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BeNeLux € 6,40 Finnland € 8,30 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 86,– Polen (ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien

(ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien € 6,80 Tschechien Kc 195,- Printed in


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Irankrise

Nahen Osten
Kriegsspiele im
Wenn Politiker
Schwäche zeigen
Zitternde Kanzlerin
Maut

Staat kosten kann


Was der CSU-Flop den
Vater, Nachbar, Killer? Der neue Terror von rechts
BRAUNE SCHLÄFER
Nr. 26 / 22.6.2019
Deutschland € 5,30
Unser Wissen
kommt nicht von
irgendwo. Unser
Wein auch nicht.
Weine aus deutschen Regionen:
Qualität, die man schmeckt.

Die 13 deutschen Weinregionen sind


geschützte Ursprungsbezeichnungen.

Weine aus deutschen Anbaugebieten überzeugen nicht


nur mit außergewöhnlichem Geschmack, sondern auch
mit höchster Qualität. Das garantiert auch die Europäische
Union, die alle 13 deutschen Weinregionen als geschützte
Ursprungsbezeichnungen anerkannt hat.
UND

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung
Betr.: Titel, Vogel, Braunkohledor f

Warum musste der Kasseler Regie-


rungspräsident Walter Lübcke ster-
ben, getötet auf seiner Terrasse per
Kopfschuss? Der Generalbundes-
anwalt stuft den Fall als rechtsextre-
mistisches Attentat ein, der Haupt-
verdächtige Stephan E. schweigt bis-
her. Ein Team von SPIEGEL- und
SPIEGEL-TV-Redakteuren hat sich
JULIAN RETTIG
auf die Suche nach dem rechten
Netzwerk gemacht, das E. geholfen
haben könnte. Sie stöberten rechts-
Bartsch extreme Kameraden aus früheren
Jahren auf, die sich mit dem Tatver-
dächtigen solidarisierten. Einer postete nach dessen Festnahme im Netz: »Freiheit
für alle Nationalisten«. Redakteur Matthias Bartsch war in der Kasseler Siedlung un-
terwegs, in der der Familienvater Stephan E. lebte. »Gepflegte Gärten, Rasen mähende
Großväter, spielende Kinder«, so Bartsch, »es fällt schwer, sich vorzustellen, dass
von hier rechter Mordterror im Land verbreitet werden sollte.« Redakteur Wolf Wied-
mann-Schmidt, zuständig für innere Sicherheit, hat den Titeltext zusammengefügt.
Er sagt: »Sollte sich bestätigen, dass der Mord an Walter Lübcke das erste tödliche
Attentat eines Rechtsextremen auf einen Politiker seit 1945 war, wäre das eine Zäsur.
Die Gefahr wird immer weniger berechenbar. Auf den Hass, der sich in den Echo-
kammern des Internets bis zum Terror aufschaukelt, haben die Sicherheitsbehörden
bisher keine Antwort gefunden.« Seite 14

Vor einem Jahr verunglückte die Bahnrad-


Olympiasiegerin Kristina Vogel, 28, beim
Training in Cottbus schwer. Zwei Monate
später machte sie in einem Interview mit
dem SPIEGEL (37/2018) öffentlich, dass sie Ein Leben
querschnittgelähmt ist. »Ich vergleiche
mich mit einem Baby, das lernen muss, sich voller Liebe, Mut &
DER SPIEGEL

selber zu drehen und aufzusetzen«, sagte


sie damals. Redakteurin Antje Windmann Gemeinschaft.
und der Fotograf Maurice Weiss haben sie
seitdem auf ihrem Weg zurück in den Weiss, Vogel, Windmann
Alltag begleitet. Termine mit ihr zu finden
war nicht immer einfach. Wahlkampf, Vorträge, TV-Auftritte, Reha – Vogel gibt
inzwischen wieder Vollgas, als wäre nicht viel passiert. »Sie ist extrem hart zu sich«,
sagt Windmann. »Andererseits, permanent beschäftigt zu sein hat auch den Effekt:
Es bleibt kein Raum zum Nachdenken.« Seite 92

Keyenburg, vor ein paar Jahren knapp 900 Einwohner, ein Dorf
in der Nähe von Mönchengladbach, soll bis 2023 dem Braun-
kohletagebau weichen, obwohl der Kohleausstieg schon be-
schlossen ist. Die neue Siedlung wird gerade gebaut, erste Bürger
ziehen um. Reporterin Barbara Supp hat am alten Standort das
letzte Schützenfest besucht und mit Menschen gesprochen, die
AB DONNERSTAG,
JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL

angesichts des Massenprotests gegen den Braunkohletagebau


wieder Hoffnung schöpfen, bleiben zu können. Sie traf aber 20. JUNI
auch solche, die wollen, dass die Umsiedlung zügig vorangeht.
Eine der Fragen, die sich Supp stellte, war: Lässt sich Heimat NUR IM KINO
überhaupt verpflanzen? Nach ihrem Besuch in Keyenburg sieht
sie es so: »Die Heimat war ein Dorf, und mit ihm geht sie verlo-
Supp ren. Was neu entsteht, sind Siedlungen.« Seite 52

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 3


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 26 | 22. Juni 2019

Titel Strafjustiz Eine 13-Jährige


verschwand mit einem 39 Jahre
Leitartikel Die Politik hat älteren Mann – spielt es
die tödliche Gefahr von rechts eine Rolle, dass er sie wohl nicht
unterschätzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 zwang mitzukommen? . . . . . 46

Terrorismus Der Mord an dem Bildung Eltern kämpfen


Kasseler Regierungspräsidenten dafür, ihre Kinder später
Walter Lübcke zeigt, wie gefähr- einschulen zu dürfen . . . . . . . 48
lich die rechte Szene ist . . . . . 14

Gesellschaft
Deutschland
Früher war alles schlechter:
Meinung Die Gegen- Erasmus-Studenten /

DAVID TADEVOSIAN / SHUTTERSTOCK


darstellung / So gesehen: Was können wir von Prinz
Jetzt ist sogar die CSU Philip lernen? . . . . . . . . . . . . . . . 50
gegen alte weiße Männer . . . . . 8
Eine Meldung und ihre
Wie Giffey ihren Doktortitel Geschichte Gérard Depardieu
verteidigt / Gesine Schwan will Russen gesundes Essen
bringt sich für SPD-Parteivorsitz beibringen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
ins Spiel / Regierung versagt
beim Energiesparen . . . . . . . . . 10 Verlust Kampf um die Heimat –

Ethik Gesundheitsminister
»Mein Gott, war mein Kind für der Klimaprotest mobilisiert
die Braunkohledörfer . . . . . . . 52
Jens Spahn (CDU) und Grünen- oder gegen Organspende?«
chefin Annalena Baerbock Homestory Wie es sich für
streiten im SPIEGEL-Gespräch Der Bundestag berät über ein heikles Gesetz: Sollte einen Mann anfühlt, gegen eine
über den richtigen Weg zu jeder Hirntote automatisch Spender sein, wenn Frau im Tennis zu verlieren 57
mehr Organspenden . . . . . . . . 26
er zu Lebzeiten nicht widersprochen hat? Ja, sagt
Parteien NRW-Minister- CDU-Minister Jens Spahn. Nein, findet Grünen- Wirtschaft
präsident Armin Laschet wird als chefin Annalena Baerbock. Ein Streitgespräch. Seite 26
Kanzlerkandidat gehandelt 30 Minister Spahn verdoppelt
Gehalt für Topmanager
Verkehr Nach dem Urteil der Gesundheitskarte / Nur
gegen die Pkw-Maut kommen 392 Wasserstofffahrzeuge
auf die Regierung auf deutschen Straßen . . . . . . 58
gewaltige Forderungen zu . . . 34
Finanzmarkt Mit einer Digital-
SPD Vizekanzler Olaf Scholz währung will Facebook
PICTURE ALLIANCE / AP / DPA

über seine sehr linke das Geldgeschäft aufmischen 60


Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . . 38
Mobilität Lufthansa-Chef
Gesundheit Angela Merkels Carsten Spohr über seine
Zitteranfall wirft die Ideen für eine CO²-Steuer 64
Frage auf, wie viel Schwäche
Politiker zeigen können . . . . 40 Wohnungsnot Legal-Tech-
Portale helfen Verbrauchern
Kriminelle Gerichte können Showdown in Osaka im Kampf gegen überhöhte
illegal verdientes Vermögen Mieten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
leichter einziehen . . . . . . . . . . . . 43 Beim G-20-Gipfel in Japan könnte es zum
Eklat zwischen den USA und China kommen. Medien
Parteienfinanzierung Wegen
einer Spendenaffäre in
US-Präsident Donald Trump drängt die Presse Warum »FAZ«-Mit-
Bayern muss die SPD hohe Europäer, sich auf seine Seite zu schlagen. Doch herausgeber Holger Steltzner
Strafzahlungen fürchten . . . . 44 diese zögern – aus gutem Grund. Seite 74 gehen musste . . . . . . . . . . . . . . . 68

4 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Ausland Verkehr Feinstaubschwaden
im Tiefbahnhof? . . . . . . . . . . . 103
US-Präsident Donald Trump
eröffnet den Wahlkampf / Psychiatrie Wie Entzündungen
Die Niederlande erwägen, seelische Leiden schüren –
Freier zu bestrafen . . . . . . . . . . 72 und warum dies Hoffnung auf
neue Therapien macht . . . . 104
Geopolitik Der Handelskrieg
zwischen den USA und Geschichte Kunsthistoriker
China spitzt sich vor dem erforschen das Werk
G-20-Gipfel in Japan zu . . . . 74 des berühmten Tätowierers
Christian Warlich . . . . . . . . . . 106
EU-Handelskommissarin

AMY OSBORNE / AFP / GETTY IMAGES


Cecilia Malmström über
Europas Verhältnis zu China Kultur
und den USA . . . . . . . . . . . . . . . 76
Ausstellung der Malerin Karin
Großbritannien SPIEGEL- Kneffel / Animationsfilm
Gespräch mit Schottlands »Pets 2« / Kolumne: Besser
Regierungschefin weiß ich es nicht . . . . . . . . . . . 110
Nicola Sturgeon über den
Brexit, Boris Johnson Zeitgeist Die Ära der High
und Nationalismus . . . . . . . . . . 78 Zuckerbergs neues Geld Heels geht zu Ende,
der flache Schuh beherrscht
Iran Droht ein neuer Krieg Mit Libra, seiner neuen Digitalwährung, will die Frauenmode dieses
im Nahen Osten? . . . . . . . . . . . 82 Facebook nicht weniger als das Geld Sommers . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112

Geschichte Warum der


neu erfinden. Doch ist der skandalumwitterte Intellektuelle Jürgen Habermas
Vertrag von Versailles Social-Media-Konzern der richtige feierte seinen 90. Geburtstag –
der Welt keinen Frieden Anbieter für Finanzdienstleistungen? Seite 60 und ein Land versucht, bei
brachte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 ihm Halt zu finden . . . . . . . . 116

Bestseller Die Tagebücher der


Sport »Anonyma« erzählen
Der überforderte Frieden von den Vergewaltigungen
Immer mehr National- in Berlin 1945 – eine
spielerinnen sind im Ausland Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Historikerin hat die Authen-
aktiv / Magische Momente: Versailles unterzeichnet. Er sollte gemeinsam mit tizität untersucht . . . . . . . . . . 118
Serhij Stachowskyj
über seinen Sensationssieg
vier anderen Abkommen der Welt eine neue, Künstlerinnen Die Fotografin
in Wimbledon . . . . . . . . . . . . . . . 91 friedliche Ordnung bescheren. Stattdessen führte Nan Goldin kämpft
er in den Zweiten Weltkrieg. Seite 84 gegen einen Pharmakonzern
Schicksale Wie die quer- – einen mächtigen
schnittgelähmte Rad-Olympia- Museumssponsor . . . . . . . . . . 120
siegerin Kristina Vogel
ihren Weg zurück in den Literaturkritik Der Schrift-
Alltag meistert . . . . . . . . . . . . . . 92 steller Jochen Schmidt
erfindet in seinem neuen
Affären Zu Beginn seines Roman eine totalitäre
wichtigsten Turniers versinkt Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
der afrikanische Fußball-
verband im Chaos . . . . . . . . . . 97

Wissenschaft

Deutsche werden dümmer /


Schleimiger Superkleber /
Einwurf: Und wie ehrlich Das Ende der High Heels
sind Sie so? . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Birkenstocks und Trekkingsandalen, Espadrilles Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
Evolution Stillende Spinnen, und Mokassins – die allermeisten Frauen Impressum, Leserservice . . . 124
selbstlose Käferpapas – Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Biologen kommen den merk-
sind in diesem Sommer auf flachen Schuhen unter- Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
würdigen Spielarten wegs. Auch ein Weg, um eine größere Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
der Brutpflege auf die Spur 100 Gleichheit der Geschlechter zu erreichen. Seite 112 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelfotos: Peter Juelich (2); SPIEGEL ONLINE; Swen Pförtner / dpa 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Befremdliche Nachsicht
Leitartikel Politik und Sicherheitsbehörden haben die Gefahr des Rechtsextremismus verharmlost.

D
ie Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke sich zumindest früher um einen glühenden, zum Morden
wäre eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsge- bereiten Nazi handelte. Man habe sich eben nicht um
schichte, wenn sich der Verdacht der Polizei bestä- alle Gefahren gleichzeitig kümmern können und Prioritä-
tigt. Sie wäre nicht nur ein Angriff auf Lübckes ten setzen müssen, bekannte er. Nein: Man hätte das
Leben, sondern auch auf Freiheit und Demokratie. Es wäre, eine tun können, ohne das andere zu lassen. Das hätte
soweit bekannt, der erste Mord von Rechtsterroristen an etwas gekostet, ja, aber es wäre sinnvoll investiertes Geld
einem Repräsentanten des Staates seit sehr langer Zeit. In gewesen.
der Weimarer Republik gehörten derartige Morde zum Für die neue Priorität stand wie kein Zweiter der frühere
aufgepeitschten Alltag. Der frühere Reichsfinanzminister Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Ihn
Matthias Erzberger und Außenminister Walther Rathenau trieben die Sorgen der Pegida-Bewegung an, Angst vor
wurden die prominentesten Opfer des »weißen Terrors« Überfremdung, Angst vor islamistischen Attentätern.
der paramilitärischen »Organisa- Geschützt von dieser ideologi-
tion Consul«. Erzberger, Rathenau schen Verblendung konnte
und andere mussten auch deshalb die rechtsextreme Szene in
sterben, weil sie Verfechter der Deutschland wachsen und sich
Demokratie waren. Mit den Atten- vernetzen. Die rechte Gefahr
taten sollte das staatliche und wurde bagatellisiert.
demokratische System erschüttert So ist es kein Zufall, dass die
werden, für das sie standen. Behörden sowohl nach den neun
Gewiss, es gibt Grenzen des Morden des NSU als auch nach
Vergleichs zwischen Weimar und dem Mord an Lübcke zunächst
der Gegenwart. Die Weimarer von unpolitischen Motiven aus-
YANN WALSDORF / PICTURE ALLIANCE / DPA

Demokratie war neu, unerprobt gingen. Dass Nazis dahinter-


und somit fragil. Nach dem Ersten stecken könnten, sogar Gruppen
Weltkrieg lag Deutschland mora- und nicht nur Einzeltäter, schien
lisch und ökonomisch am Boden. die Vorstellungskraft der Diens-
Die Feinde der Demokratie te zu übersteigen. Dass gültige
trafen auf einen schwachen Staat, Haftbefehle gegen fast 500
der auf Dauer weder seine Regie- Rechtsradikale bis heute nicht
rungsform noch seine Repräsen- vollstreckt sind, zeugt von
tanten verteidigen konnte. einer befremdlichen Nachsich-
Heute sind die Bedingungen an- tigkeit und Halbherzigkeit der
dere. Die Bundesrepublik ist eine deutschen Justiz.
reife, wehrhafte Demokratie. Sie könnte ihre Repräsentan- Es ist seltsam, wie zurückhaltend die Spitzen der Union
ten schützen, sie hätte auch Walter Lübcke schützen kön- auf die Erschießung ihres Parteifreunds reagierten. Die
nen. Aber es fehlt der Wille, die Gefahr des neuen braunen Kanzlerin sprach wolkig von »bedrückenden Nachrichten«
Terrors zu erkennen und mit Macht zu bekämpfen. Die und verweigerte dem Thema so die angemessene Behand-
Politik und die Behörden sind auf dem rechten Auge im- lung. Die CDU-Vorsitzende reagierte immerhin spät. Aber
mer noch arg sehbehindert. man muss sich nur kurz vorstellen, es hätte sich bei dem
In einem Land, das den Aufstieg Hitlers und der Natio- Täter um einen Linkextremen gehandelt. Es hätte einen
nalsozialisten möglich machte, müsste die entschiedene Aufschrei gegeben, gefolgt von neuen Maßnahmen zur Be-
Bekämpfung rechter Milieus und Netzwerke zur Staats- kämpfung des Linksextremismus.
räson gehören. Aber so war es nicht. Seit der Wieder- Selbst wenn sie über den Lübcke-Mord sprachen, vergaß
vereinigung, spätestens aber nach den Anschlägen vom in diesen Tagen kaum ein Unionspolitiker, zugleich auf
11. September 2001 wurde die Überwachung in Deutsch- die Gefahren durch Linke hinzuweisen. Das hat nichts mit
land neu justiert – und die rechte Szene geriet aus dem Problembewusstsein zu tun, es relativiert. Seit 1990 töteten
Fokus. Viele Beamte, die sie bis dahin auf dem Radar hat- Rechtsextremisten 170 Menschen, meist Einwanderer, wie
ten, wurden mit der Beobachtung islamistischer Gefähr- »Tagesspiegel« und »Zeit« ermittelten.
der betraut, nicht zusätzlich, sondern stattdessen. Es All das zeigt, dass die Gefahr durch den Rechtsterroris-
war entlarvend, wie der heutige Verfassungsschutzpräsi- mus von vielen Vertretern des Staates bis heute nicht
dent Thomas Haldenwang in dieser Woche erklärte, richtig verstanden wird. Es wäre gut, wenn der Mord an
warum man den Tatverdächtigen im Fall Lübcke aus dem Walter Lübcke auch in dieser Hinsicht zur Zäsur würde.
Blick verloren hatte, obwohl aktenkundig war, dass es Markus Feldenkirchen

6 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


LEGENDÄRE PERFORMANCE.

ALFA ROMEO STELVIO


Seit 1923 tragen Rennwagen und extrem leistungsstarke Serienfahrzeuge von Alfa Romeo das vierblättrige Kleeblatt
und überzeugen im Zeichen des Glücksbringers mit kompromissloser Performance. Der Stelvio Quadrifoglio
führt diese Tradition fort. Für seine herausragende Dynamik und einzigartigen Handling-Eigenschaften wurde er
mehrfach ausgezeichnet – unter anderem im Vergleichstest der Auto Zeitung als „SUV of the Year 2018“.*

Kraftstoffverbrauch (l/100 km) nach RL 80/1268/EWG: innerorts 12,3; außerorts 8,4; kombiniert 9,8. CO2-Emission (g/km): kombiniert 227.
*Auto Zeitung, Ausgabe 19/2018.
Meinung So gesehen

Letzte Ausfahrt
Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
Andreas Scheuer (CSU)
dezimiert die Bevölkerung.
Das Ende der Verbotspartei G Wir werden weniger. In seinem
Buch »Empty Planet« schreibt der
Robert Habeck will, dass Bierverbot. In Berlin-Pankow hat Kanadier Darrell Bricker, dass die
die Grünen keine Verbots- der grüne Vizebezirksbürgermeister Zahl der Erdenbürger entgegen bis-
partei mehr sind. Inte- Vollrad Kuhn dafür gesorgt, dass im herigen Prognosen künftig zurück-
ressanter Vorschlag. Ich Kiezlokal »Alois S.« kein Alkohol gehen werde. Insbesondere junge
bin gespannt, was die mehr an die Eltern vom Spielplatz Frauen in Afrika und Asien würden
Grünen dazu sagen. Wer nebenan ausgegeben wird. Zwar hat besseren Zugang zu Bildung und des-
als Grüner in die Politik ge- sich fast 20 Jahre lang niemand daran halb weniger Nachwuchs bekommen:
gangen ist, um seinen Mitmenschen gestört; die Bar ist ein Familientreff. je höher der Abschluss, desto gerin-
Lektionen in korrekter Lebensführung Doch Kuhn verwies auf die Einhaltung ger ausgeprägt die Gebärfreudigkeit.
zu erteilen, dürfte Schwierigkeiten des Berliner Grünanlagengesetzes, das »Ab 2070 wird die Menschheit
haben, sich umzustellen. Die Besser- ein Alkoholverbot vorsehe. schrumpfen«, sagt Bricker voraus.
wisserattitüde, der erhobene Zeige- Erschwerend für Habeck kommt Dem Bundesverkehrsminister geht
finger, die Moralapostelei: Soll das hinzu, dass einige Parteifreunde Ver- das offenbar nicht schnell genug. Mit
alles falsch gewesen sein? bote einfach gut finden. Sie halten den immer neuen Maßnahmen arbeitet
An der Parteibasis ist jedenfalls Durchschnittsbürger für einen len-
noch nichts angekommen. Hier eine kungsbedürftigen Konsumtrottel, dem
kleine Auswahl grüner Forderungen der Einblick in höhere Wirkzusammen-
der vergangenen Tage: hänge fehle. Beispiel Veggieday: Vor
Schottergartenverbot. Die Grünen sechs Jahren sei man für die Forderung
im Stadtrat von Velbert (NRW) woll- nach einem Fleischverbot verdroschen
ten den Bürgern per Bebauungsplan worden, sagte die frühere Agrarminis-
verbieten, Schotterlandschaften in terin Renate Künast neulich in der
ihren Vorgärten anzulegen. Steingär- »Welt«. Und heute: überall Veganer
ten würden das städtische Mikroklima und Vegetarier. Man habe damals den
nachteilig beeinflussen, und zwar Zeitgeist vorweggenommen. Verbote
durch »unnötige Wärmebestrahlung«. als Avantgarde. Andreas Scheuer (CSU) an einer
Feuerwerkverbot. In Berlin und Werden sich die Grünen also zur rasanten Dezimierung der deutschen
München wollen die Grünen den Toleranzpartei ummodeln lassen? Bevölkerung. Eine erste Beschleuni-
Bewohnern das private Abbrennen Ich tippe: freiwillig nicht. gungsmaßnahme war die Zulassung
von Raketen an Silvester verbieten. von E-Tretrollern auf Fahrradwegen
Begründung: zu laut, zu dreckig, zu An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher und Straßen, die gewiss zu einer
gefährlich. und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Bereicherung der Unfallstatistiken
beitragen wird. Noch effektiver
jedoch dürfte Scheuers jüngste Idee
sein: Zukünftig soll jeder, der einen
Autoführerschein besitzt, auch soge-
nannte Leichtkrafträder fahren dür-
fen. Bisher muss man dafür eine
zusätzliche Ausbildung und Prüfung
absolvieren, beides soll entfallen.
Nach nur wenigen Übungsstunden
will Scheuer die Beinahe-Biker in die
freie Wildbahn entlassen.
Der Bevölkerungsprophet Bricker
muss nun seine Formel überarbeiten:
Es fehlt der Scheuer-Faktor, mit dem
sich das rapide Aussterben von jung
gebliebenen, solventen Herren in
den besten Jahren erklären lässt, die
mit der frisch erworbenen »KTM
RC 125 Supersport« zur letzten Aus-
fahrt aufbrechen.
Als hätte es der alte weiße Mann
nicht schon schwer genug: Jetzt
bedroht ihn auch noch ein Minister
von der CSU. Stefan Kuzmany

8 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Achtung,
Menschenrechte!
Existenzsichernde
Löhne? Miserable Unterkünfte?

Kein Trinkwasser
wegen Bewässerung?

Hinter jedem Produkt steckt die Arbeit von Menschen. Unternehmen haben
die Verantwortung, bei der Herstellung und dem Einkauf von Produkten
Menschenrechte zu achten – in Deutschland und weltweit.

Informieren Sie sich: www.wirtschaft-menschenrechte.de


Deutschland
»Ich habe beschlossen, dir dein Leben zurückzugeben.« ‣ S. 46

MICHAEL KAPPELER / PICTURE ALLIANCE / DPA


Familienministerin

Giffey kämpft um ihren Titel


Gutachten soll Täuschungsvorwurf entkräften.
 Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, mögliche Kandi- mutter ihr eine bestimmte amerikanische Zitierweise vorgegeben
datin für den SPD-Vorsitz, kämpft hinter den Kulissen um ihren habe, bei der die Verweise auf andere Werke deutlich weniger
Doktortitel. Vor einigen Wochen übergab Giffey ihrem Anwalt detailliert ausfallen als im deutschen Stil. Damit, so die Argumen-
die Unterlagen aus der Zeit ihrer Promotion, darunter mehrere tation, könne von einer Täuschung keine Rede sein, weil Giffey
Ordner mit Aufzeichnungen sowie ein USB-Stick mit Hunderten lediglich umgesetzt habe, was von ihr verlangt worden sei.
E-Mails. Auf Basis dieser Dokumente erstellte der Anwalt ein Ob sich die Kommission dieser Argumentation anschließt, ist
Gutachten für die Kommission der Freien Universität Berlin, die ebenso offen wie die Frage, wann das Gremium über eine mögli-
derzeit den Vorwurf prüft, die Sozialdemokratin habe in ihrer che Aberkennung von Giffeys Doktortitel entscheidet. In der
Dissertation über »Europas Weg zum Bürger« schlampig zitiert. SPD werden Giffey große Chancen auf den Parteivorsitz einge-
Nach Angaben von mit der Materie vertrauten Personen wird in räumt, falls es ihr gelingen sollte, die Täuschungsvorwürfe gegen
dem Gutachten darauf verwiesen, dass Giffeys damalige Doktor- sie zu entkräften. HIC, VME

Linken-Doppelspitze Doppelspitze eine inhaltliche Entscheidung führen solle. »Ich habe als frauenpolitische
Frau für Bartsch gesucht und keine personelle Frage«, schreibt Cor-
nelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin,
Sprecherin eine klare Haltung zum Thema
und mich in der Verantwortung gesehen,
 Das Frauenplenum der Fraktion der Lin- in einer Mail an ihre Fraktionskollegen. ein Votum des Frauenplenums der Frak-
ken im Bundestag will eine grundsätzliche Kurz zuvor war darüber diskutiert worden, tion zu erwirken«, so Möhring. Eine große
Verankerung der Doppelspitze durchset- dass der Fraktionsvorsitzende Dietmar Mehrheit der Plenumsfrauen votierte für
zen. Sie soll ohne Ausnahmen gelten, auch Bartsch nach dem angekündigten Rückzug die Doppelspitze. »Von der Fraktion erwar-
in Interimsphasen. »Aus frauenpolitischer seiner Amtskollegin Sahra Wagenknecht ten wir, dass sie diesem Votum folgt«, heißt
Sicht ist die Wahl einer mindestquotierten die Fraktion für eine Übergangszeit allein es in der Mail. ABE

10
Bundesregierung mit 651 000 Euro. Das Bundesverkehrs-
Steuergeld für ministerium fördert mit insgesamt
6,1 Millionen Euro auch das Forschungs-
Autokonzerne projekt Providentia auf der Bundes-
autobahn 9 in Bayern. Es befasst sich
 Die Bundesregierung bezuschusst mit automatisiertem Fahren unter
Autokonzerne im Rahmen von 200 lau- Einsatz von Kameras, Radar und ver-
fenden Förderprojekten mit insgesamt netzten Sensoren. BMW erhält dafür
123 Millionen Euro. Die BMW AG und 531 000 Euro aus Steuermitteln des
der Daimler-Konzern erhalten jeweils Bundes. Das Testfeld befindet sich auf
rund 28 Millionen Euro von den Bun- einem rund elf Kilometer langen Teil-
desministerien für Wirtschaft, Verkehr stück der A 9 nördlich von München.

MATTHIAS BALK / DPA


und Forschung, Volkswagen sogar mehr Es ist besonders stark befahren und
als 33 Millionen Euro. So fördert das umfasst das meistbefahrene Autobahn-
Bundesverkehrsministerium den nieder- kreuz Bayerns. Zum Providentia-Kon-
sächsischen Autohersteller im Rahmen sortium gehört neben der Telekom auch
eines Forschungsprojekts, bei dem es der unter Spionageverdacht stehende
um »autonome fernüberwachte Klein- Montage eines Landmarkenschilds für chinesische Telekommunikationsaus-
transporter in der Paketlogistik« geht, autonome Fahrzeuge in Bayern rüster Huawei. MOP

Jüdische Kultur den und als solcher in allen Veröffentli- dass Kritik an der israelischen Regierung
Festival distanziert sich chungen genannt werden. Jetzt zog als antisemitisch gebrandmarkt werden
die Festivalleitung das Angebot an den könnte. »Wir haben stets davor gewarnt,
von Menschenrechtlern NIF zurück. »Wir können bestätigen, dass dass die Dynamik der letzten Entwicklun-
das Kooperationsangebot seitens des JFBB gen zu einer Atmosphäre der Einschüch-
 Das Jüdische Filmfestival Berlin & an den NIF-Deutschland überraschend terung und der Selbstzensur führen wird«,
Brandenburg (JFBB) hat die Zusammen- zurückgezogen wurde«, teilt NIF-Deutsch- so Waldman. Für diese Atmosphäre sei
arbeit mit einer Organisation einge- land-Chef Ofer Waldman mit. Als Grund aber nicht das Festival verantwortlich.
schränkt, die der israelischen Regierung sei »die aktuelle, aufgeladene Atmosphäre »Dass diese Dynamik nun eine Organisa-
kritisch gegenübersteht. Es geht um den um jüdisch-israelische Themen« genannt tion wie den NIF trifft, ist jedoch ein alar-
New Israel Fund (NIF), eine Nichtregie- worden. Spätestens seit der Bundestags- mierendes Zeichen.« Die Festivalleitung
rungsorganisation mit Sitz in den USA, resolution gegen die antiisraelische Boy- wollte den Vorgang weder dementieren
die seit 40 Jahren die israelische Zivilge- kottbewegung BDS im Mai und dem noch bestätigen. Sie teilt lediglich mit, es
sellschaft finanziell unterstützt. Eigentlich Rücktritt von Peter Schäfer als Leiter des werde während des Festivals eine Dis-
sollte der NIF im September offizieller Jüdischen Museums in Berlin treibt Or- kussion mit NIF-Deutschland-Chef Wald-
Partner des Jüdischen Filmfestivals wer- ganisationen wie den NIF die Sorge um, man geben. CSC

Führungskrise gen, dass das Bild der Partei in der Öffent- Sprache ist ja teilweise schrecklich. Wir
»Ich will der SPD helfen« lichkeit positiver wird, als das im Moment reden davon, Menschen »mitnehmen«
der Fall ist. Ich habe keinerlei Karriere- zu wollen. Auf einen solch bevormunden-
Gesine Schwan, 76, Che- ambitionen, will also nicht Kanzlerin wer- den Begriff reagiere ich sehr allergisch.
fin der SPD-Grundwerte- den oder sonst etwas. Das erleichtert es Die Menschen sollen in unserer Politik
kommission, über den vielleicht, wieder Vertrauen für die SPD mitmachen und ihre eigenen Vorschläge
verheerenden Zustand zu schaffen. Es kommt übrigens nicht nur einbringen können.
ihrer Partei und ihr auf die Person an. SPIEGEL: Also mehr Mitgliederbefra-
Angebot, selbst Verant- SPIEGEL: Sondern? gungen?
DPA

wortung zu übernehmen Schwan: Die SPD braucht eine neue Schwan: Das auch. Aber es geht vor
Begeisterungsfähigkeit. Wir müssen weg allem um die Perspektive und die Haltung,
SPIEGEL: Die SPD sucht eine neue Füh- von diesem Spiegelstrich-Image, das die wir als SPD einnehmen. Es klingt viel-
rung – aber bislang meldet sich niemand. wir haben. Es reicht einfach nicht, ein leicht naiv, aber ich will, dass wir über die
Ist der Job derart unattraktiv? paar schöne Sachen zu versprechen und Grenzen unseres Landes hinaus für eine
Schwan: Die Situation der SPD bedrückt im Sinne moderner Wahlarithmetik bessere Welt sorgen und ganz im Sinne
mich, ich halte sie für wirklich gefährlich. sozialpolitische Wohltaten zu verteilen. von Willy Brandt die globale Dimension
Nach außen vermitteln wir ein unerfreu- Das ist so durchschaubar. Wir wirken, als in den Blick nehmen. Ob in der Wirt-
liches, kleinkariertes Bild. Dabei gibt es in machten wir das nur, damit uns noch schaft, bei der Mobilität, der Migration
der SPD so großartige Leute und so viel jemand wählt. Unsere Politik muss über oder dem Klima: Auf allen möglichen
Kraft. die konkreten Bedürfnisse hinausgehen Ebenen wird es dauerhaft Veränderungen
SPIEGEL: Bewerben Sie sich um den Vor- und auch ein Gefühl ansprechen. geben. Wenn wir es nicht schaffen, mög-
sitz? SPIEGEL: Solch ein Gefühl stellt man gera- lichst vielen Menschen das Gefühl zu
Schwan: Wir müssen genau prüfen, wer de in der Krise doch nicht auf Knopfdruck geben, dass wir sie in diesen Turbulenzen
an welcher Stelle Verantwortung überneh- her … repräsentieren, für sie kämpfen und sie
men kann. Ich will der SPD gern helfen. Schwan: ... aber wir müssen es versuchen. zugleich einladen mitzumachen, dann
Und ich traue mir auch zu, dazu beizutra- Und es gibt Möglichkeiten. Schon unsere werden wir nicht mehr gebraucht. VME

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 11


Rüstung stationierte Flugkörper gelten als gesicherte
Sprung ins Dunkle Anzahl, möglicherweise sind es aber auch
deutlich mehr. Sollte Moskau nicht nachge-
 Die Bundesregierung hat die Hoffnung ben, will Trump sich nach dem 2. August
aufgegeben, der amerikanisch-sowjetische seinerseits nicht mehr an den Vertrag hal-
Vertrag über die Abschaffung landgestütz- ten. Doch der Streit zwischen Demokraten
ter Mittelstreckenwaffen (INF) von 1987 und Republikanern über den Verteidigungs-
sei noch zu retten. Am 2. August läuft die haushalt 2020 droht seine militärischen
Frist ab, die US-Präsident Donald Trump Optionen deutlich einzuschränken. Die
Moskau gesetzt hat. Die Nato wirft den Demokraten haben in zwei Ausschüssen
Russen vor, mit der Produktion und Statio- des Repräsentantenhauses bereits für eine

ITAR-TASS / IMAGO
nierung des Marschflugkörpers SSC-8 Kürzung jener Mittel gestimmt, aus denen
gegen die Vereinbarung zu verstoßen, was ein konventioneller Marschflugkörper
Moskau bestreitet. Im Bündnis gibt es frei- und eine ballistische Rakete finanziert wer-
lich unterschiedliche Schätzungen über das den sollen, die als Antwort auf die russische
Ausmaß der russischen Bedrohung: Gut 60 Russische »Iskander«-Rakete SSC-8 infrage kommen. KLW

Pseudopartisanen Technologie entwickeln.« Dass trotzdem Pentagon-


Sechs vom BND Pentagon finanziert Gelder angenommen wurde, habe mit der
»Dual-Use-Problematik« zu tun: For-
 Die Vorbereitung der alten Bundes- deutsche Forschung schungsergebnisse können häufig zivil
republik auf einen Partisanenkrieg wie militärisch genutzt werden. So sei es
war deutlich bescheidener als bislang  Deutsche Wissenschaftseinrichtungen bei einem Projekt um die stabile Strom-
bekannt. Es geht um jene Männer, arbeiten in größerem Umfang als bekannt versorgung auf Schiffen gegangen. Nach
die sich im Falle eines sowjetischen für das US-Verteidigungsministerium: Auskunft der Hochschule sei das »Grund-
Angriffs überrollen lassen und dann im Rund 21,7 Millionen US-Dollar hat das lagenforschung, die auf Schiffe jeglicher
besetzten Westdeutschland aktiv wer- Pentagon in den vergangenen Jahren an Art angewendet werden kann«. Außer-
den sollten. Nach Untersuchungen des deutsche Universitäten und Forschungs- dem seien nur Daten von zivilen Schiffen
Historikers Agilolf Keßelring lag die institute überwiesen. Seit 2008 wurden ausgewertet worden – dem Pentagon
Iststärke der entsprechenden Einheiten 261 solcher Zuschüsse bewilligt – von war das 288 399 US-Dollar wert. HDA, HIM
des Bundesnachrichtendiensts in den 6000-Dollar-Finanzspritzen für Konfe-
Sechzigerjahren bei sechs Mann; die renzen bis zum 1,7-Millionen-Dollar-Pro-
Sollstärke betrug 135 Soldaten. Laut jekt in der Sprengstoffforschung. Das
Keßelring hat sich an dieser Größenord- geht aus US-Haushaltsdaten von 2008 bis 3,67 Forschung, finanziert
nung bis zum Ende des Kalten Kriegs 2019 hervor. Größter Einzelempfänger vom US-Militär
Deutsche Universitäten
wenig geändert. Beim BND galten die ist die Ludwig-Maximilians-Universität mit der höchsten Förderung,
sogenannten Stay-behind-Einheiten als München, die vom amerikanischen Ver- in Mio. Dollar
unproduktiv. Keßelrings Ergebnisse teidigungsministerium mehr als 3,6 Mil- Quelle: USA Spending
widersprechen der verbreiteten Vermu- lionen US-Dollar bekam. 1,28 Millionen
tung, es habe einst eine regelrechte US-Dollar erhielt die Rheinisch-West-
Geheimarmee für den Partisanenkampf fälische Technische Hochschule (RWTH) 1,28 1,25
gegeben. Zwar hatten die Amerikaner Aachen. Die RWTH fühle sich »nicht nur 0,89
vor dem Nato-Beitritt der Bundesre- im Sinne der Gesetzgebung der friedli- 0,82
publik im Jahr 1955 deutsche Einheiten chen Forschung verpflichtet und betreibt
für Sabotageeinsätze und Brücken- keine Rüstungsforschung«, verteidigt ein
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sprengungen aufstellen lassen, aber auch Sprecher die Hochschule. »Sie steht nicht
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diese erreichten nie Divisionsstärke – zur Verfügung, wenn es darum geht, neue
Da
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und wurden dann aufgelöst. KLW Waffentechnologien und Ähnliches zu

Gebäude ser Gebäude einen solchen Nachweis lie- ordnung am Dienstsitz Berlin, ergab die
Regierung schlampt beim fern. Für Besitzer von Wohngebäuden ist Analyse der DUH, dass sie der selbst auf-
ein Energieausweis Pflicht. Die Behörde erlegten Verpflichtung des Bundes nicht
Energieverbrauch begründet das etwa damit, dass manche genügen. Um die Energiesparpotenziale
Gebäude unter Denkmalschutz stünden, im Gebäudebereich nicht zu vergeuden,
 Bei der energetischen Sanierung der sodass »keine Pflicht zur Erstellung von müsse »die Bundesregierung den Still-
eigenen Gebäude bleibt die Regierung un- Energieausweisen« bestehe, so die Bima stand beenden und jetzt im Klimakabinett
ter den selbst gesteckten Zielen. Das trifft gegenüber dem Umwelt-Verein. Liegen- kurzfristig wirkungsvolle Maßnahmen
insbesondere auf nachgeordnete Bundes- schaften wie das Eisenbahn-Bundesamt für den Bereich Gebäude auf den Weg
behörden zu. Die Deutsche Umwelthilfe seien »der Öffentlichkeit nicht zugäng- bringen«, sagt Constantin Zerger, Bereichs-
(DUH) hatte von 14 Verwaltungsbauten lich«, weshalb keine Analyse des Energie- leiter Energie und Klimaschutz bei der
den Energieausweis angefordert. Doch die bedarfs notwendig sei. Für die beiden DUH. Er fordert die Veröffentlichung
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Gebäude mit Energieausweis, darunter des Energetischen Sanierungsfahrplans
(Bima) konnte überhaupt nur für zwei die- das Bundesamt für Bauwesen und Raum- Bundesliegenschaften. GT

12 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


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Wie Ihre Haut


beim Duschen
gewinnt

Bild dient lediglich Illustrationszwecken. Bei den abgebildeten Personen handelt es sich um Fotomodelle.
Meistens verliert sie ja.
Duschgele mit aggressiven
Waschsubstanzen oder ein
zu langes Bad in der Wan-
ne können die natürliche
Schutzfunktion unserer
Hautbarriere beeinträch-
tigen. Linola Dusch und
Wasch kann dem Säure-
schutzmantel der Haut mit
wertvollen Linolsäuren
etwas Gutes tun.

Linola Dusch und Wasch ist eine Mikroemulsion,


Linola Dusch und Wasch
die der Haut beim Duschen und Waschen nicht unter der Lupe des
nur etwas nimmt, sondern auch etwas gibt  – Dermatologen:
linolsäurereiches Pflanzenöl. ƒ spendet Feuchtigkeit über
Damit wir über unsere Haut nicht zu viel Feuch- 24 Stunden
tigkeit verlieren, gibt es eine natürliche Barriere. ƒ mild reinigende Mikro-
emulsion mit hautfreund-
Linolsäure ist eine essentielle Fettsäure, die unser
lichem pH-Wert von 5,5
Körper nicht selbst herstellen kann, die jedoch
für eine funktionierende Hautbarriere unerläss-
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PZN 067
Titel

Die Hinrichtung

14
Terrorismus Mit einem Kopfschuss wird der Kasseler CDU-
Regierungspräsident Walter Lübcke getötet. Der mutmaßliche Täter: ein
Rechtsextremist. Während die Ermittler nach möglichen
Komplizen suchen, ringt die Politik um Antworten auf die eskalierende Gewalt.

ARMANDO BABANI / EPA-EFE / REX

Spurensicherung am Tatort
Name und Adresse stehen im Telefonbuch,
Lübcke wollte bürgernah sein

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 15


Titel

I
m Nachhinein wirkt es, als hätte die Lübcke hatte im Herbst 2015, als meh- Schieflagen bestellt ist.« Folgt man dieser
Runde, die auf Deutschland aufpas- rere Hunderttausend Schutzsuchende Argumentation, sind die Gräben in diesem
sen soll, eine düstere Vorahnung ge- über die Grenze kamen und überall im Land tief, dann hat das, was in den ver-
habt. »Bericht zur Sicherheitslage« Land Notunterkünfte gesucht wurden, auf gangenen Jahren als Enthemmung und
stand an erster Stelle auf der Tagesord- einer Bürgerversammlung rechte Pöbler Verrohung beschrieben wurde, ein neues
nung der Konferenz der Innenminister im in die Schranken verwiesen. Im Internet Niveau erreicht. Dann muss der Staat neu
Kieler Hotel Atlantic. Der Vizechef des wurde er daraufhin zur deutschlandwei- verorten, wo seine Feinde sitzen.
Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan ten Hassfigur. »Volksverräter« stand in Tatsächlich hat sich die Eskalation rech-
Selen, sprach über die größten Bedrohun- den Kommentarspalten, »Schädel ab- ter Gewalt seit Langem angekündigt. Im
gen für das Land. schlagen und in die nächste Jauchegrube Herbst 2015 überlebte die Kölner Oberbür-
Es folgten nicht, wie häufig in diesem Zir- kicken«. germeisterin Henriette Reker nur knapp
kel, vor allem sorgenvolle Sätze zum Isla- Der Mord an Walter Lübcke ist eine ein Attentat, weitere Gewalttaten folgten.
mismus. Selen redete, so berichten Teilneh- Zäsur. Wenn der Verdacht des General- Die Hetze im Netz, die Drohschreiben,
mer, sehr ausführlich über die Gefahr, die bundesanwalts zutrifft, war die Tat ein ein- der Hass bei Wahlkampfauftritten, die
von Reichsbürgern und Rechtsextremisten zigartiges politisches Attentat. feindselige Stimmung gegen Asylheimbe-
ausgehe. Hier schlummere »eine der größ- treiber, gegen Mandatsträger und Beamte,
ten Herausforderungen« für die Sicherheits- von der Kanzlerin bis hinunter an die Ba-
behörden, sagte der Geheimdienstvize. sis, das ist eine Seite dieser Entwicklungen.
Keine 48 Stunden später sollte sich zei- Brauner Hass Auf der anderen wird in Hessen, dem
gen, wie groß die Gefahr durch den Rechts- Gewaltorientierte Rechtsextremisten Bundesland, in dem der Mord geschah,
extremismus offenbar ist. schon länger gegen Polizisten ermittelt, die
Am vergangenen Samstag um zwei Uhr 12 700 verdächtigt werden, einer türkischstämmi-
nachts nahmen Spezialeinsatzkräfte der 10500 gen Anwältin Drohschreiben geschickt zu
Polizei im Kasseler Stadtteil Forstfeld ei- haben, unterzeichnet mit »NSU 2.0.« In
nen Mann unter dem dringenden Tatver-
+ 21 % Mecklenburg-Vorpommern werden Poli-
2014 2017
dacht fest, dem nordhessischen Regie- zisten eines Spezialeinsatzkommandos
rungspräsidenten Walter Lübcke in den festgenommen, weil sie einem Mitglied
Kopf geschossen zu haben. Eine Haut- der sogenannten Prepper-Szene, die sich
schuppe auf dem karierten Hemd des To- Registrierte rechte Kriminalität* auf die Apokalypse vorbereitet, Dienst-
ten hatte zu dem 45-Jährigen geführt. Wei- 2016
munition überlassen haben sollen. Und
tere Indizien belasten ihn. Die Ermittler 23 600 die Bundeswehr kämpft mit einer Reihe
sind überzeugt, dass Stephan E. an dem rechtsextremer Verdachtsfälle. Dass aus-
2018
Mord beteiligt war. Er schweigt. 2014 gerechnet Bedienstete des Staates verdäch-
Derzeit sind die Beamten auf der Suche 17000 20 400 tigt werden, heimlich gegen ihn zu agieren,
nach eventuellen Komplizen. Sie halten statt ihn zu schützen, ist besonders pikant.
es für möglich, dass Stephan E. in der Tat- Kommunalpolitiker, die eine liberale
nacht einen Begleiter hatte. Die Rolle einer Flüchtlingspolitik vertreten, müssen damit
zweiten Person sei noch unklar, sie könnte rechnen, Zielscheibe nicht nur im Netz,
auch nur das Auto gefahren haben. Gewalttaten sondern auch im echten Leben zu werden.
Auf seine Nachbarn wirkte Stephan E. insbesondere Körperverletzung und Tötungsdelikte Landratsämter führen Sicherheitskontrol-
wie ein braver Familienvater. Von seiner len ein, Polizeibehörden empfehlen Kom-
20-jährigen Vergangenheit in der Neo- 1700 munalpolitikern zu kontrollieren, ob je-
naziszene wussten sie angeblich nichts, 1030 1160 mand die Radmuttern gelockert hat, bevor
nichts davon, dass er eine Rohrbombe an sie ins Auto steigen.
einem Asylbewerberheim zünden wollte 2014 2016 2018 Der Mord an dem Regierungspräsiden-
und im Gefängnis einen Migranten mit ten geschieht in der Nacht vom 1. auf den
*davon über 60% Propagandadelikte; Quellen: BMI, BfV
einer Stange blutig geprügelt hatte. 2. Juni im nordhessischen Wolfhagen-
Jahrelang lebte E. unauffällig in einem Istha, 20 Kilometer von Kassel entfernt.
Häuschen mit Spitzgiebel, mit Frau und Von der »Weizenkirmes« schallt Musik
Kindern. Zuletzt arbeitete er bei einem Es gab in der Geschichte der Bundes- durch die dörflichen Straßen, ein Rummel
Hersteller für Bahntechnik, im Schicht- republik immer wieder Terror von rechts, mit Festzelt, hohem Geräuschpegel und
dienst. Zurückhaltend soll er gewesen sein, es gab Anschläge auf US-Soldaten, die für ordentlichem Bierverbrauch.
angeblich verstand er sich am besten mit die Neonazis »Besatzer« waren, es gab das Der 65 Jahre alte Walter Lübcke sitzt
einem iranischen Kollegen. Oktoberfestattentat 1980 mit 13 Toten und am Abend auf der Terrasse seines Hauses
Das zweite Leben des Stephan E. sah die NSU-Morde an neun Migranten und am Rande des Ortes. Die Kirmes ist in Hör-
anders aus, er führte es im Netz. Dort kon- einer Polizistin von 2000 bis 2007. Aber weite. Lübckes Grundstück grenzt an Wie-
sumierte er laut Ermittlern extrem rechte ein tödliches Attentat auf einen Politiker sen, die Terrasse ist einsehbar. Der Regie-
Inhalte, angeblich soll er in Foren auch hat, soweit bekannt, bislang kein Rechts- rungspräsident und seine Frau passen an
Drohungen verbreitet haben. extremist verübt. diesem Abend auf ihr Enkelkind auf, wäh-
Am ersten Juniwochenende folgte der Von einem »Anschlag gegen uns alle, rend der Sohn auf der Kirmes feiert. Ir-
verbalen die physische Gewalt. Den tödli- gegen diesen freiheitlichen Staat«, sprach gendwann zieht sich Lübckes Frau mit dem
chen Schuss setzte E. nicht im fernen Ber- Innenminister Horst Seehofer (CSU): Kind ins Haus zurück, Lübcke selbst bleibt
lin, sondern in seinem Umfeld, in dem klei- »Das ist eine neue Qualität.« noch mit einem Gast auf der Terrasse, es
nen Ort Wolfhagen-Istha, wo der 65 Jahre Der Extremismusforscher Florian Hart- wird gelacht, der Besuch verabschiedet sich
alte CDU-Politiker Walter Lübcke wohnte, leb sagt: »Terrorismus spiegelt in extremer zwischen 22.30 und 23 Uhr.
ein Verteidiger von Merkels Politik. So zu- Ausformung wider, wie es um das gesell- Was danach passiert, kann die Polizei
mindest vermerken es die Ermittler. schaftliche Stimmungsbild und etwaige noch nicht komplett rekonstruieren. Lüb-

16 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


GÖRAN GEHLEN / DPA
cke sitzt wohl noch eine Weile im Freien Schützenklub bei Kassel In den Daten der Polizei findet sich Ste-
und raucht. Irgendwann erscheint der Tä- Abteilung Bogenschießen, angeblich phan E. gleich mehrmals wieder. Siebenmal
ter, die Ermittler halten es für möglich, ohne Zugang zu Feuerwaffen wurden ihm bereits die Fingerabdrücke ge-
dass sich Lübcke mit ihm noch unterhält. nommen, einmal seine DNA. Der erste Ein-
Um 0.30 Uhr findet der Sohn, der von trag stammt aus dem Jahr 1989, erfasst von
der Kirmes zurückkommt, seinen Vater der Polizei in Wiesbaden, Stephan E.s Ge-
blutend mit einer Wunde am Kopf auf burtsort. Die Tat: besonders schwerer Dieb-
der Terrasse. Er ruft einen befreundeten stahl. E. war damals 15 Jahre alt.
Sanitäter, der ebenfalls auf dem Fest war, Über die Jahre kommen weitere Einträ-
später kommen weitere Helfer hinzu. ge dazu: »Droht mit und benutzt Messer
Ihre Reanimationsversuche scheitern, um sowie Reizgas«, »äußerst gewaltbereit«,
2.35 Uhr wird im Krankenhaus von Wolfs- »bewaffnet«, »politisch motivierter Straf-
hagen Lübckes Tod festgestellt. täter«. Dazu notieren die Polizisten: 1,85
Erst in der Klinik bemerken die Ärzte, Meter groß, braune Haare, blaue Augen,
dass die Verletzung am Kopf wohl eine näselnde Aussprache, mehrere Narben.
Schusswunde ist. Die Obduktion ergibt, Nach allem, was man heute weiß, war
dass Lübcke durch den Schuss einer Hand- Stephan E. zwei Jahrzehnte lang ein über-
feuerwaffe gestorben ist, abgegeben aus zeugter Rechtsextremer. Immer wieder
unmittelbarer Nähe, Kaliber 9 mm, nicht beging er Gewalttaten, wurde mehrmals
wie zunächst angenommen ein Kleinkali- verurteilt, saß im Gefängnis.
ber. Es ist eine Hinrichtung. Im November 1992, da ist er gerade 19
Zuerst glauben die Ermittler, Hinweise geworden, bringt er auf einer Bahnhofs-
auf ein Verbrechen aus persönlichen Moti- toilette in Wiesbaden fast einen Ausländer
SPIEGEL ONLINE

ven im Umfeld der Familie gefunden zu ha- um. Weil der ihn angeblich sexuell ange-
ben. Kurzzeitig wird sogar einer der Sani- macht habe, wie E. später sagte, sticht er
täter vom Tatort festgenommen, aber bald ihm von hinten mit einem Messer in den
wieder freigelassen, die Fährte erwies sich Körper, und dann noch mal von vorn.
als falsch. Erst eine mehrere Tage später aus- Verdächtiger Stephan E. Ein gutes Jahr später, am Tag vor Hei-
gewertete DNA-Spur, gefunden auf Lübckes Immer wieder beging er Gewalttaten, ligabend 1993, will Stephan E. im hessi-
Hemd, führt die Ermittler zu Stephan E. wurde mehrfach verurteilt schen Dorf Hohenstein-Steckenroth einen

17
gen die unter Rechtsextremen verhasste
Wehrmachtsausstellung richtete, es kam
zu Ausschreitungen, wieder mal. Stephan
E. gehörte zu einer Gruppe von etwa 500
Neonazis, die aus mehreren Bundes-
ländern sowie Dänemark und Schweden
angereist waren. Das Amtsgericht verur-
teilte ihn zu einer Geldstrafe von 90 Tages-
sätzen – wegen Verstoß gegen das Ver-
sammlungsgesetz: Zu der Demonstration
war E. bewaffnet erschienen.
Am 1. Mai 2009 schließlich stürmten
400 »Autonome Nationalisten« in Dort-
mund eine Kundgebung des Deutschen
Gewerkschaftsbunds, eine friedliche Men-
schenmenge. Es flogen Steine, Flaschen,
Böller. Landfriedensbruch, entschied spä-
ter ein Gericht, vor dem sich Stephan E.
verantworten musste. Nach dieser Ver-
urteilung wurde es still um ihn. Es kann

REUTERS
damit zusammenhängen, dass er inzwi-
schen Familienvater war. Die Behörden je-
denfalls verloren ihn aus dem Auge. Aber
Trauerfeier für Lübcke in Kassel verliert ein Mensch einfach so seinen Hass
»Ein christlicher Patriot« und seine Gesinnung?
Mit Ehefrau und zwei Kindern wohnte
Anschlag auf eine Asylbewerberunter- sage, sein früherer Freund Stephan E. habe Stephan E. in einem kleinen Siedlungshaus
kunft verüben. Es ist die Hochphase rechts- einen CDU-Politiker ermordet? »Ich finde am östlichen Stadtrand von Kassel. In der
extremer Übergriffe nach der Wende, es schlimm, dass ein Familienvater einge- Siedlung hört man das Hintergrundrau-
wenige Monate zuvor haben in Solingen sperrt wird. Es gibt keine Beweise.« schen einer nahen Autobahn, wenn nicht
Neonazis das Wohnhaus der Familie Genç In Kassel trafen sich die Rechtsextremen gerade irgendwo ein Rasenmäher dröhnt.
angezündet und fünf Menschen ermordet. früher in der Bar Stadt Stockholm am Glaubt man Nachbarn, ist Stephan E.
E. bastelt eine Rohrbombe und legt sie Entenanger, genannt Stocki. Dort, so be- in dieser Umgebung kaum aufgefallen. Er
in ein Auto, das zwischen zwei Wohncon- richtet ein ehemaliger V-Mann SPIEGEL habe viel an seinem Haus herumgewerkelt,
tainern für Flüchtlinge steht. Statt einer TV, habe auch E. häufiger gesessen: »Wenn manchmal an Autos geschraubt, immer
Explosion aber entwickelt sich nur ein die von der NPD da waren im Stocki, dann freundlich gegrüßt und sei oft zu verschie-
Feuer, die Bewohner können den Brand war er auch da.« denen Zeiten zur Arbeit aufgebrochen. Er
gerade noch löschen. Wer die Kneipe betritt, riecht: Zigaret- war Mitglied eines Schützenvereins, Ab-
Noch in Untersuchungshaft begeht E. tenqualm, Bier, Schweiß. Am u-förmigen teilung Bogenschießen, angeblich ohne Zu-
seine nächste Gewalttat, wieder richtet Tresen mit dem Zapfhahn in der Mitte gang zu Feuerwaffen.
sie sich gegen einen Migranten: Er schlägt hocken Männer mittleren Alters vor ihrem Heute ahnt man, dass Stephan E. seine
einem Mitgefangenen mit einem abmon- Bierglas, aus der Jukebox dringen Schlager. Ideologie trotz des unauffälligen Lebens
tierten Stuhlbein aus Eisen auf den Kopf, Die Betreiberin erkennt Stephan E. gleich nicht abgelegt hat. Es könnte sich bei ihm
bis dieser blutet. Er bekommt sechs Jahre auf einem Bild: »Na klar, der war doch mit um einen rechten Schläfer handeln, wie
Jugendstrafe. der ganzen Truppe immer hier«, sagt sie. der Verfassungsschutzchef Thomas Hal-
Nach der Entlassung aus der Haft taucht Sie sei froh, dass sie die los sei. denwang diese Woche spekulierte. Einer
Stephan E. ein in die Kasseler Neonazi- Einmal gab es vor der Kneipe eine De- von denen, die ganz plötzlich wieder auf
szene, nach Ansicht von Experten eine der monstration gegen Neonazis. Ein Foto aus Gewaltbereitschaft umschalten.
gefährlichsten in Hessen. der Zeit zeigt, wie Stephan E. zu einem 2016 soll Stephan E. der rechtspopulis-
Zu seinem Umfeld gehören Männer, die Stuhl greift. Auf seinem Hemd trägt er tischen AfD von seinem Konto bei der
Verbindungen zu militanten Gruppen wie einen NPD-Aufkleber. Spardabank Hessen eine Spende von 150
»Combat 18« hatten, auch unter dem Na- Einige Zeit lang war Stephan E. Mitglied Euro überwiesen haben, dazu der Verwen-
men »Kampftruppe Adolf Hitler« bekannt. der rechtsextremen Partei, bis sie ihn an- dungszweck »Gott segne euch«. Die Partei
Viele ihrer Namen finden sich in Unter- geblich wegen nicht bezahlter Beiträge will sich dazu nicht äußern, Datenschutz.
lagen der NSU-Untersuchungsausschüsse. wieder aus ihrer Kartei löschte. Stephan E. soll sich auch in einschlägi-
Zum Teil treten sie noch heute offen als E. war überregional aktiv. Im April gen, rechten Foren aufgehalten haben.
Rechtsextreme auf. 2003 nahm er, damals 29 Jahre alt, offen- Und vermutlich selbst im Netz gewütet
Mike S. steht am vergangenen Mittwoch bar an einem Aufmarsch im schleswig-hol- haben: Wenn die Regierung nicht zurück-
in Unterhemd und Jogginghose auf dem steinischen Neumünster teil, der sich ge- trete, gebe es Tote, soll er gepostet haben.
Balkon eines gelben Mehrfamilienhauses. Irgendwann scheint der Entschluss ge-
Er war mit Stephan E. jahrelang auf De- reift zu sein, dass Lübcke sterben muss.
mos unterwegs, oft gab es Krawall. Ein Mann, den Stephan E. vielleicht als
Nun stemmt er sich gegen das Geländer, Lübcke wurde zum Stellvertreter für all jene Politiker ansah,
schaut in den Hof. Mike S. dreht die Musik Stellvertreter für die er für die vermeintliche Misere des
auf, es läuft der Fehrbelliner Reitermarsch: Landes verantwortlich macht. Aber wa-
»Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm die vermeintliche rum ausgerechnet der Kasseler Regierungs-
wiederhaben.« Was er zu den Vorwürfen Misere im Land. präsident?

