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FORUM

DICK HOWARD

Politisches Urteil statt moralischer Wille


Eine Auseinandersetzung mit Paul Bermans »Bildungsroman« »Idealisten an der Macht.
Die Passion des Joschka Fischer«

D
ie These von Paul Bermans Bildungs- biografie und die Biografie einer Generation intervenieren zu müssen, wenn Rechte und die
roman* wird bereits durch den Titel ist. Gewiss, Berman beschreibt klar und deut- Würde auf dem Spiel stehen. Die brennende
seines Buches angedeutet. Er rekon- lich politische Entscheidungsmöglichkeiten, Frage lautet indessen, ob (und wie) dieses mo-
struiert die Entwicklung der internationalen insbesondere im Hinblick auf die Invasion im ralische Gebot eine politische Übersetzung
(oder internationalistischen) Generation, die Irak. Aber auch wenn man mit vielen von ih- finden kann. Dies ist die Aufgabe, die Berman
es gelernt hat, ihre moralischen Ideale in nen nicht übereinstimmt, findet man hier auf sich nimmt.
praktische Politik umzusetzen, und die ver- nichts, was so schwachsinnig ist wie die un-
standen hat, dass es notwendig ist, die Macht
zu benutzen, um die Menschenrechte zu ver-
teidigen. Diese Geschichte wird zunächst in
verhohlene Befürwortung der Invasion, die
ich beim dritten Jahrestag der Invasion in ei-
ner Diskussion (in Radio Orient) mit dem
S o wie die Generäle führen die Politiker oft
den Krieg, wie er beim letzten Mal geführt
wurde. Das gilt auch für die 68er, die mit der
einem langatmigen ersten Kapitel erzählt, das ehemaligen französischen Trotzkisten Yves Legende des Antifaschismus aufgewachsen
zufällig eine Woche vor den Terroranschlägen Roucaute gehört habe, dem Verfasser eines sind. Sie übersetzten dieses Erbe in einen pa-
vom 11. September veröffentlicht wurde. In die- neueren Buches mit dem Titel Der Neo-Kon- radoxen Pazifismus, indem sie eine Ethik des
sem Kapitel werden die Biografien von Sym- servatismus ist ein Humanismus. Aber die Bil- militanten Widerstands mit einem Idealbild
bolfiguren der internationalen neuen Linken dung* der Idealisten hat einen hegelianischen einer Revolution kombinierten, die die Un-
in den Sechzigerjahren miteinander verwo- Einschlag, insofern ihre Reise eine Art Aufhe- moral des liberalen, bürgerlichen Kapitalis-
ben (viele von ihnen haben wir schon in Ber- bung* ist, bei der sie, während sie auf eine hö- mus abschaffen sollte. Warum soll man sie
mans Buch A Tale of two Utopias1 getroffen), here Stufe steigen, an ihrer ursprünglichen »Idealisten« nennen? Sie hatten einen Glau-
um über die Odyssee von Joschka Fischer Eingebung festhalten, dass es notwendig ist, ben, der eine gerade Line vom Widerstand
nachzudenken, einem Hochschul-Aussteiger »Widerstand zu leisten« gegen das, was sie zur Revolution zog und der keine Zeit zum
und Straßenkämpfer, der zu Deutschlands Au- einst als Faschismus fürchteten und nun – Nachdenken, keinen Raum für Kompromisse
ßenminister und seinem beliebtesten Politiker nach einem Flirt mit ihrer eigenen Version und keinen Platz für störende Realitäten ließ.
