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Herderbücherei

J* M* Bochehski

Wege

zum

philosophischen

Denken

nführung

n die Grundbegriffe

Nachschlagewerke

Herders Sprachbuch Ein neuer Weg zu gutem Deutsch

60000

Wörter

und

36

neue

Rahmenartikel

über den richtigen Sprachgebrauch

Band 470, 832 Seiten, 2. Aufl.

Marina

Kleines

Elisabeth

Pfeffer

Wörterbuch

zur

Arbeits

und Sozialpolitik

Band 422, 400 Seiten

Helmut

Schoeck

Soziologisches Wörterbuch

Band 312, 400 Seiten, 10. Aufl.

Christian

Michel

/

Felix

Novak

Kleines Psychologisches Wörterbuch

Band 514, 384 Seiten, 5. Aufl.

Wolfgang Mentzel / Helmut Wittelsberger

Kleines

Wirtschaftswörterbuch

Band 629, 384 Seiten

in

der

Herderbücherei

Dr.

med.

Klaus

Thomas

Konzentration

für geistige Arbeit und Lebensgestaltung

Rückkehr

zum

Wesentlichen

Hinkehr

zur

Mitte

Band 580, 176 Seiten

„Mir fehlt die Konzentration." Das ist eine Klage, die man

oft

hören

kann.

Sie

verweist

auf

ein

Grundübel

unserer

modernen Welt, das Ursache ist für viele Fehlentwicklungen und Erkrankungen. Mit ein paar Konzentrationsübungen

allein ist dem nicht beizukommen. Notwendig ist die Ein

sicht, daß Konzentration eine Grundkraft ist, die wir auf allen

Gebieten des Lebens zurückgewinnen müssen - und können.

Anhand vieler Beispiele aus den Gebieten der Psychologie, Pädagogik, Philosophie, Medizin und Religion zeigt der

Autor,

wie

die

Rückkehr

zum

Wesentlichen

die

Voraus

setzung dafür schafft, daß wir selbst der Überforderung des

Tages erfolgreich begegnen und anderen in kritischen Situa

tionen helfen können, sich selbst nicht zu verlieren.

in

der

Herderbücherei

Herderbücherei

Band

62

Was ist eigentlich Philosophie? Wem mag sich diese

Frage nicht schon einmal aufgedrängt haben! Aber

mancher,

der

sich

um

eine

Antwort

bemühte,

wird

Lexi

kon oder Lehrbuch enttäuscht zur Seite gelegt haben,

weil er aus der abstrakten Beschreibung keine lebendige

Vorstellung gewinnen konnte.

Einen anderen Verständniszugang öffnet darum Pro

fessor Bochenski in diesem Taschenbuch, indem er uns

einlädt, mit ihm zusammen über Grundprobleme der

Philosophie nachzudenken, die auch Probleme unseres

L e b e n s

s i n d .

D u r d i

d i e

a n s c h a u l i c h e

A r t

s e i n e r

D a r

stellung zieht er uns rasch in die Gedankengänge

hinein, und, auf diese Weise zum Mitphilosophieren

angeregt, entdecken wir gleichsam an uns selber, was es mit der Philosophie auf sich hat. Wir werden also

über bloße Definitionen hinaus zur Erfahrung von Phi

losophie geführt. Das ist ein besonderer Vorzug dieser

Einführung.

Der Verfasser genießt in der Fachwelt vor allem als

Erforscher der logischen Gesetze internationales An

s e h e n ,

herrscht,

G e r a d e

versteht

w e i l

er

e r

es,

a b e r

auch

s e i n

dem

F a c h

Laien

s o u v e r ä n

b e

einen

Zugang

zum philosophischen Denken zu erschließen. So entstand

diese

Einführung

aus

Rundfunkvorträgen,

die

ein

so

vielfältiges Echo fanden, daß es nahelag, sie in Ta

schenbuchform

ser

zußfänerlich

einem

weiteren

zu

machen.

Kreis

interessierter

Le

J. M. Bodieriski

Wege zum

Philosophischen Denken

Herderbücherei

Veröffentlicht

als

Herder-Taschenbuch

I.Auflage Oktober 1959

2.

3. Auflage September 1961 4. Auflage August 1962 5.Auflage Januar 1964

6. Auflage Juli 1965

Z.Auflage Mai 1967 8. Auflage Januar 1969

Auflage Dezember 1960

9.

Auflage Dezember 1970

10.

Auflage April 1972

11.

Auflage November 1973

12. Auflage November 1974

13. Auflage Juni 1976

H.Auflage August 1978 15. Auflage Oktober 1979 16. Auflage November 1980

Alle Rechte vorbehalten - Printed in Germany © Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1959 Herder Freiburg • Basel • Wien Herstellung: Freiburger Graphische Betriebe 1980

ISBN

3-451-01562-5

VORWORT

Diese zehn Vorträge wurden im Sonderprogramm des

Bayerischen Rundfunks während der Monate Mai, Juni und Juli 1958 gehalten. Für die Veröffentlichung habe

i c h

d e n

Te x t

n u r

i n

k l e i n e n

s t i l i s t i s c h e n

E i n z e l h e i t e n

geändert; im übrigen erhält ihn der Leser so, wie er im Rundfunk aufgegeben war.

Daraus, erklärt sich auch die Eigenart der vorliegen den kleinen Schrift. Ihr Inhalt ist sehr populär gehalten. Von irgendeiner Vollständigkeit — ebensowohl in der

Aufzählung der Richtungen wie auch in der Darstellung

von

Problemen

kann

natürlich

keine

Rede

sein.

Das

Ziel war eher, dem philosophisch ganz unvorbereiteten Hörer an Hand einiger Probleme zu erklären, was die

Philosophie ist und wie sie sich an ihre Gegenstände macht. Deshalb ist es ohne Belang — obwohl ich es

selbst

bedaure

—,

daß

etwa

der

„existenzialistische"

Begriff des Menschen, der Hegeische objektive Geist und ähnliches nicht einmal genannt wurden. Eine Aus wahl mußte getroffen werden, und auch die strenge zeit liche Beschränkung auf 27 Minuten hat mich manchmal

gezwungen, schon Niedergeschriebenes zu streichen.

Man

könnte

diese

Meditationen

d u r c h f ü h r e n .

an D i e

z w e i f a c h e r

„objektive'',

W e i s e

unparteiische

Darstellung

und e i n e

für

sich

w ä r e

in d i e

einiger Ansich

ten, ohne daß der Verfasser dabei seinen Standpunkt

erraten

ließe.

Die

andere

besteht

darin,

daß

man

sich

von Anfang an auf einen bestimmten Standpunkt stellt

und

von

ihm

aus

ebensowohl

die

Probleme

wie

auch

die

Lösung erörtert. Ich habe bewußt die zweite Methode gewählt, und zwar deshalb, weil mir die erste einfach unmöglich zu sein schien. Denn — das ist meine Mei nung — eine im genannten Sinne „objektive" Dar stellung der philosophischen Grundprobleme gibt es überhaupt nicht und kann es auch nicht geben. Der Standpunkt aber, welcher hier vertreten ist, ist selbst verständlich jener des Verfassers. Somit wurde diese Reihe von Meditationen auch etwas ganz anderes, als

sie

zuerst

sein

sollte:

nämlich

eine

sehr

skizzenhafte,

aber doch in manchem eindeutige Darstellung einer

Philosophie — jener nämlich, die ich für die wahre Philosophie halte.

erfolgt in der Hoffnung, daß

Die

Veröffentlichung

einige meiner Zuhörer gerne den Text der Vorträge haben möchten — und darüber hinaus, daß es einigen den Zugang zum philosophischen Denken erleichtern

könnte.

Vorwort

Das

Gesetz

Die Philosophie

Die

Erkenntnis

Die

Wahrheit

Das

Denken

D

e r

We r t

D

e r

M e n s c h

Das

Sein

Die

Gesellschaft

D a s

A b s o l u t e

INHALT

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7

1 1

2 3

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4 6

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9 2

1 0 3

1 1

4

Ich

möchte

heute

D A S

mit

Ihnen

G E S E T Z

über

das

Gesetz

meditieren.

