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Simulation des Körpers -

der moderne Körperbegriff nach Jean Baudrillard

von Jens Holze

Studiengang Medienbildung
MB 04 – 2. Semester

22/08/2005

Medien und Pädagogik in medienanthropologischer Perspektive – Dr. Benjamin Jörissen


Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

1
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung.........................................................................................................................3
2 Die Definition von Simulacrum und Simulation...............................................................3
3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen............................................5
3.1 Auflösung durch das Duplikat...................................................................................5
3.2 Das virtuelle Bild.......................................................................................................7
4 Technologie und Medien als Erweiterung des Körpers....................................................8
5 Körper im Überfluss........................................................................................................11
6 Kritik, Fazit und Ausblick...............................................................................................12

2
1 Einführung

In der Menschheitsgeschichte hat es immer wieder die unterschiedlichsten Betrachtungen


des menschlichen Körpers gegeben. Alchimisten und Wissenschaftler der Antike haben
den Körper mit der Natur in Verbindung gebracht, mit den Gestirnen und den vier
Elementen versucht seine Zusammensetzung zu erklären. Detaillierte
Körperdarstellungen findet man allerorts. In der Renaissance wurde dieses Körperbild
wiederbelebt, doch begann man auch Körper aufzuschneiden, zu untersuchen und ihre
Funktionsweise zu studieren.

In der Neuzeit spaltete man den Menschen auf in seinen Körper und seine Seele (oder im
Folgenden auch in Geist, Körper und Seele). Der Körper wurde primär als eine Maschine
betrachtet, deren Funktionsweise man mehr und mehr auf die Schliche kam, aber auch als
Herberge für die Seele, die man sich nicht so leicht erklären konnte und von der man bis
heute keine klare Vorstellung hat. Der Körper wird geschmückt, gestählt und dient bzw.
diente immer als Aushängeschild des sozialen Status zahlreichen performativen Zwecken.
Behinderungen, Hautfarbe und sonstige körperlichen Auffälligkeiten haben häufig zu
Abgrenzungen zwischen den Menschen geführt. Der Körper ist auf der Suche nach der
menschlichen Identität in vielerlei Hinsicht ein interessanter Knotenpunkt. Seine
Darstellung, seine Verwendung, die Wertschätzung, die ihm entgegenbracht wird (oder
auch nicht), all diese Dinge bilden unseren Körperbegriff, unser Konzept von
Körperlichkeit.

Jean Baudrillard (geb. 1929) ist ein französischer Philosoph und Soziologe, dessen
Theorien und Kritik sich auf zahlreichen Themen der Postmoderne wie Simulation,
Virtualität, Globalisierung und Medien beziehen. Er setzt sich mit grundlegenden
Untersuchungen des Symbolsystems auseinander und entwickelte basierend auf dieser
Betrachtung eine Anti-Medientheorie. Baudrillard ist zur Zeit Professor für Medien und
Kultur an der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz. ()

Dieser Text versucht einen moderne Körperbegriff aus den verschiedenen Ausführungen
Baudrillards abzuleiten und zu konstruieren. Dabei werde ich einerseits Ideen, die sich
konkret auf den Körper beziehen analysieren und andererseits die komplexe Idee der
simulierten Realität auf die moderne Verwendung und das allgemeine Konzept von
Körper anwenden. Eine zentrale Frage soll auch sein, ob es tatsächlich Anzeichen und
Beispiele gibt, die dieses neue Körperbild untermauern und wie sich dies auf die Zukunft
auswirken kann.

1 Einführung 3
Doch zunächst soll die allgemeine Gedankenwelt von Baudrillard und die speziellen
Begrifflichkeiten erläutert werden.

2 Die Definition von Simulacrum und Simulation

Um auf die verschiedene Texte von Jean Baudrillard eingehen zu können, scheint es mir
sinnvoll einige grundlegende Ideen zu etablieren, die man wohl Baudrillards
Gedankenwelt zugrunde legen muss und die daher notwendig sind, um zu verstehen
worum es ihm geht.

Baudrillard spricht immer wieder von der Simulation. Dabei handelt es sich einfach
gesagt um eine vereinfachte Darstellung eines Vorganges, einer Funktionsweise oder
eines Prinzips. Einzelne Aspekte eines komplizierten Vorganges werden dabei bewußt
vereinfacht oder Details vernachlässigt damit man die Zusammenhänge leichter erfassen
kann. Dabei ersetzt man dann die komplexen Teile des Systems durch Vereinfachungen,
die im Grunde nicht real sind. Es sind gedankliche Konstrukte, die aber leichter
vorstellbar sind. Will man beispielsweise eine grafische Simulation einer Warteschlange
bei der Post darstellen, so würde man anstelle einer realistischen Darstellung der
Menschen in dieser Schlange wohl eher Punkte oder Ähnliches verwenden um die
essentielle Information zu erhalten aber die Details zu vernachlässigen. Tatsächlich
stehen natürlich Menschen dort und eben keine Punkte. Die daraus entstehende abstrakte
Ebene ist es auf die sich Baudrillard häufig bezieht. Es bedeutet, dass der Rückschluß
nicht mehr gezogen und die Simulationsebene nicht auf die Realität zurückgeführt wird.
Meist handelt es sich dann um eine Art von Virtualität, die beschrieben werden soll. Ein
anderes Beispiel dafür ist die „Gegenüberstellung von von Territorium und Karte“ ([1],
S.139).
Das Simulacrum indes setzt genau an dieser Stelle an. Hierbei handelt es sich laut
Baudrillard um eine Simulation deren realer Ursprung gar nicht (oder nicht mehr)
existiert. Ein Beispiel dafür ist Gott. Baudrillard beschreibt ihn als eine Vorstellung, eine
Idee bzw. ein Konzept, dass sich nur durch die Menschen, die es verbreiten, am Leben
erhalten hat. Da die Existenz von Gott nicht nachgewiesen ist, kann man dies als das
perfekte Simulacrum auffassen. Es ist das Modell von etwas, dass hyperreal ist. Ein
weiteres Beispiel ist die schon erwähnte Landkarte. Um eine solche anzufertigen, wird die

