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DER JUNGE LUKÁCS

Authors(s): Udo Bermbach


Source: PVS-Literatur, Vol. 28, No. 1 (Juni 1987), pp. 44-49
Published by: Nomos Verlagsgesellschaft mbH
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/24208528
Accessed: 24-03-2016 20:50 UTC

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45 Karl Dietrich Bracher-, „Das Problem des DER JUNGE LUKÂCS
,Antikommunismus' in den zwanziger und
dreißiger Jahren"; in der oben besproche
nen Festschrift für Andreas Hillgruber, S. Udo Bermbach
132 ff.
46 Karl Dietrich Bracher: „Das Modewort Iden
Ein Vergleich bietet sich an: Wie für viele der
tität und die deutsche Frage"; FAZ, Nr.
182 vom 9.8.1986, Beilage „Bilder und junge' Marx gegenüber dem .älteren', vermeint
Zeiten". lich perspektivisch verengten Marx den Vorzug
des bedeutenderen philosophischen Aspekten
reichtums hat — und eben deshalb interpretativ
Besprochene Werke
Priorität genießt —, so erscheint der junge' Lu
käcs gegenüber einem eher Marx-exegetischen,
Tilman Mayer: Prinzip Nation. Dimensionen
älteren Lukäcs im Lichte eines philosophisch
der nationalen Frage am Beispiel Deutsch
lands. Forschungstexte Wirtschafts- und weitgespannten Kultur-, Gesellschafts- und Po
Sozialwissenschaften Bd. 16. Opladen: Les litikinterpreten, dessen frühe Schriften, vor al
ke + Budrich 1986, 267 S., 38,- DM lem Geschichte und Klassenbewußtsein dem
Hans-Joachim Arndt, Dieter Blumenwitz, Hell kaum rezipierten Alterswerk, der Ästhetik
mutDiwald, GünterMaschke, WolfgangSeif und Ontologie, hinsichtlich ihrer Motiv- und
fert, Bernard Willms: Inferiorität als Staats Aspektenvielfalt überlegen bleiben. Jedenfalls
räson. Sechs Aufsätze zur Legitimität der mag dies der Eindruck sein, der sich aufdrängt,
BRD. edition d, Bd. 9 Krefeld: Sinus 1985, wenn man die inzwischen Uberaus zahlreichen
145 S„ 18,80 DM
Studien gerade zum Frühwerk von Lukäcs zur
Thomas Nipperdey: Nachdenken über die deut
Kenntnis nimmt.
sche Geschichte. Essays. München: C. H.
Beck 1986, 236 S„ 38,- DM Ein Abschluß der Diskussion um dieses Früh
Hermann Graml/Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): werk ist noch nicht in Sicht. Gerade das jüngst
Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit vergangene Jubiläum des einhundertsten Ge
burtstages (1985) hat offensichtlich Anlaß da
unserer Geschichte. Beiträge von Martin für geboten, sich dem schwierigen Denken von
Broszat. München: R. Oldenbourg 1986, Lukäcs erneut auszusetzen und es steht zu er
326 S., 48,- DM
warten, daß das Ergebnis zahlreicher, interna
Helga Grebing (unter Mitarbeit von Doris von tionaler Lukäcs-Tagungen in Form von Publi
der Brelie-Lewien und Hans-Joachim Fran
kationen erst noch vorgelegt werden wird.
