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Ernst Blochs poetische Sendung

Anmerkungen zu dem Buch »Spuren« von Hans Mayer

Spuren? Aber wovon? Und wo führen sie hin? Der Trapper


pflegt sich mit ihnen auszukennen, auch der Hilfs-Sheriff aus
1 dem Western, und Sherlock Holmes unterhält sich ausgiebig
mit Doktor Watson über jene kleinen Relikte und fast unschein-
baren Indizien, die schließlich zur Aufdeckung von Tat und
Täter führen. In allen Fällen kommt man mit Hilfe von »Ein-
drücken« einem Gesuchten auf die Spur. Spuren bedeuten daher
überall: Wegweiser. Das Ziel ist jedes Mal, um Brecht zu paro-
dieren, »deutlich sichtbar«; mit Hilfe der Spuren wird es auch
- anders als bei Brecht - erreichbar. Spuren bei Karl May und
Agatha Christie machen, mit Hilfe von Funden im Bekannten,
auch das vorerst noch Unbekannte zum bekannten Bereich. Es
sind Spuren in einer geschlossenen und berechenbaren Welt. Wo
in Geschichten von ihnen berichtet wird, entstehen geschlossene
literarische Formen.
Nun ist Ernst Bloch dies alles durchaus nicht unvertraut. Er
kennt sich aus bei den Trappern und Sheriffs und den Leuten
von Scotland Yard. Berief er sich nicht einmal, aus einschlägigem
Anlaß, auf »keine Geringere als Agatha Christie«? Dennoch
geht es nicht recht geheuer zu bei seinem Umgang mit den
genuinen Abenteuer- und Verbrechergeschichten. Bloch rüttelt
an der geschlossenen Form: er möchte das Woher und Wohin,
das durch Spielregeln gleichsam axiomatisch festgelegt wurde,
immer wieder in Frage stellen.
»Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an.« So beginnt auch
Ernst Blochs Betrachtung über die »Philosophische Ansicht des
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Ernst Bloch mit dem Titel >Sparern philosophisch von jeher
Detektivromans« (VerfremdungenI, Frankfurt 1962,Seite 3 7ÎÏ.).
einzukreisen suchte. An den feststehenden Gattungen des Detek-
Mit Detektivgeschichten fängt es auch hier an, die mit der
tivromans und des analytischen Schauspiels hatte er zwar einige
Leiche ins Haus zu fallen pflegen, aber dann geht es rückwärts
Mauereinbrüche erzielen können, ohne jedoch die geschlossene
zu E. T. A. Hoffmann und zu Sophokles. Die analytische Dra-
Form ganz sprengen zu können. Er hatte äußere Mauern durch
maturgie - vom >König Oedipus< bis zum >Zerbrochenen Krug<
Analyse niedergelegt, aber neue, festere Innenmauern richteten
und den meisten Ibsen-Dramen - ist gleichfalls auf den Nexus
sich vor ihm auf. Es blieb bei der geschlossenen Form.
des Suchens, der Spuren, des Findens abgestellt. Auch dort ist
Er mußte sich für sein Fragen und Erzählen eine eigene -
es von Anfang an nicht geheuer. Oder schlimmer: von Anfang
weit geöffnete - Form erst erschaffen. Das hat er getan. Darin
an geht es scheinbar nur allzu traulich und harmonisch zu in
vor allem sollte man, in der deutschen Literatur unseres Jahr-
Noras Puppenheim, in der Ehe des jugendlichen Königs von
hunderts, das wichtigste Merkmal von Ernst Blochs poetischer
Theben, in all jenen berühmten Familienfeiern von Ibsen bis
Sendung erblicken.
Eliot. Das allzu Geheure als das Nichtgeheure. Überall aber
Auch hier ging es, für Leser und Kritiker solcher ersten
endet die Analyse mit dem Aufdecken und dem Fund.
»Spuren« ohne Woher und Wohin, nicht ganz geheuer zu. Man
Allein der »Philosophischen Ansicht« stellt es sich doch noch
wußte nicht so recht, was da vorgelegt wurde: Philosophie oder
anders dar. »Item: Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an.
