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Krisengeschichte(n).

‚Krise’ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher


Perspektive

Krisengeschichte(n). ‚Krise’ als Leitbegriff Gebrauch, widmeten sich aber auch der Frage
und Erzählmuster in nach der Identität, die durch die Krise heraus-
kulturwissenschaftlicher Perspektive gefordert und geformt zu werden scheint.
Unter diesen Prämissen wurden in der ers-
Veranstalter: Cluster of Excellence „Asia and ten Sektion unter dem Vorsitz von MONI-
Europe“; Historisches Seminar; Institut für CA JUNEJA (Heidelberg) multiple Semanti-
Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landes- ken des Krisenbegriffs in der Psychologie,
kunde der Ruprecht-Karls Universität Heidel- Ökonomie, Ethnologie, Soziologie und Litera-
berg turwissenschaft betrachtet.
Datum, Ort: 23.07.2009-25.07.2009, Heidel- JÜRGEN STRAUB (Bochum) sprach, die
berg Polyvalenz des ursprünglich medizinischen
Bericht von: Julia Itin, Universität Heidelberg Begriffs betonend, über die konstitutive Be-
deutung der Krise für die Herausbildung der
Der Krisenbegriff genießt heutzutage nicht Psychologie, die ohne das diagnostische Kri-
nur in den Medien eine große Konjunktur, senkonzept kaum denkbar wäre. Damit er-
wo er spätestens seit der Ölkrise der 1970er- klärte er Krisen als Vorgänge variabler Grö-
Jahre eher als ein plakatives Passepartout ver- ßenordnung zur conditio humana und da-
wendet wird, sondern auch in den Wissen- mit zu einem „Normalzustand“, in dem das
schaften. Dieses Leitmotiv der Postmoderne Subjekt erst konstituiert wird. Der bereits in
wird jedoch auch im wissenschaftlichen Dis- der Antike vorhandene pragmasemantische
kurs inflationär eingesetzt. Aufgrund ihrer Zusammenhang zwischen „Krise“ und „Kri-
‚dramatischen’ Außergewöhnlichkeit verfü- tik“ verdeutlicht die fragile Beziehung zwi-
gen Krisen über eine besondere Anziehungs- schen dem Individuum und seiner Umwelt.
kraft und sind gleichzeitig, nach Reinhard Straub arbeitete auch profilierend den Prozes-
Kosellek, eine „Selbstdiagnose“, das Narra- scharakter der Krise, die kumulative Wirkung
tiv einer Gesellschaft. Historiographisch gese- der Ereignisse heraus und brachte den aus
hen können sie einerseits als Tragödie (Hay- der Chirurgie exportierten Begriff des Trau-
den White) oder Verfallsgeschichte aufgefasst mas ins Gespräch. Das Trauma bildet wohl
werden, andererseits aber auch als Erfolgssto- das semantische Paradoxon zur Dauerkrise,
ry, Ausnahmezustand oder – im Sinne einer nämlich die paradigmatische Krise par excel-
Dauerkrise und somit als der Normalzustand lence. Auch die ursprüngliche Semantik des
der Postmoderne – als ein „globalisiertes Ge- Begriffs der Krise als Wendepunkt, und da-
fühl des beschleunigten Wandels“ wahrge- mit ambivalente Größe, ihr positives Potenti-
nommen werden. Krisen werden aber auch al, und die von ihr ausgelösten, das Subjekt
als langfristige, Struktur verändernde Prozes- erst herausbildenden kreativen Lernprozesse
se interpretiert, die eine Entscheidung und (Kohlberg; Piaget) kamen zu Sprache.
subjektbezogene Wertung verlangen (CAR- MICHAEL NORTH (Greifswald) bot eine
LA MEYER, Heidelberg). Die Teilnehmer des tour d’horizon durch die historische und ma-
transdisziplinären Symposions, das vom 23. kroökonomische Krisenforschung. Er unter-
bis zum 25. Juli im Heidelberger Karl Jaspers schied zwischen zwei im letzten Jahrhun-
Centre for Transcultural Studies stattfand, dert vorherrschenden grundlegenden Kri-
stellten die Profilierung der ‚Krise’ als Leitbe- senkonzepten: Depression in einer abwärts
griff und narratives Muster in kulturwissen- gerichteten Entwicklung, oder Verstärkung
schaftlicher Perspektive in Frage, diskutier- der Schwierigkeiten einer bestehenden ge-
ten den Begriff in Abgrenzung zur Katastro- sellschaftlichen Struktur, vor allem in einer
phe, die eher als ein unvorhersehbares Ereig- Feudalstruktur. So diagnostizierten bürgerli-
nisse mit gravierenden Folgen gesehen wird che Historiker eine Krise des Spätmittelalters
und deren Prozesscharakter erst in der jüngs- oder der Frühen Neuzeit, während die mar-
ten Forschung diskutiert wird (Greg Bankoff), xistischen Historiker dies als Krise des Feu-
erörterten die materialbezogene Analyse der dalismus bezeichneten. Somit waren die Kri-
kontextualisierten Verwendung des Schlag- sen – Depression, Regression, Verfall – ökono-
worts, seinen oft diagnostisch-retrospektiven misch gedacht eine „zyklische Schwankung“.

