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Ach, Papa!

Unterhaltendes Bühnenstück in zwei Episoden um


kleine Generationenkonflikte in der Familie Stumpf
im Jahre X und im Jahre (X+5)

Autor: Hans Georg Kraus


Spielform: Szenenfolge

Altersstufe: ab 15 Jahren

Spielzeit: ca. 55 Minuten

Rollen:

Vater Eduard
Mutter Walburga
Tochter Tanja (in der 1. Episode 14 ½ Jahre / in der 2. Episode 19 ½ Jahre)
Tochter Anita (17 Jahre / in der 2. Episode erwähnt, aber nicht präsent)
Opa Karl
Oma Luzie (schwerhörig)
Nachbarin Frau Klapper
Jutta, Tanjas Freundin
Rainer, in der 1. Episode Anitas Freund, in der 2. Episode Anitas Ehemann
Gerd, Tanjas Freund
Heribert, Frau Klappers Sohn (in der 1. Episode erwähnt, aber nicht präsent)

Beide Episoden können auch einzeln als Einakter


aufgeführt werden.

1. Episode: Pubertierende Rotznasen


(Vater, Mutter, Opa, Oma, Anita und Tanja halten sich im Wohnzimmer der Familie Stumpf
auf. Vater schüttet sich ein Glas Bier aus, Mutter steht am Bügelbrett und bügelt Oberhemden,
Oma strickt, Anita liest die BRAVO, Tanja lackiert sich die Fingernägel, im Fernseher läuft
eine Gottschalk-Sendung.)