18
Titel

Walter Lübcke war kein Scharfmacher,


kein Ideologe, kein Politiker, der zwangs-
läufig ins Visier von Rechtsterroristen ge- Blut und Bomben Von 1990 bis Juni 2018 nach Angaben des Innenministeriums
rät. »Er war ein konservativer, christlicher Todesopfer rechtsextremer Gewalt 83 Todesopfer, andere Quellen nennen jedoch höhere Zahlen.
Vor 2001 wurde die Zuordnung von Straftaten zum rechtsextremen
Patriot«, sagt der CDU-Bundestagsabge- in Deutschland Milieu nicht einheitlich erfasst.
ordnete Michael Brand aus Fulda, der
Lübcke nicht nur einen Parteikollegen, September 1980 Juni 2000
sondern einen Freund nennt. »Hätte mir Ein Sprengstoffattentat Der Rechtsextremist Michael Berger
jemand gesagt, dass Walter ein Opfer rech- auf dem Münchner erschießt in Dortmund und Waltrop drei
ter Gewalt werden würde, ich hätte das Oktoberfest fordert Polizisten und tötet sich anschließend

C. H ART L MAI E R / DDP I MAGE S


nie für möglich gehalten.« Erst vor ein 13 Tote und 211 Ver- selbst.
paar Wochen hatten sie gemeinsam letzte. Die alleinige
Handwerker aus der Region getroffen, ein Täterschaft des bei der September 2000
Termin ganz nach Lübckes Geschmack. Explosion ebenfalls Der türkische Blumenhändler Enver Şimşek wird
»Obwohl er als Regierungspräsident einen getöteten Neonazis in Nürnberg erschossen, Beginn einer beispiel-
Verwaltungsjob hatte, hielt es ihn nicht Gundolf Köhler wird losen Mordserie des »Nationalsozialistischen
lange hinterm Schreibtisch«, sagt Brand. bis heute vielfach Denkmal für die Opfer des Untergrunds« (NSU). Polizei und Verfassungs-
»Er musste raus zu den Leuten, an die angezweifelt. Oktoberfest-Attentats schutz erkennen bis 2011 nicht, dass die Täter
Basis.« aus dem rechtsextremen Milieu kommen.
Bodenständig im wahrsten Sinne war
der Politiker, acht Jahre Zeitsoldat bei der Dezember 1985 Juli 2002
Bundeswehr, Vater von zwei mittlerweile Neonazis machen Jagd auf türkisch- Der 16-jährige Marinus Schöberl
erwachsenen Söhnen, Doktor der Wirt- stämmige Bewohner im Hamburger wird in Potzlow (Brandenburg) von
schaftswissenschaften und im Neben- Stadtteil Hohenfelde. Als der flüchtende drei jugendlichen Rechtsextremisten
erwerb Landwirt an seinem Wohnort in Ramazan Avcı von einem fahrenden zu Tode gequält.
Nordhessen. »Zu meinem 30. Geburtstag Auto verletzt wird, prügeln die Skinheads
hat er mir ein Ferkel geschenkt«, sagt Lo- ihn bewusstlos. Avcı stirbt an den Folgen Dezember 2003
thar Koch, inzwischen pensionierter Foto- der Attacke. In Heidenheim (Baden-Württemberg) ermordet
graf der nordhessischen Lokalzeitung ein Skinhead drei junge Spätaussiedler mit
»HNA«, der den Ermordeten noch aus gezielten Messerstichen ins Herz. Die Attacke
hatte er zuvor in seiner Clique geübt.
Bundeswehrzeiten kennt. Dezember 1990
2009 verpasste Lübcke den Wiederein- Ein von Rechtsextremen angeführter, zumeist
Juli 2009
zug in den Landtag und wurde mit dem aus Jugendlichen bestehender Mob attackiert
Job des Regierungspräsidenten in Kassel in Eberswalde (Brandenburg) afrikanische Die ägyptische Handballnationalspielerin
Migranten. Marwa Ali El-Sherbini wird im Verhandlungs-
entschädigt. Es ist ein Behördenleiter-
Der aus Angola stammende Amadeu António saal des Landgerichts Dresden vom angeklag-
posten, der keinen großen politischen Ge- ten Rechtsradikalen Alex Wiens attackiert.
staltungsspielraum bietet. Obwohl er größ- Kiowa stirbt im Krankenhaus an seinen
schweren Kopfverletzungen. Er ersticht die als Zeugin gegen ihn geladene
tenteils nur die Vorschriften und Gesetze schwangere Frau und verletzt ihren Ehemann
aus der Landeshauptstadt Wiesbaden um- schwer.
setzte, wurde Lübcke von vielen Bürgern El-Sherbini
für die Folgen verantwortlich gemacht: für Dezember 1992
den Bau von Windrädern im Wald, für die Bei einem Brandanschlag auf ihr Wohnhaus
Einleitung von Kali-Salzen in die Werra in Mölln (Schleswig-Holstein) sterben drei
oder für neue Flüchtlingsunterkünfte. Türkinnen.
M A X B EC H E R E R / ST E R N / P O L A R I S / L A I F

Im Regierungspräsidium gingen bald ers-


te Drohbriefe und derbe Beleidigungen ein,
von Windkraftgegnern, von selbst ernann- Mai 1993
ten Reichsbürgern, die Bußgelder nicht be-
In Solingen zünden vier junge Männer
zahlen wollten, zumeist aber von Gegnern ein von Türken bewohntes Haus an.
der Berliner Flüchtlingspolitik. Zeitweise Fünf Menschen sterben in den Flammen.
stand Lübcke unter Polizeischutz.
Er ließ sich davon wenig beeindrucken.
Sein Name und die Adresse seines Wohn- November 2011
hauses am Ortsrand von Wolfhagen-Istha Februar 1997
Mit dem Selbstmord der beiden NSU-Haupttäter
stehen im öffentlichen Telefonbuch, be- Der Polizeibeamte Stefan Grage wird
und der Zerschlagung der Terrorzelle wird das
grenzt wird sein Grundstück nur von bei einer Kontrolle auf der A 24 in
Ausmaß ihrer Verbrechen offenbar: Ab 2000
einem dünnen Weidezaun, die Einfahrt ist Schleswig-Holstein von dem Rechts-
ermordete sie zehn Menschen, verübte 43
offen. Lübcke wollte bürgernah sein, und extremisten Kay Diesner erschossen.
Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und
das wurde ihm zum Verhängnis. 15 Raubüberfälle.
Vermutlich war es nur ein einziger An-
lass, der dieses bürgernahe Leben jäh been- Februar 1999 2. Juni 2019
dete, die Winzigkeit von zwei markanten Auf der Flucht vor einer Gruppe Rechts- Walter Lübcke, hessischer CDU-Landtagsabge-
Sätzen, geäußert in der hitzigen Atmosphä- radikaler in Guben (Brandenburg) ordneter und Regierungspräsident im Bezirk
re einer Bürgerversammlung im Kasseler stürzt der algerische Asylbewerber Farid Kassel, wird zu Hause erschossen.
Nachbarort Lohfelden am 14. Oktober 2015. Guendoul in eine Glastür und stirbt an Wegen seines Engagements für Flüchtlinge galt
Lübckes Behörde musste damals Platz seinen Schnittverletzungen. Lübcke in der rechten Szene als Hassfigur.
für bis zu 14 000 Flüchtlinge schaffen, die

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 19


Titel

in Nord- und Osthessen verteilt werden Diese wütenden Explosionen erreichen aufgeregt, heißt es, und ihn als »Volksver-
sollten, so lautete die Vorgabe der Landes- auch Stephan E. Möglicherweise sieht er räter« bezeichnet.
regierung in Wiesbaden. Der Regierungs- sie im YouTube-Video, vielleicht war er so- Es sind vor allem die Kommunalpoliti-
präsident reiste selbst in die Orte, in denen gar selbst in der Halle. Die Ermittler halten ker draußen im Land, die seit der Flücht-
die Unterkünfte entstehen sollten, und das für denkbar und überprüfen es derzeit. lingskrise im Feuer von Anfeindungen ste-
stellte sich bei Versammlungen den Fragen Schließlich ging es um eine Erstaufnahme- hen. Bürgermeister oder Landräte, die sich
der Bürger. Oft ging es um organisatori- einrichtung für bis zu 800 Menschen, die wie Lübcke für Flüchtlinge eingesetzt ha-
sche Anliegen, manch einer äußerte auch einen guten Kilometer von seinem Haus ben oder rechte Krakeeler in die Schran-
mal Ängste, meist war die Atmosphäre ge- entfernt eingerichtet werden sollte. Und ken verwiesen haben.
spannt, aber sachlich. das Bürgerhaus liegt auch nur rund zwei Die Kölner Oberbürgermeisterin Hen-
Nur im Lohfelder Bürgerhaus ging es Kilometer Luftlinie vom Wohnhaus des riette Reker, 62, der ein Rechtsextremist
turbulent zu. 800 Bürger waren gekom- Verdächtigen entfernt. im Oktober 2015 im Wahlkampf ein Mes-
men, kurz vor Beginn der Veranstaltung ser in den Hals rammte, überlebte nur
seien noch etwa 15 Personen hinzugesto- knapp. Der Täter, ein arbeitsloser Anstrei-
ßen, die ihm größtenteils als Anhänger der cher, der in den Neunzigern zur rechtsex-
rechten nordhessischen Szene bekannt Finstere Gedanken tremen Szene in Bonn gehörte, hatte ein
seien, erinnert sich der Kasseler Fotograf Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen, extra großes Jagdmesser ausgewählt, um,
Kurt Heldmann. Unter ihnen der Organi- Anteil der Befragten in Prozent wie er sagte, »ein Zeichen« gegen die libe-
sator des örtlichen Pegida-Ablegers, der Chauvinismus rale Flüchtlingspolitik zu setzen. Als die
sich in die erste Reihe setzte. Beispiel: »Das oberste Ziel der deutschen Politik Stimmen ausgezählt wurden, lag Reker
Von diesen 15 Leuten seien im Verlauf sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung noch im Koma. Der Angreifer hatte ihre
zu verschaffen, die ihm zusteht.«
des Abends immer wieder provozierende Luftröhre fast komplett durchtrennt und
Zwischenrufe gekommen, sagt Heldmann: 13 einen Brustwirbel gespalten.
»Hau ab«, »Scheiß-Land«, »Scheiß-Regie- Am Mittwochfrüh erhielt Reker erneut
rung«, solche Töne. Lübcke sei zunächst Fremdenfeindlichkeit eine Morddrohung. Der Text der ziemlich
ruhig geblieben, später indes spürbar ge- Beispiel: »Die Ausländer kommen nur hierher, wirr formulierten Mail bezieht sich auf den
um unseren Sozialstaat auszunutzen.«
nervt gewesen. erschossenen Walter Lübcke und faselt
In einem Video, das den Abend festhielt, 9 von einer »Phase bevorstehender Säube-
ist zu sehen, wie Lübcke, der evangelische rungen«, die mit dem Regierungspräsiden-
Christdemokrat, die Kirche lobt. Er spricht Verharmlosung des Nationalsozialismus ten eingeleitet worden sei, »viele weitere«
von Werten und dass es sich lohne, in die- Beispiel: »Der Nationalsozialismus würden folgen, darunter Reker und der
hatte auch seine guten Seiten.«
sem Land zu leben. Er steht allein hinter Bürgermeister von Altena, Andreas Holl-
einem Stehpult, neben sich eine helle Pro- 3 stein. Auch eine finanzielle Forderung
jektionswand, vor sich ein Laptop und die wird erhoben, beziffert mit 100 Millionen
rechten Störer aus der ersten Reihe. Man Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur Bitcoins. Unterschrieben mit »Sieg Heil«.
Beispiel: »Im nationalen Interesse ist unter bestimmten
müsse für Werte eintreten, sagt Lübcke noch. Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.«
Die Staatsanwaltschaft wollte sich nicht
Dann folgt der Satz: »Und wer diese Werte zu einer Bewertung des Schreibens äußern.
nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land 3 Reker sagt am Telefon, dies sei nicht die
verlassen, wenn er nicht einverstanden ist.« erste Drohung, die sie seit dem Anschlag
Das sei die Freiheit eines jeden Deutschen. Antisemitismus erhalten habe, sie sei deshalb »nicht beun-
Beispiel: »Auch heute noch
Im Saal wird es laut, es ertönen Buh-Rufe, ist der Einfluss der Juden zu groß.« ruhigt«. Sie lese die Drohbriefe nicht, ge-
»Pfui« und »Verschwinde!«. nauso wenig wie die hasserfüllten Inter-
In den sozialen Medien werden Sätze 3 net-Postings gegen sie. Der Mord an Lüb-
wie diese zu verbalen Ikonen. Herausge- cke sei eine »ungeheuerliche Gewalttat«,
rissen aus jeglichem Kontext, verpackt als Sozialdarwinismus ein »Anschlag neuer Qualität«. Offenbar
Beispiel: »Es gibt wertvolles und unwertes Leben.«
kurze Videosequenz, verbreiten sie sich gebe es mehr an rechter Gewalt, »als wir
rasch, werden millionenfach aufgerufen, 2 es für möglich hielten«.
vor allem in der rechten Szene. 17 Wörter, Was sie beunruhige, sei, »dass sich et-
vier Sekunden können da tödlich sein. Quelle: Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung; was in unserer Gesellschaft verändert hat,
1890 Befragte deutscher Staatsangehörigkeit ab 18 Jahren;
Unter dem Video stehen bald wüste Be- September 2018 bis Februar 2019 dass sie verroht und Menschen bereit sind,
schimpfungen und unverhohlene Aufrufe Grenzen zu überschreiten«. Am Tag ihrer
zum Mord: »Einfach an der nächsten La- Amtseinführung als Oberbürgermeisterin
terne aufhängen, Schild um den Hals: Hier Findet sich hier das Motiv für die Tat? habe die Schriftstellerin Herta Müller ihr
hängt ein Verräter am Deutschen Volk. Der War es der Unmut über die verhasste sinngemäß gesagt: Erst gehen die Hass-
nächste wird sich das zweimal überlegen.« Flüchtlingsunterkunft in der Nachbar- parolen spazieren, dann die Messer. »Das
Auch die AfD verbreitet Lübckes Äuße- schaft, zusammen mit Lübckes Satz? trifft es ziemlich gut«, sagt Reker.
rungen weiter, ihr Facebook-Post zu sei- Es klingt plausibel, erklärt aber nicht, Andreas Hollstein, 56, Bürgermeister im
nen Sätzen wird einer der erfolgreicheren. warum der mutmaßliche Täter noch mehr westfälischen Altena, holte mehr Flücht-
Die Privatadresse des Regierungspräsiden- als dreieinhalb Jahre wartete, bevor er zu- linge in seine Stadt, als er hätte aufnehmen
ten kursiert bald in den Kommentaren des schlug. müssen, im Mai 2017 bekam er den Natio-
rassistischen Blogs »PI-News«. Im Februar Stephan E. macht bislang keine Aussa- nalen Integrationspreis der Bundeskanzle-
tritt die frühere CDU-Bundestagsabgeord- gen. Die Ermittler wissen allerdings, dass rin. Ein halbes Jahr später setzte ihm ein
nete und heutige Vorsitzende der AfD-na- er den Auftritt in Lohfelden nicht nur Mann in einem Dönerimbiss ein Messer
hen Desiderius-Erasmus-Stiftung, Erika »sehr genau wahrgenommen«, sondern ge- an den Hals und drohte: »Ich stech dich
Steinbach, eine neue Welle der Wut los genüber Gleichgesinnten auch »kommen- ab. Mich lässt du verdursten, aber holst
mit Lübckes dreieinhalb Jahre alten Aus- tiert und bewertet« hat. Er habe sich in 200 Ausländer in die Stadt.« Hollstein kam
sagen. einem Chat »furchtbar« über Lübcke mit einer Schnittwunde davon, der Imbiss-

20 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


betreiber und dessen Sohn halfen ihm, den Der Mann, der Reker fast getötet hätte, 2015 gewonnen zu haben. Wochenlang
Mann niederzuringen. wurde wegen versuchten Mordes zu 14 hatte die NPD mit Aufmärschen gegen Plä-
Der Mordfall Lübcke hat die Bilder des Jahren Haft verurteilt. Hollsteins Angrei- ne mobilisiert, 40 Asylbewerber in dem
Anschlags wieder in ihm hochgespült, be- fer kam dagegen mit einer Bewährungs- Ort unterzubringen. Schließlich trat der
richtet Hollstein am Telefon. Er denke an strafe wegen gefährlicher Körperverlet- Bürgermeister zurück – nicht aus Angst,
die Familie des getöteten Regierungsprä- zung davon, er bestritt fremdenfeindliche wie er sagte, sondern aus Rücksicht auf
sidenten, »denn ich weiß, was eine solche Motive. Der Richter bewertete die Attacke seine Kinder. Zuletzt wollte die NPD bis
Tat in einer Familie anrichtet, selbst wenn nicht als politischen Anschlag, sondern als vor sein Privathaus ziehen – und das Land-
man nur verletzt wurde so wie ich«. Auch »Kurzschlussreaktion«. Hollstein findet ratsamt dies nicht verhindern.
Hollstein hat erneut Drohungen erhalten, das Urteil viel zu milde. Wenn Politiker Der Landrat des Burgenlandkreises,
sie ließen sich alle dem »extremen rechten oder öffentliche Bedienstete wegen ihres Götz Ulrich, 49, sprang ein und beschloss,
Rand« zuordnen. Amtes angegriffen würden, müsse sich das die Flüchtlingsunterkunft bezugsfertig zu
Kommt nun also die Angst zurück? strafverschärfend auswirken, fordert er. machen. Bevor die ersten Bewohner ein-
»Wenn ich Angst hätte«, sagt der CDU- Für manche Hasstäter reicht schon das ziehen konnten, stand die Unterkunft in
Mann, »könnte ich meinen Job nicht mehr Bekenntnis zu den Werten der freiheit- Flammen – und im Briefkasten des Land-
machen.« Deshalb sei er gegen Personen- lichen Demokratie, um einen Feldzug zu rats lagen rechtsradikale Drohbriefe mit
schutz. »Ich muss doch mit meinen Bür- starten. Volker Poß, Bürgermeister der Naziparolen. Mehrere Monate lang stand
gern ohne Hindernisse in Kontakt kom- Verbandsgemeinde Kandel in der Pfalz, der Landrat unter Polizeischutz.
men können.« Außerdem könne man hatte bloß dazu aufgerufen, nicht alle Asyl- Es ist Mittwoch, der Landrat kommt
nicht Zehntausende kommunale Mandats- bewerber unter Generalverdacht zu stel- gerade aus einer Mitarbeiterversamm-
träger schützen. len, als Ende 2017 dort die 15-jährige Mia lung. Als Konsequenz aus dem Attentat
Der Mord an Lübcke wird die Gefah- von ihrem Ex-Freund, einem Asylbewer- bei Kassel soll die Sicherheit seines
reneinschätzung für sogenannte Schutz- ber aus Afghanistan, erstochen wurde. Da- Amts verstärkt werden. Künftig sollen,
personen trotzdem verändern, je nach nach drohten Unbekannte, Poß’ Gesicht so die Erwägung, Besucher Sicherheits-
Anlass werden die Maßnahmen ver- »zu Konfetti« zu schnitzeln oder seine schleusen passieren. Bei öffentlichen
schärft. »Solche Taten können immer Er- Familie »abzuschlachten«, manchmal Sitzungen sollen die Taschen kontrol-
eignisse für Nachahmer sein«, sagt ein stand seine Privatadresse dabei. liert werden. An Rücktritt habe er nie
hochrangiger Beamter. »Die gilt es zu ver- Im sachsen-anhaltinischen Tröglitz gedacht, sagt Ulrich: »Das wäre ein Tri-
hindern.« schienen die Rechtsextremen im März umph für die rechte Szene. Als Vertreter

SASCHA RHEKER / VISUM

Neonazis in Mainz 2009


»Der Staat muss dagegenhalten«

21
im Herbst 2015 in einem vertraulichen
Papier.
Anfang dieses Jahres warnte das BKA
dann erneut vor »schwersten Gewaltstraf-
taten«, die von rechtsextremen Einzel-
tätern oder Kleinstgruppen begangen
werden könnten. Als »Zielauswahl« wur-
den »Repräsentanten der Bundesrepublik
Deutschland« ausgemacht.
Die Behörden waren sich der aufstei-
genden Gefahr also durchaus bewusst.
Und doch fühlt sich nach der Festnahme
von Stephan E. manch langjähriger Ver-
fassungsschützer an die Zeit erinnert, als
die Terrortaten des NSU aufflogen. Da-
mals wurde schnell offenbar, was der Ver-

FEDERICO GAMBARINI / DPA


fassungsschutz alles nicht wusste.
Nach der NSU-Entdeckung habe es vie-
le Lippenbekenntnisse gegeben, was sich
in den Ämtern alles ändern müsse, sagt
ein ehemaliger hochrangiger Beamter.
»Gefolgt ist bis heute nicht viel.« In der
Analyse seien die für Rechtsextremismus
Tatort des Anschlags auf OB-Kandidatin Reker in Köln 2015 zuständigen Abteilungen bis heute
»Wachsam, aber nicht ängstlich« schwach. »Wer forscht systematisch nach,
welche Rechtsextremisten Zugang zu le-
des Staats muss man dagegenhalten zu köpfen. Im Januar bekamen er und eine galen Waffen haben, etwa über Schützen-
können.« Anwältin aus Kreuzberg eine E-Mail, darin vereine oder Reservistenverbände? Wer
Auch Politiker im Bundestag erleben Be- stand: »Zu Eurem Mord rufen wir nun kümmert sich um Neonazis, die einen
drohung mittlerweile als Alltag. Karamba auch auf«, dazu ein Link zu einer Internet- Haftbefehl haben, aber untergetaucht
Diaby zum Beispiel, Anfang der Neunziger- seite. Lindh ist seitdem in regelmäßigem sind?« Kaum einer.
jahre wurde der SPD-Bundestagsabgeord- Kontakt mit Polizei und Staatsschutz. Besonders der hessische Verfassungs-
nete von Fremden mit der Faust nach einer Die Eskalation kam nicht unerwartet. schutz sieht sich nach der Festnahme un-
Busfahrt grundlos ins Gesicht geschlagen. Es gab Zeichen, viele sogar, kleine und angenehmen Fragen zu Stephan E. ausge-
Heute ist der 57-Jährige mit schwarzer Haut- auch große. In vertraulichen Papieren der setzt. »Wir hatten ihn einfach nicht mehr
farbe Integrationsbeauftragter seiner Frak- Sicherheitsbehörden aus den vergangenen auf dem Schirm«, sagt ein Beamter. Ab-
tion und sitzt seit 2013 im Bundestag. »Ich Jahren lässt sich detailliert nachlesen, wie getaucht aus der aktiven Szene, keine De-
erhalte in der Woche drei bis vier Beleidi- in der Flüchtlingskrise zunächst die Zahl mos, keine Schlägereien. Von den angeb-
gungen und Bedrohungen«, sagt er. »In mei- der Angriffe auf Asylbewerber und Flücht- lichen Hassbotschaften im Internet bekam
ner Post befand sich auch mal ein Schreiben lingsunterkünfte in die Höhe schoss – von offenbar niemand etwas mit.
mit einem gezeichneten Galgenmenschen.« sechs Brandstiftungen im Jahr 2014 auf 94 Dabei hatte Hessen nach dem NSU-
Wenn er mit dem Regionalzug in seine Hei- im darauffolgenden. Skandal beteuert, die rechte Szene genau
mat in Sachsen-Anhalt fährt, fühlt sich der Den Angriffen auf Flüchtlinge folgten im Blick zu behalten. In den vergangenen
promovierte Chemiker nicht sicher. Er Attacken auf Politiker. Derzeit ermittelt drei Jahren verdoppelte der Verfassungs-
wuchs im Senegal auf, kam dann zum Stu- der Generalbundesanwalt gegen die schutz die Zahl der Mitarbeiter. Genützt
dieren nach Halle, wo er bis heute lebt. mutmaßliche Terrorgruppe »Revolution hat es nichts, was auch an den Speicherfris-
»Seit dem Einzug der AfD in den Bun- Chemnitz«, deren vermutete Gründer in ten im Nachrichtenverbund liegen könnte.
destag haben die verbalen Attacken auf Untersuchungshaft sitzen, zu Recht wie Nadis heißt das Gedächtnis der Dienste
mich zugenommen«, sagt Diaby. Er denkt der Bundesgerichtshof im Mai bestätigt in Bund und Ländern, eine Abkürzung für
nun auch über Personenschutz für sich hat. Wie aus sichergestellten Chat-Nach- »Nachrichtendienstliches Informationssys-
selbst nach. richten hervorgeht, träumten die Neonazis tem« – ein Datenverbund, in dem sämtli-
Helge Lindh, SPD-Bundestagsabgeord- von »effektiven Schlägen gegen Linkspa- che Hinweise zu Personen und Ereignissen
neter aus Wuppertal, wird ebenfalls seit rasiten, Merkel-Zombies, Mediendiktatur gespeichert werden.
Monaten bedroht. In der Flüchtlingskrise und deren Sklaven«. Doch selbst Tage nach dem Attentat
war Lindh eine der vernehm- Die Sicherheitsbehörden liegen die meisten Informationen, die in

517
barsten Stimmen bei den Sozi- warnen intern schon länger Hessen über Stephan E. über viele Jahre
aldemokraten, sein Engage- vor einer »besonderen Gefähr- gesammelt wurden, dem Verfassungs-
ment für eine liberale Flücht- dung«, die von »entschlosse- schutz nicht vor. Nadis hat eine gesetzlich
lingspolitik fiel selbst jenseits nen, irrational handelnden eingebaute Amnesie: Nach fünf Jahren
seines Wahlkreises auf. Bis heu- rechts motivierte oder fanatisierten Einzeltä- muss der Datensatz zu einer Person ge-
te ist er massiven Anfeindun- Straftaten 2018 tern« ausgehe, »die keine löscht werden, sofern keine neuen Er-
kenntnisse in dem Zeitraum hinzuge-
gen ausgesetzt. Vor einigen
Monaten erhielt er einen sie-
gegen Politiker enge Anbindung an extremis-
tische Gruppen haben«. Die- kommen sind. Die alten Akten über ihn

5
benseitigen handschriftlichen Quelle: BKA ser »Tätertypus« agiere mitun- existieren zwar noch, aber nur in einem
Brief, in dem ihm der Autor ter spontan und gehe gegen besonders gesicherten Container, den der
drohte, ihn an einem Baum zu davon Ziele in seiner näheren Um- Datenschutzbeauftragte erst noch freige-
erhängen oder per Guillotine Gewalttaten gebung vor. So steht es schon ben muss.

22
Titel

»Wer nicht in Nadis gespeichert ist, fin- Feste Strukturen werden durch lose Ver- WerteUnion prüft nun seinen Ausschluss.
det nicht statt«, sagt ein hochrangiger bindungen ersetzt. Immerhin.
Sicherheitsbeamter, »und genau das ist das »Wir sollten im digitalen Zeitalter unser Für den ehemaligen SPD-Vorsitzenden
Problem.« Es müsse eine geregelte Nach- Verständnis von Netzwerken neu definie- Sigmar Gabriel zeigt der Mord, »dass der
sorge für Personen geben, die von der ge- ren«, sagt die Innenausschussvorsitzende braune Sumpf von Reichsbürgern, Identi-
walttätigen Radikalität in die harmlose Andrea Lindholz (CSU). Es brauche heute tären, rechten Schulungszentren und Ideo-
Normalität hineingleiten, sagt der Sicher- keine Treffen mehr, um Strukturen zu bil- logen bis tief hinein in die AfD ein Klima
heitsexperte. den. »Unsere Instrumente wie Vereinsver- erzeugt hat, in dem jetzt gezielt die Ver-
Auch Stephan E. hat das hessische Lan- bote greifen zu kurz, wenn sich Extremis- treter der Demokratie die Opfer werden«.
desamt für Verfassungsschutz über viele ten über WhatsApp-Gruppen oder Inter- Zu Zeiten des linksextremen RAF-Terrors
Jahre lang mehr schlecht als recht beob- netforen organisieren.« habe der demokratische Staat seine Zähne
achtet. Sein Name stand auf einer vertrau- Seine Behörde sei noch nicht gut genug, gezeigt, sagt Gabriel. »Und heute? Wo ist
lichen Liste besonders gefährlicher und räumte Verfassungsschutzchef Halden- die Sonderkonferenz der Innenminister?
gewalttätiger Rechsextremisten. Der Lin- wang dieser Tage ein. »Angesichts der Di- Wann werden die Reichsbürger entwaffnet
ken-Abgeordnete Hermann Schaus hat das mension der Bedrohung durch den Rechts- und die Schulungszentren in den Herren-
Papier bei seinen Recherchen in vertrauli- extremismus sind wir noch nicht in der häusern ausgehoben, in denen die Ideo-
chen Akten des Verfassungsschutzamts ge- Lage zu sagen, wir beherrschen diese logen sich als geistige Brandstifter auf-
funden. Als er die zuständige Sachbearbei- Bedrohung vollständig.« Ein erstaunlich führen?«
terin des Amtes in einer nicht öffentlichen ehrlicher Satz. Zugleich keiner, der die Bundesfamilienministerin Franziska
Ausschusssitzung danach fragte, »konnte Menschen beruhigt. Giffey sieht die Staatsschützer in der
sie nichts Konkretes mit dem Namen an- »Ich fürchte, es wird weitere solche Pflicht. »Was unter der Oberfläche pas-
fangen«, erinnert sich Schaus. Attentate geben«, sagt Miro Dittrich. Seit siert – ob sich gefährliche Netzwerke bil-
Dass die Verfassungsschützer auf dem drei Jahren durchforstet er im Auftrag der den oder Einzelne radikalisieren –, das
rechten Auge so schlecht sehen, hat auch Amadeu Antonio Stiftung Foren und Kom- müssen vor allem die Sicherheitsbehörden
damit zu tun, dass nach den Anschlägen mentarspalten im Netz nach hetzerischen, intensiver ergründen.« Sicht- und hörbare
von 9/11 alle Kräfte auf den Kampf gegen extremistischen und illegalen Inhalten. Signale besonders im Netz müssten erns-
den islamistischen Terror gesetzt wurden, ter genommen werde, fordert die SPD-
auf Kosten anderer Abteilungen. »Davon Politikerin.
haben sich die meisten Ämter bis heute
nicht erholt«, sagt ein ehemaliger Verfas-
Potenzielle Täter Der nordrhein-westfälische Ministerprä-
sident Armin Laschet (CDU) assistiert:
sungsschützer. Zwar würden die Behörden tummeln »Noch nie in den letzten 70 Jahren unserer
inzwischen mit neuen Stellen bedacht,
doch Quantität ersetze keine Qualität. Bis
sich in anonymen Republik war die Demokratie von rechts
herausgefordert wie in diesen Tagen.«
Verbesserungen bemerkbar seien, würden Internetforen. Zwei von denen, die Politiker wie Ar-
wohl noch Jahre vergehen. min Laschet vermutlich meinen, stehen
Außerdem hatte das Bundesamt für Ver- am Mittwoch auf einem Hinterhof, 20 Ki-
fassungsschutz mit Hans-Georg Maaßen Allein rund 200 Konten des Messengers lometer von Kassel entfernt. Sie tragen
lange einen Präsidenten, der nach Ansicht Telegram hat er im Blick. Lonsdale-Shirts und Bärte, ihre Augen ver-
einiger Mitarbeiter das Phänomen des Es brauche keinen Anführer mehr, keine stecken sie hinter Sonnenbrillen. Sie ken-
Rechtsextremismus völlig unterschätzte, ob hierarchisch operierenden Organisationen nen Stephan E. aus ihrer gemeinsamen
bewusst oder unbewusst. »Natürlich hätte oder Zellen für einen Terroranschlag, sagt Zeit in der Szene.
man sich viel früher systematisch die Ver- Dittrich. »Diese Leute gehen los und han- Er glaube nicht, sagt einer von ihnen,
zahnung und den Einfluss von Rechtsex- deln dennoch nicht alleine, sie wissen, es dass Stephan E. das gewesen sei, er habe
tremisten mit der und auf die AfD ansehen gibt eine globale Community, die sie auf- doch Familie. Sie wollen ihm jetzt Pakete
müssen«, sagt der ehemalige Verfassungs- fordert und anfeuert und sie nach ihrer Tat schicken, ihn vielleicht mal besuchen im
schützer. Erst unter dem neuen Präsidenten sogar als Helden feiert und verklärt.« Knast. Er brauche jetzt Unterstützung.
Thomas Haldenwang wurde ein sogenann- Das sei auch im Fall des Lübcke-Mordes Und was ist mit Walter Lübcke, dem Er-
ter Prüfvorgang für die AfD angelegt. geschehen: Auf Instagram feierten Neo- mordeten? »Na ja«, sagt der Mann, »das
Das wurde auch höchste Zeit. Denn die nazis das mutmaßliche Attentat – und rie- war halt keine schöne Aktion, was er da
Gefahr ist viel schwerer fassbar geworden, fen zu weiteren auf. gesagt hat.«
die Grenzen sind fließend, der rechtsradi- So laut der Widerhall aus den Foren, so
Matthias Bartsch, Felix Bohr,
kale Rand fasert aus. Es braucht keine Ka- leise der aus Berlin. Dafür, dass erstmals Maik Baumgärtner, Jörg Diehl,
meradschaften mehr, auch Parteien wie seit 1945 ein Politiker mutmaßlich aus Annette Großbongardt, Roman Höfner,
die rechtsextreme NPD spielen kaum noch rechtsextremen Motiven hingerichtet wur- Max Holscher, Anna-Lena Jaensch,
eine Rolle. Potenzielle Täter tummeln sich de, blieb die Reaktion aus dem politischen Martin Knobbe, Tim Kummert,
in anonymen Internetforen oder Chaträu- Zentrum tagelang verhalten. Die Kanzle- Roman Lehberger, Peter Maxwill,
men für Gamer, wo sie Amokläufer und rin sprach von »bedrückenden Nachrich- Veit Medick, Ann-Katrin Müller,
Henrik Neumann, Miriam Olbrisch,
Terroristen verherrlichen. ten«, Vizekanzler Olaf Scholz mahnte, Sven Röbel, Marcel Rosenbach,
Viele treibe dabei ein »diffuses Wider- »dass wir als Demokraten zusammenste- Fidelius Schmid,
standsmotiv«, das sich etwa aus Verschwö- hen«. Nichts von der Wucht, mit der 2000 Wolf Wiedmann-Schmidt
rungstheorien oder rechtsextremistischen Kanzler Gerhard Schröder nach einem
Untergangsszenarien speise, so analysierte Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Sy-
jüngst der Verfassungsschutz. »Entschei- nagoge zum »Aufstand der Anständigen« Erklär-Animation
Die rechte Szene in
dend für Radikalisierungsprozesse« sei das aufgerufen hatte. Stattdessen beschwerte Deutschland
Netz. Was früher die Szenekneipe war, ist sich ein CDU-Politiker der konservativen spiegel.de/sp262019rechts
heute die Parallelwelt des Internets mit WerteUnion nach der Festnahme in Kas- oder in der App DER SPIEGEL
ihren Echokammern und Wutverstärkern. sel über die »Hetze gegen rechts«. Die

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 23


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GRAND PRIX VON MONACO:


Mit dem Team Alfa Romeo
Racing ist die Traditionsmarke
zurück in der Formel 1

Zurück in der Königsklasse


Schon der erste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten fuhr einen Alfa Romeo. Seit dieser
Saison feiern die Fans das Comeback der Traditionsmarke. Deren Kompetenz in Sachen
Motorsporttechnologie kommt neben dem Rennstall auch den Serienfahrzeugen zugute.

S
ie gilt als die größte technische He- in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts.
rausforderung im Rennsport: die FORMEL-1-TERMINE 2019 Schon in den 1920er-Jahren erzielte Alfa
Formel 1. Jetzt ist Alfa Romeo nach Romeo unzählige Siege und war auch von
34 Jahren Pause als Titelsponsor für das Sau- Die noch ausstehenden Rennen 2019 Anbeginn in der Formel 1 aktiv. Die ersten
ber-Team zurück in der Königsklasse. In den f
Großer Preis von Frankreich: 23. Juni beiden Weltmeistertitel der Klasse holten
Cockpits der beiden C38-Boliden sitzen Kimi Piloten mit einem Alfa Romeo: 1950 siegte
f
Großer Preis von Österreich: 30. Juni
Räikkönen und Antonio Giovinazzi. „Alfa Giuseppe Farina am Steuer des Tipo 158 „Al-
Romeo Racing ist ein neuer Name mit einer f
Großer Preis von Großbritannien: 14. Juli fetta“, ein Jahr später der Argentinier Juan
großen Historie in der Formel 1“, sagt Mike f
Großer Preis von Deutschland: 28. Juli Manuel Fangio mit dem Nachfolgemodell.
Manley, Chef des Mutterkonzerns Fiat Chrys- f
Großer Preis von Ungarn: 4. August In den 1950er-Jahren zog sich Alfa Romeo
ler Automobiles. Das Comeback dürfte als f
Großer Preis von Belgien: 1. September zwischenzeitlich aus der Formel 1 zurück,
weiterer Meilenstein in die lange Motor- blieb aber in anderen Klassen aktiv. So ge-
f
Großer Preis von Italien: 8. September
sport-Geschichte von Alfa Romeo eingehen. wann die Marke seit den 1960er-Jahren zahl-
f
Großer Preis von Singapur: 22. September reiche Titel in der Tourenwagen-Europameis-
Sieg bei der Premiere f
Großer Preis von Russland: 29. September terschaft. Und 1993 holte sie als erste
Auf den Boliden des Rennstalls prangt das f
Großer Preis von Japan: 13. Oktober ausländische Marke den Titel bei der Deut-
legendäre vierblättrige Kleeblatt (Quadri- f
Großer Preis von Mexiko: 27. Oktober schen Tourenwagenmeisterschaft (DTM).
foglio). Es gehört zu den symbolträchtigsten
f
Großer Preis von USA: 3. November
Zeichen im Rennsport und ziert bei Alfa Von der Piste in Serie
Romeo bereits seit 1923 die Rennwagen und f
Großer Preis von Brasilien: 17. November Seit seiner Gründung erprobt Alfa Romeo
die leistungsstärksten Serienfahrzeuge. Alfa f
Großer Preis von VAE: 1. Dezember neue Technologien im Motorsport, um sie
Romeos Motorsporthistorie reicht zurück bis anschließend in Serienfahrzeuge zu über-
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AUTOGRAMM-JÄGER:
Alfa Romeo-Werksfahrer
Kimi Räikkönen wird von
chinesischen Fans umlagert

PERFEKTER EINSTAND:
Das erste Rennen in der
Formel-1-Geschichte gewann
1950 Giuseppe Farina mit
einem Tipo 158 „Alfetta“

BEIM 1.000. RENNEN DER FORMEL 1:


Der Große Preis von China 2019
endete für Alfa Romeo Racing mit
Rang 8 und zwei WM-Punkten

tragen. Diese Rennsport-DNA hat auch die von Motor, Fahrwerk und Bremse bestehen Motorsport-Gene trägt auch der 2,9-Li-
Ingenieure bei der Entwicklung der Limousi- aus dem Leichtmetall. Auch Kohlefaser ter-Turbo-Sechszylinder in sich. Das 375 kW
ne Giulia und des SUV Stelvio geleitet. Sie kommt zum Einsatz. Aus dem ultraleichten (510 PS) starke Triebwerk wird von Ferrari
setzten konsequent auf eine perfekte Ge- Hightech-Material werden in der Formel 1 gebaut. Kombiniert ist der potente V6 mit
wichtsverteilung und ein geringes Leistungs- die kompletten Monocoque-Chassis gefer- einer 8-Stufen-Automatik, die im Fahrmodus
gewicht. Letzteres beträgt beim Stelvio tigt. Alfa Romeo setzt Kohlefaser für die RACE Gangwechsel in nur 150 Millisekun-
Quadrifoglio gerade mal 3,6 Kilogramm pro Kardanwelle ein. Professionelle Rennsport- den ermöglicht, während der Motor maxi-
PS. Diesen Spitzenwert im Segment errei- technologie sitzt zudem an den Rädern: Op- male Performance zum Beispiel für eine
chen die Konstrukteure durch den Einsatz tional lassen sich Bremsscheiben aus Kohle- schnelle Runde auf einer Rennstrecke zur
von Aluminium. faser-Keramik-Verbundstoff ordern. Das Verfügung stellt. Schließlich brachen sowohl
Türen, Kotflügel, Motorhaube und Kof- senkt das Gewicht noch einmal um rund die Giulia als auch der Stelvio kurz nach ihrer
ferraumklappe sowie viele Komponenten 17 Kilogramm. Markteinführung den Rekord in ihrer jewei-
ligen Klasse auf der legendären Nordschleife
des Nürburgrings.
ZURÜCK IN DER FORMEL 1:
Mit dem Modell C 38 will Alfa „Alfisti“ feiern die Rückkehr
Romeo Racing in dieser Saison
möglichst viele Erfolge einfahren Wenn jetzt auch wieder die Formel-1-Profis
mit den Boliden von Alfa Romeo ihre Runden
drehen, dürfte das nicht nur die Herzen der
traditionellen „Alfisti“ höher schlagen lassen,
sondern auch eine neue Generation von Mo-
torsportfans begeistern.

Mehr Informationen unter


www.alfaromeo.de

Kraftstoffverbrauch (l/100 km) nach RL 80/1268/EWG für den Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio:
innerorts 12,3; außerorts 8,4; kombiniert 9,8. CO2-Emission (g/km): kombiniert 227.
Deutschland

Baerbock: Für mich ist das keine Frage

»Wer nicht spenden will, des Alters, sondern von Lebenssituatio-


nen. Mit 18 hatte die Organspende eine
andere Bedeutung für mich als jetzt, wo
ich zwei Kinder habe. Und wenn man 84

kann widersprechen« ist, denkt man vielleicht kurz vor dem Tod
noch mal anders darüber nach.
SPIEGEL: Wie hat sich Ihre Haltung durch
die Kinder verändert?
Baerbock: Bevor ich eine eigene Familie
hatte, habe ich viel rationaler draufge-
schaut. Für mich war vollkommen klar,
dass ich alle Organe für andere Menschen

»So einfach spende, weil ich dann ja eh tot bin. Jetzt


beträfe diese Entscheidung auch meine
zwei kleinen Kinder, und ich habe daher
noch mal viel intensiver darüber nachge-

ist das nicht« dacht, ob es für sie eine Bedeutung hätte,


was mit meinem Körper, mit meinem Her-
zen nach dem Tod passiert. Im Ergebnis
steht dasselbe auf dem Ausweis, dass ich
alle Organe spende. Aber die Entschei-
SPIEGEL-Streitgespräch CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn dung ist bewusster.
SPIEGEL: Was sagen denn Ihre Angehöri-
und Grünenchefin Annalena Baerbock wollen die Zahl gen, Herr Spahn?
der Organspenden erhöhen – auf sehr unterschiedliche Weise. Spahn: Mein Mann und ich haben da-
rüber gesprochen und haben beide ei-
nen Spenderausweis. Mit meinen Eltern
habe ich über den Tod ehrlicherweise

E
s kann nicht sein, dass täglich drei dass man zu Hause starb und der oder die noch nicht viel geredet. Das will ich nach-
Menschen auf der Warteliste für Tote zum Abschiednehmen noch ein, zwei holen.
Spenderorgane sterben, statistisch Tage in der Wohnung blieb. Heute haben SPIEGEL: Auf der politischen Tagesord-
gesehen, weil sich kein neues Herz wir das Sterben ausgelagert. Das geht so nung steht das Thema aber schon lange.
oder keine Niere für sie findet. In dem weit, dass Eltern ihre Kinder zum Teil be- Baerbock: Zu Recht. Bei aller grundsätz-
Wunsch, die Zahl der Organspenden zu wusst davor schützen, überhaupt mit dem lichen Bereitschaft: Es muss uns gelingen,
erhöhen, sind sich die Deutschen einig. Al- Tod konfrontiert zu werden. Ich finde das dass mehr Menschen den nächsten Schritt
lerdings gilt das nicht für den Weg dorthin. falsch. Das Sterben gehört zum Leben dazu. gehen und sich tatsächlich erklären. Aber
In der nächsten Woche berät der Bun- Baerbock: Ich habe mich schon früh mit Jens Spahns Vorschlag zur Widerspruchs-
destag über zwei fraktionsübergreifende dem Tod beschäftigt, das hängt auch mit regelung ist dafür aus meiner Sicht kontra-
Gesetzentwürfe zur Organspende. Eine Todesfällen und schweren Krankheiten in produktiv. Wir brauchen eine Lösung, die
Gruppe um Bundesgesundheitsminister meiner Familie zusammen. Mit meinen bei so einer persönlichen Frage die sehr
Jens Spahn, 39 (CDU), plädiert für die so- Kindern erlebe ich das noch einmal aufs individuelle Situation der Menschen im
genannte Widerspruchslösung. Menschen Neue, in einer anderen Rolle, weil sie Blick hat. Deshalb haben wir fraktions-
würden nach dem Hirntod automatisch als durch den Tod der Urgroßeltern ebenfalls übergreifend einen anderen Vorschlag
Spender gelten, wenn sie zu Lebzeiten früh mit diesem Thema in Berührung ka- erarbeitet, um die tatsächlichen Spender-
nicht widersprochen haben und ihre An- men. Da merkt man, dass Kinder auf eine zahlen zu erhöhen.
gehörigen keinen anderen Willen kennen. unverkrampftere Art mit Leben und Tod Spahn: Für mich ist Organspende schon
Der Gruppe von Abgeordneten um umgehen, wenn man darüber spricht. länger ein Thema. Vor sieben Jahren habe
Grünenchefin Annalena Baerbock, 38, SPIEGEL: Ist das Verdrängen von Tod ein ich sogar im Bundestag am heutigen Recht
geht Spahns Vorstoß zu weit. Ihr Entwurf Grund dafür, dass es Menschen offenbar mitgearbeitet. Damals war ich noch gegen
sieht vor, dass die Bürgerämter allen Men- schwerfällt, sich mit dem Thema Organ- die Widerspruchslösung, weil ich dachte,
schen Infomaterial aushändigen, wenn die spende zu beschäftigen? dass wir mehr Transplantationen durch
einen Ausweis beantragen. In ein offiziel- Spahn: Es ist gar nicht so schwer. Ich erle- bessere Aufklärung erreichen könnten.
les Onlineregister trägt man ein, ob man be oft auf Veranstaltungen, dass bei dem Aber da lag ich falsch.
Organspender sein möchte oder nicht. Thema plötzlich Ruhe im Saal ist. Da SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Im SPIEGEL-Hauptstadtbüro trafen sich herrscht höchste Aufmerksamkeit. Gleich- Spahn: An der Zahl der Organspenden,
Spahn und Baerbock zum Gespräch. wohl gibt es eine Diskrepanz zwischen der die von Tiefstand zu Tiefstand sank. All
abstrakt hohen Bereitschaft, sich mit die- unsere Kampagnen haben nicht geholfen,
SPIEGEL: Frau Baerbock, Herr Spahn, fällt ser Frage auseinanderzusetzen, und der einen weiteren Rückgang der Organspen-
es Ihnen leicht, über den Tod zu sprechen? Bereitschaft, einen Spenderausweis auszu- den zu verhindern. Dabei sterben jeden
Spahn: Nein, leicht nicht. Ich habe zum füllen. In Umfragen sagen über 80 Prozent Tag Patienten, die vergebens auf Spender-
ersten Mal einen Toten gesehen, als ich 30 der Befragten, dass sie Organspende rich- organe warten. Und die, denen geholfen
war: meine Großmutter. Da ist mir bewusst tig und wichtig finden. Aber zu wenige zie- wird, sind unendlich dankbar. Kürzlich
geworden, wie sehr wir den Tod aus der hen daraus konkrete Konsequenzen. beim Tag der Organspende in Kiel kam
Familie, aber auch generell aus der Gesell- SPIEGEL: Sie sind beide relativ jung, Jahr- ein neunjähriger Junge auf mich zugehüpft
schaft verbannt haben. Meine Eltern erzäh- gang 1980. Warum treibt ausgerechnet Sie und erzählte mir, dass er zwei Jahre zuvor
len, wie selbstverständlich es früher war, das Thema so um? eine neue Lunge transplantiert bekommen

26 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


hatte. Seither gehe er wieder zu Werder
Bremen ins Stadion.
Baerbock: Stimmt: Rund 9400 schwer-
kranke Menschen warten auf ein Organ,
hoffen auf ein neues Leben, wie der kleine
Junge. Aber dafür müssen wir an der rich-
tigen Stelle ansetzen. Die entscheidende
Stellschraube ist, dass in den Krankenhäu-
sern mehr Spender identifiziert werden
und dass wir das Vertrauen ins Spenden-
system stärken. Das Selbstbestimmungs-
recht über den eigenen Körper ist ein sehr
hohes Gut.
Spahn: Die Widerspruchsregelung stellt
das Selbstbestimmungsrecht ja nicht infra-
ge, jeder kann frei entscheiden, ob er Spen-
der sein will oder nicht. Wir zwingen nie-
manden zur Organspende. Wir fordern
nur ein, sich Gedanken zu machen und
sich zu entscheiden.
Baerbock: Wer nicht aktiv widerspricht,
wäre nach eurem Vorschlag automatisch
Spenderin oder Spender. Aufgrund unse-
rer Geschichte gibt es in Deutschland eine
besondere Verpflichtung, dass der Staat
nicht unverhältnismäßig in die individuel-
len Rechte eingreift, vor allem in das Recht
auf körperliche Unversehrtheit, das Recht
am eigenen Leben in Artikel 1 und 2 unse-
rer Verfassung.
Spahn: Wer nicht spenden will, kann wi-
dersprechen, auch mit einem Zettel in der
Hosentasche. Ganz einfach.
Baerbock: So einfach ist das nicht. Unser
gesellschaftliches Zusammenleben fußt da-
rauf, dass man ein Zustimmungsrecht hat,
also gut informiert ist und bewusst einwil-
ligen kann. Man nennt das auch Opt-in.
Beim Recht am eigenen Bild etwa muss
ich zustimmen, dass ich als normale Per-
son fotografiert und veröffentlicht werde.
Nun schlagt ihr vor, dass ich bei der sehr
sensiblen Frage, ob mein Körper unver-
sehrt bleibt oder meine Organe entnom-
men werden, nicht mehr aktiv zustimmen
muss, sondern automatisch als Spenderin
gelte, wenn ich nicht widerspreche – nach
dem Prinzip des Opt-out. Ja, das halte ich
für einen unverhältnismäßigen Eingriff,
gerade wenn es mildere Mittel gibt. Eben
weil die Organspende so wichtig ist, muss
die Lösung ja auch vor dem Verfassungs-
gericht Bestand haben.
Spahn: Unser Vorschlag beschränkt das
Selbstbestimmungsrecht in keiner Weise.
Er sieht vor, dass jeder Bürger dreimal in-
nerhalb von sechs Monaten angeschrieben
und über die Widerspruchslösung infor-
miert wird. Er kann dann jederzeit wider-
ANDREAS CHUDOWSKI / DER SPIEGEL

sprechen.
Baerbock: Was ist mit den Menschen,
die – aus was für Gründen auch immer –
dazu nicht in der Lage sind? Millionen
Menschen sind funktionale Analphabeten,
die euren Brief nicht verstehen können.
Abgeordnete Baerbock, Spahn Wir haben Menschen, die keine feste
Wohnanschrift haben, Obdachlose, was ist

27
mit denen? Mein Verständnis vom Selbst- gern eine Entscheidung abzuverlangen. Ich
bestimmungsrecht ist, dass ein Eingriff in komme zu dem Ergebnis: ja. Und Annalena

ANDREAS CHUDOWSKI / DER SPIEGEL


die Grundrechte mit den mildesten Mitteln Baerbock kommt zu dem Ergebnis: nein.
passiert, die möglich sind. Wir schlagen Baerbock: Auch ich will, dass wir mehr
deshalb vor, dass die Menschen regel- Leben retten. Aber wir müssen ehrlich
mäßig nach ihrer Spendenbereitschaft sein. Auch mit der Widerspruchslösung
gefragt werden und sich jederzeit online würde man nicht automatisch so viele Or-
registrieren können. Der Unterschied ist, gane transplantieren, wie Menschen auf
dass man bei unserem Vorschlag aktiv zu- ein Organ warten. Nur ein sehr geringer
stimmt und nicht automatisch Spender ist. Anteil aller Verstorbenen kommt über-
Spahn: Moment einmal: Ein Arzt wird in Baerbock, Spahn, haupt als Spender infrage – unabhängig
der Praxis nie die Organe eines Obdach- SPIEGEL-Redakteurinnen* davon, ob sie für oder gegen die Organ-
losen oder Analphabeten transplantieren, »Es geht nicht ums Gewinnen« spende waren. Oft ist eine postmortale Or-
der keine Angehörigen hat und wo die ganspende gar nicht möglich, denn nur
Lage unklar ist. Das Argument ist konstru- Spahn: Und wenn nicht, dann passiert noch durchblutete und funktionsfähige Or-
iert. Gleichwohl, das gestehe ich zu, ist die nichts. Euer Vorschlag verändert im wah- gane von Hirntoten können überhaupt
Widerspruchslösung ein Eingriff in die ren Leben nichts. Ich stelle mir gerade vor, transplantiert werden.
Freiheitsrechte. Unser Vorschlag ist aber wie sich die Papierkörbe auf dem Weg raus SPIEGEL: Die Unsicherheit vieler Men-
keine Pflicht zur Organabgabe, wie fälsch- aus dem Rathaus mit leeren Organspende- schen hängt möglicherweise damit zusam-
lich behauptet wird, sondern eine Pflicht, formularen füllen. men, dass sie dem Hirntodkonzept miss-
sich zu entscheiden. Baerbock: Zugleich wollen wir ja, dass trauen. Für Laien ist das schwer zu begrei-
SPIEGEL: Auch das ist eine Pflicht. Ärzte ihre Patienten zur Organspende be- fen: Angehörige sehen einen Menschen,
Spahn: Ich denke, das Schicksal von raten und das, anders als bisher, als kas- dessen Brustkorb sich noch hebt und senkt.
vielen Tausend Menschen rechtfertigt senärztliche Leistung abrechnen können. Spahn: Ein Hirntoter ist kein Sterbender,
diese Verpflichtung. Zumal die Wahr- Spahn: Das ist eine gute Idee. Ich habe sondern verstorben. Das muss man so
scheinlichkeit, selbst einmal eine Organ- nichts dagegen, dass Ärzte regelmäßig in- deutlich sagen. In dem Moment, in dem
spende zu brauchen, deutlich höher ist formieren. Wir wollen im Rahmen der Wi- man die Maschinen abstellt, würde sich
als die, Organspender zu sein. Jeder von derspruchslösung ja auch weitere Aufklä- nach kurzer Zeit nichts mehr bewegen,
uns sollte sich die Frage stellen, was er für rung. Aber ich bezweifle, dass das allein auch der Brustkorb nicht. Warum hält man
sich, seine Kinder, seine Familie wünschen genug bringt, um die Transplantationszah- die Maschinen am Laufen? Weil so noch
würde. len wesentlich zu erhöhen. Nicht umsonst die Möglichkeit besteht, anderen Men-
Baerbock: Genau dieses Ziel teile ich. Man gibt es in 20 von 28 EU-Ländern die Wi- schen mit einer Organspende zu helfen.
kann die Spendenbereitschaft aber anders derspruchslösung. Natürlich ist es für die Angehörigen un-
erhöhen. Die überwiegende Mehrheit der Baerbock: Mit sehr unterschiedlichen Er- glaublich schwer, einen Körper zu sehen,
Bevölkerung ist – wie gesagt – bereit zu fahrungen. In manchen Ländern nahm die der scheinbar noch atmet, und gleichzeitig
spenden. Deswegen schlagen wir vor, dass Spendenbereitschaft ab, nachdem die Wi- zu akzeptieren, dass der Mensch tot ist.
Bürgerinnen und Bürger, wenn sie ohne- derspruchslösung eingeführt wurde. Deswegen müssen wir über öffentliche
hin bei öffentlichen Behörden sind, aktiv SPIEGEL: Kann man bei der Widerspruchs- Stellen wie die Bundeszentrale für gesund-
und wiederkehrend gefragt werden und lösung überhaupt von einer freiwilligen heitliche Aufklärung mehr Informationen
sich dann dort oder zu Hause in das Regis- Spende reden? Man setzt damit einen über den Hirntod bereitstellen, die auch
ter eintragen können. Standard für erwünschtes Verhalten. Kri- beim Googeln ganz oben auftauchen – an-
Spahn: Das geht an der Lebenswirklich- tiker werten das als moralischen Druck. stelle von Verschwörungstheorien.
keit in deutschen Amtsstuben vorbei. Wir Spahn: Der Nationale Ethikrat hat jeden- SPIEGEL: Lässt sich mit einem rationalen
können doch nicht vom Beamten auf falls 2007 so eine Lösung vorgeschlagen. Instrumentarium ein emotionales Thema
einem überfüllten Bürgeramt erwarten, Es ist am Ende eine Abwägungsfrage, da wie Sterben und Tod überhaupt erklären?
dass er nebenbei noch eine Beratung zur gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Es geht Spahn: Wir müssen definitiv mehr tun, als
Organspende durchführt. darum, ob man es angesichts der Situation, Briefe zu verschicken. Ein kluger, informa-
Baerbock: Er berät nicht. Er weist jeden in der wir sind, für vertretbar hält, den Bür- tiver Film wäre eine Idee. Bilder lösen
darauf hin, dass man sich in das Organ- Emotionen aus, die ein Schreiben niemals
spenderegister eintragen kann. schaffen könnte. Wir müssen erklären,
Spahn: Das ist im Grunde kein Unter- Letzte Gabe dass zwei Fachärzte, die mit der Trans-
schied zur jetzigen Regelung. Schon heute Organspenden in Deutschland plantation später nichts zu tun haben, un-
9697
steht im Gesetz, dass etwa Ausweisstellen benötigte abhängig voneinander den Hirntod fest-
Broschüren zur Organspende ausliegen ha- Organe stellen. Sie weisen Schritt für Schritt nach,
ben sollen. 4205 laut Warteliste,
Ende 2018
dass der Tote nicht mehr auf Reize reagiert.
Baerbock: Unser Vorschlag ist ein aktives gespendete
Da werden Tests angewendet, die medizi-
Zugehen auf die Menschen. Kein Faltblatt. Organe nisch anerkannt sind und ein eindeutiges
Spahn: Wie soll das gehen? Ergebnis haben müssen. Es gibt da keine
Baerbock: Ganz einfach: Ich komme zum 3113 Grauzone. Gerade in Zeiten von Fake
Bürgeramt, bespreche mein eigentliches News setze ich auf Argumente.
Anliegen. Am Ende des Gesprächs sagt 2594 Baerbock: Der Tod, ebenso wie das Leben
die Mitarbeiterin: Sie können sich jetzt 1217 Spender
selbst, steckt immer voller Emotionen,
oder wenn Sie Ihren Ausweis abholen, hier auch bei der Organspende ist das so. Den-
digital oder auch zu Hause als Organspen- 955 ken Sie nur mal an die Mutter, die jeden
der eintragen. Und sie gibt einem dafür ohne Lebendspenden, Quelle: DSO 797 Tag auf eine Lunge für ihr sterbenskrankes
alle Informationen mit. So erreicht man
jeden Bürger in unserem Land. 2010 2012 2014 2016 2018 * Cornelia Schmergal und Christiane Hoffmann.

28 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Deutschland IN DER SPIEGEL-APP

Kind hofft. Denken Sie auf der anderen SPIEGEL: Sie sind beide religiös. Spielt das
Seite an den Ehemann, der vom schreckli- beim Thema Organspende eine Rolle?
chen Hirntod seiner Frau erfährt und sie Baerbock: Für mich nicht. Ich bin ohnehin
nicht gehen lassen will. Das sind alles eher aus Gründen der gesellschaftlichen
schwer zu ertragende Situationen, und es Solidarität in der Kirche und weniger aus
ist kaum möglich, rational zu entscheiden – religiösen.
und es muss trotzdem entschieden werden. Spahn: Ich bin durch und durch katholisch
Daher bin ich froh, dass wir im Herbst ge- aufgewachsen, vom Kindergarten bis zum
meinsam im Bundestag beschlossen haben, bischöflichen Gymnasium. Das gibt mir
dass wir Ärzte in Krankenhäusern endlich Halt und Haltung, aber keine Anleitung
freistellen, damit sie Angehörigen in dieser für konkrete Politik.
sensiblen Situation erklären können, was SPIEGEL: Auch nicht für so ein existenziel-
der Hirntod bedeutet. les Thema wie Organspende?
SPIEGEL: Es gibt bei jeder Organspende Spahn: Nein. Wer mit seiner Religion zu
diesen heiklen Moment, in dem ein Arzt der einen wahren Antwort kommt, der
den Angehörigen sagen muss, dass der wird schnell fundamentalistisch. Für mich
Mensch, den sie lieben, tot ist, dass er aber persönlich ist Organspende eine Frage der
möglicherweise sein Herz spenden könnte. Nächstenliebe.
Wie verändert das den Abschied? SPIEGEL: Irgendwie scheint es uns, dass
Spahn: Ich glaube, dass es die Angehöri- Sie hier in vertauschten Rollen sitzen. Herr
gen entlastet, wenn Menschen, die keine Spahn, Sie kommen aus der liberal-kon-
Organspender sein wollen, das zu Lebzei- servativen Ecke. Frau Baerbock, als Grüne
ten mit einem Nein erklären. Aber zur stammen Sie aus einer Partei, die wenig
Wahrheit gehört auch, dass wir um schwie- Hemmungen vor staatlichen Eingriffen
rige Situationen nicht herumkommen wer- hat – etwa beim Klimaschutz. Bei der Or-
den, wenn wir mehr Organspenden wol- ganspende aber ist Ihre Argumentation je-
len. Deswegen brauchen wir Ärzte in den weils genau umgekehrt.
Kliniken, die Zeit dafür haben und beson- Spahn: Für mich ist es liberal-konservativ,
ders ausgebildet sind. Freiheit nicht nur als meine eigene zu de-
Baerbock: Auch deswegen ist es so wich- finieren und mich nicht nur darum zu küm-
tig, dass wir das Thema Organspende viel mern, was ich selbst mir wünsche. Freiheit
breiter öffentlich diskutieren. Wenn sich heißt auch, Verantwortung zu überneh-
der Verstorbene zu Lebzeiten erklärt hat, men. Dazu gehört, sich mit dem Thema
dann weiß man, was sein Wille war. Dann Organspende auseinanderzusetzen. So un-
muss sich eine Mutter, deren Tochter einen terschiedlich sind unsere Ansätze deswe-
tödlichen Autounfall hatte, nicht fragen: gen gar nicht: Wir gehen unterschiedliche
Mein Gott, war mein Kind jetzt eigentlich Wege, aber die Verantwortung für andere Deutschland
für oder gegen die Organspende? Und was sehen wir beide.
soll ich tun? Baerbock: Der Kern von Politik ist immer, schwarz-weiß
SPIEGEL: Ist denn eine Organspende für zwischen gesellschaftlicher Verantwortung
die Angehörigen immer eine Zumutung? und individueller Freiheit abzuwägen. Für Städte sind steingewordene Flickentep-
Spahn: Sie kann auch Trost sein. Ich höre mich ist das Bereichernde an dieser De- piche: Bauvorschriften, Kriegsschäden und
nicht selten von Angehörigen, die sagen, so batte, dass sie so über die Parteigrenzen Grundstücksspekulationen prägen eine
hatte der Tod wenigstens noch einen Sinn – hinausgeht. Stadt. Wer verstehen will, wie all das zu-
nämlich, dass er anderen das Weiterleben SPIEGEL: Hält denn die Legislaturperiode sammenhängt, findet die Antworten
ermöglicht hat. Wir haben das Datenschutz- so lange, dass Sie Ihre Pläne überhaupt in sogenannten Schwarzplänen, aufs
recht so geändert, dass die Empfänger eines noch umsetzen können?
Wesentliche reduzierten Luftaufnahmen in
Spenderherzes den Angehörigen des Spen- Spahn: Kurze Antwort: ja.
ders schriftlich danken dürfen. Ich kenne SPIEGEL: Und die lange Antwort?
Schwarz-Weiß. Ein SPIEGEL-Team hat die
selbst ein Ehepaar, das nach dem Tod des Spahn: Auch ja. Der Bundestag wird in Schwarzpläne von 36 Städten und Siedlun-
Sohnes Ja zur Organspende gesagt hat. Er erster Lesung in der nächsten Woche be- gen in Deutschland analysiert. Sie erzählen
hatte Medizin studiert, sie sind davon aus- raten, im Herbst könnte das Parlament von Bausünden und Fehlkalkulationen. Aber
gegangen, dass er es so gewollt hätte. Die endgültig über die beiden Vorschläge ab- sie zeigen auch, wo Stadtentwicklungs-
beiden berichten mir, wie wichtig es für sie stimmen. konzepte heute gut funktionieren – und wie
war, einen persönlichen Dankesbrief der SPIEGEL: Und im Zweifel würden Sie, die Stadt der Zukunft aussehen könnte.
Organempfänger erhalten zu haben. Sie ge- Herr Spahn, das Thema in einem grün-
hen zu jährlichen Treffen mit den Angehö- schwarzen Kabinett unter Kanzler Ha- Sehen Sie die Graphic Story im digitalen
rigen von anderen Spendern. Das hilft ih- beck oder Kanzlerin Baerbock voran- SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
nen. Manche fragen sich ein Leben lang, ob treiben?
sie womöglich falsch entschieden haben. Spahn: Ich würde das Thema auch dann
Baerbock: Das sehe ich genauso. Bei all vorantreiben, wenn sich der Bundestag für
der Schwierigkeit und der Trauer, die im die Entscheidungslösung ausspricht. Es
Tod mitschwingt, eint uns ja auch, dass geht darum, mit Organspenden Leben zu
wir es nicht beim Status quo belassen wol- retten. Nicht ums Gewinnen.
len und Menschen möglicherweise sterben, SPIEGEL: Frau Baerbock, Herr Spahn, wir
weil wir uns diesem Problem nicht gestellt danken Ihnen für dieses Gespräch.
haben. JETZT DIGITAL LESEN

29
Deutschland

Mann für gewisse


Stunden
Parteien Armin Laschet hat viele politische Kämpfe verloren.
Trotzdem wird der Ministerpräsident
von Nordrhein-Westfalen als möglicher Kanzlerkandidat
der Union gehandelt. Von Ralf Neukirch

A
rmin Laschet kann sagen, was er lierer aus, wieder einmal. Als Angela Mer-
will. Sie legen es immer gegen ihn kel im vergangenen Oktober erklärt hatte,
aus. Neulich hat er bloß Annegret sie werde nicht wieder als Parteichefin an-
Kramp-Karrenbauer zitiert: Die treten, waren andere schneller als er.
CDU werde sich der Frage der Kanzler- Friedrich Merz ließ via »Bild«-Zeitung
kandidatur Ende 2020 widmen. Schon verbreiten, dass er für den CDU-Vorsitz
hieß es wieder, er wolle selbst Kanzler- kandidieren werde. Gesundheitsminister
kandidat werden. Was soll man dagegen Jens Spahn erklärte im Parteivorstand,
machen? dass er sich ebenfalls bewerbe. Beide ge-
Laschet, Ministerpräsident von Nord- hören zum Landesverband NRW. Laschet
rhein-Westfalen, sitzt in der Vertretung sei- war überrumpelt. Eine Niederlage gegen
nes Landes bei der EU in Brüssel. Gerade einen Kandidaten aus seinem Land hätte
hat sein Kabinett getagt, in wenigen ihn politisch beschädigt. Er verzichtete auf
Minuten wird er das Sommerfest eröffnen. eine Kandidatur.
Er trägt sein Hemd offen und wirkt ent- Dass er jetzt als aussichtsreicher Kandi-
spannt. Falls ihm die Missverständnisse dat gilt, sagt viel aus über den Zustand der
zu schaffen machen, merkt man es ihm Partei. Kramp-Karrenbauer hat in den ver-
nicht an. gangenen Wochen so viele Fehler gemacht,
Es war ja nicht das erste Mal. Als dass offen über ihre Eignung debattiert
Kramp-Karrenbauer wegen einer unglück- wird. Laschets Aufstieg ist ein Hinweis
lichen Äußerung zur Meinungsfreiheit im darauf, wie ratlos die CDU und ihre Füh-
Internet in Kritik geriet, sagte Laschet: rung sind.
»Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.« Wie- Er ist aber auch ein Beleg für die Hart- CDU-Vize Laschet: Nicht mit Wucht, sondern
der hieß es, er gehe auf Distanz zur Par- näckigkeit, mit der Laschet seine politische
teichefin. Karriere betrieben hat. Kramp-Karren-
Dabei fiel der Satz auf einer Veranstal- bauer hat ihr Amt als Ministerpräsidentin noch ein paar Schritte Richtung Bahnhof
tung der Deutschen Welle. Soll er sich da aufgegeben, um sich ganz auf die Partei mit.
nicht zur Meinungsfreiheit äußern? Das zu konzentrieren. Laschet ist nie einen Laschet ist in Aachen groß geworden,
wäre gar nicht gegangen. Nun hat er am ähnlich radikalen Weg gegangen. hier kennen ihn die Leute. Einige grüßen
selben Tag auf Twitter die Sätze nachge- Sein Aufstieg vollzog sich unspektaku- ihn, aber Aufsehen erregt er nicht. Auf die
schoben: »70 Jahre alt und doch wie für lär. Die großen politischen Schlachten ver- Aura, die manchmal mit dem Amt kommt,
YouTube formuliert. Das Grundgesetz lor er meist, aber er gab nicht auf. Wenn wartet er bislang vergebens. Er wirkt wie
schützt unsere Meinungsfreiheit – in allen es drauf ankam, war er da. Laschet kam ein freundlicher Gymnasialdirektor, nicht
Medien.« Das wäre wohl nicht unbedingt nicht mit Wucht, sondern schleichend zur wie der Regierungschef eines Bundeslandes,
nötig gewesen. Aber will ihm jemand Macht. das mehr Einwohner hat als die fünf ost-
widersprechen? Die Frage ist: Kann man auf diese Art deutschen Länder und Berlin zusammen.
Nach einem Gespräch mit Laschet Kanzler werden? Man kann es auch positiv formulieren.
nimmt man den Eindruck mit: Der arme Ein warmer Frühlingsabend in Aachen. Laschet ist unprätentiös und freundlich ge-
Kerl kann nichts dafür, dass er auf einmal Das Diner am Vorabend der Karlspreis- blieben, das Wichtigtuerische mancher
als Kanzlerkandidat im Gespräch ist. verleihung ist zu Ende, Laschets Dienst- Amtskollegen geht ihm ab. Seine Leib-
»Ich mache meinen Job sehr gerne und wagen wartet am Rande des Marktplatzes wächter sieht man nicht, als er durch die
bin glücklich, wenn ich ihn noch viele auf ihn. Laschet lässt sich Zeit, er geht Stadt spaziert. Der große Auftritt passt
Jahre machen kann«, sagt er. Dass ihn nicht zu ihm, und er ist klug genug, das zu
einmal eine andere politische Aufgabe wissen.
reizen könnte, schließt er nicht ausdrück- Wenn die Grünen der Als 33-Jähriger zog Laschet zum ersten
lich aus. Hauptgegner sind, dann Mal für seine Heimatstadt in den Bundes-
In der Krise, in der sich die CDU befin- tag ein. Was der Beginn einer großen Lauf-
det, ist Laschet einer der wenigen Gewin-
wäre Laschet der bahn sein sollte, endete schnell. Nach vier
ner. Dabei sah er vor Kurzem wie ein Ver- naheliegende Kandidat. Jahren flog er aus dem Parlament.

