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II

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Werner Sombart

Der proletarische

Sozialismus

(,,Marxismus'')

Zehnte neugearbeitete

Auflage der

Schrift

,,Sozialismus und soziale Bewegung"

Erster Band

Die Lehre

Jena

Verlag von Oustav Fischer

1924

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1925 by Gustav Fischer, Publisher in Jena

Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1925 by Gustav Fischer, Publisher in Jena

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Dreißigstes

Kapitel

Der doktrinäre Sozialismus

I.

Die Spielart des Sozialismus, die wir in diesem Kapitel be- trachten, ist „doktrinär", weil sie ihre Taktik nicht den Um- ständen anpaßt, sondern einer Doktrin gemäß gestaltet. Die- jenige Doktrin, die diese Sozialisten befolgen, ist die einer grund- sätzlich revolutionären Taktik, so daß man auch einen revolu- tionären Sozialismus von einem reformistischen unterscheiden kann. Die doktrinären Sozialisten berufen sich nicht weniger ent- schieden auf Marx als die Opportunisten. Und wie mir scheint, mit mehr Recht. Denn wenn auch das Marxsche wissen- schaftliche System manche Handhabe bietet, wie wir sahen, um eine opportunistische Taktik zu begründen: dem Marx sehen politischen W i 11 e n entspricht einzig und allein eine extrem und konsequent revolutionäre Einstellung. Wir haben zu ver- schiedenen l\fa1en feststellen können, daß Marx im eminenten Sinne eine Kämpfernatur, ein Revolutionär von Geblüt war. Nichts war ihm darum so verhaßt wie der friedliche Freihandels- geist der englischen Bourgeoisie seiner Zeit. Ihr stellte er die große heroische Zeit der französischen Revolution als sein Ideal gegenüber. ,,Unheroisch, wie die bürgerliche Gesells.chaft ist, hatte es doch des Heroismus bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkrieges und der Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen" (18. Brumaire). Ebenso aber galten sein Haß und seine Verachtung dem Suppenküchensozialismus seiner Tage, wie er sich seiner Meinung nach etwa in L e d r u - R o 11 in, dem Führer der französischen Reformsozialisten, verkörperte. Er würde die ganze Schale seines Spottes ausgegossen haben über allen Bern- steinismus und Millerandismus unserer Tage. Das muß für jeder- mann unzweifelhaft sein, der das Lebenswerk von Kar 1 Marx in seinem Wesen begriffen hat.

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Es liegen genug Zeugnisse aus allen Lebensperioden Marxen s vor, um die Richtigkeit dieser Annahme zu bestätigen. „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Ge- walt." Deutsch-franz. Jahrb., 79. „Ce n'est que dans un ordre de choses, ou il n'y aura plus de classes et d'antagonisme de classes, que fes evo I u t i o n s so ci a 1es cesseront d'etre des revolutions politiques. Jusque-la, a la veille de chaque remaniement general de la societe, le dernier mot de la science sociale sera toujours: Le combat ou la mort; Ja lutte sanguinaire ou le neant. C'est ainsi que la question est invinciblement posee." Schlußworte der ,,Misere". „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesell- schaftsordnung." Kommun. Manifest. Das Programm der „N euen Rheinischen Zeitung" wurde in dem Satze des Eröffnungsartikels festgelegt: ,,die revolutionäre Bewegung voran- zutreiben, wie sie nun einmal ist." Und selbst dem Terror redet Marx das Wort: ,,Der Kannibalismus der Kontrerevolution selbst wird die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft abzu- kürzen, zu vereinfachen ( 1), zu konzentrieren, nur ein Mittel - der revolu- tionäre Terrorismus." N. Rh. Z. vom 7. Nov. im Lit. Nachlaß, 3, 267. ,,Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von Euch. Wenn die Reihe an uns kommt, wir werden den Terrorismus nicht be- schönigen." Abschiedsartikel der N. Rh. z. Und aus der Zeit nach 1848: ,,Das Proletariat (gruppiert sich) immer mehr um den revolutionären Sozialismus, den Kommunismus. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats." (,,Klassenkämpfe in Frankreich.'') „Das Paris der Arbeiter und seiner Kommune wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Ver- tilger hat die Geschichte schon jetzt an den Schandpfahl genagelt, von dem alle Gebete ihren Pfaffen ohnmächtig sind, sie zu erlösen." Schluß- worte des „Bürgerkriegs in Frankreich" (1871 !).