2 Die Definition von Simulacrum und Simulation 4


Form eines bestimmten Territoriums verkleinert und um zahlreiche Details ärmer
repräsentiert. Bezugnehmend auf eine alte Fabel von Jorge Luis Borges, würde eine
Karte, die alle Details wiedergeben wollte, exakt die Dimensionen ihrer Vorlage
erreichen. Baudrillard sagt, dass heutzutage diese Karte den eigentlichen Landstrich
entweder überlebt oder ihm sogar vollends vorausgeht. Die Repräsentation der Realität
ersetzt die Realität. Die Virtualität wird allgegenwärtig und sie ist beliebig
reproduzierbar. Wir nehmen nur noch die simulierte Realität war, wie sie uns z.B. durch
die Medien geliefert wird. Doch die Simulation ist nicht zu durchschauen. „Jemand, der
eine Krankheit fingiert, kann sich einfach ins Bett legen und den Anschein erwecken, er
sei krank. Jemand, der eine Krankheit simuliert, erzeugt an sich eigene Symptome dieser
Krankheit.“

Es scheint mir offensichtlich, aber nichtsdestotrotz soll es auch erwähnt werden, dass
diese Vorstellungen Baudrillards, die Grundidee für die „Matrix“-Filme liefert. Es scheint
mir sinnvoll darauf hinzuweisen, dass diese daher die Ausführungen, mit denen ich mich
im folgenden beschäftige, stellenweise wirkungsvoll visualisieren. Dies gilt insbesondere
für die zuvor erläuterten Begriffe. (z.B. Die Simulation einer Welt, die nicht mehr real
existiert) Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass Baudrillard selbst da wohl anderer
Meinung ist. 1
Baudrillard benutzt auch selbst den Begriff Matrix relativ häufig, allerdings bezieht er
sich dann zumeist auch auf die klassische Repräsentation eines zweidimensionalen Feldes
mit verschiedenen Inhalten, die in Beziehung zu setzen sind und auf die Idee eines
Systems von Codes, Repräsentationen, die für etwas Reales stehen und in seiner
Gedankenwelt diesem Realen vorgeschaltet sind und es somit ersetzt haben. Dabei spielt
auch sein geänderter Medienbegriff ein Rolle, den ich im Folgen noch genauer erläutern
werde.

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen

3.1 Auflösung durch das Duplikat

1 Hanley, Richard, Simulacra and Simulation: Baudrillard and The Matrix,


http://whatisthematrix.warnerbros.com/rl_cmp/new_phil_hanley2.html, 2003

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 5


Einer der wohl bedeutendsten Aspekte im Hinblick auf die Veränderung des
Körperbegriffes ist zweifellos das Entschlüsseln der menschlichen Gene. Wie auch
sämtliche anderen Dinge durch wissenschaftliche Analyse in immer grundlegendere
Bausteine zerlegt worden sind so glaubt man nun mit dem menschlichen Genom einen
wichtigen wenn nicht gar den wichtigsten Schlüssel für die Funktionsweise des
menschlichen (aber als weiteren Aspekt natürlich auch jedes anderen) Körpers verstanden
zu haben.
Aber dieser Umstand greift auch einen sehr ursprünglichen und fundamentalen Wert für
den Menschen und dessen Identität an. „Of all the prostheses that mark the history of the
body, the double is doubtless the oldest.“ ([2], S.66) sagt Baudrillard und verweist darauf,
dass das Ebenbild (der Schatten, das Spiegelbild) immer Teil des Subjektes ist und doch
auch sein Gegensatz. Doch wenn das „Doppelte“ tatsächlich erscheint und sichtbar wird,
dann sei es gleichbedeutend mit Tod. Demnach basiert die Kraft des Ebenbildes auf
seinem Nicht-Vorhandensein. Tatsächlich hat wohl jeder Mensch sich schon einmal
vorgestellt, wie es wäre, wenn es eine exakte Kopie von ihm gäbe, es gibt zahllose Filme,
in denen mit dieser Idee gespielt wird, weil sie offenbar die Menschen fasziniert. Doch
dies gilt nur solange, wie es sich um eine Fantasie handelt, die nicht real ist.
Genau diese Grenze wird mit dem Klonen überschritten. Das Klonen ermöglicht es eben
genau jene perfekte Kopie herzustellen, einen Menschen zu duplizieren wobei jede
einzelne Zelle im menschlichen Körper (egal welches Teils des Körpers) als Ursprung für
eine komplette Kopie dienen kann, „becoming the matrix of an identical individual“([2],
S.66) Baudrillard bezeichnet diesen Vorgang als „the purest form of parentage“ weil es
durch diese Technologie möglich ist unabhängig vom anderen Geschlecht Nachkommen
zu erzeugen (allerdings besteht die Einschränkung, dass technisch immer noch bestimmte
weibliche und männliche „Bauteile“ vorausgesetzt werden, aber tatsächlich ist dies wohl
vernachlässigbar und in jedem Fall anonym und daher ersetzbar). Dieses Vorgehen
umgeht die komplette Vorstellung und Struktur des Fortpflanzens, denn es kommt ohne
jegliche Idee einer Mutter oder eines Vaters also eines Ursprungs aus. Sie sind für die
Herstellung neuen Lebens unnötig geworden und sie wurden ersetzt durch den
genetischen Code, eine neue, funktionelle Matrix. Darin liegt jetzt (wenn überhaupt) der
Ursprung und die Kontrolle über das Leben.
Viel bedeutender aber ist wohl der Verlust des Subjekts. Denn in dem Moment, in dem
das perfekte Duplikat entsteht ist die Einzigartigkeit des Subjektes verloren, dass, was ihn
von allen anderen unterschieden hat ist reproduzierbar. Es ist nicht vergleichbar mit
einem Ideal, einer Idee von einem doppelten Selbst, die wie erwähnt immer noch durch

