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8. Jahrgang, Nr.

30, 4/99, ATS 80,–, DM 14,–, SF 12,–

Zeitschrift für Buddhismus

Zen-Buddhismus
ZEN
Gedankenfetzen zur Geschichte des

Hans hat schon eine Menge über Zen gelesen.


Nun besucht er sein erstes Meditationsseminar.
Was haben Dzogchen und Zen gemeinsam?
Ein Interview mit James Low
Genro Koudela – Zenlehrer in Österreich
„Sich in der Praxis vertiefen, üben, seinen eigenen Geist klarer zu machen.
Das ist der einzige Weg. Alles andere ist kosmetisch und nicht stichhaltig.“
Zen Praxis für Christen?
Mancher Buddhist hält Zen für eine ausschließliche Domäne des Buddhis-
mus; mancher Christ fürchtet Zen-Übende als Fremdkörper in der Kirche...
„Der Ton der einen Hand“ Bodhidharma
Ein von Hakuin geschaffenes Koan. Der Kaiser Wu von Liang

Gedankenfetzen zur Geschichte


Frank Zechner

N och ganz außer Puste nach seinen drei Niederwer-


fungen saß Hans in einem kleinen, spartanisch
eingerichteten Raum. Es war sein erstes Meditationssemi-
nar (jap.: sesshin) im buddhistischen Zen und seine erste
panische Lesart des chinesischen Schriftzeichens für chan.
Wobei Chan eine Verkürzung des Wortes chana ist, was
sich wiederum auf das indischen Wort dhyana bezieht,
welches die meditativen Vertiefungen beschreibt.
formale Begegnung mit einem richtigen Zen-Meister (jap.:
roshi). Ganze dreißig Zentimeter lagen zwischen ihm und Bodhidharma kommt nach China
diesem alten japanischen Roshi. Doch diese räumliche Vor Hans’ innerem Auge tauchte die berühmte Begeg-
Nähe konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihn nung zwischen dem chinesischen Kaiser Wu und Bodhi-
Welten von diesem Mann trennten. Plötzlich klatschte dharma auf. Kaiser Wu von Liang (Regierungszeit 502 –
der Alte mit beiden Händen und sagte: „Dies ist der Ton 549 n. Chr.) war einer der bekanntesten buddhistischen
zweier Hände.“ Nur eine Hand hochhaltend, fragte er: kaiserlichen Anhänger und Förderer. Er nahm selbst die
„Zeige mir den Ton einer Hand.“ Große fragende Augen buddhistischen Gelübde, baute viele Tempel und unter-
blickten den alten Meister an. Das wilde Läuten des Roshi stützte den Klerus.
signalisierte Hans, dass diese Begegnung beendet war. Obwohl die Geschichtlichkeit Bodhidharmas von eini-
Ganze zwei Minuten hatte sie gedauert. gen Forschern bezweifelt wird, betrachtet Zen ihn als den
Zurück in der Meditationshalle überstürzten sich die Gründer und ersten Patriarchen des Chan. Er wurde ver-
Gedanken in Hans’ Kopf: „Was war denn das? Der Ton ei- mutlich um das Jahr 440 n. Chr. in Südindien als Sohn
ner Hand? Lächerlich? Offensichtlich ist dies ein Koan eines Königs oder Brahmanen (Priester) geboren. Nach-
und ich soll dafür eine Lösung finden. Doch was soll ich dem ihn sein Lehrer Prajnadhara als 28. indischen Patriar-
auf so eine komische Frage antworten?“ chen bestätigte, begab er sich auf dem Seeweg nach
Unverdautes Gelesenes geisterte durch seinen Kopf. Südchina. Dort angekommen (520), entdeckte Bodhidhar-
Hans wusste, dass Zen als eine Schule des Buddhismus im ma, dass das Mahayana in China als dominante Religion
sechsten Jahrhundert in China entstanden ist. Schon der bereits etabliert war. Schon beim ersten Zusammentreffen
Name ist Programm und macht deutlich, dass Meditation mit Kaiser Wu zeigte Bodhidharma die ganze Essenz der
einen wesentlichen Aspekt im Zen darstellt: Zen ist die ja- Lehre.

