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Klassische Texte der Wissenschaft

Matthias Wille

Gottlob Frege
Begriffsschrift, eine
der arithmetischen
nachgebildete
Formelsprache
des reinen Denkens
Klassische Texte der Wissenschaft
Begründet von
Olaf Breidbach
Jürgen Jost
Herausgegeben von
Jürgen Jost
Armin Stock

Weitere Bände dieser Reihe finden Sie unter


http://www.springer.com/series/11468
Die Reihe bietet zentrale Publikationen der Wissenschaftsentwicklung der Mathematik,
Naturwissenschaften, Psychologie und Medizin in sorgfältig edierten, detailliert kommen-
tierten und kompetent interpretierten Neuausgaben. In informativer und leicht lesbarer
Form erschließen die von renommierten WissenschaftlerInnen stammenden Kommenta-
re den historischen und wissenschaftlichen Hintergrund der Werke und schaffen so eine
verlässliche Grundlage für Seminare an Universitäten, Fachhochschulen und Schulen wie
auch zu einer ersten Orientierung für am Thema Interessierte.
Matthias Wille

Gottlob Frege
Begriffsschrift, eine der arithmetischen
nachgebildete Formelsprache des reinen
Denkens
Matthias Wille
Universität Paderborn
Paderborn, Deutschland

Klassische Texte der Wissenschaft


ISBN 978-3-662-45010-9 ISBN 978-3-662-45011-6 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillier-
te bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Originaltext der Ausgabe von Gottlob Frege, Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelspra-
che des reinen Denkens, Verlag von Louis Nebert, Halle an der Saale, 1879, Signatur 8 PH.IV, 179, zur Verfügung
gestellt von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena
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für meinen
über alles
geliebten
Schokofanni

Das Lächeln dieser Welt


VORWORT

Lange Zeit rangierte sie auf einem nachgeordneten Platz. Es dominierten die Forschun-
gen zur Semantik und zum Logizismus, zu „Über Sinn und Bedeutung“ auf der einen
Seite, zu den Grundlagen sowie den Grundgesetzen auf der anderen. In den ersten 100
Jahren seit ihrer Erstveröffentlichung gab es nur wenige bedeutsame Untersuchungen,
die Studien von Philip Jourdain (1912) und Terrell Ward Bynum 60 Jahre später zäh-
len zu den seltenen Höhepunkten. Von einer intensiven Bearbeitung des Werkes konnte
schwerlich gesprochen werden. Häufig erwähnt und selten gelesen wurde sie inflationär
bibliographiert und doch kaum gründlich rezipiert. Erst seit den 1980er Jahren lässt sich
publizistisch ein kontinuierliches Forschungsinteresse an ihr dokumentieren, welches seit
der Jahrtausendwende eine nochmalige Intensivierung erfahren hat. Die Zeit der Begriffs-
schrift scheint gekommen.
Der vorliegende Band ist nicht im Stile einer linearen Kommentierung verfasst, der
unter Festlegung einer vorab bestimmten Beschreibungsdichte parallel entlang des Pri-
märtextverlaufs rekonstruiert, analysiert und investigativ dokumentiert. Konventionelle
Aufbereitungen dieser Form bedürfen eines konstanten Kommentierungsniveaus und rich-
ten sich in der Regel an eine bestimmte Zielgruppe; als Populärdarstellung an interessierte
Laien, als akademisches Curricularwerk an Fachstudierende, als Forschungsbeitrag an
Experten. Die vorliegende Untersuchung richtet sich an all diese Adressatenkreise und
muss daher in ihrer Anlage anders verfahren, sie benötigt eine weitere Dimension. Sie
ist einem Satelliten vergleichbar, der permanent um das Werk gravitiert. Auf verschie-
denen Umlaufbahnen werden verschiedene Blickwinkel eingenommen, erst zaghaft aus
der Ferne historiographisch schauend, problemgeschichtlich abwägend, sich schließlich
systematisch langsam annähernd, bis der Kontakt auch in der Durchdringung technischer
Details restlos hergestellt ist. Stets haben wir die gesamte Begriffsschrift im Blick, allein
die Entfernung zum Werk variiert. Sie verkürzt sich mit jedem weiteren Paragraphen. Das
erklärt die Architektur des Kommentars. Während „Eine erste Annäherung“ (§§ 1–10)
sich vornehmlich mit dem problem- und werkgeschichtlichen Kontext befasst, setzt sich
„Eine zweite Annäherung“ (§§ 11–23) ungleich verbindlicher mit philosophischen sowie
technischen Details der Schrift auseinander. Integraler Bestandteil des Kommentars ist die
„Bibliographie zur Begriffsschrift (1879–2016)“, die für all jene zu einem wissenschaftli-
chen Werkzeug werden soll, die von Werk oder Autor nicht mehr loslassen können.
VII
VIII Vorwort

Von Herzen danke ich Herrn Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Kienzler (Jena), der mir nach
der Lektüre einer früheren Fassung diverse wertvolle Hinweise und Anregungen hat zu-
kommen lassen, sowie Frau Dr. Annika Denkert vom Springer Verlag, die mich in der
langen Zeit der Projektgenesis mit Umsicht, Verständnis und viel Geduld betreute. Be-
sonders großer Dank gebührt Frau Athena Panteos, M. A. (Essen), die mir nicht nur über
die gesamte Manuskriptentstehung hinweg einmal mehr eine unverzichtbare Diskussions-
partnerin war, sondern die vor allem in der Sichtung der Werkrezeption im kyrillischen
Sprachraum brillierte und damit bedeutsame Einsichten für die Geschichte der Frege-
forschung beisteuerte. Der größte Dank gilt Prof. Dr. Christian Thiel (Erlangen), von
dessen überragender Expertise ich nach Frege (2013) sowie ›Largely unknown‹ (2016)
nun auch bei diesem dritten Frege-Band umfassend profitieren durfte. Seine grandiose
Unterstützung reichte von der gemeinsamen Besprechung technischer Details sowie der
Klärung bibliographischer Punkte über Korrekturlesungen bis hin zu ergänzenden Re-
cherchen in offenen historiographischen Fragen. Besonders glücklich bin ich daher, dass
sich all dies endlich einmal publizistisch manifestiert in der von uns gemeinsam erstell-
ten „Bibliographie zur Begriffsschrift (1879–2016)“, die in Umfang und Qualität ohne die
Zusammenarbeit mit ihm nicht möglich gewesen wäre.

Großbreitenbach im April 2017


INHALTSVERZEICHNIS

E INE ERSTE A NNÄHERUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1


§ 1 „mein Büchlein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
§ 2 „selten und [...] kaum gründlich gelesen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
§ 3 Der „versonnene Grübler“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat . . . . 20
§ 5 „gr. 8 geh. 3 Mark“: Louis Nebert und die Begriffsschrift . . . . . . . . . . . . . . . 30
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 37
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“ . . . . . . . . . . 72
§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“ . . . . . . . . . 81
§ 10 „eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung der Schreibfläche“ . . . . . 88

E INE ZWEITE A NNÄHERUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95


§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
§ 12 „was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
§ 14 „ich bediene mich nur dieser einen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
§ 15 „Ich habe die andere Weise gewählt“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
§ 16 „Diese Unterscheidung [...] ist allein Sache der Auffassung“ . . . . . . . . . . . . 132
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
§ 18 „Die Zahl der Sätze [...] ist neun“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
§ 20 „nichts geschieht, was nicht diesen Regeln gemäß wäre“ . . . . . . . . . . . . . . 169
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ . . . 174
§ 22 Die Allgemeingültigkeit der Grundgesetze des reinen Denkens . . . . . . . . . . 184
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188

D IE B EGRIFFSSCHRIFT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199

T EXTKRITISCHE A NMERKUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297

IX
X Inhaltsverzeichnis

Q UELLENVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
Bibliographie zur Begriffsschrift (1879–2016) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
Zudem verwendete Schriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327

N AMENSVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339

S ACHVERZEICHNIS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
EINE ERSTE ANNÄHERUNG

§ 1 „mein Büchlein“

Ihr Leben folgte einem Rhythmus eigener Art. Geboren am „18. December 1878“ und
erschienen unter denselben bibliographischen Koordinaten wie die Geschichte der loxo-
dromischen Curve, ist über ihre Zeugung kaum etwas bekannt. Entstanden in einem für
uns ätiologisch äußerst schwer zugänglichen intellektuellen Kraftakt ihres gerade ein-
mal 30jährigen Schöpfers taucht sie aus den Tiefen des 19. Jahrhunderts einfach auf,
um bereits kurz darauf wieder aus dem Bewusstsein des publizistischen Treibens zu ver-
schwinden, für mehr als ein halbes Jahrhundert. Persönlichkeit und Können der Schrift
bleiben vollkommen unverstanden – sie erscheint für ihre Adressaten zu früh, viel zu
früh.
Es blieb ihr nicht erspart, als schwerfällig und unhandlich1, als wenig nützlich2 und
exzessiv komplex3 erachtet zu werden, deren Erscheinungsbild einem leichten Verstehen
widerstreitet4 , ebenso wie sie der Vorwurf traf, hier würde nur unter großen Mühen er-
reicht, was andernorts bereits weitaus besser gelang.5 Selbst ihr Name stieß auf Unmut,
sei er doch kaum ganz glücklich gewählt.6 Des Autors Hoffnung, der erste Eindruck des
Fremdartigen möge die Logiker nicht zurückschrecken lassen7 , blieb unerfüllt. Mancher
Rezensent gestand gar freimütig, sich nicht einmal sonderlich viel Mühe in der Lektüre
gegeben zu haben.8 Geurteilt wurde dennoch, gewertet trotz fehlender Bekanntschaft. Ein
Missverstehen schien unausweichlich, Ignoranz sogar wahrscheinlich. Unterboten wur-

1
Venn (1880).
2
Michaëlis (1879), 49.
3
Tannery (1879), 108.
4
Lewis (1918), 115.
5
Schröder (1898), 60.
6
Laßwitz (1879), 248.
7
Frege (BS), XIII.
8
Venn (1880).

