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Bemerkungen zur kontextbezogenen Funktion
minoischer Keramik
*
Archäologische Funde außerhalb ihres Kontextes verfügen über einen reduzierten 
Quellen­
wert für die Wissenschaft. Daher ist ihre Dokumentation zur Funktionsanalyse mit
dem Ziel
der Rekonstruktion vergangener Kulturen geradezu unerläßlich. Besonders 
Keramik, und dort
speziell optisch ansprechende Waren wie die minoische, werden gerne primär als 
Kunstob­
jekte mit großem chronologischen Aussagewert angesehen, weniger jedoch als 
Gebrauchsge­
genstände, als die das Gros gedient haben dürfte. Differenziertere Beobachtungen 
und Frage­
stellungen moderner Ausgrabungen ergänzt durch die Ergebnisse 
naturwissenschaftlicher
Untersuchungen gewinnen in den letzten Jahren jedoch zunehmend an Bedeutung.
Als Quel­
lenkritik zu den folgenden Ausführungen sei auf frühe Grabungen, 
Forschungslücken sowie
eine für unsere Fragestellungen ungenügende und wahrscheinlich auch nicht 
repräsentative
Publikationslage aufgrund anderweitiger Forschungsinteressen verwiesen.
Für die Besprechung des minoischen Kreta bietet sich eine Gliederung in Palast – 
Haus –
Heiligtum und Grab an. Sie sollten dennoch ohne scharfe „moderne“ Trennlinien 
verstanden
werden, da Paläste und Häuser die Welt der Lebenden, Gräber die der Toten 
darstellen und
die Religion als omnipräsent anzusehen ist. Dieselben Verbindungen 
untereinander sind auch
im Keramikkontext erkennbar, wobei in diesem Abriß auch aufgrund der 
Quellenlage nur auf
einige Aspekte, herausgelöst aus ihrem zeitlichen Kontext, eingegangen werden 
kann.
Der Palast

1
Der minoische Palast kann vereinfacht als ein um einen Zentralhof gruppierten 
Gebäudekom­
plex definiert werden. Als Funktionen werden Politik, Militär, Administration, 
Ökonomie
(Handwerk und Vorratshaltung), Kult und Wohnung in den verschiedensten 
Verhältnissen
zueinander diskutiert
1

. Paläste standen an der Spitze des minoischen „Staates“; sogenannte
„Villen“ könnten in der Neupalastzeit der Verwaltung auf untergeordneter Ebene 
gedient ha­
ben
2

.
Aufgrund seiner geradezu allumfassenden Funktionen für die Welt der Lebenden 
ist im Pa­
lastkontext ein ebenso weitgefächertes Keramikspektrum zu erwarten, das in 
seiner Vertei­
lung eine Raumdifferenzierung ermöglicht und dasjenige aus einfachen 
Siedlungen überragt.
Exemplarisch seien Rhyta aus Kultkontexten genannt, Pithoi aus den Magazinen, 
Eß­ und
Trinkservice sowie Kochgeschirr aus Wohntrakten. Dieser Bereich soll hier jedoch
zugunsten
in politisch­administrativem Kontext interpretierter Gefäße ausgeklammert sein 
und wird im
Bereich des Hauses besprochen werden.
Naturwissenschaftliche Untersuchungen wurden an Gefäßen aus einem palatialen 
Komplex
aus Monastiraki bei Rethymnon (MM II, 1900 – 1800 v. Chr.) durchgeführt. Dabei
konnten in
dreibeinigen Kesseln Wachsreste und Spuren von Gemüse festgestellt werden; 
Raspelgefäße
*

Der vorliegende Artikel basiert auf einer Übung von Herrn PD Dr. Diamantis Panagiotopoulos zur minoisch­
mykenischen Keramik und besitzt nur einen einführenden Charakter. Als solche seien meine Ausführungen
verstanden, für deren Betreuung ich Herrn Panagiotopoulos recht herzlich danke.
An Abkürzungen wurden für die frühe, mittlere und späte Bronzezeit Kretas, gleichbedeutend mit Früh­, Mittel­
und Spätminoikum, FM, MM und SM verwendet, für die Mittelbronzezeit des griechischen Festlandes, das Mit­
telhelladikum, MH, für die dortige mykenische Phase, entsprechend der Spätbronzezeit, SH gleich Späthelladi­
kum. Die der drei Hauptphasen dauerten von 3300–2100 v. Chr., 2100–1700 v. Chr. und 1700–1050 v. Chr.. Als
kretische Vorpalastzeit gelten FM I­MM IA (3300­2000 v. Chr.) , als Altpalastzeit MM IB­II (2000­1800 v.
Chr.), als Neupalastzeit MM III­SM IA (1800­1620 v. Chr.), als Nachpalastzeit SM IB­IIIC (1620­1050 v. Chr.).
Die Datierungen der Phasen seien nur als Anhaltspunkte im Fluß der wissenschaftlichen Forschung verstanden

2
und folgen der hohen Chronologie.
1

Dickinson 1994, 146­151; Hitchcock 2000; Matthäus 2000; Preziosi 1983.
2

Westerburg­Eberl 2000.

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wurden zur Herstellung von Ölen genutzt und stammen bisher nur aus den 
Palästen von Phai­
stos und Monastiraki, interessanterweise jeweils verbunden mit Kultgeräten. In 
Speicherräu­
men standen Pithoi für Olivenöl und Wein sowie verschiedenste Vorratsgefäße, 
deren Nut­
zung noch zu erforschen sein wird. Oliven und Getreide, Schaf­ und Ziegenfleisch 
neben sol­
chem von Schwein und Kuh wurde nachgewiesen; als Jagdtiere dienten etwa 
Steinbock, Hase
und Wildrind, die in Gefäßen verarbeitet und gelagert werden mußten. An 
Getränken sind
eine Art Bier sowie Wein, Honigmet und Weinbrand aus Monastiraki bekannt. 
Letzterer,
ähnlich dem Tsikoudia, konnte in Pithoi mit damaligen Mitteln gebrannt werden, 
wovon ver­
kohlte Weintrauben zeugen könnten
3

.
Auch der Austausch von Produkten in großen Bügelkannen muß in palatialem 
Kontext ge­
nannt werden; dies gilt speziell für solche mit Linear B­Inschrift – oft mit 
Personennamen
versehen ­, die etwa in Knossos und Chania gefunden wurden.
Auf die soziale Bedeutung des Weins ab der Neupalastzeit (MM IIIB – SM IA, 
1750 – 1620
v. Chr.) ging etwa Wright ein, der ihn in Zeremonien verwand und aufgrund des 
Produktions­
aufwandes als Zeichen der höfischen Aristokratie sehen will. Darauf deuteten die 
Masse der
gefundenen Trink­ und Gießgefäße hin
4

. Die genaue Bestimmung der Anlässe muß meines
Erachtens Spekulation bleiben, doch kann eine gemeinschaftsstiftende Funktion 
angenommen

3
werden.
Hiller untersuchte die „politisch­ideologische“ Komponente der sogenannten 
Palaststilgefäße
des SM II (1520 – 1460 v. Chr.) anhand ihres Dekors. Dieser könne durch die 
Freskenaustat­
tung des einzig auf Kreta noch existenten Palastes von Knossos inspiriert sein, 
also im pala­
tialen Kontext wurzeln. Sollten hinter den Fresken politisch­ideologische 
Aussagen stehen, so
wären diese auf die Keramik übertragen worden. Ihr Inhalt dürfte jedenfalls 
religiös­sakraler
Natur gewesen sein und die Legitimation des palatialen Systems ikonographisch 
unterstützt
haben. Aufgrund der Verbindung des Keramikdekors zu dem palatialen 
Freskenprogramm
wäre die Entstehung des spätbronzezeitlichen Palaststils in SM II historisch 
begründet gewe­
sen
5

.
Eine naturwissenschaftliche Untersuchung der Gefäße zur Klärung ihrer 
möglichen Inhalte ist
unabhängig von der Richtigkeit dieser Ausführungen wünschenswert. Gleiches 
gilt für ergän­
zende, flächendeckende Raumfunktionsanalysen aufgrund der Gefäßformen, wie 
sie Tenwol­
de zu Myrtos – Phournou Koryphi erarbeitet hat
6

. Über die im Bereich des Hauses ausge­
führten Tätigkeiten hinausgehend läßt das Keramikrepertoire der Paläste auch 
deren politisch­
administrativ­religiöse Komponente erahnen.
Das Haus
Das Haus als Wohn­ und Arbeitsraum des Menschen bietet Einblicke in die Welt 
der Leben­
den. Unterschieden werden müssen an Befunden solche, die aus 
Zerstörungshorizonten
stammen und in denen gerade bei plötzlichem Verlassen das alltägliche Inventar 
auf uns ge­
kommen sein dürfte (abhängig von den Erhaltungsbedingungen), sowie 
Auflassungskontexte

4
und Füllschichten, in denen für unbrauchbar erachtete Gegenstände bewußt 
zurückgelassen
wurden. Öfen und Brunnen stellen wie private Schreine und Hausbestattungen 
besondere Be­
funde dar.
Ausgehend von einer ausgeprägten ökonomischen Eigenständigkeit der 
Siedlungen seien an
dieser Stelle häusliche Alltagstätigkeiten wie Nahrungsmittelzubereitung 
verbunden mit der
Produktion von agrarischen Gütern besprochen. Der Abschnitt gibt einen Einblick 
in den
3

Kanta, Martlew in: Martlew, Tzedakis 1999, 93­98, 178/179.
4

Wright 1996, 287­309.
5

Hiller 1995, 561­572.
6

Tenwolde 1992, 1­24.

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Alltag der Minoer, in dem die zahlreich in den Museen ausgestellten Gefäße eine 
untergeord­
nete Rolle gegenüber grober und Küchenkeramik einnahmen.
Der Nahrungsmittelzubereitung diente seit dem Neolithikum Olivenöl und 
Fischfett. Fisch­
verarbeitung selbst ist dann erst wieder für die Schachtgräberzeit (Mykenai, 
Gräberrund A:
MH III – SH IA, 1800 ­ 1620 v. Chr.) archäologisch gesichert
7

, wird aber für vom Meer ge­
prägte Insel Kreta auch als Speise nie an Bedeutung verloren haben, wie man 
vielleicht an den
im Meeresstil verzierten Gefäßen ablesen kann.
Die Herstellung von Olivenöl ist im Tzambakas­Haus, Chamalevri, schon für die 
letzte Stufe
der Vorpalastzeit (MM IA, 2100 – 2000 v. Chr.) nachgewiesen. Aus dieser Phase 
fand man
unter anderem henkellose Knickwandschalen, einhenkelige kugelförmige Tassen, 
diverse
Schalen, sogenannte Teekannen, Brücken­ und Schnabelkannen, die teilweise in 
den Produk­
tionsvorgang eingebunden gewesen sein dürften

5
8

.
Kosmetika wurden zeitgleich, also ebenfalls vor der Erbauung der ersten Paläste, 
auf dem
sogenannten Bolanis­Grundstück bei Chamalevri erzeugt. Darauf deutet Öl der Iris
in einem
Grobgefäß, einem Krug und einer Miniaturphiale hin. Auch andere Öle und 
Bienenwachs
beziehungsweise Honig sowie Getreide wurden nachgewiesen. Diverse Gefäße, 
etwa Alaba­
stra, sind auch mit Irisblüten verziert – ein Hinweis auf den Inhalt? Dies muß 
jedoch gerade
bei Tierdarstellungen auf den Gefäßen nicht postuliert werden. Parfüm­ und 
Salbenreste fand
man jedenfalls etwa in Gefäßen aus der SM­Nekropole von Armenoi; und auch 
Fleisch und
Fisch mußte gelagert und zubereitet werden. Tierfett wurde dementsprechend in 
einer Pilger­
flasche (SM IIIA2, 1420 – 1360 v. Chr.) aus Chania gefunden
9

.
Sicher belegt ist die Verwendung von Blattgemüse, Olivenöl, Früchten und 
Fleisch in drei­
beinigen Kesseln in der mittelminoischen Siedlung von Apodoulou, Rethymnon. 
In diesen
Gefäßen fand man auch organische Substanzen ungeklärter Art ohne Fette und 
Öle. Fleisch
von Wiederkäuern und Olivenöl wurde in einer Art „Backform“ gefunden. Erbsen
stammen
aus einem dreibeinigen Kessel aus dem SM I­Kydonia (1700 – 1520 v. Chr.). 
Diese Form
diente auch hier zum Kochen von Gemüse und Fleisch
10

.
Die Produktion von Wein, und womöglich schon geharztem, konnte in der FM II­
Siedlung
von Myrtos – Phournou Koryphi (2700 – 2250 v. Chr.) nachgewiesen werden, wie
die Unter­
suchung zweier Pithoi aus Magazinen ergab. Mit ihnen vergesellschaftet fand man
diverse

6
Trinkgefäße. Ein dreibeiniger Kessel aus dem MM­Kontext von Monastiraki, 
Rethymnon,
erbrachte sogar den Hinweis der Weinherstellung unter Zusatz von geröstetem 
Eichenholz.
Zeitgleich ist mit Terebinthenharz gewürzter Wein aus einer Schale und einem 
Becher aus der
Siedlung von Apodoulou bekannt
11

.
Der Inhalt mehrerer Pithoi aus Myrtos – Phournou Koryphi ist umstritten; neben 
Wein, Hafer­
schleim, Met und einer ungegorenen Flüssigkeit kommt auch eine Art von Bier in 
Frage. Ein
dreibeiniger Kessel könnte seinen Rückständen nach zum Bierbrauen gedient 
haben. Wein in
verschiedenen Sorten (etwa mit Kräuterzusätzen) dominierte mengenmäßig jedoch
bei wei­
tem, scheint aber im Spätminoikum auch mit Bier und/oder Met gemixt getrunken 
worden zu
sein. Darauf deuten Untersuchungen an konischen Bechern und Bügelkannen hin
12

. Wie
schon im Palast ist mit einer sozialen Funktion von bei Speis` und Trank 
verbrachten Anläs­
sen auszugehen.
7

Siehe die Höhle von Gerani, Rethymnon bei Martlew, Tzedakis in: Martlew, Tzedakis 1999, 80.
8

Andreadaki­Vlazaki, Martlew, Sarpaki in: Martlew, Tzedakis 1999, 36­43.
9

Andreadaki­Vlazaki, Arnott, Evely, Martlew, Preve, Protopapadaki Tzedakis in: Martlew, Tzedakis 1999, 44­
61.
10

Andreadaki­Vlazaki, Arnott, Kanta, Karetsou, Kavoulaki, Martlew, Mylona, Sarpaki, Tsigounaki in: Martlew,
Tzedakis 1999, 85­92, 98­109.
11

Beck, Kanta, Martlew, Protopapadaki, Warren in: Martlew, Tzedakis 1999, 140­149.
12

Andreadaki­Vlazaki, Andrikou, French, Karetsou, Kavoulaki, Martlew, McGovern, Palaeologou, Walberg,
Warren in: Martlew, Tzedakis 1999, 159­173.

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Die Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten minoischer Gefäße gleicht den 
heutigen, wie
ein dreibeiniger Kessel aus Apodoulou (MM, 2100 – 1700 v. Chr.) anschaulich 
zeigt, in dem

7
Spuren von Fleisch, Olivenöl, eventuell Irisöl nachgewiesen sind und der 
möglicherweise
auch zum Bierbrauen benutzt wurde
13

. Ein Paradebeispiel stellt der konische Becher speziell
der Neupalastzeit dar, der etwa zum Essen und Trinken, Gießen (mit Ausguß), 
Erhitzen, als
Schöpfer, Lampe und Trichter, im Grab und Kult ­ sprich eigentlich in allen 
Lebensbereichen
verwendet wurde. Dabei ist in den Palästen mit einer größeren Differenzierung der
Gefäßfor­
men und ihrer Funktion zu rechnen als in einzelnen Häusern, wo Gefäße 
tendentiell multi­
funktionaler und in einem weniger breiten Funktionsspektrum eingesetzt worden 
sein dürf­
ten
14

.
Myrtos – Phournou Koryphi diente Tenwolde zur Untersuchung der räumlichen 
Verteilung
von Vorrats­, Koch­ und Wassertransportgefäßen, was mir bei entsprechender 
Quellensituati­
on für Raumfunktionsanalysen als sehr nützlich erscheint
15

. Einen Eindruck von traditionell
kretischem Töpferhandwerk in kleinen, spezialisierten Werkstätten vermittelt der 
Aufsatz von
Voyatzoglou, wobei die Verhältnisse partiell auf die Bronzezeit übertragen werden
können
16

.
Das Heiligtum
Im Bereich des Kultes, der ohne gesichert lesbare Schriftquellen kaum in seiner 
ganzen Kom­
plexität für den Archäologen zu erfassen ist, sollte zurückhaltend argumentiert 
werden. Die an
dieser Stelle geforderte Kürze verbietet es jedoch, sämtliche Aussagen kritisch zu 
beleuchten.
Für die Minoer lassen sich mit aller Vorsicht die Heiligtumstypen in Siedlungen 
(Palast,

8
Haus) und in der Natur (Berggipfel, Höhlen) unterscheiden, die über spezifische, 
funktions­
gebundene Inventare, und damit auch Keramik, verfügten. Aufgrund der doch 
begrenzten
Quellenlage bietet sich die Vorstellung individueller Befunde verbunden mit dem 
Hinweis auf
methodisch nur vorsichtig vorzunehmende Verallgemeinerungen an.
Rutter wies im Zusammenhang von Gipfel­ und Höhlenheiligtümern auf 
Ascheschichten
hin
17

, die auf Brandopfer hindeuten könnten. Dies ist auch für Psychro nachgewiesen, 
wo
ebenfalls die Niederlegung von Opfergaben auf Bänken rekonstruiert werden 
konnte. Das
Keramikspektrum umfaßte Tassen, Schalen, Kannen, Krüge, Miniaturgefäße, 
Rhyta und
Pithoi
18

. Miniaturgefäße können portionsbedingt – beispielsweise als Kosmetika ­, 
symbolhaft
und als Spielzeug gedeutet werden, was auch für den Grabbereich gilt.
Ergänzend zu den Gipfelheiligtümern soll das gebirgig gelegene Anemospilia aus 
MM II/III
(1900 – 1700 v. Chr.) als singulärer Sonderfall vorgestellt werden, das als 
dreiteiliger Schrein
rekonstruiert wird. Vom durch drei Zugänge gegliederten Vorraum gelangte man 
in die hinte­
ren Räume. In ihm selber wurden mit 150 Stück die meisten Gefäße des 
Gebäudes, darunter
Pithoi, dreibeinige Kessel und Mörser gefunden, die zum Teil noch verbrannte 
Reste ihres
Inhaltes aufwiesen, der anscheinend als Vorrat für die Zeremonien diente. Mörser 
wurden
zum Pulverisieren, dreibeinige Kessel als Koch­ und Mischgefäße benutzt. 
Knochen weisen
auf Opferungen und/oder Kultmähler hin. Der Zentralraum war gefüllt mit 
verschiedenen
Gefäßen wie Kannen und Krügen für Libationen, und auch eine Bank für 
Kultgefäße wurde

9
ausgemacht. Die (Libations­)Gefäße auf den Bänken des Ostraumes, der über 
einen Altar ver­
fügte, waren allesamt klein. Der Westraum verfügte über die geringste Menge 
Keramik, ent­
schädigte aber mit dem als Menschenopfer gedeuteten Skelettbefund. Interessant 
ist der Fund
13

Beck, Karetsou, Kavoulaki, Martlew in: Martlew, Tzedakis 1999, 183.
14

Gillis 1990; Knappett 1999, 415­419; Wiener 1984, 17­26.
15

Tenwolde 1992, 1­24.
16

Voyatzoglou 1984, 130­142.
17

Rutter 1997.
18

Watrous 1996.

