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: ZLWka-ar
AantZ Aritik der reinen Vernlmft
Von

Auguft Neffer
profeffor der philofophie
zu Gießen

Y
Stuttgart
Verlag von Itre>er und Schröder
K922
*W L. *.7 78
(WW-5“

Alle Rechte vorbehalten


Sciyußformel für die vereinigten Staaten
von Amerika:
Copyright 1922 by Strecker und Schröder
in Stuttgart

druck von Strecker und ZcHrödec in Stuttgart


V0rw0rt
Aein andereS philofophifchez Werk hat f0 epochemachend
gewirkt wie Aantz „Aritik der reinen Vernunft". (Z8 ift
da5 Grundbuch der neueren phil0f0phie. Wan kann zu
der ganzen Üachkantifchen philofophie/ auch der Nhilo
fophie der Gegenwarß keinefelbftändigeZtellung gewinnenx
wenn man LiantS werk nicht gründlich kennt.
(Zr jetzt freilich dem Uerftändniz erhebliche Schwierig
keiten entgegen. Und doch fehlt ez an brauchbaren Rom
mentaren. von dem auf vier mächtige Lände berechneten
A0mmentar von Hanß Vaihinger find nur zwei Lande
(l Stuttgart l88 d ll x892) erfchienen1y und diefe umfafien
lediglich einen kleinen Teil der Aritik (V0rrede„ (Zin
leitung und tranfzendentale Äfthetik). Liefer Kommentar
ift nach feiner ganzen Anlage auch nur für Fachgelehrte
geeignet.
Tatfcichlich gilt dies auch für den kurzen Kommentar

l Einen Ueudruck diefer beiden Lände hat x922 profeffo'r


Zi. Schmidt beforgt. Er kündigt gleichzeitig die vollendung dez
werke: unter Benützung von vorarbeiten dez faft völlig erblindeten
profefforz vaihinger an.

. q [ll
"3
'

von Hermann Cohen (Leipzig x907„ phil0f0phifcl7e Biblio


thek Ur. UZ). (Zr ift vielfach f0 fchwer verftändlich/ daß
man gefagt hat, er bedürfe noch dringender eineg Aom
mentarz alZ Aantz Text felbft.
Unfere Erläuterungen find der Ertrag einer mehr als
dreißigjährigen Zefclyäftigung mit Aant und der über
reichen Aantliteratur. Um fie möglichft knapp zu geftalten
habe ich auf alles gelehrte Zeiwerk- auch auf pole
mifche Außeinanderfetzungen mit abweichenden Liantauf
faffungen- verzichtet. Zugleich war ich bemüht- in einer
möglichft einfachem verftändliehen Sprache zu reden und
dabei doch in die Tiefe der Aantifchen Gedankenwelt
hineinzuführen,
Pfingften x922 Auguft Weffer

17
KantZ Leben und Werke
Die beiden bedeutfamften geiftigen Strömungen im
Deutfchland dez achtzehnten JahrhundertS waren der
„NietiSmuS“ und die „Aufklärung“.
Zn den religiöfen Rümpfenl deg fechzehnten und fieb
zehnten Jahrhunderte hatte man befonders auf die „reine
Lehre" wert gelegt. So war da9 Verftandesmäßige und
Cehrhafte im religiöfen Leben in den Vordergrund ge
treten. Der Nietigmuz ift demgegenüber eine Reaktion des
Herzenß. Seine Anhänger waren davon durchdrungen/ daß
Religion da5 'Gemüt ergreifen und in der Lebenzführung
fich bewähren müffe.
Während die Nietifien die wahrheit der Glaubens
lehre nicht anfochten- wenn fie in ihrer Schätzung auch an
zweite Stelle rückte- bedeutet da5 Denken der „Aufklärer"
im allgemeinen einen Oerfuch„ die einzelnen von" der
Autorität der Ltirche l05zul5fen und allez Wunderbare
und fogenannte Ubewernünftige au5 dem religiöfen Glau
' ben außzufchalten. Das alles feien Vorurteile/ von denen
echte „Aufklärung“ die Renfchen befreien müffe. Die
eigene vernunft müffe jedem Führer fein in der Geftal
tung feiner Welt- und CebenZanfchauung.
Gemäßigte vertreter derAufklärungy wieCeibniz (f x 7 l6)
Meffer , Want-Komm. x
l
und der von ihm abhängige ChriftianWolff(f i754» hielten
dabei die chriftliche Weltanfchauung in ihren Grundzügen
feft. Sie waren inzbefondere überzeugt/ daß da5 Dafein
Gottesx die Unfterblichkeit der Seele und die Freiheit und
fittliche Verantwortlichkeit des Wenfchen durch die Ver
nunft ficher erkannt werden könnten.
Aber eZ fehlte daneben nicht an radikaleren Aufklärernf
die den ÜaturaligmuZ oder gar den Materialismuß ver
traten. Sie leugneten Gott und Zenfeitz; die für 11115
wahrnehmbare Uatur fei die einzige wirklichkeit; allez
Gefchehem auch da5 menfchliche Wollen vollziehe fich
naturnotwendig. Manche verfuchten fogar das Ieelifche
al5 Materielleg zu faffen oder irgendwie auf Adrperlicheg
zurückzuführen.
In Hume (M77 6)drang die alleS bezweifelndeArtdeS auf
klärerifchen Denkenz big zur Anfechtung der Üaturwiffen
fchaft felbft vor- deren Fortfchritte doch der Stolz des Jahr
hundertz waren. Wenn fie voraquetztx daß für alle Oer
änderungen in der Natur da5 Geer von Urfache und
Wirkung gelte„ fo fragte Hume: mit welchem Recht hält
man an diefer Uberzeugung feft'i> WaZ bedeutet über
haupt diefe angebliche verknüpfung von Urfache und Wir
kungf die man doch weder aus reiner Vernunft einfehen„
noch mit den Sinnen wahrnehmen kann? Sind wir über
haupt be'rechtigß uns de5 Aaufalitätgbegriffß zu bedienen?
Ein Uberblick über Aants Leben wird zeigen- daß er
fowohl von dem pietizmus als auch von der Aufklärung
(in ihrer maßvolleren wie in ihrer radikaleren Form) ftark
berührt worden ift und daß ihm hieraug die Fragen er
wuchfen„ die er in feiner „kritifchen Nhilofophie“ zu be
antworten unternommen hat.
2
Immanuel Aant wurde am 22. April x724 zu A511th
berg geboren. DieS war damalZ die Hauptftadt dez mit
Brandenburg vereinigten Herzogtumg preußeiy ein indu
ftrie- und handeltreibender Ort von etwa 50000 Sin
wohnern. Sein Vater (deffen Familie auZ Schottland ein
gewandert fein foll) war Sattler. Sr hatte hart zu ringenj
um feine zahlreiche Familiezu ernähren. Immanuel war
das vierte unter neun Rindern. Als die Mutter ftarb
war er dreizehnx da5 jüngfte Rind erft zwei Jahre alt.
Der Vater war ein unermüdlich arbeitfamerz pflicht
treuer 217mm- beftrebh feinen Rindern eine forgfältige
Erziehung angedeihen zu laffen. Von der mutterx einer'
gutem klugen und tief religiöfen Frau erzählt Aant: „Sie
pflanzte und nährte den erften Aeim dez Guten in mir;
fie weckte und erweiterte meine Zegriffg und ihre Lehren
haben einen immerwährenden Einfluß auf mein Leben
gehabt."
Die* religiöfe Richtung beider Eltern aber war der
NietizmuZx der fo auf Aant von früh an mächtig ein-“
wirkte.
Aant äußerte im Alter einmal zu einem jungen Freunde:
„Waren auch die religiöfen Vorftellungen der damaligen
LZeit und die Begriffe von dem„ waz man Tugend und
Frömmigkeit nannte„ nichtS weniger als deutlich und ge
nügend/ f0 fand man doch wirklich die Sache.
Wan fage demNietiSmus nach, waß man willx genug:
die Teute- denen er (Zrnft warx zeichneten fich auf eine
ehrwürdige Weife aus. Sie befaßen da8 Hächftex waß der
Wenfch befitzen kanny jene Ruhg jene Heiterkeih jenen
inneren Frieden/ der durch keine Teidenfchaft beunruhigt
wurde. Reine Biot- keine Oerfolgung fetzte fie in Wiß
5
mut/ keine Streitigkeit war vermögend„ fie zu Horn und zu
Feindfchaft zu reizen. Wit einem worte: auch der bloße
Beobachter wurde unwillkürlich zur Achtung hingeriffen.
Üoch entfinne ich mich wie einft zwifchen dem Riemer
und Sattlergewerbe Streitigkeiten über ihre gegenfeitigen
Gerechtfame außbrachem unter denen auch mein Vater
wefentlich litt„ aber deffenungeachtet wurde felbft bei der
häußlichen Unterhaltung diefer cZwift mit folcher Schonung
und Liebe in Zetracht der Gegner von meinen Eltern
behandelt und mit einem folchen feften vertrauen auf die
Vorfehung daß der Gedanke daran„ obwohl ich ein Anabe
war„ mich dennoch nie verlaffen wird."
Alg Achtjähriger trat Aant (>52) in da8 Gymnafium
feiner Vaterftadh daS Collegium b'rieclerjcjanuM da5
von dem prediger und Theologieprofeffor Franz Albert
Schultz vortrefflich geleitet wurde. Diefer fuchte die chriftlich
praktifche Lebenzführung dez Nietiömuz mit dem freien
Denken der Wolfffchen Philofophie und der von ihr be
einflußten „Aufklärung" zu vereinigen. (Zr hat auf Liant
damit nachhaltig eingewirkt. Zugleich hat fich diefety der
gewöhnlich der Srfte in feiner Alaffe war„ an der Anftalt
eine fehr gründliche Aenntnis der lateinifchen Alaffiker
und die Fähigkeit gewandt Latein zu fchreibew angeeignet.
Der Unterricht in den anderen Fächern neben dem
Tateinifchen war freilich an dem Lidnigßberger Gym
nafium wie auch an den meiften anderen damalZ noch
höchft dürftig.
Alz Aant fich UF() in der philofophifchen Fakultät der
heimifchen Univerfität immatrikulieren ließ hat fich fein
Zntereffe fofort der Philofophiß der Mathematik und
Üaturwiffenfchaft zugewendet. Die Anregung dazu ver
4.- .
7'*

dankte er dem profeffor Martin Linutzem der auch dem


armen Studenten die Benutzung feiner anfehnlichen Biblio
thek geftattete. Auch Anutzen (felbft ein Schüler von Schultz)
vertrat wie diefer die Verbindung von Vietizmus und Auf
klärungz und er führte Aant auch in die Ceibniz-Wolfffche
philofophie ein.
Alz l7 46Aant5 Vater ftarb/ 1*(bloß diefer feinUnioerfitätZ
ftudium ab mit einer Schrift über „die wahre Schätzung
der lebendigen Aräfte“. (Zr war dann mehrere Jahre
hindurch bei verfchiedenen Großgrundbefitzern in Oft
preußen Haußlehrer. Uber diefe Tandfchaft ift er übrigenz
in feinem ganzen Leben nicht hinaußgekommen. ZmZahre
l755 erwarb er die philofophifche Voktorwürde mit einer
phpfikalifchen Schrift über da5 Fetten und in demfelben
Jahre habilitierte er fich an der Aöningerger Univerfität
al5 Privatdozent für Cogih Metaphyfih Mathematik und
pin-fik
Zm Winterfemefter [255/6 begann er feine Lehrtätig
keit; er hat fie vierzig Jahre hindurch (big l796) fort
gefetzt. Vie Segenftande feiner Vorlefungen waren (dem
damaligen noch weniger differenzierten und fpezialifierten
Stand der Wiffenfchaften entfprechend) fehr mannigfaltig:
LogikX Metaphyfikz natürliche Theologie/ Woralphilo
fophie und Üaturrechß philofophifche Enzyklopädie/ päda
gogikp Wathematikx Vhyfikz Anthropologie und phyfifche
Geographie. Vie Vorlefungen über die beiden letzt
genannten Stoffe waren ihm befonderZ lieb; er fuchte da
durch bei den Studierenden Welt- und Wenfchenkenntniß
zu fördern, Uberhaupt zeigte Aantß Lebenzführung einen
der Welt aufgefchloffenen Charakter; er war durchaus
kein menfchenfcheuer und weltfremder Stubengelehrter.
5
Fünfzehn Jahre lang biz U70 ift Aant unbefoldete
Vrivatdozent geblieben; eine Stellung al5 Unterbiblio
thekar an der königlichen Schloßbibliothekx die er feit
l766 bekleidetg trug ihm nur 62 Taler jährlich ein. So
war er auf da8 Honorar für feine Vorlefungen und
Schriften angewiefen- und fein Einkommen war ein
mehr alS befcheidenez. Freilich waren feine Vorlefungen
gut befuchtf und er hat viel gelefen- täglich meift drei
ftündig. Seine damalige febenzweife fchildert er einmal
alfo: „Ich fitze täglich vor dem Amboß meinez Lehr
pulteZ und führe den fchweren Hammer fich felbft ähn
licher Vorlefungen in einerlei Takt fort. Zißweilen reizt
mich irgendwo eine Üeigung edlerer Arh mich über diefe
enge Sphäre etwaß au5zudehnen„ allein der Wangeh mit
ungeftümer Stimme fogleich gegenwärtig mich anzufallen
und immer wahrhaftig in feinen Drohungen/ treibt mich
ohne Verzug zur fchweren Arbeit zurück. Gleichwohl be
friedige ich mich endlich mit dem Zeifalh womit man
mich begünftigtF und mit den Vorteilen/ die ich daraUZ
ziehe„ und träume mein Leben durch.“
Aant hat in feiner Vrivatdozentenzeih die zugleich mit
feiner „vorkritifchen" periode zufammenfällh zahlreiche
Schriften verfaßt/ die zum Teil noch recht lefenßwert find.
Die bekanntefte ift die W55 erfchienene „Allgemeine Matur
gefchichte und Theorie des Himmels.“ Er fuchte darin auf
rein mechanifchem Wege die Entftehung unferez Sonnen
fotemz auZ einem ungeheueren Urnebel zu erklären„ der
in verfchiedener Dichtigkeit anfangz den Raum erfüllte,
Aant war in diefer HYpothefe Vorgänger de5 Franzofen
faplace.
Erft W70 wurde Liant alz Sechgundvierzigjähriger or- _
6
dentlicher Vrofeffor für Logik und Wetaphyfik. Bei diefer
Gelegenheit veröffentlichte er eine lateinifch gefchriebene
Abhandlung Vo muocii 86n8ibj1i8 atque intelligjbiljßx
forma ot principijo (über Form und Drinzipien der
Sinnez- und der Verftandeßwelt). Wach ihr ruht die Wiffen
fchaft von der finnlichen (körperlichen) Welt auf wahr
nehmung und Beobachtung („Erfahrung“). Aber hinter
diefer Erfcheinungzwelt (der Üatur) foll es noch eine
Welt deS Intelligiblen gebem deren Dafein und innere
Gefeßmäßigkeit wir mit der bloßen Vernunft rein denkend
erfaffety die alfo den Segenftand der Metaphyfik bildet.
Wan erblickt in diefer Schrift die erfte Außerung feiner
kritifchen Vhilofophig fofern er in ihr bereitZ die Lehre
von Raum .und .Zeit entwickelt„ die er dann auch in
feiner „Liritik der-reinen Vernunft“ Übernommen hat.
Jndeffen erft nach Veröffentlichung diefer Schrift tauchte
für Liant die entfcheidende Frage auf: wie ift ez möglich
daß die Vernunft ohne Hilfe der Erfahrung (d. h. a
priori) eine von ihr unabhängig (abfolut) exiftierende
Wirklichkeit (gleichfam ein „Ding an fich“) erkenne?
Möglicherweife hat der Einfluß HumeZ in ihm diefe
Vroblembildung gefördert; denn er bekennt fpäter: Hume
habe ihn aug dem „dogmatifchen Schlummer/Z d. h. dem
kritiklofen Vertrauen auf die Teiftunngähigkeit der Ver
nunft„ aufgeweckt.
In mehr al5 zehnjähriger eindringender Gedanken
arbeit„ während der feine f>7riftftellerifche Tätigkeit völlig
ftockt„ hat er mit diefem problem gerungen und dabei
die Grundlagen feines eigenen philofophifchen Syftems
gelegt, 3m Jahre x78l erfchien die „Aritik der reinen
Vernunft“. Darin ift eine metaphyfifche Erkenntnis der
7
intelligiblen Welt für unmöglich erklärt. Allen angeblichen
wiffenfchaftlichen Zeweifen der feitherigen metaphpfik für
Vafein Gotteßy für die Unfterblichkeit der Seele und die
Freiheit des WillenS wird die wirkliche Veweißkraft ab
gefprochen,
Dies negative Ergebniß gewinnt aber Aant auf der
Grundlage einer gewaltigen pofitiven Ceiftung. Um zu
einem Urteil darüber zu gelangem ob Metaphyfik als
*Wiffenfchaft möglich feix will er da5 Wefen und die Vor
außfetzungen wiffenfchaftlicher Erkenntniß überhaupt feft
ftellen. Hu diefem Zwe> unterfucht er in den beiden
erften Hauptteilen feiner Vernunftkritjk/ in der tranfzen
dentalen Afthetik'und Analytik„ zwei Wiffenfchaftenx
deren Geltung unbeftritten war: die Zfiathemalik und die
Äaturwiffenfchaft. Eben dadurch aber eröffnet er unz tiefe
Einfichten in da5 Wefen der in ihnen vorliegenden (Zr
kenntniZ, Er gelangt dabei auch zu dem Ergebni-Z/ daß
zu der Erkenntniz der Wirklichkeit notwendig zwei Stücke
gehören: Anfchauung und Begriff, Wo un5 die Erfah
rung nicht Anfchauunngtoff gibtx da langen wir mit
unferem begrifflichen Denken gleichfam inS Leere. Wir
können unß dabei gar mancherlei alz möglich „denkentt/ wir
können aber nichts davon als wirklich „erkennen“.
Auf Grund diefes Ergebniffez vermag Liant alzdann
im dritten Hauptteil/ der tranfzendentalen Dialektikx zu
zeigen/ daß die Wetaphyfikx die ja mit bloßem Denken
über die Grenzen aller Erfahrung hinauzzugehen ver
fucht„ weil ihr die Anfchauungen mangeln„ zu wirklicher
Erkenntniß nicht gelangt. So kann man die Exiftenz von
Goth Freiheit und Unfterblichkeit metaphyfifch nicht be
weifen/ - man kann fie freilich auch nicht widerlegen.
8
So bleibt freier Raum für den Glaubem der in der Über
zeugung wurzelt/ daß die Wirklichkeit einen befriedigen
den fittlichen Sinn haben müffe. Wir fühlen unß in un
ferem Eewiffen verpflichtet/ fittlich zu handeln; darum
dürfen wir glaubenz daß wir es auch könnenz d. h. daß
wir frei find. Wir fühlen den unbedingten Wert der
Gerechtigkeiß aber dieer irdifche Leben ift voll von
Ungerechtigkeit. Darum dürfen wir an Gott und Un
fterblichkeit und einen gerechten Angleich im JenfeitZ
glauben.
Liant war. alZ er die Aritik der reinen Vernunft voll
endet hatte/ bereitZ fiebenundfünfzig Jahre alt. Er hat
aber noch von feinem fchwer errungenen kritifchen Stand
punkt auZ eine Reihe von LVerken gefchriebem die da5
ganze Syftem der Vhilofophie neu geftalten follten. Vie
wichtigften find:
i. „Vie Vrolegomena (d. h. Einleitung) zueinerjeden
künftigen Metaphyfik. die alS Wiffenfchaft wird auftreten
können“ (U85). eine kürzere und überfichtlichere Darftel
lung der Vernunftkritik; zugleich Abwehr mancher miß
verftändniffe/ denen diefe begegnet war. mit Rückficht
darauf hat Aant auch für die zweite Auflage der Ver
nunftkritik (x787) mehrere Abfchnitte derfelben umgear
beitet 1.
2. „Vie metaph-Yfifchen Anfangsgründe der Natur
wiffenfchaft“ (W86); fie entwerfen die Grundzüge der mathe
mathifchen Vhyfik im Anfchluß an die Vernunftkritik.
3. „Grundlegung zur Metaphrfik der Sitten" (l785).
l wir legen den Text diefer zweiten Auflage unferen Erläu
terungen zugrunde; jedoch ift auch die Vorrede der erften Auflage
kommentiert. weil fie befonderZ wichtig ift.

9
4c. „Kritik der praktifchen Vernunft“ (x7 88). Diefe beiden
Werke begründen die kritifche Ethik.
5. „Aritik der Urteilßkraft“ (>90). Der erfte Teil ent
hält Liantz Afthetik„ der zweite behandelt die Methode
der biologifchen Üaturwiffenfchaft und die Zweckbetrach
tung des Weltganzen.
6. „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Ver
nunft“ ([295). Daß Buch enthält die kritifche Beligionz
philofophie.
Liant hat ez noch erlebt) daß feine kritifche philofo
phie - trotz heftiger Bekämpfung - die herrfchende auf
den deutfchen (proteftantifchen) Univerfitäten wurde.
3m Jahre l797 mußte er infolge Alteerchwäche feine
Vorlefungen einftellen. Wach jahrelangem körperlichen
und geiftigen Verfall ift er am x2. Februar t8044 geftorben.

Wer fich mit AantS ganzem Syftem und feiner Stel


lung in der Entwicklung der Dhilofophie vertraut machen
will) den verweife ich auf da5 zweite Bändchen meiner
„Gefchichte der Vhilofophie (4./5. Auflage) Leipzig (920)
Sammlung: Quelle und Neuer). Dort ift auch die wich
tigfte Literatur über Liant angegeben. (Vergleiche übrigenz
unten die Anmerkung zu Ö 5 S. 459.)
Unferen Erläuterungen ift der von Liehrbach in der
Zieclamfchen Sammlung herauggegebene Text der „Liritik
der reinen Vernunft“ zugrunde gelegt. Diefe Auzgabe
ift die verbreitetfte und wohlfeilfte. Auf fie beziehen fich
die eingeklammerten Seitenzahlen 1.

1 Dagegen beziehen fich folche SeitenzahlenF denen da5 wörtchen


„oben“ vorangeht) auf frühere Stellen unfereZ Aomnientar5.

x0
Va wir aber die zahlreichen Überfchriften auß Liantg
Werk in unferen Aommentar übernommen haben/ f0
können auch in jeder anderen Aantausgabe leicht die
Stellen gefunden werden/ auf die fich unfere Erläuterungen
beziehen.
Sie find übrigenz derart abgefaßt/ daß fie im allgemeinen
auch für fich verftc'indlich und leßbar find. Jedoch follen fie
die Lektüre de5 Aantfchen TexteS nicht erfetzenz fondern fie
erleichtern. - Hingewiefen fei hier noch auf einige Werkex
die befonderg geeignet erfcheinenz in den Geift der Liant
fchen philofophie einzuführen:
Otto Eiebmanm Zur Analyfiß der Wirklichkeit (t876
und öfter);
- Gedanken und Tatfachen l (t882 ff.)/ ll (t907 ff.).
Aloi5 Riehh Zur Einführung in die Nhilofophie der
Gegenwart (W05 und öfter); l
- Der philofophifche Aritizizmuz t876-87 2. Aufl.
(i908).
Wilhelm Windelb and / Vräludien (l88X und öfter).
Artur Lieb ert z Var problem der Geltung (WW);
- Wie ift kritifche philofophie überhaupt möglich?
(NI)
Fritz Wünch/ ' Erlebniz und Geltung (t9t5).
Nicolai Hartmannp Grundzüge einer Metaphyfik der
ErkenntniZ (WZ t).

li
Inhalt der
„Kritik der reinen Vernunft“
Vorrede
Einleitung

l. Tranfzendentale Elementarlehre
Erfter Teil. Die tranfzendentale Afthetik
Erfter Abfchnitt. Von dem Raum
Zweiter Abfchnitt. Von der Zeit
Allgemeine Anmerkungen

Zweiter Teil: Die tranfzendentale Logik


Einleitung. Idee einer tranfzendentalen Logik
Erf te Abteilung. Tranfzendentale AnalYtik
ErfteS Buch. Die Analytik der 8 egriffe
Erfter Hauptftück. Von dem Leitfaden der Entdeckung aller
reinen Verftandezbegriffe
Zweiteg Hauptfttick. Von der Deduktion der reinen Ver
ftandesbegriffe
Zweitez Buch. Die Analytik der Grundfätze
Einleitung. Von der tranfzendentalen Urteilßkraft überhaupt.
Erft eg H auptftück. Von dem Schematigmuz der reinen ver
fiandeßbegrifie
Zweiteg H auptftück. Syfiem aller Grundfätze deS reinen
verftandez

i2
Erfter Abfchnitt. Von dem oberften Srundfatz aller analy
tifchen Urteile
Zweiter Abfchnitt. Von dem oberften Grundfatz aller fynthe
tifchen Urteile
Dritter Abfchnitt. Syftematifche Vorflellung aller fyntheti
fchen Grundfätze deZ reinen Verfiandes
t. Von den Axiomen der Anfchauung
2. Die Antizipationen der wahrnehmung
5, Analogien der Erfahrung
er. Die poftulate deZ empirifchen Denkens
Drittes Hauptftiick. Von dem Grunde der Unterfcheidung
aller Gegenftände iiberhaupt in phänomena und Uoumena
Anhang: Von der Amphibolie der Reflexionzbegriffe

Zweite Abteilun g. Die tranfzendentale Dialektik


Einleitung
Erftez Buch. Von den Begriffen der reinen Vernunft
Erfter Abfchnitt. Von den Ideen überhaupt
Zweiter Abfchnitt. Von den tranfzendentalen Ideen
Dritter AbfchnittaSyftem der tranfzendentalen Ideen
Zweiter; Buch. Von den dialektifch en Schlüffen der
reinen Vernunft
ErfteS Hauptftiick. Von den paralogizmen der reinen Ver
nunft '
Zweiter H auptftii ck. Die Antinomie der reinen Vernunft
Erfter Abfchnitt. Syftem der kozmologifchen Ideen
Zweiter Abfchnitt. Antithetik der reinen Vernunft
Dritter Abfchnitt. Von dem Intereffe der Vernunft bei diefem
ihrem widerftreit
Vierter Abfchnitt. Von den tranfzendentalen Aufgaben der
reinen Vernunft
Fünfter Abfchnitt, Skeptifche Vorftellung der kozmologifchen
Fragen
Sechfter Abfchnitt. Der tranfzendentale Idealizmuz als der
Schlüffel zur Auflöfung der kosmologifchen Dialektik
Siebter Abfchnitt. Aritifche Entfcheidung des koSmologifchen
Streier der Vernunft mit fich felbfi

l5
ah
Achter Abfchnitt. Regulatives prinzip der reinen Vernunft
in Anfehung der kosmologifchen Ideen
Ueunter Abfchnitt. Von dem empirifchen Gebrauch des regu
lativen prinzips
Drittes Hauptftück. Das Ideal der reinen Vernunft
Erfter Abfchnitt, Von dem Ideal iiberhaupt
Zweiter Abfchnitt. Von dem tranfzendentalen Ideal
Dritter Abfchnitt. Von den Zemeisgriinden der fpekulativen
Vernunft auf das Dafein eines höchften Wefens zu
fchließen
Vierter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit eines ontologifchen
Jeweifes vom Dafein Gottes
Fünfter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit eines kosmologi
fchen Zeweifes vom Dafein Gottes
Sechfter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit eines phyfiko-theo
logifchen Zeweifes
Siebter Abfchnitt. Aritik aller Theologie aus fpekulativen
prinzipien der Vernunft. Anhang zur tranfzendentalen
Dialektik. Von der Endabficht der natürlichen Dialektik
der menfchlichen Vernunft
ll. Tranfzendentale Ulethodenlehre
Erftes h auptftück. Die Difziplin der reinen Vernunft
- Erfter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen Vernunft im dogma
tifchen Gebrauäf
Zweiter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen Vernunft in Anfehung
ihres polemifchen Gebrauchs
Dritter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen Vernunftin Anfehung
der Hypothefen
Vierter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen Vernunft in Anfehung
ihrer Veweife
Zweites Hauptftiick. Der Aanon der reinen Vernunft
Erfter Abfchnitt. Von dem legten Zwecke des reinen Gebrauchs
unferer Vernunft
Zweiter Abfchnitt, Von dem Ideal des höchften Gutes
Dritter Abfchnitt. Vom Meinem Wiffen- Glauben
Drittes Hauptftück. Die Architektonik der reinen Vernunft
Viertes Hauptftück, Die Gefchichte der reinen Vernunft

l4(
Vorrede zur erften Auzgabe
(von l781)
Ver Gedankengang ift folgender:
tx. Über die kritifche Unterfuäfung felbft
l. ihr Gegenftand (ihre „Materie" S. 7 mitte)
t. die bizherige Rietaph7fik
2. die Notwendigkeit einer Aritik der reinen Vernunft
(S. 4e Z. 5 v. u.)
5. AantS feiftung (S. 6 (5. 4)
ll. ihre Form (S. 7 mitte)
l. Gewißheit "
2. Deutlichkeit (S. 9 H. 5)
8. Verhältniz der kritifchen Unterfuchung zur
künftigen Aletaphyfik (S. t0 Z. 15)
l. Aufgabe derfelben
ll, Ankündigung einer Metaphyfik der Üatur.
Zu Oel l. Ein wichtiger „Grundfatz" ift z. R. der Aaufal
fatz) daß jede Veränderung ihre Urfache habe. Er „be
währt“ fich hinreichend in der Erfahrung. Aber die For
fchung nach den Urfachen bleibt „jederzeit unvollendet".
t5
Sie nimmt leicht zu dem Srundfatz/ der zunächft „unver
dächtig“ fcheint) die (Zuflucht) daß die Aette der Urfachen
auf eine erf te („abfolutet') Urfache zurückführe. Aber
damit überfchreitet man die Erfahrung) da fich in ihr
„erfte“ Urfachen nicht aufweifen laffen„ und man gerät
in „Dunkelheit und Widerfprücheth fofern z. B. die Frage)
wodurch denn jene erfte Urfache zu ihrer Wirkfamkeit ver
anlaßt worden fei) unbeantwortbar bleibt. Den Teil der
Vhilofophie aber) in dem folche über die Erfahrung und
infofern über die Uatur hinauzliegenden Fragen behandelt
wurden) nannte man Uietaphyfik (vom griechifchen meta
prZlCZL/ d. i. jenfeits der Uatur 1). Einft al5 „Aönigin
aller Wiffenfchaften“ gefeiert) war fie im achtzehnten
Jahrhundert vielfach der mißachtung verfallen. Darum
vergleicht Aant ihr Schickfal mit dem der trojanifchen
Aönigin Hecuba) die der römifche Dichter (Void in feinen
„Uietamorphofen“ („Verwandlungßfagent') fagen läßt:
„Einft die erfte) mächtig durch fo viele Söhne und Schwie
gerföhne) werde ich jetzt hilfloz in die Verbannung ge
fchleppt.“
„Dogmatiker“ nennt Liant folche Vhilofophem die noch
naiv meinen) der Wenfch könne alle Fragen beantworten)
und die darum die menfchliche Erkenntnizfähigkeit keiner
prüfung unterziehen. In diefer prüfung („*tiritik“) fieht
er felbft aber feine eigentliche Aufgabe, So feßt er ge
radezu die „dogmatifche“ („unkritifchet') haltung beim

1 Freilich ift diefe Deutung der Uatnenz „Metaphyfik“ erft eine


nachträgliche. Urfpriinglich rührte der name daher; daß der Heranz
geber der werke dez Ariftotelez die Schriftem welche die allgemeinften
Fragen dez Seinz behandelten) hinter (meta) feinephyfik(täyt178ilcä)
geftellt hatte.

i6
Vhilofophieren der von ihm empfohlenen „kritifchen" ent
gegen, „Defpotifch" war die Herrfchaft der Uietaphpfik.
folange fie dogmatifch behandelt wurdez weil man jeden
Zweifel an ihren Lehren durch kühne Behauptungen
(.7machtfprüche") niederfchlug.
So verfielen immer wieder einzelne in die Skepfisx d. h.
eine zu weit gehende Zweifelfuchtx die den Uienfchen
überhaupt die Fähigkeitz zu ficheren Erkenntniffen zu ge
langem abfpricht und (f0 die Möglichkeit einer inneren
Einigung der Utenfchen (im Bilde: „einer bürgerlichen
Vereinigung") durch eine objektiv gültige Wiffenfchaft
beftreitet.
Der englifche philofoph Iohn Locke ((652 (704()
hat in feinen pfychologifchen 1 „Unterfuchungen über den
menfcblichen Verftand“ verfuchh die U7etaphyfik aus der
Erfahrung abzuleitenz aber diefe Abftammungslehre
(-Genealogieih war in der Tat irrig (wie Liant fpater
nachweifen wird). So behauptete fich auch Locke gegen
über die dogmatifche Artx Metaphpfik zu treiben. Aber
auch fie vermochte nicht. ihre Behauptungen wirklich zu
beweifen. Darum herrfchte damals vielfach Gleichgültig
keit („Indifferentismus") gegenüber den nietathfifchen
Fragen. -
Zu Q l 2. Den Grund dafür fieht Aant nicht in Ober
flachlichkeit (--ifeichtfinnthx fondern in der gereiften Urteils
kraft feiner Zeitgenoffen. Stolz fpricht er den Satz aus:
„Unfer Zeitalter ift das eigentliche Zeitalter der Ltritikx
der fich alles unterwerfen muß" (S, 5 A.). S0 unternimmt
1 Dem damaligen Sprachgebrauch entfprechend rechnet Liant die
prchologie (Seelenlehre) zur phyfiologie (Lehre von der lebenden
Liatur).
Meffer, Aant-Aomm, x7 2
er felbft nun eine „Aritik der reinen Vernunft“) d. h.
er will da5 Erkenntniß- („Vernunft“-) Vermögen felbft
prüfen hinfichtlich aller Erkenntniffe) die den Anfpruch
erheben) „unabhängig von aller Erfahrung“ zu gelten.
Va die Aietaphnfik fich folcher Erkenntniffe rühmte) f0
muß diefe „Aritik“ auch entfcheiden) ob eine Metaphpfik
möglich ift) und) wenn ja) worauf ihre Geltung ruht
(welcheg ihre „Quellen“ find) und wie weit fie reicht
(welchez ihr „Umfang“ und ihre „Grenzen“ find). Und
zwar muß diez allez grundfäßlich („au5 Vrinzipient') ein
für allemal entfchieden werden.
cZu ZX l 5. Aant ift überzeugt) eine folche „Aritik“ ge
liefert zu haben. Er hat dabei auch eine vollftändige
Uberficht über die metaphpfifchen Fragen gegeben (fie
„fpezifiziert“)/ er hat gezeigt) wiefo die Vernunft dabei
in fcheinbaren Selbftwiderfpruch gerät („den punkt dezf
und
mißuerftandeß
wie diefer aufzulofen
der Vernunft
ift. mit ihr felbft“) vgl. S. 566 u.)

Hu Ni ll t. Aant hat alfo unterfucht) was die Vernunft ,


ohne allen „Stoff und Veiftand der Erfahrung“ aug-f
richten kann. ErkenntniZ/ die unabhängig von Erfahrung
gilt) bezeichnet er als Erkenntnig „er priori“ (d. h. eine
folche) die „von vornherein“ feftfteht). Sie muß für fchlecht
.hin notwendig gelten; fie _ift keine bloße „meinung“ oder
„Hypothefe“. Auch die Uberficht über alle apriorifchen
Erkenntniffe muß felbft a priori gelten) muß ein Veifpiel
apodiktifcher (unbedingter) Gewißheit fein.
Vie Bemerkungen über die Veduktion der reinen Ver
ftandezbegriffe (S. 8f.) werden erft verftändlich werden)
wenn diefer Abfchnitt felbft zur Erörterung gelangt.
Hu ZX ll 2. Liant erklärt hier) daß er auf Zeifpiele
l8
verzichtet habe) weil auch bei ftreng wiffenfchaftlich-fchul
mäßiger („fcholaftifcher“) Darftellung der Umfang feines
Werkes fehr erheblich würde.
Der erwähnte Abt Terraffon lebte von (670 bis U50
und war Verfaffer eines Staatsromans Sethos.
Zu 8 l. Indem Liant in feiner Aritik alle die aprio
rifchen Beftandteile der Erkenntnis aufdeckt) liefert er die
Vorarbeit für ein „Inventarium“„ eine fyftematifche Uber
ficht des Apriorifchem d, h. für eine wirkliche Metaphyfik
(vgl. S. 65W.). Da es hierbei die Vernunft nur mit fich
felbft zu tun hat) da fie der *- ftets erweiterungsfähigen -
Erfahrung nicht bedarf) fo kann fie ficher fein) nichts
überfehen zu haben (Liant erläutert dies durch das LVort
des römifchen Dichters Verfius: „Verweile bei dir felbft)
und du wirft erkennen) wie knapp dein Befitz ift“).
Zu 8 ll, Das hier angekündigte LVerk hat Liant in
der Schrift „Uietaphyfifche Anfangsgründe der Üatur
wiffenfchaft“ geliefert. Während es in der „Liritik“ nur auf
die apriorifchen Grundbegriffe (wie z. B. Urfache) und
ihren fyftematifchen Zufammenhang (ihre „Synthefis“)
ankam„ müffen in der Metaphrfik auch die von jenen
abgeleiteten Begriffe (wie z. B. von Urfache abgeleitet:
Kraft) Handlung) vgl. S, 98) berückfichtigt werden. Dazu
ift AnalYfis (Begriffszerlegung) nötig.

l9
Vorrede zur zweiten Ausgabe
(von 1787)
Gedankengang:
l. Ueugeftaltung der U7etaph7fik durch eine Ue
volution der Denkart nach dem Vorbild der
Uiathematik und Uaturwiffenfchaft,
ll. Das Ergebnis der Ueugeftaltung (S.52 Z. (6).
[ll. DasVefondere derzweiten Auflage (S.50Z. 8),
Zu l. Aant vergleicht hier die Metaphyfik mit drei
anderen Difziplinen) die bereits „den ficheren Gang einer
Wiffenfchaft eingefchlagen“ haben) während es bei der'
U'tetaphffik immer noch zweifelhaft ift) ob fie überhaupt
als Wiffenfchaft möglich fei, Diefe drei Difziplinen find:
Logik) Mathematik und VhYfik.
Die Logik (wenn man von ihr alles Dfpchologifche.
Metaphpfifche und Anthropologifche fernhaltl) ift fchon
durch Ariftoteles (ZM-522) zur Vollendung gebracht(
worden. Sie verdankt dies dem Umftand) daß fie von
allen Gegenftänden des Denkens und Erkennens abfieht(
1 D,h. wenn man lediglich die Gedankenihrem Sinne nach. niäft(
die Denkvorgänge oder die Seele bzw, den Menfchen als denkende!
Wefen betrachtet.
2()
und nur die „Form“ (die formalen Gefetze) de5 richtigen
Denkenz unterfucht; So ift ez eine logifche Feftftellung„
daß Ö*:Ni ift) und iR nicht :' Nicht-(K ift. Formal ift
fie) weil an die Stelle Ni jeder beliebige Gegenftand
(Wenfch„ pferd) Tifch ufw.) eingefetzt werden kann.
Mathematik und Vthik find durch eine „Revolu- _
tion“ de5 Verfahrens zu dem „königlichen“ Weg ficherer
wiffenfchaft gelangt. Worin beftand nun diefe „Revo
lution“'t) Darin) daß man nicht die_ Gegenftände der Er
kenntniZ alg in der Erfahrung fertig gegeben voraus
fetzte„ fondern fie felbft konftruierte. Aonftruiert man z. V.
ein Dreieck („einen Triangeltt) al5 gleichfchenkelig„ fo folgt
daraus a prjotj„ daß die den gleichen Seiten gegenüber
liegenden winkel gleich find u,a. LVer diefe „Revolution“
in der Mathematik herbeigeführt hat) ob Thales von
mila. der al5 der ältefte griechifche Vhilofoph gilt) oder
ein anderer) kann trotz der Angaben de5 Diogeneg faertius
(im dritten Jahrhundert n. Ehr.) nicht mehr feftgeftellt
werden.
Zn der Üaturwiffenfchaft ift jene „Revolution der Denk
art“ noch nicht fo alt) und man kennt ihre Urheber: der
englifche Dhilofoph Zaco von Verulam ("f (626)) der
Italiener Galileo Galilei ("f (642)) die Deutfchen Toricelli
(f- t647) und Stahl (f L734) find hier zu nennen. Sie
haben jene „Revolution“ dadurch bewirkt„ daß fie fich
nicht begnügten„ das in der Erfahrung Gegebene zu be
obachten) fondern daß fie da5 Experiment in die Matur
wiffenfchaft einführten. Sein Wefen befteht darin) daß
man diejenigen Vorgänge felbft herbeiführh deren Gefeße
man feftftellen wird. Alfo auch hier wird der zu unter
fuchende Gegenftand gleichfam gefchaffen; freilich nicht
Zi
durch freie Aonftruktion wie in der Mathematik) fondern
indem man die Natur nötigt) die uns intereffierenden
Vorgänge eintreten zu laffen und fo unfere Frage zu be
antworten) unter welchen urfächlichen Bedingungen fie
eintreten.
Sollte nun nicht auch die Metaphyfik zum Rang
einer Wiffenfchaft erhoben werden können durch eine
„Revolution der Denkartttk Das ift die große Frage
Liants. Das ganze Verftändnis feiner „Liritik“ hängt da
von ab/ daß man erfaßt) was er mit jener „Revolu
tion“ meint. Er vergleicht fie mit dem Grundgedanken
des Aopernikus. Vor ihm nahm man an) Sonne und
Sterne drehten fich um die Erde; er verfuchte es mit der
Annahme) daß die Erde fich drehe.
So fetzte man bis auf Aant als felbftverftändlich voraus)
daß unfere Erkenntnis fich nach den Gegenftänden richten
(fich gleichfam um diefe „drehen“) müffe. Dabei konnte
man aber nie erklären) wie man unabhängig von Er
fahrung) alfo a priori) etwas von den Gegenftänden
wiffen könne. Denn find (wie man bisher allgemein an
nahm) die Gegenftände gleichfam fertig ohne unfer Hu
tun da) und befteht die Erkenntnis darin) daß wir die
Gegenftände) wie fie an fich find - als „Dinge an fich“ -
gewiffermaßen abbilden) fo kann unfere Erkenntnis nur
auf Erfahrung fich gründen und niemals mehr enthalten)
als was Erfahrung bisher gelehrt hat. Wie können wir j
dann aber z. B. a priori wiffen) daß jede Veränderung ;
ihre Urfache hat und in alle Zukunft haben wird -
worüber uns Erfahrung doch noch nicht belehrt hat?!
Man fieht: die für Liant in den Mittelpunkt tretende
Frage: wie ift apriorifche Erkenntnis möglich?) kann
22
nicht beantwortet werden) wenn man bei der gewöhn
lichen Auffaffung verbleibt) daß alle Erkenntnis fich nach
den Gegenftanden richte und lediglich auf der Erfahrung
von den Gegenftanden beruhe. Aant kam nun als erfter
auf den Gedanken) es mit der entgegengefetzten Annahme
zu verfuchen) daß die Gegenftande fich nach unferem Er
kenntnisvermögen richten müffen (um namlich überhaupt
für uns erkennbar zu fein). Er unterfcheidet dabei drei
Zeftandteile des Erkenntnisvermögens (der „Vernunft"
im weiteren Sinne): die „Sinnlichkeit“ als Vermögen der
Anfchauung des in Zeit und Raum Gegebenen) *den
„Verftand“ als das Vermögen der Begriffe) und die
„Vernunft" (im engeren Sinne) als das Vermögen der
„Ideen“. Wenn ich z, V. fehe) daß auf das Ueiben eines
Zündhölzchens an der Zündfläche ein Aufflammen folgt)
fo habe ich zunachft die Anfchauung zweier zeitlich auf
einander folgender Vorgänge im Raume. Indem ich
das Aufflammen als durch das Reiben verurfacht denke
(anfchaulich wahrnehmen kann ich namlich die Verur
fachung felbft nicht) fondern nur ein Üacheinander) ver-
knüpfe ich das Angefchaute durch den Verftandesbegriff
der „Urfache und Wirkung" (Aaufalitat).
Wenn ich endlich jenfeits aller Erfahrung mir eine
erfte (abfolute) Urfache alles Gefchehens denke (vgl. oben
S. (6)) f0 denke ich eine Vernunftidee. „Ideen" entftehen
namlich aus Verftandesbegriffen („Liategorien“)) indem
man fie ins Abfolute fteigert.
Aant nennt) wie wir oben S. (9 fahen) die Erkenntnis
des Apriorifchen Uketaphnfik. Hier (S. (9) unterfcheidet
er zwei Teile der Metaphyfik. Im erften Teil be
fchaftigt fie fich mit folchen Begriffen) zu denen ent
23

fprechende Gegenftände in der Erfahrung gegeben werden
können) wie z. B. den Urfachbegriff. Wir wiffen aber
a priori) daß in der Äatur jeder Vorgang feine Urfachen
hat. Diefe apriorifche Erkenntnis ift dadurch „möglich“
(d. h. daraus erklärlich)„ daß wir vermittels des Urfach
gedankens eine „Liatur“ für uns fchaffen. Denken wir
uns ein Wefen„ das zwar finnliche Anfchauungen hätte
wie wir) aber die Begriffe „Urfache und wirkung“ nicht
zu denken vermochte: für ein folches Wefen gäbe es zwar
Erfcheinungen in Raum und Zeit) aber keine „Üatur“.
Auch wir Wenfchen find nicht immer darauf einge
ftellt„ das uns in der Erfahrung „Gegebene“ als „Natur“
aufzufaffen„ alfo vermitteks des Aaufalbegriffs zu ver
knüpfen. Wenn wir z. B. einen Vorgang als „fchön“
oder „erhaben“ auffaffen„ fo intereffiert uns nur feine
Befchaffenheit) aber durchaus nicht feine Urfache oder
feine Wirkung. Wir find dann zu ihm nicht naturwiffen
fchaftlich eingeftellt„ fondern äfthetifch. Es gehört aber
zur Eigenart der äfthetifchen Einftellung„ daß fie ihre
Gegenftände ifolierh fie alfo nicht in den kaufalen Zu
fammenhang des Üaturwirklichen einordnet. Wenn wir
z. B. im Drama den Tod des Wallenftein miterlebt haben) '
fo erkundigen wir uns nicht) wann das Begräbnis fein
wird.
Andererfeits gehört es zum Wefen der naturwiffen
fchaftlichen Einftellung„ daß wir alles uns in Raum und
Zeit Gegebene (die „Erfcheinungen“) in einen urfäch
lichen Hufammenhang einordnen. So gut es für ein
Wefen„ das der ifolierenden äfthetifchen Einftellung nicht
fähig wäre) nichts „Schönes“ gäbe) fo gut gäbe es fü.:
uns keine „Liatur“„ wenn wir nicht den Gedanken der Ver
24
urfachung in unferem Verftande erzeugen könnten und
_ der naturwiffenfchaftlichen „Einftellung“ fähig wären.
Gerade indem 'wir uns in folche verfchiedene innere
„Einftellungen“ vertiefen) find wir am eheften imftande„
uns den Grundgedanken der Vernunftkritik) den Sinn
von Liants „kopernikanifcher Revolution“ in der Betrach
tung der Erkenntnis zum Verftändnis zu bringen. Die
Berückfichtigung folcher „Einftellungen“ ift uns aber fchon
im gewöhnlichen Leben durchaus geläufig. Wenn jemand
zu einem anderen fagt: „Als Richter muß ich Sie ver
urteilen) als Menfch kann ich Ihre Handlungsweife ver
ftehen und entfchuldigen) als Thrift werde ich bemüht
fein) Ihnen nach Abbüßung Ihrer Strafe zu helfen“ -
f0 *meint er mit folcher Unterfcheidung tatfächlich ver
fchiedene innere Einftellungen) d. h. verfchiedene Begriffe)
Grundfätze) Wertfchäßungen) mit denen er den anderen
und feine Handlungsweife auffaßt. Weitere Beifpiele aus
dem Leben laffen fich leicht beibringen.
Liant ftellt fich nun die Aufgabe) die innere Ein
ftellung des (Mathematikers und) Üaturwiffenfchaftlers
klarzulegen. Er beantwortet die Frage: mit welchen Be
griffen und Grundfätzen müffen wir das in Raum und
,Zeit Gegebene (die Erfcheinungen) auffaffem damit es
für uns zur „Üatur“ werde. Dabei kommt es natürlich
auf die Individualität der einzelnen Forfcher und auf die
in ihnen fich abfpielenden feelifchen Vorgänge in ihrer
befonderen Art nicht an) fondern auf die Betrachtungs
weife der beiden genannten Wiffenfchaften überhaupt.
Damit ift die gewöhnliche naive („dogmatifchet') Mei
nung überwunden) die Äatur felbft fei etwas ohne unfer
Zutun fertig Gegebenes„ fie fei ein ohne jede Beziehung
25
zu unferem erkennenden Geifh alfo abfolut Exiftierendes)
fie fei „Ding an fich". Daß es f0 etwas gebe) bezweifelt
Aant nicht) aber feine Aritik führt ihn zu dem Ergebnis)
daß „unfere Vernunfterkenntnis a priori nur auf Er
fcheinungen gehe) daß fie die Sache an fich felbft da
gegen zwar als für fich wirklich) aber von uns unerkannt)
liegen laffe“ (S. (9).
Im zweiten Teil der Metaphyfik nämlich zeigt es fich)
daß wir mit der Vernunft über die Grenze der Erfah
rung. d. h. der Erfcheinungen) nicht hinausgelangen. Zur
(Uatur-)Erkenntnis gehören nämlich ftets zwei Zeftand
teile: anfchauliche Erfcheinungem die uns gegeben find)
und apriorifche Verftandesbegriffe/ durch die fie gedacht)
als Gegenftande gedeutet werden.
Verfuchen wir nun) mit unferen Begriffen über die
Erfahrung hinaus zu den „Dingen an fich“ und damit
zu dem „Unbedingten“ („Abfoluten“) zu gelangen) f0
greifen wir ins Leere; theoretif ch (oder wie Liant ge
nauer fagt: „fpekulativ“ 1) können wir hier nichts mehr
erkennen) wohl aber können wir von unferer praktif ch en
Erkenntnis (d. h. unferem fittlichen Zewußtfein) aus uns
gewiffe vernünftige Glaubensvorftellungen über das jen
1 Zei der theoretifch en Erkenntnis gilt es) einen uns ge
geb enen Gegenftand beftimmt zu erfaffen. bei der praktifchen
einen nicht gegebenen) fondern fein fallenden zu erkennen und zu
verwirklichen (S. (5). -
Spekulativ nennt Liant eine Unterart der theoretifchen Er
kenntnis, diejenige nämlich. welche auf Gegenftände zielt. zu denen
man in keiner Erfahrung gelangen kann. Ihr entgegengefeßt ift
die Uaturerkenntnis) die fichzguf Gegenftiinde befchränkh von denen ,
Erfahrung möglich ift. - Ubrigens verwendet Liant gelegentlich i
„fpekulativ“ in demfelben Sinne wie „theoretifch“.

26
...'
.1 b.
_x .

feits der Erfahrung fiegende (wie Gott und Unfterb


lichkeit) bilden. Diefe Fragen aber auf theoretifchem Wege
zu löfen„ darum war die Metathfik vor Aant im
wefentlichen bemüht. Liant zeigt) daß es für die Reta
phyfik unmöglich ift) die jenfeits aller Erfahrung liegen
den (d. h. tranfzendenten) Dinge an fich zu erkennen; er
ftellt damit der Rietaphpfik eine neue Aufgabe: fie foll
nicht ins Tranfzendente fchweifen„ fondern ein Spftem
der apriorifchen Erkenntniselemente fchaffen„ das die Ver
nunft felbft ausmacht. Die „Aritik“ zeigt) wie ein folches
Syftem zuftande zu bringen ift) fie entwirft den Grundriß
(„Vorrißt') dazu und ift eine Abhandlung über das Ver
fahren der Rietaphpfik („ein Traktat von der methode“„
I. 2x).
Da diefe von Liant entworfene Metaphpfik nicht Ob
jekte) die von der Vernunft verfchieden und ihr fremd
find) zu unterfuchen hat) fondern die Vernunft felbft
alfo gleichfam eine Selbfterkenntnis der Vernunft dar
ftellt„ fo kann fie zur Vollendung gebracht werden. Sie
ftellt dann ein Aapital (einen „Hauptftuhl“) dar) das von
der Üachwelt nicht weiter vermehrt werden kann. Als
Grundwiffenfchaft muß fie fich von dem Salze leiten laffen„
daß „nichts getan fei„ wenn ihr noch etwas zu tun übrig
bliebe“ (S. 22).
Zu ll, Worin liegt nun der Wert diefer neuen Rieta
phyfik? Hunächft darin) daß fie unferer Spekulation ver
bietet) die Grenzen der Erfahrung zu überfchreiten. Solche
Grenzüberfchreitungen find aber um fo bedenklicher„ als
wir dann leicht der Verfuchung unterliegen) uns auch
das jenfeits der Erfahrung Liegendg das „Tranfzendente“„
f innlich vorzuftellen und fo das Geiftige und Göttliche)
27
den Gegenftand unferes praktifchen Vernunftglaubens in
feiner Eigenart zu verkennen.
S0 hat alfo die Einfichy daß unfere theoretifche (fpeku
lative) Erkenntnis (unfer „Wiffen“) auf den Bereich der
finnlichen Erfcheinungen eingefchränkt ift) zugleich den
pofitiven Nutzen) daß für den Vernunftglauben das Feld
des Uberfinnlichen freigehalten wird.
Liant erläutert dies an der Frage der Willensfreiheit
(S. 24- f.). Die Willensakte als „Erfcheinungen“ (als Gegen
ftände der naturwiffenfchaftlichen VfYchologie betrachtet) ,
werden) wie alle Uaturvorgängg als urfächlich bedingt)
mithin als naturnotwendig angefehen. Für die natur
wiffenfchaftliche „Einftellung“ (zu der auch die pfycho
logifche gehört) gibt es keine Freiheit. Andererfeits fetzt die
Moral „Freiheit im ftrengften (d. h. indeterminiftifchen 1)
Sinne als Eigenfchaft unferes Willens voraus“ (S. 25).
Würde nun die naturwiffenfcha ftliche Betrachtungsweife
den Willen als „Ding an fich“ erfaffen) würde fie gleich
fam das ganze Wefen unferes Wollens erfchöpfend uns
erfchließen) fo wäre kein Platz für Freiheit. U'unmehr f
aber auf Grund der „Revolution der Denkart“ frage '
ich nicht: ift der Menfch „an fich“ frei oder unfrei? H
Sondern mein 1Problem lautet: für welche innere Ein- i
ftellung ftellt fich der Menfch als Äaturwefen) alfo unfrei) '

1 Es gibt nämlich auch einen determiniftifchen Freiheitsbegrif'f. i


Deffen Vertreter erklären) wenn eine Willensentfcheidung nicht in- '
folge äußerer Beeinfluffung. fondern aus dem Charakter des Lian
delnden' erfolge. fo könne fie „frei“ genannt werden) obwohl fie
durch diefen Charakter eindeutig beftiinmt („determiniert“) und in
fofern naturnotwendig fei. Diefen determiniftifchen Freiheitsbegrifi
lehnt Liant als ungenügend für die Sittlichkeit ab.

28 f
l
l
f
für welche als fittliches Wefen) mithin als frei) dark Dabei
wird klar) daß die naturwiffenfchaftlich-pfpchologifche Be
trachtungsweife im Wenfchen lediglich das Uaturwefen)
gleichfam nur eine Sache) ein produkt des Uaturlaufs
fieht. Darum kommen fich auch Wenfchen/ die man zum
Gegenftand pfychologifcher Beobachtungen oder Experi
mente macht) gewöhnlich als „Verfuchskaninchen" und
damit gleichfam ihrer Wenfchenwürde entkleidet vor.
Ganz anders ift die innere Einftellung) in der ich ge
wöhnlich mit den anderen Wenfchen als Verfon mit
Verfonen verkehre. Hier find mir die anderen nicht Unter
fuchungsobjekte/ fondern fie gelten mir als frei wollende
und handelnde Subjekte) deren Verhalten ich fittlich billige
und mißbillige und die ich dafür verantwortlich mache.
Aus meiner inneren Einftellung folgt alfo. daß ich im
erften Fall im Reich der Äatur) im zweiten im Reich
der Freiheit mich befinde und daß dort der Wenfch mir
als unfreies Uaturwefen) hier als freie) fittlich verant
wortliche Verfönlichkeit fich darftellt.
S0 wenig wie die Freiheit können wir bei unferer
theoretifch en (naturwiffenfchaftlichen) Einftellung Gott und
die einfache (und darum unzerftörbare) Äatur unferer Seele
erkennen. Aber wenn wir infolge der „Aritik" zur Ein
ficht gekommen find) daß die theoretifche Erkenntnisweife
nicht das Wefen (das „An-fich“) der Wirklichkeit erfchöpft)
fondern auf die Erfcheinungen befchränkt bleibt) fo ift
es mir doch wenigftens erlaubt) wie die Freiheit) fo auch
Gott und Unfterblichkeit als möglich zu denken und an
fie zu glauben) wenn ich als „praktifches" (d. h. fittlich
handelndes) Wefen zu einem folchen Glauben mich ge
nötigt fehe.
29
S0 kommt Aant zu dem Satz) der für ihn perfönlich
wie für fein philofophifches Spftem kennzeichnend ift:
„Ich mußte das Wiffen aufheben) um zum Glauben
platz zu bekommen“ (S. 26). Er will damit fagen: ich
mußte das fcheinbare Wiffen) das die frühere Metaphyfik
über dies Gebiet jenfeits der Erfahrung für fich in An
fpruch nahm) als ungültig dartun„ um das Recht und
das Gebiet des Glaubens aufzuweifen.
Ein wirklicher Verluft ift dadurch nicht entftanden. Denn
die Beweife„ welche die Vhilofophenfchulen für Gott) Frei
heit und Unfterblichkeit zu erbringen fuchen„ find für „die
große (für uns achtungswürdigfte) Menge“ zu fchwer faß
lich. Auf den Dhilofophen von Fach konnte man das
Wort anwenden: „Was er ebenfowenig weiß als ich) das
will er allein zu wiffen fcheinen.“ Er muß nunmehr auf
diefen arroganten Anfpruch verzichten) jedoch ift er von
nun an als Verwalter (Depofitär) der Vernunftkritik zu
betrachten (S. 28).
Liann auf dem Gebiet des Tranfzendenten pofitiv nichts
bewiefen werden) fo kann dort auch nicht widerlegt wer
den, Der Glaube) der auf unfer fittliches Bewußtfein fich
gründet) ift alfo durch die „Ltritik“ auch fichergeftellt
gegen die Einwände des Materialismus„ Fatalismus„
Atheismus„ alfo der Richtungen) die die Seele und ihre
Unfterblichkeih unfere Freiheit und die Exiftenz Gottes
zu widerlegen fuchen.
Indem endlich die „Kritik“ dartut„ daß wir von unferer
Erfcheinungswelt (d. h. dem) was wir kurzerhand die
wirkliche Welt nennen) ein ficheres Erfahrungswiffen er
langen können„ widerlegt fie den Skeptizismus„ der an
allem Wiffen verzweifelt) und den fogenannten „Idealis
' 50
must() der behauptet) die körperliche Welt exiftiere nicht
ebenfo wirklich wie wir felbft) fondern fei nur eine Vor
ftellung („Idee“) in unferem* Bewußtfein. -
Die „Liritik“ zerftört zwar den „Dogmatismus“ (S. 29)/
d. h. das kritiklofe Darauflos-Vhilofophieren„ aber fie
fchafft zugleich den Unterbau für eine neue Metaphyfih
die ihrerfeits „dogmatif ch“ verfahren) d. h. ihre Lehren aus
ficheren Grundfätzen u priori ableiten muß (nach dem
Vorbild Thriftian Wolffs)) deffen Vhilofophie damals
die deutfchen Univerfitäten beherrfchte. Wer dies ftreng
wiffenfchaftliche Verfahren verfchmähß der will nicht
Vhilofophie (d. h. Liebe zur Weisheit) ) fondern philo
doxie (Liebe zu feiner zufälligen Meinung).
Zu lll. Liant betgnß daß die zweite Auflage in der
Sache felbft keine Anderung bringe) wohl aber Ver
befferungen in der Darftellung. Er ift fich bewußt) daß
er „das Talent einer lichtvollen Darftellung“ (S. 55) nicht
in befonderem Grade befitze; 'er hofft) daß andere feinen
Gedanken noch eine faßlichere Darftellung geben werden;
„denn widerlegt zu werden) ift in diefem Falle keine Ge
fahr) wohl aber nicht verftanden zu werden“.