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 1


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6_1
2 Eine erste Annäherung

de diese Form des Umgangs nur noch durch die ausfallende Bemerkung, hier läge eine
unreife, schülerhafte Arbeit vor.9 Wer es gleichwohl als tief durchdachtes Buch erkann-
te10 , wurde umgehend mit dem Vorwurf der wohlwollenden Reklame bedacht.11 Auch der
große Förderer des Autors zweifelte am Erfolg der Schrift und beschied ihr eine schlechte
Aufnahme.12 Er sollte für lange Zeit Recht behalten.
Vergeblich mühte sich der Autor um Klarheit. Mit unbändiger Produktivität wird das
noch junge Werk umgehend kommentiert und erläutert13 , doch ohne jede Aussicht auf
Erfolg. Was es bis zur Veröffentlichung bringt, bleibt gleich der Schrift unverstanden,
doch die meisten Zeitschriften winken bereits vorher ab, ebenso wie der örtliche Buch-
händler die Texte nicht einmal in Kommission nehmen möchte.14 Die Revolution in der
Logik findet ohne sie statt. De jure ist sie die vollendete Gründungsschrift der modernen
Logistik, de facto spielt sie bei deren Emporkommen keine Rolle. Der logische Paradig-
menwechsel wird als Verdienst anderen, durchweg jüngeren Arbeiten zuerkannt, die ihr in
so mancherlei Hinsicht doch nicht das Wasser reichen können. Selten wurde in der Wis-
senschaft der Wandel vom Traditionellen zum Modernen derart präzise und exakt durch
eine einzige Studie bestimmt wie in ihrem Fall und noch seltener blieb eben diese Schrift
wirkungsgeschichtlich so vollkommen belanglos. Historiographisch vielleicht ein einma-
liges Phänomen.
Als der bahnbrechende Wert der Schrift endlich offiziell erkannt wird, ist sie schon
nicht mehr zu bekommen. Eingestampft mangels Nachfrage. Da ist ihr Autor bereits seit
mehr als einem Jahrzehnt tot, diesem nunmehr größten Logiker seit Aristoteles, vielleicht
der größte überhaupt15, von dem man im selben Ton zu sprechen hat wie von einem
Kant.16 Mann und Werk sind im philosophischen Olymp angekommen. Aus dem verlege-
rischen Misserfolg von einst wird Mitte des 20. Jahrhunderts ein begehrtes Sammlerstück,
eine bibliophile Rarität. Obgleich erst ein Menschenalter jung, ist sie seltener als so man-
che Inkunabel, ihr ungeheurer Wert Folge der vormaligen Wertlosigkeit. Eine paradoxe
Biographie für eine logische Monographie. Antiquarisch so gut wie überhaupt nicht ge-
handelt, befinden sich die meisten der wenigen bekannten Exemplare wohlgehütet in den
„Rare Books“-Abteilungen renommierter Universitäts- oder Nationalbibliotheken. Selbst
die große wissenschaftliche Bibliothek am Geburtsort der Schrift wurde für einige Jahr-
zehnte jäh aus diesem exklusiven Kreis gerissen, als das im Katalog geführte Exemplar ab
1968 zum Bestand der vermissten Bücher gezählt werden musste und erst wieder um die
Jahrtausendwende zum Vorschein kam. Ein kaum fassbares Glück, es war also nicht ver-

9
Schlötel (1880), 373.
10
Laßwitz (1879), 249.
11
Schlötel (1880), 373.
12
Abbe (1955), 27.
13
Siehe Frege (1879); (1880/81); (1882a); (1882b); (1882/83).
14
Johannes Thomae zit. n. Dathe (1997b), 103.
15
Scholz (1941b), 24.
16
Wittgenstein zit. n. McGuinness (1988), 141.
§ 1 „mein Büchlein“ 3

loren. Dafür gab es neben dem Schöpfer vielleicht nur einen einzigen weiteren Gelehrten,
der für fast ein halbes Jahrhundert der Eigentümer von zwei Exemplaren war.17
In der gesamten Geschichte der Logik gibt es lediglich eine einzige andere Schrift,
die mit ihr verglichen werden kann, die Ersten Analytiken des Aristoteles.18 Dazwischen
liegen sagenhafte 2200 Jahre. Vielleicht ist sie die bedeutsamste Einzelschrift der Lo-
gik, die jemals verfasst wurde19 , in jedem Fall repräsentiert sie das wichtigste Kapitel
in der Geschichte der modernen Logik20 und ihr Erscheinungsjahr, dieses Epochenjahr
erster Ordnung21 , das bedeutungsvollste Datum in der gesamten Logikhistorie.22 Die-
se Geburtsurkunde der modernen Mathematikphilosophie23 enthält den fundamentalsten
technischen Einzelfortschritt, der jemals in der Logik stattfand.24 Durch ihre kategorial
neuen Gedanken vollzog sie eine kopernikanische Revolution der Disziplin25 , ein philo-
sophiehistorischer Epochenwechsel ersten Ranges, vergleichbar mit jenem Descartes’.26
Erst durch sie wird diese uralte Wissenschaft zu einem wahrhaft großen Gebiet27 , zu ei-
ner strengen Wissenschaft als solcher.28 Es ist die Rede von einer umfangskleinen, aber
inhaltlich überaus schwergewichtigen Abhandlung29 , es ist die Rede von einem brillan-
ten30 , einem epischen Werk31 , es ist die Rede von der

Begriffsschrift,
eine der arithmetischen nachgebildete
Formelsprache
des reinen Denkens.
von
Dr. Gottlob Frege,
Privatdocenten der Mathematik an der Universität Jena.

17
Vgl. Spadoni/Harley (1985), 40f., 43.
18
Bocheński (1956), 313.
19
van Heijenoort (1967a), 1.
20
Church (1945), 101.
21
Scholz (1936b), 1.
22
Kneale/Kneale (1962), 511.
23
Mangione (1981), 25.
24
Dummett (1973), xxxiii.
25
Heyting (1948), 276.
26
Dummett (1973), 669.
27
Quine (1950), vii.
28
Scholz (1936a), 280.
29
Łukasiewicz (1935), 125.
30
Wrinch (1918), 622.
31
Cohen (2005), 2409.
4 Eine erste Annäherung

Für den Autor war sie stets „mein Werkchen“32 oder „mein Büchlein“33 , das sein gesamtes
weiteres Schaffen wesentlich bestimmen sollte, „trotz des von mir vielleicht nicht glück-
lich gewählten Namens“.34 Die persönliche Beurteilung über das Erreichte spiegelte sich
in den ersten Jahren nicht in der gelehrten Öffentlichkeit wider, da „ich bis jetzt nur sehr
wenig Zustimmung erfahren habe“.35 Daran sollte sich zu Lebzeiten kaum etwas ändern.
Seit dem Tag ihrer Schöpfung ist Frege „von seiner Begriffsschrift nicht ab zu kriegen“36 ,
auch wenn ihn seine intellektuelle Reifung später einräumen lässt, „dass ich in manchen
Punkten anderer Ansicht geworden bin“.37 „Meine Begriffsschrift ist nun schon etwas
veraltet und entspricht nicht mehr ganz meinem Standpunkte“.38 Das betrifft technische
Erfordernisse, syntaktische Details, Merkmale des Kalküls und wohl auch ein paar phi-
losophische Einzelbetrachtungen. Die fundamentale Perspektive bleibt unbeirrt dieselbe,
vier Dekaden lang, ein gesamtes wissenschaftliches Leben.
Für Außenstehende ist dies ein Weg, „der ihn nicht recht vorwärts bringt“39 , für Frege
ist es der einzig mögliche, weitere bahnbrechende Werke sollten folgen. Hier steht die
Forschung nicht im Dienst der Karriere. Die Rufe bleiben aus und dies „liegt sicher nur an
der Treue, mit der er an Problemen hängt, deren Bearbeitung er sich zur Lebensaufgabe
gemacht hat“.40 Die produktivsten eineinhalb Jahrzehnte seines Lebens werden durch die
Begriffsschrift eingeläutet und sie finden ihren finalen Höhepunkt im Band I der Grundge-
setze. „Meine Begriffsschrift ist in diesem Werke [...] etwas vervollkommnet worden“.41
Als 1902 die Inkonsistenz seines Kalküls aus den Grundgesetzen bekannt wird und das
Scheitern eines Großteils seines Schaffens droht, merkt er erleichtert und eventuell sogar
mit einer leichten Note von trotzigem Stolz an: „Meine Begriffsschrift in der Hauptsa-
che unabhängig davon“.42 Der Logizismus wankt, doch die Logik hat Bestand. Am Ende
„hängt fast alles mit der Begriffsschrift zusammen“43 , aber die Hoffnung, dass „auch Phi-
losophen der Sache einige Beachtung schenken“44 mögen, bleibt unerfüllt.
So exponiert die autobiographische Stellung der Schrift ist, so unterrepräsentiert blei-
ben die Auskünfte über sie. Aus der Feder Freges erfahren wir wenig, fast nichts. Einem
frühen Bewunderer wird er mitteilen, dass er sich „lange mit dem Plane einer Begriffs-

