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STATE-OF-PEACE-KONFERENZ 2005

DER KRIEG DER ARMEN?

DER INTERNATIONALE TERRORISMUS IN DER NEUEN WELTORDNUNG

27.01.-30.01.2005
ISBN 3-89688-259-7 | 260 Seiten | 2005 | Preis: 24,80 €
ÖSFK: Dialog 48 Österreichisches Studienzentrum für Frieden und
Konfliktlösung (Hrsg.)

(To be published in: Tuschl, Ronald, European University Center for Peace Studies (EPU),
Stadtschlaining/Austria, www.aspr.ac.at/welcome.htm (ed), Der Krieg der Armen? Der internationale
Terrorismus in der neuen Weltordnung. Münster: Agenda-Verlag (www.agenda.de), 2005.)

Gender Mainstreaming Terror – Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und


Mittleren Osten

EUGENE SENSENIG-DABBOUS

Vorbemerkungen

Die Terrorismusdebatte kommt um eine Auseinandersetzung mit dem Definitionsmonopol nicht herum.
Jenseits der Floskel „one man‟s terrorist is another man‟s freedom fighter“ stellt sich die Frage, wie und
von wem Terror definiert wird, welche Lebensbereiche davon erfasst und wessen Interessen dadurch
begünstigt bzw. welche Gruppen dadurch benachteiligt werden. Diese eher akademischen
Fragestellungen werden dann akut aktuell, wenn man in einem System lebt, das von Terrorismus
unmittelbar geprägt wird.
Terror wird vorwiegend aus der Sicht der Gewalt- und Konfliktbekämpfung betrachtet. Dadurch
stehen Fragen wie Stabilität, Ordnung und Bewahrung von Herrschaftsinteressen im Vordergrund. Diese
Betrachtungsweise stützt sich auf die Annahme, dass abnehmende Gewalttätigkeit mit einem Rückgang
Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

des Terrors einhergeht. Diesem liegt jedoch eine Definition des Terrorismus zu Grunde, die Terror
ausschließlich im öffentlichen Bereich ansiedelt, Terror als eine Tätigkeit statt als eine Grundhaltung
ansieht und Terror vorwiegend als eine Gefährdung des Gesellschaftssystems (oder „way of life“)
versteht und dadurch sich einer Hinterfragung der existierenden Machtverhältnisse versperrt.
Aus der Warte des Nahen Ostens gesehen, gehört der Terror zum Alltag. Gemessen an der
Definition des von der UNO in Auftrag gegeben Berichts des „High-level Panel on Threats, Challenges
and Change“ mit dem Titel „A more secure world: our shared responsibility“, gibt es im Nahen und
Mittleren Osten kaum Lebensräume, die von Terror nicht beeinträchtigt werden.
„Description of terrorism as „any action … that is intended to cause death or serious bodily harm to civilians or
non-combatants, when the purpose of such an act, by its nature or context, is to intimidate a population … to do
or to abstain from doing any act‟.”1
Um die vielfältigen gesellschaftlichen Erscheinungsformen des Terrors in den Griff zu bekommen,
schient Gender-Mainstreaming als Methode zielführend zu sein. Hierdurch kann die strenge Abgrenzung
zwischen den öffentlichen und privaten Lebensbereichen, die im Westen als Ergebnis der Aufklärung,
der Industrialisierung und der Kommerzialisierung der Gesellschaft wohl sinnvoll erscheinen mag, im
Nahen und Mittleren Osten jedoch als aufgesetzt wirkt, aufgehoben werden. Eine integrative Betrachtung
der Produktions- und Reproduktionsbereiche wird so zudem erleichtert. Terror kann durch eine
geschlechtsspezifische Herangehensweise sowohl als Mittel der „hohen“ Politik wie auch als
Alltagserscheinung begriffen werden.
Eine Bedrohung mit schwerer, körperlicher Gewalt oder gar mit dem Tot, um die Zivilbevölkerung
einzuschüchtern und zu bestimmten Handlungen zu zwingen bzw. von anderen abzuhalten (wohlgemerkt
ohne demokratische Legitimität), wird von Frauen und Männern in der Region unterschiedlich erlebt.
Hierzu kommt noch die Frage der ethnischen, linguistischen und religiösen Identität, die es bestimmten
Gruppen erlaubt, Terror gegen andere Gruppen auszuüben. Der Komplexität der Problematik wird dieser
– kurz gefasste – Beitrag kaum entsprechen können. Er beschränkt sich daher auf den Versuch, eine
geschlechtsspezifische Herangehensweise zu entwerfen, auf eine begrenzte Zahl von Minderheiten im
Nahen und Mittleren Osten eingeengt. Im diesem Beitrag werden die Bevölkerungen von Irak und
Libanon wie auch die asiatischen und afrikanischen Hausgehilfinnen im gesamten arabischen Raum aus
Fallbeispiele herangezogen.
Zu diesem Entwurf eines geschlechtsspezifischen Blicks auf den Terror im Nahen und Mittleren
Osten werden sowohl die Dokumente der UNO zu Terrorismusbekämpfung wie auch die zum Gender-
Mainstreaming bei der Konfliktbewältigung in Krisenregionen herangezogen. Darüber hinaus stützt sich
dieser Beitrag auf die einschlägige Literatur zur Lage der Minderheiten wie auch zur Entwicklung der
Geschlechterverhältnisse in der Region. Schließlich fließen auch die Erfahrungen des Autors in den
Bereichen der Gender- und Minderheitenforschung, des interreligiösen Dialogs wie auch als
Hochschulassistent und politischer Aktivist in der Region seit Anfang dieses Jahrzehnts mit ein.

1. Terrorbekämpfung

US-Präsident: Jesus, is that the best you can come up with, what about, you
know, international terrorism!
General: Well Sir, we are not going to reopen missile factories just to fight
some creeps running around and exploding rental cars, are we Sir?
„Canadian Bacon“, 1995, USA, Direktor: Michael Moore

1 Doc: A/59/565, Distr.: General 2 December 2004, http://www.un.org/secureworld/, S. 164:


„That definition of terrorism should include the following elements:
(a) Recognition, in the preamble, that State use of force against civilians is regulated by the Geneva Conventions and other
instruments, and, if of sufficient scale, constitutes a war crime by the persons concerned or a crime against humanity;
(b) Restatement that acts under the 12 preceding anti –terrorism conventions are terrorism, and a declaration that they are a
crime under international law; and restatement that te rrorism in time of armed conflict is prohibited by the Geneva
Conventions and Protocols;
(c) Reference to the definitions contained in the 1999 International Convention for the Suppression of the Financing of
Terrorism and Security Council resolution 1566 (2004);
(d) Description of terrorism as „any action, in addition to actions already specified by the existing conventions on aspects of
terrorism, the Geneva Conventions and Security Council resolution 1566 (2004), that is intended to cause death or serious
bodily harm to civilians or non-combatants, when the purpose of such an act, by its nature or context, is to intimidate a
population, or to compel a Government or an international organization to do or to abstain from doing any act“.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

