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1.

Fastensonntag A,B,C

Inhalt
Liturgische Texte .................................................................................................................................... 2
1. Fastensonntag Jahr A ..................................................................................................................... 2
1. Fastensonntag Jahr B ..................................................................................................................... 5
1. Fastensonntag Jahr C ..................................................................................................................... 7
KKK ......................................................................................................................................................... 9
Die Versuchungen Jesu ...................................................................................................................... 9
Führe uns nicht in Versuchung ........................................................................................................ 10
Die Wüste; Prüfung (Benedikt XVI., Angelus, 5. März 2006) ............................................................... 11
Blick auf den Gekreuzigten; Sünde; Barmherzigkeit (Benedikt XVI., Angelus, 25. Februar 2007) ...... 12
Bedeutung der Fastenzeit; Weg des Kreuzes (Benedikt XVI., Angelus, 10. Februar 2008) ................. 13
Engel; Wüste; Satan (Benedikt XVI., Angelus, 1. März 2009) .............................................................. 14
Versuchungen; Kampf; Erneuerung (Benedikt XVI., Angelus, 21. Februar 2010) ............................... 15
Sünde; Sündenbewusstsein; Kampf gegen die Sünde (Benedikt XVI., Angelus, 13. März 2011) ........ 16
Wüste; Versuchung (Benedikt XVI., Angelus, 26. Februar 2012) ........................................................ 17
Versuchungen Jesu (Benedikt XVI., Angelus, 17. Februar 2013) ......................................................... 18
Die Zahl 40; die Wüste; die Versuchungen; Umkehr; Beispiel der Heiligen (Benedikt XVI.,
Generalaudienz, 13. Februar 2013) ..................................................................................................... 18
Versuchungen; Jesus und Satan (Franziskus, Angelus, 9. März 2014) ................................................ 21
Nachfolge Christi .................................................................................................................................. 22
Die vier Momente der Versuchung ...................................................................................................... 22
Verschiedene Heilige ........................................................................................................................... 23
Philotea (Franz von Sales) .................................................................................................................... 23
4. Teil, 3. Kapitel: Der Unterschied zwischen Versuchung und Zustimmung .................................. 23
4. Kapitel: Zwei anschauliche Beispiele ........................................................................................... 24
5. Kapitel: Mut in der Versuchung! Ermunterung für die Zeit der Prüfung ..................................... 25
6. Kapitel: Wie können Versuchung und Lust Sünde sein? ............................................................. 26
7. Kapitel: Mittel gegen schwere Versuchungen ............................................................................. 27
8. Kapitel: Widerstand gegen kleine Versuchung. ........................................................................... 27
9. Kapitel: Mittel gegen kleine Versuchungen. ................................................................................ 28
10. Kapitel: Wie man sein Herz gegen Versuchungen stark macht ................................................. 29
Hl. Jean-Marie Vianney, Pfr. von Ars ................................................................................................... 29
P. Pio .................................................................................................................................................... 30
Wie wirkt der Satan in der Versuchung? (2001.05.31) ........................................................................ 30
1
Die Sünde, der Gehorsam, der Ungehorsam und die Versuchung (2011.03.13) ................................ 31
Sünde, Versuchung, Sieg (2014.03.09) ................................................................................................ 32
Catena aurea ........................................................................................................................................ 33
Jahr A................................................................................................................................................ 33
Jahr B ................................................................................................................................................ 35

Liturgische Texte
1. Fastensonntag Jahr A

ERÖFFNUNGSVERS Ps 91 (90), 15-16


Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not, befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn mein Heil schauen.

TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
du schenkst uns die heiligen vierzig Tage
als eine Zeit der Umkehr und der Buße.
Gib uns durch ihre Feier die Gnade,
dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten
und die Kraft seiner Erlösungstat
durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.
Darum bitten wir durch ihn,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

ERSTE LESUNG Gen 2, 7-9; 3,1-7


Lesung aus dem Buch Genesis
7
Gott, der Herr, formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem.
So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.
8
Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er
geformt hatte.
9
Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit
köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis
von gut und böse.
1
Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der
Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?
2
Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
3
nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr
nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.
4
Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.
5
Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt
Gut und Böse.

2
6
Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und
dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei
ihr war, und auch er aß.
7
Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter
zusammen und machten sich einen Schurz.

ANTWORTPSALM Ps 51 (50), 3-4.5-6b.12-13.14 u. 17 (R: vgl. 3)


R Erbarme dich unser, o Herr,
denn wir haben gesündigt. - R

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld,


tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab,
und mach mich rein von meiner Sünde! - (R)
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten,
meine Sünde steht mir immer vor Augen.
6ab Gegen dich allein habe ich gesündigt,
ich habe getan, was dir missfällt. - (R)
12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist!
13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! - (R)
14 Mach mich wieder froh mit deinem Heil;
mit einem willigen Geist rüste mich aus!
17 Herr, öffne mir die Lippen,
und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden. - R

ZWEITE LESUNG Röm 5, 12-19


Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Römer
Brüder!
12
Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese
Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.
13
Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber Sünde wird nicht angerechnet, wo es kein Gesetz gibt;
14
dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die, welche nicht wie Adam durch Übertreten
eines Gebots gesündigt hatten; Adam aber ist die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist.
15
Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen
die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die
Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden.
16
Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das
Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen
Übertretungen zur Gerechtsprechung.
17
Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden
erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und
herrschen durch den einen, Jesus Christus.
18
Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es
auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben
gibt.
19
Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch
den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.

3
RUF VOR DEM EVANGELIUM Vers: vgl. Mt 4, 4b
Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre! - R
Nicht nur von Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.
Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre!

EVANGELIUM Mt 4, 1-11
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus
In jener Zeit
1
wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.
2
Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger.
3
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen
Steinen Brot wird.
4
Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort,
das aus Gottes Mund kommt.
5
Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel
6
und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen
Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
7
Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe
stellen.
8
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche
der Welt mit ihrer Pracht
9
und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.
10
Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst
du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
11
Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.

GABENGEBET
Herr, unser Gott,
wir bringen Brot und Wein für das heilige Opfer,
das wir zum Beginn dieser Fastenzeit feiern.
Nimm mit diesen Gaben uns selbst an
und vereine unsere Hingabe
mit dem Opfer deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

KOMMUNIONVERS Mt 4, 4
Nicht nur vom Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Oder: Ps 91 (90), 4
Mit seinen Flügeln schirmt dich der Herr,
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht.

SCHLUSSGEBET
Gütiger Gott,
du hast uns das Brot des Himmels gegeben,
damit Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wachsen.
Erhalte in uns das Verlangen nach diesem wahren Brot,
das der Welt das Leben gibt,
und stärke uns mit jedem Wort,
das aus deinem Mund hervorgeht.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

4
1. Fastensonntag Jahr B

ERÖFFNUNGSVERS Ps 91 (90), 15-16


Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not, befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn mein Heil schauen.

TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
du schenkst uns die heiligen vierzig Tage
als eine Zeit der Umkehr und der Buße.
Gib uns durch ihre Feier die Gnade,
dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten
und die Kraft seiner Erlösungstat
durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.
Darum bitten wir durch ihn,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

ERSTE LESUNG Gen 9, 8-15


Lesung aus dem Buch Genesis
8
Gott sprach zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren:
9
Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen
10
und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen
Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.
11
Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der
Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.
12
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den
lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen:
13
Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde.
14
Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken,
15
dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus
Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet.

ANTWORTPSALM Ps 25 (24), 4-5.6-7.8-9 (R: vgl. 10)


R Deine Wege, Herr, sind Huld und Treue
für alle, die deinen Bund bewahren. – R

4 Zeige mir, Herr, deine Wege


lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich;
denn du bist der Gott meines Heiles.
Auf dich hoffe ich allezeit. - (R)
6 Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld;
denn sie bestehen seit Ewigkeit.
7 Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel!

5
In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig. - (R)
8 Gut und gerecht ist der Herr,
darum weist er die Irrenden auf den rechten Weg.
9 Die Demütigen leitet er nach seinem Recht,
die Gebeugten lehrt er seinen Weg. - R

ZWEITE LESUNG 1 Petr 3, 18-22


Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus
Liebe Brüder!
18
Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um
euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.
19
So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.
20
Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche
gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.
21
Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen,
sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi,
22
der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes, und Engel, Gewalten und Mächte sind
ihm unterworfen.

RUF VOR DEM EVANGELIUM Vers: vgl. Mt 4, 4b


Lob dir, Christus, König und Erlöser! - R
Nicht nur von Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.
Lob dir, Christus, König und Erlöser!

EVANGELIUM Mk 1, 12-15
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
12
trieb der Geist Jesus in die Wüste.
13
Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden
Tieren, und die Engel dienten ihm.
14
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das
Evangelium Gottes
15
und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

GABENGEBET
Herr, unser Gott,
wir bringen Brot und Wein für das heilige Opfer,
das wir zum Beginn dieser Fastenzeit feiern.
Nimm mit diesen Gaben uns selbst an
und vereine unsere Hingabe
mit dem Opfer deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

KOMMUNIONVERS Mt 4, 4
Nicht nur vom Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Oder: Ps 91 (90), 4
Mit seinen Flügeln schirmt dich der Herr,

6
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht.

SCHLUSSGEBET
Gütiger Gott,
du hast uns das Brot des Himmels gegeben,
damit Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wachsen.
Erhalte in uns das Verlangen nach diesem wahren Brot,
das der Welt das Leben gibt,
und stärke uns mit jedem Wort,
das aus deinem Mund hervorgeht.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

1. Fastensonntag Jahr C

ERÖFFNUNGSVERS Ps 91 (90), 15-16


Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not, befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn mein Heil schauen.

TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
du schenkst uns die heiligen vierzig Tage
als eine Zeit der Umkehr und der Buße.
Gib uns durch ihre Feier die Gnade,
dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten
und die Kraft seiner Erlösungstat
durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.
Darum bitten wir durch ihn,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

ERSTE LESUNG Dtn 26, 4-10


Lesung aus dem Buch Deuteronomium
In jenen Tagen sprach Mose zum Volk:
Wenn du die ersten Erträge von den Früchten des Landes darbringst,
4
dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des Herrn, deines
Gottes, stellen.
5
Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein
heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu
einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk.
6
Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf.
7
Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere
Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.
8
Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen
und Wundern aus Ägypten,
9
er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

7
10
Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast,
Herr. Wenn du den Korb vor den Herrn, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem Herrn, deinem
Gott, niederwerfen.

ANTWORTPSALM Ps 91 (90), 1-2.10-11.12-13.14-15 (R: vgl. 15b)


R Herr, sei bei mir in der Not. – R

1 Wer im Schutz des Höchsten wohnt


und ruht im Schatten des Allmächtigen,
2 der sagt zum Herrn: «Du bist für mich Zuflucht und Burg,
mein Gott, dem ich vertraue.“ - (R)
10 Dir begegnet kein Unheil,
kein Unglück naht sich deinem Zelt.
11 Denn er befiehlt seinen Engeln,
dich zu behüten auf all deinen Wegen. - (R)
12 Sie tragen dich auf ihren Händen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;
13 du schreitest über Löwen und Nattern,
trittst auf Löwen und Drachen. - (R)
14 Weil er an mir hängt, will ich ihn retten;
ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen.
15 Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not,
befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
R Herr, sei bei mir in der Not.

ZWEITE LESUNG Röm 10, 8-13


Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Römer
Brüder!
8
Was sagt die Schrift? Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Gemeint ist das
Wort des Glaubens, das wir verkündigen;
9
denn wenn du mit deinem Mund bekennst: «Jesus ist der Herr“ und in deinem Herzen glaubst: «Gott hat
ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden.
10
Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen.
11
Denn die Schrift sagt: Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.
12
Darin gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen. Alle haben denselben Herrn; aus seinem
Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen.
13
Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

RUF VOR DEM EVANGELIUM Vers: Mt 4, 4b


Christus, du ewiges Wort des Vaters, Ehre sei dir! - R
Nicht nur von Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.
Christus, du ewiges Wort des Vaters, Ehre sei dir!

EVANGELIUM Lk 4, 1-13
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
In jener Zeit
1
verließ Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in
der Wüste umher,

8
2
und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die
vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger.
3
Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.
4
Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
5
Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche
der Erde.
6
Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir
überlassen, und ich gebe sie, wem ich will.
7
Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.
8
Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und
ihm allein dienen.
9
Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du
Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab;
10
denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten;
11
und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
12
Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
13
Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.

GABENGEBET
Herr, unser Gott,
wir bringen Brot und Wein für das heilige Opfer,
das wir zum Beginn dieser Fastenzeit feiern.
Nimm mit diesen Gaben uns selbst an
und vereine unsere Hingabe
mit dem Opfer deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

KOMMUNIONVERS Mt 4, 4
Nicht nur vom Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Oder: Ps 91 (90), 4
Mit seinen Flügeln schirmt dich der Herr,
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht.

SCHLUSSGEBET
Gütiger Gott,
du hast uns das Brot des Himmels gegeben,
damit Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wachsen.
Erhalte in uns das Verlangen nach diesem wahren Brot,
das der Welt das Leben gibt,
und stärke uns mit jedem Wort,
das aus deinem Mund hervorgeht.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

KKK
Die Versuchungen Jesu

9
538 Die Evangelien sprechen von einer Zeit der Einsamkeit, die Jesus gleich nach seiner Taufe durch
Johannes in der Einöde verbracht hat: Vom Geist in die Wüste «getrieben», bleibt Jesus vierzig Tage
lang dort, ohne zu essen. Er lebt bei den wilden Tieren, und die Engel dienen ihm [Vgl. Mk 1,12—
13.]. Am Ende dieser Zeit versucht ihn Satan dreimal, indem er Jesu Sohneshaltung Gott gegenüber
ins Wanken zu bringen sucht. Jesus weist diese Angriffe zurück, in denen die Versuchungen Adams
im Paradies und Israels in der Wüste nochmals aufgegriffen werden, und der Teufel läßt von ihm
ab, um- «zu seiner Zeit» zurückzukehren (Lk 4,13).

539 Die Evangelisten weisen auf die Heilsbedeutung dieses geheimnisvollen Geschehens hin. Jesus
ist der neue Adam, der treu bleibt, während der erste Adam der Versuchung erlag. Jesus erfüllt die
Sendung Israels vollkommen. Im Gegensatz zu denen, die einst in der Wüste vierzig Jahre lang Gott
herausforderten [Vgl. Ps 95,10.], erweist sich Christus als der Gottesknecht, der dem Willen Gottes
gänzlich gehorsam ist. So ist Jesus Sieger über den Teufel: er hat «den Starken gefesselt», um ihm
seine Beute wieder zu entreißen [Vgl. Mk 3,27.]. Der Sieg Jesu über den Versucher in der Wüste
nimmt den Sieg der Passion vorweg, den höchsten Gehorsamserweis seiner Sohnesliebe zum Vater.

540 Die Versuchung zeigt, auf welche Weise der Sohn Gottes Messias ist, im Gegensatz zu der Rolle,
die Satan ihm vorschlägt und in der die Menschen [Vgl. Mt 16,21—23.] ihn gerne sehen möchten.
Darum hat Christus den Vesucher für uns besiegt. «Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der
nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung
geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat» (Hebr 4,15). Durch die vierzigtägige Fastenzeit vereint
sich die Kirche jedes Jahr mit dem Mysterium Jesu in der Wüste.