32
Frege (GGA I), § 14. So auch Frege an Jourdain in einem Brief vom 23. September 1902. In Frege
(1976), 111.
33
Frege (GGA I), VI. So auch Frege an Russell in einem Brief vom 22. Juni 1902. In Frege (1976),
213.
34
Frege (1919), 273.
35
Frege an Stumpf in einem Brief vom 29. August 1882. In Frege (1976), 163.
36
Johannes Thomae zit. n. Dathe (1997b), 101.
37
Frege an Russell in einem Brief vom 22. Juni 1902. In Frege (1976), 213.
38
Frege an Dingler in einem Brief vom 04. Juli 1917. In Frege (1976), 41.
39
Johannes Thomae zit. n. Dathe (1997b), 102.
40
Thomae zit. n. Kreiser (ed.), 336.
41
Frege an Jourdain in einem Brief vom 23. September 1902. In Frege (1976), 111.
42
Frege (1906b), 191.
43
Frege (1906c).
44
Frege (1882a), 114.
§ 1 „mein Büchlein“ 5

schrift getragen [hat], ehe er eine bestimmtere Gestalt gewann“.45 Über welchen Zeitraum
wir hier sprechen und welche bestimmtere Gestalt wir uns vorstellen dürfen, darüber ver-
liert er kein Wort. Lediglich am Rande lässt er anklingen, dass sein ursprünglicher Zugang
noch traditionell geprägt war und vollständig verworfen werden musste, weil er die Zie-
le nicht zu erreichen vermochte. „Bei dem ersten Entwurfe einer Formelsprache liess ich
mich durch das Beispiel der Sprache verleiten, die Urtheile aus Subject und Prädicat zu-
sammenzusetzen. Ich überzeugte mich aber bald, dass dies meinem besondern Zwecke
hinderlich war und nur zu unnützen Weitläufigkeiten führte“.46
Freges unveröffentlichte erste Logik war also keine moderne formale. Wie indes die
Überwindung alltagsgrammatischer Unterscheidungen zugunsten der logischen Syntax
gelang, darüber lässt sich nur spekulieren. Zur Genesis seiner Gedanken treffen wir im er-
halten gebliebenen Schrifttum stets nur auf die Eingangsdiagnose, dass die Sprache „nicht
in der Weise durch logische Gesetze beherrscht [ist], daß die Befolgung der Gramma-
tik schon die formale Richtigkeit der Gedankenbewegung verbürgte“.47 Eine bedeutsame
Einsicht, der allesentscheidende Ausgangspunkt, der uns dennoch nicht lehrt, wie der Weg
weiter zu beschreiten ist. Keine Lehrveranstaltung zeugt von der Suspendierung der tra-
ditionellen Urteilslehre, kein Nachlassdokument von der Schärfung der aussagen- und
prädikatenlogischen Form. Selbst die Jenaer Ausleihjournale bergen keine Spur einer li-
terarischen Inspiration.48 Kein Tagebucheintrag, kein Notizzettel, keine Mitteilung per
Brief. Nichts. Was Frege selbst nicht beseitigt hatte, besorgte der Krieg. Am 25. März 1945
verbrannten sämtliche Originaldokumente seines noch nicht einmal vollständig katalogi-
sierten Nachlasses in einem „sea of flames“49 bei der Bombardierung der Stadt Münster.50
Die Spuren der Prähistorie der Begriffsschrift schienen damit endgültig ausgelöscht und
bis heute kann diese Einschätzung leider nicht revidiert werden.
Die Geburt der modernen formalen Logik, „die hier sogleich in einer fast rätselhaften
Vollendung aus dem Nichts hervortritt“51 , ist damit ebenso wenig intelligibel wie Kants
Wende hin zur kritischen Philosophie. Auf konservativen Wegen der Wissenschaft, im or-
thodoxen philosophischen Denken wird man weder auf die transzendentale Perspektive
noch auf die kalkülisierte Vernunft geführt. Der Bruch mit der akademischen Tradition ist
in beiden Fällen kategorial, eine rationale Genese scheint kaum erzählbar. Auf konventio-
nellen Pfaden ist derart Epochales nicht zu verwirklichen, nicht einmal zu erwägen. Im
Ringen um ein Verstehen werden selbst die fehlenden Ausleihaktivitäten Freges zwischen
Oktober 1875 und April 1879 zu einem bedeutsamen Indiz stilisiert, das „auf intensive
Arbeit an den Themen schließen [läßt], die Eingang in seine "Begriffsschrift" fanden“.52

45
Frege an Jourdain in einem Brief vom 23. September 1902. In Frege (1976), 111.
46
Frege (1964), 4.
47
Frege (1882a), 108.
48
Vgl. Kreiser (1984), 21.
49
Times zit. n. Bocheński (1983), 9.
50
Vgl. Veraart (1976), 69.
51
Scholz (1935c), 163.
52
Kreiser (1984), 22.
6 Eine erste Annäherung

Das Ausbleibende bekommt einen bleibenden Platz und erklärt das Unerklärliche dennoch
nicht. Die kopernikanische Wende in der Logik setzt ebenso wie ihr großer, gut 100 Jahre
älterer Vorläufer in der Philosophie vom Vollziehenden vor allem eines voraus: „Ich habe
einen anderen Weg eingeschlagen“.53 Für uns Nachfolgende wird dieser „andere Weg“ in
Ermangelung eines empirischen Befundes teilweise verborgen bleiben, zumal in der Ge-
nesis des Projektes „wohl manche Ueberlegungen vorgekommen [sind], die keine Spur im
Gedruckten hinterlassen haben“.54 Im höchsten Maße bedauerlich, die Neugier stellt dies
kaum zufrieden. Fokussieren wir also das, was wir haben – die Schrift selbst.

§ 2 „selten und [...] kaum gründlich gelesen“

Über die Umstände ihrer Niederschrift wissen wir so gut wie nichts, ihre Inhalte kennen
wir dafür um so besser. Es sind die dort entwickelten Gedanken, der Entwurf einer Theorie
der Logik sowie deren Einbettung in eine beweisende Praxis, die dem Werk einen ganz be-
sonderen Platz in der Wissenschaftsgeschichte sichern. Die Begriffsschrift besticht durch
die mühelose Einlösung der erhobenen, kaum fassbaren intellektuellen Ansprüche ihres
Autors. „Hier wurde nicht die Möglichkeit einer reinen Logik diskutiert, sondern man
bekam diese Logik zu sehen. Man konnte sie studieren wie eine mathematische Theorie.
Hier wurde endlich einmal nicht geredet, sondern es wurde gehandelt“.55
Der Mythos der Begriffsschrift speist sich aus drei Quellen. Neben ihrem bewegen-
den biographischen Schicksal, erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Geburt
angemessen wertgeschätzt worden zu sein, und unserem nach wie vor bestehenden Un-
vermögen, eine Ätiologie der Schrift zu verfassen, sind es die bahnbrechenden Gedanken
selbst, fixiert mit einer „exceptional precision“56 , die den Mythos begründen. Frege schuf
Standards, die in Teilen auch nach fast eineinhalb Jahrhunderten immer noch Bestand
haben. Im Besonderen sprechen wir über:

i) die logische Form junktorenlogischer Aussagen


Beliebig komplexe junktorenlogische Aussagen entstehen bei Frege ausgehend von
Elementaraussagen, die selbst keine aussagenlogischen Partikel mehr als Bestandteile
enthalten, durch die Verwendung wahrheitsfunktional definierter logischer Verknüp-
fungen. Obgleich sich Frege auf die Verwendung des Subjunktors sowie des Negators
beschränkt, so zeigt er die wechselseitige Definierbarkeit aller Standardpartikel – im
Besonderen des Adjunktors, Konjunktors sowie des logischen „entweder oder“ – auf
und begründet mit seiner Praxis der logischen Analyse junktorenlogischer Aussagen
sowohl die Semantik wie auch den Formalisierungsstandard für den kanonischen Kal-
kül schlechthin: die wahrheitsfunktionale klassische Aussagenlogik. Diese Leistung
ist ohne jedes Vorbild.

53
Frege (1882b), 55.
54
Frege an Jourdain in einem Brief vom 23. September 1902. In Frege (1976), 111.
55
Scholz zit. n. Molendijk (1991), 54.
56
Łukasiewicz (1929), 6.
§ 2 „selten und [...] kaum gründlich gelesen“ 7

ii) der Begriff des Kalküls und die Theorie der Logik
Freges Theorie der Logik umfasst nicht nur einen modernen antipsychologistischen
und strikt normativ-geltungstheoretischen Begriff der Logik, sondern vor allem auch
einen terminologisch mustergültig definierten Begriff des Kalküls. „Der Arbeit dieses
FREGE sind wir es wesentlich schuldig geworden, dass wir heute so pünktlich sagen
können, was unter einem Kalkül zu verstehen ist“.57 Dieser Begriff eines streng ge-
regelten, selbst im kleinsten Schritt algorithmisch verfahrenden Operationsschemas
erfährt im Begriffsschriftkalkül eine vorbildliche Verwirklichung. Frege redet nicht
nur über den Kalkül, sondern er stellt ihn bereit und er arbeitet mit ihm. Er verspricht
leistungsstarke funktionierende Werkzeuge und er zeigt, wie gut sie funktionieren.
Der begründungstheoretische Zugang besticht durch eine makellose Operationalisie-
rung der auf der theoretischen Ebene formulierten sowie ebendort gerechtfertigten
Anforderungen an eine moderne Logik. Dies betrifft nicht zuletzt seine eminent an-
spruchsvollen Bedingungen für einen überaus strengen Beweisbegriff, denen Freges
Beweispraxis uneingeschränkt genügt. Er ist der erste moderne Beweistheoretiker.
Auch diese Leistung ist ohne jedes Vorbild.

