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AUF DER SUCHE

NACH DEM GLÜCK


Was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir uns glücklich fühlen? Welche Auswirkungen hat
buddhistische Achtsamkeitsmeditation auf unser Glückserleben? Was ist dran an der Behauptung,
Wissenschaftler wissen, wie Erleuchtung im Gehirn passiert?

Frank Zechner ist diesen Fragen nachgegangen. – Eine Spurensuche in der Welt der Neurobiologie
© Frank Zechner

Der Autor lässt seine Gehirnströme messen

U
nsere Suche nach dem Glück Dazu hält er einen kleinen Stimulator auf lung und im besonderen wenn Menschen
im Hirn nimmt ihren An- die linke vordere Seite ihres Kopfes und positive Gefühle erleben, der linke Fron-
fang in Berlin. Genauer ge- stimuliert damit den linken Stirnlappen tallappen des Gehirns mehr als der rechte
sagt, im Labor für klinische des Gehirns. Diese Behandlung verbessert Frontallappen aktiviert ist. Depressive
Psychophysiologie des Benjamin-Franklin- in der Regel die Stimmung des Patienten. Menschen dagegen zeigen häufig eine auf-
Klinikums der Freien Universität Berlin. Aus amerikanischen Studien ist be- fallend geringe Aktivität in der linken Re-
Dort behandelt Dr. Bajbouj depressive kannt, dass generell bei Menschen mit op- gion. Mit dem Magneten versucht Dr. Baj-
Menschen mit einem Magnetstimulator. timistischer und positiver Lebenseinstel- bouj den erlahmten linken Frontallappen

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depressiver Patienten wieder anzukurbeln. siv sind, heben lässt. Die andere wiederum muss die Frage nach dem Glück anders ge-
„Manche spüren schon nach der ersten Sit- zeigte keine messbaren Ergebnisse. stellt werden: Sind Menschen, die regel-
zung eine Besserung.“ Mit Hilfe von Scan- mäßig meditieren, glücklicher?
nern, die die Aktivität des Gehirns messen, Aber vielleicht gibt es auch bessere Mit-
hat man nachgewiesen, dass die Magnetsti- tel als Magnetstimulatoren, um diesen Be- Dr. Davidson, ein Professor für Psycho-
mulation den Stoffwechsel und die Durch- reich positiv zu beeinflussen? logie und Psychiatrie an der Universität
blutung des Hirnareals tatsächlich steigern von Wisconsin, untersuchte die Gehirnak-
kann. Sind Buddhisten glücklicher als ande- tivitäten von 25 Versuchspersonen, die an
re Menschen? einem achtwöchigen Meditationskurs teil-
Glück entsteht in einem komplexen „Buddhisten sind messbar glücklichere nahmen. Der Meditationskurs wurde von
neuralen Netzwerk Menschen“ lautete im Mai 2003 eine John Kabat-Zinn, dem Begründer der
„Das Glück“, sagt der Berliner Forscher, Schlagzeile des wissenschaft.de, eines Able- Stressklinik der Medizinischen Fakultät
„hängt natürlich nicht nur von einem ein- gers der Zeitschrift Bild der Wissenschaft. der Universität von Massachusetts, gehal-
zigen Teil des Gehirns ab“. Es wäre zu „Endlich wissenschaftlich bewiesen, was ten. Das von Kabat-Zinn entwickelte Kurs-
schön, um wahr zu sein: Man müsste nur Buddhisten schon Jahrhunderte wissen“, programm basiert auf der buddhistischen
hergehen und diesen Hirnbereich stimulie- raunte es durch die buddhistischen Grup- Achtsamkeitsmeditation, wie sie im Thera-
ren, schon wäre es da, das Glück. „Unmög- pen. Doch was steckt wirklich hinter dieser vada gelehrt wird und umfasste eine
lich“, sagt Bajbouj, „für unsere Gefühle ist Behauptung? wöchentliche Sitzung sowie ein sieben-
ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen Owen Flanagan, ein Philosophieprofes- stündiges Meditationsseminar. Zusätzlich
zuständig.“ sor der Duke University, selbst kein empi- wurden die Teilnehmer angehalten, sechs
rischer Forscher, verwies in seinem Artikel Tage pro Woche täglich eine Stunde zu
Bislang beschäftigten sich zwei Studien auf eine interessante Studie von Richard meditieren. Die sechzehn Teilnehmer der
mit diesem Thema. Eine davon ergab, dass Davidson. Und hier wird deutlich, dass es Kontrollgruppe erhielten kein Medita-
sich die Stimmung mit der Magnetstimula- nicht um „die Buddhisten“ geht, sondern tionstraining. Nach Beendigung des Kurses
tion auch bei Menschen, die nicht depres- um Menschen, die meditieren. Insofern wurde bei den Teilnehmern beider Grup-