Gemeint sind nicht jene Gesetze, die durch das Parla ment festgelegt werden und in den Gerichten zur An

wendung kommen, sondern Gesetze im wissenschaft

lichen Sinne des Wortes—^twa physikalische, chemische,

biologische Gesetze —, vor allem aber Gesetze der

reinen,

abstrakten

Wissenschaften,

wie

der

verschie

denen Zweige der Mathematik. Daß es nun solche Gesetze gibt, weiß jeder. Es sollte auch klar sein, daß sie eine geradezu ungeheure Bedeu

tung für das gesamte menschliche Leben aufweisen. Ge setze sind ja das, was die Wissenschaft aufstellt und kraft dessen sie unsere Technik gebildet hat. Gesetze sind das Klare, das Sichere, die letzte Stütze in jeder

vernünftigen Handlung. Würden wir keine Natur gesetze, keine mathematischen Gesetze kennen, dann

wären

wir

einfach

Barbaren,

hilflose

Wesen,

dem

Walten der Naturkräfte preisgegeben. Es ist kaum eine

Übertreibung, wenn ich sage, daß wir ganz wenige Sachen kennen, die für uns so lebenswichtig sind wie

Gesetze.

die

Dies

sind

mathematischen,

unter

anderen,

vielleicht

reinen

Gesetze.

vor

allem,

Es gibt nun Menschen, welche bereit sind, sich eines

Werkzeuges zu bedienen, ohne das mindeste über seinen Aufbau zu wissen. Ich kenne Radioreporter, die nicht einmal wissen, ob ihr Mikrophon ein Band- oder Kon

densatorgerät ist — und Autofahrer, die an ihrem Wagen nur die Stelle kennen, wo der Starter steckt. Es

scheint mir sogar, daß die Zahl solcher sozusagen auto matischer Menschen, die alles gebrauchen und nichts ver

stehen, immer größer wird. Eine geradezu erschreckende

Tatsache

ist

es,

daß

von

den

meisten

Radiohörern

nur

sehr wenige sich je für die Struktur dieses wahren

interessiert

Wunders

der

Technik,

des

Empfängers,

haben.

Aber wäre es auch so, daß wir fast alle jedes Inter

esse

hoffen, daß es mit dem Gesetz anders ist. Denn

für

die

Geräte

verloren

hätten,

so

darf

man

doch

das Ge

setz ist nicht nur ein Werkzeug. Es greift tief in unser Leben — es ist die Voraussetzung unserer Kultur; es ist, wie gesagt, das Element der Klarheit und Vernünftig

keit

in

unserer

Weltsicht.

Und deshalb scheint es mir, dai^

wir uns einmal auch

diese Frage stellen sollen: Was ist ein Gesetz? Es genügt, diese Frage zu stellen und etwas darüber

nachzudenken,

um

einzusehen,

daß

das

Gesetz

etwas

sehr Merkwürdiges und Befremdliches ist. Dies kann vielleicht am besten in folgender Weise gezeigt werden. Die Welt, die uns umgibt, besteht aus vielen und sehr verschiedenen Dingen, aber alle diese Dinge — Seiende,

sagen die Philosophen — besitzen gewisse gemeinsame Eigenschaften. Unter „Ding" oder „Seiendes" verstehe ich hier überhaupt alles, was in der Welt anzutreffen ist — etwa Menschen, Tiere, Berge, Steine undsoweiter. Die gemeinsamen Eigenschaften dieser Dinge sind, unter anderen, die folgenden:

Zuerst sind die Dinge alle an irgendeinem Ort — ich bin zum Beispiel in Fribourg und sitze jetzt an meinem

Arbeitstisch.

Dann

sind

sie

während

einer

bestimmten

Zeit —

Drittens kennen wir kein einziges Ding, das nicht an

Montag 12 Uhr für mich.

es

ist etwa

heute

irgendeinem Zeitpunkt entstanden wäre, und soweit wir es wissen, sind alle Dinge vergänglich. Es kommt eine

Zeit, wo sie verschwinden. Viertens unterliegen sie alle dem Wechsel: einmal ist der Mensch gesund, ein an

deres

Mal

krank

einmal

ist

der

Baum

klein,

dann

wird er groß undsoweiter. Fünftens ist jedes dieser

Dinge einzeln, individuell. Ich bin ich und kein anderer, dieser Berg ist genau dieser Berg und kein anderer

Berg. Alles, was in der Welt ist, ist individuell, einzeln. Endlich, und das ist sehr wichtig, sind alle uns be kannten Dinge in der Welt so geartet, daß sie auch

anders

sein

und

auch

nicht

existieren

könnten.

Freilich

meinen einige Menschen, sie seien notwendig, dies ist

aber

ein

Irrtum.

Sie

könnten

auch

nicht

sein,

und

wahr

scheinlich ohne großen Schaden für das Ganze. Das sind also die Kennzeichen jedes Dinges in der Welt: jedes ist in einem gewissen Raum, in einer Zeit; o

jedes entsteht, vergeht, ändert sich, ist ein Individuum und ist nicht notwendig. So ist die Welt, oder so wenig

stens

scheint

sie

zu

sein.

Nun aber erscheint in dieser gemütlichen, raumzeit

lichen, vergänglichen und aus lauter individuellen

Dingen bestehenden Welt das Gesetz. Das Gesetz aber hat keine der oben genannten Eigen schallen der Dinge — keine einzige. Denn erstens hat es überhaupt keinen Sinn, zu sagen, daß ein mathematisches Gesetz an irgendeinem Ort sei; wenn es besteht, dann besteht es überall zugleich. Frei

lich

mache

ich

mir

von

diesem

Gesetz

ein

Bild

in

meinem

Kopf, aber

das

ist nur

mit

dem

Bild

identisch,

ein

Bild. Das Gesetz ist nicht

sondern

es

ist

draußen.

Und

dieses Etwas ist über jeden Raum erhaben.

Zweitens

auch

über

die

Zeit.

Es

hat

keinen

Sinn,

zu

sagen, daß ein Gesetz gestern entstanden ist oder daß es zugrunde gegangen ist. Es wurde wohl an einem ge wissen Zeitpunkt erkannt, vielleicht wird man an einem anderen Zeitpunkt einsehen, daß es falsch — daß es kein Gesetz war; aber das Gesetz selbst ist ja zeitlos. Drittens unterliegt es keiner Änderung und kann auch keiner unterliegen. Daß zwei und zwei vier sind, bleibt so in Ewigkeit ohne jede Änderung — es wäre

widersinnig, eine solche Änderung sich an ihm zu

denken.

Und endlich — das ist vielleicht das merkwürdigste —

ist

das

Gesetz

kein

Individuum,

es

ist

nicht

einzeln,

es

ist allgemein. Man findet es nämlich hier und dort und wieder dort, ins Unendliche. Zum Beispiel finden wir,

daß zwei

dem

auf

und zwei

Mond

vier

nicht nur auf der Erde, sondern

sind,

und

in

unzählbaren

auch

Fällen

haben wir genau dasselbe — ich betone — genau das selbe — Gesetz gefunden. Damit hängt aber das Wichtigste zusammen. Das Gesetz ist notwendig, d.h., es kann nicht anders sein als

so, wie es sich aussagt. Auch wenn es sich um sogenannte Wahrscheinlichkeitsgesetze handelt, besagen sie, daß

etwas

mit

einer

solchen

oder

anderen

Wahrscheinlich

keit vorkommt — aber daß es gerade mit dieser und

keiner

andern

Wahrscheinlichkeit

vorkommt,

ist

not

wendig. Das ist ja etwas ganz Einzigartiges, was wir außer dem Gesetz nirgends in der Welt gefunden

haben; denn in der Welt ist, wie gesagt, alles nur fak

tisch, es könnte auch anders sein.

So weit die Tatsachen, wenigstens so, wie sie zu sein scheinen. Denn es gibt Gesetze, und es scheint, daß sie

gerade so sind, wie wir gesehen haben.

A b e r

w i e

s c h o n

b e t o n t ,

i s t

d i e s e

Ta t s a c h e

m e r k -

würdig. Die Welt, unsere Welt, mit welcher wir täglich zu tun haben, sieht ganz anders aus als diese Gesetze. Sie ist schön bunt und enthält verschiedene, sozusagen,

Gattungen von Gegenständen; alles, was sie enthält, hat jedoch den uns vertrauten Charakter des Räum

lichen, Zeitlichen, Vergänglichen und Individuellen und

Nicht-notwendigen. Was wollen in dieser Welt diese unräumlichen, überzeitlichen, allgemeinen, ewigen und

notwendigen Gesetze? Sehen sie da nicht aus wie Ge spenster? Wäre es nicht viel einfacher, wenn man sie in irgendeiner Weise wegerklären, aus der Welt schaffen könnte, so daß es sich am Ende zeigen würde, sie seien im Grunde gar nicht anders als die gewöhnlichen Dinge

der

Welt?

w e n n

m a n

Das

ist

s i c h

der

erste

Gedanke,

welcher

auftaucht,

e i n m a l

d a r ü b e r

K l a r h e i t

v e r s c h a f f t

hat, daß es Gesetze überhaupt gibt. Und damit ent steht das philosophische Problem.