30
Er habe nie daran gedacht aufzuhören,
sagt er. »Ich habe immer gedacht, so ist
Politik. Niederlagen gehören dazu. Das
kannst du manchmal gar nicht beeinflus-
sen.« Wenn die anderen dann weg waren,
wie Röttgen nach der verlorenen Land-
tagswahl 2012, dann war Laschet immer
noch da. Und plötzlich, im Juni 2017, stieg
er zum Ministerpräsidenten auf, weil die
SPD in ihrem Stammland abgewirtschaftet
hatte.
Es war ein Triumph, über den sich in
den eigenen Reihen nicht alle freuten. Für
seine innerparteilichen Gegner ist die Art,
wie Laschet nach oben gekommen ist, ein
Makel. »Wenn er wirklich Ministerpräsi-
dent wird, dann hat Nathanael ganze Ar-
beit geleistet«, sagte Spahn kurz vor der
Landtagswahl.
Nathanael Liminski war damals Büro-
leiter Laschets, heute ist er sein Staatskanz-
leichef. Allein hätte Laschet das nicht ge-
schafft, sollten Spahns Worte suggerieren.
Aber kein Politiker schafft den Aufstieg al-
lein. Es ist keine Schwäche, sich mit guten
Leuten zu umgeben, sondern eine Stärke.
Die Halle 32 in Gummersbach ist bis
auf den letzten Platz gefüllt. Laschet
kommt zu spät, aber die Zuhörer nehmen
ihm das nicht übel. Wer Nordrhein-West-
falen für die CDU erobert, darf bei seinen
Parteifreunden mit Nachsicht rechnen.
Eigentlich geht es um die Europawahl,
MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL

aber in Laschets Rede geht es um mehr. Es


geht um den Kurs der Partei und um die
Rolle, die einer wie Laschet spielen könnte.
Laschet erzählt den Zuhörern, wie ihm
vor der Landtagswahl viele geraten hätten,
seine Linie zu ändern. »Ihr dürft nicht so
in der Mitte reden«, hätten Parteifreunde
schleichend zur Macht ihm erzählt. »Du musst aggressiver wer-
den.« Das habe man ihm noch wenige
Tage vor der Wahl empfohlen.
Das war umso bitterer, weil die meisten wurden eine wichtige Stütze für Angela Wer die Aggressiven sind, braucht La-
der politischen Freunde, mit denen er die Merkel, aus ihren Reihen kamen Minister, schet nicht zu erwähnen, das verstehen
Partei verändern wollte, ihr Mandat ver- zwei CDU-Generalsekretäre, ein Kanzler- die Leute im Saal. Jens Spahn, der mitten
teidigen konnten. Norbert Röttgen und amtschef. im Landtagswahlkampf eine Debatte über
Hermann Gröhe, die mit ihm zusammen Laschets Karriere verlief dagegen holp- ein Islamgesetz angestoßen hatte, zum gro-
ins Parlament eingezogen waren, gehörten rig. Er wurde 1999 Europaabgeordneter. ßen Ärger des Spitzenkandidaten. Und
ebenso dazu wie Ronald Pofalla und Peter Sechs Jahre später holte ihn der nordrhein- Friedrich Merz, der intern keinen Hehl da-
Hintze, die schon vier Jahre lang im Bun- westfälische Ministerpräsident Jürgen raus macht, dass er Laschet nicht zutraut,
destag gesessen hatten. Rüttgers als ersten deutschen Integrations- die CDU wieder für konservative Wähler
Sie alle waren Mitglieder im Leichlinger minister ins Kabinett. Sein Einsatz für attraktiv zu machen.
Kreis, einer losen Gruppe rheinischer Migranten trug ihm in den eigenen Reihen Laschet wirbt nicht nur für seine Linie,
CDU-Politiker, die ihre Partei moderni- den Spitznamen »Türken-Armin« ein. Es er wirbt auch für einen bestimmten Typ
sieren wollten. Die Gruppe hieß so, weil war nicht nur liebevoll gemeint. Nach Politiker – den eigenen. Es ist der Typus
sie bei Waffeln und heißen Kirschen einer Legislaturperiode war auch das des ruhigen, zurückhaltenden Politikers.
im Wohnzimmer von Herbert Reul, dem Ministeramt perdu. Es ist das Gegenstück zu den charismati-
heutigen Düsseldorfer Innenminister, in Es ging nichts voran. Laschet wollte schen Anführern, die weltweit in Mode zu
Leichlingen im Bergischen Land gegrün- Fraktionschef im Landtag werden, aber er sein scheinen, Selbstdarstellern wie Do-
det wurde. unterlag knapp dem Sozialpolitiker Karl- nald Trump in den USA und Boris John-
Aus dem Leichlinger Kreis kamen die Josef Laumann. Auch mit dem Landesvor- son in Großbritannien oder, auf liberaler
Mitglieder der sogenannten Pizza-Con- sitz klappte es nicht. Die CDU-Mitglieder Seite, Emmanuel Macron in Frankreich.
nection in Bonn, der ersten schwarz- entschieden sich in einer Urabstimmung Dass Laschet mit seiner Art überhaupt
grünen Gesprächsrunde des Bundestags, für seinen alten Freund Röttgen, damals eine Chance hat, zeigt, wie schnell sich das
lange bevor eine solche Konstellation Umweltminister in Berlin. Laschet war der, politische Klima ändern kann. Vor einem
politisch denkbar schien. Die Leichlinger der nichts abbekam. Jahr schien auch in der Union der Wunsch

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 31


Deutschland

nach einem traditionellen Politikertypus Es wirkt glaubwürdig, wenn er nach der chen, wo unsere Antworten sind. Wir scho-
groß zu sein, einem Mann, der auch pola- Ermordung des hessischen CDU-Politikers nen die Grünen im Moment zu sehr.«
risieren kann und enttäuschte Konservati- Walter Lübcke sagt: »Den Ton unserer Ge- Wen die Union als Kanzlerkandidat in
ve von der AfD zurückholt. Die Partei sellschaft dürfen wir nicht den Spaltern, das Rennen schickt, wenn die Große Koa-
suchte nach einem emotionalen Gegen- Hetzern und Demagogen überlassen.« Er lition platzt, ist offen. Merz hat in dieser
modell zum Pragmatismus Angela Merkels. hat bereits nach den Ausschreitungen von Woche offen ausgesprochen, was ohnehin
Die anfängliche Begeisterung für Fried- Chemnitz im vergangenen August den frü- jeder wusste: Wenn er von Kramp-Karren-
rich Merz ließ sich so erklären, und wenn heren Reichskanzler Joseph Wirth von der bauer gefragt würde, würde er über eine
der seinen Auftritt auf dem CDU-Parteitag Zentrumspartei zitiert: »Da steht der Kandidatur nachdenken, sagte er.
nicht verstolpert hätte, wäre er vermutlich Feind – und darüber ist kein Zweifel: Die- Laschet sagt zu seinen Ambitionen
Parteichef geworden. Die Stimmung hat ser Feind steht rechts!« nichts. Gelegentlich berichtet er von sei-
sich seither gedreht. Die Union hat bei der Wie Kramp-Karrenbauer ist Laschet zu nen europapolitischen Erfahrungen und
Europawahl massiv Stimmen an die Grü- Zugeständnissen an die Konservativen in weist darauf hin, dass Nordrhein-West-
nen verloren und liegt in einigen Umfra- der Partei bereit. Seine Landesregierung falen nach seiner Einwohnerzahl in der
EU an achter Stelle kommen
würde. Das Saarland hat we-
niger Einwohner als Köln, aber
das erwähnt er nicht.
Am Ende wird es auf den
Zeitpunkt ankommen. Kramp-
Karrenbauer ist als Parteichefin
noch immer in einer starken
Position, aber weitere Fehler
kann sie sich nicht erlauben.
Wenn die Grünen der Haupt-
gegner sind, wonach es aussieht,
dann wäre Laschet der nahelie-
gende Kandidat. Merz, der
noch nie ein Regierungsamt in-
nehatte, wird in der CDU-Füh-
rung wenig zugetraut. Er hat
aber an der Basis viele Unter-
stützer. Bei einer Mitgliederbe-
fragung hätte er gute Chancen.
Laschet ist naturgemäß ge-
gen eine solche Befragung.
OMER MESSINGER / EPA-EFE / REX
»Eine Mitgliederbefragung zur
Kanzlerkandidatur halte ich
für problematisch«, sagt er.
»Das hieße, dass die CDU
die CSU überstimmen könnte.
Das wäre für das Verhältnis
zwischen beiden Parteien über
Laschet-Konkurrenten Kramp-Karrenbauer, Merz: Noch immer in einer starken Position den Tag hinaus schwierig.« Es
ist ein Argument, das nicht
leicht zu entkräften ist.
gen erstmals hinter der Umweltpartei. Zu- ließ ein Kopftuchverbot für unter 14-jäh- Sein größtes Problem könnte der eigene
gleich scheint der bundesweite Vormarsch rige Mädchen prüfen. Aber in einer ent- Landesverband sein. Merz, Spahn und
der AfD fürs Erste gebremst. scheidenden Frage ist er standhaft ge- auch der Vorsitzende der Bundestagsfrak-
Hätte Kramp-Karrenbauer nicht so vie- blieben. tion, Ralph Brinkhaus, haben kein Interes-
le Schnitzer gemacht, müsste ihr diese Ent- Er hat sich nie von Merkels Flüchtlings- se an einer Kandidatur Laschets. Selbst
wicklung zugutekommen. So aber fragen politik abgewendet. Das Werkstatt- NRW kann nicht alle Spitzenpositionen
sich viele in der Partei, wer der richtige gespräch im Konrad-Adenauer-Haus, mit besetzen.
Kandidat wäre, um den Grünen Stimmen dem Kramp-Karrenbauer sich von der Wenn Laschet nicht Kanzlerkandidat
abzujagen. Merz, der vor allem in wirt- Linie der Kanzlerin distanzieren wollte, wird, muss dies nicht das Ende seiner Am-
schaftsliberalen und konservativen Partei- hielt er für einen Fehler. Wenn Laschet bitionen sein. Falls die Grünen bei der
kreisen ankommt und in Auftreten und Kanzlerkandidat wird, dann wäre das ein Bundestagswahl vor der Union landen,
Habitus ein Mann der alten Zeit ist? Oder Bekenntnis zum Erbe Angela Merkels. sind alle Personalfragen in der CDU wie-
doch Laschet, der eine große Anziehungs- Noch vor Kurzem galt das als Karriere- der offen. Das könnte seine Stunde wer-
kraft hat und niemanden abstößt. hemmnis. Doch die Zeiten haben sich ge- den. Es wäre typisch Laschet.
Den idealen Kandidaten gibt es in der ändert.
Politik nicht. Es kommt darauf an, der rich- Laschets Standhaftigkeit in der Flücht-
tige Mann oder die richtige Frau zur rechten lingsfrage erlaubt es ihm, die Grünen zu Video
Armin Laschets Karriere
Zeit zu sein. Bei der vergangenen Bundes- attackieren, ohne gleich selbst in die kon- im Zeitraffer
tagswahl wäre das vielleicht Merz gewesen. servative Ecke gedrängt zu werden. »Wir spiegel.de/sp262019laschet
Derzeit laufen persönliche Entwicklung dürfen nicht grüner werden als die Grü- oder in der App DER SPIEGEL
und politischer Zeitgeist auf Laschet zu. nen«, sagt er. »Wir müssen sichtbar ma-

32 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Deutschland

Toxische Verträge
len Jahren nicht mehr verlässlich, wenn es
um große Fälle geht«, sagt der Göttinger
Europarechtler Frank Schorkopf.
Alle in Scheuers Umfeld waren sich so
sicher, dass man ihn für den gegenteiligen
Verkehr Das Aus für die Maut könnte den Staat mehr als 300 Millionen Fall nicht vorbereitet hatte. Als er mittags
Euro an Entschädigung für die Betreiberfirmen kosten. ohne Plan B vor die Kameras trat, stand
Mit einer List will Verkehrsminister Scheuer das verhindern. ihm der Schock ins Gesicht geschrieben.
Zu dieser Stunde hatte Scheuer aller-
dings noch einen Funken Hoffnung, dass

A m Wochenende könne er den


Wahnsinn wieder aus nächster
Nähe beobachten, klagt Bundesver-
kehrsminister Andreas Scheuer. Auf der
zugestimmt. Hinzu komme, dass der Ge-
neralanwalt des EuGH das Plazet der
Kommission in seinem Schlussantrag im
Ergebnis bestätigt habe. In der Vergangen-
es einen Ausweg aus dieser Krise geben
könnte. Seine Ministerialen prüften, ob es
in dem Urteil Angriffsstellen gäbe. Oder
ob man das Gesetz zur Pkw-Maut nicht
A 3, die durch seinen Wahlkreis führt, wer- heit hätten die Richter fast nie gegen des- doch noch so verändern könnte, dass es
den sich Blechlawinen quälen. Die Ferien- sen Empfehlung entschieden, sagten die die Luxemburger Vorgaben erfüllt.
welle rückt an. »Von zehn Autos sind sie- Beamten dem Minister. Ein Irrtum. »Der Die Richter kritisierten das Gesetz vor
ben nicht aus Deutschland«, sagt der EuGH folgt den Schlussanträgen seit vie- allem in einem Punkt als Mogelpackung:
Christsoziale aus Passau. Während ausländische Autofahrer zwi-
Eigentlich wollte er von diesen Autofah- schen Zehntages-, Zweimonats- und Jah-
rern Geld dafür kassieren, dass sie die resvignetten hätten auswählen dürfen, hät-
Autobahnen in der Bundesrepublik nutzen. ten deutsche Pkw-Halter für ein ganzes
Bis zu 25 Euro für zehn Tage, höchstens Jahr zahlen müssen. Weil sie ja die 130 Euro
130 Euro für das Jahr sollte die Pkw-Maut über eine Reduzierung bei der Kfz-Steuer
betragen. Doch daraus wird nichts, das in gleicher Höhe zurückbekommen sollten.
weiß Scheuer seit Dienstag, als das Urteil Keine Mehrbelastung für deutsche Auto-
des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) fahrer, wie es die Regierung versprochen
sein »Infrastrukturabgabengesetz« stoppte. hatte. Aber für Deutsche eben ein Nullsum-
Der Urteilsspruch hat Scheuer tief ge- menspiel und damit kein Wechsel zum of-

DPA PICTURE-ALLIAN CE / STEFAN PUCHN ER


troffen. Für ihn ist der Wegezoll die zen- fiziell beschworenen Verursacherprinzip.
trale Aufgabe, die ihm seine Partei als Mi- Dabei hätte sich das korrigieren lassen:
nister aufgetragen hat. Bis zum Ende der »Man hätte den deutschen Kfz-Haltern zu-
Legislaturperiode sollte sie in Deutschland mindest die Möglichkeit geben müssen,
eingeführt sein. »Die Maut kommt.« Die- zwischen einer befristeten und einer Jah-
ses Mantra hatte der langjährige CSU-Par- resvignette zu wählen«, sagt der Europa-
teichef Horst Seehofer immer wiederholt. rechtsexperte Walther Michl, Assessor an
Jetzt stürzt die »Ausländermaut«, wie der Münchner Ludwig-Maximilians-Uni-
Seehofer sie im Bundestagswahlkampf Deutscher Irrweg versität. »Mit einer solchen Regelung hätte
2013 nannte, seinen deutlich jüngeren Par- Chronik der Pkw-Maut sich die Maut vermutlich halten lassen.«
teifreund in die größte politische Krise. Das Verkehrsministerium prüfte, ob es
2013 Die CSU wirbt im Bundestagswahlkampf
Das Gesetz, das die Luxemburger Rich- mit einer »Ausländer-Maut«, bei der nur auslän- diesem Kritikpunkt vielleicht doch noch
ter wegen mittelbarer Diskriminierung dische Pkw-Halter für die Nutzung der deutschen abhelfen könnte: Eine Option hätte auch
von EU-Bürgern kippten, hatte sich Scheu- Autobahnen und Bundesstraßen zahlen sollen. sein können, den Bürgern eine Art Gut-
ers Vorgänger im Verkehrsministerium, schein in gleicher Höhe auszustellen.
Juli 2014 Bundesverkehrsminister Alexander
Alexander Dobrindt, ausgedacht. Dafür Die Beamten nahmen Kontakt zum
Dobrindt stellt sein Konzept vor: Inländische Auto-
kann Scheuer nichts, ebenso wenig wie für halter würden durch einen Freibetrag bei der Bundesfinanzministerium auf. Doch die
juristische Fehler, die seine Beamten bei Kfz-Steuer von der Pkw-Maut ausgenommen. Leute von Finanzminister Olaf Scholz
der Formulierung des Gesetzes machten. (SPD) blockten ab: Es werde mit den So-
März 2015 Der Bundestag beschließt
Das alles liegt vor seiner Zeit als Minister. zialdemokraten kein überarbeitetes Maut-
die Einführung der Maut.
Was ihn persönlich erledigen könnte, gesetz in dieser Legislaturperiode geben.
das sind die Verträge, die er mit zwei Be- Juni Die EU-Kommission leitet ein Vertrags- Bis zum Abend wuchs in Scheuer die Ge-
treiberfirmen für die Straßenabgabe Ende verletzungsverfahren ein, weil sie das Gesetzes- wissheit, dass das Gesetz tot ist.
vergangenen Jahres abschloss – fatalerwei- paket für europarechtswidrig hält. Die Politiker von CDU und SPD waren
se bevor die EuGH-Richter geurteilt hat- September 2016 Die EU-Kommission zwischenzeitlich auf Distanz zum CSU-
ten. Scheuer befindet sich deshalb seit beschließt, Deutschland zu verklagen. Minister gegangen, wie zu einem Kranken,
Dienstag in einer Abwehrschlacht gegen Dezember Dobrindt und die EU-Verkehrs- der hochansteckend ist. Es sei gut, dass
die Ansprüche dieser Firmen. kommissarin einigen sich auf einen Kompromiss. »unsere Region im Herzen Europas maut-
Es waren dramatische Stunden, die sich frei bleibt«, sagte Armin Laschet, Minis-
März 2017 Der Bundesrat gibt den Weg für
nach Bekanntgabe des Urteils gegen Viertel die Pkw-Maut frei. Geplante Einführung: 2019. terpräsident von Nordrhein-Westfalen.
vor zehn am Dienstagmorgen abspielten. Scheuer und seinen Getreuen war klar,
Scheuer war in München, in einem Konfe- Mai Die EU-Kommission stellt das dass sie sich nun schleunigst um die toxi-
Vertragsverletzungsverfahren ein.
renzraum des Franz-Josef-Strauß-Flugha- schen Verträge kümmern müssen, die sie
fens wollte er seinen Triumph verkünden. Oktober Österreich und die Niederlande mit den Betreiberfirmen eingegangen wa-
Seine Berater hatten ihm signalisiert: Die klagen vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) ren. Scheuer verteidigte sich damit, dass
Richter würden sein Gesetz durchwinken. gegen die Maut. er nur dem Auftrag der Legislative, also
Immerhin habe bereits die EU-Kommis- Juni 2019 Der EuGH kippt die deutsche Pkw- des Bundestags, gefolgt sei, um die Maut
sion in einem Kompromiss der Pkw-Maut Maut: Sie diskriminiere andere EU-Länder. auch rechtzeitig einnehmen zu können.

34 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Die Haushaltsparlamen- Überschlägig geht man Urteil aus Luxemburg. Vielmehr hätten
tarier hätten die prognos- von rund 60 Millionen die beiden Firmen ihre vertraglich zuge-
tizierten Einnahmen von Euro aus. Darin seien sicherten Leistungen nicht erfüllt. Kapsch
jährlich 500 Millionen auch Personalkosten ent- will sich dazu nicht äußern, man sei zur
Euro bereits für Verkehrs- halten, etwa im Ministe- Geheimhaltung verpflichtet.
projekte eingeplant. rium oder beim Kraft- Die Absicht Scheuers ist klar. Er provo-
Doch das ist eine zwei- fahrt-Bundesamt, wo ei- ziert einen Rechtsstreit mit den Unterneh-
felhafte Verteidigungsstra- ne Reihe neuer Stellen men, dessen Ergebnis in letzter Instanz
tegie. Der verkehrspoliti- geschaffen worden sei. sicherlich nicht vor Ende der Legislatur-
sche Sprecher der SPD 300 Millionen Euro, periode vorliegen wird. Der Kündigungs-
und Fraktionsvize Sören das signalisierten die bei- grund schließt nämlich aus, dass der Kon-

SINA SCHULDT / DPA


Bartol hatte bereits 2017 den Mautfirmen CTS zern Anspruch auf entgangenen Gewinn
gewarnt: »Solange nicht Eventim und Kapsch Traf- hat, so jedenfalls sieht man es in der Bun-
klar ist, ob die Pkw-Maut ficCom, werde man der desregierung. Lediglich das Geld, das bis-
am Ende nicht doch vor Bundesrepublik Deutsch- lang geflossen ist, wäre weg.
Gericht scheitert, dürfen land in Rechnung stellen, Dem Verkehrsministerium kommt mög-
keine Steuergelder in die CSU-Politiker Scheuer vor allem für entgangene licherweise zugute, dass es zwischen den
Vorbereitung der Pkw- Seine größte politische Krise Gewinne. Schließlich be- Mautfirmen und dem Kraftfahrt-Bundes-
Maut fließen.« Aus SPD- trage das Vertragsvolu- amt als verantwortlicher Bundesbehörde
Kreisen heißt es, auch bei den Koalitions- men rund zwei Milliarden Euro. Beamte in letzter Zeit erhebliche Spannungen gab.
verhandlungen habe man bewusst keine und externe Berater, die Scheuer in diesen Dabei geht es vor allem um die Frage, wie
Frist gesetzt, bis wann die Maut kommen Schicksalsstunden zur Seite standen, ka- künftig kontrolliert werden sollte, dass die
müsse, eben weil das Verfahren beim men sogar auf eine mehr als doppelt so Autofahrer tatsächlich eine Vignette ge-
EuGH anhängig gewesen sei. hohe Schadenssumme, falls es in dem zu kauft haben. Das Flensburger Amt hatte
Vieles hängt für die politische Karriere erwartenden Rechtsstreit schlecht für den dazu konkrete Ideen entworfen, die aller-
des Andreas Scheuer davon ab, ob er den Bund laufen würde. dings von den Firmen weitgehend igno-
finanziellen Schaden für die Bürger aus Wenn es nach Scheuer geht, sollen die riert worden sein sollen.
dem Mautdesaster kleinhalten kann. Noch beiden Mautfirmen keinen Cent mehr be- Das ist die letzte Hoffnung für den an-
rechnen die Beamten in seinem Haus zu- kommen. Schon am Mittwochmorgen er- geschlagenen Minister: eine juristische
sammen, wie viel an Berater und die Be- hielten Kapsch und Eventim die Kündi- List. Dietmar Hipp, Gerald Traufetter
treiberfirmen bereits bezahlt worden ist. gung. Grund sei nicht in erster Linie das

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SPIEGEL: Herr Scholz, wir wollen mal ein
Experiment wagen und nicht über harte
Politik mit Ihnen sprechen, sondern über
Sie persönlich und Ihr Verhältnis zur SPD.

»Ich habe mich


Was ist da schiefgegangen?
Scholz: Ich bin seit 1975 in der SPD und
fühle mich dort sehr zu Hause.

entgiftet«
SPIEGEL: Man hat häufig den Eindruck,
die SPD und Sie hätten nicht allzu viel mit-
einander zu tun.
Scholz: Ihren Eindruck finde ich schräg.
Als Arbeitsminister habe ich Branchen-
SPD Vizekanzler Olaf Scholz, 61, über das schwierige mindestlöhne durchgesetzt, mit der Kurz-
Verhältnis zu seiner Partei, seine linke arbeit viele Beschäftigte vor Arbeitslo-
sigkeit bewahrt, als Bürgermeister in
Vergangenheit und die Beziehung zu seiner Frau Hamburg gebührenfreie Kitas und flächen-
deckend Ganztagsschulen eingeführt, den
Wohnungsbau früh und energisch voran-
getrieben. All das bin ich auch.
SPIEGEL: Neulich, in einer Sitzung der
Bundestagsfraktion, hielt Ihnen ein Partei-
freund vor, Sie würden in seinem Wahl-
kreis als »kaltherziger Technokrat« wahr-
genommen. Berührt Sie so ein Urteil?
Scholz: Und ob, auch wenn es nur genau
einer war, der sich so geäußert hat. Ich ma-
che Politik ja nicht, weil mir nichts Besse-
res eingefallen ist. Ich bin ein Mensch aus
Fleisch und Blut, und ich bin Sozialdemo-
krat durch und durch.
SPIEGEL: Warum sind Sie eigentlich in die
SPD eingetreten?
Scholz: Ich war Schüler und wollte etwas
für Gerechtigkeit tun. Ich war schon im-
mer sehr politisch engagiert, bin früh
Schulsprecher geworden in meinem Gym-
nasium am Hamburger Stadtrand.
SPIEGEL: Wann?
Scholz: In der achten oder neunten Klasse.
Ich glaube, mein Engagement hat etwas zu
tun mit der Einstellung meiner Eltern. Mei-
ne beiden Brüder und ich haben viel mit ih-
nen diskutiert. Meine Eltern fanden Helmut
Schmidt und Willy Brandt gut. Ich habe
schon damals Schmidt und Jürgen Haber-
mas geschätzt. Später, bei den Jusos, war
ich dann etwas grundsätzlicher unterwegs.
SPIEGEL: Sie waren damals stramm links,
bei den Jusos gehörten Sie zum Flügel der
Kritiker des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus. Wie sind Sie von dort dahin ge-
langt, wo Sie heute stehen?
Scholz: Ich habe bei den Jusos mit Mitte
zwanzig aufgehört. Ich bin umgezogen,
habe meinen Unterbezirk verlassen und
als Anwalt angefangen. Ich war einfach
ein paar Jahre gar nicht politisch aktiv, be-
vor ich später wieder als Beisitzer im Orts-
verein anfing. In dieser Zeit habe ich viele
meiner Positionen überdacht. Diese Pause
empfinde ich als großes Glück.
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Warum?
Scholz: Ich habe mich entgiftet, die Praxis
wurde für mich wichtiger als die Rituale
einer politischen Organisation. Wir hatten
bei den Jusos heftige Auseinandersetzun-
gen, obwohl wir ja als Freunde auch eine

38
Deutschland

gute Zeit haben wollten. Diese Ambiva- ist eine soziale Partei, die eine bessere Zu- SPIEGEL: Vielleicht bekommen Sie dazu
lenz war manchmal sehr anstrengend, und kunft durch demokratische Politik für mög- ja bald schon die Gelegenheit, wenn die
die Pause hat mich entspannt. lich hält und ohne Ressentiments auftritt. Große Koalition zerbricht. Wie lange ist
SPIEGEL: Brauchten Sie eine solche Ent- SPIEGEL: Das ist doch Parteitagssprech. dieses Bündnis noch das richtige?
giftung heute noch mal? Scholz: Ob Ihnen das gefällt oder nicht, ich Scholz: Wir haben vereinbart, zum Ende
Scholz: Nein, eben nicht. Ich kann andere meine das ernst. Wenn ich an einem Info- dieses Jahres Bilanz zu ziehen. Ich nehme
Meinungen gut akzeptieren. Ich könnte stand bin, und jemand sagt mir: Um uns diese Bilanz sehr ernst. Und da es unsere
meine Arbeit sonst nicht so machen, wie geht es ja nicht in der Politik, dann versetzt Mitglieder waren, die über den Eintritt in
ich sie mache. mir das einen Stich. Neulich habe ich das diese Koalition entschieden haben, kann
SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer linken Vergan- Buch »Die Gesellschaft der Singularitäten« man die Frage nicht nur auf einer Vorstands-
genheit etwas, das Sie noch in sich tragen? des Soziologen Andreas Reckwitz gelesen. sitzung entscheiden. Wir sollten die Mit-
Scholz: Mir hilft bis heute, dass wir uns da- Danach hatte ich länger schlechte Laune. glieder an der Debatte beteiligen, und zwar
mals unglaublich intensiv mit Wirtschafts- SPIEGEL: Warum? über das reine Abfragen von Einzelmeinun-
theorien auseinandergesetzt haben, rechten Scholz: Im Prinzip steht dadrin, dass wir gen hinaus. Für mich ist, auch wenn die Re-
wie linken. Aber das, was ich damals ge- uns zu einer Gesellschaft entwickeln könn- gierung noch bis 2021 weiterarbeiten sollte,
glaubt habe, halte ich heute überwiegend ten, in der niemanden mehr kümmert, ob klar: Nach zwei Großen Koalitionen in Fol-
für falsch. Der Feminismus, die Lösung der die Aldi-Verkäuferin und der Theater- ge darf keine dritte folgen.
ökologischen Probleme waren auch neu direktor, die Rechtsanwältin und der SPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt, die
und passten nicht zu allen alten Theorien. Metaller ein gemeinsames politisches An- Chancen der SPD, stärkste Partei zu wer-
Ohne sie ist moderne Politik nicht denkbar. liegen haben. Aber genau dafür steht die den, seien so gut wie lange nicht. Was hat-
SPIEGEL: Wenn Sie mal den Juso Scholz SPD. Für Wertschätzung. Wir sollten mit ten Sie da vorher geraucht?
auf den Vizekanzler Scholz blicken lassen: unseren unterschiedlichen Hintergründen Scholz: Nichts. Ich bin Nichtraucher und
Was würde der kritisieren? als 80- oder 90-Jährige sagen können: Das habe mich auch als Juso nicht mit bewusst-
Scholz: Er hätte einerseits mit einer ge- war ein gelungenes Leben. seinserweiternden Alternativen beschäftigt.
wissen Faszination auf die Professionalität SPIEGEL: Was sollte diese Aussage dann?
sozialdemokratischer Regierungsarbeit Scholz: Unser Europawahlergebnis ist rich-
geblickt. Allerdings: Um dieses Land gut tig schlecht. Aber ich sehe auch: Die finni-
zu regieren, machen wir Kompromisse mit schen Sozialdemokraten haben die Parla-

DANIEL REINHARDT / PICTURE ALLIANCE / DPA


unseren Koalitionspartnern. Als junger mentswahl mit knapp 18 Prozent gewon-
Sozialdemokrat hätte mir vielleicht die nen. Und die holländischen Genossen
Geduld gefehlt, diesen Politikansatz, der haben sich nach einer fürchterlichen Wahl-
ja nicht immer Spaß macht, zu verstehen. niederlage erholt und waren bei der Euro-
SPIEGEL: Sie sind seit rund 20 Jahren in pawahl stärkste Partei. Das können wir
der Spitzenpolitik: Was haben Sie im Le- sicher auch. Die politische Landschaft ist
ben wegen der SPD verpasst? sehr in Bewegung, und die Zustimmungs-
Scholz: Schwer zu sagen. Das Wichtigste raten wechseln schnell. In unseren Ländern
im Leben ist die Liebe. Und deshalb bin wächst die Unsicherheit. Die technologi-
ich sehr glücklich darüber, dass meine Frau schen Veränderungen lassen gerade hier die
und ich seit vielen Jahrzehnten eine glück- Ehepaar Scholz, Ernst* Zuversicht sinken. Das Erstarken rechtspo-
liche Beziehung miteinander haben. Das Glückliche Beziehung pulistischer Parteien, der Brexit, Trump sind
hat für mich jeden Tag Priorität. Ich weiß, Ausdruck dieser Verunsicherung. Wir müs-
dass das nicht ganz die Antwort auf Ihre SPIEGEL: Müsste die SPD wieder stärker sen aber allen einen Weg zeigen, wie man
Frage ist. Aber meine Beziehung ist etwas, einzelne Gruppen in den Blick nehmen, trotzdem welt- und fortschrittsoffen bleiben,
wofür ich gekämpft habe, es nicht zu ver- statt krampfhaft für alle da sein zu wollen? die Vorteile dieser Technologien nutzen und
passen. Politik ist ein großer Teil meines Scholz: Uns muss es immer um Zusammen- ein gutes und sicheres Leben führen kann.
Lebens, aber eben nur ein Teil. halt gehen und moderne Zukunftskonzepte. SPIEGEL: Mit Ihnen als Kanzlerkandidat?
SPIEGEL: Was machen Sie eigentlich gern? Für den höheren Mindestlohn setze ich Sie haben Anfang des Jahres gesagt, Sie
Also, außer Politik? mich ja nicht ein, weil ich auch mal was sa- würden sich diese Rolle zutrauen. Wir kön-
Scholz: Zur Überraschung all jener, die gen will. Sondern weil ich es kaum ertragen nen uns Sie nur sehr schwer als Kandida-
mich noch von ganz früher kennen: Sport. kann, dass jemand, der mir im Restaurant ten vorstellen. Sie stehen nicht für einen
Als Jugendlicher war ich völlig unsportlich. den Kaffee bringt, der bei Amazon Regale Aufbruch, sondern für ein »Weiter so«.
Ich habe erst mit Anfang vierzig angefan- einräumt, einen Lohn hat, von dem er oder Scholz: Finden Sie? Mal ganz unabhängig
gen, mühselig zu joggen. Mittlerweile laufe sie im Alter nicht leben kann. Das berührt von meiner Person bin ich überzeugt, dass
ich zwei- oder dreimal pro Woche ganz or- mich persönlich, und ich kann es nicht ab, die Bürger Sachlichkeit und Erfahrung bei
dentliche Distanzen. Ich rudere, und ich wenn Leute, die sich für fortschrittlich hal- der Frage, wem sie das Land anvertrauen,
wandere mit meiner Frau. Wir haben uns ten, unglaublich degoutant auf die Kellner etwas höher gewichten als manch politi-
gerade neue Fahrräder gekauft. Und ich oder die Leute in der Küche herabschauen. scher Beobachter, dem es auch um das
lese unheimlich viel. SPIEGEL: Wie wäre Ihr Leben ohne die eigene Entertainment geht. Um dieses
SPIEGEL: Sie müssen immer aktiv sein? SPD verlaufen? Entertainment nicht ständig bedienen zu
Scholz: Ich kann auch einfach mal stun- Scholz: Die SPD ist für mich biografisch müssen, habe ich im Januar zu dieser Fra-
denlang dasitzen und nichts tun. ein großes Glück gewesen. Sie hat meinen ge alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt.
SPIEGEL: Was ist die SPD für Sie? Viele Blick geweitet, mir Erfahrungen ermög- SPIEGEL: Was wünschen Sie der SPD?
können das heute gar nicht mehr sagen. licht, die ich vielleicht sonst nie hätte ma- Scholz: Dass sie cool bleibt, zuversichtlich
Scholz: Die SPD ist die einzige Partei, die chen können. Aber ich hätte auch ein glück- und mit geradem Rückgrat.
von jeher dafür steht, dass es um jeden in liches Leben als Anwalt führen können. Interview: Christoph Hickmann,
der Gesellschaft geht. Damit ist die SPD Veit Medick
ein historisches Glück für unser Land. Sie * Britta Ernst (SPD) ist Bildungsministerin in Brandenburg.

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 39


Deutschland

»Endlich ausgeschlafen«
Gesundheit Nach Angela Merkels Zitteranfall stellt sich wieder die Frage, wie Politiker mit
Schwächen oder Krankheiten umgehen sollen. Es gibt dazu zwei Denkschulen.

A
ls wollte sie sich den Beinamen So war es bislang üblich bei Spitzen- Nicht die Kanzlerin. Erst mehrere Tage
»Eiserne Kanzlerin« verdienen, politikern. Bloß keine Schwäche eingeste- nach dem Sturz vereinbarte ihr Büro unter
marschierte Angela Merkel an hen, keine Krankheit. Das ist die alte Schu- strengster Geheimhaltung einen Termin
der Militärformation vorbei. Kurz le. Man demonstriert seine Pferdenatur, in der Berliner Charité. Dort wurde sicher-
zuvor hatte sie heftig gezittert, womöglich um ja keine Zweifel an der Funktionstüch- heitshalber eine Krankenakte mit einem
war es ein Schwächeanfall. Aber dieser tigkeit des Staats aufkommen zu lassen. falschen Namen angelegt. Als die Ärzte
Eindruck durfte nicht bleiben. Sie steckte Aber es gibt inzwischen eine neue, eine die Kanzlerin schließlich über den Bruch
das weg, als wäre sie superfit und kern- andere Form des Umgangs mit Schwäche aufklärten, scherzte Merkel, sie sei froh,
gesund. in der Politik. Beide Denkschulen existie- keine Simulantin zu sein.
Otto von Bismarck erwarb den Bei- ren derzeit nebeneinander. Sie zeigen den Die Ärzte redeten der Kanzlerin ins Ge-
namen Eiserner Kanzler durch Härte ge- veränderten Blick auf den Politiker. Vom wissen, empfahlen mehr Bewegung und
gen andere, bei Merkel ist es die Härte ge- Funktionsträger wird er mehr und mehr eine Diät, um die Hüfte und die Knie zu
gen sich selbst. Keine Schwäche zeigen, zum Menschen in einer Funktion. entlasten, andernfalls drohten langfristige
immer weiter, immer weiter. Merkels öffentliche Krankenakte ist für Schäden. Merkel machte es wie so viele.
Das öffentliche Interesse an dieser klei- bald 14 Jahre Kanzlerschaft recht dünn. Sie hielt sich nur vorübergehend an die
nen Szene beim Empfang für den ukraini- Der enorme Stress ihres Amts setzt ihr Ratschläge.
schen Staatspräsidenten Wolodymyr Se- offenkundig nicht stark zu. Sie habe ge- Schon bei einem Staatsbesuch in Mexi-
lenskyj am Dienstag war riesig. Medien wisse »kamelhafte Fähigkeiten«, sagte sie ko 2017 hatte sie offenkundig einen Schwä-
suchten nach Ärzten, die eine Ferndiagno- einmal auf einer Veranstaltung der Zeit- cheanfall, begleitet von Zittern. Am Abend
se wagen würden. Zu wenig getrunken, un- schrift »Brigitte«. Sie könne Energievor- vor dem CDU-Parteitag 2014 musste sie
terzuckert, ein verschleppter Infekt? räte speichern. ein Interview mit dem ZDF abbrechen. Re-
Das Patientengeheimnis gilt für eine Unter den handverlesenen Ärzten, die gierungssprecher Steffen Seibert sagte:
Kanzlerin offenbar nur eingeschränkt, und für die Kanzlerin zuständig sind, gilt Mer- »Die Bundeskanzlerin fühlte sich einen
das mit einem gewissen Recht. Ihr Job ist kel als ausgesprochen zäh. Als sie im De- Augenblick lang nicht wohl, hat dann
so wichtig, dass die Bürger wissen sollten, zember 2013 beim Langlauf in der Schweiz etwas gegessen und getrunken und die
ob sie in der Lage ist, ihn uneingeschränkt auf einer vereisten Loipe gestürzt war und Interviews anschließend fortgesetzt.«
auszuüben. sich den Beckenring gebrochen hatte, igno- Das hatte sich aber noch nicht in Asien
Merkels Botschaft nach dem Zittern: rierte sie die Schmerzen zunächst stoisch. herumgesprochen. Als wenig später die
Auf mich könnt ihr euch trotzdem verlas- Viele Patienten lassen sich da sofort starke Börse in Tokio öffnete, fielen die Kurse.
sen, ich bin unverwüstlich. Schmerzmittel verschreiben. Auch das ist ein Grund, warum manche

METODI POPOW / IMAGO IMAGES


PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

HERMANN BREDEHORST

40 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Spitzenpolitiker lieber den Gesunden hier liegt ein Grund, warum sie körper-
spielen. liche Schwächen verbergen. Denn zeigen
Relativ neu sind die widerlichen Reak- sie sich schwach, fühlen sich die Beobach-
tionen, und dafür sorgt zuverlässig die ter von einer Schwäche repräsentiert, die
AfD. Als die Kanzlerin am Mittwoch Dres- auf sie selbst zurückfällt. Die Krankheit
den besuchte, rief die örtliche AfD mit des Herrschers wird abgewehrt, um sich
dem Motto »Abzappeln mit Merkel« zu nicht selbst schwach zu fühlen.
einer Demonstration auf. In einem Chat, Eine besondere Erfahrung machte im
an dem vor allem AfD-Mitglieder und Herbst 2015 der damalige Innenminister
Nahestehende teilnehmen, lautet ein Ein- Thomas de Maizière. Eine Erkältung
trag: »Jeder bekommt, was er verdient. mauserte sich zum Politikum. Auf dem
Niemand kann über so lange Zeit ein gan- Höhepunkt der Flüchtlingskrise unter-
zes Volk der Abschlachtung zuführen, stellte ihm die »Bild«-Zeitung per Schlag-
ohne Narben davonzutragen.« zeile Instinktlosigkeit, da er im Urlaub
Es gibt also gute Gründe, Krankheiten auf Mallorca Cappuccino schlürfe, »wäh-
verbergen zu wollen. Vor allem früher galt rend zeitgleich die GroKo in Berlin ver-
darüber hinaus, dass der Spitzenpolitiker sucht, die Flüchtlingskrise zu lösen«. Bis
oft übermenschlich und damit unersetzlich heute kann sich de Maizière darüber
wirken wollte, und das deckte sich zum empören.
Teil mit den Erwartungen der Bürger. De Maizière, intern als Aktenfresser
Auf besonders komplizierte, aber trick- und Arbeitstier bekannt, plagte sich schon
reiche Weise prägte das Christentum über Anfang September mit einer Bronchitis
Jahrhunderte das ambivalente Verhältnis herum. Das Fieber stieg, der Minister legte
von Macht und Verwundbarkeit: Weil Je- sich ins Bett. Von der historischen Nacht
sus Christus zwar der Leidende war, zu- vom 4. auf den 5. September erfuhr er erst
gleich aber auch der Herrscher, entwickel- am nächsten Morgen. Merkel informierte
te sich in der politischen Theologie des ihn per Telefon, dass sie die Flüchtlinge,
Mittelalters eine Vorstellung, die der His- die in Ungarn gestrandet waren, nach
toriker Ernst Kantorowicz in seinem Stan- Deutschland holen würde.
dardwerk »Die zwei Körper des Königs« De Maizière senkte das Fieber mit Me-
beschreibt: Es gibt den natürlichen, den dikamenten und arbeitete zwei Tage lang
leidenden Körper und einen politischen, von zu Hause aus. Dann eilte er zurück
mystischen, unsterblichen Körper, der nach Berlin, obwohl er »wie ein Haufen
den Staat als Ganzen vertritt. Diese Vor- Elend« aussah. Seine Blässe, seine Fah-
stellung, so Kantorowicz, habe das mo- rigkeit wurden als Anzeichen gedeutet,
derne Staatsverständnis geprägt: Der dass der Minister in der eigenen Regie-
Herrscher steht mit seinem Körper für rung unter Druck stehe. »Aus heutiger
das Amt ein. Sicht hätte ich die Erkältung damals
Ist er schwach, leidet auch das Amt. offenlegen sollen«, sagt de Maizière. Er
Und hier setzt die Sorge der Politiker ein, habe aber gedacht, gerade ein Innenmi-

Politiker Wagen-
knecht, de Maizière,
Selenskyj, Merkel,
Mohring, Dreyer
»Kaschieren lässt
THOMAS KOEHLER/PHOTOTHEK.NET / IMAGO

nur Spekulationen
gedeihen«
JENS JESKE / IMAGO

41
Deutschland

nister dürfe keine Schwäche zeigen. Ende des politischen Betriebs mit Krankheit. Vie- Gauland hat auf diese Debatte reagiert und
Oktober rieten die Ärzte dem Minister le Kollegen vertrauten sich ihm an und verkündet, dass er beim Parteitag Ende No-
dringlich zu einer Auszeit. Seine Frau suchten seinen Rat, sagt Lauterbach, frak- vember eventuell nicht mehr zum Parteivor-
schlug vor, für ein paar Tage nach Mallorca tionsübergreifend. »Der Beruf des Politi- sitz antritt. Fraktionschef will er aber bleiben.
zu fliegen, um sich in der Wärme auszu- kers ist ein Hochrisikoberuf, man steht stän- Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsit-
kurieren. Dort überraschte ihn am letzten dig unter Stress, es sei denn, man hat nicht zende der Linken, hat sich anders entschie-
Urlaubstag ein Team der »Bild«-Zeitung viel Einfluss.« Hinzu kämen Ortswechsel den. Im März dieses Jahres kündigte sie
beim Frühstück. Die Schlagzeile war ge- und Reisestress. »Gesundes Essen und nach einer zweimonatigen Pause an, sich
macht. Sport als Gegenmaßnahmen, das schaffen aus der Spitzenpolitik zurückzuziehen –
Inzwischen ist de Maizière von der alten nur die Jüngeren, die schon mit einem ge- aus gesundheitlichen Gründen. »Früher
Schule in die neue gewechselt. Den Kolle- sünderen Lebensstil groß geworden sind.« war ich ständig angeschlagen«, erzählt sie.
gen aus dem aktuellen Kabinett rät er zu Die Politik ist noch anstrengender ge- Infekte habe sie nicht auskuriert, sondern
mehr Offenheit. »Wir müssen mit unseren worden, seit es das Internet gibt. Höheres ewig mit sich herumgetragen. »Wenn es
Schwächen transparenter umgehen, das Tempo, stärkere Verdichtung. Die Nach- nur irgendwie geht, schleppt man sich zu
Kaschieren lässt nur Spekulationen gedei- richten und Tweets prasseln auf die Politi- den Veranstaltungen, man nimmt Mittel,
hen, die schnell außer Kontrolle geraten ker ein, ständig stellt sich die Frage, ob und um das Kranksein wegzudrücken«, sagt
können«, sagt er. wie sie reagieren sollen. Neu ist zudem die Wagenknecht. Medikamente wie Grip-
Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin Angst vor einem Shitstorm. Das alles ad- postad seien deswegen so beliebt, weil
von Rheinland-Pfalz, hat das längst beher- diert sich zu einem enormen Druck. Es lau- sie einen aufputschen würden – aber mit
zigt, hat eine Pressekonferenz einberufen, ern der Burn-out oder Schlimmeres. Heilung habe das nichts zu tun.
um von ihrer multiplen Sklerose zu berich- Wer Krebs hat, kann sagen, dass er »Ich war ziemlich ausgebrannt«, sagte
ten. Und viele Politiker haben freimütig trotzdem leistungsfähig ist. Wer ausge- sie damals im SPIEGEL-Interview. Jahre-
von ihrer Krebserkrankung erzählt, unter brannt ist, dem kann nur Ruhe helfen. Die lang habe sie unter Dauerstress gestanden,
ihnen Mike Mohring, 47, Spitzenkandidat aber ist in der Politik nicht zu finden. sei von Termin zu Termin gehetzt, von
der CDU im Wahlkampf in Thüringen. Über psychische Probleme wird daher einem Konflikt in den nächsten geraten.
Aber er hat lange dafür gebraucht. kaum geredet. Karl Lauterbach sagt: »Das Sie habe nur noch funktioniert, ohne je
Im Herbst 2018 wird bei ihm Krebs fest- Vorurteil lautet ja: Jemand, der schon mit innehalten zu können.
gestellt. Operation, Chemotherapie, er Ein paar Monate später geht es Wagen-
wird schwächer und schwächer, aber er knecht deutlich besser. Zwar steht sie wohl
macht weiter wie bisher, will sich nichts »Irgendwann geht es noch bis November dieses Jahres an der
anmerken lassen. Doch Anfang Januar will an die Substanz. Spitze ihrer Fraktion, erst dann wird neu
er seine Krankheit nicht mehr verbergen. gewählt. Doch sie hat ihr Arbeitspensum
Mohring postet ein Video auf Facebook, Ist das noch ein gutes und ihre Auftritte reduziert. Sie verbringt
das ihn mit einer schwarzen Strickmütze Leben?« die meiste Zeit im Saarland bei ihrem Ehe-
auf dem Kopf zeigt. Seine Haare sind mann Oskar Lafontaine. Sie liest viele Bü-
durch die Therapie ausgefallen. cher, macht Sport. »Mir fehlt gar nichts,
»Es war für mich nicht absehbar, wie Öf- sich selbst nicht klarkommt, wie soll der im Gegenteil«, sagt Wagenknecht. Sie sei
fentlichkeit, Politik und Medien auf mein für andere gestalten können?« Das führe nun viel freier. Außerdem sei sie »endlich
Video reagieren würden«, sagt Mohring dazu, dass Betroffene schwiegen. »Das fast immer ausgeschlafen«.
im Rückblick. »Aber nachdem das Video Problem ist deshalb deutlich weiter ver- Zu Merkels Durchhalten nach dem Zit-
dann online war, wusste ich nach den ers- breitet, als man annehmen würde.« tern sagt sie: »Sie hat getan, was sie tun
ten Reaktionen, dass es die richtige Ent- In der AfD und ihrem Umfeld wird seit musste. Sie hatte keine andere Wahl als
scheidung gewesen war.« Bis heute sei das einiger Zeit diskutiert, ob der Partei- und stehen zu bleiben und durchzuhalten.«
so: »Erst gestern haben mich wieder wild- Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland Die Regierung sei in desolatem Zustand,
fremde Menschen umarmt und sich über depressiv ist. Vor zwei Jahren schrieb die eine zusätzliche Debatte über eine gesund-
meine Genesung gefreut. Die Empathie »Süddeutsche Zeitung« in einem Porträt, heitlich angeschlagene Kanzlerin habe
war und ist riesig.« Inzwischen gilt er als dass er offen über seine Beschwerden spre- Merkel auf jeden Fall verhindern wollen.
geheilt, es ist kein Krebs mehr nachweisbar. che, »auch über die Schwermut, die ihn Wagenknecht selbst möchte derartige
»Ich würde mir wünschen, dass mein seit Jahrzehnten immer wieder anfällt, Situationen nicht mehr durchstehen müs-
Umgang anderen Menschen mit gesund- manchmal in heftigen Schüben«. sen. »Menschen sind unterschiedlich be-
heitlichen Problemen den Druck nimmt, Gegenüber »Bild« versuchte Gauland, lastbar«, sagt sie, »ich hätte noch ein paar
den sie in ihrer Arbeitswelt spüren, um es dann wieder etwas einzufangen: Das Monate so weitermachen können. Aber
sich vollends auf ihre Genesung konzen- alles sei lange her, sei »überwunden«. Al- irgendwann geht es an die Substanz. Da
trieren zu können«, sagt Mohring. »Der lerdings berichten Parteikollegen immer fragt man sich schon, wozu soll man sich
Mensch, der auch Politiker ist, hat ebenso noch, dass er oft schwermütig sei, vor al- das antun? Ist das noch ein gutes Leben?«
Stärken und Schwächen.« lem bei schlechtem Wetter. Gauland: Merkel würde wohl antworten, dass ihr
Allerdings gibt es für die politische Welt »Herbst und Winter sind nicht so meine Leben in der Politik ein gutes sei, trotz
die verträglichen und die unverträglichen Jahreszeiten. Aber das hat nichts mit De- aller Belastungen. Aber hin und wieder,
Krankheiten, im Sinne von: Wie kommt pressionen zu tun.« das hat sie gesagt, als sie über ihre kamel-
die jeweilige Schwäche in der Öffentlich- Sein ehemaliger Parteifreund Konrad haften Fähigkeiten sprach, müsse auch
keit an. Multiple Sklerose und Krebs gel- Adam fragte in einem Gastbeitrag für die sie auftanken. Nun steht ja ihr Sommer-
ten als Krankheiten, die Mitgefühl auslö- »Zeit« vor wenigen Monaten, ob Gau- urlaub an.
sen. Anders ist das bei psychischen Erkran- lands demonstrative Gleichgültigkeit Nicola Abé, Susanne Beyer,
kungen oder Stresssymptomen. »Ausdruck oder Folge seiner depressiven Florian Gathmann, Matthias Gebauer,
Der Bundestagsabgeordnete Karl Lau- Anwandlungen« sei, »die er durch starke Christoph Hickmann, Dirk Kurbjuweit,
terbach, SPD, schaut als Mediziner mit Medikamente in den Griff zu bekommen Ann-Katrin Müller
dem Blick des Fachmanns auf den Umgang sucht«.

42
Beschlagnahmter Porsche in Berlin 2018,
Clanmitglied Issa Rammo
Akribisch Zahlungsflüsse verfolgt

oder Familienmitgliedern gehören. Es geht


nicht um Strafe, nur darum, dass sich Ver-
brechen nicht auszahlen. »Das finde ich
nicht nur gut, sondern überfällig«, sagt Ro-
land Probst vom LKA Baden-Württemberg.
Die Bundesrechtsanwaltskammer hielt
die neue Vorschrift dagegen von Anfang

JÖRG BERGMANN / BILD


an für verfassungswidrig, weil sie eine
»faktische Beweislastumkehr« bedeute. Be-
troffene müssten nun nachweisen, dass sie
ihr Eigentum legal erworben haben. Das
verstoße gegen die Unschuldsvermutung.
Höchstrichterliche Urteile dazu stehen
noch aus. Landgerichte haben die harte

Harte Tour
Tour in einigen Fällen bereits bestätigt. Im
März befand das Landgericht Traunstein,
dass die Justiz 759 050 Euro einziehen
durfte, die hinter Rückleuchten versteckt
Kriminelle Seit zwei Jahren kann im Auto eines Italieners am Autobahndrei-
eck Inntal gefunden wurden. Da im Auto
die Justiz dubiose Vermögen auch Spuren von Kokain entdeckt worden
leichter einkassieren. waren, ermittelte die Polizei wegen eines
Polizisten und Juristen sehen Drogendelikts, was zu keinem Ergebnis

SPIEGEL TV
führte.
das Gesetz als Erfolg. Mehr als 61 000 Euro wurden im Fahr-
zeug mutmaßlicher Islamisten im Raum
Stuttgart entdeckt. Da sie sich über die

E r ist einer der berüchtigtsten Clans


von Berlin. Auf das Konto von Mit-
gliedern der libanesischen Familie
Rammo sollen spektakuläre Verbrechen
chen, aber nur dann, wenn sich die kon-
krete Tat nachweisen ließ, aus der die Er-
träge stammten.
Am 1. Juli 2017 trat ein Passus in Kraft,
Herkunft des Geldes in Widersprüche ver-
wickelten, wurde das Geld beschlagnahmt
und eingezogen. Zu Recht, wie das Land-
gericht Stuttgart entschied.
gehen. Wie der Überfall auf eine Berliner der weit darüber hinausgeht. Nach Para- Eine abenteuerliche Geschichte über
Sparkasse 2014, Beute fast zehn Millionen graf 76a des Strafgesetzbuchs sollen Ge- den Verkauf von Gold in den Niederlan-
Euro. Und der Raub einer 100 Kilogramm richte Vermögen unklarer Herkunft einzie- den präsentierte ein mutmaßlicher Geld-
schweren Goldmünze aus dem Berliner hen, wenn diese bei Ermittlungen wegen kurier, der aus den Niederlanden kom-
Bode-Museum. Davon sind jedenfalls Er- organisierter Kriminalität oder Terroris- mend 1,5 Millionen Euro in der Mulde des
mittler überzeugt. Mit kriminellen Ge- mus gefunden wurden. Auch dann, wenn Reservereifens seines Autos versteckt hat-
schäften sollen Angehörige der Familie, zu kein Täter verfolgt oder verurteilt werden te. Das Amtsgericht nahm ihm die Ge-
der auch Issa Rammo gehört, rund 28 Mil- kann. Es reicht aus, wenn die Richter über- schichte nicht ab und das Geld weg. Das
lionen Euro erwirtschaftet haben. zeugt sind, dass die Werte aus irgendwel- Landgericht Mönchengladbach bestätigte
Vor einem Jahr rückte die Polizei mit chen illegalen Geschäften stammen. den Beschluss.
einem Großaufgebot zur Razzia an. Zu- Diese Überzeugung können die Juristen In allen Fällen konnten die Beschuldig-
dem wurden auch die Grundbuchämter etwa »auf ein grobes Missverhältnis zwi- ten nicht verurteilt werden. Der Deutsche
informiert. Die Staatsanwaltschaft ließ schen dem Wert des Gegenstands und den Richterbund findet, dass sich die Neurege-
78 Immobilien beschlagnahmen, die den rechtmäßigen Einkünften des Betroffenen lungen zur Vermögensabschöpfung »grund-
Beschuldigten zugerechnet werden. stützen«, so steht es in der Strafprozess- sätzlich bewährt« haben, auch wenn es in
Es spielte keine Rolle, dass diese Miets- ordnung. Etwa wenn ein Hartz-IV-Emp- der Anwendung noch Schwächen gebe.
und Bürohäuser zumindest auf dem Papier fänger Porsche fährt oder jede Menge Bar- »Im Vollzug des neuen Rechts gibt es noch
anderen gehörten, etwa einem mittellosen geld besitzt. Die Erfahrungen mit dem deutlich Luft nach oben«, sagt Bundes-
Taxifahrer im Libanon. Finanzermittler Gesetz seien vielversprechend, heißt es geschäftsführer Sven Rebehn.
des Berliner Landeskriminalamts (LKA) bei Ermittlern und Juristen. Ähnlich sieht es der Bund Deutscher
hatten in akribischer Arbeit Zahlungsflüs- Bereits 2010 hatte Peter Henzler, heute Kriminalbeamter. Für das Gesetz habe
se verfolgt und waren zu dem Schluss ge- Vizepräsident des Bundeskriminalamts, in man »20 Jahre gekämpft«, sagt Vorsitzen-
langt, dass es Strohleute seien. einer Arbeitsgruppe mit Polizisten und Ju- der Sebastian Fiedler. Einigen Bundeslän-
Der Schlag gegen den Rammo-Clan war risten begonnen, Vorschläge für ein solches dern fehle nun Personal, um die Möglich-
die bislang spektakulärste Aktion, die einer Gesetz zu erarbeiten. »Wir wollten die keiten des Gesetzes auszuschöpfen.
Gesetzesreform vor zwei Jahren folgte. Da- Möglichkeit haben, kriminelle Gewinne In Berlin streiten sich derzeit die Anwäl-
mals erweiterte der Bundestag die Vor- wegzunehmen und den Aufbau illegaler te der Rammos mit den Strafverfolgern,
schriften zur Abschöpfung von Vermögen, Vermögen zu verhindern, die unweigerlich wem die Mieteinnahmen der beschlag-
die kriminell erworben wurden. Zwar durf- zu Macht und Einfluss führen«, sagt Henz- nahmten Immobilien zustehen. Es geht
ten Richter schon vorher Gewinne etwa ler, der damals in Fällen organisierter Kri- um 350 000 Euro. Andreas Ulrich
aus dem Drogenhandel beschlagnahmen minalität ermittelte. Das gilt auch, wenn Mail: andreas.ulrich@spiegel.de
lassen und dem Staat oder Opfern zuspre- die Wertgegenstände offiziell Freunden

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 43


Die Baugemeinschaft
einen Verstoß gegen das Parteiengesetz
feststellen, drohen der SPD in der Folge
womöglich hohe Strafzahlungen durch die
Bundestagsverwaltung. Eine Sprecherin
des SPD-Bundesvorstands mochte sich zu
Parteienfinanzierung Wegen einer Spendenaffäre in Regensburg einem »laufenden Verfahren und mög-
kommen auf die SPD womöglich hohe Strafzahlungen zu. lichen Konsequenzen nicht äußern«.
Dabei war es ein Sozialdemokrat, der
als Erster Alarm schlug. Vor drei Jahren
wunderte sich der bayerische SPD-Lan-
desschatzmeister, ein Oberstaatsanwalt
aus Bamberg, dass zeitgleich mehrere
Spender in ähnlichem Ausmaß ihr Herz
für die Roten entdeckt hatten. Der haupt-
berufliche Strafverfolger stellte Verbindun-
gen zwischen den Spendern fest und in-
formierte die zuständigen Kollegen.
Nach Hausdurchsuchungen, Telefon-
überwachungen und der zeitweiligen In-
haftierung der beiden Hauptbeschuldigten
geht die Staatsanwaltschaft von Bestech-
lichkeit und Bestechung aus. Die Strafkam-
mer hat diesen Vorwurf der Anklage nicht
zugelassen, es bleiben unter anderem Vor-
teilsannahme und Vorteilsgewährung.
Binnen kurzer Zeit ist es schon der dritte
Fall zweifelhafter politischer Landschafts-
pflege in der Kommunalpolitik, der die
bayerische Justiz beschäftigt. Das Landge-
richt München verurteilte den ehemaligen
Landrat von Miesbach und einen ehema-
ligen Sparkassendirektor zu Bewährungs-
strafen, in Ingolstadt steht ein Prozess ge-
gen den früheren Oberbürgermeister vor
dem Abschluss, er soll für Bauvergaben
private Vorteile angenommen haben, be-
streitet den Vorwurf aber.
EIBNER / IMAGO

Der Regensburger SPD-Politiker Wol-


bergs war 2008 dem CSU-Amtsinhaber
im Kampf um das Rathaus nur knapp un-
Oberbürgermeister Wolbergs 2016: »Jagd- und Vernichtungsfeldzug« terlegen. 2014 folgte dann ein Erdrutsch-
sieg mit über 70 Prozent in der Stichwahl
gegen einen anderen CSU-Konkurrenten.

V ielleicht wäre die ganze Sache gar


nicht aufgefallen, hätten die Spender
eine andere Standardsumme für ihre
Überweisungen gewählt. Aber so: 9900
ker Tretzel, 76, als Geber sind die Haupt-
figuren des Falls, in dem es um eine ziem-
lich dreiste Form der Parteienfinanzierung
geht. Er beschäftigt seit Jahren die Justiz
Gerade sah die darbende Bayern-SPD
einen Hoffnungsträger heranwachsen, als
Wolbergs’ Höhenflug jäh endete: Im Janu-
ar 2017 nahm die Polizei den Oberbürger-
Euro pro Zahlung, also knapp unterhalb und könnte für die deutsche Sozialdemo- meister in der Tiefgarage seines Wohnhau-
der Schwelle, ab der das Parteiengesetz kratie noch teuer werden. ses fest, er kam in Untersuchungshaft und
vorschreibt, die Spende zu veröffentlichen. Am 3. Juli steht vor dem Landgericht wurde vom Amt suspendiert.
Das Ganze 48-mal, sodass in viereinhalb Regensburg das Urteil an. Die Staatsan- Seitdem er wieder frei ist, kämpft der
Jahren eine beträchtliche Summe zusam- waltschaft fordert für Wolbergs und Tret- Politiker für seine Rehabilitierung. Regel-
menkam: 475 000 Euro. Bezahlt von ei- zel jeweils viereinhalb Jahre Haft, die Ver- mäßig veröffentlichte er auf seiner Face-
nem Bauunternehmer und dessen Umfeld. teidigung Freispruch. Mitangeklagt sind book-Seite Videostatements. Nach dem
Empfänger des Geldsegens war der der ehemalige Fraktionschef der SPD im Plädoyer der Staatsanwaltschaft sprach
SPD-Ortsverein Stadtsüden in Regens- Regensburger Stadtrat, Norbert Hartl, und Wolbergs von einem »Jagd- und Vernich-
burg, eine kleine Parteigliederung mit Franz W., ein früherer Mitarbeiter der tungsfeldzug«, der gegen ihn laufe. Den
gerade einmal zwei Dutzend Mitgliedern BTT Bauteam Tretzel GmbH, der die Staatsanwalt titulierte er im Gerichtssaal
unter dem Vorsitz von Joachim Wolbergs. Spenden koordiniert haben soll. Über elf als »Obergschaftler« (»Wichtigtuer«).
Wolbergs, der Name hatte Klang in der Millionen Gewinn will die Staatsanwalt- Vom Gschafteln versteht er selbst eine
Region, ein politischer Aufsteiger, Bürger- schaft beim Bauunternehmer abschöpfen. Menge, davon profitierte auch seine Partei.
meister und dann Oberbürgermeister von Die Spendenaffäre in der Oberpfalz ragt Zwischen 2011 und 2016 vervielfachte sich
Regensburg. Mit dem Geld seines Ortsver- wegen der Summen heraus. Zum Ver- das Spendenaufkommen seines Ortsver-
eins machte er Wahlkampf. Spendenquit- gleich: Die dubiosen Zahlungen an die Bo- eins. Größter Wohltäter war sein Mitan-
tungen stellte er selbst aus. densee-AfD aus dem Ausland summieren geklagter Tretzel. Der Unternehmer, der
Der Kommunalpolitiker Wolbergs, 48, sich nur auf ein gutes Viertel der Regens- eine Jacht und ein Flugzeug besitzt, baut
als Nehmer und der Bauunternehmer Vol- burger Beträge. Sollte das Landgericht Wohnanlagen in der florierenden Univer-

44 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Deutschland

sitätsstadt Regensburg. Wolbergs’ CSU- hungsweise Bestechlichkeit. Allerdings Fürs Budget der SPD wird entscheidend
Vorgänger erhielt von Tretzel nach Amts- müsste dafür eine pflichtwidrige Dienst- sein, wie das Landgericht die Spenden an
ende einen gut dotierten Beratervertrag. handlung zu belegen sein. Laut Eröff- den Ortsverein einordnet. Überwiesen
Mit dem SPD-Mann traf sich Tretzel nungsbeschluss konnte das Gericht bislang wurden sie unter anderem von sieben Per-
laut dessen Terminkalender 88-mal. Die keine Unrechtsvereinbarung erkennen. sonen aus Tretzels Firma sowie dessen in-
Nähe soll Wolbergs auch privat genutzt Wie also ist das Regensburger Amigosys- zwischen verstorbener Schwiegermutter.
haben, so der Vorwurf. 2012 kaufte Wol- tem rechtlich zu bewerten? Handelte es sich um Einzelspender, könnte
bergs’ Mutter für ihre drei Söhne eine Ei- »Der Angeklagte Tretzel hatte stets die die Partei aufatmen. Waren es Strohmän-
gentumswohnung in einem von Tretzels Amtsträger im Blick und wollte auf diese ner Tretzels, hätte die SPD illegal kassiert.
Firma BTT errichteten Wohnhaus namens Einfluss nehmen«, führte Staatsanwältin Die Anklage beruft sich unter anderem
Villa Grassi – italienische Gebäudenamen Christine Ernstberger in ihrem Plädoyer auf einen Überweisungszweck, den ein
tauchen immer wieder auf. Den ursprüng- aus. Beim Spenden habe Tretzel wie ein Mitarbeiter bei einer Spende vermerkte:
lich genannten Kaufpreis musste sie nicht Geschäftsmann gedacht: »Er verknüpft die »Bürgermeisterwahl BTT«, außerdem in
bezahlen, die BTT soll ihn um 37 600 Euro Investition mit einem Zweck.« Spiegelbild- einer handschriftlichen Notiz »Splittung
reduziert haben, indem sie Ausbauarbei- lich der Empfänger: Wolbergs habe sich SPD«. BTT-Mann Franz W. habe sich da-
ten nicht in Rechnung stellte. Die BTT soll »sehenden Auges in die Abhängigkeit« hi- rum gekümmert, »dass die Jungs auch
auch einen Teil der Kosten übernommen neinbegeben und zu seinem Gönner eine eine Spende abdrücken, so wie ich das
haben, um ein Ferienhaus der Wolberg- »korruptive Dauerbeziehung« gepflegt. eigentlich erwartet habe«, sagte Tretzel
sens zu renovieren. Auch die Schwieger- Die Staatsanwältin zitierte aus der in einem abgehörten Telefonat. In einer
mutter Wolbergs’ kaufte 2015 eine Eigen- Richtlinie der Stadt zur Verhütung von Mail vom Juli 2016 erklärte der Boss,
tumswohnung von BTT, gelegen in der Vil- Korruption, unterzeichnet vom damaligen »dass die Mitarbeiter, die am Erfolg der
la Querini und laut Staatsanwaltschaft zu Oberbürgermeister Wolbergs: »Jeder An- Firma beteiligt werden, sich auch an deren
einem geminderten Preis. Die Kosten im weiteren Sinne be-
Verteidiger können keine be- teiligen sollen«.
sonderen Rabatte erkennen. Der Erfolg war groß, wie
Zusätzliche Nähe schuf der Verteidiger Ufer erklärt. Ihm
Fußball. Tretzel zahlte regel- zufolge erhielten die spenden-
mäßig Millionen an den SSV den BTT-Mitarbeiter rund
Jahn Regensburg. Als Wol- 20 Millionen Euro ausgezahlt.
bergs dort ab Juni 2014 den Ufer: »Die haben sich dumm
Aufsichtsratsvorsitz des Ver- und dämlich verdient.«

ARMIN WEIGEL / PICTURE ALLIANCE / DPA


eins übernahm, erhöhte der Die Spenden seien »in vol-
SSV Jahn mit Tretzel-Geld lem Umfang aus eigenem Ein-
dreimal in kurzer Zeit das kommen beziehungsweise Ver-
Grundkapital seiner teuren mögen der Mitarbeiter be-
Profifußballabteilung, insge- stritten« worden, argumentiert
samt um 2,8 Millionen Euro. Ufer. So führten die Mitarbeiter
Die Geldspritzen stehen in die Spenden in ihren Steuer-
zumindest zeitlichem Zusam- erklärungen an. Laut einem
menhang mit einer großen von der Verteidigung beauftrag-
Bauvergabe: der Bebauung Neubau auf Kasernengelände: »Dumm und dämlich verdient« ten Experten für Parteienstraf-
der Nibelungenkaserne. Die recht machten sie lediglich »von
Stadt hatte das Grundstück einem Grundrecht Gebrauch«.
im Regensburger Süden vom Bund über- schein von Parteilichkeit soll vermieden Tretzel klagt parallel zum Strafverfah-
nommen. Beim Weiterverkauf sollte nicht werden.« Und: »Korruption ist kein Kava- ren vor dem Verwaltungsgericht gegen das
der Höchstpreis allein zählen, sondern un- liersdelikt, sondern strafbares Verhalten.« »medial motivierte, nicht rechtsstaatliche
ter anderem das Energiekonzept der Bau- Wolbergs-Verteidiger Peter Witting Verhalten der Staatsanwaltschaft«. Sein
träger. Über die Kriterien sollen Wolbergs zeichnete hingegen das Bild eines Politi- Medienanwalt beklagt eine massive Vor-
und der SPD-Fraktionschef Hartl, der kein kers, der »für die Menschen da sein« und verurteilung und grobe Fehler der Ermitt-
Amtsträger war, die BTT-Leute 2013 einen etwas bewegen wollte. »Gefälligkeiten im ler, unter anderem durch falsch verschrift-
Tag vor Heiligabend informiert haben, Bereich der sozialen Adäquanz« habe es lichte Telefonate.
damit diese ein aussichtsreiches Angebot gegeben, mehr nicht. In abgehörten Tele- Nach dem Strafurteil ist eine Revision
erarbeiten konnten. Über das Treffen exis- fonaten versicherten die Männer einander, wahrscheinlich, ähnliche Verfahren ste-
tiert nur eine grobe Notiz, Tretzels Teil- immer korrekt gehandelt zu haben. Feh- hen an, denn auch weitere Bauunter-
nahme ist nicht belegt. Dennoch lagen zu- lendes Unrechtsbewusstsein? »Vielleicht nehmer spendeten an die SPD. Die
nächst Mitbewerber vorn, dann schrieb gab es auch kein Unrecht«, so Witting. Staatsanwaltschaft klagt zudem den ehe-
die Stadt die Vergabe neu aus. Der Verteidiger des Unternehmers be- maligen CSU-Oberbürgermeisterkandida-
Am 16. Juni 2014 schickte Hartl eine tonte die allgemeine Spendierfreudigkeit ten an, »wegen Beihilfe zur Steuerhinter-
Mail an die anderen Angeklagten, mit der seines Mandaten. »Herrn Tretzel gefällt ziehung und Verstoß gegen das Parteien-
Bitte, Änderungswünsche im Ausschrei- die wohnungsbaufreundliche Politik der gesetz«.
bungsentwurf mit Rot einzutragen. Fünf SPD«, sagte sein Rechtsanwalt Florian Aus seiner Partei ist Wolbergs ausgetre-
Monate später war die Sache abgeschlos- Ufer. Es sei wie in den USA: »Da wird ten, er kam damit seinem Ausschluss zu-
sen: Der Stadtrat erlaubte der BTT am einer reich, und dann gibt er es zurück.« vor. Er will nun mit einer eigenen Liste bei
23. Oktober, die Bauabschnitte für 23 Mil- Dass man sich bei den Parteispenden an der Kommunalwahl 2020 antreten. Ihr
lionen Euro zu kaufen. Obergrenzen gehalten habe, sei nachvoll- Name lautet: »Brücke – Ideen verbinden
Die Anklage wertet die Vergabe der Ni- ziehbar – ähnlich wie bei Freibeträgen im Menschen«. Jan Friedmann
belungenkaserne als Bestechung bezie- Falle von Schenkungen in der Familie.