„Beset by falling approval ratings, a desperate U.S. president and his closet
advisers launch a rally-around-the-flag campaign against the country‟s newest
enemy – Canada.“ (Umschlagtext)

Die Debatte über die Ursachen des Terrors wird oft mit der Diskussion über seine weltweite Bekämpfung
verknüpft. In Opposition zur herrschenden Kriegslogik des amerikanischen „War on Terror“ führen viele
Gegner der US-Regierung an, dass der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt in einem globalen
Blutbad münden könnte. Als Alternative wird eine Auseinandersetzung mit den Wurzeln („root causes“)
des Terrors empfohlen.
Nur wenige Monate nach dem 11. September 2001 betonte das „Counter-Terrorism Committee“ der
UNO in einem Briefing am 18. Jänner 2002, dass der Terrorismus hauptsächlich aus Armut, Intoleranz,
regionalen Konflikten, der Verweigerung der Menschenrechte sowie aus Ungerechtigkeit und
mangelnder Entwicklung speise. Generalsekretär Kofi Annan führte in derselben Sitzung an, dass die
internationalen Menschenrechte, Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu den wirksamsten
Antiterrormitteln („prophylactics against terror“) gehörten.2
Während sich – noch unter dem starken Eindruck der Ereignisse stehend, wie es scheint – die
internationale Staatengemeinschaft über die UN-Sicherheitsratsresolutionen 1368 (2001) und 1373
(2001) der amerikanischen Auffassung zur militärischen Terrorbekämpfung und zum Krieg gegen das
Böse anschloss, haben die Entwicklungen in den dreieinhalb Jahren seit dem 11. September erweisen,
dass viele Staaten und führende Vertreter der Zivilgesellschaft eine gezielte Auseinandersetzung mit den
Ursachen der politischen Gewalt vorziehen. Stellvertretend hierfür wird an dieser Stelle der Bericht des
UNO High-level Panel on Threats, Challenges and Change, unter Leitung des ehemaligen thailändischen
Premierministers Anand Panyarachun angeführt, der eine lange Liste von „root causes“ des Terrors einer
etwa gleich langen „comprehensive strategy“ zu dessen Bekämpfung gegenüberstellt. Die folgende
Auflistung fasst die im Abschnitt „VI. Terrorismus“, §145 bis §164, erwähnten Kriterien – wie auch
weitere Paragraphen – zusammen.
Tabelle 1: Wurzeln des Terrors sowie der wichtigsten Methoden zu seiner Bekämpfung

„Root causes“ of terrorism „Comprehensive strategy“ to combat


terrorism
§ 21: § 148:
1) poverty 1) promoting social and political rights
2) foreign occupation 2) rule of law and democratic reform
3) absence of human rights and 3) working to end occupations
democracy 4) (working to) address major political
4) religious and other intolerance grievances
5) civil violence 5) combating organized crime
§ 23: 6) reducing poverty and unemployment
6) transnational organized crime 7) stopping State collapse
7) corruption 8) efforts to counter extremism and
8) illicit trade and money –laundering intolerance
§ 34: 9) education and fostering public debate
9) spread of dangerous (nuclear, 10) gender empowerment
radiological, chemical or biological) 11) political freedom, civil liberties
materials 12) address the problem of terrorist
10) (inability of) States to exercise their financing
sovereignty § 151:
§ 94: 13) sanctions against individuals and
11) (lack of) protection of States that supported terrorism
democratically elected Governments § 154:
from unconstitutional overthrow 14) technical support (for) States seeking
12) (lack of) operational norms on operational support for counter-terrorism
minority rights activities
§ 145: 15) clearing house for State-to-State
13) (lack of) the rule of law provision of military, police and border
14) (lack of) rules of war that protect control assistance
civilians § 155:

2 Siehe: http://www.globalpolicy.org/security/reports/sc2002.htm; 2002 Round-up 6.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

„Root causes“ of terrorism „Comprehensive strategy“ to combat


terrorism
15) (lack of) tolerance among peoples 16) establish a capacity-building trust
and nations fund
16) (lack of) peaceful resolution of § 156:
conflict 17) schedule of predetermined sanctions
17) despair for State non-compliance
18) humiliation § 157:
19) political oppression 18) sending an unequivocal message that
20) extremism terrorism is never an acceptable tactic,
21) regional conflict(s) even for the most defensible of causes
22) weak State(„s inability) to maintain
law and order
nach „A more secure world: our shared responsibility: Report of the High-level Panel on Threats, Challenges and Change“,
A/59/565, 01. Dezember 2004.

Diese umfassende Strategie, die Zwangsmaßnahmen (coercive measures) mit kulturellen, sozialen und
politischen Schritten vereint, kommt den westlichen Kritikern der amerikanischen Antiterrorkampagne in
vielen wichtigen Belangen entgegen. So werden Themen wie Fremdherrschaft und Besatzung, Armut
und Unterentwicklung, Menschenrechte und Demokratie wie auch wichtige emotionale Fragen wie
Verzweiflung und Erniedrigung zentral angesprochen. Offen bleiben bei dieser wohl gut gemeinten
Aufstellung die Fragen nach den kausalen Zusammenhängen zwischen Ursachen und Wirkung. Für die
Mehrheit der Weltbevölkerung gehören diese als „Wurzeln des Terrors“ beschriebenen Kriterien zum
normalen Alltag. In den meisten Ländern dieser Erde werden sinnvolle Antiterrormaßnahmen kaum oder
nie angewendet. Es ist also zu fragen, warum bisher nur so wenige Menschen zur politischen Gewalt
gegriffen haben, in einer Welt, in der der Zugang zu Waffen, Information and Mobilität immer mehr
erleichtert wird. Darüber hinaus lässt sich fragen, ob diese Wurzel-/Gegenstrategie-Auflistung tatsächlich
mit dem weiter oben angeführten, in Abschnitt VI.B.4. §164 entworfenen Definitionsversuch vereinbar
ist. Es wäre hier auch noch wichtig anzuschließen, dass obwohl „gender empowerment“ zu den
antiterroristischen Lösungsstrategien gehört, Sexismus und Frauenfeindlichkeit anscheinend nicht zu den
Wurzeln des Terrors gerechnet werden.

2. Gender Mainstreaming der Terrorismusdebatte

(b) Efforts to counter extremism and intolerance, including through education and fostering public debate. One
recent innovation by UNDP, the Arab Human Development Report, has helped catalyse a wide ranging debate
within the Middle East on the need for gender empowerment, political freedom, rule of law and civil liberties;
High-level Panel on Threats, Challenges and Change: „A more secure world: our shared responsibility“,
§ 148.