Vater:
(zu Anita) Kannst du nicht mal was Anständiges lesen?
(Anita reagiert nicht und hat anscheinend die Frage gar nicht gehört.)
Ich hab´ dich was gefragt!
Anita:
(etwas verdutzt) Was? Wen? Mich?
Vater:
Wäre ja auch das erste Mal, dass du zuhörst, wenn ich was sage!
Anita:
Hast du denn was gesagt?
Vater:
Ich habe mir erlaubt, ... Und das darf ich doch wohl noch als dein Vater! ... dich freundlichst
zu fragen, ob du nichts Anständiges zu lesen hast.
Anita:
Hab´ ich doch!
(Anita hält Vater die BRAVO vors Gesicht.)
Lies mal, Papa!
Vater:
Bleib mir ja weg mit diesem Schmierblatt! Durchgeknallte Sänger und nackte Busen muss ich
mir im Fernsehen schon genug ansehen. Da brauch ich euer Hirntöterblättchen nicht!
Mutter:
Eduard, so schlimm ist es ja auch wieder nicht. Was haben die uns denn früher erzählt? Wir
hatten doch von nichts ´ne Ahnung. Warum sollen sich die Kinder nicht über diese Dinge
informieren? Und in der BRAVO steht eben fast alles drin.
Anita:
Genau! (zu Vater) Wenn wir, statt Dr. Sommer-Team zu lesen, auf deinen Beitrag zur
Lebenshilfe angewiesen wären, würden wir mit 30 noch auf den Klapperstorch warten.
Oma:
Wen hat der Storch gebissen?
Opa:
Ach, Luzie; du schmeißt wieder alles durcheinander Die reden nur über die BRAVO.
Oma:
Meine ich auch! Bravo, bravo! 15 Jahre und vom Storch gebissen! Bravo!
Mutter:
(zu Oma) Mutter, du wolltest doch bestimmt in der Küche die Kartoffeln für morgen schälen!
Oma:
Nene! Jetzt, wo ihr Probleme habt, kann ich euch nicht im Stich lassen.
Tanja:
Oha! Jetzt kommt wieder das senile Gesülze von der Lebenserfahrung und die
Trümmerfrauen-Story.
Vater:
Du hast gleich fünf Finger im Gesicht! Noch eine schnippische Bemerkung gegenüber deiner
Oma, und ich knall dir eine!
Anita:
Wie immer! Die Gewalt siegt über die Vernunft.
Mutter:
Jetzt reicht ´s aber, Kinder! Wollt ihr den Gottschalk sehen, oder wollt ihr euch wieder um des
Kaisers Bart streiten?
Oma:
Was? Vom Roland Kaiser? Der ist doch verheiratet. Bravo, bravo! Wer ist denn die Arme,
Anita oder Tanja?
(Es schellt an der Wohnungstür. Mutter steht auf, um zu öffnen)
Mutter:
(im Hintergrund) Ach, guten Abend Frau Klapper!
Frau Klapper:
Ach, ist mir das peinlich, Frau Stumpf! Könnten Sie mir ausnahmsweise ...
Anita und Tanja:
(zynisch im Duett) Ein Tässchen Zucker abtreten?
Frau Klapper:
(zeitgleich) ... ein Tässchen Zucker abtreten? Mein Mann kommt gerade vom Büro, und ich
kann ihm noch nicht mal einen Pfannkuchen machen. Und wenn Sie mir dann vielleicht noch
mit drei Eiern aushelfen könnten, ... und eventuell ein Tütchen Vanillezucker? Mehl habe ich
noch.
(Mutter und Frau Klapper betreten das Wohnzimmer.)
Mutter:
Sekunde, Frau Klapper, bin sofort wieder da.
(Mutter verlässt das Zimmer, um die Lebensmittel zu holen.)
Frau Klapper:
Ich störe Sie doch wohl nicht?
Vater:
Nein, wo denken Sie hin? Nicht im Geringsten! Vor allem, wo Sie ja gleich wieder gehen
wollten.
Tanja:
Wie kommen sie denn darauf? Sie stören doch nicht mehr und nicht weniger als sonst auch.
Frau Klapper:
Ach ja, Tanja, was ich dich immer schon mal fragen wollte ... Halt mich aber bitte nicht für
neugierig! ... Sag mal, kenne ich den Jungen?
Tanja:
(scheinheilig) Jungen? Was für ´n Jungen?
Frau Klapper:
Na, den aus dem Schwimmbad!
Tanja:
Schwimmbad? Ich verstehe nur Bahnhof!
Frau Klapper:
(scheinheilig) Nein, nein! Ich sag jetzt nichts mehr. Ich will ja hier kein Familiendrama
auslösen. ... (zu Vater) Aber, ... wenn Tanja meine Tochter wäre, die würd´ ich! ... Aber ich
sage nichts mehr. ... Nett ist er ja! Aber in Tanjas Alter bei so ´m Burschen hinten auf dem
Mofa, und dann noch ohne Helm! ...
(Mutter kommt mit den in Zeitungspapier eingepackten Lebensmitteln zurück ins
Wohnzimmer.)
Mutter:
So, Frau Klapper, Eier, Zucker , Vanillezucker!
Frau Klapper:
Danke, Frau Stumpf! Sie sind meine Rettung! (zu Vater) Aber wie gesagt, Herr Stumpf, ich
sage nichts! Tschüss dann auch und nochmals vielen Dank!
(Frau Klapper schickt sich an, den Raum zu verlassen, bleibt aber auf halbem Wege noch
einmal stehen und dreht sich zu Herrn Stumpf um.)
Nichts für ungut, Herr Stumpf, ich wollte nichts anrichten. Tanja kann ja schließlich selbst
auf sich aufpassen. Tschüss!
Vater:
Ja, tschüss!
(Mutter begleitet Frau Klapper zur Tür und kommt nach kurzer Zeit wieder zurück.)
Oma:
Was hat sie gesagt?
Vater:
Ja, das wollte ich auch gerade fragen. (zu Tanja) Sag mal, wie war das gerade mit dem
Schwimmbad und dem Jungen?
Tanja:
Och, die Klapper, die spinnt ja. Die soll sich nicht über ungelegte Eier aufhalten.
Vater:
Lenk nicht ab! Geträumt hat sie das bestimmt nicht. Was war das für ´n Kerl? Versuch ja
nicht, mich anzuflunkern! Also, raus mit der Sprache!
Tanja:
Mensch, regt euch doch ab! Ich hatte nur im Schwimmbad meinen Ohrring verloren, und er
hat mir geholfen, ihn zu suchen. Und dann hat er mich mit seinem Mofa nach Hause gefahren.
Anita:
Los, erzähl mal! Hat es „klick“ gemacht? Soll er jetzt dein Macker werden?
Opa:
Macker! Wie das klingt! Eine Sprache habt ihr heute!
Oma:
Wer hat ´ne Macke?
Anita:
Ach, Oma! Du musst besser zuhören. Wir reden von Tanjas neuem Typ, oder Flamme,
... Oder wie habt ihr das zu Kaiser Wilhelms Zeiten noch genannt? ... Freund, ja richtig,
Freund!
Oma:
Du hast ´n Freund, Tanja?
Vater:
Den Kettcar-Rocker schlag dir mal sofort wieder aus dem Kopf! Meine Tochter sitzt nicht bei
jedem Dahergelaufenen hinten auf dem Mofa! Wenn dich die Nachbarn sehen ... oder dein
Englisch-Lehrer!
Tanja:
(beleidigt) Gerd ist kein Dahergelaufener! Das ist ein prima Kerl, und ich kann ihn gut leiden,
und ich glaube, er mich auch.
Vater:
Gut leiden, gut leiden, wie schön! Seid ihr Weibsbilder denn wirklich alle so blöd und naiv?
... Gut leiden! Ich werd´ dir mal verraten, was der im Kopf hat! Aber nicht mit dir! ... Weißt
du überhaupt, wie alt du bist?
Tanja:
15! Na und?
Vater:
Das ist doch der Beweis! Verstand hast du ja noch nie Viel gehabt ...
Anita:
(spricht dazwischen) Alles genetisch!
Vater:
(weiter zu Tanja) Aber jetzt ist das Bisschen ganz im Eimer. 14 ½ bist du gerade! In dem
Alter hab´ ich mit den Jungs auf der Wiese Fußball gespielt. Da hätte es keiner gewagt,
irgendeiner Schürze nachzugucken!
Anita:
(zynisch) Und dann kam irgendwann der Tag, als du bemerktest, dass es Jungen mit Zöpfen
und Röcken gab. Und dann hat Opa dich aufgeklärt, dass diese eigenartigen Jungen gar keine
Jungen waren.
Vater:
Werd´ ja nicht frech! ... Deine ewige Knutscherei mit deinem Rainer ist auch bald nicht mehr
zu ertragen. Sitzen mit den Eltern im Wohnzimmer und schnäbeln ungehemmt da rum!
Anita:
Erstens bin ich 17 und zweitens können wir ja woanders hin gehen. Oder meinst du, diese
Familienidylle mit Gottschalk-Berieselung wäre der richtige Rahmen für eine
Beziehung zweier Liebender?
Vater:
(spöttisch) Ich werd´ gleich porös! Liebende! Wisst ihr Küken überhaupt, was Liebe ist?
Tragt erst mal Verantwortung! Leistet mal was! Uns hat früher keiner Bafög gezahlt, damit
wir jeden Mittwoch und Samstag auf die Piste gehen konnten!
Mutter:
Eduard, jetzt wirst du aber ungerecht! Die Zeiten haben sich nun mal geändert. Die jungen
Leute zeigen sich heute eben ihre Zuneigung.
Vater:
Und gehen ran wie Harry ans Gehackte!
Tanja:
Du kannst dir wohl gar nicht vorstellen, dass ich ab und zu mit Gerd und meiner Clique was
unternehme, ohne dich gleich zum Großvater zu machen. Mein Gott! Hab doch mal ein
bisschen Vertrauen!
Vater:
Vertrauen hin, Vertrauen her! Und hinterher haben wir den Salat! Und dann guckst du blöd
aus der Wäsche. Schule null, Beruf null, Geld null, Wohnung null! Aber ihr liebt euch ja! Das
löst bestimmt alle Probleme!
Anita:
Deine zynischen Beiträge helfen uns auch nicht weiter!
Tanja:
Wer hat euch denn überhaupt erzählt, dass ich Gerd liebe? Liebe! Liebe! Ist doch sowieso
alles Quatsch! Er gefällt mir einfach, und er ist nett. Das ist alles.
(Es schellt an der Wohnungstür. Anita geht hinaus, um die Tür zu öffnen.)
Anita:
(im Hintergrund) Hi, Jutta!
Jutta:
Hallo! Ist Tanja noch zu Hause?
Anita:
Ja, ja, komm nur rein! Wir haben zwar etwas dicke Luft, aber du kennst ja meine Regierung.
(Anita und Jutta betreten das Wohnzimmer.)
´n Abend allerseits!
Vater und Mutter:
´n Abend, Jutta!
(Jutta schaut kurz auf den Fernseher.)
Jutta:
Habt ihr auch den Gottschalk dran, diesen egozentrischen Gummibärchenfresser? Der ist ja
vielleicht öde, der Mann! ... Übrigens, Tanja, geht Gerd auch mit?
(Tanja gibt Jutta durch Zeichen zu verstehen, dass sie nicht weiter reden soll.)
Tanja:
(hauchend und beschwörend) Jutta!
Vater:
Moment mal! Redet ihr etwa von diesem Milchbubi vom Schwimmbad?
Jutta:
(begeistert) Kennen Sie den, Herr Stumpf?
Vater:
Hab gerade einiges über das Kerlchen erfahren. (zeigt auf Tanja und Anita) Guck dir doch die
beiden an! Die sind ja schon völlig abgetreten. Wir sind nämlich gerade bei dem Thema.
Tanja weiß schon nicht mehr, wie alt sie ist, und Anita redet nur dummes Zeug. Muss ja ´n
außergewöhnliches Exemplar sein, dieser Gerd
Jutta:
Da haben Sie ´s getroffen, Herr Stumpf! Das ist ein Supertyp! Da ist Tanja mit dem Ohrring
ganz schön clever gewesen. Na ja, Pech gehabt! War sie eben schneller als ich. Man muss
auch mal verlieren können.
Vater:
Nanu, sag´ ich da aber! Nachtigall, ick hör dir trapsen! Also nichts mit Zufall im
Schwimmbad? Ausgekocht und raffiniert seid ihr schon mit euren 14 Jahren.
Tanja:
14 ½!
Jutta:
(lachend) Seh´n Sie Herr Stumpf, das unterscheidet uns Mädchen vom Zucker. Zucker wird
raffiniert und ist dann süß, und wir Mädchen sind erst süß, und dann werden wir raffiniert!
Mit 20 sind eben auf dem Männermarkt die Regale leer. Dann gibt ´s nur noch zweite Wahl.
Da muss man sich schon was einfallen lassen. Den Trick mit dem Ohrring hab´ ich mir schon
gemerkt. Glauben Sie mir, Herr Stumpf, wenn wir die Jungs links liegen lassen, bis wir 20
sind, bleiben nur noch so Männer übrig wie mein alter Herr oder ... Seien Sie mir nicht
böse! ... wie Sie.
Vater:
Rotzblag! Dein Vater und ich tun in der Firma täglich unsere Pflicht und ernähren treu und
brav unsere Familien. Die Firma Schüppel weiß schon, was sie an uns hat. Seid froh, dass
eure Väter nicht solche Flausen im Kopf haben wie ihr!
Mutter:
Ja, Kinder, da solltet ihr ruhig mal drüber nachdenken!
Vater:
So, ihr frühreifen Schlaumeier! Es ist halb neun, und ihr bleibt jetzt im Haus, ob euch das jetzt
passt oder nicht! Jutta kann meinetwegen noch etwas hier bleiben.
Tanja:
(bettelnd) Papa! Wir wollten nur kurz bis 10 zum Jugendtreff, ein bisschen klönen und Musik
hören. Ich finde das unmöglich, wie du dich anstellst! Mit deiner Einstellung bist du ´n richtig
alter Knopp! Das müsste heute gesetzlich verboten werden, dass Männer wie du Väter
werden.
Mutter:
Vielleicht werdet ihr Papa mal dankbar sein. Später seht ihr das mal ein, bestimmt.
Anita:
Später, später, Mutti! Jetzt sind wir jung. Wir wollen jetzt was unternehmen. Guck Papa doch
an! Jetzt ist er alt genug und hat was geleistet. Und? Was unternimmt er? Geht er mit dir
tanzen? Geht er mit dir schwimmen oder joggen? Geht er mit dir ins Kino oder ins Theater?
Macht er mit dir mal einen Schaufensterbummel? Nichts! Nur Maloche, Essen, Glotze,
Pennen , Maloche!
Tanja:
(fängt an zu weinen) Und übrigens schellt Gerd gleich. Papa, wenn du mir das antust!
(Vater wird vom Mitleid ergriffen und versucht, Tanja zu trösten, die inzwischen noch
kräftiger weint. Er legt seinen Arm um ihre Schultern.)
Vater:
Tanja! ... Tanja-Maus! ... Hör doch auf zu heulen! ... Tanja! ... Ist doch schon gut! ... Sag mal,
hat der ... Wie heißt der noch, Gerd? ... hat der wirklich den Schneid, hier zu schellen?
Anita:
Warum denn nicht?! Er ist doch ein anständiger Kerl und hat schließlich nichts verbrochen!
Vater:
Na, gut! Nicht, dass ich alles richtig finde, aber ein Unmensch will ich ja auch nicht sein.
Aber, Tanja, erst mal stellst du mir den vor.
(Tanja nickt erleichtert, aber immer noch etwas schluchzend.)
Was meinst du dazu, Walburga?
Mutter:
Eduard, bist du das wirklich? Ich hätte ja nie gedacht, dass man dich bei diesem Thema noch
umstimmen könnte.
Vater:
Na logisch, ich bin ja auch immer der Haustyrann! (zu den Mädchen) Aber eins will ich euch
sagen: Wenn das so ´n blondierter und gegelter DJ-Bobo-Typ ist wie unser Lehrling bei
Schüppels, jage ich ihn gleich wieder raus. Und dann will ich nichts mehr hören. Klar?
Tanja:
Okay, einverstanden!
(Es schellt. Tanja läuft aufgeregt hinaus.)
Ach, du bist ´s nur!
Rainer:
(noch im Hintergrund) Mein lieber Mann, welch herzliche Begrüßung! Wen hast du denn
erwartet, den Bundeskanzler oder Verona Feldbusch?
Tanja:
Ist doch auch egal. Komm rein!
(Tanja kommt mit Rainer ins Wohnzimmer.)
Rainer:
´n Abend zusammen!
Alle:
Hallo / Guten Abend / ´n Abend Rainer!
(Rainer geht auf Anita zu, umarmt sie und gibt ihr einen Kuss.)
Hallo, Kleines!
Vater:
Siehste! Genau das meine ich! Sind noch keine Minute zusammen und sind schon im Clinch!
Braucht ihr zwischendurch eigentlich keine Luft zu holen?
Oma:
Nein, ist das romantisch! Ein nettes Paar!
Opa:
Luzie, das ist doch nicht dein Ernst! Der hat doch noch nichts gelernt, der Junge. Und Anita
ist auch noch ein Küken.
Anita:
Ja, ja, unter Bismarck war das noch alles ganz anders!
Jutta:
Irre, wie friedlich ihr über so was redet! Mein Daddy redet da schon mehr mit den Händen.
Das ist keine Erziehung, das ist reine Machtpolitik.
Vater:
Der wird auch seine Gründe haben. Ich könnte mir vorstellen, dass du für dein Alter schon
ganz schön flott bist.
Tanja:
(empört) Papa!
Vater :
Entschuldigung! Ich nehm ´s zurück. ... Vielleicht würde ich mich ja, wenn ich in eurem Alter
