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Angst essen Seele auf

Über den Umgang mit unangenehmen Gefühlen


Frank Zechner

Z
ornig stürmten General

© Willfried Gredler-Oxenbauer
Hariboto und seine Samu-
rais durch den staubigen
Hof des Zen-Kloster Sho-
bodo. Jeder, der sich ihnen entgegen-
stellte oder nicht schnell genug weg
kam, wurde niedergemetzelt. Mit ge-
zücktem Langschwert und blutüber-
strömt rannte General Hariboto in
die Haupthalle des Klosters. Schnau-
fend blieb er stehen, schaute sich um
und sah den alten Abt vor dem
Hauptaltar in Meditation sitzen. Ha-
riboto stürmte auf ihn zu, baute sich
vor ihm auf und fuchtelte mit sei-
nem Schwert in der Luft herum. Kei-
ne Reaktion des Abtes. Irritiert schrie
Hariboto: „Hast du keine Angst?
Weißt du nicht, dass ich derjenige
bin, der dir deinen Bauch aufschlitzt,
ohne mit der Wimper zu zucken?“
Der Abt öffnete sein linkes Auge,
schaute einen Moment und erwider-
te: „Und weißt du nicht, dass ich
derjenige bin, der von dir aufge-
schlitzt werden kann, ohne dass ich
mit der Wimper zucke?“
Aus den vagen mittelalterlichen
Aufzeichnungen wird nicht klar, ob
der Abt mit dem Leben davon kam
oder getötet wurde. Auch wird nicht
klar, was der Abt in dieser Situation
fühlte und wie er damit umging. Klar
ist jedoch, dass nach dem 11. Sep-
tember viele Menschen im Westen
Angst, Wut und Ohnmacht spüren.
In wenigen Sekunden wurde das Ge-
fühl der westlichen Welt, in Sicher-
heit zu leben, massiv erschüttert.

