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Gregor MAURACH, Methoden der Latinistik.

Ein Lehrbuch zum Selbstunter-


richt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998. XII + 194 Seiten.

Nach den ÒLateinischen StilŸbungenÓ (Darmstadt 1997; vgl. die Rezension


von R. Heine in dieser Zeitschrift Bd. 1, 1998, 1020-34) legt Maurach (M.) nun
ein zweites ÒLehrbuch zum SelbstunterrichtÓ vor, in dem er zeigen will, Òwie
manÕs machtÓ (IX). Mit ÒÕsÓ ist so etwas wie der ÔrichtigeÕ Umgang mit
(antiken) lateinischen Texten gemeint; der Leser soll lernen, Òdas, was ihm
beim Lesen auffŠllt, abzusichernÓ (ebd.). Damit verfolgt M. ein anderes Ziel
als die ebenfalls kŸrzlich erschienene ÒEinfŸhrung in das Studium der Lati-
nistikÓ von P. Riemer, M. Wei§enberger und B. Zimmermann (C.H. Beck,
MŸnchen 1998), die ausdrŸcklich den etwas in die Jahre gekommenen ÔJŠgerÕ
(G. JŠger, EinfŸhrung in die Klassische Philologie. MŸnchen 1975, 31990) er-
setzen will; M. dagegen versichert: Òein solches Lehrwerk hat es noch nie vor-
her gegebenÓ (IX), und das kann man nur bestŠtigen.

Vorab eine Klarstellung: Es geht dem Rez. nicht darum, Einzelheiten zu be-
kritteln, Kommata und Akzente zu zŠhlen oder Stellenangaben nachzuprŸ-
fen; es geht auch nicht um die Frage, ob diese oder jene Interpretation plausi-
bel, diese oder jene Literaturangabe sinnvoll ist, sondern nur darum, ob das
Buch als methodische EinfŸhrung in die Latinistik taugt: Viele Studierende
werden es in gutem Glauben zum Selbstunterricht nutzen wollen, und die
Lehrenden mŸssen wissen, ob sie es empfehlen kšnnen. Dabei steht au§er
Frage, da§ das Werk durchaus gelehrt, oft auch sehr lehrreich ist und der
Autor die besten Absichten hatte Ð doch das allein dŸrfte noch nicht ausrei-
chen, ein solches Unternehmen zu rechtfertigen.

Nach einer Einleitung in Form einer ÒVorlesungÓ (1-8) finden sich vier
Hauptteile: ÒVorŸbungenÓ (9-45), ÒEinzelne GrundkapitelÓ (47-96), ÒInter-
pretation Ð Gelingen und VerfehlenÓ (97-115) sowie Ò†bungen zum Kom-
mentieren und InterpretierenÓ (117-134); den Abschlu§ bildet ÒEine kleine
ÔSchule des FragensÕÓ (135-159). Nach dem Abschlu§ folgen noch die ÒAnt-
wortenÓ (161-190) auf 91 Fragen, die sich durch den bisherigen Text zogen,
und ein knapper ÒIndex der wichtigeren BegriffeÓ (191-194). Ein Verzeichnis
der zitierten Originaltexte fehlt, das Literaturverzeichnis (XI-XII) ist recht
dŸrftig (21 Titel, darunter mehr als die HŠlfte Lexika, MetrikhandbŸcher und
Grammatiken).

Die einleitende Vorlesung scheint die Nachschrift einer wirklich gehaltenen


Vorlesung zu sein, ohne da§ man darŸber wie auch Ÿber die Adressaten NŠ-
heres erfŸhre; jedenfalls ist der mŸndliche, ja umgangssprachliche Ton hier

Gšttinger Forum fŸr Altertumswissenschaft 2 (1999) 1071-1076


http://www.gfa.d-r.de/2-99/glei.pdf
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wie Ÿbrigens in dem gesamten Buch beibehalten: ÒDas ist die Frage ja auch
des Kunstkritikers zum Beispiel.Ó (1). Es handelt sich bei den ÒMethoden der
LatinistikÓ offenbar um eine akroamatische Schrift Ð eine Gattung, die heut-
zutage selten, aber natŸrlich nicht schon darum unzulŠssig ist: Der lebendige,
mŸndliche Unterricht verschriftlicht und verewigt Ð das bietet ja auch eine
Chance.