iii) der Kalkül für die Aussagenlogik


Für junktorenlogische Aussagen stellt Frege ein vollständiges Axiomensystem der
Aussagenlogik bereit, dessen Operationsgrundlage des Begriffsschriftkalküls auf der
klaren Unterscheidung zwischen allgemeingültigen Gesetzen und gültigen Regeln
aufgebaut ist und die zudem – wenngleich nicht terminologisch explizit – sicher zwi-
schen Objekt- und Metasprache zu unterscheiden weiß. Allein basierend auf den von
Frege explizit bereitgestellten Axiomen sowie Regeln können streng geregelt, lücken-
los und einzig unter Verwendung unstrittiger logischer Mittelbestände ausnahmslos
alle aussagenlogischen Wahrheiten hergeleitet und damit bewiesen werden. Dieses
formale System ist der erste satzlogische Kalkül der Geschichte, der zudem alle, in-
zwischen kanonisch gewordenen Kriterien für ein modernes formal-logisches System
erfüllt. Zudem vermag es Frege, die präzise gewählten Axiome, die ihrerseits inner-
halb des Kalküls keines Beweises fähig sind, nicht unbegründet im Raum stehen zu
lassen. Unter Verwendung seiner wahrheitsfunktionalen Semantik kann Frege mittels
einer algorithmisch verfahrenden Bewertungsmethode mühelos den allgemeingülti-
gen Charakter der Axiome aufweisen. Sein Entscheidungsverfahren prüft effektiv
deren allgemeingültige Struktur. Für diese philosophisch reflektierte und technisch
brillante Bereitstellung des Archetyps eines logischen Kalküls gibt es zweifelsohne
kein historisches Vorbild.

iv) die logische Form prädikatenlogischer Aussagen


Frege betritt das Feld der Quantoren- bzw. Prädikatenlogik mit einem Paukenschlag.
Prädikatenlogische Analysen benutzen nicht länger systematische Anleihen der klas-
sischen Lehren von Begriff und Urteil oder orientieren sich am Beispielfall alge-

57
Scholz (1935a), 22.
8 Eine erste Annäherung

braisch inspirierter komparativer Begriffsbetrachtungen. Grammatische Unterschei-


dungen, vor allem jene von Subjekt und Prädikat, repräsentieren für Frege keine
validen Kriterien für logische Grenzziehungen. Die Satzgrammatik wird zugunsten
des Begriffes der logischen Aussageform, der Aussagefunktion überwunden. Die fun-
damentale logische Form eines jeden Atomarsatzes wird bestimmt durch die mathe-
matisch inspirierte, aber universell gefasste Funktion-Argument-Unterscheidung, die
das Logischeinfache, die logische Urform einer jeden wohlgeformten Aussage zum
Ausdruck bringt. Dieses kategoriale Begriffspaar sollte zu einem methodischen Stan-
dard seines gesamten Schaffens werden und noch zwei Jahrzehnte später stellt er
uneingeschränkt fest: „Ich habe schon im Jahre 1879 in meiner Begriffsschrift die
Funktionsbuchstaben so gebraucht“.58 Mit der Trennung zwischen den Argumenten
einer Aussage bzw. ihren Stellen innerhalb der Aussagenfunktion und der logischen
Aussagenform selbst eröffnet Frege nicht nur die Möglichkeit für eine gänzlich neue
Theorie der Quantifikation, sondern er ebnet auch den Weg für eine erkenntnistheore-
tische Fundamentalanalyse von Sprache überhaupt. Eine in der Geschichte der Logik
beispiellose Leistung.

v) die Theorie der Quantifikation


Der Begriff der logischen Aussageform lässt die prädikatenlogische Formalisierung
beliebig komplexer Aussagen (erster Stufe) zu. Im Unterschied zur Aristotelischen
Logik oder auch zur Algebra der Logik können beliebig verschachtelte Bedingungs-
gefüge souverän über den kontrollierten, in ihrem Geltungsbereich präzise abgesteck-
ten Gebrauch gebundener und freier Gegenstandsvariablen sowie Konstanten formali-
siert und formal behandelt werden. Diese Reichhaltigkeit erfährt eine kategoriale Zu-
nahme durch die bereits verfügbare junktorenlogische Syntax, auf deren Darstellungs-
möglichkeiten die Quantorenlogik methodisch konsequent aufbaut. Die expressive
Ausdrucksstärke der nunmehr erreichten Begriffsschriftsprache ist seinerzeit ohne je-
den Vergleich. Selbst die eineinhalb Jahrzehnte jüngere formale Sprache Giuseppe
Peanos, aus der heraus sich schließlich der logische Standard der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts entwickeln sollte, reicht nicht einmal im Ansatz an den Präzisionsgrad
von Freges Quantifikationstheorie heran. Mit Variablen wird dort freihändig operiert,
„ohne daß die Gesetze angegeben wären, nach denen dies geschieht. In dieser Hin-
sicht ist meine Begriffsschrift vom Jahre 1879 der Peanoschen überlegen. Ich habe für
meine Bezeichnung der Allgemeinheit schon damals alle Gesetze angegeben, die man
braucht, so daß nichts Grundlegendes dabei zu untersuchen übrigbleibt“.59 Genau so
ist es. Mit der Einführung der Allgemeinheit, dem Allquantor, und der damit einher-
gehenden exakten Bestimmung des Geltungsbereichs quantorenlogisch operierender
Variablen werden ausnahmslos alle logischen Analyseerfordernisse zur formalen Un-

58
Frege an Huntington in einem undatierten, aber vermutlich aus dem Jahr 1902 stammenden Brief.
In Frege (1976), 90.
59
Frege (1896), 231f.
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 9

tersuchung selbst komplexer mathematischer Aussagen bereitgestellt. Damit gelingt


nicht zuletzt unter zusätzlicher Verwendung der Verneinung die systematisch elegan-
te Definition sämtlicher aristotelischer Modi sowie darauf aufbauend eine souveräne
Einbettung der gesamten Aristotelischen Logik in den prädikatenlogischen Begriffs-
schriftkalkül. Die von Frege angestellten Untersuchungen über die Quantifikation
von Gegenstandsbereichen, die Unterscheidung zwischen Variablen und Konstanten,
die präzise erfassten Geltungsbereiche von Quantoren sowie den Gebrauch mehrfach
verschränkter Quantoren repräsentieren ein mustergültiges Lehrstück der modernen
Prädikatenlogik. Auch und gerade in dieser Hinsicht ist Frege ohne jedes Vorbild.

Bereits die Verwirklichung auch nur von einem der genannten Punkte hätte Frege in
die Geschichtsbücher der Logik gebracht und die Begriffsschrift zu einem ihrer beson-
ders bedeutsamen Werke werden lassen. All diese Errungenschaften „are still left deep
in the heart of our subject“.60 Jede einzelne Leistung für sich ist genial und bahnbre-
chend, doch in ihrem systematischen Zusammenspiel, in der logischen Harmonie des sie
einenden großen theoretischen Entwurfs erfährt das Werk selbst unter den herausragen-
den Gründungsschriften der modernen formalen Logik, ja der Logikgeschichte überhaupt,
eine Ausnahmestellung, „it is staggering how close Frege was able to come, in one enor-
mous stride, to what we should now regard as a satisfactory formalization of higher-order
classical predicate logic“.61 Dieser Ausnahmecharakter reicht sogar so weit, dass „die Be-
griffsschrift trotz ihrer großen historischen Bedeutung ein Buch geblieben [ist], das selten
und, leider auch von Fachleuten, kaum gründlich gelesen zu werden pflegt“.62 Der üppigen
Zitation liegt leider keine gleichermaßen prosperierende Rezeption zugrunde. Ein gerade-
wegs unhaltbarer Zustand, der nur durch die Bekanntschaft mit dem Werk überwunden
werden kann und folglich auch eine Kenntnis vom Autor voraussetzt.

§ 3 Der „versonnene Grübler“63

Friedrich Ludwig Gottlob Frege64 wurde am 8. November 1848 als erster von zwei Söhnen
des Ehepaares Carl Alexander und Auguste Frege in Wismar geboren. Nach Besuch der
Großen Stadtschule und erfolgreicher Maturitätsprüfung ebendort nahm er bereits zum
Sommersemester 1869 sein Studium der Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie
an der Universität Jena auf, die, gemessen an den Studierendenzahlen, damals zu den
kleinsten in den deutschen Bundesstaaten zählte. „Noch war die Stadt klein und ohne Fa-