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Frank Zechner auf der Suche nach dem Glück

pen die elektrische Aktivität im vorderen höher als bei der Vergleichsgruppe. eine etwas unglückliche Bezeichnung ist.
Bereich des Gehirns gemessen. Denn der Begriff Einheit wird üblicherwei-
Diese Ergebnisse waren so ermutigend se im Gegensatz zum Begriff der Vielheit
Davidson fand heraus, dass bei den für den Wissenschaftler und sein Team, definiert, wobei unter Vielheit die Welt der
Teilnehmern des achtwöchigen Medita- dass weitere Studien geplant sind. Zur Zeit getrennten Dinge verstanden wird und
tionskurses die Aktivität des linken Fron- wird eine Gruppe von Meditierenden un- man unter Einheit die Summe der Einzel-
tallappens zugenommen hatte. Dieses Er- tersucht, die schon mehr als dreißig Jahre teile als Ganzes versteht. Doch was ist die-
gebnis bestätigte seine Hypothese, dass die Meditation praktizieren. Und diverse For- se Erfahrung, wenn es gar keine getrennten
Meditationspraxis für die Zunahme dieser schungsprojekte sind geplant, in denen die Teile gibt? Eine gute Konstruktion, doch
Aktivität verantwortlich ist. Mit anderen Auswirkungen von Achtsamskeitsmedita- eben nur eine begriffliche.
Worten, laut dieser Studie hilft Meditation tion auf bestimmte Krankheiten, wie z.B.
eine positivere Lebenseinstellung zu be- Depression, untersucht werden sollen. Die buddhistische Philosophie versuch-
kommen und Ängste abzubauen. te, dieses Problem durch die Einführung
Das höchste Glück ist Erwachen der relativen und absoluten Sichtweise zu
Meditation verstärkt das Immun- Wie jeder weiß, besteht das Ziel des lösen. Unserer alltäglichen, getrennten
system Buddhismus in der Verwirklichung von Sicht der Dinge (relative Sicht), in der wir
Zusätzlich verabreichten die Forscher Mitgefühl und Weisheit. Ein anderer Be- zwischen uns selbst und den anderen un-
beiden Testgruppen am Ende des Medita- griff dafür ist Nirvana, worunter Freisein terscheiden, wird die Sichtweise, in der es
tionskurses eine Grippeimpfung und kon- von Illusion, Gier und Aversion verstan- keine Trennung zwischen den Dingen gibt
trollierten vier sowie acht Wochen nach der den wird. Aus buddhistischer Sicht ist Nir- (absolute Sicht), an die Seite gestellt. Beide
Impfung die Zahl der Grippe-Antikörper, vana das höchste Glück. Diese Erfahrung Sichtweisen sind richtig, entsprechend ih-
um die Stärke des Immunsystems bestim- wird in der alten indischen Pali-Sprache rer Perspektive. Doch wahres Glück finden
men zu können. Viele Antikörper im Blut bodhi genannt. Wörtlich übersetzt bedeu- wir nur, wenn wir die Trennung zwischen
bedeuten ein starkes Immunsystem, wenige tet bodhi „Erwachen“ und nicht wie man- uns und den anderen aufgehoben haben
Antikörper dagegen zeugen von einer che meinen „Erleuchtung“. Erwachen aus und in unserem Alttag verwirklichen.
schwachen Abwehrkraft. Die Untersuchun- der Illusion, getrennt von dem Rest der
gen ergaben, dass in beiden Gruppen die Welt zu sein. Was sagt nun die Wissenschaft zu die-
Anzahl der Antikörper gestiegen war. Doch Die buddhistische Geschichte ist reich sen Erfahrungen? Sind sie nichts anderes
bei den Teilnehmern der Meditationsgrup- an Beschreibungen dieser Einheitserfah- als kindliches Bewusstsein, bevor es zwi-
pe war die Zahl der Antikörper deutlich rung. Wobei das Wort Einheitserfahrung schen Selbst und Nicht-Selbst unterschei-

