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4.

Fastensonntag C
Laetare, Eucharistie, der verlorene Sohn, Versöhnung
(vgl. 24. Sonntag im Jahreskreis C)

Inhalt
Liturgische Texte................................................................................................................................................ 1
KKK ..................................................................................................................................................................... 4
Der verlorene Sohn (Johannes Paul II., Enzyklika Dives in misericordia, 30. November 1980) ........................ 8
Umkehr; der verlorene Sohn (Johannes Paul II., Generalaudienz, 17. Februar 1999) .................................... 11
Eucharistie, Manna, Teilnahme an der himmlischen Liturgie (Johannes Paul II., Generalaudienz, 25. Oktober
2000) ................................................................................................................................................................ 12
Barmherzige Liebe Gottes (Johannes Paul II., Predigt, 21. März 2004) .......................................................... 14
Manna, Eucharistie, Liebe Gottes (Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 25. Dezember 2005) .............. 15
Heiliger Geist: Leben und Freiheit (Benedikt XVI., Predigt, Pfingstvigil, 3. Juni 2006) .................................... 15
Laetare, Quelle der Freude: Eucharistie; Sacramentum caritatis (Benedikt XVI., Angelus, 18. März 2007) ... 20
Gott ist barmherzige Liebe (Benedikt XVI., Angelus, 16. September 2007) .................................................... 21
Die Beziehung zu Gott, die beiden Söhne (Benedikt XVI., Angelus, 14. März 2010) ...................................... 22
Der verlorene Sohn (Benedikt XVI., Sonntag, 12. September 2010) ............................................................... 23
Die Freude Gottes, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, der verlorene Sohn (Franziskus, Angelus, 15. September
2013) ................................................................................................................................................................ 24
Barmherzigkeit (Franziskus, Angelus, 6. März 2016)....................................................................................... 25
Franziskus, Jubiläumsaudienz, 30. April 2016 ................................................................................................. 26
Barmherzigkeit (Franziskus, Exerzitien für Priester, 2. Juni 2016) .................................................................. 27
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Don Pierino Galeone) ........................................................................... 35
2018.07.05 Auch du übst den Dienst der Versöhnung aus ............................................................................. 37
Catena aurea ................................................................................................................................................... 39

Liturgische Texte
ERÖFFNUNGSVERS, Vgl. Jes 66, 10-11
Freue dich, Stadt Jerusalem! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart.
Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung.

TAGESGEBET
Herr, unser Gott, du hast in deinem Sohn die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.

1
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben, damit es mit froher Hingabe dem Osterfest
entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

ERSTE LESUNG, Jos 5, 9a.10-12


Lesung aus dem Buch Josua

In jenen Tagen sagte der Herr zu Josua: Heute habe ich die ägyptische Schande von euch
abgewälzt. Als die Israeliten in Gilgal ihr Lager hatten, feierten sie am Abend des vierzehnten Tages
jenes Monats in den Steppen von Jericho das Pascha. Am Tag nach dem Pascha, genau an diesem
Tag, aßen sie ungesäuerte Brote und geröstetes Getreide aus den Erträgen des Landes. Vom
folgenden Tag an, nachdem sie von den Erträgen des Landes gegessen hatten, blieb das Manna
aus; von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte
des Landes Kanaan.

ANTWORTPSALM, Ps 34 (33), 2-3.4-5.6-7 (R: 9a)

R Kostet und seht, wie gütig der Herr ist! – R

Ich will den Herrn allezeit preisen;


immer sei sein Lob in meinem Mund.
Meine Seele rühme sich des Herrn;
die Armen sollen es hören und sich freuen. - (R)

Verherrlicht mit mir den Herrn,


lasst uns gemeinsam seinen Namen rühmen.
Ich suchte den Herrn, und er hat mich erhört,
er hat mich all meinen Ängsten entrissen. - (R)

Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten,


und ihr braucht nicht zu erröten.
Da ist ein Armer; er rief, und der Herr erhörte ihn.
Er half ihm aus all seinen Nöten. - R

ZWEITE LESUNG, 2 Kor 5, 17-21


Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther

Brüder! Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen,
Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und
uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich
versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von
der Versöhnung zur Verkündigung anvertraute. Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott
ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den,
der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes
würden.

2
RUF VOR DEM EVANGELIUM, Vers: Lk 15, 18
Christus, du ewiges Wort des Vaters, Ehre sei dir! - R
Ich will zu meinem Vater gehen und ihm sagen:
Vater, ich habe mich versündigt gegen den Himmel und gegen dich.
Christus, du ewiges Wort des Vaters, Ehre sei dir!

EVANGELIUM, Lk 15, 1-3.11-32


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die
Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit
ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von
ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das
Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein
fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles
durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da
ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum
Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine
fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines
Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen
und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen
dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner
Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem
kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und
küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt;
ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell
das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe
an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn
war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie begannen, ein
fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in
die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was
das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das
Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig
und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er
erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen
gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen
Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen
mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete
ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir
uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren
und ist wieder gefunden worden.

GABENGEBET
Herr, unser Gott, in der Freude auf das Osterfestbringen wir unsere Gaben dar.
Hilf uns, gläubig und ehrfürchtig das Opfer zu feiern, das der Welt Heilung schenkt und den Tod
überwindet. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

KOMMUNIONVERS

3
Vgl. Joh 9, 11: Der Herr salbte meine Augen; ich ging hin, wusch mich und wurde sehend
und glaube an Gott.

Vgl. Lk 15, 32: Freue dich, mein Sohn, denn dein Bruder war tot und lebt wieder:
er war verloren und wurde wieder gefunden.

Ps 122 (121), 3-4: Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt!
Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn, den Namen des Herrn zu preisen.

SCHLUSSGEBET
Allmächtiger Gott, dein ewiges Wort ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet.
Heile die Blindheit unseres Herzens, damit wir erkennen, was vor dir recht ist, und dich aufrichtig
lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

KKK
Gottes allumfassende erlösende Liebe
604 Indem er seinen Sohn für unsere Sünden dahingab, zeigte Gott, daß, was er für uns plant, ein
Ratschluß wohlwollender Liebe ist, die jedem Verdienst von unserer Seite vorausgeht: „Nicht darin
besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als
Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (1 Joh 4, 10). „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin
erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5, 8).

605 Diese Liebe schließt niemanden aus. Jesus sagt das anhand des Gleichnisses vom verlorenen
Schaf: „So will auch euer himmlischer Vater nicht, daß einer von diesen Kleinen verlorengeht“ (Mt
18, 14). Er erklärt, er gebe sein Leben hin „als Lösegeld für viele“ (Mt 20, 28). Der Ausdruck „für
viele“ ist nicht einengend, sondern stellt die ganze Menschheit der einzigen Person des Erlösers
gegenüber, der sich hingibt, um sie zu retten. Im Anschluß an die Apostel lehrt die Kirche, daß
Christus ausnahmslos für alle Menschen gestorben ist: „Es gibt keinen Menschen, es hat keinen
gegeben und wird keinen geben, für den er nicht gelitten hat“ (Syn. v. Quiercy 853, „De libero
arbitrio hominis et de praedestinatione“, can. 4: DS 624).

980 Durch das Bußsakrament kann der Getaufte mit Gott und mit der Kirche versöhnt werden.
„Die Buße [wurde] von den heiligen Vätern zurecht ‚gewissermaßen eine mühevolle Taufe‘ (hl. Gregor v.
Nazianz, or. 39, 17) genannt ... Dieses Sakrament der Buße ist aber für die nach der Taufe Gefallenen zum
Heil notwendig, wie für die noch nicht Wiedergeborenen die Taufe selbst“ (K. v. Trient, Dekret über das
Sakrament der Buße: DS 1672).

981 Nach seiner Auferstehung hat Christus die Apostel ausgesandt, um „allen Völkern zu
verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden“ (Lk 24, 47). Die Apostel
und ihre Nachfolger leisten darum einen „Dienst der Versöhnung“ (2 Kor 5, 18): Sie verkünden
einerseits den Menschen die Vergebung durch Gott, die Christus uns verdient hat, und rufen zur
Umkehr und zum Glauben auf. Durch die Taufe vermitteln sie ihnen andererseits auch die

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Sündenvergebung und versöhnen sie dank der von Christus erhaltenen Schlüsselgewalt mit Gott
und der Kirche.

„Die Kirche hat die Schlüssel des Himmelreiches erhalten, damit in ihr durch das Blut Christi und das Wirken
des Heiligen Geistes die Sündenvergebung geschehe. In dieser Kirche lebt die Seele, die durch die Sünde tot
war, wieder auf, um mit Christus zu leben, dessen Gnade uns gerettet hat“ (hl. Augustinus, serm. 214, 11).

982 Es gibt keine Verfehlung, mag sie auch noch so schlimm sein, die durch die heilige Kirche nicht
vergeben werden könnte. „Es kann keinen Menschen geben, der so schlecht und verworfen wäre,
daß ihm nicht die sichere Hoffnung auf Vergebung in Aussicht stehen müßte, wenn er seine
Verirrungen wahrhaft bereut“ (Catech. R. 1, 11, 5). Christus, der für alle Menschen gestorben ist,
will, daß in seiner Kirche jedem, der sich von der Sünde abwendet, die Pforten zur Vergebung
immer offenstehen.

1057 Die Kirche betet darum, daß niemand verlorengeht: „Herr, laß nicht zu, daß ich je von dir
getrennt werde!“ (MR, Gebet vor der Kommunion 132)

1058 Zwar kann niemand sich selbst retten, aber Gott „will, daß alle Menschen gerettet werden“ (1
Tim 2,4), und für ihn „ist alles möglich“ (Mt 19,26).

1422 „Die zum Sakrament der Buße hinzutreten, erlangen für die Gott zugefügte Beleidigung von
seiner Barmherzigkeit Verzeihung und werden zugleich mit der Kirche wieder versöhnt, die sie
durch ihr Sündigen verwundet haben und die zu ihrer Bekehrung durch Liebe, Beispiel und Gebete
mitwirkt“ (LG 11).

1423 Man nennt es Sakrament der Umkehr, denn es vollzieht sakramental die Umkehr, zu der
Jesus aufruft, den Schritt der Rückkehr zum Vater, von dem man sich durch die Sünde entfernt hat.
Man nennt es Sakrament der Buße, weil es einen persönlichen und kirchlichen Schritt der Umkehr,
der Reue und Genugtuung des sündigen Christen darstellt.

1424 Man nennt es Sakrament der Beichte, denn das Geständnis, das Bekenntnis der Sünden vor
dem Priester, ist ein wesentliches Element dieses Sakramentes. Dieses Sakrament ist auch ein
Bekenntnis im Sinn der Anerkennung und des Lobpreises der Heiligkeit Gottes und seines
Erbarmens gegen über dem sündigen Menschen. Man nennt es Sakrament der Vergebung, denn
durch die sakramentale Lossprechung des Priesters gewährt Gott dem Beichtenden „Verzeihung
und Frieden“ (OP, Absolutionsformel). Man nennt es Sakrament der Versöhnung, denn es schenkt
dem Sünder die versöhnende Liebe Gottes: „Laßt euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5, 20). Wer
aus der barmherzigen Liebe Gottes lebt, ist bereit, dem Ruf des Herrn zu entsprechen: „Geh und
versöhne dich zuerst mit deinem Bruder!“ (Mt 5, 24).

1427 Jesus ruft zur Umkehr auf. Dieser Ruf ist ein wesentlicher Teil der Verkündigung des
Gottesreiches: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das
Evangelium!“ (Mk 1, 15). In der Verkündigung der Kirche richtet sich dieser Ruf zunächst an die,
welche Christus und sein Evangelium noch nicht kennen. Der Ort der ersten, grundlegenden
Umkehr ist vor allem die Taufe. Durch den Glauben an die Frohbotschaft und durch die Taufe

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widersagt man dem Bösen und erlangt das Heil, welches die Vergebung aller Sünden und das
Geschenk des neuen Lebens ist.

1428 Der Ruf Christi zur Umkehr ergeht auch weiterhin im Leben der Christen. Die zweite Umkehr
ist eine fortwährende Aufgabe für die ganze Kirche; diese „umfaßt ... in ihrem eigenen Schoß
Sünder“ und ist somit „zugleich heilig und stets reinigungsbedürftig und geht so immerfort den
Weg der Buße und Erneuerung“ (LG 8). Das Streben nach Umkehr ist nicht nur eine Tat des
Menschen. Sie ist die Regung eines „zerknirschten ... Herzens“, das durch die Gnade dazu gebracht
und bewegt wird, der barmherzigen Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat, zu entsprechen.

1429 Davon zeugt die Bekehrung des Petrus nach der dreifachen Verleugnung seines Meisters. Der
erbarmungsvolle Blick Jesu ruft Tränen der Reue hervor und nach der Auferstehung des Herrn das
dreifache Ja des Petrus auf die Frage Jesu, ob er ihn liebe. Die zweite Umkehr weist auch eine
gemeinschaftliche Dimension auf. Diese zeigt sich in der durch Jesus an eine ganze Kirche
gerichteten Aufforderung: „Kehr um!“ (Offb 2, 5. 16).

Der heilige Ambrosius sagt von den zwei Arten der Umkehr, in der Kirche gebe es „das Wasser und die
Tränen: das Wasser der Taufe und die Tränen der Buße“ (ep. 41, 12).

1439 Der Weg der Umkehr und der Buße wurde von Jesus eindrucksvoll geschildert im Gleichnis
vom „verlorenen Sohn“, dessen Mitte „der barmherzige Vater“ ist: die Verlockung einer
illusorischen Freiheit, das Verlassen des Vaterhauses; das äußerste Elend, in das der Sohn gerät,
nachdem er sein Vermögen verschleudert hat; die tiefe Demütigung, Schweine hüten zu müssen
und, schlimmer noch, die des Verlangens, sich am Schweinefutter zu sättigen; das Nachsinnen
über die verlorenen Güter; die Reue und der Entschluß, sich vor dem Vater schuldig zu bekennen;
der Rückweg; die großherzige Aufnahme durch den Vater; die Freude des Vaters: das alles sind
Züge des Bekehrungsvorgangs. Das schöne Gewand, der Ring und das Festmahl sind Sinnbilder des
reinen, würdigen und freudvollen neuen Lebens, des Lebens des Menschen, der zu Gott und in
den Schoß seiner Familie, der Kirche, heimkehrt. Einzig das Herz Christi, das die Tiefen der Liebe
seines Vaters kennt, konnte uns den Abgrund seiner Barmherzigkeit auf eine so einfache und
schöne Weise schildern.

1440 Die Sünde ist vor allem Beleidigung Gottes und Bruch der Gemeinschaft mit ihm. Gleichzeitig
beeinträchtigt sie die Gemeinschaft mit der Kirche. Darum führt die Bekehrung zugleich die
Vergebung Gottes und die Versöhnung mit der Kirche herbei. Das Sakrament der Buße und der
Versöhnung bringt das liturgisch zum Ausdruck und bewirkt es.

1441 Gott allein kann Sünden vergeben. Weil Jesus der Sohn Gottes ist, sagt er von sich, „daß der
Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben“ (Mk 2, 10). Er übt diese
göttliche Vollmacht aus: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mk 2, 5). Mehr noch: kraft seiner
göttlichen Autorität gibt er Menschen diese Vollmacht, damit sie diese in seinem Namen ausüben.

1442 Christus hat gewollt, daß seine Kirche als ganze in ihrem Gebet, ihrem Leben und Handeln
Zeichen und Werkzeug der Vergebung und Versöhnung sei, die er uns um den Preis seines Blutes
erworben hat. Er hat jedoch die Ausübung der Absolutionsgewalt dem apostolischen Amt
anvertraut. Dieses ist mit dem „Dienst der Versöhnung“ (2 Kor 5, 18) beauftragt. Der Apostel ist

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„an Christi Statt“ gesandt; durch ihn ermahnt und bittet Gott selbst: „Laßt euch mit Gott
versöhnen!“ (2 Kor 5, 20).

1443 Während seines öffentlichen Lebens vergab Jesus nicht nur Sünden, sondern zeigte auch die
Wirkung der Vergebung: Er gliederte die Sünder, denen er verziehen hatte, wieder in die
Gemeinschaft des Gottesvolkes ein, aus der die Sünde sie entfernt oder sogar ausgeschlossen
hatte. Ein offensichtliches Zeichen dafür ist es, daß Jesus Sünder an seinen Tisch lädt, ja daß er sich
selbst an ihren Tisch setzt – eine Handlung, die auf ergreifende Weise zugleich die Vergebung
durch Gott und die Rückkehr in den Schoß des Volkes Gottes zum Ausdruck bringt.

1444 Indem der Herr den Aposteln seine eigene Vollmacht, Sünden zu vergeben, mitteilt, gibt er
ihnen auch die Autorität, die Sünder mit der Kirche zu versöhnen. Dieser kirchliche Aspekt ihrer
Aufgabe äußert sich vor allem im feierlichen Wort Christi an Simon Petrus: „Ich werde dir die
Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel
gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,
19). Es steht „fest, daß jenes Amt des Bindens und Lösens, das Petrus gegeben wurde, auch dem
mit seinem Haupt verbundenen Apostelkollegium zugeteilt worden ist“ (LG 22).

1445 Die Worte binden und lösen besagen: Wen ihr aus eurer Gemeinschaft ausschließen werdet,
wird Gott auch aus der Gemeinschaft mit sich ausschließen; wen ihr von neuem in eure
Gemeinschaft aufnehmen werdet, wird auch Gott wieder in die Gemeinschaft mit sich aufnehmen.
Die Versöhnung mit der Kirche läßt sich von der Versöhnung mit Gott nicht trennen.

1465 Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der
nach dem verlorenen Schaf sucht; den des guten Samariters, der die Wunden verbindet; den des
Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den
des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges
Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum
Sünder.

1466 Der Beichtvater ist nicht Herr, sondern Diener der Vergebung Gottes. Der Diener dieses
Sakramentes soll sich mit der Absicht und der Liebe Christi vereinen. Er muß zuverlässig wissen,
wie ein Christ zu leben hat, in menschlichen Dingen Erfahrung haben und den, der gefallen ist,
achten und sich ihm gegenüber feinfühlig verhalten. Er muß die Wahrheit lieben, sich an das
Lehramt der Kirche halten und den Pönitenten geduldig der Heilung und vollen Reife
entgegenführen. Er soll für ihn beten und Buße tun und ihn der Barmherzigkeit Gottes
anvertrauen.

2839 „Vergib uns unsere Schuld ...“


In kühnem Vertrauen haben wir begonnen, zu unserem Vater zu beten. In der Bitte, daß sein
Name geheiligt werde, haben wir darum gebetet, selbst immer mehr geheiligt zu werden. Obwohl
wir das Taufkleid tragen, hören wir nicht auf, zu sündigen, uns von Gott abzuwenden. Jetzt, in
dieser neuen Bitte, kehren wir wie der verlorene Sohn zu ihm zurück und bekennen uns vor ihm
als Sünder, wie der Zöllner es getan hat. Unsere Bitte beginnt mit einer „Beichte“, in der wir
zugleich unser Elend und Gottes Barmherzigkeit bekennen. Unsere Hoffnung ist unerschütterlich,
denn in seinem Sohn „haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kol 1, 14). In den

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Sakramenten seiner Kirche finden wir das wirksame und nicht anzuzweifelnde Zeichen seiner
Vergebung.