Es beginnt dann auch recht vielversprechend: M. legt seinem (offenbar stu-


dentischen) Publikum, von dem allerdings bereits detaillierte Metrikkennt-
nisse erwartet werden, eine ÒInschriftÓ vor:

Quidtudiscruciasteanimimealu É
revocasqueusperoravolo et
tumulatusvirum.

Sprachliche und metrische Analyse fŸhrt nach und nach zu folgender Rekon-
struktion:

Quid tu discrucias te animi, mea lu<x>, revocasque?


us<que> per ora volo et tumulatuÕ virum.

Der Autor wird als selbstbewu§ter (Ennius-Reminiszenz) ÒVerehrer CatullsÓ


beschrieben, Òdessen metrische und prosodische Eigenarten er nachzuahmen
scheintÓ (5), woran sich Fragen nach dem Grad der Sicherheit philologischer
Erkenntnis anschlie§en. Dies mŸndet in das folgende Òoberste Gebot aller Li-
teraturerklŠrungÓ (6), das dem verdutzten Leser in Fettdruck sowie in einem
grau unterlegten KŠstchen eingeschŠrft wird: ÒDiene dem Text in uneigen-
nŸtziger Liebe.Ó (ebd.). Weiterhin warnt M., wiederum graphisch abgesetzt,
der Philologe mŸsse Òjegliche ModernitŠt (z.B. heutige Soziologie) [sic!], jegli-
che SubjektivitŠt (ÔMich erinnert das an ÉÕ)Ó vermeiden. SpŠtestens hier wird
klar, da§ wir es nicht mit einer konsequent wissenschaftlichen Methodik zu
tun haben, sondern Ð ja womit eigentlich? Mit einem Sammelsurium von teils
sicher nŸtzlichen, teils stark simplifizierenden, immer aber ziemlich pene-
trant belehrenden Anweisungen, die eben dem AnfŠnger zeigen sollen, Òwie
manÕs machtÓ. Doch halt, unsere Inschrift war zwischenzeitlich in Verges-
senheit geraten: Zum Schlu§ der Vorlesung rechnet M. den frustrierten Zuhš-
rern vor, da§ sie einer plumpen FŠlschung aufgesessen sind: ÒUnser Stotter-
vers É ahmt also vor-vergilischen Usus zwar auch in der Formung der 5.
Hebung nach (Monosyllabon), aber mit Wortende nach der 3., 4. und auch 5.
Hebung zusammen ist er so scheu§lich wie mšglich.Ó (7-8). Was sollte also
das Ganze? Ist diese Vorlesung geeignet, die uneigennŸtzige Liebe zum Text
zu wecken? ÒÉ und vielleicht geschieht es Ihnen, da§ Sie das Schšne ergreift
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in unverge§licher Weise?Ó (8) Ð ist das Ironie? Ich fŸrchte nicht, vielmehr
kommt einem sogleich das horazische fiet Aristarchus (AP 450) in den Sinn
(nach M. freilich eine unzulŠssige Assoziation: vgl. S. 101).

Die ÒVorŸbungenÓ bringen zunŠchst eine ÒVorschule des AufmerkensÓ, dann


ÒVier Texte zur EinfŸhrungÓ. In der Vorschule soll einem Òetwas auffallenÓ
(11), und zwar an einem Caesar-Fragment (der Leichenrede auf seine Tante
Iulia) aus dem Jahre 68 v.Chr., an einem griechischen Vasenbild (rotfiguriger
Krater, 490/80 v.Chr., mit Zeichnung des Myson: Streit zwischen Herakles
und Apollon um den Dreifu§ von Delphi) sowie an einem ÒHoraz-VersÓ
(gemeint ist c. 2,10). An der Rede des jungen Caesar rŸhmt M. Òdiese zurŸck-
haltende Strenge, diese lapidare Schlichtheit in der Wortverwendung und zu-
gleich die lapidare MonumentalitŠtÓ (13), die auf den Stil der Commentarii
vorausweise. Belesenen Philologen mag das auffallen Ð Studierende pflegen
fŸr die sprachlichen Schšnheiten des Helvetierkrieges wenig empfŠnglich zu
sein. Vielleicht gelingt es bei dem Vasenbild besser: ÒAufgabe: Betrachten Sie
dieses Bild lange, mindestens eine Viertelstunde lang, und versuchen Sie, et-
was AuffŠlliges zu finden.Ó (13). Auch nach einstŸndigem BrŸten kŠme wohl
niemand auf die spitzfindige (und nicht unumstrittene) ÒLšsung: Apoll packt
nicht die drohende Keule, sondern berŸhrt sie nur leicht von unten.Ó (13).
Schlie§lich Horaz: Nach einer Ansammlung von Kommentarnotizen zur
aurea mediocritas schlie§lich die Frage: ÒDas Mittelma§ Ð gilt es fŸr Horaz all-
gemein? gilt es Ÿber Horaz hinaus immer?Ó (16). Mit der zweiten Frage geht
M. eindeutig Ÿber das, was philologische Wissenschaft fragen darf, hinaus Ð
und sicherheitshalber gibt er auch gleich die Antwort: ÒImmerhin: Was wŠre
z.B. aus der europŠischen Kultur geworden ohne die Gro§en, die Herrscher
oder die Patrizier, ohne das Streben, der Beste zu sein, im Krieg und in der
Pracht?Ó (16). Solche unwissenschaftlichen, unkritischen Urteile mag man
heute, zumal in einer EinfŸhrung fŸr Studierende, wirklich nicht mehr lesen.

