Sie sind auf Seite 1von 3

Adventskalender 2016

Türchen Nr. 2

Kunst- und Hausmärchen mussten aber alle ihr Leben lassen.


der Gebrüder Grimm (KHM 133)
Nun trug sich‘s zu, dass ein armer Sol-
Die zertanzten Schuhe dat, der eine Wunde hatte und nicht
mehr dienen konnte, sich auf dem Weg
in die Stadt
Es war einmal ein König, der hatte zwölf nach der Stadt befand, wo der König
Töchter, eine immer schöner als die an- wohnte. Da begegnete ihm eine alte
dere. Sie schliefen zusammen in einem Frau, die fragte ihn, wo er hinwollte. 'Ich
Saal, wo ihre Betten nebeneinander weiß selber nicht recht,' sprach er, und
standen, und abends wenn sie darin la- setzte im Scherz hinzu 'ich hätte wohl
gen, schloss der König die Tür zu und Lust, ausfindig zu machen, wo die Kö-
verriegelte sie. Wenn er aber am Mor- nigstöchter ihre Schuhe vertanzen, und
gen die Türe aufschloss, so sah er, danach König zu werden.' 'Das ist so
dass ihre Schuhe zertanzt waren, und schwer nicht,' sagte die Alte, 'du musst
niemand konnte herausbringen, wie den Wein nicht trinken,soder dir abends
das zugegangen war. Da ließ der König gebracht wird, und musst tun, als wärst
ausrufen, wer‘s könnte ausfindig ma- du fest eingeschlafen.' Darauf gab sie
chen, wo sie in der Nacht tanzten, der ihm ein Mäntelchen und sprach 'wenn
sollte sich eine davon zur Frau wählen du das umhängst, so bist du unsichtbar
und nach seinem Tod König sein: wer und kannst den zwölfen dann nach-
sich aber meldete und es nach drei Ta- schleichen.' Wie der Soldat den guten
gen und Nächten nicht herausbrächte, Rat bekommen hatte, ward‘s Ernst bei
der hätte sein Leben verwirkt. ihm, so dass er ein Herz fasste, vor den
Nicht lange, so meldete sich ein Königs- König ging und sich als Freier meldete.
sohn und erbot sich, das Wagnis zu un- Er ward so gut aufgenommen wie die
ternehmen. Er ward wohl aufgenom- andern auch, und wurden ihm königli-
men und abends in ein Zimmer geführt, che Kleider angetan. Abends zur Schla-
das an den Schlafsaal stieß. Sein Bett fenszeit ward er in das Vorzimmer ge-
war da aufgeschlagen, und er sollte führt, und als er zu Bette gehen wollte,
acht haben, wo sie hingingen und tanz- kam die älteste und brachte ihm einen
ten; und damit sie nichts heimlich trei- Becher Wein: aber er hatte sich einen
ben konnten oder zu einem andern Ort Schwamm unter das Kinn gebunden,
hinausgingen, war auch die Saaltüre of- ließ den Wein da hineinlaufen, und
fen gelassen. Dem Königssohn fiel‘s trank keinen Tropfen. Dann legte er sich
aber wie Blei auf die Augen und er nieder, und als er ein Weilchen gelegen
schlief ein, und als er am Morgen auf- hatte, fing er an zu schnarchen wie im
wachte, waren alle zwölfe zum Tanz ge- tiefsten Schlaf. Das hörten die zwölf Kö-
wesen, denn ihre Schuhe standen da nigstöchter, lachten, und die älteste
und hatten Löcher in den Sohlen. Den sprach 'der hätte auch sein Leben spa-
zweiten und dritten Abend ging‘s nicht ren können.' Danach standen sie auf,
anders, und da ward ihm sein Haupt öffneten Schränke, Kisten und Kasten,
ohne Barmherzigkeit abgeschlagen. und holten prächtige Kleider heraus:
Es kamen hernach noch viele und mel- putzten sich vor den Spiegeln, spran-
deten sich zu dem Wagestück, sie gen herum und freuten sich auf den