Der verlorene Sohn (Johannes Paul II., Enzyklika Dives in


misericordia, 30. November 1980)
IV. DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN SOHN
5. Der Vergleich
Schon an der Schwelle zum Neuen Testament wird im Evangelium des heiligen Lukas eine
einzigartige Entsprechung zwischen zwei Beschreibungen des göttlichen Erbarmens hörbar, in der
die gesamte Tradition des Alten Testamentes machtvoll widerhallt. Hier finden die semantischen
Inhalte der differenzierten Terminologie der alttestamentlichen Bücher ihren Niederschlag. Wir
sehen Maria, die das Haus des Zacharias betritt und aus ganzer Seele den Herrn preist für «sein
Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht über denen, die ihn fürchten». Gleich darauf erwähnt sie
Gottes Huld für Israel und rühmt die Erwählung Israels, «das Erbarmen», an das er, sein Erwähler,
eh und je «denkt». Später, im selben Haus, lobpreist bei der Geburt Johannes' des Täufers dessen
Vater Zacharias den Gott Israels und verherrlicht sein «Erbarmen mit unseren Vätern», und daß er
«seines heiligen Bundes gedachte».
In der Lehre Christi wird das vom Alten Testament übernommene Bild vereinfacht und
zugleich vertieft. Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Parabel vom verlorenen Sohn, wo
das Wesen des göttlichen Erbarmens besonders deutlich aufleuchtet (wenn auch das Wort
«Erbarmen» im Urtext nicht vorkommt). Dazu trägt nicht so sehr, wie in den alttestamentlichen
Büchern, die Terminologie bei, sondern vielmehr die Analogie, der Vergleich, der es möglich
macht, das Geheimnis des Erbarmens vollständiger zu erfassen, das sich wie ein tiefes Drama
zwischen der Liebe des Vaters und der Verlorenheit und Sünde des Sohnes ereignet.
Dieser Sohn, der vom Vater das ihm zustehende Erbteil erhält und von zuhause weggeht,
um es in einem fernen Land mit seinem «zügellosen Leben» zu verschleudern, ist in gewisser
Hinsicht der Mensch aller Zeiten, angefangen von dem, der als erster das Erbteil der Gnade und der
Gerechtigkeit des Urstandes verlor. Die Analogie ist hier sehr weitgespannt. Die Parabel bezieht
sich indirekt auf jeden Bruch des Liebesbundes, auf jeden Verlust der Gnade, auf jede Sünde. In
dieser Analogie wird weniger die Untreue des Volkes Israel hervorgehoben, als dies in der
Tradition der Propheten der Fall war, obwohl auch sie mitgemeint sein kann. Als dieser Sohn «alles
durchgebracht hatte, ging es ihm sehr schlecht», um so mehr als «in dem Land», in das er sich
nach Verlassen des väterlichen Hauses begeben hatte, «eine große Hungersnot ausgebrochen
war». In dieser Lage «hätte er gerne seinen Hunger gestillt», ganz gleich womit, sogar «mit den
Futterschoten, die die Schweine fraßen», welche er für «einen Bürger des Landes» auf dem Feld
hütete. Aber selbst das wurde ihm verweigert.
Die Analogie verlagert sich eindeutig auf das Innere des Menschen. Das Vermögen, welches
der Sohn vom Vater empfangen hatte, war eine Quelle materieller Güter; aber wichtiger als diese
Güter war seine Würde als Sohn im Haus des Vaters. Die Lage, in der er sich nach dem Verlust der
materiellen Güter vorfand, mußte ihm den Verlust dieser Würde zum Bewußtsein bringen. Früher,
als er vom Vater sein Erbteil verlangte, um fortzugehen, hatte er daran nicht gedacht.
Anscheinend denkt er auch jetzt noch nicht daran, wenn er zu sich selbst sagt: «Wieviele
Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um».
Er mißt sich mit dem Maß der Güter, die er verloren hat, die er nicht mehr «besitzt», während die
Tagelöhner im Haus seines Vaters sie «besitzen». Aus seinen Worten spricht vor allem seine

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Ausrichtung auf die materiellen Güter. Nichtsdestoweniger verbirgt sich unter ihrer Oberfläche das
Drama der verlorenen Würde, das Wissen um die leichtsinnig zerstörte Sohnschaft.
So faßt er denn den Entschluß: «Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und ihm
sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr
wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner». Diese Worte rücken das
Kernproblem vollends ins Licht. Der materielle Engpaß, in den der verlorene Sohn durch seine
Leichtfertigkeit und seine Sünde geraten war, hatte in ihm den Sinn für seine - jetzt verlorene -
Würde zum Reifen gebracht. Sein Entschluß, in das väterliche Haus zurückzukehren und den Vater
um Aufnahme zu bitten - nicht aufgrund der Rechte eines Sohnes, sondern als Tagelöhner - ,
scheint äußerlich durch den Hunger und das Elend veranlaßt, in die er gefallen war; diesen
Beweggrund durchdringt jedoch das Wissen um einen viel tieferen Verlust: ein Tagelöhner im
Haus des eigenen Vaters zu sein, ist sicher eine große Demütigung und Schande. Dennoch ist der
verlorene Sohn bereit, diese Demütigung und Schande auf sich zu nehmen. Er ist sich klar darüber,
daß er kein anderes Recht mehr hat als das, im Haus des Vaters Tagelöhner zu sein. Er faßt seinen
Entschluß im vollen Bewußtsein dessen, was er verdient hat und worauf er nach den Normen der
Gerechtigkeit noch Anspruch erheben kann. Gerade diese Überlegung beweist, daß in der Tiefe des
Gewissens des verlorenen Sohnes der Sinn für die verlorene Würde auftaucht, für jene Würde, die
dem Verhältnis des Sohnes zum Vater entspringt. Mit diesem Entschluß macht er sich auf den Weg.
In der Parabel vom verlorenen Sohn wird kein einziges Mal das Wort «Gerechtigkeit»
verwendet; gleiches gilt - im Urtext - für das Wort «Erbarmen». Aber das Verhältnis der
Gerechtigkeit zur Liebe, die sich als Erbarmen kundtut, ist dem Inhalt der evangelischen Parabel in
großer Genauigkeit eingeschrieben. Sie macht deutlich, daß die Liebe zum Erbarmen wird, wenn
es gilt, die - genaue und oft zu enge - Norm der Gerechtigkeit zu überschreiten. Nachdem der
verlorene Sohn das vom Vater erhaltene Vermögen aufgebraucht hat und ins väterliche Haus
zurückgekehrt ist, kann er nur beanspruchen, sich seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner
verdienen zu dürfen und eventuell nach und nach zu einem gewissen materiellen Besitz zu
kommen, der in seiner Größe aber vielleicht nie mehr an den heranreichen wird, den er
verschleudert hat. Mehr kann er nicht beanspruchen in der Ordnung der Gerechtigkeit, umso
weniger, als er nicht nur den ihm zustehenden Vermögensanteil vergeudet, sondern durch sein
ganzes Verhalten auch den Vater verletzt und beleidigt hat. Dieses Verhalten, das ihn nach seinem
eigenen Urteil die Würde eines Sohnes gekostet hat, konnte ja dem Vater nicht gleichgültig sein;
es mußte ihm Schmerz bereiten und ihn in gewisser Hinsicht auch mit hineinziehen. Und doch,
letzten Endes ging es um den eigenen Sohn, und diese Beziehung konnte durch keinerlei Verhalten
gestört oder getroffen werden. Der verlorene Sohn ist sich dessen bewußt, und gerade dieses
Wissen läßt ihn den Verlust seiner Würde klar erkennen und den Platz richtig einschätzen, der ihm
im Haus des Vaters noch zustehen konnte.

6. Die Betonung der menschlichen Würde


Dieses klar gezeichnete Bild von der inneren Verfassung des verlorenen Sohnes erlaubt es uns,
genau zu erfassen, worin das göttliche Erbarmen besteht. Zweifellos enthüllt uns die Gestalt des
Vaters in dieser einfachen, aber eindringlichen Analogie Gott als Vater. Das Verhalten des Vaters
im Gleichnis, seine ganze Handlungsweise, in der seine innere Haltung sichtbar wird, läßt uns die
einzelnen Linien der alttestamentlichen Sicht des Erbarmens in einer völlig neuen, ganz einfachen
und tiefen Synthese wiederfinden. Der Vater des verlorenen Sohnes ist seiner Vaterschaft treu, ist
der Liebe treu, mit der er seit jeher seinen Sohn beschenkt hat. Diese Treue kommt im Gleichnis
nicht nur in der sofortigen Bereitschaft zum Ausdruck, mit der er den heimkehrenden Sohn, der
das Vermögen verschleudert hat, aufnimmt; sie kommt noch mehr in der überströmenden,
großzügigen Freude über den heimgekehrten Verschwender zum Ausdruck, deren Ausmaß sogar

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den Widerspruch und Neid des älteren Bruders hervorruft, der sich nie vom Vater abgewendet
und sein Haus nicht verlassen hatte.
Die Treue des Vaters zu sich selbst - ein von dem alttestamentlichen Ausdruck «hesed» her
bereits bekannter Wesenszug - wird in ergreifender Wärme beschrieben: «Der Vater sah ihn schon
von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den
Hals und küßte ihn». Dieses Tun ist sicher von einer tiefen Zuneigung bestimmt, die auch seine
dem Sohn erwiesene Großzügigkeit erklärt, über die der ältere dann so in Zorn gerät. Die Gründe
für diesen bewegten Empfang liegen jedoch tiefer: der Vater weiß sehr wohl, daß ein
grundlegendes Gut gerettet ist - das Mensch-sein seines Sohnes. Mag dieser auch das Vermögen
verschleudert haben, sein Mensch-sein ist heil geblieben. Ja, es wurde sozusagen wiedergefunden.
Das bezeugen die Worte des Vaters an den älteren Sohn: «Jetzt müssen wir uns doch freuen und
ein Fest feiern, denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden
worden». Im selben 15. Kapitel des Lukasevangeliums lesen wir das Gleichnis vom verlorenen
Schaf und anschließend von der verlorenen Drachme. Jedesmal wird die gleiche Freude
hervorgehoben, die wir beim verlorenen Sohn finden. Die Treue des Vaters zu sich selbst ist voll
und ganz auf das Mensch - sein, auf die Würde des verlorenen Sohnes ausgerichtet. So erklärt sich
vor allem seine bewegte Freude im Augenblick der Heimkehr.
Man kann also sagen, daß die Liebe zum Sohn, die Liebe, die aus dem Wesen der
Vaterschaft fließt, den Vater in einem bestimmten Sinn dazu verpflichtet, sich um die Würde des
Sohnes zu sorgen. Diese Sorge ist der Maßstab seiner Liebe, wie der heilige Paulus schreibt: «Die
Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig... Sie sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn
reizen, trägt das Böse nicht nach... Sie freut sich an der Wahrheit. ... Sie hofft alles, hält allem
stand» und «hört niemals auf». Das Erbarmen - wie es Christus im Gleichnis vom verlorenen Sohn
darstellt – hat die innere Form jener Liebe, die im Neuen Testament agápe genannt wird. Solche
Liebe ist fähig, sich über jeden verlorenen Sohn zu beugen, über jedes menschliche Elend, vor allem
über das moralische Elend: die Sünde. Wenn das geschieht, fühlt sich der, dem das Erbarmen zuteil
wird, nicht gedemütigt, sondern gleichsam wiedergefunden und «aufgewertet». Der Vater läßt ihn
in erster Linie spüren, wie groß seine Freude ist, daß er «wiedergefunden wurde» und «wieder
lebt». Diese Freude weist auf ein unverletztes Gut hin: ein Sohn hört nie auf, in Wahrheit Sohn
seines Vaters zu sein, selbst dann nicht, wenn er sich von ihm trennt; sie weist darüber hinaus auf
ein wiedergefundenes Gut hin: im Fall des verlorenen Sohnes die Rückkehr zur Wahrheit über sich
selbst.
Was sich im Verhältnis des Vaters zum Sohn im Gleichnis Christi ereignet, läßt sich nicht
«von außen her» werten. Unsere Vorurteile in bezug auf das Erbarmen sind größtenteils das
Ergebnis einer rein äußerlichen Wertung. Entsprechend einer solchen Wertung sehen wir
manchmal im Erbarmen vor allem ein Verhältnis der Ungleichheit zwischen dem, der es schenkt,
und dem, der es empfängt. Infolgedessen sind wir bereit, den Schluß zu ziehen, das Erbarmen
demütige den, der es empfängt, es verletze die Würde des Menschen. Das Gleichnis vom
verlorenen Sohn beweist uns, daß es in Wirklichkeit anders ist: die Beziehung des Erbarmens
beruht auf der gemeinsamen Erfahrung jenes Gutes, das der Mensch ist, auf der gemeinsamen
Erfahrung der ihm eigenen Würde. Diese gemeinsame Erfahrung führt dazu, daß der verlorene
Sohn sich und seine Taten in der vollen Wahrheit zu sehen beginnt (dieses Sehen in Wahrheit ist
echte Demut) und seinem Vater gerade dadurch besonders lieb wird, der in so leuchtender
Klarheit das Gute sieht, das dank einer geheimnisvollen Ausstrahlung der Wahrheit und der Liebe
geschehen ist, daß er alle Schandtaten des Sohnes gleichsam vergißt.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn bringt auf einfache, aber tiefe Weise die Wirklichkeit
der Bekehrung zum Ausdruck. Sie ist das konkreteste Zeugnis für das Wirken der Liebe und die
Gegenwart des Erbarmens in der Welt des Menschen. Die wahre und eigentliche Bedeutung von
Erbarmen beschränkt sich nicht auf den - noch so tiefgehenden und mitfühlenden - Blick auf das

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moralische, physische oder materielle Übel: das Erbarmen zeigt sich wahrhaft und eigentlich,
wenn es wieder aufwertet, fördert und aus allen Formen des Übels in der Welt und im Menschen
das Gute zieht. So betrachtet, stellt es den Grundinhalt der messianischen Botschaft Christi dar
und den eigentlichen Impuls seiner Mission. So wurde es auch von seinen Jüngern und Anhängern
verstanden und geübt. In ihren Herzen und in ihrem Wirken offenbarte es sich unaufhörlich als ein
besonders schöpferischer Erweis der Liebe, die «sich vom Bösen nicht besiegen läßt, sondern das
Böse durch das Gute besiegt». Das wahre Antlitz des Erbarmens muß sich immer neu enthüllen.
Unsere Zeit bedarf seiner, trotz vielfacher Vorurteile, ganz besonders.

Umkehr; der verlorene Sohn (Johannes Paul II., Generalaudienz,


17. Februar 1999)
1. Heute beginnt mit der ernsten Zeremonie der Segnung und Austeilung der Asche der Bußweg
der Fastenzeit. In diesem Jahr ist er besonders gekennzeichnet vom Bezug auf das göttliche
Erbarmen: Wir befinden uns nämlich im Gottvater-Jahr, das uns unmittelbar auf das Große
Jubiläum des Jahres 2000 vorbereitet.

«Vater, ich habe mich […] gegen dich versündigt» (Lk 15,18). Diese Worte haben in der Fastenzeit
eine besonders ergreifende Wirkung, da es die Zeit ist, in der die kirchliche Gemeinschaft zu tiefer
Bekehrung aufgerufen ist. Wenn die Sünde den Menschen gegenüber Gott verschließt, so öffnet
hingegen das aufrichtige Bekenntnis der Sünden das Gewissen wieder für das regenerierende
Wirken der göttlichen Gnade. Tatsächlich findet der Mensch nicht wieder zur Freundschaft mit
Gott, solange nicht von seinen Lippen und aus seinem Herzen die Worte kommen: «Vater, ich
habe gesündigt.» Dieses Bemühen erhält dann Wirksamkeit durch die Heilsbegegnung, die durch
den Tod und die Auferstehung Christi stattfindet. Im österlichen Geheimnis, Herz der Kirche,
erfährt der Büßende das Geschenk der Vergebung seiner Schuld und die Freude der Wiedergeburt
zu unsterblichem Leben.

2. Im Licht dieser außerordentlichen geistlichen Wirklichkeit bekommt das Gleichnis vom


verlorenen Sohn, durch das Jesus uns vom liebevollen Erbarmen des Vaters im Himmel sprechen
wollte, unmittelbare Aussagekraft. Drei Schlüsselmomente gibt es in der Geschichte dieses jungen
Mannes, mit dem jeder von uns sich identifiziert, wenn er der Versuchung erliegt und in Sünde
fällt.
Erstes Moment: das Weggehen. Wir entfernen uns von Gott wie jener Sohn vom Vater,
wenn wir vergessen, daß die Güter und Talente, die wir besitzen, uns von Gott als Aufgabe
gegeben sind, und sie mit großer Leichtfertigkeit verschleudern. Sünde ist immer Vergeudung
unserer Menschlichkeit, Vergeudung von überaus kostbaren Werten wie die Personenwürde und
das Erbe der göttlichen Gnade.
Zweites Moment ist der Bekehrungsprozeß. Der Mensch, der sich durch die Sünde
freiwillig vom väterlichen Haus entfernt hat, bringt durch die Erkenntnis dessen, was er verloren
hat, den entscheidenden Schritt des In-sich-Gehens zur Reife: «Ich will aufbrechen und zu meinem
Vater gehen» (Lk 15,18). Die Gewißheit «Gott ist gut und liebt mich» ist stärker als Scham und
Entmutigung: Sie erfüllt das Gefühl der Schuld und der eigenen Unwürdigkeit mit neuem Licht.
Schließlich kommt als drittes Moment die Heimkehr. Für den Vater ist nur eines wichtig:
Sein Sohn ist heimgekehrt. Die Umarmung mit dem verlorenen Sohn wird zu einem Fest der

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Vergebung und der Freude. Ergreifend ist diese im Evangelium beschriebene Szene, die in allen
Einzelheiten die Haltung des Vaters im Himmel beschreibt, der «voll Erbarmen ist» (vgl. Eph 2,4).

3. Wie viele Menschen aller Zeiten haben in diesem Gleichnis die Grundzüge ihrer persönlichen
Geschichte wiedererkannt! Der Weg, der nach der bitteren Erfahrung der Sünde wieder zum Haus
des Vaters führt, geht durch Gewissenserforschung, Reue und den festen Vorsatz der Umkehr
hindurch. Es ist ein innerer Prozeß, der die Art, die Realität zu beurteilen, verändert, über die
eigene Hinfälligkeit Gewißheit verschafft und den Gläubigen dazu führt, sich an die Arme Gottes
anzulehnen. Wenn der Mensch mit Hilfe der Gnade in seinem geistigen Inneren diese Stationen
durchläuft, wächst in ihm das lebendige Bedürfnis, sich selbst und seine Würde als Sohn in der
Umarmung des Vaters wiederzufinden.
So bringt dieses der Tradition der Kirche wichtige Gleichnis auf einfache, aber tiefe Weise
die Wirklichkeit der Bekehrung zum Ausdruck und bietet das konkreteste Zeugnis für das Wirken
des göttlichen Erbarmens in der Welt des Menschen. Die erbarmende Liebe Gottes «wertet
wieder auf, fördert und zieht aus allen Formen des Übels in der Welt und im Menschen das Gute …
Sie stellt den Grundinhalt der messianischen Botschaft Christi dar und den eigentlichen Impuls
seiner Mission» (vgl. Dives in misericordia, 6).

4. Zu Beginn der Fastenzeit ist es wichtig, daß wir unseren Geist bereit machen, in Fülle das
Geschenk des göttlichen Erbarmens zu empfangen. Das Wort Gottes ermahnt uns, uns zu
bekehren und an das Evangelium zu glauben. Die Kirche zeigt uns dafür Gebet, Buße und Fasten
sowie großherzige Hilfe an den Mitmenschen als Mittel, um uns in das Klima wahrer innerer wie
auch gemeinschaftlicher Erneuerung zu begeben. Wir dürfen auf diese Weise die überbordende
Fülle der Liebe des Vaters im Himmel erfahren, die im Ostergeheimnis der ganzen Menschheit in
Fülle geschenkt ist. Man könnte sagen, daß die Fastenzeit die Zeit eines besonderen
Entgegenkommens Gottes ist, unsere Sünden zu vergeben und zu verzeihen: die Zeit der
Versöhnung. Sie ist daher eine besonders gnadenvolle Zeit, um mit Gewinn auf das Bußsakrament
zuzugehen.
Liebe Brüder und Schwestern, im Bewußtsein, daß unsere Versöhnung mit Gott durch eine
wahre Bekehrung geschieht, wollen wir den Pilgerweg der Fastenzeit gehen, indem wir den Blick
fest auf Christus, unseren einzigen Erlöser, gerichtet halten.
Die Fastenzeit möge uns helfen, daß wir in uns gehen und mutig von allem ablassen, was
uns daran hindert, dem Evangelium treu zu folgen. Wir wollen vor allem in diesen Tagen das Bild
der Umarmung des Vaters mit dem nach Hause zurückgekehrten Sohn betrachten. Es symbolisiert
gut das Thema dieses Einführungsjahres zum Großen Jubiläum des Jahres 2000. Die versöhnende
Umarmung des Vaters mit der ganzen sündigen Menschheit geschah auf Golgota. Das Kreuz,
Zeichen der Liebe Christi, der sich für unser Heil geopfert hat, möge im Herzen jedes Mannes und
jeder Frau unserer Zeit eben dieses Vertrauen wecken, das den verlorenen Sohn sagen ließ: «Ich
will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen dich
versündigt!» Er erhielt Vergebung und Freude als Geschenk.

Eucharistie, Manna, Teilnahme an der himmlischen Liturgie


(Johannes Paul II., Generalaudienz, 25. Oktober 2000)
Die Eucharistie macht offen für die Zukunft Gottes

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1. «In der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil»
(Sacrosanctum Concilium, 8; vgl. Gaudium et spes, 38). Diese klaren und bedeutungsvollen Worte
des Zweiten Vatikanischen Konzils zeigen uns eine grundlegende Dimension der Eucharistie auf:
ihre Eigenschaft als «futurae gloriae pignus», Unterpfand der künftigen Herrlichkeit, gemäß einem
schönen Ausdruck der christlichen Tradition (vgl. Sacrosanctum Concilium, 47). Dieses Sakrament –
so merkt der hl. Thomas von Aquin an – «führt uns nicht sogleich in die Herrlichkeit ein, sondern
gibt uns die Kraft, zur Herrlichkeit zu gelangen. Darum heißt es Wegzehrung» (Summa Th., III, 79,
2, zu 1). Die Gemeinschaft mit Christus, die wir im Heute als Pilger und Wanderer auf den Straßen
der Geschichte erleben, nimmt die höchste Begegnung jenes Tages vorweg, an dem «wir ihm
ähnlich sein werden […] denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1 Joh 3,2). Elija, der sich auf
seinem Weg durch die Wüste kraftlos unter einem Ginsterstrauch niederließ und von einem
geheimnisvollen Brot gestärkt wurde, damit er den Gipfel der Gottesbegegnung erreichen konnte
(vgl. 1 Kön 19,1–8), ist ein traditionsreiches Symbol für den Weg der Gläubigen, die im
eucharistischen Brot die nötige Kraft finden, um auf das strahlende Ziel der Heiligen Stadt
zuzugehen.

2. Dies ist auch der tiefe Sinn des Manna, das Gott in den Steppen des Sinai zum Mahle reicht: die
«Speise der Engel», die jeden Genuß gewährt und jedem Geschmack entspricht und die Gottes
zärtliche Liebe zu seinen Kindern offenbart (vgl. Weish 16,20–21). Christus selbst wird auf die
spirituelle Bedeutung der Ereignisse des Exodus hinweisen. Er läßt uns in der Eucharistie den
zweifachen Geschmack als Speise des Pilgers und Speise der messianischen Fülle in der Ewigkeit
kosten (vgl. Jes 25,6). In Anlehnung an einen Ausdruck, der der jüdischen Sabbatliturgie gewidmet
ist, können wir die Eucharistie als einen «Vorgeschmack auf die Ewigkeit in der Zeit» bezeichnen
(vgl. A. J. Heschel). Ebenso wie Christus im Fleisch lebte und hierbei dennoch seine Herrlichkeit als
Sohn Gottes beibehielt, ist die Eucharistie göttliche und transzendente Gegenwart, Gemeinschaft
mit dem Ewigen und Zeichen des «Ineinanders des irdischen und himmlischen Gemeinwesens»
(Gaudium et spes, 40). Die Eucharistie, als Erinnerung an das Pascha Christi, überbringt ihrem
Wesen nach das Ewige und Unendliche in die Menschheitsgeschichte.