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František Graus erhob zum Beispiel die Krise leihen organische Metaphern funktionell ein
des 14. Jahrhunderts zu seinem Forschungs- sicheres Gefühl des Weltverstehens – sie wer-
programm und machte Teilkrisen objektiver den dann eingesetzt, wenn ein Phänomen in
Art, Trendeinbrüche, Trendwenden – vom seinem eigenen Kontext nicht begriffen wer-
Zusammenbruch der bisherigen Werte beglei- den kann, die Rekonvaleszenz ist dank des
tet – für diesen Wendepunkt der Geschichte ärztlichen Konsils im semantischen Feld mit-
verantwortlich, während für Eric Hobsbawm eingeschlossen. Sie strukturieren die Wirk-
der Zusammenbuch des Systems als solcher lichkeit, steigern die Aufmerksamkeit und re-
maßgeblich war. duzieren die Komplexität. Metaphern gene-
Eingehende Überlegungen zum Krisenkon- rieren Emotionen, werden als Argumente be-
zept der Ethnologie wurden von ANNET- nutzt und dienen somit zur Legitimation des
TE HORNBACHER (München) gemacht: So Handelns. Und darüber hinaus sind sie wert-
beschrieb sie die Krisen in erster Reihe als voll zur Kreierung von Erzählgemeinschaf-
kulturspezifische Identitätsdiskurse, die sich ten, die wiederum kollektive Identität schaf-
an Umbruchsstellen einer Gesellschaft ereig- fen und erhalten.
nen. Als Bewältigungsmechanismen dieser In der zweiten Sektion unter dem Vor-
Krisen, als „soziale Dramen“ dienen oft so- sitz von CLEMENS ZIMMERMANN (Saar-
genannte Übergangsrituale, die performative brücken) sprach CARLA MEYER (Heidel-
Modelle einer Gesellschaft sind (Victor Tur- berg) über die Konkretisierung der Krisennar-
ner). Solch ein Sozialstatuswechsel, zum Bei- rative am Beispiel von Sallusts Coniuratio Ca-
spiel der Übergang vom Jugendlichen zum tilinae, die wohl als Subtext für spätmittel-
Erwachsenen, wird in traditionellen Gesell- alterliche Zeitchronistik zu verstehen ist. So
schaften durch ein Initiationsritual vollzogen. übernimmt Sigmund Meisterlin in seiner Er-
Die performative Inszenierung der Gesell- zählung über den Aufstand der Nürnberger
schaftserneuerung, welche die individuelle Bürgergemeinde gegen den „alten“ Rat nicht
Adoleszenzkrise substituieren soll, hat mittels nur stilistische Mittel der Geschichte der cati-
kultureller Sinngebung auch eine integrieren- linischen Verschwörung, sondern bedient sich
de Funktion im semantischen Horizont der je- auch der Erklärungsmuster, die bereits Sallust
weiligen Gesellschaft. Dabei ist zu beachten, für den Putsch des gescheiterten Konsul ver-
dass die „Tradition“ nicht unbedingt mit ei- wendete. In ihrer Dramaturgie an die struk-
nem unreflektierten Umgang mit der Krise turierende Tragödien-Theorie des Aristoteles
gleichzusetzen ist – sie birgt in sich ein ana- angelehnt, schildert die Erzählung eine erns-
lytisches Mittel zur Beschreibung kultureller te innenpolitische Krise, die sowohl im Fall
Traditionen in ihrer reflexiven Transformation Augsburgs, als auch im Fall der res publica
vor dem Hintergrund der Globalisierungsde- Romana für ihre Autoren eine ernste Bedro-
batte. hung der bestehenden Ordnung darstellt.
ANSGAR NÜNNIG (Gießen) machte wei- KATJA PATZEL-MATTERN (Heidelberg)
terführende „Gesprächsangebote“ zur Meta- verglich Kommunikationsweisen industriel-
phorologie und Narratologie der Krise. Mit ler Katastrophen anhand zweier Explosions-
Ralf Konersmanns Prämisse, dass Metaphern, unglücke der BASF in den Jahren 1921 und
und damit auch Krisen, Erzählungen sind, die 1948. Beide Unglücke forderten eine hohe An-
sich als Einzelwort maskieren, sprach er von zahl von Menschenleben und trafen in ih-
Metaphern, die figuratives Wissen erst gene- rem historischen Kontext in Deutschland auf
rieren und nicht nur schlichter Redeschmuck vulnerable Strukturen und lösten so Debatten
sind. Vielmehr sind Metaphern, Konzepte, über die eigene Zukunft aus. Die Rollen- und
und Narrative die Werkzeuge für die Kreati- damit auch Schuldzuweisung schien nach
on der Welt (Nelson Goodman). Somit sind sie dem zweiten verlorenen Krieg eine andere zu
Konstruktionsmechanismen der Medien, die sein als vordem: Während Anfang der 1920er-
sich zum Beispiel in der aktuellen Finanzkrise Jahre noch die Technik für die Explosion ver-
ihrer ursprünglichen Semantik, ihrer medizi- antwortlich gemacht wird (dargestellt zum
nischen Metaphorik bedienen, in dem sie von Beispiel durch die Symbolik der gestoppten
sterbenden Patienten sprechen. Folglich ver- Uhr), erscheint Ende der 1940er-Jahre bereits