Gemessen an der Anzahl der Betroffenen, scheinen lang anhaltende Unzufriedenheit, Wut und
Verzweiflung äußerst selten in organisierte, politische Gewalt gegen unschuldige Zivilisten
umzuschlagen. Nach den herkömmlichen Terrorismusdefinitionen zu urteilen, dürften gewalttätige
Reaktionen auf Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und Willkür eine absolute Ausnahme
darstellen. Wie erklärt man also die Tatsache, dass sich in bestimmten Situationen Menschen in Gruppen
zusammenschließen, um gut geplante, brutale, illegale und politisch motivierte Aktionen durchzuführen?
Ist es überhaupt gerechtfertigt, Terrorismus auf diese enge Sparte der sozialen und politischen Gewalt
einzuengen?
Bereits rund ein Jahr vor dem 11. September 2001 verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat die
Resolution 1325 (2000), mit dem Ziel, die Einführung des Gender Mainstreaming in
Konfliktvermeidungs- und Friedensprozessen voranzutreiben. Vorgesehen waren die verbindliche
Integration von „a gender perspective into peacekeeping operations“, „progress (reports) on gender
mainstreaming throughout peacekeeping missions“, wie auch freiwilligen „financial, technical and
logistical support for gender-sensitive training efforts“ für die einschlägigen UNO-Institutionen durch die
Mitgliedsstaaten voranzutreiben. Unter Gender Mainstreaming (GM) wird oft irrtümlicherweise bloß die
Ergänzung der allgemeinmenschlichen, sprich „normalen“ (männlichen), Sichtweise durch die weibliche
verstanden. Dies hat Cynthia Enloe, eine der VorreiterInnen der geschlechtspezifischen Ansatzes in der

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

Erforschung der internationalen Beziehungen, als „Einschub“ (insert) bezeichnet. 3 Wie Adam Jones in
einer benachbarten Disziplin, nämlich die der Völkermordforschung, 4 berichtet hat, wurde Männlichkeit
als Kategorie bei der Erforschung der politischen Gewalt bis vor kurzem nur selten als
untersuchenswürdig angesehen. Jones lässt die Perspektive des Mannes und die der Frau in seiner Arbeit
eine zentrale Rolle spielen. Gender Mainstreaming hat also zwei Gesichter, ein weibliches und ein
männliches.
Die Arbeit von Adam Jones und Øystein Gullvåg Holter über Genderzid (geschlechtsspezifischer
Völkermord) stellen ein wichtiges Beispiel einer umfassenden Herangehensweise an Gender
Mainstreaming dar. Sie bieten ein Raster an, mit dessen Hilfe man das allmähliche Aufwachsen
geschlechtsspezifischer Vernichtungstendenzen in einer bestimmten Gesellschaft bemessen kann.
Anhand der ,klassischen„ osmanischen, nationalsozialistischen und ruandischen Fallbeispiele stellt Jones
eine Reihe von Warnsignalen (warning signs) fest. Diese werden auch auf andere Völkermorde
angewendet, wie etwa Ostpakistan/Bangladesh, Osttimor oder Tschetschenien. Nach diesem Ansatz sind
es vorwiegend Männer, die versuchen, die wehrfähigen Männer und Jugendlichen einer feindlich
gegenüberstehenden Bevölkerungsgruppe zu vernichten. Vor allem zu Beginn solcher Prozesse sind
Frauen –– sowohl als Täterinnen wie als Opfer – nur selten beteiligt. Als eine Erklärungsvariante bietet
Jones an, dass männliche Täter auf die Unterminierung ihrer gesellschaftlich bestimmten gesellschaftlich
dominanten Männlichkeitsrolle, die durch einschneidende Umwälzungen im sozio-ökonomischen
Gefüge ihres Heimatlandes verursacht wird, eher als Frauen mit nackter Gewalt und planmäßigen
Vernichtungsstrategien reagieren.
Bei der Erforschung dieses Phänomens scheint die persönliche Betroffenheit eine wichtige Rolle zu
spielen. Die männliche Genderforschung (wie beispielsweise Jones und Gullvåg Holter) konzentriert sich
hauptsächlich auf das Gender Mainstreaming von ohnehin von Männern abgedeckten
Untersuchungsfeldern, wie etwa Militarismus, Extremismus, Wirtschaftskrisen oder die Gefährdung des
Sozialstaates durch die Globalisierung. Im Gegensatz dazu ortet die feministische Forschung (etwa
Charli Carpenter, Evelin Gerda Lindner and Shahrazad Mojab)5 Tendenzen des Genderzids bereits in
den vorgefundenen Machtverhältnissen patriarchaler Gesellschaften. Hiernach gehört Genderzid zum
Alltag von Hundertmillionen von Frauen. Gewalttätige Auswüchse in Krisen- und Kriegszeiten, die
teilweise auch Männer aussondern, sind lediglich eine Fortsetzung des Patriarchats mit anderen Mitteln.
Für viele ForscherInnen ist Genderzid ein strukturelles Problem, das sich nur durch einschneidende
Veränderungen in den Geschlechterverhältnisse bekämpfen lässt. So gesehen, bedeutet „Gender
Mainstreaming Terror“ auch eine kritische Hinterfragung der männlichen und weiblichen
Forschungstätigkeit in diesem Bereich, um Fragen wie Themenwahl, Methodik, wie auch das
Definitionsmonopol, als geschlechtsspezifische Ausdrucksweisen besser zu verstehen.
Das Definitionsmonopol in der Terrorismusdebatte ist vielschichtig. Es handelt sich hier nicht nur
um eine Auseinandersetzung zwischen Rechts und Links, Gut und Böse. Die beispielsweise durch
Edward Saids „Covering Islam“ (1981) oder Noam Chomskys „Middle East Illusions“ (2003) bereits ab
den späten 60er Jahren aufgedeckten Hegemoniebestrebungen haben auch eine geschlechtsspezifische
Note. Die Monopolisierung der Terrorismusdefinition gerade in Bezug auf das Frausein bzw. Mannsein
im „Orient“ bzw. im Nahen und Mittleren Ostens war seit Beginn des Kräftemessens zwischen dem
Morgen- und Abendland von immenser machtpolitischer Bedeutung. Wie weiter unten im größeren
Detail dargestellt werden soll, ringen Akademiker, Journalisten und Aktivisten seit geraumer Zeit um
eine Präzisierung der Täter- und Opferbegriffe. Besonders in Bezug auf die kriegsähnlichen Zustände in
Irak, Palästina/Israel oder Libanon hatte das Konzept des Gender Mainstreaming – sowohl bei der
Analyse wie bei der Überwindung von politisch motivierten Gewalthandlungen – gute Dienste erwiesen.
In Anbetracht der spektakulären Terroranschläge im neuen Jahrhundert versuchen zahlreichen
Autoren (die am Ende des Beitrags in Detail behandelt werden), unter Einbeziehung der Erkenntnisse der
Genderforschung neue Sichtweisen zu erarbeiten. So zeigten Michael Kimmel wie auch Jessica Stern