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Diffuse Angst vor einem erneuten An- etwas Luft zu schnappen. Der Abendhim- sehr schwer ist, etwas Gesagtes wieder
schlag breitete sich aus. Wut auf alle, die mel verfärbte sich rot von der untergehen- zurückzunehmen. Auch wenn man das
uns aus der heilen Wohlstandswelt vertrei- den Sonne, und es wurde langsam dunkel. zerbrochene Porzellan wieder kleben kann,
ben wollen. Ohnmacht vor der Gefahr Nur mit einer Kerze in der Hand kletterte der Sprung in der Schüssel bleibt.
chemischer und biologischer Waffen. Oder er in seine Höhle, sah den Tiger im Shantideva, ein buddhistischer Gelehrter
ganz einfach Angst vor dem dritten Welt- flackernden Licht und bekam furchtbare aus dem mittelalterlichen Indien, schreibt
krieg. Angst. Seine Gedanken schlugen Purzel- in seinem Buch Bodhicharyavatara:
bäume, und aus Furcht vor dem Tiger ver-
Das hab ich schon immer so gemacht! brachte er die Nacht vor der Höhle. All unsere guten Handlungen
Jeder von uns hat sein individuelles Set Ist es nicht oft so, dass uns unsere eige- und deren Verdienste,
an Strategien, wie mit diesen Gefühlen um- nen düsteren Fantasien über die Zukunft die wir in Tausenden von Jahren
zugehen ist. Die Harten unter uns blenden mehr Angst machen als das, was dann angesammelt haben
sie einfach aus: „Welche Angst? Ich habe wirklich passiert? Leben und handeln wir können durch einen einzigen Moment
keine Angst.“ Andere nutzen unsere gesell- nicht zu oft aus unseren selbst gestrickten des Zorns vernichtet werden.
schaftlichen Vermeidungs- und Konsum- Fantasie- und Gefühlswelten heraus?
strategien und betäuben sich mit Fernse- Wenn ich doch nur ...
hen, Essen, Sex, Alkohol oder Shopping. Mein Wille geschehe Eine andere Art, wie wir uns das Leben
Genauso wie Angst uns überwältigen unnötigerweise schwer machen, sind unse-
Erst einmal zwei Pyjamas kann, kann Ärger uns überwältigen. Egal, re übertriebenen Erwartungen an uns
Die amerikanische Meditationslehrerin was wir als Anlass für unsere Wut oder un- selbst. Manche setzen sich die Latte, wie
Sharon Salzberg erzählte auf einem Semi- seren Ärger nehmen, unser Umgang folgt sie sein sollten bzw. wie sie in bestimmten
nar die Geschichte einer Freundin, die in zu oft dem gleichen Muster: Ärger taucht Situationen reagieren sollten, so unerreich-
New York lebte. Eines Morgens kam sie auf, und wir lassen uns von ihm überwälti- bar hoch, dass das Versagen schon mit ein-
aus ihrem Haus, setzte sich in ihr Auto gen. In der Regel gehen wir mit einer fixen gebaut ist. Offensichtlich fällt es ihnen
und wollte zur Arbeit fahren. Ihr fiel Vorstellung in eine Situation. Doch wenn schwer, sich so zu akzeptieren, wie sie sind.
nichts Besonderes auf, nur, dass ihr Auto etwas anderes passiert als erwartet, sind wir Mit all ihren Mängeln. Doch nur ein
ein bisschen tiefer lag. Sie setzte sich also irritiert, beleidigt und reagieren ärgerlich. grundsätzliches „Ja“ zu sich selbst bildet
ins Auto und startete. Der Motor sprang Könnten wir den Partner oder die eigenen die Basis, um an sich zu arbeiten und sich
an, sie gab Gas, doch nichts passierte. Sie Kinder so akzeptieren, wie sie sind, ohne weiterzuentwickeln. All diesen Strategien
wunderte sich, stieg aus und stellte fest, an ihnen herumzunörgeln, wäre es viel ist gemeinsam, dass sie den direkten Kon-
dass alle vier Reifen gestohlen waren. entspannter. Wurzeln unsere gut gemein- takt mit dem auftauchendem Gefühl ver-
Dann musste sie ihrem Gewohnheitsim- ten „Verbesserungsvorschläge“ in ent- meiden und versuchen, die Umwelt zu
puls folgen: Sie ging in den nächsten Su- täuschten Erwartungen, werden sie über manipulieren. Anstatt Angst als beklem-
permarkt und kaufte sich zwei neue, über- kurz oder lang die Beziehung vergiften. mendes Gefühl und wichtiges Warnsignal
flüssige Pyjamas. Erst danach war sie in der Wie ein Taschendieb auf einem Markt zu spüren, verdrängen wir sie oder schwel-
Lage, die Polizei zu benachrichtigen. nur Taschen sieht, sehen wir nur unsere ei- gen ihn ihr. Anstatt Ärger gelassen wahrzu-
genen Erwartungen, unfähig, sie loszulas- nehmen, agieren wir ihn aus, schreien und
Von Tigern und anderen Fantasiege- sen, den Augenblick in seiner Schönheit schmeißen um uns. Anstatt Ohnmacht zu
stalten zu genießen und sich darauf einzulassen. fühlen, versinken wir ihn ihr.
Viele nehmen ein momentanes Angstge- Wir spüren, wie wir uns innerlich ver-
fühl zum Anlass, sich die Zukunft in düste- krampfen, zusammenschrumpfen und auf- Let it be
ren Farben auszumalen. Diese selbst ge- regen. Unsere Gedanken beginnen sich zu Doch wie können wir direkten Kontakt
strickten Befürchtungen werden so bedroh- überschlagen, das Herz schlägt schneller, mit unseren Gefühlen aufnehmen, ohne
lich, dass man immer tiefer in die Angst das Blut pocht bis in den Kopf, und wir in ihnen zu versinken? Die kurze, aber
rutscht. Es geht ihnen wie dem tibetischen fühlen uns natürlich im Recht. Mit dem prägnante Antwort des Buddha könnte
Einsiedler, der aus Langeweile einen gefähr- Gefühl des Rechthabens ziehen wir in den lauten: „Lass sie einfach so sein, wie sie
lichen Tiger an die Wand seiner Höhle heiligen Krieg und agieren unseren Ärger sind. Gib ihnen nicht noch mehr Energie,
malte. Als er fertig war, ging er hinaus, um aus. Erst im Nachhinein sehen wir, dass es indem du dich in sie hineinsteigerst, son-