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 6


ein Bild gefiltert wird beispielsweise durch das eigene Spiegelbild und damit nie exakt
das ist was das Subjekt darstellt. Es wird immer verändert um sich selbst wiederzufinden.
Nicht davon geschieht durch Klonen. „No more medium, no more image“ ([2], S.67)
Selbst bei eineiigen Zwillingen handelt es sich um zwei, die zusammen sind, nicht ein
Einziges. Aber durch Klonen ensteht immer exakt dasselbe (und eben nicht nur das
gleiche!).
Es gibt keinerlei Unterschiede und keinerlei Veränderung und darin liegt die einzigartige
Veränderung des Körpers.
Daraus ergibt sich laut Baudrillard, die Nichtigkeit des Körpers, denn jedwede
Information über seine Existenz kann aus dem kleinsten Bauteil gewonnen werden: der
Zelle. Jede der Zehntausenden von Millionen von Zellen beinhaltet den Bauplan für den
gesamten Körper so, dass er sich selbst überflüssig macht und zu seiner eigenen
Fortpflanzung nicht mehr notwendig ist. „If all information can be found in each of its
parts, the whole loses its meaning“([2]). Und der Körper ist immer das ganze und nicht
nur ein Teil seiner selbst. Hier stellt sich aber doch die Frage, wie sehr man überhaupt
einen Körper reduzieren kann, ohne das er aufhört ein Körper zu sein. Verliert ein
Mensch beispielsweise all seine Extremitäten, ist das was übrigbleibt trotz allem ein
Körper? Und wenn, ja, kann ich den Körper dann womöglich auf eine Zelle reduzieren?
(Ich halte die Frage für offen, auch wenn Baudrillard dies verneint). Es ergibt sich ein
weiteres Paradoxon denn das Klonen erschafft trotz allem noch immer Menschen eines
bestimmten Geschlechtes wobei es aber die etablierte Funktion dieser geschlechtlichen
Unterscheidung, die klassische Fortpflanzung, unnötig werden läßt. Und doch ist
Geschlecht ein grundlegender Bestandteil des Körpers der dadurch wiederum an
Bedeutung verliert. Ein Teil, der die Informationsmenge übersteigt, die ein Körper zu
beinhalten vermag. Und diese Informationsmenge ist der genetische Code der seine
eigene Reproduktion beinhaltet. Die anhaltende Analyse des Körpers und sein Aufteilen
und Zerlegen in Organe und Funktionsbereiche und das wiederholte Unterteilen dieser
Teile ist eine Auswirkung davon. Eine Körpersimulation, die das ganze als einfaches
Zusammensetzen seiner Einzelteile zu begreifen versucht. So wird allmählich jedes
Einzelteil mit seiner Aufgabe zu einer Prothese. Jedes Teil kann ersetzt werden durch das,
was man klassischer Weise als Prothese bezeichnen würde, aber wenn es nicht Teil des
Körpers ist, dann ist es schon längst zur Prothese geworden. Und deswegen kann man die
DNS als die ultimative Prothese begreifen, die sämtliche Informationen enthält um den
Körper aus sich selbst heraus entstehen zu lassen und zu erhalten. Der Körper ist dann
nichts anderes mehr als eine „endlose Serie seiner Prothesen“ („indefinite series of its

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 7


prostheses“, [2], S.68). Während klassische Prothesen eben funktionsunfähige Teile des
Organismus ersetzen oder reparieren sollen z.B. Künstliche Gliedmaßen aber auch die
wohl verbreitetste Prothese überhaupt, die Brille, bezeichnet Baudrillard hier eben alle
Teile des Körpers als Prothesen weil sie den Körper nicht länger ausmachen.

Auch wenn Baudrillard sich hier eindeutig auf den Körper bezieht, so läßt sich doch auch
für die Identität des Menschen hier einiges mühelos ableiten, besonders was die
Einzigartigkeit angeht. In einer Welt, in der sich immer häufiger aufgrund standardisierter
Regeln das Subjekt mit allen anderen vergleichen lassen muss, ist es notwendig sich
abzugrenzen und zu individualisieren. Es stellt sich die Frage, wie sehr und in welchen
Eigenschaften man anders sein muss, um nicht in eine Gruppe geworfen zu werden, der
man nicht angehören will. Individualismus hat sich so in allen Lebensbereichen etabliert
und je mehr man es versteht, durch Andersartigkeit aufzufallen, desto deutlicher wird
(gegenüber anderen) die eigene Identität. Allerdings ist dieser Vorgang so dynamisch,
dass es stetige Anpassungen geben muss und das Erhalten der eigenen Identität (oder
Identitäten) einer lebenslangen Herausforderung gleichkommt. Es stellt sich die Frage, ob
der Mensch um nicht vollends an seiner Existenz zu verzweifeln, seine Einzigartigkeit
entsagen muss, die ihm Stück für Stück genommen wird.
Dabei ist Klonen für Baudrillard eben der letzte Schritt zur Auflösung des Körpers.
Bezugnehmend auf Walter Benjamin, der eben die Wirkung von mechanischer
Reproduzierbarkeit von Kunst für deren Bedeutung untersuchte, scheint auch dem Körper
eine gewissen Aura, eine ästhetische Form oder Qualität verloren zu gehen. Die
Authentizität geht verloren und das Original existiert nicht länger, weil es die unendliche
Reproduzierbarkeit in sich trägt. Die Bedeutung des Körpers ist allerhöchstens eine
Ansammlung von (änderbaren) Informationen. Und auch Identität ist nicht länger
einzigartig. Sie wird designed werden können durch Veränderung des genetischen Codes.

Hier finde ich, sollte man sich jedoch auch fragen, ob Identität ausschließlich auf der
ursprünglichen Veranlagung basiert oder ob es möglich ist, im Laufe des Lebens seine
Identität zu modifizieren. Dieser Gedanke basiert auf der Frage nach der Determinierung
des Lebens. Sollten sämtliche Erfahrungen eines Lebens durch die ursprüngliche
Konfiguration der Gene bestimmt werden ist eine quasi unvorhergesehene Entwicklung
des Charakters wohl ausgeschlossen. Inwieweit also trifft dies zu? Doch selbst
Baudrillard gibt in den Notizen zu diesem Kapitel zu, dass die Möglichkeit besteht, dass
selbst beim Klonen eine Kopie niemals komplett identisch mit seinem Vorgänger sein

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 8


wird. Es stellt sich also die noch grundlegendere Frage, ob es überhaupt möglich ist, das
perfekte Duplikat (das ist ja die Idee, die diesen Ausführung zu Grunde liegt) tatsächlich
zu erschaffen. Unzählige Einflüsse könnte (bisweilen sehr minimale) Veränderungen von
einer Generation zur nächsten bewirken, ein Umstand der auch in zahlreichen Science-
Fiction skizziert wird und zeigen soll, dass man bestimmte Naturgesetze trotz
fortgeschrittener Technologie nicht umgehen kann.