wurde. Aber der gewalttätige Terrorismus, der Taktiken des Terrorismus – als »Totalita- Es ist keine Überraschung, dass einige von ih-
der Le Monde dazu veranlasste, die berühmte rismus« erkannt haben. nen von der gebieterischen Logik angezogen
Schlagzeile »Wir alle sind Amerikaner« zu Die Generationengeschichte ist wichtig, wurden, die Politik mit Krieg gleichsetzte,
bringen, hatte die paradoxe Wirkung, den Auf- weil sie den Hintergrund beschreibt, in dem und mühelos vom Wort zur Tat überging. Die
schwung der Moralität der Macht zunächst zu die »Linke« herumtappt, um eine Antwort auf Mehrheit ihrer Kameraden fand es schwierig,
fördern und dann zu zerstören. Links und die eiskalte Entführung des »Wertethemas« nicht stillschweigend mit ihnen zu sympathi-
rechts stimmten in dem überein, was für ei- zu finden, das die Bush-Administration ihren sieren oder gar aktiv zu erklären (wegzuerklä-
nen Moment wie eine gemeinsame Sache aus- rechten Verbündeten eingepaukt zu haben ren), was sie nicht für ungerechtfertige Exzes-
sah. Aber Moralität ist für die Rechte die An- scheint. Wie in seinen früheren Arbeiten un- se halten konnten. Diese wurden als bloße
erkennung, die das Laster der Tugend zollen terstreicht Berman die Erfahrung, die die Unfälle verleugnet, während der revolutionä-
muss; und viele Linke waren durch ihre neue neuen Linken im Osten und im Westen glei- re Kern bestehen blieb. So wie ihre antifa-
Legitimität allzu selbstbefriedigt um zu be- chermaßen machen mussten, als ob die Un- schistischen Eltern Stalins Übergriffe als Er-
merken, dass sie hereingelegt wurden. Ber- terstützung von Bushs Irak-Politik durch schütterungen auf dem steinigen Weg zum
man ist gerade aus diesem Grund kritisiert Václav Havel und Adam Michnik zusätzliche wahren Kommunismus oder (nach 1956) als
worden – und in gewisser Weise ist sein Buch Legitimität gebracht hätte. Im Westen trägt Entgleisungen aufgrund des Personenkults
ein Trost für die Feinde der Renegatengestalt André Glucksmann das intellektuelle Gewicht entschuldigten, so waren die Widerstands-
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des 21. Jahrhunderts, des »liberalen Falken«. dieses Arguments, indem er urbi et orbi sein kämpfer der neuen Generation Gefangene ih-
Aber das Buch auf seine »These« zu redu- so genanntes »elftes Gebot« verteidigt, das da rer eigenen Ideale (mehr als ihrer Ideologie).
zieren, bedeutet, einer Übung in politischem lautet, wir »tun kein Unrecht«, und das in den Die Gleichsetzung von Antifaschismus
22 Denken Gewalt anzutun, die auch eine Auto- Imperativ übersetzt wird, jederzeit und überall und Antikapitalismus (oder von Faschismus
»IDEALISTEN AN DER MACHT«?

Die Vorstellung von den »Idealisten an der Macht« zehrt auch von der naiven Vorstellung, dass ein Joschka Fischer schon als Sponti und Taxifahrer wusste, dass er einmal
Außenminister werden würde. – 8. 2. 87, Landesversammlung der hessischen Grünen, einen Tag vor der Entlassung Fischers als Umweltminister. / Foto: M. Ackermann

und Kapitalismus) war intellektuell nie be- derbelebung ihrer alten Reflexe war: Sie hat- tät geschrieben? Oder für die Generäle? Ber-
friedigend; sie war eine politische Positions- ten ein Ersatz-Proletariat gefunden. Aber sie mans neues Buch entwickelt sein intuitives
bestimmung von großer Problematik. Wenn machten eine wichtigere Feststellung, näm- Verständnis der totalitären Bedrohung in
man ökonomische Herrschaft nicht mit poli- lich, dass ihr »Widerstand« einen ernsthaften dem Kapitel »Die muslimische Welt und die
tischer Herrschaft gleichsetzte, war es schwie- transnationalen Feind hatte, den »Totalitaris- amerikanische Linke«. Azar Nafisi, die Auto-
rig, sich nicht über das repressive Regime in mus«, der überdies Fleisch von ihrem Fleisch rin von Lolita lesen in Teheran war eine irani-
der Sowjetunion und in ihren Satellitenstaa- war. Die Gewissheiten des historischen Mate- sche Linke, die Literaturwissenschaft an der
ten zu wundern. Und wenn man zu diesem rialismus konnten einen erdrückenden pater- Universität von Oklahoma studierte. Als sie
kritischen Urteil kam, konnte der Glaube im- nalistischen Dogmatismus rechtfertigen, der eine Dissertation über Mike Gold – den kom-