Warum haben wir hier ein philosophisches Problem? Die Antwort lautet, daß deshalb ein philosophisches Problem vorliegt, weil alle andern Wissenschaften die

Tatsache, dal^ es Gesetze geben soll, schon voraussetzen.

Sie stellen Gesetze auf, forschen nach solchen, unter suchen sie, aber was ein Gesetz ist, das interessiert keine

von ihnen. Und doch scheint die Frage nicht nur sinn

voll, sondern auch gewichtig zu sein. Denn mit der An

nahme

des

Gesetzes

kriecht

in

unsere

Welt

so

etwas

wie

ein Jenseits. Das Jenseitige ist aber bekanntlich unan

genehm, ist etwas Gespenstisches. Es wäre schon gut,

wenn

man

los würde

.

diese

.

.

Gesetze

durch

eine

passende

Erklärung

Solche fehlen tatsächlich nicht. Zum Beispiel kann man der Meinung sein, daß die Gesetze Gedanken

dinge sind. Es wäre nämlich so, daß die Welt durch und

durch sozusagen dinglich wäre, daß man in ihr über

haupt keine Gesetze hnden würde; diese wären nur

Fiktionen

Fall

nur

unseres

Denkens.

im

Gedanken

des

Ein

Gesetz

würde

Wissenschaftlers

in

diesem

zum

Bei

spiel des Mathematikers oder des Physikers — bestehen.

Es

wäre

ein

Teil

seines

BewulUseins.

Diese Lösung wurde tatsächlich öfters vorgeschlagen, so unter anderen durch den großen schottischen Philo

sophen David Hume. Er meinte, daß alle Gesetze ihre Notwendigkeit nur daraus erhalten, daß man sich an sie gewöhnt. So zum Beispiel, wenn man sehr oft ge sehen hat, daß zwei mal zwei vier ergeben, gewöhnt

man sich

zu

einer

daran, daß es

zweiten

Natur

so

ist. Und die Gewohnheit wird

der

Mensch

kann

dann

nicht

mehr anders denken, als er sich gewöhnt hat. In ähn licher Weise werden durch Hume und seine Anhänger

andere

vermeintliche

Kennzeichen

Am

Ende

ihrer

Analyse

bleibt

des

Gesetzes

keine

dieser

erklärt.

Eigen

schaften bestehen; das Gesetz enthüllt sich als etwas, das

in unsere gute raumzeitliche, vergängliche und indivi duelle Welt sehr gut paßt. So weit unsere erste mögliche Deutung. Versuchen

wir, über sie etwas nachzudenken. Man muß gestehen, daß sie etwas Sympathisches, sozusagen Menschliches an

sich

hat;

sie

erlaubt

uns,

die

Gesetze

mit

ihren

unan

genehmen, gespenstischen Eigenschaften aus der Welt zu schaffen. Und die Begründung scheint wirklich ver

nünftig zu sein; ist es doch eine Tatsache, daß wir uns leicht an verschiedenes gewöhnen und dann wie unter einem Zwang handeln. Man denke nur an den Zwang, den der Raucher empfindet, Zigaretten zu rauchen! Und doch erheben sich gegen diese Lösung verschie dene gewichtige Bedenken.

Zuerst kann jeder sehen, daß wenigstens eine Tat

sache

dadurch

nicht

erklärt

ist.

Ich

meine

nämlich

die

Tatsache, daß die Gesetze in der Welt wirklich gelten. Nehmen wir das folgende Beispiel: Wenn ein Ingenieur

eine Brücke berechnet, stützt er sich auf eine große

Menge mathematischer und physikalischer Gesetze.

Wenn man nun

annehmen würde, wie es Hume tut, daß

alle diese Gesetze nur Gewohnheiten des Menschen, ge nauer dieses Ingenieurs sind, dann fragt man sich, wie es möglich ist, daß eine Brücke, die nach den richtigen Gesetzen richtig berechnet wurde, fest steht, während eine, bei deren Berechnung der Ingenieur Irrtümer be

gangen hat, zusammenbricht. Wieso können Gewohn heiten des Menschen für so große Massen von Beton

und Eisen entscheidend sein? Es sieht so aus, als ob die Gesetze nur sekundär, an zweiter Stelle ihren Sitz im

Gedanken des Ingenieurs hätten. Zuerst gelten sie ja

für die Welt, für Eisen und Beton, ganz unabhängig davon, ob irgend jemand etwas von ihnen weiß oder nicht. Warum sollten sie diese Geltung haben, wenn sie nur Gedankendinge wären? Diesem Bedenken könnte man aus dem Wege gehen, indem man sagte, daß die Welt selbst durch unseren Gedanken geschaffen ist, daß wir ihr unsere eigenen Gesetze auferlegen. Aber das ist eine Lösung, welche

den

Vertretern

der

Lehre

Humes

den

Positivisten

und den meisten Menschen als ungeheuerlich erscheint. Wir werden noch über diese Möglichkeit zu sprechen

haben,

wenn

wir

zur

Erkenntnistheorie

kommen.

Vor

läufig dürfen wir aber annehmen, daß nur ganz wenige Menschen sie akzeptieren würden, und brauchen sie des

h a l b

n i c h t

i n

B e t r a c h t

z u

z i e h e n .

Das ist also das erste Bedenken. Es gibt aber noch

ein

zweites.

Wenn

man

die

Gesetze

in

das

Denken

ver

setzt, hat man sie dadurch noch gar nicht erledigt. Sie bestehen nicht mehr in der äußeren Welt, gelten aber in

unserer Seele weiter. Nun ist aber die menschliche Seele,

das

was

alle

menschliche

ist,

Denken

auch

ein

und

Teil

überhaupt

der

Welt

alles,

und

hat

menschlich

Kennzeichen des Weltlich-Dinglichen. Wir berühren hier zum erstenmal das merkwürdige

Geschöpf, das wir selbst sind: den Menschen. Es ist nicht

der

Ort,

schon

hier

über

ihn

zu

meditieren.

Eines

soll

jedoch gesagt werden — und ich möchte es mit der gan zen Schärfe, deren ich fähig bin, sagen, denn ganze

Berge von Vorurteilen stehen in dieser Beziehung auf dem Wege zum richtigen Verständnis unseres Problems.

Was ich sagen möchte, ist nämlich dieses: Wir finden

I im Menschen vieles Einmalige, was in der übrigen

Ein-

: Natur

nicht

zu

finden

ist.

Dieses

Einzigartige,

j malige, von dem Rest der Natur Verschiedene heißt

! meistens das „Geistige" oder der „Geist". Der Geist ist nun ganz sicher ein interessantes, packendes Phäno-

I men des Philosophierens. Aber sosehr der Geist von

i

allem

doch

anderen

in

und

damit

der

Welt

alles

was

verschieden

ihm

ist,

in

steckt

bleibt

ein

er

Teil

i der Welt, der Natur, wenigstens in dem einen Sinne,

: daß er, genau wie alles übrige, wie dieser Stein, wie

der

maschine

Baum

vor

meinem

Fenster,

wie

meine

Schreib

nicht-notwen

zeitlich,

räumlich,

veränderlich,

' Unsinn. dig und Es individuell mag sein, ist. daß Ein er überzeitlicher ewig dauern wird, Geist aber ist in ja

wieweit wir ihn kennen, dauert gerade, das heißt, er ist ein zeitliches Ding. Es ist schon wahr, daß er weite

Strecken

des

Raumes

überblicken

kann,

aber

alle

Gei

ster, die wir kennen, sind an einen Leib gebunden und

damit

räumlich.

Vor

allem

hat

der

Geist

nichts

Notwen

diges an sich — er könnte sehr wohl nicht sein —, und von einem allgemeinen Geist zu sprechen ist widersin

nig. Jeder Geist ist immer der Geist eines Menschen — in zwei Menschen kann er sich gar nicht befinden, so

wenig wie ein Stück Holz an zwei Orten zugleich beste

h e n

k a n n .

Ist es aber so, dann ist unser Problem nicht gelöst,

sondern

Geist

zu

nur

verschoben:

wenn

die

finden

sind,

bleibt

noch

Gesetze

in

zu

erklären,

unserem

was

sie

eigentlich sind. Denn ein Stück unseres Geistes sind sie

sicher

nicht.

