»Nein, jetzt tun Sie uns wirklich unrecht. Sie werden doch selbst nicht behaupten wollen, daß mit kleinen
Verbesserungen noch etwas zu erreichen wäre. Seit dem letzten Kriege ist es doch von Jahr zu Jahr immer
nur schlechter geworden. Daß wir den Krieg verloren haben, daß die anderen stärker gewesen sind, das ist
wahr, und es bedeutet, daß wir daraus etwas lernen müssen. Aber was ist seitdem geschehen? Man hat
Nachtlokale und Kabaretts eingerichtet und hat alle jene verspottet, die sich Mühe gegeben, die sich
angestrengt, die Opfer gebracht hatten. Wozu all der Unsinn? Amüsiert euch, der Krieg ist verloren, hier
gibt's Alkohol und schöne Frauen. Und in der Wirtschaft hat die Korruption jedes vorstellbare Maß
überschritten. Als die Regierung kein Geld mehr hatte, weil Reparationen zu zahlen waren oder weil die
Leute zu arm geworden waren, um noch viele Steuern aufzubringen, hat sie das Geld eben einfach gedruckt.
Warum nicht? Daß viele alte und schwache Leute dadurch um ihr letztes Hab und Gut betrogen worden sind
und verhungern mußten, das bekümmerte niemand. Die Regierung hatte genug Geld, die Reichen wurden
reicher, die Armen ärmer. Und Sie müssen zugeben, daß in die schlimmsten Korruptionsskandale der letzten
Zeit auch immer wieder Juden verwickelt waren.«
»Und daraus leiten Sie das Recht ab, die Juden als eine besondere Art Menschen anzusehen, sie schändlich
zu behandeln und eine Reihe ausgezeichneter Leute aus Deutschland zu vertreiben? Warum überlassen Sie
es nicht den Gerichten, die zu bestrafen, die Unrecht getan haben, und zwar unabhängig von Glaubens-
bekenntnis oder Rasse?«
»Weil es eben nicht geschieht. Die Justiz ist doch längst eine politische Justiz geworden, die nur die
verrotteten Zustände von gestern verewigen will, die nur die bisher herrschende Klasse schützt, ohne sich um
das Wohl des ganzen Volkes zu kümmern. Schauen Sie sich doch an, wie milde die Urteile auch in den übel-
sten Korruptionsskandalen gewesen sind. Der Geist der Zersetzung macht sich ja auch an vielen anderen
Stellen bemerkbar. In modernen Kunstausstellungen wird das absurdeste Zeug, die völlige geistige
Verwirrung als hohe Kunst gepriesen, und wenn der einfache Mann daran keinen Gefallen findet, wird ihm
gesagt, ›das verstehst du eben nicht, dazu bist du zu dumm‹. Und hat sich der Staat um die armen Leute
gekümmert? Da wird behauptet, es gibt doch gute soziale Einrichtungen, es wird dafür gesorgt, daß niemand
verhungern müsse. Aber genügt es denn, dem Armen gerade so viel Geld zu geben, daß er nicht verhungert,
um sich dann weiter um ihn nicht zu kümmern? Sie müssen zugeben, daß wir das wirklich besser machen.
Wir sitzen mit den Arbeitern zusammen, wir üben mit ihnen im gleichen SA-Sturm, wir sammeln Lebensmittel
und Wollsachen für die Armen, wir marschieren gemeinsam mit den Arbeitern zu den Kundgebungen, und
wir spüren, daß sie glücklich sind, wenn wir an ihrem Leben teilnehmen. Das ist doch eine Verbesserung. In
den 14 Jahren vorher hat doch jeder nur in die eigene Tasche gearbeitet. Es kam nur darauf an, daß man
etwas bessere Kleider trug als der Nachbar, daß die Stube etwas schöner eingerichtet war, so daß man sich
eben als etwas Besseres vorkommen konnte. Und die Abgeordneten im Reichstag haben nichts anderes im
Sinn gehabt, als möglichst viel materiellen Vorteil für die eigene Partei herauszuschlagen. Jeder warf dem
anderen Gewinnsucht vor, um sich selbst nur umso kräftiger bereichern zu können. An das allgemeine Wohl
hat niemand mehr gedacht. Und wenn man sich nicht einigen konnte, so wurde geprügelt oder mit
Tintenfässern geworfen. Damit ist es wirklich zu Ende, und das ist doch kein Unglück.«
»Haben Sie nie an die Möglichkeit gedacht, daß das deutsche Volk nach 1919 erst lernen mußte, sich selbst
zu regieren; daß es gar nicht so leicht war einzusehen, daß man die Rechte der anderen Menschen freiwillig
respektieren muß, wenn die Obrigkeit nicht mehr mit ihrer Autorität für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt?«
»Das mag sein, aber die Parteien haben 14 Jahre lang Zeit gehabt, das zu lernen, und in Wirklichkeit ist es mit
jedem Jahr schlimmer und nicht besser geworden. Wenn wir innerhalb Deutschlands uns nur gegenseitig
bekämpfen und betrügen, so können wir uns nicht darüber wundern, daß das Ansehen Deutschlands im
Ausland immer weiter sinkt und daß wir vom Ausland genauso betrogen werden. Da wird im Völkerbund
vom Selbstbestimmungsrecht der Völker geredet, aber natürlich werden die Südtiroler nicht gefragt, wem sie
sich anschließen wollen - Südtirol gehört zu Italien. Und dann wird von Sicherheit und Abrüstung geschwätzt,
aber gemeint ist immer die Abrüstung der Deutschen und die Sicherheit der anderen. Sie können uns Jungen
nicht übelnehmen, daß wir diese totale Verlogenheit innen und außen einfach nicht mehr mitmachen wollen.
Im Grunde können Sie das doch auch gar nicht wünschen.«
»Und Sie glauben, daß Ihr Führer Adolf Hitler ehrlicher ist?«
»Ich kann mir vorstellen, daß Hitler Ihnen unsympathisch ist, weil er Ihnen zu primitiv erscheint. Aber da er
zum einfachen Volk spricht, muß er auch dessen Sprache benützen. Ich kann Ihnen nicht beweisen, daß er
ehrlicher ist; aber Sie werden bald sehen, daß er erfolgreicher sein wird als unsere bisherigen Politiker. Sie
werden erfahren, daß Deutschlands Gegner vom letzten Kriege Hitler viel mehr Zugeständnisse machen
werden als seinen Vorgängern, und zwar einfach deshalb, weil sie von jetzt ab wieder selbst Opfer bringen
müßten, wenn sie das bisher geübte Unrecht aufrechterhalten wollten. In den vergangenen Jahren war das
sehr viel einfacher, weil sich die deutsche Regierung jeden Zwang von außen hat gefallen lassen.«
»Selbst wenn Sie damit recht hätten, weiß ich nicht, ob ich ein erzwungenes Zugeständnis der anderen einen
echten Erfolg Ihrer Bewegung oder auch Hitlers nennen sollte. Denn für jede solche ertrotzte Änderung wird
Deutschland sich wieder mehr Feinde machen, und wohin der Grundsatz ›Viel Feind, viel Ehr‹ führt, das
sollten wir doch wirklich aus dem letzten Kriege gelernt haben.«
»Sie finden also, Deutschland sollte ruhig weiterhin die von allen verachtete und verlachte Nation bleiben, die
sich alles gefallen lassen muß, die am letzten Krieg allein schuld ist, weil man ihr eben diese Schuld
angedichtet hat, und im Grunde nur, weil sie eben den letzten Krieg verloren hat - das finden Sie alles erträg-
lich?«
»Wir verstehen uns hier schlecht«, suchte ich zu beschwichtigen, »und ich muß Ihnen etwas genauer
erklären, was ich meine. Ich finde zunächst, daß Länder wie Dänemark, Schweden oder die Schweiz auch
ganz gut leben, obwohl sie in den letzten hundert Jahren keine Kriege gewonnen haben und militärisch relativ
schwach sind. Sie können auch ihre Eigenart in diesem Zustand halber Abhängigkeit von Großmächten
durchaus bewahren. Warum sollen wir nicht das gleiche anstreben? Sie können einwenden, daß wir ein viel
größeres und wirtschaftlich stärkeres Volk seien als die Schweden oder die Schweizer. Daher stünde uns
auch ein größerer Einfluß auf das Weltgeschehen zu. Aber ich versuche dabei in eine etwas weitere Zukunft
hinauszudenken. Die Veränderungen in der Struktur der Welt, deren Zeugen wir jetzt sind, haben doch eine
gewisse Ähnlichkeit mit den Wandlungen, die sich in Europa beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit voll-
zogen haben. Damals hatte die Erweiterung der Technik, insbesondere der Waffentechnik, zur Folge, daß die
kleinen zunächst politisch unabhängigen Einheiten, wie Ritterburg und Stadt, verschwanden - jedenfalls als
unabhängige politische Gebilde verschwanden - und daß sie durch größere Einheiten, durch größere oder
kleinere Territorialstaaten ersetzt wurden. Nachdem dieser Übergang vollzogen war, bot es für eine Stadt
keinen nennenswerten Vorteil mehr, sich mit sehr kostspieligen Mauern und Verteidigungswällen zu
umgeben. Im Gegenteil, eine kleine Stadt, die auf die Stadtmauern verzichtet hatte, konnte sich manchmal
leichter und schneller ausbreiten als eine größere, deren Wachstum durch eine wehrhafte Stadtmauer
begrenzt war. Auch in unserer Zeit macht die Technik enorme Fortschritte, die Waffentechnik hat sich durch
die Erfindung des Flugzeugs radikal verändert. Auch heute ist die Tendenz zur Bildung größerer politischer
Einheiten, die über die Grenzen der Nation hinausgreifen, ganz unverkennbar. Daher könnte für die Sicherheit
unseres Landes besser gesorgt sein, wenn wir auf Rüstung weitgehend verzichteten und statt dessen
versuchten, durch wirtschaftliche Anstrengungen gute nachbarliche Beziehungen mit den uns umgebenden
Nationen einzuleiten, Eine Vermehrung der Rüstung würde vielleicht nur die Gegenkräfte bei den anderen
Ländern stärken und daher im Endeffekt eine Verringerung der Sicherheit bewirken. Die Zugehörigkeit zu
einer größeren politischen Gemeinschaft könnte ein viel besserer Schutz sein. Mit alledem will ich nur sagen,
daß es immer sehr schwierig ist, über den Wert politischer Ziele zu urteilen, deren Erreichung noch in weiter
Ferne liegt. Ich glaube daher, daß man eine politische Bewegung nie nach den Zielen beurteilen darf, die sie
laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer
Verwirklichung einsetzt. Diese Mittel sind leider bei den Nationalsozialisten und bei den Kommunisten gleich
schlecht, sie zeigen, daß auch die Urheber nicht mehr an die Überzeugungskraft ihrer Ideen glauben; daher
kann ich mit beiden Bewegungen nichts anfangen, und ich bin zu meinem Kummer überzeugt, daß aus beiden
nur Unglück für Deutschland herauskommen kann.«
»Aber Sie müssen doch zugeben, daß mit den guten Mitteln gar nichts erreicht worden ist. Die
Jugendbewegung hat keine Demonstrationen veranstaltet, keine Fensterscheiben eingeworfen und keine
Gegner verprügelt. Sie hat nur mit ihrem Beispiel versucht, neue und richtigere Wertmaßstäbe zu setzen.
Aber ist dadurch irgend etwas besser geworden?«
»Vielleicht nicht im rein politischen Leben. Aber kulturell ist die Jugendbewegung doch recht fruchtbar
gewesen. Denken Sie an die Volksschulen und an das Kunsthandwerk, an das Bauhaus Dessau, an die
Pflege der alten Musik, an Singkreise und Laienspiele, ist das nicht doch ein Gewinn?«
»Ja, vielleicht. Das will ich sicher nicht abstreiten, und ich freue mich darüber. Aber Deutschland muß eben
auch politisch aus dem Zustand der inneren Verrottung und der äußeren Bevormundung befreit werden. Und
das ist offenbar mit den guten Mitteln allein nicht möglich gewesen. Daraus kann nicht folgen, daß jetzt alles
beim alten bleiben muß. Sie kritisieren uns, weil wir einem Mann folgen, der Ihnen zu primitiv scheint und
dessen Mittel Sie mißbilligen. Ich empfinde seinen Antisemitismus auch als die unerfreulichste Seite unserer
Bewegung, und ich hoffe, daß er bald abklingt. Aber hat denn irgendein Vertreter der früheren Welt,
irgendeiner der älteren Professoren, die jetzt über die Revolution klagen, versucht, uns Jungen einen Weg zu
weisen, der besser wäre, der mit besseren Mitteln zum Ziel geführt hätte? Es war doch niemand da, der uns
gesagt hätte, wie wir anders aus dem Elend herauskommen können. Auch Sie nicht. Was hätten wir also tun
sollen?«
»Und dann haben Sie sich eben an der Gewaltanwendung beteiligt und die Revolution mitgemacht - in der
unsinnigen Illusion, daß beim Zerstören irgendetwas Gutes herauskommen könnte. Wissen Sie, was Jacob
Burckhardt über das außenpolitische Endergebnis der Revolutionen geschrieben hat: ›Es ist schon ein großes
Glück, wenn eine Revolution nicht geradezu den Erbfeind zum Herren macht.‹ Warum sollten wir Deutschen
dieses ungewöhnliche Glück haben? Wenn wir Älteren - ich muß mich jetzt dazu rechnen - keinen Rat
gegeben haben, so aus dem ganz einfachen Grunde, weil wir keinen Rat wußten - außer dem ganz banalen,
daß man gewissenhaft und ordentlich seine Arbeit machen und dabei hoffen soll, daß das gute Beispiel
schließlich auch zum Guten wirkt.«
»Sie wollen also immer wieder nur das Alte, das Vergangene, das Gestrige. Jeder Versuch, es zu ändern, ist
nach Ihrer Ansicht schlecht, und damit kann man eben die Jugend nicht mehr überzeugen. So könnte doch nie
etwas Neues auf der Welt geschehen. Und mit welchem Recht treten Sie in Ihrer Wissenschaft dann für
neue revolutionäre Ideen ein? In der Relativitätstheorie und der Quantentheorie hat man doch auch radikal
mit allem früheren gebrochen.«
»Wenn wir über Revolutionen in der Wissenschaft sprechen, so ist es wichtig, sich diese Revolutionen sehr
genau anzuschauen. Denken wir zum Beispiel an die Quantentheorie Plancks. Sie wissen vielleicht, daß
Planck von Anfang an ein ausgesprochen konservativer Geist war, der nie den Wunsch hatte, die alte Physik
ernsthaft zu ändern. Aber er hatte sich vorgenommen, ein bestimmtes eng umgrenztes Problem zu lösen, er
wollte das Spektrum der Wärmestrahlung verstehen. Er hat das natürlich unter Beibehaltung aller früheren
physikalischen Gesetze versucht, und er hat viele Jahre gebraucht um einzusehen, daß dies nicht möglich ist.
Erst dann hat er eine Hypothese vorgeschlagen, die nicht in den Rahmen der früheren Physik paßte, und
selbst danach wollte er die Bresche, die er in die Mauern der alten Physik geschlagen hatte, durch zusätzliche
Annahmen wieder auffüllen. Das hat sich allerdings als unmöglich herausgestellt, und die weitere Verfolgung
der Planckschen Hypothese hat zu einem radikalen Umbau der ganzen Physik genötigt. Aber selbst nach
dem Umbau hat sich in den Bereichen der Physik, die mit den Begriffen der klassischen Physik voll erfaßt
werden können, gar nichts geändert.
Also in anderen Worten: In der Wissenschaft kann eine gute und fruchtbare Revolution nur dann
durchgeführt werden, wenn man sich bemüht, sowenig wie möglich zu ändern, wenn man sich zunächst auf
die Lösung eines engen, fest umrissenen Problems beschränkt. Der Versuch, alles Bisherige aufzugeben und
willkürlich zu ändern, führt zu reinem Unsinn. Der Umsturz alles Bestehenden wird in der Naturwissenschaft
nur von unkritischen halbverrückten Fanatikern probiert - zum Beispiel von Leuten, die behaupten, ein
Perpetuum mobile erfinden zu können -, und natürlich kommt bei solchen Versuchen gar nichts heraus.
Allerdings weiß ich nicht, ob die Revolutionen in der Wissenschaft mit denen im Zusammenle ben der
Menschen verglichen werden können. Aber ich könnte mir denken - selbst wenn es sich um einen
Wunschtraum handeln sollte -, daß auch in der Geschichte die nachhaltigsten Revolutionen jene sind, bei
denen man versucht, nur eng umgrenzte Probleme zu lösen und sowenig wie irgend möglich zu ändern. Den-
ken Sie an jene große Revolution vor zweitausend Jahren, deren Urheber, Christus, gesagt hat: ›Ich bin nicht
gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen. ‹ Also nochmal: es kommt darauf an, sich auf das
eine wichtige Ziel zu beschränken und sowenig wie möglich zu ändern. Das Wenige, was dann doch geändert
werden muß, kann hinterher eine solche verwandelnde Kraft besitzen, daß es fast alle Lebensformen von
selbst umgestaltet.«
»Aber warum hängen Sie so an den alten Formen? Es wird doch oft vorkommen, daß alte Formen nicht mehr
in die neue Zeit passen und daß sie nur aus einer Art von Trägheit noch aufrechterhalten werden. Warum soll
man sie dann nicht gleich beseitigen? Zum Beispiel finde ich es absurd, daß die Professoren immer noch in
ihren mittelalterlichen Talaren zu den Universitätsfeiern erscheinen. Das ist doch ein alter Zopf, den man
abschneiden sollte.«
»Natürlich liegt mir nichts an den alten Formen; wohl aber an den Inhalten, die durch sie dargestellt werden
sollen. Auch das möchte ich durch einen Vergleich mit der Physik erläutern. Die Formeln der klassischen
Physik stellen ein altes Erfahrungswissen dar, das nicht nur immer richtig war, sondern auch in Zukunft und
zu allen Zeiten richtig bleiben wird. Die Quantentheorie gibt diesem Erfahrungsschatz nur formal eine andere
Gestalt. Aber inhaltlich kann sich hinsichtlich der Physik bei der Pendelbewegung, den Hebelgesetzen, den
Planetenbewegungen gar nichts ändern, weil sich bei diesen Vorgängen ja auch die Welt nicht ändert. Um
nun wieder auf die Talare zurückzukommen: Diese alte Form stammt wohl aus der Zeit der ständischen
Gliederung des Volkes, und ihr entspricht als Inhalt die noch viel ältere Erfahrung, daß die Gruppe der
Menschen, die viel gelernt haben, deren Denken an vielen schwierigen Gedankengängen anderer geschult ist,
für die menschliche Gemeinschaft besonders wichtig ist, da ihr Rat besser begründet ist als der anderer. Der
Talar soll diese besondere Stellung zum Ausdruck bringen und den Träger, selbst wenn er als Einzelner den
Forderungen seines Standes nicht genügt, vor den plumpen Angriffen der Masse schützen. Diese Erfahrung
ist sicher auch in unserer Welt noch genauso richtig wie vor einigen hundert Jahren; aber es ist in der Tat
ganz unwichtig, ob man sie äußerlich durch die Talare oder vielleicht besser in modernen Formen ausdrückt.
Allerdings habe ich den Verdacht, daß manche Kritiker der Talare auch den Erfahrungsinhalt selbst
verdrängen wollen, der sich in ihnen ausgesprochen hat. Das aber ist reine Dummheit, da man ja an den
Tatsachen nichts ändern kann.«
»Ja, Sie spielen nun wieder die Erfahrung gegen die Aktivität der Jugend aus, so wie es die alten Leute immer
tun und getan haben. Dagegen können wir dann nichts mehr sagen, und wir sind wieder allein.«
Mein Besucher wandte sich nun zum Gehen, aber ich fragte ihn, ob ich ihm nicht den letzten Satz des
Schumann-Konzerts noch einmal richtig vorspielen solle, soweit das ohne Orchester möglich sei. Damit war
er zufrieden, und ich hatte danach beim Abschied den Eindruck, daß er mir freundlich gesonnen sei.
In den auf dieses Gespräch folgenden Wochen wurden die Eingriffe in die Universität immer erschreckender.
Einer unserer Fakultätskollegen, der Mathematiker Levy, der nach dem Gesetz unangefochten bleiben sollte,
da er im ersten Weltkrieg viele hohe Kriegsauszeichnungen erhalten hatte, wurde plötzlich seines Postens
enthoben. Die Empörung unter den jüngeren Fakultätsmitgliedern - ich denke dabei besonders an Friedrich
Hund, Carl-Friedrich Bonhoeffer und den Mathematiker van der Waerden -war so groß, daß wir erwogen,
von unserer Stellung an der Universität zurückzutreten und möglichst viele Kollegen zu dem gleichen Schritt
zu veranlassen. Vorher wollte ich mich aber noch einmal mit einem Älteren, der unser volles Vertrauen
besaß, über diese Möglichkeit unterhalten. Ich bat daher Max Planck um eine Unterredung und suchte ihn in
seinem Haus in der Wangenheim-Straße in Berlin-Grunewald auf.
Planck empfing mich in seinem nicht sehr hellen, aber freundlich altmodisch eingerichteten Wohnzimmer, in
dem man zwar nicht in Wirklichkeit, aber im Geist noch die alte Petroleumlampe über dem Tisch in der Mitte
hängen sah. Planck schien mir seit unserem letzten Treffen um viele Jahre gealtert. Sein feines schmales Ge-
sicht hatte tiefe Falten, sein Lächeln bei der Begrüßung war gequält, er sah unendlich müde aus.
»Sie kommen, um bei mir Rat in politischen Fragen zu holen« begann er das Gespräch, »aber ich fürchte, ich
kann Ihnen keinen Rat mehr geben. Ich habe keine Hoffnung mehr, daß sich die Katastrophe für
Deutschland und damit auch für die deutschen Universitäten noch aufhalten läßt. Bevor Sie mir von den
Zerstörungen in Leipzig erzählen, die sicher um nichts geringer sind als die bei uns in Berlin, will ich Ihnen
lieber gleich über ein Gespräch berichten, das ich vor einigen Tagen mit Hitler geführt habe. Ich hatte gehofft,
ihm klarmachen zu können, welch enormen Schaden man den deutschen Universitäten und insbesondere
auch der physikalischen Forschung in unserem Land zufügt, wenn man die jüdischen Kollegen vertreibt; wie
sinnlos und zutiefst unmoralisch eine solche Handlungsweise wäre, da es sich ja zum größten Teil um
Menschen handelt, die sich völlig als Deutsche fühlen und die im letzten Kriege so wie alle ihr Leben für
Deutschland eingesetzt haben. Aber ich habe bei Hitler keinerlei Verständnis gefunden - oder schlimmer, es
gibt einfach keine Sprache, in der man sich mit einem solchen Menschen überhaupt verständigen kann. Hitler
hat, so schien mir, jeden wirklichen Kontakt mit der Außenwelt verloren. Er empfindet das, was der andere
sagt, bestenfalls als eine lästige Störung, die er sofort übertönt, indem er immer wieder die gleichen Phrasen
über die Zersetzung des geistigen Lebens in den letzten 14 Jahren, über die Notwendigkeit, diesem Verfall in
letzter Minute Einhalt zu gebieten usw., deklamiert. Dabei hat man den fatalen Eindruck, daß er diesen
Unsinn selber glaubt und sich die Möglichkeit dieses Glaubens eben durch das Ausschalten aller äußeren
Einflüsse sozusagen mit Gewalt verschafft; denn er ist von seinen sogenannten Ideen besessen, er ist
keinerlei vernünftigem Einspruch zugänglich und wird Deutschland in eine entsetzliche Katastrophe führen.«
Ich berichtete nun über die Vorgänge in Leipzig und über den unter uns jüngeren Fakultätsmitgliedern
erörterten Plan, unsere Professur demonstrativ niederzulegen und damit laut und deutlich ein »Bis hierher und
nicht weiter« auszusprechen. Aber Planck war von der Erfolglosigkeit eines solchen Plans von vorneherein
überzeugt.
»Ich freue mich, daß Sie als junger Mensch noch optimistisch sind und glauben, mit solchen Schritten dem
Unheil Einhalt gebieten zu können. Aber leider überschätzen Sie den Einfluß der Universitäten und der geistig
geschulten Menschen gewaltig. Die Öffentlichkeit würde von Ihrem Schritt praktisch nichts erfahren. Die
Zeitungen würden entweder gar nichts berichten oder nur in einem so hämischen Ton über Ihren Rücktritt
sprechen, daß niemand auf die Idee käme, daraus ernsthafte Folgerungen zu ziehen. Sehen Sie, man kann
eine Lawine, die einmal in Bewegung geraten ist, nicht mehr in ihrem Lauf beeinflussen. Wieviel sie zer-
stören, wie viele Menschenleben sie vernichten wird, das ist durch die Naturgesetze schon entschieden, auch
wenn man es noch nicht weiß. Auch Hitler kann den Lauf der Ereignisse nicht mehr wirklich bestimmen;
denn er ist ja in viel höherem Maße ein von seiner Besessenheit Getriebener als ein Treibender. Er kann nicht
wissen, ob die Gewalten, die er entfesselt hat, ihn schließlich hoch emporheben oder jämmerlich vernichten
werden.
Ihr Schritt würde bis zum Ende der Katastrophe also nur Rückwirkungen für Sie selber haben - vielleicht
wären Sie bereit, hier vieles in Kauf zu nehmen - aber für das Leben in unserem Land wird alles, was Sie tun,
bestenfalls nach dem Ende wirksam werden. Darauf müssen wir also unser Augenmerk richten. Wenn Sie
zurücktreten, so würde Ihnen im günstigsten Fall wohl nur übrigbleiben, im Ausland eine Stellung zu suchen.
Was in ungünstigeren Fällen geschehen würde, will ich lieber nicht ausmalen. Sie würden dann im Ausland
der großen Menge derer, die auswandern und eine Stellung suchen müssen, zugerechnet werden, und
vielleicht einem anderen, der in größerer Not ist als Sie, indirekt eine Stelle wegnehmen. Sie könnten dort
wahrscheinlich ruhig arbeiten, Sie wären außer Gefahr, und nach dem Ende der Katastrophe könnten Sie,
wenn Sie den Wunsch haben, nach Deutschland zurückkehren - mit dem guten Gewissen, daß Sie nie
Kompromisse mit den Zerstörern Deutschlands geschlossen haben. Aber bis dahin sind vielleicht viele Jahre
vergangen, Sie sind anders geworden, und die Menschen in Deutschland sind anders geworden; und es ist
sehr fraglich, wieviel Sie in dieser veränderten Welt dann wirken könnten.
Wenn Sie nicht zurücktreten und hier bleiben, haben Sie eine Aufgabe ganz anderer Art. Sie können die
Katastrophe nicht aufhalten und müssen, um überleben zu können, sogar immer wieder irgendwelche
Kompromisse schließen. Aber Sie können versuchen, mit anderen zusammen Inseln des Bestandes zu bilden.
Sie können junge Menschen um sich sammeln, ihnen zeigen, wie man gute Wissenschaft macht und ihnen
dadurch auch die alten richtigen Wertmaßstäbe im Bewußtsein bewahren. Natürlich weiß niemand, wieviel
von solchen Inseln am Ende der Katastrophe noch übriggeblieben sein wird; aber ich bin sicher, daß selbst
kleine Gruppen von begabten jungen Menschen, die man in einem solchen Geist durch die Schreckenszeit
hindurchbringen kann, für den Wiederaufbau nach dem Ende die größte Bedeutung haben. Denn solche
Gruppen können Kristallisationskeime darstellen, von denen aus sich die neuen Lebensformen bilden. Das
wird zunächst nur für den Wiederaufbau der wissenschaftlichen Forschung in Deutschland gelten. Aber da
niemand weiß, welche Rolle Wissenschaft und Technik in der zukünftigen Welt spielen werden, mag es auch
für weitere Bereiche wichtig werden. Ich meine, daß alle, die etwas ausrichten können und die nicht, zum
Beispiel durch ihre Rasse, einfach gezwungen sind auszuwandern, versuchen sollten hierzubleiben und eine
fernere Zukunft vorzubereiten. Das wird sicher sehr schwierig sein und nicht ohne Gefahren; und die
Kompromisse, die eingegangen werden müssen, werden später mit Recht vorgehalten und vielleicht auch
bestraft werden. Aber vielleicht muß man es trotzdem tun. Natürlich kann ich es niemandem verdenken,
wenn er anders entscheidet; wenn er auswandert, weil er das Leben in Deutschland unerträglich findet, weil
er das Unrecht, das hier geschieht, einfach nicht mit ansehen und sicher nicht verhindern kann. Aber in einer
solchen entsetzlichen Situation, wie wir sie jetzt in Deutschland vorfinden, kann man nicht mehr richtig
handeln. Bei jeder Entscheidung, die man zu treffen hat, beteiligt man sich an irgendeiner Art von Unrecht.
Daher ist auch letzten Endes jeder auf sich allein gestellt. Es hat keinen Sinn mehr, Ratschläge zu geben oder
anzunehmen. Daher kann ich auch Ihnen nur sagen, machen Sie sich keine Hoffnungen, daß Sie, was immer
Sie tun, bis zum Ende der Katastrophe viel Unglück verhindern könnten. Aber denken Sie bei Ihrer Ent-
scheidung an die Zeit, die danach kommt.«
Weiter als bis zu dieser Mahnung ist unser Gespräch dann nicht fortgesetzt worden. Auf dem Heimweg und
im Zug nach Leipzig gingen mir die ausgesprochenen Gedanken unablässig im Kopf herum, und ich quälte
mich mit der Frage, ob ich auswandern oder bleiben solle. Fast beneidete ich die Freunde, denen die Lebens-
grundlage in Deutschland mit Gewalt entzogen worden war und die daher wußten, daß sie unser Land
verlassen mußten. Ihnen war bitter Unrecht geschehen, und sie hatten große materielle Schwierigkeiten zu
überwinden, aber ihnen war wenigstens die Wahl erspart. Ich versuchte mir das Problem in immer wieder
neuen Formen zu stellen, um besser zu sehen, was richtig war. Wenn im eigenen Haus einer der
Familienangehörigen an einer Infektion tödlich erkrankt ist, ist es dann richtiger, das Haus zu verlassen, um
die Infektion nicht noch weiter zu tragen, oder ist es besser den Kranken zu pflegen, auch wenn keine
Hoffnung mehr besteht? Aber war es erlaubt, eine Revolution mit einer Krankheit zu vergleichen? War das
nicht eine zu billige Methode, die sittlichen Maßstäbe außer Kraft zu setzen? Und dann, was waren die
Kompromisse, von denen Planck gesprochen hatte? Am Anfang der Vorlesung mußte man die Hand
erheben, um den von der nationalsozialistischen Partei geforderten Formen zu genügen. Wie oft hatte ich
vorher schon Bekannte begrüßt, indem ich die Hand erhob und ihnen zuwinkte. War das also ein entehrendes
Zugeständnis? Man mußte amtliche Briefe mit »Heil Hitler« unterzeichnen. Das war schon viel
unerfreulicher, aber zum Glück hatte man ja nur selten solche Briefe zu schreiben, und dann hatte dieser
Gruß sowieso den Unterton, »ich will mit dir nichts zu tun haben«. Man mußte an Feiern und Aufmärschen
teilnehmen. Aber es würde wohl oft möglich sein, solche Verpflichtungen zu umgehen. Jeder einzelne Schritt
dieser Art war vielleicht noch vertretbar. Aber man würde wohl viele Schritte gehen müssen, und waren die
auch noch vertretbar? Hatte Wilhelm Teil damals recht gehandelt, als er dem Geßlerhut den Gruß
verweigerte und damit das Leben seines Kindes in äußerste Gefahr brachte? Hätte er da nicht auch einen
Kompromiß schließen sollen? Aber wenn die Antwort hier »nein« lautete, wieso sollte man dann jetzt in
Deutschland Kompromisse schließen?
Wenn man sich umgekehrt zur Auswanderung entschloß, wie vertrug sich dieser Entschluß mit der
Kantschen Forderung, man solle so handeln, daß das eigene Handeln auch als allgemeine Maxime gelten
könnte? Alle konnten ja nicht auswandern. Sollte man etwa ruhelos auf diesem Globus von einem Land zum
anderen wandern, um den jeweils eintretenden sozialen Katastrophen zu entgehen? Auch die anderen Länder
würden kaum auf lange Sicht von solchen oder ähnlichen Katastrophen verschont bleiben. Schließlich gehörte
man doch durch Geburt, Sprache und Erziehung zu einem bestimmten Land. Und hieß Auswandern nicht,
unser Land kampflos einer Gruppe von besessenen Menschen zu überlassen, die seelisch aus dem
Gleichgewicht geraten waren und die in ihrer Verwirrung Deutschland in ein unübersehbares Unheil stürzten?
Planck hatte davon gesprochen, daß man vor Entscheidungen gestellt werden könne, bei denen man nur noch
Unrecht tun kann. Waren solche Situationen überhaupt möglich? Als Physiker versuchte ich mir
Gedankenexperimente zu erfinden, das heißt in diesem Fall Notlagen auszudenken, die, wenn sie auch nicht in
der Wirklichkeit vorkämen, doch wirklichen Situationen hinreichend ähnlich und zugleich so extrem wären,
daß man die Unmöglichkeit einer menschlich vertretbaren Lösung sofort einsehen konnte. Schließlich kam ich
auf das folgende fürchterliche Beispiel: Eine diktatorische Regierung hat zehn ihrer Gegner ins Gefängnis ge-
worfen und ist entschlossen, wenigstens den einen Wichtigsten von ihnen, aber vielleicht auch alle zehn zu
töten. Es liegt der Regierung aber viel daran, diesen Mord dem Ausland gegenüber als gerecht erscheinen zu
lassen. Sie bietet also einem anderen ihrer Gegner, der wegen seines hohen internationalen Ansehens noch in
Freiheit gelassen wurde - es könnte zum Beispiel ein angesehener Jurist im Lande sein - folgenden Vertrag
an: Wenn der Jurist bereit ist, die Rechtlichkeit des Mordes an dem wichtigsten der Gegner mit seiner
Unterschrift unter ein entsprechendes Gutachten zu decken, so werden die übrigen neun Gegner freigelassen,
und es werden Garantien angeboten, daß ihnen die Auswanderung ermöglicht wird. Wenn er die Unterschrift
verweigert, werden alle zehn Gefangenen hingerichtet. Der Jurist kann nicht daran zweifeln, daß der Diktator
mit dieser Drohung ernst machen wird. Was soll er tun? Ist seine »weiße Weste«, wie man das damals
zynisch nannte, mehr wert als das Leben der neun Freunde? Selbst der Freitod des Juristen wäre keine
Lösung mehr, da er ja auch die Rettung der unschuldig Gefangenen verhindern würde.
Dazu kam mir ein Gespräch mit Niels in den Sinn, der von einer Komplementarität der Begriffe
»Gerechtigkeit« und »Liebe« gesprochen hatte. Zwar sind beide, Gerechtigkeit und Liebe, wesentliche
Bestandteile unseres Verhaltens im Zusammenleben mit den anderen Menschen; aber letzten Endes
schließen sie einander aus. Die Gerechtigkeit gebietet dem Juristen, die Unterschrift zu verweigern. Auch
würden die politischen Folgen der Unterschrift vielleicht viel mehr Menschen ins Unglück stürzen als nur die
neun Freunde. Aber darf sich die Liebe dem Hilferuf verschließen, den die verzweifelten Angehörigen der
Freunde an den Juristen richten? Dann kam es mir wieder kindisch vor, solche absurden Gedankenspiele zu
betreiben. Es kam doch darauf an, hier und jetzt zu entscheiden, ob ich auswandern oder in Deutschland
bleiben wollte. Man mußte an die Zeit nach der Katastrophe denken. Das hatte Planck gesagt, und das
leuchtete mir ein. Also: Inseln des Bestandes bilden, junge Leute sammeln und sie nach Möglichkeit lebendig
durch die Katastrophe bringen, und dann nach dem Ende wieder neu aufbauen; das war die Aufgabe, von der
Planck gesprochen hatte. Dazu gehörte wohl unvermeidlich, Kompromisse schließen und später dafür mit
Recht bestraft werden - und vielleicht noch Schlimmeres. Aber es war wenigstens eine klar gestellte
Aufgabe. Draußen wäre man eigentlich überflüssig. Dort gab es nur Aufgaben, die von vielen anderen besser
geleistet werden konnten. Bei der Rückkehr nach Leipzig war mein Entschluß gefaßt, wenigstens vorläufig in
Deutschland und an der Universität Leipzig zu bleiben und zu sehen, wohin mich dieser Weg weiter führen
würde.
13. Diskussionen über die Möglichkeiten der Atomtechnik und über
die Elementarteilchen (1935-1937)

