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Andrea Bieler / Luise Schottroff: Das Abendmahl. Essen, um zu leben.

Gütersloh: Gütersloher
Verlagshaus 2007.

Andrea Bieler: Praktische Theologin. Pfarrerin. War Professorin an der Pacific School of Religion in
Berkley (Kalifornien), danach der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, derzeit Universität Basel.
Arbeitet zu feministische Theologie, Krankheit und Gesundheit, interkultureller Theologie.
Luise Schottroff (1934-2015): Neutestamentlerin. Professorin in Mainz und Kassel. Lehrte an der
School of Religion der University of California, Berkeley. Arbeitete zur Sozialgeschichte des Frühen
Christentums, feministischer Theologie bzw. feministischer Befreiungstheologie in Westeuropa, sowie
jüdisch-christlichem Dialog. Übersetzerin und Herausgeberin der Bibel in gerechter Sprache.

1. Einleitung
„Wir wollen eine Theologie des Abendmahls entwerfen, die die materielle Realität von Körpern, von
Brot und Wein, wie sie in liturgischer Praxis vorkommt und den eschatologische Horizont des heiligen
Mahls zusammenhält. In dieser Spannung entfaltet sich die Hoffnung auf das Kommen Gottes, genau
hier ist der Ort, an dem wir das Abendmahl als Auferstehungsmahl feiern.“ (14f.)
Die eschatologische Hoffnung der Abendmahlsliturgien muss in den alltäglichen Essenserfahrungen
verwurzelt sein. (15)
Ontologische Reflexionen über die Gegenwart Christi in Brot und Wein treten in den Hintergrund
zugunsten „der eschatologischen Imagination […], wie sie in den feiernden Gottesdienstgemeinden
zum Ausdruck kommt.“ (ebd.) Sakrament wird als Beziehungsereignis verstanden. „Der menschliche
Körper mit seiner physischen und sozialen Einzigartigkeit ist der Ort der sakramentalen Begegnung.“
(16)

Das eucharistische Leben: Sakramentale Durchlässigkeit und eschatologische Imagination:


„Das eucharistische Leben ist eingebettet in Mikro- und Makrostrukturen, die Individuen ebenso wie
die globale Ökonomie prägen. […] Beide Dimensionen enthalten ambivalente Erfahrungen zwischen
Freude und Verzweiflung.“ (ebd.) Bspw. globale Hunger- und Körperpolitiken.
Verbindung von Liturgie und Leben: Vorgeschmack auf/Imagination der Erlösung/Auferstehung.
Abwesendes wird benannt und die Negation zur Darstellung gebracht.

„Sakramentale Durchlässigkeit bedeutet, dass physische Dinge und Handlungen wie Essen und Trinken
zu Mitteln werden können, Gott, die Heilige, die das eucharistische Leben hervorbringt, sichtbarer zu
machen.“ (17) Betonung der Potenzialität von Sakramentalität, nicht der Realisierung. – Leben ist auch
Ort von Entfremdung, Gewalt, Hunger, Essstörung. „Gerade durch die Ausarbeitung einer

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Abendmahlstheologie, die die Konflikte, die mit wirklichen Körpern und wirklichem Brot verbunden
sind, thematisiert, können wir vom Abendmahl als Auferstehungsmahl sprechen.“ (18)

„Eschatologische Imagination gehört in das Zentrum der jüdisch-christlichen Tradition. Sie liefert die
hermeneutische Kraft, die Gewaltgeschichten der Menschen mit der Sehnsucht nach Gemeinschaft
(koinonia) zu verbinden, in der der auferstandene Jesus sein Leben mit uns teilt.“ (20)
„Eschatologische Imagination umschließt beides: die Realität des Gebrochenseins und die Hoffnung
auf Ganzheit. Wir feiern das Abendmahl in der Verheißung, dass diese Hoffnung uns bruchstückhaft in
der praktizierten eschatologischen Imagination zugänglich gemacht ist.“ (21)

Abendmahl im NT:
Es gab im Urchristentum ein Nebeneinander von Einsetzungsworten, alle setzen die Vertrautheit mit
jüdischer Mahlpraxis und mit jüdischen Mahlgebebeten voraus. (22) Es wird vorausgesetzt, „dass das
Mahl wie im Judentum selbstverständlich ein gemeinsam eingenommenes Essen war.“ (24) „Die
Mahlgemeinschaft umfasst deutlich jeweils die ganze Gemeinde.“ (25) „Die Deuteworte Jesu richten
sich an die Mahlgemeinschaft, die die ersehnte eschatologische Völkergemeinschaft abbildet und
ahnen lässt. […] Die Speisen werden Gotteseigentum, an dem die Gemeinde teilhat.“ (26)

