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Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 1

Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag


Jungen und Männer mit Behinderung als Opfer und Täter
Projektbericht, unter Mitarbeit von Christine Neubauer, GenderLink - Netzwerk für Sozialforschung,
August 1997, Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz

Aiha Zemp, Erika Pircher, Heinz Schoibl


© Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz 1997

Textsorte: Projektbericht

Themenbereich: Sexualität, Geschlechterdifferenz

Schlagworte: Männer, Gewalt, Forschung, Recht, Gesetz, Heim, Institution, Missbrauch

Einleitendes Zitat........................................................................................................................3
Vorwort........................................................................................................................................3
A. Theoretische Einführung........................................................................................................4
1. Historischer Abriß...............................................................................................................5
2. Begriffserklärung................................................................................................................7
2.1 Zum Begriff der Behinderung.......................................................................................7
2.2 Zum Begriff der sexuellen Ausbeutung........................................................................8
2.3 Zum Begriff Opfer........................................................................................................8
2.4 Definition von sexueller Ausbeutung von Menschen mit Behinderung.......................8
3. Forschungssituation............................................................................................................9
3.1 Jungen und Männer ohne Behinderung als Opfer von sexueller Ausbeutung..............9
3.2 Folgen von sexueller Ausbeutung...............................................................................11
3.3 Jungen und Männern mit Behinderung als Opfer.......................................................13
3.4 Täter von sexueller Ausbeutung ohne Behinderung...................................................13
3.5 Jugendliche als Sexualstraftäter..................................................................................15
3.6 Täterinnen von sexueller Ausbeutung ohne Behinderung..........................................16
3.7 TäterInnen von sexueller Gewalt mit Behinderung....................................................17
4. Umgang mit Sexualstraftätern ohne Behinderung............................................................17
4.1 Hegemoniale Männlichkeit - legitime Gewalt und sexuelle Gewalt..........................18
4.2 „Normal crimes”.........................................................................................................18
4.3 Sexuelle Gewalt - eine Sache der Auslegung?............................................................19
5. Behandlung von Sexualstraftätern ohne Behinderung......................................................19
5.1 Behandlungsziele........................................................................................................22
5.2 Behandlungssetting.....................................................................................................24
6. Sexualstraftäter mit intellektueller Beeinträchtigung im Strafrechtssystem.....................26
B. Untersuchungsleitende Thesen.............................................................................................27
C. Methodische Anmerkungen..................................................................................................30
1. Forschungsinstrumentarium..............................................................................................30
1.1 Literaturrecherche.......................................................................................................30
1.2 Fragebogenerhebung...................................................................................................31
1.3 Auswertung der Ergebnisse.........................................................................................37
1.4 Selbstevaluation..........................................................................................................38
1.5 Expertlnnengespräche.................................................................................................38
D. Die Stichprobe......................................................................................................................39
E. Institutionelle Rahmenbedingungen und Grundzüge struktureller Gewalt......................41
1. Bedarf an Hilfe..................................................................................................................41
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2. Vorsorgen zur Auswahl der Hilfeperson...........................................................................42


3. Wohnstandards..................................................................................................................43
3.1 Gestaltungsmöglichkeiten...........................................................................................45
3.2 Zufriedenheit mit der Wohnform................................................................................47
4. Institutionelle Vorsorgen für Auseinandersetzung mit Sexualität.....................................49
5. Aufklärung........................................................................................................................51
5.1 Zum Aufklärungsstand................................................................................................52
5.2 Wunsch nach mehr Wissen über Sexualität................................................................53
6. Sexuelle Identität..............................................................................................................55
F. "Männer mit Behinderung als Opfer ist kein Thema" Die Sicht der Opfer..........................56
1. Betroffenheit von sexueller Ausbeutung...........................................................................56
1.1 Sexuelle Belästigung...................................................................................................57
1.2 Sexuelle Gewalt..........................................................................................................57
1.3 Sexuelle Ausbeutung und Alter...................................................................................59
1.4 Täter und Täterinnen aus der Sicht der Opfer.............................................................60
2. Welches sind die Gewaltorte?...........................................................................................63
3. Folgen für die betroffenen Männer...................................................................................65
1.7 Beschwerden und Medikamente.................................................................................68
5. Umgang der Männer mit Gewalterfahrung.......................................................................68
6. Folgen für die Täterinnen aus Sicht der Betroffenen........................................................70
7. Maßnahmen gegen die TäterInnen....................................................................................70
8. Brauchen die Männer Hilfe?.............................................................................................72
G. ´Gemma` hab i` g`sagt, und dann samma gangen` Männer mit Behinderung als Täter......73
1. Ausmaß von sexueller Ausbeutung...................................................................................73
1.1 Sexuelle Belästigung durch Männer mit Behinderung...............................................74
1.2 Sexuelle Gewalt durch Männer mit Behinderung.......................................................75
1.3 Sexuelle Ausbeutung durch Männer mit Behinderung...............................................75
1.4 Häufigkeit von sexueller Ausbeutung.........................................................................76
1.5 Täterschaft und Alter...................................................................................................76
2. Umfeld der sexuellen Ausbeutung....................................................................................77
3. Opfer der Täter..................................................................................................................78
4. Sind Täter auch Opfer?.....................................................................................................81
5. Täterschaft und institutionelle Rahmenbedingungen........................................................81
6. Spektrum von Tathintergründen........................................................................................82
7. Grund für die Taten...........................................................................................................86
8. Die Täter und ihr Umgang mit den Opfern.......................................................................87
9. Haben sich die Täter jemandem anvertraut?.....................................................................87
10. Bedarf nach Hilfe............................................................................................................88
11. Die Folgen von sexueller Ausbeutung bei den Tätern....................................................88
12. Dunkelfelddaten..............................................................................................................91
H. Problembewußtsein und -bearbeitungsansätze in den Einrichtungen..................................92
1. Wissen um sexuelle Ausbeutung und sexualisierte Gewalt..............................................92
2. Wissen, was tun.................................................................................................................93
3. Umgang mit Sexualität.....................................................................................................95
4. Strukturelle Maßnahmen zur Prävention..........................................................................97
I. Schlussfolgerungen..........................................................................................................100
J. Gesetzgebung und Gerichtspraxis für Menschen mit Behinderung................................102
1. Gesetzesebene.................................................................................................................102
2. Verfahrensebene..............................................................................................................103
K. Maßnahmen........................................................................................................................105
1. Notwendiger Paradigmenwechsel...................................................................................105
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2. Integration.......................................................................................................................105
3. Strukturentwicklung........................................................................................................106
4. Aus- und Weiterbildung..................................................................................................107
4.1 Frauen und Männer mit Behinderung als Opfer.......................................................107
4.2 Männer mit Behinderung als Täter...........................................................................107
4.3 Andere Zielgruppen für Aus- und Weiterbildung......................................................107
5. Strukturen in den Einrichtungen.....................................................................................109
6. Gesetzesbestimmungen und Gerichtspraxis....................................................................110
6.1. Gesetzlicher Schutz von Betroffenen und Überlebenden........................................110
6.2. Behandlung von Tätern mit Behinderung................................................................111
7. Forschungsbedarf............................................................................................................112
A Interventionsmodell.....................................................................................................112
B. Evaluation und Kontrolluntersuchung........................................................................112
Literatur...................................................................................................................................113
Liste der ExpertInnen..............................................................................................................116
Anhang....................................................................................................................................116
Tabellenanhang...................................................................................................................116
Auszüge aus den Strafgesetzbüchern von Österreich, Deutschland und der Schweiz.......124
1. Österreich....................................................................................................................125
2. Bundesrepublik Deutschland......................................................................................132
3. Schweiz.......................................................................................................................136
Das Opferhilfegesetz OHG.............................................................................................138
Schutz und Rechte des Opfers im Strafverfahren...........................................................139
Fragebogen für Männer mit Behinderung und BetreuerInnenfragebogen..........................140
Impressum...............................................................................................................................140

Einleitendes Zitat
“Das ´Recht` auf das Leben, auf den Körper, auf die Gesundheit, auf das Glück, das ´Recht`
auf die Wiedergewinnung alles dessen, was man ist oder sein kann - jenseits aller
Unterdrückungen und ´Èntfremdungen` dieses für das klassische Rechtssystem so
unverständliche ´Recht` war die politische Antwort auf die neuen Machtprozeduren, die
ihrerseits auch nicht mehr auf dem traditionellen Recht der Souveränität beruhen” (Foucault
1983, 173)

Vorwort
Männer als Opfer von sexueller Gewalt ist ein Tabu, das erst in den letzten Jahren am
Aufbrechen ist. Daß es auch männliche Opfer mit Behinderung gibt, erstaunt aufgrund ihrer
vermehrten Abhängigkeit von Hilfe und Begleitung nicht mehr, seit das doppelte Tabu
gebrochen ist, daß Menschen mit Behinderung in weit größerem Ausmaß sexuell ausgebeutet
werden als Menschen ohne Behinderung.

Anders aber ist es bei dem Phänomen, daß Männer mit Behinderung Täter von sexuellen
Ausbeutungshandlungen sind. Das ist ein - von Professionellen zwar beobachtetes - Tabu, das
allerdings bisher noch nie untersucht wurde, weil es einerseits bis zur Studie „Weil das alles
weh tut mit Gewalt. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung”
(Zemp/Pircher 1996) keinem Forschungsteam gelungen war, in Institutionen der
Behindertenhilfe zu diesem Thema zu forschen, andererseits aber Männer mit Behinderung
aufgrund von Vorurteilen oftmals vorschnell als `schuldunfähig' erklärt werden. Relativierend
müssen wir hier aber anmerken, daß es sich bei dieser Tätergruppe gemäß den Ergebnissen
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der `Frauenstudie' lediglich um die drittgrößte Tätergruppe handelt, die zu 13% verantwortlich
für die sexuelle Ausbeutung von Frauen mit Behinderung sind.

Beide Fragen, diejenige der Glaubwürdigkeit und diejenige der Schuldfähigkeit von
Menschen mit Behinderung müssen auf der Grundlage der vorliegenden Studie grundsätzlich
enttabuisiert werden, damit den von sexueller Gewalt Verletzten adäquat geholfen und
dementsprechend präventiv gearbeitet werden kann.

Die vorliegende Studie ist einer der bis jetzt wichtigsten Meilensteine in der Thematik der
sexualisierten Gewalt im behinderten Alltag, weil sie deutlich aufzeigt, daß der Alltag von
Menschen mit Behinderung in einem erschütternden Ausmaß von dieser Art der Gewalt
geprägt ist.

Wir waren sehr berührt, daß uns von sexueller Ausbeutung betroffene Männer eintreten ließen
in ihr Schweigen und uns ihre Not, wenn auch weitgehend wortkarg und mit wenig
Emotionen, offenbarten. Wir waren erstaunt und erschüttert über die Selbstverständlichkeit,
mit der uns die Männer mit Behinderung ihre sexuellen Gewalttaten schilderten.

Wir danken deshalb zuerst den Männern mit Behinderung, die zu einem Gespräch mit uns
bereit waren. Wir sind großem Vertrauen begegnet und haben viel Belastendes mitgenommen.

Die vorliegende Studie geht u.a. auf die Hilflosigkeit der Einrichtungen zurück. Diese hatten
mit dem zentralen Ergebnis der ´Frauenstudie` umzugehen, wonach männliche Mitbewohner
in Einrichtungen als Täter von sexueller Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit
Behinderung an dritter Stelle stehen. Daß sie uns in ihren Einrichtungen wiederum
Befragungen machen ließen, ist für uns trotzdem nicht selbstverständlich, zeigt uns aber auch,
daß ihnen viel an der Verbesserung der momentanen Situation liegt.

Wir bedanken uns bei allen Expertinnen, die uns einerseits Einblick gaben in ihren
Berufsalltag mit Menschen mit Behinderung und die uns andererseits aufgrund ihrer
Erfahrungen auf straf- und verfahrensrechtliche Mängel sowie Lücken in Gesetzen
hingewiesen haben.

Wir danken E.Christine Neubauer, Günther Fisslthaler und Eugene Sensenig für ihr
Engagement als Interviewerinnen, Andreas Paschon für seine umsichtige Hilfe-stellung bei
der EDV-Auswertung und allen unseren Freundinnen, die in unserer intensiven Zeit des
Endberichts um unser leibliches Wohl besorgt waren.

Salzburg, 22. August 1997


Aiha Zemp, Erika Pircher & Heinz Schoibl

A. Theoretische Einführung
Sexuelle Ausbeutung von Mädchen ist kein Tabu mehr, weil betroffene Frauen und parteiliche
Beratungsstellen in den letzten fünfzehn Jahren dieses Problem immer wieder zum
öffentlichen Thema gemacht haben. Erst damit wurde die Problematik der sexuellen Gewalt
grundsätzlich diskutierbar. Das trifft mit zeitlicher Verzögerung auch für die sexuelle Gewalt
gegen Jungen zu.
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1. Historischer Abriß
Obwohl es sexuelle Gewalt gegen Jungen genauso wie gegen Mädchen seit Jahrtausenden
gibt, wurde sie erst Anfang der neunziger Jahre thematisiert. Zur Begründung der
Liberalisierungversuche von Beischlaf mit Minderjährigen auf Gesetzesebene berufen sich die
Pädosexuellen immer wieder auf die „griechische Knabenliebe”. Diese wird von ihnen
insofern verzerrt dargestellt, als sie sie als gleichberechtigt und sowohl für Erwachsene als
auch für die Jungen als lustvoll bezeichnen. In der Antike konnte man sich Jungen mieten
oder Sklavenjungen halten, um sie sexuell auszubeuten. Damit verleugnen sie die
altersbedingte körperliche und geistige Unterlegenheit der Jungen und deren Abhängigkeit
von den erwachsenen Männern. Aber es gab damals in Griechenland Gesetze gegen die
sexuelle Ausbeutung von Kindern, weil kleine Jungen auch der „griechischen Knabenliebe”
zum Opfer fielen (de Mause 1980, 72f.; Licht 1969, 247). Auch im Mittelalter war sexuelle
Gewalt gegen Jungen keine Seltenheit. Weil sie leichter zu überwältigen waren und weil sie
mädchenhaft wirkten, wurden sie häufig Opfer von sexueller Gewalt. In den Turmbüchern der
Reichsstadt Köln aus dem 16. Jahrhundert ist nachzulesen, daß sexuelle Ausbeutung von
Kindern oft vor Gericht verhandelt und auch bestraft wurde (Schwerhoff 1991, 398ff.). In
England wurde 1548 ein Gesetz zum Schutz der Jungen vor „forced sodomy” eingeführt
(Schultz 1982, 22). Aus Venedig ist überliefert, daß in der Renaissance sich prostituierende
Frauen aufgefordert wurden, sich den Männern mit nackten Brüsten anzubieten, um diese
vom „Modetrend” der Sexualität mit Jungen abzubringen (Bornemann 1978, 1145).

In seiner Fachschrift ´Das Geschlechtsleben des Kindes` (1909) warnte der Arzt Albert Moll
vor Kindermädchen und Hausangestellten, „die zu ihrem Vergnügen an Kindern alle
möglichen Arten von sexuellen Handlungen” vornehmen (Moll 1909, 57). Auch Sigmund
Freud erklärte sich die Ursache für Hysterie 1896 noch mit sexueller Gewalt in der Kindheit,
weil alle seiner zwölf Klientinnen und seiner sechs Klienten sexuell ausgebeutet worden
waren. Er begann jedoch kurze Zeit später an den Erfahrungen seiner Klientinnen zu zweifeln
und deutete es um als Ausdruck des Odipuskomplexes. Es gibt die - allerdings umstrittene -
Vermutung, daß Freud selbst von seinem Vater sexuell ausgebeutet worden war und es ihm
daher besonders schwerfiel, die sexuelle Gewalt gegen Jungen als Realität zu akzeptieren
(Freud 1968, 118).

Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist bekannt, daß Sexualstraftäter von den
Wissenschaftlern als „menschliche Minusvariante” angesehen und als „Perverse oder sexuell
Unangepaßte” kastriert wurden. Aber auch die Opfer wurden stigmatisiert, indem sie als
seelisch und geistig gestört, als schwachsinnig und hemmungslos abgetan wurden (Bock
1986, 394).

In den fünfziger und sechziger Jahren diskutierten die Wissenschaftlerinnen wie schon Anfang
des Jahrhunderts über die Glaubwürdigkeit der Kinder, die von sexuellen
Ausbeutungserfahrungen berichteten. Bereits in dieser Zeit wurde durch polizeiliche
Kriminalstatistiken deutlich, daß auch Jungen Opfer von sexueller Gewalt waren. Laut einer
Studie aus dem Jahr 1965, in der die Persönlichkeit von Jugendlichen untersucht wurde, die
als Ausgebeutete dem Täter vor Gericht gegenüberstanden, befanden sich unter 1646 Kindern
und Jugendlichen 205 Jungen, also 12,5% (Nau 1965, 27). In den achziger Jahren wurde dann
endlich erreicht, daß dieses Problem als allgemein soziales beachtet wurde. Aber die
Diskussion konzentrierte sich vorwiegend auf die sexuelle Ausbeutung von Mädchen. Erst
seit Anfang der neunziger Jahre wird das Thema auch im Zusammenhang von Jungen und
Männern diskutiert. Es paßte nicht ins gängige Bild von Jungen und Männern, Opfer von
sexueller Gewalt zu sein. Bis jetzt hat diese Enttabuisierung allerdings noch nicht zu einer
adäquaten Forschungstätigkeit geführt, wie es notwendig wäre.
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So wie es bis vor wenigen Jahren keinen öffentlichen Diskurs gegeben hat bezüglich der
sexuellen Ausbeutung von Jungen, gibt es für sie noch kaum spezielle Beratungsstellen. Die
Situation für von sexueller Gewalt betroffene Jungen und Männer ist schlecht. In Österreich
gibt es landesweit keine speziellen Beratungsangebote für sexuell ausgebeutete Jungen und
Männer, im Gegensatz z.B. zu Zürich, wo betroffene Jungen in der Beratungsstelle für sexuell
ausgebeutete Knaben Hilfe und Unterstützung bekommen können, erwachsene Männer im
„Mannebüro“ Zürich.

In der Fachliteratur ist man sich weitgehend darüber einig, daß zum Themenbereich der
sexuellen Ausbeutung mittlerweile eine große Fülle an Daten, Materialien und Analysen
zusammengetragen wurde, aber immer noch ein großes Theoriedefizit vorhanden ist. Im
Zusammenhang mit sexuellen Gewaltätern ist die Forschungsabstinenz besonders auffällig.
Das hat in erster Linie damit zu tun, daß noch häufig vermieden wird, wirklich
Verantwortliche für die sexuelle Gewalthandlung eindeutig zu benennen. Immerhin wurden in
der Zwischenzeit alte Mythen über Täter als falsch entlarvt, wie z.B. daß Täter unteren
Schichten angehören, Alkoholiker, Psychopathen, hypersexuelle Triebtäter oder Fremde seien.
Die Psychopathologisierung der Täter entspricht dem Bedürfnis, die Betroffenen zu
stigmatisieren und damit ausgrenzen zu können. Beim Bemühen, Tätertypologien zu
entwerfen, ist es wichtig, den Blick auf die gesellschaftlichen Gewaltstrukturen nicht zu
vergessen, weil sonst die Gefahr besteht, daß ein strukturelles Phänomen der Gewalt auf die
individuelle Ebene reduziert wird.

Erst in den letzten Jahren fand eine zögernde Annäherung an das Phänomen von Frauen als
Täterinnen statt. Täterinnen sind zwar im Vergleich zu den Männern, die sexuell ausbeuten, in
der Minderheit, aber die Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, die von sexualisierter
Gewalt von Frauen berichten, sind keine ungewöhnliche Ausnahme, sondern müssen als
Gruppe ernst genommen werden. Weil lange Zeit ein Großteil der Arbeit zum Thema der
sexuellen Ausbeutung von Feministinnen geleistet wurde und diese Arbeit von einem
Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Gemeinsamkeit geprägt war, war es schwierig, einerseits
Frauen nicht nur in der Position des Opfers sondern auch in der Position der Täterin
wahrzunehmen. Solche Handlungen sind genauso wie bei den männlichen Tätern zu
verurteilen und auf keinen Fall zu akzeptieren. Andererseits ging es aber auch darum, Jungen
und Männer nicht nur in der Position von Tätern, sondern auch als Opfer wahrzunehmen, zum
Teil auch als Opfer von sexueller Ausbeutung von Frauen. Das heißt nicht, daß die konkreten
Gewalttaten und die alltägliche Männergewalt verharmlost oder außer acht gelassen werden
sollen, denn gerade durch diese werden die Strukturen der Geschlechterhierarchie immer
wieder reproduziert. Aber auch die Gewalttaten von Frauen, die ihre Macht gegenüber
abhängigen Menschen ausnutzen, stabilisieren das strukturelle Machtgefälle.

Im selben Zeitraum, in dem sexuelle Ausbeutung von Männern thematisiert wurde, kam auch
das Problem der sexuellen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen mit Behinderung an die
Öffentlichkeit. Während Männer als Opfer tabuisiert wurden, weil es nicht ins Klischee von
Männlichkeit paßte, ist es bei Frauen mit Behinderung so lange verschwiegen worden
aufgrund des Vorurteils, „mit so einer will eh keiner”. Als Folge eines Symposiums, das 1992
in Wien stattfand, entstand die Studie „Weil das alles weh tut mit Gewalt - sexuelle
Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung (Zemp/Pircher 1996). Das erahnte
Ausmaß der sexuellen Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen mit Behinderung wurde zum
ersten Mal in dieser Art erfaßt. In den Institutionen, in denen Befragungen durchgeführt
wurden, ist seither ein viel größeres Problembewußtsein vorhanden, was die Frauen mit
Behinderung nicht aber Männer mit Behinderung als Opfer anbelangt. In der Öffentlichkeit
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hat das Thema nach wie vor nicht die Präsenz, die es für eine Verbesserung der Situation
haben müßte. Die Studie zeigt unter anderem auf, daß von den Tätern, die Frauen mit
Behinderung ausbeuten, 13% Männer mit Behinderung sind und diese auf der Täterskala an
dritter Stelle stehen (Zemp/Pircher 1996, 78). Diese Daten wurden weltweit zum ersten Mal
erfaßt, weil es bisher keinem Forschungsteam gelungen war, Menschen mit Behinderung in
den Institutionen zu befragen. Die Tatsache, daß männliche Mitbewohner nicht selten als
Täter aufscheinen, hat vor allem in den verschiedenen Institutionen große Unbeholfenheit und
Hilflosigkeit ausgelöst und zur Frage nach den Zusammenhängen und Hintergründen geführt.

Es gilt auch hier, sich vom Vorurteil zu befreien, daß Menschen mit Behinderung
ausschließlich Opfer sind, und zu akzeptieren, daß auch sie TäterInnen sein können. Das ist
letztlich auch nicht erstaunlich, weil sie nicht ´nur` innerhalb dieser gesellschaftlichen
Machtstrukturen sozialisiert wurden, sondern in den Institutionen in permanenten
strukturellen Gewaltverhältnissen leben.

2. Begriffserklärung
In Anlehnung an die ´Frauenstudie` (Zemp/Pircher 1996) übernehmen wir die zentralen
Definitionen und verwenden die folgenden Begriffe:

2.1 Zum Begriff der Behinderung


In der vorliegenden Untersuchung haben wir uns auf Männer mit Behinderung konzentriert,
die aufgrund ihrer körperlichen, geistigen und/oder psychischen Behinderung in einer
Institution leben.
In der Fachliteratur fällt auf, daß in der Regel zwischen Schädigung und Behinderung
unterschieden wird. Nach einer Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird
im internationalen Verständnis folgende Dreiteilung gemacht:
"1. impairment (Schädigung): Störung auf der organischen Ebene (menschlicher Organismus
allgemein);
2. disability (Behinderung): Störung auf der personalen Ebene (Bedeutung für einen
konkreten Menschen)
3. handicap (Benachteiligung): mögliche Konsequenzen auf der sozialen Ebene (Nachteile,
durch die die Übernahme von solchen Rollen eingeschränkt oder verhindert wird, die für die
betreffende Person in Bezug auf Alter, Geschlecht, soziale und kulturelle Aktivitäten als
angemessen gelten)." (WHO 1980, 27ff.)

Wenn diese Art der Klassifikation auch einen geeigneten Zugang zum Problem darstellt, so ist
doch zu kritisieren, daß ausgegangen wird von der Schädigung als objektivierbare
Abweichung von der Norm, und zwar im organischen Bereich. Schädigung ist wohl kaum
immer so genau feststellbar, wie medizinische oder sonderpädagogische Definitionen
vorgeben. Behinderung kann auf einen pathogenen Zustand von gewisser Dauerhaftigkeit
zurückgeführt werden; es ist aber auch möglich, daß Behinderung das Ergebnis eines sozialen
Bewertungs- oder Abwertungsprozesses darstellt, selbst ohne objektiv vorhandenen Grund, in
dem dieser als Schädigung einfach unterstellt wird. Die Schädigung kann sich auch als Folge
der negativen Bewertung nachträglich und/oder zusätzlich einstellen.

Uns ist wichtig, von Behinderung erst dann zu sprechen, wenn eine gewisse Andersartigkeit in
einer bestimmten Kultur entschieden negativ bewertet wird. Damit schließen wir uns der
Definition von Cloerkes an:
 "Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen,
geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 8

zugeschrieben wird. ´Dauerhaftigkeit` unterscheidet Behinderung von Krankheit.


´Sichtbarkeit` ist im weitesten Sinn das 'Wissen' anderer Menschen um die Abweichung.
 Ein Mensch ist ´behindert`, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie
auch immer definierten Erwartungen vorliegt, und wenn zweitens deshalb die soziale
Reaktion auf ihn negativ ist." (Cloerkes 1977, 6)

Behinderung ist immer relativ in der zeitlichen Dimension, je nach subjektiver


Auseinandersetzung damit, je nach verschiedenen Lebenssituationen und in verschiedenen
Lebensbereichen und nach kulturspezifischen sozialen Reaktionen. Behinderung ist also
nichts Absolutes, sondern nur als soziale Kategorie verstehbar. Weder Defekt noch
Schädigung sind ausschlaggebend, sondern die Folgen für das einzelne Individuum.

2.2 Zum Begriff der sexuellen Ausbeutung


Für die sexuelle Ausbeutung von Kindern und abhängigen Menschen sind im
deutschsprachigen Raum vor allem vier Ausdrücke geläufig:

Inzest wird vor allem für den Geschlechtsverkehr zwischen Familienmitgliedern,


insbesondere zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern verwendet. Er drückt nicht aus,
daß die betroffenen Kinder Opfer sind, daß sie zu den sexuellen Handlungen gezwungen
werden, daß diese Handlungen auch andere Formen des Geschlechtsaktes beinhalten können
und Täter nicht nur Familienangehörige sind. Beim Begriff des sexuellen Übergriffs wird
zwar deutlich, daß Grenzen nicht eingehalten werden. Gleichzeitig wird jedoch suggeriert,
daß die betreffende Handlung harmlos sei, daß es sich um eine einmalige Tat handle.

Der in Österreich und Deutschland gebräuchlichste Begriff ist der des sexuellen Mißbrauchs.
Dieser Begriff impliziert aber, daß es einen legitimen Gebrauch von Kindern oder abhängigen
Menschen geben könnte.

Wir verwenden in der Folge den Begriff der sexuellen Ausbeutung. Dieser Begriff beinhaltet
alle Formen sexueller Belästigung, sexueller Gewalt und sexualisierter Gewalt. Es wird
deutlich, daß Gewalt stattfindet, physische wie psychische, und daß das Kind oder die
abhängige Person in seiner/ihrer persönlichen Integrität mißachtet, als Objekt benutzt und
ausgenutzt wird.

2.3 Zum Begriff Opfer


Wir verwenden den Begriff ´Opfer` vorwiegend im Beziehungszusammenhang von Opfer und
Täter. Wir gebrauchen ihn jedoch nie bezogen auf einzelne konkrete, von sexueller Gewalt
betroffene Menschen, weil sich mit diesem Begriff die Gefahr verbindet, daß Menschen mit
sexueller Ausbeutungserfahrung auf das Opfersein reduziert und damit erneut stigmatisiert
werden. Wir benutzen im weiteren den Begriff ´Überlebende`, aber auch ´Verletzte`. Wenn
wir von ´Betroffenen` schreiben, meinen wir in dieser Untersuchung immer Männer mit
Behinderung, die von sexueller Ausbeutung betroffen sind.

2.4 Definition von sexueller Ausbeutung von Menschen mit Behinderung


Wir übernehmen die Definition von sexueller Ausbeutung von Menschen mit Behinderung
von Zemp (1991): Sexuelle Ausbeutung von Kindern und/oder physisch und/oder geistig
abhängigen Menschen durch Erwachsene (oder ältere Jugendliche) ist eine sexuelle Handlung
des Erwachsenen mit einem abhängigen Menschen, der aufgrund seiner emotionalen,
intellektuellen oder physischen Entwicklung nicht in der Lage ist, dieser sexuellen Handlung
informiert und frei zuzustimmen. Dabei nützt der Erwachsene, der/die Helferin die ungleichen
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 9

Machtverhältnisse zwischen sich und der/dem Abhängigen aus, um es/sie/ihn zur Kooperation
zu überreden oder zu zwingen. Zentral ist dabei die Verpflichtung zur Geheimhaltung, die das
Kind/die abhängige Person zu Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. (in
Anlehnung an Sgroi 1982, 13)

Wir gehen von einer weitgefaßten Definition von sexueller Ausbeutung aus, weil eine eng
gefaßte Definition, die den Genitalkontakt als alleiniges Kriterium für sexuelle Ausbeutung
aufweist, andere Ausbeutungserfahrungen als solche nicht erkennt oder als solche nicht ernst
nimmt. Für uns beginnt sexuelle Ausbeutung da, wo eine Person von einer anderen als Objekt
zur Befriedigung gewisser Bedürfnisse gebraucht wird. Es können Bedürfnisse sexueller
Natur sein oder auch nicht sexuelle, die aber in sexualisierter Form ausgelebt werden, wie
zum Beispiel der Wunsch nach Macht, sich selber zu bestätigen oder jemanden zu
unterdrücken. Um solche Bedürfnisbefriedigung zu erlangen, werden vor oder an der Person
Handlungen vollzogen oder von ihr zu tun verlangt; die in unserer Kultur mit Sexualität in
Zusammenhang gebracht werden. Dazu zählen wir Handlungen wie despektierliche
Bemerkungen über den Körper, Berühren von Geschlechtsorganen bis hin zum
Geschlechtsverkehr. Diese Handlungen sind in erster Linie aufgrund von unterschiedlichen
Ressourcen und Macht möglich und geschehen gegen den Willen der Person, die die
betreffende Handlung erfahren muß. Die Vergewaltigung ist demnach das Extrem eines
breiten Spektrums, das sowohl körperliche sexuelle Angriffe als auch verbale und visuelle wie
Nachpfeifen, anzügliche Bemerkungen, Exhibitionismus oder Pornographie mit einschließt.
Unter Vergewaltigung verstehen wir alle Formen von erzwungener Penetration (vaginale,
anale und orale, mit Penis, Finger oder irgendwelchen Gegenständen). Wir fassen unsere
Definition so weit und schließen Nicht-Kontakthandlungen mit ein, weil Nachpfeifen oder
„Hinterntätscheln” nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern in einer Gesellschaft, in der
in der Regel Männer solche Gesten und Handlungen ausführen, Frauen dadurch oft auf ihren
Körper reduziert werden und damit zum Objekt verkommen. Das heißt, derartige Gesten sind
Ausdruck eines Machtverhältnisses, meistens eines zwischen den Geschlechtern, von dem
aber auch Jungen und Männer betroffen sein können.

Eine sexuelle Handlung wird durch die Form der Beziehung zwischen Opfer und Täterin, die
durch das gesellschaftliche Machtgefälle geprägt ist, zur sexuellen Ausbeutung. Dieses
Machtverhältnis verschärft sich bei Menschen mit einer Behinderung um ein Vielfaches durch
ihre Abhängigkeit in hierarchischer, arbeits- oder erziehungsbedingter Hinsicht, aber auch
durch eine körperliche und/oder geistige und/oder psychische Behinderung. Sexuelle
Ausbeutung von Menschen mit einer Behinderung drückt die gesellschaftliche Verachtung,
welcher sie in der Regel mehr oder minder immer ausgesetzt sind, aufs Schärfste aus. Diese
Verachtung geben sie auch unter ihresgleichen u.a. in Form von sexueller Gewalt gegen
Schwächere im Heim weiter.

Wir verzichten in unserer Definition auf eine Altersdifferenz zwischen Tätern und Opfern zur
Begründung eines Straftatbestandes, weil Menschen mit einer Behinderung auch im
erwachsenen Alter von gleichaltrigen und/oder jüngeren Täterinnen ausgebeutet werden
können.

3. Forschungssituation

3.1 Jungen und Männer ohne Behinderung als Opfer von sexueller Ausbeutung
Was die sexuelle Ausbeutung von Jungen und Männern ohne Behinderung betrifft, ist es
schwierig, klare Aussagen zu machen, weil deutlich weniger Datenvorliegen als bei Mädchen
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 10

und Frauen. In Deutschland wurden vier Dunkelfelduntersuchungen durchgeführt, wobei die


Rate der sexuell ausgebeuteten Männer von vier bis 14 Prozent schwankt, was sich kaum von
anderen Ländern unterscheidet. Dirk Bange hält es für realistisch, daß etwa jeder zwölfte
Junge von sexueller Ausbeutung betroffen ist (1995, 70), wie aus der nachfolgenden Tabelle
ersichtlich wird.

Studie Teilnehmer Ausmaß Altersgrenze Methode


Bange 1992 343 Studenten 8% 16 Fragebogen
BRD
Raup/Eggers 412 Studenten 6,3% 14 Fragebogen
1993 BRD
Wetzels 1994 1604 4-9% 16 Fragebogen
BRD Männer(repräsentativ)
BMFuS 1993 255 14% ? Fragebogen
BRD Jugendamtsmitarbeiter
Finkelhor 1979 266 Studenten 9% 16 Fragebogen
USA
Fritz u.a. 1981 412 Studenten 5% präpubertär Fragebogen
USA
Finkelhor 1984 187 Väter 6% 16 Fragebogen
USA
Baker/Duncan 836 Männer 8% 16 Fragebogen
1985 GB repräsentativ
Risin/Koss 2972 Studenten 7,3% 16 Fragebogen
1987 USA
Bagley 1989 935 Männer 8% 16 Tiefeninterviews
(Kanada) repräsentativ
Finkelhor u.a. 1145 Männer 16% 18 Telefoninterviews
1990 USA repräsentativ
Tabelle 1: nach Bange 1995, 70

Aus den in der Bundesrepublik Deutschland durchgeführten Dunkelfeldstudien wird deutlich,


daß Jungen am häufigsten von Bekannten im außerfamiliären Nahraum ausgebeutet werden,
und zwar von Nachbarn, Pfarrern, Lehrern usw.; fast jeder Fünfte muß durch
Familienangehörige Gewalt erleben, vor allem von Onkeln, Brüdern und Cousins. Fast ein
Drittel sind Fremdtäter, die meistens als Exhibitionisten auftreten. Im Gegensatz dazu
erzwingen Täter aus dem Bekannten- und Familienkreis fast immer sexuelle Handlungen mit
Körperkontakt. Dabei wurden 30 Prozent der befragten Männer oral oder anal vergewaltigt
oder mußten den Versuch dazu erleben, ca. 40 Prozent wurden genital manipuliert oder mußte
den Täter manipulieren, und das letzte Drittel mußte Zungenküsse über sich ergehen lassen
oder wurde eben von Exhibitionisten belästigt. Fast 60 Prozent der befragten Männer
berichten, daß die sexuelle Ausbeutung „nur” einmal stattfand. (Julius/Boehme 1994, 107ff.)

Auch Jungen müssen sexuelle Gewalt im Säuglingsalter, als Kleinkinder, im Grundschulalter


und als Jugendliche erleben; nach den Dunkelfeldstudien liegt das Durchschnittsalter
zwischen zehn und 12 Jahren (Bange 1991, 74).

Betroffene Männer haben Mühe, über ihre Ausbeutungserfahrung zu sprechen. Collings


(1991, 153ff.) vermutet, daß die Offenbarungsbereitschaft der Männer umso größer ist, je
anonymer die Befragungsmethode ist, also mittels Telefoninterviews oder Fragebogen, der
abgegeben werden kann. Aber vor allem, wenn die Gewalterfahrung in der Familie passiert,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 11

sind die Scham- und Schuldgefühle, sowie die Angst vor Ablehnung besonders groß. Männer
haben auch große Mühe, über anale oder orale Vergewaltigung zu sprechen, weil solche
Praktiken als pervers gelten oder der Homosexuellenszene zugeschrieben werden. Diese
beiden Vergewaltigungsformen sind für Betroffene äußerst erniedrigend, weil sie sich absolut
ausgeliefert fühlen und das überhaupt nicht in ihre Jungen- bzw. Männerrolle paßt.

3.2 Folgen von sexueller Ausbeutung


Finkelhor und Browne (1986) haben die Dynamik von sexueller Gewalt differenziert
dargestellt und auch in Bezug gesetzt zu den Auswirkungen auf das psychische Erleben und
das Verhalten von Betroffenen. Sie unterteilen die traumatischen Auswirkungen in vier
Bereiche.

Traumatische Sexualisierung
Traumatische Sexualisierung meint, daß dem Kind eine Form von Sexualität aufgezwungen
wird, die seinem Lebensalter nicht entspricht und dadurch das Kind verwirrt und schädigt.
Ihm wird vermittelt, daß es Geborgenheit und Nähe nur gekoppelt mit Sexualität bekommen
kann. Das führt beim Kind zu einer Konditionierung: Sexuelle Aktivität wird mit negativen
Gefühlserinnerungen gekoppelt. Dem Kind werden oft falsche sexuelle Normen und
Moralvorstellungen vermittelt, um es für die sexuelle Ausbeutung zugänglicher zu machen,
mit Sätzen wie: „Alle Väter, die ihre Kinder lieben, tun das“. Das führt dazu, daß Liebe und
Sexualität verwechselt werden, so daß eine Aversion gegen Intimität und sexuelle
Stimulierung auftreten und die eigene sexuelle Identität gebrochen werden kann. Daraus
ergeben sich typische Verhaltensweisen wie, zwanghaftes sexuelles Ausagieren, aggressives
sexuelles Verhalten, phobisches Vermeiden von Intimität, Orgasmusprobleme, Prostitution.
Neben körperlichen Verletzungen und Schwangerschaften ist altersunangemessenes
Sexualverhalten von Mädchen und Jungen der einzig eindeutige Hinweis auf sexuelle
Ausbeutung. In der aktiven Wiederholung dessen, was sie passiv erlebt haben, sexualisieren
Überlebende häufig soziale Beziehungen. In der Wiederholung des Erlebten drücken sie aus,
was sie selbst mit Worten nicht fassen können. So zeigten in der Studie von Tufts (1984, 113)
27 Prozent der vier- bis sechsjährigen Kinder mit sexuellen Ausbeutungserfahrungen
signifikant häufiger Verhaltensweisen wie Masturbieren in der Öffentlichkeit, Zurschaustellen
der Genitalien und Sexualisieren von Beziehungen. Jungen werden durch sexuelle
Ausbeutung zutiefst in ihrer Geschlechtsrollenidentität verwirrt. „Sind es bei der
Mißhandlung durch Männer angenehme Gefühle, die Ängste auslösen, schwul zu sein, so sind
es bei der sexuellen Ausbeutung durch Frauen die unangenehmen Gefühle, die den Jungen
verunsichern. Der Junge meint, nur ein schwuler Mann könne sich geekelt, gedemütigt oder
verängstigt fühlen, wenn eine „reife” Frau ihn „in die Sexualität einführt.”
(Glöer/Schmiedeskamp 1990, 29). Viele sexuell ausgebeutete Männer fühlen sich als
Neutrum, weil ihnen der Bezug zu ihrer Sexualität fehlt.

Die Stigmatisierung
Das Erleben des Gezeichnetseins verstärkt den Zwang zur Geheimhaltung, das Schamgefühl
und den Eindruck, selber an allem Schuld zu sein, denn in der Regel macht der Täter die
betroffenen Kinder für die Tat verantwortlich, mit Sätzen wie: „Du hast es ja gern“, „Du hast
es ja gewollt“. Weil die Täter oft mit Frauen zusammenleben und die Jungen das auch wissen,
meinen sie, es sei etwas an ihnen, das den Täter zu gleichgeschlechtlichen Handlungen
´verführe`. Daraus resultieren die Gefühle des Ausgestoßenseins, das schlechte
Selbstwertgefühl, Scham- und Schuldgefühle. Die typischen Verhaltensweisen hier sind
Autoaggressionen: Drogen- und Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit helfen
Überlebenden, die Erinnerung an die sexuelle Ausbeutung zu betäuben; der Versuch, mit Hilfe
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 12

der Droge aus der nicht aushaltbaren Realität zu flüchten, ist Ausdruck des Überlebenswillens
von Betroffenen. Selbstverstümmelungen wie Haare ausreißen, Nägel kauen usw. gehören
ebenfalls zu diesen Selbstaggressionen: Betroffene wollen über den Schmerz spüren, daß es
sie noch gibt und drücken sich beispielsweise brennende Zigaretten auf der Haut aus oder
fügen sich Schnitte zu. Selbstmord scheint schließlich für viele Betroffene der einzig
wirksame Schutz vor den Übergriffen der Täter einerseits, andererseits aber auch die einzige
Lösung, dem Selbsthaß, der Scham, der Verzweiflung ein Ende zu setzen. Im
Erwachsenenalter haben ausgebeutete Männer oft nur lose und distanzierte Beziehungen. Wer
sie gerne mag, ist in ihren Augen ein Narr. Das führt zu einer enormen inneren Einsamkeit,
was zu suchtartigem Verhalten im Beruf, Sport oder im Ausüben der Religion führen kann.

Der Verrat
Das Kind ist in seinem Vertrauen getäuscht, in seiner Abhängigkeit und Verletzlichkeit
manipuliert worden. Statt Schutz zu erfahren, wurde es ausgebeutet und verletzt. Es fühlt sich
nicht nur vom Täter, sondern meistens auch von seiner Umgebung allein gelassen, weil es
nicht geschützt wurde. Das führt zu Mißtrauen, Wut und Feindseligkeit, aber auch zu tiefer
Trauer und Depression. Nach außen hinwirken solche Jungen oft wie erstarrt und gefühllos,
zerstören in ihren Wutanfällen, was in ihrer Nähe ist, oder planen sehr gezielte
Zerstörungsaktionen. Sie fühlen sich nicht mehr als ´richtiger Junge`, oder als ´richtiger
Mann` und versuchen als Folge davon, durch dominantes und aggressives Auftreten das
verlorene Gefühl der Kontrolle wieder zu erlangen.

Ohnmacht
Weil das Kind erlebt hat, daß die Körpergrenzen gegen den eigenen Willen überschritten
worden sind, hat sich das Gefühl des Ausgeliefertseins eingeprägt: Die wiederholte Erfahrung
der Hilflosigkeit und Unmöglichkeit, der Gewalt ein Ende zu setzen, führt zu der
Überzeugung, als Mensch keine Wirkung zu haben, keinen Einfluß nehmen zu können auf
das, was mit einem geschieht. Das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins führt zu
Angst- und Panikattacken, was sich in Zwängen und Phobien ausdrücken kann. Solche Kinder
müssen sich dauernd oder zu Unzeiten waschen, regredieren, haben
Beziehungsschwierigkeiten bis zu Vereinsamungstendenzen, ein geringes Selbstwertgefühl,
leiden an Depressionen, sind überangepaßt oder sehr aggressiv, haben z.B. diffuse Ängste in
geschlossenen Räumen oder vor Autoritätspersonen. Im sozialen Verhalten reagieren sexuell
ausgebeutete Kinder oft mit übersteigertem Fremdeln oder distanzlosem Verhalten. Sie ziehen
sich aus den sozialen Kontakten zurück; oder sie verhalten sich distanzlos, wieil sie nie
gelernt haben, die eigenen Grenzen und die der andern zu spüren. Es kann auch sein, daß sie
gerade kontraphobisch reagieren und bei anderen sofort den körperlichen Kontakt suchen,
ihre Beziehungen sexualisieren. Betroffene präsentieren sich von vorneherein, um erwarteten
sexuellen Ausbeutungshandlungen vorzubeugen.

Physische, psychische und psychosomatische Folgen


Folgen von sexueller Ausbeutung zeigen sich oft auch auf psychosomatischer Ebene wie
Einnässen, Einkoten, Unterleibschmerzen, Wundsein und Jucken im Genitalbereich,
Schwindelanfälle. Betroffene leiden unter Alpträumen, Schlafstörungen, Blutungen und/oder
Rissen im Rektalbereich, ungewöhnlicher Dehnung des Anus, Verletzungen oder Rötungen
am Penis. Im Zusammenhang mit oraler Vergewaltigung stehen Erstickungsanfälle, Würge-
und Ekelgefühle, Kieferschwierigkeiten oder Atemprobleme. Bei Männern, die in ihrer
Kindheit ausgebeutet worden sind, kann es sexuelle Funktionsstörungen geben wie vorzeitige
Ejakulation und Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen, was gar nicht ins übliche Bild
von einem aktiven potenten Mann paßt und bei Betroffenen oft Depressionen zur Folge hat.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 13

Es gibt Betroffene, die nur durch das Produzieren von sadistischen oder sadomasochistischen
Phantasien, nur durch Gewalt, beziehungsweise Unterwerfung, Demütigung und Erniedrigung
zu sexueller Erregung und Entspannung kommen können.

3.3 Jungen und Männern mit Behinderung als Opfer


Jungen und Männer mit Behinderung als Opfer von sexueller Gewalt tauchen in der
Fachliteratur lediglich in zwei Untersuchungen auf. In den Studien, die in den USA bei
Menschen mit Lern- oder leichter geistiger (mild retarded) Behinderung gemacht wurden,
unterschieden die BefragerInnen meistens nicht zwischen Jungen und Mädchen oder Männern
und Frauen. Das hängt einerseits mit der allgemein geringeren Forschungstätigkeit zum
Thema Männer als Opfer von sexueller Gewalt, andererseits aber sicher auch mit dem nach
wie vor mangelnden Bewußtsein bezüglich Geschlechterspezifik im Bereich von Menschen
mit Behinderung zusammen sowie mit dem Vorurteil, Menschen mit Behinderung seien
geschlechtslos.

Hard (1987,1-3) befragte in einem Zentrum für Arbeitsaktivitäten 65 Personen. In dieser


Studie wurde sexuelle Ausbeutung definiert als sexuelle Kontakte wie Geschlechtsverkehr,
Anal- und Oralverkehr oder Berührungen von Brust oder Genitalien ohne Wissen oder
Verständnis für die sexuellen Handlungen, die nicht gewollt waren, oder vom Täter mit
Gewalt, Zwang oder Manipulation ausübt wurden. 32 Prozent der Männer berichteten von
sexueller Gewalterfahrung. Aber auch in dieser Untersuchung wurde bezüglich des Alters, in
dem die befragten Personen sexuell ausgebeutet wurden, nicht nach Geschlechtern
unterschieden.

Der Verband evangelischer Einrichtungen für Menschen mit geistiger und psychischer
Behinderung hat 1993 in Deutschland eine Studie in Auftrag gegeben. 308 der
angeschriebenen Einrichtungen der Behindertenhilfe füllten einen Fragebogen aus
(Noack/Schmid 1994). Ermittelt wurde damit das Bewußtsein der Einrichtungen zum Thema
der sexuellen Gewalt. Bezüglich Knaben mit einer geistigen Behinderung machten 5,2
Prozent der Einrichtungen Aussagen zu Vorkommnissen von sexueller Gewalt. Sie berichteten
insgesamt von 16 Fällen. Nur noch 2,9 Prozent der Einrichtungen erwähnten insgesamt zehn
Fälle von sexueller Gewalt gegen männliche Jugendliche. Bezüglich Männern mit geistiger
Behinderung sagten 16,6 Prozent aus und gaben insgesamt 105 Fälle an (Noack/Schmid 1994,
45). Vergleicht man diese Zahlen mit denjenigen von Hard (1987, 1-3) und der vorliegenden
Studie, in der Männer mit Behinderung selber befragt wurden, muß von einer hohen
Dunkelziffer ausgegangen werden. Es ist anzunehmen, daß sexuelle Gewalt gegen Jungen und
Männer viel weniger als solche erkannt wird. Einerseits sieht man sie nicht, weil sie als
alltägliche Gewalt abgetan und damit auch verharmlost wird; andererseits weiß man es nicht,
weil es im Geheimen passiert; oder wenn man es weiß, schweigt man darüber, weil man aus
Gründen der eigenen Überforderung mit diesem Problem den notwendigen Handlungsbedarf
fürchtet.

3.4 Täter von sexueller Ausbeutung ohne Behinderung


Männer, die sexuelle Gewalt ausüben, stehen in der Öffentlichkeit kaum dazu. Erst wenn
Beweise ein weiteres Verleugnen der begangenen Tat verunmöglichen oder ein Gericht den
Täter unmißverständlich mit der Tat konfrontiert, gesteht ein Teil der Männer die Gewalt.
Täter aber, die nie angezeigt, angeklagt und verurteilt werden, fühlen sich in keiner Weise
genötigt, sich zu ihrer Täterschaft zu bekennen. „Daraus ergibt sich die paradoxe Situation,
daß unzählige Frauen glaubwürdig über erlittene sexuelle Gewalt berichten und kaum ein
Mann diese Gewalt zugibt. Aussage steht gegen Nicht-Aussage. Zeugen gibt es meist keine.“
(Godenzi 1989, 39)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 14

Immer wieder wird in der psychopathologischen Literatur der Vergewaltiger als triebhaft,
willensschwach, haltlos, gemütsarm, egozentrisch, als triebhafter oder substanzloser
Psychopath beschrieben (Hentig 1921; Schulz 1958; Plaut 1960; Dost 1983). Nicht selten
werden Sexualdelikte den unteren Schichten mit asozialen und kriminellen Tendenzen
unterschoben (Schorsch 1971). In den siebziger Jahren wurden vor allem in den USA
allerdings auch andere Konzepte von Tätertypologien entwickelt. Diese gehen von Motiven
wie Macht, Stärke, Kontrolle und Aufwertung des eigenen Selbst aus; aus Haßgefühlen
gegenüber Frauen erniedrigen und/oder bestrafen sie diese. Bei Tätern mit vorwiegend
sexuellem Ziel wird ein Typ beschrieben, der schon oft durchlebte Phantasien in der
Vergewaltigung durchspielt. Krön (1986, 202) zeigt auf, daß es kein taugliches
Instrumentarium zur Objektivierung gibt; das gilt bis heute. „Alle gängigen
Testuntersuchungen zeigen kein für einen Vergewaltiger typisches Profil. Gleichzeitig weisen
diese Konstrukte aber einen Weg weg von der eindimensionalen Sichtweise der
Vergewaltigung als reinem Sexualdelikt und hin zu anderen Motiven und Aspekten, in denen
das sexuelle Element, die Vergewaltigung, lediglich das Vehikel darstellt, sei es zur Kontrolle
als Ausdruck von Dominanzkonflikten des Täters, sei es zur Herabsetzung und Erniedrigung
der Frau” (Krön 1986, 202). Die Frauenbewegung hat sich gelöst von der täterbezogenen
Individualität und richtet ihr Augenmerk vor allem auf die strukturelle und der Gesellschaft
immanente Gewalt. In diesem Zusammenhang ist wichtig, sich der in jeder Gesellschaft
vorhandenen Geschlechtsrollennormierungen und Mythologien bewußt zu sein, welche die
Beziehungen zwischen den Geschlechtern, aber auch die Beziehungen im hierarchischen
Gefälle überhaupt regeln und Machtverhältnisse konstituieren.

Krön (1986) untersuchte 147 bei der Polizei bekannt gewordene Täter. 40 Prozent der Täter
waren im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, 75 Prozent mit deutscher Nationalität,
überwiegend arbeitslos oder Arbeiter und fast 25 Prozent verheiratet. 45 Prozent ist die
vergewaltigte Frau völlig fremd, 30 Prozent kannten diese flüchtig und 25 Prozent waren
einander gut bekannt. Bei Bekanntschaftsvergewaltigungen erfolgt viel seltener eine Meldung
oder Anklage gegen die Täter. Nur ein Drittel der Täter war zum Tatzeitpunkt völlig ohne
Alkohol. 45 Prozent sind nicht vorbestraft, 20 Prozent jedoch einschlägig. „Explorativ und
auch in der angesprochenen Tatbegehungsweise kamen Dominanzkonflikte und
Insuffizienzgefühle in der eigenen Männlichkeitsrolle zum Ausdruck, die diese Täter in der
Unterwerfung der Frau durch die Vergewaltigung zu kompensieren trachteten. Diese Gruppe
mit eindeutigen Hinweisen auf nicht-sexuelle Konflikte und Motive umfaßt etwa 30 Prozent
aller Täter” (204f.). 20 Prozent der Fälle betreffen Jugendliche, die noch wenig sexuelle
Erfahrung hatten. Sie wiesen Unsicherheit auf und Hemmungen bezüglich heterosexuellen
Kontaktanbahnungen. Diese Täter haben nur eine verschwommene Vorstellung vom
objektiven Tathergang. Die dieser Gruppe zugehörigen Männer waren häufiger impotent oder
brachen den Sexualvollzug im Vergleich zu anderen Gruppen vorzeitig ab. Erlebt wurden sie
von außen eher als scheu, einzelgängerisch und unauffällig. Die größte Gruppe in dieser
Untersuchung sind rücksichtslose und unkontrolliert aggressive Täter, sehr egozentrisch mit
unkontrolliertem Aggressionspotential und geringer Ich-Kontrolle. Sie äußern nach der Tat
keine Schuldgefühle. Sie wirkten undifferenziert mit instabilen, oft unpersönlichen
Beziehungen mit wenig Zärtlichkeit, waren zum Teil aber verheiratet. „Während bei den
Jugendlichen in erster Linie Geschlechtsrollenunsicherheiten und männliche
Erwartungsstrukturen den gewalttätigen Übergriff im Sinne eines rollenkonformen „aktiven“
Verhaltens (der Mann als „Eroberer“) bahnen, steht bei der zweiten Gruppe eine
frauenfeindliche, verobjektivierende und despektierliche Haltung dem weiblichen Geschlecht
gegenüber im Vordergrund”(Krön 1986,206).Keine 10 Prozent der Täter in dieser
Untersuchung sind als psychisch abnorm zu bezeichnen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 15

Marion Breiter (1995) hat in Österreich aufgrund von Akteneinsicht 49 Sexualstraftäter


untersucht. Ihre Daten ähneln denjenigen von Krön (1986): Der Altersdurchschnitt liegt bei 21
bis 30 Jahren, 69 Prozent sind österreichischer Nationalität (wobei zu bedenken ist, daß
aufgrund der gestiegenen Ausländerfeindlichkeit die Bereitschaft wahrscheinlich größer ist,
ausländische Täter anzuzeigen), 35 Prozent sind nicht erwerbstätig, der Anteil der Beamten
und Angestellten beträgt 32 Prozent, Arbeiter stellen 27 Prozent der Täter; nicht vorbestraft
sind von den Beschuldigten 53 Prozent (21ff.).

Godenzi (1989) hat in der Schweiz eine Untersuchung gemacht mit nicht-angezeigten Tätern
mittels offenem Telefon, das über die Medien bekannt gegeben und von 35 Männern in
Anspruch genommen wurde. 25 Männern berichteten von einer Vergewaltigung; mehr als die
Hälfte waren zum Zeitpunkt der Tat zwischen 30 und 40 Jahren alt; 32 waren Schweizer, 17
arbeiteten als untere Angestellte oder Facharbeiter, neun in mittleren und höheren Positionen,
und vier waren selbständig Erwerbstätige; 21 sind verheiratet, neun ledig, drei geschieden und
zwei getrennt. In 20 Fällen bestand zwischen dem Täter und der betroffenen Frau ein
Vertrauensverhältnis (42ff.).

Das Alltagsverständnis von sexueller Gewalt erfaßt demgemäß, z.B. durch die Reduktion auf
den Begriff des pathologischen Triebtäters, kaum mehr als 10 Prozent der tatsächlich bekannt
gewordenen, d.h. im Rahmen der Strafverfolgung ausgeforschten Täter. Eben nur hier kommt
es zur unheilvollen Vermischung von Aggression und Sexualität, wie er dem ´Triebtäter`-
Konzept zugrundegelegt ist. Beim Gros der Fälle stehen demgegenüber Motive und
persönliche Faktoren im Hintergrund der inkriminierten Tat, die jeweils höchstens sekundär
auf Sexualität und/oder sexuelle Bedürfnisse zurückgeführt werden können. Es zeigt sich
aber, daß durch Vergewaltigung meistens nicht-sexuelle Konflikte ausagiert werden und diese
weitgehend als Vehikel für die Wiederherstellung verunsicherter männlicher Identität dient.
Besonders deutlich kommt dies in der Untergruppe der ´eher angepaßten und ansonsten
unauffälligen` Männer zum Ausdruck, bei denen die Tat eher als Versuch der Bearbeitung
eigener Dominanzkonflikte und Insuffizienz in der eigenen Männlichkeitsrolle gewertet
werden kann.

Aber auch bei den sexuell oder koital eher wenig erfahrenen jugendlichen Sexualdelinquenten
überwiegen außersexuelle Motive - mangelnde soziale Reife und Kompetenz,
Einzelgängertum und fehlende soziale Anerkennung bzw. Perspektiven stellen die Tat hier
eher in den Kontext des Bemühens und/oder der Suche nach einer Bestätigung für männliche
Macht und Anerkennung.

Täter von sexualisierter Gewalt sind in der Regel Wiederholungstäter. Das New Yorker
Institut für Psychiatrie hat sich auf die Behandlung von Sexualstraftätern spezialisiert und
festgestellt, daß der durchschnittliche Täter 7,5 Vergewaltigungen begeht. (Wyre 1991,12) Es
muß allerdings angenommen werden, daß die tatsächliche Zahl noch höher liegt.

3.5 Jugendliche als Sexualstraftäter


Der forensische Gutachter vor Jugendgerichten Lempp berichtet von den Schwierigkeiten,
wenn er mit Handlungen von Jugendlichen konfrontiert ist, die „von den Handelnden selbst,
den Jugendlichen selber, nicht erklärt werden können. Die Jugendlichen stehen oft völlig
ratlos davor, verstehen sich selbst nicht mehr, und wenn es eine offensichtlich verwerfliche
Handlung war, dann versuchen sie, sich verzweifelt davon zu distanzieren“.(1986,185)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 16

In seinen Überlegungen dokumentiert sich eine gewisse Hilflosigkeit des Gutachters: „Auch
eine sehr sorgfältige Anamnese unter psychoanalytischen Gesichtspunkten vermag nicht mehr
zu erreichen, als übliche sexuelle und soziale Reifungsprobleme, wie sie dem Alter dieser
Probanden entsprechen, deutlich zu machen. Diese Probleme sind häufig keineswegs
einzigartig und unbefriedigend zur Erklärung dieser in der Regel persönlichkeitsfremden und
vom Angeklagten selbst nicht akzeptablen Taten. Auf diesem Wege können im allgemeinen
verdrängte homosexuelle Tendenzen mit einer überschießenden Abwehr derselben
hinreichend und stimmig erklärt werden, gelegentlich auch unverhältnismäßig aggressive
Sexualhandlungen bei - welchen allerdings nur das Ausmaß der Gewalt, keineswegs aber das
Motiv der triebgerichteten Handlung selbst der besonderen Erklärung bedürfen -, keineswegs
jedoch die Mehrzahl solcher Taten. Erst eine sorgfältige Analyse des Tatablaufs, der
Äußerungen des Täters in möglichst entspannter Situation, die Berücksichtigung seiner
sozialen Beziehungen und die Einbeziehung neuerer Erkenntnisse über die Borderline-
Struktur und -Reaktionsweise bei pubertierenden Jugendlichen können die Tat nicht nur in
ihrem Motiv und ihrem Ablauf, sondern auch die Prognose des Täters und seine
therapeutischen Bedürfnisse erhellen" (1986,186).

Am Beispiel eines Jugendlichen, der wegen wiederholter, als gewaltförmig interpretierter und
gescheiterter Kontaktversuche zu jungen Frauen mehrfach als Triebtäter vorbestraft wurde,
demonstriert Lempp die fatalen Folgen und Gefahren ´vorschneller` und zu eindeutiger
Abstempelung. Er diagnostiziert erstens eine Abstempelung/Etikettierung als Triebtäter und
eine entsprechende Schwächung der Position des betreffenden Jugendlichen in Familie und
peer-group sowie eine weitgehende Schwächung des ohnedies bereits geschädigten
Selbstwertgefühls; „zweitens unterbleiben in aller Regel therapeutische und pädagogische
Maßnahmen, wie sie gerade diese Jugendlichen in besonderem Maße nötig haben.“(1986,188)
Alleingelassen mit ihrer spezifischen Unfähigkeit, ihr eigenes Verhalten zu verstehen, wird
überhaupt erst eine Wiederholungsgefahr hervorgerufen. Drittens kann im Einzelfall die
psychosexuelle Entwicklung definitiv gestört werden, sodaß der Jugendliche den Weg zu
einer normalen sexuellen Kontaktaufnahme möglicherweise überhaupt nicht mehr findet"
(Lempp 1986,189).

Unter diesem Gesichtspunkt sind es allem voran die Rahmenbedingungen von


Strafverfolgung, Rechtsprechung sowie Strafvollzug, die dann dazu führen, daß „solche
abwegigen Formen sexueller Kontaktaufnahme” zu „scheinbar kriminellen Handlungen
entgleisen“, bzw. über die Folgen von Stigmatisierung zur Verfestigung gewaltförmigen
Sexualhandelns führen. (Lempp 1986,189f.)

Die zentralen Gesichtspunkte von Motiv und sozialem Hintergrund des Sexualdeliktes werden
dementsprechend nicht nur nicht berührt, sondern sogar in ihrer Wirksamkeit und
Aussichtslosigkeit verstärkt.

3.6 Täterinnen von sexueller Ausbeutung ohne Behinderung


Laut Schätzungen sollen Frauen zu fünf bis 20 Prozent Täterinnen von sexueller Ausbeutung
sein, aber eine wissenschaftliche Untersuchung gibt es zu diesem Thema noch nicht.