Zu Beginn des nŠchsten Kapitels gibt M. folgende Anweisung: ÒLesen Sie


ganz, ganz langsam, damit Sie beim Lesen und Nachverfolgen zugleich auch
lernen.Ó (17). FŸr ein ÒMusterreferatÓ (hier am Beispiel von Cicero, Pro Mure-
na 60f.) empfiehlt M. fŸnf Arbeitsschritte: a) InhaltsŸbersicht, b) Textsiche-
rung (eineinhalb Seiten textkritische Fachsimpelei, die Studierende auch bei
ganz, ganz langsamem Lesen nicht verstehen werden), c) Sprachliche Beob-
achtung (v.a. semantische Einzelheiten, die in dem ÒMerksatz: Es ist immer in
beiden Lexika, OLD und LS, nachzusehenÓ [22] gipfeln), d) Form und Rhyth-
mus (AusfŸhrungen Ÿber Prosarhythmus und Klauseltechnik, selbst fŸr ge-
standene Philologen schwer verdaulich; wie gewšhnliche StudienanfŠnger,
die Kretiker fŸr Inselbewohner, Molosser fŸr Hunde und Hypodochmier fŸr
eingebildete Kranke halten, durch die Analyse von B1-B2-B3-Basen und C1-C2-
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C3-Klauseln die Òfundamentale ErkenntnisÓ gewinnen sollen, Òda§ É hier


Funktion É sich mit dem Streben nach Schšnheit verbindetÓ [26], bleibt M.s
Geheimnis), e) Interpretation (nur kurze Andeutung, spŠter ausfŸhrlicher). Ð
Im zweiten Beispiel (Caesar, BG 1,13,3-7) wird neben der Sprachbeobachtung
v.a. die Textkritik in den Vordergrund gestellt und am Schlu§ der ÒMerksatzÓ
formuliert (wieder im didaktisch wertvollen KŠstchen): ÒImmer erst einmal
das Ganze genau verstehen, bevor man Šndert!Ó (32). Es mag sein, da§ man
bisweilen zu AnfŠngern so redet, und auch der Rez. will sich davon nicht
freisprechen Ð aber mu§ man es darum auch drucken?

Nach Vorschule und VorŸbungen will nun der zweite Teil (ÒEinzelne Grund-
kapitelÓ) eine ÒausfŸhrliche MethodikÓ (49) geben, indem Ð in leichter Ab-
wandlung Ð die aus dem vorigen Teil bekannten Arbeitsschritte systematisch
behandelt werden. Der Textkritik (hier wieder ÒTextsicherungÓ genannt) sind
sieben Seiten gewidmet: Selbst wenn man den Maasschen Ma§stab an KŸrze
und PrŠgnanz anlegt, dŸrfte es sich hierbei kaum um eine ausfŸhrliche
Methodik handeln (vorbildlich etwa J. Delz, Textkritik und Editionstechnik,
in: F. Graf [Hrsg.], Einleitung in die lateinische Philologie. Stuttgart-Leipzig
1997, 51-73). Hinzu kommt, da§ die Textkritik fŸr die meisten Studierenden,
zumal im Grundstudium, als Arkandisziplin erscheint, deren Sinnhaftigkeit
oder gar Notwendigkeit angesichts vorhandener kritischer Ausgaben nicht
einsichtig ist. ErfahrungsgemŠ§ ist Textkritik abstrakt kaum vermittelbar
(schon gar nicht autodidaktisch), sondern nur in konkreter praktischer Arbeit
(Ôlearning by doingÕ) an unedierten (also am ehesten an mittel- und neulatei-
nischen) Texten. Ð Der nŠchste Abschnitt ÒSinnstŸtzende MetrikÓ bringt mehr
oder weniger einleuchtende Beispiele, thematisiert aber das leidige methodi-
sche Problem, da§ die Metrik zwar bisweilen den Sinn stŸtzt, mindestens
ebensooft aber nicht, gerade nicht und ist somit nur von geringem Wert.