4. Das Brot des Lebens in zwei Ökonomien


Das eucharistische Leben ist verwickelt in zwei, sich berührende Wirklichkeiten: die Ökonomie des
Marktes und die Ökonomie der Gnade, d. h. Gottes Ökonomie, die durch die Ökonomie des Marktes
hindurchscheint. (103)

4.1. Das Brot des Todes: Amerika auf Diät und globale Nahrungsmittelpolitik
Psychoanalytische Dimension des Gewebes eschatologischer Imagination: Nahrungsaufnahme ist in
vielen Religionen wichtig aufgrund von frühen Kindheitserfahrungen des Erhaltens und Verweigerns
von Nahrung, die prägend für die Personwerdung sind. Es wird eine unheimliche und ambivalente Zone
zwischen Leben und Tod beschritten.
„Dieses Gewebe [der eschatologischen Imagination] umfasst auch die soziopolitischen und
ökonomischen Dimensionen der Nahrungsmittelherstellung, -verteilung und des -konsums sowie die
soziale Konstruktion der Modulierung und Disziplinierung des weiblichen Körpers als Erlösungsakt.“
(106)
Diätik als säkularer Erlösungsmythos. Nahrungsunsicherheit als globales Problem, eng verbunden mit
dem Problem des Rassismus.

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4.2. Brotgeschichten im Neuen Testament: Die Hoffnung der Hungernden (Schottroff)
4.2.1 Der Hunger Jesu
Feigenbaum-Erzählung (Mk 11,11-25 u. Mt 21,10-22)
Jesus ist wütend über Armut und Hunger. Er selbst ist einer der Armen. Besser als das Schlagwort
„Option für die Armen“ wäre deshalb „Solidarität Jesu mit seinem Volk“. „So wäre es nicht mehr
missdeutbar, als meine es das Almosen der Wohlhabenden.“ (113)

4.2.2 Brotwunder – Erfahrung mit Gottes Ökonomie (Brotwundergeschichte in Mk 6,30-44 et passim)


Ort dieser Erzählungen: Abendmahlsfeier der Nachfolgegemeinschaft. „Auch im Abendmahl wird die
Fülle, der Reichtum der Schöpfung Gottes erfahren.“ Die Brotwundererzählungen machen eine
Verbindungslinie vom Manna in der Wüste, über die Brotvermehrung Jesu „hin zu der urchristlichen
Praxis des Abendmahls und seiner Ahnung vom messianischen Mahl der Völker in der gerechten Welt
Gottes“ sichtbar. Abendmahlpraxis kann so verstanden werden als „Praxis der Ökonomie Gottes.“
(116)

4.2.3 Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die Versuchungen Jesu Mt 4,1-11
„Es geht in diesen Texten, die von Versuchung oder Prüfung durch Gott erzählen, um menschliche
Konfliktsituationen.“ (117) Biblische Texte sprechen von Satan/Teufel, um dem Charakter der oft
anonymen Strukturen der lebensfeindlichen Macht, der Opfern begegnet, gerecht zu werden. (118)
Erste Versuchung: Druck sich dem Kaiserreich und der Ökonomie der Gewalt zu unterwerfen.
Verlockung sich an der Ausbeutung der Armen zu beteiligen. Erinnerung an Manna-Ökonomie.
Zweite Versuchung: Vertrauen in Gott zerstören.
Dritte Versuchung: Perspektive der imperialen Macht übernehmen.
„Wenn Menschen in Jesu Nachfolge zusammenkamen und gemeinsam das Abendmahl aßen, brachten
sie die Konflikte, die die Versuchung Jesu spiegeln, mit. Sie waren ihre Alltagsrealität. Die Erpressung,
Verführung und Bedrohung war in ihre Körper und Herzen eingeschrieben. Das Abendmahl hat einen
Ort, es findet nicht im leeren Raum statt. Die Versuchungsgeschichte hilft, diesen Ort zu erkennen.“
(121)

4.3. Der homo oeconomicus und das Heilige Mahl


Die Autorinnen versuchen, Dimensionen des heiligen Mahls zu entdecken, die Alternativen zu
der Logik des heutigen Markes anbieten. Themen wie Armut und Reichtum bedrohen und fordern das
eucharistische Leben heraus und beeinflussen, wie das Abendmahl gefeiert wird.