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eines Gefäßes mit reliefierter Stierdarstellung, die einen Hinweis auf den Inhalt – 
Blut von
Opferstieren – geben könnte
19

.
Im Palast von Knossos soll der Schrein der Doppeläxte als ein – wenn auch spätes 
(SH IIIB,
1360 – 1200 v. Chr.) ­ Beispiel für ein Siedlungsheiligtum gelten. Dort wurden 
„Kultobjekte“
auf einer Bank niedergelegt gefunden ­ neben Votivfiguren, den namensgebenden 
Doppeläx­
ten und „horns of consecrations“ auch Keramik. Diese bestand aus einem 
Dreifußtischchen,
Tassen, Kannen und Krügen, also Gieß­ und Trinkgefäßen
20

.
Aussagen im Bereich des Kultes aufgrund von naturwissenschaftlichen 
Untersuchungen sind
mir bisher nur aus mykenischen Kontexten bekannt. Methodisch ist das 
Heranziehen dersel­
ben trotz starker mykenischer Einflüsse in der und für die Spätbronzezeit zu 
kritisieren, soll
im folgenden aber dennoch unternommen werden. Wein war dabei von besonderer
Bedeu­

10
tung, wie Spuren in Amphoren, Kylices und Bügelkannen aus dem Kultzentrum 
von Mykenai
zeigen. In dort ausgegrabenen Amphoren und Bügelkannen wurde auch Olivenöl 
nachgewie­
sen; Reste von Olivenöl, Fleisch und Hülsenfrüchten fand man in einem 
dreibeinigen Kessel.
In Stamnoi wurde Olivenöl, Wein und Fisch aufbewahrt, in einer Schale 
Bienenhonig. Vor­
rats­, Misch­, dekorierte Spende­ sowie unverzierte Trinkgefäße, grobe Koch­ und 
Miniatur­
keramik aus demselben Fundkomplex deuten Trink­ und Eßgelage im Kult auf 
dem mykeni­
schen Festland an
21

.
Aus dem spätminoischen Kultbereich von Splanzia sind zahlreiche Tierknochen 
von Schwein,
Schaf und Ziege belegt; wie Spuren von Fleisch in dreibeinigen Kesseln andeuten,
könnten
Opfertiere in ihnen zubereitet worden sein. Öl­ und Gemüserückstände wie auch 
Weintrauben
wurden weiterhin in ihnen gefunden
22

.
Auf den Kultzusammenhang des Meeresdekors wies Müller aufgrund der 
Vergesellschaftung
mit Libations­ und Kultgefäßen sowie Symbolen wie Doppelaxt und Kulthörner 
hin. Eben­
falls symbolischen, wenn nicht religiösen Charakter hätte das Dekor gehabt, was 
bei darge­
stellten Doppeläxten einleuchtet. Wegen des Meeresdekors einen allgemeinen 
Meereskult zu
postulieren hielt Müller dagegen für hypothetisch. Verständlich sind die Motive 
jedenfalls
aufgrund der großen Bedeutung des Meeres für die Inselbewohner. Ob ein 
maritimes Ereignis
wie die Eruption des Thera­Vulkans mit Flutwelle am Ende von SM IA (1620 v. 
Chr.) die
Entstehung des Stiles begünstigte erscheint möglich, ist aber nicht zwingend
23

. Im Meeresstil

11
verziert waren nach Mountjoy 23 Gefäßformen in Trink­, Eß­, Kultkontexten für 
feste und
flüssige Stoffe. Sie stammen primär aus Palästen, Siedlungen und Heiligtümern, 
seltener aus
Gräbern
24

.
Mantzourani machte auf die Abbildung von Gefäßen auf Fresken aufmerksam, 
unter denen
der Sarkophag von Agia Triada eine prominente Stellung einnimmt. An 
minoischen Kera­
mikgefäßen wurden in Tylissos (SM IB, 1620 – 1520 v. Chr.) und in Akrotiri (SM
IA, 1700 –
1620 v. Chr.) Küchen­ und feine Ware der Formen Amphore, Kanne, dreibeinige 
Kessel und
Rhyton dargestellt. Spezielle Typen und Materialien für bestimmte Anlässe dürfen
angenom­
men werden
25

.
Die Keramikspektren zeigen also die Bedeutung von Eß­ und Trinkmählern sowie 
Libationen
und wenigstens Tieropfern, wofür gerade in abgelegenen Naturheiligtümern 
Vorratshaltung
betrieben werden mußte. Ein Niederschlag von religiösen Handlungen und 
Symbolen in Ge­
fäßform und Zierstil ist anzunehmen, wie etwa Prozessionsfresken und der 
Sarkophag von
Agia Triada zeigen.
19

Sakellarakis 1997, 268­311.
20

Gesell 1985, 90/91.
21

French, Hillman, Iakovidis, Martlew in: Martlew, Tzedakis 1999, 128­135.
22

Andreadaki­Vlazaki, Martlew, Mylona in: Martlew, Tzedakis 1999, 103­108.
23

Müller 1997, 317­322.
24

Mountjoy 1984, 161­219.
25

Mantzourani 1995, 123­141.

Page 6
6
Das Grab

12
Gräber stellen die Welt der Toten dar, deren Gestaltung durch die Lebenden 
aufgrund ihrer
Jenseitsvorstellungen und Werte wie auch Bilder über die toten Individuen 
vorgenommen
wird. Der Abschied stellt einen gemeinschaftsrestaurierenden Akt dar, der die vom
Tod be­
troffene Gruppe vereint und zumeist religiöse Aspekte aufgreift. In diesem 
Zusammenhang
sind die Grabbeigaben zu sehen, unter denen die Keramik eine wichtige Position 
einnahm.
Für die Minoer sind mehrstufige Bestattungsrituale anzunehmen, was die 
Bedeutung des Vor­
ganges unterstreicht. An Grabformen sind zunächst Einzel­ und 
Mehrfachbestattungen zu
unterscheiden, wobei Gefäß­ und Larnaxbestattungen zu ersterer Gruppe gehören, 
beide je­
doch auch in den Mehrfachbestattungen umfassenden Tholoi, Kammergräber etc. 
zusätzlich
auftreten können
26

.
Als am intensivsten erforscht darf man die Tholosgräber der Mesara ansehen, die 
mit ihrer
Nutzungszeit vom Früh­ bis zum Mittelminoikum und in die Hunderte gehenden 
Bestattungen
eine bedeutende Fundgruppe mit großen Keramikmengen darstellt. 
Verallgemeinerungen
sollen mit dieser Aussage jedoch nicht gerechtfertigt werden. Für einen Überblick 
über das
Spektrum der Keramikformen in diesen Körpergräbern sei auf die noch immer 
grundlegende
Publikation von Xanthoudides zurückgegriffen. Demnach enthielt die Tholos B 
von Koumasa
zusätzlich zu Steingefäßen aus Ton diverse Deckelbüchsen/Pyxiden, Deckel, 
Miniatur­
/Kannen, anthropo­ und zoomorphe Gefäße, Schalen, Lampen, kleine Tassen und 
Komposit­
gefäße
27

. Branigan, Blackman und Davaras konnten in den 1970ern die Tholos von Agia 
Ky­

13
riaki mit ihren Annexbauten ausgraben. Über die Keramikwaren wurden 
verschiedene Bau­
phasen in die Perioden FM I – MM I (3300 – 1900 v. Chr.) datiert. Hier 
dominierten insge­
samt Tassen (1058 Exemplare) vor Kannen (372), Schalen (201), Krügen (119), 
sphärischen
Pyxiden (32), Deckeln (53), Fußschalen (45), großen Schalen (39), Pithoi (18), 
Kochgefäße
(12), Larnakes (6) und je einem Kompositgefäß und einer Gußform. 
Umbelegungsmaßnah­
men während der ca. tausendjährigen Nutzung erschwerten die Abgrenzung von 
Bereichen
mit spezieller Funktion im Grab. Mit unterschiedlicher Belegungsintensität und 
Änderungen
im Grabritus muß zudem gerechnet werden, wie eine Aufschlüsselung der 
Gefäßformen nach
Phasen zeigt. Nur selten sind die Beigaben in den Tholoi individuellen 
Bestattungen zuzuwei­
sen. Anhand der zahlenmäßigen Verhältnisse von Formen im Grab wollte 
Branigan Sets (zwei
Tassen mit einer Kanne und Schale oder einem Krug in FM I/II, 3300 – 2250 v. 
Chr.) erken­
nen, die im Grabkontext auf Trinkriten hindeuten würden
28

. Miniaturgefäßen und solchen in
zoomorpher oder anthropomorpher Gestalt sollte meines Erachtens jedoch ein 
gewisser Sym­
bolgehalt – sei es profan als „Spielzeug“, sei es kultisch ­ nicht abgestritten 
werden, und all­
gemein kann bei allen Gefäßen die Funktion als Behältnis für den Inhalt als 
primärer Grab­
beigabe als erstes aufgeführt werden.
In dieser Hinsicht sind die naturwissenschaftlichen Untersuchungen von Belang, 
die etwa in
der spätminoischen Kammergrabnekropole von Armenoi/Rethymnon durchgeführt
wurden.
Dort wurden in einem zu Kochzwecken verwendeten dreibeinigen Kessel aus dem
Dromos
eines Grabes Fleisch und Olivenöl sowie möglicherweise Milch nachgewiesen, 
aus einer

14
Grube stammt ein dreibeiniger Kessel mit Spuren von Olivenöl, Getreide, Fleisch 
sowie Hül­
senfrüchten. Weitere dreibeinige Kessel wiesen Spuren von Pflanzenmaterial auf; 
ein Känn­
chen enthielt Wachsreste (keine Ölspuren), eine Amphore Öl. Aus Alabastra kennt
man Öl­
oder Wachsspuren. Aufgrund des keramischen Formenspektrums, das ergänzt 
wurde durch
Tassen, Krüge, Kannen, Kylices, Rhyta, korbartige Gefäße, Hydrien, Askoi sowie 
Bügel­ und
Doppelkannen, waren feste wie flüssige Lebensmittel und Kosmetika übliche 
Beigaben.
26

Pini 1968.
27

Xanthoudides 1924, 4­15.
28

Blackman, Branigan 1982.

Page 7
7
Ayia Kyriaki ist aufgrund seiner Anbauten, die auf Raumdifferenzierungen 
hindeuten, und
eines Vorplatzes von besonderem Interesse. Die archäologische Forschung kann 
dabei aller­
dings nur im besten Fall den letzten Zustand fassen. Branigan sah wegen der 
beschränkten
Räumlichkeiten den Vorplatz als Ort für Riten, die unabhängig vom Grabkontext 
durchge­
führt worden sein könnten (Schalen und Fußgefäße wie in Ayia Kyriaki sind selten
in anderen
Tholoskontexten), vor allem aber auch im Anschluß an die Bestattung mit 
anscheinend mehr­
stufigem Ablauf. Auf dem Platz befand sich in Ayia Kyriaki eine mit Keramik 
gefüllte Grube,
die Branigan mit einem „Gründungsdepot“ in Verbindung brachte. Eine hier 
befindliche
Steinplattform wurde mit „Altären“ wie in Kamilari verglichen.
Der Tote wurde mit den Beigaben – darunter auch mögliche „Trinksets“ und 
Gefäße mit Le­
bensmitteln, Kosmetik etc. – in der Grabkammer bestattet, bei Überbelegung in 
nachträglich

15
geschaffene Räumlichkeiten umgebettet. Kleine Vorräume (Ayia Kyriaki Raum 5)
könnten
der Aufbahrung des Leichnams gedient haben; sie waren frei von Bestattungen 
und Beigaben.
Solche mit Bänken (Ayia Kyriaki Raum 2) sind selten und waren möglicherweise 
der Ort für
Trinkgelage (Lebena Raum AN mit Bank, konischen Tassen und Kannen)
29

.
Exemplarisch läßt sich somit die Bedeutung von Trinkgefäßen neben der Beigabe 
fester wie
flüssiger Lebensmittel und Kosmetika in minoischen Gräbern fassen, die im 
Grabritus der
minoischen Kultur verankert gewesen sein muß.
Fazit
Die Arbeit hatte die Herausarbeitung der Bedeutung des Kontextes für die 
minoische Keramik
zum Ziel. Trotz diachroner Änderungen zeigten sich für die Bereiche Palast, Haus 
und Hei­
ligtümer verbindende wie spezifische Gattungen und Merkmale, die auf ebenso 
beschaffenen
Funktionen der Fundstätte beruhen. Sozial ist die Tendenz zu multifunktionalen 
Gefäßen im
Haus­ und zu auf einzelne Aktivitäten spezialisierte Typen zu interpretieren. In der
Zukunft
wäre es wünschenswert, die naturwissenschaftlichen Analysen verstärkt auf die 
Feinkeramik
anzuwenden, um ihr auch eine von kunstgeschichtlichen Aspekten losgelöste 
Würdigung auf­
grund vielleicht unerwarteter Ergebnisse zukommen zu lassen. Gleichzeitig muß 
die Grobke­
ramik die ihr sozial­ökonomisch zustehende Beachtung und Erforschung erfahren. 
Die Aus­
stellung „Minoans and Mycenaeans ­ Flavours of their time“
30

stellte in dieser Richtung einen
wichtigen Schritt dar, dem weitere folgen sollten. Desweiteren gilt es bei der 
Ausgrabung,
Fundzusammenhänge detailliert zu dokumentieren, um wenigstens eine solide 
Bühne einer

16
fernen Welt zu besitzen, auf der unsere Rekonstruktionen und Modelle spielen 
können.
29

Branigan 1993, 17­32, 119­141.
30

Martlew, Tzedakis 1999.

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Xanthoudides, St., The vaulted tombs of Mesara. London 1924.
Tobias Mühlenbruch
Hauptstr. 92
D ­ 69207 Sandhausen
Minoische Kunst , Bezeichnung für die ägäische Kunst der Stein-, Kupfer- und
Bronzezeit mit Zentrum in Kreta. Getragen wurde die Minoische Kunst vor allem von
den Bewohnern Kretas, den Minoern, deren Name auf den mythischen König * Minos
zurückgeht.

Der Begriff minoische Kunst wurde von Sir A. Evans geprägt und nach den in
Knossos gemachten Funden in drei Hauptperioden mit jeweils drei Unterepochen
gegliedert, beginnend mit dem Frühminoikum, ca. 2700-2000 v. Chr., in dem der
Übergang von der * Steinzeit zur * Bronzezeit erfolgte. Aus der so genannten
frühminoischen Kunst I (ca. 2700-2400) sind vor allem Keramiken mit dunklem *
Scherben und weißem Ritzdekor sowie in Ostkreta auf ägyptischen Einfluss
zurückgeführte Tonwaren mit hellem Scherben und roter * Schlickerverzierung
erhalten. In der frühminoischen Kunst II (ca. 2400-2200) wurden Keramiken bereits
mittels der Töpferscheibe hergestellt und dabei die Formen der Metallgefäße
übernommen; die Art wird als "Vasilikigruppe" bezeichnet. Der Überzug der

19
Keramiken ist durch ungleichmäßigen Brand oft fleckig oder geflammt gezeichnet.
Aus der Periode sind auch bereits * Siegel erhalten.

In der frühminoischen Kunst III (2200-2000) wurden verstärkt die bis dahin
verwendeten Geräte aus Stein bzw. Kupfer durch solche aus Bronze ersetzt. Die
Keramiker begannen zu der Zeit ihre Produkte zu bemalen; typisch sind Spiralmotive
und erste Tierdarstellungen. Im Mittelminoikum wird die Epoche I und II (2000-1700
v. Chr.) meist zusammengefasst und oft als so genannte "Erste Palastzeit" bezeichnet,
wobei sich die Kultur vom Osten Kretas mehr zum Norden der Insel verlagerte, wo
große Siedlungen und in Knossos die ersten Palastbauten entstanden. Zu den Funden
zählen Doppeläxte und lange Dolche. Einer der Hauptfundorte war die Kamareshöhle,
eine alte Kultstätte. Der Dekor der Tonwaren bestand zu der Zeit hauptsächlich aus
Spiralen, Rosetten, Wellenbändern und Tierdarstellungen. Es entstanden die ersten
plastisch verzierten Tonwaren, hergestellt mittels aufgetupftem * Schlicker (*
Barbotine).

Aus der Zeit stammende Keramik mit besonders dünner Wandung ist unter der
Bezeichnung "Eierschalenware" bekannt; meist handelt es sich dabei um einhenkelige
Schalen. Als * Siegelstempel wurden bereits * Schmucksteine verwendet. Um 1700 v.
Chr. ist ein starkes Erdbeben nachweisbar, das nahezu alle Bauten auf Kreta zerstörte,
auch die Paläste in Knossos und Phaistos. Die danach folgende Aufbauphase fällt in
die dritte Epoche der mittelminoischen Kunst (1700-1580), die meist mit der ersten
und zweiten Epoche der spätminoischen Kunst zusammengefasst (1700-1400 v. Chr.)
und dann "Zweite Palastzeit" genannt wird. In diese Phase fällt die Legende des
mythischen Königs * Minos, mit dem * Labyrinth des * Minotaurus.

Die spätminoische Kunst I erstreckt sich über den Zeitraum von ca. 1580-1480 v. Chr.
Sie wird vom so genannten "Florastil" und vom "Meeresstil" beherrscht, bei denen
Darstellungen von Blumen bzw. Fischen, Muscheln Korallen usw. überwiegen. Die
spätminoische Kunst II umfasst den Zeitraum von ca. 1480-1400 v. Chr. Sie ist
besonders in Knossos ausgeprägt, und es wird in dem Zusammenhang vom so
genannten "Palaststil" gesprochen. Gegen Ende 15. Jh. v. Chr. wird der Ausbruch des
Santorin-Vulkans angesetzt, der zu einer erneuten Zerstörung der Bausubstanz führte.
Heute wird der Ausbruch manchmal in die zweite Hälfte 17. Jh. v. Chr. datiert.

