Sie sind auf Seite 1von 14

Michel Foucault

Analytik der Macht


Herausgegeben von Daniel Defert
und Frarn;:ois Ewald
unter Mitarbeit
von Jacques Lagrange

übersetzt von Reiner Ansen, Michael Bischof[,


Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und
Jürgen Schröder

Auswahl und Nachwort


von Thomas Lemke

Die Frage nach der Macht durchzieht nicht nur wie ein roter Faden
das Werk Michel Foucaults, sondern war auch Anlass zu höchst
kontroversen Diskussionen, die keineswegs abgeschlossen sind -
im Gegenteil: Foucaults Konzepte, wie etwa die Biomacht, die
Gouvernementalität, aber auch die Ästhetik der Existenz oder die
Disziplinarmacht, geben aktuellen Debatten in der Philosophie
und Soziologie, aber auch der Politik- und Geschichtswissenschaft
entscheidehde Impulse. Dieser Band versammelt die wichtigsten
Texte Foucau!ts und bietet somit einen umfassenden Überblick über
einen der zentralen Bereiche der Theoriebildung der letzten Jahr­
zehnte. In seinem Nachwort erschließt Thomas Lemke sowohl den
historischen als auch den systematischen Kontext von Foucaults
Machttheorie.

Das Werk Michel Foucaults liegt im Suhrkamp Verlag vor.


Zuletzt erschienen: Dits et Ecrits, Bd. IV (2005); Die Heterotopien /
Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge (2005); sowie Geschichte
der Gouvernementalität (Band r: Sicherheit, Territorium, Bevölke­
rung; Band 2: Die Geburt der Biopolitik) (2004), Hermeneutik des
Subjekts (2004) und Die Macht der Psychiatrie (2005). Suhrkamp
Die hier zusammengestellten Texte sind emmals in der Ausgabe der
Dits et Ecrits. Schriften in vier Bänden (2001-2005) erschienen. Inhalt
© 1994 Editions Gallimard, Paris

Vorwort [von: Wahnsinn und Gesellschaft] ....... . ....... 7


Gespräch mit Madeleine Chapsal .................... 18
Antwort auf eine Frage ............................ 25
Die Intellektuellen und die Mache ........... . ........ 5 2
Theorien und Institutionen des Strafvollzugs ............ 64
',/Wahnsinn, eine Frage der Macht ............. ........ 69
�Macht und Körper ......................... • ..... 74
Gespräch mit Michel Foucault....................... 83
Vorlesung vom 14.Januar I976 ...................... 108
Die Machtverhältnisse gehen in das Innere der Körper über .. 126
X Michel Foucault: Die Sicherheit und der Staat ........... 137
Die Disziplinargesellschaft in der Krise . ....... ........ 144
Die Gouvernementalität . . ......................... 148
(Nurzlos, sich zu erheben ........................... 175
Die Geburt der Biopolitik ... ....... . ...... ........ I80
Omnes et singulatim ............................. 188
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek 'i[)ie Maschen der Macht ........................... 220
Die Deursche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie ,<.Subjekt und Macht .......................... . .. . 240
http://dnb.ddb.de Politik und Ethik: ein Interview ..................... 264
Den Regierungen gegenüber: die Rechte der Menschen ..... 272
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1759 Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit ........ 274
Erste Auflage 2005
© Suhrkamp Verlag Prankfurt am Main 2005
Michel Foucault, ein Interview: Sex, Macht und die Politik
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, der Identität ................................. 301
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Thomas Lemke: Nachwort
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form Geschichte und Erfahrung. Michel Foucaulr und die Spuren
(durch Fotografie, Mikrof11m oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert der Macht ................... ....... ......... 3 r7
oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbcitet 1 vervielfältigt oder verbreitet werden. Nachweise ......................... • • • • • • • • • • • • 349
Satz: LibroSatz, Krifrel
Druck: Nomos VerlagsgeselJschafr, Baden-Baden
Printed in Germany
Umschlag nach Entwürfen von
Willy Fleckhaus und Rolf Staudt
ISBN 3-518-29359-1

2 3 4 5 6 - 10 09 08 07 06
Allerdings i st es richtig, dass ich mich veranlasst sah, mi ch auch
Subjekt und Macht näher für das Problem der Mache zu interessieren. Mir wurde rasch
klar, wenn das menschliche Subjekt in Produktionsverhältnisse und
»The Subject and Power«, in: H. Dreyfus und P. Rabinow, Michel Foucault: Sinnbeziehungen eingebunden ist, dann ist es zugl eich auch in hoch­
Beyond Structuralism and Hermeneittics, Chicago 1982, S. 208-226. k �mplexe Machtbeziehungen ei ngebunden. Nun zeigt �ich aber, dass
wir dank der Geschichtswissenschaft und der Ökonomie über ange­
Was soll eine Erforschung der Macht? messene Instrumente zur Erforschung der Produktionsverhältnisse
verfügen, während Sprachwissenschaft und Semiotik Instrumente
zur Erforschung von Sinnbeziehungen bereitstellen. Doch für die
Die Frage nach dem Subjekt
Ersatz für eine Analyse der Machtbeziehungen fehlten bislang di e entspr echenden
Die Ideen, die ich hier vortragen möchte, sind kein
odolo gie. Werkzeuge. Macht dachte man entweder im Rahmen rechtlicher Mo­
Theorie oder eine Meth
letzte-n zwanzig delle (Wodurch wird Macht legitimiert?) oder im Rahmen institu­
Zunächst möchte ich sagen, welches Ziel ich i n den
ng m r nicht darum, tioneller Modelle (Was ist der Staat?).
Jahren in meiner Arbeit verfolgt habe. Es g i i

di Grund lagen für solch eine Ich musste daher die Dimensionen einer Definition der Mache
Machtphänomene zu analysieren oder e

r habe ch mich um eine Gesch ichte der er":eitern, wenn ich diese Definition für die Erforschung der Objek­
Analyse zu schaffen. V ielmeh i _
n der Subjek t vierun g des Mensc hen i n unserer t1v1erung des Subjekts benutzen wollte.
verschi edenen Forme i
ektivierungsfor­ Brauchen wir eine Theorie der Macht? Da jede Theorie eine Ob­
Kultur bemüht. Und zu diesem Zweck habe ich Obj
Subje kt mache n. jekrivieru1_1g voraussetzt, kann keine Theorie als Grundlage für die
men untersucht, die den Menschen zum
iedene n Forsch ungsw isen, die den Anal se dienen. Aber man kann keine Analyse vornehmen, ohne vor­
Da sind zunächst die versch
e
Beisp_iel her die behandelren Probleme in Begriffe zu fassen. Und diese Be­
}'.
nschaft lichke it erh ben. Ich denke zum
Anspruch auf Wisse e
der Gram matik, griffsbildung setzt kritisches Denken und eine ständige Verifizierung
an die Objektivierung des sprechenden Subjekts 111
der Philol ogie und der Sprachwissenschaft. Oder _ auch � n die Obj �k­ voraus.
itend n SubJ kts 111 den Wm­ Zunächst müssen wir di e »begriffiichen Erfordernisse« klären wie
tivierung des produzierenden, arb e e e
ich sie �en�en möchte. Damit meine ich, dass die Begriffsbildung
Objektivierung
schaftswissenschaften. Ein drittes Beispiel wäre die m�ht_ nut emer Theorie des Objekts vermengt werd en dar( Das be­
he des Leben s in Natur gesch ichte od er Biologie.
der bloßen Tatsac gnffi ch zu �rfas�ende Obj�kt ist nicht das einzige Geltungskriterium
t ivierung des
Im zweiten Teil meiner Arbeit habe ich die Objek fur die Begnffsbd�ung. �u- müssen auch die historischen Bedingun­
'.
lung ausg richte te'.1 Prak­
Subjekts in den auf Unterscheidung und T _
ei e

rd entwe d r in sich s lbst get e ilt oder ge1_1 kennen, die eme besnmmte Art der Begriffsbildung motivieren.
tiken untersuche. Das Subjekt w i e e

und getren nt. Dadur ch wird es zum Wir brauchen ein geschichtliches Bewusstsein der Situation' in der
von den anderen unters ch i eden
zwisch en Irren und Nicht irr en, Kranken wir leben.
Objekt. Di e Unter schei dung
ist ein Beispiel Zweirens müssen wir klären, mit welcher Art von Realität wir es zu
und Gesunden, Kriminellen und »anständigen Leuten«
tun haben.
für diese Bestrebung.
arbeite i ch Ein Journalist einer großen französischen Tageszeitung fragte ein­
Sch ließlich habe ich zu klären versucht - und daran
, auf we che W ise e n Mensc h zum Subjekt mal verwun�ert: " _ W�rum werfen heute so viele die Frage der Mache
auch gegenwärtig noch- l e i
l tät ausger i chtet auf? Ist das em w1chnges Thema? Und ein so unabhängiges, dass man
wird. Dabei habe ich meine Forschung auf die Sexua
i

