Sie sind auf Seite 1von 42

Der Amerikanische Modern Dance

Matura-Arbeit 2005

Regula Rösti Jg. 1987


Betreuerin: Claudia Battanta
Korreferent: Hansueli Marti

Gymnasium Seefeld Thun, Kt. Bern 2005


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort.............................................................................................................................2

2. Einleitung..........................................................................................................................3

3. Geschichtliche Einordnung ..............................................................................................4


3.1. Vom Ausdruckstanz bis zum Tanztheater.....................................................................4
3.2. Die Balletttradition ......................................................................................................7

4. Die Prinzipien des Amerikanischen Modern Dance......................................................10


4.1 Martha Graham (1894-1991).......................................................................................10
4.1.1. Die philosophische Basis der Technik Martha Grahams ......................................11
4.1.2. Technische Prinzipien .........................................................................................13
4.2. Merce Cunningham (Geboren 1919) ..........................................................................16
4.1.1. Cunningham – Technik .......................................................................................18

5. Forschungsteil.................................................................................................................22
5.1. Merkmale der verschiedenen Modern Dance Techniken ............................................22
5.1.1. Videoanalyse.......................................................................................................22
5.1.2. Experteninterview ...............................................................................................25
5.1.3. Vergleich zur Balletttradition ..............................................................................27
5.2. Bewegungsstudien .....................................................................................................28
5.2.1. Notation und Reflexionen der Choreografien ......................................................28

6. Schlussfolgerungen .........................................................................................................32

7. Zusammenfassung ..........................................................................................................33

8. Literaturverzeichnis .......................................................................................................34

9. Abbildungsverzeichnis....................................................................................................35

10. Schlusserklärung ..........................................................................................................37

11. Anhang..........................................................................................................................38

12. Produkt der drei Bewegungsstudien............................................................................41

Gymnasium Thun Seefeld Seite 1


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

1. Vorwort

Die Kunst des Tanzes begeistert seit Jahrhunderten den Menschen, denn der Tanz hat etwas
Magisches und Schwebendes. Die Bewegungen der Tänzer entführen uns in eine Traumwelt.
Der Tänzer erzählt uns eine Geschichte, denn der Tanz ist die Sprache des Körpers.

Der Tanz faszinierte mich schon als kleines Mädchen, sodass ich mit acht Jahren meine erste
Ballettstunde besuchte. Heute nimmt das Tanzen einen wichtigen Teil meines Lebens in
Anspruch. Als die Themenwahl für die Maturaarbeit anstand, war für mich von Anfang an
klar, dass mein Thema etwas mit Tanz zutun haben wird. Ich entschloss mich schliesslich den
Amerikanischen Modern Dance genauer zu untersuchen.
In einem Ballettseminar, das alle Jahre vom Schweizerischen Ballettlehrerverband durch-
geführt wird, habe ich meine ersten Erfahrungen mit dem modernen Tanz gemacht. Diese
erste Begegnung mit dem Free Movement, dem Jazz Dance und dem Modern Dance haben
mein Interesse geweckt. Ich sah deshalb die Maturaarbeit als eine Chance den Modern Dance
besser kennen zu lernen und tänzerische Fortschritte zu machen.

Ich wünsche ihnen liebe Leserinnen und Leser viel Vergnügen beim Lesen meiner Matura-
Arbeit.

Ich möchte mich bei der Tanzpädagogin Annemarie Parekh herzlichst für ihre Bemühungen
bedanken. Das Gespräch und die Schnupperlektion haben mich in meiner Arbeit ein grosses
Stück weiter gebracht.

Ein spezieller Dank geht auch an den Tanzpädagogen Michael Schulz, der mir mit dem
gewissenhaften Ausfüllen meines Fragebogens grosse Hilfe geleistet hat.

Weiter möchte ich mich besonders bei meiner Familie, welche mir in jeder Phase meiner
Arbeit geholfen hat, meine Gemütslagen ertragen mussten und mich aufgeheitert, ermuntert
und abgelenkt haben, bedanken.

Vielmals danken möchte ich auch Claudia Battanta für die Betreuung.

Sie alle haben bei der Entstehung meiner Arbeit mitgeholfen.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 2


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

2. Einleitung

Der Amerikanische Modern Dance ist nur ein kleiner Baustein in der langen Entstehungszeit
des Tanzes. Doch sein Einfluss auf die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes ist von
grosser Bedeutung, denn die Pioniere des Amerikanischen Modern Dance wagten sich, wie
auch schon einige wenige vor ihnen, sich von der Balletttradition zu distanzieren. Diese neue
Tanzart brach das märchenhafte Bild des Balletts auf und konzentrierte sich auf die Konflikte
und Leidenschaften des Menschen selbst. Es entstand ein Tanz, der gefühlvoller und
aufwühlender war, als das bis zu diesem Zeitpunkt weit bekannte klassische Ballett. Der
Körper bildete bei den Modern Tänzerinnen den Mittelpunkt des Raums. Sprünge und
Spitzentanz wurden vermieden. Die Amerikanischen Modern Dance Choreografen feierten
mit ihren neuen, verrückten Ideen später grosse Erfolge. Im Zentrum meiner Matura-Arbeit
steht folgende Leitfrage:

Welche Bewegungsprinzipien wurden vom amerikanischen Modern Dance als Reaktion


auf die Balletttradition neu definiert?

In meinem Theorieteil arbeite ich zuerst die Geschichte des Modernen Tanzes und
anschliessend auch die Balletttradition auf. Anhand der zwei wichtigen Choreografen, Merce
Cunningham und Martha Graham, stelle ich dem Leser zwei Stilrichtungen des
Amerikanischen Modern Dance vor und erläutere die wichtigsten Bewegungsprinzipien.
Im praktischen Teil meiner Arbeit erforsche ich anhand von Videoanalysen die Bewegungs-
prinzipien von Martha Graham und Merce Cunningham. Mit den Experteninterviews
versuche ich weitere Erkenntnisse über beide Techniken und ihre Bewegungsprinzipien zu
erfahren.
Zum Schluss setze ich meine Erfahrungen in den zwei verschiedenen Techniken in je einen
Tanz um und untersuche sie auf Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Ballett.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 3


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

3. Geschichtliche Einordnung

3.1. Vom Ausdruckstanz bis zum Tanztheater

Tanzen ist das uralte Bedürfnis der Menschen, durch Körperbewegungen Gefühle aus-
zudrücken und zu erzeugen. Daher gab es Tempeltänze, welche in tiefe Gebetsstimmungen
versetzen sollten, Kriegstänze, um Mut zu gewinnen, Totentänze, um die Angst vor dem Tod
zu verscheuchen oder Tänze als Ausdruck der Lebensfreude. (Knaurs Jugendlexikon 1953:
588)
Der Modern Dance entwickelte sich in den USA und in Europa im späten 19. Jh., und
erlangte seinen weltweiten Erfolg im 20. Jh. Man wollte sich damals von dem als starr und
unnatürlich empfundenem Ballett distanzieren. Es entstand eine neue Tanzart, die auf dem
Expressionismus basierte und bei der der Gedanke, innerste Gefühle in Bewegungen aus-
zudrücken, im Zentrum stand. Inspiriert wurden sie durch Musik, Malereien auf griechischen
und ägyptischen Vasen oder Tänze orientalischer oder indianischer Kulturen.

Abb. 1: Ägyptische Malerei

„Fast alle unsere modernen Tänzerinnen und Tänzer verkörpern Musik, tanzen Fremdes und könnten vielleicht
Eigenes schaffen. Frei werden von der Musik! Das müssten sie alle! Erst dann kann sich die Bewegung zudem
entwickeln, was alle von ihr erhoffen: zum freien Tanz, zu reiner Kunst.“ (Tagebuchaufzeichnung, von H.
Müller, 1986 zitiert nach Huschka 2002: 183)

Eine Pionierin dieses neuen Tanzstils, des Ausdrucktanzes, war Isadora Duncan1. Ihr Grund-
gedanke war es Körper und Geist voneinander zu lösen. Sie arbeitete mit einfachen Be-
wegungen und Rhythmen, die sie aus der Natur ableitete, wie zum Beispiel die fliessenden
Bewegungen von Wind und Wellen. Auch ihre Kostüme waren einfach und ungezwungen.
Die Tänzer tanzten barfuss und ohne Korsett. Ihre neuartigen Prinzipien wurden in Amerika
nicht anerkannt, so zog es sie, wie auch Loïe Fuller2 und Ruth Saint-Denis3, nach Europa, wo
sie ihre ersten Erfolge feiern konnten. Loïe Fuller war die erste Pionierin des Ausdrucktanzes,
die in Erscheinung trat. Ihre Experimente mit völlig abgedunkelten neutralen Räumen, mit
elektrischem Licht, mit Spiegeln, Film und Radium begeisterten das zeitgenössische Pub-
likum. Sie versetzte mit Hilfe von meterlangen Stäben Seidenstoffe in Bewegung. Isadora
Duncan sagte 1900 über den Auftritt von Fuller:

1
Isadora Duncan: (1878-1927) Geboren in San Francisco. Sie war die berühmteste amerikanische Tänzerin ihrer
Zeit. Sie trat für freie Liebe, Feminismus und Sozialismus ein.
2
Loïe Fuller kam im Jahre 1862 in Chicago auf die Welt und starb 1928 in Paris.
2
Ruth St. Denis (1879-1968) überzeugte mit ihren Soli, die exotisch inszenierte Körper darstellte. Ihre Tänze
waren meist sehr mystisch. Sie kehrte anders als ihre Konkurrentinnen, Fuller und Duncan, nach einer
Europareise in die USA zurück.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 4


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

„Vor unseren Augen verwandelte sie sich in eine farbenprächtige schimmernde Orchidee, in eine wogende,
schwankende Wasserblume, in eine spiralig gewundene Lilie. Dieses herrliche Geschöpf zerfloss zu Licht, es
wurde zu Farbe und Feuer und löste sich schliesslich in wundersame flammende Mäander auf, die aus der
Unendlichkeit zu leuchten schienen – alle magischen Künste eines Merlins, ein Zauber von Licht und Farbe
strahlte von ihr aus.“ ( Isadora Duncan zitiert nach: Sabine Huschka: Der Moderne Tanz 2002: S. 103)

Abb. 2: Loie Fuller in „La Danse Du Lys“

Das traditionelle Bild des Tanzes wurde durch den Modern Dance aufgebrochen. So entstand
ein Tanz, der noch gefühlvoller war als das klassische Ballett. Der Modern Dance drückte
nicht nur den Kampf der Tänzer gegen körperliche Einengung aus, sondern auch die Kraft
von Leidenschaft und Frustration. (Vgl. Data Becker Lexikon: Modern Dance 2004)
Zur gleichen Zeit entwickelten sich in Russland die Ballets Russes4. Wie auch die Begründer
des freien Tanzes Anfang des 20. Jahrhunderts suchten die Choreografen des Balletts Russes
nach natürlichen Bewegungen mit denen sie dem konservativen Ballett einen neuen Ausdruck
verliehen. Dieses Moderne Ballett beeinflusste auch den Choreografen und Tänzer Waslaw
Nijinsky5, der durch die Choreographien L’ Après-midi d’ un faune und Le Sacre du
printemps weltberühmt wurde.
Emile Jaques-Dalcroze6 entwickelte auch in dieser Zeit die sogenannte Eurythmik, ein System
von Bewegung, das ursprünglich dem Rhythmustraining professioneller Musiker diente. Ruth
St. Denis perfektionierte mit ihrem Ehemann Ted Shawn diese Form des Tanzes und sie
gründeten 1915 die Denishawn School of Dancing and Related Art7. An dieser renommierten

4
Die Balletts Russes waren ein Zusammenschluss von russischen Tänzern, Choreografen, Künstlern und
Komponisten unter der Leitung von Sergei Diaghilew, die ihre neuartigen Werke im Westen vorstellten. Als
Diaghilew jedoch 1929 starb, wurden die Ballett Russe aufgelöst.
5
Waslaw Nijinsky (1889-1950): Ihn umgibt bis heute ein schillernder Mythos. Nijinsky, von den Einen als
Genie bezeichnet und von den Anderen als Geisteskranker. Doch sein Talent ist unumstritten. Sabine Huschka
bezeichnet ihn in ihrem Buch Moderner Tanz als ein göttlicher Tänzer mit übermenschlicher Ausstrahlung und
betörender Virtuosität.
6
Emil Jaques-Dalcroze (1865-1950): Schweizer Komponist, Musiklehrer am Genfer Konservatorium und
Professor für Harmonielehre. Dalcroze war zeitlebens auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten zum künstlerischen
Ausdruck.
7
Die Denishawn Schule in Los Angeles wurde zum einflussreichsten Tanzinstitut jener Zeit.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 5