Die dritte Phase der spätminoischen Kunst währte von ca. 1400-1000 v. Chr. Zu den
in Verbindung mit der zweiten Palastzeit am häufigsten Erwähnung findenden
Objekten der minoischen Kunst zählen die so genannten Schlangengöttinnen, von
denen aus * Fayence bestehende sowie aus Elfenbein geschnitzte und mit Goldblech
verzierte Exemplare erhalten sind. Beispiele finden sich etwa im Museum of Fine Arts
in Boston, in der Walters Art Gallery in Baltimore und im Royal Ontario Museum of
Archaeology in Toronto. Auch an den bekannten elfenbeinernen "Stierspringern" ist
die bildhauerische Fertigkeit der minoischen Künstler zu erkennen. Es wurden
Fragmente von drei Springern geborgen, u. a. ein äußerst naturalistisch gestalteter
Arm, an dem die angespannte Muskulatur und sogar die hervortretenden Adern zu
sehen sind. Bei einem der Funde reichte das Material aus, um die Jünglingsfigur zu
rekonstruieren. Die fehlenden Teile formte A. Evans, ihr Entdecker, aus Wachs.
Seinen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass die aus Elfenbein geschnitzten
Akrobaten, ebenso wie die Schlangengöttinnen, mit Gold kombiniert waren; u. a.
bestand das Haar der Stierspringer aus dünnen Golddrähten. Da weder die kretischen

20
Hieroglyphen noch die Linear-A-Schriften entziffert werden konnten, ist man auf die
Kunstwerke angewiesen, um sich von den Minoern ein Bild machen zu können.

So vermitteln beispielsweise die zahlreichen Wandmalereien im Königspalast eine


Vorstellung von der Lebensweise auf Kreta. Nicht Kampf und Heldentaten wurden
verherrlichend dargestellt, sondern anmutige, heitere Menschen, insbesondere stolze,
schöne Frauen. Eine von ihnen, auf einer Wandmalerei wiedergegeben (Herakleion
Museum), wird ihrer Ausstrahlung wegen "La Parisienne" (die Pariserin) genannt.
Nach dem selbstbewussten, fast hochmütigen Gesichtsausdruck der dargestellten
Minoerinnen zu schließen, nahmen die Frauen in dem durch Handel reichen, von
Kunst und Kultur geprägten Staat sicherlich keine untergeordnete Stellung ein. Sie
konnten sich vermutlich selbständig und selbstbewusst entfalten, da die Männer viel
Zeit auf See verbrachten. Die Minoer segelten, um Handel zu treiben, über das Meer
nach Westen, zumindest bis Sizilien, und nach Osten zu den phönikischen und
kleinasiatischen Städten. Im Frühminoikum vermischten sich die aus Kleinasien
stammenden Einwanderer mit der jungsteinzeitlichen Bevölkerung von Kreta. Die
Fürsten von Mallia, Phaistos und Zakro waren Vasallen des Königs von Knossos, und
es herrschte Friede im Land, abgesehen von gelegentlichen Überfällen vom Festland
her. Angst hatten die Minoer nur vor dem Erderschütterer, den sie sich als großen
schwarzen Stier vorstellten, der tief unter dem Königspalast hauste und manchmal
grollte. Nach dem Erdbeben um 1700 v. Chr. wurden die Gebäude wieder aufgebaut.
Die Paläste waren danach noch größer, schöner und funktioneller als früher, mit
prächtigen Wandmalereien und Klosetts, die bereits über eine Wasserspülung
verfügten. Nach der Unterwerfung der Minoer durch die Mykener im 15. Jh. v. Chr.
setzte sich die insulare Minoische Kunst durch verschleppte Minoer zum Teil im
kontinentalen Griechenland fort, beginnend in der Argolis, der Wiege von Mykene.
Vgl. * mykenische Kunst.

21
‘NATURKULTRÄUME’ AUF KRETA UND THERA:AUSSTATTUNG,
DEFINITION UND FUNKTIONBetrachtet man die rekonstruierbare
Freskoausstattung von Räumen unterschiedlicher Funktion in der Neupalastzeit, so
fällt eine relativ kleine Gruppe durch äußerst lebendige Naturdarstellungen deutlich
heraus. Es handelt es sich durchweg um sehr kleine Kammern mit kaum mehr als 6qm
Bodenfläche, die vollständig ausgemalt sind, obwohl weder ihre Beleuchtung
ausreicht noch ihre Größe zur repräsentativen Nutzung geeignet ist.Das älteste in der
Forschung bekannte Beispiel ist Raum 14 der Villa von Hagia Triada (Taf.
XVIa).11902 wurde diese 160 x 235 cm messenden, also 3,76qm große Kammer
freigelegt, an deren Ostwand das Fresko der sog. Frau von Hag.Triada noch in situ die
Bruchsteinwand zierte. Die Fresken der aus den üblichen Platten bestehenden Nord -
und Südwand - mit Ausnahme eines kleinen Fragments auf den Platten in der
Nordostecke - lagen auf dem Boden verstreut, die Westwand, die genau zwei Türjoche
des Polythyrons einnimmt, war offenbar undekoriert; die nördliche Polythyron-Tür
diente als Wandschrank, die Südliche als Eingang. Der Boden bestand aus
Putzestrichplatten mit einem eingelassenen Rechteck von 98cm Breite, 1,54m entlang
der Nordwand, das von den Ausgräbern als Standplatz für ein Bett interpretiert wurde
(Taf. XVIb).Die in ihrer malerisch-naturalisierenden Art den Zeitgeschmack des
beginnenden 20. Jahrhunderts sehr ansprechenden Fresken wurden bereits 1903 in
Aquarellkopien vorgestellt,2die ihre Wirkung auf die Kunstgeschichte nicht verfehlten
und wesentlich dazu beitrugen das durchaus revisionsbedürftige Bild der minoischen
Wandmalerei als “Naturmalerei der Bronzezeit” in der Öffentlichkeit zu prägen.In
einer neuen, ausführlichen Publikation sind diese Fresken und ihre Kopien von Pietro
Militello endlich vollständig vorgelegt worden, die einer halbwegs sicheren
Rekonstruktion der Raumausstattung die Grundlage gibt3(Taf. XVIc). Unbestritten
befand sich demnach an der Rückwand im Osten die sog. ‘Frau von Hag. Triada’:Vor
einem nicht genauer begrenzten landschaftlichen Hintergrund tanzt eine Frau in einem
reichen, fein gemusterten Volantrock barfuß vor einer Mauer.4Die ganze Figur ist
nach rechts orientiert; der von der Taille an fehlende Oberkörper besaß zudem eine
leichte Beugung, ebenfalls nach rechts, wie der erhaltene Bauchansatz zeigt. Am
linken oberen Rand beginnt, über einer in verschiedenen Brauntönen gegliederten
Landschaft, aus der markante farnartige Gebilde sprießen, eine Art Architektur in
grauen und rosafarbenen Tönen, die sich nach rechts in der grauen Mauer, vor der die
Frau tanzt, fortsetzt. Ob hier ein Heiligtum oder eine Stadt gemeint war, läßt sich
nicht mehr erkennen. Das gesamte Bild lebt aus dem feinen Kontrast zwischen dem in
Erdfarben gehaltenen vegetabilen und architektonischen Hintergrund, der von
dunkelbraun im unteren Bereich nach oben immer heller wird, und der leuchtend
azurblauen Pracht des Volantrocks mit seinen karminroten Rosetten und den rot-
braun-blau gestreiften Säumen. Die rekonstruierbare Höhe der Gesamtdarstellung
müßte etwas mehr als 220cm betragen haben, was bei einer errechneten Raumhöhe
von 300-360cm noch genügend Raum für eine obere Zone läßt, die zum Fresko hin -
nach Ausweis von Fragment V 21 (s.u.) - mit Horizontalstreifen begrenzt war. Diese
umlaufende Begrenzung müßte an der 1L. BANTI, F. HALBHERR, E. STEFANI,
ASAtene 39 (1977) 91ff.; Hagia Triada I 73ff.2F. HALBHERR, MonAnt 13 (1903)
5ff. mit Zeichnungen von E. STEFANI; die wesentlich getreueren und weniger
“graphischen” Aquarellkopien E. Gilliérons entstanden wohl erst um 1910.3Hagia
Triada I 99ff.4Tanzen als Motiv ist wahrscheinlicher als ein Auf-Mauer-Sitzen, zumal
es für das Tanzen ikonographische Parallelen gibt - vgl. die ausführliche Diskussion
bei Hagia Triada I 253ff.

22
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Page 2
70Veit STÜRMERRückwand jedoch deutlich höher als 193cm (=Türhöhe) gelegen
haben, da sonst die Bildzone nicht unter zu bringen wären.5Auch bei einer in das Bild
integrierter Sockelzone befände sich die obere Begrenzung bei 220cm.Die Fresken
der Seitenwände unterscheiden sich ganz klar durch Darstellung und Farbgebung von
Flora und Fauna, was die Zuweisung der teilweise recht kleinen Fragmente relativ
problemlos ermöglicht: zum einen eine Felsenlandschaft mit Tieren, zum anderen eine
Gartenlandschaft mit Krokusbüscheln und Lilien auf blauem Grund.Zur einen Wand
gehört das bekannte ‘Katzenfresko’: Dieses relativ kleine Fragment läßt eine ganze
Szene von höchster Lebendigkeit aus einem größeren Zusammenhang erkennen. Von
rechts schleicht, den Kopf geduckt zwischen den Schulterblättern hervorschiebend,
eine Katze über ‘Felsen’ heran; die Pfoten berühren die Felsen kaum. Nur ein in der
Mitte des Fragments aus einem rotbraunbläulich marmorierten Felsen aufwachsendes
efeuartiges Gebüsch in braungrauer Farbe trennt die Katze noch von dem auf einem
weiteren ‘Felsen’ sitzenden, nach links gewendeten wiedehopfartigen Vogel in
rostrotem Gefieder mit braunen Deckfedern. Dieses Gebüsch wird durch die Aktion,
die sich in dem auf das Ziel der Begierde gerichteten Katzenkopf und dem ahnunglos
abgewandten Vogel konzentriert, zu einem nahezu knisternden Spannungsraum
zwischen Opfer und Täter.6Die Szene wird unten von einem gemalten waagerechten
Holzbalken begrenzt, dem vermutlich ein Sockel zum Boden hin folgte, der
wahrscheinlich auch auf der anderen Wand zu ergänzen ist. Mit dieser Sockelzone
ließe sich die unterschiedliche Höhe der Fresken von Rückwand und Seitenwänden
befriedigender ausgleichen als mit der Annahme unterschiedlich hoher oberer
Abschlüsse (vgl. Taf. XVIc). Zum ‘Katzenfresko’ gehören noch 65 Bruchstücke,
darunter drei wichtige Fragmente: zum einen Reste von springenden Agrimi, die bei
der Restaurierung des Originals durch Jannis Zografakis auch eingefügt wurden zum
anderen ein von Militello identifiziertes Stück des oberen Randes mit den
begrenzenden Horizontalstreifen (V 21).7Ein drittes, nach Halbherr - Stefani - Banti
in situ an der Nordwand, in der Nordostecke, gefundenes Fragment mit demselben
efeuartigen Gebüsch in einer Felsenlandschaft ergäbe eine Zuweisung des
Katzenfreskos zur Nordwand.8Nach Militello gehört dieses Fresko aber zur Südwand,
was unter anderem durch eine unveröffentlichte Skizze von Halbherr bestätigt
ist.9Dazu kommt, daß das bei Halbherr-Stefani-Banti abgebildete Fragment nicht von
einer der Ecken stammen kann, da es eindeutig die Fortsetzung des etwa in der
westlichen Hälfte rekonstruierbaren Katzenkörpers darstellt.10Zur Nordwand gehört
folglich das Fragment der ‘Knieenden’, was mit Krokusbüschel und Lilien in einen
gemeinsamen Bildzusammenhang ergibt. Die auf mittelbraunem Grund gemalten
Krokusse sind hier weiß mit roten Stempeln, grauen Kelchblättern und roten Stengeln.
Direkt unter dem rechten Unterschenkel der Knieenden sind noch die Reste eines
grünen Büschels erkennbar. Die Knieende, von der nur ein Teil der Ober- und
Unterschenkel erhalten ist, trägt einen himmelblauen Rock, der mit einem graublau
gepunkteten Schuppenmuster verziert ist. Der Saum, zwischen den Beinen gut zu
erkennen, war tiefblau und karminrot. Wie das linke, leicht vorgeschobene Knie und
die linke Wade zeigen, besaß der Rockstoff entweder auch ungeschuppte Teile oder
bestand aus mehreren Lagen verschiedener Stoffe desselben Grundtons.5Dies wird
von Hagia Triada I 100 für die Seitenfresken angenommen; Militello geht daher von
unterschiedlichen Höhen aus, was m.E. schwierig vorzustellen ist, vgl. Taf. XVIc mit
umlaufender oberer Begrenzung.6Genau dieser fehlt den oft als Vergleich
herangezogenen ägyptischen Katzen völlig; auch wenn ihre Aktion dem

23
naturerfahrenen Betrachter klar ist, bleibt die Katze in ihren Zügen dabei doch
unbeteiligt; der ungeheure Spannungsraum des minoischen Bildes entsteht hier nicht,
höchstens eine Art “Aktionsraum.” Vgl. die berühmte Katzendarstellung aus einem
Grab von Beni-Hasan in der Zeichnung von Howard CARTER, AW 24 (1993) H. 1,
51 Abb. 1.7Hagia Triada I 125 u. Taf. 7a.8BANTI, HALBHERR, STEFANI a.O. 91 u.
Abb. 58.9Freundliche Mitteilung von P. MILITELLO vom 19. 6. 00.10Hagia Triada I
114 Abb. 29 (Reko Stefani) u. Taf. 6 (Reko Militello).
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Page 3
‘NATURKULTRÄUME’ AUF KRETA UND THERA71Zur Landschaft der
Knieenden gehörend, stellt das halbkreisförmig angeordnete ‘Krokusbüschel’ farblich
eine Variante dar. Vor einem es wie ein “Lichtschein” umgebenden hellen Hintergrund
innerhalb einer rotbraunen Felsenlandschaft stehend, weist es rostbraune Blüten,
Stempel und Stengel, dagegen weiße Kelchblätter auf.11Im Hintergrund sind braune
brombeerartige Blätter mit gezacktem Rand und feiner hellblauer Äderung zu
erkennen, zwischen denen merkwürdige wolkenartige hellblaue Gebilde zu sehen
sind. Ganz rechts ragt noch die Spitze einer Lilienstaude empor; einzelne braune
Krokusblüten sind am unteren Bruchrand zu erkennen, die zu einer mehr im
Vordergrund stehenden weiteren Staude gehört haben könnten.Weiter gehören drei
Fragmente mit Lilien vor blauem Hintergrund zu dieser Wand. Aus rotbraunen
‘Felsen’, vor denen sich ein Krokusbüschel, diesmal mit weißen Blütenblättern,
weißen Stempeln und grünen Kelchblättern, erhebt, wachsen feine rotbraune
Lilienstauden in einen blauen Hintergrund, der nach oben wellenartig von
graubraunen Flächen mit roten und weißen, wie Blüten aussehenden Farbtupfen
abgeschlossen wird. Zwischen Felsen und Krokus sind wieder rotbraune
“Brombeerblätter” zu erkennen.In diesen Teil des Freskos gehört noch ein 1904
angeblich in der Südostecke in situgefundenes Fragment mit Brombeerblatt und Lilie,
das leider verloren ging.12Auch hier liegt wieder eine Verwechslung von Nord und
Süd vor, wie sie von Militello für die Publikation von Raum 14 nachgewisen werden
konnte, die wohl der langen Zeit zwischen Grabung und Publikation geschuldet
ist.13Die Rekonstruktion der Fresken und ihrer Anbringung von Pietro Militello
basiert auf allen verfügbaren Fragmenten und ist ausführlich begründet. Auch der
drastische Wandumbruch der einzelnen Landschaften ist, wenn man die erhaltene
Nordostecke berücksichtigt, belegt. Ob dabei inhaltliche oder gestische Beziehungen
über die Einzelszenen hinaus bestanden, ist zwar zu vermuten, nicht aber eindeutig zu
klären.Die Beleuchtung der Kammer konnte eigentlich nur durch Kunstlicht erfolgen,
da Raum 13 als Polythyronsaal nicht hypaitral gewesen sein kann, die südliche
Vorhalle von 13 über ein Fenster zur Vorhalle 12 beleuchtet wurde und das große
Fenster zu 52 zwar 13 mit etwas indirektem Tageslicht versorgen konnte, nicht aber
14.14Hinzu kommt, daß die nördliche der zwei Türen zugemauert worden war, um
einen Wandschrank zu erhalten.Vergleichbare Räume mit “Vollausstattung” - d.h. mit
vollständig bemalten Wänden und nicht nur mit Friesen, wie im ‘House of frescoes’ -
kamen erst mit der Ausgrabung von Akrotiri zu Tage,15und zwar zuerst mit dem
‘Lilienzimmer’ in Haus Delta, Raum 2 (Taf. XVIIa):16Die Situation des 2,20 x 2,60m
(5,72qm) großen Raumes ist der in Hagia Triada sehr ähnlich, da auch hier der Raum
mit zwei dünnen Wänden wie eingebaut wirkt und über eine Art Verteilerraum zu
erreichen ist. Der Zugang des 1970 von Sp. Marinatos ergrabenen Raumes liegt im
Osten; die ganze Ostwand besteht aus der typischen Tür/Fensterrahmenkonstruktion.
Erhalten haben sich die Fresken der Süd-, West- und Nordwand nahezu
vollständig:11Diese “Farbspiele” sind bezeichnend für die minoische Wandmalerei.