Wenn also, und damit schließt Baudrillard, der Körper sich selbst nicht mehr repräsentiert
beziehungsweise seine Bestandteile ersetzbar sind und das Bild dadurch nicht verändern,
dann ist das Bild im Grunde komplett verloren. Ein Körper kann nicht mehr repräsentiert
werden, nicht mehr gegenüber anderen aber auch nicht gegenüber sich selbst. Er
beschränkt sich auf die Informationen, seine Definition in der genetischen Formel und ist
somit im Grunde aufgelöst.

3.2 Das virtuelle Bild

Ganz im Gegensatz dazu beschreibt Baudrillard die identische Abbildung des Körpers,
die perfekte Projektion der äußeren Erscheinung durch Hologramme. Für ihn ist das
Hologramm „the perfect image and end of the imaginary“ ([2],). Er geht sogar noch
weiter und stellt fest, dass es sich überhaupt nicht mehr um ein Bild handele, da das
eigentliche Medium ein Laser ist, nichts anderes als konzentriertes Licht, dass nicht
reflektiert wird oder anderweitig sichtbar ist. Wie schon im Zusammenhang mit dem
Klonen ist hier das Ebenbild, das Double, im Zentrum der Betrachtung. Es wird quasi
vom Subjekt abgetrennt oder wie Baudrillard es formuliert, mit dem Laser(-skalpell)
entfernt, wie man einen Tumor entfernen würde. Dabei ist das Hologramm als Bild eben
so perfekt, dass man keinen Unterschied feststellen kann und damit verliert es das
Bildhafte. Es ist keine schlichte Repräsentation mehr, denn es gibt keinerlei (äußere)
Unterschiede. Dieses Double befindet / befand sich immer im Körper und wird so
sichtbar gemacht. Dieser Vorgang ist es der das versteckte ans Tageslicht befördert und
aus dem (Unter-)Bewußtsein, aus dem virtuellen in die Realität befördert und die Realität
in eine Virtualität umwandelt, eine Simulation, die sich nicht mehr von Realität
unterscheiden läßt. Ich betone nochmals, dass sich hierbei ausschließlich auf das äußere
Erscheinungsbild des Körpers bezogen wird, insofern ist die Kopie nicht so gut wie die,
welche beim Klonen entsteht. Aber sie löst ähnlich wirkungsvoll die Grenzen auf, denn
alles Wahrnehmbare wird ja letztendlich repräsentiert.

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 9


Dieser fließende Übergang wurde auch in der Science-Fiction häufig aufgegriffen, am
offensichtlichsten wahrscheinlich durch die Einrichtung eines Holodecks in der TV-Serie
„Star Trek: The next Generation. Hier werden komplette Umgebungen und Charaktere
durch Holographie und Kraftfelder erzeugt, die Technologie dient sowohl der
Freizeitgestaltung als auch der Ausbildung. Der Übergang zwischen dieser virtuellen
Welt und der Realität bleibt immer vage, so ist es beispielsweise nur durch sog.
Sicherheitsprotokolle gewährleistet, dass Besucher des Holodecks nicht verletzt werden
können. Werden diese deaktiviert, können virtuelle Kugeln reale Verletzungen
verursachen. Ein holografischer Charakter kann das Deck nicht verlassen, er löst sich auf
sobald er dies versucht. In einer speziellen Folge wird unabsichtlich ein Charakter
erschaffen, der sich seiner selbst bewußt ist (quasi die perfekte Simulation einer Person,
im speziellen Fall handelt es sich um Professor Moriarty, den Gegenspieler von Sherlock
Holmes) und sich daher auch seiner Beschränkung bewußt wird und diese zu Überwinden
versucht. Was bedeutet das für den Menschen, seine Identität und seinen Körper, wenn es
uns möglich ist, all dies zu simulieren? Stellt sich nicht die Frage nach unserer eigenen
Virtualität in der vermeintlichen Realität? Sind wir nicht selber eine (zu einem gewissen
Grad) perfekte Simulation. Oder gar ein Simulacrum, also eine Simulation, zu der es gar
keine reales Gegenstück mehr gibt? Genau das ist es, was Baudrillard aufzuzeigen
versucht wobei ich hier betonen möchte, dass er lediglich die Frage aufwirft ohne große
Anstrengungen zu unternehmen auch Antworten zu finden, außer vielleicht der
allumfassenden Feststellung, dass es Realität nicht mehr gibt.
Baudrillard fährt fort: „[...] why would the simulacrum with three dimensions be closer to
the real than the one with two dimensions?“ ([2],) Seiner Meinung nach geschieht eben
genau das Gegenteil, es wird nicht realer sondern viel mehr virtueller durch die dritte
Dimension. Es wird hyperreal, denn sein Argument ist, dass wenn ein Objekt exakt wie
ein Zweites ist, dann ist es eben nicht mehr exakt wie dieses Objekt sondern schon etwas
exakter. Und diese Hyperrealität ist schon wieder eine Simulation. Realer als die Realität
und wahrer als die Wahrheit. Und daraus kann man wiederum die Zerstörung / den Tod
des Realen ableiten, den Verlust aller Bedeutung.

Das ist im Grunde die wahre Gefahr all dieser neuen Technologien: Die
Bedeutungslosigkeit für die Realität und für das Körperbild, die von der
Reproduzierbarkeit eben dieser ausgeht. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der
Naturwissenschaft; ihr Vorgehen, dass im Grunde aus Dekonstruktion der Welt in ihre
Einzelteile und Rekonstruktion eben dieser besteht, um sie zu verstehen. Dabei nimmt sie

3 Der Körper verschwindet – Von Klonen und Hologrammen 10


auch alles was den Körper ausmacht sukzessive auseinander, löst ihn auf in ein Nichts aus
purer Information (den genetischen Code) und zerstört ihn während sie auf der anderen
Seite versucht ihn wieder zu erschaffen aber nicht als Original, also ein schlichtes
Duplikat der Realität, sondern als Vorlage für unendliche Reproduzierbarkeit, also ein
hyperreales Gebilde, eine Simulation. Nicht umsonst muss jedes Experiment, dass in der
Naturwissenschaft einen beweisenden Charakter haben soll auch wiederholbar sein. Diese
Simulation kann und wird laut Baudrillard zum Simulacrum werden, wenn seine Vorlage
quasi bedeutungslos gemacht worden ist.