Zi
Einleitung1
Zu l. Von dem Unterfchiede der reinen und
empirifchen Erkenntnis
Liant bildet das Adjektiv „apriorifch" nicht) er fagt
dafür „rein“_ (namlich: von Empfindung). Somit ftellt er
gegenüber die „reine" und die „empirifcheth d. h. die
Erfahrungserkenntnis. Brun wird fich aber zeigen) daß
die Erfahrungserkenntnis felbft zufammengefetzt fei aus
finnlichen Eindrücken (was wir oben S. 23 das anfchau
lich Gegebene nannten) und dem) was unfer Erkenntnis
vermögen (namlich unfer „Verftand") „aus fich felbft
hergibt" (S. 647)) d. h. den Verftandesbegriffen. Wenn
ich z. B. das Blatt vor mir wahrnehme) fo ift das
Weiß. das ich fehe) das Glatt) das ich tafte/ „Bohftoff
finnlicher Eindrücke/t; erft indem ich durch meinen
Verftand das Weiß und Glatt als „Eigenfchaften“
eines „Dinges“ (nämlich eines Blattes) denke) habe ich
die „Erkenntnis" eines Gegenftandes. Ich könnte mir
denken) daß eine Fliege) die auf dem Blatte fitzh auch
' Unfere Erläuterungen beziehen fich auf den Text der zweiten
Auflage. der bei Reclam zum Teil am Schluß des Bandes in den
„Supplenienten" abgedruckt ift.
52
die finnlichen Eindrücke des Weiß und Glatt erlebt) aber
damit wäre für fie noch nicht ein wirkliches Ding mit
Eigenfchaften da. Die Begriffe „Ding/ Eigenfchaft“ (auch
„Wirklichkeit“) werden uns nicht von den Sinnen gelie
fert) fie „entfpringen nicht aus der Erfahrung“) fondern
aus dem Verftande. Die finnlichen Eindrücke (Empfin
dungen) ihrerfeits rühren davon her. daß „Gegenftände“
(nämlich: Dinge an fich) „unfere Sinne rühren“.
Es zeigt fich bei der Betrachtung diefer ganzen Stelle)
daß Aant den Ausdruck „Erfahrung“ in doppeltem
Sinne verwendet. (. Erfahrung im engeren Sinne befteht
lediglich aus den Sinneseindrücken) dem was a posteriori
gilt. 2. Erfahrung im weiteren Sinne) d. h. wirkliche
Erfahrungserkenntnis befteht aus den Sinneseindrücken
(: () und ihrer Verarbeitung) d. h, Auffaffung und Deu
tung durch die Verftandesbegriffe. die ihrerfeits er priori
gelten.
Die von Aant fo genannten Erkenntniffe a priori und
a postariori find alfo) für fich genommen„ nur Beftand
teile) Elemente der einen Erfahrungserkenntnis.

ll. Wir find im Befitz gewiffer Erkenntniffe


a priori
Aants Bemühen ift nun zunächft. das Apriorifche
zu entdecken. Als Liennzeichen desfelben weift er hier
auf „Notwendigkeit und ftrenge Allgemeinheit“ (S. 649).
Wenn wir alfo urteilen: es muß fo fein) oder es ift in
allen Fällen fo) dann muß ein folches Urteil a priori)
d. h. unabhängig von Erfahrung gelten. Denn Erfah
rung zeigt uns höchftens nur: es ift tatfächlich fo (es
meffer. Aant-Aomm. 55 3
könnte auch anders fein)) und bisher ift es ftets fo ge
wefen. Das ift aber nur vergleichsweife (oornparatir)
allgemein.
Im Befitz der Aennzeichen des a priori) können 'wir '
leicht feftftellen) daß wir tatfächlich apriorifche Erkenntniffe
befitzen. Solche find alle Sätze der reinen-Mathematik)
wie z. B. 7 -f- 5 : l2„ oder die Winkelfumme eines Drei
ecks beträgt zwei Rechte. Solche Sätze gelten notwendig
(wir fehen ein: es muß fo fein) und ftreng allgemein gültig.
Beides trifft auch zu für den Satz) den wir im täg
lichen Leben ftets als gültig vorausfetzen und der all
unferer Üaturerkenntnis zugrunde liegt) daß jede Ver
änderung eine Urfaäye haben müffe.
Der englifche Vhilofoph Hume (Uli-_76) hat ge-j
meint) infolge häufiger Wahrnehmung zweier aufein
ander folgender Eindrücke bilde fich in uns die fubjek
tive Nötigung) bei erneuter Wahrnehmung des erften f
den zweiten zu erwarten. Das ift aber jedenfalls nicht
der Sinn des Aaufalfatzeß der befugt) daß die zwei Vor
gänge in fich (ganz unabhängig von wahrnehmenden
Subjekten) notwendig und allgemein verknüpft feien.
Wie der Begriff der Aaufalität. fo ift auch die Vor
ftellung des Raumes und der Begriff der Subftanz (d. h. f
eines beharrlich für fich Exiftierenden) a priori.

lll. Die Dhilofophie bedarf einer Wiffenfchaft


des 8. priori (S. 56ff.)
Lieben den apriorifchen Erkenntniselementem die in
Mathematik und Äaturwiffenfchaft ihre Anwendung auf H
anfchaulich Gegebenes finden) haben wir auch apriorifche i

54
Begriffe wie Gott) Freiheit und Unfterblichkeit/ denen
nichts Entfprechendes im Bereich der Erfahrung gegeben
werden kann. Mit diefen Begriffen hat fich die feitherige
(dogmatifche) Metaphpfik vor allem befchäftigt. Gerade
diefe Metaphpfik läßt aber die kritifche Unterfuchung ge
boten erfcheinen) „wie denn der Verftand zu allen diefen
Erkenntniffen a priori kommen könne ) und welchen Um
fang) Gültigkeit und Wert fie haben mögen“ (S. 57).

lil. Von dem Unterfchiede analytifcher und


fynthetifcher Urteile (S. 59ff.) -
Bei diefer Unterfuchung apriorifcher Erkenntnis ift es
aber von befonderer Wichtigkeit) die analptifchen (zer
gliedernden„ „erläuternden“) und die fpnthetifchen (hin
zufügenden) „erweiternden“) Urteile auseinanderzuhalten.
In den analytifchen ift das Prädikat mit dem Subjekt
„durch Identität“ (Diefelbigkeit) verknüpft; z. B. “in
„Liörper“ ift fchon dasfelbe enthaltenF was ich im Prä
dikat „ausgedehnt“ denke. Ich würde mir felbft wider
fprechen/ wenn ich das Urteil fällen wollte: der Aörper
ift unausgedehnt. Mithin gelten die analytifchen Urteile
a priori auf Grund des „Satzes der Identität“ (oder
dem des „Widerfpruchestß S. (ll A.). Die analytifchen Ur
teile können aber im folgenden außer Betracht bleiben;
fie haben ja lediglich die Bedeutung) Begriffe) die wir
fchon haben) zu zerlegen; fie fördern unfere Erkenntnis
nicht. Dies tun nur die f*ynthetif chen Urteile.
Während alle analptifchen Urteile a priori gelten)
können fpnthetifche Urteile fowohl er posteriori wie
a priori gelten.
55
*-7
Ein Beifpiel für das erftere ift der Satz; daß alle Körper
fchwer find.
Diefer Satz ift fynthetif ch. Denn im Begriff des
Aörpers liegen zwar die Merkmale der Ausgedehntheit)
Undurchdringlichkeih Geftalt; aber nicht das der Schwere
(tatfächlich beruht diefe ja auf der Anziehung der Liörper;
fetzt alfo mindeftens zwei Liörper voraus; während der
Liörper für fich ohne fie gedacht werden kann; aber nicht
z. B. ohne Ausdehnung).
Ferner gilt der Satz: die Liörper find fchwer) a poste
riorj; denn feine Geltung gründet fich darauf; daß die
Erfahrung mir die Schwere zeigt als etwas Tatfächliches
(und infofern Zufälliges).
Häufig hat man gegen "klants Unterfcheidung der ana
l7tifchen und fYnthetifchen Urteile das Bedenken vor
gebracht: wenn ich' nun aus der Erfahrung weiß; daß
alle Aörper fchwer find; fo werde ich diefes Merkmal
bei „Aörper“ ftets mitdenken; es wird fo zu einem Merk
mal des Begriffs „Aörperih und das Urteil: alle Aörper
find fchwer) wird von da an analytifch. Man könne alfo
überhaupt keine fefte Grenze ziehen; ob ein Urteil ana
lptifch oder ffnthetifch fei„ das hänge davon ab) *was
das einzelne Individuum bei dem Subjektsbegriff zufällig
mitdenke.
Diefe Erwägungen find für die pfpchologifch e Be
trachtung von Denkvorgängen im einzelnen Individuum
begründet. Aant dagegen in feiner logifch-erkenntnis
theoretifchen Betrachtung fetzt einfach voraus; daß die
Begriffe) wie das in der Wiffenfchaft das Wünfchenswerte
ift; hinfichtlich ihrer Merkmale feft beftimmt und abge
grenzt find; in unferem Beifpiel alfo/ daß das Merkmal
56
der Schwere zum Begriff des Aörpers nicht gehört. Unter
diefer Vorausfetzung ift und bleibt das Urteil: die Aörper
find fchwer) ein f7nthetifches. Die pfpchologifche Frage; was
fich im Bewußtfein des Einzelnen beim wirklichen Denken
diefes Urteils abfpielt„ kann ganz außer Betracht bleiben.
Wir fahen: die Geltung der fynthetifchen Urteile
a posterior-i ruht auf Erfahrung; diefe läßt die „Sim
thefis (Verknüpfung) des Vrädikats der Schwere mit dem
Begriff des Aörpers“ (S. 4( A.) als begründet erfcheinen.
Wie foll aber die Geltung fynthetifcher Urteile 8. priori -
verftändlich gemacht werden? Das ift die große Frage)
das eigentliche problem der „Aritik“.
Üehme ich als Beifpiel den Liaufalfatz: Alles ; was
gefchiehh hat feine Urfache. In dem Begriff deffen„ was
gefchiehh liegt noch nichts von Urfache; es ift alfo kein
analptifcheu fondern ein fpnthetifcher Satz. Ferner gilt
er notwendig und allgemein; es ift alfo ein fpnthetifches
Urteil a priori. Worauf ruht die Geltung folcher Ur
teile? Oder - wie Aant es formuliert -: wie find fpn
thetifche Urteile a priori möglich? Es ift das die ge
nauere Faffung der Frage: wie ift apriorifche Erkenntnis
möglich 'k (Vgl. oben S. 7.)

ii. In allen theoretifch en Wiffe-nfchaften der


Vernunft find fpnthetifche Urteile 8. priori
als Vrinzipien enthalten (S. 650 ff.)
Liant zeigt nun zunächft„ daß wir in der Tat folche
fynthetifche Urteile a priori haben und für gültig halten
fowohl in der reinen Mathematik wie in der Üatur
wiffenfchaft. Die bisherige Metaphpfik erhebt wenigftens
den Anfpruch; ebenfalls folche Urteile aufzuftellen.
37
lil. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft
(S. 654c 17-)
Schon Hume ift dem großen Problem: wie find fun
thetifche Urteile er priori möglich? nahegekommem aber
er hat es noch nicht in feinem ganzen Umfang gefehen;
fondern er empfand es nur in Beziehung auf den Liaufalfatz
(vgl. oben S, 2 u. 54). Unhaltbar ift auch feine Meinung)
folche Urteile feien überhaupt nicht möglich) tatfächlich
beruhe z. B. der Aaufalfatz auf Erfahrung) und nur unfere
Gewöhnung an ihn laffe ihn als notwendig erfcheinen.
Aber dann könnte es auch keine reine Mathematik geben.
Liant felbft ift überzeugt (es gehört das zu den unbe
wiefenen Vorausfeßungen feiner kritifchen Unterfuchung))
daß nicht nur die Urteile der reinen Mathematik gültig
feien; fondern auch die Grundfätze der Raturwiffenfchaft
wie der Satz der Aaufalität) der Erhaltung der Materie)
der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkungi. Ebenfo
fieht er in diefen allen) wie fchon bemerkt) fpnthetifche
Urteile *a priori. In bezug auf fie fragt er nicht) ob
fie möglich; d. h. gültig find; fondern nur wie diefe
Gültigkeit begriffen werden kann. Anders fteht es mit
der Metaphyfik) die es bisher ja lange nicht zu f0 all
gemeiner Anerkennung gebracht hat wie Mathematik
und Raturwiffenfchaft. Hierfeßtliant nicht die Gültigkeit)
fondern nur die Tatfache einer Metaphyfik voraus. Er
bemüht fich im Hinblick auf fie zunächft feftzuftellen; in
wiefern die metaphpfifchen Probleme aus der Vernunft
entfpringen. (Das ift der Sinn der Frage: wie ift Meta
l Er faßt diefe a priori geltenden Grundfätze als „reine“ Reitur
wiffenfchaft zufammen.
58
phffik als Üaturanlage möglich?) Ferner unterfacht er)
ob und in welchem Sinne jene metaphpfifchen probleme
auch gelöft werden können („wie ift Metaphpfik als Wiffen
fchaft möglich 7“). Man darf annehmen; daß diefer Frage
fein eigentliches Intereffe gilt. Aber um fie zu beant
worten; unternimmt er zunächft eine genaue Unterfuchung
der Mathematik und reinen Uaturwiffenfchaft/ um die
darin enthaltene apriorifche Erkenntnis begreiflich zu
machen.

kill. Idee und Einteilung der Aritik der reinen


Vernunft (S. (öff.)
Auch hier bezeichnet Aant (wie oben S. 27) feine Aritik
als eine Vorarbeit und Einführung („propädeutik“) zum
_Sthem der reinen Vernunft (d. h. einer wirklichen Meta
thfik). Die Betrachtungsweife (Methode) der Aritik nennt
er „tranfzendental“. Die Definition; die er davon gibt)
iftwichtig. Während die gewöhnliche Erkenntnis auf ihre
jeweiligen Gegenftände (wie mathematifche Gebilde oder
die Üatur) gerichtet ift; befchäftigt fich die tranfzenden
tale Erkenntnis mit der Erkenntnis felbft; fie ift infofern
„erkenntnistheoretifch“. Aber fie behandelt nicht alle Er
kenntnis; nämlich nicht die apofteriorifche; fondern nur
die apriorifche. „Tranfzendental“ heißt alfo die erkenntnis
theoretifche Unterfuchung des 8. priori.
Auch hier (S. 4s() betont Aant wieder; daß er noch
nicht ein ganzes Spftem der Tranfzendental-philofophiel
geben wolle; fondern nur eine Vorbereitung zu einem

' Über das Verhältnis der Tranfzendental-philofophie zur meta,


plnfik vgl. S. 654-658.
59
*„Organon“ oder wenigftens zu einem „Aanon“ eines
Syftems der Dhilofophie der reinen Vernunft. „(Drganon“
(wörtlich Werkzeug) nämlich: der Erkenntnis) ift der Titel
der logifchen Schriften des Ariftoteles. Liant definiert ein
„Organon der reinen Vernunft“ (S. 45) als „Inbegriff
derjenigen Vrinzipien (Grundfätze) nach denen alle reinen
Erkenntniffe a priori können erworben und wirklich zu
ftande gebracht werden“. „Aanon“ aber bedeutet: Richt
fchnur. Aant will alfo in feiner „Liritik“ wenigftens Richt
linien für ein Syftem -der Tranfzendental-Vhilofophie
geben.
Er teilt fein Werk ein in zwei Hauptteile: Elementar
und Methodenlehre (S. 46).
Die erftere hat die apriorifchen Erkenntniselemente auf
zufuchen und in ihrer Geltung begreiflich zu machen. Die
zweite „die formalen Bedingungen eines vollftändigen
Spftems der reinen Vernunft“ darzuftellen (S. 544-4); fie
hat alfo zu zeigen; wie jene Elemente zu einem gefchloffe
nen Spftem zu vereinigen find.
Endlich ift wichtig die Unterfcheidung von Sinnlich
keit und Verftand als der „zwei Stämme der menfch
lichen Erkenntnis“. Durch die erfte werden uns „Gegen
ftände“ (oder richtiger Empfindungen; Anfchauungem
Erfcheinungen) „gegeben“„ durch die zweite werden fie
„gedacht“ (d. h. als Gegenftände aufgefaßh gedeutet) be
ftimmtz vgl. oben S. t8 f.; 25).

40
l. Tranfzendentale Elementarlehre
Erfter Teil:
Tranfzendentale Äfthetik
Z t. Afthetik bedeutet hier nicht wie bei uns gewöhn
lich: Lehre vom Schönen; fondern Lehre von der Sinn
lichkeit (wie das dem urfprünglichen Sinn des griechifchen
Wortes entfpricht). Die Aufgabe des Abfchnitts ift; die
apriorifchen Elemente in der Sinnlichkeit aufzuweifen und
ihre Bedeutung und Geltung für die Erkenntnis darzu
tun. Wach Liant find Raum und .Zeit das u priori der
Sinnlichkeit und damit die apriorifchen Formen alles uns
anfchaulich Gegebenen.
Er fchickt der Erörterung felbft einige wichtige Wort
erklärungen voraus.
„Anf chauun g“ ift jede Vorftellung) die fich un
mittelbar auf gegebene Gegenftände bezieht. _
„Sinnlich k eit“ bedeutet die Fähigkeit; Vorftellungen
zu erhalten durch Gegenftände„ die auf uns einwirken
(uns „affizieren“).
„Em p fin d u ng“ heißt die Wirkung eines folchen affi
zierenden Gegenftandes auf uns.
Eine „empirif che“ Anfchauung ift eine folche) die
fich durch Empfindung auf ihren Gegenftand bezieht.
445
„Erfcheinung“ heißt der durch Begriffe noch nicht
beftimmte Gegenftand einer empirifchen Anfchauung.
Ich empfinde z. B. ein gewiffes Geräufch„ das von
links herkommt und fich wiederholt. Solange ich noch
gar nicht weiß) was es ift) muß es als eine bloße „Er
fcheinung“ bezeichnet werden. Wenn ich es nun durch
die Begriffe: „Bellen eines Hundes“ deute) wird es zum »
beftimmten Gegenftand.
„Materie“ der Erfcheinung ift das) „was der Empfin
dung korrefpondiert“„ d. h. was dem Empfindungsakt
des Subjekts entfpricht; kurz das Empfundene; in unfe
rem Beifpiel das Geräufch.
„Form“ der Erfcheinung ift dasjenige) in das fich
das Empfundene einordnet; alfo in unferem Beifpiel:
Raum und Zeit; denn ich verlege das Geräufch) bzw.
feinen Urfprung) in eine beftimmte Richtung und faffe
es als einen zeitlich fich wiederholenden Vprgang.
Da alles Empfundene in diefe Formen aufgenommen
und eingeordnet wird) f0 müffen diefe felbft „im Ge
müte (d. h. dem menfchlichen Geifte) bereitliegen“, Sie
find infofern a priori oder „rein“. Sie können felbft als
„reine Anfchauungen“ bezeichnet werden (im Gegen
fatz zu den empirifchen) d. h. aus Empfindungen be
ftehenden). So wird z. B. an einem Aörper die Undurch
dringlichkeit/ Härte) Farbe empfunden. Sehe ich von
diefen empirifchen Anfchauungen ab) fo bleibt noch das
Räumliche: Ausdehnung und Geftalt als reine An
fchauung. Das „Bereitliegen“ ift freilich nicht fo zu faffen)
als ob die Raum- und Zeitvorftellung fchon da wäre)
ehe etwas empfunden wurde. Daß diefe Vorftellungen
3. priori find) bezeichnet nicht) daß fie zeitlich den Emp
“tt
findungen vorangingen; fondern daß fie nicht felbft Emp
findungen und infofern unabhängig von diefen find.
„Angeboren“ find die Uaum- und die Zeitvorftellung -
ähnlich wie die fpäter» erwähnten Verftandesbegriffe
(Kategorien) nicht als fertiger Befitg fondern keimhaft;
d. h. als Anlagen. die fich entwickeln.

Der
tranfzendentalen Afthetik erfter Abfchnitt
- Von dem Baum
Z 2. Metaphpfifche Erörterung diefes Begriffs
Das Ziel der fogenannten „metaphyfifchen “ Erörterung.
der Uaum- und Zeit-Vorftellung (oder) wie Aant oft
kürzer fagt: des Raumes und der Zeit) ift der Üachweis;
daß diefe Vorftellungen: (. a priori; nicht empirifch find;
2. daß fie nicht „Begriffeth fondern „Anfchauungen“
find.
Zu t. Die Uaumvorftellung ift nicht etwa wie der Be
griff „Baum“ von äußeren Erfahrungen „abgezogen“
(d. h. abftrahiert). Denn ich kann zwar einzelne Bäume
wahrnehmen und daraus den allgemeinenBegriff„Baum“
erft bilden; aber wenn ich einzelne Bäume oder räum
liche Gegenftände wahrnehme; fo bilde ich nicht erft aus
diefen die Vorftellung des einen; allumfaffenden Baumes;
fondern diefe ift immer fchon da; denn die einzelnen
Räume werden nur als feine Teile; die einzelnen Gegen
ftände als in ihm befindlich vorgeftellt.
Ferner ift die Uaumvorftellung für alle äußere Er
45
...z-„7
fahrung notwendig; ohne fie gäbe es keine äußere Er
fahrung. Sie kann alfo nicht felbft erft auf diefer Erfah
rung) kann mithin nicht empirifch„ fondern muß a priori
fein.
(Zu 2. Aant unterfcheidet „Anfchauung“ und „Begriff“
f0: „Iene bezieht -fich unmittelbar auf den Gegenftand
und ift einzeln; diefer mittelbar; vermittels eines Merk
mals„ was mehreren Dingen gemein fein kann“ (S. 278).
Deshalb nennt er die Raumvorftellung Anfchauung (und
zwar „reine/Z weil fie u priori gilt)) denn fie bezieht fich
unmittelbar auf den einzigen; allumfaffenden Raum.
Wenn wir von einzelnen Räumen reden; fo meinen wir
nicht Arten oder Exemplare der Gattung Raum (wie
wenn wir von Baumarten oder Bäumen reden; die unter
den Gattungsbegriff „Baum“ fallen); fondern Teile des
einen Raums. Man pflegt unferen Raum als euklidifch
zu bezeichnennach dem Griechen Euklides (um 500 v. Thu);
dem Begründer unferer Geometrie. In der neueren Mathe
matik fpricht man auch von nicht-euklidifchen Räumen.
Mit Rückficht darauf kann „Raum“ als Gattungsbegriff j
bezeichnet werden; der mehrere Arten umfaßt. Indeffen
lagen diefe Gedanken Aant fern; auch kann man fich
von diefen nicht-euklidifchen Räumen und den Gebilden i
darin keine anf ch auliche Vorftellung machen.
Wie wenig ftreng übrigens Rant in feinem Sprach
gebrauch ift; fieht man z. B. daran; daß er vielfach auch
weiterhin den Ausdruck „Begriff“ in bezug auf den
Raum verwendet; obwohl er foeben dargelegt hat; daß f
die Raumvorftellung kein Begriff; fondern eine Anfchau
ung fei.

46
Ö 5. Tranfzendentale
Erörterung des Raumbegriffs
Hatte die metaphpfifche Erörterung zu zeigen) daß die
Raumvorftellung a priori fei) fo foll die tranfzendentale
dartun„ daß durch die Apriorität der Raumvorftellung „die -
Möglichkeit anderer fpnthetifcher Erkenntniffe“ a priori
(nämlich der geometrifchen) eingefehen werdenkönne.
Alle (rein) mathematifchen Sätze find (vgl. oben S. 54()
fpnthetifche Urteile a priori. Ihre Möglichkeit zu erklären
gehört alfo zur Gefamtaufgabe der Antik; deren großes
Problem ja lautet: Wie find fYnthetifche Urteile a priori
möglich?
Wie lautet nun die Löfung des Problems bezüglich der
geometrifchen Sätze?
Während die philofophifche Erkenntnis Vernunft
erkenntnis aus Begriffen ift) ift die mathematif che (alfo
auch die geometrifche) Erkenntnis „Vernunfterkenntnis
aus der Lionftruktion der Begriffe“. „Einen Begriff
aber konftruieren heißt: die ihm korrefpondierende (ent
fprechende) Anfchauung apriori darftellen.“ „S0 konftruiere
ich einen Triangel) indem ich den diefem Begriff ent
fprechenden Gegenftand; entweder durch bloße Einbildung
in der reinen) oder nach derfelben auch auf dem Papier)
in der empirifchen Anfchauung) beide Male aber völlig
a ptjUti„ ohne das Mufter dazu aus irgendeiner Erfah
rung geborgt zuhaben) darftelle. Die einzelne hingezeich
nete Figur ift empirifch und dient gleichwohl) den Begriff
unbefchadet feiner Allgemeinheit auszudrücken) weil bei
diefer empirifchen Anfchauung immer nur auf die Hand
lung der Lionftruktion des Begriffs. welchem viele Be
47
ftimmungen. z. B. der Größe der Seiten und der Winkel.
ganz gleichgültig find. gefehen und alfo von diefen Ver
fchiedenheiten. die den Begriff des Triangels nicht ver
ändern. abftrahiert wird“ (S. 548f.).
Wie die fpnthetifchen Urteile a posteriori dadurch be
greiflich find. daß wir empirif che Anfchauung haben. fo
werden hier die fpnthetifchen Urteile a priori der Geo
metrie daraus erklärt. daß wir apriorif che („reine“) An
fchauung befitzen. nämlich die Baumvorftellung. Diefe ift
nichts als eine ..formale Befchaffenheit des Subjekts. von
Objekten affiziert zu werden“ (S. 54). gleichfam ein Organ
der Seele. kraft deffen fie die Empfindungen in dem Beben
einander erlebt.

Schlüffe aus obigen Begriffen


Es ergibt fich die wichtige und dem „gefunden Menfchen
verftand“ fo widerftrebende Folgerung. daß der Baum
weder eine Eigenfchaft noch eine Beziehung von „Dingen
an fich“ (noch weniger natürlich felbft ein ..Ding an fich“)
ift. Wäre er dies. fo könnten wir ja nur durch Erfah
rung von ihm wiffen. wir könnten keine apriorifche. un
abhängig von Erfahrung geltende Anfchauung von ihm
haben.
Hier zeigt fich bei der Erklärung der apriorifchen Er
kenntnis deutlich die „kopernikanifche Bevolutioni': nicht
wir richten uns nach an fich exiftierendem Bäumlichem.
fondern alles. was fich als räumlich darftellt. muß fich
nach der ver-räumlichenden Araft unferer Seele richten.
Der Baum ift kein „Ding an fich“. er gehört zu uns
felbft als die Form. d. h. als eine allgemeine Gefetzlichkeit
48
unferer Sinnlichkeit (unferer „Rezeptivität“„ d. h. Emp
fänglichkeit für Empfindungen).
Daß fich uns die einzelnen Dinge in diefen oder jenen Ge
ftalten oder räumlichen Beziehungen; z. B. Entfernungen
darbieten„ das ift natürlich etwas Empirifches; darüber
können wir er priori nichts wiffen; das mag irgendwie
auf das „Ding an fich“ zurückgehen 1. Aber daß alle die
verfchiedenen räumlichen Objekte denfelben Gefetzen der
Räumlichkeit unterftehem daß die geometrifchen Sätze für
1 Daß Aant die Exiftenz von „Dingen an fich“ vorausfetzh ergibt
fich aus mehreren Stellen in der „Kritik der reinen Vernunft“„ wie be
fonders der prolegomena (S. 64. 67 f.. 71f.„ 75. 96; too. i2x. i5? f.
Reclam). Die Vertreter der realiftif ch en Aant-Auffaffung find
derAnficht. daß Aant iiberhaupt eine von der Erkenntnis unabhängig
(infofern: „an fich“ oder „abfolut“) exiftierende Wirklichkeit (Reali
tät) fefthalte. So liege fowohl der finnlich gegebenen Wirklichkeit
eine Realität an fich zugrunde; wie auch unferem Ich; nicht minder
feien Gott und die den Tod überdauernden Seelen als real zu faffen.
Theoretifch erkennbar feien diefe Dinge an fich freilich nicht; wohl
aber müffe man vernünftigerweife daran glauben.
Die Vertreter der id ealiftifchen klaut-Deutung fehen in jenen
Stellen über die „Dinge an fich“ nur Anpaffungen an den Lefer oder
Refte der vorkritifchen („dogmatifchen“) Denkweife Liants. Nach ihnen
darf in Rants kritifchem Syftem der Ausdruck „Ding an fich“ nur
eine Idee bezeichnen; alfo einen Gedanken in Bewußtfeim nicht eine
vom Bewußtfein unabhängige Realität.
Als Vertreter der realiftifchen Auffaffung feien genannt Friedr.
Vaulfem I. Aant. Sein Leben und feine Lehre i89i und öfter;
Oswald Aülpe; I. "klaut t907 und öfter; Ernft Marcus; Kants
Weltgebäude i9l7; als Vertreter der idealiftifchen Herm. Cohen:
Rants Theorie der Erfahrung; 5. Auflage i918; Bruno Bauch)
I, Aant i9i7; Ernft Caffireu Lia-ats Leben und Lehre t9t8.
Eine kritifche Erörterung des Streites zwifchen realiftifcher und
idealiftifcher Erkenntnistheorie bietet meine „Einfiihrung in die Er
kenntnistheorie“. Leipzig (Verlag F. Meiner) 2. Auflage 1921.
tn effer. Rant-Aomm. 4
49
fie gelten) das ift nur durch den apriorifchen Charakter
der Raumvorftellung zu erklären. Das empirifch Räum
liche kann alfo aus der apriorifchen Raumvorftellung
nicht abgeleitet werden; aber es entfpricht ihr; das a priori
ift das oberfte Gefetz des Empirifchen.
Es gibt alfo keinen Raum „an fich“; fondern nur die
Raumvorftellung; aber deshalb ift der Raum keine Ein
bildung) fondern er hat empirifche Realität) d. i. objek
tive Gültigkeit für alle Dinge unferer äußeren Erfahrung,
Iedoch gehört diefe äußere Erfahrung) demnach auch
der ganze Raum mit zu unferem (Ratur-)Bewußtfein.
Für die erkenntnistheoretifch-tranfzendentale Betrachtung
zeigt fich alfo) daß er nicht Ding an fich ift) daß et
nicht losgelöft von unferem Bewußtfein) nicht „abfolut“
exiftierh er ift infofern nur „ideal-t) d. h. nur Bewußt
feinsinhalt (Vorftellung). Dem Raum kommt alfo empi
rifche Realität) aber tranfzendentale Idealität zu. Im
praktifchen Leben wie in der Einzelwiffenfchaft können wir
ruhig forifahren wie bisher den Dingen räumliche Eigen
fchaften und Beziehungen zuzufchreibem als kämen fie
ihnen an fich zu. Rur für die tranfzendentale Betrach
tung ftellt fich der wahre Sachverhalt heraus,
Wie fich das Räumliche als etwas Gegenftändliches
darftellt) obwohl es eigentlich zu unferem Bewußtfein ge
gehört) fo gilt dies auch für die finnlichen Eigenfchaften:
Farben) Töne) Gefchmäcke ufw. Aber diefe find lediglich
empirifch gegebene Empfindungen) keine apriorifche An
fchauungen. Sie'tragen darum auch nichts bei zur Löfung
des Problems der „Aritik“: Wie find f7nthetifche Urteile e
priori möglich? Wohl aber leiftet dafür die Einficht in die
AprioritätunfererRaumvorfiellungeinenwichtigenBeitrag.
50
Der
tranfzendentalen Äfthetik zweiter Abfchnitt
Von der Zeit
Ö t( und 5. Metaphpfifche und tranfzendentale
Erörterung des Zeitbegriffs
Die Erörterung verläuft ganz wie die des Baumes:
Die „metaphyfifche“ hat darzutun. daß die Zeit eine
apriorifche Anfchauung ift; die „tranfzendentale“. daß fie
fynthetifche Urteile u priori möglich macht. Welche find
das'i> Die Antwort darauf ift zunächft aus Br. 58 Ab
fchnitt 5 zu entnehmen. der. wie Liant S. 59 bemerkt.
eigentlich zur tranfzendentalen Erörterung gehört. Hier
werden als folche fynthetifche Urteile 8. priori gewiffe Zeit
axiome angeführt. wie z, B. die Zeit hat nur eine Dimen
fion; verfchiedene Zeiten find nicht zugleich. fondern nach
einander.
Wichtiger ift. daß Liant mit Hilfe der apriorifchen Zeit
anfchauung die fYnthetifchen Sätze a priori der Arith
metik erklären will. Wie die Geometrie die apriorifche
Baumanfchauung braucht. um darin ihre Gebilde a priori
zu konftruieren. fo braucht die Arithmetik die apriorifche
Zeitanfchauung. um die Zahlen zu konftruieren. (Vgl.
S. (46 und Aants Schrift „prolegomena Z (0. Beclam.
S. 60: „Arithmetik bringt felbft ihre Zahlbegriffe durch
fukzeffive Hinzufetzung der Einheiten in der Zeit zuftande.)
Endlich ift zu erwähnen. daß die reine Mechanik1 als
l Iedoch ift diefe nicht ganz „rein“; denn fie fetzt Bewegliches im
Baume voraus. Daß es folches gibt. wiffen wir aber nur aus Er
fahrung. S. 66.

5!
apriorifche Bewegungslehre dadurch ihre Erklärung findet;
daß fie ihre Objekte (die bewegten Aörper) in Raum und
Zeit konftruiert.
Die apriorifche Erkenntnis; die in Geometrie; Arith
*metik und Mechanik vorliegt; wird alfo durch die „koperni
kanifche Revolution der Denkart“ verftändlich gemacht:
fie finden ihre Objekte nicht als Dinge an fich vor; fon
dern fchaffen diefe felbft gemäß unferer reinen Raum- und
Heitvorftellung.

Z 6. Schlüffe aus diefen Begriffen


Während der Raum die „Form“„ d. h. die allgemeinfte
Gefetzmäßigkeit des äußeren Sinnes; d, h. unferer Sinnes
empfindungen ift; ftellt die (Zeit die Form unferes inneren
Sinnes dar; d. h. alle unfere feelifchen Erlebniffe erfchei
nen uns bei der Selbftbeobachtung im Nacheinander.
Da nun die Wahrnehmungen der äußeren Dinge ebenfalls
Erlebniffe find; fo ift die Zeit die Form aller Erfchei
nungen; der des äußeren wie des inneren Sinnes.
_ Die Zeit ift fowenig „Ding an fich“ wie der Raum;
fie ift „fubjektiv“ als Bedingung (Form) unferer An
fchauung) aber eben damit zugleich „objektiv“„ weil alle
Objekte; die wir anfchauen„ in der Zeit fich darftellen.
Das gilt überhaupt für alles Apriorifche; daß es zwar
aus dem Subjekt ftammh nicht aus dem „Ding an fich“„
daß es aber gleichwohl objektiv gilt; weil es für das
Subjekt geiftiges Werkzeug ift; die Objekte als folche zu
fchauen„ zu konftruierem zu beftimmen. Immer wieder
wird Liant der Vorwurf gemacht; er verfalle einem reinen
Subjektivismus„ er hebe alle objektive Gültigkeit auf.
52
Aber er will gerade die objektive Geltung der Erkenntnis
(d. h. ihre Geltung für die Gegenftände) begreifl-ich machen.
„Subjektiv“ bedeutet bei Aant nicht das Subjektiv-will
kürliche oder nach Individuen Verfchiedenex fondern: zur
Gefetzlichkeit der Erkenntnis-gehörig. Das „Subjektive“
bei Aant ift alfo nicht das bloß Subjektive im Gegen
fatz zum Objektivem fondern es umfaßt das letztere mit.
Das will Aant fagen/ wenn er betont- daß die tranfzen
dentale Idealität (Subjektivität) von Raum und cZeit
doch deren empirifche Realität (objektive Gültigkeit) nicht
aus-x fondern einfchließe.
Auch bei der cZeit betont erx daß deren Subjektivität
nicht gleichzufetzen fei mit den „Subreptionen“ (S. 62)j
d. h. Täufchungen der Empfindungenj die darin beftehenj
daß Farben ufw. als etwas Objektivesx ja als etwas ab
folut Exiftierendes erfcheinen; denn die Subjektivität der
Empfindungen ermöglicht keine apriorifche Erkenntnisj
bleibt alfo für die tranfzendentale Betrachtung bedeu
tungslos.
Z 7. Erläuterung
Daß man fich gegen die Lehre von der Idealität der
Zeit heftiger fträubt als gegen die von der Idealität des
Raumesh erklärt Liant aus der Verbreitung einer [ehre„
die er hier (S, 65) kurz als „Idealismus“ bezeichnet/ die
er aber fpäter S. 208 genauer als „materialen“ Idealis
mus von feinem eigenen „tranfzendentalen" oder „kri
tifchen" Idealismus unterfcheidet. Die Lehre jenes mate
rialen Idealismus befteht in der Behauptung „das Da
fein der Gegenftände im Raum außer uns" fei „zweifel
haft und unerweislich" oder gar „unmöglich“. Infolge
55
i"*x'YZ-.7x4
.Uhr
'7*r!k»*f '“.

des Einfluffes diefer Lehre ift man eher geneigt. die ab


folute Bealität des Baumes zu verneinen. ja diefen wie
. _z die Dinge in ihm als einen ..bloßen Schein“ anzufehen.
während man an der abfoluten Bealität der Zeit hartnäckig
Rz-msz
..-x-
:Buy fefthält.
Aant lehnt aber jenen materialen Idealismus ent
fchieden ab. Er hat. weil man feinen tranfzendentalen
JK(
„VM“,
.77»
.,
Idealismus mit jenem materialen verwechfelt hatte. in
der zweiten Auflage den Abfchnitt „Widerlegung des
?IWF-y.
.7'ch??-
.7.:
Idealismus“ (S. 208ff.) eingefchoben und auch in den
..prolegomenenf' S. 68ff. und S. (64 ff. ausdrücklich und
mit einer gewiffen feidenfchaftlichkeit gegen diefe Ver
h:ref -v:tr-eizsp>vnrz* wechflung proteftiert.
Bach Aants Idealismus exiftieren die körperlichen Dinge
genau fo ficher wie unfere eigenen feelifchen Erlebniffe. alfo
die fogenannte Außenwelt ift ihm ebenfowenig „Schein“
wie die Innenwelt. Beide freilich find nicht ..Dinge an
fich“ (d. h. ohne jede Beziehung auf ein erkennendes Be
Zi.
zu.;
:.4: wußtfein exiftierende Wirklichkeiten). fondern „Erfchei
es., nungen“. Dies aber ift durchaus nicht gleichbedeutend mit
„Schein“. Vielmehr läßt die „Idealität“1 des Baumes
und der Zeit die Sicherheit der Erfahrungserkenntnis un
angetaftet: Denn das. was wir in bezug auf Baum und
Zeit feftftellen. ift genau fo ficher. ob diefe den Dingen an
fich felbft oder unferer Anfchauung von den Dingen an
hängen. Denn aus unferer Anfchauungsart können wir
ebenfowenig heraus wie aus unferer Haut. Dagegen führt
es in Schwierigkeiten und Widerfprüche. wenn man die

1 So ift S. 64 Z. 8 v. u. zu lefen ftatt „Bealität“. was ein Druck


fehler ift.

5X
abfolute Realität des Raumes und der Seit annimmt) fei
es; daß man fie als „fubfiftierend“ (S. 64); d. h. als für
fich beftehende Dinge (oder „Undinge“)„ fei es) daß man
fie als „inhärierend“„ d. h. den Dingen an fich als Eigen
fchaften oder Beziehungen anhaftend„ faßt.

Ö 8. Allgemeine Anmerkungen
l. Wenn wir unfer Subjekt oder auch nur die Be
fchaffenheit unferer finnlichen Wahrnehmungsfähigkeit
aufgehoben denken) fo wären auch Raum und Zeit nicht;
denn fie find nichts unabhängig von uns; abfolut Exi
ftierendes. Diefes Ergebnis Liants fteht zu der naiven
Auffaffung in ftärkftem Gegenfatz; es zeigt fich darin wirk
lich eine „Revolution der Denkart“. Freilich darf diefe
Lehre nicht fo aufgefaßt werden) als feien Raum und
Zeit „nur in unferem Aopf“; vielmehr müffen wir unferen
/Ropf wie unferen ganzen Aörper in den von uns vor
geftellten Raum verlegen und ebenfo ihm eine Dauer in
der Zeit zufchreiben. Und obwohl nach Aant Raum und
Zeit lediglich zu unferem Bewußtfein ("Gemüt“) und in
fofern zu unferem Subjekt gehören; beftreitet Rant natür
lich nicht; daß wir fie als etwas Objektives; von Subjekt
(im Sinne unferes Ich) Verfchiedenes erleben.
Man kann fich die verwunderliche Lehre Aants durch
einen Vergleich näherbringen. Man denke fich ein Wefen„
das; ohne darum zu wiffen; Licht ausftrahlt wie etwa
das Iohanniswürmchen. Ihm würden alle Gegenftände
fich beleuchtet darftellen„ und diefe Helligkeit würde ihm
als etwas objektiv) ohne fein Zutun Gegebenes erfcheinen.
Ahnlich vollzieht fich ja die Raum- und Heitfchöpfung bei
55
.*- *vue-*sql

uns unbewußt und bei allen nach derfelben Gefeßmäßig


keit. S0 ftellen fich uns Baum und Zeit und die räum
lich-zeitlichen Beziehungen und Eigenfchaften als etwas
Objektives dar; und bei diefer Auffaffung müffen wir
auch im praktifchen Leben wie in den Einzelwiffenfchaften
bleiben. Üur für die erkenntnistheoretifche (tranfzenden
tale) Befinnung ergibt fich) daß Baum und Zeit nichts
an fich Exiftierendes ift) fondern unferem Geifte zugehört.
Denn nur f0 kann die Moglichkeit der fYnthetifchen Ur
teile a priori der Mathematik erklärt werden (wie Aant
S. 69 mitte bis 7( nochmals betont).
Daß wir Wenfchen aber gerade diefe zwei Formen
(Gefetzmäßigkeiten) unferer Sinnlichkeit: Baum und Seit
haben) kann nicht weiter abgeleitet werden; es ift aber
auch nicht denknotwendig; man könnte fich erkennende
wefen denken ohne Sinnlichkeit oder mit einer anders
befchaffenen Sinnlichkeit. - .
S. 67 H. t8ff. lehnt Aant die von wolff und defien
Weifter Leibniz (MW-(UG) vertretene Lehre ab) daß
Derftand und Sinnlichkeit die Dinge an fich erkannten)
nur jener deutlich) diefe undeutlich und verworren; f0
wie etwa der Ungebildete einen dunklen (gefühlsmäßigen)
Begriff vom Recht hat) den dann der Bechtsphilofoph
klarlegt. Wach Aant erkennen wir durch die Sinnlichkeit
die Dinge an fich nicht etwa undeutlich) fondern über
haupt gar nicht. Der Derftand aber kann lediglich die
finnlichen Empfindungen deuten) vermag alfo die Dinge
an fich ebenfalls nicht zu erfaffen) fondern nur die „Er
fcheinungen". -
S. 68 Witte. Wir können die Unterfcheidung von „Ding
an fich" und „Erfcheinung" auch innerhalb des Erfah
56
rungsbereichs vornehmen. fo wenn wir etwa den Begen
bogen als „Erfcheinung“ und den befonnten Begen als
..Ding an fich“ bezeichnen. So können wir auch weiter
hin uns ausdrücken; nur dürfen wir diefe Unterfcheidung
nicht verwechfeln mit derjenigen vom tranfzendentalen
Gefichtspunkt. Von diefem aus ift auch der ..Sonnen
regen“. die runden Tropfen. ja der Baum. in dem fie
fallen. noch ..Erfc-heinung“. Das ihnen zugrunde liegende
..Ding an fich“ (das Aant hier S. 69 als das „tranfzen
dentale Objekt“ bezeichnet) bleibt uns unbekannt.
ll. Zur Unterftützung feiner Lehre von der „Idealität“
(Subjektivität) von Baum und Zeit betont Baut hier
noch. daß die Vorftellungen von Baum und Zeit nur
Verhältniffe (des Beben- und Bacheinander) enthielten.
Durch bloße Verhältniffe werden nicht ..Dinge an fich“
erkannt.
Das gilt für den äußeren wie den inneren Sinn. In
dem letzteren ftellt fich das felbfttätige Ich nicht dar. wie
es an fich ift. fondern wie es uns erfcheint. Wie der
äußere Sinn durch unbekannte ..Dinge an fich“ affiziert
wird. wodurch die Erfcheinungen uns gegeben find. fo
wird unfer innerer Sinn (bzw. „das Gemüt“) durch die
Tätigkeit unferes uns unbekannt bleibenden „Ichan fich“
affiziert und gleichfam mit dem befetzt. was wir bei der
Selbftbeobachtung an mannigfaltigen feelifchen Erleb
niffen wahrnehmen. Das unmittelbare (nicht auf dem
inneIn Sinn beruhende) Wiffen von unferem tätigen Ich.
von der ..Apperzeptionlt [der Ausdruck wird uns noch
fpäter befchäftigen] ift eine ..einfache Vorftellung des Ich“.
die keine Erkenntnis des „Ich an fich“ liefert.
[ll. Bachdrücklich fchärft Aant ein. daß fein Begriff der
57
„Erfcheinung“ nicht mit dem des „Scheines“ verwechfelt
werden dürfe. Er will nur fagen„ das Räumliche und
(Zeitliche ift nichts „an fich“„ abfolut Exiftierendes„ fon
dern befteht nur „in der Relation“ der gegebenen Gegen
ftände zu der Anfchauungsart der Subjekte. Da aber diefe
Anfchauungsart bei allen Subjekten (wie Rant ftillfchwei
gend vorausfetzt) die gleiche ift; da alfo die Verräum
lichung und Verzeitlichung der von den Dingen an fich
herrührenden Sinneseindrücke (Empfindungen) fich ftreng
gefetzmäßig vollzieht; fo wäre es durchaus nicht in Aants
Sinn; wenn man feine Erfcheinungswelt einer Schein
welt gleichfetzen wollte (wie das fpäter z. B. Schopen
hauer tat); ebenfowenig hebt feine Lehre von der Sub
jektivität (Idealität) aller räumlichen und zeitlichen Gegen
ftände deren Objektivität und empirifche Realität auf.
Nur das ftellt “klaut feft„ daß fie keine „Dinge an fich“
find) weil fonft fpnthetifche Urteile a priori über fie nicht
möglich wären.
Gerade wenn man den Vorftellungen von Raum und
cZeit „objektive Realität“ beilegen würde (das bedeutet
hier; S. 74c: wenn man Raum und Zeit als Dinge an
fich anfehen würde); fo könnte man diefen Gedanken nicht
wirklichx zu Ende denken; da man Raum und Zeit weder
als Subftanzen noch als Eigenfchaften von folchen (als
„Inhärierendes“) fich wirklich vorftellen könnte. Wenn
man fich dann weiter denken müßte) daß die Exiftenz der
Aörperwelt wie unfere eigene nur in diefen Undingen
Raum und Zeit vorgeftellt werden könnte) fo könnte man
eher angefichts unferes Unvermögens Raum und Zeit
derart zu denken. dazu kommen) das darin Enthaltene für
bloßen Schein zu erklären; wie es der irländifche Vhilo
58
foph Berkelex7 ((685-(753) bezüglich der Korperwelt tat.
(Er vertrat alfo den von Liant abgelehnten „materialen"
Idealismustt) vgl, oben S. 55 f.)
[7. Wenn man Gott nicht in Baum und Zeit denkt)
fo gibt man tatfächlich damit zu) daß Raum und Zeit
nicht Bedingungen alles Dafeins find; man hält es alfo
wenigftens für moglich) daß Reales ohne diefe Formen
exiftiert und diefe lediglich „fubjektive Formen unferer
Anfchauungsart" find.
Daß wir die letztere „finnlich“ nennen) foll nur befagen)
daß fie abhängt vom Dafein von „Dingen an fich".
Diefe Anfchauungsart ift allgemeingültig (ja fie konnte
auch anderen wefen als den Wenfchen zukommen)) aber
fie bleibt darum doch eine „abgeleitete“ Anfchauung
(jntujtus äerivatiyus). Ihr fetzt Liant gegenüber die Idee
einer urfprünglichen Anfchauung (nicht „finnlicherth fon
dern „intellektueller" Art)) durch die die gefchauten Ob.
jekte felbft hervorgebracht werden. Eine folche fchöpfe
rifche Anfchauung kann nur der Gottheit (dem „Urwefen")
zukommen.

59
Zweiter Teil:
Tranfzendentale Logik
Einleitung:
Idee einer tranfzendentalen Logik
l. Von der Logik überhaupt
Wir betrachteten bisher die eine der Erkenntnisquellen
unferes Geiftes (..Gemütes“): die Sinnlichkeit. unfere
Empfänglichkeit („Bezeptivität“) für Eindrücke. wodurch
uns Gegenftände „gegeben“ werden. Wir gehen jetzt zu
der zweiten Erkenntnisquelle über. dem Verftand. Er
ift nicht ein paffiv empfangendes. fondern ein tätiges.
..fpontanes“ Vermögen. Die Vorftellungen der Sinnlich
keit heißen „Anf chauun gen“. die des Verftandes ..Be
griffe“. Die Anfchauungen. für fich ..bloße Beftimmungen
unferes Gemütes“. d. h. bloße Bewußtfeinsinhalte. werden
erft durch das begriffliche Denken zu eigentlichen ..Gegen
ftänden“ für uns. (
Anfchauungen und Begriffe find nicht für fich allein
fchon Erkenntniffe. fondern fie find Erkenntniselemente.
die erft zufammen eine wirkliche Erkenntnis ausmachen. i
„Gedanken ohne Inhalt (d. h. Begriffe ohne Anfchauung)
find leer. Anfchauungen ohne Begriffe find blind“ (d. h.
6()
fie ftellen uns noch keinen beftimmten Gegenftand dar);
haben alfo für uns keinen Sinn und keine Bedeutung.
(Man denke etwa an ein Geräufch„ das man fich gar
nicht erklären kann - wobei es übrigens durch den Be
griff „Geräufch“ doch fchon eine gewiffe Deutung findet!)
Neben die Afthetik als die Wiffenfchaft von den Ge
fetzen der Sinnlichkeit tritt nunmehr die Logik als die
Wiffenfchaft von den Gefetzen des Verftandes.
Die Logik behandelt als „allgemeine“ die Denkgefeßg
die gegenüber allen Gegenftänden des Denkens gelten;
fie ift zugleich die Elementarlogik. Als „befondere“ be
fchränkt fich die Logik auf gewiffe Arten der Gegenftände.
So kann man von einer Logik der Gefchichte; der Natur
wiffenfchaft ufw. reden. Man fchickt diefe befondere Logik
oft den Wiffenfchaften als eine propädeutik voraus.
Entftanden ift fie erft nach ihnen.
Die allgemeine Logik ift „rein“ (apriorifch)„ fofern fie
lediglich die allgemeinften Gefetze der Gedanken betrachtet
und von den denkenden Individuen und all ihren; nur
empirifch feftftellbaren Befchaffenheiten abfieht. Diefe reine
Logik ift eine Richtfchnur (Aanon) für das richtige Denken.
Wendet man ihre Gefetze auf die denkenden Individuen;
deren Befchaffenheit die empirifche prchologie unterfucht;
an; fo entfteht die angewandte Logik) die ein Rathar
tikon„ d, h. ein Reinigungs- und Läuterungsmittel des
„gemeinen“ (gewöhnlichen; durchfchnittlichen) Verftandes
darftellh fofern fie gewiffe Denkfehler (die pfpchologifch
wohl begreiflich find) zu vermeiden lehrt. Ein „Lianon
des Verftandes überhaupt“ ift diefe angewandte Logik
nicht; das ift; wie wir fahen„ bereits die reine Logik.
Andererfeits ift fie auch kein „Organon befonderer Wiffen
öl
fchaften“ (S, 78)) d. h. keine Anweifung) wie die Er
kenntniffe einzelner [Wiffenfchaften gewonnen werden) da
fie ja als Anwendung der allgemeinen Logik von der
Befonderheit der Gegenftände der einzelnen Wiffenfchaften
abfieht.
Liant hebt noch befonders hervor) daß die reine Logik)
als a priori geltend) nichts aus der Erfahrung fchöpft)
alfo auch unabhängig ift von der Erfahrungs-Seelenlehre
(empirifchen DfYchologie), Sie fieht ja eben von dem wirk
lichen Denkgefchehen in den Wenfchenfeelen völlig ab) fie
unterfucht nur denSinn und Hufammenhang von Gedanken
(gleichgültig) ob diefe wirklich gedacht werden oder nicht).
Selbft daß fie der Logiker wirklich denken muß) kommt
für die logifche „Einftellung“ nicht weiter in Betracht.
Wenn der Satz) daß alle Wenfchen fterblich find) gültig
ift) dann ift auch der andere gültig: daß ich felbft fterblich
bin. In dem Sinn des erften Satzes (Urteils) ift der zweite
mitgefeßt. Er „folgt“ alfo daraus. Das ift eine rein
logifche Feftftellung. die a priori gilt und für die keinerlei
pfnchologifche Beobachtungen von Bedeutung find. will
ich dagegen die von der reinen Logik feftgeftellten Ge
feße des richtigen Denkens als Normen für die wirklichen
Wenfchen aufftellen) f0 muß ich in der nun entftehenden
„angewandten Logik“ die empirifche pfrchologie zu Rate
ziehen.
ll. Don der tranfzendentalen Logik
Die allgemeine Logik fieht überhaupt ganz von den
Gegenftänden* des Denkens ab. Uun könnte es aber ge
wifie apriorifche Begriffe von den Gegenftänden geben
(fo gut es apriorifche Anfchauungen von ihnen) nämlich
62
Baum und. Zeit. gibt). Diefe apriorifchen Begriffe nach
Urfprung. Umfang und objektiver Geltung zu unterfuchen.
wäre dann Aufgabe einer tranfzendentalen Logik. Denn
„tranfzendental“ heißt ja die Erkenntnis des a priori.
(Aants Bemerkung über „tranfzendental“ S. 80 ift eine
genauere Ausführung des fchon S. 43 f. Gefagten.)

lil, Von der Einteilung der allgemeinen Logik in


Analytik und Dialektik
Die allgemeine Logik heißt „Analptik“ (vom griechi
fchen ani-11Min: zerlegen. auflöfen). fofern fie die oberften
Denkgefetze und die letzten Elemente des Denkens heraus
löft. Den dabei feftgeftellten Denkgefetzen darf kein Urteil
widerfprechen. wenn es wahr fein foll. Sie find infofern
die unentbehrliche Bedingung (oonciito sine qua non)
der Wahrheit (S. (2 u.).
Freilich die Logik fagt nur. ob Urteile und Urteils
zufammenhänge ihrer Form nach richtig find. Z. B. der
Schluß: ..Alle pferde find blau; dies ift ein pferd. alfo
ift es blau“ ift feiner logifchen Form nach einwandfrei.
Damit ift aber noch nicht gefagt. daß er inhaltlich (ma
terial) wahr ift. Ein allgemeines Aennzeichen mate
rialer Wahrheit läßt fich freilich nicht"angeben (S, 82
Z. ((f.). Denn wenn Wahrheit in der Ubereinftimmung
eines Gedankens (Urteils) mit dem darin gemeinten Gegen
ftand befteht. fo muß das wahre Urteil gerade auch das
enthalten. was jenen Gegenftand von allen übrigen unter
fcheidet. Bei einem allgemein en Aennzeichen der wahren
Urteile müßte aber von allen Unterfchieden der Gegen
ftände abgefehen werden. Eben darum kann die alte
65
Frage: was ift Wahrheit? (wenn darin nach einem folchen
allgemeinen Ariterium gefragt wird) nicht beantwortet
. werden oder nur durch eine Diallele (oder Dialexe S. 8!);
d. h. eine Hirkelerklärung nach dem Mufter: Wo wohnt
.ar Da; wo 13 wohnt. Wo wohnt 13? Da; wo Nr wohnt.
Da die Befolgung der Gefetze der Logik nur die formale
Richtigkeit; aber nicht die materiale Wahrheit unferer Ge
danken verbürgt„ fo darf man nie mit der Logik allein
über Gegenftände urteilen; man muß vielmehr auf
anderem Wege zunächft *lienntniffe von ihnen gewinnen.
Und doch liegt in der Logik eine gewiffe Verführung;
fie auch als „Organon“„ d. h. als Werkzeug) als An
leitung zu Behauptungen über Gegenftände zu miß
brauchen. Eine folche fälfchlich als felbftändige Erkenntnis
quelle aufgefaßte Logik heißt Dialektik; fie ift eine
Logik des Scheins; d. h. eine fophiftifche Runftlehre„ ge
wiffen unbegründeten Urteilen doch den Anftrich der
Wahrheit zu geben. Die allgemeinen Gefichtspunkte der
Logik (ihre „Topik“„ wörtlich: die Lehre von den Fund
ftellen der Beweif'e) werden hier mißbraucht. Da Anleitung
zu folchem fophiftifchen Blendwerk zu geben unter der
Würde der Dhilofophie ift; fo will Liant die Dialektik ledig
lich als eine „Aritik des dialektifchen Scheines“ behandeln.
l7. Von der Einteilung der tranfzendentalen
Logik in Analytik und Dialektik
Ohne Anfchauungen find uns keine Gegenftände ge
geb en. Die „reinen“ Formen (Gefeßmäßigkeiten) der An
fchauung: Raum und Zeit; wurden in der tranfzendentalen
Afthetik behandelt.
Ohne Begriffe können keine Gegenftände gedacht
64c
werden. Die „reinen“ Begriffe von Gegenftänden) die fo
genannten „Aategorien“F kommen nunmehr in der tran
fzendentalen Analytik zur Erörterung. Sie ift infofern
eine Logik der Wahrheit.
Hu ihr tritt als zweiter Teil der tranfzendentalen Logik
eine „Dialektik“ als Aritik eines unzuläffigen Gebrauchs der
Derftandesbegriffe zu angeblichen metaphrfifchen Erkennt
niffen jenfeits der Grenzen der Erfahrung) alfo in einem
Gebiet) wo uns keine „Anfchauungen“ mehr zu Gebote
ftehen, Die „Dialektik“ enthält f0 tatfächlich eine fffte
matifche Aritik der bisherigen „dogmatifchen“ (d. h. un
kritifchen) Wetaphyfik. Diefe hatte den Aantifchen Grund
fatz) daß zur Erkenntnis Begriffe und Anfchauungen
gehören) noch nicht beachtet; fie hatte von den Der
ftandesbegriffen einen „hyperphyfifchenth d. h. über die
Üatur) den Bereich unferer Erfahrung) hinausgehenden
Gebrauch gemacht; fie hatte fich fo erkühnt) mit dem
Derftande allein (alfo ohne finnliche Anfchauungen) fen
thetifche Urteile a priori zu fällen. Das aber war - wie
Liant noch ausführlich zeigen wird - unzuläffig.

Der
tranfzendentalen Logik erfte Abteilung:.
Die tranfzendentale Analytik
Liant legt Wert darauf) das Apriorifche des Der
ftandes) die reinen Derftandesbegriffe (Aategorien) nicht
nur gleichfam auf gut Glück zu fammelm fondern fie
von einer Idee her fyftematifch abzuleiten) damit die
Gewähr ihrer Dollftändigkeit gegeben ift.
Meffer, Aant-Aomm. 5
65
Wie nun das a priori der Sinnlichkeit: die reinen
Anfchauungen Baum und Zeit. fynthetifche Urteile u priori
„möglich“ (erklärlich) machten. fo werden die apriorifchen
Begriffe des Verftandes: die Aategorien. gleichfalls fyn
. thetifche Urteile a priori ermöglichen. die Liant als die
„Grundfätze des reinen Verftandes“ bezeichnet. So gliedert
er die Analytik in die Behandlung der Begriffe und die
der Grundfätze. *

Erftes Buch. Analytik der Begriffe


Die Aufgabe ift hier nicht. gegebene und bekannte Be
griffe zu analyfieren. d. h. in ihre inhaltlichen Merkmale
zu zerlegen. fondern es gilt den „Verftand“ felbft zu
analyfieren und damit klarzuftellen. was wir unter diefem
Ausdruck überhaupt zu verftehen haben. Es liegt uns
nahe. Ausdrücke wie „Sinnlichkeit“. ..Verftand“. „Ver
nunft“ einfach als etwas Selbftverftändliches. keiner Er
klärung Bedürftiges vorauszufetzen. Tatfächlich find fie
im gewöhnlichen wie im wiffenfchaftlichen Gebrauch 'viel
deutig. Es kommt darum für das Verftändnis der „Aritik“
viel darauf an. genau zu beachten. welchen Sinn ihnen
Aant beilegt.
Der Verftand ift. wie wir bereits fahen. das Ver
mögen. in der finnlichen Anfchauung Gegebenes als
„Gegenftand“ (Objekt) zu denken (zu objektivieren). Er
ift infofern „Gegenftandsbewußtfein“. In diefem Buch
„AnalYtik der Begriffe“ erfolgt nun *eine „Zergliederung“
des Verftandesvermögens felbft (S. 86). Eben damit
werden die allgemeinften Elemente. fozufagen die Lion
ftruktionsftücke des „ Gegenftandes“. klargeftellt. Siewerden
66
_. . * k k" >

in den „Aategorien“ gedacht. Und zwar ift der Gegen


ftand; den Liant bei diefer Analpfe im Auge hat; die
Natur. Wenn alfo z. B. die Begriffe „Subftanz“ und
„Urfache“ als Aategorien herausanalpfiert werden; fo
bedeutet das: ohne diefe Begriffe könnten wir überhaupt
den Gegenftand „Natur“ nicht denken; gäbe es alfo für
uns keine „Natur“„ keine Dinge und Vorgänge der Natur.

Erftes Hauptfiück. Von dem Leitfaden der


Entdeckung aller reinen Verftandesbegriffe
Die Behandlung des ei priori der Sinnlichkeit zerlegte
Liant in die metaphpfifche und die tranfzendentale Er
örterung. Iene hatte das a priori aufzufinden. Ihr ent
fpricht bei der Behandlung des u priori des Verftandes
diefer Abfchnitt: „Von dem Leitfaden“. Einen „Leit
faden“ braucht nämlich Ram) da er von einem Vrinzip
aus die Verftandesbegriffe fpftematifch entwickeln will.
(Hu Anfang des ß 27 S. 68)( nennt Liant ausdrücklich
diefen Abfchnitt „metaphpfifche Deduktion“.)
Der tranfzendentalen Erörterung in der „Afthetik“ ent
fpricht hier in der „Analptik“ die „tranfzendentale De
duktion“ S. l05ff.

Erfter Abfchnitt. Von dem logifchen Verftandes


gebrauch überhaupt
Der „Verftand“ wird hier von Rant definiert als das
„Vermögen zu urteilen“. Das Urteil ift alfo die Ver
ftandes-„Funktion“ (Betätigung); es ift „die Einheit der
Handlung“„ d. h. eine einheitliche Handlung; verfchiedene
Vorftellungen einer gemeinfchaftlichen unterzuordnen. In
67
jedem Urteil ift ein Begriff) der für viele (Dorftellungen)
gilt. Wenn ich z. B. auf etwas anfchaulich Gegebenes
hindeutend urteile: dies ift ein Korper) f0 gilt diefer Be
griff Aorper noch für vieles andere) aber auch für die
gerade gegebene Anfchauung. Uur die Anfchauung geht
unmittelbar auf den Gegenftand; in ihr ftellt er fich
gleichfam leibhaft dar. Der Begriff geht auf den Gegen
ftand nur mittelbar) nämlich vermittelt durch die An
fchauung.
In der Anfchauung ift der Gegenftand noch nicht be
ftimmt* (S. 59)) er ift noch bloße unverftandene „Er
fcheinung“ (S. 48); erft durch den Begriff wird er be
ftimmt und damit erkannt.
Da fich nun das Erkennen in Urteilen vollzieht; das
Urteilen aber das Wefen des Derftandes ausmacht; f0
können die Derftandesfunktionen vollftändig gefunden
werden) wenn man einen fyftematifchen Uberblick über
die Urteilsarten gewinnt.

