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Papa ist schwanger

(oder: Oma im Kreuzverhör)


Einakter über das Rollenverhalten von Mann und Frau

Autor: Hans-Georg Kraus

Wie würde sich unsere Gesellschaft verändern, wenn auch Männer Kinder
gebären könnten? Wie wäre es um die Emanzipation bestellt? In einer
augenzwinkernden Zukunftsvision wird die fiktive Situation durchgespielt.
Dabei geraten die heutigen Zustände und Regelungen in ein zweifelhaftes
Licht.
Zur Auflockerung können zwischendurch passende Schlagertitel eingespielt
werden, nach denen die Darstellerinnen sich bewegen.

Spielort: In einem geräumigen Zimmer einer Wohnung


Spielzeit: ca. 25 Minuten
Altersgruppe: Erwachsene

Rollen:
Svenja
Pia
Alina
Theresa
Oma
(Svenja, Pia, Alina und Theresa sind Geschwister)

Svenja, Pia, Alina und Theresa, alle in modernem Gymnastik-Outfit, machen nach flotten
Rhythmen (Step-) Aerobic. Einige Möbelstücke haben sie aus Platzgründen beiseite geräumt.
Der Musiktitel klingt aus, und die Darstellerinnen nehmen mehr oder weniger erschöpft
irgendwo Platz, nehmen ihre Handtücher zur Hand, hängen sie über die Schultern oder
wischen sich damit durchs Gesicht.

mögl. Musikeinspielung: Refrain des Titels „Die Mama kriegt schon wieder ´n Kind“ (Bläck
Föös)

Svenja:
Sagt mal, liebe Schwestern, habt ihr überhaupt schon mitgekriegt, dass Papa schwanger ist?
(Pia, Alina und Theresa schauen Svenja völlig verwundert an)

Pia:
(zuerst einmal sprachlos)
Wie? Was? ... Papa? ... Schon wieder? ... In seinem Alter?

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Alina:
(zu Svenja)
Ich werd verrückt! ... (neugierig) Los, erzähl doch mal!

Svenja:
Ja, nun, ... was gibt ´s da groß zu erzählen? Schwanger ist schwanger! ... Mama hat ´s mir
heute Morgen erzählt, zum Beispiel dass er vor drei Wochen beim Arzt war.

Alina:
(fassungslos)
Wie? ... Vor drei Wochen ist die Schwangerschaft schon eingeleitet worden? Und keinem
haben sie ´s verraten?

Svenja:
So ist es! Und gestern bei der Untersuchung war alles okay. Es wird ein Brüderchen.

Theresa:
(bewundernd)
Nanu? ... Ein Brüderchen? ...(grinsend) Hat er sich endlich mal gegen Mama durchsetzen
können?

Oma kommt im Kostüm, mit Einkaufstaschen bepackt, vom Einkaufen, schaut die Mädchen
freundlich an.

Oma:
(zu allen)
Ah, die Ladies wieder beim Workout! ... (freundschaftlich) Seid ihr immer noch nicht schön
genug?

(Alle vier laufen aufgeregt auf Oma zu. Jede möchte ihr die Neuigkeit zuerst erzählen)

Svenja, Pia, Alina, Theresa:


(aufgeregt, ungeordnet, durcheinander und hektisch)
Oma! Oma! Oma! ... Oma, weißt du schon das Neueste? ... Oma, hast du schon gehört? ...
Oma, halt dich fest! ... Wir müssen dir unbedingt was erzählen!

Oma:
Langsam, langsam, Kinder! ... So kann ich keine von euch verstehen! ... Was gibt ´s denn so
Aufregendes?

Alina:
Oma, hast du schon gehört? Paps ist schwanger! Wir kriegen endlich einen Bruder!

Oma:
(beruhigend und gelassen)
Ja, ja, ich weiß schon. Er hat es mir vor einer Woche erzählt.

Theresa:
(zu allen, nachdenklich)
Armer Paps! ... Jetzt muss er wieder Monate lang zuhause rumhängen und sich um den
Kleinen kümmern.

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Pia:
So schlimm ist es ja auch nicht! ... Er kann sich ja morgens mit den anderen Vätern in
der Krabbelgruppe treffen, wenn die Hausarbeit getan ist und der Kleine versorgt ist.
Schließlich hat er es ja auch so gewollt.