Weise der Mensc h ge l ernt darüber sprechen kann, ohne auch andere Probleme :zu berücksichti­
und zum Beispiel untersucht, auf welche
ät« zu begrei fen. gen?«
hat, sich als Subjekt e iner »Sexualit
die Macht, Diese Verwunderung hat mich überrascht. Es fällt mir schwer zu
Das umfassende Thema mei ner Arbeit ist also nicht
glauben, dass diese Frage erst im 20. Jahrhundert aufgeworfen wurde.
sondern das Subjekt.
24 24
0 1
Für uns jedenfalls ist Macht keineswegs nur eine theoretische Frage, am Grunde der Aufklärung1 findet? Diesen Weg sind einige Mitglie­
sondern Teil unserer Erfahrung. Ich erinnere nur an zwei ihrer »pa­ der der Frankfurter Schule gegangen. Ich möchte jedoch keine Dis­
thologischen Formen«, den Faschismus und den Stalinismus, diese kussion über deren Arbeiten beginnen, so wichtig und kostbar sie sein
beiden »Krankheiten der Macht«. Neben vielen anderen Gründen mögen, sondern einen anderen Weg zur Analyse des Verhältnisses
beunruhigen sie uns gerade deshalb, weil sie trotz ihrer hisrori­ zwischen Rationalisierung und Macht vorschlagen.
schen Einzigartigkeit keineswegs originell sind. Faschismus und Sta­ Ohne Zweifel ist es klüger, die Rationalisierung der Gesellschafr
linismus haben Mechanismen genutzt und ausgebaut, die in den oder der Kultur nicht global zu betrachten, sondern in einzelnen (
meisten anderen Gesellschaften bereits zu finden waren. Und nicht Bereichen zu untersuchen, die jeweils auf eine Grunderfahrung ver­
nur das. Trotz ihres inneren Wahnsinns griffen sie in weitem Maße weisen: Wahnsinn, Krankheit, Tod, Verbrechen, Sexualität usw.
auf die Ideen und Verfahren unserer politischen Rationalität zu­ Ich halte den Ausdruck »Rationalisierung« für gefährlich. Wir soll­
rück. ten spezifische Rationalitäten analysieren, statt immer nur auf die
Wir brauchen daher eine neue Ökonomie der Machtbeziehungen­ fortschreitende Rationalisierung insgesamt zu schauen.
und den Ausdruck »Ökonomie« verwende ich hier sowohl im theo­ Die Aufklärung war zwar eine sehr wichtige Phase in unserer Ge­
retischen als auch im praktischen Sinne. Ich kann es auch anders schichte und in der Entwicklung der politischen Technologie, aber ich
ausdrücken: Seit Kant hat die Philosophie die Aufgabe, zu verhin­ glaube, wir müssen auf sehr viel weiter zurückliegende Prozesse zu­
dern, dass die Vernunft die Grenzen des in der Erfahrung Gegebenen rückgehen, wenn wir verstehen wollen, über welche Mechanismen
überschreitet, doch seit dieser Zeit - das heiße seit der Entstehung des wir zu Gefangenen unserer eigenen Geschichte geworden sind.
Staates und der politischen Verwaltung der Gesellschaft - hat sie auch Ich möchte hier einen anderen Weg zu einer neuen Ökonomie der
die Aufgabe, die überzogene Macht der politischen Rationalität zu Machtbeziehungen vorschlagen, der stärker empirisch ausgerichtet
überwachen. Und das ist sehr viel verlange. und unmittelbarer mit unserer gegenwärtigen Situation verbunden
Das alles sind äußerst banale Tatsachen, und jedermann kennt sie. ist, aber auch eine engere Verbindung zwischen Theorie und Praxis
Aber bei aller Banalität sind es dennoch Tatsachen. Und wenn man es impliziere. Dieser neue Forschungsansatz wählt als Ausgangspunkt den
mit banalen Tatsachen zu tun hat, muss man herausfinden - oder jeweiligen Widerstand gegen die verschiedenen Formen von Mache.
zumindest versuchen herauszufinden-, welche spezifischen und mög­ Oder um es mir einem anderen Bild zu sagen, er benutzt diesen Wider­
licherweise ganz besonderen Probleme damit verbunden sind. stand als chemischen Kacalysaror, der die Machtbeziehungen sichtbar
Der Zusammenhang zwischen Rationalisierung und überzogener mache und zeigt, wo sie zu finden sind, wo sie ansetzen und mir
politischer Macht liegt auf der Hand. Und wir brauchten nicht erst welchen Methoden sie arbeiten. Statt die Mache im Blick auf ihre
auf die Bürokratie oder die Konzentrationslager zu warten, um zu innere Rationalität zu analysieren, möchte ich die Machtbeziehungen
erkennen, dass es solche Zusammenhänge gibt. Die Frage ist nur: Was über das Wechselspiel gegensätzlicher Strategien untersuchen.
fangen wir damit an? Will man zum Beispiel verstehen, was die Gesellschaft unter geis­
Müssen wir der Vernunft den Prozess machen? Nichts wäre in tiger Gesundheit versteht, muss man untersuchen, was auf dem Ge­

)
meinen Augen fruchtloser. Zunächst einmal, weil unser Thema nichts biet der Geisteskrankheiten geschieht. Wenn wir wissen wollen, was
mit der Frage nach Schuld oder Unschuld zu tun hat. Sodann weil es wir mit Gesetzlichkeit meinen, müssen wir analysieren, was im Be­
absurd ist, auf die Vernunft als Gegensatz zur Unvernunft zu ver­ reich der Gesetzlosigkeit geschieht. Und wenn wir wissen möchten,
weisen. Und schließlich weil solch ein Prozess uns dazu verdammte, was Machtbeziehungen sind, müssen wir vielleicht die Widerstände
die willkürliche und unerquickliche Rolle des Rationalisten oder des dagegen untersuchen und die Bemühungen, diese Beziehungen auf­
Irrationaliscen zu spielen. zulösen.
Sollen wir versuchen, jene Art von Rationalismus zu analysieren,
die ein typisches Merkmal unserer modernen Kultur darstellt und sich 1 [Im Original Deutsch.]