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Schule wurden berühmte Choreografen, wie Martha Graham8, Doris Humphrey9 und Charles
Weidman10, ausgebildet, die später einen grossen Einfluss auf die Weiterentwicklung des
Modern Dance ausübten. In Europa waren zu dieser Zeit Rudolf von Laban und Kurt Jooss 11
die Vertreter des Modern Dance. Rudolf von Labans Bewegungsstudien, die er Ende der
1930er Jahren machte, waren grundlegend für den Tanz des 20. Jahrhunderts. Laban schrieb
und lehrte über Eukinetik (Ausdruckslehre), Choreutik (Raumharmonielehre) und entwickelte
eine Tanznotation, die weltweit bekannt wurde. Er definierte den Tanz als Umsetzung von
Eindrücken der Umwelt in körperlich-seelisch-geistiges Spannungsfeld. (Laban, zitiert nach
Reclams Ballett Führer 2002: 15) Diese Spannung verlieh seinem Tanz eine spezifische
Dynamik und Ausdrucksbewegung. Kurt Jooss entwickelte das Folkwang-Tanztheater, das
später von grosser Bedeutung für das moderne Tanztheater in Deutschland war. Pina Bausch12
war eine spätere Schülerin der Folkwang-Schule.
Viele moderne Tänze erinnern an afrikanische Kulturen, die neue Tanzrichtungen hervor-
brachten, zum Beispiel der Jazzdance. 1916 wurde dieser Tanzstil zum ersten Mal verwendet.
Anders als bei den in Europa gewachsenen Tanzrichtungen werden im Jazzdance die Körper-
glieder unabhängig von den anderen Körperteilen bewegt. Der Jazzdance nahm im Laufe der
fortschreitenden Bühnendarstellung weitere Elemente des Modern Dance auf. Diese Tanz-
technik wurde Modern Jazz genannt.
Die nächste Generation der Modern Dance Choreografen, Martha Graham und Doris
Humphrey, setzten den Schwerpunkt des Tanzes auf den Körper, der den Mittelpunkt des
Raumes ausmachte, und vermieden Sprünge und Spitzentanz. Stattdessen bewegten sich die
Tänzerinnen nahe am Boden. Dieser Stil war zum Beispiel durch Knien oder Kauern und
Liegen auf dem Boden gekennzeichnet. Der Kopf war oftmals gesenkt und die Arme nur ganz
leicht in die Luft gehoben. Die enge Verbindung zwischen Tanz und Musik wurde gelöst, so
entstand manchmal zuerst der Tanz, dem nachträglich die Musik zugefügt wurde.
Der Expressionismus bestimmte über mehrere Jahrzehnte die Entwicklung des Modern
Dance. Ab 1940 zeichnete sich jedoch eine zunehmende Ablehnung gegen die ex-
pressionistische Schule ab, angeführt von Merce Cunningham13. Cunningham kreierte einen
Tanz, der die natürlichen Bewegungen des Körpers wiederspiegelte. Die Bewegung sollte
nicht durch die Musik beeinflusst werden, sondern sollte ihren eigenen Raum und Rhythmus
selber finden. Dieser Stil beinhaltete alltägliche Elemente wie Hinsetzen und Gehen. Die
Bewegungen entwickelten sich demnach wieder vom Boden weg. In den 60er und 70er Jahren
wurden Cunninghams Ideen durch die Choreografen der Postmoderne vertieft. Diese jungen
Tanz-Revolutionäre experimentierten mit Musikern (keine Komponisten), Malern, Bildhauern

8
Martha Graham (1994-1991) war eine amerikanische Tänzerin, Choreografin und Pädagogin. Sie gilt in der
Fachwelt als die entscheidende Neuerin des Modern Dance und ist eine der bedeutendsten Choreografinnen des
20. Jahrhunderts.
9
Doris Humphrey (1895-1958) war die grosse Konkurrentin von Martha Graham. Sie entwickelte das System
von fall and recovery (Niederfallen und sich wieder Aufrichten).
10
Charles Weidman (1901-1975) war ein amerikanischer Tänzer und Choreograf. Er war, wie Doris Humphrey
und Martha Graham, Schüler in der Denishawn Schule.
11
Kurt Jooss (1901-1979) war ein Schüler und späterer Mitarbeiter Labans. Er hatte eine kritische Einstellung
gegenüber dem Ausdrucktanz, den er von Laban erlernte. So arbeitete er an klaren Strukturen und beschäftigte
sich lange Zeit mit dem Theatralischen im Tanz. Für seine Choreographien entnahm er Elemente sowohl dem
Modern Dance wie auch dem klassischen Ballett.
12
Pina Bausch (geboren 1940) ist eine deutsche Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin und Ballettdirektorin
des gleichnamigen Tanztheaters. Sie gilt in der Fachwelt als die bedeutendste Choreografin der Gegenwart.
13
Merce Cunningham (geboren 1919) wird in der Tanzwelt als der letzte Riese des Modern Dance bezeichnet.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 6


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

und Schriftstellern an einem neuen Tanz. Sie ersetzten weiter Tanzschritte durch einfache
Bewegungen wie Rollen, Gehen, Springen und Laufen. Banale Dinge wurden schon als Tanz
deklariert. Eine nackte Frau auf der Bühne, die eine Banane verzehrt, das ist eine Choreo-
grafie der Postmoderne. Ihre Grundprinzipien „Raum, Zeit, Gewicht und Energie“ standen
dabei im Mittelpunkt.
1973 / 74 übernahm die Choreografin und Ballettdirektorin Pina Bausch das Wuppertaler
Tanztheater und brachte ihm Weltruhm. Die von der Tradition losgelösten Stücke bestehen
aus filmschnittartigen wechselnden Szenen, die nicht mehr eine Handlung darstellen, sondern
alltägliche Situationen zeigen. Pina Bauschs Stücke enthalten meist menschliche Befindlich-
keit, die durch eine Auseinandersetzung, ein Fest, Trauer oder schmerzliche Erinnerungen
verdeutlicht werden. Die Bewegung besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von Schritten,
sondern aus der Körper-Sprache der Tänzer/Darsteller. 14

3.2. Die Balletttradition

Der Begriff Ballett geht auf das italienische ballo zurück, was auf Deutsch übersetzt Tanz
bedeutet.

Abb. 3: Giselle: Pas de deux

Das klassische Ballett hat seinen Ursprung im 16. Jahrhundert in Italien. Die Bewegungen
basierten damals noch auf den Gesellschaftstänzen und wurden an den Fürstenhäusern bei

14
Geschichte des Modern Dance zusammengestellt aus: Dahms 2001: 162-181 / Schmidt 2002: 94-95 / Kieser &
Schneider 2002: 11-20 / Data Becker 2004 / Postuwka 1999: 38-48

Gymnasium Thun Seefeld Seite 7


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Maskenspielen und prunkvollen Aufzügen gezeigt. 1661 gründete Ludwig XIV die Académie
Royale de Danse in Paris und ermöglichte so den Tänzern eine Ausbildung. Die An-
forderungen an die professionellen Tänzer wuchsen ständig, so entwickelte sich auch die
Technik immer weiter. Zu dieser Zeit wurde das Ballett von dem höfischen Tanzsaal auf die
Bühne des Theaters geholt, das Opéraballet entstand. Jeder Bewegung, die meist aus Schrit-
ten, Sprüngen, Drehungen oder einer Pose15 bestanden, wurde ein französischer Begriff
zugeteilt, der bis heute noch verwendet wird. Wichtige Merkmale des klassischen Balletts
sind die grosse Bedeutung der Haltung des Oberkörpers, die Betonung der Ausrichtung nach
vorn und die extreme Auswärtsdrehung der Füsse von der Hüfte aus (En dehors), die dem
Tänzer eine grosse Beinfreiheit erlaubt. Ende des 18. Jahrhunderts verspürten einige
Tänzerinnen den Wunsch nach der Schwerelosigkeit, die Sprünge genügten nicht mehr. So
experimentierte man mit Ballettschuhen, die mit Holz und Gips verstärkte Kappen besassen.
Diese Schuhe erlaubten den Tänzerinnen das Tanzen auf den Zehenspitzen. Der Spitzentanz
war entstanden, damit kamen sie dem Ideal der Schwerelosigkeit, die das Ballett schon seit
den Anfängen prägte, näher. Doch die Steigerung der Technik war noch lange nicht aus-
geschöpft. So wurde zum Beispiel das Tempo der Drehungen, Schrittfolgen und Sprünge
erhöht. Diese wurden zudem durch das Battieren16 erschwert. Diese Temposteigerung wurde
durch den russisch-amerikanischen Tänzer und Choreografen George Balanchine17 eingeführt.
Er schuf das neoklassische Ballett sozusagen gegen den anhaltenden traditio-nalistischen
Wiederstand. Es wurde aber nicht nur das Tempo erhöht, auch die einzelnen Schritte und
Sprünge wurden höher und weiter, noch komplizierter. Bis dahin zeigte eine vollendete
Arabesque18 einen 90 Grad Winkel, doch bei Balanchine konnte der Winkel 135 Grad haben.
Auch die Ausrichtung des Körpers wurde von der früheren Ausrichtung nach vorne in eine
Diagonale verschoben.

Abb. 4: Grosse Fuge. Europäische Neoklassik nach George Balanchine

15
Pose: bewegungslos durchgehaltene Körperstellung
16
Battieren: aus dem französischen battre = schlagen, kleiner Sprung bei dem eine Vor- und Rückbewegung der
Füsse erfolgt, dabei werden die Oberschenkel zusammengeschlagen.
17
George Balanchine: (1904-1983) Examen an der Kaiserlichen Ballett-Akademie in St. Petersburg. 1925
Chefchoreograf in Diaghilews Ballets Russes, Begründer des New York City Ballets.
18
Arabesque: Tänzerin auf dem Standbein mit dem abgehobenen Spielbein nach hinten

Gymnasium Thun Seefeld Seite 8


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Das zaristische Ballett im 19. Jahrhundert in St. Petersburg wurde durch einen wieder-
erstarkten Schaucharakter ausgezeichnet, der die Präsentation tänzerischer Virtuosität in den
Mittelpunkt rückte. Die Werke waren meist märchenhafter Handlung, wie zum Beispiel
Dornröschen (1891) und Der Nussknacker (1892). Diese beiden Ballette sind heute Klassiker.
Die Choreografie im klassischen Ballett steht in einer engen Verbindung mit der Musik. Den
Komponisten der Ballettmusik wurde grosser Ruhm zuteil, so zum Beispiel der russische
Komponist Pjotr Tschaikowsky, der mit seiner Ballettmusik für Schwanensee, Dornröschen
und Der Nussknacker weltberühmt wurde. Ein traditionelles Ballettensemble bestand meist
aus einem Corps de Ballett19, den Solotänzerinnen und -tänzer und einer Primaballerina20.
Diese Zusammensetzung ist auch heute noch verbreitet.
Die Technik und Bewegungsprinzipien des Balletts wurden klar definiert und notiert. Ausser
ein paar kleinen Unterschieden zwischen dem russischen und französischen Ballett wird
überall auf der Welt die gleiche Technik gelehrt, so gibt es im klassischen Ballett für die
Füsse und die Arme fünf Grundstellungen, die als Positionen bezeichnet werden. Weiter hat
jede Position, Pose, Sprung und Drehung ihre eigene Bezeichnung erhalten. 21

19
Hintergrundtänzerinnen, meist in einer Gruppe
20
Erste Solotänzerin, Tänzerin der Hauptrolle.
21
Balletttradition: Dahms 2001: 91-151 / Kieser & Schneider 2002: 21-35 / Musiklexikon 1990: 36-39

Gymnasium Thun Seefeld Seite 9


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

4. Die Prinzipien des Amerikanischen Modern Dance

Nach Sabine Huschka der Moderne Tanz (2002: 198-206)

Die amerikanische Gesellschaft versprühte für die Amerikanischen Pioniere des Modern
Dance reinsten Pioniergeist, übermässig in seiner Kraft, jungendlich und frisch. Der Bühnen-
tanz wandelte sich, da Graham, Humphrey und Weidman zeitgenössische Themen umsetzten
und die Qualität des amerikanischen Lebens in einem Tanz erst richtig verstanden werden
konnte. Es wurden keine fremden, märchenhaften Wesen, wie Feen, Orchideen, Halbgötter,
Bäume oder Wasserwellen, in ihren Tänzen dargestellt. Sie wollten Erlebtes und Gelebtes
umsetzten. Graham sagt dazu:
„I did not want to be a tree, a flower, or a wave. In a dancer’s body, we as audience must see ourselves, not the
imitated behaviour of everyday actions, not the phenomena of nature, not exotic creatures from another planet,
but something of the miracle that is a human being (…)” (Graham zitiert nach Huschka, Sabine 2002: 201)

Der tanzende Körper des Modern Dance stellte die Kraft der Gesellschaft dar. Der Tanz war
kraftvoll, erdig, wirbelnd, perkussiv und kämpferisch. Leichte, schwebende Bewegungen
wurden vermieden. Die in den Tanztechniken herausgearbeiteten Bewegungsprinzipien haben
eine psychologische oder symbolische Bedeutung.
Graham beeinflusste mit ihrem neuen ästhetischen Tanz weitere wichtige Persönlichkeiten,
die für die Entwicklung des Modern Dance in den USA eine grosse Rolle spielten, so zum
Beispiel Merce Cunningham, Anna Sokolow22 und Paul Taylor23. Merce Cunningham hat
später mit dem Musiker John Cage den abstrakten Choreografien zum Durchbruch verholfen.
Die Humphrey-Linie verzeigt sich zu José Limón24.
Heute kann man sagen, dass die Pioniere des Amerikanischen Modern Dance neue Be-
wegungssprachen entwickelten, die auszusagen vermochten, was die Menschen ihrer Zeit
innerlich bewegte. Sie etablierten den modernen Tanz als eine Kunstform in den USA.
Martha Grahams, José Limóns und Merce Cunninghams Techniken werden auch heute noch
unterrichtet und haben in Europa durch die Verbindung mit dem europäischen Erbe zu neuen
Tanzstilen geführt.