Vielleicht

sind

sie

im

Geist,

aber

nur

inso

weit,

als

sie

erkannt

sind

durch

ihn

und

deshalb

auch

außer dem Geist in irgendeiner Weise bestehen müssen.

Wenn man also das Gesetz in den Geist verlegt, ge winnt man sehr wenig für die Klärung der Sachlage und schafft sich zum mindesten eine neue große Schwierig keit: man muß jetzt erklären, warum ein nur dem Geist

gehörendes Gesetz so streng in der äußeren Welt wal

tet.

Deshalb

sind

bei

weitem

die

meisten

Philosophen

einen anderen Weg gegangen. Dieser Weg besteht im wesentlichen darin, daß man einfach sagt, die Gesetze

seien etwas von

uns, von unserem Geist und von unse

rem Denken Unabhängiges. Man behauptet also, daß sie in irgendeiner Weise außer uns bestehen, sind, oder, wenn man will, gelten — daß wir Menschen sie nur besser oder weniger gut erkennen, aber sie nicht schaf

fen, so wenig wie wir Steine, Bäume und Tiere durch unser bloßes Denken schaffen können. Das vorausgesetzt,

sagen die Philosophen weiter, daß sie eine ganz andere,

zweite Art

des

Seienden,

dessen,

In

dieser Sicht gibt es also

was

ist,

bilden.

in der Wirklichkeit —

wenn man dies so nennen will — neben den Dingen,

dem Realen, noch etwas anderes, nämlich eben die Ge

setze;

ihre

Art

und

Weise,

zu

sein,

nennt

man

das

Ideale. Man sagt, daß die Gesetze zu den ideal Seien den gehören. Anders gesagt, gibt es zwei Grundarten

des

Seienden

Es

wird

nicht

das

Reale

und

ohne

Interesse

das

Ideale.

sein,

festzustellen,

daß

die genannten zwei Deutungen des Gesetzes — die po sitivistische und die, sagen wir, idealistische im weite sten Sinne des Wortes, sehr wenig mit dem Streit der

großen Weltanschauungen zu tun haben. So ist zum Beispiel der Christ kraft seines Glaubens gar nicht an diese Art des Idealismus gebunden; er glaubt, daß es einen Gott und eine unsterbliche Seele gibt, sein Glaube

verpflichtet ihn aber gar nicht, an das Ideale zu glau ben. Auf der andern Seite behaupten zwar die Kommu

nisten, alles sei materiell — sie wollen sagen ding lich —, nehmen aber gleichzeitig an, daß es ewige, not

wendige Gesetze, und zwar nicht nur im Denken, son dern auch in der Welt selbst gibt. Sie sind also in ge

wissem

Sinne

viel

mehr

idealistisch

als

die

Christen.

Der Streit ist kein weltanschaulicher Streit; er gehört

ganz

in

die

Philosophie.

 

Zu

unserem

Problem

zurückkehrend,

ist

noch

zu

sa

gen, daß jene, die das Anders-Sein des Gesetzes, also

das

ideale

Sein

anerkennen,

sich

in

verschiedene

Schu

len teilen, je nach der Auffassung dieses Idealen. Das

wird

verständlich,

wenn

man

sich

die

Frage

stellt,

was

unter

der

Existenz

des

Idealen

zu

verstehen

sei,

wie

man es sich denken soll. Darauf gibt es nämlich, im gro ßen und ganzen, drei wichtigste Antworten. Die eine lautet: Das Ideale besteht unabhängig vom

Realen,

sozusagen

an

sich;

es

bildet

eine

besondere

Welt vor und über der dinglichen Welt. In dieser , idealen Welt gibt es selbstverständlich keinen Raum und keine Zeit, keine Änderung und keine bloße Fak- j tizität — alles ist ewig, rein, unveränderlich und not- |

wendig. Diese Auffassung wird oft dem Schöpfer un- serer europäischen Philosophie, Plato, zugeschrieben. F.r hat als erster das Problem des Gesetzes aufgestellt und scheint es in dem besagten Sinne gelöst zu haben. Die andere Lösung sagt: Das Ideale besteht schon, ; aber nicht getrennt vom Realen — es existiert nur im Realen. Genauer gesehen, gibt es in der Welt nur ge wisse Strukturen, einen gewissen sich wiederholenden Aufbau der Dinge — man nennt sie Wesen —, die so

geartet sind, daß der menschliche Geist in ihnen die

Gesetze

nur

ablesen

unserem

kann.

Denken

in

Formulierte

aber

vor

Gesetze

sie

kommen

eine

besitzen

Grundlage in den Dingen, und deshalb gelten sie in der Welt. Das ist, skizzenhaft dargestellt, die Lösung des

Aristoteles, des großen Schülers von Plato, des Begrün

d e r s

d e r

m e i s t e n

W i s s e n s c h a f t e n .

Endlich gibt es noch eine dritte Lösung, die ich schon ' berührt habe in der Auseinandersetzung mit dem Po- ; sitivismus: sie leugnet nicht, daß Gesetze ideal sind, j

meint

aber,

daß

das

Ideale

nur

im

Denken

vorkommt.

Daß die Gesetze für die Welt gelten, kommt davon, daß j die Struktur der Dinge durch eine Projektion der Ge

dankengesetze entsteht. Dies ist, skizzenhaft referiert, die Lehre des großen deutschen Philosophen Immanuel

Kant.

Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, daß bei uns in Europa fast jeder bedeutende Philosoph sich zu einer dieser drei Lösungen bekannt hat — daß unsere

Philosophie zu einem großen Teil aus Meditationen

über sie bestand

ren

konnte

ich

und noch immer besteht. Vor drei Jah

in

der

bekannten

amerikanischen

Uni

versität Notre Dame, nahe Chicago, einer Diskussion

beiwohnen, an welcher mehr als hundertfünfzig Philo

sophen und Logiker teilnahmen. Alle drei Redner wa ren inathematische Logiker, und alles, was gesagt

wurde, nahm eine mathematisch-logische hoch wissen schaftliche Form an. Die Diskussion dauerte zwei Tage und drei Nächte fast ohne Unterbrechung. Und es han delte sich genau um unser Problem. Professor Alonzo

Church,

von

der

Universität

Princeton,

einer

der

be

deutendsten mathematischen Logiker der Welt, vertrat die platonische Lehre — im wesentlichen genauso, wie sie der Altmeister einmal auf der Agora in Athen ver

teidigt hatte. Und ich muß gestehen: mit viel Erfolg. Es ist ein ewiges Problem der Philosophie — vielleicht nur

für

uns

Moderne,

die

so

viel

Gesetze

kennen

und

für

die sie so wichtig geworden sind, viel brennender als für irgendeine andere Epoche.

D I E

P H I L O S O P H I E

Die Philosophie ist eine Angelegenheit, die nicht nur den F'achmann angeht, denn so merkwürdig es auch aussehen könnte: es gibt wahrscheinlich keinen Men schen, der nicht philosophiert. Oder wenigstens hat je der Mensch Augenblicke in seinem Leben, in welchen er zum Philosophen wird. Das ist vor allem von unsern

Naturwissenschaftlern,

von

Historikern

und

von

den

Künstlern wahr. Sie alle pflegen früher oder später sich mit Philosophie zu beschäftigen. Ich sage freilich nicht,

daß

damit

der

Menschheit

ein

bedeutender

Dienst

ge

leistet ist; die Bücher der philosophierenden Laien — seien sie auch berühmte Physiker, Dichter oder Politi ker — sind gewöhnlich schlecht, sie enthalten nur zu oft

eine

kindlich-naive

und

meistens

falsche

Philosophie.

Das ist aber hier Nebensache. Das Wichtige ist, daß wir alle philosophieren und, wie es scheint, schon philoso

phieren müssen. Und deshalb ist auch für alle die Frage wichtig: Was ist eigentlich Philosophie? Leider ist dies eine der

schwierigsten philosophischen Fragen. Ich kenne nur wenige Worte, die so viele Bedeutungen haben wie das Wort „Philosophie''. Gerade vor einigen Wochen habe ich in F'rankreich einem Kolloquium führender europä ischer und amerikanischer Denker beigewohnt. Sie alle

sprachen von Philosophie, verstanden aber darunter ganz und gar Verschiedenes. Wir wollen uns die ver schiedenen Deutungen näher ansehen und dann ver

suchen,

in

diesem

wahren

Gewimmel

von

Definitionen

und Ansichten einen Weg zum Verständnis zu finden.