24
Offenbar ging es insgesamt mehr um Variation bzw. “Stimmung” innerhalb einer
Wanddekoration als um Naturalismus. Diese “bisnahezu-an-die-Natur-herange-
hende,” aber nie ganz naturalistische und daher wohl eher “naturalisierend” zu
definierende Reproduktionsweise findet sich auch in anderen Gattungen, wie der
Keramik, wieder, vgl. V. STÜRMER, MM III. Studien zum Stilwandel der
minoischen Keramik (1992) 6. 181ff. 12HALBHERR, STEFANI, BANTI a.O. 93
Abb. 59.13P. MILITELLO, Sileno (1992) 103 Anm. 12.14Falls Raum 51 die
nördliche Vorhalle von 13 erfüllte. könnte noch etwas indirektes Licht hinzukommen.
Der Bereich ist allerdings zu zerstört, um sichere Aussagen machen zu können.15Die
einzelnen Fragmente sind im folgenden nicht aufgeführt, da die Rekonstruktion der
wesentlich besser erhaltenen Fresken kaum Probleme aufwirft. Die Fresken stehen
mit exzellenten Farbabbildungen in der Publikation von C. DOUMAS, The Wall-
paintings of Thera (1992) zur Verfügung, was eine erneute Reproduktion überflüssig
macht.16Thera IV 20ff.; DOUMAS a.O. 99ff. Abb. 66-76.
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Page 4
72Veit STÜRMERDurchgehend, ohne Rücksicht auf die Wandecken, ist der Raum
mit einer minoischen ‘Felsenlandschaft’ dekoriert, die auch gleichzeitig den Sockel
mit übernimmt. Die auf den ersten Blick ‘natürlich’ wirkenden Felsen sind stark
schematisiert, was sowohl ihre Dreifarbigkeit betrifft als auch ihre Form - an jeder
Wand gibt es einen stumpf kegelförmigen, einen spitz kegelförmigen und einen
hammerartig unterschnittenen ‘Felsen’;. das gleiche gilt für die roten Lilien.
Einzigartig in ihrer nahezu experimentellen Naturnähe sind dagegen die Schwalben
im Luftraum darüber. Einzelbewegungen und perspektivische Drehungen weisen in
dieser Art weit in die Zukunft der europäischen Malerei und sind in der Bronzezeit
absolut einmalig.Der guten Erhaltung des Raumes ist es zu danken, daß sich ein
Wandbord aus Rabbitz an Süd- und Westwand erhalten hat, auf dem eine größere
Anzahl Skuteli in situ lag; der auf Bodenhöhe in die Nordwand eingelassene kleine
Wandschrank enthielt noch die Gefäße in situ; ein Teil der auch im Raum selbst
reichlich vorhandenen Keramik war mit einer eingeritzten Doppelaxt verziert. Vor der
Südwand stand ein Bett, das nach der Fundsituation nicht direkt auf dem Mosaiko-
Boden des Raumes gestanden hat, sondern auf einer aufgeschütteten Schicht aus
kleinen Steinen, wahrscheinlich also erst nach dem Vorbeben hier aufgestellt
wurde.Wie in Hagia Triada ist die Beleuchtung des Raumes mehr als kümmerlich, so
daß die Ausstattung entweder kaum wahrnehmbar war oder gezielt von Lampen
erhellt wurde, was der ganzen Szenerie zudem etwas Geheimnisvolles gegeben
hätte.Eine Kombination aus reiner Naturdarstellung und Kultszenen, wie in Hagia
Triada, bietet der Doppelraum im ‘Frauenhaus’ (Taf. XVIIb):17Der 1971
ausgegrabene Raum 1 besteht aus einem östlichen Vorraum von 1,60 x 2,40 (3,8qm)
und einem westlichen fast quadratischen Raum von 2,20 x 2,10m (4,6qm). Unter dem
Schistplatten-Boden des Westraums fanden sich 4 mit Lehmziegeln ausgemauerte
Bodenkisten, gefüllt mit bemalten Gefäßen, die von Sp. Marinatos zurecht als eine Art
“Temple repositories” interpretiert worden waren. Auf der Ostseite der Trennwand
zwischen den beiden Kammern lagen zahlreiche Skuteli, die auf ein Regal an dieser
Stelle hinweisen.Die Ausmalung beider Räume ist thematisch vollkommen getrennt:
der westlich, innere Teil mit den Bodenkisten war offenbar vollständig mit
Papyrospflanzen18in Dreierbüscheln ausgemalt, die aus einer gewellten Bodenzone
emporwachsen und deren weißer ‘Luftraum’ nach oben von einem mehrfarbigen
Horizontalband abgeschlossen wird. Zwei Wandnischen in der Westwand und in der
Nordwand sind ähnlich der Nische des ‘Lilienzimmes’ kompositorisch nicht

25
berücksichtigt worden; insgesamt erinnert die Art der Dekoration an die des
‘Lilienzimmers’.Der östliche Raum war dagegen mit einer szenischen Darstellung
ausgeschmückt, von der sich an der Südwand - durch einen Vertikalstreifen sauber
getrennt von den Pflanzen - eine Frau in prächtigem Volantrock und Jäckchen nach
Osten wendet. Auf der Nordwand reicht eine nach vorne gebeugte ähnlich gewandete
Frau offenbar ein Kleidungsstück in der Hand nach rechts (Osten) an eine weitere
offenbar sitzende weibliche Person. Bodenlinie, weißer Luftraum und die blaue
Wellenlinie mit dem darüberliegenden Sternengitter sind bei beiden Fragmenten
gleich und lassen an eine einheitliche szenische Ausmalung denken. Das Thema der
Darstellung könnte tatsächlich die Ankleidung der Oberpriesterin gewesen sein.Die
Beleuchtung ist auch in diesem Fall äusserst schwierig: lediglich der Vorraum mit den
Frauen erhält bei geöffneter Tür schwaches Licht über einen Korridor, der sich
anschließende ‘Temple-repositories’-Bereich war nur künstlich zu
beleuchten.17Thera V 11ff.; DOUMAS a.O. 33ff. Abb. 2-12.18Marinatos sah in den
Pflanzen überdimensionierte Strandlilien (“Seadaffodils”); Doumas verteidigt dies
erneut in “The Wall-paintings of Thera” (ff.). Die ikonographische Herleitung von den
Papyros-Blüten, wie sie schon P. WARREN 1976 vorschlug (AAA 9, 1976, 89ff.)
scheint mir wahrscheinlicher.
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Page 5
‘NATURKULTRÄUME’ AUF KRETA UND THERA73Diesen relativ gut erhaltenen
Räumen mit vergleichbarer Ausstattung läßt sich noch das ‘Affenzimmer’, Haus B,
Raum 6, assoziieren, auch wenn sein Erhaltungszustand problematisch ist (Taf.
XVIIc):19Der 2,75 x 2.80 (7,7qm) große Raum mit Nische und einem Bothros vor der
Westwand ist durch einen späteren Wasserlauf unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen
worden. Die 1969 in diesem Raum gefundenen Fresken waren daher weit verstreut
und könnten ebensogut, wie Marinatos vermutete, auch aus einem Raum des ersten
Obergeschosses gefallen sein, dessen Grundriß nicht rekonstruierbar wäre. Tatsache
ist, daß bereits 1968 Teile des Affenfreskos an der Oberfläche auftauchten.20Die in
einer Felsenlandschaft jagenden und tollenden Affen füllen wiederum die ganze
Wand; die Szene integriert den wellenartig gestalteten Sockel, der obere
Wandabschluß ist als Wellenspiralband gestaltet. Ähnlich wie die Felsen des
Lilienzimmers ist auch hier die Landschaft eher schematisch wiedergegeben, während
die Bewegungsperspektive der Affen liebevoll bis zur Frontaldarstellung eines
Affenkopfes eingefangen wurde. Während die Affen sicher an Nord- und Westwand
anzunehmen sind, bleibt eine kleine Szene mit anderen Tieren, die später von
Marinatos selbst und auch von Doumas überzeugend als Rinder und nicht als Hunde
interpretiert wurden,21ohne sicheren Anbringungsort. Von der Art der Landschaft
gehört es mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Ausstattung desselben Raumes, auch wenn
der Maßstab kleiner ist.Beleuchtung und Zugang sind beim heutigen
Erhaltungszustand nicht mehr zu ergänzen.Die Einzelszenen - vor allem die der Villa
von Hagia Triada - sind in ihrer kultischen Bedeutung zuletzt von Paul Rehak und
Pietro Militello erschöpfend behandelt worden;22mir geht es um die Funktion dieser
Räume: kleine, kaum beleuchtete Kammern mit stilisierter und damit auch überhöhter
Naturdarstellung, zu der auch Kultszenen - getrennt oder direkt verbunden - treten
können. Die Interpretation dieser Kammern als Schlafzimmer wie in Falle von Hagia
Triada befriedigt kaum, da hierzu das Bildprogramm zu sehr auf ‘sakrale Natur’
hinweist - zudem ist das Bett im ‘Lilienzimmer’ von Akrotiri wohl erst nach dem
Vorbeben, d.h. nach dem Verlust der ursprünglichen Funktion aufgestellt
worden.23Gerade die aufwendige ‘Vollausstattung’ der im wesentlichen künstlich

26
beleuchteten Kammern läßt eher an eine Art Meditationsraum denken, in dem sich die
Priesterin auf die kultischen Handlungen vorbereitete. Betrachtet man das bewegliche
und feste Mobiliar, so fallen vor allem Wandschränke und -nischen auf.
Höchstwahrscheinlich kommt daher noch die Funktion der Sakristei hinzu, wobei sich
beide Funktionen durchaus verbinden lassen. Raum 1 des ‘Frauenhauses’ von Akrotiri
scheint diese Interpretation dadurch zu bestätigen, daß hier beide Funktionen offenbar
(noch?) getrennt sind: die Ostkammer mit der Ankleideszene wäre demnach die
Sakristei, die Westkammer mit der sakralen Landschaft sowohl das Sakraldepot als
auch der Meditationsraum, den man auch als eine Art ‘Naturkultraum’ bezeichnen
könnte. Ob sich beide Funktionen wirklich trennen lassen muß dabei offen
bleiben.19Thera III 33ff.; DOUMAS a.O. 110f. 120ff. Abb. 85-91.20Thera II 53f. Taf.
B,1 (Das Gebiet des späteren Gebäudes Beta hieß damals noch “Brounou 2”).21Thera
V 38.22P. REHAK, The role of religious painting in the function of the Minoan Villa:
The case of Ayia Triadha, in R. HÄGG, The function of Minoan Villa (1997) 163ff.;
Hagia Triada I 250ff.23Dies wird schon von W.-D. NIEMEIER (EIKVN 97ff.)
deutlich hervorgehoben. Die dazugehörige - erheblich größere als hier vorgeschlagene
- Raumgruppe wird bei ihm in seiner “3. Kategorie” zusammengefaßt, eine Art
“Privatkultraum.” Die Räume mit ‘Naturausstattung’ unterscheiden sich m.E.
durchaus von den anderen und sind als Untergruppe zu faßbar, während die anderen
eher in den Bereich der privaten Repräsentation zu gehören scheinen.
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Page 6
74Veit STÜRMERDie stilistischen Mittel, die im Funktionszusammenhang der
‘Naturkultraumausstattung’ verwendet werden, unterscheiden sich in der maximalen
Annäherung an Naturabbildung, etwa in der Körperperspektive etc. Dieser
‘Funktionsstil’24ist zweifellos am nächsten verwandt mit dem der Miniaturfresken
und gehörte offenbar so unmittelbar zur minoischen Religionskultur, daß er im
Gegensatz zu anderen in den mykenischen Residenzen nicht mehr auftaucht.Veit
STÜRMER24Der feste Zusammenhang von Funktion und Stil im Minoischen, der
vor allem bei gleichbleibender Funktion eine Stilentwicklung im klassischen Sinne
bremst bzw. sogar verhindert und es umgekehrt ermöglicht, bei getrennter Funktion
zwei Stile gleichzeitig zu nutzen ist von mir am Beispiel der Siegel 1983 versucht
worden (BCH Suppl. XI, 1985, 119ff.). Für die Wandmalerei ist dieses einleuchtende
Prinzip jüngst von F. BLAKOLMER hervorgehoben worden (POLITEIA 463ff.).
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Page 7
‘NATURKULTRÄUME’ AUF KRETA UND
THERA75ABBILDUNGSNACHWEISTaf. XVIaHagia Triada, NW-Flügel, Plan
Stefani (ASAtene 64 [1977] Abb. 29).Taf. XVIbRaum 14 mit Bodeneinteilung Skizze
Stefani (Hagia Triada I 74 Abb. 8).Taf. XVIcRekonstruktionsvorschlag nach den
Einzelzeichnungen von P. Militello (Hagia Triada ITaf. 2.4. 6 mit Ergänzungen des
Autors).Taf. XVIIaHaus Delta, Raum 2, ‘Lilienzimmer’, Grundriß (Thera IV Plan 1
[Ausschnitt]).Taf. XVIIb‘Frauenhaus’ Raum 1, Grundriß (Thera V 12 Abb. 2).Taf.
XVIIcHaus Beta, Raum 6, ‘Affenzimmer’, Gundriß (Thera III Plan IV [Ausschnitt]).

27
Wanda LöweSiedlungen und Gräber der PalastzeitUm 1900 v. Chr. scheinen auf Kreta
grundlegende Veränderungen stattgefunden zu haben, derenUrsachen nicht im
einzelnen geklärt sind und deren Charakter schwer zu benennen ist, deren
Ergebnisjedoch greifbar vorliegt: In Knossos, Phaistos und Malia entstanden die
sogenannten ersten Paläste.Damit ist für die knapp 500 Jahre umfassende Palastzeit
(Altpalastzeit, ca. 1900–1700 v. Chr., undNeupalastzeit, ca. 1700–1425 v. Chr.) mit
einer stärkeren sozialen Schichtung innerhalb derGesellschaft zu rechnen, mit der
Ausprägung von Herrschaft und Herrschaftsgebaren. WelchenNiederschlag fand das
in den Siedlungen? Welche Struktur hatten diese? Was läßt sich über Lebenund Tod
der Menschen sagen?Will man einen lebendigen Eindruck von einer minoischen
„Kleinstadt“ erhalten, sollte man sichGournia am Golf von Mirabello im Osten Kretas
zuwenden. Die Siedlung liegt auf einem kleinenHügel etwa 600 m vom Meer entfernt.
Der Ort war seit FM II besiedelt, die erhaltenen Reste stammenjedoch im
wesentlichen aus der Neupalastzeit.Die Strukturen dieser Siedlung sind noch heute
gut erkennbar: Unregelmäßige Häuserblocks auf einerGrundfläche zwischen 1 000
und 2 000 m² bestehen aus dicht an dicht gebauten kleinenWohneinheiten von ca. 60
m² Nutzfläche. Ausgegraben wurden sieben solcher Häuserblocks mitinsgesamt etwa
65 Häusern. Die Gesamtausdehnung der Siedlung – aufgedeckt ist sie auf einer
Flächevon etwa 1,5 ha – kann allerdings noch über die ergrabene Fläche
hinausgegangen sein.Zugänglich waren die Häuser, von denen nur das Erdgeschoß
erhalten ist, entweder durch Eingängevon der Straße her oder durch kleine Treppen,
die seitlich direkt in das Obergeschoß führten. Zweischmale „Straßen“ verlaufen
hangparallel entlang der Ost- und der Westseite der Siedlung. Von diesenzweigen
kleine Gassen oder Treppengassen ab. All diese Wege sind gepflastert, waren aber
aufgrundeiner Breite von höchstens 2 m nicht für Wagen befahrbar. Ein ähnliches Bild
zeigen auch heute nochviele Dörfer und Kleinstädte Griechenlands und der
griechischen Inseln: Transporte auf den schmalenGassen müssen durch Menschen
oder Lasttiere erfolgen.Auf der Kuppe des Hügels öffnet sich die Siedlung zu einem
großen Platz, an dem ein größeresGebäude liegt, das als „Palast“ oder palatiales
Gebäude bezeichnet wird und wohl Sitz des lokalenHerrschers war. Einige
Wohnräume lagen möglicherweise im Nordteil des Gebäudes, weitere demWohnen
und der Repräsentation vorbehaltene Räume befanden sich wahrscheinlich im
Obergeschoß.Im Westflügel und im Ostteil waren die Magazinräume untergebracht.
Ein Raum enthielt noch zwölfgroße Vorratsgefäße (Pithoi), in denen ursprünglich
vielleicht Getreide gelagert war, ein anderer eineÖlpresse. Das Gebäude diente also
vermutlich der Vorratshaltung für die gesamte Siedlung, wie esauch aus den großen
Palästen in Knossos, Phaistos und Malia bekannt ist. Im Unterschied zu diesen
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Page 2
wurden in Gournia nur wenige Hinweise auf eine allgemeine Verwaltungstätigkeit des
„Palastes“ wieSiegel, Siegelabdrücke oder Tontäfelchen gefunden.Die Häuser geben
ebenfalls Einblick in ihre Nutzung: Fest installierte niedrige Mauern oder
Simsedienten als Regale – so wurde in einem Haus ein Sims entdeckt, auf dem
Keramik stand. In dreiHäusern entdeckte man Weinkeltern. Hinweise auf
handwerkliche Tätigkeit geben Model, Formen fürdie Herstellung von Schmuck oder
Werkzeugen. In einigen Wohnhäusern werden wegen der dortgefundenen Kultgefäße
häusliche Schreine für religiöse Zeremonien vermutet.In der Phase SM I A (ca. 1600–
1480 v. Chr.) sind Zerstörungen in der Siedlung nachgewiesen. DieUrsache ist nicht
bekannt, möglicherweise handelte es sich um ein Erdbeben. Beim

28
anschließendenWiederaufbau sind einige Häuser umgebaut, andere aufgegeben
worden; anscheinend war dieBevölkerungszahl zurückgegangen, so daß nicht mehr
alle Gebäude benötigt wurden.Die endgültige Zerstörung von Gournia ereignete sich
in SM I B (um 1450 v. Chr.). Nachweisbar sindBrände in der Siedlung; welche
Ursache diese hatten, ist nicht bekannt. Vieles spricht für eine äußereBedrohung, da
man in einigen Häusern Depots mit Bronzewaffen oder -geräten gefunden hat.
DieBevölkerung war also offenbar vor einer drohenden Gefahr gewarnt und hat ihren
wertvollen Besitz inder Hoffnung versteckt, ihn später holen zu können bzw. nach der
Rückkehr noch vorzufinden.Etwa 200 m nördlich der Siedlung befand sich der
Friedhof der Stadt. Die Toten waren in Pithoi,großen Vorratsgefäßen, beigesetzt, die
man zu diesem Zweck umgedreht und über den Leichnamgestülpt hatte. Die Pithoi
wurden einfach in den Boden gelegt, ohne weitere architektonische Fassungdes
Begräbnisplatzes. Anders als sonst im bronzezeitlichen Kreta üblich, hat man den
Toten nur seltenetwas mit ins Grab gegeben. Allerdings fanden sich in der Nekropole
viele Fragmente von Tassen, diemöglicherweise von Zeremonien herrühren, die
entweder bei der Bestattung, etwa eine ArtLeichenschmaus, oder zu späterer Zeit im
Gedenken an die Toten durchgeführt worden sein könnten.Die Nutzung der Nekropole
endete bereits in SM I A, ca. 50 Jahre vor der endgültigen Zerstörung derSiedlung. Da
zudem für einen Zeitraum von gut 200 Jahren die gefundenen 150 Bestattungen
nureinen Teil der gestorbenen Bevölkerung ausmachen können, muß es noch einen
oder mehrere andereBestattungsplätze gegeben haben, die bis heute nicht entdeckt
wurden.Betrachtet man die Siedlungen der Palastzeit insgesamt, bleiben besonders für
die Altpalastzeit vieleFragen offen. Siedlungsreste dieser Zeit sind zwar an vielen
Orten vorhanden, wurden jedoch meist inspäterer Zeit überbaut. So ist es schwierig,
Vorstellungen vom Aussehen dieser Siedlungen zugewinnen. Insgesamt läßt sich eine
Siedlungskontinuität gegenüber der Vorpalastzeit feststellen. DiePaläste sind
größtenteils an vorher besiedelten Orten entstanden, Knossos scheint mit
einerAusdehnung von etwa 5 ha schon in der Vorpalastzeit die größte Siedlung auf
Kreta gewesen zu sein.Auch andere vorpalastzeitliche Siedlungen wie die
ostkretischen Hafenorte Psira, Mochlos undPalaikastro waren weiter bewohnt. Es
entstanden aber auch neue Siedlungen, zum Beispiel inKommos an der Südwestküste
– offensichtlich als Hafen für Phaistos – oder in Monastiraki inWestkreta an der
natürlichen Verbindungsstraße von Phaistos in Richtung Rethymnon.
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Page 3
Ein Wechsel hat möglicherweise in manchen dörflichen Siedlungen stattgefunden: So
wurdenanscheinend die vorher im Tal von Agiopharango in der Nähe von Phaistos
vorhandenen kleinenSiedlungsplätze in der Altpalastzeit zugunsten einer größeren
Siedlung wie Phaistos verlassen.Andererseits weist die Weiternutzung vieler
Rundgräber in der Messara darauf hin, daß andere kleineDörfer in derselben Gegend
weiterbestanden haben.Befestigungen in manchen Siedlungen, zum Beispiel in
Myrtos-Pyrgos oder in Malia, könnten einHinweis auf unsichere Zeiten sein,
vielleicht auch auf Auseinandersetzungen zwischen denjenigen, diein den Palästen
zentrale Herrschaften gründeten, und denjenigen, die unter diese
Zentralherrschaftgerieten.Am Ende von MM II B wurden die ersten Paläste zerstört,
jedoch relativ bald wieder aufgebaut. In derForschung besteht bisher keine Einigkeit
darüber, ob die Zerstörungen gleichzeitig stattfanden odernicht und welche Ursache
sie hatten. Zerstörungen lassen sich auch in einigen Siedlungen feststellen,doch längst
nicht in dem Ausmaß wie am Ende der Neupalastzeit. Insgesamt wird die
Neupalastzeitals die Phase der größten kulturellen Blüte auf Kreta angesehen, Evans