45
Deutschland

Aus freien Stücken?


Strafjustiz Maria war 13, als sie mit einem 39 Jahre älteren Mann nach Italien verschwand.
Fünf Jahre blieb sie bei ihm. Der Angeklagte redet
von Liebe, er versteht bis heute nicht, dass er ein Kind missbraucht hat.

E s kommt ziemlich selten vor, dass ein


Tatverdächtiger sich freut, wenn er
einen Polizisten sieht. So erlebte es
aber Kommissar B. aus Freiburg, als er im
wohl die Nähe von H. suchte und Gele-
genheiten zur Flucht nicht ergriff.
Maria ist inzwischen 19 Jahre alt, eine
junge Frau, ungeschminkt, unauffällig ge-
Was ihre Kinder dann aussagen, spricht
dagegen. Die Älteste berichtet, sie habe
regelmäßig die Schule geschwänzt, gestoh-
len und getrunken. Ihre Mutter habe sie
vergangenen September nach Rom flog, kleidet, mit weichem mädchenhaftem Ge- dann in die Psychiatrie einweisen lassen.
um dort einen mutmaßlichen Sexual- sicht. Sie tritt gemeinsam mit ihrer Mutter Die Zweitälteste erzählt, sie habe im Alter
straftäter abzuholen. Der Beamte hatte als Nebenklägerin auf. von 16 Jahren darum gebeten, in einem
ihn jahrelang in halb Europa gesucht. Der Maria war elf Jahre alt, als Bernhard H. Heim leben zu dürfen, was auch geschah.
Verdacht: Kindesentziehung und sexueller sich ihr in einem Chatforum näherte. Der Maria habe ihren Schwestern anvertraut,
Missbrauch. 50-Jährige wohnte mit Frau und Kindern sie würde lieber auf der Straße leben als
Der Mann, den er im Sicherheitsbereich in Blomberg in Nordrhein-Westfalen, zu Hause.
des römischen Flughafens traf, sei verängs- nannte sich »Karlchen« und soll ihr Bilder Es ist die Rede von Chaos, von schwie-
tigt gewesen, eher klein, mit weißem Haar- seines Geschlechtsteils geschickt haben. rigen Umständen, drei der fünf Geschwis-
kranz und Kinnbart. H. habe verstört ge- Später kam er zu ihr nach Freiburg, brach- ter hätten zeitweise nicht daheim gelebt.
wirkt und sehr erleichtert, dass jetzt einer te seinen weißen Schäferhund mit und mie- Marias damals beste Freundin sagt, Maria
komme, der seine Sprache spreche, dem tete ein Hotelzimmer, in dem Maria ihn habe immer »weg von zu Hause« gewollt.
er alles erklären könne. Der ihn nach Hau- besuchte. Das Ganze flog auf, als die Ehe- Ihre Mutter sei streng gewesen, sie habe
se begleite. Redselig habe Bernhard H. auf frau von Bernhard H. die Nachrichten ent- viel verboten, auch den Kontakt Marias
dem Flug zurück nach Frankfurt immer deckte und ihren Mann anzeigte. zu ihrem Vater.
wieder seine »Liebe« zu Maria bekundet H. und Maria berichten heute überein- Die Freundin gab Maria Alibis, wenn
und wie sehr er hoffe, sie könnten bald stimmend, sie hätten damals Zärtlichkei- diese sich mit Bernhard H. traf. »Mir kam
wieder zusammen sein. So berichtet es ten ausgetauscht, aber keinen Geschlechts- es so vor, als suchte sie in ihm eine Vater-
Kommissar B., Mitarbeiter der Kriminal- verkehr gehabt. Die Polizei redete dem figur«, sagt die junge Frau. H. habe auch
polizei in Freiburg. Marias Vater ähnlich gesehen.
Fünf Jahre zuvor, im Mai 2013, hatte Staatsanwältin Nikola Novak wirft
sich Bernhard H. mit der damals 13-jähri- »Mir kam es so vor, Bernhard H. rund hundert Fälle schweren
gen Maria aus Freiburg ins Ausland abge- als suchte sie in sexuellen Missbrauchs vor. Er soll Maria
setzt. Seitdem waren beide verschwunden. kontrolliert und dominiert haben, ihr Kon-
Der Fall erregte großes Aufsehen, auch ihm eine Vaterfigur«, takte mit anderen verboten und verhindert
deshalb, weil es Anzeichen gab, dass H. sagt die Freundin. haben, dass sie eine Schule besuchte. Au-
das Mädchen nicht gezwungen hatte mit- ßerdem soll er sich von ihr ein Kind ge-
zukommen. Die Freiburger Ermittler und wünscht und sämtliche sexuellen Übergrif-
Zielfahnder des baden-württembergischen Mann bei einer Gefährderansprache ins fe ungeschützt vollzogen haben. Einmal,
Landeskriminalamts versuchten jahrelang, Gewissen. Mehr passierte nicht. Niemand etwa einen Monat vor ihrem Verschwin-
die beiden zu finden. Erfolglos. Bis dann, durchsuchte seine Wohnung und seine den, sei dies auch »gegen den erkennbaren
im August vergangenen Jahres, Maria wie- Computer. Die Staatsanwaltschaft stellte Willen« des Kindes geschehen.
der vor dem Haus ihrer Mutter stand. Kurz das Verfahren gegen ihn ein. Als Beleg zitiert Novak aus einer Chat-
darauf wurde Bernhard H. auf Sizilien fest- Marias Mutter reagierte, indem sie ihrer nachricht von Maria an Bernhard H.: »Wie
genommen. Tochter das Handy wegnahm. kann man so notgeil sein, dass man ein
Seit Mai steht der 58-jährige Elektriker Doch Maria traf sich weiterhin mit Bern- Mädchen, das eindeutig auf diesem Gebiet
nun vor der Großen Strafkammer des Land- hard H. schon schlimme Erfahrungen gemacht hat,
gerichts Freiburg. Die bisherigen Aussagen Er besorgte ihr ein neues Mobiltelefon, so bedrängt. Was für ein Kranker, Perver-
bestätigen, dass H. das Mädchen wohl nicht das sie vor ihrer Mutter versteckte. Sie ser, muss man sein? Sogar wenn sie sich
mit Gewalt nach Italien brachte. Die Er- schrieben sich täglich Unmengen von halb weinend an dich kuschelt, weil sie
mittler zeichneten vielmehr das Bild eines Chatnachrichten, morgens um fünf Uhr trotzdem Angst hat, da bekommt jeder
Mannes, der die emotionale Verlorenheit die ersten, nach Mitternacht die letzten. normal denkende Mensch einen Schutzre-
eines Kindes ausnutzte. Der sich zusam- Kriminalbeamte, die die Nachrichten nach flex und schützt das Mädchen. Nicht aber
menfantasierte, er führe mit dem Mädchen Marias Rückkehr nach Deutschland lasen, Herr H., der wird nur noch geiler!«
eine gleichberechtigte Liebesbeziehung. sagen, H. habe sich ihr gegenüber »wei- Sexuelle Handlungen mit Jungen oder
Maria, offenbar auf der Suche nach Zu- nerlich« und »unterwürfig« geriert. Er leb- Mädchen unter 14 Jahren sind immer straf-
wendung und einem Zuhause, soll er der- te da noch mit seiner Familie. bar, egal ob die Kinder sich damit einver-
art manipuliert haben, dass sie zumindest Marias Mutter versucht als Zeugin, das standen erklären oder nicht. Sind die Ju-
Teile dieser Sichtweise übernahm. Das Ge- Verhalten ihrer Tochter mit Abenteuerlust gendlichen älter, können sie selbst ent-
richt muss auch die Frage klären, ob es für zu erklären: »Eine sehr neugierige 13-Jäh- scheiden. Das gilt nicht, wenn sie sich etwa
die Beurteilung des Falles überhaupt eine rige macht Sachen, die ihr verboten sind.« in einer Zwangslage befinden oder dem
Rolle spielt, dass das Mädchen trotz des Die Alleinerziehende beteuert: »Wir wa- Täter anvertraut sind. Die Staatsanwältin
mutmaßlich fortgesetzten Missbrauchs ren eine ganz normale Familie.« geht davon aus, dass Bernhard H. im Aus-

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FOTOS: PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA (L.); GIUSEPPE MARRALI / ROPI (O.R.); ANTONIO PISACRETA / ROPI (R.)
Angeklagter Bernhard H. im Gerichtssaal,
Unterkunft auf Sizilien,
Maria (2. v. r.) und ihre Mutter im Prozess

land Marias einzige Bezugsperson war. Je- kaufte Fahrräder, ein Zelt und Schlafsäcke. men. Er war nach Aussagen von Nachbarn
der Sexualkontakt mit ihr wäre dann, auch Sie radelten am Tag 20 bis 30 Kilometer, aufgefallen, weil er, Maria suchend, durch
nach ihrem 14. Geburtstag, als Missbrauch über die »grüne Grenze« in die Slowakei, die Straßen der Kleinstadt irrte, nachdem
von Schutzbefohlenen strafbar. durch Ungarn und Slowenien bis nach das Mädchen abgereist war. Kommissar
Novak argumentiert, Bernhard H. sei pä- Italien. B. vernahm Maria nach der Verhaftung er-
dophil veranlagt, was der bestreitet. Auf sei- Die beiden gaben sich als Vater und neut. Diesmal stimmten ihre Angaben mit
nem Rechner fanden die Ermittler Nackt- Tochter aus. Sie wuschen ihre Kleidung denen von Bernhard H. überein.
fotos von ihm und Maria, 400 kinder- und auf Friedhöfen, lebten von dem Bargeld, Die Abreise aus Italien habe sie organi-
jugendpornografische Bilder und rund das Bernhard H. von seinem Konto abge- siert, indem sie über das Internet Kontakt
10 000 Aufrufe einschlägiger Seiten im In- hoben hatte. Auf Sizilien hausten sie erst zu ihrem Vater aufnahm. Der habe dann
ternet. Seine Stieftochter hat ihm vorgewor- in einem Rohbau ohne Strom, ohne Was- Freunde gebeten, sie abzuholen, und die
fen, er habe sie sexuell missbraucht, das soll ser. 2015 zogen sie in ein Haus in der Ha- hätten sie bis nach Freiburg zur Mutter ge-
passiert sein, bevor er Maria kennenlernte. fenstadt Licata und blieben dort mehr als bracht.
Das Gericht hat einen Psychiater be- drei Jahre lang. Die geringe Miete und ih- Die Ermittlungen der Polizei ergaben
stellt, der untersuchen soll, ob H. für die ren Lebensunterhalt bestritten sie mit Ge- aber auch, dass Maria schon länger Zugang
Allgemeinheit gefährlich ist, weil er einen legenheitsjobs und Almosen. zum Internet gehabt hatte. So hätte sie
Hang zu Straftaten hat. Die Staatsanwältin Dann, am 31. August vergangenen Jah- etwa nach Hausmitteln gegoogelt, als Bern-
sieht die Voraussetzungen für Sicherungs- res, meldete sich plötzlich Marias Mutter hard H. ab dem Jahr 2015 Probleme mit
verwahrung gegeben. Wenn das Gericht bei Kommissar B.: Maria sei aufgetaucht. den Nieren und der Prostata bekam. Seit
sie anordnet, käme H. auch nach Verbü- Der Kommissar befragte das Mädchen diesem Zeitpunkt hätten auch die sexuel-
ßung seiner Strafe vorerst nicht frei. zu Hause. Maria habe behauptet, sich in len Übergriffe aufgehört, heißt es in der
Als das Gericht Maria und Bernhard H. Polen aus ihrem Zelt geschlichen und Anklage.
zu ihrem Verhältnis und den Jahren in Ita- den schlafenden Bernhard H. zurück- Am vergangenen Verhandlungstag liest
lien befragt, schließt es die Öffentlichkeit gelassen zu haben. Die Jahre danach woll- der Vorsitzende Richter Arne Wiemann
aus. Ermittler haben aber die Geschehnis- te sie sich allein durchgeschlagen haben, den Abschiedsbrief vor, den Maria in der
se der vergangenen Jahre rekonstruiert. was der Kommissar für wenig glaubhaft Unterkunft in Licata hinterließ. Ihre Worte
Demnach fuhren die beiden in der hielt. Wo Bernhard H. sei, habe sie ihm zeigen, wie sehr sie offenbar H.s Sichtwei-
Nacht zum 5. Mai 2013 mit seinem Auto nicht gesagt. se übernommen hat.
und einem gestohlenen Kennzeichen nach Trotzdem wurde der Mann eine Woche »Hey du, es tut mir leid, dass du es so
Polen, dort ließ H. den Wagen stehen und nach Marias Rückkehr in Licata festgenom- erfährst. Ich habe einfach nicht die Kraft,

47
es dir persönlich zu sagen. Ich habe lan-
ge nachgedacht. Ich weiß, was ich zu
tun habe. Wir können nicht warten, bis
es von alleine besser wird. Ich habe be-
schlossen, dir dein Leben zurückzugeben.
Die Schuld, in der ich stehe, halte ich
nicht mehr aus. Dass du alles für mich
aufgegeben hast. Es macht mich und un-
sere Liebe kaputt. Wir müssen erst mal
alleine klarkommen. Vielleicht werden
wir dann wieder zusammenfinden und
glücklich, wie wir es ursprünglich geplant
haben.«
Bernhard H. müht sich bei der Verle-
sung im Gericht die Fassung zu behalten.
Mehrere Polizeibeamte berichten, er sei
immer wieder auf diesen Brief zu sprechen
gekommen. »Für ihn war es eine Trennung
auf Zeit, für eine gewisse Phase«, sagt
THOMAS WARNACK / DPA

Kommissar B. »Er war davon überzeugt,


dass man wieder zusammenkommt.«
Manche Polizisten scheinen Marias Ver-
halten etwas ratlos gegenüberzustehen.
Die Art und Weise, wie sie ihn bei ihrer
Vernehmung geschützt habe, spreche für Erstklässler auf dem Schulweg: »Leistungsdrill im System«
eine »gewisse Vertrautheit«, sagt Kommis-
sar B., Gewalt oder Druck habe Bernhard
H. nie angewendet. »Es war wohl alles frei-
willig«, glaubt B.
»Was war das? Liebe?«, will Stephan
Althaus, der Verteidiger, wissen. Von
Reife Äpfel
Liebe, antwortet B., habe Maria nicht
Bildung Was in Bayern ein neues Gesetz erlaubt, wollen auch
gesprochen.
Ein weiterer Polizeibeamter sagt, H. Eltern in anderen Bundesländern erreichen: Im Sommer
habe Maria als »Seelenverwandte« be- geborene Kinder sollen ein Jahr später eingeschult werden können.
schrieben. H. habe ihm erzählt, wie un-
glücklich er in seinem alten Leben gewesen
sei und welche Hoffnung er hatte, in Maria
die Frau fürs Leben gefunden zu haben.
In seinem Testament habe er nur Maria
begünstigt. »Er ging komplett davon aus,
G ute Noten haben noch keinem Men-
schen geschadet. Das findet auch
Katrin Göltenboth aus Bretzfeld, ei-
nem kleinen Ort in Baden-Württemberg.
arzt und die Grundschulleitung einem An-
trag der Eltern zustimmen, damit noch ein
Jahr zu warten. »Total entmündigend«,
findet Göltenboth.
dass er nach dem allem hier Maria heiraten Sie ist eine Mutter, die vorausschauend Binnen vier Monaten haben rund 24000
würde«, sagt der Beamte. Bernhard H. plant, ihren ältesten Sohn aber nicht unter Unterstützer ihre Onlinepetition unterzeich-
habe auf ihn wie »blind vor Liebe« ge- Druck setzen möchte. Er ist ja auch erst drei net. Offensichtlich trifft das Anliegen den
wirkt. Der Polizist sagt, er habe sich Jahre alt. Seine »emotionale Entwicklung«, Nerv vieler Eltern – auch in anderen Bun-
erinnert gefühlt an Opfer von Liebes- sagt sie, sei wichtiger als schulischer Erfolg. desländern. In Nordrhein-Westfalen kam
schwindlern. Deshalb drängt die 33-Jährige auf eine eine ähnliche Onlinepetition zur »Ände-
Die Anwältin Claudia Meng vertritt Ma- Änderung im Schulgesetz: Göltenboth will rung des Einschulungs-Stichtages« Anfang
ria als Nebenklägerin. Sie wendet sich ge- die »Früheinschulung« stoppen, wie es in des Jahres auf rund 42 000 Unterstützer.
gen die Verkehrung von Täter und Opfer. ihrer Petition heißt, die sie im Februar ge- Aus Brandenburg haben Göltenboth Anfra-
Aus Marias Abschiedsbrief ließen sich ihre meinsam mit zwei Mitstreiterinnen ins Le- gen von Nachahmern erreicht, die ebenfalls
Schuldgefühle herauslesen und auch, in ben gerufen hat. Die Mütter fordern, den die zwangsweise Einschulung knapp sechs-
welche Art von Abhängigkeitsverhältnis Kindern »wertvolle Zeit zu schenken!«. jähriger Kinder verhindern wollen.
Bernhard H. sie gebracht habe, argumen- Nach heutiger Rechtslage würde Göl- Rund 726 000 Erstklässler haben sich
tiert die Juristin. tenboths Sohn, der Ende Juli 2021 sechs im vergangenen Jahr in Deutschland auf
Maria soll einen Exklusivvertrag mit Jahre alt wird, kurz danach eingeschult. den Weg in die Grundschule gemacht,
einem privaten Fernsehsender abgeschlos- Ob er dann schon schulfähig ist? Seine manche davon erst fünf, die meisten sechs,
sen haben. In einem der TV-Interviews Mutter weiß nur so viel: Sie will selbst ent- andere schon sieben Jahre alt. Die Kultus-
sagte sie: »Ich werde versuchen, mir im- scheiden können, ob ihr Sohn mit sechs ministerin von Baden-Württemberg, Su-
mer wieder klarzumachen, dieser Mensch oder sieben Jahren bereit für den Gang sanne Eisenmann (CDU), findet das Alter
sitzt auf der Anklagebank, weil er mir ins Klassenzimmer ist. Von der Politik ver- allein bei der Einschulung »nicht entschei-
das angetan hat, weil er schuldig ist.« Es langt sie »mehr Flexibilität«. dend, sondern stets die Gesamtentwick-
klingt, als müsste sie sich selbst überzeu- Ihr Anliegen betrifft Kinder, die zwi- lung des jeweiligen Kindes«.
gen, dass ihr Unrecht geschehen sei. schen Anfang Juli und Ende September Deshalb will Eisenmann den Unter-
Julia Jüttner sechs Jahre alt werden. Deren Einschulung zeichnern der Petition entgegenkommen:
Mail: julia.juettner@spiegel.de ist in Baden-Württemberg bisher Pflicht. »Unser Haus wird nun einen Vorschlag für
Ausnahmen gibt es nur, wenn ein Amts- eine Schulgesetzänderung erarbeiten«,

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Deutschland

teilt ihr Ministerium mit. Konkret zugesagt Uni Würzburg, sagt: »Man tut Kindern gen an die individuellen Lernausgangs-
ist bereits, »den Stichtag auf den 30. Juni nicht unbedingt etwas Gutes, wenn man lagen des Kindes anpassen können.«
zu legen« – ihn also gegenüber der bishe- ihnen die Schule vorenthält.« Die Klassen- Kinder müssen Lust aufs Lernen haben,
rigen Regelung drei Monate nach vorn zu gemeinschaft könne »deutlich positive Ef- und so ist es meistens auch. Schlecht nur,
ziehen. Wie weit die Eltern künftig über fekte« auf die Entwicklung eines Kindes wenn die Eltern den Kleinen sorgenvoll
das Jahr der Einschulung ihrer Kinder mit- haben. Ähnlich sieht es die stellvertretende vermitteln, mit der Schule beginne der
bestimmen können, ist noch offen. Vorsitzende der Kinder- und Jugendärzte Ernst des Lebens. So sieht es Simone
Die Bayern sind auf diesem Weg voraus- in Bayern, Brigitte Dietz: »Bleibt ein nor- Fleischmann, die Präsidentin des Bayeri-
gegangen. Im bevorstehenden Schuljahr mal entwickeltes und wissbegieriges Kind schen Lehrer- und Lehrerinnenverbands.
haben Eltern dort die Möglichkeit, selbst zu lange im Kindergarten, können sich Des- Fleischmann fürchtet, dass die neue
zu entscheiden, ob ihre zwischen 1. Juli interesse und Lernunlust entwickeln.« Ein- bayerische Flexibilität ein »fatales Signal«
und 30. September geborenen Kinder jetzt schulungen mit sieben Jahren sollten des- sende: »Schule ist ein Schreckgespenst,
oder erst 2020 eingeschult werden. Der halb Ausnahmen bleiben. vor dessen Klauen man Kinder, solange es
bayerische Kultusminister Michael Piazolo Das Konzept der Schulreife habe sich geht, fernhalten muss.« Diese unter Eltern
(Freie Wähler) hatte im vergangenen Land- in den vergangenen Jahrzehnten sehr ge- üblich gewordene Haltung habe Kultus-
tagswahlkampf die Sorgen vieler Eltern wandelt, betont Sanna Pohlmann-Rother, minister Piazolo noch befeuert.
erkannt, Abhilfe versprochen und seine Fleischmann, die zwölf Jahre lang eine
Zusage eingehalten. Das kommt gut an: Grundschule geleitet hat, möchte den Blick
Im nächsten Schuljahr werden voraussicht- Ist Schule »ein Schreck- auf etwas anderes lenken: Es gehe doch gar
lich neun Prozent mehr Kinder als im Vor- gespenst, vor dessen nicht um Korridorkinder oder Kann-Kinder,
jahr zurückgestellt. wie die Einschulungskandidaten bildungs-
Das kann allerdings zu neuen Proble- Klauen man Kinder fern- bürokratisch genannt werden. Sie sagt:
men führen. In Bayreuth bleiben zwei Drit- halten muss«? »Die Diskussion um den Einschulungs-
tel der Kinder, die zur Schule gehen könn- termin ist eine um den Leistungsdrill im
ten, noch im Kindergarten oder in der Vor- bayerischen und deutschen Schulsystem.«
schule. Und blockieren damit die Plätze Professorin für Grundschulpädagogik und Die Lehrplanmacher in den Ministerien
für nachrückende Dreijährige, die einen -didaktik an der Universität Würzburg. müssten zur Kenntnis nehmen, dass es
Betreuungsplatz benötigen. Oberbürger- Man habe erkannt, dass Kinder keine Äp- Grundschüler gebe, die vom vielen Lernen
meisterin Brigitte Merk-Erbe rechnet mit fel sind, die alle zum gleichen Zeitpunkt und dem Leistungsdruck Bauchschmerzen
50 Kitaplätzen, die jetzt im Eilverfahren reif werden. »Ich finde es gut, dass Eltern bekommen. In Bayern müssen Viertkläss-
zusätzlich geschaffen werden müssen, etwas mehr Entscheidungskompetenz zu- ler einen bestimmten Notenschnitt errei-
»auch mithilfe von Containern«. gebilligt wird«, sagt Pohlmann-Rother. chen, um aufs Gymnasium gehen zu kön-
Der Trend zur späteren Einschulung ist »Aber wichtiger ist es, den Blick nicht al- nen. Fleischmann hält vom stressigen
besonders bemerkenswert, weil es noch lein auf das Kind zu richten, sondern auch »Grundschul-Abitur« wenig. »Wir brau-
nicht lange her ist, dass Kindern möglichst auf die schulischen Lerngelegenheiten.« chen mehr ganzheitliches Lernen.«
früh die Schultüte in die Hand gedrückt wer- Vielversprechend sei zum Beispiel die Welche Motive haben also die Eltern,
den sollte. Zwischen 1998 und 2004 stieg »flexible Grundschule«, die in Bayern der- die ihren Kindern noch ein Jahr Zeit schen-
die Zahl der vorzeitigen Einschulungen stark zeit aber nur von 268 Schulen verwirklicht ken wollen? Fleischmann vermutet, dass
an (siehe Grafik). Es entsprach dem dama- wird. Sie soll einen sanften Übergang vom es ihnen oft auch darum gehe, »irgendwel-
ligen Zeitgeist und auch den Wünschen der Kindergarten in die Grundschule ermögli- che Vorteile für ihr Kind rauszuschlagen«.
Wirtschaft, die Kleinen früh zu fördern. Sie chen. Statt einer ersten und zweiten Klasse Dominique Franzen aus München gibt
sollten das Bildungssystem schnell durch- gibt es dort eine altersgemischte »Eingangs- das sofort zu. Sie ist die Mutter, die vor ei-
laufen, denn die Arbeitswelt wartete schon. phase«, in der die Schüler je nach Veranla- nem Jahr mit ihrer Petition »Stoppt die
Lange Zeit waren Kinder schulpflichtig, gung und Lerntempo ein bis drei Jahre ver- Früheinschulung« in Bayern alles ins Rol-
die vor dem 30. Juni sechs Jahre alt wurden. weilen. Sollte sich dieses System durchset- len gebracht hat.
Um eine frühere Einschulung zu ermögli- zen, seien Rückstellungen wohl überflüssig, Franzens Sohn Leopold hat Ende Sep-
chen, empfahl die Kultusministerkonferenz meint Pohlmann-Rother: »Es ist weniger tember Geburtstag. Er wäre nach dem al-
den Ländern 1997, den Stichtag nach hinten wichtig, wann das Kind eingeschult wird, ten bayerischen Stichtag mit fünf Jahren
zu schieben, maximal bis auf den 30. Sep- sondern ob sich die schulischen Bedingun- in die Schule gekommen. »Natürlich möch-
tember. Dieser Empfehlung folgten in den te ich nicht riskieren, dass seine fehlende
nächsten Jahren acht Bundesländer, was Reife in dem Alter später einmal der
für jüngere Erstklässler sorgte. In der Folge Vorzeitige Einschulungen Grund für schlechte Noten sein könnte«,
sank die Zahl der Anträge auf Früheinschu- Anteil an allen Erstklässlern sagt Franzen. Genau wie Katrin Gölten-
lung. Dann schwang das Stimmungspendel Quelle: both aus Baden-Württemberg wolle sie ih-
Statistisches
zurück: Berlin und Niedersachsen haben, Bundesamt Schuljahr 2004/ 2005 rem Kind aber keinen Druck machen:
wie jetzt auch Bayern und Baden-Württem- 9,1 % »Ich fände es überhaupt nicht schlimm,
berg, in den vergangenen Jahren den Stich- wenn er in der vierten Klasse eine Emp-
tag wieder vorgezogen. fehlung für die Realschule bekommen
Die Petitionen von heute berufen sich würde. Mir ist nur wichtig, dass er diesel-
auf Studien, die angeblich belegen, dass ben Chancen wie seine Mitschüler hat.«
mit fünf Jahren eingeschulte Kinder öfter Franzen selbst ist wegen zu schlechter
sitzen bleiben, seltener fürs Gymnasium Französischnoten vom Gymnasium auf
empfohlen werden und unter geringem Schuljahr die Realschule gewechselt und sagt, sie
1998/1999
Selbstbewusstsein leiden. Es gibt allerdings habe es nie bereut. Heute arbeitet sie bei
keine einhellige Meinung in der Wissen- 4,1 % Schuljahr einer Investmentbank. Anna Clauß
2016/2017
schaft. Der Experte Tobias Richter, Profes-
sor für Pädagogische Psychologie an der 2,6 % Mail: anna.clauss@spiegel.de

49
Gesellschaft
Wenn die Braunkohle von gestern ist, warum soll man dann heute noch Menschen ihr Dorf nehmen? ‣ S. 52

2016 / 17 waren
Früher war alles schlechter es 40630.

Nº 181: Erasmus-Studierende
2011/ 12
1987/ 88 33363
förderten deutsche
Hochschulen 657
Auslandsaufenthalte.
1991/ 92 2007/ 08
6897 26289

1995/ 96 2003/ 04
13 637 1999 / 2000 20688
15715
Quelle: Daad

Lernen in der Ferne. Der französische Volkswirtschaftsstudent Angebot zum Auslandsaufenthalt bisher genutzt. Im ersten Jahr
Xavier zieht in eine Wohngemeinschaft nach Barcelona, wo er nahmen nur 657 deutsche Studenten an einem Austausch teil,
sich mit einer Spanierin, einem Dänen, einem Deutschen, einer 1995/96 waren es bereits 13 637 und 2016/17 schon 40 630. Spanien,
Belgierin, einem Italiener und einer Engländerin ein Apartment Frankreich und England sind die beliebtesten Austauschländer
teilt. Er lernt an der Universität – aber vor allem das Zusammen- der Deutschen. Die Zahlen werden vom Deutschen Akademi-
leben mit Fremden in der Fremde. Er geht aus, verliebt sich, hat schen Austauschdienst (DAAD) ausgewertet, der auf Rückmel-
Sex und öfter mal einen Kater. »Barcelona für ein Jahr« heißt dung der 380 teilnehmenden Hochschulen warten muss, weshalb
der Film, der 2002 erschienen ist und der Erasmus-Bewegung die Jahresberichte mit Verzögerung erscheinen. Man geht beim
ein Denkmal gesetzt hat, weil er das Lebensgefühl treffend wie- DAAD aber auch für 2017 von keinem Rückgang aus, da nicht
dergibt. Spaß und Studium im Ausland miteinander verbinden, nur die Zahl der Studierenden, sondern auch derjenigen, die im
dafür steht Erasmus. Das Förder- und Austauschprogramm für Rahmen des Erasmus-Programms ein Praktikum absolvieren,
Studenten wurde 1987 vom Rat der Europäischen Gemeinschaf- gestiegen ist. Europa hat ja derzeit wenige Erfolgsgeschichten
ten gegründet. Mehr als 4,4 Millionen Studierende haben das zu erzählen. Erasmus ist eine davon. felix.hutt@spiegel.de

Paarungsverhalten Gänse. Prinz Philip wuchs unter weib- SPIEGEL: Und dennoch nur Nummer 679 in
Was können wir lichem Regiment auf, allein mit vier
Schwestern und seiner Mutter. Der Vater
der Thronfolge. Wie kompensiert man das?
Zurhorst: Die Thronfolge spielt keine
von Prinz Philip lernen, verschwand mit einer Geliebten, Philip Rolle für die Liebe. Ich lag nie unter dem
Frau Zurhorst? wurde aufs Internat geschickt und die
Mutter schizophren.
Bett der Windsors. Deswegen maße ich
mir hier kein Urteil an. Jede Ehe ist ein
Eva-Maria Zurhorst, 57, gilt als Deutsch- SPIEGEL: Da blieb nur ... ganz eigenes Gefüge.
lands bekannteste Beziehungsratgeberin. Zurhorst: ... die Flucht in einen unbeug- SPIEGEL: »Leading from behind«?
Prinz Philip, der Gatte der Queen, feierte samen Stoizismus. Dieser Mann hat Zurhorst: Oje, das ist alt, und Frauen kön-
gerade seinen 98. Geburtstag. Die Bezie- seinen Vater verloren, seine Heimat und nen es – so rum oder so rum – nicht mehr
hung begann, so die Legende, als die damals seinen Namen. hören. König 2.0 ist der Mann, der mit
13-jährige Elizabeth ihrem Cousin Philip seinen Gefühlen umgehen kann. Es ist der
kurz vor Kriegsausbruch begegnete. Liebe und immer mehr Frauen egal, ob
einer Vorstandsvorsitzender des Univer-
SPIEGEL: Kennen Sie die Prinz-Philip- sums ist.
CAMERA PRESS / PICTURE PRESS

Bewegung? SPIEGEL: Oder Kanzlerin?


Zurhorst: Nie gehört. Zurhorst: Kanzlerin oder Prime Minister.
SPIEGEL: Ein Südseekult, der den Duke Erster oder Zweiter oder Nummer 679.
of Edinburgh als Gottheit verehrt. Wohl Am Ende fällt das alles weg. Auch im
zu Recht. Allein schon für seine Fähigkeit, Buckingham-Palast bleiben abends ein-
71 Jahre lang Zweiter in einer Ehe zu sein. fach Mann und Frau übrig.
Zurhorst: Prinzen sind in ihrer Partner- SPIEGEL: In dieser Reihenfolge?
wahl so prägungsgesteuert wie kleine Queen Elizabeth II., Prince Philip 2010 Zurhorst: Ganz egal. ASM

50
Depardieu besitzt Restaurants in Paris und Weingüter welt-
Eine Meldung und ihre Geschichte
weit, er hat ein Kochbuch verfasst und 2015 einen Dokumen-
tarfilm gedreht, »A pleines dents!«, deutscher Titel: »Schlemmen

Geschmackssache mit Gérard Depardieu«. Vor laufender Kamera macht er sich


über einen schottischen Schafsmagen her, über baskischen Schin-
ken, neapolitanischen Mozzarella, Hummer aus der Bretagne,
Trüffel, Whisky, Rotwein. In einem Kuhstall redet er auf Kälber
Warum Gérard Depardieu den Russen ein: »Uh, bébés, ihr werdet sterben, euch wird man essen!«
russische Lebensmittel verkauft Zur selben Zeit gehen von Russland aus Bilder um die
Welt: Planierraupen zerquetschen Lebensmittel, Parmesan,
Camembert, türkische Mandarinen, die Russen sollen keine

G érard Depardieu kauft Wodka in einem russischen Su-


permarkt. Fünf Flaschen. Die Kassiererin scannt die
Flaschen ein, Depardieu beobachtet ihre Hände, als
könne hier noch etwas schieflaufen. Er trägt eine dicke
Lebensmittel aus dem Ausland mehr essen, das ist Wladimir
Putins Botschaft. Die Russen sollen ihr Essen selbst herstellen.
Depardieu hält sich daran. Seine Soufflés, seine Soßen,
die in Russland vermarktet werden, als seien sie ein Höhe-
schwarze Lederjacke mit hochgeschlagenem Kragen. punkt der französischen Haute Cuisine, lässt er aus russischen
Das Foto entstand im vorigen Winter in Nowosibirsk. Es und weißrussischen Zutaten herstellen. Alles bio, heißt es.
zeigt eine Szene aus Depardieus Leben, keine Filmszene, In einem Werbevideo, das er für Geschmäcke Frankreichs
aber es ist schwer, dabei nicht an »Mammuth« zu denken, ei- gedreht hat, zeigt Depardieu, wie man Kartoffelgratin mit
nen der wenigen guten Depardieu-Filme der vergangenen der exquisiten Depardieu-Knoblauchsoße zubereitet: Kar-
Jahre. Depardieu spielt darin einen alten Schlachthofarbeiter, toffeln schneiden, Fertigsoße drüber, ab in den Ofen.
der vor einem Supermarkt einen Einkaufswagen losreißt und Als Depardieu 2013 die russische Staatsbürgerschaft annahm,
sich auf dem Parkplatz zwischen Autos hindurchzwängt, mit geschah es in erster Linie aus finanziellen Gründen. Er wollte
Gewalt. Steuern sparen. Die Steuerflucht stellt er als Rebellion dar, als
Er sei kein Schauspieler, hat Depardieu mal über sich selbst Aufstand gegen das Establishment. In »Monstre«, seinem jüngs-
gesagt. Er sei Gérard Depardieu. ten autobiografischen Buch, schreibt er, er sei müde von gesell-
Er macht seit beinahe 50 Jahren schaftlichen Normen, ertrage kein
Filme, ungehobelt, zärtlich, un- Geschwätz: »Bei Gesprächen, die
ersättlich, Cyrano, Porthos, Obelix, ich mir anhöre, ziehe ich Sprachen
17-mal für den »César« nominiert, vor, die ich nicht verstehe.«
ein Rekord, einer der wenigen In seinem Werbevideo schnip-
Franzosen in Hollywood. pelt Depardieu Kartoffeln, grunzt
Als Depardieu anfing, war er bei- leicht und sagt, man müsse solche
nahe schlank. Mit den Jahren wur- Geräusche machen beim Kochen.
de er immer feister. Er trinke bis zu Er sagt, warum er sich für Sibirien
14 Flaschen am Tag, sagte er 2014: entschieden hat: »Es ist eine beson-
Champagner zum Frühstück, Rot- dere Region, eine riesige. Die Men-
wein zum Mittag, Wodka und schen hier sind sehr stark, hier wa-
Whisky am Abend – und Pastis ren ja Lager. Man spricht hier ein
zwischendurch. Er verlor einen Depardieu in Supermarkt in Sibirien sauberes Russisch. Ich liebe Rus-
Sohn, fuhr betrunken Motorrad, sisch, die Sprache der Seele.«
einmal urinierte er in ein Flugzeug. »Kak dela?«, fragt ihn eine Mitar-
Was macht Gérard Depardieu in beiterin vor der Kamera, wie geht’s?
Sibirien? Depardieu sagt: »Kak dela,
Seit etwa einem Jahr gibt es in good, very good.«
Russland Lebensmittel mit Depar- Als Depardieu Russe wurde,
dieu-Konterfei zu kaufen, Kirsch- fragte eine russische Zeitung ihre
strudel, Apfelsoufflé, Caesar-Dres- Leser, welche Führungspositionen
sing, Mayonnaise (72 Prozent Von der Website Archynewsy.com er nun übernehmen könnte: Dorf-
Fettgehalt), Knoblauchsoße, Enten- klub? Die russische Regierung? Die
leber, Cabanossi, Napoleon-Torten. Auf den Etiketten ist ein russische Alkoholaufsichtsbehörde? Die meisten Leser mein-
schwarz-weißes Foto von Depardieu abgedruckt, vermutlich ten: Dorfklub. Als Unternehmer sah man ihn eher nicht.
aus der Zeit der ersten »Asterix«-Verfilmung, aus den Neun- Depardieu ließ sich Zeit mit dem Geschäftlichen. Er lernte
zigern: weit geöffneter Hemdkragen, breites Lächeln, man beim weißrussischen Autokraten Lukaschenko das Sensen,
sieht viel von Depardieus Zahnfleisch. verglich Putin mit Macron (beide seien authentisch), reiste
»Gérard Depardieu recommende«, heißt es auf den Etiket- nach Nordkorea. Spielte, im Kino, Rasputin und Stalin.
ten. Depardieu empfiehlt. Im vergangenen Dezember kam Depardieu für drei Tage
Die Firma, die diese Depardieu-Produkte vermarktet, nach Nowosibirsk. Er ging ins Theater, in die Kirche und in
heißt »Geschmäcke Frankreichs« und hat ihren Sitz in No- die Sauna, rieb sich bei minus 36 Grad mit Schnee ein,
wosibirsk. Depardieu, seit ein paar Jahren russischer Staats- schwänzte eine Sitzung des Kulturrats und kaufte jene fünf
bürger, ist dort gemeldet. Mit Journalisten redet er selten, Flaschen Wodka: 40 Prozent Alkohol, neun Euro je 0,5 Liter,
deswegen erklärt seine sibirische Geschäftspartnerin Julija er steht im Spirituosenregal neben Dutzenden anderen Wod-
Mosman, wie die Russen an »Gérards kulinarische Philo- kas, zwischen dem Weißen Gold und dem Finlandia.
sophie« herangeführt werden sollen. Die Russen, das ist Auf den Flaschen ist Depardieus Gesicht abgebildet, wie
die Idee, sollen sich mit Gérards Hilfe gut und gesund er- er in den Siebzigern aussah: kraftvoll, aufsässig und ein wenig
nähren. wollüstig. Timofey Neshitov

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 51


Gesellschaft

Heimatfresser
Verlust Trotz Kohleausstieg will RWE noch fünf Dörfer wegbaggern. Doch jetzt
begehren die Betroffenen auf. Denn sie wissen den erstarkten Einfluss
der Klimaschützer hinter sich. Von Barbara Supp und Matthias Jung (Fotos)

S
ie wird auf der Ehrentribüne sein, Und fragen: Wenn die Braunkohle von war im Westen mit den 43 000 Umgesie-
bei den Majestäten und den Ho- gestern ist, warum soll man dann heute delten nicht viel anders als bei den mehr
noratioren; sie, die Umsiedlungs- noch Menschen ihr Dorf nehmen? als 80 000 im Osten, in der DDR. Und
beauftragte der RWE. Sie wird Es sind schwierige Tage für eine Um- jetzt funktioniert es nicht mehr, jetzt spielt
sich anschauen, wie die Menschen sich siedlungsbeauftragte, die auf reibungslose auch dieser Begriff plötzlich wieder eine
beim Schützenfest von dem Dorf verab- Umsiedlung hofft. Rolle, der lange als gestrig abgehakt wur-
schieden, das es nach dem Willen ihrer Fir- Die Protestierer haben es fertiggebracht, de, als wäre er nur ein Synonym für Folk-
ma bald nicht mehr gibt. dass die Öffentlichkeit nun doch Kenntnis lore: Heimat.
Elisabeth Mayers-Beecks hat den Auf- nimmt von einem Vorgang, der jahrzehnte- Was Heimat eigentlich ist, diese Frage
trag, die Dinge so zu managen, dass die lang hingenommen wurde wie ein Natur- stellt sich hier in aller Schärfe. Ob sie trans-
Leute sich zufriedengeben in Keyenberg gesetz: ist nicht schön. Muss halt sein. Das portabel ist, ob sie sich verpflanzen lässt.
und in den anderen vier Dörfern, die als
letzte im Rheinland der Braunkohle wei-
chen sollen. Von denen nichts übrig blei-
ben soll als ein riesiges Loch. Und irgend-
wann vielleicht ein See.
Das ist der Plan.
Das war der Plan.
Der Plan war, dass Bernd Pieper, Marita
Dresen, Norbert Winzen und 1600 andere
Menschen ihre Dörfer, Häuser, Kirchen,
Gassen, Gärten, Bäume verlieren, dass sie
sich umsiedeln lassen, murrend vielleicht,
aber doch einigermaßen reibungslos wie
fast 43 000 Rheinländer vor ihnen seit
Ende des Zweiten Weltkriegs. Es hat ja
jahrzehntelang funktioniert. Braunkohle
war unverzichtbar, so sah es die Wirtschaft,
so vollzog es die Politik.
RWE hat’s gegeben, RWE hat’s genom-
men, Haus und Hof genommen und Geld
gegeben, es war wie Schicksal für denjeni-
gen, der auf Braunkohle saß. Braunkohle
lässt sich hierzulande nicht unterirdisch
fördern; um sie zu bergen, muss alles weg,
was an der Oberfläche ist. Und wer das
nicht hergeben will, kann enteignet wer-
den. Das deutsche Bergrecht gibt dem
Tagebau diese Keule in die Hand.
Es fing ruhig an, hätte eine relativ rei-
bungslose Umsiedlung werden können.
Dann kam etwas dazwischen.
Dann kam Paris, das Klimaabkommen.
Dann kam der Protest gegen Braunkohle-
tagebau im Hambacher Forst, und nun
haben sich die Protestierer die Dörfer vor-
genommen, Bäume reichen ihnen nicht
mehr. Es gibt Demonstrationen, Blocka-
den, für Samstag, den 22. Juni, haben sie
zu Massenveranstaltungen mobilisiert,
»Fridays for Future«, »Alle Dörfer blei-
ben«, »Ende Gelände« und all die anderen.
Sie haben sich die Dörfer und den Tagebau
vorgenommen, lautstark, massiv.
Der Kohleausstieg soll kommen, 2038,
sie fordern ihn noch deutlich schneller.

52
Und ob der Versuch, dies zu tun, über- gegeben und pragmatisch beschlossen, im ten großen Protestaktion im März, die als
haupt gerechtfertigt sein kann. So ist neue Neuen auch den Vorteil zu sehen. Solidarität mit den Dörflern gemeint war,
Hoffnung und neuer Zweifel entstanden, Das neue Haus hat außen Klinker wie protestierte er gegen die Protestierer.
ein Zwiespalt in den Dörfern. das alte, innen aber breite Türen, es ist Weil?
Herr Winzen will Unwiederbringliches ebenerdig, barrierefrei. Im Rohbau ste- »Weil es das Dorf zerreißt.«
nicht verlieren. hend wünscht er sich, »das Gefühl zu ha- Er will nicht, dass es zwei Keyenbergs
Frau Dresen will der Welt zeigen, dass ben: Ich habe es richtig gemacht«. gibt, sondern eines, weil auch der Schüt-
man so mit ihr nicht umgehen kann. Es ist Mitte Mai, jetzt kommt das Schüt- zenverein wissen muss, wo er hingehört.
Herr Pieper will weg. zenfest, Pieper war dreimal Schützenkönig Er will nicht, dass das Dorf gerettet wird
Es gibt Menschen, deren natürliches und wird auch diesmal wieder viel zu tun und ein anderer in seinem Haus wohnt.
Habitat die Baustelle zu sein scheint, haben, als Vater der Schützenkönigin. Dann hätte er es ja falsch gemacht. Viel-
Bernd Pieper, von Beruf Monteur, gehört Dann kommt noch ein Urlaub an der Mo- leicht ist es für ihn wie im Trauerfall: Ein Ri-
dazu. sel, dann der Umzug. tual muss sein. Eine Beerdigung. Ein Ende.
Nicht dass er Lärm und Dreck beson- Er hat mit RWE verhandelt, hat unter- Allerdings wird es dann ja keinen Ort
ders schätzen würde. Der Dreck des he- schrieben. Er verbucht die Umsiedlung mit mehr geben, um zu trauern. Wo Wichtiges
ranrückenden Tagebaus Garzweiler II ist dem Gefühl, finanziell auf seine Kosten passierte – heimlich rauchen, küssen, Kir-
einer der Gründe, warum er sein Haus in gekommen zu sein. schen klauen: alles weg. Heimweh muss
Keyenberg bald verlassen und umsiedeln Alles gut also? sich ins Abstrakte wandeln. Da ist ja nur
will an den Standort Erkelenz-Nord. Nicht alles gut. noch das Loch.
Pieper ist in Keyenberg geboren, und Er will den Abriss. Er will, dass sein Es ist ein Vorgang, der in Braunkohle-
auch er hat mal gegen den Tagebau pro- Haus nicht mehr steht, er will, dass die regionen über Jahrzehnte normal war.
testiert, die Sache dann als erfolglos auf- Umsiedlung zügig weitergeht. Bei der letz- Welche Zumutung er darstellt, wird
manchmal erst durch den Blick von außen
wieder klar. Die Leute, denen Pieper beim
Urlaub an der Mosel davon erzählt hat,
sagten: »Wie, die baggern euer Dorf weg?«
Sie gaben dem Vorgang das Erschrecken
zurück, das er eigentlich verdient hat.
Aber Pieper wehrt sich dagegen, Opfer
zu sein, er nimmt gern Dinge in die Hand.
Pragmatisch hat er beschlossen, Heimat
nicht streng räumlich zu begreifen, son-
dern eher sozial, definiert durch die Men-
schen, die er kennt. Seine Logik ist: Das
Neue kann nur Heimat werden, wenn es
das Alte nicht mehr gibt. Er hat sogar
schon mal den optimistischen Satz gesagt:
»Das hier wird mal ein Dorf.«
Das hier: Das ist eine Ansammlung von
Häusern und Baustellen am Standort Erke-
lenz-Nord, 20 Minuten von Mönchenglad-
bach entfernt. Wer von außen kommt, wird
denken: eine Siedlung eben. Die Umsiedler
aber werden wissen: Das hier ist Keyen-
berg, das Kuckum, das Berverath. Und das
hier Westricht, das nun aus den Resten von
Ober- und Unterwestricht besteht.
Es ist flach hier, guter Lössboden. Bau-
ernland. Ein kleines Wäldchen im Hinter-
grund rund um ein Wasserwerk, von Fel-
dern umgeben das Neue, es ist – Dorf?
Ortschaft? Neubaugebiet?
»Wir bauen Träume«, steht auf einem
Handwerkerfahrzeug, und genau so sieht
es hier aus. Manche träumen vom Tos-
kanahaus, andere vom Bauhausstil, kastig
weiß. Viele Einzelträume. Oft Zäune, er-
staunlich viele blickdicht und hoch. Es
gibt Klinker rot, Klinker weiß, Klinker
gelb, Klinker schwarz und Brachen da-
zwischen, wo noch Sauerampfer und Sal-
bei stehen. Die Hausgärten tendieren ins
Pflegeleichte, es fühlt sich nicht an wie

Umzug beim Keyenberger Schützenfest im Mai


RWE hat gegeben, RWE hat genommen

53
Gesellschaft

eine Ortschaft, eher – Musterhaussied- schlossen, gibt sich selbst den Auftrag, »al- Und so verhandelt RWE weiter mit den
lung, das ist es. les versucht zu haben«. Kuckum, Keyen- Dorfbewohnern, baggert weiter ab. Zer-
Es wird mehr öffentliches Grün geben berg – sie sollen bleiben, und jeder soll stört Gewachsenes, hinterlässt Häuser-
und irgendwann auch etwas höhere Bäu- dort siedeln, wo er mag. Und die Gemein- ansammlungen.
me. Eine Kapelle dort, wo jetzt die roten schaft? »Ist eh schon zerrissen. Dank Musterhaussiedlung.
Kräne stehen. Eine Mehrzweckhalle, Se- Braunkohle und RWE.« Besucht man die Umsiedlungsbeauftrag-
niorenwohnungen. Eine Kneipe, ein Café? RWE ist die Chiffre für Allmacht bei te von RWE in ihrem Kölner Büro und
Weiß man nicht. manchen, bei manchen auch für das Böse. sagt dieses Wort, dann guckt sie streng und
Und Wiesen? Pferdekoppeln? Eine Macht ist RWE, weltweiter Jahres- sagt: »Sie sollten das nicht durch Ihre Brille
Marita Dresen ist schon länger dabei, umsatz 13,4 Milliarden Euro, sicherlich. sehen.«
den Planern mit diesen Fragen auf die Ner- Verflochten mit Kommunen, die als An- Elisabeth Mayers-Beecks, exakt betitelt
ven zu gehen. Ursprünglich hat sie um die- teilseigner die Dividende brauchen. Un- als Leiterin Umsiedlungsabteilung von
se Wiesen gekämpft. Aber jetzt kämpft sie terstützt von der Politik, die in der Braun- RWE Power, ist von Haus aus Stadtplanerin
ums Ganze. kohle lange den einzigen verlässlichen ein- und Architektin und sagt, sie habe für RWE
Familie Dresen, drei Kinder, drei Pferde, heimischen Energieträger sah. Privilegiert »die Umsiedlungsplanung entwickeln dür-
18 Hühner, lebt auf einem ehemaligen durch das Bergrecht, es gibt dem Unter- fen. Das war wirklich ein Dürfen«.
Bauernhof in Kuckum. Was früher der nehmen das Mittel der Enteignung an die Tatsächlich?
Kuhstall war, ist jetzt Wohnzimmer und Hand. »Tatsächlich. Denn ich konnte bei einem
manchmal Organisationsort für Wider- Auch das Bundesverfassungsgericht hat- Prozess, der früher sehr starr lief, eine star-
stand. te 2013 nichts dagegen einzuwenden. Als ke Bürgermitwirkung aufbauen.« Mitwir-
Am Vorabend war Marita Dresen im ein Bewohner von Immerath auf ein Recht kung daran, wie die Umsiedlung stattfin-
Pfarrsaal von Kuckum bei einer Veranstal- auf Heimat klagte, beschied es: Der Tage- det, nicht ob.
tung der Gruppe »Alle Dörfer bleiben«, bau könne durchaus im Sinne des Gemein- Es ist ihre Abteilung, die Häuser und
gezeigt wurde der Film »Die rote Linie« wohls sein. Die Regierung habe das Recht, Grundstücke kauft und Dorfgemeinschaf-
über den Widerstand gegen den Tagebau. ihn als Teil der Energieversorgung so zu ten, wie sie sagt, »in ihrer Transformation
Man erlebte in diesem Film einen RWE- definieren. Das individuelle Recht des vom alten in den neuen Ort begleitet«.
Vorstandsvorsitzenden, der die Wörter Mannes, wohnen zu bleiben, habe dahin- Dazu gehört, dass man »die Oberfläche
»Tagebau« und »Vernunft« zusammen- ter zurückzustehen. für den Bagger vorbereitet. Ja, ich finde
bringt. Man hörte Wörter wie »Heimat- auch, das klingt hart«. Dass man Häuser
fresser«. Man sah, wie sich ein Abriss- abbricht, den Friedhof räumt, für Um-
bagger in die Kirche von Immerath fraß. Der Hahn kräht, der bettungen sorgt.
Als die Kirchenmauern fielen, war es im Mist stinkt – im Dorf geht Macht ihr das etwas aus?
Raum sehr still. »Natürlich. Ich bin ja auch ein Mensch.
Frau Dresen also ging es erst mal um das. Im Neubaugebiet Ich weiß, was einem die Dorfkirche bedeu-
die Wiesen, sie hat 15 000 Quadratmeter gilt es als unzumutbar. tet. Das Grab der Eltern auf dem Friedhof.«
Fläche und wollte genauso viel wieder- Sie sage sich: »Solange die Braunkohle-
haben. Sie habe ein Recht auf Wohnen, gewinnung erforderlich und Umsiedlun-
beschied man ihr, nicht aber darauf, ihre Würde das Urteil heute vielleicht anders gen nicht vermeidbar sind«, so lange wolle
Hobbytierhaltung so weiterzuführen. ausfallen? Jetzt, da sich Deutschland ver- sie darauf achten, »dass der Prozess gut
Das Grundsätzliche an ihrem Problem pflichtet hat, seinen CO²-Ausstoß bis 2030, gestaltet wird«.
sind Vorschriften, die es nicht gab, als ihr verglichen mit 1990, um 55 Prozent zu Nicht vermeidbar. Erforderlich. Was soll
Dorf zum Dorf wurde. Im Bestehenden reduzieren? sie auch sagen.
sind Dinge möglich, die Nachbarn im Neu- Man werde grüner werden, verspricht Aber die Zukunft. Das Neue, das ent-
baugebiet als unzumutbar empfinden. Der RWE. Auf Erneuerbare setzen. Aber eine steht. Was sagt sie, die Stadtplanerin dazu?
Hahn kräht morgens. Der Mist stinkt. Der Studie des Deutschen Instituts für Wirt- Jetzt, sagt sie mit gewissem Enthusias-
Traktor fährt abends über die Straße. schaftsforschung zum Beispiel, die besagt, mus, »jetzt kommen Sie zu meinem
Dann noch die Gesetze, Brandschutz, dass ein deutlich schnellerer Ausstieg aus Hobby«. Sie spricht von ihm in der Ver-
Lärmschutz und so weiter – wollte sie so der Braunkohle möglich sei – sie schätzt die gangenheit. »Mein Hobby war die missio-
bauen, wie sie jetzt lebt, dürfte sie es nicht. abbaubare Braunkohlemenge laut RWE narische Tätigkeit.« Genau das sei ihre
»Hambi« kam, der Massenprotest ge- »viel zu hoch« ein. Die Tagebaugenehmi- Mission gewesen: Das Neue, das da ent-
gen die Zerstörung des Hambacher Forsts, gungen, die habe man und brauche sie auch. steht, möge »qualitätsvoll sein. Regional-
und Marita Dresen begann, größer zu Anders sei Deutschlands Energiebedarf typische Baumaterialien, eine gemeinsame
denken. Schließlich, das fällt ihr als Ver- nicht zu decken. Die Kohle von Keyenberg Formensprache, ein städtebauliches Leit-
gleich ein, »ist in Berlin ja auch die Mauer benötige man schon 2023/24, der Tagebau bild für den neuen Ort«. Ihr Lachen besagt,
gefallen«. stehe quasi vor der Tür. Außerdem habe dass sie jetzt klüger ist.
Marita Dresen hat eine gewisse Uner- man sich mit 67 Prozent der Menschen in Man habe Umsiedlern durchaus Vor-
schrockenheit, die sie, gelernte Friseurin, den fünf letzten Dörfern schon geeinigt. bilder gezeigt. Man habe zum Beispiel
Angestellte in Mönchengladbach, auf die Es wäre aus RWE-Sicht auch wenig sinn- früher mal eine Siedlung in Düsseldorf
RWE-Hauptversammlung gebracht hat. voll, jetzt, im Entschädigungspoker mit besichtigt, alles weiß, nur Grau in den
Wie es sich anfühlt, aus der Heimat ver- der Bundesregierung, freiwillig zu verzich- Dächern, zweigeschossig, als Einfriedung
trieben zu werden, erzählte sie dort. Sie, ten. Es ist ja noch nicht verhandelt worden, Hecke oder weiß gekalkte Mauer. Es war
die nie eine Aktivistin gewesen sei, mache welche Braunkohlekraftwerke RWE aus der als gutes Beispiel gemeint, kam aber nicht
bei »Alle Dörfer bleiben« mit und finde Produktion nehmen soll. Der Kohlekom- so an.
es »cool, total toll«, wenn junge Menschen promiss, der Ausstieg bis 2038, ist bisher Die Stadt Erkelenz, zu der die fünf Dör-
Bäume und Dörfer schützen wollen. nur Absichtserklärung, also unverbindlich. fer gehören, organisierte wie üblich die
Braunkohle soll nicht mehr Schicksal Das Klimakabinett ist bisher ohne Be- Mitsprache der Bürger; sie wählten den
sein, sie hat sich zum Rebellieren ent- schluss. Es passiert nichts, immer noch nicht. genauen Standort aus und den groben Ent-

54
Braunkohletagebau Garzweiler II,
Umsiedlungsort Erkelenz-Nord, Bauherr Pieper
Das Alte abreißen, damit das Neue Heimat wird

Scheune? Nein, das ist nicht nur eine


Scheune. Die Kinder reiten darin. Türe?
Nein, das ist nicht nur eine Türe, es ist eine
wurf: Ringstraße, unterscheidbare Ortstei- Flügeltüre im hohen Raum. Die Fliesen
le, Grünstreifen, Kapelle und Mehrzweck- sind von 1863. Das Treppengeländer? Aus
halle mittendrin. Und dann gibt es immer Holz, gedrechselt. Das Ganze: denkmal-
wieder welche, die gern eine dorftypische, geschützt. Wenn er etwas ändern will,
geschlossene Bebauung wollen. muss er den Denkmalschutz fragen. Wenn
Nur wohnen wollen sie so nicht. Rund es nach RWE geht, kommen die Bagger.
80 Prozent teilten mit: Sie wollen ein Ei- Dieses Denkmalgeschützte hier ist kein
genheim. Frei stehend. So, dass man außen Museum, es ist Leben. An den gedrechselten
rumlaufen kann. Mit ein bisschen Grün. Geländern sind Generationen von Kindern
»Ich denke, dass wir das akzeptieren herumgeturnt. Heimatgefühl wurzelt ja in
müssen, was da entsteht«, sagt die Stadt- der Kindheit. Diese Geborgenheit, das frag-
planerin und Umsiedlungsbeauftragte. lose Gefühl, am richtigen Ort zu sein – Nor-
»Akzeptieren, was gewünscht wird von bert Winzen fallen dazu die Tage ein, wenn
den Menschen, die ihr Umfeld aus ener- immer geschlossen hat, einem Metzger, er krank war, er lag im Bett und bekam Tee,
giepolitischen Gründen räumen müssen.« er hat nur noch ein paar Stunden geöffnet. und draußen rauschten die alten Bäume.
Die große Zumutung durch kleine Frei- Über eine der Dorfstraßen läuft eine Winzen hat Zeiten seines Lebens an-
heiten erträglicher machen, das ist die Idee. Keyenbergerin, betrachtet die Fenster derswo verbracht und weiß daher umso
Dafür sorgen, dass hinterher gesagt wer- an einem der leeren Häuser. Es ist das besser, was er verlieren soll. Er war drau-
den kann: Ihr wolltet es doch so. Haus ihrer Tante. Die Tante ist schon ßen und studierte Ernährungswissenschaf-
Es ist der Tag vor dem Schützenfest in lange weg und das Haus vielleicht auch ten, wohnte eine Zeit lang draußen mit
Keyenberg, blau-weiße Wimpel flattern bald, aber die Fenster sind dreckig, und Frau und Kindern, er ist wieder hier. Er
über den Straßen, über einem halb toten sie wird sie putzen, damit sie sauber lebt im Vierkanthof mit Mutter, Schwester,
Dorf. »Skolstrejk för klimatet«, der Gre- sind, wenn der Schützenzug vorbeimar- Schwager, deren fünf Kindern und seinen
ta-Thunberg-Spruch hinter matten und schiert. eigenen beiden, die nicht immer da sind,
blank geputzten Fenstern. Schotterbeete, Heimat, das sind ja nicht nur Mauern, aber oft. Lebt mit Menschen und Pferden
in denen jetzt Löwenzahn wurzelt, wu- Farben, Geräusche, Gerüche, Gebräuche. und Hunden auf diesem ehemaligen Bau-
chernder Rhododendron. Zugeklebte Es sind Gefühle, und die könne man eh ernhof, in dem sein Großvater sich nieder-
Briefkästen. Wenn die Menschen weg sind, nicht entschädigen, findet RWE. Aber gelassen hatte, weil er anderswo der
kappt RWE Wasser und Strom. Die Polizei müsste man es nicht versuchen? Braunkohle hatte weichen müssen. Keyen-
fährt Streife, die unbewohnten Häuser Na ja, sagt Norbert Winzen, »wie soll berg schien damals sicher.
sind für Einbrecher attraktiv. man das Emotionale bewerten? Wie oft Die Braunkohlepläne änderten sich. Vie-
Keyenberg ist ein rheinisches Straßendorf man geweint hat, vielleicht«? Er fände le im Dorf glaubten trotzdem nicht, dass
mit regionaltypischem rotem Backstein, mit eine Pauschale gut. sie gefährdet seien: Die Autobahn werde
Häuserfronten oft ohne Vorgarten, dafür Norbert Winzen, ein schmaler Blonder sie schützen. Die werden doch nicht die
mit langen Gärten nach hinten, wo früher in einem menschendurchwuselten Vier- A 61 abreißen. Also, bis zur Autobahn ge-
mal Tauben, Ziegen, Schweine waren. kanthof in Keyenberg, macht gerade die hen sie, aber weiter sicher nicht.
Ein Weg zur Dorfmitte führt an einem interessante Erfahrung, wie es ist, ein Le- Die Autobahn hat sie nicht geschützt,
der beiden Bäckerläden vorbei, der für ben in Sachwerte umzurechnen. ein Teil von ihr wich dem Bagger, und

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 55


Es gibt Jäger mit Gamsbart am Hut,
Offiziere mit Federpuschel und unter an-
derem auch Marine. Wer Knie hat, die es
noch erlauben, zieht im Paradeschritt an
der Ehrentribüne vorbei.
Dort sitzt Jennifer, die Königin von Key-
enberg, unter den Majestäten, und unter
den Honoratioren sind nicht nur der Pfar-
rer und der Bürgermeister, sondern auch
die Umsiedlungsbeauftragte von RWE.
Norbert Winzen ist in Zivil aus dem
Vierkanthof gekommen, um sich die Para-
de anzuschauen – die RWE auf der Ehren-
tribüne? Ausgerechnet? Er sieht das kri-
tisch.
Die RWE in Gestalt von Elisabeth
Mayers-Beecks tritt herbei und sieht das
Positive: »Wirklich großartig, was die Dorf-
Winzen-Hof in gemeinschaft hier auf die Beine gestellt
Keyenberg, Demonstrantin Dresen hat, finden Sie nicht?«
»In Berlin ist ja auch die Am nächsten Tag, dem Schützenfest-
Mauer gefallen« montag, laufen mehrere Gruppen von
Menschen über das Land. Alle haben ein
Anliegen, nur an verschiedene Instanzen.
wenn man in Winzens Garten tritt, sieht rock füllen die Kirche, Menschen in Zivil. Eine Bittprozession, teilweise in Schüt-
man die Folgen. Man hört sie auch, eine Fahnen. Gesänge. zenuniform, erwünscht Gottes Segen für
Zeit lang hörte man sie besonders laut: Glaube – Sitte – Heimat, der Dreiklang Felder, die es vielleicht bald nicht mehr
Bong, bong, bong; tags, abends und auch der Schützenbruderschaften steht auf den gibt.
am Wochenende, als die Pumpe in den Bo- Fahnen. Kummer – Angst – Sorge, das ist Eine Menschengruppe in T-Shirt und
den gerammt wurde, um das Grundwasser der Dreiklang, den der Priester bei der Kapuzenpulli zieht mit Transparent übers
rauszuholen, bis zu 220 Meter tief. Staub. Gemeinde diagnostiziert. Land und ruft, warum auch immer auf
Lärm. Beleuchtung. Tag und Nacht. »Alt-Keyenberg oder Keyenberg-Neu, Englisch, in der Erkelenzer Börde nach Kli-
Norbert Winzen tut alles, was ihm ein- da ist kein Unterschied«, sagt er. Er sagt magerechtigkeit: »What do we want? Cli-
fällt, um zu bleiben, mit freundlicher Un- es sogar zweimal. »Die wahre Heimat ist mate justice! When do we want it? Now!«
erbittlichkeit. Auch die RWE-Leute seien im Himmel, für immer«, sagt er auch. Die Der Plan ist, die Bagger zu blockieren,
immer freundlich. Was nichts daran än- drei Kirchenglocken werden wohl mit um- die für den Tagebau eine Straße planieren.
dert, dass man sich möglicherweise vor ziehen, der Hochaltar nicht. Auch die Or- Marita Dresen hat angekündigt, sie sei
Gericht wiedersieht. RWE braucht rasch gel ist zu groß. bereit, sich in den Dreck vor eine Maschi-
ein Stück Acker von Winzen und hat die RWE steht auf dem Toilettenwagen vor ne zu setzen. Das ist dann doch nicht nötig.
Enteignung beantragt. Winzen sagt nicht, dem Festzelt, das Energieunternehmen hat Die Bagger sind weg. RWE macht Pause.
wie er damit umgehen will. ihn zur Verfügung gestellt. Es weiß, wie Die Blockierer gehen zu Plan B über und
Eigentlich, sagt er, hätte er sich ge- man Menschen durch Unterstützung an nutzen die Schaufeln und Schubkarren,
wünscht, dass die katholische Kirche die sich bindet. RWE sponsert, unterstützt, die sie dabeihaben, und die Erde, die RWE
Sache vor Gericht ausficht, dass sie die plant Umsiedlungsseminare für Vereine, unfreiwillig bereitgestellt hat. Sie pflanzen
Frage des Gemeinwohls noch einmal klärt sorgt bei Festen für den Bustransport. Wie Bäume quer über die Trasse, hören Reggae
und die Frage mit dem Recht auf Heimat. weit die Abhängigkeit gehen soll – auch aus dem Lautsprecher und bemühen sich,
Sie hat Land, und sie hat den Auftrag, die die Schützen zerreißt es darüber. Aber das die paar Stunden Pause bei den Bauarbei-
Schöpfung zu bewahren. ist ein Thema, über das man öffentlich, und ten zum Erfolg zu erklären. Ein paar Stun-
Unwiederbringliches zu bewahren. Un- schon gar an so einem Tag, nicht spricht. den später ziehen sie friedlich ab.
wiederbringlich wie Winzens Vierkanthof, Der Erste Brudermeister der Bruder- Noch etwas später, der Zufall ist ein
oder Dresens Bauernhaus, oder diese Kir- schaft Sankt Sebastianus, Keyenberg, reißt guter Regisseur an diesem Tag, treffen die
che, Heilig Kreuz in Keyenberg. Im neun- sich zusammen. »Dass so viele gekommen zwei Welten aufeinander. In einem Hof im
ten Jahrhundert wurde dort erstmals ein sind …« Er sagt es beim Empfang bei Braunkohledorf Berverath finden sich die
Gotteshaus urkundlich erwähnt, das jetzi- Piepers für Jennifer, die Schützenkönigin. Demonstranten zu Erfrischungen nach
ge wurde teilweise neugotisch umgebaut, Der Brudermeister spricht und hört schnell ihrer Aktion ein. Und im Hof nebenan
Reste von Älterem sind noch da. wieder auf. »Dass so viele gekommen sammeln sich die Schützenbrüder zur letz-
»Aus ewgem Stein gebauet von Gottes sind …« ten, wirklich allerletzten Parade auf dem
Meisterhand«, wie es im ersten Lied der Majestäten aus dem gesamten Bezirk Fest. Zwei Gemeinschaften mit Anliegen.
Festmesse heißt – nein, das ist dieses Ge- sind da. Auch der Europaschützenkönig, Sie schauen sich an.
bäude nicht. Auf- und wahrscheinlich bald er stammt aus den Niederlanden, »und un- Die einen betrachten den ganzen Pla-
wieder abgebauet, beides von Menschen- sere Lage«, steht in der Festbroschüre, hat neten als Heimat, die anderen die Lebens-
hand. Sonntagmorgens beim Schützenfest- ihn »sehr ergriffen«. welt, in der sie geboren sind. Etwas retten
gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kirche Im Partyzelt ist es stickig. Majestäten ste- wollen beide Seiten.
fällt es schwer, nicht dauernd Botschaften hen fächelnd an Piepers Zierteich. Pieper Und vielleicht tragen die einen zur Ret-
herauszulesen, die über Theologisches sagt, »danke, es geht noch«, und weist auf tung des jeweils anderen bei.
hinausreichen. Menschen im Schützen- die Aufstellung für den Festzug hin.