zen): Der „deutsche Sonderweg" in Euro Wohl im Vor- und Umfeld dieser Centenar
pa 1806—1945. Eine Kritik. Stuttgart/Ber
lin/Köln/Mainz: Verlag W. Kohlhammer feiern sind jene Arbeiten erschienen, die hier
1986, 233 S., 24,- DM anzuzeigen sind. Daß sie sich ebenfalls fast alle
Andreas Hillgruber: Zweierlei Untergang. Die auf das .Frühwerk' konzentrieren, mag Zufall
Zerschlagung des Deutschen Reiches und sein; es könnte freilich auch seinen Grund in
das Ende des europäischen Judentums. jener parteiloyalen Haltung von Lukäcs und
Reihe Corso. Berlin: Siedler Verlag 1986, den damit verbundenen, zahlreichen Selbst
112 S., 20,- DM
kritiken finden, die die späten Arbeiten, jeden
Klaus Hildebrand/Reiner Pommerin (Hrsg.): falls innerhalb der westlichen Diskussion, von
Deutsche Frage und europäisches Gleich
gewicht. Festschrift für Andreas Hillgru vornherein unter den Verdacht der „erpreßten
ber zum 60. Geburtstag. Köln/Wien: Büh Versöhnung" (Adorno) gestellt haben. Denn
lau 1985, 332 S. spätestens mit der Zerstörung der Vernunft
Ursula Büttner (Hrsg., unter Mitwirkung von (1954) war für viele, die bis dahin — trotz aller
Werner Jobe und Angelika Voß): Das Un Schwierigkeiten und Widersprüche von Werk
rechtsregime. Internationale Forschung und Person — Lukäcs dem „westlichen Mar
über den Nationalsozialismus. Festschrift xismus" und seinem Diskussionszusammen
für Werner Jochmann zum 65. Geburtstag.
hang zugerechnet hatten, die Anschlußfähig
Band I: Ideologie — Herrschaftssystem —
keit seiner theoretischen Anstrengungen an
Wirkung in Europa; Band II: Verfolgung —
westliches marxistisches Denken kaum mehr
Exil — Belasteter Neubeginn. Hamburg:
Hans Christians Verlag 1986, XXXII und gegeben. Ob solches Urteil allerdings auf Dauer
560 S./478S. Bestand haben mag, bleibt so lange abzuwar

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ten, bis die Ästhetik und die Ontologie in einem chen Kulturbetrieb mit seinen Konventionen,
sehr viel genaueren Sinne als bisher rezipiert das Gefühl einer tiefen kulturellen Krise des
worden sind. Daß dies schwierig ist, hängt nicht Westens, der daraus folgende Versuch, zunächst
zuletzt mit deren konkreten Entstehungsbe- über .Tageskritiken' des ungarischen Theater
dingungen zusammen: Beide Werke reagieren und Kulturlebens, dann über die Vermittlung
auf ein politisches Bedingungsfeld, das sich der westlichen Moderne — etwa der Dramen
konstitutiv gegenüber westlichen Entwicklun- Maeterlincks, Hauptmanns und Ibsens (41 ff.) —
gen abzugrenzen suchte, mit Konsequenzen, und die Gründung eines freien Theaters .Thalia'
die sich auch in den Arbeiten selbst nieder- zu einer grundsätzlichen kulturellen Erneuerung
schlagen und wiederfinden lassen, auch wenn Ungarns entscheidend beizutragen, werden als
Ansätze von Neuinterpretationen zentraler zentrale Motive des Engagements des jungen
Probleme marxistischen Denkens ganz offen- Lukäcs deutlich herausgestellt. Keller betont
bar sind. freilich immer wieder, daß alle Aktivitäten
Gleichwohl: die .frühen Arbeiten' stehen in in „die von der Tradition vorgegebenen Auf
einem sehr viel weiteren europäischen Diskus- gaben ungarischer Intellektueller, Mittler zwi
sionszusammenhang, in dem der politische sehen dem Westen und ihrem Land zu sein"
Positionsbezug noch nicht die Abgrenzung (52), sich einfügten und er interpretiert sie
zu anderen wissenschaftlich-philosophischen wesentlich als Ausdruck der Oberzeugung von
Diskursen zwingend nach sich zieht. Viel- Lukäcs, daß alle Reform vornehmlich Reform
mehr wird gerade in ihnen deutlich, daß erst der Kultur zu sein habe. „Werke der Erlösungs
die umfassenden Auseinandersetzungen mit und Künstlerproblematik" (53) standen vor
allen intellektuellen Strömungen der Zeit all- allem auf dem Spielplan des .Thalia-Theaters',
mählich zur Klärung des eigenen Weges ge- die „Erlösungsidee des mittelalterlichen Glau