mer noch durch Maos verführerische »Kul- nicht bereit war, Differenzen zu tolerieren. munistischen Lohnschreiber, der als Verfas-
turrevolution« und durch die lateinamerika- Deshalb wurde die Lektion nur widerwillig ser von Juden ohne Geld (dt. 1950) berühmt
nischen Davids, die es mit dem nordamerika- akzeptiert; die vorhandenen kapitalistischen wurde – schrieb, war sie eine Maoistin, der
nischen Goliath aufnahmen, genährt werden. Mächte hatten ihre Feinde nicht als kommu- die Lobpreisung Stalins »verlockend unver-
Bermans Geschichten sind reichhaltig und nistisch definiert (was als wünschenswertes schämt« erschien. Als sie ihre Dissertation
tiefgründig; und sie klingen zumindest für Ziel empfunden werden mochte), sondern beendet hatte, ging sie in Khomeinis Iran, wo
diesen Leser hier – der alt genug ist, um dabei durch den geringschätzigen -ismus. Um anzu- die Realität der Revolution die Irrealität ihrer
gewesen zu sein – wahr. Er begibt sich hypo- greifen, musste man anscheinend die Defini- jugendlichen Scharaden zeigte. »Unterschied-
thetisch in die Köpfe der Idealisten, mit vielen tion der intellektuellen Kettenhunde ihres al- liche Mythologie, derselbe Geist«, fasst Ber-
»möglicherweise« und mit vielen nachdenk- ten Feindes akzeptieren. Während die Politik- man zusammen; akademisch ausgedrückt, es
lichen Rückschlüssen, die bestimmten Ent- wissenschafter ihre Checklisten mit Kriterien ist ein »reaktionärer Modernismus«, nach
scheidungen, die im Rückblick schwachsinnig zur Bestätigung dieser Diagnose hatten, kamen Reinheit zu suchen. Von hier ist es nur ein
erscheinen mögen, doch eine Art Sinn geben. Bermans Helden letzten Endes dazu, »durch kleiner Schritt zum »islamischen Faschis-
Die Franzosen waren, zweifellos weil sie Riechen und Fühlen zu urteilen«, um ihren mus«. Aber das irakische Regime war welt-
die am meisten dogmatischen (und am we- Widerstandsgeist zu wecken. Woher kommt lich, und deshalb muss der Schritt bestätigt
nigsten theoretischen) waren, die Ersten, die diese Sensibilität? Das Buch liefert keine Re- werden, weshalb eine zweite Gestalt einge-
der Realität zum Opfer fielen; sie erlitten den zepte; es beschreibt nur, wie seine Helden sich führt wird: Kanan Makiya, der seine eigene
»Solschenizyn-Schock«, um eine kanonische der allgegenwärtigen Bedrohung bewusst wur- westliche Odyssee durchmachte – Trotzkis-
Formulierung der so genannten Neuen Philo- den, aber es ist nicht erstaunlich, dass der Ro- mus und die Unterstützung einer kleinen pa-
sophen zu benutzen.2 Aber bei den Franzosen manautor intuitiv erfasst, was der Politikwis- lästinensischen Avantgarde-Fraktion –, be-
führte die Negation ihres alten Glaubens nicht senschaftler erst post festum beschreiben kann. vor er (unter dem Pseudonym Samir al-Kha-
zur Verzweiflung; diese Negation wurde bald lil) Republic of Fear schrieb. »Unterschiedli-

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negiert, als sie den Widerstand der osteuro- error and Liberalism wurde kritisiert, weil che Mythologien, ähnliche Impulse«, lautet
päischen 68er zu schätzen lernten, die die Zi- es die islamischen Radikalen nicht richtig Bermans Schlussfolgerung; die Islamisten im
vilgesellschaft gegen den Staat wandten. Sie verstanden habe. Das mag schon sein, aber Irak schaffen »einen frommen Selbstmord-
bemerkten nicht, dass diese Option eine Wie- haben Dostojewski oder Zola für die Universi- kult; und die Baathisten im Irak einen natio- 23
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nalistischen Kult der Grausamkeit«. In der fende Verantwortlichkeiten und ein erhöhtes inspiriert; sie lernt aus der Erfahrung,7 und
Zwischenzeit finden die gutgläubigen Idealis- Rechtsbewusstsein sind eine Errungenschaft, genau das will Berman tun. Im vorliegenden
ten Entschuldigungen für sie, während sie auf die die 68er stolz sein können; aber sie Fall steht die Verteidigung der Menschen-
den Boten kritisieren, der daran Zweifel hegt. machen keine politische Bewegung aus. rechte im Kontext des Widerstands gegen den
Hier kommt der »liberale Falke« ins Bild. Obwohl die Franzosen und die Deutschen Totalitarismus, der zuvor gelernt wurde, und
Obwohl die Irakinvasion daneben ging, und (um die Geschichte zu vereinfachen) gewis- nur hier macht sie Sinn.