Svenja:
(zu Pia) Ja, schon! Aber ... (zu Oma) Sag mal, Oma, hast du damals Paps gekriegt, oder war
das Opa?

Oma:
Nein, den hab ich noch gekriegt. Damals war die Medizin noch nicht so weit. Da haben erst
ganz wenige Männer versuchsweise Kinder zur Welt gebracht.

Pia:
(etwas erstaunt)
Soll das etwa heißen, dass ganz, ganz früher nur die Frauen Kinder zur Welt bringen konnten?

Oma:
Natürlich! ... Ich weiß noch, da war ich gerade drei oder vier, da hab ich auf der Straße zum
ersten Mal eine schwangere Frau mit einem dicken Bauch gesehen. Da hab ich meine Mutter
noch gefragt, ob eine Frau platzen kann.

Theresa:
Das muss aber schon eine Ewigkeit her sein?

Oma:
Das kann man wohl sagen! ... Das war gerade zu der Zeit, als Germany noch in zwei Teile
aufgeteilt war. Damals hieß das auch noch Deutschland.

Svenja:
Wie, das gab ´s damals?... Und Deutschland! (verächtlich) Wie das klingt!

Oma:
Und ob es das gab, ungefähr fünfzig Jahre lang! ... Auf jeden Fall, das war ungefähr zur
selben Zeit wie mit der schwangeren Frau, meine ich, und wie sie aus den zwei Deutschlands
eins gemacht haben. ... Ich weiß noch, wie mein Vater damals den ganzen Tag mit so ´ner
schwarz-rot-goldenen Kappe rumgelaufen war und fürchterlich besoffen war.

Mögl. Musikeinspielung: „Lang, lang ist ´s her – lang, lang ist ´s her“ (alter Schlager)

Alina:
(ungeduldig zu Oma)
Erzähl doch mal weiter mit dem Kinderkriegen! ... Da konnte ein Paar nie aussuchen, wer von
beiden das Kind kriegt?

Oma:
Nein, mein Kind! ... Das funktionierte früher rein biologisch, ... unkontrolliert, wenn man so
will. ... Aber nur bei den Frauen!

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Svenja:
Du, sag mal, Oma, konnten die Ärzte denn damals keine geordnete Schwangerschaft
einleiten?

Oma:
Wo denkst du hin? ... Das haben die Leute alles selbst gemacht.

(Pia, Alina und Theresa schauen sich entgeistert an)

Theresa:
(zu allen)
Oha! ... Was für Zustände!

Mögl. Musikeinspielung: „Rucki-zucki“ (Ernst Neger)

Oma:
(mit dem Zeigefinger abwinkend, zu allen)
Und ich will euch erst gar nicht erzählen, wie das vonstatten ging. Sonst kommt ihr später
noch auf die Idee, das auch einmal zu versuchen!

Theresa:
Ja, ... aber ... die Leute waren doch gar keine ausgebildeten Mediziner?

Oma:
(grinsend)
Ganz und gar nicht! Es war aber auch so einfach, ... ja ... so verblüffend einfach, dass es jeder
Idiot konnte. Und es wurde sogar erzählt, dass es den Leuten sogar Spaß gemacht hat.

Pia:
Ich könnte mir denken: Wenn nur die Frauen die Kinder kriegen konnten, hatten es die
Männer ja unheimlich gut. Es konnte dann ja keiner von denen verlangen, wenigstens mal
eines zwischendurch zu kriegen.

Svenja:
Ja, genau! ... Die konnten da ja unheimlich sicher sein. ... Die brauchten ja gar keine
Rücksichten zu nehmen.

Oma:
(zu Pia und Svenja)
So war es auch. ... Die Frau kriegte alle Kinder – basta!

Alina:
Wenn das heute auch noch so wäre, dann hätten wir ja eine richtige Zweiklassengesellschaft,
könnte ich mir vorstellen. Die Frauen kriegen die Kinder, und die Männer brauchen sich um
nichts zu kümmern.

Oma:
So ähnlich war das auch früher, als ich noch ein kleines Kind war.

Theresa:
Hast du denn alle deine Kinder selbst gekriegt?