24
2 24
3
Ich schlage daher vor, zum Ausgangspunkt eine Reihe von Wider­ gerrag�n, sondern gegen die »Lenkung durch Individualisierung«, wie
ständen zu nehmen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben: man sie nennen könnte.
den Widers tand gegen die Macht der Männer über die Frauen, der 5. Sie leisten Widers tand gegen alle Formen von Macht, die in
Eltern über ihre Kinder, der Psychiatrie über die Geisteskranken, der einem Zusammenhang mit Wis sen, Kompetenz und Qualifikation
Medizin über die Bevölkerung, der staatlichen Verwaltung über die stehen. Sie kämpfen gegen die Privilegien des Wissens. Aber sie wen­
Lebensweise der Menschen. den sich auch gegen Mysterien, Deformationen und Mystifikationen
Es reicht nicht, wenn man sage, bei diesem Widerstand handle es jeglicher Are in den Vorstellungen, die man den Menschen aufzwin­
sich um einen Kampf gegen die Autorität. Wir müssen schon genauer gen möchte.
bestimmen, was diese Kämpfe gemeinsam haben. In alledem liegt jedoch nichts »Szientistisches« (also kein dogmati­
I. Es handelt sich um »transversale« Kämpfe. Damit meine ich, s cher Glaube an den Wert wissenschaftlichen Wis sens), aber auch
dass sie sich nicht auf ein einzelnes Land beschränken. Natürlich sind keine skeptische oder relativistische Ablehnung jeder gesicherten
die Bedingungen in manchen Ländern besonders güns tig für ihre Wahrheit. In Frage gestellt wird hier vielmehr die Art und Weise,
Entstehung und Ausbreitung, doch sie sind nicht auf bestimmte po­ wie Wissen zirkuliert und funktioniert, ihr Verhältnis zur Macht. \
litische oder ökonomische Systeme beschränkt. Kurz: das Wissensregime.
2. Das Ziel dies er Kämpfe sind die Auswirkungen der Macht als 6. Und schließlich geht es in allen gegenwärtigen Kämpfen um die
solche. So wirft man dem Ärztestand nicht in erster Linie vor, aus dem Frage: Wer sind wir? Sie wenden sich gegen jene Abstraktionen und
Arztberuf ein Geschäft zu machen, sondern eine nicht kontrollierte jene Gewalt, die der ökonomische und ideologische Staat ausübt,
Mache über den Körper, über die Gesundheit, über Leben und Tod ohne zu wissen, wer wir als Individuum sind, wie auch gegen die
der Menschen auszuüben. wissenschaftliche oder administrative Inquis ition, die unsere Identität
3. Es handelt sich um »unmittelbare« Kämpfe, und das aus zwei festlegt.
Gründen. Erstens kritisieren die Menschen jene Machtinstanzen, die I �sgesamt richten sich dies e Kämpfe also nicht in erster Linie gegen
ihnen am nächsten sind und auf den Einzelnen einwirken. Sie s uchen besummte Machtinstitutionen, Gruppen, Klassen oder Eliten, son­
nicht nach dem »Feind Nr. r«, sondern nach dem unmittelbaren dern gegen eine bestimmte Machttechnik oder Machtform.
Gegner. Zweirens denken sie nicht, dass die Lös ung ihrer Probleme Diese Machtform gilt dem unmittelbaren Alltagsleben, das die
irgendwo in der Zukunft läge (das heißt im Versprechen einer Be­ Individuen in Kategorien einteilt, ihnen ihre Individualität zuweist,
freiung oder einer Revolution, in der Hoffnung auf ein Ende des sie an ihre Identität bindet und ihnen das Gesetz einer Wahrheit
Klassenkampfes ). Im Vergleich zu einer rheoretischen Erklärungs­ auferlegt, die sie in sich selbst und die anderen in ihnen zu erkennen
ebene oder zur Frage der Revolution, die eine Polarisierung unter haben. Diese Machtform verwandelt die Individuen in Subjekte. Das
den Historikern bewirkt, sind das anarchische Kämpfe. Wort »Subjekt« hat zwei Bedeutungen: Es bezeichnet das Subjekt, das
Doch damit haben wir noch nicht ihre typischsten Merkmale er­ der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhän­
fasse. Ihre Besonderheit liegt vielmehr in folgenden Eigenschaften: gigkeit s teht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch Bewusstsein
4. Es handelt sich um Kämpfe, die den Status des Individuums in und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden is t. In beiden
Frage stellen. Einerseits treten sie für das Recht auf Anderssein ein Fällen suggeriert das Wort eine Form von Macht, die unterjocht und
und betonen alles, was die Individualität des Individuums ausmacht. unterwirft.
Andererseits wenden sie sich gegen alle s, was das Individuum zu Ganz allgemein gibt es drei Arten von Kämpfen. Die einen richten
isolieren und von den anderen abzuschneiden vermag, was die Ge­ sich gegen die (ethnischen, sozialen und religiösen) Formen von Herr­
meinschaft spaltet, was den Einzelnen zwingt, sich in sich selbs t zu­ schaft, andere prangern die Aus beutung an, die den Einzelnen von
rückzuziehen, und was ihn an seine eigene Identität bindet. seinem Erzeugnis trennt, und wieder andere kämpfen gegen alles, was
Diese Kämpfe werden nicht für oder gegen das »Individuum« aus- den Einzelnen an sich selbst bindet und dadurch seine Unterwerfung

244 24
5
unter die anderen siche rst ellt (Kämpf e gegen die »Objektivie rung« schaft deshalb im Vordergrund, weil sich seit de m r6. Jaluhundert
und die verschiedenen Formen der Unt erordnung). kontinuierlich eine neu e Form politisch e r Macht enrwickclt hac.
Die Geschichte ist reich an B eispielen für diese drei Arten sozialer Diese neue politische Struktur ist bekanntlich der Staat. Doch in
Kämpfe, ob sie nun isoliert oder in Ve rbindung mit anderen auf­ den meisten Fällen wird der Staat als eine Form politisch er Macht
traten. Doch auch wenn diese Kämpfe sich miteinander mische n, verstanden, die keine Rücksi cht auf den Einzelnen nimmt, sond ern
dominier t fast imm er ein e ihrer Formen. So stand in de r Feudalge­ allein die Interessen der Gemeinschaft verfolgt oder eher noch die
sellschafr der Kampf g ege n ethnische oder soziale Herrschaft im Vor­ einer Klasse oder einer G ruppe ausgewählter Bürger.
dergr und, abe r auch die ökonom ische Ausbeutung war ein wichtiger Das ist vollkommen richtig. Und dennoch möchte i ch hervorhe­
Faktor in der Entst ehung von Revo lten. ben, dass die Macht des Staates - darin liegt einer der Gründ e für
Im 19. Jahrhundert trat dann de r Kampf g egen die Ausbeutung in seine Stärke - eine zugleich global isiere nde und totalisierende Form
den Vorderg rund. von Macht ist. Ni rg endwo sonst in der Geschichte der menschliche n
. ..
Und heute gewinnt de r Kampf g eg en die Forme n der »ObJ ekt1v1e - Gesellschaften - nicht einma l in der alten chinesischen Gesellschaft­
rung« - g egen di e Unterwerfung der Subjektivität - immer größere findet sich, wie ich glaube, innerhalb der politischen Str ukturen eine
Bedeutung, auch wenn der Kampf g egen Herrschaft und Ausbeutung so komplexe V erbindung zwisch en Techniken der Individualisierung
nicht verschwunden ist, im Gegenteil. und totalisi ere nden Verfahren.
Ich habe den Eindruck, es ist nicht das erste Mal, dass unsere Der Grund liegt in der Tatsache, dass der moderne westliche Staat
Gesellschaft sich mit Kämpfen dieses Typs konfrontiert sieht.All j ene in neuer politisch er Form eine alte Machttechnik aufgriff, die in de n
Beweg ungen, die ihren Ausgang im 15.und r6.J� rhundert nahmen christlichen Instit utionen entstanden war. Diese Machttechnik wollen
_
und ihren Ausdr uck w ie auch ihr e R echtfe rngung 111 der Reformat10n wir als Pastoralmacht bezeichnen.
fanden, müssen als Anzeichen ei ner schweren Krise im westlichen Zu Beginn ein paar Worte üb er diese Pastoralmacht.
Verständnis der Subjektivität und als Indiz einer Revolte gegen j e ne Man hat oft gesagt, das Ch ristentum habe einen Sittenkodex her­
Form religiöser und moralischer Macht verstanden werd en, welche vorgebracht, der sich grundlege nd von dem der antik en Welt u nter­
di ese r Subje ktivität im Mittelalter Gestalt verliehen hatte.Das damals schied. Nicht so oft wird die Tatsache erwähnt, dass es auch neue
empfundene Bedürfnis nach einer direkten Betei! igung m spirituel­ Machtbeziehungen enrwickelte und in der gesamte n anciken Wel t

