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Die Wendung zum totalen Staat 167

Wirtschaft wie einen wirtschaftsfreien Staat konstruieren. Der bestimmende


Beziehungsp unk t blieb jedoch der Staat, weil dieser in konkreter D eutlich-
keit und Unterscheid barkeit vor Augen stand. Noch heute soll das vieldeu-
tige Wort „Gesellschaft", soweit es hier interessiert, vor allem etwas
17. Die Wendung zum totalen Staat•:· bezeichnen, was nicht Staat, gelegentlich außerdem auch, was nicht Kirche
1
(1931) ist • Allen wichtigen Einrichtungen und Normierungen des öffentlichen
Rechts, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt
?ie Ver fass ungssituation der G egenwart ist zunächst dadurch gekenn- haben und die einen großen Teil unseres öffentlichen Rechts ausmachen,
zeichnet, daß zahlr eiche Einrichtungen und N ormierungen des 19. J ahr- liegt jene Unterscheid ung als Voraussetzung zugrunde. Daß man allgemein
en Staat der deutschen konstitutionellen Monarchie mit seinen Gegen-

~
hunderts unverändert beibehalten sind, die heutige Situation aber sich
gegenüber der früheren völli? ge~ndert hat. Die deutschen Verfass ungen berstellungen 7on Fürst und Volk, Krone und Kammer, Regierung und
des 19. J ahrhunderts stehen m emer Epoche, deren G rundstruktur von Volksvertretung als „dualistisch" konstruiert hat, ist nur ein Ausdruck
der großen deutschen Staatslehre dieser Zeit auf eine klare und brauch bare J!es allgemeinen, fundamentalen Dualismus von Staat und Gesellschaft.
Grundformel gebracht worden ist: die U nterscheidung von Staat und / D ie Volksvertretung, das Parlament, die gesetzgeberische Körperschaft,
G~sellschaft. Es ist dabei .ein~ zweite, hier nicht interessierende Frage, war als der Schauplatz gedacht, auf dem die Gesellschaft erschien und
wie man den Staat und wie die G esellschaft bewertet, ob man das eine dem Staat gegen ü bertr at. Hier sollte sie sich in den Staat (oder der Staat
dem and ern überordnet oder nicht, o b und wie das eine vom andern sich in sie) hineinintegrieren 2•
~bhängig ist usw. Das alles hebt die Unterscheid ung nicht auf. Ferner
ist zu beachten, daß „Gesellschaft" wesentlich ein polemischer Begriff 1
D ie einfachste und klarste Zusammenfassung der oft unfaßbar vieldeutigen
war und als G egenvorstellung den konkreten, damals bestehenden m on- Vorstellungen von der „Gesellschaft" find et sich bei Eduard Spranger, Das Wesen
archis~hen Mili.tär- und Beamtenstaa t im Auge hatte, demgegenü b,er das, der deutschen U niversi tät (Akademisches Deutschland III, 1, S. 9): „Im deutschen
was nicht z u diesem Staat gehörte, eben Gesellschaft hieß. Der Staat war soziologischen Sprachgebrauch ist es üblich, die unendliche Fülle von freien und
dam~.ls ~ntersch~idbar von der Gesellschaft. Er war stark gen ug, um sich
organ isierten, gewachsenen und geschaffenen, flüchtigen und dauernden Formen
menschlichen Verbundenseins, die nicht Staat und nicht Kirche sind, kurzweg als
den ubngen sozialen Kräften selbsLändig gegenüberzustellen und dad urch die ,Gesellschaft' zu bezeichnen. Das Gebilde ist so nebelhaft wie das ,Milieu'.
die Gruppierungen von sich aus zu bestimmen, so daß alle die zahlreichen D iese Bemerkung Sprangers trifft den negativen Charakter der Vorstellung „Gesell-
Verschiedenheiten innerhalb der „staatsfreien" Gesellschaft - konfessio- schaft", sie wird aber, wie mir scheint, der weiteren gesch ichtlichen Tatsache nicht
nelle, kulturelle, wirtschaftliche Gegensätze - von ihm aus, und nötigen- gerecht, daß „Gesellschaft" in der konkreten Situation des 19. Jahrhunderts nicht
nu r einen negativen, sondern darüber hinaus auch n och einen spezifischen politischen,
falls ~urch den gemeinsamen Gegensatz gegen ihn, r elativiert wu rd en also polemischen Sinn hatte, wodurch das Wort aufhört~ „nebelhaft" zu sein und
und die Z usammenfass ung zur „Gesellschaft" nicht hinderten. Andrerseits d ie konkrete Präzision gewinnt, die ein politischer Begriff durch seinen konkreten
aber hielt er sich in einer weitgehenden Neutralität und N ichtinterven tion Gegen begriff erhält. Infolgedessen haben auch die mit H ilfe des Wortes societas
gegenüber Religion und W irtschaft und respektierte in weitem Maße d ie gebildeten Begriffe dieser Situation, sobald sie zu geschichtlicher Bedeutung kommen,
meistens einen o pposit ionellen Sinn, nicht nur „Sozialismus", sondern auch die
Autono mie dieser Lebens- und Sachgebiete; er war also nicht in dem
„Sozio logie", die, wie Carl Brinkmann sagt, als eine „Oppositionswissenschaft"
Sinne abso.~ ut und nic~t so st~rk, daß er alles Nich tstaatliche bedeutungslos entstanden ist (Versuch einer Gesellschaftswissenschaft, München und Leipzig 1919).
gem acht hatte. Auf diese Weise war ein G leichgewicht und ein Dualism us Herr stud. jur. G . W iebeck (Berlin) macht mich auf eine Stelle des Buches von
möglich; ins?e~ondere k.onnte man einen religions- und weltanschauungslo- L. v. Hasner, Filosofie des Rechts und seiner Geschichte in Grundlinien, Prag
sen, sogar voll1g agnost1schen Staat für möglich halten und eine staatsfreie 1851, S. 82, aufmer ksam, die folgenden, auch für die weiteren Ausführungen des
o benstehenden T extes, namentlich für die Lage einer in „Selbstorganisation" befindli-
chen Gesellschaft interessanten Wortlaut hat: „Die Gesellschaft aber als schwirrende,
. "-·_Zuerst in der „Europäischen Revue", Dezemberheft 1931, veröffentl icht und unorganisierte Masse ist keine ethische, sondern nur ein transitorische, historische
m die _A bhandlun~ „D er Hü ter der Verfassung", Tübingen 1931 , S. 73-91 aufgenom- Gestalt. Organisiert ist sie eine ethische, aber eben der Staat selbst, wenn dieser
men; 111 ? er spamschen Ausgabe „La Defensa de la Consti tucion, Estud io accrca sonst etwas meh r sei n soll, als ein abstractum."