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Oma:
Na klar, alle sieben! ... Opa wollte zwar auch immer mal, aber damals musste man die
Nachrüstung des Mannes aus eigener Tasche bezahlen. Und das Risiko war damals auch noch
zu groß, weil das Verfahren noch nicht so richtig ausgereift war.

Mögl. Musikeinspielung: „Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld, ...?“ (Karnevalslied)

Theresa:
Dann hatte Opa mit Erziehung und Hausarbeit und so was gar nichts am Hut?

Oma:
Doch, geholfen hat er damals auch schon ein Bisschen, Staub saugen und spülen und so was.

Pia:
Du, sag mal, Oma, habt ihr denn damals die Schwangerschaft auch noch nach der alten
Methode eingeleitet?

Oma:
(schaut verlegen auf den Boden)
Ich muss es zugeben, ... ja!

(Svenja, Pia, Alina und Theresa fangen schallend an zu lachen und machen sich über Oma
lustig)

Pia:
Nach dieser idiotischen Billig-Methode, die den Leuten so ´n Spaß gemacht haben soll?

Svenja:
(zu Pia, spöttisch)
Musste wohl Spaß machen! ... Wie kommt man sonst auf sieben?

Oma.
(zu Pia und Svenja)
Ja, ihr wisst schon, man überlegte zu wenig und ... Na, ihr wisst schon!

Pia:
(etwas ungeduldig)
Nee, Oma, wir wissen eben nichts!

Oma:
(zu allen)
Na ja, wenn Opa mich damals fragte, ob wir ... Nun ja, man kann ja auch nicht immer nein
sagen!

Pia:
(energisch und etwas aggressiv)
Wieso Opa, verdammt noch mal! Was hatte der damit zu tun?

Mögl. Musikeinspielung: „Ganz ohne Männer geht die Chose nicht“ (alter Schlager)

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Oma:
Ach ja, das hatte ich euch noch nicht erzählt. ... Bei dieser alten Methode mussten Mann und
Frau das immer gemeinsam machen. Allein war da nichts möglich.

Alina:
Oje! Wann hatte man denn überhaupt Zeit für so was, wenn man sich da jedes Mal zusammen
tun musste?

Oma:
Das war eigentlich nie ein Problem. Dafür war oft Zeit. Die nahm man sich einfach.

Theresa:
Du kannst doch eigentlich nie Zeit gehabt haben: Erst einmal der Beruf, dann die Kinder aus
dem Kindergarten holen, Hausaufgaben! Du musst doch ständig im Einsatz gewesen sein?

Oma:
(zu allen)
Kinder, ihr könnt euch das heute kaum vorstellen. Es war alles anders als heute, ... mit dem
Beruf, zum Beispiel. Ich hatte zwar auch einen gelernt, hatte aber erst gar nicht in dem Beruf
gearbeitet.

Theresa:
(verunsichert)
Ja, aber irgendwer musste doch das Geld verdienen?

Oma:
Klar, Opa!

Alina:
(ungläubig)
Moment mal! Das hört sich ja an, als wenn Opa den ganzen Tag im Beruf war, und du hast
dich zuhause gelangweilt. Was hast du denn den ganzen Tag gemacht?

Oma:
Gearbeitet, mein Kind! Sieben Kinder, das war Arbeit, sogar harte Arbeit. Opa wusste damals
ganz genau, dass er den besseren Teil erwischt hatte.

Mögl. Musikeinspielung: „Das Bisschen Haushalt ...“ (Schlager)

Svenja:
Ich könnte mich kaputt lachen! Den ganzen Tag zuhause! Keinen Beruf! Wenn deine Kinder
in der Schule und im Kindergarten waren, da warst du ja allein zu Haus! Das muss doch öde
gewesen sein.

Oma:
Ich war nie allein, morgens vielleicht mal für 3 bis 4 Stunden. Da war ich auch froh, dass
mich keiner bei der Arbeit störte. Aber mittags kamen die Kinder.

Pia:
Mittags? Was wollten die denn um diese Zeit zuhause?

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Oma:
Essen zum Beispiel.

Pia:
Hat ´s denen denn in der Schule nie geschmeckt? ... Ist doch idiotisch, nur zum Essen
zwischendurch nach Hause zu kommen!