noch mehr seitdem sein Buch abgeschlossen sermaßen auf verschiedenen Wegen zu ihrem Die neue radikale Politik, die lernte, mit der
war, meint Berman, dass »[ein] bisschen di- Antitotalitarismus kamen, teilten sie einige Macht umzugehen, hatte ihren Höhepunkt in
plomatisches Geschick sogar eine allen ge- Einsichten, die grundlegend für Bermans Ar- den Neunzigerjahren, als humanitäreNotwen-
meinsame unterschiedliche politische Land- gument sind. Der Prozess, der mit Solscheni- digkeiten ein größeres Gewicht als die alten
schaft hätte schaffen können«. Wie das? In- zyns Kritik am Gulag begann (und vielleicht institutionellen Zwänge hatten; die Globali-
dem er einräumt, dass er möglicherweise »die noch mehr durch die Dummheit der orthodo- sierung der Menschenrechte geriet in Konflikt
Bedeutung von Gesprächen überbewertet« xen Antworten darauf), führte die Franzosen mit dem Finanzkapital, und das cuius regio,
habe, findet Berman im Post-WMD3 -Bush ei- dazu, die Bedeutung jener Menschenrechte eius religio aus dem Westfälischen Frieden
nen »Wilsonismus«, der »ungehobelt, naiv anzuerkennen, die die Marxisten als formale wurde in den Mülleimer der Geschichte ge-
und parteilich ist und der kaum von den här- bürgerliche Freiheiten kritisiert hatten. Rech- worfen. Was Bernard Kouchner und Ärzte ohne
testen Kriegern in seiner Administration ge- te sind nicht privat, sie sind politisch. Ein Grenzen 1967 im Biafra-Krieg ausgelöst hat-
teilt wird«. Ich denke, seine Selbstzweifel in Sinnbild für den neuen Geist war der gemein- ten, setzte sich langsam, aber sicher durch.
dieser Hinsicht sind richtig; aber ich lese Ber- same Besuch von Sartre, Aron und Glucks- Vielleicht sind die Leitlinien einer neuen inter-
man nicht wegen seiner »Positionen«. Power mann im Elysée-Palast, um Hilfe für die viet- nationalen Rechtsprechung ein Ergebnis der
and the Idealists ist keine politische Abhand- namesischen »boat people« zu fordern. Mit Arbeit dieser »Generation« – und vielleicht ist
lung. Berman ist ein politischer Denker, der dem Auftauchen von Widerstand in Osteuro- der Widerstand der Bush-Anhänger gegen
sein eigenes Haus aufräumen möchte – das pa kurz danach bekam der »Liberalismus« ein den Internationalen Gerichtshof vergeblich?
auch unser Haus ist! radikaleres Antlitz, da er zu einer Verteidi- Das wäre schon an sich eine Errungenschaft;
gung der Zivilgesellschaft durch den Staat aber durch die Betonung von Rechten wird

E in Autor bringt sich selbst durch seine


Protagonisten zum Ausdruck (und, wohl-
gemerkt, auch durch diejenigen, die er aus-
wurde. Die Deutschen kamen auf einem ande-
ren Weg zu einer ähnlichen Schlussfolgerung.