3. Verdeutlicht wird dieser Aspekt, demzufolge die Eucharistie für die Zukunft Gottes offen macht
– obgleich sie in der gegenwärtigen Wirklichkeit verankert bleibt – durch die Worte, die Jesus beim
Letzten Abendmahl über den Kelch mit Wein spricht (vgl. Lk 22,20; 1 Kor 11,25). Markus und
Matthäus verweisen mit den gleichen Worten auf den Bund im Opferblut am Sinai (vgl. Mk 14,24;
Mt 26,28; Ex 24,8). Lukas und Paulus hingegen bekunden die Erfüllung des «neuen Bundes», den
der Prophet Jeremia angekündigt hatte: «Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn –, in
denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie
der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie
aus Ägypten herauszuführen» (31,31–32). Und Jesus erklärt: «Dieser Kelch ist der neue Bund in
meinem Blut». Der Begriff «neu» steht im Sprachgebrauch der Bibel üblicherweise für Fortschritt
und endgültige Vollkommenheit.

Wiederum sind es Lukas und Paulus, die betonen, daß die Eucharistie eine Vorwegnahme jenes
glorreichen Lichthorizontes ist, der für das Reich Gottes bezeichnend ist. Vor dem Letzten
Abendmahl hatte Jesus gesagt: «Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses
Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl
seine Erfüllung findet im Reich Gottes. Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte:
Nehmt den Wein, und verteilt ihn untereinander! Denn ich sage euch: von nun an werde ich nicht
mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt» (Lk 22,15–18). Auch
Paulus erinnert ausdrücklich daran, daß das eucharistische Mahl auf das endgültige Kommen des

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Herrn hinzielt: «Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr den
Tod des Herrn, bis er kommt» (1 Kor 11,26).

4. Johannes, der vierte Evangelist, rühmt diese Ausrichtung der Eucharistie auf die Fülle des
Reiches Gottes in der berühmten Rede über das «Lebensbrot», die Jesus in der Synagoge von
Kafarnaum hält. Das Symbol, das er als biblischen Bezugspunkt gewählt hat, ist das bereits
erwähnte Manna, das Gott dem in der Wüste pilgernden Volk Israel reicht. Im Zusammenhang mit
der Eucharistie erklärt Jesus feierlich: «Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben […] Wer
mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am
Letzten Tag […] Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit
dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot ißt, wird leben in
Ewigkeit» (Joh 6,51.54.58). In der Sprache des vierten Evangeliums ist das «ewige Leben» das
göttliche Leben selbst, das die Grenzen der Zeit übersteigt. Die Eucharistie ist Gemeinschaft mit
Christus und daher Teilnahme am Leben Gottes, das ewig ist und den Tod überwindet. Deshalb sagt
Jesus: «Es ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich keinen von denen, die er mir
gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern daß ich sie auferwecke am Letzten Tag. Denn es ist
der Wille meines Vaters, daß alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben,
und daß ich sie auferwecke am Letzten Tag» (Joh 6,39–40).

5. In diesem Licht betrachtet ist – wie Sergej Bulgakov, ein russischer Theologe, es eindrucksvoll
formulierte – «die Liturgie der Himmel auf Erden». Daher habe ich im Apostolischen Schreiben
Dies Domini die Worte Pauls VI. aufgreifen wollen und die Christen ermahnt, «diese Begegnung,
dieses Festmahl [nicht zu] vernachlässigen, das uns Jesus in seiner Liebe bereitet. Die Vorbereitung
soll jedesmal entsprechend würdig und festlich sein! Es ist der gekreuzigte und auferstandene
Christus, der durch die Reihen seiner Jünger geht, um sie mit sich in die Erneuerung seiner
Auferstehung zu führen. Es ist hier auf Erden der Höhepunkt des Liebesbundes zwischen Gott und
seinem Volk: Zeichen und Quelle der christlichen Freude und Vorbereitung auf das ewige Fest»
(Nr. 58; vgl. Gaudete in Domino, Schluß).

Barmherzige Liebe Gottes (Johannes Paul II., Predigt, 21. März


2004)
1. «Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung» (2 Kor 5,17). Mit diesen
Worten des Apostels Paulus läßt sich sehr treffend die Botschaft des heutigen Gottesdienstes mit
Seligsprechungen zusammenfassen. Sie paßt gut zum sogenannten Sonntag «Laetare», der auf
halber Strecke des Weges der Fastenzeit liegt.
Die Zweite Lesung und das Evangelium bilden gleichsam eine zweistimmige Lobeshymne auf die
Liebe Gottes, des barmherzigen Vaters (vgl. Lk 15,11–32), der uns in Christus versöhnt hat (vgl. 2
Kor 5,17–21). Eine Hymne, die zum eindringlichen Aufruf wird: «Laßt euch mit Gott versöhnen!» (2
Kor 5,20).

Diese Aufforderung gründet in der Gewißheit, daß der Herr uns liebt. Weil er die Israeliten liebte,
führte er sie nach dem langen Weg des Exodus ins Land Kanaan. Davon haben wir in der Ersten
Lesung gehört, die von tiefer Sehnsucht erfüllt ist. Das Pascha, das sie «am Abend […] in den
Steppen von Jericho» feierten (Jos 5,10), und die ersten drei Monate, die sie im Gelobten Land

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verbrachten, werden für uns zum aussagekräftigen Symbol der Treue Gottes, der dem
auserwählten Volk nach der traurigen Erfahrung der Sklaverei seinen Frieden schenkt.

Manna, Eucharistie, Liebe Gottes (Benedikt XVI., Enzyklika Deus


caritas est, 25. Dezember 2005)
12. Haben wir bisher überwiegend vom Alten Testament gesprochen, so ist doch immer schon die
innere Durchdringung der beiden Testamente als der einen Schrift des christlichen Glaubens
sichtbar geworden. Das eigentlich Neue des Neuen Testaments sind nicht neue Ideen, sondern die
Gestalt Christi selber, der den Gedanken Fleisch und Blut, einen unerhörten Realismus gibt. Schon
im Alten Testament besteht das biblisch Neue nicht einfach in Gedanken, sondern in dem
unerwarteten und in gewisser Hinsicht unerhörten Handeln Gottes. Dieses Handeln Gottes nimmt
seine dramatische Form nun darin an, daß Gott in Jesus Christus selbst dem ,,verlorenen Schaf’’,
der leidenden und verlorenen Menschheit, nachgeht. Wenn Jesus in seinen Gleichnissen von dem
Hirten spricht, der dem verlorenen Schaf nachgeht, von der Frau, die die Drachme sucht, von dem
Vater, der auf den verlorenen Sohn zugeht und ihn umarmt, dann sind dies alles nicht nur Worte,
sondern Auslegungen seines eigenen Seins und Tuns. In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich jene
Wende Gottes gegen sich selbst, in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben
und zu retten — Liebe in ihrer radikalsten Form. Der Blick auf die durchbohrte Seite Jesu, von dem
Johannes spricht (vgl. 19, 37), begreift, was Ausgangspunkt dieses Schreibens war: ,,Gott ist Liebe’’
(1 Joh 4, 8). Dort kann diese Wahrheit angeschaut werden.
Und von dort her ist nun zu definieren, was Liebe ist. Von diesem Blick her findet der Christ den
Weg seines Lebens und Liebens.
13. Diesem Akt der Hingabe hat Jesus bleibende Gegenwart verliehen durch die Einsetzung der
Eucharistie während des Letzten Abendmahles. Er antizipiert seinen Tod und seine Auferstehung,
indem er schon in jener Stunde den Jüngern in Brot und Wein sich selbst gibt, seinen Leib und sein
Blut als das neue Manna (vgl. Joh 6, 31-33). Wenn die antike Welt davon geträumt hatte, daß
letztlich die eigentliche Nahrung des Menschen — das, wovon er als Mensch lebt — der Logos, die
ewige Vernunft sei: Nun ist dieser Logos wirklich Speise für uns geworden — als Liebe. Die
Eucharistie zieht uns in den Hingabeakt Jesu hinein. Wir empfangen nicht nur statisch den
inkarnierten Logos, sondern werden in die Dynamik seiner Hingabe hineingenommen. Das Bild von
der Ehe zwischen Gott und Israel wird in einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit:
Aus dem Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit
seinem Leib und Blut, wird Vereinigung: Die ,,Mystik’’ des Sakraments, die auf dem Abstieg Gottes
zu uns beruht, reicht weiter und führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung des
Menschen reichen könnte.

Heiliger Geist: Leben und Freiheit (Benedikt XVI., Predigt,


Pfingstvigil, 3. Juni 2006)
Jetzt, in dieser Pfingstvigil, fragen wir uns: Wer oder was ist der Heilige Geist? Wie können wir ihn
erkennen? Auf welche Weise gehen wir zu ihm und kommt er zu uns? Was wirkt er? Eine erste
Antwort gibt uns der Pfingsthymnus, mit dem wir die Vesper begonnen haben: «Veni, Creator
Spiritus … – Komm, Schöpfergeist …». Der Hymnus spielt hier auf die ersten Verse der Bibel an, die

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in bildlicher Sprache die Schöpfung des Universums zum Ausdruck bringen. Dort heißt es zunächst,
daß über dem Chaos, über der Urflut, Gottes Geist schwebte. Die Welt, in der wir leben, ist das
Werk des Schöpfergeistes. Pfingsten ist nicht nur der Ursprung der Kirche und somit auf
besondere Weise das Fest der Kirche; Pfingsten ist auch ein Fest der Schöpfung. Die Welt existiert
nicht von allein; sie kommt aus Gottes Schöpfergeist, aus Gottes Schöpferwort. Und daher spiegelt
sie auch Gottes Weisheit wider. Diese läßt in ihrer Größe und in der allumfassenden Logik ihrer
Gesetze etwas von Gottes Schöpfergeist erahnen. Sie ruft uns zur Ehrfurcht auf. Gerade derjenige,
der als Christ an den Schöpfergeist glaubt, wird sich der Tatsache bewußt, daß wir die Welt und
die Materie nicht als bloßes Material mißbrauchen dürfen, mit dem wir tun können, was wir
wollen, sondern daß wir die Schöpfung als ein Geschenk betrachten müssen, das uns nicht
anvertraut wurde, damit wir es zerstören, sondern damit es zum Garten Gottes und somit zum
Garten des Menschen werde. Angesichts des vielgestaltigen Mißbrauchs der Erde, den wir heute
vor Augen haben, hören wir fast das Seufzen der Schöpfung, von dem der hl. Paulus spricht
(Röm 8,22), und beginnen, die Worte dieses Apostels zu verstehen, der sagt, daß die ganze
Schöpfung sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet, um befreit zu werden
und ihre Herrlichkeit zu erlangen. Liebe Freunde, wir wollen diese Söhne Gottes sein, auf die die
Schöpfung wartet, und wir können es sein, weil der Herr uns in der Taufe zu solchen gemacht hat.
Ja, die Schöpfung und die Geschichte – sie warten auf uns, warten auf Männer und Frauen, die
wirklich Kinder Gottes sind und sich entsprechend verhalten. Wenn wir auf die Geschichte blicken,
dann sehen wir, wie im Umfeld der Klöster die Schöpfung gedeihen konnte, wie mit dem
Wiedererwachen des Geistes Gottes in den Herzen der Menschen der Glanz des Schöpfergeistes
auch auf die Erde zurückkehrte – eine Herrlichkeit, die von der Barbarei menschlicher Machtgier
verdunkelt und manchmal sogar fast ausgelöscht worden war. Und dann geschieht im Umfeld des
Franz von Assisi dasselbe noch einmal – es geschieht überall dort, wo Gottes Geist die Seelen
erreicht, dieser Geist, den unser Hymnus als Licht, Liebe und Kraft bezeichnet. So haben wir eine
erste Antwort gefunden auf die Frage, was der Heilige Geist ist, was er wirkt und wie wir ihn
erkennen können. Er kommt uns entgegen durch die Schöpfung und ihre Schönheit. Die gute
Schöpfung Gottes ist jedoch im Laufe der Menschheitsgeschichte von einer dicken Schmutzschicht
bedeckt worden, die es unmöglich oder zumindest schwierig macht, in ihr den Abglanz des
Schöpfers zu erkennen – auch wenn bei einem Sonnenuntergang am Meer, auf einer
Bergwanderung oder vor einer blühenden Blume in uns immer wieder, fast wie von selbst, das
Bewußtsein der Existenz des Schöpfers erwacht.
Aber der Schöpfergeist kommt uns zu Hilfe. Er ist in die Geschichte eingetreten und spricht so auf
neue Weise zu uns. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns sozusagen gestattet,
einen Blick in das Innere Gottes zu werfen. Und dort sehen wir etwas völlig Unerwartetes: In Gott
gibt es ein Ich und ein Du. Der geheimnisvolle Gott ist keine unendliche Einsamkeit; er ist ein
Ereignis der Liebe. Wenn wir beim Anblick der Schöpfung glauben, den Schöpfergeist, Gott selbst,
erahnen zu können, beinahe als schöpferische Mathematik, als Macht, die die Gesetze der Welt
und ihre Ordnung formt und dann wiederum auch als Schönheit – dann erfahren wir jetzt: Der
Schöpfergeist hat ein Herz. Er ist die Liebe. Es gibt den Sohn, der mit dem Vater spricht. Und beide
sind eins im Geist, der sozusagen die Atmosphäre des Schenkens und des Liebens ist, das aus
ihnen einen einzigen Gott macht. Diese Einheit der Liebe, die Gott ist, ist eine viel erhabenere
Einheit als es die Einheit eines kleinsten nicht mehr teilbaren Teilchens sein könnte. Gerade der
dreieinige Gott ist der einzige eine Gott.
Durch Jesus werfen wir sozusagen einen Blick in das Innere Gottes. Johannes hat es in seinem
Evangelium so ausgedrückt: «Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am
Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht» (Joh 1,18). Aber Jesus hat uns nicht nur in das
Innere Gottes blicken lassen; mit ihm ist Gott auch gewissermaßen aus seinem Inneren heraus-
und uns entgegengekommen. Dies geschieht vor allem in seinem Leben und Leiden, in seinem Tod

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und seiner Auferstehung, in seinem Wort. Aber Jesus begnügt sich nicht damit, uns
entgegenzukommen. Er will mehr. Er will Einswerdung. Das ist die Bedeutung der Bilder vom
Festmahl und von der Hochzeit. Wir müssen nicht nur etwas von ihm wissen, sondern durch ihn
müssen wir in Gott hineingezogen werden. Dafür muß er sterben und auferstehen. Denn jetzt
befindet stimmten Ort, sondern sein Geist, der Heilige Geist, strömt nunmehr von ihm aus und
dringt in unsere Herzen ein. So vereint er uns mit Jesus und mit dem Vater – mit dem dreieinigen
Gott.
Das ist Pfingsten: Jesus, und durch ihn Gott selbst, kommt zu uns und zieht uns in sich hinein. «Er
sendet den Heiligen Geist» – so drückt es die Heilige Schrift aus. Welche Wirkung hat dies? Ich
möchte vor allem zwei Aspekte hervorheben: Der Heilige Geist, durch den Gott zu uns kommt,
bringt uns Leben und Freiheit. Sehen wir uns beide Dinge etwas genauer an. «Ich bin gekommen,
damit sie das Leben haben und es in Fülle haben», sagt Jesus im Johannesevangelium (10,10).
Leben und Freiheit – das ist das, wonach wir alle uns sehnen. Aber was ist das – wo und wie
finden wir das «Leben»? Ich glaube, daß die allermeisten Menschen spontan dieselbe
Lebensauffassung haben wie der verlorene Sohn im Evangelium. Er hatte sich sein Erbteil
ausbezahlen lassen, und jetzt fühlte er sich frei, wollte endlich ohne die Last der häuslichen
Pflichten leben, er wollte nur leben, all das vom Leben haben, was dieses bieten konnte: es aus
vollen Zügen genießen – leben, nur leben, aus der Fülle des Lebens schöpfen und nichts von dem
verpassen, was es Wertvolles anzubieten hatte. Am Ende fand er sich als Schweinehirt wieder und
beneidete sogar diese Tiere – so leer und nichtssagend war sein Leben geworden. Und als
nichtssagend entpuppte sich auch seine Freiheit. Geschieht das vielleicht nicht auch heute? Wenn
man das Leben nur an sich reißen will, dann wird es immer leerer, immer ärmer; schließlich sucht
man leicht Zuflucht in den Drogen, in der großen Illusion. Und Zweifel kommen auf, ob es
letztendlich wirklich gut ist zu leben. Nein, auf diese Weise finden wir das Leben nicht. Das Wort
Jesu über das Leben in Fülle findet sich in der Rede vom Guten Hirten. Es ist ein Wort, das in einem
zweifachen Zusammenhang steht. Über den Hirten sagt Jesus, daß er sein Leben hingibt:
«Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin» (Joh 10,18). Das Leben
findet man nur, wenn man es hingibt; man findet es nicht, wenn man es an sich reißen will. Das
müssen wir von Christus lernen; und das lehrt uns der Heilige Geist, der reines Geschenk ist, der
die Hingabe Gottes ist. Je mehr man sein Leben für die anderen, für das Gute, hingibt, desto voller
strömt der Fluß des Lebens.
Als zweites sagt uns der Herr, daß das Leben hervortritt, wenn man zusammen mit dem Hirten
geht, der die Weide kennt – die Orte, an denen die Quellen des Lebens entspringen. Das Leben
finden wir in Gemeinschaft mit demjenigen, der selbst das Leben ist – in Gemeinschaft mit dem
lebendigen Gott, einer Gemeinschaft, in die uns der Heilige Geist einführt, der im Vesperhymnus
«fons vivus», lebendige Quelle, genannt wird. Die Weide, auf der die Quellen des Lebens strömen,
ist das Wort Gottes, wie wir es in der Heiligen Schrift finden, im Glauben der Kirche. Die Weide ist
Gott selbst. In der Gemeinschaft des Glaubens lernen wir, ihn durch die Kraft des Heiligen Geistes
zu erkennen.
Liebe Freunde, die Bewegungen sind aus dem Durst nach dem wahren Leben entstanden; sie sind
in jeder Hinsicht Bewegungen für das Leben. Wo die wahre Quelle des Lebens nicht mehr strömt,
wo man das Leben nur an sich reißt, anstatt es hinzugeben, dort ist auch das Leben der anderen in
Gefahr; dort ist man bereit, das schutzlose, noch ungeborene Leben auszuschließen, weil es dem
eigenen Leben Raum zu nehmen scheint. Wenn wir das Leben schützen wollen, dann müssen wir
vor allem die Quelle des Lebens wiederfinden; dann muß das Leben selbst in seiner ganzen
Schönheit und Erhabenheit wieder zum Vorschein kommen; dann müssen wir uns beleben lassen
vom Heiligen Geist, der schöpferischen Quelle des Lebens.

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Das Thema der Freiheit ist eben bereits erwähnt worden. Im Aufbruch des verlorenen Sohnes
verbinden sich die Themen des Lebens und der Freiheit miteinander. Er will das Leben, und darum
will er vollkommen frei sein. Frei zu sein bedeutet in dieser Sichtweise, alles tun zu können, was
man will, kein Kriterium außer- und oberhalb von mir selbst gelten zu lassen, nur meinem Wunsch
und meinem Willen zu folgen. Wer so lebt, wird bald mit demjenigen zusammenstoßen, der auf
dieselbe Weise leben will. Die notwendige Folge dieses egoistischen Freiheitsbegriffes ist die
Gewalt, die gegenseitige Zerstörung der Freiheit und des Lebens. Die Heilige Schrift dagegen
verbindet den Freiheitsbegriff mit dem der Kindschaft. Der hl. Paulus sagt: «Denn ihr habt nicht
einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so daß ihr euch immer noch fürchten müßtet,
sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen:
Abba, Vater!» (Röm 8,15). Was bedeutet das? Der hl. Paulus setzt das Gesellschaftssystem der
Antike voraus, in dem es Sklaven gab, denen nichts gehörte und die daher nicht interessiert waren
am richtigen Ablauf der Dinge. Auf der anderen Seite standen die Söhne, die gleichzeitig Erben
waren und daher für den Erhalt und die gute Verwaltung ihres Besitzes oder für den Erhalt des
Staates sorgten. Da sie frei waren, besaßen sie auch eine Verantwortung. Wenn man vom
soziologischen Hintergrund jener Zeit einmal absieht, gilt noch immer der Grundsatz: Freiheit und
Verantwortung gehören zusammen. Die wahre Freiheit zeigt sich in der Verantwortung, in einer
Handlungsweise, die Mitverantwortung trägt für die Welt, für sich selbst und für die anderen. Frei
ist der Sohn, dem die Dinge gehören und der daher nicht zuläßt, daß sie zerstört werden. Alle
weltlichen Verantwortlichkeiten, von denen wir gesprochen haben, sind jedoch nur
Teilverantwortlichkeiten, die einen bestimmten Bereich, einen bestimmten Staat usw. betreffen.
Der Heilige Geist dagegen macht uns zu Söhnen und Töchtern Gottes. Er bezieht uns ein in die
Verantwortlichkeit Gottes selbst für seine Welt, für die gesamte Menschheit. Er lehrt uns, die
Welt, den Nächsten und uns selbst mit den Augen Gottes zu betrachten. Wir tun das Gute nicht
wie Sklaven, die nicht die Freiheit haben, anders zu handeln, sondern wir tun es, weil wir
persönliche Verantwortung für die Welt tragen, weil wir die Wahrheit und das Gute lieben, weil wir
Gott lieben und daher auch seine Geschöpfe. Das ist die wahre Freiheit, zu der der Heilige Geist
uns führen will.
Die kirchlichen Bewegungen wollen und müssen Schulen der Freiheit sein, dieser wahren Freiheit.
Dort wollen wir diese wahre Freiheit erlernen, nicht die der Sklaven, die darauf abzielt, für sich
selbst ein Stück vom Kuchen abzuschneiden, der allen gehört, auch wenn dieses Stück anderen
dann fehlt. Wir wünschen uns die wahre und große Freiheit, diejenige der Erben, die Freiheit der
Kinder Gottes. In dieser Welt, die so voll ist von scheinbaren Freiheiten, die die Umwelt und den
Menschen zerstören, wollen wir in der Kraft des Heiligen Geistes zusammen die wahre Freiheit
erlernen, Schulen der Freiheit errichten, den anderen durch unser Leben zeigen, daß wir frei sind,
und wie schön es ist, wirklich frei zu sein in der wahren Freiheit der Kinder Gottes.
Indem der Heilige Geist Leben und Freiheit schenkt, schenkt er auch Einheit. Diese drei Gaben sind
voneinander untrennbar. Ich habe bereits zu lange gesprochen; gestattet mir jedoch, noch kurz ein
Wort zur Einheit zu sagen. Um diese zu verstehen, kann uns ein Satz zur Hilfe kommen, der uns auf
den ersten Blick eher von ihr zu entfernen scheint. Jesus sagt zu Nikodemus, der auf seiner Suche
nach der Wahrheit in der Nacht mit seinen Fragen zu ihm kommt: «Der Geist weht, wo er will»
(vgl. Joh 3,8). Aber der Wille des Geistes ist keine Willkür. Er ist der Wille der Wahrheit und des
Guten. Daher weht er nicht irgendwoher und dreht sich mal hierhin und mal dorthin; sein Wehen
zerstreut uns nicht, sondern es sammelt uns, weil die Wahrheit vereint und die Liebe vereint. Der
Heilige Geist ist der Geist Jesu Christi, der Geist, der den Vater mit dem Sohn in der Liebe vereint,
die er im einzigen Gott schenkt und empfängt. Er vereint uns so sehr, daß der hl. Paulus einmal
sagen konnte: «Ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus» (Gal3,28). Der Heilige Geist treibt uns mit
seinem Wehen zu Christus. Der Heilige Geist wirkt leibhaft; er wirkt nicht nur subjektiv, nicht nur
«geistlich». Zu den Jüngern, die ihn nur für einen «Geist» hielten, sagte der auferstandene

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Christus: «Ich bin es selbst. Faßt mich doch an und begreift: Kein Geist – kein Gespenst – hat
Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht» (vgl. Lk 24,39). Das gilt für den auferstandenen
Christus in jedem Zeitabschnitt der Geschichte. Der auferstandene Christus ist kein Gespenst, er ist
nicht nur ein Geist, ein Gedanke, eine Idee. Er ist der Fleischgewordene geblieben – derjenige, der
unser Fleisch angenommen hat, ist auferstanden – und er baut immer weiter seinen Leib auf,
macht uns zu seinem Leib. Der Geist weht, wo er will, und sein Wille ist die Einheit, die zum Leib
geworden ist, die Einheit, die der Welt begegnet und sie verändert.

