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MAG.DR.

KATHARINA
PAL-HANDL

KLINISCHE PSYCHOLOGIE
200155 EC ANWENDUNGSFELDER DER PSYCHOLOGIE
WINTERSEMESTER 2016/2017 | EC
Prüfung FR 24.4.2017, Audimax
28 MC-Prüfung, 5 Antwortoptionen
LITERATUR: BERKING, M. / REIF, W. (2012). KLINISCHE PSYCHOLOGIE UND PSYCHOTHERAPIE. BAND I UND II. GRUNDLAGEN
UND STÖRUNGSWISSEN. THERAPIEVERFAHREN. BERLIN: SPRINGER-VERLAG

Positionierung der KP
- PSYCHOLOGIE – ist die wiss. Untersuchung des Verhaltens und der mentalen Prozesse von
Individuen
- Klinisch – auf eine Störung (med. Krankheit) bezogen, eine Störung betreffend – auch:
durch eine medizinische, psychologische Untersuchung festgestellt, klinisch bedeutet nicht
zwingend, dass es in einer Klinik/Krankenhaus/Spital behandelt wird. Es ist nur ein Hinweis für
die Diagnose

Klinische Psychologie – diejenige Teildisziplin der Psychologie, die sich…


• Mit psychischen Störungen
• Psychischen Aspekten körperlicher Störungen, z.B. bei Krebs: organische Leiden die
psych. Störungen hervorrufen
• Psychischen Krisen aufgrund extremer Lebenssituationen (z.B. durch Krieg) befasst

Psychisch – psychologisch – psychotherapeutisch – psychoanalytisch – psychotisch –


psychedelisch

Psychologin (Psychologiestudium) – PsychiaterIn (Medizinstudium) – Psychotherapeutin


(Genieparagraph) – PsychagogIn …

Psyche – altgr. „Atem, Hauch“, „ich atme/hauche/blase/lebe“


Ein Sprachproblem? Unterschiedliche Begriffe in Deutsch und Englisch (psychisch – mental)

- Psychische Gesundheit – mental health, psychische Störung – mental disorder, heute:


mental health problems
- Geisteskrankheit: mental disease, psychiatrische Anstalt/Klinik: mental clinic
Psychische Störung – Wahnsinn!
• Verrücktheit, Irrsinn, Wahnwitz
• Ab dem 19. Jh.: Raserei, Melancholie, Griesgrämigkeit, Psychose, Dementia Praecox,
Schizophrenie, manisch – depressiv, schizoaffektive Geistesstörung, Gemütskrankheit
• To go crackers (irre werden), to go „loco“ (Spanien), „berserk“ (Skandinavien), to run
„amok“ (Südafrika)
• Der/die spinnt ja, der ist verrückt, gestört, „bananas“, „lala“
• Der/die ist neurotisch, paranoid, schizophren

Positionierung innerhalb der Disziplin Psychologie

GRUNDLAGENFÄCHER ANWENDUNGSFÄCHER METHODISCHE FÄCHER


Allgemeine Psychologie Klinische Psychologie Psych. Methodenlehre
Differentielle & A&O Psychologie
Psych. Diagnostik
Persönlichkeitspsychologie Pädagogische Psychologie
Biologische Psych.
Entwicklungspsych.
Sozialpsychologie

Interaktionen mit wiss. Nachbardisziplinen: Neuroscience – Medizin (insbesondere


Psychiatrie) – Soziologie – Philosophie – Rechtswissenschaften – Pädagogik

Teildisziplinen der KP – (Psychotherapie) – Psychosomatik – Verhaltensmedizin –


Neuropsychologie – Rehabilitation – „public health“ – Prävention – Beratungspsych.
(„Counselling“) usw.

- 450 Mio. Menschen leiden an psych. Störungen, die meisten davon, werden nicht behandelt,
abhängig von physischen, sozialen, psychologischen und ökonomischen Faktoren, weniger
„wichtig“ als physische Gesundheit, Stigma und Diskrimination, behandelbar
- fast jeder 2. Mensch erkrankt zumindest einmal im Leben an einer psych. Störung, die in
schwerwiegender Form in die berufliche Leistungsfähigkeit, die soz. Bezüge und die psychosoz.
Entwicklung eingreift. Fast jeder 4. Mensch, der einen Allgemeinmediziner aufsucht, leidet
an einem psychischen Gesundheitsproblem. Jedes 5. Kind leidet heutzutage an einer psych.
Störung, z.B. ADHS

Mental health: strengthening our response

Fact sheet NO220 (August 2014): Key facts:


• Mental health i san integral part of health; indeed, there is no health without mental
health
• Mental health is more than the absence of mental disorders
• Mental health is determined by socio-economic, biological and environmental factors
• Cost-effective intersectoral strategies and interventions exist to promote mental health

The 10 leading causes of years lived with disability in 1990 according to the Global Burden of
Disease Study:
• Unipolar major depression, Iron deficiency anemia, falls, alcohol use, chronic
obstructive pulmonary disease, bipolar disorder, congenital anomalies, osteoarthritis,
schizophrenia, obsessive-compulsive disorder (bipolar = manisch depressiv)

Kurzer historische Einblick

Antike: Erste Annahmen über Erkrankungen des Geistes, um „abweichendes, bizarres


Verhalten“ zu erklären – Demenz (fortschreitende Krankheit), Melancholie (Traurigkeit), Manie
(sehr schnelle Menschen, nicht mehr geschlafen und gegessen, diese Körperfunktionen stehen
hier nicht mehr im Vordergrund), Hysterie (betrifft die Gebärmutter, man glaubte, dass es nur
bei Frauen auftritt), Wahn (akustischer oder visueller Wahn, hören oder sehen von Dingen,
die nicht da sind) = konnte man damals schon sehr gut beobachten und waren sichtbar)

Hippokrates (460-377 v. Chr.): Krankheit haben natürliche Ursachen, „medizinisches


Model“, Humoralpathologie: Ungleichgewicht der Körpersäfte Blut, gelbe (cholerisch) und
schwarze Galle, Schleim

Mittelalter: Rückkehr der Dämonen und Gottesstrafen, Glaube an den Teufel und
Besessenheit – Mischung aus altem Aberglaube und christlicher Mythologie, Exorzismus –
Gebete, Beschwörungen, Magie, Lärm, Schläge, Narrenschiffe

Renaissance: Aufkommen der Irrenhäuser und Asyle – Verwahrung und zur Schaustellung
psychisch gestörter Personen – erste Irrenhäuser waren Abwandlungen von Strafanstalten (bis
zu diesem Zeitpunkt wurden Menschen einfach ausgesetzt, vertrieben,
loszuwerden/behinderte Kinder), in die Renaissance nicht mehr erlaubt, „Stein der
Verrücktheit“

Bedlam: „Custody Care and Cure“ (1247-1997): Bethlem is the World’s oldest institution
caring for people with mental disorders. It has been a part of London since 1247 and many
people, rich and poor, have played a part in its history

Extracting the Stone of Madness: in the 16th Century it was widely believed that a stone in the
brain was the cause of madness (hence the old cliché “rocks in the head”). A quack surgeon,
toward the end of his “operation” would exhibit a stone supposedly removed from the patient’s
skull

Die moralische Behandlung im 19. Jh.:


Phillip PINEL – Chefarzt der Bicetre, hat körperliches und medizinisches getrennt

„Die erfolgreiche Anwendung ausschließlich eines moralischen Systems gibt der Vermutung
großes Gewicht, dass in der Mehrzahl der Fälle das Gehirn nicht organisch geschädigt ist“
(Pinel, 1806)

1793: Irrenhausreform: Erste Versuche, psychischen Störungen durch Freundlichkeit und


Zuspruch zu behandeln, massive Verbesserungen des Anstaltswesens, moralische Behandlung
durch Ruhe, Gespräche, Gebete und leichte körperliche Arbeit, beachtliche Initialerfolge, daher
rasche Verbreitung, Schaffung der Abteilung der Psychiatrie, steht zwar außerhalb des
klinischen Gebäudes (Narrenturm erbaut 1784)
- seltsames, untypisches, bizarres Verhalten wird auch schnell als eine psychische Störung
verstanden. Immer wieder Modeerscheinungen, z.B. ADHS, Boarderline Persönlichkeitsstörung
(instabil wirken, leicht wütend werden = Einfluss der Gesellschaft sehr wichtig!)

Somatogene und psychogene Sichtweise im 19.+20. Jh.:


- SOMATOGENE – psych. Störungen haben physische Ursachen (z.B. Syphilis),
PSYCHOGENE – psych. Störungen haben psych. Ursachen – Hypnose und Suggestion
- somatogene Sichtweise – erstes System zur Klassifikation psychischer Störungen

Karl JASPERS, dt. Psychiater und Philosoph: Begründete mit dem Terminus
„Phänomenologie“ seinen Ruf als Arzt und mit der geisteswiss. Orientierten „Psychopathologie“
eine neue Grundlegung der Psychiatrie-Psychopathologie beschäftigt sich mit den Formen
eines (krankhaft) veränderten Gefühls- bzw. Seelenlebens = Lehre vom seelisch Abnormen
- Behandlungsansätze: Zahnextraktion, Tonsillektomie, Insulinschock, Lobotomie = erste
Forschungserkenntnisse mit wirksamen Psychopharmaka

Wilhelm WUNDT – gilt als Begründer der Psychologie als eigenständiger Wiss. Er war Prof.
für Philosophie an der Uni Leipzig, gründete dort 1879 das 1. Institut für experimentelle
Psychologie, erster der Experimente an menschlichen Leichen durchgeführt hat
- Compedium der Psychiatrie (Dr. Emil KRAEPELIN): Postulat der Krankheitseinheiten &
Psychopathologisches Klassifikationssystem (Krankheiten klassifizieren, heute ICT 10)

Wundt & Kraepelin oder Vom Verhältnis zwischen Psychologie


und Psychiatrie
- Wundt als Begründer der naturwiss., physiologischen Psychologie, Kraepelin als Begründer
der empirisch-klinischen Psychiatrie und Klassifikation psychischer Krankheiten

- psychogene Sichtweise – Behandlung der Hysterie durch Hypnose, induzierten Hysterie


durch Hypnose

Sigmund FREUD – Entwicklung der Psychoanalyse (Fokus auf Kind): normale und gestörte
psychische Funktionsweisen; psychogen gestörtes Erleben und Verhalten: Folge innerpsych.
Konflikte
- Behandlungsansätze: Hypnose, Psychoanalyse

Erste Hälfte des 20. Jh.: Nach wie vor Verwahrung psychisch
gestörter Menschen
- A Mind That Found Itself (1908): An Autobiography by Clifford WHITTINGHAM BEERS:
Weiterentwicklung bei der Unterbringung psychisch kranker Personen, war selbst krank

Lightner WITMER: Begründer der KP (The founding oft he American Psychological


Association); Lernschwierigkeiten, erste Klinik für Kinder in Philadeplhia
- weitere Entwicklung der KP: in den Kontexten wirtschaftliche Entwicklung, Krieg,
internationaler Wettbewerb und Kultur