wäre, heute genau so verhalten wie ihr. Aber ich bin eben noch ganz anders erzogen. Und die
ganzen Veränderungen sind in den letzten Jahren für mich ein bisschen schnell gegangen. Ich
weiß zum Beispiel gar nicht, wo ich hinsehen soll, wenn sich Anita und Rainer einfach mal so
ins Gesicht beißen. Mir ist das irgendwie peinlich. Und dann frage ich mich, wie ihr euch
außer Haus benehmt, wenn ihr hier schon so wenige Hemmungen habt.
(Es schellt. Tanja springt auf und geht hinaus.)
Tanja:
(im Hintergrund) Hallo, Gerd! Schön, dass du noch kommst. Komm doch rein!
Gerd:
Hallo, Tanja! Du hast doch gesagt, ich sollte dich abholen.
Tanja:
Ja, natürlich!
(Tanja führt Gerd ins Wohnzimmer.)
Gerd:
Guten Abend!
Alle:
Guten Abend!
(Tanja lässt Gerd einfach im Raum stehen. Gerd ist verlegen.)
Gerd:
Tanja, möchtest du mich nicht deinen Eltern vorstellen?
Tanja:
Ach ja, Entschuldigung! Ja, also, das ist Gerd, Papa, ... Gerd ... Oha, jetzt hab´ ich deinen
Nachnamen vergessen!
Gerd:
Schüppel!
Tanja:
Ja, das ist also Gerd Schüppel und das sind meine Eltern.
(Gerd gibt Herrn und Frau Stumpf die Hand.)
Gerd:
Freut mich, Sie kennen zu lernen.
Tanja:
Die beiden da hinten sind meine Großeltern, ... und das ist meine Schwester und ihr Freund
Rainer.
Gerd:
´n Abend!
Tanja:
Und Jutta kennst du ja schon aus dem Schwimmbad.
Vater:
Habe ich da richtig gehört? Sie heißen Gerd Schüppel?
Gerd:
Ja!
Vater:
Sind Sie zufällig mit einem Karl Schüppel verwandt?
Gerd:
Nicht nur verwandt! Das ist mein Vater.
Anita:
Ach, du dickes Ei! Dann ist er ja der Sohn von deinem Chef.
Mutter:
Nun redet mal nicht so viel! Kommen Sie; Herr Schüppel, nehmen Sie doch Platz!
Vater:
Meine ich auch! Wenn er schon hier ist, muss er ja nicht da rum stehen.
Tanja:
Papa, was ist denn mit dir passiert?
Vater:
Wieso? Was soll denn passiert sein? Ihr haltet mich wohl alle für einen Unmenschen. Ihr seht
wohl immer nur das Negative.
(Es schellt. Mutter geht hinaus, um zu öffnen.)
Mutter:
(im Hintergrund) Ach Sie wieder, Frau Klapper! Kommen Sie doch rein!
(Mutter und Frau Klapper betreten das Wohnzimmer.)
Frau Klapper:
Ich bin vielleicht blöd! Stellen Sie sich vor, da habe ich doch noch ein Päckchen Zucker im
Schrank gefunden. Und da wollte ich sofort einen Teil meiner Schulden begleichen.
Mutter:
Das hätte aber wirklich noch Zeit gehabt.
Frau Klapper:
Was weg ist, ist weg! (zu Vater) Ach ja, da ist ja der Junge, den ich mit Tanja gesehen habe.
Finden Sie nicht auch, Herr Stumpf, dass diese Freundschaft zwischen den beiden ein
bisschen verfrüht ist? Tanja ist doch erst 14 ...
Vater:
14 ½ , Frau Klapper!
Frau Klapper:
Ja, ja, und der Junge ist doch auch höchstens 16. Da sollte mal mein Heribert ankommen mit
seinen 16 Jahren und mir ein Mädchen anschleppen. Dem würd´ ich was erzählen!
Vater:
In welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich, Frau Klapper? Haben Sie denn überhaupt kein
Vertrauen zu ihrem Heri? Wie soll der Junge denn selbständig werden, wenn Sie ihn immer
nur an der kurzen Leine halten? Vertrauen, Frau Klapper, das ist die Basis, auf der man mit
den Kindern auskommen kann. Wenn die Kinder wissen, dass man ihnen vertraut,
enttäuschen sie einen auch nicht. Und, ... geben Sie doch zu, ... Dummheiten haben wir früher
auch manchmal gemacht.
Jutta:
Frau Klapper doch nicht!
Rainer:
Apropos Heribert, Frau Klapper! Wissen Sie denn eigentlich, wo Ihr wohlerzogener Heribert
sich abends aufhält? Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.
Frau Klapper:
Das ist doch die Höhe! Was willst du damit andeuten? Willst du etwa sagen, dass unser
Heribert ...
Rainer:
Gar nichts will ich sagen! Das ist ja schließlich Ihr Bier. Bin ich denn der Aufpasser für Ihren
Heribert?
Frau Klapper:
(empört) Nein, was sich diese Halbstarken rausnehmen! Ich gehe wohl lieber. Mein Rat ist
hier wohl nicht erwünscht.
Jutta:
(zynisch) Mein Gott, jetzt hat sie ´s! Mein Gott, jetzt hat sie ´s!
Frau Klapper:
Ich empfehle mich. Aber, Herr Stumpf, denken Sie noch mal über meinen Rat nach!
Vater:
Und Sie über meinen, Frau Klapper!
Frau Klapper:
Besten Dank, Frau Stumpf! Die Eier und den Vanillezucker bringe ich morgen vorbei.
Mutter:
Das eilt nicht so. Ich bringe Sie dann eben an die Tür.
(Mutter und Frau Klapper verlassen den Raum.)
Gerd:
Sag mal, Tanja, ist die immer so, oder hat die am Hundefutter genascht? Die spielt sich ja
vielleicht auf! Der arme Heribert! Der hat doch bestimmt nichts zu melden.
Tanja:
Die ganze Familie ist ein Härtefall. Dagegen leben wir hier noch auf einer Insel der
Glückseligkeit.
(Mutter kommt ins Wohnzimmer zurück.)
Vater:
So! Jetzt redet nicht so viel und macht euch auf die Socken! Sonst lohnt es sich nicht mehr. ...
Gerd und Rainer! Ich kann mich doch auf euch verlassen?
Rainer:
Großes Indianer-Ehrenwort, Herr Stumpf!
Gerd:
Klar doch! Ich möchte ja schließlich noch mal wiederkommen dürfen.
(Tanja geht auf Vater zu und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.)
Tanja:
Mensch, Papa, irgendwie bist du ja doch Klasse!
Vater:
Ja, ja, ja, wem sagst du das! Soll ich euch eben rüber fahren?
Anita:
Nett von dir, Papa. Aber ein bisschen frische Luft tut uns nach unseren heißen Diskussionen
ganz gut. Und Entschuldigung noch mal! Ich hätte vielleicht einiges nicht so sagen dürfen.
Tschüss!
Vater:
Ist schon in Ordnung! Tschüss!
Mutter:
Aber Punkt 10 seid ihr wieder da! Zumindest Tanja!
Tanja:
Natürlich! Ich hab doch selbst gesagt bis 10.
(Anita, Tanja, Rainer, Gerd und Jutta verlassen den Raum. Vater und Mutter atmen tief
durch.)
Vater:
Walburga, Walburga! Ich glaub´, wir werden alt. So jung wie die fünf müsste man noch mal
sein.
Mutter:
Och, wieso? Wir hatten doch wohl auch ´ne schöne Jugend.
Vater:
Kannst du dich eigentlich noch an meinen ersten Kuss erinnern?
Mutter:
Eduard, das gehört zu den Dingen, die man nie vergisst.
Vater:
Sag mal, wie alt warst du da eigentlich?
Mutter:
14 oder 15, das müsste ich jetzt nachrechnen.
Vater:
Bist du verrückt? Das kann nicht sein!
Mutter:
Doch, Eduard! Das war 1980, ja, und zwar genau am 15. Mai 1980
Vater:
Im Leben nicht! Das war frühestens 1982 oder 83, so um den Streich rum.
Mutter:
Nein, Eduard, ich weiß es genau. Da könntest du mich totschlagen, wenn ich lüge. Das war im
Mai 1980. ... Mensch, Eduard, sei froh, dass Anita und Tanja das nicht wissen!
Vater:
Mannomann! Da hätte ich aber schlechte Karten gehabt. Apropos Karten! Zieh dich schnell
an. Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch pünktlich ins Kino. Jetzt fängt gerade erst die
Vorschau an.
Mutter:
Eduard! Ist denn wieder ein Schaltjahr?
(Mutter gibt Vater einen Kuss.)
Du, was läuft denn überhaupt?
Vater:
So ´n Familienstreifen: „Mensch, Papa, sei kein Frosch!“
(Beide schicken sich an, sich auf den Kinobesuch vorzubereiten. Licht aus! Vorhang!)