de las d1versas Especies y · Posibilidades des Sa lvaguardia de la Constitucion" 2
Barcelona 193 1:, S_. 98 - 115. D er eig~ntlich v~rfassun~sk~nstruktive Teil des „H üte;
Z um Beispiel statt Vieler Lorenz von Stein, Geschichte der sozialen Bewegung
der _:1erfas~ung ist u n~er dem gleichen Titel bereits 1m J ahre 1929 im „Archiv
in Frankreich, Bd. 2 (Ausgabe von Gottfried Salomon, München 1921, II, S. 41):
Die Kammer ist das Organ, „durch welches die Gesellschaft den Staat beherrscht",
des offentl1chen Rechts , Neue Fo lge, Band 16, S. 161 bis 237, erschienen.
oder die inhaltreiche Bemerkung von Rudolf Gneist, Die nationale Rechtsid ee von
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In allen wichtigen Begriffsbildungen äußert sich die dualistische G rund- zu beachten ist, daß die maßgebende Umschreibung der Autorität der
struktur. ~Die Verfassung gilt als Vertrag zwischen F ürst und Volk. Der römisch-katholischen Kirche und ihrer höchsten Ämter sich nicht in dem
wesentliche Inhalt eines staatlichen Gesetzes wird darin gefunden, daß Bild eines Richters, sondern dem eines Hirten über seiner Herde äußert.
es „in Freiheit und Eigentum der Bürger eingreift". Eine Rechtsverordnung Der seit dem 16. Jahrhundert seine Form gewin nende absolute Staat ist
wendet sich, zum Unterschiede von einer Verwaltungsverordnung, die gerade aus dem Zusammenbruch und der Auflösung des mittelalterlichen,
nur an die Behörden und Beamten ergeht, an alle Staatsbürger. Das pluralistischen, feudal-ständischen Rechtsstaats und seiner Jurisdiktion ent-
Budgetrecht beruht auf der Vorstellung, daß zwischen den beiden Partnern standen und stützt sich auf Militär und Beamtentum. Er ist daher wesent-
regelmäßig eine Budgetvereinbarung zustande kommt, und noch in der lich ein Staat der Exekutive und der Regierung. Seine Ratio, die ratio
letzten Auflage des Lehrbuches Meyer-Anschütz (1919, S. 890, 897) heißt status, die oft mißdeutete Staatsräson, liegt nicht in inhaltsvollen Normen,
das Budgetgesetz „Budgetvereinbarung". Wenn man für einen Verwal- sondern in der Effektivität, mit der er eine Situation schafft, in welcher
tungsakt wie die Veranschlagung des Staatshaushalts ein sogenanntes for- überhaupt erst Normen gelten können, weil der Staat der Ursache aller
melles Gesetz verlangt, so zeigt sich in dieser Formalisierung nichts Unordnung und Bürgerkriege, dem Kampf um das normativ Richtige,
anderes als die Politisierung des Begriffs: die politische Macht des Parla- ein Ende macht. Dieser Staat „stellt die öffentliche Ordnung und Sicherheit
ments ist groß genug, um es einerseits durchzusetzen, daß eine Normierung her". Erst als das eingetreten war, konnte der Gesetzgebungsstaat der
nur dann als Gesetz gilt, wenn das Parlament mitgewirkt hat, und gleichzei- bürgerlich-rechtsstaatlichen Verfassung in ihn eindringen. Im sog. Ausnah-
tig auf der andern Seite einen formellen, d. h. von dem sachlichen Inhalt mezustand tritt dann das jeweilige Zentrum des Staates offen zutage.
des Vorganges absehenden Gesetzesbegriff zu erobern; diese Formalisie- Der Justizstaat bedient sich hierfür des Standrechts (genauer: der Standge-
rung bringt also nur den politischen Erfolg der Volksvertretung gegenüber richtsbarkeit), d. h. einer summarischen Justiz; der Staat als Exekutive
der Regierung, der Gesellschaft gegenüber dem monarchischen Beamten- vor allem des, nötigenfalls mit der Suspension von Grundrechten verbunde-
staat, zum Ausdruck. tf,.uch die Selbstverwaltung setzt in allen ihren nen, Übergangs der vollziehenden Gewalt; der Gesetzgebungsstaat der
Einrichtungen die Unterscheidung von Staat und Gesellschaft voraus; Not- und Ausnahmezustandsverordnungen, d. h. eines summarischen Ge-
Selbstverwaltung ist ein Teil der dem Staat und seinem Beamtentum setzgebungsverfah rens 3 •
gegenüberstehenden Gesellschaft; auf dieser Grundvoraussetzung haben Bei solchen Einteilungen und Typisierungen der Staatsarten ist immer
sich ihre Begriffe und Einrichtungen im 19. Jahrhundert entwickelt und zu· beachten, daß es einen reinen Gesetzgebungsstaat ebensowenig geben
. formuliert.} kann wie einen reinen Jurisdiktionsstaat oder einen Staat, der restlos
Ein solcher „dualistischer" Staat ist eine Balancierung von zwei verschie- nichts anderes wäre als Regierung und Verwaltung. Insofern ist jeder
denen Staatsarten: er ist ein Regierungsstaat und ein Gesetzgebungsstaat Staat eine Verbindung und Mischung dieser Arten, ein status mixtus.
zu gleicher Zeit. Er entwickelt sich um so mehr zum Gesetzgebungsstaat, Aber rri'i t diesem Vorbehalt läßt sich eine brauchbare Charakterisierung
je mehr das Parlament, als die gesetzgebende Körperschaft, der Regierung, der Staaten nach dem Zentralgebiet der staatlichen Tätigkeit gewinnen.