Michele Elliott (1995) hat Erfahrungen von 127 Frauen und Männern ausgewertet, die von
einer oder mehreren Frauen sexuell ausgebeutet wurden. Die 95 Frauen und 32 Männer, die
ihre Gewalterfahrungen mitteilten, wurden zu 45 Prozent von ihren Müttern ausgebeutet,
gefolgt von anderen weiblichen Verwandten mit 21 Prozent. An dritter Stelle, nämlich zu 14
Prozent stehen die Babysitterinnen. Das deutet darauf hin, daß Täterinnen Opfer vorwiegend
aus ihrer allernächsten Umgebung wählen (51f.).
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 17

3.7 TäterInnen von sexueller Gewalt mit Behinderung


In früherer Literatur zu Sexualstraftätern wurde das Vorurteil verbreitet, daß Sexualverbrecher
nur über geringe Intelligenz verfügen. Ein Autor ging sogar soweit: „Niemand mit einiger
kriminologischer Erfahrung würde versuchen, die Feststellung zu widerlegen, daß, wenn alle
Schwachsinnigen aus der Gemeinschaft entfernt würden, sich das Gesamtbild der Kriminalität
erheblich verändern würde und in der Tat eine sehr große Anzahl von Delikten nicht länger
oder nur so sporadisch begangen würden, daß sie nicht einmal ein soziales Problem
darstellten.“ (Selling 1939,178)

Wenn auch nicht gerade alle Verfasserinnen solcher Texte dermaßen diskriminierende
Vermutungen in die Welt setzten, so hat sich doch bis heute das Vorurteil weitgehend
gehalten, Männer mit geistiger Behinderung seien triebhaft („over-sexed") und daher
potentielle Sexualverbrecher. Auch Männer ohne Behinderung sind nicht zum größten Teil
Sexualverbrecher, genau so wenig sind es Männer mit Behinderung. Aber einige, ob mit oder
ohne Behinderung sind es, denn genauso, wie es nichts behinderungsimmanentes gibt, das
jemanden zum Sexualverbrecher machen könnte, gibt es auch nichts, das es verhindern
könnte.

In der Forschung zu den Sexualdelikten wird deutlich, daß kein ungewöhnlich hoher Anteil
von Tätern mit geistiger Behinderung besteht. Gebhard u.a. (1965) berichtet von 10 bis 20
Prozent der Delinquenten, die als „geistig gestört“ bezeichnet werden. 20% ihrer Taten
betrafen sexuelle Ausbeutung von Kindern. In der Literatur sowie in Erzählungen von
Professionellen wird immer wieder darauf hingewiesen, daß einige der begangenen
Verbrechen sehr einfach durch adäquate Sexualaufklärung und -erziehung hätten verhindert
werden können.

Etwas anders schauen die Zahlen aus, wenn gefragt wird, wieviele Menschen mit
Behinderung ihresgleichen in den Einrichtungen sexuell ausbeuten. In diesem Zusammenhang
tauchen auch bei einer einzigen Studie indirekt Frauen mit Behinderung als Täterinnen auf.
Ansonsten ist unklar, ob nur Männer bezüglich Täterschaft untersucht wurden oder ob auch da
wieder nicht nach Geschlechtern unterschieden wurde. Furey und Niesen fanden heraus, daß
in 171 Fällen von Menschen mit geistiger Behinderung, die sexuell ausgebeutet wurden, 42%
der Täter auch geistig behindert waren (1993, 286). Von diesen waren 94% männlich. Im
Gegensatz zu Männern ohne Behinderung, die zu höheren Anteilen sexuelle Gewalt an Frauen
ausüben, beuten Männer mit Behinderung Frauen und Männer zu gleichen Teilen aus (Griffith
u.a. 1985,51).

4. Umgang mit Sexualstraftätern ohne Behinderung


Um den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualstraftätern zu verstehen, geht es darum, vorab
das Alltagsverständnis von sexueller Gewalt und den 'normalen' Umgang mit Opfern und
Tätern in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung zu rekapitulieren. Das bedeutet, die
Besonderheit des Themas im Kanon von Sexualitäts- und Männlichkeitskultur zu verstehen.
Dazu gehört auch, die Manifestation der Männlichkeitsmuster in der Negation, d.h. in der
Definition von Abweichung und insbesondere in der Inkrimination von Abweichung im
Strafverfolgungs-, Rechts-, Rechtsprechungs- und Vollzugssystem, zu erkennen.

4.1 Hegemoniale Männlichkeit - legitime Gewalt und sexuelle Gewalt


Joachim Kersten (1995) setzt den Begriff des (Sexual)Straftäters in Beziehung zu den
gemeinhin üblichen und mehrheitsfähigen Kulturmustern von Männlichkeit und versucht
diese - quasi - als Negativabzug von hegemonialer Männlichkeit zu verstehen. Als Bezugsfeld
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 18

von männlicher sexueller Gewalt gelten damit die tragenden Prämissen hegemonialer
Männlichkeit:
 „Der richtige Mann wird für seine Arbeit gut bezahlt, macht etwas
Sinnvolles und läßt sich dabei von niemandem reinreden, sondern weist
anderen weniger wichtige Arbeiten zu. Unbezahlte oder schlecht bezahlte
Arbeit, abhängige Arbeit und Arbeiten mit Konnotation weiblicher Fürsorge:
im Haus, Reinigungstätigkeiten, Kinderversorgung, Versorgung und Pflege von
Kranken und Alten gelten als unmännlich.
 Ein echter Mann tritt für sich und andere ein. Wird er herausgefordert,
so muß er sich stellen etc. Er muß Schwächere wie Frauen und Kinder
verteidigen und muß in der Gemeinschaft anderer absolut verläßlich sein. Er
kennt Techniken des Kämpfens und beherrscht Waffen.
 Ein Mann ist anders als eine Frau, aber er braucht eine Frau, um ein
richtiger Mann zu sein. Für Sexualität ist der erigierte Penis und die
Penetration des weiblichen Geschlechtsorgans wichtig. Sexualität zwischen
Menschen gleichen Geschlechts ist nicht ´normal`. Ein Mann paßt auf seine
Frau und seine Töchter auf und beschützt sie vor den anderen Männern.“
(Kersten 1995, 24)

Der Sexualstraftäter stellt nach diesem Verständnis das ´äußerste Gegenteil von rechtmäßigen
Praktiken der Sicherstellung des Nachwuchs, des Beschützens und des Versorgens der
Gemeinschaft' dar. Letztlich beziehen sich auch die gesellschaftlichen Reaktionen auf
Gewalttaten und Täter auf die oben angeführten Prämissen hegemonialer Männlichkeit. Dabei
geht es eher 'um die Unterordnung bestimmter junger, gefährlicher Männlichkeiten als um den
Schutz der Opfer`.

4.2 „Normal crimes”


Die Alltagstheorie von Kriminalität bildet sich vor allem in der mehr oder minder
veröffentlichten Kriminalitätsangst ab und hat weitreichenden bis konstituierenden Einfluß
auf die Systeme der Strafverfolgung, der Rechtssprechung sowie der Vollzugspraxis.
Kriminalitätsangst stellt das je persönliche und lebenspraktisch wirksame Konzept von
Verbrechen dar und bildet mithin einen Spiegel für das Alltagsverständnis von Kriminalität.
Dieses Konstrukt kann auch als „normal crime” bezeichnet werden.

Diesem Grundverständnis entsprechend stellt Joachim Kersten (1991,41ff.) Kriminalitätsangst


und die Bereitschaft, in einer Tat ein Verbrechen zu sehen, mit den traditionellen und
kulturabhängigen Männlichkeitsmustern und dem nach wie vor de facto gegebenen ´heile-
Familie-Mythos` in Zusammenhang. ´Normal crime` bezeichnet danach in der Regel ein
Verbrechen, wenn die Tat Ausdruck destruktiver, bedrohlicher und quasi ´böser` Männlichkeit
ist, der Täter dem Opfer nicht persönlich bekannt ist bzw. aus seinem oder ihrem engeren
Umfeld kommt.

Dieses ausgesprochen enge Verständnis von angstauslösender und in der Folge strafwürdiger
Kriminalität im Alltagsverständnis findet sich auch in der Judikatur und in der
Rechtssprechung mehr oder weniger unkorrigiert manifestiert - und wird erst neuerdings
durch die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit im Kontext der Frauenbewegung und dem
dadurch mittlerweile bewirkten Wandel in der öffentlichen Meinung als auch in der
Alltagstheorie tendenziell aufgebrochen, besonders mit dem Schwerpunkt auf Sexualdelikte
als Verstöße gegen das Recht auf selbstbestimmte Sexualität; also: Vergewaltigung in der Ehe
oder Partnerschaft; Inzest und Kindesmißhandlung durch Väter sowie nahestehende
Verwandte. Dementsprechend haben erst in den letzten Monaten Initiativen zu entsprechenden
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 19

Reformen des Sexualstrafrechts in Österreich und der BRD geführt. Bis zur durchgehenden
Umsetzung in Strafverfolgung und Rechtsprechung selbst ist es vermutlich noch ein langer
Weg.

4.3 Sexuelle Gewalt - eine Sache der Auslegung?


Monika Frommel unterscheidet in der Rechtspraxis der BRD einen engeren und einen
weiteren Begriff von Gewalt. Historisch betrachtet, ergibt sich für Frommel ein
Auseinanderklaffen von einer weiten, ja geradezu uferlos werdenden Begrifflichkeit von
Gewalt im Eigentumsdeliktbereich (z.B. Handtaschenraub etc.) sowie bei Verstößen gegen die
öffentliche Ordnung (z.B. Sitzblockaden auf öffentlichen Straßen) auf der einen Seite und
einer zunehmenden Verengung des Gewaltbegriffes bei Sexualdelikten. Als sexuelle Gewalt
gilt dann - vor dem Gesetz - nur die direkte, unmittelbar final-funktional mit
Geschlechtsverkehr verknüpfte Gewalthandlung mit erheblichem Krafteinsatz (1993, 22-29).
Quasi als Voraussetzung für eine gerichtliche Sanktion von sexueller Gewalt hat die/der
Überlebende entsprechende Verletzungen vorzuweisen. Sogar die knappe zeitliche
Verzögerung zwischen Gewalthandlung und Sexualhandlung - z.B. Applikation eines
Präservativs - gilt unter diesen Vorzeichen als Indiz, das sexuelle Gewalt ausschließt und
Einverständnis des/der Ausgebeuteten 'vermuten' läßt.

Durch die enge Begriffsauslegung von sexueller Gewalt ergibt sich für die Richter ein
Auslegungsspielraum, der in der Regel zugunsten von Tätern gehandhabt wird, die nicht dem
Alltagsbild der ´normal crime` entsprechen.

Sexuelle Gewalt als Straftatbestand sowie als Strafmotiv kommt in dieser Sicht der Dinge
überwiegend nur dann zum Tragen, wenn der klassische Fall eines „normal crime” vorliegt;
d.h. ein dem Opfer fremder „Triebtäter” nach Möglichkeit an einem dem Opfer nicht
vertrauten Ort (im Freien, im Auto etc.) gewaltsam einen Geschlechtsverkehr vollzieht.
Sexuelle Gewalt in der Ehe oder im engeren Bekanntenkreis läge dagegen erst bei Vorliegen
schwerster Verletzung bzw. Tod des Opfers vor.

Vor diesem Hintergrund gestalten sich denn auch die Versuche der Täter, sich, ihr Verhalten
bzw. ihre Tat zu entschuldigen, besonders leicht. In letzter Konsequenz genügt ein Hinweis
darauf, daß ´mann` kein pathologischer Triebtäter ist. In der Darstellung der Tat wird dem
Opfer neuerlich Gewalt angetan: die Entpersönlichung und allem voran die persönliche
Abwertung erfährt in der Verharmlosung der Tat und der Umkehrung von Täter- und Opfer-
Status eine neue Qualität.

5. Behandlung von Sexualstraftätern ohne Behinderung


In den letzten 15 Jahren sind dank dem kontinuierlichen Engagement vieler Frauen die
verschiedensten Unterstützungsangebote für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder
entstanden, die zunehmend differenziert und professionalisiert wurden. Die Arbeit der
Frauenprojekte basiert seit Anfang auf einem gesellschaftspolitischen Verständnis von Gewalt
und beinhaltet sowohl die individuelle Unterstützung der betroffenen Frauen und Kinder wie
auch das Einfordern von gesellschaftlichen Veränderungen. In den USA wurde durch ein
bahnbrechendes Projekt die Erfahrung gemacht, daß durch öffentliche Aufmerksamkeit und
öffentliches Engagement gegen Gewalt die Mißhandlung von Frauen und Kindern deutlich
abnahmen.

„Männergewalt macht keine Männer” war im Dezember 1995 unvermittelt auf Plakatwänden
zwischen Zigaretten- und Jeansreklamen in Zürich zu lesen. Damit hatte die Stadtregierung
der männlichen Gewalt den Kampf angesagt. Ähnliche Initiativen gibt es auch in
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 20

verschiedenen anderen Städten und Ländern, wie beispielsweise die Kampagne gegen
„Gewalt in der Familie" von Stadt und Land Salzburg im Frühjahr 19971. Solche
Interventionsprojekte zeugen von einer entscheidenden Haltungsänderung gegenüber
männlicher Gewalt, die nicht mehr davon ausgeht, daß „Gewalt Männer macht” und die
Hauptverantwortung für die Verhinderung von Gewalt auf die Opfer abgeschoben wird. In
Zürich müssen seit dieser Kampagne geschlagene Frauen nicht mehr aus den eigenen vier
Wänden fliehen; die mißhandelnden Männer werden aus der gemeinsamen Wohnung entfernt
und kommen mindestens 24 Stunden in Untersuchungshaft. Österreich geht in dieser
Beziehung noch konsequenter vor. Hier sind seit ersten Mai dieses Jahres Opferschutzgesetze
nach amerikanischem Vorbild in Kraft getreten. Jetzt kann und soll die Polizei den
gewalttätigen Mann aus der Wohnung wegweisen.2 Die mißhandelte Frau hat das Recht, bei
Gericht zu beantragen, daß der Gewalttäter nicht zurückkehren und sich zudem nicht an
gewissen Orten aufhalten darf (z.B. im Quartier, wo die betroffene Frau wohnt, oder in der
Nähe des Kindergartens). Er muß jedes Zusammentreffen sowie die Kontaktaufnahme mit der
Familie vermeiden. Wenn er gegen diese gerichtliche Verfügung verstößt, wird er zwangweise
entfernt.

Am weitesten geht die Initiative der Basler Frauenliste, die eine „Gewaltsteuer für Männer”
einfordert. Auch bei der Abgeordneten der Grünen im Bayrischen Landtag, Elisabeth Köhler,
steht diese Idee hinter ihrer Forderung, daß bei Männern ab 16 Jahren bescheidene 40 Mark
jährlich als „kommunale Gewaltabgabe” eingefordert werden sollen.

In der Zwischenzeit gibt es in verschiedenen westeuropäischen Städten Interventionsprojekte


gegen männliche Gewalt. Die meisten beziehen sich auf das US- Domestic Abuse
Intervention Projekt (DAIP) in Duluth (Minnesota), das schon seit 1981 existiert. 1981 haben
sich in Duluth (93'000 Einwohnerinnen) Einrichtungen auf kommunaler und Bezirksebene
sowie private Träger im Rahmen des DAIP auf schriftlich festgehaltene Strategien und ein
koordiniertes Vorgehen bei Gewalt geeinigt. Primäres Ziel des DAIP ist der Schutz der
betroffenen Frauen vor Gewalt durch ein Maßnahmenpaket, das Hilfsangebote für das Opfer,
rechtliche Sanktionen sowie Rehabilitationsprogramme für den Aggressor und gegebenenfalls
dessen Einweisung in eine Haftstrafe kombiniert. Der mutmaßliche Täter wird von der Polizei
in Gewahrsam genommen, wenn eine Gewalttat mit körperlichen Verletzungen festgestellt
wird oder wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, daß Gewalt angewandt bzw. daß mit
Gewaltanwendung gedroht wurde/wird, und wenn die streitenden Parteien zusammenleben
oder schon einmal zusammen gelebt (Ex-GattInnen) haben. Die Anklageerhebung muß
innerhalb von 36 Stunden erfolgen. Das Gefängnis informiert das Frauenhaus, das eine
Mitarbeiterin zur mißhandelten Frau schickt, solange der Täter im Gefängnis ist. Diese bietet
Hilfe an und orientiert über die Möglichkeit, dem Täter mit einer Verfügung zu untersagen, an
den gemeinsamen Wohnort zurück zu kommen. Das DAIP schickt einen freiwilligen
Mitarbeiter zum mutmaßlichen Täter ins Gefängnis. Bekennt sich ein Täter schuldig oder
wird er vom Gericht als schuldig befunden, erfolgt die Anordnung einer Voruntersuchung, die
durch einen Bewährungshelfer durchgeführt wird. Bei einem ersten einschlägigen Straffall
erfolgt in der Regel eine Haftstrafe von 30 bis 90 Tagen mit einjähriger Bewährung.
Bedingung für die Bewährung ist meistens die Teilnahme an einem von DAIP angebotenen
Beratungs- und Erziehungsprogramm für gewalttätige Männer. Die Frau kann mit Hilfe einer
Anwältin eine einstweilige Verfügung erwirken, daß der Täter das Haus nicht mehr betreten
darf. Es kommt zu einer richterlichen Anhörung. Wenn der Täter als schuldig befunden wird,
kann ihm der Zutritt zur gemeinsamen Wohnung und die Kontaktaufnahme mit der Frau

1 Siehe hierzu die Broschüre des Amtes der Salzburger Landesregierung


2 § 38a Wegweisung und Rückkehrverbot bei Gewalt in Wohnung im BGBl. Nr. 566/1991 zuletzt geändert
durch das Bundesgesetz BGBl. Nr. 201/1996
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 21

verboten werden. Die Richterin/der Richter entscheidet auch über Vormundschaftsfragen und
Besuchsregelungen bei Kindern.
Das DAIP hat als Hauptaufgaben vor allem die laufende Kontrolle, wie die Justiz und andere
kommunale Einrichtungen mit Fällen der Gewalt umgehen, die Berichte von Polizei und
Bewährungshelferinnen zu begutachten, die Inanspruchnahme von Beratungspflichten zu
beobachten und Treffen für einen gesicherten Informationsfluß zu organisieren. Jeder
zwanzigste Mann in Duluth ist bereits ans DAIP verwiesen worden, 80% der Frauen, die
Dienstleistungen des DAIP und der Women's Coalition in Anspruch genommen haben,
erfahren heute keine Gewalt mehr (Pence 1988).

Der erste Versuch, das amerikanische Modell auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, fand
1989 in Gladbeck statt. In der Zwischenzeit gibt es in verschiedenen europäischen Städten
Interventionsprojekte. In Österreich gibt es noch kein Interventionsprojekt.

In diesem Modell dokumentiert sich ein Pardigmenwechsel, der bedeutet, daß Männer die
Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und auch die Folgen selber tragen müssen. In
diesem Rahmen können beschuldigte Männer zur Teilnahme an Behandlungs- oder sozialen
Trainingsprogrammen verurteilt werden. Die hauptsächlichste Legitimation der Behandlung
von Tätern von sexueller Gewalt ist die Verhinderung von erneuten sexualisierten
Gewalthandlungen. Aufgrund eines Sexualdeliktes gibt es Opfer, und deren Interessen haben
immer an erster Stelle zu stehen. Das Risiko eines Rückfalls in naher Zukunft muß gering
eingeschätzt werden, wenn ein Täter in eine ambulante Behandlung einbezogen werden soll.
Das bestimmende Kriterium muß also immer die Sicherheit des (künftigen) Opfers sein. Eine
Wiederholung kann natürlich auch verhindert werden, indem der Täter aus der Gesellschaft
gezogen und ins Gefängnis gebracht wird. Aber nach einiger Zeit kommt er wieder aus dem
Gefängnis heraus und kann erneut zum Täter werden. Die Rückfallquote ist sehr hoch. 80
Prozent der Täter ohne Therapie werden nach der Strafentlassung rückfällig und 25 Prozent,
die zum Teil an einem Therapieprogramm teilgenommen haben (Wyre 1991, 29). Eine
Gefängnisstrafe fördert zudem immer die Verleugnung, weil man als Täter von sexueller
Ausbeutung im Gefängnis in der Hackordnung letzter ist, und damit wird Verleugnung der
begangenen Tat zur Überlebensstrategie. In seltenen Fällen wird am Verhaltens- und
Gefühlsrepertoire und am Gedankengut eines Täters während des Gefängnisaufenthaltes
etwas zur Veränderung getan. „Der Haß gegen diejenigen (Familie, Polizei, Justiz), die den
Täter, jedenfalls nach seiner Überzeugung, durch Auferlegen einer Gefängnisstrafe
abgewiesen haben, ist zudem nur noch größer geworden, als er schon war. Dies kann sogar
bewirken, daß sich das kompensatorisch mißbräuchliche sexuelle Verhalten, das der Täter
zeigt, noch tiefer in seiner Persönlichkeit verankert und für ihn noch schwerer beherrschbar
wird. Es kann deshalb sinnvoll sein, für diese Gruppe in einem späteren Stadium des
Gefängnisaufenthalts die Möglichkeit offen zu halten, diesen mit einer Behandlung zu
verbinden” (Bullens 1991,7). Das Ziel der Täterbehandlung soll also eine bleibende
Verhinderung von sexuellen Gewalttätigkeiten sein und nicht nur eine zeitlich begrenzte. Das
bedeutet, daß Täter von sexuellen Gewaltdelikten auf jeden Fall behandelt werden sollten,
weil sie in bezug auf die körperliche Identität von anderen grenzüberschreitend handeln,
weshalb der Schutz der Integrität einer jeden und eines jeden in dieser Hinsicht an oberster
Stelle stehen muß.

Die Behandlung von Tätern von sexueller Gewalt ist keine neue Entwicklung, sondern hat
eine längere Tradition (Beyaert 1989), allerdings vorwiegend im stationären Rahmen, wobei
es um schwerere Delikte geht. In den skandinavischen Ländern Europas gibt es auch schon
jahrelange Erfahrungen mit ambulanter Behandlung von Tätern von sexueller Ausbeutung
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 22

von Kindern. Wir beziehen uns im folgenden auf zwei Vorträge von Bullens (1993) und damit
auf die Praxis mit Sexualstraftätern in den Niederlanden.

Täter von sexuellen Gewalthandlungen sind in der Regel nicht selber motiviert für eine
Behandlung, sondern es braucht einen externen Druck für eine Veränderung im Denken,
Fühlen und Handeln bezüglich der sexuellen Ausbeutung. „Subjektiver Leidensdruck wird bei
Tätern durchgehend nicht wahrgenommen, höchstens manchmal Erleichterung, wenn der
Mißbrauch ans Licht kommt. Wenn von Motivation gesprochen werden kann, so liegt diese
vornehmlich beim Therapeuten, der seinerseits versuchen muß, beim Täter die
Motivierbarkeit für eine Behandlung einzuschätzen. Erst nach einiger Zeit - und manchmal
auch nie - kann ein Stück eigener Motivation beim Täter entstehen” (Bullens 1993,4). Weil
das Endziel einer solchen Behandlung nicht die „Heilung” des Täters sein kann (das kann
bestenfalls möglich sein), sondern für den Rest seines Lebens die Impulse, die zur sexuellen
Ausbeutung führen können, unter Kontrolle zu halten, erfordert diese Art von Behandlung
einen anderen Ausgangspunkt. Zentral hierbei ist die Haltung des Therapeuten. Allen
Sexualstraftätern ist eines gemeinsam: Sie fühlten sich in ihrer Kindheit fundamental
abgewiesen (Frenkel 1989). Daher ist es von zentraler Bedeutung, daß es dem Therapeuten
gelingt, sich dem Täter in vollster Zuwendung zu nähern, ansonsten wird er ihn sehr schnell
wieder verlieren.

Im Gegensatz zu sonstigen Therapien, bei denen die Freiwilligkeit ein wichtiges Moment ist,
wird in diesem Fall der Täter zur Behandlung oft in irgendeiner Weise verpflichtet, sich für
die von außen formulierten Behandlungsziele einzusetzen.

5.1 Behandlungsziele
Das Delikt-Szenarium
In einem frühen Stadium der Behandlung muß das Delikt rekonstruiert werden. Dabei wird
mit dem Täter zusammen ganz genau untersucht, wie die Gewalthandlung geplant und
ausgeführt wurde und welche Gefühle in welcher Phase vorherrschten. Dieses Deliktszenario
ist deswegen von zentraler Bedeutung, weil es eine Möglichkeit bietet, ihm die sexuelle
Ausbeutung bewußt zu machen. Täter haben in der Regel ein Bild von ihrer Gewalttat,
welches diese nicht nur verharmlost, rationalisiert und gut verdrängen läßt, sondern sie geben
auch die Verantwortung an das Opfer oder sonst eine Instanz von außen ab. Solange er die
Verantwortung für das Delikt nicht übernimmt, „nicht lernt, mit den vorangehenden Faktoren
wie Gefühlen von Ärger, Wut, Verzweiflung, Panik und Angst (zusammengeballt als
„anonyme Spannung”) in effektiver Weise umzugehen, so lange kann er sich selbst auch nicht
vollständig unter Kontrolle halten” (Bullens 1993,5).

Verantwortung übernehmen
Lernen, Verantwortung zu übernehmen, ist wohl das Hauptziel. Es kann sein, daß die
Verantwortung vom Täter schon in einem frühen Stadium der Behandlung übernommen wird,
daß sie oft aber emotional zu wenig oder noch gar nicht gestützt, sondern eine abgespaltene
Sache des Kopfes ist. Die Täter müssen im Verlauf ihrer Behandlung einen
Entschuldigungsbrief an Überlebende schreiben, in dem deutlich zum Ausdruck kommt, daß
sie allein die Schuld tragen für das, was passiert ist. Vorschnelle Entschuldigungsbriefe
beinhalten oft offene oder versteckte Vorwürfe an die Adresse der Überlebenden oder
wiederum Drohungen. Deswegen ist das richtige `timing' eines solchen Briefes wichtig, für
das sich der Therapeut auch mit den anderen Fachleuten, die in diese Behandlung
miteingebunden sind, absprechen muß. Der Prozeß eines solchen Entschuldigungsschreibens
kann innerhalb der Behandlung ein bis eineinhalb Jahre beanspruchen. Der Brief wird aber
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 23

erst dann wirklich abgeschickt, wenn die Überlebende/der Überlebende bereit ist, diesen Brief
zu empfangen.

Durch die Augen der Anderen schauen lernen


Viele der Täter haben eine egozentrische Erlebniswelt und haben sich in der Regel nie gefragt,
wie sich die Person, der sie die Gewalt angetan haben, gefühlt haben muß. Die eigenen
Bedürfnisse der Täter haben immer im Vordergrund gestanden. Pädosexuelle behaupten zwar
immer wieder von sich, den kindlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, ihnen gerecht zu
werden, aber bei genauerer Analyse zeigt sich auch da, daß es sich um egozentrische
Bedürfnisse handelt. „Täter, die sagen, daß sie immer viel „Liebe” für das Kind empfunden
haben, verschleiern damit tatsächlich egozentrisch orientierte Eigenliebe” (Bullens 1993,7).
Es geht also darum, daß der Täter die wirklichen Gefühle, Gedanken und das Verhalten des
Opfers verstehen und berücksichtigen lernt. Wenn Täter nicht sensibel werden für die
zerstörerischen Auswirkungen ihrer Taten, sind Rückfälle nicht auszuschließen. „Daß der
Täter die (potentiellen) Folgen des Mißbrauchs für das Opfer durchlebt hat, bildet damit einen
Pfeiler der Täterbehandlung. ´Empathie für den anderen haben` beinhaltet, daß auch in der
persönlichen Entwicklung des Täters ein emanzipatorischer Sprung nach vorne gemacht wird,
von kindlich-egozentrischen Bedürfnissen ´zur Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der
anderen`. Unseres Erachtens bedeutet ´Erwachsen sein`, daß auf Basis der Gleichwertigkeit
sowohl die eigenen Bedürfnisse wie die der anderen wahrgenommen werden in der
Interaktion mit den anderen. In diesem Sinne kann die Behandlung der Täter als eine Form
der ´Nach-Erziehung` gesehen werden” (Bullens 1993,8).

Vermitteln von Einsicht in den Unterschied zwischen Sexualität von Kindern und derjenigen
von Erwachsenen
Wenn es sich um Sexualdelikte an Kindern handelt, ist typisch, daß Täter die Kinder, an denen
sie die Gewalt ausüben, auf ihr (pseudo-) erwachsenes Erlebnisniveau hinaufheben. Damit
wird eine Ebenbürtigkeit in die Beziehung hineininterpretiert, die bezüglich der dem Täter zur
Verfügung stehenden Ressourcen im Gegensatz zu denjenigen des Kindes absolut nicht
vorhanden sein kann und auch aus entwicklungspsychologischer Sicht unmöglich ist. „Die
kindliche Sexualität ist jedoch von ganz anderer Art als die Erwachsenen-Sexualität. Es ist
beispielsweise wie bei einem vierjährigen Kind, das die Zahlen drei und vier reproduzieren
kann, einem sechsjährigen Kind, das die Zahlen drei und vier zusammenzählen und einem
achtjährigen Kind, das die Zahlen drei und vier multiplizieren kann, auf der einen Seite und
wie beim Erwachsenen auf der anderen Seite, der mit all seinen mathematischen Kenntnissen
und Erfahrungen hochstehende algebraische Kunststücke ausführen kann durch eine
Quadratgleichung mit den Zahlen drei und vier darin und mehreren Unbekannten. Sowohl das
Kind wie der Erwachsene machen von denselben Zahlen Gebrauch, aber damit endet der
Vergleich. Jedoch nicht für den Täter des sexuellen Mißbrauchs, der auf dem Gebiet der
Sexualität dem Kinde Gefühle, Gedanken und Verhalten unterschiebt, die das Kind noch nicht
verstehen kann, ganz zu schweigen von integrieren in die eigene Erlebniswelt. Die wortlose
Verwirrung, der das Kind dadurch ausgesetzt ist, der Mangel an Urteilsvermögen, was es mit
diesen nicht altersgemäßen sexuellen Erfahrungen machen soll und wodurch es sich - isoliert
von der Umgebung, wegen des nicht zu handhabenden Geheimnisses - oft noch stärker auf
den Täter ausrichtet, wird durch den Täter oft als eine (implizite) Zustimmung mit den
sexuellen Handlungen gesehen.” (Bullens 1993, 9)

Erlernen von sozialen Fähigkeiten


Viele Täter weisen einen Mangel an sozialen Fähigkeiten auf und geben an, in ihrer Kindheit
häufig abgelehnt worden zu sein. Das hat zur Folge, daß sie ihr Selbst dauernd wieder
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 24

beweisen müssen. Die früher erlebte Ohnmacht wird durch Macht ersetzt, die man jetzt selber
ausübt, auch in Form der Kontrolle über andere. „Dieses letzte Phänomen findet man in zwei
Modalitäten: In einem Fall sprechen wir von einem autoritären (Macht)Auftreten (dies gilt
sicher innerhalb der Familiensituation; außerhalb kann er sich sehr unterwürfig verhalten).
Dabei macht der Täter mit dem notwendigen Zwang/Drang das Opfer zum Objekt, eigentlich
zu einem Ding. Im anderen Fall sprechen wir von einem kindlichen Auftreten. Es kann dann
von einem untergeordneten Verhalten in dem Sinne gesprochen werden, daß er den Kontakt
mit Erwachsenen vermeidet. Der Täter zieht sich daraufhin in der Kontaktnahme mit dem
Kind zurück und macht dies auf einem emotional kongruenten kindlichen Niveau. Auch bei
dieser Art von Kontakt kann übrigens von Zwang/Drang gesprochen werden, aber er wird
weniger manifest, mehr subtil ausgeübt. In beiden Fällen geht es um Verhalten, in welchem
die selbstbewußte Komponente fehlt. Der gleichwertige Umgang mit einem Partner, der
mündig genug ist, seine/ihre eigenen Wünsche/Bedürfnisse deutlich zu machen, und
gleichzeitig imstande ist, Grenzen zu setzen, fehlt im Verhaltensrepertoire des Täters.
Grenzklärungen in Bezug auf sich selbst, wie gegenüber anderen, sind in ihrer Art diffus
und/oder elastisch” (Bullens 1993, 10). Täter müssen also im Verlauf des
Behandlungsprozesses klare Grenzsetzungen, selber Bedürfnisse äußern, aber auch diejenigen
von anderen respektieren lernen. Der Umgang mit Grenzen wird durch das Vermitteln von
sozialen Fähigkeiten gelernt. Dabei lernt der Täter, mit Spannungen nicht auf eine
unterdrückende sondern auf eine selbstbewußte Art umzugehen.

5.2 Behandlungssetting
Die eben aufgeführten Behandlungsziele können in Form verschiedener Behandlungssettings
angegangen werden.

Die individuelle Behandlung


In den Niederlanden finden Behandlungen vorwiegend in einer Zweier-Situation statt, im
Gegensatz zu angelsächsischen Ländern, wo viel mehr gruppenorientiert gearbeitet wird. Als
wichtiger Vorteil der individuellen Vorgehensweise kann das phasenweise und zielorientierte
Vorgehen innerhalb des therapeutischen Prozesses genannt werden: Unter Berücksichtigung
einer gewissen Marge kann eine fokale Therapiemethode mit einem klar umrissenen
Etappenplan absolviert (Bruinsma 1987; Bullens 1988; Frenken 1989) und können die
Behandlungsziele nacheinander angegangen werden.

Die Gruppenbehandlung
In jeder der vier Behandlungsgruppen, die es bis 1993 in Holland gab, waren pro Gruppe acht
Mitglieder und zwei bis drei Therapeuten. Bei dieser Art der Behandlung ist Homogenität der
Problematik zentral gegeben, ungeachtet der unterschiedlichen Täter wie Exhibitionisten,
Pädosexuelle, Inzesttäter oder Vergewaltiger. „Wegen dieser Homogenität ist es möglich, daß
der Täter, der aufgrund seiner spezifischen Problematik den Mißbrauch zunächst hartnäckig
leugnet (Satter 1988; Bullens 1990), gerade deswegen in die Öffentlichkeit kommen
darf/kann. Alle Täter haben sich selbst als solche durch die Teilnahme an der Tätergruppe
definiert” (Bullens 1993). In einer Gruppe sind die jeweiligen Täter auch in verschiedenen
Phasen der Behandlung, was den Vorteil hat, daß Täter, die schon lange in der Gruppe sind,
neue Mitglieder oft gezielter provozieren und damit konfrontieren können als die
Therapeuten. Dazu kommt, daß die Veränderungsmöglichkeiten oft größer sind, gerade weil
man unter Seinesgleichen ist. Ein Nachteil der offenen Gruppenbehandlung kann sein, daß es
weniger möglich ist, sehr fokal zu arbeiten. Mit Tätern in verschiedenen Phasen kann nicht
innerhalb eines ununterbrochenen Konzeptes, bei dem man im voraus eine Selektion der
Themen trifft, gearbeitet werden. Deswegen ist es wichtig, für jeden Täter einzeln festzulegen,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 25

inwieweit er innerhalb des Gruppenprozesses die verschiedenen Behandlungsziele absolviert


hat.

Familienorientierter Ansatz
Der familienorientierte Ansatz der Täterarbeit wird und wurde vor allem dort gemacht, wo
man die Problematik der sexuellen Ausbeutung in erster Linie als Problem eines
disfunktionalen Familiensystems versteht und nicht als Machtproblematik. Innerhalb einer
Familie haben die einzelnen Familienmitglieder überhaupt nicht gleich viel Macht. Diese
Machtprozesse spielen auch in einem familienorientierten Behandlungsansatz eine wichtige
Rolle. Was in der systemischen Familientherapie ausschaut wie „offene Kommunikation”,
erweist sich in vielen Fällen als weiteres Zudecken der Tatsache, daß die
Ausbeutungshandlungen während der Behandlung weiterlaufen. Um in der Therapie den
Schein zu wahren, manipuliert der Täter in der Regel die Familienmitglieder zu Hause. Es
geht darum, das Delikt der sexuellen Ausbeutung nicht als Familienproblem zu sehen, zu dem
alle Familienmitglieder ihren Teil beigetragen haben, sondern anzuerkennen, daß die
Verantwortung für die Gewalttat ausschließlich beim Täter liegt.

Der Behandlungskontext: freiwillig oder innerhalb eines gesetzlichen Rahmens


Die Frage, ob sich der Täter freiwillig einer Behandlung oder innerhalb des gesetzlichen
Rahmens unterzieht, hängt wesentlich davon ab, ob die oder der Überlebende eine Anzeige
gemacht hat oder nicht. Ohne Anzeige ist eine Behandlung innerhalb des gesetzlichen
Rahmens nicht möglich, und es muß nach einer Behandlungsmöglichkeit auf freiwilliger
Basis gesucht werden. Aufgrund des niederländischen Grundgesetzes kann keine Behandlung
erzwungen werden. Innerhalb des verpflichtenden Rahmens hat der Täter die Möglichkeit
zwischen zwischen einem Behandlungsangebot und weiteren strafrechtlichen Maßnahmen zu
wählen.

„Der Vorteil der Behandlung innerhalb eines verpflichtenden Rahmens ist, daß damit ein
externer motivierender Faktor eingebaut ist. Dies ist wichtig, um den Täter langfristig in
Behandlung behalten zu können. Einfach gesagt, es geht um die Drohung, die notwendig ist,
um ein frühzeitiges Abbrechen durch den Täter zu verhindern. Täter haben ohnehin nie ein
freiwilliges Interesse an einer Behandlung. Ihr Interesse, wie sie es erleben, liegt darin, sich in
eine sichere Position zu bringen und ihr Doppelleben durch das kontinuierliche Verleugnen,
Bagatellisieren und Rationalisieren aufrecht zu erhalten. ... Freiwillige Hilfe für den Täter
steht oder fällt mit der Faust, die man gegen die Macht des Täters machen kann, wie sie im
Mißbrauchsverhalten zum Vorschein gekommen ist” (Bullens 1993, 14f.). Deshalb gilt als
allgemeine Regel, daß der Behandlung innerhalb eines verpflichtenden Rahmens der Vorzug
gegenüber der freiwilligen Behandlung gegeben werden muß. Ob diese Behandlung innerhalb
eines verpflichtenden Rahmens dann ambulant oder stationär, kombiniert mit oder ohne eine
(un)bedingte Freiheitsstrafe stattfindet, hängt wieder eng mit der Art und der Schwere des
erfolgten Deliktes zusammen. Die oder der Überlebende und/oder der nicht ausbeutende
Elternteil kann also in hohem Maß mitbestimmen, ob der Täter in eine freiwillige oder
verpflichtende Behandlung kommt. Bei freiwilliger Behandlung ist ein Vertrag zwischen
Täter und Therapeut wichtig, mit dem der Therapeut notfalls drohen kann.

Unabhängig von der Schwere des Delikts und der Einschätzung des Rückfallrisikos wird
verpflichtende Hilfe in den Niederlanden ausgeschlossen, wenn der Täter der
niederländischen Sprache nicht oder ungenügend kundig ist, wenn sein IQ niedriger als 80 ist,
bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit oder bei psychotischen Strukturen mit vermuteter
Unzurechnungsfähigkeit. Als Bedingungen für die verpflichtende Behandlung gelten: Der
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 26

Täter muß ein (Teil)Bekenntnis ablegen, der Fall muß juristisch geklärt sein, die zu
erwartende Gefängnisstrafe darf maximal 15 Monate betragen, und der Täter muß
grundsätzlich die Bereitschaft haben, am Projekt mitzuarbeiten.

6. Sexualstraftäter mit intellektueller Beeinträchtigung im


Strafrechtssystem
Brown und Courtless (1968) haben strafrechtliche Verfahren bei Sexualstraftätern mit
geistiger Behinderung untersucht und dabei festgestellt, daß Geständnisse in zwei Dritteln der
Fälle erfolgten, die Angeklagten in der Regel durch Rechtsanwältinnen vertreten wurden, die
vom Gericht bestellt waren oder zu 8 Prozent überhaupt keinen juristischen Beistand hatten.
Die Anklage bei Tätern mit geistiger Behinderung wurde im Gegensatz zu anderen
Angeklagten nur selten verringert. In den seltensten Fällen wurden bei dieser Tätergruppe
psychologische oder psychiatrische Gutachten erstellt oder die Verhandlungsfähigkeit
überprüft, und in 88 Prozent der Fälle wurde auch keine Berufung eingelegt. Bei einem
Vergleich von Santamour und West (1978) von intellektuell beeinträchtigten Tätern mit
solchen ohne Behinderung zeigte sich, daß erstere häufiger geständig waren und bei ihnen
auch häufiger auf Schuld plädiert wurde, während Berufung gegen das Urteil in diesen Fällen
seltener war. Strafaussetzung zur Bewährung oder Haftverschonung wurde ihnen auch
seltener gewährt. Im Gegensatz dazu zeigt die Psychotherapeutin Batya Hyman (Senn 1993,
83) - sie hat 50 Täter mit intellektueller Beeinträchtigung untersucht - auf, daß Täter mit
Behinderung in einigen Fällen von den Einrichtungen, in denen sie leben, vor strafrechtlicher
Verfolgung geschützt wurden.

Nach Überführung von Tätern mit geistiger Behinderung stellt sich das Problem ihrer
Unterbringung. „Historisch wurde das Einsperren von als geistig zurückgeblieben etikettierten
Tätern in die bestehenden Gefängnisse als problematisch angesehen, vor allem seitdem man
annahm, daß Kriminalität auf einer erblich bedingten intellektuellen Beeinträchtigung basierte
(Brown & Courtless 1968). Zudem stellte auch die Verwahrung der Täter in Institutionen ein
Problem dar, weil man glaubte, sie würden dort einen schlechten Einfluß auf die übrigen
geistig retardierten Menschen ausüben. Als Lösung wurde eine separate Unterbringung
vorgeschlagen sowie ein Plan mit zwei Komponenten: Sterilisation und
Aussonderung/Abschiebung in die Kolonien (Goddard 1912, zt.n.Brown & Courtless 1968)”
(Senn 1993). Brown & Courtless untersuchten 1968 die internationale Situation. Dabei stellte
sich heraus, daß England und Schweden den Einrichtungen am meisten therapeutische und
beraterische Interventionen anboten und aufgrund dessen danach tendierten, Täter mit
Behinderung in den Institutionen zu belassen, in denen sie lebten. Im Gegensatz dazu
tendierte Nordamerika auf „Sicherheit und Verwahrung” (Brown & Courtless 1968, 364), und
damit wurden Täter mit Behinderung meist in Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten
eingesperrt. Coleman & Murphy (1980) stellten fest, daß die Einrichtungen, die zu 15% von
durchschnittlich drei Sexualstraftätern berichteten, über kein Behandlungsprogramm
verfügten und auch keine Ahnung hatten, ob von ihrem jeweiligen Staat
Behandlungsprogramme angeboten würden. Alle diese Institutionen problematisierten jedoch
das Verbleiben dieser Täter in der Institution: "Verglichen mit den übrigen BewohnerInnen
von Heimen für Retardierte befinden sich die Delinquenten eher im oberen Spektrum, d.h. im
Bereich leichter geistiger Behinderung, und manipulieren und viktimisieren oftmals
diejenigen, die schwerer geistig behindert sind“ (Murphy, Coleman & Haynes 1983, 26). Sie
berichten, daß Gefängnisse und stationäre Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen am
häufigsten seien zur Verwahrung von Tätern mit Behinderung. Diese Einrichtungen könnten
zwar zum Teil Behandlungsprogramme anbieten, in die jedoch diese Täter wegen ihrer
Behinderung in der Regel nicht aufgenommen werden. Murphy, Coleman & Haynes wiesen
zudem darauf hin, daß „Täter mit intellektueller Beeinträchtigung im Gefängnis oder in
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 27

anderen Erziehungsanstalten zu denen gehören, deren Intelligenz im unteren IQ-Bereich


angesiedelt ist und die oft zum Opfer anderer intellektuell überlegener Straftäter werden”
(1983, 26). Es ist offensichtlich, daß eine derartige Bestrafung längerfristig keine adäquate
Maßnahme ist, wenn der Täter mit geistiger Behinderung keine Behandlung bekommt, aber
gleichzeitig auch ausgebeutet wird.

Täter mit Behinderung begegnen denselben Schwierigkeiten, in Behandlungsprogramme


aufgenommen zu werden, wie Überlebende mit Behinderung. Knopp, Rosenberg und
Stevenson (1986) haben sich in den USA einen landesweiten Überblick über die
Behandlungsprogramme verschafft und stellten dabei fest, daß lediglich 46 Prozent der
sozialen Dienste für Täter mit geistiger Behinderung als Beratungsstelle zur Verfügung stehen
und nur 26 Prozent auch Anpassungen für dieses Klientel vorgenommen haben. Über den
Erfolg der bisherigen Behandlungsprogramme, in die Täter mit geistiger Behinderung
integriert wurden, ist bis heute nichts publiziert. Murphy, Coleman & Haynes (1983) haben
ein Modell vorgelegt, das für Täter mit oder ohne Behinderung gilt. „Es ist ein Modell für
soziales Lernen, das physiologische, verhaltensmodifizierende und kognitive Prozesse und
Defizite umfaßt. Das Programm wird individuell auf die jeweilige Person abgestimmt.
Murphy, Coleman und Haynes betonen, daß Menschen, die den gleichen IQ haben, in ihrer
sozialen Funktionsfähigkeit, ihrem sozialen Wissen und der Einsicht in ihre
Verhaltensprobleme sehr unterschiedlich sein können” (Senn 1993, 87). Damit
Behandlungsprogramme für Täter mit Behinderung effektiv werden, müssen sie an die
besonderen Bedürfnisse der jeweiligen Täter angepaßt werden können.

B. Untersuchungsleitende Thesen
In den meisten Gesellschaften wird Menschen mit Behinderung ein gesonderter Platz
zugeschrieben. Durch Sondereinrichtungen werden sie innerhalb eines bestimmten Rahmens
gefördert, was allerdings meistens eine Isolierung zur Folge hat. Menschen mit Behinderung
werden als minderwertig angesehen. Man vermeidet wenn möglich Kontakte zu ihnen und ist
auf Erhaltung von sozialer und räumlicher Distanz bedacht. Die Diskriminierung von
Menschen mit Behinderung wird tendenziell rationalisiert, indem ihnen vermittelt wird, daß
sie ihre Andersartigkeit `im eigenen Interesse' akzeptieren sollen. In diesem Akzeptieren der
Andersartigkeit wird ihnen zugleich ein Annehmen ihrer Situation nahegelegt, die ihnen von
der Gesellschaft zugeschrieben wird.
Menschen mit einer Behinderung werden nicht als Individuen sondern als Mitglieder der
Gruppe von Menschen mit Behinderung kategorisiert, be- und abgewertet. Sie werden an
ihren persönlichen und individuellen Qualitäten gemessen. Stattdessen steht die Behinderung
im Mittelpunkt, der jeweilige Mensch mit Behinderung wird auf diese reduziert. Subtilere
Differenzierungen werden in der Regel abgelehnt.

Auf diesem Hintergund entstanden Paradigmen und darauf aufbauend Handlungskonzepte


sowie -strategien. Uns interessierten vor allem drei der bekannteren Paradigmen (Bleidick
1976, 411f.; 1977, 66f.) und ihre Handlungsmodelle. Dies vor allem deshalb, weil jeder
theoretische Ansatz, der Menschen mit Behinderung verobjektiviert, auch solche
Handlungsweisen nach sich zieht, die sich in Strukturen verfestigen, die selbst gewaltförmig
oder zumindest gewaltfördernd sein können.

Das Paradigma der christlichen Nächstenliebe


Zum Paradigma der christlichen Liebestätigkeit gegenüber ´Elenden` und ´Verkommenen`
gehört das caritative Modell. Den ´bedürftigen` Menschen wird innerhalb dieses Modells in
allen Hochreligionen als einzige Rolle die des Opfers, bzw. des Almosenempfängers
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 28

zugeschrieben. Das wiederum macht vor allem Sinn aus der Sicht der Helfenden. Diese
können sich beispielsweise durch eine Spende von Schuld, Mitleidsgefühlen und Ablehnung
etc. befreien. Diese Denkmuster sind noch keineswegs überwunden; sie zeigen sich u.a. im
appellativen Charakter der modernen Wohlfahrtspflege und ihren Spendenkampagnen.

Das personenorientierte Paradigma


Behinderung wird hier als individuelle Kategorie verstanden; diese gilt als persönliches, fast
unabänderliches und daher zu akzeptierendes Schicksal. Der ´Defekt` ist objektiv gegeben,
die Ursache dafür liegt in der Person. Ein Beispiel für dieses Paradigma ist das medizinische
Modell. Es geht davon aus, daß jede Krankheit einen Erreger hat; er ist der Feind, den der
Arzt/die Ärztin ausfindig zu machen und auszumerzen hat. Damit verliert Krankheit
weitgehend ihre subjektive und soziale Dimension. Dieses Verständnis wurde zum Teil
unkritisch von der Heilpädagogik übernommen, was sich vor allem in verobjektivierenden
Diagnosen und institutionellen Rollenzuschreibungen niederschlägt. Soziale und/oder
psychische Probleme von Menschen mit Behinderung werden oft vorschnell unter die
Behinderung subsumiert. Analog dazu beschränkt sich auch Rehabilitation darauf, zu
reparieren oder möglichst große Funktionstüchtigkeit erreichen zu wollen. Menschen mit
Behinderung in die Arbeitswelt zu integrieren, ist erstrangiges Ziel. Persönliche oder soziale
Dimensionen bleiben auch hier ausgespart.

Das interaktionistische Paradigma


Behinderung wird in diesem Paradigma als Zuschreibung von Erwartungshaltungen seitens
Anderer und nicht als vorgegebener Zustand verstanden. Der Mensch mit einer Behinderung
weicht von gesellschaftlich bestimmten Normen ab und wird aufgrund dessen typisiert,
etikettiert, stigmatisiert und kontrolliert. Behinderung ist in diesem Verständnis vor allem das
Resultat sozialer Reaktionen und von daher ein sozial bestimmter Status. Interaktionen sind
nach Watzlawick (1985) u.a. kreisförmig und nicht linear. Jedes Verhalten ist sowohl Ursache
als auch Wirkung; der Mensch ist immer Subjekt und Objekt zugleich. Kein Mensch mit
Behinderung kann daher bloßes Objekt pädagogischen Handelns sein.

Dieses interaktionistische Modell geht im weiteren davon aus, daß es keine Behinderung `an
sich' gibt, die unpolitisch und ahistorisch ist. Behinderung wird über Zuschreibungen
durchgesetzt, in hohem Maß abhängig von Machtkonstellationen.

Gerade im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung, die immer Ausdruck eines


Machtverhältnisses ist, sind die verschiedenen Machtkomponenten ein grundlegender Teil der
untersuchungsleitenden Thesen auch dieser Studie. Mit Staub-Bernasconi unterscheiden wir
zwischen Begrenzungs- und Behinderungsmacht. Im Zusammenhang mit sexueller
Ausbeutung muß von Behinderungsmacht ausgegangen werden, weil „die Kontrolle und
Verteilung von Gütern und Ressourcen und damit die Ausstattung von Menschen und sozialen
Systemen nach Merkmalen erfolgt, die nicht veränderbar sind, so z.B. Geschlecht, Alter,
Hautfarbe, familiäre Abstammung, ethnische Zugehörigkeit, geographische Lage,
Beschaffenheit und andere (Macht als feudale, patriarchale Kastenstruktur,
Klassengesellschaft)” (Staub-Bernasconi 1989, 9).

Ressourcenmacht
In der Regel sind Menschen ohne Behinderung jenen mit Behinderung physisch und
sozioökonomisch überlegen. Menschen mit Behinderung sind oft auf Hilfe Dritter
angewiesen, z.B. bei der Körperpflege, bei der Zubereitung und Zusichnahme von Nahrung,
bei der Fortbewegung im und/oder außer Haus. Potentielle Täter brauchen oft nur zu drohen,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 29

um ihren Willen gegenüber Menschen mit Behinderung durchzusetzen. Die erste


Untersuchung gibt Hinweise auf einen Zusammenhang von Hilfsbedürftigkeit und sexueller
Ausbeutung. Menschen mit Behinderung sind aber auch in ihren Zugängen zu ökonomischen
und materiellen Mitteln benachteiligt und deshalb häufig auf Zuwendungen von Dritten
(Familie, staatliche Transfers oder andere prekäre Quellen) angewiesen.

Ressourcenmacht ist innerhalb der Einrichtungen ungleich verteilt. Es ist zu unterscheiden


zwischen Bewohnerinnen, die sich aufgrund einer Verschiedenheit des Behinderungsgrades
und/oder im Zuge langer Aufenthaltsdauer auch unterschiedliche Zugänge zu den zumeist
knappen Ressourcen innerhalb des institutionellen Gefüges sichern konnten. Diese relative
Ressourcenmacht geht insbesondere zu Lasten schwächerer Mitbewohnerinnen.

Artikulations- und Wissensmacht


Der Sprachlosigkeit vieler Betroffener steht die (relative) Sprachgewalt der Täter gegenüber.
Es gibt Menschen mit Behinderung, die von ihrer Behinderung her weniger oder gar nicht
über verbale Kommunikation verfügen. Andere sind sprachlos, weil sie sexuell nie aufgeklärt
wurden und von daher nicht benennen oder verstehen können, was mit ihnen passiert, wenn
sie sexuell ausgebeutet werden. Diese Menschen sind mit der (relativen) Wortgewalt der Täter
konfrontiert, die einerseits Geschichten erfinden und zum besten geben können, um sie für die
Gewalttat zu gewinnen. Das Geheimhaltungsgebot wird sowohl mit Drohungen gegen die
Betroffenen als auch mit Gefahren für den Täter unterstrichen. Menschen mit Behinderung
haben in der Regel keine Möglichkeit, die Angaben der Täter zu überprüfen. Damit stehen sie,
auch wenn sie es noch ausdrücken könnten, in Beweisschuld. In Frage steht, wie es um ihre
Glaubwürdigkeit bestellt ist. Wir vermuten in Anlehnung an die erste Studie, daß es einen
Zusammenhang gibt zwischen dem Aufgeklärtsein über den Körper und die Sexualität,
unterschiedlicher Artikulations- und Wissensmacht aufgrund von verschiedenen Graden der
Behinderung und der Glaubwürdigkeit sowohl bei Opfern als auch Tätern.

Positionsmacht
Die gesellschaftliche Position, die Menschen mit Behinderung zugeschrieben wird, und
diejenige des Mannes im Vergleich zur Frau tragen wesentlich zur Verschleierung von
sexueller Ausbeutung bei. Menschen mit Behinderung (nicht nur geistig behinderten) wird in
der Regel ihre Mündigkeit abgesprochen, d.h. sie sind gesellschaftlich gesehen Unmündige
und (Befehls-) EmpfängerInnen. Mädchen und Frauen mit Behinderung unterliegen einer
doppelten Ohnmachtsposition: Als Mensch mit Behinderung und aufgrund ihres Geschlechts
und ihres Alters. Auch Männer mit Behinderung leiden an einem Statusverlust im Vergleich
zu Männern ohne Behinderung. Hier hat uns der Zusammenhang zwischen
Selbstbestimmungskompetenz und sexueller Ausbeutung interessiert.

Im weiteren wollen wir wissen, wie sich die informelle Hierarchie zwischen den
BewohnerInnen auf die individuellen Risiken, sexuell ausgebeutet zu werden, auswirkt. Wir
vermuten, daß dieses Risiko mit geringerer Positionsmacht zunimmt und darüber hinaus
potentielle Täter im Wege sexualisierter Gewalt einen zusätzlichen Gewinn an Positionsmacht
für sich sichern können.

Selbstbestimmungsmacht
Menschen mit Behinderung werden in der Regel durch Menschen ohne Behinderung
vertreten, respektive müssen sich vertreten lassen, und haben damit auch nur in den seltensten
Fällen die Möglichkeit, ihr Alltagsleben zu gestalten und die Strukturen, durch die sie
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 30

festgelegt werden, zu wählen. Wir fragen deshalb nach dem Zusammenhang zwischen den
Strukturen, in denen Männer mit Behinderung leben, und sexueller Ausbeutung.

Organisationsmacht
Diese Machtquelle ist die wahrscheinlich am wenigsten ausgebildete innerhalb einer Familie
oder einem Heim. Wir haben uns darauf beschränkt, Männer in Einrichtungen zu befragen.
Ein Heim bedeutet immer Ghetto und ein mehr oder weniger großes Ausmaß an Isolation.
Menschen mit einer Behinderung können aus Gründen der Unmündigkeit, in der sie belassen
werden, oder wegen örtlicher Abgeschiedenheit, oder wegen der gesellschaftlichen
Ausgrenzung, wenn überhaupt, nur in sehr beschränktem Maß frei wählen, mit wem sie sich
wie und wo vernetzen wollen. Daraus ergeben sich Konsequenzen auf zwei Ebenen:
 Der Kontakt nach außen, insbesondere zu Männer und/oder Frauen ohne Behinderung,
findet kaum statt. Die BewohnerInnen eines Heimes haben deshalb nur wenig
Anknüpfungspunkte für den Aufbau von Beziehungen. Vielfach bleiben sie dabei auf
prekäre soziale Zusammenhänge (Kneipen, Strich, Bahnhof etc.) angewiesen, was sich nur
zu oft auf die soziale Qualität der solcherart geknüpften Begegnungen auswirkt. Männer
mit Behinderung werden unter diesen Vorzeichen potentiell zu Tätern, aber auch zu Opfern
von sexueller Gewalt.
 Für die Bewohner und Bewohnerinnen bedeutet das Leben in sozialer Ausgrenzung
und in Zwangsgemeinschaft mit Menschen, die ebenfalls behindert sind, vielfach, daß
ihnen die Wahl eines/einer PartnerIn lediglich im Umkreis der Mitbewohnerinnen möglich
ist. Die mögliche Qualität sozialer Beziehungen hat dann notwendigerweise lediglich
sekundäre Bedeutung. Die Personen, mit denen „Beziehungen” eingegangen werden,
werden tendenziell objektiviert. Damit wird einer möglichen Habitualisierung von
sexualisierter Gewalt im behinderten Alltag strukturell Vorschub geleistet. Opfer- und
Täterrollen werden in diesem Zusammenhang tendenziell austauschbar: 'Mann nimmt, was
man will und wird genommen'.

C. Methodische Anmerkungen
Für die vorliegende Untersuchung greifen wir auf quantitative und qualitative Methoden
zurück. Zu den quantitativen Methoden zählen die Fragebogenerhebung unter Männern mit
Behinderung, die in österreichischen Institutionen leben, zu den qualitativen hingegen eine
Literaturrecherche, problemzentrierte Interviews mit Männern mit Behinderung, Workshops
sowie Expertinnengespräche. Die Vorgangsweise ist vergleichbar mit der ´Frauenstudie`
(Zemp/Pircher 1996).

1. Forschungsinstrumentarium

1.1 Literaturrecherche
Im Zusammenhang mit der Erhebung des Forschungsstands zum Thema beschäftigten wir uns
mit der aktuellsten internationalen Literatur bezüglich der Opfer- und Täterforschung unter
Knaben und Männern. Darüberhinaus sammelten wir Primärmaterial bezüglich international
angewandter Modelle im Zusammenhang mit dem rechtlichen, polizeilichen und
therapeutischen Umgang mit Tätern.

1.2 Fragebogenerhebung
Angesichts des Datenmangels zur Thematik von sexueller Gewalt, der im Fall von Jungen
und Männern noch stärker ausgeprägt ist als bei Mädchen und Frauen, lag das Ziel der
Untersuchung unter anderem darin, das Ausmaß und die Häufigkeit von sexueller Gewalt
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 31

festzustellen, sei es bei den Betroffenen oder Überlebenden als auch bei den Tätern. Diesem
Anspruch - zwar eingeschränkt auf den Aspekt der Überlebenden und nicht bezogen auf die
Täterinnenschaft - wurde bereits in der ersten Untersuchung die Methode der
Fragebogenerhebung gerecht. Zwecks unmittelbarer Vergleichbarkeit der Daten wurde dieser
Zugang auch für die vorliegende Studie gewählt.
Kernstück der vorliegenden Untersuchung bildet also eine explorative Fragebogenerhebung
zur Problematik der Betroffenheit und Täterschaft von Männern mit Behinderung, die in
österreichischen Institutionen leben, wobei derselbe Fragebogen, leicht angepaßt und
erweitert, wieder verwendet wurde (siehe Anhang).

Vorbereitung der Befragung


Die Stichprobe sollte aus Männern mit Behinderung zusammengesetzt sein, die aufgrund ihrer
körperlichen, geistigen und/oder psychischen Behinderung in einer Institution leben. Die
Wahl dieser Stichprobe stützte sich auf die Überlegung, auf diese Weise einen systematischen
und umfassenden Zugang zu Interviewpartnern mit Behinderung zu erhalten.
Die Gründe für die Tatsache, daß wir erneut eine explorative und keine repräsentative
Fragebogenerhebung anpeilten, sind zum Teil dieselben wie bei der ersten Studie. Nach wie
vor gibt es für Österreich keine umfassende Zusammenstellung von Einrichtungen, in denen
Menschen mit Behinderung leben, und dementsprechend fehlen die Angaben über die genaue
Anzahl der Männer und Frauen, die dort wohnen und auch betreut werden. Außerdem gibt es
verschiedene Organisationsformen von Einrichtungen - etwa Wohngemeinschaften und/oder
Einzelwohnungen sowie Heime mit Wohngruppen. Da sich diese verschiedenen
Organisationsformen auf das gesamte Bundesgebiet verstreuen, hätte es eines enormen
organisatorisch-technischen Erhebungsaufwands bedurft, den der finanziell beschränkte
Rahmen nicht zugelassen hätte, zumal wir alle Männer persönlich aufgesucht, über den Inhalt
der Untersuchung informiert und bei Einverständnis mit ihnen ein Interview geführt haben.

Im Zusammenhang mit der Auswahl der Institutionen griffen wir auf dieselben Institutionen
zurück, in denen wir bereits für die erste Untersuchung geforscht hatten. Eine Institution, in
der wir aufgrund fehlenden Rückhalts und unzureichender Rahmenbedingungen schlechte
Erfahrungen gemacht haben, bezogen wir nicht mehr ein.
Wir kontaktierten die LeiterInnen der von uns ausgewählten Einrichtungen zuerst telefonisch
oder brieflich und stellten ihnen unser Vorhaben vor, Männer mit Behinderung zum Thema
der sexuellen Gewalterfahrung als auch zur Täterschaft zu befragen. Da wir während der
Erhebungen zur ´Frauenstudie` in den Institutionen sehr stark mit dem Bedürfnis konfrontiert
wurden, auch die männlichen Bewohner mit Behinderung zum Thema der sexuellen
Ausbeutung zu befragen, wurde der Vorschlag fast überall positiv aufgenommen. In einigen
Einrichtungen ging der Tenor gar in die Richtung: "Wir haben ja selbst so viel davon, wenn
Sie bei uns forschen, es ist ganz in unserem Interesse, wenn Sie wiederkommen". Da der
Finanzierungsrahmen geringer als bei der ersten Untersuchung war, mußten wir auf eine
Orientierung des Leitungspersonals sowie der Betreuerinnen in den jeweils interessierten
Einrichtungen über die Anliegen der Untersuchung verzichten. Dies bedeutete, daß das
Leitungspersonal die Informationsweitergabe an die BetreuerInnen weitestgehend
übernehmen mußte. In der Regel genügte es, wenn wir den Einrichtungen ein kurz
zusammengefaßtes Konzept mit den wichtigsten Angaben über Inhalte, Ziele und Methoden
der Untersuchung zur Verfügung stellten. Es gab Einrichtungen, in denen das als Mangel
empfunden wurde. Das hatte zur Folge, daß wir dort wesentlich weniger Männer befragen
konnten als letztes Mal Frauen. In einer weiteren Einrichtung gab es größere Befürchtungen
bezüglich der Bearbeitung dieser Thematik, und es wurde nach der Sinnhaftigkeit der
Untersuchung für die Einrichtung gefragt. Deshalb wurde zwecks Entscheidungsfindung eine
Sonderauswertung der im Rahmen der ersten Studie erhobenen Daten bezüglich der
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 32

Betroffenheit von sexueller Ausbeutung für diese Einrichtung verlangt, um über die Relevanz
der neuen Untersuchung zu entscheiden. Als die Daten vorlagen und feststand, daß speziell in
dieser Einrichtung mehr als die Hälfte der befragten Frauen von sexueller Ausbeutung
betroffen war und die Gewalt zum Teil von Mitbewohnern ausging, Handlungsbedarf also in
großem Maß gegeben war, willigte die Leitung in die Kooperation ein. Es wurde dennoch die
Auflage gemacht, die Befragung nur in ambulant betreuten und nicht in vollzeit betreuten
Wohneinheiten durchzuführen.
Bereits in der ersten Untersuchung waren wir bei der Vorbereitung der Befragung in den
Einrichtungen seitens des Leitungs- aber insbesondere des Betreuungspersonals immer wieder
mit der Befürchtung konfrontiert, daß die Fragen nach der erlebten und vermutlich psychisch
nicht bewältigten sexuellen Gewalterfahrung bei den betroffenen Frauen Krisen auslösen
könnten. Mit diesen Folgen hätten dann die BetreuerInnen umzugehen, was für sie in der
täglichen Arbeit eine Überforderung bedeuten würde, zumal sie auch über kein
entsprechendes psychologisches Instrumentarium verfügen. Im damaligen
Entscheidungsprozeß versuchten wir, die Zweifel insofern auszuräumen, als wir auf die rein
individuelle und freiwillige Entscheidungsmöglichkeit seitens der Frauen verwiesen. Die
Erhebung bestätigte unsere Vorgehensweise. Die Frauen erzählten uns nicht mehr, als sie uns
wissen lassen wollten, sie wußten sehr wohl um ihre Grenzen. Bei keiner der betroffenen
Frauen zeigten sich in der Folge negative Nachwirkungen der Befragung. Mit derselben
Annahme gingen wir auch an die vorliegende Befragung heran.