Es gibt nun zuerst eine Ansicht, nach welcher die

Philosophie ein Sammelbegriff für alles wäre, was noch

nicht

wissenschaftlich

behandelt

werden

kann.

Dies

ist

zum Beispiel die Ansicht von Lord Bertrand Russell und von vielen positivistischen Philosophen. Sie machen

uns

darauf

aufmerksam,

daß

bei

Aristoteles

Philoso

phie und Wissenschaft dasselbe bedeuteten und daß später die einzelnen Wissenschaften sich aus der Philo sophie losgelöst haben: zuerst die Medizin, dann die Physik, später die Psychologie, zuletzt sogar die For male Logik selbst, welche, wie bekannt, heute meistens an den mathematischen Fakultäten gelehrt wird. Oder, anders ausgedrückt, es gebe überhaupt keine Philoso

phie in dem Sinne, wie es zum Beispiel eine Mathe matik gibt, mit ihrem besonderen Gegenstand. Einen solchen Gegenstand der Philosophie gebe es nicht. Man bezeichne damit lediglich gewisse Versuche, verschie

denartige, noch unreife Probleme zu klären. Dies ist ganz gewiss ein interessanter Standpunkt, und die angeführten Argumente sehen zuerst über

zeugend aus. Sieht man sich aber die Sache etwas näher an, dann erheben sich ganz große Zweifel. Denn, er stens, wäre es so, wie jene Philosophen sagen, dann sollten wir heute weniger Philosophie haben als etwa

vor

tausend

Jahren.

Das

ist

aber

sicher

nicht

der

Fall.

Philosophie gibt es heute nicht weniger, sondern eher

mehr als

ker

sein

nach

—,

je. Und

es

ich

meine

nicht nur der Zahl

der Den

werden

deren

heute

etwa

zehntausend

sondern

auch

der

Zahl

der

behandelten

Pro

bleme nach. Vergleicht man die Philosophie der alten

Griechen mit der unseren, so

sieht man, daß wir

uns im

zwanzigsten Jahrhundert nach Christus bedeutend mehr FVagen stellen als die Griechen gekannt haben.

Zweitens

ist

es

schon

wahr,

daß

verschiedene

Diszi

plinen sich von der Philosophie im Laufe der Zeit los gelöst haben. Das Auffallende ist aber dabei, daß dann, wenn eine solche spezielle Wissenschaft sich verselb

ständigte, fast gleichzeitig eine parallele philosophische Disziplin entstand. So zum Beispiel in den letzten Zei ten, als sich die formale Logik von der Philosophie trennte, entstand gleich eine weit verbreitete und heiß diskutierte Philosophie der Logik. Über sie wird heute zum Beispiel in den Vereinigten Staaten Nordamerikas vielleicht mehr geschrieben und diskutiert als über die rein logischen Fragen, obwohl dieses Land gerade in

der Logik führend ist — oder gerade deswegen. Die Tatsachen zeigen, daß die Philosophie, anstatt durch die

Entwicklung der Wissenschaften abzusterben, noch le bendiger und reicher wird. Und endlich eine boshafte Frage an jene, die meinen, es gäbe keine Philosophie: Im Namen welcher Disziplin, welcher Wissenschaft wird diese Behauptung auf

gestellt? Schon Al istoteles hielt den Gegnern der Philo sophie folgendes vor: entweder — sagte er — soll man philosophieren oder man soll nicht philosophieren; wenn man aber nicht philosophieren soll, dann nur im Namen einer Philosophie. Also auch wenn man nicht

philosophieren soll, muß man doch philosophieren. Und

dies

ist

noch

heute

wahr.

Nichts

ist

amüsanter

als

die

Sicht vermeinter Feinde der Philosophie, die groß

artige philosophische Argumente anführen, um zu zei gen, daß es keine Philosophie gibt.

F's

bleibt

also

dabei,

daß

man

der

ersten

Meinung

nur schwerlich rechtgeben kann. Die Philosophie muß

etwas

anderes

sein

als

ein

Sammelbecken

für

unreife

Probleme.

Sie

hat

sicher

hie

und

da

auch

diese

Funk-

^tionausgeübt,abersieistnochetwasmehralsdas.

Die zweite Meinung behauptet dagegen, daß die Phi

losophie nie verschwinden wird, auch wenn sich alle möglichen Wissenschaften von ihr loslösen — denn sie ist nach dieser Meinung keine Wissenschaft. Sie er

forscht, wie man sagt, das Überrationale — das Un begreifbare, das über dem Verstand oder wenigstens an seiner Grenze Liegende. Sie hat also mit der Wissen

schaft, mit dem Verstand nur wenig Gemeinsames. Ihr Gebiet liegt außerhalb des Rationalen. Philosophieren

heißt

demnach

nicht

mit

der

Vernunft

nachforschen,

sondern auf irgendeine andere Weise, mehr oder weni

ger „unvernünftig". Das ist eine heute weit verbreitete Meinung, besonders auf dem europäischen Kontinent — und sie wird unter anderen durch gewisse sogenannte

Existenzphilosophen vertreten. Ein ganz extremer Ver treter dieser Richtung ist sicher Professor Jean Wahl, der führende Pariser Philosoph, für welchen es im

Grunde

losophie

keinen

und

wesentlichen

Dichtung

gibt.

Unterschied

Aber

auch

zwischen

Phi

der

bekannte

Existenzphilosoph Karl Jaspers dürfte in dieser Bezie

hung

Jean

Wahl

Jeanne

Hersch,

ein

Denken

an

der

der

nahestehen.

In

der

Genfer

Philosophin,

Deutung

ist

von

Philosophie

Grenze

zwischen

Wissenschaft

und

Musik; Gabriel Marcel, ein anderer Existenzphiiosoph, hat in einem philosophischen Buch direkt ein Stück

eigener Musik abdrucken lassen — ohne von den Ro manen zu sprechen, die einige heutige Philosophen zu

\ schreiben pflegen. Auch diese Meinung ist eine respektable philoso

phische

These.

Zwar

kann

man

zu

ihren

Gunsten

ver

schiedenes anführen. Erstens, daß in den Grenzfragen

— und das sind meistens philosophische Fragen — der

Mensch sich aller seiner Kräfte bedienen muß, also auch —

ein

des

Dichter. Zweitens, daß die Grundgegebenheiten der

Philosophie dem Verstand gar nicht zugänglich sind —

Gemütes,

des

Willens,

der

Phantasie

wie

man

soll

sie

also

mit

anderen

Mitteln

zu

erfassen

ver

suchen, inwieweit es geht. Drittens, daß alles, was den

Verstand

betrifft,

schon

der

einen

oder

der

anderen

Wissenschaft angehört. Also bleibt für die Philosophie

nur dieses dichterische Denken an der Grenze oder gar

ganz jenseits der Grenzen des Verstandes. Man könnte

vielleicht

noch

weitere

Gründe

dieser

Art

anführen.

Gegen diese Ansicht wehren sich aber zahlreiche Denker, unter anderen jene, welche dem Spruch von

Ludwig

Wittgenstein

treu

sind:

„Wovon

man

nicht

sprechen

kann,

darüber

muß

man

schweigen."

Mit

vernünftige

Sprechen, also Denken. Kann man, sagen diese Gegner der dichterischen Philosophie, etwas mit normalen

„Sprechen"

meint

hier

Wittgenstein

das

menschlichen

Erkenntnismitteln

nicht

erfassen,

das

heißt

mit

dem

Verstand,

dann

kann

man

es

überhaupt

nicht

erfassen. Der Mensch kennt nur zwei mögliche Metho

den, um etwas zu erkennen: entweder den Gegenstand in irgendeiner Weise direkt zu sehen — sinnlich oder

geistig — oder aber zu erschließen. Beides ist aber eine

E r k e n n t n i s f u n k t i o n

Verstandes.

Daraus,

u n d

daß

i m

w e s e n t l i c h e n

e i n

A k t

man

etwas

liebt,

haßt,

d e s

daß

man irgendeine Angst, einen Ekel oder ähnliches erlebt,

folgt vielleicht, daß man sich unglücklich beziehungs weise glücklich fühlt — aber darüber hinaus gar nichts. So sagen jene Philosophen und, ich muß mit Bedauern

feststellen,

sie

lachen

den

Vertretern

der

anderen

Mei-

nung ins Gesicht und sagen, sie seien Schwärmer, Dich

ter,

unernste

Menschen.

Ich will mich hier in die Diskussion der Frage nicht

einlassen — wir werden noch später dazu Gelegenheit

haben.

Eines

möchte

ich

jedoch

bemerken.