d. h. je mehr die damalige Gesellschaft dem damals bestehenden Staat Daher ist es berechtigt und für das Problem des Hüters der Verfassung
sich überlegen zeigt. Man kann alle Staaten nach dem Gebiet staatlicher besonders aufschlußreich, den bürgerlichen Rechts- und Verfassungsstaat,
Tätigkeit einteilen, auf dem sie das Zentrum ihrer Tätigkeit finde n. Danach wie er sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat, als einen Gesetzgebungsstaat
gibt es Justiz- oder besser: Jurisdiktionsstaaten, daneben Staaten, die we- zu kennzeichnen. Es gehört, wie Richard Thoma treffend gesagt hat, zu
sentlich Regierung und Exekutive sind, und endlich Gesetzgebungsstaaten. den „artbestimmenden Tendenzen des modernen Staates", die Dezision,
Der mittelalterliche Staat, wie auch in weitem Maße bis in die Gegenwart „über deren Vernünftigkeit und Gerechtigkeit man immer streiten kann,
hinein das angelsächsische Staatsdenken, geht davon aus, daß der Kern dem Gesetzgeber zu überlassen, dem Richter zu nehmen" 4 • Ein Jurisdik-
der Staatsgewalt in der Gerichtsbarkeit liegt. Staatsgewalt und Jurisdiktion
3 Weiteres zum Ausnahmezustand vgl. Der Hüter der Verfassung, S. 115 ff. Bei
werden hier gleichgesetzt, wie das heute noch der Ausdrucksweise des
Ludwig Waldecker, Die Grundlagen des militärischen Verordnungsrechts in Zivil-
Codex Juris Canonici (z.B. can. 196, 218) entspricht, wobei allerdings sachen während des Kriegszustandes, AöR. XXXVI (19 17), S. 389 f. ist der Zusam-
menhang von Justizstaat und Standrecht wohl bemerkt, die Folgerichtigkeit der
den Ständen, Berlin 1894, S. 269: Das allgemeine Verlangen nach geheimer Abstim- weiteren Entwicklung aber verkannt.
mung ist „das untrügliche Zeichen der Uberflutung des Staates durch die Gesell- ~ Grundrechte und Pol izeigewalt (Festgabe für das Preußische Oberverwaltungsge-
schaft". richt), Berlin 1925, S. 223; nicht ganz ebenso in der Aussprache auf dem deutschen
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tionsstaat ist möglich, solange inhaltlich bestimmte Normen auch ohne Vorstellung des 19. Jahrhunderts das Parlament seiner Natur und seinem
die bewußte und geschriebene Nennsetzung einer organisierten Zentralge- Wesen nach in sich selbst die eigentliche Garantie der Verfassung trug.
walt vorausgesetzt werden können und unbestritten anerkannt sind. In Das gehört zu dem Glauben an das P arlament und ~.st die Voraussetzung
einem Gesetzgebungsstaat dagegen kann es keine Verfassung geben. Das dafür, daß die gesetzgebende Körperschaft der Trager des Staates und
ist der letzte Grund dafür, daß in einem solchen Staat di e Justi z nicht _der Staat selbst ein Gesetzgebungsstaat ist.
von sich aus umstrittene Verfassungs- und G esetzgebungsfragen entschei-
~ Aber diese Stellung der gesetzgebenden Körperschaft war nur in einer
det. In diesem Zusammenhang verdient eine Äußerung Bluntschlis ausfü hr-
bestimmten Situation möglich. Es ist dabei nämlich immer vorausgesetzt,
lich zitiert z u werden, weil sie wegen ihrer sachlichen Klarheit und in
daß das Parlament, die gesetzgebende Versammlung, als Vertreter des
der Weisheit ihres konkreten Wissens als eine klassische Stelle der Staatsleh-
Volks oder der Gesellschaft - beides, Volk und Gesellschaft, kann so
re des 19. Jahrhunderts gelten kann. Bluntschli gibt zu, daß die Verfassung
lange identifiziert we rden, als beides noch der R~gierung und dem Sta~t
selbstverständlich auch für ·die Gesetzgebung gilt und diese keineswegs
entgegengestellt wird - einen von ihm unabhängigen, starken monarchi-
das Recht hat, zu tun, was ihr ausdrücklich verb oten ist. Er weiß die
schen Beamtenstaat als Partner des Verfassungspakts vor sich sieht. D as
Gründe und Vorteile der amerikanischen Praxis richterlicher Gesetzesprü-
Parlament soweit es Volksvertretung ist, wird hier zum wahren Hü ter
fung gut zu würdigen. Dann fährt er fort~ „Wenn man aber in Erwägung
und Gara~ten der Verfassung, weil der Vertragsgegner, die Regierung,
zieht, daß der Gesetzgeb~r in der .Regel vo~ der Verfass ungsmäßigkeit
/ des Gesetzes überzeugt ist und dieselbe will, und daß den noch sehr nur widerwillig den Vertrag geschlossen hat. Die Regierung ~erdi~nt
daher Mißtrauen; sie macht Ausgaben und verlangt Abgaben; sie ':1~d
leicht sich verschiedene M einungen darüber bilden, so daß, wenn sein
als ausgabenfreudig, die Volksvertretung als sparsam, ausgab.enunwilhg
Ausspruch Gegenstand des Streites werden kann, das Gericht vielleicht
gedacht, was im ganzen auch wirklich der Fall war und .sem konnte.