60
Curry (1963), 12.
61
Dummett (1981), 20.
62
Wolff (1995b), 4.
63
Der vorliegende Paragraph repräsentiert in Teilen eine gekürzte sowie leicht überarbeitete Fas-
sung der „Einleitung“ aus Wille (2013c). Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung
durch den Wilhelm Fink Verlag.
64
Eine umfassende Biographie liefert Kreiser (2001).
10 Eine erste Annäherung

briken, sie zählte nicht mehr als 9000 Einwohner“65 , ein echtes Universitätsdorf, dessen
„idyllischer Charakter und die rein akademische Natur der kleinen Universität“66 bereits
so manch anderen gefesselt hatte. Die Wahl Jenas, das nach heutigen Maßstäben seiner-
zeit gerade so die Mindesteinwohnerzahl für eine Kleinstadt erreichte und weder über ein
eigenes Gymnasium noch über einen Bahnanschluss verfügte, erfolgte nicht aus akade-
mischen oder verwandtschaftlichen Gründen. Jena als Studienort wurde Frege von Leo
Sachse empfohlen, der ebendort studiert hatte und der Frege in Wismar Privatunterricht
erteilte.67 Vielleicht war es tatsächlich „das stille, abgeschlossene, nur der Wissenschaft
gewidmete Leben in einer kleinen Universitätsstadt“68 , das auch auf Frege einen beson-
deren Reiz ausübte. Zum Sommersemester 1871 wechselt er jedoch – wahrscheinlich auf
Anraten seines Jenaer Mathematik- und Physikprofessors Ernst Abbe – an die Universi-
tät Göttingen, die Hochburg der Mathematik, wo er Ende des Jahres 1873 sein Studium
mit der mathematischen Arbeit „Ueber eine geometrische Darstellung der imaginären Ge-
bilde in der Ebene“69 zum Doctor philosophiae promoviert wurde. Mit Aussicht auf die
Zulassung zum Privatdozenten zog Frege zurück nach Jena.
Bereits im Frühjahr des Jahres 1874 habilitierte er sich dort mit der Arbeit Rech-
nungsmethoden, die sich auf eine Erweiterung des Größenbegriffes gründen70 im Fach
Mathematik unter Beteiligung von Ernst Haeckel als Dekan und Carl Snell sowie Abbe
als Gutachtern.71 Letztgenannter war jedoch nicht nur Freges Lehrer während dessen Stu-
dienzeit. Als erfolg- und einflussreicher Unternehmer (er war Mitbegründer, -eigentümer
und Chefentwickler der Firma Carl Zeiss sowie Begründer der Carl-Zeiss-Stiftung) war
Abbe vor allem sein großer Förderer72 , über den der 75jährige Frege berichten wird, dass
er „einer der edelsten Menschen gewesen [ist], die mir auf meinem Lebenswege begeg-
net sind“.73 Nach fünfjähriger Privatdozentur wurde Frege 1879 zum außerordentlichen
Professor ernannt und 1896 durch die Initiative von Rudolf Eucken schließlich zum or-
dentlichen Honorarprofessor, womit sich zwar an seinem rechtlichen Status nichts änderte,
wohl aber die Zusicherung eines jährlichen, durch die Carl-Zeiss-Stiftung ermöglichten
Einkommens verbunden war. Nach mehr als 20 Jahren akademischer Tätigkeit kam Frege
damit erstmals in den Genuss eines regelmäßigen, wenngleich bescheidenen Einkom-

65
Eucken (1921), 61.
66
Ernst Haeckel an Carl Theodor v. Siebold in einem Brief vom 5. März 1881. In Haeckel (1983),
158.
67
Siehe Kreiser (1997).
68
Ernst Haeckel an Anna Sethe in einem Brief zwischen dem 12. und 18. Mai 1861. In Haeckel
(1983), 80.
69
Frege (1873).
70
Frege (1874a).
71
Zum Inhalt siehe Gronau (2000). Eine umfassende historiographische Betrachtung von Freges
rein mathematischen Arbeiten steht noch aus.
72
Siehe Stelzner (1997).
73
Frege (1994), 1067.
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 11

mens. In der Zeit davor waren es die durch seine Mutter sichergestellten Subsistenzmittel,
zwischen 1876 und 1882 eine Unterrichtstätigkeit an einer höheren Bürgerschule, beschei-
dene und zum Teil nicht der Erwähnung würdige Kolleggelder aus Vorlesungen sowie ab
1881 eine kleine jährliche Aufwandsentschädigung durch die Universität, die Freges Aus-
kommen mehr schlecht als recht sicherstellten.
Am 14. März 1887 ehelichte er die acht Jahre jüngere Margarete Katharina Sophia
Anna Lieseberg und bezog mit ihr am 1. Juli desselben Jahres das durch Freges Mutter
finanzierte neu errichtete Haus im Forstweg Nr. 29. Die Jahre nach 1900 sollten für Frege
intellektuell, privat und auch akademisch zu einer besonders schweren Zeit werden. In
dem heute berühmten Brief vom 16. Juni 1902 teilte ihm Bertrand Russell die Ableitbar-
keit einer Antinomie mit, die ihn auf das Höchste bestürzt hat und die sein Lebenswerk
an den Rand des Scheiterns beförderte. Aus der daraus resultierenden Ratlosigkeit, die-
ses kategoriale Problem zu lösen, sollte sich Frege zeitlebens nicht mehr befreien können.
Am Ende hat er „die Meinung aufgeben müssen, daß die Arithmetik auch der Anschauung
keinen Beweisgrund zu entnehmen brauche“.74 Als am 25. Juni 1904 seine Frau und ein
gutes halbes Jahr später auch noch der von ihm verehrte Abbe verstarb, verlor Frege die
zwei wichtigsten Personen seines sozialen Gefüges. Mit dem Tod Abbes war nicht nur der
Verlust einer Person verbunden, die sich um das Verstehen seiner Arbeiten mühte, sie in
jedem Fall aber schätzte, sondern auch derjenige, der schützend seine Hand über ihn als
Hochschullehrer hielt, denn Frege war seiner „ganzen Art nach wenig dazu angethan, dem
Durchschnitts-Studenten besonderen Beifall abzugewinnen“.75
Freges Lehrveranstaltungen, die nicht durch rhetorisches Geschick, populär aufbereite-
te Themen oder einen überfüllten Hörsaal geprägt waren, gerieten nunmehr unverhohlen
in die Kritik. Als so etwa Freges Name 1909 im Zusammenhang einer möglichen uni-
versitären Würdigung Erwähnung findet, merkt wahrscheinlich der jüngst als Nachfolger
Heinrich von Eggelings eingesetzte Kurator der Universität Max Vollert an, er könne
„Herrn Frege zu keiner Auszeichnung vorschlagen, da seine Lehrtätigkeit untergeordneter
Art und für die Universität ohne besonderen Vorteil ist“.76 Vollert führt damit fort, was in
der Zeit nach Abbes Tod bereits die gemeinhin geteilte Auffassung der Universitätsoberen
war, denn „Frege ist noch nie ein guter Dozent gewesen“.77 Die ihm entgegengebrachte
abweisende Stimmung isolierte Frege weiter. Gesundheitlich angeschlagen verfiel er be-
reits 1906 nach Publikation seiner Aufsatzfolge „Über die Grundlagen der Geometrie“ für
12 Jahre (von wenigen Ausnahmen abgesehen) ins Schweigen. In dieser Zeit fand Frege
neuen familiären Halt. Auf Empfehlung seines Neffen, des Pastors Dr. Johannes Eberhard
Burghard von Lüpke, wurde Frege 1908 die Vormundschaft über das in des Pastors Ob-
hut befindliche Geschwisterpaar Paul Otto Alfred und Elsa Ella Toni Fuchs zugesprochen.

74
Frege (1924/25), 298.
75
Abbe (1955), 26.
76
Vollert zit. n. Rieske/Schenk (1968), 1210.
77
von Eggeling zit. n. Kreiser (ed.), 338.
12 Eine erste Annäherung

Mit fast 60 Jahren nahm Frege, dessen Ehe kinderlos geblieben war78 , lediglich den fünf-
jährigen Alfred bei sich auf, zu dem er eine herzliche Vater-Sohn-Beziehung entwickelte
und den er 1921/22 adoptierte.
Frege lehrte von 1874 bis zu seiner offiziellen Emeritierung zum Ende des Sommer-
semesters 1918 (mit krankheitsbedingten Unterbrechungen 1905 sowie ab 1913) in Jena
und gehörte Zeit seines akademischen Lebens der Philosophischen Fakultät und ab 1879
dem neu gegründeten mathematischen Seminar der Universität Jena an. Zu dieser Zeit
geschieht etwas Geschichtsträchtiges. Eine der ersten akademischen Aktivitäten des ma-
thematischen Seminars wird eine, für lange Zeit freilich unerkannt bleibende Weltneuheit
darstellen. Frege kündigt zum Wintersemester 1879/80 für Hörer aller Fakultäten erst-
mals eine Vorlesung „Ueber Begriffsschrift“ an79 , die in aller Unscheinbarkeit auch in
den Veranstaltungskolonnen der Jenaer Literaturzeitung auftaucht.80 Die wahrscheinlich
im 2. Stockwerk des alten Kollegiengebäudes der Universität publice gelesene Veranstal-
tung kommt auf eine stattliche Anzahl von 13 Teilnehmern. Seit den Anfängen institu-
tionalisierter Wissenschaft in der klassischen Antike zählten Inhalte der Logik in ihren
verschiedensten Ausprägungen und Variationen stets zum Curriculum unüberschaubar
vieler Studiengänge, vor allem seit Bestehen der abendländischen Universitäten. Doch der
akademische Wendepunkt zwischen dieser mehr als 2000jährigen Lehrtradition und dem
logischen Kanon des 20. Jahrhunderts wird markiert durch diese zweimal wöchentlich von
17 bis 18 Uhr im Fürstengraben 23 stattfindende Veranstaltung. Freges Vorlesung „Ueber
Begriffsschrift“ aus dem Wintersemester 1879/80 ist in der gesamten Wissenschaftshisto-
rie die erste Veranstaltung zur modernen formalen Logik, sie ist die Mutter aller modernen
Logikkurse und die Universität Jena der Ort ihrer Uraufführung. Die wissenschaftshistori-
sche Bedeutsamkeit dieses Ereignisses scheint selbst heute nicht weithin bekannt zu sein.
Vor Ort zeugt kein einziger Hinweis von der Existenz dieser akademischen Singularität,
geschaffen durch einen gerade einmal 31jährigen außerplanmäßigen Professor.
Ab dem Wintersemester 1883/84 wird Frege bis zum Ende seiner Lehrtätigkeit und
unbeirrt durch akademische Modethemen oder bescheidene Hörerzahlen fast in jedem
Studienjahr eine Vorlesung zur Begriffsschrift81 anbieten, am Ende werden es 36 sein.82
Bis auf vier dieser Veranstaltungen werden alle im Wintersemester angeboten, bis 1906/07
unter dem Titel „Ueber Begriffsschrift“, ab dem nachfolgenden Studienjahr lautet es ein-
fach nur noch „Begriffsschrift“. Mindestens zehn dieser Vorlesungen fallen aus, weil sich
überhaupt kein oder lediglich ein einziger Hörer findet, zwei weitere aus den Sommer-