Oma:
Nein! Nicht zwischendurch! Mittags war Schulschluss, dann waren die Kinder zuhause. Und
der Kindergarten schloss auch punkt 12 und machte dann nachmittags noch mal kurz auf.

Alina:
Dann haben alle deine Kinder, also Paps und seine Geschwister, jeden Tag zuhause gegessen?

Oma:
Jetzt hast du es richtig verstanden, Alina! Denn in der Schule und im Kindergarten gab ´s
damals noch kein Essen. Das mussten die Frauen zuhause kochen.

Svenja:
(regt sich auf)
Wieso denn die Frauen, verdammt noch mal? ... Gut! Dass nur Frauen Kinder kriegen
konnten, leuchtet mir ja ein, ... aber kochen und die anderen Sachen zuhause, das können doch
auch Männer. Heute tun das doch fast nur noch die Männer!

Oma:
Ja, Svenja, die Frage habe ich mir früher auch oft gestellt. ... Aber eine logische Antwort? ...
Die gab ´s eigentlich kaum.

Pia:
Ja, ... aber irgendjemand hat dir doch gesagt, dass du zuhause bleiben sollst und nicht im
Beruf arbeiten?

Oma:
(ergriffen)
Oh, Kinder! Bitte nicht dieses Thema! ... Das macht mich im Nachhinein immer noch so
traurig.

Theresa:
(zu allen)
Also, mich macht das nicht traurig, mich macht das rasend, wenn ich das so höre! ...
(zu Oma) Hast du denn nicht mal versucht, mit Opa über eine gerechte Regelung zu sprechen?

Oma:
Da wurde nicht drüber gesprochen, das war einfach so. Eine Generation übernahm das so von
der älteren, praktisch über Jahrhunderte.

Alina:
(etwas zynisch)
Da gingen also alle Männer Geld verdienen, und alle Frauen mussten zuhause bleiben, ... und
keiner wusste so genau warum. Toll!

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Oma:
(etwas kleinlaut)
Doch, wegen der Kinder!

Theresa:
(geht unruhig auf und ab)
Jetzt merke ich aber so langsam, dass mir der Kamm schwillt! ... Oma! ... Jetzt sei doch mal
ehrlich! Was haben denn Essen kochen und andere Hausarbeiten mit Kindern zu tun? ...
Nichts! ... Oder?

Oma:
Reg dich doch nicht auf, Theresa! ... Aber die Betreuung und Erziehung der Kinder ...

Pia:
(unterbricht Oma, zu allen)
... können Männer genau so gut wie Frauen! Das sieht man doch überall bei uns heute.
(zu Oma) Also, Oma, Butter bei die Fische! Warum durftest du nicht das Geld verdienen, wie
sich das gehört?

Mögl. Musikeinspielung: „Money, money, money ...“ (ABBA)

Oma:
(fühlt sich etwas unter Rechtfertigungsdruck, zu allen)
Ja, ... selbst wenn ich das mit aller Gewalt gewollt hätte, ... nun, es hieß immer – Vielleicht
war ´s ja auch Unsinn. – aber es hieß: Wer die Kinder kriegt, hat sich auch gefälligst drum zu
kümmern. Und das waren damals nur die Frauen.

Svenja:
Und wer hat das so bestimmt? Opa?

Oma:
Nein, das war einfach so. Das wurde einfach so vorausgesetzt. Das fing damals so langsam
an, dass Frauen im Beruf arbeiteten. Am Anfang gab es da so lächerliche Minijobs, um die
Frauen etwas ruhig zu halten. Aber egal wie, Hausarbeit und Kindererziehung hatten sie
zusätzlich zu tun.

Alina:
(sehr nachdenklich, langsam sprechend)
Du hast doch gesagt, dass Männer auch irgendwie an den Kindern beteiligt waren, so
irgendwie bei der Einleitung der Schwangerschaft, (zynisch) die ja wohl einen Irrsinns-Spaß
gemacht haben muss. (wieder sachlich) Du willst uns ja nichts darüber verraten. ... Aber wenn
die doch da auch mitgemischt haben, dann ist doch das Argument mit den Kindern ... wie soll
ich sagen? ... bekloppt! Da hätten doch genau so gut auch die Männer ... mein ich ...

Oma:
Du hast sogar völlig Recht, Alina. ... Aber die Männer verdienten viel mehr Geld, sogar oft
für die gleiche Arbeit.

