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VERWIRRUNG UND

WEISHEIT
Warum fällt es uns eigentlich so schwer, das Leben einfach zu genießen?
Warum gehen wir zu oft in unseren Erwartungen und Befürchtungen verloren?
Und warum setzen wir uns und andere mit Forderungen unter Druck?
Die Antwort, die der Buddha schon vor 2500 Jahren gab,
war seine Belehrung über die drei unheilsamen Wurzeln Gier, Abneigung und Verblendung.
Von Frank Zechner

W
ie dichte Wolken ver- Jeder Geisteszustand (citta) ist durch ren Wesen schaden, so werde ich unange-
dunkeln diese drei Wur- vorhergehende Geisteszustände bedingt nehme Folgen ernten. Die Wirkung mei-
zelbedingungen (mula) und ist gleichzeitig die Bedingung für ner Handlungen kann sich noch in diesem
und ihre Wirkungen un- zukünftige Geisteszustände. Auch jetzt, oder in einem der nächsten Leben auswir-
sere guten Eigenschaften. Der Begriff Wur- wenn Sie diesen Artikel lesen, befinden ken. Dieser Zusammenhang von willentli-
zelbedingung stammt aus der buddhisti- Sie sich in einem Geisteszustand, der cher Handlung (Sanskrit: Karma) und ih-
schen Sammlung der philosophischen durch frühere bedingt ist und die Ursache rer Wirkung ist die Basis der buddhisti-
und psychologischen Abhandlungen, dem für künftige sein wird. Doch bin ich dieser schen „Entwicklungspsychologie“. Doch
Abhidhamma-Pitaka und beschreibt sechs Kette von Ursache und Wirkung nicht nicht nur die karmische Wirkung eines Be-
Grundbedingungen, die unser weltliches hilflos ausgeliefert. Ich kann jederzeit den wusstseinszustandes ist interessant, auch
Erleben bestimmen. Nach buddhistischer durch frühere Handlungen bedingt jetzi- die momentane Qualität des Zustandes ist
Psychologie kann jeder Moment unseres gen Zustand, ohne mich mit ihm zu iden- wichtig. Wie fühlt es sich an, wenn ich ge-
weltlichen Erlebens einer dieser Wurzelbe- tifizieren, erleben und dadurch die Bedin- trieben von Unzufriedenheit oder Gier
dingungen zugeordnet werden. gungskette unterbrechen bzw. in eine an- einsam durch die Welt streife? Nach der
dere Richtung lenken. Anstatt wie ein pro- buddhistischen Psychologie kann dieses
Diese unterteilen sich in geistige Zu- grammierter Roboter zu agieren, kann ich Erleben des Augenblicks in angenehmes,
stände mit unheilsamen Folgen: in Gier durch bewusstes Handeln die Samen für unangenehmes und neutrales Erleben ein-
wurzelnd (lobha-mula), in Abneigung zukünftige positive Zustände legen. geteilt werden.
wurzelnd (dosa-mula) und in Verblen- Das Entscheidende bei einer Handlung
dung wurzelnd (moha-mula); und Zustän- und ihren Folgen ist die Motivation, mit Bewusstseinszustände, die in Gier
de mit heilsamen Folgen: in Gierlosigkeit der ich diese Handlung ausführe. Möchte wurzeln
wurzelnd (alobha-mula), in Abneigungs- ich Gutes für mich und andere Wesen be- Doch was ist ein Bewusstseinszustand,
losigkeit wurzelnd (adosa-mula) und in wirken, so werde ich, nach buddhistischen der in Gier wurzelt? Beginnen wir unsere
Unverblendung wurzelnd (amoha-mula). Verständnis, angenehme karmische Folgen Betrachtung auf einem orientalischen Ba-
Die westliche Psychologie würde für diese ernten. Natürlich beeinflusst auch die ge- sar mit seiner verlockenden Vielfalt. Inmit-
Geisteszustände mit heilsamen Folgen schickte Wahl der Mittel, mit denen ich ten der bunten Stände sitzt Mulla Nasru-
wohl eher positive Begriffe wählen, wie mein Ziel erreichen möchte, die karmi- din vor einem großen Korb roter, scharfer
z.B. Großzügigkeit, Annehmen können schen Folgen. Ist meine Motivation sehr Pepperoni. Der Händler warb mit einem
und Weisheit. auf mich zentriert bzw. möchte ich ande- günstigen Preis. In seiner Gier kaufte Nas-