4.1 Martha Graham (1894-1991)

Als Martha Graham 1991 im Alter von 96 Jahren starb, hinterlies sie ein unbezahlbares Erbe
an Tänzen und Ideen. Ihr Name wurde zum Synonym des Modern Dance. Alice Helpern
beschreibt in ihrem Buch The Technique of Martha Graham ihre Stellung im modernen Tanz,
wie folgt:
„ Ihr Platz im modernen Tanz ist vergleichbar mit dem von Picasso in der Malerei und Stravinsky in der
Musik.“

22
Anna Sokolow: (Geburtsjahr nicht klar festgelegt: 1910/1912/1915 – 1998) Ihre Hauptwerke waren meist
düstere Choreografien, die sich mit dem Thema der tiefen Einsamkeit und Isolation beschäftigen.
23
Paul Taylor: (geboren 1930) Er gehört zu den spätberufenen Tänzern und Choreografen. Er war einer der
ersten, der mit seinem Ensemble nach Europa zog. Taylor galt im Modern Dance als ein weisser Rabe: ein
Aussenseiter.
24
José Limón: (1901-1979) geboren in Mexiko. Seine Tanztechnik spielt mit Fallen und Sich-wieder-Auffangen.
Sie ist sehr dynamisch, ausdrucksstark, kraftvoll und nähert sich in vielem dem klassischen Tanz. 1947 gründete
er die José Limón American Dance Company, die noch heute besteht.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 10


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Ihre Technik war mehr als nur eine Aufzeichnung von Bewegungen. Sie ermöglichte mit ihrer
Technik den Tänzern einen neuen Weg ihren Körper als ein Instrument des Ausdrucks zu
gebrauchen. Ihre Ausdrucksformen und ihre choreographische Sprache waren revolutionär.

Abb. 5: Martha Graham

Martha Grahams Anliegen war es, die Enthüllung der Emotionen und inneren Gefühle, deren
Vorhandensein nur wenige Menschen akzeptieren, zu erreichen. Graham sagte einmal zu
ihren Kompanie-Mitgliedern:
„Lerne all deine Körperporen kennen. Sprich zu ihnen. Trainiere sie, bis du ein Kribbeln in deinem Körper
spürst“ ( Franklin 2002: 26)

4.1.1. Die philosophische Basis der Technik Martha Grahams

Seit ihren ersten Auftritten als unabhängige Choreografin, verfolgte Graham eine kon-
sequente Philosophie. Für sie war der Tanz ein ästhetisches Medium für die Aufdeckung der
persönlichen, inneren Sprache. Er war eine Form der Individualität und nahe verbunden mit
der Religion. Martha Graham war nicht nur dank ihrer qualitativen Arbeit berühmt, sondern
auch wegen ihren tiefgründigen Ansichten über die Kunst und das Leben. Die Kunst und das
Leben waren für sie eine untrennbare Einheit:
„ The instrument through which the dance speaks is also the instrument through which life is lived…..the human
Body.” (Martha Graham zitiert nach Helpern 1994: 6)

„You must keep alive the wonder. You must listen to ancestral footsteps, but you must never look back. You must
move ahead believing movement never lies searching for truth, letting your body speak, knowing technique
prepares your body to speak in dance. Driving yourself because there are sources of energy in your body that
make you rise so you are free, and that freedom makes you sure of your moves.” (Helpern 1994: 4)

Gymnasium Thun Seefeld Seite 11


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Der Tanz ist wie ein Spiegel der inneren Natur eines Menschen, deshalb können, wie Martha
Graham es ausdrückte, Bewegungen nicht lügen (Movement never lies). Dieser Gedanke,
dass die Bewegung instinktiv aus der Seele eines Menschen stammt, bildet einen wichtigen
Teil im Graham Training. Die Tänzer sollen die Ehrlichkeit der Bewegungen ausnützen.
Graham will die Tänzer dazu bewegen ihr Inneres besser kennen zulernen. Dabei sind die
Disziplin und die Hingabe für den Tanz von grosser Bedeutung.
„Ich bin Tänzerin. Ich glaube, wir lernen durch Erfahrung. Ob wir durch Tanzerfahrung lernen zu tanzen oder
durch Lebenserfahrung lernen zu leben, macht dabei keinen Unterschied. In beiden Fällen ist die unbeirrbare
und präzise Ausführung einer Reihe von Tätigkeiten unseres Körpers oder Geistes ausschlaggebend für den
Erfolg und damit ausschlaggebend für den Sinn unseres Daseins und Erfüllung unseres Lebens. Der Mensch
wird gleichsam zum Artisten seines Schöpfers.“ (Martha Graham zitiert aus ihrem Buch Blood Memory 1991: 3)

Martha Graham glaubte, es daure zehn Jahre bis ein Tänzer zu einem wirklichen Tänzer wird.
Dabei muss täglich ein hartes Training absolviert werden. Für Graham war das Training
wichtig, um den Körper in Einklang mit den Gedanken und der Seele zu bringen. Mit ihren
Übungen werden nicht nur die Muskulatur, die Balance, die korrekte Ausrichtung und die
Beweglichkeit trainiert, sondern auch die Begegnung mit dem inneren Selbst durch die
Bewegung. Dieser Trainingsprozess ist eine Ausbildung in Kunst, Musik, Drama,
Philosophie, Anatomie, Physiologie und Dichtkunst.

Abb. 6: Christine Dakin in der Titelrolle von Martha Grahams Phaedra

Die Kunst und das Leben sind eng verbunden mit der Religion. Diese Aussage machte
Graham als sie eine Zeremonie der Pueblo Indianer gesehen hatte. Sie hatte noch nie so etwas
Grossartiges gesehen oder geträumt. Graham machte weitere Erfahrungen mit südamerika-
nischen Völkern, welche ihren Tanzstil prägten.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 12


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 7: Miki Orihara & die Martha Graham Dance Company in Steps in the Street von Chronicle (1936)

4.1.2. Technische Prinzipien

Die Prinzipien der Technik Martha Grahams wurden erst in den 1950-er Jahren entwickelt.
Jede praktische Bewegung hat seine eigene Philosophie und Geschichte. In der Graham-
Technik beginnen alle Bewegungen im Körperzentrum, dass heisst im Bereich des Beckens
und des Bauches, und breiten sich nach Aussen in die Extremitäten aus. Die Bewegungen
kehren immer wieder in das Körperzentrum zurück. Die Arme veranschaulichen diesen
Punkt. Sie werden nie ziellos herumgeschleudert, sondern werden vom Rücken angehoben
und geführt. Die Arme werden als eine Verlängerung des Körpers in den Raum angesehen.
Die Wirbelsäule ist die Achse, um die sich der Körper gebildet hat. Sie ist des Tänzers
Energiequelle. Die Wirbelsäule ist grundlegend für die Technik Martha Grahams.

Abb. 8: Grahamlektion an der Interlochen Arts Academy 1967

Gymnasium Thun Seefeld Seite 13


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Der Körperschwerpunkt ist das Becken, der robusteste Teil des Körpers. Ein stabiles Zentrum
ist wichtig, damit der Tänzer seine Bewegungsfolge als eine Einheit tanzen kann und sich so
auf den dramatischen Ausdruck der Bewegung konzentrieren kann. Es ist auch wichtig für die
schnellen und dynamischen Wechsel der Bewegungen. Diese Balance soll den Tänzern mehr
Körperkontrolle bringen, denn der Tänzer soll die Bewegung kontrollieren und nicht etwa die
Bewegung den Körper des Tänzers. Martha Graham erklärte ihren Schülern die Ausführung
einer Bewegung in Bildern. Sie verglich die Bewegungen, zum Beispiel mit einer Blume oder
mit der Bewegung eines Tieres:
„Beobachtet Tiere. Findet heraus, wie sie sich bewegen, vor allem die Familie der Katzen. Geht in den Zoo und
studiert die Tierbewegungen“ (Franklin 2002: 70)

Das Becken und die Wirbelsäule spielen eine wichtige Rolle bei zwei zentralen Bewegungen
in der Graham-Technik, das Contraction and Release und die Spirale. Graham entdeckte früh
die gegenseitige Abhängigkeit von den physischen und emotionalen Elementen in der Be-
wegung der Wirbelsäule und des Beckens und zentrierte ihre Technik auf diese Abhängigkeit.
Das Contraction and Release und die Spirale geben den Tänzern das grundlegende Wissen
und sollen ihnen das Vorhandensein der physischen und emotionalen Zentren aufzeigen, um
die Philosophie Grahams in der praktischen Umsetzung entdecken zu können.

Abb. 9: Errand into the maze. Choreografie: Martha Graham

Contraction and Release: Graham nutzte die Kontrolle der Atmung als ein wichtiger Teil
ihrer Technik. Sie verlieh diesem natürlichen Verhalten eine dramatische Dimension. Verein-
facht ausgedrückt stellt Release den Moment dar, in dem der Körper einatmet, während unter
Contraction ein Ausatmen zu verstehen ist. Dabei orientiert sich der Körper beim Release
nach Aussen und beim Contraction nach Innen, das heisst der Körper öffnet sich im Release
und fällt im Contraction in sich zusammen. Bei einer Choreografie folgt auf das Release
immer ein Contraction. Graham bemerkt hierzu, es handle sich um die ersten und letzten
Lebensmomente eines Lebewesens. Diese Polarität zwischen An- und Entspannung
(Contraction and Release) ist nicht nur rein physischer, sondern auch psychischer Natur. In
diesen Gegensätzen wiederspiegeln sich die Beziehungen von Nacht und Tag, Trauer und

Gymnasium Thun Seefeld Seite 14


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Freude, Tod und Leben. Martha Graham versucht auf diese Weise die Vorgänge im Körper
eines Menschen zum Ausdruck zu bringen. Sie tanzt wie viele es nennen aus dem Bauch
heraus. Beim Einatmen (Release) scheint der Tänzer den Körper von der Gravitationskraft zu
befreien, wobei Contraction die Vorbereitung dieses Vorgangs sei.

Abb. 10:The Exercise on Six 1942

Spiralen: Die andere charakteristische Bewegung von Martha Graham ist die Spirale. Stuart
Hodes schreibt darüber:
„Sie wollte insbesondere, dass wir auf die Abfolge von Phasen der Bewegung und Phasen des Innehaltens im
Wachstum von Pflanzen achteten. ,Beobachtet, wie sie spiralförmig zur Sonne streben´, sagte sie. ,Leben fliesst
einen spiralförmigen Pfad entlang.’ Bald merkte ich, dass Spiralen in vielen unserer technischen Bewegungen
betont und in andere eingeführt werden.“ ( Franklin 2002: 162)

Bei der Spirale bewegen sich das Becken und der Rücken, um eine imaginäre, vertikale Säule.
Diese Bewegung erfordert Mobilität und eine gute Kontrolle des Rückens und des Beckens.
Bewegungen, die eine Seite des Körpers stark beanspruchen, brauchen eine starke Resistenz
der gegenüberliegenden Seite. Wie auch das Contraction and Release, soll die Spirale ein
starkes Gefühl in den Tänzern erwecken.

Das Zu-Boden-Fallen: Eines der bemerkenswertesten Elemente in der Technik Martha


Grahams ist die von ihr selbst entwickelte Art des Zu-Boden-Fallens. Dabei lässt sich der
Tänzer/die Tänzerin nach hinten fallen, ohne das Fallen verhindern zu wollen.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 15


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 11: Fall nach hinten

Der Boden bildet bei Graham einen Raum, dem man keinen Wiederstand entgegensetzen soll.
Während das klassische Ballett verlangt, sich vom Boden abzustossen. Der Boden ist ein
Element, das aber trotzdem aktiv genutzt werden kann. Das Fallen wird so zur Metapher, die
einen emotionalen Zustand zeigen soll. Diese eckige Bewegung ist nach Graham wie ein
Drang des Körpers.

Das mentale Training: Martha Graham sagte einmal, dass man ein Tanzstück erst be-
herrsche, wen man sich die ganze Schrittfolge im Kopf vorstellen könne. Das mentale Trai-
ning sollte ein wesentlicher Bestandteil des Tanztrainings von Martha Graham sein. 25 Sie
sagte 1991, dass ein Tänzer die Bewegung verstehen muss, um sie richtig ausführen zu
können:
„Das kann man nicht trainieren. Der Tänzer muss auf die Vorstellung reagieren können, die Bewegung formt,
auf Logik, wieso eine Bewegung von hier nach dort führt, und er soll die Motive und Gefühle einer Figur in
jedem Augenblick verstehen können.“ (Franklin 2002: 245)

4.2. Merce Cunningham (Geboren 1919)

Der US-Choreograf war Mitglied der Martha Graham Dance Company. In diesen sechs
Jahren prägte Martha Graham den jungen Tänzer und späteren Choreografen mit ihrem
Tanzstil.

