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Die Utopie der offenen Zukunft


Gespeichert von MDE am 4 Juni, 2007
Das ideal der geschlossenen Zukunft, also eines Endzustandes der Geschichte mit der idealen
Gesellschaft, ist nach Walter Benjamin die inhaltliche Bestimmung des Utopischen als schon
immanente und in seiner historischen Form gewußte Struktur:
"Die Elemente des Endzustandes ... sind als gefährdetste, verrufenste und verlachte
Schöpfungen und Gedanken tief in jeder Gegenwart eingebettet. Den immanenten
Zustand der Vollkommenheit rein zum absoluten zu gestalten, ihn sichtbar und
herrschend in der Gegenwart zu machen, ist die geschichtliche Aufgabe."

Vom "zurück zur Natur" über den Marxismus und die Religionen bis zum Nationalsozialismus
beschreibt dieses Zitat die dahinterstehende fundamentalistische Ideologie: Der ideale Endzustand
ist bekannt, wir müssen ihn nur noch verwirkichen.
Nach dem Scheitern aller Utopien - und dies ist die historische Lehre des 20. Jahrhunderts - hätte
man es besser wissen können, könnte jeder es besser wissen. Das Problem ist nicht nur, daß all
diese schönen Zukünfte in Massenmord und Diktatur endeten, das könnte vielleicht Zufall sein. Das
Problem ist, daß die behauptete Kenntnis des letztgültigen Glückszustandes für alle Menschen
immer eine innere Tendenz dazu hat, diesen Zustand den Menschen aufzuzwingen - es dient ja nur
ihrem wahren Glück.
Von diesen Problemen ganz abgesehen kann man das Wissen um den endgültigen Glückszustand
für alle Menschen nur dann haben, wenn man die Wahrheit über Gott, die Welt, die Geschichte und
die Menschen kennt. Aber wir wissen (!) heute, daß alles Wissen historisch und kulturell bedingt ist.
Jede historische Epoche und jede Kultur hat andere Ideale und Werte und deshalb andere
Vorstellungen vom Glück der Menschheit und vom Ende der Geschichte. Abgesehen davon ist die
Wahrheit selbst nur noch ein Fragezeichen, auf welches niemand eine Antwort weiß.
Die Alternative ist jedoch auch nicht das Festhalten am Gegebenen, denn daß wir auf dem
falschen Weg sind und dies durch ökologische Ausdrücke formuliert werden kann - von politischen
und wirtschaftlichen Problemen ganz zu schweigen - ist heute nur noch schwerlich zu bestreiten.
Wenn aber eine inhaltlich festgelegte Utopie unhaltbar geworden ist, weil es sowohl philosophisch
als auch historisch unhaltbar geworden ist, zu behaupten, daß wir wissen könnten, wie eine bessere
Welt in Wahrheit aussähe. Wenn außerdem das Festhalten am Gegebenen auch unhaltbar geworden
ist, weil das "weiter so" in den globalen Kollaps führt, was haben wir dann noch für Alternativen?
Wenn "weiter so" nicht geht, muß eine Utopie her, wenn eine inhaltlich festgelegte Utopie nicht
geht, muß eine inhaltlich unbestimmte Utopie her. Eine inhaltlich unbestimmte Utopie ist eine
Utopie der offenen Zukunft. Aber besagt ein solches Etikett denn mehr, als daß die Zukunft offen
sein soll? Wo bleibt das utopische Element?
Zum einen enthält die Vorstellung einer offenen Zukunft schon an sich ein utopisches Element,
denn "offene Zukunft" beinhaltet, daß wir eine prinzipielle Offenheit zu immer neuen
Lebensentwürfen zu jedem historischen Zeitpunkt anstreben. Das Gegenteil wäre eine Utopie einer
geschlossenen oder beendeten Zukunft: Alles bleibt wie es ist!
Die offene Zukunft,
also die prinzipielle Offenheit zu immer neuen Lebensentwürfen
zu jedem historischen Zeitpunkt,
ist eine Zukunft, für die wir uns entscheiden müssen
und die wir anstreben müssen,
wenn wir sie wollen,
deshalb
und weil sie nicht Gegenwart ist,
ist die offene Zukunft eine Utopie.