Zweiter Abfchnitt. Ö 9. Don der logifchen


Funktion des Derftandes in Urteilen
Liant hat hier die übliche Einteilung der Urteile nach
Quantität) Qualität) Relation und Wodalität als etwas
endgültig Feftftehendes der damaligen Logik entnommen
(wenn auch mit unwefentlichen Modifikationen) die er
S. 90f. rechtfertigt).
Die Formen der von ihm unterfchiedenen Urteilsarten
find diefe:
t. Quantität: allgemeine: alle Qi find Z)
befondere: einige Ni find 13;
einzelne: diefes ZX ift 8.
68
2. Qualität: bejahende: u ift 13.
verneinend: u ift nicht 8.
unendlich: .ä ift ein ?licht-8.
5. Belation: kategorifch: u ift 13.
hypothetifch: wenn »R 13 ift. ift (L l).
disjunktiv: ti ift entweder 13 oder C.
4. Modalität: problematifch: .4X kann 13 fein.
affertorifch: ZX ift 8.
apodiktifch: .4 muß 8 fein.
Iedes einzelne Urteil kann natürlich nach allen vier
Gefichtspunkten beftimmt werden. So ift das Urteil: dies
.4 ift 13 nach feiner Quantität ein „einzelnes“. nach feiner
©ualität ein „bejahendes“. nach feiner Belation ein „kate
gorifches“. nach feiner Modalität ein „affertorifches“.
Von der Modalität bemerkt Liant (S. 92 unten). daß fie
den Inhalt des Urteils nicht berührt. fondern „den Wert
der Aopula in Beziehung auf das Denken“ überhaupt
angeht. Die Aopula (d. h. das Wörtchen „ift“. das
Subjekt und prädikat verknüpft) lautet entweder: ..ift
möglich“. oder ..ift wirklich“. oder ..ift notwendig“. Ie
nachdem ift der* logifche Wert ein verfchiedener. In der
Begel pflegt uns die Erkenntnis einer logifchen Bot
wendigkeit wertvoller zu fein als die einer bloßen Tat
fache oder gar einer reinen Möglichkeit.

Dritter Abfchnitt. Ö (0. Von den reinen


Verftandesbegriffen oder Aategorien
Die allgemeine Logik hat es mit der Bildung von
Begriffen aus irgendwie gegebenen Vorftellungen zu tun.
Diefe Bildung gefchieht „analytifch“. Z. B. aus der Vor
ftellung des vor mir liegenden Blattes kann ich die Be
69
griffe: weiß) glatt; rechteckig; Blatt) papier ufw. durch Her
legung (Analpfe) und zugleich durch Abftraktion gewinnen.
In der tranfzendentalen Logik) die ja nicht von
den Gegenftänden der Erkenntnis überhaupt abfieht„ fon
dern in der es fich gerade um die Hergliederung des Ge
dankens des umfaffenden Gegenftandes „Natur“ und feine
Beftandteile handelt; wird zunächft das in Raum und Zeit
gegebeneMannigfaltige vorausgefeßt. Die S p o nt an e ität
des Verftandes bekundet fich nun darin) daß diefes Mannig
faltige in gewiffer Art durchgegangem aufgefaßt und ver
knüpft wird. Diefe Betätigung; die - ganz allgemein ge
fagt - die wefentliche Funktion des Verftandes ausmacht;
nennt Rant „Synthefis“ (Verknüpfung).
Um die grundlegende Bedeutung diefer „Synthefis“
(und damit des „Verftandes“) einzufehen„ denke man
fich ein Wefen„ das nur mit Sinnlichkeit ausgeftattet
wäre. Es erlebte wohl eine unüberfehbare Mannigfaltig
keit von Eindrücken (Empfindungen) im Raum und (Zeit;
aber fie wären nicht für es gruppiert; geordnet; fie würden
fich nicht etwa als Eigenfchaften von Dingen darftellen
oder als urfächlich zufammenhängende Gefchehniffe„ fon
dern als ein ungeordnetes Chaos; das nichts bedeutete;
keine „Natur“„ keine geordnete Welt; ja überhaupt keinen
„Gegenftand“ vorftellte. Daß dies; foweit unfere Erinne
rung zurückreichh bei uns Menfchen nicht der Fall ift;
beweift„ daß die Synthefis als Wirkung der Einbildungs
krafth unbewußt („blindt') von früh an ftattfindet und
k Man erkennt fofort„ daß die Bedeutung des Wortes bei Aant
weiter ift als die uns geläufige (gleich „phantafie“). Auch die un
bewußt fich vollziehende Schöpfung von Raum und Zeit fchreibt Aant
der „Einbildungskraft“ zu.

70
aus dem Chaos der Empfindungen uns eine geordnete
Wirklichkeit; eine „Natur“ geftaltet. Es gilt nun die Ge
fetzmäßigkeit diefes Aufbaus des Gegenftandes „Liaturth
klar zu erkennen; alfo diefe unbewußt geübte Derftandes
funktion gleichfam begrifflich zu formulieren.
Die Arten diefer Synthefis ergeben fo die einzelnen
Berftandesbegriffg die Aategorien. Wenn ich z. B. ver
fchiedenes anfchaulich Gegebene) wie das Weiß) Glatt)
Biereckig diefes Blattes als„ Eigenfchaften“ eines „Dinges“
(„Blatt“ genannt) zufammenfaffe) f0 ift dies die Art der
Synthefis) der die Aategorie „Ding mit Eigenfchaft“
(Subftanz und Akzidenz) entfpricht; d. h. diefe beftimmte
Art verknüpfender Tätigkeit wird ausgedrückt durch die
Worte: „Ding mit Eigenfchaften“. Aant erläutert dies
durch die S7nthefis„ die bei der Bildung unferes Zahlen
fyftems ftattfindet. Es ift das „dekadifchetß d. h. je zehn
Einheiten werden wieder als Einheit zufammengefaßt.
Die aus zehn Einheiten beftehende hohere Einheit der
Zahl l0 beruht fo gut auf einer fpontanen eigentätigen
Spnthefis des Derftandes) wie die Einheit des Dings mit
feinen Eigenfchaften. In beiden Fällen handelt es fich
auch nicht um bloßes (rezeptives) Aufnehmen von etwas
a postoriori in der Erfahrung Gegebenem„ fondern um
apriorifche) von der Erfahrung unabhängige) fchöpferifche
Leiftung, Die reine anthefis beruht alfo „auf einem
Grunde 8. priori der fynthetifchen Einheit“ (fo find S. 95
H. (Elf. die Worte zu verbinden!)
Aant glaubt nun entdeckt zu haben) daß die Arten
der S7nthefis„ wodurch der Derftand das finnlich-anfchau
lich Gegebene zu Gegenftänden zufammenfaßt (alfo die
Berftandesbegriffe) im Wefen diefelben find wie die Arten
7!
der Urteile. So wird ihm die Tafel (das Syftem) der
Urteile zum „Leitfaden“ (vgl. S. 87) für die Tafel der
Aategorien. So hat er feine Einteilung aus ein em prinzip
(nämlich dem Begriff des Urteils. was ja die wefentliche
Funktion des Verftandes ift) abgeleitet. Diefe Ableitung
ift ihm eine Gewähr der Vollftändigkeit. während er
Ariftoteles. der zum erften Male es unternommen hat.
die oberften Begriffe (Bategorien) aufzufinden. vorhält.
er habe fie nur „auf gut Glück“ (..rhapfodiftifch“) auf
gefucht. Die Aategorieni des Ariftoteles hießen: (. Sub
ftanz. 2. Qualität. 5. Quantität. 4. Belation. 5. *Ratio
(Tätigkeit). 6. kassio (Leiden). 7. Quanclo (Wann'k).
8. Ubi (Wok). 9. Zitus (Lage). (0. l-labitus (Verhalten).
Die fünf nachträglich zugefügten Aategorien (kostprae
ciioarnonta) lauten: (. Oppositurn (Gegenfatz). 2. Prius
(Vorher). 5. Zirnul (Zugleich). 4. Wotus (Bewegung).
5. [Lavoro (Sich verhalten).
Aant ift es in feiner Aritik nur darum zu tun. die
oberften Begriffe feftzuftellen. Setzt man fie nun mit
den ..rnociis“ (Arten. Formen) der reinen Sinnlichkeit.
nämlich Baum und Zeit. in Beziehung. f0 laffen fich eine
Beihe weiterer apriorifcher Begriffe ableiten. Hilfe bieten
dazu die Lehrbücher der Ontologie. d. h. der allgemeinen
Seinslehre. die als Grunddifziplin der Metaphpfik galt;
denn die Aategorien und die aus ihnen ableitbaren Be
griffe enthalten ja. wie wir oben S. 70 fahen. zugleich
die allgemeinften Beftimmungen alles wirklich Seienden.
Liant begnügt fich in der „Aritik“ damit. eine „fote
Mich bedeutet dies griechifche Wort foviel wie das la
teinifche kraoäiaamenia: Ausfagewörter (und zwar allgemeinfter
Art).
72
matifche Topik“ (S. 98 wörtlich: „Stellenlehre“) der Rate
zorien zu geben; d. h. darzulegem in welche der vier
Gruppen jeder Grundbegriff gehört. Ein vollftändiges
nytem auch der abgeleiteten Begriffe zu entwerfen; würde
SacheeinervollftändigenTranfzendentalphilofophie(S.97);
eines „Spftems der reinen Vernunft“ (S. 98) fein; für
das die „Aritik“ ja nur die Vorarbeit darftellt.

Z ll; die „mathematifchen Aategorien“„ d. h. die


iiategorien der Quantität und Qualität; beziehen fich
„auf Gegenftände der Anfchauung“ (S. 99); fofern An
fchauung uns fowohl über die Größe wie über die Be
fchaffenheit der Objekte belehrt. Da die Befchaffenheit
iz. B. Helligkeit; Wärme) einen Grad hat) fo ift auch
auf diefe Mathematik anwendbar; weshalb auch diefe
Gruppe den „mathematifchen“ Aategorien beigezählt wird.
Daß die „dpnamif chen“ Aategorien die Exiftenz der
Gegenftände „in Beziehung aufeinander“ angehen; zeigen
>ie der Relation; dabei ift zu beachten; daß „Gegen
land“ allgemeineren Sinn hat als „Ding“ (: Subftanz).
Gegenftand“ bezeichnet alles) was wir überhaupt denken
.'önnen„ alfo auch die Eigenfchaften. Daß die „dyna
nifchen“ Rategorien „Rorrelate“ haben) will fagen„ daß
ie alle aus Begriffspaarem wie „Urfache- Wirkung“„
.Notwendigkeit - Hufälligkeit“ (vgl. S. 96) beftehen.
Aant findet es auch bemerkenswert) daß jede Gruppe
der Aategorien drei umfaßt) während fonft alle Ein
'eilung u priori durch Begriff „Dichotomie“„ d. h. Zwei
eilung) fei (nämlich mit Hilfe der Verneinung: vgl. fterb
ich -'- unfterblich).
Daß der Begriff der Zahl zur Rategorie der „Allheit“
75
gehort) erklärt fich daraus) daß jede Zahl - abgefehen
von der t- alle in ihr enthaltenen Einheiten zu einer
höheren Einheit zufammenfaßt.
Uicht überall aber) wo wir die Begriffe der Einheit
und der Bielheit („mengett) haben) ift auch der Begrifi
der Zahl moglich; denn z. B. die Zahl der Einheiten
einer unendlichen Reihe läßt fich nicht angeben.
Z (2 enthält gleichfam nur eine Anmerkung. In den
metaphffifchen Lehrbüchern wurde noch zu Liants Zeit
der von der fcholaftifchen Dhilofophie des Mittelalters
übernommene Satz vorgetragen: „Iedes Seiende ift eines)
wahr und gut.“ Liant zeigt nun; daß diefe Begriffe keine
notwendigen Beftimmungen des Gegenftandes feien
(alfo nicht in die Aategorientafel gehören)) fondern logifche
Erforderniffe der Erkenntnis der Gegenftände be
zeichnen.

Zweites Hauptftück. Von der Deduktion der reinen


Derftandesbegriffe
Erfter Abfchnitt. Ö t5. Don den Prinzipien einer
tranfzendentalen Deduktion überhaupt l
Unter „Deduktion“ verfteht Liant im Anfchluß an den*
juriftifchen Sprachgebrauch „den Üachweis des Rechtes“
d. h, hier in der Erkenntnistheorie der objektiven Gül
tigkeit, Die tranfzendentale Deduktion hat alfo zu
zeigen) wie die im vorhergehenden als apriorifch auf
gewiefenen Aategorien trotz ihrer Apriorität (Unabhängig
keit von Erfahrung) doch „fich auf Objekte beziehen“
und für diefe gültig fein k5nnen (S. (04-).
74c
Im Unterfchied davon würde eine empirifche De
duktion zu zeigen haben. wie ein Begriff durch Erfahrung
und Bachdenken über fie tatfächlich erworben wird. Sie
betrifft nicht die Gültigkeit. fondern die bloße Tatfache
des Begriffs. und' gehört zur prchologie. nicht zur Er
kenntnistheorie (bzw. Tranfzendentalphilofophie).
Eine empirifche Deduktion der apriorifchen Erkenntnis
elemente (der reinen Formen der Sinnlichkeit wie der
Aategorien) ift nicht möglich. da fie ja als „rein“ nicht
aus der Erfahrung entlehnt find. Höchftens die Gelegen
heitsurfachen. da der Geift. angeregt durch Sinneseindrücke.
kraft feiner Spontaneität und fchöpferifchen Araft diefe
apriorifchen Elemente fchafft. können aufgefpürt werden'.
Aber durch derartige pfychologifch-genetifche (d. h. die
pfpchologifche Entwicklung betreffende) Unterfuchungen
(wie fie von Locke. 'f (704. unternommen wurden) wird
die tranfzendentale Deduktion. d. h. der Bachweis der
Gültigkeit. nicht geliefert. Iene pfychologifche (..phrfio
logifche“ - nach dem damaligen Sprachgebrauch) Ab
leitung betrifft lediglich die Tatfachenfrage (quaestionorn
taoti). nicht die Bechts-. d. h. Geltungsfrage. (S. (05
Z. (9 „diefen“ ift Druckfehler für ..diefer“; es bezieht
fich auf die vorhergehenden Worte ..reinen Erkenntnis/i.)
Im folgenden weift Liant näher die Botwendigkeit
und die befondere Schwierigkeit der tranfzendentalen De
duktion der Aategorien nach.
Eine folche Deduktion von den reinen Formen der
1 Hier darf erinnert werden an die Anfangsfätze der „Einleitung“
(S. 647): ..Daß alle unfere Erkenntnis mit der Erfahrung an
fange. daran ift kein Zweifel. . . aber fie entfpringt darum
doch nicht eben alle aus der Erfahrung“ ufw.
75
Sinnlichkeit zu liefern; war nicht in gleichem Grade not
wendig) weil die Gegenftände der mathematifchen Er-i
kenntnis auf Grund diefer Formen von uns u priori?
konftruiert werden und fo deren Gültigkeit mit Evidenz
dartun. _ f
Für die Aategorien kann man dagegen (weil fie dem?
Verftande zugehören und diefer kein Vermögen der An
fchauung ift) „in der Anfchauung u priori kein Objekt
vorzeigen„ worauf fie vor aller Erfahrung ihre Spnthefis
gründeten/h d. h. wodurch unabhängig von Erfahrung
ihre verknüpfende Funktion als gegenftändlich (objektiv)
gültig dargetan werden könnte. Ferner find die Aate
gorien nicht an die Schranken der Sinnlichkeit gebunden]
d. h. man hat fich z. B. auch unfinnliche (rein geiftige)f
Subftanzen und Urfachen in der Metaphpfik erdacht; ja*
man hat auch behauptet; der Raum fei etwas; was un-,
abhängig von unferer Sinnlichkeit; abfolut) exiftiere. S0*
erfcheint felbft eine tranfzendentale Deduktiondes Raumes
(und aus ähnlichen Gründen' eine folche der Zeit) nötig;
wie fie die „Afthetik“ bereits geliefert hat. Eine Deduk
tion der Aategorien aber ift ganz unentbehrlich.
Daß fie befonders fchwierig ift; beruht darauf; daß
die finnlichen Erfcheinungen in Raum und Zeit auch -
abgefehen von allem Denken - der Anfchauung Gegen
ftände darbieten könnten.
Unräumliches und Unzeitliches könnte von uns über
haupt nicht angefchaut werden. So muß alles„ was uns
in der Anfchauung gegeben ift; diefen „reinen“ Formen
der Sinnlichkeit entfprechen„ d. h. räumlich-zeitlich; min
deftens aber zeitlich fein. Aber Erfcheinungen können uns
doch gegeben fein; ohne daß wir fie unter Begriffe (Rate
76
>rien) faffen. Darum ift es zunächft nicht erfichtlich/ daß
e Gegenftände den Aategorien entfprechen müffen oder)
ngekehrt ausgedrückt) daß die Aategorien für die Gegen
inde gültig find) d. h. objektive Geltung haben. Dies
:roblem zu löfen) ift die Aufgabe der tranfzendentalen
eduktion.

t4. Ubergang zur tranfzendentalen Deduktion


der Aategorien
In zwei Fällen ift die Ubereinftimmung von Dor
ellung und Gegenftand für uns verftändlich (alfo die
Jültigkeit der Dorftellung für den Gegenftand):
t. wenn der Gegenftand die Dorftellung/
2, wenn umgekehrt die Dorftellung den Gegenftand
erzeugt.
Der erf te Fall fcheidet für uns aus) weil hier die
)orftellung lediglich empirifch ift) d. h. auf die Erfah
ung vom Gegenftand fich gründet. Der zweite Fall um
aßt zwei Unterfälle: l. die Darftellung kann den Gegen
:and feinem Dafein nach erzeugen. Dies findet ftatt)
oenn die Dorftellung Zielvorftellung eines Wollens ift;
nan denke etwa an den* plan einer Rafchine) eines
iunftwerkes„ der die Urfache ihrer Verwirklichung ift.
Ja es fich in unferer tranfzendentalen Unterfuchung nicht
nn das Schaffen) fondern um das Erkennen von Gegen
tänden handelt) fo fcheidet auch diefer erfte Unterfall aus.
Zs bleibt der zweite: die Dorftellung ermöglicht es allein)
fetwas als einen Gegenftand zu erkennen“. Dies trifft
ür diejenigen Dorftellungen zu) die wir als Derftandes
'egriffe (Aategorien) bezeichnet haben. Sie find ja die all
77
gemeinften Begriffe von Gegenftänden. Ohne fie könnten |
wir Gegenftände überhaupt nicht denken; ohne fie gäbe '
es für uns keine „Gegenftände“ im ftrengen Sinne des
Wortes. alfo auch keine „Erfahrung“ im Sinne wiffen
fchaftlicher Erfahrung (Baturerkenntnis). So gehören die
Aategorien zu den apriorifchen Bedingungen. die über
haupt Erfahrung möglich machen. und fie gelten eben
darum für die Gegenftände der Erfahrung. d. h. fie
haben objektive Gültigkeit. *
In diefen Gedanken (S. (09f.) hat Liant bereits den
wefentlichen Inhalt der folgenden. breit ausgefponnenen.
Deduktion ausgefprochen.
Aus ihnen ergibt fich. daß es nur bequeme Ausdrucks
weife ift. wenn er gelegentlich von ..Gegenftändenft der
Anfchauung redet. denn ftreng genommen find die in
der Anfchauung gegebenen räumlich-zeitlichen ..Erfchei
nungen“ noch keine „Gegenftände“ (im Sinne der wiffen
fchaftlichen Erfahrung). *
Auch ift zu* beachten. daß Aant das Wort ..Erfah
rung“ in doppeltem Sinne braucht. Erftens bedeutet es
die Empfindungen mit oder ohne die reinen Formen der
Sinnlichkeit: Baum und Zeit. Ift „Erfahrung“ in diefem
Sinne gemeint. fo bedeutet fie noch keine wirkliche ..Er
kenntnis“. und die Aategorien gehören nicht zu den apriori
fchen Bedingungen die f e r Erfahrung.da fie lediglich Sache
der Sinnlichkeit ift. Zweitens ift „Erfahrung“ foviel wie
wiffenfchaftliche Erfahrung (und zwar denkt dabei Aant
wefentlich an die naturwiffenfchaftliche Erkenntnis). Hier
ift die Erfahrung im erften Sinne mitgemeint. aber hinzu
treten noch die Aategorien. Bur durch fie können wir ja
die Empfindungen. d. h. das in Baum und Zeit an:
78
fchaulich Gegebene) als „Gegenftände“ denken; nur durch
die Rategorien gibt es *alfo für uns Gegenftände der
Erfahrung „ alfo gegenftändlich (objektiv) gültige Er
kenntnis. *
Dies näher darzulegen ift die Aufgabe der folgenden
„Deduktion“. Sie bildet ein Hauptftück der ganzen „Aritik“.
Ihr hat Liant befondere Wichtigkeit beigelegt; und er
hat fie in der zweiten Auflage vollftändig umgearbeitet.
(Wie ftets; fo legen wir auch hier unferen Bemerkungen
den Text der zweiten Auflage zugrunde.) Hier zeigt fich
auch befonders deutlich die „Revolution der Denkart“
bei Liam; fofern hier der Gedanke durchgeführt wird)
daß fich nicht die Vorftellungen; nämlich die Rategoriem
nach den Gegenftänden richten; fondern umgekehrt. So
fern nämlich die Aategorien uns überhaupt erft ermög
lichen Gegenftände zu denken; machen fie diefe (zwar
nicht als „Dinge an fich/Z aber) als Dinge für uns mög
lich. Mit den „Dingen an fich“ haben wir es aber nach
Rant in der theoretifchen Erkenntnis überhaupt nicht zu
tun; fie bleiben uns gänzlich unbekannt (vgl. oben S. 26).
Locke wie Hume (S. lil) haben verfucht„ die reinen
Verftandesbegriffe aus der Erfahrung abzuleiten; aber
dann wäre nie zu erklären; wie fie fpnthetifche Urteile
a priori möglich machen. Solche haben wir aber in
„reiner Mathematik und allgemeiner (d. h, apriorifcher)
Naturwiffenfchaft“, So wird alfo die verfuchte empirifche
Ableitung durch das Faktum„ d. h. die Tatfache„ daß
jene als Wiffenfchaften gültig find) widerlegt.
Die Stelle zeigt deutlich; daß Liant die Gültigkeit der
reinen Mathematik und Naturwiffenfchaft als etwas
Sicheres vorausfetzt (vgl. oben S. 58).
79
Zweiter Abfchnitt. Tranfzendentale Deduktion
der reinen Verftandesbegriffe. Z l5(S. 657ff.). Von
der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt
In der Sinnlichkeit ift uns ein Vielerlei (eine „mannig
faltigkeit“) von Eindrücken gegeben. Daß fie für uns in
verfchiedener Weife zu Gegenftänden verbunden find) das
rührt von der (bewußten oder unbewußten) SYnthefis
(verknüpfenden Tätigkeit) des Verftandes her,
Alle Verknüpfung oder Verbindung ift aber Verbindung
zu einer Einheit, Bei aller Verbindung muß die Einheit)
zu der verbunden werden foll) fchon vorfchweben; fie geh.
nicht gleichfam von felbft aus der Tätigkeit des Ver
bindens (Synthefis) hervor, Z. B. vier entfprechend an- '
eines
geordnete
Duadrats
punkte
oder
kann
als ich
Endpunkte
mir entweder
zweier als
fich kreuzender
Eckpunkte j

Strecken (Diagonale) oder auch noch anders verbunden


denken. Daß in diefer Weife bei aller Synthefis eine Ein
heit a priori vorausgefeßt wird) zeigt) daß dief e Einheit
allgemeiner ift als die „Aategorie“ der Einheit.
Iene allgemeinfte Einheit ift die apriorifche Voraus
fetzung dafür) daß wir überhaupt „Verftand“ haben.
Denn der Verftand ift ja das Vermögen) zu urteilen. j
Iedes Urteil ift SYnthefis. Iene Einheit aber liegt aller
Synthefis zugrunde.

Z l6. Von der urfprünglich-fpnthetifchen Einheit '


der Apperzeption
Welches ift diefe oberfte Einheit? “tieine andere als das
„Ich“) denn das Bewußtfein/ daß „ich denke“ muß alle
meine Vorftellungen begleiten können (wenn es auch
8()
tatfächlich nicht immer vorhanden ift. da wir oft fo in
die Gegenftände unferes Denkens verfunken find. daß wir
uns gleichfam felbft darüber vergeffen,
Diefe Vorftellung des „Ich“ (oder des „Ich denke“).
wie Bunt fagt. ift nichts einfach Gegebenes. fondern fie
muß gleichfam immer wieder erzeugt werden; fie ift in
fofern ein „Artus“ der Spontaneität. Liant nennt fie die
reine oder urfprüngliche „Apperzeption“ (Auffaffung oder
Bewußtmachung) oder die tranfzendentale Einheit des
Selbftbewußtfeins.
S. 660 Z. (2. „Das empirifche Bewußtfein. welches
verfchiedene Vorftellungen begleitet. ift an fich zerftreut
und ohne Beziehung auf die Identität des Subjekts.“
Das will fagen: Damit. daß verfchiedenes empirifch (in
der Erfahrung) Gegebene zum Bewußtfein kommt. ift
noch nicht gefagt. daß diefe verfchiedenen Bewußtfeins
akte ihrerfeits als einem Ich zugehörig erlebt werden; die
verfchiedenen Akte könnten gleichfam ifoliert. atomifiert
bleiben. Erft dadurch. daß ich diefe Akte in ein Bewußt
fein verbinden kann. ift es möglich. daß ich mir „die
Identität des Bewußtfeins in diefen Vorftellungen felbft
vorftelle“. daß ich fie alle als zu meinem identifchen Ich
gehörig auffaffe und dies Ich in allen bei der Anal7fe
wiederfinde. Infofern ift „die analftif che Einheit der
Apperzeption (des Selbftbewußtfeins) nur unter der Vor
ausfetzung irgendeiner f*7nthetifchen möglich“. Iafelbft.
wenn ich aus einem gegebenen Aomplex ein Merkmal.
z. B. rot. herausanalyfiere und fo einen Allgemeinbegriff
(oonooptus ooknrnunis) bilde. fo ift diefe Analyfe nur unter
Vorausfetzung einerSzmthefis. die *jenen Liomplex un
bewußt als Aomplex gefchaffen hat. möglich. So ift die
M e ffer . Aant-Aomrn. 6
81
fynthetifche Einheit der Apperzeption die oberfte Voraus
fetzung aller Logik und aller Tranfzendentalphilofophig
ja fie ift „der Verftand felbft“ (S. 660 unten). Alles Er
kennen befteht darin; daß das Mannigfaltige (in der Sinn
lichkeit) gegebener Vorftellungen vom Verftande gedacht;
begriffen„ apperzipiert („unter die Einheit der Apperzeption
gebracht“) wird (S. 66x Mitte).
„Diefer Grundfaß der notwendigen Einheit der Apper
zeption ift nun zwar felbft identifch„ mithin ein analy
tifcher Satz.“ Denn er befagt ja; daß alle meine Vor
ftellungen eben meine find; daß das denkende Ich immer
mit fich identifch ift; aber er beruht eben doch auf der
(unbewußten) Synthefis alles in der Anfchauung Ge
gebenen zu jener identifchen Einheit des Ich. Dadurch
werden alle jene Vorftellungen zu meinen und machen
infofern eine aus; d. h. fie fchließen fich zufammen zu
dem einen umfaffenden Gegenftands- oder Welt- (bzw.
Natur-) bewußtfein.

Z t7. Der Grundfatz -


der fpnthetifchen Einheit der Apperzeption ift das
oberfte prinzip alles Verftandesgebrauchs
Die Afthetik zeigte; daß alles Mannigfaltige der finn
lichen Anfchauung unter die Formen Raum und ,Zeit
fällt; die „Analytik“ hat jetzt bewiefen; daß es auch unter
die Einheit der Apperzeption fällt) d. h, jeweils zum einen
.Bewußtfein eines identifchen Ich gehört. Schon daß wir
uns eines Raumes und einer Zeit bewußt find; ift
durch die bloße Sinnlichkeit nicht möglich) fondern beruht
auf der Verftandesfynthefis (die in der „Afthetik“ noch
82
Unberückfichtigt bleiben konnte). Denn wir denken dabei
ja „viele Vorftellungen“ (nämlich verfchiedener Bäume
und Zeiten) „als in einer“ (nämlich der des umfaffenden
Raumes und der alles umfpannenden Zeit) enthalten
(S. 662 A.). „Anfchauungen“ find aber die Vorftellungen
von Baum_ und Zeit dennoch) weil fie je einen Gegen
ftand haben) während bei den „Begriffen“ dasfelbe Be
wußtfein (z. B, von rot) als in vielen Vorftellungen (z. B.
von allen möglichen roten Dingen) enthalten gedacht
wird. -- *
Uachdem bis hierher der Verftand als Synthefis/ als
Apperzeption„ als die das identifche Ichbewußtfein er
zeugende Araft charakterifiert worden ift) geht nun Aant
einen Schritt weiter; er wendet fich von der Ichfeite des
Bewußtfeins zur Gegenftandsfeite. Der „Verftand“ ift
nämlich das „Vermögen der Erkenntniffe“. Zu allem Er
kennen gehören aber Gegenftändg „Objekte“. „Objekt“
ift aber das) „in deffen Begriff das Mannigfaltige einer
gegebenen Anfchauung vereinigt ift“ (wie ich z. B, man
nigfache gegebene Gefichtsz Taft- und Geruchseindrücke
durch den Begriff „Bofe“ zu einem Objekt vereinige).
Alle „Vereinigung“ fetzt aber) wie wir bereits fahen) Ein
heit des Bewußtfeins voraus. Das gilt nicht nur für das
Subjekt (das Ich-Bewußtfein)„ fondern auch für das Ob
jekt (das Gegenftandsbewußtfein). Ohne die Synthefis
der Apperzeption gäbe es alfo für uns keine „Gegen
ftände“; mithin auch keine Beziehung unferer Vorftellung
auf Objekte) mithin keine „objektive Gültigkeit unferer
Vorftellungent') alfo auch keine „Erkenntnis“ und kein
„Verftand“ als Erkenntnisvermögen.
Daraus ergibt fich) daß z. B. die mathematifche Er
85
kenntnis in der tranfzendentalen Afthetik noch nicht ihre
vollftändige Erklärung finden konnte. Denn da dort nur
von der Sinnlichkeit. noch nicht vom Verftande die Bede
war. wurde das Vorhandenfein mathematifcher Objekte
einfach vorausgefeßt. Ießt zeigt fich. daß felbft dem ein
fachften mathematifchen Objekt. z. B. einer Linie. fchon
eine Spnthefis des Verftandes zugrunde liegt. Denn um
eine folche zu erkennen. muß ich fie - wenigftens in Ge
danken - „ziehen“. bzw. irgendwie anfchaulich Gegebenes
als einheitliche Linie auffaffen (apperzipieren).
Die Synthefis des Verftandes ift alfo nicht bloß nötig.
um Objekte zu „erkennen“. Denn „Objekte“ find mir
nicht einfach gegeben - gleich als wären fie wie ..Dinge
an fich“ ohne unfer Zutun da. fondern fie müffen von uns
durch die Synthefis aus dem gegebenen Anfchaulichen er
zeugt werden.
Wieder bildet hier Bant (wie fchon oben S. 59) die Ö
Fiktion eines anfchauenden Verftandes. der nicht lediglich
durch Sinnlichkeit gegebene Anfchauungen zu verknüpfen
hätte. fondern die Anfchauungen felbft fchöpferifch her'
vorbrächte. Ein folcher würde eine befondere Spnthefis l
der gegebenen Anfchauungen nicht nötig haben. da ja von
ihm felbft als einer einheitlichen Duelle alle anfchaulich
gegebenen Objekte ftammten.
Ö (8. Was
objektive Einheit des Selbftbewußtfeins fei
Weil die Einheit der Apperzeption (d. h. die Spnthefis.
die das Wefen des Verftandes ausmacht) das anfchau
lich gegebene Mannigfaltige zu „Objekten“ vereinigt. kann
fie als „objektiv“ bezeichnet werden.
84c
Ihr fubjektives Gegenglied hat fie in der fchon Ö l6
befprochenen Einheit des Selbftbewußtfeins.
Sie ift „eine Beftimmung des inneren Sinnes; dadurch
[d. h. durch welchen] jenes Mannigfaltige der Anfchauung
zu einer folchen Verbindung empirifch gegeben wird“.
Das „Mannigfaltige“ find hier die feelifchen Erlebniffe.
Nur durch die Synthefis des Verftandes werden fie zu
„meinen“ Erlebniffen zufammengefaßt; ebenfo wird durch
diefe Synthefis die Zeit; in die alle diefe Erlebniffe ein
geordnet werden„ als eine einzige gedacht. Ob mir das
Mannigfaltige; das im „inneren Sinn“ (d. h. für meine
Selbftbeobachtung) gegeben ift) als zugleich oder als
nacheinander zum Bewußtfein kommt (S. 664); ebenfo
was ich dabei verbinde„ z. B. welche Bezeichnung ich ge
rade einer Sache beilege (S. 665); das hängt von em
pirifchen Umftänden ab und hat keine notwendige und all
gemeine Geltung. Aber daß folche empirifche Spnthefen
(vereinheitlichende Apperzeptionen) möglich find; das be
ruht auf der urfprünglichen tranfzendentalen (apriorifchen)
Einheit der Apperzeption; ähnlich wie die Wahrnehmung
empirifch gegebener räumlicher und zeitlicher Eigenfchaften
und Beziehungen nur unter der Vorausfeßung der aprio
rifchen Raum- 'und Heitform möglich ift.

R9. Die logifche Form aller Urteile befteht in der


objektiven Einheit der Apperzeption der darin
enthaltenen Begriffe
Aus der Einficht in die „objektive Einheit der Apper
zeption“„ d. h. in die Objekte fchaffende Spnthefis des
Verftandes; ergibt fich auch ein tieferer Einblick in das
Wefen des Urteils.
85
Wenn das Urteil gewöhnlich definiert wird als „die
Vorftellung eines Verhältniffes zweier Begriffe/Z fo bleibt
unbeftimmt) was unter diefem „Verhältnis“ zu denken ift.
Es könnten ja auch zwei „Begriffe“ (d. h. hier über
haupt „Vorftellungen“) „nach Gefetzen der reproduktiven
Einbildungskraft“ (d. h. auf Grund zufälliger Verknüp
fung im Gedächtnis 1) zufammenkommen. Das ergäbe
noch kein Urteil. Der Sinn des Urteils ift ftets) daß die
betreffenden Vorftellungen (genauer: das in ihnen Vor
geftellte) im Gegenftand felbft) alfo objektiv zufammen
gehören.
Die Liopula „ift“ drückt diefe „objektive Einheit der
Vorftellungen“ (S. 666 Z. 5) aus und unterfcheidet fie
von der fubjektiven) d. h. von der Tatfache/ daß zwei
Vorftellungen zufammen in meinem Bewußtfein find.
Wenn ich das Urteil fälle: „Der Aörperiftfchweriß fo will
ich darin nichts über meine Erlebniffe ausfagen. Der
Sinn des Urteils ift nicht: wenn ich das Erlebnis habe)
einen Aörper zu tragen) fo habe ich auch ein Erlebnis
von Schwere; fondern der Sinn ift: der Liörper felbft ift
fchwer. Uicht über das Subjekt und feiner Vorftellungen
als fubjektive Erlebniffe) fondern über das Objekt wird
etwas ausgefagt.
Daß nun Aörper die Eigenfchaft der Schwere haben)
ift etwas „Zufälliges“„ denn es beruht auf empirifcher
Anfchauung. Aber wenn ich auf Grund meiner Erfah
rung das Urteil fälle: „Der Aörper' ift fchwer“) fo wird
eben damit die objektive Zufammengehörigkeit von Aörper

l In demfelben Sinne heißt es S. 664 Z. 10 v. u. „durch Affo


ziation [Verknüpfung] der Vorftellungen“.

86*
und Schwere ausgefagt. und das ift nur möglich auf
Grund der objektiven Einheit der Apperzeption. d. h,
unferer Fähigkeit Gegenftände und gegenftändliche Zu
fammenhänge zu denken.

Z 20. Alle finnlichen Anfchauungen


ftehen unter den Aategorien. als Bedingungen.
unter denen allein das Mannigfaltige derfelben
in ein Bewußtfein zufammenkommen kann
Wir können uns vermittels der Aategorien (und der
von ihnen abgeleiteten Begriffe) mancherlei Gegenftände
denken. aber wir wiffen dann nicht. ob diefe Gegen
ftände auch wirklich exiftieren. Mithin können wir durch
den Verftand und feine Kategorien allein keine Gegen
ftände „erkennen“.
Aant nennt alfo nur das Erfaffen wirklicher Gegen
ftände „erkennen“. Deshalb erklärt er auch (S. 669). daß
die reine Mathematik für fich eigentlich keine Erkenntniffe
liefere. da ihren Objekten (die wir felbft konftruieren) ja
keine Wirklichkeit zukommt. „Wirklich“ aber ift nur etwas.
..was in Baum und Zeit unmittelbar durch Empfindung
vorgeftellt wird“ (S. 669 Z. (5f.). But: fofern wir vor
ausfetzen. daß die mathematifchen Sätze auf wirkliche
Dinge anwendbar find. können fie als „Erkenntniffe“ be
zeichnet werden.
Alfo nur durch Anwendung auf das in Baum und Zeit
durch Empfindung Gegebene. d. h. auf „empirifche“ An
fchauung. liefern uns die Kategorien Erkenntniffe. Da nur
empirifche Erkenntnis aber „Erfahrung“. fo- ift zu fagen:
die Aategorien find nur anwendbar auf Gegenftände
möglicher Erfahrung.
87
Z 25. An fich fcheinen die Kategorien in weiterem Um
fange verwendbar als die reinen Formen unferer finn
lichen Anfchauung: Baum und Zeit; denn* fie laffen fich
auf alle finnlich-anfäfaulichen Gegenftände beziehen. mag
nun die finnliche Anfchauung unferer menfchlichen gleich
fein oder nicht. Indeffen da wir auf unfere finnliche
Anfchauung befchränkt find und wir andere Arten finn
licher Anfchauung nicht kennen. fo vermögen wir tatfäch
lich die Kategorien nur auf das unferen Sinnen Gegebene
anzuwenden. Objekte einer fingierten. nicht finnlichen (in
tellektuellen. d. h. fchöpferifch-göttlichen) Anfchauung könn
ten wir nur negativ beftimmen. und wir haben keinerlei
Sicherheit. ob fie wirklich exiftieren.

Ö 24. Von der Anwendung d'er Kategorien auf


Gegenftände der Sinne überhaupt
Da das Wefen (die Grundfunktion) des Verftandes Syn
thefis (Verbindung von Mannigfaltigem) ift. fo find alle
Kategorien der begriffliche Ausdruck von Arten diefer Ver
bindung. Für fich gedacht find fie rein „intellektual“.
Sie find zugleich „tranfzendental“. fofern fie (wie wir fehen
werden) fynthetifche Urteile a priori ermöglichen. Dazu
müffen fie aber (was in den beiden vorangehenden para
graphen betont wurde) auf das in der finnlichen An
fchauung Gegebene bezogen werden. Bun kann man bei
diefer Beziehung zunächft von dem durch Empfindung empi i
rifch Gegebenen abfehen und lediglich die Formen der Sinn
lichkeit Baum und Zeit berückfichtigen. Ia Kant erwähnt
S. 67( Z.-(0 v. u. nur den inneren Sinn. zu dem *ja auch
alle Vorftellungen des äußeren Sinnes. d. h. alle finn
lichen Wahrnehmungen. als feelifche Erlebniffe gehören.
88
und deffen Form) die Zeit; darum umfaffendere Bedeu
tung hat als der Raum. Er kommt fo zu dem Satze:
„Der Verftand als Spontaneität kann den inneren Sinn
durch das Mannigfaltige [d. h. auf Grund des Mannig
faltigen] gegebener Vorftellungen der fYnthetifchen Ein
heit der Apperzeption gemäß beftimmen und fo fpnthetifche
EinheitdesMannigfaltigender finnlichenAnfchauung z
a priori denken.
Die gefperrt gedruckten Worte zeigen den Gedanken
fortfchritt: während die Verftandesfpnthefis„ für fich be
trachtet; etwas rein Intellektuelles ift; gewinnt fie fo durch
die Beziehung auf die umfaffendfte finnliche Form; die
Zeit) Bedeutung für das finnlich Gegebene und eben da
mit „objektive Realität“„ d. h. fie ermöglichen dadurch ob
jektiv gültige Erkenntnis. (Näher werden diefe Andeu
tungen in der Lehre vom „Schematismus“ S. l42ff. aus
geführt werden.)
Aant gebrauchtnun für diefe auf das Mannigfaltige der
f inn lichen Anfchauung bezogene Spnthefis den Ausdruck
„figürliche Synthefis“ (synthesis spooiosa von Spezies :
Bild); im Unterfchied von der rein intellektuellen Syn
thefis (synthesis intellectuulis)„ die das zu verbindende
Mannigfaltige auch einer Anfchauung verdanken muß;
wobei aber diefe doch nicht weiter berückfichtigt und auch
nicht als „finnliche“ beftimmt ift (es könnte ja auch die
fingierte „intellektuelle Anfchauung“ fein).
Die „figürliche Synthefis“ wird dann weiterhin als
tranfzendentale Synthefis der Einbildungskraft beftimmt.
„Einbildungskraft“ wird dabei definiert als „das Ver
mögen; einen Gegenftand auch ohne deff en Gegen
wart in der Anfchauung [d. h. anfchaulich] vorzuftellen“.
89
Diefe „Einbildungskraft“ ift ein Zufammenwirken des
Verftandes mit der Sinnlichkeit; fie kann darum auch als
„produktive Einbildungskraft“ von der „reproduktivenih
d. h. dem Gedächtniffg unterfchieden werden; deffen Ver
knüpfungen lediglich empirifchen Gefetzen unterworfen
find) welche die Df7chologie (nicht die Erkenntnistheorie
bzw. Tranfzendentalphilofophie) zu unterfuchen hat. -
An diefer Stelle läßt fich nun auch ein tieferes Verftänd
nis gewinnen für die bereits in Z l vorgetragene befremd
liche Lehre) daß wir fogar uns felbft nicht erkennen) wie
wir an fich find) fondern wie wir uns im inneren Sinn er
fcheinen„ fofern diefer durch die Spontaneität unferes
Verftandes affiziert wird.
Alfo der fpontane Verftand (oder) was dasfelbe be
deutet) die ffnthetifche Apperzeption ift vom „inneren
Sinn“ ftreng zu unterfcheiden. Der letztere befagt ledig
lich; daß Wannigfaltiges unferer „inneren1 Wahrnehmung
und Beobachtung“ gegeben ift. Iede „Verbindung“ aber
diefes Wannigfaltigen ftammt aus dem Verftand. Eben
fofern er auf den inneren Sinn wirkt) nennen wir ihn
(produktive) Einbildungskraft. So können wir uns in der
Einbildungskraft keine Linie vorftellen) ohne fpontan fie
innerlich zu ziehen; ja fogar der Begriff der Sukzeffion
(der ja eine Synthefis aufeinanderfolgender Elemente ent
hält) ift nichts durch den inneren Sinn einfach Gegebenes)
fondern wird durch die f7nthetifche Tätigkeit des Ver
ftandes hervorgebracht.
i Der Ausdruck „innere“ ift natiirlich nicht räumlich zu nehmen;
das Seelifche nehmen wir nicht etwa innerhalb unferer Haut oder
in unferem Aopf wahr. Wohl aber befagt der Ausdruck) daß das
Seelifche nur uns) dem erlebenden Subjekt; unmittelbar gegeben ift.

90
Daß wir uns felbft nur erkennen. wie wir uns im inneren
Sinn „erfcheinen“. nicht wie wir an fich find. kann auf
einfache Weife auch f0 zum Verftändnis und zur Aner
kennung gebracht werden. Wir haben den Baum als bloße
Form des äußeren Sinns erkannt und daraus gefolgert.
daß alles im Baum .Gegebene nicht ..Ding an fich“.
fondern Erfcheinung ift. Ift nun auch (wie bereits in der
„Afthetik“ bewiefen wurde) die Zeit nicht Ding an fich. fon
dern lediglich Form unferes inneren Sinnes. fo kann auch
das darin gegebene Seelifche nicht unfer Ich an fich. fon
dern lediglich deffen Erfcheinung bedeuten. d. h. darftellen.
wie wir felbft von unferem inneren unbewußt-aktiven
Wefen „affiziert“ werden (S. 675 unten). Ieder Aufmerk
famkeitsakt verrät übrigens eine folche „Affektion“ (Be
einfluffung) des unferer inneren Wahrnehmung gegebenen
feelifchen Gefchehens (alfo des „inneren Sinnes“) durch
die fpontane (aktive) Seite unferes Wefens.
Z 25. Bun könnte man meinen. daß die Feftftellungen
über die Synthefis der Apperzeption uns eine Erkenntnis
meines Selbft lieferte. wie es „an fich“ ift.
Indeffen diefe Feftftellungen erfolgten durch reines
Denken. Hier wendet nun Kant den früher (vgl. S. 60f.)
aufgeftellten Satz an. daß alle „Erkenntnis“ Denken und
Anfchauung erfordere, Er fchließt daraus. daß ich durch
das Bewußtfein meiner fynthetifchen Apperzeption zwar
die Gewißheit habe. daß ich bin. aber nicht wie ich bin.
Immerhin gibt Kant (S. 676A.)zu. daß das Bewußtfein
meiner Spontaneität. d. h. des fynthetifchen Vermögens
der Apperzeption mir das Becht gibt. mich „Intelligenz“
zu nennen. Um mich aber pfychologifch zu „erkennen“.
bin ich auf das im ..inneren Sinn“ der Erlebnis-Wahr
“ 9x
nehmung und -Beobachtung „Gegebene“ (Anfchauliche)
angewiefen. Indem ich dies durch Begriffe beftimme„ er
kenne ich mich freilich nicht; wie ich als „Ding an fich“
(richtiger: als „Ich an fich“) bin; fondern nur; wie ich
mir erfcheine.

F 26. Tranfzendentale Deduktion


des allgemein möglichen Verftandesgebrauchs
der reinen Verftandesbegriffe
Die ZZ 22-25 haben Folgerungen aus dem vorher
Dargelegten gezogen.
Ietzt erft geht der Gedankengang der eigentlichen
„Deduktion“ weiter.
(Gerade durch ihr langfames Fortfchreiten und die
mannigfachen Abfchweifungen wird ihr Verftändnis er
fchwert. Die Gründlichkeit Aants erweift fich hier als
hinderlich für die Erfaffung feiner Hauptgedanken.)
Um den im Z 26 vorliegenden Gedankenfortfchritt zu
verftehen„ müffen wir wieder daran denken) daß Aant
von unf erer finnlichen Anfchauung den allgemeinen Be
griff einer finnlichen Anfchauung überhaupt1 und fchließ
lich den noch allgemeineren einer Anfchauung überhaupt
(die ja auch intellektuell j fchöpferifch fein könnte) ab
ftrahiert. In Ö 2x hatte Liant von der Anfchauung in
diefem allgemeinften Sinn geredet und „von der Art; wie
das Mannigfaltige zu einer empirifchen Anfchauung ge
geben werde„ abftrahiert“ (S. 667 unten). Ietzt geht er zur
Berückfichtigung diefer „Art“ über; um zu zeigen; daß die
Einheiten unferer empirifchen Anfchauungen keine
k Die andere Formen als Raum und Heit haben könnte.

92
anderen feien als die von den Aategorien den Anfchauungen
überhaupt vorgefchriebenen. Er nennt dabei das Ein
heitsftiftende unferer empirifchen Anfchauungen „Synthefis
der Apprehenfiont". Es ift das) wie aus dem ganzen
Zufammenhang und aus der Anmerkung S. 678 hervor
geht) nichts anderes als ein Akt der „Einbildungskraft/t)
d. h. der Synthefis der Apperzeption) angewandt auf das
in der Sinnlichkeit gegebene Anfchauliche. Alfo in jeder
Wahrnehmung eines Dinges oder Vorgangs liegt eine
folche „Synthefis der Apprehenfion '.
Urin find Baum und Zeit) als der eine umfaffende
Raum und die ein e allbefaffende Zeit gedacht) fchon allein
durch die Synthefis des Verftandes denkbar) denn foweit
Raum und Zeit lediglich als Formen der Sinnlichkeit
gefaßt werden) enthalten fie noch gar nichts von einheit
licher Zufammenfaffung. Ebenfo find alle Begriffe von
einzelnen) für fich Einheiten bildenden Bäumen und Zeiten)
demnach auch von raumerfüllenden Llörpern und zeit
füllenden Vorgängen und ihrer zeitlichen Beziehung nur
durch die Synthefis des Verftandes (der „Apperzeption“)
möglich. Die Arten diefer Synthefis aber find in den
Aategorien begrifflich formuliert. mithin_ fteht alle Syn
thefis) durch die unfere Wahrnehmung erft möglich wird)
unter den Liategorien. Da nun auf der Verbindung von
Wahrnehmungen unfere „Erfahrung“ (im Sinne von
l Auch daß Aant in feiner Gewiffenhaftigkeit fo zahlreiche Aus
drücke prägt. die im Grunde dasfelbe nur unter wenig verfchiedenen
Gefichtspunkten bezeichnen; erfchwert das Verftändnis.
2 Die „Einbildungskraft“ ift infofern ein umfaffenderes Vermögen)
als fie fich nicht nur in den Wahrnehmungen) fondern auch den Ge
dächtnis- und phantafievorftetlungen betätigt.

95
Erkenntnis des Wirklichen) beruht. fo machen die Kate
gorien die Erfahrung möglich und zugleich in ihrer Gül
tigkeit erklärlich. Da nämlich die aller Wahrnehmung zu
grunde liegende kategoriale Spnthefis die Wahrnehmungs
gegenftände für uns erft fchafft. fo ..gelten die Kategorien
a priori auch von allen Gegenftänden der Erfahrung“.
Im folgenden hat Kant - ausnahmsweife - diefen
abfchließenden Gedanken feiner ..tranfzendentalen Deduk
tion“ durch je ein Beifpiel für Baum und Zeit erläutert.
Die Wahrnehmung eines Haufes als eines (einheitlichen)
Dinges im Baum wäre nicht möglich. wenn ich nicht auf
Grund meiner Synthefis den einen Baum und das in
der Anfchauung gegebene Mannigfaltige als das eine
räumliche Ding („Haus“ genannt) auffaßte (apprehen
dierte). Die Art der Synthefis. die hier in Funktion tritt.
ift in der Kategorie der „Größe“ begrifflich gefaßt. Dabei
ift natürlich nur an die Auffaffung der Größe des Haufes
gedacht; ich kann dasfelbe auch z. B. vermittels der Kate
gorie der Subftanz als etwas für fich dauernd Beftehendes
auffaffen. Ich kann es auch unter der Idee des Zweckes
(die Kant nicht zu den Kategorien rechnet) auffaffen.
In dem zweiten Beifpiel ift es die Kategorie von „Ur
fache und Wirkung“. wodurch die beiden apprehendierten
Zuftände des Waffers (feine Flüffigkeit und - bei ein
tretender Kälte - feine Feftigkeit) als objektiv beftimmt
in ihrer Zeitfolge aufgefaßt werden. (Batürlich muß. was
Kant als felbftverftändlich zu bemerken unterließ. die ein- l
tretende Kälte als urfächliche Bedingung des Gefrierens '
mitgedacht werden.) _
Der Schluß des ß 26 bietet eine kurze Zufammenfaffung i
der Deduktion. Wieder müffen wir uns an das Grund* i
94c
problem der „Liritik“ erinnern: Wie find fpnthetifche Ur
teile a priori möglich? Hier tritt es uns in der Faffung
entgegen: wie ift es möglich; daß wir Naturgefetze (z. B.
den Liaufalfatz) 8. priori erkennen (denn „Naturgefetze“
werden eben in fynthetifchen Urteilen a priori formuliert).
Würden wir fie von der Natur ableiten) fo würden fie
nur auf Erfahrung fich gründen) könnten alfo nicht ftreng
notwendig und allgemeingültig fein; d. h. nicht o. priori,
gelten:
Alfo muß fich die Natur nach diefen fYnthetifchen Ur
teilen s. priori richten. Aber wie ift dies möglich? Wie
ift es begreiflich zu machen?
Nunmehr haben wir die Auflöfung des Rätfels.
So gut wie die „Erf ch einungen“ mit den apriorifchen
Formen unferer Sinnlichkeit) Raum und Zeit; überein
ftimmen müffen; fo gut müffen die „G ef etz e“ der Erfchei
nungen mit den Verknüpfungsformen des Verftandes;
den Kategorien; zufammenftimmen. Denn weder die Er
fcheinungen noch deren Gefetze find „Dinge an fich“) fie
exiftieren nicht „abfolut“„ fondern „nur relativ“ auf das
Subjekt; dem fie „inhärieren“ (d. h. zugehören; gegeben
find). „Erfcheinungen“ find nur in unferer Sinnlichkeit mög
lich) unterftehen darum den Formen diefer Sinnlichkeit;
„Naturgefeße“ find aber nichts anderes als regelmäßige
Verknüpfungen der Erfcheinungen; was aber für uns
als verknüpft' fich darftellt; das ift durch die Synthefis
unferes Verftandes verknüpft worden) unterfteht alfo den
Gefetzen (Arten) Formen) diefer Synthefis„ d. h. den Rate
gorien.
Eine reine (apriorifche) Naturerkenntnis ift alfo da
durch möglich; daß wir diefe Natur als Inbegriff gefetz
95
mäßig verknüpfter Erfcheinungen1 felbft fchaffen. Das gilt
natürlich nur für die Uatur formal betrachtet (natura
korrnaliter sperrt-ita); d. h. ihre allgemeinf te Gefetzlich
keit (wie wir fie im zweiten Buch der „Analytik“ kennen
lernen werden). Die einzeln en Uaturgefetze etwa der Elek- ;
trizität oder der chemifchen Verbindungen können wir nur
an und mit den Erfcheinungen durch Erfahrung kennen
lernen; fie unterftehen zwar alle jenen allgemeinften Uatur
gefeßen/ können aber nicht aus ihnen a priori abgeleitet ,
werden. Ebenfo ift uns die Uatur inhaltlich betrachtet '
(natura materiaiiter speotata); d. h. der Inbegriff der
Erfcheinungen in ihrer qualitativen Verfchiedenheit) nur
durch Erfahrung gegeben. Daß fie uns gegeben ift) führt
Liant darauf zurück) daß unfere Sinnlichkeit affiziert wird
durch ein abfolut exiftierendes Etwas) das wir aber
nicht theoretifch erkennen können) von dem wir alfo nicht
einmal fagen können) ob für es der Ausdruck „Ding an
fich“ oder der Vlural „Dinge an fich“ der paffendere ift“.
l Alfo nur die Liatur als Gegenftand unferer Erkenntnis nicht
als ein „Ding an fich“/ als eine abfolut exiftierende Realität; denn
etwas Derartiges dürfen wir nicht „Ziatur“ nennen.
k Wenn Aant vorausfetzt.daß Gegenftände dasSubjekt „affizieren“
(vgl. z. B. S. 54 Z. 5 von unten) S. 6x Z. 5 von unten)) fo beziehen
dies die Vertreter der idealiftif ch en Kant-Erklärung nicht auf
„Dinge an fich“. Das „Affiziertwerden“ bedeute nichts Geheimnis
' volles) nicht die Annahme eines wirkenden „Dings an fich“ (denn
damit wiirde ja die Aategorie der Urfache auf das Ding an fich be
zogen; diefes alfa doch „erkannt“). Vielmehr fei dies nur ein anderer
Ausdruck fiir die „Anfchauung“. Es bezeichne die Art und Weife.
wie das Bewußtfein f innlich auf Gegenfiände bezogen fei (ein
Unterfchied von der Beziehung des Denkens). Vgl. A.Buchenau.
Grundproblem der Kritik der reinen Vernunft) Leipzig (gi-i (Meiner
S. 92. Vgl. im folgenden S. i35. * “
96
„Denken“ können wir jenes Abfolute freilich. aber wir
önnen es nicht „erkennen“. da wir dazu feiner ..An
:hauungxt bedürften (S .68(A.). Daß wir aber fo die Ge
oißheit haben. daß der Inbegriff unferer Erfcheinungen
ich nicht deckt mit dem Inbegriff des Exiftierenden; daß
-ie Wirklichkeit an fich reicher ift als die von uns erkannte
Virklichkeit. das gibt dem „Glauben“ Baum. der fich auf
.nfer fittliches Bewußtfein. auf die wollende Seite unferes
ich“. gründet (vgl. oben S. 9).
Z 27 Befultat
diefer Deduktion der Verftandesbegriffe
Eine wichtige negative Folgerung ergibt fich: unfere
:priorifchen Erkenntnisfaktoren. reine Anfchauungen wie
iategorien. find zwar in ihrer Geltung unabhängig von
er Erfahrung. ermöglichen uns aber keine Erkenntnis
enfeits der Grenzen der gegebenen Erfcheinungen. fon
ern dienen lediglich der Erfahrungserkenntnis.
Wieder ftellt Kant den Lefer vor die Alternative. die
hn zu feiner ..kopernikanifchen Bevolution der Denkart“
,eführt hat: entweder ftammen die Kategorien aus der
erahrung. oder fie machen ihrerfeits die Erfahrung. ja
ie Erfahrungsgegenftände möglich.
Im erften Fall würde fie nicht a priori gelten; es gäbe
ann auch keine ..reine Baturwiffenfchaft“. keine ..all
emein und notwendig“ geltenden Sätze wie den Kaufal
aß."Da aber für Kant das feftfteht (es ift eine feiner wich
:gften „Vorausfeßungen“). fo gilt für ihn der zweite Fall:
]ie Kategorien machen die Erfahrung möglich. fofern
e „Batur“ als Gegenftand der Erfahrung für uns
richt als ..Ding an fich“) fchaffen. Daß unfere Vernunft
leffer . Kant-Komm. 7
97
die Rategorien fo zu den Erfcheinungen „hinzu erzeugt“„
nennt Rant ein „Syftem der Epigenefis“.
Er lehnt zugleich eine dritte" Möglichkeit ab) an die
man denken könnte) um die Ubereinftimmung unferer
apriorifchen Erkenntniselemente mit der Natur zu er
klären: ein „Vräformationsfpftem“„ gemäß dem die Gott
heit unfer Denken fo eingerichtet habe „ daß es mit der
Natur felbft ftimme. Es würde dabei jene Hweiheit von
erkennendem Subjekt und unabhängig davon (abfolut)
exiftierendem Objekt bleiben; die Liant gerade zu über
winden fucht. Ich würde dann nur fagen können: ich bin
fubjektiv fo organifierh daß ich mir die Objekte; bzw.
den objektiven Sachverhalt fo denken muß; aber in Wirk
lichkeit könnten die Objekte fich ganz anders verhalten.
Aants Grundgedanke ift aber gerade der; daß diefe ver
meintliche Aluft zwifchen Subjekt und Objekt überbrückt;
ja ihre (Zweiheit gewiffermaßen aufgehoben wird. Das'
Objektive wird zu einer Sphäre des - erweiterten -
Subjektiven; die „Natur“ wird ein Inhalt und produkt
des Geiftes. Aber eben damit verliert auch das Subjektive„
der erkennende Geift den Charakter des „bloß Subjektiven“.
Das Objektive„ derBereich der „Gegenftände“ (insbefondere
der „Natur“) ift ja nicht etwas vom Subjekt als „Ding ani
fich“ abfolut Verfchiedenes; ihm ewig Fremdes„ vielmehr
wird diefer Gegenftandsbegriff überwunden durch die
Einficht; daß es Urteile von Gegenftandswert (von objek
tiver Gültigkeit) gibt) die fich von den bloß fubjektio
gültigen unterfcheiden. Die naive Auffaffung der (gleich
fam dinghaft gedachten) Hweiheit von Ich (Subjekt) und
Gegenftand (Objekt) wird übergeführt in die Unterfcheidung
zweier Arten von Urteilen.
98
Zweites Buch
Die Analytik der Grundfätze
Wir müffen uns wieder an das Hauptproblem der
iritik erinnern: Wie find fynthetifche Urteile a priori
nöglich'i> Diefes zweite Buch führt uns zu den fynthe
ifchen Urteilen'a priori) die zufammen die reine Uatur
viffenfchaft ausmachen und die Liant als „Grundfätze“
-ezeichnet. Sie werden von ihm aus den Kategorien ab
ieleitet. Z, B. der Aategorie „Liaufalität“ entfpringt der
Grundfatz: daß jede Veränderung ihre Urfache hat. Das
trfte Buch der „Analytik“ befchäftigt fich mit der Auf
indung (metaphyfifchen Deduktion) der Liategorien und
'em Äachweis ihrer objektiven Gültigkeit (tranfzendentalen
üeduktion). Das zweite Buch entwickelt die Grundfätze
1nd beweift ihre Gültigkeit.
Indem diefe Grundfätze uns belehren; die *liategorien
1uf die Erfcheinungen anzuwenden) enthalten fie einen
„Lianon“ (eine Bichtfchnur) für unfere Urteilskraft. So
("ann das ganze Buch auch als Doktrin der Urteilskraft
bezeichnet werden. *
Terminologifch ift hier zu bemerken) daß Liant „Ver
ftand“ im weiteften Sinn in die Vermögen der Begriffe
(„Verftand“ im engeren Sinn)) der Urteile („Urteils
kraft/t) und der Schlüffe („Vernunft“ im engeren1 Sinne)
einteilt, Aus den Formen der Schlüffe aber leitet er die
Vernunftideen ab) die er in der „Dialektik“ behandelt.

1Denn im weiteren Sinne bezeichnet Vernunft das ganze Er


kenntnisvermögen einfchließlich Sinnlichkeit und Verfiand.