25
Kapitel Martha Graham: Technik: Huschka 2002: 216-226 / Schmidt 2002: 96-99 / Helpern 1994: 1-6 / 23-60

Gymnasium Thun Seefeld Seite 16


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 12: Merce Cunningham, Root of the Unfocused 1944

Sein Tanzstil, der in den 50-er Jahren entstand, war noch moderner als jener von Graham.
Merce Cunningham löste in der Welt des Tanzes mit seinen Choreografien immer neue
ästhetische Trends aus. Er experimentierte mit dem Computer und nutzte das Video als ein
künstlerisches Element.

Abb. 13: Merce Cunningham arbeitete hier mit dem Computer

Viele Tänzer und Choreografen sahen Cunninghams Werke als eine Art Grenzlinie zwischen
dem modernen und postmodernen Tanz. Kritiker hegten eine Ablehnung gegenüber
Cunninghams Werken, sie seien meist spröde und unverständlich. Susan Sontag eine
amerikanische Essayistin schreibt über Cunninghams Tanzstil folgendes:
„Der Tanz Merce Cunninghams macht eine Schulung der Aufnahmefähigkeit notwendig, die, was Schwierigkeit
und Langwierigkeit betrifft, mindestens vergleichbar ist mit der Schwierigkeit, die der Beherrschung der Physik
oder des Ingenieurwesens im Wege stehen.“

Gymnasium Thun Seefeld Seite 17


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Cunninghams Choreografien wurden auch vom Publikum meist nicht verstanden. Sie
reagierten mit Empörung.
Die Beziehung der Musik mit dem Tanz war für Cunningham in einigen seiner Werke nicht
von Bedeutung. Er sah die Musik und den Tanz als zwei getrennte Schichten an. Teilweise
ersetzte er die Musik auch durch technische Geräusche.
Wenn bei seinen Werken 12 oder 15 Tänzer zusammen auf der Bühne standen, bewegten
diese sich nicht synchron, sondern individuell. Für die Zuschauer war das meist sehr
anstrengend. Merce Cunningham begründete seine Ästhetik mit der modernen Physik:
„Als ich zufällig Albert Einsteins Satz las: „Es gibt keine festen Punkte im Raum.“ Ist mir klar geworden, dass
sich aus diesem Satz auch Konsequenzen für den modernen Tanz ergäben: „Wenn es keine festen Punkte gibt,
dann ist jeder Punkt gleich interessant und gleich beweglich.“

Abb. 14: Pictures mit der MCDC

4.1.1. Cunningham – Technik

Cunningham sagt, damit ein Tänzer die Bewegungen eines Tanzstils wirklich tanzt, muss er
nicht nur seinen Körper beherrschen können, sondern auch die Bewegungen verstehen. Die
Bewegungen sollen in die eigene Körperorganisation integriert werden. Dieses philosophische
Verständnis wird im täglichen harten Training geschult. Das Training beinhaltet strukturierte
Übungen, die den Körper erwärmen, kräftigen und dehnen sollen und ihn in seiner Beweg-
lichkeit, Koordination und Flexibilität trainieren. Die tägliche Arbeit am Körper erfordert eine
ausserordentliche Disziplin und eine gute Ausdauer.
Cunningham nutzte das Training auch als mentale Schulung, dabei wird auf eine Form eines
konzentrativen Wahrnehmens der Bewegung Wert gelegt.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 18


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 15: Beim Training mit seiner Kompanie

Die Tänzer sollen die Logik und Qualität der Bewegungen in ihrem eigenen Körper finden.
Aus diesem Verständnis entwickelte Cunningham schliesslich seinen eigene Technik:
„Ich arbeitete allein und versuchte herauszufinden, welche grundlegenden Prinzipien hinter diesen –bzw. den
Grahamschen – Übungen steckten. Worum ging es da? Was macht der Rücken, wenn das Bein sich in der
Horizontalen befindet und so weiter. (...)
Ich wollte die Bewegung kennen lernen, aber sie keinesfalls so ausführen, wie Martha Graham es tat, nicht im
Geringsten. Genauso in den Ballettübungen: Wenn ich mein Bein in einem Winkel von 180° ausstrecken soll,
und der Rücken soll dabei gerade bleiben, wie mache ich das? Wenn man die Arme weit öffnen soll, wie mache
ich das? Das ist kein Ego-Trip, sondern der Versuch zu verstehen, zumal ich keinen ausser mir selbst hatte, mit
dem ich arbeiten konnte.“(Huschka 2000: 305)

Cunningham versuchte die Bewegungen seinen Tänzern durch eine Logik verständlich zu
machen. Im Gegensatz zu seiner früheren Lehrerin Martha Graham, die ihren Schülern die
Bewegung bildlich näher bringen wollte. Merce Cunningham sagt über diese Logik Folgen-
des:
„Sowohl bei Graham als auch im Ballett-Unterricht hat mich immer interessiert, wie eine Bewegung funktioniert
und nicht, welche Empfindungen sie einem verschafft; wie man von einer Position in die andere kommt und die
Bewegung von da aus weitergeht. Man muss eine Vorstellung davon bekommen, dass die Bewegung von
irgendwoher kommt, nicht als ein expressives Moment, sondern aus einem Impuls heraus, einer bestimmten
Energie, und bevor man zur nächsten Bewegung übergeht, muss man das alles deutlich vor Augen haben.
Solange man sich nicht mit dieser Sichtweise vertraut gemacht hat, bekommt man keinen Ablauf in die
Bewegung, keine logische Entwicklung von einem Schritt zum nächsten. Logik meine ich hier nicht als etwas
durch und durch Verstandesmässiges, sondern als eine der Bewegung innewohnende Logik.“ (Huschka 2000:
306)

Die Cunningham – Technik fordert von den Tänzern ein Höchstmass an Flexibilität, die sich
auf der Grundlage der koordinierten Körperbeherrschung in geschmeidigen Bewegungen
darstellt. Die Bewegungen werden rhythmisch, hinsichtlich ihrer Formgebung (shape), Raum-
richtung und Dynamik trainiert, damit alle kleinsten Veränderungen vom Körper sorgfältig
ausgeformt werden können. (Huschka 2000: 302)
Die Cunningham-Technik besitzt kein zentrales Prinzip aus einer bestimmten Bewegungs-
form. Hier gilt jede Bewegung, sei sie noch so fremd und ungewöhnlich, auszuprobieren.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 19


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 16: Merce Cunningham Dance Company in Split Sides

Im Gegensatz zu der Balletttechnik verschiebt sich das Bewegungszentrum in der


Cunningham-Technik in den unteren Bereich des Rückens. Trainiert werden dafür vor allem
der ganze Rücken, den der Tänzer in mehrere Richtungen bewegen muss, und die Beine, die
aus der Beckenmuskulatur heraus in den Raum geführt werden. Diese Bewegung mit den
Beinen hat eine Kräftigung der unteren Rücken- und Beckenmuskulatur zur Folge. Diese
Kräftigung ermöglicht dem Körper verschiedene Kombinationen isolierter Oberkörper- und
Unterkörperbewegungen auszuführen und verbessert den Stand. Merce Cunningham legte
analog zu den fünf Ballettpositionen fünf grundlegende Bewegungsrichtungen des Torsos
fest:

1. upright: die aufrechte Haltung


2. curve: die Vorwärtsneigung
3. tilt: die Seitwärtsneigung nach rechts oder nach links
4. arch: die Rückwärtsneigung des Torso
5. twist: seine Drehung in der senkrechten Achse auf der Horizontalebene.

Der Körper befindet sich in der Cunningham-Technik im Kräftespiel von Spannung und
Entspannung. Um den Oberkörper, der aus der Achse kippt oder gebeugt in einer schrägen
Lage sich befindet, zu stabilisieren, während die Beine sich in verschiedene Richtungen
empor bewegen, ist eine extrem hohe muskuläre Spannung im Körper notwendig. Besonders
dann, wenn das Tempo gesteigert wird und der Positionenwechsel beschleunigt wird, ist diese
Spannung unumgänglich. Die meist recht lang anhaltenden Positionierungen des Körpers in
der Cunningham-Technik verlangen eine grosse Kraftanstrengung. Die Tänzer gelangen mit
schnellen Wechseln von einer Raumlage zur nächsten. Die Wechsel werden meist mit
mehreren Körperteilen ausgeführt, gleichzeitig oder in rhythmischer Verschiebung. Dieser
technische Aspekt wird auch als Isolationstechnik bezeichnet.
Die Isolationstechnik ist ein zentrales bewegungstechnisches Prinzip der Cunningham-
Technik. Dabei werden die Beine, der Oberkörper, das Becken, die Arme, die Hände, der
Kopf und die Füsse unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen, mit unter-
schiedlichen Rhythmen und selbstständiger Dynamik bewegt. Manche Tänzer kritisierten
dieses isolierte Bewegen der verschiedenen Körperteile. Sie fanden der Körper verliere durch

Gymnasium Thun Seefeld Seite 20


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

diesen Aspekt seine Ganzheit. Dabei ist die Isolationstechnik äusserst fein abgestimmt und
weitaus differenzierter, als wenn ein Tänzer gesamtkörperlich in Bewegung ist.

Abb. 17: Mitglieder der Merce Cunningham Dance Company auf der Bühne in Warwick

Merce Cunningham bediente sich als einer der Ersten der Aleatorik, ein Kompositionsstil mit
Zufallselementen. Mit Hilfe des Zufalls entwickelte Merce Cunningham eine Arbeitsweise,
durch welche der Tanzkörper an seine Grenzen herangeführt wird. Das Choreografieren wird
zu einem Akt des Würfelns und Aufschreibens. Durch den Würfelwurf wurden der Ort im
Raum, die Richtung, die Körperteile und die Zeitdauer der Bewegungen bestimmt.
Cunningham bezweckte damit die Komplexität der Bewegungen weiter zu treiben, feiner zu
differenzieren und ins schier Unendliche auszuweiten. Sein Ziel war es die unwahr-
scheinlichsten Kombinationen möglich zu machen.
Die Cunningham-Technik zeichnet sich zudem durch eine grosse Geschmeidigkeit in den
Bewegungen aus, die die weiche und gelöste Haltung des bewegenden Körpers zum
Vorschein bringen. 26

Abb. 18: MCDC in Interspace

26
Merce Cunningham-Technik: Huschka 2002: 226-239 / Huschka 2000: 293-321 / Schmidt 2002: 152- 155

Gymnasium Thun Seefeld Seite 21


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

5. Forschungsteil

5.1. Merkmale der verschiedenen Modern Dance Techniken

Der Modern Dance wird meist anhand der Merkmale definiert, die ihn vom Ballett
unterscheiden, da er als Reaktion auf den klassischen Tanz entstanden ist. Um diese
Unterschiede sichtbar zu machen werden Elemente, wie die Körperhaltung, Einsatz des
Körpergewichts, die Form des Bewegungsablaufs, aber auch Bewegungen von einzelnen
Körperteilen, wie des Kopfes, des Oberkörpers, der Hände, der Arme, der Beine und der
Füsse genauer beobachtet. Ich untersuchte die Technik Grahams und Cunninghams anhand
von Videos, Expertengesprächen und Workshops noch genauer, damit ich auch kleine
Unterschiede erkennen konnte.

5.1.1. Videoanalyse

Martha Graham-Technik
Diversion of Angels

Choreografie: Martha Graham


Musik: Norman Dello Joio 27
Rollen: 3 Solistinnen, 4 Tänzerinnen, 4 Tänzer

Sofort fallen einem die Kostüme auf, die sehr schlicht und einfarbig sind. Wenn die
Choreografie eher traurig ist werden bewusst graue, düstere Farben gewählt. Bei fröhlichen
Tänzen sind die Tänzer in farbenprächtige Stoffe gehüllt, die meist sehr warme und knallige
Farben haben, wie Rot, Orange, Weiss oder Gelb. Die Tänzerinnen tragen ein knöchellanges
Kleid, während die Männer enge Hosen tragen. Die Tänzer tanzen meist mit nacktem
Oberkörper.
Die Tänzer tanzen, wie es schon seit Anfang des Modern Dance ausgeübt wird, barfuss. In
den Choreografien Martha Grahams ist ganz klar eine Beziehung zwischen der Musik und
dem Tanz erkennbar, was in manchen modernen Inszenierungen nicht mehr vorhanden ist.
Das Bühnenbild ist schlicht und einfach, nur Lichteffekte lassen die Bühne etwas interes-
santer erscheinen. Martha Graham will die Aufmerksamkeit der Zuschauer wirklich auf die
Tänzer richten und nicht etwa auf aufwendig hergestellte Bühnenbilder oder pompöse
Kostüme. Diversion of Angel erzählt von drei Frauen, die die Liebe auf ganz andere Art
kennen lernen. Die Frau in Rot verkörpert die sexuelle Leidenschaft, die Frau in Gelb die
ungestüme junge Liebe und die Frau in Weiss die reife, ausgeglichene Liebe. Ihre Charaktere
werden in ihrer Tanzart deutlich dargestellt.
Die acht Tänzerinnen und Tänzer in den braunen Kleidern tanzen mit energischen Bewe-
gungen. Sie bilden eine Art Umrahmung der Solistinnen. Beim Auftritt der Frau in Rot stehen
alle wie versteinert still und schauen ihr zu. Sie überquert die Bühne nur mit einer ständig
wiederholenden Pose und verschwindet wieder. Darauf folgt die Frau in Gelb mit energischen
Sprüngen und Drehungen. Die Bewegungen der Frau in Weiss sind anfänglich zurückhaltend
und werden im Verlaufe der Choreografie immer grösser und ausholender.