Euthanasie im Dritten Reich


- Menschen mit intellektueller und psychischer Störung wurden umgebracht bzw.
zwangssterilisiert („Rassenhygiene“, Erbgesundheitsgesetz 1934, „T4“ 1939 =
Euthanasieprogramm)
- Berlin, 10.5.1933: „Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel
der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Siegmund FREUD“

Entwicklung in den USA:


• 1946: „Mental Health Act“ als gesetzliche Grundlage für Prävention und Behandlung
seelischer Störungen
• 1949: Gründung des „National Institute of Mental Health“ (NIMH)
• 1946: Einrichtung gemeindenaher psychiatrisch-psychologischer Versorgungszentren

Weitere Entwicklungen in Österreich:


• 1917: Karl BÜCHER, Charlotte BÜHLER – Heim in Wien: 1. Institution die sich um das
Wohlergeben von Kindern gekümmert hat in Ö, Beginn der Psychologie in Wien, 1.
Jugendamt
• 1919: Erziehungsberatungsstelle Wien, Alfred ADLER
• 1953: Gründung des Berufsverbands österr. PsychologInnen
• 1973: Bericht der WHO über die Rolle von PsychologInnen im europ. Psychosoz.
Gesundheitswesen
• 1980: 1. Kongress für KP und Psychotherapie in Berlin
• 1991: Psychologen- und Psychotherapeutengesetz (Rev. 2013)

Behandlung:
- Aufkommen der 1. wirksamen Psychopharmaka in den 50er Jahren (Behandlung durch
Mediziner), aber nach wie vor pädagogische Maßnahmen, Hypnose und spirituelle Kräfte im
Einsatz
- Verhaltenstherapeutische Ansätze geben klinischen Psychologen erstmals nachweislich
wirksame Behandlungen an die Hand

KP und Psychiatrie im 21. Jh.:


• Biopsychosoziales Krankheitsmodell hat sich für die meisten Störungen durchgesetzt
(soziale Faktoren beeinflussen – Wechselwirkungen zwischen biopsychosozialen
Faktoren)
• Deinstitutionalisierung
• Teilstationäre und ambulante Betreuung
• Neue Medikamente und psychologische Behandlungsmethoden
• Geprägt durch Konsolidierung, Standardisierung, Ausdifferenzierung,
Methodenpluralismus
• Zwei große Psychiatrien in Wien: AKH, 13. Bezirk Rosenhügel & in 2. Wellen 80%
Männer, vor allem Kriegsveteranen mit Traumata
Bemerkungen zur Dokumentation „Raum 4070“: Grundsätzlich gelten auch in
psychiatrischen Krankenhäusern oder psychiatrischen Abteilungen die Patientenrechte (d.h.
Recht auf Selbstbestimmung, Information, Achtung der Würde und Integrität sowie
Behandlung und Pflege). Allerdings kann – im Unterschied zu anderen Krankenanstalten –
unter gewissen Voraussetzungen die Bewegungsfreiheit von Patienten und Betroffenen
eingeschränkt werden („Unterbringung“). Unterschiedliche Wahrnehmungen, Verständnisse
von Psychose (Psychose ist Leben, Realitätsverlust, kein Symptom, kann eine Störung sein,
wenn es eine gewisse Zeit lang anhält)

Störung und Gesundheit als (psychologische Konstrukte)


Das Kontinuum Gesundheit-Krankheit: Gesundheitsressourcen vs.
Gesundheitsrisiken

Für den Begriff „Gesundheit“ gibt es viele verschiedene Definitionen:

- Wortherkunft: mittelhochdeutsch gesuntheit, althochdeutsch gisunt(i), „Unverletztheit“,


belegt sich dem 8. Jh.
• Medizinische Definition: Gesundheit ist Fehlen von Krankheiten
• Sozialversicherungsrechtliche Def.: Gesundheit ist Arbeits- und Erwerbsfähigkeit

Psychische Gesundheit:
➢ „‘Mental health‘ as a positive state of psychological well-being“ (WHO,
1951)
➢ “ein Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen,
die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann
und imstande ist etwas zur Gemeinschaft beizutragen“

Psychische Gesundheitsprobleme vs. Psychische Störungen


• Wahnsinn, Traurigkeit und Angst gehörten immer schon zur Bandbreite menschliche
Zustände – „psychische Störungen“ existieren lediglich als „Produkte“ der Medizin und
Psychologie
• Gesundheits-Störungsmodelle in der KP

Allgemeine Rahmenmodelle, um psychische Störungen verstehen zu können, um die


Komplexität verstehen zu können, um voreilige Schlüsse zu vermeiden (sowohl Diagnosen als
auch Interventionen):
1. Bio-psycho-soziales Modell
2. Vulnerabilitäts-Stress-Modell
- viele Modellvorstellungen gehen davon aus, dass gesunderhaltende und krankmachende
Faktoren (Schutz- und Risikofaktoren) voneinander unabhängig sind: viele
gesunderhaltende Bedingungen (Ressourcen, heilsame Einflüsse, Widerstandsquellen,
positive Life-Events) und wenige krankmachende Bedingungen (Noxen, belastende
Bedingungen, schädigende Einflüsse, negative Life-Events) bewirken Gesundheit; andere
Kombinationen von beiden Faktoren führen zu Mischformen oder zur Krankheit

Das bio-psycho-soziale Modell (NACH PETERMANN, 2011):

Das Vulnerabilität-Stress-Modell
Krankheit gilt als Abweichung vom Normalzustand. Was normal ist, hängt nicht zuletzt von
der Definition des Begriffs „Norm“ ab

Abweichendes/abnormes Verhalten ist…


➢ Abhängig von Normen und Werten einer Gesellschaft
➢ Damit kulturabhängig
➢ Und es werden unterschiedliche Kriterien für „normal“ und „abnorm/gestört“ angeführt

Was ist wirklich?


• Wir interpretieren unsere Wahrnehmungen der Wirklichkeit
• Durch diese Interpretationen entstehen „Karten der Welt“, also nützliche Modelle, an
denen wir uns orientieren
• Beispiele dafür: wissenschaftliche und Alltagstheorien
• Diese Karten stellen jedoch keine objektive Realität dar, sondern eine konstruierte

Übersicht: Normen und Werte

• STATISCHE NORM – definiert anhand empirischer Durchschnittswerte; abnorm ist


das Ungewöhnliche
• IDEALNORM – allgemeingültige postulierte und philosophisch-weltanschaulich
begründete „Zustände der Vollkommenheit“; abnorm ist das Verwerfliche
• SOZIALNORM – gesellschaftlich definierte Verhaltensnormen; abnorm ist das
Abweichende
• SUBJEKTIVE – individuelle Gegebenheiten als Maßstab zur Beurteilung von
Veränderungen; abnorm ist das Unpassende
• FUNKTIONALE – als funktionale Zwischenschritte für „übergeordnete“ erwünschte
Zustände; abnorm ist das Schädliche
Deskriptiv-statistische Anteile von Normen

1. Statische Norm:
• Grundlage ist die Häufigkeit oder Auftretenswahrscheinlichkeit einer Verhaltens- und
Erlebensweise
• „normal“ ist, was innerhalb eines bestimmten Bereichs um den Modalwert variiert
• „abweichend“ ist, was extrem abweicht

Das Nützliche an der Normalverteilung


• Die meisten Personen werden als normal definiert
• Es ist bekannt, wie häufig die Werte eines Intervalls vorkommen
• Sie entspricht den meisten real vorkommenden Verteilungen
• Der Durchschnitt ist auch der Häufigste (M = Modalwert) und „Mittlerste“ (Median)
• Im Bereich von +/- 3 SD liegen praktisch alle Werte

Aber auch Probleme…


• „sozial erwünschte Aktivitäten“ werden positiv bewertet (z.B. Talent, Kreativität,
Energie, Intelligenz)
• Alkoholkonsum in der Bevölkerung weit verbreitet = trotz statistischer Häufigkeit
schädlich und gestört definiert
• Auch normangepasstes Verhalten kann sozial negativ beurteilt werden:
= psychische Störung oder kriminelles Verhalten?
= überangepasstes Verhalten kann auch zu Probleme führen!
Präskriptive Anteile von Normen: Soziale, ideale und subjektive Normen

2. Soziale Norm
• Die Erwartungen, die von sozialen Gruppen an das Verhalten des Einzelnen in einer
bestimmten sozialen Rolle und Situation gerichtet sind (z.B. ethnische Gruppen,
religiöse Gruppierungen)
• Beeinflusst durch formelle und informelle Regeln
• Frage der sozialen Toleranz gegenüber bestimmten Formen der Abweichung (z.B.
Süchte)

„Each civilisation defines its own diseases. What is sickness in one might be chromosomal
abnormality, crime, holiness, or sin in another” (Ivan ILLICH)

3. Idealnorm
• Erstrebenswerter Zustand der Vollkommenheit
• = existiert losgelöst von realem Vorkommen

4. Subjektive Norm
• Wenn sich jemand selbst als gestört beurteilt (Problem der Vergleichbarkeit)
• = die Selbstbewertung steht im Vordergrund
• Ich-synton (etwas wird als zu sich selbst gehörig empfunden)
• Ich-dyston (etwas wird als NICHT zu sich selbst gehörig wahrgenommen und beurteilt
– Leidensdruck!)

5. Funktionale Normen
• Basieren auf erwarteten Regelmäßigkeiten im Hinblick auf Leistungen, Handlungen und
Fähigkeiten, die den Ressourcen und dem jeweiligen Zustand der Person angemessen
sind
• Damit werden bestimmte Beziehungen zwischen dem Zustand einer Person und der
von ihr gesetzten Aktivitäten angenommen (z.B. Prüfungssituation)

- die psychische Störung wird als Abweichung von einer „psychischen Homöostase“ gesehen

Vorteile funktionaler Normen:


• Das subjektive und wissenschaftliche Wissen über die psychische Funktionalität und
der Zusammenhänge mit biologischen und sozioökologischen Bedingungen werden
mitberücksichtigt

Zusammenfassend…
• Psychische Gesundheit, normales vs. abnormales Verhalten und psych. Störungen sind
unmöglich zu definieren
• Die Einflüsse aller Normen und Werte sind zu berücksichtigen
• Normales und gestörtes Verhalten unterliegt weitgehend ähnlichen
Veränderungsbedingungen
• Übergänge zwischen normalen und gestörten Verhalten sind oft fließend

Psychische Störungen sind nicht grundlagenwissenschaftlich eindeutig definierte, feststehende


Entitäten, sondern stellen letztlich nur nach dem aktuellen Stand der Forschung sowie für die
Praxis sinnvolle und nützliche Konstrukte dar, auf die sich ForscherInnen und PraktikerInnen
als bestmögliche Lösung für eine begrenzte Zeit geeinigt haben

= das bedeutet, dass die Definition „psychische Störung“ sich ändern kann, wenn neue wiss.
Erkenntnisse verfügbar werden, die eine bessere Klassifikation und Nomenklatur ermöglichen

Psychische Störungen als Abweichendes Verhalten: Die 4 Komponenten der


Abnormität (nach COMER, 1995):

Als gestörte Erlebens- und Verhaltensmuster bezeichnet man solche,


• Die in einem Kontext deviant oder abweichend sind (z.B. hinsichtlich Alter,
soziokultureller Normen)
• Die Person belasten und unter Leidensdruck setzen,
• Oder Verhaltensmuster, die beeinträchtigen (z.B. soziale Einengung, Behinderung der
Entwicklung) oder so störend oder dysfunktional werden,
• Dass die Person alltägliche Handlungen nicht mehr konstruktiv verrichten kann oder
sich und andere sogar gefährdet

Meist treten diese Kriterien gemeinsam auf und stehen miteinander in Wechselwirkung.
Wichtig dabei ist der Kontext, in dem dieses Verhalten gezeigt wird: Devianz – Leidensdruck
– Beeinträchtigung – Gefährdung

Zwei international anerkannte Diagnose- und Klassifikationsschemata:


• World Health Organization (WHO) – ICD-10, International Statistical Classification
of Diseases, and Related Health Problems, Version 10
• American Psychiatric Association – DSM-V: Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders, Version V

KLASSIFIKATION (nach MÖLLER) – Einteilung einer Mannigfaltigkeit in ein nach Klassen


gegliedertes System (Systematik); Zuordnung von Untersuchungseinheiten zu einer Klasse
(Diagnostik) * Klasse – Gesamtheit von Elementen mit gemeinsamen Merkmalen *

Wo braucht man Klassifikationen?