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Thema

den kann, wie Sigmund Freud meinte? phen und Kernspintomographen zur Un- Pennsylvania zwar zu einer gewissen Popu-
Oder ist diese Erfahrung gar psychotisch tersuchung des Gehirns möglich. Diese larität verholfen, aber ihm nicht unbedingt
oder zu mindestens als geistig verwirrt an- speziellen Verfahren erlauben es nun, die den Beifall seiner Kollegen verschafft. So
zusehen? Aktivität des Gehirns zu einem bestimm- hält Eleanor Rosch, Psychologieprofesso-
ten Zeitpunkt noch genauer zu beobach- rin an der Universität von Kalifornien in
Gesucht wurde schon lange ten. Berkley, Newbergs Erklärungen schlicht
Seit gut hundert Jahren ist diese Ein- für „Unsinn“. Das Ergebnis seiner Experi-
heitserfahrung Gegenstand wissenschaftli- Newberg schildert in einem Kapitel, wie mente sei, für sich genommen, äußerst
cher Forschungen. Als einer der ersten un- er mit seinem Mentor Eugene d’Aquili an nichtssagend.
tersuchte William James diese Art des Erle- der Universität Pennsylvania versuchte,
bens in seinem Buch Die Vielfalt religiöser das Numinose im Kernspintomographen Mystische Ekstase im Hinterkopf?
Erfahrungen (1901). James gilt als Mitbe- festzuhalten. Dazu baten die beiden For- Dass sich aus den farbigen Flecken in
gründer der akademischen Psychologie in scher acht geübte Praktizierende in der Tra- den Gehirn-Scans der Zustand „absoluten-
den USA und stand diesen Erfahrungen, dition des tibetischen Buddhismus zur Eins-Seins“ ablesen lasse, ist eine ebenso
im Gegensatz zu Freud, durchaus positiv Meditation, und Franziskanernonnen zum kühne, wie unbewiesene Behauptung. Ne-
gegenüber. In den sechziger Jahren wieder- Gebet in ihr Labor. Jeweils auf dem Höhe- wberg führt als Beweis seiner These, dass
um hielt der Psychologie-Professor und punkt der meditativen Praxis leiteten die es in allen Religionen Einheitserfahrungen
Begründer der humanistischen Psychologie Forscher über eine Kanüle radioaktives gab, schriftliche Quellen an. Doch wie je-
Abraham Maslow das spirituelle Bedürfnis Kontrastmittel in die Adern ihrer Proban- der weiß, Papier ist geduldig. Wie ist es
nach Erwachen und mystischer Wahrneh- den, um damit den jeweiligen Durchblu- dem Forscher möglich, wissenschaftlich
mung (Gipfelerfahrungen) für äußerst tungszustand des Gehirns der Meditieren- auf Grund von Geschriebenem die Gleich-
wichtig für die menschliche Entwicklung. den festzuhalten. Eine anschließende Auf- heit der Erfahrung zu postulieren? Eben-
Die Transpersonale Psychologie der achtzi- nahme mit einer Spezialkamera (SPECT) falls unklar ist, ob das, was die acht Medi-
ger Jahre baute dann auf seinem Entwick- in der Abteilung für Nuklearmedizin zeig- tierenden und die Nonnen erfahren ha-
lungskonzept auf. Ihr Forschungsgebiet de- te, dass sich in der meditativen Versenkung ben, etwas mit einer mystischen Erfahrung
finierte sie als den Bereich der heilsamen die neuronale Aktivität in einem Hirnareal zu tun hat. Steht doch in allen Texten,
Erfahrungen, in denen das Identitätsgefühl im Hinterkopf (Lobus parietalis superior) dass diese Art von Erfahrungen höchst sel-
über die Grenzen des eigenen Ichs bzw. deutlich verringert. Diese Region ist nor- ten und wenn, dann nicht bewusst her-
der eigenen Persönlichkeit hinauswächst. malerweise für die räumliche Orientierung stellbar sind.
Untersucht wurden in diesem Zusammen- zuständig.
hang die mystischen Traditionen der Welt- Ein andere Ebene der Kritik ist die Be-
religionen. Aus diesem Ergebnis zieht nun New- hauptung, dass nur ein Hirnbereich für
berg weitreichende Schlussfolgerungen: diese Erfahrungen zuständig ist. So stellt
Erleuchtung fotografiert!? Die verringerte Aktivität im Orientierungs- sich zu guterletztdie Frage ob, das Gehirn
2001 erregte Andrew Newberg, ein Pro- feld sorge dafür, dass das Gehirn nicht nicht doch ein noch ziemlich unerforsch-
fessor für Radiologie, mit seinem Buch mehr zwischen den Grenzen des Individu- ter, in sich vernetzter Kontinent ist. Man
Why God Won’t Go Away. Brain Science ums und der äußeren Welt unterscheiden geht bei ca. 100 Milliarden Nervenzellen
and the Biology of Belief (dt. Der gedachte könne. „Es bliebe nur die Wahrnehmung, im menschlichen Gehirn von 10 Billionen
Gott) Aufsehen. Schon früh befassten sich dass das Selbst endlos und auf das Engste Verknüpfungen untereinander aus.
die Naturwissenschaften mit dem Aufbau mit allem verbunden sei, was der Geist er-
und den Funktionen des Gehirns. Ab Mit- fasst. Diese Wahrnehmung würde sich Es scheint doch alles ein wenig kompli-
te des 19. Jahrhunderts begann die Anato- überdies absolut und unzweifelhaft real zierter zu sein, als gedacht.
mie. In den sechziger Jahren kam dann anfühlen.“ Mit dieser Studie, so meint Ne-
die Ableitung der Hirnströme (EEG) als wberg, hätte er die mystischen Erfahrun-
Untersuchungsmethode hinzu. Doch erst gen, die in allen Religionen beschrieben
in den neunziger Jahren wurden durch die werden, auf ein neurobiologisches Funda- Frank Zechner ist Diplom-Psychologe und
arbeitet in den Bereichen Supervision und
Verfügbarkeit großer Rechnerkapazitäten ment gestellt. Stressmanagement. Er veröffentlichte das
neue, bildgebende Verfahren wie Com- Buch Die vier edlen Wahrheiten des Buddha,
putertomographen, Magnetenzephalogra- Diese These hat dem Radiologen aus erschienen im Piper Verlag.

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