27
Norman Dello Joio (geboren 1913): amerikanischer Komponist und Professor für Komposition an der
Universität in Boston.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 22


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Abb. 19: Die drei Solistinnen in Martha Grahams Diversion of Angels

Die Bewegungen sollen bei Graham Gefühle und Emotionen zeigen. Deshalb spielt auch die
Gestik eine grosse Rolle. Diese Gestik ist vor allem im Contraction and Release sichtbar.
Während beim Release der Gesichtsausdruck meist fröhlich erscheint, da das Release Freude,
Leben und Licht ausdrücken soll, wirkt er beim Contraction traurig, schmerzhaft, dramatisch
und dunkel. Das Contraction and Release nimmt auch in den Choreografien eine zentrale
Rolle ein. Martha Graham hat diverse verschiedene Bewegungen gefunden, bei denen auch
das Prinzip der An- und Entspannung angewendet werden kann. Das Contraction ist in jeder
Form dasselbe. So kann zum Beispiel auch eine Drehung im Contraction gemacht werden.
Das Release ist immer die Vorbereitung. Diese Vorbereitung kann auch eine Arabesque oder
ein Bein, das seitlich in die Horizontale zeigt, sein, was bei der Position der Frau in Rot gut
sichtbar wird. Beim Wechsel von der Pose in eine aufrechte Position führt sie ein Contraction
aus, wobei sich das hintere Bein über Attitude nach vorne bewegt. Der Wechsel von Release
zu Contraction erfolgt schnell, eckig und abgehackt, was für die Graham-Technik sehr typisch
ist. Die Bewegungen werden kraftvoll, dynamisch, schroff und mit grosser Spannung ausge-
führt. Die Arme und Beine werden mit viel Kraft, was sie manchmal fast eher steif erscheinen
lässt, geführt. Die Formen, die von den Beinen und Armen ausgeführt werden, sind meist
eckig, so werden zum Beispiel die Füsse oder auch die Hände oftmals geflext. Die Fuss-
stellung ist gleich wie im klassischen Ballett. Die Füsse werden von der Hüfte aus ausgedreht.
Der einzige Unterschied ist, dass im Graham die sechste Position (parallele Fussstellung) viel
häufiger gebraucht wird.
Das Becken bildet in der Graham-Technik das Körperzentrum. Das ermöglicht den Tänzern
eine grössere Oberkörperfreiheit. Die Tänzer können auf diese Weise die Balance behalten
auch wenn der Oberkörper aus der Achse kippt. Dies sieht man zum Beispiel in der Position
der Solistin in Rot. Beim Kreuzen der Bühne verharrt sie immer wieder in der gleichen
markanten Position. Dabei ist das gestreckte hintere Bein zur Seite erhoben, der Oberkörper
zur Seite gekippt und beide Arme auf Schulterhöhe ausgestreckt. Der Kopf, als weiteres
Element des Ausdrucks, bildet bei Graham die Verlängerung der Wirbelsäule.
Die drei Solistinnen tanzen schliesslich alle ein Duett mit einem der Tänzer. Dabei werden
Hebungen ausgeführt, wie man sie vom Pas de deux des Balletts kennt. Die drei Damen
umwinden ihren Partner mit geschmeidigen Bewegungen.
Die Tänzer führen jedoch auch einfache Bewegungen wie Gehen aus. Diese Gangart wirkt
sehr zaghaft und abgehackt. Zwischen jedem Schritt wird eine kleine Pause eingesetzt, wobei
der zweite Fuss etwas hinterher gezogen wird. Dies kann man meist beobachten, wenn die
Tänzer die Bühne betreten. Ein weiteres typisches Element des Modern Dance ist auch in der
Graham-Technik zu finden, nämlich die Bodenteile. Vor allem die Frau in Gelb mit ihren

Gymnasium Thun Seefeld Seite 23


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

energischen Bewegungen benutzt den Boden als weitere Dimension ihres Tanzes. Es sind
jedoch in der Grahamtechnik meist nur sehr kurze Momente bei denen sich der Tänzer am
Boden befindet. Es ist fast mehr ein vorübergehendes Fallenlassen, das nur kurz anhält bis der
Körper seine Spannung wieder findet.

Merce Cunningham-Technik
Beach Birds for Camera

Choreographie: Merce Cunningham


Musik: John Cage28
Rollen: 12 Tänzerinnen und Tänzer

Die Kostüme bei Merce Cunningham sind schlicht und meist ein- oder zweifarbig. Die Tänzer
und Tänzerinnen tragen immer die gleiche Kleidung. In Beach Birds for Camera tragen die
Tänzer eine weisse, enge Hose und ein weisses Oberteil mit schwarzen Ärmeln und
Schultern, wie die Flügel eines Vogels.

Abb. 20: Merce Cunningham Dance Company in Beach Birds (1991)

Zu Geräuschen aus dem Alltag, zur Musik von John Cage oder zum Atmen der Tanzenden,
führen die Tänzer die Schritte von Merce Cunningham aus. Seine Choreografien enthalten
sehr ruhige Momente in denen alle Bewegungen langsam, bewusst und präzise ausgeführt
werden. Diese langsamen Teile sind für die Tänzer sehr kraftraubend. Meist sind diese
Bewegungen grosse in den Raum ragende Positionen, wobei bei den schnelleren Teilen meist
kleinere Schritte getanzt werden. Diese Schrittfolgen bestehen aus kleinen, kräftigen
Sprüngen, Pas de pourrai29 oder schnellen, impulsiven Drehungen. Die Arme werden sowohl
bei den schnelleren als auch bei manchen langsamen Bewegungen nicht oft gebraucht. Sie
befinden sich häufig neben dem Körper oder nur leicht auf die Seite hochgehoben. Bei einer

28
John Cage (1912-1992): amerikanischer Komponist. Er gilt als Hauptvertreter der experimentellen Musik. Seit
1942 erarbeitete er zusammen mit Merce Cunningham zahlreiche Choreografien, bei denen er die musikalische
Leitung übernahm.
29
kleiner Ballettschritt. Bewegung seitwärts

Gymnasium Thun Seefeld Seite 24


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Armbewegung werden die Arme vom Rücken aus angehoben und meist rund und graziös
geführt. Bei der Beziehung zwischen Arm- und Beinarbeit in Beach Birds ist das Phänomen
der Isolationstechnik sehr gut sichtbar. Die Arme bewegen sich nicht mit den Beinen, sondern
sind für sich eine Einheit, die sich nach Belieben bewegt oder still hält. Die Arme wirken in
der Cunningham-Technik als weniger wichtiges Element als die Beine, im Gegensatz zur
Graham-Technik und dem klassischen Ballett, wo die Arm- und Beinarbeit von gleicher
Bedeutung ist. Die Beinarbeit ist in der Cunningham-Technik umso pompöser und kraftvoller.
Die Tänzer befinden sich während des Tanzens häufig auf Demi-point30, was erstens ein gutes
Gleichgewicht fordert und zweitens auch sehr kraftaufreibend ist. Auch die fünf
Oberkörperpositionen sind häufig erkennbar. Dabei muss der Tänzer besonders auf das
Körperzentrum achten, um die Balance halten zu können. Die Cunningham-Technik enthält
alltägliche Elemente, wie Gehen und Hinlegen. Dieses Hinlegen bildet die seltenen, simplen
Bodenteile der Cunningham-Technik. Bei Beach Birds kommt eine weitere neue Bewegung
zum Vorschein. Am Anfang stehen 12 Tänzer und Tänzerinnen in einem neutralen Raum und
verharren in einer individuellen Position. Dabei bewegen sie impulsartig ihre Füsse oder
Beine. Der Oberkörper wippt leicht hin und her, wie ein Vogel der in der Luft gleitet. Die
Choreografie wechselt zwischen schnelleren und langsameren Bewegungssequenzen. Die
Tänzer kehren immer wieder in diese ruhige Position zurück. Es ist ganz klar ein Kontrast
sichtbar zwischen dem ruhigen Oberkörper und den nervösen, schockartigen Bewegungen der
Füsse.
Bei Cunningham sind alle Tänzer ein Individuum31, wie es in Beach Birds gut sichtbar wird.
Die Tänzer tanzen selten synchrone Bewegungsfolgen, sondern meist versetzt oder gar etwas
total anderes. Oft stehen die Tänzer alle still, doch dann aus dem nichts bewegt sich einer der
Tänzer blitzschnell. Die Spannung zwischen den Tänzern bleibt selbst erhalten, wenn das
Geschehen auf der Bühne für einen Moment innehält.

5.1.2. Experteninterview

Graham-Technik
Gespräch mit Annemarie Parekh32

Am Anfang unseres Gesprächs erklärte mir Annemarie Parekh, was für sie der Amerikanische
Modern Dance ist und wie er in Verbindung mit dem klassischen Ballett steht:
„ Der amerikanische Modern Dance hat eine Bewegungssprache gesucht, die auszudrücken vermochte, was die
Menschen in dieser Zeit bewegte. Er entwickelte sich in naher Beziehung zur visuellen Kunst und zur Musik
anfangs des 20. Jahrhunderts. Er hat sich nicht in einer Auflehnung gegen das damalige Ballett entwickelt. Es
ging um Inhalte, nicht um Prinzipien. Das Ballett galt als eine europäische Kunstform, die einer Zeit verpflichtet
war, die mit dem Leben und dem Anliegen der damaligen Künstler kaum mehr etwas zu tun hatte. Die Modern
Choreographen suchten nach einer neuen Ästhetik wie dies auch die Künstler anderer Sparten taten. Im Modern
Dance suchten die amerikanischen Künstler die eigene Identität. Noch heute gilt der Modern Dance als die
ureigenste Kunstform des jungen, aufstrebenden Amerikas.“

30
Auf Halb-Spitze
31
Einzelwesen
32
Annemarie Parekh absolvierte von 1964-1966 eine Tanzausbildung an der Martha Graham School in New
York. Sie tanzte in mehreren New Yorker Companys. 1976 gründete Annemarie Parekh das Akar Studio in Bern
und unterrichtet bis heute Modern Dance und Graham.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 25


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Annemarie Parekh erzählte weiter, dass Martha Graham nie eine genaue Technik festgelegt
oder aufgeschrieben hätte. Ihr ging es nur um die Bewegung nicht etwa um die Technik. Die
Technik wurde erst später kodifiziert. Annemarie Parekh ist der Meinung, dass man heute die
drei grundlegenden Tanzarten, Humphrey-Limon, Cunningham und Graham sicher nach
gewissen Prinzipien unterscheiden kann, doch damals sei das unmöglich gewesen. Auf die
Frage welche Bewegungsprinzipien heute die Grahamtechnik prägen, antwortete sie:
„Die Graham-Technik ist sehr dramatisch. Es geht um das Auswuchten von Formen durch die Körperenergie.
Es geht nie um die Haltung oder Stellung der Arme und Beine. Es geht um Bewegung, nicht um Formen.“

Den Armen und Beinen wurden keine Positionen und feste Formen zugeteilt, wie es im
Ballett der Fall ist. In der Graham-Technik ist fast jede Bewegung der Arme und Beine
erlaubt. Nach dieser Aussage wollte ich von Annemarie Parekh wissen, ob Martha Graham
den geistigen Gedanken, der sich hinter ihren Bewegungen verbirgt, ihren Schülern
weitergegeben hatte:
„Martha Graham verstand sich als Tänzerin, dann als Choreographin, aber nicht als Lehrerin. Ethel Winter
sagt: Sie vermittelte nicht, sie holte das Allerbeste aus uns heraus.“

Als ich sie über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Graham und dem klassischen
Ballett ausfragte, erklärte sie mir, dass es keine grundlegenden Unterschiede im Sinn von
basic technique gäbe. Es sind nur stilistische Unterschiede sichtbar, zum Beispiel Ballett ist
auf Spitze, Modern nicht. Sie sagte weiter zur Beziehung zwischen dem Modern Dance und
dem Ballett:
„Heute ist es selbstverständlich, dass professionelle Tänzer sowohl im Modern wie im Klassischen Tanz zu
Hause sind. Alle drei Grundtechniken, Humphrey-Limon, Cunningham und Graham, ergänzen sich bestens mit
Ballett und umgekehrt.“

Cunningham-Technik
Fragebogen ausgefüllt von Michael Schulz33

Ich habe Michael Schulz die gleichen Fragen gestellt, bezogen auf die Cunningham-Technik,
wie Annemarie Parekh über die Graham-Technik.
Auf die Frage nach den Bewegungsprinzipien der Cunningham-Technik, erwähnte er die
Fussstellung. Die Bewegungen erfolgen in der Cunningham-Technik sowohl aus der paral-
lelen, wie auch aus der ausgedrehten Beinstellung. Ein wichtiges Element bei Cunningham ist
die Bewegung des Oberkörpers:
„Für den Oberkörper wurden „Curves“, „Twists“ und „Tilts“ entwickelt. Curve als runde Bewegung des
Torsos, Tilt als diagonale, gerade Abweichung des Torsos von der Senkrechten. Dann gibt es noch den „Arch“
als Beugung des Oberkörpers nach hinten.“

Die Beintechnik beinhaltet die gleichen Bewegungen wie im klassischen Ballett, dass heisst
Arabesken, Attituden, Passé. Diese Bewegungen können jedoch bei Cunningham auch in der
parallelen Rotation ausgeführt werden. Der Kopf bildet in dieser modernen Technik die
Verlängerung der Wirbelsäule.
In der Cunningham-Technik entsteht eine grosse Freiheit durch die vielen Möglichkeiten die
festgelegten Positionen zusammenzusetzten. Das Bewegungsvokabular besteht aus Bau-
steinen die beliebig zusammengesetzt werden können.