• Dokumentation: Sammlung, Ordnung und Nutzbarmachung von Dokumenten aller
Art, z.B. Bücher und Erfindungen
• Warenwirtschaft: z.B. Lagerbestände, Inventur
• Wissenschaft: Biologie, Geologie, Medizin, Psychologie, Meteorologie, Chemie, etc.

Beispiele: Periodensystem, Kuchen-Klassifikationssystem nach Dr. Oetker (1956)

Wozu Klassifikation psychischer Störungen?


• Bildung von Klassen – Erweiterung unseres Wissens (haben wir erst die Klasse,
können wir uns auch weitere Informationen über sie verschaffen);
• Diagnostische Klassen – spezifische diagnostische Untersuchungsverfahren, um die
für die Probleme verantwortlichen Faktoren zu entdecken + spezifische
Behandlungsformen zu entwickeln/anzubieten;
• Basis für Forschung und Weiterentwicklung – z.B. epidemiologische Studien,
klinische Studien zur Ätiologie, Intervention und Verlauf
• Vereinheitlichung der Nomenklatur – bessere interdisziplinäre Verständigung,
auch zwischen Ländern und Kulturen

Beispiel: Verständigung zwischen Wissenschaftlern und Klinikern


Begriff: Neurose:
• 18. Jh. = W. Cullen: Nerven- und Muskelkrankheiten
• 19./20. Jh. = S. Freud: Reaktive und psychogene Störungen
• 1991 = ICD-10: Begriff weitgehend vermieden

Geschichte der ICD:


• 1893: Bertillon-Klassifikation bzw. das Internationale Todesursachenverzeichnis
• 1910-1915: Arbeiten von Emil KRAEPELIN
• 1948: WHO – Übernahme dieser Systematik in der 6. Revision auf Krankheiten und
Verletzungen
• = bis 1950 mehrere hunderte verschiedene Klassifikationssysteme auf der ganzen
Welt verbreitet, die weitgehend inkompatibel waren!
• Ziel: jährliche Version des ICD-10

Ziele der Klassifikation:


• Strukturierung und Abgrenzung der Störungsbilder
• Gruppierungen (Ähnlichkeiten) –
Symptom – Krankheitszeichen, Merkmal
Syndrom – Gruppe von Symptomen
• Eindeutige Zuordnung einer Störung zu einer Systemklasse bzw.
Entscheidungshilfe: Ist eine Schizophrenie eine Schizophrenie? = Ja – wenn alle
Diagnosekriterien erfüllt sind

DIFFERENZIALDIAGNOSE – Beschreibung des klinischen Prozesses, durch den unter


Würdigung der Symptome, Syndrome, ätiologischen und pathogenetischen Besonderheiten
ein Krankheitsbild von einem anderen abgegrenzt wird
- z.B. durch: Ausschuss von Simulation/vorgetäuschter Störung, Ausschluss eines
Substanzkonsums, Abgrenzung vom Normbereich psych. Erlebens, usw.

Kritik an der ICD:


• Informationen gehen verlorenen – auch ein Teil der Einmaligkeit der untersuchten
Personen (Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Dimensionen
abweichenden Verhaltens)
• Stigmatisierung
• „gläserner Patient“ – „gläserner Arzt/Psychologe“
• Probleme der Semantik
• Diagnosen abhängig von „Weltbild“
• Psychische Störung „krankheitswertig“

• Möglichkeit multiple Diagnosen zu vergeben – Doppel- oder Mehrfachdiagnosen –


Komorbidität
• Klassifikation von Störungen, nicht Individuen
• Verwendung von spezifischen inhaltlichen und zeitlichen Diagnosekriterien
(Operationalisierung)
• Betonung offen erfassbarer Verhaltensweisen
• Detaillierte und systematische Beschreibung der einzelnen diagnostischen Kategorien
• Konzept der Multiaxialität
• Verwendung des Begriffs „Störung“ (der den problematischen Begriff „Krankheit“
ersetzt)

Multiaxiales Klassifikationsschema – für psychische Störungen des Kindes- und


Jugendalters nach ICD-10:
1. Achse: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
2. Achse: Umschriebene Entwicklungsstörungen
3. Achse: Intelligenzniveau
4. Achse: Körperliche Symptomatik
5. Achse: assoziierte aktuelle abnorme Umstände
6. Achse: Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung
ICD-Codierung – 5-stelliger Code, der aus Buchstaben und Ziffern besteht:
• F – es liegt eine psychische oder Verhaltensstörung vor
• F5 – bei dieser Störung handelt es sich um Verhaltensauffäligkeiten mit körperlichen
Störungen und Faktoren
• F50 – bei dieser Verhaltensauffäligkeit handelt es sich um eine Essstörung
• F50.0 – diese Essstörung entspricht einer Anorexia nervosa

Unter dem Oberbegriff Essstörungen werden zwei wichtige und eindeutige Syndrome
beschrieben: Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. Weniger spezifische bulimische
Störungen wie übermäßiges Essen bei anderen psychischen Störungen werden ebenfalls
erwähnt.

Ausschluss:
• Fütterungsstörung im Kleinkind- und Kindesalter (F98.2)
• Fütterschwierigkeiten und Betreuungsfehler (R63.3)
• Nicht näher bezeichnete Anorexia und Appetitverlust (R63.0)
• Pica im Kindesalter (F98.3)
• Polyphagie (R63.2)

Rechtliche Rahmenbedingungen für KP:


- eine verantwortungsvolle psychologische Tätigkeit bewegt sich in einem gewissen rechtlichen
Rahmen. Diesen zu kennen ist unerlässlich!

Gesundheitsberufe
- unter einem Gesundheitsberuf ist ein auf Grundlage des Kompetenztatbestandes
„Gesundheitswesen“ gesetzlich geregelter Beruf zu verstehen, dessen Berufsbild die
Umsetzung von Maßnahmen zur Obsorge für den allgemeinen Gesundheitszustand der
Bevölkerung umfasst
- darunter sind Tätigkeiten zu verstehen, die unmittelbar am bzw. unmittelbar oder mittelbar
für die Menschen zum Zwecke der Förderung, Erhaltung, Wiederherstellung oder Verbesserung
der Gesundheit im ganzheitlichen Sinn und in allen Phasen des Lebens erbracht werden

Überblick über gesetzlich geregelte Gesundheitsberufe in Ö:


• Arzt
• Zahnarzt
• Klinische PsychologIn
• GesundheitspsychologIn
• PsychotherapeutIn
• MusiktherapeutIn
• Hebamme
• Gehobene medizinische Dienste
• Gesundheits- und KrankenpflegerInnenberufe
• Kardiotechnischer Dienst
• Medizinisch-technischer Fachdienst
• Medizinische MasseurIn und HeilmasseurIn
• SanitäterIn sowie Sanitätshilfsdienste

Gesundheitsberufen ist gemeinsam:


• Gesetzlicher Schutz durch einen Tätigkeits- bzw. Berufsvorbehalt, einen
Bezeichnungsvorbehalt und Ausbildungsvorbehalt,
• Die Ausbildung unterliegt nicht den seitens des Gesundheitssystem gestellten
Anforderungen,
• Der Beruf ist gewissenhaft auszuüben,
• Für in Ausland erworbene Qualifikationen ist eine Zulassung zur Berufausübung
(Nostrifikation) erforderlich,
• Fortbildungspflicht als Qualifikationsmerkmal

Klinische Psychologie als Profession


- in Europa seit den 70er Jahren eigenständige Professionen mit eigener Ausbildung
- in Österreich seit 1991 Berufsgesetz und Versuche der Setzung internationaler Standards
(z.B. europsy.at)
- große Unterschiede zwischen den Ländern
- unterschiedliche Professionverhältnisse, insbesondere im Bereich der Psychotherapie als
Tätigkeitsbereich der KP und anderer Professionen – in Österreich: eigenständige
Professionen!

Psychologengesetz 1991 = 2013 – regelt u.a.: Titelschutz, Ausbildung, Tätigkeitsbereich,


Schweigepflicht

Die Ausbildung zum KP im Überblick:


- Psychologiestudium = Anmeldung = theoretisch fachlicher Kompetenzerwerb (Grundmodul
220 Einheiten) = schriftliche Wissensüberprüfung = theoretisch fachlicher Kompetenzerwerb
(Aufbaumodel Klinische und/oder Gesundheitspsychologie 120 Einheiten) = Kommissionelle
Abschlussprüfung = Antrag zur Eintragung in die Berufsliste

Facts:
- Liste klinischer PsychologInnen: http://ipp.bmgf.gv.at
- Stand 2012: 8.127 klinische PsychologInnen in Österreich (GÖG/ÖBIG) – knapp 25% der
klinischen PsychologInnen sind auch ausgebildete PsychotherapeutInnen
- klinisch-psych. Diagnostik wird seit 1995 von den Krankenkassen bezahlt. PatientInnen
können mit einer ärztlichen Überweisung eine psychologische Untersuchung bei in freier Praxis
tätigen Vertragspsychologen für klinisch-psychologische Diagnostik in Anspruch nehmen.
Teilweise Kostenrefundierung bei WahlpsychologInnen

Psychotherapie – Stand 2012: ca. 7.500 PsychotherapeutInnen in Österreich (GÖG/ÖBIG),


70% davon sind Frauen

Ausbildung zur/um Psychotherapeutin/en

Voraussetzungen für das psychotherapeutische Propädeutikum:


1. Vollendetes 18. Lebensjahr
2. Eigenberechtigung
3. Einer der drei Zugangswege:
a) Reifeprüfung/Studienberechtigungsprüfung/Berufsreifeprüfung
b) Ausbildung im Krankenpflegefachdienst/medizinisch-technischer Dienst
c) Auf Grund besonderer Eignung nach Einholung eines entsprechenden Gutachtens
des Psychotherapiebeirates
Ausbildung zur/m FachärztIn für Psychiatrie (und Neurologie),
psychotherapeutische Medizin: Basisausbildung (9 Monate) = mind. 15/max. 36 Monate
Sonderfach-Grundausbildung = min. 27/max. 48 Monate Sonderfach-Schwerpunktausbildung
in Modulen