99
Einleitung. Von der tranfzendentalen
Urteilskraft überhaupt
In den einleitenden Bemerkungen zeigt fich Kant
feinfinniger pfpchologe. Daß reiches Wiffen (Befitz
gemeiner Begeln) oft mit Mangel an Urteilskraft
verbinde. daß man alfo „gelehrt“ und dabei doch „dum
fein kann. beweift die Erfahrung. Urteilskraft gehört eb
dazu. um etwas Konkretes als Fall eines uns bekannt
Gefetzes (oasus (latein legis) zu erkennen. Daherf
auch Beifpiele fo wichtig. um die Urteilskraft daran
üben. wenn fie fich.auch oft nicht ftreng in den Grenz
der Begel (oasus in terminis) halten.
Wenn es S. (4( Z. (5 ff. heißt. daß die Tranfzendent_
philofophie nicht nur die „Begeln“ (nämlich die „Gru
fäße“). fondern auch a priori die Fälle anzeigen kön
worauf diefe Begeln anzuwenden feien. fo find da
die gleich zu erörternden „Schemata“ der Kategori
gemeint. Sie bilden zugleich „die finnlichen Bedingunge
unter. welchen reine Verftandesbegriffe allein gebrau
werden können“ (S. (4( Z. 8f. v. u.). -

Erftes Hauptfiück. Von dem Schematismus der:


reinen *Verftandesbegriffe -
Die Kategorien 'ergeben nur „Erkenntnis“. wenn fie
auf die empirifchen Anfchauungen angewendet werden.
bzw. wenn diefe ihnen „fubfumiert“ (untergeordnet) werden.
Eine folche Unterordnung fetzt Gleichartigkeit voraus.
wie z. B. ein Teller mit einem „Zirkel“ (Kreis) gleichartig
ift; weswegen er als kreisrund bezeichnet werden kann.
(00
In unferem Fall bedarf es einer Vermittlung zwifchen
r reinen intellektuellen Rategorie und dem finnlich
egebenen. Zu diefer Vermittlung eignet fich die Zeit:
ift rein wie die Aategorie und zugleich als Form des
ifchaulichen in jedem empirifch Gegebenen enthalten.
:r Zeit find alfo auch die gefuchten Bedingungen zu
tnehmen„ nach denen fich die Urteilskraft richtet; wenn
die Aategorien auf das finnlich Gegebene anwendet.
taß deren Anwendung darauf befchränkh „reftringiert“
.hat ja der vorige Abfchnitt gezeigt.)
„Schema“ nennt nun Rant die Vorftellung von dem
erfahren der Einbildungskraft) Begriffe zu verbildlichen
erfinnlichen). So ift die Vorftellung von dem Verfahren
unkte hintereinander zu fetzen (oder regelmäßig zu
>pfen) ein „Schema“ des Zahlbegriffs. Die punkte
(bft find dann ein Bild der betreffenden Zahl. Das
ichema“ ift natürlich allgemeiner als das Bild; denn
:s Verfahren ift ja dasfelbe; ob ich die Zahl fünf oder
?Zahl hundert verfinnliche; fo ift das Schema gleich
m die allgemeine Regel) nach der zahllofe verwandte
ebilde (Dreiecke; Tiere ufw.) konftruiert werden können.
5. B. das Schema der Subftanzkategorie ift die Beharr
hkeit des Realen in der Zeit. Das Beharrliche felbft
mi mannigfachfter Art fein. Darüber kann uns nur
:Erfahrung belehren.
Wie für die Subftanzkategorie; fo bietet für alle Rate
rien die Zeit die Möglichkeit) die Schemata zu bilden
il. S. W6 f.) und dadurch die gefuchte Vermittlung
ifchen den intellektuellen Aategorien und dem finnlich
egebenen herzuftellen.
Indem die Schemata in diefer Weife zwifchen Ver
i0!
ftand und Sinnlichkeit die Brücke fchlagen) geben fie an
für die Urteilskraft die Bedingungen an) unter dem
allein die Verftandesbegriffe für uns zu wirklicherE
kenntnis beitragen können; denn fie ftellen ja die Beziehm
zu dem zweiten Erkenntnisfaktou dem finnlich Gegeben.
her; fie verfchaffen eben damit erft den *tiategorie
„Bedeutung“) nämlich Beziehung auf wirkliche Objel
(S. (48 oben) wobei zu beachten ift) daß durch dieA
wendung der “tiategorien erft das finnlich Gegebene*
„wirklichen Objekten“ für uns wird).
Wie die Schemata fo die Beziehung zwifchen den Lia]
gorien und der ihnen zugrundeliegenden „urfprünglih
Apperzeption“ herftellen) fo ermöglichen fie uns -vt
der anderen Seite her-betrachtet -) das finnlich Gegebel
der Apperzeption unterzuordnen und „die Erfcheinung
dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer C
fahrung fchicklich zu machen“. In der Beziehung .iii
Einzelerfahrungen auf das Ganze aller möglichenl
fahrung liegt aber die „tranfzendentale Wahrheit/h d,
Wahrheit im Sinne der tranfzendentalen Betrachten
Da für diefe ja das „Ding an fich“ als etwas fchlechti
Unbekanntes und Unerkennbares fich darftellt) fo in
„Wahrheit“ für fie nicht bedeuten: „Ubereinftimnui
der Erkenntnis mit ihrem Gegenftand“ (wenn un
„Gegenftand“ mit dem naiven Bewußtfein das „Di
an fich“ verftanden wird). Vielmehr wird die Wahrh
eines Urteils nunmehr darin gefunden) daß es fich ini
„Ganze möglicher Erfahrung einordnet“ und daß es in'
fern den Charakter der objektiven Gültigkeit erhält (o
oben S. 64).
Während einerfeits die Schemata die Aategorien „re(
x02 i
fieren“. d. h. ihnen Beziehung zur empirifchen Bealität
verleihen. „reftringieren“ (d. h. befchränken) fie diefelben
auf eben diefe Bealität. alfo den Umkreis der finnlichen
Erfcheinungen („phänomen“). Deshalb kann man das
Schema faffen als den verfinnlichten Begriff eines Gegen
ftandes. als ein phänomenon. das einer Kategorie ent
fpricht. So ift die Zahl die phänomenale Größe (numorus
ost quantitas pbuonornonon. vgl. S. (45 u.). die Emp
findung (in der Zeit) die phänomenale Bealität. das
Konftante und Dauernde der Erfcheinungen das phäno
menon der Subftanz; ebenfo ift Ewigkeit (uetornitas.
d. h. das Dafein eines Gegenftandes zu aller Zeit; vgl.
S. (47 Mitte) die phänomenale Botwendigkeit (nocossitas
pbaenornonon. So muß der Text heißenl).
Wenn wir nun die Schemata als die ..reftringierenden“
Bedingungen weglaffen. amplifizieren d. h. erweitern wir
fcheinbar die dadurch eingefchränkten Begriffe. Aber diefe
Erweiterung verfchafft uns keine Bereicherung der Er
kenntnis. weil dann für die Begriffe die Anfchauungen
fehlen und fie fomit „leer“ bleiben.

Zweites Hauptftück. Syftem aller Grundfäße des


* . reinen Verftandes
Bunmehr gilt es das Ziel der „Analytik“ zu erreichen.
d. h. die gefuchten fynthetifchen Urteile a priori. die in
ihrer Gefamtheit die ..reine Baturwiffenfäyaft“ darftellen.
fyftematifch zu entwickeln. Um deren Wefen völlig klar
zuftellen. geht Kant nochmals kurz auf die analytifchen
Urteile ein.
(05
Erfter Abfchnitt. Von .dem oberften Grundfatz»
aller analptifchen Urteile
Das oberfte Gefeß der analptifchen Urteile ift der Satz'
des Widerfpruchs: „Keinem Dinge kommt ein prädikat
zu; welches ihm widerfpricht.“ Diefer Satz gilt auch für
alle fynthetifchen Urteile; aber nur als oonäitio sine que
non d. h. als „Bedingung ohne welche nicht“ (ihnen
Geltung zukommt). Aber er ift für fich noch kein aus
reichendes Kennzeichen ihrer Wahrheit. (Z. B. der Satz)
daß die Erde aus Gold beftehe„ verftößt nicht gegen den
Satz des Widerfpruchs„ it aber darum noch nicht wahr.)
Die Formulierung des Satzes: „Es ift unmöglich; daß
etwas zugleich fei und nicht fei“„ lehnt Kant als unzweck
mäßig ab.
Zweiter Abfchnitt. Von dem oberften Grundfatz
aller fpnthetifchen Urteile
Diefer Grundfatz lautet: „Ein jeder Gegenftand fteht
unter den notwendigen Bedingungen der fpnthetifchen
Einheit des Mannigfaltigen der Anfchauung in einer mög
lichen Erfahrung“ (S. l55 unten). Diefe „Bedingungen“
“ find die Formen der Anfchauung (Raum und Zeit); dic
Kategorien und ihre Einheit die tranfzendentale Apper
zeption und die Schematifierung der Kategorien durch die
Synthefis der Einbildungskraft in der Zeit. Anfchauungs
formen; Schemata) Kategorien; Apperzeption find „Bex
dingungen der Möglichkeit der Erfahrung“; d. h. fie
machen die Erfahrung ihrem Wefen nach aus und laffen
ihre Gültigkeit für die Gegenftände erklärlich erfcheinen;
weil durch fie die Gegenftände der Erfahrung (ihrem
allgemeinften Beftand nach) für uns da find.
Wi
Dritter Abfchnitt. Syftematifche
Vorftellung aller fynthetifchen Grundfäße des
reinen Verftandes
Alle fogenannten Üaturgefetze ftehen unter diefen
„Grundfätzen“ und vermitteln deren Anwendung auf die
konkreten Erfcheinungen. Sie feßen alfo das fort/was durch
die Schematifierung der Liategorien fchon angebahnt ift:
die Anwendung der rein intellektuellen *liategorien auf
das finnlich Gegebene. Die Grundfätze erheben gleich
fam das zum Gefetz für die Erfcheinungen) was in den
einzelnen Schematen enthalten ift. So ift das „Schema“
der Subftanz „die Beharrlichkeit des Bealen in der Zeit“
(S. (46 unten). Der „Grundfatz der Beharrlichkeit der Sub
ftanz“ befagt: „Bei allem Wechfel der Erfcheinungen
beharrt die Subftanz“ (S. (75 A.). hier wird alfo zum
Gefetz erhoben) daß ftets ein Beales in der Zeit beharre;
deffen Quantum dasfelbe bleibt. Da die „Grundfätze“
nur die Anwendung der Aategorien auf die Erfcheinungen
darftellen) fo ift klar) daß ihr Syftem dem der *liategorien
entfpricht (vgl. S. (58 oben mit S. 96 unten).
Die beiden erften Grundfätze/ die „mathematifchen“. *
laffen zugleich erkennen) warum Mathematik auf die Er
fcheinungen anwendbar ift (S. (6( unten); fie machen alfo
verftändlich„ warum unfere Uaturwiffenfchaft eine „*mathe
matifche“ und damit eine exakte ift. Sie find) weil auf
anfchaulich in Baum und Zeit gegebene Größen fich
beziehend) einer „intuitiven“ (S. (58 Mitte) d. h. anfchau
lichen) Gewißheit fähig; und fie gelten „apodiktifch“
(S. (57 Z, (5 v. u.); d. h. unbedingt notwendig für alle
Erfcheinungen) da diefe alle in der Zeit (zum Teil auch im
Raum) gegeben fein müffen.
(o5
"'"i
Der erfte Grundfatz befugt. daß alle Anfchauungen
extenfive Größen find. d. h. folche. „in denen die Vor
ftellung der Teile die Vorftellung des Ganzen möglich
macht“. der letzteren alfo - logifch - vorausgeht (S. (60
oben). Dies gilt aber für die Vorftellung von Baum
und Zeit.
Mithin gehen auf diefen erften Grundfatz alle ..Axiome
der Anfchauung“ zurück. d. h. alle die Sätze über Größen.
die durch die Anfchauung als gültig einleuchten und eines
Beweifes nicht bedürfen. -
Der zweite Grundfatz lautet: ..In allen Erfcheinungen
hat das Beule. was ein Gegenftand der Empfindung ift.
intenfive Größe. das ift einen Grad.“
Wenn Kant diefen Grundfaß als prinzip der „Anti
zipationen der Wahrnehmung“ bezeichnet. fo ift dabei das H
Wort „Antizipation“ (Vorwegnahme) in befonders ge
wichtigem (prägnantem) Sinne gebraucht. Denn an fich
könnte man alle diefe fynthetifchen Sätze a priori Anti
zipationen nennen. weil fie. was für alle Erfcheinungen
gilt." unabhängig von Erfahrung ausfprechen. alfo f
a priori vorwegnehmen. Aber bei unferem Grundfatz
ift die Vorwegnahme befonders verwunderlich. weil fie
die Empfindungen betrifft. alfo gerade das. was nicht
a prioxi gilt. fondern nur a postoriori gegeben fein kann.
Kant fcheidet dabei die Empfindung als feelifches Er
lebnis des einzelnen Individuums und das ..Beale“. was
ihr „an dem Gegenftand entfpricht“ (erfte Auflage) bzw.
..Gegenftand der Empfindung“ ift (zweite Auflage). Durch
die Kategorie der Bealität wird nämlich das fubjektiv
Empfundene objektiviert. d. h. als Gegenftand gedacht.
und diefer wird weiterhin durch den Begriff der inten
(06
'.7 „ _

fiven Größe mathematifch beftimmt. Und zwar gefchieht


dies durch Anwendung der Infinitefimalrechnung. Inten
five Größe aber ift eine folche; die nicht wie die extenfive
aus Teilen von uns zufammengefügt wird) fondern nur als
Einheit aufgefaßt („apprehendiert“„ S. l64 unten) werden
kann. Z. B. die Intenfität eines Tones erleben wir nicht
als Zufammenfetzung mehrerer fchwächerer Töne; fondern
als etwas Einheitliches. Nun kann man freilich den
Begriff der Vielheit hierauf dadurch in Anwendung
bringen; daß man fich zwifchen der gegebenen inten
fiven Empfindung und dem Nullpunkt der Empfindung
(„Zero“ bedeutet Null) unendlich viele Zwifchenempfin
dungen eingefchoben denkt; aber das ift bloße Fiktion.
In diefem Zufammenhang (S. t65 unten) werden Raum
und Zeit als „kontinuierliche“ oder „fließende“ Größen
charakterifiert. „punkte“ find nicht ihre Beftandteile;
fondern nur ihre Grenzen. Ferner ergibt fich die wichtige
Einficht; daß leerer Raum und leere Zeit weder wahr
genommen noch erfchloffen werden können (S. (67);
fingieren können wir fie natürlich. -
Den Ausdruck „Analogien der Erfahrung“ hat
Kant S. l75 ausführlich erklärt und gerechtfertigt. „Ana
logie“ bezeichnet foviel wie Vroportiom d. h. entfprechendes
Verhältnis. Der Grundfatz befagt) daß die Erfcheinungen
alle in dem Verhältnis „einer notwendigen Verknüpfung“
ftehen. Er befagt alfo nicht; wiedie beiden erften Grund
fäße„ etwas über die notwendige Befchaffenheit der
einzelnen Erfcheinungen als folcher) er ift infofern für
die einzelnen Erfcheinungen nicht konftitutiv (er betrifft
nicht ihre Konftitutiom gleichfam ihre Struktur felbft))
fondern da er nur das Verhältnis der Erfcheinungen im
(o7
„mocio der Zeit“ S. (75) d. h. in der Zeitform betrifft)
leitet er uns lediglich an) von gewiffen gegebenen (Zr- _
fcheinungen aus andere zu fuchen. Er ift lediglich „regu
lativ“. (Es fei fchon hier betont) daß Liant fpäter in der
„Dialektik“ den Ausdruck „konftitutiv“ in weiterem Sinne
gebraucht. Während er hier auf die einzelne Erfchei
nung bzw. den einzelnen Wahrnehmungsgegenftand ein
gefchränkt ift) wird er dort auf den gefamten Gegenftand
der Erfahrung) nämlich die Uatuu bezogen. Und dafür
gilt) daß alle Grundfäße (auch die Analogien der Er
fahrung) die Uatur konftituieren) alfo „konftitutive“ Be
deutung haben; während dagegen den auf das Abfolute
gehenden „Vernunftideen“ dort „regulative“ Bedeutung
zugefprochen wird).
“klaut betont) daß die „Analogien“ wie alle fyntheti
fchen Urteile nicht „Grundfätze des tranfzendentalen)
fondern bloß des empirifchen Verftandesgebrauchs“ fein
dürften (S. (74 oben). „Tranfzendentaler Gebrauch“ wird
S. 265 oben erklärt als „über die Erfahrungsgrenze hinaus
reichender Gebrauch“. Ein folcher Gebrauch wäre ein
„Mißbrauch der Kategorien) welcher ein bloßer Fehler
der nicht gehörig durch Aritik gezügelten Urteilskraft ift“. 4
Wollte man aber die Erfahrungsgrenzen grundfätzlich
nicht beachten und die Liategorien (und damit die von
ihnen abgeleiteten „Grundfätze“) jenfeits diefer Grenzen
anwenden; fo wäre das ein „tranfzendenter“ Gebrauch.
Solche „tranfzendente“ Grundfätze hatte die vorkantifche
Metaphyfik. Aant zeigt; daß fie nur „immanent“ fein
dürfen) d. h. daß fie nur innerhalb der Erfahrungsgrenzen
Erkenntnis ergeben. *
Der Beweis für den „Grundfatz der Beharrlich
(08
keit der Subftan z“ wird in der zweiten Auflage doppelt
geführt (S. (75 f.). Beidemal ift der Kern des Beweifes
der Gedanke. daß. um Erfahrungserkenntnis möglich
zu machen. das zeitliche Verhältnis der Erfcheinungen
beftimmt werden muß. Bun ift aber Zeit für fich (..leere
Zeit“) nicht wahrnehmbar. Alfo muß in den Erfchei
nungen „das Subftrat anzutreffen fein. welches die Zeit
überhaupt vorftellt“ und an dem Wechfel oder Zugleichfein
der Erfcheinungen wahrgenommen wird.- Das Subftrat
(wörtlich: Unterlage) alles Bealen aber ift die Subftanz.
Diefe muß bei allem Wechfel diefelbe bleiben; ihr
Quantum kann alfo weder vermehrt noch vermindert
werden,
Wollte man diefen Grundfatz fo ausdrücken. ..daß die
Subftanz beharrlich fei“. fo wäre das eine bloße „Tauto
logie“. d. h. es wäre zweimal dasfelbe gefagt; denn Sub
ftanz bedeutet ja das Beharrliche. Vielmehr ift der Sinn
unferes Grundfatzes. daß in allen Erfcheinungen etwas
Beharrliches fein müffe. Hier zeigt fich auch klar. daß
dies ein fynthetifcher Satz ift; denn im Begriff der Er
fcheinungen liegt nicht der Begriff des Beharrlichen. Daß
er auch a priori gilt. wird daraus bewiefen. daß er die
Erfahrungserkenntnis möglich macht: Er muß darum
für alle erfaßbaren Gegenftände gelten.
Inftinktiv hat man die Geltung des Satzes auch fchon
von jeher vorausgefetzt. - Schon die Alten folgerten mit
Becht daraus. daß nichts aus nichts entftehen. und nichts
zu' nichts werden könne. „Erfahrung“ wäre nämlich nicht
möglich. wenn neues Subftanzielles entftünde*oder Sub
ftanzen zunichte würden. (Wie die Baturwiffenfchaft das
Subftanzielle näher beftimmt. ob als Stoff und Kraft
W9

[Energie] wie bisher; oder ob fie mit der „Erhaltung"


der Energie“ allein auskommt und im Stoff (in der Muffe]
nur eine Energieäußerung fieht; wie die „Energetiker“
wollen) ift eine empirifche Frage) die von der Tran
fzendentalphilofophie nicht beantwortet werden kann.)
Man hat in dem Subftanzfaß einen Einwand gegen
die Schöpfungslehre erblickt. Aber diefe bezieht fich auf
„Dinge an fich“) nicht auf Erfcheinungen“„ wie unfer Satz.
Innerhalb der Erfahrung können wir mit „Schöpfung“
nichts anfangen (S. [78).
Man nennt die Beftimmungen einer Subftanz; d. h.
ihre befondere Arten zu exiftieren; „Akzidenzen“ und fagt
von ihnen) daß fie der Subftanz „inhärieren“ (anhaften).
Diefe Redeweife erzeugt leicht das Mißverftändnis„ man
könne die Akzidenzen gleichfam von der Subftanz los
löfen und diefe für fich erkennen. Dagegen ift zu betonen;
daß das Dafein der Subftanz pofitiv allein beftimmt
werden kann durch Angabe ,der Akzidenzen (S. l78 unten).
Auch der Beweis für die „zweite Analogie“„ den
Kauf alitätsfatz; läuft darauf hinaus; daß nur; wenn er
für die Erfcheinungen gilt) Erfahrungserkenntnis von den
felben möglich ift. Als bloße fubjektive Vorftellungen be
trachtet; können die Erfcheinungen beliebige Folgen oder
auch Lücken darbieten. Soll Erfahrungserkenntnis von den
Erfcheinungen möglich fein; fo muß er priori der Satz
gelten; daß ein „objektives Verhältnis“ unter ihnen be
fteht und feftftellbar ift; daß „im Objekt der eine Zu
ftand vor dem anderen vorhergehe“„ und zwar „nach
einer Regel“„ d. h. regelmäßig oder gefetzmäßig.
So ergibt fich das Recht und die Notwendigkeit; inner
halb unferer „Vorftellungen“ (oder „Erfcheinungen“) -
ii()
und nur folche find uns ja gegeben - zwifchen dem Sub
jektiven und Objektiven zu unterfcheiden) d. h. zwifchen
*unferen Vorftellungen und den Erfcheinungen als ihrem
Gegenftand. Dasjenige„ was Vorftellungen gegen
ftändlichen (objektiven) Charakter gibt) ift lediglich die
Regel (das Gefetz) ihrer Aufeinanderfolge. Tatfächlich
kommen wir nie über unfere Vorftellungen (Erfchei
nungen) hinaus an „Dinge an fich“ (S. (87 oben)) aber
dadurch) daß wir gewiffe Vorftellungsfolgen als „gefetz
mäßig“ (unabhängig vom Belieben oder dem zufälligen
Zuftand der einzelnen Subjekte) denken) fchaffen wir das
Objektive. Und fo können wir den herkömmlichen
Begriff der (empirifchen) Wahrheit hier verwenden.
„Wahrheit“ kann als „Ubereinftimmung der Erkenntnis
mit dem Objekt“ bezeichnet werden; fie wird dann von
uns erreicht) wenn wir unfere fubjektive Vorftellungs
folge der „objektiven/Z d. h. gefetzmäßigen anpaffeni.
(Äicht mehr kann dagegen Wahrheit Ubereinftimmung
unferer Vorftellungen mit einem Ding an fich bedeuten;
vgl. oben S. 64 und S. (02.)
Das Objekt (das Objektive) ift nicht ein von unferen
1 So heißt es auch S. 222: „Die Verftandesregeln [d. h. die
Grundfäße] find nicht allein a priori wahr) fondern fogar der Quell
aller Wahrheit) d. i. der Ubereinfiimmung unferer Erkenntnis mit
Objekten. dadurch daß fie den Grund der möglichkeit der Erfahrung)
als des Inbegriffs aller Erkenntnis; darin uns Objekte gegeben
werden mögen) in fich enthalten.“ Aurz gefagt: der Verftand fchafft
erft „Objekte“ (und das „Objektive“ iiberhaupt) fiir uns. indem
er den Gedanken der „gefeßmäßigen Verknüpfung produziert.
Eben damit macht er Ubereinftimmung unferer Vorftellungen (als
fubjektiver Erlebniffe gefaßt) mit Objekten möglich; ift alfo „Quell
der Wahrheit“.

iii
7
Vorftellungen verfchiedenes ..Ding an fich“. fondern das
„Begelmäßige“ (Gefetzmäßige) in unferen Vorftellungen
(Erfcheinungen): Diefer Satz enthält einen ganz wefent
lichen Gedanken der „Kritik“ (vgl. befonders S. (87
(. Hälfte und S. (88 letzter Abfatz). Bicht das Objekt
als ..Ding an fich“ beftimmt die Ordnung unferer Vor
ftellungen. fondern diefe Ordnung beftimmt das Objekt
(machtdas aus.waswirmit..Objekt“meinen;S. (90oben).
Man beachte auch. daß Kant alles. was wir an Kraft
in uns erleben und gewöhnlich inftinktiv auf die Urfachen
übertragen. von feinem Kaufalbegriff fernhält; er drückt
ja lediglich die gefeßmäßige Folge der Erfcheinungen
aus. Es handelt fich bei ihm nicht eigentlich um ..dyna
mifche“. fondern um reine „Sukzeffionskaufalität“.
Bun kann gegen diefe Faffung des Kaufalbegriffs das
Bedenken entftehen. daß die Wirkungen mit den Urfachen
vielfach gleichzeitig find. Kant hält aber feft. daß die
Zeitordnung doch das beftimmte Bacheinander bleibt. Dem
Hinlegen einer Kugel auf das Kiffen folgt das Grübchen;
nicht folgtdem Entftehen des Grübchens das Hinlegen 1 der
Kugel. Die Zeit zwifchen Beginn der Urfache und der
Wirkung kann dabei freilich „verfchwindend“ klein. beide
können alfo nahezu gleichzeitig fein.
Über die bloße Sukzeffionskaufalität kommt man erft
hinaus. indem man die Kategorie der Subftanz mit der der
Kaufalität verbindet (S. (9( unten bis S. (94 oben). In
der Subftanz wirdder Sitz der „Tätigkeit oder Kraft“ ge
dacht. welche den Wechfel der Erfcheinungen hervorruft.
l Kant fagt - allzu knapp - ..eine Kugel“. denn nicht diefe als
„Ding“ ift die Urfache. Urfache ift bei Kant fiets ein Gefchehen. alfo
hier das Hinlegen.
UZ
(Wenn Kant S. 492 wie fchon S. 476 zu „Subftanz“ hinzu
fügt: (pbaenornenon); fo will er damit andeuten„ daß es
fich hier nicht um den rein intellektuellen Subftanzbegrifß
fondern um den fchematifiertem auf die Erfcheinungsform
„Zeit“ bezogenen Begriff (vgl. S. 220; 250 „der Sub
ftanzen als Erfcheinungen“ und S. 242 die Unterfcheidung
reuljtns nournenon und pbaenornenon).
Zum Abfchluß wird S. 494 oben bis S. 496 oben noch
a priori bewiefen; daß alle Veränderung „kontinuierlich“
vor fich gehe.
Auch der Beweis für die dritte Analogie; das Gefetz
derWechfelwirkung„ftüßtfichaufdenGedanken„daßdie
Zeit felbft nicht wahrnehmbar ift. Wir brauchen alfo den
Verftandesbegriff der Wechfelwirkung„ um ein Zugleich
fein als „objektiv“ vorzuftellen. Auch hier wird der Beweis
in der zweiten Auflage doppelt geführt. Im zweiten Beweis
fteht der Satz: „Nun ift alles dasjenige in Anfehung der
Gegenftände der Erfahrung notwendig; ohne welches die
Erfahrung von diefen Gegenftänden felbft unmöglich fein
würde“ (S. 498 unten). Diefer Satz zeigt wieder befonders -
deutlich; daß der Beweis der „Grundfätze“ ftets auf dem
Gedanken ruht; fie als „Bedingung möglicher Erfahrung“
darzutun (vgl. auch S. 204 f.). Sie find es infofern; als fie
das „Objekive“ in der Erfahrung ermöglichen„ als fie „den
Gegenftand“ für uns erzeugen. Denn das „Objektive“„
das Gegenftändliche„ das ift eben das Gefeßmäßige. Die
„Grundfätze“ aber find die abftrakteften Formulierungen
des Gefeßmäßigen. Sie ihrerfeits beruhen auf den Kate
zorien und weiter rückwärts auf der Synthefis der urfprüng
ichen Apperzeption. Diefe macht alfo „Erfahrung“
nöglich„ indem fie den Gegenftand der Erfahrung (die
ll e ffer; Kant-Komm. 8
UZ
„Raturtß S. 200 unten) unbewußtkonftituiert. Der „Gegen
ftand“ ift nicht ein unabhängig vom erkennenden Geifte
exiftierendes Ding an fich. - Mit diefen Gedanken find
wir aber in der von Liant bewirkten „Revolution der
Denkart“ bezüglich des Sinnes der Erkenntnis) ihres
Verhältniffes zum Gegenftand. (Vgl. oben S. 2(;f.).
Rant betont) daß ohne „Gemeinfchaft“ im Sinne der
Wechfelwirkung(oomrnorojum)dieGemeinfchaftimSinne
des Zugleichfeins in einem Raume (communio spatii) nicht
empirifch erkannt werden könnte. Leerer (abfoluter) Raum
ift ebenfowenig für uns wahrnehmbar und alfo erkenn
bar wie leere (abfolute) S. 200) Zeit. Mithin kann unfere
Erkenntnis nicht auf die abfolute einzige Zeit oder den
abfoluten Raum bezogen werden. Wir brauchen immer
empirifch Gegebenes; auf das wir Bewegungen beziehen.
um fie in Relation zu folchen „Bezugsfyftemen“ zu be
ftimmen. Diefe Beftimmungen in Relation zu gleich
mäßig gradlinig bewegten Bezugsfyftemen durchzuführen)
lehrtEinfteins „fpezielle“ Relativitätstheorie(von (905); in f
Relation zu beliebig bewegten Bezugsfyftemen; feine all
gemeine Relativitätstheorie (von (9 (5). Einfteins Theorien l
ftehen alfo nichtim Widerfpruch zu Aants Grundgedanken)
fondern laffen fich in diefe einordnen 1. - l
Warum Liant die vierte Gruppe der Grundfätze
„Voftulate des empirifchen Denkens“ genannth '
begründet er felbft ausführlich S. 2(5 f.
Es handelt fich hier um Möglichkeit; Wirklichkeit) R0
wendigkeit im „empirifchen Gebrauch“, Das in

1 Vgl. E. Sellien„ Die erkenntnistheoretifche Bedeutung d


Relativitätstheorie (Berlin (9(9).

iii
eachtet werden. Denn z. B. rein logifch möglich wäre
was. deffen Begriff keinen Widerfpruch einfchließt.
'.m aber empirifch möglich zu fein. muß es „mit den
irmalen Bedingungen der Erfahrung (der Anfchauung
nd den Begriffen nach) übereinkommen“. d. h. es muß
ch in Baum und Zeit und in die Kategorien faffen laffen.
Sollen wir berechtigt fein. etwas für möglich zu er
)ären. fo muß entweder die Erfahrung Beifpiele dafür
ieten oder es muß zu den apriorifchen Bedingungen der
erahrung felbft gehören. Kant bezeichnet in diefem Zu
immenhang prophetie und Telepathie bzw. Gedanken
äfen (Gedankengemeinfchaft mit räumlich entfernten
|7enfchen) als unmöglich. Aber er tut dies nur. weil
fie nicht auf Erfahrung und deren bekannte Gefeße
egründet werden könnten“. Sollten alfo ausreichend
erahrungen für die Annahme folcher feelifchen Kräfte
Wehen. fo wäre 3. priori nichts dagegen einzuwenden.
In Beziehung auf das poftulat der Wirklichkeit ift
i beachten. daß nicht bloß die Empfindung felbft. bzw.
ie Wahrnehmung. deren relativ einfache materiale Be
andteile die Empfindungen find. fondern auch der (ge
:tzmäßige) Zufammenhang mit diefen Kennzeichen der
Wirklichkeit ift. (Vgl. oben S. 87).
Wir können alfo auf Grund von Wahrnehmungen
[was hypothetifch als wirklich annehmen. was wir nicht
:lbftunmittelbar wahrnehmen. wie z. B, eine ..magnetifche
fiaterie“. d, h. dasjenige Etwas. das die Erfcheinungen
es Magnetismus erklären foll.
Ift die Empfindung Kennzeichen des Wirklichen. fo ift
ie äußere Welt. die wir durch Baum. Zeit und Kate
orien konftruieren. Wirklichkeit und keine Einbildung'.
U5
In diefem Zufammenhang hat darum Kant in der
zweiten Auflage die Widerlegung des „materialen“ Idea
lismus Descartes und Berkeleys eingefchoben„ den man
mit feinem tranfzendentalen Idealismus verwechfelt hatte.
Der Grundgedanke feiner Widerlegung ift diefer: Ich kann
meine eignen Erlebniffe zeitlich (nach Dauer und Folge)
beftimmt erkennen. Dazu brauche ich ein Beharrliches
und diefes bietet mir nur die Wahrnehmung der Außen
welt. Innere Erfahrung im Sinne von Erfahrungs
erkenntnis von mir felbft ift alfo nur durch äußere
Erfahrung möglich. Das Bewußtfein meiner ExiftenzF
ift freilich auch ohne diefe äußere Erfahrung möglich;
aber diefes unmittelbare Bewußtfein von meinem Ich ift
noch keine Erfahrungserkenntnis desfelben. (Vgl. übrigens
oben S. 94f.) Denn es ift nur eine bloß intellektuelle Vor
ftellung (ein „Begriff“) von meinem felbfttätig denkenden
Ich) aber keine Anfchauung; zu jeder „Erkenntnis“ aber
gehört Begriff und Anfchauung.
Da es fich beim dritten Voftulat nicht um die rein
logifche (formale); fondern um materiale Notwendigkeit
handelt) fo kann fie nie nach bloßen Begriffen; fondern
nur auf Grund von Wahrnehmungen und allgemeinen
Erfahrungsgefetzen erfchloffen werden. Und zwar find
es lediglich die Kaufalgefetzeh die es ermöglichen) etwas
als notwendig zu erfchließen.
Wir erkennen daher nur Wirkungen als notwendig.
Andererfeits kann gefagt werden: Alles was gefchieht
ift hypothetifch notwendig (als notwendig vorauszufeßen).

k Wobei neben dem „Grundfaß“ der Kaufalität auch an die


empirifch fefigeftellten Raturgefeße zu denken ift.
UG
Denn Aaufalität ift die einzige Liategorie; die von etwas
Exiftierendem „auf das Dafein eines anderen fchließen
läßt“ (S. 226 unten).
Damit find Sätze als begründet erkannt; auf die man
längft inftinktiv gekommen war; wie: in muncio non
natur oasus (in der Welt gibt es keinen Zufall; d. h.
kein urfachlofes Gefchehen); non ciatur taturn (keine
blinde Rotwendigkeit; fondern nur eine aus Urfachen
zu erklärende). Ebenfo ergibt fich aus dem oben S. (07
erörterten prinzip der Liontinuität; daß es in der Uatur
keinen Sprung (saltus) und keine Lücke (niatus) oder
leere (vacuum) gibt. Die Frage; ob es außerhalb der
lkatur (bzw. der Grenzen der Erfahrung) eine Leere
'leeren Raum) gibt; kann erft in der Dialektik behandelt
werden.

Allgemeine Anmerkung zum Syftem der


Grundfätze
Diefer in der zweiten Auflage hinzugefügte Abfchnitt
'chärft nochmals ein; daß die bloßen Aategorien für fich
?eine fynthetifchen Urteile o. priori ermöglichen; fie find
>loße Gedankenformen; die gegebener Anfchauungen be
>ürfen; um aus ihnen Erkenntniffe zu machen.
Wenn man z. B. gemeint hat; der Satz: alles Zu
iällige muß eine Urfache haben; fei ohne Anfchauung
:ein aus Begriffen als gültig anzufehen; fo hat man
licht beachtet; daß hier mit „Zufällig“ das durch Ur
achen Bewirkte gemeint ift. Daß dies eine Urfache habe;
ft ein analytifcher Satz; kein fynthetifcher; keine „Er
lenntnis“.
Weiterhin zeigt Aant S, 2(9ff.„ daß wir; um die ob
U7*
7
jektive Bealität (Gültigkeit) der Kategorien darzutun.
nicht nur Anfchauung überhaupt. fondern äußerer An
fchauung bedürfen. Daraus ergibt fich zugleich. daß wir'
uns felbft (in der pfychologie) nur unter Beihilfe äußerer»
Anfchauungen erkennen können (ein Gedanke. der bereits
bei der Widerlegung des materialen Idealismus ver
wendet wurde).
Als wichtigfte zufammenfaffende Folgerung aus diefem
..zweiten Hauptftück“ über die „Grundfätze“ ergibt fich:
fie haben lediglich die Bedeutung. Erfahrungserkenntnis(
möglich zu machen (fie find deren apriorifche Bedingungen);
andererfeits beruht die „Möglichkeit“ (Gültigkeit) dei
Grundfätze allein auf der Erfahrung; ohne Beziehung
auf fie haben fie keine Geltung. (Sie gelten alfo nicht
etwa für ..Dinge an fich“.)
Wir haben fomit jetzt einen Einblick in das Wefen
der Erfahrungserkenntnis gewonnen. indem wir die fie aus
machenden Elemente feftftellten. Diefe Elemente find di(
.a priori geltenden Anfchauungsformen (Baum und Zeit]
und Kategorien einerfeits. andererfeits das a posteriori
gegebene Material an Empfindungen.
Man fieht jetzt auch deutlich: das Ziel von Kant
Unterfuchung ift kein pfychologifches. wenn er au
vielfach Ausdrücke verwendet. die in der pfychologic
heimifch find. Gewiß wird die Erfahrungserkenntnis ver(
wirklicht in den einzelnen wirklichen Individuen. Uni
diefe ihre Verwirklichung in ihren pfychifchen Voraus(
fetzungen und in ihrer Entwicklung kann und muß di(
pfychologie unterfuchen. Sie wird in diefem Zufammeni
hang auch die Frage aufwerfen. wie die von Kant a
a priori bezeichneten Elemente unter pfychologifchen.

(i8 i
i
Gefichtspunkt zu charakterifieren find. Wenn fie nicht wie
die Empfindungen durch irgendeinen vom Geift unab
hängigen Faktor (durch eine „Affektion der Sinnlichkeit“)
erklärt werden können; fo müffen fie aus dem Geifte
ftammen. Hier kann auch finnvoll gefragt werden; ob
fie angeboren find und ob fertig oder keimhaft. Kant
entfcheidet fich bei einer gelegentlichen Erörterung diefer*
Frage für das letztere. Alfo auf Grund angeborener
Dispofitionen „gibt das Erkenntnisvermögen (durch finn
liche Eindrücke bloß veranlaßt)“ das Apriorifche „aus
fich felbft her“ (S. 647).
Aber alle folche pfpchologifch-genetifche (d. h. die feelifche
Entwicklung betreffenden) Fragen ftehen für Kant durch- _
aus in zweiter Linie. Ihn intereffieren die erkenntnis
theoretifchen: die Frage naäf dem Wefen der Erkenntnis
und nach dem Umfang und den Gründen ihrer Geltung.
Dabei ergibt fich ihm; daß Erfahrungserkenntnis die
uns allein erreichbare Erkenntnis ift; und daß alle unab
hängig von Erfahrung (a priori) geltenden Erkenntnis
elemente nur die Bedeutung haben; Erfahrungserkenntnis
möglich zu machen; und daß fie eben darin ihre Gültig
keit bewähren.
Somit erhebt fich Kants Unterfuchung auch völlig
über die Berückfichtigung der wirklichen Individuen und
der Befonderheiten ihres feelifchen Lebens.
Wenn er von Bewußtfein („Gemüt“) redet) fo meint
er nicht fein eigenes oder das diefes oder jenes Indi
viduums; fondern ein „Bewußtfein überhaupt“ (wie er
in den „Vrolegomena“ mehrfach fagt 1). Das bedeutet
l Vgl. z. B. S. 80 85 (Reclam).

U9
nicht etwas Wirkliches; fondern die Fiktion eines Normal
bewußtfeins. Was für diefes feftgeftellt wird) das hat
natürlich auch Geltung für das Bewußtfein jedes wirk
lichen Individuums; das Erfahrungserkenntnis erwerben
will.
j

Drittes hauptftück. Von dem Grunde der


Unterfcheidung aller Gegenftände überhaupt
in Vhänomena und Boumena
Abermals entwickelt Liant den Gedanken; daß die
„Grundfätzetß wenn fie auch der Verftand „nicht von
der Erfahrung borgt“; fondern „aus fich felbft fchöpft“; ,
doch keiner anderen Verwendung dienen als „lediglich
zum Erfahrungsgebrauch“. Sie bilden gleichfam nur ein
Gerüft (ein „Schema“) der Erfahrung. Die Ausfüllung
muß von der Empfindung (in letzter Linie vom „Ding
an fich/l; das ja „unfere Sinnlichkeit affiziert") kommen.
Wenn Liant diefen (wie andere Grundgedanken) immer
und immerwieder betont; fo darf man dies nicht nur
aus feiner perfönlichen Gründlichkeit und übergroßen
Gewiffenhaftigkeiterklären; fondern man muß auch daran
denken; daß diefe Gedanken in feiner Zeit völlig neu
und ungewöhnlich waren. Gerade gegenüber der damals
noch fo mächtigen Reigung zu einer apriorifchen Me
taphyfik mußte der Satz; daß alle reinen Verftandes
begriffe nur der Erfahrungserkenntnis dienen; aufs ein
dringlichfte betont werden. Die „Grenzen des Verftandes
gebrauchs“ (S. 223) beftimmt zu haben; erfcheint darum
Liant als ein überaus wichtiges Ergebnis feiner Unter
(20

-- - ----- »_--k---"“'---- '-- --- -> . . D__


fuchung. Er wird nicht müde einzufchärfen. daß alles
Apriorifche ohnee ..para (Gegebenes)“ d. h. „empirifche *
Anfchauungen“ (Empfindungen). ..keine objektive Gültig
keit habe“. und daß es erft mit diefem „Gegebenen“
zufammen Erfahrungserkenntnis ergebe (S. 224 oben).
Er zeigt insbefondere an den einzelnen Kategorien. daß
fie keinen „Sinn. d. h. Bedeutung“ haben würden. wenn
man fie nicht ..finnlich machen“. d. h. „das ihnen korre
fpondierende [entfprechende] Objekt in der Anfchauung
darlegen“ kann. Daraus erhellt abermals die Bedeutung
der Lehre vom „Schematismus“. die zeigt. wie die Be
ziehung der intellektuellen Kategorien auf die Emp
findungen durch die zeitlichen Schemata erfolgt.
Ferner ergibt fich. daß die alte Ontologie. die aprio
rifche Erkenntnis von den allgemeinften Eigenfchaften
und Verhältniffen alles Seienden (alfo auch von ..Dingen
an fich“) verhieß. durch Kants „Analytik“ erfetzt wird.
welche lediglich die Grundfätze „der Expofition [Deutung]
der Erfcheinungen“ (S. 229) entwickelt. aber bezüglich
der ..Dinge an fich“ keine Enthüllungen in Ausficht ftellt.
Denn die Kategorien haben. wenn fie nicht durch die
Schemata auf die Formen der Sinnlichkeit bezogen find. z
zwar ..tranfzendentale Bedeutung. aber keinen tran
fzendentalen Gebrauch“ (S. 250). D. h. fie haben zwar
für die tranfzendentale Betrachtung einen Sinn. aber
fie laffen fich „auf Dinge überhaupt und an fich felbft“
nicht anwenden. (Darin befteht nach S. 225 unten der
..tranfzendentale Gebrauch.) Sie find nur auf finnlich
Gegebenes anwendbar. alfo nur von „empirifchem Ge
brauCh“.
Äun liegt es aber fchon im Begriff der „Erfcheinung“.
lZl
daß er auf etwas hinweifh was da erfcheint; ohne felbft Y
i
„Erfcheinung“ zu fein. Wir unterfcheiden alfo 4. „Er- l
fcheinungen“ (Vhänomenw „Sinneswefen“) und 2. Dinge f
an fich (Noumenah d. h. nur durch den Verftand ge- i
dachte - nicht in der Sinnlichkeit gegebene - Dinge) f
oder „Verftandeswefen“ (S. 684). Darunter find die er- :
fcheinenden Dinge gemeint) aber abgefehen von der „Art; f
wie wir fie anfchauen“„ in ihrer „Befchaffenheit an fich f
felbft“ (alfo als „Dinge an fich“); daneben könnte man als ,
Noumena
un auch
ferer Sinne Dinge
find“ (wie bezeichnen) „diefortlebende
etwa Gott oder gar nicht Objekte
Seelen). i

Auf Grund diefer Scheidung von Vhänomena und Z


Noumena könnte man nun meinen) daß die Kategorien
doch über die finnliche Erfahrung hinaus auf die „Ver- f
ftandeswefen“ anwendbar feien. Aber diefe denken wir Ü
dadurch „ganz unbeftimmt“ (S. 685); als ein bloßes Y
„Etwas-x“ (S. 252). Das ift aber keine „Erkenntnis“.
Für uns gibt es alfo nur Noumena „in negativem )
Verftande“ (d. h. Sinn). Wir verftehen darunter Dinge;
fofern fie nicht Objekte unferer finnlichen Anfchauung
find; womit aber gar keine „Erkenntnis“ diefer Objekte;
nicht einmal ihrer (realen) „Mögliäfkeit“ erreicht ift; da
zur Erkenntnis ja *ftets auch Anfchauung gehört. Nicht
finnliche („intellektuellett) Anfchauung befitzen wir aber
nicht. Wenn wir uns Objekte einer folchen: Noumena in
pofitiver Bedeutung denken; fo ift dies die reine Fiktion. '
Freilich hält auch hier (S. 686 oben) Kant feft„ „daß »
den Sinnwefen Verftandeswefen [Dinge an fich] korre
1 o-u find in diefem Worte getrennt zu fprechen.
k Das will nicht fagen„ daß fie Verftand haben; fondern daß fie ;
nur durch den Verftand (ohne finnliche Anfchauung) gedacht werden. x
422 7

4-.
fpondieren; und daß es Verftandeswefen geben möge;
auf welche unfer finnliches Anfchauungsvermögen gar
keine Beziehung habe“. Eben damit fpricht er dem Be
griff des Üoumenon (im negativen Sinne) die Bedeutung
zu; als „Grenzbegriff“ zu dienen) „um die Anmaßung
der Sinnlichkeit einzufchränken“ (S. 235). Er foll uns
vor der Einbildung bewahren; daß unfere ftets an die
finnliche Anfchauung gebundene Erkenntnis die Wirk
lichkeit in ihrer Gefamtheit erfchöpfen könne. So über
windet Liants „"tiritik“ grundfätzlich auch die Befchränkt
heit der fogenannten „naturaliftifchen“ Weltanfchauung/
die glaubt; auf die Raturwiffenfchaft allein die gefamte
Weltanfchauung gründen zu können. Denn die von Liant
in ihrem Wefen wie in ihren Grenzen unterfuchte „Er
fahrungserkenntnis“ deckt fich ja mit der L'caturerkenntnis.
Ihre Grenzen aber betont gerade Rant: für ihn gibt es
neben und über dem Reich der Uatur das Reich der Frei
heit; wie er dies in feinen ethifchen Schriften; befonders
der „Grundlegung zur Metaphyfik der Sitten“ und der
„Uritik der praktifchen Vernunft“ näher dargelegt hat. »
Für dasjenige; was den Sinnen und eben darum auch
unferer Erkenntnis überhaupt unzugänglich bleibt; führt
Aant auch den Ausdruck „intelligibel“ ein. Aus den
Bemerkungen über diefen Ausdruck (S. 256 f.) ergibt fich;
daß die unferer Erfahrungserkenntnis zugängliche Er
fcheinungswelt nach *klaut nicht* nur das den Sinnen
unmittelbar Gegebene umfaßt; fondern auch das; was
wir auf Grund der finnlichen Eindrücke als den wirk
lichen Sachverhalt denken. So gehört alfo zur Ratur
erkenntnis nicht nur das; was Liant die „theoretifche
Aftronomie“ nennt; „welche die bloße Beobachtung des

. i277
geftirnten Himmels vorträgt“. fondern auch die „kontem
plative“. welche auf Grund der Kopernikanifchen Lehre
oder gar der Bewtonfchen Gravitationsgefetze den wirk
lichen Sachverhalt aufdeckt. aus dem fich z. B. die an
fchaulich gegebenen („fcheinbaren“) Bewegungen der
Himmelskörper „erklären“. Kant lehnt es ab. diefe von
der „kontemplativen“ Aftronomie (alfo der Baturwiffen
fchaft) erforfchte wirkliche Welt als „intelligibel“ zu be
zeichnen. Vielmehr gehört fie nach feinem Sprachgebrauch
noch zur Erfcheinungswelt. Den Ausdruck intelligibel
bezieht er nur auf die „Verftandeswelt“ (die ..Dinge an
fich“. „Boumena“). deren Erkenntnis uns unmöglich ift.
Das nur mit dem Intellekt Denkbare. d. h. das nur
„Intelligible“. aber nicht zugleich ..Senfible“. d. h. finnlich
Wahrnehmbare. ift alfo für Kant foviel wie das Un
erkennbare. DieferKantfche Sprachgebrauch weicht freilich
ab von der urfprünglichen Bedeutung von intelligore :
einfehen. erkennen. Danach würde „intelligibel“ gerade
„erkennbar“ bedeuten.
Man darf alfo auch vom Kantfchen Standpunkt aus
fagen: „Die Sinne ftellen uns die Gegenftände vor. wie
fie erfcheinen. der Verftand. wie fie find.“ Iedoch ift rnit
letzterem nicht gemeint: wie fie „an fich“ find (d. h. als
..Dinge an fich“). fondern ..wie fie als Gegenftände der
Erfahrung. im durchgängigen Zufammenhang der
Erfcheinungen müffen vorgeftellt werden“. alfo in dem -
nur vom Verftande zu denkenden - gefetzmäßigen Zu
fammenhang; mithin für „ein Bewußtfein überhaupt“.
nicht nur für den zufälligen Standort eines Individuums 7.
l mit Hilfe diefer Unterfcheidung fuchen die Vertreter der „idea
lifiifchen“ Kant-Deutung auch die Stellen zu erklären. an denen Kant

l24c
Anhang. Von der Amphibolie1 der Reflexions
begriffe durch die Verwechfelung-des empirifchen
Verftandesgebrauchs mit dem tranfzendentalen

Diefer Abfchnitt enthält eine kritifche Auseinander


fetzung mit der Ontologie (d. h. der metaphyfifchen
Seinslehre) von Leibniz. deffen Grundgedanken ja auch
für die zur Zeit Kants herrfchende Vhilofophie Thriftian
Wolffs maßgebend waren.
erklärt. daß „Dinge“ unfere Sinne „affizieren“ und dadurch die Emp
findungen bewirken. Es feien damit nicht „Dinge an fich“ gemeint.
fondern die Dinge. wie fie von dem „Bewußtfein überhaupt“. näm
lich dem naturwiffenfchaftlichen Bewußtfein gedacht wurden (als
Atomkomplexe. von denen aus Luft- oder Atherfchwingungen unfere
Sinnesorgane treffen). und diefe „Dinge“ feien eben zur „Erfahrung“.
alfo zur Erfcheinungswelt zu rechnen.
Es erhebt fich hier freilich ein fchwieriges problem. Entweder find
diefe naturwiffenfchaftlich gedachten Dinge lediglich - „gedacht“.
d. h. eine gedankliche Konfiruktion auf Grund der dem Einzelbewußt
fein unmittelbar gegebenen Empfindungen (die dem „Üaiven“ die
Dinge felbft bedeuten). Dann bleibt unerklärt. wie etwas bloß Et
daäftes die wirklichen Empfindungen verurfachen foll. Oder aber
man nimmt an. daß die von der Naturwiffenfchaft konftruierten Dinge
wirklich etwas von jedem Einzelbewußtfein unabhängig Exiftierendes
bedeuten. Würden darunter nicht „Dinge an fich“ zu verftehen fein? Diefe
wären dann aber nicht fchlechthin unerkennbar. fondern man könnte
aus ihren „Erfcheinungen“ auf fie denkend zurii>gehen. Man fieht.
wie die Vertiefung in das Wahrnehmungsproblem über Kants Grund
lehre. daß die „ Dinge an fich“ fchlechthin unerkennbar wären. hinaus
fiihren kann. Fiir folche kritifche Fortbildung der Kantfchen Erkennt
nislehre verw eife ich auf meine „Einfiihrung in die Erkenntnistheorie“
(Leipzig [Meiner] 4909. 2. Auflage 4922) und auch das vortreffliche
Werk von Nicolei Hartmann. Grundzüge einer Metaphyfik der
Erkenntnis (Berlin und Leipzig [De Gruyter] 4924).
k Zweideutigkeit.

425
Liant bezeichnet als „tranfzendentale Überlegung“
(„retiorcio“) die Unterfcheidung) zu welcher Erkenntnis
kraft gegebene Vorftellungen gehören, ob zum reinen
Verftand oder zur finnlichen Anfchauung. Run können
die Vorftellungen zueinander in verfchiedenen Verhält
niffen ftehen: dem der Einerleiheit (Identität) oder Ver
fchiedenheit; des Inneren und des Außeren; des Be
ftimmbaren und der Beftimmung. Diefe Verhältnifie
find aber andere; je nachdem die betreffenden Vor
ftellungen dem Verftand oder der Sinnlichkeit angehören
(Leibniz hat das nicht reinlich gefchieden).
S0 ift für den Verftand ein Waffertropfen von be
ftimmter Qualität und Quantität das eine identifche
Wefen; für die Sinnlichkeit kann eben diefes Wefen an
verfchiedenen Orten beliebig oft verwirklicht fein; der
Unterfchied zwifchen ihnen ift dann nicht verftandesmäßig
(begrifflich) zu faffen; fondern nur durch die Anfchauung
zu konftatieren. Leibniz dagegen hatte gemeint; was
nicht begrifflich zu fcheiden fei; das fei identifch; alfo nur
ein es (Satz von der Identität des Richtzuunterfcheidenden).
Er hattte alfo das; was für die Wefensbegriffe des Ver
ftandes gilt; ohne weiteres auf die finnlichen Vorftellungen
übertragen; alfo Verftand und Sinnlichkeit nicht gehörig
unterfchieden, - -
Das „Innere“ der im Raum erfcheinenden; alfo
finnlich vorgeftellten Subftanz („Materie“) ftellt fich uns
dar als „ein Inbegriff von lauter Relationen") nämlich
der materiellen Teilchen des betreffenden Aörpers unter
einander und zu denen anderer Aörper. Denn wir können
von der Materie nur ausfagen; daß fie Aräfte der
Anziehung wie der Abftoßung (worauf ihre Undurch
(26
dringlichkeit beruht) entfalte. Anziehung wie Abftoßung
ift aber eine Belation. i
Der Verftand aber muß feinen Gegenftänden ein
Inneres beilegen. das für fich etwas ift und nicht bloß
in Beziehungen zu anderem befteht.
Da Leibniz die körperlichen Dinge irrig für ..Ver
ftandeswefen“ (Boumena) hielt. fo glaubte er ihnen ein
(nicht relatives) Inneres zufchreiben zu müffen und fand
dafür nur das. was der innere Sinn bietet: unfer Denken
bzw. die Bewußtfeinsvorgänge. So kam er zu der Lehre.
daß auch die Körper aus vorftellenden Wefen („Monaden“.
d. i. Einheiten) beftünden. -
Für den Verftand ift es felbftverftändlich. daß etwas
(Materie) gegeben fei. was dann durch ihn beftimmt
werde (Form erhalte). So nahm Leibniz zunächft die
Monaden als die „Materie“ an. Den „Baum“ fah er
als ein Verhältnis der Monaden. die Zeit als die ..Ver
knüpfung ihrer Beftimmungen“. d. h.ihrer Innenzuftände.
ihrer Vorftellungen. an. Das _wäre auch richtig. wenn
unfer Verftand die Dinge an fich erkännte und wenn
Baum und Zeit Beftimmungen der Dinge an fich wären.
Das war auch Leibniz Meinung; für ihn waren die
Monaden ..Dinge an fich“. n
Sind aber Baum und -Zeit. wie Kant in der „Afthetik“
glaubt gezeigt zu haben. nur Formen unferer An
fchauung. fo find fie als fubjektive Befchaffenheit unferer
Sinnlichkeit die Vorausfetzung aller „Materie“. d. h.
alles Inhaltlichen. das für uns freilich nicht (wie Leibniz
meint) aus Dingen an fich befteht. fondern aus Emp
findungen (die freilich von ..Dingen an fich“) herrühren
mögen.
(27
Anmerkung
zUr Amphibolie der Reflexionsbegriffe
Im Anfchluß an das Vorangehende entwickelt hier
Kant die Idee einer „tranfzendentalen Logik“.
Man kann jeden Begriff. fofern er zu vielem als ,
Vrädikat hinzugefügt werden kann und dadurch Urteile
ermöglicht. einen ..logifchen Ort“ (griechifch Topos)
nennen. gewiffermaßen einen Fundort für Urteile. Dar
auf gründete fich die fchon von Ariftoteles gefchaffene
logifche Topik (Lehre von den Fundorten). deren fich
„Schullehrer und Redner bedienen konnten“. (Mit ..Schul
lehrer“ find hier Lehrer an höheren Schulen und Uni
verfitäten gemeint). Als Beifpiel für folche ..Topik“ fei
der Merkvers erwähnt: quis, quici, ubi, quibus uuiriliis,
our, quornocio, quancio(wer. was. wo. mit weffen Hilfe.
warum. wie. wann). Wenn man beliebige Handlungen
nach diefen Gefichtspunkten unterfucht. fo ergeben fich
eine Reihe von Urteilen. Iene Begriffe find alfo gleich
fam die Fundorte für Erkenntniffe. *
Kant fchlägt nun vor. die Stelle. die einem Begriff
zukommt. ob er nämlich ein finnlicher (d. h. durch Ab
ftraktion aus Sinneswahrnehmungen gewonnener) oder
ein reiner Verftandesbegriff ift. den „tranfzendentalen
Ort“ zu nennen.
Eine tranfzendentale Topik würde nur die „vier
Titel aller Vergleichung und Unterfcheidung“. nämlich:
4. Einerleiheit und Verfchiedenheit. 2. Einftimmung und
Widerftreit. 5. Inneres und Außeres. 4. Materie und
Form enthalten.
Begriffe mag man rein logifch vergleichen. ohne fich
428
-, ' * _ T p ""

darum zu kümmern) 0b fie fich auf Vhänomena oder


Roumena beziehen. Will ich mit den Begriffen aber
Objekte beftimmen; fo muß die tranfzendentale Topik
uns davor bewahren; jene beiden Lilaffen zu vermengen;
alfo Erfcheinungen mit reinen Verftandesobjekten zu
verwechfeln und dadurch einer „tranfzendentalen Amphi
bolie“ uns fchuldig zu machen. Diefem Fehler ift
Leibniz verfallen) da er nicht den wefentlichen Unter
fchied zwifchen Sinnlichkeit und Verftand erkannte (daß
durch jene uns Anfchauliches „gegeben/t; durch diefen
es als Gegenftand „gedacht“ wird); fondern er in der
Sinnlichkeit nur einen dunkel und verworren vorftellenden
Verftand fah und zudem meinte; alle unfere Vorftellungen
bezögen fich auf die Dinge an fich.
So „intellektuierte“ Leibniz die Erfcheinungen; fofern
er fie; d. h. die finnlichen Vorftellungen; ebenfalls dem
Intellekt (Verftand) zufchrieb/ während Locke in feiner
„Üoogonie“ (wörtlich „Geiftesentwicklung*") die Ver
ftandesbegriffe „fenfifiziertetß d. h, fälfchlich als finn
liche Vorftellungen- bzw. von diefen abftrahierte („ab
gefondertetl) Begriffe anfah.
Leibniz und Locke find die bedeutendften Vertreter der
beiden vor Aant fich bekämpfenden philofophifchen haupt
richtungen; der rationaliftifchen und der empiriftifchen.
Die erftere fah im Verftand (oder der Vernunft: ratio);
die zweite in der Erfahrung (Empirie - worunter man
gewöhnlich die Sinnlichkeit verftand) die eigentliche Er
kenntnisquelle. Liant fucht nun diefen Gegenfaiz zu über
l Er fuchte niimlich in feiner „Unterfuchung iiber den menfch
lichen Verftand“ zu zeigen; wie fich unfere abftrakteften Begrifie
aus finnlichen Eindrücken entwickelten.
[neff-r. Aant-Aomm. 9
l29
brücken. indem er zeigt. daß weder der Verftand noch
die Sinnlichkeit für fich Erkenntniffe liefern. daß fie viel
mehr nur zufammen Erkenntnis gewähren; daß fie aber
auch nicht miteinander vermifcht werden dürfen. fondern
daß fie ..zwei ganz verfchiedene Quellen von Vorftellungen“
find.
Die S. 245 ff. gegebene Kritik Leibnizfcher Gedanken
ift z, fchon S. 24( ff. in kürzerer Faffung angedeutet.
(, Uber den Grundfatz des Bichtzuunterfcheidenden
ift fchon oben S. (26 das Bötige gefagt.
2. Begriffe von Bealitäten widerftreiten einander nicht.
wohl aber können Bealitäten felbft einander widerftreiten
(wie die finnliche Erfahrung zeigt). Ein rein begrifflicher
Widerftreit ift nur durch die Verneinung möglich. fofern
diefe etwas in der Bejahung Gefetztes aufhebt. S0
fah man in allem Ubel bloße Verneinungen. alfo
eigentlich nichts Wirkliches. fondern nur die Verneinung
(den Mangel) „von Wirklichem. Diefe optimiftifche Weg
deutung des Ubels lehnt Kant ab. (Dabei ift freilich
noch zu beachten. daß im Begriff des Ubels nicht nur
etwas Wirkliches. fondern zugleich ein Unwert gedacht
wird. Die im Begriff „Ubel“ liegende Verneinung be
trifft nicht die Wirklichkeit. fondern den Wert. „Unwert“
ift freilich ebenfalls etwas „pofitives“. in dem Sinn.
daß es nicht bloß in Mangel an Wert befteht.)
5. Hier zeigt Kant. wie Leibniz' Monadenbegriff zu.
der Lehre von der vorherbeftimmten („präftabilierten“).
Harmonie führen mußte. da ,das Gefchehen in den
Monaden als ein rein inneres (feelifches) gedacht wurde
und fo jede Wechfelwirkung der Monaden (..Gemein
fchaft der Subftanzen“) unmöglich fchien.
(50
' __"“

4. In diefer Zurückweifung der Leibnizfchen Raum


und Zeitlehre findet fich der bemerkenswerte Satz: ..Raum
und Zeit find nicht Beftimmungen der Dinge an fich.
fondern der Erfcheinungen: was die Dinge an fich fein
mögen. weiß ich nicht und brauche ich nicht zu wiffen.
weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Er
fcheinung vorkommen kann.“ (Hier ließe fich nun freilich
der Lehre vom „Ding an fich“ eine pofitive Wendung
geben: Wenn nämlich den Erfcheinungen ..Dinge an
fich“ zugrunde liegen. fo ergreifen wir in den Er
fcheinungen die Dinge an fich. denn die Erfcheinungen
find die erfcheinenden Dinge an fich i. - Diefer pofitive
Akzent fehlt freilich im allgemeinen den Kantfchen Dar
legungen; in ihnen wird immer eingefchärft. daß wir
nur die Erfcheinungen erkennen. die „Dinge an fich“
aber für uns unerkennbar bleiben; wobei eine Erkenntnis
möglichkeit derfelben. abgefehen von den Erfcheinungen.
wenigftens als Fiktion und als wertvoller wie unfere
Erfcheinungserkenntnis vorausgefeßt wird. -
Sehr lehrreich für Kants Grundanfchauungen ift feine
Zurückweifung der Klage. daß wir das „Innere der'
Dinge“ gar nicht einfähen. (S. 250 f.)
Man kann z. B. finnvoll vom Inneren eines Apfels
reden. Schneide ich ihn aber auf. um dies Innere zu
unterfuchen. fo wird es eben damit zum Außeren. So
geht es uns mit allen körperlichen Dingen. Immer gibt
es an ihnen nichts fchlechthin. fondern nur relativ („kom
parativtt:vergleichsweife) Innerliches. und wir können
daran immer nur Verhältniffe erkennen. ..Denn die

l Vgl. oben S. 425 Anmerkung.

l5(
"B

körperlichen Dinge find doch immer nur Verhältniffe;


wenigftens der Teile außereinander“ (S. 254). So enthüllt
fich der Begriff des „fchlechthin Innerlichen der Materie“
als eine „bloße Grille“ und die Frage danach als ein
Scheinproblem; wenigftens vom Standpunkt der Er
fahrungserkenntnis aus betrachtet. Wohl aber kann
man von diefem Standpunkt aus fagen: „Ins Innere
der Uatur dringt Beobachtung und Zergliederung der
Erfcheinungen; und man kann nicht wiffen; wie weit
diefes mit der Zeit gehen werde.“ Freilich wird dabei
ftets das relativ Innere für uns zum Außeren.
Meint man aber mit der Frage nach dem „Innern
der Dinge“ das „Ding an fich“ (das „tranfzendentale
Objekt/i; wie es hier heißt); fo bleibt; wie wir längft
wiffen; diefe Frage für uns ewig unbeantwortbar. In
unferer Seele („unferem Gemüt“) liegt „das Geheimnis“
des Urfpmngs unferer Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf
„ein Objekt“ (nämlich das „Ding an fich/l); das „die
nichtfinnliche Urfache der Erfcheinungen“ ift; bleibt für
uns unerforfchbar; denn fogar unfer eigenes Ich er
kennen wir ja nicht; wie es an fich ift; fondern wie es
uns im inneren Sinn erfcheint. Um das „Ding an fich“
(das „Intelligible“ S. 252 Z. (5) zu erkennen; müßten
wir „eine ganz befondere [nämlich intellektuelle] An
fchauung“ befitzen; die wir nicht haben. Von Gegen
ftänden aber reden; ohne zu beftimmen; ob es fich um
einen Gegenftand der finnlichen oder intellektuellen An
fchauung handelt; ift „nicht bloß unzureichend; fondern in
fich felbft widerftreitend“. -
*Einen Grundfehler des Leibnizfchen Syftems erblickt
Rant in einer falfchen Folgerung aus dem ciicturn cie
(52
F“
ornrii et nullo (wörtlich überfetzt: dem Satz von jedem
und keinem). Diefer logifche Grundfatz befagt: was
einem Begriff allgemein zukommt. das kommt auch jed em
Gegenftand zu. der unter den Begriff fällt; und was
einem Begriff allgemein widerfpricht. das kommt keinem
diefer Gegenftände zu. Daraus hat Leibniz tatfächlich
irrig gefolgert: was in einem allgemeinen Begriff nicht
enthalten ift. ift auch in den darunter fallenden befonderen
Begriffen (und den ihnen entfprechenden Gegenftänden)
nicht enthalten.
Daß Leibniz wirklich diefen Irrtum begangen. zeigt
fein fchon mehrfach erwähnter ..Satz des Bichtzuunter
fcheidenden“. Der Begriff von einem Kubikfuß Baum
ift einer. mit fich identifcher. Daraus folgt aber nicht.
daß alles. was unter diefen Begriff fällt. ebenfalls keine
Verfchiedenheit aufweife. Denn zwei Kubikfuß Baum
an zwei verfchiedenen Orten find eben dadurch ver
fchieden (fie find nicht numero eaciern. an Zahl das
felbe. fondern numero ciiyersa. an Zahl verfchieden.
wenn auch ihrem Wefen nach dasfelbe).
An einem weiteren Beifpiel wird gezeigt. daß im
Begriff eines Objekts (z. B. einer bewegenden Kraft)
jeder Widerftreit fehlen. daß aber in Objekten. die unter
diefen Begriff fallen. ein Widerftreit vorliegen kann
(z. B. in der nur anfchaulich gegebenen Bewegungs
richtung zweier Kräfte). Aus einem folchen Widerftreit
(der freilich nicht logifch ift. d. h. nicht begrifflich) kann
doch ..aus lauter pofitivem“. eben den bewegenden
Kräften. „ein Zero : 0“ l. nämlich: keine Bewegung
1* Zero (franzöfifch) bedeutet Bull. Diefe Bezeichnung ftammt aus
dem Boulette-Spiel.