len Leben, an der Heilsarbeit und an de r Wahrheit der Bibel - all das verbreitete.
zeugt von einem Kampf für eine neue Subjektivität. as Christ entum ist die einzige Religion, di e sich als Kirche orga­
Ich weiß sehr wohl, welch e Einwände man hier erheben könnte. .�
n1S1ert hat. Und als Kirche vertritt es eine Theorie, wonach manche
Man könnte sagen, bei all diesen Formen de r »Objektivierung« han­ Menschen aufgrund einer religiösen Qualität die Fähigk eit besitzen,
dele es sich um abgeleit ete E rscheinung en, um die Folgen anderer, anderen zu dienen, u nd zwar nicht als Fürsten, Richte r, Propheten,
nämlich ökonomisch er und sozialer Prozesse : der Produktivkräfte, Wahrsager, Wohltät er ode r Erzieher, sondern als Hirten. Aber di ese
Klassenkämpfe und ideologischen Strukturen, die den jeweilig en Sub- Form bezeichnet eine ganz bestimmte Form von Macht.
je kcivitätstyp bestimmten. I. Es handelt sich um eine Form von Macht, die das Seelenheil d es
. . . .
Natürlich kann man die Mechanismen de r »ObJ ekuv1erung« mehr Einzelnen im Jenseits sichern soll .
erforschen, ohne d eren Beziehungen zu de n Herrschafts- und Aus­ 2. Die Pastoralmacht ist keine bloß ordnende Macht. Ihr Inhab er,
beutungsmechanismen zu berücksichtigen. Doch die Mechanismen der Hirte, muss auch bereit sein, sich für das Leben und das Seelenheil
der »Objektivie rung« bilden nicht einfach den »Endpunkt« anderer, seiner Herde zu opfern. Darin unterscheidet sie sich von der Macht
fundamentalerer Mechani smen. V ielm ehr unterhaken sie komplexe, des Herrsch e rs, der von seinen Untertanen verlangen kann, dass sie
zirkuläre Bezi ehungen untereinander. sich opfern, um den Thron zu r etten.
Der Kampf g egen die »Objektivierung« steht in unserer Gesell- 3. Es handelt sich um eine Form von Macht, die sich nicht nur um
24
6 2 47
Sinne eines angemessenen Lebensstandards und ausreichender Res­
die Gemeinschaft als ganze kümmert, sondern um jeden Einzelnen,
s�urcen), Sicherheit und Schurz vor Unfällen aller Art. Die religiöse
und das sein Leben lang.
Zielsetzung des traditionellen Hirtenamtes wurde durch eine Reihe
4. Schließlich lässt sich diese Form von Macht nur ausüben, wenn
»irdischer« Ziele ersetzt, die man allerdings auch bisher schon neben­
man weiß, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, wenn man
her verfolgt hatte, so dass der Wechsel nicht sonderlich schwer fiel.
ihre Seele erforscht, wenn man sie zwingt, ihre intimsten Geheimnisse
Man denke nur an die medizinischen Aufgaben und die soziale Funk­
,preiszugeben. Sie setzt voraus, dass man das Bewusstsein des Einzel­
tion, die von der katholischen und der protestantischen Kirche seit
nen kennt und zu lenken vermag.
Diese Form von Macht ist auf das Seelenheil ausgerichtet (im langem schon erfüllt wurden.
2. Daneben verstärkte man auch die Verwaltung der Pastoral­
Unterschied zur politischen Macht). Sie ist opferbereit (im Unter-
macht. Manchmal wurde diese Machtform vom Staatsapparat oder
schied zum Herrschaftsprinzip), und sie.individualisiert (im Unter­
zumindest von einer öffentlichen Institution wie der Polizei ausgeübt.
schied zur richterlichen Macht). Sie ist koextensiv mir dem Leben und
(Vergessen wir nicht, dass die Polizei im r 8. Jahrhundert nicht nur zur
dessen Fortsetzung nach dem Tod. Sie ist mir der Erzeugung von
Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung und zum Schutz der
Wahrheit verbunden, und zwar der Wahrheit des Einzelnen.
Sie werden sagen, all das gehöre der Vergangenheit an, da die �egierenden vor ihren Feinden erfunden wurde, sondern auch zur
Sicherung der Versorgung in den Städten, zum Schutz der Hygiene,
Pastoralmacht zwar nicht vollkommen verschwunden sei, aber doch
der Gesundheit und all der Bedingungen, die als notwendig für die
ihre Wirksamkeit im Wesentlichen verloren habe.
Das ist richtig, aber ich glaube, wir müssen hier zwei Aspekte der Entwicklung des Handwerks und des Handels galten.) Manchmal
wurde sie auch von privaten Einrichtungen, Hilfsvereinen, einzelnen
Pastoralmacht unterscheiden: die kirchliche Institutionalisierung, die
Wohltätern oder von Philanthropen ausgeübt. Auf der anderen Seite
verschwunden ist oder zumindest seit dem 18.Jahrhundert ihre Kraft
mobilisierte man auch alte Institutionen wie die Familie für pastorale
eingebüßt hat, und die Funktion dieser Institutionalisierung, die sich
Funktionen. Und schließlich wurde die Pastoralmaclu auch von kom­
außerhalb der Institution Kirche ausgebreitet und weiterentwickelt
hat. plexen Strukturen wie der Medizin ausgeübt, die zugleich auf privater
Um das 18.Jahrhundert kam es zu einer wichtigen Erscheinung: Initiative (dem Verkauf von Dienstleistungen im Rahmen der Markt­
ökonomie) und auf öffenrlichen Einrichtungen wie den Krankenhäu­
einer neuen Verteilung und Organisation dieser individualisierenden
sern basierten.
Machtform.
Ich glaube nicht, dass der »moderne Staat« als eine Entität gelten 3. Dank der Vermehrung der Zielsetzungen und Träger der Pasto­
muss, die sich unter Missachtung des Individuums und seiner exi­ ralmacht konnte die Entwicklung des Wissens über den Menschen
sich auf zwei Pole konzentrieren, einen globalisierendcn und quanti­
stenziellen Eigenheit entwickelt hat, sondern als eine hoch elaborierte
tativen, der die Bevölkerung betraf, und einen analytischen, der dem
Struktur, in die sich die Individuen integrieren lassen, sofern man
Individuum galt.
dieser Individualität eine neue Form verleiht und sie einer Reihe
In der Folge breitete sich die Pastoralmacht, die über Jahrhunderte,
spezifischer Mechanismen unterwirft.
In gewissem Sinne kann man im Staat eine Matrix der Individua­ ja ü�er '.11-ehr als ein Jahrtausend mit einer ganz bestimmten religiösen
InmtutJon verbunden gewesen war, auf die gesamte Gesellschaft aus
lisierung oder eine neue Form von Pascoralmachr erblicken.
Ich möchte noch ein paar Worte zu dieser neuen Pascoralmacht und stützte sich auf eine ganze Reihe von Institutionen. Statt einer
sagen. mehr oder weniger deutlichen Trennung und eines· Rivalirätsverhält­
1. Sie erfuhr in ihrer Entwicklung einen Wechsel der Zielsetzung. nisses zwischen Pastoralmacht und politischer Mache entwickelte sich
eine »Taktik« der Individualisierung, die für diverse Machtformen
Aus der Sorge um das Heil der Menschen im Jenseits wurde die Sorge
um ihr Heil im Diesseits. In diesem Kontext erhält das Wort »Heil« typisch war, für die der Familie, der Medizin, der Psychiatrie, des
Bildungswesens, der Arbeitgeber usw.
mehrere Bedeutungen; es meint nun Gesundheit, Wohlergehen (im
24 2 49
8
Ende des r 8. Jahrhunderts publizierte Kant in der Berliner Monats­ nach neuen Formen von Subjektivität suchen und die Art von Indi­
schrift einen kurzen Text mit dem Titd »Was heißt Aufklärung?«, der vidualität zurückweisen, die man uns seit Jahrhunderten aufzwinge.
lange Zeit als weniger bedeutend galt und vielfach auch heute noch so
eingeschätzt wird.
Ich finde ihn jedoch erstaunlich und interessant, weil sich dort ein Wie wird Macht ausgeübt?
Philosoph zum ersten Mal als Philosoph die Aufgabe stelle, nicht nur
das System oder die metaphysischen Grundlagen wissenschaftlicher Manche meinen, wer nach dem »Wie« der Macht fragt, beschränke
Erkenntnis, sondern ein historisches Geschehen zu analysieren, und sich darauf, die Wirkungen zu beschreiben, ohne jemals einen Zu­
noch dazu ein ganz aktuelles. sammenhang mir den Ursachen oder dem Wesen der Macht herzu­
Als Kant 1784 frage: »Was ist Aufklärung?«, da meint er damit: stellen. Dadurch werde die Mache zu einer geheimnisvollen Substanz,
»Was geschieht da gegenwärtig? Was geschieht mir uns? Was ist das über die man keine Fragen srellt, weil man sie lieber nicht »in Frage
für eine Welt und eine Zeit, in der wir leben?« stellt«. Hinter diesem, wie sie meinen, unbewussten Vorgehen ver­
Oder anders gefragt: »Wer sind wir?,, Wer sind wir als Aufklärer, als muren sie eine fatalistische Einstellung. Aber zeigt nicht gerade dieser
Zeugen dieses Jahrhunderts der Aufklärung? Vergleichen wir diese Verdacht, dass sie selbst unterstellen, Macht sei etwas, das einerseits
Frage mit der kartesischen Frage: Wer bin ich? Wer bin ich als dieses einen Ursprung, andererseits ein Wesen und schließlich auch seine
einzigartige, aber universelle und nichtgeschichdiche Subjekt? Wer _
Außerungsformen besitze.
bin ich? Denn dieses »Ich« des Descartes ist jedermann, ganz gleich Wenn ich der Frage nach dem »Wie« vorläufig den Vorzug gebe, so
wo und wann er lebt. _
h�1ßt das nicht, dass ich die Frage nach dem Was und Warum gar
Kant stellt eine andere Frage: Wer sind wir in diesem ganz be- 111cht stellen wollte. Ich will sie nur anders stellen Ich möchte wissen
stimmten geschichtlichen Augenblick? Diese Frage analysiert uns ob wir uns Macht als etwas vorstellen dürfen, d� ein Was, ein Wi;
und unsere aktuelle Situation. und e(n W�rum in sich vereint. Etwas zugespitzt könnte ich sagen,
Dieser Aspekt der Philosophie erlangte dann immer größere Be- wenn ich die Analyse mit dem »Wie« beginne, äußere ich damit den
deutung. Man denke nur an Hegel und Nierzsche. Verdacht, dass es Macht gar nicht gibt. Jedenfalls frage ich, was man
Der andere Aspekt, die »universelle Philosophie«, ist nicht ver­
�igentlich inhaltlich meint, wenn man diesen majestätischen, globa­
schwunden. Doch die kritische Analyse der Welt, in der wir leben, lis1erenden, subsranzialisierenden Ausdruck gebraucht. Und ich habe
wurde immer mehr zur großen Aufgabe der Philosophie. Das philo­ den Verdacht, dass man eine recht komplexe Realität außer Acht lässt,
sophische Problem, das sich uns ganz unvermeidlich aufdrängt, ist die wenn man immer nur fragt: »Was ist Macht? Woher kommt Macht?«
Frage nach unserer Zeit und danach, was wir in diesem Augenblick Die kleine, platte, zur Erkundung des Terrains vorausgeschickte em­
sind. pirische Frage, wie denn Macht ausgeübt wird, soll keine falsche
Das Hauptziel besteht heute zweifellos nicht darin, herauszufin- »Metaphysik« oder »Ontologie« der Mache, sondern eine kritische
den, sondern abzulehnen, was wir sind. Wir müssen uns vorstellen Erforschung des Themas Macht vorbereiten.
und konstruieren, was wir sein könnten, wenn wir uns dem doppelten
politischen Zwang entziehen wollen, der in der gleichzeitigen Indivi­ r. Die Frage lautet nicht, wie Macht sich manifestiert,
dualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen lieg e. sondern wie sie ausgeübt wird, also was da geschieht,
Abschließend könnte man sagen, das gleichermaßen politische, wenn jemand, wie man sagt, Macht über andere ausübt.
ethische, soziale und philosophische Problem, das sich uns heute
stellt, ist nicht der Versuch, das Individuum vom Staat und dessen Von dieser Macht müssen wir zunächst die Macht unterscheiden, die
Institutionen zu befreien, sondern uns selbst vom Staat und der damit man über Dinge ausübt, so dass man sie verändern, benutzen, ver­
verbundenen Form von Individualisierung zu befreien. W ir müssen brauchen oder zerstören kann, eine Macht, die auf unmittelbar kör-
2
50 2
51
perliche oder über Werkzeuge vermittelte Fertigkeiten verweist. Wir mir Machtbeziehungen verbunden (obligatorische Aufgaben, durch
können sagen, es handelt sich um »Fähigkeiten«. Charakteristisch für 'Tradition oder eine Lehre vorgeschriebene Handgriffe, mehr oder
die »Mache«, die wir hier analysieren möchten, ist dagegen die Tat­ weniger obligatorische Formen der Arbeitsteilung). Kommunika­
sache, dass sie Beziehungen zwischen Individuen (oder Gruppen) ins tionsbeziehungen setzen zweckrationales Handeln voraus (und sei es
Spiel bringt. Denn eines sollte klar sein: Wenn wir von der Macht der nur die »korrekte« Anwendung bedeutungstragender Elemente), und
Gesetze, der Institutionen oder der Ideologien sprechen, dann meinen schon weil sie den Informationsstand der Partner verändern, induzie­
wir dam it immer, dass »manche Menschen« Macht über andere aus­ ren sie Machteffekte. Machtbeziehungen wiederum laufen zu ganz
üben. Der Ausdruck »Macht« bezeichnet eine Beziehung unter »Part­ erheblichen Teilen über die Erzeugung und den Austausch von Zei­
nern« (und damit meine ich kein Spiel, sondern lediglich und für den chen, und auch vom zweckrationalen Handeln sind sie kaum zu
Augenblick noch seb.r allgemein ein Ensemble wechselseitig induzier­ trennen, seien es nun solche Handlungsformen, die erst die Ausübung
ter und aufeinander reagierender Handlungen). dieser Macht ermöglichen (wie .die Techniken der Abrichtung, der
Von den Machtbeziehungen zu unterscheiden sind außerdem die Herrschaft und der Sicherung von Gehorsam), oder solche, die zu
Kommunikationsbeziehungen, die über eine Sprache, ein Zeichen­ ihrer Entfaltung ihrerseits auf Machtbeziehungen zurückgreifen (etwa
system oder ein anderes symbolisches Medium Information überua­ in der Arbeitsteilung oder in der Hierarchie der Aufgaben).
gen. Natürlich heißt Kommunizieren immer auch, in gewisser Weise Natürlid1 erfolgt die Koordination dieser drei Beziehungsarten
auf den oder die anderen einzuwirken. Doch die Erzeugung und nicht immer und überall auf die gleiche Weise. In einer Gesellschaft
Verbreitung von Bedeutungselementen kann auch Machceffekce gibt es keine generelle Form eines Gleichgewichts zwischen zweck­
zum Ziel oder zur Folge haben, und solche Machteffekte stellen rationalem Handeln, Kommunikationssystemen und Machtbezie­
keineswegs bloß einen Aspekt dieser Prozesse dar. Machtbeziehungen hungen. Dieses Wechselverhältnis stellt sich vielmehr in jeweils be­
haben ihre Besonderheit, ob sie nun über Kommunikationssysteme sonderer Weise je nach Form, Ort, Umständen oder Gelegenheit ein.
vermittelt sind oder nicht. Es gibt jedoch auch »Blöcke«, in denen die wechselseitige Anpassung
»Machtbeziehungen«, »Kommunikationsbeziehungen« und »ob­ der Fähigkeiten, Kommunikationsnetze und Machtbeziehungen ge­
jektive Fähigkeiten« dürfen nicht miteinander verwechselt werden. regelte, abgestimmte Systeme bildet. Man nehme zum Beispiel eine
Das heißt allerdings nicht, dass es sich dabei um getrennte Bereiche schulische Institution: Die räumliche Anordnung; die penible Regu­
handelte: auf der einen Seite den Bereich der Dinge, der zweckge­ lierung des schulischen Lebens; die verschiedenen Tätigkeiten, die
richteren Technik, der Arbeit und der Umwandlung materieller Din­ dort organisiert werden; die verschiedenen Personen, die darin leben
ge, auf der anderen Seite um den der Zeichen, der Kommunikation, oder dort zusammenkommen und jeweils ihre Aufgabe, ihren Platz,
der Reziprozität und Erzeugung von Sinn und schließlich um den ihr Gesicht haben - all das bildet einen »Block« aus Fähigkeiten,
Bereich der Herrschaft über die Zwangsmittel, der Ungleichheit und Kommunikation und Macht. Das Handeln, das den Erwerb von
der Einwirkung der Menschen auf Menschen.2 Es handelt sich hier Wissen und Fertigkeiten oder von Verhaltensweisen sicherstellt, ent­
um drei Arten von Beziehungen, die in Wirklichkeit eng miteinander wickelt sich dort über einen Komplex geregelter Kommunikation
verschränkt sind, sich gegenseitig stützen und einander als Instrument (Unterricht, Fragen und Antworten, Anordnungen, Ermahnungen,
dienen. Der Einsatz objektiver Fähigkeiten setzt schon in seinen ele­ kodierte Zeichen des Gehorsams, Zeichen zur Unterscheidung des
mentarsten Formen Kommunikationsbeziehungen voraus (in Gestalt »Werts« oder des Wissensstands der Schüler) und über eine Reihe
vorgängiger Information oder gemeinsamer Arbeit). Und er ist auch von Machttechniken (Abschließung, Überwachung, Belohnung und
Strafe, pyramidenförmige Hierarchie).
Diese Blöcke, in denen technische Fähigkeiten, wechselseitige Kom­
2 Wenn Habermas �wischen Herrschaft, Kommunikation und zweckrationalem Han­
munikation und Machtbeziehungen in überlegter Weise aufeinander
deln unterscheidet, sieht er darin meines Erachtens nicht drei verschiedene Bereiche,
sondern drei » TranS?.�ndenralicn«. abgestimmt sind, bilden gleichsan1 Formen der Di�-z.iplin, wie man