DIAGNOSE: DEPRESSION
Gegenstand und Struktur der KP – die KP ist ein Teilgebiet der Psychologie, das sich mit
der Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Behandlung von gestörtem Erleben und
Verhalten des Menschen auseinandersetzt
- in der KP stellt sich weniger die Frage, ob das Verhalten abnorm ist, als vielmehr, ob es sich
dabei um eine Fehlanpassung handelt, die zu Leiden und sozialen Beeinträchtigungen für die
betroffene Person führt

Begriffs- und Gegenstandsbestimmung

Diagnostik – aus dem griech. „genau kennenlernen“, „entscheiden“, „beschließen“


- systematisches Sammeln und Aufbereiten von Informationen
Diagnose – empirisch nachprüfbare Aussagen über die Problemstruktur einer/s
Hilfesuchenden bzw. Patientin/en

PSYCHOLOGISCHE DIAGNOSTIK – ist als wiss. Disziplin definiert, deren Methodologie


Verfahren begründet, mit deren Hilfe Daten für Entscheidungszwecke gewonnen werden
- psych. Diagnostik ist die Untersuchung psychischer Funktionen, die Feststellung des
Vorhandenseins oder Ausprägungsgrades von psychologischen Merkmalen (z.B. Intelligenz,
Wahrnehmung, Konzentration, Merkfähigkeit, Angst, Aggression, Selbstbild,
psychophysiologische Bereiche) mit Hilfe bestimmter psychologischer Methoden und
Testverfahren
- in der KP und Psychotherapie beschränkt sich das weite Aufgaben- und
Anwendungsspektrum auf Fragestellungen im Zusammenhang mit psychischen Störungen

- die übergeordneten Zielsetzungen bzw. Aufgaben sind dabei Beschreibung,


Klassifikation, Erklärung, Prognose und Evaluation

Psychologische Störungslehre – Beschreibung und Erklärung von psychischen Störungen


• Phänomenologie – Erscheinungsweise
• Genese/Pathogenese – Entwicklung
• Ätiologie – Verursachung
• Prognose – Verlauf
• Klassifikation – Einordnung
• Epidemiologie – Verbreitung

Exkurs: Systematische Begriffe der Störungslehre


• ÄTIOLOGIE – Lehre von den Störungs- bzw. Krankheitsursachen
• PATHOGENESE – beschreibt Entstehung und Entwicklung einer Störung im Verlauf
mit allen daran beteiligten Faktoren
• ÄTIOPATHOGENESE – Gesamtheit aller Faktoren, die zur Ursache, Entstehung und
Entwicklung einer Störung beitragen
• PRÄDISPOSITION/DISPOSITION – genetisch bedingte Veranlagung oder
Empfänglichkeit für bestimmte Störungen
• SALUTOGENESE – umfasst die Faktoren der Entstehung und Aufrechterhaltung von
Gesundheit (insb. nach/trotz Schädigung oder Stresseinwirkung)

PATHOPSYCHOLOGIE – psychologische Störungslehre aufgrund der Kriterien der


Psychologie (z.B. WN, Denkprozesse, Emotionen), um psychische Störungen zu erklären
PSYCHOPATHOLOGIE – psychiatrische Störungslehre („Lehre von den Leiden der Seele“)
aufgrund vorwiegend organischer Kriterien

Ätiologie (Verursachung) am Beispiel der Depression:


- keine einheitliche Störungstheorie der Depression …

Multifaktoriellen Ätiologie (nach KASPER, 2000):


• Genetische Disposition
• Körperliche Faktoren
• Biographische Belastung
• Aktuelle psychosoziale Belastungen
• Hirnorganische Faktoren (physikalische Einwirkungen: z.B. Lichtenzug)
Rahmenmodelle:
• Bio-psycho-soziales Modell
• Vulnerabilitäts-Stress-Modell
- beiden Modellen fehlt der Aspekt der Störungsspezifität:
a) Jede Störung bzw. Störungsgruppe ist durch unterschiedliche Faktorenmuster
erklärbar
b) So müssen nach dem VSM für jede Störung die spezifischen Vulnerabilitäts-, Risiko-
, Stressor- und Ressourcenfaktoren integriert werden

DISTALE FAKTOREN – früh im Lebenslauf auftretend: familiäre Belastung und Genetik,


Trauma und frühe adverse Ereignisse (z.B. Bindungstheorien, neuro- und stressbiologische
Konzepte), Temperament und Persönlichkeit

PROXIMALE FAKTOREN – initial auslösende Lebensereignisse und chronische Belastungen


(Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren), soziale und psychologische Faktoren,
psychopathologische Faktoren

Beispiel einer psychologischen Depressionstheorie:


Modell der dysfunktionalen Kognitionen und Schemata (nach Aaron T. BECK)
- Grundlage: eine kognitive Störung, in deren Folge eine depressive Symptomatik auftritt

Kognitive Störung verzerrt die Realität:


• Willkürliche Schlussfolgerungen
• Selektive Abstraktionen
• Übergeneralisierung
• Moralisch-absolutistisches Denken
• Unrealistische Ansprüche an sich selbst
Prognose (Verlauf) am Beispiel der Depression: Am häufigsten sind unipolare
Verläufe (rezidivierende depressive Störung) mit ausschließlich depressiven Phasen in etwa
66% der Fälle; Unipolare Verl. mit ausschließlich manischen Phasen bei 4%

Störungsverlauf bei Major Depression


- Erstauftreten in jedem Lebensalter möglich; bei unbehandelter 1. Episode – Episodendauer
von ca. 3-4 Monate, dann Remission
- weiterer Verlauf meist episodisch = phasenhaft verlaufende Störung
• Etwa 1/3 Auftreten einer einzigen Episode
• Etwa 1/3 rezidivierender Verlauf mit vollständigen Remissionen im Intervall
• Etwa 1/3 chronischer, langjähriger Verlauf ohne Remission oder nur teilweise
Remission

= ungünstig in Bezug auf Episodendauer und Rezidivneigung


- frühes Erstauftretensalter, größerer Schweregrad depressiver Episoden, vorausgehende
dysthyme Störung (Double Depression), familiär bedingte Prädisposition, komorbide
Angststörungen, Substanzstörungen …
- Mortalität deutlich erhöht durch Suizide, somatische Erkrankungen und Unfälle!

Klassifikation (Einordnung) am Beispiel der Depressiven Episode:


• Depressive Stimmung
• Verlust von Interesse oder Freude
• Erhöhte Ermüdbarkeit

➢ Min. 2 dieser und min. 2 der übrigen oben für Kategorie F32 genannten Symptome
vorhanden
➢ Kein Symptom sollte besonders ausgeprägt sein
➢ Mindestdauer für die gesamte Episode beträgt etwa 2 Wochen

Was ist Epidemiologie?


- „Seuchenkunde“ – Ursachen und Folgen sowie der Verbreitung von gesundheitsbezogenen
Zuständen und Ereignissen in Populationen
- eine der wichtigsten Kennzahlen stellt die Lebenserwartung einer Population dar, denn
dies ist der am sichersten erfassbare Wert
- die Epidemiologie untersucht somit jene Faktoren, die zu Gesundheit und Krankheit von
Individuen und Populationen beitragen und ist deshalb die Basis aller Maßnahmen, die im
Interesse der Volksgesundheit unternommen werden

Epidemiologische Kennzahlen

Prävalenz – gibt die Anzahl der erkrankten Individuen in einer definierten Population an
- nach Checkoway kann man genauer unterscheiden zwischen „Prävalenz zu einem Zeitpunkt“
(point prevalence) und „Prävalenz über einen Zeitraum“ (period prevalence). Auf Grund
der problematischen Interpretation der „Prävalenz über einem Zeitraum“ konzentriert man sich
meist auf die PZEZ, was auch meist gemeint ist, wenn man nur von Prävalenz spricht
- die Prävalenz wird meistens als Prävalenzrate dargestellt – nämlich die Anzahl der jetzigen
Fälle in einer Population (z.B. Erkrankte, Verstorbene, Unterernährte usw. unabhängig von der
Dauer) dividiert durch die Anzahl aller Mitglieder dieser Population
- Bsp.: Zum 1.1.2008 waren im Unternehmen XYZ 1.024 MitarbeiterInnen an Rückenleiden
erkrankt. Bei einer Belegschaft von insgesamt 15.000 MitarbeiterInnen liegt die
Prävalenz(rate) somit bei 0,068

Lebenszeitrisiko – ist die Wahrscheinlichkeit, im Laufe einer üblichen Lebensspanne an einer


bestimmten Störung zu erkranken
➢ Lebenszeitrisiko psychische Störung in Europa: mehr als 50% (Jacobi, 2009)!

Inzidenzrate – Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) in einer definierten Population zu


einem bestimmten Zeitpunkt, dividiert durch die Individuenzahl
- diese Kennzahl hilft zu beschreiben, welche Krankheiten bei welcher Personengruppe häufig
ausbrechen. Der Vergleich der Inzidenzraten zeigt etwa, dass Krebserkankungen ein Problem
der älteren Menschen sind und nicht der jüngeren, und deshalb ist die Ursache in einem Faktor
zu suchen, welcher mit dem Alter zusammenhängt

„DALY“ (Disability Adjusted Life Year) – Maß zur Einschränkung der Lebensqualität
- wurde entwickelt, um auf den Beitrag der psychischen Erkrankungen zum Global Burden of
Disease aufmerksam zu machen – bis dahin wurden die Folgen psychischer Erkrankungen nur
anhand der Mortalität gemessen
- ein DALY ist im Bezug zur Lebenserwartung ein verlorenes Jahr gesunden Lebens; die Anzahl
an DALYs drückt die Anzahl verlorener Lebensjahre aufgrund von frühzeitigem Tod oder
Krankheit aus. Die DALYs für Depression nehmen kontinuierlich zu: es wird geschätzt, dass
weltweit ein Verlust von beinahe sechs Lebensjahren bei von Depression betroffenen Personen
zu erwarten ist (WHO, 2002)

Beispiel: Depression
- Schätzung: Lebenszeitrisiko für ein depressives Syndrom bei Frauen 20-26%, bei Männern
8-12%
- 5-23% der PatientInnen beim praktischen Arzt leiden an einem depressiven Syndrom

Klinisch-psychologische Diagnostik

Diagnostische Verfahren bzw. Methoden


1. Anamnese und Exploration
2. Interview (strukturiert, unstrukturiert)
3. Fragebogen (Selbst- und Fremdbeurteilungen)
4. Testklassifikation
5. Verhaltensbeobachtung
6. Psychophysiologische Messungen (EEG, Muskelspannung, Hautwiderstand,
etc.)

ANAMNESE – Fakten aus der Vergangenheit, Vorgeschichte eines Symptoms oder Problems
EXPLORATION – auch Aspekte der Gegenwart und Zukunft, Erwartungen und Vorstellungen
➢ 70% der Diagnosen bereits aufgrund von Anamnese und Exploration
➢ Schriftlich – mündlich
➢ Selbst-/Fremdanamnese

Was ist ein psychologischer Test?