(55
(Ruhe) hervorgehen. falls nämlich die bewegenden Kräfte
entgegengerichtet und zudem gleich find. fo daß fie fich
in ihrer Wirkung gerade aufheben.
Von S. 254 Z. 40 ab folgt abermals eine Kritik der
Leibnizfchen Monadenlehre. Den Grundgedanken diefer
Kritik haben wir bereits befprochen (vgl. oben S. 452).
Zwar kann ich. „durch bloße Begriffe“. kein Ding
ohne ein fchlechthin InneresL vorftellen. aber für die f inn
liche Anfchauung gibt es am Materiellen nur relativ
nneres. das fich bei feiner Erkenntnis felbft als ein
Außeres. nämlich als aus lauter Verhältniffen beftehend
herausftellt; denn die Körper laffen fich von uns nur
durch die Verhältniffe ihrer Teile zueinander beftimmen.
Kant gibt zu: „Es macht ftußig. zu hören. daß ein
Ding ganz und gar aus Verhältniffen beftehen foll.“
Aber die körperlichen Dinge. von denen dies gilt. find
bloße..Erfcheinungen“ und beftehen felbft „in dem bloßen
Verhältniffe von etwas überhaupt [nämlich: dem „Ding
an fich“. dem ..tranfzendentalen Objekt/t] zu den Sinnen“.
Auch diefe Darlegung. daß die ganze körperliche Natur
für unfere Erkenntnis in Verhältniffen beftehe. alfo in
fofern „relativ“ fei. zeigt. daß die Einfteinfche Rela
tivitätstheorie fich in Kants Gedankenfyftem einfügen
läßt.
Nochmals kommt Kant (S. 256 Mitte) auf das Vw
blem der ..Dinge an fich“ zurück. Er bezeichnet fie hier
als ..intelligible Gegenftände“ und erklärt fie zunächft
geradezu als „unmöglich“. Das klingt verwunderlich.

l Eben dies „fchlechthin Innere“ dachte Leibniz in feinen Mona


den als feelifches Gefchehen. befonders als Vorftellen.
löic
doch zeigt die *folgende Erörterung; daß fie nicht als
logifch unmöglich (in fich widerfprechend); fondern als
„unmöglich“ vom Standpunkt unferer Erfahrungs
erkenntnis erklärt werden; denn für diefe ift ja nur „mög
lich/t; „was mit den formalen Bedingungen der Er
fahrung (der Anfchauung und den Begriffen nach) über
einkommt“ [S. 202]. Die „Dinge an fich“ find aber für
uns nicht anfchaulich; deshalb gelten für fie auch nicht
unfere Liategorien. So bleibt der Begriff des intelligiblen
Gegenftands (Roumenons) ganz problematifch; reiner
„Grenzbegriff“. Wenn freilich Liant hinzufügt; daß wir
uns; um die Einfchrä'nkung unferer Erkenntnis' auf die
Erfcheinungen zu betonen; einen „Gegenftand [Ding]
an fich“ felbft; das die „Urfache der Erfcheinung“
fei„ denken; fo wendet er felbft die Liategorie der Urfache
auf das „Ding an fich“ an; obwohler gleichzeitig be
hauptet; die Aategorien feien auf. es unanwendbar. Ein
wirklicher Widerfpruch liegt aberinfofern nicht vor; als
diefe Anwendung der Urfachkategorie auf das „Ding
an fich“ mangels feiner Anfchauung keine „Erkenntnis“
ergibt. Es bleibt uns alfo ganz unbekannt; „'ob es in
uns [im Unbewußten unferes Geiftes] oder außer uns
anzutreffen; ob. es mit der Sinnlichkeit zugleich aufge
hoben werden; oder; wenn wir jene wegnehmen; noch
übrigbleiben würde.“ (Vgl. -oben S. 96 Anm. 2.)
Ieder Verfuch alfo„ die Dinge an fich jenfeits der Er
fahrungsgrenzen zu erkennen; ift nach Liant ausfichtslos;
eine Metaphyfik im alten Stile hält er für unmöglich.
In den Schlußbemerkungen diefes ganzen „Anhangs“
(S. 259 f.) betrachtet Liant den allgemeinften Begriff des
Gegenftandes überhaupt / der fowohl „Etwas“ wie
(55 _
„Bichts“ fein kann. unter den Gefichtspunkten der vier
Kategoriengruppen. Er führt insbefondere näher aus.
welche verfchiedenen Bedeutungen des Wörtchens „nichts“
fich dabei ergeben. Auch das Boumenon (..Ding an fich“)
ift ein Bichts (für unfere Erkenntnis). aber ein Gedanken
ding (ons rationis). kein Unding (niliil negatiyurn;
kein finnleerer Begriff).

Der
tranfzendentalen Logik zweite Abteilung :
Die tranfzendentale Dialektik
' Einleitung
l. Vom tranfzendentalen Schein
Kant unterfcheidet zunächft den Begriff des Scheines
von dem der Wahrfcheinlichkeit und der Erfcheinung.
Wenn er die Dialektik als eine ..Logik des Scheins“
beftimmt hat. fo meint er dabei nicht den empirifchen
Schein (daß z. B. ein Objekt in der Ferne kleiner. oder
ein Stab im Waffer gebrochen zu fein fcheint). fondern
den tranfzendentalen Schein. Diefer hat feinen Sitz in
Grundfätzen. die uns ohne weiteres als objektiv gültig
erfcheinen. wie z. B. der Satz: Die Welt muß der Zeit
nach einen Anfang haben. Der „Schein“ befteht darin.
daß folche Grundfätze. die nur auf einer fubjektiven
Botwendigkeit gewiffe Begriffe zu verknüpfen beruhen.
für Beftimmungen der Dinge an fich gehaltenkwerden.
(56
,'

Es waltet in uns eben die natürliche Tendenz. diefe


Grundfätze über die Erfahrungsgrenze hinaus zu ge
brauchen. „Ein Grundfatz aber. der diefe Schranken weg
nimmt. ja gar gebietet. fie zu überfchreiten. heißt tran
fzendent“ (S. 265). Wogegen ..die Grundfäße. deren An
wendung fich ganz und gar in den Schranken möglicher
Erfahrung hält. immanente heißen“ 1.
Kant betont hier. daß ..tranfzendental und tranfzen
dent“ nicht einerlei feien.
Wir haben den Ausdruck zuerft (S. 45) kennengelernt.
als gleichbedeutend mit „erkenntnistheoretifch“ (einge
fchränkt auf die Erkenntnis des a priori). Später wird
der Sinn von tranfzendental etwas erweitert. S. 80
heißt es: „Im gleichen würde der Gebrauch des Raumes
von Gegenftänden überhaupt auch tranfzendental fein.
aber ift er lediglich auf Gegenftände der Sinne ein
gefchränkt. fo ift er empirifch.“ So wird mehrfach die
Anwendung nicht bloß des Raumes. fondern auch der
anderen apriorifchen Elemente „auf Gegenftände über
haupt“ als „tranfzendental“ bezeichnet und dem „empi
rifchen“ entgengefetzt; vgl. z. B. 445. 225. 229. 245. Da
die Anwendung auf ..Gegenftände überhaupt“ auch die
jenige auf ..Dinge an fich“ einfchließt. fo wird dadurch
der tranfzendentale Gebrauch zum tranfzendentalen
„Mißbrauch“ “(S. 262). Er wird zum Gegenfatz des
„empirifchen“. alfo „immanenten“ Gebrauch. und man
k Man kann im Anfchluß an diefe Begrifisfcheidung fagen. daß
Kant die alte tranfzendente Metaphyfik zerftört. dagegen den Grund
riß einer immanenten Metaphyfik entworfen hat. d. h, eines Syfiems
der apriorifchen Elemente. die aber nur innerhalb der Erfahrung
Erkenntnis ermöglichen. (Vgl. oben S. 4o.)
457
könnte - in dief em Zufammenhang wenigftens _ doch
„tranfzendental“ und „tranfzendent“ als gleichbedeutend
verwenden l. (Vgl. übrigens oben S. (08 u. (2(.)
Die Aufgabe der tranfzendentalen Dialektik ift es nun;
den „Schein“ objektiver Gültigkeit; den die „tranfzen
denten“ Urteile mit fich führen; aufzudecken und fo zu
verhüten; daß er uns betrüge. Er beruht auf einer „natür
lichen“ und darum „unvermeidlichen“ (d. h. nicht aus
rottbaren) Illufion. Doch kann diefe durch die „Liritik“
unfchädlich gemacht werden.

ll. Von der reinen Vernunft als dem Sitz des


tranfzendentalen Scheins
t-t. Von der Vernunft überhaupt
Aant verwendet den Ausdruck Vernunft hier in feiner
engften Bedeutung; worin er „das Vermögen der Drin
zipien“ bezeichnet im Unterfchied vom „Verftand als dem
Vermögen der Regeln“. Die „Erkenntnis aus prinzipien“
definiert er als diejenige; „da ich das Befondere im All
gemeinen durch Begriffe erkenne“ (nicht etwa durch
Anfchauung). So ift jeder Vernunftfchluß eine Erkennt
nis aus einem Vrinzipe. Der Oberfatz (oder „Mäjorth
z. B. „alle Menfchen find fterblich“) ftellt „das Allgemeine“
dar; woraus durch den Mittelbegriff Menfch („Adolf
ift ein Menfch“ lautet der Unterfatz oder Minor) der
Schlußfatz (oonolusio): Adolf ift fterblich; abgeleitet wird.
l So redet Aant z. B. S. 285 und in den prolegomena Z 55 von
einem „tranfzendenten Gebrauch der Kategorien“ genau in dein
felben Sinne. in dem er hier deren „tranfzendentalen“ Gebrauch
dem „empirifchen“ entgegenfeßt.

.(38
Der Verftand bietet nun allgemeine Sätze a priori;
fie können als Oberfätze dienen und infofern „prinzipien“
genannt werden.
Aber die ..Grundfätze“ des reinen Verftands wie z. B.
der Kaufal- und der Subftanzfatz find durchaus nicht felbft
..Erkenntniffe aus Begriffen“. So kann aus dem Begriff
deffen. was gefchieht. nicht einfach abgeleitet werden. daß
es eine Urfache hat. Der Kaufalfatz wäre ja dann ein
analytifcher Satz. kein fynthetifches Urteil a priori. Als
folches kann er in feiner Geltung nur aufgewiefen werden
als ..Bedingung möglicher Erfahrung“.
Aber_ gerade ..fynthetifche Erkenntniffe aus Begriffen“
will Kant fchlechthin „prinzipien“ nennen. während alle
allgemeinen Sätze nur relative („komparative“) prinzipien
heißen follen. Derartige eigentliche („abfolute“) prinzipien
aber vermag der Verftand nicht zu bieten. Das Ver
mögen. die Verftandesregeln einheitlichen prinzipien unter
zuordnen. foll vielmehr „Vernunft“ genannt werden.

8. Vom logifchen Gebrauch der Vernunft


Gewöhnlich denkt man beim Schließen nur an den
Gang vom Allgemeineren zum Konkreteren abwärts.
Kant macht (S. 268 unten) darauf aufmerkfam. daß die
Vernunft auch den umgekehrten Weg einfchlagen kann
(„profyllogismus“ S. 270 unten). Man fieht gegebene
Urteile als Schlußfätze an; fragt fich. ob die in ihnen
enthaltene Behauptung („Affertion“) als Fall einer all
gemeinen Begel gedacht werden kann (alfo ..unter gewiffen
Bedingungen“ aus einer folchen folge). Auch eine folche
allgemeine Begel kann man wieder als Schlußfatz aus
einer noch allgemeineren Begel auffaffen. die man auf
i59
fucht. So kann die Vernunft „die große Mannigfaltig
keit der Erkenntnis des Verftandes auf die kleinfte Zahl
der Vrinzipien zu bringen“ und dadurch möglichft zu
vereinheitlichen fuchen.

(I. Von dem reinen Gebrauch der Vernunft


Man kann diefes Verfahren der Vernunft in der
..logifchen Maxime“ formulieren: „zu dem bedingten
Erkenntniffe des Verftandes das Unbedingte zu finden.
womit die Einheit desfelben vollendet wird“, Diefe
Maxime ift zunächft nur „ein f ubjektives Gefeß“
mit den Regeln und Begriffen des Verftandes haus
zuhalten. in dem Sinne. daß man fie auf eine möglichft
kleine Zahl zurückführt. Es fragt fiäf aber. ob es auch
„objektiv“ gültig fei. d. h. ob auch in der gegenftänd
lichen Wirklichkeit diefe Einheitlichkeit („Einhelligkeit“)
herrfche. Da nun aber das für uns „Gegenftändliche“
nach Kant von der Vernunft felbft gefchaffen wird. näm
lich identifch ift mit dem Regel- oder Gefetzmäßigen. f0
ift der Sinn diefer Frage: „ob Vernunft an fich. das
ift reine Vernunft. 3. priori fynthetifche Grundfätze und
Regeln enthalte [worin eben ihr Gegenftand beftehen
würde] und worin diefe Prinzipien beftehen mögen/tk
(S. 269.)
Bei der Beantwortung diefer Frage ift zu beachten:
4. daß die Vernunft fich nicht unmittelbar (wie der Ver
ftand) auf das anfchaulich Gegebene bezieht. um es zu
vergegenftändlichen. fondern „nur auf den Verftand und
deffen Urteile“ (S. 270); 2. daß ihr fubjektiver (logifcher)
Grundfatz lautet: Zu dem ..bedingten Erkenntniffe des
Verftandes das Unbedingte .zu finden. womit die Ein
i4()
heit desfelben vollendet wird“ (indem fie eben zu immer
allgemeineren und darum wenigeren Oberfätzen zurück
geht). Diefer fubjektiv-logifchen Maxime (Regel) würde
der objektiv-tranfzendentale Grundfatz (als fynthetifches
Urteil a priori) entfprechen: „Wenn das Bedingte gegeben
ift; fo ift auch die ganze Reihe einander untergeordneter
Bedingungen; die mithin felbft unbedingt ift; gegeben“
(das ift in dem Gegenftande und feiner Verknüpfung
enthalten).
Ein folcher Grundfatz würde „tranfzendent“ fein; d. h.
er würde gebieten; den Umkreis der Erfcheinungen; alfo
die Erfahrung zu überfehreiten; denn in der Erfahrung
findet fich nie das Unbedingte. Es ift vielmehr der
„Gegenftand“ der „Vernunft“. Es fragt fich nun; ob
diefer „tranfzendente“ Grundfatz der reinen» „Vernunft“
objektiv gültig ift; oder ob er nicht viel mehr „Detition
als Doftulat“ (S. 27 (); d. h. mehr eine erfchlichene als
eine berechtigte Forderung ift. Diefe Frage zu beant
worten ift Aufgabe der tranfzendentalen Dialektik.

Erftes Buch. Von den Begriffen der reinen


* Vernunft
Die Verftand es begriffe (Aategorien) können; da fie
die intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen; jeder
zeit in der Erfahrung als gültig _aufgewiefen werden.
Bei Vernunftbegriffen ift dies nicht der Fall; da fie auf
das Unbedingte; alfo etwas nie Erfahrbares; fich beziehen.
Zum Unterfchied von den „Aategorien“ follen fie als
„Ideen“ bezeichnet werden.
iii
Erfter Abfchnitt. Von den Ideen überhaupt
Kant knüpft bei der Verwendung des Wortes „Idee“
an plato an. der damit etwas bezeichnete. womit „Kon
gruierendes“ (Ubereinftimmendes) in der Erfahrung nicht
gegeben werden kann (S. 274). „Die Ideen find bei ihm
Urbilder der Dinge felbft.“ Er fand die Ideen befonders
auf dem praktifchen Gebiet. d. h. in dem. was durch
unferen freien Willen wirklich werden foll. Diefer Wille
ift dabei von eigenartigen Vernunfterkenntniffen geleitet.
nämlich von Begriffen des Wertvollen (wie der Tugend).
das eben darum fein foll. Diefe Wertbegriffe find Ideen
der praktifchen Vernunft. Sie erkennt auch Kant (in
feinen ethifchen Schriften: ..Grundlegung zur Metaphyfik
der Sitten“. ..Kritik der praktifchen Vernunft“ und ..Meta
phyfik der Sitten“) als gültig an. Dagegen folgt er plato
nicht auf dem ..fpekulativentt (S. 272 u.). d. h. theore
tifchen Gebiet. nämlich in der Erkenntnis des Wirk
lichen. Er folgt ihm auch nicht_ ..inder myftifchen De
duktion diefer Ideen oder den Ubertreibungen. dadurch
er fie gleichfam hypoftafierte“ (d. h. zu wirklichen. felb
ftändigen Wefen machte). plato lehrte nämlich. daß die
Ideen an einem ..überhimmlifchen Ort“ exiftierten; daß
die Seelen in ihrem Vorleben fie fchauten; daß ihr Wiffen
von den Ideen aber durch ihre Einkerkerung in den Leib
verdunkelt werde und im Leben erft wieder geweckt
werdenmüffe. .
Kant *fpricht freilich die Vermutung aus. daß platos
„hohe Sprache einer milderen und der Batur der Dinge
gngemeffenen Auslegung ganz wohl fähig fei“. In
Ubereinftimmung damit hat paul Batorp in _feinem
WZ
Werk „Vlatos Ideenlehre“ (zuerft 4905) den Verfuch
gemacht. die herkömmliche metaphyf if che Deutung der
Ideen durch eine logif che zu verdrängen. Danach find
die Ideen nicht Wefenheiten. die in einem Ienfeits exi
ftieren. fondern Gedanken von Gefetzmäßigkeiten. wo
durch wir die den Sinnen gegebenen unbeftimmten Er
fcheinungen erft als eine objektiv exiftierende Welt be
ftimmt denken. Diefe modernifierende Auslegung. die
Vlato ganz nahe an Kant heranrückt. ift aber von der“
philofophifchen und philologifchen Kritik meift abgelehnt
worden. Kant nimmt hier auch „die platonifche Republik“
d. h. Vlatos großes Werk „Vom Staate“ in Schutz gegen
Vorwürfe des l)hilofophiegefchichtsfchreibers Iohann
Iakob Brucker (4696-4770). Was Kant in diefem
Zufammenhang fagt. bringt die Grundüberzeugungen
des praktifch-ethifchen Idealismus zum _vollendeten Aus
druck.. Es ift Verrat an Ideen. die uns als wertvoll
einleuchten. fie ..unter dem fehr elenden und fchädlichen
Vorwand der Untunlichkeit* als unnüß beifeite zu
ftellen . . . Denn nichts kann Schädlicheres und eines
philofophen Unwürdigeres gefunden werden. als die
pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerftreitende Er
fahrung.“
Mag immerhin die Idee ein „Maximum [Größtes.
Vollendetftes] zum Urbild aufftellen. das nie vollkommen
verwirklicht werden kann: eine wie große Kluft zwifchen
der Idee und ihrer Ausführung notwendig übrig bleibe.
das kann und foll niemand beftimmen. eben darum.
weil es' Freiheit ift. welche jede angegebene Grenze über
fteigen foll“ (S. 276f.).
Damit *erkennt Kant die Berechtigung der Idee des
WZ
Unbedingten und des Freiheitsgedankens auf praktifch
ethifchem Gebiet unumwunden an.
Auch darin; daß Vlato die Lebewefen und die Üatur als
Ganzes betrachtet als aus Ideen eines göttlichen Welt
urhebers entfprungen; fieht 'klaut „eine Bemühung; die
Achtung und Rachfolge verdient“. Er rühmt daran den
Geiftesfchwung des Vhilofophen; von der „kopielichen“1 Be
trachtung des Vhyfifchen der Weltordnung zu der architek
tonifchen Verknüpfung derfelben nach Zwecken; das ift
nach Ideen; hinaufzufteigen. Er felbft hat diefe Grund
gedanken im Geifte feiner „kritifchen“ Vhilofophie (alfo
indem er „das Ubertriebene des Ausdrucks abfonderte“)
in feiner „Liritik der Urteilskraft“ ausgeführt; fofern
er darin neben der Lehre vom Schönen und Erhabenen
auch die Zweckbetrachtung (Teleologie) des Organifchen
und des Weltganzen überhaupt behandelte. Ohne Ein
fchränkung aber erkennt Liant die Bedeutung der Ideen
lehre an für „die Sittlichkeih die Gefetzgebung und die
Religion“ 7; „wo dieIdeen die Erfahrung felbft (des Guten)
allererft möglich machen“. Das fittliche Gute ift nämlich
nichts ohne unfer Zutun in der Erfahrung Gegebenes;
auch kein Ding an fich; fondern es wird nur verwirk
licht durch unfer freies Wollen; fofern diefes von Ideen

l Von „Aopie“„ Abbildung. Die Betrachtung wendet fich von den


in der Uatur gegebenen unvollkommenen „Abbildern der Ideen"
zu diefen felbft; den Urbilderm die als Zwecke eines Weltarchitekten
gefaßt werden.
k Die (ftaatliche) Gefeßgebung muß; nach Aant; der Verwirk
lichung fittlicher Ideen dienen; auch die Religion fchiitzt er lediglich
wegen ihrer, fittlichen Bedeutung; er fieht in Gott lediglich den
moralifchen Gefetzgeber und den Belohner der Tugend.
iii-i
geleitet ift. Alfo ift nicht die Erfahrung Quell der Ideen.
fondern umgekehrt die Ideen und das Handeln nach ihnen
macht es erft möglich. daß wir fittlich Gutes in der Er
fahrung antreffen.
Damit widerlegt Kant den Grundgedanken aller
naturaliftifchen Ethik. die verfucht. aus der in der Er
fahrung gegebenen Batur die fittlichen Grundfätze irgend
wie abzuleiten, Ihr ftellt Kant den überzeugenden
Gedanken entgegen: ..In Anfehung der fittlichen Gefetze
ift Erfahrung (leiderl) die Mutter des Scheins. und es
ift höchft verwerflich. die Gefetze über das. was ich tun
f oll . von demjenigen herzunehmen oder dadurch ein
fchränken zu wollen. was getan wird“ (S. 277 f.).
Aber wie groß auch die Bedeutung der Ideen für
die teleologifche Würdigung der organifchen Batur und
der Welt im ganzen. wie grundlegend fie für Ethik.
Bechts- und Beligionsphilofophie ift. mit alledem ift noch
nicht das problem entfchieden. das uns hier befchäftigt.
ob die Ideen »auch objektive Geltung haben in der rein
theoretifchen (von allen Zweä'en abfehenden) Batur
erkenntnis. und wie fich ihre etwaige Geltung zu der der
Kategorien verhält. Ehe Kant in die Erörterung diefes
problems eintritt. erfucht er alle. ..denen philofophie am
Herzen liegt“. den Ausdruck „Idee“ nur nach feiner
urfprünglichen Bedeutung. wie fie auf plato zurückgeht.
zu verwenden. nämlich im Sinne eines die Möglichkeit
der Erfahrung überfteigenden Vernunftbegriffs. Zur Zeit
Kants nämlich verwendete man nach dem Vorgang Lockes
das Wort „Idee“ vielfach auch für alle Vorftellungen
überhaupt. alfo z. B. auch für Empfindungen wie grün.
heiß ufw. '
in effer. Kant-Komm. (0
(45
7
Zweiter Abfchnitt. Von den tranfzendentalen
Ideen
Wie Kant die Kategorien aus den Formen der Urteile
abgeleitet hat. fo fucht er die tranfzendentalen Ideen
aus den Formen der Schlüffe abzuleiten. Deren unter
fchied aber die Logik drei. je nachdem der Oberfaß ein
kategorifches Urteil (iA ift 8) oder ein hypothetifches
(wenn FX ift. ift 13) oder ein disjunktives (R ift entweder
8 oder C ufw.) darftellt. Kant betont nochmals. daß
man durch die Schlußformen rückwärts nach dem Un
bedingten fuchen kann. Es gibt alfo drei Formen des
Unbedingten (oder „Abfoluten“). nämlich ein abfolutes
Subjekt. eine unbedingte (oder abfolut erfte) Bedingung
und ein abfolut vollftändiges Syftem (das alle möglichen
Einteilungen umfaßt).
Diefen tranfzendentalen Ideen kann nicht wie den
Kategorien ein entfprechender („kongruierender“) Gegen
ftand in der Erfahrung aufgewiefen werden. d. h. ich
kann zwar von irgendeinem Vorgang fagen: er ift eine
Urfache. aber ich kann nicht behaupten: er ift eine erfte
(d. h. unbedingte oder abfolute Urfache). denn für jeden
Vorgang muß ich in der Erfahrungserkenntnis wieder
weiter zurückliegende urfächliche Bedingungen annehmen.
Aber obwohl demnach der objektive Gebrauch der Ideen
(d. h. ihre Verwendung für Gegenftändliches) „tran
fzendent“ ift. d. h. die Erfahrungsgrenzen überfchreitet.
fo find die Ideen doch nicht ..willkürlich erdichtet. fondern
durch die Natur der Vernunft felbft aufgegeben“. Sie
find alfo zwar vom Standpunkt des theoretifchen Ver
ftandesgebrauchs. d. h. der Erfahrungserkenntnis. „nur
446
Ideen“; aber fie find darum doch nicht als „überflüffig
und nichtig“ anzufehen (S. 284). Denn wenn fie auch
kein einzelnes Objekt uns erkennen laffen; fo könnten fie
doch dem Verftande bei feiner Erforfchung der Objekte
als Richtfchnur („Lianon“) dienen; und fie könnten den
Ubergang vom theoretifchen Gebiet (der Uaturerkennt
nis) zum praktifchen (des Wollens; Handelns und der
Religion) vermitteln.
Von diefem Ausblick wendet fich Liant wieder zurück
zu dem im Anfang diefes Abfchnitts fchon kurz gegebenen
liachweis; wie aus den Schlußformen der Gedanke des
Unbedingten fich entwickelt. Er hebt hier noch hervor;
daß beim Auffteigen (durch Vrofyllogismen) zu den
immer weiter zurückliegenden Bedingungen1 hin die
Vorausfetzung fich aufdränge; daß deren „Totalität“
gegeben fei; während beim Herabfteigen zum Bedingten
es „der Vernunft ganz gleichgültig fein könne; wie weit
diefer Fortgang fich a parte posterior-i [nach diefer ab
fteigenden Richtung] erftrecke und ob gar überall [d. h.
überhaupt] Totalität diefer Reihe möglich fei“.

Dritter Abfchnitt. Syftem der tranfzendentalen


Ideen
Die vorkantifche (tranfzendente) Metaphyfik pflegte
man einzuteilen in die allgemeine Seinslehre (Ontologie))
in die' Lehre von der Seele (nychologie); der Welt (Kosmo
logie) und der Gottheit (Theologie). Was Liant von der
i Auch im kategorifchen und disjunktiven Schluß kann das Subjekt
des Oberfaßes als „Bedingung“ aufgefaßt werden: N ift 13 ift eben
gleichbedeutend mit: Wenn ZK ift; fo ifi 8; ferner N ift entweder 8
oder C ifi gleichbedeutend mit: Wenn td. ifi; fo ift entweder 8 oder C.

W7
Ontologie anerkennen konnte. hat er (wie wir fahen
oben S. (2() bereits in der „Analytik“ dargelegt. Den
Inhalt der „Dialektik“ bildet nun die kritifche Auseinander
fetzung mit der metaphyfifchen Seelen-. Welt- und Gottes
lehre. Da diefe wie die alte Metaphyfik überhaupt den
tiefften (abfoluten) Beftand der Wirklichkeit (die ..Dinge
an fich“) aus reiner Vernunft (ratio) oder a priori er
kennen wollten. fo bezeichnet fie Kant als „rational“
oder „tranfzendental“ 1.
Kant ift nun bemüht. die drei Ideen. die er aus den
drei Formen der Vernunftfchlüffe entwickelt hat. den
Gegenftänden diefer drei metaphyfifchen Difziplinen gleich
zufeßen. Die Idee des abfoluten Subjekts foll identifch
fein mit ..der abfoluten Einheit des denkenden Sub
jekts“ (Seele). die Idee der unbedingten Bedingung mit
der ..abfoluten Einheit der Beihe der Bedingungen der
Erfcheinung“ (Welt). die Idee des abfolut vollftändigen
Syftems mit der ..abfoluten Einheit der Bedingung aller
Gegenftände des Denkens überhaupt“ (dem ..Wefen aller
Wefen“: Gott). Welche rnocli (befondere Arten) reiner
Vernunftbegriffe zu diefen drei Hauptideen gehören. will
Kant im folgenden darlegen.
Eine Bechtfertigung der objektiven Gültigkeit diefer
Ideen (eine ..objektive Deduktion““) kann nicht geleiftet
werden. da fie ..keine *Beziehung auf irgendein Objekt
haben. was ihnen kongruent gegeben werden könnte“
l Wobei dies Wort in feiner Bedeutung mit „tranfzendentt' fich
deckt; vgl. oben S. (58.
7 Sie könnte auch tranfzendentale Deduktion genannt werden;
denn fie würde der „tranfzendentalen Deduktion der Kategorien“
(S. (05 f.) entfprechen,
(48
(S. 289). Aber eine ..fubjektive Ableitung aus der Natur
unferer Vernunft“ konnte gegeben werden. nämlich aus
den drei Formen der Vernunftfchlüffe. (Man fieht auch
hier. wie nicht die nychologie. fondern die Logik Aus
gangspunkt für Kant ift!)
Die drei Ideen laffen fich auch in Beziehung fetzen zu den
drei Kategorien der Relation: der „Inhärenz“ (Subftanz
mit Akzidenz oder Ding mit Eigenfchaft). der ..Dependenzt'
(Urfache und Wirkung). der „Konkurrenz“ (Wechfel
wirkung). Die Ideen find verabfolutierte Kategorien: die
abfolute Subftanz (Seele). der abfolute Inbegriff der Ur
fachen (Welt). die abfolute Totalität in Wechfelwirkung
ftehender Wefen (das ..Wefen aller Wefen“: Gott i). In
der „Seelenlehre“ hat Kant befonders die Frage der Un
fterblichkeit. in der „Weltlehre“ ausführlich das Problem
der Freiheit erörtert. So verfteht man feinen Satz: die
Metaphyfik hat zum eigentlichen Zweck ihrer Nach
forfchung nur drei Ideen: „Goth Freiheit und Unfterb
lichkeit“ (I. 270).

Zweites Buch. V'on den dialektifchen


Schlüffen der reinen Vernunft
Die Vernunftfchlüffe. aus denen die drei Ideen ent
fpringen. find „dialektifch“. d. h. trügerifch oder. was das
felbe fagt: „Sophiftikationen“ der Vernunft felbft. Auch
der Weifefte kann fich nicht davon losmachen. Aber es
1 Man-fieht leicht. daß in diefem Falle die Gleichfeßung eine
gezwungene ift. Iedenfalls ift die „Totalität aller Wefen“ nicht
„Gott“ im chriftlichen Sinne. Kant glaubt aber fo ein Syftem aller
Ideen gegeben zu haben (S. 294 oben).

iXS
wird die Leiftung der „Aritik“ fein; ihren Trug aufzu
decken. Die kurze Charakteriftik; die Liant hier (S. 292)
von den drei Schlüffen gibt; wird durch die folgenden
Abfchnitte ihre Erklärung finden.

Erftes Hauptfiück. Von den Varalogismen der


reinen Vernunft
Diefer Abfchnitt enthält die Aritik der rationalen nych0
logie. Diefe ruht nach Aant auf einem „Varalogismus“
(Fehlfchluß). Sie fchließt nämlich aus der Einfachheit des
Begriffs „Ich“ 1 auf die Einfachheit und darum. Unzerftör
barkeit (Unfterblichkeit) des Ich felbft.
Diefe rationale („reine“) nychologie gründet fich alfo
lediglich auf das Bewußtfein: „Ich denke“; d. h. das
Bewußtfein der urfprünglichen Apperzeption; die allen
Kategorien zugrundeliegt und identifch ift mit dem Ver
ftand felbft. Man könnte nun meinen; das Bewußtfein
diefer Apperzeption fei etwas im inneren Sinn Gegebenes;
eine innere Erfahrung; mithin kein „reines“; fondern ein
empirifches Bewußtfein. Aber die Apperzeption macht ja
äußere wie innere Erfahrung erft möglich. Daß es aber
innere Erfahrung überhaupt gibt; „kann nicht als em
pirifche Erkenntnis; fondern muß als [tranfzendentale] Er
kenntnis des Empirifchen überhaupt angefehen werden“
(S. 294 Mitte). Würde freilich zu dem allgemeinen „Selbft
bewußtfein“ (d. h. dem Bewußtfein des „Ich denke“ oder
der Apperzeption) noch irgendein Objekt innerer Wahr-x
l Oder; wie 'klaut lieber fagt: „Ich denke“ (weil er das Ich als
Subjekt des Denkens meint).
(50
:nehmung. z. B. Luft oder Unluft hinzukommen. dann
_würde deren Feftftellung bereits zur empirif ch en pfycho
logie gehören. Auf das „Ich“ (denke) werden innerhalb
einer rationalen pfychologie alfo nur ..tranfzendentalel
prädikate“. keinerlei empirifche bezogen werden dürfen.
Diefe reinen prädikate entnimmt Kant der Kategorien
tafel. So ergibt fich eine „Topik“ der rationalen pfycho
logie. d. h. eine Uberficht über *ihre Grundgedanken:
(. (Belation)* die Seele ift Subftanz. und zwar als
Gegenftand des inneren Sinus. dem ja das Bäumliche
und darum das Materielle fremd ift. eine immaterielle
Subftanz; 2. (Qualität) die Seele ift einfach. deshalb un
zerftörbar („inkorruptibel“); denn man dachte fich die
Zerftörung als einen Auflöfungsprozeß. nicht als einfache
Vernichtung; 5. (Quantität) die Seele ift „numerifch
identifch“ d. h. die eine perf on. bei allem Wechfel der
Zeit und der Erlebniffe; 4. (Modalität) die Seele fteht
in Wechfelbeziehung (Kommerzium) zu Körpern. ins
befondere zum eigenen Körper. fie ift der Quell des
körperlichen Lebens. der „Animalität“. Bun ergeben
aber die Eigenfchaften (_5 die Spiritualität (Geiftig
keit) der Seele; durch diefe wird hier die „Animalität“
„eingefchränkt“. d. h. die Seele als belebendes prinzip des
Körpers teilt nicht deffen Auflöfung. ihr kommt vielmehr
(wie fchon unter 2. betont) Unfterblichkeit (Immortali
tät) zu.
Die „Seele“ aber. von der alle diefe Eigenfchaften aus
gefagt werden. ift nichts weiter als die ganz inhaltsleere
l Weil das wort hier „empirifch“ zum Gegenfaß hat. fo bedeutet
xs foviel wie „rein“.
k Die Beihenfolge der Kategoriengruppen hat Kant hier geändert.

l5!
Vorftellung „Ich“. Um die Leere und Unbeftimmtheit
des Ichbewußtfeins aufs fchärffte zu betonen. erklärt
Kant: man könne es nicht einmal einen „Begriff“ nennen;
„durch diefes Ich. oder Er. oder Es (das Ding). welches
denkt. wird nun nichts weiter als ein tranfzendentales
Subjekt der Gedanken vorgeftellt -_- x. welches nur durch
die Gedanken. welche feine Vrädikate find. erkannt wird“
(S. 296). Dabei bedeutet „Gedanken“ nicht die Denkinhalte;
denn wenn ich z. B. ein Dreieck denke. fo ift das Dreieck
kein „Vrädikat“ meines Ich. Vielmehr bedeutet Gedanken
hier den Denkakt.
Daß wir unfer eigenes Ichbewußtfein auf alle denken
den Wefen übertragen. beruht darauf. daß wir uns von
folchen [..dergleichen Gegenftänden“ S. 296 Z. 4 von
unten] nur auf Grund unferes Selbftbewußtfeins', eine
Vorftellung machen können. Dabei wird bei diefer Uber
tragung von dem Satz „Ich denke“ nicht der Gebrauch
gemacht. den Eartefius (Descartes 4596-4650). der Be
gründer der neueren Vhilofophie. davon machte. In
feinem Satze Cogito. ergo sum (Ich denke. alfo bin ich)
fprach er aus. daß im Ichbewußtfein auch das Bewußt
fein der eigenen Wirklichkeit unmittelbar enthalten ift.
Das gilt natürlich jeweils nur für das eigene Ichbewußt
fein. Wenn man dagegen das „Ich denke“ auf andere
überträgt. fo gefchieht dies nur problematifch. Man will
fagen: gefetzt. daß ihnen ein Ichbewußtfein zukommt. fo
kommen ihrer Seele auch die Eigenfchaften: Subftanziali
tät. Einfachheit ufw. zu.
Legt man der nychologie mehr zugrunde als das Ich
bewußtfein. alfo Erfcheinungen. die im inneren Sinne
gegeben find. fo ergibt fich eine Art Naturlehre („phyfio
452
logie“) des inneren Sinus; die ein Gegenftück zu der auf
den äußeren Sinn fich gründenden Erfahrungswiffenfchaft
von der äußeren Üatur ift (die Liant in der Regel aus
fchließlich berückfichtigt). Aber diefe nychologie wäre
eben empirifch; nicht rational. Von der empirifchen nycho
logie ift im folgenden nicht die Rede; dagegen ift *klant
bemüht; die Fehlfchlüffe der rationalen in allen ihren
Ausfagen („Vrädikamenten“ S. 286) 52 von unten)
nachzuweifen.
Zunächft hebt Liant wieder feine Grundlehre hervor;
daß zur „Erkenntnis“ Denken und Anfchauung gehört.
Alfo das unmittelbare Bewußtfein vom denkenden Ich
(von der Apperzeption und ihren Arten) ift keine Erkennt
nis der Ich-Anfchauung vom Ich; fofern der innere
Sinn (das „beftimmbare Selbft“ S. 687 oben) durch das
„beftimmendeih d. h. das aktiv denkende Ich affiziert wird;
gehört aber zum empirifch Gegebenen und darf von der
rationalen nychologie nicht benutzt werden. (Diefelbe
Scheidung des [aktiven] „Ich als Intelligenz“ und des
Ich als Objekt der inneren Anfchauung findet fich bereits
in Ö 24 f. S. 674ff.; vgl. oben 5, 9( u. ((6.)
Es folgen auf diefe allgemeine Bemerkung kritifche
Bedenken gegen die vier Grundlehren (S. 295) der ratio
nalen nychologie:
(. (Betr. der Subftanzialität.) Daß Ich in allen
Denkakten das denkende Sub jekt ; bedeutet nicht; daß ich
als Erkenntnisob jekt „Subftanz“ bin. Zur Anwendung
der Subftanzkategorie bedarf ich nämlich eines Beharr
lichen in der Anfchauung; was mir nur im äußeren Sinn
gegeben ift (vgl. S. 2(9)/ aber im Denken nicht an
getroffen wird.
(53
2. (Betr. der Immaterialität.) Daß Ich ein einfaches
Subjekt bin (nicht eine Vielheit von folchen). bedeutet nicht.
daß ich eine einfache Subftanz bin. Zur Anwendung der
Subftanzkategorie berechtigt mich nur Anfchauung; aber
die rationale pfychologie darf diefe ja als etwas Empiri
fches nicht heranziehen.
5. (Betr. der perfonalität.) Auch das Bewußtfein
des einen identifchen Ich bei allem Wechfel der Vor
ftellungen ift keine Anfchauung. rechtfertigt alfo nicht die
Anwendung der Subftanzkategorie.
4. (Betr. Immortalität.) Ich kann mein Ich von
allen Dingen. auch meinem eigenen Körper unterfcheiden.
aber dies beweift noch nicht. daß dies Ich auch ohne den
Körper exiftieren kann. alfo unfterblich ift.
Zum Schluß (von S. 684 unten ab) faßt Kant noch
einmal die Grundlehren der rationalen pfychologie in
ein fynthetifches Urteil a priori zufammen: ..ein jedes
denkendes Wefen. als ein folches. ift einfache Subftanz“.
Diefes Urteil würde fich von den in der „Analytik“ be
wiefenen „Grundfätzen“ dadurch unterfcheiden. daß es
nicht Erfahrung ermöglicht und auf Erfahrungsobjekte
fich bezieht. fondern auf etwas nicht in der Erfahrung
Gegebenes. alfo ein ..Ding an fich“ (nämlich das „Ich
an fich“) gebt
Der „Vernunftfchluß“. durch den man diefen fynthe
tifchen Satz a priori zu beweifen fucht. enthält wieder
die Verwechfelung des Ich im Sinne der Apperzeption
und des Ich als Objekt der inneren Wahrnehmung.
Da erfteres nicht in der Anfchauung gegeben ift. fo haben
wir auch nicht das Becht. die Subftanzkategorie auf es
anzuwenden. Das ift felbft für das Ich als Objekt der
154c
inneren Wahrnehmung nicht zuläffig. da „wir in der
inneren Anfchauung gar nichts Beharrliches haben“ (vgl.
5. 247 bis 224).
Widerlegung des Mendelsfohnfchen Beweifes
der Beharrlichkeit der Seele
Die herkömmlichen Beweife für die Unfterblichkeit der
Seele hatten aus deren angeblicher Einfachheit ihre Un
auflösbarkeit und darum Unzerftörbarkeit gefchloffen;
Mofes Mendelsfohn (4729-4786). ein angefehener Ver
treter der Aufklärungsphilofophie. fuchte in feiner Schrift
„phädon oder über die Unfterblichkeit“ (4767) darzutun.
daß die Seele auch nicht durch Verfchwinden der Ver
nichtung anheimfallen könne. Denn auch ein Verfchwinden
der Seele fetze voraus. daß ..fie nach und nach etwas
an ihrem Dafein verliere“. daß fie alfo eine Vielheit von
Teilen enthalte (was ihrer „Einfachheit“ aber wider
fpreäie)
Kant wendet dagegen ein. daß wenn man felbft zu
gebe. die Seele fei einfach. dies zwar extenfive Größe
(und Vielheit) ausfchließe. aber nicht intenfive (vgl.
S. 464 f.). Mithin könnte fie doch durch „Elanguefzenz“
(allmähliches Hinfälligwerden und Erlöfchen) dahin
fchwinden. -
Nicht mehr zu diefer Widerlegung Mendelsfohns ge
hören die Bemerkungen von S. 695 oben ab.
Hier fuchtKantdarzutun. daß .. die obigen Sätze“ (gemeint
find die Grundlehren der rationalen nychologie S, 295)
zu dem fchon früher (S. 208) widerlegten materialen Idea
lismus führen würden. wenigftens dem ..problematifchen“
des Eartefius; denn als fubftanzielle Wefen wären die
455
Seelen ganz felbftändig; und es würde für fie zweifelhaft
bleiben; ob ihrer Vorftellung von einer Außenwelt auch
eine wirkliche Außenwelt entfpräche. Rach Aant ift die
wirkliche Exiftenz der Außenwelt geradefo gewiß wie das
Dafein unferer eigenen feelifchen Erlebniffe; weil wir die
letzteren nur in der Beziehung zu jener erkennen können.
Beide find aber nur „Erfcheinungen“.
Während die rationale nychologie von der „Sub
ftanz“; alfo einer Aategorie der Relation ausgeht und fich
auf den fynthetifchen Satz; daß alle denkenden Wefen
Subftanzen feien; gründet; empfiehlt Rant von dem „Da
fein“ (des Ich i); alfo von einer Liategorie der Modalität;
auszugehen und analytifch zu verfahren. Damit; daß
das denkende Ich als einfaches Subjekt beftimmt werden
muß -- denn die Apperzeption; die fein Wefen ausmacht;
ift ja Vereinheitlichung -; ift aller Materialismus wider
legt. Aber auch der Spiritualismus (der in der Seele
eine geiftige „Subftanz“ fieht) ift abzuweifen; denn in
der inneren Anfchauung findet fich nichts Beharrliches
das die Anwendung der Subftanzkategorie auf die Seele
rechtfertigte. Mithin bleibt die Frage; welche Befchaffen
heit unfere Seele hat und ob fie nach dem Tode fort
leben wird) theoretifch unbeantwortbar. „Es gibt alfo
keine rationale nychologie als Doktrin“ (d. h. pofitive
. Wiffenfchaft); fondern nur als „Difziplin“; d. h. fie hat
unfere Vernunft in Zucht zu halten; daß fie weder dem
„feelenlofen Materialismustt) noch den Schwärmereien
des Spiritualismus anheimfällt.

l „Ich exiftiere denkend“ ift ein einfach empirif cher Satz; vgl.
I. 693 Z. 8.

(56
..n

Bochmals hebt Kant (von S. 696 Z. 9 ab) den Grund


fehler der rationalen pfychologie hervor: fie verwechfelt
die ..reine intellektuelle Vorftellung: Ich“ (S. 697)
mit einer Anfchauung vom Ich und glaubt fich be
rechtigt. auf diefe vermeintliche Anfchauung die Subftanz
kategorie anzuwenden. Aber das Ich. das die Kate
gorie wie die Zeit (und den Baum) erft fchafft. kann
nicht felbft in diefe Denk- und Anfchauungsformen ge
faßt werden.
Indem aber Kant dartut. daß es unmöglich ift.
die Subftanzialität und damit die Unfterblichkeit der
Seele zu beweifen. führt er auch den Bachweis. daß
diefe nicht zu widerlegen ift. Wenn wir alfo aus
Grundfätzen des praktifchen Bewußtfeins heraus (d. h.
weil wir 'es für fittlich notwendig halten) an das
Fortleben der Seele glauben. fo fteht von fetten der
theoretifchen („fpekulativen“) Vernunft dem nichts im
ege.
_Als praktifche. d. h. wollende und handelnde Wefen
find wir in unferen Zweckfetzungen nicht an das. was
uns die Erfahrung als wirklich innerhalb der Batur
darbietet. gebunden. Insbefondere fchwebt uns die
Idee einer (moralifch) befferen Welt vor. für die wir
uns vorzubereiten die pflicht fühlen, Wir dürfen aber
allenthalben in der lebenden Batur Zweckmäßigkeit1
vorausfetzen. fo dürfen wir auch annehmen. daß diefer
Trieb nach einem befferen Ienfeits nicht zwecklos fei.
fondern einft Erfüllung finden werde.

i Uäher hat Kant diefen Gedanken in feiner ..Kritik der Urteils


kraft“ begründet. _
(57
Befchluß der Auflöfung des pfychologifchen Vara
lo gismus
Abermals wird in neuer Formulierung der Grund
fehler der rationalen nychologie vorgeführt: fie ver
wechfelt den abftrakten (alfo abgefondert gedachten) Be
griff eines Ich als reine Intelligenz mit der vom Leibe
abgefonderten (alfo „fubftanziellen“) Exiftenz eines Ich;
fie verwechfelt alfo einen bloßen Begriff mit einem wirk
lichen Wefen.
Das Verhältnis des Seelifchen zum Körperlichen wird
deshalb für befonders rätfelhaft angefehen. weil jenes
unräumlich. diefes aber räumlich ift. Man muß aber
bedenken. daß wir es beiderfeits nur mit „Erfcheinungen“
zu tun haben. Was aber der Erfcheinung des materiellen
Leibes als ..Ding an fich“ zugrunde liegt. das ift viel
leicht dem ..Ding an fich“. das dem Seelifchen. dem „Ich“
zugrunde liegt. gar nicht fo ungleichartig (vgl. S. 524 f.).

Allgemeine Anmerkung. den Ubergang von der


rationalen nychologie zur Kosmologie
betreffend
Der letzte Saß. daß ich mir felbft nur „Erfcheinung“
bin. glaubt Kant infofern einfchränken zu müffen. als
unfer Bewußtfein vom Ich als der Apperzeption (..der
Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen“) uns
nicht lediglich eine „Erfcheinung“ des Ich gibt; freilich
erkenne ich mich dadurch auch nicht als ..Ding an fich“
(dazu wäre ja eine „intellektuelle“ Anfchauung nötig).
So kommt Kant zu dem Ausweg: ..Dadurch ftelle ich
mich mir felbft. weder wie ich [an fich] bin. noch wie
ich mir erfcheine. vor. fondern ich denke mich nur
458
wie ein jedes Objekt überhaupt) von deffen Art der
Anfchauung ich abftrahiere.“ Wenn ich nun diefes
fpontane Ich (die Apperzeption') als „Subjekt der Ge
danken“ oder als „Grund des Denkens“ bezeichne; fo
bedeuten diefe Worte nicht dasfelbe wie „Subftanz“ und
„Urfache“. Denn diefe Rategorien wurzeln in jenem Ich
und laffen fich „nur auf feine Erfcheinung im innern Sinn
anwenden.
Um dies eigentümliche Ichbewußtfein; das aber das
Ich weder als Erfcheinung noch als Ding an fich ent
hält) zu charakterifieren; greift Aant auch zu der Erklärung:
„Im Bewußtfein meines Selbft beim bloßen Denken bin
ich das Wefen f elbft; von dem mir aber freilich dadurch
noch nichts zum Denken gegeben ift.“ Aber indem ich
das denkende Wefen felbft bin; bin ich offenbar doch
nicht völlig und dauernd nur der Objekte meines Denkens
mir bewußt; fondern ich erlebe mich felbft auch unmittel
bar als denkend. Doch will “tiant dies unmittelbare
Wiffen weder „Anfchauung“ noch „Erkenntnis“ nennen.
Zum Abfchluß gibt er noch einen Ausbli> auf feine
„Ethik“: Denn „uns völlig v. priori in Anfehung unferes
eigenen Daf eins als gefetzgebend und diefe Exiftenz auch
felbft beftimmend vorauszufetzen“ - dazu finden wir
„Veranlaffung“ in unferem fittlichen Bewußtfein. In ihm
fchwebt uns eine (nicht finnlich gegebene) fondern) „in
telligibele“ (freilich nur gedachte) Welt vor, Unfere
Freiheit aber ift das „innere Vermögen“; das „unfere nur
finnlich durchgängig beftimmbare Exiftenz“ in Beziehung
auf jene beffere Welt beftimmen kann und foll. Das
heißt: wir follen uns; die wir auch Raturwefen find)
durch unfere Freiheit zu Bürgern jener idealen fittlichen

A59
Welt. die wirklich werden foll. erziehen, Indeffen das
Bewußtfein des fittlichen Ideals und unferer Freiheit
liefert uns keine theoretifche Erkenntnis unferer Seele als
Ding an fich,

Zweites Hauptftiick. Die Antinomie der reinen


Vernunft
Die Kritik der rationalen pfychologie hat zu dem
Ergebnis geführt. daß fie auf einem Trugfchluß beruht
und keine wirkliche Erkenntnis liefert. Indeffen zeigte fich
bei der Frage. ob die Seele als ..Ding an fich“ materiell
oder fpirituell zu faffen fei. ..der Vorteil ftets auf der
Seite des pneumatismus“ (S. 540 Z. 4. d. h. Spiritua
lismus). Anders fteht es auf dem Gebiet der Kosmo
logie. zu deren Kritik jetzt Kant übergeht. Hier zeigt
fich eine ..ganz natürliche Antithetik“ (Gegenfätzlichkeit)
der menfchlichen Vernunft. Diefe führt entweder zum
Skeptizismus. d. h. der Verzweiflung an der Wahrheits
erkenntnis. oder zu einer trotzig-dogmatifchen parteinahme
für die eine der jeweils widerftreitenden Behauptungen.
Beides bedeutet den ..Tod einer gefunden philofophiett;
der ..dogmatifche Trotz“ würde freilich noch den Vorzug
verdienen; er wäre gleichfam die „Euthanafie“ der reinen
Vernunft (ein fchmerzlofer Tod für fie).

Erfter Abfchnitt. Syftem der kosmologifchen


Ideen
Indem die Vernunft zu einem gegebenen Bedingten
abfolute Vollftändigkeit der Bedingungen fordert. macht
fie die Verftandesbegriffe von den ..Einfchränkungen einer i
(60
möglichen Erfahrung“ frei: es kommt der Vernunft näm
lich nicht darauf an. ob die geforderten Bedingungen
in der Erfahrung gegeben find. fie fetzt fie als „an
fich“ exiftierend voraus. So find die Vernunftbegriffe
(die ..Ideen“) ihrem Inhalt nach nichts anderes als
von aller Einfchränkung befreite. d. h. abfolut gefetzte
oder „zum Unbedingten erweiterte Kategorien“ (S.542
Z. 5f.).
Nur folche Kategorien eignen fich zu diefer Verab
folutierung. die eine Reihe einander untergeordneter Be
dingungen verknüpfen. Und zwar bezieht fich die ge
forderte Vollftändigkeit (Totalität) immer nur auf den
bereits abgelaufenen Teil der Bedingungen; der folgende
gilt nur als „ciabilis“ (S. 545 Z. 5 wörtlich: ..gebbar“.
alfo: möglich).
So geht die Idee der abfoluten Totalität der Be
dingungen. auf die Zeit angewandt. lediglich auf die
vergangene Zeit.
Der Raum macht nicht. wie die Zeit. eine Reihe aus.
Indeffen müffen wir jeden begrenzten Raum als bedingt
anfehen. fofern er andere Räume zu feiner Begrenzung
vorausfetzt. und fo ift auch hier ein Fortgang von Grenze
zu Grenze. bzw. von Raum zu Raum möglich. worauf
die Idee der Totalität angewandt werden kann. - Diefe
Betrachtung fteht unter dem Begriff der Quantität.
Von den Kategorien der Qualität kommt hier in Be
tracht die Realität. Was die ..Realität im Raum“: die
Materie betrifft. fo find hier deren Teile als ihre (inneren)
Bedingungen anzufehen. Man kann alfo eine immer fort
gefeßte Teilung denken. auf die man ebenfalls die Idee
der abfoluten Totalität beziehen kann.
Meffer. Kant-Komm. 44
i6!
Von den Liategorien der Relation eignet fich weder
die der „Subftanz“ noch die der „Gemeinfchaft“ zur Ver
abfolutierung; denn hierbei handelt es fich nicht um eine
Reihe einander untergeordneter Bedingungen. Die Akzi
denzen (Eigenfchaften) find der Subftanz (dem Ding) nicht
untergeordnet; fondern nur die Arten; wie fie exiftiert.
Und die Subftanzen in „Gemeinfchaft“ (d. h. Wechfel
wirkung) find bloße Aggregate (Vielheiten von neben
geordneten Gliedern); fie „haben keinen Exponenten einer
Reihe“1 (S. 545 unten). Es bleibt alfo nur die Rate
gorie der Aaufalität; bei der man nach der Totalität
der Urfachen fragen kann.
Unter den Kategorien der Modalität führt nur die
des Möglichen (Zufälligen) auf eine Reihe von Be
dingungen. Ihr entfpricht die Idee der unbedingten Rot
wendigkeit.
So glaubt Rant; geleitet von der Einteilung der Rate
gorien in vier Gruppen; ein vollftändiges Syftem der
kosmologifchen Ideen abgeleitet zu haben. Sie fordern
ftets „abfolute Vollftändigkeit“ („Totalität“); und zwar:
(. der Zufammenfetzung; 2. der Teilung; 5. der Ent
ftehungzvon Erfcheinungen; 4. der Abhängigkeit des
Dafeins des Veränderlichen („Zufälligen“) in der Er
fcheinung. Diefe kosmologifchen Ideen bezieht Aant nur
auf die „Erfcheinungen/t; nicht auf die „Dinge an fich“)
wie nachher die theologifche Idee.
Beim Suchen nach der „Totalität“ der jeweiligen Reihe

i Exponent ift das befiimmende Glied einer Reihe z. B. in der


Reihe a 29 ue' a0' , . . ift o der Exponent) oder in 2* (: 2 >( 2 >( 2)!
ift 5 der Exponent.
(62
fucht die Vernunft eigentlich das „Unbedingte“. Diefes
kann man fich nun denken als in der ganzen Beihe be
ftehend oder als einen Teil der Beihe. der die übrige
Beihe bedingt. aber felbft unter keiner Bedingung fteht.
Im erfteren Falle denkt man fich die Beihe zwar als
vollftändig gegeben. aber „der Begreffus [das Zurück
gehen] in ihr ift niemals vollendet und kann nur poten
tialiter [der Möglichkeit nach] unendlich genannt werden“
(S. 547 Z, 4ff. von unten). Im zweiten Fall gibt es ein
Erftes. das (je nach den vier Gruppen der verabfolu
tierten Kategorien) fich als Weltanfang oder als (räum
liche) Weltgrenze. als einfache Weltelemente oder als
erfte felbfttätige Urfache (freier Wille) oder als abfolute
Baturnotwendigkeit darftellt.
Die Ausdrücke „Welt“ und „Batur“ gebraucht dabei
Kant nicht in demfelben Sinn. „Welt“ foll bezeichnen
das „mathematifche“ Ganze aller Erfcheinungen. „Batur“ 1
das „dynamifche“ Ganze. Dort werden die Erfcheinungen
lediglich nach ihrer Größe und überhaupt ihrer zahlen
mäßigen Beftimmtheit betrachtet. hier nach ihrem wirk
lichen Dafein (und ihrer Wirkfamkeit).
Die kosmologifchen Ideen beziehen fich auf Erfchei
nungen und find infofern nicht „tranfzendent“. fie werden
es aber dadurch. daß fie eine Vollftändigkeit der Erfchei
nungen (als Bedingungen) bezeichnen. die in der Er
fahrung nie gegeben fein kann,
1 ..Uaturt' ift dabei. wie in der Anmerkung S, 548 auseinander
gefeßt wird. ..fubftantivett oder ..materialiter“ genannt. d. h. als ein
inhaltlich beftimmtes felbfiändiges Ganzes. „Adjektive“ (formaliter)
genommen ift das Wort. wenn die Bat-ur einer Sache beigelegt
wird. wenn man z. B. von der Uatur des Feuers redet.
(63
Zweiter Abfchnitt. Antithetik der reinen
Vernunft
„Dogmatifch“ bedeutet bei Kant nicht bloß den Gegen
faß von kritifch. fondern auch „lehrhaft“. „behauptend“
[vom griechifchen „Dogma“. Lehrfatz]. „Thetik“ (von der
griechifchen Wurzel the und dem Wort Thefis. Satz)
würde ein Syftem von Lehrfäßen ausdrücken. „Antithetik“
könnte gefaßt werden als die im Gegenfaß zu einem folchen
pofitiven Syftem aufgeftellten negativen Behauptungen.
Hier will Kant aber mit ..Antithetik“ beides: die pofitiven
und die negativen Sätze bezeichnen. die. wie er meint.
natürlicherweife aus der Vernunft entfpringen. Darin
befteht eben deren „Antinomie“. ihre innere Gegenfätz
lichkeit.
Kant will nun unterfuchen. ob der Gegenftand diefes
Widerftreites (der in der Metaphyfik feit Iahrtaufenden
fich abgefpielt hat) nicht vielleicht ein ..bloßes Blendwerk“.
ein Scheinproblem fei. Er nennt fein Verfahren die
..fkeptifche Methode“. Er unterfcheidet aber diefen Be
griff fcharf von dem Skeptizismus. Diefer ift nämlich
der einer ..kunftmäßigen und fzientififchen1 Unwiffenheit“
(S. 554 Z. 2f. von unten). d. h. der einer gleichfam zu
einer Kunft und Wiffenfchaft erhobenen Bezweiflung aller
Erkenntnisfähigkeit. Seine ..fkeptifche Methode“ dagegen
fetzt diefe Erkenntnisfähigkeit voraus und geht auf Ge
wißheit. indem fie das Mißverftändnis aufdeckt. aus dem
jener fcheinbar endlofe und notwendige Streit in der
metaphyfifchen Kosmologie entftanden ift. Kant weift
darauf hin. daß diefe ..fkeptifche Methode“ nur in der
k Von dem lateinifchen scientia. Wiffenfchaft.

iöi
„Tranfzendentalphilofophie“ (zu der ja feine „Aritik“
als Vorarbeit gehört) anwendbar ift; aber nicht in der
Mathematik) der „Experimentalphilofophie“ (gemeint ift
die experimentelle Raturwiffenfchaft) und in der Moral
philofophie.