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Krisengeschichte(n). ‚Krise’ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher
Perspektive

der Mensch selbst als Akteur der Geschichte italienischen Seveso im Jahre 1976 scheinen
und die Natur als sein Opfer. die Stimmen der Kritiker auch von den Un-
GERRIT JASPER SCHENK (Heidelberg) ternehmen ernst genommen zu werden und
bot eine detaillierte Untersuchung des histo- es entwickelte sich seitdem eine umweltorien-
rischen semantischen Krisenfeldes in Anleh- tierte Unternehmenskultur. Nicht die Erfah-
nung an Reinhard Kosellek. Da die Begriffe rungen des Zweiten Weltkrieges, sondern die
eine vergangene Kommunikation und Weisen Ökologiebewegungen und die strengere Ge-
der Welterzeugung widerspiegeln, scheint es setzgebung auf deutscher und europäischer
sinnvoll, zunächst Wendungen wie „in Gä- Ebene trugen nach dem Unglück von Seveso
rung geratene Zeit“ (Alvarus Pelagius), even- zu diesem Sinneswandel bei.
tuelle Oberbegriffe und Adaptationen spätan- Die Sektion über Krisenerzählungen als
tiker Begrifflichkeit im Krisendiskurs des kri- Erklärungsmodelle für gesellschaftliche Ero-
senreichen Mittelalters genauer zu untersu- sionen unter dem Vorsitz von CHRISTOPH
chen. In einer gewählten Begrifflichkeit ist DARTMANN (Münster) leitete CHRISTIAN
meistens auch die Deutung enthalten – derje- ROHR (Salzburg) mit dem Klassiker der Krise
nige, der eine Überflutung in das semantische des 14. Jahrhunderts ein. Die Chronistik des
Feld der Sintflut rückt, bringt das Naturer- Klosters Königssaal bei Prag, mitteleuropäi-
eignis in einen kausalen Zusammenhang mit sche Heuschreckenplagen um 1340 und durch
dem strafenden Gott, Fragen nach ‚Theodi- einen erdbebenbedingten Bergsturz (ca. 1348)
zee’ und Eigenschuld des Menschen. Der cau- zerstörte Dörfer in Kärnten dienten ihm als
sa moralis entsprechend wird auf die Kata- Beispiele, um zu zeigen, dass es sich eher
strophen reagiert – es werden Sittenmandate um eine gesteigerte Krisenstimmung han-
verabschiedet und Prozessionen in die Wege delte, die den Chronisten zwang jede Son-
geleitet. Aber dank der Aristoteles-Rezeption nenfinsternis in die Katastrophennomenkla-
existiert auch eine causa naturalis, die Gott, tur aufzunehmen, als – in diesen konkreten