4.3.1 Die Imagination des homo oeconomicus

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Als Beispiel nehmen sie das vermeintliche Menschbild der klassischen Ökonomie: den homo
oeconomicus, dessen Hauptinteresse die Akkumulation von Geld ist, d. h., die Ökonomie des Marktes.
Die Ökonomie des Marktes bringt abstrakte Beziehungen zwischen Produzierenden und
Konsumierenden hervor, indem Waren für Geld getauscht werden.
Für Bieler/Schottroff beschreibt die Ökonomie, die von Geld bestimmt wird, den Mikrokosmos
des menschlichen Geistes. Sie bezeichnen dies als Pleonexia oder Gier. Das ist die strukturelle Kraft,
die die Ökonomie des Marktes am Laufen hält. Außerdem schafft Pleonexia die Illusion von
unendlichem Leben als endlosem Warenkonsum. Der Wunsch nach ewigem Leben entspricht der
Akkumulation von Waren.
Als eine moderne Theorie über den homo oeconomicus nennen sie die vermeintliche
Annahme von Adam Smith über die unsichtbare Hand des Marktes. Grob gesagt ist dies ein
metaphorischer Ausdruck, der die unbewusste Förderung des Gemeinwohls durch Verfolgung des
Allgemeininteresses beschreibt. Wenn alle Akteure an ihrem eigenen rationalen egoistischen Interesse
orientiert seien, führe eine angenommene teilweise oder vollständige Selbstregulierung des
Wirtschaftslebens zu einer optimalen Produktionsmenge und -qualität und zu einer
gerechten Verteilung. Diese unsichtbare Hand, die aus den Regeln des Marktes entstand, bewegt sich
auch nach Bieler/Schottroff im Terrain der Religion.
Bieler/Schottroff formulieren ihre Kritik an der Theorie des homo oeconomicus aus einer
theologischen Perspektive in drei Punkten:
1. Kritik an der Vorstellung vom ewigen Leben, die mit der homo oeconomicus-Theorie
verbunden ist.
„Unendlichkeit und Ewigkeit werden mit der Möglichkeit der grenzenlosen Akkumulation
gleichgesetzt. Der Geldkreislauf wird als ein endloser Strom vorgestellt.“1 Nach Bieler/Schottroff
können der Fortschritt des Kreditgeschäfts sowie der Geldspekulation als Glaube an die unendlichen
Möglichkeiten der Steigerung von Reichtum in der Zukunft interpretiert werden. Dies erzeugt die
Illusion, dass die Zukunft kontrollierbar ist.
2. Dem homo oeconomicus geht es nur um die Realisierung des Eigeninteresses.
Dennoch gibt es in der Welt viele Menschen, die keinen Zugang zu ökonomischen Ressourcen
haben, um diese Art des Eigeninteresses zu verfolgen.
Der Akkumulationszwang des Kapitals, den der homo oeconomicus produziert, beeinflusst die
Vorstellungen von Welt und Körper: „Männer, Frauen und Kinder werden als menschliches Kapital
betrachtet. Ihr Wert wird hauptsächlich durch eine utilitaristische Sichtweise bestimmt; Fürsorge und

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Wohlergehen werden aus der Perspektive der Regeneration von menschlicher Arbeitsproduktivität
wahrgenommen.“2
3. Kritik an die Vergöttlichung des Geldwechsels.
Durch die Kapitalakkumulation des homo oeconomicus wird Götzendienst betrieben.
Bieler/Schottroff betonen, dass sowohl in der jüdischen als auch in der christlichen Tradition bezeugt
wird, dass pleonexia zu Götzendienst führt (vgl. Kol 3,5).
Bei der Akkumulation des Kapitals werden die menschliche Tätigkeit der Arbeitenden und der
Kapitalbesitzenden unsichtbar gemacht. Nach dem Soziologen Christopher Deutschmann, angelehnt
an Marx, bringen der Doppelcharakter der Waren (als Tauschwert und Gebrauchswert) und der
ökonomische Austausch (mit seinem Potenzial, Vermögen zu schaffen) den mythologischen Charakter
des Geldes hervor. So schrieb bereits Marx vom „Fetischcharakter der Ware“.
Bieler/Schottroff suchen allerdings nach einer liturgischen Tradition, die die Logik der
Ökonomie des Marktes nicht dupliziert, sondern die auf eine Ökonomie der Gnade verweisen.
Als alternative für die Logik der Ökonomie des Marktes geben sie uns folgende Möglichkeiten:

4.3.2. Alternativen: Gabentausch und Nachhaltigkeit


4.3.2.1 Abendmahl als Gabentausch
Hier wird der Ritus des Gabentausches als eine elementare Gattung des rituellen Handelns
verstanden. Es wird auch eine Interpretation des Gabentausches für ein Verständnis der „Ökonomie
der Gnade“, wie sie im Abendmahl verkörpert ist, in Anspruch genommen.
Aus der römisch-katholischen Sicht sind die Sakramente die elementare Sprache von Gottes
Selbsthingabe und der Gabentausch die grundlegende Form der Kommunikation zwischen Gott und
Mensch. Diese Interpretation greift auf die These von Marcel Mauss zurück, in der er behauptet, dass
es zwei Hauptarten des Gabentausches gibt: den agonistischen und die nichtagonistischen.
Beim agonistischen Gabentausch geht es beim Geben darum, die Empfangenden in eine
Position zu bringen, die es ihnen unmöglich macht, auf die Gabe mit einem größeren Geschenk zu
reagieren. Bei dem nichtagonistichen Gabentausch wird die Beziehung zwischen den Familien und
Klans gepflegt. Die Großzügigkeit und die Gastfreundschaft werden hier betonnt. So wird die
Verbindlichkeit als das Gewinnen von Freundschaft durch eine Gabe verstanden. Beide Formen haben
den Zweck, sozialen Frieden innerhalb einer Gruppe zu erhalten und potenzielle Gewalt zu regulieren.
Dadurch wird gezeigt, dass die Ökonomie des Gabentausches keine abstrakten Objekte als Gabe kennt.
Alle Gaben haben eine Beziehung zum Geber.
Nach Mauss gibt es vier Arten von Verantwortlichkeiten im Akt des Gebens:

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a. Die Verpflichtung ein Geschenk zu übermitteln
b. Die Verpflichtung ein Geschenk anzunehmen
c. Die Verpflichtung mit einem Geschenk zu antworten
d. Die Verpflichtung des Opfers: das Geschenk an die Toten an die
Gottheit
Durch die Opferhandlungen wird anerkennt, dass die Gottheiten die Besitzerinnen der Gaben
sind, dadurch werden die Ursprünge des Lebens enthüllt. Bernhard Waldenfels entwickelt Mauss‘
Theorie weiter und unterscheidet respondierendes Geben von austauschendem Geben. Der
Gabenaustauch konzentriert sich auf das Bedürfnis der anderen. Respondierendes Geben handelt aus
der Anerkennung eines Überschusses heraus, den es vor der Geste des Gebens gibt und nimmt das
vorangehende Empfangen eines außergewöhnlichen Geschenks wahr. So geschieht das Geben in dem
Bewusstsein, dass man zuvor empfangen hat.
Aber für christliches Verständnis ist eine wichtige Frage die Frage nach der Auswirkung des
Gebens. Und hier ist nach Louis-Marie Chauvet der Unterschied zwischen der Ökonomie des Marktes
und dem symbolischen Austausch wesentlich. Die Ökonomie des Marktes strebt die Akkumulation des
Geldes an und dadurch wird eine abstrakte Beziehung produziert, die sich auf Besitz fokussiert.
Dagegen strebt der symbolische Austausch auf die Herstellung und Pflege von Beziehungen, denn sein
Wert liegt an den Subjekten und nicht an den Objekten.
In Bezug auf die Sakramente ist nach Chauvet das Geben als Gottes freiwilliges Handeln
entscheidend. Wenn man das mit der These von Waldenfels über respondierende Geben vergleicht,
wird dieses durch die zweifache Dimension der Gnade ermöglicht: durch ihre Freiwilligkeit und ihre
Großzügigkeit. In diesem Sinne kann das Abendmahl als ein Gabentauschritual verstanden werden, das
von Gottes Geben veranlasst ist. In Christus bietet sich Gott als reine Gnade an. Durch sein Leben, Tod
und Auferstehung erhält man das unglaubliche Geschenk des Versprechens von Zukunft für die
Schöpfung.
Es geht bei der Ökonomie der Gnade um einen Austausch von Gaben, bei dem nicht die
Akkumulation, sondern das Geben die wichtigste Handlung ist und die Ordnung des freiwilligen
Verschwendens und nicht der Kalkulation etabliert wird.