führt haben. Lebenspraktische Erfahrungen bens" (85), die Perspektive einer „Kunstre
wie theoretische Motive lassen sich deshalb ligion", die àch als „Alternative zum Alltag
auch in diesen Schriften in einer Weise nach- der Bürgerwelt" (75) erweisen sollten, cha
vollziehen, die die späteren Positionsverschie- rakterisieren seiner Meinung nach die Grund
bungen von Lukäcs verständlicher machen Orientierungen des jungen Lukäcs. Sie füh
und darin liegt wohl entschieden der Reiz, ren schließlich auch, nach den prägenden Be
den diese frühen Arbeiten auf die Lukäcs-In- gegnungen mit Endre Ady und Bêla Baläzs,
terpreten nach wie vor ausüben. zum Bruch mit dem .Westen', zur Suche nach
Die Untersuchung von Emst Keller, einem Do- einer „Ethik des Opfers", deren Telos die
zenten für deutsche Sprache und Literatur „Erlösung" (81 ff.) sein sollte. Und nicht zu
an der Universität Melbourne, thematisiert letzt hier liegt eine der wichtigen Erklärungen
diese frühen literatur- und kulturkritischen für die Hinwendung von Lukäcs zu Dostojewski
Arbeiten auf dem Hintergrund einer gegen- (164 ff.) und dessen Vision eines .neuen Men
über der westlichen Zivilisation gleicherma- sehen'.
ßen bewundernden wie zunehmend skepti- Keller geht den Plänen von Lukäcs zu einem
scher werdenden Haltung von Lukäcs. Sie Dostojewski-Buch in großer Ausführlichkeit
geht in einem detaillierten, philosophisch- nach und er zeigt, daß hier eine Geschichts
deskriptiven Verfahren dem biographischen konzeption zugrundegelegt wurde, die — ent
Entstehungszusammenhang jener Arbeiten nach gegen Lukäcs' eigener Meinung — weniger He
und interpretiert diese als Dokumente und Re- gel und Fichte als vielmehr Kierkegaard und
sultate eines zunächst konsequent auf Litera- Plotin verpflichtet war; er verweist in diesem
tur bezogenen Lebens, als Ausdruck einer Zusammenhang auf die Nähe zur konservati
„langsamen, facettenreichen und durchaus ven Kulturkritik — etwa eines Moeller van den
nicht eindeutigen Entwicklung" (17). Lukäcs Bruck —, auf den Rückbezug des Lukäcsschen
erscheint hier als „Sucher", dessen Skizzen Denkens zur mittelalterlichen Welt der .Totali
und Notizen, dessen abgebrochene Arbeits- tät', die in Gegensatz zur Zerrissenheit der Mo
und Publikationspläne Indiz für die Schwierig- derne gebracht wird. Dostojewski — das be
keiten sind, einen eigenen Weg jenseits der zeichnet in Lukäcs Leben die Wende nach
etablierten Kultur des Bürgertums seiner Zeit Osten, hin zum Bild eines neuen, sozial bezo
zu finden. Die Abneigung gegen den bürgerli- genen Menschen, einer neuen, gemeinschaft

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lichen Lebensart, das Symbol russischer Brüder- des menschlichen Lebens als eines Selbstzwek
lichkeit im Gegensatz zum westlich-europäi- kes ist. Diese, aus der Perspektive von Sohn
schen Individualismus. Der Typus des „Terro- Rethel gewonnene Position der Lukäcs-Inter
risten", der der Idee zuliebe sein Leben zu pretation, die diesen selbst zum „Vorläufer von
opfern bereit ist, der des höheren Zieles wegen Sohn-Rethel" (112) macht, kann allerdings
.Schuld' auf sich nehmen muß (wie Hebbels erst nach vorheriger Entdifferenzierung mensch
Judith), faszinierte Lukäcs mehr und mehr — licher Tätigkeitsbereiche gewonnen und be
bis in Geschichte und Klassenbewußtsein hauptet werden; dann freilich läßt sich auch der
hinein. häufig diskutierte, als abrupt empfundene Ein
Keller legt ein materialreiches, manche bio- tritt von Lukäcs in die kommunistische Par
graphischen und werkbezogenen Details ergän- tei (1918) im Sinne einer schlüssigen, prakti
zendes und korrigierendes Buch vor, das das sehen Konsequenz eines bis dahin kontinuier
Bild des jungen Lukäcs präzisiert und wohl für liehen geistigen Entwicklungsweges deuten
längere Zeit wichtig bleiben wird. Verdienst- (79 f.).