eine andere Ansicht darüber hat als der Gesetzgeber; wenn man bedenkt,
Denn die Tendenz des liberalen 19. Jahrhunderts geht dahm, den St~at
daß in diesem Falle doch die höhere Autorität des Gesetzgebers zwar
womöglich auf ein Minimum zu beschränken, ihn ~or all.em an I.ntervent.10-
nicht im Prinzip, aber im Erfolg der niedriger gestellten der Gerichte
nen und Eingriffen in die Wirtschaft nach Möglichkeit zu hmdern'. ihn
weichen und der Repräsentant der gesamten Nation im Konfl ikt mit
überhaupt gegenüber der Gesellschaft und ihren In~eressengegens~tzen
einem einzelnen Organe des Staatskörpers hinter dasselbe zurückstehen
möglichst zu neutralisieren, damit Gesellschaft und Wirtschaft na~h ihren
müßte; wenn man die Störung und den Zwiespalt, welche auf solche
immanenten Prinzipien für ihr Gebiet die notwendigen En.tsche1dungen
Weise in den einheitlichen Gang des Staatslebens gebracht werd en, überlegt
gewinnen: im freien Spiel der Meinungen ~uf Grund fre~er „ W erb.ung
und sich erinnert, daß die Gerichte ihrer jetzigen Beschaffenheit nach
entstehen Parteien, deren Diskussion und Me111ungskampf die offe~thche
vorzugsweise zur Erkenntnis privatrechtlicher Normen und Rechtsverhält-
'nung ergibt und dadurch den Inhalt des staatlichen Willens bestimmt;
nisse berufen und vorzugsweise geneigt sind, auf formell-logische Momente
freien Spiel der_§ozialen und wir~schaftl ichen ~räfte he.rrscht Vertra.g~­
den Nachdruck zu legen, während es sich hier gerade häufi g um die
und Wirtscha ts r ei 1e1t wodurch dte hochste w1fischaftliche Prospentat
gesichert scheint, we1 'er automati.sche Me~hanismus der freien Wirtschaft
wichtigsten staatsrechtlichen Interessen und die allgemeine Wohlfahrt han-
delt, die zu erkennen und zu fördern Aufgabe des Gesetzgebers ist: so
und des freien Marktes sich nach w1rtschaftl1chen Gesetzen (du rch Angebot
wird man dennoch dem europäischen System den Vorzug geben, obwohl
und Nachfrage, Leistu ngsaustausch, Preisgestaltun~, Eink~mm.~nsbil.dung
dasselbe nicht vor allen Übeln schützt und an der U nvoll kommenheit
in der Volkswirtschaft) selbst steuert und reguliert. Die burgerl1chen
der m enschlichen Zustände auch seinen Anteil hat. Auch gegen ungerechte
Grund- und Freiheitsrechte, insbesondere persönliche Freiheit~ ~reihe~t
Urteile der obersten Gerichte gibt es in der Regel keine äußeren H ilfsmittel.
der Meinungsäußerung, Vertrags-, Wirtschafts- und Gewerbefreiheit, Pn-
D er gesetzgebende Körper aber trägt in seiner Bildung die wichtigsten
vateigentum, also die eigentlichen Richtpu~k~e jener oben behand ~!ten
Garantien, da~r nicht seine ~efugnisse i.n v~fassungs.widrigem .~eis~e
Praxis des Höchsten Gerichtshofs der Vere1111gten Staaten, setzen e111en
ausübe 5" . - ( ~er letzte Satz ist entscheiden f Er zeigt, daß fur die
solchen gru ndsätzlich nicht intervenierenden, höchstens zum Zweck der
Staatsrechtslehrenag in Wien, 1928, Veröffentlichungen der Vereinigung der deut-
schen Staatsrechtslehrer, H eft 5, S. 109; ferner in der Reichsgerichtsfcstschrift 1929,
S. 200, und Handbuch des Staatsrechts, Bd. II, S. 109, 136/37. dieser sieht die Garantie in dem Z usammenwirken bei der ~esetzgebung, an .~er
s Allgemeines Staatsrecht, 4. Aufl. 1868, Bd. I, S. 561 /62 . Es ist besonders lehr- ei ne Erbmonarchie, eine permanente erste und gewählte zweite Kammer beteiligt
reich, mit diesen Sätzen Bluntschlis die Argumentation von R. Gneise zu vergleichen: sind; Gutachten, a. a. 0 . S. 23.
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Wiederherstellung der gestörten Bedingungen der freien Konkurrenz ein- Sinne, sondern auch die industrielle und wirtschaftliche Vorbereitung des
greifenden, neutralen Staat voraus. Krieges, sogar die intellektuelle und moralische Ausbildung und Vorberei-
Dieser im liberalen, nicht-interventionistischen Sinne gegenüber der tung der Staatsbürger, so erfaßt dieser neue Staat alle Gebiete_ij'Ernst
Gesellschaft und der Wirtschaft grundsätzlich neutrale Staat bleibt auch Jünger hat für diesen erstaunlichen Vorgang eine sehr prägnante Formel
dann die Voraussetzung der Verfassungen, wenn für Sozial- und Kulturpo- eingeführt: die totale Mobilmachung. Qhne Rücksicht auf den Inhalt und
litik Ausnahmen zugelassen werden. Er änderte sich aber von Grund die Richtigkeit, die jenen Formeln von potentieller Rüstung oder totaler
auf, und zwar in dem gleichen Maße, als jene dualistische Konstruktion Mobilmachung im einzelnen zukommt, wird man die in ihnen enthaltene,
von Staat und Gesellschaft, Regierung und Volk, ihre Spannung verlor sehr bedeutende Erkenntnis beachten und verwerten müssen. Denn sie
und der Gesetzgebungsstaat sich vollendete{Denn jetzt wird der Staat bringen etwas Umfassendes zum Ausdruck und zeigen eine große und
zur „Selbstorganisation der Gesellschaft" ) Damit entfällt, wie erwähnt, tiefe Wandlung an: die im Staat sich selbst organisierende Gesellschaft
die bisher stets vorausgesetzte Unterscheidung von Staat und Gesellschaft, ist auf dem Wege, aus dem neutralen Staat des liberalen 19.Jahrhunderts
Regierung und Volk, wodurch alle auf dieser Voraussetzung aufgebauten in einen potentiell totalen Staat überzugehen. Die gewaltige Wendung
Begriffe und Einrichtungen (Gesetz, Budget, Selbstverwaltung) zu neuen läßt sich als T eil einer dialektischen Entwicklung konstruieren, die in
P roblemen werden. Es tritt aber gleichzeitig etwas noch Weiteres und drei Stadien verläuft: vom absoluten Staat des 17. und 18. Jahrhunderts
Tieferes ein. Organisiert sich die Gesellschaft selbst zum Staat, sollen über den neutralen Staat des liberalen 19. Jahrhunderts zum totalen Staat
Staat und Gesellschaft grundsätzlich identisch sein, so werden alle sozialen der Identität von Staat und Gesellschaft.
und wirtschaftlichen Probleme unmittelbar staatliche Probleme, und man Am auffälligs ten tritt die Wendung auf wirtschaftlichem Gebiete hervor.