Führe uns nicht in Versuchung


2846 Diese Bitte wurzelt in der vorhergehenden, denn unsere Sünden sind die Früchte unserer
Zustimmung zur Versuchung. Wir bitten unseren Vater, uns nicht in Versuchung zu «führen». Es ist
nicht einfach, den griechischen Ausdruck, der so viel bedeutet wie «laß uns nicht in Versuchung
geraten» [Vgl. Mt 26,41] oder «laß uns ihr nicht erliegen» in einem Wort wiederzugeben. «Denn
Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in
Versuchung» (Jak 1,13); er will uns vielmehr davon befreien. Wir bitten ihn, uns nicht den Weg
beschreiten zu lassen, der zur Sünde führt. Wir stehen im Kampf «zwischen dem Fleisch und dem
Geist». So fleht diese Bitte des Vaterunsers um den Geist der Unterscheidung und der Kraft.

2847 Der Heilige Geist läßt uns unterscheiden zwischen der Prüfung, die im Hinblick auf die
hoffnungsvolle «Bewährung» (Röm 5,3—5) zum Wachstum des inneren Menschen notwendig ist1,
und der Versuchung, die zur Sünde und zum Tod führt [Vgl. Mt4,1—11]. Wir müssen auch zwischen
«Versuchtwerden» und «der Versuchung zustimmen» unterscheiden. Weiters entlarvt die Gabe der
Unterscheidung die Lüge der Versuchung: dem Anschein nach ist ihr Gegenstand schön, verlockend
und «köstlich» (Gen 3,6), in Wahrheit aber führt er zum Tod.
«Gott will das Gute nicht aufzwingen, er will freie Wesen ... Auch die Versuchung hat ihr Gutes. Niemand
außer Gott weiß, was unsere Seele von Gott erhalten hat, nicht einmal wir. Aber die Versuchung bringt es an
den Tag, um uns zu lehren, uns selbst zu erkennen und so unser Elend zu entdecken; und um uns zu
verpflichten, für all das Gute zu danken, das die Versuchung uns aufgedeckt hat» (Origenes, or. 29).

2848 Einer Versuchung widerstehen zu können, verlangt eine Entscheidung des Herzens. «Denn wo
dein Schatz ist, da ist auch dein Herz ... Niemand kann zwei Herrn dienen» (Mt 6,21.24). «Wenn wir
aus dem Geist leben, wollen wir dem Geist auch folgen» (Gal 5,25). In dieser «Zustimmung» zum
Heiligen Geist gibt der Vater uns die Kraft. «Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die

10
den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, daß ihr über eure Kraft hinaus
versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so daß ihr sie bestehen
könnt» (1 Kor 10,13).

2849 Nun aber ist ein Sieg in einem solchen Kampf nur im Gebet möglich. Jesus besiegte den
Versucher von Beginn an [Vgl. Mt 26,36—44] bis zum letzten Kampf in seiner Todesangst [Vgl. Mk
13,9.23.33—37; 14,38; Lk 12,35—40.] durch das Gebet. So vereint uns Christus in dieser Bitte zu
unserem Vater mit seinem Kampf und seiner Todesangst. Wir werden eindringlich ermahnt, in
Gemeinschaft mit ihm unser Herz wachsam zu halten [Vgl. Mk 13,9.23.33—37; 14,38; Lk 12,35—
40.]. Wachsamkeit ist eine «Wächterin» des Herzens. Jesus bittet für uns seinen Vater mit den
Worten: «Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen» (Joh 17,11). Ohne Unterlaß fordert uns
der Heilige Geist zu dieser Wachsam [Vgl. Lk8,13—15; Apg14,22; 2Tim 3,12] keit auf1. In der letzten
Versuchung unseres Kampfes auf Erden wird die Ernsthaftigkeit dieser Bitte offenkundig; sie bittet
um Beharrlichkeit bis zum Ende. «Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt» (Offb
16,15).

Die Wüste; Prüfung (Benedikt XVI., Angelus, 5. März 2006)

Am vergangenen Mittwoch haben wir die Fastenzeit begonnen, und heute feiern wir den ersten
Sonntag dieses Abschnitts im Kirchenjahr, der die Christen dazu anregt, sich um einen Weg der
Vorbereitung auf das Osterfest zu bemühen. Heute erinnert uns das Evangelium daran, daß Jesus
sich nach der Taufe im Jordan, vom Heiligen Geist getrieben, der auf ihn herabgekommen war und
ihn als den Christus offenbart hatte, vierzig Tage lang in die Wüste Juda zurückzog, wo er den
Versuchungen Satans widerstand (vgl. Mk 1,12–13). In der Nachfolge ihres Herrn und Meisters
treten auch die Christen geistig in die Wüste der Fastenzeit ein, um zusammen mit Ihm den «Kampf
gegen den Geist des Bösen» aufzunehmen.

Das Bild der Wüste ist eine sehr aussagekräftige Metapher für den Zustand des Menschen. Das
Buch Exodus berichtet von der Erfahrung des Volkes Israel, das nach dem Auszug aus Ägypten
vierzig Jahre lang durch die Wüste Sinai wanderte, bevor es das Gelobte Land erreichte. Während
dieser langen Reise erlebten die Juden die ganze Kraft und Eindringlichkeit des Versuchers, der sie
dazu drängte, das Vertrauen in den Herrn zu verlieren und zurückzugehen; gleichzeitig jedoch
lernten sie dank der Mittlerrolle des Mose, auf die Stimme Gottes zu hören, der sie aufrief, sein
heiliges Volk zu werden. Wenn wir über diesen Abschnitt der Bibel nachdenken, verstehen wir, daß
es zur vollen Verwirklichung des Lebens in Freiheit nötig ist, die Prüfung zu bestehen, die eben
diese Freiheit mit sich bringt, nämlich die Versuchung. Nur wenn der Mensch von der Sklaverei der
Lüge und der Sünde befreit ist, findet er – dank seines Gehorsams gegenüber dem Glauben, der ihn
für die Wahrheit offen macht – den vollen Sinn seiner Existenz und erlangt Frieden, Liebe und
Freude.

Gerade aus diesem Grund ist die Fastenzeit eine günstige Zeit für eine gewissenhafte Überprüfung
des Lebens in Sammlung, Gebet und Buße. Die Exerzitien, die von heute abend bis kommenden
Samstag traditionsgemäß hier im Apostolischen Palast stattfinden, werden mir und meinen
Mitarbeitern an der Römischen Kurie helfen, mit tieferem Bewußtsein in diese der Fastenzeit
eigene Atmosphäre einzutreten. Liebe Brüder und Schwestern, ich bitte euch, mich mit euren
Gebeten zu begleiten, und ich versichere euch eines Gedenkens vor dem Herrn, damit die

11
Fastenzeit für alle Christen eine Gelegenheit zur Bekehrung und zum mutigeren Streben nach
Heiligkeit sei. Erbitten wir dazu die mütterliche Fürsprache der Jungfrau Maria.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, 1. Fastensonntag, 5. März 2006

Blick auf den Gekreuzigten; Sünde; Barmherzigkeit (Benedikt XVI., Angelus,


25. Februar 2007)

Dieses Jahr geht die Botschaft für die Fastenzeit von einem Vers des Johannesevangeliums aus, der
seinerseits auf einer messianischen Prophezeiung Sacharjas beruht: «Sie werden auf den schauen,
den sie durchbohrt haben» (Joh 19,37). Der Lieblingsjünger, der zusammen mit Maria, der Mutter
Jesu, und anderen Frauen auf dem Kalvarienberg anwesend war, war Augenzeuge des
Lanzenstoßes, der die Seite Christi durchbohrte, so daß Blut und Wasser herausflossen (vgl. Joh
19,31–34). Jene Geste eines namenlosen römischen Soldaten, der dazu bestimmt war, in
Vergessenheit zu geraten, blieb in den Augen und im Herzen des Apostels eingeprägt, der in seinem
Evangelium davon berichtete. Wie viele Bekehrungen haben sich über die Jahrhunderte hinweg
gerade dank der vielsagenden Botschaft der Liebe ereignet, welche demjenigen zuteil wird, der
seinen Blick auf den gekreuzigten Jesus richtet!

So treten wir also, den «Blick» auf die Seite Jesu geheftet, in die Fastenzeit ein. In der Enzyklika
Deus caritas est (vgl. Nr. 12) wollte ich hervorheben, daß diese grundlegende Wahrheit nur dann
erkannt und angeschaut werden kann, wenn man den Blick auf den am Kreuz für uns gestorbenen
Jesus richtet: «Gott ist die Liebe» (1 Joh 4,8.16). «Von diesem Blick her» – so habe ich geschrieben –
«findet der Christ den Weg seines Lebens und Liebens» (Deus caritas est, 12). Wenn wir den
Gekreuzigten mit den Augen des Glaubens anschauen, können wir in der Tiefe verstehen, was die
Sünde ist, wie tragisch ihre Schwere und wie unermeßlich gleichzeitig die Macht der Vergebung
und der Barmherzigkeit des Herrn ist. Während dieser Tage der Fastenzeit wollen wir das Herz
nicht von diesem Geheimnis tiefer Menschlichkeit und hoher Spiritualität abwenden. Wenn wir auf
Christus schauen, sollen wir uns zugleich von ihm angeschaut fühlen. Der, den wir selbst durch
unsere Schuld durchbohrt haben, wird nicht müde, über die Welt einen unerschöpflichen Strom
barmherziger Liebe zu ergießen. Möge die Menschheit erkennen, daß nur aus dieser Quelle die
spirituelle Energie geschöpft werden kann, die unentbehrlich ist für den Aufbau von Frieden und
Glück, wonach jeder Mensch unaufhörlich sucht.

Wir wollen die Jungfrau Maria, deren Seele unter dem Kreuz ihres Sohnes durchbohrt wurde,
darum bitten, uns die Gabe eines festen Glaubens zu erwirken. Sie führe uns auf dem Weg durch
die Fastenzeit und helfe uns, alles zu verlassen, was uns davon ablenkt, auf Christus und sein Wort
des Heils zu hören. Ihr empfehle ich besonders die Woche der Exerzitien, die heute nachmittag hier
im Vatikan beginnen wird und an der ich zusammen mit meinen Mitarbeitern der Römischen Kurie
teilnehmen werde. Liebe Brüder und Schwestern, ich bitte euch, uns mit eurem Gebet zu begleiten,
das ich gerne in der Sammlung dieser Einkehrtage erwidern werde, indem ich die göttliche Macht
auf jeden von euch, auf eure Familien und auf eure Gemeinschaften herabrufe.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, 1. Sonntag der Fastenzeit, 25. Februar 2007

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Bedeutung der Fastenzeit; Weg des Kreuzes (Benedikt XVI., Angelus, 10.
Februar 2008)

Am vergangenen Mittwoch sind wir mit dem Fasten und dem Ritus der Aschenauflegung in die
Fastenzeit eingetreten. Was aber bedeutet: «in die Fastenzeit eintreten?»
Es bedeutet, eine Zeit besonderer Anstrengung im geistlichen Kampf zu beginnen, wodurch wir dem
Bösen entgegentreten, das in der Welt gegenwärtig ist, in einem jeden einzelnen von uns und in
unserer Umgebung.
Es bedeutet, dem Bösen ins Gesicht zu blicken und sich dafür zu entscheiden, gegen seine
Wirkungen zu kämpfen, vor allem gegen seine Ursachen, bis hin zur letzten Ursache, die der Satan
ist.
Es bedeutet, das Problem des Bösen nicht auf die anderen abzuladen, auf die Gesellschaft oder auf
Gott, sondern die eigene Verantwortung anzuerkennen und sie bewußt auf sich zu nehmen.
Diesbezüglich klingt für uns Christen die Aufforderung Jesu, sein eigenes «Kreuz» auf sich zu
nehmen und ihm in Demut und Vertrauen nachzufolgen, dringender denn je. So schwer das
«Kreuz» auch sein mag, es ist nicht gleichbedeutend mit Mißgeschick, Unglück, das es so weit wie
möglich zu vermeiden gilt, sondern es stellt eine Gelegenheit dar, sich in die Nachfolge Jesu zu
begeben und so im Kampf gegen die Sünde und das Böse Kraft zu gewinnen.
In die Fastenzeit einzutreten bedeutet somit, die persönliche und gemeinschaftliche Entscheidung
zu erneuern, dem Bösen zusammen mit Christus entgegenzutreten. Der Weg des Kreuzes ist
nämlich der einzige, der zum Sieg der Liebe über den Haß, des Miteinanderteilens über den
Egoismus, des Friedens über die Gewalt führt. So gesehen ist die Fastenzeit wirklich eine gute
Gelegenheit zu einer starken asketischen und geistlichen Anstrengung, die in der Gnade Christi
gründet.

Dieses Jahr fällt durch eine glückliche Fügung der Beginn der Fastenzeit mit dem 150. Jahrestag der
Erscheinungen in Lourdes zusammen. Vier Jahre nach der Verkündigung des Dogmas der
Unbefleckten Empfängnis durch den sel. Pius IX. zeigte sich Maria der hl. Bernadette Soubirous zum
ersten Mal am 11. Februar 1858 in der Grotte von Massabielle. Es folgten weitere Erscheinungen,
die von außergewöhnlichen Ereignissen begleitet waren, und zum Schluß verabschiedete sich die
selige Jungfrau, indem sie der jungen Seherin im Dialekt der Gegend offenbarte: «Ich bin die
Unbefleckte Empfängnis.» Die Botschaft, die die Gottesmutter weiterhin in Lourdes kundtut, ruft
die Worte in Erinnerung, die Jesus gerade zu Beginn seiner öffentlichen Sendung aussprach und die
wir mehrere Male in diesen Tagen der Fastenzeit hören: «Bekehrt euch und glaubt an das
Evangelium», betet und tut Buße. Nehmen wir die Aufforderung Mariens an, in der die Worte
Christi widerhallen, und bitten wir sie, für uns zu erwirken, daß wir gläubig in die Fastenzeit
eintreten, um diese Zeit der Gnade mit innerer Freude und großherzigem Einsatz zu leben.

Der Jungfrau vertrauen wir auch die Kranken sowie all jene an, die sich liebevoll ihrer annehmen.
Morgen, am Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes, wird der Welttag der Kranken begangen.
Ich grüße von ganzem Herzen die Pilger, die sich in der Petersbasilika unter der Leitung des
Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst, Kardinal Lozano Barragán,
versammeln werden. Leider werde ich ihnen nicht begegnen können, da ich heute abend die
Exerzitien beginnen werde, aber in der Stille und in der Besinnung werde ich für sie und für alle
Bedürfnisse der Kirche und der Welt beten. An alle, die sich meiner im Herrn erinnern, geht schon
jetzt mein aufrichtiger Dank.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, 1. Sonntag der Fastenzeit, 10. Februar 2008

13
Engel; Wüste; Satan (Benedikt XVI., Angelus, 1. März 2009)

Heute ist der erste Fastensonntag, und im nüchternen und konzisen Stil des hl. Markus führt uns
das Evangelium in die Atmosphäre dieser liturgischen Zeit ein: «Danach trieb der Geist Jesus in die
Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt» (Mk 1,12–
13). Im Heiligen Land befindet sich westlich des Flusses Jordan und der Oase von Jericho die Wüste
Juda, die über steinige Täler und einen Höhenunterschied von ungefähr 1000 Metern bis nach
Jerusalem hin ansteigt. Nachdem er die Taufe von Johannes empfangen hatte, begab sich Jesus in
jene Einsamkeit, in die ihn der Heilige Geist selbst führte, der auf ihn herabgekommen war, ihn
gesalbt und als Sohn Gottes offenbart hatte. In der Wüste – dem Ort der Prüfung, wie die Erfahrung
des Volkes Israel zeigt – tritt in ihrer eindringlichen Dramatik die Wirklichkeit der Kenosis hervor,
der Entäußerung Christi, der die Gestalt Gottes abgelegt hat (vgl. Phil 2,6–7). Er, der nicht gesündigt
hat und nicht sündigen kann, unterwirft sich der Prüfung und kann daher mit unserer Schwäche
mitfühlen (vgl. Heb 4,15). Er läßt sich vom Satan in Versuchung führen, dem Widersacher, der sich
von Anfang an dem Heilsplan Gottes für die Menschen widersetzt hat.