voll auch, daß der ungarische Hintergrund von Zugleich stellt Grauer Lukäcs als konsequenten
Lukäcs stärker als sonst zumeist üblich als ent- Fortsetzer des Max Weberschen Rationalisie
wicklungsbestimmend herausgestellt wird, aber rungstheorems dar (118 ff.). Geschichte und
nicht unbestreitbar die Grundthese der Darle- Klassenbewußtsein wird als „Theorie der Ra
gungen, wonach der frühe Lukäcs, dem das tionalisierung" verstanden, die den „Phäno
Buch die Wirklichkeit ersetzt habe (28), alleine menen auf ihren ökonomischen Grund" (132)
als Literaturtheoretiker zu verstehen sei, mit geht, deren Motive freilich zuvor schon in den
der Ambition weitgreifender, kultureller Re- literaturtheoretischen Arbeiten versammelt sind,
formen. .Verdinglichung' also als begriffliche Universale
Die Untersuchung von Michael Grauer setzt für die durch den Rationalisierungsprozeß cha
îner von vornherein einen anderen Akzent, rakterisierte Entwicklung der Moderne, von
Sie thematisiert im wesentlichen dieselben Lukäcs theoretisch so aufgenommen, daß da
Arbeiten wie Keller, beschränkt sich auf die gegen Habermas weit dahinter zurückfalle
Zeit bis zum Erscheinen von Geschichte und (135 ff.): „Die Richtung, die Lukäcs mit seiner
Klassenbewußtsein (1923), betont aber stär- Analyse der Denk-, Anschauungs- und Praxis
ker die gesellschaftsverändernden Absichten formen in der bürgerlichen Gesellschaft ge
von Lukäcs. Für Grauer exponiert Lukäcs wählt hat, erweist sich — mit Abstrichen in
zwar seine Überlegungen als „Probleme der Kul- der konzeptionellen Darstellung — als eine
tur" (11), legt sie aber doch als „kritische gültige" (145).
Zeitdiagnose der Moderne" (9) an und sieht Daran eben muß gezweifelt werden. Nicht
die künstlerische Avantgarde zugleich als „Vor- nur, weil Lukäcs' faktische Parteiloyalität
bote und Motor des sozialen Wandels" (33). und die damit verbundene praktische Akzep
„Wie kann und muß man heute leben" — dies tanz der jeweiligen Linie der Partei mit aller
die zentrale Frage des jungen Lukäcs, der seine Dringlichkeit die Frage nach den praktischen
Antworten darauf „an das wirkliche Leben ad- Folgerungen einer so verstandenen .Praxis
dressiert" (31). Konsequent werden folglich Philosophie' aufwirft, sondern auch deshalb,
von Grauer die ästhetischen und literaturtheo- weil das Spätwerk, Ästhetik und Ontologie,
retischen Schriften auf ihre gesellschaftspoliti- nicht einfach die Weiterführung der frühen
sehen Implikationen hin gelesen, und so zeigt Positionen bedeutet, sondern — wie Grauer
sich dann, daß etwa die Theorie des Romans selbst schreibt — „die gerade Gegenposition
(1916) im Widerspruch zu allen Orientierun- zu 1923" (147) einnimmt. Diesen Sachver
gen des Bürgers, auch gegen den bis heute vor- halt, wenn es sich denn so damit verhält,
herrschenden Begriff von Sozialismus, erst- als Folge einer „systematischen Akzentuie
mals eine „soziale Utopie" (67) konkretisiert: rung der Theorie und eines vielleicht allzu
Literatur und Literaturtheorie als politische zweckmäßigen politischen Engagements"
Theorie und politische Philosophie. Lukäcs (147) zu .bedauern', heißt denn wohl doch,
wird so schon in seinen frühen Arbeiten zum den grundlegenden Zusammenhang von Theo
„Begründer der modernen Praxis-Philosophie" rie und Praxis auszublenden, anders formu