kann nicht mehr zwischen staatlich-politischen und gesellschaftlich-unpoli- Hier kann, als von einer anerkannten und unbestrittenen Tatsache, davon
tischen Sachgebieten unterscheiden. Alle bisher üblichen, unter der Voraus- ausgegangen werden, daß die öffentliche Finanzwirtschaft sowohl im Ver-
setzung des neutralen Staates stehenden Gegenüberstellungen, die im Ge- hältnis zu den frühere n Vorkriegsdimensionen als auch im heutigen Ver-
folge der Unterscheidung von Staat und Gesellschaft auftreten und nur hältnis zur freien und privaten, das heißt nichtöffentlichen Wirtschaft
Anwendungsfälle und Umschreibungen dieser Unterscheid ung sind, hören einen solchen Umfang angenommen hat, daß nicht bloß eine quantitative
auf.~tithet~sche Trennungen "'.i~: Staat un~ Wirtschaft, ~t~at und Kultur, Vermehrung, sondern auch eine qualitative Veränderung, ein „Struktur-
Staa!f:~nd Bildung, ferner: Politik und Wirtschaft, Politik und Schule, wandel", vorliegt und alle Gebiete des öffentlichen Lebens, nicht etwa
Politik und Religion, Staat und Recht, Politik und Recht, die einen Sinn nur die unmittelbar finanziellen und ökonomischen Angelegenheiten, da-
h~ben, wenn ihnen geg:nsätz~ich get~ennte, konkrete Größen oder Sac!J:ge- von ergriffen werden. Mit welchen Ziffern die Veränderung angegeben
Q.!ete entsprechen, verlieren ihren Smn und werden gegenstandsl~ie wird, ob zum Beispiel die mehrfach zitierte, für das Jahr 1928 errechnete
zum Staat g:;vordene Gesellschaft wird ein Wirtschaftsstaat, Kulturstaat, Angabe, daß 53 v. H. des deutschen Volkseinkommens von der öffentlichen
Fürsorgestaat, Wohlfahrtsstaat, Versorgungsstaat; der zur Selbstorganisa- Hand kontrolliert werden6,_statistisch richtig ist, braucht hier nicht beant-
tion der Gesellschaft gewordene, demnach von ihr in der Sache nicht wortet zu werden, weil das Gesamtphänomen unbestreitbar und unbestrit-
mehr zu trennende Staat ergreift alles Gesellschaftliche, das heißt alles, ten ist. Ein Sachkenner von größter Autorität, Staatssektretär Prof. J.
was das Z usammenleben der Menschen angeht.(in ihm gibt es kein Popitz, geht in einer zusammenfassenden Rede über den Finanzausgleich 7
Gebiet mehr, demgegenüber der Staat unbedingte Neutralität im Sinne
1der Nichtintervention beobachten könnte) Die Parteien, in denen die
6 Diese Ziffer ist in den Vierteljahrsheften für Konjunkturforschung, Bd. 5 {1930),
verschiedenen gesellschaftlichen Interessen und Tendenzen sich organisie- Heft 2, S. 72, berechnet; sie ist verwertet und geltend gemacht z. B. von J. Popitz
ren, sind die zum Parteienstaat gewordene Gesellschaft selbst, und weil (vgl. folgende Anmerkung), G. Müller-Oerl inghausen, in seinem Vortrag über die
es wirtschaftlich, konfessionell, kulturell determinierte Parteien gibt, ist Wirtschaftskrise vom 4. November 1930, Mitteilungen des Langnamvereins,
es auch dem Staate nicht mehr möglich, gegenüber dem Wirtschaftlichen, Jahrg. 1930, Neue Folge 19. Heft, S. 409; vgl. Otto Pfleiderer, D ie Staatswirtschaft
und das Sozialprodukt, Jena 1930 und Manuel Saitzew, Die öffentliche U nterneh-
Konfessionellen, Kulturellen neutral zu bleiben. In dem zur Selbstorganisa-
mung der Gegenwart, Tübingen 1930, S. 6 f.
tion der Gesellschaft gewordenen Staat gibt es eben nichts, was nicht 7 D er Finanzausgleich und seine Bedeutung für die Finanzlage des Reichs, der
wenigstens potentiell staatlich und politisch wäre. Wie der von französi- Länder und Gemeinden; Veröffentlichungen des Reichsverbandes der deutschen
schen Juristen und Soldaten erfundene Begriff der potentiellen Rüstung Industrie, Berlin 1930, S. 6; ferner: Der öffentliche Finanzbedarf und der Reichsspar-
eines Staates alles erfaßt, nicht nur das Militärische im engem technischen kommissar, Bankarchiv, XXX, Heft 2 {15. Oktober 1930), S. 21.
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davon aus, daß in der Tat fü r die Verteilung des größeren Teils des Gesetzes wegen anerkannt. Der heutige Staat hat ein ausgedehntes Arbeits-
deutschen Volkseinko mmens der sich selbst regulierende Mechanismus recht, Tarifwese n und staatliche Schlichtung von Lohnstreitigkeiten, durch
der freien Wirtschaft und des freien Marktes ausgeschaltet ist und an welche er die Löhne maßgebend beeinflußt; er gewährt riesige Subven-
seine Stelle „der bestimmende Einfluß eines an sich grundsätzlich außer- tionen an die verschiedenen Wirtschaftszweige; er ist ein Wo hlfa hrts-
wirtschaftlichen Willens, näm lich des Willens des Staates" getreten ist. und ein Fürsorgestaat und infolgedessen gleichzeitig in ungeheurem M aße
Ein anderer Sachkenner von höchstem Rang, der R eichssparkommissar ein Steuer- und Ab.gabenstaat. In D eutschland ko mmt hinz u, daß er auch
Staatsminister Saemisch, sagte, daß es di e öffentliche F inanzwirtschaft ist, noch ein Reparatio nsstaat ist, der Milliardentribute für fremde Staaten
welche die politische Lage D eutschlands entscheidend beeinflußt 8• Vo n aufbringen mu ß. In einer solchen Lage wird die Forderung der N ichtinter-
wi rtschaftswissenschaftlicher Seite ist eine, wie mir scheint, überaus treffen- ventio n zu einer Utopie, ja, zu einem Selbstwiderspruch. D enn Nichtinter-
de Formulierung für den Gegensatz des bisherigen Systems gegenüber vention würde bedeuten, daß m an in den sozialen und wirtschaftlichen
dem heutigen aufgestellt worden: vom Anteilsystem (bei welchem dem G egensätzen und Konflikten, die heute keineswegs mit rein wirtschaftli-
Staat nur ein Anteil des Volkseinkommens, eine Art Dividende vom chen Mitreln ausgekämpft werden, den verschiedenen Machtgruppen freie
Reingewinn zusteht) zum Kontrollsystem, bei welchem der Staat, infolge Bahn läßt. N ichtintervention ist in einer solchen Lage nichts anderes als
der intensiven Beziehungen von F inanzwirtschaft und Volkswirtschaft, Intervention zugunsten des jeweils überlegenen und Rücksichtslosen, und
infolge der starken Ver größerung sowohl des Staatsbedarfs als auch des es zeigt sich wieder einmal die einfache Wahrheit des scheinbar so parado-
staatlichen Einko mmens, als Teilhaber und N euve rteiler des Volkseinko m- xen Satzes, den T alleyrand für die Außenpolitik ausgesprochen hat: Nicht-
mens, als Erzeuger, Verbraucher und Arbeitgeber, die Volkswirtschaft interventio n ist ein schwieriger Begriff, er bedeutet ungefähr dasselbe wie
maßgebend mitbestimmt. Diese von Fritz Karl Mann in einer interessanten Intervention.