3 „Their models were constructed without women, and without men-as-men, and ,inserting gender„ then appears both difficult
and unnecessary.“ Carol Cohn, A conversation with Cynthia Enloe: Feminists look at masculinity and the men who wage war,
In: Signs, Summer 28 (2003) 4, S. 1193. http:// uit.no/getfile.php?SiteId=52& PageId=1410&FileId=228
uit.no/getfile.php?SiteId=52& PageId=1410&FileId=228.
4 Siehe: http://www.jha.ac/articles/a080.htm; Genocide and Humanitarian Intervention: Incorporating the Gender Variable,
Document Posted: 26 November 2002; Adam Jones, The Journal of Humanitarian Assistance, Profesor, División de Estudios
Internacionales, Centro de Investigación y Docencia Económicas (CIDE), Carret. México-Toluca 3655, Col. Lomas de Santa
Fe, C.P. 01210, México, D.F., MÉXICO.
5 Carpenter, Ciarli, Beyond Gendercide: Incorporating Gender into Comparative Genocide Studies. In: International Journal of
Human Rights 6 (2002) 4, S. 77-101. Lindner, Evelin Gerda. Gendercide and Humiliation in Human Rights and Honor
Societies. Journal of Genocide Research 4 (2002) 1, S. 137-155; Shahrazad, Mojab, Kurdish Women in the Zone of Genocide
and Genderzide. In: Diana Mukalled (Hg.) Women and War in the Arab World, Al-Raida, Vol. XXI (2003), 103, S. 20-25.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

auf, dass die Anwendung von Terror, sowohl in den USA wie im Nahen und Mittleren Osten, eng
verbunden ist mit dem Versuch der Wiederherstellung von Männlichkeit. Nach Rhiannon Talbot und
Giles Foden werden männliche und weibliche Terroristen gleichermaßen von privat-persönlichen und
soziopolitischen Beweggründen, wie etwa Erniedrigung, Verzweiflung, Ungerechtigkeit und
Entfremdung bedrängt. Während Jessica Stern an Hand von zahlreichen Interviews mit religiös
motivierten Terroristen deutlich macht, dass der Terror männlichen Tätern hilft, sich mit Gefühlen wie
Minderwertigkeit, Ausweglosigkeit und Inaktivität auseinanderzusetzen, steht Zillah Eisensteins Artikel
über „Sexual Humiliation, Gender Confusion and the Horrors at Abu Ghraib“ stellvertretend für viele
andere, in denen nachzuweisen versucht wird, dass der US-amerikanische Krieg gegen den Terrorismus
die Bevölkerungen in den vorwiegend von Arabern bzw. Muslimen bewohnten Ländern zusätzlichen
Erfahrungen mit Angst, Unsicherheit, Unterdrückung und Willkür aussetzt und dadurch unwillkürlich
eine weitere Welle des „Terrorismus“ hervorruft. Schließlich hat mir meine eigene Arbeit als Redakteur
des libanesischen Vierteljahresheftes Al Raida (Die Pionierin) – vor allem bei den letzten drei Nummern
über nicht-arabische Frauen in der arabischen Welt, Frauen und Krieg und Arabische Männlichkeit –
geholfen, mir einen Überblick über den Ist-Zustand der Genderforschung im Nahen Osten zu
verschaffen.
Trotz des durchaus beachtenswerten Zuwachses an alternativer Forschung lässt sich mit Sicherheit
Folgendes zusammenfassend feststellen: Nach zahlreichen Anschlägen auf seine Hegemonialstellung
erfreut sich das Definitionsmonopol des Westens noch immer bester Gesundheit. Alle Versuche, dem
Prinzip des Gender Mainstreaming bei der Erforschung und Bekämpfung des Terrors zu einer
wesentlichen Rolle zu verhelfen, sind bisher erfolgreich abgewehrt worden. Trotz dieser erwiesenen
Standhaftigkeit sind in bestimmten Einzeldisziplinen doch Durchbrüche erzielt worden, die im
Folgenden, an Hand ausgewählter Minderheitengruppen und anhand der Lage der Frauen der Region
dargestellt werden sollen.

3. Terror als eine stabilisierende Grundhaltung im privaten Bereich?

Wie eingangs erwähnt, geht die gegenwärtige Antiterrordiskussion davon aus, dass Terrorismus
vorwiegend eine systemgefährdende and dadurch destabilisierende Erscheinung ist. 6 Terror, von seinen
historischen Befürwortern (beispielsweise Michael Bakunin, Fürst Peter Kropotkin oder Carlo Pisacane)
und Gegnern (wie etwa Leo Trotzki in: „Über den Terror, Der Kampf“, Band V (1911), Heft 2)
gleichermaßen als „Propaganda der Tat“ verstanden, muss Öffentlichkeit schaffen, soll er überhaupt
einen Sinn haben. Schließlich wurde Terror, auch dort, wo er als Teil des Herrschaftssystems verstanden
wurde – wie im Falle der „Règne de la Terreur“ während der französischen Revolution oder von
totalitären Regimen wie denen von Mussolini, Stalin oder Hitler – vorwiegend gezielt angewendet.
Methoden, Opferwahl und Ursachen sollen für die allgemeine Öffentlichkeit nachvollziehbar sein.
Im Nahen und Mittleren Osten treffen die drei oben aufgelisteten Merkmale des Terrors oft nicht
zusammen, und in vielen Fällen treffen sie gar nicht zu. Als Beispiele hierfür werden drei
Minderheitenerfahrungen in der Region skizzenhaft angeführt, die (ohne Anspruch auf Repräsentativität)
illustrieren sollen, dass der Terror im Nahen und Mittleren Osten sowohl stabilisierend wirken kann, wie
er auch zur Grundhaltung des politischen Systems gehört, dessen Einfluss tief in die Privatsphäre
hineinreicht. Im ersten Fall wird aufgezeigt, wie Frauen von Minderheiten im Irak sowie auch
Hausgehilfinnen in verschiedenen arabischen Ländern in ihrem Privatleben terrorisiert werden, damit ihr
untergeordneter gesellschaftlicher Status aufrechterhalten bleibt. Im zweiten Beispiel geht es um die
terroristische Grundhaltung der politischen Systeme in der Region, die es ermöglicht, durch die
Androhung von tödlichen Gewalt die Unterordnung von Frauen und verschiedenen Volksgruppen zu
erzwingen. Schließlich soll anhand des Terrors gegen Frauen und Minderheiten verdeutlicht werden,
dass diese Erscheinung der Stabilisierung der Gesellschaftssysteme dient.