4.3.2.2 Nachhaltigkeit: Überfließende Liebe und begrenzte Ressourcen


Die Konzepte der Nachhaltigkeit beziehen sich auf die menschliche Sterblichkeit und
Endlichkeit. Hier geht es um einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen als Hauptziel.
Eine „nachhaltige Entwicklung“ zielt darauf ab, verantwortungsbewusst mit den endlichen Ressourcen
umzugehen, damit heutige und künftige Generationen weltweit ein Leben in Würde – entsprechend

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ihrer Bedürfnisse – führen können. Dies impliziert einen radikalen Paradigmenwechsel, indem man
seinen Eigennutz gegenüber natürlichen Ressourcen aufgibt.
Nach Bieler/Schottroff ist dieser Paradigmenwechsel auf einer tiefsten Ebene eine spirituelle
Aufgabe. Die Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie muss neu bestimmt werden. Dafür
brauchen wir eine ernsthafte Infragestellung unseres Lebensstils.
Wir müssen fragen, ob die Gottesrede in unseren öffentlichen Gottesdiensten nur einer
schlechten Nachahmung des Konsumgottes gleicht oder ob wir in der Lage sind, der Ökonomie der
Gnade in seiner eschatologischen Tiefe und Weite Ausdruck zu verleihen.
Wenn wir über die Fülle, die Gott am Tisch für uns bereithält, sprechen oder über göttliche
Liebe als überfließende Liebe, dann müssen wir das konsumorientierte Verständnis von Reichtum
mitberücksichtigen, das mit pleonexia als dem Zwang zu akkumulieren verbunden ist.
Hier wird ein Verständnis von Reichtum dargestellt, das sein Ziel in der eschatologischen
Imagination erreicht, dass alle gesättigt werden.
Bieler/Schottroff geben uns als Beispiel das *Mana-Wunder in Exodus 16*: Es verweist auf
Ökonomie, die nicht dem Zweck der Akkumulation dient. Sie erfüllt den Zweck der täglichen
Nahrungsaufnahme und befriedigt die Grundbedürfnisse von Gemeinschaft. Die Geschichte der
Brotvermehrung mit ihrer sakramentalen Grundierung bezieht sich vor dem Hintergrund des
Evangeliums der Armen auf ein Verständnis von Überfluss als Teilen von minimalen Ressourcen.

4.3.3 Die Nachahmung der Ökonomie des Marktes


In den ersten drei Jahrhunderten wurde das Abendmahl hauptsächlich als Dankesfeier
verstanden. Die Gebete stellen zusammen mit der Spende von materiellen Gütern eine Art
Gabentausch dar, bei dem die Gottesdienstbesuchenden auf die Gaben, die Gott ihrem Volk hat
zukommen lassen, antworten. Die Gaben, die beim Abendmahl dargeboten wurden, Nahrung ebenso
wie Geld, wurden Gott präsentiert und dann unter den Armen und Marginalisierten verteilt.
Der Gabentausch während des Abendmahls errichtete die Gemeinschaft der Gläubigen; die
Darbietung der Gaben hat die Teilhabe am Leib Christi gezeigt. In diesem Sinne hat der Gabentausch
die Verbindlichkeit unter den Mitgliedern gestärkt. Gott anzubeten und Dank zu sagen, war ein Akt der
Konsekration der Früchte der eigenen Arbeit. Soziale Gerechtigkeit herzustellen, wurde als
verantwortlicher Gottesdienst gegenüber Gott betrachtet.
Die Darbietung von Gaben der ganzen Gemeinschaft war für die Abendmahlsfeier später nicht
mehr länger von Bedeutung, wohl aber die Befriedigung individueller Anliegen. Die Rolle der
Gemeinschaft wurde in diesem Verständnis reduziert; gleichzeitig wurde den Priestern die Rolle von
Vermittlern zwischen Gott und den Menschen zugesprochen.

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Die Geschichte belegt, dass das Abendmahl keinesfalls immer als eschatologisches Mahl
gefeiert wurde, sondern dass es oftmals der Ritualisierung eines Heilsegoismus diente, einer religiösen
Form der Artikulation von Eigeninteresse und der Akkumulierung von Erlösungserwartung, die nur
wenig Interesse am Leib Chirsti in seiner vielfältigen Gestalt hatte.