Zweifelhaft ist mir nur, ob Marx alle Methoden der heu- tigen revolutionären Sozialisten gleichermaßen gebilligt hätte. In deren Lager selbst stehen sich nämlich zwei Richtungen gegenüber: die politische und die a-politische, jene von den Bolschewisten (wie wir der Kürze halber jetzt sagen können), diese von den Syndikalisten vertreten. Echt marxistisch scheint mir nur die bolschewistische Auffassung vom Wesen der revolu- tionären Methode zu sein, während die syndikalistische Spielart

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erhebliche Abweichungen aufweist, die sich aus dem Marx sehen Geiste schwerlich ableiten lassen. Wir prüfen die beiden Revolutionsmethoden nacheinander.

Q u e 11 e n: Die bolschewistische Revolution hat eine ganze Literatur hervorgerufen, in der der Gegensatz zwischen opportunistisch-demokra- tischem und doktrinär-diktatorischem Sozialismus zum Austrag gebracht vvird_ Als Hauptvertreter des demokratischen Sozialismus tritt jetzt Kar 1 Kaut s k y auf, der vor dem Kriege eher dem revolutionären Sozialismus zuneigte. Seine wichtigsten Schriften gegen die Prinzipien der Bolschewiki sind: ,,Die Diktatur desProletariats"(1918), nachdemUrteil Lenins „eines der schamlosesten Beispiele jenes völligen und schmachvollen Bankerotts der zweiten Internationale", und „Terrorismus und Kommunismus" (1919), nach dem Urteil Trotzkis eine „gelehrte Schmähschrift", die aus „klein- bürgerlichen Verleumdungen" besteht. Beide Schriften haben zu Er- widerungen der beiden Bolschewistenhäuptlinge den Anlaß gegeben: N. L e - n in, Die Diktatur des Proletariats und der Renegat Kautsky. Deutsch 1919, und L. Trotzki, Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky. Deutsch 1921. Die übrige Literatur enthält nur Wiederholungen dieser Leitschriften. Vgl. im übrigen die Literatur über Rußland in der Literatur- übersicht. über die syndikalistische Literatur berichte ich weiter unten S. 412.

II.

Die o rtho do x -marxisti sehe R evol u ti onst heo rie, die also die von Marx selbst aufgestellte Theorie ist und die heute in möglichster Reinheit von den „Kommunisten" der verschie- denen Länder zu erfassen und zu verkünden versucht wird, ist ein seltsames Gemisch aus ökonomischen und politischen Bestand- teilen, die zu einer Einheit zusammengefügt werden in der Idee eines naturgesetzlich - oder „dialektisch" - ablaufenden „Pro- zesses" der Geschichte. Ich sagte schon, daß zwei ökonomische Theorien im Marx - sehen System unmittelbar der Begründung der Notwendigkeit einer pro1etarischen Re v o 1u t i o n dienen: die Krisentheorie und die Verdendungstheorie. Mit beiden soll der Nachweis erbracht werden, daß der Kapitalismus aus sich heraus Tendenzen entwickelt, die zu seinem eigenen Untergang und zur Über- führung in das Reich der Zukunft führen müssen mittels eines aus ihnen selbst sich entwickelnden Zwischengliedes einer poli- tischen, gewaltsamen Revolution der proletarischen Massen.

Krisen the o ri e oder allgemein gefaßt: die Ka ta -

s t r o p h e n t h eo r i e ist zuerst im Kommunistischen Manifest auf-

Die

gestellt worden und seitdem

noch von seinen Nachfolgern weiter entwickelt worden.

weder von Marx -Enge 1s selbst

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Sie lautet in der ursprünglichen Fassung: ,,Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktionskräfte gegen die modernen Produktionsverhält- nisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre - die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zu- stand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allge- meiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil

sie zu viel Zivilisation, zu viel Lebensmittel, zu ·viel Industrie, zu viel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegen- teil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu erfasse111.

Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen?

allseitigere und gewaltigerer Krisen vorbereitet, und die Mittel, den Krisen

vorzubeugen, vermindert."

Dadurch, daß sie

Die Bedeutung der Wirtschaftskrisen für den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung ist von Marx und Enge 1s sehr hoch eingeschätzt worden. Als sie sich I 850 aus dem öffentlichen _Leben zurückziehen, tun sie es nur, um eine neue Handelskrisis abzuwarten. ,,Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese", schreiben sie. Und als nun die ersehnte Krisis im Jahre 1857 kam, gebärden sie sich ganz toll vor Freude: siehe die Briefe vom I 3. November (Marx an Engels, Engels an Marx, BW. 402, 403). ,,1848 sagten wir:

jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in a certain sense, diesmal aber kommt sie vollständig. Jetzt geht es um den Kopf, meint

der Stratege Enge 1s. Meine Militärstudien werden dadurch so- fort praktischer" ( !). ,,Ich werfe mich unverzüglich auf die be- stehende Organisation aus Elementartaktik der preußischen, öster-

reichischen, bayerischen und französischen Armeen"

Dieser Enthusiasmus für die „Handelskrisen' ist aus der Stimmung der Zeit heraus verständlich: in den 184oer und 185oer

usw.

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Jahren stand das Krisenproblem im Mittelpunkt der theoretischen und praktischen Interessen. Damals entstand das Marx sehe System. Heute verstehen wir kaum noch, wie sich die Welt ein- mal wegen dieses Phänomens so sehr hat aufregen können. Denn seit einem Menschenalter und länger gibt es dieses Problem nicht mehr. In gewissem Sinne war die I 857er Krisis die letzte ihres Geschlechts. Schon die 1873er trug ·ein anderes Ge- präge. Und seitdem ist überhaupt nichts wieder vorgekommen, auf das die Darstellung im Kommunistischen Manifest paßte. Der Glaube an die geschichtliche Bedeutung der Handelskrisen für die Emanzipation des Proletariats ist aber trotzdem lebendig ge- blieben. Und in Ermangelung von Tatsachen hat man zu allen möglichen kühnen Hypothesen seine Zuflucht genommen und hat Vorgänge als Bestätigung für die Richtigk,eit der Marx- sehen Krisentheorie herangezogen, die nicht das Geringste mit dem alten Krisenproblem zu tun haben. Ja man hat die Unver- frorenheit gehabt (einen milderen Ausdruck gibt es dafür nicht), den - Weltkrieg und was ihm folgt als Weltkrisis im M a r x -

zu konstruieren. Während dieses Ereignis, so -

f e r n e s ü b e r hau p t w i r t s c h a f t 1i c h e Gründe hat , doch aus genau der der Marx sehen Annahme entgegengesetzten Lage heraus entstanden ist: nicht aus einer überfülle an Produktions-

kräften, sondern aus dem beginnenden Mangel an Rohstoffen und einer beginnenden Knappheit des Lebensmittelspielraums für die ins Unermeßliche angewachsene Kaninchenherde. Der zweite Pfeiler, auf dem die Marx sehe Revolutions- theorit ruht, ist die Ver e 1end u n g s t h eo r i e, die ebenfalls bereits im K<ommunistischen Manifest niedergelegt und seitdem nicht weiter entwickdt ist.

sehen Sinne

auf

dem Gegensatz unterdrückender und unterdrückter Klassen. Um aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihre Bedingungen gesichert sein, innerhalb deren sie wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann. Der

Leibeigene hat sich zum Mitglied der Kommune in der Leibeigenschaft herangearbeitet, wie der Kleinbürger zum Bourgeois unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. D er Arbeiter wird zum Pauper und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum. (Unterstreichung von mir.) Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebens-

Sie hat folgenden Inhalt: ,,Alle bisherige Gesellschaft beruhte

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bedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzu- zwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie ge- zwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d. h. ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesell- schaft." Komm. Manifest. Und an einer anderen berühmten Stelle heißt es: ,,Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Ent- "