Gegenüber dieser dunklen und finsteren Gestalt, die es wagt, den Herrn zu versuchen, treten in der
Kürze der Erzählung fast beiläufig die Engel in Erscheinung, licht- und geheimnisvolle Gestalten. Die
Engel, so heißt es im Evangelium, «dienten» Jesus (Mk 1,13); sie sind Antagonisten des Satans.
«Engel» heißt «Gesandter». Im gesamten Alten Testament finden wir diese Gestalten, die im
Namen Gottes den Menschen helfen und sie führen. Es genügt, das Buch Tobit in Erinnerung zu
rufen, in dem die Gestalt des Engels Rafael erscheint, der dem Protagonisten in den
verschiedensten Situationen beisteht. Die Sicherheit vermittelnde Gegenwart des Engels des Herrn
begleitet das Volk Israel in allem, was ihm an Guten und an Schlechtem widerfährt. An der Schwelle
zum Neuen Testament ist Gabriel ausgesandt, um Zacharias und Maria die freudigen Ereignisse zu
verkündigen, die am Anfang unseres Heils stehen; und ein Engel, dessen Name nicht genannt wird,
spricht zu Josef und gewährt ihm in jenem Augenblick der Unsicherheit eine Orientierung. Ein Chor
von Engeln überbringt den Hirten die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands, wie es auch
Engel sein werden, die den Frauen die freudige Nachricht von seiner Auferstehung verkünden. Am
Ende der Zeiten werden die Engel Jesus bei seiner Wiederkunft in Herrlichkeit begleiten (vgl. Mt
25,31). Die Engel dienen Jesus, der gewiß höher steht als sie, und diese seine Würde wird hier, im
Evangelium, auf eindeutige, wenn auch zurückhaltende Weise erklärt. Auch in der Situation
äußerster Armut und Niedrigkeit nämlich, als der Satan ihn in Versuchung führt, bleibt er der Sohn
Gottes, der Messias, der Herr.

Liebe Brüder und Schwestern, wir würden das Evangelium um einen bedeutenden Teil verkürzen,
wenn wir diese von Gott gesandten Wesen vernachlässigten, die seine Gegenwart unter uns
verkündigen und eines ihrer Zeichen sind. Rufen wir sie oft an, auf daß sie uns in dem Bemühen
stützen, Jesus nachzufolgen, bis zu dem Punkt, daß wir uns mit ihm identifizieren. Bitten wir sie
besonders am heutigen Tag, über mich und die Mitarbeiter der Römischen Kurie zu wachen, die wir
am heutigen Nachmittag wie jedes Jahr die Woche der Exerzitien beginnen werden. Maria, Königin
der Engel, bitte für uns!
BENEDIKT XVI., ANGELUS, 1. Sonntag der Fastenzeit, 1. März 2009

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Versuchungen; Kampf; Erneuerung (Benedikt XVI., Angelus, 21. Februar
2010)

Am vergangenen Mittwoch haben wir mit dem Bußritus der Aschenauflegung die Fastenzeit
begonnen, eine Zeit der geistlichen Erneuerung, die auf die alljährliche Feier des Osterfestes
vorbereitet. Was aber heißt es, den Weg der Fastenzeit zu gehen? Eine Erläuterung hierzu gibt uns
das Evangelium vom heutigen ersten Fastensonntag mit dem Bericht über die Versuchungen Jesu in
der Wüste. Der heilige Evangelist Lukas erzählt, daß Jesus, nachdem er von Johannes getauft
worden war, «erfüllt vom Heiligen Geist, die Jordangegend [verließ]. Darauf führte ihn der Geist
vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt»
(Lk 4,1–2). Es wird deutlich hervorgehoben, daß es sich bei den Versuchungen nicht um einen
gewöhnlichen Zwischenfall handelte, sondern um die Folge der Entscheidung Jesu, der ihm vom
Vater übertragenen Sendung zu folgen, bis zum äußersten seine Wirklichkeit als geliebter Sohn zu
leben, der sich ganz ihm anvertraut. Christus ist in die Welt gekommen, um uns von der Sünde und
von der zweifelhaften Faszination zu befreien, unser Leben ohne Gott zu entwerfen. Er hat dies
nicht mit hochtrabenden Erklärungen getan, sondern indem er selbst gegen den Versucher
gekämpft hat, bis hin ans Kreuz. Dieses Beispiel gilt für alle: Man verbessert die Welt, indem man
bei sich selbst anfängt und mit der Gnade Gottes das ändert, was im eigenen Leben nicht in
Ordnung ist.

Von den drei Versuchungen, mit denen der Teufel Jesus konfrontiert, hat die erste ihren Ursprung
im Hunger, das heißt im materiellen Bedürfnis: «Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem
Stein, zu Brot zu werden». Jesus aber antwortet mit der Heiligen Schrift: «Der Mensch lebt nicht nur
von Brot» (Lk 4,3–4; vgl. Dt 8,3).
Dann zeigt der Teufel Jesus alle Reiche der Erde und sagt: Alles wird dir gehören, wenn du dich vor
mir niederwirfst und mich anbetest. Es ist die Täuschung der Macht, die Jesus entlarvt und
zurückweist: «Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen» (vgl.
Lk 4,5–8; Dtn 6,13). Keine Anbetung der Macht, sondern allein Anbetung Gottes, der Wahrheit und
der Liebe.
Schließlich schlägt der Versucher Jesus vor, ein aufsehenerregendes Wunder zu wirken: Er soll sich
von den hohen Mauern des Tempels stürzen und sich von den Engeln retten lassen, so daß alle an
ihn glauben. Doch Jesus antwortet, daß Gott nie auf die Probe gestellt werden darf (vgl. Dtn 6,16).
Wir dürfen «kein Experiment unternehmen», in dem Gott eine Antwort geben und sich als Gott
erweisen soll: Wir müssen an ihn glauben! Wir dürfen Gott nicht zum «Gegenstand» unseres
«Experimentierens» machen!
Mit ständigem Bezug auf die Schrift stellt Jesus den menschlichen Kriterien das einzig wahre
Kriterium voran: den Gehorsam, die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, der das Fundament
unseres Seins ist. Auch dies ist eine grundlegende Lehre für uns: Wenn wir das Wort Gottes im
Geist und im Herzen tragen, wenn dieses Wort in unser Leben eintritt, wenn wir Vertrauen in Gott
haben, so können wir jegliche Täuschung durch den Versucher abweisen. Aus der ganzen
Erzählung tritt darüber hinaus deutlich das Bild Christi als neuer Adam hervor, des demütigen und
dem Vater gehorsamen Sohnes Gottes, im Unterschied zu Adam und Eva, die im Garten Eden den
Verführungen des Geistes des Bösen, ohne Gott unsterblich zu sein, nachgegeben hatten.

Die Fastenzeit ist wie eine lange Zeit der «Einkehr», bei der es darum geht, in sich zu gehen und die
Stimme Gottes zu vernehmen, um die Versuchungen Satans zu besiegen und die Wahrheit unseres
Seins zu finden. Eine Zeit, so könnten wir sagen, des geistlichen «Kämpfens», die es zusammen mit
Jesus zu leben gilt, ohne Stolz und Anmaßung, sondern mit den Waffen des Glaubens, das heißt mit
dem Gebet, dem Hören des Wortes Gottes und der Buße. Auf diese Weise wird es uns gelingen,

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Ostern wahrhaftig zu feiern, in der Bereitschaft, unsere Taufversprechen zu erneuern. Die Jungfrau
Maria helfe uns, daß wir, geleitet vom Heiligen Geist, freudig und fruchtbringend diese Zeit der
Gnade leben. Sie möge insbesondere für mich und für meine Mitarbeiter der Römischen Kurie
Fürsprache halten, die wir heute abend die Exerzitien beginnen.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, Sonntag, 21. Februar 2010

Sünde; Sündenbewusstsein; Kampf gegen die Sünde (Benedikt XVI.,


Angelus, 13. März 2011)

Heute ist der erste Sonntag der Fastenzeit, jener liturgischen Zeit von vierzig Tagen, die in der
Kirche einen geistlichen Weg der Vorbereitung auf Ostern bildet. Es geht im wesentlichen darum,
Jesus nachzufolgen, der entschlossen auf das Kreuz zugeht, den Höhepunkt seiner Heilssendung.
Wenn wir uns nach dem Warum der Fastenzeit, des Kreuzes fragen, so ist die radikal formulierte
Antwort: weil es das Böse, ja die Sünde gibt, welche nach der Schrift die tiefe Ursache allen Übels
ist.

Doch diese Aussage ist nicht selbstverständlich, und das Wort «Sünde» wird von vielen nicht
akzeptiert, da es eine religiöse Sicht von Welt und Mensch voraussetzt. Denn wahr ist: Wenn man
Gott aus dem Horizont der Welt beseitigt, kann man nicht mehr von Sünde sprechen. Wenn sich
gleichsam die Sonne verbirgt, verschwinden die Schatten; der Schatten tritt nur zutage, wenn die
Sonne scheint; so führt die Gottesfinsternis notwendig zur Finsternis der Sünde. Daher wird der
Sinn für die Sünde – der etwas anderes ist als das «Schuldgefühl», wie dies die Psychologie
versteht – wiedererlangt, wenn man den Sinn für Gott neu entdeckt. Dies bringt der Psalm
Miserere zum Ausdruck, der König David anläßlich seiner zweifachen Sünde des Ehebruchs und des
Mordes zugeschrieben wird: «Gegen dich» – spricht David zu Gott gewandt – «gegen dich allein
habe ich gesündigt (Ps 51,6).

Angesichts des moralischen Übels besteht die Haltung Gottes darin, sich der Sünde zu widersetzen
und den Sünder zu retten. Gott duldet das Böse nicht, da er Liebe, Gerechtigkeit und Treue ist; und
gerade deshalb will er nicht den Tod des Sünders, sondern dessen Umkehr und Leben. Um die
Menschheit zu retten, greift Gott ein: Wir sehen dies in der ganzen Geschichte des jüdischen
Volkes, angefangen bei der Befreiung aus Ägypten. Gott ist entschlossen, seine Kinder aus der
Knechtschaft zu befreien, um sie zur Freiheit zu führen. Und die schwerste und tiefste
Knechtschaft ist jene der Sünde. Deshalb hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt: um die
Menschen von der Herrschaft Satans zu befreien, des «Urhebers aller Sünde». Er hat ihn in unserem
sterblichen Fleisch gesandt, damit er zum Sühneopfer werde und so für uns am Kreuz sterbe.
Diesem endgültigen und universalen Heilsplan hat sich der Teufel mit all seinen Kräften
entgegengestellt, wie besonders das Evangelium von den Versuchungen Jesu in der Wüste zeigt,
das jedes Jahr am ersten Fastensonntag verkündigt wird. Denn der Eintritt in diese liturgische Zeit
bedeutet immer, an der Seite Christi gegen die Sünde zu stehen und – als einzelne wie auch als
Kirche – den geistlichen Kampf gegen den Geist des Bösen aufzunehmen (Aschermittwoch,
Tagesgebet).

Wir bitten daher um die mütterliche Hilfe der allerseligsten Jungfrau Maria für den unlängst
begonnenen Weg der Fastenzeit, damit er reich an Früchten der Umkehr sei. Um ein besonderes
Gedenken im Gebet bitte ich für mich und meine Mitarbeiter in der Römischen Kurie, die wir heute
abend die Woche der Exerzitien beginnen werden.
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BENEDIKT XVI., ANGELUS, Sonntag, 13. März 2011

Wüste; Versuchung (Benedikt XVI., Angelus, 26. Februar 2012)

Am heutigen ersten Sonntag in der Fastenzeit begegnen wir Jesus, der nach dem Empfang der
Taufe im Fluß Jordan durch Johannes den Täufer (vgl. Mk 1,9) in der Wüste vom Satan in
Versuchung geführt wird (vgl. Mk 1,12-13). Der Bericht des hl. Markus ist knapp und ohne jene
Einzelheiten, von denen wir in den anderen beiden Evangelien des Matthäus und des Lukas lesen.
Die Wüste, von der die Rede ist, hat verschiedene Bedeutungen. Sie kann den Zustand der
Verlassenheit und Einsamkeit meinen, den «Ort» der Schwäche des Menschen, wo es keinen Halt
und keine Sicherheiten gibt, wo die Versuchung übermächtig wird. Doch sie kann auch einen Ort
der Zuflucht und des Schutzes bedeuten, wie dies für das Volk Israel der Fall war, das der
Knechtschaft in Ägypten entkommen war, einen Ort, wo man in besonderer Weise die Gegenwart
Gottes erfahren kann. In der Wüste «blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in
Versuchung geführt» (Mk 1,13). Der hl. Leo der Große sagt hierzu in einem Kommentar:
«Gestattete doch deshalb der Herr dem Verführer, ihn zu versuchen, um uns mit seiner Hilfe zu
verteidigen und mit seinem Beispiel zu unterweisen « (Tractatus XXXIX,3 De ieiunio quadragesimae:
CCL 138/A, Turnholti 1973, 214–215).

Was kann uns diese Episode lehren? Wie wir im Buch von der Nachfolge Christi lesen, «ist niemand
zeitlebens vor Versuchungen ganz sicher, […] aber Geduld und wahre Demut machen uns stärker als
alle Feinde (Liber I, c. XIII), die Geduld und die Demut, jeden Tag dem Herrn zu folgen und so zu
lernen, unser Leben nicht außerhalb von ihm zu bauen oder so, als ob es ihn nicht gäbe, sondern es
in ihm und mit ihm zu erbauen, da er der Quell des wahren Lebens ist. Die Versuchung, Gott zu
verdrängen, alleine in sich selbst und in der Welt Ordnung schaffen zu wollen und dabei nur auf
die eigenen Fähigkeiten zu zählen, ist in der Geschichte des Menschen stets gegenwärtig. Jesus
erklärt: «Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe» (Mk 1,15), er kündigt an, daß in ihm etwas
Neues geschieht: Gott wendet sich auf unerwartete Weise dem Menschen zu, in einer einzigartigen
konkreten Nähe, die voller Liebe ist; Gott wird Mensch und tritt ein in die Welt des Menschen, um
die Sünde auf sich zu nehmen, um das Böse zu besiegen und den Menschen in die Welt Gottes
zurückzuführen. Doch diese Verkündigung geht einher mit der Aufforderung, einem so großen
Geschenk zu entsprechen. Jesus nämlich fügt hinzu: «Kehrt um, und glaubt an das Evangelium» (Mk
1,15); es ist die Einladung, an Gott zu glauben, uns an jedem Tag unseres Lebens zu seinem Willen
zu bekehren und all unser Tun und Denken auf das Gute auszurichten.