Sehen

wir

uns die Geschichte der Philosophie an — vom alten Griechen Thaies bis auf Merleau-Ponty und auf Jas

pers, so finden wir immer und immer wieder, daß der Philosoph die Wirklichkeit zu erklären versucht hat. Erklären heißt aber, den zu erklärenden Gegenstand

vernünftig — mit Hilfe des Verstandes — zu deuten. Auch jene, die sich am schroffsten gegen den Gebrauch des Verstandes in der Philosophie gewehrt haben — wie

Bergson zum Beispiel —, haben es immer so getan. Der Philosoph, so scheint es wenigstens, ist einer, der ver nünftig denkt, der versucht, Klarheit — das heißt Ord nung, und das heißt wiederum Verstand — in die Welt und in das Leben zu bringen. Historisch gesehen — das heißt in dem, was die Philosophen wirklich getan haben, nicht in dem, was sie über ihre Arbeit sagten —, war die Philosophie im großen und ganzen eine vernünftige, eine wissenschaftliche Tätigkeit, eine Lehre, nicht eine

Diditung. Hie und da waren Philosophen auch dichte risch begabt: so Piaton, so der heilige Augustinus —

und, wenn man mit den Großen einen zeitgenössischen Schriftsteller vergleichen darf, Jean-Paul Sartre, der ein

paar gute Theaterstücke geschrieben hat. Das alles scheint aber bei ihnen eher ein Mittel der Mitteilung des Gedankens gewesen zu sein. In ihrem Wesen ist die Philosophie, wie gesagt, immer eine Lehre, eine Wissenschaft gewesen. Ist es aber so, dann drängt sich wieder die Frage auf:

Eine Wissenschaft von was? Die Körperwelt wird durch

die Physik, die Welt des Lebens durch die Biologie,

jene des Bewußtseins durch die Psychologie, die Gesell schaft durch die Soziologie erforscht. Was bleibt für

Philosophie als Wissenschaft? Was ist ihr Gebiet? Darauf erhalten wir seitens verschiedener philoso

phischer Schulen sehr verschiedene Antworten. Ich werde einige der wichtigsten unter ihnen aufzählen.

E r s t e

A n t w o r t :

E r k e n n t n i s l e h r e .

A n d e r e

W i s s e n

schaften erkennen; die Philosophie erforscht die Mög lichkeit des Erkennens selbst — die Voraussetzungen und die Grenzen der möglichen Erkenntnis. So Im

manuel Kant und viele unter seinen Nachfolgern.

Werte.

schaft untersucht das, was ist; die Philosophie erforscht

dagegen, was sein soll. Diese Antwort haben zum Bei spiel die Anhänger der sogenannten Süddeutschen Schule und zahlreiche zeitgenössische französische Phi

losophen gegeben.

Zweite Antwort:

die

Jede

andere

Wissen

Dritte

Antwort:

der

Mensch

und

zwar

als

Voraus

setzung und Grundlegung alles anderen. Nach den Ver tretern dieser Meinung ist nämlich in der Wirklichkeit alles in irgendeiner Weise auf den Menschen bezogen. Diese Beziehung wird seitens der Naturwissenschaften

und

auch

seitens

der

Geisteswissenschaften

außer

acht

gelassen. Die Philosophie hat sie, und damit den Men schen selbst, unter diesem Gesichtspunkt zu eigenem

Gegenstand. So lehren viele Existenzphilosophen. Vierte Antwort: die Sprache: „Es gibt keine philo

sophischen Sätze, sondern nur Klarlegung von Sätzen",

sagt Wittgenstein. Die Philosophie untersucht die Sprache der anderen Wissenschaften vom Standpunkt ihrer Struktur aus. Das ist die Lehre Ludwig Wittgen-

steins und der meisten logischen Positivisten der Gegen

wart.

Dies sind nur einige unter noch mehreren Ansichten derselben Art. Jede von ihnen hat ihre Argumente und wird in ziemlich überzeugender Weise verteidigt. Jeder der Vertreter dieser Ansichten sagt von den Anhängern der anderen, sie seien überhaupt keine Philosophen. Man soll nur hören, mit welch tiefer Oberzeugung solche Urteile gefällt werden. Die logischen Positivisten pfle

gen zum Beispiel alle Philosophen, die mit ihnen nicht einverstanden sind, als Metaphysiker zu brandmarken.

Metaphysik ist aber nach ihnen Unsinn im strengsten Sinne des Wortes, Ein Metaphysiker produziert Laute,

sagt aber gar nichts. Ebenso die Kantianer: für sie sind alle, die anderer Meinung sind als Kant, Metaphysiker;

das

bedeutet

freilich

bei

ihnen

nicht,

daß

sie

Unsinn

sagen, sondern daß sie überholt und unphilosophisch sind. Und über die souveräne Verachtung der Existenz

philosophen allen anderen gegenüber brauche ich gar nicht zu sprechen. Sie ist allgemein bekannt.

Nun, um Ihnen meine persönliche bescheidene Mei

nung zu formulieren, empfinde ich angesichts dieses festen Glaubens an die eine oder andere Auffassung der Philosophie ein gewisses Unbehagen. Es scheint mir sehr vernünftig zu sein, wenn man behauptet, der Phi

losoph solle sich mit der Erkenntnis, mit den Werten, mit dem Menschen und mit seiner Sprache beschäftigen. Aber warum nur damit? Hat irgendein Philosoph be

wiesen, daß es keine anderen Gegenstände des Philo

sophierens gibt? Wer das behauptet, dem muß icE, wie Mephistopheles bei Goethe, zuerst Collegium Logiciim raten, damit er einmal lerne, was ein Beweis eigentlich

ist.

Nichts

solches

wurde

je

bewiesen.

Und

sehen

wir

uns

in

der

Welt

um,

dann

scheint

mir

diese

voll

von

ungelösten Fragen zu sein — von wichtigen Fragen, und zwar solchen, die zu allen genannten Gebieten ge

hören, aber von einer Spezialwissenschaft weder behan delt sind noch behandelt werden können. Beispiel einer solchen Frage ist das Problem des Gesetzes. Ein mathe

matisches

Problem

ist

es

sicher

nicht;

der

Mathematiker

kann seine Gesetze ruhig formulieren und erforschen, ohne sich je diese Frage zu stellen. Der Sprachwissen schaft gehört sie auch nicht; denn es handelt sich nicht um die Sprache, sondern um etwas in der Welt oder

wenigstens im Gedanken. Das mathematische Gesetz ist

aber andererseits auch kein Wert, es ist nicht etwas, was

sein soll, sondern was ist, gehört also gar nicht in die Werttheorie. Will man die Philosophie auf irgendeine

Spezialwissenschaft einschränken oder auf eine der Disziplinen, die ich aufgezählt habe, dann kann man dieses Problem überhaupt nicht erörtern, es findet kei nen Platz. Und doch ist es ein echtes und wichtiges Pro

b l e m .

\

Es sieht also so aus, als ob man die Philosophie weder

mit den Spezialwissenschaften gleichsetzen noch auf ein ^

besonderes (xebiet einschränken sollte. Sie ist in gewis- J

sem

nicht

Sinne

wie

eine

jenes

Universalwissenschaft,

ihr

anderer

Disziplinen

auf

Gebiet

etwas

ist

Be

schränktes, Bestimmtes eingeschränkt.

1st

es

aber so, dann

kann es vorkommen und kommt

wirklich vor, daß die Philosophie sich mit denselben

Cxegenständen befaßt, mit welchen auch andere Wissen

schaften

zu

tun

haben.

Worin

unterscheidet

sich

dann

Philosophie von dieser Wissenschaft? Die Antwort auf diese Frage lautet, daß sie sich ebensowohl durch ihre

Methode

wie

auch

durch

den

Gesichtspunkt

unterschei-

U

det. Durch ihre Methode — weil der Philosoph sich den

Gebrauch

keiner

unter

den

vielen

Methoden

der

Er

kenntnis verbietet. Er ist zum Beispiel nicht wie ein

Physiker verpflichtet, alles auf die sinnlich beobacht

baren

Phänomene

zurückzuführen,

das

heißt,

sich

auf

die empirisch-reduktive Methode zu beschränken; er kann auch die Einsicht in das Gegebene gebrauchen und

anderes

mehr.

Anderseits unterscheidet sich die Philosophie von den anderen Wissenschaften durch ihren Gesichtspunkt. Wenn sie nämlich einen Gegenstand in Betracht zieht, sieht sie ihn immer und ausschließlich sozusagen vom

Standpunkt der Grenze, der grundlegenden Aspekte. In dem Sinne ist die Philosophie eine Grundlagen

wissenschaft.