Insgesamt kontaktierten wir acht Einrichtungen in fünf Bundesländern. Es waren


Einrichtungen, in denen Menschen mit Lern- und geistiger Behinderung, mit Sinnes- und
Mehrfachbehinderung leben. In einem einzigen Heim leben überwiegend Menschen mit
Körperbehinderung.

Ausbildung der InterviewerInnen


Genauso wie auch in der ersten Studie wurden die InterviewerInnen speziell für diese
Tätigkeit von Aiha Zemp ausgebildet. Diese Ausbildung ist deshalb notwendig, weil die
Befragung hohe Ansprüche an die InterviewerInnen stellt. Ziel dieser dreitägigen
Weiterbildung war es, den InterviewerInnen einerseits ein Grundwissen zum Thema der
sexuellen Ausbeutung zu vermitteln und sie andererseits für den Umgang und die
Kommunikation mit Männern mit Behinderung zu befähigen. Entgegen der ´Frauenstudie`,
wo es nur InterviewerInnen gab, die einzeln unterwegs waren, sollte diesmal ein Paar, also
jeweils ein Mann und eine Frau, in einer Einrichtung Interviews machen. Es sollte den
männlichen Bewohnern überlassen bleiben, ob sie lieber mit einem Interviewer oder einer
Interviewerin sprechen wollen. Bei der Befragung der Frauen für die erste Studie wurden
verschiedene InterviewerInnen immer wieder von Männern angesprochen, die zum Ausdruck
brachten, ihre Erlebnisse auch erzählen zu wollen. Als frau ihnen sagte, daß eine solche
Befragung von Männern gemacht werden sollte, reagierten gewisse sehr vehement, indem sie
sagten, daß sie einem Mann das nie erzählen würden. Von daher wußten wir, daß es Männer
geben würde, die diese Erlebnisse nur einer Frau erzählen würden, weil sie von ihnen
einerseits mehr Empathie erwarteten, andererseits aber auch, weil sie Angst hatten, solche
Erfahrungen in einer intimen Zweiersituation einem Mann zu erzählen, wenn sie
Gewalterfahrung durch Männer hatten. Für die Befragungen waren drei Paare vorgesehen.

Weil die für die neue Studie benötigten drei InterviewerInnen dieselben waren wie bereits bei
den Befragungen der Frauen, wurden die ersten zwei Tage lediglich die drei Interviewer
ausgebildet. Am ersten Tag ging es darum, daß sich zuerst jeder der drei Männer damit
auseinandersetzte, welche Fragen, Unsicherheiten und/oder Ängste er einerseits bezüglich
Behinderung und andererseits bezüglich sexueller Ausbeutung hat. Anschließend wurden den
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 33

Interviewern Informationen zur sexuellen Ausbeutung vermittelt. Da es leider noch kein


vergleichbares Material in bezug auf sexuell ausgebeutete Männer gibt, wurde den
Interviewern am Ende des ersten Tages das Video-Band "Wir möchten noch viel lauter sein"
vorgeführt. Es handelt sich dabei um einen Film einer Selbsthilfe-Projektgruppe "Gegen
sexuelle Gewalt an Mädchen" aus Bremen. In diesem Film erzählen von sexueller
Ausbeutung betroffene Frauen über ihre gemachten Erfahrungen. Damit sollten die künftigen
Interviewer eine Ahnung bekommen, von dem, was auf sie zukommen kann. Der erste Teil
des zweiten Tages galt der Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild, weil die
Haltung der einzelnen Interviewer gegenüber einem Mann mit Behinderung die Stimmung, in
der die Befragung durchgeführt wird, beeinflußt, d.h., je mehr jemand einen Mann mit
Behinderung von sich her eingrenzt, desto weniger wird er sich öffnen und kann ein
Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Die Auseinandersetzung passierte auf der Basis eines
Kartenspiels „Mensch ist Mensch“ und aufgrund der Aufzeichnung einer Sendung des
„Inlandsreport“ (ORF) über die Gewalterfahrung einer Frau. In diesem Fernsehbeitrages wird
auf erschütternde Weise ersichtlich, wie sich die Haltung z.B. einer Regisseurin und eines
Kameramannes in diesem Fall auf Kameraführung, Bildauswahl und Beitragsgestaltung
auswirkt. Am Nachmittag wurden der Fragebogen und der Leitfaden vorgestellt, und
anschließend wurde in Zweier-Gruppen geübt, jetzt noch mit der Möglichkeit der verbalen
Kommunikation. Am Ende des zweiten Ausbildungstages wurden die anatomisch
ausgebildeten Puppen vorgestellt: ein Mann, eine Frau, ein Mädchen, ein Junge. Alle sind mit
den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen ausstaffiert. Sie dienten auch bei dieser
Befragung als mögliche Methode, vor allem für die Befragung mit Männern, die nicht über
verbale Kommunikation verfügen und damit nicht in Worten ausdrücken können, was sie
erfahren haben. Damit die Interviewer die Puppen optimal einsetzen konnten und
Fehlinterpretationen so weit wie möglich vermieden wurden, galt es, zuerst einmal überhaupt
einen Zugang zu den Puppen zu finden, zu realisieren, was sie bei einem selber an Emotionen
auslösen.
Am dritten Tag kamen die Interviewerinnen hinzu. In der ersten Tageshälfte ging es um die
Auseinandersetzung mit den Tätern. Für die konkrete Befragung ging es auch darum, sich
darüber klar zu werden, welche Worte man selber im Zusammenhang mit Sexualität wählen
will, wie man auf professioneller Ebene z.B. die Geschlechtsmerkmale bezeichnet.
Lateinische Begriffe aus der Medizin, private Koseworte und Gassensprache sollten
zugunsten einer neutralen Wortwahl wie z.B. Scheide oder Glied vermieden werden. Als
letztes wurde wiederum in Zweiergruppen ein Interview gemacht, diesmal ohne verbale-
Kommunikation der einen Interviewpartnerin oder des Interviewpartners, dafür mit den
anatomischen Puppen als Hilfsmittel.

Durchführung der Befragung


Laut unseren Erhebungen von 1995 leben 1.543 Männer in Einrichtungen, d.h. sie leben dort
und werden auch betreut. Nicht aufgenommen haben wir jene Männer, die zu Hause wohnen,
aber in den geschützten Werkstätten der Trägerorganisationen arbeiten, und dort tagsüber
betreut werden.
Nach telefonischer Vereinbarung über den genauen Termin des Erhebungsbeginns und den
Ablauf mit den jeweiligen Kontaktpersonen (Heimleitung, pädagogische Leitung,
BetreuerInnen) in der jeweiligen Einrichtung starteten wir Anfang Februar die
Erhebungsphase vor Ort. Jeweils ein Paar übernahm bestimmte Einrichtungen in den
einzelnen Bundesländern. In den Wohneinheiten der Einrichtungen gingen wir dann
folgendermaßen vor: Zum festgesetzten Termin trafen wir im Aufenthaltsraum oder in der
Küche der Wohneinheit auf eine kleine Gruppe von Männern, die nach einer kurzen
Vorinformation seitens ihrer Betreuerinnen prinzipielles Interesse an der Teilnahme gezeigt
haben. Diese Männer klärten wir dann in einer sehr einfachen, langsam vorgetragenen,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 34

verständlichen Sprache über den Sinn und Zweck der Befragung auf und baten um ihre
Mitarbeit. Im Umgang mit den BetreuerInnen wie auch den Männern war es uns ein zentrales
Anliegen, keinerlei Druck in Richtung Mitarbeit auszuüben. Bei allen Beteiligten sollte die
Bereitschaft zur Mitarbeit freiwillig und ohne Zwang passieren. Diese Vorgehensweise hatte
sich schon bei der vorangegangenen Untersuchung als erfolgreich erwiesen. Außerdem hatten
wir den BetreuerInnen vermittelt, keine Vorauslese unter den Männern zu treffen. Immer
wieder waren wir damit konfrontiert, daß man uns bestimmte Männer empfahl, bei denen
entweder ein Verdacht auf Gewalterfahrung, die bis dahin nicht bewiesen war, oder auf
Täterschaft bestand. Da es aber nicht unserem Forschungsziel entsprach, nur betroffene
Männer - sei es als Opfer, sei es als Täter, zu befragen - sondern die Prävalenzraten zu
erheben, achteten wir darauf, daß alle Bewohner die gleichen Chancen hatten, sich zur
Befragung zu melden. In fast allen Fällen gingen die Orientierung und später die Befragung
problemlos vor sich. In der Regel waren bei der Orientierung die Betreuerin oder der Betreuer
als Vertrauensperson der Männer dabei.
In einer Einrichtung, in der hauptsächlich Menschen mit Körperbehinderung leben, gingen
wir vom Prinzip des sogenannten Fragebogeninterviews ab und konzipierten den Fragebogen
als "Selbstausfüller". Dadurch erhofften wir uns eine geringere Verweigerungsrate. In diesem
Fall ging das InterviewerInnenpaar jeweils zu den Essenszeiten in die jeweiligen
Wohngruppen, orientierte die Bewohner über die Befragung und verteilte an alle interessierten
Männer einen Fragebogen. Im weiteren wurden die Männer ersucht, an einem qualitativen
Interview zum Thema sexuelle Gewalt teilzunehmen. Bei Bedarf nach Hilfe und
Unterstützung bei der Fragebogenbeantwortung wurde ihnen angeboten, sich bei den
Interviewerinnen, die während des gesamten Erhebungszeitraumes in der Einrichtung waren,
direkt oder telefonisch einen Termin zu sichern. Der ausgefüllte Fragebogen sollte dann in
eine Wahlurne, die nahe am Kapelleneingang aufgestellt wurde, eingeworfen werden.
Zusätzlich wurde ein ausführliches Interview mit der Arbeitsgruppe Sexualität geführt, an der
Betreuer und Bewohner teilnahmen. Diese Arbeitsgruppe existiert seit ein paar Jahren und
beschäftigt sich in Form von öffentlichen Veranstaltungen und internen Diskussionen mit dem
Thema Sexualität. Der allgemeine Tenor war positiv, fast alle angesprochenen Männer haben
den Fragebogen entgegengenommen, und etwa ein Drittel hat sich zur Mitarbeit, zumeist mit
persönlicher Assistenz durch die Interviewerinnen, bereit erklärt.

Insgesamt betrachtet waren die Reaktionen der Männer auf die Orientierung sehr positiv.
Schließlich konnten wir rund 90 Prozent aller Männer, die zur Orientierung gekommen waren,
befragen. Nur wenige entschieden sich gegen die Befragung, nachdem sie das
Interviewerinnenpaar gesehen und gehört hatten. In allen Fällen respektierten wir dies. Viele
Männer entschieden sich sehr rasch und gezielt, mit wem sie das Interview führen wollten.
Wir haben aber den Eindruck, daß sich ganz allgemein mehr Männer, als es bei den Frauen
der Fall gewesen ist, der Befragung grundsätzlich verweigert haben, was wir mit der heiklen
Thematik der Täterschaft erklären.

In der Regel wurde die Befragung mittels Fragebogen unmittelbar nach der Orientierung
durchgeführt. Die Einladung zur Mitarbeit erging an alle Männer, unabhängig davon, ob diese
von sexueller Ausbeutung betroffen waren oder nicht.
Die Befragung fand entweder in einem von der Heimleitung zur Verfügung gestellten Raum
statt, in dem man ungestört sein konnte, oder, je nach Wunsch im Zimmer des
Interviewpartners. In den meisten Fällen führten wir Einzelgespräche, in Ausnahmefällen
nahm am Interview einE BetreuerIn oder ein Freund teil, wenn der Interviewpartner dies
wünschte.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 35

Die Interviewsituation stellte sich für die Interviewerinnen z.T. anders dar als für die
Interviewer, speziell was den Umgang seitens der Männer mit ihnen betraf. Generell stellten
sich die Männer als Kavaliere dar und vergaben Handküsse. Eine Interviewerin wurde - wenn
das Gespräch im Zimmer des Interviewpartners stattfinden sollte - sehr häufig aufgefordert,
sich auf das Bett zu setzen, obwohl auch ein Stuhl als Sitzgelegenheit vorhanden war. Darüber
hinaus wurden die InterviewerInnen einige Male auch belästigt. Am eindrücklichsten ist die
Erfahrung jener Interviewpartnerin in der Einrichtung für Menschen mit Körperbehinderung.
Dort wurde es bekanntlich so gehandhabt, daß Männer sich für ein qualitatives Gespräch zur
Verfügung stellen konnten. Also wurde die Interviewpartnerin von einem Mann zwecks eines
Gesprächs in sein Zimmer gerufen. Er wolle mit ihr über Aufklärung sprechen, teilte er ihr
mit. Als die Interviewpartnerin das mitgebrachte Anschauungsmaterial zur Aufklärung auf den
Tisch legte, unterbrach er sie, er wolle dies nicht von ihr hören, sondern in der Praxis
erfahren, und bedeutete ihr, daß er mit ihr schlafen möchte. In einem Fall wünschte der
Interviewpartner während des Interviews mehrmals, der Interviewerin seinen Kopf auf ihren
Bauch zu legen, und wollte nur dann weitere Fragen beantworten, wenn er dies dürfe. Die
ersten beiden Male ließ die Interviewerin dies zu, verweigerte ihm dann aber den Wunsch,
nachdem er fast jede zweite Frage mit seinem Bedürfnis koppelte. Schließlich konnte dieses
Interview - mit mehreren Unterbrechungen - doch zu Ende geführt werden. Ein anderer Mann
wollte zum Abschluß des Gesprächs, in dem er sich als Täter ausgewiesen hatte, der seine Tat
auch bereute, von der Interviewerin einen Kuß auf den Mund und spielte dann beleidigt, als er
seinen Wunsch nicht erfüllt bekam.
Auf dem Hintergrund, daß die überwiegende Mehrheit der Interviewpartner geistig behindert
war, stellte die Interviewsituation größte Anforderungen an die InterviewerInnen, weil es
notwendig war, übliche Kommunikationsformen den Möglichkeiten der jeweiligen Männer
anzupassen.

Methoden zur Kommunikation mit den Männern


Es gibt Menschen mit Behinderung, die nicht über verbale Kommunikation verfügen
aufgrund einer geistigen oder motorischen Behinderung. Bis zu unserer ersten Untersuchung
wurden weltweit nie Menschen zur sexuellen Gewalt befragt, denen verbale
Äußerungsmöglichkeiten fehlen. Wir sammelten dabei wichtige Erfahrungen, die wir in der
vorliegenden Untersuchung einsetzen konnten. In solchen Fällen klärten wir entweder mit
dem Mann selber oder mit dessen Betreuungsperson, welches Zeichen für ihn ´ja`, welches
´nein` bedeutet. Bei manchen war es eine Kopfbewegung, bei anderen eine Gesichtsmimik,
bei den einen eine Geste oder ein Laut. Bei allen von uns befragten Männern waren solche
Zeichen für die ´Ja/Nein-Kommunikation` auszumachen. Andererseits haben wir mit den
anatomischen Puppen gearbeitet, die sich von handelsüblichen Puppen insofern
unterscheiden, als sie nicht geschlechtsneutral sind, sondern alle äußeren
Geschlechtsmerkmale aufweisen. Jedes Interviewerinnenpaar war mit einem Vierer-Set dieser
Puppen ausgerüstet. Diese Puppen wurden den Männern als ´besondere Puppen` vorgestellt,
als ´Frau`, ´Mann`, ´Mädchen` und ´Knabe`, und bewußt nicht als ´Vater`, ´Mutter`, ´Tochter`,
´Sohn`, um den Familienkontext nicht von vornherein zu suggerieren. In einschlägigen
Kreisen gibt es eine breite Diskussion zur Sinnhaftigkeit vom Einsatz der Puppen als
diagnostisches Hilfsmittel. In seinem Ursprungsland USA wurde ein regelrechter
Glaubenskrieg darum ausgelöst. Für Greuel (1997, 370 f.) dürfte die augenscheinliche
Sexualisierung von kindlichem Spielmaterial ein Grund für die kritische Auseinandersetzung
mit diesen Puppen sein. Die Diskussion wird ihrer Meinung nach überlagert von der
Unfähigkeit, sich sachlich und neutral mit dem Phänomen der sexuellen Gewalt speziell an
Kindern auseinanderzusetzen. Wir haben bereits in der ersten Untersuchung gute Erfahrungen
mit den Puppen gehabt, deshalb war es für uns keine Frage, sie in der vorliegenden wieder
einzusetzen. Interessant war die Beobachtung, daß die Männer, die nicht über verbale
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 36

Kommunikation verfügten, im Vergleich zu den Frauen einen weniger spontanen Umgang mit
den Puppen hatten. Tendenziell fingen sie nicht von sich aus an, mit den Puppen zu spielen,
sie auszuziehen oder zu untersuchen, sondern mußten erst aufgefordert werden. Zum Teil
haben auch die InterviewerInnen die Puppen selber ausgezogen und den Männern gezeigt,
was man damit machen kann. Waren die Puppen nackt, hat der/die InterviewerIn dem Mann
erklärt, wie er/sie selber die Geschlechtsteile benennt. Anschließend ging der/die
InterviewerIn den inhaltlichen Teil des Fragebogens durch, indem sie dem Mann an den
Puppen zeigte, wo und wie man sich selber oder andere berühren kann, daß sich manche
dieser Berührungen angenehm anfühlen, andere nicht, je nach dem, wer einen berührt und ob
man das will oder nicht. Danach wurde der Mann gefragt, ob er solche unangenehmen
Berührungen kenne und wenn ja, ob er mit den Puppen zeigen könne, welche. Auf diese Art
konnten alle Fragen zur sexuellen Gewalt erklärt und gestellt und zum Teil von den Männern
auch beantwortet werden. Darüberhinaus war jedeR InterviewerIn mit Anschauungsmaterial
zur Aufklärung sowie einem Kondom und einer Karotte ausgerüstet. Diese Utensilien waren
insbesondere für den Einsatz bei den Fragen zur Aufklärung und auch bei den Fragen zur
sexuellen Gewalt gedacht.

Um möglichst vollständige biografische Daten zum befragten Mann zu erhalten (z.B. Alter,
Behinderung, Schulbildung, Beschwerden, Medikamente etc.) baten wir vor dem Interview
die/den entsprechendeN BetreuerIn den eigens entwickelten „BetreuerInnenfragebogen"3
auszufüllen. Nur lern- und körperbehinderten Männern stellten wir auch diese Fragen. Der
BetreuerInnenfragebogen enthielt mit wenigen Ausnahmen dieselben Fragen zu
Personendaten wie der Betroffenenfragebogen.

Die Befragung mittels Fragebogen dauerte unterschiedlich lang - von 15 Minuten bis 45
Minuten, in seltenen Fällen länger. Obwohl der Fragebogen wegen des Täteraspekts
insgesamt länger war als jener für die Frauen, waren die Gespräche mit den Männern in der
Regel kürzer. Dies dürfte mit ihrem ´anderen` geschlechtsspezifischen
Kommunikationsverhalten zu tun haben. Sie antworteten auf die Fragen meist sehr knapp, fast
einsilbig und ließen sich auch sonst nicht sehr zu ausführlichen Beschreibungen hinreißen.
Unter diesen Bedingungen war es auch nur in seltenen Fällen möglich, mit den Männern
qualitative Gespräche zu führen. Insgesamt führten wir drei qualitative Gespräche.

Zur Problematik der Interviews


Den Block zur sexuellen Ausbeutung hinsichtlich des Opferaspekts begannen wir mit
folgender Frage: „Fühlten Sie sich schon einmal durch bestimmte Handlungen in sexueller
Hinsicht belästigt?“ Wenn der Mann die Frage bejahte, baten wir ihn, uns die Art der erlebten
Gewalt zu erzählen. Wenn der Mann nicht über verbale Kommunikation verfügte, regten wir
ihn an, daß er uns die Gewalterfahrung anhand der Puppen zeigen solle. Ganz allgemein
zeigte sich, daß die Männer sehr viel weniger bereit waren, über persönliche und emotionale
Erlebnisse zu erzählen als die Frauen. Es war nicht selten der Fall, daß die Frauen gleich bei
der ersten Frage zur Sexualität im Zusammenhang mit der Aufklärung anfingen, uns ihre
Gewalterfahrungen zu schildern, unterbrochen oft nur vom Weinen. Dieses unterschiedliche
Herangehen lag sicher nicht an den geringeren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten der
Männer, da wir hinsichtlich der Behinderungsart fast dieselbe Population vor uns hatten.
Vielmehr sind Männer - behinderte Männer bilden da keine Ausnahme - entsprechend der
Geschlechtsrollenstereotype und sozialisationsbedingt weit weniger gewohnt und deshalb in
der Lage, über sich selbst zu reflektieren. Aufgefallen sind uns diese Hemmungen bei allen
Fragen, die im weitesten Sinn mit Sexualität zu tun hatten, wie Aufklärung, sexuelle

3 Siehe „Fragebogen für die BetreuerInnen” im Anhang


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 37

Belästigung und sexuelle Gewalt. Nicht selten hatten wir den Eindruck, daß sie sich schämten
und es sie peinlich berührte, in einer hilfsbedürftigen und schwachen Situation zu sein. Ein
etwa fünfzigjähriger Mann gab solange freundlich und geduldig Auskunft über sich selbst, bis
die erste Frage zur Aufklärung kam, die er nicht (mehr) verstand. Als ihm die Interviewerin
dann anhand der mitgebrachten Aufklärungsblätter die Fragen verständlich zu machen
versuchte, stand er wortlos auf und verließ den Raum. Wie bereits erwähnt, gingen wir jeweils
als Paar in die Einrichtung, um den Männern die Möglichkeit der Auswahl zu geben. Wir
stellten aber fest, daß die Tatsache, ob die Männer eine Frau oder einen Mann als
Interviewerin hatten, keinen Einfluß darauf ausübte, was sie uns bezüglich des Opferaspekts
bzw. Täterschaft erzählten.

Die Erfahrungen, die wir bereits bei den Gesprächen mit den Frauen gemacht haben,
bestätigten sich erneut. Nur sehr wenige Männer haben die Befragung abgebrochen und
keiner der Männer ist während des Interviews oder in der Folge zusammengebrochen. Diese
Befürchtungen insbesondere seitens der BetreuerInnen waren bereits im Zusammenhang mit
der Befragung an den Frauen ausgeräumt worden. Wir fühlten uns dadurch in unserer
Vorgehensweise, die darauf abstellte, daß die Teilnahme am Interview freiwillig erfolgen
sollte, bestätigt.

Im Gegensatz zur vorangegangenen Studie, wo wir rund einen Monat nach der Erhebung in
allen Einrichtungen eine Nachbereitung der Befragung machten und dabei die Hilfswünsche
an die speziellen AdressatInnen übermittelten, mußten wir diesmal aufgrund eines
verringerten finanziellen Rahmens auf eine Nachinformation in dieser ausführlichen Form
verzichten. Dennoch wollten wir die Einrichtungen nicht ohne Feedback belassen. Deshalb
spiegelten wir meist noch vor Ort im Anschluß an die Befragung Eindrücke über das Ausmaß
der Gewalterfahrung und der Täterschaft an die jeweilig verantwortlichen Personen zurück.
Zugleich übermittelten wir entweder noch während wir in der Einrichtung operierten oder
kurze Zeit darauf telefonisch die Hilfswünsche der betroffenen Männer an die jeweiligen
Professionellen. In einigen Fällen waren diese ziemlich überrascht zu hören, daß der von
ihnen betreute Mann Gewalterfahrung hatte und/oder ein Täter war und sich bei ihnen um
Hilfe bemühte. In diesen Fällen hatten die Männer ihre Gewalterfahrung uns Außenstehenden
als erste erzählt und nicht ihnen im Alltag nahestehenden Personen.
Auf Drängen mehrerer Mitarbeiterinnen wurde unmittelbar vor Abschluß der Erhebungen
zudem eine Nachbereitung der Ergebnisse in diesen Einrichtungen durchgeführt bzw.
vereinbart.

1.3 Auswertung der Ergebnisse


Von den insgesamt 136 Fragebogeninterviews gelangten 117 Fragebögen zur Auswertung.
Nach der inhaltsanalytischen Behandlung der offenen Fragen wurde eine deskriptive
Auswertung vorgenommen, wodurch eine genaue Beschreibung des gesamten Datensatzes
(absolute und relative Häufigkeiten, Mittelwerte, Standardabweichungen und Anzahl der
gültigen Antworten) realisiert wurde. Als weiterführende statistische Auswertung berechneten
wir Kreuztabellen. Diese Methode wurde deshalb gewählt, weil die meisten der im
Fragebogen enthaltenen Variablen (Fragen) ein qualitatives Meßniveau aufwiesen.
Kreuztabellen wurden nur mit jenen Variablen gerechnet, die aus inhaltlich-theoretischen
Gründen wichtig erschienen.

1.4 Selbstevaluation
Um das vielfältige Beobachtungsmaterial der/des jeweiligen Interviewers/in zu verarbeiten,
führten wir zur Gewinnung zusätzlichen qualitativen Materials im Zusammenhang mit und im
Anschluß an die Befragung verschiedene Evaluierungs- und Reflexionsformen ein. Erstens
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 38

hingen wir jedem Fragebogen ein Blatt über Kurznotizen zum Gesprächsverlauf an. Dabei
ging es in erster Linie um Einschätzungen der atmosphärischen und räumlichen
Rahmenbedingungen, des Gesprächsverlaufs sowie des Verhaltens des Mannes bei
Schilderungen von sexuellen Gewalterfahrungen oder von Täterschaft. Zusätzlich hatte jedeR
InterviewerIn einen Evaluationsbogen auszufüllen. Dabei ging es vor allem um die subjektive
Wahrnehmung des Interviews seitens des/der Interviewerin im allgemeinen, etwa die eigene
Befindlichkeit, die Wahrnehmung der Wünsche und der Rollen des Mannes und die eigenen
Reaktionen darauf sowie die Reaktionen bei Darstellungen von sexuellen Gewalterfahrungen
und Tätererlebnissen.

Diese Evaluationsbögen bildeten unter anderem eine wesentliche Grundlage des eintägigen
Reflexionsseminars, an dem alle sechs Interviewerinnen teilnahmen. Bei diesem Seminar ging
es einerseits um eine Supervision der eigenen Interviewtätigkeit. Darüberhinaus
rekonstruierten und besprachen wir gemeinsam die subjektiv eindrücklichsten Beispiele von
sexuellen Gewalterfahrungen sowie Tätererlebnissen. Zwecks einer detaillierteren Darstellung
der Fälle interviewten wir uns außerdem gegenseitig. Die gemeinsame Reflexion wie auch die
gegenseitigen Interviews wurden auf Band aufgenommen und transkribiert. Diese Ergebnisse
fließen in die Darstellung der quantitativen Ergebnisse ein.

1.5 Expertlnnengespräche
Für die vorliegende Studie führten wir insgesamt 16 Gespräche mit Professionellen aus den
Bereichen Leitungsebene sowie pädagogisches und Betreuungspersonal in den Institutionen
durch. Da wir in denselben Institutionen waren, in denen wir bereits im Zusammenhang mit
der ersten Studie ExpertInnengespräche zur Problemwahrnehmung von struktureller und
sexueller Gewalt gemacht haben, erhoben wir als erstes, welche Folgen die erste
Untersuchung für die betroffenen Frauen wie auch für die Institution selber gezeitigt hat.
Speziell wollten wir erfahren, inwieweit die damals konstatierte reichlich vorhandene
strukturelle Gewalt in Form von fehlender Intimsphäre, Mehrbettzimmern etc. verringert
werden konnte. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt dieser Gespräche lag in der
Wahrnehmung und dem Problembewußtsein bezüglich sexueller Gewalt sowie dem Umgang
der Einrichtung mit Fällen von sexueller Gewalt, sei es bezüglich der Überlebenden, sei es der
Täter. Wenn es solche Fälle gegeben hat, ließen wir uns diese ausführlich erzählen.
Alle ExpertInnengespräche wurden auf Band aufgenommen und transkribiert.

Darüber hinaus führten wir noch eine Reihe von Gesprächen mit ExpertInnen aus den
Bereichen Recht, Medizin, Kriminalsoziologie, Strafvollzug, Patientenanwaltschaft. Im
speziellen waren dies: Claudia Burgsmüller (Rechtsanwältin, Wiesbaden), Lucio Decurtins
(Sozialpädagoge, Mannebüro, Zürich), Dr. Theresia Degener (Juristin, Universität Frankfurt),
DDr. Nikolaus Dimmel (Rechtssoziologe, Universität Salzburg), Marlene Eggenberger
(Sozialarbeiterin, Stadt Zürcher Kontaktstelle Opferhilfe, Zürich), Dr. Günther Fisslthaler
(Patientenanwaltschaft Landesnervenklinik, Salzburg), Jürg Frauenfelder (Sozialdienste
Justizdirektion, Zürich), Dr. Med. Urs Glenck (Ottenbach), Dr. Wolfang Gratz (Leiter einer
Fortbildungsstelle für Vollzugspersonal, Wien), Vrenie Heer (Rechtsanwältin, Zürich), Dr.
Christiane Hofinger (Wohlfahrtsabteilung des Amtes der Salzburger Landesregierung,
Salzburg), Dr. Philipp Maier (Universität Zürich), Dr. Arno Pilgram (Kriminalsoziologisches
Institut, Wien), Dr. Adolf D. Ratzka (Institute an Independent Living, Stockholm), Dr.
Wolfgang Stangl (Kriminalsoziologisches Institut, Wien)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 39

D. Die Stichprobe
Laut einer von uns 1995 durchgeführten Telefonumfrage leben in Österreich 3.119 Menschen
mit Behinderung in Institutionen speziell für Menschen mit Behinderung, davon sind 1.543
Männer, d.h. ungefähr gleich viel Männer wie Frauen. Insgesamt befragten wir 136 Männer,
auswertbar waren 117 Interviews, das sind 7,6% der Grundgesamtheit. Die Erhebung wurde
in acht verschiedenen Einrichtungen4 in fünf Bundesländern durchgeführt. In zwei
Einrichtungen in Wien befragten wir 36, ebenfalls in zwei Einrichtungen in Oberösterreich
32, in Salzburg 22, in der Steiermark 15 und in zwei Einrichtungen in Tirol 12 Männer.5

Es handelt sich dabei um unterschiedlich große und unterschiedlich strukturierte


Trägerorganisationen. Drei Einrichtungen sind Heime mit Wohngruppen, die übrigen fünf
verfügen über Wohngemeinschaften und/oder geschützte Wohnplätze bzw. ambulant betreute
Wohnungen. Insbesondere die großen Häuser wurden in den letzten Jahren reformiert und
werden jetzt in Form von gemischtgeschlechtlichen Wohngruppen geführt, in denen die
BewohnerInnen hauptsächlich in Ein- und höchstens Zweibettzimmern leben. In einer
Einrichtung ist die Umwandlung noch im Gange, weshalb es dort noch einen hohen Anteil an
Mehrbettzimmern gibt. Auch die kleineren Einrichtungen sind dabei, sich in Richtung
Auslagerung und Verkleinerung von Gruppengrößen zu reformieren, sofern dies nicht bereits
geschehen ist. Tendenziell werden externe Wohngemeinschaften und ambulant betreute
Wohnplätze geschafffen, was mit deutlichen Standardverbesserungen für die Bewohnerinnen
verbunden ist. Einige Einrichtungen haben eine katholische Vergangenheit und wurden erst
vor wenigen Jahren laiziiert. Viele BewohnerInnen haben den repressiven katholischen und
unpersönlichen Umgang noch heute in leidvoller Erinnerung.

Wir befragten Männer zwischen 18 und 78 Jahren. Die Kerngruppe, etwa die Hälfte aller, ist
zwischen 25 und 34 Jahre alt.
Die überwiegende Mehrheit der befragten Männer bezeichnet sich selbst als geistig behindert
oder wird von den BetreuerInnen so bezeichnet. Die meisten Männer sind aufgrund pränataler
Beeinträchtigungen oder auch wegen eines Geburtstraumas von Geburt an behindert.
Von allen befragten Männern sind drei (3%) sterilisiert, wohingegen laut ´Frauenstudie` 27%
der Frauen zwangssterilisiert wurden, was generell mit einer prophylaktischen Maßnahme,
um mögliche Folgen von sexueller Ausbeutung zu verhindern, begründet wird.
Rund die Hälfte der Männer lebt in einer Wohngruppe im Heim, die übrigen verteilen sich auf
Wohngemeinschaften sowie ambulant betreute Wohnplätze.

Über 40% der Befragten kennen Institutionen von Kindheit an. Die meisten von ihnen leben
weniger als fünf Jahre in der untersuchten Einrichtung, aber rund ein Viertel hat bis zu einem
Vierteljahrhundert schon dort verbracht. Fast alle befragten Männer sind ledig. Nur einzelne
Befragte waren bzw. sind verheiratet, aber die Partnerin lebt nicht bei ihnen; wenige Männer
leben in einer Lebensgemeinschaft mit einer Frau. Nur einem einzigen Mann ist es möglich,
mit einem Mann zusammenleben.
Die schulische und berufliche Ausbildungssituation der befragten Männer ist sehr prekär. Die
überwiegende Mehrheit hat als höchste Schulbildung die Sonderschule gemacht. Eine
Berufsausbildung stellt eine Ausnahme dar. Einige wenige Männer, die ihre Behinderung erst
später erworben haben, haben einen Lehrberuf erlernt, beispielsweise Koch, oder eine Anlehre
gemacht.
Vier Fünftel der Männer arbeiten, aber nur wenige sind auf einem außer-institutionellen
Behindertenarbeitsplatz. In der Einrichtung sind etwa die Hälfte der arbeitenden Männer in

4 Zum Schutz der Einrichtungen bleiben diese anonym.


5 Siehe Tabellen im Anhang
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 40

Beschäftigungstherapie tätig, wobei diese in manchen Einrichtungen durchaus anspruchsvolle


Tätigkeiten umfaßt, z.B. Empfangsdienst, Korbproduktion, Reinigungsdienst,
Lederverarbeitung und Teppichweberei.

Zusammenfassende Anmerkungen
Im folgenden wollen wir auf ein paar markante Momente hinsichtlich der Charakteristika der
Befragten näher eingehen. Betroffen gemacht hat uns die Tatsache, daß die meisten
BewohnerInnen ledig sind und auch keine Lebensgemeinschaft leben (können). Ihre oft
problematischen Lebensläufe sowie ihre oft beengenden Lebens- und Wohnbedingungen,
machen es ihnen vielfach schwierig, eineN möglicheN PartnerIn kennenzulernen. Im
Zusammenhang mit den Fragen zur Sexualaufklärung sagte ein 38jähriger gehbehinderter
Mann mit großer Trauer in seiner Stimme, daß er in seinem Leben noch nie eine Freundin
gehabt habe. Tendenziell ist das Leben in solchen Institutionen mit einem Leben ohne
(Liebes-)Beziehung verbunden. Dies betrifft sowohl hetero- als auch homosexuelle
Beziehungen. Obwohl es in den Einrichtungen bezüglich der sexuellen Präferenz mittlerweile
ein Umdenken gibt - siehe hierzu auch das Kapitel E: institutionelle Rahmenbedingungen
sowie das Kapitel H: Problembewußtsein und - bearbeitungsansätze in den Einrichtungen -,
ist es für Männer im Vergleich zu Frauen nach wie vor schwieriger, homosexuelle
Beziehungen zu leben. Entsprechend der gesellschaftlichen Praxis wird Homosexualität bei
Männern stärker diskriminiert als bei Frauen.
Ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifisch unterschiedlich gesetzte Maßstäbe
hinsichtlich der gesellschaftlichen Bewertung von Menschen mit Behinderung stellt die
Handhabe der Sterilisation dar. Die Tatsache, daß Sterilisation bei Frauen als beinahe
´normale Praxis` gilt, bei Männern aber eine Ausnahme darstellt, stellt den ´Schutzgedanken`
bei Frauen erneut in Frage und entblößt sie als eine weitere frauenverachtende Maßnahme. Zu
fragen ist auch, was es für einen Menschen bedeutet, lebenslänglich in einer Einrichtung zu
leben. Eindrücklich ist hier die Geschichte eines jungen Mannes, der seit frühester Kindheit in
derselben Wohneinheit lebt. Mit nachhaltigem Schmerz erzählt er im Interview, daß ihn seine
Mutter wegen seiner Behinderung nach der Geburt im Krankenhaus gelassen und sich nie
mehr uni ihn gekümmert hat. Er ist im Krankenhaus aufgewachsen und kam dann etwa mit
drei oder vier Jahren in die Einrichtung. So wie ihm geht es vielen: Wenn man „in den
Mühlen einer Einrichtung ist”, wie dies ein Betreuer treffend ausgedrückt hat, ist das oft eine
lebenslängliche Option. Mobilität zwischen verschiedenen Einrichtungen - mit Ausnahme
alters- und schulspezifischer Einrichtungen - ist praktisch kaum vorhanden. Und auch die
Chancen, später einmal selbstbestimmt leben zu können, sind wegen der fehlenden Vorsorge
staatlich finanzierter Assistenz, sehr gering.

Grundsätzlich zu problematisieren ist der erschreckend hohe Anteil an unausgebildeten


Personen. Dieser ist nicht mit dem Schweregrad an Behinderung zu begründen, sondern läßt
auf massive Diskriminierung durch Verweigerung an Förderung im österreichischen
Schulsystem schließen. Bei einem Vergleich der schulischen und beruflichen
Ausbildungssituation zwischen Männern und Frauen mit Behinderung (Zemp/Pircher 1996)
scheinen keine besonderen geschlechtsspezifischen Unterschiede auf. Dies steht im krassen
Gegensatz zur Situation bei Menschen ohne Behinderung, wo die geschlechtsspezifische
Segregation in der Ausbildung wie auch im Beruf ein prägendes Merkmal für die
Benachteiligung von Frauen ist. Eine Erklärung dafür könnte im tendenziell
geschlechtsneutralen Zugang zu Menschen mit Behinderung gesehen werden sowie im
niedrigen Ausbildungsstand, wie er bei Menschen ohne Behinderung nicht der Fall ist.
Obwohl die meisten Bewohner arbeiten - in der Beschäftigungstherapie wie auch in der
geschützten Werkstätte -, verdienen sie vielfach nur ein Taschengeld. Eine Ausnahme bilden
lediglich jene Männer, die einen Behindertenarbeitsplatz außerhalb der Einrichtung gefunden
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 41

haben. Es stellt sich die Frage, ob dies nicht eine Diskriminierung ist. In manchen
Einrichtungen ist die Beschäftigungstherapie eine Verschleierung von Arbeitsverhältnissen,
bei der die Einrichtung notwendige intern zu verrichtende Dienstleistungen wie auch Aufträge
von außen von den billigen eigenen Arbeitskräften ausführen läßt.

Eine andere Überlegung über den gesellschaftlichen Wert von Leistung und Arbeit, an dem
Menschen in unserer Gesellschaft gemessen werden, sei noch angefügt. Angesichts der
Tatsache, daß die Bewohner von Einrichtungen nur in Ausnahmefällen ihren Lebensunterhalt
selbst verdienen können, obwohl sie vielfach dazu in der Lage wären, ist zu fragen, was es für
den Selbstwert eines Mannes bedeutet, wenn er sich nicht - wie dies für die meisten
nichtbehinderten Geschlechtsgenossen der Fall ist - über die Anerkennung durch
(Erwerbs)Arbeit definieren kann?

E. Institutionelle Rahmenbedingungen und Grundzüge struktureller


Gewalt
In den Einrichtungen der Behindertenhilfe wohnen überwiegend Personen, die aufgrund ihrer
Behinderung in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Für weite Bereiche ihres
alltäglichen Lebens benötigen sie Hilfe. Sie stehen damit in der Machthierarchie
ausgesprochen weit unten; sie sind nicht nur abhängig von Hilfe, sondern in diesem Kontext
auch angreif-, erpreß- oder ausbeutbar. Das betrifft sowohl Kinder und Jugendliche als auch
Frauen und Männer mit Behinderung. Wie schon in der ´Frauenstudie` haben wir nach dem
Zusammenhang zwischen Hilfebedarf und der Möglichkeit gefragt, sich den/die HelferIn
auszuwählen.

1. Bedarf an Hilfe
Die überwiegende Mehrzahl der befragten Männer (93%) benötigt Hilfe für diverse
Alltagsverrichtungen. 34% sind aufgrund ihrer Behinderung weitgehend von Hilfe abhängig
und 59% teilweise bzw. für ausgewählte Tätigkeiten. Nur 6% haben keinen
behinderungsbedingten Unterstützungsbedarf. Zum Vergleich: In der Stichprobe der
untersuchten Frauen (Zemp/Pircher 1996) waren knapp drei Viertel (71,5%) im Alltag auf
irgendeine Hilfe angewiesen. Bei den von uns befragten Männern ist dieser Anteil deutlich
höher.

Zumal in beiden Untersuchungen Männer und Frauen der gleichen Stichprobe untersucht
wurden, die sich hinsichtlich der Art und des Ausmaßes ihrer Behinderung nicht wesentlich
unterscheiden, liegt die Vermutung nahe, daß der höhere Hilfebedarf der Männer auf
geschlechtsspezifische Unterschiede in ihrer Sozialisation zurückzuführen sein dürfte. Analog
zu den allgemein verbreiteten Rollenbildern von Mann und Frau in unserer Gesellschaft
werden an Frauen höhere Anforderungen in den Bereichen Haushaltsführung und
Reproduktionsleistungen gestellt, während Männer sich in diesen Bereichen eher `bedienen'
lassen.

Der Hilfebedarf der Männer betrifft einerseits den unmittelbar persönlichen Bereich wie
Hygiene, Nahrungsaufnahme und die Benützung der Toilette etc. sowie andererseits soziale
Themen wie die Fortbewegung innerhalb und außerhalb von Haus oder Gemeinde, den
Besuch von Veranstaltungen, Arzt/Ärztin oder Therapeutin sowie die Regelung von
finanziellen Angelegenheiten etc.

Hilfebedarf gegeben Hilfebedarf gegeben


Absolut % von N=117
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 42

Essen 32 27,3
Waschen/Duschen/Baden 31 26,5
Zähneputzen 12 10,3
Toilette 12 10,3
An-/Ausziehen 11 9,4
Arzt-/Therapiebesuch 71 60,7
Veranstaltungsbesuch 68 58,1
Fortbewegung außerhalb der 61 52,1
Gemeinde
Einkaufen 58 49,6
Fortbewegung außerhalb des 43 36,8
Hauses
Fortbewegung im Haus 8 6,8
sonstige 15 12,8
Tab. 1: Welche Form von Hilfe brauchen die Männer?

Zusammengefaßt ist also festzustellen, daß rund jeder Vierte Hilfe bei der Körperpflege sowie
beim Essen und jeder Zehnte Hilfe bei der Benützung der Toilette sowie beim An- oder
Ausziehen benötigen. Besonders hoch ist der Anteil der Männer mit Behinderung, die für
allgemeine und besondere soziale Anliegen einer Unterstützung, z.B. in Form von
Mobilitätshilfen und Begleitung, bedürfen: 37% brauchen Hilfe bei der Fortbewegung
außerhalb des Hauses und jeder Zweite bei der Fortbewegung außerhalb der Gemeinde; 58%
müssen beim Besuch einer Veranstaltung begleitet werden. Ein großer Anteil der Männer ist
damit bezüglich ihrer sozialen Beziehungen und der sozialen Teilhabe auf systematische
Hilfestellung angewiesen.

2. Vorsorgen zur Auswahl der Hilfeperson


In vielen Einrichtungen sind Vorsorgen dafür getroffen, daß die Männer mit Behinderung
wählen können, von wem sie die Hilfeleistung in Anspruch nehmen. Das trifft auf 77% der
befragten Männer zu. Damit ist in relativ hohem Ausmaß eine der Grundvoraussetzungen für
die beziehungsorientierte Betreuung der Männer mit Behinderung gegeben. Das kommt auch
darin zum Ausdruck, daß 73% der befragten Männer auswählen können, ob sie Hilfe von
einem Mann oder einer Frau wollen.

Für knapp jeden Fünften aber (18%) ist diese Möglichkeit nicht gegeben. Dies wird von den
BetreuerInnen auf die je aktuell gegebene Diensteinteilung sowie auf eingeschränkte
Personalressourcen zurückgeführt.

Hilfebedarf Wahlmöglichkeit gegeben Wahlmöglichkeit gegeben


Absolut % von N=117
Toilette 13 11,1
Waschen/Baden 15 12,8
Routine in der Stadt / Reise 26 22,2
Ärztln-/Therapiebesuch 26 22,2
Einkaufen 24 20,5
Besuch von Veranstaltungen 20 17,1
Finanzen 20 17,1
Fortbewegung außerhalb des Haus 18 15,4
Lesen/Schreiben 15 12,8
Kochen/Haushalt 15 12,8
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 43

sonstiges 20 17,1
Tab. 2: Wahl deR HelferIn nach Hilfebereich (Mehrfachnennungen)

Die Wahl deR HelferIn wird vor allem im Hilfebereich ´Mobilität`, beispielsweise
Routinegänge in der Stadt und Besuch von externen Diensten und Veranstaltungen,
ermöglicht. In diesem Hilfebereich ist auch ein hoher Bedarf gegeben, der zu etwa einem
Viertel gemäß einer individuellen Wahl deR HelferIn gedeckt werden kann.

Etwa 10% der befragten Männer können auswählen, von wem sie Hilfe im Intimbereich
(Toilette, Waschen und Baden) erhalten möchten. Der Anteil der Männer, denen in diesen
Hilfebereichen die Wahl eineR HelferIn möglich ist, deckt sich in etwa mit dem Hilfebedarf
in diesem Bereich. Bedarf und Möglichkeit einer Wahl stehen hier in einem relativ
ausgewogenen Verhältnis.

Die Hilfebereiche Intimes/Persönliches einerseits und Soziales/Kommunikatives werden, so


kann man dieses Ergebnis interpretieren, in den Einrichtungen unterschiedlich behandelt.
Dem Bereich der persönlichen Hilfen im Intimbereich wird von den Einrichtungen in der
Form Augenmerk gewidmet, daß entsprechende Vorsorgen zur bedürfnisorientierten und die
Persönlichkeit respektierenden Hilfestellung getroffen werden. Im Vergleich mit der Situation
vor zwei Jahren (Zemp/Pircher 1996) zeigt sich, daß die Männer bezüglich ihrer
Wahlmöglichkeiten deutlich bessergestellt sind als ihre MitbewohnerInnen. Das kann zum
einen auf die inzwischen (unter anderem als Reaktion auf die erste Erhebung und ihre
Ergebnisse) von den Einrichtungen vorgenommenen Standardverbesserungen zurückgeführt
werden (z.B. Binnengliederung der Heime in kleinere Wohngruppen, Entwicklung von
koedukativ geführten Wohngruppen, Personalaufstockung). Zum anderen könnte dies aber
auch als Indiz für eine geschlechtsspezifische Benachteiligung von Frauen mit Behinderung
interpretiert werden.

Für den Sozial- und Kommunikativbereich ist diese Bedarfsorientierung nur in bedeutend
geringerem Ausmaß gegeben. In den Einrichtungen besteht in diesem Sinne offensichtlich
eher Sensibilität für die intimeren Hilfebereiche; Fragen der Persönlichkeitsentwicklung, des
sozialen Lernens sowie der sozialen Teilhabe werden demgegenüber nachrangig behandelt.
Das erscheint vor allem hinsichtlich der institutionellen Vorsorgen für Sexual- und
Persönlichkeitserziehung relevant. Gerade in diesem Aufgabenbereich sind
Gestaltungsmöglichkeiten im Sinne von persönlich gewählten und akzeptierten
Bezugspersonen wichtig. Durch die knappen personellen Möglichkeiten, auf Wünsche und
Bedürfnisse der BewohnerInnen einzugehen und eine Wahl, mit wem man was im Sozial- und
Kommunikativbereich erleben und gestalten möchte, zu ermöglichen, ist auch die wichtige
Beziehungsorientierung in der sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung nur in
Ansätzen zu realisieren. Soziale Teilhabe ist so nur unter Einschränkung von tragenden
Momenten der Persönlichkeitsentwicklung, des sozialen Lernens etc. möglich. Dies erscheint
vor allem für Jugendliche in der Pubertät sowie für die Entwicklungsaufgaben der
Herausbildung und Entfaltung von Geschlechtsbewußtsein sowie des Bewußtseins des
eigenen sozialen Geschlechts als zentrales Manko.

3. Wohnstandards
Die besuchten Einrichtungen sind sehr unterschiedlich ausgestattet und bieten den dort
lebenden Menschen mit Behinderung deutlich verschiedene Wohn- und Betreuungsstandards.
Diese Standards sind allem voran bezüglich Rückzugsmöglichkeiten, Intim- und Privatsphäre
entscheidend und geben damit einen ersten Einblick in die strukturellen Rahmenbedingungen,
in denen Gewalt entweder verhindert werden kann oder aber begünstigt wird.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 44

Zwei Drittel der befragten Männer (66%) wohnen in einem Einzelzimmer; jeder fünfte Mann
in einem Mehrbettzimmer. Nur jedem siebten Mann (14,5%) steht eine eigene Wohnung zur
Verfügung, in der er entweder alleine oder mit Partnerin lebt. Der hohe Anteil an
Mehrbettzimmer-Wohnplätzen in der steirischen Einrichtung ist darauf zurückzuführen, daß
die entsprechenden Umbau- und Standardverbesserungspläne zwar in Vorbereitung sind, aus
verschiedensten Gründen (Finanzen, Ersatzwohnraum während der Zeit des Umbaus etc.) bis
zum Zeitpunkt unserer Untersuchung aber noch nicht realisiert werden konnten.

Eigene Einzelz Mehrbettz Gesamt


Wohnung*) immer immer
Absolut % Absolut in % Absolut in %
Tirol1 2 28,6 5 71,4 0 0,0 7
Tirol 2 0 0,0 2 40,0 3 60,0 5
Salzburg 2 9,1 16 72,7 4 18,2 22
Oberösterreich 1 0 0,0 17 100,0 0 0,0 17
Oberösterreich 2 4 26,7 11 73,3 0 0,0 15
Steiermark 0 0,0 1 6,7 14 93,3 15
Wien 1 9 36,0 16 64,0 0 0,0 25
Wien 2 0 0,0 9 81,8 2 18,2 11
Gesamt 17 14,5 77 65,8 23 19,7 117
Tab. 3: Vergleichender Überblick über die Wohnstandards. *) Darunter fallen geschützte Wohnplätze
sowie Wohnungen im Kontext von Heim oder Einrichtung.

Beim überwiegenden Teil der Befragten sind zusätzliche Faktoren gegeben, um den
Bewohnern Möglichkeiten für die eigenständige Gestaltung des unmittelbaren Privatbereiches
zu gewähren. Zum Großteil können sie ihr Zimmer bzw. ihre Wohnung abschließen (86%)
und selbst festsetzen, wann sie ins Bett gehen (80%). Eine eigene Toilette haben immerhin
noch 28% der befragten Männer, ein eigenes Badezimmer 23%.

Es ist damit festzustellen, daß es den befragten Männern im Rahmen der unterschiedlichen
Einrichtungsstandards zu einem großen Teil nur eingeschränkt möglich ist, eigenständig ihren
Alltag zu gestalten. Das betrifft insbesondere natürlich jene Männer, die über kein eigenes
Zimmer verfügen können. Jeder fünfte Mann (20%) wohnt in einem Mehrbettzimmer und ist
mit den entsprechenden Einschränkungen bezüglich Privat- und Intimsphäre konfrontiert.
Diese Wohnform findet sich in insgesamt vier aus acht Einrichtungen; überdurchschnittlich
häufig in zwei Einrichtungen, in denen die Mehrzahl der Männer ihren unmittelbaren Wohn-
und Lebensbereich mit anderen Männern teilen müssen. Das ist überwiegend bei Männern der
Fall, die in Wohngruppen im Heim leben, und zwar bei rund einem Drittel dieser Männer
(30%).
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 45

Diagramm 1: Verteilung der Befragten nach Wohnform (Anzahl der Nennungen = 117 / Unter
ambulanten betreuten Wohnplätze subsumieren wir geschützte Wohnplätze (vorwiegend in Wien)
sowie ambulant betreute Kleinwohngemeinschaften (Tirol))

Jeder Zweite der Befragten wohnt in einer Wohngruppe im Heim, jeder Dritte in einer
betreuten Wohngemeinschaft und jeder Siebte auf einem ambulant betreuten Wohnplatz. Die
am häufigsten angetroffene Wohnform stellen Wohngruppen innerhalb eines Heimes für
Menschen mit Behinderungen dar, die mit Ausnahme der steirischen Einrichtungen
weitgehend gemischtgeschlechtlich geführt werden.

Bei den Wohngruppen im Heim handelt es sich um eine in der Geschichte der
Behindertenhilfe in Österreich noch relativ junge Form der nachträglichen
Binnendifferenzierung bereits bestehender Großeinrichtungen. Diese Binnendifferenzierung
von Einrichtungen, in der Regel begleitet von Auslagerung oder anderweitiger Reduktion der
Gesamtzahl der BewohnerInnen, wird von den Verantwortlichen mit dem Ziel begründet, die
Zusammenlegung verschiedener Personen auch unterschiedlichen Geschlechts in Gruppen mit
überschaubarer Größe zu ermöglichen. Dabei ist allerdings anzumerken, daß die Entwicklung
in Österreich hinter jener vor allem in den nordischen Ländern weit zurückhinkt. So hat man
sich in Schweden bereits vor 17 Jahren gegen die Heimunterbringung von Menschen mit
Behinderung zugunsten kleinerer Einrichtungen bzw. überhaupt der ambulanten Betreuung in
eigenständigen Wohn- und Lebensformen entschieden.

3.1 Gestaltungsmöglichkeiten
Das Leben im Heim ist als zwangsgemeinschaftliches Wohnen in Institutionen mit vielfachen
Einschränkungen für die BewohnerInnen verbunden. Das ist zum einen eine Folge der Größe
von Einrichtungen und zum anderen abhängig vom Ausmaß der Ausgrenzung aus dem
gesellschaftlichen Ganzen. Darüberhinaus weisen diese Einrichtungen durchaus auch
selbstgemachte Beschränkungen auf, die sich aus den verfügbaren personellen und
finanziellen Ressourcen oder auch aus der jeweiligen Heimordnung ergeben. Dies betrifft zum
einen die Frage, ob und inwieweit es den BewohnerInnen möglich ist, ihr Zimmer
beziehungsweise ihren Wohnbereich abzuschließen.

Der Großteil der befragten Männer hat die Möglichkeit, das eigene Zimmer abzuschließen
(86%). Diese Rückzugsmöglichkeit wird allerdings durch die Tatsache eingeschränkt, daß
sich die BetreuerInnen mittels Generalschlüssel über den Wunsch der BewohnerInnen nach
Abgeschiedenheit und Ungestörtsein hinwegsetzen können. Nach Auskunft der BetreuerInnen
stellt dies eine Krisenfalloption dar und dient dem Schutz der BewohnerInnen; in erster Linie
als Vorsorge für den Fall akuter körperlicher Beschwerden, zum Beispiel bei Anfällen.
Daneben kommt der Generalschlüssel natürlich auch im Falle von Gewaltanwendung, zum
Beispiel bei sexueller Gewalt, zum Einsatz.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 46

„Die laden sich ein, zu sich aufs Zimmer zu kommen - also aufs Zimmer des Opfers. Da ist
Spaß, da ist irgendeine Form von Unterhaltung, und das entwickelt sich dann anders. Ich als
Betreuer komme erst auf die Bildfläche, wenn man den Lärm hört: Da ist was los! Dann
schreitet man ein, indem man anklopft, man versucht das irgendwie zu bremsen. Ich glaube,
das müssen wir tun, wenn wir einen Hilferuf hören. Wenn nicht aufgemacht wird, dann
machen wir die Türe auf. Das ist ziemlich hart dann.” (Betreuer)

Rund 15% der Befragten haben keine Möglichkeit, ihr Zimmer abzuschließen. Das gilt
insbesondere für 80% der Bewohner der steirischen Einrichtung, die überwiegend in
Mehrbettzimmern wohnen müssen, sowie für 60% der Befragten in der Einrichtung Tirol 2.
Im Vergleich zur Stichprobe der `Frauenstudie' zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische
Benachteiligungen: Frauen haben im Verhältnis zu den befragten Männern seltener die
Möglichkeit, ihr Zimmer abzuschließen (27%).

Zum anderen geht es darum, inwieweit die Männer Zeitregelungen, beispielsweise wann sie
ins Bett gehen, selbst bestimmen können. Drei Viertel der befragten Männer (77%) können
selbst über ihre Ruhezeiten entscheiden. In drei der untersuchten Einrichtungen ist es den
Bewohnern weitgehend freigestellt, nach eigenem Ermessen zu Bett zu gehen. In den anderen
Einrichtungen ist dieses Recht einem großen Teil der Bewohner nicht zugestanden. Vor allem
gilt diese Einschränkung für die Einrichtung in der Steiermark, in der nahezu die Hälfte der
Bewohner, unter anderem aufgrund des überwiegend zutreffenden Mehrbettzimmerstandards,
an vorgegebene Ruhezeiten gebunden ist. Vorgaben bezüglich Bettgehen finden sich vor allem
in Wohngruppen im Heim (32%), während Bewohner von betreuten Wohngemeinschaften nur
zu 17% daran gebunden sind. Bewohner von ambulant betreuten Wohnplätzen sind
entsprechend einem auf hohe Selbständigkeit beruhenden ambulanten Betreuungskonzept zur
Gänze von dieser Fremdbestimmung ausgenommen.

Im Vergleich zur ´Frauenstudie` fällt auch hier auf, daß die befragten Männer deutlich
weniger von fremdbestimmten Zeitregelungen betroffen sind als Frauen. Diese
geschlechtsspezifische Benachteiligung erscheint gerade in Hinblick auf die bei Frauen
deutlich geringere Abhängigkeit von Hilfe ausgesprochen unverständlich.

Als Gründe für vorgeschriebene Ruhezeiten wird von den BetreuerInnen vor allem auf die per
Hausordnung festgelegte Nachtruhe verwiesen (17 Nennungen). Unter anderem wird auch
darauf hingewiesen, daß die Männer früh aufstehen müssen (drei Nennungen). Bei weiteren
drei Männern befürchten die BetreuerInnen, daß diese ohne entsprechende Regelung zu spät
ins Bett gingen, ohne aber in ihren Angaben zu konkretisieren, für wen dies zu spät wäre.

Ein weiterer Untersuchungsaspekt betrifft die Gestaltungsmöglichkeit im Bereich der


Körperpflege. Die unterschiedlichen Standards in den Einrichtungen schlagen sich auch in der
grundsätzlichen Ausstattung der jeweiligen Wohneinheiten nieder. Nur wenige Bewohner
leben in abgeschlossenen Wohneinheiten, die auch über eigenständige Sanitärräume wie
Badezimmer oder WC verfügen. Jeder vierte Bewohner (23%) kann über ein eigenes
Badezimmer verfügen, während die überwiegende Mehrzahl der Interviewten (77%) sich den
Ort für die tägliche Körperpflege mit anderen MitbewohnerInnen teilen muß. Etwas besser
sieht es lediglich für die Bewohner von ambulant betreuten Wohnplätzen aus, von denen
immerhin zwei Fünftel (43%) über ein eigenes Badezimmer verfügen, während dies nur bei
jedem Sechsten (16%) in einer Wohngruppe im Heim der Fall ist.

Die gemeinschaftliche Nutzung der Sanitärräume schließt individuelle


Gestaltungsmöglichkeiten dieser Räume tendenziell aus. Darüberhinaus ist es den Bewohnern
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 47

vielfach nicht möglich, bei der Verrichtung ihrer intimen örperpflege wenigstens vor
Störungen durch die Anwesenheit oder gleichzeitige Nutzung durch andere BewohnerInnen
sicher zu sein. Es wird damit der Schutz des Privat- und Intimbereiches beschnitten.
Bewohner in betreuten Wohngemeinschaften (21%) sowie von ambulant betreuten
Wohnplätzen (33%) sind diesbezüglich deutlich besser gestellt als die Bewohner einer
Wohngruppe im Heim, bei denen in 79% der Fälle die gleichzeitige Nutzung des
Badezimmers möglich ist.

Die Intimität der Körperpflege, eine Voraussetzung für die eigenständige Entdeckung des
eigenen Körpers sowie die Entwicklung von Körperbewußtsein und sexueller Identität, ist
somit für die Hälfte aller befragten Männer mit Behinderung, vor allem aber für die
überwiegende Mehrzahl der Bewohner von Wohngruppen im Heim nicht gewährleistet.
Stattdessen kommt hier eine strukturelle Vermischung von privaten und öffentlichen
Bereichen zum Ausdruck, wodurch es den BewohnerInnen zumindest deutlich erschwert
wird, Respekt vor persönlicher Integrität zu erfahren bzw. darüberhinaus zu erlernen, dies
anderen gegenüber zu respektieren. Mangelnde Standards werden unter den Bedingungen
zwangsgemeinschaftlicher Unterbringung tendenziell zur institutionell bedingten und damit
strukturellen Verletzung von persönlicher Integrität.