Ihre Ablehnung des doktrinären »Revolutio-
die grundlegendere politische Frage nach der
Art der gesellschaftlichen und institutionellen
Beziehungen, die den Schutz dieser Rechte ge-
schließt). In diesem Fall lässt Berman seine närs« wurde von der »Roten Armee Fraktion« währleisten können, vernachlässigt.
eigenen Sorgen durch Bernard Kouchner4 zum gepredigt, deren Anhänger in ein existenziel- Fortschritt ist nicht einfach und ist nie ein-
Ausdruck bringen: »Amerika ist es in seiner les Dilemma gerieten, als sie sahen, wie ihre fach gewesen! Schon vor langer Zeit hat Aris-
ungeschickten Art gerade gelungen, die übels- militanten Freunde den antizionistischen toteles darauf hingewiesen, dass Ethik und
te Tyrannei der modernen Zeit zu stürzen, Terrorismus unterstützten, darunter auch Politik – der gute Mensch und der gute Bürger
und die Intellektuellen auf der ganzen Welt das Massaker an den israelischen Sportlern – nicht immer identisch sind. In der moder-
zittern virtuell vor Aufregung, dass so etwas bei den Olympischen Spielen in München. 5 nen Welt wird »Widerstand« nur dann zu ei-
stattfinden konnte.« Berman braucht nicht Indem auch sie sich der Zivilgesellschaft zu- ner politischen Kraft, wenn er auf eine totali-
direkt zu antworten. Sein Text führt uns zu wandten, entschieden sie sich für die Beteili- täre Macht stößt; ansonsten ist er bloß
der Frage: War Fischer unter ihnen? Hat der gung an der Politik und gründeten die Partei schlichter alter Liberalismus – eine gute Sa-
Diplomat Fischer den antitotalitären politi- der Grünen, in der Fischer (und Cohn-Bendit) che, gewiss, aber nicht der eigentliche Be-
schen Lernprozess vergessen, der ihn an die zu führenden Gestalten wurden. reich, in dem die Linke wachsen und sich
Macht gebracht hat? Offensichtlich. Die ver- Diese vergleichende und vergleichbare Ge- selbst neu definieren kann. Eine der Lektio-
räterischen Zeichen tauchen in Bermans eng schichte (die Berman mit dem Fingerspitzen- nen, die Bermans »Idealisten« dazu brachte,
bei der Sache bleibenden Untersuchung der gefühl eines Insiders präsentiert) erklärt, wa- die Notwendigkeit einer Überprüfung ihrer
geopolitischen Logik auf, auf die Fischer sich rum der Antitotalitarismus zu einer Kraft politischen Anschauungen anzuerkennen, war
in seinen Reden berufen hat und in denen er wurde, die ihre Übersetzung auf der linken das Scheitern der Linksradikalen, Gewalt an-
anscheinend nie die totalitäre Natur von Sad- Seite des politischen Spektrums 6 als Forde- zuwenden, um das Establishment dazu zu
dams Regime betonte. Und anstatt auf dem rung von Menschenrechten und die Schaf- zwingen, sein »totalitäres« oder »faschisti-
Nichtvorhandensein von Massenvernichtungs- fung von Bewegungen als Unterstützung von sches« Wesen zu enthüllen. Die Schlussfolge-
waffen nach dem Einmarsch herumzureiten, Menschenrechten gefunden hat. Dies war rung, die aber nur manchmal gezogen wurde,
hebt Berman hervor, was Fischer hätte her- schwer zu akzeptieren für eine Linke, die mit lautet, dassDemokratie der rote Faden des lin-
vorheben sollen: Der Irak war »mit Srebrenicas der Idee aufgewachsen ist, dass »kritisches ken politischen Denkens sein muss.