Trotz der Unruhe, die im wissenschaftlichen Leben nicht nur unseres Landes durch die deutsche Revolution
und die ihr folgende Emigration hervorgerufen worden war, entwickelte sich die Atomphysik in jenen Jahren
erstaunlich rasch. Im Laboratorium Lord Rutherfords in Cambridge in England hatten Cockcroft und Walton
eine Hochspannungseinrichtung konstruiert, mit der man die Atomkerne des Wasserstoffs, die Protonen, so
weit beschleunigen konnte, daß sie, wenn man sie auf einen leichten Atomkern schoß, die durch die
elektrische Abstoßung bewirkte Barriere überwinden und den Atomkern treffen und umwandeln konnten. Mit
diesem und ähnlichen Instrumenten, insbesondere dem in Amerika entwickelten Zyklotron, konnte man viele
neue kernphysikalische Experimente anstellen, so daß sich bald ein recht klares Bild der Eigenschaften der
Atomkerne und der in ihnen wirksamen Kräfte ergab. Die Atomkerne konnten nicht wie die ganzen Atome
mit einem Planetensystem im Kleinen verglichen werden, bei dem die stärksten Kräfte von einem zentralen
schweren Körper ausgehen, der die Bahnen der umlaufenden leichten Körper bestimmt. Vielmehr sind die
verschiedenen Atomkerne gewissermaßen verschie den große Tropfen aus der gleichen Art Kernmaterie, die
ihrerseits etwa zu gleichen Teilen aus Protonen und Neutronen besteht. Die Dichte dieser aus Protonen und
Neutronen gebildeten Kernmaterie ist bei allen Atomkernen ungefähr die gleiche. Nur bewirkt die starke
elektrostatische Abstoßung der Protonen, daß bei schweren Kernen die Zahl der Neutronen etwas größer ist
als die der Protonen. Die starken Kräfte, die die Kernmaterie zusammenhalten, ändern sich nicht bei einer
Vertauschung von Proton und Neutron; diese Annahme hatte sich bestätigt. Und die so zutage getretene
Symmetrie zwischen Proton und Neutron, von der ich schon damals in der Hütte auf der Steilen Alm
geträumt hatte, äußert sich experimentell auch dadurch, daß manche Atomkerne Elektronen, andere
Positronen beim Betazerfall aussenden. Um die Verhältnisse im Atomkern noch mehr im einzelnen zu
studieren, versuchten wir in unserem Leipziger Seminar den Atomkern, also einen nahezu kugelförmigen
Tropfen aus Kernmaterie, als eine Art von Kugeltopf aufzufassen, in dem die Neutronen und Protonen frei
herumliefen, ohne sich erheblich gegenseitig zu stören; während Niels in Kopenhagen umgekehrt die
Wechselwirkung der einzelnen Kernbausteine für sehr wichtig hielt und daher den Kern gern als eine Art
Sandsack betrachtete.
Um diese Unterschiede der Auffassung durch Gespräche zu klären, fuhr ich in der Zeit zwischen Herbst
1935 und Herbst 1936 wieder für einige Wochen nach Kopenhagen. Ich durfte dort als Gast der Familie Bohr
ein Zimmer in der Ehrenwohnung benützen, die Bohr und seinen Angehörigen vom dänischen Staat aus den
Mitteln der Carlsberg-Stiftung zur Verfügung gestellt worden war. Dieses Haus hat als Treffpunkt der
Atomphysiker für viele Jahre eine besonders wichtige Rolle gespielt. Es war ein Bau im pompejanischen Stil,
an dem die starken Einflüsse des berühmten Bildhauers Thorwaldsen auf das dänische Kulturleben noch
deutlich zu spüren waren. Vom Wohnzimmer führte eine mit Plastiken geschmückte Freitreppe in den großen
Park, dessen Mitte durch einen Springbrunnen zwischen Blumenbeeten belebt wurde und in dem hohe alte
Bäume Schutz gegen Sonne oder Regen boten. Vom Flur der Wohnung gelangte man auf der einen Seite in
einen Wintergarten, in dem wieder das Plätschern eines kleinen Springbrunnens die sonst in diesem Teil des
Hauses herrschende Stille unterbrach. Wir haben auf dem Strahl dieses Springbrunnens oft Tischtennisbälle
tanzen lassen und uns dann über die physikalischen Ursachen dieses Vorgangs unterhalten. Hinter dem
Wintergarten lag ein großer Saal mit dorischen Säulen, der vielfach zu festlichen Zusammenkünften bei
wissenschaftlichen Tagungen benützt wurde. In diesem gastlichen Haus also durfte ich für einige Wochen mit
der Familie Bohr zusammen sein, und es traf sich so, daß auch der englische Physiker Lord Rutherford, der
Vater der modernen Atomphysik, wie er später gelegentlich genannt wurde, eine kurze Ferienzeit bei Bohrs
in Kopenhagen verbrachte. So ergab es sich von selbst, daß wir gelegentlich zu dritt durch den Park
wanderten und unsere Meinung über die neuesten Experimente oder über den Bau der Atomkerne aus-
tauschten. Ich will versuchen, eines dieser Gespräche festzuhalten.
Lord Rutherford: »Was geschieht eigentlich nach eurer Ansicht, wenn wir noch größere
Hochspannungsgeräte oder andere Beschleunigungsmaschinen bauen und Protonen noch höherer Energie
und Geschwindigkeit auf schwerere Atomkerne schießen? Wird das schnelle Geschoß den Atomkern einfach
durchschlagen, vielleicht ohne viel Schaden anzurichten, oder wird es im Atomkern steckenbleiben, so daß
seine ganze Bewegungsenergie schließlich auf den Kern übertragen wird? Wenn die Wechselwirkung der
einzelnen Kernbausteine sehr wichtig ist, wie Niels glaubt, so sollte das Geschoß wohl steckenbleiben. Wenn
aber Protonen und Neutronen sich nahezu unabhängig im Atomkern bewegen, ohne sich gegenseitig stärker
zu beeinflussen, so könnte vielleicht das Geschoß durch den Kern hindurchlaufen, ohne größere Störungen zu
bewirken.«
Niels: »Ich möchte bestimmt glauben, daß das Geschoß im Atomkern in der Regel stecken bleibt und daß
sich seine Bewegungsenergie schließlich auf alle Kernbausteine einigermaßen gleichmäßig verteilt; denn die
Wechselwirkung ist eben sehr groß. Der Atomkern wird also durch einen solchen Stoß einfach wärmer, und
den Grad der Erwärmung wird man aus der spezifischen Wärme der Kernmaterie und aus der im Geschoß
enthaltenen Energie berechnen können. Was dann weiter geschieht, wird man am ehesten als eine teilweise
Verdampfung des Atomkerns bezeichnen können. Das heißt an der Oberfläche werden einzelne Teilchen
gelegentlich eine so hohe Energie erhalten, daß sie den Atomkern verlassen. - Aber was sagst du dazu ?«
Die Frage war an mich gerichtet.
»Ich möchte das eigentlich auch glauben«, antwortete ich, »obwohl es nicht ganz zu unseren Leipziger
Vorstellungen von den fast frei im Kern herumlaufenden Kernbausteinen zu passen scheint. Aber ein sehr
schnelles Teilchen, das in den Kern eindringt, wird wegen der großen Wechselwirkungskräfte wohl sicher
mehrere Zusammenstöße erleiden und dabei seine Energie verlieren. Für ein langsames Teilchen, das sich im
Atomkern mit nur geringer Energie bewegt, mag es anders aussehen, da dann die Wellennatur der Teilchen
ins Spiel kommt und die Zahl der möglichen Energieübertragungen geringer wird. Dann mag die
Vernachlässigung der Wechselwirkung noch eine zulässige Näherung sein. Aber man sollte das einfach
ausrechnen können; denn man weiß ja eigentlich schon genug über den Atomkern. Ich werde mir eine solche
Rechnung für Leipzig vornehmen.
Ich möchte aber eine Gegenfrage stellen: Kann man sich eigentlich denken, daß man mit immer größeren
Beschleunigungsmaschinen schließlich zu einer technischen Anwendung der Kernphysik kommt; etwa in der
Art, daß man neue chemische Elemente in größerer Menge künstlich herstellt oder indem man die Bindungs-
energie der Kerne ähnlich ausnützt, wie die chemische Bindungsenergie bei der Verbrennung ausgenützt
wird? Es soll doch einen englischen Zukunftsroman geben, in dem ein Physiker in Momenten höchster
politischer Spannung für sein Land eine Atombombe erfindet und dadurch als »Deus ex machina‹ alle
politischen Schwierigkeiten beseitigt. Das sind natürlich Wunschträume. Aber in etwas ernsthafterer Form
hat der Physiko-Chemiker Nernst in Berlin einmal behauptet, daß die Erde eigentlich eine Art Pulverfaß sei,
bei dem einstweilen nur das Streichholz fehle, mit dem man es in die Luft jagen könne. Es ist doch auch wahr:
Wenn man etwa je vier Wasserstoffatomkerne im Meerwasser zu je einem Heliumatomkern vereinigen
könnte, so würde dabei eine so enorme Energie frei, daß der Pulverfaßvergleich nur als eine lächerliche
Verniedlichung gelten könnte.«
Niels: »Nein, solche Überlegungen sind bisher wohl nicht zu Ende gedacht worden. Der entscheidende
Unterschied zwischen der Chemie und der Kernphysik besteht doch darin, daß die chemischen Prozesse in
der Regel an der Mehrzahl der Moleküle in der betreffenden Substanz, zum Beispiel im Pulver, ablaufen,
während wir in der Kernphysik immer nur mit einer kleinen Zahl von Atomkernen experimentieren können.
Das wird auch mit größeren Beschleunigungsmaschinen nicht grundsätzlich anders werden. Die Zahl der in
einem chemischen Experiment ablaufenden Prozesse verhält sich doch zu der Zahl der bisher in den kern-
physikalischen Experimenten hervorgerufenen Prozesse etwa so wie, sagen wir, der Durchmesser unseres
Planetensystems zum Durchmesser eines Kieselsteins; und dann macht es auch nicht mehr viel aus, wenn
man den Kieselstein durch einen Felsbrocken ersetzt. Es wäre natürlich etwas anderes, wenn man ein Stück
Materie auf so hohe Temperaturen bringen könnte, daß die Energie der einzelnen Teilchen ausreicht, um die
Abstoßungskräfte zwischen den Atomkernen zu überwinden, und wenn man die Dichte der Materie
gleichzeitig so hoch halten könnte, daß die Zusammenstöße nicht zu selten werden. Aber dazu müßte man
auf Temperaturen von, sagen wir, 1 Milliarde Grad kommen, und bei solchen Temperaturen gibt es natürlich
keine Wände von Gefäßen mehr, in die man die Materie einschließen könnte; die wären alle längst
verdampft.«
Lord Rutherford: »Bisher ist ja auch keine Rede davon, daß man aus den Prozessen an den Atomkernen
Energie gewinnen könnte. Denn es wird zwar bei der Anlagerung eines Protons oder Neutrons an einen
Atomkern im Einzelprozeß wirklich Energie frei. Aber um zu erreichen, daß ein solcher Prozeß stattfindet,
muß man sehr viel mehr Energie aufwenden; zum Beispiel zur Beschleunigung sehr vieler Protonen, von
denen die meisten nichts treffen. Der allergrößte Teil dieser Energie geht in Form von Wärmebewegung
praktisch verloren. Energetisch ist also das Experimentieren an Atomkernen bisher ein reines
Verlustgeschäft. Wer von einer technischen Ausnützung der Atomkernenergie spricht, der redet einfach
Unsinn.«
Auf diese Meinung haben wir uns dann schnell geeinigt, und keiner von uns ahnte damals, daß schon wenige
Jahre später die Entdeckung der Uranspaltung durch Otto Hahn die Situation von Grund auf ändern würde.
Von der Unruhe der Zeit drang wenig in die Stille des Bohrschen Parks. Wir setzten uns auf eine Bank im
Schatten großer Bäume und sahen zu, wie ein Windstoß gelegentlich die fallenden Tropfen des
Springbrunnens zur Seite wehte und wie dann einzelne Tropfen an den Rosenblättern hängenblieben und dort
in der Sonne glänzten.
Nach meiner Rückkehr nach Leipzig führte ich die versprochene Rechnung aus. Sie bestätigte Niels'
Vermutung, daß schnelle Protonen aus größeren Beschleunigungsmaschinen in der Regel im Atomkern
steckenbleiben und ihn durch einen Stoß einfach erhitzen. Etwa um die gleiche Zeit wurden dann auch bei
schnellen Protonen aus der kosmischen Strahlung Prozesse dieser Art wirklich beobachtet. Die gleiche
Rechnung schien aber auch eine gewisse Rechtfertigung dafür zu enthalten, daß man bei Untersuchungen
über den inneren Aufbau der Atomkerne in erster Näherung von der starken Wechselwirkung einzelner
Teilchen absehen darf. Wir setzten also unsere Leipziger Untersuchungen in dieser Richtung fort. Carl-
Friedrich, der damals Assistent von Lise Meitner in Otto Hahns Institut in Dahlem war, kam häufig zu
unseren Seminarvorträgen von Berlin nach Leipzig und berichtete uns auch bei einem dieser Treffen von
seinen eigenen Untersuchungen über die Atomkernprozesse im Inneren der Sonne und der Sterne. Er konnte
theoretisch nachweisen, daß sich im heißesten inneren Teil der Sterne ganz bestimmte Reaktionen zwischen
leichten Atomkernen abspielen und daß die enorme Energie, die von den Sternen ständig abgestrahlt wird,
offenbar aus diesen Kernprozessen stammt. Bethe in Amerika veröffentlichte ähnliche Untersuchungen, und
wir gewöhnten uns daran, die Sterne als riesige Atomöfen zu betrachten, in denen die Gewinnung der
Atomkernenergie zwar nicht als technisch kontrollierbarer Vorgang, aber doch als Naturphänomen sich
ständig vor unseren Augen abspielte. Aber noch war von Atomtechnik keine Rede.
In unserem Leipziger Seminar wurde nicht nur über die Atomkerne gearbeitet. Inzwischen hatten sich auch
die Gedanken weiter entwickelt, mit denen ich damals während jener Nacht in der Skihütte auf der Steilen
Alm versucht hatte, die Natur der Elementarteilchen besser zu verstehen. Die Hypothese Paul Diracs von
der Existenz der Antimaterie war nun durch viele Experimente sicherer Besitz unserer Wissenschaft
geworden. Wir wußten, daß es zumindest einen Prozeß in der Natur gibt, bei dem sich Energie in Materie
verwandelt. Aus Strahlungsenergie können Elektron-Positron-Paare entstehen. Es lag nahe anzunehmen, daß
es auch noch andere Prozesse dieser Art geben kann, und wir versuchten uns auszumalen, welche Rolle
solche Prozesse dann spielen können, wenn schnelle Elementarteilchen mit hoher Geschwindigkeit
aufeinandertreffen.
Mein nächster Gesprächspartner in solchen Überlegungen war Hans Euler, der einige Jahre vorher als junger
Student zu uns gestoßen war. Er war mir früh aufgefallen, nicht nur durch eine weit überdurchschnittliche
Begabung, sondern auch durch seine äußere Erscheinung. Er sah zarter, empfindlicher aus, als die meisten
Studenten, und in seinem Gesicht konnte man, gerade wenn er lächelte, manchmal einen leidenden Zug
erkennen. Er hatte ein hohes schmales, fast etwas eingefallenes Gesicht mit blonden Locken, und in seinem
Sprechen spürte man eine intensive Konzentration, die für einen jungen Menschen ungewöhnlich war. Es war
unschwer zu erkennen, daß er materiell in äußerst bedrängten Verhältnissen lebte, und ich war daher froh, als
ich ihm eine, wenn auch nur bescheidene Hilfsassistentenstelle beschaffen konnte. Erst nach längerer Zeit,
als er volles Zutrauen zu mir gefaßt hatte, gestand er mir den ganzen Umfang seiner Schwierigkeiten. Seine
Eltern konnten die Mittel für sein Studium kaum aufbringen. Er selbst war überzeugter Kommunist, vielleicht
war auch sein Vater schon aus politischen Gründen in diese Bedrängnis geraten. Euler war mit einem jungen
Mädchen verlobt, das wegen seiner jüdischen Abstammung aus Deutschland hatte fliehen müssen und nun in
der Schweiz lebte. Von der Menschengruppe, die seit 1933 die
politische Macht in Deutschland gewonnen hatte, konnte er nur mit Abscheu sprechen. Aber er berührte
dieses Thema nur ungern. Schon um ihm zu helfen, lud ich Euler in diesen Jahren oft in meine Wohnung zum
Mittagessen ein, und in unseren Gesprächen wurde auch die Möglichkeit erwogen, daß er auswandern
könnte. Das hat er aber nie ernstlich in Betracht gezogen, und ich hatte den Eindruck, daß er sich zu sehr an
Deutschland gebunden fühlte. Aber auch davon sprach er nicht gern.
So kam ich oft mit Euler zusammen, und wir berieten daher über die möglichen Konsequenzen der
Diracschen Entdeckung und der Umwandlung von Energie in Materie.
»Wir haben doch von Dirac gelernt«, so könnte Euler etwa gefragt haben, »daß ein Lichtquant, das an einem
Atomkern vorbeifliegt, sich dabei in ein Paar von Teilchen, ein Elektron und ein Positron, verwandeln kann.
Bedeutet das eigentlich, daß ein Lichtquant aus einem Elektron und einem Positron besteht? Dann wäre das
Lichtquant so eine Art Doppelsternsystem, in dem Elektron und Positron umeinander kreisen. Oder ist das
eine falsche anschauliche Vorstellung?«
»Ich glaube nicht, daß ein solches Bild viel Wahrheit enthält. Denn aus diesem Bild würde man doch
schließen, daß die Masse eines solchen Doppelsterns nicht viel kleiner sein sollte als die Summe der Massen
der beiden Teile, aus denen es besteht. Und man könnte auch nicht einsehen, warum dieses System sich
immer mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum bewegen muß. Es könnte doch auch irgendwo zur Ruhe
kommen.«
»Was soll man aber dann über das Lichtquant in diesem Zusammenhang sagen?«
»Man darf vielleicht sagen, daß das Lichtquant virtuell aus Elektron und Positron besteht. Das Wort ›virtuell‹
deutet an, daß es sich um eine Möglichkeit handelt. Der eben ausgesprochene Satz behauptet dann nur, daß
das Lichtquant sich eben in gewissen Experimenten möglicherweise in Elektron und Positron zerlegen läßt.
Mehr nicht.«
»Nun könnte in einem sehr energiereichen Stoß ein Lichtquant doch vielleicht auch in zwei Elektronen und
zwei Positronen verwandelt werden. Würden Sie dann sagen, daß das Lichtquant virtuell auch aus diesen vier
Teilchen besteht?«
»Ja, ich glaube, das wäre konsequent. Das Wort ›virtuell‹, das die Möglichkeit bezeichnet, erlaubt ja die
Behauptung, daß das Lichtquant virtuell aus zwei oder vier Teilchen besteht. Zwei verschiedene
Möglichkeiten schließen sich ja nicht aus.«
»Aber was gewinnt man dann noch mit einem solchen Satz?« wandte Euler ein. »Dann kann man doch gleich
sagen, daß jedes Elementarteilchen virtuell aus irgendeiner beliebigen Zahl von anderen Elementarteilchen
besteht. Denn bei sehr energiereichen Stoßprozessen wird schon irgendeine beliebige Zahl von Teilchen
entstehen können. Das ist doch fast keine Aussage mehr.«
»Nein, so beliebig sind Zahl und Art der Teilchen denn doch nicht. Nur solche Konfigurationen von Teilchen
werden als mögliche Beschreibung des einen darzustellenden Teilchens in Betracht kommen, die die gleiche
Symmetrie haben wie das ursprüngliche Teilchen. Statt Symmetrie könnte man noch genauer sagen: Trans-
formationseigenschaft gegenüber solchen Operationen, unter denen die Naturgesetze unverändert bleiben.
Wir haben doch schon aus der Quantenmechanik gelernt, daß die stationären Zustände eines Atoms durch
ihre Symmetrieeigenschaften charakterisiert sind. So wird es eben auch bei den Elementarteilchen sein, die ja
auch stationäre Zustände aus Materie sind.«
Euler war noch nicht so recht zufrieden. »Das wird doch reichlich abstrakt, was Sie jetzt sagen. Es käme
wohl mehr darauf an, sich Experimente auszudenken, die anders ablaufen, als man bisher angenommen hätte,
und zwar deshalb anders, weil die Lichtquanten virtuell aus Teilchenpaaren bestehen. Man würde doch
vermuten, daß man wenigstens qualitativ vernünftige Resultate bekommt, wenn man das Bild vom
Doppelsternsystem einen Moment ernst nimmt und fragt, was nach der früheren Physik daraus folgen sollte.
Zum Beispiel könnte man sich für das Problem interessieren, ob zwei Lichtstrahlen, die sich im leeren Raum
kreuzen, wirklich so ungehindert durcheinander hindurchgehen, wie man bisher immer angenommen hat und
wie die alten Maxwellschen Gleichungen es fordern. Wenn in dem einen Lichtstrahl virtuell, das heißt als
Möglichkeit, Paare von Elektronen und Positronen vorhanden sind, so könnte der andere Lichtstrahl doch an
diesen Teilchen gestreut werden; also müßte es eine Streuung von Licht an Licht geben, eine gegenseitige
Störung der beiden Lichtstrahlen, die man aus der Diracschen Theorie ausrechnen könnte und die auch
experimentell zu beobachten wäre.«
»Ob man so etwas beobachten kann, hängt natürlich davon ab, wie groß diese gegenseitige Störung ist. Aber
Sie sollten ihre Wirkung unbedingt ausrechnen. Vielleicht finden die Experimentalphysiker dann auch Mittel
und Wege, sie nachzuweisen.«
»Eigentlich finde ich diese Philosophie des ›als ob‹, die hier betrieben wird, doch sehr merkwürdig. Das
Lichtquant verhält sich in vielen Experimenten so, ›als ob‹ es aus einem Elektron und einem Positron
bestünde. Es verhält sich auch manchmal so, ›als ob‹ es aus zwei oder noch mehr solchen Paaren bestünde.
Scheinbar gerät man in eine ganz unbestimmte verwaschene Physik hinein. Aber man kann aus der
Diracschen Theorie doch die Wahrscheinlichkeit dafür, daß ein bestimmtes Ereignis eintritt, mit großer
Genauigkeit berechnen, und die Experimente werden das Ergebnis schon bestätigen.«
Ich versuchte diese Philosophie des ›als ob‹ noch etwas weiter zu spinnen: »Sie wissen, daß die
Experimentalphysiker neuerdings noch eine Sorte von mittelschweren Elementarteilchen gefunden haben, die
Mesonen. Außerdem gibt es ja die starken Kräfte, die den Atomkern zusammenhalten und denen auch
irgendwelche Elementarteilchen im Sinne des Dualismus von Welle und Teilchen entsprechen müssen.
Vielleicht gibt es überhaupt noch sehr viele Elementarteilchen, die wir bisher nur deshalb nicht kennen, weil
sie eine zu kurze Lebensdauer besitzen. Man kann dann ein Elementarteilchen im Sinne dieser Philosophie
des ›als ob‹ auch mit einem Atomkern oder einem Molekül vergleichen, das heißt man kann so tun, als ob das
einzelne Elementarteilchen ein Haufen von sehr vielen, eventuell verschiedenartigen Elementarteilchen wäre.
Dann kann man auch hier die Frage stellen, die mir Lord Rutherford neulich in Kopenhagen in bezug auf die
Atomkerne gestellt hat: ›Was geschieht, wenn man ein sehr energiereiches Elementarteilchen auf ein anderes
schießt? Wird es in den nun als Teilchenhaufen vorgestellten getroffenen Elementarteilchen steckenbleiben,
diesen Haufen erhitzen und später zur Verdampfung veranlassen, oder wird es ohne allzu große Störung
durch den Haufen glatt durchgehen?« Das hängt natürlich auch wieder von der Stärke der Wechselwirkung
im Einzelprozeß ab, und von der weiß man noch so gut wie nichts. Aber vielleicht lohnt es, sich einstweilen
auf die schon bekannten Wechselwirkungen zu beschränken und nachzusehen, was dabei herauskommt.«
Wir waren damals ja noch weit von einer wirklichen Physik der Elementarteilchen entfernt. Es gab nur in der
kosmischen Strahlung gewisse experimentelle Anhaltspunkte; aber von einem systematischen
Experimentieren in diesem Gebiet war noch keine Rede. Euler wollte wissen, wie optimistisch oder
pessimistisch ich die Entwicklung in diesem Zweig der Atomphysik beurteilte und sagte:
»Durch die Diracsche Entdeckung, also durch die Existenz der Antimaterie, ist das ganze Bild doch eigentlich
viel komplizierter geworden. Eine Zeitlang sah es so aus, als könne man aus nur drei Bausteinen, Proton,
Elektron und Lichtquant, die ganze Welt aufbauen. Das war eine einfache Vorstellung, und man konnte
hoffen, das Wesentliche bald verstanden zu haben. Jetzt aber verwirrt sich das Bild immer mehr. Das
Elementarteilchen ist eigentlich gar nicht mehr elementar, es ist wenigstens ›virtuell‹ ein sehr kompliziertes
Gebilde. Bedeutet das nicht, daß wir viel weiter von einem Verständnis entfernt sind, als man früher hoffen
konnte.«
»Nein, das würde ich eigentlich nicht zugeben. Denn das frühere Bild mit den drei Elementarbausteinen war
doch gar nicht glaubhaft. Warum sollte es drei solche willkürlichen Einheiten geben, von denen die eine, das
Proton, gerade 1836 mal schwerer ist als die andere, das Elektron. Wodurch ist die Zahl 1836 ausgezeichnet?
Und warum sollten diese Einheiten unzerstörbar sein? Man kann sie doch mit beliebig hohen Energien
aufeinander schießen; ist es glaubhaft, daß die innere Festigkeit jede Grenze überschreitet? Jetzt nach der
Diracschen Entdeckung sieht es doch viel vernünftiger aus. Das Elementarteilchen ist, wie der stationäre
Zustand eines Atoms, durch seine Symmetrieeigenschaft bestimmt. Die Stabilität der Formen, die schon Bohr
seinerzeit zum Ausgangspunkt seiner Theorie gemacht hat und die in der Quantenmechanik wenigstens
grundsätzlich verstanden werden kann, ist auch verantwortlich für die Existenz und die Stabilität der Ele-
mentarteilchen. Diese Formen bilden sich immer wieder neu, wenn sie zerstört sind, so wie die Atome der
Chemiker; und das liegt natürlich daran, daß die Symmetrie im Naturgesetz selbst verankert ist. Freilich sind
wir noch weit davon entfernt, die Naturgesetze formulieren zu können, die für die Struktur der Elementar-
teilchen verantwortlich sind. Aber ich könnte mir gut denken, daß man aus ihnen dann später auch diese Zahl
1836 ausrechnen kann. Eigentlich bin ich fasziniert von dem Gedanken, daß die Symmetrie etwas
Fundamentaleres ist als das Teilchen. Das paßt zum Geist der Quantentheorie, so wie sie von Bohr immer
aufgefaßt worden ist. Es paßt auch zur Philosophie Platos, aber das braucht uns jetzt als Physiker nicht zu
interessieren. Bleiben wir bei dem, was wir unmittelbar untersuchen können. Sie sollten die Streuung von
Licht an Licht berechnen, und ich will mich um die allgemeinere Frage kümmern, was beim Zusammenstoß
sehr energiereicher Elementarteilchen geschieht.«
An dieses Arbeitsprogramm haben wir uns beide dann in den folgenden Monaten gehalten, und bei meinen
Rechnungen stellte sich heraus, daß schon die Wechselwirkung, die für den radioaktiven Beta-Zerfall der
Atomkerne maßgebend ist, bei hohen Energien sehr stark werden kann, daß also möglicherweise beim Zu-
sammenstoß zweier energiereicher Elementarteilchen viele neue Teilchen entstehen. Für diese sogenannte
Vielfacherzeugung der Elementarteilchen gab es damals zwar Andeutungen in der kosmischen Strahlung,
aber noch keine guten experimentellen Beweise.
Erst 20 Jahre später konnte man solche Prozesse in den großen Beschleunigungsmaschinen direkt
beobachten. Euler berechnete zusammen mit einem anderen Mitglied meines Seminars, Kockel, die Streuung
von Licht an Licht, und obwohl der experimentelle Nachweis hier nicht so direkt geführt werden konnte,
besteht heute wohl kein Zweifel mehr daran, daß es die von Euler und Kockel behauptete Streuung wirklich
gibt.
14. Das Handeln des Einzelnen in der politischen Katastrophe
(1937-1941)