Im Epheserbrief sagt uns der hl. Paulus, daß dieser Leib Christi, der die Kirche ist, Gelenke hat (vgl.
4,16), und er benennt sie auch: Es sind Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer (vgl.
4,11). Der Geist ist vielgestaltig in seinen Gaben – das sehen wir hier. Wenn wir auf die Geschichte
blicken, wenn wir auf diese Versammlung hier auf dem Petersplatz blicken – dann werden wir
gewahr, daß er immer neue Gaben hervorruft, dann sehen wir, wie verschieden die Organe sind,
die er schafft, und daß er immer wieder von neuem leibhaft wirkt. Aber in ihm gehören Vielfalt
und Einheit zusammen. Er weht, wo er will. Er tut dies auf unerwartete Weise, an unerwarteten
Orten und in Formen, an die man vorher nie gedacht hat. Und mit welcher Vielfalt und
Leibhaftigkeit tut er dies! Und auch hier sind Vielfalt und Einheit voneinander untrennbar. Er will
eure Vielfalt, und er will euch als den einen Leib, vereint mit den dauerhaften Ordnungen – den
Gelenken – der Kirche, mit den Nachfolgern der Apostel und mit dem Nachfolger des hl. Petrus. Er
entbindet uns nicht von der Mühe, zu lernen, wie wir miteinander umgehen sollen; aber er zeigt
uns auch, daß er im Hinblick auf den einen Leib und in der Einheit des einen Leibes wirkt. Und nur
so bekommt die Einheit ihre Kraft und ihre Schönheit. Beteiligt euch am Aufbau des einen Leibes!
Die Hirten werden achtgeben, den Geist nicht auszulöschen (vgl. 1Thess 5,19), und ihr werdet
nicht aufhören, eure Gaben der ganzen Gemeinschaft zu bringen. Noch einmal: Der Heilige Geist
weht, wo er will. Aber sein Wille ist die Einheit. Er führt uns zu Christus, in seinen Leib. Durch
Christus – sagt der hl. Paulus – «wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem
einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und wird in
Liebe aufgebaut» (Eph 4,16).

Der Heilige Geist will die Einheit, er will die Ganzheit. Daher zeigt sich seine Gegenwart
letztendlich auch im missionarischen Eifer. Wer im eigenen Leben etwas Wahres, Schönes und
Gutes gefunden hat – den einzigen wahren Schatz, die wertvolle Perle! –, der sich schnell
aufmacht, um es mit allen Menschen zu teilen, in der Familie und am Arbeitsplatz, in allen
Bereichen seines Lebens. Er tut dies ohne jede Furcht, weil er weiß, daß er zum Sohn gemacht
worden ist, ohne jede Anmaßung, weil alles ein Geschenk ist, ohne Mutlosigkeit, weil der Geist
Gottes seinem Handeln vorausgeht in den «Herzen» der Menschen und als Samenkorn in den
unterschiedlichsten Kulturen und Religionen. Er tut dies ohne Grenzen, weil er Bote einer guten
Nachricht für alle Menschen und Völker ist.
Liebe Freunde, ich bitte euch, in noch stärkerem, noch viel stärkerem Umfang Mitarbeiter zu sein
am universalen apostolischen Dienst des Papstes, indem ihr Christus die Türen öffnet. Das ist der
beste Dienst der Kirche an den Menschen und besonders an den Armen, damit das Leben des
einzelnen, eine gerechtere Sozialordnung und das friedliche Zusammenleben der Nationen in
Christus den «Eckstein» finden mögen, auf dem die wahre Zivilisation, die Zivilisation der Liebe,
gebaut werden kann. Der Heilige Geist schenkt den Gläubigen eine höhere Sichtweise von der
Welt, vom Leben und von der Geschichte und macht sie zu Hütern der Hoffnung, die nicht
zugrunde gehen läßt.
Bitten wir also Gottvater durch unseren Herrn Jesus Christus in der Gnade des Heiligen Geistes,
daß die Feier des Hochfestes Pfingsten wie ein loderndes Feuer und wie ein heftiger Sturm für das
christliche Leben und für die Sendung der ganzen Kirche sein möge. Ich vertraue die Anliegen

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eurer Bewegungen und Gemeinschaften dem Herzen der allerseligsten Jungfrau Maria an, die mit
den Aposteln im Abendmahlssaal anwesend war: Sie möge ihre konkrete Umsetzung erbitten. Auf
euch alle rufe ich die Ausgießung der Gaben des Heiligen Geistes herab, damit auch unsere Zeit ein
neues Pfingsten erfahren kann. Amen!

Laetare, Quelle der Freude: Eucharistie; Sacramentum caritatis


(Benedikt XVI., Angelus, 18. März 2007)
Soeben bin ich aus der Jugendstrafvollzugsanstalt «Casal del Marmo» in Rom zurückgekehrt, der
ich am heutigen 4. Fastensonntag einen Besuch abgestattet habe. Dieser Sonntag heißt auf
lateinisch «Laetare», also «Freue dich», wie die Anfangsworte des Eröffnungsverses in der
Meßliturgie lauten. Heute lädt uns die Liturgie zur Freude ein, denn es naht das Osterfest, der Tag
von Christi Sieg über Sünde und Tod. Wo aber liegt die Quelle der christlichen Freude, wenn nicht
in der Eucharistie, die Christus uns als geistliche Nahrung hinterlassen hat, während wir als Pilger
auf dieser Erde unterwegs sind? In den Gläubigen aller Zeiten nährt die Eucharistie jene tiefe
Freude, die eins ist mit der Liebe und dem Frieden und die ihren Ursprung in der Gemeinschaft mit
Gott und mit den Brüdern und Schwestern hat.

Am vergangenen Dienstag wurde das Nachsynodale Apostolische Schreiben Sacramentum


caritatis vorgestellt; sein Thema ist die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des Lebens und der
Sendung der Kirche. Ich habe es erarbeitet auf der Grundlage der Ergebnisse der XI.
Vollversammlung der Bischofssynode, die im Oktober 2005 im Vatikan stattgefunden hat. Es ist
meine Absicht, bei anderer Gelegenheit auf diesen wichtigen Text zurückzukommen; schon jetzt
möchte ich aber hervorheben, daß er ein Bekenntnis des Glaubens der Universalkirche an das
eucharistische Geheimnis darstellt und an das Zweite Vatikanische Konzil sowie an das Lehramt
meiner verehrten Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. anknüpft. In diesem Dokument habe ich
unter anderem seine besondere Beziehung zur Enzyklika Deus caritas est herausstellen wollen:
Aus diesem Grund wählte ich den Titel Sacramentum caritatis; es handelt sich um eine schöne
Definition der Eucharistie vom hl. Thomas von Aquin (vgl. Summa Th. III, q. 73, a. 3, ad 3),
«Sakrament der Liebe». Ja, in der Eucharistie hat Christus uns seine Liebe schenken wollen, die ihn
dazu geführt hat, sein Leben am Kreuz für uns hinzugeben. Beim Letzten Abendmahl, als er den
Jüngern die Füße wusch, hinterließ uns Jesus das Gebot der Liebe: «Wie ich euch geliebt habe, so
sollt auch ihr einander lieben» (Joh 13,34). Da dies aber nur dann möglich ist, wenn wir mit ihm
vereint bleiben, wie die Reben mit dem Weinstock (vgl. Joh 15,1–8), hat Er beschlossen, durch die
Eucharistie persönlich bei uns zu bleiben, damit wir in Ihm bleiben können. Wenn wir uns also
gläubig von seinem Leib und seinem Blut nähren, geht seine Liebe auf uns über und macht uns
unsererseits fähig, das Leben für die Brüder und Schwestern hinzugeben (vgl. 1 Joh 3,16) und es
nicht für uns allein zu beanspruchen. Daraus entspringt die christliche Freude, die Freude der
Liebe und des Geliebtwerdens.

Die «eucharistische Frau» schlechthin ist Maria, das Meisterwerk der Gnade Gottes: Die Liebe
Gottes machte sie untadelig «vor Gott in der Liebe» (vgl. Eph 1,4). Ihr zur Seite hat der Herr den hl.
Josef als Beschützer des Heilands gestellt, und morgen werden wir seinen liturgischen Festtag
feiern. Diesen großen Heiligen, meinen Namenspatron, rufe ich ganz besonders an, damit das Volk
Gottes, wenn es das eucharistische Geheimnis gläubig feiert und lebt, von der Liebe Christi

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durchdrungen werde und deren Früchte der Freude und des Friedens unter der ganzen
Menschheit verbreite.

Gott ist barmherzige Liebe (Benedikt XVI., Angelus, 16.


September 2007)
Heute legt uns die Liturgie das 15. Kapitel des Lukasevangeliums zur Betrachtung vor: einen der
erhabensten und ergreifendsten Abschnitte der ganzen Heiligen Schrift. Mit Freude denken wir
daran, daß in der ganzen Welt, wo auch immer sich die christliche Gemeinde versammelt, um die
sonntägliche Eucharistie zu feiern, an diesem Tag diese Frohe Botschaft der Wahrheit und des
Heils erklingt: Gott ist barmherzige Liebe. Der Evangelist Lukas hat in diesem Kapitel drei
Gleichnisse über die göttliche Barmherzigkeit gesammelt: die beiden kürzeren, die er mit
Matthäus und Markus gemeinsam hat, sind die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und von der
verlorenen Drachme; das dritte, lange, ausführliche Gleichnis, das sich nur bei ihm findet, ist das
berühmte Gleichnis vom barmherzigen Vater, das gewöhnlich das «Gleichnis vom verlorenen
Sohn» genannt wird. In diesem Abschnitt des Evangeliums ist es so, als hörte man gleichsam die
Stimme Jesu, der uns das Antlitz seines Vaters und unseres Vaters offenbart. Im Grunde ist er dazu
auf die Welt gekommen, um zu uns vom Vater zu sprechen; um ihn uns verlorenen Söhnen
bekanntzumachen und in unseren Herzen die Freude zu wecken ihm zu gehören, die Hoffnung,
Vergebung zu finden und unsere volle Würde zurückerstattet zu bekommen, und den Wunsch, für
immer in seinem Haus zu wohnen, das auch unser Haus ist.

Jesus erzählte die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit, da die Pharisäer und Schriftgelehrten
schlecht über ihn redeten, denn sie sahen, daß er auf die Sünder zuging und sogar mit ihnen aß
(vgl. Lk 15,1–3). So erklärte er mit der für ihn bezeichnenden Sprache, daß Gott nicht will, daß
auch nur einer seiner Söhne verloren gehe, und daß sein Herz vor Freude überfließt, wenn ein
Sünder umkehrt. Die wahre Religion besteht also darin, in Einklang zu kommen mit diesem Herzen,
das «reich an Barmherzigkeit» ist und uns bittet, alle zu lieben, auch die Fernstehenden und die
Feinde, und so den himmlischen Vater nachzuahmen, der die Freiheit eines jeden respektiert und
alle mit der unbesiegbaren Kraft seiner Treue an sich zieht. Das ist der Weg, den Jesus all denen
weist, die seine Jünger sein wollen: «Richtet nicht… verurteilt nicht… Erlaßt einander die Schuld,
dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden…
Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!» (Lk 6,36–38). In diesen Worten finden wir sehr
konkrete Anweisungen für unser alltägliches Verhalten als Gläubige.

In unserer Zeit hat es die Menschheit nötig, daß die Barmherzigkeit Gottes kraftvoll verkündigt
und bezeugt wird. Prophetisch ahnte diese pastorale Dringlichkeit der geliebte Johannes Paul II.,
der ein großer Apostel der göttlichen Barmherzigkeit gewesen ist. Dem barmherzigen Vater
widmete er seine zweite Enzyklika, und während seines ganzen Pontifikats machte er sich zum
Missionar der Liebe Gottes bei allen Völkern. Nach den tragischen Ereignissen des 11. September
2001, die den Beginn des dritten Jahrtausends verdunkelten, forderte er die Christen und die
Menschen guten Willens auf zu glauben, daß die Barmherzigkeit Gottes stärker als alles Böse ist,
und daß sich nur im Kreuz Christi das Heil der Welt findet.

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Die Jungfrau Maria, Mutter der Barmherzigkeit, die wir gestern als die Schmerzhafte Mutter
Gottes zu Füßen des Kreuzes betrachtet haben, erwirke für uns die Gabe, immer auf die Liebe
Gottes zu vertrauen, und sie helfe uns, barmherzig zu sein wie unser Vater im Himmel.

Die Beziehung zu Gott, die beiden Söhne (Benedikt XVI., Angelus,


14. März 2010)
Am heutigen vierten Fastensonntag wird das Evangelium vom Vater und seinen beiden Söhnen
verkündigt, das als Gleichnis vom «verlorenen Sohn» bekannt ist (Lk 15,11–32). Dieser Abschnitt
aus dem Evangelium des hl. Lukas ist ein Höhepunkt der Spiritualität und der Literatur aller Zeiten.
Denn was wären unsere Kultur, die Kunst und unsere Zivilisation im allgemeinen ohne diese
Offenbarung eines Gottvaters voll Erbarmen? Ständig bewegt sie uns, und jedesmal, wenn wir sie
hören oder lesen, kann sie uns immer neue Bedeutungen nahelegen. Der Text aus dem
Evangelium besitzt vor allem die Kraft, zu uns von Gott zu sprechen, uns sein Antlitz, besser noch:
sein Herz kennenlernen zu lassen. Nachdem Jesus uns vom barmherzigen Vater erzählt hat, sind
die Dinge nicht mehr so wie vorher, jetzt kennen wir Gott: Er ist unser Vater, der uns aus Liebe zu
uns frei und mit einem Gewissen begabt geschaffen hat, der leidet, wenn wir uns verirren, und ein
Fest feiert, wenn wir zurückkehren. Aus diesem Grund baut sich die Beziehung mit ihm über eine
Geschichte hinweg auf, ähnlich wie dies jedem Kind mit seinen Eltern widerfährt: Anfangs hängt es
von ihnen ab; dann beansprucht es seine Selbständigkeit; und schließlich – wenn eine positive
Entwicklung gegeben ist – gelangt es zu einer reifen Beziehung, die auf Dankbarkeit und echter
Liebe gründet.
In diesen Etappen können wir auch Momente des Wegs des Menschen in der Beziehung zu
Gott erkennen. Es kann da eine Phase geben, die wie die Kindheit ist: eine durch Bedürfnis, durch
Abhängigkeit geprägte Religion. Wenn dann der Mensch allmählich wächst und sich emanzipiert,
will er sich von dieser Unterworfenheit frei machen und frei werden, erwachsen, fähig, sich selbst
eine Regel zu geben und selbständig seine Entscheidungen zu fällen, wobei er auch meint, auf Gott
verzichten zu können. Das ist nun eine heikle Phase, die auch zum Atheismus führen kann, aber
selbst dahinter verbirgt sich nicht selten das Bedürfnis, das wahre Antlitz Gottes zu entdecken. Zu
unserem Glück versagt Gott nie seine Treue, und auch wenn wir uns entfernen und uns verlieren,
fährt er fort, uns mit seiner Liebe zu folgen, wobei er unsere Irrtümer vergibt und innerlich zu
unserem Gewissen spricht, um uns zu sich zurückzurufen.
Im Gleichnis verhalten sich die beiden Söhne auf gegensätzliche Weise: der jüngere geht
fort und fällt immer tiefer, während der ältere zu Hause bleibt, aber auch er hat eine unreife
Beziehung zum Vater. Als nämlich der Bruder zurückkehrt, ist der ältere nicht glücklich, wie dies
hingegen der Vater ist, im Gegenteil, er wird zornig und will nicht ins Haus zurückgehen. Die zwei
Söhne stellen die beiden unreifen Weisen dar, mit Gott in eine Beziehung zu treten: die Auflehnung
und die Heuchelei. Beide Formen werden durch die Erfahrung der Barmherzigkeit überwunden.
Allein dadurch, daß wir die Vergebung erfahren und uns so als Menschen erkennen, die von einer
ungeschuldeten Liebe geliebt sind, die größer als unsere Armseligkeit, aber auch größer als unsere
Gerechtigkeit ist, treten wir endlich in eine wirklich kindliche und freie Beziehung zu Gott.
Liebe Freunde, denken wir über dieses Gleichnis nach. Erkennen wir uns in den beiden Söhnen
wieder, und betrachten wir vor allem das Herz des Vaters. Werfen wir uns in seine Arme und
lassen wir uns von seiner barmherzigen Liebe erneuern. Dabei helfe uns die Jungfrau Maria,
«Mater misericordiae».

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Der verlorene Sohn (Benedikt XVI., Sonntag, 12. September 2010)
Im Evangelium des heutigen Sonntags – dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums – erzählt Jesus die
drei «Gleichnisse der Barmherzigkeit». Wenn er «von dem Hirten spricht, der dem verlorenen
Schaf nachgeht, von der Frau, die die Drachme sucht, von dem Vater, der auf den verlorenen Sohn
zugeht und ihn umarmt, dann sind dies alles nicht nur Worte, sondern Auslegungen seines eigenen
Seins und Tuns» (Deus caritas est, 12). Tatsächlich ist der Hirt, der das verlorene Schaf
wiederfindet, der Herr selbst, der mit seinem Kreuz das sündige Sein des Menschen auf sich
nimmt, um es zu erlösen. Der verlorene Sohn im dritten Gleichnis ist ein junger Mann, der von
seinem Vater das Erbteil bekommen hatte und «in ein fernes Land [zog]. Dort führte er ein
zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen» ( Lk 15,13). Als er alles durchgebracht hatte,
war er gezwungen, wie ein Knecht zu arbeiten, und er akzeptierte es sogar, sich an dem Futter zu
sättigen, das für die Tiere bestimmt war. «Da ging er in sich», sagt das Evangelium ( Lk 15,17). «Die
Worte, die er sich für die Heimkehr vorbereitet, lassen uns die Weite seiner inneren Wanderung
erkennen, die er nun durchschreitet … [er begibt sich] ›nach Hause‹, zu sich selber und zum Vater»
(Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Freiburg-Basel-Wien 2007, S. 245). «Ich will aufbrechen und zu
meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich
versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein» ( Lk 15,18– 19). Der hl. Augustinus schreibt:
«Das Wort selbst ist es, das dich zur Umkehr ruft. Dort ist die Stätte unwandelbarer Ruhe, wo
nichts der Liebe entschwindet « ( Bekenntnisse, IV, 11.16). «Der Vater sah ihn schon von weitem
kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte
ihn» (Lk 15,20), und voller Freude ließ er ein Fest bereiten.

Liebe Freunde, wie sollten wir nicht in unserem Herzen die Gewißheit haben, daß wir, obwohl wir
Sünder sind, von Gott geliebt werden? Er wird nie müde, uns entgegenzukommen, er legt immer
als erster den Weg zurück, der uns von ihm trennt. Das Buch Exodus zeigt uns, wie es Mose mit
vertrauensvollem und wagemutigem Flehen gelang, Gott sozusagen vom Thron des Gerichts zum
Thron der Barmherzigkeit wechseln zu lassen (vgl. 32,7–11.13–14). Die Reue ist das Maß des
Glaubens, und dank ihrer kehrt man zur Wahrheit zurück. Der Apostel Paulus schreibt: «Ich habe
Erbarmen gefunden, denn ich wußte in meinem Unglauben nicht, was ich tat» (1 Tim 1,13).