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ZEN

des Zen-Buddhismus
DER KAISER FRAGTE BODHIDHARMA: „Welchen Verdienst Das Goldene Zeitalter des chinesischen Chan
habe ich dadurch erworben, dass ich seit meiner Thron- Hans hatte schon davon gelesen, dass die Blütezeit des
besteigung zahllose Tempel errichtete, Sutren abschrei- chinesischen Zen zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert
ben und Mönche weihen ließ?“ lag. Nach annähernd 300 Jahre wurde China unter der
BODHIDHARMA: „Gar keinen Verdienst.“ Herrschaft der Sui-Dynastie (581 – 618) wieder vereint.
KAISER: „Warum keinen Verdienst?“ Sowohl im Norden als auch im Süden hatte der Buddhis-
BODHIDHARMA: „All dies sind nur relative Verdienste, mus eine große Anhängerschaft. Er war für die Sui-Dyna-
welche eine angenehme Wiedergeburt als Mensch oder stie und die folgende Tang-Dynastie (618 – 907) ein aus-
als Deva im Himmel zur Folge haben. Sie folgen wie die gezeichnetes Instrument, die unterschiedlichen Kulturen
Schatten der Gestalt, doch sie berühren nicht die abso- des Nordens und des Südens miteinander zu verschmel-
lute Wirklichkeit.“ zen. Beide Dynastien machten es sich zur Aufgabe, den
KAISER: „Was ist wahrer Verdienst?“ Buddhismus durch großzügige Spenden und den Bau
BODHIDHARMA: „Es ist reine Einsicht, wunderbar und von Tempeln zu fördern.
vollkommen. Ihr Wesen ist Leere. Solchen Verdienst
kann man nicht durch weltliche Mittel erlangen.“ Huineng, der sechste Patriarch
KAISER: „Was ist der wichtigste Aspekt der absoluten Huineng (638 – 713 n. Chr.) gilt als der Vater des chine-
Wahrheit?“ sischen Chan, und seine Geschichte ist eine von Hans’
BODHIDHARMA: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Lieblingsgeschichten.
KAISER: „Wer ist es, der zu mir spricht?“ Eines Tages, als Huineng bei einem Kunden Holz ablie-
BODHIDHARMA: „Ich hab keine Ahnung?“1 ferte, hörte er einen Mann das Diamant-Sutra rezitieren.
Doch der Kaiser verstand nicht. Bodhidharma verließ Das einmalige Hören dieses Textes öffnete seinen Geist.
den Hof und zog sich mit seinen Schülern in das Kloster Als er den Mann fragte, woher er dieses Sutra kenne, ant-
Shaolin zurück. Dort praktizierte er neun Jahre lang un- wortete dieser, dass er es von Hongren, dem fünften Patri-
unterbrochen Meditation. archen des chinesischen Chan, gelehrt bekommen hätte.
In diesem Augenblick wurde Huineng klar, dass er eine