29
hat sie als „Goldenes Zeitalter“bezeichnet. Auffällig ist die enorme Zunahme an
Siedlungen in dieser Phase; man vermutet, daß dieInsel damals ebenso dicht besiedelt
war wie heute. Das oben geschilderte Beispiel von Gournia kannals durchaus
repräsentativ für die Neupalastzeit angesehen werden. Eine ähnliche Spornlage ist
typischfür minoische Siedlungen, man vergleiche etwa die Lage von Knossos.
Daneben gibt es aber auchOrte, die direkt im Flachland angelegt wurden, so Palast
und Stadt von Malia oder die Siedlung vonPalaikastro. Ähnliche Strukturen wie in
Gournia – die blockartige Bebauung, das durchdachteWegenetz oder das
Vorhandensein eines repräsentativen zentralen Gebäudes – sind auch an anderenOrten
zu beobachten.Neben den ausgegrabenen Siedlungen gibt es einige zeitgenössische
Darstellungen, die Häuser oderStädte zeigen. Wohl am bekanntesten ist das
sogenannte Stadtmosaik von Knossos (MM III A). Eshandelt sich um etwa zwei
Dutzend Fayenceplättchen in Form von Häusern, die ursprünglichvermutlich in ein
Holzkästchen eingelegt waren. Diese Häuser haben zwei oder drei Stockwerke. Inden
oberen Stockwerken sind häufig Fenster wiedergegeben. Auf den flachen Dächern ist
jeweils einkleiner rechteckiger Aufbau zu sehen. Kreisförmige, nebeneinander
liegende Elemente zwischen denStockwerken werden als die Darstellung der Köpfe
von Holzbalken interpretiert, welcheZwischendecken getragen haben könnten. Andere
Fayencehäuschen zeigen eine Art Fachwerk, wiederandere Quadermauerwerk. Außer
den Plättchen mit Hausfassaden gehören zu diesem Mosaik weitereFragmente, die
Bäume, Tiere, Krieger, einen Schiffsbug sowie im Wasser treibende
Ertrunkenezeigen. Offenbar handelte es sich um eine komplexe Darstellung, welche
die Eroberung einer Stadtschildert. Dieses Thema ist in der bronzezeitlichen
ägäischen Kunst mehrfach aufgegriffen worden, sozum Beispiel auf einem
Miniaturfresko aus dem Westhaus von Akrotiri auf Thera/Santorin (SM I
A).Literarisch hat es seinen Niederschlag in der Erzählung vom Trojanischen Krieg
gefunden.
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Page 4
Aus derselben Zeit wie das Stadtmosaik stammt das in Archanes gefundene
Terrakottamodell einesHauses. Es zeigt ein zweistöckiges Gebäude mit flachem Dach.
Fenster mit schmalen Öffnungengliedern die Wände. Im Untergeschoß befinden sich
drei Räume, darunter eine „minoische Halle“ mitSäulen und einem Lichthof. Eine
Treppe führt ins Obergeschoß, das als offene Loggia mit einemvorspringenden
Balkon gestaltet ist. Dieses Modell läßt sich gut mit ausgegrabenen
Häusernvergleichen. Die Gliederung der Hausfassaden durch Fachwerk,
Quadermauerwerk oder Balkenköpfezwischen den Stockwerken, wie sie das
Stadtmosaik zeigt, hat dagegen keine Entsprechung imarchäologischen Befund. Ein
weiteres Problem bei der Interpretation des Stadtmosaiks besteht darin,daß das Thema
der Eroberung einer Stadt in den verschiedenen bildlichen Überlieferungen so
ähnlichdargestellt ist, daß man die Wiedergabe der Architektur eher dem Bildtypus als
dem konkretenFundort zuschreiben kann. Es ist daher nicht sicher, ob minoische
Häuser als Vorlage für dieDarstellung gedient haben.Für die Rekonstruktion der
Lebensbedingungen vergangener Zeiten können archäologische Quellendurch die
Ergebnisse anderer Wissenschaften, zum Beispiel der Paläobotanik oder der
Paläozoologie,unterstützt werden. Beispielhaft seien hier einige Ergebnisse
anthropologischer Untersuchungenangeführt. Anhand von anthropologischen Alters-
und Geschlechtsbestimmungen lassen sichAussagen über Lebenserwartung und
Sterblichkeitsrate bestimmter Bevölkerungsgruppen treffen.Knochen- und
Zahnuntersuchungen können etwas über Ernährung, über Krankheiten, auch über

30
denStand der Medizin etwa im Hinblick auf Operationstechniken verraten. Leider
liegen für Kretaentsprechende Ergebnisse bisher nur in sehr geringem Umfang vor:
Für die gesamte Bronzezeit, alsofür einen Zeitraum von ungefähr 1 500 Jahren, sind
etwa 550 Skelette untersucht worden, von denenallein 250 aus der
nachpalastzeitlichen Nekropole von Armeni stammen. Demnach hat
dieLebenserwartung für Männer bei etwa 30–35 Jahren gelegen, für Frauen bei etwa
28 Jahren. Die hoheFrauensterblichkeit zwischen 20 und 25 ist mit den Risiken von
Schwangerschaft und Geburt zuerklären. Es gab jedoch immer wieder einzelne
Individuen, die 70 Jahre und älter geworden sind. ZurKindersterblichkeit liegen nur
Angaben für die Nachpalastzeit vor: In der SM III-Nekropole vonArmeni stammte
etwa ein Drittel der 250 untersuchten Skelette von Kindern unter 16 Jahren.
Diehöchste Kindersterblichkeit lag dabei im Alter zwischen 1 und 5
Jahren.Größenberechnungen haben ergeben, daß die Minoer kaum kleiner waren als
die heutigen Kreter: DieDurchschnittsgröße bei Männern betrug etwa 1,67 m, bei
Frauen etwa 1,53–1,57 m. Zu Fragen vonGesundheit und Ernährung können die
Zahn- und Knochenuntersuchungen an 74 Individuen aus zweialtpalastzeitlichen
Gräbern in Kato Zakros herangezogen werden: Nur 19 der 74 Personen sind älterals
50 Jahre geworden. Auffällig häufig waren Karies und Zahnverlust – im Alter von 40
Jahren hattendie meisten viele oder alle Zähne verloren. Ähnliche Ergebnisse liegen
für die mittelminoischeNekropole von Knossos-Ailias vor. Auch hier fällt der hohe
Zahnverschleiß auf. Die Häufigkeit vonKaries wird vor allem dem hohen
Kohlehydratanteil in der Nahrung zugeschrieben. Darauf deutenauch
Knochenkrankheiten hin, besonders das Vorkommen von Osteoporose (Schwund der
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Page 5
Knochensubstanz). Demnach scheinen die Minoer sich vorwiegend von Getreide
ernährt zu haben undwenig Gemüse oder Fleisch zu sich genommen zu haben, also
wenig Eisen, Vitamin C und Proteine.Die vorhandenen Anzeichen für Arthritis sind
für eine hart auf dem Land arbeitende Bevölkerungtypisch.Beispiele für medizinische
Eingriffe sind einerseits Zahnextraktionen, andererseits kompliziertereOperationen
wie Schädelöffnungen – ein Beispiel stammt aus Knossos-Ailias –, welche wohl
derBehandlung traumatischer Aneurysmen dienten, die möglicherweise Migräne oder
ständigeKopfschmerzen verursacht haben.Soweit sich auf dieser schmalen Basis
überhaupt eine zusammenfassende Aussage treffen läßt, ergibtsich das Bild einer
Bevölkerung, die hart arbeitete, eine geringe Lebenserwartung hatte und sich
nichtsonderlich ausgewogen ernährte.Betrachtet man die Gräber der Alt- und
Neupalastzeit, aus denen die anthropologisch untersuchtenSkelette stammen,
insgesamt, zeigt sich auch bei den Bestattungssitten eine Kontinuität zurVorpalastzeit.
Bestattet wurde weiterhin außerhalb der Siedlungen in eigens angelegten
Friedhöfen.Häufig wurden in der Vorpalastzeit erbaute Gräber auch noch in der
Altpalastzeit genutzt. Beibehaltenwurden auch die für verschiedene Regionen Kretas
typischen Grabformen: In der Messara-Ebene imSüden der Insel wurden die bereits in
der Vorpalastzeit erbauten Tholosgräber, in Ostkreta dieHausgräber weiter genutzt
oder auch neu gebaut. Aus Westkreta gibt es zu wenig Grabfunde, umAussagen über
eine spezifische Ausprägung der Bestattungssitten in dieser Region treffen zu
können.In Mittelkreta kam am Ende der Altpalastzeit (in den Phasen MM II–MM III)
eine neue Grabform auf:Hier wurden die ersten Felskammergräber gebaut. Bekannt
sind diese aus den Nekropolen vonKnossos sowie aus Poros bei Iraklion. Eine
Neuerung der Palastzeit, die hauptsächlich auf Ostkretabeschränkt ist, sind
Pithosnekropolen wie die von Gournia.Ähnlich wie bei den Grabformen lassen sich

31
auch bei den Bestattungsformen regionale Unterschiedefeststellen: Die Sitte der
Larnaxbestattung war zu Beginn der Neupalastzeit in Mittel- und Ostkretarelativ weit
verbreitet, in Westkreta dagegen unbekannt. Pithosbestattungen waren besonders im
Ostenbeliebt. In den mittelkretischen Felskammergräbern tauchen erstmals
Holzbahren auf, die eineZeitlang neben Larnakes und Pithoi bzw. neben der
Bodenbestattung „in Mode“ waren.Typische Grabbeigaben sind Ton- und Steingefäße,
teilweise mit Nahrungsresten. Auch Schmuckwurde häufig beigegeben. Waffen, meist
Dolche, wurden vor allem in den Messara-Tholoi gefundenund waren wohl vor allem
auf die Vor- und die Altpalastzeit beschränkt. Einen festen Kanon, womitein Toter
unbedingt versorgt werden mußte, gab es im minoischen Kreta offenbar nicht.
Schwierig istdie Zuordnung der Beigaben zu bestimmten Bestattungen häufig
deswegen, weil beiMehrfachbelegungen frühere Bestattungen einfach beiseite
geschoben und dabei unter Umständenauch ihrer wertvollen Beigaben beraubt
wurden.Im Umgang mit früheren Bestattungen gab es neben dem achtlosen
Beiseiteschieben auch anderePraktiken: Eine Besonderheit auf Kreta sind sogenannte
Ossuarien oder Osteotheken, Beinhäuser, in
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Page 6
denen besonders die Schädel älterer Bestattungen sorgfältig gesammelt und
aufbewahrt wurden. Inden Messara-Tholoi dienten Anbauten an das Rundgrab häufig
als Ossuarien, andernorts gibt es aucheigens dafür errichtete Bauten. Oder man
verwendete eine Larnax oder einen Pithos als Ossuariumund sammelte die Schädel
darin. Solche Beinhäuser gibt es auch heute noch in bestimmten
orthodoxenGegenden, sie finden sich aber auch in manchen katholischen Regionen
mit einer entsprechendenlokalen Tradition.Welche Veränderungen in
Siedlungsmustern und Bestattungssitten lassen sich nun zusammenfassendwährend
der Palastzeit feststellen? Vorsichtig formuliert, sind jeweils zu Beginn der Alt- und
derNeupalastzeit zwei gegenläufige Tendenzen auszumachen: Während die
Etablierung einesMachtapparates in der Altpalastzeit möglicherweise dazu führte, daß
manche Siedlungen imHinterland zugunsten eines Zentrums aufgegeben wurden,
scheint die Konsolidierung der Verhältnissezusammen mit einem Anwachsen der
Bevölkerung in der Neupalastzeit eine erneute Besiedlung desHinterlandes zur Folge
gehabt zu haben. Zu berücksichtigen ist bei solchen Verallgemeinerungenjedoch
immer, daß die Basis der bekannten Fundorte gerade für die Altpalastzeit sehr gering
ist. NeueForschungen können ein solches Bild also auch sehr schnell widerlegen.Bei
den Bestattungssitten treten im Laufe der Palastzeit neue Grabformen neben die alten
derVorpalastzeit. Eine Änderung scheint sich am Ende der Palastzeit abzuzeichnen.
Diese im einzelnennachzuvollziehen, ist schwierig, da aus den Phasen SM I und SM
II kaum Bestattungen bekannt sind(es gibt etwa 50 Gräber aus SM I–II, dagegen über
600 Gräber aus SM III). Was sich in dieser Zeitgeändert hat, wo bestattet wurde, ob
vielleicht ohne Beigaben bestattet wurde und somit ohneAnhaltspunkte für eine
Datierung, ist bisher nicht geklärt. Offensichtlich ist jedoch, daß dieNekropolen der
Nachpalastzeit meist an neuen Plätzen angelegt wurden. Das Felskammergrab
wurdein anderer Form als in der Palastzeit die nachpalastzeitliche Grabform
schlechthin.Zum Schluß bleibt noch die Frage nach den Gründen für das Ende der
Palastzeit auf Kreta. In SM I Bsind die meisten kretischen Siedlungen zerstört
worden. In einigen Siedlungen gibt es Hinweise aufgewaltsame
Auseinandersetzungen, die der Zerstörung vorausgegangen sind: So sind in
MochlosLeichen in der Siedlung gefunden worden. In Psira gibt es Anzeichen für
Plünderungen, in KatoZakros sind wertvolle Objekte absichtlich zerstört worden. Die

32
Hortfunde in Gournia sprechenebenfalls für die Angst vor einer feindlichen
Bedrohung.Die Synchronisierung solcher Befunde ist ohne absolute Daten immer
problematisch. So bleibt unklar,ob die Zerstörungen wirklich zur selben Zeit
stattfanden oder nicht. Jedenfalls waren die Folgenerheblich: Viele der alten
Siedlungen wurden aufgegeben und in einigen Fällen gar nicht, in anderenerst in SM
III wiederbesiedelt. Teilweise begnügte sich die Bevölkerung 30–50 Jahre mit
einerprovisorischen Nutzung der zerstörten Gebäude, ehe neue Häuser gebaut
wurden.Frühere Forschungen haben dem Vulkanausbruch auf Thera/Santorin eine
Schlüsselrolle imUntergang der Palastkultur zugeschrieben. Zunächst ging man von
einer Gleichzeitigkeit vonVulkanausbruch und Zerstörungen auf Kreta aus. Nachdem
sich das als falsch erwiesen hatte, wurde
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Page 7
der Vulkanausbruch als Auslöser einer gewaltigen Naturkatastrophe angesehen, die
den „Anfang vomEnde“ markierte. Mittlerweile ist sich die Forschung weitgehend
einig, daß die Auswirkungen desThera-Vulkans lokal eng begrenzt waren. Andere
Forscher vermuten, daß Paläste und Siedlungen inverheerenden, ganz Kreta
betreffenden Erdbeben untergingen. Allerdings ist aus späterer Zeit keinErdbeben
bekannt, daß durchgehende starke Zerstörungen auf der ganzen Insel hervorgerufen
hätte;dazu sind die geologischen Bedingungen auf Kreta zu unterschiedlich.So
bleiben als Erklärung für das Ende der Palastzeit doch durch Menschenhand
verursachteZerstörungen. Wer allerdings die Zerstörer waren, ist nach wie vor
umstritten: Gab es heftige, unterUmständen länger andauernde innerkretische Kriege?
Ist Kreta von den Mykenern erobert worden?Diesen Fragen weiter nachzugehen,
bleibt künftigen Forschungen überlassen.
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Page 8
LiteraturOliver Dickinson, The Aegean Bronze Age (Cambridge 1994)Jan Driessen –
Colin F. Macdonald, The Troubled Island. Minoan Crete before and after the
SantoriniEruption, Aegaeum 17 (Liège – Austin 1997)P. J. P. McGeorge, Health and
Diet in Minoan Times, in: R. E. Jones – H. W. Catling (Hrsg.), NewAspects of
Archaeological Science in Greece. Proceedings of a Meeting held at the British
School atAthens in January 1987 (Athen 1988) S. 47–54J. A. MacGillivray, The
Cretan Countryside in the Old Palace Period, in: Robin Hägg (Hrsg.), TheFunction of
the „Minoan Villa“. Proceedings of the Seventh International Syposium at the
SwedishInstitute at Athens, 6–8 June, 1992 (Stockholm 1997) S. 21–23Wanda Löwe,
Spätbronzezeitliche Bestattungen auf Kreta, Tempus Reparatum, BAR
InternationalSeries 642 (Oxford 1996)Eckart Olshausen – Holger Sonnabend (Hrsg.),
Naturkatastrophen in der antiken Welt. StuttgarterKolloquium zur historischen
Geographie des Altertums 6, 1996 (Stuttgart 1998) (besonders dieBeiträge von
Eberhard Zangger und Hans Lohmann)Ingo Pini, Beiträge zur minoischen
Gräberkunde (Wiesbaden 1968)
Das minoische Kreta

Die Kultur des Alten Europa lebte auf der Insel Kreta einige Jahrtausende länger fort
als auf dem Festland und kam in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. zu
herrlicher Blüte. Sir Leonard Wooley beschrieb die minoische Kultur als eine
"verzauberte Märchenwelt" und die "vollkommenste Bejahung der Anmut des Lebens,
die die Welt je gesehen hat".