Terror im privaten Bereich

Ehrenmord ist eine „action … that is intended to cause death or serious bodily harm to civilians or non-
combatants“, und „the purpose of such an act, by its nature or context, is to intimidate a population“; er

6 Terroristische Aktionen sind nach gängiger Auffassung Gewaltanwendungen gegen zivile Ziele und Nicht-Kombatanten mit
dem Ziel, Furcht und Schrecken zu verbreiten sowie möglicherweise bei einer Drittpartei um Sympathie und Schadenfreude zu
werben, mit dem weiteren Ziel, das bestehende Herrschaftssystem auszuhöhlen und zu stürzen; vgl. hierzu Nohlen 2001;
Hoffman 2002 und Heine 2004 http://de.wikipedia.org/wiki/Terrorismus#Was_ist_Terrorismus_und_was_nicht.3F_-
_Versuch_einer_Abgrenzung, Was ist Terrorismus und was nicht? – Versuch einer Abgrenzung.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

sollte somit im Bereich des Terrors hinzugerechnet werden. Obwohl die Ermordung von weiblichen
Verwandten, um die Familienehre zu „retten“, sowohl in Libanon wie im selbstverwalteten irakischen
Kurdistan bereits unter Strafe gestellt wurde, gehen, nach Meinung von Experten, diese Verbrechen nicht
deutlich zurück.7 Ehrenmord bleibt weiterhin eine der wichtigsten Methoden der traditionellen
Familienclans, die Kontrolle über ihre weiblichen Familienangehörigen aufrechtzuerhalten. Nach einer
im vergangnen Jahr von Shahrazad Mojab veröffentlichten Untersuchung, nahm Ehrenmord im letzten
Jahrzehnt in irakisch-kurdischen Landesteilen, im ländlichen wie im städtischen Bereich, sogar zu. 8 Eine
anekdotenhafte Schilderung aus den Tagen ummittelbar nach dem Sturz von Saddam Hussein zeigt
anschaulich, wie manche kurdische Frauen den patriarchalen, ethnischen und politischen Aspekt ihrer
Unterdrückung etwa gleichstellen.
Shortly after Baghdad fell to American forces, I heard so many Kurdish friends express their jubilation that,
when talking on the phone to another Kurdish friend in Iraq, I asked a loaded question: „Are you happy? You are
free! Saddam is gone!“ My friend responded wryly, „Do you think merely removing Saddam will make me free?
If you really want to make me free, if you really want it, you will have to kill my whole tribe. Oh – and after that
you will have to kill all the towns people too, because if my tribe is gone the townspeople will start to busy
themselves with watching me. No, I am not free now the Saddam is gone. It will take a much greater effort to
make me truly free.“ She let her comments linger a bit as I struggled to find a response. Then she added in a
more serious tone, „But yes, I am happy! Now that Saddam is gone people are dancing in the streets. Everyone is
jubilant here.“9
Die Lage der Hausgehilfinnen aus Sri Lanka, aus den Philippinen, aus Äthiopien, aus dem Sudan und
aus vielen anderen Ländern Ostasiens and Afrikas wurde durch verschiedene
Menschenrechtsorganisationen und die UNO besonders gut belegt. Ihre Behandlung in den
Privathaushalten des arabischen Raumes wurde als systemisch, brutal und unterdrückerisch, von der ILO
sogar als sklavenähnlich, bezeichnet.10 Hausgehilfinnen werden in allen Ländern der Region,
einschließlich Palästina,11 „diszipliniert“ durch „action … that is intended to cause death or serious
bodily harm.“ In diesem Fall zeigt sich, dass die staatliche und gesellschaftlich Sanktionierung von
Gewalt gegen Frauen, wie auch Ehrenmord, auf weibliche Gastarbeiter übertragen wird. 12

Terror als Grundhaltung

Die internationale Forschung über Mord, Gewalt, Unterdrückung und Einschüchterung in der
Privatsphäre ist vielfältig und gut belegt. 13 Hierbei scheinen die Länder des Westens und die des Nahen
und Mittleren Ostens eines gemeinsam zu haben: Nur in den seltensten Fällen wird Gewalt tatsächlich
angewendet. In der Regel genügt die Androhung des körperlichen oder sexuellen Missbrauchs, um
Angehörige zu einer Handlung oder zur Untätigkeit zu zwingen. Dieser Zustand der ständigen

7 Siehe: http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=1&article_id =8198, Thursday, September 9, 2004,


Laws in Arab world remain lenient on honor crimes, Hundreds of women in region are murdered each year in name of family
reputation; By Jessy Chahine, Daily Star staff; http://www.nahost-politik.de/irak/frauen.htm, Vorbilder für das ganze Land:
Frauen aus dem Nord-Irak, Von Golnaz Esfandiari, Radio Free Europe/Radio Liberty.
8 Shahrazad Mojab, No „Safe Haven“ – Violence against Women in Iraqi Kurdistan. In: Wenona Giles / Jennifer Hyndman,
Sites of Violence, Gender and Conflict Zones. Berkeley: University of California Press, 2004, S. 108-133, hier: S. 128.
9 Diane E. King, The Doubly Bound World of Kurdish Women. In: Eugene Sensenig-Dabbous (Hg.), Non-Arab Women in the
Arab World, Al-Raida, Vol. XX (2003), No. 101-102, S. 67.
10 ILO, http://www.ilo.org/public/english/region/arpro/beirut/infoservices/report/report05.htm; Mission Reports & Studies,
Migrant Women Domestic Workers in Lebanon, Dr. Ray Jureidini, 2001.
11 Mary Abowd, In Service to the Movement. In: Eugene Sensenig-Dabbous (Hg.), Non-Arab Women in the Arab World, Al-
Raida, Vol. XX (2003), No. 101-102, S. 33-35.
12 Alia al Zougbi, The Street of Slaves. In: Eugene Sensenig-Dabbous (Hg.) Non-Arab Women in the Arab World, Al-Raida,
Vol. XX, No. 101-102, 2003, S. 27-32. Nach Ray Jureidini, in Mission Reports & Studies, Migrant Women Domestic Workers
in Lebanon, ILO, 2001, http://www.ilo.org/public/english/region/arpro/beirut/infoservices/report/report05.htm, gehören
Rechts- und Menschenrechtsverletzungen folgende drei Kategorien zu den Hauptmerkmalen ausbeuterischer und
unterdrückerischer Behandlung von Hausgehilfinnen im Libanon. „Three categories of main violations could be short listed: –
Violence or the threat of violence from employers, recruitment agencies, police and general security forces; – Denial of
freedom in terms of withholding of passports, restriction of movement outside the residence of employment and limitations on
outside communications; – Exploitative working conditions including withholding of wages, long hours of work, inadequate or
no leisure time and insecure living quarters.“
13 Ghena Ismail, Anatomy of an „Honor Crime“, S. 42-43; Mirna Lattouf, Women, Education and Social Change. Unlearning
Abuse, S. 44-45, beide in: Laurie King-Irani, Women, the Media and Sustainable Human Development, Al-Raida, Vol. XIII,
(1996), No. 72,. Siehe auch http://www.aacd.com/givebackasmile/domestic_violence.aspx, About Domestic Violence,
download 29/Mar/05.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