2 2 53
52
sagen könnte, wenn man die Bedeutung des Wortes ein wenig erwei­ 2. Worin besteht die Besonderheit der 'Machtbeziehungen?
tert. Die empirische Untersuchung bestimmter Disziplinformen, wie
sie historisch entstanden sind, ist aus diesem Grunde von einem ge­ Die Ausübung von Macht ist keine bloße Beziehung zwischen indi­
wissen Interesse. Zunächst einmal, weil die Disziplinformen nach kla­ viduellen oder kollektiven »Partnern«, sondern eine Form handelnder
ren und künstlich abgeklärten Schemata zeigen, in welcher Weise Einwirkung auf andere. Das heißt natürlich, dass es so etwas wie die
Systeme zweckrationalen Handelns, Kommunikationssysteme und Macht nicht gibt, eine Macht, die global und massiv oder in diffusem,
Machtsysteme miteinander verbunden werden können. Und dann konzentriertem oder verteiltem Zustand existierte. Macht wird im­
auch, weil sie verschiedene Modelle für diese Verbindung aufzeigen. mer von den »einen« über die »anderen« ausgeübt. Macht existiere nur \
(Bei manchen stehen Gehorsam und Machtbeziehungen im Vorder­ als Handlung, auch wenn sie natürlich inne,halb eines weiten Mög- \
grund wie bei den Disziplinformen vom Typ Kloster oder Gefängnis, lichkeitsfeldes liegt, das sich auf dauerhafte Strukturen stützt. Das
bei anderen ist es das zweckrationale Handeln wie bei den Disziplinfor­ heißt auch, dass Macht nicht auf Konsens beruht. Sie ist nicht als
men in Werkstatt oder Krankenhaus, bei wieder anderen liegt das solche Verzicht auf Freiheit, Übertragung von Rechten, eine Macht
Schwergewicht auf den Kommunikationsbeziehungen wie der Dis­ aller, die auf wenige übertragen worden wäre (dennoch kann Konsens
ziplin in Schule und Lehre, und gelegentlich findet sich auch eine durchaus die Voraussetzung dafür sein, dass Machtbeziehungen zu­
Sättigung mit allen drei Arten von Beziehungen wie vielleicht in der stande kommen und Bestand haben). Machtbeziehungen können das
militärischen Disziplin, wo eine V ielzahl von Zeichen bis zum Über­ Ergebnis eines früheren oder immer noch bestehenden Konsenses
druss enge, sorgfältig berechnete Machtbeziehungen markiert, um eine sein, sind aber nicht ihrem Wesen nach Ausdruck eines Konsenses.
Reihe technischer Effekte zu erzielen.) Heißt das nun, dass wir das Charakteristikum der Machtbeziehun­
Die zunehmende Disziplinarisierung der europäischen Gesellschaf­ gen in einer Gewalt suchen müssen, die deren Urform, ständiges
ten seit dem r 8. Jahrhundert bedeutet natürlich nicht, dass die Indi­ Geheimnis und letzte Zuflucht wäre - die letztlich als deren Wahrheit
viduen innerhalb dieser Gesellschaften immer gehorsamer würden. hervortritt, wenn sie gezwungen ist, die Maske fallen zu lassen und
Und auch nicht, dass die Gesellschaften nun bald Kasernen, Schulen sich so zu zeigen, wie sie ist? In Wirklichkeit sind Machtbeziehungen
oder Gefängnissen glichen, sondern dass man dort nach einer immer definiert durch eine Form von Handeln, die nicht direkt und unmit­
besser kontrollierten - immer rationaleren und ökonomischeren - telbar auf andere, sondern auf deren Handeln einwirke. Eine handeln­
Abstimmung zwischen den produktiven Tätigkeiten, den Kommuni­ de Einwirkung auf Handeln, auf mögliches oder tatsächliches, zu­
kationsnetzen und den Machtbeziehungen strebte. künftiges oder gegenwärtiges Handeln. Gewaltbeziehungen wirken
Wenn wir das Thema Macht über eine Analyse des »Wie« angehen, auf Körper und Dinge ein. Sie zwingen, beugen, brechen, zerstören.
verschieben �ir die Fragestell�ng gegenüber der Annahme einer fun­ Sie schneiden alle Möglichkeiten ab. Sie kennen als Gegenpol nur die
damentalen Macht in mehrfacher Weise. Wir wählen als Gegenstand Passivität, und wenn sie auf Widerstand stoßen, haben sie keine
der Analyse nicht Mache, sondern Machtbeziehungen; diese Macht­ andere Wahl als den Versuch, ihn zu brechen. Machtbeziehungen
beziehungen lassen sich sowohl von objektiven Fähigkeiten als auch beruhen dagegen auf zwei Elementen, die unerlässlich sind, damit
von Kommunikationsbeziehungen unterscheiden; und schließlich man von Machtbeziehungen sprechen kann: Der ,,Andere« (auf den
können wir die V ielfalt der Machtbeziehungen in ihrer Verknüpfung Macht ausgeübt wird) muss durchgängig und bis ans Ende als han­
mit objektiven Fähigkeiten und Kommunikationsbeziehungen erfas­ delndes Subjekt anerkannt werden. Und vor den Machtbeziehungen
sen. muss sich ein ganzes Feld möglicher Antworten, Reaktionen, Wir­
kungen und Erfindungen öffnen.
Machtbeziehungen schließen den Einsatz von Gewalt natürlich
ebenso wenig aus wie die Herstellung von Konsens. Die Ausübung
von Macht kann auf keins von beidem verzichten, und manchmal