Literatur, Erzählung oder Deutung.
Forschend Aufdeckendes ist freilich nur das eine, es geht aufs
Es muß Mitte der Zwanziger Jahre gewesen sein, da las ich,
Woher. Forschend Heraufbildendes wäre das andere, es geht
damals noch Abiturient und dann sehr junges Semester, im
aufs Wohin. Ein Gewesenes Finden ist dort, ein Neues Schaffen
»Berliner Tageblatt«, das man bei uns zu Hause zu halten
hier der gespannte, oft nicht minder labyrinthische Vorgang.«
pflegte, gelegentlich etwas sonderbare Prosastücke eines ge-
Der Künstlerroman wird für Ernst Bloch zur dialektischen
wissen Ernst Bloch. Ich konnte nicht viel damit anfangen, wußte
Entsprechung des Detektivromans. Der Ungewißheit des An-
auch nicht so recht, was hier geboten werden sollte: spannende
fangs, dem man auf die Spur kommen muß, bei letzterem ent-
Erzählung war das offenbar nicht, trat jedoch ebensowenig in
spricht die bloße Virtualität eines erst zu Schaffenden im litera-
der Terminologie und mit dem Systemanspruch einer philoso-
rischen Bereich der Künstlergeschichte. Prometheus als das
phischen Abhandlung auf.
Gegenüber des Oedipus.
Mir muß es vor jenen kurzen Prosastücken Blochs nicht allein
Führt aber das unsichere Wohin schließlich - als Bericht oder
so gegangen sein, daß ich etwas ratlos an den Gebilden vorüber-
Geschichte - zum Kunstwerk, so wurde die Form dennoch wie-
ging. Im Gedächtnis bleibt, daß im gleichen »Berliner Tage-
der geschlossen. Auch hier kommt es schließlich zu einem
blatt«, kurz nach Erscheinen einer Glosse Ernst Blochs, Irgend-
Prozeßablauf: Suchen - Spuren gleich schöpferischer Virtualität
jemand protestierte mit der Behauptung, die von Bloch erzählte
- Finden gleich gestalten.
Geschichte sei zuerst - dort und dort - von ihm erzählt und ver-
Wie aber, wenn die analytische Technik vor ihrem Material
öffentlicht worden. Ich glaube mich auch zu erinnern, daß Ernst
versagt, weil von den Spuren platterdings nicht auf irgendein
Bloch etwas verwundert und belustigt antwortete. Etwa des
Woher geschlossen werden kann? Und wenn damit zugleich
Sinnes: es sei doch nicht seine Aufgabe, Geschichten zu erzählen;
auch alle Chancen wegfallen, zu irgendeinem Wohin zu gelan-
er habe - ganz richtig - jene Geschichte des Kollegen irgendwo
gen? Dann freilich ist man in jenem ureigensten Bereich, den
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die Einkleidung so gefällig und geistvoll wie möglich zu ent-
gelesen, und ihm sei einiges Bedenkenswerte und Verwunder-
werfen.
liche an ihr aufgefallen. Dies Denken aber und Wundem sei
Eben dies aber wird in der Gesamtanlage und den einzelnen
sein eigener geistiger Anteil an der Geschichte: die Fabel habe er
Stücken des Buches >Spuren< mitnichten angestrebt. Wo immer
genommen, wo er sie gerade fand. man hinliest: es fehlt am Lehrsatz wie der Einkleidung. Alles
Ob die Leser des »Berliner Tageblattes« von dieser Auskunft ist offen, Frage, Ungewißheit. Die Geschichten selbst sind
befriedigt waren, ist schwer zu ermessen. Die Redaktion war es Spuren, freilich, aber wohin führen sie? Und auch wieder ge-
offenbar nicht ganz, denn Bloch konzentrierte sich, wenn mir fragt: Spuren wovon? Der Denker Ernst Bloch ist gleichsam der
recht ist, publizistisch von nun an im wesentlichen, ebenso wie umgekehrte Voltaire. Die Geschichten des Huronen und des
sein Freund Walter Benjamin, auf die »Frankfurter Zeitung«. Candide waren für ihren Verfasser angewandte Aufklärungs-
Hinter allem aber stand das Unbehagen über literarische Ge- philosophie. Auch Ernst Bloch kennt seine Huronen, aber es
bilde, die sich so schwer einordnen ließen. sind nicht stilisierte Rokokowilde, sondern - nicht minder stili-
Soll man sagen, die Unsicherheit sei heute verschwunden? sierte - Reminiszenzen aus Karl May. Blochs Geschichten sind
Man zögert. Den Vielen (oft Allzuvielen), die sich mit dem selbst die Philosophie, statt sie paradigmatisch zu demonstrieren.