Die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg sind mir, soweit ich sie in Deutschland verbracht habe, immer als eine
Zeit unendlicher Einsamkeit erschienen. Das nationalsozialistische Regime hatte sich so weit verfestigt, daß
an eine Besserung der Zustände von innen her nicht mehr zu denken war. Zugleich hatte sich unser Land von
der anderen Welt immer weiter isoliert, und es war deutlich zu spüren, daß sich nun im Ausland die
Gegenkräfte zu formieren begannen. Die militärischen Rüstungen steigerten sich von Jahr zu Jahr, und es
schien nur noch eine Frage der Zeit, wann diese organisierten Mächte zu einem gnadenlosen Kampf antreten
würden, der durch keine Völkerrechtsbestimmung, Kriegskonvention oder moralische Hemmung mehr
gemildert werden könnte. Dazu kam die Vereinsamung des Einzelnen in Deutschland selbst. Die
Verständigung unter den Menschen wurde schwierig. Nur im engsten Freundeskreis konnte man ganz frei
sprechen. Allen anderen gegenüber verwendete man eine vorsichtige, zurückhaltende Sprache, die mehr
verschleierte als mitteilte. Das Leben in dieser Welt des Mißtrauens war mir unerträglich, und die Einsicht,
daß am Ende dieser Entwicklung nur eine totale Katastrophe für Deutschland stehen könnte, machte mir
unerbittlich klar, wie schwer die Aufgabe war, die ich mir seit meinem Besuch bei Planck gestellt hatte.
So erinnere ich mich an einen grauen, kalten Vormittag im Januar 1937, an dem ich auf den Straßen der
Leipziger Innenstadt Winterhilfsabzeichen zu verkaufen hatte. Auch eine solche Tätigkeit gehörte zu den
Demütigungen und Kompromissen, die man in jener Zeit zu ertragen hatte - obwohl man sich auch wieder
sagen konnte, daß eine Geldsammlung für die Armen eigentlich nichts Schlechtes sein dürfte. Ich war,
während ich mit der Sammelbüchse umherging, in einem Zustand völliger Verzweiflung. Nicht wegen der
verlangten Geste der Unterordnung, die mir unwichtig schien, sondern wegen der völligen Sinn- und
Hoffnungslosigkeit dessen, was ich tat und was sich um mich herum abspielte. So geriet ich in einen
merkwürdigen und unheimlichen seelischen Zustand. Die Häuser an den schmalen Straßen schienen mir weit
entfernt und fast unwirklich, so als seien sie schon zerstört und nur als Bilder noch übriggeblieben; die Men-
schen wirkten durchsichtig, ihre Körper waren gewissermaßen schon aus der materiellen Welt
herausgetreten und nur ihre seelische Struktur noch erkennbar. Hinter diesen schemenhaften Gestalten und
dem grauen Himmel empfand ich eine starke Helligkeit. Es fiel mir auf, daß einige Menschen mir besonders
freundlich begegneten und mir ihren Beitrag mit einem Blick reichten, der mich für einen Moment aus meiner
Ferne zurückholte und mich dann eng mit ihnen verband. Aber dann war ich wieder weit weg und begann zu
spüren, daß diese äußerste Einsamkeit vielleicht über meine Kräfte gehen könnte.
Am Abend des gleichen Tages war ich im Hause des Verlegers Bücking zur Kammermusik eingeladen. Mit
dem Juristen Jacobi von der Universität Leipzig, der ein ausgezeichneter Geiger und treuer Freund war, und
dem Hausherrn als Cellisten sollte ich das Beethoven-Trio in G-Dur spielen, das ich schon aus meiner
Jugendzeit gut kannte. Ich hatte im Jahr 1920 den langsamen Satz bei der Abiturfeier in München mit
vorgetragen. Diesmal hatte ich Angst vor der Musik und der Begegnung mit neuen Menschen. In meinem
schlechten Zustand fühlte ich mich den Anforderungen eines solchen Abends nicht gewachsen, und ich war
daher froh zu sehen, daß der Kreis der Besucher nur klein war. Eine der jungen Zuhörerinnen, die zum ersten
Mal im Hause Bücking verkehrte, konnte schon bei unserem ersten Gespräch die Ferne überbrücken, in die
ich an diesem merkwürdigen Tag geraten war. Ich spürte, wie die Wirklichkeit mir wieder näher rückte, und
der langsame Satz des Trios wurde von meiner Seite schon eine Fortsetzung des Gesprächs mit dieser
Zuhörerin. Wir haben dann einige Monate später geheiratet, und Elisabeth Schumacher hat in den
kommenden Jahren mit großer Tapferkeit alle Schwierigkeiten und Gefahren mit mir geteilt. So war ein neuer
Anfang gesetzt, und wir konnten uns darauf einrichten, das herannahende Unwetter gemeinsam zu bestehen.
Im Sommer des Jahres 1937 geriet ich für kurze Zeit in die politische Gefahrenzone. Das war eine erste
Bewährungsprobe, aber sie soll hier übergangen werden, da viele meiner Freunde schlimmere zu bestehen
hatten.
Hans Euler war regelmäßig Gast in unserem Hause. Wir berieten oft gemeinsam über die politischen
Probleme, die uns gestellt wurden. Einmal war Euler aufgefordert worden, sich an einem
nationalsozialistischen Dozenten- und Assistentenlager zu beteiligen, das für einige Tage in einem kleineren
Ort der Umgebung abgehalten werden sollte. Ich riet ihm, das Lager zu besuchen, um seine Assistentenstelle
nicht in Gefahr zu bringen, und ich erzählte ihm von dem Hitlerjugendführer, der mir einmal sein Herz
ausgeschüttet hatte und den er dort wohl treffen werde. Vielleicht würde sich ein gutes Gespräch mit ihm
ergeben.
Als Euler zurückkam, war er bewegt und beunruhigt, und er berichtete uns ausführlich über seine Erlebnisse.
»Die menschliche Zusammensetzung eines solchen Lagers ist ja sehr merkwürdig. Natürlich gehen viele nur
hin, weil es eben verlangt wird und weil man seine Stellung nicht gefährden möchte, so wie ich es auch getan
habe. Mit den meisten von denen habe ich nicht viel anfangen können. Aber dann gibt es eine kleinere
Gruppe von jungen Menschen, zu denen gehört auch Ihr Hitlerjugendführer, die glauben wirklich an den
Nationalsozialismus und meinen, daß daraus etwas Gutes kommen könnte. Nun weiß ich, wieviel
Schreckliches von dieser Bewegung schon ausgegangen ist und wieviel Unglück für Deutschland
wahrscheinlich noch aus ihr entstehen wird. Aber ich spüre zugleich, daß manche dieser jungen
Nationalsozialisten doch etwas Ähnliches wollen wie ich selbst.
Sie finden auch diese erstarrte bürgerliche Gesellschaft unerträglich, in der materieller Wohlstand und äußere
Anerkennung als wichtigste Wertmaßstäbe gelten. Sie wollen diese hohl gewordene Form durch etwas
Volleres, Lebendigeres ersetzen; sie wollen die Beziehungen der Menschen untereinander menschlicher
gestalten, und das will ich im Grunde auch. Ich kann noch nicht begreifen, warum aus einem solchen Versuch
so viel Unmenschlichkeit folgen muß. Ich sehe nur, daß es sich so verhält. So entstehen mir Zweifel, die das
ganze Bild verwirren. Ich hatte ja lange Zeit gehofft, daß die kommunistische Bewegung sich durchsetzen
würde. Wenn das Schicksal so entschieden hätte, so wären sicher Glück und Unglück unter den Menschen
anders verteilt worden, und wir hätten vieles besser gemacht. Aber ob das Gesamtquantum an Unmensch-
lichkeit geringer gewesen wäre, weiß ich nicht mehr. Der gute Wille der Jugend reicht dafür offenbar nicht
aus. Es kommen dann stärkere Kräfte ins Spiel, die man nicht mehr kontrollieren kann. Andererseits, die
richtige Antwort kann ja auch nicht lauten, daß man einfach das Alte bewahren solle, obwohl es eine hohle
Form geworden ist. Das wäre wohl gar nicht möglich. Was soll man also wünschen, und was kann man jetzt
noch tun?«
»Man wird wohl einfach abwarten müssen«, mag ich geantwortet haben, »bis man wieder etwas tun kann,
und bis dahin muß man in den kleinen Bereichen Ordnung halten, in denen man zu leben hat.«
Im Sommer 1938 ballten sich die Gewitterwolken der Weltpolitik schon so bedrohlich zusammen, daß sie
auch meinen neuen häuslichen Bereich zu verdunkeln begannen. Ich mußte bei den Gebirgsjägern in
Sonthofen für zwei Monate Militärdienst leisten, und wir standen mehrfach mit allen Waffen bereit, um zur
Fahrt an die tschechische Grenze verladen zu werden. Aber die Wolken verzogen sich noch einmal; ich war
überzeugt, daß es sich nur um einen kurzen Aufschub handeln könne.
Gegen Ende des Jahres geschah in unserer Wissenschaft noch etwas ganz Unerwartetes. Zu einem unserer
Leipziger Dienstag-Seminare kam Carl Friedrich aus Berlin mit der Nachricht, Otto Hahn habe bei der
Beschießung des Uranatoms mit Neutronen das Element Barium unter den Folgeprodukten gefunden. Das
bedeutete, daß der Atomkern des Uranatoms in zwei vergleichbar große Teile gespalten worden war, und wir
begannen natürlich sofort mit der Diskussion der Frage, ob ein solcher Vorgang nach dem, was wir sonst
über die Atomkerne wußten, verständlich wäre. Wir hatten den Atomkern seit langer Zeit mit einem Flüs-
sigkeitstropfen aus Protonen und Neutronen verglichen, und Carl Friedrich hatte schon vor Jahren die
Volumenenergie, die Oberflächenspannung und die elektrostatische Abstoßung im Inneren des Tropfens aus
den empirischen Daten abgeschätzt. Nun stellte sich zu unserer Überraschung heraus, daß der so
unerwartete Vorgang der Kernspaltung eigentlich durchaus plausibel war. Bei sehr schweren Atomkernen
war der Vorgang der Spaltung ein Prozeß, der unter Energieabgabe von selbst ablaufen konnte, bei dem es
also nur eines kleinen Anstoßes von außen bedurfte, um ihn in Gang zu setzen. Ein auf den Atomkern
geschossenes Neutron kann also die Spaltung bewirken. Es schien beinahe merkwürdig, daß man nicht schon
vorher an diese Möglichkeit gedacht hatte. Diese Überlegung führte aber noch zu einer weiteren, sehr erre-
genden Konsequenz. Die beiden Teile des gespaltenen Kerns waren unmittelbar nach der Teilung wohl keine
ganz kugelförmigen Gebilde, also enthielten sie überschüssige Energie, die nachträglich zu einer gewissen
Verdampfung, das heißt zur Abgabe einiger Neutronen von der Oberfläche führen konnte. Vielleicht konnten
diese Neutronen wieder auf andere Urankerne treffen, sie ebenfalls zur Spaltung veranlassen und damit
schließlich eine Kettenreaktion in Gang setzen. Natürlich mußte noch viel experimentiert werden, bevor man
solche Phantasien als wirkliche Physik ansehen konnte. Aber schon die Fülle der Möglichkeiten erschien uns
faszinierend und unheimlich. Ein Jahr später wurden wir mit der Frage nach der technischen Ausnützung der
Atomenergie in Maschinen oder Atomwaffen unmittelbar konfrontiert.
Wenn ein Schiff in einen Orkan fahren muß, so werden vorher die Luken dicht gemacht, Seile gespannt und
alle beweglichen Teile festgebunden oder festgeschraubt, um dem Unwetter mit dem höchsten erreichbaren
Grad von Sicherheit begegnen zu können. So suchte ich im Frühjahr 1939 für meine Familie ein Landhaus im
Gebirge, in das meine Frau und die Kinder flüchten könnten, wenn die Städte zerstört würden. Ich fand es in
Urfeld am Walchensee, am Südhang etwa hundert Meter oberhalb jener Straße, auf der seinerzeit Wolfgang
Pauli, Otto Laporte und ich als junge Menschen bei einer Radtour im Anblick des Karwendels über die
Quantentheorie diskutiert hatten. Das Haus war im Besitz des Malers Lovis Corinth gewesen, und ich kannte
den Blick von der Terrasse schon aus seinen Walchenseelandschaften, die mir gelegentlich in Ausstellungen
begegnet waren.
Noch etwas anderes sollte vor dem Krieg geschehen. Ich hatte viele Freunde in Amerika und empfand das
Bedürfnis, sie vorher noch einmal zu sehen. Man wußte ja nicht, ob man sie danach wieder treffen würde.
Wenn ich am Wiederaufbau nach der Katastrophe mitwirken könnte, hoffte ich auch auf ihre Hilfe.
In den Sommermonaten des Jahres 1939 hielt ich also Vorlesungen an den Universitäten in Ann Arbor und
Chicago. Bei dieser Gelegenheit traf ich Fermi, mit dem ich seinerzeit als Student an den Seminaren bei Born
in Göttingen teilgenommen hatte. Fermi war später viele Jahre der führende Kopf der italienischen Physik
gewesen, war aber dann wegen der bevorstehenden politischen Katastrophe nach Amerika ausgewandert.
Als ich Fermi in seiner Wohnung besuchte, fragte er mich, ob es nicht richtiger wäre, wenn ich auch nach
Amerika übersiedelte.
»Was wollen Sie noch in Deutschland? Sie können den Krieg nicht verhindern, und Sie werden nur Dinge tun
und mitverantworten müssen, die Sie nicht tun und nicht mitverantworten wollen. Wenn Sie damit, daß Sie all
das Elend drüben mitmachen, irgendetwas Gutes bewirken könnten, so würde ich Ihre Haltung ja verstehen.
Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist doch verschwindend gering. Hier aber können Sie neu anfangen. Sehen
Sie, das ganze Land hier ist doch aufgebaut worden von Europäern, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, weil
sie die Enge der Verhältnisse drüben, den ewigen Zank und Streit der kleinen Nationen, Unterdrückung,
Befreiung und Revolutionen und den ganzen Jammer, der dazugehört, nicht mehr ertragen wollten. Weil sie
hier in einem weiteren und freien Land ohne den ganzen Ballast der geschichtlichen Vergangenheit leben
wollten. In Italien bin ich ein großer Mann gewesen, aber hier bin ich wieder ein junger Physiker, und das ist
doch unvergleichlich viel schöner. Warum wollen Sie nicht auch den ganzen Ballast abwerfen und neu
anfangen? Hier können Sie gute Physik machen und an dem großen Aufschwung der Naturwissenschaften in
diesem Land teilnehmen. Warum wollen Sie auf dieses Glück verzichten?«
»Was Sie sagen, kann ich so gut nachfühlen, und ich habe mir tausendmal dasselbe gesagt; und die
Möglichkeit, aus der Enge Europas hier in diese Weite zu kommen, ist mir seit meinem ersten Besuch vor
zehn Jahren eine ständige Versuchung gewesen. Vielleicht hätte ich damals auswandern sollen. Aber ich
habe mich dann doch dafür entschieden, drüben einen Kreis von jungen Leuten um mich zu sammeln, die an
dem Neuen in der Wissenschaft mitmachen wollen, die auch später nach dem Kriege zusammen mit anderen
dafür sorgen können, daß es wieder gute Wissenschaft in Deutschland gibt. Ich hätte das Gefühl, Verrat zu
begehen, wenn ich diese jungen Menschen jetzt im Stich ließe. Die Jungen können ja viel weniger leicht
auswandern als wir. Sie würden nicht so leicht eine Stellung finden, und es käme mir unbillig vor, wenn ich
diesen Vorteil einfach für mich ausnützen wollte. Ich habe einstweilen noch die Hoffnung, daß der Krieg
nicht lange dauern wird. Schon während der Krise im vergangenen Herbst, bei der ich als Soldat eingezogen
war, habe ich gesehen, daß bei uns fast niemand den Krieg wünscht. Und wenn die totale Verlogenheit der
sogenannten Friedenspolitik des Führers offenkundig wird, so könnte ich mir denken, daß das deutsche Volk
sich sehr schnell eines Besseren besinnt und sich von Hitler und seinen Anhängern löst. Aber ich gebe zu,
daß man das nicht wissen kann.«
»Es gibt da noch ein anderes Problem«, fuhr Fermi fort,«das Sie bedenken sollten. Sie wissen, daß der
Prozeß der Atomkernspaltung, den Otto Hahn entdeckt hat, vielleicht zu einer Kettenreaktion ausgenützt
werden kann, Man muß also mit der Möglichkeit rechnen, daß es dann zu einer technischen Anwendung der
Atomkernenergie in Maschinen oder Atombomben kommen wird. Diese technische Entwicklung würde in
einem Krieg wahrscheinlich auf beiden Seiten rasch vorangetrieben werden. Die Atomphysiker würden in
dem Land, in dem sie leben, von der Regierung veranlaßt werden, sich an dieser Entwicklung zu beteiligen.«
»Das ist natürlich eine schreckliche Gefahr«, mag ich geantwortet haben, »und ich sehe sehr wohl, daß
solche Dinge geschehen können. Auch haben Sie leider durchaus recht mit dem, was Sie über Tun und
Mitverantworten gesagt haben. Aber ist man davor geschützt, wenn man auswandert? Einstweilen habe ich
doch den bestimmten Eindruck, daß die Entwicklung langsamer gehen wird, selbst wenn die Regierungen sie
mit hoher Dringlichkeit betreiben wollen; daß also der Krieg zu Ende sein wird, bevor es zu einer technischen
Anwendung der Atomenergie kommt. Auch hier gebe ich zu, daß ich die Zukunft nicht weiß. Aber
technische Entwicklungen dauern doch in der Regel eine Reihe von Jahren, und der Krieg wird sicher
schneller zu Ende gehen.«
»Halten Sie nicht für möglich, daß Hitler den Krieg gewinnen wird?« fragte Fermi zurück.
»Nein, moderne Kriege werden mit der Technik geführt; und da Hitlers Politik Deutschland von allen anderen
Großmächten isoliert hat, ist das technische Potential auf der deutschen Seite unvergleichlich viel geringer als
das auf der Seite der wahrscheinlichen Gegner. Diese Situation ist so eindeutig, daß ich manchmal sogar zu
hoffen wage, daß Hitler in Kenntnis der Tatsachen das Risiko eines Krieges gar nicht auf sich nehmen wird.
Aber das ist wohl mehr Wunschdenken. Denn Hitler reagiert irrational und wird die Wirklichkeit einfach nicht
sehen wollen.«
»Und trotzdem wollen Sie nach Deutschland zurückkehren?«
»Ich weiß nicht, ob mir die Frage noch so gestellt ist. Ich glaube, daß man in seinen Entscheidungen
konsequent sein sollte. Jeder von uns ist in eine bestimmte Umwelt, einen bestimmten Sprach- und Denkraum
hineingeboren, und wenn er sich nicht sehr früh aus dieser Umwelt gelöst hat, gedeiht er doch am besten in
diesem Raum und kann auch hier am besten wirken. Nun wird ja nach den Erfahrungen der Geschichte jedes
Land früher oder später von Revolutionen und Kriegen heimgesucht, und es kann doch offenbar kein
vernünftiger Rat sein, jeweils vorher auszuwandern. Alle können doch gar nicht auswandern. Die Menschen
müssen also lernen, die Katastrophen soweit wie möglich zu verhindern, aber nicht einfach vor ihnen zu
fliehen. Fast möchte man sogar umgekehrt verlangen, daß jeder die Katastrophen im eigenen Land auf sich
nehmen müsse, weil diese Forderung für ihn ein weiterer Ansporn wäre, vorher alle Anstrengungen zur
Verhinderung der Katastrophe zu unternehmen. Natürlich wäre auch eine solche Forderung unbillig. Denn oft
kann der Einzelne auch mit äußerster Anstrengung nichts dagegen tun, daß die große Masse der Menschen
einen völlig falschen Weg einschlägt, und man kann füglich nicht von ihm verlangen, daß er, wenn er die
anderen nicht zurückhalten kann, auch auf die eigene Rettung verzichten soll. Ich möchte damit nur sagen,
daß es offenbar keine allgemeinen Kriterien gibt, nach denen man sich hier richten könnte. Man muß die
Entscheidung für sich allein treffen, und man weiß nicht, ob man recht oder unrecht gehandelt hat.
Wahrscheinlich tut man beides. Nun habe ich mich vor einer Reihe von Jahren dafür entschieden, in
Deutschland zu bleiben - vielleicht war die Entscheidung falsch - aber ich glaube, ich sollte sie jetzt nicht
ändern. Denn daß entsetzlich viel Unrecht und Unglück geschehen würde, habe ich damals schon gewußt, an
den Voraussetzungen für die Entscheidung hat sich also gar nichts geändert.«
»Das ist schade«, meinte Fermi, »aber vielleicht sehen wir uns nach dem Kriege wieder«.
Ich habe dann vor der Abreise in New York noch einmal ein ähnliches Gespräch mit Pegram, dem
Experimentalphysiker an der Columbia-Universität, geführt, der älter und erfahrener war als ich und dessen
Rat mir viel bedeutete. Ich war dankbar für
das Wohlwollen, mit dem er mir zur Auswanderung nach Amerika riet, aber ich war auch etwas unglücklich,
daß es mir nicht gelang, ihm meine Motive klarzumachen. Er fand es wohl einfach unverständlich, daß
jemand in ein Land zurückkehren wollte, von dessen Niederlage im unmittelbar bevorstehenden Kriege er
überzeugt war.
Das Schiff ›Europa‹, mit dem ich in den ersten Augusttagen 1939 nach Deutschland zurückfuhr, war fast
leer, und diese Leere unterstrich die Argumente, di« Fermi und Pegram mir gegenüber verwendet hatten.
In der zweiten Augusthälfte richteten wir unser neuerworbenes Landhaus in Urfeld ein. Als ich am Morgen
des 1. September von unserem Hang hinunter zur Post ging, um Briefe abzuholen, trat der Wirt des Hotels
›Zur Post‹ auf mich zu mit den Worten: »Wissen's scho, daß der Krieg gegen Polen ausbrochen is?« Und als
er mein, entsetztes Gesicht sah, fügte er tröstend hinzu: »Aber genga's, Herr Professor, in drei Wochen is der
Krieg doch wieder vorbei.«
Einige Tage später erhielt ich einen Einberufungsbefehl, der mich wider Erwarten nicht zu den Gebirgsjägern,
bei denen ich gedient hatte, sondern ins Heereswaffenamt nach Berlin beorderte. Dort erfuhr ich, daß ich
zusammen mit einer Gruppe von anderen Physikern über die Frage der technischen Ausnützung der
Atomenergie zu arbeiten hätte. Carl Friedrich hatte einen ähnlichen Einberufungsbefehl bekommen, und so
ergab es sich, daß wir in der folgenden Zeit oft in Berlin Gelegenheit hatten, die für uns entstandene Lage zu
überdenken und zu besprechen. Ich will versuchen, die verschiedenen Gedanken und Überlegungen, die uns
dabei gekommen sind, nachträglich in einem einzigen Text zusammenzufassen.
»Du bist also auch in unserem ›Uranverein‹«, könnte ich das Gespräch eröffnet haben, »und dann hast du
sicher schon viel darüber nachgedacht, was wir mit der Aufgabe, die uns hier gestellt wird, anfangen sollen.
Zunächst handelt es sich ja um sehr interessante Physik, und wenn Frieden wäre und es um nichts anderes
ginge, so würden wir uns wohl alle freuen, an einem Problem von solcher Tragweite mitzuarbeiten. Aber nun
ist Krieg, und alles was wir tun, kann für uns oder für andere in äußerste Gefahren führen. Wir müssen uns
also genau überlegen, was wir tun.«
»Damit hast du sicher recht, und ich habe auch schon an die Möglichkeit gedacht, mich von dieser Aufgabe
wieder in irgendeiner Weise zu lösen. Wahrscheinlich könnte man sich ohne größere Schwierigkeit freiwillig
an die Front melden, man könnte vielleicht auch an irgendwelchen anderen technischen Entwicklungen
mitarbeiten, die weniger gefährlich sind. Aber ich bin eigentlich zu dem Entschluß gekommen, daß wir bei der
Arbeit am Uranproblem bleiben sollten; und zwar gerade, weil es sich um ein Projekt mit so extremen
Möglichkeiten handelt. Wenn die technische Ausnützung der Atomenergie noch in unabsehbar weiter Ferne
liegt, so kann es nichts schaden, daß wir uns damit beschäftigen. Dann gibt uns dieses Projekt sogar die
Möglichkeit, die begabtesten der jungen Menschen, die wir im letzten Jahrzehnt für die Atomphysik
gewonnen haben, relativ ungefährdet durch den Krieg zu bringen. Wenn aber die Atomtechnik sozusagen vor
der Türe steht, so ist es besser, Einfluß auf die Entwicklung nehmen zu können, als sie anderen oder dem
Zufall zu überlassen. Natürlich weiß man nicht, wie lange man als Wissenschaftler eine solche Entwicklung in
der Hand behalten könnte. Aber es mag doch ein länger dauerndes Zwischenstadium geben, in dem die
Physiker tatsächlich die Kontrolle über das Geschehen ausüben.«
»So etwas wäre doch wohl nur möglich«, wandte ich ein, »wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen den
amtlichen Stellen im Heereswaffenamt und uns entstehen könnte. Aber du weißt, daß ich noch vor einem
Jahr mehrfach von der Gestapo verhört worden bin, und ich erinnere mich auch selbst ungern an den Keller
in der Prinz-Albrecht-Straße, in dem mit dicken Buchstaben an die Wand gemalt war ›Tief und ruhig atmen‹.
Also kann ich mir ein solches Vertrauensverhältnis nicht vorstellen.«
»Vertrauen besteht nie zwischen irgendwelchen Stellen, sondern immer nur zwischen Menschen. Warum soll
es in einem Heereswaffenamt nicht auch Menschen geben, die uns ohne Vorurteil begegnen und die bereit
sind, mit uns gemeinsam darüber zu beraten, was zu tun vernünftig wäre. Im Grunde ist das doch unser
gemeinsames Interesse.«
»Vielleicht; aber das ist doch ein sehr gefährliches Spiel.«
»Es gibt sehr viele verschiedene Grade des Vertrauens. Die Grade, die hier möglich sind, reichen vielleicht
aus, um allzu unvernünftige Entwicklungen zu verhindern. Aber was glaubst du eigentlich über die Physik
unseres Problems?«
Ich versuchte nun Carl Friedrich die Ergebnisse der noch sehr vorläufigen theoretischen Untersuchungen
auseinanderzusetzen, die ich in den ersten Wochen des Krieges angestellt hatte und die eigentlich nur als eine
Art physikalischer Rundgang durch das Problem betrachtet werden konnten.
»Es sieht so aus, als könne man mit dem Uran, das in der Natur vorkommt, jedenfalls keine Kettenreaktion
mit schnellen Neutronen ablaufen lassen, also auch keine Atombomben machen. Das ist ein großes Glück.
Für eine solche Kettenreaktion wäre nur das reine, oder wenigstens sehr stark angereicherte Uran 235 zu
brauchen, zu dessen Gewinnung aber, wenn sie überhaupt möglich ist, ein ganz enormer technischer
Aufwand nötig wäre. Es mag auch noch andere solche Substanzen geben, die aber mindestens ebenso
schwer zu gewinnen sind. Atombomben dieser Art wird es also jedenfalls in der nächsten Zeit nicht geben,
weder bei den Engländern und Amerikanern noch bei uns. Aber wenn man das natürliche Uran mit einer
Bremssubstanz zusammenbringt, die alle im Spaltungsprozeß freigemachten Neutronen schnell verlangsamt,
das heißt auf die Geschwindigkeit der Wärmebewegung bringt, dann könnte man vielleicht eine
Kettenreaktion in Gang setzen, die in kontrollierbarer Weise Energie liefert. Allerdings darf diese
Bremssubstanz natürlich die Neutronen nicht wegfangen. Man muß also Stoffe mit sehr kleiner
Neutronenabsorption nehmen. Gewöhnliches Wasser wird deshalb nicht geeignet sein. Aber vielleicht ist
schweres Wasser oder ganz reiner Kohlenstoff, etwa in der Form von Graphit, geeignet. Das wird man eben
in der nächsten Zeit experimentell nachprüfen müssen. Ich glaube, man kann mit gutem Gewissen, auch
gegenüber den auftraggebenden Stellen, sich zunächst auf die Kettenreaktion in einem derartigen
Uranbrenner konzentrieren und die Frage der Gewinnung von Uran 235 anderen überlassen. Denn diese
Isotopentrennung wird, wenn sie überhaupt gelingt, nur nach sehr langer Zeit technisch relevante Ergebnisse
liefern.«
»Du würdest also glauben, daß der technische Aufwand für einen solchen Uranbrenner, wenn er überhaupt
gebaut werden kann, sehr viel geringer wäre als für Atombomben?«
»Das scheint mir völlig sicher. Die Trennung von zwei schweren, in der Masse so nahe benachbarten
Isotopen wie Uran 235 und Uran 238, noch dazu in Mengen mindestens in der Größenordnung von einigen
Kilogramm Uran 235 - das ist doch ein horrendes technisches Problem. Beim Uranbrenner aber handelt es
sich vielleicht nur um die Herstellung von chemisch sehr reinem natürlichen Uran, Graphit und schwerem
Wasser, in der Größenordnung von einigen Tonnen. Da könnte der Aufwand doch leicht um einen Faktor 100
oder 1000 geringer sein. Ich finde also, daß sowohl euer Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut als auch unsere
Leipziger Arbeitsgruppe sich vorerst auf die Vorarbeiten zum Uranbrenner beschränken sollten. Auch
müssen wir natürlich eng zusammenarbeiten.«
»Was du sagst, leuchtet mir ein und klingt sehr beruhigend«, antwortete Carl Friedrich, »besonders, weil die
Arbeiten am Uranbrenner auch für die Zeit nach dem Kriege nützlich werden. Wenn es eine friedliche
Atomtechnik geben wird, so muß sie wohl vom Uranbrenner ausgehen, der dann als energielieferndes Ele-
ment in Kraftwerken, für Schiffsantriebe und ähnliche Zwecke verwendet wird. Die Arbeiten im Kriege
könnten vielleicht dazu führen, daß eine junge Mannschaft ausgebildet wird, die sich in den Anfängen der
Atomtechnik auskennt und die eine Keimzelle für eine spätere technische Entwicklung bilden kann.
Wenn wir diese Linie verfolgen wollen, wird es wichtig sein, schon jetzt in den Verhandlungen mit. dem
Heereswaffenamt nur selten und nur nebenbei von der Möglichkeit der Atombomben zu sprechen. Natürlich
müssen wir auch diese Möglichkeit dauernd im Auge behalten, schon um nicht unvorbereitet zu sein auf das,
was die andere Seite eventuell tut. Ich finde es übrigens auch vom historischen Standpunkt aus unplausibel,
daß unser jetziger Krieg durch die Erfindung von Atombomben entschieden werden könnte. Dieser Krieg ist
so sehr von irrationalen Kräften gesteuert, von utopischen Hoffnungen der Jugend und bösartigen Ressenti-
ments einer Schicht von Älteren, daß die Entscheidung der Machtfrage durch Atombomben noch weniger zur
Lösung der Probleme beitragen würde als eine Entscheidung durch Selbstbesinnung oder Erschöpfung. Aber
die Zeit nach dem Kriege könnte durch die Atomtechnik und andere technische Fortschritte geprägt werden.«
»Du rechnest also auch nicht mit der Möglichkeit, daß Hitler seinen Krieg gewinnen könnte?« fragte ich
zurück.
»Ehrlich gesagt, ich habe darüber ganz widerstreitende Gefühle. Die politisch urteilsfähigen Menschen, die ich
gut kenne, an der Spitze mein Vater, glauben nicht, daß Hitler den Krieg gewinnen kann. Mein Vater hat
Hitler immer für einen Narren und einen Verbrecher gehalten, mit dem es nur ein schlechtes Ende nehmen
kann; er ist in dieser Überzeugung nie wankend geworden. Aber wenn das die ganze Wahrheit wäre, so
wären Hitlers bisherige Erfolge unbegreiflich. Ein verbrecherischer Narr bringt so etwas nicht auf die Beine.
Ich finde seit 1933, daß diese erfahrenen liberalen und konservativen Kritiker Hitlers irgendetwas Entschei-
dendes an ihm, den Grund seiner seelischen Macht über Menschen, überhaupt nicht begreifen. Aber ich
begreife ihn auch nicht, ich spüre nur diese Macht. Er hat die Vorhersagen so oft durch seine . Erfolge Lügen
gestraft; vielleicht wird er dies auch jetzt noch einmal können.«
»Nein«, antwortete ich, »jedenfalls dann nicht, wenn die Machtfrage bis zu Ende durchgespielt wird. Denn
das technisch-militärische Potential der englisch-amerikanischen Seite ist unvergleichlich viel größer als das
deutsche. Man könnte höchstens an die Möglichkeit denken, daß die andere Seite aus politischen Gründen,
die sich auf eine fernere Zukunft beziehen, davor zurückscheut, in Mitteleuropa ein machtpolitisches Vakuum
zu schaffen. Aber die Bösartigkeit des nationalsozialistischen Systems, besonders in der Rassenfrage, wird
solche Auswege mit großer Wahrscheinlichkeit verhindern. Wie schnell der Krieg zu Ende gehen wird, weiß
natürlich niemand. Vielleicht unterschätze ich die Widerstandskraft des von Hitler aufgebauten
Machtapparats. Aber auf jeden Fall müssen wir bei dem, was wir jetzt tun, vor allem an die Zeit nach dem
Krieg denken.«
»Du hast vielleicht recht«, meinte Carl Friedrich schließlich. »Es kann ja sein, daß ich insgeheim hier einem
Wunschdenken verfalle. Sowenig wir Hitlers Sieg wünschen können, sowenig können wir doch auch die
völlige Niederlage unseres Landes mit allen ihren schrecklichen Folgen wünschen. Mit Hitler werden wir frei-
lich auch keinen Kompromißfrieden bekommen. Aber wie das auch ausgehen mag, daß wir jetzt den
Wiederaufbau nach dem Krieg vorbereiten müssen, das ist sicher.«
Die experimentellen Arbeiten wurden in Leipzig und Berlin relativ bald aufgenommen. Ich beteiligte mich vor
allem an den Messungen der Eigenschaften von schwerem Wasser, die Döpel in Leipzig mit großer Sorgfalt
vorbereitet hatte, fuhr aber auch oft nach Berlin, um die Untersuchungen am Kaiser-Wilhelm-Institut für
Physik in Dahlem zu verfolgen, an denen verschiedene meiner früheren Mitarbeiter und Freunde, außer Carl
Friedrich vor allem Karl Wirtz, beteiligt waren.
Es war für mich eine große Enttäuschung, daß ich in Leipzig Hans Euler nicht für die Mitarbeit an dem
Uranprojekt gewinnen konnte. Die Gründe dafür müssen wohl etwas ausführlicher geschildert werden. In
den Monaten vor Kriegsausbruch, in denen ich in Amerika war, hatte Euler sich eng mit einem meiner Dok-
toranden, dem Finnen Grönblom, angefreundet. Grönblom war ein ungewöhnlich gesund und kräftig
aussehender junger Mensch von blühenden Farben, voll Optimismus, daß die Welt letzten Endes gut sei und
er in ihr etwas Gutes leisten könne. Als Sohn eines finnischen Großindustriellen war er vielleicht am Anfang
überrascht, einen überzeugten Kommunisten kennenzulernen, mit dem er sich so gut verstehen konnte. Aber
da ihm die menschlichen Qualitäten von vorneherein viel wichtiger waren als Meinungen oder Glaubenssätze,
akzeptierte er Euler so wie er war, mit der ganzen Unbefangenheit und Direktheit, die unter jungen Menschen
möglich ist. Als der Krieg ausbrach, war es für Euler ein schwerer Schlag, daß das kommunistische Rußland
sich mit Hitler verbündet hatte, um Polen zu teilen. Einige Monate später, als die russischen Truppen Finnland
angriffen, wurde auch Grönblom zu seinem Regiment einberufen und mußte für die Freiheit seines Landes
kämpfen. Durch diese Ereignisse wurde Euler zutiefst verändert. Er sprach wenig, und ich spürte, daß er sich
nicht nur von mir, sondern auch von den anderen Freunden, eigentlich von der ganzen Welt, entfernte.
Er war bis dahin, wohl aufgrund seiner geschwächten Gesundheit, nicht zum Wehrdienst einberufen worden.
Ich hatte aber Sorge, daß es doch noch geschehen könnte, und fragte ihn eines Tages, ob ich versuchen
dürfe, ihn zur Mitarbeit am Uranproblem zu reklamieren. Zu meiner Überraschung teilte er mir mit, daß er
sich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet habe. Da er wohl merkte, wie betroffen ich davon war, fing er an, mir
seine Gründe ausführlich auseinanderzusetzen.
»Sie wissen, daß ich das nicht getan habe, um für den Sieg zu kämpfen. Denn erstens glaube ich nicht an
diese Möglichkeit, und zweitens wäre mir ein Sieg des nationalsozialistischen Deutschlands genauso
schrecklich wie ein Sieg der Russen über die Finnen. Der hemmungslose Zynismus, mit dem die Machthaber
nur um einer Gelegenheit willen allen Grundsätzen zuwiderhandeln, die sie ihren Völkern verkündet haben,
läßt mir keine Hoffnung mehr. Ich habe mich natürlich auch nicht zu einer Truppe gemeldet, in der ich andere
Menschen töten müßte. Bei den Beobachtungsfliegern, bei denen ich dienen will, kann ich zwar selbst
abgeschossen werden, aber ich brauche weder zu schießen noch Bomben abzuwerfen. Insofern ist das also
in Ordnung. Aber in diesem Meer von Sinnlosigkeit wüßte ich auch nicht, wozu es gut sein könnte, wenn ich
hier über die Ausnützung der Atomenergie arbeitete.«
»An der Katastrophe, die jetzt abläuft, können wir alle nichts ändern« wandte ich ein, »Sie nicht und ich nicht.
Aber danach geht das Leben wieder weiter, hier und in Rußland und in Amerika, überall. Bis dahin werden
sehr viele Menschen untergehen; tüchtige und untüchtige, schuldige und unschuldige. Aber die Überle benden
werden dann versuchen müssen, eine bessere Welt aufzubauen. Auch die wird nicht besonders gut sein, und
man wird erkennen, daß der Krieg fast kein Problem gelöst hat. Aber man wird doch einige Fehler vermeiden
und einiges besser machen können. Warum wollen Sie nicht dabei sein?«
»Ich mache ja niemandem einen Vorwurf, der sich eine solche Aufgabe stellt. Wer schon früher bereit war,
sich mit der Unzulänglichkeit der Verhältnisse abzufinden und wer die mühsamen kleinen Schritte zur
Verbesserung stets der Revolution im Großen vorgezogen hat, der wird seine Resignation bestätigt sehen, und
er wird nach dem Kriege wieder die mühsamen kleinen Schritte tun, die auf die Dauer vielleicht mehr bessern
als alle Revolutionen. Aber für mich sieht das anders aus. Ich hatte ja auch gehofft, daß die kommunistische
Idee das Zusammenleben der Menschen von Grund auf erneuern könnte. Daher möchte ich es jetzt nicht
leichter haben als die vielen Unschuldigen, die an den Fronten, sei es in Polen, in Finnland oder anderswo,
geopfert werden. Hier in Leipzig sehe ich, daß sich im Institut manche vom Wehrdienst haben freistellen
lassen, die das nationalsozialistische Parteiabzeichen tragen, die also doch am Krieg etwas mehr schuld sind
als die anderen. Diesen Gedanken finde ich ganz unerträglich, und ich möchte wenigstens, soweit es mich
betrifft, meinen Hoffnungen treu bleiben. Wenn man die Welt zu einem Schmelztiegel machen will, so muß
man auch bereit sein, sich selbst in den Schmelztiegel zu werfen. Das müssen Sie doch verstehen.«
»Doch, hier verstehe ich Sie sehr gut. Aber um bei dem Bild des Schmelztiegels zu bleiben: Man darf nicht
hoffen, daß die Schmelze, wenn sie einmal wieder erstarrt, gerade die Formen annimmt, die man sich selbst
gewünscht hat. Denn die Kräfte, die beim Erstarren maßgebend sind, stammen aus den Wünschen aller
Menschen, nicht nur aus den eigenen.«
»Wenn ich noch solche Hoffnungen hätte, würde ich wohl auch anders handeln. Aber ich empfinde die
Sinnlosigkeit dessen was geschieht zu sehr, als daß ich noch den Mut für die Zukunft aufbringen könnte.
Doch finde ich es schön, wenn Sie es tun.«
Es gelang mir nicht, Euler umzustimmen. Er kam dann bald zur Ausbildung nach Wien, und seine Briefe, die
am Anfang noch genauso belastet waren wie unser Gespräch, wurden im Laufe der Monate freier und
gelöster. Ich habe ihn dann noch einmal in Wien getroffen, als ich dort einen Vortrag zu halten hatte. Euler
lud mich zu einem Glas Heurigen in eine Gartenwirtschaft ein, die auf der Höhe hinter Grinzing lag. Über den
Krieg wollte er nicht sprechen. Als wir dort auf die Stadt hinunter schauten, brauste plötzlich ein Flugzeug nur
wenige Meter über uns hinweg. Euler lachte, es war ein Flugzeug aus seiner Staffel, die uns damit ihren Gruß
entbieten wollte. Ende Mai 1941 schrieb Euler mir dann noch einmal aus dem Süden. Die Staffel hatte den
Auftrag, von Griechenland aus Erkundungsflüge über Kreta und die Ägäis auszuführen. Der Brief war in
einer freien Heiterkeit geschrieben, die nur noch die Gegenwart sah, nicht mehr das Vergangene oder Zu-
künftige:
»Nach 14 Tagen Griechenland haben wir bald alles vergessen, was jenseits dieses herrlichen Südens liegt.
Sogar den Wochentag wissen wir nicht mehr. Wir hausen in einigen Villen an der Bucht Von Eleusis, und
wenn wir mal gerade nicht drankommen, ist es ein herrliches Leben an den blauen Wellen und in der Sonne.
Ein Segelboot haben wir schon erworben, und großen Spaß machen unsere Züge, auf denen wir uns Fleisch
und Apfelsinen holen. Wir wünschen uns, daß wir immer hier bleiben. Nur wenig Zeit ist übrig, zwischen den
alten Marmorsäulen zu träumen, aber hier unter den Bergen und bei den Wellen ist zwischen Vergangenheit
und Gegenwart kaum ein Unterschied.«
Als ich darüber nachdachte, welche Veränderungen in Hans Euler vorgegangen waren, wanderten meine
Gedanken wieder zurück zu meinem Gespräch mit Niels am Öresund, und aus dem Schillerschen Gedicht,
aus dem Niels mir damals zitiert hatte, kam mir die Strophe in den Sinn:
Des Lebens Ängsten, er wirft sie weg,
Hat nicht mehr zu fürchten, zu sorgen,
Er reitet dem Schicksal entgegen keck,
Trifft's heute nicht, trifft es doch morgen,
Und trifft es morgen, so lasset uns heut,
Noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit.

Wenige Wochen später brach der Krieg mit Rußland aus. Von dem ersten Erkundungsflug über das
Asowsche Meer ist Eulers Maschine nicht zurückgekehrt. Von Flugzeug und Besatzung fehlt seitdem jede
Spur. Auch Eulers Freund Grönblom ist einige Monate später gefallen.
15. Der Weg zum neuen Anfang (1941-1945)