Dem Großteil der befragten Männer steht keine abgetrennte, eigene Toilette zur Verfügung
(72%). Die besten Ausstattungsstandards finden sich im Bereich der ambulant betreuten
Wohnplätze, deren Bewohner zu 53% eine eigene Toilette haben, während dies nur bei jedem
Vierten (23%) aus Wohngruppen im Heim sowie jedem Fünften (19%) aus betreuten
Wohngemeinschaften der Fall ist. Auch in diesem sehr intimen Bereich ist also festzustellen,
daß mangelnde Standards der Einrichtungen sich in Form weitgehender Einschränkungen der
Selbstbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von BewohnerInnen auswirken. Dazu
kommt, daß es auch bezüglich der Toiletten, mit Ausnahme im Bereich der ambulant
betreuten Wohnplätze, nicht ausgeschlossen ist, daß andere Personen diese während der
Benützung betreten können. Das gilt überproportional für die Bewohner von Wohngruppen im
Heim (33%) sowie für jeden achten Bewohner einer betreuten Wohngemeinschaft (12%) und
ist nur im Bereich der ambulant betreuten Wohnplätze gänzlich ausgeschlossen. Für viele
Männer gilt damit nicht einmal dieser minimale Schutz ihrer Intimsphäre.

3.2 Zufriedenheit mit der Wohnform


Auf die Frage, ob sie so wohnen wollen, wie sie derzeit leben, antwortet die Mehrzahl der
Befragten mit „Ja”. Zwei Drittel der Befragten (67,5%) sind damit grundsätzlich mit ihren
Wohnverhältnissen zufrieden.

Wollen Sie so wohnen? Absolut Prozent


ja 79 67,5
nein 9 7,7
keine Antwort 29 24,8
Gesamt 171 100,0
Tab. 4: Wollen die Männer so wohnen?

Die darin zum Ausdruck kommende hohe Zufriedenheit mit der Wohnform wird allerdings bei
näherem Nachfragen etwas eingeschränkt. So sind insgesamt 30% mit ihren aktuellen
Wohnverhältnissen sehr zufrieden, 47% antworten auf diese Frage mit „gut”. Jeder Sechste
aber erweist sich als mäßig bis wenig zufrieden mit der aktuellen Wohnsituation (16%). Im
Vergleich zur Befindlichkeit der Frauen (Zemp/Pircher 1996) erweisen sich die Männer (77%
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 48

sind sehr bis gut zufrieden) als deutlich zufriedener als ihre Mitbewohnerinnen (66% waren
1995 sehr bis gut zufrieden).

Am ehesten zufrieden sind die Bewohner von ambulant betreuten Wohnplätzen (37% sehr gut
und 63% gut). Demgegenüber schneiden betreute Wohngemeinschaften am schlechtesten ab.
Jeder vierte Bewohner vergibt dieser Wohnform eine schlechte Benotung (mäßig zufrieden
und unzufrieden: 25%). Als ähnlich unzufrieden erweisen sich auch die Bewohner von
Wohngruppen im Heim, von denen sich zusammen 16% als unzufrieden mit ihren
Wohnverhältnissen erweisen.

In der relativ großen Zustimmung durch die Bewohner von Wohngruppen, die gerade in
Anbetracht der deutlich eingeschränkten Wohnstandards auffällig ist, dürfte zum Ausdruck
kommen, daß viele Bewohner in Wohngruppen bereits sehr lange in institutioneller Betreuung
stehen. Es ist anzunehmen, daß zum einen ein gewisser Gewöhnungseffekt eine große Rolle
spielt, zumal diese Männer ja kaum etwas anderes kennen, als das Leben in einer Institution.
Zum anderen können sich viele - wie auch in unserer Befragung mehrfach verbalisiert - sehr
wohl daran erinnern, daß die neue Wohnform der Wohngruppe eine entscheidende
Verbesserung ihrer Lebenssituation gegenüber den früher erlebten institutionellen Wohn- und
Lebensformen darstellt. Das überwiegend positive Bild ihrer Wohnzufriedenheit hindert sie
aber nicht daran, sich Änderungen und spezifische Verbesserungen ihrer Wohnsituation zu
wünschen. Dagegen könnte bei den Bewohnern von betreuten Wohngemeinschaften das
relativ hohe Ausmaß an Unzufriedenheit damit interpretiert werden, daß sie sich
vergleichsweise kurz in der Einrichtung befinden und diese Wohnform im Vergleich zu ihrem
früheren Leben in der Familie tendenziell als Verschlechterung bewerten. Auch sie beteiligen
sich zu hohen Anteilen an der Äußerung von Änderungswünschen.

Die Zufriedenheit mit der Wohnform ist abhängig von den Standards in den einzelnen
Einrichtungen, die damit von ihren Bewohnern ausgesprochen unterschiedliche
Zufriedenheitswerte erhalten. So ist in der steirischen Einrichtung mit dem höchsten Anteil an
Mehrbettzimmerstandard auch die Zufriedenheit am niedrigsten: Knapp jeder Zweite (47%)
äußert sich mäßig bis nicht zufrieden. In den Einrichtungen mit überwiegend Einbettzimmern
bzw. ambulant betreuten Wohnplätzen fallen dagegen sehr hohe Zufriedenheitswerte an
(Tabelle im Anhang).

Insgesamt äußert jeder Dritte (33,3%) der befragten Männer konkrete Änderungswünsche und
partielle Kritik. Wünsche melden vor allem die Bewohner von Wohngruppen im Heim bzw.
von betreuten Wohngemeinschaften an. Die hohe Zufriedenheit der Bewohner von ambulant
betreuten Wohnplätzen schlägt sich auch in einer vergleichsweise niedrigen Anmeldung von
Änderungswünschen nieder. Nur jeder Fünfte wünscht eine Änderung, während dieser Anteil
in Wohngruppen im Heim sowie in betreuten Wohngemeinschaften doppelt so hoch ist (41%).
Die genannten Änderungswünsche beziehen sich vor allem auf eine abgeschlossene
Wohneinheit.

Was sollte anders sein? Absolut Prozent


Wohnung allein 6 14,6
möchte weg 5 12,2
Einzelzimmer 5 12,2
mit bestimmten Personen in WG leben 5 12,2
mehr Zuwendung, Kontakt und sex. Beziehung 5 12,2
weniger Störungen durch Mitbewohnerinnen 3 7,3
wünsche sensibleren Umgang durch das Personal 1 2,4
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 49

sonstiges/weiß nicht 11 26,8


Gesamtzahl der Nennungen 41 100,0
Tab. 5: Was möchten die Männer anders haben? (Mehrfachnennungen)

Die Änderungswünsche verteilen sich je nach Einrichtung und den entsprechenden Standards
unterschiedlich häufig. Die meisten Nennungen erfolgen in den Einrichtungen in der
Steiermark sowie Salzburg und Wien 1. Im Fall der steirischen Einrichtung hat mehr als die
Hälfte der befragten Männer Änderungswünsche. Dabei werden in den Interviews vielfach
auch Fragen der allgemeinen Integration im sozialen Umfeld und die allgemeinen
Lebensbedingungen angesprochen. So wird unter anderem die räumliche Situierung der
Einrichtungen in den ländlichen Gegenden kritisiert und bessere Rahmenbedingungen für
soziale Teilhabe gewünscht. Andere kritische Anmerkungen betreffen auch die fehlende
Integration der Einrichtungen im sozialen Umfeld:

„Hier leben ja nur Menschen mit Behinderungen, sodaß wir mit Nicht-Behinderten kaum
einmal zusammenkommen. Das beschränkt sich dann meist auf die, die als Betreuerinnen hier
arbeiten.” (Bewohner)

Vielfach mischt sich in diese kritischen Anmerkungen auch Resignation über eingeschränkte
Lebensperspektiven bzw. die Sorge vor Einsamkeit und unzureichender Hilfestellung bei
einem Leben außerhalb der Einrichtung. Diese resignative Grundstimmung führt bei manchen
der Interviewten dazu,daß sie ganz bewußt darauf verzichten, konkrete Änderungswünsche zu
artikulieren. Die Wünsche nach einer Verbesserung der sozialen Teilhabe bzw. entsprechenden
Rahmenbedingungen sind gänzlich unabhängig von den Wohnstandards - im Gegenteil: Diese
Wünsche werden vor allem auch in Einrichtungen mit relativ guten Standards vorgetragen.
Standardbezogene Änderungswünsche werden andererseits vor allem in den Einrichtungen
mit vergleichsweise eingeschränkten Wohnstandards geäußert.

4. Institutionelle Vorsorgen für Auseinandersetzung mit Sexualität


In allen Einrichtungen werden nach Auskunft der MitarbeiterInnen Maßnahmen zur
Sexualerziehung und Aufklärung gesetzt.

Diagramm 2: Institutionelle Vorsorgen für Auseinandersetzung mit Sexualität. Anzahl der Nennungen
= 145
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 50

Am häufigsten werden Rückzugsmöglichkeiten und das Angebot von Gesprächen mit den
BetreuerInnen als institutionelle Vorsorgen genannt. Neben den institutionellen Maßnahmen,
die es Paaren ermöglichen sollen, als solche zusammenzuleben, finden sich in dieser Liste von
Vorsorgen überwiegend individuelle, personenbezogene Ansätze. Auffällig daran ist vor allem
das Fehlen von weitergehenden Arbeitsansätzen wie beispielsweise geschlechtsspezifische
Ansätze der Arbeit mit den Jungen und Männern mit Behinderung. Kein einziges Mal wird
von den BetreuerInnen das Thema der geschlechtsspezifischen Betreuung oder Gruppenarbeit
genannt oder auf Konzepte systematischer und übergreifender Vorsorgen hingewiesen. In der
konkreten Arbeit mit Männern mit Behinderung gibt es, so scheint es zumindest auf der Ebene
der BetreuerInnen, keine entsprechend ausformulierten
und handlungsanleitenden geschlechtsspezifischen Konzepte. Vor diesem Hintergrund
überrascht es denn auch nicht, wenn in den persönlichen Gesprächen mit Betreuerinnen zum
Themenbereich Sexualität und sexuelle Gewalt überwiegend persönliche Betroffenheit und
Hilflosigkeit zum Vorschein kommen. Tatsächlich dürften die Vorsorgen gegen sexuelle
Gewalt im Heim- und Institutionenalltag auf reaktive Formen des Umgangs mit
bekanntgewordenen Fällen sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt beschränkt
bleiben.

Zudem ist in einigen Einrichtungen nur ein sehr eingeschränktes Spektrum an institutionellen
Vorsorgen für Sexualität zu finden (Tabelle im Anhang). In einer Einrichtung beschränken
sich diese überhaupt auf ´Rückzugsmöglichkeiten`, ´Gespräche mit den BetreuerInnen` bzw.
´therapeutische Hilfe`. Aktive und selbstbestimmte Sexualität von Personen mit großem
Hilfebedarf, insbesondere im Intimbereich, ist ohne entsprechende Vorsorgen (Ausstattung der
Räumlichkeiten, Hygiene etc.) aber sicherlich nicht zu gewährleisten und - so könnten diese
Ergebnisse interpretiert werden - institutionell nicht vorgesehen. In der überwiegenden
Mehrzahl der untersuchten Einrichtungen ist in diesem Sinne ein Mangel an Vorsorgen für
Sexualität zu konstatieren und ein großer Bedarf nach ensprechender Weiterentwicklung
festzustellen. Das gilt besonders auch für das Thema der sexuellen Gewalt.

In zwei der befragten Einrichtungen (Wien 1 und Oberösterreich 1) findet sich ein
überproportionaler Anteil von Vorsorgen mit relativ breiter thematischer Streuung. Hilfsmittel
und persönliche Hilfeangebote halten sich hier die Waage. Diese sind auch die einzigen
Einrichtungen, die auf Wunsch oder Bedarf Kondome aushändigen. Insgesamt zeigt sich hier
ein differenzierterer Umgang mit Sexualität, der sowohl in den qualitativen Gesprächen mit
Betreuerinnen als auch in den Aussagen der Männer mit Behinderung zum Ausdruck kommt.

Von besonderem Interesse erscheint ferner der Zusammenhang zwischen der Wohnform und
den institutionellen Vorsorgen (Tabelle im Anhang). Die Nennungen zu institutionellen
Vorsorgen konzentrieren sich insbesondere auf die Wohnform der Wohngruppen im Heim;
hier finden sich auch die höchsten Anteile des Hilfeangebotes durch Betreuerinnen (Gespräch,
Beratung), während etwa im Bereich der betreuten Wohngemeinschaften an erster Stelle die
Rückzugsmöglichkeiten hervorgehoben werden. Weiterführende und insbesondere
geschlechtsspezifische Präventionsansätze, die sowohl Schutz und Hilfe für die potentiellen
und tatsächlichen Opfer von sexueller Gewalt als auch Arbeit mit den potentiellen und
tatsächlichen Tätern leisten könnten, fehlen in allen Wohnformen und Einrichtungen. Im
Gegenteil waren in den Einrichtungen Szenen und Situationen zu beobachten, die eher dafür
sprechen, daß strukturell tendenziell verhindert wird, daß die Männer (junge wie alte) sich
auch als Männer erleben können.

Am eindrucksvollsten war dabei die weitgehende Vermischung von öffentlich und privat in
einer Einrichtung, in der die Männer im Pyjama zum Interview erschienen. Auf diesem
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 51

Hintergrund wird auch verständlich, weshalb sich -wie wir weiter unten sehen werden - ein
großer Teil der Männer als „Bub“ bezeichnet und dementsprechend keine altersadäquate
sexuelle Identität hat.

5. Aufklärung
Mehr als die Hälfte der befragten Männer (52%) geben an, nicht aufgeklärt zu sein. In einigen
Einzelfällen war es überdies offensichtlich nicht möglich, Themen aus dem Bereich der
Sexualität anzusprechen. Die Männer stehen zum Teil unter einem außerordentlich stark
ausgeprägten Verbotsdiktum. Entsprechende Fragen werden von diesen Männern als
Verletzung des einschlägigen Verbotes und damit als Bedrohung erlebt. Entsprechend
enthaltsam fallen dann ihre Antworten aus. Ihre Reaktion beschränkt sich dann auf
Kopfschütteln, Lippen zusammenbeißen und/oder Schultern hochziehen. Dabei vermitteln sie
das Bild eines kleinen Jungen, der bei etwas Verbotenem ertappt wurde. In besonders
plastischer Weise kommt dieses Sexualverbot in folgenden Beispielen gescheiterter
Interviews zum Ausdruck.

Hermann H.
Hermann H. ist 35 Jahre alt. Er hat sich im Rahmen des Orientierungsgespräches nicht nur
freiwillig zum Interview gemeldet, sondern sich darüberhinaus ganz eindeutig für den
männlichen Interviewer entschieden. Auf die Frage, ob er über Sexualität aufgeklärt wurde,
gibt Hermann H. keine verbale Antwort. Stattdessen schüttelt er den Kopf. Nachdem dem
Interviewer nicht klar wurde, ob Hermann H. die Frage verstanden hatte, wiederholte er
diese mit anderen Worten. Auch darauf beschränkt Hermann H. sich auf diese Form der
Antwort, die er dann auch in der Folge beibehält. So schüttelt er den Kopf als Antwort auf die
Fragen, ob er wüßte, wann ein Mann eine Erektion bekommt, wann ein Mann einen
Samenerguß hat und wie Selbstbefriedigung geht. Er zieht sich sichtlich mehr und mehr
zurück. Bei der Frage, ob Selbstbefriedigung in seiner Jugend verboten war, bricht plötzliche
Erregung durch: Hermann H. breitet die Arme aus und zeigt die Handflächen wie zur
Kontrolle vor. Gleichzeitig blickt er demonstrativ auf seinen Schoß und sagt deutlich
akzentuiert: „Schau mich an! Ich bin sauber!” Ob er wisse, wie Geschlechtsverkehr zwischen
Mann und Frau verlaufe, beantwortet er wieder mit der gestisch gestützten Formel. Danach
steht er auf und verläßt mit stockendem Schritt aber zielstrebig den Raum.

Martin B.
Martin B. ist etwa 30 Jahre alt und lebt in einer Wohngruppe. Zur großen Überraschung der
BetreuerInnen meldet auch er sich beim Orientierungsgespräch in der Gruppe für das
Gespräch mit dem männlichen Interviewer. Die Aufmerksamkeit von Martin B. läßt bei der
ersten Frage zum Sexualitätsthema schlagartig nach. Er beantwortet die Frage nach
Sexualaufklärung erst nach mehreren Umwegen, dann aber mit einem deutlichen „Nein”. Auf
die weiteren Fragen nach seinem Wissensstand verweigert er dann völlig die Antworten und
wechselt in ein Rollenspiel über. Martin B. ist in der Folge zuerst der Schäferhund seines
Vaters und anschließend der ´Rudi` der Familie (von beiden zeigt er voller Stolz vom vielen
Gebrauch schon etwas schmuddelige Fotos) und wechselt damit auf eine symbolische
Kommunikationsebene. Eine Fortsetzung des Interviews ist auf dieser Basis nicht möglich.

Beide exemplarisch vorgestellten Beispiele zeigen, wie prekär das Thema Sexualität für
einige der befragten Männer ist. Ein übergroßes Sexualitätsverbot, ganz offensichtlich auf die
Kindheit der Befragten und Erziehungspersonen wie Eltern oder Nonnen zurückgehend,
verhinderte eine weitergehende Exploration.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 52

Dieses Sexualitätsverbot kommt aber auch in den Antworten auf die Frage zum Ausdruck, ob
Selbstbefriedigung in ihrer Jugend verboten war. Dies trifft für ein Drittel jener Männer zu,
die sich als sexualaufgeklärt erweisen (14 Männer, das sind 12% der Gesamtstichprobe).

5.1 Zum Aufklärungsstand


Insgesamt 41% der Befragten schildern ein Aufklärungsgespräch.

Aufklärungswissen ja nein keine Antwort/ Gesamt


weiß nicht
Abs. In % Abs. in % Abs. in % Abs.
Erektion 49 41,9 6 5,1 62 53,0 117
Samenerguß 47 40,2 8 6,8 62 53,0 117
Selbstbefriedigung 49 41,1 7 6,0 61 52,1 117
Homosexualität 30 25,6 23 19,7 64 54,7 117
Heterosexualität 48 41,0 7 6,0 62 53,0 117
Kindesentstehung 46 39,3 5 4,3 66 56,4 117
Monatsblutung 33 28,2 20 17,1 64 54,7 117
Verhütung 36 30,8 16 13,7 65 55,5 117
Petting 34 29,1 18 15,4 65 55,5 117
Geschlechtskrankheiten 27 23,1 25 21,4 64 54,7 117
Verwendung eines 21 17,9 24 20,5 72 61,5 117
Kondoms
Nein sagen können 49 41,9 3 2,6 65 55,5 117
Nein respektieren 45 38,5 3 2,6 69 58,9 117
sexuelle Gewalt 41 35,0 9 7,7 67 57,2 117
Tab. 6: Grad der sexuellen Aufklärung

Im Durchschnitt ist ein Drittel der befragten Männer (34%) über sexuelle Themen informiert
und aufgeklärt. Der überwiegende Anteil der Befragten (52%) hat zu den nachgefragten
Themen keine Antwort gegeben. Durchschnittlich 14% wissen über einzelne Themen nicht
Bescheid.

Die befragten Männer wissen zu relativ hohen Anteilen über Erektion, Selbstbefriedigung,
Samenerguß und heterosexuellen Geschlechtsverkehr Bescheid (zu ca. 41%). Demgegenüber
erscheint der Wissensstand über die Themenbereiche Verhütung (31%), weibliche
Geschlechtsspezifika wie z.B. Monatsblutung (28%) sowie Geschlechtskrankheiten (23%)
ausgesprochen niedrig. Auch über Homosexualität wissen nur wenige Bescheid (26%). Es ist
also ein ausgesprochen lückenhaftes und bestenfalls selektives Wissen über Sexualität
festzustellen. Die Männer mit Behinderung erweisen sich damit als noch schlechter aufgeklärt
und informiert als die befragten Frauen mit Behinderung (Zemp/Pircher 1996), von denen
immerhin knapp die Hälfte (47%) Bescheid weiß. Im unterschiedlichen Aufklärungsstand von
Männern und Frauen mit Behinderung dokumentiert sich, daß Frauen mit Behinderung - unter
anderem wegen des Schwangerschaftsrisikos - eher (mit Schwerpunkt auf Verhütung)
aufgeklärt werden als Männer. Am Beispiel von Friedrich T. läßt sich die selektive Aufklärung
von Männern mit Behinderung
exemplarisch darstellen.

Friedrich T.
Friedrich T. (ca. 25 Jahre alt) weiß über Erektion, Samenerguß und Selbstbefriedigung gut
Bescheid und redet freimütig und offen darüber. Die weiteren Fragen zur sexuellen
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 53

Aufklärung verneint er mit der Haltung von Staunen, gepaart mit Scheu. Diese Themen sind
für ihn offensichtlich Neuland. Bei der Aufklärung mit Puppen, die Friedrich vom Interviewer
einfordert, schaut er dann weitgehend nur aus den Augenwinkeln heraus zu. Eine aktive
Auseinandersetzung mit den Puppen, wie Berühren, Aus- oder Ankleiden, ist ihm nur zaghaft
möglich.

Je nach Einrichtung erweisen sich die Befragten als äußerst unterschiedlich aufgeklärt.
Auffällig niedrig sind die Anteile der aufgeklärten Männer in der steirischen (13%) und der
Salzburger Einrichtung (23%). Dieser große Unterschied kann nur zu einem geringen Teil
durch einen unterschiedlichen Grad der Behinderung erklärt werden, sondern steht eher als
Ausdruck für die Ausprägung und die Qualität der institutionellen Vorsorgen für den Umgang
mit Sexualität (Tabelle im Anhang).

Von besonderem Interesse erscheint deshalb die Frage nach den Personen, durch die diese
Aufklärung vorgenommen wurde.

Wer hat
aufgeklärt?
LehrerIn BetreuerIn Eltern FreundIn andere/ Gesamt
weiß nicht
Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. %
14 27,5 13 25,5 12 23,5 7 13,7 5 9,8 51 100,0
Tab. 7: Von wem wurden die befragten Männer aufgeklärt?

Das von den Männern erinnerte Aufklärungsgespräch hat zu ca. je einem Viertel in der
Familie, in der Schule sowie in der Einrichtung stattgefunden. Jeder Siebte erinnert sich an
seine Aufklärung durch FreundInnen, Bekannte sowie Zeitschriften. Gerade in Hinblick auf
die durchschnittlich bereits sehr lange Zeit, die sich die befragten Männer in Einrichtungen
der Behindertenhilfe aufhalten, erscheint deren Anteil bei der Aufklärung als bedenklich
gering. In der steirischen Einrichtung gibt es hierzu keine einzige und in Salzburg eine
Nennung. Demgegenüber kommt dem Engagement der BetreuerInnen bezüglich Aufklärung
in den Einrichtungen Tirol 1, Oberösterreich 1 und Wien 2 überproportional hohe Bedeutung
zu.

5.2 Wunsch nach mehr Wissen über Sexualität


Vor dem Hintergrund weitgehender Aufklärungsabstinenz der Einrichtungen und dem generell
sehr geringen Aufklärungsstand verwundert auch nicht, daß der Großteil der befragten
Männer (61%) mehr über das Thema Sexualität wissen bzw. überhaupt aufgeklärt werden
will.

60 Männer (52%) wollen über Sexualität mehr wissen. Davon geben 54 Personen (46%)
spezielle Wünsche bezüglich ihres Informationsbedarfes an. In erster Linie äußern sie den
Wunsch nach allgemeiner und umfassender Information; bei den Spezialwünschen stehen
Fragen zu Partnerschaft und Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau oben an.

Thema Wunsch nach Information


Absolut Prozent
alles / allgemein über Sexualität 30 55,5
Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau 7 12,9
Monatsblutung / Geburt 5 9,3
Geschlechtsverkehr zwischen Männern 4 7,4
Selbstbefriedigung 3 5,5
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 54

Verhütung 2 3,7
Erektion 1 1,8
Geschlechtskrankheiten 1 1,8
sexuelle Gewalt 1 1,8
Gesamt 54 100,0
Tab. 8: Worüber wünschen die Männer Aufklärung?

Zum überwiegenden Teil wünschen sich die Männer eine Gesamtinformation. Demgegenüber
entfallen auf spezielle Themenbereiche nur Einzelnennungen, die jeweils für einige Männer
von besonderem Interesse sind. Ausgesprochen gering sind insbesondere
Interessenanmeldungen für die Bereiche sexuelle Gewalt, Geschlechtskrankheiten und
Verhütung. Dieses Ergebnis ist in etwa analog zu den Ergebnissen der ´Frauenstudie`; damals
wünschten sich die Frauen zu 60% Aufklärung über ´alles` (Zemp/Pircher 1996, S. 73).

Für den Großteil der befragten Männer war es auch ganz klar, an wen sie sich mit diesem
Informationsbedarf wenden möchten. Mehr als ein Drittel (38%) verweist auf einen guten
Kontakt zu eineR bestimmten BetreuerIn, von deR sie mehr über die genannten Themen
wissen möchten. Im Unterschied zu den befragten Frauen wenden sich die Männer damit zu
einem größeren Anteil an ihreN BetreuerIn, während diese sich mehrheitlich eine Information
durch Außenstehende wünschten (35%). Eine in diesem Sinne anonyme Form der Aufklärung
ist für jeden Fünften der befragten Männer von Interesse, die sich z.B. eine
Informationsveranstaltung in der Einrichtung (20%) wünschen. 18% überlegen, sich mit ihren
Aufklärungswünschen an IhreN ÄrztIn bzw. an die/den PsychologIn zu wenden. Immerhin
jeder Siebte aber (16%) will sofort von deR InterviewerIn konkrete Antworten auf seine
Fragen. Das Interview wird in diesen Fällen für ein kurzes Aufklärungsgespräch (unter
Verwendung der anatomischen Puppen sowie Bild- und Anschauungsmaterial wie Kondom
etc.) unterbrochen. Soweit sich im Gespräch große Unsicherheit über sexuelle Themen und
Begriffe zeigt, werden diese ebenfalls kurz erläutert, um so eine gemeinsame
Verständigungsbasis darüber aufzubauen.

Bei der Frage, ob sie mehr über Sexualität wissen bzw. aufgeklärt werden wollen, antworten
rund drei Viertel der Befragten mit ja. Lediglich in zwei Einrichtungen (Oberösterreich 2 und
Wien 1) liegen die Ja-Anteile deutlich darunter (33% und 40%). Dies hängt im Falle der
Einrichtung Oberösterreich 2 mit der anderen Zusammensetzung der Stichprobe zusammen;
hier leben überwiegend körperbehinderte Menschen. Der Anteil der Bewohner, die sich als
aufgeklärt beschreiben, ist hier ebenfalls größer als in den Vergleichseinrichtungen. Daß auch
in der Einrichtung Wien 1 der Anteil der aufklärungsbedürftigen Männer relativ niedrig
ausfällt, korrespondiert umgekehrt proportional mit den vielfältigen Vorsorgen, die in dieser
Einrichtung realisiert sind. Dagegen sind die Anteile der aufklärungsbedürftigen Männer in
den weiteren Einrichtungen - gemessen am niedrigen Aufklärungsstand - erwartungsgemäß
hoch. Überproportional hoch sind diese Anteile in Oberösterreich 1, Steiermark, Tirol 1 und
Salzburg. Zwischen Aufklärungsstand und institutionellen Vorsorgen für den Umgang mit
Sexualität gibt es damit einen klar ersichtlichen Zusammenhang (Tabelle im Anhang).

Nicht bestätigt hat sich allerdings das zentrale Ergebnis der ´Frauenstudie`, wonach
insbesondere jene Frauen mit Behinderung aufgeklärt sind, die auch über Erfahrungen von
sexueller Ausbeutung berichtet haben. Hier zeigt sich bei den befragten Männern kein
eindeutiger Zusammenhang.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 55

6. Sexuelle Identität
In der ´Frauenstudie` wurden die Frauen im Rahmen der Fragen zur Aufklärung danach
gefragt, ob sie den Unterschied zwischen Frau und Mann kennen. Rund 35% wußten es nicht
bzw. gaben darauf keine Antwort. Da diese Frage letztlich keinen zusätzlichen Erkenntniswert
brachte und außerdem für einige sehr mißverständlich war, beschlossen wir für die
vorliegende Untersuchung, die Frage differenzierter und gezielter zu stellen. Uns interessierte
nämlich, einen Hinweis auf die Selbstwahrnehmung bzw. die sexuelle Identität der befragten
Männer zu erhalten. Die Frage danach, ob sie sich als Mann, als Frau, als Bub oder als
anderes definieren, operiert auf zwei Ebenen: Die eine Ebene bezieht sich auf die
Geschlechtsrolle, der man sich durch Biologie, Sozialisation und Kultur zugehörig fühlt, die
andere auf den entwicklungsspezifischen Stand. Auf beiden Ebenen können Schlüsse gezogen
werden hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen für die dort lebenden Bewohner
bzw. über das Menschenbild, das in der jeweiligen Institution bezüglich Behinderung
vorherrscht und mit dem Menschen mit Behinderung im Alltag konfrontiert sind. Wird der
männliche Bewohner unter den Vorzeichen seiner Geschlechtlichkeit wahrgenommen? Gibt es
überhaupt einen geschlechtsspezifischen Zugang? Welcher Spiel/Raum bezüglich Ausagieren
von Bedürfnissen und Interessen wird ihm gelassen? Welche Verantwortlichkeiten werden
ihm zugetraut?

Absolut Prozent
als Mann 79 67,5
als Frau 1 0,8
als Bub 22 18,8
als etwas anderes 7 5,9
keine Antwort 8 6,8
Gesamt 117 100,0
Tab. 9: Als was fühlen sich die Männer?

Die Frage „Als was fühlen Sie sich?“ wurde von den meisten Befragten sehr ernstgenommen.
Nur rund 7% geben auf diese Frage keine Antwort. Nicht ganz zwei Drittel der Befragten,
68%, meinen, sie fühlen sich als Mann. Bei manchen kam dies wie aus der Pistole
geschossen, unter dem Motto, „als Mann natürlich, was sonst”. Andere wiederum mußten eine
Weile nachdenken. Erstaunlich für uns aber war, daß sich rund 19% als Bub fühlen. Es waren
genauso ältere wie jüngere, mehr oder weniger behinderte, mehr oder weniger maskulin
aussehende Männer darunter. Jedenfalls sehen wir mit diesen Antworten die Sinnhaftigkeit
der Fragestellung bestätigt. 6% bezeichnet sich gar als etwas anderes, z.B. „als Behinderter“
und wie ein etwa sechzigjähriger Mann sagte, als „Halbmensch“ oder als „Halbminderheit”.
Bei letzterem stellte sich im Gespräch heraus, daß er nicht nur im Alter von 20 Jahren kastriert
wurde, „verschnitten“ wie er selbst sagte, sondern daß sich im Verlauf der Pubertät bei ihm
eine weibliche Brust herausgebildet hat, die dann wegoperiert wurde. In seiner Diktion klingt
das so: „Da hab´ ich eine Duttl g´habt, des haben sie mir geschnitten, ohne Befund, ist das
normal, von einem Doktor.”
Ein einziger Mann fühlt sich als Frau. Dieser Mann wünscht sich eine
Geschlechtsumwandlung, er fällt also nicht in die Kategorie jener, die über ihre
Geschlechtszugehörigkeit nicht Bescheid wissen.
Für die weitere Interpretation möchten wir uns eher auf die Selbstwahrnehmung als Bub bzw.
als „anderes“ konzentrieren. Zusammengezählt macht das immerhin rund ein Viertel aller
Befragten aus. Aufgefallen ist uns auch, daß es bei dieser Frage tendenziell Unterschiede
zwischen den einzelnen Einrichtungen gibt (Tabelle im Anhang).
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 56

Ins Auge stechen drei Einrichtungen, in denen es Abweichungen gibt. Das ist jene Einrichtung
in Wien 2, wo sich gleich viele Befragte „als Mann“ wie „als Bub“ fühlen, je vier Männer. In
der steirischen Einrichtung bezeichnen sich zwar neun Befragte als Männer, aber immerhin
sechs „als Bub“. In der Einrichtung in Oberösterreich 1 fällt eine Streuung der sexuellen
Befindlichkeiten auf. Hier fühlt sich zwar die Mehrheit der Befragten als Mann (zehn
Befragte), aber je drei Befragte als Bub und als „etwas anderes”.

Die sexuelle Identität und Selbstwahrnehmung dürfte einerseits mit der Art und dem
Schweregrad der Behinderung zu tun haben. In den Einrichtungen, wo der Anteil der Männer
mit Körperbehinderung wie auch jener mit einer Lernbehinderung unter den Befragten sehr
hoch ist, ist auch das Selbstbild als Mann klarer definiert als in jenen mit einem hohen Anteil
an geistig behinderten Männern. Andererseits dürften die institutionellen Rahmenbedingungen
für die Eigendefinition eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Gerade die Eigenbezeichnung
„Bub” bei erwachsenen Männern verweist in seinem regressiven Moment auf eine
durchgängige Vorenthaltung selbst-verantwortlichen und selbstbestimmten Sexual- und
Alltagslebens, was zwangsgemeinschaftliche ´Unterbringungsorte` wie Heime meistens mit
sich bringen. Mangel an Intimsphäre, fehlende Rückzugsmöglichkeiten für die Einzelnen, ein
zeitlich fremdkontrollierter Tagesablauf, was u.a. durch die Gruppensituation gegeben ist,
mangelnde Möglichkeiten der Berücksichtigung individueller Wünsche und Bedürfnisse etc.
sind wesentliche Elemente, die den Objektstatus von Bewohnerinnen von Einrichtungen
festschreiben und eine geschlechtsspezifische Sozialisation sowie Adoleszenz verhindern.
Sexuelle Identität bleibt dann häufig prekär und die Entwicklung einer ´reifen`
Geschlechtlichkeit vielfach behindert. Eine gebrochene sexuelle Identität ist in dieser Sicht
ein wichtiges Indiz für eine grundlegende Problematik der institutionellen Wohn- und
Lebensbedingungen.

F. "Männer mit Behinderung als Opfer ist kein Thema" 6 Die Sicht der
Opfer
Das Titelzitat kann als typische Aussage für den Stand der Problemwahrnehmung beim
Personal in den Einrichtungen hinsichtlich des Ausmaßes von sexueller Ausbeutung von
Männern mit Behinderung gewertet werden. Obwohl uns nach einigem Nachfragen fast alle
ExpertInnen in den Einrichtungen Fälle von sexueller Gewalt an Bewohnern erzählen
konnten, scheint die Betroffenheit von Männern nicht in demselben Ausmaß wie jene von
Frauen wahrgenommen und dementsprechend thematisiert zu werden.

1. Betroffenheit von sexueller Ausbeutung


Im Sinn einer weiten Definition von sexueller Ausbeutung unterscheiden wir zwischen
sexueller Belästigung und körperlicher sexueller Gewalt (siehe Kapitel A). Auf die Frage, ob
sie schon einmal sexuell ausgebeutet wurden, antworteten alle 117 Männer. 58 Männer (50%)
geben an, daß dies schon mindestens einmal der Fall gewesen sei. Das ist jeder zweite Mann.
Bei den Frauen (Zemp/Pircher 1996) haben 64% sexuelle Gewalterlebnisse. Demnach sind in
rein quantitativer Hinsicht etwas weniger Männer als Frauen mit Behinderung von sexueller
Gewalt betroffen.

Bei einem Vergleich der Verteilung der betroffenen Männer in den fünf Bundesländern, in
denen wir Befragungen durchgeführt haben, fällt auf, daß es bezüglich der Gewalterfahrung
von Männern große Unterschiede zwischen den Einrichtungen gibt: Sie streuen zwischen 60%
in Oberösterreich 2 als der Einrichtung mit dem höchsten Prozentanteil an Opfererlebnissen

6 Zitat aus einem ExpertInnengespräch mit einer Initiativgruppe zum Thema Sexualität, die sich aus
BetreuerInnen und Bewohnern zusammensetzt
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 57

und 36% in Wien 2 mit dem niedrigsten Prozentanteil. Mit Ausnahme der beiden Tiroler
Einrichtungen hat in den übrigen Institutionen rund die Hälfte der befragten Männer
Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Interessant ist der Vergleich mit der ´Frauenstudie`, wo der
Prozentsatz von betroffenen Frauen in Salzburg (71%) und Tirol (69%) am höchsten war. Die
oberösterreichischen Einrichtungen lagen bezüglich des Opferanteils von Frauen an vierter
Stelle.

1.1 Sexuelle Belästigung

Sexuelle Belästigung /sexuelle Gewalt Absolut Prozent


Hat jemand blöde Bemerkungen über 21 26,9
ihren Körper gemacht?
Hat Sie jemand mit Blicken ausgezogen? 5 6,4
Hat Ihnen jemand „Sex-Witze“ erzählt? 22 28,2
Hat Sie jemand an bestimmten 30 38,4
Körperstellen (Gesicht, Haare etc.)
berührt?
Gesamtzahl der Nennungen 78 100,0
Tab. 1: Häufigkeiten einzelner Formen von sexueller Belästigung (Mehrfachnennungen)

Von den 58 Männern, die über sexuelle Ausbeutungserlebnisse berichten, erhielten wir 78
Nennungen, die sich auf sexuelle Belästigung beziehen. Als sexuelle Belästigung empfinden
die Männer Berührungen an bestimmten Körperstellen wie im Gesicht, an den Haaren oder
´am Hintern` (39%). Im Vergleich zu den Frauen geben Männer diese Form der Belästigung
häufiger an. Bei den hierzu befragten Frauen waren es 25%, die aussagten, daß ihnen jemand
gegen ihren Willen über die Haare gestrichen hat. An zweiter Stelle der Belästigungen stehen
„blöde Bemerkungen über den Körper“ (27%), wie etwa „Schlappschwanz”. Dieser
Prozentsatz ist niedriger als jener, der von den Frauen angegeben wurde (34%).
Bemerkenswert ist, daß diese Belästigungen zu einem großen Teil in der Einrichtung
passieren und von anderen Männern mit Behinderung ausgeübt werden; in 45% der Fälle sind
die männlichen Mitbewohner wie auch beispielsweise Mitschüler in der Sonderschule die
Belästiger. Dieses Phänomen, sich gegenseitig zu unterdrücken, ist eine verbreitete
Verhaltensform insbesondere in gesellschaftlich ´stigmatisierten` Gruppen sowie in
geschlossenen Gesellschaften.

In 15% der Fälle gehen die Hänseleien von unbekannten Männern an öffentlichen Orten, also
von Fremden aus; andere Kategorien wie Familienmitglieder, Betreuungspersonal etc.
kommen hier kaum zum Tragen.

Obwohl anzügliche Witze meist von Männern erzählt werden, empfinden dies nicht nur
Frauen als sexuelle Belästigung. 28% der Männer fühlen sich durch sogenannte Sex-Witze
ebenfalls sexuell belästigt.

1.2 Sexuelle Gewalt


Die meisten der genannten sexuellen Gewalterfahrungen beziehen sich auf unangenehme
Berührungen an Penis und Hoden (21%). 16% der Männer sagen aus, so angegriffen, gepackt
oder geküßt worden zu sein, daß sie sich sexuell bedroht fühlten.

Formen von sexueller Gewalt Absolut Prozent


Hat Sie jemand gezwungen, sich vor ihm/ihr nackt auszuziehen, oder 12 10,3
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 58

dies versucht?
Hat Ihnen jemand seine/ihre Geschlechtsteile gezeigt? 14 12,1
Hat jemand gegen ihren Willen von Ihnen verlangt, seine oder ihre 13 11,2
Geschlechtsteile zu berühren?
Hat Sie jemand überreden oder zwingen wollen, ihn bzw. sie zu 9 7,8
befriedigen?
Hat Sie jemand dazu überreden oder zwingen wollen, seine/ihre 4 3,4
Geschlechtsteile in den Mund zu nehmen?
Hat jemand gegen Ihren Willen oder auf einen Ihnen unangenehme Weise 24 20,7
Ihr Glied, Ihren Hoden oder Ihren Hintern berührt?
Hat Sie jemand angegriffen, gepackt oder geküßt, daß Sie sich sexuell 18 15,5
bedroht fühlten?
Hat Sie jemand gezwungen, bei sexuellen Handlungen (z.B. 10 8,6
Selbstbefriedigung, Geschlechtsverkehr) zuzuschauen?
Hat Sie jemand gezwungen, mit Ihnen Pornofilme anzuschauen? 4 3,4
Hat jemand gegen Ihren Willen mit Ihnen irgendeine Art von 8 6,9
Geschlechtsverkehr gehabt oder dies versucht?
Gesamtzahl der Nennungen 116 100,0
Tab. 2: Häufigkeiten einzelner Formen von sexueller Gewalt (Mehrfachnennungen)

Bei den Männern kommt es im Gegensatz zu den Frauen auch häufig vor, daß ihnen jemand
seine/ihre Geschlechtsteile zeigt (rund 12%), sie gezwungen werden, jemanden an den
Geschlechtsteilen zu berühren (11%), sie sich nackt vor jemandem ausziehen müssen (10%).
9% sagen, daß sie bei sexuellen Handlungen zuschauen mußten. Männer werden jedoch in
einem weit geringeren Maß als Frauen vergewaltigt bzw. wird Geschlechtsverkehr mit ihnen
versucht: Dies trifft ´nur` in 7% der Fälle zu. Im Gegensatz dazu machen bei den Frauen ein-
oder mehrmalige Vergewaltigungen ein Viertel aller sexueller Gewalterfahrungen aus.

Ablesbar an diesen nackten Zahlen ist folgendes: Männer mit Behinderung sind genauso wie
Frauen mit Behinderung in einem hohen Ausmaß von sexueller Gewalt betroffen, es gibt auch
keine Gewaltform, die ausschließlich von Frauen oder von Männern erlebt wird. Dennoch
gibt es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Die Männer werden zwar intim
berührt, fühlen sich sexuell bedroht, werden gezwungen, andere zu berühren, müssen bei
sexuellen Handlungen anderer zusehen, aber Vergewaltigungen und Fellatio kommen im
Vergleich dazu weniger häufig vor. Demnach kann man von einem hohen Ausmaß an
sexualisierter Gewalt im Alltag von Institutionen der Behindertenhilfe sprechen. Daß diese
Formen sexualisierter Gewalt hauptsächlich von Männern ausgeübt werden und kaum von
Frauen, könnte dahingehend interpretiert werden, daß sie einen wichtigen Bestandteil
männlicher Riten und Umgangsformen bilden.

Häufigkeit der Gewalterfahrung

Gewalterfahrung Absolut Prozent


lx 17 29,3
2x 12 20,7
3x 23 39,6
4x und mehr 6 10,3
Gesamt 58 100,0
Tab. 3: Häufigkeit der Gewalterfahrung bei Männern mit Behinderung
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 59

Von den betroffenen 58 Männern erleben 71% sexuelle Gewalt mehr als einmal in ihrem
Leben. 12 Männer (21%) geben an, zweimal sexuelle Gewalt erfahren zu haben, und 23
Männer (40%) sogar dreimal.
Die Häufigkeit der sexuellen Gewalterlebnisse wie auch die Erzählungen einiger betroffenen
Männer lassen die Aussage zu, daß sich für viele von ihnen - wie es auch in der Geschichte
von Norbert U. deutlich wird - die sexuellen Gewalterfahrungen über einen längeren Zeitraum
erstrecken, zum Teil über Jahre.

Norbert U.
Norbert U. ist geistig behindert. Er ist neunundzwanzig Jahre alt, wirkt aber jünger. Er ist
großgewachsen und gutaussehend. Er ist bis zum Alter von sechs Jahren gemeinsam mit
seinen Geschwistern bei seinen Eltern aufgewachsen und kam dann in eine Einrichtung. Auf
die Frage nach seiner sexuellen Selbstwahmehmung sagte er, er fühle sich als Frau.

Noch bevor der Interviewer mit den Fragen beginnen konnte, begann er, von sich aus zu
erzählen. Er habe sich deshalb zum Interview gemeldet, weil „es ist nicht zum Auszuhalten”.
Er muß in der geschützten Werkstätte, am Gang, im Keller, aber auch auf der Toilette und in
der Dusche fast täglich von einem Mitbewohner sexuelle Gewalt erfahren. Dieser zieht ihn
aus und vergewaltigt ihn. Er habe sich bereits an die Werkstättenleitung gewandt und auch
mit dem Gruppenbetreuer des Täters gesprochen, „aber das interessiert niemanden, es kommt
keine Reaktion”. Er beklagt sich darüber, daß er nicht ernst genommen wird. Dies sei im
übrigen nicht das erste Mal, daß ihm so etwas passiere. Immer wieder in seinem Leben werde
er zum Lustknaben der Gruppe gemacht. Dem Stärksten in der Gruppe gehöre er halt. Dieser
´darf` mit ihm auch tun, was immer er will. Er selbst sieht keine Chance, daß er Nein sagen,
oder daß er sich wehren könnte. Der Andere sagt einfach: „Gemma!”, dann wird gegangen.
Er weiß zwar, daß er Nein sagen könnte, aber er wehrt sich nicht dagegen, weil er „muß ja
dann doch mitgehen".

Der Täter ist noch in der Einrichtung, und Norbert U. versucht, ihm auszuweichen, was aber
nicht so einfach ist, weil ihm der Täter dauernd ´nachsteigt`.

In der Geschichte von Norbert U. wird das Unterwerfungsritual in der Wiederholung des
Gewaltablaufs anschaulich vor Augen geführt. Das zwingende Wiederholungsmuster weist
auf eine lange - vermutlich schon in der Kindheit begonnene - Sozialisation als Opfer hin, die
ihn im Augenblick der Gewalt unter den Vorzeichen der Machtlosigkeit resignieren läßt. Aus
der Psychotherapie kennt man noch eine andere Erklärung für dieses Wiederholungsmuster.
Menschen mit Opfersozialisation verlassen in dem Augenblick, in dem sie sich bedroht
fühlen, gewissermaßen als Überlebensstrategie ihren Körper, was zur Folge hat, daß sie sich
gegenüber dem Aggressor/der Aggressorin nicht zur Wehr setzen können und dieseN
gewähren lassen. Das heißt für uns aber nicht, daß die Opfer die Gewalterfahrung durch ihr
Verhalten selbst heraufbeschwören und deshalb selbst daran Schuld sind. Dieses
Argumentationsmuster wird vor allem auf der Ebene gerichtlicher Verhandlungen virulent und
ist insbesondere im Zusammenhang mit Vergewaltigungsprozessen bei Frauen sehr verbreitet.
Auch im Fall von Norbert U. könnte diese Sichtweise dafür verantwortlich sein, daß von den
Betreuerinnen keine Maßnahmen gesetzt werden.

1.3 Sexuelle Ausbeutung und Alter


In der Altersgruppe zwischen 16 und 24 Jahren werden die Männer am häufigsten sexuell
ausgebeutet (siehe Tabellen im Anhang). In dieser Altersgruppe finden sich nicht nur die
häufigsten Belästigungen (55%), sondern auch die meisten sexuellen Gewaltvorkommnisse,
nämlich 51%. 29% der sexuellen Gewalterlebnisse finden im Alter zwischen 26 und 34 Jahren
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 60

statt. 7% der Gewalterfahrungen fallen in Kindheit und Pubertät bis 15 Jahren, die frühesten
Erfahrungen werden im Alter von 10 Jahren gemacht. Am ehesten werden sie als Knaben an
den Geschlechtsteilen berührt oder müssen sich vor irgendjemanden nackt ausziehen. Alle
übrigen Gewaltformen kommen in dieser Altersstufe entweder kaum oder gar nicht vor. Diese
Zahlen weisen einen bedeutenden Unterschied auf zu der in der Literatur vertretenen
Annahme, derzufolge sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter bei Männern kaum vorkommt.
Die sexuelle Gewalt wird in erster Linie im Kindheitsalter geortet, nämlich bei den sechs- bis
11jährigen Kindern, gefolgt von Kindern von 0 bis fünf Jahren, dann erst kommt die Gruppe
der Kinder zwischen zehn und 14 Jahren (Bange/Boehme 1997, 17).

Ganz allgemein ist festzuhalten, daß wir keine Indizien für Gewalterfahrung in der Kindheit
gefunden haben. Dies ist damit zu erklären, daß es für die Befragten kaum möglich ist, in der
kurzen Zeit eines Interviews Zugang zu verdrängten Gewalterfahrungen in der frühen
Kindheit zu finden. Dazu kommt, daß sexuelle Ausbeutungserfahrung im Säuglings- und
Kindheitsalter auf dem Weg der Sprache kaum zu erinnern ist, weil Kinder in diesem Alter
noch keine Worte und Begriffe kennen für das, was sie erfahren müssen. Für Menschen mit
geistiger Behinderung dürfte das über das Kleinkindalter hinaus gelten.

1.4 Täter und Täterinnen aus der Sicht der Opfer


Werden die Männer von demselben TäterInnentypus wie die Frauen ausgebeutet? Eines der
zentralen Ergebnisse der ´Frauenstudie` war, daß die befragten behinderten Frauen
hauptsächlich von bekannten, gefolgt von unbekannten Männern ausgebeutet werden, aber
immerhin 13% der Gewaltvorkommnisse auf Kosten ihrer männlichen Mitbewohner gehen.

Diagramm 1: Verteilung der TäterInnen (nach Häufigkeit der Nennungen)

Insgesamt wurden zu Tätern und Täterinnen 187 verschiedene Nennungen gemacht. Bei 58
betroffenen Männern heißt das, daß sie im Schnitt drei TäterInnen im Zusammenhang mit
sexueller Belästigung und/oder sexueller Gewalt erlebten. Aus Sicht der Opfer gehen die
Übergriffe überwiegend von Männern aus. Die Täterschaft bei den Männern weist aber eine
andere Verteilung als bei den Frauen auf. Im vorliegenden Fall sind nämlich die
MitbewohnerInnen mit einem Drittel aller Nennungen die häufigsten TäterInnen. Wenn man
die ArbeitskollegInnen als TäterInnen zu den MitbewohnerInnen hinzuzählt, gehen sogar 44%
der Gewaltfälle von behinderten TäterInnen aus (siehe Tabellen im Anhang). Interessant ist,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 61

daß diese Übergriffe zu fast gleichen Teilen in Wohngruppen in Heimen wie auch in
Wohngemeinschaften passieren.

Dieses Ausmaß stellt ein völlig neues Ergebnis dar und wirft ein grelles Licht auf das
Alltagsleben in den Einrichtungen. Es muß vor allem im Zusammenhang mit der
institutionellen strukturellen Gewalt sowie dem Umgang mit Aufklärung, Sexualität und
sexueller Gewalt in der jeweiligen Einrichtung gesehen werden. Angesichts der geringeren
Einschränkung der Gestaltungsmöglichkeiten aufgrund der höheren Wohnstandards in den
Wohngemeinschaften im Vergleich etwa zu den Wohngruppen ist dieses Ergebnis für die
Wohngemeinschaften bedenkenswert.

In der vorliegenden Erhebung stehen die unbekannten Personen als Täterinnen genauso wie in
der ´Frauenstudie` an zweiter Stelle, 23%.

Im Zusammenhang mit Gewalterfahrungen durch Unbekannte sei auch die Geschichte von
Toni S. erzählt.

Toni S.
Toni S. ist dreißig Jahre alt und lernbehindert. Bis zum Alter von 29 Jahren hat er zu Hause
bei seinen Eltern gewohnt. Er ist ausgebildeter Koch und arbeitet derzeit in seinem erlernten
Beruf In seinem Zimmer stehen zwei Betten, das eine Bett wird von seiner Freundin benutzt,
die sehr oft bei ihm übernachtet.

Als er noch zu Hause gewohnt hat, wurde er häufig von Männern belästigt. Das erste Mal
wurde er im Alter von ungefähr 20 Jahren öfters gegen seinen Willen von einem Bekannten
berührt und gestreichelt. Das war ihm deshalb besonders unangenehm, weil es ein Mann war.
Er berichtet auch von Sex-Witzen, die ihm erzählt worden seien. Toni S. wurde von einem
Fremden zu einem Pornofilmabend in dessen Privatwohnung eingeladen, wo er dann im
Anschluß den anderen masturbieren mußte. Ansonsten hatte er immer wieder verschiedene
Erlebnisse auf öffentlichen Toiletten mit fremden Männern. Einmal wurde er an einem
solchen Ort auch vergewaltigt. Diese Täter hat er nie wieder gesehen. Dennoch weiß Toni S.
über Homosexualität nicht Bescheid, obwohl er immer nur von Männern sexuelle Gewalt
erfahren hat.

Toni S. ist selbst auch Täter, er hat einmal eine junge Frau sexuell ausgebeutet, was er aus
der heutigen Perspektive besonders schlimm findet. „Das war nur einmal" und „Das war ein
Ausrutscher”, sagt er. Toni S. möchte aber weder als Betroffener noch als Täter Hilfe haben.

Daß Toni S. Opfer von Fremdtätern wird, erklärt sich unter anderem aus der Not vieler
Männer, ihre sexuellen Bedürfnisse im öffentlichen Raum zu leben bzw. leben zu müssen.
Toni S. weiß nicht, daß viele Männer, obwohl sie selbst nicht homosexuell sind, sich dennoch
anderen Männern nähern. Auch andere Interviewpartner haben uns erzählt, daß sie öfters Orte
aufsuchen, die von einer bestimmten Männerszene frequentiert werden. In Wien
beispielsweise ist der Karlsplatz ein solcher Ort. In Ermangelung von Möglichkeiten, eine
Partnerschaft in der Einrichtung zu leben, ist dies für einige von ihnen eine Gelegenheit,
Sexualpartner zu finden. Manche Männer mit Behinderung gehen schließlich selbst auf den
Strich. Sexualität unter solchen entwürdigenden Bedingungen zu leben, bedeutet ein hohes
Risiko, sexuelle Gewalt zu erfahren.

Mit 14% in der Täterschaft nachgeordnet sind den Männern bekannte Personen. In 13% der
Fälle wird das Pflege- und Betreuungspersonal der Täterschaft bezichtigt, wobei dies
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 62

überwiegend männliches Personal ist. Diese TäterInnenschaft könnte einerseits mit der
täglichen Konfrontation von struktureller Gewalt in den Einrichtungen und andererseits mit
der Vollstreckung dieser begründet werden. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet eine
Pflegerin in der Biografie von Franz F.

Franz F.
Franz F. ist 35 Jahre alt und hat eine Körperbehinderung. Er erzählt uns, daß er im Alter
zwischen elf und 12 Jahren von einer Pflegerin einer Rehabilitationseinrichtung, wo er circa
zwei Jahre lang wegen seiner Behinderung war, laufend gedemütigt wurde und sexualisierte
Strafen über sich ergehen lassen mußte. Diese Pflegerin machte sich nicht nur lustig über ihn,
sondern bedachte ihn fast jeden zweiten oder dritten Tag mit Schimpfnamen wie „Drecksau”
und „Bettnässer”. Damit war aber nicht genug. Als Strafe für das Bettnässen zwang sie ihn
mehrmals dazu, sich vor anderen BewohnerInnen nackt auszuziehen, oder sie fesselte ihn
nackt auf das Klo, wo ihn durch die eigens offengelassene Tür alle sehen konnten.

Es gelang ihm, diesem Terror zu entkommen, nachdem seine Eltern, denen er in einem Brief
davon berichtet hatte, für ihn intervenierten, ihn zu seinem Schutz aus der Anstalt holten und
die Betreuerin anzeigten. Die Betreuerin wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Diese
furchtbare Erfahrung ist für Franz F. mit ein Grund, daß er heute sagt, „mit Frauen fang ich
mir nichts mehr an“.

Die Geschichte von Franz F. ist ein Beispiel dafür, daß sexualisierte Strafen die Entwicklung
einer sexuellen Identität stören können.

In 10% der Fälle sind die ArbeitskollegInnen am Arbeitsplatz die TäterInnen. Auch dieses
Faktum dürfte mit der strukturellen Gewalt in den Einrichtungen - wie sie weiter unten im
Zusammenhang mit der Gewalt durch MitbewohnerInnen / MitschülerInnen problematisiert
wird - zu erklären sein.

Die Familienmitglieder (Eltern, Stief-, Pflegeeltern, Geschwister) stehen in der


TäterInnenschaft gemeinsam mit den sonstigen Personen (TherapeutIn, Ärzte, Fahrer etc.) an
letzter Stelle. Auffallend ist, daß nur wenige Männer angeben, sexuelle Gewalt in der Familie
erlebt zu haben. Wir erklären uns den geringen Prozentsatz damit, daß ein großer Teil der
Betroffenen im Vergleich zum Aufenthalt in Institutionen nur einen kurzen Zeitraum ihres
Lebens bei der Familie verbracht hat, was also zumindest in zeitlicher Hinsicht die
Möglichkeit einschränkt, Gewalt zu erfahren. Andererseits verdrängen viele Menschen
sexuelle Gewalttaten, die sie in ihrer Kindheit erlebt haben, und können sich deshalb an sie
nicht mehr erinnern. Auch bei nichtbehinderten Männern kommt es vor, daß sie häufiger von
anderen Personen - bekannten oder unbekannten - vergewaltigt werden als von
Familienmitgliedern.

Allgemein ist festzuhalten, daß die überwiegende Anzahl von Übergriffen von Männern
ausgehen, wobei dies keinerlei Aussagen hinsichtlich der Verbreitung von Homosexualität in
den Einrichtungen zuläßt. Wie aus der Literatur hervorgeht, wählen Täter Jungen nicht
deshalb, weil sie homosexuell sind, sondern weil sie sich besser mit ihnen identifizieren
können und ihnen der Umgang mit den Jungen leichter fällt als mit Frauen. (Schmiedeskamp-
Böhler 1990, 18)

Weibliche TäterInnenschaft
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 63

Entgegen der bisher in der Literatur getroffenen Feststellung, daß sexuelle Gewalt nur in
Ausnahmefällen von Frauen ausgeht, ist in der vorliegenden Untersuchung der Frauenanteil
unter den genannten TäterInnen mit 22% verhältnismäßig hoch. Im Vergleich dazu betrug der
Anteil weiblicher TäterInnenschaft in der Frauenstudie 3%, und bezog sich ausschließlich auf
BetreuerInnen.

Der Großteil aller Übergriffe, von denen die betroffenen Männer berichteten, wird dabei von
unbekannten Frauen verübt, das sind in erster Linie Begegnungen in Diskotheken und
Gastbetrieben sowie Straßenbekanntschaften, aber offenbar auch Frauen, die in den
Wohngruppen und Wohngemeinschaften auf Besuch vorbeikommen. In diesem
Zusammenhang ist die Geschichte von Robert T. aufschlußreich.

Robert T.
Robert T. ist 35 Jahre alt und hat eine Lern- und Körperbehinderung. Er lebt in der
Außenwohngruppe einer Einrichtung, wo er in der Cafeteria arbeitet. Robert T. erzählt uns,
daß er eines Abends in der Diskothek von einer jungen Frau angesprochen wurde, die ihn
dann auch in ihre Wohnung einlud. Dort näherte sie sich ihm mit sexuellen Absichten, was ihn
sehr empörte. Er fühlte sich dadurch sexuell bedroht. Er wies sie zurück und klärte sie dann
über die Gefahren ihres Lebenswandels auf, indem er ihr drohte, dass „er ja ein Täter“ sein
könnte. Dann verließ er die Wohnung.

Innerhalb der TäterInnenskala stehen die HeimbewohnerInnen an zweiter Stelle. Wir


interpretieren diesen relativ hohen Prozentsatz dahingehend, daß jede
zwangsgemeinschaftliche ´Unterbringung` notgedrungen eine Verdinglichung des Einzelnen
mit sich bringt. Dieses Verkommen zum Objekt kann die Gewaltbereitschaft fördern. Laut
Furey/Niesen (1993, 289) haben TäterInnen mit geistiger Behinderung abgesehen von einem
Mangel an sexuellen und soziosexuellen Kenntnissen und negativen frühen sexuellen
Erfahrungen auch einen zusätzlichen Mangel an Selbstwert und sozialer Kompetenz. Die
Unterdrückung von jemanden, der/die als schwächer angesehen wird, könnte als
Kompensation dieses Mangels gewertet werden.

2. Welches sind die Gewaltorte?


Eng mit der Art der Täterschaft verknüpft ist das Umfeld, in dem sexuelle Belästigungen und
sexuelle Gewalt passieren.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 64

Diagramm 2: Verteilung der Gewalt nach Umfeld in Prozent :

Im Schnitt haben jeweils 13 Männer die oben angeführte Frage zu den Orten, wo so die
Gewalt erfahren haben, beantwortet. Das Diagramm zeigt anschaulich, daß die befragten
Männer überwiegend in der Einrichtung Opfer von sexueller Gewalt werden. Dies gilt für fast
die Hälfte aller betroffenen Männer, nämlich 48%. Wenn man den Arbeitsplatz - der in der
Regel in der einrichtungseigenen geschützten Werkstatt oder in der Beschäftigungstherapie im
Haus liegt - noch dazuzählt (16%), so steigt der Anteil auf 64%. Auch bei den Frauen war der
hauptsächliche Tatort die Einrichtung (39%). Darüberhinaus wurde den Frauen häufig
außerhalb der Einrichtung Gewalt zugefügt (36%). Bei den Männern machen die
Gewalterfahrungen, die sie an öffentlichen Kommunikationsorten, Hotels oder auch in
Privatwohnungen erleben, 26% aus. Markus M. erzählt uns, wie er an seinem Arbeitsplatz -
der geschützten Werkstätte -sexuell ausgebeutet wird.

Markus M.
Markus M. ist 43 Jahre alt und lebt in einer betreuten Wohngruppe. Er ist von Kindheit an in
verschiedenen Heimen aufgewachsen. Markus M. hat eine Anlehre als Gärtner gemacht und
ist derzeit in der geschützten Werkstätte als Hausmeister beschäftigt, wo er von einem
Arbeitskollegen sexuell ausgebeutet wird. Dieser Kollege verschleppt ihn mehrmals die
Woche auf das WC, wo er sich ausziehen und den anderen befriedigen muß . Markus M.
mußte auch in anderen Einrichtungen sexuelle Gewalt erfahren, und zwar einmal vom
Hausmeister des Heimes, ebenfalls einmal von einem Betreuer sowie von anderen
Heimbewohnern. Aber am meisten stört ihn die Gewalt am Arbeitsplatz.

Der Tatort Arbeitsplatz dürfte deshalb von solcher Bedeutung sein, weil die Arbeitsräume
durch Ausstattung und Gestaltung offenbar auch Möglichkeiten für Übergriffe schaffen, die in
anderen Bereichen der Einrichtung durch stärkere Überwachungsmöglichkeiten seitens des
Betreuungspersonals schwerer zu bewerkstelligen sind.

Wir sind auch der Frage nachgegangen, welche sexuellen Gewaltformen an welchen
Örtlichkeiten passieren. Wir mußten feststellen, daß die betroffenen Männer in der
Einrichtung mit Ausnahme von Pornofilmen alle Formen von sexueller Gewalt in einem
bedeutenden Ausmaß erfahren (siehe Tabelle 6 im Anhang). Am häufigsten kommt es vor, daß
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 65

die Männer in der Einrichtung an ihren Geschlechtsteilen berührt werden, dies wurde 13 Mal
genannt. Wie bereits erwähnt, sind die hauptsächlichen TäterInnen unter den
MitbewohnerInnen wie auch dem Betreuungspersonal zu finden. Im weiteren kommt es
häufig vor, daß sich die Männer nackt vor jemandem ausziehen müssen, ihnen
Geschlechtsteile gezeigt werden, sie gezwungen werden, ihn oder sie zu befriedigen, sie
sexuell bedroht werden sowie gezwungen werden, bei sexuellen Handlungen zuzuschauen.
Von Vergewaltigung bzw. versuchter Vergewaltigung wird insgesamt achtmal berichtet.
Davon ereigneten sich vier Fälle außerhalb der Einrichtung, drei in der Einrichtung und einer
am Arbeitsplatz. Zu oralem Verkehr werden die Männer zu je einem Drittel in der
Einrichtung, außerhalb der Einrichtung und bei sich zu Hause, also in der Familie,
gezwungen.