den unbewegten Beweger, als prima causa Fällen – um eine ‚reale’ Katastrophe gravie-
deutet, nicht lediglich als paralleles, sondern renden Ausmaßes. Er stellte auch allgemein
als komplementäres Deutungsmuster der Ka- die Frage, ob es sich bei der zum Beispiel von
tastrophen. Seit dem 15. Jahrhundert werden Graus retrospektiv diagnostizierten Krise des
die sich langsam herauskristallisierenden ab- 14. Jahrhunderts tatsächlich um eine ‚reale’
strakten Oberbegriffe der Katastrophen, sol- Größe und nicht vielmehr um einen Leitbe-
che wie Disastro (Unstern), in der Tradition griff in einer Zeit der gesteigerten Krisensen-
von Avicenna und Albertus Magnus vulga- sibilität handele.
risiert und mit astro-meteorologischen Deu- URTE WEEBER (Heidelberg) fragte in ih-
tungen versehen. Seit diesem Zeitpunkt fin- rem Vortrag nach der oft ausgeblendeten
det auch eine Kategorisierung der Krisen und Deutungskategorie der Wirkung einer Kri-
der Katastrophen statt – bis heute latent vor- se als Chance, insbesondere die Krise nach
handene Implikatoren des rapiden Wandels – einem Niedergang, der spätestens seit dem
was Gerrit Schenk dazu veranlasst, eine „vor- Niedergang Roms des Öfteren eine politi-
moderne Sattelzeit“ in die Diskussion einzu- sche Krisenkategorie bildet. In Anlehnung an
bringen, die er auch transkulturell belegte. Foucault betrachtete sie im Diskurs über die
Im Beitrag von THILO JUNGKIND (Kon- existierenden Republiken um 1700 die „Kri-
stanz) wurde der Paradigmenwechsel der se“ und den „Niedergang“ als frühneuzeitige
Krisenpolitik in der Unternehmensgeschich- Wahrnehmungs- aber auch gleichzeitig als ge-
te deutlich. Anhand des Umgangs mit chemi- schichtswissenschaftliche Beschreibungskate-
schen Störfällen nach 1950 schilderte er den gorien. So wurde zum Beispiel von Amelot
Wandel von der Inkaufnahme solcher Un- de la Houssaie, dem Sekretär des französi-
glücke als miteinberechneten Kollateralscha- schen Botschafters in Venedig die Krise nicht
den der an die Tradition der Industrialisie- zyklisch, im Sinne von Polybios oder Machia-
rung anknüpfenden Produktion hin zum neu- velli, sondern als Chance und Einleitung einer
artig ausgerichteten „(Umwelt-)Schutzden- Reform gesehen.
ken“. Spätestens seit dem Dioxinunglück im In ihrem Beitrag diskutierte CORDIA