2. Episode: Aufsässige Gören


(Familie Stumpf sitzt gemeinsam vor dem Fernseher und schaut eine Sendung mit Günther
Jauch. Einige neue Requisiten, der Wegfall einzelner Requisiten aus der 1. Episode, eine
veränderte Anordnung von Kulissenteilen und die geänderte Kostümierung der Darsteller
machen den Zeitunterschied zur ersten Episode sichtbar. Vater löst ein Kreuzworträtsel, Tanja
blättert im OTTO-Katalog, Oma und Opa essen eine Kleinigkeit, Mutter befindet sich noch
nicht im Raum, kann sich aber durch lautes Sprechen und Rufen von Zimmer zu Zimmer mit
den anderen Familienmitgliedern unterhalten.)
Vater:
(im Selbstgespräch) Rechter Nebenfluss des Rheins mit sechs Buchstaben?
Oma:
Main!
(Vater zählt die Kästchen im Rätsel ab.)
Vater:
Main? M – A – I – N. Main passt nicht. (ruft) Walburga! Rechter Nebenfluss des Rheins!
Hast du ´ne Idee?
Mutter :
(aus dem Hintergrund) Passt Donau?
Opa:
Quatsch! Die Donau ist doch linksrheinisch, oder – Warte mal! – oder doch rechts?
Oma:
Ach, Karl! In Geometrie warst du schon immer ´ne Niete Die Donau fließt doch durch
Tschechien und Ungarn und noch ein paar Länder, und dann mündet sie ins Tote Meer.
Tanja:
Genau! Was Papa sucht, ist der Nektar, oder so ähnlich. Den haben sie doch früher nach dem
Frankfurter Nektar-Stadion benannt.
Vater:
Mein Gott, was bist du blöd! Erstens hieß das damals nicht Nektarstadion, sondern
Neckarstadion! Und zweitens ist das nicht in Frankfurt, sondern auf dem Bökelberg in
Kaiserslautern. Aber wer seine Bildung nur aus dem OTTO-Katalog bezieht, der kennt sich
nicht einmal in unserer deutschen Heimat aus. Aber Neckar, das könnte es sein.
(Vater trägt das Wort ins Kreuzworträtsel ein)
Oma:
Frag mich mal was ganz Schweres, Eduard!
Opa:
Ach, Luzie, du weißt doch nicht einmal, wie Napoleon mit Vornamen heißt.
Oma:
Meinst du den Cognac oder den Kleinen mit der breiten Mütze?
Opa:
Ach, ist ja auch egal! Guck doch mal, wie der Jauch wieder seine Haare hoch stehen hat!
Vater:
Europäische Hauptstadt mit eins, zwo, drei, ... neun Buchstaben! Der dritte ist ein Y.
Oma:
Rey, Rey, Reykjavik, ja, Reykjavik! Kannst du ruhig eintragen, Eduard. Siehst du, Karl, das
hättest du nicht gewusst. Hast bestimmt gedacht, in Europa gäb ´s keine Y-Stadt!
Opa:
Ich wollte es ja gerade sagen. Aber du bist ja schon seit 43 Jahren immer mit dem Schnabel
schneller.
Mutter:
(ruft aus dem Hintergrund) Habt ihr die Stadt mit Y? Das ist bestimmt Reykjavik!
Vater:
Toll, Walburga! Buchstabier doch mal!
Mutter:
R – äh – äh - Weißt du nicht schon mehr Buchstaben?
Vater:
Hab ich doch gesagt! Der dritte ist ein Y!
Mutter:
Dann nimm doch erst ein paar Senkrechte!
Vater:
Tanzlokal mit neun Buchstaben!
Tanja:
Disco!
Vater:
Du solltest dir mal eines merken: Bevor du deine Sprechwerkzeuge in Gang setzt, solltest du
dein untrainiertes Hirn einschalten. Disco und neun Buchstaben! Willst du etwa noch vier O´s
dran hängen?
Tanja:
Fällt dir denn was ein? Du weißt doch noch nicht einmal, wie ein Tanzlokal von innen
aussieht. Du gehst ja nie tanzen, weil du Mama immer auf die Socken trittst.
Vater:
Meinst du etwa, ich wollte mir das Hirn aus dem Schädel dröhnen lassen? Und das, was ihr
Tänze nennt, dieses verhaltensgestörte Gehampel, dafür bin ich mir zu schade.
(Mutter betritt den Raum.)
Und Mama kann man das auch nicht zumuten.
Mutter:
Oooch, Eduard, wieso? So tanzt man eben in solchen Lokalen. Da kannst du dich richtig
entfalten. Das ist sogar kreativ.
Tanja:
Und nebenbei latscht dir nicht ewig einer auf die Quanten.
Vater:
Denkst wohl, ich wäre so ´n trotteliger Tanzbär, was? Hättest mich mal beim letzten
Betriebsausflug sehen müssen: Tango, Walzer, Marsch, Foxtrott! Aber das sind für euch
Küken doch alles Fremdwörter.
Tanja:
Mit diesen Steinzeit-Polkas könntest du in der Disco nicht mal die Klofrau begeistern. Da
musst du schon was bringen, Breakdance, zum Beispiel. Da musst du dich voll einbringen.
Mutter:
Kann ich mir auch vorstellen, Eduard. Da muss man auch Talent und Begeisterung
mitbringen. Das sieht alles so leicht aus. Aber mach es mal!
Tanja:
Lieber nicht, Mama. Da lernt ein Goldfisch eher Reckturnen als Papa Breakdance.
Vater:
Dusseliges Huhn! Die Disco scheint sowieso der einzige Ort zu sein, wo du noch was lernst.
Aber wenn du dich um eine Stelle als Arzthelferin bewirbst, sagst du einfach, du kannst
Breakdance. Dann bist du sofort engagiert.
Oma:
Karl, weißt du was dieses Breakdance ist?
Opa:
Guckst du denn nie VIVA? Das ist doch, wo die jungen Burschen mit dem Hintern den
Fußboden polieren und keiner weiß, wer mit wem tanzt.
Oma:
Ach, wo die Negerkinder sich immer auf der Mütze drehen?
Opa:
Ja, genau!
Tanja:
Mann, Opa! Was habt ihr alle für Vorstellungen von Breakdance!
Vater:
Die Amis werden schon wissen, warum sie den so nennen. Break heißt nämlich auf deutsch
brechen. Also Breakdance, weil man bei der ganzen Dreherei vermutlich den Brechreiz kriegt
oder weil er einfach zum Kotzen ist.
Mutter:
Eduard!
Vater:
Na, ist doch wahr! Die sollten ihren Kopf zum Denken benutzen und nicht als Drehscheibe!
Mutter:
Unsere traditionellen Tänze finde ich ja auch etwas gesitteter, aber die jungen Leute ...
Tanja;
Eure Tänze sind doch Klammerkreisel oder Hüpfen mit Anfassen. Da würd´ ich bekloppt,
wenn mir beim Tanzen ewig so ´n Typ mit seiner feuchten Patschhand auf dem Rücken rum
rutscht und mir die rechte Hand festhält. Dann hauchen sie dir noch ihre Fahne ins Gesicht
und schieben dich von einer Ecke in die andere. Und wenn du dann noch an so ´n Typ wie
Papa gerätst, hast du am nächsten Morgen blaue Zehen.
Vater:
Du hast auch die Weisheit gepachtet mit deinen 19 Lenzen. Was biste denn, und was kannste
denn? Breakdance und Disco-Fox, oder wie das heißt. Und dann? Na? Nichts! Nichts kannste!
Nur hier rum nörgeln und deine Ernährer kritisieren! Du solltest dir mal ein Beispiel an
Klappers Heribert nehmen, wie der sich benimmt und wie nett der zu seiner Mutter ist!
Oma:
Das ist auch ein netter Kerl, der Heribert. Der ist genau wie du früher, Eduard. An dir hatten
früher auch alle ihre Freude.
Tanja:
Wie sich die Zeiten doch ändern!
Mutter:
Sei nicht so vorlaut, Tanja! Oma hat Recht. Dein Vater war früher wirklich ein ganz netter
Kerl. Und ich hab ihn auch heute noch gern.
Tanja:
Logisch! Du hast ihn dir ja auch selber ausgesucht. Und die Umtauschfrist ist schon lange
abgelaufen.
Opa:
Aber das stimmt mit dem Heribert. Der ist wirklich freundlich, höflich und hilfsbereit.
Tanja:
Hört doch auf! Heribert! Heribert! Den kannste in der Pfeife rauchen! Mann, der Typ ist total
verklemmt. Das ist ein Neurotiker!
Mutter:
Wie kannst du denn so was behaupten, Tanja?
Tanja:
Mensch, der kriegt doch schon feuchte Hände, wenn ihn irgendeine Tusse nach der Uhrzeit
fragt. Hättest ihn mal gestern in der Disco sehen müssen. Stand dumm da rum, zog sich mit
Bacardi-Cola zu und qualmte wie ein Steinkohlekraftwerk. Dass der nicht noch Fingernägel
kaut oder Daumen lutscht! Und dann sein Gelaber! Dann hab ich mal versucht, mich mit ihm
zu unterhalten. Aber der hat mich wie ´ne Aussätzige da stehen lassen. Da war natürlich der
Bock fett, und ich hab ihm mal geflüstert, was er im Grunde für eine Flasche ist, dieses
Weichei! Uns siehe da! Er zeigte plötzlich doch mal menschliche Züge. Er hat mir eine
geschallert, einfach so, blitzschnell. Das fand ich irgendwie toll, sogar richtig geil, dass so ein
Pudding-Tarzan mal seine Erziehung ... Tja, bei dem ist es ja eher Dressur. ... Dass so ein
Muttersöhnchen mal seine Dressur vergisst und sich normal verhält. ... Nur als ich ihm dann
auch eine gedröhnt hatte, ... Musste ich doch! ... zog er wieder ab wie ein begossener Pudel.
So ´ne Pfeife kannste eben nicht mehr ändern. ... Und so einen Warmduscher stellt ihr mir als
Vorbild hin!
Vater:
(ruft erfreut) Thek!
Mutter:
Was sagst du, Eduard?
Vater:
Thek! Thek fehlte noch!
Oma:
Wer ist dieser Thek?
Vater:
Dis – co – thek! Na, Tanzlokal mit neun Buchstaben!
Mutter:
Discothek hat aber, glaub´ ich, neun Buchstaben.
Vater:
Ja, eben! Deshalb schreib ich ´s ja auch hin!
(An der Haustür schellt es, aber niemand reagiert darauf. Es schellt erneut.)
Ob hier wohl mal einer aufmacht?
Mutter:
Tanja, gehst du denn mal bitte?
Tanja:
Wieso immer ich? Sonst hab ich hier doch auch nichts zu melden. Und jetzt soll ich plötzlich
Hoheitsrechte ausüben? Das ist doch eure Bude. Dann müsst ihr sie auch selber aufmachen.
Oma:
Eduard, kann es sein, dass es geschellt hat?
Opa:
Ich dachte schon, beim Jauch hätte es geklingelt.
Vater:
Ja, Mutter, es hat geschellt. Wir wissen nur noch nicht, für wen.
(Tanja steht auf und will zur Tür gehen.)
Tanja:
Na gut, der Klügere gibt nach.
Vater:
Setz dich hin! Dann muss ich gehen.
(Vater verlässt den Raum, um die Haustür zu öffnen.)
(im Hintergrund) ´n Abend, Gerd! Du noch?
Gerd:
Ja, mein Vater lässt fragen, ob Sie morgen eine Stunde früher anfangen können, wegen dem
China-Auftrag. Na ja, und dann wollte ich Tanja noch eben guten Abend sagen.
Vater:
Tu das, aber sei vorsichtig! An die kannste dich heute nur mit Knüppel und Peitsche wagen.
Tanja:
(ruft hinaus) Ja, ja! Jetzt fehlt nur noch der blöde Spruch: Gehst du zum Weibe, vergiss die
Peitsche nicht!
Gerd:
So schlimm wie gestern in der Disco wird ´s ja wohl nicht sein, nach dem, was ich von Jutta
gehört habe.
(Vater und Gerd betreten den Raum.)
Tanja:
Macht Papa mich wieder schlecht?
Gerd:
´n Abend, Frau Stumpf!
Mutter:
Hallo, Gerd! Kannst deinem Vater bestellen, dass mein Mann morgen früher kommt.
(Gerd geht auf Tanja zu und begrüßt sie mit einer innigen Umarmung und einem Kuss.)
Gerd:
Hallo, Mäuschen!
Vater:
Fängt das schon wieder an! Bei euren erotischen Darbietungen könnten wir eigentlich den
Fernseher abmelden.
Mutter:
Sei doch nicht so prüde, Eduard! Ein Kuss ist doch harmlos. Guck mal, in Italien und
Frankreich und sogar in Russland begrüßen sich doch alle so. Musst ja nicht hingucken.
Vater:
Ja, ja! Immer weggucken, immer die Augen zumachen, alles übersehen! Und dann, ... dann, ...
eines Tages ...
Oma:
(begeistert von der Fernsehsendung, ruft) Mach doch weiter, mach weiter!
Opa:
Dein Geld ist es ja nicht, Luzie!
(Es schellt an der Haustür, aber niemand reagiert. Es schellt erneut.)
Oma:
Warum klingelt das denn immer so beim Jauch?
Opa:
Das ist nicht beim Jauch, Luzie. Das ist wieder bei Stumpfs.
Oma:
Und warum macht keiner auf?
Mutter:
(ärgerlich) Ja, das wüsst´ ich auch mal gerne!
(Mutter steht demonstrativ auf und geht zur Haustür.)
(im Hintergrund) ´n Abend, Frau Klapper, ´n Abend Heribert! Ist irgendwas passiert?
Frau Klapper:
(aufgebracht) Und ob! Fragen Sie doch mal Ihre Tanja!
Mutter:
Kommen Sie doch erst mal herein!
(Mutter, Frau Klapper und Heribert betreten das Zimmer.)
Tut mir leid, Frau Klapper, aber ich weiß überhaupt nicht, um was es geht.
Frau Klapper:
Das kann ich mir vorstellen, dass sie nichts erzählt hat, dieses scheinheilige Biest!
Tanja:
Mannomann! Jetzt haben sie ´s mir aber gegeben! Heribert, sag du doch auch mal was! Oder
darfst du nicht?
Heribert:
Ja, ... also, ... ich wollte ... wir wollten ... meine Mutter wollte ...
Frau Klapper:
Sei du jetzt mal ruhig, Heribert! Lass mich das mal regeln!
Vater:
Darf man hier endlich mal erfahren, was los ist?
Frau Klapper:
Typisch, dass Sie von nichts wissen! Wann sehen Sie diese Rumtreiberin auch mal?
Heribert:
G – g – genau!
Tanja:
(zynisch) Gut, Heribert! Lass mal richtig Dampf ab! Sei mal ein richtiger Mann! ... Du
Karikatur!
Frau Klapper:
(zu Vater und Mutter) Da! Da! Jetzt haben Sie ´s gehört! So geht das schon seit Wochen!
Vater:
Was geht schon seit Wochen?
Frau Klapper:
Dass sie meinen Heribert fertig macht. Der ist ja schon völlig mit den Nerven zu Fuß, der
arme Junge!
Mutter:
Wie macht sie ihn denn fertig?
Frau Klapper:
Dauernd hänselt sie ihn. Die lässt ja gar nicht mehr von ihm ab.
Opa:
Sagen Sie doch mal schnell, was sagt sie denn immer?
Frau Klapper:
Zum Beispiel Schlappschwanz.
Opa:
Sonst nichts?
Vater:
Ja, sonst nichts?
Gerd:
Wie, ist das alles?
Mutter:
Na ja; ... Schlappschwanz.
Frau Klapper:
(noch aufgebrachter und erregter) Ich sehe schon, ich muss Ihnen die volle ungeschminkte
Wahrheit um die Ohren schlagen, obwohl ich mir eigentlich zu schade bin,
solche Vokabeln in den Mund zu nehmen.
(Frau Klapper zieht einen Zettel hervor, faltet ihn auseinander und liest vor.)
Also, hören Sie nur gut zu! Wie gesagt, Schlappschwanz, Muttersöhnchen, Pampers-Rocker,
Pumuckel, Gartenzwerg, Bettnässer, Milchbubi, Transuse, Schlappi, Softi, Träne, Versager,
Lachtablette, Traumtänzer, ... ja, und dann hab ich mir noch aufgeschrieben, sagt sie immer,
er sähe aus wie ein Klosterschüler. ...
Heribert:
Mama, du, Mama, u ... und Memme hat sie gesagt und Weichei, … gestern.
Gerd:
Olala! Ein paar davon kannte ich ja noch gar nicht!
Vater:
Und was hat Tanja jetzt ausgefressen?
Frau Klapper:
(in Rage) Wie? Reicht das noch nicht? Was würden Sie denn sagen, wenn Sie einer so nennt?
Vater:
Zuerst einmal würde ich überlegen, warum er mich so nennt!
Frau Klapper:
Mehr haben Sie wohl nicht dazu zu sagen?
Vater:
Nö, eigentlich nicht!
Tanja:
Wie sagt man so schön? Kommentarlos zur Kenntnis genommen!
Frau Klapper:
Heribert, du kannst aber auch mal was sagen!
Heribert:
Ja, Mama!
Tanja:
Sag mal, Heribert, hast du deiner Mutter auch von der Ohrfeige erzählt, die du mir verpasst
hast?
Frau Klapper:
Heribert! Was höre ich da? Du bist gewalttätig geworden? Schämst du dich denn gar nicht?
Machst dir an diesem Luder die Finger schmutzig!
Vater und Tanja:
Hö – hö!
Mutter:
Also, Frau Klapper, bei aller Nachbarschaft und bei allem guten Willen! Das Luder nehmen
Sie zurück!
Frau Klapper:
Das fällt mir im Traum nicht ein! ... Es sei denn, Tanja entschuldigt sich bei meinem Sohn!
Vater:
Mann, Tanja, tu ihr den Gefallen! Ich will endlich meine Ruhe haben.
Tanja:
Wie die Herrschaften wünschen!
(Tanja geht auf Heribert zu und reicht ihm die Hand)
Also, mein lieber Heribert, Entschuldigung! ... So, und jetzt du!
Frau Klapper:
Was soll das denn heißen? Wofür soll sich Heribert denn entschuldigen?
Tanja:
Für die Handbeschmutzung, liebe Frau Klapper, für die Gewalttätigkeit, oder wie sie das in
ihrem pädagogischen Gesamtkonzept auch immer zu nennen geneigt sind!
Frau Klapper:
Was hast du einmal ein freches Mundwerk! ... Aber ganz Unrecht hast du da nicht. Heribert!
Los! Entschuldige dich! Wird ´s bald?
Heribert:
Ja, Mama! ... Also, ...
Tanja:
Menschenskind! Darf er das denn nicht selbst entscheiden? ... Heribert, du entschuldigst dich
nur bei mir, wenn du es wirklich willst! Sonst verzichte ich drauf.
Heribert:
Gut! ... Ich will nicht!
Frau Klapper:
Heribert! Sofort entschuldigst du dich!
Heribert:
Ja, Mama! ... Nein, ich will nicht!
Tanja:
(beeindruckt) Super, Heribert! Bleib hart! Sei ein Kerl!
Frau Klapper:
Halt dich da raus, Tanja! ... Heribert, tu, was ich dir sage! Also, ich höre!
Heribert:
(energisch) Nein! Nein! Nein! Ich will nicht! Wegen einer blöden Ohrfeige!
Tanja:
(zu Frau Klapper) Genau! Das war eine ganz natürliche Reaktion! Da hat er endlich mal
gezeigt, dass noch was zu retten ist!
Frau Klapper:
So, Heribert, du kommst jetzt sofort mit!
Heribert:
Ja, Mama!
Frau Klapper:
Da werden wir uns zu Hause noch drüber unterhalten. (zu den anderen) Wiedersehen!
Heribert:
Tsch ... tschüss!
(Frau Klapper und Heribert verlassen überstürzt den Raum, ohne dass jemand die Gelegenheit
hat, sie an die Tür zu begleiten. Die Stumpfs schauen sich alle sprachlos und etwas
konsterniert an.)
Opa:
Gut, dass sie weg ist! Den ganzen Jauch hat sie mir versaut, diese Nervensäge!
Oma:
Und die Fragen hab ich alle nicht verstanden.
Mutter:
Oma, die verstehst du doch sonst auch kaum:
(Es schellt wiederum an der Haustür.)
Oma:
Also, immer dieses Geklingel bei RTL!
Vater:
Tanja, los!
Tanja geht hinaus, um die Haustür zu öffnen.)
Tanja:
(im Hinausgehen) Immer ich! Kassieren das dicke Kindergeld für mich, und ich darf hier den
Butler spielen! (im Hintergrund) Willst du verreisen, oder was ist los?
Jutta:
Ne, Quatsch! Ich muss dringend mit euch sprechen.
(Tanja und Jutta betreten das Zimmer. Jutta trägt eine voll bepackte Reisetasche.)
Vater:
Ach, Jutta, du noch? Dein Handtäschchen ist aber heute ein bisschen groß geraten, oder?
Jutta:
Nein, nein, Herr Stumpf! Ich wollte mal fragen, ob ich diese Nacht bei Ihnen schlafen kann.
Mutter:
Jutta!
Vater:
(grinsend) Was, bei mir? Was denkst du dir eigentlich dabei, hä?
Jutta:
Nicht bei Ihnen, in Tanjas Zimmer!
Gerd:
Nanu, Jutta, wird dein Zimmer renoviert?
Jutta:
Schön wär ´s. Ich hatte unheimlichen Zoff zu Hause.
Gerd:
Hast du denn was ausgefressen ... oder ´ne Fünf nach Hause gebracht?
Jutta:
Iwo! Wir waren doch gestern in der Disco. Da hat doch der Heribert der Tanja eine geknallt ...
und sich auch eine gefangen, nö? Der war nachher so fertig, den musste ich erst mal wieder
beruhigen. Ich hab etwas mit ihm geredet und getanzt, ... und dabei habe ich nicht auf die Uhr
geguckt. Und da ist es eben etwas später geworden. Und mein Alter hat nicht das geringste
Verständnis dafür, dass man mal ein paar Minuten später kommt.
Tanja:
Wie viele Minuten waren es denn?
Jutta:
94! Und dann gleich zwei Wochen Stubenarrest! Die sollten lieber Hunde dressieren als
Kinder erziehen!
Vater:
Da hast du aber Glück gehabt, dass ich nicht dein Vater bin.
Tanja:
Das Pech habe ich auch nur, na ja, und Anita. Aber die ist ja fein aus dem Schneider, ist
glücklich mit Rainer verheiratet, unterliegt nicht mehr der väterlichen Fürsorgepflicht und
freut sich auf ihr Baby.
Mutter:
Überleg mal, Jutta, deine Eltern machen sich doch sicher jetzt Sorgen. Die müssen doch
wissen, wo du bist. Soll ich sie mal eben ...
Jutta:
Dann hau ich sofort wieder ab!
Vater:
Du machst deine Lage nur noch schlimmer. Hier kannst du nicht bleiben. Deine Eltern haben
ein Recht darauf zu erfahren, ...
Jutta:
Entweder darf ich hier ´ne Nacht pennen, oder ich hau sofort wieder ab. Zu diesen Tyrannen
bringt mich keiner mehr!
Oma:
Wohnt Jutta jetzt bei uns, Karl?
Opa:
Nein, Luzie, die ist ausgebüchst. Die Kinder haben eben heute nicht mehr so ein Elternhaus
wie unser Eduard früher.
Gerd:
So geht ´s ja auch nicht, Jutta. Du bringst doch Herrn Stumpf in Teufelsküche.
Vater:
Du hast es erkannt, Gerd. Ich würde ihr ja gern helfen, aber ich trage jetzt die Verantwortung.
Gerd:
Versetz dich doch mal in Herrn Stumpfs Lage! Wenn Tanja jetzt zu euch abgehauen wäre,
würde er von deinem Vater doch auch mit Recht erwarten, dass er ihm Bescheid sagt.
Tanja:
Stell dir mal vor, deine Eltern springen im Dreieck, und Papa lässt dich hier in aller
Seelenruhe übernachten. Das wär doch eine Sauerei deinen Eltern gegenüber.
Jutta:
Ja, ja, aber ... Darüber habe ich eigentlich gar nicht nachgedacht.
Mutter:
Soll ich nicht doch mal ruhig mit deinen Eltern reden? Das sind doch keine Unmenschen, wie
ich sie kenne.
Gerd.
Das wäre die beste Lösung. Sie werden dir ja nicht gleich die Rübe abhacken.
Mutter:
Hast du denn deinen Eltern überhaupt erzählt, warum du zu spät gekommen bist?
Jutta:
Ich hab ´s versucht. Aber mein Oller ist ja gleich ausgerastet und hat auf Randale gemacht.