3. Folgen für die betroffenen Männer


Daß sexuelle Gewalterfahrungen bei den betroffenen Frauen sich unter anderem in physischen
und psychischen Beschwerden äußern, wurde u.a. von Finkelhor (1984) beschrieben. Die
Studie von Zemp/Pircher (1996) zeigte, daß betroffene Frauen mit Behinderung unter
denselben Problemen leiden wie Frauen ohne Behinderung. Bislang gibt es noch keine
Untersuchung zu den Folgen von sexueller Ausbeutung bei Männern - weder mit noch ohne
Behinderung. Deshalb war es wichtig, dieser Frage hier speziell nachzugehen.

Laut BetreuerInnenfragebogen haben 57 (48%) der Männer regelmäßig körperliche und/oder


psychische Probleme. Von 29 Männern gibt es hierzu keine Angaben.

Absolut Prozent
Ja 57 48,7
Nein 31 26,5
keine Angabe 29 75,2
Gesamt 117 100,0
Tab. 4: Beschwerden der Männer

Laut BetreuerInnenfragebogen ist die Palette der Beschwerden breit. Mit 31% an erster Stelle
werden Schwindelanfälle genannt. 17% der Männer leiden unter Phobien und Ängsten. 11 %
haben sexuelle Probleme und je 10% leiden unter allgemeinen Schmerzen sowie
autoaggressivem Verhalten.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 66

Diagramm 3: Art der Beschwerden bei Männern

Der Vergleich mit der Frauenstudie (Diagramm im Anhang) lohnt sich gerade auch in dieser
Frage, denn es lassen sich durch die sowohl quantitativ wie qualitativ anders gelagerten
Beschwerden bei den Männern mehrere geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. Bei
den Frauen dominieren autoaggressive Verhaltensweisen (wie Haare ausreißen, Kopf gegen
die Wand schlagen, sich selbst mit Gegenständen verletzen etc.) mit 36%. Diese Form von
Beschwerden kann auch als mögliche Wut gegen die Täter verstanden werden, gegen die sie
nicht ankommen und sie die Wut deshalb gegen sich selbst richten. Dieses Problem scheint
bei den Männern erst an vierter Stelle auf und weist mit 10% einen geringen Prozentanteil
auf. Dies dürfte damit zu erklären sein, daß Männer sozialisationsbedingt andere
Verarbeitungsmuster von Beschwerden und Belastungen haben. Aggressionen äußern sie
tendenziell in extravertierter Form, lassen sich verbal aus oder schlagen um sich.
Möglicherweise trägt dieses Verhalten auch zu einer erhöhten sexuellen Gewaltbereitschaft
gegenüber schwächeren Mitbewohnerinnen bei.

Thomas S.
Thomas S. ist lernbehindert, er ist gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder bei seinen Eltern
aufgewachsen. Im Alter von sechzehn Jahren kam er in eine Einrichtung. Jetzt lebt er in einer
Wohngemeinschaft. Er fällt bereits bei der Orientierung der Männer vor der Befragung auf,
indem er laut sagt, daß er unbedingt mit „der Frau" (der Interviewerin) reden wolle, er wolle
das Interview geben, „damit es ihm gut geht und nicht schlecht geht".

Das Interview findet in seinem Zimmer statt. Die Interviewerin muß sich auf sein Bett setzen,
er setzt sich neben sie ebenfalls auf das Bett. Auf die Frage: „Bist Du belästigt worden?”,
antwortet er als erstes, daß seine Eltern immer, wenn er bei ihnen sei, sich über ihn lustig und
ständig blöde Bemerkungen über ihn machen würden. Dann erzählt er von verschiedenen
Gewalterfahrungen in seinem Leben. Hauptsächlich wurde er von einem Pfleger in der
Nervenheilanstalt mehrmals an seinen Geschlechtsteilen Er kann aber nicht sagen, in
welchem Alter das war. Vor diesem mußte er berührt. Er kann aber nichts sagen, im welchem
Alter das war. Vor diesem musste er sich - obwohl er sich gewehrt hat - nackt ausziehen.
Thomas S. ist bereits mehrmals in die Nervenheilanstalt eingewiesen worden, weil er sehr
aggressiv ist. Bei seinen Wutausbrüchen wird er auch gewalttätig, schmeißt mit Sachen um
sich und geht Personen in seinem Umfeld körperlich an. Er erzählt auch, daß er von einem
Betreuer belästigt worden ist, geht aber in der Folge des Gesprächs nicht mehr darauf ein.

Immer wieder unterbricht er seine Erzählung mit Aussagen, wie „Ich muß mich
zusammenreißen, die ganze Zeit." Er sagt aber auch, daß er sich sehr bemühe, seine Wut
unter Kontrolle zu halten. Wenn er wieder einmal spürt, daß ihn die Wut überkommt, geht er
in sein Zimmer, „damit er nichts kaputt macht „Thomas S. klagt auch über häufige
Schmerzen in den Augen, die er in unmittelbaren Zusammenhang mit seinen
Gewalterfahrungen bringt. Er erzählt auch, daß er selbst einer jungen Frau aus seinem Dorf
sexuelle Gewalt angetan hat und auch angezeigt wurde. Während er dies erzählt, hält er sich
die Hände vor die Augen und lacht.

Die aggressive Grundhaltung von Thomas S. könnte als Filter für die destruktive Verarbeitung
verschiedener Emotionen gesehen werden. Die Verletzungen und Kränkungen durch seine
Eltern, die sexuellen Gewalterfahrungen durch Pfleger in der Klinik schreiben sich in ihn in
Form von Zerstörungswut ein, weil er auch nicht in der Lage ist, diese negativen Erfahrungen
in anderer Form zu kanalisieren, beispielsweise indem er darüber spricht. Es bleibt ihm nichts
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 67

anderes übrig, als diese aggressiven Gefühle, die zugleich auch einen Hilfeschrei darstellen -
gegen sein Umfeld oder eben gegen Frauen - zu richten.

Mit 31,5% Stelle. In mehreren Fällen erzählen die Frauen uns von der Art ihrer Ängste und
Verfolgungsphantasien, bei denen immer auch ein Zusammenhang mit der erlebten
Vergewaltigung feststellbar ist. Diese Form ist bei Männern zwar auch an zweiter Stelle
gereiht, betrifft aber nur 17%. Von den Männern gibt es keinerlei Erzählungen darüber. Unter
epileptischen Anfällen hingegen leiden die Männer (31%) in einem viel höherem Ausmaß als
die Frauen (20,5%). Wir erklären uns dieses hohe Ergebnis mit den unterschiedlichen
Verarbeitungsmustern von Männern und Frauen: Männer dürften ihre psychischen Probleme
tendenziell stärker auf der somatischen als auf der psychischen Ebene austragen. Außerdem
könnte auch ein Zusammenhang damit bestehen, inwieweit die Männer ihre sexuelle
Gewalterfahrung womöglich jahrelang mit sich herumtragen, ohne mit jemandem darüber zu
sprechen. Wie wir weiter unten sehen werden, sind auch diesbezüglich geschlechtsspezifische
Unterschiede feststellbar. Gerade bei Menschen mit geistiger Behinderung wurden
Schwindelanfälle als psychosomatische Reaktion beobachtet. „Oft reagieren Opfer mit
geistiger Behinderung mit Schwindelanfällen, wenn sexuelle Gewalterfahrungen in ihr
Bewußtsein drängen. Da sie das Erlebte nicht mit Worten ausdrücken können, sind
Schwindelanfälle ihre einzige Möglichkeit, vor der auftauchenden Bedrohung zu fliehen. In
der Regel werden sie deswegen auf mögliche Epilepsie untersucht. Häufig werden ihnen trotz
negativem Befund Epilepsiemittel verschrieben, obwohl man um die Nebenwirkungen dieser
Medikamente weiß. Gleichzeitig wird den Betroffenen damit eine ihrer wenigen
Möglichkeiten genommen, Hilfesignale auszusenden. „(Zemp 1996, 153)

Ein beträchtlicher Teil der Männer (11%) hat sexuelle Probleme. Diese Form wurde wiederum
von den Frauen nicht genannt. Sexuelle Funktionsstörungen als Folge von sexueller Gewalt
bei Männern werden auch in der Literatur beschrieben. Laut Schmiedeskamp-Böhler sind
vorzeitige Ejakulation, Impotenz etc. bei Männern, die in ihrer Kindheit ausgebeutet wurden,
weit verbreitet. Dies bedeutet auch, daß sexuelle Kontakte für sie beängstigend sein können.
Da dies nicht ins Bild des aktiven und potenten Mannes paßt, können Sexualstörungen dazu
führen, daß sie depressiv und hoffnungslos werden. (Schmiedeskamp-Böhler 1990, 31)

Als Beispiel für die Folgen von sexueller Ausbeutung möchten wir die Geschichte von einem
anderen Interviewpartner schildern.

Ossi R.
Ossi R. ist zweiunddreißig Jahre alt. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr wuchs er bei
seinen Eltern auf und kam dann in das Heim, wo wir mit ihm gesprochen haben. Er arbeitet
jetzt in der Beschäftigungstherapie in der Textilwerkstatt. Auf die Frage, als was er sich fühle,
meinte er, er sei „ein Bub“. Über Sexualaufklärung weiß er überhaupt nicht Bescheid. Bei
den Fragen zur sexuellen Ausbeutung ist er aufgestanden, im Zimmer auf und abgegangen
und hat dann der Interviewerin ganz stockend erzählt, daß Schwester F. - eine Nonne - ihn
manchmal ins Zimmer gesperrt hat. Bis vor sieben Jahren war sie noch in diesem Heim. Das
heißt, sie begleitete ihn über einen Zeitraum von ca. 10 Jahren. Sie hat ihn ausgezogen, ihm
„die Kleider weggerrissen”, ihn an das Bett gebunden und ihn geschlagen. Sie nötigte ihn,
indem sie seine Hand nahm, in ihre Unterhose führte und sich dazu bewegte. Dann hat sie ihn
wieder geschlagen. „Ich war ganz lange gefesselt - konnte nicht auf Boden liegen - auch
nicht im Bett - konnte nicht mehr stehen - zuviel Blut”. Das mußte er öfters über sich ergehen
lassen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 68

Ossi R. leidet unter Schwindelanfällen. Für ihn ist das ein neues Krankheitsbild, das erst in
der Einrichtung aufgetreten ist.

Auch Ossi R. ist Opfer sexualisierter Strafen durch eine Frau. Zusätzlich wird er von der
Nonne sexuell ausgebeutet. Im Fall von Ossi R. könnte jene These als Erklärung für seine
Beschwerden zutreffen, derzufolge manche Menschen die Gewalterfahrung in Form von
Schwindelanfällen psychosomatisch zum Ausdruck bringen, weil es sonst keine andere Form
für sie gibt. Obwohl die Gewalterfahrung mindestens sieben Jahre zurückliegt, hat sich Ossi
R. bislang nicht getraut, irgendjemandem darüber zu erzählen. Er weihte die Interviewerin als
erste in seine Gewalterfahrungen ein - und dies unter großer Angst, entdeckt zu werden.

1.7 Beschwerden und Medikamente


Von 113 Männern nehmen 66 (58,4%) regelmäßig Medikamente ein. Nach den absoluten
Zahlen betrachtet, sind das geringfügig mehr Männer als angeben, Beschwerden zu haben.

Diagramm 4: Art der Medikamente

Die Vergabe der Medikamente deckt sich in etwa mit der Verteilung der Art der Beschwerden.
Unter Schwindelanfällen leiden 31% der Männer, geringfügig mehr Männer nehmen
Epilepsiemittel ein, nämlich rund 34%. Es werden auch etwas mehr Neuroleptika vergeben
(21%) als Phobien und Ängste angezeigt werden (17%).( siehe Tabelle im Anhang)

5. Umgang der Männer mit Gewalterfahrung


Aus der Literatur wie auch aus der ´Frauenstudie` wird deutlich, daß es für die Betroffenen
sehr schwierig ist, mit einer sexuellen Gewalterfahrung umzugehen. Die Ausbeutung wird von
Drohungen und Einschüchterungsversuchen seitens des/der TäterIn begleitet, etwa mit
Liebesentzug, daß die Familie zerstört würde, wenn es bekannt wird etc. Die Betroffenen
werden auch in das „Geheimnis“ eingebunden. Außerdem wird ihnen vermittelt, daß
Menschen mit Behinderung mangels Glaubwürdigkeit sowieso keine Chance hätten, die
´Anschuldigungen` erfolgreich zu verteidigen. Hinzu kommt das Argument, daß sie es
aufgrund ihres sexuellen Notstands selbst gewollt hätten, also selber daran Schuld tragen. Alle
diese Momente führen dazu, daß viele Betroffene über die sexuelle Ausbeutung jahrelang
schweigen. Häufig treten psychische oder physische Beschwerden auf, die medizinisch nicht
belegbar sind und die deshalb mit der Behinderung begründet werden, was dazu führt, daß die
Anzeichen letztlich nicht wahrgenommen werden.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 69

Wie gehen also Männer mit Behinderung mit der Gewalterfahrung um? Inwieweit wenden sie
sich an eine Vertrauensperson ihres Umfeldes? Vertrauensperson ihres Umfeldes? Handeln sie
diesbezüglich anders als betroffene Frauen?

Von den 58 betroffenen Männern haben vor dem Interview 21 oder 34% die Gewalterfahrung
jemandem erzählt. Das ist vor allem im Vergleich zu den Frauen, die sich zu 73% an eine
Person ihres Vertrauens gewendet, ein niedriger Prozentsatz. Die Tatsache, daß Jungen und
Männer im Fall von sexueller Ausbeutung tendenziell über das Vorgefallene Stillschweigen
bewahren, wird auch in der Literatur problematisiert. Das Schweigen der Jungen und Männer
wird auf verschiedene Gründe zurückgeführt. Die Betroffenen - vor allem, wenn sie als
Kinder noch in die Familie eingebunden sind - behalten das „Geheimnis” auch für sich, aus
Angst, ihre Familie würde daran zerbrechen, wenn es bekannt wird. Zum einen wird aus
Scham geschwiegen. Man glaubt, sich selbst nicht genügend zur Wehr gesetzt zu haben. Die
Ausbeutung symbolisiert die Unfähigkeit, sich selbst zu schützen und stellt gleichzeitig die
Fähigkeit in Frage, ein richtiger Mann zu sein. Zum anderen können Betroffene Angst haben,
daß die gleichgeschlechtliche Ausbeutung zugleich auch als Beweis für Homosexualität
gewertet werden könnte. Es wird auch geschwiegen, weil man Angst davor hat, belächelt zu
werden oder daß die eigene Männlichkeit angezweifelt wird, wenn die sexuellen Erlebnisse
mit Frauen als gewalttätig oder unangenehm bezeichnet werden. Zuallerletzt wird
geschwiegen, weil sie sich schuldig fühlen, durch das eigene Verhalten das Gewalterlebnis
provoziert zu haben. Und es wird geschwiegen aus dem Gefühl heraus, völlig allein zu sein
und sich an niemanden wenden zu können.

Angesichts der Tatsache, daß die Problematik der Betroffenheit von Jungen und Männern
gesellschaftlich, aber auch in der Forschung, kaum wahrgenommen wird, und es hierzu erst
seit einigen Jahren vereinzelt Initiativen zur Schaffung von speziellen Anlaufstellen für
Männer als Opfer von sexueller Gewalt gibt, ist diese Angst auch verständlich.

AdressatIn Absolut Prozent


Betreuerin 13 22,4
ArbeitsstättenleiterIn 3 5,1
Freundin/Frau/Lebensgefährtin 2 3,4
Mutter/andere 2 3,4
weiß nicht 1 1,7
missings 14 24,1
niemandem außer der/dem InterviewerIn erzählt 23 39,6
Gesamt 58 100,0
Tab . 5: Wem haben die Männer die Gewalterfahrung erzählt?

Die meisten Interviewpartner vertrauten ihre sexuelle Gewalterfahrung erstmals den


InterviewerInnen an (40%). Dieser hohe Prozentsatz verdeutlicht die Hemmung und die
Schwierigkeit vieler Bewohner, sich mit dieser Thematik jenen Personen mitzuteilen, mit
denen sie den Alltag teilen. Es fiel ihnen offensichtlich leichter, ihre Ausbeutungserfahrung
einer fremden, außenstehenden Person zu erzählen. Auch bei der Befragung der Frauen
machten wir diese Erfahrung, aber nicht in demselben Ausmaß. Außer den Interviewerinnen
stellen für die betroffenen Männer die Betreuerinnen (22%) die wichtigsten
Vertrauenspersonen in diesem Zusammenhang dar. Weitere Ansprechpersonen sind die
WerkstättenleiterInnen, an die sich 5% der Männer wenden. Die übrigen Personengruppen
spielen kaum eine Rolle.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 70

Ein typisches Beispiel für jemanden, der seine Erlebnisse erstmals im Interview erzählt, ist
Ossi R. Im Anschluß an seine Erzählung sagte er, er wolle trotz seiner Gewalterfahrung keine
Hilfe. Er war froh, daß er seine Erlebnisse, die er Bisher für sich behalten hat, jemandem
erzählen konnte. Während des Interviews hatte er große Angst, und bevor er zu reden begann,
wiederholte er immer wieder: „Niemandem sagen.” Auch Thomas S. hat über seine
verschiedensten sexuellen Gewalterfahrungen mit niemandem außer der Interviewerin
gesprochen, obwohl dessen Tätergeschichte, da es zu einer Anzeige gekommen ist, allen
bekannt ist. Als die Interviewerin die von Thomas S. genannte Betreuerin mit dessen
Hilfewunsch nach einer Psychotherapie konfrontiert, um seine Opfererfahrungen zu
verarbeiten, reagierte sie völlig erstaunt über diesen Sachverhalt. Interessanterweise waren
seine Opfererfahrungen auch in der Therapie - die er seit einiger Zeit besucht - nicht zur
Sprache gekommen.

6. Folgen für die Täterinnen aus Sicht der Betroffenen

Art des Umgangs Absolut Prozent


TäterIn ist noch da/Leitung ist hilflos 9 15,5
kein Kontakt mehr zum/r TäterIn 8 13,8
Situation positiv verändert 7 12,1
Sonstiges 1 1,7
missings 33 56,8
Gesamt 58 100,0
Tab. 6: Umgang mit den Tätern aus sicht des Betroffenen

16% der betroffenen Männer geben an, daß die Leitung hilflos auf ihre Gewalterfahrung
reagierte. Diese Hilflosigkeit wirkte sich dahingehend aus, dass sich der/die TäterIn noch in
derselben Wohneinheit befindet und den Mann womöglich weiterhin gegen dessen Willen
sexuell bedrängt. In einem solchen Fall ist die Lage für die Betroffenen nach wie vor virulent,
weil nichts unternommen wurde. Die Geschichte von Markus M. steht exemplarisch für einen
solchen Umgang. Er hat sich zwar mehrmals beim Werkstättenleiter über die ständigen
sexuellen Gewaltakte seitens seines Arbeitskollegen beschwert, was aber bisher keine
Auswirkungen gezeitigt hat. Markus M. möchte, daß die Interviewerin bei der Heimleitung
dahingehend intervieniert, daß sein Arbeitskollege die Werkstätte verlassen muß, denn dieser
Wunsch ist bislang nicht ernstgenommen worden.

14% der Männer haben keinen Kontakt mehr zum/r TäterIn. Wenn der/die TäterIn einE
MitbewohnerIn war, wurde ihm/ihr eine andere Wohnmöglichkeit zugewiesen. In einem Fall
war die Täterin eine Betreuerin, sie mußte ihre Tätigkeit aufgeben und die Einrichtung
verlassen. Oder die Betroffenen selber laufen keine Gefahr mehr, den/die TäterIn zu sehen,
weil es eine außenstehende Person ist. In 12% der Fälle hat sich die Situation zum Positiven
verändert und ist jetzt für die Betroffenen lebbar geworden. Von 57% der betroffenen Männer
gibt es hierzu keine Antwort. Auf diesem Hintergrund muß zusammenfassend festgehalten
werden, Männer unbefriedigend ist.

7. Maßnahmen gegen die TäterInnen


Bei den betroffenen Männern klafft das Verhältnis zwischen dem Ausmaß an sexuellen
Gewalterfahrungen und den zur Prävention getroffen bzw. zur Abhilfe geschaffenen
instutionellen und restlichen Maßnahmen weit auseinander. In der Regel passiert nach dem
Bekanntwerden eines Falles von sexueller Ausbeutung wenig oder gar nichts.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 71

Diagramm 5: Art der Maßnahmen

Insgesamt wurden von den betroffenen Männern 16 verschiedene Maßnahmen genannt. In


50% der Fälle wurde der Täter von der Einrichtungsleitung bloß „geschimpft" und ihm eine
Wiederholung seiner Tat(en) untersagt. Daß diese Vorgangsweise in den seltensten Fällen das
Problem aus der Welt schafft, zeigen die hohen Wiederholungsraten der Täter (siehe hierzu
Kap. G). In rund 19% der Fälle wurden die befragten Männer entweder selbst oder der/die
TäterIn in eine andere Wohneinheit versetzt. In drei Fällen wurde eine Anzeige erstattet, die in
einem einzigen Fall zur Verurteilung der Täterin geführt hat. In zwei Fällen läuft das
Verfahren gegen den Täter. Bei einem weiteren betroffenen Mann stehen konkrete
Maßnahmen noch aus.

Ein eindrückliches Beispiel für die Schwierigkeit eines Menschen mit geistiger Behinderung,
die Ausbeutungserfahrung durch eine nichtbehinderte Person glaubhaft zu übermitteln, ist die
Geschichte von Ulrich T.

Ulrich T.
Ulrich T. ist eine 31 jähriger geistig behinderter Mann. Seine Kindheit verbrachte er zuerst
bei der Mutter und dann in verschiedenen Institutionen. Heute lebt er in einer
Wohngemeinschaft. Er erzählt der Interviewerin, daß er von einem ortsansässigen Bauern auf
dessen Hof sexuell ausgebeutet wurde. Dieser zwang ihn, sich nackt vor ihm auszuziehen, er
wurde von diesem an seinen Geschlechtsteilen berührt, mußte ihn oral befriedigen und wurde
von ihm vergewaltigt.

Es ist nicht klar geworden, ob sich dieser Vorfall einmalig oder öfters ereignete. Ulrich T. hat
seinem Bezugsbetreuer von diesem Erlebnis erzählt. Gegen den Mann wurde zwar eine
Anzeige erstattet, aber zum Zeitpunkt des Interviews im März des Jahres war das Verfahren
noch offen. Dem betroffenen Mann geht es psychisch sehr schlecht mit dieser Situation. Er
hat auch Schmerzen in der Penisgegend. Im Zuge des Gesprächs bittet er die Interviewerin,
für ihn bei der Betreuung zu intervenieren, er möchte vor allem eine Therapie machen.

Im Anschluß an das Interview wendet sich der zuständige Betreuer von selbst an die
Interviewerin, um sich über diesen bestimmten Mann Klarheit zu verschaffen. Laut Betreuer
wurden, abgesehen von der polizeilichen Anzeige, keine weiteren Schritte mehr gesetzt. Man
glaubt dem Mann seine Geschichte nicht. Das BetreuerInnenteam war der Auffassung, daß
sich der Betroffene mit seinen Erlebnissen nur wichtig machen will. Der Betreuer sagte
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 72

wortwörtlich: „Die erzählen uns ja soviel, ich kann mir nicht vorstellen, daß das alles
passiert ist, was er zu Protokoll gegeben hat bei der Polizei".

Daraufhin versuchte die Interviewerin, den Betreuer mit dem Hinweis, daß sexuelle
Gewalterlebnisse erfahrungsgemäß von niemandem erfunden werden, von der
Glaubwürdigkeit des Mannes zu überzeugen.

Im weiteren Gespräch stellte sich auch heraus, daß der Bezugsbetreuer erstmals mit einer
solchen Situation konfrontiert und offenbar überfordert war. Der Fall war zwar Gegenstand
einer Teambesprechung, aber es wurde keine handlungsanleitende Entscheidung getroffen.

Der Betreuer fühlt sich mit diesem Fall sehr allein gelassen, ist aber in seiner Hilflosigkeit
auch nicht imstande, sich die nötige Unterstützung und Hilfe beispielsweise von der
Einrichtungsleitung zu holen.

Nach dem Gespräch mit dem Betreuer hatte die Interviewerin den Eindruck, ihm mit der
Bestätigung den nötigen Anstoß für ein unmittelbares Handeln gegeben zu haben . Ein paar
Wochen später rief die Interviewerin im Rahmen der Rückspiegelung der Hilfewünsche die
von Ulrich T. genannte Betreuerin an. Interessanterweise hatte dieser nicht seinen
Bezugsbetreuer angegeben. Tatsächlich aber reagierte die angesprochene Betreuerin auf den
Hilfewunsch von Ulrich T. genauso wie vorher auch der Betreuer und bezweifelte seine
Glaubwürdigkeit.

Die ansatzweise Hilflosigkeit des BetreuerInnenteams ist auf den Umgang mit dieser
Fragestellung seitens der Institutionenleitung zurückzuführen. Daraufhin gefragt, wie denn
sexuelle Gewalterlebnisse von Mitbewohnerinnen aus Leitungssicht behandelt werden, vertrat
der Leiter der Einrichtung im Expertengespräch die Auffassung, daß „auf der Teamebene, auf
der Ebene der Wohneinrichtung selber, der Großteil der Problemlösungskapazitäten (läge),
weil die Arbeit sonst nicht zu schaffen wäre”. Erst wenn das Team der Auffassung ist, den
Prozeß nicht mehr steuern zu können, würde er einschreiten. Dieser relativ autonome Zugang
zu den Handlungsmöglichkeiten seitens der einzelnen Betreuungsteams setzt aber bei diesen
spezielle Erfahrungen mit den Folgen von sexueller Gewalt und Kenntnisse voraus, die im
vorliegenden Fall scheinbar nicht gegeben sind und die deshalb auch in eine Überforderung
ausarten.

Dieses Beispiel verdeutlicht sehr anschaulich, auf welchen verschiedenen Hierarchieebenen in


den Einrichtungen Maßnahmen bezüglich der Unterstützung von Menschen mit Behinderung,
die sexuelle Gewalterfahrungen machen, ansetzen müssen. Einerseits muß auf der inhaltlichen
Ebene insbesondere hinsichtlich des Menschenbilds von Behinderung gearbeitet werden. Nur,
wenn Menschen mit Behinderung nicht ernstgenommen werden, steht auch deren
Glaubwürdigkeit in Frage. Andererseits ist es absolut notwendig, daß sich die jeweilig
Verantwortlichen ausgehend von ihrer Funktion, ob als BetreuerIn, als pädagogischer
LeiterIn, als WohnbereichsleiterIn, als WerkstättenleiterIn etc., mit der Problemwahrnehmung
und mit dem schrittweisen Umgang in konkreten Gewaltfällen auseinandersetzen.

8. Brauchen die Männer Hilfe?


Wir fragten die von sexueller Gewalt betroffenen Männer auch danach, ob sie spezielle Hilfe
benötigen würden, die wir ihnen vermitteln könnten. Von den 58 betroffenen Männern
wünschen sich 12 (21%) Hilfe. Aber nur sieben Männer wollen, daß ihr Wunsch mit Angabe
des Namens von uns an einen bestimmten Adressatln, meistens irgendjemanden aus dem
Betreuungsbereich weitergeleitet wird. Auch in diesem Fall dürften wir damit konfrontiert
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 73

sein, daß es vielen Männern schwer fällt, sich als schwach und hilfsbedürftig zu sehen, weil
dies nicht in ihr Männerbild paßt. Wie wir am Beispiel von Ulrich T. gesehen haben, ist diese
Person nicht immer mit dem/der jeweiligen BezugsbetreuerIn ident. Es läßt sich auch keine
Präferenz ableiten, ob der/die AdressatIn eher eine Frau oder ein Mann ist.

Norbert U. fühlt sich als Frau und erkundigt sich beim Interviewer über Möglichkeiten der
Geschlechtsumwandlung. Er hat bisher mit seiner Bezugsbetreuerin noch nicht über seine
Gewalterfahrungen gesprochen, weil er sich bisher noch nicht getraut hat. Deshalb bat er den
Interviewer, gemeinsam mit ihm einen Brief zu verfassen. In diesem Brief schildert er den
aktuellen Gewaltvorfall in der Werkstatt und appelliert an die Betreuerin zu intervenieren.

Hilfsformen Absolut Prozent


Psychotherapie 3 5,2
Intervention bei Leitung/Schutzmaßnahme 2 3,4
Gespräch mit Vertrauensperson 5 8,6
Verlegung in andere Wohngruppe oder andere Arbeitsstätte 2 3,4
missings 46 79,3
Gesamt 58 100,0
Tab. 7: Art der Hilfewünsche

Unter den artikulierten Hilfewünschen scheint bei den Männern - wie dies im übrigen auch
bei den Frauen der Fall war - am stärksten das Bedürfnis nach einem Gespräch mit einer
Vertrauensperson (9%) auf. Offenbar wird dieser Form der Kommunikation im Wohnalltag
von Einrichtungen der Behindertenhilfe zu wenig Raum geboten. An zweiter Stelle rangiert
der Wunsch nach einer psychotherapeutischen Behandlung (5%). Bei der Rückmeldung der
Hilfewünsche an die Institutionen stellte sich zumindest bei zwei Männern heraus, daß sie
sich bereits länger in Psychotherapie befinden. Dies gilt möglicherweise als eine Bestätigung
des bereits eingeschlagenen therapeutischen Weges, eine Fortsetzung der Therapie seitens des
betroffenen Mannes scheint also durchaus erwünscht zu sein. Es könnte aber auch ein Indiz
für das Bedürfnis des Betroffenen sein, den/die Therapeutin zu wechseln. Gerade auch
letzeres scheint uns angesichts der Tatsache, daß manche sexuelle Gewalterfahrungen in der
Therapie nicht zur Sprache kommen, durchaus plausibel zu sein.

Je zwei Männer (3%) wünschen sich seitens der/des Interviewerin eine Intervention bei der
Leitung bzw. möchten in eine andere Gruppe/eine andere Wohneinheit oder auch an eine
andere Arbeitsstätte versetzt werden.

G. ´Gemma` hab i` g`sagt, und dann samma gangen` 7 Männer mit


Behinderung als Täter

1. Ausmaß von sexueller Ausbeutung


Insgesamt 32 Männer (27%) beantworten die Frage, ob sie schon einmal wen sexuell belästigt
haben bzw. sexuelle Gewalt ausgeübt haben, mit „ja”. Etwas mehr als jeder Vierte unserer
Stichprobe hat sich im Verlauf der Befragung zu Taten sexueller Belästigung und/oder
sexueller Gewalt bekannt. Während ein Drittel der Personen von einer einzigen Form von
Ausbeutungshandlung berichtet, beschreiben die anderen Täter zwei oder mehr verschiedene
Formen von sexueller Ausbeutung. Insgesamt werden von 32 der befragten Männer mit
Behinderung 99 unterschiedliche Formen von Gewalthandlungen genannt, die sie zum

7 Zitat aus dem Interview mit einem Betroffenen.


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 74

überwiegenden Teil mehrfach und zum Teil an mehreren Betroffenen begangen haben. Davon
sind knapp die Hälfte als sexuelle Belästigungen (49%) und 47 Vorfälle (51%) als sexuelle
Gewalt zu qualifizieren.

1.1 Sexuelle Belästigung durch Männer mit Behinderung


Von sexueller Belästigung8 durch Männer mit Behinderung sind überwiegend Frauen
betroffen. Die männlichen Opfer kommen nahezu gänzlich aus dem näheren Umfeld der
Täter; es handelt sich dabei um Mitschüler oder Mitbewohner. Dagegen kommt mehr als die
Hälfte der weiblichen Betroffenen von außerhalb der Einrichtungen, und zwar sind sie zu
gleichen Teilen den Tätern bekannte oder unbekannte Frauen. In sehr geringem Ausmaß (drei
Nennungen) sind von der sexuellen Belästigung durch Bewohner auch BetreuerInnen
betroffen.

Die meisten Vorfälle (38%) betreffen den Versuch oder die Nötigung, sich berühren oder
streicheln zu lassen. Jeweils zu 29% haben sich die Männer mit ihrem Körper an eine andere
Person angedrängt oder ihrerseits diesen im Gesicht oder an den Haaren berührt und
gestreichelt, obwohl der oder diejenige das nicht wollte. In mehr als der Hälfte der
Nennungen haben die geschilderten Vorfälle (52%) in der Einrichtung stattgefunden.

Sexuelle Belästigung gezwungen, mit dem Sex-Witze berührt an Gesamt


(Mehrfachnennungen zu berühren / Körper gemacht Gesicht,
) zu streicheln bedrängt Haaren etc
Opfer war Mann 2 2 0 2 6
Familienmitglied 0
Mitbewohner / 2 1 2 5
Schüler
Betreuungspersonal 1 1
Arbeitskollege 0
Person (bekannt) 0
Person (unbekannt) 1 1
Bub 1 1
Opfer war Frau 15 11 2 11 39
Familienmitglied 1 1 2
Mitbewohnerin / 7 3 1 4 15
-schülerin
Betreuungspersonal 1 1 2
Arbeitskollegin 1 1
Person (bekannt) 3 3 3 9
Person (unbekannt) 3 2 1 3 9
Mädchen 1 1
Gesamtzahl der 17 13 2 13 45
Vorfälle
Tab. 1: Sexuelle Belästigung durch Männer mit Behinderung (Mehrfachnennungen)

8 In der nachfolgenden Darstellung haben wir - im Unterschied zur Darstellung von Opfererfahrungen - die
Begriffe ´Mit Blicken ausziehen`, ´anzügliche Bemerkungen machen` und ´Sex-Witze` zusammengenommen.
Beim Begriff ´Berühren` unterscheiden wir hier ein eher ganzkörperliches Bedrängen und die (Streichel)
Berührung von Gesicht, Haaren etc:
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 75

1.2 Sexuelle Gewalt durch Männer mit Behinderung


Auch die Vorfälle sexueller Gewalt richten sich vor allem gegen Frauen (87%) und dabei
überwiegend gegen Mitschülerinnen oder Mitbewohnerinnen. Die außenstehenden
Betroffenen sind den Tätern vielfach bekannt.

Kategorien von verübt an verübt an Gesamt


sexueller Gewalt Männern Frauen
Absolut Prozent Absolut Prozent Absolut Prozent
Geschlechtsteil 4 57,1 10 24,4 14 29,8
berührt
Glied gezeigt / 0 0,0 2 4,9 2 4,3
selbstbefriedigt
festgehalten und 2 28,6 16 39,0 18 38,3
geküßt
jmd. ausgezogen 0 0,0 6 14,6 6 12,8
oder dies versucht
jmd. gezwungen, 1 14,3 3 7,3 4 8,5
Glied anzufassen
gezwungen, Glied 0 0,0 1 2,4 1 2,1
in den Mund zu
nehmen
Vergewaltigung 0 0,0 3 7,3 3 6,4
Gesamt 17 14,9 41 87,2 48 100,0
Tab. 2: Sexuelle Gewalt durch Männer mit Behinderung

Als häufigste Formen sexueller Gewalt werden von den männlichen Tätern ´Festhalten und
Küssen` (38%) sowie die Berührung der Geschlechtsteile (30%) genannt. Jemanden an Glied
und Hoden zu berühren, ist die Form der sexuellen Gewalt, die bei männlichen Opfern
überproportional häufig vorkommt, während weibliche Opfer vor allem Umarmen, Festhalten
und Küssen gegen ihren Willen erleiden müssen. Jeder dritte von sexueller Gewalt Betroffene
ist MitschülerIn oder MitbewohnerIn (32%) und kommt damit aus dem unmittelbaren Umfeld
der Täter. Auf BetreuerInnen entfallen zwei Nennungen. Im Vergleich zur sexuellen
Belästigung fällt auf, daß die sexuellen Gewalttaten ungleich häufiger außerhalb der
Einrichtung begangen werden. In den Einrichtungen findet rund ein Viertel (27%) der Vorfälle
sexueller Gewalt statt.

1.3 Sexuelle Ausbeutung durch Männer mit Behinderung


Die Vorfälle sexueller Belästigung stehen häufig in einem unmittelbaren Zusammenhang mit
weitergehenden Handlungen sexueller Gewalt, unter anderem als Versuch der Nötigung oder
als Vorstufen zu sexualisierten Gewalthandlungen. Nur wenige Ausnahmen betreffen
einmalige Handlungen, die nicht in direktem Kontext mit sexueller Gewalt stehen. Häufig
sind dieselben Personen von sexueller Belästigung und Gewalt betroffen. Wir stellen deshalb
in der Folge die geschilderten Vorfälle von sexueller Belästigung und von sexueller Gewalt im
Zusammenhang dar.

Bundesländer Täter
ja nein Gesamt
Absolut in Prozent Absolut in Prozent
Tirol 1 1 14,3 6 85,7 7
Tirol 2 1 20,0 4 80,0 5
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 76

Salzburg 6 27,3 16 72,7 22


Oberösterreich 1 6 35,3 11 64,7 17
Oberösterreich 2 5 33,3 10 66,6 15
Steiermark 6 40,0 9 60,0 15
Wien 1 6 24,0 19 76.0 25
Wien 2 1 9,1 10 90,9 11
Gesamt 32 27,6 85 73,3 117
Tab. 3: Täteranteil nach Bundesländern

Während durchschnittlich 27% der befragten Männer sexuelle Belästigungen bzw.


Gewalttaten schildern, liegt dieser Anteil in einzelnen Einrichtungen deutlich darüber. Das
sind insbesondere die Einrichtungen in der Steiermark (40%), in Wien 2 (36%) und in
Oberösterreich 1 (35%). Demgegenüber sind die Anteile in den Tiroler Einrichtungen
signifikant niedriger (14% und 20%).

Es sind also gerade größere Einrichtungen mit ausgeprägt katholischer Tradition, deren
BewohnerInnen vielfach in Wohngruppen leben, in denen überproportional viele Männer
sexuelle Ausbeutung begangen haben. Beim Vergleich mit der Verteilung der Opferanteile
nach Einrichtungen zeigen sich damit weitgehende Entsprechungen. Die Einrichtungen mit
hohen Opferanteilen sind auch bezüglich des Anteiles an Tätern sehr belastet.

1.4 Häufigkeit von sexueller Ausbeutung


Wenn Männer mit Behinderung sexuelle Gewalt ausüben, kommt es überwiegend zu einer
Reihe von Gewalthandlungen. Ausbeutungshandlungen (11 Nennungen) wird von den Tätern
als Einzelvorkommnis beschrieben. Dagegen handelt es sich bei den weiteren Personen um
Wiederholungstäter.

Häufigkeit sexueller Ausbeutung Täter


Absolut in Prozent
keine 85 72,6
einmal 11 9,4
zweimal 5 4,3
dreimal 7 6,0
viermal und öfter 9 7,7
Gesamt 117 100,0
Tab. 4: Häufigkeit von sexueller Ausbeutung

1.5 Täterschaft und Alter


Die meisten Fälle von sexueller Belästigung oder sexueller Gewalt durch Männer mit
Behinderung erfolgen im Alter von 15 bis 24 Jahren; auf diese Altersgruppe entfallen rund
53% aller geschilderten Vorfälle (15-19 Jahre: 41%, 20-24 Jahre:
(11%). Die Altersgruppe der 30-34jährigen weist mit 26% der Täter unserer Stichprobe den
zweitgrößten Anteil an sexueller Ausbeutung auf.

Alter des Täters zum Zeitpunkt der Tat Absolut Prozent


unter 15 Jahren 1 1,0
15 - 19 Jahre 22 22,2
20 - 24 Jahre 6 6,1
25 - 29 Jahre 6 6,1
30 - 34 Jahre 14 14,1
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 77

älter als 35 Jahre 5 5,1


keine Angaben 45 45,5
Gesamt 99 100,0
Tab. 6: Altersverteilung (Mehrfachangaben)

2. Umfeld der sexuellen Ausbeutung

Ausbeutungsorte Absolut Prozent


zu Hause / in der Familie 15 15,2
in Heim, Einrichtung, Sonderschule 35 35,4
am Arbeitsplatz 4 4,0
öffentliche Einrichtung, Park, Straße 10 10,1
Wohnung, Hotelzimmer 16 16,2
keine Angaben 19 19,2
Gesamt 99 100,0
Tab. 5: Umfeld der sexueller Ausbeutung

Die Vorfälle ereignen sich überwiegend in der Einrichtung; also entweder im Wohnbereich der
Einrichtung , der geschützten Werkstätte oder einer Sonderschule (zusammen 39%).
Demgegenüber entfallen auf einzelne externe Örtlichkeiten wie Hotelzimmer oder Wohnung
des Opfers (16%) sowie öffentlich zugängliche Einrichtungen wie Parks (10%) deutlich
weniger Nennungen. Ein knappes Sechstel der Nennungen (15%) bezeichnet das Zuhause als
Ort der sexuellen Ausbeutung.

Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit den Darstellungen der Opfer von sexueller
Ausbeutung, die diese ebenfalls überwiegend im Bereich der Einrichtungen erleiden. Sexuelle
Ausbeutung findet demnach überwiegend im geschützten Rahmen der Einrichtungen und
damit im engeren sozialen Umfeld der BewohnerInnen statt, das sich in Zusammenschau von
Betroffenen- wie Täterdarstellungen tendenziell als sexualisiert gewaltförmiger Alltag
erweist.

Sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz


Der Arbeitsplatz wird von den Tätern insgesamt nur sehr selten als Ort sexueller Ausbeutung
genannt. Mit lediglich einer Nennung von sexueller Gewalt und drei Beispielen für sexuelle
Belästigung gegen eine Arbeitskollegin nimmt sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz den
unbedeutenden letzten Rang in der Liste Gewaltorte ein.

Dieses Ergebnis steht in Widerspruch zu den Ergebnissen bezüglich Betroffenheit von


sexueller Ausbeutung (siehe dazu oben). In der Darstellung der Opfer ereignet sich am
Arbeitsplatz etwa jeder zehnte Vorfall von sexueller Ausbeutung, und wird hier zur Gänze von
ebenfalls behinderten Kollegen verübt.

Offensichtlich wurde sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz von den befragten Männern


selektiv verschwiegen.

Dorian H.:
Dorian H. ist etwa 25 Jahre alt und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in einer Einrichtung.
Seit sechs Jahren lebt er in einer Wohngruppe im Heim. Von den BetreuerInnen wird er als
lernbehindert und verhaltensauffällig geschildert.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 78

Dorian H. hat Erfahrungen mit sexueller Ausbeutung durch eine frühere Freundin und ist
auch selbst Täter. Er schildert eine Reihe von Vorfällen, die von sexueller Belästigung durch
verbale Anmache und Berührungen bis zu sexueller Gewalt an einer Mitbewohnerin reichen .
Es handelt sich dabei um eine junge Frau, mit der er regelmäßig in der Werkstatt zusammen
trifft. Wenn es ihm irgend möglich ist, dann paßt er sie auf dem Gang zur Toilette ab. Im
wesentlichen konzentrieren sich seine Ausbeutungshandlungen auf Berührungen am Körper
und an der Scheide. Seine Taten begründet Dorian damit, daß er mit der jungen Frau
befreundet sein möchte.

3. Opfer der Täter

Geschlecht der Opfer Absolut in Prozent


Frauen 79 79,8
Männer 13 13,1
missing 7 7,1
Gesamt 99 100,0
Tab. 7: Betroffen von sexueller Belästigung und Gewalt

Die von den Männern mit Behinderung genannten Vorfälle, bei denen sie sexuelle
Belästigung und Gewalt ausüben, betreffen, wie bereits betont, überwiegend weibliche Opfer
(80%), wobei insbesondere die breite Streuung des Kreises von Betroffenen zu erwähnen ist.
Zu den betroffenen Frauen zählen in erster Linie Heimbewohnerinnen und am
zweithäufigsten den Bewohnern bekannte sowie unbekannte externe Frauen. Insgesamt
achtmal wurden Mädchen (8%) ausgebeutet und sechsmal sind Familienangehörige (6%)
betroffen.

Damit ergibt sich in unserer Stichprobe ein deutlich anderes Bild als bei einer Untersuchung
in den USA (Griffith u.a. 1985; siehe dazu oben S. 23). Danach richtet sich sexuelle Gewalt
durch Männer mit Behinderung gleichermaßen gegen Frauen wie gegen Männer, was die
AutorInnen damit erklären, daß Männer mit Behinderung bezüglich der Wahl ihrer Opfer
keine geschlechtsspezifische Auswahl treffen, weil sie diesbezüglich kein ausgeprägtes
Geschlechtsbewußtsein hätten.

Eine mögliche Erklärung für diese deutliche Differenz zwischen den beiden
Forschungsergebnissen bietet zum einen die Erkenntnis, daß Männer in persönlich geführten
Erhebungen weniger offen Taten gestehen, die dem persönlichen Prestige abträglich sein
könnten; das heißt daß uns gleichgeschlechtliche Ausbeutungshandlungen tendenziell
verschwiegen wurden (vgl. dazu unten: Dunkelfelddaten). Demgegenüber heben
Fragebogenuntersuchungen ohne persönliche Befragungsanteile die Bereitschaft zur ehrlichen
Beantwortung derart kritischer Fragen, wie sie das Thema sexuelle Ausbeutung naturgemäß
darstellt. Diese Form einer völlig unpersönlichen Erhebung war uns aber in Anbetracht der
Zielgruppe von Männern mit Behinderung und insbesondere auch mit geistiger Behinderung
nicht möglich.

Kategorien von Betroffenen Männer Frauen Gesamt


Absolut Prozent Absolut Prozent Absolut Prozent
Familienmitglied 0 0,0 6 100,0 6 6,2
HeimbewohnerIn, MitschülerIn 9 25,7 26 74,3 35 35,4
Pflege-,Betreuungspersonal 2 40,0 3 60,0 5 5,1
ArbeitskollegIn 0 0,0 1 100,0 1 1,0
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 79

andere Person (bekannt) 0 0,0 18 100,0 18 18,2


andere Person (unbekannt) 1 5,6 17 94,4 18 18,2
Bub / Mädchen 1 11,1 8 88,9 9 9,2
missing 0 0,0 0 0,0 7 7,1
Gesamtzahl der Nennungen 13 14,1 79 85,9 99 100,0
Tab. 8: Die Betroffenen von sexueller Ausbeutung

Von sexueller Ausbeutung sind vor allem Mitbewohnerinnen sowie MitschülerInnen


betroffen, die also mit den Tätern während längerer Zeit die gleiche Einrichtung besuchen.
Auf diese Gruppe entfallen 35% der Taten. Jeweils zu einem Fünftel (18%) sind
einrichtungsexterne, den Tätern persönlich bekannte sowie unbekannte, überwiegend
weibliche Personen betroffen. Jeder zehnte Betroffene ist noch ein Kind (9%), hier handelt es
sich nahezu ausschließlich um Mädchen.

Sexuelle Ausbeutung von MitbewohnerInnen


Von sexueller Belästigung und Gewalt durch Männer mit Behinderung, die in Einrichtungen
der Behindertenhilfe leben, sind vor allem andere HeimbewohnerInnen betroffen. Auf die
Gruppe der männlichen (10%) und weiblichen (28%) HeimbewohnerInnen entfällt zusammen
ein gutes Drittel der Nennungen. Innerhalb der Gruppe der männlichen Opfer liegt der Anteil
der Heimbewohner aber doppelt so hoch (69%), während dieser Anteil bei den weiblichen
Opfern bei etwa einem Drittel (33%) liegt. Hier zeigt sich eine deutlich Entsprechung zu den
Darstellungen der von sexueller Ausbeutung betroffenen Männer. Auch sie berichten, daß die
erlittenen Ausbeutungshandlungen überwiegend von ihren MitbewohnerInnen ausgehen
(siehe dazu oben,S.76)

In der Folge möchten wir den Themenbereich sexueller Gewalt an MitbewohnerInnen


exemplarisch verdeutlichen.

Winfried S.
Winfried S. ist 32 Jahre alt, lernbehindert und leidet an Epilepsie. Im
BetreuerInnenfragebogen wird zudem sexualisiertes Verhalten als besonderes Problem von
Winfried S. festgestellt. Er ist bei seinen Eltern aufgewachsen, lebt inzwischen aber schon seit
ca. 15 Jahren in derselben Einrichtung. Im Interview beschreibt er mehrere, häufig
wiederholte Vorfälle von sexueller Belästigung bis Gewalt gegen jüngere sowohl männliche
als auch weibliche MitbewohnerInnen, die im Falle eines Mädchens bis zur Vergewaltigung
reichten. Diese Vorkommnisse liegen nun schon mehrere Jahre zurück.

F: Warum hast Du das gemacht mit den Buben und dem Mädchen?
A: Ja. Das habe ich mit Gewalt getan. Es hätte nicht sein müssen.
F: Es hätte nicht sein müssen, aber Du hast irgendwie ....
A: Ich habe einfach nicht mehr auskönnen.
F: Das klingt, als wärst Du unter Zwang gestanden, daß Du das tun mußtest?
A: Ja, genau, ja.
F: Gleichzeitig hast Du auch gewußt, Du mußt dich verstecken dabei, das darf niemand
sehen?
A: Ja, genau.
F: Hast Du auch ein schlechtes Gewissen gehabt?
A: Ja, schon, hab ich schon gehabt.
F: ... und gefürchtet, daß Du erwischt wirst?
A: Ja, das hab ich auch gefürchtet, und wie sie mich erwischt haben, da ist das ja auch
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 80

gekommen. Das hat der Betreuer auch meiner Mutter geschrieben, daß ich es trieben hab'.
Normalerweise, wenn das Kind zum Beispiel heimfährt und es seinen Eltern erzählt, dann
kann das zu einer Anzeige auch führen. Das will ich nicht.
F: Wie war das für Dich?
A: Ja, ich hab einfach einmal probieren wollen, wie das eigentlich ist, ob ich selber - wie soll
man denn sagen - einen Samen - oder wie man sagt - hab. Dann bin ich eben
draufgekommen, daß ich einen hab. Dann hab ich es halt öfters trieben mit einem Kind oder
mit einem Behinderten. Wenn die (das Mädchen) in die Küche gegangen ist, dann hab ich
immer auf den Zeitpunkt gewartet, daß es wieder zurückkommt. Und wie sie
zurückgekommen und genau in den Gang hineingegangen ist, da hab ich es gleich
genommen und dann hinuntergeführt in den Keller. Da haben wir es dann getrieben.
F: Wollten die das dann auch?
A: Nein, aber ich war der Ältere, und ich hab sie überredet mitzumachen.
F: Was hast Du gemacht, daß sie Dich nicht verraten?
A: Ja, da habe ich auch geschaut. Ich habe gesagt, sie sollten nichts sagen, es wird nicht
wieder passieren, und es war auch nichts mehr. Dann aber ist es irgendwie durch den
Betreuer oder die Betreuerin herausgekommen
F: Du hast zuerst gesagt: So richtig schuldig hast Du Dich erst gefühlt, als Du erwischt
wurdest; also wie es herausgekommen ist.
A: Ja, genau.
F: Hast Du das Gefühl, daß Du es wieder machen würdest?
A: Ja, das kann mir schon wieder passieren, aber ich muß mich dann zusammenreißen,
daß ...
F: Das heißt, Du willst nicht, daß Du es wieder tust?
A: Ja.
F: ... aber ausschließen kannst Du das nicht.
A: Nein.
Interview

Sexuelle Ausbeutung nach außen: bekannte und unbekannte Frauen


In der Gruppe der weiblichen Betroffenen von sexueller Ausbeutung fallen die hohen Anteile
von Frauen von außerhalb der Einrichtung auf, die den Tätern je zur Hälfte bekannt
beziehungsweise unbekannt sind [18 bekannte (22%) und 17 unbekannte (21 %)].

Ulrich K.: „Ich wollt' ihr zeigen, daß ich der Stärkere bin.”
Ulrich K. ist ein etwa vierzigjähriger Mann mit Lernbehinderung, aber großen Problemen im
Sozialverhalten. Die BetreuerInnen stellen im Fragebogen fest, dass er große seelische sowie
Alkoholprobleme habe. Dementsprechend ist sein Dauerkonsum an Medikamenten - Ulrich K.
bekommt vor allem Beruhigungsmittel.

Ulrich K. schildert mehrere Erlebnisse, in denen er zum Teil sexuellen Übergriffen ausgesetzt
war, zum anderen Teil aber auch selbst eine Reihe von sexuellen Belästigungen und von
sexueller Gewalt tätigte. Seine Gewalthandlungen stehen in Zusammenhang damit, daß er
zum Großteil seine Freizeit in Kneipen verbringt, in denen er selbst bereits öfter an sexuellen
Übergriffen gegen Frauen beteiligt war. Diese reichen von derben Witzen bis hin zu sexuellen
Belästigungen und erzwungenen Berührungen. Weiters berichtet er von der Vergewaltigung
einer ihm unbekannten Frau. Er war damals ca. 20 Jahre alt. Auf der Straße hat er eine ihm
unbekannte Frau getroffen und diese gezwungen, ihn mit in ihre Wohnung zu nehmen. Dort
hat er sie ausgezogen und vergewaltigt. Sie hat sich gewehrt, ihn gekratzt und geschlagen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 81

Aber er war stärker. Er hätte das gemacht, weil - wie er sagt - er „ihr zeigen wollte, daß ich
der Stärkere bin, und ich wollte unbedingt mit ihr schlafen".

4. Sind Täter auch Opfer?


Im Vergleich der Täter- und Opferanteile zeigt sich, daß für die Mehrzahl der Täter zutrifft,
daß sie auch Opfer sind: 19 von 32 Tätern (60%) sind auch Opfer von sexueller Gewalt.
Sexuelle Ausbeutung bei Männern mit Behinderung steht offensichtlich in Zusammenhang
mit dem Erleben von sexueller Ausbeutung.

Täter Gesamt
ja nein
Opfer 19 39 58
kein Opfer 13 45 58
missing 0 1 1
Gesamt 32 85 117
Tab. 9: Täter- und Opferstatus

Insgesamt 45 der interviewten Männer scheinen weder als Opfer noch als Täter auf; das sind
39%. Dagegen haben nahezu zwei Drittel der männlichen Bewohner von Einrichtungen für
Menschen mit Behinderung, nämlich 62%, entweder passive, aktive oder sogar beide
Erfahrungen mit sexueller Gewalt.

Dieses Ergebnis ist ein deutliches Indiz dafür, daß ein Zusammenhang zwischen Opfer- und
Täterstatus besteht, wobei es auf der Grundlage der von uns erhobenen Daten nicht möglich
ist, diesen Zusammenhang empirisch schlüssig nachzuweisen. So können wir die These weder
belegen noch widerlegen, wonach das Erleiden von sexueller Ausbeutung die Entwicklung
von Ausbeutungshandeln begünstige. Zum einen sind die einzelnen Opfer-/Tätergeschichten
zu unterschiedlich. Zum anderen war ein qualitatives Gespräch mit den entsprechenden
Männern über den Zusammenhang zwischen ihren Opfer- und Tätererfahrungen nicht
möglich. Auf eine mögliche Erklärung aber weisen mehrere Einzeldarstellungen hin. Danach
zeichnet sich der institutionelle Heimalltag und seine sexualisierte Gewaltförmigkeit durch
einen fließenden Wechsel zwischen Täterhandeln und Opfererleben aus. Dabei kommt es
tendenziell zu einem Nehmen und Genommenwerden, das sich eher nach der Verfügbarkeit
eines potentiell Schwächeren orientiert als nach sexuellen Präferenzen. Unter diesen
Vorzeichen wird ein Zerrbild von hegemonialer Männlichkeit reproduziert. Fehlende
Ressourcen und eingeschränkter sozialer Status werden dann unter anderem auch durch
sexuelle Ausbeutung von anderen ansatzweise zu kompensieren versucht.

5. Täterschaft und institutionelle Rahmenbedingungen

Wohnform Täter Gesamt


ja nein
Absolut Prozent Absolut Prozent
Wohngruppe im Heim 21 37,5 35 62,5 56
betreute WG 9 21,4 33 78,6 42
ambulant betreuter 2 13,3 13 86,7 15
Wohnplatz
missing - - 4 - 4
Gesamt 32 27,8 85 70,4 117
Tab. 10: Täter und Wohnform
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 82

Sexuelle Ausbeutung durch männliche Mitbewohner tritt insbesondere in den Wohngruppen


der Einrichtungen anteilsmäßig überproportional auf. Hier ist der Täteranteil (38%) bei
weitem höher als in den kleineren Wohneinheiten wie Wohngemeinschaften (21%) und
ambulant betreuten Wohnplätzen (13%). Das hängt zum einen sicherlich mit der
überdurchschnittlich langen Aufenthaltsdauer in den untersuchten Einrichtungen zusammen,
wie sie für die Bewohner der Wohngruppen in besonderem Ausmaß zutrifft. Zum anderen
dürfte auch der Erfahrungshintergrund strikt sexualrepressiver katholischer Führung zur
Entwicklung und Verfestigung von sexualisierter Gewaltförmigkeit beigetragen haben, wie er
bei einigen der Großeinrichtungen bis vor wenigen Jahren gegeben war. Wie den Interviews
und Einzeldarstellungen von Vorfällen sexueller Ausbeutung unter BewohnerInnen zu
entnehmen ist, kommt dabei des öfteren eine Habitualisierung von sexueller Ausbeutung und
sexualisierter Gewalt zum Ausdruck, die es den Betroffenen wie den Tätern zum Teil deutlich
erschwert, ein adäquates Problembewußtsein zum Thema sexueller Ausbeutung zu
entwickeln.

Die bestimmenden Faktoren des Zusammenlebens und das Ausmaß von Zwangsgemeinschaft
stehen insgesamt in einem deutlichen Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung - sowohl auf
der Ebene der Betroffenen als auch der Täter. Dieser Zusammenhang dokumentiert sich auch
in den empirischen Ergebnissen der Fragebogenerhebung. Bezüglich der weiteren Wohn- und
Lebensstandards, wie wir sie erhoben haben, läßt sich aber empirisch keine klar erkennbare
Auswirkung auf die Bereitschaft zu sexueller Gewalt nachweisen. So zeigt sich lediglich
bezüglich des geschützten Privatbereiches und der Möglichkeit, das eigene Zimmer
abschließen zu können, ein deutlicher Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung.

Unter den Männern mit Behinderung, die ihr Zimmer beziehungsweise ihren Wohnbereich
nicht abschließen können, ist der Anteil an Sexualtätern bedeutend höher (44%) als bei den
Männern mit Behinderung, die über einen zumindest ansatzweise geschützten Privatbereich
verfügen (26)%. Das kommt auch in den hohen Anteilen von Tätern innerhalb der Bewohner
von Mehrbettzimmern zum Ausdruck. 35% der befragten Mehrbettzimmerbewohner schildern
Vorfälle von sexueller Ausbeutung, während dies nur auf ein Viertel der Bewohner von
Einzelzimmern (23%) zutrifft.

Demgegenüber steht die Frage der eigenständigen Tageszeiteinteilung beziehungsweise


Schlafzeitenregelung sowie die Frage nach der Ausstattung mit Badezimmer und Toilette in
keinem Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung. Ebenfalls nicht bestätigt wurde in unserer
Untersuchung ein erwarteter Zusammenhang zwischen Beschwerden von Bewohnern, einer
laufenden Medikation beziehungsweise einer entsprechenden Problemdiagnose durch die
Betreuerinnen und dem Anteil von Vorfällen sexueller Ausbeutung.

6. Spektrum von Tathintergründen


Im Vergleich der unterschiedlichen Ausbeutungshandlungen wird deutlich, daß es sich dabei
um sehr unterschiedliche Täterkategorien handelt. Grob läßt sich einmal unterscheiden
zwischen sexueller Ausbeutung aus Unwissen einerseits und als Mittel zur Ausübung von
Macht und Gewalt andererseits. Mehrere Einzeldarstellungen verweisen zudem auf
Besonderheiten des institutionellen Umfeldes. Danach erweist sich der Heimalltag als
tendenziell gewaltförmig. In nahezu allen Beispielen aber läßt sich der Mangel an Ressourcen
sowie fehlende institutionelle Vorsorgen für den Umgang mit Sexualität als bestimmender
Hintergrund von sexueller Ausbeutung ausmachen.

Sexuelle Ausbeutung im Kontext von Adoleszenz und Erwachsenwerden


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 83

Zu einem großen Anteil werden sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt von Jugendlichen
(23%) begangen. Fast die Hälfte der Taten steht damit tendenziell im Kontext von
Erwachsenwerden sowie der Entwicklung und Festigung erwachsener Formen der Sexualität.
Diese können solcherart zum Teil auf spezifische Probleme mit Pubertät und Adoleszenz
zurückgeführt werden. Dies wird auch aus mehreren Darstellungen der Täter ersichtlich, die
als Grund für ihre Taten angaben, daß sie `es' einmal versuchen wollten.

Winfried S. (siehe dazu oben) stellt seine Ausbeutungshandlungen ganz deutlich in einen
Zusammenhang von Pubertät, wenig Wissen und fehlender Erfahrung mit Sexualität: `Ich
wollte wissen, ob ich auch - wie sagt man - einen Samen habe'. Die Suche nach sexueller
Erfahrung und die Ausübung von Gewalt gehen in seiner Darstellung eine tendenziell
zwanghafte Dynamik ein. Vor diesem Hintergrund kommt es zur Wiederholung und
offensichtlich auch zu einer Steigerung der gewaltförmigen Anteile. Am Schluß einer
längeren Entwicklung steht dann die Vergewaltigung einer jüngeren Mitbewohnerin. Der
Tatbestand sexueller Gewalt wird durch die stattgefundene Wiederholung, die steigende
Gewaltförmigkeit und insbesondere die Wahl von jüngeren und durch ihre Behinderung stark
benachteiligten Personen als Opfer hier überdeutlich und darf keineswegs verharmlost
werden. Die Entwicklung aus einer Adoleszenzproblematik heraus indiziert unseres Erachtens
aber überdeutlich, daß auch institutionelle Vorsorgen und insbesondere die Täterarbeit diese
Anteile der Tatmotivation zumindest miteinbeziehen muß.

Sexuelle Ausbeutung als Problem mangelnder institutioneller Vorsorgen


Beklemmend wird am Beispiel von Winfried S. auch deutlich, daß eine Entwicklung wie
seine im Heimalltag über längere Zeit hinweg nicht beachtet und damit auch nicht bearbeitet
wird. Offensichtlich bleibt Winfried S. stattdessen alleingelassen mit seinen Fragen und seiner
Suche, ob und in welcher Form er Sexualität erleben kann. Gewalt wird ihm dabei zum
Mittel, seine Unsicherheiten und Gefühle der Insuffizienz zu überdecken, was ihm sichtbar
nur durch zunehmende Gewaltförmigkeit zu gelingen scheint.