Gegen Ende des Jahres 1941 waren für unseren »Uranverein« die physikalischen Grundlagen der technischen
Ausnützung der Atomenergie weitgehend geklärt. Wir wußten, daß man aus natürlichem Uran und
schwerem Wasser einen Atomreaktor bauen kann, der Energie liefert, und daß in einem solchen Reaktor ein
Folgeprodukt von Uran 239 entstehen muß, das sich ebenso wie Uran 235 als Sprengstoff für Atombomben
eignet. Zu Anfang, das heißt Ende 1939, hatte ich aus theoretischen Gründen vermutet, daß man statt
schweren Wassers auch ganz reinen Kohlenstoff als Bremsmittel verwenden kann. Aber aufgrund einer, wie
sich später herausstellte, zu ungenauen Messung der Absorptionseigenschaften von Kohlenstoff, die in einem
anderen sehr angesehenen Institut vorgenommen worden war und daher von uns nicht mehr nachgeprüft
wurde, war dieser Weg vorzeitig aufgegeben worden. Für die Gewinnung von Uran 235 wußten wir damals
kein Verfahren, das mit einem technisch in Deutschland und unter Kriegsverhältnissen realisierbaren
Aufwand zu nennenswerten Quantitäten geführt hätte. Da auch die Gewinnung des Atomsprengstoffs aus
Reaktoren offenbar nur durch den jahrelangen Betrieb von riesigen Reaktoren verwirklicht werden konnte,
waren wir uns also jedenfalls klar darüber, daß die Herstellung von Atombomben nur mit einem ungeheuren
technischen Aufwand möglich sein würde. Zusammenfassend kann man daher sagen: Wir wußten um diese
Zeit, daß man grundsätzlich Atombomben machen kann, und kannten ein realisierbares Verfahren, wir haben
aber den dazu nötigen technischen Aufwand eher für noch größer gehalten, als er dann tatsächlich war. So
waren wir in der glücklichen Lage, unserer Regierung völlig ehrlich über den Stand des Problems berichten zu
können und gleichzeitig sicher zu wissen, daß ein ernsthafter Versuch zur Konstruktion von Atombomben in
Deutschland nicht angeordnet werden würde. Denn ein so großer technischer Aufwand für ein in unsicherer
Ferne liegendes Ziel war bei der angespannten Kriegslage für die deutsche Regierung kaum akzeptabel.
Trotzdem hatten wir das Gefühl, an einer sehr gefährlichen wissenschaftlich-technischen Entwicklung
beteiligt zu sein, und es waren besonders Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Wirtz, Jensen und Houtermans,
mit denen ich gelegentlich auch über die Frage beriet, ob es erlaubt sei, so zu handeln, wie wir uns vorge-
nommen hatten. Ich kann mich an ein Gespräch erinnern, das ich in meinem Zimmer im Kaiser-Wilhelm-
Institut für Physik in Dahlem mit Carl Friedrich führte, nachdem Jensen uns gerade verlassen hatte. Carl
Friedrich mag mit der Feststellung begonnen haben:
»Wir sind ja einstweilen in bezug auf die Atombomben noch nicht wirklich in der Gefahrenzone; denn der
technische Aufwand scheint viel zu groß, um ernstlich in Angriff genommen zu werden. Aber auch dies
könnte sich im Laufe der Zeit ändern. Machen wir es also richtig, wenn wir hier weiter arbeiten? Und was
werden unsere Bekannten in Amerika tun? Werden die mit voller Kraft auf die Atombombe zusteuern?«
Ich versuchte mich in ihre Lage hineinzudenken:
»Die psychologische Situation für die Physiker in Amerika, besonders für die aus Deutschland
ausgewanderten, ist ja von der unseren völlig verschieden. Sie müssen drüben überzeugt sein, für die gute und
gegen die schlechte Sache zu kämpfen, und gerade die Emigranten werden, weil sie von Amerika gastlich
aufgenommen worden sind, sich mit Recht verpflichtet fühlen, alle Kräfte für die gute Sache Amerikas
einzusetzen. Aber ist eine Atombombe, von der mit einem Schlag vielleicht hunderttausend Zivilisten getötet
werden, eine Waffe wie jede andere? Darf man auf sie die alte aber problematische Regel anwenden: »Für
die gute Sache darf man mit allen Mitteln kämpfen, für die schlechte nicht‹? Darf man also für die gute
Sache Atombomben machen, für die schlechte nicht? Und wenn man sich zu dieser Ansicht entschließt, die
sich ja in der Weltgeschichte leider immer wieder durchgesetzt hat, wer entscheidet darüber, welche Sache
gut oder schlecht ist? Es wird ja hier leicht genug sein festzustellen, daß die Sache Hitlers und der
Nationalsozialisten schlecht ist. Aber ist die amerikanische Sache in jeder Beziehung gut? Gilt nicht auch hier
der Satz, daß man erst aus der Wahl der Mittel erkennt, ob eine Sache gut oder schlecht sei? Natürlich, fast
jeder Kampf muß auch mit schlechten Mitteln geführt werden; aber gibt es da nicht doch einen
Gradunterschied, der gewisse schlechte Mittel rechtfertigt, andere nicht? Man hat ja im vergangenen
Jahrhundert versucht, durch Verträge der Verwendung der schlechten Mittel Grenzen zu setzen. Aber diese
Grenzen werden im gegenwärtigen Krieg wohl weder von Hitler noch von seinen Gegnern respektiert.
Trotzdem, ich wurde vermuten, daß auch in Amerika die Physiker nicht allzu eifrig bemüht sein werden,
Atombomben zu produzieren. Aber sie könnten natürlich auch von der Angst getrieben werden, daß wir es
tun.«
»Es wäre schön«, antwortete Carl Friedrich, »wenn du einmal mit Niels in Kopenhagen über dies alles
sprechen könntest. Es würde mir sehr viel bedeuten, wenn Niels zum Beispiel zu der Ansicht käme, daß wir
es hier falsch machen, daß wir diese Uranarbeiten lieber aufgeben sollten.«
Im Herbst 1941, in dem wir schon ein einigermaßen klares Bild von der möglichen technischen Entwicklung
zu haben glaubten, verabredeten wir also, daß ich auf Einladung der deutschen Botschaft in Kopenhagen dort
einen wissenschaftlichen Vortrag halten sollte. Dabei wollte ich die Gelegenheit benützen, mit Niels über das
Uranproblem zu sprechen. Die Reise fand, wenn ich mich recht erinnere, im Oktober 1941 statt. Ich besuchte
also Niels in seiner Wohnung in Carlsberg, schnitt aber das gefährliche Thema erst auf einem Spaziergang an,
den wir am Abend in der Nähe seines Hauses unternahmen. Da ich fürchten mußte, daß Niels von deutschen
Stellen überwacht würde, sprach ich mit äußerster Vorsicht, um nicht später auf irgendeine bestimmte
Äußerung festgelegt werden zu können. Ich versuchte Niels anzudeuten, daß man grundsätzlich
Atombomben machen könne, daß dazu ein enormer technischer Aufwand nötig sei und daß man sich als
Physiker wohl fragen müsse, ob man an diesem Problem arbeiten dürfe. Leider war Niels nach meinen
ersten Andeutungen über die grundsätzliche Möglichkeit, Atombomben zu bauen, so erschrocken, daß er den
mir wichtigsten Teil meiner Information, daß nämlich dazu ein ganz enormer technischer Aufwand nötig sei,
nicht mehr recht aufnahm. Mir schien es äußerst wichtig, daß diese tatsächliche Situation den Physikern bis
zu einem gewissen Grad die Möglichkeit gab zu entscheiden, ob der Bau von Atombomben versucht werden
solle oder nicht. Denn die Physiker konnten ihren Regierungen gegenüber mit Recht argumentieren, daß die
Atombomben wahrscheinlich im Laufe des Krieges nicht mehr ins Spiel kommen würden, oder sie konnten
auch argumentieren, daß es mit äußersten Anstrengungen vielleicht doch noch möglich sein werde, sie ins
Spiel zu bringen. Beide Ansichten konnten mit gutem Gewissen vertreten werden, und tatsächlich hat ja auch
der Verlauf des Krieges gezeigt, daß selbst in Amerika, wo die äußeren Voraussetzungen für den Versuch
unvergleichlich viel günstiger waren als in Deutschland, die Atombomben nicht vor Beendigung des Krieges
mit Deutschland fertig geworden sind.
Niels hat aber im Schrecken über die grundsätzliche Möglichkeit von Atombomben den angedeuteten
Gedankengang nicht mehr aufgenommen, und vielleicht hinderte ihn auch die berechtigte Erbitterung über die
gewaltsame Besetzung seines Landes durch deutsche Truppen daran, eine Verständigung der Physiker über
die Grenzen der Länder hinweg überhaupt in Betracht zu ziehen. Es war für mich sehr schmerzlich zu sehen,
wie vollständig die Isolierung war, in die unsere Politik uns Deutsche geführt hatte, und zu erkennen daß die
Wirklichkeit des Krieges auch Jahrzehnte alte menschliche Beziehungen wenigstens zeitweise zu
unterbrechen vermag.
Trotz dieses Mißerfolgs meiner Kopenhagener Mission war für uns, das heißt für die Mitglieder des
»Uranvereins«in Deutschland, die Lage im Grunde recht einfach. Die Regierung entschied (im Juni 1942),
daß die Arbeiten am Reaktorprojekt nur in bescheidenem Rahmen weitergeführt werden sollten. Ein Versuch
zur Konstruktion von Atombomben wurde nicht angeordnet. Die Physiker hatten keinen Grund, eine Revision
dieser Entscheidung anzustreben. Damit wurde die Arbeit am Uranprojekt in der Folgezeit zu einer
Vorbereitung für die friedliche Atomtechnik nach dem Kriege, und als solche hat sie trotz der Verwüstungen
in den letzten Kriegsjahren noch brauchbare Früchte getragen. Es ist vielleicht kein Zufall, daß das erste
Atomkraftwerk, das von einer deutschen Firma ins Ausland, nämlich nach Argentinien, geliefert wird, mit
einem Reaktorkern versehen ist, der so, wie wir es im Kriege geplant hatten, aus Natur-Uran und schwerem
Wasser besteht.
Unsere Gedanken waren also auf den neuen Anfang nach dem Kriege gerichtet. In diesem Zusammenhang
ist mir ein Gespräch besonders deutlich in Erinnerung geblieben, das mich zum ersten Mal in engere
Verbindung mit Adolf Butenandt brachte, der zu jener Zeit als Biochemiker in einem der Dahlemer Kaiser-
Wilhelm-Institute arbeitete. Wir hatten zwar schon häufiger gemeinsam an einem regelmäßigen Kolloquium
über Grenzfragen zwischen Biologie und Atomphysik teilgenommen, das damals in Dahlem veranstaltet
wurde. Aber zu einem längeren Gespräch ist es erst in der Nacht des 1. März 1943 gekommen, als wir nach
einem Luftangriff gemeinsam von der Berliner Innenstadt nach Dahlem zu Fuß wandern mußten.
Wir hatten an einer Sitzung der Akademie für Luftfahrt teilgenommen, die im Gebäude des
Luftfahrtministeriums nahe beim Potsdamer Platz stattfand. Schardin hatte einen Vortrag über die
physiologische Wirkung moderner Bomben gehalten und unter anderem darauf hingewiesen, daß der Tod
durch Luftembolie, der bei schweren Detonationen in unmittelbarer Nähe durch die plötzliche Erhöhung des
Luftdrucks eintreten könne, Verhältnismäßig sanft und schmerzlos sei. Gegen Ende der Sitzung war Luft-
alarm gegeben worden, und wir zogen uns in den Luftschutzkeller des Ministeriums zurück, der mit
Militärbetten und Strohsäcken ganz bequem eingerichtet war. Wir erlebten zum ersten Mal einen wirklich
schweren Luftangriff. Einige Bomben schlugen in das Gebäude des Ministeriums ein, wir hörten das
Zusammenbrechen von Wänden und Decken und wußten eine Zeitlang nicht, ob der Gang, der unseren
Keller mit der Außenwelt verband, überhaupt noch passierbar wäre. Die Beleuchtung des Kellers hatte kurz
nach Beginn des Angriffes ausgesetzt, der Raum wurde nur gelegentlich durch eine aufleuchtende
Taschenlampe etwas erhellt. Einmal wurde eine stöhnende Frau hereingetragen und von zwei Sanitätern
notdürftig versorgt. Während am Anfang noch gesprochen und gelegentlich sogar gelacht worden war, wurde
es mit den häufiger werdenden Bombeneinschlägen in unmittelbarer Nähe immer stiller, und die Stimmung
sank zusehends. Nach zwei schweren Detonationen, deren Luftdruck sehr spürbar in unseren Keller drang,
hörte man aus einer Ecke plötzlich die Stimme Otto Hahns: »Der Schardin, der Schuft, der glaubt seine
eigene Theorie nicht mehr.« Damit war das seelische Gleichgewicht wieder einigermaßen hergestellt.
Nach dem Ende des Angriffs konnten wir uns über ein Gewirr von Betonklötzen und verbogenen
Eisenstangen einen Weg ins Freie bahnen. Dort bot sich ein phantastischer Anblick. Der ganze Platz vor dem
Ministerium war hell rot erleuchtet von den Flammen, die in voller Breite die Dachstühle und obersten
Stockwerke der umliegenden Gebäude ergriffen hatten. An einigen Stellen war das Feuer schon bis zum
Erdgeschoß gedrungen, und es gab auch einzelne brennende Pfützen auf den Straßen, die wohl durch
abgeworfene Phosphorkanister verursacht waren. Der Platz wimmelte von Menschen, die nach Hause
flüchten wollten, aber es war offensichtlich, daß es keinerlei Verkehrsmittel gab, die den Transport in die
Vorstädte hätten übernehmen können.
Butenandt und ich hatten gemeinsam den Weg über die halbverschütteten Gänge ins Freie gefunden, und wir
beschlossen, auch den Weg zu unseren Wohnungen auf dem Fichteberg und in Dahlem so weit wie möglich
gemeinsam zu Fuß zurückzulegen. Am Anfang hofften wir noch, daß der Angriff nur die Innenstadt getroffen
hätte und daß die Villenviertel, in denen wir wohnten, verschont geblieben wären. Aber so weit wir die vor
uns liegenden Kilometer der Potsdamer Straße überblicken konnten, so weit reichten auch die
Flammengirlanden zu beiden Seiten. An einigen Stellen sah man auch Feuerwehrlöschzüge am Werk; deren
Bemühungen wirkten aber eher absurd und lächerlich.
Selbst bei schnellem Gehen mußten wir vom Potsdamer Platz bis nach Dahlem mit einem Weg von
anderthalb bis zwei Stunden rechnen, und so entspann sich ein längeres Gespräch; nicht über die Kriegslage,
denn die war zu offensichtlich, um noch vieler Worte zu bedürfen, sondern über Hoffnungen und Pläne für
die Zeit nach dem Kriege. Butenandt stellte mir die Frage:
»Wie beurteilen Sie eigentlich die Aussichten, nach dem Krieg in Deutschland noch Wissenschaft treiben zu
können? Viele Institute werden zerstört, viele tüchtige junge Wissenschaftler werden gefallen sein, und die
allgemeine Not wird den meisten Menschen andere Probleme dringender erscheinen lassen, als gerade die
Förderung der Wissenschaft. Andererseits ist der Wiederaufbau der wissenschaftlichen Forschung in
Deutschland doch wahrscheinlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine dauerhafte Stabilisierung
unserer wirtschaftlichen Verhältnisse und für eine vernünftige Eingliederung in die europäische
Gemeinschaft.«
»Ich glaube, man darf schon hoffen«, erwiderte ich, »daß die Deutschen sich dann an den Wiederaufbau
nach dem Ersten Weltkrieg erinnern werden, zu dem ja das Zusammenwirken von Wissenschaft und
Technik, etwa in der chemischen oder in der optischen Industrie, die wichtigsten Beiträge geleistet hat.
Unsere Landsleute werden also wohl schnell verstehen, daß man ohne eine erfolgreiche wissenschaftliche
Forschung nicht mehr am modernen Leben teilnehmen kann, und sie werden vielleicht gerade im
Zusammenhang mit der Atomphysik erkennen, daß die Vernachlässigung der Grundlagenforschung im
jetzigen nationalsozialistischen System mit zur Katastrophe beigetragen hat oder wenigstens ein Symptom für
sie gewesen ist.
Aber ich muß gestehen, eigentlich genügt mir diese Einsicht nicht. Die Wurzel des Übels liegt doch sicher
noch ein erhebliches Stück tiefer. Was wir hier vor uns sehen, ist doch nur das konsequente Ende jenes
Götterdämmerungsmythos, jener Philosophie des ›Alles oder nichts‹, der das deutsche Volk immer wieder
verfallen ist. Der Glaube an einen Führer, an den Helden und Befreier, der das deutsche Volk durch Gefahr
und Elend in eine bessere Welt führt, in der wir von aller äußeren Bedrängnis erlöst sind, oder der, wenn das
Schicksal gegen uns entschieden hat, entschlossen in den Weltuntergang schreitet - dieser schreckliche
Glaube und der mit ihm verbundene Absolutheitsanspruch verdirbt doch alles von Grund auf. Er ersetzt die
Wirklichkeit durch eine gigantische Illusion und macht jede Verständigung mit den Völkern, zwischen denen
und mit denen wir leben müssen, unmöglich. Ich möchte die Frage also lieber so stellen: Könnte dann, wenn
die Illusion durch die Wirklichkeit restlos und gnadenlos zerstört ist, die Beschäftigung mit der Wissenschaft
ein Weg für uns sein, der zu einer mehr nüchternen und kritischen Beurteilung der Welt und unserer eigenen
Lage in ihr führt? Ich denke also an die pädagogische Seite der Wissenschaft noch mehr als an die
wirtschaftliche; an die Erziehung zum kritischen Denken, die man von ihr vielleicht erhoffen kann. Natürlich
ist die Zahl der Menschen, die wirklich aktiv Wissenschaft betreiben können, nicht allzu groß. Aber die
Vertreter der Wissenschaft haben in Deutschland eigentlich immer in hohem Ansehen gestanden, sie sind ge-
hört worden, und ihre Art zu denken könnte doch Einfluß auf viel weitere Kreise ausüben.«
»Die Erziehung zum rationalen Denken«, bestätigte Butenandt, »ist sicher ein ganz entscheidender Punkt, und
eine unserer Hauptaufgaben nach dem Kriege wird sein, dieser Art des Denkens wieder mehr Raum zu
verschaffen. Eigentlich sollte ja schon der bisherige Verlauf des Krieges den Menschen bei uns die Augen
für die Wirklichkeit geöffnet haben, zum Beispiel dafür, daß der Glaube an den Führer keine Rohstoffquellen
ersetzen, keine vernachlässigte wissenschaftliche und technische Entwicklung herbeizaubern kann. Ein Blick
auf den Globus, auf die riesigen Territorien, die von den Vereinigten Staaten, England und Rußland kontrolliert
werden, und auf das winzig kleine Gebiet, das dem deutschen Volk auf der Erde zugewiesen ist, ein solcher
Blick hätte eigentlich genügen sollen, um von dem jetzt unternommenen Versuch abzuschrecken. Aber das
nüchterne logische Denken fällt uns schwer. Es fehlt ja bei uns sicher nicht an einer hinreichenden Zahl von
intelligenten Menschen; aber als Volk neigen wir dazu, uns in Träume zu verlieren, die Phantasie höher zu
schätzen als den Intellekt und Gefühle für tiefer zu halten als Gedanken. Daher wird es dringend nötig sein,
dem wissenschaftlichen Denken wieder mehr Ansehen zu gewinnen, und das sollte in der Not nach dem
Kriege ja auch möglich sein.«
Wir wanderten noch immer zwischen brennenden Häuserfronten die Potsdamer Straße und ihre
Fortsetzungen, Hauptstraße, Rheinstraße, Schloßstraße, entlang. Oft mußten wir Stöße von brennenden oder
glühenden Balken umgehen, Reste der Dachstühle, die auf die Straße gestürzt waren. Oder wir wurden
durch Absperrungen aufgehalten, die vor Spätzündern warnten. Eine weitere Verzögerung trat ein, als mein
rechter Schuh zu brennen anfing, da ich ungeschickterweise in eine Phosphorpfütze getreten war. Zum Glück
fand sich bald in der Nähe eine Wasserlache, in der ich ihn wieder löschen konnte.
»Wir Deutschen«, so versuchte ich das Gespräch fortzusetzen, »empfinden ja die Logik und die im Rahmen
der Naturgesetze gegebenen Tatsachen - auch das, was wir hier vor uns sehen, sind ja Tatsachen - oft als
eine Art Zwang, als eine Bedrückung, der wir uns nur ungern unterwerfen. Wir meinen, Freiheit gebe es nur
dort, wo wir uns diesem Zwang entziehen können, also im Reich der Phantasie, im Traum, im Rausch der
Hingabe an eine Utopie. Da hoffen wir endlich das Absolute zu verwirklichen, das wir ahnen und das uns
immer wieder zu höchsten Leistungen, zum Beispiel in der Kunst, anspornt. Aber wir bedenken nicht, daß
Verwirklichen ja gerade bedeutet, sich dem Zwang der Gesetzmäßigkeit unterzuordnen. Denn wirklich ist ja
nur, was wirkt, und alle Wirkung beruht auf dem gesetzmäßigen Zusammenhang der Tatsachen oder der
Gedanken.
Aber selbst, wenn wir diese merkwürdige Neigung bei uns Deutschen zu Traum und Mystik einrechnen, kann
ich eigentlich nicht einsehen, warum viele unserer Landsleute das nur scheinbar nüchterne, wissenschaftliche
Denken so enttäuschend finden. Es ist ja gar nicht richtig, daß es in der Wissenschaft nur auf das logische
Denken und auf das Verständnis und die Anwendung der festgefügten Naturgesetze ankommt. In
Wirklichkeit spielt doch die Phantasie im Reich der Wissenschaft und gerade auch der Naturwissenschaft
eine entscheidende Rolle. Denn selbst wenn zur Gewinnung der Tatsachen viel nüchterne, sorgfältige, experi-
mentelle Arbeit nötig ist, so gelingt das Zusammenordnen der Tatsachen doch nur, wenn man sich in die
Phänomene eher hineinfühlen als hineindenken kann. Vielleicht haben wir Deutschen sogar an dieser Stelle
eine besondere Aufgabe, gerade weil das Absolute auf uns eine solch merkwürdige Faszination ausübt. In der
Welt draußen ist ja die pragmatische Denkweise weit verbreitet, und man weiß aus unserer Zeit wie aus der
Geschichte - man braucht nur an das ägyptische, das römische und das angelsächsische Reich zu denken -
wie erfolgreich diese Denkweise in der Technik, in der Wirtschaft und in der Politik sein kann. Aber in der
Wissenschaft und in der Kunst ist das prinzipielle Denken, so wie wir es in seiner großartigsten Form aus
dem alten Griechenland kennen, doch noch erfolgreicher gewesen. Wenn in Deutschland wissenschaftliche
oder künstlerische Leistungen entstanden sind, die die Welt verändert haben - man kann ja an Hegel und
Marx, an Planck und Einstein, oder in der Musik an Beethoven und Schubert denken -, so ist das nur durch
diese Beziehung zum Absoluten, durch das prinzipielle Denken bis zur letzten Konsequenz möglich gewesen.
Also nur dort, wo sich das Streben nach dem Absoluten dem Zwang der Form unterordnet, in der Wissen-
schaft dem nüchternen logischen Denken und in der Musik den Regeln der Harmonielehre und der
Kontrapunktik, nur dort, nur in dieser äußersten Spannung kann es seine wirkliche Kraft entfalten. Sobald es
die Form sprengt, führt der Weg ins Chaos, so wie wir es hier vor uns sehen; und ich bin nicht bereit, dieses
Chaos durch Begriffe wie Götterdämmerung oder Weltuntergang zu verherrlichen.«
Inzwischen hatte mein rechter Schuh wieder zu brennen angefangen, und es bedurfte einiger Anstrengung,
ihn nicht nur zu löschen, sondern auch die phosphorhaltige Flüssigkeit gründlich zu entfernen. Butenandt
meinte dazu:
»Es wird schon gut sein, wenn wir uns um die unmittelbar gegebenen Tatsachen kümmern. Für später
müssen wir hoffen, daß es nach dem Kriege in Deutschland auch Politiker geben wird, die durch eine im
Rahmen der Tatsachen wirkende Phantasie dem deutschen Volk wieder halbwegs erträgliche
Lebensbedingungen schaffen können. Was die Wissenschaft betrifft, so würde ich übrigens glauben, daß die
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft eine relativ gute Ausgangsbasis für den Wiederaufbau der Forschung in
Deutschland darstellen könnte. Die Hochschulen haben sich den politischen Eingriffen ja viel weniger leicht
entziehen können als die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Sie werden also mit größeren Schwierigkeiten
rechnen müssen. Wenn unsere Gesellschaft auch im Kriege durch die Teilnahme an Rüstungsprojekten
gewisse Kompromisse hat schließen müssen, so haben doch viele der in ihr Tätigen freundschaftliche
Beziehungen zu ausländischen Gelehrten, die die Bedeutung des nüchternen, abwägenden Denkens in
Deutschland und in ihren eigenen Ländern richtig einschätzen, die also bereit sein werden, nach Kräften zu
helfen.«
»Sehen Sie in Ihrer eigenen Wissenschaft Anknüpfungspunkte für eine friedliche internationale
Zusammenarbeit nach dem Kriege?«
»Es wird bestimmt eine friedliche Atomtechnik geben«, antwortete ich, »das heißt eine Ausnützung der
Atomkernenergie durch den von Otto Hahn entdeckten Prozeß der Uranspaltung. Da man hoffen darf, daß
eine direkte kriegerische Ausnützung wegen des dazu nötigen enormen technischen Aufwandes in diesem
Krieg keine Rolle mehr spielen wird, könnte man sich auch gut eine internationale Zusammenarbeit vorstellen.
Der entscheidende Schritt zu dieser Atomtechnik ist ja durch die Hahnsche Entdeckung geschehen, und die
Atomphysiker haben eigentlich immer über die Landesgrenzen hinweg freundschaftlich zusammenge-
arbeitet.«
»Nun ja, man muß abwarten, wie das nach dem Kriegsende aussehen wird. Jedenfalls müssen wir in der
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gut zusammenhalten.«
Damit trennten wir uns, da Butenandts Weg nach Dahlem und meiner auf den Fichteberg führte, wo ich für
einige Zeit bei Elisabeths Eltern untergekommen war. Ich hatte vor kurzem meine beiden ältesten Kinder
nach Berlin mitgebracht, sie sollten einige Tage später ihrem Großvater zum Geburtstag gratulieren, und so
war ich jetzt in großer Sorge, wie es ihnen und den Großeltern im Luftangriff ergangen wäre. Meine
Hoffnung, daß wenigstens der Fichteberg von der Zerstörung verschont geblieben wäre, erfüllte sich nicht.
Schon von weitem erkannte ich, daß das Nachbarhaus in seiner ganzen Breite brannte und daß auch aus dem
Dach unseres Hauses Flammen schlugen. Als ich am Nachbarhaus vorbeilief, hörte ich Hilferufe. Ich mußte
aber doch zuerst nach den Kindern und ihren Beschützern sehen. Unser Haus war schwer mitgenommen,
Türen und Fensterläden waren durch Luftdruck eingeschlagen, und ich fand zu meiner Verwirrung das Haus
und den Luftschutzkeller zunächst leer. Erst auf dem Speicher entdeckte ich schließlich die tapfere Mutter
meiner Frau, die, mit einem Stahlhelm vor herabfallenden Ziegeln geschützt, gegen das Feuer ankämpfte. Von
ihr erfuhr ich, daß unsere Kinder in das noch relativ unbeschädigte Nachbarhaus nach dem Botanischen
Garten zu gebracht worden waren und dort unter Obhut ihres Großvaters und der Besitzer, des Ministers
Schmidt-Ott und seiner Frau, friedlich schliefen. Auch in unserem Haus war die Hauptarbeit des Löschens
schon getan, und es genügte, noch ein paar Dachsparren abzureißen, um vor einer weiteren Ausbreitung des
Feuers ziemlich sicher zu sein.
Erst jetzt ging ich den Hilferufen nach, die aus dem brennenden Nachbarhaus kamen. Der Dachstuhl war
dort schon weitgehend zusammengestürzt, seine glühenden Balken lagen im Garten und erschwerten den
Zugang. Das ganze Obergeschoß stand in hellen Flammen. Im Erdgeschoß traf ich die junge Frau, die um
Hilfe rief, und hörte von ihr, daß ihr alter Vater noch oben auf dem früheren Speicher stünde und durch
Wasser, das er aus einer noch funktionierenden Wasserleitung in einen Eimer füllte, sich gegen die von allen
Seiten andrängenden Flammen wehrte. Das Treppenhaus sei aber schon heruntergebrannt, sie wisse nicht,
wie man ihn noch retten könne. Zum Glück hatte ich drüben zum Löschen statt der Kleider einen alten, eng
anliegenden Trainingsanzug übergestreift, und ich war daher gut beweglich. So konnte ich kletternd die Höhe
des Dachgeschosses erreichen und sah hinter einer Wand von Feuer den alten weißhaarigen Herrn, wie er,
fast besinnungslos Wasser um sich schüttend, immer noch einen kleiner werdenden Kreis gegen die Flammen
verteidigte. Nach einem Sprung durch die Feuerwand stand ich vor ihm. Er stutzte einen Augenblick, als er
völlig unerwartet einen fremden rußgeschwärzten Menschen sah, nahm aber sofort eine aufrechte Haltung
ein, setzte den Eimer zur Seite, verbeugte sich höflich und sagte: »Mein Name ist von Enslin; sehr
liebenswürdig, daß Sie helfen.« Das war wieder das alte Preußentum, Zucht, Ordnung und wenig Worte, so
wie ich es immer bewundert hatte. Für einen Moment ging mir mein Gespräch mit Niels durch den Kopf, das
wir am Strand des Öresunds geführt hatten und bei dem Niels die Preußen und die alten Wikinger verglichen
hatte; dann noch jene lakonische Meldung eines in aussichtsloser Lage kämpfenden preußischen Offiziers:
»Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten.« Aber ich hatte keine Zeit über die Kräfte alter Leitbilder
nachzudenken. Hier und jetzt mußte gehandelt werden. Auf dem gleichen Weg, auf dem ich gekommen war,
gelang es mir, den alten Herrn in Sicherheit zu bringen.
Einige Wochen später siedelte unsere Familie, den Vorkriegsplänen entsprechend, von Leipzig nach Urfeld
am Walchensee über. Wir wollten die Kinder nach Möglichkeit vor dem Chaos der Luftangriffe bewahren.
Auch unser Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Dahlem erhielt den Auftrag, eine Ausweichstelle in einem
Gebiet zu suchen, das weniger durch den Luftkrieg gefährdet war. Eine Textilfabrik in dem kleinen Städtchen
Hechingen in Südwürttemberg hatte genug leeren Raum, um uns aufzunehmen. Wir verlagerten also unsere
Laboratoriumseinrichtungen und unsere Mannschaft allmählich nach Hechingen.
Aus den chaotischen letzten Kriegsjahren sind mir nur einzelne Bilder deutlich im Gedächtnis geblieben. Sie
gehören zu dem Hintergrund, auf dem sich später meine Meinungen zu den allgemeinen politischen Fragen
gebildet haben, deshalb sollen sie mit wenigen Strichen angedeutet werden.
Zu den erfreulichsten Seiten meines Lebens in Berlin gehörten die Abende der sogenannten
Mittwochsgesellschaft, zu deren Mitgliedern Generaloberst Beck, Minister Popitz, der Chirurg Sauerbruch,
Botschafter v. Hassel, Eduard Spranger, Jessen, Schulenburg und andere zählten. Ich erinnere mich an eine
abendliche Zusammenkunft bei Sauerbruch, der uns nach seinem wissenschaftlichen Vortrag über
Lungenoperationen ein für die damalige Hungerzeit geradezu fürstliches Abendessen mit herrlichem Wein
vorsetzte, so daß am Schluß Herr von Hassel auf dem Tisch stand und Studentenlieder sang; dann an den
letzten Abend dieser Gesellschaft im Juli 1944, zu dem ich die Mitglieder ins Harnackhaus eingeladen hatte.
Ich hatte den Nachmittag über in meinem Institutsgarten Himbeeren gepflückt, die Leitung des
Harnackhauses hatte Milch und etwas Wein beigesteuert, so konnte ich meine Gäste wenigstens mit einem
frugalen Mahl bewirten. Dann berichtete ich über die Atomenergie in den Sternen und ihre technische
Ausnützung auf der Erde, soweit ich eben nach den Geheimhaltungsbestimmungen darüber reden durfte. An
der Diskussion beteiligten sich vor allem Beck und Spranger. Beck sah sofort, daß sich von hier aus alle
bisherigen militärischen Vorstellungen von Grund auf ändern müßten, und Spranger formulierte, was wir
Physiker seit längerer Zeit vermuteten, daß die Entwicklung der Atomphysik Wandlungen im Denken der
Menschen verursachen könnte, die weit in die gesellschaftlichen und philosophischen Strukturen reichen.
Am 19. Juli brachte ich das Protokoll der Sitzung noch zu Popitz in die Wohnung und fuhr anschließend in der
Nacht mit dem Zug nach München und Kochel. Von dort mußte ich noch 1 Stunden zu Fuß gehen, um nach
Urfeld zu gelangen. Auf dem Weg traf ich einen Soldaten, der sein Gepäck auf einem Handwagen den
Kesselberg hinaufzog. Ich legte meinen schweren Koffer dazu und half ihm ziehen. Der Soldat erzählte mir,
er habe gerade im Radio gehört, daß ein Attentat auf Hitler gemacht worden sei. Hitler sei zwar nur leicht
verletzt, aber in Berlin gebe es eine Revolte in der Spitze der Wehrmacht. Ich fragte ihn vorsichtig, was er
dazu meine. Er antwortete nur: »'s is scho guat, bald si' was rührt.« Einige Stunden später saß ich in Urfeld
vor dem Rundfunkgerät und hörte, daß Generaloberst Beck im Wehrmachtsgebäude in der Bendlerstraße
gefallen sei. Popitz, Hassel, Schulenburg, Jessen wurden als Mitwisser des Komplotts genannt, und ich
wußte, was das zu bedeuten hatte. Auch Reichwein, der mich Anfang Juli noch im Harnackhaus besucht
hatte, war verhaftet.
Einige Tage später fuhr ich nach Hechingen, wo schon der größere Teil meines Berliner Instituts versammelt
war. Wir bereiteten dort den nächsten Versuch für den Atomreaktor in einem Felsenkeller vor, der in dem
malerischen Städtchen Haigerloch im Berg unter der Schloßkirche guten Schutz gegen alle Luftangriffe bot.
Die regelmäßigen Fahrten zwischen Hechingen und Haigerloch mit dem Fahrrad, die Obstgärten der Bauern,
die Wälder, in denen wir an den Feiertagen Pilze suchten, all das war so gegenwärtig, wie die Wellen in der
Bucht von Eleusis für Hans Euler gewesen waren, und wir konnten für Tage Vergangenheit und Zukunft
vergessen. Als im April 1945 die Obstbäume zu blühen begannen, ging der Krieg seinem Ende zu. Ich
verabredete mit meinen Mitarbeitern, daß ich dann, wenn dem Institut und seinen Angehörigen keine
unmittelbaren Gefahren mehr drohten, mit dem Fahrrad Hechingen verlassen würde, um beim Einmarsch der
fremden Truppen meiner Familie in Urfeld beistehen zu können.
Mitte April zogen die letzten Reste aufgelöster deutscher Truppen durch Hechingen nach Osten. An einem
Nachmittag hörten wir die ersten französischen Panzer. Im Süden waren sie wohl schon an Hechingen vorbei
bis zur Kammhöhe der Rauhen Alb vorgestoßen. Die Zeit meiner Abreise schien gekommen. Gegen
Mitternacht kam Carl-Friedrich noch von einer zu Rad unternommenen Erkundungsfahrt nach Reutlingen
zurück. Im Luftschutzkeller des Instituts feierten wir einen kurzen Abschied, und gegen drei Uhr morgens
brach ich in Richtung Urfeld auf. Als ich im Morgengrauen Gammertingen erreichte, hatte ich die Kampflinie
wohl schon hinter mir gelassen. Nur der Bedrohung durch Tiefflieger mußte ich immer wieder ausweichen.
In den folgenden beiden Tagen reiste ich, eben wegen dieser Bedrohung, meistens nachts; am Tage
versuchte ich durch Ausruhen und Besorgen von Essen meine Kräfte in Ordnung zu halten. Ich erinnere
mich an einen Hügel bei Krugzell, auf dem ich nach dem Essen bei herrlich warmem Sonnenschein unter dem
Schutz einer Hecke schlafen wollte. Unter dem wolkenlosen Himmel lag die ganze Alpenkette vor mir
ausgebreitet, Hochvogel, Mädelegabel und alle die Berge, auf denen ich sieben Jahre vorher als Gebirgsjäger
herumgestiegen war, und weiter unten blühten die Kirschbäume. Der Frühling hatte nun wirklich begonnen,
und meine schnell zerfließenden Gedanken blickten in eine lichte Zukunft, bis ich endlich einschlief.
Einige Stunden später erwachte ich von einem donnerähnlichen Getöse und sah über dem in der Ferne
erkennbaren Städtchen Memmingen dichte Rauchschwaden aufsteigen. Ein Bombenteppich war dort über
das Kasernenviertel ausgebreitet worden. Es war also noch Krieg, und ich mußte weiter nach Osten fahren.
Am dritten Tag kam ich dann nach Urfeld und fand die Familie wohlbehalten vor. Die folgende Woche galt
der Vorbereitung für das Kriegsende. Die Kellerfenster wurden mit Sandsäcken geschützt, alle irgendwie
erreichbaren Lebensmittel mußten ins Haus geschafft werden. Die Nachbarhäuser wurden leer, da ihre
Bewohner auf das andere Seeufer flüchteten. In den Wäldern gab es versprengte Soldaten und SS-Einheiten
und vor allem große Mengen weggeworfener Munition, die mir wegen der Kinder Sorgen machten. Am Tag
mußte man mancherlei Gefahren ausweichen, da doch immer wieder geschossen wurde, und die Nächte, in
denen unser Haus im Niemandsland lag, waren voll unheimlicher Spannung. Als am 4. Mai der amerikanische
Oberst Pash mit einigen Soldaten in unser Haus eindrang, um mich gefangenzunehmen, hatte ich ein Gefühl,
wie es etwa ein zu Tode erschöpfter Schwimmer haben mag, der zum ersten Mal wieder den Fuß auf festes
Land setzt.
In der Nacht vorher war noch Schnee gefallen, aber am Tag meiner Abreise schien die Frühlingssonne aus
einem dunkelblauen Himmel und tauchte die überschneite Landschaft in ein helles glänzendes Licht. Ich
fragte einen meiner amerikanischen Bewacher, der schon in vielen Teilen der Welt gekämpft hatte, wie ihm
unser See zwischen den Bergen gefalle, und er meinte, hier sei das schönste Fleckchen Erde, das er bisher
kennengelernt habe.
16. Über die Verantwortung des Forschers
(1945-1950)