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BAUMANN (Heidelberg) anhand des RAF- ment der Krisenlösung vorgeschlagen – man
Beispiels die Unterscheidung zwischen dem empfiehlt quasi eine Amputation des kranken
Phänomen als Symptom und als Ursache der Gliedes, konkret eine Deportation der „ge-
Krise. Die ‚allgemeine’ Krise der 1970er-Jahre fährlichen Elemente“ nach Papua-Neuguinea,
wurde erst ab 1973, im Zuge der Ölkrise, nachdem sich Maßnahmen wie Tätowierun-
von Hobsbawm als Zäsur diagnostiziert, gen und Kennzeichnungspflicht als nicht aus-
also nach der Hochphase der Rote Armee reichend erwiesen hatten.
Fraktion, die in der Bundesrepublik zur CORNELIA KNAB (Heidelberg) brachte in
Krise der demokratischen Gesellschaft zu ihrem Vortrag über Seuchenbekämpfung im
werden schien. Diese Diagnose wurde sei- 20. Jahrhundert einen weiteren Begriff aus
tens des Staates als Legitimation für die dem semantischen Feld der Krise ins Spiel,
Beschränkungen innerhalb des demokrati- das Risiko. In ihrem Rückgriff auf vergleich-
schen Systems im Zuge der Bekämpfung der bare historische Krisensituationen sprachen
„Terroristenkrise“ verwendet. Die Medien die Experten in Fällen wie dem Ausbruch der
dieser Krisenwahrnehmung in der Gesell- Pest in Harbin und der Spanischen Grippe
schaft waren sehr vielfältig, was die Rednerin oft von einem Risiko und ergriffen Präventiv-
anhand der genaueren Analyse des Filmes maßnahmen, wie Schutzimpfungen. Vor al-
„Deutschland im Herbst“ zeigte. lem dank der europäischen Erinnerung an
HARALD WELZER (Essen) sprach im öf- die große Pest, lösen die – auch mit heuti-
fentlichen Abendvortrag über Krisen als pro- gen Mitteln nur bedingt kontrollierten – Seu-
grammierte Erscheinungen eines kapitalisti- chen ein bestimmtes Verhalten aus, das auch
schen Systems, die das System zwar erschüt- auf der Kommunikations- und Reaktionsebe-
tern, aber nicht zum Scheitern bringen. Dem ne zu beobachten ist. Daher sollte der Begriff
sozialistischen System wurden hingegen re- Risiko vor allem im engen Zusammenhang
trospektiv diagnostizierte Verfallserscheinun- mit dem Krisenbegriff gesehen werden, und
gen zum Verhängnis, was der Zusammen- zwar als Teil des programmierten Krisenma-
bruch des gesamten Ostblocks verdeutlich- nagements.
te. Dank des Vertrauens in das kapitalisti- KARL SIEGBERT REHBERG (Dresden)
sche System und des performativen Weiter- stellte resümierend Überlegungen zum Kri-
funktionierens dieses Systems wird die ak- senbegriff an. Er betonte erneut die Funk-
tuelle Finanzkrise in der Bundesrepublik le- tion der Sprache als Konstruktion der Welt
benswirklich kaum wahrgenommen. Anhand und damit ihre entscheidende Bedeutung
dieser Krise zeigte Welzer ebenfalls, wie die für den Krisendiskurs. Die Krisennarrative
Mittel für ihre Lösung dank des gebroche- – Drama, Dekadenz, Verfall – sind somit
nen Generationsvertrages geschaffen werden kein Redeschmuck, sondern selbst media-
– so wie der westatlantische Kapitalismus le Vermittlung, Legitimationsrhetorik, medi-
die Ressourcen von Außen einbezog, bemüht zinisches Paradigma, das Politik (und Wirt-
man sich heute, den nicht mehr vorhandenen schaft) als „Gesundheitssystem im Großmaß-
Raum durch Zeit zu substituieren und die ge- stab“ erscheinen lässt. Diese ursprünglich an-
genwärtigen Probleme in die Zukunft zu ver- tike medizinische Deutung birgt in sich auch
lagern. die Ambivalenz der Krise als Chance auf ei-
DOMINIK SCHALLER (Heidelberg) leitete ne Genesung. Die Krise wird gewissermaßen
die Sektion zu Risiko- und Expertendiskursen entpathologisiert, normalisiert, da sie vor al-
als neue Erzählmuster der industrialisierten lem in ein kapitalistisches System eingebaut
Moderne mit dem Beispiel des „Social Engi- und heutzutage mit dem Systemwissen zu be-
neering als Mittel zur Bewältigung kolonia- wältigen ist. Das Ziel besteht also darin, „ge-
ler Herrschaftskrisen“ ein. Er zeigte auf, wie stärkt aus der Krise [zu] gehen“ (Angela Mer-
die Diskurse über den Umgang mit den Here- kel). Er empfahl auch eine strikte heuristische
ro die Angst, sogar Panik der Kolonialisten Herangehensweise an den Begriff der Krise
in Zusammenhang mit der Herrschaftskrise und schlug vor, im Krisendiskurs ‚Webersche
in Namibia widerspiegeln. Auch in diesem Idealtypen’ zu unterscheiden und die Narra-
Krisendiskurs wird das medizinische Argu- tive nicht als Realbeschreibungen zu sehen.