(80), dem Kultur die umfassende Regelung liert: indem Lukäcs mit dem Begriff der ,Ver

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dinglichung' einen für die Moderne universellen schaftsbildung" (45) vorgedacht ist, und eben
Prozeß der Rationalisierung bezeichnet, der alle dies verweist auf ein Defizit, welches — so
Tätigkeit des Menschen affiziert, vermag er kein Honneth — den meisten gegenwärtigen gesell
Kriterium mehr zu benennen, das theoretisch schaftstheoretischen Konzepten eignet. Unter
noch eine nicht-verdinglichte Praxis auszeich- stellt, dem wäre so, dann muß freilich gefragt
nen könnte. Faktisch schreibt er dies der ,ob- werden, ob dies den .politischen Denker' Lu
jektiven' Rolle des Proletariats zu und damit käcs nunmehr endgültig verabschiedet und
verbindet sich dann auch einigermaßen fol- darüber hinaus eine gesellschaftstheoretisch
gerichtig die prinzipielle Rechtfertigung der nur außerordentlich dünne Ausgangsbasis für
Politik der kommunistischen Partei, in ihrer die behauptete .Aktualität' abgibt,
je vorfindbaren Praxis. Es würde den Rahmen dieser Literaturhinweise
Dennoch: auch wer Grauers theoretische Po- sprengen, die Beiträge dieses — insgesamt sehr
sition, von der aus er sich dem Frühwerk von anregenden und informativen — Bandes je
Lukäcs nähert, nicht zu teilen vermag, wird einzelnen vorzustellen, gar zu diskutieren. Hier
eine in vielen Aspekten reiche, theoretisch müssen einige knappe Hinweise genügen. Ferenc
reflektierte Analyse finden. Die immer wie- Fehér thematisiert die Beziehungen von Lukäcs
der formulierte These, wonach die „Ober- zu Benjamin und unternimmt es nachzuweisen,
führung von Kunst in die Ebene des Lebens- daß die Theorie des Romans Benjamins Trauer
weges" (144) durch eine künstlerische Avant- spiel-Buch als „Ermutigung und methodologi
garde die praktische Absicht des frühen Lukäcs sehe Anleitung" (53) gedient habe; György
bezeichnet, gibt — vielleicht contra intentionem Markus geht in einem breit angelegten Essay
auctoris — Hinweise auf einen Kernbereich des dem Problem von „Entfremdung und Verding
politischen Denkens von Lukäcs, der über lichung" bei Marx und Lukäcs nach und inter
scheinbare theoretische Brüche hinweg im Lau- pretiert Geschichte und Klassenbewußtsein
fe seines Lebens stabil geblieben ist. am Ende „trotz aller Widersprüche und des
Der von Rüdiger Dannemann herausgegebene Fiaskos seines Schlusses" als das „vielleicht
Band, dessen Ziel es ist, die Philosophie Georg dramatischste Dokument der Notwendigkeit
Lukäcs jenseits vordergründiger Polemiken in und Unmöglichkeit des kritischen sozialisti
der hiesigen Theoriedebatte zur Geltung zu sehen Denkens des 20. Jahrhunderts, über
bringen" (7), greift über den jungen Lukäcs' Marx hinauszugehen" (102), und schließlich
hinaus und legt auch Arbeiten zum Spätwerk versucht der Herausgeber Rüdiger Dannemann
vor. Zum jungen Lukäcs' schreibt Michael in seinem Beitrag, Lukäcs, der „jene Tradi
Löwy über dessen Verhältnis zu Dostojewski tionsstränge kritischer Theorie begründet habe,
und rückt dabei die Frage nach den möglichen die Modernisierungsprozesse ökonomischer Art
Beziehungen zwischen Sozialismus und Reli- als Rationalisierungszuwächse und Passionsge
gion bei Lukäcs in den Mittelpunkt seines In- schichte zu deskribieren lernte" (106), über
teresses. Lukäcs erscheint als der „apokalypti- die Verdinglichungsthese in das Diskussions