Bedrohung führt bei den Opfern oft zu schweren Depressionen, Selbstverachtung und Isolation. Terror
funktioniert dann am besten, wenn die Betroffenen aus ihrer Angst nicht herauskommen können.
Beispiele einer Terrorherrschaft, die Teile der Bevölkerung auf Dauer einschüchtern soll, kennt man
in allen Erdteilen, etwa in der Rassenpolitik des Ku-Klux-Klans in den Vereinigten Staaten, in den
anhaltenden Bedrohungen der armen Bauern und der Landreformbewegung durch die
Todesschwadronen in Lateinamerika, in den absichtlichen Erniedrigungen der Apartheidpolitik in
Südafrika oder in der anfangs schleichenden Ausgrenzung der Juden in den ersten Jahren des Dritten
Reichs. Als europäischer Einwanderer nach Südwestasien habe ich diese Politik am eigenen Leib
erfahren können. Seitdem ich 1999 eine Libanesin heiratete und nach Beirut zog, konnte ich selber
beobachten, wie in unregelmäßigen Abständen Anschläge auf Gegner der syrischen Okkupation
stattfanden. Diese Einschüchterung hat dazu geführt, dass die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung
sich mit einem Zustand des „low intensity terror“ abgefunden hat, um den angedrohten Horror eines
neuen Bürgerkrieges nicht heraufzubeschwören.
Mit der Ermordung des oppositionellen, ehemaligen libanesischen Premierministers, Rafik Hariri, in
Februar dieses Jahres, scheinen die Betroffenen jedoch einen Ausweg aus ihrer Angst gefunden zu
haben. Zur Zeit der Fertigstellung dieses Beitrages finden Bombenanschläge durch „unbekannte Täter“
gegen die Zivilbevölkerung inzwischen durchschnittlich zweimal in der Woche statt, die bei den
Libanesen jedoch wenig Wirkung zeigen. Um beim Vergleich zu bleiben: Die missbrauchte Frau will
nicht mehr zum schlagenden Ehemann zurück.

Terror als Stabilisierungsfaktor

Schließlich soll auf die Bedeutung des Staatsterrorismus und des Privatterrors im familiären Bereich für
die Aufrechterhaltung von Unterdrückungsmechanismen hingewiesen werden. In Gegensatz zu den
Terroranschlägen von arabischen bzw. islamitischen Gruppen wie Al Qaida, Jamaa Islamia, Abu Sayyaf
oder Hamas, die das bestehende Staats- und Gesellschaftsgefüge destabilisieren sollen, erzielt der Terror
gegen Frauen, Minderheiten und oppositionelle Kräften im Nahen und Mittleren Osten genau das
Gegenteil.
Wie das Familienoberhaupt und die Männer eines Familienverbandes die Frauen und weiblichen
Bediensteten durch die Androhung und tatsächliche Anwendung von lebensgefährdender Gewalt zu
Unterordnung zwingen können, so versuchen die Staatoberhäupter und die Machteliten der Länder dieser
Region durch ständige und erdrückende Präsenz der Mukhabarat (ein weit verzweigtes Netzwerk von
Geheim- und Sicherheitsdiensten), von Polizei und Militär, wie auch durch die gezielte Anwendung von
vereinzelten Anschlägen und Festnahmen politischer, ethnischer und religiöser Oppositioneller, die
allgemeine Bevölkerung unter ihrer Kontrolle zu halten. Die Politik der irakischen und syrischen Baath-
Parteien, unter Saddam Hussein und Hafez bzw. Bashir Assad, werden hier stellvertretend für viele
andere Länder der Region angeführt.

4. Gender Mainstreaming des internationalen Terrorismus

Auch im Bereich des aktiv und öffentlich systemdestabilisierenden Terrors macht es Sinn, zwischen den
Einstellungen und Erfahrungen von männlichen und weiblichen Beteiligten zu unterscheiden. In einem
Bereich ist fast nichts bekannt über die Tätigkeit von Frauen, nämlich bei der unsichtbaren
Reproduktionsarbeit,14 die für die Entwicklung, Aufrechterhaltung und Ausdehnung von
Terrornetzwerken so wichtig zu sein scheint. Anekdotenhafte Aussagen und Berichte deuten darauf hin,
dass Frauen nicht nur bei der häuslichen und familiären Reproduktion männlicher Terroristen aktiv sind,
sondern vielmehr für Botendienste, die Organisierung von konspirativen Informations- und
Finanznetzwerken und das Schmuggeln von Menschen und Material durch feindliche Kontrollsperren
regelmäßig gebraucht werden.15 Über die Führungsrollen weiblicher Terroristen ist beinahe nichts

14 Nach Enloe ist die weibliche Reproduktion von „warlords“ und männlichen Terroristen ein wichtiger, noch unerschlossener
Forschungsbereich; vgl. Carol Cohn, A conversation with Cynthia Enloe: Feminists look at masculinity and the men who wage
war, In: Signs, Summer 28 (2003), S. 1199, http:// uit.no/getfile.php?SiteId=52& PageId=1410& FileId=228.
15 „The willingness of fundamentalist terrorist organizations to use women despite the dilemma posed by religion and tradition
stems from their understanding of the tactical advantages conferred by their seemingly innocent outward appearance and the
universal perception of their non-violent character. These enable them more easily to bypass security measures and personnel
less suspicious of their intentions. These considerations must overcome the inhibitions grounded in the norms regarding the
status of women in the traditional societies in which they operate as well as concerns about possibly opening a Pandora‟s Box
of demands by women for rights and freedoms currently denied them.“ Siehe:
http://www.tau.ac.il/jcss/tanotes/TAUnotes88.doc; No. 88, October 9, 2003; Yoram Schweitzer, Female Suicide Bombers for

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

bekannt.16 Aus dem bruchstückhaften veröffentlichten Material über Geschlecht und Terrorismus
können jedoch die folgenden Aussagen gezogen werden.

Über Weiblichkeit und Terror

Die politisch aktive Frauen des Nahen und Mittleren Ostens müssen größere gesellschaftliche
Widerstände überwinden, auch die Ablehnung ihrer eigenen Familien in Kauf nehmen. Sie überlegen
deswegen länger, bevor sie handeln, und sind somit besser informiert über die Zielsetzungen ihrer
Organisationen. Die Entschlossenheit und Zielstrebigkeit, mit der Frauen Terroristinnen werden, ist nicht
untypisch für alle politisch engagierten Frauen in der Region, die stets sich im „Feindesland“ bewegen
müssen.17 In Gegensatz zu Männern, die eher allgemeine Ziele wie Ehre verfolgen, reagieren Frau eher
auf bestimmte, praktische Anlässe, wie die Tötung, Vergewaltigung oder Verhaftung eines
Angehörigen.18 Weibliche Selbstmordattentäter sind auch überdurchschnittlich stark von traumatischen
Erfahrungen mit Besatzung, Tot eines Angehörigen oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Sie gelten eher
als verwundbar und suchen im Terror einen Ausweg.19
Traditionell gehörten weibliche Terroristen ausschließlich den linken Organisationen der Region an.
Obwohl viele islamistische Organisationen traditionell Frauen regelmäßig für ausführende Tätigkeiten
eingesetzt haben, ist die zunehmende Inanspruchnahme von Frauen für gefährliche Kurierdienste und
Terroranschläge neu. Sie hat zwei Begründungen, die auf die angebliche Friedfertigkeit von Frauen
zurückgehen: 1) den Versuch, den Mitleidseffekt bei Anschlägen zu erhöhen, 2) die Notwendigkeit, die
immer strenger werdenden Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen. 20 Dies bedeutet jedoch nicht, dass
Frauen tatsächlich friedfertiger sind. Obwohl Frauen oft missbraucht werden, um Terroranschläge
moralisch aufzuwerten, haben Experimente mit Videospielen verdeutlicht, dass, wenn Frauen außerhalb
gesellschaftlicher Kontrolle sich bewegen, sie genauso brutal sein können wie Männer. 21
Nach israelischen Terrorismusexperten, die angesichts islamistischer Gewalt kaum als neutral gelten
können, bedeutet die Einbindung von Frauen in den Widerstand gegen Besatzung ein Risiko.
Islamistische Terrororganisationen haben lange gezögert, Frauen bei Anschlägen zu verwenden, da sie
erkannt haben, dass dies zu weiteren Gleichberechtigungsschritten führen könnte. So versuchen
islamische Glaubensführer, ihre Auslegung der islamischen Texte möglichst eng zu gestalten. 22 In dem
Bemühen, mit dieser Ambivalenz umzugehen, entwickeln viele Frauen eigenständige Interpretationen
des Islams, um so den frauenfeindlichen Tendenzen innerhalb der Terrororganisationen besser zu
begegnen, wie der folgende Interviewausschnitt mit einer „erfolglosen“ Selbstmordattentäterin zeigt.