33
Michael Schulz: tanzpädagogische Ausbildung an der Rotterdamse Dansacademie (NL). Heute Modern
Dance- und Modern Jazzdance Lehrer im Akar Studio in Bern.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 26


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

„Beispiel: Standbein gestreckt und parallel, Spielbein Attitude vorne ausgedreht, Oberkörper Twist nach rechts
plus Curve nach vorn.“

Die Technik kennt weiter einen Aspekt der körperlichen Freiheit, dabei geht man von den
physischen Möglichkeiten des Tänzers aus und erzwingt keine absoluten Positionen, wie im
klassischen Tanz.
Auf die Frage nach der Idee die Merce Cunningham verwirklichen wollte, antwortete er, dass
es sein Ziel sei, den Tanz zu abstrahieren, zum Beispiel durch Zufallsmechanismen:
„Er wendete Zufallsmechanismen an, so z.B. liess er Reihenfolgen von Bewegungen durch Würfel entscheiden.
Keine inhaltlichen Entscheidungen bestimmten den Verlauf. Alles kann Allem folgen, Alles kann mit Allem
kombiniert werden. Er ging sogar soweit, dass die Tänzer erst an der Premiere die Musik zu hören bekamen, so
dass sie sich nicht von ihr beeinflussen lassen konnten.“

Der Cunningham-Stil ist, laut Michael Schulz, von allen Modern-Techniken dem Klassischen
Ballett am Ähnlichsten. Jedoch nur in seiner äusseren Erscheinung, denn die Cunningham-
Technik bedient sich den klaren Formen des klassischen Balletts. Inhaltlich klaffen die beiden
Stile weit auseinander. Michael Schulz schreibt weiter:
„Auffallend ist auch der Grad der Virtuosität, den die Cunningham-Technik erreicht, was auch mit der
Materialähnlichkeit mit Ballett zu tun hat. Cunningham kann eher als Antwort auf Graham gesehen werden.

5.1.3. Vergleich zur Balletttradition

Der wohl grösste Unterschied ist, wie schon einmal erwähnt, dass das Ballett den Spitzentanz
beinhaltet, wobei der Modern Dance meist barfuss getanzt wird. Denn der Aspekt des
Körpergewichts spielte im Modernen Tanz eine grosse Rolle, während man im klassischen
Ballett versuchte die Gravitation aufzuheben und den Eindruck der Schwerelosigkeit zu
vermitteln. Auch die Kostüme der modernen Tänzer waren meist schlicht, während sie im
Ballett meist pompös wirken sollten.
Die Beziehung zwischen der Musik und dem Tanz nahm mit der Erfindung des Modern
Dance immer mehr an Wichtigkeit ab. Heute fehlt die Musik in manchen Stücken sogar ganz,
nur Geräusche von den Tänzern sind zu hören.
Im Modern Dance wird auch der Raum mehr in die Bewegungen einbezogen. Während im
Ballett eine Grundausrichtung, das Gesicht nach vorne, eine aufrechte Haltung und die Beine
von der Hüfte aus auswärts gedreht, gilt, werden im modernen Tanz alle Dimensionen
berücksichtigt, besonders die Horizontale, die Vertikale und die Diagonale. Es ist auch erlaubt
seitwärts oder sogar mit dem Rücken zum Publikum zu stehen und auch die aufrechte Haltung
wird nicht mehr eingehalten. Im Modern Dance wird der Boden als etwas Nützliches
angesehen, etwas, das gebraucht werden sollte. So entwickelte man auch Bewegungen welche
am Boden ausgeführt werden konnten. Im Ballett waren Bodenteile undenkbar, man wollte,
wie schon gesagt, der Schwerkraft entfliehen, weg vom Boden. Der Körper befindet sich im
Modernen Tanz in einem Wechsel zwischen An- und Entspannung, wobei er im klassischen
Tanz eine Spannung aufbaut und diese versucht zu behalten.
Doch es gibt ganz klar nicht nur Unterschiede zwischen dem Modern Dance und dem
klassischen Tanz. So werden zum Beispiel viele Bewegungen gleich ausgeführt und gleich
benannt. Auch im Graham und Cunningham werden die sechs Fusspositionen verwendet.
Auch die Beinarbeit ist mit der des Balletts vergleichbar, obwohl sich vielleicht in der
Graham-Technik der Oberkörper in einer Arabesque oder Attitude nach vorne beugt, die
Kopfhaltung anders ist oder die Arme anders geführt werden. Ein Plié oder ein Relevé bleibt
auch im Modernen Tanz ein Plié und ein Relevé. Es besteht eine enge Beziehung auf

Gymnasium Thun Seefeld Seite 27


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

ästhetischer Ebene zwischen dem Ballett und dem Modernen Tanz. Die Philosophie die hinter
diesen zwei Tanzstilen steckt, ist jedoch eine ganz andere. Im klassischen Tanz hat man eine
genaue Vorstellung, wie eine Bewegung aussehen soll. Man hat das perfekte Bild vor Augen,
das man versucht anzustreben. Jede kleinste Bewegung, jede Kopfbewegung, jeder Übergang
und jede Armbewegung, ist klar definiert und kann nur auf eine Art richtig ausgeführt
werden. Das klassische Ballett lässt dem Tänzer keine grossen Freiheiten. Im Modernen Tanz
ist das anders, man versucht wie zum Beispiel im Graham innere Emotionen zum Vorschein
zu bringen oder wie bei Cunningham, die Logik der Bewegung zu verstehen. Das kann bei
jedem Tänzer ein wenig anders aussehen. Die Bewegungen sind nicht klar definiert und
vorgeschrieben. Der Tänzer hat viel mehr Möglichkeiten eine Bewegung zu interpretieren.
Man tanzt aus dem Bauch heraus.

5.2. Bewegungsstudien

Mit den gewonnenen Informationen über die Cunningham- und Graham-Technik aus den
Workshops und den Videoanalysen entstanden drei Bewegungssequenzen. Sie sollen die
Unterschiede und die Ähnlichkeiten zwischen diesen zwei modernen Tanztechniken und dem
klassischen Ballett wiederspiegeln. Die verschiedenen Charakteristiken sollten nicht nur
schriftlich in meiner Arbeit ersichtlich sein, sondern auch von Auge selbst gesehen werden
können.

5.2.1. Notation und Reflexionen der Choreografien

Klassisches Ballett: Ich versuchte die grosse Spannweite der Bewegungen des Balletts in
meiner kurzen Choreografie wiederzugeben. Das Ballett mit seinen kleinen und grossen
Schritten, Sprüngen, Positionen und Pirouetten ist schwierig in so kurzer Zeit zu reprä-
sentieren. In der Choreografie sollten also vorwiegend die Aspekte vorkommen, die typisch
für das klassische Ballett sind, wie zum Beispiel die Raumausrichtung nach vorne, die Aus-
wärtsdrehung, die gestreckten Füsse und die aufrechte, fast starre Haltung. Weiter sollten die
Schritte im Tempo variiert werden und in den Raum greifen.

Musik: Komponist: Peter Tschaikowsky: Schwanensee op. 20: Walzer

Notation:

3-6 Stehen
7 - 12 Port de bras
13 - 18 Pas de basque – Port de bras en avant
19 - 24 1. Arabesque – Plié – Relevé – Pas de Bourrée
25 - 30 Developpé zur Seite – Double rond de jambe en air - Pas de
Bourrée
31 - 36 Pirouette in Attitude – Balance re und li - Balance vor und zurück

Gymnasium Thun Seefeld Seite 28


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

37 - 42 Soutenu – Préparation - 2x Piquer


43 - 48 Soutenu mit Passé – 4. Position – Pirouette en dehors – Schliessen
5. Position – Préparation

49 - 56 Sissonnes – Glissade nach links – Assemblé battu - Glissade nach


rechts – Assemblé battu – Jeté
57 - 62 laufen - Préparation in der Diagonale – Pas de Bourée
63 - 68 Pirouette en dehors - 2x Fouettés - Schlusspose

Tanz nach Martha Graham: Mit Bewegungen, die ich in der Schnupperlektion im Akar-
Studio in Bern lernte oder die ich dem Video entnahm, versuchte ich eine Bewegungssequenz
einzustudieren. Es war schwierig, vor allem die Bewegungen aus dem Video richtig auszu-
führen, da ich noch zu wenig Erfahrungen mit der Graham-Technik gemacht hatte. Ich
versuchte anhand der Informationen, die ich während des Verfassens meiner Arbeit über die
Graham-Technik erfahren hatte, die wichtigsten Bewegungsprinzipien in dieser kurzen
Bewegungssequenz umzusetzten. Auch die Suche nach einer passenden Musik stellte sich als
schwierig heraus. Ich entschied mich schliesslich für ein Brassband-Stück, ähnlich der Musik
wie Martha Graham in El Penitente34 brauchte.

Musik: Komponist: Philip Spark, Yorkshire Building Society Band: Hymn of the Highlands:
Dundonnel

Notation

1-8 4 Schritte – Arme hochstrecken


9 - 16 2. Position – Arme auf die Seite senken - Contraction – Release
gedreht – Arme zu einem V – Sprung in der 2. Position –
Contraction – Release gedreht
17 - 24 rechter Arm hochstrecken - Körper fällt nach vorne auf den
Boden – rechtes Bein angewinkelt nach hinten – aufstehen – Jeté –
Battement – nach vorne fallen
25 - 32 zurück in 3. Arabesque Sprung mit Bein seitlich im 90° Winkel –
Ausfallschritt – Schritt – über Passé in 6. Position in Ausfallschritt
– Attitude hinten mit Contraction – Schritt – halbe Drehung –
Attitude hinten mit Release

33 - 40 Schritt – Penchés – Standbein nach hinten – flach auf


Boden liegen - rechtes Bein angewinkelt nach hinten –
Gewicht auf hinteres Knie - hochkommen – Schritt mit links –
Attitude hinten mit halber Drehung – 2 Schritte – Sprung mit
angezogenen Knien
41 - 48 tiefe Landung – Battement mit viertel Drehung – Schritt -

34
El Penitente (1940) zeigt der Weg Jesus zu seiner Kreuzigung.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 29


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Developpé zur Seite, Oberkörper aus der Achse gekippt – 4


Schritte
49 - 56 Schritt zur Seite – Developpé zur Seite, Oberkörper aus der
Achse gekippt - 1. Position schliessen – 2. Position mit ange-
winkelten Armen im Plié – 1. Position – Developpé zur Seite mit
den Armen über oben – 2 Schritte enden in Diagonale 6. Position

57 - 64 Sprung, kurz Füsse strecken - Relevé – Zu-Boden-Fallen – über


den Rücken zur Seite rollen vorne/hinten – nach vorne auf die
Knie rollen
65 - 72 Oberkörper strecken und nach hinten beugen – Contraction
– Arme hoch – Spirale
73 - 80 perkussive Umdrehung – 2 Sprünge nach vorne mit gestreckten
Armen nach oben – Pirouette in Attitude – 2 Schritte zur Seite – 1
Schritt nach hinten - Schritt in der Diagonale
81- 88 Penché in Arabesque – Attitude vorne im Plié – Attitude hinten
im Plié – Noch einmal vorne und hinten – Drehung im Plié -
Developpé zur Seite – Ausfallschritt

Tanz nach Merce Cunningham: Bei der Bewegungssequenz der Cunningham-Technik war
es besonders schwierig Bewegungen zu finden, da ich mich nur auf das Video stützen konnte.
Schlussendlich brachte ich genug Material zusammen, um die Cunningham-Technik in einer
kurzen Choreografie zu repräsentieren. Für diese Bewegungssequenz verwendete ich keine
Musik, wie es Merce Cunningham auch oftmals tat.