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Studium

©Sylvia Kren

rudin alle Pepperoni und freute sich über Neunhundert Jahre später hat sich die tausend Dinge und jagen rastlos einem
das eingesparte Geld. Als die Schleier sei- Situation nicht viel verändert. Manche sa- Ziel nach dem anderen hinterher. Wie ein
ner Gier sich lichteten, realisierte er, dass er gen sogar, die Lage hat sich verschlechtert. Hamster; je schneller er in seinem Laufrad
gar keine richtige Verwendung für die Pep- Es scheint, als ob unsere Gesellschaft auf rennt, desto kleiner wird seine Chance,
peroni hatte. Doch angezogen von ihrer nichts anderem aufgebaut ist, als das Glück herauszukommen. Wir pilgern von Work-
kräftigen roten Farbe konnte er nicht wi- im Konsum zu suchen. Überall werden wir shop zu Workshop, nur um immer wieder
derstehen, eine zu kosten. Tränen schossen mit Werbeplakaten, Heilsbotschaften und mit diesem Gefühl „Es ist noch nicht ge-
in seine Augen, seine Nase begann wild zu Fernsehspots bombardiert. Alle schreien nug“ konfrontiert zu werden. Oft steigert
laufen, seine Zunge brannte wie Feuer. uns entgegen, „Kauf mich und du wirst sich dieses Habenwollen zum Haben müs-
Nichts konnte ihn stoppen, eine nach der glücklich!“, „Benutz mich und du wirst sen, man ist besessen davon, eine be-
anderen zu essen. Irgendwann kam ein sexy!“, „Fahr mit mir und du bekommst ei- stimmte Erfahrung machen zu wollen
Freund vorbei und sah Nasrudin mit feuer- ne super Frau!“. Doch keiner dieser Werbe- oder etwas Bestimmtes haben zu müssen.
rotem Kopf die scharfen Peperoni kauen. slogans hält, was er verspricht. Genau dieses Verlangen nach allen mögli-
Neugierig fragte er, warum er denn nicht chen Vergnügungen der Sinne nannte der
aufhöre, sie zu essen. Nasrudin schaute ihn Ich will mehr! Buddha in Pali lobha oder tanha. Wie bei
mit tränenden Augen an und erwiderte, Die Suche im Außen führt nicht zum vielen anderen Übersetzungen gibt es
„Irgendwann muss doch einmal eine süße inneren Glück. Im Gegenteil, wir ver- auch hier keine perfekte deutsche Entspre-
Peperoni dazwischen sein“. stricken uns immer mehr in der Welt der chung. In den letzten hundert Jahren wur-