2 54 2 55
benötigt sie beides zugleich. Doch Gewalt und Konsens sind Mittel Wenn man Machtausübung als ein auf Handeln gerichtetes Han­
oder Wirkungen, nicht aber Prinzip oder Wesen der Machtausübung. deln definiert, wenn man sie als »Regierung« von Menschen durch
Sie kann auf breiteste Zustimmung stoßen. Sie kann Leichenberge andere Menschen im weitesten Sinne des Wortes beschreibe, dann
produzieren und bei allen erdenklichen Drohungen Zuflucht suchen. schließe man darin ein wichtiges Element ein, nämlich das der Frei­
Aber sie ist nicht als solche eine Gewalt, die sich nur versteckte, oder heit. Mache kann nur über��uhjekte« ausgeübt werden, insofern
ein Konsens, der stillschweigend verlängert würde. Sie ist ein Ensem­ sie »frei« sind - und damit seien hier individuelle oder kollektive
ble aus Handlungen, die sich auf mögliches Handeln richten, und Subjekte gemeint, die jeweils über mehrere Verhaltens-, Reaktions­
operiert in einem Feld von Möglichkeiten für das Verhalten handeln­ oder Handlungsmöglichkeiten verfügen. Wo die Bedingungen des
der Subjekte. Sie bietet Anreize, verleitet, verführt, erleichtere oder Handelns vollständig determiniert sind, kann es keine Machtbezie­
erschwert, sie erweitert Handlungsmöglichkeiten oder schränkt sie hung geben. Sklaverei ist keine Machtbeziehung, wenn der Mensch ii'1
ein, sie erhöht oder senkt die Wahrscheinlichkeit von Handlungen, Eisen geschlagen ist (dann handelt es sich um ein Verhältnis physi­
und im Grenzfall erzwingt oder verhindert sie Handlungen, aber stets schen Zwangs); sie ist es nur dann, wenn er sich bewegen und letztlich
richtet sie sich auf handelnde Subjekte, insofern sie handeln oder auch entfliehen kann. Macht und Freiheit schließen einander also
handeln können. Sie ist auf Handeln �richt(;tes.J-Iilll,deln. nicht aus (wo Macht ist, kann es keine Freiheit geben). Ihr Verhältnis
Der Ausdruck »Führung« (conduite) vermag in seiner Mehrdeutig­ ist weitaus komplexer. In diesem Verhältnis ist Freiheit die Voraus­
keit das Spezifische an den Machtbeziehungen vielleicht noch am setzung für Macht (als Vorbedingung, insofern Freiheit vorhanden
besten zu erfassen. »Führung« heißt einerseits, andere (durch mehr sein muss, damit Macht ausgeübt werden kann, und auch als dauer­
oder weniger strengen Zwang) zu lenken, und andererseits, sich (gut hafte Bedingung, denn wenn die Freiheit sich der über sie ausgeübten
oder schlecht) aufzuführen, also sich in einem mehr oder weniger Macht entzöge, verschwände im selben Zuge die Macht und müsste
offenen Handlungsfeld zu verhalten. Machtausübung besteht darin, bei reinem Zwang oder schlichter Gewalt Zuflucht suchen). Aber
»Führung zu lenken«, also Einfluss auf die Wahrscheinlichlceit von zugleich muss die Freiheit sich einer Machtausübung widersetzen,
Verhalten zu nehmen. Macht gehört letztlich weniger in den Bereich die letzclich danach trachtet, vollständig über sie zu bestimmen.
der Auseinandersetzung zwischen Gegnern oder der Vereinnahmung Machtbeziehung und Widerspenstigkeit der Freiheit lassen sich
des einen durch den anderen, sondern in den Bereich der »Regierung« also nicht voneinander trennen. Das Hauptproblem der Macht ist
in dem weiten Sinne, den das Wort im r 6. Jahrhundert besaß. Damals nicht die »freiwillige Knechtschaft«. (Wie könnten wir wünschen
bezog es sich nicht nur auf politische Strukturen und die Staatsver­ wollen, Sklaven zu sein?) Den Kern der Machtbeziehung, der sie
waltung, sondern meinte auch die Lenkung des Verhaltens von Indi­ immer wieder »provoziert«, bildet die Relativität des Wollens und
viduen und Gruppen: von Kindern, Seelen, Gemeinschaften, Fami­ die Intransitivicät der Freiheit. Statt von einem wesenhaften »Antago­
lien, Kranken. Es umfasste nicht nur institutionalisierte und legitime nismus« sollten wir hier besser von einem »Agonismus« sprechen -
Formen politischer und ökonomischer Unterordnung, sondern mehr einem Verhältnis, das durch gegenseitiges Antreiben und Kampf ge­
oder weniger überlegte und berechnete Handlungsweisen, die jedoch prägt ist und weniger durch einen Gegensatz, in dem beide Seiten
alle darauf abzielten, die Handlungsmöglichkeiten anderer Indivi­ einander blockieren, als durch ein permanentes Provozieren.
duen zu beeinflussen. In diesem Sinne heißt Regieren, das mögliche
Handlungsfeld anderer zu strukturieren. Der für Macht typische Be­ 3. W ie lassen sich Machtbeziehungen analysieren?
ziehungstyp ist daher nicht im Bereich der Gewalt und des Kampfes
zu suchen und auch nicht im Bereich des Vertrags und der freiwilligen Man kann Machtbeziehungen durchaus innerhalb bestimmter Insti­
Bindung (die letztlich nur Instrumente der Macht sein können), son­ tutionen analysieren. Das ist vollkommen legitim, denn diese Insti­
dern im Bereich jenes einzigartigen, weder kriegerischen noch juristi­ turionen eröffnen besonders gute Möglichkeiten, die Machtbezie­
schen Handlungsmodus, den das Regieren darstellt. hungen in vielfältigen, konzentrierten, geordneten und zu höchster
2
56 2 57
Effizienz geführten Formen zu beobachten. Darum darf man erwar­ notwendig sind oder dass Mache innerhalb der Gesellschaft ein unab­
ten, dorc Form und Logik ihrer elementaren Mechanismen erkennen wendbares Schicksal darstellt, sondern dass es eine ständige politische
zu können. Doch die Analyse von Machtbeziehungen in abgeschlos­ Aufgabe bleibt, die Machtbeziehungen und den »Agonismus« zwi­
senen institutionellen Räumen hat auch einige Nachteile. Da ein schen ihnen und der intransitiven Freiheit zu analysieren, herauszu­
großer Teil der eingesetzten Mechanismen der Selbsterhaltung der arbeiten und in Frage zu stellen, ja dass dies sogar die eigentliche
betreffenden Institution diene, läuft man Gefahr, vor allem in den politische Aufgabe jeglicher sozialen Existenz darstellt.
»innerinsrirucionellen« Machtbeziehungen nur die Reproduktions­ Konkret sind zur Analyse der Machtbeziehungen mehrere Punkte
funkcionen wahrzunehmen. Wenn man Machtbeziehungen auf der zu klären:
Bas is der Institutionen untersuche, besteht zweitens die Gefahr, dass r. Das System der Differenzierungen, das es gestattet, auf das Han­
man in den Institutionen Ursprung und Erklärung der Machtbezie­ deln anderer einzuwirken: rechtliche oder craditionsbestimmte Unter­
hungen sucht, leczclich also Macht durch Macht erklärt. Und da schiede im Status und in den Privilegien; ökonomische Unterschiede
Institutionen hauptsächlich über das Wechselspiel zweier Elemente in der Aneignung materieller Güter; Unterschiede der Stellung in den
agieren, nämlich über (explizite oder stillschweigende) Regeln und Produktionsprozessen; sprachliche oder kulturelle Unterschiede; Un­
einen Apparat, läuft man schließlich auch Gefahr, beiden übertriebe­ terschiede im praktischen Wissen und in den Fähigkeiten usw. Jede
ne Bedeutung in der Machtbeziehung beizumessen und darin ledig­ Machtbeziehung arbeitet mit Differenzierungen, die für sie zugleich
lich Modulationen von Gesetz und Zwang zu erblicken. Voraussetzung und Wirkung sind.
Ich bestreite nicht die Bedeutung der Institutionen bei der Verwal­ 2. Die Art der Ziele, die bei der Einwirkung auf das Handeln
tung von Machtbeziehungen. Aber ich meine, man sollte Institutio­ anderer verfolgt werden: Schutz von Privilegien, Akkumulation von
nen von den Machtbeziehungen her analysieren und nicht umgekehrt. Profiten, Ausübung statusabhängiger Autorität, Ausübung eines Am­
Die eigentliche Verankerung der Machtbeziehungen ist außerhalb der tes oder eines Berufs.
Institutionen zu suchen, auch wenn sie in einer Institution Gestalt 3. Die instrumentellen Modalitäten: ob die Macht durch Drohung
annehmen. mit Waffengewalt, durch das Wort, über ökonomische Ungleichheit,
Kommen wir auf die Definition zurück, wonach bei der Ausübung über mehr oder weniger komplexe Kontrollmechanismen oder Über­
von Mache die einen das mögliche Handlungsfeld der anderen struk­ wachungssysteme, mit oder ohne Archive, nach expliziten oder still­
turieren. Das charakteristische Merkmal der Machtbeziehungen läge schweigenden, dauerhaften oder veränderbaren Regeln, mit oder
dann in der Tatsache, dass wir es hier mit einem Handlungsmodus zu ohne materielle Dispositive usw. ausgeübt wird.
tun haben, der auf Handeln einwirkt. Das heißt, Machtbeziehungen 4. Die Formen der Imtitutionalisierung, in denen sich traditionelle
sind tief im sozialen Nexus verwurzelt und bilden daher keine zusätz­ Dispositionen mit rechtlichen Strukturen und Phänomenen der Ge­
liche Struktur oberhalb der »Gesellschaft«, von deren vollständiger wohnheit oder der Mode mischen können (wie man es an den Macht­
Beseitigung man träumen könnte. In Gesellschaft leben bedeutet: beziehungen innerhalb der Institution Familie beobachtet). Sie kön­
Es ist stets möglich, dass die einen auf das Handeln anderer einwir­ nen auch die Gestalt einer in sich geschlossenen Einrichtung mit
ken. Eine Gesellschaft ohne »Machtbeziehungen« wäre nur eine Ab­ spezifischen Orten, eigenen Regeln, sorgfältig entworfenen hierarchi­
straktion. Dadurch wird es, nebenbei gesagt, jedoch politisch nur schen Strukturen und einer relativen funktionalen Autonomie anneh­
noch notwendiger, dass wir analysieren, wie sie in einer bestimmten men (wie etwa in Schule und Armee). Gelegentlich bilden sie auch
Gesellschaft beschaffen und wie sie geschichtlich entstanden sind, was hochkomplexe, mit vielfältigen Apparaten ausgestattete Systeme, wie
ihre Festigkeit oder Zerbrechlichkeit ausmacht und unter welchen es beim Staat der Fall ist, dessen Funktion darin besteht, die allge­
Umständen die einen verändert, die anderen abgeschafft werden kön­ meine Hülle, die globale Kontrollinstanz, das Regulations- und in
nen. Denn dass es keine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen geben gewissem Maße auch das Verteilungsprinzip für die Machtbeziehun­
kann, bedeutet keineswegs, dass die bestehenden Machtbeziehungen gen in der jeweiligen Gesellschaft zu bilden.
2
58 25 9
-------,