Theresa:
(aufgebracht und laut, wild gestikulierend)
Oma, hör auf! ... Es ist zwar nicht mein Bier, aber ich merke schon, und das bringt mich auf

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die Palme, dass sie dich und deine Altersgenossinnen auf eine ganz billige Tour verarscht
haben!

Oma:
(beruhigend)
Jetzt bist du aber etwas hart.

Theresa:
(immer noch empört)
Na hör mal! ... Wieso kriegten die Frauen weniger Geld? ... Erzähl mir jetzt bitte nur nicht:
Das war einfach so!

Oma:
Doch, das war wirklich so. Damals gab es nur bestimmte Berufe, die von Frauen ausgeübt
wurden. Und da wurde nicht so gut gezahlt. Also ging in den Familien immer der seinem
Beruf nach, der am meisten Geld verdienen konnte.

Pia:
(ironisch)
Der Mann, natürlich! ... Ich glaube, ich fange an, das System zu verstehen! ... Mensch, da
musste man sich als Frau doch minderwertig oder zweitklassig vorgekommen sein!

Svenja:
Und bekloppt musste man werden! Den ganzen Tag nur für Hausarbeit und Kinder da sein
- keine Arbeitskollegen, kein eigenes Geld – und den ganzen Tag warten, bis der Mann
Feierabend hatte und noch etwas helfen konnte!

Oma:
Nee, nee, du! Geholfen haben die dann nicht mehr. Die waren ja kaputt und abgespannt von
der Arbeit. Die Mann hat erwartet, dass die Frau, wenn sie schon zuhause bleibt, auch
zuhause alles allein auf die Reihe kriegt. ...

Mögl. Musikeinspielung: „Macho, Macho ...“ (R. Fendrich)

Svenja:
(zu allen)
... und hat immer schön dafür gesorgt, dass alles so bleibt. ... Mein Gott, Oma, da hätte ich
Opa damals aber Dampf gemacht. Da hätte ich aber wenigstens ein paar Stunden im Beruf
arbeiten wollen.

Oma:
Das habe ich damals sogar auch, als die Kleinsten in der Schule waren. Aber immer nur zwei
Tage in der Woche. Aber die Kinder waren immer das Problem.

Alina:
Ja, ja, die waren ja ab Mittag schon zuhause. ... Wer hat sich denn um die gekümmert, wenn
du berufstätig warst?

Oma:
Oh, das war ein ständiges Wurschteln und Improvisieren: Mal sprang meine Mutter für ein
paar Stunden ein, mal hatte Opa Nachtschicht und war deshalb noch zuhause. ...

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Theresa:
... Und hat für alle Essen gemacht?!

Oma:
Bist du verrückt? ... Das war damals unter der Würde eines Mannes, Hausarbeit zu machen,
und erst recht, Essen zuzubereiten. ... Nein, ich musste schon am Tag vorher alles vorbereiten.

Theresa:
Mein lieber Harry! ... Was waren das damals Machos! ...Hattet ihr denn keine
Aufgabenteilung in der Familie?

Oma:
Doch, sicher, die hatten wir: Opa ging seinem Beruf nach, ich hatte mich um Haushalt und
Kinder zu kümmern.

Alina:
(laut) Das hatten wir doch schon, Oma! ... (wieder ruhiger) Wie hattet ihr denn die Aufgaben
verteilt, als du berufstätig warst?

Oma:
(verwundert)
Hab ich dir doch gerade gesagt, Alina.

Alina:
(enttäuscht)
Also hatte sich nichts geändert! ... Sei mir nicht böse, Oma, dann warst du damals ein
ausgesprochen dämliches Schaf!

Pia:
(vorwurfsvoll)
Nun mach Oma nicht so an, ja! ... Sie konnte doch auch nichts dazu! Wie sollte sie denn an
diesen ungerechten Verhältnissen was ändern?

Alina:
(aufgebracht, wild gestikulierend)
Die Schnauze auftun! Randale machen! Boykott! Streiken! Opa die Brocken hinwerfen!

Mögl. Musikeinspielung: „Ich sprenge alle Ketten“ (Ricky Shane)

Oma:
Das klingt heute alles so einfach, aber so einfach war das nicht. Die Frauen hatten damals
nicht die Rechte wie heute.