übersät«, und »keine Massenvernichtungswaf- Denken« Entlarvung bedeutet – die Aufdeckung
fen« konnten nicht die Tatsache von »Mas-
senvernichtung [der Zivilgesellschaft]« verber-
der materiellen Interessen, die den idealis-
tischen Ansprüchen auf formale Rechte und B ermans Eloge des Widerstands rühmt
mal den Widerstand gegen die Diktatur,
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gen. Er nennt dies den »neuen Totalitarismus«, allem anderen zugrunde liegen. Es klang im- mal die Ablehnung des Totalitarismus – und
gegen den eine neue Neue Linke urbi et orbi mer noch nach dem, was in den angelsäch- der Unterschied macht den Unterschied aus.
Widerstand leisten muss. Aber wie, und mit sischen Ländern als »Liberalismus« bezeich- In beiden Fällen werden die Rechte verletzt
24 welchem Ziel? UN-Gerichte, grenzübergrei- net wird. Aber linke Politik ist nicht von Gott (sie können auch in Demokratien verletzt
»IDEALISTEN AN DER MACHT«?

werden). Aber die totalitäre Verleugnung in- jetreiches stichhaltig ist. Wenn Totalitarismus
dividueller Rechte ist wesentlich für das oberste eine Reaktion auf in einer Gesellschaft auftau-
– natürlich nicht eingestandene – Ziel des To- chende demokratische Energien ist, sollte seine
talitarismus, das darin besteht, allen Folge- Vernichtung es diesen jungen Pflanzen ermög-
wirkungen der Demokratie und insbesondere lichen, erneut zu blühen, und zwar selbst dann,
der Geltendmachung der Idee von Rechten ein wenn sie dem Kanonendonner ausgesetzt wa-
Ende zu machen. Dieses Ziel hatten sowohl die ren. Berman erinnert zu Recht daran, dass der
Stalinisten als auch die Nazis, beide sind als Irak in den Jahren vor Saddam eine kosmopo-
Reaktion auf den Zusammenbruch der alten, litische Mittelklasse hatte. Aber die Amerika-
hierarchischen gesellschaftlichen und politi- ner haben auf den Import von Exilanten ge-
schen Erwartungen entstanden. Aber das to- setzt, die, wie schon damals klar war, nicht die
talitäre Projekt kann niemals vollständig Er-
folg haben; falls doch, würde es die Energie
Art von Widerstandskämpfern waren, deren
Geschichte Power and the Idealists erzählt. HBS-
der Gesellschaft abwürgen und seine eigenen Das Recht, sich zu irren, ist die Grundlage
Erneuerungsfähigkeiten vernichten. Dennoch
bleibt die Versuchung des Totalitarismus auch
jeder politischen Demokratie. Aber dieses
Recht erstreckt sich nicht auf die Moralität,
Anzeige
in den vorhandenen Demokratien präsent, die wie Berman sicherlich zustimmen würde. Ber-
es oft schwer finden, mit den Dämonen zu le- man liegt moralisch nicht falsch; meine Ableh-
ben, die ihre eigenen Formen von Freiheit los- nung seiner politischen Schlussfolgerung in
lassen. Das erklärt, warum die Mehrheit derer, Bezug auf den Irak beruht auf einem politi-
die sich selbst »links« ansiedeln, Paul Ber- schen Argument. Es geht so weit, ganz einfach
mans politische »Position« nicht kritisieren zu sagen, dass Widerstand eine moralische
wird und warum sie, noch wichtiger, die Logik Entscheidung ist, die nicht direkt in politi-
der »Fantasiewelt der 68er-Internationale« sches Denken übersetzt werden kann. Poli-
nicht verstehen wird, deren politisches Den- tisch über die neuen Entscheidungen nachzu-
ken Berman zu rekonstruieren versucht. denken, die das 21. Jahrhundert notwendig
Aus dieser Sicht können wir die Positions- macht, bedeutet vor allem, die des 20. Jahr-
bestimmung des »liberalen Falken« verstehen hunderts zu verstehen. Bermans Rekonstruk-
und kritisieren. Falls Saddams Regime tat- tion ist ohne jeden Zweifel eine der wichtigs-
sächlich totalitär war – und Berman gibt viele ten, die je geschrieben wurde; jeder, der sich
Hinweise, die nahe legen, dass es so war, von ein klares Bild von den heutigen Problemen
der Geschichte der Gründung der Baath-Partei machen will, muss sie unbedingt lesen. Ich
bis zum Fedajin Saddam, der die Invasoren hoffe jedoch, gezeigt zu haben, dass es not-
beschimpfte, als sie auf Bagdad vorstießen –, wendig ist, in diesem Zusammenhang erneut
dann ist die (kritische!) Unterstützung Ameri- über eine grundlegende Zutat nachzudenken,
kas durch Kouchner, Berman und ihre Genos- und dass gerade deren Fehlen Bermans »Posi-
sen ebenso gerechtfertigt wie zum Beispiel die tion« zur Irakinvasion verzerrt hat. Demokra-
linke und liberale Unterstützung der Sowjet- tische Politik beruht auf einem politischen Ur-
union gegen Hitler. So weit, so gut. Aber es er- teil und nicht auf einem moralischen Willen,
geben sich weitere Fragen. Die nächste fragt, der immer nur auf sich selbst vertraut.