In diesem Zusammenhang halten wir auch den Hinweis von BetreuerInnen auf eine
Besonderheit des Heimalltages von Interesse. Danach suchen sich weniger behinderte
BewohnerInnen häufig jüngere, schwächere oder aufgrund stärkerer Behinderung tendenziell
wehrlose PartnerInnen als Opfer für sexuelle Ausbeutung aus. Diese sexualisierten
Gewalthandlungen werden dann eher versteckt und verheimlicht ausgelebt, z.B. im Bereich
der Toiletten oder in anderen wenig einsehbaren Bereichen der Einrichtung. Vielfach
verlaufen diese Beziehungen gewaltförmig, wobei in der Sicht der BetreuerInnen aber nicht
immer klar und offensichtlich ist, inwieweit die Opfer dieser Beziehungen freiwillig oder
gezwungen und unter Druck gesetzt mitmachen. „Die verständigen sich per Augenkontakt.
Der eine geht vor, und der andere kommt dann später nach. Wir bekommen das dann
bestenfalls durch Zufall mit, weil sie ertappt werden oder weil wir einen Tip von anderen
BewohnerInnen bekommen.” (Betreuer) Gelegentlich kommt es dann auch vor, daß die
BetreuerInnen Verhaltens- und Befindlichkeitsveränderungen bei den Opfern bemerken. Auf
intensiveres Nachfragen, was denn Ios sei, kommt allmählich die Wahrheit an den Tag. In
anderen Fällen entsteht bei den Betreuerinnen aber auch der Eindruck, daß die
BewohnerInnen „es vielleicht gerade so, nämlich gewaltförmig und eher im Verborgenen und
etwas schmuddelig, brauchen. Das Risiko, erwischt zu werden, die Action des Gewaltförmig-
Verborgenen gehört zum Teil irgendwie zu ihrem Sexualleben. Das ist oft schwierig, soll man
das noch tolerieren oder ... " (Leiter einer Einrichtung).

Die MitarbeiterInnen in den Einrichtungen reflektieren solcherart die Züge sexualisierter


Gewaltförmigkeit im Heimalltag vor allem als Ausdruck einer langjährigen Gewöhnung an
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 84

fehlende und unzulängliche Rahmenbedingungen für ein Leben mit Beziehungen und
Sexualität. Letztlich erweisen sich auch die BetreuerInnen damit insoweit gewaltsozialisiert,
daß sie die Gewaltförmigkeit dieser Vorkommnisse zum Teil nicht mehr als solche erkennen
und problematisieren können. Stattdessen rücken Fragen der Glaubwürdigkeit der von
Ausbeutung Betroffenen sowie das Heimliche und die `Schmuddeligkeit' der Vorkommnisse
in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und Intervention.

Habitualisierte sexuelle Gewalt im Heimalltag


Jochen B.
Jochen B. ist ein 40jähriger Mann, relativ klein und eher von zarter Statur. Er schildert sich
als nicht aufgeklärt und weiß auch sehr wenig über sexuelle Themen Bescheid.

Als für ihn sehr belastendes Erlebnis schildert er einen Vorfall, der bereits lange zurückliegt.
Er war damals ca. 24 Jahre alt und lebte noch bei seinen Eltern. Beim Spiel mit
Nachbarkindern war es zum Eklat gekommen, als er versuchte, einem um viele Jahre
jüngeren Mädchen ein ´Bussi` zu geben. Weiters hätte er dem Mädchen an die Scheide
gegriffen. Die Eltern hatten ihn dabei beobachtet und ihn sehr geschimpft. Sichtbar ist ihm
dieses Erlebnis immer noch unangenehm, es bereitet ihm Schuldgefühle, die er mit der
Aussage zum Ausdruck bringt, daß er das nicht mehr machen würde, weil er das nicht dan`.

Es erscheint fraglich, inwieweit Jochen B. allerdings in der Lage war, eine eigenständige
moralische Instanz, also das Wissen, was er darf oder nicht, zu entwickeln. Tendenziell siedelt
er diese außerhalb seiner Person an: Es wurde ihm verboten, Mädchen zu küssen oder sexuell
zu belästigen. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn er schildert, daß es nach seiner
Aufnahme im Heim zu weiteren sexuellen Übergriffen und Belästigungen gekommen ist.
Seither belästigt er männliche Mitbewohner - mehrmals, in seinem Zimmer -, indem er sie
sexuell bedrängt und berührt. Während es sich bei seiner ´frühen` Erinnerung an sexuelle
Ausbeutung deutlich um ein eher kindliches Ausprobieren von Bussi-Geben, Anfassen und
zumindest zu einem Gutteil um Suche nach Nähe und Zärtlichkeit handelt, hat sich diese
kindliche Form der Sexualität nunmehr weitgehend als klare sexuelle Ausbeutung
habitualisiert. Diese ist offensichtlich zum Standard der persönlichen Begegnung zwischen
den Heimbewohnern und zum nahezu normalen Begleitphänomen der intimen Beziehungen
im Heimalltag geworden. Diese Vermutung wird durch die Aussage von Jochen B. bestärkt,
daß auch er immer wieder Opfer sexueller Übergriffe durch andere Heimbewohner,
insbesondere durch einen bestimmten Mitbewohner geworden ist, die in einem Fall soweit
gegangen sind, daß er in seiner Bedrängnis solange und so laut um Hilfe gerufen hat, bis der
Täter nach einem Polizeieinsatz (´mit Blaulicht und Sirene`) entfernt und inzwischen aus dem
Heim verlegt wurde.

Habitualisierte sexuelle Gewalt im Heimalltag auf der einen Seite und Isolation und
Einsamkeit auf der anderen scheinen in diesem Fall als Ausdruck einer besonderen Form des
zwangsgemeinschaftlichen Lebens in weitgehender Anonymität und Isolation. Konfrontiert
mit sexuellen Übergriffen bis Gewalt, ist Jochen B. gleichzeitig Opfer und Täter. Auf der
Suche nach Nähe und Zuneigung wird aktive wie passive Gewalterfahrung zum
Wiederholungserlebnis und zum Alltagsphänomen. Gewaltförmige und stark funktionalisierte
Sexualität zwischen den HeimbewohnerInnen wird zum Ausdruck für ein in sich schlüssiges
System, das sich durch die Eckpfeiler unzureichender sozialer Stützung und dem Erleben
struktureller Gewalt andererseits kennzeichnen läßt.

Horst L.: „Mädchen, das sind kleine Frauen”


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 85

Horst L. ist 32 Jahre alt, wirkt aber in seinem ganzen Verhalten noch sehr jung. Er kommt aus
sehr belasteten Familienverhältnissen, auf die von den BetreuerInnen auch seine
Lernbehinderung wesentlich zurückgeführt wird. Seit nunmehr 27 Jahren lebt er im Heim,
aktuell wohnt er in einer betreuten Wohngruppe im Heim.

Horst hat reichhaltige Gewalterfahrungen sowohl als Opfer als auch als Täter von sexueller
Gewalt, die sich überwiegend im Zusammenhang des Heimalltages abspielen. Seine sexuellen
Übergriffe betreffen gleichermaßen männliche wie weibliche HeimbewohnerInnen und
reichen von Berühren und dem Erzwingen von Berührung bis hin zu erzwungener
Befriedigung.

Als besonderes Kapitel seiner Gewalterfahrungen schildert Horst seine Kontakte mit
Mädchen, die er als kleine Frauen tituliert. Im Detail schildert Horst, daß er sich in eine
Besucherin des einrichtungseigenen Kindergartens verliebt hat. Er ist ganz besessen von der
Vorstellung, mit der ´kleinen` Frau Sex zu haben. Mittlerweile hat er bereits mehrmals und an
verschiedenen Orten im Einrichtungsumfeld das Mädchen festgehalten, geküßt und versucht,
es auszuziehen, obwohl ihm durchaus klar ist, daß sie das nicht will. Als Grund für diese
Vorfälle nennt Horst L. sein Verliebtsein. Es hätte ihm Freude gemacht, und er fühle sich
weder schuldig, noch täte ihm leid, was er gemacht hat. Auf die Frage, ob er es wieder
machen würde, meint Horst L., daß es ihm zwar verboten wäre, daß er aber trotzdem „wieder
kleine Frau will”.

Diese Versuche und Übergriffe haben inzwischen schon öfters stattgefunden und sind auch
bereits den BetreuerInnen bekanntgeworden. Horst L. schildert als zentrale Maßnahme
Gespräche mit den BetreuerInnen sowie Aufklärung über sexuelle Gewalt. Er selbst aber
wirkt beim Gespräch eher emotionslos und formuliert sehr klar, daß „er sich eben holt, was
er will”.

Sexuelle Ausbeutung im Kontext fehlender Ressourcen / hegemoniale Männlichkeit


In etwa die Hälfte der Taten erfolgt im Erwachsenenalter; hier treten zum Teil entsprechend
andere Motivzusammenhänge als bei den jugendlichen Tätern auf. So zeigen die erwachsenen
Männer stärker gewaltorientierte Motive (´der wollte ich zeigen, daß ich stärker bin`) für ihre
Taten auf, handeln eher in Form von Beharrung auf Macht und ihren Willen sowie tendenziell
weniger versteckt und heimlich (etwa im Zusammenhang mit Alkoholkonsum und
Kneipenmilieu, siehe oben: Beispiel Ulrich K.). Ihre Strategien der Darstellung weisen dabei
auch mehr Anteile der Verleugnung und versuchter Schuldumkehr auf. ´Einmal will sie und
dann wieder nicht - da kennt man sich als Mann ja nicht mehr aus.` (Gerhard L., siehe dazu
unten)

Gerhard L.: „Schuld ist die Mitbewohnerin”


Gerhard L. ist 31 Jahre alt und aufgrund starker spastischer Zustände weitgehend von Hilfe
abhängig. Er ist bereits seit früher Kindheit in Einrichtungen der Behindertenhilfe,
mittlerweile in der dritten, in der er nun bereits seit 15 Jahren lebt. Er ist weitgehend
aufgeklärt und bezüglich allgemeiner sexueller Themen gut informiert, mit einer Ausnahme:
Er weiß nicht, warum eine Frau eine Monatsblutung hat.

Er selbst wurde nie sexuell belästigt oder Opfer sexueller Gewalt, war aber selbst Täter. Nach
Darstellung von Gerhard L. beschränkt sich seine Tat auf einen einmaligen Vorfall. Dazu war
es im Zimmer einer Mitbewohnerin gekommen, mit der er zu dieser Zeit ein intimes Verhältnis
hatte. Obwohl sie ihm deutlich machte, daß sie an diesem Tag keinen Geschlechtsverkehr
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 86

wolle, hat er sie bedrängt, belästigt und angefaßt. Unter anderem hat er ihr auf die Brust
gegriffen. Auf die Frage, warum er das getan hat, antwortet S.: „Ich wollte mit ihr schlafen,
aber sie wollte nicht; obwohl das am Tag davor für uns beide ok. war. Bei ihr kennt man sich
nicht aus. Das ist einmal ja und einmal nein.”

Im Interview versucht Gerhard L., einerseits klarzumachen, daß es sich bei diesem Vorfall
erstens um eine Lappalie und zweitens um den Ausdruck der Unzuverlässigkeit seiner
damaligen Partnerin gehandelt habe. „Da kann man sich als Mann ja nicht mehr auskennen,
wenn es einmal so ist und am nächsten Tag anders.” Zudem sucht er Bestätigung, daß
eigentlich die Schuld beim Opfer liege. Es erscheint ganz offensichtlich, daß dieser Versuch
der Schuldabwälzung bei den BetreuerInnen dazu führte, daß tatsächlich auf Maßnahmen
verzichtet wurde, die über ein Gespräch hinausgehen. Im Zweifelsfall, so scheint es zumindest
in diesem Fall, wird eher dem Täter geglaubt als dem betroffenen Opfer.

Vielfach führen aber auch die erwachsenen Täter Unkenntnis, Unwissen und mangelnde
Erfahrung als ihre Gründe für sexuelle Ausbeutung an und stellen solcherart ihre
Ausbeutungshandlungen in einen Kontext mit mangelnden institutionellen Vorsorgen für
Sexualität sowie der Suche nach adäquaten Formen der Sexualität.

7. Grund für die Taten


Sechs Männer (19% der Täter) geben als Grund für ihre Tat/en Zuneigung und Verliebtheit an,
drei Personen (9%) begründen diese damit, daß es Spaß gemacht hat, und jeweils zwei
Männer geben sexuellen Notstand an bzw. wollten ´Sex Ausprobieren`. Sieben Täter geben
verschiedene andere Gründe an, wie zum Beispiel: „Der wollte ich`s zeigen”.

Thomas S.
Thomas S. ist 37 Jahre alt, bei seinen Eltern aufgewachsen und lebt seit ca. 20 Jahren in
einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Aktuell lebt er in einer betreuten
Wohngemeinschaft. Thomas S. hat auch Erfahrungen als Opfer sexueller Gewalt geschildert,
die weiter oben beschrieben sind.

Thomas S. schildert, daß er in seiner Jugendzeit - noch vor der Einweisung in eine
Einrichtung - eine Nachbarin aus seinem Heimatdorf mehrfach sexuell belästigt hat. Er
beschreibt verschiedene Facetten von Belästigung bis Gewalt. „Ich hab` sie geärgert und
getratzt.” Seine Gewalttaten gehen bis zum Versuch einer Vergewaltigung. Thomas berichtet,
daß er diese Frau häufig bei ihr zuhause besucht und sie dabei immer wieder berührt hat:
„überall, am Hintern ...". Als sich die Frau einmal sehr vehement dagegen wehrte, daß er sie
auch an den Geschlechtsteilen zu berühren versuchte und mit ihr schlafen wollte, hat er sie
zudem massiv bedroht: „Ich hab gesagt, gib eine Ruh`, sonst stech` ich dich ab!”

Sie hat sich zwar gegen seine sexuelle Ausbeutung gewehrt, ihn jeweils weggedrängt und
auch des öfteren der Wohnung verwiesen. Aber er ist immer wieder hingegangen, hat „an der
Tür geläutet wie wild” und auch einmal „die Fensterscheibe eing`haut”. In seiner Sicht war
das vorrangiges Motiv: „Weil ich eine Gaudi machen wollt” und „daß es ihm damit gut
geht”. Im Nachhinein tut ihm leid, was er getan hat. Die Vorkommnisse sind bekannt
geworden, und es kam auch zu einer Anzeige.

8. Die Täter und ihr Umgang mit den Opfern


Den Tätern geht es sehr gemischt mit ihren Taten. In der Darstellung vieler Täter hat ihnen die
Tat Freude gemacht (28%); im Nachhinein bereuen 16 Männer (50%) ihre Tat und weitere 13
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 87

(41 %) haben Schuldgefühle deshalb. Sechs Männer (rund 20%) halten eine Wiederholung
ihrer Taten für denkbar.

Ähnlich unterschiedlich und breit gestreut ist auch ihr Verhältnis zu den Opfern der von ihnen
verübten sexuellen Ausbeutung. Ein Drittel der Täter hat keinen Kontakt mehr zum Opfer;
zum Beispiel weil sie mittlerweile in eine andere Wohneinrichtung verlegt wurden. Auch zu
Betroffenen von sexueller Ausbeutung, die nicht in der Einrichtung sondern außerhalb leben,
besteht in der Regel kein Kontakt mehr. Ein weiteres Drittel hat sich beim Opfer entschuldigt
und die Situation geklärt. Etwa ein Fünftel (21%) der Täter berichtet, daß sich das Opfer von
ihnen abgrenzt oder ihnen aus dem Weg geht.

Bemerkenswert scheint dabei, daß ein hoher Anteil von Tätern und Opfern weiterhin in
derselben Einrichtung leben (müssen). Dies erscheint gerade in Hinblick auf die von sexueller
Ausbeutung betroffenen MitbewohnerInnen als ausgesprochen problematisch. Zu einem
überraschend hohen Anteil normalisiert sich zwar der Kontakt zwischen den Tätern und den
Betroffenen von sexueller Ausbeutung innerhalb kurzer Zeit nach der Tat wieder - aus der
Sicht der Täter, wie hier einschränkend angefügt werden muß. Unabhängig davon erscheint
diese spezifische Täter-Opfer-Beziehung nur möglich in einem Umfeld, in dem diese Taten
nahezu zum integrierten Bestandteil eines tendenziell als gewaltförmig erlebten Heimalltages
werden. Die Ausbeutungshandlungen verlieren deshalb nicht ihren abwertenden und damit
zusätzlich verletzenden und entwürdigenden Charakter. Dies führt aber dazu, daß die
BetreuerInnen - wie sie uns berichtet haben - vielfach erst Tage oder Wochen später durch
veränderte Verhaltensweisen und Befindlichkeit von Betroffenen auf sexuelle Ausbeutung
aufmerksam werden. Sexualisierte Gewalt wird unter diesen Vorzeichen letztlich sowohl von
den Tätern als auch den Opfern mehr oder weniger habitualisiert. Zumal auch die Betroffenen
nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten haben, ihre Situation von sich aus zu verändern, bleibt
ihnen offensichtlich nichts anderes übrig, als sich mit der Gewalt `zu arrangieren'.

9. Haben sich die Täter jemandem anvertraut?


Der Anteil der Täter, die inzwischen mit jemandem über (zumindest) eine sexualisierte
Ausbeutungshandlung gesprochen haben, ist in etwa identisch mit dem Anteil der Vorfälle, die
bekannt geworden sind. So berichten sieben Männer (22% der Täter), daß sie entweder bei
der Tat ertappt oder die Vorfälle bekannt wurden, weil sich die Betroffenen beschwert oder
Anzeige erstattet haben. Insgesamt zehn Männer (31 % der Täter) haben nach der Tat bzw.
deren Aufdeckung mit jemandem darüber gesprochen; zumeist mit eineR BetreuerIn, in
wenigen Fällen mit einer persönlich nahestehenden Person wie z.B. der Mutter oder eineR
FreundIn.

Über sexuelle Ausbeutung wird, so zeigen diese Ergebnisse nur zu deutlich, von den Tätern
eher nicht gesprochen - außer sie werden zur Rede gestellt. Sexuelle Gewalt wird solcherart
nicht von sich aus problematisiert. Sie bleibt solange wie möglich im Verborgenen - und wird
wiederholt; tendenziell zwanghaft und mit steigender Gewaltförmigkeit, wie das Beispiel von
Winfried S. (siehe oben) dramatisch belegt.

10. Bedarf nach Hilfe


84% der Männer mit Behinderung, die sich zu sexueller Ausbeutung bekannten, äußern
keinen Hilfebedarf. Drei Männer wünschen, daß die InterviewerInnen ein Gespräch mit eineR
BetreuerIn vermitteln. Zwei Personen äußern den Bedarf nach Therapie.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 88

Im Vergleich zu den von sexueller Ausbeutung betroffenen Männern ist der von den Tätern
geäußerte Hilfebedarf sehr gering und vor allem unspezifisch. Die Bearbeitung im Gespräch
über sexuelle Ausbeutung wird von den Tätern, die kein oder nur sehr eingeschränktes
Schuldebewußtsein haben, offensichtlich als Sanktion bzw. als Eingriff in den gewaltförmigen
Alltag erlebt und als solche nicht aktiv gesucht. So äußert auch Winfried S. (siehe oben)
keinen Bedarf nach weitergehender Hilfe, meint aber nach längerem Überlegen: „Ich werde
mal wieder mit meinem Betreuer über Sexualität und Beziehung zu einer Frau reden. Das
geht gut mit ihm.”

11. Die Folgen von sexueller Ausbeutung bei den Tätern


Der Großteil der berichteten Vorkommnisse bleibt unbekannt und damit ohne Folgen.
Allerdings ist der Anteil der fehlenden Antworten auf diese Frage ziemlich hoch (53%).
Insgesamt nur sieben Personen (22%) berichten davon, daß sie auf eine Tat bzw. deren
Bekanntwerden hin zur Rede gestellt wurden.

Als erste und zentrale Reaktion berichten die Männer von Gesprächen mit BetreuerInnen,
SachwalterInnen oder Familienmitgliedern, an die sich in der Folge zum Teil weitere
Maßnahmen anschließen.

Maßnahmen ja nein missing Gesamt


Verlegung in andere Wohneinheit 13 3 16 32
Aufklärung über sexuelle Gewalt 7 10 15 32
Gespräch mit Bezugspersonen 6 8 16 32
Androhung einer Verlegung oder Anzeige 4 13 15 32
Täter wurde geschimpft 3 13 16 32
Gesamtzahl der Nennungen 37 50 - -
Tab. 11: Maßnahmen infolge von sexueller Ausbeutung (Mehrfachnennungen)

Die häufigste Maßnahme auf das Bekanntwerden von sexueller Ausbeutung besteht in der
Verlegung in eine andere Wohneinheit. Diese Versetzung erfolgt, in der Darstellung der
BetreuerInnen, vor allem in Hinblick auf den Schutz des Opfers und wird vor allem in
Hinsicht auf die geeignete Zusammensetzung der neuen Wohngruppe vorgenommen. Allem
voran wird dabei darauf geachtet, ob die neuen PartnerInnen in der Lage sind, sich gegen den
Täter abzugrenzen bzw. sich gegen sexuelle Ausbeutung zur Wehr setzen können.

Häufig wird der Täter in Folgegesprächen über Sexualität, sexuelle Gewalt und mögliche
Folgen aufgeklärt. Gelegentlich beschränkten sich die ergriffenen Maßnahmen darauf, daß die
Täter „geschimpft” werden. In etwa ebenso oft berichten die Täter von der Androhung
weitergehender Maßnahmen wie Verlegung oder Anzeige.

Gerhard L. (siehe Einzeldarstellung oben).


Gerhard L. wird von seiner Freundin einer versuchten Vergewaltigung beschuldigt. Von
diesem Vorfall wissen die BetreuerInnen somit Bescheid, ohne daß aber die Leitung der
Einrichtung darüber informiert wird. „Sonst wäre ich nicht mehr hier.” In den Gesprächen
mit seinen BetreuerInnen wurde Gerhard L. über sexuelle Gewalt aufgeklärt. Eingeprägt hat
sich ihm aber insbesondere die Drohung „mit einem Rausschmiß". Diese Drohung hält er für
nicht angemessen, weil seine Tat seiner Meinung nach „zwar blöd, aber nichts Besonderes”
gewesen sei. „Deswegen können die mich doch nicht rausschmeißen. Und wenn? Wo sollte
ich denn dann hin?”
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 89

Tatsächlich bleibt Gerhard L. in seiner gewohnten Umgebung. Weitergehende Maßnahmen


werden nicht gesetzt. Die Drohung mit einem ´Rausschmß` bleibt diffus, eine gezielte
Hilfestellung dagegen gänzlich aus.

Ulrich K. (siehe Einzeldarstellung oben)


Im Interview führt Ulrich K. aus, daß ihm seine Tat damals Freude gemacht hat, er sich jetzt
aber deshalb schuldig fühle. Dabei wird deutlich, daß Art und Inhalt der Intervention eine
entscheidende Rolle gespielt haben. Nachdem ihn die Frau wegen Vergewaltigung angezeigt
hat, war es zu einem Gespräch mit seinem damaligen Sachwalter gekommen. Dieser machte
ihm klar, daß es `seine letzte Chance' wäre. Sollte es noch einmal zu einer Anzeige wegen
Vergewaltigung kommen, dann wären die entsprechenden Konsequenzen unvermeidlich.
Weitere Maßnahmen blieben auch in diesem Fall aus. Der Gewalthintergrund wurde letztlich
nicht bearbeitet. Darauf deutet auch der weitere Verlauf der Gewalterfahrungen in der
Geschichte von Ulrich K. hin. Bei ihm ergibt sich in der Folge eine Verfestigung tendenziell
gewaltförmiger Sexualität sowie seiner Bereitschaft zu sexualisierter Gewalt, die er im
Kontext von Kneipenkultur und Alkoholkonsum in vielfachen Formen auslebt.

Diese Tat wird infolge einer Anzeige des Opfers zwar bekannt, hat für Ulrich K. letztlich aber
keine Folgen - mit Ausnahme eines ernsten Gespräches mit seinem Sachwalter. Ulrich K.
erhält keine adäquaten Hilfestellungen. Er bleibt auch weiterhin im Kneipenmilieu verhaftet
und tendenziell eine Täterpersönlichkeit. Gleichzeitig beschränken sich die institutionellen
Maßnahmen auf Medikamente - insbesondere beruhigender und dämpfender Art.
Weitergehende professionelle Hilfe findet nicht statt.

Nachdem Ulrich K. für sich Hilfebedarf formuliert und die Interviewerin ersucht, seinen
Bedarf nach Hilfe, Gespräch und Therapie weiterzuleiten, nimmt diese mit seinem
Bezugsbetreuer Kontakt auf. Dabei wird deutlich, daß das Poblem in der Einrichtung selbst
nur am Rande wahrgenommen wird und kaum Aufmerksamkeit durch die BetreuerInnen
findet. In der Darstellung des Bezugsbetreuers verbringt Ulrich K. den Großteil seiner Zeit
außerhalb der Einrichtung. Seinem Eindruck nach flüchte dieser vor der Problembearbeitung,
ohne daß dem aber von der Einrichtung und den BetreuerInnen etwas entgegengesetzt würde.
Stattdessen bleibt alles, wie es ist.

In der Zusammenschau von Täterdarstellung und der Reaktion seines Bezugsbetreuers auf die
Übermittlung eines spezifischen Hilfebedarfes wird das Ausmaß von Nicht-Wahrnehmung
von Problem und Hilfebedarf in ihrem Zusammenhang mit der Verfestigung tendenziell
gewaltförmiger Sexualität beklemmend anschaulich. Ohne konkreten Vorfall gibt es für die
Einrichtung offensichtlich keinen Handlungsbedarf. Zumal auch Ulrich K. sein Hilfebedürfnis
nicht direkt und persönlich artikuliert, gibt es auch kein gezieltes Angebot. Insgesamt entsteht
aus dieser Konstellation der Eindruck von institutioneller Vernachlässigung (´facility
neglect`).

Die Instanzen Polizei, Strafrecht und Gericht sowie Strafvollzug bleiben in den uns
berichteten Vorkommnissen sexueller Ausbeutung peripher. Tatsächlich berichtete kein
einziger der von uns interviewten Männer von einer gerichtlichen Untersuchung, Verhandlung
oder gar Verurteilung. Diesen rechtsstaatlichen Interventionsebenen kommt allenfalls der
Stellenwert einer Drohung mit der externen und gewissermaßen anonymen Strafinstanz zu.
Der Rückgriff der BetreuerInnen auf diese,. in Anbetracht der in vielen Fällen wohl
tatsächlich auszuschließenden Schuld- und/oder Haftfähigkeit, stumpfe Drohung erscheint
umso erstaunlicher, als gleichzeitig auf der Betreuungsebene selbst nahezu durchgängig auf
adäquate weiterführende Maßnahmen wie z. B. Therapie, geschlechtsspezifische Betreuung,
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 90

Begleitung und Täterarbeit verzichtet wird. In Einzelfällen werden in den Einrichtungen


stattdessen restriktive Maßnahmen unterschiedlichen Ausmaßes realisiert.

Lorenz G.
Im Zuge der Interviews zur ´Frauenstudie` (Zemp/Pircher 1996) war Lorenz G. der sexuellen
Ausbeutung einer Mitbewohnerin beschuldigt worden. In unseren Gesprächen mit
BetreuerInnen und dem pädagogischen Leiter der Einrichtung wurden uns die in der
Zwischenzeit gesetzten Maßnahmen berichtet und deren Ergebnis reflektiert.

Zum einen wurde Lorenz G. nahegelegt, sich einer psychotherapeutischen Behandlung zu


unterziehen. Zum anderen wurde eine Reihe von Maßnahmen gesetzt, um eine
Tatwiederholung zu verhindern. So wurde ihm Alkoholkonsum verboten, die freie Verfügung
über seine Finanzen eingeschränkt und seine Besuchszeiten streng geregelt. Besonderes
Augenmerk wurde dabei darauf gelegt, die infomelle Hierarchie in der Gruppe abzubauen,
interne Abhängigkeiten zwischen den BewohnerInnen aufzuheben und auf Sicht Lorenz G. zu
verdeutlichen, daß er keine Verfügungsmacht über andere MitbewohnerInnen ausüben darf.
Mehrere Monate nach Bekanntwerden der sexuellen Ausbeutungshandlung wurde Lorenz G.
zudem in eine andere Wohngemeinschaft verlegt. Das alles führte dazu, daß Lorenz G. „sich
dort untergeordnet hat”. (Betreuer)

Die Sinnhaftigkeit des hier demonstrierten Maßnahmenbündels erscheint zumindest


fragwürdig, wie auch der Erfolg denkbar ungenügend ist. Die bloße Unterordnung unter
willkürlich anmutende Repression, die sich auf den weitgehenden Abbau von sozialer
Kompetenz konzentriert, unterstreicht den Eindruck, daß hier Bestrafung an die Stelle
adäquater Bearbeitungsformen getreten ist. Gleichzeitig wird durch diese gezielte
Einschränkung von Freiräumen und Selbstbestimmungsrechten auf beklemmende Weise
deutlich, in welchem Außmaß Menschen mit Behinderung letztlich rechtlos sind. Auf diese
Problematik, die weitgehend auf fehlende oder mangelhafte institutionelle Vorsorgen zur
Vermeidung von Rollenkonflikten innerhalb der Einrichtung zurückgeführt werden kann,
weisen auch zwei weitere Beispiele von Maßnahmen gegen sexuelle Ausbeutung hin. Diese
wurden uns von einem Betreuer und einem Leiter einer Einrichtung berichtet. Danach wurde
in einer Einrichtung als Maßnahme auf ein Vorkommnis sexueller Ausbeutung ein internes
Informationssystem aufgebaut, das den Weg eines Täters innerhalb der Großeinrichtung
möglichst transparent machen sollte. Die MitarbeiterInnen wurden dabei aufgefordert, sich
gegenseitig telefonisch zu informieren, sobald der Betroffene sich aus dem jeweiligen
Aufenthaltsbereich (Werkstätte, Küche, Freizeitbereich etc.) entfernte bzw. wenn er in einem
anderen eintraf.

In einer anderen Einrichtung wurden die MitbewohnerInnen jener Wohneinheit, in die ein
Mann mit Behinderung nach einem Vorkommnis sexueller Ausbeutung verlegt wurde, darüber
informiert, was an seinem früheren Wohnplatz geschehen war.

Beide geschilderten Maßnahmen werden mit dem notwendigen Schutz potentieller Opfer von
sexueller Gewalt begründet. In beiden Fällen aber wird das Recht auf persönliche Integrität,
z.B. der Schutz vor Stigmatisierung und übler Nachrede, willkürlich eingeschränkt. Vorsorgen
für eine aktive Vertretung der Interessen der betroffenen Männer werden in beiden Fällen
nicht getroffen.

Winfried S. (siehe Einzeldarstellung oben)


F: Was wurden bei Dir für Maßnahmen gesetzt?
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 91

A: Ein flüssiges Mittel ... Spritze ....


F: Du hast eine Spritze bekommen, Du bist gedämpft worden praktisch ...
A: Ja, gedämpft, die habe ich in den Hintern hineingekriegt ... davon bin ich müde geworden.
Das ist ein starkes Mittel gewesen, und da hab ich dann auch nicht mehr arbeiten können
und bin immer so schwindlig geworden und hab Zustände gekriegt. Die Spritze habe ich
dann eine Zeitlang gekriegt. Dann haben die Betreuer dafür gesorgt, daß sie aufhören damit,
weil das nicht mehr so weiter geht. Ich habe auch nichts mehr essen können und gar nichts
mehr. Schön langsam sind sie einverstanden gewesen und haben aufgehört damit. Und die
Spritzen haben sie nur unter einer Bedingung gelassen: wenn ich mit dem ganzen Blödsinn
aufhöre. Und das habe ich auch geschworen - und seither habe ich nie wieder mit so etwas
zu tun gehabt.
F: Das heißt jetzt: Wie gehst Du jetzt mit jungen Männern um? Reizt Dich das noch?
A: Nein, eigentlich jetzt reizt mich das nimmer.
F: Und Mädchen?
A: Ja, ich suche eher eine Freundin. Es sind auch fesche Frauen in dem Kurs, den ich jetzt
mache, aber ich habe noch keine gefragt, noch keine Freundin gefunden. Und vielleicht
frage ich auch nicht ...
Interview

Winfried S. war, wie oben dargestellt, der wiederholten sexuellen Ausbeutung von jüngeren
MitbewohnerInnen überführt worden, und wurde in der Folge - in Absprache mit dem
Vertrauenarzt der Einrichtung - einer Langzeitbehandlung mit Typol unterzogen. Dabei
handelt es sich um ein dämpfendes und während der Zeit der Einnahme stark
persönlichkeitsveränderndes Medikament. Diese Chemobehandlung wurde durch Gespräche
mit dem Leiter der Einrichtung sowie mit BetreuerInnen ergänzt, die einerseits Aufklärung
über sexuelle Gewalt (Anzeige, Gefängnis, Folgen für das Opfer) zum Inhalt hatten. Vom
Leiter der Einrichtung wird die radikale medikamentöse Behandlung mit dem Schutz des
Täters vor einem sonst unausweichlichen und möglicherweise längerwährenden
Psychiatrieaufenthalt begründet. Eine weitergehende psychotherapeutische sowie
geschlechtsspezifische Bearbeitung von Tathintergrund und -dynamik werden letztlich nicht,
auch nicht nach Einstellung der Spritzen - gesetzt. Das erscheint umso fragwürdiger, als die
von Winfried S. geschilderten Taten deutlich auf einen Zusammenhang mit Pubertät, wenig
Wissen und fehlende Erfahrung mit Sexualität hinweisen. Diesen Tathintergrund in der
nachgehenden Behandlung nicht gezielt aufzugreifen, läßt die gewählte Maßnahme als
letztlich fragwürdige und einseitige Pathologisierung der Tat erscheinen. Die Dynamik aus
Tatwiederholung und steigender Gewaltförmigkeit wurde damit zwar unterbrochen.
Geblieben aber ist eine letztlich prekäre und resignative Grundstimmung bei Winfried S., die
in der aktuellen Betreuung aber nicht adäquat aufgegriffen wird. Stattdessen lebt Winfried S.
unter dem handgreiflich verdeutlichten und durchgesetzten Diktum, wonach sexualisierte
Gewalt verboten ist, ohne daß sich daran aber Bemühungen und Hilfestellungen für die
Entwicklung und Stützung von (ebbaren Alternativen geknüpft hätten.

12. Dunkelfelddaten
Aus dem Vergleich der Interviews mit Opfern und Tätern von sexueller Ausbeutung, aus
konkreten Hinweisen im Zuge der `Frauenstudie' (Zemp/Pircher 1996) sowie aus den
Berichten der befragten MitarbeiterInnen in den Einrichtungen wissen wir, daß die
interviewten Männer mit Behinderung uns viele Vorkommnisse sexueller Ausbeutung
verschwiegen haben. Des weiteren konnten wir mit einzelnen Personen, von deren Taten wir
aus oben genannten Quellen Kenntnis haben, nicht sprechen, weil sie entweder ein Gespräch
mit uns ablehnten bzw. zum angesetzten Termin verhindert waren.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 92

Es handelt sich bei diesen Hinweisen aber um letztlich nicht empirisch gestützte und
systematisch erhobene Daten, weshalb wir diese in der vorstehenden Auswertung nicht
berücksichtigt haben. Tatsächlich aber ist damit gesichert, daß das Ausmaß von sexueller
Ausbeutung durch Männer mit Behinderung sowohl in quantitativer als auch qualitativer
Hinsicht faktisch höher anzusetzen ist, als wir es hier ausleuchten konnten. Konkret wurden
uns verschwiegen:
 sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen männliche
Mitbewohner, insbesondere erzwungene Fellatio und Geschlechtsverkehr
(siehe Opferdarstellung Norbert U. und Täterdarstellung Dorian H.);
 sexuelle Gewalt gegen MitbewohnerInnen, insbesondere erzwungener
Geschlechtsverkehr oder versuchte Vergewaltigung (siehe Einzeldarstellungen
Lorenz G. und Gerhard L.);
 sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz (siehe Einzeldarstellung Markus
M.).

Hier liegt in dieser Untersuchung eine tendenzielle ´Verharmlosung` des Ergebnisses vor, das
zum einen auf die Form der persönlich durchgeführten Erhebung zurückgeführt werden kann.
Zum anderen ist zu vermuten, daß das Tabu Homosexualität in den Interviews ebenso zum
Tragen kam wie das persönliche Idealbild quasi ´normaler` Sexualität. Als tendenziell
ebenfalls nicht ´normal` gilt offensichtlich auch sexuelle Ausbeutung am Arbeitsplatz, was
möglicherweise auf die dort zur Verfügung stehenden Örtlichkeiten sowie auf den Umstand
des ´Verstecken-Müssens` zurückgeführt werden kann. Der Eindruck eines sexualisiert
gewaltförmigen Heimalltages aber verdichtet sich gerade angesichts dieser selektiven Lücken
in unserer Erhebung.

H. Problembewußtsein und -bearbeitungsansätze in den


Einrichtungen
In ausführlichen Leitfadengesprächen wurden Mitarbeiterinnen in den untersuchten
Einrichtungen (BetreuerInnen, EinrichtungsleiterInnen, pädagogische LeiterInnen) zu den
institutionellen Vorsorgen für Sexualaufklärung und Sexualität sowie zu ihren Erfahrungen
und Strategien im Umgang mit sexueller Ausbeutung befragt. Die Ergebnisse dieser
Interviewserie stellen wir im folgenden thematisch geordnet vor.

1. Wissen um sexuelle Ausbeutung und sexualisierte Gewalt


Die Mitarbeiterinnen nehmen ganz unterschiedlich zu den Themen Sexualität und sexuelle
Ausbeutung in der Einrichtung Stellung, in der sie arbeiten. Während einige zwar betonen,
daß sie immer wieder einmal mit kritischen Vorfällen konfrontiert sind, geben sich andere nur
am Rande darüber informiert. Unter anderem problematisieren manche MitarbeiterInnen
dabei auch die Glaubwürdigkeit ihrer KlientInnen.

„Es kommt nicht oft vor, daß wir BetreuerInnen von sexueller Gewalt unter den
BewohnerInnen erfahren; wobei man immer beachten muß - wie kommt das zum Betreuer.
Das darf man nicht eins zu eins übernehmen.” (Betreuer)

In Aussagen wie dieser kommt auch Unsicherheit darüber zum Ausdruck, wie mit dem
Verdacht auf sexuelle Gewalt umgegangen werden kann und wie dem nachgegangen werden
sollte. Insbesondere dürfte dabei auch von Bedeutung sein, daß sich die TäterInnen des
öfteren besser artikulieren können als ihre Opfer.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 93

„Mit Gewalt haben wir eigentlich bei uns noch nie zu tun gehabt. Wir kommen schon
manchmal auf Situationen drauf, da wissen wir aber nicht, wie das zustande gekommen ist.
Das ist gerade dann schwierig, wenn deR eine PartnerIn sich vielleicht nicht artikulieren
kann - und man weiß jetzt nicht, hat der/die das gewollt oder war da Zwang dahinter.”
(Betreuerin)

Unter solchen Vorzeichen droht sich dann die Opfererfahrung in der Bearbeitung des Vorfalles
durch die BetreuerInnen zu wiederholen und eventuell zu verfestigen. Damit dürfte aber auch
in Zusammenhang stehen, daß vereinzelte Aussagen der BetreuerInnen tendenziell auf eine
laufende unbehagliche Erfahrung mit einem aber nur diffus vorhandenen Problembewußtsein
hinweisen.

„Es gibt (in dieser Einrichtung) auch genug Personen, die zum Teil in ihrer Persönlichkeit
labil sind und erwischt man sie im richtigen Augenblick, dann kann man alles von ihnen
haben. Dieses Ausnützen ist sicher Alltag.” (Einrichtungsleiter)

Viele MitarbeiterInnen wie EinrichtungsleiterInnen waren über die Ergebnisse der


´Frauenstudie` und insbesondere über das darin dokumentierte Ausmaß von sexueller
Ausbeutung durch Männer mit Behinderung überrascht. Im Gespräch kommt dann
gelegentlich eine Art Fatalismus zum Ausdruck, wonach ihnen zwar das Problem bewußt ist,
welches ihnen aber letztlich nicht bearbeitbar erscheint.

„Wir haben, seit ich in dieser Einrichtung bin, ständig Probleme gehabt, daß behinderte
Männer, meist leicht behinderte, Schwächere sexuell ausbeuten und es so geschickt machen,
daß es nicht oder lange nicht aufkommt.” (Leiter einer Einrichtung)

Vielfach wird dies dann im Gespräch darauf zurückgeführt, daß viele BewohnerInnen häufig
Schwierigkeiten hätten bezüglich der eigenen Grenzen, des Wissens also darum, was man/frau
nicht möchte, und daß es deshalb des öfteren zu Problemen käme. Unter der Hand wird
sexuelle Ausbeutung so zum Problem der potentiellen und tatsächlichen Opfer. Gelegentlich
wird dabei thematisiert, daß auch die Grundkenntnisse über Sexualität bei vielen
BewohnerInnen nur rudimentär vorhanden wären und es aus Unkenntnis zu Krisensituationen
kommen könne.

„Eine Erfahrung aus dem Pflegebereich: Da ist es zu einer sexuellen Beziehung zwischen
einem Mann und einer Frau gekommen, beide BewohnerInnen. Wo mir nie klar war,
inwieweit jetzt Gewalt im Spiel war und wieweit nicht. Als ich versuchte, dem nachzugehen,
habe ich dann von der Frau die Aussage gekriegt: ´Am Anfang wollte ich eh auch, aber ich
habe nicht gewußt, daß es so weh tut.` Im Nachhinein wurde das sicher als Gewalt
empfunden. Die erste Bereitschaft war durchaus da, es hat aber zu etwas geführt, das nicht
mehr in ihrem Sinne war.” (Betreuer)

2. Wissen, was tun


Durchaus analog zum vielfach nur in Ansätzen gegebenen Problembewußtsein über sexuelle
Gewalt wird auch zur Frage nach dem Umgang mit konkreten Vorfällen große Unsicherheit
dokumentiert. Das betrifft insbesondere Vorfälle von sexueller Gewalt zwischen
BewohnerInnen. Dabei wird vor allem die Vermischung der Aufgaben der BetreuerInnen
deutlich, die dann gleichzeitig die Interessen von Opfer wie TäterIn wahrzunehmen haben.
Strukturelle Vorsorgen zur Entmischung dieser Aufgabenkumulation finden sich aber in
keiner der untersuchten Einrichtungen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 94

„Ich glaube, daß es schwierig ist, Sanktionen gegen den Täter zu setzen - es kommt auf die
Art der Behinderung an. Wenn ich an unsere Klienten denke, dann fällt mir nicht wirklich
etwas ein. Wenn er jemanden anderen wirklich verletzt, dann kann man das natürlich
sanktionieren. Es geht aber darum, wie man prophylaktisch arbeiten kann, daß das gar nicht
zu seinem Bedürfnis wird, über eine Frau herzufallen in der Wohngemeinschaft. ... Ich bin
völlig überfordert. Das einzige, was mir einfällt - ich würde mich an professionelle Hilfe
wenden, an eine Psychotherapeutin, die damit vielleicht Erfahrung hat, weil ich fühle mich
damit völlig überfordert.” (Betreuerin)

Zwischen den Aufgaben, einerseits das Opfer zu schützen und anderseits mit dem Täter
dahingehend zu arbeiten, daß es nicht mehr zu sexueller Gewalt kommt, werden die
BetreuerInnen tendenziell zerrieben. Neben dem Versuch überwiegend interner Lösungen,
sich zum Beispiel ganz speziell und in erster Linie mit dem Täter zu beschäftigen (´ihn in die
Mangel nehmen`, Betreuer), wird hier vielfach auf Hilfe und Unterstützung von außen
gehofft.

„Und in der Realität, da gibt es natürlich eine Vermischung; weil ich als Betreuer ja für beide
zuständig bin: für das Opfer, das ich schützen und behüten muß, und für den Täter, den ich
auch schützen muß - vor allem nach außen. Da kommt es natürlich dazu, daß wir unsere
Erwartungen nach Intervention und gezielter Arbeit mit dem Täter sehr stark nach außen
richten - innerhalb des Trägervereins, in Richtung Heimleitung und Psychologin.” (Betreuer)

In der Regel wird die Leitung der Einrichtung informiert, ein möglicher Wechsel des Täters in
eine andere Wohnung oder Wohngruppe angestrebt und insbesondere zum Schutz des Opfers
eine räumliche Trennung von Opfer und Täter zu realisieren versucht. In manchen
Einrichtungen kann darüberhinaus auch eine psychologische Beratung durch den
psychologischen Dienst der Einrichtung eingeschaltet werden.

„In erster Linie also die Erwartung nach außen - Hilfe von außen. Unsere Überlegungen
gehen dahin, daß man sagt, anscheinend lebt dieser Mann hier falsch. Wie wären bessere
Lebensformen, wo man stärker auf seine Persönlichkeit, auf seine Wünsche und so eingehen
könnte. Die einzige wirkliche Maßnahme, die wir auf Täterseite setzen, ist eigentlich die
Psychologin, die dann ihre Maßnahmen setzt. Wobei das natürlich auch wieder Grenzen hat:
Die wenigen TherapeutInnen, die es gibt. Es hat wiederholt welche gegeben, die nach dem
ersten Gespräch ablehnen und sagen: So kann ich nicht arbeiten.” (Betreuer)

Der Appell nach Hilfe und Unterstützung von ´außen` stößt in diesem Sinne rasch an
Grenzen. Vorbeugend wird dann gelegentlich überhaupt darauf verzichtet, auf Täterseite
entsprechende Maßnahmen zu setzen.

F.: „Aber was heißt denn das jetzt konkret: Dann gibt es kaum oder keine
Therapiemöglichkeit. Der Täter lebt dann weiter in der Gruppe?”

Betreuer: „Ja. Sicher; bis zu einem Punkt. Es wird eine Schmerzgrenze geben. Also ein
Wiederholungstäter kann weiter wiederholen, einige Male. Wir haben es auch theoretisch
schon durchgespielt, wann die Grenze gezogen wird. Wir sind noch nicht angekommen dort.
Ich glaube, diese Grenze, das wäre innerhalb des Hauses zum Beispiel bei Verletzungen am
Opfer, wenn eine Frau Opfer einer Vergewaltigung ist - und natürlich, wenn er außerhalb des
Hauses geht, wenn die Opfer draußen sind, wird diese Grenze wahrscheinlich auch sehr
rasch erreicht sein. Auch wenn das so kleinere Übergriffe sind, ist sicher die Sensibilität
draußen größer als innerhalb des Hauses. Wenn eine Frau nur glaubt, sie wird immer wieder
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 95

von XY belästigt, dann wird halt stärker kontrolliert oder das Opfer besser geschützt. Aber
passiert das draußen, entsteht sofort der Mechanismus. ´Halt, was wird die Nachbarschaft
sagen? Weil, wir müssen ja auch das Haus schützen, das heißt, es muß mit dem Täter etwas
geschehen, damit uns der nicht das ganze Haus in Verruf bringt.”

Mehrere Gründen werden dafür angeführt, daß die Sensibilität und die Bereitschaft, bei
sexueller Ausbeutung gegen ein Opfer von außerhalb der Einrichtung als höher eingeschätzt
werden muß kann. Potentielle externe Opfer werden in diesem Sinne besser beschützt als
interne. Die tatsächlich eingeleiteten Maßnahmen bei ´lediglich` internen Vorfällen
beschränken sich dagegen eher auf interne Korrekturen (Gespräche, Drohungen bis Verlegung
in eine andere Wohneinheit) und strukturelle Anpassungen. So äußert sich diesbezüglich ein
Einrichtungsleiter:

„In einem konkreten Fall, mit dem ich mich jetzt seit längerem sehr intensiv
auseinandersetzen muß, geht es um eine homosexuelle Beziehung, in der der eine von denen
sicherlich in Dinge gedrängt wird, die er nicht möchte. In dem Fall haben wir versucht, durch
strukturelle Maßnahmen zu beruhigen. Die zwei jungen Männer haben ursprünglich ein
Zimmer miteinander geteilt, auch auf eigenen Wunsch, bis wir eben draufgekommen sind, daß
das in dieser Form eskaliert ist. Wir haben jetzt einfach mit dem Zimmer getauscht, also
Strukturmaßnahmen ergriffen, indem sie zwei getrennte Zimmer bekommen haben. Damit
können sie jetzt aussuchen, ob sie zusammengehen oder nicht.” (Einrichtungsleiter)

Tendenziell einfacher gestaltet sich die Suche nach Maßnahmen, wenn es sich bei dem
bekanntgewordenen Vorfall um die sexuelle Ausbeutung eines Bewohners durch
Außenstehende handelt. Dabei geht es vor allem um den Schutz des Opfers, mit einer
besonderen Ausprägung der helfenden und unterstützenden Arbeit mit dem anvertrauten
Menschen mit Behinderung. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf die
Schwierigkeit hingewiesen, wenn es sich dabei um sexuellen Mißbrauch durch
Familienangehörige handelt. Dabei kommt vor allem die besondere Rolle der Familien und
insbesondere der Eltern in der Behindertenhilfe zum Tragen.

„Alles, was sich in Familien abspielt, ist ja noch mehr tabuisiert - und da kann man im
Endeffekt auch nichts beweisen. Wenn wir aber so einen Verdacht haben, dann schauen wir
eher, daß die Besuche eingeschränkt werden. Außerdem wird dann gezielt geschaut, ob es z.
B. nach so einem Besuch zu einem veränderten Verhalten kommt. Aber dieser Bereich ist
schon sehr schwierig.” (Pädagogische Leiterin)

3. Umgang mit Sexualität


In unseren Gesprächen mit BetreuerInnen und LeiterInnen beklagen diese, daß Sexualität und
insbesondere die Sexualität von Menschen mit Behinderung gesellschaftlich stark tabuisiert
wird. Dieses Tabu belastet direkt ihre Arbeit mit den BewohnerInnen, die vielfach nur wenig
über ihren Körper und insbesondere über Sexualität Bescheid wissen.

„Sexuelle Belästigungen und Gewalt, die von Heimbewohnern ausgehen, haben sehr viel mit
der Familiensituation zu tun, aus der sie kommen. Es fehlt von seiten der Eltern an
Aufklärung und Information, meist aus Angst vor den sexuellen Bedürfnissen ihrer Kinder.
Menschen mit Behinderung werden unmündig und abhängig gehalten. Auch das ist eine Form
der Ausbeutung. Zum anderen wurde vielen Heimbewohnern der normale Umgang mit
Sexualität nicht vorgelebt, das heißt, sie haben auf diesem Gebiet keine Vorbilder."
(Pädagogischer Leiter)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 96

Letztendlich kommt es daraus zu einer Verdoppelung des Tabus. So wie einerseits Menschen
mit Behinderung von Sexualität eher ferngehalten werden, so beklagen andererseits die
BetreuerInnen, daß auch sie nur wenig Unterstützung im Umgang mit Sexualität erhalten.

„Dieses Neinsagen können oder überhaupt die Kenntnis davon haben, mangelt jetzt daran,
daß wir BetreuerInnen uns über das Thema Aufklärung nicht drübertrag`n. Wir selber haben
keine Unterweisung, wie man Sexualaufklärung macht ... Deswegen wird das auch von uns
tabuisiert.” (Betreuer)

Nur zu leicht beschränkt sich unter diesen Vorzeichen die Beschäftigung mit dem Thema
Sexualität in der Arbeit mit den BewohnerInnen auf mehr oder minder adäquate Formen der
Intervention, wenn es zu Krisen kommt. Sexualität von BewohnerInnen wird damit
schwerpunktmäßig aus einer Problemperspektive heraus gesehen, was den alltäglichen
Umgang mit Sexualität im allgemeinen noch einmal schwieriger macht.

„Sexualität ist objektiv, also auch für uns beide, wie wir da sitzen, ein Problem. Es ist nicht
einfach so, daß eins und eins eben zwei ist und das dann schon paßt. Deshalb müssen wir
einmal zur Kenntnis nehmen, daß geistig behinderte Menschen in diesem Bereich mehr oder
andere Probleme haben als wir. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß geistig behinderte
Menschen auf Grund ihrer Lebenssituationen und auf Grund ihrer Problemlösungsstrategien
mit diesem Riesenproblem der Sexualität anders umgehen als wir. Und dann erscheint es mir
als zentrales Problem, daß sich niemand diesem Problem stellt, das wird kein Thema, z. B.
Sexualpädagogik. Warum reden wir nicht, wie wir miteinander gesund umgehen? Das ist ein
typisches Beispiel dafür, daß man halt ein Problemverhalten herausnimmt, statt daß man sich
damit beschäftigt, was können wir eigentlich tun für diese Menschen. Das ist mein Problem:
Es ist einfach schwierig, Mitstreiter zu finden für das Thema. Man findet ja nichts! Man findet
ja niemand, der will.” (Pädagogischer Leiter)

Von den BetreuerInnen wird vor allem auch problematisiert, daß in ihrer konkreten Arbeit ein
deutlicher Unterschied je nach Geschlecht der BewohnerInnen gemacht wird. So verweist
eine Betreuerin auf die unterschiedlichen Konsequenzen, die bei sexuellem Mißbrauch
entstehen können, als Grund dafür, daß bei Männern mit Behinderung weniger Vorsorgen für
den Umgang mit Sexualität realisiert werden.

„Das ist noch einmal etwas anderes, wenn es sich um Frauen mit Behinderung handelt. Die
klärt man auf, weil ihnen kann es ja passieren, daß sie ein Kind bekommen. Einen
behinderten Mann braucht man - überspitzt gesagt - nicht aufklären, weil da kann eh nichts
passieren, ganz grob gesprochen. Das heißt für alle, die befaßt sind mit dem behinderten
Mann, dem behinderten Sohn oder dem Zögling im Heim, daß man sich überhaupt nicht mit
dem Problem auseinandersetzt, weil man genau weiß, daß es kein Problem geben wird mit
ihm ... er braucht nichts über seine Sexualität wissen. Bei der Frau sehr wohl, denn die muß
sich ja schützen, weil sonst hat das Heim oder die Institution das Problem: Was machen wir
mit dem Kind?" (Betreuerin)

Die sexual(päd)agogische Arbeit in den Heimen für Menschen mit Behinderung wird so in
Abhängigkeit zur Erziehung in der Familie oder im Kinderheim gesetzt, als thematische
Fortsetzung gewissermaßen und durch Versäumnisse beziehungsweise Mängel in der
entsprechenden Vorbereitung belastet. Sexuelle Ausbeutung durch Männer mit Behinderung
wird dann als Resultat einer fehlgeleiteten Einführung in Sexualität interpretiert.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 97

„Die Leute sind ja meistens schon als Kind ins Heim gekommen, sind nie beziehungsfähig
geworden. Sie werden erwachsen und der sexuelle Drang ist natürlich da. Und dann können
sie damit natürlich schwer umgehen. Der Trieb ist da, und - wie es so schön heißt bei uns -
dann nimmt man sich halt wen. Das Moralische ist ihnen halt nicht so klar, denke ich, das
haben sie dann nicht, das: Das tut man nicht!” (Betreuer)

4. Strukturelle Maßnahmen zur Prävention


In den Einrichtungen werden sehr unterschiedlich ausgeprägte Maßnahmen zur Verbesserung
des Umgangs mit Sexualität und mit sexueller Ausbeutung gesetzt. Diese Maßnahmen sind
zum Teil direkte Auswirkungen bzw. Konsequenzen der ´Frauenstudie` und betreffen laut
Darstellung von leitenden MitarbeiterInnen in erster Linie die Fortbildung der BetreuerInnen.
Auch weitergehende Maßnahmen sind vereinzelt schon vorgeplant und vorgezeichnet, ohne
daß damit aber auch schon konkrete Erfahrungen vorliegen.

„Zur Prävention sexueller Gewalt in Vollzeiteinrichtungen trägt die sexual-pädagogische


Weiterbildung des Betreuungspersonals, aber auch Bemühungen um Aufklärung der
HeimbewohnerInnen bei. Vom Verein aus gibt es sexualpädagogische Arbeitskreise, deren
TeilnehmerInnen sich regelmäßig treffen. Von jeder Vollzeitwohngruppe sollte mindestens
ein/e BetreuerIn daran teilnehmen. in den Wohngruppen sollen diese Themen dann
aufgegriffen und weiter diskutiert werden, allerdings ist das schwer einzufordern bzw. zu
überprüfen. Weiters gibt es für Frauen und Männer mit Behinderung, also die
HeimbewohnerInnen, sechs bis acht Fortbildungstage pro Jahr zum Thema Aufklärung und
Sexualität, die regional organisiert werden.” (Pädagogischer Leiter)

Aus Sicht der BetreuerInnen selbst erscheinen diese Maßnahmen aber als nicht ausreichend.

„Man bräuchte noch total viel Unterstützung. Die Vereinsleitung versucht es ja. Bei der
Einschulung hat man einen Block zur Sexualität. Aber ich brauche da mehr. Erstens sollte
man da mehr machen in der Einschulung bzw. Fortbildung und zweitens sollte es eine
Anlaufstelle für Krisenintervention geben, wenn es soweit ist. Was mache ich dann? Und daß
man eine Einzelsupervision haben kann. Das löst ja auch in der BetreuerIn irrsinnig viel aus.
Wenn das in meinem Nachtdienst passiert, dann würde ich mich sehr sehr schuldig fühlen,
daß ich das nicht vorher `abgecheckt' habe und daß das passieren konnte.” (Betreuerin)

Konkret werden von unseren InterviewpartnerInnen Probleme und Grenzen in der Umsetzung
vorhandener Konzepte und Vorhaben aufgezeigt, die vor allem auf fehlende Toleranz seitens
der Eltern und der Gesellschaft zurückgeführt werden, die sich dann auch innerhalb der
Trägervereine und der Einrichtungen als Barrieren und/oder fehlenden Rückhalt
niederschlagen.

"Das Problem ist eher so der Rückhalt von der pädagogischen Leitung, die natürlich auch
wieder den Rückhalt braucht von der Direktion. Ich glaube, daß das das große Problem ist.
Sexualität oder Aufklärung, rein theoretisch, ist perfekt behandelt. Da braucht man nicht
mehr lange Konzepte schreiben, die gibt es schon. Das Problem ist eher in der Umsetzung -
und das hängt zusammen mit den Eltern, die z. T. ja auch schon recht alt sind und völlig
andere Vorstellungen und ein völlig anderes Verhältnis zu Sexualität und Behinderung haben.
Das sperrt sich dann. Wenn dann in den Einrichtungen versucht würde, konsequent ein
Aufklärungs- und liberales Sexualitätskonzept zu realisieren, da kämen dann alle
Befürchtungen zum Vorschein: ´Da werden schlafende Hunde aufgeweckt.` oder: ´Das hat er
doch eh nie gebraucht.` Das ist mir schon verständlich, daß das vom Verein vorsichtig
gehandhabt wird. Und dann gibt es natürlich noch das Problem, daß das ja nicht nur von den
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 98

Eltern so gesehen wird, sondern auch noch von vielen BetreuerInnen. Solange nur theoretisch
geredet wird, tut man sich leicht, aber wenn es in die praktische Umsetzung geht, dann
kommen bei den BetreuerInnen auch die Grenzen hervor. Und jedeR hat ein anderes
Verständnis. Was für die einen noch ganz selbstverständlich ist, ist für andere schon
unmöglich. Wenn es um die Umsetzung geht, dann kommen von BetreuerInnenseite
wahnsinnig viele Vorbehalte: ´Aber zuerst müßte man das lernen und das.` Oder: ´Es ist in
Ordnung, er soll eine Freundin haben und mit ihr schlafen.` Aber vorher gibt es noch viele
andere Sachen, die man klären muß. Dabei wird von behinderten Menschen mehr verlangt als
von nichtbehinderten Menschen, was die Beziehungsfähigkeit anbelangt." (Pädagogischer
Leiter)

Gezielte Unterstützung der BetreuerInnen wird vor allem in Hinblick auf die Entwicklung
eines adäquaten Problembewußtseins vorgeschlagen, um so sicherstellen zu können, daß
aktuelle Probleme auch wirklich als solche erkannt werden und entsprechende Maßnahmen
gesetzt werden können.

„Was mich stört, ist, daß man (erst) dann von Mißbrauch redet, wenn eine Frau vergewaltigt
worden ist. Dann hat man es gesehen, dann ist es soweit ... aber daß da vorher schon viel
´abrennt`, daß da schon viele Kränkungen und Verletzungen passieren, darauf wird zu wenig
geachtet. Wenn so ein Vorfall passiert, dann hat man sicher jede Unterstützung vom Verein;
aber wenn man erzählt: ´Das gefällt mir nicht!` Oder: ´Da merke ich jetzt etwas!`, dann wird
man das eher so abtun: ´Solange nichts (oder nicht mehr) passiert!` Das finde ich zuwenig.”
(Betreuerin)

Darüberhinaus werden gerade in der Arbeit mit den Eltern von BetreuerInnen und LeiterInnen
die zentralen Fragen und Probleme für einen adäquateren Umgang mit Sexualität gesehen.

„Unser Verein hat sich noch nicht offiziell, in den Statuten, festgelegt, daß sexuelle
Aufklärung und Sexualpädagogik fixe Bestandteile der Arbeit in den Einrichtungen sein
sollen. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Prävention. Das müßte dann auch in den
Aufnahmevertrag mit den Eltern aufgenommen werden. Die Elternarbeit ist in unserem Verein
noch wenig entwickelt und gerade von den Eltern werden viele fortschrittliche Ansätze
(Aufklärung, Verhütung, heterosexuelle bzw. homosexuelle Beziehungen etc.) gebremst."
(Einrichtungsleiterin)

Als weitergehende Maßnahme für Änderungen im Umgang mit Sexualität sowie zur
Prävention von sexueller Ausbeutung werden von BetreuerInnen und LeiterInnen konkret
geplante oder bereits eingeleitete Standardverbesserungen in den Einrichtungen berichtet.
Unter anderem wird etwa die Bildung von kleineren Wohngruppen durch bauliche
Veränderungen sowie die Dezentralisierung der Wohnangebote angestrebt. Ziel dieser
Entwicklung ist in einer Einrichtung „eine Gruppengröße von maximal vier BewohnerInnen,
die auch in Hinblick auf konkretes Schutzbedürfnis zusammengesetzt werden sollen”
(Pädagogischer Leiter).

„Gerade wie dieses Haus geplant oder bezogen worden ist, da haben wir darüber
gesprochen: Gibt es Männer oder Frauen, die unmöglich zusammen in einem Stockwerk
wohnen können. Man kennt natürlich Männer, wo man weiß, daß das ungut ist. Da könnte es
möglicherweise Konflikte geben, diesbezüglich. So wird dann etwa überlegt, die Frau X im
Erdgeschoß unterzubringen, weil sie da mit den Leuten besser kann, und den Herrn Y im
zweiten Stock. Das waren Überlegungen, um mögliche Konflikte oder sexuelle Belästigung zu
verhindern, wie mache ich das präventiv.” (Betreuer)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 99

Die Überlegungen zur Dezentralisierung der Angebote thematisieren dabei insbesondere das
Problem der fehlenden Durchlässigkeit der Einrichtungen der Behindertenhilfe. Gerade hier
wird aber auch die Widersprüchlichkeit in der Aufgabenstellung deutlich. Gilt es doch
einerseits, den BewohnerInnen zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen. Der konkrete
Arbeitsauftrag geht aber andererseits nach wie vor von einem Erziehungs- und/oder
Schutzverständnis aus, wonach Menschen mit Behinderung in Einrichtungen der
Behindertenhilfe den spezifischen Schutz und die konkrete Hilfestellung erhalten sollen, derer
sie aufgrund ihrer Behinderung in besonderem Maße bedürfen.