5. Der Grad der Rationalisierung. Denn der Einsatz von Macht­ heißt in der Form oder unter den Auspizien der staatlichen Institutio­
beziehungen zur Einwidmng auf fremde Handlungsmöglichkeiten nen elaboriert, rationalisiert und zentralisiert worden.
kann mit mehr oder weniger wirksamen Mitteln und mehr oder
weniger sicheren Resultaten erfolgen (mit unterschiedlichen Graden 4. Machtbeziehungen und strategische Beziehungen
der technologischen Verfeinerung in der Machtausübung) oder auch
mit unterschiedlichen Kosten (den ökonomischen »Kosten« der ein­ Der Ausdruck »Strategie« wird gewöhnlich in drei Bedeutungen ge­
gesetzten Mittel oder den durch Widerstand entstehenden »Reak­ braucht. Erstens bezeichnet er die Wahl der für ein Ziel eingesetzten
tionskosten«). Machtausübung ist kein foctum brutum, keine institu­ Mittel. In dieser Bedeutung verweist der Ausdruck auf Zweckrationa­
tionelle Gegebenheit und auch keine Struktur, die Bestand hat oder lität. Zweitens bezeichnet man damit in der Spieltheorie ein Verhal­
zerfällt. Sie entwickelt, verwandelt, organisiert sich und setzt mehr ten, bei dem die Partner ihr Verhalten auf das erwartete Verhalten der
oder weniger gut angepasste Verfahren ein. anderen und auf die eigenen Erwartungen hinsichtlich der Etwartun­
Wir sehen nun, warum die Analyse der Machtbeziehungen in einer gen der anderen abstellt. Hier geht es also letztlich um den Versuch,
Gesellschaft sich nicht auf die Erforschung einiger Institutionen be­ Einfluss auf andere zu nehmen. Und drittens bezeichnet der Ausdruck
schränken darf, selbst wenn es sich um jene Institutionen handelt, die die Verfahren, die in einer Auseinandersetzung eingesetzt werden, um
man zu Recht als »politisch« bezeichnen kann. Die Machtbeziehun­ den anderen seiner Kampfmittel zu berauben und ihn zur Aufgabe des
gen wurzeln im gesamten gesellschaftlichen Geflecht. Das heißt aber Kampfes zu zwingen. Hier geht es also um die Mittel, die dazu die­
nicht, dass es ein erstes und fundamentales Machtprinzip gäbe, das nen, den Sieg zu erringen. Diese drei Bedeucungen vereinigen sich in
die Gesellschaft bis ins letzte Element hinein beherrschte. Auf der Kampfsituationen - Krieg oder Spiel -, in denen es darum geht, auf
Grundlage der mit jeder sozialen Beziehung koextensiven Möglich­ einen Gegner so einzuwirken, dass der Kampf für ihn unmöglich
keit, auf das Handeln anderer einzuwirken, definieren vielfältige in­ wird. Strategie ist also durch die Wahl der »gewinnenden« Lösung
dividuelle Unterschiede, Ziele, an uns und anderen einzusetzende definiere. Aber wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass es sich
Mittel, mehr oder weniger sektorale oder globale Institutionalisierun­ hier um eine besondere Situation handelt und dass es andere Sicuatio­
gen und mehr oder weniger bewusst konstruierte Organisationsfor­ nen gibt, in denen wir an der Unterscheidung zwischen den verschie­
men jeweils verschiedene Machtformen. In einer Gesellschaft gibt es denen Bedeutungen von »Strategie« festhalten müssen.
zahlreiche Formen und Orte des »Regierens« von Menschen durch Im Blick auf die erste Bedeutung kann man als »Machtstrategie«
andere Menschen. Sie überlagern, kreuzen und begrenzen einander, die Gesamtheit der Mittel bezeichnen, die eingesetzt werden, um das
zuweilen heben sie sich gegenseitig auf, und in anderen Fällen ver­ Funktionieren oder den Bestand eines Machtdispositivs zu sichern.
stärken sie sich wechselseitig. Es ist eine gesicherte Tatsache, dass der Auch bei Machtbeziehungen kann man von Strategien sprechen, so­
Staat in den.heutigen Gesellschaften nicht bloß eine der Formen oder fern es dabei um die Einwirkung auf das mögliche und erwartete
einer der Orte der Machtausübung ist - wenn auch vielleicht die Handeln anderer geht. Daher kann man die in Machtbeziehungen
wichtigste Form oder der wichtigste Ort -, sondern dass sich alle eingesetzten Mechanismen auch mit dem Begriff der »Strategie« er­
anderen Arten von Machtbeziehungen in gewisser Weise auf ihn be­ fassen. Entscheidend ist hier aber offenbar das Verhältnis zwischen
ziehen. Allerdings nicht weil sie vom Staat abgeleitet wären, sondern Machtbeziehungen und Konfliktstrategien. Denn wenn sich im Kern
weil es zu einer stetigen Etatisierung der Machtbeziehungen gekom­ der Machtbeziehungen und gleichsam als deren ständige Existenz­
men ist (auch wenn sie im Bereich der Pädagogik, des Rechts, der bedingung eine gewisse »Widerspenstigkeit« und störrische Freiheit
Wirtschaft oder der Familie nicht dieselbe Form angenommen hat). findet, gibt es keine Machtbeziehung ohne Widerstand, ohne Ausweg
Wenn man den Ausdruck »Gouvernement« diesmal in seiner engeren oder Flucht, ohne möglichen Umschwung. Jede Machtbeziehung im­
Bedeutung von ,,Regierung« nehmen will, könnte man sagen, die pliziere also zumindest virtuell eine Kampfstrategie, auch wenn die
Machtbeziehungen sind zunehmend »gouvernementalisiert«, das Machtbeziehungen dadurch nicht ihre Besonderheit verlieren und