und bedeutungsvollen Abhandlung „Die Staatswirtschaft unserer Zeit" In der Wendu ng zum Wirtschaftsstaat liegt die auffälligs te Veränderung
(Jena 1930) aufges tellte Formel soll hier ebenfalls nur als Fo rmel verwendet gegenüber den Staatsvorstellungen des 19. Jahrhunderts. Auf andern Gebie-
werden, ohne daß es im übrigen auf eine natio nalö konomische Kritik ten ist di e Wendung ebenfalls zu beobachten, wenn sie auch infolge des
ankäme. Entscheidend ist hier für die staats- und verfassungstheoretische erdrückenden Übergewichts de·; wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Pro-
Betrachtung, daß das Verhältnis des Staates zur Wirtschaft heute der bleme do rt heute meistens als weniger aktuell empfunden wird. Es ist
eigentliche Gegenstand der innerpoli tischen Probleme ist und die überlie- nicht verwunderlich, daß die Abwehr gegen eine solche Expansion des
ferten Formel n des früheren, auf der Trennung vo n Staat und G esellschaft Staates zunächst als Abwehr gegen diejenige staatliche Betätigung erscheint,
aufgebauten Staates nur geeignet sind, über diesen Sachverh alt hinwegzu- die in einem solchen Augenblick gerade die Art des Staates bestimmt,
täuschen. demnach als Abwehr gegen den Gesetzesstaat. D eshalb wird zunächst
In jedem modernen Staat bildet das Verhältnis des Staates zur Wirtschaft nach Sicherungen gegen den Gesetzgeber gerufen. So sind wohl auch
den eigentlichen Gegenstand der unmittelbar aktuellen innerpolitischen die ersten unklaren Abhilfeve rsuche zu erklären, die sich an die Justiz
Fragen. Sie können nicht mehr mit dem alten liberalen Prinz ip unbedingter kl ammerten, um ein Gegengewicht gegen den immer m ächtiger und immer
Nichteinmischung, absoluter N ichtintervention, beantwortet werden. Vo n umfasse nder werdenden Gesetzgeber zu gewinnen. Sie mu ßten in leeren
wenigen Ausnahmen abgesehen, wird das wohl auch allgemein anerka nnt. Äußerlichkeiten enden, weil sie nicht aus einer ko nkreten Erkenntnis der
Im heutigen Staat, und zwar um so mehr, je mehr er moderner Industrie- verfassungsrechtlichen Gesamtsituation, sondern nur einer reflexarti gen
staat ist, machen die wirtschaftlichen Fragen den H auptinhalt der innenpo- Reaktio n entstanden waren. Ihr eigentlicher Irrtum lag darin, daß sie der
litischen Schw ierigkeiten aus und ist die Innen- und Außenpolitik zum Macht des modernen Gesetzgebers nur eine Justiz entgegensetzen konnten,
großen T eil Wirtschaftspolitik, und zwar nicht nur als Zoll- und H andels- die entweder durch bestimm te N o rmen eben dieses G esetzgebers inhaltlich
politik oder als Sozialpolitik. Wenn ein staatliches G esetz „gegen den gebunden war oder aber ihm nur unbestimmte und umstrittene Prinzipien
Mißbrauch w irtschaftlicher M achtstellungen" er geht (wie die deutsche entgegenhalten ko nnte, mit deren Hilfe sich keine dem Gesetzgeber überle-
Kartellverordnung vo m 2. November 1923), so sind eben mit dieser Formu- gene Auto rität begründen ließ. Die Wendung zum Wirtschafts- und Wo hl-
lierun g Begriff und D asein einer „wirtschaftlichen Macht" von Staats und fa hrtsstaat bedeutete zwar einen kritischen Augenblick fü r den überliefer-
ten Gesetzgebungsstaat, brauchte und konnte deshalb aber doch noch
8 „D eutsche Ju ristenzeitung", 1. Januar 193 1, Sp. 17; ferne r in D er Reichssparkom- nicht den Gerichten ohne weiteres neue Kraft und politische Energie
missar und seine Aufgabe; F inanzrechtliche Zeitfragen, Bd. 2, Berlin 1930, S. 12. zufü hren. In einer derartig veränderten Situation und angesichts einer
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solchen Ausdehnung der staatlichen Aufgaben und Probleme kann viel- henden, gemeinsamen egoistischen Privatinteressen der parlamentarischen
leicht die Regierung, sicher aber nicht eine Justiz Abhilfe schaffen. H eute Abgeordneten, namentlich der eigentlichen Berufspolitiker, können ein
dürften wohl in den meisten Staaten des europäischen Kontinents der wirksames Motiv und ein nützlicher Einheitsfaktor sein, reichen aber
Justiz alle inhaltlichen Normen fehlen, auf Grund deren sie die völlig begreiflicherweise in einer so schwierigen Lage wie der des heutigen
neue Situation von sich aus zu meistern imstande wäre. Deutschland und bei der starken Verfestigung der Organisationen nicht
mehr aus. So wird das Parlament aus dem Schauplatz einer einheitsbilden-
Das Parlament, die gesetzgebende Körperschaft, der T räger und Mittel- den, freien Verhandlung freier Volksvertreter, aus dem Transformator
punkt des Gesetzgebungsstaates, wurde in dem gleichen Augenblick, in parteiischer Interessen in einen überparteiischen Willen, zu einem Schau-
dem sein Sieg vollständig zu sein schien, ein in sich selbst widerspruchsvol- platz pluralistischer Aufteilung der organisierten gesellschaftlichen Mächte.