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GEDANKENFETZEN ZUR GESCHICHTE DES ZEN BUDDHISMUS

Huineng

karmische Verbindung mit dem fünften Patriarchen und Mazu, der Erfinder der buddhistischen Schocktherapie
seiner Lehre hatte. Sofort machte er sich auf, um Hong- Hans schreckte durch den Klang der Glocke aus seinen
ren zu treffen. Nachdem Huineng dem fünften Patriar- Gedanken auf. Während des meditativen Gehens (jap.:
chen seine Ehrerbietung erwies, arbeitete er für acht Mo- kinhin) gingen ihm die Nachfolger Huinengs durch den
nate in der Küche des Klosters, wo er Feuerholz spaltete Kopf. Da Huineng keinen eindeutigen Nachfolger er-
und die Reismühle trat. nannte, fächerte sich die Zen-Bewegung in viele unter-
Als der betagte fünfte Patriarch die Zeit gekommen sah, schiedlichen Linien auf. Die beiden bekanntesten Linien
seinen Nachfolger zu bestimmen, forderte er die Mönche waren die des Shitou (700 – 790), aus der sich später das
seines Klosters auf, ihre Zen-Erfahrung in einem Gedicht japanische Soto-Zen entwickelte, und die des Mazu (709 –
darzulegen. Nur Shenxiu, der als brillantester Schüler des 788), die hundert Jahre später Linji, den Begründer der ja-
fünften Patriarchen galt, schrieb ein solches Gedicht: panischen Rinzai-Tradition, hervorbrachte. Hans hatte da-
von gelesen, dass Mazu den dynamischen Zen-Stil des
Der Leib ist wie der Bodhi-Baum der Geist gleicht ei- sechsten Patriarchen vertrat.
nem klaren Spiegel. Wisch ihn immer wieder rein, lass Eines Tages, als er gerade Meditation praktizierte, fragte
keinen Staub sich darauf ansammeln! ihn sein Lehrer, Nanyue: „Was ist der Grund deines Medi-
tierens?“ „Ich möchte ein Buddha werden“, antwortete
Nachdem Huineng von diesem Gedicht gehört hatte, Mazu. Daraufhin nahm sein Lehrer einen Ziegelstein und
verfasste er folgende Zeilen: begann ihn zu polieren. Neugierig fragte Mazu: „Was tust
du da?“ „Ich poliere diesen Ziegel, um daraus einen Spie-
Im Grunde gibt es gar keinen Bodhi-Baum, noch gibt gel zu machen“, bekam er als Antwort. „Wie kannst du
es einen Spiegel. Ursprünglich gibt es kein einziges durch das Polieren eines Ziegelsteins daraus einen Spiegel
Ding – wo kann sich da Staub ansammeln? machen?“ erwiderte Mazu. „Und wie kannst du, indem
du meditierst, ein Buddha werden?“ war die Antwort von
Der fünfte Patriarch erkannte sofort die tiefe Realisie- Nanyue.3
rung Huinengs, die der Shenxius überlegen war. Er rief Mazu realisierte, dass er schon von Urbeginn Buddha-
Huineng, da er Shenxius Eifersucht fürchtete, noch Natur besaß. Um seine Schüler direkt auf ihre wahre Na-
während der Nacht zu sich und bestimmte ihn zu seinem tur hinzuweisen, benutzte Mazu als einer der ersten Zen-
Nachfolger, indem er ihm symbolisch seine Robe und Meister so ungewöhnliche Methoden wie das Anschreien
Bettelschale gab.2 und andere grobe Mittel und erfand damit eine Art bud-
Nach 15 Jahren eines Lebens in Verborgenheit begann dhistische Schocktherapie.
Huineng zu lehren und gründete damit die Südliche
Schule des Chan.