56 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Gesellschaft

Rückschlag
und rief: »Erst mal bisschen einspielen!« Meine Freundin schlug
gleich zu Beginn ein paar Bälle, die knapp übers Netz zischten,
von meinem Schläger abprallten und von dort auf den Platz
neben uns flogen. »Aus«, rief mir meine Freundin laut zu.
Ich sah zu dem Mann mit der roten Mütze, er hatte seinen
Homestory Wie es sich anfühlt, gegen eine Frau Stuhl so gedreht, dass er mich besser sehen konnte. Er grinste
im Tennis zu verlieren mich an. Ich spürte das Bedürfnis, mich nicht vor ihm zu bla-
mieren. Ich durfte ihn nicht enttäuschen. Ich dachte: »Reiß
dich zusammen, Tennis verlernt man nicht.«

I ch bin 1,85 Meter groß, wiege 75 Kilogramm und laufe


fünf Kilometer in unter 22 Minuten. Ich mache morgens
35 Liegestütze, 30 Sit-ups und 12 Klimmzüge. Abends
das Doppelte. Meine Freundin ist 1,64 Meter groß und wiegt
Ich esse Fleisch in Maßen und viel Gemüse. Das letzte Mal
erkältet war ich 2017. Ich habe das Buch »Untenrum frei«
der Feministin Margarete Stokowski gelesen und bin für die
Frauenquote. Meine Freundin ist Juristin. Sie wird einmal
54 Kilogramm. Es war ein warmer Sonntag im Mai, als wir mehr Geld verdienen als ich, und wenn wir Kinder haben
zum ersten Mal Tennis gegeneinander spielen wollten. Zwölf sollten, will ich gern auf sie aufpassen, während sie Karriere
Jahre lang hatte ich keinen Schläger mehr angefasst. Doch macht. Ich halte mich für einen modernen Deutschen. Aber
meine Fitness würde das schon wettmachen. im Sport geht es um Sieg oder Niederlage. Stolz oder Scham.
Wir fuhren auf unseren Rädern zu einem Hamburger Ten- Im Sport habe ich gegen sie zu gewinnen.
nisklub, ein Kellner, der sich um die Platzreservierungen Ich glaube, das ist der Geist der alten deutschen Männer.
kümmerte, sagte uns: »Ihr habt Platz 21 gebucht, aber der Er schlummert in mir. Er wird geweckt von Rentnern mit
ist heute nicht bespielbar. Nehmt einfach Platz 3 direkt hier Schirmmütze, die mich »Junge« nennen. Ich spüre ihn, wenn
vorn.« Ich schaute aus dem Fenster des Büros und sah die diese alten Männer mir Komplimente machen, weil ich ein
Caféterrasse, auf der fast alle Tische belegt waren. Da saßen Bierglas schneller leere als sie. Er applaudiert mir, wenn ich
viele Leute bei Kaffee und Kuchen, und hinter dieser Terrasse ihnen erklären kann, wie die Leistung eines Motorrads mit
lag Platz 3, mit Spielstandanzeige dem Drehmoment zusammenhängt.
und einer Tribüne mit Bänken für Er feuert mich bei jedem Klimmzug
Zuschauer. Ich fragte mich, was, an. Der Geist ist verzückt, wenn ich
wenn ich doch etwas aus der Übung mit meinem Chef über die Fußball-
wäre? Verlieren, vor all den Leuten? bundesliga rede – und der mich des-
Ich schaute meine Freundin an und halb gern mag und im Job bevor-
hoffte, dass sie den Mann fragen zugt. »Abkumpeln« nennt meine
würde, ob er nicht einen Platz wei- Freundin das. Abkumpeln ist das,
ter hinten hätte. Aber meine Freun- was nur Männer untereinander
din lächelte und nickte mir zu. Ich können. Frauen können das nicht.
sagte zu dem Platzwart: »Center Abkumpeln ist das Machtrezept des
THILO ROTHACKER FÜR DEN SPIEGEL

Court, perfekt.« Patriarchats. Meine Freundin hatte


Wir gingen aus dem Büro über Aufschlag, ein gut platzierter Ser-
die Terrasse in Richtung Platz 3, und vice an die T-Linie, mein Rückhand-
ich merkte, wie mir ein bisschen Return flog auf den Parkplatz. Ich
übel wurde, weil ich vor meiner fühlte Wut.
Freundin angegeben hatte, dass ich Der erste Satz ging mit 6:1 an mei-
früher einmal ein wichtiges Mitglied ne Freundin, ein Spiel gewann ich,
in meinem Heimatverein Tennisclub weil sie, wie sie sagte, »mal beim
Gruiten gewesen sei: Nummer drei Aufschlag ein bisschen was probie-
im Juniorenteam, Spitzname »Joker«. Damals habe ich zwei- ren wollte« und ein paar Bälle ins Aus geschlagen hatte. Weil
mal die Woche gespielt, das war mit 18. Heute bin ich 31. mir selbst kein Aufschlag von oben gelang, erlaubte meine
Meine Freundin war sechs Jahre lang Mitglied im TC Klein- Freundin mir, auch von unten aufzuschlagen. Wie beim Fe-
machnow. Sie spielt mindestens einmal im Monat. Während derball. Der Mann mit der Schirmmütze klatschte bei meinen
wir über die Terrasse liefen, sagte ich deshalb zu ihr: »Ach, Fehlern in die Hände, und ich hörte, wie er »oh« und »ah«
Mist, ich habe in letzter Zeit oft Squash gespielt, ich hoffe, und »jetzt aber!« rief. Ich dachte an einen Gewaltausbruch.
das hat mir nicht meine Vorhand versaut«, denn beim Squash Ich dachte an Spielabbruch. Den Schläger gründlich zertrüm-
schlägt man den Ball härter und in anderem Winkel als beim mern wie einst John McEnroe. Ich wollte einen Mann mar-
Tennis. Ich sagte das laut, damit es auch die Kaffeetrinker kieren, der Konsequenzen zieht.
hörten, die uns zuschauen würden. Da saß ein Mann, unge- Dann schaute ich zu meiner Freundin. Sie spielte nur
fähr Mitte sechzig, vor Bienenstich und Weißwein, er trug noch mit halber Kraft, aber sie tat so, als forderte ich sie.
eine rote Schirmmütze. Er sagte, während ich an ihm vor- Wenn ich den Ball wieder gegen das Netz oder ins Aus
überging, zu seiner Frau: »Geht ja gut los, Junge.« Dann schlug, rief sie »guter Ballwechsel«. Ich dachte an die Lie-
hörte ich ihn lachen. gestütze und all die Chefs in meinem Leben. Ich dachte an
Während wir unsere Schläger auspackten, versuchte ich Sieg und Niederlage. Stolz und Scham. Abkumpeln. Eins
mich zu erinnern, woran man beim Tennis Profis erkennt: Man gegen eins. Kategorien alter Männer. Beim Spielstand von
muss sich mit dem Rahmen des Schlägers den Sand aus dem 5:0 im zweiten Satz für sie hörte ich den Mann auf der Ter-
Schuhprofil klopfen. Vor dem Aufschlag sollte man den Ball rasse nicht mehr. Ich sah auch nicht mehr zu ihm hin. Ich
zwei-, dreimal mit der Hand auf dem Boden aufspringen lassen. dachte daran, dass die Zeit, in der solche Typen den Ton in
Wenn man einen Ball vom Boden aufhebt, bückt man sich Deutschland angegeben haben, bald vorbei ist. Ich gewann
nicht, sondern klemmt ihn zwischen Schläger und Schuh ein sogar noch ein Spiel. Mit 6:1, 6:1 verließen wir den Platz.
und schleudert ihn dann in die Hand. Ich stand also an der Meine Freundin spendierte mir ein Stück Käsekuchen.
Grundlinie, drosch den Schläger gegen meine Schuhsohlen Verliererkäsekuchen. Max Polonyi

57
Wirtschaft
Deutschland wäre ärmer ohne die intelligenten Schwurbeleien im Feuilleton der »FAZ«. ‣ S. 68

KAY NIETFELD / DPA


Spahn

Gesundheitskarte

Wundersame Gehaltsvermehrung
Gesundheitsminister Spahn tauscht den Chef der Gesellschaft Gematik aus – und lockt mit üppigem Salär.
 Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dem laut Angaben aus Branchenkreisen mit rund 180 000 Euro
designierten neuen Topmanager für die elektronische Gehalt pro Jahr und ohne Dienstwagen ausgekommen. Die
Gesundheitskarte etwa doppelt so viel an Vergütung zahlen Gematik ist für die Einführung und Weiterentwicklung der
wie dem bisherigen Amtsinhaber. elektronischen Gesundheitskarte verantwortlich, die sich seit
Spahn hat entschieden, den Chef der Gesellschaft für Tele- Jahren als Pannenprojekt erweist. Im Mai hatte das Minis-
matikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik), Alexan- terium per Gesetz die Mehrheit an dem Unternehmen über-
der Beyer, abzuberufen und durch den Pharmamanager nommen und damit Kassenärzte, gesetzliche Krankenkassen,
Markus Guilherme Leyck Dieken zu ersetzen. Laut einem Kliniken und Apotheker entmachtet. Der Verwaltungsrat der
Schreiben des Ministeriums an die Gematik-Gesellschafter Gematik wollte am Freitag über die Berufung Leyck Diekens
sieht der Vertragsentwurf für Leyck Dieken eine jährliche entscheiden, eine Zustimmung gilt bislang als Formsache.
Grundvergütung von 300 000 Euro vor, dazu eine variable Das Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, um ei-
Komponente von 40 000 Euro jährlich, eine Altersvorsorge nen Topmanager zu bekommen, müsse man »mindestens
von rund 32 000 Euro sowie einen monatlichen Dienst- ein Gehalt zahlen, das unter Spitzenfunktionären der gesetz-
wagenzuschuss von 1350 Euro. Sein Vorgänger war bislang lichen Krankenversicherung üblich ist«. COS

Gewerkschaften Mitglieder der krisengeplagten Gewerk- Lösungen: Sie votierten für die Nach-
UFO-Führung gestärkt schaft am Donnerstag aber schon geschaf- benennung von bis zu vier Vorständen
fen: einen handlungsfähigen Vorstand. In per Onlineumfrage und reguläre Neuwah-
 Noch ist unklar, ob es auf dem Höhe- den vergangenen zwei Wochen stimmten len im Frühjahr 2020. Sollten Gerichte
punkt der Reisesaison zu den von der sie über die künftige Führung ab, nach- einen Streik nicht schon im Vorfeld ver-
Kabinengewerkschaft UFO angekündig- dem zuvor nahezu alle früheren Spitzen- bieten, kann die UFO also auch weiterhin
ten Streiks bei der Lufthansa und ihrer funktionäre ausgeschieden waren. Die mit Arbeitskampfmaßnahmen drohen
Billigtochter Eurowings kommt. Eine UFO-Mitglieder entschieden sich mit knapp und sie am Ende womöglich sogar in die
wichtige Voraussetzung dafür haben die 41 Prozent für eine von drei angebotenen Tat umsetzen. DID

58 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Wasserstoff zugelassen sind, liegt der Anteil von Was-
Sechs Autos pro Tankstelle serstofffahrzeugen somit bei 0,0007 Pro-
zent. Mittlerweile gibt es bundesweit
 Trotz Millionenhilfen von der Industrie 71 Wasserstofftankstellen. Das bedeutet:
hat sich Wasserstoff als Antriebsenergie Auf eine Tankstelle kommen knapp sechs
für Autos in Deutschland kaum etabliert. Fahrzeuge. Bis Anfang 2020 will H2
Zum 1. Januar 2019 registrierte das Kraft- Mobility, ein Konsortium aus Air Liquide,
fahrt-Bundesamt in Flensburg 392 Fahr- Daimler, Linde, OMV, Shell und Total,
zeuge, die mit Wasserstoff betrieben das Netz auf hundert Stationen erweitern.
werden. Die meisten davon sind Pkw, Die Internationale Energieagentur in
ihre Zahl ist seit 2015 von 144 auf 374 Paris hatte in einem Report diese Woche
gestiegen, die Anzahl der Busse dagegen die Bedeutung von Wasserstoff als Ener-
sank von 20 auf 12. Unter den 57,3 Millio- gielieferant für den Transportsektor her-
nen Kraftfahrzeugen, die in Deutschland vorgehoben. AJU
Transformator im Werk Nürnberg

Siemens
ARD er sich aus rechtlichen Gründen nicht
äußern. Zu dem Paket gehören laut dem
IG Metall will
Mehr Gebührengeld Papier exklusive Rechte für Ausstrah- Energiejobs retten
für Fußballrechte lungen im Free-TV, darunter neun Live-
spiele, inklusive der beiden Halbfinal-  Bei Siemens bahnt sich ein Konflikt
 Die TV-Übertragungsrechte für den spiele sowie des Endspiels. Diese dürfen zwischen Geschäftsleitung und IG
DFB-Pokal werden die ARD künftig nur im TV-Hauptprogramm »Das Erste« Metall um die geplante Abspaltung des
mehr Geld kosten als in den Vorjahren. ausgestrahlt werden sowie im Internet. Energiegeschäfts an. Anfang Mai hatte
Laut einem vertraulichen Papier zahlt Ebenfalls inbegriffen sind die Rechte der Vorstand unter Konzernchef Joe
der Senderverbund insgesamt 135 Millio- an der Übertragung des DFB-Pokals der Kaeser angekündigt, nach der Verkehrs-
nen Euro für die Saisons 2019/20 und Frauen. Der DFB-Pokal ist neben der und Medizintechnik auch diese Sparte
2021/22. Für die beiden Spielzeiten davor Bundesliga der wichtigste Fußballwett- auszugliedern und bis September 2020
lag die Vertragssumme noch bei 127 Mil- bewerb der Republik. Neben der an die Börse zu bringen. Die Arbeit-
lionen Euro. Hinzu kommen weitere ARD bekamen auch andere Bewerber nehmervertreter im Aufsichtsrat trugen
1,4 Millionen Euro Produktionskostenzu- einen Zuschlag: So liegen die Pay-TV- den Trennungsbeschluss damals nach
schuss pro Saison, den die ARD eben- Rechte exklusiv beim Bezahlkanal Sky; einigem Ringen mit, fühlen sich nun
falls schultern muss. ARD-Sportkoordina- der Sender Sport1 erhielt nachrangige aber von Kaeser und seinen Vorstands-
tor Axel Balkausky sagt, alle zustän- Livespiel-Rechte. Der Axel-Springer- kollegen düpiert: Anfang der Woche
digen Gremien hätten den Konditionen Verlag darf On-Demand-Clips online teilte die Siemens-Führung überra-
zugestimmt; zu Vertragsdetails wolle verbreiten. MUM schend mit, dass in dem Bereich erneut
2700 Jobs gestrichen werden sollen,
davon mehr als die Hälfte in Deutsch-
land. Gesamtbetriebsratschefin Birgit
Digitalisierung Entscheidung über einen Standort gefal- Steinborn erfuhr von den Plänen nach
len. Unlängst hatte VW-Chef Herbert eigenen Angaben erst kurzfristig und
VW plant Hightech- Diess angekündigt, eine Einheit für Auto- reagierte entsprechend sauer. »Wir kön-
Standort in München software mit gut 5000 IT-Experten zu nen nicht nachvollziehen, dass in einem
schaffen. Der Anteil der eigenen Software- langfristig wachsenden Markt ein kurz-
 Der Volkswagen-Konzern will ein neu- Entwicklung solle von knapp 10 Prozent fristiger Abbau der Mitarbeiter vor-
es Zentrum für Software-Entwicklung in auf mindestens 60 Prozent steigen. SH genommen werden soll«, kritisiert sie.
München aufbauen. Aktuell sieht sich Noch deutlicher äußert sich IG-Metall-
der Autohersteller nach geeigneten Hauptkassierer Jürgen Kerner, der
Räumlichkeiten um, heißt es aus Bran- ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt. »Die
chenkreisen. Einige Hundert IT-Exper- Pläne sind ideenlos, die IG Metall lehnt
ten könnten demnach in der bayerischen sie grundsätzlich ab«, stellt er klar. In
Landeshauptstadt angesiedelt werden. Zeiten eines wachsenden Fachkräfte-
Für den Standort sprechen die guten mangels würden auch bei Siemens gut
Universitäten und deren Verzahnung mit ausgebildete Mitarbeiter weiterhin
der Wirtschaft. In München betreibt der gebraucht. Der Konzern müsse daher
Konzern bereits ein sogenanntes Data »den massiven Veränderungen des
Lab für künstliche Intelligenz, das Toch- Energiemarktes Rechnung« tragen und
terunternehmen Audi forscht dort am in die Qualifizierung der Beschäftigten
autonomen Fahren. Der Münchner Wett- investieren. Siemens hatte schon zuvor
bewerber BMW beobachtet die Aktivitä- angekündigt, im Kraftwerksgeschäft
ten des VW-Konzerns vor der eigenen 6000 Stellen abzubauen. Von den nun
Haustür mit Interesse: Offenbar sei der bekannt gewordenen zusätzlichen Spar-
VW-Hauptsitz Wolfsburg für Entwickler plänen wären die Mitarbeiter der Ener-
nicht attraktiv genug, lästert man in gieübertragungssparte betroffen, in
BMW-Kreisen. VW will sich zu den der Hochspannungsnetze und Transfor-
Plänen nicht äußern, es sei noch keine VW-Elektroauto ID.3 (getarnter Prototyp) matoren hergestellt werden. DID

59
König Zuckerbergs Dukaten
Finanzmarkt Mit seiner Digitalwährung Libra will Facebook das Geld neu erfinden. Das virtuelle
Zahlungsmittel soll kostenlose Überweisungen via WhatsApp und Instagram ermöglichen
und neue Erlösquellen erschließen. Regulierungsbehörden und Zentralbanken sind alarmiert.

FLORIAN GAERTNER / PHOTOTHEK.NET / IMAGO

Facebook-Gründer Zuckerberg: Der mächtigste Banker der Welt?

60
Wirtschaft

F
angen wir beim Namen an: Libra. Dollar gegen sogenannte Libra-Token tau- Die Versprechen sind groß. »Wir wollen,
Der steht im Englischen für das schen. Ihr Echtgeld fließt derweil in einen dass das Geldsenden so einfach wird
Sternzeichen Waage und klingt Reservefonds. Der wiederum soll das Geld wie das Senden einer Textnachricht«, sagt
auch irgendwie nach Freiheit, Li- in Bankeinlagen und Staatsanleihen ver- Kevin Weil, Produktvizechef bei Calibra.
berty. Tatsächlich dürfte Facebook wohl schiedener Währungen investieren. Ohne Verzögerung und ganz oder fast
eher an die römische Maßeinheit Libra ge- Hinter diesem Reservefonds steht nicht ohne Gebühren wäre das Geld beim Emp-
dacht haben, als der Tech-Konzern einen nur Facebook, sondern die Libra Associa- fänger. Viele Millionen Menschen, die in
Namen für seine neue Digitalwährung tion, ein Gründungskonsortium von bisher Ländern mit instabilen Währungen und
suchte. Gründer Mark Zuckerberg hat ein knapp 30 Unternehmen. Dazu gehören schwach entwickelten Banken leben, be-
Faible für die römische Antike. Dass Libra große Onlineplattformen (Spotify, Uber, kämen damit Zugang zu finanziellen Diens-
auch an die alte schwindsüchtige italie- Ebay, Lyft), Finanzdienstleister (Visa, Pay- ten. Laut Facebook sind das 1,7 Milliarden
nische Währung Lira erinnert, die Urlau- Pal, Mastercard, Stripe), Wagniskapi- Menschen. »Banking the Unbanked« heißt
ber früher in Bündeln von der Adria nach talgeber, Blockchain-Unternehmen und deshalb das Ziel, was übersetzt so viel be-
Hause brachten, ist vielleicht nur für eu- Non-Profit-Organisationen. Der Verein deutet wie: denen zu Bankdienstleistungen
ropäische Ohren ein Problem. soll bis zum Start der neuen Währung im verhelfen, die bisher keine haben.
Wie neu und unverstanden das Ding ist, kommenden Jahr auf 100 Mitglieder an- Doch so uneigennützig, wie das klingt,
merkt man schon daran, dass sich im Deut- wachsen. ist es nicht. Mit Libra könnten Facebook
schen noch kein grammatisches Geschlecht Aufbewahrt und eingesetzt werden soll und seine Töchter WhatsApp und Insta-
durchgesetzt hat. Mal liest man »der Li- die Libra über einen digitalen Geldbeutel, gram neue Erlösquellen erschließen und
bra«, mal »die Libra«. Beides klingt besser eine sogenannte Wallet. Facebook nennt sich für ihre Nutzer zunehmend unver-
als »GlobalCoin« oder gar »Zuck-Buck«, seine Version Calibra, aber auch andere zichtbar machen. Rund 90 Millionen klei-
wie das Digitalgeld genannt wurde, bevor Anbieter sollen Libra-Wallets programmie- ne Unternehmen sind derzeit bereits auf
Facebook seine Pläne für eine eigene Wäh- ren und anbieten können. Facebook selbst präsent, Libra wird die
rung nun offiziell enthüllte. Um Datenschutzbedenken zu zerstreu- wirtschaftliche Dynamik auf diesem gigan-
Was ist das, Libra? en, will Facebook Calibra als separate Un- tischen Marktplatz wohl weiter beflügeln.
Libra soll ein Zahlungsmittel werden ternehmenseinheit führen. Das Geschäft Anbieter könnten Kunden etwa mit Ver-
wie der Dollar oder der Euro, nur digital. mit dem Zahlungsverkehr soll strikt ge- günstigungen locken, wenn diese in Libra
Mark Zuckerberg wird kein Bargeld dru- trennt werden von Facebooks Social-Me- bezahlen. Bei Instagram könnten Nutzer
cken, er will das Geld neu erfinden. Und dia-Aktivitäten. Bisher ist das vor allem künftig mit der neuen Währung Produkte
die Töne, in denen Facebook seine Idee ein Versprechen, doch Zuckerberg kennt direkt bei Influencern oder dort vertrete-
besingt, könnten denn auch kaum höher die immer lauter werdenden Rufe der nen Firmen kaufen; auch die Ankündi-
sein: »Wir verändern die Weltwirtschaft. Politik nach einer Zerschlagung des schon gung, dass Unternehmen künftig ihre Pro-
Damit die Menschen überall ein besseres jetzt übermächtigen Konzerns, weiß um duktkataloge bei WhatsApp hochladen
Leben haben.« Weltverbesserung. Darun- die wachsenden Bedenken gegenüber dem können, erscheint nun in neuem Licht.
ter macht es Facebook nicht. Datenmonster Facebook, das den Schutz Alle diese Dienste und der Facebook-
Libra soll ähnlich wie die Kryptowäh- der Privatsphäre schon oft seinen geschäft- Messenger würden mehr und mehr zu
rungen Bitcoin und Ethereum auf einer lichen Interessen geopfert hat. Handelsplattformen und Facebook somit
Blockchain-Technologie basieren, aber an- Noch ist Libra bloß eine Idee, die noch höhere Umsätze bescheren. Die chinesi-
ders als diese im Wert nicht schwanken. scheitern oder ausgebremst werden kann. sche Megaplattform WeChat, Facebooks
Geplant ist eine stabile digitale Wertein- Doch wenn sie zündet, wird sie das Welt- wichtigster globaler Konkurrent, bietet
heit. Die Nutzer sollen etwa Euro oder finanzsystem durchrütteln. schon lange Bezahl- und andere Finanz-

So soll das Libra-System funktionieren


Libra ist ein Zahlungssystem, das auf einem Währungskorb basiert.
Libra Association
mit Sitz in der Schweiz

vergeben die Libras landen diese Wallet ist


aktuell 28 Partner, Libras an in einer Wallet, zum Beispiel in
darunter Facebook Nutzer Facebooks Version WhatsApp und im
davon heißt Calibra Facebook Messenger
verfügbar
Libra-Partner
erhalten Dividenden investieren je 10 Millionen Erlöse aus dem Verkauf von Libras
aus den Anlagen Dollar, um Mitglied fließen in den Reservefonds
des Reservefonds zu werden
einfache
einkaufen Rabatte
Überweisungen

%
Die eingehenden Euros oder Dollars werden in Bankeinlagen oder Staats- innerhalb von WhatsApp unter anderem etwa bei Libra-
anleihen angelegt. Anders als bei Kryptowährungen wie Bitcoin soll der und Facebook Messenger im Facebook Mitgliedern, z.B.
Libra-Kurs durch Bindung an einen Währungskorb stabil gehalten werden. Marketplace Uber oder Booking.com

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 61


dienstleistungen an. Bereits 2021, schätzt wenig verdienen, aber einen Großteil ihres lerdings eher als Anlageklasse denn digitale
die Bank Barclays, könnte Facebook dank Lohns in die Heimat senden. Der Umfang Alternative zu Gold oder Fonds. Für schnel-
Libra zusätzliche 19 Milliarden Dollar Um- solcher internationaler Rücksendungen le Bezahlvorgänge an der Kasse und im Netz,
satz machen. belief sich 2018 auf schwindelerregende wie Libra sie ermöglichen will, ist der Bit-
»Superspannend« findet Johannes Reck, 689 Milliarden Dollar. Beträte Facebook coin zu langsam, sein Wert ist zu volatil und
Gründer der Reiseplattform »GetYour- den Markt, könnte das »alle Konkurren- der Umgang nicht nutzerfreundlich genug.
Guide«, den Facebook-Plan. Über Recks zanbieter wegfegen, samt den lokalen Ban- Die Erfinder von Libra haben sich von
Start-up können Nutzer Tickets und Aus- ken und den informellen finanziellen Netz- Bitcoin und Ethereum inspirieren lassen.
flugstouren an ihrem Urlaubziel buchen. werken«, sagt der Social-Media-Experte Selbst die Idee, das Projekt in der Schweiz
Zahlungsdienstleister wie PayPal seien teu- Siva Vaidhyanathan von der Universität zu gründen, ist geklaut. Zahlreiche Krypto-
er und unpraktisch, sagt Reck. »Facebook Virginia im »Guardian«. Projekte haben das Land wegen seiner nied-
ist mit einer seiner Apps praktisch auf rigen Steuern und der weitmaschigen Regu-
jedem Smartphone präsent, hat Milliarden lierung als Standort gewählt. Calibra-Chef
Onlineidentitäten, kann sie prüfen und Es bleibt die Frage, ob David Marcus, ein gebürtiger Franzose, ist
damit eine sichere und kaum zu hackende ausgerechnet Facebook in Genf aufgewachsen. Auch das hat wohl
Zahlung garantieren«, sagt Reck. Er ist eine Rolle gespielt.
sich sicher: »Die Händler werden drauf- geeigneter Herausgeber Bleibt die Frage, ob ausgerechnet Face-
springen.« einer Weltwährung ist. book ein geeigneter Herausgeber einer
Viele Kunden wohl ebenso. Gerade für Weltwährung ist und Mark Zuckerberg ein
die wachsende Zahl der Nutzer in Schwel- guter Zentralbankpräsident. Der Konzern
len- und Entwicklungsländern würde Face- Wenn Libra funktioniert, dann vor al- ist – nicht zuletzt durch Regelverstöße – in
book als globale Bank quasi unentbehrlich. lem dank Facebooks Größe. Mit 2,4 Mil- vielen Bereichen zum Quasimonopolisten
Allein die 1,5 Milliarden Nutzer der Face- liarden Nutzern würde allein seine Markt- aufgestiegen. Facebook gelingt es nachweis-
book-Tochter WhatsApp könnten über macht reichen, um eine massentaugliche lich nicht, die privaten Daten seiner Nutzer
den Messenger nicht mehr nur Nachrich- Digitalwährung zu etablieren – ein alter ausreichend zu schützen oder einen Miss-
ten, sondern auch Geldsummen verschi- Traum der Tech-Industrie würde Realität. brauch – wie im Fall der russischen Ein-
cken. Das könnte zur »Killer-App« wer- Vor zehn Jahren trat der bis heute nur un- flussnahme auf die US-Wahlen – rechtzeitig
den und die Kryptowährung populär ma- ter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto be- zu bemerken.
chen – klassische Geldtransferanbieter wie kannte Erfinder des Bitcoins an, um genau Und diese Firma soll ein privates Zah-
Western Union verlangen zum Teil hohe so ein »elektronisches Bezahlsystem« zu er- lungssystem betreiben, das möglicherwei-
Gebühren. Darunter leiden Migranten, die schaffen. Sein Bitcoin wurde ein Erfolg – al- se an Institutionen wie Zentralbanken und

1982
Flüssigkristalle bringen dem
Computer das Fahrradfahren
bei: im Display des ersten
digitalen Tachometers.

1888
Eine reife Leistung: Das
1992
Macht Gegenwind zum lauen
Vulkanisationsverfahren Lüftchen: Der Nickel-Cadmium-
macht luftgefüllte Gummi- Akku im ersten Pedelec gibt
reifen möglich und so das Radlern Extraschub.
Fahrradfahren bequemer.

Die Chemie macht das Rad zum


Wirtschaft

regulatorischen Behörden vorbei operie- Auch der EZB hat Zuckerberg sein Pro- sen. Durch die Koppelung an westliche De-
ren könnte. Für Zuckerberg ist der Schritt jekt vorgestellt. Eine EZB-interne Task visen wäre eine Art Währungskolonialis-
zu Libra konsequent. Sein Reich umfasst Force untersucht bereits seit dem Frühjahr mus denkbar – ähnlich wie im Kosovo und
längst etwa doppelt so viele Menschen wie 2018 die Folgen des Booms digitaler Wäh- in Montenegro. Dort ist der Euro legitimes
der größte Staat der Welt, die Marktkapi- rungen. Der ist den Zentralbanken sus- Zahlungsmittel, ohne dass die Balkanlän-
talisierung seiner Unternehmen übersteigt pekt, weil er potenziell ihre Souveränität der Mitglied der Eurozone sind.
die Haushalte vieler Volkswirtschaften, untergräbt – auch wenn von den virtuellen Nicht nur für die Regulierer, auch für
mit seinen »Community-Regeln« vollstreckt Währungen gegenwärtig keine Gefahr für klassische Banken ist Facebooks Plan eine
er eigene Gesetze. Nun bekäme König das Finanzsystem ausgehe, wie die Exper- potenzielle Bedrohung. Einige von ihnen
Zuckerberg auch noch eigene Dukaten. ten im Mai erleichtert feststellten. Dafür sei haben sich selbst schon an Blockchain-
Ein Selbstgänger ist Libra deshalb nicht. der Markt viel zu klein. Doch das war vor Initiativen versucht, etwa das US-Geldhaus
Sofort nach Ankündigung der Facebook- Libra. Angesichts der Marktmacht von J. P. Morgan Chase. KPMG-Mann Korschi-
Pläne forderte die Vorsitzende des US-Fi- Facebook und seinen Mitstreitern wächst nowski sieht eine weitere Kampfzone: das
nanzausschusses, Maxine Waters, den Kon- die Sorge, die Zentralbanken könnten tat- Geschäft mit Kundendaten. »Je mehr Fi-
zern auf, sein Libra-Projekt zu stoppen und sächlich ihr Monopol verlieren, über den nanzdaten von Kunden die Tech-Firmen
die Einschätzungen der Behörden abzu- Leitzins die Geldmenge zu steuern. erhalten, desto schwerer wird es für die
warten. Der französische Finanzminister Ganz machtlos sind die Notenbanken Banken, an klassischen Transaktionen noch
Bruno Le Maire erneuerte sein Postulat, nicht. Sie geben die Libra-Deckungswäh- Geld zu verdienen.« Mit Facebooks Reich-
Tech-Giganten schärfer zu regulieren. rungen aus, also etwa Dollar und Euro, weite können sie nicht mithalten. Wenn
Mark Carney, dem Gouverneur der Bank und könnten das Projekt torpedieren. »Sie sich Libra durchsetze, erwarten Analysten
of England, hatte Zuckerberg seine Wäh- könnten verbieten, dass Libra-Nutzer ihr der Citigroup, würden über die Plattform
rungspläne schon vorab präsentiert. Er ste- Geld in Dollar oder Euro zurücktauschen mittelfristig womöglich nicht nur private
he dem Projekt offen gegenüber, aber nicht können, es gibt keinen Annahmezwang«, Bezahlvorgänge abgewickelt, sondern alle
mit offener Tür (»open mind but no open sagt Sven Korschinowski, Digital-Banking- möglichen Finanzdienstleistungen.
door«), sagte Carney, als die Libra-Pläne Experte der Beratungsfirma KPMG. Facebook wüchse dann zu einer Art
diese Woche publik wurden. Über Libra, Probleme könnten dagegen auf Zentral- Schattenbank. Und Mark Zuckerberg wä-
so Carney, werde demnächst im Rahmen banken in Zweit- oder Drittweltländern re der mächtigste Banker der Welt.
der G 7, der führenden Industrienationen, zukommen. Wo das Vertrauen in die eige- Tim Bartz, Guido Mingels,
sowie bei der Bank für Internationalen ne Währung gering, die Inflation hoch ist, Marcel Rosenbach
Zahlungsausgleich und beim Internationa- könnten die Menschen rasch auf Libra um- Mail: guido.mingels@spiegel.de
len Währungsfonds gesprochen. steigen und ihre Notenbanken ausbrem-

2015
Hält die Hände am Lenker:
Mit der Chemie als Tandempartner
wird das Fahrradfahren dank neuer
Der Fahrradhelm mit integrierter
Funktechnologie macht das Werkstoffe und Verfahren immer
Smartphone auch unterwegs
nutzbar – dank Mikrochips
komfortabler und sicherer. Das Ziel:
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2018
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Wirtschaft

SPIEGEL: Herr Spohr, wann haben Sie

»Ich nehme das ernst« das Wort »Flugscham« zum ersten Mal
gehört?
Spohr: Schon sehr früh, und zwar von mei-
nem schwedischen Kollegen Ulrik Svens-
Mobilität Lufthansa-Chef Carsten Spohr, 52, über Flugscham, son, unserem Finanzvorstand. Wir haben
Tickets für 9,99 Euro und seine Ideen für eine CO2-Abgabe beide Kinder und wissen daher schon län-
ger, dass da ein Thema auf uns zurollt. Und
wir haben beschlossen, es offen anzuspre-
chen und nicht defensiv damit umzugehen.
SPIEGEL: Was heißt das?
Spohr: Dass wir uns mit der Frage beschäf-
tigen, wie eine ökologische Zukunft der
Luftfahrt aussehen könnte, und uns dabei
nicht bloß von außen treiben lassen wollen.
Ich nehme das ernst.
SPIEGEL: In Schweden steigen jüngere
Menschen verstärkt auf die Bahn um, so
wie das ihr Vorbild, die Umweltaktivistin
Greta Thunberg, propagiert. Merken Sie
diesen Trend auch in Deutschland?
Spohr: Nein, im vergangenen Monat ist
unsere Passagierzahl erneut um fast drei
Prozent gewachsen.
SPIEGEL: Gut für Sie, schlecht fürs Klima.
Spohr: So simpel ist das nicht. Viele Kurz-
streckenflüge sind für uns selbst unpro-
fitabel. Wir drängen daher schon seit Jah-
ren darauf, diese Reisen auf die Bahn zu
verlagern. Doch bislang gibt es viel zu
wenige zuverlässige und wettbewerbsfähi-
ge Angebote der Bahn. Zwischen Köln
und Frankfurt zum Beispiel funktioniert
das, sodass wir diese Strecke bereits vor
zwölf Jahren zugunsten der Bahn aufge-
geben haben. Und in diesen Tagen folgt
Nürnberg–Berlin. Aber davon müsste es
viel mehr geben.
SPIEGEL: Dass Sie auf diesen Strecken
nichts verdienen, liegt doch vor allem an
dem mörderischen Preiswettbewerb.
Spohr: Es gibt dieses schnell wachsende,
extrem preissensible Segment nun mal.
Und es hat das Fliegen in den vergangenen
Jahren enorm demokratisiert. Aber Ticket-
preise unter zehn Euro sind weder ökono-
misch sinnvoll noch ökologisch und poli-
tisch verantwortbar.
SPIEGEL: Sie geißeln Billigflüge für 9,99
Euro, wie Ryanair sie anbietet, gleichzeitig
mischen Sie in dem Marktsegment über
Ihre Billigtochter Eurowings selbst kräftig
mit. Ist das nicht verlogen?
Spohr: Bei uns liegt der Minimalpreis bei
25 Euro. Und wir kommen in der Tat um
die Konkurrenz zu den Billigfliegern nicht
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

herum, weil wir unseren Heimatmarkt ver-


teidigen müssen.
SPIEGEL: Der Preiskampf fordert offenbar
seinen Tribut. Am vergangenen Sonntag
mussten Sie Ihre Gewinnerwartungen
nach unten korrigieren, vor allem wegen
Ihrer Billigtochter Eurowings. Haben Sie
falsch kalkuliert?
Spohr: Die von Ihnen genannten Wettbe-
werber verkalkulieren sich, wenn sie mei-
Unternehmenslenker Spohr: »Wir haben nur diesen einen Planeten« nen, uns aus unseren Heimatmärkten ver-

64
drängen zu können. Es war richtig, mit der Billiger fliegen schen als Grundrecht empfunden, und die
Eurowings zu wachsen, die Air-Berlin-Lü- moderne Gesellschaft ist ohne Mobilität
cke zu füllen und Marktanteile zu sichern. Die Lufthansa-Tochter Eurowings nicht denkbar. Es muss vielmehr darüber
Jetzt allerdings geht es darum, den Turn- nachgedacht werden, wie man sie effizien-
Umsatz 2018
around bei Eurowings zu beschleunigen. ter und umweltschonender organisieren
SPIEGEL: Heißt das, Sie dampfen das An- 4,2 Mrd. € kann.
gebot jetzt wieder ein? SPIEGEL: Gut 80 Prozent der Weltbevöl-
Spohr: Nach dem schnellen Wachstum der Verlust 2018 kerung haben noch nie ein Flugzeug be-
vergangenen Jahre werden wir jetzt vor- 0,2 Mrd. € treten.
rangig Komplexität und Kosten reduzie- Spohr: Deshalb müssen wir aufpassen,
ren. Daher haben wir das Wachstum auf dass wir, die wir uns an diese Mobilität ge-
null gesetzt. In einer Branche mit hohen Marktanteile wöhnt haben, sie nicht für Teile der Welt
Überkapazitäten ist das übrigens ein in Deutschland, Januar 2019* wie Indien oder China unmöglich machen.
durchaus rationaler Schritt. Dort freut man sich noch auf die Demo-
SPIEGEL: Was heißt das für die Ange- kratisierung des Fliegens, und dort ver-
stellten? zeichnet die Luftfahrt ein stürmisches
Spohr: Die Eurowings hat eine starke Stel- Wachstum. Auch in anderen Ländern sa-
lung in unseren Heimatmärkten. In dieser gen die Bewohner, jetzt sind wir auch mal
Funktion ergänzt sie auch weiterhin un- Eurowings dran mit Fliegen, und das zu Recht.
sere Netzwerkairlines in Frankfurt, Mün- SPIEGEL: Die gestiegene Nachfrage hat
chen, Zürich oder Wien. Daran hat sich 51,5% auch ihre Schattenseiten. Fliegen ist an-
nichts verändert. Und auch wenn wir jetzt Sonstige strengend geworden, weil zu viele gleich-
9,8%
die Produktivität steigern und die Kosten zeitig unterwegs sind. Im Sommer 2018
senken, haben unsere Mitarbeiter im Ver- Ryanair war es besonders schlimm. In diesen Ta-
Wizz 17,9%
gleich zu den Wettbewerbern in diesem gen beginnen in den ersten Bundesländern
4,3%
Segment weiterhin überdurchschnittlich die Sommerferien. Wird es wieder im gro-
gute Tarifbedingungen und Sozialstan- EasyJet ßen Stil Verspätungen geben?
16,5% *nach Zahl der Abflüge
dards. Quelle: Low-Cost-Monitor Spohr: Unsere Infrastruktur am Boden
SPIEGEL: In der Politik gewinnt eine CO2- und in der Luft ist vor allem in Deutsch-
Steuer an Befürwortern. Das heißt, Flug- land längst am Anschlag dessen, was sie
tickets würden teurer, um die Klimaerwär- SPIEGEL: Das klingt nach der Devise: leisten kann, auch aufgrund der künstli-
mung einzudämmen. Könnten Sie sich Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht chen Nachfrage durch zu viele Billigtickets.
damit anfreunden? nass. Sind Sie nur für eine Kohlendioxid- Bei Lufthansa haben wir daher allein zur
Spohr: Wir haben nur diesen einen Plane- Abgabe, wenn Fliegen nicht teurer wird? Stabilisierung des Flugbetriebs mehrere
ten, und wir alle müssen mehr als bisher Spohr: Mir geht es zunächst darum, zu Hundert zusätzliche Mitarbeiter einge-
tun, um ihn zu schützen. Und dazu muss vermeiden, dass unsere Kunden bei einer stellt und 37 Flugzeuge über ganz Europa
auch unsere Branche weiter ihren Beitrag nationalen CO2-Steuer über die interna- als Reservemaschinen positioniert. Damit
leisten. Man muss aber auch festhalten, tionalen Drehkreuze unserer Wettbewer- können wir Verspätungen in diesem Som-
dass der Luftverkehr als einziger Verkehrs- ber fliegen und so zusätzlichen CO2-Aus- mer besser auffangen als im vergangenen.
träger bislang schon am EU-weiten CO2- stoß verursachen. Über die Höhe einer sol- Aber auch die Flughäfen und die Deutsche
Emissionshandel teilnimmt und wir inner- chen Abgabe entscheidet die Politik. Flugsicherung müssen mitziehen. In Mün-
europäisch damit seit Jahren CO2-neutral SPIEGEL: Der französische Präsident Em- chen, um ein positives Beispiel zu nennen,
wachsen. Außerdem haben wir bereits manuel Macron fordert anstelle einer CO2- wurden die Sicherheitskontrollen an un-
eine CO2-Steuer, die heißt bei uns nur Luft- Abgabe eine europaweite Kerosinsteuer. serer am schnellsten wachsenden Ver-
verkehrsteuer. Wäre das eine Alternative? kehrsdrehscheibe deutlich beschleunigt.
SPIEGEL: Sie weichen aus. Spohr: Nationale Alleingänge oder auch SPIEGEL: Das Vertrauen der Kunden in
Spohr: Überhaupt nicht. Aber warum nut- nur ein europäischer Flickenteppich wür- die Zuverlässigkeit des Fliegens hat seit
zen wir die Einnahmen der Luftverkehr- den dazu führen, dass Fluggesellschaften dem Absturz von zwei Maschinen des
steuer nicht zur Förderung alternativer vermehrt dort tanken, wo die Steuer nicht Typs Boeing 737 Max ohnehin stark gelit-
Kraftstoffe und motivieren andere EU- erhoben wird. Unter dem Strich würde die ten. Gilt in der Branche das Motto: Profit
Staaten mitzumachen? Synthetische Kraft- Umweltbelastung durch das Herumfliegen vor Sicherheit?
stoffe sind im Luftverkehr ein zentraler des Treibstoffs noch weiter zunehmen. Spohr: Nichts liegt mir ferner, als die Tra-
Schlüssel für CO2-neutrales Fliegen. Die Selbst ein gesamteuropäischer Ansatz bei gik dieser zwei Abstürze zu relativieren,
sind heute allerdings noch so teuer und in der Kerosinsteuer brächte erhebliche Nach- auch nach dem, was wir selbst vor gut vier
so geringer Menge verfügbar, dass sie teile, weil viele unserer Wettbewerber ihre Jahren bei unserer Tochter Germanwings
kaum nutzbar sind. Drehkreuze außerhalb Europas betreiben. erlebt haben. Aber man sollte trotz allem
SPIEGEL: Ziel einer CO2-Abgabe müsste SPIEGEL: Klar scheint, dass Fliegen mittel- nicht vergessen: Das Fliegen ist im Ver-
doch sein, dass weniger geflogen wird. Das fristig teurer werden dürfte. Wird Reisen gleich zu anderen Verkehrsträgern die
gelingt nur, wenn sie deutlich höher wäre per Flugzeug wieder zu einem Privileg für sicherste Form des Reisens. Und unsere
als die bisherige Luftverkehrsteuer. die Oberschicht? Branche hat enorme Fortschritte bei der
Spohr: Die Luftverkehrsteuer bringt dem Spohr: Davon kann keine Rede sein. Bei Weiterentwicklung der Sicherheitsstan-
Fiskus schon jetzt mehr als 1,2 Milliarden 9,99 Euro pro Strecke muss man sich al- dards gemacht, weil aus jedem tragischen
Euro pro Jahr ein. Umgerechnet auf den lerdings schon fragen, wie verantwortungs- Unfall gelernt wurde.
einzelnen Passagier entspricht das bereits voll man mit dem Thema Mobilität und Interview: Dinah Deckstein,
heute einer CO2-Steuer, wie sie etwa in mit den Mitarbeitern umgeht. Allerdings Martin U. Müller
Schweden oder der Schweiz erhoben kann es nicht darum gehen, Mobilität ein- Mail: martin.mueller@spiegel.de
wird. zuschränken. Sie wird von vielen Men-

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 65


GORDON WELTERS / DER SPIEGEL
WG-Mieterin A., Mitbewohner in Berlin

Anwalt ex Machina
übernehmen und Legal Techs viele ähnli-
che Forderungen bündeln, sind die Kosten
pro Fall gering. Die Anbieter können des-
halb auch Kleinstforderungen, etwa bei
Wohnungsnot Sogenannte Legal-Tech-Portale helfen Verbrauchern, Bahnverspätungen, geltend machen. Klas-
sische Anwälte lehnen solche Bagatell-
ihre Rechte einzufordern. Das Start-up Wenigermiete.de hat jetzt arbeit häufig ab.
einen spektakulären Erfolg im Kampf gegen überhöhte Mieten erzielt. Für ihre Anhänger sind Legal Techs des-
halb die Rettung des Rechtsstaats, weil sie
Verbrauchern helfen, ihre Forderungen

E s war eine Traumwohnung, welche


die Berliner Studenten-WG gefun-
den hatte: Altbau, vier Zimmer auf
110 Quadratmetern, mit großem Balkon
Für die Studenten-WG schied ein klas-
sischer Anwalt deshalb aus. Bei der Re-
cherche im Internet stieß Maha A. auf die
Seite Wenigermiete.de. Hinter dem Portal
ohne horrenden Aufwand durchzusetzen.
Für ihre Gegner sind die Plattformen da-
gegen Wegelagerer, die auf Teufel komm
raus klagen und dabei Millionen verdienen.
zum Garten im Innenhof – und das mitten steckt das Berliner Start-up LexFox, ein LexFox hat sich als Vermieterschreck
in Kreuzberg. Nur: mit 1400 Euro Netto- sogenanntes Legal Tech. Diese Unterneh- etabliert, auch dank der Mietpreisbremse.
kaltmiete leider viel zu teuer. men bieten im Internet automatisierte Geschäftsführer Daniel Halmer hat sein
Die Studenten suchten weiter – und ga- Rechtsdurchsetzung an. Anders als her- Büro nicht weit von der Kreuzberger
ben nach drei Monaten entnervt auf. Die kömmliche Anwälte verlangen sie oft nur Wohngemeinschaft, mitten im Zentrum
teure Wohnung war da noch zu haben. Erfolgshonorare. Angefangen haben die der Schlacht um bezahlbaren Wohnraum.
Kein Wunder: »Die Wohnung stand ja Legal-Tech-Start-ups mit Schadensersatz- In einem nobel sanierten Hinterhaus am
zehn Monate lang leer«, sagt Maha A., klagen bei Flugverspätungen: Portale wie Paul-Lincke-Ufer arbeiten 25 Mitarbeiter.
eine der Mieterinnen. Der Versuch, die EuClaim.de oder Flightright.de verdienen Halmer, der früher in der Großkanzlei
Miete um 200 Euro herunterzuhandeln, damit, im Namen der Passagiere bei Air- Hengeler Mueller gearbeitet hat, ist der
scheiterte, weil die Hausverwaltung ab- lines Entschädigungen für massiv verspä- einzige zugelassene Anwalt bei LexFox. Er
lehnte. Der Vater von A. unterschrieb tete Flüge einzufordern. empfängt in einer Ecke des Großraumbüros,
schließlich als Bürge den Mietvertrag. Mittlerweile übernehmen das wie ein Gegenentwurf
Zwei Monate nach dem Einzug ent- Legal Techs juristischen All- zu einer klassischen Anwalts-
schieden die Studenten, sich gegen den tagsärger jeder Art. Unfall kanzlei wirkt: Reihen von
weit über dem Mietspiegel liegenden gehabt? Verkehrsrechtshel- Standardschreibtischen vor
Preis zu wehren. Schließlich gilt in fer.de. Kündigung erhalten? weiß getünchten Wänden
Deutschland seit 2015 die Mietpreis- Abfindungsheld.de. Auto statt dunklem Holz und Mes-
bremse für Bestandswohnungen. In Ge- vom Dieselskandal betrof- sing, gepolsterter Türen und
bieten mit angespanntem Wohnungs- fen? Myright.de. Zu schnell Vorzimmer. »Ein Rechtsan-
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

markt darf die Miete höchstens zehn gefahren? Geblitzt.de. Zug walt ist wie ein Maßanzug«,
Prozent über dem ortsüblichen Vergleich verspätetet? Bahn-buddy.de. sagt Halmer. »Wir bieten mit
liegen. Der Haken daran: Betroffene Mie- Der Anwalt ex Machina Wenigermiete.de einen An-
ter müssen ihr Recht oft einklagen, das ist funktioniert vor allem bei zug von der Stange. Den
teuer, zumindest für alle, die keine Rechts- standardisierbaren Verfah- meisten reicht das.«
schutzversicherung haben oder nicht im ren. Weil Algorithmen ei- Anwalt Halmer Halmer sieht sich auf
Mieterbund organisiert sind. nen Teil der Arbeitsschritte der Seite der Schwächeren:

66 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Wirtschaft

»Vermieter wissen, dass es für Mieter Gesetzgeber nicht gewollt«, sagt Plesser.
schwierig ist, ihre Ansprüche durchzuset- Und während Anwälte hierzulande kein
zen – sie spekulieren darauf, dass sich viele externes Kapital einwerben dürfen, be-
nicht wehren.« sorgen sich viele Start-ups Geld von In-
Innerhalb von gut zwei Jahren haben vestoren.
bereits mehr als 50 000 Haushalte ihren Nicht nur Anwälte, auch die Mieter-
Mietvertrag auf der Website prüfen lassen. vereine sehen in dem Portal einen un-
Derzeit bearbeitet LexFox nach eigenen erwünschten Wettbewerber. »Je kompli-
Angaben mehrere Tausend Fälle zur zierter der Fall ist, desto schneller stößt
Mietpreisbremse, die Erfolgsquote liegt, das System an seine Grenzen«, sagt Ulrich
nach Aussage von Wenigermiete.de, bei Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen
etwa 80 Prozent. Dabei werde die orts- Mieterbunds. Und: Anders als der Mieter-
übliche Vergleichsmiete um durchschnitt- bund, der alles daransetze, Probleme
lich 190 Euro überschritten. Überprüfen außergerichtlich zu lösen, stehe bei
lassen sich diese Zahlen nicht. Sicher ist Wenigermiete.de sofort eine Klage im
nur: LexFox ist noch nicht profitabel. Raum. »Unsere Konfliktlösung ist auf
Offenbar aber hat sich das Portal inzwi- Ausgleich mit dem Vermieter angelegt.
schen bei Vermietern einen Ruf erarbeitet. Schließlich muss das Mietverhältnis auch
»Anfangs waren viele nach einer Auseinander-
Vermieter nicht eini- setzung weitergehen«,
gungsbereit«, sagt Hal-
Ohne Bremskraft? sagt Ropertz.
mer. Teilweise seien die Veränderung der Mieten bei Neu- Ein grundsätzliches
Verfahren durch mehre- vermietung in ausgewählten Groß- Problem mit den Porta-
re Instanzen gegangen, städten mit Mietpreisbremse, len habe er aber nicht:
in einem Fall bis zum 2019 gegenüber 2015* »Es gibt eine große
Bundesgerichtshof. In- Gruppe von Menschen,
Berlin + 21 %
zwischen ende nicht ein- die wir als Verein nicht
mal mehr jeder zehnte erreichen und die nicht
Stuttgart 20 %
Fall, in dem das Portal rechtsschutzversichert
aktiv wird, vor Gericht, ist. Für sie können sol-
München 19 %
sagt Halmer. che Portale ein sinnvol-
Der Fall der Kreuz- les Angebot sein«, sagt
Bremen 17 %
berger WG landete Ropertz.
noch vor dem Kadi und Frankfurt am Main 16 % Die Vermieter dage-
schien zunächst wenig gen sehen sich mit einem
Chancen auf Erfolg zu Köln 15 % selbstbewussten Gegner
haben. Erst reagierte die konfrontiert. »Im Mo-
Hausverwaltung nicht Düsseldorf 14 % ment bemerken wir zwar
auf die Anschreiben von noch nicht die ganz
LexFox. Dann prüfte Hamburg 9 % große Durchschlagskraft
das zuständige Amtsge- dieser Portale«, sagt Kai
richt Tempelhof-Kreuz- *Wohnungen 60 bis 80 m², inserierte Preise;
jeweils 1. Quartal; Quelle: Empirica
Warnecke, Präsident des
berg die Klage monate- Haus- und Wohnungsei-
lang – und wies sie aus gentümerverbands Haus
formalen Gründen schließlich zurück. Lex- & Grund, »aber ich kann mir vorstellen, dass
Fox sei nicht berechtigt, die Klage zu füh- das erst der Anfang ist.«
ren, erklärten die Richter. Im Fall der Kreuzberger Wohngemein-
Denn das Geschäftsmodell der Legal- schaft legte LexFox Berufung vor dem Ber-
Techs ist rechtlich umstritten. Die Rechts- liner Landgericht ein – mit Erfolg. Im Sep-
anwaltskammer Berlin hat deshalb sogar tember 2018, 14 Monate nach Auftragser-
eine Klage gegen Wenigermiete.de einge- teilung, kam es zur Berufungsverhandlung.
reicht. Das Gesetz sehe vor, dass Rechts- Ein knappes halbes Jahr später schlossen
dienstleistungen grundsätzlich nur von An- Vermieter und Mieter einen ziemlich spek-
wälten erbracht werden dürfen, sagt Mar- takulären Vergleich: Die WG zahlt künftig
kus Plesser, der von der Kammer für den nur noch 700 Euro Kaltmiete – statt zuvor
Fall beauftragte Rechtsvertreter. »Es gibt mehr als 1400. Weil die Einigung rückwir-
Ausnahmen für Inkassogesellschaften. kend gilt, muss der Vermieter mehr als
Aber was Wenigermiete.de macht, geht 14 000 Euro zurückzahlen, plus Zinsen
weit darüber hinaus, fällige Forderungen und Rechtsverfolgungskosten. »Das war
einzuziehen«, sagt Plesser. Das Portal sor- ein echter Geldsegen«, sagt Mieterin Maha
ge erst dafür, dass solche Forderungen ent- A., »wir hatten gar nicht mit einer Rück-
stünden. »Das ist viel eher eine typische zahlung gerechnet.« Das Honorar von
Tätigkeit eines Rechtsanwalts.« LexFox beträgt 2800 Euro, ein Drittel der
Auch die erfolgsbasierte Vergütung gesparten Jahresmiete.
missfällt vielen Anwälten. Sie selbst dür- Claus Hecking, Nicolai Kwasniewski
fen in Deutschland ausdrücklich keine Mail: nicolai.kwasniewski@spiegel.de
Erfolgshonorare nehmen. »Das ist vom

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 67


Medien

Berthold und die Teddybären


Presse Seit dem Rauswurf von »FAZ«-Mitherausgeber Holger Steltzner kommt das Blatt
nicht zur Ruhe. Der Wirtschaftsjournalist musste gehen, weil ihm eine versuchte Intrige gegen
Feuilleton-Chef Jürgen Kaube zur Last gelegt wird. Doch das Zerwürfnis reicht tiefer.