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Studium

de tanha mit ‘Verlangen nach mehr’, Be- Nachmittags spielt er mir zu lebendig, da stenz haben. Obwohl dies auf der alltägli-
gierde, Haben müssen, Gier, Begehren er doch jetzt schlafen sollte. Willkommen chen Ebene oft ein ganz brauchbares Kon-
oder Durst übersetzt. Doch die Bedeutung im Club der Jammerer. Egal, wie es ist, es zept ist, ist schon aus dem Physikunter-
von tanha umfasst mehr, es beginnt schon gibt immer etwas zu jammern. Diese Pra- richt bekannt, dass alle Phänomene sich
bei diesem Gefühl des aufgeregten Getrie- xis lässt sich auch gut mit dem eigenen ständig verändern und miteinander ver-
benseins, das mit jedem Verlangen verbun- Ehepartner umsetzen. Irgendetwas finde bunden sind. Weit entfernt, diese Wahr-
den ist. Aus diesem Gefühl, dass das, was ich schon, was mir am anderen nicht ge- heit des gegenseitigen Verwobenseins im
ich habe oder bin, noch nicht genug ist, fällt bzw. was er/sie ändern sollte. Manche Alltag zu leben, wird die Welt als getrennt
entspringt sowohl das Verlangen, Dinge „Liebesbeziehungen“ leben davon, das von einem selbst wahrgenommen. Gefan-
haben zu wollen, als auch der Wunsch, Si- sie/er ihn/sie ändern möchte und er/sie gen in dieser dualistischen Sichtweise wird
tuationen und Menschen zu manipulie- sich dagegen wehrt. alles selbstbezogen bewertet und die dar-
ren. Dieses „Gieren nach mehr“ kann sich Zyniker nennen dies: Zen in der Kunst aus entstehenden Gier und Aversion aus-
auf alle Sinne beziehen, sei es das Verlan- des Herumnörgelns. Der Buddha nannte gelebt. Nyanaponika hat noch andere
gen nach einem schönen Kleidungsstück es dosa (Pali) und meinte damit alle Be- Aspekte von Verblendung aufgezählt: Un-
oder die sexuelle Gier nach einem aufre- wusstseinszustände, die in Aversion, Hass wissenheit, Fanatismus, Dünkel, Verwir-
genden Partner. und Abneigung wurzeln. Nyanaponika, rung, Stumpfsinn, Dummheit, Vorurteile
Treffend sagte der Buddha: „Vom Ver- ein deutschstämmiger buddhistischer Ge- und Dogmatismus.5
langen angetrieben, rennen die Wesen hin lehrtenmönch, ergänzte diese Aufzählung
und her wie ein gehetzter Hase; von Fes- mit Wut, Zorn, Rachsucht, Abscheu, Är- Töte, töte, töte
seln und Haften umschlungen, verfallen ger, Übelwollen, Abneigung, schlechte Nach dem intellektuellen Verstehen,
sie immer wieder und wieder dem Lei- Laune, Widerwillen, Verdruss, Ressenti- dass etwas schief läuft, begeben sich nicht
den.“3 Angetrieben von der eigenen inne- ment.4 wenige auf den inneren Kreuzzug gegen
ren Unzufriedenheit und dem Wunsch, Verstrickt in die eigenen Erwartungen, sich selbst. Mit der Devise „das Böse muss
noch etwas haben zu müssen, wandert wie es sein sollte, vermiese ich mir und ausgemerzt werden“ bekämpft man
man ohne Ende von erfüllten zu frustrier- den anderen mit dieser Strategie den Tag zwanghaft alles, was einem nicht ins eige-
ten und weiter zu lustvollen und weiter zu und lebe in einer Art Phantasiewelt. In die- ne Bild passt und nimmt sich damit die
schmerzhaften Geisteszuständen. Der sem Träumeland begegnen sich alte Erin- Chance, die Entstehung und die Qualität
Buddha nannte dieses endlose Umherwan- nerungen mit Hoffnungen auf die Zu- dieser Störgefühle kennen zulernen. Auch
dern samsara. kunft. Stundenlang, tagelang oder viel- hier bewahrheitet sich die alte Weisheit
leicht ein ganzes Leben kann ich in diesem „Gewalt erzeugt nur Gegengewalt“. Anstatt
Bewusstseinszustände, die in Aversion imaginären Zustand verbringen, ohne viel dass diese unangenehmen Gefühle weniger
wurzeln vom Hier und Jetzt mitzubekommen. werden, wachsen sie und werden stärker.
Die zweite unheilsame Wurzelbedin- Die Lösung liegt nicht im zwanghaften
gung ist Aversion (dosa). Eine Spielart die- Die falsche Sichtweise Verändern wollen, sondern im Kennen ler-
ser Form des Getriebenseins wurde von Die dritte Wurzelbedingung ist die Ver- nen und Annehmen dieser Gefühle.
westlichen Psychologen treffend „Defizit- blendung (moha oder avijja). In der aus- Schauen wir genau hin, so werden wir
blick“ genannt. Die Kunst, immer das zu führlichen Darstellung des Buddha über bemerken, dass nicht diese Gefühle die Ur-
sehen, was fehlt. Diese erfolgreiche Strate- das bedingte Entstehen aller Phänomene sache unseres Schmerzes sind, vielmehr ist
gie, sich selbst den Tag zu vermiesen, kann (paticcasamuppada) leitete er Gier (und ei- es unser Festhalten (upadana) und Ausge-
man in hunderten täglichen Situationen gentlich auch Aversion) aus der Verblen- liefertsein an sie. Dieses Ausgeliefertsein
praktizieren: Der reich gedeckte Frühstücks- dung ab. Welche auf oberflächlicher Ebene kann sich nur auflösen, indem man das
tisch ist nicht genug, ich will unbedingt bedeutet, dass man keine Ahnung von den Störgefühl wahrnimmt, annimmt und ihm
meine grünen Essiggürkchen. Unfähig sich buddhistischen Konzepten hat. Was noch nicht folgt. Langsam entsteht immer mehr
über den Sitzplatz im Zug zu freuen, hän- nicht wirklich ein Problem wäre. Doch auf innerer Freiraum, den man nun zum Üben
ge ich an meiner Erwartung, einen Fenster- einer tieferen Ebene besteht die leidverur- der heilsamen Wurzeln benutzen kann.
platz haben zu müssen. Morgens nörgle sachende Verblendung in der Sichtweise,
ich an meinem Säugling herum, weil er dass alle Phänomene eine eigene, unab- Die heilsamen Wurzeln
noch müde ist und nicht spielen möchte. hängige, aus sich heraus bestehende Exi- Die erste heilsame Wurzel ist Gierlosig-