sche Jünger Dostojewskis" (35), dessen Messia- umfeld der .Theorie des kommunikativen Han
nismus seine „politische Ausprägung" (36) delns' einzuführen. Gegen Grauer wird Haber
im Proletariat als der eigentlichen Kraft der mas mit dem Hinweis, er habe einen „selte
Befreiung und Erlösung findet. Axel Honneth nen, vielleicht einzigartigen Reform ulierungs
sieht dagegen im „romantischen Antikapitalis- versuch des Verdinglichungstheorems" (110)
mus" der frühen Jahre die „implizite Aktuali- unternommen, verteidigt, zugleich aber —
tat" (39) auch noch für die Gegenwart. Für und dies wohl in Verkennung der von Haber
Honneth macht die mit aller Radikalität gestell- mas gegen die Bewußtseinsphilosophie vollzo
te Frage „nach den kulturellen Bedingungen genen sprachpragmatischen Wende mit ihren
einer unverzerrten und gelingenden Vergesell- kritischen Konsequenzen auch für Lukäcs —
Schaffung" (39) das Interesse am jungen Lu- an diesem kritisiert, sein zweistufiges gesell
käcs aus, dessen Leistung er vornehmlich in schaftstheoretisches Konzept verfehle die
der Formulierung eines Ideals der „ästheti- „Pointe der Verdinglichungstheorie", die darin
sehen Kultur" sieht, in dem die „Verknüpfung bestehe, „daß die .Entkoppelung' bzw. ,Ver
der Selbstverwirklichung des Individuums mit selbständigung' der Produktionsmittel und der
den Möglichkeiten einer gelingenden Gemein- Institutionen eo ipso Verdinglichungseffekte

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besitzen, weil die .sozialen Naturgesetze' immer ten — was Heller auch gelegentlich andeutet
auch Organisationsformen des Alltagsleben, und formuliert —, daß die Lukäcssche Ästhetik
.Lebensformen'(Lukäcs) darstellen" (113). einer politischen Überforderung ausgesetzt
Auf das Spätwerk von Lukäcs gehen dann Ag- wird, wenn man ihr die Perspektive eines poli
nes Heller und Nikolas Tertulian in je zwei tischen Konzeptes, und sei's eines utopischen,
Beiträgen ein. Agnes Heller betont dabei die unterlegt. Die Vorstellung der totalen Aufhe
Kontinuität der theoretischen Bestrebungen, bung von Entfremdung durch Kunst bzw. de
von Lukäcs, unterstreicht vor allem die Be- ren Antizipation im Medium der Kunst ver
deutung der Ästhetik, in der die „Einheit von kennt den Eigencharakter der Politik und ig
Individuum und Gattung" (133) als Geschichts- noriert deren institutionelle Bedingungen,
philosophie entworfen sei, hinter welche dann Bleibt hinzuweisen auf die schon erwähnten
die Ontologie — „voll von logischen Widersprü- Beiträge von Tertulian, der sich um eine genaue
chen, von grundverschiedenen Auffassungen Rekonstruktion der Lukäcs'schen Intentionen
desselben Problems, von leeren Wiederholun- der Ontologie bemüht und den Abdruck jener
gen, von Lücken im Gedankengang" (140) — Notizen und Kommentare, die Fehér, Heller,
entschieden zurückfalle. Gleichwohl ist es ihre Markus und Vayda 1968/69 für Lukäcs zu des
Absicht, Lukäcs in seiner „Stellung zur Moder- sen Ontologie als Diskussionsbeitrag geschrie
ne zu retten" (144); sie verweist in diesem Zu- ben haben und die deutlich machen, wo die
sammenhang auf eine fundamentale Gemein- Differenzen, aber auch Gemeinsamkeiten zwi
samkeit zwischen Lukäcs und Adorno; Für bei- sehen Lukäcs und seinen wichtigsten Schülern
de habe „nur das Kunstwerk die .defetischisier- lagen.