Die Gefangenschaft führte mich nach einigen kürzeren Zwischenaufenthalten in Heidelberg, Paris und
Belgien schließlich für längere Zeit auf dem Landsitz Farm-Hall mit einigen alten Freunden und jüngeren
Mitarbeitern des »Uranvereins« zusammen. Zu ihnen gehörten Otto Hahn, Max von Laue, Walter Gerlach,
Carl Friedrich v. Weizsäcker, Karl Wirtz. Der Gutshof Farm-Hall liegt am Rande des Dorfes
Godmanchester, nur etwa 25 Meilen von der alten Universitätsstadt Cambridge in England entfernt. Ich
kannte die Landschaft von früheren Besuchen am Cavendish-Laboratorium. Hier, im Kreise der zehn
gefangenen Atomphysiker, besaß Otto Hahn durch die Anziehungskraft seiner Persönlichkeit und durch seine
ruhige besonnene Haltung in schwierigen Lagen von selbst das Vertrauen jedes einzelnen unserer kleinen
Gruppe. Er verhandelte also mit unseren Bewachern, wo immer das sich als notwendig erwies; und eigentlich
gab es nur selten Schwierigkeiten, da die uns betreuenden Offiziere ihre Aufgabe mit ungewöhnlich viel Takt
und Menschlichkeit lösten, so daß sich nach kurzer Zeit ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und
uns einstellte. Wir waren nur wenig über unsere Arbeiten am Atomenergieproblem ausgefragt worden, und
wir empfanden einen gewissen Widerspruch zwischen dem geringen Interesse an unseren Arbeiten und der
ungewöhnlich großen Sorgfalt, mit der wir bewacht und von jeder Berührung mit der Außenwelt ferngehalten
wurden. Auf meine Gegenfrage, ob man sich denn in Amerika und England während des Krieges nicht auch
mit dem Uranproblem beschäftigt habe, erhielt ich von den uns befragenden amerikanischen Physikern immer
nur die Antwort, dort sei es anders als bei uns gewesen, die Physiker hätten Aufgaben übernehmen müssen,
die mehr unmittelbar der Kriegsführung gegolten hätten. Das klang nicht unplausibel, weil ja auch während
des ganzen Krieges keine Auswirkungen amerikanischer Arbeiten über Kernspaltung sichtbar geworden
waren.
Am Nachmittag des 6. August 1945 kam plötzlich Karl Wirtz zu mir mit der Mitteilung, eben habe der
Rundfunk verkündet, es sei eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen worden. Ich
wollte diese Nachricht zunächst nicht glauben; denn ich war sicher, daß zur Herstellung von Atombomben ein
ganz enormer technischer Aufwand nötig gewesen wäre, der vielleicht viele Milliarden Dollar gekostet hätte.
Ich fand es auch psychologisch unplausibel, daß die mir so gut bekannten Atomphysiker in Amerika alle
Kräfte für ein solches Projekt eingesetzt haben sollten, und ich war daher geneigt, lieber den amerikanischen
Physikern zu glauben, die mich verhört hatten, als einem Radioansager, der vielleicht irgendeine Art
Propaganda zu verbreiten hatte. Auch sei, so wurde mir gesagt, das Wort »Uran« in der Meldung nicht
vorgekommen. Das schien mir darauf hinzudeuten, daß mit dem Wort »Atombombe« irgendetwas anderes
gemeint gewesen sei. Erst am Abend, als der Berichterstatter im Rundfunk den riesigen technischen
Aufwand schilderte, der geleistet worden sei, mußte ich mich mit der Tatsache abfinden, daß die Fortschritte
der Atomphysik, die ich 25 Jahre lang miterlebt hatte, nun den Tod von weit über hunderttausend Menschen
verursacht hatten.
Am tiefsten getroffen war begreiflicherweise Otto Hahn. Die Uranspaltung war seine bedeutendste
wissenschaftliche Entdeckung, sie war der entscheidende und von niemandem vorhergesehene Schritt in die
Atomtechnik gewesen. Und dieser Schritt hatte jetzt einer Großstadt und ihrer Bevölkerung, unbewaffneten
Menschen, von denen die meisten sich am Kriege unschuldig fühlten, ein schreckliches Ende bereitet. Hahn
zog sich erschüttert und verstört in sein Zimmer zurück, und wir waren ernstlich in Sorge, daß er sich etwas
antun könnte. Von uns anderen wurde an diesem Abend in der Erregung wohl manches unüberlegte Wort
gesprochen. Erst am nächsten Tag gelang es uns, unsere Gedanken zu ordnen und sorgfältig auf das
einzugehen, was geschehen war.
Hinter unserem Landsitz Farm-Hall, einem altertümlichen Bau aus rotem Backstein, lag eine nicht mehr gut
gepflegte Rasenfläche, auf der wir Faustball zu spielen pflegten. Zwischen dieser Rasenfläche und der
efeubewachsenen Mauer, die unser Grundstück vom Nachbargarten trennte, gab es noch ein langgestrecktes
Rosenbeet, um dessen Pflege sich vor allem Gerlach bemühte. Der Weg um dieses Rosenbeet spielte bei uns
Gefangenen eine ähnliche Rolle wie etwa der Kreuzgang in mittelalterlichen Klöstern. Er war der geeignete
Ort für ernste Gespräche zu zweit. Am Morgen nach der erschreckenden Nachricht gingen dort Carl
Friedrich und ich lange Zeit sinnend und redend auf und ab. Das Gespräch begann mit der Sorge um Otto
Hahn, und Carl Friedrich mag es mit einer schwierigen Frage begonnen haben.
»Man kann ja verstehen, daß Otto Hahn darüber verzweifelt ist, daß seine größte wissenschaftliche
Entdeckung jetzt mit dem Makel dieser unvorstellbaren Katastrophe behaftet ist. Aber hat er Grund, sich in
irgendeiner Weise schuldig zu fühlen? Hat er mehr Grund dazu als irgendeiner von uns anderen, die wir an
der Atomphysik mitgearbeitet haben? Sind wir alle an diesem Unglück mitschuld, und worin besteht diese
Schuld?«
»Ich glaube nicht«, versuchte ich zu antworten,«daß es Sinn hat, hier das Wort ›Schuld‹ zu verwenden, selbst
wenn wir in irgendeiner Weise in diesen ganzen Kausalzusammenhang verwoben sind. Otto Hahn und wir
alle haben an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft teilgenommen. Diese Entwicklung ist ein
Lebensprozeß, zu dem sich die Menschheit, oder wenigstens die europäische Menschheit, schon vor
Jahrhunderten entschlossen hat - oder wenn man vorsichtiger formulieren will, auf den sie sich eingelassen
hat. Wir wissen aus Erfahrung, daß dieser Prozeß zum Guten und Schlechten führen kann. Aber wir waren
überzeugt - und das war insbesondere der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts -, daß mit wachsender
Kenntnis das Gute überwiegen werde und daß man die möglichen schlechten Folgen in der Gewalt behalten
könne. An die Möglichkeit von Atombomben hat vor der Hahnschen Entdeckung weder Hahn noch irgendein
anderer von uns ernstlich denken können, da die damalige Physik keinen Weg dahin sichtbar machte. An
diesem Lebensprozeß der Entwicklung der Wissenschaft teilzunehmen, kann nicht als Schuld angesehen
werden.«
»Es wird natürlich jetzt radikale Geister geben«, setzte Carl Friedrich das Gespräch fort, »die meinen, man
müsse sich in Zukunft von diesem Entwicklungsprozeß der Wissenschaft abwenden, da er zu solchen
Katastrophen führen könne. Es gebe wichtigere Aufgaben sozialer, wirtschaftlicher und politischer Art als
den Fortschritt der Naturwissenschaft. Damit mögen sie sogar recht haben. Aber wer so denkt, verkennt
dabei, daß in der heutigen Welt das Leben der Menschen weitgehend auf dieser Entwicklung der
Wissenschaft beruht. Würde man sich schnell von der ständigen Erweiterung der Kenntnisse abwenden, so
müßte die Zahl der Menschen auf der Erde in kurzer Zeit radikal reduziert werden. Das aber könnte wohl nur
durch Katastrophen geschehen, die denen der Atombombe durchaus vergleichbar oder noch schlimmer
wären.
Dazu kommt, daß bekanntlich Wissen auch Macht ist. Solange auf der Erde um Macht gerungen wird - und
einstweilen ist davon kein Ende abzusehen - muß also auch um Wissen gerungen werden. Vielleicht kann viel
später, wenn es so etwas wie eine Weltregierung geben sollte, also eine zentrale, hoffentlich möglichst
freiheitliche Ordnung der Verhältnisse auf der Erde, das Streben nach Erweiterung des Wissens schwächer
werden. Aber das ist jetzt nicht unser Problem. Einstweilen gehört die Entwicklung der Wissenschaft zum
Lebensprozeß der Menschheit, also kann der Einzelne, der in ihm wirkt, auch nicht dafür schuldig gesprochen
werden. Die Aufgabe muß daher nach wie vor darin bestehen, diesen Entwicklungsprozeß zum Guten zu
lenken, die Erweiterung des Wissens nur zum Wohl der Menschen auszunutzen, nicht aber diese Entwicklung
selbst zu verhindern. Die Frage lautet also: Was kann der Einzelne dafür tun; welche Verpflichtung entsteht
hier für den, der in der Forschung tätig mitwirkt?«
»Wenn wir die Entwicklung der Wissenschaft in dieser Weise als einen historischen Prozeß im Weltmaßstab
ansehen, so erinnert deine Frage an das alte Problem von der Rolle des Individuums in der Weltgeschichte.
Sicher wird man auch hier annehmen müssen, daß die Individuen im Grunde weitgehend ersetzbar sind.
Wenn Einstein nicht die Relativitätstheorie entdeckt hätte, so wäre sie früher oder später von anderen,
vielleicht von Poincare oder Lorentz formuliert worden. Wenn Hahn nicht die Uranspaltung gefunden hätte,
so wären vielleicht einige Jahre später Fermi oder Joliot auf dieses Phänomen gestoßen. Ich glaube, man
schmälert die große Leistung des Einzelnen nicht, wenn man dies ausspricht. Daher kann man auch dem
Einzelnen, der den entscheidenden Schritt wirklich tut, nicht mehr Verantwortung für seine Folgen aufbürden
als allen anderen, die ihn vielleicht auch hätten tun können. Der Einzelne ist von der geschichtlichen
Entwicklung an die entscheidende Stelle gesetzt worden, und er hat den Auftrag, der ihm hier gegeben war,
auch ausführen können; mehr nicht. Er wird dadurch vielleicht etwas mehr Einfluß auf die spätere
Ausnutzung seiner Entdeckung gewinnen können als andere. Tatsächlich hat Hahn ja auch in Deutschland,
wo immer er gefragt wurde, sich für die Anwendung der Uranspaltung nur auf die friedliche Atomtechnik
ausgesprochen, er hat vom Versuch kriegerischer Anwendung überall abgeraten und gewarnt. Aber auf die
Entwicklung in Amerika hat er natürlich keinen Einfluß nehmen können.«
»Man wird hier«, so führte Carl Friedrich die Gedanken weiter fort, »wohl einen grundsätzlichen Unterschied
machen müssen zwischen dem Entdecker und dem Erfinder. Der Entdecker kann in der Regel vor der
Entdeckung nichts über die Anwendungsmöglichkeiten wissen, und auch nachher kann der Weg bis zur
praktischen Ausnützung noch so weit sein, daß Voraussagen unmöglich sind. So haben etwa Galvani und
Volta sich keine Vorstellung von der späteren Elektrotechnik machen können. Sie hatten also auch nicht die
geringste Verantwortung für den Nutzen und die Gefahren der späteren Entwicklung. Aber bei den Erfindern
ist es in der Regel anders. Der Erfinder - und so will ich das Wort verwenden - hat ja ein bestimmtes
praktisches Ziel vor Augen. Er muß überzeugt sein, daß die Erreichung dieses Zieles einen Wert darstellt, und
man wird ihn mit Recht mit der Verantwortung dafür belasten. Allerdings wird gerade beim Erfinder deutlich,
daß er eigentlich nicht als Einzelner, sondern im Auftrag einer größeren menschlichen Gemeinschaft handelt.
Der Erfinder des Telephons etwa wußte, daß die menschliche Gesellschaft eine schnelle Kommunikation für
wünschenswert hält. Und auch der Erfinder der Feuerwaffen handelte im Auftrag einer kriegerischen Macht,
die ihre Kampfkraft steigern wollte. Man kann dem Einzelnen also sicher nur einen Teil der Verantwortung
aufbürden. Dazu kommt, daß auch hier weder der Einzelne noch die Gemeinschaft alle späteren Folgen der
Erfindung wirklich überschauen kann. Ein Chemiker etwa, der eine Substanz findet, mit der er große
landwirtschaftliche Kulturen vor Schädlingen schützen kann, wird ebensowenig wie die Besitzer oder
Verwalter der angebauten Landflächen wirklich vorausrechnen können, welche Folgen aus den
Veränderungen der Insektenwelt in dem betreffenden Gebiet schließlich entstehen. An den Einzelnen wird
man also nur die Forderung stellen können, daß er sein Ziel im großen Zusammenhang sehen müsse; daß er
nicht um des Interesses irgendeiner kleinen Gruppe willen andere, viel weitere Gemeinschaften unbedacht in
Gefahr bringt. Was verlangt wird, ist also im Grunde nur die sorgfältige und gewissenhafte Berücksichtigung
des großen Zusammenhangs, in dem sich der technisch-wissenschaftliche Fortschritt vollzieht. Dieser
Zusammenhang muß auch dort beachtet werden, wo er dem eigenen Interesse nicht unmittelbar entgegen-
kommt.«
»Wenn du in dieser Weise zwischen Entdeckung und Erfindung unterscheidest, wohin stellst du dann dieses
neueste und schrecklichste Ergebnis des technischen Fortschritts, die Atombombe?«
»Hahns Experiment über die Spaltung des Atomkerns war eine Entdeckung, die Herstellung der Bombe eine
Erfindung. Für die Atomphysiker in Amerika, die die Bombe konstruiert haben, wird also auch gelten, was wir
eben über die Erfinder gesagt haben. Sie haben nicht als Einzelne sondern im ausdrücklichen oder
vorweggenommenen Auftrag einer kriegführenden menschlichen Gemeinschaft gehandelt, die eine äußerste
Stärkung ihrer Kampfkraft wünschen mußte. Du hast früher einmal gesagt, du könntest dir schon aus
psychologischen Gründen nicht vorstellen, daß die amerikanischen Atomphysiker mit voller Kraft die Her-
stellung von Atombomben anstrebten. Auch gestern hast du zunächst nicht an die Atombombe glauben
wollen. Wie erklärst du dir jetzt die Vorgänge in Amerika?«
»Wahrscheinlich haben die Physiker drüben am Anfang des Krieges wirklich gefürchtet, daß die Herstellung
von Atombomben in Deutschland versucht werden könnte. Das ist verständlich; denn die Uranspaltung ist
von Hahn in Deutschland entdeckt worden, und die Atomphysik war bei uns, vor der Vertreibung vieler
tüchtiger Physiker durch Hitler, auf einem hohen Niveau. Man hat also einen Sieg Hitlers durch die
Atombombe für eine so entsetzliche Gefahr gehalten, daß zur Abwendung dieser Katastrophe auch das
Mittel der eigenen Atombombe gerechtfertigt schien. Ich weiß nicht, ob man dagegen etwas sagen könnte,
besonders wenn man bedenkt, was in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wirklich geschehen ist.
Nach dem Ende des Krieges mit Deutschland haben wahrscheinlich viele Physiker in Amerika von der
Anwendung dieser Waffe abgeraten, aber sie hatten um diese Zeit keinen entscheidenden Einfluß mehr.
Auch daran steht uns keine Kritik zu. Denn wir haben ja auch die schrecklichen Dinge, die von unserer
Regierung getan worden sind, nicht verhindern können. Die Tatsache, daß wir ihr Ausmaß nicht kannten, ist
keine Entschuldigung, denn wir hätten uns ja noch mehr anstrengen können, sie in Erfahrung zu bringen.
Das Schreckliche an diesem ganzen Gedankengang ist, daß man erkennt, wie ungeheuer zwangsläufig er ist.
Man versteht, daß in der Weltgeschichte immer wieder der Grundsatz praktiziert worden ist: Für die gute
Sache darf man mit allen Mitteln kämpfen, für die schlechte nicht. Oder in noch bösartigerer Form: Der
Zweck heiligt die Mittel. Aber was hätte man schon diesem Gedankengang entgegensetzen können?«
»Wir haben vorher davon gesprochen«, antwortete Carl Friedrich, »daß man vom Erfinder verlangen könnte,
er solle sein Ziel im großen Zusammenhang des technischen Fortschritts auf der Erde sehen. Wollen wir
prüfen, was dabei herauskommt. Im ersten Augenblick werden ja nach solchen Katastrophen immer reichlich
billige Rechnungen aufgestellt. Es wird etwa gesagt, durch den Einsatz der Atombombe sei der Krieg
schneller beendet worden. Vielleicht wären die Opfer im ganzen noch größer gewesen, wenn man ihn ohne
diese Waffen hätte langsam zu Ende gehen lassen. Ich glaube, du hast gestern abend dieses Argument auch
erwähnt. Solche Rechnungen sind aber deshalb ganz ungenügend, weil man ja die späteren politischen Folgen
der Katastrophe nicht kennt. Werden durch die entstandene Erbitterung vielleicht spätere Kriege vorbereitet,
die noch viel größere Opfer erfordern? Werden durch die neuen Waffen Machtverschiebungen
hervorgerufen, die später, wenn alle Großmächte über diese Waffen verfügen, unter verlustreichen
Auseinandersetzungen wieder rückgängig gemacht werden müssen? Niemand kann solche Entwicklungen
vorausrechnen, und daher kann ich mit solchen Argumenten nichts anfangen. Ich möchte lieber von dem
anderen Satz ausgehen, über den wir auch gelegentlich gesprochen haben: daß erst die Wahl der Mittel
darüber entscheidet, ob eine Sache gut oder schlecht sei. Könnte dieser Satz nicht auch hier wirksam
werden?«
Ich versuchte diesen Gedanken etwas näher auszuführen. »Der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird
doch zweifellos zur Folge haben, daß die unabhängigen politischen Einheiten auf der Erde immer größer
werden und daß ihre Zahl immer geringer wird; daß schließlich eine zentrale Ordnung der Verhältnisse
angestrebt wird, von der wir nur hoffen können, daß sie noch genügend Freiheit für den Einzelnen und für das
einzelne Volk läßt.
Eine Entwicklung in dieser Richtung scheint mir völlig unausweichlich, und es ist eigentlich nur die Frage, ob
auf dem Wege bis zum geordneten Endzustand noch viele Katastrophen passieren müssen. Man wird also
annehmen können, daß die wenigen Großmächte, die nach diesem Kriege übrigbleiben, versuchen werden,
ihren Einflußbereich so weit wie möglich auszudehnen. Das kann eigentlich nur durch Bündnisse geschehen,
die durch gemeinsame Interessen, durch verwandte soziale Strukturen, gemeinsame Weltanschauungen oder
auch durch wirtschaftlichen und politischen Druck zustande kommen. Wo außerhalb des unmittelbaren
Einflußbereichs einer Großmacht schwächere Gruppen durch stärkere bedroht oder unterdrückt werden, liegt
es für die Großmacht nahe, die Schwächeren zu unterstützen, damit das Gleichgewicht zugunsten der
Schwächeren zu verschieben und so schließlich wieder mehr Einfluß zu gewinnen. In dieser Weise wird man
doch wohl auch das Eingreifen Amerikas in die beiden Weltkriege deuten müssen. Ich würde also annehmen,
daß die Entwicklung in dieser Richtung weitergeht; und ich sehe auch nicht, warum ich mich dagegen
innerlich wehren sollte. Gegen Großmächte, die eine derartige Expansionspolitik treiben, wird natürlich der
Vorwurf des Imperialismus erhoben werden. Aber gerade an dieser Stelle scheint mir die Frage nach der
Wahl der Mittel entscheidend. Eine Großmacht, die ihren Einfluß nur ganz vorsichtig geltend macht, die in der
Regel nur wirtschaftliche und kulturpolitische Mittel einsetzt und die jeden Anschein vermeidet, mit brutaler
Gewalt in das innere Leben der betreffenden Völker eingreifen zu wollen, wird sich diesem Vorwurf viel
weniger leicht aussetzen als eine andere, die Gewalt anwendet. Die Ordnungsstrukturen im Einflußbereich
einer Großmacht, die nur vertretbare Mittel verwendet, werden am ehesten als Vorbilder für die Strukturen in
der künftigen einheitlichen Ordnung der Welt anerkannt werden.
Nun sind gerade die Vereinigten Staaten von Amerika von vielen als ein Hort der Freiheit angesehen worden,
als jene soziale Struktur, in der sich der Einzelne am leichtesten frei entfalten kann. Die Tatsache, daß in
Amerika jede Meinung frei geäußert werden kann, daß die Initiative des Einzelnen oft wichtiger ist als die
staatliche Anordnung, daß auf den einzelnen Menschen Rücksicht genommen wird, daß zum Beispiel die
Kriegsgefangenen besser behandelt werden als in anderen Ländern, all dies und noch manches andere hat bei
vielen die Hoffnung erweckt, daß die innere Struktur Amerikas schon so etwas wie ein Vorbild für die
zukünftige innere Struktur der Welt sein könnte. An diese Hoffnung hätte man denken sollen, als man über
die Entscheidung beriet, ob eine Atombombe über Japan abgeworfen werden soll. Denn ich fürchte, daß
diese Hoffnung durch die Anwendung der Atombombe einen schweren Stoß erlitten hat. Der Vorwurf des
Imperialismus wird von anderen, mit Amerika in Konkurrenz stehenden Mächten nun mit aller Schärfe
erhoben werden, und er wird durch den Abwurf der Atombombe an Überzeugungskraft gewinnen. Gerade
weil die Atombombe ja offenbar zum Sieg nicht mehr nötig war, wird ihr Abwurf als eine reine
Machtdemonstration verstanden werden, und es ist schwer zu sehen, wie von hier ein Weg zu einer
freiheitlichen Ordnung der Welt führen könnte.«
»Du meinst also«, wiederholte Carl Friedrich, »man hätte die technische Möglichkeit der Atombombe im
großen Zusammenhang sehen sollen, nämlich als Teil der globalen wissenschaftlich-technischen Entwicklung,
die letzten Endes unausweichlich zu einer einheitlichen Ordnung auf der Erde führen muß. Man hätte dann
verstanden, daß der Einsatz der Bombe zu einem Zeitpunkt, in dem über den Sieg bereits entschieden ist,
einen Rückfall in die Zeit der um Macht ringenden Nationalstaaten darstellt und vom Ziel einer einheitlichen
und freiheitlichen Ordnung der Welt wegführt; denn er schwächt eben das Zutrauen zur guten Sache Ame-
rikas, er macht die Mission Amerikas unglaubhaft. Die Existenz der Atombombe an sich ist hier kein
Unglück. Denn sie wird in Zukunft die volle politische Unabhängigkeit auf einige wenige Großmächte mit
einer riesigen Wirtschaftskraft beschränken. Für die kleineren Staaten wird es nur noch eine begrenzte
Unabhängigkeit geben können. Aber dieser Verzicht braucht keine Einschränkung für die Freiheit des
Einzelnen zu bedeuten und kann als Preis für die allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen
hingenommen werden.
Aber wir kommen, wenn wir so reden, immer wieder von unserer eigentlichen Frage ab. Wir wollten doch
wissen, wie sich der Einzelne verhalten muß, der in dieses Getriebe einer von widerstreitenden Ideen
geformten, ihren Leidenschaften und Wahnvorstellungen ausgelieferten und doch am technischen Fortschritt
interessierten Menschheit hineingestellt ist. Darüber haben wir noch zu wenig erfahren.«
»Wir haben immerhin verstanden«, versuchte ich zu erwidern, »daß es für den Einzelnen, dem der
wissenschaftliche oder technische Fortschritt eine wichtige Aufgabe gestellt hat, nicht genügt, nur an diese
Aufgabe zu denken. Er muß die Lösung als Teil einer großen Entwicklung sehen, die er offenbar bejaht,
wenn er überhaupt an solchen Problemen mitarbeitet. Er wird leichter zu den richtigen Entscheidungen
kommen, wenn er diese allgemeinen Zusammenhänge mit bedenkt.«
»Das würde wohl bedeuten, daß er sich auch um eine Verbindung mit dem öffentlichen Leben, um Einfluß
auf die staatliche Verwaltung bemühen muß, wenn er das Richtige nicht nur denken, sondern auch tun und
bewirken will. Aber vielleicht ist eine solche Verbindung auch nicht unvernünftig. Sie paßt gut in die
allgemeine Entwicklung, die wir uns vorher vorzustellen suchten. In dem Maß, in dem der wissenschaftliche
und technische Fortschritt für die Allgemeinheit wichtig wird, könnte sich auch der Einfluß der Träger dieses
Fortschritts auf das öffentliche Leben vergrößern. Natürlich wird man nicht annehmen können, daß die
Physiker und Techniker wichtige politische Entscheidungen besser fällen könnten als die Politiker. Aber sie
haben in ihrer wissenschaftlichen Arbeit besser gelernt, objektiv, sachlich und, was das wichtigste ist, in
großen Zusammenhängen zu denken. Sie mögen also in die Arbeit der Politiker ein konstruktives Element von
logischer Präzision, von Weitblick und von sachlicher Unbestechlichkeit bringen, das dieser Arbeit förderlich
sein könnte. Wenn man so denkt, könnte man allerdings den amerikanischen Atomphysikern den Vorwurf
nicht ersparen, daß sie sich nicht genug um politischen Einfluß bemüht, daß sie die Entscheidung über die
Verwendung der Atombombe zu früh aus der Hand gegeben haben. Denn ich kann nicht daran zweifeln, daß
sie die negativen Folgen die ses Bombenabwurfs sehr früh verstanden haben.«
»Ich weiß nicht, ob wir in diesem Zusammenhang das Wort ›Vorwurf‹ überhaupt in den Mund nehmen
dürfen. Wahrscheinlich haben wir an dieser einen Stelle einfach mehr Glück gehabt als unsere Freunde auf
der anderen Seite des Ozeans.«
Unsere Gefangenschaft ging im Januar 1946 zu Ende, und wir kehrten nach Deutschland zurück. Damit
begann der Wiederaufbau, auf den wir seit 1933 einen großen Teil unserer Gedanken gerichtet hatten, der
sich aber zunächst doch als schwieriger erwies, als es uns in unseren Hoffnungen und Wünschen erschienen
war. Fürs erste handelte es sich um den kleinen Kreis meines wissenschaftlichen Instituts. Die Kaiser-
Wilhelm-Gesellschaft konnte in der alten Form in Berlin nicht wiedererstehen, teils weil die politische Zukunft
Berlins ganz unsicher war, teils weil der Name, die Erinnerung an den Kaiser als nationales Symbol, von den
Besatzungsmächten mißbilligt wurde. Die britische Besatzungsmacht gab uns die Möglichkeit, in Göttingen in
Gebäuden der früheren Aerodynamischen Versuchsanstalt mit der Wiedereinrichtung von wissenschaftlichen
Instituten anzufangen. Wir siedelten also nach Göttingen über, wo ich zwei Jahrzehnte früher Niels Bohr ken-
nengelernt und später bei Born und Courant studiert hatte. Auch der inzwischen fast 90-jährige Max Planck
war beim Ende des Krieges nach Göttingen gerettet worden und bemühte sich mit uns um die Schaffung
einer Organisation, die in Fortsetzung der Aufgaben der früheren Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft alte und neue
Forschungsinstitute betreuen konnte. Ich hatte das Glück, für meine Familie ein Haus in unmittelbarer
Nachbarschaft der Wohnung Plancks mieten zu können, so daß Planck mich nicht selten vor dem Gartenzaun
ansprach und auch gelegentlich abends zur Kammermusik in unser Haus herüberkam.
In jenen Jahren mußte natürlich viel Mühe und Kraft für die Befriedigung der primitivsten Lebensbedürfnisse
oder im Institut für die Beschaffung einfachster Ausrüstungsgegenstände aufgewendet werden. Aber es war
eine glückliche Zeit. Es hieß nicht mehr, wie in den zwölf Jahren vorher, daß dies oder jenes noch möglich
sei, sondern es hieß, daß es schon wieder möglich sei, und man konnte fast mit jedem Monat in der
wissenschaftlichen Arbeit oder im privaten Leben die Verbesserungen und Erleichterungen spüren, die man
durch vertrauensvolle und freudige Zusammenarbeit errungen hatte. Die vielfache Unterstützung, die uns
dabei von den Vertretern der Besatzungsmacht gewährt wurde, erleichterte die Arbeit nicht nur materiell; sie
gab uns auch die Möglichkeit, uns wieder als Teil einer größeren Gemeinschaft zu fühlen, die mit gutem
Willen eine neue Welt aufbauen wollte, eine Welt, die sich an vernünftigen Zukunftsbildern und nicht an der
Trauer über die zerstörte Vergangenheit orientiert.
Dieser Übergang von den Denkstrukturen der Vergangenheit in die einer erhofften Zukunft ist mir besonders
in zwei Gesprächen deutlich geworden, deren Inhalt hier noch kurz verzeichnet werden soll. Bei dem einen
handelt es sich um die erste Begegnung, die mich nach dem Kriege wieder mit Niels in Kopenhagen zu-
sammenführte. Der äußere Anlaß war ziemlich absurd und soll hier nur erwähnt werden, um die Atmosphäre
des Göttinger Lebens in jenen Sommermonaten des Jahres 1947 zu kennzeichnen. Der englische
Geheimdienst hatte von einer uns unbekannten Seite den Wink erhalten, daß auf Otto Hahn und mich von
russischer Seite ein Anschlag geplant sei. Wir sollten von Agenten mit Gewalt über die nur wenige Kilometer
entfernte Grenze in die russische Besatzungszone entführt werden. Als die englischen Beamten begründeten
Anlaß zu der Vermutung hatten, daß die fremden Agenten bereits in Göttingen eingetroffen seien, wurden
Hahn und ich kurzerhand von Göttingen weggebracht, zunächst nach Herford, in die Nähe des
Verwaltungszentrums der britischen Besatzungszone. Dort erfuhr ich, daß die Tage des Wartens für mich zu
einem Besuch bei Niels Bohr in Kopenhagen ausgenutzt werden sollten. Ronald Fraser, der als englischer
Offizier uns in Göttingen in freundlichster Weise betreute, wollte mit Bohr und mir noch einmal über meinen
Besuch in Kopenhagen im Oktober 1941 sprechen. Ein britisches Militärflugzeug brachte uns von Bückeburg
nach Kopenhagen, und vom Flugplatz fuhren wir im Wagen zu Bohrs Landhaus in Tisvilde. Dort saßen wir
also wieder vor dem gleichen Kamin, an dem wir so oft über die Quantentheorie philosophiert hatten, und wir
wanderten auf den gleichen schmalen sandigen Waldwegen, auf denen wir 20 Jahre früher mit Bohrs
Kindern an der Hand zum Baden gelaufen waren. Aber als wir versuchten, unser Gespräch vom Herbst 1941
zu rekonstruieren, merkten wir, daß die Erinnerung in eine weite Ferne gerückt schien. Ich war überzeugt,
daß wir das kritische Thema beim nächtlichen Spaziergang auf der Pileallee angeschnitten hätten, während
Niels bestimmt zu wissen glaubte, es sei in seinem Arbeitszimmer in Carlsberg gewesen. Niels konnte sich
gut an den Schrecken erinnern, den meine allzu vorsichtigen Sätze bei ihm ausgelöst hatten, aber er wußte
nicht mehr, daß ich auch von dem großen technischen Aufwand gesprochen hatte und von der Frage, was die
Physiker in dieser Lage tun sollten. Bald hatten wir beide das Gefühl, es sei besser, die Geister der
Vergangenheit nicht mehr weiter zu beschwören.
Es war wieder, wie seinerzeit auf der Steilen Alm in Bayern, der Fortschritt der Physik, der unsere Gedanken
von der Vergangenheit auf die Zukunft lenkte. Niels hatte gerade von Powell aus England photographische
Aufnahmen der Bahnspuren von Elementarteilchen erhalten, die er für eine neue, bisher unbekannte Sorte
solcher Teilchen hielt. Es handelte sich um die Entdeckung der sogenannten Pi-Mesonen, die seither in der
Elementarteilchenphysik eine große Rolle gespielt haben. Wir sprachen also über die Beziehungen, die
vielleicht zwischen diesen Teilchen und den Kräften im Atomkern bestünden; und da die Lebensdauer der
neuen Gebilde kürzer schien als die aller bisher bekannten Elementarteilchen, erörterten wir die Möglichkeit,
daß es noch viele weitere Sorten solcher Teilchen geben könnte, die nur deshalb bisher der Beobachtung
entgangen wären, weil sie noch viel kurzlebiger sind. Wir sahen also vor uns ein weites Feld interessanter
Forschung, dem wir uns mit frischen Kräften und zusammen mit neuen jungen Menschen für viele Jahre
hinaus widmen konnten. In Göttingen wollte ich in meinem dort entstehenden Institut jedenfalls solche
Probleme in Angriff nehmen.
Als ich nach Göttingen zurückkehrte, erfuhr ich von Elisabeth, daß dort tatsächlich so etwas wie ein Anschlag
auf mich stattgefunden hatte. Zwei Hamburger Hafenarbeiter waren vor meinem Haus in der Nacht
verhaftet worden und hatten gestanden, daß ihnen hohe Geldsummen versprochen worden waren, wenn sie
mich zu einem in der Nähe wartenden Auto brächten. Mir schien dieses abenteuerliche Unternehmen zu
schlecht vorbereitet, um glaubhaft zu sein, und erst ein halbes Jahr später fanden unsere englischen Betreuer
des Rätsels Lösung. Ein etwas verquerer Mensch, der als früherer Nationalsozialist stark belastet war und
daher keine Stellung finden konnte, war auf den Einfall gekommen, den ganzen Anschlag zu fingieren und
sich dadurch beim englischen Geheimdienst eine Stellung zu verschaffen. Er hatte die beiden Hafenarbeiter
angeworben, aber gleichzeitig dem englischen Geheimdienst über den bevorstehenden Anschlag berichtet.
Sein Plan hatte zunächst Erfolg. Aber solche Erfolge pflegen doch kurzlebig zu sein, und wir hatten später oft
Gelegenheit über das kleine Abenteuer zu lachen.
Das zweite Gespräch, das mir die Notwendigkeit einer Wendung von der Vergangenheit in die Zukunft
deutlich machte, betraf schon den Wiederaufbau der großen Forschungsorganisationen in der entstehenden
Bundesrepublik. Nach Plancks Tod hatte Otto Hahn entscheidenden Anteil an den Bestrebungen, die Auf-
gaben der alten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft durch eine neue Organisation übernehmen zu lassen. Sie wurde
unter dem Namen Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen neu gegründet, und Otto Hahn wurde ihr erster
Präsident. Ich selbst bemühte mich damals zusammen mit dem Physiologen Rein von der Universität Göttin-
gen um die Gründung eines Forschungsrates, der in der neu entstehenden Bundesrepublik für eine enge
Verbindung zwischen der Bundesverwaltung und der wissenschaftlichen Forschung sorgen sollte. Es war ja
leicht zu erkennen, daß die aus dem wissenschaftlichen Fortschritt entstehende Technik eine außerordentlich
wichtige Rolle, nicht nur beim materiellen Aufbau der Städte und der Industrie, sondern darüber hinaus auch
in der ganzen sozialen Struktur unseres Landes und Europas spielen würde. Ganz im Sinne des Gesprächs,
das ich seinerzeit nach dem Luftangriff in Berlin mit Butenandt geführt hatte, kam es mir nicht primär darauf
an, eine möglichst weitgehende Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung durch die Öffentlichkeit zu
erreichen, sondern mir war das Eindringen des wissenschaftlichen, insbesondere des naturwissenschaftlichen
Denkens in die Regierungsarbeit mindestens ebenso wichtig. Denen, die bei uns die Verantwortung für das
Funktionieren des Staatswesens übernahmen, müßte, so glaubte ich, immer wieder ins Bewußtsein gebracht
werden, daß es sich nicht nur um den Ausgleich widerstreitender Interessen handelt, sondern daß es oft
sachlich bedingte Notwendigkeiten gibt, die in der Struktur der modernen Welt begründet sind und bei denen
ein irrationales Ausweichen in gefühlsbestimmtes Denken nur zu Katastrophen führen könne.
Ich wollte also der Wissenschaft ein gewisses Recht zur Initiative in öffentlichen Angelegenheiten
verschaffen. Bei Adenauer, mit dem ich damals oft beriet, fand ich Vertrauen und Unterstützung für diesen
Plan. Zu gleicher Zeit aber waren Bestrebungen im Gange, die in den Zwanziger Jahren von Schmidt-Ott
geleitete Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft wieder erstehen zu lassen, die nach dem Ersten
Weltkrieg der deutschen Wissenschaft unschätzbare Dienste erwiesen hatte. Diese Bemühungen, die vor
allem von Vertretern der Hochschulen und der Länderverwaltungen getragen wurden, machten mir insofern
Sorge, als ich in ihnen ein stark restauratives Element zu spüren glaubte. Der Gedanke, zwar eine starke
Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung durch die Öffentlichkeit zu erstreben, aber sonst für eine
weitgehende Trennung der beiden Bereiche zu plädieren, schien mir nicht mehr in unsere Zeit zu passen.
In den Auseinandersetzungen, die sich aus diesem Dilemma ergaben, kam es einmal in Göttingen zu einem
eingehenden Gespräch zwischen dem Juristen Raiser, dem späteren langjährigen Vorsitzenden des
Wissenschaftsrates, und mir. Ich erklärte Raiser meine Befürchtungen, daß die von ihm befürwortete
Notgemeinschaft wieder einem Denken Vorschub leisten könne, das sich gegen die harte wirkliche Welt in
einem Elfenbeinturm abschließt und liebgewonnenen Träumen nachhängt. Darauf meinte Raiser: »Aber wir
beide können doch nicht hoffen, den deutschen Volkscharakter zu ändern.« Ich spürte deutlich, daß er recht
hatte und daß wohl nie der gute Wille Einzelner, sondern immer nur der harte Zwang der äußeren
Verhältnisse die notwendigen Änderungen in der Struktur des Denkens vieler Menschen bewirken könnte.
Tatsächlich sind unsere Pläne dann trotz der Unterstützung durch Adenauer gescheitert. Es gelang mir nicht,
die Vertreter der Hochschulen von den neuen Notwendigkeiten zu überzeugen, und es entstand eine
Forschungsgemeinschaft, die zunächst doch die alten Traditionen der früheren Notgemeinschaft in
wesentlichen Punkten fortsetzte. Erst zehn Jahre später erzwangen dann die äußeren Notwendigkeiten die
Gründung eines Forschungsministeriums, in dem durch die Einrichtung von Beratungsgremien wenigstens ein
Teil unserer Pläne verwirklicht werden konnte. Die neugegründete Max-Planck-Gesellschaft konnte leichter
den Notwendigkeiten der modernen Welt angepaßt werden. Aber hinsichtlich der Hochschulen mußten wir
uns damit abfinden, daß der schließlich doch notwendige Erneuerungsprozeß sich vielleicht später unter
schweren Kämpfen und Auseinandersetzungen vollziehen werde.
17. Positivismus, Metaphysik und Religion
(1952)