Die Fastenzeit ist der geeignete Augenblick, unsere Beziehung zu Gott durch das tägliche Gebet, die
Gesten der Buße und die Werke der brüderlichen Liebe zu erneuern und zu festigen. Bitten wir die
allerseligste Maria inständig, daß sie unseren Weg durch die Fastenzeit mit ihrem Schutz begleite
und uns helfe, unserem Herzen und unserem Leben die Worte Jesu Christi einzuprägen, damit wir
uns zu ihm bekehren. Außerdem empfehle ich eurem Gebet die Woche der geistlichen Übungen,
die ich heute abend zusammen mit meinen Mitarbeitern der Römischen Kurie beginnen werde.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, Sonntag, 26. Februar 2012

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Versuchungen Jesu (Benedikt XVI., Angelus, 17. Februar 2013)

Am vergangenen Mittwoch sind wir mit dem traditionellen Ritus der Aschenauflegung in die
Fastenzeit eingetreten, Zeit der Umkehr und der Buße in Vorbereitung auf Ostern. Die Kirche,
Mutter und Lehrerin, ruft alle ihre Glieder auf, sich im Geist zu erneuern, sich entschlossen wieder
auf Gott auszurichten und dem Hochmut und Egoismus zu widersagen, um in der Liebe zu leben. In
diesem Jahr des Glaubens ist die Fastenzeit eine günstige Zeit, um den Glauben an Gott als
Grundkriterium unseres Lebens und des Lebens der Kirche neu zu entdecken. Dies bringt immer
einen Kampf mit sich, ein geistliches Gefecht, da sich der Geist des Bösen natürlich unserer
Heiligung widersetzt und versucht, uns vom Weg Gottes abweichen zu lassen. Aus diesem Grund
wird jedes Jahr am ersten Fastensonntag das Evangelium von den Versuchungen Jesu in der Wüste
verkündet.

Denn nachdem Jesus bei der Taufe am Jordan die «Investitur» als Messias – als der mit Heiligem
Geist «Gesalbte» – empfangen hatte, wurde er vom selben Geist in die Wüste gebracht, um dort
vom Teufel in Versuchung geführt zu werden. Im Augenblick des Beginns seines öffentlichen
Wirkens mußte Jesus die falschen Vorstellungen vom Messias, vor die ihn der Versucher stellte,
enttarnen und zurückweisen. Doch diese Versuchungen sind auch falsche Vorstellungen vom
Menschen, die zu jeder Zeit das Gewissen bedrängen, indem sie sich als vorteilhafte und wirksame,
ja sogar gute Vorschläge verkleiden. Die Evangelisten Matthäus und Lukas präsentieren drei
Versuchungen Jesu und unterscheiden sich dabei teilweise nur in der Anordnung. Ihr zentraler Kern
besteht immer in der Instrumentalisierung Gottes aus eigenen Interessen, insofern dem Erfolg
oder den materiellen Gütern größere Bedeutung zugemessen wird. Der Versucher ist hinterhältig:
er drängt nicht direkt zum Bösen, sondern über das Gute, das falsch ist, indem er glauben macht,
daß die wahren Wirklichkeiten die Macht und das die Grundbedürfnisse Befriedigende sind. So wird
Gott zweitrangig, er wird auf ein Mittel reduziert, letztendlich wird er unwirklich, zählt nicht mehr,
verschwindet. Letztlich steht in den Versuchungen der Glaube auf dem Spiel, da Gott auf dem Spiel
steht. In den entscheidenden Augenblicken des Lebens, doch bei näherem Hinsehen in jedem
Augenblick, stehen wir vor einem Scheideweg: wollen wir dem Ich folgen oder Gott? Dem
individuellen Interesse oder dem wahren Gut, dem, was wahrhaft gut ist?

Wie die Kirchenväter lehren, sind die Versuchungen Teil des «Abstiegs» Jesu in unser Menschsein,
in den Abgrund der Sünde und ihrer Folgen. Ein «Abstieg», den Jesus bis zum Ende getan hat, bis
zum Tod am Kreuz und zur Hölle der äußersten Gottesferne. Auf diese Weise ist er die Hand, die
Gott dem Menschen ausgestreckt hat, dem verlorenen Schaf, um es wieder in Sicherheit zu
bringen. Wie der hl. Augustinus lehrt, hat Jesus unsere Versuchungen angenommen, um uns seinen
Sieg zu schenken (vgl. Enarr. in Psalmos, 60,3: PL 36, 724). Wir wollen also keine Furcht haben, auch
unsererseits den Kampf gegen den Geist des Bösen aufzunehmen: das Wichtige ist, daß wir es mit
ihm tun, mit Christus, dem Sieger. Und um bei ihm zu sein, wenden wir uns an die Mutter, Maria: in
der Stunde der Prüfung wollen wir sie mit kindhaftem Vertrauen anrufen, und sie wird uns die
mächtige Gegenwart ihres göttlichen Sohnes verspüren lassen, um die Versuchungen mit dem Wort
Christi zurückzuweisen und so erneut Gott in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen.
BENEDIKT XVI., ANGELUS, Sonntag, 17. Februar 2013

Die Zahl 40; die Wüste; die Versuchungen; Umkehr; Beispiel der Heiligen
(Benedikt XVI., Generalaudienz, 13. Februar 2013)

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Heute, am Aschermittwoch, beginnen wir die liturgische Fastenzeit: 40 Tage, die uns auf die Feier
des Osterfestes vorbereiten. Es ist eine Zeit der besonderen Bemühung auf unserem geistlichen
Weg. Die Zahl 40 kommt in der Heiligen Schrift mehrmals vor. Insbesondere ruft sie, wie wir wissen,
die 40 Jahre in Erinnerung, in denen das Volk Israel in der Wüste umherzog: eine lange Zeit der
Formung, um das Volk Gottes zu werden, aber auch eine lange Zeit, in der die Versuchung, dem
Bund mit dem Herrn untreu zu werden, stets gegenwärtig war. 40 Tage lang dauerte auch der Weg
des Propheten Elija, um den Gottesberg Horeb zu erreichen; ebensolang war die Zeit, die Jesus vor
dem Beginn seines öffentlichen Wirkens in der Wüste verbrachte, wo er vom Teufel versucht
wurde. In der heutigen Katechese möchte ich bei diesem Augenblick des irdischen Lebens des Herrn
verweilen, von dem wir im Evangelium des kommenden Sonntags lesen werden.

Zunächst einmal ist die Wüste, wohin Jesus sich zurückzieht, der Ort der Stille, der Armut, wo dem
Menschen sein materieller Halt entzogen ist und er vor den grundlegenden Fragen der Existenz
steht. Er wird gedrängt, sich dem Wesentlichen zuzuwenden, und gerade deshalb kann er Gott
leichter begegnen. Aber die Wüste ist auch der Ort des Todes, denn wo kein Wasser ist, ist auch
kein Leben, und sie ist der Ort der Einsamkeit, an dem der Mensch die Versuchung stärker spürt.
Jesus geht in die Wüste, und dort wird er in Versuchung geführt, den vom Vater gewiesenen Weg
zu verlassen, um andere, einfachere und weltlichere Wege einzuschlagen (vgl. Lk 4,1–13). So nimmt
er unsere Versuchungen auf sich, nimmt unser Elend mit sich, um das Böse zu besiegen und uns
den Weg zu Gott, den Weg zur Umkehr zu öffnen.

Das Nachdenken über die Versuchungen, denen Jesus in der Wüste ausgesetzt ist, ist eine
Einladung an jeden von uns, auf eine grundlegende Frage zu antworten: Was zählt wirklich in
meinem Leben?
In der ersten Versuchung fordert der Teufel Jesus auf, einen Stein in Brot zu verwandeln, um den
Hunger zu stillen. Jesus erwidert, daß der Mensch auch von Brot lebt, aber nicht nur von Brot: Ohne
eine Antwort auf den Hunger nach Wahrheit, auf den Hunger nach Gott kann der Mensch nicht
gerettet werden (vgl. V. 3–4).
In der zweiten Versuchung schlägt der Teufel Jesus den Weg der Macht vor: Er führt ihn auf einen
Berg hinauf und bietet ihm die Herrschaft über die Welt an. Aber das ist nicht der Weg Gottes:
Jesus weiß sehr gut, daß nicht die weltliche Macht die Welt rettet, sondern die Macht des Kreuzes,
der Demut, der Liebe (vgl. V. 5–8).
In der dritten Versuchung fordert der Teufel Jesus auf, sich von der Zinne des Tempels von
Jerusalem hinabzustürzen und sich von Gott durch seine Engel retten zu lassen, etwas
Sensationelles zu tun, um Gott selbst auf die Probe zu stellen; aber die Antwort lautet, daß Gott
kein Objekt ist, dem wir unsere Bedingungen auferlegen können: Er ist Herr über alles (vgl. V. 9–12).
Was ist der Kern der drei Versuchungen, in die Jesus geführt wird? Es ist der Vorschlag, Gott zu
instrumentalisieren, ihn für die eigenen Interessen, für die eigene Verherrlichung und für den
eigenen Erfolg zu gebrauchen – und im Grunde sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen, ihn aus
dem eigenen Leben zu entfernen und überflüssig erscheinen zu lassen. Jeder sollte sich also
fragen: Welchen Platz hat Gott in meinem Leben? Ist er der Herr oder bin ich es?

Die Versuchung zu überwinden, Gott sich selbst und den eigenen Interessen zu unterwerfen oder
ihn in eine Ecke zu stellen, und sich zur rechten Ordnung der Prioritäten zu bekehren, Gott den
ersten Platz zu geben, ist ein Weg, den jeder Christ immer wieder aufs neue beschreiten muß.
«Umkehren», eine Einladung, die wir in der Fastenzeit sehr oft hören werden, bedeutet, Jesus so
nachzufolgen, daß sein Evangelium die konkrete Richtschnur des Lebens ist; es bedeutet, uns von
Gott verwandeln zu lassen, nicht länger zu meinen, daß wir die einzigen Baumeister unseres
Lebens sind; es bedeutet anzuerkennen, daß wir Geschöpfe sind, daß wir von Gott, von seiner
Liebe abhängen und unser Leben nur gewinnen können, wenn wir es in ihm «verlieren». Dazu ist
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es erforderlich, unsere Entscheidungen im Licht des Wortes Gottes zu treffen. Man kann heute
nicht mehr Christ sein, nur weil man in einer Gesellschaft lebt, die christliche Wurzeln hat: Auch wer
in einer christlichen Familie geboren und religiös erzogen wurde, muß jeden Tag erneut die
Entscheidung treffen, Christ zu sein, also Gott den ersten Platz zu geben, gegenüber den
Versuchungen, vor die eine säkularisierte Kultur ihn ständig stellt, gegenüber dem kritischen Urteil
vieler Zeitgenossen.

Die Prüfungen, derer die gegenwärtige Gesellschaft den Christen unterzieht, sind in der Tat
zahlreich und berühren das persönliche und das gesellschaftliche Leben. Es ist nicht leicht, der
christlichen Ehe treu zu sein, im täglichen Leben Barmherzigkeit zu üben, dem Gebet und der
inneren Stille Raum zu geben; es ist nicht leicht, sich öffentlich Entscheidungen zu widersetzen, die
viele als selbstverständlich betrachten – wie die Abtreibung im Falle einer unerwünschten
Schwangerschaft, die Euthanasie im Falle schwerer Krankheiten oder die Selektion von Embryonen,
um Erbkrankheiten vorzubeugen. Die Versuchung, den eigenen Glauben beiseite zu stellen, ist
stets gegenwärtig, und die Umkehr wird zur Antwort an Gott, die im Leben öfter bestätigt werden
muß. Ein Beispiel und Ansporn sind uns die großen Bekehrungen wie die des hl. Paulus auf dem
Weg nach Damaskus oder des hl. Augustinus. Aber auch in unserer Zeit, in der der Sinn für das
Heilige verdunkelt wird, ist Gottes Gnade am Werk und wirkt Wunder im Leben vieler Menschen.
Der Herr wird nicht müde, in sozialen und kulturellen Umfeldern, die von der Säkularisierung
verschlungen zu sein scheinen, an die Tür des Menschen zu klopfen. So war es bei dem orthodoxen
Russen Pawel Florenski. Nach einer vollkommen agnostischen Erziehung, die ihn sogar echte
Feindseligkeit gegenüber den in der Schule vermittelten religiösen Lehren verspüren ließ, ruft der
Naturwissenschaftler Florenski eines Tages aus: «Nein, man kann nicht ohne Gott leben!», ändert
vollkommen sein Leben und wird sogar Mönch.

Ich denke auch an die Gestalt von Etty Hillesum, einer jungen Holländerin jüdischer Herkunft, die in
Auschwitz gestorben ist. Anfangs Gott fern, entdeckt sie ihn, indem sie tief in sich selbst
hineinschaut, und schreibt: «Ein tiefer Brunnen ist in meinem Innern. Und Gott ist in diesem
Brunnen. Manchmal kann ich zu ihm gelangen, meistens aber ist er mit Steinen und Sand bedeckt:
Dann ist Gott begraben. Ich muß ihn wieder ausgraben» (Tagebuch). In ihrem zersplitterten und
ruhelosen Leben findet sie Gott mitten in der großen Tragödie des 20. Jahrhunderts, der Shoah.
Vom Glauben verwandelt, wird dieses zerbrechliche und unzufriedene junge Mädchen zu einer Frau
voll Liebe und innerem Frieden und ist in der Lage zu sagen: «Ich lebe ständig in inniger
Vertrautheit mit Gott.»

Die Fähigkeit, sich den ideologischen Verlockungen ihrer Zeit zu widersetzen, um die Suche nach
der Wahrheit zu wählen und sich der Entdeckung des Glaubens zu öffnen, wird von einer weiteren
Frau unserer Zeit bezeugt, der US-Amerikanerin Dorothy Day. In ihrer Autobiographie bekennt sie
offen, daß sie in Versuchung geraten ist, alles durch die Politik lösen zu wollen und der
marxistischen Theorie zu folgen: «Ich wollte mit den Demonstranten gehen, ins Gefängnis gehen,
schreiben, die anderen beeinflussen und der Welt meinen Traum hinterlassen. Wieviel Ehrgeiz und
wieviel Suche nach mir selbst steckte in all dem!» In einem so säkularisierten Umfeld war der Weg
zum Glauben besonders schwierig, aber die Gnade wirkt trotzdem, wie sie selbst hervorhebt: «Und
gewiß spürte ich öfter die Notwendigkeit, in die Kirche zu gehen, niederzuknien, das Haupt zum
Gebet zu beugen. Ein einfacher Instinkt, könnte man sagen, denn ich war mir nicht bewußt zu
beten. Aber ich ging, ich fügte mich in die Atmosphäre des Gebetes ein …» Gott führte sie zu einer
bewußten Hinwendung zur Kirche, in einem Leben, das den Entrechteten gewidmet war.

In unserer Zeit gibt es nicht wenige Bekehrungen, die als Rückkehr eines Menschen verstanden
werden, der sich nach einer vielleicht oberflächlichen christlichen Erziehung jahrelang vom Glauben
20
entfernt hat und dann Christus und sein Evangelium wiederentdeckt. Im Buch der Offenbarung
lesen wir: «Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem
werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir» (3,20). Unser innerer
Mensch muß sich darauf vorbereiten, von Gott besucht zu werden, und gerade deshalb darf er sich
nicht von den Illusionen, vom Schein, von den materiellen Dingen einnehmen lassen.

