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Reisen bildet auch den Dümmsten

7 Dilettanten auf dem Weg in die Seine-Metropole

Autor: Hans Georg Kraus

Spielform: Einakter

Altersgruppe: ab 7. Schuljahr

Spielzeit: ca. 12 Minuten

Rollen:

Matti

Schlummi

Fips

Kante

Qualle

Trainer und Reiseleiter Kurt Kaiser

Busfahrer Herr Kampschulte

Matti, Schlummi, Fips, Qualle, Kante und Kurt sind Mitglieder des selben Sportvereins.
Die fünf erstgenannten Rollen können sowohl männlich als auch weiblich besetzt werden.

1
Spielszene
1 bis 7 „sitzen in einem Kleinbus“(stehen hinter einer Kleinbus–Attrappe).
7 „sitzt“ auf dem Fahrersitz, 6 in der dritten Reihe. Der Bus befindet sich „auf der
Autobahn“ kurz vor Paris. Alle schauen sehr interessiert aus den Seitenfenstern (Richtung
Zuschauerraum).

Qualle:
(ruft durch den Bus, zu allen:) Paris find´ ich blöd! ... Jetzt gurken wir schon über fünf
Stunden auf der Autobahn rum und sind immer noch nicht da!

Kurt:
Jetzt hör endlich das Nörgeln auf! Du schießt doch gegen alles quer! ... Wir haben
abgestimmt und fahren nach Paris, basta!

Qualle:
(zu allen:) Wären wir doch nach Rüdesheim gefahren! ... Dann hätten wir jetzt schon den
ersten Stadtbummel hinter uns.

Fips:
Und den ersten Vollrausch! ... Wenn du ´ne Sauftour machen willst, musst du mit deinem
Kegelclub fahren. ... Aber wir sind Sportler!

Herr Kampschulte:
(zu allen:) Dürfte ich um etwas Ruhe im Bus bitten! Ich muss mich unheimlich auf die
Strecke konzentrieren. Ich kenne mich hier nämlich nicht aus. (zu Kurt:) Herr Kaiser,
könnten Sie nicht nach ganz vorne kommen und mir den Weg erklären!

Schlummi:
(zu allen:) Jetzt wird ´s lustig! Der Kurt kennt den Weg nämlich auch nicht.

Kante:
Das glaub´ ich aber doch! Der hat doch die ganze Reise organisiert.
Und deshalb müsste er auch den Weg kennen.

Kurt:
Ihr habt vielleicht einen Humor! ... Was soll ich denn noch alles wissen?
Kante, guckst du denn groß auf die Karte, wenn du an den Ballermann fliegst?

Fips:
Paris ist nicht Mallorca! ... Da hättest du dich drum kümmern müssen, Kurt!
(zu allen:) Fest steht, dass keiner den Weg kennt. ... Also müssen wir alle Herrn
Kampschulte helfen. ... Seht euch mal den Verkehr an! ... Da können wir ihn nicht im Stich
lassen.

Qualle:
(zu allen:) Ich fürchte, wir haben uns schon verfahren.

2
Kurt:
Wieso das denn, Qualle?

Qualle:
Wir müssten schon lange da sein.

Kante:
Wie kommst du denn darauf?

Qualle:
Ja, guck doch mal, nach meiner Karte kommen wir nur durch Köln und vier Dörfer, ... und
dann kommt schon Paris.

Matti:
Vier Dörfer? ... Wie heißen die denn?

Qualle:
Das erste heißt ... Was steht da? ... A-A-CHEN (gesprochen wie das „Häufchen eines
Kleinkindes”)

Schlummi:
A-A-CHEN???

Qualle:
Ja, das steht hier!

Schlummi:
Mensch, zeig mal her, Qualle!

(Qualle lässt Schlummi in sein „Kartenwerk“ schauen, das die Zuschauer aber noch nicht
sehen können.)

Qualle:
Da! Glaubst du es jetzt?

Schlummi:
Ich glaub´, ich wird´ nicht mehr! ... Qualle!!! ... Das ist Aachen! Und das ist auch kein
Dorf!

Qualle:
(zu allen:) Na gut! Aber dann kommt nur noch Lüttich, Namur und St. Quentin. ... Die
müssten wir doch schon lange hinter uns haben, verdammt!

Herr Kampschulte:
Da kann ich Sie beruhigen. Die haben wir auch schon hinter uns.

Kante:
(ruft, zu allen:) Und warum sind wir dann noch nicht da?

3
Fips:
Da liegen doch Hunderte von Kilometern zwischen!

Qualle:
Das kann gar nicht sein! ... Auf meiner Karte ist das nur so´ n kurzes Stück!
(Qualle zeigt mit zwei Fingern eine Strecke von ca. 3 cm.)