• Ein Test ist ein standardisiertes Prüfverfahren, mit dem Verhaltensmerkmale erfasst
werden, die als Indikatoren für Personeneigenschaften dienen sollen
• Die Testresultate erlauben die Einordnung des Untersuchten in einer Gruppe
vergleichbarer Personen
• = Tests sind Messinstrumente!!!

Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder IV HAWIK IV – jetzt WISC


- 4 Bereiche, 10 Kerntests, 5 optionale Tests

1. Sprachverständnis
• Gemeinsamkeiten finden
• Wortschatz-Test
• Allgemeines Verständnis
• Allgemeines Wissen
• Begriffe erkennen

2. Wahrnehmungsgeb. log. Denken


• Mosaik-Test
• Bildkonzepte
• Matrizen-Test
• Bilder ergänzen

3. Arbeitsgedächtnis
• Zahlen nachsprechen
• Buchstaben-Zahlen-Folgen
• Rechnerisches Denken
4. Verarbeitungsgeschwindigkeit
• Zahlen-Symbol-Test
• Symbol-Suche
• Durchstreich-Test

Definition und Identifikation psychischer Phänomene am Beispiel der


Depression:
- es gibt zahllose „depressive“ Symptome!
• Verhalten – Körperhaltung: kraftlos, gebeugt, spannungsleer; Mimik: maskenhaft,
versteinert, weinerlich; Sprache: leise, monoton
• Emotional – traurig, verzweifelt, innere Unruhe, ängstlich, verzweifelt, feindselig,
innerlich getrieben
• Physiologisch – schlaflos, appetitlos, antriebslos, Schwäche, wetterfühlig,
Kopfschmerz, Verdauungsprobleme
• Motivational/kognitiv – interessenslos, traurig, misserfolgsorientiert, Zweifel,
kontrolllos, abhängig

Klinisch-psychologische Interventionen
• Klinisch-psychologische Behandlung
• Klinisch-psychologische Beratung
• Evaluation
- je nach Zeitpunkt spricht man von Prävention, Therapie oder Rehabilitation

Beispiele von Anwendungsmöglichkeiten:


• Psychologische Patientenbehandlung – neuropsychologische Rehabilitation,
Schmerzbehandlung, Lern- und Leistungsstörungen bei Kindern, Bewältigung bei
Belastungssituationen insbesondere somatische Erkrankungen
• Psychologische Interventionen, die ärztlich-medizinische Eingriffe vorbereiten,
begleiten (z.B. Dialyse-Patienten) und in der Nachbetreuung
• Problemorientierte Betreuung von Angehörigen (z.B. von Alzheimer-Patienten)
• Problemorientierte psychologische Schulung des mediz. Personals

Klinisch-psych. Behandlung am Beispiel der Depression – Prävention


• Möglichkeiten, ein Rezidivieren depressiver Symptome bei Patienten zu verhindern, die
schon eine depressive Erkrankung erlebt haben
• Die psychologische Intervention sollte auf die Verbesserung von
Bewältigungsstrategien abzielen und den Patienten befähigen, mit den Stressoren
umzugehen, die Mitverursacher der Krankheit sein können

Mögliche Maßnahmen:
• Einsicht in die Entstehung der depressiven Erkrankung
• Aufstellen von realistischen Aufgaben und Zielen für den Alltag
• Kontakt zu Menschen, in deren Gegenwart sich der Patient so wohl wie möglich fühlt
• Entspannung und Teilnahme an angenehmen Aktivitäten (Spannungsreduktion)
• Leichte körperliche Bewegung mehrmals pro Woche
Häufige falsche Vorstellungen, Mythen und Vorurteile
• Schizophrenie ist unbehandelbar oder unheilbar
• Schizophrenie ist eine geistige Behinderung
• Schizophrene Patienten sind gefährlich und unberechenbar
• Ein schizophrener Patient kann nicht arbeiten gehen
• Die Schizophrenie wird durch Erziehungsfehler verursacht

Ausdruck der Unwissenheit ist auch, dass knapp 1/3 der Bevölkerung bei dem Begriff
Schizophrenie als erstes an eine Form der psychischen Spaltung denkt, meistens in Form einer
Bewusstseins- oder Persönlichkeitsspaltung

„Das Bild des psychisch Kranken in der Bevölkerung“ (ZÄSKE/BAUMANN/GAEBEL)


• Menschen, die an Schizophrenie erkranken sind das Inbild von psychischer Erkrankung
• Fallvignette mit Symptomen der Schizophrenie – 95% der Bevölkerung erkannten dies
als eine psychische Erkrankung
• Depressionen eher als Ausdruck einer kritischen Lebensphase
• Drogenabhängigkeit eher als eine deviante Lebensform gesehen
• 78% glauben einen psychisch Erkrankten auf Anhieb erkennen zu können und nannten
folgende Aspekte: seltsames Verhalten (73%), sonderbare Sprache (63%), Kleidung
(32%), Gesichtsausdruck (25%) und Aggressivität (24%)

STIGMATISIERUNG – Ausgrenzung und Ächtung von Personen, weil diese an psychischen


Störungen leiden
• Stigma = griech. „Stich“, „Brandmal“; unerwünschte Andersheit gegenüber dem, was
erwartet wäre
• Ein Stigma ist eine Verallgemeinerung von einer spezifischen Handlung oder Eigenheit
einer Person auf deren Gesamtcharakter. Dabei bewirkt das Stigma einen Status der
Person, der gegenüber ihren übrigen Eigenschaften hervorsticht

- hat zwei Aspekte:


1. Die stigmatisierte Person wird als stereotypisch (= automatische Überzeugungen) für
eine bestimmte soziale Gruppe gesehen (anstatt – respektvoll – als Individuum)
2. Dieses Stereotyp, oder „social typing“, hat negative Bedeutungen
• Diese zwei Aspekte werden mit emotionalen Reaktionen wie Angst, Verachtung und
Abscheu, aber auch Mitleid und Besorgnis assoziiert

- die stigmatisierte Person weicht mit einem Merkmal negativ von den (normenorientierten)
Erwartungen der Umwelt ab. Dem Stigmatisierten werden weitere negative und positive
Eigenschaften zugeschrieben, die mit dem tatsächlich wahrgenommenen Merkmal
objektiv nichts zu tun haben
- Menschen mit psychischen Störungen werden als unverständlich, asozial und gefährlich
von der Allgemeinbevölkerung wahrgenommen
„Diese Zuschreibung weiterer Eigenschaften kennzeichnen Stigmatisierungen als
Generalisierungen, die sich auf die Gesamtperson in allen ihren sozialen Bezügen erstrecken.
Das Stigma wird zu einem ‚master status‘, der wie keine andere Tatsache die Stellung einer
Person in der Gesellschaft sowie den Umgang anderer Menschen mit ihr bestimmt.“ (BRUSTEN
/ HOHMEIER, 1988)

- auch wenn das Gewaltrisiko von psychisch Kranken etwas höher liegt als in der
Durchschnitssbevölkerung, so ist es doch nicht höher als bei anderen Risikogruppen. Dazu
zählen allgemein Männer im 3. Lebensjahrzehnt und junge Leute, sowie arbeitslose
Jugendliche und Personen den Alkohol oder Drogen missbrauchen
- die jährliche Inzidenzrate von Gewalttaten gg. Menschen, die an psychischen Störungen
leiden, ist 4x höher als in der Allgemeinbevölkerung (USA)

Psychische Störungsbilder nach der ICD-10


• F20 – Schizophrenie
• F21 – Schizotype Störung
• F22 – anhaltende wahnhafte Störungen
• F23 – akute vorübergehende psychotische Störungen
• F24 – induzierte wahnhafte Störung
• F25 – Schizoaffektive Störungen

Epidemiologie
- Prävalenz 0,5 – 1%:
• Männer und Frauen gleich oft betroffen
• Bei enger Definition in allen Ländern und Kulturen gleich
- Auftretensalter:
• Haupterkrankungsalter zwischen der Pubertät – 30. Lebensjahr
• Unterscheide bei der Ersterkrankung je nach Subtypen der Schizophrenie
• Geschlechtsspezifischer Unterschied beim Auftretensalter (Frauen später betroffen als
Männer)
- Starke Heterogenität der Verläufe
- Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Häufigkeit der Schizophrenie
• Social-Causation-Hypothese vs. Social-Drift-Hypothese
- Suizidrisiko: ca. 30% Suizidversuch, ca. 15% Suizid
- generell erhöhtes Risiko eines frühzeitigen Todes!

- Lebenszeitprävalenz: 1% (geschlechtsunabhängig)
- Beginn: häufig akut, aber auch schleichend
• Männer: häufig 20-25 Jahre, Frauen: häufig 25-30 Jahre, selten auch
Spätschizophrenien
- Verlauf: entweder kontinuierlich episodisch mit zunehmenden oder stabilen Defiziten; oder
eine/mehrere Episode/n mit vollständiger oder unvollständiger Remission ca. 1/3 Remission;
1/3 wiederholte Episoden und geringe Behinderung; 1/3 chronisch mit starker Behinderung

Wichtige Namen und Begriffe:


Eugen BLEULER
• „Schizophrenie“ wörtlich; gespaltene Seele = fehlende Koordination der
emotionalen, kognitiven und Willensprozesse
• „Psychotische Störungen“, aber keine einheitliche Definition für Psychose in der
Literatur

• Halluzinationen sind Sinneswahrnehmungen ohne adäquate Stimulation der


entsprechenden sensorischen Kanäle
• Wahn beschreibt feste, unverrückbare Überzeugungen, die trotz unbestreitbarer
Beweise für das Gegenteil aufrechterhalten werden

Verlauf – gekennzeichnet durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken


und Wahrnehmung sowie inadäquate und verflachte Affekte
- Krankheit tritt in Episoden („Schüben“) auf

Phasenhafter Verlauf – häufig durchlaufen die Episoden drei Phasen:


1. Prodromalphase: noch keine eigentlichen Symptome, aber Leistungsniveau sinkt ab,
sozialer Rückzug, Affekte flachen ab
2. Floride Phase: akute Symptome in unterschiedlicher Kombination
3. Residualphase: akute Symptome treten zurück, Restsymptomatik kann erhalten
bleiben

Positivsymptome
• Störungen des Denkinhalts: Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn
• Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug,
Gedankenausbreitung
• Formale Denkstörungen: desorganisiertes Denken, Zerfahrenheit, Denkziel wird nicht
erreicht
• Halluzinationen, häufig Stimmen, die in der 3. Person den/die PatientIn kommentieren
oder über ihn/sie sprechen
• Sprache: Neologismen („Neuwörter“), Stereotypen (Verhaltensanomalien in Form von
wiederholten und ständig gleichbleibenden Handlungen ohne Ziel oder Funktion)
• Desorganisiertes Verhalten, psychomotorische Erregung
• Übermaß bzw. eine Verzerrung von eigentlich normalen psychischen
Funktionen

Negativsymptome:
• Spracharmut
• Flacher oder inadäquater Affekt
• Katatonie (Verlust der spontanen Bewegungen, veränderte Mimik oder Gestik)
• Sozialer Rückzug
• Verminderung bzw. Verlust normaler psychischer Funktionen

Wie entsteht eine Schizophrenie?