www.tuerenwechsel.de 1/3
Tanz. Nur die jüngste sagte 'ich weiß sie klarer Demant waren: von beiden
nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wun- brach er einen Zweig ab, wobei es jedes
derlich zumut: gewiss widerfährt uns ein Mal krachte, dass die jüngste vor
Unglück.' 'Du bist eine Schneegans,' Schrecken zusammenfuhr: aber die äl-
sagte die älteste, 'die sich immer fürch- teste blieb dabei, es wären Freuden-
tet. Hast du vergessen, wie viel Königs- schüsse.
söhne schon umsonst dagewesen
Sie gingen weiter und kamen zu einem
sind? dem Soldaten hätt‘ ich nicht ein-
großen Wasser, darauf standen zwölf
mal brauchen einen Schlaftrunk zu ge-
Schifflein, und in jedem Schifflein saß
ben, der Lümmel wäre doch nicht auf-
ein schöner Prinz, die hatten auf die
gewacht.'
zwölfe gewartet, und jeder nahm eine
Wie sie alle fertig waren, sahen sie erst zu sich, der Soldat aber setzte sich mit
nach dem Soldaten, aber der hatte die der jüngsten ein. Da sprach der Prinz
Augen zugetan, rührte und regte sich 'ich weiß nicht. das Schiff ist heute viel
nicht, und sie glaubten nun ganz sicher schwerer, und ich muss aus allen Kräf-
zu sein. Da ging die ÄIteste an ihr Bett ten rudern, wenn ich es fortbringen soll.'
und klopfte daran: alsbald sank es in die 'Wovon sollte das kommen,' sprach die
Erde, und sie stiegen durch die Öffnung jüngste, 'als vom warmen Wetter, es ist
hinab, eine nach de r andern' die älteste mir auch so heiß zumut.' Jenseits des
voran. Der Soldat, der alles mit angese- Wassers aber stand ein schönes heller-
hen hatte, zauderte nicht lange, hing leuchtetes Schloss, woraus eine lustige
sein Mäntelchen um und stieg hinter der Musik erschallte von Pauken und Trom-
jüngsten mit hinab. Mitten auf der peten. Sie ruderten hinüber, traten ein,
Treppe trat er ihr ein wenig aufs Kleid, und jeder Prinz tanzte mit seiner Liebs-
da erschrak sie und rief 'was ist das? ten; der Soldat aber tanzte unsichtbar
wer hält mich am Kleid?' 'Sei nicht so mit, und wenn eine einen Becher mit
einfältig,' sagte die älteste, 'du bist an Wein hielt, so trank er ihn aus, dass er
einem Haken hängen geblieben.' Da leer war, wenn sie ihn an den Mund
gingen sie vollends hinab, und wie sie brachte; und der jüngsten ward auch
unten waren, standen sie in einem wun- angst darüber, aber die älteste brachte
derprächtigen Baumgang, da waren sie immer zum Schweigen.
alle Blätter von Silber und schimmerten
Sie tanzten da bis drei Uhr am andern
und glänzten. Der Soldat dachte 'du
Morgen, wo alle Schuhe durchgetanzt
willst dir ein Wahrzeichen mitnehmen,'
waren und sie aufhören mussten. Die
und brach einen Zweig davon ab: da
Prinzen fuhren sie über das Wasser
fuhr ein gewaltiger Krach aus dem
wieder zurück, und der Soldat setzte
Baume. Die jüngste rief wieder 'es ist
sich diesmal vornen hin zur ältesten.
nicht richtig, habt ihr den Knall gehört?'
Am Ufer nahmen sie von ihren Prinzen
Die älteste aber sprach 'das sind Freu-
Abschied und versprachen, in der fol-
denschüsse, weil wir unsere Prinzen
genden Nacht wiederzukommen. Als
bald erlöst haben.' Sie kamen darauf in
sie an der Treppe waren, lief der Soldat
einem Baumgang, wo alle Blätter von
voraus und legte sich in sein Bett, und
Gold, und endlich in einen dritten, wo

www.tuerenwechsel.de 2/3
als die zwölf langsam und müde herauf-
getrippelt kamen, schnarchte er schon
wieder so laut, dass sie‘s alle hören
konnten, und sie sprachen 'vor dem
sind wir sicher.' Da taten sie ihre schö-
nen Kleider aus, brachten sie weg, stell-
ten die zertanzten Schuhe unter das
Bett und legten sich nieder.
Am andern Morgen wollte der Soldat
nichts sagen, sondern das wunderliche
Wesen noch mit ansehen, und ging die
zweite und die dritte Nacht wieder mit.
Da war alles wie das erste Mal, und sie
tanzten jedes Mal, bis die Schuhe ent-
zwei waren. Das dritte Mal aber nahm
er zum Wahrzeichen einen Becher mit.
Als die Stunde gekommen war, wo er
antworten sollte, steckte er die drei
Zweige und den Becher zu sich und
ging vor den König, die zwölfe aber
standen hinter der Türe und horchten,
was er sagen würde. Als der König die
Frage tat 'wo haben meine zwölf Töch-
ter ihre Schuhe in der Nacht vertanzt?'
so antwortete er 'mit zwölf Prinzen in ei-
nem unterirdischen Schloss,' berich-
tete, wie es zugegangen war, und holte
die Wahrzeichen hervor.
Da ließ der König seine Töchter kom-
men und fragte sie, ob der Soldat die
Wahrheit gesagt hätte, und da sie sa-
hen, dass sie verraten waren und leug-
nen nichts half, so mussten sie alles
eingestehen. Darauf fragte ihn der Kö-
nig, welche er zur Frau haben wollte. E
r antwortete 'ich bin nicht mehr jung, so
gebt mir die älteste.' Da ward noch am
selbigen Tage die Hochzeit gehalten
und ihm das Reich nach des Königs
Tode versprochen. Aber die Prinzen
wurden auf so viel Tage wieder ver-
wünscht, als sie Nächte mit den zwölfen
getanzt hatten.

www.tuerenwechsel.de 3/3