4 Technologie und Medien als Erweiterung des Körpers

Basierend auf dieser Theorie ergeben sich viele weitere interessante Aspekte für den
Umgang mit Technologie im Bezug auf das Körperbild.
Es ist mehr oder weniger akzeptiert, dass der Körper aus seiner Natürlichkeit herausgelöst
wird um verbessert zu werden. Wenn Baudrillard von dem finalen Schritt, nämlich der
Beeinflussung der kleinsten Einheit im Organismus, der ursprünglichen Wurzel, der
Information, die im genetischen Code vorhanden ist, spricht, so gehen dieser
Veränderung Jahrtausende von Praktiken voraus, die den Körper ebenso beeinflusst
haben.
Der Körper wurde schon immer durch Werkzeuge erweitert, Baudrillard spricht nicht
umsonst von Prothesen, wenn er sich auf Einzelteile des menschlichen Körpers bezieht.
Körperteile, die ihre Funktion nicht mehr erfüllen werden ersetzt oder aber es werden den
vorhandenen Teilen weitere Funktionen hinzugefügt. Scharfe Klingen, Schußwaffen,
Kleidung und so ziemlich alle weiteren Objekte, werden dem Körper hinzugefügt, um
ihm Funktionen zu ermöglichen, die er allein auf sich gestellt nicht besitzen würde. So hat
der menschliche Körper immer schon eine Art Erweiterung durch Simulationen erfahren,
umgeben von einer Virtualität von Eigenschaften, die ihm so nicht eigen sind.
Auch der Übergang in die Hyperrealität ist nicht schlagartig durch das Klonen
hervorgerufen worden. Sämtliche modernen Massenmedien haben schon seit einigen
hundert Jahren den Körper mehr und mehr bedeutungslos gemacht. Tatsächlich wird der
Körper in seiner Stofflichkeit und Trägheit mehr und mehr zur Behinderung. Der Mensch
kann durch Massenmedien (ganz besonders durch das Internet) sämtliche räumlichen und
zeitlichen Schluchten überbrücken, er kann in Nanosekunden Informationen aus allen
Winkeln des Universums erfassen während er jedoch seinen Körper, der abhängig ist von

4 Technologie und Medien als Erweiterung des Körpers 11


Zeit und Raum, zurücklassen muss. Der Mensch wird immer mehr heimisch in der
virtuellen Welt, eine Welt mit anderen Regeln, denen sich der Geist anzupassen oder zu
unterwerfen vermag. Der Körper jedoch kann diese Grenze so nicht überwinden und
bleibt zurück, wird gar ersetzt durch neue individualisierte Formen der Repräsentation.
Denn das nimmt der Mensch mit aus der Realität, die Abhängigkeit von der eigenen
Repräsentation, etwas sichtbares zu sein im realen wie auch im virtuellen Raum. Doch die
Repräsentation ist veränderbar (im virtuellen wie im realen), sie kann angepasst werden
entweder durch entwerfen eines Avatars oder durch Veränderungen am realen Körper
(Schönheitchirurgie, Kosmetik, Kleidung, Schmuck etc.). Wir nähern uns der Auflösung
des Körpers also (möglicherweise unbewußt) schon seit langem an und das Klonen und
damit die ultimative Bedeutungslosigkeit des Körpers (der Repräsentation, von der wir
nach wie vor abhängig sind) ist das Ziel, in das diese Entwicklung laut Baudrillard
mündet. Nur wird dieser finale Schritt eben nicht den Körper vom Geist trennen sondern
eben beides der Bedeutungslosigkeit ausliefern, wie auch schon heute in Ansätzen die
eigene Existenz immer mehr der Bedeutungslosigkeit ausgeliefert wird, in dem Teile des
Körpers oder eben der ganze Körper für bestimmte soziale Praktiken bedeutungslos
werden. Die Frage ist, ob es den Menschen gelingen wird, diese Abhängigkeit des Geistes
vom Körper zu überwinden oder ob es eine Rückbesinnung auf die Bedeutung des
Körpers (wie sie ebenfalls schon zu beobachten ist) und eine Anpassung der Vermittler,
der Medien, geben wird.

Baudrillard hingegen hat einen komplett gegensätzlich Medienbegriff. Er geht von einer
„Totalisierung technischer Medien aus“ ([1], 142). Sie sind für ihn nicht länger
Erweiterungen des Körpers, Vermittler oder Prothesen „sondern sind allgemeiner Code:
das Modell menschlichen Zusammenlebens“([1], 142-143). Sie sind dafür verantwortlich,
dass für uns die simulierte Realität an die Stelle der Realität tritt. Baudrillard selbst sagt:
„Ich gehe von der Hypothese aus, daß die Welt eine vollkommene Illusion ist“ ([1] 143)
Die Medien stellen die Welt für uns nicht mehr nur dar, sie sind „Wirklichkeitsspender“
([1] 142), sie stellen die Welt her, die wir wahrnehmen.
Baudrillard verändert den Begriff des Mediums, des Vermittelnden also in etwas, das
selbst produziert und hervorbringt. Und dabei auch den Dialog auflöst. Medien Senden,
wir empfangen. Wir können nicht zum Original zurückkehren und hinter die Medien
treten. Technische Apparaturen schalten sich also dem Körper vor, der Körper wird
(unfreiwillig) erweitert. Die Darstellung im Film „Matrix“ dürfte der Idee Baudrillards
sehr nahe gekommen sein, wenn die Menschen dort, eingefasst in Gefäße, die sie nicht