Dort,

wo

andere

Wissenschaften

stehen

bleiben, wo sie, ohne weiter zu fragen, Voraussetzungen annehmen, fängt der Philosoph erst an zu fragen. Die Wissenschaften erkennen — er fragt, was ist das Er

kennen;

die

andern

stellen

Gesetze

auf

er

stellt

sich

die Frage, was ein Gesetz sei. Der Alltagsmensch und der Politiker sprechen vom Sinn und von der Zweck

mäßigkeit — der Philosoph aber fragt, was man unter Sinn und Zweck eigentlich verstehen soll. Somit ist auch die Philosophie eine radikale Wissenschaft — in dem

Sinne, daß sie auf die Wurzeln geht, und tiefer als

irgendeine andere; daß sie dort, wo die andern zufrie den sind, weiterfragt und weiterforschen will. Wo die eigentliche Grenze zwischen einer Spezial- wissenschaft und der Philosophie liegt, ist oft nicht l'eicht zu sagen. So ist zum Beispiel die im Laufe unseres

Jahrhunderts

sich

so

schön

entwickelnde

Grundlagen

forschung in der Mathematik ganz sicher eine philo sophische Forschung, aber gleichzeitig ist sie mit den

mathematischen Untersuchungen eng verbunden. Es

gibt jedoch einige Gebiete, in welchen die Grenze klar ist. Dies ist einerseits die Ontologie, die Disziplin, wel che nicht von diesem oder jenem, sondern von den all

gemeinsten Sachen, wie dem Ding, der Existenz, der kligenschaft und ähnlichem, handelt. Anderseits gehört

hierhin

das

Studium

der

Werte

als

solcher

nicht

wie

sie sich in der Entwicklung der Gesellschaft zeigen, son dern in sich selbst. In diesen beiden Gebieten grenzt die

Philosophie einfach an nichts — es gibt überhaupt keine Wissenschaft außer ihr, die sich mit diesen Gegenstän den befaßt oder befassen kann. Und die Ontologie wird dann in den Forschungen auf anderen Gebieten voraus

gesetzt,

womit

schon

ein

Unterschied

im

Hinblick

auf

-

andere Wissenschaften, die von der Ontologie nichts

wissen

können,

zustande

kommt.

^SowurdediePhilosophievondenmeistengroßen

Philosophen aller Zeiten gesehen. Eine Wissenschaft, also keine Dichtung, keine Musik, sondern ein ernstes,

nüchternes

Forschen.

Eine

Universalwissenschaft

in

dem

Sinne, daß sie sich keinem Gebiete verschließt und jede Methode benützt, die zugänglich ist. Eine Wissenschaft

der

Grenz-

und

Grundlagenprobleme

somit

auch

eine

Radikalwissenschaft,

die

sich

mit

den

Vorausset

zungen der anderen Disziplinen nicht zufrieden erklärt,

sondern weiter bis zu den Wurzeln forschen will^

Man muß auch sagen, daß sie eine furchtbar schwie

rige Wissenschaft ist. Wo fast alles immer in Frage gestellt wird, wo keine überlieferten Voraussetzungen und Methoden gelten, wo man die sehr komplizierten Probleme der Ontologie immer vor Augen halten muß,

kann

die

Arbeit

nicht

leicht

sein.

Kein

Wunder,

daß

die

Meinungen in der Philosophie so sehr auseinander-

a'a

gehen. Ein großer Denker und kein Skeptiker — im Gegenteil, einer der größten Systematiker der Ge schichte —, der heilige Thomas von Aquin, hat einmal

gesagt, daß nur wenige Menschen und erst nach langer Zeit und nicht einmal ohne Zumischung von Irrtümern die Grundfragen der Philosophie lösen können. Aber der Mensch ist schon zum Philosophieren be

stimmt,

ob

er

es

will

oder

nicht.

Ich

darf

Ihnen

aber

abschließend noch eines sagen. Trotz der ungeheuren

Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, ist das Philoso phieren eine der schönsten und edelsten Sachen, die es im menschlichen Leben geben kann. Wer auch nur ein mal mit einem echten Philosophen in Berührung ge kommen ist, wird sich immer von ihr angezogen fühlen.

r

D I E

E R K E N N T N I S

Am Ende des fünften Jahrhunderts vor Christus lebte in Sizilien ein griechischer Philosoph namens Gorgias aus Leontinoi. Er soll vor allem drei Sätze aufgestellt und geschickt verteidigt haben; erstens: Es gibt nichts;

zweitens: Wenn es auch etwas gäbe, so könnten wir es

nicht

erkennen;

drittens:

Gesetzt,

daß

etwas

da

und

er

kennbar

wäre,

könnten

wir

es

doch

den

anderen

nicht

sagen. Es ist nun nicht sicher, ob Gorgias diese Behaup tungen selbst ernst nahm — vielleicht, so sagen einige

Gelehrte, handelte es sich bei ihm nur um einen Scherz.

Jedenfalls sind diese drei Sätze von ihm überliefert worden, und seitdem — seit vierundzwanzig Jahrhun derten — stehen sie vor jedem unter uns als eine Auf

forderung zum Nachdenken. Ich bin persönlich der Mei nung, daß wir diese Aufforderung ernst nehmen soll ten, so ungeheuerlich auch und merkwürdig die drei Sätze aussehen. Ich werde noch weiter gehen: Es scheint

mir, daß es kaum einen Menschen gibt, der nicht wenig stens einmal im Leben sich diese Fragen in irgend einer Weise gestellt hat. Ist das bei Ihnen nicht der Fall gewesen, so wird es wahrscheinlich noch kommen. Die Gorgiasischen Sätze sind damit ganz sicher wichtige

Sätze.

Man könnte sich freilich denken, daß solche skepti schen Zweifel eigentlich nur eine Spielerei seien ohne

jede reale Bedeutung für das Leben. So ist es aber nicht. Denn würde jemand diese Sätze annehmen, dann müßte für ihn jeder Lebensernst verschwinden: alles würde ihm zum Schein und Trug. Und dann würde jeder Sinn

des Lebens, jeder Unterschied zwischen Echtem und

Falschem, zwischen Richtigem und Schiefem, zwischen Gutem und Bösem zugrunde gehen. Es ist eine ernste

Angelegenheit. Dazu kommt noch, daß es keineswegs an Gründen fehlt, die für Gorgias und gegen unsere

gewöhnliche Sicherheit, daß es Dinge und erkennbare Dinge in der Welt gibt, sprechen. Es wird schon besser sein, sich einmal die Frage um diese drei Sätze klar zu

stellen

und

zu

Sie

also

heute

versuchen

zu

einer

sie

zu

beantworten.

Meditation

darüber

Ich

möchte

einladen.

Zweitausend Jahre nach Gorgias hat ein anderer

Philosoph, der Franzose Rene Descartes, eine solche Meditation für sich durchgeführt. Es wird vielleicht am besten sein, ihm wenigstens in der Darstellung der Gründe für den Zweifel zu folgen. Wir bemerken also, Descartes folgend, daß unsere Sinne uns nur zu oft getäuscht haben. Ein rechteckiger

Turm

sieht

von

weitem

rund

aus.

Manchmal

meinen

wir

etwas zu hören oder zu sehen, was gar nichts ist; einem Kranken scheinen manchmal auch süße Speisen bitter.

Dies

alles

sind

wohlbekannte

Tatsachen.

noch, daß wir Träume

haben, und

oft

ist

es

Dazu

so,

kommt

daß wir

während des Traumes sicher zu sein glauben, daß der

Traum

Wirklichkeit

sei.

Wie

können

wir

nun

wissen,

daß wir auch jetzt nicht träumen? In diesem Augen blick glaube ich, daß dieser Tisch und das Mikrophon und die hellen Lampen rings herum wirklich sind. Was

aber,

wenn

es

ein

Traum

wäre?

Ja, könnte man sagen, wenigstens dessen kann ich sicher sein, daß ich Hände und Füße habe. Jedoch auch

das ist nicht so sicher, wie es zu sein scheint. Es erzählen nämlich Leute, welche eine Hand oder einen Fuß ver

loren haben, daß sie noch lange Zeit nach der Amputa-

tion heftige Schmerzen in den Gliedern fühlen, die sie

nicht

mehr

haben.