Wenn wir auf das Gleichnis des Sohnes zurückkommen, der «nach Hause» zurückkehrt, bemerken
wir: Als der ältere Sohn aufgrund der dem Bruder bereiteten festlichen Aufnahme empört auftritt,
ist es wiederum der Vater, der ihm entgegengeht und zu ihm hinauskommt, um ihn anzuflehen:
«Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein» ( Lk 15,31). Nur der
Glaube kann den Egoismus in Freude verwandeln und die rechten Beziehungen zum Nächsten und
zu Gott neu anknüpfen. «Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern», sagt der
Vater; «denn dein Bruder … war verloren und ist wiedergefunden worden» ( Lk 15,32).

Liebe Brüder und Schwestern, am kommenden Donnerstag werde ich mich in das Vereinigte
Königreich begeben, wo ich Kardinal John Henry Newman seligsprechen werde. Ich bitte euch alle,
mich auf dieser Apostolischen Reise mit eurem Gebet zu begleiten. Der Jungfrau Maria, deren
heiligsten Namen die Kirche heute feiert, empfehlen wir unseren Weg der Umkehr zu Gott.

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Die Freude Gottes, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, der verlorene
Sohn (Franziskus, Angelus, 15. September 2013)
In der heutigen Liturgie wird das 15. Kapitel des Lukasevangeliums verlesen, das die drei
Gleichnisse der Barmherzigkeit enthält: das Gleichnis vom verlorenen Schaf, jenes vom verlorenen
Geldstück und dann das längste aller Gleichnisse, das charakteristisch für Lukas ist, das Gleichnis
vom Vater und den beiden Söhnen, dem «verlorenen» Sohn und dem Sohn, der sich für «gerecht»
hält, der sich «heilig» wähnt. Alle drei Gleichnisse sprechen von der Freude Gottes. Gott freut sich.
Interessant ist das: Gott freut sich!
Und worin besteht die Freude Gottes? Die Freude Gottes ist das Vergeben, die Freude
Gottes besteht darin, zu vergeben! Es ist die Freude eines Hirten, der sein Schaf wiederfindet; die
Freude einer Frau, die ihr Geldstück wiederfindet; es ist die Freude eines Vaters, der den Sohn im
Haus aufnimmt, der verloren war, der wie gestorben war und zum Leben zurückgekehrt ist, der
nach Hause zurückgekehrt ist. Hier ist das ganze Evangelium! Hier! Hier ist das ganze Evangelium,
hier ist das ganze Christentum! Aber aufgepasst, das ist kein Gefühl, das ist kein
«Gutmenschentum»!
Im Gegenteil, die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen und die Welt vor dem
«Krebsgeschwür» retten kann, das die Sünde ist, das moralische Übel, das geistliche Übel. Allein
die Liebe erfüllt die Leere, die negativen Abgründe, die das Böse im Herzen und in der Geschichte
aufreißt. Allein die Liebe vermag dies, und das ist die Freude Gottes!
Jesus ist ganz Barmherzigkeit, Jesus ist ganz Liebe: er ist der menschgewordene Gott. Jeder
von uns, jeder von uns ist jenes verlorene Schaf, jenes verlorene Geldstück; jeder von uns ist jener
Sohn, der seine Freiheit vergeudet hat, falschen Götzen, Blendwerken des Glücks, gefolgt ist und
alles verloren hat. Doch Gott vergisst uns nicht, der Vater verlässt uns nie. Er ist ein geduldiger
Vater, er erwartet uns immer! Er respektiert unsere Freiheit, doch er bleibt immer treu. Und wenn
wir zu ihm zurückkehren, nimmt er uns in seinem Haus wie Kinder auf, da er niemals aufhört, auch
nicht einen Augenblick, uns voll Liebe zu erwarten. Und sein Herz feiert ein Fest für jedes Kind, das
zurückkehrt. Es feiert ein Fest, weil es eine Freude ist. Gott hat diese Freude, wenn einer von uns
Sündern zu ihm geht und um seine Vergebung bittet.
Was ist die Gefahr? Die Gefahr besteht darin, dass wir uns für gerecht halten und über die
anderen urteilen. Wir urteilen auch über Gott, weil wir denken, dass er die Sünder züchtigen, zum
Tod verurteilen sollte, statt ihnen zu vergeben. Ja, dann laufen wir Gefahr, draußen vor dem Haus
des Vaters zu bleiben! Wie jener ältere Bruder des Gleichnisses, der, statt zufrieden zu sein, weil
der Bruder zurückgekehrt ist, zornig auf den Vater ist, der ihn aufgenommen hat und ein Fest
feiert.
Wenn in unserem Herzen keine Barmherzigkeit ist, keine Freude der Vergebung, sind wir
nicht in Gemeinschaft mit Gott, selbst wenn wir alle Gebote befolgen, denn es ist die Liebe, die
rettet, nicht allein die Befolgung der Gebote. Es ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten, die alle
Gebote erfüllt. Und das ist die Liebe Gottes, seine Freude: vergeben. Er erwartet uns immer!
Vielleicht trägt da jemand in seinem Herzen etwas Schweres: «Aber ich habe das getan, ich habe
jenes getan» Er erwartet dich! Er ist Vater: immer erwartet er uns!
Wenn wir nach dem Gesetz «Auge um Auge, Zahn um Zahn» leben, dann kommen wir nie
aus der Spirale des Bösen heraus. Der Teufel ist schlau und macht uns vor, dass wir mit unserer
menschlichen Gerechtigkeit uns und die Welt retten können. In Wirklichkeit kann uns allein die
Gerechtigkeit Gottes retten! Und die Gerechtigkeit Gottes hat sich am Kreuz offenbart: das Kreuz
ist das Urteil Gottes über uns alle und über diese Welt. Wie aber urteilt Gott über uns? Indem er
sein Leben für uns hingibt! Ja, das ist der höchste Akt der Gerechtigkeit, der ein für alle Mal den
Fürsten dieser Welt besiegt hat; und dieser höchste Akt der Gerechtigkeit ist gerade auch der
höchste Akt der Barmherzigkeit. Jesus ruft uns alle, diesem Weg zu folgen: «Seid barmherzig, wie

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es auch euer Vater ist!» (Lk 6,36). Ich bitte euch um etwas, jetzt. In Stille wollen wir alle
nachdenken, jeder denke an einen Menschen, mit dem wir nicht gut stehen, auf den wir zornig
sind, den wir nicht gern haben. Denken wir an jenen Menschen und beten wir in Stille, in diesem
Augenblick, für diese Person und werden wir barmherzig gegenüber diesem Menschen. Bitten wir
nun um die Fürsprache Mariens, Mutter der Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit (Franziskus, Angelus, 6. März 2016)

Im fünfzehnten Kapitel des Lukasevangeliums finden wir die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit:
das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Verse 4-7), vom wiedergefundenen Geldstück (Verse 8-10)
und das großartige Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser vom barmherzigen Vater (vv. 11-
32). Es wäre schön, wenn ein jeder von uns heute das Evangelium, dieses fünfzehnte Kapitel des
Evangeliums nach Lukas, zur Hand nehmen und diese drei Gleichnisse lesen würde.

Auf dem Weg durch die Fastenzeit legt uns das Evangelium gerade dieses Gleichnis vom
barmherzigen Vater vor, dessen Hauptperson ein Vater mit seinen beiden Söhnen ist. Die
Erzählung lässt uns einige Züge dieses Vaters erkennen: Er ist ein Mann, der immer zur Vergebung
bereit ist und wider alle Hoffnung hofft. Vor allem beeindruckt seine Toleranz gegenüber der
Entscheidung des jüngeren Sohnes, von zu Hause fortzugehen: Er hätte sich dem widersetzen
können, da er wusste, dass er noch unreif ist, ein noch junger Mann, oder er hätte einen Anwalt
aufsuchen können, um ihm dessen Erbteil nicht auszuzahlen, da er ja noch lebte. Stattdessen
gestattet er es ihm, aufzubrechen, obwohl er die möglichen Risiken voraussieht. So handelt Gott
mit uns: er lässt uns die Freiheit, auch die Freiheit, Fehler zu machen, da er uns geschaffen hat
und uns damit das große Geschenk der Freiheit gemacht hat. Es liegt an uns, sie recht zu nutzen.
Dieses Geschenk der Freiheit, das Gott uns gibt, versetzt mich immer wieder in Staunen.

Doch die Trennung von jenem Sohn ist nur leiblich. Der Vater behält ihn immer im Herzen;
vertrauensvoll erwartet er seine Rückkehr. Er schaut forschend auf die Straße, in der Hoffnung, ihn
zu sehen. Und eines Tages sieht er ihn schon von weitem kommen (V. 20). Das aber bedeutet,
dass dieser Vater jeden Tag auf die Terrasse stieg, um nachzuschauen, ob sein Sohn
zurückkommen würde! Und er hat Mitleid mit ihm, als er ihn sieht. Er läuft ihm entgegen, fällt ihm
um den Hals und küsst ihn. Wie viel Zärtlichkeit! Dieser Sohn hatte etwas wirklich Schlimmes
angestellt! Doch der Vater empfängt ihn auf diese Weise. Dieselbe Haltung nimmt der Vater auch
gegenüber dem älteren Sohn an, der immer zu Hause geblieben war und der jetzt entrüstet ist
und protestiert, weil er nicht begreift und all diese Güte gegenüber dem Bruder, der einen Fehler
gemacht hatte, nicht teilt. Der Vater geht hinaus, er geht auch diesem Sohn entgegen und ruft ihm
in Erinnerung, dass sie immer zusammen gewesen seien und alles gemeinsam hätten (V. 31), es
aber notwendig sei, voll Freude den Bruder aufzunehmen, der endlich nach Hause
zurückgekommen ist. Und das lässt mich an etwas denken: Wenn sich einer als Sünder empfindet,
sich wirklich gering fühlt, oder wie ich jemanden – viele – sagen gehört habe: «Pater, ich bin ein
Dreck!», dann ist das der Augenblick, zum Vater zu gehen. Wenn ich mich dagegen für gerecht
halte – «Ich habe immer alles gut gemacht…» –, dann kommt der Vater ebenso, um nach uns zu
suchen, da diese Haltung, sich für gerecht zu halten, eine schlechte Haltung ist: das ist Hochmut!
Er kommt vom Teufel. Der Vater erwartet jene, die sich als Sünder erkennen, und macht sich auf
die Suche nach jenen, die sich für gerecht halten. Das ist unser Vater!

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In diesem Gleichnis kann man auch einen dritten Sohn ausmachen. Einen dritten Sohn? Und wo?
Er ist verborgen! Es ist jener, der «[nicht] daran festhielt, wie [der Vater] zu sein, sondern [sich]
entäußerte und wie ein Sklave [wurde]» (Phil 2,6-7). Dieser Sohn und Sklave ist Jesus! Er ist die
Erweiterung der Arme und des Herzens des Vaters: Er hat den Verlorenen aufgenommen und
seine schmutzigen Füße gewaschen; er hat das Mahl für das Fest der Vergebung bereitet. Er, Jesus,
lehrt uns, «barmherzig wie der Vater» zu sein.

Die Gestalt des Vaters im Gleichnis offenbart das Herz Gottes. Er ist der barmherzige Vater, der
uns in Jesus über alle Maßen liebt, er erwartet immer unsere Umkehr, jedes Mal, wenn wir einen
Fehler machen. Er erwartet unsere Rückkehr, wenn wir uns von ihm in der Meinung entfernen,
ohne ihn auskommen zu können. Er ist immer bereit, seine Arme für uns auszubreiten, was auch
immer geschehen mag. Wie der Vater im Evangelium betrachtet uns auch Gott weiter als seine
Kinder, wenn wir uns verirrt haben, und er kommt uns voll Zärtlichkeit entgegen, wenn wir zu ihm
zurückkehren. Die Fehler, die wir begehen, rütteln nicht an der Treue seiner Liebe, selbst wenn sie
groß sind. Im Sakrament der Versöhnung können wir immer neu beginnen. Er nimmt uns auf, er
gibt uns die Würde als Kinder zurück und sagt: «Geh voran! Sei in Frieden! Steh auf, geh voran!»
Im verbleibenden Abschnitt der Fastenzeit, der uns noch vom Osterfest trennt, sind wir
aufgerufen, den inneren Weg der Umkehr zu intensivieren. Wir wollen uns vom liebevollen Blick
unseres Vaters erreichen lassen, ganzen Herzens umkehren und jeden Kompromiss mit der Sünde
zurückweisen. Die selige Jungfrau Maria begleite uns bis zur erneuernden Umarmung mit der
Göttlichen Barmherzigkeit.

Franziskus, Jubiläumsaudienz, 30. April 2016

Heute möchte ich mit euch über einen wichtigen Aspekt der Barmherzigkeit nachdenken: die
Versöhnung. Gott hat es nie versäumt, den Menschen seine Vergebung anzubieten: Er erbarmt
sich von Geschlecht zu Geschlecht. Oft meinen wir, dass unsere Sünden den Herrn von uns
entfernen: In Wirklichkeit entfernen wir uns von ihm, wenn wir sündigen, aber da er sieht, dass
wir in Gefahr sind, kommt er erst recht, um uns zu suchen. Gott resigniert nie angesichts der
Möglichkeit, dass ein Mensch sich von seiner Liebe abwendet, jedoch unter der Voraussetzung,
dass er in ihm ein Zeichen der Reue für das Böse findet, das er getan hat.

Allein aus eigener Kraft schaffen wir es nicht, uns mit Gott zu versöhnen. Die Sünde ist wirklich ein
Ausdruck der Verweigerung seiner Liebe. Sie hat zur Folge, dass wir uns in uns selbst verschließen
und uns einbilden, größere Freiheit und Unabhängigkeit zu finden. Aber fern von Gott haben wir
kein Ziel mehr und werden von Pilgern in dieser Welt zu «Umherirrenden». Eine gängige
Redewendung lautet: Wenn wir sündigen, dann «kehren wir Gott den Rücken». Genauso ist es:
Der Sünder sieht nur sich selbst und erhebt auf diese Weise den Anspruch, sich selbst zu genügen.
Die Sünde vergrößert den Abstand zwischen uns und Gott immer mehr; er kann zu einem Abgrund
werden. Jesus kommt jedoch, um uns zu suchen, wie ein guter Hirt, der nicht zufrieden ist, bis er
das verlorene Schaf wiedergefunden hat, wie wir im Evangelium lesen (vgl. Lk 15,4-6). Er baut die
Brücke wieder auf, die uns mit dem Vater verbindet und durch die wir die Würde als Kinder
wiederfinden können. Durch die Hingabe seines Lebens hat er uns mit dem Vater versöhnt und
uns das ewige Leben geschenkt (vgl. Joh 10,15). «Lasst euch mit Gott versöhnen!» (2 Kor 5,20):
Der Aufruf des Apostels Paulus an die ersten Christen in Korinth gilt heute mit derselben Kraft und
Überzeugung uns allen. Lassen wir uns mit Gott versöhnen!

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Das Jubiläum der Barmherzigkeit ist eine Zeit der Versöhnung für alle. Viele Menschen würden sich
gerne mit Gott versöhnen, wissen aber nicht, wie sie es tun sollen, oder fühlen sich nicht würdig
oder wollen es nicht einmal sich selbst eingestehen. Allen Menschen, die Sehnsucht nach Gott
haben, kann und muss die christliche Gemeinschaft helfen, aufrichtig zu Gott zurückzukehren. Vor
allem jene, die den «Dienst der Versöhnung» (2 Kor 5,18) durchführen, sind aufgerufen, fügsame
Werkzeuge des Heiligen Geistes zu sein, damit dort, wo die Sünde mächtig wurde, die
Barmherzigkeit Gottes übergroß werden kann (vgl. Röm 5,20). Niemand darf Gott fern bleiben
aufgrund von Hindernissen, die von Menschen geschaffen wurden! Und das gilt auch – und das
betone ich nachdrücklich – für die Beichtväter, es gilt für sie: Bitte legt den Menschen, die sich mit
Gott versöhnen wollen, keine Hindernisse in den Weg. Der Beichtvater muss ein Vater sein! Er
nimmt die Stelle Gottes, des Vaters, ein! Der Beichtvater muss die Menschen annehmen, die zu
ihm kommen, um sich mit Gott zu versöhnen, und muss ihnen helfen auf dem Weg dieser
Versöhnung, den wir gehen.

Es ist ein sehr schöner Dienst: Es ist keine Folterkammer und auch kein Verhör. Nein, es ist der
Vater, der diesen Menschen empfängt und annimmt und ihm vergibt. Lassen wir uns mit Gott
versöhnen! Wir alle! Dieses Heilige Jahr möge eine Zeit der Gnade sein, um neu zu entdecken, dass
wir die Zärtlichkeit und Nähe des Vaters brauchen, und um mit ganzem Herzen zu ihm
zurückzukehren. Durch die Erfahrung der Versöhnung mit Gott entdecken wir die Notwendigkeit
anderer Formen der Versöhnung: in den Familien, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, in
den kirchlichen Gemeinschaften ebenso wie in den sozialen und internationalen Beziehungen. In
den letzten Tagen sagte mir jemand, dass es auf der Welt mehr Feinde als Freunde gebe, und ich
glaube, er hatte Recht.

Aber nein, wir müssen Brücken der Versöhnung bauen, auch untereinander, angefangen bei der
Familie. Wie viele Brüder haben sich gestritten und sind entzweit, nur wegen des Erbes. Das geht
nicht! Dieses Jahr ist das Jahr der Versöhnung, mit Gott und untereinander! Denn die Versöhnung
ist auch ein Dienst für den Frieden, für die Anerkennung der Grund rechte des Menschen, für die
Solidarität und die Annahme aller. Nehmen wir also die Einladung an, uns mit Gott versöhnen zu
lassen, um neue Geschöpfe zu werden und seine Barmherzigkeit unter den Brüdern, unter den
Menschen auszustrahlen.

Barmherzigkeit (Franziskus, Exerzitien für Priester, 2. Juni 2016)

Einführung und erste Meditation

Beginnen wir diesen Einkehrtag. Ich glaube, es wird uns gut tun, füreinander zu beten, in
Gemeinschaft. Ein Einkehrtag, aber alle in Gemeinsamkeit.

Ich habe das Thema der Barmherzigkeit gewählt. Zunächst eine kleine Einführung für den ganzen
Einkehrtag:

Die Barmherzigkeit ist in ihrem mehr weiblichen Aspekt die innige Mutterliebe, die angesichts der
Gebrechlichkeit ihres Neugeborenen gerührt ist, es in ihre Arme schließt und für alles aufkommt,
was ihm fehlt, damit es leben und wachsen kann (rachamim); und in ihrem speziell männlichen

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Aspekt ist sie die starke Treue des Vaters, der seine Kinder immer unterstützt, ihnen verzeiht und
sie wieder auf den Weg bringt. Die Barmherzigkeit ist sowohl die Frucht eines «Bundes» – darum
heißt es, dass Gott an seinen Bund der Barmherzigkeit (hesed) denkt – als auch eine
ungeschuldete «Handlung» des Wohlwollens und der Güte, die aus unserer tiefsten
Seelenverfassung hervorgeht und in einem äußeren Werk zum Ausdruck kommt (eleos, von dem
das Wort Almosen herrührt). Dieses umfassende Spektrum der Barmherzigkeit führt dazu, dass es
immer allen möglich ist, sich zu «erbarmen», Mitgefühl zu haben mit dem Leidenden, Rührung zu
empfinden angesichts des Bedürftigen; dass man sich empört, dass einem eine offensichtliche
Ungerechtigkeit auf den Magen schlägt und man unverzüglich beginnt, etwas Konkretes zu tun –
respektvoll und einfühlsam –, um der Situation abzuhelfen. Und von diesem inneren Empfinden
her ist es allen möglich, Gott unter dem Gesichtspunkt dieser ersten und letzten Eigenschaft zu
betrachten, mit der Jesus ihn uns offenbart hat: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit.

Wenn wir über die Barmherzigkeit nachsinnen, geschieht etwas Besonderes. Die Dynamik der
Exerzitien wird von innen her gesteigert. Die Barmherzigkeit lässt erkennen, dass die objektiven
Wege der klassischen Mystik – Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung – niemals aufeinander
folgende Etappen sind, die man hinter sich lassen kann. Immer bedürfen wir einer neuen Umkehr,
einer tieferen Betrachtung und einer erneuerten Liebe. Diese drei Phasen sind miteinander
verflochten und kehren immer wieder. Nichts vereint mehr mit Gott als eine Tat der
Barmherzigkeit – und das ist keine Übertreibung: Nichts vereint mehr mit Gott als eine Tat der
Barmherzigkeit – ob es sich nun um die Barmherzigkeit handelt, mit der der Herr uns unsere
Sünden vergibt, oder um die Gnade, die er uns schenkt, damit wir die Werke der Barmherzigkeit in
seinem Namen vollbringen. Nichts erleuchtet den Glauben mehr als die Reinigung von unseren
Sünden und nichts ist eindeutiger als Matthäus 25 und jenes » Selig die Barmherzigen; denn sie
werden Erbarmen finden « (Mt 5,7), um zu verstehen, was der Wille Gottes ist, die Mission, zu der
er uns sendet. Auf die Barmherzigkeit kann man jene Lehre Jesu anwenden: » Nach dem Maß, mit
dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden « (Mt 7,2). Gestattet mir, aber ich denke
hier an jene ungeduldigen Beichtväter, die auf die Beichtenden «einschlagen», ihnen Vorwürfe
machen. So aber wird Gott dann sie behandeln! Wenigstens aus diesem Grund tut so etwas nicht!
Die Barmherzigkeit erlaubt uns, von dem Gefühl, Empfänger des Erbarmens zu sein, zu dem
Wunsch überzugehen, Erbarmen zu erweisen. In einer heilsamen Spannung können das Gefühl der
Beschämung wegen der eigenen Sünden und das Gefühl für die Würde, zu der der Herr uns
erhebt, nebeneinander existieren. Ohne Umschweife können wir von der Ferne übergehen zum
Fest – wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn – und als Sammelbecken für die Barmherzigkeit
unsere eigene Sünde benutzen. Ich wiederhole das; es ist der Schlüssel der ersten Meditation: als
Sammelbecken für die Barmherzigkeit unsere eigene Sünde benutzen. Die Barmherzigkeit
veranlasst uns, vom Persönlichen zum Gemeinschaftlichen überzugehen. Wenn wir barmherzig
handeln wie bei den Wundern der Brotvermehrung, die aus dem Mitleid Jesu mit seinem Volk und
mit den Fremden geboren werden, vervielfältigt sich das Brot in dem Maß, wie es ausgeteilt wird.