God, Jaffee Center for Strategic Studies, Published by Tel Aviv University, Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African
Studies.
16 The growing propensity to encourage women to adopt the role of fighters was sparked by the suicide bombing in Jerusalem, as
the bomber, Wafa Idris, is presented by both men and women in the Palestinian Authority as an ideal role-model, worthy of
imitation.“ Raviha Diyav, member of the administrative staff of the Palestinian Women Union emphasized that the
participation of Idris in the attack shows the determination and the resolve of the Palestinian woman to participate as full
partners in the national struggle, alongside her brothers…“ Al-Ayyam, February 1, 2002; „…Attaf Yussuf, a columnist in the
media supplement „The Women‟s Voice”, claims that „Palestinian women desire to participate alongside the men in all aspects
of the struggle.„ Al-Quds, March 1, 2002: http://www.science.co.il/Arab-Israeli-conflict/Articles/Marcus-2002-03-12.asp;
Israel Science and Technology Homepage; By Itamar Marcus – March 12, 2002, Source: Palestinian Media Watch Bulletin.
Nach Rhiannon Talbot haben Frauen immer wieder Führungsrollen in Terrororganisationen übernommen. Es ist jedoch nicht
möglich, zu wissen, wie repräsentativ Frauen wie die Palästinenserin Leila Khaled, die Deutsch Ulrike Meinhof, die
Amerikanerin Patty Hearst oder andere Frauen in Führungspositionen etwa in den italienischen Roten Brigaden, in der
baskischen ETA, den mexikanischen EYLN (Zapatista) oder in der japanischen Roten Armee tatsächlich sind.
http://www.thisisthenortheast.co.uk/the_north_east/news/attack /310102_3.html, The North East, The unexpected face of
terrorism, Rhiannon Talbot, 31/01/2002.
17 Siehe: http://www.thisisthenortheast.co.uk/the_north_east/news/attack/310102_3.html, The North East, The unexpected face of
terrorism, Rhiannon Talbot, 31/01/2002
18 Siehe: http://www.headlinemuse.com/Culture/lethallamiae.htm; Lethal Lamiae: The Female Face of Terrorists; Linda
Foubister, copyright 2004 by Linda Foubister. All rights reserved. Issue #40.
19 Siehe: http://news.nationalgeographic.com/news/2004/12/1213_041213_tv_suicide_ bombers.html; Brian Handwerk, Female
Suicide Bombers: Dying to Kill, In: National Geographic Channel, December 13, 2004.
20 Siehe: http://www.iht.com/bin/print.php?file=537338.html, Alexis B. Delaney / Peter R. Neumann, The spectacular rise of the
female terrorist. Another failure of imagination?, In: IHT;Monday, September 06, 2004.
21 Siehe: http://www.postwritersgroup.com/archives/good0921.htm; The Washington Post Writers Group, Ellen Goodman, Equal
Rights, Equal Wrongs, copyright 2004.
22 Siehe: http://www.tau.ac.il/jcss/tanotes/TAUnotes88.doc; No. 88, October 9, 2003, Yoram Schweitzer, Female Suicide
Bombers for God, Jaffee Center for Strategic Studies, Published by Tel Aviv University, Moshe Dayan Center for Middle
Eastern and African Studies.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

Manuela: According to the Koran, male martyrs are welcomed to paradise by 72 virgins; and women martyrs?
Ayat: A woman martyr will be the person in charge, the manager, the officer of the 72 virgins, the fairest of the
fair.23
Israelische Wissenschafter sind jedoch nicht einer Meinung. Meir Litvak, von der Tel Aviv Universität,
lehnt die Empanzipationstheorie ab und stellt fest, dass viele Frauen Terrorismus womöglich als
emanzipierend erleben, auch wenn sie in Wirklichkeit nur die Werkzeuge männlicher Machtstrukturen
sind. „Those who send these women do not really care about women‟s rights. They are exploiting the
personal frustrations and grievances of these women for their own political gain, while they continue to
24
limit the role of women in other aspects of life.“

Über Männlichkeit und Terror

In Gegensatz zu den meisten Frauen widersprechen Männer den gesellschaftlich vorgebebenen