Der Wiederaufbau der internationalen Beziehungen in der Wissenschaft führte die alten Freunde aus der
Atomphysik von neuem in Kopenhagen zusammen. Im Frühsommer des Jahres 1952 fand dort eine Tagung
statt, auf der über den Bau eines europäischen Großbeschleunigers beraten werden sollte. Ich war an diesen
Plänen aufs äußerste interessiert, da ich mir von einem solchen Großbeschleuniger experimentelle
Aufschlüsse über die Frage erhoffte, ob wirklich, wie ich annahm, beim energiereichen Zusammenstoß
zweier Elementarteilchen viele solche Teilchen erzeugt werden können und ob es wirklich viele verschiedene
Sorten von Elementarteilchen gibt, die sich, ähnlich wie die stationären Zustände eines Atoms oder Moleküls,
durch ihre Symmetrieeigenschaften, ihre Masse und ihre Lebensdauer unterscheiden. Obwohl mir also der
Gegenstand der Tagung in jeder Weise wichtig war, soll hier doch nicht über ihren Inhalt berichtet werden,
sondern über den eines Gesprächs, das ich bei dieser Gelegenheit einmal mit Niels und Wolfgang führte.
Auch Wolfgang war von Zürich zur Tagung herübergekommen. Wir saßen zu dritt in dem kleinen Winter-
garten, der sich an Bohrs Ehrenwohnung nach dem Park zu an schloß, und sprachen über das alte Thema, ob
die Quantentheorie eigentlich vollständig verstanden und ob die Deutung, die wir ihr hier vor 25 Jahren
gegeben hatten, inzwischen allgemein anerkanntes Gedankengut der Physik geworden sei. Niels erzählte:
»Vor einiger Zeit war hier in Kopenhagen eine Philosophentagung, zu der vor allem Anhänger der
positivistischen Richtung gekommen waren. Vertreter der Wiener Schule spielten dabei eine wichtige Rolle.
Ich habe versucht, vor diesen Philosophen über die Interpretation der Quantentheorie zu sprechen. Es gab
nach meinem Vortrag keine Opposition und keine schwierigen Fragen; aber ich muß gestehen, daß eben dies
für mich das Schrecklichste war. Denn wenn man nicht zunächst über die Quantentheorie entsetzt ist, kann
man sie doch unmöglich verstanden haben. Wahrscheinlich habe ich so schlecht vorgetragen, daß niemand
gemerkt hat, wovon die Rede war.«
Wolfgang meinte: »Das muß nicht unbedingt an deinem schlechten Vortrag gelegen haben. Es gehört doch
zum Glaubensbekenntnis der Positivisten, daß man die Tatsachen sozusagen unbesehen hinnehmen soll.
Soviel ich weiß, stehen bei Wittgenstein etwa die Sätze: ›Die Welt ist alles, was der Fall ist.‹ ›Die Welt ist die
Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.‹ Wenn man so anfängt, so wird man auch eine Theorie ohne
Zögern hinnehmen, die eben diese Tatsachen darstellt. Die Positivisten haben gelernt, daß die
Quantenmechanik die atomaren Phänomene richtig beschreibt; also haben sie keinen Grund, sich gegen sie zu
wehren. Was wir dann noch so dazu sagen, wie Komplementarität, Interferenz der Wahrscheinlichkeiten,
Unbestimmtheitsrelationen, Schnitt zwischen Subjekt und Objekt usw., gilt den Positivisten als unklares
lyrisches Beiwerk, als Rückfall in ein vorwissenschaftliches Denken, als Geschwätz; es braucht jedenfalls
nicht ernst genommen zu werden und ist im günstigsten Fall unschädlich. Vielleicht ist eine solche Auffassung
in sich logisch ganz geschlossen. Nur weiß ich dann nicht mehr, was es heißt, die Natur zu verstehen.«
»Die Positivisten würden wohl sagen«, versuchte ich zu ergänzen, »daß Verstehen gleichbedeutend sei mit
Vorausrechnen-Können. Wenn man nur ganz spezielle Ereignisse vorausrechnen kann, so hat man nur einen
kleinen Ausschnitt verstanden; wenn man viele verschiedene Ereignisse vorausrechnen kann, hat man
weitere Bereiche verstanden. Es gibt eine kontinuierliche Skala zwischen Ganz-wenig-Verstehen und Fast-
alles-Verstehen, aber es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen Vorausrechnen-Können und
Verstehen.«
»Findest du denn, daß es einen solchen Unterschied gibt?«
»Ja, davon bin ich überzeugt«, erwiderte ich, »und ich glaube, wir haben schon einmal vor 30 Jahren auf der
Radtour am Walchensee darüber gesprochen. Vielleicht kann ich das, was ich meine, durch einen Vergleich
deutlich machen. Wenn wir ein Flugzeug am Himmel sehen, so können wir mit einem gewissen Grad von Si-
cherheit vorausrechnen, wo es nach einer Sekunde sein wird. Wir werden zunächst die Bahn einfach in einer
geraden Linie fortsetzen; oder, wenn wir schon erkennen, daß das Flugzeug eine Kurve beschreibt, so
werden wir auch die Krümmung mit einrechnen. Damit werden wir in den meisten Fällen guten Erfolg haben.
Aber wir haben doch die Bahn noch nicht verstanden. Erst wenn wir vorher mit dem Piloten gesprochen und
von ihm eine Erklärung über den beabsichtigten Flug erhalten haben, dann haben wir die Bahn wirklich
verstanden.«
Niels war nur halb zufrieden. »Es wird vielleicht schwierig sein, ein solches Bild auf die Physik zu übertragen.
Mir geht es eigentlich so, daß ich mich mit den Positivisten sehr leicht über das einigen kann, was sie wollen,
aber nicht so leicht über das, was sie nicht wollen. Darf ich das etwas genauer erklären. Diese ganze
Haltung, die wir besonders aus England und Amerika so gut kennen und die von den Positivisten eigentlich
nur noch in ein System gebracht worden ist, geht ja auf das Ethos der beginnenden neuzeitlichen
Naturwissenschaft zurück. Bis dahin hatte man sich immer nur für die großen Zusammenhänge der Welt
interessiert und sie im Anschluß an die alten Autoritäten, vor allem an Aristoteles und an die kirchliche Lehre
erörtert, sich aber um die Einzelheiten der Erfahrung sehr wenig gekümmert. Die Folge war, daß sich
allerhand Aberglauben breitgemacht hatte, der das Bild der Einzelheiten verwirrte, und daß man auch in den
großen Fragen nicht weiterkam, weil ja den alten Autoritäten kein neuer Wissensstoff zugefügt werden
konnte. Erst im 17. Jahrhundert hat man sich dann entschlossen von den Autoritäten abgelöst und der
Erfahrung, das heißt der experimentellen Untersuchung der Einzelheiten, zugewandt.
Es wird erzählt, daß man sich in den Anfängen der Wissenschaftlichen Gesellschaften, etwa der Royal
Society in London, damit beschäftigt hat, Aberglauben dadurch zu bekämpfen, daß man die Behauptungen,
die in irgendwelchen magischen Büchern standen, durch Experimente widerlegte. So war etwa behauptet
worden, daß ein Hirschkäfer, den man unter bestimmten Beschwörungsformeln um Mitternacht in die Mitte
eines Kreidekreises auf den Tisch setzt, diesen Kreis nicht verlassen könne. Also zeichnete man einen
Kreidekreis auf den Tisch, setzte unter genauer Beachtung der geforderten Beschwörungsformeln den Käfer
in die Mitte und beobachtete dann, wie er sehr vergnügt über den Kreis weglief. Auch mußten sich an einigen
Akademien die Mitglieder verpflichten, nie über die großen Zusammenhänge zu sprechen, sondern sich nur
mit den einzelnen Tatsachen abzugeben. Theoretische Überlegungen über die Natur galten daher nur der
einzelnen Gruppe von Erscheinungen, nicht dem Zusammenhang des Ganzen. Eine theoretische Formel
wurde mehr als eine Handlungsanweisung aufgefaßt - so wie etwa heutzutage im Taschenbuch für In-
genieure nützliche Formeln für die Knickfestigkeit von Stäben zu finden sind. Auch der bekannte Ausspruch
von Newton, daß er sich vorkomme wie ein Kind, das am Meeresstrand spielt und sich freut, wenn es dann
und wann einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich findet, während der große
Ozean der Wahrheit unerforscht vor ihm liegt, auch dieser Ausspruch drückt das Ethos der beginnenden
neuzeitlichen Naturwissenschaft aus. Natürlich hat Newton in Wirklichkeit sehr viel mehr getan. Er hat für
einen ganz großen Bereich von Naturerscheinungen die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit mathematisch
formulieren können. Aber davon sollte man eben nicht reden.
In diesem Kampf gegen frühere Autorität und Aberglauben im Bereich der Naturwissenschaft ist man
natürlich auch manchmal über das Ziel hinausgeschossen. So gab es zum Beispiel alte Berichte, die
bezeugten, daß gelegentlich Steine vom Himmel fielen, und in einigen Klöstern und Kirchen wurden solche
Steine als Reliquien aufbewahrt. Solche Berichte wurden im 18. Jahrhundert als Aberglauben beiseite
geschoben und die Klöster aufgefordert, die wertlosen Steine wegzuwerfen. Die französische Akademie hat
sogar einmal den ausdrücklichen Beschluß gefaßt, Mitteilungen über Steine, die vom Himmel gefallen seien,
nicht mehr entgegenzunehmen. Selbst der Hinweis, daß in gewissen alten Sprachen das Eisen definiert ist als
der Stoff, der gelegentlich vom Himmel fällt, vermochte die Akademie nicht von ihrem Beschluß abzubringen.
Erst als dann bei einem größeren Meteorfall in der Nähe von Paris viele Tausende von kleinen
Meteoreisensteinen niedergingen, mußte die Akademie ihren Widerstand aufgeben. Ich wollte das nur
erzählen, um die geistige Haltung der beginnenden neuzeitlichen Naturwissenschaft zu charakterisieren; und
wir alle wissen ja, welche Fülle von neuen Erfahrungen und wissenschaftlichen Fortschritten aus dieser
Haltung erwachsen ist.
Die Positivisten versuchen nun, das Vorgehen der neuzeitlichen Naturwissenschaft mit einem philosophischen
System zu begründen und gewissermaßen zu rechtfertigen. Sie weisen darauf hin, daß die Begriffe, die in der
früheren Philosophie verwendet wurden, nicht den gleichen Grad von Präzision haben wie die Begriffe der
Naturwissenschaft, und so meinen sie, daß die Fragen, die dort gestellt und erörtert wurden, häufig gar keinen
Sinn hätten, daß es sich um Scheinprobleme handelte, mit denen man sich nicht beschäftigen sollte. Mit der
Forderung, äußerste Klarheit in allen Begriffen anzustreben, kann ich mich natürlich einverstanden erklären;
aber das Verbot, über die allgemeineren Fragen nachzudenken, weil es dort keine in diesem Sinne klaren
Begriffe gebe, will mir nicht einleuchten; denn bei einem solchen Verbot könnte man auch die Quantentheorie
nicht verstehen.«
»Wenn du sagst, daß man dann die Quantentheorie nicht mehr verstehen könnte«, fragte Wolfgang zurück,
»meinst du damit, daß eben die Physik nicht nur aus Experimentieren und Messen auf der einen, einem
mathematischen Formelapparat auf der anderen Seite bestehe, sondern daß an der Nahtstelle zwischen
beiden echte Philosophie getrieben werden müsse? Das heißt, daß man dort unter Benützung der natürlichen
Sprache versuchen müsse zu erklären, was bei diesem Spiel zwischen Experiment und Mathematik eigentlich
geschieht. Ich vermute auch, daß alle Schwierigkeiten im Verständnis der Quantentheorie eben an dieser
Stelle auftauchen, die von den Positivisten meist mit Stillschweigen übergangen wird; und zwar deswegen
übergangen wird, weil man hier nicht mit so präzisen Begriffen operieren kann. Der Experimentalphysiker
muß über seine Versuche reden können, und dabei verwendet er de facto die Begriffe der klassischen
Physik, von denen wir schon wissen, daß sie nicht genau auf die Natur passen. Das ist das fundamentale
Dilemma, und das darf man nicht einfach ignorieren.«
»Die Positivisten«, fügte ich ein, »sind ja außerordentlich empfindlich gegen alle Fragestellungen, die, wie sie
sagen, einen vorwissenschaftlichen Charakter tragen. Ich erinnere mich an ein Buch von Philipp Frank über
das Kausalgesetz, in dem einzelne Fragestellungen oder Formulierungen immer wieder abgetan werden mit
dem Vorwurf, es handele sich um Relikte aus der Metaphysik, aus einer vorwissenschaftlichen oder
animistischen Epoche des Denkens. So werden etwa die biologischen Begriffe ›Ganzheit‹ und »Entelechie«
als vorwissenschaftlich abgelehnt, und es wird der Beweis versucht, daß den Aussagen, in denen diese
Begriffe gewöhnlich verwendet werden, keine nachprüfbaren Inhalte entsprechen. Das Wort ›Metaphysik‹
ist dort gewissermaßen nur noch ein Schimpfwort, mit dem völlig unklare Gedankengänge gebrandmarkt
werden sollen.«
»Mit dieser Einengung der Sprache kann ich natürlich auch nichts anfangen«, nahm Niels wieder das Wort.
»Du kennst doch das Schillersche Gedicht ›Spruch des Konfuzius‹, und du weißt, daß ich da besonders die
Zeilen liebe ›Nur die Fülle führt zur Klarheit, und im Abgrund wohnt die Wahrheit‹. Die Fülle ist hier nicht nur
die Fülle der Erfahrung, sondern auch die Fülle der Begriffe, der verschiedenen Arten, über unser Problem
und über die Phänomene zu reden. Nur dadurch, daß man über die merkwürdigen Beziehungen zwischen den
formalen Gesetzen der Quantentheorie und den beobachteten Phänomenen immer wieder mit verschiedenen
Begriffen spricht, sie von allen Seiten beleuchtet, ihre scheinbaren inneren Widersprüche bewußt macht, kann
die Änderung in der Struktur des Denkens bewirkt werden, die für ein Verständnis der Quantentheorie die
Voraussetzung ist.
Es wird doch zum Beispiel immer wieder gesagt, daß die Quantentheorie unbefriedigend sei, weil sie nur eine
dualistische Beschreibung der Natur mit den komplementären Begriffen »Welle« und »Teilchen« gestatte.
Wer die Quantentheorie wirklich verstanden hat, würde aber gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, hier
von einem Dualismus zu sprechen. Er wird die Theorie als eine einheitliche Beschreibung der atomaren
Phänomene empfinden, die nur dort, wo sie zur Anwendung auf die Experimente in die natürliche Sprache
übersetzt wird, recht verschieden aussehen kann. Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür,
daß man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, daß man
nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann. Die Bilder und Gleichnisse, das sind hier im wesentlichen
die klassischen Begriffe, also auch »Welle« und »Korpuskel«. Die passen nicht genau auf die wirkliche Welt,
auch stehen sie zum Teil in einem komplementären Verhältnis zueinander und widersprechen sich deshalb.
Trotzdem kann man, da man bei der Beschreibung der Phänomene im Raum der natürlichen Sprache bleiben
muß, sich nur mit diesen Bildern dem wahren Sachverhalt nähern.
Wahrscheinlich ist es doch bei den allgemeinen Problemen der Philosophie, insbesondere auch der
Metaphysik, ganz ähnlich. Wir sind gezwungen, in Bildern und Gleichnissen zu sprechen, die nicht genau das
treffen, was wir wirklich meinen. Wir können auch gelegentlich Widersprüche nicht vermeiden, aber wir
können uns doch mit diesen Bildern dem wirklichen Sachverhalt irgendwie nähern. Den Sachverhalt selbst
dürfen wir nicht verleugnen. ›Im Abgrund wohnt die Wahrheit.« Das bleibt eben genauso wahr, wie der erste
Teil des Satzes.
Du sprachst vorher von Philipp Frank und seinem Buch über Kausalität. Auch Philipp Frank hat damals an
dem Philosophenkongreß in Kopenhagen teilgenommen und einen Vortrag gehalten, in dem der Problemkreis
Metaphysik, wie du erzählst, eigentlich nur als Schimpfwort oder wenigstens als Beispiel für un-
wissenschaftliche Denkweise vorkam. Ich mußte hinterher zu dem Vortrag Stellung nehmen und habe dann
etwa folgendes gesagt:
Zunächst könne ich nicht recht einsehen, warum die Vorsilben Meta nur vor Begriffe wie Logik oder
Mathematik gesetzt werden dürften - Frank hatte von Metalogik und Metamathematik gesprochen - nicht
aber vor den Begriff Physik. Das Präfix Meta soll doch nur andeuten, daß es sich um die Fragen handelt, die
danach kommen, also die Fragen nach den Grundlagen des betreffenden Gebiets; und warum soll man nicht
nach dem suchen dürfen, was sozusagen hinter der Physik kommt? Ich wolle aber lieber mit einem ganz
anderen Ansatz beginnen, um meine eigene Stellung zu diesem Problem deutlich zu machen. Ich wolle fragen:
›Was ist ein Fachmann? Viele würden vielleicht antworten, ein Fachmann sei ein Mensch, der sehr viel über
das betreffende Fach weiß. Diese Definition könne ich aber nicht zugeben, denn man könne eigentlich nie
wirklich viel über ein Gebiet wissen. Ich möchte lieber so formulieren: Ein Fachmann ist ein Mann, der einige
der gröbsten Fehler kennt, die man in dem betreffenden Fach machen kann und der sie deshalb zu vermeiden
versteht. In diesem Sinne würde ich also Philipp Frank einen Fachmann der Metaphysik nennen, da er sicher
einige der gröbsten Fehler in der Metaphysik zu vermeiden weiß. - Ich bin nicht sicher, ob Frank ganz
glücklich über dieses Lob war, aber ich meinte es nicht ironisch, sondern ganz ehrlich. Mir ist bei solchen
Diskussionen vor allem wichtig, daß man nicht versuchen darf, den Abgrund, in dem die Wahrheit wohnt,
einfach wegzureden. Man darf es sich an keiner Stelle zu leicht machen.«
Am Abend des gleichen Tages setzten Wolfgang und ich das Gespräch noch zu zweit fort. Es war die Zeit
der hellen Nächte, Die Luft war warm, die Dämmerung dehnte sich fast bis zur Mitternacht aus, und die dicht
unter dem Horizont wandernde Sonne tauchte die Stadt in ein gedämpftes bläuliches Licht. So entschlossen
wir uns noch zu einem Spaziergang auf der Langen Linie, einem langgestreckten Kai am Hafen, an dem
meist Schiffe liegen und entladen werden. Im Süden beginnt die Lange Linie etwa an der Stelle, bei der auf
einem Felsen am Strand das Bronzeabbild der Kleinen Meerjungfrau aus Andersens Märchen sitzt, und im
Norden endet sie mit einer ins Hafenbecken ausschwingenden Mole, auf der ein kleines Leuchtfeuer die
Einfahrt bezeichnet. Wir sahen zunächst den im Dämmerlicht aus- und einfahrenden Schiffen nach, dann
begann Wolfgang das Gespräch mit der Frage:
»Warst du eigentlich zufrieden mit dem, was Niels heute über die Positivisten gesagt hat? Ich hatte den
Eindruck, daß du eigentlich den Positivisten gegenüber noch kritischer bist als Niels, oder genauer gesagt, daß
dir ein ganz anderer Wahrheitsbegriff vorschwebt als den Philosophen dieser Richtung; und ich weiß nicht, ob
Niels bereit wäre, auf den von dir angedeuteten Wahrheitsbegriff einzugehen.«
»Das weiß ich natürlich auch nicht. Niels ist ja noch in einer Zeit aufgewachsen, in der es einer großen
Anstrengung bedurfte, um sich vom traditionellen Denken der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts,
insbesondere auch von den Gedankengängen der christlichen Philosophie zu lösen. Da er diese Anstrengung
geleistet hat, wird er sich immer scheuen, die Sprache der älteren Philosophie oder gar der Theologie ohne
Vorbehalt zu benützen. Für uns ist das aber anders, weil wir nach zwei Weltkriegen und zwei Revolutionen
wohl keine Anstrengung mehr brauchen, um uns von irgendwelchen Traditionen zu befreien. Mir würde es
-aber darin sind wir ja auch mit Niels einig - völlig absurd vorkommen, wenn ich mir die Fragen oder die
Gedankengänge der früheren Philosophien verbieten wollte, weil sie nicht in einer präzisen Sprache
ausgedrückt worden sind. Ich habe zwar manchmal Schwierigkeiten zu verstehen, was mit diesen Gedanken-
gängen gemeint ist, und ich versuche dann, sie in eine moderne Terminologie zu übersetzen und nachzusehen,
ob wir jetzt neue Antworten geben können. Aber ich habe keine Hemmung, die alten Fragen wieder
aufzugreifen, so wie ich auch keine Hemmung habe, die traditionelle Sprache einer der alten Religionen zu
verwenden. Wir wissen, daß es sich bei der Religion um eine Sprache der Bilder und Gleichnisse handeln
muß, die nie genau das darstellen können, was gemeint ist. Aber letzten Endes geht es wohl in den meisten
alten Religionen, die aus einer Epoche vor der neuzeitlichen Naturwissenschaft stammen, um den gleichen
Inhalt, den gleichen Sachverhalt, der eben in Bildern und Gleichnissen dargestellt werden soll und der an
zentraler Stelle mit der Frage der Werte zusammenhängt. Die Positivisten mögen recht damit haben, daß es
heute oft schwer ist, solchen Gleichnissen einen Sinn zu geben. Aber es bleibt doch die Aufgabe gestellt,
diesen Sinn zu verstehen, da er offenbar einen entscheidenden Teil unserer Wirklichkeit bedeutet; oder ihn
vielleicht in einer neuen Sprache auszudrücken, wenn er in der alten nicht mehr ausgesprochen werden
kann.«
»Wenn du über solche Fragen nachdenkst, dann versteht man ja sofort, daß du mit einem Wahrheitsbegriff
nichts anfangen kannst, der von der Möglichkeit des Vorausrechnens ausgeht. Aber was ist nun dein
Wahrheitsbegriff in der Naturwissenschaft? Du hast ihn vorhin in Bohrs Haus mit dem Vergleich von der
Bahn des Flugzeugs angedeutet. Ich weiß nicht, wie du so einen Vergleich meinst. Was in der Natur soll der
Absicht oder dem Auftrag des Piloten entsprechen?«
»Solche Wörter wie ›Absicht‹ oder ›Auftrag‹«, versuchte ich zu antworten, »stammen ja aus der
menschlichen Sphäre und können für die Natur bestenfalls als Metaphern verstanden werden. Aber vielleicht
können wir wieder mit unserem alten Vergleich zwischen der Astronomie des Ptolemäus und der Lehre von
den Planetenbewegungen seit Newton weiterkommen. Vom Wahrheitskriterium des Vorausrechnens aus
war die Ptolemäische Astronomie nicht schlechter als die spätere Newtonsche. Aber wenn wir heute
Newton und Ptolemäus vergleichen, so haben wir doch den Eindruck, daß Newton die Bahn der Gestirne in
seinen Bewegungsgleichungen umfassender und richtiger formuliert hat, daß er sozusagen die Absicht
beschrieben hat, nach der die Natur konstruiert ist. Oder um ein Beispiel aus der heutigen Physik zu nehmen:
Wenn wir lernen, daß die Erhaltungssätze, etwa für die Energie oder die Ladung, einen ganz universellen
Charakter tragen, daß sie über alle Gebiete der Physik hinweg gelten und durch Symmetrieeigenschaften in
den Grundgesetzen zustande kommen, so liegt es nahe zu sagen, daß diese Symmetrien entscheidende Ele-
mente des Planes sind, nach dem die Natur geschaffen worden ist. Dabei bin ich mir völlig klar darüber, daß
die Wörter ›Plan‹ und ›geschaffen‹ wieder aus der menschlichen Sphäre genommen sind und daher
bestenfalls als Metaphern gelten können. Aber es ist ja auch begreiflich, daß die Sprache uns hier keine
außermenschlichen Begriffe zur Verfügung stellen kann, mit denen wir näher an das Gemeinte herankommen
können. Was soll ich also mehr über meinen naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriff sagen?«
»Ja, ja, die Positivisten können natürlich jetzt einwenden, daß du unklar daherschwafelst, und sie können stolz
sein, daß ihnen so etwas nicht passieren kann. Aber wo ist mehr Wahrheit, im Unklaren oder im Klaren?
Niels zitiert: ›Im Abgrund wohnt die Wahrheit‹. Aber gibt es einen Abgrund, und gibt es eine Wahrheit? Und
hat dieser Abgrund etwas mit der Frage nach Leben und Tod zu tun?«
Das Gespräch stockte für kurze Zeit, weil im Abstand von wenigen hundert Metern ein großer
Passagierdampfer an uns vorbeiglitt, der mit seinen vielen Lichtern in der hellblauen Dämmerung
märchenhaft und fast unwirklich aussah. Ich träumte einige Augenblicke den menschlichen Schicksalen nach,
die sich hinter den erleuchteten Kabinenfenstern abspielen mochten, dann verwandelten sich Wolfgangs
Fragen in meiner Phantasie in Fragen über den Dampfer. Was war der Dampfer wirklich? War er eine
Masse Eisen mit einer Kraftzentrale, einem elektrischen Leitungssystem und Glühbirnen? Oder war er der
Ausdruck einer menschlichen Absicht, eine Gestalt, die sich als Ergebnis der zwischenmenschlichen
Beziehungen gebildet hat? Oder war er die Folge der biologischen Naturgesetze, die als Objekt für ihre
Gestaltungskraft diesmal nicht nur Eiweißmoleküle, sondern Stahl und elektrische Ströme verwendet hatten?
Stellt das Wort ›Absicht‹ also nur den Reflex dieser gestaltenden Kraft oder der Naturgesetze im mensch-
lichen Bewußtsein dar? Und was bedeutet das Wort ›nur‹ in die sem Zusammenhang?
Von hier wandte sich das Selbstgespräch wieder den allgemeineren Fragen zu. Ist es völlig sinnlos, sich hinter
den ordnenden Strukturen der Welt im Großen ein »Bewußtsein« zu denken, dessen »Absicht« sie sind?
Natürlich ist auch die so gestellte Frage eine Vermenschlichung des Problems, denn das Wort »Bewußtsein«
ist ja aus menschlichen Erfahrungen gebildet. Also dürfte man diesen Begriff eigentlich nicht außerhalb des
menschlichen Bereichs verwenden. Wenn man so stark einschränkt, würde es aber auch unerlaubt werden,
zum Beispiel vom Bewußtsein eines Tieres zu reden. Man hat aber doch das Gefühl, daß eine solche
Redeweise einen gewissen Sinn enthält. Man spürt, daß der Sinn des Begriffs »Bewußtsein« weiter und
zugleich nebelhafter wird, wenn wir ihn außerhalb des menschlichen Bereichs anzuwenden suchen.
Für den Positivisten gibt es dann eine einfache Lösung: Die Welt ist einzuteilen in das, was man klar sagen
kann, und das, worüber man schweigen muß. Also müßte man hier eben schweigen. Aber es gibt wohl keine
unsinnigere Philosophie als diese. Denn man kann ja fast nichts klar sagen. Wenn man alles Unklare
ausgemerzt hat, bleiben wahrscheinlich nur völlig uninteressante Tautologien übrig.
Die Gedankenkette wurde dadurch unterbrochen, daß Wolfgang das Gespräch wieder aufnahm.
»Du hast vorhin gesagt, daß dir auch die Sprache der Bilder und Gleichnisse nicht fremd sei, in der die alten
Religionen sprechen, und daß du deshalb mit der Einschränkung der Positivisten nichts anfangen könntest. Du
hast auch angedeutet, daß die verschiedenen Religionen mit ihren sehr verschiedenen Bildern nach deiner
Ansicht schließlich fast den gleichen Sachverhalt meinen, der, so hast du formuliert, an zentraler Stelle mit der
Frage nach den Werten zusammenhängt. Was hast du damit sagen wollen, und was hat dieser ›Sachverhalt‹,
um deinen Ausdruck zu gebrauchen, mit deinem Wahrheitsbegriff zu tun?«
»Die Frage nach den Werten - das ist doch die Frage nach dem, was wir tun, was wir anstreben, wie wir uns
verhalten sollen. Die Frage ist also vom Menschen und relativ zum Menschen gestellt; es ist die Frage nach
dem Kompaß, nach dem wir uns richten sollen, wenn wir unseren Weg durchs Leben suchen. Dieser
Kompaß hat in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen sehr verschiedene Namen erhalten:
Das Glück, der Wille Gottes, der Sinn, um nur einige zu nennen. Die Verschiedenheit der Namen weist auf
sehr tiefgehende Unterschiede in der Struktur des Bewußtseins der Menschengruppen hin, die ihren Kompaß
so genannt haben. Ich will diese Unterschiede sicher nicht verkleinern. Aber ich habe doch den Eindruck, daß
es sich in allen Formulierungen um die Beziehungen der Menschen zur zentralen Ordnung der Welt handelt.
Natürlich wissen wir, daß für uns die Wirklichkeit von der Struktur unseres Bewußtseins abhängt; der
objektivierbare Bereich ist nur ein kleiner Teil unserer Wirklichkeit. Aber auch dort, wo nach dem subjektiven
Bereich gefragt wird, ist die zentrale Ordnung wirksam und verweigert uns das Recht, die Gestalten dieses
Bereichs als Spiel des Zufalls oder der Willkür zu betrachten. Allerdings kann es im subjektiven Bereich, sei
es des Einzelnen oder der Völker, viel Verwirrung geben. Es können sozusagen die Dämonen regieren und
ihr Unwesen treiben, oder um es mehr naturwissenschaftlich auszudrücken, es können Teilordnungen
wirksam werden, die mit der zentralen Ordnung nicht zusammenpassen, die von ihr abgetrennt sind. Aber
letzten Endes setzt sich doch wohl immer die zentrale Ordnung durch, das ›Eine«, um in der antiken
Terminologie zu reden, zu dem wir in der Sprache der Religion in Beziehung treten. Wenn nach den Werten
gefragt wird, so scheint also die Forderung zu lauten, daß wir im Sinne dieser zentralen Ordnung handeln sol-
len - eben um die Verwirrung zu vermeiden, die durch abgetrennte Teilordnungen entstehen kann. Die
Wirksamkeit des Einen zeigt sich schon darin, daß wir das Geordnete als das Gute, das Verwirrte und
Chaotische als schlecht empfinden. Der Anblick einer von einer Atombombe zerstörten Stadt erscheint uns
schrecklich; - aber wir freuen uns, wenn es gelungen ist, ans einer Wüste eine blühende, fruchtbare
Landschaft zu entwickeln. In der Naturwissenschaft ist die zentrale Ordnung daran zu erkennen, daß man
schließlich solche Metaphern verwenden kann wie ›die Natur ist nach diesem Plan geschaffen‹. Und an
dieser Stelle ist mein Wahrheitsbegriff mit dem in den Religionen gemeinten Sachverhalt verbunden. Ich
finde, daß man diese ganzen Zusammenhänge sehr viel besser denken kann, seit man die Quantentheorie
verstanden hat. Denn in ihr können wir in einer abstrakten mathematischen Sprache einheitliche Ordnungen
über sehr weite Bereiche formulieren; wir erkennen aber gleichzeitig, daß wir dann, wenn wir in der
natürlichen Sprache die Auswirkungen dieser Ordnungen beschreiben wollen, auf Gleichnisse angewiesen
sind, auf komplementäre Betrachtungsweisen, die Paradoxien und scheinbare Widersprüche in Kauf
nehmen.«
»Ja, dieses Denkmodell ist durchaus verständlich«, erwiderte Wolfgang, »aber was meinst du damit, daß sich,
wie du sagst, die zentrale Ordnung immer wieder durchsetzt? Diese Ordnung ist da, oder sie ist nicht da.
Aber was soll durchsetzen heißen?«
»Damit meine ich etwas ganz Banales, nämlich zum Beispiel die Tatsache, daß nach jedem Winter doch
wieder Blumen auf den Wiesen blühen und daß nach jedem Krieg die Städte wieder aufgebaut werden, daß
also Chaotisches sich immer wieder in Geordnetes verwandelt.«
Wir gingen nun eine Zeitlang schweigend nebeneinander her und hatten bald das nördliche Ende der Langen
Linie erreicht. Von dort setzten wir unseren Weg auf der ins Hafenbecken ausbiegenden schmalen Mole bis
zu dem kleinen Leuchtfeuer fort. Im Norden zeigte immer noch ein heller rötlicher Streifen über dem
Horizont an, daß die Sonne nicht allzu tief unter dieser Linie nach Osten wanderte. Die Konturen der Bauten
im Hafenbecken waren in aller Schärfe zu erkennen. Als wir eine Weile am Ende der Mole gestanden hatten,
fragte Wolfgang mich ziemlich unvermittelt:
»Glaubst Du eigentlich an einen persönlichen Gott? Ich weiß natürlich, daß es schwer ist, einer solchen Frage
einen klaren Sinn zu geben, aber die Richtung der Frage ist doch wohl erkennbar.«
»Darf ich die Frage auch anders formulieren?« erwiderte ich. »Dann würde sie lauten: Kannst du, oder kann
man der zentralen Ordnung der Dinge oder des Geschehens, an der ja nicht zu zweifeln ist, so unmittelbar
gegenübertreten, mit ihr so unmittelbar in Verbindung treten, wie dies bei der Seele eines anderen Menschen
möglich ist? Ich verwende hier ausdrücklich das so schwer deutbare Wort ›Seele‹, um nicht mißverstanden
zu werden. Wenn du so fragst, würde ich mit Ja antworten. Und ich könnte, weil es ja auf meine persönlichen
Erlebnisse hier nicht ankommt, an den berühmten Text erinnern, den Pascal immer bei sich trug und den er
mit dem Wort ›Feuer‹ begonnen hatte. Aber dieser Text würde nicht für mich gelten.«
»Du meinst also, daß dir die zentrale Ordnung mit der gleichen Intensität gegenwärtig sein kann wie die Seele
eines anderen Menschen?«
»Vielleicht.«
»Warum hast du hier das Wort ›Seele‹ gebraucht und nicht einfach vom anderen Menschen gesprochen?«
»Weil das Wort ›Seele‹ eben hier die zentrale Ordnung, die Mitte bezeichnet bei einem Wesen, das in seinen
äußeren Erscheinungsformen sehr mannigfaltig und unübersichtlich sein mag.«
»Ich weiß nicht, ob ich da ganz mit dir gehen kann. Man darf seine eigenen Erlebnisse ja auch nicht
überschätzen.«
»Sicher nicht, aber auch in der Naturwissenschaft beruft man sich ja auf die eigenen Erlebnisse oder auch
auf die der anderen, über die uns glaubwürdig berichtet wird.«
»Vielleicht hätte ich nicht so fragen sollen. Aber ich will lieber wieder auf unser Ausgangsproblem
zurückkommen, die positivistische Philosophie. Sie ist dir fremd, weil du dann, wenn du ihren Verboten
genügen wolltest, von all den Dingen nicht sprechen könntest, von denen wir eben gesprochen haben. Aber
würdest du daraus schließen, daß diese Philosophie mit der Welt der Werte überhaupt nichts zu tun hat? Daß
es in ihr grundsätzlich keine Ethik geben kann?«
»Das sieht zunächst so aus, aber es ist hier wohl historisch umgekehrt. Dieser Positivismus, über den wir
sprechen und der uns heute begegnet, ist ja aus dem Pragmatismus und aus der zu ihm gehörigen ethischen
Haltung erwachsen. Der Pragmatismus hat den Einzelnen gelehrt, die Hände nicht untätig in den Schoß zu
legen, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen, sich um das Nächstliegende zu bemühen, ohne gleich an
Weltverbesserung zu denken, und dort, wo die Kräfte reichen, tätig für eine bessere Ordnung im kleinen
Bereich zu wirken. An dieser Stelle scheint mir der Pragmatismus sogar vielen der alten Religionen überle-
gen. Denn die alten Lehren verführen doch leicht zu einer gewissen Passivität, dazu, sich ins scheinbar
Unvermeidliche zu fügen, wo man mit eigener Aktivität noch vieles bessern könnte. Daß man im Kleinen
anfangen muß, wenn man im Großen bessern will, ist im Gebiet des praktischen Handelns doch sicher ein
guter Grundsatz; und selbst in der Wissenschaft mag dieser Weg auf weiten Strecken richtig sein, wenn man
nur den großen Zusammenhang nicht aus den Augen verliert. In Newtons Physik ist doch sicher beides
wirksam gewesen, das sorgfältige Studium der Einzelheiten und der Blick auf das Ganze. Der Positivismus in
seiner heutigen Prägung aber macht den Fehler, daß er den großen Zusammenhang nicht sehen will, daß er
ihn - ich übertreibe vielleicht jetzt mit meiner Kritik - bewußt im Nebel halten will; zumindest ermutigt er
niemanden, über ihn nachzudenken.«
»Deine Kritik am Positivismus ist mir, wie du weißt, durchaus verständlich. Aber du hast doch meine Frage
noch nicht beantwortet. Wenn es in dieser aus Pragmatismus und Positivismus gemischten Haltung eine Ethik
gibt - und du hast sicher recht, daß es sie gibt und daß man sie in Amerika und England dauernd am Werke
sieht - woher nimmt diese Ethik den Kompaß, nach dem sie sich richtet? Du hast behauptet, daß der Kompaß
letzten Endes immer nur aus der Beziehung zur zentralen Ordnung komme; aber wo findest du diese
Beziehung im Pragmatismus?«
»Hier halte ich es mit der These Max Webers, daß die Ethik des Pragmatismus letzten Endes aus dem
Calvinismus, also aus dem Christentum stammt. Wenn man in dieser westlichen Welt fragt, was gut und was
schlecht, was erstrebenswert und was zu verdammen ist, so findet man doch immer wieder den
Wertmaßstab des Christentums auch dort, wo man mit den Bildern und Gleichnissen dieser Religion längst
nichts mehr anfangen kann. Wenn einmal die magnetische Kraft ganz erloschen ist, die diesen Kompaß
gelenkt hat - und die Kraft kann doch nur von der zentralen Ordnung her kommen-, so fürchte ich, daß sehr
schreckliche Dinge passieren können, die über die Konzentrationslager und die Atombomben noch
hinausgehen. Aber wir wollten ja nicht über diese düstere Seite unserer Welt sprechen, und vielleicht wird der
zentrale Bereich inzwischen an anderer Stelle wieder von selbst sichtbar. In der Wissenschaft ist es jedenfalls
so, wie Niels gesagt hat: Mit den Forderungen der Pragmatiker und Positivisten, Sorgfalt und Genauigkeit im
Einzelnen und äußerste Klarheit in der Sprache, wird man sich gern einverstanden erklären. Ihre Verbote
aber wird man übertreten müssen; denn wenn man nicht mehr über die großen Zusammenhänge sprechen
und nachdenken dürfte, ginge auch der Kompaß verloren, nach dem wir uns richten können.«
Trotz der vorgerückten Stunde legte noch einmal ein kleines Boot an der Mole an, das uns zum Kongens
Nytorv zurückbrachte, und von dort konnten wir Bohrs Haus leicht erreichen.
18. Auseinandersetzungen in Politik und
Wissenschaft (1956-1957)