Drei Anregungen

Drei Anregungen für diesen Einkehrtag. Die frohe und freie Vertrautheit, die sich auf allen Ebenen
unter denen einstellt, die durch das Band der Barmherzigkeit Kontakte miteinander knüpfen – eine
Vertrautheit des Gottesreiches, so wie Jesus es in seinen Gleichnissen beschreibt – veranlasst
mich, euch für euer persönliches Gebet an diesem Tag drei Dinge vorzuschlagen.

Das erste hat mit zwei praktischen Ratschlägen zu tun, die der heilige Ignatius gibt – ich
entschuldige mich für die Schleichwerbung für die «Familie». Er sagt: » Nicht das viele Wissen

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sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innerliche Verspüren und Schmecken der Dinge «
(Geistliche Übungen, Anmerkung 2). Und er fügt hinzu, dass jemand dort, wo er das findet, was er
will, und wo es ihm gefällt, ruhig im Gebet verweilen soll, bis er befriedigt ist, » ohne ängstliche
Sorge zu haben weiterzugehen « (ebd., 76). Man kann also bei diesen Meditationen über die
Barmherzigkeit beginnen, wo es einem am meisten gefällt, und dort verweilen, denn sicher wird
ein Werk der Barmherzigkeit euch zu den anderen führen. Wenn wir damit beginnen, dem Herrn
zu danken, der uns wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erlöst hat, wird uns das sicher
dazu führen, uns über unsere Sünden zu grämen. Wenn wir damit beginnen, Mitleid zu empfinden
mit den Ärmsten und Fernsten, werden sicher auch wir selbst die Notwendigkeit spüren,
Erbarmen zu empfangen.

Die zweite Anregung für das Beten hängt mit einer neuen Weise zusammen, das Wort
Barmherzigkeit zu gebrauchen. Wie ihr sicher festgestellt habt, gebrauche ich beim Reden über die
Barmherzigkeit gerne die Verbform: «Man muss sich erbarmen (spanisch: misericordiar), um
Erbarmen zu empfangen, um «erbarmt zu werden» (spanisch: ser misericordiado) – hier muss man
die Sprache ein wenig vergewaltigen. «Aber Pater, das ist doch kein Deutsch!» – «Ja, aber es ist die
Form, die ich finde, um ins Eigentliche vorzudringen: «sich erbarmen», um «erbarmt zu werden».
Die Barmherzigkeit bringt eine menschliche Erbärmlichkeit mit dem Herzen Gottes in Kontakt und
das bewirkt, dass es unmittelbar zur Handlung kommt. Man kann nicht über Barmherzigkeit
meditieren, ohne dass sich alles in die Tat umsetzt. Darum tut es beim Gebet nicht gut, zu
intellektualisieren. Mit Hilfe der Gnade muss unser Gespräch mit dem Herrn ganz schnell konkret
werden in der Frage: Welche meiner Sünden verlangt, dass deine Barmherzigkeit in mich
eindringt; wo, Herr, empfinde ich am meisten Scham und den stärksten Wunsch zur
Wiedergutmachung? Und sehr bald müssen wir von dem sprechen, was uns am meisten innerlich
erschüttert, von jenen Gesichtern, die in uns das große Verlangen wecken, aktiv zu werden, um
ihren Hunger und Durst nach Gott, nach Gerechtigkeit und liebevoller Zuneigung zu stillen. Die
Barmherzigkeit betrachtet man im Tun, doch in einer Art des Tuns, die alles einschließt: Die
Barmherzigkeit bezieht unser ganzes Sein ein – Herz und Geist – und alles Seiende.

Die letzte Anregung für den heutigen Tag betrifft die Frucht der Exerzitien, das heißt die Gnade,
die wir erbitten müssen und die ganz konkret die Gnade ist, uns in Priester zu verwandeln, die
immer fähiger werden, Barmherzigkeit zu empfangen und zu gewähren. Etwas vom Schönsten, das
mich innerlich rührt, ist die Beichte eines Priesters: Es ist etwas Großes, Schönes, denn dieser
Mann, der da kommt, um seine Sünden zu beichten, ist derselbe, der dann ganz Ohr ist für einen
anderen Menschen, der kommt, um die seinen zu beichten. Wir können uns ganz auf die
Barmherzigkeit ausrichten, weil sie das Wesentliche, das Endgültige ist. Über die Stufen der
Barmherzigkeit (vgl. Enzyklika Laudato si’, 77) können wir absteigen bis in die tiefsten Tiefen des
Menschseins – Hinfälligkeit und Sünde eingeschlossen – und aufsteigen bis zu den höchsten Höhen
der göttlichen Vollkommenheit: » Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! « (Lk 6,36); » ihr
sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist « (Mt 5,48). Immer aber, um
nur noch mehr Barmherzigkeit zu «ernten». Daraus müssen Früchte der Umkehr unserer
institutionellen Mentalität hervorgehen: Wenn unsere Strukturen nicht gelebt und genutzt
werden, um die Barmherzigkeit Gottes besser zu empfangen und um barmherziger gegenüber den
anderen zu sein, können sie sich in etwas sehr Befremdliches und Kontraproduktives verwandeln.
Davon ist in einigen Dokumenten der Kirche und in einigen Ansprachen der Päpste häufig die
Rede: von der institutionellen Umkehr, der pastoralen Umkehr.

Dieser Einkehrtag wird also den Weg dieser «Einfachheit des Evangeliums» einschlagen, die alles
unter dem Gesichtspunkt der Barmherzigkeit versteht und vollbringt. Und zwar einer dynamischen

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Barmherzigkeit, die weder als ein dingfestes, genau definiertes Substantiv gesehen wird, noch als
ein Adjektiv, welches das Leben ein wenig ausschmückt, sondern als ein Verb – sich erbarmen und
Erbarmen empfangen, «erbarmt werden» – und das treibt uns zum Handeln mitten in der Welt.
Und zudem als eine «immer noch größere» Barmherzigkeit, als eine Barmherzigkeit, die wächst
und zunimmt, indem sie vom Guten zum Besseren voranschreitet, von weniger zu mehr geht.
Denn das Bild, das Jesus uns vorstellt, ist das des stets größeren Vaters – Deus semper maior –,
dessen unendliche Barmherzigkeit «wächst» – wenn man das so sagen kann – und die weder in
der Höhe noch in der Tiefe Grenzen kennt, weil sie seiner souveränen Freiheit entspringt.

Erste Meditation: Aus der Ferne zum Fest

Und nun kommen wir zur ersten Meditation. Als Titel habe ich «Aus der Ferne zum Fest» gewählt.
Wenn die Barmherzigkeit des Evangeliums, wie wir sagten, ein Übermaß Gottes ist, ein
unglaubliches Überborden, dann muss man als Erstes schauen, wo die Welt von heute und jeder
Mensch ein solches Übermaß an Liebe am meisten braucht. Das Erste ist, uns zu fragen, welches
das Sammelbecken für eine solche Barmherzigkeit ist; welches das öde, ausgetrocknete Erdreich
ist für dieses Überfließen lebendigen Wassers; welches die Wunden sind für dieses Balsamöl;
welches die Waisenschaft ist, die ein solches Sich-Aufopfern in Liebe und Zuwendung braucht;
welches die Ferne ist, die so sehr nach Umarmung und Begegnung dürstet…

Das Gleichnis, das ich euch für diese Meditation vorschlage, ist das des barmherzigen Vaters (vgl.
Lk 15,11-31). Wir versetzen uns in den Bereich des Geheimnisses des Vaters. Und ich möchte ganz
spontan mit jenem Moment beginnen, in dem der verlorene Sohn mitten im Schweinestall ist, in
dieser Hölle des Egoismus, wo er alles getan hat, was er wollte, und anstatt frei zu sein, sich als
Sklave wiederfindet. Er schaut auf die Schweine, die Futterschoten essen…, er empfindet Neid und
es steigt Heimweh in ihm auf. Heimweh: ein Schlüsselwort. Heimweh nach dem frisch gebackenen
Brot, das die Diener in seinem Hause, im Haus seines Vaters, zum Frühstück essen. Das Heimweh
ist ein machtvolles Gefühl. Es hat etwas mit der Barmherzigkeit zu tun, denn es weitet unsere
Seele aus. Es lässt uns an das erste Gut denken – die Heimat, aus der wir kommen – und erweckt
in uns die Hoffnung zurückzukehren (nóstos álgos – Heimweh). In diesem weiten Sinn des
Heimwehs ging der junge Mann in sich – sagt das Evangelium – und fühlte sich erbärmlich. Und
jeder von uns kann diesen Punkt suchen oder sich zu ihm bringen lassen, wo er sich am
erbärmlichsten fühlt. Jeder von uns trägt sein Geheimnis der Erbärmlichkeit in sich… Man muss die
Gnade erbitten, ihn zu finden.

Ohne uns jetzt dabei aufzuhalten, das Elend seines Zustands zu beschreiben, gehen wir zu jenem
anderen Moment über, in dem er, nachdem sein Vater ihn herzlich umarmt und geküsst hat, sich
schmutzig fühlt, aber festlich gekleidet ist. Denn der Vater sagt ihm nicht: «Geh dich duschen und
dann komm!» Nein. Schmutzig und festlich gekleidet. Am Finger trägt er den Ring wie sein Vater,
an den Füßen neue Sandalen. Er steht mitten im Fest, unter den Leuten. Ungefähr wie wir, wenn
es uns einmal passiert ist, dass wir vor der Messe gebeichtet hatten und uns gleich darauf mit den
Paramenten bekleidet mitten in einer Zeremonie wiederfanden. Das ist ein Zustand beschämter
Würde.

Beschämte Würde

Verweilen wir bei jener «beschämten Würde» dieses verlorenen und bevorzugten Sohnes. Wenn
wir uns mit innerer Gelassenheit darum bemühen, unser Herz zwischen diesen beiden Extremen –

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der Würde und der Beschämung – zu halten, ohne eines von ihnen zu vernachlässigen, können wir
vielleicht spüren, wie das Herz unseres himmlischen Vaters schlägt. Es war ein Herz, das voll
angstvoller Unruhe schlug, wenn er jeden Tag auf die Dachterrasse stieg, um Ausschau zu halten.
Wonach schaute er aus? Ob der Sohn zurückkehrte… Doch an diesem Punkt, an diesem Ort, wo es
Würde und Beschämung gibt, können wir wahrnehmen, wie das Herz unseres himmlischen Vaters
schlägt. Wir können uns vorstellen, dass die Barmherzigkeit daraus hervorströmt wie Blut. Dass er
aufbricht, uns zu suchen – uns Sünder –, dass er uns an sich zieht, uns reinigt und uns erneuert
wieder aussendet an alle Peripherien, damit wir allen Barmherzigkeit erweisen. Sein Blut ist das
Blut Christi, das Blut des neuen und ewigen Bundes der Barmherzigkeit, das für uns und für alle
vergossen wurde zur Vergebung der Sünden. Dieses Blut betrachten wir, wie es in sein und des
Vaters Herz hineinfließt und aus ihm hervorströmt. Es ist unser einziger Schatz, der einzige, den
wir besitzen, um ihn der Welt zu geben: das Blut, das alles und alle reinigt und versöhnt. Das Blut
des Herrn, der die Sünden vergibt. Das Blut, das wirklich ein Trank ist und das, was aufgrund der
Sünde tot ist, auferweckt und ihm Leben gibt.

In unserem ruhigen Beten, das von der Beschämung zur Würde und von der Würde zur
Beschämung geht – beides zusammen –, erbitten wir die Gnade, diese Barmherzigkeit als
grundlegend für unser ganzes Leben zu empfinden; die Gnade, zu spüren, wie der Herzschlag des
Vaters sich mit dem unsrigen verbindet. Es genügt nicht, die Barmherzigkeit Gottes wie eine Geste
zu empfinden, die er hin und wieder tut, indem er uns irgendeine große Sünde vergibt, und im
Übrigen bügeln wir die Dinge allein und selbständig wieder aus. Das genügt nicht.

Der heilige Ignatius schlägt ein für seine Zeit typisches Bild aus der Welt des Rittertums vor; da
aber die Loyalität unter Freunden ein immerwährender Wert ist, kann es uns hilfreich sein. Er sagt,
dass wir, um » Verwirrung « und Beschämung wegen unserer Sünden zu empfinden (ohne das
Gefühl für die Barmherzigkeit zu verlieren), uns eines Beispiels bedienen können: Stellen wir uns
vor, dass » ein Ritter vor seinen König und dessen ganzen Hof tritt, beschämt und verwirrt, weil er
ihn, von dem er zuvor viele Gaben und viele Gunsterweise empfangen hat, sehr beleidigt hat «
(Geistliche Übungen, 74). Stellen wir uns diese Szene vor. Wenn wir aber der Dynamik des
verlorenen Sohns auf dem Fest folgen, stellen wir uns diesen Ritter vor wie einen, der nicht etwa
vor allen beschämt wird, sondern dem der König stattdessen überraschenderweise die Hand reicht
und ihm seine Würde zurückgibt. Und wir sehen, dass er ihn nicht nur einlädt, ihm in seinem
Kampf zu folgen, sondern dass er ihn an die Spitze seiner Kameraden setzt. Mit welcher Demut
und welcher Treue wird dieser Ritter ihm von nun an folgen! Das lässt mich an den letzten Teil des
16. Kapitels des Propheten Ezechiel denken, an den letzten Teil.

Ob man sich nun wie der gefeierte verlorene Sohn fühlt oder wie der untreue Ritter, der zum
Vorgesetzten ernannt wurde – das Wichtige ist, dass jeder sich in die fruchtbare Spannung begibt,
in die die Barmherzigkeit des Herrn uns stellt: nicht nur als Sünder, die Vergebung erlangt haben,
sondern als Sünder, denen Würde verliehen wurde. Der Herr reinigt uns nicht nur, sondern er
krönt uns, er verleiht uns Würde.

Simon Petrus bietet uns das hilfreiche Bild dieser heilsamen Spannung. Der Herr erzieht und formt
ihn schrittweise und «trainiert» ihn, Simon und Petrus zugleich zu bleiben: der gewöhnliche
Mensch mit seinen Widersprüchen und Schwächen und derjenige, der ein Fels ist, der die
Schlüssel besitzt und die anderen leitet. Als Andreas ihn so, wie er ist, in der Kleidung des Fischers
zu Christus führt, gibt der Herr ihm den Namen «Fels». Kaum hat er ihn gelobt für das Bekenntnis
des Glaubens, das vom himmlischen Vater kam, tadelt er ihn schon hart für die Versuchung, auf
die Stimme des bösen Geistes zu hören, die ihm nahelegt, sich vom Kreuz fernzuhalten. Er lädt ihn

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ein, über das Wasser zu gehen, und lässt zu, dass er beginnt, in seiner eigenen Angst zu versinken
– um ihm dann sofort die Hand zu reichen. Sobald Petrus sich als Sünder bekennt, überträgt Jesus
ihm die Aufgabe, Menschenfischer zu sein. Er befragt ihn wiederholt über seine Liebe und lässt ihn
Schmerz und Scham empfinden wegen seiner Untreue und Feigheit, doch vertraut er ihm auch
dreimal die Aufgabe an, seine Schafe zu weiden. Immer diese beiden Pole.

Hier müssen wir uns ansiedeln, in dem Raum, in dem unsere schändlichste Erbärmlichkeit und
unsere höchste Würde nebeneinander existieren. Was empfinden wir, wenn die Leute uns die
Hand küssen und wir unsere innerste Erbärmlichkeit betrachten und doch vom Gottesvolk geehrt
werden? Da ist eine weitere Situation, um das zu begreifen. Immer dieser Kontrast. Wir müssen
uns hier ansiedeln, in dem Raum, in dem unsere schändlichste Erbärmlichkeit und unsere höchste
Würde zusammen existieren. In ein und demselben Raum. Schmutzig, unrein, kleinlich,
selbstgefällig – das ist eine Sünde von Priestern, die Eitelkeit –, egoistisch und zugleich mit
gewaschenen Füßen, berufen und erwählt und damit beschäftigt, die vermehrten Brote
auszuteilen; gepriesen, geliebt und umsorgt von unseren Leuten. Allein die Barmherzigkeit macht
diese Lage erträglich. Ohne sie halten wir uns entweder für gerecht wie die Pharisäer oder wir
entfernen uns wie jene, die sich nicht würdig fühlen. In beiden Fällen verhärtet sich unser Herz.
Sowohl wenn wir uns gerecht fühlen wie die Pharisäer als auch wenn wir uns entfernen wie die,
welche sich unwürdig fühlen. Ich fühle mich nicht würdig, aber ich darf mich nicht
davonschleichen: Ich muss dort sein, in der Beschämtheit und der Würde, beides zusammen.

Vertiefen wir das noch ein wenig mehr. Wir fragen uns: Warum ist diese Spannung zwischen
Erbärmlichkeit und Würde, zwischen Ferne und Fest so fruchtbar? Ich würde sagen, sie ist
fruchtbar, weil es aus einer freien Entscheidung hervorgeht, wenn man sie beibehält. Und der Herr
handelt hauptsächlich aufgrund unserer Freiheit, auch wenn er uns in allem hilft. Die
Barmherzigkeit ist eine Frage der Freiheit. Das Gefühl kommt spontan auf, und wenn wir sagen,
dass es irrational ist, könnte es scheinen, als sei dies ein Synonym für «tierisch». In Wirklichkeit
aber kennen die Tiere die «moralische» Barmherzigkeit nicht, auch wenn einige etwas von diesem
Mitgefühl empfinden können, wie ein treuer Hund, der an der Seite seines kranken Herrn bleibt.
Die Barmherzigkeit ist eine Ergriffenheit, die das Herz berührt, und dennoch kann sie auch aus
einer scharfsinnigen intellektuellen Wahrnehmung entspringen – direkt wie ein Strahl, einfach,
deswegen aber nicht weniger komplex –: Vieles nimmt man intuitiv wahr, wenn man
Barmherzigkeit empfindet. Man begreift zum Beispiel, dass der andere sich in einer verzweifelten
Grenzsituation befindet; dass ihm etwas widerfährt, was über seine Sünden oder seine Schuld
hinausgeht; man begreift auch, dass der andere ein Mensch ist wie man selbst und dass man sich
an seiner Stelle befinden könnte; und dass das Übel so groß und verheerend ist, dass man es nicht
allein durch die Gerechtigkeit lösen kann… Im Grunde kommt man zu der Einsicht, dass es einer
unendlichen Barmherzigkeit bedarf wie jener des Herzens Christi, um so viel Übel und so viel
Leiden, wie wir es im Leben der Menschen feststellen, wieder gutzumachen… Wenn die
Barmherzigkeit unter diesen Pegel absinkt, ist sie zu nichts nütze. Vieles begreift unser Verstand
erst, wenn er jemanden sieht, der an einem kalten Morgen mit bloßen Füßen auf die Straße
hinausgeworfen ist, oder wenn er den Herrn sieht, ans Kreuz genagelt für mich!

Außerdem geschieht es aus freiem Entschluss, dass man die Barmherzigkeit annimmt und pflegt
oder sie zurückweist. Wenn einer sich ergreifen lässt, zieht eine Geste die andere nach sich. Wenn
einer vorbeigeht, wird das Herz kalt. Die Barmherzigkeit lässt uns unsere Freiheit erleben und in
ihr ist es, dass wir die Freiheit Gottes erleben können, der barmherzig ist mit den Barmherzigen
(vgl. Dtn 5,10), wie er zu Mose sagte. In seiner Barmherzigkeit drückt der Herr seine Freiheit aus.
Und wir die unsere.

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Wir können lange Zeit «ohne» die Barmherzigkeit des Herrn leben. Das heißt, wir können leben,
ohne uns ihrer bewusst zu sein und ohne sie ausdrücklich zu erbitten – bis man entdeckt, dass
«alles Barmherzigkeit ist», und bitterlich weint, dass man sie nicht vorher genutzt hat, da man
ihrer so sehr bedurfte!