LARS BERG / IMAGO

»FAZ«-Zeitungsseiten auf einer Ausstellung zum Gedenken an Mitherausgeber Schirrmacher 2014: »Wir machen keine Fünfjahrespläne«

68
H
erausgeber bei der »Frankfurter spektakuläre Begründung, gemessen da- Eine Frau, die den Job könnte, haben
Allgemeinen« zu werden, das ran, dass die Herausgeber sonst einen wohl- Sie nicht gefunden?
war mal was. Es war eine Beru- erzogenen Umgang miteinander pflegen. D’Inka: »So eine Berufung hat ja meh-
fung, wie es sie im deutschen Worin der Vertrauensbruch genau bestand, rere Komponenten, fachliche wie soziale.
Journalismus kein zweites Mal gab. Ein darüber schwieg sich die »FAZ« lieber aus. Auch die journalistische Autorität in der
Krönungsakt fast, der aus einem einfachen Im April beriefen die Herausgeber ei- Redaktion spielt eine Rolle. Darauf schau-
Redakteur einen mächtigen Mann machte. nen Nachfolger in ihren Kreis, keinen jun- en wir und nicht danach, ob jemand Mann
Das Gehalt enorm. Der Vertrag unbefris- gen Redakteur, auch keine Redakteurin, oder Frau ist.«
tet. Der Einfluss: kaum zu überschätzen. sondern wieder einen – Teddybären. Ge- Warum haben Sie nicht jemanden aus-
Es war der Aufstieg zur Mitregentschaft rald Braunberger, ein kluger, beliebter, um- gewählt, der mehr für digitalen Journalis-
in einem Reich, in dem das Geld bestän- gänglicher Typ. Aber nicht gerade ein Sym- mus steht?
dig durch die Anzeigenabteilung herein- bol des Wandels, mal abgesehen davon, Kohler: »Wir müssen uns alle um die
und durch die Redaktion wieder hinaus- dass er keinen Bart trägt. Digitalisierung unseres Hauses kümmern.
strömte. Ein Montag im Juni, ein enges Bespre- Wir sind nicht die vier Analogis, die den
Ansonsten blieb fast alles beim Alten: chungszimmer im »FAZ«-Gebäude. Ne- Schuss nicht gehört haben.«
Auch als Herausgeber schrieb man weiter ben Kohler sitzt Werner D’Inka, zuständig Finden Sie nicht, dass das Herausgeber-
seine Texte, nun allerdings mit mehr für den Regionalteil, freundlich lächelnd. gremium vielfältiger besetzt sein könnte?
Glanz. Neu war eigentlich nur die wö- Jürgen Kaube, verantwortlich fürs Feuille- Kaube: »Diese Vorstellung von Diver-
chentliche Konferenz mit den anderen He- ton, schaut von der anderen Seite eher sivität ist mir zu simpel. Als ob sich Unter-
rausgebern, in der man darüber redete, ob grimmig über den Tisch. Sie wollen erklä- schiedlichkeit nur nach biologischen Kri-
man die vielen Millionen für neue Redak- ren, wie sie sich die »FAZ« der Zukunft terien wie Alter und Geschlecht bemessen
teure ausgeben oder aufs Festgeldkonto vorstellen. Braunberger, der Neue, ist nicht würde.«
verschieben sollte. dabei. Er hat einen Termin. Ein wenig ist es für sie ein Spiel. Sie wei-
Es waren herrliche Zeiten für die Wie fanden Sie das Echo auf die Beru- chen aus, flüchten in intellektuelle Spitz-
»FAZ«, und man kann verstehen, dass fung von Herrn Braunberger? findigkeiten, in Witz, Ironie, Sarkasmus.
Berthold Kohler manchmal melancholisch Kohler: »Manches war schon sehr Wo soll die »FAZ« in fünf Jahren stehen?
wird. Kohler ist seit 20 Jahren »FAZ«-He- schablonenhaft, doch gab es auch kluge Kaube: »Wir machen keine Fünfjahres-
rausgeber«, seit 30 Jahren »FAZ«-Redak- und differenzierte Anmerkungen.« pläne.«
teur, und er hat sie noch erlebt, die Jahre, D’Inka: »Das hat ja auch in der DDR
in denen das Blatt samstags 200 Seiten mit nicht funktioniert.«
Stellenanzeigen füllte. Und man nur des- Herrenriege Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass
halb nicht noch mehr von ihnen druckte, Eigner der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« die Lage der Zeitung bedrohlich ist?
weil die Post gedroht hatte, die »FAZ« D’Inka: »Wollen Sie auch die genaue
nicht mehr als Zeitung auszuliefern, son- FAZIT-Stiftung Uhrzeit wissen?«
dern als Päckchen. Dass sie sich überhaupt den Fragen stel-
»Wir mussten damals Anzeigen ableh- 93,7 % len, ist fast schon ein Wunder. Normaler-
nen. Monat für Monat schoben wir einen weise geben »FAZ«-Herausgeber keine In-
Millionenumsatz vor uns her«, sagt Kohler, Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH terviews, schon gar nicht gemeinsam. Be-
lächelt und verweilt für einen Moment in gründet wird die Schweigsamkeit mit viel
zusammen 6,3%
der Vergangenheit. echter und ein wenig falscher Bescheiden-
Die Gegenwart ist leider gar nicht 4 Herausgeber heit. Bei der »FAZ«, sagen sie, stehe
golden, nicht mal bronze. Die Auflage stets die Zeitung im Vordergrund, nie
sinkt beständig, nach ein paar Jahren mit die Person.
Gewinnen (dank eines harten Spar- Steltzners Rauswurf hat dafür ge-
programms) schlittert der Verlag sorgt, dass es doch wieder um Per-
wieder Richtung Verlustzone. Die sonen geht, nicht nur ums Blatt. Er
Website rangiert hinter denen war als Herausgeber zuständig für
von »Welt« und SPIEGEL. Und die Wirtschaft und den Sport. Und
publizistisch erfüllt die »FAZ« in mehrfacher Hinsicht umstritten.
alle drei Kriterien, die es heute Die einen beschreiben ihn als Typ
Werner Berthold
braucht, um anachronistisch zu er- mit Kante. Andere empfanden ihn als
D’Inka Kohler
scheinen. Sie ist eher alt, eher weiß, engstirnig. Was jeder, der mit ihm gearbei-
eher männlich. Gerald Jürgen tet hat, bestätigt: Steltzner ging Streit eher
Zur allgemeinen Krise der Branche Braunberger Kaube nicht aus dem Weg. Publizistisch gab er
A. DEDERT/PICTURE ALLIANCE/DPA; F. RÖTH/F.A.Z.; W. EILMES / F.A.Z.

kommt bei der »FAZ« hinzu, dass die He- seinem Ressort eine klare Linie vor und
rausgeber gerade selbst das perfekte Bild
Verkaufte Auflage duldete da wohl auch wenig Widerspruch:
der »FAZ«
liefern, das die Krise des Blattes illustriert gegen die Niedrigzinspolitik von EZB-
und personifiziert. Vier Männer über fünf- 374 031 Stand jeweils 1. Quartal
Quelle: IVW Chef Mario Draghi. Mindestens Euro-kri-
zig, drei davon mit Bart. Der mächtigste, tisch. Manche Leitartikel aus seiner Feder
tonangebende ist Kohler. »Berthold und lasen sich wie eine Beschwörung alter
230 311
die Teddybären«, lästern »FAZ«-Redak- D-Mark-Zeiten. Auch in seinem Ressort
teure. fand das mancher unangenehm.
Der fatale Eindruck der Gestrigkeit hat Unter den anderen Herausgebern war
sich verschärft, nachdem die Herausgeber – 38 % er nicht besonders gelitten. Vor allem Koh-
im März einen der Ihren, Holger Steltzner, ler soll genervt gewesen sein von Steltz-
hinausgeworfen haben. Von »Vertrauens- ners politischen Ansichten, von dessen
bruch« war die Rede. Das war eine ziemlich 2009 2019 ganzer Art. Kohler habe seine beiden

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 69


Co-Herausgeber gegen Steltzner aufge- für ausgesprochen haben. Doch die Runde
bracht, sagen Steltzner-Freunde. Steltzner entschied sich abermals für einen Mann,
habe alle anderen Herausgeber zuneh- für Kaube. Heute sieht es so aus, als hätten
mend provoziert, sagen Steltzner-Gegner. die mächtigen Männer an der Spitze des
In einem sind sich Freunde wie Feinde Blattes nichts dazugelernt.
einig: Steltzner habe sich innerhalb des Kann man das noch machen im Jahr
Herausgebergremiums noch am meisten 2019, eine der wichtigsten Zeitungen des
für digitale Themen interessiert. Unter den Landes nur von Männern führen zu las-
digital Blinden sei er immerhin der Ein- sen? Kann eine Medienmarke, die als
äugige gewesen, sagt ein junger »FAZ«-ler. Printprodukt die besten Jahre hinter sich
Steltzner, heißt es aus seinem Umfeld, hat, an der Spitze ohne einen auskommen,
habe etwa die Idee gut gefunden, einen der für digitalen Journalismus steht?
Herausgeber zu benennen, der fürs Digi- Die Frauenfrage zumindest wäre vor
tale zuständig sein soll, stand damit aber fünf Jahren fast einmal positiv beantwor-
allein gegen die anderen. tet worden. Als Günther Nonnenmacher
Es rumorte in dem Gremium, es köchelte. in den Ruhestand ging, stand als Nachfol-
Doch nichts geschah. Die »FAZ« ist so orga- gerin eine Auslandskorrespondentin be-
nisiert, dass jeder Herausgeber in seinem reits so gut wie fest. Im Gremium waren
Reich fürstenhaft herrscht. So lange Steltz- sich alle einig. Doch dann entschieden sich

HARTMUT BÜHLER
ner bloß in seinem Teil tat, was den anderen die Herausgeber, auch auf Druck aus dem
missfiel, ging das die anderen nichts an. Ge- Aufsichtsrat, aus symbolischen Gründen
waltenteilung auf Frankfurter Art. auf diesen Posten zu verzichten. Das
Das war schon immer so. Auch der 2014 Signal an die Redaktion war: Auch an der
verstorbene Feuilletonherausgeber Frank Herausgeber Steltzner 2016 Spitze wird gespart.
Schirrmacher wurde von seinen Kollegen Er fiel rasch, tief und allein Bei der »Süddeutschen Zeitung« ist seit
manchmal mehr ertragen als gemocht. Er gut einem Jahr eine Frau Mitglied der
konnte gestandene »FAZ«-Redakteure Herausgeberrunde teilte das zustimmende Chefredaktion, Julia Bönisch. Weiblich,
dazu bringen, entnervt zu kündigen. Doch Votum dem Aufsichtsrat schriftlich mit. jung, digital. Sie hat alles, was den alten
damals bei Schirrmacher wie später bei Dann jedoch sprach er mit einem Redak- Herren des deutschen Journalismus, alles,
Steltzner galt: Nicht im Traum wäre ein teur über Kaubes Vertrag und die anste- was Berthold und den Teddybären fehlt.
anderer Herausgeber darauf gekommen, hende Verlängerung – und er soll, zumin- Und sie weiß das: »Wenn ich mir vor-
sich in die inneren Angelegenheiten des dest wirft man ihm das vor, auch darüber stelle, ich wäre ein Journalist, Mitte fünf-
anderen einzumischen. gesprochen haben, ob es nicht andere Per- zig, und würde jetzt bemerken, dass vieles
Dann jedoch machte Steltzner einen Feh- sonen für diese Position gebe. Bessere als von dem, was ich kann und weiß, nicht
ler, der dieses eherne Gesetz der »FAZ« Kaube. Jemanden mit mehr Digitalkom- mehr wichtig ist: Ja, das wäre unange-
erschütterte. Binnen Stunden wurde sein petenz. Der Inhalt des Gesprächs erreichte nehm«, schrieb Bönisch vor Kurzem in ei-
Rauswurf von den anderen Herausgebern den Aufsichtsrat – und wurde von Kaube nem Beitrag zur Zukunft des Journalismus.
beschlossen. Niemand im Aufsichtsrat eilte als Versuch gesehen, die beschlossene Ver- Mit dem Text allerdings sorgte sie für
ihm zu Hilfe. Er fiel rasch, tief und allein. längerung seines Vertrags zu hintertreiben einen ganz eigenen Eklat. Denn Bönisch
Es ging, so ergibt es sich aus Gesprächen und jemand anderen zu berufen. Keiner erklärte darin, dass die Zeiten vorbei seien,
mit mehreren Beteiligten, um einen Af- der Beteiligten will sich zu den näheren in denen diejenigen Karriere machten, die
front Steltzners gegen Mitherausgeber Umständen des Zerwürfnisses äußern. wuchtige Texte hinlegen könnten. Statt gro-
Kaube. Einige sprechen von versuchter Kann es sein, dass Steltzner tatsächlich ßer Schreiber seien eher flexible Manager-
Intrige, andere von einer Dämlichkeit. offensiv versuchte, Kaube rauszudrängen? typen gefragt. Und dass sich Journalisten
Vielleicht stimmt beides. Wenn, dann wäre es eine eher amateurhaft nicht so haben sollten, wenn Anzeigen-
Um die Tragweite des Vorgangs zu ver- betriebene Intrige gewesen. Sicher ist nur, abteilung und Redaktion enger zusammen-
stehen, muss man wissen, dass die Verträ- dass Kaube über Steltzners Tabubruch rückten.
ge der Herausgeber seit einigen Jahren enorm verärgert war – und die drei He- Ein solches Szenario ist bei Kohler und
nicht mehr automatisch bis zur Rente lau- rausgeber den Rauswurf Steltzners ohne Konsorten undenkbar. Sie leben und lie-
fen. Anlass dafür war ein anderer Raus- langwierige Debatte beschlossen. Freunde ben Texte. Wenn sie leiden, dann vor allem
wurf, der des ehemaligen Herausgebers waren Steltzner und die anderen ja schon darunter, dass sie vor lauter Management-
Hugo Müller-Vogg. Auch seiner entledigte lange nicht mehr. runden, Digitalstrategien, Businessplänen,
man sich wegen eines Vertrauensbruchs – Die »FAZ« trifft die Affäre Steltzner zur Worst-Case- und Best-Case-Szenarien
die Abfindung und die Pensionsansprüche Unzeit. Das Signal zur Erneuerung wurde kaum noch dazu kommen, Journalisten
sollen so enorm gewesen sein, dass der verpasst. Wieder einmal. Wie zu sein. Einer wie Kohler ist

2030
Aufsichtsrat beschloss, künftig nur noch schon damals, vor ziemlich nicht zur »FAZ« gegangen,
befristete Herausgeberverträge zuzulas- exakt fünf Jahren, als Schirr- um Powerpoint-Präsentatio-
sen. Der Erste, dem das widerfuhr, war, macher starb. Er war der nen der Verlagsleitung über
ironischerweise, Holger Steltzner. Er soll, wohl prominenteste Heraus- sich ergehen zu lassen. Er
so wird erzählt, sich deshalb lange als »He- geber in der Geschichte der käme die »FAZ« wollte und er will am liebsten:
rausgeber Holzklasse« empfunden haben. Zeitung, einer der wenigen, auf einen Verlust von schreiben.
mehr als

190
Vor ein paar Monaten jedenfalls stand die als Person auch ohne die »Ob auf Papier oder digi-
die Verlängerung des Vertrags von Jürgen Marke »FAZ« strahlten. Sein tal«, sagt er, es gehe darum,
Kaube an. Im Herausgeberkreis wurde ein- Tod war ein Schock. den Journalismus zu erhalten
stimmig beschlossen, die »Kooptierung« – Schon damals schien die und auszubauen, für den die
so vornehm formulieren sie das hier – fort- Zeit reif für die erste Heraus- »FAZ« stehe, »also für Sach-
zusetzen. Steltzner als Vorsitzender der geberin. Steltzner soll sich da- Millionen Euro. kompetenz, analytische Tiefe
70 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019
Medien

und intelligente Argumentation«. Der talabo auf rund 700 Euro im Jahr erhöhen intelligenten Schwurbeleien im Feuilleton.
Printjournalismus habe nach wie vor hohe würde, käme man gerade mal in den Be- Ohne die ebenso klugen wie lustvoll un-
Ansprüche zu erfüllen: »Die Texte für die reich der schwarzen Null. gerechten Kommentare in der Politik.
gedruckte ›FAZ‹ müssen auch am nächsten Kohler wedelt mit der Hand, als wolle Ohne die schnörkellosen, tiefgründigen
Tag noch relevant sein.« er die Zahlen wegwischen. Dann zählt er Analysen der Wirtschaft. Und ohne jenen
Vor allem aber muss es die gedruckte auf, was sich alles verändert hat in den ver- Schuss von Anarchie, den man gerade bei
Zeitung am nächsten Tag noch geben. Und gangenen Jahren. Welche Sparrunden es der »FAZ« am wenigsten vermutet, der
das ist längst nicht mehr sicher. Die Auflage gegeben habe, welche neuen Produkte, sie aber auszeichnet.
der »FAZ« rutscht seit Jahren dem Punkt wie sehr in der Redaktion das Bewusstsein Wenn etwa die Titelseite der »FAS« mit
entgegen, an dem sich das Drucken und gestiegen sei, dass man sich verändern der These aufgemacht wird, Pippi Lang-
Ausliefern nicht mehr lohnt. Sie liegt heute müsse. Und man merkt: Von innen fühlt strumpf sei eine Wegbereiterin von Do-
bei 230 000 Exemplaren. Unwirtschaftlich sich das Ganze rasant an. Der Weg der nald Trump – was man schon daran sehen
wird das Ganze bei 100000, hat der Verlag »FAZ«, sagt Kohler, sei nicht die Revolu- könne, dass sein Name in ihrem verborgen
intern ausgerechnet. Wenn der Leser- tion, sondern die Evolution. »Aber auch sei: »LangsTRUMPf«. Anarchistisch ist
schwund im selben Tempo weitergeht, ist die ›FAZ‹ kennt Sprünge.« dies allein schon deshalb, weil der zustän-
der Punkt in 15 Jahren erreicht. Tatsächlich wirken die Herausgeber seit dige Herausgeber Kaube bekennt, er selbst
Stellenanzeigen in der Zeitung gibt es der Steltzner-Krise bemüht, den Ruf als habe den Text erst in der Zeitung gelesen
kaum noch. Im Internet haben andere das Print-Dinosaurier abschütteln zu wollen. und sei sich bei der Lektüre auch nicht si-
Geschäft übernommen. Sie versuchten sich gegenseitig zu über- cher gewesen, ob der Autor das Ganze
Die »Frankfurter Allgemeine Sonntags- trumpfen, wer der Digitalste unter ihnen ernst oder parodistisch gemeint habe.
zeitung« ( »FAS«) hält sich über der Null- sei, sagt ein Redakteur. Sein Kollege Kohler beherrscht vom
linie. Aber wenn nichts geschieht, wird es Dass sie in der »FAZ« nicht längst viel Leitartikel bis zur gelehrten Blödelei eben-
wohl nicht mehr sehr lange dauern, bis nervöser sind, liegt daran, dass sie nicht falls eine breite schreiberische Klaviatur.
sie rote Zahlen schreibt. Die Kosten für nur eine große Zeitung ist, sondern einer Und er kann wunderbar selbstironisch
die Zustellung wachsen. In manchen Ge- reichen Stiftung gehört. Die hat in den sein. »Alte, weiße Männer, seid doch keine
genden findet sich überhaupt niemand guten Jahren ein Vermögen von mehreren Memmen!«, schrieb er neulich. »Ihr seid
mehr, der das Blatt am Sonntag den Abon- Hundert Millionen Euro angesammelt, ein doch nicht in den Stellwerken des Lebens
nenten in den Briefkasten legt. Geht das Teil davon steckt heute in Immobilien und an die Schaltstellen der Macht gekommen,
so weiter, wird man die Sonntagszeitung Wertpapieren. So leicht ist die Zeitung des- weil ihr Heulsusen gewesen wärt.«
vielleicht zur Samstagszeitung machen. halb nicht totzukriegen. Markus Brauck, Ulrike Simon
Nachgedacht hat man darüber jedenfalls Vor allem aber: Die »FAZ« wird ge- Mail: markus.brauck@spiegel.de
schon. braucht. Deutschland wäre ärmer ohne die
Das Magazin »Frankfurter Allgemeine
Woche«, gegründet vor drei Jahren, spielt
trotz mickriger Ausstattung fast nichts ein.
Die einzige Idee, die in den vergangenen
Jahren wirklich etwas gebracht hat, war das
digitale Bezahlangebot F+, das immerhin
auf 28 000 zahlende Abonnenten kommt.
11,80 Euro monatlich kostet F+, eine
Art Basispaket, im ersten Jahr. Die Zeitung
zu abonnieren ist mehr als fünfmal so teu-
er: 67,90 Euro.
Bis sich mit dem digitalen Abo irgend-
wann die Redaktion finanzieren lässt, ist
es ein langer Weg. Damit das gelingt, müs-
sen die Herausgeber neue Digitalprodukte
erfinden, die Lücke zwischen Basis- und
Luxusangebot schließen. Dem Verlag geht
das Erdenken dieser neuen Produkte nicht
schnell genug. Damit sich das ändert,
macht er Druck.
In einer Prognose hat der Verlag analy-
siert, wie das wirtschaftliche Ergebnis für
die »FAZ« ausfiele, wenn sich Leser- und
Anzeigenschwund fortsetzen wie gehabt,
wenn man die Preise nicht erhöht und di-
gital nicht schneller wächst. Für das Jahr
2030 käme die »FAZ« auf einen Verlust
von mehr als 190 Millionen Euro.
Es ist ein Szenario für den schlimmsten
Fall, auch gebaut, um den Herausgebern
etwas Angst zu machen und sie zum Han-
deln zu animieren. Gruselig ist dieses Sze-
nario trotzdem. Wie gruselig, zeigen zwei
Zahlen: Selbst wenn man den Preis für das
Printabo auf rund 1000 und für ein Digi-
Gemeinsam machen wir das deutsche
Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt.
71 Erfahren Sie mehr unter www.pkv.de/silvia
Ausland
»Boris Johnson als nächster Premierminister Großbritanniens ist eine Horrorvorstellung.« ‣ S. 7 8

YASUYOSHI CHIBA / AFP


Dieser sudanesische Demonstrant rezitiert auf den Straßen der Hauptstadt Khartum ein Gedicht über die Rebel-
lion. Obwohl Sicherheitskräfte vor zwei Wochen ein Massaker unter Protestierenden angerichtet haben,
gibt die Opposition nicht auf. Noch immer gehen Tausende auf die Straße und fordern die militärische Über-
gangsregierung auf, die Macht nach dem Sturz von Diktator Omar al-Baschir an zivile Kräfte zu übergeben.

Analyse

Die Greatest Hits von Donald Trump


Beim Wahlkampfauftakt in Florida zeigt sich die Ideenlosigkeit des Präsidenten. Reicht das für die Wiederwahl?

Wochenlang hatte er für diesen Abend geworben, aber am Ende Die Demokraten wissen, dass er als Amtsinhaber einen Bonus
geschah kaum etwas. 20 000 Unterstützer waren am Dienstag hat und dass sie seine Impulspolitik nicht unterschätzen dürfen.
nach Orlando im Bundesstaat Florida gereist, wo Donald Trump Nichts macht im Kampf gegen ihn verwundbarer als die Zuge-
den Beginn seines Präsidentschaftswahlkampfs für 2020 einläu- hörigkeit zum Establishment – das ist das Problem von Ex-Vize-
tete. Er redete mehr als eine Stunde lang, hetzte gegen Immi- präsident Joe Biden, der laut Umfragen die besten Chancen hat.
granten, die Demokraten und Hillary Clinton. Es war ein giftiger Trumps Kontrahenten wollen sich nicht noch einmal in einen
Auftritt, aber einer, der seltsam veraltet wirkte. Angstwahlkampf hinabziehen lassen. Elizabeth Warren zum
Deutlich wurde: Der Mann, der in 17 Monaten wiedergewählt Beispiel, Senatorin aus Massachusetts, versucht es mit einem Ideen-
werden will, hält keine neuen Ideen bereit, sondern wieder nur wahlkampf, der soziale Gerechtigkeit als Mittelpunkt hat; Pete
jene Mischung aus Bombast, Halbwahrheiten und Angstmache- Buttigieg, Bürgermeister aus Indiana, plädiert dafür, Trump
rei, die seine Fans schon im ersten Wahlkampf elektrisierte. zu ignorieren. Es gibt Indizien dafür, dass beide Strategien bei
Er nannte Medien, die ihn kritisieren, »fake news«, bezeichnete gemäßigten Wählern besser ankommen als Trumps Attacken.
die Russlandermittlungen als »Hexenjagd« und versprach eine Der Präsident weiß um seine Verwundbarkeit. Als vorige
Mauer zu Mexiko – fast wie 2016. Der Unterschied: Damals Woche Berichte auftauchten, seine eigenen Demoskopen sähen
war Trump ein Außenseiter. Jetzt ist Trump Präsident. Wird die Demokraten mancherorts vorn, feuerte er kurzerhand einige
seine alte Leier genügen, um wiedergewählt zu werden? der Meinungsforscher. Christoph Scheuermann

72 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Saudi-Arabien Rumänien kräftig verurteilt in einem Bukarester
Zurück nach Europa Gefängnis ein. Der 33 Jahre junge Negres-
Gefängnis statt cu, ehemals Minister für europäische
Kreuzigung  Die sozialdemokratische Regierungs- Angelegenheiten, gilt als Anwärter auf
partei PSD hat das Land innerhalb der eine Führungsrolle in der durch Korrup-
 Der 18-jährige Murtaja Qureiris soll- EU in eine ähnliche Außenseiterposition tionsaffären und Vetternwirtschaft belas-
te nach dem Willen der Staatsanwalt- manövriert wie Ungarn und Polen. Das teten PSD. Mit der Verhaftung Dragneas
schaft hingerichtet und anschließend will eine neue Riege von sozialdemokrati- hat die proeuropäische Fraktion im Land
öffentlich gekreuzigt werden – für schen Politikern nun ändern. Wegen der einen Etappensieg erzielt. Der deutsch-
Taten, die er als Kind begangen haben Justizreform der Regierung hatte Brüssel stämmige Staatspräsident Klaus Johannis
soll. Nun fällte ein Richter ein überra- gar mit einem Verfahren gedroht, an des- hatte sich der von Dragnea betriebenen
schend mildes Urteil: zwölf Jahre sen Ende Rumänien seine Stimmrechte und von Brüssel kritisierten Justizreform
Gefängnis. Das Gericht habe »trotz der hätte verlieren können. Doch die Sozial- zugunsten straffällig gewordener Man-
Schwere der Vorwürfe das jugend- demokraten haben ihren datsträger widersetzt. Auch
liche Alter des Täters einbezogen«, sagt langjährigen Parteichef Rumäniens Zivilgesellschaft
ein Sprecher der Botschaft in Berlin. Liviu Dragnea gestürzt, der rebellierte – durch Massen-
Qureiris, der seit seinem 13. Lebens- für diesen Kurs verantwort- proteste und ein eindeutiges
jahr in einer Jugendhaftanstalt einsitzt, lich war. Nun müsse sich die Votum beim am 26. Mai
könnte 2022 sogar freikommen. In der Partei endlich wieder auf abgehaltenen Referendum.
Anklage heißt es, Qureiris habe Molo- ihre »proeuropäische Iden- Vier von fünf Rumänen
towcocktails gegen Sicherheitskräfte tität« besinnen, fordert stimmten gegen die Justizre-
geschleudert. Die saudische Regierung Victor Negrescu, Autor des form, mit deren Hilfe die
scheint bemüht, das Image des mäch- neuen Parteiprogramms der Straftatbestände Korruption
tigen Kronprinzen Mohammed bin Sozialdemokraten. Unter Negrescu und Amtsmissbrauch aufge-
Salman zu schützen. Das Urteil gegen der Quasi-Alleinherrschaft weicht worden wären.
Qureiris kommt fast zeitgleich mit Dragneas sei die PSD zu einer gegen die Im Herbst wird gewählt: Der so sture
der Veröffentlichung des Reports von EU gerichteten, autoritär geführten wie streitbare Liberale Klaus Johannis
Uno-Expertin Agnès Callamard, Partei verkommen, sagt Negrescu: »Wir strebt eine zweite Amtszeit als Staatsprä-
die den Mord an dem Journalisten haben vergessen, wie wichtig es ist, frei sident an. Seine Chancen stehen gut. Im
Jamal Khashoggi im Oktober 2018 im sprechen zu dürfen.« Lager der Opposition qualifizierte sich
saudischen Konsulat in Istanbul unter- Beim außerordentlichen Parteitag am das vom ehemaligen EU-Agrarkommissar
sucht hat. In ihrem Bericht schreibt kommenden Samstag arbeitet er auf eine und Ex-Premier Dacian Cioloş mitgeführ-
Callamard, es gebe »glaubhafte Bewei- Zäsur hin – mit guten Erfolgsaussichten: te Bündnis USR-Plus bei den Wahlen zum
se« dafür, dass der Kronprinz für den Dragnea sitzt seit dem 27. Mai wegen Europäischen Parlament mit 22,4 Prozent
Mord verantwortlich sei. SUK Anstiftung zum Amtsmissbrauch rechts- der Stimmen für höhere Aufgaben. WMA

Prostitution Feministinnen und Konservativen als den, sexuelle Dienstleistungen zu ver-


vorbildlich? kaufen. Diese werden indirekt kriminali-
»Frauen werden Dodillet: Dahinter steht ein Weltbild, das siert und in den Untergrund gedrängt.
Prostituierte grundsätzlich als Opfer sieht. SPIEGEL: Sind die Frauen damit größeren
kriminalisiert« Für Zwangsprostituierte gilt das ja selbst- Gefahren ausgesetzt?
verständlich auch. Aber es gibt eben auch Dodillet: Davon muss man ausgehen.
Die Niederlande erwägen, zur Bekämp- Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, die Nach dem schwedischen Gesetz können
fung der Prostitution das »nordische angeben, sich bewusst dafür zu entschei- sich Prostituierte nicht mehr zusammen-
Modell« einzuführen – ein Gesetz, das tun, etwa gemeinsam Räume mieten. Sie
die Bestrafung der Kunden von Prosti- machen sich dann der Kuppelei verdäch-
tuierten vorsieht. Susanne Dodillet, tig. Deswegen müssen sie allein arbeiten,
Dozentin an der Universität Göteborg, können sich im Notfall, wenn Freier über-
spricht über die Bilanz des Modells griffig werden, kaum gegenseitig helfen.
in seinem Ursprungsland Schweden. Auch sind die Anbahnungsgespräche hek-
tischer geworden, weil die Polizei kom-
SPIEGEL: In Schweden steht der Kauf men könnte. Prostituierte steigen eher in
von Sex bereits seit 20 Jahren unter Stra- Autos ein, haben weniger Chancen, die
fe. Was hat das Modell gebracht? Freier einzuschätzen.
Dodillet: Das ist sehr schwer zu sagen, SPIEGEL: Hilft denn die schwedische
genaue Daten gibt es nicht. So soll sich die Regelung bei der Bekämpfung der
Zahl der Straßenprostituierten in Stock- organisierten Kriminalität rund um die
holm, Göteborg und Malmö um die Hälf- Prostitution?
te verringert haben. Nun weiß man Dodillet: Auch das ist schwer einzuschät-
aber nicht, ob das ein Erfolg des Gesetzes zen. Es hat sich gezeigt, dass weniger
ist oder ob das Gewerbe, die Anbah- Prostituierte und Freier in Prozessen um
GETTY IMAGES

nung von Sexgeschäften, nur ins Internet Menschenhandel aussagen wollen. Die
abgewandert ist. einen sorgen sich, ihre Kunden zu
SPIEGEL: Aber dieses Antiprostitutions- verlieren, die anderen würden sich selbst
gesetz gilt doch weithin unter vielen Prostituierte in Amsterdam strafbar machen. JPU, PEH

73
Ausland

Zwischen den Stühlen


Geopolitik Der Handelskrieg zwischen den USA und China spaltet die Welt und stellt Europa
vor ein Dilemma: Für welche Seite soll es sich entscheiden? Beim G-20-Gipfel
in Japan könnte es zum Showdown zwischen Donald Trump und Xi Jinping kommen.

U
S-Präsident Donald Trump be- Denn die beiden Staatschefs repräsen- Die Folgen betreffen nicht nur die beiden
gann das vergangene Wochen- tieren, was es seit dem Ende des Kalten Kontrahenten, sondern alle Teilnehmer-
ende auf einem Golfplatz in Vir- Krieges so nicht mehr gab: eine zuneh- staaten, die zusammen etwa 80 Prozent
ginia und fing gleich an, sich zu mend polarisierte, eine politisch und wirt- der Weltwirtschaftsleistung, zwei Drittel
ärgern. Auf Twitter schimpfte er über den schaftlich in zwei Teile auseinanderfallen- des Welthandels und zwei Drittel der Welt-
Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, mit de Welt. Und es fügt sich, dass die Rivalität bevölkerung vertreten.
dem ihn eine tiefe Abneigung verbindet. zwischen der etablierten und der aufstre- Anders als Amerikas Konflikt mit der
»Khan ist ein Desaster«, schrieb Trump, benden Supermacht zum ersten Mal auf Sowjetunion hat sich der mit China nicht
»wird immer schlimmer.« In einem Inter- einem G-20-Treffen so offen zutage tritt. an einer ideologischen oder militärischen,
view beklagte er sich über den Kongress:
Er finde die Abgeordneten, »ehrlich ge-
sagt, schwieriger als viele der ausländi-
schen Führer. Du weißt es nie genau, aber
sie haben immer ihre eigene Sicht«.
Am Dienstag verkündete er in Florida
seine Kandidatur für die Präsidentschafts-
wahl 2020 und pfefferte seine Rede mit
Angriffen auf die Medien (»Fake News«),
seine Gegner im Allgemeinen (»wütender
linker Mob«) und die Demokraten im
Besonderen: »Sie wollen unser Land, wie
wir es kennen, zerstören.«
Xi Jinping, der Präsident Chinas, be-
suchte am Wochenende eine Konferenz in
Tadschikistan, wo ihm Asiens Staatschefs
zum 66. Geburtstag gratulierten. Sein
Amtskollege Wladimir Putin überreichte
ihm eine Torte, eine Vase und eine Box
mit russischem Speiseeis. »Das ist das aller-
köstlichste«, bedankte sich Xi.
Am Donnerstag brach Xi zu einer Reise
nach Nordkorea auf, der ersten eines chi-
nesischen Präsidenten seit 14 Jahren. Er
reise nach Pjöngjang, ließ er wissen, »um
die strategische Kommunikation und den
Austausch« mit Nordkorea zu stärken.
Sollte auch er sich über etwas geärgert ha-
ben, die chinakritischen Massenproteste in
Hongkong etwa, das weltweit um sich grei-
fende Unbehagen angesichts Pekings neuer
Stärke oder den Handelskrieg mit den
USA – Xi ließ es sich nicht anmerken. Das
ist, anders als bei Trump, fast immer so.
Es sind zwei ungleiche Charaktere,
die sich am kommenden Wochenende zu
einem mit Spannung erwarteten Gipfel
treffen werden. Trump und Xi fliegen,
wie weitere Staats- und Regierungschefs,
zum G-20-Treffen nach Japan. Erst am
Dienstag hatte Trump – in einem Tweet –
bestätigt, dass es in Osaka zu einer »aus-
gedehnten« persönlichen Begegnung zwi-
schen ihm und Xi kommen werde. Ihr
Showdown dürfte alle anderen Gipfel-
termine überschatten. Präsidenten Trump, Xi 2017 in Peking: »Ein Kampf mit einer anderen Zivilisation«

74
sondern an der wirtschaftlichen Konkur-
renz entzündet. Washington sieht sich von
Eskalationsstufen Regierte ein anderer Präsident die USA,
wäre die Frage auf Anhieb zu beantwor-
Maßnahmen im Handelsstreit, in Mrd. Dollar
Peking herausgefordert und treibt unter ten. Europa teilt das Fundament seiner
Präsident Trump eine »Entkoppelung« der US-Strafzölle chinesische Werte und seine Wirtschaftsordnung mit
beiden größten Volkswirtschaften voran – auf chinesische Strafzölle den Vereinigten Staaten, nicht mit dem
eine schrittweise Kappung der nach China Produkte auf US-Produkte autoritären China. Doch der America-first-
im Wert von: im Wert von:
reichenden globalen Produktions- und Lie- Präsident Trump fordert mit seiner aggres-
ferketten, an denen allerdings auch fast 1. Stufe siven Wirtschafts- und Strafzollpolitik
alle anderen Staaten hängen. seit 7. Juni 2018 34 34 nicht nur Peking, sondern auch seine
Die amerikanisch-chinesische Rivalität 2. Stufe europäischen Verbündeten und Staaten
sei die »wichtigste geopolitische Entwick- seit 23. August 16 16 wie Kanada, Japan und Südkorea heraus.
lung unseres Zeitalters«, warnt die »Finan- All diese Länder, das exportabhängige
cial Times«. Sie zwinge »zunehmend je- 3. Stufe Deutschland voran, haben Interessen in
den, sich einer Seite anzuschließen oder seit
200 60 China. Die Entscheidung zwischen Wa-
24. September
hart um Neutralität zu kämpfen. Sie droht shington und Peking ist keine Alternative.
eine handhabbare, wenn auch irritierende Sie ist ein Dilemma.
Beziehung (mit China –Red.) in einen all- 4. Stufe Derzeit ist es eher die US-Regierung als
umfassenden Konflikt zu verwandeln«. angedroht am Peking, die den Rest der Welt drängt, ein-
13. Juni 2019
Wie sollen sich die Industrieländer, wie 300 deutig Stellung zu beziehen. Beispiel Hua-
sollen sich die Europäische Union und Quelle:
wei: Seit Monaten setzt Washington Staa-
Deutschland in diesem Konflikt verhalten? US-Kongress ten unter Druck, die Zusammenarbeit mit
dem umstrittenen chinesischen Netzwerk-
ausrüster zu beenden. Im Mai nahm die
Administration das Unternehmen in eine
schwarze Liste auf, die es Firmen verbietet,
ohne Erlaubnis der Regierung mit Huawei
zu kooperieren. US-Konzerne wie Google
und der Halbleiterkonzern Intel haben
bereits angekündigt, ihre Geschäftsbezie-
hungen mit Huawei abzubrechen.
Mehr als 140 chinesische Firmen des
Elektronik-, Luftfahrt-, Halbleiter- und
Maschinenbausektors stehen bereits auf
der Liste. Washington stuft sie als Gefahr
für die nationale Sicherheit ein und zielt
darauf ab, auch anderen Staaten und Un-
ternehmen mit US-Verbindungen die Zu-
sammenarbeit mit ihnen zu erschweren.
Am Montag begann vor dem Senat
die Anhörung für ein neues Paket an Straf-
zöllen, es umfasst Waren im Wert von
300 Milliarden Dollar. Dafür wären prak-
tisch alle Importe aus China mit hohen
Abgaben belegt. Dagegen wehren sich
nicht nur die Chinesen, sondern auch die
Mehrheit der betroffenen US-Unterneh-
men. 47 der 50 zur ersten Anhörung gela-
denen Firmen sprachen sich gegen und nur
zwei von ihnen für die neuen Zölle aus. In
einem Brief an Trumps Chinaverhandler
Robert Lighthizer warnte die amerikani-
sche Handelskammer, das neue Zollpaket
werde »den bereits angerichteten Schaden
dramatisch vergrößern«.
Die Methode ähnelt Washingtons An-
satz im Umgang mit Iran: Entweder ihr
seid für oder gegen uns. Und sie wird be-
gleitet von Untertönen, die in den USA
seit Langem nicht mehr zu hören waren:
Die Rivalität mit China sei »ein Kampf mit
einer wirklich anderen Zivilisation«, sagte
ANDREW HARNIK / AP

Kiron Skinner, die Planungschefin des


State Department.
Peking, das den Zugang zu seinen Märk-
ten seit Jahren selbst als politisches Druck-
mittel einsetzt, sieht sich als Opfer seiner
eigenen Strategie. Zu Beginn des von Trump

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 75


SPIEGEL: Wird Trump mit dieser Metho-
Großmächte EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström, 51, erklärt,
de Erfolg haben?
warum der amerikanisch-chinesische Zollstreit für Europa teuer wird Malmström: Das müssen andere beurtei-
len, nicht zuletzt Sie als Journalisten.

»Gesetz des Dschungels« Ich habe nur eine ernsthafte Frage: Ist an
der Südgrenze der USA wirklich etwas
passiert, außer dass dort mehr Soldaten
stationiert wurden? Kommen dort weni-
ger Flüchtlinge an oder mehr? Ich weiß es
nicht. Fest steht aber: Der Schaden für
SPIEGEL: Frau Kommissarin, kennen Sie giganten Huawei ablegen und, wie Trump die US-Wirtschaft ist real. Wir hören je-
das deutsche Sprichwort: Wenn zwei sich es fordert, verhindern, dass das Unterneh- den Tag von Klagen in den USA, beispiels-
streiten, freut sich der Dritte? men die 5G-Netze in der EU ausbaut? weise, dass Stahl und Aluminium teurer
Malmström: Ja. Aber wenn Sie damit auf Malmström: Über den Umgang mit Hua- geworden seien.
den Handelsstreit zwischen den USA und wei entscheidet jedes EU-Mitglied selbst. SPIEGEL: In Trumps Welt ist Europa kein
China anspielen, dann passt dieses Sprich- Wir als Kommission können nur Emp- Freund, sondern ebenfalls ein Gegner.
wort nicht. Ein Handelskrieg zwischen fehlungen aussprechen und koordinieren. Wenn Trump sich beim G-20-Gipfel kom-
den beiden Ländern bleibt für Europa Das tun wir auch: Bis Ende September mende Woche in Japan mit Chinas Prä-
nicht ohne Konsequenzen: Produkte wer- erwarten wir einen Bericht jedes EU-Mit- sident Xi Jinping im Handelsstreit einigen
den teurer, die Märkte reagieren nervös, glieds, wie es die Gefahr für seine Kom- sollte, gerät die EU dann als Nächstes in
Unternehmen verschieben Investitionen. munikationsinfrastruktur einschätzt, die sein Visier?
Es gibt für uns keinen Grund zur Freude. von Huawei ausgeht. Malmström: Ein amerikanischer Präsi-
SPIEGEL: Warum macht die EU mit US- SPIEGEL: Früher zogen die USA mit Pan- dent, der Europa als Gegner sieht –
Präsident Donald Trump nicht gemeinsa- zern in die Schlacht, heute mit Strafzöllen. wir müssen alle immer noch lernen, mit
me Sache gegen China? Ist die EU auf eine derartige Auseinander- dieser Situation umzugehen. Wir hatten
Malmström: Wir sehen mit Blick auf setzung vorbereitet? immer wieder Probleme mit den USA,
China vieles ähnlich wie die USA. Malmström: Präsident Trump bevorzugt im Kern aber war die transatlantische
Wir wehren uns dagegen, dass mit staat- offensichtlich diese Strategie, aber ohne Freundschaft unzerbrechlich. Unter
lichen Subventionen gefütterte Unter- die Welthandelsorganisation WTO liefe Trump scheint das anders zu sein, das
nehmen unsere kreativsten Firmen sie auf das Gesetz des Dschungels hinaus. verstört viele Europäer.
aufkaufen, wir kämpfen gegen den Dieb- Sein Vorgehen sorgt für große Unsicher- SPIEGEL: Sie verhandeln seit Monaten
stahl geistigen Eigentums und für mehr heit auf den Märkten. Dazu kommt, mit Washington, können Sie absehen, ob
Transparenz. Wir arbeiten dabei mit dass manche von Trumps Maßnahmen, Trump im November Strafzölle auf euro-
den USA und auch mit Japan eng zusam- etwa die Strafzölle, die die USA auf päische Autos erheben wird?
men, zum Beispiel, wenn es darum Stahl und Aluminium aus der EU erheben, Malmström: Bislang gibt es keine Anzei-
geht, chinesische Investitionen in unseren gegen die Regeln der WTO verstoßen. chen dafür. Wir teilen jedenfalls nicht die
Ländern besser zu überwachen. Ansicht von US-Präsident Trump, dass
SPIEGEL: Trumps Drohungen mit der Export europäischer Autos die ame-
Strafzöllen wollen Sie sich aber nicht rikanische Sicherheit bedroht. In den
anschließen? USA hängen 420 000 Jobs von Europas
Malmström: Das sind nicht unsere Autoindustrie ab. Sollte Trump mit seiner
Methoden. Die EU ist eine Rechtsgemein- Drohung Ernst machen, sind wir vorbe-
schaft, wir halten uns an internationale reitet. Unsere Liste mit Gegenmaßnah-
Regeln. Trump dagegen droht mit men steht. Aber wir reden weiter – über
massiven Zöllen, um politische Ziele ein Freihandelsabkommen und über die
durchzusetzen. Diesen Ansatz teilen wir Angleichung von Industriestandards.
ausdrücklich nicht. China ist für uns SPIEGEL: Trumps Handelsbeauftragter
ein wirtschaftlicher Rivale, aber kein poli- Robert Lighthizer beklagt, die Europäer
tischer Feind. hätten nicht den »gleichen Grad an
SPIEGEL: Dennoch ist auch die Anspra- Ambition« wie die USA, vor allem bei
che der EU gegenüber den Chinesen der Landwirtschaft.
zuletzt deutlicher geworden, etwa beim Malmström: Ich habe von den EU-Mit-
EU-China-Gipfel im April. Nutzt es gliedern kein Mandat dafür, mit den USA
Ihnen, dass die Chinesen keine zweite über die Senkung unserer Agrarzölle zu
Front im Handelskrieg riskieren wollen? verhandeln. Die USA sind ja auch nicht
Malmström: Wir wollen mit China bereit, über einen verstärkten Zugang
JOHN THYS / AFP / GETTY IMAGES

kooperieren, beim Umweltschutz, in der europäischer Firmen bei öffentlichen Aus-


Wirtschaft. Aber wir geben dabei unsere schreibungen zu sprechen. Unsere Idee
Ansprüche nicht preis, nicht, was die ist, erst einmal ein sehr rudimentäres Frei-
Menschenrechte angeht, und auch sonst handelsabkommen zu verhandeln, um
nicht. Wir wollen chinesische Investitio- Vertrauen aufzubauen. Am Ende könnten
nen, aber wir werden nicht naiv zusehen, wir dann vielleicht sogar erreichen, dass
wie China europäische Schlüsselindus- die USA und die EU gegenseitig alle Zölle
trien aufkauft. auf Autos abschaffen.
SPIEGEL: Muss Europa auch seine Naivi- EU-Kommissarin Malmström Interview: Peter Müller,
tät gegenüber dem chinesischen Internet- »Der Schaden für die US-Wirtschaft ist real« Christian Reiermann

76
539,7
initiierten Handelskriegs noch eher de- 120,1 nung: China ist nicht mit Iran oder auch
fensiv, verschärft China nun seine nur mit Japan zu vergleichen, Ame-
Gangart. Ende Mai kündigte auch Pe- rikas Angstgegner der Achtziger-
king eine schwarze Liste von »un- jahre. Das Handelsvolumen, das
zuverlässigen« ausländischen Fir- die USA und die Sowjetunion
men an und droht den USA zu- einst erzielten, betrug zwei Mil-
dem mit einem Exportstopp für Ungleicher liarden Dollar pro Jahr. Mit Chi-
seltene Erden, unverzichtbare na sind es derzeit zwei Milliar-
Rohstoffe der Hightech-Indus- Warenhandel den Dollar am Tag.
trie. Die staatliche Propaganda USA Exporte 2018, China Sollte der Gipfel in Osaka
bereitet die Bevölkerung auf har- in Milliarden Dollar nicht mit einem Waffenstill-
te Zeiten vor: »Niemand sollte stand enden, hätte das nicht nur
die eiserne Entschlossenheit des Quellen: U. S. Census, Eurostat für Chinesen und Amerikaner
chinesischen Volkes unterschät- schlimme Folgen. Für Deutsch-
zen, einen anhaltenden Krieg zu lands exportorientierte Industrie
kämpfen«, so das Blatt »Qiushi«. ist der chinesische Markt wichtiger
Zugleich passt Peking seine Politik als für die USA. Über 40 Prozent der
,6
der neuen Lage an. Die Führung schwört 407,0 394 deutschen Firmen in China und mehr
Unternehmer, Ingenieure und Wissen- 8 als die Hälfte der Betriebe in den USA
schaftler darauf ein, sich zu wappnen und
268,1
EU 209, spürten schon vergangenen Sommer die
den eigenen Technologiesektor zu stärken. Folgen von Zöllen.
»Der Handelskrieg kommt aus Sicht Europa sitzt in diesem Konflikt zwi-
Chinas zu früh, denn noch gibt es eine Ab- schen den Stühlen. Einerseits betont EU-
hängigkeit von US-Komponenten. Aber abgesenkt – für kanadische Hummer zum Handelskommissarin Cecilia Malmström,
er wird auch als Bestätigung der eigenen Beispiel. am Multilateralismus festhalten zu wollen.
Strategie gesehen«, sagt Max Zenglein Manche Kritik an China sei durchaus »Trumps Ansatz teilen wir ausdrücklich
vom Berliner Mercator Institute for China nachvollziehbar, räumte Xi Jinping beim nicht. China ist für uns ein wirtschaftlicher
Studies (Merics). Vor vier Jahren hatte Seidenstraßen-Gipfel ein, zu dem im Früh- Gegner, aber kein politischer Feind«, sagt
Peking unter dem Namen »Made in China jahr auch mehrere europäische Regierungs- sie (siehe Interview Seite 76).
2025« einen industriepolitischen Master- chefs nach Peking gereist waren. Erste Ver- Andererseits hat die EU China zu einem
plan für zehn Sektoren aufgesetzt, den es änderungen, von denen er dort sprach, »systemischen Rivalen« erklärt. Europäi-
nun gezielt modifiziert: In klassischen sind bereits zu spüren: So darf BMW die sche Hardliner wie der frühere Nato-Ge-
Hightech-Bereichen wie dem Flugzeugbau Mehrheit an seinem chinesischen Joint neralsekretär Anders Fogh Rasmussen plä-
sei die Parteiführung bereit, Lücken in Venture übernehmen, BASF darf ohne ein- dieren dafür, die transatlantische Allianz
Kauf zu nehmen, sagt Zenglein. »Halb- heimischen Partner ein Werk errichten. gegen Peking zu vertiefen. Das EU-Mit-
leiterchips und künstliche Intelligenz wer- Zudem hat Peking zugesagt, Überkapazi- glied Frankreich und das Nochmitglied
den dagegen klar priorisiert.« täten in der Stahlindustrie abzubauen, und Großbritannien unterstützen die USA
Xi Jinpings wichtigster Wirtschafts- eine Beschwerde bei der Welthandelsorga- auch militärisch, indem ihre Seestreitkräfte
berater und Verhandlungsführer Liu He nisation gegen die von der EU verhängten an Patrouillenfahrten im westlichen Pazi-
gewinnt dem sich zuspitzenden Handels- Anti-Dumping-Zölle zurückgezogen. fik teilnehmen.
konflikt sogar einen positiven Effekt für Unter Druck, so die neue Erfahrung Doch ein gemeinsames politisches und
China ab: »Der äußere Druck wird uns der Europäer, bewegt sich China – allein wirtschaftliches Vorgehen gegen China
helfen, Innovation und eigene Entwicklun- schon deshalb, weil es einen Zweifronten- würde voraussetzen, dass Trump Amerikas
gen zu verbessern, uns schneller zu refor- krieg mit Washington und Brüssel vermei- Alliierte respektiert – und am Ende zu sei-
mieren und zu öffnen und unser Wachs- den will. Beim EU-China-Gipfel im April nen Worten steht. Beides ist zweifelhaft.
tum auf eine höhere Qualitätsstufe zu drohten die Europäer, das Abschluss- Trump droht seinen europäischen und asia-
treiben.« In Chinas Internet, lobt die natio- kommuniqué durchfallen zu lassen – auch tischen Bündnispartnern mit den gleichen
nalistische Pekinger »Global Times«, ver- damit hatten sie Erfolg: Am Ende stimm- Mitteln, mit denen er China droht. Und
breite sich gerade ein Zitat »des deutschen ten die Chinesen deutlichen Formulierun- wie er sich im Konflikt mit Peking schließ-
Philosophen Friedrich Nietzsche: ›Was uns gen zu, die der EU nicht nur besseren Zu- lich entscheiden wird, ist selbst nach einem
nicht umbringt, macht uns stärker‹«. gang zum chinesischen Markt verschaffen, Jahr Handelskrieg immer noch offen.
Diesen technologischen Ehrgeiz unter- sondern auch einen Kontrollmechanismus Es wird, wie oft, am Ende davon abhän-
füttert Peking mit einer offensiven Außen- zulassen. gen, wovon Trump sich eine bessere Aus-
politik, indem es bestehende Allianzen Etliche G-20-Staaten teilen Trumps sicht für seine Wiederwahl verspricht: von
stärkt und neue schmiedet, von Russland Vorbehalte gegen China, fürchten aber, einem Abkommen mit seinem ungleichen
über Zentralasien bis in den Nahen Osten. dass sein Handelskrieg genau die Welt- Rivalen Xi Jinping, das er als den »groß-
Xis Reise zum G-20-Gipfel wird allein im wirtschaftsordnung zerstören könnte, die artigsten Deal aller Zeiten« (Trump) ver-
Juni seine vierte sein. Er reist insgesamt Amerika entscheidend mit aufgebaut hat. kaufen kann – oder von einem mächtigen
viel häufiger ins Ausland als alle seine Vor- Es ist schlicht eine Frage der Größenord- Feindbild für den bevorstehenden Wahl-
gänger – und sein Rivale Trump. kampf. Es wäre das mächtigste, das sich
Auch in seiner Wirtschafts- und Han- in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts
delspolitik gegenüber der EU und ande- wohl denken lässt.
ren Staaten scheint Peking beweglicher
Sollte der Gipfel nicht
Matthias Gebauer, Peter Müller,
zu werden. Während China auf Strafzölle mit einem Waffenstill- Marcel Rosenbach, Michael Sauga,
aus den USA bislang stets mit gleicher stand enden, hätte Bernhard Zand
Münze reagierte, hat es Zölle für Ein- Twitter: @bzand
fuhren aus anderen Ländern selektiv das schlimme Folgen.
DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 77
Ausland

»Boris Johnson hat seine


Inkompetenz eindrucksvoll zur
Schau gestellt«
SPIEGEL-Gespräch Schottland würde als eigenständiges Land prosperieren, sagt seine
Regierungschefin. Nicola Sturgeon über linken Nationalismus,
einen No-Deal-Brexit und den Machtkampf um die Nachfolge von Theresa May.

Sturgeon, 48, ist Regierungschefin (First ten als »niederträchtige Rasse« beschrie- dem ein neues schottisches Unabhängig-
Minister) von Schottland und Vorsitzende ben werden, die es auszurotten gelte? keitsreferendum durchführen?
der Scottish National Party (SNP). Mit Sturgeon: Ich habe es gesehen, ja. Und ich Sturgeon: Ich bin sicher, dass es eine zwei-
einer ungewöhnlichen Mischung aus lin- bin gerade erst wieder an seinen Kommen- te Volksabstimmung geben wird. Der Bre-
ker Sozialpolitik, ökologischer Program- tar erinnert worden, dass kein Schotte bri- xit zeigt doch eindrücklich, wie sehr uns
matik und einer nationalistischen, aber tischer Premierminister werden sollte, weil Schottlands Abhängigkeit schadet. 62 Pro-
migrationsfreundlichen Agenda bestimmt uns dazu die politische Eignung fehle. Nun, zent der Schotten haben für einen Verbleib
die SNP seit zwölf Jahren die Geschicke die meisten Schotten halten ihn für voll- in der EU gestimmt, aber das wird bis heu-
Schottlands. 2014 war Sturgeon feder - kommen ungeeignet für das Amt – inso- te ignoriert.
führend an der Vorbereitung eines schot- fern beruht das auf Gegenseitigkeit. SPIEGEL: Das Königreich als Ganzes hat
tischen Unabhängigkeitsreferendums be- SPIEGEL: Johnson behauptet, niemand sei indes knapp für einen Austritt gestimmt.
teiligt, das die Befürworter der Selbststän- besser als er selbst dazu in der Lage, das Sturgeon: Meine Regierung hat schon früh
digkeit mit 45 zu 55 Prozent der Stimmen Vereinigte Königreich zu einen. im Brexit-Prozess Kompromissvorschläge
verloren. Nun kündigt die Juristin aus Sturgeon: In Boris Johnsons politischer gemacht, die den EU-Binnenmarkt und
Glasgow einen weiteren Anlauf spätestens Laufbahn findet sich wirklich keinerlei die Zollunion betrafen. Die Regierung in
in zwei Jahren an. Indiz dafür. Ich bin recht häufig in Europa London hat das beiseitegewischt und dem
und Übersee unterwegs. Und in den ver- schottischen Parlament sogar grundlegen-
SPIEGEL: First Minister, drücken Sie die gangenen Jahren hat der internationale de Befugnisse streitig gemacht. Gleichzei-
Daumen, dass Boris Johnson demnächst Ruf des Vereinigten Königreichs enormen tig wurde Irland von der EU vollkommen
in 10 Downing Street einzieht? Schaden genommen. Der Hauptgrund da- anders behandelt, nämlich verständnisvoll
Sturgeon: Nein. Boris Johnson als nächs- für ist sicher der Brexit. Aber knapp da- und solidarisch. Als unabhängiger Staat
ter Premierminister Großbritanniens ist hinter kommt schon Boris Johnson, der innerhalb der EU hat Irland sehr viel mehr
eine Horrorvorstellung, ganz sicher für vor allem in seiner Zeit als Außenminister Macht und Einfluss. Das haben die Schot-
viele hier in Schottland, aber ich vermute seine Inkompetenz und seine mangelnde ten sehr wohl zur Kenntnis genommen.
auch für zahllose andere Menschen im Redlichkeit eindrucksvoll zur Schau ge- SPIEGEL: Was, wenn London Ihnen die
gesamten Vereinigten Königreich. stellt hat. Seine Karriere ist gepflastert mit Erlaubnis für ein erneutes Referendum ver-
SPIEGEL: Johnson scheint gewillt zu einem vorsätzlichen Versuchen, bestimmte Men- weigert? Würden Sie wie Katalonien trotz-
vertragslosen Bruch mit der EU, dem schen unnötig herabzuwürdigen, um sich dem abstimmen lassen?
sogenannten No Deal. Und glaubt man anderen anzudienen. Er hat Schwule be- Sturgeon: Wir haben damit begonnen,
Umfragen, würde ein No Deal schottische leidigt. Er hat muslimische Frauen lächer- die gesetzlichen Voraussetzungen für ein
Unabhängigkeitsbestrebungen beflügeln. lich gemacht. Die meisten dürften Schwie- Referendum zu schaffen. Es ergibt zurzeit
Ist das nicht genau das, was Sie wollen? rigkeiten haben, sich vorzustellen, wie so wenig Sinn, mit der Regierung in London
Sturgeon: Ich habe dem Vereinigten Kö- jemand als Premierminister Menschen mit- darüber zu diskutieren, dafür herrscht dort
nigreich noch nie Schlechtes gewünscht, einander versöhnen will. zu großes Chaos.
damit unser Verlangen nach Unabhängig- SPIEGEL: Wie wird der Brexit-Schlamassel SPIEGEL: Die Kandidaten für Theresa
keit in Erfüllung geht. Ich wollte und will, Ihrer Ansicht nach enden? Mays Nachfolge haben gesagt, sie würden
dass wir diesen Kampf mit positiven Ar- Sturgeon: Ich würde sagen, seit den Euro- den Schotten die Zustimmung verweigern.
gumenten für Schottland gewinnen. Wenn pawahlen und Theresa Mays Rücktritt sind Sturgeon: Diese Leute haben aber auch
es nach mir ginge, sollte es keinen Brexit zwei Dinge wahrscheinlicher geworden. versprochen, die Europäische Union spä-
geben. Aber natürlich wird er, wenn er Zum einen ein zweites Referendum, mit testens am 29. März zu verlassen. Ich will
denn kommt, unsere Unabhängigkeits- dem der Brexit rückgängig gemacht wer- nicht zu flapsig wirken, aber mir scheint,
bewegung stärken, vor allem wenn Boris den könnte. Zum anderen ein No-Deal- diesen Tory-Politikern sollte man momen-
Johnson Premierminister werden sollte. Brexit. Menschen wie ich arbeiten daran, tan nicht allzu viel Glauben schenken.
SPIEGEL: Haben Sie das Gedicht gelesen, dass es auf Ersteres hinausläuft. SPIEGEL: Noch mal, würden Sie Ihre
das Johnson vor Jahren als Chefredakteur SPIEGEL: Nehmen wir an, der Brexit wird Landsleute selbst dann zur Wahl rufen,
des »Spectator« drucken ließ, in dem Schot- wieder abgesagt. Wollen Sie dann trotz- wenn London Nein sagt?

78 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


SOPHIE GERRARD / DER SPIEGEL

Unabhängigkeitskämpferin Sturgeon: »Man sollte den Menschen die Wahrheit sagen«

79
Ausland

Sturgeon: Man sollte sehr genau betrach- Sturgeon: Wir würden so vorgehen wie reich an Vorzügen wie guter Erziehung.
ten, wie illegitim und undemokratisch ein schon während des ersten Unabhängig- Wir werden prosperieren.
solches Nein wäre. Ich bin 2016 als Regie- keitsreferendums 2014, als die Schotten SPIEGEL: Das schottische Haushaltsdefizit
rungschefin Schottlands zur Wiederwahl sehr genau wussten, worum es geht. Wir liegt derzeit bei rund 13 Milliarden Pfund,
angetreten. Unser Wahlversprechen war, reden darüber heute ein bisschen scherz- fast dreimal so hoch, wie die EU erlaubt.
dass wir ein Unabhängigkeitsreferendum haft, aber damals debattierten Menschen Gibt es aus Brüssel irgendwelche Finger-
durchführen werden, sollte Schottland aus an Straßenecken über die Refinanzierung zeige, dass man für Schottland eine Aus-
der EU geführt werden. Auf dieser Basis von Krediten oder makroökonomische nahme machen würde?
habe ich die Wahl gewonnen, und für diese Politikansätze. Eine besser informierte Sturgeon: Ich setze mich hier nicht hin
Haltung haben wir eine Mehrheit im schot- Bevölkerung gab es nirgendwo auf dem und behaupte, dass wir kein Defizit erben
tischen Parlament. Boris Johnson oder Je- Planeten. Vergleichen Sie das bitte mit den würden. Aber die Zahlen, mit denen Sie
remy Hunt würden sich auf problemati- Lügen, welche die Brexiteers auf die Au- operieren, sind runtergerechnet vom Ge-
sches Terrain begeben, wenn sie sagten: ßenwände von Bussen gepinselt haben. samtdefizit des Vereinigten Königreichs.
Sorry, liebe Schotten, aber wir erlauben SPIEGEL: Die Volksabstimmung haben Sie Ich glaube nicht, dass das ein Hindernis
euch keine eigene Entscheidung. damals trotzdem verloren. auf dem Weg zur Unabhängigkeit wäre.
SPIEGEL: Wird es das Referendum, wie Sturgeon: Zugegeben, viele derer, die da- Sämtliche Gespräche, die ich vor allem seit
von Ihnen angekündigt, definitiv vor Ende mals gegen die Unabhängigkeit stimmten, dem Brexit-Votum in der EU geführt habe,
der Wahlperiode im Mai 2021 geben? wurden irregeleitet. Man sagte ihnen lassen mich glauben, dass wir mit offenen
Sturgeon: Das ist meine Absicht. Tory- »Stimmt mit Nein, und sichert euren Platz Armen empfangen würden.
Politiker mögen das Gegenteil behaupten. in der EU«, was gelogen war. Aber wer SPIEGEL: Besorgt Sie der Vormarsch natio-
Aber: Es ist nicht an mir oder an ihnen, mit Ja stimmte, wusste genau, was er tat. nalistischer Kräfte in Europa?
das letztlich zu entscheiden – es ist eine Sturgeon: Der Vormarsch der Rechten
Sache des schottischen Volkes. macht mir Sorgen, ja. Ich tue mich schwer
SPIEGEL: Ein schottisches Plebiszit, gefolgt mit dem Begriff Nationalismus, weil Sie
womöglich von einer Abstimmung über mich mit gutem Grund Nationalistin nen-
die irische Wiedervereinigung, könnte das nen könnten.
Vereinigte Königreich zerstören. Würden SPIEGEL: Ist es nicht widersprüchlich,

SOPHIE GERRARD / DER SPIEGEL


Sie das bedauern? links und nationalistisch zu sein?
Sturgeon: Nächste Woche bin ich, wie Sturgeon: Meine Partei ist die migrations-
zweimal im Jahr, beim Britisch-Irischen freundlichste im Vereinigten Königreich
Rat. Dort sitze ich zusammen mit Vertre- und eine der offensten in ganz Europa.
tern zweier unabhängiger Regierungen, Aber unserer Bewegung geht es um Auto-
der irischen und der britischen. Außerdem nomie. Ich will, dass wir uns wie Deutsch-
sind neben Schottland noch Wales, nor- land und Frankreich selbst verwalten kön-
malerweise auch Nordirland sowie die Sturgeon, SPIEGEL-Redakteur* nen. Von daher benutzen wir den Begriff
Kronbesitztümer Guernsey, Jersey und die »Man könnte mich Nationalistin nennen« Nationalismus in einem anderen Kontext.
Isle of Man vertreten. Sollte Schottland Schottland soll eine größere und konstruk-
unabhängig und Irland vereinigt sein, wür- SPIEGEL: England ist Schottlands wichtigs- tivere Rolle spielen, um mit anderen Na-
den wir auch künftig als Vertreter der bri- ter Handelspartner. Plötzlich wäre da eine tionen Antworten auf den Klimawandel
tischen Inseln an diesem Tisch sitzen. Wir harte Grenze. oder die Flüchtlingskrise zu finden.
müssen nicht vereinigt sein, um konstruk- Sturgeon: Ich will keine Grenze zwischen SPIEGEL: Das dezentralisierte schottische
tiv miteinander zu arbeiten. Schottland und England. Parlament hat im Mai seinen 20. Geburts-
SPIEGEL: Sie säßen dann mit einem wo- SPIEGEL: Wenn Sie in der EU blieben und tag gefeiert. Sie waren von Anfang an
möglich stark nationalistischen Kleinbri- die anderen nicht, müsste es eine geben. dabei. Was treibt Sie persönlich an?
tannien an einem Tisch. Sturgeon: Mal abwarten, wie genau das Sturgeon: Ich war 16, als ich der SNP bei-
Sturgeon: Darauf hätten wir dann keinen Verhältnis zwischen der EU und dem Rest getreten bin. Ich wuchs in einem Schott-
Einfluss mehr. Aber wäre Schottland un- des Vereinigten Königreichs am Ende aus- land auf, das von Margaret Thatcher re-
abhängig, säßen wir dort als unser eigener sehen wird. Ich werde immer dafür wer- giert wurde. Sie hat mit ihrer Politik den
Herr. Momentan werden uns von einem ben, dass es so eng wie möglich bleibt. Ich Kern Schottlands beschädigt, dabei hatte
inakzeptablen Westminister-System Ent- bin jedenfalls nicht diejenige, die das Risi- die große Mehrheit der Schotten sie nicht
scheidungen aufgezwungen. ko von Grenzen erhöht – das sind diejeni- mal gewählt. Wegen dieses demokrati-
SPIEGEL: Der Brexit zeigt, wie schwierig gen, die das Königreich aus der EU, dem schen Defizits wurde ich zu einer Streiterin
es für ein Land ist, sich aus einem langjäh- Binnenmarkt und der Zollunion reißen für die Unabhängigkeit. Wenn man es ge-
rigen Staatenverbund zu lösen. Kämen auf wollen. Eine Grenze zwischen einem un- nau bedenkt, sind wir heute noch immer
Schottland nicht ähnliche Probleme zu? abhängigen Schottland und England ist ge- in einer ähnlichen Lage.
Sturgeon: Diese Annahme halte ich für nauso unnötig wie eine Grenze zwischen SPIEGEL: Würden Sie sich als gescheitert
falsch. Der Brexit hat gezeigt, wie schwie- Frankreich und Deutschland. bezeichnen, wenn es nicht gelänge, Schott-
rig es wird, wenn man Menschen nicht von SPIEGEL: Wie würde Schottland allein land in die Unabhängigkeit zu führen?
Anfang an die Wahrheit sagt, man keinen überleben? Nordseeöl und -gas gehen zur Sturgeon: So würde ich es lieber nicht be-
Plan hat und rote Linien zieht, die nichts Neige, und man kann eine Volkswirtschaft schreiben. Wenn wir in vielen Jahren auf
mit der Realität zu tun haben. Ich lehne nicht nur mit Fisch, Whisky und Tourismus die jetzige Phase zurückblicken, können
den Brexit ab, aber zum jetzigen Irrsinn über Wasser halten. Sie mir die Frage noch einmal stellen. Bis
hätte er nicht zwangsläufig führen müssen. Sturgeon: Sie sollten die Fundamente der dahin versuche ich mich auf das zu kon-
SPIEGEL: Was lässt Sie glauben, dass Sie schottischen Wirtschaft noch etwas gründ- zentrieren, wofür ich gewählt wurde.
es einfacher haben werden? licher studieren. Schottland hat mehr na- SPIEGEL: First Minister, wir danken Ihnen
türliche Ressourcen als die meisten ande- für dieses Gespräch.
* Jörg Schindler in Edinburgh. ren Länder, es ist reich an Menschen und

80 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


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Nur schlechte Optionen


men gegen Iran fordern. Sicherheitsbera-
ter John Bolton und Außenminister Mike
Pompeo hatten Teheran mehrfach mehr
oder weniger unverhohlen mit Krieg ge-
Iran Der Abschuss einer US-Drohne durch Teheran droht. Bolton war schon vor seiner Beru-
fung ins Weiße Haus ein glühender Ver-
katapultiert den Konflikt in eine neue Dimension. Droht der fechter eines Regimewechsels.
Region ein neuer Krieg? Trump dagegen hat immer wieder klar-
gemacht, dass er keinen Krieg will, son-
dern nur einen »besseren« Deal als das

E s war am späten Mittwochabend, ir-


gendwo über der Straße von Hor-
mus, als die Flugabwehr der irani-
schen Revolutionswächter ein unbemann-
bemüht, die Krise mit Iran einzudämmen.
Noch am Montag sagte er, der Angriff auf
zwei Tanker nahe der Straße von Hormus
vergangene Woche, den das US-Verteidi-
Abkommen, das die Europäer, China,
Russland und die USA unter Barack
Obama mit Iran ausgehandelt hatten. Der
Präsident will Iran dazu zwingen, sein
tes Flugobjekt ins Visier nahm. Es handelte gungsministerium Iran zugeschrieben hat- Raketenprogramm einzuschränken und
sich um eine Drohne vom Typ »Global te, sei nur eine »sehr geringe Sache« ge- sich aus den regionalen Kriegen zurück-
Hawk«, Millionen Dollar teuer, eine wesen. Und als er gefragt wurde, unter zuziehen.
schwere Maschine, die zu Aufklärungsflü- welchen Umständen er gegen Iran Krieg Wollte Trump wirklich einen Krieg
gen in der Region aufgebrochen war. Das führen würde, sagte er: »Sicherlich wegen gegen Iran anzetteln, hätte er genügend
US-Militär sagt, die Drohne habe sich über nuklearer Waffen«, ansonsten würde er Gründe finden können. Immer wieder wa-
internationalen Gewässern aufgehalten. aber »ein Fragezeichen« setzen. ren US-Soldaten oder Militärbasen in der
Teheran behauptet, sie sei in iranisches Dazu passt ein Bericht der Nachrichten- Region Ziel von Angriffen, die die USA
Hoheitsgebiet eingedrungen. Gegen 23.35 seite »The Daily Beast« vom Mittwoch. Da- auf Teheran zurückführen.
Uhr schoss eine Flugabwehrrakete der rin hieß es, der Präsident habe seine Bera- So schlugen spätabends am 14. Juni auf
Revolutionswächter die Drohne vom ter angewiesen, ihre Rhetorik zu zügeln. dem Gelände der Luftwaffenbasis Balad
Himmel. Am Donnerstagmorgen brüsteten sich nördlich von Bagdad drei Mörsergranaten
Seit Monaten wird der Streit zwischen die iranischen Revolutionswächter mit ein, wie das irakische Militär mitteilte. Auf
den Vereinigten Staaten und Iran immer dem Abschuss der Drohne. Der Komman- dem weitläufigen Gelände, auf dem auch
hitziger; der bewusste, gezielte Abschuss deur der Revolutionswächter, Hossein Sa- US-Militärtrainer stationiert sind, seien
einer US-Militärdrohne fügt dem Konflikt lami, sagte laut iranischem Staatsfernse- einige Büsche in Brand geraten. Washing-
nun eine neue, riskante Dimension hinzu. hen: »Der Abschuss der US-Drohne war ton wertete den Angriff nicht als Anschlag
Die Regierung von Donald Trump hat eine klare Botschaft an Amerika. Unsere auf die nationale Sicherheit – sondern
Sanktionen gegen das Regime in Teheran Grenzen sind Irans rote Linie, und wir wer- ignorierte ihn wie ein Buschfeuer.
durchgesetzt, die iranische Führung um Prä- den auf jede Aggression stark reagieren. Am nächsten Tag wurde bekannt, dass
sident Hassan Rohani drohte damit, die An- Iran will keinen Krieg mit einem anderen Trumps Kabinett dem Irak gerade die drit-
reicherung von Uran hochzufahren, und Land, aber wir sind ganz und gar in der te Ausnahmegenehmigung in Folge erteil-
auf diese Weise gegen das Atomabkommen Lage, Iran zu verteidigen.« te, Erdgas und Strom aus Iran zu impor-
zu verstoßen. Bislang waren die Auseinan- Die Aktion bestätigt jene Hardliner in tieren. Eigentlich bildet das im November
dersetzungen weitgehend auf rhetorische der US-Regierung, die härtere Maßnah- einseitig von Washington verhängte Em-
Gefechte begrenzt. Das hat sich nun ge-
ändert. Am Donnerstag schrieb Donald
Trump auf Twitter: »Iran hat einen sehr
schweren Fehler begangen.« Das klang
nach Krieg. Kurz darauf ruderte er zurück.
Möglicherweise sei der Anschlag von einem
Offizier ohne Einverständnis Teherans ver-
übt worden, sagte er. »Jemand war dumm.«
Trump hat nur schlechte Optionen: Er
könnte, erstens, gar nichts tun und abwar-
ten – was Teheran signalisieren würde, dass
man das US-Militär ungestraft angreifen
kann. Zweitens könnte Trump die Sanktio-
nen, die Iran ohnehin schon lähmen, weiter
verschärfen, was aus Sicht mancher Hard-
liner in Washington möglicherweise nicht
genügen würde. Oder er könnte, drittens,
den Befehl erteilen, militärisch gegen Iran
zurückzuschlagen – und damit einen Flä-
chenbrand im Nahen Osten riskieren.
Letzteres ist die unwahrscheinlichste
U.S. AIR FORCE / REUTERS