VULNERABILITÄT – Prädisposition, die den Aufbruch einer Störung begünstigt, aber als
alleinige Ursache dafür nicht ausreicht. Diese Verletzlichkeit führt dazu, dass bestimmte äußere
Einflüsse (allgemein als Stress bezeichnet) mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zum
Ausbruch einer Störung/Erkrankung führt
Interventionen:
- etwa 60-70% aller Menschen benötigen eine längerfristige Behandlung
- ausgehend von einer multifaktoriellen Verursachung, wird eine entsprechend multimodale
Behandlung benötigt

3 Säulen der Schizophrenie-Therapie:


1. Somantisch-physiologische Behandlung + Psychoedukation
2. Die psychologisch-psychotherapeutische Therapie und Sozial- und
Familientherapie
3. Die Sozialtherapie (Rehabilitation)

Geschichte der KP des Kindes- und Jugendalters


• Beginn des 19. Jh.: Annahme, dass Kinder keine psychischen Störungen haben können
• Emanzipation des Kindes
• Wichtigkeit der Kindheit für die Entwicklung
• Langsame Erkenntnisse zu psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter
Beispiele:
• 1896: Lightner WIDMER: 1. „Klinik“ für Kinder mit Lernstörungen,
Intelligenzminderung und Schulproblemen
• 1905: Alfred BINET: Intelligenztest für Kinder
• 1920: „Child Guidance Movement“: emotionale Störungen beginnen in der Kindheit
und daher müssen frühe Interventionen gesetzt werden

1980iger Jahren „Entwicklungspsychopathologie“: abweichendes Verhalten ist im Kontext der


Entwicklungserwartungen und Normen zu sehen
- die heutige Sichtweise beschreibt abweichendes Verhalten als wechselseitige
Interaktion zwischen vielen ökologischen Einflüssen (Kind, Familie, Gleichaltrige, Schule,
Gesellschaft, Kultur)
➢ APA, Division 53 „Division of Child & Adolescent Psychology“
➢ BÖP, seit 2010 postgraduale Ausbildung zum “Kinder-, Jugendlichen- und
Familienpsychologen”

KLINISCHE KINDERPSYCHOLOGIE – entstand als Teildisziplin der Psychologie an der


Schnittstelle zwischen KP und EP
- in Abgrenzung zur EP, die sich mit der normalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
beschäftigt, untersucht die KKP die Entstehung und Auswirkungen von psychischen Störungen

Abgrenzung zur KP bei Erwachsenen:


• Begriffsdefinition „Psychische Störung“
• Häufigkeit psychischer Störungen
• Art der Krankheitsbilder (Klassifikation)
• Spezifische diagnostische Methoden
• Besonderheiten der Therapie/Behandlung
• Verlauf und Prognose
• Interdisziplinarität

Was wissen wir?


• Häufigkeit – Periodenprävalenz 18% = ca. ebenso häufig wie im Erwachsenenalter
• Geschlechtsunterschiede – in der Kindheit häufiger bei Buben, bei Jugendlichen
häufiger bei Mädchen
• Verlauf – Veränderungen unterworfen – Stabilität vs. Remission vs. Veränderung
Warum haben Kinder und Jugendliche Probleme oder sogar psychische Störungen?
• „High risk“ Kinder mit biologischen Vulnerabilitäten und/oder psychosozialen Nöten
(z.B. Frühgeborene, organisch kranke Kinder, drug-addicted Neugeborene),
• Kinder mit emotionalen und entwicklungsbedingten Problemen (z.B.
Entwicklungsstörungen, Autismus)
• Kinder mit signifikanten psychischen Störungen, die sich im Verhalten, emotional und
kognitiv zeigen
• Jugendliche mit „high risk“ Verhalten (z.B. Delinquenz,
Drogenmissbrauch/abhängigkeit)
Erklärungen für die Entstehung von Krankheitsbildern oder Störungen:
Modell der Entwicklungspfade (nach SCROUFE):
• Gleiche Entwicklungsverläufe können zu unterschiedlichen Störungen (Multifinalität)
und unterschiedliche Verläufe zu gleichen Störungsformen führen (Äquifinalität)
• Annahme, dass Störungen Abweichungen von normalen Entwicklungsverläufen ist
(„Fehlanpassung“) und eine Störung kein endgültiger Zustand ist!
• Entwicklungspsychopathologie
Psychische Störung? Normal vs. Abnorm, gestört, krank
- Verhalten oder Erleben ist bei Kindern und Jugendlichen dann als abnorm zu bezeichnen,
wenn es:
• Altersunangemessen ist
• Zeitstabil ist
• Syndromal ist
• Entwicklungsperturbierend ist
• Eine ausgeprägte Schwere und Häufigkeit aufweist
• Situationsübergreifend ist

Der „Stanford Marshmallow-Test“


Experimentelle Bedingungen:
• Alle Kinder werden in einen Versuchsraum geführt und gefilmt,
• Die Kinder bekommen die Information, dass sie alleine mit einem Marshmallow in dem
Raum bleiben und, dass sie, wenn sie es schaffen, dass Marshmallow nicht zu essen,
als Belohnung ein zweites bekommen

„Aufschrieben-Können“
• Die Fähigkeit, kurzfristig auf etwas Verlockendes für die Erreichung langfristiger Ziele
zu verzichten
• Phänomenologische Ausgestaltung der Fähigkeit zur Selbstkontrolle
• „Geduld“ als Mischung von Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer
➢ Belohnungsaufschub wird als stabiles Persönlichkeitsmerkmal verstanden
➢ Damit wurde die Bedeutung der Impulskontrolle für akademischen, sozialen und
beruflichen Erfolg belegt

Kernsymptomatik: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität


➢ Mehr als 6 Monate andauernd
➢ Situationsübergreifend
➢ Dem Lebensalter nicht angemessen
➢ Vor dem 7. Lebensjahr beginnend
MULTISYSTEMISCHE INTERVENTIONEN MULTIMETHODISCHE INTERVENTIONEN
Kind Spieltherapie
Familie (Eltern + Geschwister) Spezielle Behandlungen, Trainings
Eltern (Mutter + Vater) Elternberatung, -coaching
Kindergarten oder Schule Erziehungsberatung, Mediation
Amt für Jugend und Familie Sozialarbeit, Sozialpädagogik
Psychiatrie
Funktionelle Therapien

Psychische Störungsbilder nach der ICD-10


F6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

• F60 – spezifische Persönlichkeitsstörungen


• F61 – kombinierte + andere Persönlichkeitsstörungen
• F62 – andauernde Persönlichkeitsveränderungen
• F63 – abnorme Gewohnheiten + Störungen der Impulskontrolle
• F64 – Störungen der Geschlechtsidentität
• F65 – Störungen der Sexualpräferenz
• F66 – psychische + Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen
Entwicklung und Orientierung
• F68 – andere Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen bei Erwachsenen
• F69 – nnb
• F60.0 PARANOIDE – misstrauisches, nachtragendes und selbstbezogenes
Verhalten, eine übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und
streitsüchtiges Bestehen auf die eigenen Rechte
• F60.1 SCHIZOIDE – wenig interessiert an sozialen Beziehungen, emotional kühl und
distanziert; oft einzelgängerisch, zurückgezogen, mangelnde Sensibilität im Erkennen
sowie Befolgen gesellschaftlicher Regeln
• F60.2 DISSOZIALE – mangelndes Mitgefühl und Schuldbewusstsein, Missachtung
sozialer Normen und Regeln, niedrige Frustrationstoleranz, niedrige Schwelle für
aggressives/gewalttätiges Verhalten
• F60.3 EMOTIONAL INSTABIL – impulsiv, handeln ohne Berücksichtigung von
Konsequenzen, Stimmung launisch und unvorhersehbar mit Neigung zu Streit und
Wutausbrüchen
• .30 IMPULSIVER TYP – emotionale Instabilität sowie mangelnde Impulskontrolle,
Ausbrüche erfolgen oftmals als Reaktion auf Kritik
• .31 BORDERLINE TYP – emotionale Instabilität sowie mangelnde Impulskontrolle,
unklares Selbstbild, chronisches Gefühl der inneren Leere mit oftmals
selbstverletzendem und suizidalen Verhalten, Neigung zu intensiven, aber instabilen
Beziehungen bei gleichzeitiger massiver Angst vor dem Verlassenwerden
• F60.4 HISTRIONISCHE – Neigung zur Dramatisierung, Selbstinszenierung und
Egozentrismus, andauerndes Verlangen nach Anerkennung, leicht beeinflussbar,
Affektivität oftmals theatralisch, übertrieben, oberflächlich
• F60.5 ANANKASTISCHE – ständige Beschäftigung mit Details, ausgeprägter
Perfektionismus, übermäßige Pedanterie, rigides und eigensinniges Denken bei
übermäßigen Zweifel + Vorsicht, Gewissenhaftigkeit + Leistungsbezogenheit
• F60.7 ABHÄNGIGE – Unterordnung eigener Wünsche + Bedürfnisse denen anderer
Personen, Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen, Angst davor auf sich selbst
angewiesen zu sein

„Pseudoscience“
- Astrologie (griech. Astron, „Stern“, logos: „Lehre“)
- unterschiedliche Lehren, denen der Anspruch gemeinsam ist, aus den Positionen von
Himmelskörpern Ereignisse, Schicksal und Persönlichkeitsmerkmale von Menschen deuten
- z.B. Horoskop, Tierkreiszeichen usw.