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ZEN

Linji

Die Erleuchtung des Linji weit her!“ Daraufhin packte ihn Dayu und stellte ihn zur
Hans hatte viel über Linji (jap.: Rinzai; 810/815 – Rede, doch Linji stieß ihn sofort gegen die Rippen. Mit
866/67), den berühmtesten Nachfolger von Mazu, gele- den Worten „Dein Lehrer ist Huangpo. Ich habe nichts
sen, doch fiel es ihm schwer, das Gelesene in Bezug zu mit dir zu tun!“ schickte Dayu Linji zurück zu Huangpo.
seiner eigenen Praxis zu bringen. Linji wurde in einer Zeit Dort angekommen überprüfte Huangpo die Realisierung
des gesellschaftlichen Umbruches geboren. Das chinesi- seines Schülers mit der Bemerkung, dass er Dayu schla-
sche Tang-Reich litt unter großen politischen Unruhen gen würde, wenn er da wäre. Linji fiel nicht mehr darauf
und war im Begriff des Untergangs. Die Regierung befand herein und antwortete: „Nicht nötig, auf sein Kommen
sich in einem Zustand des totalen Chaos, kleine Provin- zu warten – hab es gleich jetzt“ – er schlug Huangpo kräf-
zen lösten sich ab und bildeten regionale Diktaturen, die tig und brüllte „ho!“. Huangpo lachte und rief einem
sich gegenseitig bekämpften. Mönch zu: „Bring diesen verrückten Kerl in die Meditati-
Nachdem Linji buddhistischer Mönch wurde, studierte onshalle!“ Auf diese Weise anerkannte er die Verwirkli-
er intensiv die Lehrreden des Buddha und ihre Kommen- chung seines Schülers.iv
tare. Doch eines Tages wurde ihm klar, dass das theoreti- Hans wusste, dass es viele Geschichten gab, in denen
sche Studieren nicht zum Erwachen führt. Er legte seine Zen-Meister ihre Schüler mit sehr ungewöhnlichen Mit-
Bücher beiseite, nahm seine Robe und Bettelschale und teln zur Erleuchtungserfahrung brachten. „Würde mein
begab sich auf die Suche nach einem fähigen Lehrer. Sei- Lehrer zu ähnlichen Mitteln greifen?“ ging es ihm durch
ne Suche endete bei Huangpo, bei dem er drei Jahre der den Kopf.
spirituellen Schulung verbrachte. Seine Erleuchtungsge-
schichte zählt zu den berühmtesten des Zen-Buddhismus. Die großen Buddhistenverfolgungen von 842 und 845
Linji lebte bereits drei Jahre lang im Kloster Huangpos, Der ununterbrochene Zustrom von Schülern machte
ohne ihn auch nur einmal um eine Belehrung zu bitten. das Zen des sechsten Patriarchen zur bedeutendsten Be-
Der Hauptmönch ermunterte ihn, den Meister nach dem wegung des goldenen Zeitalters des chinesischen Bud-
Buddha-Dharma zu fragen, doch dieser trieb ihn mit dhismus.
Schlägen aus seinem Zimmer hinaus. Dies passierte ihm Die schrecklichen Buddhistenverfolgungen von 842
noch zweimal, worauf er enttäuscht das Kloster verließ und 845 n. Chr. brachten das Ende dieses goldenen Zeit-
und zu Dayu ging, einem anderen Lehrer der Mazu-Li- alters. Klöster und Tempel wurden zerstört, Bibliotheken
nie. Als Linji bei Dayu ankam und ihm von seinem Er- brannten und ein Großteil der Mönche und Nonnen
lebnis mit Huangpo erzählte, antwortete dieser, dass wurde gezwungen, ihre Roben abzulegen. Mit der Zer-
Huangpo sich die größte Mühe mit ihm gegeben habe. In störung der Klosterbibliotheken und dem Entzug der kai-
diesem Augenblick erwachte Linji zur Wahrheit – und serlichen Unterstützung wurden praktisch die ganze
schrie: „Mit Huangpos Buddha-Dharma ist es auch nicht buddhistische Tiantai- und Huayan-Schule ausgelöscht.