In dieser Fastenzeit, im Jahr des Glaubens, erneuern wir unser Bemühen auf dem Weg der Umkehr,
um die Tendenz, uns in uns selbst zu verschließen, zu überwinden und vielmehr Raum zu schaffen
für Gott, indem wir die tägliche Wirklichkeit mit seinen Augen betrachten. Wir könnten sagen, daß
die Alternative zwischen der Verschlossenheit in unseren Egoismus und der Öffnung für die Liebe zu
Gott und zu den anderen der Alternative der Versuchungen Jesu entspricht: eine Alternative also
zwischen menschlicher Macht und Liebe zum Kreuz, zwischen einer Erlösung, die allein im
materiellen Wohlstand gesehen wird, und einer Erlösung als das Werk Gottes, dem wir den ersten
Platz im Leben geben. Umkehren bedeutet, sich nicht in der Suche nach dem eigenen Erfolg, dem
eigenen Ansehen, der eigenen Position zu verschließen, sondern dafür zu sorgen, daß jeden Tag, in
den kleinen Dingen, die Wahrheit, der Glaube an Gott und die Liebe das Wichtigste werden.
BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZ, Mittwoch, 13. Februar 2013

Versuchungen; Jesus und Satan (Franziskus, Angelus, 9. März 2014)

Das Evangelium des ersten Sonntags der Fastenzeit stellt uns jedes Jahr die Episode von den
Versuchungen Jesu vor Augen, als der Heilige Geist, der nach der Taufe am Jordan auf ihn herab
gekommen war, ihn dazu drängte, Satan in der Wüste für vierzig Tage offen entgegenzutreten,
bevor er seine öffentliche Sendung begann. Der Versucher trachtet danach, Jesus vom Plan des
Vaters abzubringen, das heißt vom Weg des Opfers, der Liebe, die sich selbst als Sühne darbringt,
um ihn den leichten Weg einschlagen zu lassen, den Weg des Erfolgs und der Macht.

Der Zweikampf zwischen Jesus und Satan vollzieht sich in einem Schlagabtausch mit Zitaten aus der
Heiligen Schrift. Denn um Jesus vom Weg des Kreuzes abzubringen, führt der Teufel ihm die
falschen messianische Hoffnungen vor Augen: den wirtschaftlichen Wohlstand, worauf die
Möglichkeit verweist, Steine in Brot zu verwandeln; den spektakulären und auf Wunder
ausgerichteten Stil, verbunden mit der Vorstellung, sich vom höchsten Punkt des Tempels in
Jerusalem in die Tiefe zu stürzen und sich von Engeln retten zu lassen; und schließlich den
schnellsten Weg zu Macht und Herrschaft im Austausch gegen einen Akt der Anbetung Satans. Es
handelt sich um drei Gruppen von Versuchungen: auch wir kennen sie gut! Jesus weist entschlossen
all diese Versuchungen zurück und bekräftigt den festen Willen, dem vom Vater bestimmten Weg
zu folgen, ohne Kompromisse mit der Sünde und der Logik der Welt.

Achtet gut darauf, wie Jesus antwortet. Er tritt mit dem Satan in keinen Dialog, wie dies Eva im
irdischen Paradies getan hatte. Jesus weiß gut, dass man mit dem Satan keinen Dialog führen
kann, weil er so verschlagen ist. Statt mit ihm in einen Dialog zu treten, wie dies Eva getan hatte,
trifft Jesus daher die Entscheidung, im Wort Gottes Zuflucht zu suchen, und antwortet mit der
Kraft dieses Wortes. Erinnern wir uns daran: Im Augenblick der Versuchung, unserer
Versuchungen: kein Argumentieren mit dem Satan, sondern immer verteidigt durch das Wort
Gottes! Und das wird uns retten. In den Antworten, die der Herr dem Satan gibt, indem er das Wort
Gottes benutzt, erinnert er uns vor allem daran, dass «der Mensch […] nicht nur von Brot [lebt],
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (Mt 4,4; vgl. Dtn 8,3); und das gibt uns
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Kraft, es stützt uns im Kampf gegen die weltliche Denkart, die den Menschen auf die Ebene seiner
Grundbedürfnisse sinken und ihn den Hunger nachdem verlieren lässt, was wahr, gut und schön ist,
den Hunger nach Gott und seiner Liebe. Er erinnert außerdem daran, dass es in der Schrift auch
heißt: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen» (V. 7), da der Weg des
Glaubens auch durch die Finsternis, den Zweifel führt und sich von Geduld und beständiger
Erwartung nährt. Schließlich weist Jesus darauf hin, dass in der Schrift steht: «Vor dem Herrn,
deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen « (V. 10); das heißt: wir müssen uns
der Götzen entledigen, der Nichtigkeiten, und unser Leben auf dem Wesentlichen aufbauen.

Diese Worte Jesu werden dann in seinem Handeln konkrete Entsprechung finden. Seine absolute
Treue gegenüber dem Liebesplan des Vaters wird ihn nach etwa drei Jahren zum abschließenden
Entscheidungskampf mit dem «Herrscher dieser Welt» (Joh 16,11) führen, in der Stunde des
Leidens und des Kreuzes, und dort wird Jesus seinen endgültigen Sieg davontragen, den Sieg der
Liebe!

Liebe Brüder und Schwestern, die Fastenzeit ist eine Zeit der Gnade für uns alle, um einen Weg der
Umkehr zu beschreiten, indem wir uns aufrichtig mit diesem Abschnitt aus dem Evangelium
auseinandersetzen. Wir wollen unsere Taufversprechen erneuern: Widersagen wir dem Satan und
all seinen Werken und Verführungen – denn er ist ein Verführer –, um auf den Wegen Gottes zu
gehen und «das Osterfest in der Freude des Heiligen Geistes zu erwarten» (Präfation für die
Fastenzeit I)!
PAPST FRANZISKUS, ANGELUS, Sonntag, 9. März 2014

Nachfolge Christi
«Zuerst tritt nur ein einfacher Gedanke heran an den Geist,
dann eine lebhafte Einbildung,
und später regen sich Lust und böse Begierde,
und am Schluss folgt dein Ja.“
(Nachfolge Christi 1. Buch, 13. Kap.)

Die vier Momente der Versuchung


Die Versuchung hat also vier Momente, vier Etappen:

1. die Gelegenheit  ich schaff es schon


(occasione)  was ist daran so schlimm
 ich steh darüber, das lässt mich kalt

2. die Anziehungskraft, die Anziehung,


die Faszination, Einbildung  nimmt mich doch wunder
(attrazione)  das muss ich jetzt genau wissen

3. das Begehren; die Kraft, die einem fesselt,  ich schaffe es nicht
Lust, böse Begierde  es ist stärker als ich
(suggestione)  ich kann nichts dagegen tun

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4. die Zustimmung, Einwilligung  es war wie mechanisch
(consenso)  ich wollte es ja eigentlich nicht
 ich wollte damit ja nicht Gott beleidigen

Verschiedene Heilige
- Wie tritt der Teufel ein in das Gewissen? Er klopft mit der Versuchung, der böse Gedanke öffnet
ihm, die Lust empfängt ihn. Und so erhält die Seele den Todesstoss und stirbt. Antonius v. Padua
- Nur jene lässt der Böse unbehelligt von Anfechtung, die er mit unbestrittenem Recht bereits als
sein Eigentum betrachten kann. Gregor
- Wen der Teufel einmal überwunden hat, den lässt er verächtlich liegen, die sucht er zu Fall zu
bringen, die er noch stehen sieht! Cyprian

Philotea (Franz von Sales)


4. Teil, 3. Kapitel: Der Unterschied zwischen Versuchung und Zustimmung
Stelle dir eine von ihrem Gemahl heißgeliebte Prinzessin vor, die ein Unhold zum Ehebruch
verführen will. Er schickt ihr einen infamen Liebesboten, um sie von seinem ruchlosen Plan in
Kenntnis zu setzen. Dieser legt zunächst der Prinzessin die Absicht seines Herrn dar. Die Prinzessin
zeigt Wohlgefallen oder Mißfallen am Vorschlag und an der Botschaft; schließlich stimmt sie zu
oder lehnt ab.
So schicken Satan, Welt und Fleisch der Seele, die mit dem Sohne Gottes vereinigt ist,
Versuchungen als ihre Boten. Dabei wird erstens die Sünde vorgeschlagen, zweitens wird die
Seele daran Gefallen oder Mißfallen finden, drittens wird sie zustimmen oder die Versuchung
abweisen. So steigt die Seele auf drei Stufen zum Bösen hinab: Versuchung, Wohlgefallen und
Zustimmung. Wenn diese drei Stufen auch nicht so offenkundig bei allen Sünden erkennbar sind, so
sind sie doch bei den großen, schweren Sünden förmlich greifbar.
Wenn eine Versuchung, zu welcher Sünde auch immer, unser ganzes Leben andauern sollte, so
mißfallen wir dadurch der göttlichen Majestät keineswegs, solang sie uns nicht gefällt und wir ihr
nicht zustimmen. Denn bei der Versuchung handeln nicht wir, sondern wir erleiden sie; weil wir
daran keine Freude haben wollen, kann uns dabei auch keine Schuld treffen.
Der hl. Paulus litt lange Zeit unter Versuchungen des Fleisches; trotzdem mißfiel er Gott nicht,
sondern Gott wurde dadurch sogar verherrlicht (vgl. 2.Kor 12,7 ff). Die selige Angela von Foligno
wurde von so grausamen sinnlichen Versuchungen gequält, daß man ihre Schilderung nicht ohne
Ergriffenheit lesen kann. Schwere Versuchungen überfielen auch den hl. Franz von Assisi und den
hl. Benedikt, von denen der eine sich in Dornen wälzte, der andere im Schnee, um sie zu mildern.
Trotzdem verloren sie dabei nichts an Gnade bei Gott, sondern vermehrten sie noch bedeutend.
Bleib also mutig in der Versuchung! Halte dich nie für besiegt, solang sie dir mißfällt. Achte wohl
auf den Unterschied zwischen dem Gefühl und der Einwilligung. Man kann Versuchungen fühlen,
und doch können sie uns mißfallen; man kann aber nicht zustimmen, ohne daß sie uns gefallen,
denn das Gefallen daran ist die Stufe, auf der man gewöhnlich zur Einwilligung hinabsteigt.

Die Feinde unseres Heils mögen uns also vorspiegeln, was sie wollen, sie mögen uns locken und
reizen, sie mögen Tag und Nacht vor der Pforte unseres Herzens stehen, um einzudringen, sie
mögen uns noch so viele Vorschläge unterbreiten;

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solange wir entschlossen sind, keine Freude daran zu haben, ist es unmöglich, Gott dadurch zu
beleidigen.
So kann auch der Gemahl jener Prinzessin, von der wir vorhin sprachen, dieser nicht böse sein
wegen der Botschaft, die ihr gesandt wurde, wenn sie keine Freude daran hatte. Trotzdem besteht
ein Unterschied zwischen der Seele und dieser Prinzessin: Sie kann den Boten fortjagen und nicht
anhören, es steht aber nicht in der Macht der Seele, die Versuchung nicht zu fühlen; das einzige,
was sie vermag, ist, ihr nicht zuzustimmen. So kann uns also die Versuchung nicht schaden, so lang
sie uns mißfällt, auch wenn sie noch so lang anhält.

Was nun die Freude betrifft, die auf eine Versuchung folgt, muß man wissen, daß wir zwei Bereiche
in unserer Seele haben: den niederen und den höheren. Der niedere folgt nicht immer dem
höheren, sondern betreibt seine eigene Politik. Es kommt vor, daß der niedere Bereich unserer
Seele an der Versuchung Gefallen findet, ohne Zustimmung, ja gegen den Willen des höheren. Auf
diesen Streit und Krieg spielt der Apostel Paulus an, wenn er sagt, daß das Fleisch gegen den Geist
begehrt (Gal 5,17) und daß es ein Gesetz in den Gliedern und ein Gesetz des Geistes gibt (Röm
7,23).
Hast du schon einmal eine große, mit Asche bedeckte Feuerstelle gesehen? Wenn man zehn oder
zwölf Stunden später kommt, um Feuer zu holen, findet man nur mit Mühe noch ein wenig Glut
unter der Asche, und doch ist noch Feuer da, sonst würde man es ja nicht finden. Damit kann man
dann alle erloschenen Kohlen wieder zum Brennen bringen. Der Liebe, dem Leben unserer Seele,
ergeht es bei schweren und heftigen Versuchungen wie diesem Feuer. Die Versuchung wirft ihre
Lust auf den niederen Seelenbereich, bedeckt scheinbar die ganze Seele mit ihrer Asche und drängt
die Liebe zu Gott so sehr zurück, daß sie kaum noch anderswo als in der Mitte des Herzens, im
tiefsten Seelengrund erhalten bleibt. Ja, fast möchte man glauben, daß sie auch dort nicht mehr sei,
und man findet sie nur mit vieler Mühe. Sie ist aber doch da, denn wir sind ja entschlossen, der
Sünde und der Versuchung nicht nachzugeben, obwohl Seele und Leib in tiefste Verwirrung geraten
sind. Die Lust, die dem äußeren Menschen gefällt, mißfällt dem inneren; wenn sie auch unseren
Willen ganz umlagert, sie ist doch nicht in ihn eingedrungen. Sie ist somit unfreiwillig und kann
daher keine Sünde sein.