4 Technologie und Medien als Erweiterung des Körpers 12


wahrnehmen, durch technische Zugänge nicht nur mit Nahrung sondern auch mit der
künstlichen Welt versorgt werden, ohne die Möglichkeit zu haben diesen Apparaten zu
entfliehen geschweige denn sie überhaupt wahrzunehmen. Genau das ist das Körperbild,
dass wir durch Baudrillards Thesen konstruieren können: Wenn alles, was wir
wahrnehmen virtuell induziert ist, die Realität, die wir wahrnehmen, nicht länger real sein
muss, dann muß es auch der eigene Körper nicht mehr sein. Auch ihn können wir selbst
nur von außen wahrnehmen, wir können nur durch unsere (äußerlich angebrachten)
Augen, nicht aber nach oder von innen sehen. Es ist daher plausibel, dass der Körper
austauschbar wird, dass er ein weiteres Instrument wird, dass wir anpassen können
ähnlich der „mentalen Projektion des digitalen Selbst“ wie er in „Matrix“ vorgeführt
wird. Denn das was den Menschen ausmacht, kann nur etwas sein, dass real und keiner
Projektion entsprungen ist, etwas, das nicht durch äußere Medien verändert werden kann.
Schon René Descartes hatte durch sein methodisches Zweifeln sein Selbst auf eine simple
These, ein minimal Existierendes reduziert: „Ich denke also bin ich.“ Dieser Denkende ist
es, der auch jetzt wieder im Zentrum eines Selbstbildes steht, wenn alles andere
möglicherweise keine Realität mehr ist und wir an seiner Richtigkeit zweifeln müssen
(und laut Baudrillard ist es zwingend, dass die Realität nicht mehr als real angesehen
werden kann).
Die allgemeine Mißachtung des eigenen und anderer Körper, der Mißbrauch dieses
Instrument, dass dem Menschen fremd zu werden scheint und überlagert wird durch
technische Prothesen, die der Körper zusammen mit der Simulation vollends zu
assimilieren beginnt, aber auch das performative Zur-Schau-Stellen des Körpers als eine
Art Aushängeschild dessen, was wirklich real ist (oder was wir dafür halten), das
Schmücken, Anpassen oder Beschneiden des Körpers, das Kreieren eines Selbstbildnisses
nach unseren Vorstellungen auch als Schutz gegen die von außerhalb angreifende
simulierte Realität, dies sind allesamt Auswirkungen der Entfremdung des Menschen von
seinem Körper. Alle diese Praktiken haben sich unterschiedlich in der Gesellschaft
etabliert und drücken doch alle dieselbe Unsicherheit gegenüber der Welt aus.
Zugegebenermaßen beschränkt sich Baudrillards Darstellung und damit auch dieses
Körperbild allenfalls auf die industrialisierten und mediendurchsetzten westlichen Staaten
Europas, auf die USA etc. und lässt sich nicht auf die sogenannte dritte Welt, Asien oder
Afrika anwenden.
Dies wiederum läßt fragen, ob diese Bevölkerungen noch in der 'realen' Welt leben und
ob wir mit ihrer Hilfe unsere Realität wiederfinden könnten. Diese Frage wird so nicht
gestellt und auch nicht beantwortet, aber sie scheint mir durchaus naheliegend auch wenn

4 Technologie und Medien als Erweiterung des Körpers 13


ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen kann.
In vielerlei Hinsicht verkommt der Mensch in Baudrillards simulierter Welt zu einer Art
Hologramm, einer perfekten Abbildung von sich selbst, die nicht weiß, dass sie nur
künstlich ist und darum ihre Beschränkung nicht zu durchbrechen vermag. Die Art wie
wir uns wahrnehmen wird willkürlich, die Frage was Besonderes an unserer
Äußerlichkeit ist wird unbedeutend, weil Äußerlichkeit selbst unbedeutend und
mehrdeutig wird. Sie ist austauschbar. Diese Abgrenzung des Menschen von seiner
Repräsentation führt aber auch zu einer Entfremdung von seiner Umgebung und nicht
zuletzt zu anderen Körpern seiner Art. Sie könnte Anzeichen einer fortschreitenden
Isolierung des Einzelnen sein, eine Entwicklung, die heute noch als Individualismus
bezeichnet wird aber letztendlich vielmehr als Vereinsamung inmitten der
Menschenmenge gesehen werden sollte.
Der Körper hat also dauerhafte Prothesen bekommen, mediale und technische, die
scheinbar in seinen Fähigkeiten erweitern gleichzeitig aber auch die Gefahr der
Entfremdung mit sich bringen. Alles dies verschmilzt aber bei Baudrillard und verliert an
Bedeutung, denn es ist nur ein weiterer Aspekt der Simulation, deren Bestandteil zu
werden uns droht (wenn wir es nicht schon längst sind).

5 Körper im Überfluss

Ein weiterer Aspekt, dem Baudrillard einen Teil seiner Aufmerksamkeit schenkt, ist der
Gedanke des überzähligen Körpers. In seinem Aufsatz „Die magersüchtigen Ruinen“
etabliert Baudrillard die Idee einer „Verstopfung der Systeme“ und ihrer „Regellosigkeit
durch Überentwicklung“. Eine zentrale Aussage formuliert er am ehesten so: „Es werden
soviele Dinge hergestellt und angehäuft, daß sie einfach niemals mehr die Zeit finden
werden, irgendjemandem nützlich zu sein [..]“ ([3] 81) Dies versetzt uns laut Baudrillard
in einen Zustand der Übersättigung und daraus resultierender Unbeweglichkeit. Dieser
Gedanke kann ohne Probleme auch auf den Körper angewendet werden. Kurz gesagt
befinden wir uns in der Situation, dass es auf diesem Planeten derzeit mehr als sechs
Milliarden von Körpern gibt mit steigender Tendenz. Es scheint offensichtlich, dass damit
der einzelne Körper respektive Mensch an Bedeutung verliert , ja verlieren muss. Der
Einzelne scheint immer mehr eingeengt.