>Prinzip Hoffnung« auseinandersetzen, erscheint das Buch >Spu- Die Erzählform ist bereits der Inhalt. Mehr als ein Stutzen und
ren< gemeinhin immer noch als Nebenwerk eines Denkers, der Uberdenken ist jeweils der Geschichte nicht abzugewinnen.
darin zeige, daß er ein hinreißender Schriftsteller sei, was man Eben dies aber ist die Philosophie davon.
ohnehin an den philosophischen Büchern und Abhandlungen Trotzdem haben auch bei Bloch die >Spuren< mit Aufklärung
feststellen konnte. Ernst Bloch selbst scheint es anders zu ver- zu tun. Nicht nur mit heutiger Dialektik der Aufklärung, son-
stehen. Die >Spuren< gehören zum Gesamtbereich seines Den- dern sogar noch mit der geschichtlichen Aufklärung des 18. Jahr-
kens - und sind gleichzeitig sein Beitrag zur Literatur und Lite- hunderts. Allein man denkt nicht an Voltaire, sondern weit eher
ra turgeschichte. an Johann Peter Hebel. Daß dessen >Schatzkästlein des Rheini-
Wie aber: soll man von »philosophischen Erzählungen« spre- schen Hausfreunds< von jeher zu den Erzbüchern von Ernst
chen, die in der französischen Tradition, man denke an Voltaire, Bloch gehört hat (übrigens auch von Kafka), ist bekannt. Blochs
als feststehende Gattung anerkannt zu werden pflegen, wäh- Hebel ist ein anderer, wohl auch historisch richtigerer Hebel als
rend die deutschen Schriftsteller - was nun wieder mit der der stilisierte Hausfreund des Martin Heidegger. Doch gerade
philosophischen Entwicklung seit Kant zusammenhängt - die jene Prosastücke Hebels, die durchaus noch zur Aufklärungs-
Trennungslinie zwischen Philosophie und Literatur stets ängst- didaktik in einem sehr hohen Verstände gerechnet werden kön-
lich respektierten? Die Gattung des »conte philosophique«, nen, sind für Bloch weniger bedeutsam geworden als jene
ebenso beliebt in der französischen Aufklärung wie auch, mit Berichte des Hausfreunds aus dem Wiesental, die sich am Ende
etwas anderer Kontur, in der englischen Romantik, geht jedoch der Geschichte nur widerwillig oder überhaupt nicht zu irgend-
jeweils von einer Denkmaxime aus, die als epischer Bericht ver- einer »Moralité« bequemen wollen. Mit außerordentlichem
kündet werden soll. Eine hohe Form der Didaktik und Paradig- Gespür nahm Bloch an gewissen Hebel-Geschichten hinter der
matik wird angestrebt. Die Geschichte ist bare Einkleidung, scheinbaren Geschlossenheit und Vermauerung den Luftzug
wichtig bleibt allein die denkerische Demonstration: wobei frei- wahr, der durch geheime Ritzen drang. Eine Geschichte aber
lich dem Schriftsteller durch die Gattung nicht verboten wird,
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Tage bei ihnen zu verbringen, und sie blieben verbunden in der
gibt es bei Hebel, und es ist wohl die vollendetste, die sich keiner
Weise der Anbetung. Noch lange hörten sie auf den Fall des
Lehrhaftigkeit des Inhalts und keiner Geschlossenheit der Form
Wassers, den singenden Baum, die Sagen des sprechenden
anzubequemen vermochte. Man darf sie mit einigem Recht als
Vogels, bis auch zu ihnen der Tod kam und sie von allem irdi-
das auslösende literarische Erlebnis des philosophischen Erzäh- schen Trost wegnahm, zu der Fülle des Paradieses.«
lers Ernst Bloch betrachten. Dann aber nimmt der Denker Bloch den traditionellen Ab-