Notation:

Plié in 4. Position Oberkörper im Curve – kreisen des Oberkörpers bis


zur aufrechten Haltung – Tilt im Plié nach rechts

Beim Strecken zur Seite drehen – Relevé longue – Attitude mit Curve
nach vorne – halbe Drehung in Arabesque

5. Position – Changement – 2 Sprünge in Attitude – Landung in


Ausfallschritt – linkes Bein von hinten über die Seite nach vorne mit
Halber Drehung in Ausfallschritt – Pirouette im Passé mit Tilt nach links

Curve nach vorne mit einem Bein im Plié das andere im Tendu nach
vorne, Fuss geflext – andere Seite das Gleiche – Plié in 2. Position –
schliessen in 1. Position – Promenade in Attitude mit Curve

Piquer Coup de pied im Plié – Piquer mit Curve – 2 Drehungen – Pas de


Bourrée nach links und rechts – Sprung ins Tendu nach vorne und nach
hinten – Assemblé nach vorne – Relevé 4. Position

Gymnasium Thun Seefeld Seite 30


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Arabesque hinten – zur Seite – nach vorne – Pirouette en dehors – Tilt


nach links mit Passé – nach unten ausgestreckt auf den Boden legen –
aufstehen direkt in Curve – aufrollen

Stehen 6. Position – linkes Bein zur Seite – Gewicht verlagern – zurück


auf rechtes Bein – stehen – Sprung mit halber Drehung – stehen –
Sprung mit halber Drehung – stehen – 2x (Developpé zur Seite – Beine
schliessen – Drehung im Relevé mit Arch )

Schritt zur Seite – Drehung Arabesque zurück – direkt in Attitude zur


Seite mit Curve – Schritt in 1. Position enden

Gymnasium Thun Seefeld Seite 31


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

6. Schlussfolgerungen

Ich beschränkte mich in meiner Arbeit auf die Bewegungsprinzipien des klassischen Balletts
und der zwei daraus entstandenen Modern Dance Techniken von Merce Cunningham und
Martha Graham. Die Techniken sind nicht nur äusserlich, sondern auch in den Gefühlen, die
der Tanz in einem Menschen auslösen kann, verschieden. Viele Tanztechniken unterscheiden
sich gerade in diesem Aspekt grundlegend, so auch der klassische Tanz vom Modern Dance.
Der klassische Tanz wollte mit seinen märchenhaften Choreografien und dem Spitzentanz
dem Ideal der Schwerelosigkeit näher kommen. Der Amerikanische Modern Dance mit
Martha Graham und Merce Cunningham im Gegensatz versucht die Bewegungen aus dem
Innern heraus zu tanzen. Sie wollten die Bewegungen mit dem Körper verstehen. Den
Modern Tänzern waren keine Grenzen gesetzt, alles war möglich. Sie entwickelten eine neue
Tanzart die sich vom Ballett abzutrennen vermochte. Man verdrängte den Grundgedanken der
Schwerelosigkeit des Balletts. Der Modern Dance ist eine ganz neu aufgebaute Technik, die
kaum noch Ähnlichkeiten mit dem Ballett zeigt. Auch wenn man zuerst fast denken könnte,
dass viele der Bewegungen des Modern Dance aus dem Ballett stammen, merkt man doch mit
der Zeit, dass die Bewegung vielleicht fast dieselbe ist, aber der Gedanke, der dahintersteckt
ein völlig anderer. Dadurch erscheint die Bewegung schliesslich ganz anders.
Der Amerikanische Modern Dance, wie ihn Martha Graham prägte, wurde nie klar definiert.
Erst später wurde ihr Stil kodifiziert, doch bis dahin entwickelte er sich immer weiter. Man
kann heute einige Bewegungsprinzipien feststellen die sich klar vom Ballett unterscheiden.
Der Modern Dance versuchte sich in jeder Hinsicht vom klassischen Ballett abzutrennen, zum
Beispiel durch das Tanzen ohne Schuhe, die Bodenteile oder die Unabhängigkeit der Musik
und des Tanzes. Das klassische Ballett mit seinen pompösen Bühnenbildern, Kostümen und
dem märchenhaften Inhalt der Choreografien wurde durch die Modern Dance Tänzer als zu
starr empfunden. Sie zeigten meist abstrakte, zeitlose Choreografien ohne aufwändiges
Bühnenbild und mit einfachen, abstrakten Kostümen.
Das klassische Ballett bildet jedoch eine gute Grundlage für viele verschiedene Tanzstile. Es
fördert eine gute Körperhaltung, die Aufnahmefähigkeit, die Körperkontrolle und die
Beweglichkeit. Aus diesen Gründen ergänzen sich das Ballett und der Amerikanische Modern
Dance sehr gut. Eine Tanzausbildung enthält heute immer beide Stile.
Ein wichtiger Punkt, welcher die Choreografen des Amerikanischen Modern Dance zu ändern
behaupteten, war die Starrheit der Bewegungen des Balletts. Martha Graham gelang dies mit
ihrem Bewegungsprinzip Contraction and Release und der Spirale, die die Oberkörperfreiheit
erweiterte. Merce Cunningham entwickelte fünf Oberkörperpositionen, die auch eine grössere
Oberkörperfreiheit garantierten. So entwickelte sich eine neue Tanzart, die als Reaktion auf
das klassische Ballett entstand und die sich sowohl in ihrer äusseren, wie auch in ihrer inneren
Erscheinung klar vom klassischen Ballett unterscheidet, nämlich der Amerikanische Modern
Dance.

Ich kann auf eine Zeit zurückblicken in der ich sehr viel gelernt habe. Meine Zielsetzung habe
ich nach meinen Vorstellungen erreicht. Ich hoffe aber auch, dass ich meine Begeisterung für
den Tanz auch an Sie, liebe Leserinnen und Leser, weitergeben konnte.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 32


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

7. Zusammenfassung

Das Ziel meiner Matura-Arbeit war es, den Modern Dance besser kennenzulernen und eigene
Fortschritte in den drei Techniken, dem klassischen Ballett, der Graham-Technik und der
Cunningham-Technik, zu machen. Weiter wollte ich den Leserinnen und Lesern eine in der
heutigen Zeit eher in Vergessenheit geratene und als unmodern oder altmodisch bezeichnete
Kunstform näher bringen. Der Amerikanische Modern Dance und auch das klassische Ballett
ist eine grosse und fast magische Kunstform, wie auch die Malerei und die Musik. Heute kann
man sagen, dass die Pioniere des Amerikanischen Modern Dance neue Bewegungssprachen
entwickelten, die auszusagen vermochten, was die Menschen ihrer Zeit innerlich bewegte. Sie
etablierten den modernen Tanz als eine Kunstform in den USA. Ich beschränkte mich auf die
Bewegungsprinzipien, die die einzelnen Techniken auszeichnen und wollte dadurch die
Unterschiede und Ähnlichkeiten kennen lernen. Darum lautete die Frage, welche sich durch
meine ganze Arbeit hindurchzog und den Inhalt wesentlich mitbestimmte, wie folgt: Welche
Bewegungsprinzipien wurden vom Amerikanischen Modern Dance als Reaktion auf die
Balletttradition neu definiert?

Der Modern Dance ist eine erdige, wirbelnde, perkussive und kraftvolle Technik. Leichte,
schwebende Bewegungen wurden vermieden. Die in den Tanztechniken herausgearbeiteten
Bewegungsprinzipien haben eine psychologische oder symbolische Bedeutung. Für die
Modern Dance Choreografen war es jedoch wichtig, dass die Tänzer die beiden Arten von
Prinzipien verbinden konnten. Denn erst dann beherrscht ein Tänzer die Bewegung. Dieser
Gedanke kam erst mit dem Modern Dance auf, denn im Ballett sind alle Formen
vorgeschrieben. Hier befindet man sich immer auf dem Weg und der Suche nach der
absoluten und perfekten Form. Das klassische Ballett lässt den Tänzern keine grossen
Freiheiten. Der Modern Dance im Gegensatz geht von den physischen Möglichkeiten der
Tänzer aus und gibt ihnen Raum für Experimente. Martha Graham bezeichnet den Modern
Dance als eine Form der Individualität und bezeichnet ihn als eine Religion. Dem Modern
Dance waren keine Grenzen gesetzt. Ihr Ziel war es den Tanz ins Abstrakte zu führen, dabei
bezweckte man die Komplexität der Bewegung weiterzuführen, feiner zu differenzieren und
ins schier Unendliche weiterzutreiben.

Mit meinem Interview und dem Fragebogen versuchte ich meine Kenntnisse über die
Graham-Technik und die Cunningham-Technik noch zu verbessern. Der Kontakt mit Tanz-
pädagogen, die den Tanzstil selbst unterrichten oder tanzen, war für mich sehr aufschluss-
reich und half mir bei der Entstehung meines Produkts. Mit meinem praktischen Teil wollte
ich die Unterschiede, aber auch die Ähnlichkeiten in einer optischen Form festhalten. Um
eigene Erfahrungen mit den Tanztechniken zu machen, besuchte ich einen Workshop und
machte Videoanalysen und setzte diese schliesslich in drei Bewegungssequenzen um. Dabei
lernte ich viel über die drei absolut verschiedenen Tanztechniken.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 33


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

8. Literaturverzeichnis

Bücher:

• Dahms, Sibylle: Tanz. Kassel; Basel; London; New York: Bärenreiter-Verlag /


Stuttgart; Weimar: Metzler- Verlag, 2001

• Data Becker: Das grosse Lexikon 2004. Faszination Wissen. Düsseldorf: Data Becker
GmbH & Co., 2004 (PC Version)

• Franklin, Eric: Tanz - Imagination. Stark im Ausdruck und perfekt in der Technik. Das
Handbuch für Training und Bühne. Freiburg: VAK Verlags GmbH, 2002

• Graham, Martha: Blood Memory. New York: Doubleday, 1991

• Helpern, Alice: The technique of Martha Graham. New York: Morgan & Morgan,
Dobbs Ferry, 1994

• Huschka, Sabine: Merce Cunningham und der Moderne Tanz. Körperkonzepte,


Choregraphie und Tanzästhetik. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH,
2000

• Huschka, Sabine: Moderner Tanz. Konzepte, Stile, Utopien. Originalausgabe.


Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 2002

• Karina, Lilian/Sundberg, Lena: Modern Dance. Geschichte, Theorie, Praxis. 1.


deutschsprachige Auflage. Berlin: Henschel Verlag, 1992

• Kieser, Klaus/Schneider, Katja: Reclams Ballettführer. Stuttgart: Philipp Reclam jun.


GmbH & Co., 2002

• Knaurs Jugendlexikon. München: Droemersche Verlagsanstalt, 1953

• Musiklexikon: Komponisten, Musiker, Interpreten, Geschichte, Technik, Begriffe,


Aufführungen, Auszüge und Notenbeispiele. Augsburg: Weltbild Verlag GmbH, 1990

• Postuwka, Gabriele: Moderner Tanz und Tanzerziehung. Analyse historischer und


gegenwärtiger Entwicklungstendenzen. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag, 1999

• Schmidt, Jochen: Tanz Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem Band. Berlin:
Henschel Verlag, 2002

Videomaterial

• Cunningham, Merce: Changing Steps (1989), Beach Birds for Camera (1995)

• Graham, Martha: Five Dances by Martha Graham. El Penitente (1940), Steps in the
Street (1936), Diversion of Angels (1948), Herodiade (1944), Marple Leaf Rag (1990)

Gymnasium Thun Seefeld Seite 34


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

9. Abbildungsverzeichnis
Seite

Abb. 1: Ägyptische Malerei....................................................................................................4


Karina/Sundberg 1992: 45

Abb. 2: Loie Fuller in „La Danse Du Lys“..............................................................................5


Kulturfibel, "Tanzgeschichte": www.kultur-fibel-magazin.de/Kultur (4.10.2005)

Abb. 3: Giselle: Pas de deux...................................................................................................7


Tänzer: Maria Eichwald, Mikhail Kaniskin
Choreografie: Reid Anderson, Valentina Savina
Stuttgarter Ballett, "Fotogalerie": www.stuttgart-ballet.de/galerie/giselle (1.9.2005)

Abb. 4: Grosse Fuge. Europäische Neoklassik nach George Balanchine .................................8


Tänzer: vorne v.l.n.r. Youri Vamös, Heinz Basl
Choreographie: Hans von Mauen
Musik: Beethoven
Kulturfibel, "Tanzgeschichte": www.kultur-fibel-magazin.de/Kultur (4.10.2005)

Abb. 5: Martha Graham........................................................................................................11


Unidentified work
Helpern 1994: 30

Abb. 6: Christine Dakin in der Titelrolle von Martha Grahams „Phaedra“ ............................12
California State University Northridge: Center for the visual and performing arts,
"archives": http://cvpa.csun.edu/press (5.10.05)

Abb. 7: Miki Orihara & die Martha Graham Dance Company ..............................................13
In Steps in the Street von Chronicle (1936)
California State University Northridge: Center for the visual and performing arts,
"archives": http://cvpa.csun.edu/press (5.10.05)

Abb. 8: Grahamlektion an der Interlochen Arts Academy 1967 ............................................13


Helpern 1994: 48

Abb. 9: Errand into the maze. Choreographie: Martha Graham.............................................14


Interpreten: Mitglieder der Martha Graham Dance Company
California State University Northridge: Center for the visual and performing arts,
"archives": http://cvpa.csun.edu/press (5.10.05)

Abb. 10:The Exercise on Six 1942........................................................................................15


Tänzerin: Nina Caiserman
Helpern 1994: 36

Abb. 11: Fall nach hinten......................................................................................................16


Tänzerin: May O'Donnell
Helpern 1994: 46

Abb. 12: Merce Cunningham, Root of the Unfocused 1944 ..................................................17

Gymnasium Thun Seefeld Seite 35


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Afterimage, "Barbara Morgan & Harry Callahan":


www.afterimagegallery.com/morganandcallahan.htm (5.10.05)

Abb. 13: Merce Cunningham arbeitete hier mit dem Computer.............................................17


Stück: Biped
Criticaldance Forum & Ballet-Dance Magazine, "gallery":
www.ballet-dance.com/200403/imagegallery (5.10.05)