Versuchen wir den Entwurf einer offenen Zukunft noch etwas näher zu bestimmen.
Wissen und Wirklichkeit sind durch den handelnden Menschen miteinander verbunden: Durch sein
Handeln und die daraus resultierenden Wirkungen erwirbt er pragmatisches Wissen, d.h. Wissen als
Werkzeug. Diese Verbindung von Handeln, Wissen und Werkzeug ist nur durch eine Lebensform
möglich, die in ihren Lebensentwürfen auf eine offene Zukunft zielt, da es erst für künftige
Handlungen möglich ist, sich an Wissen zu orientieren, welches durch gegenwärtiges Handeln
erzielt wird. Jeder Wissenszuwachs zeigt uns neue mögliche Handlungen und neue beobachtbare
Konsequenzen. Dadurch wird einerseits ein Teil des bisherigen Handelns als falsch erkannt,
andererseits werden neue Handlungsentwürfe, d.h. neue Bestimmungen der Zukunft, möglich. Wir
lernen an der Erfahrung für zukünftig mögliche Lebensformen.
Die uns bekannte Welt ist durch bewußt kontrollierte Handlungen in Richtung auf eine gewollte
Zukunft veränderbar. Nicht immer, aber oft genug. Das ist eine für jeden Menschen täglich
erfahrbare Tatsache, die vielleicht deshalb oft vernachlässigt wird, weil sie so selbstverständlich ist.
Durch jeden bewußt gesetzen und verwirklichten Zweck verändern wir die Welt. Daraus folgt, daß
wir unsere Wirklichkeit in wesentlichen Bereichen gemeinsam erzeugen. Kultur, die für Menschen
als Menschen wesentliche Wirklichkeit, ist etwas, was Menschen allererst herstellen müssen und
tatsächlich herstellten - und wenn wir sie herstellen, sind wir dafür verantwortlich. Die
Verantwortung liegt in der Wahl eines Zukunftsentwurfs aus mehreren Alternativen und darin, was
wir tun, um diese Zukunft zu realisieren.
Ein so gewählter Entwurf wird weder vollkommen bestimmt noch vollkommen unbestimmt sein.
Einerseits wissen wir nicht genug, andererseits aber doch einiges. Einen solchen Entwurf eines
künftigen Seins nennen wir unterbestimmt. Das ist es, was mit offener Zukunft gemeint ist:
Eine Zukunft, die in wesentlichen Aspekten festgelegt und
in wesentlichen Aspekten nicht festgelegt ist -
aber keinen Aspekt festlegt,
der ihre weitere Offenheit einschränken würde.
Welche Bedingungen sind Voraussetzung einer Utopie der offenen Zukunft?
1. Offenheit: Entwürfe müssen kontrolliert so gewählt werden, daß auch in Zukunft freie
Entscheidungen über künftige Handlungen möglich sind.
2. Erkennen: Bedingung 1. ist nur zu erfüllen, wenn es dem Menschen gelingt zu erkennen,
unter welchen Bedingungen er so handelt, daß er möglicherweise Bedingung 1. erfüllen
könnte.
3. Vorhersage: Bedingung 2. ist nur zu erfüllen, wenn es dem Menschen gelingt, in
entscheidenden Fragen Wissen (Wirklichkeit) von Meinung (Unwirklichkeit) zu
unterscheiden. Das ist immer dann möglich, wenn er Erfahrungen macht, die ihm
ausreichend genaue Vorhersagen über Handlungsfolgen erlauben.
4. Verständigung: Bedingung 3. ist, weil es hier wesentlich um psychologisches und soziales
Wissen geht, nur zu erfüllen, wenn Menschen verständigungsorientiert und gemeinsam
handeln, forschen und erschaffen.
Die Utopie einer offenen Zukunft ist also nur realisierbar durch Erwerb von Wissen, welches
ausreichend genaue Vorhersagen über die Konsequenzen von Handlungen macht oder solche
abzuleiten erlaubt - und dieses Wissen können wir nur durch gemeinsames
verständigungsorientiertes Handeln erwerben.
Das sich daraus ergebende Programm ist:
Bewahrung der Freiheit.
Intensivierung verständigungsorientierten Handelns.
Gemeinsames Erschaffen der Zukunft.