ob diese Analogie die Behauptung rechtfertigt, Aus dem Amerikanischen von Ronald Voullié.
dass der »islamische Faschismus« der neue * Mit einem Sternchen gekennzeichnete Ausdrücke stehen im
Original auf Deutsch (A. d. Ü.). – Der Autor bezieht sich auf
Feind ist? Und dann fragt sich, ob die Analogie die Originalausgabe: Paul Berman: Power and the Idealists:
zwischen den Nachwirkungen dieses islami- Or, The Passion of Joschka Fischer, and Its Aftermath (Brooklyn:
schen Totalitarismus und dem Sturz des Sow- Soft Skull Press, 2005).

1 Paul Berman:A Tale of Two Utopias: The Political Journey of the Ge- UN-Chef im Kosovo. Er unterstützte die amerikanische Irak-Inter-
neration of 1968, New York 1996 (W. W. Norton & Comp.) vention, die vom deutschen Außenminister abgelehnt wurde. – In
2 Berman geht allzu wohlwollend mit diesem kurzlebigen und von einem Kapitel mit dem Titel »Dr. Kouchner und Dr. Guevara« ein-
den Medien genährten Phänomen um. Er konzentriert sich auf den geführt, war der humanitäre Diplomat ein Kandidat für die Leitung
Interessantesten von ihnen, André Glucksmann, der zufällig gerade der UN-Delegation im Irak, wo viele seiner Helfer bei einem Bom-
eine Art Autobiografie veröffentlicht hat:Une rage d’enfant, Paris benanschlag im August 2003 ihr Leben verloren haben.
2006. Aber es wäre intellektuell interessanter gewesen – obwohl es die 5 Noch schlimmer war die Entführung einer Air France-Maschine
Erzähllinie seiner Geschichte unterbrochen hätte –, sich auf die Mo- nach Entebbe, bei der Deutschedie Trennung der jüdischen von den
natszeitschriftEsprit zu beziehen, die sich sehr früh mit der Arbeit nicht-jüdischen Passagieren befahlen – ein entsetzliches Echo der
von Claude Lefort und Cornelius Castoriades beschäftigt hat, und die Nazi-Vergangenheit.
maßgeblich daran beteiligt war, die osteuropäischen Dissidenten mit 6 Ich brauche wohl kaum zu betonen, dass dies nicht die Mehrheit de -
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ihren westlichen Kollegen zusammenzubringen. Berman weist auf rer ist, die sich selbst als Linke betrachten. Was aber meiner Meinung
ihre Arbeit in der »arabischen Szene« hin und belässt es dabei. nach hervorgehoben werden muss, ist, dass diese Tendenz die kreati-
3 WMD – Massenvernichtungswaffen. (A. d. Ü.) ve Tendenz innerhalb der Linken darstellt, also derer, die nicht die
4 Bernard Kouchner, französischer 68er, gründete Ärzte ohne Gren- Antwort wissen, aber die Fragen stellen, auf die es ankommt.
zen. Er war dann Minister für Humanitäre Angelegenheiten in der 7 Siehe Marx’ bissige Bemerkungen über den Unterschied zwischen
sozialistischen Regierung Frankreichs und diente später als bürgerlichen und proletarischen Revolutionen inDer 18. Brumaire! 25