Die Erbärmlichkeit, von der wir sprechen, ist die moralische, nicht übertragbare Erbärmlichkeit,
derentwegen man sich seiner selbst als einer Person bewusst wird, die in einem entscheidenden
Moment des eigenen Lebens aus eigener Initiative gehandelt hat: Man hat eine Wahl getroffen
und hat schlecht gewählt. Das ist der Tiefpunkt, den man erreichen muss, um Schmerz über seine
Sünden zu empfinden und wirklich zu bereuen. Denn in anderen Bereichen fühlt man sich nicht so
frei, noch spürt man, dass die Sünde das ganze eigene Leben negativ beeinflusst. Darum erfährt
man nicht die eigene Erbärmlichkeit, und auf diese Weise entgeht einem die Barmherzigkeit, die
eben nur unter dieser Voraussetzung wirkt. Man geht nicht in die Apotheke und sagt: «Haben Sie
Erbarmen und geben mir Aspirin-Tabletten.» Um der Barmherzigkeit willen erbittet man
Morphium für einen Menschen, der von den furchtbaren Schmerzen einer tödlichen Krankheit
geplagt wird. Alles oder nichts. Entweder geht man bis auf den Grund oder man begreift gart
nichts

Das Herz, das Gott mit dieser unserer moralischen Erbärmlichkeit verbindet, ist das Herz Christi,
seines geliebten Sohnes, das wie ein einziges Herz mit dem des Vaters und dem des Heiligen
Geistes schlägt. Ich erinnere mich, als Pius XII. die Enzyklika über das Heiligste Herz Jesu schrieb,
sagte jemand: «Wozu eine Enzyklika darüber? Das ist doch Zeug für Nonnen…». Es ist das
Zentrum, das Herz Christi, es ist das Zentrum der Barmherzigkeit. Vielleicht begreifen die
Ordensschwestern das besser als wir, weil sie Mütter sind in der Kirche, Symbolfiguren der Kirche,
Symbolfiguren der Gottesmutter. Aber das Zentrum ist das Herz Christi. Es wird uns gut tun, in
dieser Woche oder auch morgen Haurietis aquas zu lesen… «Aber das ist doch vorkonziliar!» – Ja,
aber es tut gut! Man kann es lesen, es wird uns sehr gut tun. Dieses Herz Christi ist ein Herz, das
den nächsten Weg wählt und sich ganz und gar in ihn hineinziehen lässt. Das ist typisch für die
Barmherzigkeit, dass sie sich die Hände schmutzig macht, berührt, sich selbst ins Spiel bringt, sich
auf den anderen einlassen will, dass sie sich an das Persönliche mit dem noch Persönlicheren
wendet, dass sie nicht «einen Fall behandelt», sondern sich mit einem Menschen beschäftigt, mit
seiner Wunde. Beobachten wir unseren Sprachgebrauch. Wie oft sagen wir ganz spontan, ohne es
zu bemerken: «Ich habe da einen Fall…» Halt! Sag lieber: «Ich habe da einen Menschen, der…» Das
ist sehr klerikal: «Ich habe da einen Fall…», «ich habe einen Fall vorgefunden…» Auch mir passiert
das oft. Da liegt ein bisschen Klerikalismus vor: die Konkretheit der Liebe Gottes, die Konkretheit
dessen, was Gott uns schenkt, die Konkretheit einer Person auf «einen Fall» zu reduzieren. Und so
gehe ich auf Abstand und die Sache berührt mich nicht. Und auf diese Weise mache ich mir die
Hände nicht schmutzig; praktiziere eine saubere, elegante Pastoral, bei der ich nichts riskiere. Und
bei der ich auch – nehmt bitte keinen Anstoß! – keine Gelegenheit habe, eine beschämende Sünde
zu begehen. Die Barmherzigkeit geht über die Gerechtigkeit hinaus, und sie gibt das zu verstehen
und lässt es spüren; man bleibt auf Gegenseitigkeit in die Angelegenheit des anderen einbezogen.
Indem sie Würde verleiht – und das ist entscheidend, nicht zu vergessen: die Barmherzigkeit
verleiht Würde! – indem sie Würde verleiht, hebt die Barmherzigkeit den empor, zu dem man sich
niederbeugt, und bringt beide auf die gleiche Höhe, den Barmherzigen und den, der
Barmherzigkeit empfangen hat. Wie die Sünderin aus dem Evangelium (vgl. Lk 7,36-50), der viel
vergeben wurde, weil sie viel geliebt hat und viel gesündigt hatte.

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Darum muss der Vater ein Fest feiern, damit alles auf einmal wiederhergestellt wird, indem er
seinem Sohn die verlorene Würde zurückgibt. Das gestattet, in neuer Weise auf die Zukunft zu
schauen. Nicht, dass die Barmherzigkeit die Objektivität des vom Bösen verursachten Schadens
nicht in Betracht zöge. Doch sie nimmt ihr die Macht über die Zukunft, – das ist die Macht der
Barmherzigkeit! – sie nimmt ihr die Macht über das Leben, das weitergeht. Die Barmherzigkeit ist
die wahre Lebenshaltung, die sich dem Tod, der bitteren Frucht der Sünde, widersetzt. Darin ist sie
von klarem Verstand geleitet; die Barmherzigkeit ist keineswegs naiv. Nicht, dass sie die Sünde
nicht sähe, aber sie achtet darauf, wie kurz das Leben ist, und auf all das Gute, das noch zu tun
bleibt. Deshalb muss man vollkommen verzeihen, damit der andere voranschaut und keine Zeit
mit Schuldgefühlen und Selbstmitleid verliert und damit, dem Verlorenen nachzutrauern. Auf dem
Weg zu den anderen, um sie zu heilen, wird man auch sein eigenes Gewissen erforschen, und in
dem Maß, in dem man den anderen hilft, wird man das Schlechte, das man getan hat,
wiedergutmachen. Die Barmherzigkeit ist grundsätzlich hoffnungsvoll. Sie ist die Mutter der
Hoffnung.

Sich von der Bewegung des Herzens des himmlischen Vaters anziehen und aussenden zu lassen
bedeutet, sich in dieser heilsamen Spannung der beschämten Würde zu halten. Es bedeutet, sich
von der Mitte seines Herzens anziehen zu lassen wie Blut, das sich auf dem Weg, um den
entferntesten Gliedern Leben zu geben, beschmutzt hat – sich anziehen zu lassen, damit der Herr
uns reinigt und uns die Füße wäscht. Und es bedeutet, sich aussenden zu lassen, angefüllt mit dem
Sauerstoff des Heiligen Geistes, um allen Gliedern, besonders den entferntesten, anfälligsten und
am meisten verwundeten Leben zu bringen.

Ein Priester erzählte von einem Menschen – und das ist eine wahre Geschichte –, der auf der
Straße lebte und am Ende in einer Herberge unterkam. Es war einer, der in seiner Bitterkeit
verschlossen war und in keinerlei Beziehung mit den anderen trat. Ein gebildeter Mensch, wie man
später merkte. Nach einiger Zeit wurde dieser Mann wegen einer tödlichen Krankheit ins
Krankenhaus eingeliefert. Da erzählte er dem Priester, dass sein Bettnachbar, als er selbst dort im
Gefühl seiner Nichtigkeit und seiner Lebensenttäuschung versunken war, ihn bat, ihm den
Spucknapf herüberzureichen und ihn dann auszuleeren. Und er sagte, dass diese Bitte, die von
einem kam, der ihn wirklich brauchte und der schlechter daran war als er, ihm die Augen und das
Herz öffneten für ein übermächtiges Gefühl der Menschlichkeit und für ein Verlangen, dem
anderen zu helfen und sich selbst von Gott helfen zu lassen. Und er hat gebeichtet. So brachte
eine einfache Tat der Barmherzigkeit ihn in Verbindung mit der unendlichen Barmherzigkeit; er
fasste Mut, dem anderen zu helfen, und ließ sich dann selber helfen: Er starb, versöhnt durch die
Beichte und in Frieden. Das ist das Geheimnis der Barmherzigkeit.

So lasse ich euch nun mit dem Gleichnis vom barmherzigen Vater, nachdem wir uns in dem
Moment «niedergelassen» haben, in dem der Sohn sich schmutzig und neu bekleidet fühlt – ein
Sünder, dem die Würde zurückgegeben wurde, beschämt über sich selbst und stolz auf seinen
Vater. Das Zeichen, um zu wissen, ob man richtig liegt, ist der Wunsch, von nun an allen
gegenüber barmherzig zu sein. Darin liegt das Feuer, das auf die Erde zu bringen Jesus gekommen
ist, jenes Feuer, das andere Feuer entzündet. Wenn der Funke nicht überspringt, bedeutet das,
dass einer der beiden Pole den Kontakt nicht zulässt. Entweder die übertriebene Beschämung, die
«die Kabel nicht freilegt» und anstatt offen zu bekennen: «Das und das habe ich getan», sich
bedeckt; oder die übertriebene Würde, die die Dinge mit Handschuhen berührt.

Die «Maßlosigkeiten» der Barmherzigkeit

34
Zum Schluss ein kurzes Wort über die Maßlosigkeit der Barmherzigkeit. Die einzige Maßlosigkeit
angesichts der maßlosen Barmherzigkeit Gottes besteht darin, im Empfangen dieser
Barmherzigkeit und in dem Wunsch, sie an die anderen weiterzugeben, maßlos zu sein. Das
Evangelium zeigt uns viele schöne Beispiele derer, die das Maß überschreiten, um sie zu
empfangen: Da ist der Gelähmte, dessen Freunde ihn durch das Dach in die Mitte des Raumes
hinunterlassen, in dem Jesus predigte; sie übertreiben; da ist der Aussätzige, der seine neun
Gefährten verlässt und zurückkehrt, Gott mit lauter Stimme lobt und dankt und zu Füßen des
Herrn niederkniet; da ist der blinde Bartimäus, dem es mit seinem Schreien gelingt, Jesus
anzuhalten – und es gelingt ihm sogar, die «Zollschranke der Priester» zu überwinden, um zum
Herrn zu gelangen; da ist die Frau, die unter Blutungen leidet und die sich in ihrer Schüchternheit
bemüht, dem Herrn so nahe wie möglich zu kommen, und – wie das Evangelium berichtet – als sie
seinen Mantel berührte, spürte der Herr, dass eine dynamis von ihm ausging… Das sind alles
Beispiele für jenen Kontakt, der ein Feuer entzündet und die Dynamik auslöst, die positive Kraft
der Barmherzigkeit auslöst. Da ist auch die Sünderin, die dem Herrn in maßloser Weise ihre Liebe
zeigt, indem sie seine Füße mit ihren Tränen wäscht und mit ihren Haaren trocknet: Darin sieht der
Herr ein Zeichen dafür, dass sie viel Erbarmen empfangen hat und es deshalb auf diese
übertriebene Art zum Ausdruck bringt. Aber die Barmherzigkeit übertreibt immer, sie ist maßlos!
Die einfachsten Menschen – die Sünder, die Kranken, die Besessenen… – werden unverzüglich
vom Herrn geehrt, der sie vom Ausgeschlossensein in die vollkommene Einbezogenheit übergehen
lässt, von der Ferne zum Fest. Und das versteht man nur unter dem Gesichtspunkt der Hoffnung,
in apostolischer Hinsicht und unter dem Gesichtspunkt dessen, der Erbarmen gefunden hat, um
sich seinerseits zu erbarmen.

Wir können schließen, indem wir mit dem Magnificat der Barmherzigkeit, dem Psalm 51 [50] des
Königs David beten, den wir jeden Freitag in den Laudes rezitieren. Es ist das Magnificat des
zerbrochenen und zerschlagenen Herzens, das in seiner Sünde die Größe besitzt, den treuen Gott
zu bekennen, der größer ist als die Sünde. Gott ist größer als die Sünde! Wenn wir uns in den
Moment versetzen, in dem der verlorene Sohn erwartete, ganz kalt behandelt zu werden, und der
Vater ihn stattdessen mitten in ein Fest stellt, können wir uns ihn vorstellen, wie er den Psalm 51
spricht, und ihn wechselseitig mit ihm beten – wir und der verlorene Sohn. Wir können hören, wie
er sagt: » Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
« Und wir können sagen: Ja, auch ich, » ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir
immer vor Augen. « Und einstimmig sprechen wir: Gegen dich, Vater, » gegen dich allein habe ich
gesündigt. «

Und beten wir von dieser inneren Spannung aus, welche die Barmherzigkeit entzündet, aus jener
Spannung zwischen der Beschämung, die bittet: » Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden, tilge
all meine Frevel! « und jener Zuversicht, die sagt: » Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich
rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee. « Einer Zuversicht, die apostolisch wird: »
Mach mich wieder froh mit deinem Heil, mit einem willigen Geist rüste mich aus! Dann lehre ich
Abtrünnige deine Wege und die Sünder kehren um zu dir. «

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Don Pierino Galeone)


(Predigt vom 2. März 2002)

35
Es ist unmöglich, dieses Gleichnis Jesu in angemessener Weise zu kommentieren. Es wäre sehr
interessant, über die Haltungen des Vaters gegenüber seinem jüngeren Sohn nachzudenken, der
weggeht und gegenüber seinem älteren Sohn, der zu Hause bleibt. Die Haltungen aus
menschlicher, psychologischer, geistlicher, persönlicher, familiärer Sicht und die Haltung
gegenüber dem älteren Sohn.

Wie viel Psychologie hat dieser Vater aus dem Evangelium gehabt! Die beiden Söhne wissen nicht,
wie sie zu Hause leben sollen: der jüngere will von zu Hause weggehen; der ältere weiss nicht gut
zurück zu bleiben, als Sohn im Haus; denn er weiss den heimkehrenden Bruder nicht anzunehmen.

Der sogenannt verlorene Sohn, dem es als Sohn im väterlichen Haus gut ging, wird müde, zu Hause
zu sein, er will weggehen und verschwendet alles, um sich zu vergnügen. Wie gut ist dieser Vater:
er gibt dem Sohn, was ihm zusteht, er lässt ihn gehen, er wartet auf ihn, er nimmt ihn an, er
bereitet ihm ein Fest. Jedes Wort beinhaltet eine Bibliothek von Überlegungen!

Der ältere Sohn weiss den heimkehrenden Bruder nicht anzunehmen. Ich sage nicht, dass er
neidisch war, aber er beklagt sich beim Vater, er will nicht ins Haus eintreten um zuessen, er bleibt
dort, mürrisch, schmollend, ausserhalb des Hauses.

Die Diener sind bereit, den Ring, die Sandalen, das schönste Kleid zu holen und das Mastkalb zu
schlachten. Die Diener sind gegenüber dem Befehl des Vaters sehr bereit. Was für ein
wunderbarer Rahmen: der Vater, der ein göttliches Fingerspitzengefühl für den Sohn hat, der
weggeht und für den Sohn, der bleibt. Dem Sohn, der weggeht, gibt er, was ihm zusteht und er
gibt ihm durch das Fest erneut, was er nötig hat.

Als handelte es sich um eine Geschäftsangelegenheit, löst er sofort das Problem: «Was mein ist, ist
auch dein.» Er ist sympathisch, dieser Vater! Schau ein wenig, wie er sofort eine Lösung findet:
«Begreifst du nicht? Das Böckchen? Aber alles gehört dir! Mach dir keine Sorgen! Alles gehört
dir!» Was für ein Wunder! Was für ein Reichtum an Psychologie, an verständiger Vaterschaft, die
das Problem löst: «Ein Böckchen? Aber alles, was mein ist, ist auch dein.»

Das Bild des Papa, der eine aussergewöhnliche Haltung gegenüber dem jüngeren Sohn hat, wird
sehr schön gezeichnet, in leuchtender Weise. Aber seht, es ist nicht etwa wenig, den älteren Sohn
zu überzeugen versuchen, wegen der gerechten Klage, die er erhob, aber ihm fehlte der siebte
Sinn, um die Versöhnung des Bruders zu verstehen und um dem Vater nicht zu missfallen, der
dann bekräftigte: «Ach! Feierst du nicht mit mir? Mein Sohn war tot und lebt wieder, er war
verloren und ist wieder gefunden! Auf, feiere mit deinem Vater.»

Das Gleichnis kommt von der Tatsache her, dass sie sich über Jesus beklagten, denn er war sehr
liebenswürdig mit den Sündern, mit jenen, die fehlten.

Dieser Vater ist gut zu allen, die fehlen: sowohl zu denen, die das Haus verlassen, als auch zu
denen, die im Haus bleiben. Jene, die im Haus bleiben, sind ein wenig neidisch, mürrisch, sie
murren, kritisieren den Papa, die Mama. Mürrisch! Immer sagen sie: «Aber jenen, nachdem er so
viel gemacht hat, liebkost er sogar und behandelt ihn gut.» Wie viele Überlegungen!

Wie anders ist Jesus! Stellt euch mal vor: hier ist der himmlische Vater, dann ist hier Jesus, er ist
der ältere Bruder von uns allen ist, von uns Spitzbuben und verlorenen Söhnen. Jesus feiert ein
Fest, wenn wir zu seinem Vater zurückkehren. Er ist nicht wie der ältere Sohn. Nicht nur das,

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sondern er wurde vom Vater gesandt, damit wir Sünder, verlorene Söhne, von neuem zum Vater
zurückkehren können. Sogar das, was der Vater zu ihm gesagt hat, ist wahr: «Was mein ist, ist dein
und was dein ist, ist mein». Das hat Jesus gesagt. Das hat der himmlische Vater gesagt. Sie haben
es einander gesagt. Aber Jesus war nicht neidisch, eifersüchtig. Er hat uns alles geschenkt: er hat
sich uns selber geschenkt, seine Mutter, seinen Vater, das göttliche Leben, das Paradies, er hat
sich auch in der Eucharistie, in der Kirche geschenkt! Was für ein Unterschied!

Wer hat diese Liebe zu uns in Jesus hinein gelegt? Der himmlische Vater! Aber der himmlische
Vater hat diese Liebe in ihn hinein gelegt, weil der Sohn Gottes die Liebe des Vaters ist. Aber es ist
auch wahr, dass Jesus uns seinen Vater gegeben hat, die grosse Freude seines Vaters, darum hat
er uns die Versöhnung und den Frieden gebracht. Welch grosse Freude!
In diesem Moment gebe ich euch Christus, der der Friede ist. Aber dieser Friede, den uns Jesus
schenkt, ist nichts anderes als die Umarmung mit dem himmlischen Vater, die wir in diesem
Moment machen müssen, und natürlich mit allen seinen Söhnen und unseren Brüdern.

Wenn wir verlorene Söhne gewesen sind, kehren wir nicht wieder dorthin zurück, wo die
Schweineschoten waren! Wir dürfen bei der Rückkehr in die Gemeinschaft nicht denken: «Aber da
ist jener Bruder, jene ältere Schwester, die mich nicht annimmt.» Oder noch schlimmer, wenn
man denkt, dass die Mama einen nicht annimmt. Wir müssen diese beiden Gedanken beseitigen:
«Ja, ich kehre zurück, aber wer weiss, die Mama, der ältere Bruder... Der Vater macht ein Fest,
aber...» Achtung, beseitigt diese Gedanken! Kehrt sofort um. Wendet euch nicht zurück. Denk
daran, Gott Vater glücklich zu machen. Macht euch keine Sorgen, die Mama denkt wie der Vater!

2018.07.05 Auch du übst den Dienst der Versöhnung aus


(Notizen einer Predigt von don Pierino Galeone)

Gott hat uns die Vollmacht der Versöhnung anvertraut. Wie oft hat Jesus vergeben, am Kreuz hat
er uns allen vergeben. Wir, die Priester; wie oft haben wir vergeben und die Seelen mit Gott
versöhnt! Die Versöhnung ist unser Dienst. Die Versöhnung bedeutet: du hast eine
freundschaftliche Beziehung mit dem Nächsten, resp. du nimmst wieder diese freundschaftliche
Beziehung auf. Das grosse Geheimnis dieser Versöhnung mit Gott ist der allerschönste Dienst.
Wenn die Beichte mit wahrer Reue gemacht wird, schenkt der Herr die Vergebung. Man wird mit
Gott, den Brüdern und Schwestern und mit sich selber wieder versöhnt.

Bist du versöhnt mit Gott? Die Versöhnung mit Gott ist in Bezug auf die Versöhnung mit dem
Nächsten. Je mehr du mit Gott versöhnt bist, umso mehr bist du es mit dem Nächsten und je mehr
du mit den Nächsten versöhnt bist, umso mehr bist du es mit Gott.

Sicher, die Versöhnung, die Vergebung, die Reue, die Lossprechung, die Beichte, sind die Art und
Weise, durch die wir das Sakrament der Versöhnung verwirklichen. Wir haben das Sakrament der
Beichte, aber dann haben wir noch zwei andere Formen der Versöhnung mit Gott und den
Nächsten. Schau, wenn nur eine einzige Person da ist, mit welcher du nicht versöhnt bist, dann
bist du nicht mit Gott versöhnt. «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren
Schuldigern».

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Aber schaut, wir müssen dem Nächsten ernsthaft, aus ganzem Herzen vergeben. Durch die Kraft
und Liebe der Eucharistie haben wir die Leichtigkeit, uns mit dem Nächsten, und auch mit Gott, zu
versöhnen.

Es gibt noch eine weitere Art der Versöhnung mit dem Nächsten: Wir sollen alles wegschaffen,
was die Versöhnung verhindert. Was auch immer es ist, wir müssen wirklich darum besorgt sein,
d.h. wir müssen die Versöhnung mit dem Nächsten wirklich wiederherstellen.

Wer von uns hat nicht irgendeine Schwierigkeit, mit dem Nächsten versöhnt zu sein, resp. sich
wieder zu versöhnen? Wenn du den Herrn liebst, kannst du nicht anders, als den Nächsten zu
lieben. Die Liebe zum Herrn ist die Liebe zum Nächsten. Jesus hat gesagt: «Ein neues Gebot gebe
ich euch: liebt einander». Das Gebot des Herrn, wenn wir diesem Gebot gehorchen, dann lieben
wir den Nächsten. Wir haben also in diesem Gebot den Gehorsam und die Nächstenliebe. Unsere
Religion ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten und ist in diesem Gebot zusammengefasst; es ist
der Gehorsam zum Herrn und die Nächstenliebe.

Unsere Religion ist Liebe, Liebe zu Gott und zum Nächsten. Das grösste Gesetz ist immer die Liebe
zu Gott und zum Nächsten. Es ist der Gehorsam und die Nächstenliebe. Wenn du bemerkst, auch
wenn es nur eine einzige Person ist, dass die brüderliche Gemeinschaft nicht wirklich da ist, dann
musst du vergeben. Vergib jenem, der dir Böses getan hat. Auch wenn du einen ständigen
Widersacher hast, so vergib ihm. Dies ist die Garantie der Vergebung der schlimmsten Sünden
deines Lebens.

Bist du wirklich mit Gott versöhnt? Mit dem Nächsten? Oder hast du Gedanken der Kritik und des
Murrens? Sind Spaltungen da? Du musst einfach werden wie ein Kind, wenn du dich mit Gott
versöhnen willst. Du musst dich versöhnen, durch die Werke, nicht durch die Worte, auch mit den
grössten Feinden deines Lebens. Der hl. Jakobus sagt: Wir sollen nicht nur hören, sondern wir
sollen das Wort befolgen, mit Ernsthaftigkeit. Eine wahre Nächstenliebe ist nötig.

Wir, die Priester, sind Verwalter der Vergebung. Alle Hindernisse in Bezug auf die Versöhnung
sollen fallen, wir sollen uns wirklich gegenseitig lieben. Jesus hat der Maria Magdalena gesagt:
Geh, zu meinen Brüdern und sage ihnen, dass ich sie in Galiläa erwarte. Gott ist der einzige, der
uns die Liebe schenken kann und uns helfen kann, die Hindernisse zu überwinden.