33
Die minoischen Gemeinden setzten sich im allgemeinen aus wenigen Mitgliedern
zusammen, wenn auch die Einwohnerschaft von Knossos gegen Ende des 3.
Jahrtausends an die 18000 zählte.

Die Staatsgewalt lag in den Händen einer Theakratie (Herrschaft der Göttin). Die
Kultur zerbrach in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends, nicht an inneren Konflikten
und Streitigkeiten, sondern als Folge von Naturkatastrophen in Verbindung mit dem
zunehmenden Einfluss der patriarchisch ausgerichteten mykenischen Kultur, deren
Sprache indoeuropäischen Ursprungs war.

Die kretischen Bestattungsbräuche der frühminoischen Periode (3. Jahrtausend v.


Chr.) ähnelten denjenigen der westeuropäischen Megalithkulturen. Üblich waren
Gruppenbestattungen in kreisförmigen, tholos genannten Grabstätten, deren große
Zeremonienplätze vor den prachtvoll gestalteten Eingängen darauf hindeuten, dass
Bestattungen auch hier mit einem Festmahl gefeiert wurden.

Anmerkung der Catal Höyük-Expertin Gabi Uhlmann:


Cillie Rentmeister schreibt in ihrem Artikel Die Quadratur des Kreises in der
BAUWELT 31/32 1979:

"Mit dem Rundbau geschieht folgendes: im Griechischen und Lateinischen werden


Rundbauten, von der simplen Wohngrube bis hin zum ausgeklügelten Rundtempel, als
'Tholos' benannt. Dabei fällt wieder auf, dass die Tholos im Griechischen weiterhin
weiblich blieb, im Lateinischen aber zu der THOLUS vermännlicht wurde - nur eine
Travestie in der Geschichte dieser Bauform."

Keith Branigan hat in seiner Studie nachgewiesen, dass die Anlagen jeweils einem
Familienklan, der aus etwa zwanzig Mitgliedern bestand, als Grabstätte dienten. Die
Sippe bildete in der minoischen Kultur eine wichtige soziale Einheit, und in vielen
Fällen grenzen zwei bis drei solcher Grabstätten unmittelbar aneinander. Da sie zur
gleichen Zeit entstanden sind, scheint es sich um benachbarte Gräber mehrerer
Familienverbände gehandelt zu haben.

Die Grabstätten gehören zu Wohnsiedlungen und sind nie weiter als zehn bis fünfzehn
Meter von diesen entfernt. Es wurde festgestellt, dass sich eines der Gräber vor den
anderen architektonisch auszeichnete, woraus zu schließen ist, dass die dazugehörige
Sippe eine Art Vorherrschaft für sich beanspruchte und dass man bereits eine gewisse
soziale Rangordnung kannte.

Trotz ihres Namens geht die minoische Kultur in ihrer Blüte zu Beginn des 2.
Jahrtausends nicht auf König Minos zurück, dessen legendäre Erscheinung ohnehin
erst in die Zeit des Niedergangs dieser großen Kultur fällt. Die Paläste waren keine für
Könige erbaute Verwaltungszentren, sondern Tempelpaläste, in denen die religiösen
Rituale eines theakratischen Staatssystems gefeiert wurden. Im Gegensatz zu der
nachfolgenden mykenischen Kultur war die minoische vorwiegend weiblich geprägt.

So wie diese Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde, fiel die
unabhängige und selbstbewusste Darstellung der Frauen in ihrer Kunst auf. Auf

34
Fresken waren, zum großen Erstaunen der wissenschaftlichen Welt, schöne und
vornehme Frauen in eleganter Kleidung und meist mit bloßem Busen abgebildet. Bei
Festen treten sie in selbstverständlichem Nebeneinander mit Männern auf, sie fahren
in Kutschen, die von Kutscherinnen gelenkt werden, und nehmen als Athletinnen an
den rituellen Stierspielen teil.

Auf Fresken der 60 Kilometer nördlich von Kreta gelegenen Insel Thera sind Frauen
zu sehen, die große Seefahrerfeste leiten und von Balkonen herunter die Prozessionen
junger Männer verfolgen, die ein Opfertier mit sich tragen.

In einer Vielzahl von Kunstwerken sind herausragende Frauen als Priesterinnen oder
Göttinnen dargestellt, und es besteht kein Zweifel daran, dass bis zur Verdrängung der
minoischen durch die mykenische Kultur Frauen in der Religion eine zentrale Rolle
spielten.

Der Ehrensitz im Thronraum von Knossos war höchstwahrscheinlich der Platz der
höchsten Vertreterin der Göttin. Der Thron war mit einem Kreis und einem
Sichelmond geschmückt, und zu beiden Seiten war ein Greif auf die Wand gemalt.
Der Greif fungierte als Wächter der Göttin, wie ein Fresko aus Thera zeigt.

In der minoischen Kunst sind auch Männer abgebildet, allerdings niemals als Priester
oder Könige, und nur in sehr seltenen Fällen sind die Bilder als Darstellungen eines
Gottes zu deuten.

Männer werden im allgemeinen beim Verrichten einer Tätigkeit gezeigt, als


Kelchträger, Pagen, Musikanten, Erntearbeiter, Handwerker und Seefahrer. In der
Darstellung einer Schiffsprozession auf einem Miniaturfresko von Thera kann man
verschiedene Gruppen von Seefahrern unterscheiden: einfache Ruderleute, Kapitän,
Stellvertreter des Kapitäns und mit langen Umhängen bekleidete Männer, die in der
Kabine des Schiffes sitzen.

Des weiteren sind auf einem Miniaturfresko bäuerliche Gestalten mit Fell- oder
Lederbekleidung zu sehen, während junge, an Ritualen beteiligte Männer nackt oder
mit Hüftschurz dargestellt sind.

Lange Gewänder scheinen in Männerdarstellungen als ein Kennzeichen für


fortgeschrittenes Alter und gehobene soziale Stellung zu fungieren.

Bedeutende Frauen und erwachsene Priesterinnen trugen auf Thera wie auf Kreta stets
lange, mit Volants besetzte Röcke.

Auf Kreta herrschte ein matrilokales Familienrecht, das bis weit in historische Zeiten
hinein seine Gültigkeit behielt. Strabo beschrieb im 1. Jahrhundert v. Chr. die
matrilokale Ehe, wie sie auch durch die Gesetzesinschriften auf den Wänden des
Tempels von Gortyna bezeugt ist. Aus diesen erfahren wir, dass eine Frau nach ihrer
Verheiratung die volle Verfügungsgewalt über ihr Vermögen behielt und das Recht
hatte, sich nach ihrem Gutdünken scheiden zu lassen.

Im übrigen nahm der Bruder der Frau eine wichtige Stellung ein, denn ihm oblag die
Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder.

35
Quelle: Marija Gimbutas, Die Zivilisation der Göttin

UNSER
OLIVENÖL

Die Olivenbäume prägen das Landschaftsbild des Orciatals seit nunmehr tausenden
von Jahren. Bereits 700 Jahre vor Christi Geburt wurden sie von den Etruskern
angebaut, eine Aktivität, die später von den Römern erweitert und kommerzialisiert
wurde. So waren es auch die Römer, die die so genannte "arca olearia" ins Leben
riefen. Wörtlich übersetzt bedeutet dies Öltruhe, wobei es sich in Wahrheit um die
frühe Form einer Börse handelte, einer Börse, an der ausschließlich Olivenöl
gehandelt wurde und Importeure und Vertreiber die Mengenpreise ausmachten sowie
die Qualität begutachteten. Die Liebe zum Olivenöl ist bis heute im gesamten
Mittelmeerraum - und besonders in Italien - erhalten geblieben. Das Unternehmen "Le
Macchie", das sich gleichermaßen der Landwirtschaft wie dem Tourismus widmet,
baut nunmehr seit Jahren mit großer Leidenschaft Oliven an, wobei das oberste Gebot
ist, das natürlich entstandene ökologische Gefüge vollauf zu respektieren. Das
Ergebnis dieses behutsamen Prozesses ist unser "Olio extravergine Le Macchie terre
di Siena D.O.P.".

Die Gütevoraussetzungen dieses hervorragenden Öls sind das für die Toskana
typische gemäßigte Klima, die geringen Niederschläge und die kalksteinhaltigen
Hügel, welche für das Anbaugebiet charakteristisch sind. Die Olivenernte, die in der
Regel Ende Oktober mit der Dunkelfärbung der Steinfrucht einsetzt, wird bei uns
ausnahmslos von Hand durchgeführt. Genau in dieser Phase, wenn die noch grünlich-
gelben Oliven die ersten rötlichschimmernden Flecken bekommen, hat die Frucht den
höchsten Ölgehalt, den geringsten Wasseranteil und enthält die meisten
antioxydierenden Stoffe.
Nachdem die Oliven sorgfältig gesammelt und getrennt worden sind, werden sie in
durchlöcherten Kisten gelagert, damit die Luftzirkulation nicht unterbrochen wird.
Spätestens 24 Stunden nach ihrer Ernte landen die Oliven jedoch bereits in der Presse,
wo sie vor dem eigentlichen Pressvorgang enthäutet und gewaschen werden müssen,
um jegliche Unreinheit zu vermeiden. Die Presse der kalten Oliven erfolgt durch
einen kontinuierlichen Rotationsvorgang. Das so gewonnene Öl weist einen äußerst
geringen Säureanteil auf; seine Farbe ist ein volles Grün mit ganz leichten
Gelbschimmern. Der Duft ist voll und beständig mit einem mittel-starken, sehr
wohlriechenden Fruchteinschlag, in dem sich vor allem die Kräuter-, herbe Mandel-
und Artischockenduftnoten entfalten. Verkostet, weist dieses reiche, vollmundige Öl
einen Geschmack auf, der süße, bittere und scharfe Komponenten in ein perfektes
Gleichgewicht bringt. So entsteht ein volles, mehrteiliges, lang anhaltendes wie
ergreifendes Aroma. Das für sein Gleichgewicht aus Kraft und Milde typische
Olivenöl extravergine "Le Macchie" gibt mit diesen Eigenschaften ebenfalls ein
passendes und ausdrucksstarkes Abbild unseres Landes mit all seinen verschiedenen
Olivensorten ab: die bekannten Namen Oriolo, Moraiolo und Leccino stehen hier
beispielhaft für die Hingabe, mit der wir unsere Olivenanpflanzungen pflegen.

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Neujahrsblatt 1991, 193 Stück, 52 S., 25 Bilder
25000 Jahre Gletschergeschichte
Gerhard Furrer
Bild Riedgletscher
Der Riedgletscher oberhalb Grächen im Kanton Wallis hat während seiner Hochsta
hohe, das Gletschervorfeld eingrenzende Ufermoränenwälle sukzessive aufgebaut.
Innenseiten flacher abfallenden Aussenseiten sind vegetationsbedeckt. Auf der link
über eine kurze Distanz bis zu 820 jährige Lärchen, ein Zeichen dafür, dass der Rie
Spätmittelalter und der Neuzeit den Moränenkamm nur knapp erreicht hat und den
überschütten vermochte (Foto H. Holzhauser, September 1982). (Taken from ca.
355°)
Zusammenfassung
Der würmzeitliche Rheingletscher stiess, aufgrund von radiocarbond
das unter Moränen liegt zu schliessen, nach 25000 yBP über den Bod
Kanton Zürich und ins Limmattal vor. Seine grösste Ausdehnung ist
Geomorphologie (z. B. Moränen, Schotterablagerungen, randglaziale
glaziale Formenschatz liegt in einem wenige Kilometer breiten Gelän
«Eisrandkomplex». Zwei jüngere Eisrandkomplexe «Stein am Rhein
Nordostschweiz zu beobachten und belegen Unterbrüche im Eisabba
Das «Bühl»-Stadium ist einerseits durch den ersten spätglazialen Wie
am Säntis und in den Churfirsten sowie im Vorarlberg gekennzeichne
Talgletscher, der im südlichen Abschnitt des St. Galler Rheintals in d
Von dort an gegen das Alpeninnere, also nach dem ersten spätglazialen Gletscherstand
des «Bühl»-Stadiums, lassen sich in den Tälern Graubündens, aber auch in allen
andern Talschaften der Alpen bis nahe an die Endmoränen der historischen Neuzeit (u.
a. 1850 A.D.) mehrere spätglaziale Gletscherstände anhand von Moränenwällen
beobachten. Sie widerspiegeln eine schrittweise Höherlegung der Schneegrenze im
Spätglazial.
Mit Hilfe von pollenanalytischen Auswertungen von Bohrungen in Moor- und
Seeablagerungen lassen sich die egesenaequivalenten Gletschervorstösse der Jüngeren
Dryaszeit, alle anderen älteren Vorstösse älteren Zeitabschnitten, vermutlich der
Ältesten Dryaszeit, zuordnen. Das durch die schwindenden Eiszungen freigegebene
Gelände wurde rasch von der Vegetation besetzt, und zwar zunächst durch gras- und
krautreiche Pioniergesellschaffen, die nach 13000 Jahren vor heute vermehrt von
Holzarten (Wacholder, Sanddorn, Weiden, Birken, Föhren) durchsetzt wurden. Seit
dem Alleröd-Interstadial (vor rund 12000 Jahren) erfolgte die späteiszeitliche
Wiederbewaldung der Vor- und Zentralalpen bis auf etwa 1600 m ü.M. Die mittels
Pollenanalyse gewonnenen Resultate zur Vegetations- und Klimageschichte liefern
einen bedeutenden Beitrag zur Gletschergeschichte und zur Eiszeitchronologie.
Die Gletscherschwankungen im Holozän, also der letzten rund 10000 Jahre, werden
mit Hilfe von fossilen Böden in Wallmoränen und einst von Gletschern in
Gletschervorfeldern überfahrenen Bäumen rekonstruiert. Um die allerjüngste
Gletschergeschichte, jene der historischen Neuzeit, nachzuzeichnen, stützen wir uns
auf alte Karten, Bild- und Schriftquellen sowie geländearchäologische Spuren. Daraus
ergibt sich, dass unsere Gletscher in der Nacheiszeit mehrmals vorstiessen und dabei
in der Regel die Ausdehnungen der neuzeitlichen Hochstände (17. und 19.
Jahrhundert) nicht überschritten.
(yBP = years before present. Present = 1950 A.D.)

37
Die Obere Burg von
Treuchtlingen

Geschichte

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Burgruine

entstand auf einem Bergsporn westlich des

Dorfes Treuchtlingen eine Höhenburg mit steinernem Wohnturm und

mehreren Vorhöfen.

Gründer der Anlage war wohl der Ortsadel, der seit dem 10./11. Jahrhundert

ein festes Steinhaus an der Altmühl bewohnte. Doch erst 1340 gelang es den

Treuchtlinger Herren, die obere Burg von allen fremden Rechten freizukaufen.

In den folgenden Jahrzehnten erreichten die Treuchtlinger Ritter den

Höhepunkt ihrer Macht. Sie waren alleinige Herren über den zum Markt

erhobenen Ort mit seinen zwei Burgen und die nähere Umgebung Doch schon

1422 starb das Geschlecht aus. Die Erben verkauften Mitte des 15.

Jahrhunderts Burgen und Herrschaft an die Marschälle von Pappenheim.

Deren Treuchtlinger Linie konnte die Selbständigkeit für weitere 200 Jahre

behaupten, ehe der Ort an die Markgrafen von Ansbach fiel. Die unmodern

gewordene Höhenburg ließen die Pappenheimer schon gegen Ende des 15.

Jahrhunderts verfallen.

Der Burgverein

1974, im Gründungsjahr der Fördergemeinschaft Burg Treuchtlingen e. V.,

trotzten nur noch wenige Mauern dem Zahn der Zeit. Der Verein sicherte in

den folgenden Jahren den Bestand, legte verschüttete Mauern frei und baute

sie teilweise wieder auf. Heute ist die vorbildlich sanierte Ruine ein lohnendes

Ausflugsziel.

38
Im Burghof sieht man die aus den Originalsteinen rekonstruierte Zisterne und

die ziegelgepflasterte Herdplatte der Burgküche. Der auf den Grundmauern

des alten Wohnturmes errichtete Aussichtsturm bietet einen guten άberblick

über die Ruine und die zu Füßen des Burgberges liegende Stadt. Die

Sanierung und Erhaltung der Ruine ist die Hauptaufgabe der

Fördergemeinschaft.

Dazu hat sie sich- mit Burgserenade oder Theater - auch die Förderung der

Kultur auf ihre Fahne geschrieben. Und auch das Feiern kommt nicht zu kurz.

Das Burgfest mit Sonnwendfeuer zieht jedes Jahr viele Besucher an.

Die rustikal eingerichtete Burgstube im alten Halsgraben ist im Sommer an

jedem zweiten Sonntag im Monat für Besucher geöffnet.

Weitere Einzelheiten können Sie auch unter www.burgverein-

treuchtlingen.de abrufen.

Die Burgausstellung

Nach der Besichtigung der Burgruine sollte man einen Besuch im

Volkskundemuseum nicht versäumen. In einer eigens dafür eingerichteten

Ausstellung werden die in über zwanzig Jahren gesammelten Funde

präsentiert. Hinzu kommen Informationen über die Geschichte der

Treuchtlinger Ritter, die Erforschung der Burgruine und die Geologie des

Burgberges. Glanzstück ist ein 1983 im Brandschutt gefundener Topfhelm aus

der Zeit um 1300. Ein Modell zeigt das Aussehen der Burg im 15.

Jahrhundert.

39
Ausgrabungen

Die seit 1989 vom Burgverein mit Unterstützung der Stadt finanzierten

wissenschaftlichen Grabungen brachten Licht in die schriftlich kaum

überlieferte Burggeschichte. Wenigstens zweimal, Mitte des 13. und im ersten

Viertel des 14. Jahrhunderts, ging die Anlage in Brandkatastrophen unter.

Es gelang, die Mauerzüge nach Bauphasen zu differenzieren. Der Grundriss

des Modells in der Dauerausstellung zeigt die Anlage des 12. Jahrhunderts

und die Wiederaufbauten nach der Zerstörung Mitte des 13. Jahrhunderts.

Nach der zweiten Brandkatastrophe entstanden obere Vorburg und

Südzwinger. Noch jünger, wohl vom Ende des 14. Jahrhunderts, sind

nordöstliche Zwingerpartie, Gewölbekeller und Umbauten der Hauptburg.

Wahrscheinlich war auch hier ein Feuer Anlass für die Bauarbeiten.

Φffnungszeiten:

Burgstube und Turm:

Mai bis Oktober; zweiter Sonntag im Monat.