4. Kapitel: Zwei anschauliche Beispiele


Es ist wichtig, daß du diesen Unterschied richtig erkennen lernst, darum will ich ihn durch zwei
anschauliche Beispiele noch deutlicher machen.
Der hl. Hieronymus erzählt von einem jungen Mann, der mit seidenen Bändern auf ein weiches Bett
gefesselt und unzüchtigen Berührungen einer Dirne ausgesetzt wurde, die auf diese Weise seine
Standhaftigkeit erschüttern sollte. Muß er das nicht gefühlt haben? Müssen nicht seine Sinne von
der Lust erfaßt, seine Phantasie von lüsternen Bildern aufgewühlt worden sein? Ohne Zweifel?
Trotzdem bezeugte er inmitten all der Wollust, die ihn umtobte, daß sein Herz nicht besiegt war
und sein Wille keineswegs zustimmte: Weil sein Geist erkannte, daß sich alles gegen ihn auflehnte,
und er nur mehr über seine Zunge Herr war, biß er sie ab und spie sie dem schlechten Weib ins
Gesicht. Es hatte seine Seele durch die Wollust schrecklicher gepeinigt, als je ein Henker es durch
die Folter vermocht hätte; deshalb hoffte ja auch der Tyrann, ihn durch die sinnliche Lust zu
überwältigen, weil er sich zu schwach fühlte, ihn durch körperliche Peinen zu besiegen.
Wie wunderbar ist doch die Geschichte der seelischen Kämpfe, welche die hl. Katharina von Siena
auszufechten hatte! Gott erlaubte dem bösen Feind, die Reinheit dieser heiligen Jungfrau mit der
größten Wut anzugreifen, deren er fähig war, es war ihm aber nicht gestattet, sie zu berühren. Also
setzte er ihrem Herzen mit jeder Art unreiner Vorstellungen zu. Um sie noch mehr zu erregen, kam
er mit seinen Gesellen in Gestalt von Männern und Frauen, verübte vor Katharinas Augen tausende
von unkeuschen Handlungen, begleitet von unanständigen Worten und Aufforderungen. Obwohl

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sich dies außerhalb ihrer Person abspielte, drang es doch durch die Sinne tief ins Herz der Jungfrau
ein, das nach ihrem eigenen Geständnis so sehr davon erfüllt war, daß nur der oberste Gipfel ihres
Willens von diesem Sturm häßlicher, fleischlicher Lüste nicht erschüttert wurde.
Das dauerte lange Zeit an, bis ihr eines Tages der Herr erschien. Sie fragte ihn: ³Wo warst Du,
liebster Herr Jesus, als mein Herz von Finsternis und Schmutz erfüllt war?», worauf er antwortete:
³In deinem Herzen war ich, meine Tochter.'' Sie entgegnete: ³Wie konntest Du denn in meinem
Herzen weilen, wo so viel Abscheuliches war? Wohnst Du an einem Ort mit solchen
Schändlichkeiten?'' Darauf erwiderte der Herr: ³Sag mir: verursachten diese schmutzigen Gedanken
Freude oder Traurigkeit, Bitterkeit oder Lust?'' Sie antwortete: ³Äußerste Bitterkeit und
Traurigkeit'', darauf Jesus: ³Wer anders senkte diese Bitterkeit und Traurigkeit dir ins Herz als ich,
der verborgen inmitten deiner Seele weilte? Glaube mir, meine Tochter: Wäre ich nicht dagewesen,
dann hätten diese Gedanken, die deinen Willen belagerten und nicht erobern konnten, dich gewiß
überwunden, wären eingedrungen, von deinem freien Willen mit Freuden aufgenommen worden
und hätten deine Seele gemordet. Weil ich aber in dir wohnte, legte ich diese Ablehnung und
diesen Widerstand in dein Herz, so daß es die Versuchung abwies, wo es nur konnte. Und weil es
das nicht so lebhaft konnte, wie es wollte, fühlte es seinen Unwillen und Haß gegen die Versuchung
und gegen sich selbst wachsen. Darum waren diese Qualen ein großes Verdienst und ein großer
Gewinn für dich, ließen dich an Tugend und Festigkeit wachsen.''
Siehst du, wie die Glut ganz von Asche bedeckt war? Siehst du, daß die Versuchung und Lust sogar
in das Herz eingedrungen waren und den Willen belagerten; von seinem Heiland unterstützt,
leistete er allein durch Bitterkeit, Unwillen und Abscheu dem Schlechten Widerstand und weigerte
sich beharrlich, der Sünde zuzustimmen, von der er wie umzingelt war.
Mein Gott, in welcher Not ist die gottliebende Seele, wenn sie nicht einmal mehr weiß, ob Gott
noch in ihr wohnt oder nicht, ob die göttliche Liebe, für die sie kämpft, schon ganz erloschen ist
oder nicht! Es ist doch die feinste und höchste Blüte der Vollkommenheit göttlicher Liebe, daß sie
den Liebenden für die Liebe kämpfen und leiden läßt, für sie, aus deren Kraft er kämpfte.

5. Kapitel: Mut in der Versuchung! Ermunterung für die Zeit der Prüfung
So schwere Stürme furchtbarer Versuchungen läßt Gott nur bei Seelen zu, die er zu einer ganz
reinen Liebe emporführen will. Daraus folgt freilich nicht, daß alle dahin gelangen, die schwer
versucht werden. Oft haben Sieger über diese schweren Stürme der Güte Gottes später nicht treu
entsprochen und wurden von viel geringeren Versuchungen überwältigt. So wisse also, daß Gott dir
eine besondere Gunst erweist, wenn er schwere Versuchungen über dich kommen läßt. Er will, daß
du vor ihm wachest. Bleib vor allem stets demütig und deiner Schwäche bewußt; trau dir nach
Überwindung der schweren Versuchungen den Sieg über geringere nur zu, wenn du seiner
göttlichen Majestät unwandelbar treu bleibst.
Welche Versuchungen auch immer über dich kommen, welche Lust immer du dabei empfindest:
beunruhige dich keineswegs, solang dein Wille die Zustimmung nicht nur zur Versuchung, sondern
auch zur Lust verweigert; du hast Gott nicht beleidigt.
Wenn ein Mensch ohnmächtig ist und kein Lebenszeichen mehr gibt, legt man ihm die Hand aufs
Herz; spürt man, daß es noch ein wenig schlägt, so weiß man, daß noch Leben in ihm ist, daß man
ihn durch Arzneien wieder zu Kraft und Besinnung bringen kann. Auch bei heftigen Versuchungen
scheint die Seele zuweilen so schwach zu sein, daß Ohnmacht sie umfängt: kein geistliches Leben,
keine Bewegung ist mehr in ihr. Wollen wir aber erkennen, wie es wirklich um sie steht, dann legen
wir ihr die Hand aufs Herz, prüfen wir, ob Herz und Wille noch ihre geistliche Bewegungsfreiheit
besitzen, d. h. ob sie noch ihre Aufgabe erfüllen und der Versuchung wie der Lust ihre Zustimmung
verweigern. Solang sich noch diese Weigerung regt, haben wir die Gewißheit, daß die Liebe noch in
der Seele lebendig ist, daß Jesus unser Heiland sich noch in unserer Seele aufhält, wenn auch
unsichtbar verborgen; durch inständiges Beten, häufigen Empfang der heiligen Sakramente und

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Gottvertrauen wird unsere Kraft sich wieder erneuern und volles, freudiges Leben uns wieder
beseelen.

6. Kapitel: Wie können Versuchung und Lust Sünde sein?


Die Prinzessin, von der wir sprachen, trifft keine Schuld an dem unanständigen Antrag, der ihr
gegen ihren Willen gemacht wurde. Wäre sie dem, der um ihre Gunst warb, auch nur im geringsten
entgegengekommen, so wäre sie ohne Zweifel mitschuldig und verdiente Tadel und Strafe, wenn
sie auch noch so sehr die Beleidigte spielen wollte.
So kann zuweilen schon die Versuchung selbst Sünde sein, weil wir sie verursacht haben. lch weiß
z.B., daß ich beim Spielen leicht zornig werde und fluche; das Spielen bringt mich in diese
Versuchung. Dann sündige ich, sooft ich spiele, und bin schuld an allen Versuchungen, die mir beim
Spielen kommen. lch weiß, daß bestimmte Gesellschaften mich in Versuchung führen und zu Fall
bringen; gehe ich freiwillig hin, so bin ich ohne Zweifel verantwortlich für alle Versuchungen, die
dort über mich kommen werden.
Wenn die Lust, die aus der Versuchung entsteht, zurückgewiesen werden kann, ist es Sünde, sie
anzunehmen; die Sünde ist groß oder gering, je nach dem Grad und der Dauer der Freude daran. Es
wäre gewiß schlecht von jener Prinzessin, wenn sie den schmutzigen, unehrbaren Antrag nicht nur
anhörte, sondern nachher noch mit Freude darüber nachdächte. Will sie auch das Schlechte nicht
wirklich ausführen, das ihr angetragen wird, so hat sie ihm doch geistigerweise ihr Herz zugewandt
durch das Wohlgefallen daran. Es ist aber immer unanständig, wenn Herz und Sinne sich mit
Unehrbarem beschäftigen; ja, die Unlauterkeit liegt gerade darin, daß das Herz dafür eingenommen
wird, denn der Leib kann gar nicht sündigen, wenn es nicht zustimmt.
Wirst du also zu einer Sünde versucht, so prüfe, ob du dazu bewußt Anlaß gegeben hast; dann wäre
schon die Versuchung selbst Sünde, weil du dich der Gefahr der Sünde ausgesetzt hast. Das ist dann
der Fall, wenn man der Gelegenheit leicht aus dem Weg gehen und die Versuchung voraussehen
konnte oder mußte. Hast du aber keinen Anlaß zur Versuchung gegeben, dann kann sie dir in keiner
Weise als Sünde angerechnet werden.
Konntest du die mit der Versuchung verbundene Lust abwehren, hast es aber unterlassen, so ist das
Sünde; du sündigst mehr oder minder schwer je nach der Zeit, die du dabei bleibst, und nach der
Ursache dieser Lust. Eine Frau, die keinen Anlaß gegeben hat, daß man ihr den Hof macht, daran
aber Freude hat, tut Unrecht, wenn der Grund ihrer Freude nur das Hofiertwerden ist. Wenn aber
ein Verehrer schön auf einem Instrument spielt, um ihre Gunst zu gewinnen, dann wäre es keine
Sünde, wenn sie zwar nicht an seiner Werbung, wohl aber an der Schönheit seines Spiels Freude
hätte. Sie sollte sich aber hüten, lang bei dieser Freude zu verweilen, sonst besteht die Gefahr, daß
sie auch an seinem Antrag Freude bekommt. Wenn mir jemand einen schlauen und raffinierten
Plan entwirft, mich an einem Feind zu rächen, dann sündige ich gewiß nicht, wenn ich der Rache
nicht zustimme, aber an der Schlauheit des Planes Gefallen finde. Es wäre aber nicht klug, sich lang
damit zu beschäftigen, weil sonst schließlich auch die Rachegedanken Besitz von mir ergreifen
werden.
Es kommt manchmal vor, daß wir von der Lust, die auf die Versuchung folgt, überrumpelt werden,
ehe wir Zeit haben, uns vor ihr zu sichern. Das ist dann höchstens eine kleine läßliche Sünde; sie
würde aber größer, wenn wir leichtsinnig länger mit der Lust unterhandelten, ob wir nachgeben
oder widerstehen sollen, obwohl wir die Gefahr sehen, in der wir schweben. Noch ernster wird die
Sünde, wenn man bewußt längere Zeit bei der Lust verweilt aus reiner Nachlässigkeit, ohne den
Vorsatz, sie zu verwerfen. Ist man aber freiwillig und nach reiflicher Überlegung entschlossen, sich
der Lust hinzugeben, so ist dieser überlegte Entschluß bereits eine schwere Sünde, wenn der
Gegenstand der Lust sehr schlecht ist. Eine Frau ist schon lasterhaft, wenn sie sündhafte
Liebschaften unterhält, selbst wenn sie nicht die Absicht hat, sich ihrem Liebhaber ganz
hinzugeben.

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7. Kapitel: Mittel gegen schwere Versuchungen
Sobald du die Versuchung fühlst, mache es wie die kleinen Kinder, die sofort zu Vater und Mutter
laufen oder um Hilfe schreien, sobald sie einen Wolf oder Bär erblicken. So nimm auch du deine
Zuflucht zu Gott; bitte ihn, daß er sich deiner erbarme und dir helfe. Der Heiland selbst lehrt uns:
³Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet'' (Mt 26,41).

Siehst du, daß die Versuchung anhält oder gar zunimmt, dann umfange eilends das Kreuz, als
sähest du Jesus daran hängen. Beteure, daß du der Versuchung nicht zustimmen willst, bitte Jesus
um Hilfe und setze deine Beteuerung fort, solang die Versuchung anhält. Betrachte dabei aber
nicht die Versuchung, sondern den Herrn. Schaust du nämlich auf die Versuchung, so könnte sie
deinen Mut erschüttern, besonders wenn sie heftig ist.

Lenke deinen Geist ab durch eine gute und erlaubte Beschäftigung; sie wird deine Sinne und dein
Denken einnehmen und die Versuchung mit ihren schlechten Vorstellungen verdrängen.

Das große Heilmittel gegen alle Versuchungen, die schweren wie die leichten, ist, offenherzig alle
Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen dem Seelenführer mitzuteilen. Das erste, was der böse
Feind von denen verlangt, die er verführen will, ist, daß sie schweigen sollen. Verführer von Frauen
und Mädchen handeln ja auch so; sie verbieten zu allererst, daß sie von ihrem Antrag dem Vater
oder Gatten erzählen, während Gott bei seinen Einsprechungen vor allem verlangt, daß wir sie
unserem Vorgesetzten und Seelenführer mitteilen.

Wenn die Versuchung uns trotzdem hartnäckig weiter plagt und verfolgt, dann bleiben auch wir
hartnäckig bei der Beteuerung, daß wir nicht nachgeben wollen. Wie man ein Mädchen nicht
heiraten kann, wenn es nein sagt, so kann die Seele wohl verwirrt aber nie verwundet werden,
solang sie nein sagt.

Streite nicht mit dem Feind! Erwidere kein Wort außer dem einen, womit der Herr ihn beschämte:
«Zurück, Satan! Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen» (Mt 4,10). Eine
anständige Frau würdigt den Verführer, der ihr schmutzige Anträge stellt, keines Wortes, ja sie sieht
ihn nicht einmal an, sondern läßt ihn einfach stehen, wendet das Herz ihrem Mann zu und erneuert
ihm den Treueschwur, ohne sich irgendwie auf Verhandlungen einzulassen. So darf auch der
fromme Mensch, wenn er von einer Versuchung überfallen wird, sich keineswegs dabei
aufhalten, mit ihr zu streiten oder ihr zu antworten, sondern er wendet sich einfach Jesus zu,
beteuert ihm die Treue und erneuert seinen Willen, ihm allein anzugehören.

8. Kapitel: Widerstand gegen kleine Versuchung.


Man muß gewiß den schweren Versuchungen mit unüberwindlichem Mut widerstehen, und der
errungene Sieg ist ohne Zweifel sehr wertvoll; trotzdem ist es noch nützlicher, die kleinen
Versuchungen tapfer zu bekämpfen. Die großen sind zwar heftiger, die kleinen dagegen um so
zahlreicher, so daß ihre Überwindung dem Sieg über die schweren Versuchungen in etwa
gleichkommt.
Wölfe und Bären sind gewiß gefährlicher als Mücken, sie plagen, ärgern und reizen uns aber
bestimmt nicht so zur Ungeduld. Es ist nicht schwer, sich eines Mordes zu enthalten, wohl aber, alle
kleinen Zornausbrüche zu unterdrücken, wozu fast jeden Augenblick Gelegenheit ist. Es ist leicht,
keinen Ehebruch zu begehen, nicht immer aber so leicht, jedes Liebäugeln zu meiden, zu
verhindern, daß man Liebesäußerungen und Gunstbezeigungen empfängt oder gibt,

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Schmeichelworte unterdrückt oder zurückweist. Es ist leicht, den Diebstahl zu meiden, schwerer
dagegen, fremdes Gut nicht zu begehren; leicht, keinen Meineid zu schwören, aber schwer, in
Gesellschaft immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben; leicht, dem Nächsten nicht den Tod zu
wünschen, schwer, ihm einen Nachteil nicht zu gönnen; leicht, ihn nicht zu verleumden, schwer,
ihm keine Geringschätzung zu zeigen.

Mit einem Wort: diese kleinen Versuchungen zu Zorn, Argwohn, Eifersucht, Neid, Liebeleien,
Narreteien, Eitelkeit, Doppelzüngigkeit und Geziertheit, unanständigen Gedanken, das sind die
ständigen Plagen auch solcher Menschen, die am meisten zum frommen Leben entschlossen sind.
Deshalb müssen wir uns sorgfältig für diesen Kampf rüsten. Sei versichert: soviel Siege über diese
kleinen Feinde, soviel kostbare Perlen in der Siegeskrone, die uns Gott in seiner Herrlichkeit
bereithält. Darum wiederhole ich: Wir sind entschlossen, schwere Versuchungen tapfer
zurückzuweisen, wenn sie uns überfallen sollten, inzwischen aber wollen wir uns der kleineren und
schwächeren Angriffe sorgfältig erwehren.