Alina.
Nur das Recht, sich ausnutzen zu lassen und lieb zu sein!

Oma:
Ganz so brutal, wie du das jetzt sagst, war ´s zwar nicht, aber die ganzen Gesetze damals
waren auch danach.

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Svenja:
Jetzt wird ´s interessant. ... Jetzt aber schön langsam, Oma, zum Mitschreiben!

Oma:
(zu allen)
Es fing ja schon damit an, dass Hausarbeit und Erziehung nicht bezahlt wurden.

Svenja:
Nun, das wird ´s heute ja auch noch nicht.

Oma:
Aber heute kriegt jede Frau jedes Jahr, in dem sie sich um die Erziehung ihrer Kinder
kümmert, auf die Rente angerechnet, egal wie lange sie nicht berufstätig ist.

Theresa:
Dann waren die Frauen damals ja nur nützliche Gebärmaschinen und billige Putzteufel?

Oma:
Kann man so sagen! ... Aber es hat noch Jahrzehnte gedauert, bis die Frauen das selbst richtig
gemerkt hatten. ... Und dann mussten nicht berufstätige Frauen sich zum Spott auch noch
„Hausfrauen“ nennen lassen.

Pia:
(verständnislos lachend)
Was? ... Hausfrau! Wie das schon klingt! ... Fast wie ein Einrichtungsgegenstand!

Alina:
(zu Oma)
Und da diese Hausfrauentätigkeit für laue Nüsse war, war man gesellschaftlich vermutlich der
letzte Trottel?

Oma:
Ja! ... Viele Frauen hatten sich damals so gefühlt. Anderen machte das wiederum gar nichts
aus. Die waren zufrieden, obwohl es kein Geld und keinen Rentenanspruch gab. ... (zu allen)
Hausarbeit, und vor allem Kindererziehung, war ja – Und das sollet ihr nie vergessen – genau
wie heute, eine anspruchsvolle Aufgabe, die einen ausfüllen konnte.

Pia:
Aber man verblödete doch zuhause! ... Immer nur Kinder, Kochtopf, Putzlappen und so
weiter!

Oma:
Das musste nicht sein, ... wenn man noch andere Interessen hatte, vielleicht ein schönes
Hobby. Man konnte sich ja seine Zeit einigermaßen einteilen. Es gab ja auch Freizeit.

Svenja:
(ruft dazwischen)
Da hätte man sich ja auch mal mit den anderen ... Wie nennst du diese armen Luder noch? ...
Hausfrauen! ... mit den andern Hausfrauen treffen können, um gemeinsam was zu machen.

Mögl. Musikeinspielung: „Hallo, Frau Nachbarin“ (Wildecker Herzbuben)

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Oma:
Das habe ich ja auch gemacht, als ich noch nicht Geld verdienen ging. ... So schlecht war das
gar nicht.

Alina:
Ach, deshalb habt ihr nicht aufgemuckt.

Oma:
Doch, doch! Das kam dann nach und nach. Die Frauen mussten Jahrzehnte kämpfen, in der
Politik und in Verbänden. Irgendwann hatten die nicht berufstätigen Frauen nicht mehr nur
Anspruch auf einen Teil der Rente ihres Mannes, sondern den gleichen Anspruch wie der
Mann selbst.

Svenja:
Ist ja wohl auch nicht mehr als gerecht. Denn im Grunde hast du doch Opa den Rücken frei
gehalten, damit er in aller Ruhe ohne Sorgen seinem Beruf nachgehen konnte.

Mögl. Musikeinspielung: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt ...“ (Geier Sturzflug)

Oma:
Gerecht ja, aber man war erst sehr spät drauf gekommen.

Svenja:
Und wann war den Leuten das so plötzlich aufgefallen, dass da so einiges gen Himmel stank?