les, die eigenen Voraussetzungen und die Voraussetzu ngen seines Sieges Die Folge ist, daß es entweder durch seinen immanenten P luralismus
verleugnendes Gebilde. Seine bisherige Stellung und Überlegenheit, sein mehrheits- und handlungsunfähig wird, oder aber, daß die jeweilige Mehr-
Expansionsdrang gegenü ber der Regierung, sein Auftreten im Namen des heit alle legalen Möglichkeiten als Werkzeuge und Sicherungsmittel ihres
Volkes, alles das setzte eine Unterscheidung von Staat und Gesellschaft Machtbesitzes gebraucht, die Zeit ihrer staatlichen Macht nach allen Rich-
voraus, die nach dem Sieg des Parlaments jedenfalls in dieser Form nicht tungen ausnützt und vor allem dem stärksten und gefährlichsten Gegner
mehr wei terbestand. Seine Einheit, sogar seine Identität mit sich selbst, nach Möglich keit die Chance zu beschränken sucht, das gleiche zu tun.
war bisher durch den innenpolitischen Gegenspieler, den früheren mon- Es wäre vielleicht naiv, das nur aus der menschlichen Bosheit oder gar
archischen Militär- und Beamtenstaat bestimmt. Als dieser entfiel, brach aus einer speziellen, nur heutzutage möglichen Niedertracht zu erklären.
das Parlament sozusagen in sich auseinander. rf5'er Staat ist jetzt, wie Die deutsche Staats- und Verfassungsgeschichte kennt in früheren Jahrhun-
man sagt, Selbstorganisation der Gesellschaft, aher es fragt sich, wie die derten analoge Vorgänge in beunruhigender Zahl und Regelmäßigkeit.
sich selbst organisierende Gesellschaft zur Einheit gelangt und ob die Was bei der Auflösung des alten Römischen Reiches D eutscher Nation
Einheit wirklich als Resultat der „Selbstorganisation" eintritt) Kaiser und Fürsten zur Sicherung ihrer H ausmacht getan haben, wiederholt
D er Unterschied zwischen einem parlamentarischen Parteienstaat mit sich heute in zahlreichen Parallelen.
freien, das heißt nicht festorganisierten Parteien und einem pluralistischen Auch in dieser Hinsicht ist die Veränderung gegenüber dem 19. Jahrhun-
Parteienstaat mit festorganisierten Gebilden als den Trägern der staatlichen dert fund amental. Auch hier wird sie durch den Schleier unverändert
Willensbildung kann größer sein als der von Monarchie und Republik beibehaltener Worte und Formeln, durch alte D enk- und Redeweisen
oder irgendeiner andern Staatsform. Die fes ten sozialen Verbindungen, und durch einen im Dienste dieser Residuen stehenden Formalismus
die heute Träger des pluralistischen Staates sind, machen aus dem Parla- verhüllt. Aber man darf sich darüber nicht täuschen, daß die Wirkung
ment, wo ihre Exponenten in Gestalt von Fraktionen erscheinen, ein sowohl auf die Staats- und Verfassungsgesinnung als auch unmittelbar
bloßes Abbild der pluralistischen Aufteilung des Staates selbst. Woher auf den Staat und die Verfassung selbst außerordentlich groß ist. Sie
soll bei dieser Sachlage die Einh eit entstehen, in der die harten Partei- besteht hauptsächlich darin, daß in demselben Maße, in welchem der
und lnteressentenbindungen aufgehoben und verschmolzen sind? Eine Staat sich in ein pluralistisches Gebilde verwandelt, an die Stelle der
Diskussion findet nicht mehr statt; ja mein bloßer Hinweis auf dieses Treue gegen den Staat und seine Verfassung die Treue gegen die soziale
ideelle Prinzip des Parlamentarismus hat R. Thoma veranlaßt, von einer O rganisation, gegen das den staatlichen Pluralismus tragende Gebilde
„gänzlich verschimmelten " Grundlage zu sprechen. Einige durch die politi- tritt, zumal, wie vorhin erwähnt, der soziale Komplex oft die Tendenz
schen Parteien hindurchgehende sogenannte „Querverbindungen" (land- hat, total zu werden, das heißt die von ihm erfaßten Staatsbürgerwirtschaft-
wirtschaftliche Interessen, Arbeiterinteressen, Beamte, in einzelnen Fällen lich wie weltanschauungsgemäß ganz an sich zu binden. So entsteht ein
auch Frauen) können auf bestimmten Sachgebieten eine Mehrheit bewirken; Pluralismus schließlich auch moralischer Bindungen und Treueverpflich-
da es sich aber bei dem Pluralismus nicht nur um die parlamentarischen tungen, eine „plurality of loyalties", durch welche die pluralistische Auftei-
Parteien und Fraktionen handelt und außerdem derartige Querverbindun- lung immer stär ker stabilisiert und die Bildung einer staatlichen Einheit
gen selbst Faktoren der pluralistischen Gruppierung sein können, so immer mehr gefäh rdet wird. In seinem folgerichtigen Ergebnis wird da-
bedeuten sie zwar eine Komplizierung, aber keine Aufhebung und Beseiti- durch ein dem Staat verpflichtetes Beamtentum unmöglich, denn auch
gung, eher sogar eine Bestätigung und Verstärkung dieses Zustandes. Die diese Art Beamtenru m setzt einen von den organisierten Sozialkomplexen
berühmte „solidarite p arlamentaire", die über die Parteigrenzen hinwegge- unterscheidbaren Staat voraus. Außerdem aber entsteht ein Pluralismus
12 Schmitt, Positionen und Begriffe
178 17. Die Wendung z um totalen Staat

der Legalitätsbegriffe, der den Respekt vor der Verfassung zerstört und
den Boden der Verfassung in ein unsicheres, von mehreren Seiten um-