Abb. 14: „Pictures“ mit der MCDC ......................................................................................18


Criticaldance Forum & Ballet-Dance Magazine, "gallery":
www.ballet-dance.com/200403/imagegallery (5.10.05)

Abb. 15: Beim Training mit seiner Companie.......................................................................19


American Dance Festival, "archive": www.americandancefestival.org/archive

Abb. 16: Merce Cunningham Dance Company in „Split Sides“ ............................................20


Criticaldance Forum & Ballet-Dance Magazine, "gallery":
www.ballet-dance.com/200403/imagegallery (5.10.05)

Abb. 17: Mitglieder der Merce Cunningham Dance Company auf der Bühne in Warwick ....21
Tänzer: Jean Freebury, Robert Swinston und Lisa Boudreau
The University of Warwick, "about":
www.warwick.ac.uk/about/warwick-magazine05/merce (5.10.05)

Abb. 18: MCDC in „Interspace“...........................................................................................21


Criticaldance Forum & Ballet-Dance Magazine, "gallery":
www.ballet-dance.com/200403/imagegallery (5.10.05)

Abb. 19: Die drei Solistinnen in Martha Grahams „Diversion of Angels“ .............................23
Frau in Rot: Chara Huckins, Dancemagazine: www.dancemagazine.com/dance-
magazine/reviews/showreviews (5.10.05)
Frau in Weiss: Katherine Crockett; Tänzer: Martin Lofsnes, Criticaldance Forum &
Ballet-Dance Magazine, "gallery": www.ballet-dance.com/gallery/2003.html (5.10.05)
Frau in Gelb: Kumiko Nasu, Explorerdance: www.explorerdance.com/graham.html
(5.10.05)

Abb. 20: Merce Cunningham Dance Company in „Beach Birds“ (1991)...............................24


Theatre Central Connecticut State University, "Dance":
www.theatre.ccsu.edu/cunningham.htm (5.10.05)

Bilder Titelblatt:

Abb. 1: Stuttgarter Ballett, "Fotogalerie": www.stuttgart-ballet.de/galerie/giselle (5.10.05)


Choreografie: George Balanchine, Tänzerin: Alicia Amatriain

Abb. 2: Photo history and concepts, "Martha Graham: Letter to the world":
http://elmo. Academyart.edu/study.htm (5.10.05)

Abb. 3: Matt & Andrej Koymasky Home, "Biographies":


http://andrejkoymasky.com/liv/fam/bioc5/cunn2.html (5.10.05)

Gymnasium Thun Seefeld Seite 36


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

10. Schlusserklärung

Hiermit bezeuge ich, dass ich die Untersuchungen meiner Matura-Arbeit selbständig
erarbeitet habe und alle Quellen und Hilfsmittel sorgfältig und vorschriftsgemäss offengelegt
habe.

Unterschrift der Verfasserin

Gymnasium Thun Seefeld Seite 37


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

11. Anhang

Transkription Interview
Annemarie Parekh

Leitfrage: Welche Bewegungsprinzipien wurden vom amerikanischen Modern Dance als


Reaktion auf die Balletttradition neu definiert?
So war das nicht: Der amerikanische Modern Dance hat eine Bewegungssprache gesucht, die auszudrücken
vermochte, was die Menschen in dieser Zeit bewegte. Er entwickelte sich in naher Beziehung zur visuellen Kunst
und zur Musik anfangs des 20. Jahrhunderts. Er hat sich nicht in einer Auflehnung gegen das damalige Ballett
entwickelt. Es ging um Inhalte, nicht um Prinzipien. Das Ballett galt als eine europäische Kunstform, die einer
Zeit verpflichtet war, die mit dem Leben und den Anliegen der damaligen Künstler kaum mehr etwas zu tun
hatte. Die Modern Choreographen suchten nach einer neuen Ästhetik wie dies auch die Künstler der anderen
Sparten taten. (George Balanchine schuf dann mit dem New York City Ballett auch eine Ballett Company mit
einer neuen Ästhetik, ein amerikanisches Ballett). Im Modern Dance suchten die amerikanischen Künstlerinnen
die eigene Identität. Noch heute gilt der Modern Dance als die ureigenste Kunstform des jungen, aufstrebenden
Amerikas. Weder Doris Humphrey, noch Merce Cunningham und schon gar nicht Martha Graham waren an
Bewegungsprinzipien interessiert. Die Kodifizierung ihrer Techniken entstand erst später.

Martha Graham hat nie erlaubt, dass über ihre Technik geschrieben wurde. Technik ist für sie notwendig, um
eine klare Bewegungssprache zu sprechen. Aber Technik an sich hat Graham nie interessiert. Nun kann man
zwar heute die drei grundlegenden Tanzarten, Humphrey-Limon, Cunningham und Graham sicher nach
gewissen Prinzipien unterscheiden. Alice Helpern hat ein Heft herausgebracht, "The Technique of Martha
Graham". Sie beleuchtet darin sehr schön und verständlich die Prinzipien. Wenn du willst kannst du es
mitnehmen.

1. Welche Bewegungsprinzipien (Fussstellung, Körper- und Kopfhaltung, Arme, Beine)


prägen die Grahamtechnik?
Die Graham-Technik ist sehr dramatisch. Es geht um das Auswuchten von Formen durch die Körperenergie. Es
geht nie um die Haltung oder Stellung von Armen und Beinen. Es geht um Bewegung, nicht um Formen.

2. Wurde die Grahamtechnik im Laufe der Zeit verändert oder wird sie noch heute so getanzt,
wie sie von Martha Graham definiert wurde? Wenn ja wie?
Martha Graham hat die Technik nicht definiert. Aber die Grundprinzipien haben sich durch viele TänzerInnen
übertragen.

3. Welches waren die geistigen Gedanken Martha Grahams? Werden diese auch heute noch
den Grahamschülern weitergegeben oder basiert der Unterricht nur noch auf der Technik?
Martha Graham verstand sich als Tänzerin, dann als Choreographin, aber nicht als Lehrerin. Ethel Winter
sagte: „Sie vermittelte nicht, sie holte das Allerbeste aus uns heraus.“ Graham schuf ihre Werke für das
Theater. Ich habe dir hier die berühmte Rede "I am a dancer...“ mitgebracht. Da erfährst du, was sie
interessierte.

4. Der Modern Dance ist als Gegenbewegung zum klassischen Tanz entstanden. Bestehen
irgendwelche Ähnlichkeiten mit dem klassischen Ballett (wenn ja welche?) oder ist Graham
eine ganz neu aufgebaute Technik?
Mit dieser Aussage bin ich nicht einverstanden. Heute gilt es als Selbstverständlichkeit, dass professionelle
TänzerInnen sowohl im Modern wie Klassischen Tanz zu Hause sind. Alle drei Grundtechniken ergänzen sich
bestens mit Ballett und umgekehrt.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 38


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

5. Was sind die grundlegenden Unterschiede?


Grundlegende Unterschiede im Sinn von basic technique gibt es nicht, stilistische aber wohl, z.B. Ballett ist auf
Spitze, Modern nicht.

Fragebogen Maturaarbeit
Michael Schulz

1. Welche Bewegungsprinzipien (Fussstellung, Körper- und Kopfhaltung, Beine) prägen die


Cunningham-Technik?
Die Cunningham-Technik arbeitet sowohl mit parallelen als mit ausgedrehten Beinstellungen. Für den
Oberkörper wurden„Curves“, „Twists“ und „Tilts“ entwickelt. Curve als runde Beugung der Wirbelsäule nach
vorn und seitwärts, Twist als spiralförmige Bewegung des Torsos, Tilt als diagonale, gerade Abweichung des
Torsos von der Senkrechten. Dann gibt es noch den „Arch“ als Beugung des Oberkörpers nach hinten.
Die Beintechnik basiert auf die der klassischen, also Arabesken, Attituden, Passé’s etc. Allerdings können diese
auch in paralleler Rotation ausgeführt werden. Der Kopf gilt als Teil der Wirbelsäule und somit in der Linie
dieser. Er kann aber auch isoliert bewegt werden, was eher nicht so häufig passiert.

Hauptaussage:
- parallele und ausgedrehte Fussstellung
- Oberkörperbewegungen: Curves, Twists, Tilts, Arch
- Beintechnik wie im klassischen Ballett, parallele Rotation möglich
- Kopf: Verlängerung der Wirbelsäule oder isoliert

2. Wurde die Cunningham-Technik von Merce Cunningham klar definiert oder lässt sie einem
grosse Freiheit?
Das Bewegungsvokabular wurde mit der Zeit, speziell durch das Festlegen seiner Trainingsübungen, durch
Merce C. entwickelt. Man kann von Bausteinen sprechen, die beliebig zusammengesetzt werden können.
Beispiel: Standbein gestreckt und parallel, Spielbein Attitude vor ausgedreht, Oberkörper Twist nach rechts plus
Curve nach vorn. Probier mal aus!
Durch die Potenzierung der Möglichkeiten der Zusammensetzung festgelegter Positionen entsteht eine sehr
grosse Freiheit, aber auch ein typisches Muster, das man dann als Stil beschreiben kann.
Choreografien wurden festgelegt, Improvisation kam eher selten vor.
Einen grossen im Sinne der körperlichen Freiheit Aspekt kennt die Technik: sie geht immer von den physischen
Möglichkeiten des/der TänzerIn aus und erzwingt keine absoluten Positionen, wie es das klassische Ballett
macht (100% ausgedreht z.B.).

Hauptaussage:
- Bewegungsvokabular besteht aus Bausteinen die beliebig zusammengesetzt werden können
- Grosse Freiheit wegen der vielen Möglichkeiten die festgelegten Positionen zusammen-
zusetzten
- Improvisation eher selten
- Technik: geht immer von den physischen Möglichkeiten des Tänzers aus

3. Welche Gedanken verbergen sich hinter seinen Bewegungen? Welche Idee wollte er mit
seiner Technik verwirklichen?
Merce C. war ursprünglich Tänzer bei Martha Graham. Sie brachte in ihren Stil die Gedanken, der in ihrer Zeit
aufgekommenen Psychoanalyse ein. Somit waren die Stücke von ihr emotionell sehr geladen und bedeutungsvoll.

Gymnasium Thun Seefeld Seite 39


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

Davon wollte sich Merce C. total absetzen. Er suchte die Abstraktion im Tanz, die es bis dahin noch gar nicht
gab. Er wendete Zufallsmechanismen an, so z.B. liess er Reihenfolgen von Bewegungen durch Würfel
entscheiden. Keine inhaltlichen Entscheidungen bestimmten den Verlauf. Alles kann allem folgen, alles kann mit
allem kombiniert werden. Er ging sogar soweit, dass die TänzerInnen erst bei der Premiere die Musik zu hören
bekamen, so dass sie sich nicht von ihr beeinflussen lassen konnten.
Ähnliche Gedanken hatte auch John Cage, der lange Zeit die Musik für Merce C.’s Stücke kreierte.

Hauptaussage:
- Ziel: Abstraktion im Tanz z.B. durch Zufallsmechanismen, jegliche Reihenfolge und
Kombinationen der Bewegungen sind möglich

4. Der Modern Dance ist als Antwort auf das klassische Ballett entstanden. Bestehen
irgendwelche Ähnlichkeiten mit dem klassischen Ballett (wenn ja welche?) oder ist die
Cunningham-Technik eine ganz neu aufgebaute Technik?
Von allen Modern-Techniken ist der Cunningham-Stil dem Klassischen Ballett am ähnlichsten. Wohl nur in
seiner äusseren Erscheinung, da er sich der klaren Formen des Balletts bedient. Inhaltlich klaffen die Stile weit
auseinander. Auffallend ist auch der Grad der Virtuosität, den die Cunningham-Technik erreicht, was auch mit
der Materialähnlichkeit mit Ballett zu tun hat. Cunningham kann eher als Antwort auf Graham gesehen werden.

Hauptaussage:
- Die Cunningham-Technik ist dem Ballett am ähnlichsten, jedoch nur in seiner äusseren
Erscheinung
- Cunningham-Technik bedient sich den Formen des Balletts
- Grosse Virtuosität
- Cunningham als Antwort auf Graham

5. Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen der Cunningham-Technik und dem
klassischen Ballett?

Klassisches Ballett Cunningham-Technik

- erzählend - abstrakt
- zur Musik - Musik und Tanz unabhängig
- emotional - ohne Emotionen
- Geschichtlicher Hintergrund: Einfluss - entstanden im 20. Jahrhundert. Zeitlos ohne
von Volkstänzen, trägt kulturelles Erbe Verbindung zu einer Vergangenheit
in sich
- Verschiedene Stile entwickelt (russisch, - Keine Stilentwicklung, höchstens von
Checetti-, französisch, etc.) den Stil unterrichtende Personen ab-
hängig.
- Von vielen Personen entwickelt - von einer Person entwickelt
- SolotänzerInnen mit Starcharakter - keine SolistInnen
- mit Schuhen getanzt - barfuss
- Kostüme gemäss des Inhalts - Kostüme abstrakt und meistens anliegend

Gymnasium Thun Seefeld Seite 40


Matura-Arbeit: Der Amerikanische Modern Dance Regula Rösti

12. Produkt der drei Bewegungsstudien

Gymnasium Thun Seefeld Seite 41