Oma:
(mit einem süffisanten und triumphalen Grinsen)
Da müsstet ihr eigentlich jetzt selbst drauf kommen. ... Ganz einfach, ist auch eigentlich ganz
klar: Als immer mehr Männer begannen, Kinder zu kriegen. Und als sie sich dann auch mehr
um ihre Kinder kümmern wollten, sahen sie nach und nach ein, was über Jahrhunderte falsch
war. Da kamen dann plötzlich Gesetze, dass Frauen im Beruf nicht weniger verdienen dürfen
als Männer, weil ja die Frauen das Haushaltsgeld verdienen mussten, ... dass die Erziehung
und Versorgung der Kinder der beruflichen Arbeit gleich gestellt wurde, dass für jedes Kind
ein Kindergartenplatz da sein musste, dass Kindergärten und Schulen ganztägig geöffnet
waren, eben wie es heute ist: Unterricht bis Mittag und die Betreuung der Kinder nachmittags
freiwillig. ... Dass dieser Fortschritt mal dazu führen würde, dass nun fast alle Männer Kinder
kriegten, hatte damals niemand geahnt.

Theresa:
Sag mal, Oma, findest du es denn richtig, dass fast nur noch Männer die Kinder kriegen?

Oma:
Sagen wir mal so: Ich fand es damals natürlicher und schöner, wenn Frauen sie kriegten,
obwohl es eine echte Viecherei war, Geburt und Stillen.

Theresa:
Stillen? Was ist denn das?

Oma:
Ja, da seht ihr ´s ja, das gibt es heute nur noch bei den Kühen und Schafen, aber nicht bei den
Männern.

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Pia:
Ach, du meinst, wenn die Jungen am Euter nuckeln?

Svenja:
Mir kommt da eine Idee. ... Da sollte man mal drüber nachdenken. Es wäre doch viel besser
und natürlicher, vor allem auch viel einfacher und billiger, wenn die Frauen nur noch die
Kinder kriegen.

Alina:
Nicht schlecht! ... vor allem, die haben ja schon alles dafür und müssen nicht nachgerüstet
werden.

Theresa:
(zu Pia und Svenja)
Und heute käme ja keiner mehr auf die Idee, Frauen so zu vereimern und klein zu halten, nur
weil sie billiger und natürlicher Kinder kriegen können.

Pia:
Und heute wissen ja auch alle Männer, was Kinder aufziehen und Hausarbeit heißt. ...
(nachdenklich) Ich frage mich nur: Mussten die Männer denn erst gebärfähig werden, um zu
erkennen, was früher nicht in Ordnung war?

Oma:
Anders hätte ich es mir einfach nicht vorstellen können.

Svenja:
(zu allen)
Ihr könnt mir eines glauben: Ich will später meine Kinder selbst zur Welt bringen, dann
braucht sich später mein Mann niemals umbauen zu lassen. Und die Ärzte sahnen dann nicht
mehr so ab.

Pia:
(zu allen)
Ich glaube, ich auch! Denn heute ist man als Frau schon wer, ob man berufstätig ist oder
nicht.

Alina:
(zu allen)
Und ich finde es heute toll, dass man sich das heute wirklich so aussuchen kann, wer in einer
Familie was macht und wie lange, und das nicht das eine reine Männersache und das andere
reine Frauensache ist.

Theresa:
(zu allen)
Wenn mir Oma ja diese Selbsteinleitungsmethode verraten würde, würde ich sie
wahrscheinlich auch selbst kriegen wollen.

Oma:
Dann komm mal her!

(Theresa geht auf Oma zu. Diese flüstert ihr etwas ins Ohr. Dabei überzieht ein breites

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Grinsen Theresas Gesicht. Am Ende des Gesprächs bricht Theresa in schallendes Lachen
aus.
Sie schlägt sich vor Lachen auf die Oberschenkel)

Theresa:
(kann sich immer noch nicht beruhigen)
Ich werd bekloppt! Das haben wir doch schon X-mal gemacht! Das macht Spaß, Oma! Da
hast du Recht. Aber davon kriegen wir Frauen Kinder? So einfach ist das?

Oma:
Sag ich doch! So einfach ist das. Das kann wirklich jeder Idiot! ... Es muss nur alles stimmen.
Aber darüber reden wir ein anderes Mal.

Mögl. Musikeinspielung: „Oma so lieb, Oma so nett ...“ (Heintje)

Oma:
(weiter)
Mensch, das hab ich ja ganz vergessen! ... Ich war doch nur rein gekommen, um euch zu
sagen, dass Mama jeden Moment von der Arbeit kommt und dass Papa mit dem Essen auf
euch wartet. ... Also los! Gebt Gas!

(Licht aus!)

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