Der hätte nicht mal ´ne A-Detonation zur Kenntnis genommen.
Gerd:
Aber im Grunde hast du dich doch fantastisch verhalten, mit Heribert und so. Wenn deine
Eltern das wüssten, ...
Tanja:
Aber wie, wenn mein Daddy mir gleich ´n paar dröhnt, bevor ich überhaupt „Pap“ sagen
kann?
Gerd:
Und wenn Frau Stumpf deinen Eltern alles in Ruhe am Telefon erzählt?
Jutta:
Ja, würden Sie das denn für mich tun, Frau Stumpf?
Mutter:
Das schlage ich dir doch schon die ganze Zeit vor. Also, ich klingle mal eben bei euch an.
(Frau Stumpf steht auf, um den Raum zu verlassen.)
Jutta:
Nehmen Sie ´s aber nicht persönlich, wenn mein Vater am Telefon erst mal rum blubbert und
verrückt spielt!
Mutter:
Nein, nein, das kann man ja auch verstehen.
(Frau Stumpf verlässt den Raum.)
Jutta:
Oha! Das gibt aber noch ´n Tanz!
Tanja:
Glaub ich gar nicht. Dein Vater ist doch irgendwie vernünftiger als meiner.
Vater:
(ironisch) Ha – ha – ha! Ein Vater ist immer so vernünftig, wie seine missratenen Blagen ihn
sein lassen. Verhalte dich wie ´ne Erwachsene, dann wirst du auch so behandelt. Aber geistig
kommst du ja über Viva-Reife nicht hinaus.
Tanja:
Alles erblich!
Jutta:
Ich wollte aber nicht, dass ihr euch jetzt in die Haare kriegt.
Gerd:
Das wollte ich dir übrigens immer schon mal gesagt haben, Tanja. Ich finde das nicht gerade
schön, wie du manchmal mit deinem Vater sprichst.
Jutta:
Ja, da hat er eigentlich Recht.
Tanja:
Ach so läuft der Hase! Jetzt bin ich auf einmal der Sündenbock! Schön! Wunderschön!
Schöne Freunde habe ich!
(Mutter kommt gut gelaunt und entspannt ins Zimmer zurück.)
Mutter:
Alles klar, Jutta! Dein Vater hat gesagt, er wollte morgen noch mal in Ruhe über alles mit dir
reden. Du solltest keine Angst haben. Und diese Nacht darfst du sogar bei uns bleiben.
Jutta:
Waaas? ... Sie haben gar nicht angerufen!
Mutter:
Doch, doch!
Jutta:
Und Sie sind sich absolut sicher, dass Sie mit meinen Eltern gesprochen haben?
Mutter:
Absolut!
Vater:
Da staunt ihr, was? Ihr Rotznasen! Väter sind eben nicht immer die Bestien, Mütter übrigens
auch nicht. Das sind Wesen mit etwas mehr Grütze im Hirn, die sich Gedanken machen über
eure Zukunft. Aber das kriegt ihr in eure disco-geschädigten Spatzenhirne ja nicht rein.
(Aus dem Hintergrund hört man plötzlich den Gesang eines unüberhörbar Betrunkenen.)
Rainer:
(singt) Ihr Kinderlein, kommet .... Den Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee-Walzer tanzen ...
(Rainer betritt den Raum, singt dabei weiter und greift sich Frau Stumpf zum Tanz.)
Jutta:
Mann, der ist ja total zu.
Mutter:
Hör auf, Rainer! Da fällt man ja um bei deinem Atem!
Rainer:
(etwas lallend) Ich liebe euch alle! Ich will mit euch einen trinken.
Vater:
Sag mal, Rainer, spinnst du! Anita ist im siebten Monat schwanger und kommt nicht aus dem
Haus, ... und du lässt dich einfach voll laufen!
Rainer:
Falsch, mein lieber Schwiegervater! Alles falsch!
Vater:
Bist du etwa nicht betrunken?
Rainer:
Na ja, aber nur so ´n kleines Bisschen!
Mutter:
Und was ist dann alles falsch?
Rainer:
Falsch ist, liebe Schwiegermutter, falsch ist, ... dass Anita schwanger ist.
Mutter:
Du willst uns hier hochnehmen. Da gibt es doch wohl keinen Zweifel. Sicher ist Anita
schwanger!
Rainer:
Falsch! Meine Anita ist nicht schwanger! Wetten, dass?
Tanja:
Hey, Rainer, willst du etwa damit sagen, dass Anita schon ...
Rainer:
Genau, Tanja! ... Ach, Quatsch, Tante Tanja! Meinst du, dass Oma Walburga und Opa Eduard
dass auch noch schnallen?
Mutter:
Rainer, hat Anita etwa schon ein Baby bekommen?
Rainer:
Wieder falsch! Alles falsch!
Gerd:
Ja, Rainer, ich hab das aber auch so verstanden, dass Anita ein Kind gekriegt hat.
Tanja:
Ich auch!
Rainer:
Sagt mal, ihr alten Schweden, was heißt hier eigentlich eins? Doppelt genäht hält besser!
Zwei tolle Jungs auf einen Schlag! Na, Opa Eduard, das haut dich um, was?
(Allgemeiner Trubel! Alle stürzen auf Rainer zu, um ihm zu gratulieren. Alle reden konfus
durcheinander und wollen Einzelheiten wissen.)
So, Leute, jetzt sattelt die Kängurus! Jetzt lassen wir zusammen die Sau raus. Ich hab schon
beim Jonathan einen Tisch bestellt. Macht den Jauch aus, diesen Quatschkopf!
(Es schellt an der Haustür.)
Ich mach schon auf.
(Rainer geht hinaus, um die Haustür zu öffnen.)
(im Hintergrund) Ei, wer ist denn da? Die gute alte Frau Klapper und der liebe Heribert!
Frau Klapper:
´n Abend, Rainer!
(Frau Klapper und Heribert kommen ins Zimmer, Rainer kommt ziemlich unbeteiligt nach.)
(zu Herrn und Frau Stumpf) Ach, eigentlich hat sich die Sache schon erledigt. Ich wollte
Ihnen nur sagen, dass Rainer unten auf der Straße rum grölt, aber jetzt ist er ja gut
aufgehoben.
Mutter:
Danke, Frau Klapper, dass Sie sich so um Rainer sorgen.
Frau Klapper:
Was ist denn los? Ist irgendwas Besonderes?
Rainer:
Stellen Sie sich mal vor, liebe Frau Klapper, der tolle Rainer hat zwei kleine Heriberts in die
Welt gesetzt, ... wunderschöne Siebenmonatskinder, 3100 und 2800 Gramm schwer, beide
topfit wie der Papa, Mama wohlauf, Papa voll! Noch Fragen?
Frau Klapper:
Gratuliere, Rainer! Das find ich ja toll. Ist aber gut, dass sie schon im siebten Monat
gekommen sind! Wie schwer wären die sonst noch geworden? Arme Anita!
Rainer:
Das hatte Rainer schon alles voll im Griff. Aber ich will hier ja keine Tricks verraten.
Frau Klapper:
(grinsend) Ah, ich kapiere!
Vater:
Und ich langsam auch! Ihr habt uns ja ganz schön an der Nase rumgeführt.
Rainer:
Vergiss es! Rien ne va plus! … Also, wer geht mit zum Jonathan ?
Alle außer Oma, Frau Klapper und Heribert:
Ich! / Ich geh auch mit. / Ich auch ...
Oma:
Wie, Karl, du auch?
Opa:
Luzie, Uropa wirst du nicht alle Tage und Doppel-Uropa noch seltener.
Oma:
Na, dann geh mit! Aber trink dir erst ´n Underberg! Rainer, sei mir bitte nicht böse, wenn ich
hier bleibe! Ich muss sofort ins Bett.
Rainer:
Ach, wo! Ich trinke für dich mit. In Reihe folgen! Ohne Tritt, Marsch! Klappers gehen
natürlich auch mit, logo!
Frau Klapper:
Danke für die Einladung, Rainer! Wir nehmen gern an.
Rainer:
Rührt euch, ein Lied! ... (stimmt an) Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön, ...
(Alle außer Oma verlassen ausgelassen und singend den Raum. Oma vergewissert sich, dass
alle weg sind, holt eine Flasche Weinbrand hervor, schüttet sich ein Gläschen aus und nimmt
genussvoll ein Schlückchen aus dem Glas. Licht aus! Vorhang!)