Im dritten Abschnitt ÒSprachbeobachtungÓ gewinnt man verstŠrkt den Ein-


druck, Philologie bestehe v.a. im methodisch korrekten Auffinden von richti-
gen Antworten auf Fragen, die von einem allwissenden Lehrer gestellt wer-
den. Es wird zunŠchst nicht deutlich, wie dieser zu seinen Fragen kommt;
liest man aber ganz, ganz langsam noch einmal, stellt sich der Verdacht ein,
der klassische StilŸbungsunterricht solle auf die Latinistik insgesamt extra-
poliert werden. Symptomatisch ist die Ò†bungsfrageÓ in ¤ 53: ÒLesen Sie
Caesar BG 2,2 und analysieren Sie die Syntax von ¤ 5 (nennen Sie die entspre-
chende Seite in KŸhner-Stegmann und die [evtl.] parallelen Textstellen!).Ó
(60). Vollends verrŠterisch sind die Bemerkungen zum ÒStilÓ: ÒÉ wenn etwas
gutes Sprechen oder Schreiben kennzeichnet, dann ist es ÔStilÕ, Stil aber ist
immer Abweichung vom gewšhnlichen, ungewaschenen und unfrisierten
Gerede und Geschreibe; und deren mu§ es daher in guten, gepflegten Texten
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so viele wie Sand am Meer geben.Ó (ebd.). (Nebenbei: Soll dieser Absatz etwa
ein Beispiel fŸr Ôguten StilÕ sein?) Die Latinistik gewinnt so fast die QualitŠten
des parmenideischen Seins: Sie ist eine einzige, ewige, wohlgerundete Stil-
Ÿbung.

Auch der vierte Abschnitt ÒStruktur und BewegungÓ bringt keine ausfŸhrli-
che Methodik, sondern eine unŸbersichtliche FŸlle von Beispielen, Aufgaben,
Fragen und Antworten, die den Selbstlerner langsam zermŸrben dŸrften:
ÒWenn Sie dieses Schema [scil. eines Senecabriefes] ganz durchschaut haben,
vertiefen Sie sich in die Details und beantworten Sie die eigentliche Frage 57,
die aus folgenden Teilaufgaben besteht: [es folgen vier ihrerseits ziemlich
komplexe Teile].Ó (77). Oder in einer ÒAbschlu§ŸbungÓ zu Catull c. 27, Auf-
gabe c 5: ÒSchlagen Sie lymphae nach: Ist das eine gelŠufige Ausdrucksweise?
Welche ÔGedanken-FigurÕ liegt vor (wer redet schon das Wasser an)?Ó (85). Ð
Die weiter unten zu findende ÒLšsung A3Ó lautet: ÒLympha fŸr Wasser im
Plural zuerst bei Pacuvius in einer Tragšdie (Mitte 2. Jh. v. Chr.), frg. 244 Rib-
beck2; 266 Warmington (aus Gell. 2,26,13): also sehr gewŠhlt! Und dazu noch
persšnlich angeredet (Rubenbauer-Hofmann a.O. Nr. 28).Ó (86-87). Welcher
Chalkenteros ist hier als Leser intendiert?

Der fŸnfte und letzte Abschnitt dieses Kapitels ist dem ÒZitat in antiken Tex-
tenÓ gewidmet. Niemand wird nach dem Vorangehenden eine Auseinander-
setzung mit ÔIntertextualitŠtÕ oder anderen modernen Scheu§lichkeiten er-
warten, aber wie fragwŸrdig ist auch nach traditionellen Methoden M.s KŠst-
chen-ÒGrundsatz: Erkenne keinen Text als zitierend an, wenn nicht wšrtliche
oder wenigstens synonyme Entsprechungen vorliegen!Ó (93). Am Beispiel von
Catulls c. 51 (handelt es sich nicht eher um eine †bersetzung bzw. freie Bear-
beitung des berŸhmten Sappho-Gedichts als um ein ÔZitatÕ?) soll die
ÒBeobachtungsarbeitÓ illustriert werden; doch nach einer halben Seite bricht
der Text ab mit dem Hinweis: ÒGenaueres finden Sie in ¤ 102. Hier sollte
Ihnen lediglich gezeigt werden, wie problemerfŸllt ein solches Vergleichen ist;
zudem sollten Sie neugierig gemacht werden auf ¤ 102 ff.Ó (96). Der Rez. ge-
steht, da§ er nicht mehr neugierig auf 26 Paragraphen und ebensoviele Seiten
war.