Kurt:
Dann reich mal deine Karte rüber, Qualle!

Qualle:
Kann ich nicht!

Kante:
Stell dich nicht so kleinkariert an! Gib sie ihm doch!

Qualle:
Geht doch nicht! ... Ich kann ihm höchstens den ganzen Atlas geben.

Matti:
Hattest du etwa den Atlas aufgeschlagen, die Europakarte?

Qualle:
Natürlich! ... Seit wann liegt denn Paris nicht mehr in Europa?

Schlummi:
(zu Qualle:) Ich fürchte, dann sind wir in ´ner Viertelstunde in Lissabon!

Qualle:
(beleidigt, zu allen:) Ja, ja, veräppelt mich nur! ... Ich helfe euch nicht mehr.

(Längerer Zeitraum konversationsloser Weiterfahrt. Alle schauen mehr oder weniger


gelangweilt aus den Fenstern)

Herr Kampschulte:
(zu allen:) Also, diese komischen Schilder machen mich noch wahnsinnig!

Kurt:
Welche Schilder, Herr Kampschulte?

Herr Kampschulte:
Ich fahre jetzt schon an dem Xten Schild „100 RAPPEL“ vorbei.

Schlummi:
Bei den Schrottmühlen, die die hier fahren, ist das doch kein Wunder! Das soll eine
Warnung für die Fahrer sein, dass sich ab 100 ihre Kisten in Wohlgefallen auflösen.

Fips:
Logisch! Und das Rappeln ist das erste Anzeichen.

4
Kurt:
(zu Herrn Kampschulte:) Sie können aber bedenkenlos mit 130 weiter fahren. Bei uns gibt´
s ja den TÜV, und der zieht solche Schleudern automatisch aus dem Verkehr.

Qualle:
(nachdenklich, zu allen:) Das RAPPEL könnte aber auch heißen, dass man nicht den
Rappel kriegen soll, wenn man nur mit 100 durch kommt. ... Aber Moment! ... Ich hab´ ja
´n Wörterbuch mit! ... Sekunde! ... Da steht´ s: RAPPEL – eindringliche Erinnerung!

Herr Kampschulte:
Danke, jetzt verstehe ich. Da soll also eindringlich an die Geschwindigkeitsbeschränkung
100 erinnert werden. ... Aber so oft? ... Die Franzosen müssen ja ganz schön vergesslich
sein!

Kurt:
Und was meint Ihr Tacho dazu, Herr Kampschulte?

Herr Kampschulte:
Au Backe, Mann! ... Jetzt hab´ ich den Bock auf 140 hochgepinselt! Wollen wir ihn doch
lieber auf 100 rappeln.

(Die Oberkörper aller Spieler gehen durch Die Abbremswirkung synchron nach vorn und
wieder zurück.)

(Längerer Zeitraum konversationsloser Weiterfahrt. Alle schauen mehr oder weniger


gelangweilt aus den Fenstern)

Matti:
(ruft begeistert:) Ey, Leute, guckt mal schnell! Da fährt ein Flugzeug quer über die
Autobahn!

Qualle:
Wo denn?

Matti:
Da vorne! ... Da, auf der Brücke! ... Gleich fahren wir drunter her.

Fips:
(amüsiert) Ja, ja, die Franzosen! ... Da fährt und fliegt jeder, wie er will!

Schlummi:
(zu allen:) Stellt euch das mal in Deutschland vor: eine Boeing auf der Sauerland-Linie!

Fips:
(zu allen:) Bei uns gibt´ s vielleicht Geisterfahrer, aber hier gibt´ s sogar Geisterflieger!

Kante:
(zu allen:) Vielleicht haben sie die Maschine so überladen, dass sie gar nicht mehr hoch
kommt.

5
Herr Kampschulte:
(zu allen:) Jetzt hab´ ich ´s! ...Da ist ein Flughafen-Schild. ... Der wird sich verflogen
haben. Und jetzt wird er wohl auf Nummer sicher gehen , - und rollt über die Straße zum
Fughafen.

Qualle:
(triumphierend, zu allen:) Haha! ... Jetzt könnt ihr mal sehen, wie nützlich es ist, dass man
sich vorher informiert und sich auf die Reise vorbereitet, ihr Dösköppe! ... Das war
nämlich die Landebahn vom Flughafen „Charles de Gaulle“. Die verläuft quer über die
Autobahn, über diese Brücke dahinten. ... Die sind schon richtig gelandet. ... Aber wir, ...
wir haben uns jetzt, glaub´ ich, verfahren.

Schlummi:
Das kann doch gar nicht sein, Qualle!

Kante:
Ich glaub ´s aber auch bald!

Kurt:
(verunsichert, zu allen) Was ist denn jetzt los? ... Paris steht ja plötzlich auf keinem
Wegweiser mehr!