Und

die

moderne

Wissenschaft

lie

fert uns noch viele andere Argumente derselben Art; so wissen wir zum Beispiel aus der Psychologie, daß man durch einen Schlag auf das Auge des Patienten —

Licht, das ja gar

ihn Licht sehen lassen

nicht da ist. Es scheint also zu folgen, daß alles, was uns umgibt, und sogar unser eigener Körper ein Schein

kann

ein

sein

könnte

oder

ein

Traum.

Einige sagen nun, daß wenigstens die mathematischen

Wa h r h e i t e n

m i t

G e w i ß h e i t

e r k a n n t

w e r d e n

k ö n n e n .

Die Sinne können uns täuschen, sagen sie, aber der Ver stand erfaßt mit Gewißheit seine Gegenstände. Auch das kann aber leicht widerlegt werden. Denn Irrtümer

kommen

auch

uns im Rechnen

in

der

von

Mathematik

vor;

wir

alle

irren

bei

Zeit zu

Zeit, und

dies ist auch

den

größten

Mathematikern

kommt

es

auch

vor,

daß

wir

vorgekommen.

Dann

im

Traum

rechnen

und

falsch rechnen, ohne es zu bemerken. Es folgt, daß der

Verstand

tun.

uns

ebenso

Gibt

es

also

nichts

täuschen

Sicheres,

könnte,

wie

das

nicht

es

die

Sinne

mehr

zweifel

haft wäre? Descartes meinte, so etwas in seinem eigenen Ich gefunden zu haben. Er sagt, wenn ich mich täusche,

muß ich auch

oder Sich-Täuschen ist ja Denken —, muß man exi

sein; denn

um

zu

denken — und Zweifeln

stieren.

Darum

sein

berühmter

Spruch:

sum

einer

bin"

ich

denke,

also

bin

ich.

Dann

hat

ziemlich

den

Beweis

komplizierten

Akrobatik

aus

abzuleiten

versucht,

daß

es

(]ogito

er

mit

diesem

ergo

Hilfe

„Ich

auch

andere

Dinge

gibt

Die meisten Philosophen, die seine Gedankengänge

untersucht

haben,

sind

aber

mit

dieser

Seite

seines

Systems nicht einverstanden. Sie sagen, und mir scheint mit Recht, daß Descartes zwei ganz verschiedene Sachen

verwechselt

hat:

den

Inhalt

des

Denkens

und

den

Den

kenden selbst. Zwar meinen wir alle, daß, um irgend

ein

Denken

zu

haben,

schon

ein

Denkender

dasein

muß

falls

man

aber

alles,

auch

die

mathematischen

Wahrheiten,

in

Zweifel

gezogen

hat,

wird

auch

diese

Wahrheit fraglich. Wir haben vom cartesianischen

Standpunkt aus kein Recht, dies zu behaupten. Somit beweist das Cogito nur eines, daß es nämlich ein Denken

gibt — wobei hier das Wort „gibt" einfach bedeutet,

d a ß

s o l c h e

o d e r

a n d e r e

Schluß

auf

die

Existenz,

auf

I n h a l t e

v o r s c h w e b e n .

E i n

das

Dasein

des

Denkenden

ist ganz unberechtigt. Man sollte — so bemerkte bos haft ein späterer Philosoph — nicht sagen: Ich denke,

also

bin

ich

sondern:

Ich

denke,

also

bin

ich

nicht.

Es folgt also, daß wir überhaupt keinen Grund haben,

irgend etwas als sicher Existierendes anzunehmen. Es könnte sehr wohl so sein, daß, wie Gorgias sagte, es nichts gibt und wir nichts erkennen können. Alles wäre dann ein bloßer Schein, eine — um mit Dostojewski] zu sprechen — durch einen Idioten erzählte Geschichte.

Nun

bin

Geschichte

ich

den

mir

wohl

meisten

bewußt,

unter

uns

daß

diese

idiotische

unsympathisch

ist.

Es

handelt sich aber nicht um Sympathien und Antipathien. Trotz allem, was gewisse dichterische Philosophen er zählt haben, kann auch die größte Liebe ihren Gegen stand nicht schaffen. Darüber, ob es etwas gibt oder

nicht

M a n

gibt,

m u ß

kann

man

z u

w i s s e n

nicht

durch

v e r s u c h e n .

Wünsche

entscheiden.

W i r

m ü s s e n

d a s

P r o

blem verstandesmäßig angreifen. Wie aber? Ein Physiker, ein Botaniker, ein Historiker

und

.^-58

wir

alle

im

Alltagsleben

setzen

voraus,

daß

es

Dinge

gibt

und

daß

wir

sie

erkennen

können.

Hier

steht

aber diese Voraussetzung selbst in Frage. Es handelt sich bei dem Wege um einen jener Fälle, in welchen etwas mehr als die speziellen Wissenschaften notwendig ist — wo man sozusagen unmittelbar die Rolle und die

Wichtigkeit der Philosophie sehen kann. Wie also sollen wir vorgehen? Eines ist klar: einen

Beweis,

anderes

in

welchem

erschlossen

aus

wird,

etwas

schon

können

wir

Erkanntem

hier

nicht

etwas

haben.

Denn der Skeptiker, wie Gorgias, bezweifelt alles, also auch unsere Voraussetzungen. Er würde auch die Regel,

nach

welcher

wir

schließen,

in

Zweifel

ziehen.

Diesen

Weg können wir also nicht beschreiten. Was bleibt also? Mir scheint, daß drei andere Wege

vor

uns

offenstehen.

Wir

können

zuerst

sehen,

ob

der

Skeptiker

sich

selbst

nicht

widers[nicht.

Wäre

das

näm

lich der Fall, dann würde er eigentlich nichts Zusammen

hängendes, also nichts Verständliches sagen — das heißt aber, daß er eigentlich nichts gesagt hätte.

Wir

können

zweitens

sehen,

ob

und

wie

sich

seine

Annahmen heiz'ähren, ob sie mit unserer Erfahrung zu

sammenstimmen, so etwa wie es die Physiker tun, wenn

sie

eine

Hypothese

verifizieren

wollen.

Endlich

können

wir

zu

sehen

versuchen,

ob

es

nicht

so ist, daß alle diese durch Gorgias geleugneten Sachen evideiit sind, das heißt, daß es ganz klar so ist, wie wir

e s

m e i n e n .

Der erste Weg war schon im Altertum begangen.

Sagt der Skeptiker nämlich, daß man nichts erkennen kann, dann kann man ihn fragen, wieso er eine solche

Behauptung aufstellen darf ? Ist er der Wahrheit seines Satzes sicher? Wenn ja, dann gibt es doch etwas

Sicheres

und

etwas

Erkennbares.

Also

ist

der

Satz,

daß

nichts

erkennbar

ist,

falsch.

Und

ist

etwas

erkennbar,

so muß es auch in irgendeiner Weise sein, existieren. Man erzählt von einem griechischen Skeptiker namens

Krates, daß er dies eingesehen hatte und deshalb nichts

sagte, sondern nur den Finger bewegte. Aber Aristoteles, der große Meister des europäischen Denkens, bemerkte, daß er auch dazu kein Recht hätte, denn die Bewegung des Fingers will doch eine Meinung ausdrücken, und

Meinungen darf der Skeptiker nicht haben. Fr soll — so sagte Aristoteles — einer Pflanze ähnlich sein. Mit einer Pflanze kann man aber unmöglich diskutieren, weil sie ja nichts sagt. Ich weil^ nun nicht, ob Ihnen diese Argumentation

überzeugend erscheint. Es sei aber bemerkt, daf^ die mathematische Logik gewisse ziemlich ernste Bedenken

gegen sie gebracht hat. Sie stützen sich auf die sogenannte Typentheorie. Ich kann hier diese eher komplizierte

Theorie

leider

nicht

besprechen,

möchte

Sie

nur

vor

allzu grof^em Vertrauen dieser skizzierten Argumen tation gegenüber warnen.

Dagegen scheint der zweite Weg zuverlässig zu sein. Falls wir nämlich voraussetzen, daß es wirklich Dinge um uns gibt und daß wir sie wenigstens einigermaf^en

erkennen

fahren,

was

können,

damit

so

überein.

wir

„Wirklichkeit"

stimmt

ziemlich

alles,

was

wir

er

Der

Linterschied

nennen,

und

dem

zwischen

Schein

dem,

besteht

vor allem darin, daß die Wirklichkeit geordnet ist —

daß

in

ihr

Gesetze

walten,

während

der

Schein

keine

solche Ordnung aufweist. Nun stellen wir fest, dai^ in der Welt, wie wir sie erfahren, eine solche Ordnung

tatsächlich

fast

überall

herrscht.

Nehmen

wir