„Wir befinden uns da sicher in einem Spannungsfeld: zwischen mehr Selbstbestimmung


einerseits und dem legitimen Schutzaspekt, dem natürlichen Wunsch nach Hilfe und
Unterstützung auf der anderen Seite.” (Einrichtungsleiter)

In einigen Einrichtungen werden auch ganz gezielte Maßnahmen dahingehend gesetzt, den
BewohnerInnen zumindest die räumlichen Voraussetzungen dafür zu sichern, auch sexuelle
Partnerschaften leben zu können. Die Rückzugsmöglichkeit in das eigene Zimmer wird vor
allem unterstrichen, weil es den BewohnerInnen damit möglich ist, Besuch auf ihr Zimmer
mitzunehmen. In einigen Einrichtungen ist es zudem möglich, Zimmer zusammenzulegen und
mehr/minder abgeschlossene Wohneinheiten für Paare zu schaffen. in der Diktion eines
leitenden Mitarbeiters einer Einrichtung liest sich die dahintersteckende Intention so:

„Unsere Einrichtung hat eine stark katholische Tradition und wurde bis vor einigen Jahren
auch noch von Nonnen geführt. In dieser Zeit war absolut alles verboten, was auch nur
entfernt an Sexualität erinnert hat. Also, unsere Bewohner, die schon seit damals hier sind,
haben natürlich bezüglich Sexualität die seltsamsten Einstellungen, allem voran die, daß das
immer irgendwie versteckt sein muß. Das passiert dann häufig im Keller oder am Klo. Wir
arbeiten nun seit längerem schon daran, daß sie das nicht im Klo machen sollen, sondern
eben in ihrem Zimmer machen können. Das gelingt uns nicht immer, weil bei manchen das
ältere Verbot ganz einfach noch stärker ist." (Einrichtungsleiter)

Das Angebot, Sexualität im eigenen Zimmer leben zu können, dient in diesem


Zusammenhang vorwiegend dem Ziel, Sexualität aus dem Stigma des Verbotenen bis
Schmutzigen herauszuholen und vom Ansatz her zu normalisieren: Als etwas, das auch
erwünscht ist, solange beide PartnerInnen darin einwilligen. Vereinzelt wird von den
InterviewpartnerInnen von Versuchen berichtet, diese Liberalisierung in Hinblick auf
homosexuelle Beziehungen auszudehnen, wobei gerade in dieser Frage von großen
Widerständen bei Eltern aber auch bei den BetreuerInnen berichtet wird.

Allgemein kann ein Trend in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung festgestellt werden,
wonach in Zukunft insbesondere Leben von (auch sexuellen) Partnerschaften verstärkt durch
Beziehungsberatung sowie eine Anpassung der Heimordnung an das Leben zu zweit etc.
gefördert werden soll, wenngleich vielfach die gegebenen baulichen, personellen und
finanziellen Beschränkungen diese neuen Ansätze noch behindern.

I. Schlussfolgerungen
In der vorliegenden Studie stellen wir die Ergebnisse einer Fragebogenerhebung an 117
Männern mit Behinderung vor, die wir österreichweit in verschiedenen Einrichtungen von
acht Trägern, in denen Menschen mit Behinderung leben, befragt haben. Im folgenden fassen
wir die wichtigsten Ergebnisse in geraffter Form zusammen und präsentieren ausgewählte
Schlußfolgerungen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 100

Methode hat sich bewährt


Der gewählte methodische Zugang hat sich bewährt. Durch die persönliche Orientierung der
Männer mit Behinderung und das Angebot der Wahl deR InterviewerIn war es in den meisten
Fällen möglich, die Fragebogenerhebung durchzuführen. Durch den Einsatz von
anatomischen Puppen konnten auch Männer, die nicht über verbale Kommunikation verfügen
bzw. einen niedrigen Aufklärungsstand haben, befragt werden.

Kumulierte Benachteiligungen
Die von uns befragten Männer unterliegen einer Vielzahl von gravierenden
Benachteiligungen. Diese kommen in folgenden Momenten zum Ausdruck: Die meisten
Männer verfügen in der Regel nur über eine geringe schulische und berufliche Ausbildung.
Nur wenige Männer sind außerinstitutionell in einem regulären Erwerbsverhältnis.
Überwiegend leben die Befragten bereits seit vielen Jahren in einer Einrichtung. Ein Wechsel
zwischen verschiedenen Wohnformen ist kaum festzustellen. Sie haben wenig Gelegenheiten,
Menschen von außerhalb der Einrichtung kennenzulernen und sind deshalb für die Wahl eines
Partners /einer Partnerin auf den Personenkreis in der Einrichtung angewiesen. Nur wenige
sind verheiratet oder leben eine Lebensgemeinschaft.

Strukturelle Gewalt
Wir konnten feststellen, daß Männer mit Behinderung zu hohen Anteilen wählen können, von
wem sie Hilfe im Intimbereich erhalten. Im Zuge der Nachbereitung der Ergebnisse der
´Frauenstudie` dürfte es diesbezüglich zu wichtigen Standardverbesserungen gekommen sein.
Die Auswahlmöglichkeit beim Hilfebedarf im Sozial- und Kommunikationsbereich ist aber
nur eingeschränkt möglich. In den Einrichtungen besteht noch wenig Sensibilität für
individuelle Bedürfnisse im Zusammenhang mit Individuation, Entwicklung und Festigung
sexueller Identität und der Herausbildung adäquaten Sexualverhaltens.
Im Vergleich zur ´Frauenstudie` ist eine Verbesserung der Wohnstandards (weniger
Mehrbettzimmer) und weiterer Voraussetzungen für selbstbestimmte Lebensformen
(abschließbare Zimmer, keine Zeitvorgaben bezüglich Ruhezeiten) festzustellen.
Institutionelle Vorsorgen für den Umgang mit Sexualität fehlen weitgehend. Diese
beschränken sich vielfach auf die Gewährung von Rückzugsmöglichkeiten und Hilfeangebote
bei Problemen mit Sexualität durch die BetreuerInnen. Systematische Aufklärung findet kaum
statt. Nur in wenigen Einrichtungen gibt es Konzepte und Ansätze für eine
geschlechtsspezifische Betreuung von Menschen mit Behinderung.

Aufklärung und sexuelle Identität


Die befragten Männer sind in ausgesprochen hohem Maß nicht aufgeklärt. Bei vielen
beschränkt sich ihre Sexualaufklärung auf das Wissen über männliche Geschlechtsteile und
funktionelle Aspekte des Geschlechtsverkehrs mit Frauen. Das Tabu bezüglich
Homosexualität kommt in einer hohen Unkenntnis zum Ausdruck. In der ´Frauenstudie`
stellten wir fest, daß diese ebenfalls nur sehr mangelhaft aufgeklärt sind. Vor allem aber
bezüglich Verhütung wissen sie besser Bescheid als die befragten Männer, was auf das Risiko
der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Während insbesondere jene Frauen sich als relativ
aufgeklärt erwiesen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, ist dieser Zusammenhang bei den
Männern nicht gegeben.
Vor dem Hintergrund fehlender institutioneller Vorsorgen und weitgehendem Unwissen über
Sexualität erstaunt es nicht, wenn sich rund ein Viertel der befragten Männer als Bub oder
anderes bezeichnet und in diesem Sinn keine altersgemäße Sexualidentität hat.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 101

Hohes Ausmaß an sexueller Ausbeutung


Jeder zweite der befragten Männer ist in seinem Leben Opfer von sexueller Ausbeutung
geworden. Mehr als zwei Drittel der betroffenen Männer erleben sexuelle Gewalt mehr als
einmal in ihrem Leben. In der Altersgruppe zwischen 16 und 24 Jahren werden die Männer
am häufigsten sexuell ausgebeutet: Die meisten Gewaltvorkommnisse ereignen sich im
geschützten Bereich von Einrichtungen. Dementsprechend sind es auch die
MitbewohnerInnen, vorwiegend Männer, die sexualisierte Gewalt ausüben. Im Gegensatz zu
den in der Literatur angeführten Annahmen, wonach Täter von sexueller Gewalt zumeist
Männer sind, haben wir mit rund einem Viertel einen verhältnismäßig hohen Anteil an
TäterInnen. Überwiegend erleben die Männer sexuelle Ausbeutung im Vorfeld von Fellatio
und Vergewaltigung. Auffallend ist, daß die zuletzt genannten Gewaltformen hauptsächlich
außerhalb der Einrichtung passieren.

Folgen von sexueller Ausbeutung


Fast die Hälfte der befragten Männer leidet unter regelmäßigen körperlichen und/oder
psychischen Problemen. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Schwindelanfälle sowie
Phobien und Ängste. Diese dürften zu einem guten Teil nicht Bestandteil der Behinderung,
sondern Resultat erlittener sexueller Gewalt sein. Vor diesem Hintergrund erscheint es
fragwürdig, daß sich die institutionellen Vorsorgen auf die Verabreichung von Epilepsiemittel
und Neuroleptika beschränken. Nur wenige der Befragten können eine Therapie in Anspruch
nehmen, die ihnen bei der Bewältigung der Gewaltfolgen helfen könnte.

Kaum Schutz der Opfer


In der Regel werden bei Bekanntwerden eines Gewaltvorkommnisses seitens der Einrichtung
kaum wirksame Maßnahmen zum Schutz des Opfers gesetzt. Die überwiegende Mehrzahl der
Maßnahmen beschränkt sich darauf, daß der Täter ´geschimpft`' wird. Viel spricht dafür, daß
den Opfern entweder Mitschuld am Vorkommnis unterstellt oder ganz einfach nicht geglaubt
wird. Nur knapp jeder zweite der betroffenen Männer vertraut seine Gewalterfahrung
bevorzugt einem/einer BetreuerIn an. In diesem Schweigen kommt zum einen Gewöhnung an
den sexualisierten gewaltförmigen Heimalltag, zum anderen eine homophobe Grundhaltung
und im weiteren der Widerspruch von Gewalterfahrung zum Selbstbild als Mann zum
Ausdruck. Auch im Schweigeverhalten tritt ein wesentlicher Unterschied zu den weiblichen
Betroffenen zutage, von denen immerhin zwei Drittel ihre Gewalterfahrungen thematisieren.
Im Vergleich mit den Ergebnissen der Frauenstudie lassen sich bezüglich Ausmaß, Art und
Folgen von sexueller Ausbeutung geschlechtsspezifische Differenzen feststellen. Lediglich
bei den Maßnahmen infolge von bekanntgewordenen Vorfällen sexueller Gewalt zeigen sich
keine ausgeprägten geschlechtsspezifischen Unterschiede. Bei Männern wie bei Frauen mit
Behinderung beschränken sich die ergriffenen Maßnahmen hauptsächlich darauf, daß mit dem
Täter gesprochen wird.

Täter mit Behinderung


Mehr als jeder vierte der Befragten bekennt sich dazu, jemanden sexuell ausgebeutet zu
haben. Zwei Drittel berichten von mehreren Gewaltformen, die sie überwiegend mehrfach
begangen haben. Die Opfer der Männer sind hauptsächlich Frauen und zu einem hohen Anteil
MitbewohnerInnen. Sexuelle Ausbeutung durch Männer mit Behinderung findet überwiegend
in der Einrichtung statt. Die dargestellten Taten betreffen hauptsächlich sexuelle Ausbeutung
im Vorfeld von Fellatio und Vergewaltigung. Genauso wie im Fall der Opfer werden die
Gewalttaten zumeist in der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren begangen. Der Anteil an
Tätern ist insbesondere in großen Einrichtungen mit Wohngruppen überproportional hoch.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 102

Die erst seit wenigen Jahren realisierten Standardverbesserungen in diesen Bereichen zeitigen
noch keine wesentlichen Auswirkungen auf das Ausmaß der Täterschaft.
Aus der Tatsache, daß der Großteil der Täter auch Opfererfahrung hat, läßt sich auf einen
Zusammenhang zwischen Opferstatus und Täteraspekt schließen, der wesentlich auf dem
spezifischen Umgang mit Sexualität und sexualisierter Gewalt im Heimalltag beruht. Zu 60%
kennen die befragten Männer entweder als Opfer oder als Täter oder in beiden Perspektiven
sexuelle Ausbeutung aus eigener Erfahrung oder persönlichem Gewalthandeln.
Die meisten Täter erzählen über ihre Gewalttaten erst, nachdem diese bekannt geworden sind.
Die Reaktion der verantwortlichen MitarbeiterInnen in der Einrichtung besteht wesentlich
darin, daß mit den Tätern gesprochen wird, zum Teil erfolgt im Anschluß daran sexuelle
Aufklärung. Ein Drittel der Maßnahmen sieht die Verlegung des Täters in eine andere
Wohneinheit vor. Therapeutische Maßnahmen im Sinn konsequenter Täterarbeit werden nur
vereinzelt gesetzt. Abschließend kann gesagt werden, daß in den Einrichtungen ein
Problembewußtsein nur ansatzweise vorhanden ist, die MitarbeiterInnen erweisen sich
bezüglich Umgang mit Sexualität und besonders mit sexualisierter Gewalt als weitgehend
hilflos.

Hohe Dunkelziffer
Zwischen Opferdarstellungen und den geschilderten Vorkommnissen aus der Perspektive der
Täter zeigen sich große Diskrepanzen. Es wird deutlich, daß die Täter tendenziell eher
sexuelle Ausbeutung an Frauen zugeben und sie sich in der Darstellung eher auf sexuelle
Gewaltformen im Vorfeld von Fellatio und Vergewaltigung konzentrieren. Das wahre Ausmaß
von sexueller Ausbeutung in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung dürfte wesentlich
größer sein, als wir mit dieser Untersuchung belegen können.

J. Gesetzgebung und Gerichtspraxis für Menschen mit Behinderung

1. Gesetzesebene
Auch die vorliegende Studie zeigt wie schon die erste deutlich auf, daß der höchste
Prozentsatz von sexueller Ausbeutung gegenüber Menschen mit Behinderung in deren nahen
Sozialbereich stattfindet (Einrichtungen, Familie, geschützte Werkstätte etc.). Infolge dieser
Lebensrealität, die von individuell jeweils verschiedenen Abhängigkeiten und/oder
Pflegebedürftigkeiten geprägt ist, muß in einem Straftatbestand grundsätzlich anerkannt
werden, daß körperliche Gewalt und/oder sexuelle Ausbeutung von den Betroffenen nicht
gewollt ist. Dabei ist der Fokus weit mehr auf das institutionelle Macht- und
Abhängigkeitsverhältnis zu richten als auf die spezifische Hilflosigkeit einer einzelnen Person
mit Behinderung. Nur auf dieser Basis wird deutlich, daß die Ausnutzung einer so
begründeten Zwangslage von Menschen mit Behinderung zu sexuellen Handlungen gegen
oder ohne den Willen derselben ein strafwürdiges Unrecht ist.

Das deutsche Strafgesetz mit § 174a und das schweizerische Strafgesetz mit Art. 192 bilden
einen wichtigen Ansatz dazu, indem sie „sexuelle Handlungen” oder „sexuellen Mißbrauch
von Gefangenen, behördlich Verwahrten, Kranken in Anstalten oder Anstaltspfleglinge”
speziell berücksichtigen. Sie greifen aber zu kurz, solange die Rechtsprechung nur die
sexuelle Ausbeutung von HeimbewohnerInnen und Ausnutzung von deren Hilfsbedürftigkeit
oder Krankheit unter Strafe stellt und diejenigen, die in teilstationären Einrichtungen wie
geschützten Werkstätten arbeiten, aus dem Schutzbereich der Vorschrift ausgrenzt.

Das österreichische Strafgesetz berücksichtigt diese spezielle Gruppe von Menschen


überhaupt nicht. In Österreich werden Sexualdelikte gegen Menschen mit Behinderung (wenn
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 103

überhaupt) unter § 205 (Schändung) abgehandelt. Auch dieser § erfaßt die spezifische
Situation von Menschen mit Behinderung nicht, weil die meisten von ihnen sehr wohl in der
Lage sind, einen entgegenstehenden Willen gegen das sexuelle Ansinnen des Täters zu bilden
und auf ihre ihnen mögliche und spezielle Art auch auszudrücken9. Eine Strafvorschrift, die in
ihren Voraussetzungen nicht ausschließlich auf die Hilfsbedürftigkeit und Unfähigkeit von
Menschen mit Behinderung abstellen würde, sondern auf das strukturelle Machtgefälle
zwischen ihnen und dem Täter, würde deutlich signalisieren, welches Unrecht hier bestraft
werden muß.

2. Verfahrensebene
Für Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, muß durch eine geeignete Regelung
der Strafprozeßordnung sichergestellt werden, daß den Opfern (auch mit Behinderung) zum
frühestmöglichen Zeitpunkt eine anwaltliche Interessenvertretung zu Seite gestellt wird, d.h.
eine parteiliche Rechtsanwältin oder ein parteilicher Rechtsanwalt, die/der ausschließlich die
Interessen der verletzten Menschen vertritt.

Die Gebühren einer solchen Vertretung sollen über die Justizverwaltung abgerechnet werden.
Zudem müssen dieser parteilichen Vertretung wichtige Verfahrensrechte eingeräumt werden.
In Deutschland ist es über die Nebenklagevertretung möglich, Prozeßkostenhilfe für
„Kostenarme” staatlich finanziert zu bekommen. In der Schweiz werden die Gebühren für
parteiliche Vertretung durch das Opferhilfegesetz OHG geregelt und durch die
Opferhilfsstellen finanziert. Ein vergleichbares Rechtsinstitut wie die Nebenklage oder das
Opferhilfsgesetz existiert in Österreich nicht. Weil die staatliche Finanzierung einer/eines
parteilichen Anwältlin nicht garantiert ist, hat in Österreich die parteiliche Vertretung von
Opfern noch immer keine Tradition.

Im Vordergrund auch der rechtlichen Reaktionen sollten Schutz- und


Unterstützungsmaßnahmen für Betroffene stehen. Bei Kindern gehören dazu
vormundschaftliche Regelungen wie etwa dem/der Verdächtigen aufzutragen, den
Wohnbereich des Opfers nicht mehr zu benutzen, die sogenannte ´Go Order`, Kontakt- und
Umgangsverbote sowie Unterlassungsverfügungen gegenüber dem Verdächtigen.

Neben dem Schutz der Betroffenen vor weiteren sexuellen Ausbeutungshandlungen und vor
Beeinflussungsversuchen durch die Beschuldigten sollten erste dienstrechtliche und
arbeitsrechtliche Sanktionen bzw. Maßnahmen gegenüber denjenigen Tätern stehen, die als
Angehörige von Pflegeberufen oder ähnlichem verdächtigt werden. Hier sollen sich von
sexueller Ausbeutung Betroffene ebenfalls parteilich vertreten lassen können. Ähnliches gilt
bei TäterInnen mit Behinderung: Die Heimleitungen haben klar Stellung zu beziehen und
sofort zu reagieren, indem der/die TäterIn sofort verlegt wird. Dabei ist es wichtig, den Grund
der Verlegung nicht zu tabuisieren, sondern offen zu legen und dafür zu sorgen, daß das
Kontaktverbot eingehalten wird.

Wenn Strafanzeige gegen den Beschuldigten erstattet wird, so ist es Aufgabe der
Rechtsanwältin/des Rechtsanwaltes, für eine qualifizierte und professionelle
Aussagesicherung der Betroffenen zu sorgen. Dabei steht die Beratung von
Unterstützungspersonen (PädagogInnen, BetreuerInnen, PsychologInnen etc.) im
Vordergrund. Im Rahmen des „backlash” und der aktuellen gesellschaftspolitischen Gefechte
um den „Mißbrauch des Mißbrauchs” sind die Unterstützungspersonen von sexuell
Ausgebeuteten oft sehr verunsichert und werden mit Vehemenz von entsprechenden

9 Zemp/Pircher 1996, 151f.


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 104

GutachterInnen angegriffen. Auf der Fachtagung10, bei der die Studie „Weil das alles weh tut
mit Gewalt. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung” (Zemp/Pircher
1996) vorgestellt wurde, erzählte Anwältin Burgsmüller11, wie sie in laufenden Strafverfahren
immer wieder mit dem „Blaming-The-Assistant-Effect” konfrontiert wird: „Im Vordergrund
der Kritik stehen nicht mehr unzureichende kindliche Aussagen oder Aussagen einer Frau mit
Behinderung, sondern eine angeblich unprofessionelle Vorgehensweise der Interviewperson,
die mit falschem Frageverhalten und entsprechendem Erwartungsdruck suggestiv auf eine
Opferzeugin eingewirkt haben soll.” (1996, 3)

Nachdem die Rechtsanwältin/der Rechtsanwalt eine Strafanzeige erstattet hat, geht es darum,
ein Setting zu arrangieren, welches für das Opfer nicht belastend ist und den speziellen
Bedürfnissen und Möglichkeiten eines Opfers mit Behinderung bei der ersten Einvernahme
gerecht wird. Diese sollte auf Video- und Tonträger aufgezeichnet werden, um Betroffenen
mehrere Einvernahmen zu ersparen. Im Zusammenhang mit sexuell Ausgebeuteten mit
Behinderung ist es wichtig, daß die Professionellen, die die Einvernahme machen, sachkundig
sind in bezug auf die Befragung von Menschen mit Behinderung. Wenn sie das nicht sind,
sollten sie ihr Fragerecht an Sachverständige delegieren.

Der Ausgang eines Strafverfahrens hängt ganz wesentlich davon ab, ob BegutachterInnen wie
PsychiaterInnen oder PsychologInnen die Aussagefähigkeit eines Opfers mit Behinderung
vorurteilslos und kompetent bewerten können. In diesem Sinne sind für Professionelle zum
Teil Spezialkenntnisse notwendig wie die Anwendung von speziellen Testverfahren oder der
professionelle Umgang mit den anatomisch ausgebildeten Puppen. Wenn bei Überlebenden
mit geistiger Behinderung ein Glaubwürdigkeitsgutachten gemacht werden muß, ist darauf zu
achten, daß nicht mit altersentsprechenden, sondern mit entwicklungsentsprechenden
Maßstäben gemessen wird. Bei Menschen mit geistiger Behinderung tauchen oft besondere
Glaubwürdigkeitsmerkmale auf, daß z.B. unverstandene Details phänomengemäß geschildert
werden. Wenn sie danach gefragt werden, können OpferzeugInnen mit Behinderung nicht
seiten emotionale Vorgänge bei sich und beim Täter sehr gut schildern.

Wie in allen Strafverfahren ist es auch hier wichtig, durch Anträge auf
Öffentlichkeitsausschluß, Entfernung der Angeklagten aus dem Sitzungszimmer für die Dauer
der Einvernahme der Opfer, Betroffene vor zusätzlichen Traumatisierungen zu schützen.

Auch Täter mit Behinderung brauchen qualifizierte Verteidiger, die u.a. für sie spezialisierte,
kompetente GutachterInnen vorschlagen und deren Kompetenz in das Verfahren einbringen.
Bezüglich der Schuldunfähigkeit von Tätern mit Behinderung gilt dasselbe wie bezüglich der
Opfer mit Behinderung: GutachterInnen wie PsychiaterInnen, die in strukturellen
Abhängigkeits- und Machtverhältnisse erfahren sind, sollen die Schuldfähigkeit begutachten
und auch einen Täter mit Behinderung sehr differenziert beurteilen können, z.B. was dessen
soziale Fähigkeiten anbelangt.

K. Maßnahmen
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, daß weitreichende Maßnahmen notwendig sind,
und zwar auf den Ebenen Prävention, Intervention und Bearbeitung des institutionellen
Problemumfeldes. Die vorgeschlagenen Maßnahmen gehen von den in der `Frauenstudie'
ermittelten Bedürfnissen von Frauen mit Behinderung nach Schutz aus. Die hohe
Problembelastung bei den Männern mit Behinderung zeigt, daß auch auf dieser Ebene großer

10 27. September 1996 in Wien


11 ExpertInnen-Liste
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 105

Bedarf nach Schutz vor sexueller Ausbeutung besteht. Das Hauptaugenmerk liegt auf der
Notwendigkeit zu verhindern, daß Männer mit Behinderung Täter und aufgrund fehlender
oder kontraproduktiver Interventionen pathologisiert werden oder gar Wiederholungstäter
bleiben. Als AdressatInnen der Maßnahmen betrachten wir insbesondere öffentliche und
private Institutionen, politische Instanzen und Verbände (z.B. Gerichte, PolitikerInnen,
öffentliche Beratungsstellen, Einrichtungen, in denen Männer mit Behinderung leben,
Elternverbände etc.) sowie die Männer selbst, die sexuelle Gewalt erfahren und/oder selbst
ausüben. Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag von Heimen sowie als Bestandteil der
Biografie von Männern mit Behinderung kann nur verhindert oder langfristig abgebaut
werden, wenn die betroffenen Männer und Frauen die Möglichkeit haben, ihre Interessen und
Bedürfnisse zu artikulieren und gleichberechtigten Zugang zu den ökonomischen und sozialen
Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung erhalten. Zumal sich in den
vergangenen zwei Jahren die grundsätzlichen Rahmenbedingungen nicht verändert haben,
sind die Maßnahmen, die wir in der ´Frauenstudie` formuliert haben, weiterhin aktuell und
wieder aufzugreifen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen beziehen sich auf die
gesellschaftliche, rechtliche, institutionelle sowie individuelle Ebene.

1. Notwendiger Paradigmenwechsel
Sexuelle Gewalt von und an Menschen mit Behinderung ist Ausdruck einer
verobjektivierenden Grundhaltung und spiegelt damit Grundzüge ihres institutionellen
Umfeldes, das wesentlich auf Entmündigung beruht, wider. Um sexueller Ausbeutung zu
begegnen, erscheint es uns wichtig, daß in der Behindertenhilfe ein Paradigmenwechsel
vorgenommen wird. Das einzige Paradigma, das einer solchen Grundhaltung konsequent
entgegentritt, ist dasjenige von "selbstbestimmt leben" (Independent Living), das auf die
Initiative von Menschen mit Behinderung zurückgeht. Dieser theoretische Ansatz geht davon
aus, daß ein Leben mit Behinderung eine der vielen verschiedenen Möglichkeiten des
menschlichen Lebens darstellt, wobei Menschen mit Behinderung aufgrund ihrer
Andersartigkeit und den damit gesetzten Grenzen jedoch als selbstverständliches Recht die
notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit sie ein selbstbestimmtes Leben
ohne Aussonderung führen können. Das Modell, welches zu diesem Paradigma gehört, ist die
persönliche Assistenz. Staatliche finanzielle Mittel werden nicht weiterhin an Institutionen, in
denen Menschen mit Behinderung zwangsgemeinschaftlich zusammenleben, abgegeben,
sondern an die Menschen mit Behinderung direkt. Damit ist es ihnen möglich, sich als
ArbeitgeberIn für die notwendigen Hilfeleistungen selber die Leute auszuwählen und
anzustellen. Das Modell der persönlichen Assistenz fördert das Selbstbewußtsein der
Menschen mit Behinderung, was eine zentrale Voraussetzung auch für das Leben von
Partnerschaft und Sexualität ist. Letztlich ist Integration nur auf dem Hintergrund eines
Paradigmas von selbstbestimmtem Leben möglich.

2. Integration
Auch für die Zielgruppe Männer mit Behinderung gilt, was bereits in der Frauenstudie als
Begründung für integrative Maßnahmen im gesellschaftlichen Bereich formuliert wurde.
Nach wie vor werden in dieser Gesellschaft Menschen mit Behinderung, aber insbesondere
Menschen mit geistiger Behinderung, an einem selbstbestimmten Leben gehindert. Dadurch
ist es vielfach nicht möglich, spezielle Bedürfnisse abzudecken. Der Lebenszusammenhang
vieler Menschen mit Behinderung ist von Ausgrenzung und Absonderung geprägt. Das äußert
sich u.a. darin, daß sie mangels einer schulischen und beruflichen Integrationspolitik in
Sonderschulen abgeschoben und ihnen auch später kaum adäquate Ausbildungschancen
geboten werden. Damit wird der Zugang zu Wissens- und Artikulationsmacht eingeschränkt,
wichtige Ressourcen im ökonomischen und sozialen Bereich beschnitten. Vor dem
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 106

Hintergrund von Isolation und Ghettoisierung werden Menschen mit Behinderung tendenziell
abhängig von Betreuung und Pflege. Die derzeitige Behindertenpolitik müßte langfristig
darauf hinarbeiten, daß Menschen mit Behinderung unabhängig von institutioneller Hilfe
materielle Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um ihren speziellen Bedürfnissen
entsprechend, persönliche Assistenz zu holen. Die Folge davon wäre, daß Einrichtungen in
diesem Ausmaß und in dieser Art, wie sie Österreich zur Zeit kennt, künftig nicht mehr nötig
sind.

In allen untersuchten Einrichtungen ist strukturelle Gewalt in hohem Maß gegeben, die von
den BewohnerInnern und Bewohnern sowie ihren BetreuerInnen in Form von sexualisierter
Gewalt gelebt und erlitten wird. Um diesen Zustand zu verändern, muß ein öffentliches
Bewußtsein geschaffen werden, das Menschen mit Behinderung grundsätzlich als
gleichwertige BürgerInnen und Bürger achtet. Medien und PolitikerInnen sind aufgerufen, die
Akzeptanz für entsprechende Maßnahmen zu schaffen. Weil das Ausmaß der sexualisierten
Gewalt in den Einrichtungen für Menschen mit Behinderung dermaßen hoch ist, schlagen wir
die Schaffung einer bereichsübergreifend besetzten interministeriellen Arbeitsgruppe vor,
bestehend aus VertreterInnen des Bundesministeriums für Frauenangelegenheiten
Konsumentenschutz, Bundesministeriums für Umwelt, Jugend und Familie,
Bundesministerium für Justiz, Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, VertreterInnen
aus der Behindertenbewegung, Selbsthilfeorganisationen und Integrationsbewegung, aus
Forschung und beruflicher Aus- und Weiterbildung sowie VertreterInnen der Berufsgruppen
(PsychologInnen, TherapeutInnen, PsychiaterInnen, BehindertenagogInnen etc.) sowie
VertreterInnen von Einrichtungen. Die Aufgabe dieser Arbeitsgruppe besteht darin,
bundesweite Standards der Behindertenhilfe (Grundsatzgesetzgebung) zu formulieren und
einrichtungsübergreifende Vorsorgen für Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zu
treffen. Darüberhinaus sollen in dieser Arbeitsgruppe die Vorarbeiten für ein Klientinnenrecht
geleistet werden, um den Rechtsstatus von Menschen in teilstationären und stationären
Einrichtungen grundlegend zu verbessern.

3. Strukturentwicklung
Nach wie vor ist in Österreich großer struktureller Mangel im Bereich der Behindertenhilfe
festzustellen. Insbesondere fehlen dezentrale Einrichtungen im ländlichen Raum sowie
adäquate Vorsorgen für persönliche Assistenz. Statt dessen konzentrieren sich die Angebote
vielfach auf Großeinrichtungen, die zudem oft nur unzureichend (Räume, Personal,
Qualifikation und Strukturen) ausgestattet sind. Als besonders vordringlich erachten wir
deshalb die Formulierung von verbindlichen Standards für die ambulante, teilstationäre und
stationäre Betreuung von Menschen mit Behinderung. Auf diesem Weg soll sichergestellt
werden, daß ein flächendeckender Auf- und Ausbau von ambulanten Diensten zur
persönlichen Assistenz sowie ein flächendeckender Auf- und Ausbau von teilstationären
Einrichtungen erfolgen kann. Erst auf dieser Grundlage erscheint ein konsequenter Abbau von
gewaltfördernden Strukturen in Großeinrichtungen möglich. Dazu bedarf es aber sicherlich
der gezielten Unterstützung von außen, um institutionelle blinde Flecken bearbeiten zu
können.
Ziel dieses Maßnahmenbündels ist es, die Durchlässigkeit ambulanter, teilstationärer und
stationärer Systeme zu gewährleisten und den Menschen mit Behinderung so den Zugang zu
bedürfnisorientierter Hilfe zu ermöglichen.

4. Aus- und Weiterbildung


Nach wie vor ist Aus- und Weiterbildung bei verschiedenen Zielgruppen äußerst notwendig.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 107

4.1 Frauen und Männer mit Behinderung als Opfer


Während man bei Menschen mit einer körperlichen Behinderung Selbsthilfegruppen kennt, ist
dies bei Menschen mit geistiger Behinderung erst ansatzweise in Deutschland12 vorhanden.
Damit Menschen mit geistiger Behinderung eine Lobby bilden können, müssen ihnen
personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
Laut unserer Untersuchung ist der Wissensstand bei Männern mit Behinderung über Körper,
Sexualität und sexuelle Ausbeutung noch niedriger als bei Frauen mit Behinderung. Deshalb
muß Sexualaufklärung als Auftrag im Lehrplan der (Sonder-)Schulen verankert werden. Bei
erwachsenen Männern und Frauen mit Behinderung müssen die Einrichtungen diesem
Auftrag nachkommen. Die Einrichtungen müssen ein agogisches Konzept entwickeln, in dem
Sexualität und sexuelle Gewalt thematisiert werden.

Auch im Sinne der Befähigung von Menschen mit Behinderung, für sich selbst einzutreten
und dadurch ihren Selbstwert zu erhöhen, schlagen wir den Einrichtungen die Organisation
von Selbstverteidigungskursen für potentielle Opfer vor. Seit Jahren gibt es
Selbstverteidigungslehrerinnen, die mit der Zielgruppe Menschen mit Behinderung arbeiten.
Es gibt keine Form von Behinderung, die irgendeine Art von Selbstverteidigung
verunmöglichen würde.

4.2 Männer mit Behinderung als Täter


Es muß davon ausgegangen werden, daß sexuelle Gewalttäter Wiederholungstäter sind.
Ausschließlich bestrafende Interventionsformen können diesen Kreislauf erfahrungsgemäß
nicht durchbrechen. Internationale Modelle für gezielte Täterarbeit zeigen, daß es sehr wohl
möglich ist, die Wiederholungsgefahr maßgeblich zu verringern. Wir schlagen deshalb vor,
daß auch in Österreich Interventionsprogramme gestartet werden, die sich allgemein an
Männer als Täter wenden. Innerhalb dieser Programme ist darauf zu achten, daß auch Männer
mit Behinderung daran teilnehmen können. Beispielhaft verweisen wir hier auf die
pionierhaften Erfahrungen von Ruud Bullens (Niederlande).
Insbesondere für die Zielgruppe von Männern mit Behinderung, die schon lange in
Einrichtungen leben, soll in Form von geschlechtsspezifischen Sozialtrainings soziale
Kompetenz vermittelt und längerfristig die Perspektive auf einen gleichberechtigten Zugang
zu den Ressourcen Bildung, Arbeit und Erwerbseinkommen eröffnet werden.

4.3 Andere Zielgruppen für Aus- und Weiterbildung


Professionelle in den Einrichtungen
Auch für diesen Bereich gilt, was bereits die ´Frauenstudie` aufgezeigt hat. Die
Professionellen in den Einrichtungen sind überfordert, die BewohnerInnen sexuell
aufzuklären und sie bei der Entwicklung und Festigung ihrer eigenen sexuellen Identität zu
begleiten. Darüberhinaus geht es darum, Möglichkeiten zu schaffen, Sexualität ohne Gewalt
zu erfahren, indem sie selbst befähigt werden, Bedürfnisse wahrzunehmen, diese zu
thematisieren und gemeinsam mit den BewohnerInnen individuelle Antworten zu entwickeln.
Zudem fehlen den meisten Professionellen mögliche Methoden der Vermittlung von
einschlägigem Wissen zum Thema der Sexualität v.a. bei Menschen mit geistiger
Behinderung. Deshalb muß der Fragenkomplex zu Sexualität und Sexualaufklärung in die
Aus- und berufsbegleitende Weiterbildung von Professionellen eingebaut werden.

Das Thema der sexuellen Ausbeutung stellt nach wie vor ein Tabu dar, weshalb noch immer
eher weggeschaut wird und große Unsicherheit darüber besteht, wie sexuelle Gewalt erkannt

12 Dort hat 1994 der erste diesbezügliche Kongreß stattgefunden.


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 108

werden könnte sowie Überforderung begegnet werden kann. Deshalb braucht es sowohl
Weiterbildung als auch strukturelle Vorsorgen, die sicherstellen können, daß die
BetreuerInnen im Interesse des Opfers Maßnahmen setzen können. Darauf aufbauend sind
weitergehende Maßnahmen zum Schutz und zur Hilfe des Opfers zu treffen und durch
entsprechende Begleitung sicherzustellen, daß keine Wiederholungen vorkommen.
Fallbezogene Einzel- und Teamsupervisionen sollen gewährleisten, daß die Professionellen
die durch die Intervention entstandenen Belastungen aufarbeiten und aus den Erfahrungen
lernen können.

Professionelle in ambulanten Diensten und im Bereich persönliche Assistenz


Damit auch Menschen mit geistiger Behinderung durch persönliche Assistenz ein
selbstbestimmtes Leben führen können, gilt es, die bestehenden ambulanten Dienste für diese
Zielgruppe zu öffnen. Im weiteren sind die Professionellen in ambulanten Diensten und im
Bereich von persönlicher Assistenz durch berufsbegleitende Weiterbildung für soziale
Bedürfnisse, Sexualität und sexuelle Gewalt zu sensibilisieren.

Eltern von Menschen mit Behinderung


Immer wieder wurden wir in Einrichtungen mit der Klage konfrontiert, daß Eltern sich gegen
die Liberalisierung bezüglich Geschlechtermischung und gelebter Sexualität stellen und zu
verhindern versuchen. Es kann nicht die Aufgabe einzelner Einrichtungen sein, auch noch
Elternarbeit in dieser Intensität, wie sie in solchen Fällen notwendig wäre, selber leisten.
Darum müssen sich Elternvereinigungen und andere übergeordnete Verbände bemühen,
indem sie Weiterbildung für Eltern von Menschen mit Behinderung anbieten. Dabei geht es
inhaltlich v.a. darum, die Ablösethematik zu bearbeiten, damit sie ihre Töchter und Söhne als
geschlechtliche Wesen mit Bedürfnissen nach selbstbestimmt gelebter Sexualität akzeptieren
können.
Über Information und Aufklärung ist den Eltern auch Wissen und Kompetenz zu vermitteln,
Formen und Folgen sexueller Ausbeutung zu erkennen und entsprechend zu agieren. Dazu
gehören Information über mögliche professionelle Hilfe und die Bereitschaft, diese im
Bedarfsfall auch in Anspruch zu nehmen. Auch den Eltern soll im Bedarfsfall Supervision
ermöglicht werden. Damit die Eltern in die Lage versetzt sind, das zu tun, bedarf es einer
entsprechenden Professionalisierung ihrer Angebote und eines Paradigmenwechsels bezüglich
des Menschenbilds von Behinderung, in dem Sinn, daß Sexualität integraler Bestandteil des
Menschseins ist.

Beratungspersonen und Beratungsstellen


Ebenfalls unverändert geblieben ist das große Manko an PsychotherapeutInnen und
PsychiaterInnen, die bereit sind, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten. Einen Grund
dafür sehen wir darin, daß bei der Ausbildung in diesen Berufszweigen Menschen mit
Behinderung kaum als potentielle Klientel angesehen werden einerseits und das Thema der
sexuellen Ausbeutung nach wie vor zu sehr tabuisiert ist andererseits. Psychologische
Verbände müssen Weiterbildungen anbieten für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung
und zum Thema der sexuellen Ausbeutung. Es scheint uns nicht sinnvoll, spezielle Beratungs-
und Anlaufstellen für Menschen mit Behinderung zum Thema der sexuellen Ausbeutung zu
schaffen und sie damit erneut auszugrenzen. Statt dessen sind MitarbeiterInnen bei den
Notruf- und anderen Anlaufstellen dahingehend auszubilden, daß sie Menschen mit
verschiedensten Behinderungen genauso professionell beraten können wie Menschen ohne
Behinderung.
Ebenso erachten wir es nicht als sinnvoll, für Betroffene mit sexuellen Gewalterfahrungen
eigene Wohngemeinschaften einzurichten, weil sie damit auf ihre sexuelle Gewalterfahrung
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 109

reduziert und erneut ausgegrenzt würden. Es ist uns bewußt, daß diese Personen derzeit
keinen möglichen Zufluchtsort haben.

Es ist wichtig, daß genügend TrainerInnen Selbstverteidigungskurse für Menschen mit den
verschiedensten Behinderungen anbieten können. Dafür müssen sie sich von Männern mit
Behinderung ausbilden lassen, damit sie die verschiedenen Möglichkeiten der jeweiligen
Behinderung kennenlernen können.

Polizei/RichterInnen
Aus der Sicht der Opfer von sexueller Gewalt übernehmen wir hier die entsprechenden
Formulierungen aus der Frauenstudie. In Anlehnung an das schweizerische Opfer-Hilfegesetz
schlagen wir für die österreichische Praxis vor, daß Polizeiassistentinnen für die Einvernahme
der Überlebenden speziell ausgebildet werden. Sie sollen zum Einsatz mit den anatomischen
Puppen als Hilfsmittel und zum Umgang mit Betroffenen mit Behinderung befähigt werden.
Bei letzterem geht es vor allem darum, sich der Vorurteile gegenüber diesen Menschen
bewußt zu werden, um ihnen unvoreingenommen begegnen zu können. Außerdem sollten sie
sich Fähigkeiten aneignen, mit Menschen in Kommunikation treten zu können, die nicht über
verbale Möglichkeiten verfügen. Auch für RichterInnen und Richter gilt es, sich
auseinanderzusetzen mit dem eigenen Menschenbild und den damit zusammenhängenden
Vorurteilen, beispielsweise jenem bezüglich der fehlenden Glaubwürdigkeit von Menschen
mit geistiger Behinderung. Es geht darum, daß sich diese Berufsgruppe für eine möglichst
gute Verständigung weitere Kommunikationsformen aneignet als nur die üblichen.

In Hinblick auf Männer mit Behinderung als Täter halten wir einen Paradigmenwechsel im
Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung für notwendig. Damit soll sichergestellt
werden, daß es nicht wie bisher zu vorschnellen Pathologisierungen kommt bzw. zu einer
Ungleichbehandlung beim Zugang zum Recht und im Bereich des Strafvollzuges.

Sachwalterschaft und Bewährungshelferinnen


In der berufsbegleitenden Weiterbildung von SachwalterInnen und BewährungshelferInnen
sind Angebote zur Sensibilisierung für soziale Bedürfnisse, Sexualität und sexuelle Gewalt
vorzusehen. Darauf aufbauend sind gezielt Konzepte bezüglich des Umgangs mit
Sexualdelinquenten mit Behinderung zu entwickeln.

5. Strukturen in den Einrichtungen


Räumlichkeiten
Obwohl es im Vergleich zur ersten Studie sichtliche Verbesserungen im Bereich der
Wohnstandards gegeben hat, ist immer noch festzustellen, daß längst noch nicht alle
Menschen mit Behinderung in Einrichtungen über Einzelzimmer, die auch von ihnen
abschließbar sind, verfügen. Darüberhinaus erscheint es weiterhin unabdingbar, die
Räumlichkeiten so zu verändern, daß die größtmögliche Intimsphäre gewährleistet ist. Dazu
gehören auch genügend Toiletten- und Sanitäranlagen, zumal es wichtig erscheint, daß diese
auch individuell gestaltet und nach persönlichen Bedürfnissen ausgestattet werden können. In
jedem Fall aber ist zu unterbinden, daß diese Räumlichkeiten gleichzeitig von mehreren
Personen benutzt werden können.
Die Wohnräumlichkeiten sind so zu konzipieren, daß BewohnerInnen auch paarweise
zusammenleben können, wenn sie das wünschen. Einrichtungsbezogene Wohnkapazitäten
sind durch den Auf- und Ausbau von externen Wohnmöglichkeiten zu ergänzen. Im Ausgleich
dafür sind einrichtungsinterne Wohnplätze abzubauen, um so auch räumlich die
Voraussetzung für die Bildung von kleineren Gruppen und überschaubaren Einheiten zu
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 110

schaffen. Zur Verbesserung der Wohnqualität sind über die raumbezogenen Standards
hinausgehende Verbesserungen in den Bereichen Raumnutzung und Innengestaltung zu
empfehlen. Gezielte Wohnberatung in Hinblick auf Individualisierung und
Bedürfnisorientierung ist einzusetzen.

Personal
Auch im Personalbereich sind gegenüber der Situation vor zwei Jahren deutliche
Verbesserungen festzustellen. Wir erachten es als notwendig, daß die Träger über ausreichend
finanzielle Ressourcen verfügen, um genügend ausgebildetes Personal (Betreuung,
pädagogischer und psychologischer Bereich) einstellen zu können. Darüber hinaus scheint es
uns wichtig, daß die Einrichtungen im Falle von BetreuerInnen ohne einschlägige berufliche
Qualifikation für eine entsprechende fachliche Ausbildung sorgen.
Zur Wahrung der Intimsphäre sowie zur Förderung und Festigung von sexueller Identität
gehört, daß Menschen, die auf irgendwelche Hilfe angewiesen sind, wählen können, von wem
sie welche Art von Hilfe bekommen. Dies erfordert einen Betreuungsschlüssel, der in allen
Dienstplänen immer eine Betreuungsvertretung durch beide Geschlechter garantiert.

6. Gesetzesbestimmungen und Gerichtspraxis

6.1. Gesetzlicher Schutz von Betroffenen und Überlebenden


Die verfahrensrechtlichen Bestimmungen sehen keinen besonderen Schutz für Betroffene von
sexueller Gewalt und insbesondere für Menschen mit Behinderung vor. Dieser Mangel führt
de facto dazu, daß die Betroffenen von sexueller Gewalt in Vernehmung und
Gerichtsverfahren nicht nur ihren Beitrag zur Wahrheitsfindung zu leisten haben, sondern
darüber hinaus mehr oder weniger auch die Beweislast zu tragen haben. Das betrifft in
besonderem Ausmaß Menschen mit Behinderung und steht in Widerspruch zur
rechtsstaatlichen Norm, wonach diese Aufgabe von der Staatsanwaltschaft zu leisten ist. Die
Betroffenen von sexueller Gewalt sind stattdessen durch besondere Vorsorgen davor zu
schützen, daß sie im Zuge von Vernehmung und Verfahren noch einmal gedemütigt und
entwürdigt werden.

Wir erachten es als notwendig, daß die österreichischen GesetzgeberInnen ein Opfer-Hilfe-
Gesetz schaffen. Dies würde allen Menschen, die Opfer von Gewalt sind, helfen. Für
Menschen mit Behinderung wären wichtige Folgen eines solchen Gesetzes, daß sie zur
polizeilichen Einvernahme und wenn sie als ZeugInnen aufzutreten haben, eine ihnen
vertraute Begleitperson mitnehmen könnten. Im weiteren müßte in diesem Gesetz festgelegt
sein, daß sie von einer eigens dafür ausgebildeten Polizeiassistentln einvernommen werden.
Dabei sollen Videoaufnahmen gemacht werden, die verhindern, daß die Überlebende ihre
Aussagen des öfteren wiederholen muß. Wenn die Überlebenden das wünschen, sollen sie
nicht direkt mit dem Täter konfrontiert werden, weder bei der Einvernahme, noch vor Gericht.
Die gemachten Videoaufnahmen müßten beim Prozeß genügen, wie dies schon bei Kindern
unter 14 Jahren üblich ist.

Die gesetzlichen Bestimmungen und Tatbestandsbeschreibungen zum Themenbereich der


sexuellen Gewalt nehmen nur ungenügend auf Personen Bezug, die aufgrund von Krankheit
oder Behinderung in teilstationären, ergänzenden oder stationären Einrichtungen für
Menschen mit Behinderung leben. Die Problematik dieser Tatsache wird zusätzlich dadurch
verschärft, daß die entsprechenden Formulierungen zur Bestimmung von Krankheit,
Behinderung und Abhängigkeit letztlich ungenau und in der Wortwahl diskriminierend sind.
Es erscheint deshalb unabdingbar, daß die gesetzlichen Bestimmungen (insbesondere § 205)
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 111

bezüglich ihres Geltungsbereiches auf geschützte Werkstätten und andere teilstationäre


Einrichtungen erweitert werden. Weiters sind in den geltenden gesetzlichen Bestimmungen
diskriminierende Begriffe wie Schwachsinn, Geisteskrankheit etc. zum einen in Hinblick auf
die institutionellen Bedingungen von Abhängigkeit zu konkretisieren und zum anderen durch
nichtdiskriminierende Begriffe zu ersetzen.

6.2. Behandlung von Tätern mit Behinderung


Die geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu sexueller Gewalt regeln Fragen der Behandlung
von Tätern (mit und ohne Behinderung) nur sehr unzulänglich. So gibt es für
Sexualdelinquenten letztlich keine Rechtssicherheit aber auch keine Normierung in Hinblick
auf verpflichtende therapeutische Behandlung. Damit fehlt eine grundsätzliche Vorsorge im
Sinne von Spezialprävention und einer gezielten Verhinderung von Rückfällen. In den
gesetzlichen Bestimmungen sind deshalb dringend Ergänzungen dahingehend vorzunehmen,
die Verbindlichkeit und Rechtsanspruch auf therapeutische Behandlung herstellen. Das betrifft
einerseits den Zeitraum während der polizeilichen und gerichtlichen Erhebung sowie
andererseits den Bereich des geschlossenen beziehungsweise offenen Strafvollzuges. Im
weiteren erscheint es notwendig, auch Fragen des Täter-Opfer-Ausgleiches sowie geeigneter
gerichtlicher Auflagen zu konkretisieren - auch im Vorfeld bzw. unabhängig von einer
gerichtlichen Verurteilung.

Die angeführten Mängel in den gesetzlichen Bestimmungen gelten in besonderem Maß für
Täter mit Behinderung, vor allem mit geistiger und psychischer Behinderung. Hier
konzentrieren sich die geltenden Bestimmungen nahezu ausschließlich auf Fragen der
Begutachtung und der Schuldfähigkeit. Fragen der weitergehenden therapeutischen
Behandlung von Tätern mit Lern- sowie geistiger Behinderung, sofern wegen fehlender
Schuldfähigkeit eine Verurteilung und Überstellung in den Maßnahmenvollzug
ausgeschlossen ist, bleiben damit weitgehend offen. In letzter Konsequenz ist damit auch ein
Rechtsschutz für Täter mit Behinderung vor Willkür und bestrafenden Einschränkungen, wie
z.B. kontrollierte Verfügung über finanzielle Mittel, Ausgangssperre, Alkoholverbot usw.,
ebensowenig gegeben, wie damit vielfach für diese Personen auch der Zugang zu bedingter
Entlassung, Aussetzung auf Bewährung mit oder ohne Auflagen sowie weitergehenden
Erleichterung des Strafvollzuges dem Graubereich von Ermessensspielräumen überlassen
bleibt.

Täter mit geistiger oder psychischer Behinderung, bei denen wegen gutachterlich
festgestellter eingeschränkter oder fehlender Schuldfähigkeit ein Gerichtsverfahren
unterbleibt bzw. ohne Urteil abgebrochen wird, verbleiben weitgehend unter Verzicht auf
entsprechende therapeutische Maßnahmen in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder werden
in psychiatrische Behandlung eingewiesen. In beiden Fällen sind Vorsorgen für eine
parteiliche Vertretung, bezüglich einer Wahl von Betreuung und/oder therapeutischer
Behandlung sowie im Anhalteverfahren, nicht ausreichend gegeben. Insbesondere für Täter
mit geistiger Behinderung sind deshalb in den gesetzlichen Bestimmungen Ergänzungen und
Konkretisierungen vorzunehmen, die Gleichbehandlung und Gleichheit vor dem Recht
sicherstellen können. Insbesondere sind für diese Personen die entsprechenden Bestimmungen
zu Sachwalterschaft und PatientInnenanwaltschaft zu konkretisieren sowie deren
Kompetenzbereiche adäquat auszuformulieren.

7. Forschungsbedarf
Seinerzeit formulierten wir als integrierten Teil dieser Studie eine modellhafte Umsetzung der
Verbesserung der Situation durchzuführen und eine Evaluation der Ergebnisse vorzusehen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 112

Diesen Vorschlag halten wir in Hinblick auf die vorliegenden Ergebnisse als wichtiger denn
je. Wir erlauben uns deshalb, diesen Teil des Anbotes unkommentiert anzuhängen.

A Interventionsmodell
Projektleitung und -durchführung: Dr. Aiha Zemp und Dr. Heinz Schoibl
Bei diesem Vorhaben geht es darum, auf der Grundlage der Ergebnisse der Studie
"Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag, Männer mit Behinderung als Opfer und Täter"
ein Modell zur gezielten Qualifizierung der Hilfestruktur sowie der MitarbeiterInnen in der
Einrichtung zu entwickeln. Dazu bedienen wir uns im wesentlichen der Methoden, die aus der
Organisationsberatung, der Erwachsenenbildung und der Supervision bekannt und bewährt
sind.

1. Arbeitsschritte
- Strukturanalyse: Die Chancen und Möglichkeiten einer Einrichtung, mit den sensiblen
Themen Sexualität im allgemeinen und sexueller Gewalt im besonderen aktiv und adäquat
umgehen zu können, sind wesentlich an strukturelle Eigenheiten wie interne
Kommunikation (Entscheidungsstrukturen, Dokumentation und Reflexion von
Erfahrungen etc.); Rollenklarheit (sowohl auf der Ebene der MitarbeiterInnen als auch auf
der Ebene der KlientInnen); Fachlichkeit (Wissen über Sexualität, Methoden der
Aufklärung, Methoden sozialer Arbeit mit Einzelnen und Gruppen); Ansätze zu
Mitwirkung, Mitgestaltung, Mitbestimmung für ihre KlientInnen; Raumnutzung (Raum
für Freizeit, Begegnung, Intimität, Sexualität etc.); Zeitstruktur; Angebotstransparenz und
Zielklarheit abhängig. In einem ersten Schritt gilt es, den aktuellen Entwicklungsstand der
Strukturbildung zu erheben und ein Konzept planmäßiger Entwicklung auf der Grundlage
der bestehenden Strukturen zu erarbeiten (Einzelgespräche mit MitararbeiterInnen der
Einrichtung)
- Zusammenstellung einer reformtragenden Projektgruppe: hierarchieüberschreitend; die
Mitglieder der Projektgruppe sollten in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich
Entscheidungskompetenz haben
- Schulung der Projektgruppe in Form eines eintägigen Seminares (dient der Herstellung
der Modellakzeptanz, Prozeßklarheit, Aufgabenverteilung, Verbindlichkeit)
- Herstellung von Zielakzeptanz (Prävention, Schutz der potentiellen/der tatsächlichen
Opfer von sexueller Gewalt, Hilfe für die Opfer, Modelle der Intervention und raschen
Bearbeitung entsprechender Vorfälle, Modelle der Dokumentation und
Erfahrungsauswertung)
- Installieren einer responsiven Prozeßstruktur (Kommunikation, Dokumentation,
Reflexion, Steuerung des Prozesses)
- themenspezifische Fortbildung von MitarbeiterInnen (Zielakzeptanz, inhaltliche
Klarheit und methodisches Wissen, Einübung von Methoden, Angebotstransparenz,
Übernahme von prozeßtragenden Agenden) Begleitung der Projektentwicklung über den
Zeitraum von einem Jahr

B. Evaluation und Kontrolluntersuchung


Projektleitung und -durchführung: Dr. Erika Pircher
In diesem Forschungsteil sollen die Ergebnisse der exemplarischen Intervention auf ihre
Wirkung und Nachhaltigkeit untersucht werden. Um allfällige Verfremdungseffekte /
eventuelle Selbstläufer in der Entwicklung aufgrund größeren Problembewußtseins im
Gefolge der Erstuntersuchung auszuschließen, sollen die Ergebnisse in diesem Beispiel mit
dem Entwicklungsstand in einer Einrichtung, in der keine gezielte Intervention stattgefunden
hat, verglichen werden.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 113

Methodisch folgt dieser Untersuchungsabschnitt den Grundzügen der Evaluationsforschung,


die für diesen spezifischen Anwendungsfall angepaßt werden sollen. Im einzelnen werden
dabei die folgenden Untersuchungsschritte zu unterscheiden sein.