78
Wahrscheinlich auf Wittgenstein (Anscombe/Geach (1961), 129) geht die anderslautende, aber
falsche Behauptung zurück, dass Frege leibliche Kinder gehabt hätte, die früh gestorben wären.
79
Kreiser (2001), 280.
80
Klette (ed.), 474.
81
Tritt der Ausdruck „Begriffsschrift“ nicht kursiv auf, dann wird er prädikativ gebraucht und be-
zeichnet – je nach Kontext – den durch Frege erfundenen Kalkültyp bzw. die für ihn bereitgestellte
formale Sprache. Vorkommnisse von „Begriffsschrift“ werden indes nominativ gebraucht und refe-
rieren ausnahmslos auf das gleichnamige Werk.
82
Vgl. Kreiser (2001), 280–284.
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 13

semestern 1917 und 1918 müssen aufgrund einer Erkrankung des Dozenten abgesagt
werden. Von den zehn Vorlesungen, die zwischen dem Wintersemester 1907/08 und dem
Wintersemester 1916/17 angekündigt wurden, fiel sicherlich zudem die eine oder andere
mangels Nachfrage aus. Da jedoch die Kontobücher nur bis zum Sommersemester 1907
geführt wurden83 , lässt sich das heute nur noch vermuten. Kommen sie indes zustande,
so erfüllen sie häufig gerade so die Bedingung „Tres faciunt collegium“. Herausragen-
de Ausnahme bildet die im Wintersemester 1903/04 samstags von 11 bis 12 Uhr publice
gehaltene Vorlesung, für die 21 Teilnehmer eingetragen waren. Ein weiterer, einsamer
Höhepunkt ist für das Sommersemester 1913 vermerkt. Nach einem bereits mehr als
30 Jahre währenden akademischen Unterricht in den Anfängen der Begriffsschrift bie-
tet Frege erstmals die Vorlesung „Begriffsschrift II“ an.84 Zu den Hörern dieser privatim
gehaltenen Veranstaltung zählt Rudolf Carnap, der in Freges Haus im Forstweg einen
Einblick in die begriffsschriftliche Aufbereitung der Grundlagen der Analysis erhält und
dem Fragen an die Hand gegeben werden, „die ich Ihrem weiteren Nachdenken emp-

83
Vgl. Kreiser (2001), 279.
84
Kratzsch (1979), 543.
14 Eine erste Annäherung

fehlen möchte“.85 Die Vertiefungsvorlesung bleibt eine Ausnahme, seine unermüdliche


Hartnäckigkeit in der forschenden Lehre ohne nennenswerte akademische Erfolge. Für
jene Vorlesungen über Begriffsschrift, für die Hörerzahlen dokumentiert sind86 , stellt sich
am Ende ein ernüchterndes Bild ein. Für 24 Veranstaltungen waren insgesamt 89 Perso-
nen eingeschrieben, das macht einen Durchschnitt von etwa 3,7 Hörer pro Vorlesung. Die
Begriffsschrift traf in fast 40 Jahren auch unter den Studierenden der Salana auf so gut wie
überhaupt kein Interesse.
Aus Anlass seines 70. Geburtstags und in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leis-
tungen sollte Frege durch die Erhalterstaaten der Universität, die ihm bereits 1903 den Ti-
tel eines Hofrates verliehen hatten, mit einem Orden geehrt werden. Allein die politischen
Umwälzungen des Jahres 1918 vereitelten diesen öffentlichen Akt, der zugestandenerma-
ßen eher einem Standardverfahren, als einem individuell begründeten Anliegen geähnelt
hätte. Im Verlaufe eben jenes Jahres zieht Frege zurück in seine mecklenburgische Heimat
nach Bad Kleinen, das keine 20 Kilometer von Wismar entfernt liegt. Das Auskommen
im Alter wird erleichtert durch den unverhofften Erhalt eines Geldgeschenkes von Ludwig
Wittgenstein, der ihn als einer der Wenigen mehr denn je verehrt, und der mit der mone-
tären Zuwendung eine „grosse Dankesschuld“87 zum Ausdruck bringt. Frege ist sichtlich
gerührt, in Wittgensteins intellektueller Entwicklung eine derart bedeutsame Rolle einge-
nommen zu haben. „Wenn dabei die Worte, die ich mit Ihnen gewechselt habe, in ihren
Wirkungen weiter leben werden, so ist das für mich ein tröstlicher Augenblick. Möge es
Ihnen, lieber Freund, vergönnt sein, noch etwas von diesen Wirkungen zu erleben“.88 In
der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1925 verstirbt Frege im 77. Lebensjahr. Die akade-
mische Welt nimmt davon keine Notiz. „Gleich nach seinem Tod war er vergessen“.89
„Niemand hat ihm ein Denkmal gesetzt“.90
Freges wissenschaftliche Entwicklung erfolgte weder im sozialen Rahmen einer ma-
thematischen oder philosophischen Schule noch hatte er einen akademischen Lehrer, als
dessen Schüler im gehaltvollen Sinne er bezeichnet werden könnte. In diesem Verständnis
ist Frege beginnend mit seiner Arbeit an der modernen Aussagen- und Prädikatenlogik ab
Mitte/Ende der 1870er Jahre ein intellektueller Einzelgänger gewesen, dessen Erfindung
der Begriffsschrift ein geradezu unerklärlicher Geniestreich ist. Vom Bild eines „vernetz-
ten“ Wissenschaftlers war er weit entfernt. Akademisch immobil partizipierte Frege, der
Zeit seines Lebens auch keine Schüler hatte, so gut wie überhaupt nicht am nationalen
oder internationalen Tagungsgeschehen. Einer Einladung Louis Couturats zum Congrès
international de Philosophie in Paris 1900 lehnte er ab, obgleich sich dort die Möglich-
keit zu einem persönlichen Treffen mit Giuseppe Peano ergeben hätte, mit dem er nicht

85
Frege (1996), 41.
86
Kreiser (2001), 281–283.
87
Wittgenstein zit. n. Frege (1989), 16.
88
Frege an Wittgenstein in einem Brief vom 9. April 1918. In Frege (1989), 16.
89
Kreiser (2001), 254.
90
Scholz (1941a), 268.
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 15

nur seit ca. 1894 in Briefkontakt stand, sondern der zu den Wenigen zählte, die mit Frege
in Fragen der Logik auf Augenhöhe diskutieren konnten. Es sollte aber dieser Kongress
werden, auf dem sich Peano und der junge Russell begegneten und Letzterer durch den
italienischen Mathematiker auf Frege aufmerksam gemacht wurde.91
Selbst eine spätere, überaus verlockende Einladung seines Brieffreundes Russell, auf
dem fünften internationalen Mathematiker-Kongress (der besten Tagungsadresse für Ma-
thematiker) in Cambridge einen Vortrag zu halten, konnte und wollte Frege nicht an-
nehmen, obgleich ihm die Absage „schwer auf der Seele“92 lag. „Ich weiss die Ehre
ganz zu schätzen, die Sie mir durch die Aufforderung erwiesen haben, am Mathematiker-
Kongresse teilzunehmen und dort einen Vortrag zu halten, und doch kann ich mich nicht
entschliessen, ihr Folge zu leisten. Ich sehe ein, dass ich gewichtige Gründe habe, nach
Cambridge zu gehen, und doch fühle ich etwas wie ein unüberwindliches Hindernis“.93 So
verstrich die einmalige Möglichkeit für ein persönliches Treffen, Frege und Russell sollten
einander nie begegnen. Indes beschränkte sich seine Vortragstätigkeit fast ausschließlich
auf den Jenaer Raum und bis auf die Göttinger Studienjahre war er zudem mit keiner an-
deren Hochschule bekannt als mit seiner Salana. Lediglich ein einziges Mal referierte er
jenseits der Stadttore Jenas über die Begriffsschrift. Auf der 67. Versammlung der Gesell-
schaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Lübeck hielt er Mitte September 1895 einen
Vortrag mit dem Titel „Über die Begriffsschrift des Herrn Peano und meine eigene“, mit
dem er auf die unmittelbar zuvor erschienene, von Giuseppe Peano verfasste Besprechung
des ersten Bandes seiner Grundgesetze replizierte. Es blieb sein einziger auswärtiger Vor-
trag überhaupt.
Auch wenn dieser „versonnene Grübler“94 in Jena „ein fast nur geduldetes, kaum von
irgend jemandem ernstgenommenes Anhängsel“95 war, so bedeutet dies jedoch nicht,
dass Freges Forschung in vollständiger Isolation erfolgte. Zwar sind seine Schriften nicht
gerade reich an erhellenden Bezügen auf Arbeiten anderer, allerdings ist es der Fregefor-
schung vor allem in den vergangenen 30 Jahren gelungen, eine Vielzahl von Einflüssen
auszuzeichnen. Wir sprechen hier nicht nur von den großen, im Hintergrund befindli-
chen Figuren, denn die systematisch zentralen Bezüge zu Leibniz und schließlich auch
Kant sind ebenso offensichtlich wie seit jeher unstrittig – allenfalls deren Gewichtung
variiert. Interessanter ist dann schon die Frage, über wen bzw. welche Werke die bei Fre-
ge anzutreffenden Leibniz- und Kantverständnisse vermittelt worden sind. Unstrittig ist
indes, dass sich viele Gemeinsamkeiten mit dem Neukantianismus, vor allem der süd-
westdeutschen Schule aufweisen lassen.96 Der Einfluss von Wilhelm Windelband sowie
Otto Liebmann (und zumindest über diese beiden auch jener von Hermann Lotze) auf Fre-