Auch der dritte Teil ÒInterpretation Ð Gelingen und VerfehlenÓ lŠ§t Bšses ah-
nen. Die Hauptfehlerquellen beim Interpretieren, so M., seien ÒHinzutunÓ,
ÒFortlassenÓ und ÒVerkehrungenÓ, was jeweils mit zahlreichen Beispielen
illustriert wird. Vorab finden wir jedoch einen ÒKatalog der Bedingungen er-
folgreichen InterpretierensÓ (101); es sei nur der erste Teil (A) zitiert: ÒNichts
in den Text hineinlegen, z.B. a) eine moderne Ansicht, b) eigene Assoziationen
mit Antikem oder Modernem ohne deutlichste Hinweise im Text, c) €hnlich-
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keiten mit anderen Texten (au§er eindeutigen), d) Symbolismen.Ó (101). Man


kann nur instŠndig hoffen, da§ unsere Kollegen von den neuphilologischen
FŠchern diesen Katalog nicht zu Gesicht bekommen! Ð Wenigstens zwei Bei-
spiele seien genannt. Zum einen erfahren wir, da§ R. Reitzenstein und E.
Meyer bei ihrer Interpretation des divinus paene vir in Cic. rep. 1,45 Òden
Grundsatz aus ¤ 80 mi§achtetÓ haben, wonach Òman (A b) keine Assoziatio-
nen zu einem Text hinzutun darf, wenn der Text sie nicht erzwingtÓ (106).
Pech fŸr die beiden Gelehrten: Bei M. wŠren sie bereits durchs Proseminar
gefallen. Zum anderen ein Beispiel fŸr die Kategorie (C d) ÒVerkehrung ins
GegenteilÓ (101), woraus spŠter gar ÒVerkehrung des GeschmacksÓ (114)
wird: Es geht um das Verb incidere in Sen. Oed. 1051 (siste, ne in matrem inci-
das), das Òin einem recht neuen KommentarÓ (i.e. K. Tšchterle, Lucius
Annaeus Seneca, Oedipus: Kommentar, mit Einleitung, Text und †berset-
zung. Heidelberg 1994, 637) im sexuellen Sinn gedeutet wird. M. macht hier,
wie Ÿbrigens bei den meisten Beispielen fŸr sog. Fehlinterpretationen, keine
genaueren bibliographischen Angaben, was ja wohl methodisch indiskutabel
ist; auf das moralische NaserŸmpfen Ÿber den Òwiderliche(n) EinfallÓ (114)
folgt dann seine ÔWiderlegungÕ: ÒWir brauchen nicht Ÿber den Verfall der Sit-
ten, der Phantasie usw. zu lamentieren; es genŸgt, kŸhl festzustellen,
ÔunbelegtÕ É, um dieses Unkraut ausjŠten zu kšnnen.Ó (115). Ein Schlu§ ex
silentio (nach der Elle des StilŸbenden) genŸgt aber eben nicht, um eine Inter-
pretation methodisch einwandfrei auszuhebeln. Ð Den vierten Teil mit den
†bungen noch im einzelnen zu besprechen, dŸrfte sich inzwischen erŸbrigen.

Um ein Fazit zu ziehen: M.s ÒMethodenÓ bringen sicher viel NŸtzliches und
Richtiges, das in der tŠglichen Praxis der Lehre seinen Platz haben mag. In
Lehrbuchform (zumal fŸr das Selbststudium) gebracht, stellen sich jedoch
andere Anforderungen an Didaktik, Methodik, Konsequenz und nicht zuletzt
Diktion. Manchmal ist es sogar besser, seine Lehre ganz ungeschrieben zu
lassen.

Reinhold F. Glei
Seminar fŸr Klassische Philologie
Ruhr-UniversitŠt Bochum
DÐ44780 Bochum
e-mail: reinhold.f.glei@ruhr-uni-bochum.de