In der Versöhnung werden wir eine grosse Freude erfahren. Wo ist die grössere Freude? In der
Lossprechung der Beichte oder in der Versöhnung mit dem Widersacher, der so hartnäckig war
gegenüber deiner Person? In der Versöhnung mit dem Widersacher! Diese Versöhnung ist viel
wichtiger in Bezug auf das geistliche Leben. Sicher, objektiv gesehen, ist die Lossprung grösser,
denn es ist ein Sakrament und Gott vergibt dir. Aber in der Versöhnung vergibst du dem anderen.
Die Versöhnung ist das Befolgen des Gebotes Jesu: «Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe»
(Joh 13 34-35). Wir müssen endlich dieses eine Gebot Jesus befolgen. Nach so vielen Jahren
müssen wir nun beginnen: «liebt einander, wie ich euch geliebt habe».

O Jesus, gib mir die Ehre jenem zu vergeben, der mir Böses getan hat. O Jesus, schenke mir die
Freude vergeben zu können um mich mit jenem zu versöhnen, der mir Böses getan hat. Wie gut
bist du, Jesus. Am Kreuz hast du allen vergeben: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was
sie tun». Schenke mir diese Freude und Ehre, vergeben zu können, aber hilf jenen, die mir
vergeben müssen, damit sie grosszügig sind, mir zu vergeben. Wie ist es schön, sich gegenseitig zu
vergeben. Welch grosse Freude, sich ernsthaft untereinander versöhnt zu wissen.

38
Catena aurea
(vgl. 24. Sonntag im Jahreskreis C)
In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die
Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar
mit ihnen.

Christus tat das, weshalb er Fleisch angenommen hatte: Er nahm sich der Sünder an wie ein Arzt
der Kranken. Aber die wahrhaft verleumderischen Pharisäer lohnten diese Güte mit Murren.
(Theophylactus)

Daraus können wir ersehen, daß die wahre Gerechtigkeit Mitleid, die falsche jedoch Abweisung an
den Tag legt - wenngleich auch die Gerechten sich mit Recht über die Sünder empören. Aber es ist
ein Unterschied, ob etwas aus Stolz oder aus Eifer für rechtes Verhalten geschieht: Denn wenn
auch die Gerechten nach außen hin durch Zurechtweisung heftig tadeln, so bewahren sie doch
Sanftmut durch die Liebe: Sie stellen die, die sie zurechtweisen, in ihrem Herzen höher als sich
selbst. So schützen sie durch die Zurechtweisung die Untergebenen, und durch die Demut sich
selbst. Die hingegen, die wegen ihrer falschen Gerechtigkeit überheblich werden, verachten alle
anderen und lassen sich zu keiner Erbarmung gegen die Schwachen herab. Und sie werden umso
schlimmere Sünder, je weniger sie sich dafür halten. Zu diesen gehörten die Pharisäer, die den
Herrn verurteilten, weil er die Sünder aufnahm. So tadelten sie mit trockenem Herzen den, der
selbst der Quell der Barmherzigkeit ist. Weil sie aber so krank waren, daß sie selbst gar nichts
davon merkten, wollte der himmlische Arzt sie mit milden Mitteln heilen, damit sie erkannten, wie
es um sie steht. (Gregor der Große)

Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins
davon verliert, läßt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem
verlorenen nach, bis er es findet?

Daraus ermesse man die Größe des Reiches unseres Erlösers. Er sagt «Es sind hundert Schafe» und
bezeichnet damit die ganze Menge der ihm gehorchenden geistbegabten Kreaturen. Hundert ist
nämlich eine vollkommene Zahl, aus zehn mal zehn zusammengesetzt. Aber aus diesen Hundert
verirrte sich ein Schaf, nämlich das menschliche Geschlecht, das die Erde bewohnt. (Cyrill)

Denn er ließ die Chöre der Engel im Himmel zurück. Der Mensch aber hatte den Himmel damals
verlassen, als er gesündigt hatte. Und um die vollkommene Anzahl der Schafe im Himmel
wiederherzustellen, sucht er den verlorenen Menschen auf der Erde. (Gregor der Große)

Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach
Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit
mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.

Als aber der Hirte das Schaf gefunden hatte, strafte er es nicht: Er führte es nicht mit Gewalt zur
Herde zurück, sondern legte es auf seine Schultern, trug es sanft und brachte es so zur Herde
zurück. (Gregor von Nyssa)

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Er legt das Schaf auf seine Schultern, weil er durch die Annahme der menschlichen Natur unsere
Sünden getragen hat. Als er das Schaf gefunden hat, geht er zum Haus zurück, denn unser Hirte
kehrte nach der Erlösung des Menschen ins himmlische Reich zurück. (Gregor von Nyssa)

Und es ist zu bemerken, daß er nicht sagt: Freut euch mit dem gefundenen Schaf! sondern: Freut
euch mit mir! Denn offenbar macht es ihn froh, wenn wir leben. Und wenn wir zum Himmel
zurückgeführt werden, ist seine festliche Freude vollkommen. (Gregor der Große)

Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder,
der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.

Denn meist gehen jene, die sich von keiner Sündenlast beschwert wissen, auf dem Weg der
Gerechtigkeit, sie sind aber auch nicht darum besorgt, nach der himmlischen Heimat zu trachten,
und oft bleiben sie faul und tun keine herausragenden guten Werke, weil sie sich sicher sind, daß
sie nichts Schlimmeres getan haben; dagegen entbrennen nicht selten diejenigen, die wissen, daß
sie Unrechtes getan haben, aus dem Schmerz der Reue darüber in Liebe zu Gott. Und da sie
bedenken, daß sie von Gott abgeirrt sind, machen sie den früheren Schaden durch den
nachfolgenden Gewinn wieder gut. Es wird also eine größere Freude im Himmel sein, denn auch
ein Feldherr schätzt in der Schlacht mehr den Soldaten, der nach einer Flucht wieder zurückkehrt
und dem Feind stark zusetzt, als den, der niemals geflohen ist, aber auch nie eine tapfere Tat
vollbracht hat. (Gregor der Große)

Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine
Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet?

Im vorausgehenden Gleichnis, in dem das menschliche Geschlecht als verirrtes Schaf bezeichnet
wurde, lernten wir, daß wir Geschöpfe des höchsten Gottes sind; er hat uns geschaffen, nicht wir
uns selbst. Wir sind die Schafe seiner Weide.vgl. Ps 95 Es schließt sich das nächste Gleichnis an, in
dem das menschliche Geschlecht mit einer Drachme verglichen wird, die verloren geht: dadurch
wird gezeigt, daß wir nach königlichem Bild und Gleichnis geschaffen sind, nämlich nach dem des
höchsten Gottes: Denn der Drachmenmünze ist das Bild des Königs eingeprägt. (Chrysostomus)

Derjenige, der als der «Hirte» bezeichnet wird, ist auch mit der «Frau» gemeint. Beide Male ist
Gott gemeint: Er selbst und seine Weisheit. (Gregor der Große)

Der Drachme war das Bild eingeprägt. Deshalb hatte die Frau die Drachme damals verloren, als der
Mensch, der nach dem Bild Gottes erschaffen worden war, sich durch die Sünde von der
Gottähnlichkeit entfernt hatte. [...] Die Frau zündet ein Licht an, weil Gottes Weisheit in
Menschengestalt erschienen ist. Die Lampe ist eine Lichtflamme auf einem Ölgefäß; das Licht auf
dem Gefäß aber ist die Gottheit im Fleisch: Nachdem die Lampe entzündet ist, folgt: Sie kehrt das
Haus. Denn sobald seine Gottheit durch das Fleisch aufscheint, wird jedes unserer Gewissen
aufgerüttelt: Denn das Wort «kehren» meint nichts anderes als «reinigen», wie es in anderen
Handschriften heißt. Denn wenn der verdorbene Geist nicht vorher durch heilige Furcht
ausgekehrt wird, wird er von seinen eingefahrenen Lastern nicht gereinigt. Nachdem das Haus
ausgekehrt ist, wird die Drachme gefunden. [...] Denn wenn das Gewissen des Menschen
aufgerüttelt wurde, wird im Menschen die Ähnlichkeit mit dem Schöpfer wiederhergestellt.
(Gregor der Große)

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Aber im eigenen Hause, das heißt in sich selbst und in seinem Gewissen muß man die verlorene
Drachme suchen, das heißt das Bild des Königs. Es ging nicht gänzlich verloren, sondern ist unter
dem Unrat verborgen, welcher die Krankheit der gefallenen Natur bezeichnet. (Gregor von Nyssa)

Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt:
Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. Ich sage euch:
Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Nachdem die Drachme aber gefunden wurde, läßt er die himmlischen Kräfte an seiner Freude
teilhaben. (Gregor von Nazianz)

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.

Lukas stellt drei Gleichnisse hintereinander: Das verlorene Schaf, das wiedergefunden wurde; die
verlorene Drachme, die wiedergefunden wurde; der Sohn, der tot war und wieder zum Leben
zurückgekehrt ist; so werden wir durch ein dreifaches Heilmittel aufgerufen, unsere Sünden zu
heilen. Christus trägt dich als Hirt mit seinem Leib, die Kirche sucht dich als Mutter, Gott nimmt
dich auf als Vater. (Ambrosius)

Dieser Mann also hatte zwei Söhne. Das bedeutet: Gott hat zwei Völker, gleichsam zwei Sprosse
des menschlichen Geschlechts: der eine blieb bei der Verehrung des einen Gottes, der andere
verließ Gott, bis dahin, daß er Götzen verehrte. (Augustinus)

Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da
teilte der Vater das Vermögen auf.

Du siehst aber, daß das göttliche Erbe den Bittenden gegeben wird; denke nicht, es sei die Schuld
des Vaters, daß er dem jüngeren [seinen Teil] gab: kein Lebensalter ist zu schwach für Gottes
Reich, und der Glaube wird mit den Jahren nicht leichter. (Ambrosius)

Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort
führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

Der jüngere Sohn reiste in ein fernes Land, aber nicht dadurch daß er räumlich von Gott wegging,
der überall ist, sondern durch seinen freien Willen: Denn der Sünder flieht vor Gott, um möglichst
weit entfernt von ihm zu sein. (Chrysostomus)

Wie könnte man nämlich weiter weggehen, als dadurch daß man sich von seiner Heimat nicht
durch den Ort, sondern durch sein Verhalten trennt? Denn wer sich von Christus trennt, ist fern
der Heimat und ein Bürger der Welt. Zu Recht heißt es, daß derjenige, der die Kirche verläßt, das
väterliche Vermögen verschwendet. (Ambrosius)

Nicht nach vielen Tagen ist es geschehen, daß er alles genommen und in ein fernes Land gereist
ist, d. h. daß er Gott vergessen hat. Das bedeutet, daß nicht lange nach der Erschaffung des
Menschengeschlechts die Seele mit ihrem freiem Willen beschloß, eigenmächtig zu existieren, so
als ob sie über ihre Natur verfügen könnte, den zu verlassen, von dem sie erschaffen worden ist,
und auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen. Diese Kräfte verbrauchte sie umso schneller, je weiter
sie sich von dem entfernte, der sie ihr gegeben hatte [...] Verschwenderisch oder üppig nennt er
einen Lebensstil, der in äußerer Pracht schwelgt, innerlich aber leer ist. (Augustinus)

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Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm
sehr schlecht.

Der Hunger ist der Mangel am Wort der Wahrheit. (Augustinus)

Es trat aber in jenem Land nicht eine Hungersnot an Nahrung ein, sondern an guten Werken und
Tugenden, was ein noch bedauernswerterer Mangel ist. (Ambrosius)

Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum
Schweinehüten.

Die Schweine hüten bedeutet das tun, worüber die unreinen Geister sich freuen. (Beda)

Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber
niemand gab ihm davon.

Die Futterschoten sind eine Art Hülsen, die innen leer, aber äußerlich dick sind. Durch sie wird der
Leib nicht genährt, sondern nur gefüllt, so daß sie mehr lästig als nützlich sind. (Ambrosius)

Die Futterschoten also, mit denen er die Schweine fütterte, sind die weltlichen Lehren. Sie sind
unfruchtbar und gehaltlos [...] Als er sich daher zu sättigen wünschte und darin etwas verläßliches
und richtiges finden wollte, das ihn zu einem glücklichen Leben führt, konnte er es nicht finden.
(Augustinus)

Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen,
und ich komme hier vor Hunger um.

Er kehrt wohl zu sich selbst zurück, nachdem er sich selbst verlassen hatte. Denn wer zu Gott
zurückkehrt, kehrt zu sich selbst zurück; und wer von sich von Christus entfernt, der entfernt sich
von sich selbst. (Ambrosius)

Es gibt drei verschiedene Arten von Gehorsam: Entweder wir meiden das Böse aus Angst vor der
Strafe - dann sind wir Knechte; oder wir halten uns an die Vorschriften, um dafür Lohn zu erlangen
- dann sind wir Tagelöhnern ähnlich; oder wir dienen dem Gesetz um des Guten selbst willen und
aus Liebe zu dem, der es gegeben hat - so sind wir zu Söhnen geworden. (Gregor von Nazianz)

Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen
den Himmel und gegen dich versündigt.

Er kehrte aber nicht eher zu seinem früheren Glück zurück, als bis er in sich ging, das Gewicht
seines niederdrückenden Elends fühlte und über die Worte der Umkehr nachdachte. (Gregor von
Nyssa)

Wie barmherzig ist der [Vater], der beleidigt worden ist! Er weigert sich nicht, den väterlichen
Namen zu hören. Dies ist das erste Sündenbekenntnis beim Schöpfer der Welt, dem Herrn der
Barmherzigkeit und dem Richter über die Schuld. Auch wenn Gott alles weiß, wartet er dennoch
auf das Bekenntnis aus deinem Mund: Das ausdrückliche Bekenntnis nämlich gereicht zum Heil,
denn es nimmt das Gewicht des Irrtums hinweg, mit dem sich ein jeder belastet; und wer dem

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Ankläger mit seinem Bekenntnis zuvor kommt, entgeht einer schwerwiegenden Anklage.
Vergeblich willst du vor dem etwas verbergen, der nicht getäuscht werden kann. Du kannst ohne
Gefahr das preisgeben, wovon du weißt, daß es schon bekannt ist. Bekenne vielmehr, damit
Christus für dich eintritt, die Kirche für dich bittet, das Volk für dich weint; und befürchte nicht,
daß du nicht erhört wirst. Der Fürsprecher verheißt Vergebung, der Beschützer verspricht Gnade,
der Retter sichert dir die Versöhnung durch die väterliche Güte zu. (Ambrosius)

Es ist die Frage, ob die Sünde «gegen den Himmel» dasselbe ist wie «gegen dich», daß also
entweder die Hoheit des Vaters selbst «Himmel» heißt, oder aber: ich habe gesündigt «gegen den
Himmel», d.h. gegen die heiligen Seelen, «gegen dich» aber im Innersten meines Gewissens.
(Augustinus)

Oder aber mit der Sünde der Seele gegen den Himmel sind die verlorenen Gaben des Geistes
gemeint; oder aber es heißt: er hätte sich nicht vom Schoß der Mutter Jerusalem, die im Himmel
ist, entfernen dürfen. (Ambrosius)

Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.

Er beansprucht nicht das Recht des Sohnes, daß alles, was dem Vater gehört, auch ihm gehört; er
denkt nicht einmal daran, danach zu verlangen; sondern er wünscht, ein Tagelöhner zu sein, der
für Lohn arbeitet; aber auch das, bekennt er, kann ihm nur durch das väterliche Erbarmen zuteil
werden. (Beda)

Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und
er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.

So wollen auch wir es machen. Dabei soll uns die Länge des Weges nicht abschrecken: Denn wenn
wir wollen, können wir schnell und leicht zurückkehren, wenn wir nämlich die Sünde zurücklassen,
die uns aus dem väterlichen Haus herausgeführt hat. (Chrysostomus)

Der Vater spürte seine Umkehr; er wartete nicht auf die Worte seines Bekenntnisses, sondern kam
der Bitte [des Sohnes] zuvor und erwies ihm Barmherzigkeit. (Chrysostomus)

Was bedeutet dieses Geschehen anderes, als daß wir, von unseren Sünden gelähmt, nicht aus
eigener Kraft zu Gott gelangen konnten. Der Mächtige selbst aber stieg herab, um zu den
Schwachen zu kommen. Der Mund wird geküßt, mit dem der Büßer sein von Herzen kommendes
Bekenntnis aussprach, das der Vater freudig empfing. (Chrysostomus)

Er läuft dir also entgegen, weil er hört, was du im geheimen Inneren deines Herzens denkst; und
da du noch weit entfernt bist, läuft er dir entgegen, damit dich nicht jemand aufhält. [...] und er
fällt gleichsam im Gefühl väterlicher Liebe [dem Sohn] um den Hals, um den daniederliegenden
aufzuheben und den mit Sünden beladenen und ins Irdische abgesunkenen wieder zum Himmel
hin aufzurichten. (Ambrosius)

Um den Hals fallen, das heißt, in der Umarmung seinen Arm herabzustrecken; dieser Arm ist Jesus
Christus. (Augustinus)

Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin
nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

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[Der Sohn] fügt nicht hinzu, was er vorher überlegt hatte zu sagen: Mach mich zu einem deiner
Tagelöhner! Denn weil er kein Brot hatte, wollte er ein Tagelöhner werden; aber nach dem Kuß
des Vaters in seiner übergroßen Güte wollte er es nicht mehr. (Augustinus)

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an,
steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.

Das beste Kleid ist die Würde, die Adam verlor; die Diener, die es herbeibringen, sind die
Verkünder der Versöhnung. (Augustinus)

Der Ring ist Zeichen des reinen Glaubens und Ausdruck der Wahrheit. (Ambrosius)

Oder der Ring an der Hand ist das Unterpfand des Heiligen Geistes, wegen der Teilhabe an der
Gnade, die durch den Finger treffend bezeichnet wird. (Augustinus)

Oder er läßt ihm den Ring geben [...] als Zeichen der Verlobung und Unterpfand der Hochzeit, in
der Christus sich die Kirche vermählt, wenn die zur Bekehrung bereite Seele sich durch den Ring
des Glaubens mit Christus verbindet. (Augustinus)

Die Schuhe an den Füßen bedeuten die Vorbereitung zur Verkündigung des Evangeliums: [Sie
schützen die Seele,] damit sie nichts Irdisches berühre. (Augustinus)

Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.

Das gemästete Kalb ist unser Herr Jesus Christus; er wird «Kalb» genannt wegen der Opfergabe
seines unbefleckten Leibes; «gemästet» bedeutet, daß es so groß und so vorzüglich ist, daß es für
das Heil der ganzen Welt ausreichend ist. Aber der Vater brachte nicht selbst das Mastkalb als
Opfer dar, sondern übergab es anderen zur Opferung: denn der Vater ließ zu und der Sohn willigte
ein, von den Menschen gekreuzigt zu werden. (Chrysostomus)

[Laßt uns essen:] wohl das Fleisch des Lammes, weil es das priesterliche Opfer ist, das für die
Sünden dargebracht wurde. Er lädt zur Freude ein, wenn er sagt: Laßt uns fröhlich sein, um zu
zeigen, daß die Speise des Vaters unser Heil und die Erlösung von unseren Sünden die Freude des
Vaters ist. (Ambrosius)

Jeder, der zurückkehrt, von seinen Vergehen gereinigt wird und am Mastkalb Anteil erhält, ist ein
Grund zur Freude für den Vater und seine Diener, die Engel und die Priester. (Theophylactus)

Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und
sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.

Die Heiden werden, wenn sie zum Glauben kommen, durch die Gnade lebendig gemacht; wer aber
gefallen ist, wird durch die Umkehr wieder zum Leben erweckt. (Ambrosius)

Dieses festliche Mahl wird jetzt gefeiert: Die Kirche ist auf dem ganzen Erdkreis verbreitet: Jenes
Mastkalb nämlich wird im Leib und Blut des Herrn dem Vater dargebracht und nährt das ganze
Haus. (Augustinus)

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Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses
kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten
lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht
hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

Weil die Schriftgelehrten und die Pharisäer über die Aufnahme der Sünder murrten, legte der
Erlöser der Reihe nach drei Gleichnisse dar. In den ersten beiden deutet er an, wie er sich mit den
Engeln über das Heil der Bekehrten freut; in diesem dritten aber zeigt er nicht nur seine Freude
und die Freude der Seinigen, sondern tadelt auch das Murren der Neider. (Beda)

Israel, gleichsam der ältere Bruder, beneidete den jüngeren Sohn, d. h. das Heidenvolk, weil der
Vater gütig gegen ihn gehandelt hat. (Ambrosius)

Er ist auch jetzt noch zornig, und will bis heute nicht eintreten. Wenn also die Gesamtheit der
Heidenvölker eingetreten ist, wird zur rechten Zeit sein Vater herauskommen, damit auch ganz
Israel gerettet wird. (Augustinus)

Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen
Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit
meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein
Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

Der unverschämte Sohn gleicht dem Zöllner, der sich selbst rechtfertigt, weil er das Gesetz dem
Buchstaben nach einhält; schonungslos klagt er den Bruder an, daß er das väterliche Vermögen
mit Dirnen verschwendet hat. (Ambrosius)

Die Dirnen aber bedeuten den Aberglauben der Heiden, mit dem er das Vermögen verschwendet:
Sie verließen die Ehe mit dem wahren Gott und trieben in schändlichem Begehren mit dem Dämon
Unzucht. (Augustinus)

Wenn er aber sagt: Du hast für jenen das Mastkalb schlachten lassen, bekennt er, daß Christus
gekommen ist, aber aus Neid will er nicht gerettet werden. (Hieronymus)

Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch
dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und
lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Der Vater jedoch wies ihn [sc. den älteren Bruder] nicht wie einen Lügner zurück, sondern erachtet
dessen Ausdauer als etwas Gutes und lädt ihn zur Vollkommenheit eines noch höheren und
freudigeren Lobpreises ein. (Augustinus)

Wenn er nämlich aufhört zu beneiden, ist alles sein, indem er entweder als Jude die Sakramente
des alten Bundes oder als Getaufter auch die des neuen Bundes besitzt. (Ambrosius)

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