Qualle:
Das meinte ich doch! ... Wir sind total von der Strecke ab.

Herr Kampschulte:
Herr Kaiser, was soll ich machen? Geradeaus geht ´s nur noch nach CENTRE VILLE
(gelesen: „Zentre Wille“). Aber da wollen Sie ja nicht hin.

Kurt:
Richtig! Wir wollen nach Paris und nicht nach CENTRE VILLE! ... Also bei der nächsten
Abfahrt runter von der Autobahn!

Herr Kampschulte:
OK, mach´ ich.

(konversationslose Weiterfahrt)

Schlummi:
Da, Herr Kampschulte, da! ... Da runter, da ist ´ne Abfahrt!

(konversationslose Weiterfahrt)

Kante:
(erleichtert, zu allen:) Endlich mal Landstraße! Da kann man wenigstens mal anhalten und
nachfragen!

(konversationslose Weiterfahrt)

Fips:
(ruft, zu Herrn Kampschulte:) Stop! Stop! Da geht ein Mann.

6
(Herr Kampschulte bremst den Bus hart ab, alle Oberkörper gehen synchron nach vorn
und wieder zurück. Herr Kampschulte dreht die Scheibe herunter, lehnt sich aus dem
Seitenfenster und spricht einen fiktiven Mann an, der sich in einiger Entfernung in
Richtung Zuschauerraum befinden muss.)

Herr Kampschulte :
Monsieur ... äh ... Monsieur! … Paris ! …äh … Wir … äh … nous …nous wollen nach
Paris. ... äh ...wie fahren? -------------------------------------------------
Hä? ...Non, nix verstehen ... non pas compris! -----------------------------------------
Paris ! Oui ! --------------------- Woher ? ---------------------- (wird ganz plötzlich
fürchterlich böse, sein Blick verfinstert sich) Waaas?? Gosch? ... Werd´ ja nicht frech, du
Ostfriese, französischer! ... Du kriegst gleich was in die Gosch! ... Ist doch ´ne
Unverschämtheit!

Schlummi:
Fahren Sie doch einfach weiter! Der Blödmann kann ja noch nicht mal richtig französisch!
Und wir sollen noch die Gosch halten!

HerrKampschulte:
(weiter zum fiktiven Mann am Straßenrand.) Merci, merci ... oui, oui (spricht mit
übertriebener und verlogener Freundlichkeit) Rutsch mir doch den Buckel runter! ... Merci
...au revoir!
(Er dreht die Scheibe hoch und fährt wieder an.)
(weiter zu Kurt:) Herr Kaiser, ich fahre einfach mal auf dieser Straße weiter. Oder haben
Sie...

Kurt:
Ja, ja! Machen Sie nur!

(Längerer Zeitraum konversationsloser Weiterfahrt. Alle schauen mehr oder weniger


gelangweilt aus den Fenstern)

Qualle:
Ey, Kurt! Ich hab´ gerade mal in mein Wörterbuch geguckt. ... Weißt du auch, was gauche
heißt?

Kurt:
Klar weiß ich das!

Qualle:
Nichts weißt du! Gauche heißt links.

Kurt:
Haben Sie gehört, Herr Kampschulte? ... Gauche heißt links. Also die nächste links!

Herr Kampschulte:
Dann kommen wir wieder auf ´ne Autobahn.

Kurt:
Egal!

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(Längerer Zeitraum konversationsloser Weiterfahrt. Alle schauen mehr oder weniger
gelangweilt aus den Fenstern)

Fips:
(erleichtert, zu allen:) Aha! Da steht auch wieder Paris auf dem Wegweiser.

Herr Kampschulte:
(zu allen:) Also fahr ich mal auf die linke Spur, einverstanden?

Kante:
Ja, ja! Jetzt sind wir richtig.

(konversationslose Weiterfahrt)

Kurt:
(entsetzt, brüllt:) Nein! ... Das darf doch nicht wahr sein!

Matti:
Ach, guckt doch mal! Da ist ja schon wieder ein Flugzeug! ... Vielleicht machen die hier
Fahrschule.

Schlummi:
(nachdenklich, zu allen:) Mir kommt diese Ecke irgendwie bekannt vor.

Kurt:
Kunststück! Hier sind wir gerade vorbei gekommen.

Fips:
(zu allen:) Dann sind wir ja im Kreis gefahren!

Kurt:
Erraten, Fips!

Herr Kampschulte:
Jetzt achten mal bitte alle mit auf die Schilder!

(konversationslose Weiterfahrt)

Schlummi:
(zu allen:) Da! Wieder nichts mehr von Paris zu lesen! Wir haben aber nichts übersehen.
Da steht einfach nichts mehr von Paris.