5 Körper im Überfluss 14
Gerade in den Industrienationen kann man zudem Folgendes beobachten: „Dieses
Sättigungs- und Unbeweglichkeitsprinzip macht sich in der Verödung der Zeit, des
Körpers, des Landes bemerkbar. [..] Dieser Körper, unser Körper scheint nur noch
entbehrlich, im Grunde unnütz in seinem Umfang, in der Vielheitlichkeit und der
Komplexität seiner Organe, seiner Stofflichkeit, seiner Funktionen, da sich heute alles im
Hirn und in der genetischen Formel konzentriert“ ([3] 82) Diesen Standpunkt von
Baudrillard kennen wir schon aus der Kritik des Klonens, aber er wird hier sehr viel
deutlicher formuliert. Der Körper ist überflüssig. Nicht nur, dass es davon zu viele gibt,
sie werden in ihrer Form als Werkzeug kaum noch benötigt und schränken uns in ihrer
Eigenschaft als Hülle unnötig ein. Dies scheint plausibel schon wenn man das Problem
der Arbeitslosigkeit, auf das auch Baudrillard verweist, betrachtet: Berufe, in denen
körperlicher Einsatz gefragt ist, werden immer seltener. Maschinen und Roboter
übernehmen diese anstrengenden Arbeiten, was bedeutet, dass die Menschen, die im
Grunde entlastet werden sollen letztendlich vollkommen überflüssig werden. Die Zukunft
liegt in Berufen in denen ausschließlich oder zumindest ein hoher Anteil der Leistung im
Kopf erbracht wird. Es muß verwaltet werden, wir benötigen Ideen, Pläne, Informationen
müssen aufbereitet, verbreitet, gestaltet werden, aber wenn es um praktische
Umsetzungen geht, um stupide und bisweilen körperliche Aufgaben, so finden wir immer
häufiger Maschinen anstelle von menschlichen Körpern vor. Der Maschinencharakter des
Körpers verschwindet allmählich aus unserem Körperbild, wird ersetzt durch richtige
Maschinen, die teilweise sogar nach dem Vorbild des menschlichen Körpers erschaffen
werden.

Ein anderer Aspekt, den ich nochmals aufgreifen will, ist der Körper als Interface mit der
Umwelt. Tatsächlich müssen alle modernen Entwicklungen im technischen Bereich an
den menschlichen Körper angepasst werden. Computer, die wohl nichts anderes sind als
Zugangsports zu Information beziehungsweise zum Informationsnetz, dass immer mehr
diesen Planeten überzieht, benötigen Eingabegeräte wie Tastatur, Maus und
Ausgabegeräte wie den Monitor oder Drucker um von Menschen wiederum über das
Interface Körper benutzt werden zu können. Diese Geräte sind an die „Stofflichkeit“
angepasst, mit ihnen umzugehen verlangt bisweilen etwas Übung. Es wäre sicherlich viel
effektiver den Informationsfluß ohne ständiges Maskieren von der Quelle zum Empfänger
senden zu können, wenn es einen Weg gäbe, direkt in das Gehirn vorzudringen, wo die
Informationen letztendlich landen sollen. In dem Film „Matrix“ sehen wir die
Konsequenz, würde uns dies gelingen: Durch den Datenanschluss im Hinterkopf der
Personen, kann der komplette Körpermechanismus umgangen werden, der Körper wird

5 Körper im Überfluss 15
im Grunde nutzlos, verkommt zur bloßen Hülle, die nicht einmal mehr wahrgenommen
wird.

Sind wir auf dem Weg dies zu verwirklichen? Es gibt Entwicklungen wie kleine
Laserbrillen, die Bilder direkt in das Auge projizieren, möglicherweise kann es auch
Bildschirme in Kontaktlinsen geben. Es gibt Forschung, die sich mit den Hirnströmen
beschäftigt und es möglicherweise eines Tages schafft, die wichtigen Teile des Gehirns
zu lokalisieren und durch das Messen der Ströme in diesen Teilen herauszufinden, was
das Subjekt denkt. Man kann bereits Insekten durch Eingriffe in das Nervensystem mit
Hilfe von Fernbedienungen steuern. Vielleicht wird es auch möglich sein, Geräte per
Gedanken zu kontrollieren. Schon heute sehen wir, wie träge der Mensch wird, sobald der
Fernseher mit einer Fernbedienung ausgerüstet ist. Kann der Körper noch mehr an
Bedeutung verlieren, wenn künftig ein einfacher Gedanke ans Umschalten genügt?
Diesen Aspekt vertieft Baudrillard nicht, aber es scheint doch äußerst plausibel, dass der
Körper in seinen angestammten Aufgaben immer mehr abgelöst wird.

6 Kritik, Fazit und Ausblick

All diese Ideen und Theorien klingen zugegebenerweise stellenweise stark nach Science-
Fiction. Allerdings sind es hochinteressante Gedankenexperimente, so daß man sich
dieser Gefahr wohl oder übel zunächst aussetzen muß. Baudrillard ist Soziologe und kein
Naturwissenschaftler und demnach sind seine Ideen immer dann mit Vorsicht zu
genießen wenn er naturwissenschaftliche Begriffe benutzt, da seine Definitionen mithin
stark von der unter Naturwissenschaftlern üblichen Erklärung abweicht. Dieses Vorgehen
wird ihm sehr häufig von naturwissenschaftlicher Seite vorgeworfen. Wenn es also um
technische Fragen, wie im Falle des Klonens geht, um seine Vorstellungen zur
Verwendung von DNS oder seine Definition von Körperprothesen, dann muß man sich
vor Augen führen, dass es sich nicht zwingend um naturwissenschaftliche Fakten handelt.
Im Falle des Klonens ist das sehr deutlich: Naturwissenschaftler haben die Theorie, dass
es niemals möglich sein wird eine perfekte Kopie anhand von DNS anzufertigen, denn es
gehen immer Informationen verloren oder es gibt Einflüsse, die man nicht unter Kontrolle
hat. Selbst wenn man allerdings einen Menschen anhand seines genetische Materials
dupliziert, können Einflüsse im Leben immer noch zu anderen Ergebnissen bei der
Entwicklung dieses Menschen führen und es ist unwahrscheinlich das ein Duplikat

6 Kritik, Fazit und Ausblick 16


entsteht wie es Baudrillard sich offenbar vorstellt. Damit sind die Äußerungen über die
Gefahr der Verletzung der Einzigartigkeit doch deutlich zu relativieren.

Ebenso fragwürdig erscheinen auch Baudrillards Ausführungen bezüglich der Virtualität


unserer Realität. Nach seiner Theorie dürften weniger technisierte und medialisierte
Völker der simulierten Wirklichkeit kaum oder gar nicht ausgesetzt sein. Es scheint mir
dann aber fraglich, wo die Schnittstelle liegt, die unsere simulierte Wirklichkeit mit der
noch real vorhandenen Wirklichkeit verbindet. Das es so eine Schnittstelle geben muss
scheint mir zwingend, wenn es doch unterschiedliche Realitäten gibt. Tatsächlich sagt
Baudrillards Theorie aber aus, dass genau solch eine Verbindung nicht mehr gegeben ist,
das die Simulation jeglicher Referenz entsagt hat. Da Baudrillard selbst dieses Dilemma
scheinbar nicht sieht, ist es auch mir an dieser Stelle nicht möglich, dafür Erklärungen
anzubieten, weshalb dieser Gegensatz zunächst offen bleibt.