Erfter Widerftreit der tranfzendentalen Ideen


Die Beweife diefer wie der folgenden Antinomien
werden indirekt geführt; d. h. Liant nimmt ftets das
Gegenteil des zu beweifenden Satzes an und zeigt; daß
diefes-unmöglich fei.
Im Beweis der Antithefis (der Gegenbehauptung)
foll gezeigt werden) daß in einer leeren Zeit kein Ent
ftehen irgendeines Dinges möglich fei. Als Grund wird
angeführt: „weil kein Teil einer folchen Zeit vor einem
anderen irgendeine unterfcheidende Bedingung des Da
feins; für die des Richtfeins an fich hat“. Der Sinn ift:
kein Teil einer leeren Zeit hat etwas vor dem anderen
voraus; keiner unterfcheidet fich von einem anderen derart;
daß er eine „Bedingung des Dafeins“ (jenes neu ent
ftehenden Dinges) enthielte „für“ eine (ftatt einer) des
Üichtfeins.
Im Beweis des zweiten Teils der Antithefis wird von
dem Satz Anwendung gemacht; der bereits in der „tran
fzendentalen Afthetik“ (S. 54 ff.) bewiefen worden ift; daß
der Raum felbft („der leere ,Raum“) nichts Wirkliches
ift. Der Raum ift „gar kein Gegenftand; fondern nur
die Form möglicher Gegenftändett; er exiftiert alfo für
fich (als abfolut „leerer“) fo wenig; wie z.*B. die Form
eines pferdes; abgefehen von wirklichen errden; exiftiert.
Kur innerhalb der Welt kann von (relativ) leeren Räumen
(65
l
gefprochen werden. die durch Erfcheinungen begrenzt find.
Aber ein leerer Baum. der als folcher das Weltganze
begrenzt. ift eine haltlofe Fiktion. (Entfprechendes gilt für
die Zeit.)
Gibt man dies zu. fo muß man der Antithefis zu
ftimmen: ..Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen
im Baum. fondern ift fowohl in Anfehung der Zeit als
des Baumes unendlich“.
Man kann diefer ..Konfequenztt (Folgerung) nur da
durch ausweichen. ..daß man ftatt einer Sinnenwelt [auf
die fich doch die Antinomien beziehen] fich. „wer (weiß
welche. intelligible Welt gedenkt“ (S. 559 Z. 6 f. von unten).
und ftatt ..der Grenze der Ausdehnung Schranken des
Weltganzen“. Kant unterfcheidet diefe beiden Begriffe in
feiner Schrift „prolegomena“ Z 57 (S. (59) alfo: ..Grenzen
(bei ausgedehnten Wefen) fetzen immer einen Baum1
voraus. der außerhalb einem gewiffen beftimmten platze
angetroffen wird und ihn einfchließt; Schranken bedürfen
dergleichennicht. fondern find bloße Verneinungen. die
eine Größe affizieren“. fofern fie nicht abfolute Voll
ftändigkeit hat.“
Eine ..intelligible Welt“ kann man fich ..eingefchränkt“
denken. aber nicht „begrenzt“. Im letzteren Falle denken
wir fie nämlich in Zeit und Baum; wir denken alfa
tatfächlich die phänomenale. Mit diefer phänomenalen
Welt aber. die uns allein als wirklich gegeben ift. haben
wir es bei diefen „Antinomien“ zu tun. Sie aber kann
nicht durch leeren Baum und leere Zeit begrenzt fein.

k Entfprechendes gilt für Grenzen von Zeitftrecken.


k Hier foviel wie „einfchränken“.

(66
weil dies beides „Undinge“ wären; fie muß deshalb als
zeitlich und räumlich unendlich gedacht werden. (Freilich
wird ebenfo ftreng die Thefis bewiefen. daß die Welt
nach Zeit und Raum „in Grenzen eingefchloffen ift“.)
Zweiter Widerftreit der tranfzendentalen Ideen
In der ..Anmerkung zur Thefis“ unterfcheidet Kant
das „Ganze“ als Zufammengefetztes (..Kompofitum“) von
dem einheitlichen Ganzen („Totum“). Ein Kompofitum
befteht aus Teilen fubftanzieller Natur. d. h. folchen. die
auch für fich beftehen können; ein Totum dagegen aus
Teilen. die nur im Ganzen möglich find. wie wir z. B.
die einzelnen Räume uns nur in dem einen. allumfaffen
den Raum denken können: diefer befteht alfo nur in Ge
danken. nicht in Wirklichkeit aus Teilen (er ift ein Corn
positurn icieale. nicht reale).
Die einfachen Teile. aus denen nach der „Thefis“ die
zufammengefetzten Subftanzen beftehen. würde man am
beften „Atome“1 nennen. Da diefes Wort .aber fchon
für die Teile der Moleküle verwendet wird. alfo eine
beftimmteBedeutung innerhalb der Erfahrungswiffen
fchaft hat. fo will Kant hier die allgemeine Thefe. daß
die Welt aus „einfachen“ Teilen beftehe. als den Grund
fatz der ..Monadologie“ bezeichnen. Er ift fich dabei be
wußt. daß Leibniz bei der Verwendung des Wortes
Monas (Einheit) wohl nicht an das Einfache. fofern es
Teil von Zufammengefetztem ift. gedacht hat. fondern
an das. was unmittelbar als einfache Subftanz gegeben
ift (wie Leibniz es vom Ich vorausfetzte).
l Vom griechifchen Atomen : das Unteilbare. (Kant verwendet
S. 566 die lateinifche Form Atomus.)
467
In der „Anmerkung zur Antithefis“ (S. 565ff.) weift
Aant folche Anhänger der Monadenlehre („Monadiften“)
zurück; die neben den wirklich einfachen „mathematifchen“
Punktenl fich „phyfifche“ punkte denken; die zwar auch
„einfach“ (unzufammengefetzt und unteilbar) fein ; aber
doch durch ihre „Aggregation“ (Anhäufung) Raum er
füllen follen.
Liant meint; daß hier die Vhilofophie mit der Ma
thematik „fchikaniere“ (händel anfange). Das tue fie
aber nur; weil fie vergeffe; daß man es in *diefer ganzen
Frage doch nur mit „Erfcheinungen“ zu tun habe, Diefe
aber feien in der Anf chauung gegeben; mithin müßten
auch ihre angeblich „einfachen“ Teile; jene „phyfifchen
punkte/t; fich in der Anfchauung geben laffen. Das aber
ift unmöglich; .weil alle Anfchauungen in Raum und
Zeit find; von diefen aber laffen fich keine letzten „ein
fachen“ Teile aufweifen.
Rein verftandesmäßig laffen fich natürlich zu jedem
Zufammengefeßten einfache Teile denken„ aber in unferem
Vroblem handelt es fich um das fubftanzielle Ganze in
der Erfcheinung (toturn substantiaio pbainornenon).
Uber die Befchaffenheit folcher Ganze entfcheide nicht
das bloße Denken; fondern die Anfchauung müffe dabei
berückfichtigt werden.

Dritter Widerftreit der tranfzendentalen Ideen

Der Streitpunkt ift nicht der; ob Aaufalität allgemein


gelte oder nicht; fondern ob alles nach Uaturkaufalität

l Solche find nur „Grenzen“ von Ausdehnungen.

(68
gefchehe oder ob es daneben auch eine ..Kaufalität durch
Freiheit“ (d. h. freie Urfachen) gäbe.
In dem Beweis für die Thefis (welche die Freiheit
behauptet) heißt es: Herrfchte nur Baturkaufalität. fo
gäbe es nur ..fubalterne“. d. h. ..unter anderen ftehende“.
alfo durch vorhergehende Urfachen bedingte Anfänge;
mithin wäre die Beihe der Urfachen nie vollftändig;
mithin müßte eine abfolute ..Spontaneitättf (Selbfttätig
keit) der Verurfachung. mithin die Exiftenz freie r Urfachen
angenommen werden.
Der Beweis der Antithefis legt den Bachdruck darauf.
daß die Vorausfetzung der Freiheit foviel wäre wie die
Vorausfetzung von Gefetzlofigkeit. Wenn aber keine Ge
fetze ausnahmslos gelten. gibt es keine „Batur“ und keine
Erfahrungserkenntnis von derfelben. Freiheit kann darum
auch in der Erfahrung nie angetroffen werden und ift
mithin ..ein leeres Gedankending“ (S, 57( Z. 8).
In der ..Anmerkung zur Thefis der dritten Anti
nomie“ heißt es. die tranfzendentale Idee der Freiheit
„mache bei weitem nicht den ganzen Inhalt des pfycho
logifchen Begriffs diefes Bamens [Freiheit]. welcher großen
teils empirifch fei“ (S. 570 Z. 5ff. von unten). Da der *
Begriff „Freiheit“ erft beftimmtere Bedeutung gewinnt
durch die Angabe. was frei ift und wovon es frei ift.
f0 kann der Freiheitsbegriff mannigfachen Sinn annehmen.
Man kann in der pfychologie das Han d eln des Menfchen
frei nennen. wenn es durch fein eigenes Wollen und nicht
durch fremdes verurfacht ift; man kann fein Wollen
frei nennen. wenn es durch eigene Begehrungen bei nor
maler Gemütslage verurfacht ift und infofern frei _von
krankhaften Zuftänden oder ungewöhnlichen Affekten zu
(69
ftandekommt. Solche „Freiheit“ unter pfychologifchem Ge
fichtspunkt ift aber aufs befte vereinbar mit der Voraus
feßung. daß alles Gefchehen. auch das feelifche. unter
Naturkaufalitätfiehe. Dief e Freiheit bejaht auch der
..Determinift“. der dabei die ..Antithefis“ vertritt: ..Es
ift keine Freiheit. fondern alles in der Welt gefchieht
lediglich" nach Gefeßen der Natur“. alfo auch das Wollen
ift naturgefetzlich notwendig (d. h. ..determiniert“).
Was alfo Kant in der „Thefis“ behauptet. ift nicht
diefe mit der Naturkaufalität vereinbare determiniftifche
Freiheit. fondern die mit ihr unvereinbare ..indetermi
nif tif ch e“ '. Diefe bleibt freilich für uns. wie Kant offen
einräumt. ein Rätfel. Er macht aber mit Recht darauf
aufmerkfam. daß wir auch „die Möglichkeit. wie durch
ein gewiffes Dafein das Dafein eines andern gefetzt werde.
auf keine Weife' begreifen“ (S. 572 Mitte). Es ift diefe
Bemerkung für das richtige Verftändnis der „Kritik“
fehr bedeutfam. Nach Kant begreifen wir zwar. daß der
Kaufalfatz wie die anderen apriorifchen Grundfätze „Be
dingungen möglicher Erfahrung“ find. d. h. daß fie zum
Wefen der Erfahrung gehören. und daß nur dann Er
fahrungserkenntnis möglich und begreiflich ift. wenn fie
gelten. aber wie diefe apriorifchen Grundfätze felbft mög
lich find. können wir nicht einfehen. Die fynthetifchen
Urteile a priori. um die fich Kants ganze „Kritik“ dreht.
find alfo keine ..evidenten“. aus fich als gültig einleuch
tenden Grundfätze (Axiome). wie etwa der Identitätsfaß.
1 Sie fcheint ihm aus fittlichen Gründen unerläßlich. um die
„Imputabilität“ (S. 570 unten). d. h. Zurechenbarkeit der Hand
lungen zu rechtfertigen. Vgl. meine Schrift „Das problem der Willens
freiheit“. 2. Aufl.. Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 4948.
470
fondern felbft etwas Faktifches; wenn man will „Irratio
nales“; fofern fie weder in fich evident; noch aus all
gemeineren Sätzen rational abgeleitet werden können.
Sie ftehen zwar wie die Aategorien; die fie enthalten;
unter der urfprünglichen „Apperzeptionth formulieren
gleichfam deren Funktionsweifen; laffen fich aber aus ihr
nicht logifch ableiten.
In der „Anmerkung zur Antithefis“ werden die
determiniftifchen Leugner der Freiheit Verteidiger der
„tranfzendentalen Vhyfiokratie“ genannt; d. h. aus tran
fzendentalen (erkenntnistheoretifchen) Erwägungen be
haupten fie die Alleinherrfchaft der „Ratur“ (Vhyfis);
nämlich der Raturkaufalität.
Von ihrem Standpunkt aus wird auch erklärt: felbft _
wenn indeterminiftifche Freiheit „nachgegeben“ (d. h. zu
gegeben) werde; fo müffe fie lediglich „außerhalb der
Welt“ angenommen werden; denn bei Annahme freier
Urfachen innerhalb der Welt (z. B. frei wollender Men
fchen) werde der ftreng gefetzmäßige Zufammenhang der
Erfcheinungen; den man „Uatur“ nenne; größtenteils1
verfchwinden und damit „das Merkmal empirifcher Wahr
heit; welches Erfahrung von Traum unterfcheide“ (S. 575
Z. 9). Daß eben eine Erfcheinung unter die bekannten
Äaturgefetze fich unterordnen läßt (und zugleich felbft
empfunden wird oder in Zufammenhang mit Empfin
dung fteht)) charakterifiert fie als „wirklich“ und gibt auch
die Möglichkeit; Wirklichkeit („Wahrheit“) und Traum
zu unterfcheiden.

u. 1 kfier läßt klaut die Vertreter des Determinismus fich wohl eine
Ubertreibung gefiatten.

i7i
Vierter Widerftreit der tranfzendentalen Ideen

Die Anmerkung S. 574 zum Beweis der ..Thefis“ ift


befonders lehrreich für das Verftändnis des u priori und
des Sinns feines ..Vorhergehens“ vor der Erfahrung:
..Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Mög
lichkeit der Veränderungen vor diefer [der Veränderung]
objektiv [logifch-fachlich betrachtet] vorher i. allein fubjektiv
und in der Wirklichkeit des Bewußtfeins [alfo pfycho
logifch betrachtet] ift diefe Vorftellung [der Zeit] fowie
jede andere durch Veranlaffung der Wahrnehmungen
gegeben.“ Entfprechendes gilt für die apriorifchen Ele
mente überhaupt. Daß fie apriorifchen Charakter haben.
daß fie logifch ..vorausgehen“. daß fie „Bedingung“ der
Erfahrung. ihre konftituierenden Elemente find (zu ihrem
Wefen gehören). verträgt fich fehr wohl damit. daß fie
relativ fpät zum Bewußtfein kommen.
In der ..Anmerkung zur Thefis“ unterfcheidet Kant
diefen (kosmologif chen) Beweis für die Exiftenz eines
zur Welt gehörigen. abfolut notwendigen Wefens von
dem Beweis ..aus der bloßen Idee eines oberften aller
Wefen überhaupt“. den er fpäter im dritten Hauptftück
S. 468ff. erörtert. Erft dort. beim fogenannten onto
logifchen Beweis Gottes. handelt es fich um eine wirk
lich ..tranfzendente“ philofophie (S. 578). während die
Kosmologie. mit deren Kritik er jetzt noch befchäftigt.
fich im Bereich der Erfcheinungen hält und nur dadurch
fehlgreift. daß fie deren abfolute Vollftändigkeit als ge
geben anfieht. Wenn man aber die Beihe der ..empirifch
1 Sofern ohne „Zeit“ keine „Veränderung“ denkbar ift; der
legtere Begriff alfo den Begriff „Zeit“ vorausfetzt. -

(72
beftimmenden“ Urfachen und damit die der Erfcheinungen
verläßt und fich eine ..fchlechthin-notwendige“ (S. 580
Z. 2) Urfache zum Abfchluß denkt. fo ift das ein ..Ab
fprung“ (eipe ..Metabafis eis allo genos“. d. h. ein un
erlaubter Ubergang in eine andere Gattung). nämlich
vom Erfcheinungsmäßigen (Vhänomenalen) ins bloß
Gedachte (Intelligible). .
Der in der ..Anmerkung zur Antithefis“ erwähnte ..Herr
von Mairan“ (S. 584) war ein angefehener franzöfifcher
Naturforfcher und Schriftfteller, Er lebte 4678-47441.

Dritter Abfchnitt. Von dem Intereffe der


Vernunft bei diefem Widerftreit
Kant hat die kosmologifchen Thefen und Antithefen
„in trockenen Formeln“ vorgeführt und bewiefen. Er
betont jetzt nochmals. daß es fich dabei um probleme
handle. die den Menfchen aufs tieffte ergreifen und ..um
deren Auflöfung -der Mathematiker gern feine ganze
Wiffenfchaft dahingäbe“ (S. 585). Ehe er nun den Ur
fprung diefes Zwiefpaltes der Vernunft mit fich felbft
aufdeckt. ftellt er die Erwägung an. welcher der ftreitenden
Varteien man wohl ..am liebften“ recht geben möchte.
Es zeigt fich nämlich. daß es fich bei den vier Anti
nomien tatfächlich nur um zwei Darteien handelt. denn
allen Thefen liegt ..Dogmatismus“. allen Antithefen
„Empirismus“ zugrunde. Die Thefen gehen nämlich über
den Bereich der Erfahrung ins intelligible Gebiet (der
..Dinge an fich“) und verfahren infofern „dogmatifch“
l Näheres über ihn in der idiom-elle Biographie gönärale von
bir-min Diäot tröres AKKU Spalte 935 ff. (parisd4865).

475
(unkritifch); die Antithefen halten fich grundfätzlich im
Bereich der Erfahrung; kennen nichts als diefe; find alfo
empiriftifch und widerlegen die dogmatifchen „Thefen“
ftets durch den Gedanken; daß fie Erfahrung unmöglich
machen würden oder jedenfalls durch Erfahrung nicht
beftätigt werden könnten.
Gleichwohl fcheinen fehr gewichtige Gründe die An
nahme der T hefen zu empfehlen. Erftens daß die Welt
einen Anfang habe; daß die Seele „einfach“ und darum
unfterblich und daß mein Wille frei fei; daß endlich ein
göttliches Urwefen exiftiere; alle diefe Sätze gelten als
notwendige Grundlagen der Moral und Religion;
entfprechen alfo unferem praktif chen Intereffe.
Zweitens daß die Thefen aus der nie endenden Reihe des
Bedingten heraus zu einem Unbedingten führep; gibt ihnen
auch für unfer f pekulatives Intereffe ein Ubergewicht,
Drittens daß man mit dem Schritt zum Unbedingten
zu einem Abfchluß kommen müffe; leuchtet auch dem
„gefunden Menfchenverftand“ ein. Die Thefen haben
darum noch den Vorzug der Vopularität.
Für die „Antithef en“ dagegen fpricht erftens kein
praktif ches Intereffe. Ia wenn es keinen Gott; keine
Willensfreiheit und keine Unfierblichkeit gibt) „fo ver
lieren auch die moralifchen Ideen und Grundfätze
alle Gültigkeit“ (S. 586 Mitte). So fchroff hat Aant
fpäter in feinen ethifchen Schriften nicht geurteilt. Viel
mehr hat er dort - mit Recht - betont; daß die fitt
lichen Rormen ihre Geltung nicht einbüßen würden;
wenn es' auch keinen Gott und keine Unfterblichkeit gäbe.
Die Freiheit freilich hat er auch dort für die notwendige
Vorausfetzung aller Moralität erklärt. Auch hat er daran
i747(
feftgehalten. daß der fittliche Menfch mit einer gewiffen
inneren Unausweichlichkeit zum Glauben an Gott und
Unfterblichkeit kommen werde'.
Zweitens unter fpekulativem (d. h. theoretifchem) Ge
fichtspunkt dagegen ftellt fich doch bei näherer Betrach
tung der Empirismus als der überlegene heraus. Er
bleibt im Bereich ..ficherer und faßlicher Erkenntnis“.
wo er feinen jeweiligen Gegenftand fowohl an fich felbft.
als in feinen Verhältniffen. der Anfchauung darftellen|
oder fich nach Analogie des anfchaulich Gegebenen vor
ftellen kann. So bleibt der Empirift dabei. wirklich „zu
beobachten und den Baturgefetzen gemäß zu forfchen“.
ftatt bloß ..zu denken und zu dichten“ (S. 587 oben).
Wenn fich nun der Empirift damit begnügte. den ..Vor
witz und die Vermeffenheit“ der Vernunft. die mit ..Ein
ficht und Wiffen“ von Dingen jenfeits der Erfahrungs
grenzen groß tut. abzuwehren. fo wäre feine Stellung
nahme zu billigen, Er würde uns dann auch die Mög
lichkeit laffen. Freiheit ..vorauszufetzent' und an Gott und
Ienfeits zu „glauben“.
Meift aber geraten die Vertreter des Empirismus felbft
in einen unkritifchen Dogmatismus und verneinen dreift
alles. was über die Grenze der finnlichen Anfchauung
und damit der Erfahrung hinausgeht. Dadurch aber ver
urfachen fie dem praktifchen (moralifch-religiöfen) Intereffe
der Vernunft ..einen unerfetzlichen Bachteil“ (S. 588 Z. 5
von unten).
l Vgl. mein Buch ..Kants Ethik“ (Leipzig (904. Veit und Comp.).
2 Mit dem „Gegenftand an fich felbft“ ift nicht etwa ..das Ding
an fich“ gemeint. fondern der erfcheinende Gegenftand felbfi im
Unterfchied von feinen „Verhältnifien“ zu anderen Gegenftänden.

(75
Als hiftorifchen Vertreter des Dogmatismus (der The
fen) erwähnt Kant hier Vlato (427-547). als folchen
des Empirismus (der Antithefen) Epikur (544-270).
In der „Anmerkung“ (S. 588) erklärt er es für möglich.
daß Epikur nicht felbft in die unkritifch-dogmatifche Form
des Empirismus verfallen fei und daß er feine Grund
fäße lediglich „als Maximen des fpekulativen Gebrauchs
der Vernunft aufgeftellt habe“. d. h. als Leitgedanken
der Forfchung. wie Kant felbft fpäter dies unter der Be
zeichnung ..regulative Riaxime“ tut.
Daß endlich der Empirismus der Antithefen nicht po
pulär fei. zeigt Kant mit pfychologifchen Gründen. die
beweifen. wie gering er in theoretifcher Hinficht den ..ge
funden Menfchenverftand“ einfchätzt. (Auf praktifch-fitt
lichem Gebiet urteilt er über ihn weit günftiger.)

Vierter Abfchnitt. Von den tranfzendentalen


Aufgaben der reinen Vernunft. infofern fie
fchlechterdings müffen aufgelöfet werden können
In der Naturwiffenfchaft handelt es fich um die Er
klärung von Erfcheinungen. deren Form (Raum. Zeit.
Kategorien) zwar aus unferem Geifte ftammt. deren In
halt aber. wie er fich ,in den Empfindungen darftellt.
auf einen außergeiftigen Faktor (..Ding an fich“) zurück
geführt werden muß. Da uns diefer gänzlich unbekannt
bleibt. fo ift es begreiflich. daß auch für die Naturfor
fchung viele Fragen unlösbar bleiben.
Anders in der Tranfzendentalphilofophie. Hier haben
wir es nicht. auch nicht mittelbar. mit außergeiftigen Ge
genftänden zu tun. fondern lediglich mit felbftgefchaffenen
476
Begriffen. Die Fragen) die in Beziehung auf fie fich uns
aufdrängen/ müffen fich darum auch beantworten laffen.
In den kosmologifchen Fragen (und zwar nur in diefen)
kann die Tranfzendentalphilofophie fogar folche pro
bleme löfen; die fich nicht bloß auf Begriffe; fondern auch
auf Gegenftände beziehen. Denn hier/„muß der Gegenftand
empirifch gegeben1 fein; und die Frage geht nu'r auf die
Angemeffenheit derfelben mit einer Idee“ (S. 596 unten).
Wo die Fragen fich hier auf „tranfzendentale“ (tran
fzendente; jenfeits der Erfahrung liegende) Gegenftände
wie „die Seele“ (als „Ding an fich“) oder die Gottheit
fich beziehen; fo können wir wenigftens die Antwort geben;
„daß die Frage felbft nichts fei; darum; weil kein Ge
genftand derfelben gegeben worden“ (S. 595 Anm.). Hier
ift alfo „keine Antwort“ doch „eine Antwort“.
Die kosmologifchen Fragen entftehen dadurch; daß wir
die Idee von der abfoluten Vollftändigkeit der Synthefis
(Erfaffung) der Erfcheinungen faffen. Sie müffen fich alfo
beantworten laffen; dadurch daß wir klar darüber werden;
welches die wahre Bedeutung diefer Idee ift.
Ahnlich wie die Tranfzendentalphilofophie müffen auch
reine Mathematik und reine Moralphilofophie alle zu
ihnen gehörigen Fragen (quaostionos (iomostioae; wört
lich: in ihnen „heimifche“ Fragen) auflöfen können; wenig
ftens grundfätzlich/ wenn auch die tatfächliche Auflöfung
vielleicht noch nicht gefunden ift. Oder aber es muß die
Unmöglichkeit der Auflöfung klar erkannt werden. So
hat Ioh. Heinrich Lambert ((728-(777) dies geleiftet
bezüglich des problems; „das Verhältnis der Durchmefi'er
' Die Aosmologie hält fich ja; wie öfter bemerkt) im Bereich der
krfcheinungen. .
"effer, ?tant-Komm. _ , (2
(77
zum Kreis ganz genau in Bational- oder Irrational
zahlen 1 auszudrücken“. Für die Moralphilofophie gilt nach
Kant Entfprechendes. weil nach feiner Anficht die mora
lifchen Begriffe und Gefetze nicht der Erfahrung. fondern
unferer eigenen Vernunft entftammen.
S0 können wir alfo einer Auflöfung der kosmologifchen
probleme nicht mit irgendwelchen befcheiden klingenden
Ausflüchten über ..die engen Schranken unferer Vernunft“
(S. 544 unten) ausweichen; ..denn alle diefe Fragen be
treffen einen Gegenftand. der nirgend anders als in
unferen Gedanken gegeben werden kann. nämlich die
fchlechthin unbedingte Totalität der Synthefis der Er
fcheinungen“ (S. 595 Z. (0ff.). „In der Erfahrung ift
uns immer nur ein ..komparatives All“ (eine relative
Totalität). nie ein abfolutes gegeben. mag diefe Totalität
nun die (räumliche oder zeitliche) Größe der Welt. oder
die Teilung (in „einfache“ Beftandteile). oder ihre ..Ab
ftammung“ (Verurfachung). oder die ..Bedingung ihres
Dafeins“ (das ..Wefen aller Wefen“) betreffen.
Man muß alfo nur die ..Amphibolie“(Verwechfelung)
verhüten. welche die Idee (der abfoluten Totalität) ..zu
einer vermeintlichen Vorftellung eines empirifch Gegebenen
und alfo auch nach Erfahrungsgefetzen zu erkennenden
Objekts macht“.
Hiermit deutet Kant die eigentliche Wurzel diefer kos
mologifchen probleme an: man faßt irrig diefe Idee der
1 Alle ganzen Zahlen und die durch Addition. Multiplikation.
potenzierung. Subtraktion und Divifion daraus hervorgehenden
Zahlen heißen „rational“. die ..irrationalen“ entfiehen durch Badt
kation (Wurzelziehen). Es find folche. die fich nicht durch einen Bruch.
deffen Zähler und Benner ganze Zahlen find. darfiellen laffen.

(78
abfoluten Vollftändigkeit auf als Begriff eines „ge
geb enen“ Objekts. während fie - wie Kant noch zeigen
wird - lediglich als Begriff eines ..Aufgegebenen“.
eines zu erftrebenden Ziels angefehen werden darf 1. So
erfolgt alfo die kritifche Löfung der kosmologifchen pro
bleme ..nicht objektiv“ (S. 597 Z. 5). d. h. nicht durch
Unterfuchung irgendwelcher Objekte (Gegenftände); denn
die abfolute Totalität ift 'uns ja nie als Gegenftand ge
geben. fondern durch Aufdeckung des ..Fundaments der
Erkenntnis. worauf die Frage gegründet ift“. d. h. durch
den Nachweis. daß dies problem aus einem Erkenntnis
element (Idee der Totalität) entfpringt,

_ FünfterAbfchnitt. Skeptifche
Vorftellung der kosmologifchen Fragen durch
alle vier tranfzendentalen Ideen
Ehe Kant an feine eigene Auflöfung der kosmologi
fchen probleme geht. zeigt er noch kurz. daß fowohl bei
bejahender wie bei verneinender Beantwortung derfelben
etwas ..Sinnleeres“ herauskommt. Dadurch werden wir
veranlaßt zu unterfuchen. ob nicht in der Frageftellung
felbft ein Fehler fteckt. Kant bezeichnet diefes fkeptifche
(d. h. kritifche) Verfahren als ein „Katarktikon“ (reini
gendes Arzneimittel).
Wir treffen in diefem Abfchnitt den grundlegenden
Satz an: ..Mögliche Erfahrung ift das. was unferen
Begriffen allein Realität [objektive Gültigkeit] geben kann;
ohne das ift aller Begriff nur Idee. ohne Wahrheit und
ohne Beziehung auf einen Gegenftand.“
1 Vgl. oben S. 444 ff.

479
Diefe fcharfe Scheidung von „Begriff“ und „Idee“ läßt
vermuten; wo der Urfprung der kosmologifchen Schein
probleme liegt: die „Idee“ (der Totalität) wird irrig für
einen „Begriff“ (eines Erfahrungsgegenftandes) gehalten.
Sechfter Abfchnitt. Der tranfzendentale
Idealismus als der Schlüffel zur Auflöfung der
kosmologifchen Dialektik
Rant findet die Auflöfung der kosmologifchen Dro
bleme in feiner Lehre vom Erfcheinungscharakter alles
deffen„ was uns in der äußeren und inneren Wahrnehmung
gegeben ift; alfo in feinem „tranfzendentalen“ oder „for
malen“ Idealismus. Er grenzt ihn bei diefer Gelegen
heit nochmals fcharf ab; fowohl gegen den tranfzenden
talen Realismus; der in den „Erfcheinungen“ „an fich
fubfiftierende [unabhängig exiftierende] Dinge“ (S. 40()
fieht; als auch gegen den „materialen“ Idealismus; der
die Exiftenz der körperlichen Welt bezweifelt oder leugnet.
Der Begriff der „Gegenftände der Erfahrung“ wird
in diefem Zufammenhang in bedeutfamer Weife erläutert.
Er umfaßt nicht nur das; was tatfächlich menfchlicher
Wahrnehmung gegeben ift; fondern auch das; worauf
„wir in dem möglichen Fortfchritt der Erfahrung treffen
könnten“. Zur Begründung wird an die fchon früher
(S. 202) vorgetragene Definition von „wirklich“ erinnert:
„Alles ift wirklich; was mit einer Wahrnehmung nach
Gefeßen des empirifchen Fortgangs in einem 'tiontext
(Zufammenhang) fteht“ (S. 402 Z. 4f. von unten). Hier
lefen wir auch den für das Verftändnis Liants wichtigen
Satz: „Vor der Wahrnehmung eine Erfcheinung ein wirk
liches Ding nennen; bedeutet entweder) daß wir im Fort
(80
gang der Erfahrung auf eine folche Wahrnehmung treffen
müffen. oder es hat gar keine Bedeutung. Denn daß
fie an fich felbft. ohne Beziehung auf unfere Sinne und
mögliche Erfahrung. exiftiere. könnte allerdings gefagt
werden. wenn von einem Ding an fich felbft die Bede
wäre. Es ift aber bloß von einer Erfcheinung im Baum
und der Zeit. die beides keine Beftimmungen der Dinge
an fich felbft. fondern nur unferer Sinnlichkeit find. die
Bede.“ Und wieder wird der Gedanke herausgearbeitet.
an deffen Erfaffung eigentlich das ganze Verftändnis *
der „Kritik“ hängt: daß „Gegenftand“ für die tranfzen
dentale Betrachtung nichts weiter bedeutet als der gefetz
mäßige Zufammenhang von Erfcheinungen (Vorftel
lungen). „Gegenftand“ ift alfo weder das handgreiflich
gegebene. brutale. maffive „Ding“ des naiven Bealismus
(und damit des ..gefunden Menfchenverftands“). noch das
..Ding an fich“. Ein folches wird auch hier nicht geleugnet;
es wird nur wieder betont. daß es als ..die nicht-finnliche
Urfache unferer Vorftellungen“ uns gänzlich unbekannt
bleibt. weil wir nur in Baum und Zeit anfchauen können.
Aber die folgenden Sätze zeigen wieder. daß man Kant
nicht zutreffend erläutert. wenn man aus ihm ..das Ding
an fich“ völlig wegerklären und ihn zum reinen Idealiften
ftempeln will (wie das fchon Fichte wollte). Kant erklärt hier
(S. 405 Z. 4ff. von unten): ..Wir können die bloß intel
ligible Urfache der Erfcheinungen überhaupt. das tran
fzendentale Objekt nennen. bloß damit wir etwas haben.
was der Sinnlichkeit als einer Bezeptivität korrefpondiert.
Diefem tranfzendentalen Objekt können wir allen Um
fang und Zufammenhang unferer möglichen Wahrneh
mungen zufchreiben und fagen: daß es vor aller Erfah
l8(
rung an fich felbft gegeben fei.“ Da für das ..Ding an
fich“ die Zeit nicht gilt. fo kann dies „vor“ nicht zeitlichen
Sinn haben. fondern muß eine fachliche Vorausfeßung
bedeuten. D. h.: das Ding an fich ift ebenfogut Voraus
fetzung (Bedingung) möglicher Erfahrung wie die aprio
rifchen Formen (Raum. Zeit und Kategorien). da von
ihm die Empfindungen herrühren. die erft mit jenen
Formen zufammen die Gegenftände der Erfahrung und
damit die Erfahrung felbft möglich machenk. Daß aber
Kant fo beharrlich die Empfindungen als verurfacht durch
Dinge an fich. und unfere Empfindungsfähigkeit (Sinn
lichkeit) als ..Rezeptivität“ (paffive Empfänglichkeit) charak
terifiert. das wird ihm doch wohl durch das unmittelbar
erlebte Wefen der Empfindungen und Wahrnehmungen
aufgenötigt. In ihnen wird eben mehr erlebt als ihr

1 Der realifiifche Charakter der Kantfchen Erkenntnistheorie durch


Betonung der Exiftenz der Dinge an fich tritt in den ..prolego
menu“ befonders hervor. da Kant idealifiifche Mißverftändniffe
abwehren wollte. Vgl. 3.8. S. 64 67f. 74 75 400 120f. 457f.
Die idealiftifchen Ausleger Kants fehen fowenig wie im ..Ding
an fich“ im „tranfzendentalen Objekt“ etwas unabhängig von der
Erkenntnis exiftierendes Reales; fie faffen beides als Idee; nämlich
als die „ewige Aufgabe“ der Erkenntnis. der diefe immer mehr
fich anzunähern habe. - Aber der Sinn der Erkenntnis bleibt doch
ftets die Erfaffung eines vom erkennenden Subjekt unabhängig
exiftierenden Gegenfiands. Ll'tag die erfchöpfende Erfaffung eine nie
völlig zu löfende Aufgabe fein: ein Fortfchritt der Erkenntnis kann
doch nur darin beftehen. daß wir diefer Löfung uns mehr annähern.
So ift diefe Löfung der Erkenntnisaufgabe leitende „Idee“ fiir unfer
Erkenntnisfireben. aber der Gegenftand (das „Ding an fich“) wird
dariiber nicht felbft zur bloßen Idee. wie die Idealiften meinen.
Der Gegenftand bleibt ja. wie er ift; ihm ift unfer Erkenntnisftreben
gewifiermaßen gleichgültig. (Vgl. oben S. 4J).
482
Was; ihr Inhalt (wie blau; füß ufw.); fie tragen das
evidente Gepräge des uns Gegeben- oder gar Aufgenötigt
feins durch einen von uns verfchiedenen und unabhängigen
Faktor; eben das Ding an fich.
Von ihm macht auch Liant Gebrauch; um das Ver
gangene; foweit es von Menfchen nicht gerade vorgeftellt
wird; gleichfam unterzubringen; denn es widerftrebt uns
natürlicherweife anzunehmen; daß ihre (vergangene) Wirk
lichkeit lediglich in unferen Erinnerungsvorftellungen
beftehe. „So kann man fagen: die wirklichen Dinge der
vergangenen Zeit find in dem tranfzendentalen Gegen
ftande der Erfahrung gegeben.“ Freilich muß auch hier
wieder hinzugefügt werden: „fie find aber für mich nur
Gegenftände und in der vergangenen Zeit wirklich; fofern
als ich mir vorftelle; daß eine regreffive Reihe möglicher
Wahrnehmungen (es fei am Leitfaden der Gefchichte
oder an den Fußtapfen der Urfachen und Wirkungen)
nach empirifchen Gefetzen; mit einem Worte; der Welt
lauf auf eine verfloffene Zeitreihe als Bedingung der
gegenwärtigen Zeit führet; welche alsdann nur in dem
Zufammenhang einer möglichen Erfahrung und nicht
an fich f elbft als wirklich vorgeftellt wird“ (S. 404)'.
l Lehrreich ift das von Aant S. 405 angeführte Beifpiel: „Es
ift auch im Ausgange ganz einerleh 0b ich fage: ich könne im empi
rifchen Fortgang im Raum auf Sterne treffen; die hundertmal weiter
entfernt find als die äußerfien; die ich fehe: oder ob ich fage; es
find vielleicht deren im Weltraume anzutreffen; wenn fie gleich
niemals ein Menfch wahrgenommen hat oder wahrnehmen wird:
denn; wenn fie gleich als Dinge an fich felbft. ohne Beziehung auf
mögliche Erfahrung iiberhaupt gegeben wären: fo find fie doch für
mich nichts; mithin keine Gegenftände) als fofern fie in der Reihe
des empirifchen Regreffus (Riick- bzw. Fortgang) enthalten find.“

(85
Als „wirklich“ dürfen eben nur Erfahrungsinhalte be
zeichnet werden. da die Kategorie „Wirklichkeit“ (wie alle
anderen Kategorien) nur innerhalb der Erfahrung Er
kenntnis liefert. * "
So fehr ich alfo berechtigt bin. mir ein Ding an fich
zu denken. fo darf ich dies doch nicht identifizieren mit
dem Inbegriff ..aller exiftierenden Gegenftände in aller
Zeit und allen Bäumen“. Diefe letztere Vorftellung ift
vielmehr ..nichts anderes als der Gedanke von einer mög
lichen Erfahrung in ihrer abfoluten Vollftändigkeit“.
d. h. eben die Idee der vollendeten Erfahrung. eine Idee.
die niemals uns als Objekt fertig gegeben ift. fondern
eine ewig ungelöfte Aufgabe bezeichnet.

Siebenter Abfchnitt. Kritifche Entfcheidung des


kosmologifchen Streits der- Vernunft mit fich
felbft
Kant weift hier nochmals den Fehlfchluß (sopbisrna
figure-.ie äiotionis. wörtlich : Trug der Bedeform 1) nach. auf
dem die kosmologifchen Antinomien beruhen. Er lautet:
1 Kant felbft fagt in Z 90 feiner „Logik“ (philofophifche Biblio
thek Kblll (49): ..Ein Vernunftfchluß. welcher der Form nach falfch
tft. ob er gleich den Schein eines richtigen Schluffes fiir fich hat.
heißt ein Trugfchluß (tallacia). - Ein folcher Schluß ift ein
paralogismus. infofern man fich felbfi dadurch hintergeht; ein
Sophisma. fofern man andere dadurch mit Abficht zu hintergehen
fucht.“ Als Beifpiel für legteres nennt er das „sopbisrna tig-orac
ciictionis. worin der meäius terminus [der mittelbegriff. d. h. der
fowohl im Ober- wie im Unterfatz vorkommende Begrifi] in vei
fchiedener Bedeutung genommen wird.“ Hier ift der weciius ter*
minus ..das als bedingt Gegebene“; es bedeutet (. Dinge an fich.
2. Dinge der Erfahrung. '

(84c
4. Oberfatz: Wenn das Bedingte gegeben ift. fo ift
auch die ganze Reihe der Bedingungen gegeben.
2. Unterfatz: Nun find uns Gegenftände der Sinne
als bedingt gegeben.
5. Schlußfatz: Folglich ift die ganze Reihe ihrer Be
dingungen gegeben.
Der Oberfatz gilt aber nur für „Dinge an fich“. Bezüg
lich der ..Gegenftände der Sinne“. von denen im Unter
faß die Rede ift. kann nicht gefagt werden. daß die ganze
Reihe der Bedingungen „gegeben“. vielmehr ift fie uns
nur „aufgegeben“; erft wenn wir den Rückgang zu ihnen
tatfächlich vollziehen. werden fie uns gegeben fein. Mit
hin werden wir durch die Sprache hier irregeführt. info
fern mit dem Ausdruck „bedingt gegeben“ im Oberfatz
„Dinge an fich“. im Unterfatz aber „Erfcheinungen“
gemeint find. Die abfolute Totalität von Bedingungen.
die ..Dinge an fich“ find. kann ich wohl denken. „weil
dort alle Glieder der Reihe (ohne Zeitbedingung) ge
geben find; dagegen vermag ich nicht die abfolute Voll
ftändigkeit von Bedingungen zu denken. die ..Erfchei
nungen“ find. weil ich zu ihnen erft nach und nach in
der Zeit gelangen kann („durch den fukzeffiven Regreffus.
der nur dadurch gegeben ift. daß man ihn wirklich voll
führt“ [S. 408]. nicht dadurch. daß man ihn lediglich -
in der Idee - denkt). Da fomit die Thefen wie die Anti
thefen auf einem Fehlfchluß aufgebaut find. fo könnten
beide abgewiefen werden.. .Aber wenn auch der Beweis
grund verfagt. fo könnte doch das Behauptete richtig fein.
Der Streit kann alfo nur dann gründlich beendet werden.
wenn der Nachweis geführt wird. daß fie um nichts
ftreiten. »
485
Es ift nämlich nicht immer fo; daß von zwei wider
ftreitenden Behauptungen eine recht haben müffe: wenn
nämlich beide eine unzuläffige Vorausfetzung machen; f0
können beide Sätze falfch fein.
Das hat fchon Zeno (fünftes Iahrhundert vor Chr.)
der der Vhilofophenfchule der Eleaten angehört; geahnt.
Wenn ich alfo die Sätze aufftelle: die Welt ift ent
weder unendlich; oder fie ift endlich; fo können beide
falfch fein. Denn wenn ich dabei vorausfeße; daß die Welt
als „Ding an fich“ ihrer Größe nach beftimmt fei; fo
mache ich eine unzuläffige Vorausfetzung; denn auf die
Welt als „Ding an fich“ darf ich keine Aategorie; alfo
auch nicht die Rategorie der „Größe“ anwenden. Liant
nennt einen folchen Gegenfaß von zwei Sätzen; die beide
falfch fein können; „dialektifche Oppofition“.
In einer folchen befteht die (vierfache) „Antinomie der
reinen Vernunft“. Die ihr zugrunde liegende unzuläffige
Vorausfetzung ift die; „daß man die Idee der abfoluten
Totalität; welche nur als eine Bedingung der Dinge an
fich felbft gilt; auf Erfcheinungen angewandt hat; die nur
in der Vorftellung . . . exiftieren“ (S. 4(().
Hier offenbart fich auch ein indirekter Beweis für die
Grundlehre der „tranfzendentalen Afthetik“; daß die uns
gegebene raum-zeitliche Welt nur „ideal“ fei; d. h. in
Erfcheinungen beftehe. Denn wenn die Welt ein „an
fich exiftierendes Ganze“ wäre) fo müßte fie entweder
endlich oder unendlich fein. Run ift in den „Beweifen“
für die erfte Antinomie beides bewiefen bzw. widerlegt
worden.
Daraus folgt: Die Vorausfetzung; daß die Welt „Ding
an fich“ fei; ift falfch.
. (86
Achter Abfchnitt. Begulatives prinzip der reinen
Vernunft in Anfehung der kosmologifchen Ideen
Die Idee der Totalität bedeutet alfo nichts' „Gegebenes“.
fondern etwas „Aufgegebenes“. Es gilt alfo nicht ein
Axiom. daß die Totalität im Objekt als wirklich zu *denken
fei. wohl aber befteht ein finnvolles „problem“ (eine Auf
gabe) für den Verftand. das Zurückgehen in der Beihe
der Bedingungen fo fortzufetzen. als ob fie vollftändig
aufgefunden werden follten. So entfpringt aus der Ver
nunftidee der Totalität eine „Begel“. die ein dauerndes
Zurückgehen in der Beihe der Bedingungen gebietet und
nie erlaubt. bei einer [angeblich] „Schlechthin-Unbedingten“
ftehenzubleiben (S. 4(5). Durch diefe Begel wird nichts
im Objekt als an fich gegeben „antizipiert“ (vorweg
genommen). fie konftituiert nicht als Bedingung mög
licher Erfahrung deren Gegenftände (wie das Baum. Zeit
und die Kategorien tun); diefe Vernunftregel ift alfo kein
„konftitutives“. fondern ein „regulatives“ prinzip. Man
darf aber nicht „durch tranfzendentale Subreption“ (Er
fchleichung) jener Idee der Totalität. die bloß als Auf
gabe der Zielfetzung und damit als „Begel“ dienen darf.
„objektive Bealität“ beimeffen. d. h. in ihr den Begriff
einer gegebenen Totalität der Erfcheinungen fehen.
Diefe Begel fagt alfo nichts darüber. was das Objekt
fei. fondern ..wie der empirifche Begreffus anzuftellen fei.
urn zu dem vollftändigen Begriff des Objekts zu gelangen“
(S. 4 (4 oben).
Wenn nun ein Ganzes empirifch gegeben ift. fo ift
es möglich. ins Unendliche (in intiniturn) in der Beihe
feiner inneren Bedingungen (feiner Beftandteile) zurückzu
(87
gehen. Ift aber nicht ein Ganzes. fondern nur ein Glied
der Reihe gegeben. fo kann man nur fagen. es ift ins
Unendliche (unbeftimmbar weit. in incieliniturn) mög
lich. zu höheren Bedingungen der Reihe fortzugehen.
Aber in keinem der beiden Fälle wird die Reihe der Be
dingungen ..als unendlich im Objekt gegeben“ voraus
gefetzt (S. 446). da wir es nicht mit ..Dingen an fich“.
fondern mit „Erfcheinungen“ zu tun haben.

Neunter Abfchnitt.
Von dem empirifchen Gebrauch der Vernunft in
Anfehung aller kosmologifchen Ideen
Nunmehr erfchlie'ßt -fich uns der pofitive Sinn jenes
fcheinbaren Widerftreits der Vernunft mit fich. Der Grund
fatz. der dialektif ch (trügerifch) war. folange er die ab
folute Vollftändigkeit von Dingen an fich auf die Er
fcheinungen übertrug. erweift fich als eine „doktrinale“
(eine fruchtbare) pofitive Regel. wenn er aufgefaßt wird
als die Aufforderung. von unferem Verftand im Felde der
Erfcheinungen einen möglichft ausgedehnten Gebrauch
zu machen. Denn wenn diefer Grundfatz auch wirklich
bezüglich der ..Dinge an fich“ etwas ausfagte (daß .fie in
abfoluter Vollftändigkeit exiftierten). f0 könnte das für
unfere Erkenntnis nichts weiter bedeuten als die Forde
rung. fie immer mehr zu erweitern und zu vertiefen.

l. Auflöfung der kosmologifchen Idee von der Totalität


der Erfcheinungen von einem Weltganzen
Kant formuliert nochmals klar und knapp den Grund.
warum die Idee der abfoluten Vollftändigkeit lediglich
488
ein regulatives Vrinzip für unfere Erforfchung der Er
fcheinungen ergibt; nämlich die Regel) immer weiter fort
zufchreiten. Der Grund ift diefer: eine Erfahrung von
einer „unbedingten“ Bedingung (die zugleich eine „ab
folute Grenze“ unferer Forfchung wäre); ift nicht mög
lich; denn es kann keine Wahrnehmung eines bloßen
„Uichtstß einer abfoluten „Leere“ geben. .
Somit ift jede Bedingung als ihrerfeits empirifch be
dingt anzufehen„ und es ergibt fich daraus die Regel;
daß ich ftets nach einem weiter zurückliegenden Glied der
Reihe zu fragen habe; „es mag mir diefes nun durch
die Erfahrung bekannt werden oder nicht“ (S. 4(9).
Es ift nun bezüglich der erften Antinomie zu ent
fcheiden; ob der Rückgang zu der unbedingten Größe des
Weltganzen (der Zeit und dem Raum nach) als ein
„Rückgang ins Unendliche“ (in infiniturn) oder nur als
ein „unbeftimmter fortgefetzter Regreffus“ (in inäetini
tum) anzufehen ift.
Würde ich das erftere behaupten ; fo würde ich die
Reihe der Glieder vor ihrer tatfächlichen Feftftellung in
Gedanken vorwegnehmen und fie fo groß vorftellen; daß
keine empirifche Forfchung1 fie je durchmeffen könnte. Zu
diefer Annahme bin ich aber nicht berechtigt; weil mir
jene Reihe ihrer Totalität nach durch keine Anfchauung
gegeben ift. Wir können deshalb von der Weltgröße nicht
einen rogrossus (Rückgang) in infinitum behaupten; fon
dern nur einen folchen in inciotinitum; womit nur gefagt
ift; daß wir nie eine abfolute Grenze annehmen follen; wie

1 Aant fagt dafiir „Synthefis“ (S. 420 Z. 8); weil darin das Wefen
aller Verftandestätigkeit; demnach auch aller Forfchung befteht.

189
weit wir auch in unferer Forfchung gekommen find; über
die Größe des Objekts (nämlich des Weltganzen) felbft
ift damit nichts ausgefagt.
Es gilt alfo der Satz: Die Welt (als Erfcheinung. als
Objekt unferer Erfahrungserkenntnis) hat keinen erften
Anfang der Zeit und keine äußerfte Grenze dem Bäume
nach. Wohl aber gilt für“ihre Erforfchung die Begel.
daß wir von einem jeden gegebenen Glied durch eigene
Erfahrung oder am Leitfaden der Gefchichte oder an der
Kette der Wirkungen und ihrer Urfachen jederzeit zu
einem noch entfernteren Gliede fortzufchreiten haben. Uber
die Befchaffenheit der Glieder ift damit noch nichts be
ftimmt. Es könnte alfo der Fall fein. daß wir auf ein
erftes Menfchenpaar kämen. dann wäre aber anzunehmen.
daß diefes von Wefen anderer Art abftammte. Wir könn
ten auch auf Glieder kommen. die für unfere tatfächliche
Wahrnehmung zu fchwach. bzw. zu klein find; wir würden
fie aber nach Analogie der wirklich wahrgenommenen
Glieder uns vorftellen; wir würden fie darum zur ..mög
lichen Erfahrung“ rechnen dürfen. zumal wenn wir er
warten dürfen. daß wir fie mit vervollkommneten Hilfs
mitteln vielleicht einmal felbft wahrnehmen können.
ll. Auflöfung der kosmologifchen Idee von der Totalität
eines gegebenen Ganzen in der Anfchauung

Wenn mir ein Ganzes in der Anfchauung gegeben ift.


dann kann ich fagen. daß auch feine Teile (als die Be
dingungen des Ganzen) insgefamt mitgegeben find. Die
Teilung. d. h. der Begreffus vom Bedingten zu den Be
dingungen geht alfo hier in infiniturn. Man ift aber
nicht berechtigt. von einem folchen Ganzen. das ins Un
W()

1,.- -._,- ._-- .4_- -s_.. ._. __ __ z 7**


endliche teilbar ift. zu fagen: es ..befteht aus unendlich
vielen Teilen“ (S. 425. d. h. es fei bereits ins Unendliche
geteilt). Denn in der Anfchauung des Ganzen ift noch
nicht die ganze Teilung enthalten; diefe wird erft durch
die tatfächliche Zerlegung (Dekompofition) verwirklicht. So
ift jeder Raum und darum auch jeder Körper1 „ins Un
endliche teilbar“. ohne doch darum aus unendlich vielen
Teilen zu beftehen“ (S. 425).
Das gilt aber nur. foweit ich den Körper (wie den
Raum felbft) als eine in fich ungeteilte (ungegliederte.
alfo kontinuierliche) Größe (quantum continuum) auf
faffe. in dem die Teile erft durch die Teilung felbft ent
ftehen. Haben wir aber Grund. anzunehmen. daß Körper
in fich gegliedert find. alfo eine fchon in fich geteilte Größe
(quantum ciiscreturn) ausmachen. wie z. B. die Lebe
wefen. fo ift die Menge der Glieder in ihnen beftimmt.
und nur durch Erfahrung können wir feftftellen. welches
die Zahl der Glieder ift.

Schlußanmerkung zur Auflöfung


der mathematifch-tranfzendentalen. und Vorerinnerung
zur Auflöfung der dynamifch-tranfzendentalen Ideen
Bei den beiden bis jetzt betrachteten fogenannten mathe
matifchen Antinomien waren alle Glieder gleichartig. Es
handelte fich dabei lediglich um die Größe der Reihe;
was aber unter der Kategorie der Größe zufammen
gefaßt wird. gilt als gleichartig.
Bei den zwei folgenden. den dynamifchen Antinomien

1Somit jede materielle Subftanz. wie S. 424 noch befonders be


tont wird.

Wi
kann Ungleichartiges verbunden fein; denn fowohl Ur
fachen und Wirkungen wie Rotwendiges und Zufälliges
können ungleichartig fein.
Darin ift nun ein wichtiger Unterfchied begründet:
Bei den mathematifchen Antinomien mußten Thefen wie
Antithefen abgewiefcn werden; bei den dynamifchen bleibt
die Möglichkeit; daß die Thefen für die „Dinge an fich“;
die Antithefen für die „Erfcheinungen“ gelten.

lll. Auflöfung der kosmologifchen Ideen;


von der Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten
aus ihren Urfachen

Für die Erfahrungserkenntnis gilt a priori; daß alles;


was gefchieht; zeitlich vorangehende Urfachen hat; und
diefe wieder Urfachen und fo fort ins Unendliche. Hier
bei kommt aber nie eine „abfolute Totalität der Be
dingungen im Raufalverhältniffe“ heraus. Darum fchafft
fich die Vernunft in ihrer Tendenz zum Abfoluten die
Idee einer „freien“ Urfache; die nicht wie die Atatür
urfache ihrerfeits wieder ihre Urfache hat) fondern fpon
tan (von felbft) anhebt zu wirken.
Auf diefe tranfzendentale Idee der Freiheit gründet
fich der Begriff der praktifchen Freiheit (Willensfreiheit);
die wir bei der fittlichen Beurteilung und beim Verant
wortlichmachen vorausfetzen.
Aant gibt hier (S. 429) ein paar Definitionen; die wohl
zu beachten find. Er verwendet dabei das Wort „Will
kür“ in der Bedeutung; die wir mit dem Wort „Willen“
verbinden (jedenfalls fehlt bei ihm die Rebenbedeutung
des Launenhaftem „Willkürlichen“). Ebenfo bedeutet bei
ihm „pathologifch“ nicht „krankhaft“) fondern „leidend“;
WZ
im Sinne von Wirkungen empfangend. beeinflußt. Bei
..Bewegurfachen der Sinnlichkeit“ ift nicht nur an fo
genannte finnliche Triebe zu denken. wie Durft. Hunger.
Gefchlechtstrieb. fondern auch an fogenannte geiftige.
wie Macht-. Ehr-. Wiffenstrieb. Zur Sinnlichkeit in prak
tifcher Bedeutung gehören bei Kant alle Triebe und Be
gehrungen. die ohne unfer Zutun (..unwillkürlich“) fich
in uns regen. mag ihr Ziel ein materielles (finnliches)
oder ein geiftiges fein. Der „Sinnlichkeit“ fteht gegen
über das eigentliche „Wollen“ (hier „Willkür“ genannt).
das wir als vom Ich ausgehend erleben und für das
wir uns verantwortlich wiffen.
Ift ein Wille (arbitriurn) durch die finnlichen Antriebe
(d. h. ..pathologifch“) genötigt (..neceffitiert“). fo heißt er
tierif ch (bruturn); ift er durch finnliche Antriebe zwar
beeinflußt („affiziert“). aber wohnt ihm dabei ein Ver
mögen inne. fich auch unabhängig von diefen Antrieben
zu entfcheiden. fo ift er frei.
Herrfchte nur die Baturkaufalität. fo gäbe es keinen
„freien“ Willen in diefer (praktifch-fittlichen) Bedeutung.
Man könnte dann auch nicht finnvoll fagen. etwas hätte
gefchehen follen. was nicht gefchehen ift. denn alles
Gefchehen wäre ja notwendig.
Die Frage der Freiheit ift eine erkenntnistheoretifche
(„tranfzendentale“); fie ..ficht“ zwar die pfychologie „an“
(fie berührt fie). weil auch in pfychologifchem Sinn von
Freiheit geredet werden kann und diefe pfychologifche
Freiheit von der praktifchen unterfchieden werden muß.
Aber die Frage felbft ift darum nicht pfychologifch (oder
wie Kant fagt: phyfiologifch). weil die pfychologie als
Baturwiffenfchaft des im ..inneren Sinn“ Gegebenen die
Ueffer. Kant-Komm. (5
(93
ausnahmslofe Geltung der Naturkaufalität a priori vor*
ausfetzen muß. Für die pfychologifche Betrachtung ift alfo
die Frage von vornherein entfchieden: fie muß die tran
fzendentale (indeterminiftifche) Freiheit und darum auch
die auf ihr beruhende ..praktifche“ ablehnen; fie kann
von Freiheit nur in dem determiniftifchen Sinn reden. der
mit der Geltung der Naturkaufalität vereinbar ift.
Und hier zeigt fich wieder die große Bedeutung der
fchon in der „Afthetik“ vollzogenen Unterfcheidung von
..Ding an fich“ und „Erfcheinung“. ..Denn find Erfchei
nungen Dinge* an fich felbft: fo ift Freiheit nicht zu retten“
(S. 454). Das heißt: wäre unfere Erfahrungserkenntnis
(die fich für Kant im wefentlichen mit Naturwiffenfchaft
und pfychologie deckt) Erkenntnis der Wirklichkeit an fich.
ergründete fie diefe vollftändig und in allen ihren Tiefen.
dann wären wir nur Naturwefen. und für praktifch-fitt
liche Freiheit wäre nirgends eine Stelle; denn alles Ge
fchehen. auch die Willensentfcheidungen wären reftlos
nach der Naturkaufalität zu erklären; fie wären alle natur
notwendig; denn der „durchgängige“ Zufammenhang
aller Erfcheinungen in einem Kontext [wörtlich: dem
einen Gewebe] der Natur ift ein unnachläßliches [aus
nahmslos geltendes] Gefetz. Diefes würde „alle Freiheit
notwendig umftürzen“. wenn man „an der Realität der
Erfcheinungen“ hartnäckig fefthalten wollte; das heißt:
wenn man die Erfcheinungen für Realitäten im Sinne
von ..Dingen an fich“ erklären wollte. Wenn fie aber
bloße Vorftellungen find. fo müffen fie doch ..noch Gründe
haben. die nicht Erfcheinungen find“. Solche „Gründe“
oder ..intelligible Urfachen werden in Anfehung ihrer
Wirkfamkeit nicht durch Erfcheinungen beftimmt. Aber.
iM
ihre Wirkungen gehören zu den Erfcheinungen und können
mit anderen Erfcheinungen nach dem Gefetz der Ratur
kaufalität verknüpft werden“. Alfo für die naturwiffen
fäfaftlich-pfychologifche Betrachtung erfcheint auch der
Willensakt als urfc'ichlich bedingt; infofern als notwendig
(„determiniert“); aber in Hinficht auf feine intelligible Ur
fache als frei; da dies „Intelligible“ in uns (gleichfam
das „Ich an fich“) felbft als eine freie Urfache anzu
fehen ift.
Liant gibt felbft zu; daß diefe Unterfcheidung; „wenn
fie ganz abftrakt vorgetragen wird; äußerft fubtil [fpiß
findig] und dunkel fcheinen mußt() er verfpricht aber. daß
fie fich „in der Anwendung“ aufklären werde.

Möglichkeit der Aaufalität durch Freiheit


in Vereinigung niit dem allgemeinen Gefetze der
Raturnotwendigkeit

Diefe Aufklärung wird fofort in Angriff genommen.


Den Erfcheinungen muß ein „Ding an fich“; etwas „In
telligiblest'; ein „tranfzendentaler Gegenftand“ zugrunde
liegen. Es „hindert“ uns „nichts“; „daß wir diefem tran
fzendentalen Gegenftand außer der Eigenfchaft; dadurch er
erfcheint; nicht 1 auch eine Aaufalität beilegen follten) die
nicht Erfäfeinung ift; obgleich ihre Wirkung dennoch
in der Erfcheinung angetroffen wird“.
Es handelt fich hier wohl um einen doppelten Raufal
begriff) den der Sukzeffionskaufalität und den der dynami
fchen Aaufalität. Der fchematifierte Aaufalbegriff; der* für
Rant zum a priori der Erfahrung gehört; befagt ja nichts
l Wir wiirden heute diefes „nicht“ in der Sprache weglaffen.