91
Nidditch (1963), 109.
92
Frege an Russell in einem Brief vom 09. Juni 1912. In Frege (1976), 252.
93
Frege an Russell in einem Brief vom 09. Juni 1912. In Frege (1976), 252.
94
Auerbach (1918), 162.
95
Scholem (1977), 110.
96
Gabriel (1986); Peckhaus (2000).
16 Eine erste Annäherung

gesche Argumentationen und Beispiele ist nicht von der Hand zu weisen. Zentral betrifft
dies nicht nur die hier wie dort erfolgte fulminante Verteidigung der Geltung-Genese-
Unterscheidung sowie die Ablehnung empiristischer, spekulativer oder sensualistischer
Ansätze, sondern auch die übereinstimmende Beurteilung der epistemologischen Priorität
der Euklidischen Geometrie gegenüber den nicht-euklidischen Theorien. Weitere Bezü-
ge lassen sich etwa zum Neofriesianismus Leonard Nelsons oder der Philosophie Johann
Friedrich Herbarts herstellen.97
Die größte Vielfalt philosophischer Einflussnahmen erfolgte sicherlich über den „Je-
naer Mikrokosmos“98 – jener aus Gelehrten und Bildungsbürgertum bestehenden Welt im
provinziellen Jena, in dem sich Frege mehr als vier Jahrzehnte bewegte und das sich ge-
rade in dieser Zeit zu einer modernen Industrie- und Universitätsstadt entwickelte. „Unter
den damaligen Kollegen gab es eine Fülle bedeutender und sympathischer Persönlichkei-
ten, die teilweise weit über Jena, ja über Deutschland hinaus bekannt waren“.99 Liebmann
gehörte diesem Kosmos ebenso an wie der Philosoph Kuno Fischer, der Neukantianer
und enzyklopädisch gebildete Verfasser der elfbändigen Geschichte der neuern Philoso-
phie, bei dem Frege noch über Kant gehört hatte. Zu einem eingehenderen Verständnis
der kantischen Lehren gelangte er aber erst über den Neukantianer Bruno Bauch, der ab
1911 Liebmanns Nachfolger in Jena wurde.100 Zu diesem Mikrokosmos gehörte neben
Leo Sachse101 , der in seine thüringische Heimat zurückgekehrt war und der wie Frege ab
1887 im Forstweg wohnte, auch der Philosoph und (seit 1908) Literaturnobelpreisträger
Rudolf Eucken, über den Frege seit den späten 1870er Jahren unter anderem Kenntnis von
Schriften Friedrich Adolf Trendelenburgs erhielt.102 Doch der Einfluss von Eucken, der
ebenfalls ab 1887 sogar vis-à-vis zu Frege im Forstweg lebte und der gleichermaßen von
den Einsichten seines Nachbarn zehrte, reicht deutlich weiter. Auf ihn geht die Einordnung
von Freges Kalkülisierung der modernen Logik in die Leibniztradition ebenso zurück wie
die Empfehlung einzelner philosophisch-logischer Termini oder das Anliegen, das Ver-
hältnis zwischen Begriff und zugrundeliegendem Ausdruck näher hin zu bestimmen.103
Die räumliche Nähe zwischen Frege und Eucken wurde noch übertroffen durch den Alt-
philologen Rudolf Hirzel, der für 24 Jahre Mieter in Freges Haus war. Lange wurde in
der Fregeforschung darüber gerätselt, was die Gründe für die Ähnlichkeiten zwischen der
stoischen Aussagenlogik sowie Semantik und den entsprechenden Ausführungen Freges
sind: ein bloßer Zufall, ein direkter Einfluss, eine vermittelte Rezeption? Erst in der jünge-
ren Vergangenheit konnte geklärt werden104 , dass Frege über Hirzel nicht nur mit Dialogen
aus der platonischen Schule bekannt gemacht wurde, sondern auch mit der Philosophie der

97
Peckhaus (2000), 199ff.; Gabriel (2001).
98
Umfassend bereits bei Dathe (1992).
99
Eucken (1921), 62.
100
Schlotter (2006).
101
Heblack (1997).
102
Gabriel (2006).
103
Dathe (1995); (1997a).
104
Gabriel et al. (2009).
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 17

Stoa. Hirzel wurde wahrscheinlich ab 1890 zu einem der wichtigsten Gesprächspartner,


womit Freges Bekanntschaft mit der für die Stoa zentralen semantischen Unterscheidung
zwischen vollständigen Lekta (Aussagen, Fragen) und unvollständigen Lekta (Prädikaten)
in eine Zeit fällt, in der er selbst an seinen grundlegenden semantischen Unterscheidun-
gen arbeitete. Nach allem, was wir wissen, war Frege also in das geistige Leben Jenas gut
eingebunden und erfuhr durch die Vielzahl an Gesprächen eine Vielfalt an Anregungen
für seine eigene Forschung.
Diese sozio-akademischen Verflechtungen innerhalb des Jenaer Mikrokosmos liefern
indes keinen Gradmesser für eine angemessene zeitgenössische Wertschätzung von Fre-
ges Werk, die es schlicht und ergreifend nicht gab. Freges Weltruhm wurde nicht zu
Lebzeiten und erst recht nicht in Jena begründet.105 Die Thüringer Provinzstadt war für
Freges Denken eben nicht der akademische Makrokosmos, die große Bühne der interna-
tionalen Wissenschaft. Ob Frege letztere überhaupt hätte betreten wollen, daran kann in
Anbetracht so mancher biographischen Episode zu Recht gezweifelt werden. Unstrittig
ist sogar, dass es während seiner viereinhalb Jahrzehnte währenden akademischen Tätig-
keit vor Ort keinen Wissenschaftler kongenialen Zuschnitts gab, der den bahnbrechenden
Charakter seines Werkes auch nur im Ansatz erkannt hätte. Dem Jenaer Mikrokosmos
der Zeit gehörten fraglos herausragende Gelehrte des deutschen Kaiserreichs an, führen-
de Altphilologen, Zoologen oder auch Philosophen ihrer Generation. Doch unter ihnen
befand sich niemand, der ein durchdringendes Verständnis von Freges Schriften gehabt
hätte. Selbst Ernst Abbe, der verehrte Lehrer und Förderer, hält die Begriffsschrift keines-
wegs für „ein glückliches wissenschaftliches Debut“.106 Obgleich er immerhin anerkennt,
dass Frege „in seinem wissenschaftlichen Haushalt gewiß nicht von der Hand in den Mund
lebt“107 , gelangt er zu der, Freges wissenschaftliche Visionen vollkommen verkennenden
Fehleinschätzung, dass die Begriffsschrift „nur ein Nebenprodukt seiner mathematischen
Forschung“108 ist. Der „sehr eigenartige Ideenkreis dieser Schrift“109 fällt parasitär ab von
der eigentlichen Forschung, ist damit nebensächlich, vielleicht sogar verzichtbar. Für den
Autor war sie alles andere als dies. Er lässt sogar die vielversprechende Aussicht auf ei-
ne ordentliche Professur für Mathematik wissentlich verstreichen, nur um ungestört und
ohne akademische Kompromisse der Entwicklung seiner neuen logischen Werkzeuge in
aller gebotenen Gründlichkeit nachgehen zu können.110 Für Frege ist die Begriffsschrift
kein Nebenprodukt, sondern sie ist der Inbegriff seines wissenschaftlichen Daseins.
Sie ist für ihn sowohl methodischer Ursprung wie auch chronologischer Ausgangs-
punkt seines wissenschaftlichen Lebenswerkes, das bis zu seinem Tod und in den späten
Jahren durch Selbstzweifel geprägt um das „Urproblem der Arithmetik“ kreist: „wie fas-