Es ist die Geschichte vom >Unverhofften Wiedersehens. Der schluß wieder zurück und läßt den Luftzug der Ungewißheit in
berühmte Bericht vom Bergwerk zu Falun, der stets von neuem, die Erzählkammer ein: »Aber ob die Sure des Lebenswassers
von Hoffmann bis Hofmannsthal, abgewandelt wurde, auf den oder die Rückkehr zum Vater erscheint: das alles ist doch nur
knapp drei Seiten Johann Peter Hebels jedoch als vollkommenes eine allegorisch schlichte, vornehm unzulängliche, abstandshaft
Gebilde erstand. Immer wieder umkreisen Erzählungen Ernst ehrliche Umkreisung des letzten, hier gesetzten Sinns; denn in
Blochs die Geschichte des wiedergefundenen, durch das Vitriol- der Tat sind doch die drei Schätze, der sprechende Vogel wie
wasser in voller Jugendkraft erhaltenen Jünglings und Bräuti- das goldene Wasser wie der singende Baum, alchymische
gams. Auch die unermeßliche Hoffnung der Schlußworte, die Symbole reinster Art. Folglich wären sie zur Bildung eines
so wenig mit religiöser Zuversicht zu tun haben, mußte es Bloch zweiten Lebens verpflichtet, eines wirklich ganz Andern und
antun: » > Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum Wunderbaren, wie es nicht nur aus dem Stein hervorholt und
zweiten Mal audi nicht behalten<, sagte sie, als sie fortging und zu einem irdischen Königssohn restituiert, sondern dazu gehal-
noch einmal umschaute.« ten ist, grade den Schatten des Wandels und den Tod an seinem
Mindestens an drei Stellen der >Spuren< stehen Erzählungen Ende zu überwinden.«
Ernst Blochs insgeheim im Bannkreis dieser Geschichte. Das
Abermals ein transformierter und zurückgenommener Hebel
Schlußwort der Braut bei Hebel wird bei Bloch zum »Motiv des
unter den »Motiven der Lockung«. Der Spielmann Lars ist
Scheidens«. Ein versunkenes Dorf namens Germelshausen, das
durch den Glockenton plötzlich beim Spielen auf der Wunder-
einmal im Jahr aus den Sümpfen wieder zu unheimlicher
geige im magischen Berg aufgestört worden. Es ist die Umkeh-
Lebensgier auftaucht und den jungen Maler fast bis über die
rung der Geschichte vom Dorf Germelshausen: hier taucht der
Geisterstunde hinaus verlockt. Das Erwachen am Morgen ist
verwunschene Spielmann wieder in die Ailtagswelt zurück, so
schmerzlich. Audi das Mädchen Gertrud versank mit dem ver-
wie es dem Tannhäuser Richard Wagners gelungen war, durch
wünschten Germelshausen. Bei Hebel endete die Geschichte als
Anrufung der Maria aus dem Venusberg in einem Augenblick
Wiedervereinigung durch den Tod. Bei Bloch steht das Schei-
wieder in die Thüringer Waldlandschaft zurückversetzt zu wer-
den am Abschluß, das sich als Grenzziehung zwischen verwun-
den. Aber auch dem Spielmann Lars, wie dem Sänger Tann-
schener und (scheinbar) unverwunschener Welt demonstriert.
häuser, werden Rückkehr und Entzauberung zum Verhängnis.
Die «Motive des weißen Zaubers« in den >Spuren< hängen
Der Erzähler Ernst Bloch läßt die Möglichkeiten offen: starb Lars
gleichfalls damit zusammen. Errettungsgeschichten — obenhin
schließlich an der Schwermut, oder führte ihn der Weg zurück
betrachtet. Das Vitriolwasser bei Hebel verwandelt sich in einer
in den Berg und damit zur Vollkommenheit des Musizierens?
orientalischen Geschichte Blochs ins goldene Wasser des Lebens.