Im vorhergehenden Abschnitt habe ich festgestellt, dass der Körper in Zukunft aus
seinem ursprünglichen „Revier“, seinem angestammten Aufgabenbereich vertrieben wird.
Während Baudrillard dazu einfach die Nutzlosigkeit des Körpers konstatiert, glaube ich,
das es vielmehr eine Verschiebung geben wird. Der Körper kann und darf nicht länger als
Maschine betrachtet werden. Vielleicht wird es mehr und mehr um seine repräsentative
Wirkung gehen. Schon heute verwenden Menschen viel Zeit und Geld darauf, ihren
Körper als ihr Aushängeschild zu gestalten. Schönheitschirurgie ist dabei quasi die
ultimative Schwelle zum Wunschkörper. Das Motto lautet „Pimp my body“ und ganze
Industriezweige entwerfen Pillen, Cremes, Seifen etc. um diese Möglichkeit allen
Menschen (möglichst unabhängig von sozialen Gruppen und finanziellen Möglichkeiten)
darzubieten, es gehört scheinbar schon zum menschlichen Grundbedürfnis. Der Körper
wird genutzt als Werbefläche für sich selbst. Mode und Körperschmuck vom Ohrring bis
hin zu Piercing und Branding haben zwar eine hohe Fluktuation was ihre Beliebtheit
angeht, gewinnen aber insgesamt alle an Bedeutung quer durch alle Altersklassen,
sozialen Schichten und neuerdings auch in einer Angleichung des Verhaltens der
Geschlechter (Stichwort: Metrosexualität).

Auf der anderen Seite gibt es Bewegungen, die sich wieder der Natur zuwenden, der
Natürlichkeit des Körpers mehr Bedeutung beimessen. Sie berufen sich auf das natürliche
Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung, das lange vor institutionalisierten
Körperpraktiken schon existiert hat. Man achtet auf die Stimme des Körpers, auf subtile
Zeichen, die einem mitteilen, welche Fehler man im Umgang mit dem eigene Selbst
begangen hat. „Achte auf deinen Körper!“, ist eben auch ein Motto, das immer mehr

6 Kritik, Fazit und Ausblick 17


Anhänger findet und eine stärkere Verknüpfung zur eigenen Identität propagiert. Dieser
speziellen Art von Retrospektive mißt Baudrillard keine besondere Bedeutung bei.

Möglicherweise befinden wir uns in einer Phase der erneuten grundlegenden Änderung
des Körperbildes, einer Phase des Umbruchs, deren Ziel noch nicht abzusehen ist.
Baudrillard gibt Hinweise und einige Ideen für diesen Umbruch zu Protokoll und auch
wenn die Ideen Anstoß zu Gedankenexperimenten geben, so sind sie doch auch geprägt
von einem gewissen Pessimismus, den ich so nicht nachvollziehbar finde. Wenn man die
Vergangenheit betrachtet, so scheint mir die Veränderung des Körperbildes bislang
immer mit verbesserten Lebensbedingungen einhergegangen zu sein. Letztendlich hängt
es natürlich von vielen Kriterien ab, wie der Mensch sich seine Umwelt gestaltet und
welchen Platz er dann noch in ihr findet. Vielleicht ist es wirklich ein Eigenheit des
Menschen, sich selbst mehr und mehr überflüssig zu machen und sich in seiner eigenen
Definition anzugreifen. Dagegen müssen wir vorgehen und darauf sollten wir auch ein
Augenmerk legen. Möglicherweise hat das jedoch auch gar keine Bedeutung.

Man kann also zusammenfassend feststellen, dass unser Konzept von Körper sich in
einem Umbruch befindet, dessen verschiedene Aspekte sich durch Baudrillards Theorien
erklären oder zumindest analysieren lassen. Viele derzeit übliche Körperpraktiken lassen
sich in den Kontext der Medien- und Informationsgesellschaft einbetten während andere
Praktiken eher wie eine Gegenbewegung zur allgemeinen Bedeutungslosigkeit des
Körpers erscheinen. Baudrillard würde diesen Gegensatz selbst wohl wieder als
Simulation, artifiziell, hyperreal und damit bedeutungslos auffassen. Dem will ich mich
nicht anschließen, denn es scheint mir sinnlos diese Entwicklung einer Bewertung zu
unterziehen, bevor sie abgeschlossen ist.

Wenn Baudrillard feststellt, dass die „Zeit des Heldenhaften vorüber ist“ und „einer Zeit
des Ausgleichs“([3] 90) Platz gemacht hat, dann verstehe ich das durchaus ohne den
negativen Unterton, der diesen Aussagen angeknüpft ist. Auch wenn tatsächlich der
„Idealismus der Werbung“ und der erzwungene Positivismus immer mehr um sich
greifen, sollte uns das nicht daran hindern wieder einen eigenen Optimismus jenseits der
simulierten Medienrealität zu entdecken und ich glaube, trotz des Insistierens
Baudrillards auf einer unumgehbaren Barriere, die uns dauerhaft daran hindert, dass auch
dies möglich ist. Ein letzter Satz von Baudrillard scheint mir (leider aus seinem Kontext
herausgelöst) diesen Gedanken am besten einzufangen: „Wir leben in einer genialen
Epoche, von der niemand weiß, was sich vielleicht in ihr noch wird ereignen können.“
([3] 93)

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Literaturverzeichnis
[1] Windgätter, Christof: Jean Baudrillard „Wie nicht simulieren oder: Gibt es ein
Jenseits der Medien?“ in: Alice Lagaay, David Lauer (Hg.) „Medientheorien – Eine
philosophische Einführung“, 2004

[2] Baudrillard, Jean : Simulacra and Simulation, University of Michigan Press, 1994

[3] Baudrillard, Jean: „Die magersüchtigen Ruinen“ in: Dietmar Kamper und Christoph
Wulf „Rückblick auf das Ende der Welt, Boer Verlag München, 1991
PDF-Ausgabe, Boer Verlag München, 2002, http://www.boerverlag.de/KAMPER.HTM

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