9. Kapitel: Mittel gegen kleine Versuchungen.


Die kleinen Versuchungen zu Eitelkeit, Argwohn und Ärger, zu Eifersucht, Liebeleien und ähnlichen
Torheiten tanzen wie Mücken und Fliegen vor unseren Augen herum, stechen uns bald auf die
Wange, bald auf die Nase; es ist unmöglich, von dieser Belästigung ganz verschont zu bleiben. Wir
leisten ihnen den wirksamsten Widerstand, wenn wir uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie
sind wohl unangenehm, können uns aber nicht schaden, wenn wir entschlossen sind, Gott zu
dienen.

Verachte also diese kleinen Angriffe! Laß dich nicht einmal dazu herab, an das zu denken, was sie
von dir wollen. Laß sie um dich herumsummen und brummen, soviel sie wollen. Laß sie dich
umschwärmen wie die Mücken. Wenn sie herankommen, um dich zu stechen und sich in deinem
Herzen festzusetzen, dann wische sie einfach weg, ohne dich in einen Kampf einzulassen und dich
weiter mit ihnen abzugeben. Tu irgendetwas, was ihnen entgegengesetzt ist; erwecke besonders
Akte der Gottesliebe.
Versteife dich nicht einmal auf die jeder Versuchung entgegengesetzte Tugend; das hieße ja, mit
der Versuchung streiten. Setze einen Tugendakt, der einer bestimmten Versuchung widerspricht,
wenn du Zeit hattest, die Art der Versuchung zu erkennen. Dann wende dein Herz dem
gekreuzigten Heiland zu und küsse liebevoll seine heiligen Fußwunden; das ist das beste Mittel,
den Feind zu besiegen, bei großen wie bei kleinen Versuchungen.

Die Gottesliebe schließt die Vollkommenheit aller Tugenden ein und ist noch vorzüglicher als diese
Tugenden selbst; darum ist sie auch ein überaus wirksames Mittel gegen alle Laster. Du wirst dich
allmählich daran gewöhnen, bei allen Versuchungen sogleich dieses Mittel zu ergreifen, und
brauchst dann nicht erst nachsehen und prüfen, welche Versuchung dich eigentlich befällt. Bist du
irgendwie verwirrt, so wird dieses kräftige Heilmittel dich beruhigen. Es ist überdies dem bösen
Feind so verhaßt, daß er davon ablassen wird, uns zu versuchen, sobald er merkt, daß
Versuchungen uns nur zur Gottesliebe aneifern.
So viel über diese kleinen und häufigen Versuchungen. Wer sich mit ihnen eingehend befassen
wollte, würde nur Zeit verlieren und nichts gewinnen.

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10. Kapitel: Wie man sein Herz gegen Versuchungen stark macht
Prüfe von Zeit zu Zeit, welche Leidenschaften in deiner Seele vorherrschen. Bist du dir darüber klar
geworden, dann nimm die entgegengesetzte Haltung in Gedanken, Worten und Werken ein.
Fühlst du z. B. eine starke Neigung zur Eitelkeit, dann denke oft an die Armseligkeit des
menschlichen Lebens; bedenke, wie peinlich diese Eitelkeiten deinem Gewissen in der Todesstunde
sein werden, wie unwürdig eines edelgesinnten Herzens sie sind. Bedenke, wie kindisch das alles
ist. Sprich oft verächtlich von der Eitelkeit, auch wenn es dir scheint, daß du es nur ungern tust,
denn dadurch bist du es dann deinem Ruf schuldig, zur Gegenpartei zu halten. Außerdem regen wir
uns selbst zum Haß gegen das an, was wir mit Worten bekämpfen, wenn wir auch früher Zuneigung
dafür empfanden. Nimm möglichst oft Erniedrigendes und Demütigendes auf dich, auch wenn es
dir schwer fällt. So wirst du dich in der Demut üben und die Eitelkeit schwächen. Kommt dann die
Versuchung, wird sie nicht mehr so stark von der Neigung begünstigt und du hast mehr Kraft, sie zu
bekämpfen.
Neigst du zum Geiz, dann denke oft über das Unsinnige dieser Sünde nach, die uns selbst zu Sklaven
dessen macht, was geschaffen ist, uns zu dienen. Bedenke, daß du bei deinem Tod alles verlassen,
es diesem oder jenem vererben mußt, der es verschwenden oder dem es zum Verderben gereichen
wird. Sprich oft gegen den Geiz und preise die Verachtung der irdischen Güter. Zwinge dich oft
dazu, Almosen zu geben, Werke der Nächstenliebe zu üben und Gelegenheiten ungenützt zu lassen,
bei denen du Geld und Gut erraffen könntest.
Neigst du zu Liebeleien, so denke oft daran, wie gefährlich sie für dich wie für die anderen sind, wie
unwürdig es ist, unsere edelste Leidenschaft zu entweihen und zu einem Zeitvertreib
herabzuwürdigen. Denke daran, daß man sich deswegen dem Tadel äußerster Leichtfertigkeit
aussetzt. Lobe oft die Herzensreinheit und Herzenseinfalt, handle darnach, soviel du nur kannst,
und meide alles zärtliche und eitle Getue.
Mit einem Wort: übe die entgegengesetzten Tugenden in Friedenszeiten, also dann, wenn dich die
Versuchungen nicht bedrängen, denen du ausgesetzt bist. Bieten sich Gelegenheiten dazu nicht von
selbst, dann geh ihnen entgegen, um ihnen zu begegnen. So wirst du dein Herz stark machen, daß
es auftretenden Versuchungen standzuhalten vermag.

Hl. Jean-Marie Vianney, Pfr. von Ars


- Man kann beinahe sagen, dass man glücklich ist, Versuchungen zu haben: hier ist der Augenblick
der geistigen Ernte, die wir für den Himmel gewinnen. Es ist wie zur Zeit der Ernte: man steht
zeitlich auf, man plagt sich sehr, aber man klagt nicht, weil man einsammelt.

- Drei Dinge sind in der Versuchung unbedingt notwendig: Das Gebet, um uns zu erleuchten, die
Sakramente, um uns zu stärken, und die Wachsamkeit, um uns zu bewahren.

- Wenn der Teufel einen Menschen verderben will, beginnt er damit, ihm einen grossen
Widerwillen vor dem Gebet einzuflössen.

- Der Teufel lässt die schlechten Christen schön in Ruhe, niemand kümmert sich um sie, aber gegen
die, die Gutes tun, stiftet er tausend Verleumdungen, tausend Beleidigungen an.
- Der Teufel versucht nur jene Seelen, die sich von der Sünde befreien wollen und die im Stande der
Gnade sind. Die andern gehören ihm, er hat es nicht nötig, sie zu versuchen.
- Ein alter Sünder, der sich in seinem Kot wälzt und schleppt, wird sagen, er werde nicht versucht:
umso schlimmer, umso schlimmer!

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- Ach, mein Kleiner! Der Teufel erscheint nicht allen auf die gleiche Weise. Mir erscheint er immer
hässlich, euch erscheint er immer hübsch.

P. Pio
Wie oft habe ich dieser Mutter (Maria) die qualvollen Ängste meines aufgewühlten Herzens
anvertraut! Und wie oft hat sie mich getröstet! Und worin bestand mein Dank?
Ep. I, Brief 76, 1. Mai 1912

Ich bin aber im Zurückweisen dieser Hinterhalte des Feindes unserer gemeinsamen Mutter Maria
sehr zum Dank verpflichtet. Danke auch du dieser guten Mutter für so ausserordentliche Gnaden,
die sie mir in jedem Augenblick schenkt und mir immer wieder neue Mittel (für den Kampf) eingibt,
damit ich in allem dieser gebenedeiten Mutter gefallen kann.
P. Pio an P. Benedetto, Ep. I. S. 224, Brief 37, 2. Juni 1911

Wir dürfen uns nicht täuschen, der Feind ist sehr stark, wenn man nicht aufgeben will. Im Licht, das
Gott der Seele schenkt, begreift sie die ganze Gefahr, in der sie kommen könnte, wenn sie nicht
stets auf der Hut ist. Der Gedanke, durch einen möglichen Fall (in die Sünde) alles zu verlieren, lässt
meine arme Seele wie Espenlaub zittern.
Ich sagte dir kurz vorher, dass die Kraft Satans, der mich bekämpft, schrecklich ist, aber es lebe
Gott, denn er hat mein Heil und den Erfolg des guten Sieges in die Hände unserer himmlischen
Mutter gelegt. Von einer so zarten Mutter beschützt und geführt, werde ich solange kämpfen, wie
Gott es will, voll Vertrauen in diese Mutter und gewiss, nie zu unterliegen.
Wie weit weg ist die Hoffnung auf den Sieg vom Land der Verbannung aus betrachtet, wie nah und
gewiss hingegen vom Haus Gottes aus unter dem Schutz dieser heiligsten Mutter!
P. Pio an P. Agostino, Ep. I, S.576, Brief 252, 9. Mai 1915

Wie wirkt der Satan in der Versuchung? (2001.05.31)


(Auszüge einer Predigt von don Pierino Galeone)

Dasselbe geschieht bei der Versuchung des Fleisches. Dir geht es gut, du überwindest die
Schwachheiten der Augen, der Affekte, der Sinne, du schaffst es, es von neuem
wiederaufzunehmen, diese Ruhe in der Betrachtung wiederzuerlangen, diese Lieblichkeit des
Geistes in den Sakramenten, in der Kommunion und dann bist du in einem gewissen Sinn
liebenswürdig, bereit, die Brüder und Schwestern anzunehmen. Aber dann beginnt ein kleiner Blick,
eine kleine Erinnerung, eine ein wenig provozierende Fantasie. Aber all das ist noch immer mit der
Ruhe des Geistes, mit dem inneren Frieden vereinbar, und daher lässt diese Kombination dich
glauben, dass nichts Schlechtes dabei ist, weshalb dir der Teufel einflüstert: «Sieh, ich tue dir nichts
Böses, so dass du trotzdem beten kannst, du kannst trotzdem gut sein mit dem Padre, mit den
andern. Da ist nichts. Wer sieht denn diese Dinge? Niemand sieht sie!“ Und so beginnt er langsam,
langsam, sanft, auf Samtpfoten einzutreten, er zerstört nichts, er berührt nichts. Aber da ist diese
illusorische Kombination, dass einerseits die Freude da ist, mit der du Gott geniessen kannst, aber
da ist auch jener Finger im Kuchen der Bosheit, mit dem du ein wenig die schmackhaften Dinge der
Welt lecken willst, und dann willst du, dass dein Mund die Dinge des Geistes, aber auch die Dinge
der Welt kostet. «Ach, es geht gut, ja, iss, aber bete auch, sei vorsichtig, aber ab und zu koste,

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schau, sieh die Dinge der Welt.“ So kommt er langsam, langsam, langsam, langsam in dein Herz.
Was geschieht? Der Appetit kommt durch das Essen. Die Sinne, langsam, langsam, zuerst nur ein
klein wenig, dann die Fingerspitze, dann der Finger, dann die Hand, dann der Arm und dann will die
Bestie alles verschlingen, du verstehst nichts mehr, dann beginnst du dich so zu drehen, dich wieder
zu drehen in all jenen Gedanken und vergangenen Erinnerungen, die demütigendsten Dinge, die
beschämendsten: da ist die Anziehungskraft, die Einflüsterungen, alte und neue, du beginnst zu
schleudern, dann beginnen die Zweifel, die Vorwände, «Wille Gottes, nicht Wille Gottes, ich muss
es tun, ich muss es nicht tun, wie mache ich es, wie nicht...“ Dann beginnt die ganze Welt der
Scham und der Schande: «Gut, ich habe diesen Frieden im Herzen, diese Dinge sind nicht Sünde, es
ist unnütz, sie in der Beichte zu sagen“. Und so, langsam, langsam lädt sich diese Batterie der
Bosheit des Fleisches auf, bis sie beginnt Funken zu sprühen, die Lampen oder Scheinwerfer von
sündhafter Affektivität, von sehr betonten sexuellen Gefahren anzuzünden, weshalb die Seele ein
wenig zu schleudern beginnt, betrunken wird, den Kopf an die Mauer schlägt und nichts mehr
versteht. Der Teufel jedoch macht weiter.
Passt gut auf, unsere Natur nimmt genau von den Begierden der Welt und die Begierden der Welt
nehmen vom Vater der Bosheit, von Satan, und er tritt durch jenes Fensterchen ein, verwirrt die
Seele und sie beginnt, nicht mehr zu lächeln, nicht mehr freundlich zu sein, sondern immer
mürrisch, abweisend, schnaubend zu sein, sie erträgt nichts mehr, ist überempfindlich, neidisch,
eifersüchtig, murrend, unzufrieden, unbefriedigt, und so beginnen alle jene andern Labyrinthe,
weshalb es schwierig wird, die Seele da heraus fische, wo sie hineingeschlüpft ist, indem sie den
Versuchungen folgte, seien es jene des Geistes oder jene des Fleisches. Wenn nicht die Hand der
Madonna, von Jesus da ist, wie sollen wir das schaffen?

Die Sünde, der Gehorsam, der Ungehorsam und die Versuchung


(2011.03.13)
(Notizen einer Predigt von don Pierino Galeone)

In der ersten Lesung: die Sünde der Stammeltern. Sie erhielten das Gebot Gottes, sie haben aber
nicht auf Gott, sondern auf die Stimme des Satans gehört.
In der zweiten Lesung: Unser Verhalten, der Gehorsam, der Ungehorsam. Durch den Gehorsam
nehmen wir das Wort Gottes an, vereinen wir uns mit Jesus. Wer ungehorsam ist, ist mit dem
Satan, wird aus dem Paradies hinausgeschickt und wird, wenn er verhärtet und beständig im
Ungehorsam ist, für immer mit dem Satan in der Hölle sein. Wer gehorsam ist, ist mit Jesus, wer
beständig im Gehorsam ist, wird für immer mit Jesus im Himmel sein.
Die Versuchung ist die Eingebung des Satans, der uns zum Ungehorsam gegen Gott und zum
Gehorsam gegen ihn führen will. Die ganze Menschheit geht auf diesen beiden Wegen des
Gehorsams und des Ungehorsams, jene, die auf das Wort Gottes hören und es befolgen und jene,
die auf das Wort des Satans hören und es befolgen.
Es ist schwierig, zu verzichten, auf das zu verzichten, was dir der Satan in der Versuchung sagt. Es ist
schwierig, in die Tat umzusetzen, was Gott sagt, weil unsere menschliche Natur wegen der
Erbsünde bereiter ist, Gott ungehorsam zu sein und dafür dem Satan zu gehorchen. Hier liegt das
Geheimnis der Fastenzeit. Die Busse ist Verzicht. Verzicht heisst: eine Botschaft ablehnen. Die Welt
sagt dir: verzichte nicht, sondern geniesse, vergnüge dich. Durch die Busse, verzichtest du auf diese
Botschaft und nimmst das Wort Gottes an.
Die Fastenzeit: wir sind zur Busse aufgerufen. Die vierzig heiligen Tage. Mose war auf dem Berg
Horeb. Jesus war vierzig Tage in der Wüste. Wenn wir auf sein Wort hören, werden wir gerettet.

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Der Verzicht heisst: ich lehne die Botschaft ab. Ich lehne die Botschaft des Satans ab und nehme das
Wort Gottes an.
Wenn du das Wort des Satans annimmst, bist du auf dem Weg der Verdammnis. Wenn du das Wort
Gottes annimmst, bist du auf dem Weg des Heils, der Erlösung. Die Fastenzeit ist eine Zeit der
Umkehr und der Busse, du hörst nicht mehr auf die schlechten Botschaften der Welt und des
Satans, um auf das Wort Gottes zu hören und auf dem Weg des Heils zu sein.