W5
weiter als die regelmäßige Folge der Erfcheinungen
(vgl. S. (80). Davon. daß die eine Erfcheinung durch die
andere im eigentlichen Sinn bewirkt. d, h. erzeugt. ins
Dafein gerufen wird. davon ift keine Bede. Wohl aber
könnten Erfcheinungen in diefer Weife durch die ..Hand
lung“ eines ..Dinges an fich“ (S. 452 Mitte) erzeugt
werden. dem letzteren könnte man dynamifche Kaufalität
beilegen. die Sukzeffionskaufalität ift auf das Intelligible
ja fchon deshalb nicht anwendbar. weil es nicht unter der
Zeitform fteht. hier alfo das Schema für die Anwendung
der Kaufalkategorie: Die regelmäßige ..Sukzeffion des
Mannigfaltigen“ (S. (47 Z. 5) fehlt. Es wäre aber
denkbar. daß folche kraft dynamifcher Kaufalität vom
Ding an fich erzeugten Erfcheinungen fich doch in eine
gewiffe regelmäßige Folge von Erfcheinungen einordnen
und f0 auch zugleich pfychologifch nach Baturkaufalität
erklären ließen. »
Da nun jede Urfache einen „Charakter“. d. h. ein Gefetz
ihrer Kaufalität hat. fo würden wir einem ..Subjekt der
Sinnenwelt“. d, h. einem Ich. das zugleich im inneren
y Sinn „erfcheint“. (.einen empirifchen Charakter. mit dem
es erfcheint. 2. einen intelligiblen Charakter als ..Ding
an fich“ (bzw. „Ich an fich“) beilegen. womit das Gefetz
feiner dynamifchen Kaufalität gemeint wäre.
Von dem „Ich an fich“ und feinem intelligiblen
Charakter würden wir keine Anfchauung haben. wir
würden fie alfo nie unmittelbar kennenlernen. aber wir
würden den intelligiblen Charakter doch dem empirifchen
entfprechend denken dürfen. weil der letztere als die Erfchei
nung der erfteren anzufehen wäre.
Die naturwiffenfchaftlich-pfychologifche Betrachtung
l96
hätte nur den empirifchen Charakter zu berückfichtigen
und aug ihm alle willensentfcheidungen zu erklären; der
intelligible Charakter wäre für fie gleichfam nicht vor
handen. (Z5 bliebe aber noch Raum für eine andere Ze
trachtung„ wie fie der fittlichen Beurteilung der Menfchen
und ihrer Handlungen zugrunde liegt. Sie richtet fich auf
da5 „Zeh an fich“ alz „tätigez wefen“ (I, 454 5. x5)
und da5 Gefetz feiner Tätigkeih d. h. den „intelligiblen
Charakter". Da diefer nicht „ Srfcheinung“ (phänomenon)„
fondern alZ dem „Ding an fich“ zugehörig „Üournenon“
ift„ f0 haben wir davon keine „Erkenntni5"„ fondern nur
einen „allgemeinen Begriff" (5. 4344 5. 8)„ aber wir können
dach foviel fagen„ daß daz „Ich an fieht? und fein „intelli
gibler Charakter" alz nicht der cZeit und der Erfchei
nungswelt angehörig „von aller Üaturnotwendigkeit . . .
unabhängig und frei ift" und „daß es feine Wirkungen
in der Zinnenwelt von felbft anfängttß daß eS alfo
eine erfte„ abf0lute Urfache darftellß deren wirkfamkeit
nicht ihrerfeitz durch zeitlich vorangehende Urfachen be
dingt ifi„ da es ja der zeitlofem intelligiblen Sphäre an
gehört. -
Aantß Behandlung der dritten Antinomie läuft alfo
darauf hinauz„ zu zeigen„ daß fowohl die Chefiß welche
die indeterminiftifche Freiheit bejahy wie die Antithefi8„
welche fie verneint und nur die L'caturkaufalität al5 gültig
anerkennß recht haben k5nnen„ die erfte für da5 Ding an
*fich die zweite für die Erfcheinungen. Er will alf0 Zn
determinißmuß und Determinismuz verföhnen durch den
ViachiyeiSF daß diefelbe Handlung je nach der Betrach
tungsweife fowohl alg frei wie alz naturnotwendig (d. i.
unfrei) angefehen werden kann.
[97
Erläuterung der kosmologifchen Idee einer Freiheit in
:Verbindung mit der allgemeinen Z'taturnotwendigkeit
Aant hat es für nötig gehalten; nochmals eine ausführ
lichere Erläuterung feiner Löfung des Freiheitsproblems
zu geben. Er fchärft ein; daß die Anerkennung der
indeterminiftifchen Freiheit des intelligiblen Charakters
ja nicht als eine Durchbrechung der Üaturkaufalität auf
gefaßt werde. Wir dürfen nicht der „Täufchung des tran
fzendentalen Realismus nachgeben/t; d. h. wir dürfen nicht
eine tranfzendente Realität; ein „Ding an fich“ als un
bedingte Urfache in die Reihe der empirifchen Bedingungen
hineinfetzen. Denn dann „bleibt weder Ratur noch Frei
heit übrig“; das_ erftere nicht; weil in der Ratur keine
„unbedingte Bedingung“ eine Stelle hat; das zweite nicht;
weil dann doch jene intelligible Urfache zur Ratururfache
gemacht werden foll.
Man muß fich alfo davor hütem'die zwei Liaufalitäten
zu vermifchen; dagegen muß verfucht werden diefelbe
Handlung unter dem Gefichtspunkt diefer beiden Aaufali
täten; der empirifchen und der intelligiblen1; zu betrachten.
Dies glaubt Liant dadurch zu erreichen; daß er die em
pirifche Aaufalität als Wirkung der intelligiblen anfieht
(S. 456 Z. (4ff.), Da das „Gefetz der Aaufalitättt; d. h. die
befondere Art des urfächlichen Zufammenhangs von ihm
als „Charakter“ bezeichnet wird (S. 452 Z. 5 von unten))

1 Wir haben fie oben S. (95 durch die Ausdrücke Sukzeffionskau


falität und dynamifche Aaufalität zu erläutern verfuäfh weil dies
dem Sinn der Aantfchen Unterfcheidung entfpricht. Diefe Aus
drücke verwendet freilich Aant nicht. ja er bezieht das Wort „df
namifch“ auf die Raturkaufalität (vgl.S. 442). alfo aufdieSukzeffions
kaufalität. y
WZ
f0- kann er diefen Gedanken auch fo ausdrücken. daß er
den intelligiblen Charakter als die Urfache des empiri
fchen bezeichnet. Da das „Intelligible“ dem Bereich des
„Dings an fich“. nicht dem der Erfcheinung angehört. fo
wird der intelligible Charakter nicht als die empirifche.
fondern als die „tranfzendentale“ Urfache des empirifchen
bezeichnet.
Diefer Gedanke. daß der empirifche Charakter vom in
telligiblen verurfacht ift. wird in mehrfachen Wendungen
wiederholt; vgl. S. 440 Z. 5f. von unten. S. 44( Z, 5ff.
von unten. S. 444 Mitte. Batürlich ift dies Urfachverhält
nis nicht das zeitlich-empirifche. wie es zwifchen Erfchei
nungen gedacht wird. fondern es ift ein zeitlofes. wie man
es überhaupt zwifchen Ding an fich und Erfcheinung an
nehmen kann. Deshalb wird einmal (S. 442 Mitte) der
empirifche Charakter auch als das ..finnliche Schema“
des intelligiblen bezeichnet. Der Ausdruck „Schema“ ift
deshalb am plätze. weil der „Charakter“ ja eine
„Begel“ des Verhaltens ift und auch das „Schema“ die
Vorftellung von einem ..allgemeinen Verfahren“. etwas
rein Begriffliches (Intelligibles) zu verfinnlichen hat
(S. (44 Mitte). '
Wenn nun aber der empirifche Charakter zum intelli
giblen fich verhält wie Schema zum Begriff oder Er
fcheinung zum Ding an fich. fo muß die Frage fich auf
drängen. 0b dann nicht allen Erfcheinungen ein intelli
gibler Charakter-und weiterhin „Freiheit“ zugefchrieben
werden müffe. Auch Kant hat augenfcheinlich dies Be
denken erwogen. Er räumt ein. daß ..empirifcher Cha
rakter“ wie beim Menfchen fo auch bei „allen anderen
Baturdingen“ vorliege. Den Satz. daß diefem auch allent
(99
halben ein „intelligibler“ entfpreche„ hat er nicht auz
gefprochem er folgt aber aus feinen Grundgedanken l.
Daß er ihn wegläßß hat wohl darin feinen Grund„ daß
ez Aant hier gerade darauf ankommß den Unterfchied
zwifchen dem Menfchen und „allen anderen Üaturdingen"
heroorzuheben: „Zei der leblofen oder bloß tierifch-belebten
Natur finden wir keinen Grund„ irgendein Vermögen unz
anders alS bloß finnlich bedingt zu denken“ (S. 457
unten). Der Wenfch allein ift fich „in Anfehung gewiffer
vermögen [namlich: Derftand und Dernunft] ein bloß
intelligibler Gegenftand„ weil die Handlung derfelben gar
nicht zur Rezeptivität der Sinnlichkeit gezählt werden
kann“ (S. 458 (5. 2ff.). Wie da5 Folgende zeigt„ kommt
hier fur unfer Freiheitzproblem befonderz da5 Vermögen
in Zetrachß das Aant in feinen ethifchen Schriften alz
„praktifche Vernunft" bezeichnet hat. Diefe folgt nicht der
Ordnung der Dinge „ wie fie in der Erfcheinungzwelh
alfo der Üatur gegeben ift„ fondern macht fich „mit völ
liger Spontaneität eine eigene Ordnung nach Ideen"
(S. 459 H. 7f.). Aux. diefen Ideen (z. Z. der Gerechtigkeiß
der wahrhaftigkeit) tönen uns „Zmperative“ entgegem
fie legen uns ein „Sollen“ auf (S. 458 Ö. 4217.). Diez
Sollen aber bedeutet eine „Art von Üotwendigkeiß die
in der ganzen Üatur fonft nicht vorkommtttz es hat auch
für den„ der „bloß den [auf der Z'catur vor Augen hattß

l Daß zZ. verfchiedene Stofie wie Eifem ungelöfchter Aalkh Zucker


auf Zegießen mit waffe!: anderz reagierem darauz fchließen wir
auf einen verfchiedenen „empirifchen Charakter". Zeruht aber „Et
fcheinung“ iiberhaupt auf einem „Zntelligiblen“„ einem „Ding an
fich"„ fo muß dem verfchiedenen empirifchen Charakter auch ein ver
fchiedener intelligibler entfprechen.
200
alfo den Raturforfcher und nychologen; „ganz und gar
keine Bedeutung“. Die moralifche Rotwendigkeit des
Sollens ift eben eine wefenhaft andere als die Ratur
notwendigkeit; und die ethifchen Rormen; die Sittengefetze;
find keine Raturgefetze.
Dies Vermögen der praktifchen Vernunft ift es alfo;
das den Me'nfchen von allen anderen Raturwefen unter
fcheideh und das uns die Berechtigung gibt; ihm Frei
heit im Sinne einer „völligen Spontaneität/J einer „un
bedingten“ Aaufalität zuzufchreiben.
Run ift aber der Menfch bezüglich diefes Vernunft
vermögens für feine Erkenntnis „ein bloß intelligibler
Gegenftand“ (S. 458 Z. 2); er erkennt fich infofern nicht
als Erfcheinung vermittels des inneren Sinns; fondern
„durch bloße Apperzeption“ (S. 457 Z. 5 von unten).
Dagegen erheben fich nun neue Bedenken. Zunächft
diefes! Es ift eine Grundlehre Aants; daß alle Erkennt
nis aus Begriff und Anfchauung befteht; daß alfo Ver
ftand und Sinnlichkeit in ihr zufammenwirken. Hier wird
nun eine Erkenntnis behauptet; die lediglich auf dem Ver
ftand (deffen Aern ja die „Apperzeption“ ift) beruhen
foll'. Im Sinne des Aantfchen Syftems wäre darauf zu
antworten; daß diefes Selbfterfaffen des vernünftigen Ichs
durch bloße Apperzeption keine „Erkenntnis“ im Sinne
der Ratur- und pfychologifchen Erkenntnis ift. Sie ift nur
ein allgemeiner Gedanke; es fehlt ihr jede Beftimmtheit.
Darum bleibt die indeterminiftifche Freiheit als abfolute
Spontaneität im Grunde doch etwas Geheimnisvolles.

1Diefelbe Schwierigkeit befteht übrigens fiir manche Ausführungen


zur kritik der rationalen pfychologie; vgl. oben S. (58 f.
2o(
Auf die Frage: warum hat die Vernunft die Erfchei
nungen durch ihreKaufalität nicht anders beftimmt. „if t
keine Antwort möglich“ (S. 444. Mitte). '
Wir dürfen zwar behaupten. daß die (praktifche) Ver
nunft. als ..intelligible Urfache“ die Handlungen „frei“.
d. i. von der Sinnlichkeit unabhängig. beftimmt und auf
folche Art die finnlich-unbedingte Bedingung der Erfchei
nungen fein könne“; aber die Frage: „warum der intelli
gible Charakter gerade diefe Erfcheinungen und diefen
empirifchen Charakter unter vorliegenden Umftänden
gebe“. überfchreitet weit alles Vermögen unferer Ver
nunft“ (S. 444 unten).
Im Einklang damit betont auch Kant. daß er mit
feiner ganzen Erörterung des Freiheitsproblems „nicht
die Wirklichkeit“ der (indeterminiftifchen) Freiheit. ja
nicht einmal deren „Möglichkeit“ habe beweifen wollen.
Dies letztere Zugeftändnis könnte freilich die Frage
hervorrufen: war dann nicht die ganze Erörterung zweck
los'k Indeffen ift hier nicht die logifche Möglichkeit. fon
dern die empirifche. d. h. die Möglichkeit als „Bealgrund“
(S. 445 Z. (2 von unten) innerhalb der Erfahrung
gemeint; denn für dief e Möglichkeit gilt ja der Grund
fatz: „Was mit den formalen Bedingungen der Erfah
rung (der Anfchauung und den Begriffen nach) überein
kommt. ift möglich“ (S. 202); Da aber die Freiheit als
intelligibles (tranfzendentales) Vermögen etwas Zeit
lofes fein foll. fo ift fie in diefem (empirifchen) Sinn
nicht möglich. Wohl aber ift fie nach Kant logifch mög
lich; fie fügt fich (wie er meint) widerfpruchsfrei in fein
Syftem ein; ..daß Batur der Kaufalität aus Freiheit
wenigftens nicht widerftreite. das war das einzige.
202

g: U , .___ S. .,_ _. 2 j „_, i


waß wir leiften konnten und woran eß unz auch einzig
und allein gelegen war". _
E5 ift aber die Fragß 0b Aant auch nur diefe5 be
fcheidene (Ziel erreicht hat. Damit kommen wir auf ein
zweiteg Bedenken gegen feinen Löfungzverfuch des Frei
heitßproblemz. wir erinnern un5„ der Grundgedanke war:
der empirifche Charakter (auß dem wir das ganze_ Ver
halten des Menfchen prchologifch erklären können; vgl.
daz Beifpiel S. 445) ift felbft wirkung oder Srfcheinung
(bzw. „Schema“) deS intelligiblen. Nunmehr haben wir
aber inzwifchen gehört„ daß dem Menfchen bzw. feinem
intelligiblen Charakter nur infofern „Freiheit" beigelegt
wird„ als er „praktifche Vernunft“ befitzh alfo da5 Ver
mögen„ durch Ideen dez Seinfollendem unabhangig von
finnlichen Antrieben beftimmt zu werden. Run befitzt abe-r
der Renfch doch zweifelloz auch da5 Vermögen„ von
diefen Antriebem ferner „von fchlechter Erziehung übler
Gefellfchaft" (S. 445 H. 40) ufw. beftimmt zu werden.
Und auch die Art„ wie er auf folche Einflüffe reagiert„
werden wir doch zu feinem empirifchen Charakter rechnen.
Ift dies aber richtig„ f0 kann der empirifche Charakter
nicht fchlechthin auf den intelligiblen„ fofern diefem Frei
heit zukommh zurückgeführt werden. Denn frei ift ja nur
die praktifche Vernunft. Aber gewiffe Beftandteile des
empirifchen Charakterß wie z. V. „die Zözartigkeit einez
vor Vefchömung unempfindlichen ÜaturellS“ (S. 445
H. 42)„ können doch nicht wohl alZ „Erfcheinung“ oder_
Schema der praktifchen Vernunft aufgefaßt werdenl.
l Eine weitere Schwierigkeit liegt darin„ daß von der (praktifchen)
Vernunft gefagt wird„ daß fie ein „bloß intelligibler Gegenftand"
fei (S. 438 ZZ. 2f.) (alfa nicht erfcheine) vgl. S.442 S. 9.

205
Es liegt hier die Ausflucht nahe; daß der empirifche
Charakter nicht ganz; fondern nur teilweife auf den intelli
giblen und feine Freiheit (die Vernunft) zurückzuführen
fei. Diefer Gedanke wird auch nahegelegt durch die Be
merkung Liants in der Anmerkung S. 440f.: „Unfere
Zurechnungen können nur auf den empirifchen Charakter
bezogen werden. Wieviel aber davon (l) reine Wir
kung der Freiheit; wieviel der bloßen Ratur . . . zuzu
fchreiben fei„ kann niemand ergründen und daher auch
nicht nach völliger Gerechtigkeit richten.“
Indeffen diefe Stelle fcheint uns nicht vereinbar mit
jenen anderen; an denen der empirifche Charakter fchlecht
hin als Wirkung des intelligiblen bezeichnet wird (vgl.
oben S. (96 f.)„ befonders nicht mit der ausdrücklichen Ver
ficherung S. 445; daß „die *llaufalität der Vernunft nicht
etwa bloß wie Aonkurrenz [mit den finnlichen Trieb
federn]„ fondern an fich felbft als vollftändig“ angefehen
werde.
Mit dem Aufweis diefer Unftimmigkeit bei Liant
felbft erreicht unfere Erläuterung den Vunkh wo fie in
Liritik übergehen müßte. Iedoch liegt es außerhalb der
Aufgabe; die wir uns hier geftellt haben; Aritik an
Liant zu üben. Die Bedenken gegen feinen Verfuch; das
Freiheitsproblem zu löfen; habe ich in meinem Buch
über „Rams Ethik“ (Leipzig (904; Veit und Comp.) näher
erörtert. Eine eingehende Behandlung des problems
felbft enthält meine Schrift „Das problem der Willens
freiheit“ (Göttingen (9(8 2. Aufl.; Vandenhoeck und
Ruprecht); einen Verfuch) es in neuer Weife zu löfen„
meine „Sittenlehre“ S. (06 ff. (Leipzig (920/ (Duelle und
Meyer). .
204
l7. Auflöfung der kosmologifchen Idee von der Totalität
der Abhängigkeit der Erfcheinungen ihrem Dafein nach
iiberhaupt -

Kant zeigt vor allem. wodurch fich diefe Antinomie


von der vorhergehenden unterfcheidet. Dort handelt es -
fich um die Frage. 0b wir eine unbedingte Kaufa
lität. hier darum. ob wir die unbedingte Exiftenz
einer Subf tanz annehmen dürfen. Auch hier will Kant
das unbedingte Dafein eines Wefens nicht beweifen. nicht
einmal feine (reale) „Möglichkeit“ innerhalb der Erfah
rung dartun (S.445). Hätte man es mit ..zufälligen
Dingen“ (S.449 Z. 5) an fich zu tun. f0 müßte man
fie fchließlich auf ein unbedingt notwendiges Wefen zurück
führen. Da unfere Erkenntnis auf Erfcheinungen. alfo ,
..bloße Vorftellungen“ befchränkt ift. „deren Zufälligkeit
felbft nur phänomen ift“. fo dürfen wir beim Zurück
gehen die Beihe des empirifch Bedingten und damit Zu
fälligen nicht verlaffen. Bur das will Kant zeigen. ..daß
die durchgängige Zufälligkeit aller Baturdinge und aller
ihrer (empirifchen) Bedingungen ganz wohl mit der will
kürlichen [d. h. auf unferem Willen beruhenden] Voraus
fetzung einer notwendigen. ob zwar bloß intelligiblen Be
dingung zufammen beftehen könne“.
Alfo auch bei der vierten Antinomie kann. wie bei
der dritten. fowohl die Thefis wie die Antithefis wahr
fein: jene in bezug auf das „Intelligible“. das ..Ding
an fich“. diefe in bezug auf das Senfible (Empirifche)
der Erfcheinungswelt.
i» Eine Anwendung der Thefis deutet Kant an (S. 449
Z. 4 von unten). Ein Zweck kann als etwas „unbedingt
Botwendiges“ von uns angefehen werden.
205
Schlußanmerkung zur ganzen Antinomie der reinen
Vernunft
Solange eine Idee nur auf die abfolute Totalität
der finnlichen Bedingungen geht) ift fie noch kozmologifch;
wenn fie aber auf ein „Unbedingtez außerhalb der Sinnen'
welt" zielt) wird fie „tranfzendent". Diez ift in der Thefiz
der vierten Antinomie der Fall) fofern hier ein „unbe
dingt notwendigez“ Wefen alz Ding an fich behauptet
wird (S. 450 5. 7 von unten).
In der Thefiz der dritten Antinomie gehört daz „Ding
felbft“ (nämlich der Menfch alz freie Urfache) in ii,
Zieihe der (erfcheinenden) Bedingungen) „und nur feine
Aaufalität wurde alz intelligibel gedacht", Dagegen wird
- „daz notwendige Wefen ganz außer der Reihe der Sinnen
welt (alz enz extramunöanum [außerweltlichez Wefen))
und bloß intelligibel gedacht werden" müffen (S, 47 7 mitte).
Der Vegriff einez folchen „fchlechthin notwendigen
Wefenz“ foll nun im folgenden „Hauptftück“„ daz die
Kritik der rationalen Theologie enthalt) näher unterfucht
werden.

Drittez Hauptfiiick. Daz Ideal der reinen Vernunft


Erfter Abfchnitt. Von dem Ideal überhaupt
Die Verftandezbegriffe (Aategorien) können auf
Erfcheinungen angewendet und fo konkret dargeftellt wer
den. Zei Vernunftbegriffen (Ideen) ift diez nicht
möglich) weil fie auf eine (abfolute) Vollftändigkeit zielen)
die in den Erfcheinungen (alfo empirifch) nie gegeben ift.
Z'coch weniger ift diez möglich bei den Idealen) *die
206
ein „einzelnes durch die Idee allein beftimmbares oder
gar beftimmtes Ding“ bezeichnen (S. 452 Mitte).
Man kann von der „Idee“ der vollkommenen Menfch
heit reden; wenn man lediglich deren „wefentliche“
Eigenfchaften in einer ihren Zwecken entfprechenden Voll
kommenheit denkt. Denkt man fie fich aber „durch
gängig“ beftimmt; fo würde dies als „Ideal“ zu be
zeichnen fein (obwohl Vlato auch dafür „Idee“ fagt).
Die menfchlichen Ideen und Ideale haben zwar nicht
„fchöpferif che“ Araft; d. h. fie bringen nicht einfach
das von ihnen Bezeichnete hervor; aber fie haben „prak
tifche“ Araft; fie können als „regulative Drinzipien“
uns bei unferem Handeln leiten.
Hierher gehören die moralifchen Begriffe. Sie find
„nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe; weil ihnen etwas
Empirifches (Luft oder Unluft) zum Grunde liegt“ (S. 452
Z.2f, von unten)1. Aber in ihnen fetzt die Vernunft
unferer gefeßlofen Freiheit Schranken. Z. B. indem die
Vernunft die Idee der Gerechtigkeit erzeugt; fchränkt fie
unfere Freiheit derart ein; daß fie „mit der anderen ihrer
zufammen beftehen kann“ (S. 276). So find Tugend und
Weisheit) vollkommen gedacht; Ideen. Der „Weife“
aber im Sinne der Stoiker als ein durch die Idee der
Weisheit völlig beftimmtes Einzelwefen (Individuum)
ift ein Ideal. Solche Ideale find zwar nichts Wirkliches
und fie können nicht in der Erfcheinung (auch nicht in
einem Roman) dargeftellt werden; aber fie bilden „ein
1 In diefem punkte hat Aant fpäter anders gedacht. In feiner
„Aritik der praktifchen Vernunft“ fucht er darzutum „daß reine Ver
nunft praktifch fein; d. h. für fich; unabhängig von allem Empi
rifchety den Willen beftimmen könne“ (Reclam S. 5(). * -

207
unentbehrliches Bichtmaß der Vernunft“. fie find das Ur
bild. ..womit wir uns vergleichen. beurteilen und dadurch
uns beffern. obgleich es niemals erreichen können“ (S. 455).
Von diefen Idealen der Vernunft. die wir nur rein
begrifflich (unanfchaulich) denken können. unterfcheidet
Kant Ideale der Einbildungskraft.
Man denke fich verfchiedene - nicht allzu unähnliche -
Gefichter auf diefelbe Stelle gezeichnet. fo wird fich eine
„im Mittel [in der Mitte] verfchiedener Erfahrungen
gleichfam fchwebende Zeichnung ergeben. deren Begel fich
nicht angeben läßt“. Solche Ideale der Einbildungskraft
oder Sinnlichkeit behaupten „Maler und phyfiognomen
in ihrem Kopfe zu haben“. Von ihnen ift hier nicht die
Bede. Die Ideale der Vernunft zielen auf Gegenftände.
die nach prinzipien durchgängig beftimmbar fein follen
(S. 454 oben).

Zweiter Abfchnitt. Von dem tranfzendentalen


Ideal (protot7p0n1 transoenäentale)
Um ein Ding vollftändig zu erkennen. muß man
alles überhaupt Mögliche erkennen. um es dadurch ent
weder bejahend oder verneinend zu beftimmen (S. 455
Mitte). Wir brauchen alfo zu einer vollftändigen Er
kenntnis auch nur eines Dings gleichfam den Inbegriff
aller möglichen prädikate der Dinge. Das ift aber die
Idee von einem All der Bealität. Denken wir uns nun
ein einzelnes Wefen. ein ..Ding an fich“. das von allen
möglichen entgegengefetzten prädikaten „eines. nämlich
das. was zum Sein fchlechthin gehört“. befißt. f0 ift dies

1 Urbild.

208
„daz einzige eigentliche Ideal) deffen die menfchiiche Ver
nunft fähig ift") weil nur in diefem Fall eine allgemeine
Idee) alz nur in einem Individuum exiftierend) gedacht
wird (S. 457 5. 6ff. von unten; vgl. S. 452 daz Ideal
ift die Idee in incijujäuo).*
Wan darf diefe tranfzendentale Erwägung über die
vollftändige Erkenntniz von Gegenftänden durch Be
ziehung auf daz All der Realität nicht verwechfeln mit
dem einfachen logifchen Satz) daß jedem Begriff von zwei
kontradiktorifch entgegengefetzten Drädikaten nur einez
zukommen könne, Hierbei ift von allem Inhalt der Er
kenntniz„ alfo auch von aller Erkenntniz von Gegen
ftänden) abgefehen (S. 454 mitte).
Indem wir aber daz tranfzendentale Ideal bei der
vollftändigen Beftimmung beliebiger Gegenftände heran
ziehem verfahren wir ahnlich wie im dizjunktjven Ver
nunftfchluß. Indem wir an alle möglichen anfchaulichen
Gegebenheiten („Ziealitöten“ 1) denken) ergeben fich unz
Oberfätze dizjunktiver Schlüffe2 wie: Ein vollftändig zu
beftimmender (vollftändig zu erkennender) Gegenftand hat
entweder daz Vrädikat der Farbe (dez Sewichtzz der
Temperatur ufw.) oder nicht; er ift entweder belebt oder
unbelebt ufw.
Das Ideal) der Inbegriff aller Realität) erfcheint f0
als daz „Urbildtß die einzelnen Dinge alz „mangelhafte

1 „Realität ift im reinen Verftandezbegriff daz) waz einer Emp


findung überhaupt korrefpondiert“ (S. 446 G. 5f.; vgl. S. 464
5. Sf.).
' Dizjunktioe Schlüffe find folche) in denen der Oberfaß ein diz
junktivez Urteil ift: nach dem Schema (X ifi entweder Z oder C
(oder l) ufw.). .
m e z' f e t . Anni-Admin. 44
209
Ropien“ (S. 458 unten); als bloße Einfchränkungen jener
allbefaffenden höchften Realität. Deshalb bezeichnet man
jenes Ideal auch als das Urwefen; das „höchfte Wefen“
oder das „Wefen aller Wefen“. Da man es nicht als
ein bloßes Aggregat (äußerliche Zufammenfügung) ab
geleiteter Wefen anfehen kann; fo wird man es als „ein
fach“ fich denken und in ihm nicht fowohl den „Inbegriff“
als vielmehr den „Grund“ der übrigen Wirklichkeit (auch
unferer Sinnlichkeit1 mit all ihren Erfcheinungen) er
blicken.
Bis jetzt ift aber diefes Ideal der Vernunft; das Wefen
aller Wefen bloß gedacht: „hypoftafieren“ wir es; d. h.
denken wir es als wirkliches Wefen; fo denken wir da
mit _ Gott.
Diefe Hypoftafierung und fogar Verfonifizierung (S. 462
Anm.) mag uns noch fo natürlich und geläufig fein: fie
ift deshalb noch nicht berechtigt.
Wie kommen wir zu ihr'k Ieder uns bekannte Gegen
ftand ift uns immer nur im ,„kiontext“ (Zufammenhang)
der Erfahrung gegeben; der „Inbegriff aller empirifchen
Realität“ (d. h, die ganze Erfahrung) ift infofern „Be
dingung feiner Möglichkeit“ (d. h. ohne die Erfahrung
überhaupt würden wir auch die einzelnen Dinge nicht
kennenlernen). Was, fo für die Erfahrungsdinge (die Er
fcheinungen) gilt; daß fie den Inbegriff aller (empirifchen)
Realität vorausfetzen; das übertragen wir durch eine „natür
liche Illufion“ auf alle Dinge überhaupt; alfo auch die
*1 Warum diefe als „Ingredienz“ (Zutat; Eigentümlichkeit) zu
diefem höchften Wefen nicht gehören kann; hat klaut nicht begründet.
Vermutlich würdedies zu der Gleichfetzung diefer Vernunftidee mit
Gottnicht paffen. '
?i0
k_

Dinge an fich. und denken als ihre Vorausfetzung. ihren


Grund. den Inbegriff aller Bealität. das Wefen aller
Wefen. Gott. Dabei wird noch überfehen. daß uns der
Inbegriff der Erfahrung nie in feiner Totalität (als
..kollektive Einheit“) gegeben ift. fondern nur in feinen
Teilen (als ..distributive Einheit“); es wird ferner diefe
- aus den einzelnen Erfahrungsdingen beftehende -
kollektive Einheit mit einem einzelnen einfachen Ding ver
wechfelt und dies fchließlich noch als ein ..Ding an fich“.
ja als eine Intelligenz aufgefaßt (S. 462 oben und Anm.).

Dritter Abfchnitt. Von den Beweisgründen der


fpekulativen Vernunft. auf das Dafein eines
höchften Wefens zu fchließen
Daß man das ..Wefen aller Wefen“ für wirklich hält.
dazu beftimmt vor allem das Bedürfnis. zu dem ge
gebenen Bedingten ein Unbedingtes zu fuchen. das not
wendigerweife exiftiert. Das Wefen von höchfter Bealität
fcheint am meiften geeignet. mit dem unbedingt-notwen
digen Wefen gleichgefetzt zu werden. da es als Inbe
griff aller Bealität ..die zureichende Bedingung zu allem
anderen if “ (S. 464 Z. 8 von unten). So fchließt man. das
höchfte Wefen fei nicht bloß Ideal. fondern müffe not
wendigerweife exiftieren.
Indeffen gegen diefen Gedankengang ift einzuwenden. _
daß auch Wefen. deren Bealität eingefchränkt ift. doch
unbedingt notwendig exiftieren könnten.
Freilich wird der ..gemeine Menfchenfinn“ ftets dazu
neigen. dem unbedingt Botwendigen nicht nur die ..oberft e“
(erfte). fondern auch die ..höchfte“ (allgenugfame) Kau
Lil
falitat beizulegen (S. 466 unten); alfo nicht eine Viel
heit von befchrankten wefen *alz unbedingt notwendig
exiftierend und alz erfte Urfachen der empirifchen Wirk
lichkeit anzufehen/ fondern ein einzigez) daz dann zugleich
alz daz allerrealfte aufgefaßt wird. Diefez natürliche Be
dürfniz nach einem einzigen höchften Wefen verrät fich
auch darin) daß felbft bei Völkern) die viele Götter ver
ehren) meift ein Gott alz der höchfte gilt. Diefer wird
dann in der Regel auch alz daz wefen angefehen) „daz
den praktifchen (fittlichen) Gefetzen wirkung und Wach
druck" gibt (vgl. S. 586).
Den Beweiz für daz Dafein Gottez hat man in drei
facher Form zu führen gefucht: man fchloß erftenz ganz
a priori von dem Begriff Gottez auf feine Exiftenz
(ontologifcher Beweiz); zweitenz von irgendeinem be
liebigen Dafein auf die Exiftenz Gottez alz dez unbe
dingt notwendigen Wefenz (kozmologifcher Beweiz);
drittenz von „der befonderen Befchaffenheit unferer Sinnen
welt" (namlich ihrer Hweckmäßigkeit) auf Gott alz ihren
Urheber (phyfiko-theologifcher oder teleologifcher Beweiz).
Aant will zeigen) daß in dem zweiten und dritten Be
weiz inzgeheim der „ontologifche" mitwirkt (den er alz
apriorifchen auch den „tranfzendentalen" nennt). mit
feiner prüfung beginnt er darum.

Vierter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit einez


ontologifchen Beweifez vom Dafein Gottez
Von einem „abfolut notwendigen wefen" hat man
viel geredet) man hat fich aber nicht klargemachh „ob
wir unz durch diefen Begriff überall [überhaupt] etwaz
242
- denken oder nicht“ (S. 468 Z. 7f. von unten). Es könnte
ja auch ein leeres Wort fein. Denn um etwas als „not
wendig“ einzufehen; bedürfen wir immer der Bedin
gungen; durch die es notwendig ift. Durch das Wort
„unbedingt“ weift man alle Bedingungen ab: bleibt dann
noch etwas „notwendig“ 'k
Die Beifpiele/ die man für „fchlechthin“ (d. i. unbe
dingt) Rotwendiges beigebracht hat) find lediglich Ur
teile (fo z.B. mathematifche Sätze). Aber „die unbedingte
Akotwendigkeit der Urteile ift nicht eine abfolute Rot
wendigkeit der Sachen“ (S. 469). Der Satz; daß ein
Dreieck notwendig drei Winkel habe) fagt nicht; daß die
drei Winkel -- das find hier die „Sachen“ - unbedingt
notwendig exiftieren; fondern nur; daß fie da find unter
der Bedingung. daß das Dreieck exiftiert.
Zum Wefen des Dreiecks gehören nicht bloß drei Ecken
und Seiten) fondern auch drei Winkel. Diefe Wefensnot
wendigkeit hat man mit einer Dafeinsnotwendigkeit ver
wechfelt. Man hat fich nun im Begriff des Unbedingt
notrvendigen etwas gedacht; dem das Dafein notwendig
zukommen folle; zu deffen Wefen es alfo notwendig ge
höre; auch zu exiftieren. Indeffen ift die Exiftenz nie eine
denknotwendige Eigenfchaft; und es entfteht nie ein lo
gif cher (innerer) Widerfpruch; wenn ich fie verneine
(S. 470).
Wan behauptet; allein das allerrealfte Wefen dürfe
nicht als nichtexiftierend gedacht werden; in feinem Be
griff fei fchon das Dafein enthalten; und wenn man es
verneine; entftehe ein innerer Widerfpruch.
Aber man verwechfelt dabei „Realität“ mit „Exiftenz“,
Realität drückt das Was?) das Wefen deffen aus; das
2(5
ich denke (..feße“ S. 47( unten). Was immer ich aber
auch denke: es bleibt ftets die Frage. ob es auch exiftiert;
denn wenn der Gedanke an etwas exiftiert. fo exiftiert
deshalb noch nicht das Ding. das ich meine. Wenn ich
von ihm Exiftenz ausfage. fo ift das immer ein f yn
thetif ches Urteil, Verneine ich die Exiftenz. fo entfteht
alfo nie ein innerer Widerfpruch. Ein folcher entfteht nur
in analytifchen Urteilen. wenn ich ein prädikat verneine.
das fchon im Subjekt liegt.
Was ich als den Inhalt oder das Wefen Gottes denke.
wird dadurch nicht im mindeften vermehrt. daß ich ur
teile: Gott ift. Eben darum kann das Dafein Gottes
auch nicht aus feinem Wefen (feinem Begriff) nach dem
Satz des Widerfpruchs abgeleitet werden. Es liegt ja
gar nicht darin.
Wenn ich alfo auch den Begriff des allerrealften Wefens1
denke. fo muß ich doch aus diefem Begriff ..heraus
gehen“ (S. 474). um feftzuftellen. ob diefes Wefen auch
exiftiert. Bei finnlichen Gegenftänden gefchieht dies da
durch. daß ich fie wahrnehme oder feftftelle. daß fie mit
einer Wahrnehmung nach empirifchen Gefetzen zufammen
hängen (S. 474 Mitte und S. 202 Br. 2). Aber der Be
griff des allerrealften Wefens ift lediglich ein ..Objekt
des reinen Denkens“. und folchen gegenüber haben wir
..ganz und gar kein Mittel. ihr Dafein zu erkennen. weil
es gänzlich a priori erkannt werden müßte“. Exiftenz
aber können wir nur durch Erfahrung feftftellen.

1 Der Ausdruck „Wefen“ hat zwei Bedeutungen: erftens be


zeichnet er (wie hier) einen Gegenftand. zweitens (wie im vorigen
Sag). das Was (den Inhalt) diefes Gegenftandes,

2140
Die Realitäten' aber) d'ie wir im Begriff dez aller
realften wefenz vereinigt denken) find unz „pezififch"
(ihrer Art nach) nicht gegeben (S. 475 ,5. 5).
Fünfter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit einez
kozmologifchen Beweifez vom Dafein Gottez
Der ontologifche Beweiz fchloß von der höchften
Realität auf die abfolute Uotwendigkeit der Exiftenz) der
kozmologif che fchließt von der abfoluten Uotwendig
keit der Exiftenz auf die höchfte Realität, Hu jenem (an
geblich) abfolut notwendig Exiftierenden aber gelangt er
von der contingentia monat) d. h. der Hufälligkeit der
Welt auz. Er wird alfo nicht ganz 3, priori geführt wie
der ontologifche) fondern geht von dem Gegenftand der
Erfahrung) der Welt (Aozmoz) auz und fchließt auz
deren (angeblicher) Hufälligkeit auf daz Dafein einez ab
folut notwendigen Wefenz und fetzt diefez dann gleich
mit dem allerrealften (oder allerhöchften) wefen. Dabei
wird vorauzgefeßy „der Begriff einez wefenz von der
höchften Realität tue dem Begriff der abfoluten Wot
wendigkeit im Dafein völlig genug) d. i. ez laffe fich auz
jener auf diefe fchließen“ (S. 478 mitte). Darauz ift er
fichtlich) daß der ontologifche Beweiz in diefem kozmo
logifchen tatfächlich enthalten ift alz' ner'uz probanäi
(alz Äerv dez Beweifez)1.
1 Die Umkehrung einez Urteilz (S. 479 Z. 4() befteht darin)
daß daz Subjekt zum prädikat gemacht wird und umgekehrt. Alfa:
„alle fchlechthin notwendigen wefen find allerrealfte wefentß rein
umgekehrt. wiirde lauten: alle allerrealfien wefen find fchlecht
hin notwendige. wird bei der Umkehrung die Quantität verändert.
wie im Aantfchen Text) fo heißt fie „Umkehrung (convert-rio) per
accjcienz“ (vgl. Aantz „Logik" Z 52).

2i5
Infofern der kosmologifche Beweis aber für verfchieden
vom ontologifchen angefehen wird; liegt zugleich ein igno
ratio eienciii (eine Verkennung des zu Beweifenden)
vor. -
Der S. 482 Mitte erwähnte Albrecht von Haller
((708-(777) war ein im achtzehnten Iahrhundert fehr
gefchäßter Dichter; deffen Lehrgedicht „Die Alpen“ ((729)
zuerfi Verftändnis für deren Großartigkeit weckte. -
Man überfehe nicht die S. 485 oben gegebene Cha
rakterifierung des Wefens der „Vernunft“. Es befteht
darin; daß wir von unferen Gedanken „Rechenfchaft geben
können“; und zwar aus „objektiven“ Gründen; foweit
fie gültig find; aus „fubjektiventh foweit dies nicht der
Fall ift. Wir müffen dann wenigftens zeigen; wie wir
zu unferer (irrigen) Auffaffung gelangt find.
Man kann infofern „Vernunft“ in Aürze als das
Organ für das objektiv Gültige definieren.

Entdeckung und Erklärung des dialektifchen Scheins in


allen tranfzendentalen Beweifen vom Dafein eines
notwendigen Wefens

Der Liern des kosmologifchen Beweifes ift: Wenn über


haupt etwas exiftiert; fo muß auch etwas „notwendiger
weife“ exiftieren.*Andererfeits können wir uns aber kein
einziges beftimmtes Ding als an fich notwendig denken.
Diefer fcheinbare Widerfpruch findet feine Löfung durch
die Erkenntnis) daß Rotwendigkeit (und ebenfo auch Zu
fälligkeit) nicht die Dinge felbft angehen; fondern bloße
Gedanken (Ideen) find. Der Idee des Rotwendig-Exi
ftierenden entfpricht nun die Regel: (. nie anderswo; als
bei einer a priori vollendeten Erklärung (die reftlos Rot
2(6
wendigkeit erkennen läßt) aufzuhören. 2. nichts Empirifches
als unbedingt notwendig anzunehmen (S.484). Aus dem
zweiten Grundfatz folgt aber. daß man das ..Abfolut
Botwendige außerhalb der Welt“ annehmen muß (S. 485
Z. 8f.). In der Ableitung der Erfcheinungen der Welt
von immer weiter zurückliegenden Bedingungen brauchen
wir uns alfo durch diefe Idee nicht ftören zu laffen. ja
fie treibt uns an. nach einer vollftändigen Ableitung un
aufhörlich zu ftreben.
*So ift die Idee (bzw. das Ideal) des abfolut notwen
digen und zugleich höchften Wefens ihrer wahren Bedeu
tung nach als ein ..regulatives prinzip“. d. h. als Leit
gedanke bei unferer empirifchen Forfchung anzufehen.
Durch eine „naheliegende Subreption“ (Unterfchiebung)
wird fie aber als ,.constitutiy“. d. h. als ein wirkliches
(göttliches) Wefen bezeichnend aufgefaßt.

Sechfter Abfchnitt. Von der Unmöglichkeit des


phyfiko-theologifchen Beweifes
Diefer Beweis geht von einer beftimmten Erfahrung.
nämlich der „Mannigfaltigkeit. Ordnung. Zweckmäßig
keit und Schönheit“ der Welt aus. um Gott als Urfache
dafür zu erfchließen, Kant nennt diefen Beweis „mit
Achtung“ „den älteften. kläreften und der gemeinen Men
fchenvernunft am meiften angemeffenen“ (S. 489 Mitte).
..Zweifel fubtiler abgezogener [d. i. fpitzfindiger und ab'
firakter] Spekulation“ fcheinen dagegen machtlos zu fein.
Ein Blick „auf die Wunder der Batur und die Majeftät
des Weltbaues“ treibt die Vernunft immer wieder dazu.
fie auf einen ..oberften und unbedingten Urheber“ zurück
zuführen (S. 490 oben).
2(7
Aber auch diefer Beweiz ergibt nach Aant keine „apo
diktifche (unbedingte) Gewißheit“ (S. 490 H. 9). - Ob
ihm eine gewiffe Wahrfcheinlichkeit zukomme) hat Aant
nicht näher unterfucht -.
Auch der „phyfiko-theologifche“ Beweiz muß fchließlich
den „ontologifchen“ zu Hilfe rufen. Diefer würde den
„einzig möglichen Beweizgrund“ für daz Dafein Gottez
darftellen) wenn er gültig wäre.
Der phyfiko-theologifche Beweiz fucht auz der „Zweck
mäßigkeit und Wohlgereimtheit“ f0 vieler Z'caturanftalten
auf Gott alz den intelligenten Urheber derfelben zu
fchließem wie man auz der Hweckmäßigkeit menfchlicher
produkte auf den ?Menfchen alz ihren intelligenten Ur
heber fchließen kann.
Dabei wird ftillfchweigend vorauzgefetzt die „freiw'ir
kende Uatug die alle Aunft und vielleicht felbft fogar die
Vernunft zuerft möglich macht") könne folche Zweck
mä'ßigkeit felbft nicht hervorbringen/ eine Vorauzfetzung)
die anfechtbar ift (S. 49( mitte).
Wenn nach Analogie menfäflicher Aunft auf Gott ge
fchloffen wird) fo wird damit höchftenz ein „Weltban
meifter" („der durch die Tauglichkeit dez Stoffez„ den er
bearbeitet) immer fehr eingefchränkt wäre-t)) nicht ein
„Weltfchöpfer“ erfchloffen; denn auch der menfchiiche
Aünftler ift ja an einen gegebenen) vielfach widerftreben
den Stoff gebunden.
Endlich kann auz der in der Welt zu beobachtenden
Ordnung und Zweckmäßigkeit nur auf Dafein „einer ihr
proportionierten [entfprechenden] Urfache“ gefchloffen wer
den (S. 492 mitte); alfo - da diefe Ordnung und Zweck
mäßigkeit doch nicht fchlechthin vollkommen ift - nur
2(8
auf einen fehr mächtigen und weifen Weltbaumeifter.
Das ift aber ein unbeftimmter Begriff; der nicht mit dem
Gottesbegriff identifch ift. Um auf Gott zu fchließem fieht
man zunächft die Zweckmäßigkeit in der Welt als etwas
Zufälliges an) fchließt von da auf ein fchlechthin not'
wendiges Wefen und identifiziert diefes mit dem aller
realften (höchften) Wefen. So wird tatfächlich der kosmo
logifche und der ontologifche Beweis heimlich zu Hilfe ge,
nommen.

Siebenter Abfchnitt. Aritik aller Theologie aus


fpekulativen prinzipien der Vernunft
Der Begriff der Theologie aus fpekulativen Vernunft
prinzipien oder der „rationalen Theologie“ wird zunächft
klargeftellt. Sie ift zu unterfcheiden von der auf Offen
barung fich berufenden Theologie. Sie zerfällt ihrerfeits
wieder in „tranfzendentale“1 Theologie (die zum „Deis
mus“ führt) und in die „natürliche“ Theologie (die den
„Theismus“ vertritt).
Die erftere denkt Gott durch lauter Begriffe a priori;
nämlich als ons originarium (urfprüngliches Wefen oder
Urwefen) realissirnurn (alle Realität umfaffendes); ons
entium (Wefen der Wefen). Die zweite beftimmt Gott
mit Hilfe des Erfahrungsbegriffs der Intelligenz als das

1Der Ausdruck „tranfzendental“ ift hier wie öfter (z. B. S. 78)


ganz im Sinne von „rein“„ apriorifch gebraucht. „Deismus“ vom
lateinifchen äeus : Gott; und „Theismus“ vom griechifchen thoos --:
Gott bedeuten eigentlich dasfelbe. In der philofophifchen Sprache
hat fich der im Text angegebene Unterfchied herausgebildet.

2W
„höchfte Wefen. das durch Verftand und Freiheit der Ur
heber der Dinge fein foll“ (S. 495 unten). Der Deift glaubt
alfo zwar an einen Gott. aber nur der Theift an einen
..lebendigen Gott (summarn intelligentinm. d. h. einen
höchften Verftand“. S. 496 Z. 9).
Ferner unterfcheidet Kant zwifchen theoretif ch er Er
kenntnis. deren Gegenftand das ift. „was da ift“. und
praktifcher. die auf das geht. was „da fein foll“.
Er deutet darauf hin (was er in feinen fpäteren ethifchen
Schriften ausgeführt hat). daß es praktifche Gefetze (d. h.
Gefetze für unfer Handeln) gibt. die ..fchlechthin not
wendig find“. d. h. abfolut fein follen.
Von den moralifchen Gefetzen will nun Kant zeigen.
daß fie als Grund ..ihrer verbindenden Kraft“ das Da
fein Gottes vorausfetzen 1. ja mit Becht ..poftulieren“
(fordern). Freilich ergibt fich daraus nur ein „praktifcher“
(d. h. unfer Handeln leitender) Glaube. keine theoretifche
„Erkenntnis“. Es ift deshalb hier von dem ..poftulat“
des Dafeins Gottes nicht weiter die Bede.
Endlich unterfcheidet Kant innerhalb der ..theore
tif ch en“ Erkenntnis die „fpekulative“. die ..auf einen
Gegenftand oder folche Begriffe von einem Gegenftand
geht. zu welchem man in keiner Erfahrung gelangen
kann“ k. und die „Baturerkenntnis“. welche nur auf Er
fahrungsgegenftände geht.

1 Später ifi Kant zu der Überzeugung gelangt. daß das Sittliche


aus fich (auch ohne göttliazen Gefetzgeber) uns verpflichtet; vgl. Kritik f
der praktifchen Vernunft S. (5(. (55 (Berlam).
k Spekulativ ift alfa mit „rein“ (apriorifch) nicht gleichbedeutend;
denn das Beine (wie Baum. Zeit und Kategorien) wird ja auf
das in der Erfahrung Gegebene angewendet.

22()
?Zach diefen Begriffzbeftimmungen ftellt Aant alz Er
gebniz-feiner Aritik den Grundfatz auf: daß durch fpeku
lativen Gebrauch der Vernunft daz Dafein Gottez nicht
bewiefen werde; die Anwendung der Ve'rnunftprinzi
pien führt ebenfallz nicht dazu; ez bleibt alfo alz ratio
nale Theologie nur diejenige übrig; die auf Grund der
moralifchen Gefetze Gottez Dafein poftuliert.
Liant beruft fich für diefez Ergebniz) daz alle „fpeku
lative Theologie“ alz unmöglich hinftellt; vor allem auf
den in der „Analz'tik“ bewiefenen Satz) daß alle fru
thetifchen Urteile a priori nur von „immanenter“ Gültig
keit find) d. h. nur für den Bereich der Erfahrung gelten.
Bei bloßen Ideen aber bleibt immer die Frage; ob daz
damit bezeichnete Objekt auch exiftiert.
Wan fieht auz diefen Erörterungen; daß die Unter
fuchungen in der „Afthetik“ und „Analytik“ für Aant
nicht Selbftzweck find; ihm fchwebt dabei nicht alz eigent
lichez Ziel vor eine „Theorie der Erfahrung“ zu geben
(obwohl diez ein tatfächlichez Uebenergebniz ift)) fondern
daz eigentliche .Ziel ift die kritifche Beurteilung der feit
herigen tranfzendentalen metaphyfikz befonderz der „fpeku
lativen“ Theologie. (Auch äußerlich bekundet fich diez in
dem großen Umfang und der fachlichen Auzführlichkeit
der „Dialektik“.)
Wenn aber auf fpekulativem Wege daz Dafein dez
höchften Wefenz nicht bewiefen werden kann; fo kann ez
auch nicht widerlegt werden. mithin kann durch eine
Woraltheologie auf dem Wege dez poftulatz an Stelle
dez unz verfagten „Wiffenz“ der „Glaube“ an Gott in
fein Recht eingefeßt werden.

*22 f.
Anhang zur tranfzendentalen Dialektik
Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der
reinen Vernunft
Aant fügt nun noch dem negativen Hauptteil feiner
Dialektik; der die alte tranfzendente Metaphyfik kritifch
vernichtet; eine pofitive Ergänzung hinzu. Er ift dabei
geleitet von feiner Vorausfeßung; „daß alles; was in der
Ratur unferer Aräfte gegründet ift; zweckmäßig fein müffe“ .
(S. 502 Mitte). Es war freilich ein „Mißverftandtß ein
Aiangel an Urteilskraft (S. 505 oben); wenn man die
Ideen mit ihrer Richtung auf das Abfolute als Begriffe
wirklicher tranfzendenter Wefenheiten auffaßte. Aber es
bleibt doch die Möglichkeit; daß die Ideen bei „immanen
tem“ (d. h. innerhalb der Erfahrung fich haltendem) Ge
brauch eine pofitive Bedeutung haben. In der Tat tritt
diefe hervor; wenn man erkennt; daß die Vernunftideen
nicht auf Objekte direkt zu beziehen find; fondern auf die
verknüpfende Tätigkeit des Verftandes. Während näm
lich die Herftellung der einzelnen Verknüpfungen (z. B.
die Feftftellung einer Liaufalbeziehung) als Sache des
Verftandes anzufehen ift; kann die Vereinigung folcher
Verftandesfynthefen zu einem einheitlichen Ganzen als
Aufgabe der Vernunft angefehen werden; deren Ideen
ja auf abfolute Totalität gerichtet find. Der Verftand für
fich fchafft alfo nur „distributive“ (d. h. Teil-) Einheiten;
erft durch die Leitung der Vernunftideen wird ihm eine
„kollektive“ (d. h.. eine Gefamt-) Einheit zum Ziel gefeßt.
Die Ideen bezeichnen (bzw. fchaffen) alfo nicht wie die
Aategorien Gegenftände; fie konftituieren diefe nicht; find
222.
'-
..nicht von konftitutivem“. fondern von „regulativem“
(leitendem) Gebräuche. Sie bezeichnen gleichfam den Ziel
punkt. in dem die Verftandesreihen bei ihrer Vervollftän
digung zufammenlaufen follen. Diefer Zielpunkt ift frei
lich kein wirklicher. fondern ein bloß gedachter. fiktiver,
(koous imaginaiius gedachter [Brenn-] punkt. von dem
die Strahlen einer Linfe zu kommen fcheinen.)
So bringt alfo die Vernunft den fyftematifchen
Charakter in die Verftandeserkenntniffe. d. h. fie gibt uns
auf. die zufälligen Aggregate von Wiffensftoff zu einem
zufammenhängenden Ganzen zu ordnen. Kant erläutert
diefen immanenten Gebrauch der Ideen durch ein Bei
fpiel aus der Chemie. Diefe pflegte damals das gegebene
Vielerlei der Stoffe in ein Syftem zu bringen. indem fie
alle einteilte in „Erden“. „Salze“. ..brennliche Wefen.
Waffer und Luft“. Dabei gab man zu. daß diefe Grund
elemente unvermifcht. alfo in völliger Beinheit in der Er
fahrung nicht zu finden feien. Ulithin wirkte bei der Bil
dung diefer Begriffe. wie „reine“ (gleichfam: abfolute)
Luft. die Vernunftidee des Abfoluten mit. -
Die Vorausfetzung eines einheitlichen fyftematifchen Zu
fammenhangs ift nicht ein f ubjektiv-logifches prinzip.
das die möglichfte Vereinheitlichung unferer Erkenntniffe
fordert. fondern „ein tranfzendentaler Grundfatz der Ver
nunft“ (S. 506 Mitte). durch den „eine folche fyftematifche
Einheit. als den Objekten felbft anhängend. a priori als
notwendig angenommen wird“ (S. 508 oben).
Man findet diefe tranfzendentale Vorausfetzung in der
geläufigen Annahme. daß die einzelnen Dinge trotz ihrer
Unterfchiede zu „Arten“. Gattungen“. „höheren Gefchlech
tern“ ufw. fich zufammenordnen laffen; ferner in der be
225
kannten Regel: Sofia [oder principia] premier neoezzi
fettem non 2386 multipiicancia) d. h. die letzten Elemente
und damit Erklärungzgründe dez Seienden dürfe man
nicht in größerer Zahl annehmen; alz notwendig ift
(S. 509 oben),
Wäre die Verfchiedenheit dez Gegebenen fo groß; daß
fich überhaupt keine Ahnlichkeiten und Gattungen» feft
ftellen ließen) fo hätten fich überhaupt Begriffe und Ver
ftand in den menfchen nicht entwickeln können. Alfo muß
die Verwandtfchaft und Einheitlichkeit in den Gegen
ftänden vorauzgefetzt werden. - Diefe Bemerkung Aantz
zeigt übrigenz„ daß die Feftftellung der „Anal7tik“„ der
Verftand fchreibe der Uatur die Gefetze vor) nicht fo ver
ftanden werden darf) alz fei alle Verwandtfchaft und
Einheitlichkeit (ohne die ez ja allgemeine Gefetzlichkeit
nicht gäbe) gleichfam freie Schöpfung dez Verftandez. Die
Ubereinftimmungen im Gegebenen (die ihrerfeitz wieder
auf daz „Ding an fich“ zurückgehen) find dazu notwen
dig, Ohne fie gäbe ez keine allgemeinen Begriffe und
Gefetze) ja keinen Verftand.
Dem fubjektiv-logifchen und zugleich objektiv-tranfzen
dentalen prinzip der Gleichartigkeit fteht ein eben
folchez der Spezifikation gegenüber (S. 54( unten); daz
heißt: bei der Forfchung leitet unz nicht bloß die regu
lative Idee) im Verfchiedenen immer wieder Uberein
ftimmung (und zuleßtIdentität) zu entdecken - waz Sache
dez „Witzez“ ift (S. 540 Z. 45 von unten)-) fondern auch
immer neue Verfchiedenheiten/ alfo innerhalb der Gattung
verfchiedene Arten (zyecjoz) feftzuftellen) worin fich „Scharf
finnigkeit“ oder „Unterfcheidungzvermögen“ bekundet.
Diefez Gefetz der „Spezifikation“ ift in dem Salze auz
224
gefprochen: entium narietates non ferner-o esse* minuten
cias; d. h. man dürfe die Verfchiedenheiten der Wefen
nicht leichthin für zu gering anfehen; man müffe alfo
vorausfetzen) daß jede Art (die den „Umfang“ der Ob
jekte ausmachh die durch einen oonoeptus oormnunis)
d. h. Allgemeinbegriff) gedacht werden) wieder Unterarten
hat. Diefe Verfchiedenartigkeit in der Ratur ift ebenfo eine
Vorausfetzung für die Entwicklung unferes Verftandes
wie die Ubereinftimmung'.
Reben den regulativen Ideen der Gleichartigkeit(Homo
genität)„ der Verfchiedenheit (Varietät oder Spezifikation)
gibt die Vernunft dem Verftand noch einen dritten Leit
gedanken für feine Forfchung: das Vrinzip der Affini
tät (Verwandtfchaft) oder Liontinuität; „welches einen
kontinuierlichen Ubergang von einer jeden Art zu jeder
anderen durch ftufenartiges Wachstum der Verfchieden
heit [anzunehmen] gebietet“ (S. 5(2 Z. 5 von unten), Der
Sinn diefes Grundfatzes ift: non ciatur vacuum kor
marurn) d. h.: Es gibt keine „Leere“ (Lücke) innerhalb
der Formen; vielmehr (iatur continuum formt-num;
d. h. es gibt einen kontinuierlichen Ubergang unter den
Formen. Auch hier fetzt das fubjektiv-logifche prinzip des
„continui speaierurn (tormarurn logicarum“) (des Zu
fammenhangs der Gattungsbegriffe oder der logifchen
Formen) ein objektiv-tranfzendentales voraus; das für
die Gegenftände eine folche Aontinuität annimmt. Freilich
kann in der Erfahrung nichts aufgezeigt werden; was
diefer Idee unmittelbar „kongruiert“ (S. 5(5 Z. (0);
denn die Arten find in der Ratur wirklich abgeteilt und

1 S, 5 ( 2 (mitte) „muriatifch“ heißt falzfauer. auch kochfalzhaltig.


meffet, Kant-Komm. (5
225
machen fo ein quantum (iisoreturn (eine in fich geteilte
Summe) aus; auch ergäbe eine wirkliche Kontinuität eine
„Unendlichkeit“ von Zwifchengliedern; endlich gibt uns
das prinzip der Kontinuität keine beftimmten Verwandt
fchaften an. fondern fordert uns nur auf. danach zu fuchen.
So wirken beim Aufbau wiffenfchaftlicher Syfteme
Verftand und Vernunft zufammen. Die letztere fetzt die
Verftandeserkenntniffe voraus und ordnet und erweitert
fie nach den regulativen Ideen der „Mannigfaltigkeit“
[..Spezifikation“]. „Verwandtfchaft“ [..Homogenitättt] und
„Einheit“ [..Kontinuität“]. Die aus diefen Ideen ent
fpringenden prinzipien find „ ynthetifche Sätze“ a priori
wie die „Grundfätze“ des reinen Verftandes. Aber ihre ob
jektive Gültigkeit ift nur eine „unbeftimmte“; fie werden
als „heuriftifche“ (zum Auffinden hinleitende) Grundfätze
..mit gutem Glück“ gebraucht. aber es läßt fich ihre ob
jektive Gültigkeit nicht durch eine ..tranfzendentale Deduk
tion“ beweifen. wie das bei den Grundfätzen des reinen
Verftandes möglich war (S. 5(7 oben). Die drei regula
tiven Vernunftideen zeichnen dem Verftand gleichfam das
Schema eines Syftems vor; fie bieten infofern ein Ana
logon der finnlichen Schemata (S. 5(7 unten). die dem Ver
ftand angeben. wie feine Begriffe (Kategorien) auf die
Empfindungen anzuwenden find (vgl. S. (42ff.), Aber
da ihre objektive Geltung nicht beweisbar ift. fo follte
man fie ftatt „prinzipien“ lieber „Maximen“ (fubjektive
Grundfätze) der Vernunft nennen. Die einzelnen Forfcher
werden je nach ihrem vorwaltenden Intereffe mehr auf
die eine oder mehr auf die andere diefer regulativen
Ideen Gewicht legen. Viel unnützerStreit wird vermieden.
wenn man fich deffen bewußt bleibt. daß es fich hier um
226
gleichberechtigte und fich gegenfeitig ergänzende fubjek
tive Forfchungzregeln handelt) nicht um „objektive Ein
fichten“ (S. 549 Z. 44 von unten) 1.