,,Kapital I 4, 728.

artung,

der

Ausbeutung

der

stets

anschwellenden

Arbeitermasse

Das war wiederum aus der Lage herausgeschrieben, in der sich in den I 84oer Jahren breite Schichten des englischen In- dustrieproletariats befanden. Daß es seit langem mit aller Wirk- lichkeit im Widerspruch steht, ist eine unbestrittene Tatsache. Die Lage der arbeitenden Klassen hat sich beständig gehoben, wohlgemerkt soweit dies in äußeren Merkmalen, die allein all- gemeingültig feststellbar sind, zutage tritt. Wie es mit der „see- lischen Qual", dem „Druck", der „Knechtschaft", der „Aus- beutung" bestellt ist, ,entzieht sich natürlich der objektiven Er- mittelung. Deshalb haben die Anhänger der Verelendungstheorie sich auf die Position dieses subjektiv empfundenen E1ends zurückg,ezogen (Kaut s k y) und sind hier unangreifbar. Aber es kommt ja für eine Revolutionstheorie wahrhaftig nicht darauf an, was ist, sondern was geglaubt wird. Und geglaubt wird eben, daß das Proletariat immer mehr im Elend verkommt, während die immer weniger werdenden „Kapitalmagnaten" alle Vorteile der modernen Entwicklung „usurpieren und monopoli- sieren". Der immer breiter und kräftiger werdende „neue" Mittelstand, samt dem sich unverändert erhaltenden „alten" Mittelstande, einschließlich den „störrischen" Bauern: alle diese Bevölkerungsdemente müssen sowieso weggedacht werden, wenn man die Revolutionstheorie folgerichtig zu Ende denken will. Dazu gehört des weiteren folgende Schlußfolgerung:

I) aus den im vorstehenden dargetanen Sachverhalten ergibt sich, daß die kapitalistische Gesellschaft rettungslos dem Ab- grunde entgegen eilt; 2) sie entwickelt nun aber in ihrem Schoße dasjenige Element, das berufen ist, die Menschheit vor dem Untergang zu retten: ,,die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die

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diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Pro - letarier." Was sich hier (in der Theorie) vollzieht, ist dieses: in dem Maße, wie die Arbeiterschaft verdendet, steigt in ihr „die Em- pörung" gegen den zunehmenden Druck. Diese Empörung ist der Funke, der zur Flamme geschürt werden muß. Und diese Schürung zu besorgen, die Arbeiterschaft zum Aufstande gegen die bestehende Ordnung aufzustacheln, sie zur Revolution bereit zu machen, das eben ist 3) di,e weltg,eschichtliche Aufgabe der kommunistischen Partei: ,,Zweck der K!O'mmunist,en ist: Bildung des Pro1etariats zur Klasse, Sturz der Bourgeoisherrschaft, Eroberung der poli- tischen Macht durch das Proletariat." Auf welche Weise diese „Bildung zur Klasse", recte: die An- werbung der Arbeiter für die sozialistischen Parteien versucht wird, werden wir festzusteHen haben, wo wir im Empirischen Teil dieser Arbeit die verschiedenen Kampfmittel der proletarischen Bewegung kennen lernen werden. Hier sei nur darauf hinge-

wiesen, daß in der Marx sehen

Vorstellung und in der aller

späteren revolutionären Marxisten die Schulung des Proletariats immer gleichzeitig in der politischen Partei und in der Gewerk- schaft erfolgen muß. Beid,e Formen der Organisation werden in ihrem Werte gleich geschätzt; ja - es gibt Auslassungen, in denen Marx den Gewerkschaften eine größ,ere Bedeutung zumißt als den politischen Parteien.