Bloch sieht in der Geschichte ein Problem der »Melancholie und
Aber die Geschichte, die Bloch erzählt, endet - zunächst einmal
des chthonischen Zaubers, des leeren christlosen Grübelns nach
- in der Zuversicht: »Die Prinzessin bat die Heilige, ihre letzten
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als der wahrhaft Gerechte errettet, und warum war Jizchak
unten und innen, des heillosen Grabens nach einem Schatz, den Leib in der Hierarchie der Frommen und Gerechten dem
es in den Lockungen solch äußerer Tiefe gar nicht gibt«. Lockung tugendhaften Rabbi ebenbürtig? Bloch erzählt die beiden Ge-
ohne Erfüllung bei Lars, wie Scheiden ohne Wiedersehen in der schichten, deren Geheimnis gerade in ihrer Unauflösbarkeit
Geschichte vom Maler und dem Mädchen Gertrud aus dem liegt. »Bei den drei Greisen in der Tolstoischen Volkserzählung,
Dorf Germeishausen. Musikstücke ohne Auflösung und Schluß- die manches mit der chassidischen Geschichte gemein haben, und
akkord. Spuren. Aber Spuren wovon? die gleichfalls über Wasser wandeln, übers Meer zum Schiff, um
Der Bischof weiß es auch nicht, oder er will es nicht sagen. das Vaterunser zu erlernen, ist alles viel plakatierter, auch viel
Der Bischof nämlich aus der Schlußgeschichte der >Spuren< mit gekommener entschieden; >sie lächeln immer und strahlen wie
der Uberschrift >Der Berg<. Entnommen einem oberbayrischen die Engel des Himmelsc, sie erscheinen genau, wie man sich
Volksbuch. Ausgehend im Volksbuch und audi in Blochs Nach- Fromme denkt, auch stehen sie bereits bei Jesus. Aber im
erzählung von hoher Genauigkeit der Zeit und des Orts. Som- Inkognito Jizchak Leibs ist überhaupt nichts schlüsselfertig,
mer des Jahres 1738; ein Forst am Untersberg. Der Jäger heißt gleichsam; da ist vielleicht ein wirklicher Schlüssel und ein be-
Michael Hulzögger und gerät in den Untersberg, wird aber in stelltes Haus, doch er dreht sich nicht, öffnet die >Engelstürc
wunderbarer Rettung wieder in die Oberwelt zurückversetzt. nicht im geringsten, auch nicht halb; vielleicht eben, weil sie es
Dodi er bleibt stumm, wenn man ihn nach den Erlebnissen be- wirklich ist.«
fragt, und auch der Bischof verstummt, dem er sich in der Es bleibt unentschieden, ob durch die Rettung vor dem Blitz
Beichte anvertraut hatte. Was hatte der Jäger gesehen, was der und die wunderbare Fahrt über das schäumende Wasser die Li
Bischof von ihm erfahren? Ernst Bloch verzichtet hier auf Kom- und Leib nun in ihrer wahren Natur kenntlich gemacht wurden,
mentar und abwägende Erörterung. Auch dies war eine Spur oder ob gerade die Inkongruenz des Geschehens bewirkt, daß
gewesen: Ort, Zeit und Namen boten sich zur Deutung an. Zur diese Spuren in völlige Wirrnis führen.
Deutung wessen? Die Spur führte schließlich ins Verstummen, Es gibt in diesem Buch der Erzählungen und der Spuren ohne
ohne daß auch nur die Gefühlsschicht erkennbar geworden wäre Weg und Wegweiser abermals, wie in Blochs philosophischem
- Grauen oder Zuversicht, Trostlosigkeit oder Heiterkeit -, die Gesamtwerk, die Subjekt-Objekt-Relation. Das Motiv des
diesen Schweige-Entschluß zu begleiten hatte. »Heraustretens« wird gezeigt an Geschichten wie jenen des Li,
Ein zweites Grundmotiv des Buches >Spuren< hängt eng des Jizchak Leib, aber auch als Problem eines subjektiven Gei-
damit zusammen. Bloch gibt ihm - je nachdem - die Prägung stes, »der sich erst bildet«. So hat Ernst Bloch mitten in diesem
Veränderung zur Kenntlichkeit oder zur Unkenntlichkeit. Es Buch der Parabeln ohne Parabolik und der Spuren ohne Tat und
ist das große Thema der Verborgenheit dessen, was in einem later auf wenigen Seiten auch die Geschichte seiner eigenen
Menschen ist oder sein könnte. Der Möglichkeit in der Wirk- Jugend, eines höchst persönlichen Heraustretens, geschildert.