Von der Endabficht der natürlichen Dialektik der


menfchlichen Vernunft
Sollen die Ideen irgendwie objektive Gültigkeit haben)
fo muß eine Deduktion derfelben (wenn auch anderer Art
alz bei den Aategorien) möglich fein, Diefe ift jetzt noch
zu geben. Ez ift dabei zu beachten) daß die Ideen nicht
(wie die Ltategorien) Gegenftände bezeichnen und be
ftimmen) fondern nur leitende Gefichtzpunkte angeben; von
denen auz wir die Befchaffenheit und die Verknüpfung
der Erfahrungzgegenftände zu fuchen haben. S0 erweifen
fich die Ideen alz unentbehrliche Leitgedanken; um unfere
Erfahrungzerkenntniz zu bereichern und fyftematifch zu
geftalten. Eben darin liegt aber die tranfzendentale Deduk
tion) d. h. der Beweiz der objektiven Gültigkeit der Ideen.
Wir können die Idee der Seele und die Gottez „auch
alz objektiv und hypoftatifchtß d. h. alz Begriffe wirk
licher Wefen annehmen?) da fie keinen inneren Wider
fpruch enthalten, Aber diefe logifche Möglichkeit reicht
nicht auz; zu behaupten) daß Seele und Gott wirklich
exiftieren; fie werden darum nur alz „Analoga von wirk
lichen Dingen“ (S. 525) gedacht, Daz heißt: waz fie an
l Der S. 549 erwähnte Bonnet ift der franzöfifche philofoph
Charlez Bonnet 4720-95) der auch auf die deutfche philofophie
itarken Einfluß geübt hat.
" Bei der kozmologifchen Idee ift diez nicht möglich) weil diez
iuf d're „Antinomie der reinen Vernunft“ (S. 559 ff.) fiihrt.

227
fich felbft find ; davon haben wir keinen Begriff; wir
denken uns aber ihr Verhältnis zu den Erfcheinungen
nach Analogie des Verhältniffes von Erfcheinungen zu
einander. So denken wir uns Gott nach Art einer „wirk
lichen Subftanz; welche nach Vernunftgefeßen die Urfache
allerDinge fei“ (S. 524 Z. 8 f. von unten);ohne daß wir dabei
von „der inneren Möglichkeit feiner höchften Vollkommen
heit oder der Rotwendigkeit feines Dafeins den mindeften
Begriff haben“ (S. 525 Z. 6). Ich bin alfo zwar nicht
befugt; Gott (und ebenfo die Seele) „fchlechthin“„ d. h. als
abfolut an fich exiftierend anzunehmen; wohl aber fie
„relativ“; d. h. in Beziehung auf die Erfahrung zu denken;
um diefe ihrer „fyftematifch-vollftändigen Einheit“ (S. 526
Z. (() möglichft zu nähern. Ich denke mir dabei nur „die
Relation eines mir an fich ganz unbekannten Wefens)
' zur größten fyftematifchen Einheit des Weltganzen“ (S. 527
Z. (4f.). Die in der Erfahrung gegebene Welt wird mir
eben in ihrer Einheitlichkeit und in ihrem fyftematifchen Zu
fammenhang beffer erkennbar; wenn ich fie als Schöpfung
eines Gottes anfehe. Ebenfo fördert es die fyftematifche
pfychologifche Erkenntnis; wenn ich die feelifchen Erfchei
nungen anfehe; als ob fie Außerungen einer einfachen;
immateriellen Seele feien.
Als „real“; als „fubftantiell“; als „kaufal“ wirkend
dürfen wir deshalb Gott und Seele nicht bezeichnen; weil
diefeBegriffemuraufempirifchGegebenesmichtauf„Dinge
an fich“ angewendet) Erkenntnis fchaffen. Das Ergeb
nis der tranfzendentalen Dialektik ift alfo diefes; daß die
Vernunft; wenn fie die „Ideen“ denkt; nicht mit Dingen
an fich) fondern mit felbftgefchaffenen Leitgedanken (alfo
„mitnichts als fich felbft“;S. 527 unten) befchäftigtift. Deren
228
-H .,

Bedeutung aber ift/ die Verftandes- (bzw, Erfahrung5-)


erkenntniffezurfrftematifchenEinheitzufammenzufchließen.
Diefe Einheit kann die Vernunft nicht anders denken„ alz
daß fie ihrer Idee zugleich einen Gegenftand gibt (S. 528
H. l5 von unten)„d0ch bleibt ganz unauZ-gemclchtx welche Ze
fchaffenheit diefer an fich habe; er dient nur zu einer ge
wiffen VeranfchaulichunD alz „Schema“ der leitenden
Idee („deg regulativen Nrinzip5"„ S. 529 H. tx).
So hat die Idee der Seele nur die Bedeutung „alle
Beftimmungen [Bewußtfeins-inhalte] als in einem einigen
[einzigen] SubjekteX alle Araftg foviel möglich alz ab
geleitet oon einer einigen Grundkrafß allen Wechfel alS
gehörig zu den Huftänden eines und deßfelben beharr
lichen wefenz zu betrachten“ und eben damit die Bewußt
feinsvorgänge [„handlungen dez Denkens") von allem
Materiellen [„Erfcheinungen im Raume/t] zu unterfchei
den (S. 529 unten). Die Seele felbft wird damit nicht erkannt;
ebenfowenig werden dabei unbegründbare HYpothefen
über Erzeugungx Vernichtung oder Wiedergeburt ("Nalin
genefietß S. 550 mitte) der Seelen zugelaffen.
Die Idee der welt hat den Sinnx daß wir in ihr die
abfolute Vollftändigkeit der Bedingungen in der Üatur
denken. Diefe vollftändigkeit kannz wie wir wiffen/ in der
Erfahrung nie gegeben werden„ fie dient unS aber zur
Ziegel/ bei der Erklärung gegebener Erfcheinungen immer
weiter zurückzugehenz alS 0b die Reihe an fich unend
lich wäre. Wenn wir aber - wie bei der fittlichen Beurtei
lung de5 frei handelnden Menfchen - die vernunft felbft
al5 Urfache betrachtenz dann fchen wir die „Reihe der Er
fcheinungen" (nämlich die Handlungen und die ihnen zu
grunde liegenden Willensvorgänge) f0 anx „als 0b fie
229
fchlechthin (durch eine intelligible Urfache) angefangen;
würden“ (S. 554 Z. 44 von unten). i
Auch den Gegenftand der dritten Idee) Gott; dürfenf
wir - folange wir im Bereich der theoretifch-wiffen-i
fchaftlichen Erkenntniz verbleiben -- nicht alz an fich
exiftierend vorauzfeßen) vielmehr mahnt unz diefe Idee
nur) allen Weltinhalt alz einheitlich / fyftematifch ver
knüpft anzufehen) gleich „alz ob“ er auz einem einzigen
Wefen alz allgenugfamer Urfache entfprungen wäre) und
zwar auz der zweckvollen Abficht einer allerhöchften Ver
nunft (S. 552 Z. 44 von unten). Einfach zu behaupten) daß
allez in der Uatur zweckmäßig eingerichtet fei„ dazu be
rechtigt unz die bizherige Beobachtung nicht) aber die
Uatur fo anzufehen„ alz ob fie durchweg zweckmäßig
gefchaffen fei) fördert außerordentlich unfere Erkenntniz
der Uatur und ihrer Zufammenhänge. _
So ift alfo die Verwendung der Ideen alz „regu
lativer Vrinzipien“ (alz bloßer Leitgedanken) erlaubt
und für die wiffenfchaftliche Forfchung fruchtbar. Hält
man fich aber nicht an diefe „Beftriktion“ (Einfchränkung)
der Ideen auf den „regulativen“ Gebrauch) betrachtet
man fie alz „konftitutivtß d. h. alz Bezeichnungen von
Dingen an fich) fo führt diez in fchwere Irrtümer.
Der erfte Fehler ift „die faule Vernunft“ (ignaea ratio)
S. 554). Befonderz deutlich zeigt fich diefer Hang) ez fich
zu bequem zu machen) wenn man gewiffe zweckmäßige
Uatureinrichtungen; ftatt ihre mechanifche Erklärung zu
verfuchem einfach auf den zweckvollen Batfchluß der
Gottheit zurückführt.
Der zweite Fehler ift „der der verkehrten Vernunft“
(„poryorza ratio“) S. 556 oben). Denn anftatt daß man
250
i

*xfich z. B. von der Idee eines Gottes; der die Welt zweck
mäßig erfchaffen habe; bloß leiten läßt) um den einheit
„lichen (zweckmäßigen) Zufammenhang allenthalben erft
.aufzufuchem feßt man eine folche Gottheit einfach als
exiftierend voraus und behauptet; er habe die Zweck
mäßigkeit den Dingen aufgezwungen. Dabei gerät man
in den zweifachen Irrtum; daß man das; was erft zu be
weifen wäre; einfach vorausfetzt und daß man zweitens
die Zweckmäßigkeit und damit die fyftematifche Einheit
als den Dingen felbft eigentlich „fremd und zufällig“ und
ihnen erft künftlich aufgezwungen anfieht.
Zum Abfchluß der „Dialektik“ zeigt 'Liant an der Gottes
idee; daß „alle Fragen; welche die reine Vernunft auf
wirft; fchlechterdings beantwortlich find (S. 557 unten). Die
erfte Frage: Gibt es etwas von der Welt Unterfchiedenes;
ift zu bejahen; denn die Welt ift ein bloßer Inbegriff von
Erfcheinungen und muß darum einen „an fich“ exiftieren
den Grund haben.
Die zweite Frage: Ift diefer Weltgrund Subftanz;
höchfte Realität ufw.; ift abzuweifen; denn alle diefe Be
griffe dürfen nur auf Erfcheinungen; nicht auf Dinge an
fich angewendet werden.
Die dritte Frage: Dürfen wir nicht das Verhältnis des
Weltgrundes zur Welt nach Analogie von Erfahrungs
verhältniffen denken; ift zu bejahen. So dürfen wir alfo
diefes Verhältnis nach Analogie des Verhältniffes eines
*itunftwerkes zu feinem intelligenten Urheber denken. Wir
müffen uns dabei nur bewußt bleiben; daß wir jenen
unbekannten Weltgrund damit nicht „an fich“ als Intelli
genz erkennen.
Somit ergibt fich aus allem Bisherigem daß wir zwar
25(
in Sinnlichkeiy verftand und vernunft Erkenntniselemente
o, priori befißen (nämlich die reinen Anfchauungen Raum
und Heiß die Liategorien und die Zdeen)„-daß aber diefe
apriorifchen Elementß obwohl fie von der Erfahrung
unabhängig gelten und beim „erften Anblick die Grenzen
aller Erfahrung zu verfchmahen fcheinen" (S. 542 Ö. t7f,
von unten)„ doch unfere Erkenntniz niemalß über da5 Feld
möglicher Erfahrung hinauzführen. Dag ein für allemal
feftzuftellem darin fieht Aant eine bedeutfame pflicht der
philofophie. Sie mußte erfüllt werden „zur Verhütung
künftiger Irrungen" (S. 543 unten).

?*5

252*
[l, Tranfzendentale Methodenlehre
Bisher haben wir gleichfam die „Materialien“ zum
Bau der reinen Vernunfterkenntnis durchmuftert/ jetzt ift
noch der plan zum Bau zu erörtern. Es follen alfo die
formalen Bedingungen eines vollftändigen Syftems der
reinen Vernunft dargelegt werden. Das ift die Aufgabe
der tranfzendentalen Methodenlehre.

Erftes hauptftück. Diedifziplin der reinenVernunft


Unter „Vifziplin" verfteht man einen Zwang durch den
der hang von gewiffen Regeln abzuweichem eingefchränkt
und befeitigt werden foll (S. 546 Ö. 7ff.). weder in der
Erfahrungserkenntnis noch in der Mathematik bedarf die
Vernunft einer Difziplim da dort empirif>7e„ hier reine
Anfchauung einen Mißbrauch der Vernunft verhüten;
wohl aber ift eine Difziplin nötig wo die Vernunftbegriffe
über alle Anfchauung hinaus gebraucht werden follen.

Erfter Abfchnitt. Vie Vifziplin


der reinen Vernunft im dogmatifchen Gebrauch
Vie Mathematik bietet ein glänzendes Beifpiel für die
Erweiterung der Vernunfterkenntnis „ohne Beihilfe der
Erfahrung"„ alfo auf rein tranfzendentalem wege. S0
hofft man/ daß die Vhilofophie ebenf0 glücklich fein werde.
255
Ez entfteht alfo die Frage; ob die mathematifche
Methode zur apodiktifchen Gewißheit zu gelangen mit der
„dogmatif chen“ in der philofophie einerlei fei„ die zu
ebenfolcher Gewißheit zu führen verheißt.
Üun befteht aber ein wefentlicher Unterfchied zwifchen
philofophifcher und mathematifcher Erkenntniz. Die erftere
ift Vernunfterkenntniz auz Begriffen / die zweite Ver
nunfterkenntniz auz Aonftruktiom d. h. auz einer apriori
fchen Veranfchaulichung von Begriffen. Diefe Veranfchau
lichung erfolgt durch eine einzelne Anfchauung) die alz
folche empirifch und einzeln ift) die aber überempirifche
und allgemeine Bedeutung befitzth weil ez nur auf daz
apriorifche Gefetz ihrer Aonftruktion ankommt. Da fich
nur Größen konftruieren; d. h. a priori (alfo unabhängig
von Erfahrung) in der Anfchauung darftellen laffen) fo
folgt darauz) daß mathematifche Erkenntniz nur auf
Größen („Duantaft) geht) denn ©ualitäten find unz
nur durch empirifche Anfchauung gegeben) fie laffen
fich nicht konftruieren (S. 549 mitte).
Ferner ergibt fich z daß der Dhilofoph durch bloße
Zergliederung mathematifcher Begriffe nichtz Üeuez
herauzbringen kann) während der Mathematiker; indem
er die Gegenftände diefer Begriffe anfchaulich konftruiert)
zu neuen Erkenntniffen gelangt (S. 550 zweite Hälfte).
Ez kommt eben hier nicht auf an alytifche Sätze an; die
der Dhilofoph durch bloße Begriffzzergliederung wohl
zuftande bringen könnte; fondern auf fynthetifche Sätze
a priori. Dazu bedarf ez aber der Lionftruktion ver
mittelz reiner Anfchauung (S. 552 Z. 8).

- 1 Sie ift Anfchauung dez Wefenz; z. B. einer geometrifchen Figur.

256
** Der Grund für diefe Verfchiedenheit ift (wie S.552
Z. (4 ff. von unten näher ausgeführt wird) der; daß die
mathematifchen Begriffe fchon eine reine Anfchauung in
fich enthalten und dadurch die Aonftruktion ihrer Gegen
ftände und die Gewinnung fynthetifcher Sätze über diefe
möglich machen; die philofophifchen Begriffe aber ent
halten nur die Verknüpfungsweife (die „Synthefis“) mög
lich er Anfchauungen; wie z. B. der Begriff des Dings mit
Eigenfchaften oder der von Urfache und Wirkung an
fich leer von Anfchauung ift und nur die Form enthält;
nach der anfchaulich Gegebenes verknüpft und damit
aufgefaßt und gedeutet werden kann, Diefes Anfchau
liche aber ift nicht wie bei den mathematifchen Begriffen
fchon in den Begriffen felbft enthalten; fondern muß erft
in der Erfahrung gegeben werden (S. 555 Mitte). Da
aber (nach dem- Ergebnis der tranfzendentalen Analytik)
zur fynthetifchen Erkenntnis Begriff und Anfchauung
gehören; fo können die (anfchauungslofen) philofophifchen
Begriffe für fich allein folche Erkenntnis nicht liefern.
Freilich ift die Verfuchung fehr groß; es mit rein philo
fophifchen Begriffen der Mathematik gleichtun zu wollen
(S. 556 Z. (4 ff); aber damit gerät man auf unficheren
Boden 1. Daß die Nachahmung der mathematifchen
Methode in der Vhilofophie (wie diefe befonders bei
Spinoza fich findet) unzuläffig fei; fucht Rant im folgen
den (S. 557 Z. (0ff. von unten) dadurch zu beweifen; daß
Definitionen; Axiome; Demonftrationen; auf denen die
Gründlichkeit der-Mathematik beruhe; von dem philo
1 lnstabiiis teilus, ein Land; auf dem man nicht feften Fuß faffen
kann; innabilis uncia ein Gewäfieu in dem man nicht fchwimmen
kann.
257
fophen nicht in demfelben Sinne wie von dem Mathe
matiker gefchaffen und gebraucht werden können.
t. weder empirifche noch apriorifche Begriffe können
innerhalb der philofophie wirklich „definiert" werden.
da wir nie ficher find die wefentlichen Merkmale wirklich
erfchöpfend erkannt zu haben. willkürlich erdachte Be
griffe kann man allerdings definieren„ aber in diefem
Falle weiß man nichh 0b ihnen auch ein Gegenftand
entfpricht (S. 559 Mitte). Alfo können nur folche Begriffe
im ftrengen Sinn definiert werden„ deren Gegenftand
a priori anfchaulich konftruiert werden kann„ wie dies bei
den mathematifchen Begriffen der Fall ift.
Eben darum kann nur die Mathematik mit Defini
tionen beginnen / da hier die Begriffe erft durch die
Definitionen gegeben werden. Dagegen kann in der phil0
fophie die Definition im beften Fall abfchließendes (und
ftets noch der Verbefferung fähiges) Ergebnis fein l.
Auch k5nnen mathematifche Definitionen nicht irren„
weil durch fie der Begriff bzw. [ein Gegenftand erft
gefchaffen wird„ fie alfo damit übereinftimmen (höchftens
k5nnen fie unpräzis fein). Dagegen können die Defini
tionen in der philofophie irrem indem fie entweder zu
viel oder zu wenig an Merkmalen enthalten.
2. „Axiome“ find fynthetifche Srundfätze a priori/
fofern fie unmittelbar gewiß find. Die ?Mathematik kann
Axiome aufftellem weil fie auf Grund der Aonftruktion
ihrer Begriffe in der Anfchauung fynthetifche Sätze
a priori darüber ausfagen kann. Diefe Sätze finden
t der Mathematik gehört die Definition ac] esse (zum Sein;
d. h. fie ift notwendig» in der philofophie act melius 888e (zum
befferen Sein,- d. h. fie ift erwünfcht; vgl. S, 560 Anmerkung. *
258
_-

in der Anfchauung ihre unmittelbare Beftätigung.


Diefe Anfchauung aber fehlt den philofophifchen fYnthe
tifchen Grundfätzen; die ja lediglich auz anfchauungz
(ofen Begriffen beftehen) wie z. B, daß allez) waz
gefchieht) einer Urfache bedarf. Sie bedürfen darum .
(wie fich in der „Analytik“ S. 456 ff. gezeigt hat) einer
„Deduktion“) d. h. einez Beweifez ihrer Gültigkeit.
5. „Demonftration“ ift; ftreng genommen; ein apodik
tifcher Beweiz) fofern er intuitiv ift (S. 562 mitte). Auz
bloßen anfchauungzlofen apriorif chen Begriffen kann
nie „anfchauende Gewißheit“ („Evidenz“) entfpringen.
Empirif che Beweizgründe aber ergeben nie apodiktifche
Gewißheit) da fie nur zeigen/*waz tatfächlich ift und
bizher war; aber nie) waz fein muß. Uur die Mathe
matik enthält alfo wirkliche „Demonftrationenth weil fie
durch apriorifche Lionftruktionen in der reinen Anfchauung
intuitive Gewißheit erzeugen kann.
Äennt man apodiktifche Sätze; foweit fie auf direkter
(anfchauungzlofer) Synthefiz von Begriffen beruhen)
„Dogmata“ („fehrfprüchett)/ foweit fie dagegen auf an
fchaulicher *tionftruktion von Begriffen beruhen; „Rathe
mata“) fo gibt ez im rein „fpekulativen“ Gebrauch (alfo
in der Vhilofophie) keine „Dogmen“; und alle dogmatifche
Methode paßt nicht in die Dhilofophie.

Zweiter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen


Vernunft in Anfehung ihrez polemifchen
, Gebrauchz
Unter dem „polemifchen Gebrauch“ der reinen Ver
nunft ift die Verteidigung ihrer Sätze gegenüber dogma
tifchen (unkritifchen) Verneinungen derfelben zu verftehen.
239
.1'

Hier handelt es fich um Rechtfertigung rear' ärikpwnm


(nach menfchlichem Maßftab); nicht rear' (iin-Jerm- (nicht
nach dem idealen Maßftab der Wahrheit). Mag immer
unfere eigene dogmatifche Behauptung nicht wirklich
beweisbar fein: es kommt hier - in der Volemik -
nur darauf an zu zeigen; daß fie nicht widerlegt werden
kann (S. 566 Mitte),
Zwar die Antithetik (der Selbftwiderfpruch) der reinen
Vernunft; wie fie in dem Abfchnitt über die Antinomie
(S. 559ff.) behandelt wurde; beruht auf einem Miß
verftändnis; aber ein folches liegt nicht vor bei dem Streit
um die Exiftenz Gottes und einer immateriellen Seele.
Hier ift weder Beweis noch Widerlegung möglich. Alfo
befteht auch hier; ftreng genommen; keine „Antithetik“
(S. 568 unten). Auf diefem Feld aber; auf dem man
den Anfpruch zu „wiffen“ aufgeben muß; tritt der
Glaube in fein Recht (S. 569 unten). Riemals aber darf
man in falfch verftandenem Intereffe des Glaubens und
der Sittlichkeit die Freiheit des Vhilofophierens irgend
wie mit Gewalt einfchränken (S. 570f.). Man darf nicht
meinen dem Glauben) als der „Grundfefte der öffent
lichen Wohlfahrt“ (S. 575 Z. 5)) durch Scheingründe und
Beweife von zweifelhaftem Werte zu Hilfe kommen zu
müffen. Auch eine gerechte Sache darf nicht mit Unrecht
verteidigt werden.
Eine eigentliche „Volemik“ der reinen Vernunft kann
es nicht geben; denn es handelt fich bei dem Streit um
die Exiftenz Gottes und der (unfterblichen) Seele um
„Ideen“„ aus denen allein nie herausgebracht werden
kann; ob ihr Gegenftand wirklich ift oder nicht (S. 575
unten). Streit herrfcht nur folange; als die Vernunft
240
dogmatifch verfährt; fie ift dann gleichfam noch im Üatur
zuftand) der nach dem englifchen Dhilofophen Thomas
hobbes (t588-t679) als ein Huftand anzufehen ift) in
dem nicht Becht) fondern Gewalt herrfcht. Erft die Aritik
der Vernunft kann Frieden ftiften (S. 574 unten). Da
Vernunft aber felbft keinen anderen Richter anerkennt
als felbft wiederum die allgemeine Menfchenvernunfß
worin ein jeder feine Stimme hat) fo darf niemals die
freie Meinungsäußerung unterdrückt werden (S. 575). Die
ikademifche Jugend aber ift durch zeitige Einführung in
das kritifche Denken gegen das Gift eines oerneinenden.
nur einreißenden Dogmatismus zu fchützen (S. 576f.).
Sowenig wie eine eigentliche Volemik gibt es einen
juläffigen f keptif chen Gebrauch der Vernunft) der auf
bloße Neutralität bei allen Streitigkeiten hinauslaufen
wurde. Dies wird im folgenden Abfchnitt näher begründet.

Von der Unmöglichkeit einer fkeptifchen Befriedigung


der mit fich felbft veruneinigten reinen Vernunft

Daß „Unwiffenheit fchlechthin notwendig fett() d. h. daß


vir zu einer Erkenntnis unfähig find und uns deshalb
leutral verhalten müffen) das kann nie empirif ch durch
hinweis auf einzelne Tatfachen („Facta“ S. 580 unten)
>es Üichtwiffeng fondern nur „kritifch" durch Unter
uchung der Quellen und Grenzen unferer Erkenntnis
*argetan werden. *
Hume blieb deshalb Skeptiker (und gelangte nicht zum
,kritifchentt philofophieren)„ weil er feine Zweifel auf_
fakta) nämlich auf fehlgefchlagene dogmatifche Verfuche
*er Vernunft befchränkt (S. 582 unten). Dabei faßte er
lleffer, ?cant-Komm. ZXx 46
wefentlich nur den Grundfatz der Liaufalität inz Auge
(S. 580 Z. 44) und bemerkte richtig) daß man von feiner
Wahrheit keine wirkliche apriorifche Einficht habe. Er
glaubte darauz folgern zu müffen) daß nur Erfahrung
unz diefen Grundfaß lehren könne (S. 584). Dagegen
hat nun die tranfzendentale Logik gezeigt; daß wir doch
völlig a priori die Geltung dez Aaufalfaßez erkennen
können) freilich nicht durch „bloße Zergliederung feinez In
haltez der Begriffe einez Gefchehenz“ und feiner Urfache/
fondern nur in Beziehung auf ein Drittez„ nämlich mög
liche Erfahrung. Er gilt) fofern er Erfahrungzerkenntniz
felbft möglich macht.
Auch gelangte hume nicht dazu) alle Arten folcher
Verknüpfungzbegriffe (und die ihnen entfpringenden ffn
thetifchen Urteile 8. priori) fpftematifch zu überblicken.
Da fo fein Skeptizizmuz lediglich auf Einzelheiten und
damit Zufälligkeiten fich gründet; nicht auf f7ftematifche„
prinzipielle Erwägungen; fo kann er nicht wirklich da
von überzeugen) daß Verzicht auf Urteil; alfo grundfätz
liche Neutralität unfere pflicht fei. Vielmehr bleibt fein
Skeptizizmuz felbft ftetz dem Zweifel auzgefetzt (S. 585
mitte).
Ein weiterer Wange( Humez ift; daß er zwifchen den
„gegründeten Anfprüchen dez Verftandez“ (wie fie in den
apriorifchen „Grundfätzentß z. B. dem Liaufalitätz- und
dem Subftanzfaß vorliegen) und den dialektifchen An
maßungen der Vernunft(z. B. Behauptungen über Gott
und Unfterblichkeit) nicht unterfcheidet (S. 585 zweite
Hälfte; vgl. S. 585 Witte).
So bildet der Skeptizizmuz gewiffermaßen nur die Vor
ftufe für eine wahrhaft kritif che Vhilofophie (S.586).
242
k.,
Dritter Abfchnitt. Die Difziplin der reinen
Vernunft in Anfehung der Hypothefen
Da uns die „Ltritik“ nun gezeigt hat; daß wir durch
reine Vernunftfpekulation (ohne Hilfe der Erfahrung) zu
keiner Erkenntnis gelangen können; follte fich uns nicht
außerhalb der Erfahrung ein weites Feld für Hypo
thefen öffnen? Indeffen muß dabei die Möglich keit des
hypothetifch angenommenen Gegenftandes feftftehen. Als
dann dürfen wir bezüglich feiner Wirklichkeit eine (mehr
oder minder wahrfcheinliche) „Meinung“ aufftellen) wenn
wir diefen Gegenftand als Erklärungsgrund zu dem; was
wirklich gegeben ift) hypothetifch fetzen. Wir dürfen dabei
aber nicht Gegenftände von einer „neuem empirifch nicht
anzugebenden Befchaffenheit“ ausfinnem wie z. B. ein
Verftand; der ohne Sinne anfchaute; denn das hieße mit
„leeren Hirngefpinften“ (S.587 Z. 4) fich zufriedengeben.
Auch die Gegenftände der Vernunftideen (wie Gott und
Seele) find bloße Gedankendinge; „deren Möglichkeit nicht
erweislich ift“ (S. 587 unten) und die darum nicht der
Erklärung wirklicher Erfcheinungen hypothetifch zugrunde
gelegt werden dürfen. Mit folchen „tranfzendenten Er
klärungsgründen“ zu arbeiten ift fehr bequem; es fördert
aber nicht unfere wirkliche Erkenntnis; fondern lähmt
unfer Bemühen; zu einer folchen zu gelangen (S. 589),
Ein zweites Erfordernis; dem eine ernft zu nehmende
Hypothefe genügen muß; ift ihre Zulänglichkeit; die in
der Erfahrung gegebenen Tatbeftände aus ihr zu erklären.
Muß man zu Hilfshypothefen feine Zuflucht nehmen) fo
erregt dies mit Recht Verdacht gegen die Hypothefe. So
können zwar Zweckmäßigkeit; Ordnung und alles Große
245
in der Welt aus einer „unbefchränkt-vollkommenen" gött
lichen [Velturfache erklärt werden) aber dann bedarf man/
um die Unvollkommenheiten und die Abel in der welt
zu erklären) weiterer hilfshypothefen) und das fpricht gegen
die urfprüngliche Hypothefe eines göttlichen Schäpfers.
Ebenfo ift die hypothefe der einfachen unzerftärbaren
Seele nicht wohl ohne hilfshypothefen zu vereinbaren
mit den Erfcheinungen feelifchen wachstums und Ver
falls (S. 590 oben und S. 592 unten). i
Will man aber Gott und Seele nicht zur Erklärung
von Tatbeftänden der Erfahrung hrpothetifch annehmen,
fondern a priori beweifen„ fo muß der Beweis wirklich
apodiktifche Gewißheit haben. Denn die „von aller Er
fahrung abgefonderte" und deren Hilfe verfchmähende
Vernunft kann etwas nur 8. priori als notwendig oder
gar nicht erkennen. Bei diefem apriorifchen Beweisver
fahren hat es keinen Sinn) etwas nur „wahrfcheinlich
machen zu wollentt) fowenig dies in der Geometrie
berechtigt ift) die ja auch a priori beweift (S. 590 unten).
:im „Felde der reinen Vernunft") alfo der apriorifchen
Beweisführung find Hypothefen nur „als Ariegswaffen
erlaubt" (S. 59i unten)) lediglich um ein Becht zu ver
teidigen) das auf praktif ch en Vernunftgründen ruht. Es
wird fich nämlich „in der Folge zeigen) daß doch) in An
fehung des praktifchen Gebrauchs) die Vernunft ein
Recht habe) etwas anzunehmen) was fie auf keine Weife im
Felde der bloßen Spekulation ohne hinreichende Beweis
gründe vorauszufeßen befugt wäre“ (S. 59i Mitte). Liant
deutet hier voraus auf feine Voftulaten-Cehre in der
„Aritik der praktifchen Vernunft". Deren Sinn ift) daß
unfere „praktifche Vernunft") d. h. unfer fittliches Be
244
wußtfein) damit Gerechtigkeit im Weltlauf herrfche) „poftu
liert“ (f0rdert)„ daß ein Gott und eine Unfterblichkeit
beftehe) um den gerechten Auzgleich zwifchen Tugend
(alz Glückzwürdigkeit) und dem wirklichen Glück herbei
zuführen. Der fittliche Allenfch läßt fich von diefem
Glauben nicht abbringen) und feine Lage ift hier beffer
(moiior ozt oonciitio p088jät311fi81). Er ift im Befitz
(nämlich diefez vernünftigen Glaubenz)/ und der Gegner
hat die Aufgabe) ihn zu widerlegen. Zur Abwehr der
Gegner diefez Vernunftglaubenz find dann auch Hypo
thefen ftatthaft) um die mangelhafte Einficht der Gegen
partei zu beweifen. (Daz wird durch Beifpiele bezüglich
dez feib-Seele-Vroblemz im folgenden S. 592f. näher
erläutert.) Solche zur Abwehr von Zweifeln gegen den
Vernunftglauben erfonnenen Hypothefen find alfo „nur
problematifche Urteile“) die weder widerlegt noch bewiefen
werden können) mithin „reine Vrivatmeinungent') können
aber doch nicht füglich (felbft zur inneren Beruhigung)
gegen „fich regendeSkrupel entbehrt werden“ (S. 594 unten).

Vierter Abfchnitt. Die Difziplin


der reinen Vernunft in Anfehung ihrer Beweife
Will ich über die Begriffzzergliederung (im analyti
fchen Urteil) hinauzgehen und fpnthetifche Sätze a priori
über Gegenftände aufftellen) fo bedarf ez dazu einez Leit
fadenz. Diefen bildet in der Mathematik die Anfchauung
a priori; in der tranfzendentalen Erkenntniz die mög
liche Erfahrung (fofern ez fich um Verftandezbegriffe;
l Beffer ift die Lage dez Befitzenden (nämlich bei einem Rechtz
ftreit um Eigentum). *

245
Aategoriem nicht um Vernunftbegriffe; Ideen;- handelt).
Der Beweis läuft nämlich darauf hinaus; daß ohne folche
verknüpfende Verftandesbegriffe die Erfahrung felbft; mit- ,
hin auch die Gegenftände der Erfahrung unmöglich wären.
Diefe Beweisart ift aber bei Vernunftideen unmöglich„
wie (S. 596 Z. (7 ff. und S. 597) näher an der Idee
Seele als angeblich „einfacher“ (unzerlegbarer und darum
unzerftörbarer) denkender Subftanz gezeigt wird.
Die einfache Vorftellung „Ich“ (bzw. der Einheit der
Apperzeption) führt nicht zur 'tienntnis eines „Dinges“
(nämlich: einer feelifchen Subftanz); „in welchem das
Denken allein enthalten fein kann“ (S. 696 unten). Das
ift ja fchon in dem Abfchnitt von den „Varalogismen“
S. 294 ff. näher gezeigt worden.
Man darf alfo keinen tranfzendentalen Beweis ver- '
fuchen; ohne fich über die Grundfätze klar zu fein; auf
denen man ihn zu errichten gedenkt. Mit Grundfätzen
des reinen Verftandes (wie dem der Raufalität) können
wir nicht Gegenftände von Vernunftideen als exiftierend
nachweifen; denn diefe würden ja jenfeits aller Erfahrung
liegen; während jene Grundfäize nur für Gegenftände
möglicher Erfahrung gelten. Grundfäße aus reiner Ver
nunft dagegen können nicht konftitutiv (zur Erkenntnis
von Gegenftänden) angewendet werden; fondern nur regu
lativ; als Leitgedanken für den fyftematifchen Ausbau der
Erfahrungserkenntnis.
Ferner haben die tranfzendentalen Beweife die Eigen
tümlichkeih daß zu jedem tranfzendentalen Satze nur ein
einziger Beweis gefunden werden kann (wie an dem Rau
falfatz gezeigt wird S. 599). Endlich dürfen diefe Be
weife nie apagogifch (das Gegenteil widerlegend); fondern
246
oftenfiv (d. h, das Richtige direkt aufzeigend) fein (S. 600 ff))
denn nur der letztere gibt nicht nur Gewißheiy fondern
auch Einficht in die Quellen (Gründe) der Gewißheit.
Die apagogifche Beweisart ift auch nur in folchen wiffen
fchaften erlaubt) in denen es unmöglich ift) Subjektives
und Objektives zu vermengen und fubjektive Momente
den Gegenftänden unterzufchieben. Diefe Unterfchiebung
(„Zubreptionff) ift unmöglich in der Mathematik; in der
Uaturwiffenfchaft kann fie durch Sorgfalt verhütet werden.
[im Bereich des Tranfzendentalen aber ift es fchier un
vermeidlich) daß fich Subjektives als objektiv aufdrängt.
Darum find hier apagogifche Beweife nicht am Matze.
wenn man z. B, jedem fpekulativen Beweis eines not
wendigen oberften wefens mit Becht entgegenhält) daß
wir die unbedingte Üotwendigkeit im Dafein eines Wefens
fchlechterdings nicht begreifen können) fo führt ein folcher
apagogifcher Beweis doch faft unvermeidlich dazu) daß
wir unfere fubjektive Unmöglichkeit zu beweifen fälfchlich
für die objektive Unmöglichkeit der Exiftenz einer Gott
heit halten. Auch kann es fein) daß fowohl der behauptende
wie der verneinende Teil einen unmöglichen Begriff vom
Gegenftande zugrunde legen) z, B. den einer Sinnenwelt)
die als Ding an fich in ihrer Totalität gegeben fei. Zn
diefem Falle gilt derSatz: non entis uulla sunt praeciioatg
d. h. ein Uichts hat überhaupt keine Eigenfchaften. Somit
ift alles) was man entweder bejahend oder verneinend
vom Gegenftand behauptet) unrichtig (S. 602 Mitte).
Denjenigen) die fich in metaphyfifchen Vroblemen der
apagogifchen Beweisart bedienen) muß man zurufen:
non (iofensorivus istis tompus ogot. (Solcher Ver
teidiger bedarf die Zeit nicht.)
247
Zweitez Hauptftück.
Der Aanon der reinen Vernunft
Unter „Kanon“ (Ziichtmaß) verfteht Uant „den Inbegriff
der Grundfätze a priori dez richtigen Gebrauchz gewiffer f
Erkenntnizvermögen überhaupt“ (S. 604 unten). So ift_f
z. B. die tranfzendentale Analytik der "lianon dez reinen Ver» x
ftandez) indem fie zeigt) daß die dem Verftand entfpringen- '
den Aategorien und fpnthetifchen Urteile a priori lediglich
dazu dienen) die Erfahrungzerkenntniz möglich zu machen.
Zinn hat die „Dialektik“ gezeigt; daß fynthetifche
Erkenntniz der reinen Vernunft in ihrem fpekulativen
(d. h. theoretifchem aber erfahrunngreien) vgl. S. 497)
Gebrauch unmöglich ift, mithin gibt ez dafür auch keinen
Aanon. Höchftenz könnte ez einen folchen geben für den
praktif ch en Vernunftgebrauch) bei dem daz Erkenntniz
ziel ift) waz da fein foli (während der theoretifche _
entweder empirifche oder fpekulative - Vernunftgebrauch
erkennen will; waz da if t).
Erfter Abfchnitt. Von dem letzten Zweck
dez reinen Gebrauchz unferer Vernunft
Die Endabficht der theoretifch-fpekulativen Vernunft
geht auf Löfung der drei Fragen nach Freiheit dez Willenz)
Unfterblichkeit und Gott. Für unfere Erfahrung) d. h. un
fere einzige theoretifche Erkenntniz) ift die Löfung diefer
Fragen (wie S. 606 nochmalz kurz gezeigt wird) von
keiner Bedeutung; nur für daz Vraktifch e find fie wichtig.
„Vraktifch ift allez; waz durch Freiheit möglich ift“)
alfo daz ganze Gebiet 'unferez handelnz/ bzw. Verhal
tenz (Tunz und faffenz). In bezug darauf ift unfer Ziel
248
zu erkennen; was zu tun fei; wenn der Wille frei; 'wenn ein
Gott und eine künftige Welt ift. Mithin ift der letzte Zweck
unferer Vernunft auf das Moralifche gerichtet*(S. 607
unten). *
Der Begriff der Freiheit ift hier lediglich im prak
tifchen Sinne gebraucht. Sie befteht darin; daß wir in
unferem Verhalten nicht lediglich von finnlichen Antrieben
abhängig find; fondern auch durch Bewegurfachen; welche
nur von der Vernunft vorgeftellt werden) beftimmt werden
können. Die praktifche Freiheit in diefem Sinne ift kein
Vroblem. fondern kann durch Erfahrung bewiefen werden.
Ob aber die Vernunft in den Vorfchriften; die fie uns
erteilt) von entfernteren Urfachen abhängig fei und info
fern unter der Raturkaufalität ftehe/ oder ob fie tran
fzendentale Freiheit befitze; nämlich die Fähigkeit unab
hängig von Urfachen felbft eine Reihe von kaufal zu
fammenhängenden Erfcheinungen zu beginnen - das ift
eine bloß fpekulative Frage; die vor die Vernunft im prak
tifchen Gebrauch nicht gehört; denn für die Erkenntnis
deffen/ was ich tun foll; ift fie gleichgültig. Mithin
haben wir es bei einem Lianon der reinen Vernunft (im
praktifchen Gebrauch) nur mit zwei Fragen zu tun: Ift
ein Gott? Ift ein künftiges Leben?

Zweiter Abfchnitt. Von dem Ideal


des höchftenGuts alseinemBeftimmungsgrunde
des letzten Zwecks der reinen Vernunft
Liant verfteht unter dem „Ideal des höchften Gutes“
die Idee einer höchften (göttlichen) Vernunft; in welcher
der moralifch-vollkommenfte Wille; mit der höchften Selig
249
keit verbunden) Urfache des „höchften abgeleiteten Gutes“
wäre. Dies letztere wäre eine Welt) in der jeder glücklich
wäre in dem Maße. als er es verdiente durch feine Morali
tät (S. 645f.). Eine folche welt) „die wir als eine künf
tige anfehen müffen“ (S. 644 unten) ift eine praktifch-not
wendige Idee der Vernunft. Ohne Gott und jene für uns
jetzt nicht fichtbare/ aber gehoffte Welt wären „die herr
lichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenftände des Bei
falls und der Bewunderung aber nicht Triebfedern des
Vorfaßes und der Ausführung“ (S. 645 unten).
Zwar gebieten die a priori geltenden) rein moralifchen
Gefetze l „fchlechterdings" („kategorifclyt')) d. h. ohne Rück
ficht auf unfere Glückfeligkeit (S. 6 li unten)) und wenn wir
nur moralifch handeln wollten aus Bückficht auf die Be
lohnung durch jenfeitige Glüä'feligkeit) fo wäre dies keine
moralifche Gefinnung (S. 646 Mitte). Aber wenn fo auch
die Moralität das „oberfte" Gut für uns ift) fo ift fie für
fich allein nicht das vollftändige-fomit nicht das „höchfte“
Gut. Dazu muß - felbft nach dem Urteil einer unpar
teiifchen Vernunft (nicht bloß nach unferem egoiftifchen
Wunfch) - die unferer Sittlichkeit entfprechende Glück
feligkeit kommen.
So gründet fich auf unfere fittliche Forderung daß die
Tugendihrenfohnfindenmüffe„dieUberzeugungvoneinem
„einigen) allervollkommenften und vernünftigen Urwefen“
(S. 6 t 7 oben)) d."h. einer Gottheit. So erbringt alfo Mo ra l
theologie diefe Uberzeugung vom Dafein Gottes) die eine
rein fpekulative Theologie nie erbringen kann.
l Sie fetzt Aant in der „Kritik der reinen Vernunft“ einfach vor
aus. In der „Grundlegung zur Metaphrfik der Sitten“ und in der
„Aritik der praktif chen Vernunft“ hat er fie uns gewiefen.

250
Auch zeigt die Entwicklung der menfchlichen Vernunft)
daß nicht fteigende (theoretifche) Lienntniz der Natur; fon
dern erft die Auzbildung dez f ittlich en Bewußtfeinz zu
einem richtigen Gottezbegriff führte (S. 648 und 649).
Aber freilich darf die praktifche Vernunft fich nicht
anmaßem vom Gottezbegriff auzzugehen und von ihm
die moralifchen Gefetze abzuleiten. Denn von Gott wür
den wir gar keinen Begriff haben) wenn wir ihn nicht
„jenen Gefetzen gemäß/t; d. h. auz unferem fittlichen
Bewußtfein herauz gebildet hätten (S. 649 unten). Wir
werden daz Woralifche nicht darum für verbindlich
halten; weil ez Gebot Gottez ift; fondern wir werden ez
alz göttlichez Gebot anfehen; weil wir unz innerlich dazu
verbunden fühlen (S. 620 oben).
Die Woraltheologie dient alfo nicht unferer theoretifch
fpekulativen Erkenntniz dez Tranfzendenten) fondern fie
ift nur von praktifch-immanentem Gebrauch. Sie weift unz
an; unfere fittliche Beftimmung in der Welt zu erfüllen.

Dritter Abfchnitt.
Vom Weinen) Wiffen und Glauben
Wenn ein „Fürwahrhalten“ für jede'n gültig ift) fo
fern er nur Vernunft hat) fo heißt ez „Uberzeugung“.
In diefem Falle' gilt wenigftenz die Vermutung; daß
der Grund der Ubereinftimmung der Urteile der vielen
verfchiedenen Subjekte im Objekt beruhen werde; daß
alfo die Urteile wahr feien; d. h. mit dem Objekte über
einftimmten. (Conzontiontia uni toi-tio, conzentiunt
inter ze, Waz mit einem Dritten [hier: dem Objekt]
übereinftimmt; ftimmt auch unter fich überein.)
254
F

Beruht dagegen ein Fürwahrhalten nur auf der be


fonderen Befchaffenheit eines Subjekts. fo heißt fie „Ub er
redung“. Sie kann von der Uberzeugung fubjektiv (im -
Bewußtfein des einzelnen) nicht unterfchieden werden;-:
denn beidemal hat er das Erlebnis: „So ift es.“ Aber ,
ich werde auf„die Vermutung kommen. daß es fich bei
mir nur um „Uberredung“ handelt. wenn meine Gründe
auf andere nicht überzeugend wirken; ja ich werde deffen *
gewiß werden. wexjn ich entdecke. auf welchen fubjektiven
Urfachen meine „Uberredung“ beruhte (S. 620f.).
Das Fürwahrhalten. fofern es Uberzeugung ift. hat drei
Stufen: Meinen. Glauben. Wiffen. Erfteres ift fubjektiv
und objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Glauben ift
fubjektiv zureichend (alfo Gewißheit). wird aber für ob
jektiv unzureichend begründet gehalten. Das fubjektiv und
objektiv zureichende Fürwahrhalten heißt „Wiffen“.
Im „tranfzendentalen“ Gebrauch der Vernunft ift
Meinen zu wenig; denn weil hier alles a priori er
kannt werden foll. muß die Erkenntnis allgemeingültig.
alfo ein „Wiffen“ fein. oder fie ift gar keine. Zu einem
„Wiffen“ im theoretifchen Sinn gelangen wir aber (wie
die „Dialektik“ gezeigt hat) nicht. Wohl aber kann das
theoretifch unzureichende Fürwahrhalten in praktifcher
Abficht „Glauben“ genannt werden.
Freilich gibt es auch in theoretifchen Fragen ein fo
ftarkes Fürwahrhalten. daß man es („doktrinalen“. d. h.
theoretifchen) „Glauben“ nennen kann. So ift die Voraus
feßung. daß eine höchfte Intelligenz alles in der Ratur
nach weifen Zwecken geordnet habe. fo fruchtbar für die
Erforfchung der Ratur. daß wir nicht bloß „meinen“.
fondern „glauben“ dürfen. daß ein Gott exiftiere. (Hier
252

f. i." (
q

handelt es fich aber um einen „doktrinalen“. nicht um


den vorhin erwähnten „praktifchen“ Glauben. alfo um
von der Äatur ausgehende (Vhyfikoh Theologie. nicht
um die auf das fittliche Bewußtfein gegründete Moral
theologie (S. 627).
Aber folcher doktrinaler Glaube gerät leicht ins Wanken;
nicht fo ein moralifcher Glaube, Hier fteht der Zweck.
nämlich der Gehorfam gegen das Sittengefeß. uner
fchütterlich feft. Mithin muß auch die Bedingung feft
ftehen. unter der allein jener Zweck Gültigkeit hat. näm
lich Gott und eine künftige Welt. Ohne den Glauben
daran würden meine fittlichen Grundfätze einftürzen;
diefen aber kann ich nicht entfagen. „ohne in meinen
eigenen Augen verabfcheuungswürdig zu fein" (S. 626
Mitte).

Drittes Hauptftück.
Die Architektonik der reinen Vernunft
„Architektonik" bedeutet hier das Verfahren. ein wiffen
fchaftliches (bzw. philofophifches Syftem) aufzubauen, Der
Zug zur Einheitlichkeit des Syftems ift dasjenige. was den
Erkenntniffen des praktifchen Lebens. die für fich nur ein
zufällig zufammengekommenes „Aggregat“ (oder eine
„Rhapfodie“. vgl. S. 97) bilden. erft den „fzientififchen“.
d. h. wiffenfchaftlichen Charakter aufprägt (S, 628 unten).
Der Vernunftbegriff eines wiffenfchaftlichen Syftems
gleicht fo einem lebendigen Organismus. Ihr Schema
(Entwurf) muß den Umriß und die Einteilung des Ganzen
in Glieder der Idee gemäß. alfo a priori. enthalten. In
der Begel pflegt zunächft das Schema der Idee noch nicht
255
zu entfprechenz und erft im Laufe der Entwicklung der
Wiffenfchaften werden fie mit ihrer Idee mehr und mehr ,
in Einklang gebracht (S. 650 oben).
Liant will im folgenden nur die Architektonik aller Er
kenntniz auz reiner Vernunft entwerfen. Er beginnt an
dem Dunkte) wo „die allgemeine Wurzel unferer Er
kenntnizkraft fich teilt in daz rationale und daz em
pirif che Erkenntnizvermögen“. Daz erftere bezeichnet er
auch alz daz „obere“ oder die „Vernunft“ (S. 654 oben).
Alle Erkenntniz ift („fubjektivft; d. h, vom Standpunkt
dez Erkennenden auz betrachtet) entweder „hif torif ch“
oder „rational“. Die erftere ift cognitio 81c äatiz
(Erkenntniz auz Gegebenem). Wer einen Stoff) der ihm
anderwärtz gegeben ift) und fei ez auch ein philofo
phifchez Spftem„ fich aneignet; der erwirbt eine lediglich
„hiftorifche 1 Erkenntniz“.
Rationale oder Vernunfterkenntniz ift dagegen oo
gnitio ex principiiz„ d, h. Erkenntniz auz oberften Be
griffen und Grundfätzen. Uur der befitzt folche) der fie »
auz eigener Vernunft fchöpft) der alfo ein felbftändigez
Urteil über die jeweiligen Fragen fich erwirbt. Er allein
ift dann auch fähig zur Kritik; die unter Umftänden zur
Verwerfung dez „hiftorifch“ Aufgenommenen führt.
Die Vernunfterkenntniz felbft zerfällt (wie bereitz S. 548
näher gezeigt wurde) in philofophifche (auz Begriffen)
und in mathematifche (auz Aonftruktion der Begriffe).
Daz Sthem aller philofophifchen Erkenntniz ift die
Vhilofophie. Objektiv (inhaltlich) betrachtet ift fie nur

i Daz Wort hat alfo hier eine weitere Bedeutung alz bei unz.
wenn wir hiftorifch: gefchichtlich gebrauchen, '

254
eine Idee. und alle Verfuche philofophierender Subjekte.
Syfteme zu entwerfen. zielen darauf. diefe Idee möglichft
vollkommen zu verwirklichen.
Reben diefem „Schulbegriff“ der Vhilofophie fteht
ihr „Weltbegriff“1 (S. 655 oben). Rach ihm bedeutet
Vhilofophie die Wiffenfchaft von der Beziehung aller Er
kenntnis auf die wefentlichen Zwecke der menfchlichen Ver
nunft (alfo insbefondere die fittlichen). Ihr Vertreter wäre
ein „Lehrer im Ideal“. dem ,.Mathematiker. Ratur
kundiger und Logiker“ nur zu dienen haben (S. 655
unten).
Der „Endzweck“ der Vernunft ift „die ganze Beftim
mung des Menfchen“. die Dhilofophi'e von diefem End
zweck heißt Moral (Ohilofophie) (S. 654 oben).
Die Gefetzgebung der menfchlichen Vernunft hat nur
zwei Gegenftände: die Ratur und die Freiheit. So um
faßt fie das Ratur- und das Sittengefetz. Die Dhilofophie
der Ratur bezieht fich auf das. was da if t. die Vhilo
fophie der Sitten (Moral) auf das. was da fein f oll.
Die Vhilofophie ift entweder reine (Vernunfterkenntnis
a priori) oder empirifche (8. posteriori).
Die reine Vhilofophie ift entweder Unterfuchung des
Vernunftvermögens auf feine apriorifchen Erkenntnis
elemente (Vropädeutik oder tiritik) oder das Syftem der
reinen Vernunft. d. h. Metaphyfik (in die man gelegent
lich auch die „Aritik“ mit einbegreift).
Die Metaphyfik ift entweder (als fpekulative) Meta
phyfik der Ratur oder (als praktifche) Metaphyfik der
Sitten (S. 655 oben).

1 Der das betrifft. was jedermann intereffiert.

255 '
Die Idee einer Metaphrfik ift fo alt als fpekulative
Menfchenvernunft. Und welche Vernunft fpekuliert nicht.
fei es auf fcholaftifche (wiffenfchaftliche). fei es auf popu
läre Art'i> Aber die Scheidung des a priori von dem a poste,
riori ift bisher noch nie ftreng vollzogen worden. (Aant
glaubt zuerft diefe Scheidung fyftematifch vollzogen zu
haben.) *
Es folgt eine nähere Einteilung der Metaphrfik der
natur (für die ja befonders die „Kritik" die Vorarbeit
geleiftet hat). .

Viertes Hauptftück.
Die Gefchichte der reinen Vernunft
Aant glaubt die gefchichtlichen Richtungen und Wand
lungen der Metaphrfik unter dreifachem Gefichtspunkt
charakterifieren zu können:
t. Hinfichtlich des Gegenftandes haben wir den
Unterfchied der Senfual- und der Intellektualphilofophen.
Uach den erfteren (z. B. Epikur) erkennen allein die Sinne.
nach den letzteren (z. B. plato) allein der Verftand Wahr
heit und Wirklichkeit. Ienen find alfo die wahren Gegen
ftände fenfibel. diefen intelligibel.
2. Hinfichtlich des Urfprungs der Erkenntnis be
haupten die Empiriften (wie Ariftoteles). daß fie aus der
Erfahrung die Üoologiften (wie plato). daß fie aus der
Vernunft abgeleitet feien.
5. Hinfichtlich der Methode kann man unterfcheiden
die naturaliftifche und die fzientififche (wiffenfchaftliche).
Der „Uaturalift der reinen Vernunft" macht entweder die
Berufung auf die „gefunde Vernunft“ und die 'Verach
' 256
tung allez wiffenfchaftlichen Verfahrenz zu feinem Grund
fatz. Auz ihm fpricht lediglich Mifologie (Haß der Ver
nunft). Oder aber man ift „Uaturalift“ auz Mangel
wiffenfchaftlicher Einficht. Für folche gilt daz Wort dez
römifchen Dichterz Verfiuz (54-62): Waz ich weiß; ge
nügt mir) ich trachte nicht) zu werden wie Arcefilaz1 oder
der forgenvolle Solon ".
Die fzientififche Methode ift bizher alz dogma
tif che (wie von Chriftian Wolff) oder alz fkeptif che
(wie von David Hume) gehandhabt worden. Die dritte
Form) die kritif ch e; hat Liant eingeführt. Damit ift er
der Begründer der „kritifchen Vhilofophie“ geworden.

1 Ein Vertreter der platonifchen philofophie um 275 v. Chr.


' Der bekannte athenifche Weife und Gefeßgeber.

tn effer. Liant-Aomm. i?
257
Verzeichnis
von Stellen. an denen philofophifche Ausdrücke erklärt werden.

Abgezogen 45 Dialektik 8 64 f.
abfolut 7( dialektifch (49
Affinität 225 Ding an fich 22 26 49 56f. 79
affizieren 96 ((9( (25 154 f.
Amphibolie (25 disjunktiv 69
Analytik 8 55 65 69 Dogma 259
analytifch 55 (o4 dogmatifch 7 (6 25 56 65 (64
angeboren 45 dynamifch 75
Anfchauung 45 46 68
Antinomie (64 ff. Einbildungskraft 70 95
Antithetik (65 Einftellung 24 f. 28
Antizipation (06 Elementarlehre 40
apodiktifäf 69 Empfindung 45
2 posteriori 55 empirifch 32 45
Apperzeption 8(fi. (5o f. 20( Erfahrung 7 55 95f. (29
Apprehenfion 95 erkennen 97 ((6
v. priori 9 (8 52f. Erfcheinung 44 56 ff.
gffertorifch 69 -
Afthetik 8 6( :form 44
Aufklärung ( frei (92 ff.
Axiom 258 Freiheitsproblem (92-204

Begriff 46 60 (80 gedacht 40


Bewußtfein überhaupt ((9 gegeben 40 60
Gegenftand 75 78
Deduktion 74 f. 99 (48 Geltung 75 79 ((9
denken 97 gemein 6(

258
Gemüt 55 57 meinen 252
Glauben 50 252 metaphyfik 16 25f. 157 255
Grenzbegriff 155 metaplnfifcli 45 47 51 99
Grundfatz 15 66 99 10577, Modalität 69
Gut. höchftes 249 f. Monade 127

hiftorifch 254 Natur 165


(irpotlietifäi 69 Woumenon 122|', 197

Objekte 57
Ideal 206 f. Ontologie 125
Idealismus 50f. 55 f. 89 116
idealifiifche Aantdeutung 49 96 Varalogismus 184
1245 18117 pathologifcli 192i.
Idee 25 51 lqclff. phänomen 102 f. 125
Identität 95 phyfiologie 152 f. *
immanent 157 phrfiologifch 75 *
Zuhörenz 55 58 95 149 pietismus 1 5f.
'Inneres 126 f. 152 Koflulat trif
intellektual (-ell) 59 88 157 prädikamentum 72 155
intelligibel 7 197 praktifch 26 29
problem der Aritik 7 18f. 22 95
Aanon 61 99 248 profyllogismus 147
Aategorie 45 65 71ff.,95' pfyckiologifcli 118
kategorifch 250
Aaufalität 112 Qualität 69
Aanfalfaß 15 24 110f. Quantität 68
kongruierend 146
konftitutiv 189 rational 254
Kontinuität 225 Raum 48 ff.
Aopula 69 86 Realität 57 ff. 179
Aorrelat 75 regulativ 187
Aosmologie 147 rein 52 44
Antik 16f. 27 259 Befiriktion 250
Bezeptivit'ät 60
Logik 20 61 f. Rhapfodie 72 245

Materie 44 Schein 54 58
mathematifch 47 Schema 100|.
259
.*“

Schluß 458 Topik 75 428


Sinn. äußerer 52 tranfzendent 408
-- innerer 52 89 ff, tranfzendental 59 47 54 65 99
Sinnlichkeit 25 45 109 427i
fpekulativ 26 220
Spezifikation 224 Urteil 57 f. 404
fpontan 90
fubjektiv 57 98 f. Vernunft 25 99
Subreption 55 Verftand 25 60 67 70
Subfianz 54 74 404
Spnthefiz 70 80 89 Wahrheit 54 402 444 .
frnthetifch 55f. 84 404 wiffen 252
theoretifch 26 Zeit 54|.
Chefiz 464 Zero 407 455

26()
verlag Strecker und Schröder. Stuttgart

Von Auguft Meffer erfchien ferner:

Erläuterungen zuRietzfchesZarathuftra
5. bis 9. Taufend

„Es gibt in der ganzen Rietzfche-Literatur kein Werk. das ge


eigneter wäre. in die Gedankenwelt Uießfches und fpeziell in die
feines Hauptwerkes .Alfa fprach Zarathuftra" einzuführen. als das
vorliegende Büchlein von Meffer. Die überaus klare und einfache
Sprache macht diefe Erläuterungen auch fiir Richt-Fachphilofophen
leicht verftändlich; und befonders erfreulich wirkt das Buch dadurch.
daß es in fehr gefchickter Weife eine geradlinig durchgeführte Ent
wicklung des Gedankenganges des Zarathuftra neben der Inter
pretation einzelner fchwieriger Stellen bietet.“
Aönigsberger Hartungf-he Zeitung.

„Diefe Erläuterungen bedeuten in der pädagogifch fehr gefchickten


Durchführung an vielen Stellen eine Eroberung Rietzfches für eine
Selbfterziehung. frei von allen Verftiegenheiten.“
Sozialiftifche Monatshefte.

„Ein praktifcher Aommentar zum Zarathuftra. der den Lefer


rafch und ficher in die geiftige Welt Uießfches einführt . . . Ein
ganz vortreffliches Buch.“ Hamburgifcher Aorrefpondent.

,.Alles. was Meffer fagt. ift klar. fachlich. gediegen. im Urteil


maßvoll... Darum kann man alle Schriften von ihm empfehlen.
Die Erläuterungen felbft und die kurze. aber gediegene biographifche
Einleitung können allen gute Dienfte tun. die Rietzfche erft kennen
lernen müffen.“ of. philipp Funk in der Bücher-Rundfchau. münchen.

Zu beziehen durch die Buchhandlungen


verlag Strecker und Schröder, Stuttgart

Kurzgefaßter Führer durch


Goethes Fauftdichtung
l. und ll. Teil
Von Lorenz Straub
7. bis 11.Taufend
... . . Handlichkeit. ftilifiifche und gedankliche Alarheit. innere
Erlebniswärme und ehrliche Begeifterung für die Schönheit und
Größe des einzigartigen Werkes zeichnen das Buch aus."
Der Tag. Berlin.
... . . Ein guter Fauftkommentar in firenger Saclfliäykeit und auf
Grund ernfiefter Wiffenfchaftlichkeit, Wer ehrlich und unbeeinflußt
von perfd'nlichen Weltanfchauungen in Goethes Dichtung eindringen
will. dem fei dies klare Buch wärmftens empfohlen.“
Hannoveran Aurier.

Ausgewählte Gedichte Goethes


Erläutert von
Lorenz Straub
.... . Die Erklärungen'fuchen alle Schwierigkeiten des Ver
ftändniffes zu heben. fowohl was den fachlichen Gehalt. als auch
Form. Stimmung ufw. anbetrifft.“ Kölnifche Volkszeitung.
... . . Ein gutes. von Überfchwang und der jetzt modifchen Sieben
gefcheitheit freies Goethebuch.“ Die peopnäen. München.
„Ein beachtenswertes Buch fiir alle Goethe-Freunde. aber auch
fiir folche. die ein tieferes Eindringen in die Dichtung des größten
deutfchen Genius erftreben.“ Berliner Tageblatt.

,Zu beziehen durch die vWßandtungen


verlag Strecker und Schröder, Stuttgart

A. v. Gleichen-Rußwurm
Vhilofophifche profile
Erinnerungen und Wertungen
Auz dem Inhalt:
Alaffifche Denkweife: Bouffeau; Herder; Schiller; Goethe.
Vom Ich und den anderen: W. v. humboldh Arndt) Stirner;
Feuerbach.
Romantik: de Lamarting U0valiz„ Schopenhauer) Emerfon.
Von der Menfchheit und dem Ich: Herzen; Uießfchg Tolftoi.
„mit feinem Einfühlungzvermögen fcharf gezeichnete literarifche
Schattenriffe von „Führern zur Weltanfchauungß deren Bat man
zu Deutfchlandz geiftiger Gefundung nicht entbehren darf. Zugleich
eine Spiegelung der Geiftezgefchichte von Bouffeau und herder biz
Uiegfche und Tolftoi.“
prof. Ve. G. Burckhardt in der Aölnifchen Zeitung.

Friedrich Theodor Vifcher


Eine Darftellung feiner Verfönlichkeit
und eine Auzwahl auz feinen Werken
von
])r. Theodor Alaiber
mit 6 Tafeln.
„. . . Ein wohlgelungenez Bild von diefem eigenartigen Menfchen
mit der knorrigen Seele und eine klug bemeffene Auzwahl auz
Vifcherz Werken.“ Berliner Tageblatt,

Zu beziehen durch die Buchhandlungen


Date Due

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