Option, aber in konservativen Washing-


toner Kreisen war nach dem Drohnenab-
schuss die vorherrschende Meinung: Das
könnten sich die USA nicht bieten lassen.
Dabei hatte es zuletzt eher nach vor-
sichtiger Entspannung ausgesehen. Nach
Wochen der Kriegsrhetorik schien Trump US-Drohne »Global Hawk«: »Jemand war dumm«

82 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


bargo gegen Irans Öl- und Gasexporte das sprang um 2 Dollar auf knapp 65 Dollar
Herzstück des amerikanischen Vorhabens, pro Barrel.
Irans Führung in die Knie zu zwingen. Schon vor dem Drohnenabschuss hat-
Aber der Irak ist, trotz reicher Ölvorkom- ten sich nach Angaben von »Lloyd’s List«,
men, außerstande, die eigene Bevölkerung dem Fachportal für »Maritime Intel-
im Sommer mit genügend Energie zu ver- ligence«, die Versicherungsprämien für
sorgen. Um Massenproteste wie im die Tankerpassage verzehnfacht. Waren-

VAHID SALEMI / AP
vergangenen Sommer zu verhindern, im- terminspekulanten dürften auf steigende
portiert der Irak derzeit täglich bis zu Preise wetten. In Form höherer Benzin-
28 Millionen Kubikmeter Gas und 1300 preise könnte das schließlich auch Trumps
Megawatt Strom aus Iran – nun weiterhin Wähler treffen.
mit dem Segen Washingtons. Revolutionswächter Salami Vergleicht man die Machart der Atta-
Die Iraner verfolgen seit Wochen eine »Wir werden auf Aggression reagieren« cken, so fällt noch eine zweite Gemein-
Strategie: Indem sie sich in der Region als samkeit auf: Alle verursachten wenig Scha-
destabilisierender Faktor präsentieren, die Quartiere der Ölförderanlagen bei Bas- den. Die Raketen und Granaten im Irak
scheinen sie einerseits die USA provozie- ra hat sich niemand bekannt. schlugen jeweils nachts auf offenem Feld
ren – und gleichzeitig ein Signal an den Im Fall der Tankeranschläge am 13. Juni ein. Auf dem Areal von Ölfirmen nahe
Rest der Welt senden zu wollen. Dass man hat das Pentagon zwar Indizien gegen Basra, wie ExxonMobil, wurden drei ira-
sich in der Vergangenheit zurückgehalten Irans Revolutionswächter vorgelegt: Auf- kische Arbeiter verletzt. Bei den Schiffs-
habe, jetzt aber durchaus in der Lage sei, nahmen, auf denen angeblich Revolutions- attacken war die Dosierung noch augen-
allen das Leben schwer zu machen. wächter von einem ihrer Schnellboote aus fälliger: Kein Schiff sank, keine Ladung
Der Abschuss der Drohne ist auch des- eine nicht explodierte Haftmine vom fing komplett Feuer.
halb eine neue Stufe, weil die bisherigen Rumpf des angegriffenen Schiffes »Koku- Die Botschaft dieser Kombination aus
Aktionen Irans in der Region dem Regime ka Courageous« entfernen. Angriffen und Zurückhaltung: Es könnte
nicht eindeutig zuzuordnen waren. Es gibt Allein: Als Beweis war das anderen sehr leicht sehr viel schlimmer kommen.
im Englischen einen schönen Begriff aus Staaten bis auf Großbritannien, Israel und Der deutsche Iran-Experte Adnan Ta-
der Grauzone politisch-militärischer Kon- Saudi-Arabien zu wenig, zumal niemand batabai ist der Ansicht, dass Teheran er-
flikte, der es nie so recht ins Deutsche ge- eine Eskalation will und Irans Führung um- kannt habe, dass es über kurz oder lang
schafft hat, obwohl er von entscheidender gehend dementierte. direkte, bilaterale Gespräche mit den Ame-
Bedeutung sein kann: »plausible deniabi- Ein Bekenntnis ist auch gar nicht nötig, rikanern werde führen müssen – und zwar
lity«, die glaubhafte Abstreitbarkeit einer um den mutmaßlich beabsichtigten Effekt diesmal ohne Europa. »Um diese Gesprä-
Tat. Wenn man den Gegner gern treffen, zu erzielen: einen Anstieg der Erdölpreise. che mit Washington aus einer Position der
aber nicht die Konsequenzen des Angriffs Etwa 20 Prozent der weltweiten Exporte Stärke führen zu können, verspürt die
tragen möchte. gehen durch den Golf und die Straße von Islamische Republik die Notwendigkeit,
Genau dieses Prinzip schien Iran zu ver- Hormus. Schon die Gefahr einer Schlie- ausreichend Verhandlungsmasse zu akku-
folgen: Zu den Angriffen auf die Umge- ßung macht die Märkte nervös. Es braucht mulieren«, sagt Tabatabai. »Diese dürfte
bung der US-Botschaft in Bagdad, auf die nicht viel, wie sich am Donnerstagmorgen sich aus der Gesamtheit der iranischen Mit-
Luftwaffenbasis nördlich davon, auf die nach Bekanntwerden des Drohnen- tel der Abschreckung zusammensetzen:
Tanker im Golf von Oman und zuletzt auf abschusses zeigte: Der Rohölpreis Brent dem Einfluss auf die Nachbarregion, der
Wiederaufnahme des Nuklearprogramms
sowie der Ausweitung des Raketen- und
Drohnenprogramms.«
Es bleibt ein riskantes Spiel – sowohl
vonseiten Irans als auch der USA. Denn
zwar stimmt es: Keiner will den Krieg. Das
sagen alle, auch Trump und die hartleibigs-
ten schiitischen Milizführer im Irak, Liba-
non, die Kommandeure der iranischen
Revolutionswächter, Irans Präsident und
die Europäer sowieso. Doch jenseits dieses
Minimalkonsenses agieren Trumps Regie-
rung, die Iraner und ihre Satellitenmilizen
nach einer je eigenen Kosten-Nutzen-
Rechnung.
Trump hat mit seinen extremen Sank-
tionen Iran wirtschaftlich dermaßen abge-
schnürt, dass Teheran unter Zugzwang ist:
Ölexport und Deviseneinnahmen sind zu-
US DEPARTMENT OF DEFENSE / DPA

sammengebrochen, die Autoproduktion


liegt danieder.
Zugleich hat sich Trump mit all seinen
Kriegsdrohungen in eine Sackgasse getwit-
tert: Wenn Iran nicht nachgibt, forciert
Trump entweder einen Krieg oder steht
als Papiertiger da.
Christoph Reuter, Christoph Scheuermann
Aufnahme angeblicher Haftminenentfernung von »Kokuka Courageous«: Riskantes Spiel

83
Ausland

Dokument von Versailles

»Stunde der
Abrechnung«
Geschichte Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Versailles
unterzeichnet. Eine neue Weltordnung sollte entstehen,
doch die Friedensmacher weckten zu hohe Erwartungen. Die
Vereinbarung spielte den Faschisten in die Hände und führte
zu Konflikten, die bis heute andauern. Von Dirk Kurbjuweit

A
ls der amerikanische Präsident chisch-ungarische Kaiserreich, das russische
Woodrow Wilson am 13. Dezem- Zarenreich, das Reich des osmanischen
ber 1918 nach einer neuntägigen Sultans. Neue Staaten entstanden schneller,
Schiffsreise in Brest an Land ging als man Landkarten ändern konnte, Polen,
und in einem Cabriolet durch die Stadt Jugoslawien, die Tschechoslowakei.
fuhr, empfingen ihn französische und Nach ihrer bis dahin größten Katastrophe
amerikanische Soldaten freudig. Sie riefen brauchte die Welt eine neue Ordnung, und
»Vive l’Amérique!« und »Vive Wilson!«. der Mann, der sie schaffen sollte, war Wood- Delegierte im Spiegelsaal von Versailles bei
Es lebe Amerika, es lebe Wilson. Am row Wilson. Einen Monat nach Kriegsende
nächsten Tag in Paris war seine Ankunft kam er nach Paris, um an der größten Frie-
»spektakulär«, schreibt sein Biograf John denskonferenz aller Zeiten teilzunehmen. schichte der Pariser Friedenskonferenz er-
Milton Cooper, Jr. »Horden jubelnder Ein halbes Jahr später, am 28. Juni 1919, vor zählt deshalb viel über eines der wesentli-
Menschen füllten die Bürgersteige und hin- 100 Jahren, wurde der Vertrag von Ver- chen Spannungsfelder der Politik, das Ver-
gen aus jedem Fenster.« sailles unterzeichnet. Ihm folgten vier wei- hältnis von Erwartungen und Möglichkei-
Ein Vertrauter Wilsons notierte in sei- tere Verträge mit den Verlierern des Ersten ten. Es geht hier meist um eine Subtraktion:
nem Tagebuch: »Die Franzosen glauben, Weltkriegs, mit Österreich, mit Ungarn, mit Zieht man die Möglichkeiten von den Er-
dass er mit einem Hauch von Zauberei den Bulgarien, mit dem Osmanischen Reich. wartungen ab, bleibt als Rest die Frustration.
Tag der politischen und industriellen Ge- Bei seiner Ankunft in Europa galt Und Paris habe mit »globalen Erwartungs-
rechtigkeit herbeiführen kann. Wird er Wilson als eine ähnliche Lichtgestalt wie überschüssen« begonnen, sagt der Freibur-
das? Kann er das?« 90 Jahre später Barack Obama, dem vor ger Historiker Jörn Leonhard, der das Buch
Auch die Deutschen hofften damals auf Amtsantritt zugetraut wurde, die Welt bes- »Der überforderte Frieden« geschrieben hat.
den US-Präsidenten, zudem die Ungarn, ser und vor allem friedlicher zu machen. Die Aufgabe: die Deutschen so mit Re-
die Italiener, die Chinesen, die Afrikaner In Berlin hörten Obama 200 000 Leute bei parationen und Rüstungsbeschränkungen
in den Kolonien. Es war eine Stunde null einer Rede zu, er konnte sich mit dem Frie- einhegen, dass sie nie wieder ihre Nach-
der Weltgeschichte, der Erste Weltkrieg war densnobelpreis schmücken, bevor er wirk- barn überfallen können. Nach dem Zusam-
vorbei, die Menschen betrauerten 15 Mil- lich etwas für den Frieden geleistet hatte. menbruch der vier Reiche viele Grenzen
lionen Tote, vier Reiche waren zusammen- Wer am Start von so viel Euphorie emp- in Europa neu ziehen. Das deutsche Kolo-
gebrochen, das deutsche und das österrei- fangen wird, kann nur enttäuschen. Die Ge- nialreich aufteilen. Den Völkerbund schaf-

84 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


ROGER-VIOLLET / ULLSTEIN BILD (L.); M. S. LENTZ / GETTY IMAGES (R.)
Vertragsunterzeichnung am 28. Juni 1919: »Wir sind geneigt, Ihnen Frieden zu gewähren«

fen, ein multilaterales Gremium, das den ar 1919 62 Jahre alt. Er stammte aus den Friedenskonferenz verlor er regelmäßig die
Frieden in aller Welt sichern könnte. Südstaaten und gehörte der Demokrati- Fassung.« Ein Wangenzucken wurde im
Die Erwartungen: Im Januar 1918, wäh- schen Partei an. Die kanadische Historikerin Laufe der Konferenz stärker.
rend des Ersten Weltkriegs, hatte Wilson Margaret MacMillan schreibt in ihrem Buch Zu den großen drei von Paris zählten
seine berühmten 14 Punkte für die neue »Die Friedensmacher«: »In der Öffentlich- zudem der britische Premierminister
Weltordnung verkündet. Vor allem die keit benahm sich Wilson steif und förmlich, David Lloyd George und der französische
Aussicht, über ihr Schicksal selbst bestim- aber im Umgang mit seinen Vertrauten war Ministerpräsident Georges Clemenceau.
men zu können, elektrisierte die Völker. er charmant und sogar zu Scherzen auf- Sie trafen die wichtigen Entscheidungen.
Der Präsident versprach zudem Transpa- gelegt. Besonders wohl fühlte er sich bei Meistens präsent, aber weniger einfluss-
renz, Friedenssicherung und Abrüstung. Frauen. Für gewöhnlich hatte er sich voll- reich war die Siegermacht Italien.
Die Deutschen wollten einen milden kommen unter Kontrolle, aber während der Deutsche zählten nicht zu den Akteu-
Friedensvertrag, andere Völker hofften auf ren. Es war die Eigenart und wohl auch
einen eigenen Staat oder territoriale Zu- ein Problem dieser Konferenz, dass die
gewinne, Frauen und Afroamerikaner auf Es verhandelten nur die Sieger untereinander verhandelten, nicht
mehr Rechte, die Japaner auf eine Gleich- Sieger. Den Verlierern mit den Verlierern. Denen wurden fertige
berechtigung aller »Rassen«. Vertragsentwürfe hingeknallt.
Die Akteure: Woodrow Wilson war zu
wurden fertige Verträge Die Atmosphäre: Beim Wiener Kon-
Beginn der Pariser Konferenz am 18. Janu- hingeknallt. gress, der 1814/15 nach einer europäischen

85
Bei den Reparationen spürten Clemen-
ceau und Lloyd George den Druck der
Öffentlichkeit in ihren Heimatländern be-
sonders stark. In Großbritannien wurde
gefordert, die Deutschen auszupressen,
»dass die Schwarte kracht«.
Die Unterkommissionen verhandelten
Tag und Nacht, werteten Belege für Kriegs-
schäden aus, rechneten, verwarfen, rech-
neten neu. »Sie spielen mit Milliarden wie
Kinder mit Holzbauklötzen«, schrieb ein
Journalist. Die Briten errechneten als

ARCHIVE PHOTOS / GETTY IMAGES


Gesamtzahlung 120 Milliarden Dollar,
die Franzosen 220 Milliarden, die Ameri-
kaner 22 Milliarden. Der Ökonom John
Maynard Keynes, der zur britischen Dele-
gation gehörte, hielt 10 Milliarden Dollar
für das Maximum: Mehr würde Deutsch-
land ruinieren.
Pariser Bürger bei US-Präsident Wilsons Ankunft*: »Enden Sie mit dem rosa Nachthemd« Ein dritter Komplex waren Strafen für
Kriegsverbrecher und die Schuldigen am
Krieg, darunter der deutsche Kaiser Wil-
Friedensordnung suchte, hatte man gern dachte man bei demografischen Zahlen helm II. sowie die Heeresführer Paul von
getanzt und sich mit Mätressen vergnügt. vor allem an künftige Soldaten. Hindenburg und Erich Ludendorff. Als
Die waren angeblich oft Agentinnen und Clemenceau forderte harsche Repara- Lloyd George erwog, den ehemaligen
sollen morgens weitergeplaudert haben, tionen und wollte den Rhein zur deutschen Kaiser auf eine Insel zu verbannen, sagte
was sie ihren Liebhabern nachts entlockt Westgrenze machen. Das passte Lloyd Wilson: »Schicken Sie ihn bitte nicht auf
hatten. Daraus zogen die Briten die Kon- George nicht, auch weil den Briten nicht die Bermudas. Da will ich selbst hin.«
sequenz, dass im Majestic, dem größten an einer Supermacht Frankreich auf dem Die großen drei und der italienische Mi-
Hotel der britischen Delegation, keine Kontinent gelegen war. Sie zogen ein gut nisterpräsident Vittorio Orlando trafen
Frauen übernachten durften. Tanzen hin- austariertes Kräfteverhältnis vor. Die Ame- sich nahezu täglich, meistens in Wilsons
gegen war erlaubt. Nachdem der franzö- rikaner standen auf ihrer Seite. Wilson Arbeitszimmer im Palais Murat, manch-
sische Oberbefehlshaber Ferdinand Foch musste sich von Clemenceau den Vorwurf mal im französischen Kriegsministerium.
einen Ball im Majestic besucht hatte, stell- anhören, »deutschfreundlich« zu sein. Oft waren noch andere Delegierte dabei,
te er die interessante Frage: »Warum ha- Um die Franzosen zu beruhigen, stellte sie arbeiteten nicht ein Land ab, um sich
ben Briten so traurige Gesichter und so ihnen Lloyd George einen Tunnel unter dann dem nächsten zu widmen, sondern
fröhliche Hintern?« dem Ärmelkanal in Aussicht, um schneller mussten in ihrer Aufmerksamkeit hin und
Neu war die Rolle der Öffentlichkeit. Truppen schicken zu können, falls die her springen. Oft saßen sie über Karten
Anders als in Wien berichtete ein Heer Deutschen noch einmal angreifen würden. gebeugt, manchmal auf dem Fußboden,
von Journalisten über den Stand der Ver- Erst 70 Jahre später wurde er gebaut. und grübelten darüber, wie neue Grenzen
handlungen. Das machte die Stimmung
nervöser, fiebriger. Der Marburger Histo-
riker Eckart Conze schreibt in seinem
Buch »Die große Illusion«: »Zur ›neuen Der Zerfall der Imperien
Diplomatie‹, die in Paris von vielen be-
schworen wurde, gehörte auch dieses per- Grenzen 1914
manente öffentliche, mediale Interesse,
Mittelmächte
dem sich die Akteure kaum entziehen und Verbündete GROSS-
konnten. In allem, was sie taten oder BRITANNIEN RUSSISCHES
unterließen, standen sie unter Erklärungs- Entente-Mächte DEUTSCHES REICH
und Verbündete REICH
und Rechtfertigungsdruck, und die meis- BELGIEN
ten Pressevertreter waren ja nicht neutrale neutrale
Staaten
Beobachter, sondern verfolgten mit ihren
Blättern und entsprechend deren politi- FRANKREICH ÖSTERREICH-
UNGARN
scher Ausrichtung bestimmte Interessen
mit dem Ziel, auf das Konferenzgeschehen RUMÄNIEN
einzuwirken.« PORTU- SER-
Die großen drei waren sich einig, dass GAL MONTE- BIEN BULGARIEN
NEGRO
die Deutschen und ihre Verbündeten die
Schuld am Krieg trugen. Ansonsten wurde OSMANISCHES
REICH
viel gestritten. Vor allem die Franzosen ITALIEN
wollten die Deutschen kleinhalten. Große Algerien GRIECHENLAND
Gebiete im Osten ihres Landes waren ver- (Teil Frankreichs)
heert, und die höhere Geburtenrate in
Deutschland machte ihnen Angst. Damals
Libyen Ägypten
Französisch-Nordafrika (italienisch) (britisch)
* Im Dezember 1918.

86
verlaufen sollten. Sie wurden keine Freun-
de, feindeten sich aber nur selten an. Cle-
menceau, schreibt MacMillan, »sprach sel-
tener als Lloyd George und Wilson, doch
wenn er sprach, dann leidenschaftlicher
als Letzterer und logischer als Ersterer«.
Die Konferenz wurde ständig gestört,
durch Ereignisse innen und außen. In
Ungarn gelang eine kommunistische

HULTON-DEUTSCH COLLECTION / GETTY IMAGES


Machtübernahme, in Russland tobte ein
Bürgerkrieg, im Osmanischen Reich dräng-
te Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, an
die Macht.
Am 19. Februar 1919 verletzte ein fran-
zösischer Anarchist Clemenceau mit ei-
nem Pistolenschuss. Wilson war da schon
auf dem Weg in die USA, weil er innen-
politische Probleme lösen musste. Am
13. März kehrte er zurück.
Manchmal nervten auch exotische Be- Verhandlungspartner Clemenceau, Wilson, Lloyd George*: »Ich will auch Jerusalem«
sucher. Die rumänische Königin Marie, die
in Paris weilte, um zu shoppen und ihrem
Land Territorialgewinne zu sichern, fragte sen. Mit dem Versprechen eines Selbstbe- Anfang Mai 1919 ging der Entwurf des
ein Mitglied der britischen Delegation, ob stimmungsrechts der Völker hatte Wilson Vertrags mit den Deutschen in Druck. Cle-
sie mit Wilson über ihre Einkäufe oder Erwartungen geweckt, die er an vielen menceau sagte: »Am Ende ist er, was er
über den Völkerbund reden solle. Die Ant- Stellen nicht einhalten konnte. In den gro- ist; vor allem ist er ein Werk von Men-
wort: »Fangen Sie mit dem Völkerbund ßen Reichen hatten die Volksgruppen bunt schen und deshalb nicht vollkommen.«
an, und enden Sie mit dem rosa Nacht- gemischt miteinander gelebt. Welche Re- Am 7. Mai wurden die deutsche Dele-
hemd. Wenn Sie mit Lloyd George spre- gion sollte welchem Staat zugeschlagen gation ins Palasthotel Trianon zur Über-
chen, können Sie mit dem rosa Nacht- werden und nach welchen Maßstäben? gabe gebeten. »Die Stunde der Abrech-
hemd anfangen.« Einige Alliierte hatten zum Beispiel den nung ist da«, sagte Clemenceau in seiner
Zu ihrem Mittagessen mit Wilson kam Italienern in einem Geheimabkommen Ansprache. »Sie haben uns um Frieden
Königin Marie eine halbe Stunde zu spät. neue Landstriche versprochen, um sie in gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu
»Mit jedem Augenblick, den wir warten den Krieg gegen Deutschland und Öster- gewähren.«
mussten, konnte man am Mahlen des Kie- reich-Ungarn zu ziehen. Italien forderte Das sah dann so aus: Das deutsche
fers des Präsidenten sehen, wie Stück für Südtirol, was mit dem Selbstbestimmungs- Reich verlor, zum Teil nach späteren Volks-
Stück von Rumänien abgeschnitten wur- recht nicht zu vereinbaren war, da die abstimmungen, im Westen unter anderem
de«, bemerkte ein Gast. Menschen dort fast alle Deutsch sprachen. die Gebiete Elsass-Lothringen und Eupen-
Die territorialen Fragen waren für die Trotzdem erhielt Italien den Zuschlag für Malmedy, im Norden den nördlichen Teil
Friedensmacher am schwierigsten zu lö- Südtirol. Schleswigs, im Osten große Teile Posens
und Westpreußens sowie Ost-Oberschle-
sien. Danzig wurde freie Stadt unter Auf-
FINNLAND sicht des Völkerbunds. Das Deutsche
* britisches Mandat Reich verlor 13 Prozent seines Territori-
ESTLAND ** französisches Mandat
ums und 10 Prozent seiner Bevölkerung.
Grenzen nach 1919 LETTLAND Das Rheinland wollten die Alliierten für
5
LITAUEN 15 Jahre besetzen. Das Heer wurde auf
zum Vergleich: 4 6 7
100 000 Mann begrenzt. Deutschland
Staatsgebiete 1914
SOWJETUNION durfte weder Panzer noch U-Boote oder
DEUTSCHES POLEN (1923) (1922) Kampfflugzeuge besitzen. Auf eine kon-
REICH
3 8 krete Obergrenze der Reparationen konn-
Paris 9 ten sich die Siegermächte nicht einigen.
2 TSCHECHO-
1 Aber es war klar, dass die Deutschen für
SLOWAKEI
Versailles ÖSTERREICH die Kriegsschäden würden zahlen müssen.
UNGARN
RUMÄNIEN Der folgenschwerste Satz fand sich, etwas
Deutschlands wichtigste versteckt, in Artikel 231, wo es um die Re-
Gebietsabtretungen: parationen ging. Hier wurden Deutschland
JUGOSLAWIEN
1 Elsass-Lothringen BULGARIEN und seine Verbündeten als Urheber der
2 Saargebiet (dem Völkerbund für 15 Jahre unterstellt) Kriegsschäden bezeichnet.
ALBA- TÜRKEI
3 Eupen-Malmedy (nach umstrittener Volksbefragung 1920) NIEN (1923) Der Leiter der deutschen Delegation,
4 Nordschleswig (nach Volksabstimmung 1920) IRAK* Außenminister Ulrich Graf von Brock-
5 Memelland (dem Völkerbund unterstellt) GRIECHEN- dorff-Rantzau, blieb bei seiner Erwide-
6 Westpreußen, Posen LAND SYRIEN** rung sitzen, was einen denkbar schlechten
SAUDI- Eindruck machte. Auch seine Worte kamen
7 Danzig (als Freie Stadt dem Völkerbund unterstellt) ARABIEN
8 Ostoberschlesien (nach Volksabstimmung 1921) nicht gut an. Er bestritt »nachdrücklich,
PALÄSTINA* TRANS- (1932)
9 Hultschiner Ländchen JORDANIEN*
* Im Juni 1919 in Versailles.

87
dass Deutschland, dessen Volk überzeugt
war, einen Verteidigungskrieg zu führen,
allein mit der Schuld belastet ist«. Die
neuere Forschung würde ihm im letzten
Punkt recht geben.
Wilson war außer sich vor Wut: »Das
ist die taktloseste Rede, die ich jemals
gehört habe. Die Deutschen sind wirk-
lich ein dummes Volk. Sie tun immer das
Falsche.«
In Deutschland waren die Menschen
entsetzt, demonstrierten in Massen.
Reichsministerpräsident Philipp Scheide-
mann, ein Sozialdemokrat, stieß den be-
rühmten Satz aus: »Welche Hand müsste
nicht verdorren, die sich und uns in solche
Fesseln legt?«
Die Alliierten ließen sich auf kleine Kor-

BPK
rekturen ein, bereiteten sich aber gleich-
zeitig auf ein Nein der Deutschen vor. Sie Anti-Versailles-Demonstranten in Berlin 1919: »Dass die Schwarte kracht«
ließen Foch einen Angriffsplan ausarbeiten
und trafen sich zu einem Kriegsrat. Am
Ende der Beratungen fragte Foch: »Heute anzulegen. Als Belohnung wollten sie das hard schreibt: »Jetzt wurde die Abreise
ist der 20. Juni. Wenn es bis zum 23. Juni, Pachtgebiet Kiautschou zurückbekom- des Politikers, der weltweit wie kein an-
sieben Uhr abends, keine Antwort der men, eine deutsche Kolonie. Aber Japan derer als Symbol und Garant der neuen
Deutschen gibt, habe ich dann die unein- sicherte sich den Zuschlag. Damals entwi- Friedensordnung gegolten hatte, von der
geschränkte Vollmacht, mit dem Vorstoß ckelte sich in China ein Misstrauen gegen- Presse kaum mehr wahrgenommen und
zu beginnen?« Das Protokoll vermerkte über dem Westen, das bis heute anhält. nur noch am Rande vermerkt.«
Zustimmung. Krieg lag in der Luft. Für die Japaner war es eine Kompen- Die Delegationen verhandelten weiter
In Deutschland trat Scheidemann am sation, weil sie mit einem anderen Projekt über die anderen Verträge. Im September
selben Tag zurück, samt seiner Regierung. gescheitert waren: der Gleichheit der wurde in Saint-Germain-en-Laye das Ab-
Am 22. Juni stimmte die Nationalver- »Rassen«. Wie Japaner damals diskrimi- kommen mit Österreich unterzeichnet, im
sammlung, die in Weimar über eine neue niert wurden, zeigte sich bei einer Sit- November in Neuilly-sur-Seine mit Bulga-
deutsche Verfassung beriet, über den Frie- zung, in der Clemenceau seinem Außen- rien, im Juni 1920 in Trianon mit Ungarn.
densvertrag ab. Mit 237 zu 138 Stimmen minister hörbar zuflüsterte: »Und wenn Die Österreicher verloren große Gebie-
wurde er angenommen. Der Krieg nach man bedenkt, dass es auf der Welt blonde te, und ihnen wurde der von vielen erhoff-
dem Krieg war abgewendet, vorerst. Frauen gibt! Wir aber bleiben hier mit te Anschluss an das Deutsche Reich unter-
Nun ging es um ein Tintenfass. Cle- diesen Japanern eingeschlossen, die so sagt. Aber Saint-Germain-en-Laye wurde
menceau gefiel das Exemplar nicht, das hässlich sind!« nicht zum nationalen Trauma.
sich im Schloss von Versailles befand. Be- Das lange mit Österreich verbundene
amte suchten in Museen und Antiquitäten- Ungarn hingegen hat sich immer noch
läden nach einem Tintenfass, das Cle- Die Deutschen akzeptier- nicht mit seinen enormen Gebietsverlus-
menceaus Ansprüchen genügen würde. ten nicht, dass sie allein ten versöhnt. Zwei Drittel des Territoriums
Der Spiegelsaal des Schlosses war für die und der Bevölkerung gingen verloren. Bis
Unterzeichnungszeremonie vorgesehen, schuld sein sollten heute ist der Traum von einem Großun-
weil die Deutschen dort 1871 das Deutsche am Ausbruch des Krieges. garn präsent, und Ministerpräsident Viktor
Reich proklamiert hatten, nach dem Sieg Orbán macht Politik damit. Zum 100. Jah-
gegen Frankreich. restag von Trianon 2020 soll ein »Denk-
Am 28. Juni 1919 um 15 Uhr betrat die Die Amerikaner wollten nicht, dass ihre mal der nationalen Einheit« entstehen.
deutsche Delegation den Spiegelsaal, Au- Minderheiten gleiche Rechte erhielten. Sogar eine der Siegermächte fühlte sich
ßenminister Hermann Müller und Verkehrs- Die Briten dachten besorgt an ihre Kolo- hinterher als Verlierer. Die Italiener beka-
minister Johannes Bell. Der britische Di- nien. Die »Rassengleichheitsklausel« schaff- men zwar den Zuschlag für Südtirol, muss-
plomat Harold Nicolson notierte: »Sie sind te es daher nicht in die Völkerbundakte, ten aber ihre Hoffnungen auf Gebiete an
totenbleich. Sie sehen nicht aus wie Reprä- die Teil des Vertrags von Versailles war. der östlichen Adriaküste begraben. Orlan-
sentanten eines brutalen Militarismus.« Insgesamt schuf die Akte ein multilate- do soll deshalb vor den großen drei ge-
Der Saal war rappelvoll, angeblich hatte rales Gremium ohne Biss. Die Franzosen weint haben. Bald war vom »verstümmel-
man hohe Eintrittsgelder verlangt. In einer setzten sich für eine eigene Streitmacht ten Sieg« die Rede. Der Faschist Benito
Fensternische standen fünf französische ein, damit der Völkerbund seine Anliegen Mussolini nutzte auch dieses Trauma, um
Veteranen, die im Krieg schwere Gesichts- durchsetzen könne, aber den anderen war sich an die Macht zu putschen.
verletzungen erlitten hatten. Sie sollten an das nicht geheuer. Abgelehnt. Besonders kompliziert war die Lösung
das Grauen des Krieges erinnern. Da fast alle Entscheidungen im Völker- für das Osmanische Reich, auch wegen der
Die Füller tauchten ins Tintenfass, der bund einstimmig getroffen werden muss- Ignoranz und Arroganz der großen Sieger-
Vertrag wurde unterzeichnet. ten, war er kaum handlungsfähig. Deutsch- mächte. Der britische Diplomat Arthur
Wer nicht unterzeichnete, das waren die land durfte zunächst nicht beitreten. Balfour sagte: »Ich kann absolut nicht ein-
Chinesen. China gehörte zur Seite der Sie- Nach der Zeremonie in Versailles reiste sehen, warum der Himmel oder irgend-
ger, weil es den Alliierten rund 100 000 Ar- Wilson sofort ab, ohne den Jubel, den er eine andere Macht uns daran hindern soll-
beiter geschickt hatte, um Schützengräben bei seiner Ankunft ausgelöst hatte. Leon- te, dem Moslem zu sagen, was er denken

88 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


soll.« Die Folgen sind bis heute dramatisch. lang es nicht, die Völkerbundakte durch
MacMillan, übrigens eine Urenkelin von den Senat zu bringen. Die USA traten SPIEGEL GESCHICHTE
Lloyd George, überschreibt ihr Kapitel zu nicht bei, weshalb es zu einem wirksamen SONNTAG, 23. 6., 20.15 – 22.30 UHR | SKY
den Verhandlungen über das Osmanische Multilateralismus nicht kam. 20 Jahre
Reich mit dieser Formulierung: »Der Nahe nach Versailles überfielen die Deutschen Der Skandal um die Neue Heimat
Osten wird in Brand gesteckt«. Polen, der Zweite Weltkrieg brach aus. Die katastrophale Wohnungsnot
Die Belange der Araber, die zu großen Warum sind die Siegermächte mit ihrer nach dem Ende des Zweiten
Teilen im Osmanischen Reich gelebt hat- Politik von Paris großenteils gescheitert? Weltkriegs hat den gemeinnützigen
ten, interessierten die Alliierten kaum. Bri- Conze und Leonhard kommen zum selben und gewerkschaftseigenen Woh-
ten und Franzosen schacherten darum, Ergebnis: Es wurden vor allem zu hohe nungsbaukonzern groß gemacht.
wer sich welches Gebiet unter den Nagel Erwartungen geweckt. Sie konnten nur Millionen Menschen verdanken der
reißen durfte. Ein Dialog zwischen Cle- enttäuscht werden. Neuen Heimat ein neues, modernes
menceau und Lloyd George bei einem Vor- Hohe Erwartungen sind das Gift der Zuhause. Der Schock ist groß, als
gespräch in London Ende 1918 verlief so: Politik. Wer sie weckt, muss sich sicher der SPIEGEL Anfang 1982 die
Clemenceau: »Nun, worüber müssen sein, dass er sie erfüllen kann. Das ist viel- »dunklen Geschäfte« des Vorstands
wir reden?« leicht die Hauptlehre von Versailles. Sie aufdeckt. Jahrzehntelang haben
Lloyd George: Ȇber Mesopotamien spricht gegen Visionen, was schade ist, sich Manager auf Kosten der Mieter
und Palästina.« aber meistens ist der skeptische Politik- bereichert und den Konzern durch
Clemenceau: »Sagen Sie mir, was Sie ansatz langfristig der gesündere. Misswirtschaft in den Ruin ge-
wollen.« Gibt es Parallelen der Pariser Konferenz trieben.
Lloyd George: »Ich will Mossul.« zu heute? Nicht direkt, aber die Folge-
Clemenceau: »Sollen Sie haben. Noch jahre erinnern an die Gegenwart. Donald
etwas?« Trumps Amerika distanziert sich gleich- ARTE RE:
Lloyd George: »Ja, ich will auch Jeru- falls von Europa, hält nichts vom Multi- MONTAG, 24. 6., 19.40 – 20.10 UHR | ARTE
salem.« lateralismus. Gleichzeitig erstarkt der
Zwar entstand 1921 der Irak als arabi- Nationalismus, was auch in den Zwanzi- Babys ohne Arme – Rätsel um
sches Königreich unter britischem Mandat, ger- und Dreißigerjahren der Fall war. Die Neugeborene in Frankreich
aber das erfüllte die Hoffnungen der Ara- neuen Demokratien in Europa verwandel- In drei französischen Regionen sind
ber auf einen großen, unabhängigen Staat ten sich damals zum Teil in autoritäre Staa- über mehrere Jahre Neugeborene
nicht. Briten und Franzosen hielten die ten, auf einem ähnlichen Weg sind Ungarn mit Fehlbildungen zur Welt gekom-
Region unter ihrer Kontrolle. Der Brand oder Polen heute. Es kann einem ein biss- men. Möglicherweise haben
konnte bis heute nicht gelöscht werden. chen gruselig werden. Umweltgifte die Babys schon im
Im Vertrag von Sèvres, abgeschlossen Alles in allem waren die Friedens- Mutterleib geschädigt. SPIEGEL TV
im August 1920, wurden auch die Türken macher von Paris schlicht überfordert. Für begleitet betroffene Familien bei
schwer gedemütigt, durch Gebietsverluste ein halbes Jahr bildeten sie eine Welt- ihrer Suche nach Hinweisen, um das
und indem man Kurden und Armeniern regierung, mussten sich um Hunderte Pro- medizinische Rätsel zu lösen.
die Unabhängigkeit in Aussicht stellte. bleme kümmern, das alles unter dem
Doch inzwischen hatte Mustafa Kemal Druck der Öffentlichkeit. Flickwerk war
faktisch die Macht im türkischen Kernland die Folge. SPIEGEL TV
übernommen und führte einen Befreiungs- Wilsons Überforderung zeigte sich bald MONTAG, 24. 6., 23.25 – 0.00 UHR | RTL
krieg, bis die Alliierten einlenkten. Dem in seinem Gesundheitszustand. Als er er-
Vertrag von Sèvres folgte im Juli 1923 der kannt hatte, dass der Senat ihm Probleme Mietendeckel, Vorkaufsrecht und
Vertrag von Lausanne. Die Türken schnit- bei der Völkerbundakte bereiten würde, Enteignung – So könnte der Staat in
ten weit besser ab, das Versprechen an die brach er Anfang September 1919 in einem den Immobilienmarkt eingreifen;
Kurden wurde zurückgenommen. Auch Sonderzug zu einer Rundreise durch die Der Fall Lübcke – Wie ein Familien-
das wirkt bis heute nach. Noch immer USA auf, um für sein Projekt zu werben. vater zum mutmaßlichen rechtsex-
kämpfen Kurden für einen eigenen Staat. Gegen den Rat seiner Mitarbeiter, die um tremen Mörder wurde.
Aber das größte Problem war zunächst, seine labile Gesundheit wussten. Wilson
dass es den Deutschen nicht gelang, sich entgegnete ihnen: »Ich kann nicht meine
mit dem Versailler Vertrag zu versöhnen. persönliche Sicherheit, meine Gesundheit SPIEGEL TV REPORTAGE
Die Reparationen waren nicht das Pro- gegen meine Pflicht aufrechnen – ich muss DIENSTAG, 25. 6., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1
blem. Bis 1932 zahlte das Deutsche Reich fahren.«
Brötchen und Dessous –
nach alliierten Berechnungen rund 22 Mil- Er hielt eine Rede nach der anderen, am
Nachschub für Ostfriesland
liarden Goldmark, nach deutschen Zahlen 25. September brach er zusammen, eine
rund 68 Milliarden, was hart war, aber ver- Woche später hatte er einen Schlaganfall In Ostfriesland geht man nicht zum
kraftbar. und blieb teilweise gelähmt. Am 3. Febru- Einkaufen, sondern wartet, bis
Schlimmer wirkte Artikel 231. Die Deut- ar 1924 starb Woodrow Wilson im Alter der Laden vorgefahren kommt. In
schen lasen ihn so, dass sie allein schuld von 67 Jahren, einer der großen Visionäre der dünn besiedelten Gegend
sein sollten am Ausbruch des Ersten der Weltgeschichte, aber auch einer der sind Geschäfte Mangelware. Mit
Weltkriegs. Bald hörten sie auf einen großen Gescheiterten. seinem rollenden Supermarkt liefert
Mann, der ihnen das Wort »Schand- und Diedrich Hellmers deshalb alles,
Schmachfrieden« ins Gemüt trommelte, was der Ostfriese zum Überleben
Adolf Hitler. Video braucht. Auch Inge Rütters hat
Ein Vertrag und
Hitler profitierte auch davon, dass sich seine Folgen einen treuen Kundenstamm. Sie
die amerikanischen Regierungen bald weit- spiegel.de/sp262019versailles
versorgt die Landbevölkerung
gehend aus Europa zurückzogen und die oder in der App DER SPIEGEL mit Dessous und Sexspielzeug. Dis-
Deutschen gewähren ließen. Wilson ge- kret, versteht sich.

89
oder digital auf manager-magazin.de/premium
Sport
»Natürlich hasse ich manchmal, was mir passiert ist.« ‣ S. 92

Legionärinnen auf dem Vormarsch WM-Fußballspielerinnen, deren Ligaverein nicht im Heimatland liegt
H ÜB N E R/P I CT URE AL L I AN C E

Carolin Simon 140 (25%) 225 (41%)


Seit 2015 nehmen
24 Teams teil,
dadurch erhöhte sich
die Zahl der Spielerinnen.

39 (12%) 71 (21%)
38 Legionärinnen (12%)

282 297 265 412 327


heimische Spielerinnen

WM 2003 2007 2011 2015 2019

Der Anteil der WM-Fußballerinnen, die nicht in ihrem Heimat- schen Liga, von den Deutschen sind Dzsenifer Marozsán und Caro-
land spielen, hat sich in den vergangenen 16 Jahren verdreifacht. 41 lin Simon in Lyon beschäftigt. Der größte Teil der Legionärinnen
Prozent der WM-Kickerinnen sind in einem ausländischen Klub – spielt in den USA, dahinter folgen England, Spanien und Frank-
das spricht für eine zunehmende Professionalisierung im Frauenfuß- reich. Zum Vergleich: Bei der vergangenen Herren-WM standen 72
ball. Nur das US-Team besteht komplett aus Spielerinnen der heimi- Prozent der Profis bei einem ausländischen Verein unter Vertrag.

Magische Momente es erneut in den Tiebreak, beim Stand


von 6:4 hatten Sie zwei Matchbälle.
»Lass dich nicht umbringen!« Stachowskyj: Den ersten hatte ich bei
eigenem Aufschlag, aber er wehrte ihn
Der Ukrainer Serhij Stachowskyj, 33, über seine Sensation in Wimbledon ab. Ich weiß, das klingt grotesk, aber
in dem Moment war ich mir sicher, die
SPIEGEL: Sie trafen 2013 in Stachowskyj: Wenn du gegen ein Kali- Partie zu verlieren.
der zweiten Runde des ber wie Roger spielst, denkst du dir nach SPIEGEL: Doch es kam anders. Beim
Tennisturniers auf Roger so einer Chance eigentlich: Okay, du hast zweiten Matchball schlug Federer eine
Federer. Er die Num- es versaut. Trotzdem saß ich nach dem Rückhand ins Aus.
mer 3 der Weltrangliste, ersten Satz auf meinem Stuhl und sagte Stachowskyj: Und ich weiß bis heute
Sie waren Nummer 116. mir: Spiele einfach so weiter. nicht, wie er den Ball so verhauen konn-
Was ist Ihre erste Erinne- SPIEGEL: Es funktionierte. Sie gewannen te. Ich konnte es nicht fassen. Dann wur-
rung an das Spiel? die nächsten zwei Sätze. Im vierten ging de ich von Emotionen übermannt.
Stachowskyj: Wie ich den Rasen auf SPIEGEL: Nach dem Handschlag am Netz
GERRY PENNY / EPA-EFE / REX

dem Centre Court mit seinen 15 000 Plät- redeten Sie noch kurz miteinander. Was
zen betrat. Roger ging hinter mir. Das Pu- hat Federer Ihnen gesagt?
blikum klatschte mir zu, dann kam Roger, Stachowskyj: Das müssen Sie Roger fra-
und die Leute drehten durch. Allein die- gen. Ich habe ab dem Matchball einen
ser Applaus zerstört dich als Kontrahent. Filmriss, erinnere mich erst wieder, wie
Das werde ich nie vergessen. ich nach der Pressekonferenz meine Frau
SPIEGEL: Federer hatte das Turnier be- in die Arme geschlossen habe.
reits siebenmal gewonnen. Mit welcher SPIEGEL: Ein Sieg gegen Federer in Wim-
Einstellung gingen Sie in die Partie? bledon – war das der Höhepunkt Ihrer
Stachowskyj: Lass dich nicht umbrin- Karriere?
MIKE HEWITT / GETTY IMAGES

gen! Ich hatte schon einmal mit ihm trai- Stachowskyj: Nein, meine vier Turnier-
niert und wusste, wie nahezu unmöglich siege bedeuten mir mehr. Und ganz ehr-
es ist, auf Rasen gegen ihn zu bestehen. lich: Ich hatte nach dem Match Schuld-
SPIEGEL: Im ersten Satz hatten Sie beim gefühle – ich hatte den König ermordet,
Stand von 5:5 einen Breakball, schlugen verlor dann aber direkt mein nächstes
dann aber einen Volley ins Aus. Sie verlo- Match. Darauf bin ich nicht wirklich
ren den Satz 6:7. Stachowskyj 2013 in Wimbledon stolz. TNE

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 91


Sport

Das Jahr der ersten Male


Schicksale Die Rad-Olympiasiegerin Kristina Vogel sitzt seit ihrem Trainingsunfall im Rollstuhl.
Wie schafft eine Leistungssportlerin den Weg zurück in den Alltag? Von Antje Windmann

E
s gibt wenige Dinge, die Kristina junger niederländischer Fahrer die Bahn rechte Wange. Er sieht seine Kristina an,
Vogel nicht leiden kann: Men- betritt, um einen Start aus dem Stand zu lächelt. »Dann hat sie genickt, ein paar
schen, die nur meckern. Die Frage, üben. Mit 60 Stundenkilometern rast Tränchen vergossen, die Augen wieder
welchen Sport sie nun betreiben Vogel in ihn hinein. »Plötzlich war alles zugemacht und weitergeschlafen.«
will. Und Leute, die sich unberechtigt auf schwarz«, erinnert sie sich. Schwer verletzt Vogel hat ihren Kopf in der rechten
Behindertenparkplätze stellen. Dann wird bleibt sie auf der Strecke liegen. Sie kann Hand abgestützt. Sie weint leise. Ihre Trä-
die 28-Jährige schon mal deutlich. So wie ihre Beine nicht spüren, wird in das Unfall- nen trocknet sie mit ihrem Pulloverärmel.
Anfang Mai am Hauptbahnhof in Erfurt. krankenhaus nach Berlin geflogen. Seidenbecher und Vogel sind seit mehr
Es ist ein frischer, windiger Morgen. Zweieinhalb Monate später macht Vo- als zehn Jahren ein Paar. Oft reichen ihnen
Vogel hat gerade ihren ersten Wahlkampf- gel in einem Interview öffentlich, dass sie Blicke, um sich zu verständigen. Bereits
auftritt hinter sich. Sie kandidiert für den querschnittgelähmt ist (SPIEGEL 37/2018). 2009 hatte Vogel einen schweren Unfall.
Stadtrat, CDU, Listenplatz zwei. Barriere- Es wird weltweit zitiert. Sie wolle Motiva- Sie war mit dem Rad auf dem Heimweg,
freiheit ist eines ihrer Themen. Mit einem tion für andere sein, sagt sie. »Egal was ein Transporter nahm ihr die Vorfahrt, sie
Sonderzug ist sie in Vororte der thüringi- das Schicksal für einen bereithält, das Le- flog in die Seitenscheibe, verlor fünf Zäh-
schen Landeshauptstadt gefahren. ben geht weiter.« Es sind Aussagen, die ne, ihr Gesicht ist seitdem vernarbt. »Und
Vogel trägt eine graue Hose, einen hel- berühren. neun Jahre später mute ich ihm wieder so
len Blazer und Wildlederstiefeletten. Sie Dass ihr Leben tatsächlich weitergehen etwas zu«, sagt sie und schaut ihren
sieht müde aus, reibt sich die Augen. Sie würde, war in den ersten Stunden und Freund mitfühlend an.
hat älteren Damen die Hände geschüttelt, Tagen nach ihrem Unfall nicht sicher, wie Im vergangenen Sommer wird Vogel in
sich deren Sorgen angehört, freundliche Vogels Lebensgefährte Michael Seiden- Berlin mehrfach operiert. Ihr Brustbein ist
Worte gefunden. Nicht so aber für eine becher, 34, erzählt. gebrochen, ebenso ihr Schlüsselbein. Am
Frau mittleren Alters, die »mal eben« ihr schlimmsten hat es ihre Wirbelsäule
Auto auf einem der Behindertenparkplät- Das Paar wohnt am Stadtrand von Erfurt erwischt, ihr Rückenmark wurde bei der
ze auf dem Bahnhofsvorplatz abstellt. in einem Einfamilienhaus. Der Garten ist Kollision zwischen dem sechsten und sieb-
Vogel ist Bundespolizistin, der Erfurter noch eine Baustelle. Die beiden sind erst ten Brustwirbel durchtrennt. Röntgen-
Hauptbahnhof war ihr Revier, hier ist sie wenige Monate vor dem Unfall eingezogen. bilder dokumentieren die Verletzung. Ihr
Streife gelaufen, früher. Nun greift sie zu Vogel öffnet in Kapuzenpullover und Rückgrat sieht aus, als wäre ein großer,
den Rädern ihres schwarzen Rollstuhls aus Jogginghose die Haustür, rollt dann vor- kräftiger Ast abgeknickt.
Carbon, ist mit wenigen Schwüngen bei weg ins Wohnzimmer, bittet an den Ess- In ihrem Körper werden Stangen aus
der Frau, die gerade wieder in ihren Wa- tisch. In Regalen sind Dutzende Starbucks- Titan verbaut. Nach der Operation be-
gen steigen will. Tassen aus aller Welt aufgereiht. Bis auf kommt sie eine Lungenentzündung. Sei-
»Und was hätte ich gemacht, wenn ich drei hat sie alle selbst mitgebracht. Dazwi- denbecher erinnert sich, wie ein Arzt mit
nun gerade angefahren gekommen wäre?«, schen stehen Familienfotos, Kochbücher ernstem Gesicht ihre Werte studierte und
empört sich Vogel. Der Gesichtsausdruck und eine Einhornspardose, daran ein Zet- einen Kollegen bat, den Sauerstoff hoch-
der Frau deutet an, dass sie sich in diesem tel: »Weil ein Haus teuer ist«. zudrehen. Dieser antwortete: »Ist schon
Leben vermutlich nicht noch mal auf einen Seidenbecher, dunkle Haare, braune maximal.« Dann wandte er sich Seiden-
Behindertenparkplatz stellen wird. Augen, bietet Kaffee an. Vogel kommt becher zu: »Es sieht gerade nicht gut aus.«
»So was kann ich ja mal gar nicht ab«, nicht mehr an den Automaten, er ist etwas Vogel sagt: »Ich habe das alles mitbe-
sagt Vogel, als sie zurückkommt. Sie habe höher in der Küchenzeile eingebaut. Sei- kommen. Ich habe gekämpft wie ein Bär.«
da gar nicht geparkt, habe die Frau be- denbecher spricht darüber, wie sehr er sich Seidenbecher senkt seinen Blick. Für einen
hauptet, nur kurz gehalten. Die Leute um vor ihrem Aufwachen fürchtete. Vor dieser Moment ist es ganz still im Wohnzimmer.
Vogel herum schauen beeindruckt zu ihr einen Frage. »Was ist, wenn sie fragt? Plötzlich, wie aus dem Nichts, lacht Vogel
hinunter. Wenn sie fragt: Kann ich laufen?« auf. Als wollte sie damit all die Schwere
Kristina Vogel im Rollstuhl – ein Jahr Seidenbecher ist auch Polizist und frü- und Trauer wegwischen. »Glauben ist
liegt ihr schwerer Unfall zurück, doch so her Bahnrad gefahren. Der Erfurter hat nicht wissen«, ruft sie in den Raum. Nun
richtig vertraut ist dieser Anblick noch nicht ein ähnliches Naturell wie Vogel, ist zuge- muss auch Seidenbecher lachen, er ver-
geworden. Zu sehr überstrahlen die Bilder wandt, lacht viel. Nun aber wirkt er in sich steht im Nu, was sie meint.
ihrer Vergangenheit noch die Gegenwart. gekehrt, bewegt von den Erinnerungen: Es geht um einen Satz, den Vogel ihm
Jene, die sie jubelnd im Deutschlandtrikot »Und so war es dann auch. Sie macht die auf der Intensivstation geschrieben hat. In
zeigen, mit Goldmedaillen in den Händen. Augen auf, sieht mich und macht als Erstes den kurzen Phasen, in denen sie wach war,
Mit zwei Olympiasiegen und elf Weltmeis- so …« Seidenbecher nimmt einen Zeige- verlangte sie oft nach Papier und Stift, um
tertiteln ist sie eine der erfolgreichsten finger und einen Mittelfinger und lässt sie ihm Fragen zu stellen. Als er zu oft mit
Bahnradsportlerinnen aller Zeiten. langsam über die Tischplatte spazieren. »Ich glaube« antwortete, schrieb sie:
Bis zum 26. Juni 2018, jenem Dienstag »Und dann musste ich so machen …« – Sei- »Glauben ist nicht wissen.«
vor einem Jahr. Vogel trainiert Sprints auf denbecher schüttelt langsam seinen Kopf. Seidenbecher hat die Zettel aufgehoben.
ihrer Trainingsstrecke in Cottbus, als ein Eine einzelne dicke Träne läuft über seine Er holt sie aus einem Schreibtisch im Ober-

92 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Ehemalige Weltmeisterin Vogel beim Bogenschießen im Unfallkrankenhaus in Berlin: »Mann, was ist denn los heute?«

Fotos: Maurice Weiss / Ostkreuz / DER SPIEGEL 93


Sport

geschoss. Die Papiere sehen aus, als hätte zieht sie sich im Liegen an, Zentimeter für groß an. »Was für Komplikationen?« Nie-
ein Kleinkind mit schwarzem Filzer ge- Zentimeter. deggen mahnt sie, ihren Übermut zu brem-
kritzelt. Immer wieder hat sie Spastiken in den sen. »Wir haben hier nur den Grobschliff
Seidenbecher sagt: »Alle haben mich Beinen, sie bewegen sich wie von Geister- gemacht, das Leben da draußen macht den
immer gewarnt, der Knick wird kommen.« hand geführt. Vogel muss dann warten, bis Feinschliff.« Vogel verdreht die Augen.
Auch die Traumatologin. Eines Tages habe sie sich wieder entspannt haben, um sie »Jaja, ich weiß, Geduld ist mein Wort
sie ihn aber zur Seite genommen und ge- sortieren zu können. 2018.«
sagt: »Ich habe in meinem Leben noch nie Drei Tage vor Heiligabend wird Vogel Zu den häufigsten Komplikationen, die
jemanden kennengelernt, der so drauf ist aus der Klinik entlassen. Drei Koffer und bei Menschen im Rollstuhl auftreten kön-
wie Kristina.« acht Kartons kommen zusammen. In nen, gehören Druckstellen. Und bis sie ver-
Ein halbes Jahr bleibt Vogel in der Ber- ihnen sind viele Geschenke, ein Karton ist heilen, das dauert. »Da habe ich eine
liner Klinik. Schon nach kurzer Zeit trai- nur mit ihren Katheterutensilien für einen Scheißangst vor«, sagt Vogel. Einmal habe
niert sie heimlich im Bett mit einem Thera- Monat gefüllt. sie 40 Minuten lang auf einem schwarzen
band. Sie ist präsenter in den Medien als Immer wieder geht die Tür zu ihrem Plastikteilchen gesessen. Nur durch Zufall
zu ihrer Zeit als Sportlerin. Die Interviews kleinen Krankenzimmer mit dem blauen habe sie es bemerkt.
seien ein Stück weit wie Therapiestunden Linoleumboden auf. Das Pflegepersonal Um Druckstellen vorzubeugen, verän-
für sie gewesen, sagt Vogel. will sich verabschieden. Einer Schwester dert sie immer wieder ihre Sitzposition et-
Doch nur ganz selten sagt sie dabei Sät- schenkt Vogel ein großes Plüscheinhorn. was, drückt sich mit beiden Armen aus
ze wie diesen: »Natürlich hasse ich manch- »Danke für alles. Ich werde Dich nie ver- dem Polster hoch, dreht sich ein Stück,
mal, was mir passiert ist. Und ich bin auch gessen«, schreibt sie darauf. lässt sich wieder nieder.
auf die eifersüchtig, die einfach so die Stra- Kurz vor elf an diesem Morgen wird sie
ße langlaufen können.« Sie habe alles Revue passieren lassen, in einen Krankentransporter geschoben.
Nach drei Monaten in der Klinik darf sagt Vogel. Wie sie nach zwei Wochen das Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach
Vogel das erste Mal nach Hause. Vieles sei erste Mal auf der Bettkante saß. Wie sie Erfurt. Zu lang zum Sitzen. Wie sie so da-
anders als erhofft gewesen, erinnert sie sich das erste Mal allein im Vierfüßlerstand liegt in dem Wagen, sieht sie aus wie ein
sich. Die Flure zu schmal, die Dusche doch hielt. Wie sie das erste Mal den Bauch ein- Mädchen, das sich zum ersten Mal ohne
nicht so breit wie gedacht. Sie zeigt auf ziehen konnte. Hinter ihr liegt ein Jahr der Eltern auf eine große Reise begibt.
den Geschirrspüler. Ihn ein- und auszuräu- ersten Male. »Das Leben draußen, die Welt ist jetzt
men sei bis heute »ein totaler Akt«, es Bevor sie zu emotional wird, lenkt sie meine Therapie«, sagt Vogel.
gehe nur Teller für Teller, denn eine Hand ab, wieder einmal. »Habe ich eigentlich Um die Jahreswende nimmt sie Ab-
müsse immer am Rollstuhl bleiben, damit schon erzählt, dass ich meinen Führer- schied von ihrem alten Leben als Sport-
sie nicht nach vorn rausfalle. »Irgendwie schein gemacht habe? Ich darf jetzt mit lerin. Sie bekommt ein halbes Dutzend
stand dieses Haus plötzlich für mein Schei- Handgas fahren!« Auszeichnungen, darunter: »Radsportlerin
tern«, sagt Vogel. Die Tür geht auf. Der Chefarzt will sich des Jahres«, Sonderpreis »Vorbilder des
Das größte Hindernis ist die Treppe verabschieden. Andreas Niedeggen berich- Sports«, »Thüringer Sportlerin des Jahres«.
nach oben. Mehrmals am Tag trägt Sei- tet, dass »alles super verheilt« sei, er habe Im Alltag aber drängt eine Frage mehr
denbecher sie hoch und runter. Um das zu sich noch einmal die aktuellen Röntgen- und mehr: Was fange ich mit meinem Le-
reduzieren, hat Vogel nun einen Schreib- bilder angeschaut. »Wenn irgendwas ist, ir- ben an?
tisch im Wohnzimmer. Darauf steht ein gendwelche Komplikationen auftreten, wir Im Januar gibt sie bekannt, dass sie für
Foto von ihr als Kleinkind mit ihrem Groß- sind für Sie da, okay?« Vogel guckt ihn den Stadtrat in Erfurt kandidieren will. Sie
vater. Es wurde in einem Auffang-
lager aufgenommen, Anfang der
Neunzigerjahre, als Vogel mit ihrer
Familie aus Kirgisistan nach
Deutschland kam.
In der Küche hängt neben dem
Herd eine lange, gelb-schwarze
Greifzange, ein Hilfsmittel für
Menschen im Rollstuhl. Neulich
wollte Vogel einen Becher damit
aus dem Schrank holen. Auf You-
Tube hatte sie sich vorher Videos
dazu angeschaut. Doch der Becher
rutschte aus der Zange, fiel auf
eine Schüssel auf der Arbeitsplatte,
Vogel saß mit ihrem Rollstuhl in ei-
nem Scherbenhaufen fest. Es war
einer der Momente, in denen sie
wieder mal davon abhängig war,
dass jemand kommt, ihr hilft. Die-
ses Gefühl, sagt sie, sei das
Schlimmste für sie.
Grundsätzlich versucht sie alles
allein. Selbst wenn es dann viermal
so lange dauert. Fürs Anziehen und
Fertigmachen am Morgen braucht
sie anderthalb Stunden. Ihre Hosen Olympiasiegerin Vogel, Lebensgefährte Seidenbecher vor ihrem Haus: »Glauben ist nicht wissen«

94
traurig. Dass sie nicht gehadert,
sondern es einfach probiert habe.
Sie schließt mit einem ihrer Lieb-
lingssätze: »Machen ist wie wollen,
nur krasser.« Standing Ovations.
Nur vier Tage später ist Vogel
schon wieder auf dem Weg nach
Hamburg zum Pokalfinale des
Deutschen Handballbundes. Sie
liegt auf dem Rücksitz eines
schwarzen VW-Busses. Am Steuer
sitzt Seidenbecher. Sie sind um
sechs Uhr in Erfurt losgefahren.
Vogel soll an diesem Tag den DHB-
Pokal überreichen. In der Hanse-
stadt angekommen, zieht sie sich
vor einer roten Ampel einen Lid-
strich. Sie trägt eine gestreifte
Bluse, darüber eine Kette mit drei
roten Blumen. Sie hat sich für
Fransenstiefel mit Pfennigabsatz
entschieden, in die sie nun ihre
Füße stopft. Durch die Lähmung
Autofahrerin Vogel nach einem Vortrag in Berlin: »Ich hasse Stehempfänge« hat sie in ihnen keine Spannung
mehr, müsste eigentlich zwei
Nummern größer tragen. »Ich
lässt sich für die CDU aufstellen, die habe Gesicht. Links von der Treppe ist ein Fahr- hänge an meiner Schuhsammlung«, sagt
sie immer gewählt, zunächst will sie aber stuhl. sie, »wenn ich schon den Rollstuhl nicht
parteilos bleiben. Neben Barrierefreiheit In dem Festsaal wirkt Vogel wie ein wei- kaschieren kann.« Es klingt trotzig.
will sie Inklusion, Sicherheit und Sport zu ßer Punkt in einer Masse von Männern in In der Barclaycard-Arena gibt sie zu-
ihren Themen machen. dunklem Anzug. Manche drücken sich nächst ein Interview mit Ronny Ziesmer.
Ihr Lebensgefährte Seidenbecher findet unbeholfen an ihr vorbei, die meisten aber Der 39-jährige ehemalige deutsche Meister
die Idee gut. »Ich glaube, dass sie etwas bleiben stehen, beugen sich zu ihr, begrü- im Turnen ist seit einem Sturz 2004 hals-
bewegen kann.« Doch er würde sich wün- ßen sie. Sobald sie sich aufrichten, ist abwärts gelähmt. Beide versuchen, dem
schen, dass sie es ruhiger angehen lässt. Vogel von der Unterhaltung abgeschnitten. Gespräch nicht zu viel Schwere zu geben.
Ruhe aber ist für die ehemalige Leistungs- »Ich hasse Stehempfänge, da krieg ich Sie habe ja noch Glück gehabt, könne
sportlerin Vogel schwer auszuhalten. nichts mit«, sagt sie. nur nicht laufen, sagt Ziesmer.
Im Frühjahr ist Vogel zu einem Bankett Mehrmals kommt an diesem Abend »Du darfst das sagen«, entgegnet Vogel.
einer großen Versicherung im Humboldt auch die Frage, was sie jetzt für einen Als sie später zu einem Interview auf
Carré in Berlin eingeladen. Sie hat begon- Sport machen wolle. Vogel sagt dann oft: das Spielfeld rollen soll, hat sie Mühe, über
nen, Vorträge zu halten über den Umgang »Das weiß ich noch nicht. Erst mal muss einen Kabelkanal zu kommen. Seiden-
mit Schicksalsschlägen. Mit einem umge- ich was finden, für das ich so brenne wie becher steht in den Startlöchern. Unsicher,
bauten schwarzen Smart fährt sie in eine für den Radsport.« ob er sie anschieben soll. Er weiß, wie sehr
nah gelegene Tiefgarage. Das Auto war sie das hasst. Neulich hat sie jemand über
der Preis für »Die Beste 2018«. Die Frage nervt sie. Denn wenn sie ihrem eine Rasenkante gezogen, obwohl sie gar
Jedes Ein- und Aussteigen ist ein Kraft- Unfall etwas Gutes abgewinnen kann, nicht in die Richtung wollte. Nach zwei,
akt. Sie trägt ein weißes Kleid an diesem dann ist es das: Erstmals in ihrem Leben drei Anläufen schafft Vogel es allein.
Abend, das sie zunächst zwischen ihren muss sie nicht mehr ackern, um immerzu Der THW Kiel gewinnt gegen den SC
Beinen zusammenrafft. Dann hebt sie zu gewinnen. Denn verlieren, das war für Magdeburg. Mit dem Pokal auf dem Schoß
ihren Rollstuhl vom Rücksitz, stellt ihn Vogel nie eine Option. Sie, das kleine kir- rollt Vogel noch einmal auf das Spielfeld,
neben die geöffnete Fahrertür. Sie spannt gisische Mädchen, wollte es immer der gro- lacht, winkt in die Kameras. Nach einer
ihren Sitzgurt fest um den Oberkörper, ßen Welt beweisen. Portion Frikadellen und Kartoffelsalat fah-
hängt sich weit aus der Tür und befestigt Am späteren Abend rollt Vogel für ihren ren Vogel und Seidenbecher wieder ab.
nun die Räder an ihrem Rolli. Mithilfe der Vortrag auf die Bühne. Auf ihrem Schoß Ihr Ziel ist Kienbaum. Im Januar haben
Tür drückt sie sich zurück in den Wagen, liegt ein pinkfarbenes iPad. sie ein behindertengerechtes Apartment
schnallt sich ab. Dann hebt sie ihr linkes Sie erzählt, wie sie das erste Mal als in dem Zentrum für Spitzensportler bezo-
Bein wie einen schweren Fremdkörper an Kind in einem Velodrom stand und ihren gen. Von hier aus pendelt Vogel zur ambu-
und sortiert ihren linken Fuß auf das Tritt- Trainer fragte, ob sie links- oder rechts- lanten Reha ins rund 30 Kilometer ent-
blech ihres Rollstuhls. Sie stützt sich ab herum fahren müsse. Leises Lachen im fernte Unfallkrankenhaus Berlin. Ihre The-
und zieht die andere Körperhälfte nach. Saal. Wie sie sich nach ihrem ersten Unfall rapietage sind Dienstag und Donnerstag,
Dann greift sie zu ihrem Rucksack, hängt zurückkämpfte, später olympisches Gold 9.30 bis 13 Uhr.
ihn an die Griffe hinter sich und rollt los. holte und vorher zu ihrer Teamkollegin Mitte April rollt sie an schwarzen Li-
Im Humboldt Carré angekommen, Miriam Welte sagte: »Komm, wir gehen mousinen vorbei auf das Therapiezentrum
fragt sie nach dem Ort der Veranstaltung. jetzt da raus und reißen denen den Arsch zu. Auch Wolfgang Schäuble ist an diesem
Die Treppe hoch, sagt ein Mann am Ein- auf.« Lautes Lachen im Saal. Dann kommt Morgen da. »Der Schäuble ist ja mein Vor-
gang und erschrickt sogleich. »Schon Vogel zu ihrem zweiten Unfall. Sie sagt, bild«, gesteht Vogel. »Den nimmt man ein-
okay«, sagt Vogel und verzieht etwas das dass sie nicht sauer aufs Leben sei oder fach als erfahrenen Politiker wahr, bei dem

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 95


sieht man den Rollstuhl gar Vogel überlegt. »Vielleicht so
nicht mehr.« etwas wie, dass ich frischen
Vogel geht es nicht gut an Wind in die Politik bringen
diesem Morgen. Sie hat Rü- werde, weil ich ja mitten aus
ckenschmerzen. »Es fühlt sich dem Leben komme?«
so an, als wäre es da, wo das Am Abend ist der Jahres-
Metall sitzt«, sagt sie. empfang der Erfurter CDU am
Sie rollt in den Umkleide- städtischen Flughafen. Vogel
raum. Mühsam zieht sie ihre fährt allein mit der Straßenbahn
Sporthose hoch. Jede Bewe- hin. Die Leute mustern sie vor-
gung scheint ihr wehzutun. In sichtig, einige lächeln zaghaft.
einem holzgetäfelten Trainings- Vogel hat sich für schwarze
raum macht sie sich zunächst hohe Stiefel entschieden. Un-
an einer Handkurbel warm, ter einem weißen Blazer trägt
20 Minuten, um ihren Kreislauf sie ein T-Shirt: Es zeigt ein
in Schwung zu bringen. Danach Mädchen, das mit einem rosa-
erst darf sie in das sogenannte farbenen Luftballon durch den
Spacecurl, ein rhönradähnli- Wind läuft.
ches Gestell, in dem Quer- In der Schalterhalle des Flug-
schnittgelähmte ihre Rumpf- hafens sitzen vorwiegend älte-
muskulatur trainieren können. re Herren. Nach zwei Begrü-
Mithilfe ihres Sporttrainers ßungsreden kommt Vogel auf
Bodo Heinemann, 79, erhebt das Podium. Sie redet davon,
sich Vogel aus dem Rollstuhl. wie wichtig ihr das Thema
Zuvor hat er ihre Füße fixiert. Sicherheit sei. Dass man durch
Sie legt ihre Hände auf zwei Sport die Welt verändern
Griffe, zieht sich hoch. Sie könne. Dass sie dafür sorgen
steht. Und strahlt. Nun soll möchte, dass alle Menschen
Vogel das Spacecurl aus dem mobil seien und selbstbe-
Rumpf heraus steuern. Auf stimmt leben können. »Was
Vogels Stirn bildet sich eine mir guttut«, sagt sie, »tut auch
steile Stirnfalte. »Mach mal ein anderen Leuten in meiner
freundliches Gesicht«, ruft Situation gut.« Einige Wochen
Heinemann. Reha-Patientin Vogel: »Mach mal ein freundliches Gesicht« später wird sie mit den meisten
Eine halbe Stunde lang Stimmen aller CDU-Kandida-
bleibt Vogel in dem Gerät. ten in den Stadtrat einziehen.
Durch das Stehen bekommen ihre Gelenke der Leitplanke. Er erzählt, dass er an der Vogels Manager Jörg Werner, 47, ein
und Knochen Druck. Das ist wichtig, damit Ostsee gewesen sei. Er hatte mal wieder drahtiger Mann mit modischer Brille, ist
sie nicht an Dichte verlieren. Danach trai- im Sand sitzen wollen. Beim Transfer zu- an diesem Abend auch anwesend. »Ich
niert sie mit Seilzügen ihre rechte, schwä- rück in den Rollstuhl hätten einfach ein weiß nicht, ob sie sich das mit der Politik
chere Körperhälfte, damit sie eine mög- paar Leute zugegriffen. Zack, hätte er wie- gut überlegt hat«, sagt er.
lichst gerade Sitzposition bekommt. der drin gesessen. Er freut sich. Nach der Veranstaltung machen sie sich
Anschließend berichtet Vogel ihrer Os- »Bei so etwas kriege ich ja Plaque«, sagt zu seinem Wagen auf. Vogel hat keine
teopathin von den Rückenschmerzen. Sie Vogel. »Ist doch besser als andersherum, Ahnung, was Werner vorhat, wo es hin-
tastet sich an das Schmerzzentrum heran. wenn keiner hilft«, wundert er sich. Vogel gehen soll. Er tritt an ihren Rollstuhl,
»Ich will, dass das weggeht«, sagt Vogel zuckt mit den Schultern. Dann unterhalten hebt sie hoch und setzt sie auf die Rück-
leise. »Oder kann es sein, dass ich nur zu sie sich, wie es beruflich bei ihnen weiter- bank. Dann macht er den Motor an und
viel gesessen habe?« Die Therapeutin geht. Vogel berichtet von der bevorstehen- fährt los.
nickt stumm. Nach einer Weile sagt sie: den Wahl, dass ihr Terminkalender voll Das Ziel ist die Garage eines Freundes.
»Deine Aufrichtungsmuskeln sind ver- sei. »Ich muss aufpassen, dass die Reha Es gibt Eierlikör aus Schokowaffelbechern
spannt. Das ist nicht das Metall.« Zum ers- das Wichtigste bleibt.« und Tiroler Schinken, im Hintergrund läuft
ten Mal lockern sich Vogels Gesichtszüge Sie sagt, sie wähle den Stress bewusst, auch Radiomusik. Sie reden darüber, dass Erfurt
an diesem Tag. wenn sie dadurch an ihre Grenzen komme. eine Markthalle mit kleinen, individuellen
Bevor sie noch massiert wird, legt Vogel Die Frage ist, ob ihr bewusst ist, warum sie Feinkostständen brauchte. Als es dunkel
eine Runde Bogenschießen ein. Auch hier das tut. Und ob sie dadurch den Feinschliff wird, zündet jemand Kerzen an. Es wird
geht es um Rumpfstabilität. Als sie ein vom Leben bekommt, von dem der Berli- viel gelacht. Vogels Augen strahlen. Über
paarmal danebenschießt, motzt sie: »Mann, ner Chefarzt bei ihrer Entlassung sprach. ihren Beinen liegt eine große, karierte
was ist denn los heute?« Fortan trifft sie Knapp drei Wochen später ist sie im Decke.
fast immer ins Schwarze. »Bist du nun Wahlkampf mit dem Sonderzug in Erfurt Für ein paar Stunden ist ihr Rollstuhl
zufrieden?«, fragt eine Mitpatientin. unterwegs. Am Rande bekommt sie Ter- verschwunden.
»Geht so«, antwortet Vogel. mine diktiert, unter anderem für erste
Fraktionssitzungen. »Ich kriege gerade
In einer Pause unterhält sie sich mit Kopfweh«, sagt Vogel. Das klingt nicht Video Antje Windmann
über ihre Treffen
einem Mann, den sie vom Rollstuhltrai- nach einem Scherz. mit Kristina Vogel
ning kennt. Sein Motorrad war in einer »Hast du dir schon überlegt, was du am spiegel.de/sp262019vogel
Kurve einfach ausgegangen, wahrschein- Stand zu den Leuten sagen willst?«, wird oder in der App DER SPIEGEL
lich ein technischer Defekt, er landete in sie von einem Mitkandidaten gefragt.