te' Wirklichkeit verkörpern" (147) können. „Bekenntnisse einer Intellektuellengeneration
Während jedoch Adorno die .moderne Kunst' ... Erinnerungen und Tagebücher, kleine Schrif
verteidigt habe und damit .elitär' geworden sei, ten, Vorträge und Besprechungen ... (7) ent
habe Lukäcs stets an einem traditionellen Rea- hält das von Eva Karâdi und Erzsébet Vezér
lismus festgehalten, weil sein ästhetisches Inter- herausgegebene Buch über den .Sonntagskreis',
esse primär am Rezipienten orientiert gewesen Es dokumentiert das personelle Milieu, in wel
sei; der „radikale Kulturkonservative" Lukäcs chem der junge Lukäcs sich bewegte, macht
resultiert also konsequent aus einer demokrati- die soziale und intellektuelle Atmosphäre prä
schen Option. Kunst muß vom „gesunden Men- sent, welche jene allsonntäglichen Treffen in
schenverstand" (148) aufgenommen und inter- Budapest bestimmte, die ab Herbst 1915 bis
pretiert werden können, weil anders sie bloßer weit in die zwanziger Jahre hinein stattfan
Ausdruck von Entfremdung ist. Dem Eintre- den. Karl Mannheim und Arnold Hauser gehör
ten für Demokratie folgt zwangsläufig das Vo- ten ebenso zu diesem Kreis wie etwa der Dich
tum für eine .realistische', d.h. jederman ,ver- ter Be'la Baläzs, der Kulturhistoriker Lajos
ständliche' Kunst. Fiilep, der Philosoph Bela Fogarasi — um nur
Einmal abgesehen davon, daß hier Demokratie einige Namen zu nennen, die auch außerhalb
populistisch mißverstanden wird, erscheint die Ungarns bekannt geworden sind; und gele
zusätzliche Folgerung von Heller, die sie aus gentlich nahmen Gäste an den Diskussionen
jener engen Verbindung von demokratischem teil, die nicht minder berühmt waren oder
Postulat und realistischer Kunstauffassung doch wurden, wie Karl Polänyi, Zoltän Ko
zieht: daß nämlich Lukäcs „weit entschiedener daily und Béla Bartok.
Philosoph der Aufklärung" (149) gewesen sei, Der Sonntagskreis — der in manchem an den
als Adorno dies je war, als eine außerordent- George-Kreis in Heidelberg erinnert — war,
lieh gewagte These. Und dies nicht nur aus bio- wie die vorgelegten Dokumente zeigen, an
graphischen Gründen — worüber gegebenenfalls Politik nicht zentral interessiert. Seinen Mit
zu streiten wäre —, sondern vor allem deshalb, gliedern ging es im weitesten Sinne „um die
weil nicht zu sehen ist, wie aus einem kultur- Suche nach einer höheren geistigen Weltan
konservativen Traditionalismus, der sich im All- schauung und einem höheren Leben" (12)
tag des .gesunden Menschenverstandes' besten- und dies verband sich mit einem Rückzug
falls ungebrochen reproduzieren mag, weit eher aus dem alltäglichen Leben. Es sind hochge
jedoch vertrivialisiert und verkitscht, Aufklä- stimmte, junge Intellektuelle, die sich sonntags
rung zu gewinnen wäre. Eher steht zu vermu- zu kulturphilosophischen Diskussionen treffen,

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die in ihrer sozialen Selbstbeziiglichkeit die Al letzte Wort zu Lukäcs ist noch nicht gespro
ternative zur schlechten Realität sehen und — chen. Die Spätwerke warten noch auf ihre
wie Lukäcs in den Dostojewski-Notizen — da breite Rezeption und Diskussion und erst da
raus die Prinzipien einer .anderen Ethik' zu for nach wird die Position von Lukäcs innerhalb
mulieren suchen. Eva Karädi arbeitet in ihrer der neueren politischen Philosophie und Theo
Einleitung die Binnenstruktur wie die Außenbe rie genauer bestimmt werden können. Für die
ziehungen dieses Intellektuellenzirkels kenntnis frühen Arbeiten läßt sich freilich schon jetzt
reich und mit Detailfreude heraus und sie zeigt, behaupten, daß es grundsätzlich Neues kaum
wie vielfältig sich desssen Mitglieder gegensei mehr zu entdecken gibt. Es geht — wie die hier
tig beeinflußten, solche Einflüsse aber auch ver angezeigten Arbeiten auch belegen — um die
arbeiteten und weitergaben, etwa in jener Ergänzung des Bildes durch kleinere Details
.Freien Schule der Geisteswissenschaften', die und Interpretationsnuancen, auch Korrektu
als eine Art ,Gegen-Uiiiversität' sich der Erneue ren, nicht aber um völlige Neugestaltung. Dies
rung des ungarischen Geisteslebens verpflichtet allerdings hat Lukäcs schon heute mit den
fühlte. Noch einmal werden jene auch personal meisten .Klassikern' der Philosophie gemein.