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Zazen

Obwohl die Texte des Tiantai- und des Huayan später von nach Japan. In dieser Kamakura-Periode (1185 – 1333)
Korea nach China zurückgebracht wurden, erholten sich entstanden die typischen japanischen buddhistischen
beide Schulen nicht mehr. Nur die Reine-Land-Schulen Schulen, wie die Reine-Land-Schulen, Zen und Nichiren.
und Chan überlebten, da sie nicht auf die Unterstützung Alle ihre Gründer absolvierten das lange Tendai-Training,
reicher Förderer und Bibliotheken angewiesen waren. doch waren sie von der Korruption des Tendai enttäuscht
und suchten nach einfacheren Methoden für diese Zeit
Die Koansammlungen werden zusammengestellt des Niedergangs.
Hans hatte darüber gelesen, dass der Buddhismus in
der Song-Dynastie (960 – 1279) wieder kaiserliche Unter- Das japanische Zen wird eigenständig
stützung fand und Chan zur Religion des Hofes aufstieg. Auch Zen, das schon in der Tendai-Tradition praktiziert
Es war die Zeit, in der die großen Koansammlungen wie wurde, erlangte seine Eigenständigkeit in dieser Zeit. Eisai
das Wumenguan (jap.: Mumonkan) und das Biyanlu (1141 – 1215) brachte als erster die Rinzai- (chin.: Linji) Li-
(jap.: Hekigan-roku) zusammengestellt wurden. Doch nie nach Japan, deren wesentlichster Bestandteil das Koan-
half ihm dieses theoretische Wissen auch nicht beim „Ton Training ist. Die Samurai waren sehr beeindruckt von der
der einen Hand“ weiter. „War dieses Koan nicht eines der Zen-Meditation (jap.: zazen), seiner ethischen Disziplin
berühmtesten Koans des Meisters Hakuin? Doch Hakuin und der Unerschrockenheit dem Tode gegenüber. Der
lebte im 18. Jahrhundert in Japan“, ging es ihm durch Shogun förderte Eisai und gründete damit die lange Ver-
den Kopf. Langsam erinnerte er sich wieder an Details der bindung zwischen der Rinzai-Schule und den Samurai.
Reise des Chan nach Japan.
Dogen und das Soto-Zen
Chan goes to Japan Das Soto-Zen (chin.: caodong) wurde von Dogen
Nach offizieller Geschichtsschreibung kam der Bud- (1200 – 1253), dem religiösen Genius des japanischen
dhismus 552 n. Chr. nach Japan. Der koreanische König Buddhismus, eingeführt. Anders als Rinzai bevorzugte er
von Paekche, Song-mong, wollte die Zusammenarbeit mit es, sich fern von jeglicher politischer Beeinflussung in
Japan gegen seine koreanischen Nachbarstaaten stärken. den Bergen niederzulassen. Seine Praxis bestand in der
Zur Unterstützung seines Wunsches schickte er eine ver- Einhaltung der mönchischen Disziplin und der Zen-Me-
goldete Buddha-Statue, einige buddhistische Ritualgegen- ditation. Zazen war für ihn kein Mittel, um Erleuchtung
stände und Sutren mit. Der japanische Kaiser Kinmei (Re- zu erlangen, sondern Ausdruck unseres erleuchteten Be-
gierungszeit 531 – 571) war beeindruckt und besprach wusstseins, unserer Buddha-Natur.
sich mit seinen Beratern. Nach vielen Gesprächen erteilte Hans konnte sich noch gut an den Einführungskurs er-
er die offiziellen Erlaubnis, den Buddhismus in Japan innern, wo er zum ersten Mal mit der klassischen Anwei-
einzuführen, und der japanische Hof und dessen Adelige sung Dogens konfrontiert wurde. Er war so begeistert von
wurden für die nächsten Jahrunderte seine größten Förde- ihrer Einfachheit, dass er sie auswendig lernte. Noch heu-
rer. Nicht nur der Buddhismus wurde eingeführt, auch te kann er sich an jedes einzelne Wort erinnern:
die chinesische Schrift und das chinesische Hofzeremoni-
ell mit der passenden Staatstheorie, dem Konfuzianismus, „Beim rechten Sitzen breitet man eine dicke Matte aus
fanden ihren Platz in japanischen Adelskreisen. und legt darauf ein rundes Kissen. Nun hocke im ganzen
Von seinem ersten Auftreten in Japan an war der Budd- oder halben Lotussitz. Beim ganzen Lotussitz legt man
hismus sehr stark mit dem Staat verknüpft. Buddhistische zunächst den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel,
Mönche wurden eingeladen, Zeremonien zum Wohle der den linken Fuß lässt man auf dem rechten Oberschenkel
Nation zu halten, und in Staatsangelegenheiten um Rat ruhen. Beim halben Lotussitz liegt nur der linke Fuß auf
konsultiert. Bis zur Machtübernahme des Staates durch dem rechten Oberschenkel. Kleider und Gürtel sind locker
die Kriegerklasse (jap. samurai) im 12. Jahrhundert fan- angelegt, aber gleichmäßig geordnet! Die rechte Hand
den unterschiedliche buddhistische Schulen ihren Weg legt man auf den linken Fuß, der linke Handrücken liegt