Das geschieht z. B. in einem Gespräch, das er mit Ha man, dem Kassierer der deutschen Metallarbeiterschaft, im Jahre 1869 in Hannover geführt hat und das im „Volksstaat" abgedruckt worden ist. (Jetzt zitiert von Hermann M ü 11 er in seiner Schrift: ,,Karl Marx und die Gewerk- schaften" [1921], S. 69 ff. Das Gespräch war schon vorher verwendet worden von Arturo Labriola in seinem Buche: ,,Metodo neil'economia" [1908], p. 208/209.) Dort heißt es: ,,Niemals dürfen die Gewerkschaften mit einem politischen Verein in Zusammenhang gebracht oder von einem solchen abhängig gemacht werden, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen sollen; geschieht dieses, so heißt das ihnen den Todesstoß geben. Die Gewerk- schaften sind die Schulen für den Sozialismus. In den Gewerkschaften werden die Arbeiter zu Sozialisten herangebildet, weil ihnen da tagtäglich der Kampf vor Augen geführt wird. Alle politischen Parteien, mögen sie sein, welche sie wollen, ohne Ausnahme, begeistern die Massen der Arbeiter nur eine Zeitlang vorübergehend, die Gewerkschaften hingegen fesseln die Massen der Arbeiter auf die Dauer, nur sie sind imstande, eine wirkliche Arbeiterpartei zu repräsentieren und der Kapitalmacht ein Bollwerk entgegenzusetzen. Zu der Einsicht ist die größere Masse der

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Arbeiter gelangt, daß ihre Lage gebessert werden muß; mögen sie einer

Partei angehören, welcher sie wollen. Wird nun aber die materielle Lage des Arbeiters gebessert, dann kann er sich mehr der Erziehung seiner Kinder widmen, Frau und Kinder brauchen nicht in die Fabrik zu wandern, er selbst kann seinen Geist mehr bilden, seinen 'Körper mehr pflegen (NB. man beachte diesen wertvollen Beitrag zur „Verelendungs- theorie"l W. S.), er wird dann Sozialist, ohne daß er es ahnt." Diese Worte klingen allerdings fast allzu gewerkschaftsfreundlich. Immerhin ist es möglich, daß sie aus Marxen s Munde geflossen sind. (Dementiert ist das Gespräch nicht.) Man muß nur die andere (scheinbar entgegengesetzte) Ansicht nicht außer acht lassen. Diese finden wir z. B. in folgender Äußerung von Marx: ·

die schließlichen Ergebnisse

dieser (sc. gewerkschaftlichen) Kämpfe sich selbst nicht übertreiben. Sie dürfen nicht vergessen, daß sie mit Wirkungen und nicht mit den Ur-

sachen dieser Wirkungen kämpfen

„Zur selben Zeit dürfen die Arbeiter

,

daß

sie

Palliativmittel

anwenden,

aber die Krankheit nicht heilen. Sie sollten deshalb nicht ausschließlich

, statt gleichzeitig

auf seine Umwandlung hinzuarbeiten und ihre organisierte Kraft als einen

Hebel für die arbeitenden Klassen, das heißt die endgültige Abschaffung des Lohnsystems zu gebrauchen." Lohn, Preis und Profit, 46/47.

Das Entscheidende für Marx und die revolutionären Marxisten bleibt immer dieses: daß alle Kämpfe des Proleta- riats, gleichgültig ob in der Form von Gewerkschaften oder politischen Parteien, immer nur den Zweck haben, das Proletariat für den letzten Entscheidungskampf zu schulen. Immer handelt es sich um einen „mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg inner- halb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkte, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewalt- samen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet". Diese Ansicht ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit aus der Marx sehen allgemeinen Geschichtsphilosophie. Wie es deren fundamentaler Grundsatz ist, daß alle Geschichte die Ge- schichte von Klassenkämpfen sei, so bildet einen weiteren wich- tigen Bestandteil des Marx sehen Dogmas der Glaubenssatz, daß die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, durch die neue Klassen zur Herrschaft kommen, sich immer in der Form poli- tischer Revolutionen vollziehen. Umgekehrt gesehen: daß alle großen politischen Revolutionen Klassenrevolutionen sind, mit d~m Ergebnis, eine neue Gesellschafts- und namentlich Wirt- schaftsordnung durchzusetzen. Das historische Beweismaterial für diese These liefern die beiden großen Revolutionen Englands im

in diesen unvermeidlichen Guerillakämpfen aufgehen