lichkeit. Aber auch einer verborgenen Wirklichkeit hinter einer Das Erwachen eines jungen Menschen zum Staunen, zur Be-
hüllenhaften Wirklichkeit. Der Bauer Li wird vor dem Blitz obachtung von Spuren, die nirgendwo hinführen, offensichtlich,
gerettet, denn er war der einzige Gerechte. Der Rabbi von Beiz und doch als Spuren vorhanden sind. So daß er beschloß, sol-
entdeckt das Inkognito des ungehobelten und wohl audi un- cherlei Spuren zu sammeln, mitzuteilen, zu deuten, so gut es
frommen Jizchak Leib, der immerhin auf seinem Kaftan das geht. Bloch nennt es den Blick durch das rote Fenster. Der aber
reißende Wasser zu überqueren vermag. Warum aber wird Li
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bedeutet: »Das heimliche Fenster machte also gegebenenfalls Demokratie und Sozialismus
weltfeindlich (grade weil es das >Leben< bejaht, aber unsres), es
Von Werner Maihofer
ist die Sammellinse für die utopischen Stoffe, aus denen die Erde
besteht. Private Sammlung war nirgends gemeint und wird
nicht fortgesetzt.«
Private Sammlung war nirgends gemeint und wird nicht fort-
gesetzt. Was heißen soll: die Bücher >Geist der Utopie< und
>Das Prinzip Hoffnung< sind nicht darauf aus, die Geschichte
der utopischen Stoffe um einen neuen zu vermehren. Erkannte
»Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialis-
Utopie läßt sich - eben als Utopie - nicht fortsetzen. Und die mus ohne Demokratie, das ist die Formel einer
Berichte von jenen Spuren, die durch Märchen oder Chronik Wechselwirkung, die über die Zukunft entscheidet.«
oder Lebensbericht von einzelnen zu uns gedrungen sind, müs- Ernst Bloch, Naturrecht und menschliche Würde

sen in ihrer offenen Form behalten und gehalten werden, sonst


hören sie auf, Spuren zu sein. In ihrer Gesamtheit aber ver-
weisen sie, womit sich auch dieses Buch Ernst Blochs dem Zwei Revolutionen prägen das geistige und politische Antlitz
Gesamtbereich seines Denkens einfügt, auf eine Heimat: als unserer Gegenwart, die französische Revolution von 1789 und
etwas, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch die russische Revolution von 1917.
niemand war«. Die geistige Bewegung und politische Veränderung des Ge-
sichtes unserer Welt, die von ihnen ausgeht, ist noch im vollen
Gange. Der öffentliche Entwurf auf die Bestimmung des Men-
schen: die Ideologie, aus dem diese beiden Umwälzungen aller
bisherigen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen jeweils
ihren entscheidenden Anstoß empfangen haben, ist nach beiden
Richtungen längst über die Welthälften hinausgedrungen, in
denen dieser Umsturz seinen Ausgang genommen hat. Beide
Revolutionen menschlichen Denkens und Handelns durchdrin-
gen sich in ihren Auswirkungen zunehmend und sind, gegen
allen vordergründigen Anschein, das eigentlich bewegende Prin-
zip der heutigen Auseinandersetzung zwischen Ost und West.
Um was handelt es sich bei diesen revolutionären Ideologien,
von deren gegenläufiger Tendenz alle Spannungen der Gegen-
wart ausgehen, und in deren immer stärkerer wechselseitiger
Befruchtung und Durchdringung die einzige Hoffnung der Zu-
kunft der Menschheit in der einen unteilbaren Welt liegen kann,
in der unser aller gemeinsames Schicksal sich vollziehen wird, -