(Sonst Turmschlüssel bei der Kur- und Touristinformation im Stadtschloss)

Burgfest: Wochenende nach Sonnwend, siehe Veranstaltungen/Juli

Kontakt: Werner Baum, Grüntäleinstr. 16, 91757 Treuchtlingen, Tel.:

09142/5869

Burgausstellung: Führungen nach Vereinbarung, Tel.: 09142/20 21 8-0

40
Die Burg

Zeitlicher Überblick
899 Erste urkundliche Erwähnung Treuchtlingens

10. Jh. Ringwall auf dem Burgstallberg

10./11. Jh. Bau eines quadratischen Turmhauses in einer


Altmühlschleife als erster Ansitz des Ortsadels

1095/1175 Erste Nennung von weiblichen Angehörigen des Ortsadels

1. Hälfte 12. Jh. Gründung der Höhenburg als kleine Kernburg mit
quadratischem Wohnturm und zwei Vorhöfen

1228 Ulrich I. von Treuchtlingen als Zeuge für König Heinrich VII.
Erste Nennung eines männlichen Vertreters der
Treuchtlinger

Mitte 13. Jh. Die Obere Burg wird niedergebrannt

1. Viertel 14. Jh. Zweite Zerstörung der Oberen Burg. Danach grundlegende
Umgestaltung der Vorhöfe

1340 Ulrich V. und Wirich II. kaufen von Marschall Rudolf von
Pappenheim die Lehensoberheit über die Obere Burg

1346 Ersterwähnung der Niederen Veste, der Nachfolgeanlage


des Turmhauses, Sitz der Seitenlinie der Ulriche

41
1354 Ulrich VI. verkauft an Wirich III. die Niedere Veste. Wirich
III. wird alleiniger Ortsherr

1365 Kaiser Karl IV. verleiht Wirich III. Marktrecht, Stock und
Galgen. Treuchtlingen wird eigenständiges Kleinterritorium

14./15. Jh. Neugestaltung des Nordzwingers und Bau des


Gewölbekellers

1412 Wirich IV. markgräflicher Statthalter in Brandenburg

1422 Wirich IV. stirbt ohne männliche Erben, Treuchtlingen wird


geteilt. άber seine Mutter und Tochter erben die von
Seckendorf die Niedere Veste, die Schenken von Geyern die
Obere Burg

um 1443 Jüngste Fundmünze der Oberen Burg

1447/1453 Die Pappenheimer kaufen beide Burgen und gründen eine


eigene Treuchtlinger Linie

Spätes 15. / 1. Die Obere Burg verfällt. Auf einer Karte von 1572 ist sie als
Hälfte 16. Jh. dachlose Ruine abgebildet

1879 Denkschrift Pernwerth von Bernsteins. Erstes Burgfest

1. Hälfte 20. Jh. Johann Lindner erforscht Burg- und Ortsgeschichte. Bau von
Kriegerdenkmal und Wasserbehälter im Graben.
Bombentreffer zerstören 1945 Turmruine und
Südzwingermauer

07.12.1974 Gründung der Fördergemeinschaft Burg Treuchtlingen

seit 1975 Freilegung und Sanierung der Burgruine durch die


Fördergemeinschaft. Edwin Patzelt erforscht die Geschichte
der Treuchtlinger Ritter

1978 und 1989 Auszeichnung der Fördergemeinschaft für hervorragende

42
denkmalpflegerische Leistungen durch die Regierung von
Mittelfranken

seit 1989 Wissenschaftliche Ausgrabungen durch Wolfgang Steeger

1996 Dauerausstellung zur Oberen Burg im Volkskundemuseum

43
Ölmühle
Das von seinen französischen Ausgräbern als „Ölmühle“ in die archäologische
Nomenklatur eingeführte Bauwerk war Standort einer mittelalterlichen
Olivenölpresse. Doch seine Geschichte reicht bis in das 5. Jahrhundert zurück und
damals war seine Funktion eine gänzlich andere. Es war als eine aufwendige Residenz
konzipiert, in deren Ruinen später dann die Ölmühle installiert wurde. Das
herrschaftliche Anwesen ähnelte einem Haustyp, wie er auch in Kourion und Kato
Paphos entstanden war. Auch unmittelbar westlich der salaminischen Basilika wurden
nicht weiter ausgegrabene Spuren eines typähnlichen Anwesens aus jener Zeit
entdeckt, in der auch die Epiphanios-Basilika entstand. Diese auffallende
Gleichzeitigkeit lässt die Archäologen –mit gebotener Zurückhaltung, versteht sich –
an ein Urbanisierungsprogramm denken, das seinerzeit in Salamis vonstatten
gegangen sein könnte.

Die Residenz

Das herrschaftliche Gebäude entstand im 5. Jahrhundert n. Chr. Um einen viereckigen


Innenhof gruppierten sich kleinere und größere Räume, darunter ein prächtiger Salon
in den Maßen 13,40 m x 8.30 m mit einer Apsis, deren Radius 3,50 m betrug.
Stuckpilaster (Wandpfeiler) in korinthischem Stil zierten seine Wände, Bögen
überspannten den Raum und halbkreisförmige Fenster sorgten für viel Licht. In
Wandnischen standen Skulpturen. Im oberen Geschoss (zu erreichen über eine
Wendeltreppe) des zweistöckigen Gebäudes gab es einen weiteren Salon mit üppigen
Stuckdekorationen an seinen Wänden, die Jagdszenen darstellten, springende Löwen
und Bären, Hasen und Hirsche auf der Flucht vor den Jägern – typische Motive jener
Zeit.
Der sehr wohlhabende Hauseigner wird vermutlich repräsentative Funktionen
weltlich-politischer Natur wahrgenommen haben.

Die Ölmühle

Während der arabischen Invasion gegen Mitte des 7. Jahrhunderts wurde die Residenz
zerstört. In seinen Trümmern errichteten Überlebende wenig später die Ölmühle, die vielleicht
noch bis in das 11. Jahrhundert genutzt wurde. Als die französische Expedition 1969 die
Anlage ausgrub, waren seine Bestandteile noch größtenteils vor Ort: Mühlsteine,
Auffangbecken, Ablaufrinnen, Zubehör der Presse. Über die exakte Typzuordnung dieser
Presse sind sich die Experten nicht ganz einig. Soviel aber ist sicher: es war ein „lever-and-
screw“-Typ. Zunächst wurden in dem kleinen Becken von 1,40 m Durchmesser die Oliven mit
einem Mühlstein zu einem Brei zerquetscht, dieser dann in Säcke abgefüllt, die man auf der
Presse übereinander schichtete und mit einem zylindrischen Gewichtsstein beschwerte. Auf
ihn wirkte dann über ein langsam gedrehtes Gewinde („screw“) der tonnenschwere Druck des
Pressenhebels („lever“).

Die Bocksteinhöhle und die Bocksteinschmiede


Auch die Bocksteinhöhle wurde von den Menschen der Eiszeit als Unterschlupf und
Lagerplatz genutzt. Funde aus der Bocksteinhöhle lassen sich auf 50.000 bis 70.000
Jahre zurückdatieren, die Bocksteinhöhle gilt damit als ältester Siedlungskomplex des
Neandertalers in Süddeutschland. Die kleineren Öffnungen sind dabei die eigentlichen
Eingänge der Höhle, die große Höhlenöffnung wurde erst durch Sprengungen
während der Ausgrabungen geschaffen.

44
Knapp unterhalb der eigentlichen Bocksteinhöhle befindet sich eine weitere Höhle,
die Bocksteinschmiede genannt wird. Hier wurde die urtümlichen Werkzeuge der
Neandertaler gefunden.

Entdeckung und Archäologie


Angeregt von den Funden im Hohlenstein und der Veröffentlichung des Romans
"Rulamann" im Jahr 1873 gruben der Langenauer Förster Ludwig Bürger und der
Öllinger Pfarrer Dr. Friedrich Lösch 1881 erstmals in der Bocksteinhöhle. Sie fanden
damals zwei menschliche Skelette: das einer Frau und das eines neugeborenen
Kindes. Von den lange als verschollen geltenden Skeletten wurde das des Kindes 1997
wiederentdeckt und auf 6200 Jahre vor Christus datiert.

Im Frühjahr 1932 suchte Robert Wetzel, inspiriert von den sensationellen Funden in
der Vogelherdhöhle, das Lonetal auf, um nach weiteren Zeugnissen der Urzeit zu
suchen. Anton Bamberger machte ihn dabei auf das Verschwinden von Füchsen in den
Spalten des Bocksteins aufmerksam und Ausgrabungen in den Zeiträumen 1933-35
und 1953-56 brachten zahlreiche Fundstücke zu Tage. Darunter die Werkzeugreste aus
Stein, die den Neandertalern vor 50.000-70.000 Jahren zugeordnet wurden.

Anfahrt und Aktivitäten


Die Bocksteinhöhle finden Sie zwischen Öllingen und Bissingen, unweit vom Lonetal
auf der Anhöhe nördlich der Lone. Wenn Sie von Öllingen her kommen, finden Sie
auf der rechten Seite ein eher unscheinbares kleines Schild mit der Aufschrift
"Bocksteinhöhle 200m". Ihr Fahrzeug können Sie am nahegelegenen
Wanderparkplatz an der Lone abstellen

Vom Hinweisschild laufen Sie ca. 100


Meter über den Feldweg, wo am
Waldrand der kurze, etwas steile
Anstieg zur Bocksteinhöhle beginnt.
Gutes Schuhwerk ist vor allem bei
Feuchtigkeit von Vorteil.

Nach ca. 2/3 der Berghöhe sehen Sie linkerhand den Eingang der Höhle.
Etwas weiter unten, auf der rechten Seite befindet sich die
Bocksteinschmiede, die für (geschickte) Kinder Möglichkeiten zum Klettern
und erforschen bietet.
Oberhalb der Bocksteinschmiede finden Sie einen schönen Aussichtspunkt
mit einer kleinen Hütte, die Unterstand und eine Bank zur Erholung bietet.
Sofern Sie dort ein Picknick veranstalten, nehmen Sie bitte Ihre
mitgebrachten Verpackungen und Gegenstände wieder mit.
Die Bocksteinhöhle lässt sich hervorragend mit einem Aufenthalt in der

nahegelegenen Charlottenhöhle verbinden. Besonders schön ist auch

45
eine Lonetalhöhlentour, bei der Sie Vogelherdhöhle, den Hohlenstein

und die Bocksteinhöhle, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, erkunden.

Bronzezeit

Während der Jungsteinzeit stand die Töpferkunst auf erstaunlicher Höhe. Im


nächsten Abschnitt der Entwicklung aber erfolgte ein Rückschlag. Man suchte nach
neuen Formen für die Gefäße. Ihre Oberfläche wurde plastisch gestaltet oder durch
Kerbschnittmuster aufgelöst oder überhaupt glatt gelassen. Aber es kam lange Zeit
nichts der früheren Keramik Gleichwertiges zustande. Seit der Entdeckung des
Metalls, besonders seit der Erfindung der Bronze, wandte man sich nämlich so
nachdrücklich der Metallbearbeitung zu, daß alle andere kunstgewerbliche Tätigkeit
dahinter zurücktrat. Waffen und Geräte lassen sich im allgemeinen erst verzieren, seit
sie aus Metall hergestellt werden,und auch Körper- und Gewandschmuck sind erst seit
der Bronzezeit Gegenstand künstlerischer Betätigung.

Die Bestandteile der Bronze, Kupfer und Zinn, wurden nur an wenigen Stellen des
vorgeschichtlichen Europas gefunden. Für das deutsche Gebiet waren damals die
mitteldeutschen Kupfererzlager am Harz, im Thüringer Becken und im Vogtland,
ferner auch die Fundstellen in Tirol und Salzburg besonders wertvoll. In
Mitteldeutschland kommt außerdem Kupfer ziemlich häufig zusammen mit Zinn in
dem gleichen Erz vor. - Lange dauerte es, bis man die für Waffen und Geräte am
besten geeignete Formen gefunden hatte. Für die Verzierungen aber standen die
jungsteinzeitlichen Töpfereimuster zur Verfügung. Es ist erstaunlich, wie ähnlich die
Muster der ältesten Bronzewerkzeuge und -waffen denen der alten Töpferkunst sind.
Es treten eingeritzte Stichelreihen, die Ränder begleitende Linien und Dreiecksmuster
auf wie bei den Gefäßen der Jungsteinzeit.

Gar bald mußte es sich jedoch herausstellen, daß diese geradlinigen Muster nicht
ohne weiteres für die neuen Geräte und Waffen, erst recht nicht für den Schmuck
geeignet waren, denn immer mehr verschwand bei den Bronzegeräten die gerade
Linie. Die Schneiden der Schwert- und Dolchklingen z.B. wurden immer feiner
geschwungen und ihre Griffe der Hand angepaßt. Oft gibt es an den Bronzeschwertern
nicht eine einzige gerade Linie mehr. Die Feinheit der Schwingungen forderte nicht
hartes, eckiges, sondern weiches, fließendes Zierwerk.

Am Schwert selbst tritt die Grundform der neuen Verzierung auf: Der Griff ist an der
Klinge festgenietet, und die hervorstehenden, halbkugeligen Nietköpfe bilden den
ersten Schmuck. Werden Griff und Schwert in einem gegossen, so werden die
Nietköpfe überflüssig, aber man deutete ihre Stelle oft durch eingravierte Kreise an.
So wird der Kreis das Grundelement für die Verzierungen der frühen Bronzezeit. Da
der Einzelkreis leer wirkte, füllte man ihn mit konzentrischen Kreisen. Dieses
innerlich richtungslose Muster läßt sich überall anbringen; nebeneinandergesetzt
bildet es einen Schmuck, der sich jeder Umrißlinie anschmiegt, ganz gleich, ob sie
gerade oder gekrümmt ist. Durch Bogen lassen sich die Kreiselemente zu neuer
Einheit verbinden, ebenso durch innere Tangenten, und die Ruhe, die im Wesen des

46
für sich allein stehenden Kreises liegt, wird so zu gleitender Bewegung. Von der durch
innere Tangenten miteinander verbundenen Kreisreihe führt ein kurzer Weg zu der
sich auf- und abwickelnden Spirale. Es ist nicht nötig, eine Beeinflussung von Süden
her anzunehmen, wo die Spirallinien auf den Grabstelen von Mykenä vorkommen.
Das Spiralornament der älteren Bronzezeit ist im Norden durchaus wurzelecht. Es
entsteht ja auch fast von selbst bei der Art des Körperschmuckes: dem Armreifen.
Seine einfache Form ist der um den Arm mehrfach gewundene Bronzedraht. Von ganz
allein ergibt sich die Einrollung der Enden in Spiralenform (vgl. Abb. 11).

Besonders schön ist der Schmuck der Gürtelplatten (Abb. 8). Diese wurden von den
Frauen als Zierde und Schutz am Gürtel getragen. Sie sind wie die Werkzeuge
gegossen, nicht aus Blech getrieben. Die Verzierungen sind sorgfältig eingepunzt.
Streng folgen abwechselnd parallele Linien- und Spiralenbänder der Kreisform der
Platte. Die Schönheit der Metalloberfläche wird um den Schimmer und Glanz der
Spiralen bereichert. Der Gesamteindruck ist von ausgeglichener Ruhe und Harmonie.
Auch wirken die Spiralen außerordentlich zart; es fehlt ihnen die vorwärtsstürmende
Kraft, die etwa eine barocke Volute hat.

Die schönen südgermanischen Fibeln bestehen meist aus reinem Gold. Bei der einen
Gruppe sind dem Grund feine Stege aufgelötet und die Zwischenräume mit
Glasflüssen oder Almandinen ausgefüllt. Der ostgotische Schmuck von Cesena
(Abb. 19) bietet dafür ein gutes Beispiel. Bei einer anderen Art wird der Goldgrund
mit feinem Filigran überzogen. Es werden große Edel- oder Halbedelsteine eingesetzt,
und es entsteht so ein Zierstück von glitzerndem, gleißendem Prunk. Gleicht die
Technik dieser Fibeln auch der spätantiken, so atmet diese südgermanische
Schmuck doch eigenes Leben (Abb. 20-22).

Die Nordgermanen. Der Osebergfund

Die Nordgermanen waren römischem Einfluß nicht im gleichen Maße ausgesetzt wie
die Südgermanen. Sie vermochten daher leichter eine eigene, ihrem Wesen gemäße
Schmuckweise, die nordische Tierornamentik, zu entwickeln. Eine eigenartige
Tierornamentik gab es auch in anderen Kulturen jener Zeit, so in der Spätantike, aber
es wäre verfehlt, in solchen Schmuckformen Vorbilder für das nordische Tierornament
zu suchen. Es geht auch nicht von bestimmten Tieren der Wirklichkeit aus,
Naturnachahmung lag ja dem Norden immer fern, sondern die Tierkörper sind nur
Symbole für die Verlebendigung des Ornamentes. Es entsteht ein Strudel aus Linien
und Bändern, ineinander verschlungen, verknotet und verbissen, ein einziges
wogendes Meer. Aber diese Flut ist eingedämmt, scharfe Ränder bilden stets eine
deutliche Grenze. Das Tierornament paßt sich jeder Form an, es eignet sich als
Zierde für gradlinig und krummlinig begrenzte Flächen, für Körper- und
Gewandschmuck, zur Verzierung von Waffen und Geräten (Abb. 30-39). Manchmal
sind die Tierleiber flach auf den Grund aufgebüglelt, so daß er hier und da
hervorschimmert, mitunter liegen sie so dicht nebeneinander, daß sie die ganze Fläche
füllen (Abb. 39), in der Spätzeit des Stiles kann sogar der ganze verzierende Körper in
Schlingwerk aufgelöst werden. DasTierornament widersetzt sich auch nicht strengerer
Ordnung, es gibt gleichmäßig fortlaufende Bänder- und Schlingmuster, symmetrisch
angeordnete Tierschnörkel, und als Füllung des Kreises tritt der seine Mitte

47
umspielende Tierwirbel auf. Am wildesten werden die Formen in der Wikingerzeit;
in ihnen scheint sich die ganze Fahrten- und Abentuerlust dieser Nordgermanen zu
spiegeln.

Welche große Bedeutung das Tierornament damals hatte, lehrt uns am besten
dieHolzschnitzkunst des Osebergfundes. Ende des 7. Jahrhunderts wanderten die
Ynglinge, die Fürsten der Vestvold-Dynastie, in das Land am Oslofjord ein. Zu ihrem
Geschlecht gehörte auch die Königin Aasa, die Mutter König Halvdans des
Schwarzen und die Großmutter des ersten Reichskönigs der Norweger, Harald
Haarsagers. Sie starb um das Jahr 850 n. Chr. und wurde mit fürstlichen Ehren
bestattet. Vom Oslofjord wurde ihre Lustjacht 5 Kilometer landeinwärts bis zum
Königshofe Oseberg gerudert. Dort zog man das Schiff an Land und vertäute es an
einem mächtigen Steinblock.Dann baute man am Mast aus dicken Eichenbohlen eine
Grabkammer. Darin legte man auf einem Holzbett mit prächtig verzierten Pfosten die
tote Königin, wahrscheinlich völllig angekleidet, zur letzten Ruhe nieder und auf
einem zweiten Bett ihre alte Dienerin, die ihrer Herrin freiwillig in den Tod gefolgt
war. In der Grabkammer wurden mehrere Truhen niedergesetzt, von denen eine
besonders schöne, aus Eichenholz gefertigt, mit Eisenbeschlägen und verzinnten
Nägeln verziert und mit Schlüssel und Schloß versehen ist. Vier schöne Holzeimer
gab man der Toten mit; einer diente als Weinbehälter, in den anderen fand man
Heidelbeeren und Äpfel. Ein Kasten enthielt Weizen zum Brotbacken. Viele gewebte
Stoffe mit Bildern aus der Göttersage fanden sich in der Grabkammer, und auch der
aus Buchenholz gefertigte Webstuhl fehlte nicht.