Phrenologie
- griech. „Geist“, „Gemüt“, „Zwerchfell“; Beginn des 18. Jh., Franz Josef GALL
- topologisch ausgerichtete Lehre
- geistige Eigenschaften und Zustände werden bestimmten, klar abgegrenzten Hirnarealen
zugeordnet
- Zusammenhang zwischen Schädel und Gehirnform und Charakter und Geistesgaben

Graphologie „Schriftpsychologie“ – Analyse der Handschrift von Individuen zum Zweck


der psychologischen Diagnostik und Beratung
- z.B. „Handschrift und Charakter“ von Ludwig KLAGES

Moderne psych. Ansätze zur Erfassung der Persönlichkeit

Francis GALTON
- Begründer der Differenzialpsych., die sich auf die Unterschiede zwischen Personen auf nicht
allgemeinem Niveau bezieht, wobei er Testverfahren zur Erfassung psychischer Eigenschaften
entwickelte. „Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit“)
- Zusammenarbeit von Psychologie und Religion zur „Verbesserung“ des Charakters
- Messung von Emotionen mittels Herzschlag und Pulsfrequenz; Methode der
Verhaltensbeobachtung von Personen in bestimmten sozialen Situationen

Der „Switch“ der Begriffe: von Charakter zur Persönlichkeit


• William JAMES argumentierte, dass die wichtigste Persönlichkeitsvariable welche zu
betrachten ist, das Denken sei. „Wenn man 30 ist, dann ist der Charakter wie ein Gips,
der niemals wieder weicher wird.“
• Morton PRINCE – „Dissociation of a Personality“; Etablierung des Begriffs
Persönlichkeit
• Alfred BINET – Begründer der Psychometrie: Persönlichkeitsuntersuchung berühmter
Personen und ließ diese Phantasiegeschichten zu Bildern erzählen, Deutungen von
Tintenklecksen, Analyse von Handschriften
• Raymon B. CATTELL – Entwicklung des 16 PF (Sixteen Personality Factors
Questionnaire) mittels faktorenanalytischer Methoden
• Kurt LEVIN – er begann in den 20er Jahren mit experimentellen Untersuchungen
insbesondere zur Motivationspsychologie (Intentionen, Bedürfnisse und Ziele),
Erziehungsstile …

Psychodynamische Beiträge:
• Sigmund FREUD – Traumdeutung
• Carl G. JUNG – Persönlichkeitsstruktur – das Ich als Zentrum des Selbst, in ihm
werden alle gegenläufigen Teile der Persönlichkeit zusammengefasst und vereinigt
• „psychologische Typen“: Extraversion und Introversion

… weitere Entwicklung bis heute:


• H. J. EYSENCK: Introversion – Extraversion / Stabilität – Instabilität

The Big Five Personality Theory – psycholexikalischer Ansatz; Auffassung, dass sich
Persönlichkeitsmerkmale in der Sprache niederschlagen. Auf der Basis von Listen mit über
10.000 Adjektiven wurden durch Faktorenanalyse 5 sehr stabile, unabhängige und weitgehend
kulturstabile Faktoren, die Big Five, gefunden = zusammen machen diese eine „normale“
Persönlichkeit aus

THE BIG 5:
• EXTRAVERSION – Warmherzigkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsvermögen, Aktivität,
Erlebnishunger, positive Emotionalität / Frohsinn
• NEUROTIZISMUS – Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depressivität, Befangenheit,
Impulsivität und Verletzlichkeit
• VERTRÄGLICHKEIT – Vertrauen, Freimütigkeit, Hilfsbereitschaft, Kooperativität,
Bescheidenheit und Gutherzigkeit
• GEWISSENHAFTIGKEIT – Kompetenz, Ordentlichkeit, Pflichtbewusstsein, Ehrgeiz,
Selbstdisziplin, Besonnenheit
• OFFENHEIT FÜR ERFAHRUNGEN – Phantasievermögen, Sinn für Ästhetik,
Offenheit für Gefühle, Offenheit für Handlungen, für Ideen und für das Reflektieren
über Werte und Normen

Kriterien für Persönlichkeitsstörungen


• Allgemein: sozial unflexible, wenig Angepasste und im Extremfall normabweichende
Verhaltensauffäligkeiten
• Stabil/dauerhaft
• Seit Kindheit, Jugend
• Persönlichkeitsstörungen sind in der Regel ich-synton, d.h. die Erlebens- und
Verhaltensmuster werden von den Betroffenen als passend und zur Person zugehörig
wahrgenommen

Persönlichkeitsstörungen dürfen nur dann diagnostiziert werden, wenn Persönlichkeitsstile


folgende Merkmale tragen:
1. Wenn bei den betreffenden Menschen ein überdauerndes Muster des Denkens,
Verhaltens, Wahrnehmens und Fühlens vorliegt, das sich als durchgängig unflexibel
und wenig angepasst darstellt,
2. Wenn Persönlichkeitsmerkmale wesentliche Beeinträchtigungen der
Funktionsfähigkeit verursachen (im privaten/beruflichen Bereich)
3. Wenn die Betreffenden unter ihren Persönlichkeitseigenarten leiden, d.h. wenn die
eigene Persönlichkeit zu gravierenden subjektiven Beschwerden führt
Verlauf:
Persönlichkeitsstörungen:
• Bleiben unbehandelt in ihrer jeweiligen Störungsspezifität relativ unverändert
• Im Verlauf der Zeit insgesamt fast immer in ihrer Schwere rückläufig und
• Sind im hohen Alter der Betroffenen nur sehr abgeschwächt zu finden

Allgemein bestehen erhebliche Anpassungsschwierigkeiten in Familie und Beruf, häufigere


Ehescheidungen oder längere Zeiten ohne feste Partnerschaft, häufig
psychologische/psychiatrische Therapien

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Theorie (nach BECK & FREEMAN)


- Annahme, dass im Laufe des Lebens überlebensdienliche Schemata herausgebildet werden,
die sich auf das Verhalten und die Auswahl von Handlungsstrategien auswirken
- bei PS charakteristische Annahmen + über- bzw. unterentwickelte Strategien
- z.B. narzisstische PS: außergewöhnliches, einzigartiges und überlegenes Selbstbild + ein
durch Minderwertigkeit und Bewunderung geprägtes Bild von Mitmenschen; sich selbst
erhöhende Annahme: „Da ich etwas Besonderes bin, verdiene ich besondere Regeln“ / „Ich
bin besser als andere“

Interventionen:
- allen Therapiekonzepten ist gemeinsam:
• Es soll nicht die PS selbst behandelt werden, sondern die sich daraus ergebenden
komplexen Interaktionsstörungen, die Störungen des emotionalen Erlebens, die
Störungen der Realitätswahrnehmung, der Selbstwahrnehmung oder Selbstdarstellung
sowie die Störungen der Impulskontrolle
• Auffälligkeiten können auch maladaptiv eingesetzte persönliche Stile sein, auch
überlebenswichtige funktionale Kompetenzen tarnen oder überlagern. Für
konfliktträchtige Interaktionsmuster kann es akzeptierbare Motive geben (z.B.
Selbstschutz, Kontrollbehalt)

• KOGNITIVE VERHALTENSTHERAPIE – Ziel ist insbesondere die Verbesserung von


Interaktionsschwierigkeiten und Störungen der Impulskontrolle; spezifische
Behandlungsmanuale z.B. für die Behandlung von dissozialer PS, Borderline-PS,
änglistch-vermeindender PS
• DIALEKTISCH-BEHAVIORALE THERAPIE nach LINEHAN – Ziel ist insbesondere
die Verbesserung der emotionalen Bewältigungsfähigkeiten sowie eine Reduktion der
Symptomatik
• PSYCHOANALYTISCH ORIENTIERTE THERAPIE – Fokus auf die
Persönlichkeitsstruktur
• SCHEMATHERAPIE nach YOUNG – Ziel ist die Veränderung dysfunktionaler
Schemata, Bewältigungsstile und Modi bei der Wahrnehmung und Erfüllung eigener
Bedürfnisse

Was ist ein Trauma? Griech. Wunde oder Verletzung


• Eine Konfrontation mit einem Ereignis, das real stattgefunden hat,
• Dem sich das Individuum schutz- und hilflos ausgeliefert fühlt,
• Bei dem die gewohnten Abwehrmechaniscmen und Verarbeitungsstrategien erfolglos
sind

Reizüberflutung = unbeherrschbare Angst = psychische Störung


• Traumatisierung – der Prozess
• Trauma – das Ergebnis dieses Prozesses

- Traumatische Erfahrungen sind existentielle Erfahrungen, die eine Konfrontation mit dem
Tod bedeuten – die Zerstörung der „alten“ Existenz
- Trauma: UNTERBRICHT!
- Nichts ist mehr so wie vorher … das gewohnte Leben, das Selbst- und Weltverständnis, die
Illusion „uns kann nichts passieren“, Werte und Regeln verlieren an Bedeutung,
Lebenseinstellungen
Epidemiologie – kleine Zusammenfassung
- die meisten Menschen erleben in ihrem Leben mindestens ein nach DSM-IV definiertes
traumatisches Erlebnis
- von der Gesamtpopulation 10-20% eine chronische PTBS – allerdings Unterschiede bei den
verschiedenen Traumata

Risikofaktoren für PTBS:


• Je schwerer + länger das Trauma war
• Je lebensbedrolicher das Trauma empfunden wurde
• Wenn das Trauma durch andere Menschen verursacht wurde
• Wenn durch das Trauma Kinder geschädigt wurden
• Traumata, die zu langwierigen körperlichen Problemen führen
• Niedrige soz. Unterstützung/negative Reaktionen anderer
• Zuvor erlebte Traumata
• Weitere belastende Ereignisse
• Ethnische Minderheit
• Niedrige Intelligenz

Verlauf:
- Annahme, dass traumatische Erfahrung einen dynamischen Verlauf nimmt:

Unterteilung in drei Phasen:


• Traumatische Situation
• Traumatische Reaktion – „fassen des Unfassbaren“
• Traumatischer Prozess – Neuorientierung, Strukturveränderungen

PTBS – häufige, aber nicht einzige Reaktion auf Trauma!


- komorbide psychische Störungen bei PTBS (80%)
• Major Depression
• Alkohol-Substanz-Missbrauch
• Panikstörung
• Suizidale Verhaltensweisen
- auch deutlich erniedrigte Lebensqualität, Persönlichkeitsveränderungen!
- unbehandelt geht eine PTBS nur zu einer sehr geringen Rate zurück!

Symptome:
• Intrusionen
- aufdrängende + belastende Gedanken und Erinnerungen
- das Trauma wird nicht erinnert, sondern so erlebt, als wäre es gerade erst passiert
(„Flashbacks“, Alpträume)
• Vermeidungsverhalten
• Emotionale Taubheit
• Erinnerungslücken
• Übererregung
- z.B. Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit

Interventionen
- Vorbedingung für eine psychologische, psychotherapeutische Intervention ist die Schaffung
einer sicheren und geschützten Umgebung
• Psychoedukation
• Expositionsverfahren
• Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)
• Pharmakotherapie

Beispiel: PTBS – Behandlung


- insgesamt gut therapierbar, insbesondere wenn Traumakonfrontation und kognitive
Umstrukturierung enthalten sind
- Wirksamkeit sehr gut belegt bei kognitiver Verhaltenstherapie (mit & ohne
Konfrontationstherapie), EMDR
- Ziele:
• Reduktion des intensiven Wiedererlebens,
• Modifikation dysfunktionaler automatischer Gedanken und Überzeungen sowie
• Abbau kognitiven und offenen (behavioralen) Vermeidungsverhalten

Exkurs: Sekundäre Traumatisierung – eine pathologische Symptomatik bei Helfer-


Personen als typische Reaktion auf die Konfrontation mit traumatisierten Menschen
• Plötzlicher Beginn bei einer Überschreitung der Belastbarkeitsgrenze, fehlender oder
erschöpften Ressourcen und Coping-Strategien
• Entwicklung: akute Belastungsreaktion, bei längerer Dauer PTBS, zudem besteht die
Tendenz zu Spontantremissionen

Gefahren:
• Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses
• Erschütterung von Grundannahmen, Veränderung des Selbstgefühls
• Verlust von Selbstvertrauen, Erschütterung der Sicherheit
• Verlust oder Einschränkung der Handlungskompetenz
• Mangelnde Distanzierungsmöglichkeit zum traumatischen Ereignis – Identifikation mit
dem Opfer – „Retterphantasien“
• Erleben von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Schuldgefühle, Traurigkeit, Depressionen
• Verlust von Vertrauen in die menschlichen und technischen Möglichkeiten
• Entwicklung von Vorurteilen, Zynismus, Aggressionen und Intoleranz
• Das Rollenbild des Helfers zeigt emotionale Stärke, Kontrolliertheit und
Kompetenz. Dieser Rolle immer gerecht zu werden kann Belastungsgrenzen
überschreiten und zu chronischer Stress-Belastung führen