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© Stefanie Grüssl

dern lehne dich zurück und beobachte, das eigene Leben retten. meister. Er übte den ganzen Nachmittag,
wie sie auftauchen und nach einer Weile Mitten im Gewühl des Marktes in der wie er das Schwert halten muss, bevor ihm
wieder von selbst verschwinden.“ Nach so kleinen japanischen Stadt Kamakura, ir- der Kopf abgeschlagen wird. Bei Sonnen-
viel geballter Weisheit taucht natürlich die gendwann im Mittelalter, rannte der bud- aufgang stürmte der Samurai mit erhobe-
Frage auf: Aber wie soll ich das machen, dhistische Mönch Daisetsu einen Samurai nem Schwert los. Daisetsu zog sein gelie-
mit meinem dreißigjährigen Training in über den Haufen. Der Samurai rappelte henes Schwert und im nächsten Augen-
unheilsamem Verhalten? Doch auch hier sich auf, klopfte den Dreck aus seiner blick blieb der Samurai wie angewurzelt
gibt es eine buddhistische Antwort: Üben, nicht mehr so glänzenden Rüstung, und stehen. Er sah, wie Daisetsu das Schwert
üben, üben. Es beginnt mit dem Bewusst- nachdem er seine Fassung wiedergewon- zog, ohne an Morgen oder Gestern zu
werden eigener unheilsamer Gewohnheits- nen hatte, schrie er Daisetsu an: „Pass auf, denken. Die Geschichte endet damit, dass
muster und dem Einüben heilsamer du Idiot. Das wird dich dein Leben ko- der Samurai sich vor Daisetsu in den
Handlungen. Ist es nicht viel besser, den sten!“ Daisetsu versuchte, sich zu entschul- Staub schmiss und sein Schüler wurde.
Moment in seinem Reichtum zu bejahen, digen, doch der Samurai bestand auf ei- Wie in all diesen Geschichten erreichte er
unabhängig davon, was im eigenen Geist nem Duell, um seine Ehre wieder aufzu- irgendwann auch die Erleuchtung.
auftaucht? Meditation kann helfen, innere polieren. „Morgen bei Sonnenaufgang an
Ruhe und Klarheit zu kultivieren. Wir der Brücke“, schrie er Daisetsu nach. Dai-
können lernen, uns ganz dem Augenblick setsu war verzweifelt. Sein ganzes Leben Frank Zechner ist Diplom-Psychologe und ar-
zu öffnen, ohne wenn und aber. Einfach übte er, sich dem Augenblick hinzugeben, beitet als Supervisor und Kommunikationstrai-
offen und weit. doch vom Schwertkampf hatte er keine ner mit Pflegekräften aus dem Gesundheitsbe-
Ahnung. Es blieb ihm nichts anderes reich. Außerdem lehrt er seit einigen Jahren
Meditation in der Theravada-Schule der Öster-
Auf dem Marktplatz übrig, als seinen bevorstehenden Tod zu reichischen Buddhistischen Religionsgesell-
Manchmal kann diese Fähigkeit, voll- akzeptieren. Doch er wollte mit Stil ster- schaft und veröffentlichte das Buch Die vier ed-
kommen im Hier und Jetzt zu sein, sogar ben und ging zu einen bekannten Schwert- len Wahrheiten des Buddha im Piper Verlag.

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