Wir bitten Gott, dass er uns helfen möge, auf das zu verzichten, worauf wir bis anhin nicht
verzichtet haben: Eigenliebe, Neid, Eifersucht, Stolz, Gaumenlust, Unkeuschheit. Ich weiss, es ist
schwierig, darum müssen wir beten, damit wir auf den Satan verzichten und das Wort Gottes
annehmen, das uns rettet.

Sünde, Versuchung, Sieg (2014.03.09)


(Notizen einer Predigt von Don Pierino Galeone)

In der ersten Lesung (Gen; Sündenfall): Gott, der Mensch und der Satan in der Gestalt der Schlange.
Gott gebietet, der Mensch soll gehorchen und der Satan versucht den Menschen, dass der Mensch
nicht gehorcht. Der Ungehorsam ist die Sünde.

Gott verlangt Rechenschaft, er ist Richter. Warum habt ihr von der verbotenen Frucht gegessen?
Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mich verführt! Die Schlange hat mich hereingelegt! Gott
hatte verheissen, dass sie sterben werden und wir sind auch heute noch sterblich, auch wir müssen
sterben. Die Strafe, die Gott verheissen hatte, gibt es noch heute. Warum sterben wir? Weil Adam
und Eva gesündigt haben. Gott sagte: wenn ihr ungehorsam seid, werdet ihr sterben. Sie waren
ungehorsam. Gott ist seinem Wort treu. Die Strafe stellen wir noch heute fest. Auch die Schlange
wurde bestraft.

Zweite Lesung. Der Mensch hat gesündigt. Die Strafe war der Tod. Um die Sünden der Welt
hinwegzunehmen, ist Jesus gekommen. Er hat die Sünden hinweggenommen, durch seinen Tod am
Kreuz. Er hat die Welt, den Satan, die Sünde, den Tod besiegt. In der ersten Lesung: Adam und Eva
bringen den Tod. In der zweiten Lesung: Jesus besiegt den Tod.

Das Evangelium. Die Versuchung Jesu durch den Satan. Adam und Eva haben gesündigt. Der zweite
Adam, Christus, zeigt uns, wie wir die Versuchung besiegen sollen. Jesus antwortet mit dem Wort
Gottes. Er diskutiert nicht. Er führt kein Gespräch mit dem Satan. Jesus gibt uns so das Beispiel, wie
wir in der Versuchung handeln sollen. Der Satan ist so stark, so überheblich, dass er den Sohn
Gottes versucht hat. Jesus antwortet mit dem Wort Gottes. Das Wort Gottes ist wie ein doppelt
geschliffenes Schwert.

Zu Beginn der Fastenzeit haben wir das ganze Geheimnis des Heiles gegenwärtig. Wir sind Sünder,
wir sollen zu Christus umkehren, von ihm lernen, wie wir gegen den Satan kämpfen sollen, damit
wir Erben des Himmels werden können.

Wir alle sind Sünder. Wir alle müssen lernen, die Versuchungen zu überwinden, gegen den Satan zu
kämpfen. Wir sollen Jesus um Vergebung bitten. Er schenkt sie uns in der Beichte. Die Kirche
möchte, dass wir von Jesus lernen, wie wir die Versuchungen überwinden können.

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Bitten wir die Muttergottes und unsere Schutzengel, um in den Versuchungen immer stark zu sein.

Wir können die Heilsgeschichte nicht in ihrer ganzen Fülle erkennen. Gott hat die Schlange und den
Menschen bestraft. Er hat seinen Sohn gesandt. Er hat uns das Vater unser geschenkt.

Der Papst hat allen Katholiken empfohlen, was wir in der Fastenzeit tun sollen. Er hat vom Verzicht
gesprochen und hat gesagt, dass wir wieder beten sollen, am Morgen, beim Essen, am Abend.
Werdet treue Kinder Gottes. Diese kleinen Dinge haben wir vergessen, vielleicht haben wir uns
geschämt, sie zu tun. Beginnen wir wieder zu beten.

Catena aurea
Jahr A
In jener Zeit wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung
geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger.
Warum bot er sich selbst zur Versuchung an? Um Mittler zu sein zur Überwindung der
Versuchungen, nicht nur durch seinen Beistand, sondern auch durch sein eigenes Beispiel.
(Augustinus)

Damit du aber lernst, was für ein großes Gut das Fasten ist und wie geeignet als Schild gegen den
Teufel, und weil man nach der Taufe nicht auf Ausschweifung, sondern aufs Fasten bedacht sein
soll, fastete er auch selbst, nicht weil er es bräuchte, sondern um uns zu belehren. (Chrysostomus)

Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, daß aus
diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur
von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
Weil der Teufel sah, daß Christus 40 Tage lang fastete, war er verzweifelt; als er aber spürte, daß
jener Hunger hatte, begann er wieder zu hoffen; daher folgt: Und es trat der Versucher an ihn
heran. Wenn du also gefastet hast und versucht wirst, sage nicht: Ich habe den Nutzen meines
Fastens verloren; denn auch wenn dir dein Fasten nicht dazu genützt hat, um nicht mehr versucht
zu werden, so wird es dir dennoch helfen, von deinen Versuchungen nicht besiegt zu werden.
(Chrysostomus)

Es war aber die Absicht Christi, durch Demut zu siegen; daher besiegt er seinen Gegner durch
Zeugnisse des Gesetzes, nicht durch die Macht seiner Kraft, um eben dadurch sowohl den
Menschen mehr zu ehren als auch den Feind mehr zu bestrafen; denn der Feind des
Menschengeschlechtes wird gleichsam nicht von Gott, sondern vom Menschen besiegt.
(Hieronymus)

Als der Herr aber so vom Teufel versucht wurde, antwortete er mit den Vorschriften der Heiligen
Schrift; und er, der den Teufel in den Abgrund hätte stürzen können, zeigte nicht die Kraft seiner
Macht, um uns ein Beispiel zu geben, daß wir eher zur Belehrung ermuntert werden als uns zur
Rache hinreißen lassen, sooft wir von schlechten Menschen etwas erleiden. (Gregor der Große)

Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und
sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen

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Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die
Probe stellen.
Da aus der vorausgegangenen Antwort Christi der Teufel nicht sicher erkennen konnte, ob Christus
Gott oder Mensch ist, nahm er ihn mit zu einer weiteren Versuchung und sagte bei sich: Wer durch
den Hunger nicht besiegt wird, ist, auch wenn er nicht der Sohn Gottes ist, dennoch ein Heiliger;
denn heilige Menschen können durch den Hunger nicht überwunden werden; aber wenn sie alle
Bedürfnisse des Fleisches besiegt haben, fallen sie durch den eitlen Ruhm; deshalb will er ihn in
eitlem Ruhm versuchen. (Chrysostomus)

Bei allen Versuchungen nämlich zielt der Teufel darauf ab zu erkennen, ob er der Sohn Gottes ist. Er
sagt aber: Stürze dich hinab, weil die Stimme des Teufels, mit der er immer die Menschen zu Fall
bringen will, überreden, nicht aber hinabstürzen kann. (Hieronymus)

Die falschen Pfeile aus der Schrift zerbricht Christus am wahren Schild der Schrift. (Hieronymus)

Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle
Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor
mir niederwirfst und mich anbetest.
Der Teufel war aber auch nach der zweiten Antwort unsicher und geht deshalb zur dritten
Versuchung über; denn weil Christus die Netze des Hungers zerrissen hatte und auch an den Netzen
des eitlen Ruhmes vorübergegangen war, legt er ihm jetzt die Netze der Habgier aus.
(Chrysostomus)

Verwunderlich ist auch die Torheit des Teufels: Er versprach, jenem die irdischen Reiche zu geben,
der doch seinen Gläubigen himmlische Reiche gibt, und er versprach dem den Ruhm der Welt, der
doch der Herr der himmlischen Herrlichkeit ist. (Remigius)

Siehe da, der alte Hochmut des Teufels: Denn wie er am Anfang sich Gott gleichmachen wollte, so
wollte er auch jetzt göttliche Verehrung für sich beanspruchen. (Glossa)

Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott,
sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es
kamen Engel und dienten ihm.
Man muß aber sehen, daß Christus sich nicht verwirren ließ und den Teufel nicht tadelte, als er das
Unrecht der Versuchung erlitten hatte durch die Worte des Teufels: Wenn du der Sohn Gottes bist,
stürze dich hinab! Jetzt aber, als der Teufel sich die Ehre Gottes anmaßte, wurde er heftig und wies
ihn zurück mit den Worten: Weiche, Satan! Durch sein Beispiel sollen wir lernen, auch
Beleidigungen gegen uns großmütig zu ertragen, die Beleidigungen gegen Gott aber weder zu hören
noch zu erdulden; denn bei Beleidigungen gegen die eigene Person ist es lobenswert, geduldig zu
sein, die Beleidigungen gegen Gott aber zu übergehen ist wahrhaft gottlos. (Chrysostomus)

Der Teufel aber wich nicht aus Gehorsam gegenüber dem Gesetz, wie man es logischerweise
verstehen könnte, sondern die Gottheit Christi und der Heilige Geist, der in ihm war, trieben den
Teufel davon; daher folgt: Dann verließ ihn der Teufel. Das nützt auch zu unserem Trost: Denn der
Teufel versucht die Menschen nicht, solange er will, sondern solange Christus es zuläßt. Auch wenn
er es ihm erlaubt, uns eine Zeit lang zu versuchen, so vertreibt er ihn doch wegen unserer
schwachen Natur. (Chrysostomus)

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Nach der Versuchung aber dienten dem Herrn heilige Engel, die von den unreinen Geistern zu
fürchten sind, und dadurch wurde den Dämonen mehr und mehr klar, wie groß er war. (Augustinus)

Es ist offenbar, daß ihm die Engel dienten nicht wegen der Not seiner Ohnmacht, sondern wegen
der Ehre seiner Macht; denn es wird nicht gesagt, daß sie ihm helfen, sondern daß sie ihm dienen.
(Chrysostomus)

Jahr B
In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste.
Alles, was Christus tut und erträgt, geschieht zu unserer Belehrung. Nach der Taufe beginnt er, in
der Wüste zu wohnen und gegen den Teufel zu kämpfen. So soll jeder Getaufte die größeren
Versuchungen nach der Taufe geduldig ertragen und sich nicht verwirren lassen, als ob etwas wider
Erwarten geschehen würde; er soll alles ertragen und so Sieger bleiben. Wenn Gott viele
verschiedenartige Versuchungen zuläßt, dann deshalb, damit du erkennst, daß der Mensch, der
versucht worden ist, in größerer Ehre steht. Denn der Teufel naht sich nur, wenn er jemanden in
höherer Ehre stehen sieht. Darum heißt es: Und sogleich trieb ihn der Geist in die Wüste. Es heißt
deshalb nicht einfach: Er ging in die Wüste., sondern Der Geist trieb ihn , damit du verstehst, daß es
aufgrund göttlicher Verfügung geschah. Dadurch ist auch angedeutet, daß der Mensch sich nicht
selbst in Versuchung bringen soll; von anderswoher in Versuchung gleichsam getrieben, soll er als
Sieger hervorgehen. (Chrysostomus)

Der Geist trieb ihn in die Wüste: Denn er wollte den Teufel provozieren, ihn in Versuchung zu
führen; dazu gab er ihm nicht nur durch den Hunger, sondern auch durch den Ort eine Gelegenheit.
Der Teufel nämlich tritt dann am stärksten auf, wenn er jemanden in der Einsamkeit antrifft.
(Chrysostomus)

Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den
wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.
Er zog sich in die Wüste zurück, um uns zu lehren, die Vergnügungen der Welt und die Gesellschaft
böser Menschen hinter uns zu lassen, und den göttlichen Weisungen in allem zu dienen. Er wird
allein vom Teufel versucht, um uns zu zeigen, daß alle, die fromm in Christus leben wollen,
Verfolgungen zu erleiden haben. Daher folgt: Und er war vierzig Tage und vierzig Nächte in der
Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er wurde also vierzig Tage und vierzig Nächte
lang in Versuchung geführt, um zu zeigen, daß solange wir hier leben und dem Herrn dienen - sei es
wenn uns gute Zeiten verwöhnen, was zum «Tag» gehört, sei es wenn uns Böses widerfährt, was
den «Nächten» entspricht - in der ganzen Zeit der Widersacher gegenwärtig ist und nicht aufhört,
unseren Weg durch Versuchungen zu behindern. Die vierzig Tage und Nächte bedeuten die ganze
Zeit dieser Welt. Den vierteilig ist die Welt, in der wir dem Herrn dienen; und zehn Gebote sind es,
durch deren Beobachtung wir gegen den Feind streiten; und vier mal zehn gibt vierzig. (Beda)

Es ist zu beachten, daß dem, der über die Versuchung siegt, dienende Engel zur Seite stehen.
(Chrysostomus)

Es ist auch zu betrachten, daß sich Christus als Mensch unter den Tieren aufhält, von den Engeln
aber als Gott bedient wird. Wenn wir in der Einsamkeit heiligen Lebenswandels die tierischen Sitten
der Menschen mit unbeflecktem Geist ertragen, verdienen auch wir den Dienst der Engel; von
ihnen werden wird nach der Trennung von unserem Körper in die ewige Glückseligkeit gebracht.
(Beda)

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Oder es wohnen dann die Tiere friedlich mit uns, wie in der Arche Noahs die reinen mit den
unreinen Tieren, wenn das Fleisch nicht wider den Geist begehrt; danach werden uns Engel als
Diener gesandt, damit sie unseren wachenden Herzen Antwort und Trost geben. (Hieronymus)

Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er
verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
Das Reich Gottes ist dem Wesen nach dasselbe wie das Himmelreich, es unterscheidet sich aber
dem Zustand nach. Unter dem Reich Gottes versteht man das Reich, in dem Gott herrscht; das aber
ist der Fall im 'Reich der Lebenden', wenn die Menschen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen
und die verheißenen Güter genießen. Oder man kann unter jener Region die Liebe verstehen oder
eine andere Vollkommenheit derer, die die himmlische Gestalt annehmen (unter 'Himmel' hat man
'Himmelsbewohner' lat.: superni zu verstehen). Denn es ist hinreichend klar, daß das Reich Gottes
weder an einen Ort noch an eine Zeit gebunden ist. (Chrysostomus)

Wer dem ewigen Gut, d.h. dem Reich Gottes, anhängen will, der tut Buße. Wer nämlich den Kern
will, der zerbricht die Nuß. Die Süßigkeit der Frucht entschädigt für die Bitterkeit der Wurzel. Die
Gefahr des Meeres wird von der Hoffnung auf den [Handels]gewinn aufgewogen. Die Hoffnung auf
Heilung mildert den Schmerz der Medizin. Die Botschaft Christi vermögen jene würdig zu
verkünden, die es verdienten, Vergebung zu erlangen. Daher heißt es nach Tut Buße! weiter: und
glaubt an das Evangelium! Denn wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen. Tut also Buße
und glaubt! D.h. entsagt den toten Werken! Denn was nützt ein Glaube ohne gute Werke? Dennoch
führt der Verdienst guter Werke nicht zum Glauben, sondern zuerst ist der Glaube da, damit die
guten Werke dann folgen. (Beda)

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