96 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Sport

Den plötzlichen Rückzieher erklärt Ah- zosen ein, trotz der hohen Preise und einer

Teure mad so: Er habe nicht geglaubt, dass Puma


rechtzeitig liefern würde, und darum sei-
nen engen Vertrauten Loïc Gerand um Hil-
merkwürdigen Partnerfirma? Versickerten
Teile des Geldes in dem freundschaftlichen
Firmengeflecht?

Freunde fe gebeten. »Es war eine Notfallmission!«,


sagt Ahmad.
Gerand aktivierte einen Freund, dessen
Die französischen Behörden ermitteln
wegen des Verdachts der Korruption, der
Untreue und einer kriminellen Vereini-
Affären Zu Beginn Firma in Südfrankreich Stahlgerüste für gung. Die Büroräume von Tactical Steel
des Afrika-Cups versinkt der Fitnessgeräte herstellt. T-Shirts und Sport- wurden durchsucht. Ahmad spricht von
hosen gehörten eigentlich nicht zum Kern- Lügen und will sich auf SPIEGEL-Anfrage
Kontinentalverband im Chaos. geschäft der Firma. Doch sie versprach, nicht äußern. Der Firmenchef von Tactical
Nun schreitet die Fifa ein, um den Auftrag mit Produkten von Adidas er- Steel weist Fehlverhalten zurück und sieht
das Missmanagement zu stoppen. füllen zu können. sich als »Kollateralopfer« im Machtkampf
Die CAF bestellte also beim Freund des verfeindeter Fußballfunktionäre.
Freundes des Präsidenten und erhöhte die Tatsächlich rumort es in afrikanischen

E ndlich Anstoß, endlich Fußball. Ah-


mad Ahmad, 59, gab sich optimis-
tisch: »Ich bin zuversichtlich, dass
dieser Cup der beste in der Geschichte des
gewünschte Artikelanzahl sogar noch um
etwa ein Drittel. Doch Tactical Steel ver-
langte mehr Geld als Puma: über 300 Pro-
zent – mehr als eine Million Dollar. Und
Funktionärskreisen. Ahmad scheint nicht
mehr alle Nationalverbände auf seiner Seite
zu haben. Seit seinem Amtsantritt steckt er
mitten in diesem Fußballsumpf und droht
Wettbewerbs sein wird«, verkündete der das war nicht die einzige Bestellung: Im- nun langsam darin zu versinken. Auch die
Präsident des afrikanischen Fußballver- mer wieder kaufte die CAF im großen Stil Anschaffung teurer Limousinen wird ihm
bands CAF vor ein paar Wochen. in Südfrankreich ein. Tactical Steel stellte vorgeworfen sowie ein kostspieliger Pilger-
Nur ein Fußballfest wie der Afrika-Cup, Rechnungen im Gesamtwert von rund trip mit muslimischen Verbandspräsidenten.
der an diesem Wochenende in Ägypten 4,5 Millionen Dollar aus. Auch für den ak- Mittlerweile muss er sich zudem gegen
beginnt, könnte zumindest kurzzeitig vom tuellen Afrika-Cup hat die CAF wieder bei Vorwürfe sexueller Belästigung wehren.
Chaos in seinem Verband ablenken. Ah- Tactical Steel Waren bestellt. Das tut er so: »Wenn ich ein Mädchen lie-
mad hat die Kontrolle über den großen Die Fitnessgerätefirma versorgte die be, umwerbe ich es, das ist alles! Wenn sie
Kontinentalverband verloren. CAF auch mit Zehntausenden Fußbällen. mich mag, gehe ich mit ihr aus, wenn sie
Der Funktionär aus Madagaskar steht Allein für die Lieferkosten in ganz Afrika mich nicht mag, hört alles auf!«
seit Wochen in der Kritik. Dubiose Ge- sollte die CAF mehr als 700 000 Dollar Die CAF-Führung hat nun vor dem
schäfte und Korruption werden ihm zahlen. Ein Großteil der Kosten wurde da- eigenen Chaos kapituliert und die Fifa um
vorgeworfen. Ahmad bestreitet alle An- bei über eine angebliche Partnerfirma ab- Hilfe gebeten. Am Donnerstag bestätigte
schuldigungen. Doch umfangreiches Ma- gerechnet, die ein Konto bei der Abu Dha- der Verband, dass die Fifa-Generalsekre-
terial, das dem SPIEGEL und dem franzö- bi Islamic Bank führt und ein leer stehen- tärin Fatma Samoura ab 1. August für min-
sischen Investigativportal Mediapart vor- des Büro in einem kleinen Gebäude in destens ein halbes Jahr als »Fifa-General-
liegt, könnte den CAF-Präsidenten weiter Dubai unterhält. So ein Außenbüro sei völ- Delegierte für Afrika« antritt. Sie soll die
unter Druck setzen. Die Dokumente of- lig legitim, findet der Chef von Tactical CAF bei einer »forensischen Prüfung« un-
fenbaren fragwürdige Vorgänge, die auch Steel. Auch die CAF-Vertreter sahen darin terstützen. Es gibt genug zu tun.
die deutschen Sportartikelhersteller Puma offenbar keinen Grund zur Beunruhigung. Rafael Buschmann, Robin Wille,
und Adidas betreffen. Doch die Fragen blieben: Warum ließ Christoph Winterbach
Lediglich einen Tag nachdem Gianni In- sich die CAF immer wieder auf die Fran-
fantino vor anderthalb Wochen bei seiner
Wiederwahl als Fifa-Präsident geschwärmt
hatte, dass niemand mehr von Korruption
beim Weltverband spreche, war ausgerech-
net sein Vizepräsident Ahmad in Paris für
einen Tag festgenommen und von der
Polizei verhört worden.
Die Vorwürfe gegen Ahmad gehen un-
ter anderem auf den Dezember 2017 zu-
rück, als die CAF Equipment für die Afri-
kanische Nationenmeisterschaft bestellen
wollte: Trikots, Sporttaschen, Schuhe, Tau-
sende Ausrüstungsartikel. Das Problem:
Die Meisterschaft begann schon im folgen-
den Januar, die CAF war mit ihrer Bestel-
lung viel zu spät dran. Nur Puma erklärte
BACKPAGEPIX / PICTURE ALLIANCE / DPA

sich bereit, den Auftrag innerhalb kürzes-


ter Zeit durchzuführen.
Doch am 20. Dezember, als der Sport-
artikelhersteller unter Hochdruck die
Lieferung vorbereitete, sagte der afrika-
nische Verband den Deal plötzlich ab.
»Was soll ich dazu sagen, ich bin sprach-
los«, antwortete der zuständige Puma-
Mitarbeiter per Mail. »Ich fühle mich wie
ein Idiot!« Fußballverbandsfunktionär Ahmad im April bei Kairo: »Es war eine Notfallmission«

97
Wissenschaft+Technik
Zur Fortpflanzung brauchen sie nichts als einen Partner und eine tote Maus. ‣ S. 100

Chemie
Vom Schneckenschleim
zum Superkleber
 Die Füße des Geckos sind bisher das
beliebteste Vorbild aus dem Tierreich
für starke Haftverbindungen, die
sich wieder ablösen lassen. Der Gecko
bekommt jetzt Konkurrenz: von der
Schnecke. Viele Schnecken produzieren
einen Schleim, der bei Wärme aushär-
tet. Damit schließen sie die Öffnung zu
ihrem Gehäuse und schützen sich vorm
Austrocknen – bis die Luft wieder
feuchter wird. Ingenieure der University
of Pennsylvania haben einen Klebstoff
mit ähnlichen Eigenschaften entwickelt.
Es handelt sich um spezielle langkettige
Moleküle, die zu den Hydrogelen
zählen. Das Gel zieht in feinste Poren
ein und klebt deshalb auch auf glatten
Oberflächen. Das Problem ähnlicher
Stoffe war bislang, dass sie beim Aus-
härten schrumpften, sich aus den Poren

NATURE PICTURE LIBRARY / IMAGO


zurückzogen und wieder abfielen. Das
neuartige Hydrogel jedoch behält seine
Form bei und haftet zudem deutlich
besser als die Fußhärchen des Geckos:
In einem ersten Praxistest hielt eine
briefmarkengroße Klebefläche einen
87 Kilogramm schweren Mann. MSK
SARAH BETHEA / SWNS / ACTION PRESS

Fußnote

33
Prozent aller Franzosen sind misstrau-
isch, was die Sicherheit von Schutzimp-
Golden schimmert das Eis im Licht der tief stehenden Wintersonne in einer fungen betrifft. Das hat eine Umfrage
im Auftrag des britischen Wellcome
Höhle des isländischen Vatnajökull, des größten Gletschers des Landes. Sol- Trust in mehr als 140 Ländern ergeben;
che Klüfte entstehen, wenn Schmelzwasser in Gletscherspalten fließt, gen Tal in keinem Land ist das Vertrauen ge-
strömt und dabei Hohlräume von oft gigantischem Ausmaß ins Eis wäscht. ringer. Nur 13 Prozent der Deutschen
Weil die Eismassen ständig in Bewegung sind, überstehen die Glitzergrotten zweifelten an der Ungefährlichkeit der
Impfung. In Frankreich herrscht seit
manchmal nur einen Winter. Wie lange Gletscherhöhlenforscher noch auf
vergangenem Jahr eine schärfere
Expedition gehen können, ist ungewiss: Der Klimawandel lässt den Vatnajö- Impfpflicht: Kinder müssen nun gegen
kull schmelzen – in 200 Jahren könnte er komplett verschwunden sein. elf Krankheiten immunisiert werden.

98 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Kognition Jahrzehnten und 21 Ländern angeschaut, Pietschnig: Manche Forscher vermuten,

»Unsere
aus Argentinien etwa, China, Kenia, dass Menschen mit einem niedrigeren
Österreich, Deutschland. Die Ergebnisse Intelligenzquotienten mehr Kinder be-

Intelligenz sinkt«
haben wir für jedes Land zur jährlichen kommen. Dadurch könnte der mittlere IQ
Nettoeinwanderung in Beziehung über mehrere Generationen hinweg sin-
gesetzt und zum gesamten Bevölkerungs- ken. Wir haben jedoch auch für diese The-
Jakob Pietschnig, 37, ist Psy- anteil, der im Ausland geboren wurde. se keinen Zusammenhang gefunden.
chologe an der Universität Das Ergebnis war eindeutig: Der IQ sinkt SPIEGEL: Wenn es nicht an der Migration
Wien. Er erforscht, wie sich nicht, wenn die Zahl der Einwanderer oder der Geburtenrate liegt, warum
der Intelligenzquotient global steigt. nimmt die Leistung in IQ-Tests dann ab?
wandelt – und ob Migration SPIEGEL: Aber die Bevölkerungen unter- Pietschnig: Vermutlich liegt es daran,
dabei eine Rolle spielt. schiedlicher Länder schneiden in IQ-Tests dass unsere Gesellschaft immer speziali-
nicht überall gleich ab, was offenbar sierter wird. Studiengänge sind heute
SPIEGEL: Machen Einwanderer die Bevöl- auch mit der Zahl der Schuljahre zusam- enger zugeschnitten, und Unternehmen
kerung in ihrer neuen Heimat dümmer? menhängt. Wie kann es dann sein, bilden Mitarbeiter ganz spezifisch aus.
Pietschnig: Die Fakten sagen: nein. dass die Migration keinen Einfluss hat? Wenn wir viel Energie in eine bestimmte
Wir haben keinen Zusammenhang zwi- Pietschnig: Die Unterschiede zwischen Fähigkeit stecken, etwa in die räumliche
schen der Zahl der Einwanderer und Migranten und den Menschen ihres Orientierung, dann werden wir darin bes-
dem mittleren Intelligenzquotienten der Gastlands sind kurzlebig. In Studien wa- ser – aber nur bis zu einem gewissen
Gesamtbevölkerung festgestellt. ren sie innerhalb von ein bis zwei Ge- Punkt. Gleichzeitig vernachlässigen wir
SPIEGEL: Wie kamen Sie darauf, diese nerationen verschwunden. Erstaunlicher- andere Fähigkeiten, etwa das logische
Frage zu untersuchen? weise gleicht sich der IQ der Migranten Denken oder das Kopfrechnen. Irgend-
Pietschnig: Weltweit hat der Intelligenz- immer demjenigen des Gastlands an, nach wann lässt sich dieser Verlust nicht mehr
quotient im 20. Jahrhundert um fast oben oder unten. ausgleichen.
30 Punkte zugenommen. Wir nennen das SPIEGEL: Sie haben sich auch die SPIEGEL: Wissen ist heute im Nu abruf-
den »Flynn-Effekt«. Die IQ-Tests mussten Geburtenrate der Länder angeschaut. bar – macht uns das Internet schlauer?
ständig nachjustiert werden, damit die Warum das? Pietschnig: Auch die Digitalisierung ver-
Menschen im Mittel weiterhin 100 Punkte stärkt unsere Leistungen in einer ganz
erreichen und nicht alle als hochbegabt bestimmten Richtung: Wir wissen heute
gelten. Seit den Neunzigerjahren geht die besser, wo wir Informationen finden
Zunahme jedoch langsamer vonstatten. In können. Was wir an Informationen im
manchen westlichen Ländern hat sie sich Kopf behalten, wird dagegen unwichtiger.
sogar umgekehrt, auch die Intelligenz der SPIEGEL: Sie forschen zur Migration in
Deutschen und Österreicher sinkt. Manche einer politisch aufgeheizten Zeit. Wie
Forscher vermuten, die Migration sei wären Sie mit einem gegenteiligen Ergeb-
schuld an diesem »Anti-Flynn-Effekt«. Ich nis umgegangen?
wollte wissen, was an dieser These dran ist. Pietschnig: Die Wissenschaft muss auch
MARIA FECK

SPIEGEL: Wie sind Sie vorgegangen? unangenehme Erkenntnisse publizieren.


Pietschnig: Wir haben uns mehr als Intelligenz ist ja kein Label, um Menschen
zwei Millionen Testergebnisse aus fünf Lehrerin im Schulunterricht in gut und schlecht zu unterteilen. MSK

Einwurf

Jetzt mal ehrlich


Was gefundene Portemonnaies über unseren Hochmut offenbaren

Einen Geldbeutel mit umgerechnet 9 Euro oder einen mit 63 Euro: sacken und nur noch vor Netflix-Serien chillen will. Die Gegner
Welches Fundstück geben Menschen eher an den Eigentümer eines Grundeinkommens führen aber genau diese Sorge als Argu-
zurück? Forscher haben solch einen Test gemacht, in den USA, ment an. Oder nehmen wir die Arbeit: Von uns selbst wissen wir,
Polen und Großbritannien, mit jeweils Hunderten Portemonnaies. dass wir auch ohne Aufsicht fleißig sind. Die Kollegen jedoch ver-
Ihr Ergebnis widerspricht der Erwartung: Je mehr Geld in den dächtigen wir, dass sie den Vormittag bei Facebook verbringen.
Beuteln steckte, desto ehrlicher waren die Menschen. Wo es an Vertrauen mangelt, wird schnell der Ruf nach Über-
Spannender als das Ergebnis selbst ist die Frage, warum es uns wachung und Sanktionen laut. Arbeitslose müssen dann jeden
so überrascht. Dahinter steckt ein psychologischer Mechanismus, Monat eine Mindestzahl an Bewerbungen schreiben und Arbeit-
der sich nicht nur bei Fundsachen offenbart, sondern auch in der nehmer stündlich beweisen, was genau sie erledigt haben.
Berufswelt und bei politischen Debatten. Wenn es um Vertrauen Die Wahrheit liegt zwischen den Extremen. Für gewöhnlich,
geht, handeln wir mitunter mit zweierlei Maß. Selbst glauben das zeigen Experimente, ist Ehrlichkeit ein hohes Prinzip. Lüge
wir an einen inneren Kompass, der uns gewissenhaft und ehrlich und Betrug lassen sich deshalb nur schwer mit dem Selbstbild
leitet. Anderen unterstellen wir gern das Gegenteil: dass sie vereinen. Gleichzeitig sind Prinzipien nicht unerschütterlich. Oder
jede Gelegenheit nutzen zu schummeln, zu lügen, zu betrügen. was würden Sie machen, wenn Sie 63 Euro fänden, zu Hause
Nehmen wir das bedingungslose Grundeinkommen: Kaum zwei unbezahlte Stromrechnungen lägen und die Waschmaschine
jemand würde ernsthaft von sich behaupten, dass er das Geld ein- dringend repariert werden müsste? Na eben. Martin Schlak

99
RALPH LEE HOPKINS / NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES
WESTEND61 / GETTY IMAGES
GETTY IMAGES

Totengräber (u. l.),


Elterntiere, Nach-
wuchs von Braunbär,
IWAN TIRTHA / GETTY IMAGES

Kegelrobbe, Kaiser-
pinguin, Zistensänger
Sieht zärtlich aus, ist
aber nicht nur
Altruismus – und schon
IMAGO

gar keine Liebe

100
Wissenschaft

Kuss der Käfer


Evolution Eltern müssen sicherstellen, dass ihr Nachwuchs am Leben bleibt, nur wie? Wer kümmert
sich: die Mutter, der Vater, beide, keiner? Biologen haben im Tierreich faszinierende
Formen der Brutpflege entdeckt – besonders innig gehen manche Insekten mit ihren Kleinen um.

D
as Leben beginnt im Überfluss. Bakterien, Pilze und Substanzen, die Ver- um den Nachwuchs kümmert, ist erst mal
Die Larven von Nicrophorus dauung und Immunsystem der Nach- weg vom Heiratsmarkt. Außerdem hat je-
vespilloides, dem Schwarzhörni- kommen unterstützen. der Elternteil in der Regel nur 50 Prozent
gen Totengräber, schlüpfen un- Totengräber zählen zu den Lieblingen des Erbguts mit seinen Abkömmlingen
mittelbar neben ihrer Nahrungsquelle. jener Zunft von Biologen, die mehr da- gemein, und Väter können nicht einmal
Gleich darauf krabbeln sie hinein in eine rüber wissen wollen, wie sich elterliche ganz sicher sein, dass es tatsächlich die
Wiege aus Halbverdautem, die ihre Eltern Fürsorge im Laufe der Evolution ent- Ihren sind.
für sie angelegt haben. Die Larven könn- wickelt hat. Die Tiere eignen sich gut dafür: »Eltern und Kinder sind bestenfalls nah
ten selbstständig davon essen. Stattdessen Im Labor lässt sich ihr Lebensraum sehr verwandt, aber sie sind nicht identisch«,
aber recken sie Mutter und Vater Toten- einfach nachbilden. Zur Fortpflanzung erklärt der Evolutionsbiologe Per Smiseth
gräber ihre Beinchen entgegen und betteln brauchen sie nichts als einen Partner und von der University of Edinburgh. Seit sei-
um Futter. Prompt nähren die erwachse- eine tote Maus. In deren Kadaver, sorgfäl- ner Abschlussarbeit über die Frage, ob sich
nen Käfer den Nachwuchs von Mund zu tig verscharrt (daher der Name), richten Kegelrobbenmütter intensiver um männ-
Mund. sie die Kinderstube ein. liche als um weibliche Nachkommen küm-
»Das sieht ein bisschen aus wie ein Sind die Larven erst mal da, lässt sich mern (die Antwort ist Nein), hat ihn die
Kuss«, sagt Sandra Steiger. An der Univer- das Familienleben leicht manipulieren – Brutpflege nicht mehr losgelassen. In sei-
sität Bayreuth hat sie vor Kurzem den die Forscher können einen Elternteil ent- ner Heimat Norwegen erforschte er deren
Lehrstuhl für Evolutionäre Tierökologie fernen oder beide, sie können Klima und Mechanismen auch an bodenbrütenden
übernommen. Mit ihr und ihrem Team Nahrungsangebot verändern oder auch Vögeln, doch allzu oft wurden die Nester
bezogen Tausende Totengräber Quartier die Anzahl der Larven. Auf diese Weise von Fressfeinden geplündert.
in den Räumen auf dem Campus. hat Steigers Gruppe nachgewiesen, dass Inzwischen hat sich Smiseth, Mitheraus-
In Plastikboxen mit blauem Deckel die Totengräbermutter offensichtlich weiß, geber eines der wenigen Lehrbücher über
hausen sie nun im Torf; Klimakammern wie viele Kinder sie hat. Nahmen die For- die Evolution der elterlichen Fürsorge,
simulieren die Kühle der Wälder, in denen scher ein paar weg, legte sie weitere Eier. auf das Familienleben verwilderter Haus-
diese Käferart normalerweise lebt. Auf Vor allem aber, und das macht sie zu schafe auf einer schottischen Insel verlegt –
den Labortischen stehen Gaschromato- einer Art Laborratte der Evolutionsbio- und auf das der Totengräber. Meist ist das
grafen zur Analyse der Ausdünstungen, logie, betreiben Totengräber eine verblüf- Thema nur ein Teilaspekt der Ökologie,
Laservibrometer protokollieren das leise fend vielgestaltige Brutpflege. An ihnen, doch gegenwärtig wächst das Interesse –
Sirren, das die Käfer mit ihren Schrillleis- hoffen die Forscher, können sie grund- auch weil neue Modellorganismen und
ten am Hinterleib erzeugen. Pheromone legende Theorien zur Entstehung elter- Methoden Antworten auf grundlegende
und Geräusche dienen der Kommunikati- licher Fürsorge testen. Fragen versprechen.
on mit Artgenossen. Das Überleben möglichst vieler gesun- Quer durchs Tierreich habe sich das
Biologin Steiger will die Sprache der der Nachkommen ist ein evolutionärer elterliche Kümmern immer wieder ent-
Krabbeltiere entschlüsseln. Manche Bot- Imperativ – nur so rettet die Kreatur das wickelt und verändert, sagt Smiseth. Ein
schaft hat sie schon verstanden. So düns- eigene Erbgut in die nächste Generation. paar Grundregeln immerhin gibt es: Alle
ten Totengräbermütter nach der Eiablage Daher ist es nicht nur Altruismus und Säugetiere sorgen für ihre Babys, meist
eine Art Lustkiller aus, das Gegenteil eines schon gar keine Liebe, wenn ein Pinguin- trägt die Mutter die Hauptverantwortung.
Aphrodisiakums. Es lässt den Partner wis- männchen ein Ei mit seiner Körperwärme Auch Vögel umhegen ihre frisch geschlüpf-
sen, dass nun Schluss sein soll mit Sex. So bebrütet oder eine Bärenmutter ihren te, hilflose Brut, hier arbeiten Mutter und
hat der Käferpapa, der zuvor Hunderte Nachwuchs säugt – so zärtlich und zuge- Vater häufig im Team. Bei Reptilien und
Male mit seiner Partnerin kopulierte, mehr wandt das auf Menschen wirken mag. Amphibien ist elterliche Fürsorge selten,
Zeit für seine neuen Aufgaben: Larven Investitionen ins Wohl der Brut haben aber es gibt sie. Viele Pfeilgiftfroschväter
füttern, Feinde abwehren und spezielle einen hohen Preis: Die Nahrungssuche für tragen ihre Kaulquappen huckepack zu
Mikroben absondern, die die Heimstatt den Nachwuchs geht zulasten der eigenen, nahrungsreichen Tümpeln, weibliche Beu-
vorm Verfaulen schützen. Fressfeinde haben leichteres Spiel, wenn telfrösche schleppen ihre gar wie Kängurus
Auch warum die Kleinen mancher Ar- nicht nur das eigene, sondern auch das Le- mit sich umher, bis aus den Larven Frösch-
ten von den Eltern gefüttert werden müs- ben der Sprösslinge geschützt werden lein werden.
sen, hat Steiger ergründet. Im Labor zog muss, und wer sich im heimischen Nest Welchen Aufwand Mutter und Vater
sie Larven, diesmal Exemplare der von treiben, um den Nachwuchs zu umhegen,
ihren Eltern besonders abhängigen Art hängt von ökologischen Notwendigkeiten
Nicrophorus orbicollis, mit flüssiger Nah- Stirbt das Ohrwurm- ab. So müssen Fische, die ihre Eier im
rung auf, wie sie die Eltern sonst verabrei- weibchen, dient es den weiten Ozean absondern, darauf setzen,
chen, nur eben nicht aus deren Mund. Fast dass die Nachkommen allein klarkommen.
alle starben. Womöglich, folgert Steiger,
Larven, Pragmatismus Wo viele Feinde umherstreifen, sollte im
enthält der Brei aus der Direktfütterung vor Pietät, als Nahrung. Verborgenen gebrütet werden. Und in kar-

DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 101


Wissenschaft

ger Umgebung müssen die Eltern die Klei- Und kann sich Abhängigkeit nur entwickeln, Brutpflege auf den Partner zu verlassen.
nen aktiv vorm Hungertod bewahren. wenn die Eltern während der Aufzucht eher Solche Pärchen sind nachlässiger als allein-
Und ein komplexes Gehirn, auch das nicht in Gefahr geraten, zu sterben oder an- erziehende Zebrafinken – und ihre Nach-
lehrt die Evolution, muss nach der Geburt derweitig abhandenzukommen? kommen haben es später schwerer im
noch reifen – daher kommen die Jungen »Es braucht jedenfalls kein großes Ge- Leben, zum Beispiel bei der Partnerwahl.
vieler Spezies mit großem Denkorgan be- hirn für Weiterentwicklungen in der elter- Nicht nur neue Modellorganismen, auch
sonders hilflos auf die Welt. Totengräber lichen Fürsorge«, sagt Forscher Smiseth. neue Verfahren helfen gegenwärtig, die
sind nach drei Tagen selbstständig – Men- In seinem jüngsten Projekt hat er bewie- Grundlagen der Elternliebe zu enträtseln.
schen brauchen bekanntlich länger. sen, dass es den Nachwuchs widerstands- Neurowissenschaftler Johannes Kohl vom
Doch es sind eben nicht nur derlei Fak- fähiger gegenüber wechselnden Umwelt- Londoner Francis Crick Institute etwa hat
toren oder die Zwänge der Umwelt, die bedingungen macht, wenn die Eltern sich bei Mäusen mittels Methoden, die die Ver-
eine faszinierende Vielfalt der Eltern-Kind- kümmern. Dafür ließ Smiseth Totengräber schaltung von Nervenzellen sichtbar ma-
Beziehungen hervorbringen. Das zeigen bei unterschiedlichen Temperaturen he- chen können, eine Art Kommandozentra-
vor allem die jüngeren Beispiele aus der ranwachsen. le für mütterliches Verhalten im Gehirn
Welt der Wirbellosen. In dem Klima, das in ihrem natürlichen nachgewiesen.
Bei Insekten galt intensive Brutpflege Lebensraum herrscht, kamen sie mit und Als wäre ein Hebel umgelegt worden,
lange Zeit staatenbildenden Arten vorbe- ohne Eltern klar. War es jedoch kälter, star- sorgt ab Tag 21 der Trächtigkeit dieser neu-
halten, Ameisen oder Bienen. Doch ronale Schaltkreis im Zwischenhirn
auch bei anderen Insekten und bei dafür, dass Mutter Maus genau weiß,
Spinnentieren stoßen Forscher im- was ihre Babys brauchen. Rund 20
mer wieder auf unerwartete Fürsorg- nachgeschaltete Systeme empfan-
lichkeit – und faszinierende Paralle- gen Signale von diesem Zentrum,
len zu Säugetieren. das nur aus wenigen Tausend Ner-
So präsentierten chinesische For- venzellen besteht.
scher Ende 2018 im Fachblatt »Sci- Vor dem – wohl hormonell gesteu-
ence« den wohl ersten Fall einer Art erten – Umschaltprozess interessiert
Muttermilch im Spinnenreich: Weib- sich die Maus nicht für Neugeborene,
liche Springspinnen (Toxeus mag- sie würde sie sogar töten. Ist die Küm-
nus) produzieren ein proteinreiches merermaschinerie aber erst mal an-
Sekret, das sie ihrem Nachwuchs di- gelaufen, wollen Mäuse nichts ande-
rekt verabreichen. Ohne die Milch, res mehr als Babys betüdeln, egal ob
auch das zeigte sich in der Studie, es die eigenen sind oder nicht. Wird
sterben die Babyspinnen. der Schaltkreis bei jungfräulichen
Bei bestimmten Weberknechten Mäusen stimuliert, wissen auch sie
kümmern sich ausschließlich die sofort, was Babymäuse brauchen.
Männchen um die Nachkommen – »Neugeborene Mäuse sind kom-
ein wahrhaft selbstloses Konzept, wie plett hilflos«, erklärt Wissenschaftler
Wissenschaftler um Gustavo Reque- Kohl, »da ist keine Zeit für Fehler –
na von der Universidade de São Pau- die Mutter muss von Anfang an wis-
SONJA OCH / DER SPIEGEL

lo herausfanden. Die Männchen wel- sen, was zu tun ist.«


ken im Zuge der Brutpflege geradezu Eine ähnliche Struktur, vermutet
dahin, was kein Wunder ist, da sie sel- er, dürfte auch im menschlichen
tener für sich selbst auf Futtersuche Gehirn vorhanden sein, vernetzt
gehen als kinderlose Artgenossen. jedoch mit weit komplexeren Struk-
Noch größere Opfer bringen die turen als beim Nager. Auch bei wer-
Mütter von jungen Ohrwürmern: Biologin Steiger mit Käfersammelgefäß denden Müttern bewirken hormo-
Tagelang bewachen Weibchen vie- »Familienleben führt zu Interessenskonflikten« nelle Einflüsse Veränderungen im
ler Arten ihr Gelege und befreien Gehirn – so eindeutig, dass Compu-
die Eier regelmäßig von Pilzbefall. Sind ben fast alle, wenn die Eltern nicht bei terprogramme die Schwangerschaft anhand
die Ohrwürmchen geschlüpft, würgen die ihnen waren. »Die Gegenwart der Eltern von Kernspinaufnahmen erkennen können.
Mütter vorverdautes Futter für sie hervor. macht die Jungen einfach fitter«, erklärt Für Forscherin Steiger, die im Herbst
Stirbt das Weibchen, dient es den Kleinen, Smiseth, »womöglich, weil Mutter und ihr erstes Kind erwartet, sind die Erkennt-
Pragmatismus vor Pietät, als Nahrung. Vater als eine Art Puffer fungieren und nisse aus der Welt der Tiermütter und -vä-
Nicht nur Eltern, auch die Kinder zah- jede Art von Stress aus dem Weg räumen, ter ganz beruhigend. »Familienleben führt
len einen Preis für intensivere Brutpflege: dem der Nachwuchs sonst ausgesetzt von Natur aus zu Interessenskonflikten«,
Sie begeben sich in eine Abhängigkeit, die wäre.« Helikopterkäfer sozusagen. sagt sie. Biologe Smiseth ergänzt: »Elter-
sie das Leben kosten kann. Wenn eine Spe- Totengräber, das zeigte ein anderes Ex- liche Fürsorge ist harte Arbeit, stressig,
zies die Fähigkeit ihrer Jungtiere zur periment in Smiseths Labor, gedeihen am zeitraubend.« Und es gebe nun mal besse-
Selbstversorgung opfert, muss das also besten, wenn sich beide, Mutter und Vater, re und schlechtere Eltern. Bei Käfern und
gewaltige Vorteile bergen. um sie kümmern – obwohl jeder Elternteil Menschen. Julia Koch
Nur welche? Biologin Steiger will im Kä- den Job auch allein erledigen könnte: Die
ferlabor testen, was die Entstehung von Fa- Nachkommen von Paaren waren im Schnitt
milienleben befördert: So könnte es von stattlicher als die von Alleinerziehenden. Video
Papa Käfer
Vorteil sein, in einen größeren Körper zu »Diese Synergie hat uns überrascht«,
investieren. Dann ist es unter Umständen sagt Smiseth, »weil bei manchen Tierarten spiegel.de/sp262019eltern
notwendig, dass Mütter und Väter das auch das Gegenteil der Fall ist.« Zebrafin- oder in der App DER SPIEGEL
Wachstum durch Füttern beschleunigen. ken zum Beispiel neigen dazu, sich bei der

102 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Technik

Dicke Luft
am Gleis
Verkehr Züge produzieren Fein-
staub, wenn auch in erträglichen

INGENHOVEN ARCHITECTS GMBH, CHRISTOPH INGENHOVEN


Mengen. Im Tiefbahnhof
Stuttgart 21 wird daraus aller-
dings ein ernstes Problem.

S chienenfahrzeuge zählen zu den


Transportmitteln der Wahl, wenn
es gilt, umwelt- und klimaschonend
voranzukommen. Längst fahren sie vor-
wiegend elektrisch und im Fernverkehr
laut Auskunft der Deutschen Bahn nur
mit Ökostrom.
Doch der vorbildliche Nutzer der Züge Stuttgarter Bahnhofsprojekt (Simulation): Dumpfes Aroma des Schienenstrangs
ist womöglich besonderen Gesundheits-
risiken ausgesetzt. Im vergangenen Jahr
alarmierte der technische Prüfdienst De- gene Worte zu kleiden: Der Staub ist da, liegen, die vom Stuttgarter Flughafen kom-
kra die Stuttgarter Bevölkerung: Messun- er dürfte aber erst zu einem ernsten Pro- mend durch knapp zehn Kilometer Tunnel
gen an U-Bahnhöfen hatten Feinstaub- blem werden, wenn große Bahnhofsanla- hinabführt. Mahner sehen den Bahnstaub
konzentrationen von mehr als 100 Mikro- gen nicht mehr gut belüftet über der Erde wie durch ein riesiges Blasrohr in die
gramm pro Kubikmeter ergeben – fünfmal liegen. Station schießen – womöglich in solchen
so viel wie am Straßenverkehrsknoten Die Luftqualität in den Stuttgarter Mengen, dass sogar das großzügige Fein-
Neckartor. U-Bahn-Stationen erweist sich entweder staublimit für Arbeitsplätze gesprengt wer-
Dass die Expertise von Dekra kam, ei- als katastrophal – oder als unkritisch, je den könnte.
nem Autodienstleister, machte den Befund nachdem welcher Maßstab angelegt wird. »Die Stuttgarter Werte werden alles in
allemal verdächtig. Baden-Württembergs Die Grenzwerte, die im Freien gelten, wer- den Schatten stellen«, erklärte bereits der
grünes Verkehrsministerium, eher pro den hier zweifellos überschritten. Als Bau- Münchner Verkehrsberater Karlheinz Röß-
Bahn eingestellt, monierte sogleich metho- werk indes, in dem sich Arbeitsplätze be- ler, einer der prominenten Kritiker des
dische Fehler. So sei »zu kurz, am falschen finden – und das ist ein Bahnhof ja –, dürf- im Bau befindlichen Tiefbahnhofs. Als
Ort und nicht mit dem vorgeschriebenen te jede der Stationen sogar noch staubiger Musterbeispiel einer politischen Macht-
Referenzverfahren« gemessen worden. sein. Hier liegt der Grenzwert um ein Viel- demonstration hat Stuttgart 21 bereits
Dekra, das kann niemand bestreiten, faches höher als an der frischen Luft. einige gute Gegenargumente abgewettert,
hat realen Staub gemessen. Am Gleiskör- Die Autolobby prangert hier gern eine von denen jedes für sich als Killerkriterium
per herrscht mitunter dicke Luft. Jeder Ungerechtigkeit an, doch das Regelwerk gelten kann: die deutlich schlechtere Ver-
Bahnreisende kennt das Aroma des Schie- folgt durchaus einer Logik: Straßen wer- kehrsleistung gegenüber dem bestehenden
nenstrangs, das besonders dumpf nach den von Wohnhäusern gesäumt, in Bahn- Bahnhof, ungeklärte Brandschutzfragen,
Eisen schmeckt, wenn ein Güterzug vor- höfen und Haltestellen aber wohnt nie- das riskante Gefälle, das die Gefahr un-
beipoltert. Abrieb an Bremsen, Rädern mand, jedenfalls nicht offiziell. In den bis- kontrolliert losrollender Züge birgt und
und Gleisen, dazu der im Schotterbett la- her auffälligen U-Bahn-Haltestellen hat nun auch noch die Staubbildung verstär-
gernde Schmutz, den jeder Zug aufs Neue auch kaum jemand einen dauerhaften ken wird.
verwirbelt, sind eine Begleiterscheinung Arbeitsplatz. Bahningenieur Eberhard Happe nannte
des Bahnbetriebs, die sich nicht leugnen Ganz anders wird die Situation jedoch die Längsneigung des Bahnsteigs schon in
und schon gar nicht so einfach beseitigen im Tiefbahnhof Stuttgart 21 sein, der als einem frühen Fachaufsatz »kriminell« und
lässt. Nur, wie schlimm ist das Ganze? größter unterirdischer Verkehrsknoten der weckte den Zorn des damaligen Bahn-
Genau das zu klären, steht die Bun- Republik im kommenden Jahrzehnt den Chefs Heinz Dürr – eines der großen För-
desregierung derzeit in der Pflicht. Am Betrieb aufnehmen soll: Hier wird es reich- derer des schiefen Tiefbahnhofs. Inzwi-
27. Mai stellte die Fraktion der Linken lich Arbeitsplätze im staubigen Bereich ge- schen ist Happe in Rente, meldet sich noch
im Bundestag eine Kleine Anfrage zur ben – und reichlich Staub. immer kritisch zu Wort und sieht auch in
Feinstaubbelastung in unterirdischen Denn der Betrieb in der achtgleisigen dem Feinstaubproblem ein »ernstes The-
Bahnhöfen im Allgemeinen und zum deli- Kellerstation wird mit intensiven Brems- ma«. Ältere Züge, die nicht induktiv mit
katesten Bahnprojekt der Republik im manövern einhergehen. Um das Konstrukt den Antriebsmotoren bremsen können,
Besonderen – dem Tiefbauknotenpunkt in das bestehende System der U- und würden im Stuttgarter Gefälle »mit qual-
Stuttgart 21. S-Bahnen zu integrieren, mussten die Pla- menden Bremsen« den Bahnhof erreichen.
Die Deutsche Bahn, inzwischen von der ner den gesamten Bahnhofskorridor in ein »Am Ende«, feixt der Fachmann, »müss-
Regierung mit der Beantwortung der ins- Gefälle legen, das die Richtlinien der Bau- te dann oben ein Fahrverbot für Autos und
gesamt zwölf Fragen beauftragt, wird sich ordnung um den Faktor fünf übersteigt. unten eins für die Eisenbahnen gelten.«
in absehbarer Zeit äußern. Es geht darum, Zudem wird der neue Hauptbahnhof am Christian Wüst
eine unangenehme Wahrheit in abgewo- Fuße einer langen abschüssigen Strecke

103
Wissenschaft

Schwelbrand im Gehirn
Psychiatrie Wie entstehen Schizophrenie, Depressionen und anderes seelisches Leid? Was lange ein
großes Rätsel der Medizin war, klärt sich nun auf – im Fokus der Forscher: das Immunsystem.

M
anche Krankheitsgeschichten
sind so verrückt, dass man
alle medizinischen Wahrhei-
ten über Bord werfen muss,
um sie zu verstehen. So auch die Geschich-
te jenes 67-jährigen Mannes, der an Leu-
kämie erkrankte und deshalb eine Stamm-
zelltransplantation brauchte, ein neues
Immunsystem mithin, das das alte, kaputte
ersetzen sollte. Eine Routineprozedur
eigentlich. Ein jüngerer Bruder, der an
Schizophrenie litt, war bereit, die Stamm-
zellen zu spenden.
Nachdem dem Älteren die Zellen des
Jüngeren übertragen worden waren, lief
zunächst alles glatt. Die Leukämie war ge-
heilt. Aber dann wurde das Medikament,
mit dem das neue Immunsystem zunächst
noch unterdrückt worden war, abgesetzt.
Und plötzlich fing der 67-Jährige an, Stim-
men zu hören. Stimmen, die ihm drohten,
die kommentierten, was er erlebte. Er ent-
wickelte bizarre Wahnvorstellungen, war
überzeugt, andere könnten seine Gedan-
ken lesen. Am Ende hegte er Selbstmord-
und Mordgedanken.
Ärzte konnten alle naheliegenden Ur-
sachen für diese psychotischen Symptome
ausschließen. Der Mann hatte keinen Tu-
mor im Kopf und keine Virusinfektion, kei-
ne Borreliose und kein Delir. Und obwohl
er als Bruder eines an Schizophrenie Er-
krankten selbst ein erhöhtes Risiko hatte,
Opfer dieses psychiatrischen Leidens zu
werden, wäre es extrem untypisch gewe-
sen, wenn es ihn in seinem fortgeschritte-
nen Alter noch erwischt hätte.
Wurde dem Mann mit dem Immun-
system seines Bruders auch dessen Schi-
zophrenie übertragen?
»Ich finde das plausibel«, sagt Norbert
Müller, emeritierter Professor für Psychia-
trie an der Ludwig-Maximilians-Universi-
tät München. Er beschäftigt sich schon
rund 30 Jahre lang mit dem Zusammen-
spiel von Immunsystem und psychischen
Erkrankungen. Lange Zeit war er damit
ein wissenschaftlicher Außenseiter.
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

Jetzt sieht es so aus, als wenn Müller


seiner Zeit voraus gewesen war: Die Im-
munoneuropsychiatrie, die Wissenschaft,
die die vielfältigen Verflechtungen zwi-
schen Immunsystem, Gehirn und Psyche
erkundet, hat sich in den vergangenen Jah-
ren zu einem der spannendsten For-
Ärztin Leboyer: »Es sah aus, als trügen diese Menschen eine Dauerinfektion in sich« schungsgebiete in der Medizin entwickelt.

104 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


Konferenzschaltung
Wie Immunzellen im
zentralen Nervensystem wirken

Botenstoffe Nervenzellen
kommunizieren
direkt und indirekt
mit den Immunzellen.

Immunzellen
nke Botenstoffe
des Gehirns
chra
Die sogenannte S
rn- Blutgefäß
Mikroglia kommuniziert Hi

t-
sowohl mit den Nerven-

Blu
zellen des Gehirns als auch
mit den Immunzellen des Körpers.
Sie beeinflusst die synaptische Immunzellen des Körpers
Informationsübertragung im üb produzieren Botenstoffe, die die Blut-Hirn-Schranke
er
Gehirn, die die Grundlage ist das durchdringen können und die die Arbeit der Nerven-
für Lernen, Gedächtnis und Lym
p h sy s t zellen im Gehirn beeinflussen. Anders als man lange
soziales Verhalten. em vermutete, wandern diese Immunzellen mitunter
auch bei gesunden Menschen ins Gehirn ein.

»Die Sicht auf Krankheiten wie Schizo- sind und die Forscher lange unterschätzt ten, das Risiko für eine spätere Schizophre-
phrenie, Depression und Autismus ändert haben: sogenannte Mikroglia. Sie erspü- nie oder Depression etwa verdoppelten.
sich gerade«, sagt Marion Leboyer, Pro- ren mithilfe von Rezeptoren, welche Ner- Eine Infektion der werdenden Mutter wäh-
fessorin für Psychiatrie an der französi- venzellen des Gehirns gerade arbeiten. rend der Schwangerschaft führt dazu, dass
schen Université Paris-Est Créteil. 20 Jah- Durch direkten Kontakt und über Boten- das Kind mit einer größeren Wahrschein-
re lang habe sie die Genetik der psy- stoffe können sie Einfluss auf die neuro- lichkeit als andere autistisch wird.
chischen Erkrankungen erforscht, erzählt nalen Übertragungswege nehmen – die Ein defektes Darmmikrobiom, also eine
sie, durchaus mit Erfolg, »aber ohne große Basis für Lernen, Gedächtnis und soziales falsche Zusammensetzung der dort heimi-
Hoffnung, daraus einmal Therapien ent- Verhalten. schen Bakterien, trägt wahrscheinlich
wickeln zu können«. Deshalb sei sie vor In den winzigen Lymphgefäßen der ebenfalls via Immunsystem zur Entste-
rund zehn Jahren auf das Gebiet der Im- Hirnhäute umfließen auch Körper-Immun- hung seelischer Krankheiten bei.
munologie gewechselt. zellen das Gehirn. So erhalten sie ständig Und auch genetische Studien bestätigen
Die große Hoffnung lautet: psychische Informationen über dessen Zustand. Bei die wichtige Rolle der Immunabwehr: Vie-
Leiden mit Immuntherapien behandeln zu Bedarf überwinden sie von den Blutgefä- le der Genvarianten, die das Risiko für
können – wie Krebs oder Rheuma. ßen aus die Blut-Hirn-Schranke und be- eine Depression, Schizophrenie, für Autis-
Dass Immunsystem und Psyche irgend- einflussen zudem mittels Botenstoffen die mus oder andere psychiatrische Störungen
wie zusammenhängen, ahnte man schon zu Aktivität von Nervenzellen. erhöhen, beeinflussen die Funktion des
Zeiten von Hippokrates (etwa 460 bis circa »Es wird immer klarer, dass Immun- Immunsystems.
370 vor Christus). Damals wurde erkannt, mechanismen für die normalen, gesunden Stück für Stück setzen Forscher ihre Er-
dass Fieber – Zeichen einer Immunreak- Funktionen des Gehirns wesentlich sind«, kenntnisse zu einem völlig neuen Bild psy-
tion – Psychosen lindern kann. Der Medi- sagt Frauke Zipp, Direktorin der Klinik chischer Störungen zusammen, das zwar
ziner Galen, der im 2. Jahrhundert nach und Poliklinik für Neurologie an der Uni- noch lückenhaft ist, aber Anlass zur Hoff-
Christus in Rom praktizierte, beschrieb ei- versitätsmedizin Mainz. »Immunsystem nung auf neue Therapieansätze gibt – vor
nen Fall der Melancholie, der durch Malaria und Gehirn kommunizieren ständig mit- allem für die drei großen seelischen Lei-
geheilt wurde. Und aus dem 18. Jahrhun- einander.« den: Depression, Autismus und Schizo-
dert stammt ein Bericht über die Heilung Wichtig für das seelische Wohlergehen phrenie.
»Tobsüchtiger« nach Pockeninfektion. ist das richtige Gleichgewicht in dieser Für Depressionen gibt es bekannte
Doch die moderne Medizin verpasste Kommunikation. Wird dies gestört, durch Risikofaktoren, psychosozialer Stress ge-
sich lange Zeit selbst ein Denkverbot. Das Entzündungen oder Autoimmunreaktio- hört dazu, psychische Traumata können
Gehirn, so das Dogma, sei »immunprivi- nen, können psychiatrische Erkrankungen dazu führen. Solche Geschehnisse fachen
legiert«, also dem Zugriff des Immunsys- entstehen. Entzündungen im Gehirn und im rest-
tems weitgehend entzogen. Die Blut-Hirn- Mittlerweile haben Forscher jede Men- lichen Körper regelrecht an. Stress macht
Schranke schotte es gegen Immunzellen ge solcher Gefahren für die Hirngesund- zudem die Blut-Hirn-Schranke durchläs-
ab. Inzwischen weiß man: Ohne die regu- heit ausgemacht. Infektionen mit Viren siger, sodass bestimmte Botenstoffe leich-
lierende Funktion des Immunsystems und Bakterien gehören dazu; so zeigte ter ins Gehirn gelangen können. Dort ent-
kann der Mensch gar nicht denken. eine Kohortenstudie mit mehr als einer steht – zumindest bei einem Teil der de-
Eine tätige Rolle dabei spielt eine Klasse Million Menschen, dass Infektionen, die pressiven Patienten – offenbar eine Art
von Immunzellen, die im Gehirn ansässig einen Krankenhausaufenthalt nötig mach- Schwelbrand, eine chronische Entzün-

105
Wissenschaft

dung, die die Funktion der Nervenzellen delten autistischen Kindern waren vor Be-
beeinträchtigen kann.
Vieles, was die Stimmung aufhellt, hat
hingegen eine antientzündliche Wirkung:
handlungsbeginn 15 als »schwer« betroffen
eingestuft worden – zwei Jahre nach der
Stuhltransplantation waren es nur noch 3.
Nadelkönig
Sport und Bewegung, aber auch Entspan- Die Symptome von 8 der behandelten Kin- Geschichte Kunsthistoriker er-
nungsübungen und eine Psychotherapie, der hatten sich so stark verbessert, dass sie
die hilft, mit Stress besser umzugehen. nicht mehr als Autisten galten.
forschen den Nachlass Christian
Erste Untersuchungen mit antientzünd- »Eine Stuhltransplantation bei Autismus Warlichs – und lüften dabei so
lichen Medikamenten waren bereits erfolg- klingt völlig verrückt, oder?«, fragt Hanna manches Geheimnis des Urvaters
reich. So konnte schlichtes Aspirin die Wir- Stevens, Direktorin der Abteilung für
kung des Antidepressivums Sertralin in Kinder- und Jugendpsychiatrie am Carver
der deutschen Tattoo-Szene.
einer Studie mit 100 Patienten signifikant College of Medicine der University of
verbessern. Das Arthrosemittel Celecoxib Iowa. »Aber es ist wirklich eine sehr inte-
kann die Wirkung eines Antidepressivums
verstärken, ebenso wird Infliximab bei
Depressionen erprobt, ein Mittel, das bei-
spielsweise bei entzündlichen Darmerkran-
ressante Idee.« Dringend müssten jetzt
weitere Studien gemacht werden.
Bei manchen Menschen, die wie Schi-
zophreniekranke unter Halluzinationen
S ilke Beiner-Büth könnte in diesem
Moment über vieles nachdenken,
über Edith und Werner zum Bei-
spiel. Vor ihr liegt ein Hautlappen von der
kungen eingesetzt wird, weil es das Immun- und Wahnvorstellungen leiden, werden Größe eines Handtellers, darauf ein Tat-
system unterdrückt. Nun hoffen Forscher, diese Symptome durch Autoimmunreak- too, es zeigt zwei Vögelchen. Sie tragen
Therapien auch für jene depressiven Patien- tionen hervorgerufen, wie inzwischen be- zwei Anhänger in Herzform, die Schnäbel
ten entwickeln zu können, denen bislang kannt ist. Dabei attackieren sogenannte berühren sich. Links neben den Anhän-
nicht geholfen werden kann. Autoantikörper das Gehirn. Lassen diese gern steht der Name »Edith«, rechts da-
Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, sich nachweisen, behandeln Ärzte schon neben »Werner«, oben: »Treue Liebe«.
dass auch beim Autismus, zumindest in heute mit einer Immuntherapie: mit Cor- Die Restauratorin treibt aber vor allem
einem Teil der Fälle, das Abwehrsystem tison, Immunglobulinen oder einer Blut- eine Frage um: Schimmelt hier etwas?
aus dem Gleichgewicht geraten ist. So lei- wäsche, bei der die Antikörper heraus- Beiner-Büth arbeitet für das Museum
den überproportional viele Autisten an ty- gefiltert werden. »Dass die Betroffenen in- für Hamburgische Geschichte. Hier wird
pischen Krankheiten: In einer kleinen Stu- zwischen erfolgreich therapiert werden derzeit unter der Leitung des Kunsthisto-
die an Patienten mit Asperger, einer mil- können, ist wirklich bahnbrechend«, sagt rikers Ole Wittmann erstmals der Nachlass
Neurologin Frauke Zipp. des Tätowierers Christian Warlich er-
Auch bei tatsächlichen Schizophrenie- forscht, der ab 1919 auf St. Pauli tätowierte.
patienten, die diese Autoantikörper nicht Warlich gilt als Urvater der deutschen Tat-
haben, finden sich häufig entzündliche Ver- too-Kunst, seine Illustrationen waren weg-
änderungen, die darauf hinweisen, dass weisend. Er konnte Tattoos nicht nur an-
das Abwehrsystem entgleist ist. Fieberhaft bringen, sondern war auch einer der ers-
suchen Forscher nun nach Biomarkern, die ten, der sie professionell wieder entfernte.
ihnen verraten könnten, welche Erkrank- Wittmann will mit seinem Forschungs-
ten auf eine Immuntherapie ansprechen projekt die Frage beantworten: Wer war
würden – und welche Art von Therapie dieser Christian Warlich, der sich selbst
jeweils besonders gut geeignet wäre. Noch als »König der Tätowierer« bezeichnete?
steht die Forschung am Anfang. »Aber es Warlich kam im Jahr 1891 bei Hannover
ist durchaus realistisch, solche Therapien zur Welt. Schon als Jugendlicher stach er
Neurologin Zipp zu finden«, sagt der Münchner Psychiater Schulkameraden Motive auf die Haut, wie
»Das ist wirklich bahnbrechend« Norbert Müller. Briefe belegen. Im Alter von 14 Jahren ver-
Eine der spektakulärsten Heilungen der ließ Warlich sein Elternhaus und zog nach
den Form des Autismus, waren 70 Prozent Schizophrenie verdanken Ärzte allerdings Dortmund, wo er einige Tätowierer kennen-
von Allergien, Neurodermitis, Asthma dem Zufall. Einen jungen Mann befielen lernte. Als Heizer heuerte er auf dem Pas-
oder ähnlichen Leiden betroffen – im Ver- mit 23 Jahren, kurz nachdem er seinen sagierschiff »Imperator« an, es brachte ihn
gleich zu 7 Prozent in der nicht autisti- Universitätsabschluss gemacht hatte, plötz- nach New York. Dort erstand er wohl seine
schen Vergleichsgruppe. lich Verfolgungswahn und Halluzinatio- erste Tätowiermaschine – und brachte sie
Marion Leboyer entdeckte im Blut er- nen. Die Ärzte stellten die Diagnose »pa- nach Deutschland. In Hamburg angekom-
wachsener Autisten Immunzellen, die »über- ranoide Schizophrenie«. Die Therapie mit men, inzwischen 23 Jahre alt, heiratete War-
stimuliert und völlig dysfunktional« waren. üblichen Medikamenten gegen dieses Lei- lich, 1921 meldete er eine Schankwirtschaft
»Es sah aus, als trügen diese Menschen eine den schlug nicht an. an. In einem Separee, abgetrennt durch
Dauerinfektion in sich«, sagt sie, »nur dass Dann, mit 24 Jahren, bekam der Mann einen Vorhang, stach Warlich fortan die Tat-
wir keine Infektion finden konnten.« eine Leukämie. Seine einzige Hoffnung war toos, die ihn weltberühmt machen sollten.
Überdies scheint das für die Funktion eine Knochenmarktransplantation. Die ge- Eines von ihnen ist auf dem Hautstück
des Immunsystems so wichtige Darm- fährliche Prozedur heilte nicht nur seinen zu sehen, das nun vor Silke Beiner-Büth
mikrobiom bei einigen Betroffenen gestört Blutkrebs: Nach 30 Tagen waren auch seine auf dem Tisch liegt: satte Farben und
zu sein. Als Forscher Stuhl von Autisten Schizophreniesymptome so gut wie ver- schwungvolle Linien mit zarten Fettungen,
auf Mäuse übertrugen, zeigten die Nach- schwunden. Acht Jahre nach der Knochen- die Buchstaben hier und da etwas bauchi-
kommen der Tiere plötzlich autistische Ver- marktransplantation, berichteten die Ärzte, ger machen; so hob sich Warlich von der
haltensweisen. Umgekehrt konnten in einer ging es dem Mann hervorragend – er war Konkurrenz ab. Das Hautstück ist eines
Pilotstudie die Symptome einiger autisti- körperlich und psychisch gesund und arbei- von 29, die sich derzeit im Museum für
scher Kinder durch eine Transplantation tete erfolgreich in einem bekannten Unter- Hamburgische Geschichte befinden. Bei-
eines gesunden Stuhlbakterienmixes erheb- nehmen. Veronika Hackenbroch ner-Büth muss klären, wie man sie konser-
lich verbessert werden. Von den 18 behan- viert, ohne dass sie Schaden nehmen.

106 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019


durfte sie für seine Forschung ausleihen.
Das zentrale Objekt in Warlichs Nachlass
aber ist sein berühmtes Vorlagealbum.
Bis zum frühen 20. Jahrhundert hatten
Tätowierer ihre Vorlagen in Büchlein mit
sich getragen; so zogen sie durchs Land.
Als sie dann mehr und mehr sesshaft wur-
den, kamen die »Flash Sheets« in Mode,
größere Blätter, die Warlich und andere in
ihre Warteräume und Schaufenster häng-
ten, um Kunden anzulocken. Warlich war
auch abseits seiner Schankwirtschaft ein
Geschäftsmann, er vertrieb Tätowier-
material an Interessierte und tauschte sich
mit Medizinern aus. »Er hat sich gut ver-
netzt«, sagt Ole Wittmann.

SHMH
Um 1930, als Berufstätowierer noch eine
Tätowierer Warlich, Kunde um 1930: »Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Religiös!!« Ausnahme waren, arbeitete Warlich in
Weste und Krawatte und warb mit Plaka-
ten: »Atelier moderner Tätowierungen,
Eigentlich arbeitet die Restauratorin in dem Hamburger Museum. Die Historiker elektrisch schnell! Ausführungen in allen
ihrer Werkstatt im Museumskeller mit klas- ahnten wohl, welchen Wert das Werk des Farben«. Auch in der Zeit des National-
sischer Kunst wie Pastellmalereien. Als Tätowierers einmal haben könnte und sozialismus tätowierte er weiter. Zwar habe
vor rund einem Jahr klar war, dass sie sich kauften der Witwe Magdalena Warlich sein Laden als Treffpunkt für Hamburger
demnächst um Hautstücke kümmern wür- einen Teil des Nachlasses ab. Dass derzeit Nazis gegolten, heißt es in einer Biografie
de, bat sie einige Kollegen um Rat, einen noch viel mehr Objekte aus Warlichs Nach- von Vetter, Warlich sei aber weder rechts
Apotheker, einen Lebensmittelforscher, lass im Museum lagern, nämlich knapp gesinnt noch Parteimitglied gewesen.
eine Frau vom Landesdenkmalamt Han- 300, liegt allein an Ole Wittmann, der zu- In seiner Kundenansprache wurde War-
nover. »Die haben mir geraten, erst mal sammen mit dem Museum vor vier Jahren lich über die Jahre deutlicher. Auf einer
gar nichts zu machen«, sagt Beiner-Büth. mit dem Forschungsprojekt begann. Werbekarte vermutlich aus den Vierziger-
Anders als bei der Restaurierung von Wittmann hatte sich in seiner Disserta- jahren heißt es: »Alles, was der männliche
Kunst gelte in der Konservierung oft: Hän- tion mit Tattoos in der Kunst befasst, dabei Körper ausdrücken soll, steche ich ein:
de weg! Es geht um Fragmente, die mit all war ihm aufgefallen, dass noch niemand Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Reli-
ihren Makeln erhalten bleiben sollen. intensiv zu Christian Warlich geforscht hat- giös!!« Erst 1962 meldete Warlich sein
Doch als sie die Hautstücke unter die Lin- te. »Es gab viele Mythen und Legenden, Tätowiergewerbe offiziell an, zwei Jahre
se eines Mikroskops legte, 400-fache Ver- aber wenig war belegt«, sagt Wittmann. vor seinem Tod.
größerung, fand sie verdächtige weiße Stel- Er selbst ist vielfach tätowiert, zwei Moti- Zu dieser Zeit war weithin bekannt,
len. Schimmel? Kann das sein? Nun muss ve sind von Warlich inspiriert, ein Dolch dass die Kunden der Tätowierer aus allen
eine Molekularbiologin der Universität Hil- mit Schlange und ein Drachenkopf. Gesellschaftsschichten stammten. Dass
desheim klären, ob da etwas wächst. Bis da- Wittmann wusste, dass die meisten Ob- Tattoos einmal so allgegenwärtig sein wür-
hin soll die Warlich-Kunst bei einer Luft- jekte aus dem Nachlass des Tätowierers den wie heute, war jedoch kaum abzu-
feuchte von unter 60 Prozent gelagert wer- einem Freund der Familie zukamen, Theo- sehen. Nach einer Studie der Universität
den, um der Schimmelbildung vorzubeugen. dor Vetter, genannt Tattoo-Theo. Nach des- Leipzig aus dem Jahr 2017 ist jeder fünfte
Eine weitere Frage, die sich Beiner-Büth sen Tod kaufte ein englischer Sammler vie- Deutsche tätowiert, bei den Frauen zwi-
stellt: Werden sich die Hautstücke verän- le Objekte, Wittmann trieb ihn auf und schen 25 und 34 Jahren jede Zweite. Bis
dern, zum Beispiel durch Rückstände des heute beeinflusst Warlich die Tattoo-Szene
mysteriösen Ablösemittels, das Warlich in vielen Teilen der Welt.
damals auf die Haut auftrug, um sie da- Im Museum für Hamburgische Ge-
nach abziehen zu können? schichte, einen Fußmarsch entfernt von
Die Mixtur dieses Ablösemittels galt lan- Warlichs Schankwirtschaft auf St. Pauli,
ge Zeit als Geheimnis des Tattoo-Königs. wird Wittmann im Herbst seine For-
Im Zuge seines Forschungsprojekts löste schungsergebnisse in einer Ausstellung prä-
Ole Wittmann jetzt das Rätsel: Warlich sentieren. Und er wird, eher ungewöhnlich
hatte 1935 das Tattoo eines Matrosen ent- für Wissenschaftler, seine Erkenntnisse ver-
fernt, woraufhin sich dessen Hand entzün- markten: Bald soll ein Rum erscheinen,
dete; als die Gesundheitsbehörde davon dessen Etikett ein Warlich-Motiv zeigt.
erfuhr, musste der Tätowierer seine Me- Bei Instagram können Nutzer unter
thode in einem Brief dokumentieren. dem Hashtag #inspiredbywarlich Bilder
Er beschrieb die Rezeptur: destilliertes von Tattoos posten, die von Warlich-
MICHAEL MEINERT / SHMH

Wasser, Äther, Kali, Kochsalz, arsenfreie Motiven angeregt sind. Mittlerweile sind
Schwefelsäure. Warlich trug die Tinktur dort Fotos aus dem italienischen Faenza
in der Regel mehrmals auf die betreffende zu finden, aus dem britischen Derby und
Stelle auf und konnte die Haut, sobald sie aus Hamburg. Dort hat sich jemand ein
abgestorben war, mit einer Pinzette abzie- Tattoo stechen lassen, das zwei Herzen
hen. Es blieb eine Narbe zurück. zeigt, darunter steht: »Treue Liebe«.
Zehn der Hautstücke mit den Tattoos Erhaltenes Hautstück mit Warlich-Motiv Yannick Ramsel
von Christian Warlich gehören seit 1965 Schimmelt hier etwas?

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