Kurt:
(zu allen:) Also schnelle Abstimmung! ... Mein Vorschlag: Wir fahren einfach mal
Richtung CENTRE VILLE. ... Wer ist einverstanden? Hand hoch!
(Alle außer 2 zeigen auf.)

Schlummi:
Aber wohin genau?

8
Kurt:
Wie, genau?

Schlummi:
Wenn du nach Wanne-Eickel fährst, musst du dich auch zwischen Wanne und Eickel
entscheiden. ... Also nach CENTRE oder nach VILLE?

Herr Kampschulte:
(zu allen:) Ich fahre jetzt einfach mal auf CENTRE. Und dann steigen wir mal aus und
fragen, wie wir nach Paris kommen.

Matti:
Einverstanden!

Schlummi:
Genau so!

Fips:
Na, gut!

Qualle:
(zu allen:) Ich kann das einfach nicht verstehen! ... So kurz vor Paris und dann kein
Wegweiser mehr nach Paris!

Fips:
Das ist vielleicht wegen der Terroristen, damit die die Stadt nicht so schnell finden.

Schlummi:
(zu Qualle:) Kann schon sein! ... Die sprengen zur Zeit doch jeden zweiten Tante-Emma-
Laden in die Luft.

Kante:
(zu allen) Mann, was sind hier Riesen-Häuser!

Fips:
Und breite Straßen!

Kurt:
Haltet jetzt alle die Augen auf! Wir kommen nach CENTRE rein.

Herr Kampschulte:
(verzweifelt, zu allen:) Ich werd´ gleich bekloppt! ... Haben Sie das Schild gesehen:
PLACE DE LA CONCORDE!

Matti:
(ruft:) Concorde? Das sind doch Düsenflugzeuge!
Schlummi:
(entmutigt, zu allen:) Dann sind wir ja schon wieder beim Flughafen! ... Ich will nach
Hause!

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Kante:
Ich auch! ... Jetzt drehen wir schon die dritte Runde um den Flughafen!

Fips:
(entnervt, fast weinerlich:) Boeing, Airbus, Concorde! ... Ich halt´ das nicht mehr aus!

Kurt:
Qualle, falte doch mal schnell den Stadtplan von Paris auseinander! Vielleicht ist ja noch
ein Stück von CENTRE oder VILLE mit drauf.

(Qualle faltet den Stadtplan hastig auseinander und sucht.)

Qualle:
(jubelt:) Hurra! Jawohl! Ich hab´ s! ... Aber CENTRE und VILLE liegen ja mitten in
Paris!

Schlummi:
´ne Stadt mitten in Paris? Das gibt ´s doch nicht!

Qualle:
Doch! Das steht hier genau über Notre Dame.

Herr Kampschulte:
(zu Qualle:) Sie haben doch ein Wörterbuch dabei. Sehen Sie doch einfach mal nach, ob da
CENTRE oder VILLE drin steht!

Qualle:
Gute Idee!
(Qualle schlägt ein Wörterbuch auf und blättert hastig darin.)
Moment! ... Cen ...Cen ... Centime …Moment, hier steht´s! CENTRE VILLE, ja, hier steht
´s, CENTRE VILLE!

Kurt :
(ungeduldig:) Jetzt sag´ schon, was das heißt, Qualle!

Qualle:
(liest laut vor:) CENTRE VILLE – Innenstadt, Stadtmitte, Stadtzentrum, City!

Kurt:
(aufbrausend:) Kinders, haltet mich fest, sonst krieg´ ich ´n Rappel! ... Wir brauchten nur
geradeaus zu fahren, ... und wir Idioten machen ´ne Frankreichrundfahrt!

Kante:
(begeistert, zu allen:) Dann sind wir ja jetzt mitten in Paris!

Fips:
(aufatmend:) Ein Glück! ... Ich dachte schon, auf der Gegenspur, das wären alles
Geisterfahrer.

Herr Kampschulte:
Ne ne, das ist keine Autobahn mehr!

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Kurt:
Qualle, wo müssen wir jetzt her?

Qualle:
Zuerst mal Richtung Invalidendom!

Matti:
(verzückt, zu allen:) Invalidendom? Kannste doch mal sehen, was ´ne richtige Weltstadt
ist: ´ne Kirche nur für Frührentner! Super!

Qualle:
(zu Herrn Kampschulte:) Jetzt sind wir richtig! ... Wir fahren jetzt über die Themse, und
dann sind wir an der Tiefgarage.

Kante:
Qualle, reich mir schon mal meinen Koffer!

Qualle:
Jetzt noch nicht!

Kurt:
(fängt lauthals an zu singen:) Ganz Paris träumt von der Liebe, ganz Paris ...

Herr Kampschulte:
(singt ausgelassen:) Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausefalle mitten in Paris!

(Bei dem Lied „Pigalle“ erlischt das Bühnenlicht.)

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