k.ämpfte~ !errain verwandelt, während es im Sinne jeder Verfassung liegt,
eme politische Entscheidung zu treffen, die außer Zweifel stellt was die
gemeinsame, mit der Verfassung gegebene Basis der staatliche~ Einheit
ist. Die jeweils .~e~rsch~nde Grupre ~der Koalition nennt die Ausnützung 18. Übersicht über
a.ller lega!en Moghchke1ten und die Sicherung ihrer jeweiligen Machtposi- die verschiedenen Bedeutungen und Funktionen
~10nen, die Verwertung aller staatlichen und verfassungsmäßigen Befugnisse des Begriffes der innerpolitischen Neutralität
m Gesetzgebung, Verwaltung, Personalpolitik, Disziplinarrecht und Selbst- des Staates >:·
verwaltung, mit allerbestem Gewissen Legalität, woraus sich dann von (1931)
s~lbst. erg!bt, daß jede ernste Kritik oder gar eine Gefährdung ihrer
S1tuat10n ihr als Illegalität erscheint, als Umsturz und als ein Verstoß Angesichts der Vieldeutigkeit des Wortes „Neutralität" und der Verwir-
gegen den Geist der Verfassung; während jede von solchen Regierungsme- rung, die einen u nentbehrlichen Begriff unbrauchbar oder unanwendbar
thoden betroffene„G.egeno.rganisation sich darauf beruft, daß die Verletzung zu machen droht, ist eine terminologische und sachliche Klärung zweckmä-
der vertassungsn:iaßig gleichen <?hancen den schlimmsten Verstoß gegen ßig. Hier soll deshalb eine zusammenfassende Aufstellung versucht werden,
den ?e1s~ und die Grundlagen emer demokratischen Verfassung bedeutet, in der die verschiedenen Bedeutungen, Funktionen und polemischen Rich-
womit sie .den Vorwurf der .Illegalität und der Verfassungswidrigkeit tungen dieses Wortes mit einiger Systematik gruppiert sind.
ebenfalls mit allerbestem Gewissen zurückgeben kann. Zwischen diesen
beiden, in der Situation eines staatlichen Plu ralismus fast automatisch
funktionierenden, gegenseitigen Negationen wird die Verfassung selbst 1. Negative, das heißt von der politischen Entscheidung
zerrieben . wegführende Bedeutungen des Wortes „Neutralität"
. Die~e Betrachtung der konkreten Verfassungszustände soll eine Wirk- 1. Neutralität im Sinne der Nichtintervention, der Uninteressiertheit,
lichkeit zum Bewußtsein bringen, deren Anblick sich viele aus verschieden- des laisser passer, der passiven Toleranz usw.
artigen Motiven und unter mancherlei Vorwänden lieber entziehen deren
deutliche Erkenntnis aber trotzdem für eine verfass ungsrechtliche U~tersu­ In dieser Bedeutung tritt die innerpolitische Neutralität des Staates zuerst in
ch~ng, die sich mit dem Problem der Wahrung und Sicherung der geltenden das geschichtliche Bewußtsein, und zwar als Neutralität des Staates gegenüber den
Religionen und Konfessionen. So sagt Friedrich der Große in seinem politischen
Re1chsv.erfassung. beschäftigt, ganz unumgänglich ist. Es genügt keineswegs,
Testament: je su is neutre entre Rome et Geneve - übrigens eine alte Formel des
allge.mem von emer „Krise" zu sprechen oder die vorige Betrachtung 17. Jahrhunderts, die sich schon auf einem Porträt von Hugo Grotius findet und
damit abzutun, daß man sie in die „Krisenliteratur" verweist. Wen n der für den in diesem Jahrhundert einsetzenden Neutralisierungsprozeß von größter
heutige Staat ein Gesetzgebungsstaat sein soll, wenn außerdem eine solche Bedeutung ist 1• In letzter Konsequenz muß dieses Prinzip zu einer allgemeinen
~us~ehnung der Gebiete staatlichen Lebens und staatlicher Betätigung Neutralität gegenüber allen denkbaren Anschauungen und Problemen und zu einer
emtntt, daß man schon von einer Wendung zum totalen Staat sprechen absoluten Gleichbehandlung führen, wobei z. B. der religiös Denkende nicht mehr
kann, wenn dann .gleichzeitig aber die gesetzgebende Körperschaft zum geschützt werden darf als der Atheist, der national Empfindende nicht mehr als
S~hau?l~tz u.nd Mittelpunkt der pluralistischen Aufteilung der staatlichen der Feind und Verächter der Nation. Daraus folgt ferner absolute Freiheit jeder
Art Propaganda, der religiösen wie der antireligiösen, der nationalen wie der antina-
Eml:e1t m. eme _Mehrheit festorganisierter Sozialkomplexe wird, so hilft tionalen; absolute „Rücksichtnahme" auf den „Andersdenkenden" schlechthin, auch
es mcht viel, mit Formeln und Gegenformeln, die für die Situation der wenn er Sitte und Moral verhöhnt, die Staatsform untergräbt und im Dienst eines
konstituti~nellen Monarchie des 19. Jahrhunderts geprägt sind, von der ausländischen Staates agiere. Diese Art „neutraler Staat" ist der nichts mehr unter-
„Souverämtät des Parlaments" zu sprechen, um die schwierigste Frage
des heutigen Verfassungsrechts zu beantworten. •:· Diese Übersicht lag mehreren Vorträgen zugrunde, die ich 1930 und 1931
gehalten habe, vgl. zum Beispiel „Mitteilungen der Industrie- und Handelskammer
Berlin", Band 28 (1938), S. 471-477. Der vorliegende Abdruck entspricht S. 111
bis 115 aus dem „Hüter der Verfassung" (1931); spanische Ausgabe S. 139 bis 143.
1
Über diesen Neutralisierungsprozeß und seine Stadien: Carl Schmitt, Europäi-
sche Revue, l\1ovember 1929. Vgl. oben Nr. 15, S. 138 ff.
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