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Krisengeschichte(n). ‚Krise’ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher
Perspektive

Er machte auch auf das Potential des Begriffs zählmuster in und für Krisenzeiten? Sallusts
Risiko als „Präsenz des Möglichen“ aufmerk- Coniuratio Catilinae als Subtext für die spät-
sam, was die Krise gewissermaßen zu einem mittelalterliche Zeitchronistik
„Latenz-Zustand“ erhebt.
KATJA PATZEL-MATTERN (Heidelberg),
In der regen Diskussion kamen diverse
„Unsagbares Grauen“. Erzählmuster in
Aspekte des gegenwärtigen Krisendiskurses
der Medienberichterstattung über die Ex-
zur Sprache. Vor allem wurden stark die be-
plosionsunglücke bei der BASF 1921 und
griffsgeschichtlichen, semantischen und nar-
1948
rativen Aspekte der Krise als weiterführende
Untersuchungsfelder hervorgehoben. Die im b) Deutungsmuster der Krise und ihre Bedeu-
konventionellen Sprachgebrauch eher margi- tung für Intervention und Prävention
nal vertretene, aber in ihrem medizinischen
GERRIT JASPER SCHENK (Heidelberg), Ka-
Ursprung vorgesehene ambivalente Bedeu-
tastrophe, Unstern, Strafgericht? Begriffe und
tung der Krise, die auch als eine Chance zu
Konzepte für rapiden Wandel im Mittelalter
verstehen ist, wurde deutlich. Der konkurrie-
rende, aber in gewisser Weise auch komple- THILO JUNGKIND (Konstanz), „Wir sind
mentäre Begriff der Katastrophe, als ein ab- nicht schlechter als früher“. Zum Wandel im
ruptes Ereignis mit gravierenden Folgen wur- Umgang mit Störfällen in der chemischen
de auch im ähnlichen Prozesscharakter wie Industrie nach 1950 - eine unternehmensge-
Krise anhand der neuen Forschungsdiskurse schichtliche Perspektive auf dem Weg zur
beleuchtet. möglichen Krise
Konferenzübersicht: Chair: CHRISTOPH DARTMANN (Münster)
Begrüßung: CARLA MEYER; KATJA c) Krisenerzählungen als Erklärungsmodelle
PATZEL-MATTERN; GERRIT JASPER für gesellschaftliche Erosionen
SCHENK
CHRISTIAN ROHR (Salzburg), Wahrneh-
I. Die ,Krise’ als Leitbegriff im transdiszipli- mungen und Deutungen von Krise(n) im 14.
nären Diskurs Jahrhundert
Chair: MONICA JUNEJA (Heidelberg)
URTE WEEBER (Heidelberg), Wie die Krise
JÜRGEN STRAUB (Bochum), Der Begriff der den Niedergang als Reform erfasst. Der Dis-
„Krise“ in Psychologie und Soziologie kurs über die existierenden Republiken um
1700
MICHAEL NORTH (Greifswald), Der Begriff
der „Krise“ in der historischen und wirt- CORDIA BAUMANN (Heidelberg), RAF. Kri-
schaftshistorischen Forschung senerscheinung der demokratischen Gesell-
schaft in der Bundesrepublik Deutschland
ANNETTE HORNBACHER (München), Der
Begriff der „Krise“ als Problem der Ethnolo- HARALD WELZER (Essen), Im Blindflug
gie durch die Gegenwart. Über Krisen, Brüche
und Zusammenbrüche
ANSGAR NÜNNING (Gießen), Bausteine
zur einer Metaphorologie und Narratologie d) Risiko- und Expertendiskurse als neue Er-
der Krise zählmuster der industrialisierten Moderne
II. Die „Krise“ als Modell zur Deutung von DOMINIK SCHALLER (Heidelberg), „Wie
Geschichte und die hermeneutischen Konse- wäre es, wenn man die gefährlichen Elemente
quenzen solcher „Krisengeschichten“ nach Papua-Neuguinea deportiert?“ – Social
Chair: CLEMENS ZIMMERMANN (Saar- Engineering als Mittel zur Bewältigung kolo-
brücken) nialer Herrschaftskrisen
a) Alte Wahrnehmungs- und Erzählmuster CORNELIA KNAB (Heidelberg), Historische
für neue Krisen Krisensituationen und die Beeinflussung des
Risikobewusstseins in der Seuchenbekämp-
CARLA MEYER (Heidelberg), Bewährte Er-

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fung im 20. Jahrhundert
KARL SIEGBERT REHBERG (Dresden), Zu-
sammenfassende Überlegungen zum Krisen-
begriff
Abschlussdiskussion

Tagungsbericht Krisengeschichte(n). ‚Krise’ als


Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissen-
schaftlicher Perspektive. 23.07.2009-25.07.2009,
Heidelberg, in: H-Soz-u-Kult 25.09.2009.

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