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Gegeben ist folgendes Gedankenexperiment:

In der Zukunft ist es möglich, den Verstand eines Menschen zu digitalisieren und ihn in ein
System auf einem Rechenserver einzuspeisen. Dies entspricht in etwa einer Realisation von
dem, was in Religionen auch als Himmelreich bezeichnet wird. Der jeweiligen Person steht ein
ewiges Leben in einer für ihn optimalen Simulation zur Verfügung.

Die erste Frage, die sich dabei stellt ist die, ob dieser Zustand überhaupt erstrebenswert ist.

Dazu muss man sich zuerst darüber einig sein, inwiefern unser Bewusstsein, in diesem Fall
auch Charakter genannt sich, sich im Laufe der Zeit entwickelt. Dabei gibt es folgende
Prämissen:

i) Der Charakter eines Menschen ist unveränderlich.

Der Mensch, der nun also die Ewigkeit in dieser neuen Lebenswelt verbringt, wird in seinem
Kern, d.i. in seinen Interessen und damit einhergehenden Wesenszügen, die gleiche
Persönlichkeit bleiben.

Dies bedeutet, dass die einzige Variable, die sich in diesem System ändert, die Erfahrung sein,
die der Mensch durch neue Situationen erlangt, bis er schließlich alle für ihn möglichen
Varianten durchlebt hat (was bei immer gleichen Interessen auf ein relativ kleines Spektrum
hinausläuft, da er auf bestimmte Situationen immer die gleiche Entscheidung aufgrund seines
Wesen ziehen wird.)

In diesem Fall wäre die Person fest determiniert und man könnte ihre Persönlichkeit als
künstliche Intelligenz festhalten, die nur im Laufe der Zeit ihren potentiellen Datensatz
vervollständigt.

Für uns Menschen außerhalb dieses Servers wäre dieses Leben also gleichzusetzen mit einem
Programm, welches wir betreiben. Dies ist vergleichbar mit der Bezeichnung eines in der
Computerspielewelt genannten NPC1. Diese existieren in der simulierten Welt, erfüllen aber
nur ihre fest vorgegebene Rolle, d.i. sie besitzen keinen freien Willen. Welches Interesse hätten
wir, solch einen Algorithmus am Leben zu erhalten (durch den Strom, den wir für die
Betreibung des Servers benötigen würden) beziehungsweise was wäre der Unterschied von dem
eingespeisten Menschenbewusstsein zu einer selbst geschaffenen, künstlichen Intelligenz?

1
Non-Player-Charakter.
Ich sehe kein triftiges Interesse an einem solchen Bestehen, außer der Unterhaltung der
Menschen außerhalb des Servers (falls Menschen die Möglichkeit besitzen - quasi analog zum
Fernsehen diesen eingespeisten Menschen in ihrem Leben zuzuschauen) oder der Gewissheit,
dass es diesem Menschen gut geht.

Der Nutzen für die Person im System und der Nutzen für die Personen außerhalb des Systems.

ii) Der Charakter eines Menschen verändert sich durch seine Erfahrung.

Der eingespeiste Mensch verändert sich stetig durch den Kontakt mit seinem Umfeld. Dies
würde bedeuten, dass – gesehen auf eine immens große Zeitspanne – irgendwann der Punkt
erreicht ist, an dem die Interessen des Zukunft-Ichs des Menschen keine Gemeinsamkeiten mit
den Interessen des Jetzt-Ichs haben. Bis auf seine Physiologie (welche womöglich auch
problemlos veränderbar wäre) entsteht ein völlig neuer Mensch.

Daraus stellt sich die Frage, welches Interesse mein Jetzt-Ich an diesem Zukunft-Ich hat. Dies
wäre ähnlich zu dem aktuellen Lauf der Welt zu sehen, dass ein Mensch stirbt und an dieser
Stelle ein neuer Mensch geboren wird. Beide nutzen die gleichen Ressourcen ihres Umfelds,
sie haben aber nichts mehr miteinander gemein, da sich ihre Realitäten im Zeitverlauf nicht
kreuzen.

Beide Möglichkeiten scheinen nicht wirklich zufriedenstellend zu sein. Es stellt sich die Frage,
welchen Stellenwert die Länge eines Lebens darstellt. Ist ein Leben per se besser als ein anderes,
wenn es in gleicher Qualität stattfindet – nur eine größere Quantität hat?

An dieser Stelle möchte ich postulieren, dass ein (in welcher Art und Weise man dies auch zu
messen vermag) „gutes“ Leben besser als ein „schlechtes“ Leben ist, unabhängig der jeweiligen
Länge. Ein Lebewesen nimmt sein Leben als besser war, wenn es in seiner Erinnerung in
Relation gesehen mehr gute als schlechte Erfahrungen hat. Dabei besitzen wir aber ein
Interesse, welches ich als Sehnsucht bezeichnen möchte, das uns dazu bringt, immer weiter im
Leben voranzuschreiten, bis dieses gestillt ist. Hierbei stellt sich die Frage, ob dies überhaupt
möglich ist oder nicht:

i) Die Sehnsucht ist endlich.


Wenn wir davon ausgehen, dass wir ein begrenztes Maß an Sehnsüchten haben, so wären diese
nach einer gewissen Lebenszeit ausgeschöpft. Dies würde dazu führen, dass wir kein Interesse
an einer Erhaltung unseres Lebens hätten (auch als Hoffnungslosigkeit bekannt – zu sehen bei
Menschen, die Suizid begehen).

ii) Die Sehnsucht ist unendlich.

Wenn wir immer wieder neue Sehnsüchte finden so bedeutet dies, ähnlich einem unstillbaren
Durst, dass wir in unserem Leben keinen Zustand der Zufriedenheit erreichen werden. Wieso
sollte es also erstrebenswerter sein an einer späteren Stelle „auszusteigen“, wenn wir auch
vorher einen qualitativ gleichwertigen Zustand der Unzufriedenheit haben.

Ein Mensch stirbt also entweder unzufrieden, weil er a) seinen Sehnsüchten nicht vollends
nachgekommen ist, oder b) weil er diese zu einem Abschluss geführt hat und keinen weiteren
Grund für eine Fortsetzung seines Lebens hat.

Wert

Des

Lebens

Dauer des Lebens

Man kann davon ausgehen, dass der persönlich wahrgenommene Wert des eigenen Lebens
höher ist, wenn man mehrere Interessen erfolgreich abschließt, jedoch bedeutet dies, dass ein
neues Niveau erreicht wird, bei dem man wieder bei 0 anfängt Graph dahingehend anpassen –
steigen, dann nicht auf 0 abfallend. Quantität also doch wichtig?
Es wäre also besser, ein Leben an einer Stelle zu beenden, an der die Sehnsucht zu einem
Abschluss gekommen ist, noch bevor sich eine neue bildet. Die Anzahl der durchlebten
Interessen spielt dabei weniger eine Rolle. Sie sorgt nur dafür, dass man auf einem höheren
Niveau endet. Ein Mensch kann also ein erfülltes, für ihn als „gut“ befundenes Leben haben,
welches wesentlich kürzer ist, als ein Anderer, der zwar länger lebt, aber mitten in einer neuen
Sehnsucht gehen muss (wer mag es schon, mitten in einem Film aufhören zu müssen, anstatt
wenigstens das Ende mitzubekommen?)

Nach dem Tod sind die vorhandenen Interessen für einen selbst sinnlos. Welches Interessen hat
man daran, dass andere etwas von einem selbst erhalten?