Krisenintervention

Suizid: Symptom, nicht psychische Störung


• Suizididee – Nachdenken über Tod, Todeswünsche, suizidale Idee im engeren Sinne
• Suizidalität – es besteht latente oder manifeste Absicht, aktiv das eigene Leben zu
beenden
• Suizidversuch – Def. Kreitmann (1980): Ein „selbstinittiiertes, gewolltes Verhalten
eines Patienten, der sich verletzt oder eine Substanz in einer Menge nimmt, die die
therapeutische Dosis oder ein gewöhnliches Konsumniveau übersteigt und von welcher
er glaubt, sie sei pharmakologisch wirksam.“
• Suizid – ein Suizidversuch, der zum Tod geführt hat
• Parasuizidalität – Übergangsbereich von Suizidalität zu Selbstverletzung

Häufigkeit von Suiziden:


• Deutschland – jeder 67. Mann und jede 43. Frau begehen Suizid
• Mehr Suizidtote als Verkehrstote
• Bei 15-35-jährigen nach Unfällen häufigste Todesursache
• Suizidrate steigt mit höherem Alter
• Auf 8-10 Suizidversuche kommt ein vollendeter Suizid
• Suizide: 2-3 Mal mehr Männer als Frauen
• Suizidversuche: 3x mehr Frauen als Männer
• Männer benutzen eher „harte“ Methoden (Erhängen, Erschießen), Frauen eher
„weiche“ Methoden (Schlafmittel, Gas)

Verlauf:
• 40% der Betroffenen unternehmen mehr als einen Suizidversuch (WHO)
• Bei ca. 50% dieser Personen weniger als 1 Jahr zwischen aufeinanderfolgenden
Versuchen
• Frühes suizidales Verhalten als starker Prädiktor für weiteres suizidales Verhalten =
Abklärung im Erstgespräch unbedingt notwendig
• Suizidversuche meist Kurzschlussreaktionen
• Ca. 80% der Überlebenden sind im Nachhinein froh über Rettung
• Ansteigende Suizidgefährdung mit zunehmendem Lebensalter

Einige Mythen über den Suizid – falsch ist:


1. Wenn jemand davon spricht, sich umzubringen, tut er es nicht
2. Suizid wird ohne Vorwarnung begangen
3. Suizid begehen nur Angehöriger einer bestimmten Klasse
4. Die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft ist ein guter Prädiktor für ein sehr
geringes Suizidrisiko
5. Die Gründe für einen Suizid sind leicht festzustellen
6. Alle Menschen, die Suizid begehen, sind depressiv
7. Jemand mit einer unheilbaren Krankheit wird wahrscheinlich keinen Suizid begehen
8. Wer Suizid begeht, ist verrück
9. Suizidneigung ist erblich
10. Wenn sich die Gefühlslage bessert, verringert sich die Suizidgefahr

Das präsuizidale Syndrom (nach RINGEL):


- Untersuchung von 745 PatientInnen nach Selbstmordversuch:
• Einengung in persönlichen Möglichkeiten (Rigidität, keinen Ausweg mehr sehen)
• Frustration und Aggression gg. die eigene Person
• Selbstmordphantasien (vage bis konkret, aktiv herbeigeführt bis zwanghaft)

Diagnostik:
• ICD-10 bietet Möglichkeit der Spezifikation der Art (des Versuchs) der Selbsttötung
als Zusatzsymptom (X60-X84 Vorsätzliche Selbstbeschädigung)
• Abklärung v. Suizidgefahr: verbindlicher Bestandteil diagnost. Erstgesprächs
• Zudem: Abklärung v. Suizidgefahr als Symptom im Rahmen d. Diagnostik psychischer
Störungen
• Wiederholte Abklärung im Falle von Krisen, Befindesverschlechterung

Problematik:
• Fehlen eindeutiger Kriterien zur Risikoabschätzung
• Stattdessen eher Kontinuum, innerhalb dessen Therapeut d. individuelle Risiko
subjektiv (i.S. v. Kurzzeitprognose) bestimmen muss
• Möglichkeit d. validen Risikoeinschätzung stark abhängig v. Kooperationsbereitschaft
u. Offenheit der Patienten
Das BASIS-Modell, welches aus der Notfallpsychologie stammt, bietet eine gute
Orientierung für Ersthelfer:
• B = Beziehung aufbauen – wertschätzende Haltung + echtes Interesse an der
Person, um eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen
• A = Anerkennen – Akzeptanz des Ereignisses, der „Realität ins Auge blicken“ und
das Gegebene annehmen – auch wenn es schwerfällt; nicht „schönreden“
• S = Struktur – Menschen in Krisen brauchen Halt; einleiten erster Schritte z.B.
Kontakt zum jeweiligen Notfallpsychologischen Dienst oder Hilfe bei der Formulierung
des „Problems“
• I = Information – nächste Schritte besprechen, thematisieren von etwaigen damit
verbundenen Ängste und Sorgen
• S = Soziales – Einbeziehung der Umgebung: Wer kann helfen, wer unterstützt? Am
besten vertraute Personen; Menschen in Ausnahmesituationen brauchen
Geborgenheit. Zudem sollten sie nicht allein gelassen werden.

• LRS = Lese-Rechtschreibstörung (ICD-10)


• LRS = Lese-Rechtschreibschwäche (BMB)
• Dyslexie
• Kongenitale Legasthenie
• Probleme beim Erwerb der Schriftsprache
• Isolierte Teilleistungsschwäche
➢ Begriffe und Synonyme, die sich auf Schwierigkeiten bei den
Kulturtechnicken beziehen
➢ Je nach wiss. Standort werden Erscheinungsbild, Ursachen und
Behandlungskonzepte sehr unterschiedlich und oft konträr diskutiert

DYSLEXIE – Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Wörtern oder Texten
ALEXIE – völliges Unvermögen zu Lesen
LEGASTHENIE – Leseschwäche

F81 – UE schulischer Fertigkeiten


➢ F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
➢ F81.1 isolierte Rechtschreibstörung
➢ F81.2 Rechenstörung
➢ F81.3 kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten

Prävalenz:
DSM-5 – 5-15% bei Schulkindern in unterschiedlichen Sprachräumen und Kulturen
BMB – 4-9% in Österreich = im Schnitt sitzen in jeder österr. Schulklasse 1-2 Kinder
mit LRS
- Buben:Mädchen = 2:1 bis 3:1 schwankend

Diagnosemerkmale:
• Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der
Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter,
Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist
• Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen
und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein
• Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und
persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht
werden. UE des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache
voraus
• Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und
Verhaltensbereich häufig
• Charakteristisch ist, dass Kinder trotz adäquater Beschulung sowie normaler oder
überdurchschnittlicher Intelligenz und Fehlen von Sinnesbehinderungen
oder Organerkankungen, welche die Leistungsstörung erklären, in den Bereichen
Lesen, Schreiben oder Rechnen in Bezug zur Altersnorm versagen, bzw. extrem
niedrige Leistungen aufweisen

- häufig verzögerte oder gestörte Sprachentwicklung im Vorfeld (z.B. Probleme beim Bilden
von Reimen oder beim Zählen)
- Vorschulalter: Vermeiden von Sprachspielen, es kann schwerfallen, zählen zu lernen…
- Grundschulalter: lautes Lesen ist langsam und fehlerhaft; Probleme beim Auswendiglernen
von Daten, Namen und Telefonnummern;
- Jugendliche: Lesen ist insgesamt verlangsamt; Probleme beim mathematischen
Schlussfolgern; Probleme beim Aussprechen mehrsilbiger Worte

Differenzialdiagnose:
• Intelligenzminderung
• Mangelnder Unterrichtung (Fehlzeiten, häufige Schul- und Klassenwechsel,
Fremdsprachlichkeit)
• Neurologischer Erkrankungen (komplexe Hirnschädigung nach frühen Unfällen,
schwerwiegende nicht ausreichend behandelbare Seh- und Hörstörungen)
• Lese- und Rechtschreibhemmung als Folge einer anderen psychischen Störung
(Depression, Angststörung)
• Verlustes bereits erworbener Lese- und Rechtschreibfähigkeit (z.B. Gehirnentzündung
oder Hirnverletzung)

Diagnostik:

Salzburger Lese- und Rechtschreibtest-II


• Für die differenzierte Diagnose von Schwächen beim Erlernen des Lesens und
Schreibens
• Der Lesetest ermöglicht eine separate Diagnose zweier wesentlicher Teilkomponenten
des Wortlesens:
1) Defizite in der automatischen, direkten Worterkennung
2) Defizite des synthetischen, lautierenden Lesens

Komorbide Störungen:
• PRIMÄRE KS – die bereits vorschulisch vorhanden waren, z.B. ADHS oder gestörte
zentrale Hörverarbeitung und teilweise als Risikoindikatoren für LRS gelten und
zusätzlich einer spezifischen Behandlung bedürfen
• SEKUNDÄRE KS – die infolge der psychischen Belastungen die mit der LRS
einhergehen, entwickelt werden, z.B. Ängste, Depressionen und expansive
Verhaltensstörungen wie Aggressivität

Ätiologie – kein einheitliches Ursachenmodell für Lernstörungen möglich aufgrund


Heterogenität
• GENETISCHE UND PHYSIOLOGISCHE FAKTOREN im Sinne einer Prädisposition
mit Modulation durch Umweltbedingungen
• PRÄ- UND PERINATALE KOMPLIKATIONEN
• VERLAUFSBEEINFLUSSENDE FAKTOREN z.B. unaufmerksames Verhalten im
Vorschulalter, Sprachverzögerungen oder -störungen, Auffa¨ligkeiten in der kognitiven
Verarbeitung (z.B. phonologische Bewusstheit, Arbeitsgedächtnis)

Subtypen – im Bereich der LRS ist die Lesestörung stärker erforscht!


Zwei Subtypen der Lesestörung:
• Phonologisch begründete Leseschwäche – die Analyse der Lautstruktur der
Sprache gelingt nicht, so dass beim Lesen keine Verbindung zwischen den visuell
vorgegebenen Buchstaben (Graphem) und deren akustischem Klang (Phonem)
hergestellt werden kann
• Visuell begründete Leseschwäche – es zeigt sich eine verzögerte
Verarbeitungsgeschwindigkeit für optisch präsentierte Stimuli und unsystematischen
visuomotorischen Suchbewegungen (Blicksprünge)
➢ Bei der Rechtschreibschwäche finden sich häufig phonologische und visuell-
raumanalytische Schwächen!
Entwicklung und Verlauf
- Beginn während der Volksschuljahre
- LRS wächst sich nicht aus, sondern ist als Merkmal recht stabil, wenn auch durch intensive
Übungsbehandlung langsame Fortschritte zu erzielen sind
- über 40% der Kinder zeigen in Grundschulalter und Frühadoleszens zusätzliche psychische
Störungen von klinischer Bedeutsamkeit
- mit zunehmender Alter sinkt die Rate der LRS, die psychischen Störungen weisen dabei aber
einen höheren Schweregrad auf