greifbaren Bedingungen deutlich, die den Rah
men auch für die Entwicklung des jungen Lu
Besprochene Werke
käcs' spannten, jenes intellektuelle Umfeld,
das dessen kulturrevolutionäre Geste besser
Ernst Keller: Der junge Lukâcs. Antibürger
begreifbar macht. In den Arbeiten der Mitglie und wesentliches Leben. Literatur- und
der und Diskussionsgäste spiegelt sich eine ge Kulturkritik 1902-1915, mit einem Vor
meineuropäische, kulturphilosophische Diskus wort von Frank Benseier. Frankfurt/M.
sionslage, auf die auch Lukäcs mit seinen Arbei Sendler Verlag 1984, 317 S., DM 27,-.
ten reagiert, die freilich dann durch die Revolu
tion von 1918 eine radikale Herausforderung Michael Grauer: Die entzauberte Welt. Tra

erfährt, mit je unterschiedlichen Antworten. gik und Dialektik der Moderne im frühen
Die meisten Mitglieder des .Sonntagskreises' Werk von Georg Lukâcs (monographien
konnten der bedingungslosen Hinwendung von zur philosophischen Forschung, Bd. 231),
Königstein/Ts : Verlag Anton Hein 1985,
Lukäcs zum Kommunismus nicht folgen und
262 S., DM48,-.
das Ende der Räterepublik in Ungarn brachte
auch das Auseinanderbrechen des Kreises in
Rüdiger Dannemann (Hrsg.): Georg Lukâcs —
seiner bis dahin existierenden Form. Gleich
Jenseits der Polemiken. Beiträge zur Re
wohl blieben Teile davon weiter bestehen, gab konstruktion seiner Philosophie. Frank
es lockere Verbindungen und intellektuelle furt/M.; Sendler Verlag 1986 DM 35,—.
Sympathien trotz unterschiedlicher individuel
ler Entwicklung der (ehemaligen) Teilnehmer. Eva Karâdi und Erzsébet Vezér (Hrsg.): Ge
Karädi zitiert als Beispiel einen Brief Karl org Lukâcs, Karl Mannheim und der Sonn
Mannheims an Béla Baläzs aus dem Jahre
tagskreis. Frankfurt/M.: Sendler Verlag
1985, 319 S., DM 32,-.
1930 — als Mannheim also längst Professor
für Soziologie in Frankfurt/M. war —, in dem
jener an die lange vergangenen Diskussionen
des .Sonntagskreises' erinnert und dennoch,
trotz aller Differenzen, die gemeinsamen intel POLITIK UND SPRACHE

lektuellen Erfahrungen von Budapest als


bleibend beschreibt (23).
Tertulian meint am Ende seines Beitrages zur Manfred Opp de Hipt
Ontologie, diese und die Ästhetik hätten „dem
Autor einen wichtigen, wenn auch bisher mar „Politische Sprachwissenschaft ist dadurch ge
ginalen Platz in der Landschaft der zeitgenössi kennzeichnet, daß für sie das Merkmal des Po
schen Philosophie verliehen" (178) und er fügt litischen bereits konstitutiv für den Forschungs
hinzu: „Vielleicht werden die enorme Geduld gegenstand .Sprache' ist ... Sie untersucht
und die Kraft, gegen den Strom zu kämpfen, sprachliche Verhältnisse als politische Ver
letztlich belohnt werden" (175). Gewiß: das hältnisse ..." (Hervorh. im Original). Den An

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