2
260 61
identisch mi,c diesen Strategien würden. Sie bilden füreinander gleich­ licher Gesellschaften zeigen. Herrschaft ist eine globale Machtstruk­
sam eine ständige Grenze, einen Punkt möglicher Umkehrung. Eine tur, deren Bedeutung und Folgen oft bis in die kleinsten Verästelungen
Auseinandersetzung findet ihr Ende (mir dem Sieg eines Gegners der Gesellschaft reichen. Zugleich ist sie jedoch auch eine strategische
über den anderen), wenn an die Stelle der gegensätzlichen Reaktionen Situation, die sich über lange geschichtliche Zeiträume zwischen Geg­
jene stabilen Mechanismen treten, durch die der eine das Verhalten nern herausgebildet und verfestigt hat. Es kann durchaus vorkommen,
des anderen relativ dauerhaft und mit hinreichender Sicherheit zu dass Herrschaft nur die Machtmechanismen einer Auseinanderset­
lenken vermag. Für eine Auseinandersetzung, in der es nicht gerade zung und ihrer Folgen zum Ausdruck bringt (man denke an eine
um Leben und Tod geht, stellt die Herstellung einer Machtbeziehung politische Struktur, die aus einer Invasion hervorgegangen ist). Es
einen Zielpunkt dar, an dem die Auseinandersetzung erfolgreich zum kommt auch vo1� dass ein Kampf zwischen zwei Gegnern aus der
Abschluss gebracht, aber zugl�ich auch in der Schwebe gehalten wird. Entwicklung der Machtbeziehungen samt der zugehörigen Konflikte
Umgekehrt bildet die Machtstrategie auch für die Machtbeziehung und Spaltungen resultiert. Doch die Herrschaft einer Gruppe, Kaste
eine Grenze, an der die berechnete Lenkung fremden Verhaltens nicht oder Klasse und die dadurch ausgelösten Widerstände oder Revolten
mehr über die Replik auf das eigene Verhalten hinauszugehen vermag. bilden deshalb ein zentrales Phänomen in der Geschichte der Gesell­
Da es keine Machtbeziehung ohne Widerspenstigkeit geben kann, auf schaft, weil sich dorr in massiver und globaler Form auf der Ebene der
die sie per definitionem keinen Einfluss hat, kann jede zur Brechung Gesamtgesellschaft zeige, wie Machtbeziehungen und strategische Be­
dieser Widerspenstigkeit eingesetzte Intensivierung oder Erweiterung ziehungen ineinander greifen und aufeinander einwirken.
f
der Machtbeziehung die Machtausübung nur an ihre Grenzen führen, übersetzt von Michael Bischoj
und zwar entweder in einem Handlungstyp, der den anderen zu völ­
liger Ohnmacht verdammt (aus der Machtausübung wird dann ein
»Sieg« über den Gegner), oder in einer Umkehrung, die aus den
Regierten Feinde macht. Jede Konfliktstrategie träumt davon, Macht­
beziehung zu werden, und jede Machtbeziehung, ob sie nun der ei­
genen Entwicklungslinie folgt oder frontal auf Widerstand stößt,
möchte Gewinnstrategie werden.
Tatsächlich stehen Machtbeziehung und Kampfstrategie in einem
Verhältnis wechselseitiger Provokation, endloser Verkettung und stän­
diger Verkehrung. Die Machtbeziehung kann jederzeit zu einer Aus­
einandersetzung zwischen Gegnern werden - und wird dies gelegent­
lich auch. Umgekehrt führt Gegnerschaft innerhalb der Gesellschaft
immer wieder zum Einsatz von Machtmechanismen. Wegen dieser
Instabilität können dieselben Prozesse, Ereignisse und Yeränderungen
sowohl im Rahmen der geschichtlichen Kämpfe als auch im Rahmen
der Machtbeziehungen und Machtdispositive interpretiert werden.
Dabei begegnen wir nicht denselben Bedeutungselementen, nicht
denselben Verkettungen und auch nicht denselben Arten von Intelli­
gibilität, obwohl sie auf dasselbe geschichtliche Gewebe verweisen und
beide Analysen sich aufeinander beziehen müssen. Gerade die Inter­
ferenz zweier Lesarten lässt jene fundamentalen »Herrschaftsphäno­
mene« hervortreten, die sich in weiten Teilen der Geschichte mensch-
2
62 2
63