Im Achterschiff wurden Küchengeräte untergebracht: eiserne Kessel und Töpfe,


Schüsseln, Holzgefäße, Lampen und eine Handmühle. Auch einen frisch
geschlachteten Ochsen gab man der Königin mit - sie sollte auf ihrer Fahrt ins
Totenland nichts entbehren.

Im Vorderschiff erhielt der herrliche Wagen der Königin seinen Platz, dorthin stellte
man auch die vier Schlitten, drei weitere Betten und viele andere Gegenstände. Ferner
legte man vierzehn getötete Pferde hier nieder, dann packte man das Schiff in große
Steinblöcke ein und häufte über das Ganze einen Hügel von Tonerde, der fünfzig
Meter im Durchmesser erreichte.

1903 entdeckte ein Bauer das Grab, und 1904 grub es Professor Gustafson
kunstgerecht aus. Zwar ist schon sehr früh ein Einbruch in das Grab verübt worden;
die Räuber haben allen Schmuck aus Edelmetall gestohlen und die beiden Leichen
verschleppt, aber der Fund ist trotzdem noch wegen seines Reichtums an Geräten sehr
wichtig für die Kulturgeschichte der Nordgermanen.

Auch über das Kunstgewerbe der Wikinger erfahren wir


vielerlei. Das Schiff selbst (Abb. 40) ist ein Meisterwerk des
Holzbaus. Es ist als breites, nicht tiefgehendes Ruderboot
gebaut und wurde mit dreißig Riemen vorwärtsgetrieben. Es
besaß aber auch einen Mast zum Segeln. Vor dem Wind muß
das Schiff eine außerordentlich schnelles, bewegliches und
elegantes Fahrzeug gewesen sein. Außer seiner

48
Zweckmäßigkeit müssen wir aber auch seine Schönheit bewundern. Wie prächtig
schwingen die Linien in der Mitte des Schiffes aus und vereinigen sich dann in dem
stolzen Steven! Von keiner Seite wird der geschmeidige Linienfluß durch irgendeine
Härte gestört.

Vorder- und Hintersteven sind mit Schnitzereien geschmückt. Die zum


Schiffsschnabel aufsteigenden Planken tragen in flachem Relief geschnitzte Bänder.
Aus der Nähe betrachtet, zeigen sie die ganze Wildheit des nordischen Ornaments,
ineinander verknäulte Tiere, bald mit kräftigen, schwellenden, bald mit fadendünnen
Leibern und Gliedern. Aber die Schnitzerei bleibt noch durchaus in einer Ebene; der
Grund schimmert in geringer Tiefe als ruhige Fläche durch die Schlingungen des
Ornamentes hindurch. Da das ganze Schnitzwerk in die beiden festen Grenzlinien der
Streifen gebannt ist, entsteht im ganzen kein Eindruck von Unruhe, sondern von
vornehmen Reichtum.

Über und über ist der Kasten des beigegebenen Wagens beschnitzt. Das altertümliche
Band- und Schlingwerk wird von figürlichen Szenen unterbrochen. Aber auch sie sind
mehr Muster als Darstellung. Die einzelne Gestalt ist nicht abgeschriebene Natur,
sondern Erzeugnis einer eigenwilligen Phantasie. So wird auch die Figurenszene zum
Linienstrudel, der schwer für unser ungeübtes Auge zu entziffern ist und darum voller
Geheimnisse bleibt. Die Träger des Wagenkastens, die Eckpfosten der Schlittenkästen
und die meist prächtig verzierten Ansatzstücke für die Schlittendeichseln zeigen als
besonderen Schmuck vollplastische Köpfe von Tieren und Menschen. Auch sie
kennen keine Naturnähe; der Schnitzer arbeitet an einer Aufgabe, die ihm noch wenig
vertraut ist, und darum wirken diese Köpfe mehr als Skizzen, denn als fertige Werke.
Aber sie sind doch voller dämonischen Lebens.

Der Schmuck der Schlitten (Abb. 41)


ist von verschiedener Art. Das in feste
Grenzen eingefangene Tierornament
kommt neben einem viel strengerem
Bandornament vor, das in gleichmäßigen, geometrischen
Figuren die Fläche überzieht. Hier mag eine Anregung aus dem
Süden vorliegen, doch wird sie von den nordischen Schnitzern sehr bald
umgewandelt; die Grundfläche, die das neue Ornament trägt, wird aufgelöst in
Flechtwerk, dann wird die neue Grundfläche auch zerstört, und so liegen drei
Schichten Flecht- und Bandwerk übereinander. Es entsteht abermals ein
sinnverwirrender Reichtum, der durch eingeschlagene, verzinnte Nägel noch verstärkt
wird (Abb. 42).

Die Kunstwerke des Osebergfundes sind in ihrer Erscheinung nicht einheitlich. Wir
können verschiedene Künstlerhände unterscheiden, wir erfassen darüber hinaus
verschiedene Künstlergenerationen, verschiedene "Stile". Das zeigen am besten die
fünf Tierkopfpfosten, die man im Osebergschiff fand. Welchem Zweck sie dienten, ist
bisher noch nicht bekannt. Der Hals der Pfosten zeigt meist reichen plastischen
Schmuck und endet in einem plastischen Tierkopf. Es soll ein wildes Untier sein -
aber es fehlt das Vorbild, und so entstehen ins Bestialische gesteigerte Hundsköpfe
mit weit aufgerissenem Rachen und fletschenden Zähnen. Der eine Tierpfosten (Abb.

49
43) ist völlig von Bandwerk umflochten und übersät mit weißen Sternchen, das sind
verzinnte Nagelkuppen. Die Augen bestehen aus Metallblättchen mit aufgesetzten
blauen Steinen. Auch die Hauer sind mit dreieckigen Metallplatten beschlagen. Der
Tierkopf Abb. 44 bildet dazu einen starken Gegensatz. Der größte Teil des Halses ist
glatt. Unten umschließt ihn ein Art Halsband, durch dessen quadratische Gitterung
sich die Haut des Halses gewissermaßen leicht durchdrückt. Der Kopf ist mit feiner
Bänderung überzogen, und vorn ist die Haut schachbrettartig gemustert. Die Schnauze
selbst ist ein Stück schärfster Naturbeobachtung; man denkt bei den geblähten
Nüstern sofort an eine Dogge. Diese Zurückhaltung und Strenge in der Ausführung
kommt im Osebergfund nur einmal vor. Man nennt darum den Schnitzer den
akademischen oder klassischen Meister.

Ihren Höhepunkt erreicht die Schnitzkunst des Osebergfundes in dem letzten


Tierpfosten (Abb. 45). Er scheint völlig aus Tierleibern geflochten zu sein. Nicht wie
bei dem einen Schlittenkasten liegen einzelne Schichten von Flechtwerk
hintereinander, sondern aus dunkler Tiefe tauchen die Schlangenleiber hervor, winden
sich durcheinander und glotzen uns schließlich aus seltsam tier- oder
menschenähnlichen Gesichtern an. Die verwirrende Fülle wird aber gebändigt durch
diese Tierleiber selbst. In der äußeren Schicht krümmen sie sich zu ovalen Rahmen,
die, regelmäßig aneinandergereiht, diese Tierknäuel zu einem Ganzen festigen. Die
Körper sind sorgfältig mit kleinen Mustern überzogen, so daß ein Werk von
quirlender, flimmender Pracht entsteht. Mit Recht nennt man darum diesen Künstler
den barocken Meister des Osebergschiffes.

Baukunst. Die Holzbaukunst der Germanen

Das Kunstgewerbe war während des nordischen Altertums die beherrschende


Kunstübung; Malerei und Plastik standen ganz in seinem Dienst und brachten es nicht
zu eigenen Leistungen. Welche Rolle spielte nun die Baukunst? Die ältesten uns
erhaltenen Bauwerke des Nordens sind die Hünengräber der jüngeren Steinzeit. Die
nordischen Bauern errichteten sie aus Findlingsblöcken, dem einzigen Baustein, der
im Lehm- und Sandboden der Tiefländer um die westliche Ostsee vorkommt.

Die Anordnung der Steine zeugt vom Verständnis für die Gesetze der Baukunst.
Auch sind die Wände der Grabkammern oftdurch Bearbeitung der nach innen
gerichteten Blockflächen und durch Trockenmauerwerk so regelmäßig als möglich
gestaltet; selbst Lehm-, Holz- oder Fachwerkauskleidung des Grabraumes sind
wahrscheinlich vorhanden gewesen. Im übrigen erschöpfte sich die nordische
Baukunst lange Zeit im Hausbau, und bei ihm war die zweckmäßige Gestaltung
dieHauptsache. Ob das Haus auch künstlerischen Schmuck erhielt, wissen wir nicht.
Denn Mitteleuropa und die nordischen Länder waren während der Bronze- und
Eisenzeit Waldland, und Holz war in jener Zeit der gegebene Baustoff. Von seiner
Vergänglichkeit sind die Überreste des Hausbaus bis weit in die geschichtliche Zeit
hinein recht bescheiden; über künstlerische Gestaltung sagen sie nichts aus. Erst nach
der Völkerwanderungszeit erfahren wir Genaueres von dem Holzbau, und zwar durch
schriftliche Überlieferung. Aus der germanischen Dichtung lernen wir die
langgestreckte Königshalle mit ihrem von einer Doppelreihe von Stützen getragenen
Dach kennen. Stützen und Wände,Giebel und Tor waren reich geschmückt. Die ersten

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Kirchenbauten auf germanischem Boden bestanden meist aus Holz; manchem
Steinbau, so dem Straßburger Münster, ging eine Holzkirche voraus. Wie sie
aussahen, wissen wir leider nicht. Der Wohnbau muß in der Merowinger- und
Karolingerzeit in einigen Teilen Deutschlands auf beachtlicher Höhe gestanden haben.
Begeistert spricht sich über die Holzbauten der rheinischen Städte der fränkische
Bischof Venantius Fortunatus in seinen um 560 n. Chr. geschriebenen Versen aus:

Cede parum paries, lapidos structu metallo,


Artificis merito praefero ligna tibi.
Aethera mole sua tabulata palatia pulsant,
Quo neque rima patet consolidnte manu.
Quidquid saxa sablo, calces, argilla tuentur,
Singula silva favens aedificavit opus.
Altiori innititur, quadrataque porticus ambit,
Et sculpturata lusit in arte faber.

Weg mit euch, mit den Wänden von


Quadersteinen! Viel höher
Scheint mir ein meisterlich Werk, hier der
gezimmerte Bau.
Schützend verwahren vor Wetter und Wind uns
getäfelte Stuben,
Nirgends klaffenden Spalt duldet des
Zimmermanns Hand.
Sonst nur gewähren uns Schutz das Gestein
und der Mörtel zusammen,
Hier aber bietet ihn uns freundlich der
heimische Wald.
Luftig umziehen den Bau ins Gevierte die
stattlichen Lauben;
Reich von des Meisters Hand, spielend und
künstlich geschnitzt.
(Übertragung nach A. Haupt.)

Zu hoher Vollkommenheit entwickelte sich auf deutschem Boden eine besondere Art
des Holzbaus, nämlich der Fachwerkbau. Wir können uns aus Hessen- und
Frankenland die reizvollen bäuerlichen und städtischen Fachwerkbauten gar nicht
wegdenken. Das Fachwerk ist aber seit alter Zeit im Brauch; findet man doch eine
Andeutung von Fachwerk bereits auf einigen westgermanischen Hausurnen der
frühen Eisenzeit. Auch die unvergeßlich schönen Holzhäuser der Städte des
Harzvorlandes und Wesergebietes, mit ihrem eigenartigen Aufbau und dem seltsam
reichen Zierwerk sind letzte Glieder einer langen Entwicklung, die in ihren Wurzeln
ohne Zweifel bis in germanisches Altertum reicht.

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Von der Höhe germanischer Holzbaukunst zeugen auch die Stabkirchen
Norwegens. Sie stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert.

Ihr Grundriß ist völlig verschieden von dem der meisten gleichzeitigen deutschen
oder französischen Kirchen. Unter dem Fußboden des Bauwerkes liegen vier
mächtige Schwellen, die sich in den Ecken rechtwinklig schneiden. In diesen
Schnittpunkten sind vier Holzmasten errichtet, die das Dach tragen. Zur
Unterstützung erhält jeder Hauptmast zwei Nebenmasten, die links und rechts von
ihm im gleichen Abstand auf den Schwellen aufgestellt werden. Man nennt diese
Stabkirchen auch Zwölfmastenkirchen. Da der Grundriß meist ein breites Rechteck
ist, können wohl vier von diesen Masten gleichweit voneinander entfernt in einer
Reihe stehen, wie zum Beispiel an der Schmalseite der Kirche von Borgund, aber an
ihrer Längsseite ist dann der Abstand zwischen den beiden Nebenmasten größer. Die
Masten sind also ganz anders angeordnet als die Säulen der südlichen Basilika. Alle
anderen wichtigen Stützen sind aufgestellte Pfosten. Die Holzwände zwischen ihnen
tragen nichts, sondern sind reine Füllung. Der Hauptraum ist ein rechteckiger Saal mit
einem gleichbreiten allseitigen Umgang. An einer Schmalseite ist der Chor angebaut.
Er verschmilzt in der ältesten Zeit nicht mit dem Hauptraum, weil zwei Masten den
Blick nach dem Altar zu versperren. Die einzelnen Masten sind gewöhnlich durch
Halbkreisbogen miteinander verbunden, in Gol sind sie außerdem durch Querhölzer
und Andreaskreuze verstrebt, so daß eine umlaufende Galerie entsteht. Auf den
Masten stehen oben die Dachsparren auf. Den Übergang von der Stütze zum Bogen
bilden in Urnes schöne Würfelkapitälle. Sind diese aus dem südlichen Steinbau
übernommen oder haben wir es mit einer Form der heimischen Holzbaukunst zu tun?
Wenn sich auch der Ursprung des Würfelkapitells aus der Zimmermannskunst noch
nicht beweisen läßt, so gewinnt diese Annahme durch die Stabkirchen an
Wahrscheinlichkeit. In manchen Teilen, wie der Galerie über dem Bogen, den
Diensten, die die Dachsparren tragen, und der reichen Verstrebung sind bereits
gewisse Konstruktionsgedanken der gotischen Baukunst vorweggenommen.

Die Außenansicht einer Stabkirche (Abb. 46)


beherrschen die sich übereinanderstürmenden
Giebel und Dächer. Unter sie duckt sich ein
niedriger, nach außen offener Umgang. In
einzelnen Stufen schwingen sich die Umrißlinien
dieser nordischen Zentralbauten zur Spitze des
Dachreiters auf, phantastisch unterbrochen durch
die auf den Giebeln befestigten Drachenköpfe.
Das ganze Bauwerk verschmilzt durch den einen Baustoff Schindeldach und
Holzwand zu untrennbarer Einheit.

Holzschnitzerei ließ sich an vielen Stellen anbringen, am meisten reizten aber dazu
die Eingangstüren. Das aus einer älteren Stabkirche übernommene Tor von Urns
(Abb. 47) zeigt das nordische Tierornament noch in seiner frischen ursprünglichen
Art. Das Schnitzwerk der späteren Türumrandungen wird mehr und mehr verfeinert;
es wird regelmäßig verteilt und geordnet, und die Bandverzierungen werden
südlichem Rankenwerk oft recht ähnlich. Auch der Grundriß der Kirchen wird immer

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mehr der dem der Basilika angenähert; doch geschieht das nicht aus Neigung zu
dieser Bauform, sondern nach dem Willen der christlichen Kirche.

Viel früher schon war bei den Südgermanen die arteigene Kunstentwicklung
unterbrochen worden. Durch die Karolingische Renaissance wird die fremde
spätantike Kunst zur Hofkunst erhoben. Staat und Kirche bestimmen, was als schön
zu gelten hat. Die germanische Kunst aber stirbt nicht ab, sie führt, eine Stufe tiefer,
als Volkskunst ein bescheidenes Dasein. Ihre Zierweisen bleiben bei den Bauern und
Handwerkern unvergessen und leben als Schmuck an Geräten und Möbeln, als Muster
in Weberei und Stickerei, im bäuerlichen Hausbau weiter. Von da aus dringt
germanisches Formempfinden immer wieder in die hohe Kunst ein.

Inhalt
In diesem Artikel wird erklärt, was unter der „kambrischen Explosion" verstanden
wird und es werden Mutmaßungen über ihre Ursachen erläutert und bewertet.

Plötzliches fossiles Auftreten verschiedenster Tierstämme

Ursachen der kambrischen Explosion?

Entstehung der Wirbeltiere

Zusammenfassung

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Plötzliches fossiles Auftreten verschiedenster Tierstämme


Eine der ausgeprägtesten Diskontinuitäten in der Fossilüberlieferung findet sich am
Übergang vom Präkambrium zum Kambrium (Zum Überblick siehe Abb. 31). In
kambrischen Sedimenten (=geschichtete Gesteine) tritt eine hochdifferenzierte
Tierwelt so plötzlich und vielfältig auf, dass von der „kambrischen Explosion" (vgl.
Valentine 2004) oder vom „Urknall der Paläontologie" gesprochen wird (vgl. Abb. 24,
Abb. 186).

Lebewesen aus allen bekannten Tierstämmen, die Hartteile besitzen, sind im


Kambrium (meist bereits im Unterkambrium) vertreten. Dazu gehören z. B.
Schwämme (Porifera), Hohltiere (Coelenterata), Ringelwürmer (Annelida), Armfüßer
(Brachiopoda), Gliederfüßer (Arthropoda), Weichtiere (Mollusca), Stachelhäuter
(Echinodermata) und auch Chordatiere (Chordata; darunter als erste Wirbeltiere auch
kieferlose Fische). Diese Tierstämme sind zudem von Beginn ihres fossilen
Nachweises in der Regel in verschiedene, deutlich abgrenzbare Untergruppen
(Klassen) aufgespalten und geographisch meist weit verbreitet. In tieferen Schichten
des obersten Präkambriums wurden dagegen nur sehr wenige Vielzeller gefunden, so
z. B. einige Hohltiere oder Schwämme (s. u.).

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