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ZEN

Hakuin

auf der rechten Handfläche, beide Daumenspitzen benutzt wird. Sie bezieht sich auf berühmte Dialoge alter
berühren sich. Sitze mit aufrechtem Körper, ohne nach Zen-Meister mit ihren Schülern, oder auf Zitate aus be-
links oder rechts zu neigen oder dich nach vorne zu beu- kannten Sutren, die alle in paradoxer Weise auf die abso-
gen oder nach rückwärts zu recken! Ohren und Schultern, lute Wahrheit hinweisen. Da er nicht wirklich verstand,
Nase und Nabel müssen in gleicher Linie zu einander ste- was er las, bekam er den Rat, es doch einmal mit einem
hen. Die Zunge liegt am oberen Gaumen an, Lippen und echten Zen-Meister selbst auszuprobieren.
Zähne sind geschlossen, aber die Augen stets offen! Nun saß er hier und fragte sich, was all dieses theoreti-
Wenn ein Gedanke aufsteigt, nimm ihn wahr; wenn du sche Wissen mit dem „Ton der einen Hand“ zu tun hat?
ihn gemerkt hast, lass ihn fahren! Bei langem Üben vergis- Das Gelesene half ihm keinen Schritt weiter in der Lösung
st du die Objekte und gelangst von selbst zur Konzentrati- seines Koans. Immer noch in Gedanken versunken, mach-
on. Dieses ist die wesentliche Kunst des Zazen. Zazen ist te er sich zu seiner zweiten Begegnung mit dem Roshi auf.
das Dharma-Tor der großen Ruhe und Freude.“5 Er hatte keine Ahnung, was er dem Roshi sagen sollte.

Nach einer langen Zeit der politischen Machtkämpfe Frank Zechner ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Supervi-
wurde Japan im 17. Jahrhundert wieder unter einer mi- sor mit Pflegekräften aus dem Gesundheitsbereich. Er prakti-
litärischen Macht vereinigt. Dies führte zur Tokugawa-Pe- zierte zehn Jahre Rinzai-Zen unter der Leitung von Genro Kou-
riode (1603 – 1867) und zur politischen Isolation. Der dela, Osho, und lehrt seit einigen Jahren Meditation in der
Buddhismus wurde zur Staatsreligion erhoben und verlor Theravada-Schule der Österreichischen Buddhistischen Religi-
damit alle kreative Dynamik. Die große Ausnahme war onsgesellschaft.
der Zen-Meister Hakuin (1686 – 1769), der die Koanschu-
1. Nach: Dumoulin, Heinrich: Geschichte des Zen-Buddhismus.
lung systematisierte und das Rinzai-Zen wieder zu neuem
Bd. 1. München: Franke Verlag 1985: 89 – 90.
Leben erweckte. 2. Nach: Huineng: Das Sutra des Sechsten Patriarchen.
München: Barth Verlag 1989: 30 – 38
Zen und die Kunst, Bücher misszuverstehen 3. Nach: Dumoulin, Heinrich: Der Erleuchtungsweg des Zen.
Frankfurt: Fischer Verlag 1976: 65
Als Hans begann, sich Bücher über Zen zu kaufen, stol-
4. Gekürzt nach Erika Erber 1998
perte er immer wieder über dieses Koan-Training. Er las, 5. Dumoulin, Heinrich: Dogen Zen.
dass dies eine besondere Technik sei, die im Rinzai-Zen Küsnach: Theseus Verlag 1990: 38 – 39

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