1. Evaluation in Einrichtung mit Intervention:


 partizipative Kriterienbildung
 kontrollierte Selbstevaluation der MitarbeiterInnen (Ergebnisse/Erfahrungen
mit Interventionstechniken, Problemwahrnehmung)
 Eintägiges Seminar mit MitarbeiterInnen zwecks Bearbeitung der
Selbstevaluation, Fallgeschichten
 Auswertung des Dokumentationsmaterials (Fallgeschichten), das die
Projektgruppenmitglieder
 im Rahmen der Intervention erstellt haben
 4 Leitfadengespräche mit Leitungs- und Betreuungspersonal aus Projektgruppe
(Struktur, Selbstzufriedenheit, Selbstevaluation)
 5 Leitfadengespräche mit Bewohnerinnen zu Probleminzidenz und subjektiver
Einschätzung von Intervention und persönlicher Sicherheit/Unsicherheit
 Strukturanalyse (Kommunikation, Dokumentation, Reflexion, Steuerung)

2. Evaluation in Einrichtung ohne Intervention


 partizipative Kriterienbildung
 kontrollierte Selbstevaluation der MitarbeiterInnen (Ergebnisse,
Problemwahrnehmung, Arbeitszufriedenheit)
 Eintägiges Seminar mit MitarbeiterInnen zwecks Erarbeitung von
Dokumentationsmaterial (Gruppenarbeit)
 4 Leitfadengespräche mit Leitungs- und Betreuungspersonal zu Struktur,
Arbeitszufriedenheit, Selbstevaluation

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Salter, A : Treating Child Sex Offenders and Victims. A Practical Guide. Sage publications.
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Schmiedeskamp-Böhler, Irmgard: Verlorene Kindheit, Jungen als Opfer von sexueller
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Schultz, LeRoy G.: Child Sexual Abuse in Historical Perspective. In: Conte, John/Shore,
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Schwerhoff, Gerd: Köln im Kreuzverhör. Kriminalität, Herrschaft und Gesellschaft in einer
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Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 116

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Zemp, Aiha/Pircher, Erika: „Weil das alles weh tut mit Gewalt”. Sexuelle Ausbeutung von
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Zemp, Aiha/Pircher, Erika/Neubauer, E. Christine: Sexuelle Ausbeutung von Mädchen
und Frauen mit Behinderung. In: Amann/Wipplinger (Hg.) 1997, 738-755

Liste der ExpertInnen


- Claudia Burgsmüller (Rechtsanwältin, Wiesbaden)
- Lucio Decurtins (Sozialpädagoge, Mannebüro, Zürich)
- Dr. Theresia Degener (Juristin, Universität Frankfurt)
- DDr. Nikolaus Dimmel (Jurist, Universität Salzburg)
- Marlene Eggenberger (Sozialarbeiterin, Stadt Zürcher Kontaktstelle Opferhilfe, Zürich)
- Dr. Günther Fisslthaler (Patientenanwaltschaft Landesnervenklinik, Salzburg)
- Jürg Frauenfelder (Sozialdienste Justizdirektion, Zürich)
- Dr. Med. Urs Glenck (Offenbach)
- Dr. Wolfang Gratz (Leiter einer Fortbildungsstelle für Vollzugspersonal, Wien)
- Vrenie Heer (Rechtsanwältin, Zürich)
- Dr. Christiane Hofinger (Wohlfahrtsabteilung des Amtes der Salzburger Landesregierung,
Salzburg)
- Dr. Philipp Maier (Universität Zürich)
- Dr. Arno Pilgram (Kriminalsoziologisches Institut, Wien)
- Dr. Adolf D. Ratzka (Institute an Independent Living, Stockholm)
- Dr. Wolfgang Stangl (Kriminalsoziologisches Institut, Wien)

Anhang

Tabellenanhang
D. Die Stichprobe

Bundesländer Anzahl der befragten Prozen Anzahl behinderter Männer Prozent


Männer Absolut t in Bundesländern in
Einrichtungen Absolut
Wien 36 30,8 231 18,3
Oberösterreic 32 27,3 587 46,5
h
Salzburg 22 1,8 79 6,2
Steiermark 15 12,8 198 15,7
Tirol 12 10,3 167 13,2
Gesamt 117 100,0 1.262 100,0
Tab. 1: Verteilung der Befragten nach Bundesländern

Einrichtung Absolut Prozent


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 117

Wien 1 25 21,4
Wien 2 11 9,4
Oberösterreich 1 17 14,5
Oberösterreich 2 15 12,8
Salzburg 22 18,8
Steiermark 15 12,8
Tirol 1 7 6,0
Tirol 2 5 4,3
Gesamt 117 100,0
Tab. 2: Verteilung der Befragten nach Einrichtung

Altersgruppe Absolut Prozent


18 - 24 9 7,7
25 - 34 58 49,6
35 - 44 29 24,8
45 - 78 21 24,8
Gesamt 117 100,0
Tab. 3: Verteilung der Befragten nach Altersgruppe

Dauer des Aufenthalts Absolut Prozent


weniger als ein Jahr 15 13,0
1 bis 5 Jahre 34 29,5
6 bis 15 Jahre 33 28,7
16 bis 24 Jahre 28 24,3
25+ 5 4,3
Gesamt 115 100,0
Tab. 4: Verteilung der Befragten nach Dauer des Aufenthalts in der Institution

Wohnform Jahre in
einer
Institution
bis 5 Jahre 6-10 11-20 21 -
Jahre Jahre Jahre
Abs. in % Abs. in % Abs. in % Abs. in %
Wohngruppe 8 13,3 12 20,0 23 38,3 17 28,3
im Heim
betreute WG 27 67,5 10 25,0 3 7,5 0 0,0
ambulant 14 93,3 0 0,0 0 0,0 1 6,7
betr.
Wohnplatz
Gesamt 49 42,6 22 19,1 26 22,6 18 15,6
Tab. 5: Dauer des Aufenthalts in Institutionen nach Wohnform (n=105)

Behinderungsart Absolut Prozent


geistige Behinderung 85 55,5
Lernbehinderung 17 11,1
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 118

Körperbehinderung 30 19,6
Sinnesbehinderung 12 7,8
chronisch krank 9 5,8
Gesamt 153 100,0
Tab. 6: Art der Behinderung (Mehrfachnennungen)

Lebensform Absolut Prozent


ledig 104 88.9
verheiratet 5 4,3
in Lebensgemeinschaft mit 5 4,3
Frau
in Lebensgemeinschaft mit 1 0,9
Mann
Anderes 2 1,7
Gesamt 117 100,0
Tab. 7: Lebensform

Schulform Absolut Prozent


Sonderschule 84 77,8
Volksschule 9 8,3
Hauptschule/Polytechnischer Lehrgang 13 12,0
Allgemein Höhere Schule (AHS)/Berufsbildende 1 0,9
Höhere Schule (BHS)
Andere Schule 1 0,9
Gesamt 108 100,0
Tab. 8: Schulische Ausbildung

Art der Berufsausbildung Absolut in Prozent der Befragten


Anlehre 5 4,3
Lehre 11 9,5
Gesamt 16
Tab. 9: Berufliche Ausbildung

Art der Tätigkeit Absolut Prozent


Beschäftigungstherapie 53 45,6
geschützte Werkstätte 34 29,3
externer Arbeitsplatz 7 6,0
keine berufliche Tätigkeit 22 19,0
Gesamt 116 100,0
Tab. 10: Art der beruflichen Tätigkeit

E. Institutionelle Vorsorgen

Einrichtung sehr gut gut mäßig schlech Gesam


t t
Abs. in % Abs. in % Abs. in % Abs. in %
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 119

Tirol 1 3 42,9 4 57,1 0 0,0 0 0,0 7


Tirol2 3 100,0 - 0,0 0 0,0 0 0,0 3
Salzburg 6 31,6 9 47,4 4 21,1 0 0,0 19
Oberösterreich 1 6 40,0 8 53,3 1 6,7 0 0,0 15
Oberösterreich 2 4 26,7 10 66,7 1 6,7 0 0,0 15
Steiermark 1 6,7 7 46,7 5 33,3 2 13,3 15
Wien 1 10 40,0 12 48,0 1 4,0 2 8,0 25
Wien 2 2 22,2 4 44,4 2 22,2 1 11,1 9
Gesamt 35 32,4 54 50,0 14 13,0 5 4,6 108
Tabelle 1: Zufriedenheit mit der Wohnform nach Einrichtungen

Änderungswünsche ja nein Gesamt


Absolut in % Absolut in %
Tirol 1 1 14,3 6 85,7 7
Tirol2 3 100,0 0 0,0 3
Salzburg 7 38,9 11 61,1 18
Oberösterreich 1 4 28,6 10 71,4 14
Oberösterreich 2 6 46,2 7 53,8 13
Steiermark 8 53.3 7 46,7 15
Wien 1 7 29,2 17 70,8 24
Wien 2 3 38,2 5 62,5 8
Gesamt 139 38,2 163 61,8 102
Tab. 2: Änderungswünsche nach Einrichtung

Einrichtun Vorsorgen
gen für
Sexualität
Kondome Aufklä Arbeit Rückz Sexualit Gespräc Beratu
auf rungs skreis ugsm ät von h / Hilfe ngs,
Wunsch materi Fortbi öglich Paaren durch Therap
al ldung keit möglich Betreuer ieange
In bot
Abs. in Abs. in Abs. in Abs. in Abs. in Abs. in Abs. in
% % % % % % %
Tirol 1 0 0,0 2 25,0 2 25, 2 25,0 0 0,0 1 12, 1 12,5
0 5
Tirol 2 0 0,0 0 0,0 1 50, 1 50,0 0 0,0 0 0,0 0 0,0
0
Salzburg 0 0,0 3 13,6 0 0,0 17 77,3 0 0,0 0 0,0 2 9,1
OÖ1 3 8,6 11 31,4 0 0,0 9 25,7 3 8,6 9 25, 0 0,0
7
OÖ2*) - - - - - - - - - - - - - -
Steiermark 0 0,0 0 0,0 0 0,0 4 23,5 0 0,0 12 70, 1 5,9
6
Wien 1 6 12,0 6 12,0 0 0,0 12 24,0 10 20,0 10 20, 6 12,0
0
Wien 2 0 0,0 1 9,1 1 9,1 7 63,6 0 0,0 2 18, 0 0,0
9
Gesamt 7 4,8 24 16,5 3 2,1 52 35,9 7 4,8 34 23, 10 6,9
4
Tab. 3: Institutionelle Vorsorgen zum Umgang mit Sexualität nach Einrichtungen
(Mehrfachnennungen)*) In der Einrichtung Oberösterreich 2 wurden keine Betreuerinnenfragebogen
ausgefüllt. Zu den entsprechenden Fragen liegen somit keine auswertbaren Angaben vor.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 120

Wohnform Vorsorgen
für den
Umgang
mit
Sexualität
Kondome Aufklär Arbeitsk Rückzu Sexuali Gesprä Beratung Ges.
auf ungsmat reis gsmögli tät von ch mit durch
Wunsch erial Fortbild chkeit Paaren Betreue Arzt/
ung mögl rin Therapie
Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. %
Wohngruppe 4 0,7 11 16,2 1 1,5 16 23,5 7 10, 24 35,3 5 7,3 68
im Heim 3
betreute WG 4 6,1 10 15,4 2 3,1 33 50,8 6 9,2 8 12,3 4 6,1 65
ambulant 1 8,3 3 25,0 3 25, 3 25,0 0 0.0 2 16,7 1 8,3 12
betreuter 0
Wohnplatz
Gesamtzahl 9 6,2 24 16,5 6 4,1 52 35,9 13 9,0 34 23,4 10 6,9 145
der
Nennungen
Tab. 4: Institutionelle Vorsorgen nach Wohnform (Mehrfachnennungen)

Einrichtung aufgeklärt
ja nein missing
Abs. in % Abs. in % Abs. in % Gesamt
Tirol 1 4 57,1 2 28,6 1 14,3 7
Tirol2 4 80,0 1 20,0 0 0,0 5
Salzburg 5 22,7 16 72,7 1 4,5 22
Oberösterreich 1 10 58,8 6 35,3 1 5,9 17
Oberösterreich 2 12 80,0 3 20,0 0 0,0 15
Steiermark 2 13,3 13 86,7 0 0,0 15
Wien 1 8 32,0 17 68,0 0 0,0 25
Wien 2 6 54,5 3 27,3 2 18,9 11
Gesamt 51 43,6 61 52,1 5 4,3 117
Tab. 5: Aufklärungsstand nach Einrichtung

Einrichtung Ich
möchte
mehr
wissen
ja nein missing Gesamt
Abs. in % Abs. in % Abs. in %
Tirol 1 4 57,1 2 28,6 1 14,3 7
Tirol 2 3 60,0 1 20,0 1 20,0 5
Salzburg 12 54,5 3 13,6 7 31,8 22
Oberösterreich 1 12 70,6 4 23,5 1 5,9 17
Oberösterreich 2 5 33,3 10 66,7 0 0,0 15
Steiermark 9 60,0 3 20,0 3 20,0 15
Wien 1 10 40,0 12 48,0 3 12,0 25
Wien 2 5 45,4 3 27,3 3 27,3 11
Gesamt 60 51,3 38 32,5 19 16,2 117
Tab. 6: Wunsch nach mehr Aufklärung nach Einrichtung
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 121

Einrichtungen nach als Mann als Frau als Bub anderes Gesamt
Bundesländern Absolut Absolut Absolut Absolut
Tirol 1 7 0 0 0 7
Tirol 2 5 0 0 0 5
Salzburg 13 0 6 0 19
Oberösterreich 1 10 1 3 3 17
Oberösterreich 2 14 0 0 1 15
Steiermark 9 0 6 0 15
Wien 1 17 0 3 2 22
Wien 2 4 0 4 1 9
Gesamt 1 79 22 7 109
Tab. 7: Sexuelle Identität der Männer nach Einrichtungen

F. Männer mit Behinderung als Opfer

Bundesland Ja Anzahl der befragten Männer Anteil in Prozent


Tirol 1 3 7 42,9
Tirol 2 2 5 40,0
Salzburg 11 22 50,0
Oberösterreich 1 9 17 52,9
Oberösterreich 2 9 15 60,0
Steiermark 7 15 46,7
Wien 1 13 25 52,0
Wien 2 4 11 36,4
Gesamt 58 117 49,5
Tab. 1: Opferstatus im Bundesländervergleich

Formen der sexuellen unter 15 15-25 26-34 35 + Gesa


Belästigung Jahren mt
Abs. % Abs. % Abs. % Abs. %. Abs. %
blöde Bemerkungen 3 27,3 5 45,4 0 0,0 3 27,3 11 100,0
mit Blicken ausziehen 1 33,3 2 66,7 0 0,0 0 0,0 3 100,0
„Sex-Witze” 0 0,0 4 66,7 0 0,0 2 33,3 6 100,0
an bestimmten 1 4,5 12 54,5 8 36,4 1 4,5 22 100,0
Körperstellen berührt
werden (Gesicht etc.)
Gesamt 5 11,9 23 54,8 8 19,0 6 14,3 42 100,0
13
Tab. 2: Sexuelle Belästigung nach Altersgruppen

Formen der sexuellen unter 15 - 25 26 - 34 35 + Gesamt


Gewalt 15
Jahren
Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. %
nackt ausziehen 2 22,2 4 44,4 2 22,2 1 11,1 9 100,0
Geschlechtsteile 1 11,1 7 70,0 1 11,1 1 11,1 10 100,0
gezeigt
gezwungen, 1 9,1 7 63,6 2 18,2 1 9,1 11 100,0
Geschlechtsteile zu
berühren

13 Da im Rahmen der Fragebogenerhebung nicht überall das Alter registriert wurde, in dem das Gewalterlebnis
stattfand, konnten nicht alle Daten der Stichprobe unter dieser Variablen erfaßt werden.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 122

Zwang zu befriedigen 0 0,0 4 57,1 2 28,6 1 14,3 7 100,0


gezwungen, oral zu 0 0,0 2 50,0 2 50,0 0 0,0 4 100,0
befriedigen
Geschlechtsteile 2 11,1 7 38,9 7 38,9 2 11,1 18 100,0
berührt
sexuell bedroht fühlen 1 10,0 4 40,0 4 40,0 1 10,0 10 100,0
gezwungen, bei 0 0,0 3 50,0 3 50,0 0 0,0 6 100,0
sexuellen Handlungen
zuzuschauen
Pornofilme anschauen 0 0,0 1 50,0 0 0,0 1 50,0 2 100,0
Geschlechtsverkehr 0 0,0 3 60,0 1 20,0 1 20,0 5 100,0
gehabt oder versucht
Gesamt 7 8,5 42 51,2 24 29,3 9 11,0 82 100,0
Tab. 3: Sexuelle Gewalt nach Altersgruppen

Kategorien von Täterinnen Männer Frauen Gesamt


Absolut Prozent Absolut Prozent Absolut Prozent
Familienmitglied 4 2,7 5 12,2 9 4,8
HeimbewohnerIn, MitschülerIin 52 35,6 10 24,4 62 33,2
Pflege- und Betreuungspersonal 17 11,6 6 14,6 23 12,3
ArbeitskollegIn 17 11,6 2 4,9 19 10,2
andere Personen (bekannt) 22 15,1 4 9,8 26 13,9
andere Personen (unbekannt) 29 19,7 14 34,1 43 23,0
sonstige Person 5 3,4 0 0,0 5 2,7
Gesamtzahl der Nennungen 146 100,0 41 100,0 187 100,0
Tab. 4: Täter und Täterinnen bei den Opfern (Mehrfachnennungen)

Wohngruppe Wohngemeinschaft betreute Gesamt


im Heim Wohnplätze
Täter sind Männer 55 66 21 146
Familienmitglied 2 2 0 4
Heimbewohner/Mitschüler 37 11 4 52
Pflege- und 2 15 0 17
Betreuungspersonal
Arbeitskollege 0 15 2 17
Männer - bekannt 10 12 0 22
Männer - unbekannt 4 11 14 29
Sonstige 4 0 1 5
Täterinnen sind Frauen 27 13 1 41
Familienmitglied 3 2 0 5
Heimbewohnerin/Mitschüleri 8 2 0 10
n
Pflege- und 6 0 0 6
Betreuungspersonal
Arbeitskollegin 0 1 1 2
Frauen -bekannt 3 1 0 4
Frauen - unbekannt 7 7 0 14
Sonstige 0 0 0 0
Gesamt 82 79 22 187
Tab. 5: Opferanteil nach Täterinnen und Wohnformen (Nennungen) in absoluten Zahlen
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 123

Umfeld Absolut Prozent


Heim/Einrichtung 55 47,8
außerhalb der 29 25,2
Einrichtung/Hotel oder
Wohnung
am Arbeitsplatz 19 16,5
überall 8 6,6
zu Hause / Ursprungsfamilie 4 3,4
Gesamt 115 100,0
Tab. 6: Verteilung der Gewalt nach Umfeldern aus Sicht der Opfer

Gewaltform Einrich außer Arbeit zu Überall Gesamt


tung halb splatz Haus
e
Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. % Abs. %
gezwungen, 5 50,0 1 10,0 2 20,0 0 0,0 2 20,0 10 100,0
nackt
auszuziehen
Geschlechtsteile 7 53,8 3 23,1 2 15,4 0 0,0 1 7,7 13 100,0
gezeigt
gezwungen, 5 35,7 4 28,5 2 14,3 1 7,1 2 14,3 14 100,0
seine/ihre
Geschlechtsteile
zu berühren
gezwungen, 5 50,0 3 30,0 2 20,0 0 0,0 0 0,0 10 100,0
ihn/sie zu
befriedigen
oraler Verkehr 1 33,3 1 33,3 0 0,0 1 33,3 0 0,0 3 100,0
Geschlechtsteile 13 56,5 5 21,7 4 17,4 0 0,0 1 4,3 23 100,0
berührt
sexuell bedroht 11 50,0 5 25,0 4 20,0 0 0,0 1 5,0 21 100,0
gezwungen, 5 50,0 0 0,0 2 20,0 2 20,0 1 10,0 10 100,0
zuzuschauen
Pornofilme 0 0,0 3 100,0 0 0,0 0 0,0 0 0,0 3 100,0
anzusehen
zu Geschlechts- 3 37,5 4 50,0 1 12,5 0 0,0 0 0,0 8 100,0
verkehr
gezwungen
oder versucht
Gesamtwert 55 29 19 4 8 115
Tab. 7: Ausformungen der sexuellen Gewalt nach Umfeld

Beschwerden Absolut Prozent


Schmerzen allgemein 7 10,0
Kopfschmerzen/Migräne 1 1,4
Bauch-, Magen-, Unterleibsschmerzen 3 4,3
Phobien/Ängste 12 17,1
Schwindel/Epilepsie 22 31,4
Schlafstörungen 3 4,3
Sonstiges/Zwänge 5 7,1
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 124

Sexuelle Probleme 8 11,4


Autoaggressives Verhalten 7 10,0
Depressionen/Traurigkeit 2 2,9
Gesamtzahl der Nennungen 70 100,0
Tab. 8: Art der Beschwerden (Mehrfachnennungen)

Diagramm 1: Art der Beschwerden in Prozent (Frauen) (Mehrfachnennungen) Quelle: Zemp/Pircher


1996, 87

Art der Medikamente Absolut Prozent


Epilepsiemittel 46 33,8
Neuroleptika 28 20,6
blutdruckregulierende Mittel 20 14,7
andere Schmerzmittel 14 10,3
Akinetikum 14 10,3
Antidepressiva 8 5,9
Beruhigungsmittel 6 4,4
Gesamtzahl der Nennungen 136 100,0
Tab. 9: Art der Medikamente (Mehrfachnennungen)

Art der Maßnahmen Absolut Prozent


Täter wurde geschimpft 8 50,0
Täter bzw. Opfer wurde versetzt 3 18,8
Anzeige - Verfahren läuft 2 12,5
Anzeige und Verurteilung 1 6,2
konkrete Maßnahmen stehen noch aus 1 6,2
Sonstiges 1 6,2
Gesamt 16 100,0
Tab. 10: Art der ergriffenen Maßnahmen bei den Opfern

Auszüge aus den Strafgesetzbüchern von Österreich, Deutschland und


der Schweiz
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 125

1. Österreich
Im Österreichischen Strafgesetzbuch werden die strafbaren Handlungen "gegen die
Sittlichkeit" unter den §§ 201 bis 212 geregelt. Bei den Erläuterungen beschränken wir uns
auf die im Zusammenhang mit dieser Studie wichtigsten Punkte.

§ 201 Vergewaltigung
(1) Wer eine Person mit schwerer, gegen sie gerichteter Gewalt oder durch eine gegen sie
gerichtete Drohung mit gegenwärtiger schwerer Gefahr für Leib oder Leben zur Vornahme
oder Duldung des Beischlafes oder einer dem Beischlaf gleichzusetzenden geschlechtlichen
Handlung nötigt, ist mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen. Als
schwere Gewalt ist auch eine Betäubung anzusehen.

(2) Wer außer dem Fall des Abs. 1 eine Person mit Gewalt, durch Entziehung der
persönlichen Freiheit oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zur
Vornahme oder Duldung des Beischlafes oder einer dem Beischlaf gleichzusetzenden
geschlechtlichen Handlung nötigt, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf
Jahren zu bestrafen.

(3) Hat die Tat eine schwere Körperverletzung (§ 84 Abs. 1) zur Folge oder wird die
vergewaltigte Person durch die Tat längere Zeit hindurch in einen qualvollen Zustand versetzt
oder in besonderer Weise erniedrigt, so ist der Täter im Falle des Abs. 1 mit Freiheitsstrafe
von fünf bis zu fünfzehn Jahren, im Fall des Abs. 2 mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn
Jahren zu bestrafen. Hat die Tat den Tod der vergewaltigten Person zur Folge, so ist der
Täter im Fall des Abs. 1 mit Freiheitsstrafe von bis zu zwanzig Jahren, im Fall des Abs. 2 mit
Freiheitsstrafe von fünf bis zu fünfzehn Jahren zu bestrafen.

"II. die Nötigung zur Vornahme oder Duldung des (auch ehelichen) Beischlafs sowie einer
„dem Beischlaf gleichzusetzenden geschlechtlichen Handlung” unter Strafe stellt. Darunter
fällt der Anal- und Mundverkehr. § 201 ist auch anwendbar, wenn nicht die (freiwillig
erfolgte) Einleitung des Geschlechtsverkehrs, sondern dessen Fortsetzung erzwungen wird.
Das Gesetz unterscheidet nach der Intensität der Gewalt oder Drohung zwei Tatbestände:
Unter Abs. 1 fällt, wer eine Person mit schwerer, gegen sie gerichteter Gewalt oder durch eine
gegen sie (Nrsp 1991/145) gerichtete Drohung mit gegenwärtiger schwerer Gefahr für Leib
oder Leben zu einer derartigen Handlung oder Duldung nötigt. Bewußt - um nämlich die
gerade insofern für die Tatopfer unangenehme Beweisführung entbehrlich zu machen - wurde
somit nicht mehr die Widerstandsfähigkeit als die Auswirkung der angewendeten Gewalt zum
Kriterium schwerer und weniger schwerer Fälle gewählt, sondern die Schwere der Gewalt ist
nach der Tathandlung zu bestimmen.

Zur Auslegung des der Strafrechtsordnung bisher fremden Begriffs der „schweren Gewalt” ist
darauf abzustellen, daß die Anwendung überlegener physischer Kraft einen höheren Grad der
Intensität oder Gefährlichkeit erreicht. Brutale, rücksichtslose Aggressionshandlungen,
darunter auch solche, mit denen Lebensgefahr verbunden ist, bei denen gefährliche Waffen
verwendet werden oder Gewalt gegen besonders gefährdete oder empfindliche
Körperregionen ausgeübt wird, werden als schwere Gewalt zu beurteilen sein; ebenso die
zusammenwirkende Gewaltausübung mehrerer Personen gegen den Widerstand eines Opfers.
Ein weiteres Indiz für schwere Gewalt wird deren länger dauernde Anwendung sein, auch
ohne daß damit bereits ein „qualvoller Zustand des Opfers” verbunden sein muß.
Ausdrücklich nennt das Gesetz auch die Betäubung als schwere Gewalt, wobei darunter nicht
der allmählich den Willen des Opfers beugende Einsatz berauschender Mittel verstanden
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 126

wird, sondern nur die Betäubung durch einen für das Opfer überraschenden und
unvorhersehbaren Angriff.

III. Für die minderschwere Vergewaltigung genügt bereits die Anwendung jeder (nicht
besonders schweren) Gewalt oder die Drohung mit gegenwärtiger (nicht schwerer) Gefahr für
Leib oder Leben. Gewalt und Drohung müssen nicht gegen das Tatopfer gerichtet sein. Es
genügt, wenn sie sich auf eine nahestehende Person beziehen. Als weiteres Begehungsmittel
nennt das Gesetz auch die Entziehung der persönlichen Freiheit.

V. Vollendet sind die Tatbestände des Abs. 1 und 2, wenn die Nötigung erfolgreich ist, d.h. das
Tatopfer den Beischlaf oder die diesem gleichzusetzende geschlechtliche Handlung
vorzunehmen oder zu dulden beginnt".

§ 202 Geschlechtliche Nötigung


(1) Wer außer den Fällen des § 201 eine Person mit Gewalt oder durch gefährliche Drohung
zur Vornahme oder Duldung einer geschlechtlichen Handlung nötigt, ist mit Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren zu bestrafen.

(2) Hat die Tat eine schwere Körperverletzung (§ 84 Abs. 1) zur Folge oder wird die genötigte
Person durch die Tat längere Zeit hindurch in einen qualvollen Zustand versetzt oder in
besonderer Weise erniedrigt, so ist der Täter mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu
fünf Jahren, hat die Tat aber den Tod der genötigten Person zur Folge, mit Freiheitsstrafe von
einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen.

"I. bezieht auch „geschlechtliche Handlungen”, die einem Beischlaf nicht gleichzusetzen sind,
ein, und zwar auch dann, wenn ihre Duldung oder Begehung durch schwere Gewalt oder
Drohung mit gegenwärtiger schwerer Gefahr für Leib oder Leben erzwungen wird".

§ 205 Schändung
(1) Wer eine Person weiblichen Geschlechtes, die sich in einem Zustand befindet, der sie zum
Widerstand unfähig macht, oder die wegen einer Geisteskrankheit, wegen Schwachsinns,
wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen einer anderen schweren, einem
dieser Zustände gleichwertigen seelischen Störung unfähig ist, die Bedeutung des Vorgangs
einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, zum außerehelichen Beischlaf mißbraucht,
ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.

(2) Wer eine Person, die sich in einem Zustand befindet, der sie zum Widerstand unfähig
macht, oder die wegen einer den Bewußtseinsstörung oder wegen einer anderen schweren,
einem dieser Zustände gleichwertigen seelischen Störung unfähig ist, die Bedeutung des
Vorgangs einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, außer dem Fall des Abs. 1 zur
Unzucht mißbraucht oder zu einer unzüchtigen Handlung mit einer anderen Person oder, um
sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet, eine
unzüchtige Handlung an sich selbst vorzunehmen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu
bestrafen.

(3) Hat die Tat eine schwere Körperverletzung (§ 84 Abs. 1) oder eine Schwangerschaft zur
Folge, so ist der Täter in den Fällen des Abs. 1 mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn
Jahren, in den Fällen des Abs. 2 mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu
bestrafen. Hat die Tat jedoch den Tod der mißbrauchten Person zur Folge, so ist der Täter in
den Fällen des Abs. 1 mit Freiheitsstrafe von fünf bis zu fünfzehn Jahren, in den Fällen des
Abs. 2 mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 127

"§ 205 faßt den Mißbrauch wehr- oder bewußtloser Personen zum außerehelichen Beischlaf
oder zu anderen Unzuchtakten in einem Tatbild unter der Bezeichnung Schändung zusammen.
Als unmittelbarer Täter nach Abs. 1 kommt nur ein beischlaffähiger, mit dem Opfer nicht
verheirateter Mann in Betracht. Bestimmungs- und Beitragstäter kann jedermann sein.

II. Schutzobjekt im ersten Deliktfall (Abs. 1) ist eine Person weiblichen Geschlechts, die
widerstandsunfähig ist oder die wegen eines der Zustände, die Zurechnungsfähigkeit
begründen können, unfähig ist, die Bedeutung des an ihr oder mit ihr verübten Vorganges
einzusehen (Diskretionsunfähigkeit) oder nach dieser Einsicht zu handeln
(Dispositionsunfähigkeit). Der Vorgang, um den es sich hier handelt, ist der außereheliche
Beischlaf. Der Zustand muß einige Zeit hindurch bestehen und darf nicht vom Täter oder im
Einverständnis mit ihm in Hinblick auf den geschlechtlichen Mißbrauch vorsätzlich
herbeigeführt worden sein. Es kommt andererseits nicht darauf an, wodurch der Zustand
entstanden ist. Geisteskranke und Schwachsinnige, unter besonderen Umständen Schlafende
oder im Erwachen begriffene sowie stark alkoholisierte Frauen können Tatobjekt sein. Die
Willenstätigkeit des Opfers muß nicht vollständig aufgehoben sein, es genügt deren durch
physische oder psychische Einwirkung hervorgerufene Störung in dem Maße, daß die
Diskretionsfähigkeit oder die Dispositionsfähigkeit in bezug auf den Vorgang nicht oder nicht
mehr vorhanden ist. Auch darauf und nicht bloß auf den Zustand des Opfers muß sich der
Vorsatz des Täters beziehen. Ist die Fähigkeit, das Triebleben durch verstandesmäßige
Erwägungen zu beeinflussen und die Einsicht in die Bedeutung des Beischlafes sowie die
Fähigkeit, über den eigenen Körper in geschlechtlicher Hinsicht dieser Einsicht gemäß zu
verfügen, nicht aufgehoben, kann die Frau also die Bedeutung und Folgen des Beischlafes
richtig erkennen und dem an sie gestellten Verlangen eines außerehelichen Beischlafes in
freier Entscheidung begegnen, so liegt auch bei Personen schwachen Verstandes und bei
Geisteskranken keine Unfähigkeit. Widerstandsfähigkeit liegt vor, wenn das Tatopfer seinen
widerstrebenden Willen nicht durchsetzen kann, weil ihm Widerstand aus seelischen oder
körperlichen Gründen unmöglich ist.

III. Schutzobjekt im zweiten Deliktfall ist eine Person männlichen oder weiblichen
Geschlechtes, die sich in einem der in Abs. 1 bezeichneten Zustände befindet.

Tathandlungen sind:
1. Mißbrauch zu einer anderen unzüchtigen Handlung als Beischlaf durch den Täter selbst;
2. Verleitung zu einer solchen unzüchtigen Handlung mit einer dritten Person; . Verleitung zu
einer unzüchtigen Handlung an sich selbst; nur in diesem Fall ist vorausgesetzt, daß der Täter
in der Absicht handelt, sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen.
Körperlicher Kontakt zwischen Täter und Opfer ist hier nicht vorausgesetzt; es genügt u.U.
fernmündliche Aufforderung.

V. Schändungen sind durch den Eintritt einer schweren Körperverletzung, einer


Schwangerschaft oder des Todes des Opfers qualifiziert, wobei Schändungen durch
außerehelichen Beischlaf allemal mit strengerer Strafe bedroht sind als Schändungen durch
andere unzüchtige Handlungen. Leichte Körperverletzungen des Opfers sind dem Täter
gesondert anzulasten, da Schändung kein „Gewaltdelikt” ist, bei dem leichte Verletzungen
konsumiert werden".

§ 206 Beischlaf mit Unmündigen


(1) Wer mit einer unmündigen Person den außerehelichen Beischlaf unternimmt, ist mit
Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren zu bestrafen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 128

(2) Hat die Tat eine schwere Körperverletzung (§ 84 Abs. 1) oder eine Schwangerschaft der
unmündigen Person zur Folge, so ist der Täter mit Freiheitsstrafe von fünf bis zu fünfzehn
Jahren, hat sie aber den Tod der unmündigen Person zur Folge, mit Freiheitsstrafe von zehn
bis zu zwanzig Jahren zu bestrafen.

I. Der Beischlaf mit Unmündigen wird ohne Rücksicht darauf unter Strafe gestellt, ob der
Unmündige imstande ist, die Bedeutung des Vorganges zu erkennen und dieser Einsicht
gemäß zu handeln." Die geschlechtliche Mündigkeit erfolgt mit dem vierzehnten Lebensjahr.

„II. Die Tathandlung besteht im Unternehmen des außerehelichen Beischlafes; Vollziehung


des Beischlafes ist nicht erforderlich. Unternommen ist ein Beischlaf auch dann, wenn es zu
einer Vereinigung der Geschlechtsteile (Eindringen des männlichen Geschlechtsteiles
zumindest in die äußeren Geschlechtsteile der Frau) nicht kommt, wohl aber dazu angesetzt
worden ist.

III. Der Täter muß zumindest mit bedingtem Vorsatz handeln, der sich vor allem auf das Alter
des Opfers beziehen muß. Ein Irrtum des Täters befreit ihn von Strafe für den weiter nicht
beschwerten Beischlaf. Handelt der über das Alter seines Opfers Irrende mit Gewalt oder
gefährlicher Drohung, so ist er jedenfalls nach diesen Gesetzesstellen zu bestrafen. Bei der
Prüfung, ob die Verantwortung des Täters, er habe sein Opfer für schon mündig gehalten,
zutreffend ist, muß auf die äußeren Umstände Bedacht genommen werden.”

§ 207 Unzucht mit Unmündigen


1) Wer eine unmündige Person auf andere Weise als durch Beischlaf zur Unzucht mißbraucht
oder zu einer unzüchtigen Handlung mit einer anderen Person oder, um sich oder einen
Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet, eine unzüchtige
Handlung an sich selbst vorzunehmen, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf
Jahren zu bestrafen.

(2) Hat die Tat eine schwere Körperverletzung zur Folge, so ist der Täter mit Freiheitsstrafe
von einem bis zu zehn Jahren, hat sie aber den Tod der unmündigen Person zur Folge, mit
Freiheitsstrafe von fünf bis zu fünfzehn Jahren zu bestrafen.
(3) Übersteigt das Alter des Täters das Alter der unmündigen Person nicht um mehr als zwei
Jahre und ist keine der Folgen des Abs. 2 eingetreten, so ist der Täter nach Abs. 1 nicht zu
bestrafen.

"I. Die Tathandlungen der Unzucht mit Unmündigen entsprechend des § 205 Abs. 2
(Schändung), der Unterschied zwischen beiden Bestimmungen besteht nur darin, daß das
Objekt der Schändung eine widerstandsunfähige Person oder eine Person, der in Ansehung
des Geschlechtsaktes die Diskretions- oder Dispositionsfähigkeit mangelt, sein muß, während
bei § 207 das Tatobjekt lediglich unmündig sein muß. Weibliche und männliche Unmündige
sind gleichermaßen geschützt."
Der Begriff der Unmündigkeit ist im § 74 Z 1 definiert.

§ 208 Sittliche Gefährdung von Personen unter sechzehn Jahren


„Wer eine Handlung, die geeignet ist, die sittliche, seelische oder gesundheitliche
Entwicklung von Personen unter sechzehn Jahren zu gefährden, vor einer unmündigen
Person oder einer seiner Erziehung, Ausbildung oder Aufsicht unterstehenden Person unter
sechzehn Jahren vornimmt, um dadurch sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen
oder zu befriedigen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen, es sei denn, daß
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 129

nach den Umständen des Falles eine Gefährdung der unmündigen oder Personen unter
sechzehn Jahren ausgeschlossen ist.”

"I. Neben Beischlaf und anderen Unzuchthandlungen mit Unmündigen gibt es auch noch
andere dem Geschlechtstrieb entspringende Handlungen, die geeignet sind, sittlich noch
labilen, weil erst in einem leiblich-seelischen Reifungsprozeß befindlichen Personen
sittlichen, seelischen oder auch gesundheitlichen Schaden zuzufügen.

II. Die entwicklungsgefährdende Handlung muß vor dem Schutzobjekt, d.h. in dessen
Gegenwart, und zwar so begangen werden, daß sie der Gefährdete wahrnehmen kann. Damit
sind in erster Linie Exhibitionisten getroffen.

III. Als Tathandlungen kommen Selbstbefriedigung vor einem Kind, das „kommentierende
Vorzeigen von harter Pornographie” vor einem schulpflichtigen Mädchen u.ä. in Betracht.

IV. Wie erwähnt ist zur Strafbarkeit erforderlich, daß der Täter mit der Absicht handelt, sich
oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen. Trotz Vorliegen einer
solchen Absicht bleibt der Täter straffrei, wenn eine Gefährdung der betroffenen unmündigen
oder noch nicht sechzehnjährigen Person objektiv ausgeschlossen, also im konkreten Fall
unmöglich ist, etwa weil die Handlung vor Kindern, die ihren Sinn nicht erfassen können,
oder vor blinden oder schlafenden Kindern oder vor einem bereits völlig verwahrlosten
Unmündigen oder Jugendlichen vorgenommen wird".

§ 209 Geschlechtliche Unzucht mit Personen unter achtzehn Jahren


Eine Person männlichen Geschlechts, die nach Vollendung des neunzehnten Lebensjahres mit
einer anderen Person, die das vierzehnte, aber noch nicht das achtzehnte Lebensjahr
vollendet hat, gleichgeschlechtliche Unzucht treibt, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten
bis zu fünf Jahren zu bestrafen.

I. Die Bestimmung dient dem Schutz männlicher Personen in noch prägbaren Alter vor
gleichgeschlechtlichen Erlebnissen, die sie in ihrer Triebrichtung beeinflussen und auf
Homosexualität festlegen können; auch erzwungene gleichgeschlechtliche Handlungen sind
tatbildlich (SSt 52/23 = JBI 1981, 550 = LSK 1981/121). Zu den Taten unter Zwang und
Nötigung siehe Anm III.

II. Die Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechtes wird Homosexualität, unter Personen
des weiblichen Geschlechtes auch lesbische Liebe genannt. Da das Gesetz den Begriff der
gleichgeschlechtlichen Unzucht nicht näher umschreibt, schwankten Lehre und
Rechtssprechung. Früher verlangte der OGH beischlafähnliche Handlungen (KH 842, 963,
1052, 1215). Nach der neueren Rechtssprechung genügte jede unmittelbare, nicht bloß
flüchtige (SSt 52/44 = EvBI 1982/65 = LSK 1981/166: intensive Berührung der
Geschlechtssphäre (im biologischen Sinn) einer männlichen Person durch einen Mann oder
das gleichartige Berührenlassen der eigenen Geschlechtssphäre (EvBI 1979/163, RZ 1979/51,
LSK 1978/134m 1979/161), falls dies zur Erregung oder Befriedigung der Sexuallust
wenigstens eines der Beteiligten erfolgt (EvBI 1971/83). Lesbische Liebe ist mangels sozialer
Schädlichkeit als solche nicht mehr gerichtlich strafbar (EvBI 1982/3 = LSK 1981/167: was
dem Gleichhheitsgrundsatz nicht widerspricht), doch erfassen alle Bestimmungen aus diesem
Abschnitt, die weder auf Beischlaf noch ausschließlich auf männliche Homosexualität
abgestellt sind, auch lesbische Handlungen. Unter Personen männlichen Geschlechtes ist die
Strafmündigkeit für Homosexualität mit dem vollendeten 19. und das Schutzalter gegen
solche Betätigung mit dem vollendeten 18. Lebensjahr festgesetzt.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 130

III. Gleichgeschlechtliche Betätigung mit Personen, die das vierzehnte, aber noch nicht das
achtzehnte Lebensjahr vollendet haben, ist vollendet, wenn ein erwachsener Mann seinen
Geschlechtsteil mit dem Körper des (männlichen) Unzuchtpartners in der auf sexuelle
Entspannung gerichteten Absicht in eine nicht bloß flüchtige (RZ 1970, 200) Berührung
bringt, wobei sein Verhalten nicht beischlafähnlich oder onanistisch sein (LSK 1978/134) und
auch nicht zur angestrebten sexuellen Entspannung geführt haben muß. Bei einer bloß
flüchten Berührung, die infolge der Abwehr des ausersehenen Partners nicht fortgesetzt
werden konnte oder eine Aufforderung zu einer in unmittelbarer Folge vorzunehmenden
Unzuchthandlung begleiten und verdeutlichen sollte, liegt Versuch vor (EvBI 1968/152,
169/109, 1978/213, RZ 1978/65, LSK 1979/113). Wer einen Geschlechtsgenossen zur
Unzucht mit ihm verleiten will, haftet unter den Voraussetzungen des § 209 uU wegen
Versuches dieses Delikts (vgl SSt 22/73); freiwillig wäre ein Rücktritt vom Versuch allenfalls,
wenn der Täter die Weigerung des Partners nicht für endgültig hält (EvBI 1986/184).

IV. Gleichgeschlechtliche Unzucht mit Unmündigen ist stets statt nach § 209 nach § 207
strafbar (EvBI 1976/269 = RZ 1976/74 = LSK 1976/148); s aber auch Anm II zu § 207. Täter
nach § 209 kann nur jemand sein, der das neunzehnte Lebensjahr bereits vollendet hat. Nach §
207 sind auch jugendliche Täter strafbar. Bei Zwang und Nötigung zur gleichgeschlechtlichen
Unzucht trifft nach neuerer Rechtssprechung § 209 mit § 201 oder § 202 eintätig zusammen
(EvBI 1985/94 = RZ 1985/32). Hält ein erwachsener Mann sein unmündiges, gleichfalls
männliches Opfer für einen Jugendlichen, so ist er statt nach § 207 nach §§ 15, 209 strafbar
(EvBI 1979/38 = JBI 1979, 100 mit Anm von Burgstaller = LSK 1978/269).

§ 211 Blutschande
(1) Wer mit einer Person, die mit ihm in gerader Linie verwandt ist, den Beischlaf vollzieht,
ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen.

(2) Wer eine Person, mit der er in absteigender Linie verwandt ist, zum Beischlaf verführt, ist
mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen.

(3) Wer mit seinem Bruder oder mit seiner Schwester den Beischlaf vollzieht, ist mit
Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten zu bestrafen.

(4) Wer zur Zeit der Tat das neunzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ist wegen
Blutschande nicht zu bestrafen, wenn er zur Tat verführt worden ist.

"I. § 211 verpönt die Ausübung des Beischlafes zwischen nahen Verwandten. Ob die
Verwandtschaft ehelich oder unehelich ist, spielt keine Rolle. Daß Blutsverwandtschaft
vorliegt, ist als Tatbildmerkmal vom Strafgericht festzustellen. Sinn der Bestimmung ist es,
physische und psychischer Gefährdungen der Nachkommenschaft und Beeinträchtigungen
des Familienlebens hintanzuhalten.

II. Täter der Blutschande können Verwandte in auf- und absteigender Linie sowie Bruder und
Schwester sein".

§ 212 Mißbrauch eines Autoritätsverhältnisses


(1) Wer sein minderjähriges Kind, Wahlkind, Stiefkind oder Mündel und wer unter
Ausnützung seiner Stellung gegenüber einer seiner Erziehung, Ausbildung oder Aufsicht
unterstehenden minderjährigen Person diese zur Unzucht mißbraucht oder, um sich oder
einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet, eine unzüchtige
Handlung an sich selbst vorzunehmen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 131

(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer


1. als Arzt einer Krankenanstalt oder Angestellter einer Erziehungsanstalt oder sonst als ein
in einer Erziehungsanstalt Beschäftigter eine in der Anstalt betreute Person oder
2. als Beamter eine Person, die seiner amtlichen Obhut anvertraut ist,
unter Ausnützung seiner Stellung dieser Person gegenüber entweder zur Unzucht mißbraucht
oder, um sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet,
eine unzüchtige Handlung an sich selbst vorzunehmen.

"I. Die Bestimmung dient dazu, einen sexuellen Mißbrauch abhängiger Personen zu
verhindern und die „Korrektheit des Aufsichts- oder Autoritätsverhältnisses”.

II. Als Tatobjekte kommen in Betracht:


1. minderjährige Kinder, Wahlkinder, Stiefkinder und Mündel;
2. minderjährige, der Erziehung, Ausbildung oder Aufsicht des Täters unterstehende
Personen;
3. in einer Krankenanstalt oder in einer Erziehungsanstalt betreute Personen, mögen sie
minderjährig sein oder nicht;
4. der amtlichen Obhut eines Beamten anvertraute Personen, mögen sie minderjährig sein
oder nicht.

III. Als Täter kommen bei dem unter II 1 angeführten Personenkreis Vater, Mutter und
Vormund in Betracht. Bei den unter II 2 angeführten Personen können Lehrer, Erzieher,
Funktionäre von Jugend- oder Sportorganisationen, Arbeitgeber und Lehrherren, der
Lebensgefährte der Mutter oder Schwester, u.U. auch Ärzte gegenüber jugendlichen
Patienten, schließlich auch Personen, denen vorübergehend vom Erziehungsberechtigten die
Aufsicht über einen Minderjährigen anvertraut worden ist, Täter sein. Ein vertragsähnliches
Verhältnis und eine Verpflichtungserklärung sind nicht erforderlich; es genügt ein faktisches
Eltern-Kind-ähnliches Verhältnis oder ein faktisches Aufsichtsverhältnis.
In Ansehung des unter II 3 näher umschriebenen Personenkreises kommen nur Ärzte einer
Krankenanstalt, Angestellte einer Erziehungsanstalt oder in einer solchen Anstalt Beschäftigte
als Täter in Betracht.

V. Bei den minderjährigen Kindern, Wahlkindern, Stiefkindern und Mündeln ist zur
Strafbarkeit des Täters nicht vorausgesetzt, daß dieser seine Stellung gegenüber den
Schutzbefohlenen ausnützt. Das wird zwar in aller Regel der Fall sein, ist aber nicht
besonders festzustellen.

Die Ausnützung der Stellung gegenüber dem Opfer der Tat durch den Täter ist
Tatbildmerkmal in allen drei anderen Fällen. Vorausgesetzt ist also, daß der Täter seine
Autorität einsetzt, damit die geschützte Person die Unzuchthandlung an sich geschehen läßt
oder selbst eine unzüchtige Handlung setzt.

§ 218 Öffentliche unzüchtige Handlungen


Wer öffentlich und unter Umständen, unter denen sein Verhalten geeignet ist, durch
unmittelbare Wahrnehmung berechtigtes Ärgernis zu erregen, eine unzüchtige Handlung
vornimmt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360
Tagessätzen zu bestrafen.

I. Die Bestimmung richtet sich gegen die Erregung berechtigten Ärgernisses durch öffentliche
unzüchtige Handlungen. Unzüchtig ist jede Handlung, durch die Sittlichkeit in
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 132

geschlechtlicher Beziehung verletzt wird, mag sie auch nicht einem erregten Geschlechtstrieb
entsprungen oder zur Erregung dieses Triebes bestimmt sein (SSt 17/142). § 218 erfaßt auch
unzüchtige mündliche Äußerungen (SSt 24/59) und die Verbreitung unzüchtiger Schriften
(SSt 37/58) und Filme (SSt 25/20), diesbezüglich wird die Bestimmung aber weitgehend
durch die speziellen Bestimmungen des sog Pornographiegesetzes verdrängt. Bloß
unanständiges Betragen, zB Nacktbaden (SSt 17/142), fallen nicht unter § 218. Die Handlung
muß "etwas das Geschlechtliche Betreffendes in einer den Anstand verletzenden Art
ausdrücken oder darstellen" (Nowakowski, 155). Die Darstellung des nackten menschlichen
Körpers fällt an sich nicht unter den Begriff "unzüchtig"; Stripteasevorführungen sind idR
nicht unzüchtig (JBI 1972, 624).

II. Die Tat muß öffentlich geschehen; zum Begriff der Öffentlichkeit s Anm zu §69.
Zusätzlich ist verlangt, daß die Tat unter Umständen geschieht, unter denen das Verhalten
geeignet ist, durch unmittelbares Wahrgenommenwerden berechtigtes Ärgernis hervorzurufen.
Es genügt die bloße Eignung sowohl für die Wahrnehmung durch einen größeren
Personenkreis (SSt 16/116, 38/20, EvBI 1968/153, 1977/262, RZ 1977/100, LSK 1977/270)
wie für die Erregung berechtigten Ärgernisses (EvBI 1957/394). Daß die Handlung wirklich
wahrgenommen oder Ärgernis erregt wure, ist nicht verlangt. Die Eignung muß eine konkrete
sein (SSt 29/72, EvBI 1966/486); der die Öffentlichkeit ausmachende größere Personenkreis
muß also konkret in der Lage gewesen sein, durch unmittelbare Wahrnehmung Ärgernis zu
nehmen. Nach früherem Recht wurde es von der Rechtsprechung (entgegen Nowakowski,
156) mitunter als ausreichend angesehen, daß das Ärgernis durch nachträgliches
Bekanntwerden eines bestimmten Verhaltens entstehen konnte. Das ist nunmehr durch § 69
ausgeschlossen. Der größere Personenkreis (etwa ab 10 Personen) muß kein unbestimmter
sein. Bei den sog. Exklusivklubs fehlt es aber wegen der Gleichgesinntheit der Mitglieder an
der Eignung, Ärgernis zu erregen. Sollten einmal in einem solchen Klub Personen sein, die
Ärgernis nehmen, so ist ein Täter, der das nicht vorgesehen hat, wegen Tatirrtums von Strafe
frei. Ärgernis ist eine tiefgreifende Empfindung der Verletzung eines Wertes (hier des
Sittlichkeits- und Schamgefühls), die sich gegen die verletzende Handlung und ihren Urheber
richtet. Das Ärgernis muß ein berechtigtes sein. Prüdererie einzelner führt nicht zur
Strafbarkeit: andererseits befreit es auch nicht von der Strafbarkeit, wenn zufällig (und nicht
weil sich solche Personen zusammengetan haben) der größere Personenkreis ausschließlich
aus Menschen besteht, die auch an Unzüchtigem nicht Anstoß nehmen. Die Eignung, Ärgernis
zu erregen, ist am Gefühl des sittlich normal empfindenden Durchschnittsmenschen (RV, 366)
zu prüfen.

III. S das sog PornographieG, BGBl 1950/97 (Anhang), und das internationale Abkommen
vom 4.Mai 1910, betreffend die Bekämpfung der Verbreitung unzüchtiger Veröffentlichungen,
RGBI 1912/116, sowie das internationale Übereinkommen v 12.September 1923, BGBl
1925/128, zur Bekämpfung und Verbreitung und des Vertriebes von unzüchtigen
Veröffentlichungen.

2. Bundesrepublik Deutschland
Das deutsche Strafgesetzbuch (StGB) regelt in einem gesonderten Abschnitt Straftaten im
Sinne von Vergehen und Verbrechen gegen die „Sexuelle Selbstbestimmung”14. Die in den §§
174-184 StGB zusammengefaßten Straftatbestände gegen die sexuelle Selbstbestimmung
sollen vor sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt schützen und die ungestörte sexuelle
Entwicklung von Kindern und Jugendlichen strafrechtlich garantieren.

§ 174 Sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen


14 StGB §§ 174-184
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 133

(1) Wer sexuelle Handlungen


1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur
Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist,
2. an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur
Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder
Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-,
Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder
3. an seinem noch nicht achtzehn Jahre alten leiblichen oder angenommenen Kind vornimmt
oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer unter den Voraussetzungen des Absatzes 1 Nr. 1 bis 3


1. Sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder
2. den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, daß er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt, um
sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 1 oder des Absatzes 2 in Verbindung mit Abs. 1 Nr. 1
kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn bei
Berücksichtigung des Verhaltens des Schutzbefohlenen das Unrecht der Tat gering ist.

§ 174a Sexueller Mißbrauch von Gefangenen, behördlich Verwahrten oder Kranken in


Anstalten
(1) Wer sexuelle Handlungen
1. an einem Gefangenen oder
2. an einem auf behördliche Anordnung Verwahrten, der ihm zur Erziehung, Ausbildung,
Beaufsichtigung oder Betreuung anvertraut ist, unter Mißbrauch seiner Stellung vornimmt
oder an sich von dem Gefangenen oder Verwahrten vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe
bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer den Insassen einer Anstalt für Kranke oder Hilfsbedürftige, der
ihm zur Beaufsichtigung oder Betreuung anvertraut ist, dadurch mißbraucht, daß er unter
Ausnutzung der Krankheit oder Hilfebedürftigkeit sexuelle Handlungen an ihm vornimmt
oder an sich von dem Insassen vornehmen läßt.

(3) Der Versuch ist strafbar."

§ 175 Homosexuelle Handlungen


(1) Ein Mann über achtzehn Jahren, der sexuelle Handlungen an einem Mann unter achtzehn
Jahren vornimmt oder von einem Mann unter achtzehn Jahren an sich vornehmen läßt, wird
mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Das Gericht kann von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn
1. der Täter zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war oder
2. bei Berücksichtigung des Verhalten desjenigen, gegen den sich die Tat richtet, das Unrecht
der Tat gering ist.

§ 176 Sexueller Mißbrauch von Kindern.


(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an
sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 134

zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit
Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem
Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen läßt.

(3) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn
Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter
1. mit dem Kind den Beischlaf vollzieht oder
2. das Kind bei der Tat körperlich schwer mißhandelt.

(4) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Kindes, so ist die Strafe
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

(5) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer
1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,
2. ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen vor ihm oder einem Dritten vornimmt,
oder
3. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch
Abspielen von Tonträgem pomographischen Inhalts oder durch entsprechende Reden
einwirkt, um sich, das Kind oder einen anderen hierdurch sexuell zu erregen.

§ 177 Vergewaltigung
(1) Wer eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib
oder Leben oder unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters
schutzlos ausgeliefert ist nötigt, sexuelle Handlungen
1. des Täters oder
2. einer dritten Person an sich zu dulden oder an
3. dem Täter oder
4. einer driften Person
vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf
Jahren.

(3) In besonders schweren Fällen ist Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. Ein
besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem
Opfer vornimmt, die dieses besonders erniedrigen, insbesonders, wenn sie mit einem
Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung),
3. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird oder
4. der Täter das Opfer bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder es durch die Tat in die
Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.
5. Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

§ 178 Sexuelle Nötigung


(1) Wer einen anderen mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib
oder Leben nötigt, außereheliche sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich
zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe von
einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 135

(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf
Jahren.

(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

§ 179 Sexueller Mißbrauch widerstandsunfähiger Personen

(1) Wer eine andere Person, die

1. wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden


Bewußtseinsstörung, wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Störung
oder

2. körperlich zum Widerstand unfähig ist, dadurch mißbraucht, daß er unter Ausnutzung der
Widerstandsunfähigkeit sexuelle Handlungen an ihr vornimmt oder an sich von ihr
vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist srtrafbar.

(3) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn
Jahren, in minder schweren Fällen Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

§ 180 Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger


(1) Wer sexuellen Handlungen einer Person unter sechzehn Jahren an oder von einem Dritten
oder sexuellen Handlungen eines Dritten an einer Person unter sechzehn Jahren
1. durch seine Vermittlung
2. durch Gewähren oder Verschaffen von Gelegenheit Vorschub leistet, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Satz 1 Nr. 2 ist nicht
anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte handelt; dies gilt nicht, wenn der
Sorgeberechtigte durch das Vorschubleisten seine Erziehungspflicht gröblich verletzt.

(2) Wer eine Person unter achtzehn Jahren bestimmt, sexuelle Handlungen gegen Entgelt an
oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem Dritten an sich vornehmen zu lassen,
oder wer solchen Handlungen durch seine Vermittlung Vorschub leistet, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Wer eine Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur
Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder
Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-,
Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit
bestimmt, sexuelle Handlungen an oder vor einem Dritten vorzunehmen oder von einem
Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit
Geldstrafe bestraft.

(4) In den Fällen der Absätze 2 und 3 ist der Versuch strafbar.

§ 182 Verführung
(1) Wer ein Mädchen unter sechzehn Jahren dazu verführt, mit ihm den Beischlaf zu
vollziehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 136

(2) Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt. Die Verfolgung der Tat ist ausgeschlossen, wenn der
Täter die Verführte geheiratet hat.

(3) Bei einem Täter, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das
Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen.

§ 183 Exhibitionistische Handlungen


(1) Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird
mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, daß die Strafverfolgungsbehörde wegen
des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts
wegen für geboten hält.

(3) Das Gericht kann die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe auch dann zur Bewährung
aussetzen, wenn zu erwarten ist, daß der Täter erst nach einer längeren Heilbehandlung keine
exhibitionistischen Handlungen mehr vornehmen wird.

(4) Absatz 3 gilt auch, wenn ein Mann oder eine Frau wegen einer exhibitionistischen
Handlung
1. nach einer anderen Vorschrift, die im Höchstmaß Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
Geldstrafe androht, oder
2. nach § 174 Abs. 2 Nr.1 oder § 176 Abs. 5 Nr.1 bestraft wird.

§ 183a Erregung öffentlichen Ärgernisses


Wer öffentlich sexuelle Handlungen vornimmt und dadurch absichtlich oder wissentlich ein
Ärgernis erregt, wird mit Freihheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wenn
die Tat nicht in § 183 mit Strafe bedroht ist.

3. Schweiz
Im schweizerischen Strafgesetzbuch regeln die Artikel 187-194 die strafbaren Handlungen
gegen die sexuelle Integrität.

Art. 187 Strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität


Gefährdung der Entwicklung von Unmündigen Sexuelle Handlungen mit Kindern

1. Wer mit einem Kind unter 16 Jahren eine sexuelle Handlung vornimmt, wer zu einer
solchen Handlung verleitet oder es in eine sexuelle Handlung einbezieht, wird mit Zuchthaus
bis zu fünf Jahren oder mit Gefängnis bestraft.

2. Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht
mehr als drei Jahre beträgt.

3. Hat der Täter zur Zeit der Tat das 20. Altersjahr noch nicht zurückgelegt und liegen
besondere Umstände vor, oder hat die verletzte Person mit ihm die Ehe geschlossen, so kann
die zuständige Behörde von der Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der
Bestrafung absehen.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 137

4. Handelte der Täter in der irrigen Vorstellung, das Kind sei mindestens 16 Jahre alt, hätte
er jedoch bei pflichtgemäßer Vorsicht den Irrtum vermeiden können, so ist die Strafe
Gefängnis.

Art. 188 Sexuelle Handlungen mit Abhängigen


1. Wer mit einer unmündigen Person von mehr als 16 Jahren, die von ihm durch ein
Erziehungs-, Betreuungs- oder Arbeiterverhältnis oder auf andere Weise abhängig ist, eine
sexuelle Handlung vornimmt, indem er diese Abhängigkeit ausnützt,
wer eine solche Person unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit zu einer sexuellen Handlung
verleitet, wird mit Gefängnis bestraft.
2. Hat die verletzte Person mit dem Täter die Ehe geschlossen, so kann die zuständige
Behörde von der Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der Bestrafung
absehen.

Art. 189 Angriffe auf die sexuelle Freiheit und Ehre Sexuelle Nötigung
1. Wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen
Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht, wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder
mit Gefängnis bestraft.

2. Ist der Täter der Ehegatte des Opfers und lebt er mit diesem in einer Lebensgemeinschaft,
wird die Tat auf Antrag verfolgt. Das Antragsrecht erlischt nach sechs Monaten. Artikel 28
Absatz 4 ist nicht anwendbar.

3. Handelt der Täter grausam, verwendet er namentlich eine gefährliche Waffe oder einen
anderen gefährlichen Gegenstand, so ist die Strafe Zuchthaus nicht unter drei Jahren. Die Tat
wird in jedem Fall von Amtes wegen verfolgt.

Art. 190. Vergewaltigung


1. Wer eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs nötigt, namentlich
indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum
Widerstand unfähig macht, wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft.

2. Ist der Täter der Ehegatte des Opfers und lebt er mit diesem in einer Lebensgemeinschaft,
wird die Tat auf Antrag verfolgt. Das Antragsrecht erlischt nach sechs Monaten. Artikel 28
Absatz 4 ist nicht anwendbar.

3. Handelt der Täter grausam, verwendet er namentlich eine gefährliche Waffe oder einen
anderen gefährlichen Gegenstand, so ist die Strafe Zuchthaus nicht unter drei Jahren. Die Tat
wird in jedem Fall von Amtes wegen verfolgt.

Art. 191 Schändung


Wer eine urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres
Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen
Handlung mißbraucht, wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder mit Gefängnis bestraft.

Art. 192 Sexuelle Handlungen mit Anstaltspfleglingen, Gefangenen, Beschuldigten


1. Wer unter Ausnützung der Abhängigkeit einen Anstaltspflegling, Anstaltsinsassen,
Gefangenen, Verhafteten oder Beschuldigten veranlaßt, eine sexuelle Handlung vorzunehmen
oder zu dulden, wird mit Gefängnis bestraft.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 138

2. Hat die verletzte Person mit dem Täter die Ehe geschlossen, so kann die zuständige
Behörde von der Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der Bestrafung
absehen.

Art. 193 Ausnützung der Notlage


1. Wer eine Person veranlaßt, eine sexuelle Handlung vorzunehmen oder zu dulden, indem er
eine Notlage oder eine durch ein Arbeitsverhältnis oder eine in anderer Weise begründete
Abhängigkeit ausnützt, wird mit Gefängnis bestraft.

2. Hat die verletzte Person mit dem Täter die Ehe geschlossen, so kann die zuständige
Behörde von der Strafverfolgung, der Überweisung an das Gericht oder der Bestrafung
absehen.

Art. 194 Exhibitionismus


1. Wer eine exhibitionistische Handlung vornimmt, wird, auf Antrag, mit Gefängnis bis zu
sechs Monaten oder mit Buße bestraft.

2. Unterzieht sich der Täter einer ärztlichen Behandlung, so kann das Strafverfahren
eingestellt werden. Es wird wieder aufgenommen, wenn sich der Täter der Behandlung
entzieht.

Art. 198 Sexuelle Belästigung


Wer von jemandem, der dies nicht erwartet, eine sexuelle Handlung vornimmt und dadurch
Ärgernis erregt,
wer jemandem, der dies nicht erwartet, eine sexuelle Handlung vornimmt und dadurch
Ärgernis erregt,
wer jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell belästigt,
wird, auf Antrag, mit Haft oder Busse bestraft.

Art. 213 Inzest


1. Wer mit einem Blutsverwandten in gerader Linie oder einem voll- oder halbbürtigen
Geschwister den Beischlaf vollzieht, wird mit Gefängnis bestraft.

2. Unmündige bleiben straflos, wenn sie verführt worden sind.

3. Die Verjährung tritt in zwei Jahren ein.

Das Opferhilfegesetz OHG


In der Schweiz gibt es seit Oktober 1991 das Opferhilfegesetz OHG. Dies wurde geschaffen,
um den Opfern von Straftaten wirksame Hilfe leisten zu können und ihre Rechtsstellung zu
verbessern. Die gewährleistete Hilfe umfaßt die Beratung, den Schutz des Opfers und die
Wahrung seiner Rechte im Strafverfahren. Das Opfer soll entschädigt werden und erhält
Genugtuung. Wir beschränken uns im folgenden auf die Darstellung der wichtigsten Punkte
im Zusammenhang mit dem Strafverfahren.

Art. 2 Geltungsbereich
1. Hilfe nach diesem Gesetz erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen,
sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), und zwar
unabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist und ob er sich schuldhaft verhalten hat.
Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 139

2. Der Ehegatte des Opfers, dessen Kinder und Eltern sowie andere Personen, die ihm in
ähnlicher Weise nahestehen, werden dem Opfer gleichgestellt bei:
a) der Beratung (Art. 3 und 4)
b) der Geltendmachung von Verfahrensrechten und Zivilansprüchen (Art. 8 und 9), soweit
ihnen Zivilansprüche gegenüber dem Täter zustehen;
c) der Geltendmachung von Entschädigungen und Genugtuung (Art. 11-17), soweit ihnen
Zivilansprüche gegenüber dem Täter zustehen.

3. Die Beratungsstellen haben insbesondere folgende Aufgaben:


a) sie leisten und vermitteln dem Opfer medizinische, psychologische, soziale, materielle und
juristische Hilfe;
b) sie informieren über die Hilfe an Opfer
Die Beratungsstellen leisten ihre Hilfe sofort und wenn nötig während längerer Zeit. Sie
müssen so organisiert sein, daß sie jederzeit Soforthilfe leisten können.

4. Die Leistungen der Beratungsstellen und die Soforthilfe Dritter sind unentgeltlich. Die
Beratungsstellen übernehmen weitere Kosten, wie Arzt-, Anwalts- und Verfahrenskosten,
soweit dies aufgrund der persönlichen Verhältnisse des Opfers angezeigt ist.
5. Die Opfer können sich an eine Beratungsstelle ihrer Wahl wenden.

Schutz und Rechte des Opfers im Strafverfahren


Art. 5 Persönlichkeitsschutz
1. Die Behörden wahren die Persönlichkeitsrechte des Opfers in allen Abschnitten des
Strafverfahrens.

2. Behörden und Private dürfen außerhalb eines öffentlichen Gerichtsverfahrens die Identität
des Opfers nur veröffentlichen, wenn dies im Interesse der Strafverfolgung notwendig ist oder
das Opfer zustimmt.

3. Das Gericht schließt die Öffentlichkeit von den Verhandlungen aus, wenn überwiegende
Interessen des Opfers es erfordern. Bei Straftaten gegen die sexuelle Integrität wird die
Öffentlichkeit auf Antrag des Opfers ausgeschlossen.

4. Die Behörden vermeiden eine Begegnung des Opfers mit dem Beschuldigten, wenn das
Opfer dies verlangt. Sie tragen dem Anspruch des Beschuldigten auf rechtliches Gehör in
anderer Weise Rechnung. Eine Begegnung kann angeordnet werden, wenn der Anspruch des
Beschuldigten auf rechtliches Gehör oder ein überwiegendes Interesse der Strafverfolgung sie
zwingend erfordert.

Art. 6 Aufgaben der Polizei und der Untersuchungsbehörden


1. Die Polizei informiert das Opfer bei der ersten Einvernahme über die Beratungsstellen.

2. Sie übermittelt Name und Adresse des Opfers einer Beratungsstelle. Sie weist das Opfer
vorher darauf hin, daß es die Übermittlung ablehnen kann.

3. Die Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Integrität können verlangen, daß sie von
Angehörigen des gleichen Geschlechts einvernommen werden. Das gilt auch für das
Untersuchungsverfahren.

Art. 7 Beistand und Aussageverweigerung


Zemp, Pircher, Schoibl Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag 140

1. Das Opfer kann sich am Strafverfahren beteiligen lassen, wenn es als Zeuge oder
Auskunftsperson befragt wird.

2. Es kann die Aussage zu Fragen verweigern, die seine Intimsphäre betreffen.

Art. 8 Verfahrensrechte
1. Das Opfer kann sich am Strafverfahren beteiligen. Es kann insbesondere:
a) seine Zivilansprüche geltend machen;
b) den Entscheid eines Gerichts verlangen, wenn das Verfahren nicht eingeleitet oder wenn es
eingestellt wird;
c) den Gerichtsentscheid mit den gleichen Rechtsmitteln anfechten wie der Beschuldigte,
wenn es sich bereits vorher am Verfahren beteiligt hat und soweit der Entscheid seine
Zivilansprüche betrifft oder sich auf deren Beurteilung auswirken kann.

2. Die Behörden informieren das Opfer in allen Verfahrensabschnitten über seine Rechte. Sie
teilen ihm Entscheide und Urteile auf Verlangen unentgeltlich mit.

Die Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Integrität können verlangen, daß dem urteilenden
Gericht wenigstens eine Person gleichen Geschlechts angehört.

Fragebogen für Männer mit Behinderung und BetreuerInnenfragebogen


Sie können den Fragebogen unter folgendem Link herunterladen:
http://bidok.uibk.ac.at/download/zemp-gewalt-fragebogen.pdf

Impressum
Medieninhaberin: Bundesministerium für Frauenangelegenheiten
Ballhausplatz 1, 1014 Wien
Herausgeber: Bundeskanzleramt Abt. 1/10
Ballhausplatz 1, 1014 Wien

Quelle:
Aiha Zemp, Erika Pircher, Heinz Schoibl: Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag. Jungen
und Männer mit Behinderung als Opfer und Täter.
Projektbericht, unter Mitarbeit von Christine Neubauer, GenderLink - Netzwerk für
Sozialforschung, August 1997, Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und
Verbraucherschutz
bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet
Stand: 01.12.2011