Zehn Jahre nach dem Ende des Krieges waren die schlimmsten Zerstörungen beseitigt. Der Wiederaufbau
war wenigstens in der westlichen Hälfte Deutschlands, in der Bundesrepublik, so weit fortgeschritten, daß
auch an eine Beteiligung der deutschen Industrie an der sich entwickelnden Atomtechnik gedacht werden
konnte. Im Herbst 1954 hatte ich im Auftrag der Bundesregie rung an ersten Verhandlungen in Washington
über die Wiederaufnahme derartiger Arbeiten in der Bundesrepublik teilgenommen. Die Tatsache, daß in
Deutschland während des Krieges keine Versuche zur Konstruktion von Atombomben gemacht worden
waren, obwohl die grundsätzlichen Kenntnisse dazu vorhanden waren, wirkte sich wohl günstig auf diese
Verhandlungen aus. Jedenfalls wurde uns der Bau eines kleineren Atomreaktors zugestanden, und es sah so
aus, als würden die Schranken für die friedliche Atomtechnik in Deutschland bald ganz fallen.
Unter diesen Umständen mußten auch in der Bundesrepublik die Weichen für die zukünftige Entwicklung auf
diesem Gebiet gestellt werden. Die erste Aufgabe war naturgemäß der Bau eines Forschungsreaktors, an
dem die Physiker und die Ingenieure, allgemeiner die deutsche Industrie, die technischen Probleme dieses
neuen Gebiets kennenlernen konnten. Es lag nahe, der von Karl Wirtz geleiteten Abteilung unseres Göttinger
Max-Planck-Instituts für Physik eine wichtige Rolle in diesem Projekt zuzuweisen. Denn hier lagen noch die
ganzen Erfahrungen aus der Reaktorentwicklung während des Krieges vor, und hier waren auch, soweit
möglich, die späteren Fortschritte aus der Literatur oder auf wissenschaftlichen Tagungen verfolgt worden.
Daher wurde ich damals von Adenauer häufiger zu Verhandlungen mit Behörden oder mit der Industrie
zugezogen, um mit dafür zu sorgen, daß die ersten Pläne auch von wissenschaftlichen Gesichtspunkten aus
den sachlichen Notwendigkeiten entsprächen. Es war mir eine neue, wenn auch nicht unerwartete Erfahrung,
daß selbst in einem demokratisch regierten Staatswesen mit geordneten Rechtsformen solche wichtigen
Entscheidungen wie die über die Anfänge der neuen Atomtechnik nicht nach den Gesichtspunkten der
sachlichen Zweckmäßigkeit allein gefällt werden können; daß es sich vielmehr auch um einen komplizierten
Ausgleich von Einzelinteressen handelt, die schwer zu durchschauen sind und die oft der sachlichen Zweck-
mäßigkeit im Wege stehen. Es wäre auch ungerecht, den Politikern daraus einen Vorwurf machen zu wollen.
Die Harmonisierung widerstreitender Interessen zu einer funktionierenden Lebensgemeinschaft gehört ja im
Gegenteil zu ihren wichtigsten Aufgaben, deren Erfüllung man ihnen nach Möglichkeit erleichtern muß. Im
Ausgleich wirtschaftlicher oder politischer Interessen war ich allerdings ungeübt, daher konnte ich zu solchen
Verhandlungen weniger beitragen, als ich gehofft hatte.
In den Gesprächen, die ich in jener Zeit oft mit meinen nächsten Mitarbeitern führte, hatte ich mir die
Vorstellung gebildet, es würde zweckmäßig sein, den ersten für technische Ziele bestimmten
Forschungsreaktor in unmittelbarer Nähe unseres Instituts zu errichten. Zu diesem Zwecke müßte wohl für
das Institut und die später sich erweiternden technischen Einrichtungen an neuer Stelle ein größeres Gelände
gesucht werden, und ich plädierte für einen Standort in der Nähe von München. Bei meinem Vorschlag
spielten zugestandenermaßen auch persönliche Motive eine Rolle, da ich aus meiner Jugend- und
Studentenzeit alte Bindungen an die Stadt hatte. Aber auch unabhängig davon schien mir die Nähe eines
solch wichtigen und der modernen Welt aufgeschlossenen Kulturzentrums wie München für die Institutsarbeit
eine günstige Voraussetzung. Andererseits sprach für eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Institut und
dem neu zu gründenden Zentrum für Atomtechnik die Überlegung, daß so die Erfahrungen des Instituts aus
der Kriegszeit am besten ausgenützt werden könnten und daß die für solche Aufgaben ausgebildete Mann-
schaft unseres Instituts wirklich Atomtechnik treiben wollte, also nicht in Versuchung geraten konnte, die
großen Mittel des technischen Zentrums für andere Zwecke verwenden zu wollen. Ich bemerkte aber bald,
daß die einflußreichsten Vertreter der Industrie kein rechtes Interesse für eine derartige technische Entwick-
lung in Bayern bekundeten; sie nahmen zu Recht oder zu Unrecht an, daß die Voraussetzungen in Baden-
Württemberg günstiger seien, und daher fiel die Wahl schließlich auf Karlsruhe. Merkwürdigerweise wurde
aber für unser Max-Planck-Institut ein Neubau in München vorgesehen, dessen Errichtung die bayerische
Landesregierung erfreulicherweise angeboten hatte. Karl Wirtz wurde gebeten, mit seiner in der
Reaktortechnik ausgebildeten Mannschaft aus dem Institut auszuscheiden und nach Karlsruhe überzusiedeln.
Carl Friedrich erhielt einen Ruf als Professor der Philosophie an die Universität Hamburg.
Mir war nicht recht wohl bei diesen Entscheidungen, die zwar meine persönlichen Wünsche hinsichtlich des
Standortes München berücksichtigten, aber die sachlichen Gründe für die Entwicklung der Atomtechnik in
der Nähe unseres Instituts ignorierten. Ich war betrübt darüber, daß die langjährige enge Zusammenarbeit mit
Carl Friedrich und Karl Wirtz nunmehr ein Ende finden würde, und ich machte mir Sorgen, ob das in
Karlsruhe neu zu errichtende Zentrum für friedliche Atomtechnik sich auf die Dauer dem Zugriff derer
würde entziehen können, die so große Mittel lieber für andere Zwecke verwenden wollten. Es beunruhigte
mich, daß für die Menschen, die hier die wichtigsten Entscheidungen zu treffen hatten, die Grenzen zwischen
friedlicher Atomtechnik und atomarer Waffentechnik ebenso fließend waren wie die zwischen Atomtechnik
und atomarer Grundlagenforschung.
Diese Besorgnisse wurden noch dadurch verstärkt, daß zwar nicht in der deutschen Bevölkerung, wohl aber
gelegentlich in Kreisen der Politik oder der Wirtschaft die Meinung laut wurde, eine atomare Bewaffnung sei
eben in unserer Welt eines der üblichen Mittel zur Sicherung gegen äußere Bedrohung und daher auch für die
Bundesrepublik nicht auszuschließen. Im Gegensatz dazu war ich ebenso wie die meisten meiner Freunde
überzeugt, daß eine atomare Bewaffnung die außenpolitische Stellung der Bundesrepublik nur schwächen,
daß wir uns also mit einem Streben nach Atomwaffen in irgendeiner Form nur schaden könnten. Denn das
Entsetzen über die Handlungen unserer Landsleute in den Jahren des Krieges war noch viel zu verbreitet, um
Atomwaffen in deutschen Händen zuzulassen. In den verschiedenen Unterredungen, die ich in jener Zeit mit
dem Bundeskanzler führte, schien mir Adenauer auch durchaus dem Argument zugänglich, daß in den Fragen
der Bewaffnung die Bundesrepublik immer nur das Minimum dessen tun sollte, was von ihr durch ihre
Bundesgenossen verlangt würde. Aber auch hier handelte es sich natürlich um den Ausgleich sehr
verschiedener und schwer vereinbarer Interessen.
Unter meinen Freunden war es vor allem Carl Friedrich, der immer wieder auf dieses Thema zurückkam und
der auch später die Initiative zu einem politischen Schritt ergriffen hat. Vielleicht hat eines unserer vielen
Gespräche mit meiner Frage an Carl Friedrich begonnen: »Wie beurteilst du eigentlich die Zukunft unseres
Instituts? Mir macht es Sorge, daß die atomtechnischen Arbeiten von unserem Institut ganz getrennt werden
sollen. Natürlich gibt es sonst noch genug wissenschaftliche Aufgaben. Aber wer will denn diese Trennung?
War es nur mein vielleicht etwas egoistischer Vorschlag München, der die Trennung bewirkt hat? Oder gibt
es sachliche Gründe dafür, das zukünftige Zentrum für friedliche Atomtechnik getrennt von der Max-Planck-
Gesellschaft entstehen zu lassen?«
»In solchen halb politischen Fragen«, meinte Carl Friedrich, »ist das Wort ›sachlich‹ nur schwer zu definieren.
Eine derartige technische Entwicklung hat ja erhebliche wirtschaftliche Veränderungen zur Folge an der
Stelle, die als Standort gewählt wird. Viele Menschen werden dort ihre Arbeit erhalten, für sie werden
vielleicht neue Siedlungen erbaut werden, die Industrie, die sich mit der Energieerzeugung und
Weiterverwendung befaßt, wird dort neue Einrichtungen und Aufträge erhalten. Es sind also durchaus
›sachliche‹ Gründe, die es einer Stadt oder einem Land wünschenswert erscheinen lassen, als Standort für
eine solche Entwicklung bestimmt zu werden. Man wird hier - ähnlich wie wir es bei unserem Gespräch in
Farm-Hall für die Atombomben erörtert haben - die Entscheidung über die Entwicklungsstätte für die
friedliche Atomtechnik als Teil der Planung für die ganze wirtschaftlich-technische Entwicklung der
Bundesrepublik sehen müssen; es genügt nicht zu fragen, wo man am schnellsten zu funktionierenden
Reaktoren kommt. Man wird andere Gründe gelten lassen, die aus dem Zusammenwirken des Ganzen
abgeleitet sind.«
»Solche Gründe wird man wohl anerkennen müssen; und du meinst, sie haben hier die Hauptrolle gespielt?«
fragte ich zurück.
»Das weiß ich nicht, und hier fangen meine eigentlichen Besorgnisse an. Wie du aus vielen Besprechungen
weißt, ist es für die meisten Außenstehenden schwer, eine scharfe Grenze der geplanten Entwicklung gegen
die Waffentechnik einerseits, gegen die Grundlagenforschung andererseits zu ziehen. Es wird also - aber das
ist vielleicht nicht allzu wichtig - Bestrebungen geben, Gebiete der Grundlagenforschung, die gar nicht
unmittelbar mit dieser technischen Entwicklung zu tun haben, in das neue Zentrum einzubeziehen, und es
könnte - und das ist viel gefährlicher - andere Bestrebungen geben, bei der friedlichen Atomtechnik doch
auch schon an spätere waffentechnische Anwendungen zu denken, zum Beispiel im Zusammenhang mit der
Gewinnung von Plutonium. Karl Wirtz wird sicher die äußersten Anstrengungen machen, hier die Linie der
ausschließlich friedlichen Atomtechnik ohne Kompromisse durchzuhalten. Aber es könnte da starke Kräfte in
anderer Richtung geben, gegen die sich ein Einzelner kaum durchsetzen kann. Wir sollten versuchen, von
unserer Regierung eine bindende Erklärung dafür zu erhalten, daß eine Produktion von Atomwaffen nicht
angestrebt wird. Aber eine Regierung neigt begreiflicherweise dazu, sich möglichst viele Wege offenzuhalten.
Sie wird sich kaum die Hände binden lassen. Man könnte auch an eine öffentliche Erklärung denken. Aber
haben solche Aufrufe irgendeine Bedeutung? Du hast doch im vergangenen Jahr bei einer Erklärung
mitgewirkt, die von einer Reihe von Physikern auf der Insel Mainau unterzeichnet worden ist. Warst du damit
zufrieden?«
»Ich habe zwar dabei mitgetan, aber im Grunde hasse ich solche Kundgebungen. Wenn man öffentlich
ausspricht, daß man für den Frieden und gegen die Atombombe sei, so ist das doch dummes Geschwätz.
Denn jeder Mensch, der seine gesunden fünf Sinne beieinander hat, ist von selbst für den Frieden und gegen
die Atombombe und braucht dazu keine Erklärung von Wissenschaftlern. Die Regierungen werden solche
Kundgebungen in ihren politischen Kalkül einbeziehen, sie werden selbst für den Frieden und gegen die
Atombombe sein und nur im Nebensatz hinzufügen, daß natürlich ein Friede gemeint sei, der für das eigene
Volk günstig und ehrenvoll ist, und daß es sich vor allem um die verwerflichen Atombomben der anderen
handle. Damit ist doch gar nichts gewonnen.«
»Immerhin wird die Bevölkerung wieder daran erinnert, wie absurd ein Krieg mit Atomwaffen wäre. Wenn
eine solche Warnung nicht vernünftig wäre, hättest du die Erklärung von der Mainau wohl kaum
unterschrieben.«
»Meinetwegen; aber je allgemeiner und unverbindlicher eine solche Erklärung ist, desto weniger bewirkt sie.«
»Gut, wir müßten uns eben etwas Besseres einfallen lassen, wenn wir erreichen wollen, daß bei uns wirklich
etwas Neues versucht wird.«
»Die alte Politik: Wirtschaftliche und politische Macht, Erpressung durch Drohung mit den Waffen, gilt bei
den meisten, insbesondere außerhalb Deutschlands, immer noch als realistisch, auch wo sie längst das
Gegenteil davon geworden ist. Ich habe neulich von einem Mitglied unserer Bundesregierung das Argument
gehört, wenn Frankreich über Atomwaffen verfügt, sollte die Bundesrepublik doch auch das gleiche
verlangen können. Ich habe natürlich sofort widersprochen. Aber das erschreckende an diesem Argument
war für mich nicht das angestrebte Ziel, sondern die Voraussetzung. Es wurde als selbstverständlich unter-
stellt, daß der Besitz von Atomwaffen für uns ein politischer Vorteil sei, und nur gefragt, wie man dieses
vorteilhafte Ziel erreichen könnte. Ich fürchte, der Vertreter dieser Meinung hätte jeden, der anders denkt,
der nämlich die Voraussetzung selbst anzweifelt, für einen hoffnungslosen Schwärmer gehalten - oder
bestenfalls für einen durchtriebenen Gauner, der andere politische Ziele verfolgt als er angibt, nämlich zum
Beispiel die Angliederung der Bundesrepublik an Rußland.«
»Jetzt übertreibst du, weil du dich geärgert hast. Die Politik unserer Bundesregierung ist sicher vernünftiger,
und es gibt ja auch viele Zwischenstadien zwischen einer eigenen atomaren Bewaffnung und einer völligen
Passivität, einem Verlaß nur auf die Hilfe der anderen. Immerhin, wir müssen alles tun, was in unseren
Kräften steht, um hier eine Entwicklung in falscher Richtung zu verhindern.«
»Das wird sehr schwierig sein. Wenn ich etwas aus der Entwicklung in den letzten Monaten gelernt habe, so
ist es dies, daß man nicht beides, Politik und Wissenschaft, gleichzeitig gut machen kann. Jedenfalls reichen
bei mir dazu die Kräfte nicht. Das ist ja auch nicht unvernünftig. Es zählt immer nur der ganze Einsatz, bei
den Politikern wie in der Wissenschaft; der halbe gilt nichts. Also werde ich wohl versuchen, mich wieder
ganz in die Wissenschaft zurückzuziehen.«
»Damit würdest du nicht das Richtige tun. Die Politik ist nicht nur ein Beruf für Spezialisten und Fachleute,
sondern, wenn wir ähnliche Katastrophen wie 1933 verhindern wollen, auch eine Verpflichtung für
jedermann. Du darfst dich da nicht drücken, besonders wenn es um die Auswirkung der Atomphysik geht.«
»Gut, wenn du meine Hilfe brauchen kannst, will ich dabeisein.«
Im Sommer 1956, in dem diese Gespräche geführt wurden, fühlte ich mich müde und hatte das Empfinden, an
den Rand meiner Kräfte gelangt zu sein. Unter anderem bedrückte mich eine wissenschaftliche Kontroverse
mit Wolfgang Pauli, den ich in einer mir sehr wichtigen wissenschaftlichen Frage nicht von meinen Ansichten
überzeugen konnte. Ich hatte auf der Tagung in Pisa, ein Jahr vorher, recht unkonventionelle Vorschläge für
die mathematische Struktur einer Theorie der Elementarteilchen gemacht, die Wolfgang nicht gutheißen
wollte. Wolfgang hatte selbst verwandte Möglichkeiten an einem mathematischen Modell untersucht, das der
ausgezeichnete amerikanisch-chinesische Physiker Lee entworfen hatte, und war zu dem Schluß gekommen,
daß es sich hier um ein Suchen in der falschen Richtung handeln müsse. Das konnte ich ihm nicht glauben.
Wolfgang kritisierte mich also mit der bei ihm in solchen Fällen üblichen Schärfe.
»Diese Bemerkungen«, so schrieb er in einem Brief aus Zürich, »sollen hauptsächlich den Nachweis
erbringen, daß du zur Zeit der Pisa-Konferenz so gut wie nichts von deinen eigenen Arbeiten verstanden
hast.«
Ich war zunächst zu erschöpft, um das hier aufgeworfene schwie rige mathematische Problem mit voller
Kraft anzugehen, und beschloß, eine längere Erholungspause einzulegen.
Für die Ferien zog ich daher mit meiner ganzen Familie nach Liseleje, einem kleinen Badeort auf der Insel
Sjaelland in Dänemark, in ein Landhaus, das nur etwa 10 km von Bohrs Sommerhaus in Tisvilde entfernt lag.
Ich wollte noch einmal die Gelegenheit benutzen, viel mit Niels zusammenzusein, ohne doch seine
Gastfreundschaft in Anspruch nehmen zu müssen. Das waren glückliche Wochen. Die gegenseitigen
Besuche verscheuchten die Müdigkeit und gaben Gelegenheit, die Verbindung zwischen der vergangenen
gemeinsamen Zeit und der inzwischen veränderten Welt herzustellen. Auf die schwierige mathematische
Kontroverse, die ich mit Wolfgang auszufechten hatte, wollte Niels begreiflicherweise nicht eingehen. Er
fühlte sich für Fragen, die mehr mathematischer als physikalischer Natur waren, nicht zuständig. Aber mit
den philosophischen Gesichtspunkten, die ich der Physik der Elementarteilchen zugrunde legen wollte, war er
einverstanden, und er ermutigte mich, in der eingeschlagenen Richtung weiterzugehen.
Wenige Wochen nach der Rückkehr von Dänemark erkrankte ich schwer und mußte für längere Zeit das
Bett hüten. An Arbeiten war zunächst nicht zu denken, und auch die politischen Diskussionen, die Carl
Friedrich mit den anderen Freunden über unsere Wünsche an die Regierung führte, konnte ich nur von ferne
verfolgen. Am ersten Tag, an dem ich das Bett wieder verlassen konnte - es war inzwischen Ende
November geworden - fand in meinem Haus eine Besprechung der »18 Göttinger«, wie es später hieß, statt,
in der ein Brief an den damaligen Verteidigungsminister, früheren Atomminister Strauß formuliert und
beschlossen wurde. Wenn wir auf diesen Brief keine uns befriedigende Antwort erhielten, wollten wir, so
hatten wir geschrieben, uns das Recht vorbehalten, mit unseren Ansichten zur Frage der atomaren
Bewaffnung an die Öffentlichkeit zu treten. Ich war froh, daß Carl Friedrich zu diesem Schritt die Initiative
ergriffen hatte; denn ich konnte einstweilen nur zusehen und höchstens mit dem halben Einsatz dabeisein.
In den folgenden Wochen, in denen die Kräfte nur langsam wiederkehren wollten, versuchte ich, die
Kontroverse mit Wolfgang zu einer Entscheidung zu führen. Es handelte sich um den Vorschlag, zur
Formulierung der Naturgesetze für die Elementarteilchen den mathematischen Raum zu erweitern, der seit
der Quantenmechanik für solche Zwecke benutzt wurde und der von den Physikern etwas ungenau als
»Hubert-Raum« bezeichnet wird. Die Anregung, diesen Raum dadurch zu erweitern, daß man eine etwas
allgemeinere Metrik als in der Quantenmechanik zuließ, war schon 13 Jahre vorher von Paul Dirac gegeben
worden. Aber Wolfgang hatte damals nachgewiesen, daß dann die Größen, die man in der Quantenmechanik
als Wahrscheinlichkeiten interpretieren muß, gelegentlich auch negative Werte annehmen können, daß eine
solche Mathematik also nicht mehr vernünftig physikalisch interpretiert werden kann. Wolfgang hatte etwa
zur Zeit der Konferenz von Pisa an dem von Lee vorgeschlagenen Modell seine Einwände mathematisch bis
in die Einzelheiten vorgeführt. In meinem Vortrag in Pisa hatte ich im Gegensatz dazu den Diracschen
Vorschlag wieder aufgegriffen und behauptet, daß man in besonderen "Fällen, die ich beschrieb, Wolfgangs
Einwänden entgehen könnte. Das wurde mir von Wolfgang begreiflicherweise nicht geglaubt.
Ich nahm mir also vor, mit Wolfgangs eigenen mathematischen Methoden wieder unter Benutzung des
Leeschen Modells nachzuweisen, daß man in den von mir genannten besonderen Fällen den Schwierigkeiten
entgehen könnte. Erst Ende Januar war ich soweit, daß ich den Beweis in einem Brief an Wolf gang genauer
formulieren konnte. Gleichzeitig wurde allerdings auch mein Gesundheitszustand wieder so schlecht, daß der
Arzt mir riet, Göttingen zu verlassen und mich in Ascona am Lago Maggiore von Elisabeth pflegen zu lassen,
um mich gründlich zu kurieren. Der Briefwechsel, den ich dann von Ascona aus mit Wolfgang führte, ist mir
auch jetzt noch in schrecklichster Erinnerung. Denn es wurde von beiden Seiten erbittert gekämpft und mit
äußerster mathematischer Anstrengung um Klarheit gerungen. Mein Beweis war am Anfang noch nicht in
allen Punkten durchsichtig, und Wolfgang konnte nicht verstehen, worauf ich hinauswollte. Immer wieder
versuchte ich, meine Überlegungen in aller Ausführlichkeit darzustellen, und immer wieder war Wolfgang
empört, daß ich seine Einwände nicht akzeptieren konnte. Schließlich verlor er beinahe die Geduld und
schrieb: »Das war ein schlimmer Brief von Dir. Fast alles darin halte ich für hoffnungslos falsch... Du
wiederholst nur Deine fixen Ideen bzw. faulen Schlüsse, so als ob ich Dir nie geschrieben hätte. Auf diese
Weise habe ich nur Zeit verloren, und ich muß unsere Diskussion jetzt unterbrechen...« Aber ich konnte hier
nicht nachgeben, und obwohl meine Krankheit immer wieder aufflackerte und Schwindelanfälle und Depres-
sionen hervorrief, wollte ich bis zur völligen Klarheit durchdringen. Schließlich gelang es mir, nach fast sechs
Wochen äußerster Anspannung in Wolfgangs Verteidigung eine Bresche zu schlagen. Er verstand, daß ich
mich nicht für die allgemeinste Lösung des gestellten mathematischen Problems interessieren wollte, sondern
nur für eine spezielle Schar von Lösungen, und daß ich nur für diese spezielle Schar behauptete, man könne
sie physikalisch interpretieren. Damit war der erste Schritt zur Einigung getan, und nach der Durcharbeitung
verschiedener mathematischer Einzelheiten waren wir schließlich beide überzeugt, das Problem voll
verstanden zu haben. Das unkonventionelle mathematische Schema, das ich der Theorie der
Elementarteilchen zugrunde legen wollte, enthielt also jedenfalls keine unmittelbar erkennbaren inneren
Widersprüche. Freilich war damit noch nicht bewiesen, daß es wirklich brauchbar war. Aber es gab andere
Gründe dafür zu glauben, daß die Lösung an dieser Stelle gesucht werden müsse, und ich konnte nun in der
einmal eingeschlagenen Richtung weiterarbeiten. Auf dem Rückweg von Ascona mußte ich mich noch
einmal in der Universitätsklinik in Zürich gründlich untersuchen lassen. Ich benützte die Gelegenheit zu einer
Begegnung mit Wolfgang, die nun ganz friedlich verlief, so daß Wolfgang am Schluß nur »langweilige
Einigkeit« feststellte. Damit war die »Schlacht von Ascona«, wie wir später im Scherz unsere brieflichen
Diskussionen nannten, zum Abschluß gekommen und entschieden.
Die folgenden Wochen verbrachte ich in Urfeld in unserer alten Walchenseeheimat und erholte mich dort
sehr viel rascher als vorher in Ascona. Bei der Rückkehr nach Göttingen erfuhr ich, daß die politischen
Diskussionen über die Frage der Atombewaffnung einer Krise zutrieben. Die Bundesregierung hatte sich uns
Physikern gegenüber nicht auf einen bestimmten Kurs in der Frage der atomaren Bewaffnung festlegen
lassen. Das war zwar verständlich, erhöhte aber unsere Sorge, daß die falsche Richtung eingeschlagen
werden könnte. Dann aber hatte Adenauer in einer öffentlichen Rede davon gesprochen, daß Atomwaffen
im Grunde nur eine Verbesserung und Verstärkung der Artillerie darstellten, daß es sich gegenüber der
konventionellen Bewaffnung also nur um einen Gradunterschied handelte. Eine solche Darstellung schien uns
das Maß des Erträglichen weit zu überschreiten. Denn sie mußte fast zwangsläufig der deutschen
Bevölkerung ein völlig falsches Bild von der Wirkung der Atomwaffen vermitteln. Wir fühlten uns also
verpflichtet zu handeln, und Carl Friedrich meinte, wir sollten eine öffentliche Erklärung abgeben.
Wir waren uns aber schnell darüber einig, daß es sich hier nicht um eine allgemeine wohlgemeinte
Kundgebung für den Frieden und gegen die Atombombe handeln dürfe. Vielmehr mußten wir uns ganz
bestimmte Ziele setzen, die unter den gegebenen Umständen auch wahrscheinlich erreicht werden konnten.
Zwei Ziele boten sich von selbst dar. Erstens mußte die deutsche Bevölkerung über die Wirkung der
Atomwaffen voll aufgeklärt werden, jeder Beschwichtigungs- oder Beschönigungsversuch mußte verhindert
werden. Zweitens mußte eine veränderte Stellung der Bundesregierung zur Frage der atomaren Bewaffnung
angestrebt werden. Daher durfte sich die Erklärung nur auf die Bundesrepublik beziehen, und wir mußten mit
aller Deutlichkeit aussprechen, daß der Besitz atomarer Waffen für die Bundesrepublik keine Erhöhung der
Sicherheit, sondern eine Gefährdung bedeuten würde. Wie andere Regierungen oder Völker über die
Atomwaffen dächten, sollte uns in diesem Zusammenhang weitgehend gleichgültig sein. Schließlich glaubten
wir, daß es unserer Erklärung Nachdruck verleihen könnte, wenn wir uns auch als Personen verpflichteten,
jede Mitarbeit an atomarer Bewaffnung abzulehnen. Eine solche Weigerung lag für uns schon deshalb nahe,
weil wir ja auch im Krieg - allerdings mit viel Glück - um die Mitarbeit an atomarer Bewaffnung
herumgekommen waren. Carl Friedrich besprach die Einzelheiten mit unseren Freunden. Ich wurde, da ich
noch immer schonungsbedürftig war, von den meisten Zusammenkünften dispensiert. Der Text der Erklärung
wurde dann von Carl Friedrich entworfen und nach Verbesserungen in gemeinsamer Besprechung von allen
18 Göttinger Physikern gutgeheißen.
Der Wortlaut wurde am 16. April 1957 in der Presse publiziert und hatte offenbar eine starke Wirkung in der
Öffentlichkeit. Dem ersten unserer Ziele schienen wir schon nach wenigen Tagen nahegekommen zu sein, da
von keiner Seite ernstlich versucht wurde, die Wirkung der Atomwaffen zu bagatellisieren. Die Haltung der
Bundesregierung war uneinheitlich. Adenauer schien betroffen über eine Aktion, die den von ihm sorgfältig
überlegten Kurs zu stören drohte, und er bat einige von uns Göttingern, darunter auch mich, zu einer
Besprechung nach Bonn. Ich sagte ab, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß neue Gesichtspunkte zu einer
Annäherung der Standpunkte führen könnten, und da ich mir auch aus gesundheitlichen Gründen noch keine
harte Auseinandersetzung glaubte leisten zu können. Adenauer rief mich an, um mich umzustimmen, und es
entspann sich eine lange politische Auseinandersetzung, die mir, wie ich glaube, in ihren wesentlichen Punkten
in Erinnerung geblieben ist.
Adenauer wies zunächst darauf hin, daß wir uns doch bisher in allen grundsätzlichen Fragen gut verstanden
hätten, daß für die friedliche Atomtechnik in der Bundesrepublik viel getan worden sei und daß unser
Göttinger Aufruf wohl weitgehend auf Mißverständnissen beruhe. Er glaube also ein Recht darauf zu haben,
daß wir uns die Argumente sorgfältig anhörten, die ihn veranlaßt hätten, sich in den Fragen der atomaren
Bewaffnung einen freieren Spielraum bewahren zu wollen. Er glaube auch, daß es dann, wenn wir diese
Argumente kennen lernten, schnell zu einer Einigung kommen werde, und es läge ihm viel daran, daß diese
Einigung dann auch in der Öffentlichkeit bekannt würde. Ich erwiderte, ich sei krank gewesen und fühle mich
einer Auseinandersetzung über so kritische Fragen, wie die atomare Bewaffnung, noch nicht gewachsen. Ich
glaube auch nicht, daß eine Annäherung so leicht zustande kommen könnte. Denn die Argumente, die uns
mitgeteilt werden sollten, könnten sich doch wohl kaum auf etwas anderes beziehen als auf die bisherige
militärische Schwäche der Bundesrepublik, auf den Grad der russischen Überlegenheit und auf die
Unbilligkeit, die darin läge, von den Amerikanern die Verteidigung der Bundesrepublik zu erwarten, wenn wir
selbst nicht bereit wären, erhebliche Opfer dafür zu bringen. Diese Argumente aber hätten wir uns gründlich
überlegt. Vielleicht wüßten wir auch besser als viele unserer Landsleute über die Stimmung uns Deutschen
gegenüber in Ländern wie England und Amerika Bescheid. Ich könne nach meinen Reisen in den
vergangenen Jahren nicht daran zweifeln, daß jede atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu einem Sturm
von Protesten, besonders in Amerika, führen müßte und daß die daraus resultierende Verschlechterung des
ohnehin noch sehr labilen politischen Klimas jeden militärischen Vorteil weit überkompensieren würde.
Adenauer antwortete, er wisse, daß wir Physiker Idealisten seien, die sich auf die guten Kräfte in den
Menschen verlassen wollten und jede Gewaltanwendung verabscheuten. Er wäre auch sehr einverstanden
gewesen, wenn wir einen allgemeinen Appell an alle Menschen gerichtet hätten, die atomare Bewaffnung zu
unterlassen und sich um die Beilegung aller Interessenkonflikte mit friedlichen Mitteln zu bemühen. Das sei ja
auch sein Wunsch. Bei dem aber, was wir geschrieben hätten, sehe es beinahe so aus, als hätten wir es
geradezu auf eine Schwächung der Bundesrepublik abgesehen. Jedenfalls könne sich unser Aufruf so
auswirken.
Gegen diesen Vorwurf setzte ich mich sehr energisch, fast zornig zur Wehr. Ich hoffte, sagte ich, daß wir
gerade in diesem Falle nicht als Idealisten, sondern als nüchterne Realisten gehandelt hätten. Wir seien
überzeugt, daß jede atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu einer gefährlichen Schwächung der politischen
Stellung der Bundesrepublik führen müßte, daß also gerade die Sicherheit, an der ihm mit Recht so viel
gelegen sei, durch eine atomare Bewaffnung aufs äußerste gefährdet würde. Ich glaubte, daß wir in einer
Zeit leben, in der sich die Fragen der Sicherheit ebenso radikal veränderten, wie etwa beim Übergang vom
Mittelalter in die Neuzeit, und man müsse sich in diese Veränderung erst gründlich hineindenken, bevor man
leichtfertig den alten Denkmustern folgen dürfe. Es sei die Absicht unseres Aufrufs gewesen, eine Besinnung
in dieser Richtung herbeizuführen und zu verhindern, daß aus taktischen Überlegungen alten Stils jetzt
Weichen falsch gestellt würden.
Es fiel Adenauer schwer, auf meine Argumente einzugehen, und er empfand es als unbillig, daß eine kleine
Gruppe von Menschen, in diesem Fall die Atomphysiker, sich anmaßte, in wohlüberlegte Planungen
einzugreifen, die sich nach den Interessen großer politischer Gemeinschaften richten mußten. Gleichzeitig
spürte er aber wohl auch aus der Wirkung unserer Erklärung in der Öffentlichkeit, daß wir im Sinne eines
erheblichen Teils der Deutschen und auch vieler Menschen in anderen Ländern gesprochen hatten und daß
man über unsere Argumente nicht einfach hinweggehen konnte. Er versuchte noch einmal, mich zur Fahrt
nach Bonn zu überreden, sah aber dann ein, daß er mir nicht so viel zumuten dürfe.
Ich weiß nicht, wie unzufrieden Adenauer damals mit unserer Aktion wirklich war. Einige Jahre später hat er
mir einmal einen Brief geschrieben, in dem er ausdrücklich sagte, daß er eine von der seinen abweichende
politische Meinung durchaus achten könne. Aber er war wohl im Grunde ein Skeptiker, der sich über die
engen Grenzen, die allem politischen Handeln gesetzt sind, völlig im klaren war. Außerdem hatte er eine
gewisse Freude daran, innerhalb der gegebenen Möglichkeiten gangbare Wege zu finden, und er war
enttäuscht, wenn diese Wege sich als mühsamer erwiesen, als er angenommen hatte. Der Kompaß, der ihn
dabei leitete, reagierte nicht auf die alten preußischen Leitbilder, über die ich vor Jahrzehnten auf meiner
Fußwanderung mit Niels Bohr in Dänemark gesprochen hatte, ebensowenig auf die Freiheitsvorstellungen der
Wikinger aus den isländischen Sagen, an denen sich das englische Weltreich orientiert hatte. Vielmehr
bestimmte er die Richtung aus der alten römisch-christlichen Tradition Europas, die in der katholischen Kirche
immer noch lebendig ist, und aus den sozialen Vorstellungen, die sich im 19. Jahrhundert gebildet hatten und
an denen Adenauer trotz Kommunismus und Atheismus den christlichen Kern erkennen konnte. Das katholi-
sche Denken enthält einen Anteil östlicher Philosophie und Lebensweisheit, und es war wohl gerade dieser
Anteil, aus dem Adenauer in schwierigen Lagen Kraft schöpfte. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem
wir uns über die Erlebnisse in der Gefangenschaft unterhielten. Da Adenauer eine Zeitlang von der Gestapo
in eine enge Gefängniszelle bei kärglichster Verpflegung eingesperrt worden war, ich aber nur eine relativ
angenehme Internierung in England mitgemacht hatte, fragte ich ihn, ob ihm diese Zeit sehr schwer geworden
sei. Adenauer meinte: »Ach, wissen Sie, wenn man so in einer engen Zelle eingeschlossen ist, Tage, Wochen,
Monate, wenn man von keinem Telefonanruf und keinem Besucher gestört wird, dann kann man sinnieren,
ganz still über das Vergangene nachdenken und über das, was vielleicht noch kommen kann, ganz ruhig, ganz
mit sich allein, das ist doch eigentlich sehr schön.«
19. Die einheitliche Feldtheorie (1957-1958)
Im Hafen von Venedig liegt, dem Dogenpalast und der Piazzetta gegenüber, die Insel San Giorgio. Sie gehört
zum Besitz des Grafen Cini, der dort eine Schule für Waisen und Findelkinder unterhält, die als
Heranwachsende zu Seeleuten oder Kunsthandwerkern ausgebildet werden, und der auch das alte
Benediktinerkloster auf der Insel wieder instand gesetzt hat. Einige prächtige Räume im ersten Stock des
Klosters hatte er als Gastzimmer herrichten lassen. Bei der Konferenz über Atomphysik, die im Herbst 1957
in Padua stattfand, wurden einige der älteren Teilnehmer, darunter Wolfgang und ich, vom Grafen Cini
eingeladen, auf San Giorgio zu wohnen. Der stille Klosterhof, in den der Lärm des Hafens nur noch ganz
gedämpft drang, und die gelegentlich gemeinsamen Fahrten nach Padua boten gute Gelegenheit zu Ge-
sprächen über die damals aktuellen Probleme unserer Wissenschaft. Es war vor allem eine Entdeckung der
jungen chinesisch-amerikanischen Physiker Lee und Yang, die uns alle beschäftigte. Diese beiden
Theoretiker waren auf den Gedanken gekommen, daß die Symmetrie zwischen rechts und links, die bis dahin
als ein fast selbstverständlicher Bestandteil der Naturgesetze gegolten hatte, bei den schwachen, das heißt für
die radioaktiven Erscheinungen verantwortlichen Wechselwirkungen, gestört sein könnte. Tatsächlich hatten
die Experimente von Wu später ergeben, daß beim radioaktiven Betazerfall eine sehr starke Abweichung von
der Rechts-Links-Symmetrie auftritt. Es sah so aus, als ob die beim Betazerfall ausgesandten masselosen
Teilchen, die sogenannten Neutrinos, nur in einer Form, nennen wir sie die Linksform, existierten, während
die Antineutrinos dann in der Rechtsform vorkämen. Für die Eigenschaften der Neutrinos interessierte sich
nun Wolfgang besonders; schon deshalb, weil er die Existenz dieser Neutrinos 20 Jahre früher als erster
vorhergesagt hatte. Inzwischen waren diese Teilchen längst nachgewiesen worden, aber die neue
Entdeckung veränderte das Bild der Neutrinos in einer charakteristischen und erregenden Weise.
Wir, das heißt Wolfgang und ich, waren immer der Ansicht gewesen, daß die Symmetrieeigenschaften, die
von diesen einfachsten masselosen Teilchen dargestellt werden, zugleich auch Symmetrieeigenschaften der
zugrunde liegenden Naturgesetze sein müssen. Wenn nun die Rechts-Links-Symmetrie bei diesen Teilchen
fehlte, so müßte man mit der Möglichkeit rechnen, daß auch in den fundamentalen Naturgesetzen die Rechts-
Links-Symmetrie zunächst fehlt und daß sie erst sekundär - zum Beispiel auf dem Umweg über die
Wechselwirkung und die aus ihr folgende Masse - in die Naturgesetze hereinkommt. Sie wäre dann die Folge
einer nachträglichen Verdoppelung, die mathematisch zum Beispiel dadurch entstehen könnte, daß eine
Gleichung zwei gleichberechtigte Lösungen besitzt. Diese Möglichkeit war deswegen so erregend, weil sie
auf eine Vereinfachung der fundamentalen Naturgesetze hinauslief. Wir hatten aus unseren früheren
Erlebnissen in der Physik längst gelernt, daß immer dann, wenn in den experimentellen Erfahrungen eine
unerwartete Einfachheit zum Vorschein kommt, äußerste Aufmerksamkeit geboten ist; denn man ist dann
möglicherweise an eine Stelle gelangt, von der aus die großen Zusammenhänge sichtbar werden. Wir hatten
also das Gefühl, daß hinter der Lee-Yangschen Entdeckung entscheidende Erkenntnisse stecken könnten.
Auch Lee, einer der beiden Entdecker, der an der Tagung teilnahm, schien diese Ansicht zu teilen. Ich sprach
einmal lange mit ihm in unserem Klosterhof über die Folgerungen, die aus der beobachteten Unsymmetrie zu
ziehen wären, und auch Lee meinte, daß wichtige neue Zusammenhänge »eben um die Ecke« erwartet
werden könnten. Aber natürlich weiß man in einem solchen Fall nicht, wie leicht oder schwierig es sein wird,
die Ecke zu passieren.
Wolfgang war sehr optimistisch; teils weil er sich in den mit den Neutrinos zusammenhängenden
mathematischen Strukturen besonders gut auskannte, teils weil er aus den Ergebnissen unserer früheren
Diskussionen in der »Schlacht von Ascona« die Hoffnung schöpfte, daß relativistische Quantenfeldtheorien
ohne mathematische Widersprüche konstruiert werden können. Er war besonders fasziniert von dem
erwähnten Prozeß der Verdopplung oder Zweiteilung, der, wie er glaubte, für das Auftreten der Rechts-
Links-Symmetrie verantwortlich gemacht werden könne - obwohl man einstweilen noch keine konkrete
mathematische Formulierung dafür angeben konnte. Die Zweiteilung sollte der Natur in einer noch zu
untersuchenden Weise die Möglichkeit geben, nachträglich eine neue Symmetrieeigenschaft einzuführen. Wie
die Störung der Symmetrie dann hinterher zustande käme, darüber hatten wir damals noch viel weniger klare
Vorstellungen als über die Zweiteilung. Immerhin tauchte in unseren Gesprächen gelegentlich der Gedanke
auf, daß die Welt im Ganzen, also der Kosmos, nicht symmetrisch zu sein braucht gegenüber den Operatio-
nen, unter denen die Naturgesetze invariant bleiben; daß also die Symmetrieverminderung möglicherweise auf
die Unsymmetrie des Kosmos zurückgeführt werden könne. Alle diese Ideen waren damals in unseren
Köpfen sicher noch viel unklarer, als sie hier aufgeschrieben worden sind. Aber es ging eben eine gewisse
Faszination von ihnen aus, der man sich kaum entziehen konnte, wenn man einmal die Gedanken in diese
Richtung gelenkt hatte. Daher waren sie für die Folgezeit wichtig. Ich fragte Wolfgang einmal, warum er auf
diesen Prozeß der Zweiteilung so großen Wert lege, und erhielt etwa folgende Antwort:
»In der früheren Physik der Atomhülle hat man noch von anschaulichen Bildern ausgehen können, die aus
dem Repertoire der klassischen Physik stammen. Das Bohrsche Korrespondenzprinzip behauptete gerade die
wenn auch begrenzte Anwendbarkeit solcher Bilder. Aber auch in der Atomhülle ist die mathematische Be-
schreibung dessen, was geschieht, dann erheblich abstrakter gewesen als die Bilder. Man kann sogar ganz
verschiedene, einander widersprechende Bilder, wie Teilchenbild und Wellenbild, dem gleichen wirklichen
Sachverhalt zuordnen. In der Physik der Elementarteilchen aber wird man mit solchen Bildern praktisch gar
nichts mehr anfangen können. Diese Physik ist noch viel abstrakter. Für die Formulierung der Naturgesetze in
diesem Gebiet wird es also kaum einen anderen Ausgangspunkt geben können als die
Symmetrieeigenschaften, die in der Natur verwirklicht sind, oder, um es anders auszudrücken, die
Symmetrieoperationen (zum Beispiel Verschiebungen oder Drehungen), die den Raum der Natur erst
aufspannen. Aber dann kommt man unweigerlich zu der Frage, warum es gerade diese
Symmetrieoperationen gibt und keine anderen. Der Prozeß der Zweiteilung, den ich mir vorstelle, könnte hier
weiterhelfen, weil er den Raum der Natur in einer vielleicht ungezwungenen Weise erweitert und damit die
Möglichkeit für neue Symmetrien schafft. Man könnte sich im Idealfall denken, daß alle wirklichen
Symmetrien der Natur durch eine Folge von Zweiteilungen zustande gekommen sind.«
Die eigentliche Arbeit an diesen Problemen konnte natürlich erst nach der Rückkehr von der Konferenz
beginnen. Ich konzentrierte meine eigenen Anstrengungen in Göttingen darauf, eine Feldgleichung zu finden,
die ein Materiefeld mit innerer Wechselwirkung beschreibt und möglichst alle in der Natur beobachteten
Symmetrieeigenschaften in kompakter Form darstellt. Dabei benützte ich als Vorbild die empirisch für den
Betazerfall maßgebende Wechselwirkung, die ihre einfachste und damit wohl endgültige Gestalt durch die
Entdeckung von Lee und Yang erhalten hatte.
Im Spätherbst 1957 hatte ich einen Vortrag über derartige Probleme in Genf zu halten, und auf dem Rückweg
machte ich in Zürich kurz Station, um mit Wolfgang über meine Versuche zu sprechen. Wolfgang ermutigte
mich, in der eingeschlagenen Richtung weiterzugehen. Das war für mich sehr wichtig, und in den folgenden
Wochen untersuchte ich immer wieder verschiedene Formen, in denen man die innere Wechselwirkung des
Materie feldes darstellen konnte. Plötzlich tauchte unter den schwankenden Bildern eine Feldgleichung von
ungewöhnlich hoher Symmetrie auf. Sie war in der Darstellung kaum komplizierter als die alte Diracsche
Gleichung des Elektrons, enthielt aber neben der Raum-Zeit-Struktur der Relativitätstheorie auch die
Symmetrie zwischen Proton und Neutron, die in meinen Träumen auf der Steilen Alm in Bayern schon eine
so große Rolle gespielt hatte -oder, um es mathematischer auszudrücken, sie enthielt neben der
Lorentzgruppe auch die Isospingruppe - sie stellte also offenbar einen großen Teil der in der Natur
vorkommenden Symmetrie-eigenschaften wirklich dar. Auch Wolfgang, dem ich davon schrieb, war sofort
aufs äußerste interessiert; denn es sah zum ersten Mal so aus, als sei hier vielleicht ein Rahmen gefunden,
der weit genug war, um das ganze komplizierte Spektrum der Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen
zu umspannen und gleichzeitig eng genug, um in diesem Bereich alles festzulegen, was nicht einfach als
kontingent betrachtet werden mußte. Wir beschlossen also, gemeinsam der Frage nachzugehen, ob diese
Gleichung zur Grundlage einer einheitlichen Feldtheorie der Elementarteilchen gemacht werden könne. Dabei
hatte Wolfgang die Hoffnung, daß die wenigen noch fehlenden Symmetrien durch den Prozeß der Zweitei-
lung nachträglich beigesteuert werden könnten.
Mit jedem Schritt, den Wolfgang in dieser Richtung tat, geriet er in einen Zustand immer größerer
Begeisterung. Ich habe nie vorher und nie nachher im Leben Wolfgang in einer solchen Erregung über
Vorgänge in unserer Wissenschaft gesehen. Während er in den Jahren vorher allen theoretischen Versuchen
kritisch und skeptisch gegenübergestanden hatte, die sich allerdings nur auf Teilordnungen in der
Elementarteilchenphysik, aber nicht auf den Zusammenhang des Ganzen bezogen hatten, war er jetzt
entschlossen, mit Hilfe der neuen Feldgleichung den großen Zusammenhang selbst zu formulieren. Er gewann
die feste Hoffnung, daß diese Gleichung, die ja in ihrer Einfachheit und hohen Symmetrie ein einmaliges
Gebilde ist, der richtige Ausgangspunkt für die einheitliche Feldtheorie der Elementarteilchen sein müßte.
Auch ich war von der neuen Möglichkeit fasziniert, die wie der lang gesuchte Schlüssel zu dem Tor aussah,
das bisher den Zugang zur Welt der Elementarteilchen versperrt hatte. Ich sah allerdings auch, wie viele
Schwierigkeiten bis zur Erreichung des erhofften Zieles noch überwunden werden müßten. Kurz vor dem
Weihnachtsfest 1957 erhielt ich einen Brief von Wolfgang, der viele mathematische Einzelheiten enthielt, der
aber auch seine Hochstimmung in jenen Wochen wiedergibt:
»... Zweiteilung und Symmetrieverminderung, das ist des Pudels Kern. Zweiteilung ist ein sehr altes Attribut
des Teufels (das Wort ›Zweifel‹ soll ursprünglich Zweiteilung bedeutet haben). Ein Bischof in einem Stück
von Bernard Shaw sagt: ›A fair play for the devil please‹. Darum soll er auch zum Weihnachtsfest nicht
fehlen. Die beiden göttlichen Herren - Christus und Teufel -sollen nur merken, daß sie inzwischen viel
symmetrischer geworden sind. Sag bitte diese Häresien nicht Deinen Kindern, aber dem Freiherrn v.
Weizsäcker kannst Du sie erzählen - jetzt haben wir uns gefunden. Sehr, sehr herzlich, Dein Wolfgang
Pauli.«
In einem etwa acht Tage später geschriebenen Brief steht schon über der Anrede: »Alles Gute Dir und
Deiner Familie im Neuen Jahr, das hoffentlich die volle Klärung der Physik der Elementarteilchen bringen
wird.« Und weiter unten schreibt Wolfgang:
»Das Bild verschiebt sich mit jedem Tag. Alles ist im Fluß. Noch nicht publizieren, aber es wird etwas
Schönes werden. Es ist ja noch gar nicht abzusehen, was da noch alles herauskommt. Wünsche mir Glück
beim Gehenlernen.« Und er zitiert: ›»Vernunft fängt wieder an zu sprechen und Hoffnung wieder an zu
blüh'n, man sehnt sich nach des Lebens Bächen, ach, nach des Lebens Quellen hin... ‹ Grüß die Morgenröte,
wenn 1958 beginnt, vor Sonnenaufgang... Nun Schluß für heute. Der Stoff gibt viel her. Du wirst nun selbst
viel herausfinden... Du wirst bemerkt haben, daß der Pudel fort ist. Er hat seinen Kern enthüllt, Zweiteilung
und Symmetrieverminderung. Ich bin ihm da mit meiner Antisymmetrie entgegengekommen - ich gab ihm fair
play - worauf er sanft entschwand... Nun ein kräftiges Prosit Neujahr.
Wir werden zu ihm marschieren. It's a long way to Tipperary, it's a long way to go. Herzlichst, Dein Wolf
gang Pauli.«
Natürlich enthielten diese Briefe auch noch viele physikalische und mathematische Einzelheiten, die sich aber
nicht für eine Wie dergabe an dieser Stelle eignen.
Einige Wochen später mußte Wolfgang nach Amerika abreisen, wo er sich für ein Vierteljahr zu Vorträgen
verpflichtet hatte. Mir war es kein angenehmer Gedanke, daß Wolfgang sich in diesem erregenden Stadium
einer unfertigen Entwicklung dem nüchternen Pragmatismus der Amerikaner aussetzen wollte. Ich versuchte,
ihm von der Reise abzuraten. Aber an den Plänen war nichts mehr zu ändern. Wir bereiteten noch einen
Entwurf für eine gemeinsame Veröffentlichung vor, der, wie es üblich ist, an einige befreundete und an
diesem Gegenstand besonders interessierte Physiker verschickt wurde. Aber dann lag der doch ziemlich
breite Atlantische Ozean zwischen uns, und Wolfgangs Briefe kamen spärlicher. Ich glaubte in ihnen einen
Unterton von Müdigkeit und Resignation zu spüren, aber inhaltlich hielt Wolfgang an der eingeschlagenen
Richtung fest. Plötzlich schrieb er mir ziemlich brüsk, er habe sich entschlossen, sich weder an der
Bearbeitung des Gegenstandes noch an der Veröffentlichung weiter zu beteiligen. Er habe auch den
Physikern, die eine Abschrift unserer vorläufigen Veröffentlichung bekommen hätten, mitgeteilt, daß der
Inhalt nicht mehr seiner jetzigen Meinung entspräche. Er gab mir volle Freiheit, mit dem bisherigen Ergebnis
zu machen, was ich wolle. Damit brach der Briefwechsel für längere Zeit ab, und es gelang mir nicht, von
Wolfgang nähere Auskunft über seine Sinnesänderung zu bekommen. Ich vermutete, daß es die Unklarheit
des ganzen Gedankengebäudes war, die Wolfgang den Mut genommen hatte. Aber sein Verhalten war mir
doch nicht recht verständlich. Der Unklarheiten war ich mir natürlich durchaus bewußt; aber wir hatten ja
auch in früheren Zeiten gelegentlich im Nebel gemeinsam einen Weg gesucht, und eigentlich warenmir diese
Situationen in der Forschung immer als die interessantesten erschienen.
Ich traf Wolfgang erst wieder auf einer Konferenz, die im Juli 1958 in Genf stattfand und auf der ich über
den damaligen Stand unserer Analyse jener Feldgleichung zu berichten hatte. Wolfgang stellte sich mir fast
feindlich gegenüber. Er kritisierte Einzelheiten unserer Analyse auch dort, wo mir diese Kritik unberechtigt
schien, und er war kaum zu einem eingehenden Gespräch über unsere Probleme zu bewegen. Einige Wochen
später trafen wir uns noch einmal für etwas längere Zeit in Varenna am Corner See. Dort werden in einer
Villa, von deren in Terrassen aufsteigendem Garten aus man große Teile des mittleren Sees überschauen
kann, regelmäßig Sommerschulen abgehalten, und da der Gegenstand diesmal die Physik der
Elementarteilchen betraf, gehörten Wolfgang und ich zu den geladenen Gästen. Wolfgang war mir gegenüber
nun wieder freundlich, fast wie früher. Aber er war irgendwie ein anderer Mensch geworden. Wir gingen oft
lange an dem rosenumrankten Steingeländer auf und ab, das den Park vom See trennt, oder wir saßen auf
einer Bank zwischen den Blumen und schauten über die blaue Wasserfläche auf die Kammlinie der
gegenüberliegenden Berge. Wolfgang fing noch einmal an, über unsere gemeinsamen Hoffnungen zu
sprechen.
»Ich glaube«, sagte er, »es ist gut, daß du an diesen Fragen weiterarbeitest. Du weißt ja selbst, wieviel da
noch zu tun ist, und im Laufe der Jahre wird es schon weitergehen. Vielleicht ist ja alles genauso, wie wir es
erhofft haben, vielleicht hast du ganz recht mit deinem Optimismus. Aber ich kann nicht mehr dabeisein.
Meine Kräfte reichen dazu nicht mehr aus. In der vergangenen Weihnachtszeit habe ich noch geglaubt, daß
ich so wie früher mit voller Kraft in die Welt dieser ganz neuartigen Probleme eintreten könnte. Aber so ist
das nicht mehr. Vielleicht wirst du es können, vielleicht erst deine jungen Mitarbeiter. Du scheinst in Göttin-
gen ja einige ausgezeichnete junge Physiker in deinem Institut zu haben. Mir ist es jetzt zu schwer, und damit
muß ich mich abfinden.«
Ich versuchte Wolfgang zu trösten. Er sei wohl nur etwas enttäuscht, daß es nicht so schnell gehen könnte,
wie er es sich an Weihnachten erträumt hätte, und mit der Arbeit könnte doch wohl auch der Mut wieder
zurückkommen. Aber er wollte das nicht gelten lassen.
»Nein, mit mir ist es alles anders als früher«, sagte er nur.
Elisabeth, die mich nach Varenna begleitet hatte, äußerte sich einmal sehr besorgt über Wolfgangs
Gesundheitszustand. Sie hatte den Eindruck, er sei schwer krank. Aber ich konnte das nicht sehen. Die
gemeinsamen Wege im Park von Varenna blieben die letzte Begegnung zwischen Wolf gang und mir. Gegen
Ende 1958 erhielt ich die erschreckende Nachricht, Wolfgang sei im Anschluß an eine plötzlich notwendig
gewordene Operation gestorben. Ich kann nicht daran zweifeln, daß der Beginn seiner Erkrankung in jenen
Wochen gelegen hat, in denen er die Hoffnung auf eine baldige Vollendung der Theorie der
Elementarteilchen aufgegeben hat. Aber was hier Ursache und was Wirkung gewesen ist, wage ich nicht zu
beurteilen.
20. Elementarteilchen und Platonische Philosophie
(1961-1965)