Genderrollen nicht, wenn sie zum Terror greifen. Männer werden oft „durch Zufall“ Terroristen, sie
machen bei irgendeiner Sache mit und schlittern almähnlich hinein. Dies trifft fast nie für Frauen zu. 25
Während Frauen, bei ihrer Entscheidung, Terroristin zu werden, eher praktisch veranlagt sind, verfolgen
Männer „höhere“ Ziele. Vorwiegend junge Männer fühlen sich durch die Machtpolitik Israels und der
USA gedemütigt und um ihre Zukunft beraubt. Der Verlust von Land, Respekt vor dem Islam und vor
ihrer eigenen Männlichkeit werden oft vermengt. Durch die Anwendung von politischer Gewalt
versuchen sie, ihre Männlichkeit und die Ehre ihres Volkes und ihrer Religion wiederherzustellen – zu
„remaskulinisieren“. Zu ihren Feinden gehören die Globalisierung und Verwestlichung ihrer Region, die
korrupten Führungsschichten im eigenen Land, wie auch die USA und Israel. 26
Viele islamische Terroristen sehen das globale Wirtschaftsystem als eine Verschwörung gegen die
Ehre ihrer eigenen Frauen und der Männer der gesamten Region; für sie sind die US- und israelische
Besatzungpolitik, wie auch die internationalen Hilfsdienste und Friedensorganisationen, und vor allem
die Außenpolitik von George W. Bush – die im Irak arabische Männern durch amerikanische Frauen
foltern lässt – ein zusammenhängendes Bedrohungsnetzwerk. Nur durch Gewalt kann es besiegt und
können die Ehre der Araber und Muslime wiederhergestellt werden. 27
Es werden auch Versuche unternommen, männliche Terrorbereitschaft als ein
Kompensationsgeschäft zu verstehen. Hiernach wollen viele männliche Terroristen, wie etwa
Mohammad Atta, durch Gewalt ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. In einem Interview mit Attas
Vater wurde er als „Muttersöhnchen“ dargestellt. „,He was so gentle„ sagte der Vater.“ „I used to tell
him, ,Toughen up, boy.„“28 Das Spiel mit den Geschlechterrollen wurde von westlichen
Besatzungsmächten in der Region immer wieder betrieben. So versucht man in den amerikanischen
Gefängnissen, nach Zillah Eisenstein, den Männern des arabisch/islamischen Raumes durch „gender
decoys“ (geschlechtliche Lockvögel), die sowohl die ethnische wie die geschlechtliche Identität
verwirren, in den Griff zu bekommen. Braunhäutigen Männern dienen weiße Frauen, oder sie werden
von ihnen sexuell erniedrigt. Das Spielen mit homosexueller Symbolik stellt arabisch/islamische Männer
mit bis dorthin intakter gesellschaftlicher Stellung optisch unter weiße Frauen und braune Schwule.
Diese Opfer sollen ihre Ehre und Identität vollkommen verlieren. 29
Schließlich bedeuten die amerikanische und europäische Begünstigung oder gar direkte
Unterstützung der Unterdrückerstaaten der Region eine doppelte Erniedrigung für viele arabische und
islamische Männer – nach Cynthia Enloe. Die Mukhabarat, die sie unterdrückt, wird im Westen hofiert,
während der Westen in der Region Menschenrechte propagiert. Darüber hinaus besetzen bzw.

23 Siehe: http://www.guardian.co.uk/israel/Story/0,2763,1407356,00.html, Women on the edge of destruction, Housed in a prison


in the heart of Israel are the female suicide bombers who didn‟t complete their deadly missions. Manuela Dviri hears their
stories, Monday February 7, 2005, The Guardian.
24 Siehe: http://www.taipeitimes.com/News/edit/archives/2003/07/24/2003060723; Taipei Times; The rise of the female terrorist;
By Giles Foden, The Guardian, London, Thursday, Jul 24, 2003,Page 9.
25 Siehe: http://www.thisisthenortheast.co.uk/the_north_east/news/attack/310102_3.html, The North East, The unexpected face of
terrorism, Rhiannon Talbot, 31/01/2002.
26 Siehe: http://chronicle.com/free/v48/i22/22b01101.htm; The Chronicle of Higher Education, February 8, 2002; Gender, Class,
and Terrorism; MICHAEL KIMMEL
27 Siehe: http://bcsia.ksg.harvard.edu/publication.cfm?ctype=article&item_id=976; Stern, Jessica, Holy Avengers In: Financial
Times, Weekend Magazine (12 June 2004).
28 Siehe: http://chronicle.com/free/v48/i22/22b01101.htm; The Chronicle of Higher Education, February 8, 2002; Gender, Class,
and Terrorism; MICHAEL KIMMEL.
29 Siehe: http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=12&ItemID=5751; ZNet, Zillah Eisenstein, Gender, Sexual
Humiliation. Gender Confusion and the Horrors at Abu Ghraib, June 22, 2004.

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Geschlecht, Identität und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten

kontrollieren die USA und Israel, direkt oder indirekt, mehrere arabische Länder. Die daraus entstehende
Verzweiflung führt zu Wut und diese wiederum zu Terrorbereitschaft.30

Schlussbemerkung

Im Nahen und Mittleren Osten ist Terror allgegenwärtig. Um im Alltag damit umzugehen und trotzdem
ein „normales“ Leben führen zu können, entwickelt die Bevölkerung Strategien, ähnlich wie die einer
mit ehelicher Gewalt ständig bedrohte Frau. Über die Jahrzehnte haben die führenden Mächte des
Westens wie auch die Sowjetunion, bzw. Russland, bewiesen, dass sie Stabilität und Ordnung in der
Region der Demokratie und Gerechtigkeit vorziehen. Diese kurzsichtige Nahostpolitik hat die arabischen
Unterdrückerstaaten in ihrer Haltung gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung nur noch bestätigt.
Wie in allen anderen Ländern der Region ist das politische System des Libanon undemokratisch und
sozial ungerecht, obwohl die allgemeine Menschenrechte im Land noch eher respektiert werden als in
manchem anderen Land im Nahen und Mittleren Osten. Die Bedrohung bzw. Besetzung des Libanon
durch Israel und Syrien über eine Zeitspanne von über zwei Jahrzehnte hinweg hat die Bevölkerung
davon überzeugt, dass alle Mittel, einschließlich die des „Terrors“, gerechtfertigt sind, wenn es darum
geht, das Land zu befreien. Bei Fertigstellung dieses Beitrages scheinen die Libanesen jedoch gezeigt zu
haben, dass auch friedliche Mittel zur Beendigung einer langjährigen und bitteren Okkupationserfahrung
führen können.
Abschließend möchte ich aus meiner persönliche Erfahrung von einem Mosaiksteinchen dieses
Lernprozesses berichten. Als Achtzehnjähriger hat meine libanesische Frau, die heute als
Universitätsassistentin für Medienrecht an einer amerikanischen Universität arbeitet, mitten im
Bürgerkrieg beschlossen, als Selbstmordattentäterin möglichst viele Israelis in die Luft zu sprengen, um
einen Beitrag zur Befreiung ihres Landes zu leisten. Die Vorbildrolle vorwiegend linksgerichteter
libanesischer „Terroristinnen“ hat sie davon überzeugt, dass sie genauso diesen Ausweg versuchen sollte.
„I always thought that I as a girl should be able to do the things my two younger brothers did with my dad. If he
went hunting with them, I went along, if my smaller brother could carry a rifle, I could too. So when I saw all the
pain the Israelis were inflicting on my country, I saw being a suicide bomber as the only possible way to do
something, especially because our government and our army refused to take action.”
Rund zwanzig Jahre später veröffentliche meine Frau auf einer von Palästinensern und Israelis
gemeinsam geführten Website eine islamisch-feministische Stellungnahme31 gegen Selbstmordattentäter
im Irak und in Palästina. Terror hat viele Gesichter. Der gemeinsame Versuch, das Definitionsmonopol
zu durchbrechen, wird helfen, sie alle zu entschleiern.

30 Carol Cohn, A conversationm a.a.O., S. 1204.


31 Siehe: http://www.mideastweb.org/log/archives/00000188.htm; Islam and the Concept of Martyrdom, GenderLink Diversity
Centre; Salzburg – Beirut – Bolzano/Bozen, Occasional Papers No. 14 – November 2003, <www.libanlink.org>.

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