4.3.4 Rituelle Einwände gegen die Omnipotenz des homo oeconomicus


4.3.4.1 Dank sagen
Eucharistia im Wortsinne. „Daher ist der Akt des Danksagens eng mit der Anerkennung von Gott als
Lebensspenderin in einem sehr grundlegenden physischen Sinne verbunden.“ (150), bspw. in der
Didache, bei Justin oder bei Luther.
„Drei grundlegende Einsprüche [gegen die Ansprüche des homo oeconomicus] können formuliert
werden: a) gegen die Illusion von Unendlichkeit als endloser Akkumulation und ihrem Gegenstück, der
Konzentration der Reichen auf den Mangel, b) gegen die Verdinglichung (thingification) der Welt und
c) gegen die religiöse Idolatrie, die der Fetischcharakter der Waren hervorbringt.“ (153)
Gotteslob und -dank als „Akt des Widerstandes gegen ökonomische Marginalisierung“(154) und
Eröffnen einer Gegenrealität.

4.3.4.2 Das Zurückbringen der Gaben


Darbringung/Offertorium „kann die Ökonomie der Gnade sichtbar machen: Nahrung und Geld
existieren hier primär zur physischen Sättigung und nicht als Objekte der Akkumulation. (156)
„Wir bringen, was wir von Gott durch die Hände von arbeitenden Menschen erhalten haben. Wir
bringen Gaben, die uns von anderen gegeben wurden. In diesem Sinne bringen wir eher die Gaben
zum Altar zurück und indem wir das tun, partizipieren wir an dem Kreislauf der Ökonomie der Gnade.“
(157) Heiligkeit kommt den Gaben dabei per se zu. Sie verkörpern das Brot des Lebens in all seiner
Gebrochenheit (Produktionskreislauf etc.) und nähern die eschatologische Imagination.
„Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Tradition der Darbietung von Gaben immer dann
gefährdet war, sich in eine Nachahmung marktorientierten Austausches zu verwandeln, wenn sie mit
engen, individualistisch definierten Anliegen für die eigene Erlösung verknüpft wurden. Als Erlösung
mit Geld gekauft werden konnte, wurde das eigene Anliegen, gerettet zu werden, zu einer
Verkörperung eines Heilsegoismus, der die Lebensbedingungen im Leib Christi aus den Augen verlor.“
(166)

4.3.4.3 Die Wandlung von Privateigentum (Schottroff)


„Die Aufgabe, Geld in die Beziehungen der Menschen in den Gemeinden des frühen Christentums
einzubringen, ist von Beginn an erkannt worden. Geld macht Beziehungen abstrakt und anonym. Es

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schafft seine Welt nach der Logik der Ökonomie der Gewalt von selbst. Das frühe Christentum stand
vor der Notwendigkeit, Geld und Privateigentum zu benutzen. Die Aufgabe war, seine
Gesetzmäßigkeiten zu verändern.“ (168)
Gemeineigentum und Gotteseigentum vor Privatbesitz: Verantwortung füreinander.
„Leider ist in der christlichen Deutungs- und Übersetzungstradition dieser Texte die Spendensprache
vorherrschend. Es geht hier jedoch nicht um ‚Wohltätigkeit‘, sondern um Gerechtigkeit.“ (172)
„Es geht nicht nur um symbolische Brotstücken, sondern um eine Mahlzeit.“ (173)

4.3.4.4 Fürbitte halten


„Die Praxis der Fürbitte […] kultiviert lokale und globale Imagination über die basileia. Sie fördert auch
das Bewusstsein über unsere Verstrickung in die globale Wirtschaft.“ (174)
„Wenn die, für die wir beten, wirklich mit uns verbunden sind, dann dürfen wir diese Verbindung nicht
romantisieren, sondern müssen nach unserer Mittäterschaft an den Auswirkungen der globalen
Ökonomie fragen. Eucharistisches Leben, das sich aus der Praxis des Fürbittehaltens ergibt, lässt uns
ehrlich mit uns selbst werden und unsere Privilegien und ihren verhängnisvollen Einfluss auf die soziale
und ökologische Umgebung untersuchen.“ (175)
Fürbitte halten kann, richtig verstanden, „zu einer kritischen spirituellen Übung in globale[r] Empathie
werden. […] Don Saliers beschreibt Fürbitten als ein Gott die Welt in Erinnerung bringen und als einen
Akt der Solidarität mit Christus, der fortwährend für den Schmerz der Welt Fürbitte leistet.“ (176)