Das Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik, das ich mit meinen Mitarbeitern nach dem Kriege in
Göttingen aufgebaut hatte, war im Herbst 1958 nach München verlagert worden, und damit hatte ein neuer
Abschnitt in unserem Leben begonnen. In dem modernen weiträumigen Institutsgebäude, das nach den Plä-
nen eines alten Freundes aus der Jugendbewegung, Sep Ruf, im Norden der Stadt am Rande des Englischen
Gartens errichtet worden war, hatte eine neue Generation junger Physiker die Aufgaben übernommen, die ihr
durch die Entwicklung unserer Wissenschaft gestellt wurden. Für die Arbeiten an der einheitlichen
Feldtheorie der Elementarteilchen interessierte sich vor allem Hans-Peter Dürr, der, als Kind in Deutschland
aufgewachsen, seine wissenschaftliche Ausbildung in den Vereinigten Staaten von Amerika erhalten hatte
und nach einer längeren Assistentenzeit bei Edward Teller in Kalifornien wieder in Deutschland tätig sein
wollte. Schon in Kalifornien hatte er wohl von Teller über unseren früheren Leipziger Kreis gehört, und in
München konnte er die Verbindung mit der Tradition durch Gespräche mit Carl Friedrich herstellen, der
regelmäßig im Herbst für einige Wochen in unser Institut kam, um die Fäden zwischen Philosophie und
Physik nicht abreißen zu lassen. So ergab es sich, daß die einheitliche Feldtheorie in ihren physikalischen und
philosophischen Aspekten oft zum Gegenstand von Gesprächen zu dritt wurde, die Carl Friedrich, Dürr und
ich in meinem Arbeitszimmer im neuen Institut führten. Eines dieser Gespräche soll als Beispiel für viele
andere aufgezeichnet werden.
Carl Friedrich: »Seid ihr mit eurer einheitlichen Feldtheorie im letzten Jahr irgendwie weitergekommen? Ich
will nicht gleich mit den philosophischen Fragen anfangen, die mich dabei im Grunde am meisten
interessieren. Aber zunächst ist so eine Theorie ja handfeste Physik. Sie muß sich im Experiment bewähren,
oder sie wird vom Experiment widerlegt. Also gibt es da irgendwelche Fortschritte, die ihr mir erzählen
könnt? Insbesondere möchte ich wissen, ob ihr zu dem Paulischen Thema ›Zweiteilung und Sym-
metrieverminderung‹ etwas Neues herausbekommen habt.«
Dürr: »Wir glauben, daß wir die Zweiteilung wenigstens in dem einen Fall der Rechts-Links-Symmetrie jetzt
verstanden haben. Sie kommt wirklich dadurch zustande, daß es in der Relativitätstheorie für die Masse eines
Elementarteilchens eine quadratische Gleichung geben muß, die dann zwei Lösungen hat. Aber die
Symmetrieverminderung ist eigentlich noch viel interessanter. Da sieht es so aus, als handele es sich um sehr
allgemeine und wichtige Zusammenhänge, die man bisher nicht beachtet hatte. Wenn eine strenge
Symmetrieeigenschaft der Naturgesetze im Spektrum der Elementarteilchen nur gestört in Erscheinung tritt,
so kann das doch nur dadurch zustande kommen, daß die Welt oder der Kosmos, also der einmalige
Untergrund, aus dem die Elementarteilchen entstehen, weniger symmetrisch ist als die Naturgesetze. Das ist
ja auch durchaus möglich und mit der symmetrischen Feldgleichung verträglich. Wenn eine solche Situation
vorliegt, so scheint notwendig zu folgen - den Beweis will ich jetzt nicht vorführen - daß es dann Kräfte
langer Reichweite oder Elementarteilchen von verschwindender Ruhmasse geben muß. Wahrscheinlich kann
man die Elektrodynamik in dieser Weise verstehen. Auch die Gravitation kann so zustande kommen, und wir
hoffen, daß an dieser Stelle die Verbindung zu den Ansätzen hergestellt werden kann, die Einstein seiner
einheitlichen Feldtheorie und seiner Kosmologie zugrunde legen wollte.«
Carl Friedrich: »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, nehmen Sie an, daß die Form des Kosmos durch die
Feldgleichung noch nicht eindeutig bestimmt ist. Es könnte also verschiedene Formen des Kosmos geben, die
mit der Feldgleichung verträglich wären.
Das würde doch bedeuten, daß die Theorie ein Element von Kontingenz enthält, das heißt, daß der Zufall,
oder sagen wir besser das nicht weiter erklärbare Einmalige in ihr eine Rolle spielt. Vom Standpunkt der
bisherigen Physik aus ist das nicht weiter verwunderlich; denn auch in ihr sind die Anfangsbedingungen nicht
durch die Naturgesetze festgelegt, sie sind kontingent, das heißt sie könnten auch anders sein. Auch ein Blick
auf die heutige Gestalt des Kosmos, auf die unzählbaren Milchstraßensysteme mit einer weitgehend
ungeordneten Verteilung von Sternen und Sternsystemen zwingt fast zu dem Gedanken, daß es auch anders
sein könnte, das heißt, daß die Menge der Sterne, ihre Position, die Zahl und Größe der Milchstraßensysteme
ebensogut auch etwas andere Werte annehmen könnten, ohne daß es eine Welt mit anderen Naturgesetzen
sein müßte. Nun wird es ja zum Glück, wenn es sich um das Spektrum der Elementarteilchen handelt, nicht
auf die Einzelheiten der kosmischen Verhältnisse ankommen. Aber Sie meinen, daß die allgemeinen
Symmetrieeigenschaften des Kosmos doch auf dieses Spektrum zurückwirken. Solche allgemeinen
Eigenschaften könnte man vielleicht, ebenso wie in der allgemeinen Relativitätstheorie, durch vereinfachte
Modelle des Kosmos darstellen, und die zugrunde liegende Feldgleichung würde gewisse Modelle zulassen,
andere ausschließen. Das Spektrum der Elementarteilchen könnte für jedes dieser möglichen Modelle etwas
verschieden aussehen. Dann könnten Sie also aus dem Spektrum der Elementarteilchen Rückschlüsse auf die
Symmetrien des Kosmos ziehen.«
Dürr: »Ja, genau das ist unsere Hoffnung. Wir hatten zum Beispiel vor einiger Zeit Annahmen über diese
Symmetrieeigenschaften gemacht, die später durch neuere Experimente an gewissen Elementarteilchen
widerlegt wurden, und wir haben dann andere mögliche Annahmen gefunden, die zu den experimentellen
Ergebnissen passen. Es sieht jetzt so aus, als könnte die ganze Elektrodynamik auf der Grundlage der
Unsymmetrie der Welt gegenüber der Vertauschung von Proton und Neutron und allgemeiner gegenüber der
Isospingruppe verstanden werden. An dieser Stelle besitzt die einheitliche Feldtheorie also einstweilen
genügend Fle xibilität, um die beobachteten Phänomene in den allgemeinen Zusammenhang einzuordnen.«
Carl-Friedrich: »Wenn man in dieser Richtung weiterdenkt, kommt man zu einer sehr interessanten und
schwierigen Frage. Ich glaube, man muß im kontingenten Bereich einen grundsätzlichen Unterschied machen
zwischen einmalig und zufällig. Den Kosmos gibt es ja nur einmal. Also stehen am Anfang einmalige
Entscheidungen über die Symmetrieeigenschaften des Kosmos. Später bilden sich viele Milchstraßensysteme
und viele Sterne, da werden immer wieder gleichartige Entscheidungen getroffen, die man in einem gewissen
Sinne, gerade wegen ihrer Fülle und ihrer Wiederholbarkeit, zufällig nennen kann. Erst bei ihnen werden die
Häufigkeitsregeln der Quantenmechanik wirksam. Freilich ist dabei die Benutzung des Zeitbegriffs in den
Ausdrücken ›am Anfang‹ und ›später‹ problematisch, da ja auch der Zeitbegriff erst durch das Modell des
Kosmos einen klaren Sinn erhält. Aber vielleicht sollen wir davon jetzt nicht sprechen. Zu den einmaligen
Entscheidungen, die sozusagen am Anfang stehen, gehören aber dann auch die Naturgesetze selbst, die ihr in
eurer Feldgleichung beschreiben wollt. Denn man darf doch fragen, warum die Naturgesetze gerade diese
Form haben und keine andere; ebenso wie man fragen darf, warum der Kosmos gerade diese Symmetrie-
eigenschaften hat und keine anderen. Vielleicht gibt es auf solche Fragen keine Antwort. Aber mir scheint es
nicht befriedigend, eure Feldgleichung einfach hinzunehmen, selbst wenn sie durch ihre hohe Symmetrie und
Einfachheit vor allen anderen möglichen Formen ausgezeichnet sein sollte. Vielleicht kann man durch den
Paulischen Prozeß der Zweiteilung und Symmetrieverminderung auch eurer Feldgleichung noch eine tiefere
Bedeutung geben.«
»Das will ich sicher nicht ausschließen«, antwortete ich. »Aber ich möchte für den Augenblick das einmalige
dieser ersten Entscheidungen noch etwas unterstreichen. Diese Entscheidungen legen Symmetrien fest,
einmal und für immer; sie setzen Formen, die das spätere Geschehen weitgehend bestimmen. ›Am Anfang
war die Symmetrie‹, das ist sicher richtiger als die Demokritsche These ›Am Anfang war das Teilchen‹. Die
Elementarteilchen verkörpern die Symmetrien, sie sind ihre einfachsten Darstellungen, aber sie sind erst eine
Folge der Symmetrien. In der Entwicklung des Kosmos kommt später der Zufall ins Spiel. Aber auch der Zu-
fall fügt sich den zu Anfang gesetzten Formen, er genügt den Häufigkeitsgesetzen der Quantentheorie. In der
späteren, immer komplizierter werdenden Entwicklung kann sich dieses Spiel wiederholen. Es können wieder
durch einmalige Entscheidungen Formen gesetzt werden, die das folgende Geschehen weitgehend be-
stimmen. So scheint es doch zum Beispiel bei der Entstehung der Lebewesen gegangen zu sein; und ich finde
die Entdeckungen der modernen Biologie hier äußerst aufschlußreich. Die besonderen geologischen und
klimatischen Bedingungen auf unserem Planeten haben eine komplizierte Kohlenstoffchemie möglich
gemacht, die Kettenmoleküle zuläßt, in denen Information gespeichert werden kann. Die Nukleinsäure hat
sich als ein geeigneter Informationsspeicher für Aussagen über die Struktur von Lebewesen erwiesen. An
dieser Stelle ist eine einmalige Entscheidung gefallen, es ist eine Form gesetzt, die die ganze weitere Biologie
bestimmt, In dieser späteren Entwicklung spielt aber der Zufall wieder eine wichtige Rolle. Wenn auf
irgendeinem Planeten eines anderen Sternsystems die gleichen klimatischen und geologischen Bedingungen
herrschen sollten wie auf unserer Erde und wenn auch dort die Kohlenstoffchemie zur Bildung der Nuklein-
säureketten geführt haben sollte, so wird man doch nicht annehmen können, daß dort gerade die gleichen
Lebewesen entstanden sind wie bei uns. Aber sie werden nach der gleichen Grundstruktur der Nukleinsäure
gebildet sein. Ich kann gar nicht vermeiden, bei dieser Feststellung an die Naturwissenschaft Goethes zu
denken, der ja die ganze Botanik aus der Urpflanze herleiten wollte. Die Urpflanze sollte ein Objekt sein, aber
doch gleichzeitig auch die Grundstruktur bedeuten, nach der alle Pflanzen gebaut sind. In diesem Goethe-
schen Sinne könnte man die Nukleinsäure als Urlebewesen bezeichnen, da sie auch einerseits ein Objekt ist
und andererseits eine Grundstruktur für die ganze Biologie darstellt. Wenn man so redet, steckt man natürlich
schon mitten in der Platonischen Philosophie. Die Elementarteilchen können mit den regulären Körpern in
Platos ›Timaios‹ verglichen werden. Sie sind die Urbilder, die Ideen der Materie. Die Nukleinsäure ist die
Idee des Lebewesens. Diese Urbilder bestimmen das ganze weitere Geschehen. Sie sind die Repräsentanten
der zentralen Ordnung. Und wenn auch in der Entwicklung der Fülle der Gebilde später der Zufall eine wich-
tige Rolle spielt, so könnte es sein, daß auch dieser Zufall irgendwie auf die zentrale Ordnung bezogen ist.«
Carl Friedrich: »Mit dem Wort ›irgendwie‹ an dieser Stelle bin ich nicht zufrieden. Könntest du genauer
erklären, was du hier meinst? Ist nach deiner Ansicht dieser Zufall ganz sinnlos? Führt er sozusagen nur aus,
was die quantentheoretischen Gesetze über die Häufigkeit der Vorgänge mathematisch formulieren? Bei dem
was du sagst, klingt es manchmal so, als hieltest du darüber hinaus noch irgendeinen Zusammenhang mit dem
Ganzen für möglich, von dem man sagen könnte, daß er dem Einzelereignis einen Sinn gibt.«
Dürr: »Jede Abweichung von den Häufigkeitsregeln der Quantenmechanik würde unverständlich machen,
warum die Phänomene sich sonst in den Rahmen der Quantentheorie einordnen. Solche Abweichungen sollte
man also nach den bisher vorliegenden Erfahrungen keinesfalls für möglich halten. Aber wahrscheinlich
haben Sie auch daran gar nicht gedacht. Die Frage zielt vielleicht auf Ereignisse oder Entscheidungen, die
ihrem Wesen nach einmalig sind, bei denen es sich also nicht um Häufigkeiten handelt. Aber das Wort ›Sinn‹,
das Sie in Ihrer Formulierung verwendet haben, macht ja überhaupt diese Frage für die Naturwissenschaft
etwas unzugänglich.«
An dieser Stelle brach das Gespräch zunächst ab. Aber einige Tage später erhielt es eine Fortsetzung in
Diskussionen, an denen ich im wesentlichen als Zuhörer beteiligt war. Im Max-Planck-Institut für
Verhaltensforschung, das an einem kleinen waldumschlossenen See im Hügelland zwischen Starnberger- und
Ammersee liegt, widmeten sich damals Konrad Lorenz und Erich von Holst zusammen mit ihren Mitarbeitern
dem Verhalten der dort heimischen Tierwelt. Sie redeten - so lautet der Titel eines der Lorenzschen Bücher -
mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen. In diesem Institut fand regelmäßig im Herbst ein Kolloquium
statt, in dem Biologen, Philosophen, Physiker und Chemiker über grundsätzliche, vor allem
erkenntnistheoretische Probleme der Biologie diskutierten. Es wurde etwas leichtsinnig vereinfachend das
»Leib-Seele-Kolloquium« genannt. An diesen Gesprächen nahm ich gelegentlich teil, fast nur als Zuhörer, da
ich ja viel zuwenig von Biologie wußte. Aber ich versuchte, aus den Diskussionen der Biologen zu lernen. Ich
erinnere mich, daß an jenem Tage von der Darwinschen Theorie in ihrer modernen Form: »Zufällige Muta-
tionen und Selektion« die Rede war und daß zur Begründung dieser Lehre der folgende Vergleich
herangezogen wurde: Mit der Entstehung der Arten gehe es wohl ähnlich wie mit der Entstehung der
menschlichen Werkzeuge. So sei etwa zur Fortbewegung auf dem Wasser zunächst das Ruderboot erfunden
worden, und die Seen und Meeresküsten hätten sich mit Ruderbooten bevölkert. Dann sei irgendein Mensch
auf die Idee gekommen, die Kraft des Windes durch Segel auszunutzen, und so hätten sich die Segelboote auf
den meisten größeren Gewässern gegen die Ruderboote durchgesetzt. Schließlich sei die Dampfmaschine
konstruiert worden, und die Dampfschiffe hätten auf allen Meeren die Segelboote verdrängt. Die Ergebnisse
unzulänglicher Versuche würden in der sich entwickelnden Technik sehr schnell ausgemerzt. In der
Beleuchtungstechnik etwa sei die Nernstlampe fast sofort durch die elektrische Glühbirne beseitigt worden.
Ähnlich müsse man sich auch den Selektionsprozeß unter den verschiedenen Arten von Lebewesen
vorstellen. Die Mutationen erfolgten rein zufällig, so wie es eben die Quantentheorie verfüge, und der
Selektionsvorgang scheide die meisten dieser Versuche der Natur wieder aus. Nur wenige Formen, die sich
unter den gegebenen äußeren Umständen bewährten, blieben übrig.
Beim Durchdenken dieses Vergleichs fiel mir auf, daß der geschilderte Vorgang in der Technik gerade an
einem entscheidenden Punkt der Darwinschen Lehre widerspricht; nämlich dort, wo in der Darwinschen
Theorie der Zufall ins Spiel kommt. Die verschiedenen menschlichen Erfindungen entstehen ja gerade nicht
durch Zufall, sondern durch die Absicht und das Nachdenken der Menschen. Ich versuchte mir auszumalen,
was herauskäme, wenn man den Vergleich hier ernster nähme, als er gemeint war, und was dann etwa an
die Stelle des Darwinschen Zufalls treten müßte. Könnte man hier mit dem Begriff »Absicht« etwas anfan-
gen? Eigentlich verstehen wir ja nur beim Menschen, was mit dem Wort »Absicht« gemeint ist. Zur Not
können wir vielleicht noch dem Hund, der auf den Küchentisch springt, die »Absicht« zubilligen, die Wurst zu
fressen. Aber hat ein Bakteriophage, der sich einem Bakterium nähert, die Absicht, in dieses einzudringen,
um sich dort zu vermehren? Und wenn wir hier noch bereit wären, »ja« zu sagen, kann man dann vielleicht
auch noch der Genstruktur die Absicht zuschreiben, sich so zu verändern, daß sie den Umweltbedingungen
besser angepaßt ist? Offensichtlich wird hier mit dem Wort »Absicht« Mißbrauch getrieben. Aber vielleicht
könnte man für die Frage die vorsichtigere Formulierung wählen: Kann das Mögliche, nämlich das zu
erreichende Ziel, den kausalen Ablauf beeinflussen? Damit ist man aber schon fast wieder im Rahmen der
Quantentheorie. Denn die Wellenfunktion der Quantentheorie stellt ja das Mögliche und nicht das Faktische
dar. In anderen Worten: vielleicht ist der Zufall, der in der Darwinschen Theorie eine so wichtige Rolle spielt,
gerade deshalb, weil er sich den Gesetzen der Quantenmechanik einordnet, etwas viel Subtileres, als wir uns
zunächst vorstellen.
Diese Gedankenkette wurde dadurch unterbrochen, daß in der Diskussion erhebliche Meinungsverschieden-
heiten über die Bedeutung der Quantentheorie in der Biologie auftauchten. Der Grund für solche Gegensätze
liegt wohl allgemein darin, daß die meisten Biologen zwar durchaus bereit sind zuzugeben, daß die Existenz
der Atome und Moleküle nur mit der Quantentheorie verstanden werden könne, daß sie aber sonst den
Wunsch haben, die Bausteine der Chemiker und Biologen, nämlich Atome und Moleküle, als Gegenstände der
klassischen Physik zu betrachten, also mit ihnen umzugehen wie mit Steinen oder Sandkörnern. Ein solches
Verfahren mag zwar oft zu richtigen Resultaten führen; aber wenn man es genauer nehmen muß, ist die
begriffliche Struktur der Quantentheorie doch sehr anders, als die der klassischen Physik. Man kann also
gelegentlich zu ganz falschen Ergebnissen kommen, wenn man in den Begriffen der klassischen Physik denkt.
Aber über diesen Teil der Diskussionen im »Leib-Seele-Kolloquium« soll hier nicht berichtet werden.
In meinem Münchner Institut hatte sich eine Gruppe junger Physiker zusammengefunden, die stetig an den
Problemen weiterarbeiteten, die durch die einheitliche Feldtheorie der Elementarteilchen gestellt worden
waren. Die stürmischen Auseinandersetzungen, die uns in den ersten Jahren in Atem gehalten hatten, waren
längst einer ruhigen Betrachtung gewichen. Es kam jetzt darauf an, Schritt für Schritt in die Theorie
einzudringen und zu versuchen, in ihren Rahmen ein zusammenhängendes Bild der einzelnen Phänomene zu
zeichnen, soweit das möglich war. Die Experimente, die an den großen Beschleunigungsmaschinen in Genf
und in Brookhaven durchgeführt wurden, lieferten neue Aufschlüsse über die Einzelheiten im Spektrum der
Elementarteilchen, und man mußte nachsehen, ob diese Ergebnisse zu den Aussagen der Theorie paßten. In
dem Maß, in dem so im Laufe der Jahre die einheitliche Feldtheorie greifbare physikalische Gestalt annahm,
erhöhte sich auch Carl Friedrichs Interesse für ihre philosophische Begründung. Das alte Paulische Thema:
Zweiteilung und Symmetrieverminderung, war ja noch keineswegs ausgeschöpft. Das von Dürr diskutierte
Beispiel der Rechts-Links-Symmetrie war nur ein spezieller Fall gewesen, an dem man vielleicht die
wesentlichen Züge des Problems noch kaum erkennen konnte. Carl Friedrich versuchte nun im Ernst, an die
Wurzel dieser Problematik heranzukommen.
Unsere Diskussionen fanden in diesen Jahren nicht selten in Urfeld statt. Die Zeiten waren für uns friedlicher
und ruhiger geworden, wir konnten uns häufiger an Wochenenden oder in den Ferienmonaten in unsere
Walchenseeheimat zurückziehen. Wenn man auf der Terrasse vor dem Haus saß, leuchteten der See und die
Berge in den Farben, an denen sich 40 Jahre früher Lovis Corinth in seinen Bildern begeistert hatte, und nur
selten noch huschte vor meinem geistigen Auge das andere Bild aus den letzten Kriegstagen vorbei: Der
amerikanische Oberst Pash kniet mit seiner Maschinenpistole im Anschlag hinter der Terrassenmauer, von
der Straße hallen Schüsse herauf, und die Kinder müssen im Keller hinter den Sandsäcken warten, was
weiter geschehen wird. Aber die unruhigen Zeiten waren vorbei, und wir konnten in Ruhe über die großen
Fragen meditieren, die Plato gestellt hatte und die vielleicht in der Physik der Elementarteilchen jetzt ihre
Lösung fanden.
Carl Friedrich, der uns besuchte, erklärte mir die Grundgedanken seines Versuchs: »Alles Nachdenken über
die Natur muß sich ja unvermeidlich in großen Kreisen oder Spiralen bewegen; denn wir können von der
Natur nur etwas verstehen, wenn wir über sie nachdenken, und wir sind mit allen unseren Verhaltensweisen,
auch dem Denken, aus der Geschichte der Natur hervorgegangen. Man könnte also im Prinzip an irgendeiner
Stelle anfangen. Aber unser Denken ist so gemacht, daß es zweckmäßig scheint, mit dem Einfachsten zu
beginnen, und das Einfachste ist eine Alternative: Ja oder Nein, Sein oder Nichtsein, Gut oder Böse. Solange
eine solche Alternative so gedacht wird, wie es im täglichen Leben geschieht, entsteht nichts weiter aus ihr.
Aber wir wissen ja aus der Quantentheorie, daß es bei einer Alternative nicht nur die Antworten Ja oder
Nein gibt, sondern auch andere dazu komplementäre Antworten, in denen eine Wahrscheinlichkeit für Ja oder
Nein festgelegt und außerdem eine gewisse Interferenz zwischen Ja und Nein fixiert wird, die einen
Aussagewert besitzt. Es gibt also ein Kontinuum von möglichen Antworten. Mathematisch handelt es sich
dabei um die kontinuierliche Gruppe der linearen Transformationen von zwei komplexen Variablen. In dieser
Gruppe ist die Lorentzgruppe der Relativitätstheorie bereits enthalten. Wenn man über irgendeine dieser
möglichen Antworten fragt, ob sie zutrifft oder nicht, so stellt man also Fragen über einen Raum, der schon
mit dem Raum-Zeit-Kontinuum der wirklichen Welt verwandt ist. In dieser Weise möchte ich versuchen, die
Gruppenstruktur, die ihr in eurer Feldgleichung festgelegt habt und mit der die Welt gewissermaßen
aufgespannt wird, durch ein Übereinanderschichten von Alternativen zu entwickeln.«
»Du legst also Wert darauf«, warf ich ein, »daß die Zweiteilung, von der Pauli gesprochen hat, nicht eine
Zweiteilung im Sinne der Aristotelischen Logik ist, sondern daß die Komplementarität hier an entscheidender
Stelle hereinkommt. Die Zweiteilung im Aristotelischen Sinne wäre mit Recht, wie Pauli schrieb, ein Attribut
des Teufels, sie führt durch fortgesetzte Wiederholung nur ins Chaos. Aber die dritte Möglichkeit, die mit der
quantentheoretischen Komplementarität aufgetaucht ist, kann fruchtbar werden und führt bei der
Wiederholung in den Raum der wirklichen Welt. In der Tat ist ja in der alten Mystik die Zahl ›Drei‹ mit dem
göttlichen Prinzip verbunden. Man könnte auch, um nicht bis in die Mystik zurückzugehen, an den Hegelschen
Dreischritt denken: Thesis-Antithesis-Synthesis. Die Synthesis kann nicht nur ein Gemenge, ein Kompromiß
aus Thesis und Antithesis sein, sondern sie wird fruchtbar nur, wenn aus der Verbindung von Thesis und
Antithesis etwas qualitativ Neues entsteht.«
Carl Friedrich war nur halb zufrieden: »Ja, das sind so ganz schöne allgemeine philosophische Gedanken, aber
ich möchte das doch genauer wissen. Ich hoffe eigentlich, daß man in dieser Weise genau zu den wirklichen
Naturgesetzen kommt. Eure Feldgleichung, von der man ja noch nicht sicher weiß, ob sie die Natur richtig
darstellt, sieht so aus, als könnte sie aus dieser Philosophie der Alternativen entstehen. Aber das muß man
doch mit dem Grad der Strenge, der in der Mathematik üblich ist, schließlich herausbringen können.«
»Du möchtest also«, fügte ich ein, »die Elementarteilchen, und damit schließlich die Welt, in der gleichen
Weise aus Alternativen aufbauen, wie Plato seine regulären Körper und damit auch die Welt aus Dreiecken
aufbauen wollte. Die Alternativen sind ebensowenig Materie wie die Dreiecke in Platos ›Timaios‹. Aber
wenn man die Logik der Quantentheorie zugrunde legt, so ist die Alternative eine Grundform, aus der
kompliziertere Grundformen durch Wiederholung entstehen. Der Weg soll also, wenn ich dich richtig
verstanden habe, von der Alternative zu einer Symmetriegruppe, das heißt zu einer Eigenschaft führen; die
Darstellenden einer oder mehrerer Eigenschaften sind die mathematischen Formen, die die Elementarteilchen
abbilden; sie sind sozusagen die Ideen der Elementarteilchen, denen dann schließlich das Objekt
Elementarteilchen entspricht. Diese allgemeine Konstruktion ist mir durchaus verständlich. Auch ist die
Alternative sicher eine sehr viel fundamentalere Struktur unseres Denkens als das Dreieck. Aber die exakte
Durchführung deines Programms stelle ich mir doch außerordentlich schwierig vor. Denn sie wird ein
Denken von so hoher Abstraktheit erfordern, wie sie bisher, wenigstens in der Physik, nie vorgekommen ist.
Mir wäre das sicher zu schwer. Aber die jüngere Generation hat es ja leichter, abstrakt zu denken. Also
solltest du das mit deinen Mitarbeitern unbedingt versuchen.«
Hier schaltete sich Elisabeth in das Gespräch ein, die von ferne zugehört hatte: »Glaubt ihr denn, daß ihr die
junge Generation für solche schwierigen Probleme interessieren könnt, die den großen Zusammenhang
betreffen? Wenn ich von dem ausgehe, was ihr gelegentlich von der Physik in den großen Forschungszentren
hier oder in Amerika erzählt, so sieht es doch so aus, als ob sich das Interesse gerade bei der jüngeren Gen-
eration fast nur den Einzelheiten zuwendet, als ob die großen Zusammenhänge beinahe einer Art von Tabu
unterliegen. Man soll von ihnen nicht sprechen. Könnte es hier nicht so gehen, wie im ausgehenden Altertum
mit der Astronomie, als man sich durchaus damit begnügte, die nächsten Sonnen- und Mondfinsternisse mit
überlagerten Zyklen und Epizyklen auszurechnen, und das heliozentrische Planetensystem des Aristarch
darüber vergaß? Könnte es nicht geschehen, daß das Interesse für eure allgemeinen Fragen völlig erlischt?«
Aber ich wollte hier nicht so pessimistisch sein und widersprach. »Das Interesse für die Einzelheiten ist gut
und notwendig, denn wir wollen ja schließlich wissen, wie es wirklich ist. Und du erinnerst dich, daß auch
Niels immer gern den Vers zitiert hat: ›Nur die Fülle führt zur Klarheit‹. Auch mit dem Tabu bin ich gar nicht
so unzufrieden. Denn ein Tabu wird ja nicht verhängt, um das zu verbieten, von dem man nicht sprechen soll,
sondern um es gegen das Geschwätz und den Spott der vielen zu schützen. Von jeher hat die Begründung
eines Tabus doch so gelautet wie bei Goethe: ›Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich
verhöhnet... ‹ Gegen das Tabu soll man sich also nicht wehren. Es wird immer wieder junge Menschen
geben, die auch über die großen Zusammenhänge nachdenken, schon weil sie bis zum Letzten ehrlich sein
wollen, und dann kommt es ja nicht darauf an, wie viele es sind.«
Wer über die Philosophie Platos meditiert, weiß, daß die Welt durch Bilder bestimmt wird. Daher soll auch
die Schilderung der Gespräche durch ein Bild abgeschlossen werden, das sich mir als Zeichen der späten
Münchner Jahre unvergeßlich eingeprägt hat. Wir fuhren zu viert, Elisabeth, unsere beiden ältesten Söhne
und ich, durch die üppig blühenden Wiesen ins Hügelland zwischen Starnberger-See und Ammersee nach
Seewiesen, um im Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung Erich von Holst zu besuchen. Erich von
Holst war nicht nur ein ausgezeichneter Biologe, sondern auch ein guter Bratschist und Geigenbauer, und wir
wollten ihn wegen eines Musikinstruments um Rat fragen. Die Söhne, damals junge Studenten, hatten Geige
und Cello mitgebracht für den Fall, daß sich Gelegenheit zum Musizieren bieten sollte. Von Holst zeigte uns
sein neues Haus, das er künstlerisch und lebendig, weitgehend mit eigener Arbeit geplant und eingerichtet
hatte, und führte uns in ein geräumiges Wohnzimmer, in das durch die weitgeöffneten Fenster und
Balkontüren an diesem sonnigen Tag das Licht mit voller Kraft hereinströmte. Wenn man den Blick nach
draußen wandte, fiel er auf hellgrüne Buchen unter einem blauen Himmel, vor dem sich die Schützlinge des
Seewiesener Instituts in der Luft tummelten, v. Holst hatte seine Bratsche geholt, er setzte sich zwischen die
beiden jungen Menschen und begann, mit ihnen jene von dem jugendlichen Beethoven geschrie bene Serenade
in D-dur zu spielen, die von Lebenskraft und Freude überquillt und in der sich das Vertrauen in die zentrale
Ordnung überall gegen Kleinmut und Müdigkeit durchsetzt. In ihr verdichtete sich für mich beim Zuhören die
Gewißheit, daß es, in menschlichen Zeitmaßen gemessen, immer wieder weitergehen wird, das Leben, die
Musik, die Wissenschaft; auch wenn wir selbst nur für kurze Zeit mitwirken können - nach Niels' Worten
immer zugleich Zuschauer und Mitspieler im großen Drama des Lebens.
Personenregister

Adenauer, Konrad 277f, 297, 299, 307-311


Aristarch (von Samos) 50
Aristoteles 187, 331

Bach, Johann Sebastian 24


Barton, H. A. 132-140
Beck, Ludwig 258f.
Beethoven, Ludwig van 36
Beltz, Hans 195
Bethe, Hans A. 218
Bjerrum, Niels J. 150f., 161f.
Bloch, Felix 163, 175ff., 180f., 186, 193, 195
Bohr, Christian 175ff., 181, 186, 193
Bohr, Niels 37, 43, 54, 56, 57, 58, 59, 60-65, 68, 69-84, 85, 88, 96, 97, 103, 105-109, 110, 111, 113ff., 119, 120,
122-130, 143, 144-160, 169, 173, 175-183, 185-193, 212, 214, 215ff., 224, 244, 247f, 257, 273ff., 279-286, 295,
303, 314, 333f.
Bonhoeffer, Carl-Friedrich 206
Born, Max 65, 69, 86, 90, 11O, 231, 273
Bücking 227
Burckhardt, Jacob 73, 203
Butenandt, Adolf 249-253, 255f, 277

Chadwick, James 183


Chievitz, 150 ff., 154, 160ff.
Cockroft, John D. 214
Compton, Arthur Holly 85
Corinth, Lovis 231, 330
Courant, Richard 65, 273

Darwin, Charles 157 ff., 327 f. Debye, Peter 131


Demokrit 184f., 325
Dirac, Paul A. M. 90, 110, 116, 120-123, 125, 129, 140-143, 178, 184f., 2I9ff., 222ff., 304f., 316
Döpel, Gustav Robert 240
Drude, Burkhard 112
Dürr, Hans-Peter 321-326, 329

Einstein, Albert 35, 3Öf., 38, 43, 49, 53, 66, 67, 68, 85, 88, 90- 100, 101, 103, 106, 108, 111, 114f., 116, 118,
119, 145, 150, 254, 266, 322
Egil Skallagrimsson 75, 81
Ehrenfest, Paul 115
Euler, Hans 219-213, 225, 228f., 240-244, 259

Faraday, Michael, 53
Fermi, Enrico 231-255, 266
Franck, James 65
Frank, Philipp 284 ff,
Franz Ferdinand, Erzherzog 71
Fräser, Ronald 274
Friedrich II. von Dänemark 76
Fries, Jakob Friedrich 164

Galvani, Luigi 266


Gerlach, Walter 262, 264
Goethe, Johann Wolfgang von 36, 47, 325, 333
Grönblom, Berndt Olaf 240f., 244

Hahn, Otto 218, 230, 333, 250, 255f., 262ff.,


265ff., 268, 274, 176
Hamlet, Prinz von Dänemark 77
Hassel, Ulrich von 258f.
Haydn, Joseph 36
Hegel, Georg Friedrich W. 254, 331
Heisenberg, Elisabeth (geb. Schumacher) 228, 320, 332
Helmholtz, Hermann von 90
Hermann, Grete 163-173
Hubert, David 65, 304
Hipparch (von Nikaia) 50
Hitler, Adolf 200, 206ff., 233, 239ff., 359, 268
Holst, Erich von 327, 333f.
Houtermans, F. G, 246
Hund, Friedrich 163, 206

Jacobi, Erwin 227


James, William 187
Jensen, H. D. 246
Jessen, Jens 258f.
Joliot, Frederic 266
Jordan, Pascual 90, 110

Kant, Immanuel 48, 164- 173, 210


Klein, Oskar 113, 145
Kolumbus, Christoph 101
Kockel, B. 225
Krämers, Hendrik Antony 59, 60, 63, 83, 86, 87, 145, 148f.

Laue, Max von 90, 162


Landau, Lew Dawidowitsch 163
Lao-tse 189
Laporte, Otto 47, 49, 51-54, 88, 23f
Lee, Tsung-Dao 303 ff., 312 f.,
Levy 206
Lindemann, T. 29, 30, 42
Lorenz, Konrad 327
Lorentz, Hendrik A. 166, 316, 330

Mach, Ernst 53, 54, 93 ff.


Malebranche, Nicole 16ff., 25
Manet, Edouard 113
Marx, Karl 154
Maxwell, James Clerk 51, 93, 106, 133, 134, 137,
150, 222
Meltner, Lise 218
Mozart, Wolfgang Amadeus 36, 38

Nelson, Leonard 163 f.


Nernst, Walter 90, 216
Neumann, John von 158
Newton, Isaac 37, 50ff., 53, 56, 61, 62, 86, 133-138, 145, 156, 281, 288, 294
Nial 75, 81

Ornstein 85
Pascal, Blaise 293
Pash, Boris T. 261, 330
Pauli, Wolfgang 41, 42ff., 45-58, 67, 90, 103, 104, 113, 116-110, 129, 231, 279f., 283, 286-294, 302-306, 3 12-
320, 323, 329, 331
Pegram 234f.
Peierls, Rudolf E. 163
Planck, Max 37, 43, 54, 55, 90, 104, 105, 108, 109, 116, 117, 118, 145, 195, 203, 206-212, 254, 273, 276 Plato
19, 20, 21, 24, 25, 27, 185, 224, 326, 330, 331., 333
Puincaré, Jules-Henri 266
Popitz, Johannes 258 f.
Powell, Cecil 275
Ptolemäus 50, 51, 52, 138, 288
Kaiser, Ludwig 278

Reichwein, Adolf 259


Rein, Hermann 276
Rousseau, Jean-Jacques 36
Rubens, Heinrich 90
Ruf, Sep 321
Rurherford, Ernest 37, 54, 61, 213, 215, 217, 223

Sauerbruch, Ferdinand 258


Schardin 249f.
Schiller, Friedrich von 32, 74, 244, 284
Schmidt-Ort, Friedrich 256, 277
Schrödinger, Erwin 102-109, 110
Schubert, Franz 36, 254
Schulenburg, Werner Graf von der 258f.
Shakespeare, William 77
Shaw, George Bernard 317
Sommerfeld, Arnold 30, 31, 32, 37, 38, 41, 42, 43, 45, 48, 50, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 64, 66, 67, 104,105
Spranger, Eduard 258
Strauß, Franz Josef 304

Teller, Edward 163, 321


Thorwaldsen, Bertel 214

Volta, Alessandro 266

Waerden, Barthel Leendert van der 206


Walton, Ernest T. S. 213
Weber, Max 295
Weizsäcker, Carl Friedrich von 163 -173, 174-177, 186, 190, 192, 218, 229f., 235-240, 246f., 260, 262-273,
298, 299-302, 304, 307, 321-326, 329, 330
Weyl, Hermann 29, 42
Wien, Wilhelm 104, 105
Wirtz, Karl 240, 246, 262f., 296, 298, 300
Wittgenstein, Ludwig 123, 280
Wu, Chien-Shiung 312

Yang, Chen Ning 312 f.

Bildnachweis
Elisabeth Heisenberg: 1, 7, 13 (Aufnahme: S. Liebenthal), 14
Werner-Heisenberg-Archiv, München: 3 (Aufnahme: F. Hund), 4, 5,6,9, 10, 11, 12,16 (Aufnahme:
G. Groenefeld)
Süddeutscher Bilderdienst: 2, 8, 15
Werner Heisenberg
Gesammelte Werke
Abteilung C:
Allgemeinverständliche Schriften
Herausgegeben von Walter Blum, Hans-Peter Dürr und Helmut Rechenberg
Band I
Physik und Erkenntnis 1927-1955
Ordnung der Wirklichkeit, Interpretation der Quantenmechanik, Atomphysik, Kausalität,
Unbestimmtheitsrelationen) u. a. 1984. 453 Seiten. Leinen
Band II
Physik und Erkenntnis 1956-1968
Gifford-Lectures, Sprache und Wirklichkeit, Abstraktion und Vereinheitlichung, Goethes Naturbild u. a. 1984.
440 Seiten. Leinen
Band III
Physik und Erkenntnis 1969-1976
Der Teil und das Ganze, Die Bedeutung des Schönen, Naturwissenschaftliche und religiöse Wahrheit,
Elementarteilchen u. a. 1985. 242 Seiten. Leinen
Band IV
Biographisches und Kernphysik
Autobiographisches, Laudationes, Nobelvortrag, Münchner Festrede, Kernphysik, Buchbesprechungen u. a.
1986. 505 Seiten. Leinen
Band V
Wissenschaft und Politik
Organisation der Forschung, Schule und Studium, A. v. Humboldt-Stiftung, Verantwortung des
Wissenschaftlers u. a. (Erscheint 1987) Die »Allgemeinverständlichen Schriften« in fünf Bänden - etwa die
Hälfte der Texte wird erstmals in Buchform veröffentlicht - wenden sich vor allem an naturwissenschaftlich
und philosophisch interessierte Laien. Sie erhalten aufregende Einblicke in das Denken des Nobelpreisträgers.
Das Werk Heisenbergs, das sich an das allgemeine Publikum wendet, umfaßt neben Reden und Aufsätzen
zum Inhalt und zur Deutung der Physik seine Gesamtschau des Naturbildes, wie es sich von der Antike bis
zur Gegenwart entwickelt hat. Darüber hinaus ist von der Organisation der Forschung und vor allem auch von
der Verantwortung des Wissenschaftlers m einer wissenschaftlich-technischen Welt die Rede. Heisenbergs
Schriften sind - wie schon seine erfolgreichen Bücher zeigten - geeignet, ein großes Publikum zu erreichen.
Ihm gelang - wie nur wenigen bedeutenden Naturwissenschaftlern - die Vermittlung zwischen der modernen
Naturwissenschaft und einer interessierten Öffentlichkeit.

Piper
Bücher zum Thema
Harald Fritzsch
Quarks
Urstoff unserer Welt
Vorwort von Herwig Schopper, 9. Aufl., 54. Tsd. 1985.
320 Seiten mit 91 Abbildungen. Serie Piper 332

»Eine recht gute Einführung in das schwierige Feld der Elementarteilchen. Auch dem nicht mit physikalischen
Grundprinzipien vertrauten Leser wird dieses Buch eine Fülle neuer Einsichten vermitteln. Fachausdrücke
werden in einem Glossar entschärft. Je tiefer der Autor in den Formalismus der Quarks vordringt, um so
dankbarer wird der Leser für die anschaulichen Passagen.« Süddeutsche Zeitung

Harald Fritzsch
Vom Urknall zum Zerfall
Die Welt zwischen Anfang und Ende 3., überarb., Aufl., 35. Tsd. 1983. 351 Seiten mit 55 Abbildungen. Geb.

Nicht nur wir selbst, sondern auch das Weltall, die Galaxien und Sterne, die Atome und Elementarteilchen der
Materie sind das Produkt einer dynamischen Entwicklung, die vor 20 Milliarden Jahren mit dem Urknall
begann.
Der Autor rekonstruiert ebenso übersichtlich wie anschaulich die acht Stuten der kosmischen Evolution vom
Urknall bis zur Gegenwart. Darüber hinaus kann er von diesen Entwicklungsphasen konkrete Aussagen über
die Zukunft des Weltalls ableiten.

Rudolf Kippenhahn
100 Milliarden Sonnen
Geburt, Leben und Tod der Sterne
5. überarb., Aufl., 31. Tsd. 1985. 278 Seiten mit 91 s/w Abbildungen und 6 Farbtafeln. Serie Piper 343

Das Buch ist eine »Supernova, auf die in der astronomischen Welt die Wissenschaftler schon lange warten
und die in den Kreisen astronomisch interessierter Leser ebenfalls längst überfällig war«.
Bild der Wissenschaft
Steven Weinberg
Die ersten drei Minuten
Der Ursprung des Universums
Vorwort von Reimar Lust.
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese.
6. Aufl., 48. Tsd. 1986. 269 Seiten mit 21 Abbildungen. Geb.

»Weinberg lehrt uns die Interpretation der modernen Naturwissenschaft vom Ursprung des Universums zu
verstehen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Es ist ein Buch, das sich spezifisch an den wissenschaftlich interessierten Laien wendet, bei welchem keine
besonderen Kenntnisse der Physik und der Mathematik vorausgesetzt werden können. Alle Begriffe sind mit
wunderbarer Klarheit erklärt, und die quantitativen Zusammenhänge sind ohne Formelballast anschaulich
umschrieben...« Neue Zürcher Zeitung

Piper