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2019 Die Figur als überzeitliche Jugendliche - Offenburg - Badische Zeitung

Die Figur als überzeitliche Jugendliche


Von Juliana Eiland-Jung
Mo, 03. Juni 2019
Offenburg

Die Mono-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank" ist am Samstag im


Offenburger Salmen aufgeführt worden.

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Sopranistin Paula Rohde in der Titelrolle Foto: Veranstalter

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OFFENBURG. Das Offenburger Ensemble hat aus Anlass des 90.


Geburtstags von Anne Frank am Samstagnachmittag Grigori Frids
Mono-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank" in den Mittelpunkt seines
Konzerts im Salmen gestellt.

Das eineinhalbstündige Konzert fällt aus dem üblichen Rahmen der


Reihe, was gleich zu Beginn deutlich wird. Auf der Bühne sitzt
Sopranistin Paula Rohde auf dem Boden und schreibt in ihr Tagebuch,
Pianist Telmo Mazurek sitzt in kurzen Hosen mit dem Rücken zum
Publikum am Klavier. Gerhard Möhringer-Gross führt kurz in die Werke
ein und bittet darum, erst ganz am Ende zu klatschen. Die Akteure des
Offenburger Ensembles, das Streichertrio mit Frank Schilli (Violine),
Rolf Schilli (Viola) und Martin Merker (Cello) und Percussion-Solist
Julian Belli haben sich vorne neben der Bühne im Zuschauerraum
postiert. Und so liest das Publikum von links nach rechts die Geschichte
dieses Konzerts. In hoher Konzentration, aber ohne Pathos inszeniert.

Gideon Kleins Streichtrio bildet das Vorwort. Es handelt sich um das


letzte Werk des Komponisten, der am Tag der Befreiung des KZ
Auschwitz in einer Außenstelle im Alter von 26 Jahren "unter
ungeklärten Umständen umkam", wie es auf Wikipedia heißt. Da hatte
er schon ein umfangreiches kompositorisches Werk geschaffen und sich
als Pianist pro liert.

Und er hat mit seinem Streichtrio ein mutiges, musikalisch


mitreißendes, modernes und zugleich stolz die musikalische Tradition
seiner mährischen Heimat weiterführendes Werk geschaffen.
Rhythmisch vielfältig, mit zuweilen minimalistischen Klangfolgen, zum
Schluss mit auftrumpfendem Trotz erklingt das Werk in überraschend
direkter Akustik, die auch beim abschließenden "Rebonds A für Solo-
Percussion" von Iannis Xenakis ihre Wirkung zeigt.

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Xenakis, auch er ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis, überlebte


und konnte sein kompositorisches Werk fortsetzen, das sich durch eine
soghafte Mischung aus Zufall und Mathematik auszeichnet. Julian Belli
setzt damit ein kraftvolles Ausrufezeichen nach der Anne-Frank-Oper,
die die Zuhörer im Saal nicht nur begeistert, sondern berührt.

Das liegt zum einen am Stoff, einem klug gewählten Auszug aus Anne
Franks Tagebüchern, in dem die Gefühle des jungen Mädchens im
Mittelpunkt stehen. Zum anderen sorgt die Inszenierung der
Kammeroper Detmold (Regie: Ruben Michael) dafür, dass diese Anne
Frank nicht nur eine historische Figur bleibt, sondern eine
überzeitliche Jugendliche voller Zweifel und Hoffnung, voller Liebe und
Trauer. Ihre Körpersprache und ihre Stimme, die zwischen dem hohen
Opernton und kurzen, harten Sprechpassagen wechselt, faszinieren von
Anfang an. Diese junge Frau ist stark und schwach zugleich, zweifelt,
hadert, ängstigt sich – und behauptet sich dennoch durch ihre Haltung,
ihre Persönlichkeit.

Licht und Effekte machen aus dem Stück eine Oper

Kann das Werk überhaupt als Oper bezeichnet werden? Die innere und
äußere Einsamkeit der Anne Frank wird auf jeden Fall eindringlich in
Szene gesetzt, aber auch ihre Sehnsucht nach Dazugehörigkeit, die
ersten, zarten Liebesgefühle, ihr Humor. Mazurek und Rohde
verkörpern beide diese Ambivalenzen jugendlicher Erfahrungen, die
eine mit ihrer kraftvollen und zugleich emp ndsamen Stimme, der
andere mit einem wunderbaren Klavierton voller Emotionen und feinen
Nuancen.

Eine Oper wird daraus aber erst durch die kunstvolle Lichtregie, die
eindringliche Effekte setzt wie den schmalen Lichtstreif, der Annes
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Blick durch eine Fensterluke symbolisiert. Aber nie gerät die


Inszenierung zur Show, sondern ordnet sich genau wie die gesungene
Rezitation der Tagebucheinträge dem Gedanken unter.

Grigori Frid (1915-2012) vertont Gefühle. Die Freude über den


Geburtstag, Sorge um den Vater, Angst um die Freundin und Spott über
ein sich streitendes Ehepaar, das sich mit den Franks vor den Nazis auf
einem Dachboden versteckt, werden musikalisch ausführlich bebildert
oder nur in Andeutungen hingetupft.

Paula Rohde spielt, singt und tanzt mit vollem Einsatz, sehr nahbar,
verletzlich, stark. Ihr Tanzpartner ist eher das Klavier als der Pianist,
sie umkreist die Töne, haucht ihnen Seele ein. Nach minutenlangem
Applaus wirkt es für die Zuhörerinnen und Zuhörer unwirklich, wieder
hinauszutreten in die Außenwelt.

Ressort: Offenburg

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der BZ vom Mo, 03. Juni


2019:
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