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Studium

©Sylvia Kren

keit (alobha) und hat als Merkmal das herumnörgeln zu müssen. Dieser weiche, Anmerkungen
Freisein von Anhaftung an Geisteszustän- offene Geisteszustand bildet in der bud- 1 Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich
de, Dinge und Menschen. Dies bedeutet dhistischen Psychologie die Bedingung zur die Begriffe in Klammern auf Pali-Begriffe. Pali
ist die Sprache in der die älteste, vollständige
nicht, dass man gefühlskalt wird, sondern Praxis des ethischen Verhaltens (sila). buddhistische Textsammlung (Pali-Kanon)
man hängt nicht mehr so zwanghaft an Die dritte heilsame Wurzel ist die Un- überliefert wurde.
den Dingen. Wie ein Wassertropfen nicht verblendung (amoha) und meint am Be- 2 siehe Samyutta Nikaya 4.24 und 4.25
an einem Lotusblatt hängen bleibt, so be- ginn das Verständnis der vier edlen Wahr- 3 Dhammapada Vers 342
4 Nyanaponika (1981): Die Wurzeln von Gut und
schreibt dieser Bewusstseinszustand die in- heiten des Buddha und bildet die Bedin-
Böse. S. 29
nere Freiheit im Umgang mit den Dingen. gung für die Praxis des meditativen Trai- 5 Nyanaponika (1981): Die Wurzeln von Gut und
Traditionell betrachtet man diesen Zu- nings. Durch dieses Training und die Um- Böse. S. 30
stand der Gierlosigkeit als Bedingung für setzung seiner Früchte im Alltag entsteht Benutzte Literatur
Großzügigkeit. Weisheit. Welche eine Sichtweise be- Bodhi (1993): A Comprehensive Manual of
Auch die zweite heilsame Wurzel kann schreibt, die die Dinge so sieht, wie sie Abhidhamma.
Nyanaponika (1981): Die Wurzeln von Gut und
man üben. Es ist das Freisein von Abnei- sind und in heiterer Gelassenheit ruht. Böse.
gung (adosa) oder wie wir im Westen sa- Dieses reine Gewahrsein ist wie ein Spie- Nyanatiloka (1952): Visuddhi Magga.
gen würden, die Kunst die Dinge anzuneh- gel, der alles reflektiert ohne selbst daran Nyanatiloka (1995): Handbuch der buddhisti-
men, wie sie sind. Das bedeutet nicht, die anzuhaften oder verschmutzt zu werden. schen Philosophie.
eigene Meinung aufzugeben und sich dem Wie sagte schon Bodhidharma, der er- Frank Zechner ist Diplom-Psychologe und ar-
beitet in den Bereichen Supervision und Stress-
Herrschenden bedingungslos unterzuord- ste Patriarch des Zen-Buddhismus: „offene management. Er veröffentlichte das Buch Die
nen. Es meint eher die innere positive Hal- Weite, nichts von heilig“. vier edlen Wahrheiten des Buddha, erschienen
tung dem Leben gegenüber, ohne gleich im Piper-Verlag.

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