105
Hierzu umfassend Wille (2016b).
106
Abbe (1955), 27.
107
Abbe (1955), 27.
108
Abbe (1955), 27.
109
Abbe (1955), 27.
110
Kreiser (2001), 373f.
18 Eine erste Annäherung

sen wir logische Gegenstände, insbesondere die Zahlen? Wodurch sind wir berechtigt,
die Zahlen als Gegenstände anzuerkennen?“.111 Hier wurde nicht nach einer tentativen,
ungefähren Antwort Ausschau gehalten, sondern das Problem sollte ein- für allemal ver-
bindlich geklärt werden. Dies setzte voraus, dass eine Logisierung der Arithmetik nicht
postuliert, als möglich erwogen oder vage skizziert wurde, sondern dass sie durchzuführen
war. Doch kein Logizismus ohne Logik, denn ob eine Zurückführung der Arithmetik auf
eine zugrundeliegende Logik technisch gelingt und philosophisch überzeugt, hängt we-
sentlich vom investierten Referenzsystem ab. Erst die Logik, dann der Logizismus. Freges
Lebenswerk entfaltete sich innerhalb von gerade einmal eineinhalb Jahrzehnten in vier
Etappen, wobei seine Schöpfungskraft in dieser Zeit ein halbes Duzend an bahnbrechen-
den Werken hervorbrachte. Auch seine Ausnahmestellung gab sich in der kontinuierlichen
Brillanz zu erkennen. Ein exzellentes Buch macht noch keinen großen Denker, der Ansatz
fürs Epische gibt sich erst ab dem zweiten zu erkennen.
Während 1879 die moderne formale Logik durch die Begriffsschrift begründet wird,
vollzieht derselbe Autor nur fünf Jahre später mit Die Grundlagen der Arithmetik ei-
ne sprachanalytische Meisterleistung. Ausgehend von der kritischen Betrachtung einer
ganzen Vielfalt überkommener Begriffsverständnisse wird nicht nur die Semantik von
Anzahlaussagen vorbildlich geklärt, sondern darüber hinaus wird eine zukunftsfähige An-
zahldefinition per Abstraktion bereitgestellt, das ihr zugrundeliegende definitionstheore-
tische Schema vorzüglich durchdrungen. Bevor Frege schließlich 1893 mit dem Band
I seiner Grundgesetze der Arithmetik zum Vollzug des gewaltigen Logizismusprojektes
schreitet, werden durch kleinere Einzelveröffentlichungen aus den frühen 1890er Jahren
wegweisende Weiterentwicklungen seines Systems und damit im Zusammenhang stehen-
de Klärungen vorgenommen. Während mit Function und Begriff entscheidende Verbes-
serungen für den Begriffsschriftkalkül der zweiten Generation in den Grundgesetzen be-
reitgestellt werden und in diesem Zusammenhang die fundamentale Funktion-Argument-
Unterscheidung eine beeindruckende logico-semantische Analyse erfährt, wird dies ein
Jahr später in „Ueber Begriff und Gegenstand“ flankiert durch das seit 1887/88 verfolg-
te, sich aber letztlich aus den Grundlagen speisende Klärungserfordernis einer logico-
epistemologischen Analyse der Begriff-Gegenstand-Unterscheidung. Mit seiner Untersu-
chung des Logischeinfachen ist Frege an den Grenzen des Ausdrückbaren angelangt, die
normierte Wissenschaftssprache bedarf der Amtshilfe durch die Metaphorik. Beschlos-
sen werden diese fundamentalen systematischen Entwicklungsschritte durch die ebenfalls
1892 publizierte Studie „Über Sinn und Bedeutung“, deren semantische Neuerungen es
Frege endlich gestatten, das noch in der Begriffsschrift anzutreffende Problem einer an-
gemessenen Analyse von Identitätsaussagen zu beheben. Der fundamentale Charakter der
Sinn-Bedeutung-Unterscheidung zeigt sich jedoch nicht nur auf der Ebene der Eigen-
namen, sondern entfaltet sein beachtliches Potenzial nicht zuletzt auf der Ebene ganzer
Behauptungssätze. Mit den fundamentalen Einsichten dieser Untersuchung ist Frege im
Besitz eines semantischen Werkzeuges, um Wahrheitswerte als Gegenstände behandeln
zu können. Das Projekt der Grundgesetze kann endlich in Angriff genommen werden.

111
Frege (GGA II), 265.
§ 3 Der „versonnene Grübler“ 19

Die bahnbrechenden Errungenschaften der besagten vier Etappen 1879, 1884, 1891/92,
1893 waren zeitgenössisch weder in Jena noch andernorts bekannt. Frege wurde „un-
begreiflich übersehen“.112 Erste dezente, aber wirkungsgeschichtlich letztlich erfolglose
Rezeptionen, durch die immerhin für einzelne sukzessiv der monumentale Charakter des
Werkes offensichtlich wird, setzen nach 1900 mit Bertrand Russell und Philip Jourdain
ein.113 Zu diesem Zeitpunkt blickt der Autor bereits auf ein gutes Vierteljahrhundert
begriffsschriftlicher Forschung zurück und es überrascht kaum die Einsicht, wenn „ich
meine Begriffsschrift jetzt wieder lese, finde ich, dass ich in manchen Punkten anderer
Ansicht geworden bin“.114 Dies betrifft vornehmlich technische Verfeinerungen. Für die
großen systematischen Entwürfe, wie etwa die Theorie der Quantifikation, kann nach wie
vor festgestellt werden: „Wenn man meine nun schon 28 Jahre alte Begriffsschrift zu Rate
zieht, findet man die Antwort auf eine solche Frage ohne weiteres“.115 Doch erst in den
späten 1930er Jahren wird durch das Ausnahmekönnen Alonzo Churchs sowie die distin-
guierte Institution des Journal of Symbolic Logic (JSL) Freges Weltruhm und die exklusive
Rolle der Begriffsschrift begründet.116 Alles beginnt mit der legendären Bibliography of
Symbolic Logic, für welche der Princetoner Logiker unter den mehr als 2000 geführten
Werken exakt elf benennt, die für die Entwicklung der modernen formalen Logik funda-
mentale Weichen gestellt haben. Sieben der benannten acht Autoren sind bereits berühmt,
doch es ist die unbekannte Nummer Acht, die als einzige mit allen ihren monographischen
Hauptwerken in dieser Liste vertreten ist.117 Der unbekannte Autor ist Gottlob Frege und
das erste der genannten Werke ist die Begriffsschrift.

Der erste Eintrag zu Frege in A Bibliography of Symbolic Logic. Die höchst selten vergebene

-Bewertung zeigt es an: Die Begriffsschrift enthält „the first appearance of a new idea of fun-
damental importance“.118

112
Scholz (1935a), 23.
113
Ausführlich hierzu Wille (2016b), 67–104.
114
Frege an Russell in einem Brief vom 22. Juni 1902. In Frege (1976), 213.
115
Frege an Husserl in einem vom 30. Oktober bis zum 01. November 1906 verfassten Brief. In
Frege (1976), 104.
116
Ausführlich hierzu Wille (2016b), 151–215.
117
Church (1936), 135.
118
Church (1936), 122.
20 Eine erste Annäherung

In den nachfolgenden Jahrzehnten, bis auf den heutigen Tag, sollte das führende Peri-
odikum für symbolische Logik, dieses lebendige Abbild der internationalen logistischen
Forschung, ausführlich Bezug nehmen auf diese exzeptionelle Schrift. Das JSL-interne
bibliographische Kürzel 491 wird zum Synonym der autorisierten Bezugnahme auf ein
Werk, das nunmehr jeder kennt und kennen muss. Davon wagte selbst jener nicht zu träu-
men, der einst an der Saale dem Werk zur publizistischen Geburt verhalf.

§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“:


die verlegerische Heimat119

Der ehemalige Hallenser Verlagsbuchhändler Louis Nebert würde heute wahrscheinlich


nur noch zum unbestimmt Mannigfaltigen der Vergangenheit gehören, wäre da nicht die
Begriffsschrift. In ihrem Gefolge konnten die bibliographischen Urkoordinaten nicht in
Vergessenheit geraten. Ein halbes Jahrhundert stetiger Werkzitation hat Neberts Namen im
Kollektivgedächtnis des wissenschaftlichen Schrifttums fest eingeprägt. Die Publikation
von Freges unzeitgemäßer Untersuchung erwies sich als eine verlegerische Großtat, doch
kam dies erst zu Bewusstsein, als es Autor, Verleger und auch Verlag schon nicht mehr gab.
Es ist diese Konstellation, die aus dem bloß historisch Einzelnen das historiographisch
Besondere werden lässt. Grund genug, sich der verlegerischen Heimat der Begriffsschrift
zu erinnern.
Im Jahr vor der deutschen Reichsgründung geboren, erreichte der Verlag von Louis
Nebert gerade einmal das Alter eines Menschen. Seine durchaus wechselvolle Biographie
gliedert sich in drei Lebensabschnitte. Dabei erlangte er die größte Reife bereits im jungen
Alter. In den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens gestaltete sich die Entwicklung des
Verlages überaus vielversprechend, er befand sich auf dem besten Weg, langfristig zu
einem der führenden Fachverlage für Mathematik zu werden. Das Haus von Louis Nebert
hatte das Potenzial für eine akademische Institution.
Am 1. Januar 1870 empfiehlt er „meine Unternehmungen Ihrem geschätzten Wohl-
wollen“ und macht der deutschen Verlagswelt „die ergebene Mittheilung, dass ich am
hiesigen Platze eine Verlags-Buchhandlung unter meinem Namen eröffnet habe“.120 Der
besondere Charakter der Firma zeigt sich sogleich im ersten Verlagsprogramm. Bereits
durch „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“121 tritt im Kleinen in Erscheinung,
was das Unternehmen in den nachfolgenden 30 Jahren auszeichnen sollte. Ein exquisites
Angebot an mathematischer Fachliteratur wird ergänzt um philosophisch inspirierte trans-
disziplinäre Studien und schließlich abgerundet durch Werke, mit einem lokalgeschichtli-

119
Dieser sowie der nachfolgende Paragraph repräsentieren einen in einzelnen Teilen gekürzten, in
anderen Teilen leicht erweiterten Wiederabdruck von Wille (2016a).
120
Louis Nebert, Geschäftsrundschreiben vom 1. Januar 1870. Deutsche Nationalbibliothek (Leip-
zig), Signatur Bö-GR/N/103. Datensatz-Link: http://d-nb.info/110737829X.
121
Louis Nebert, Geschäftsrundschreiben vom 1. Januar 1870. Deutsche Nationalbibliothek (Leip-
zig), Signatur Bö-GR/N/103. Datensatz-Link: http://d-nb.info/110737829X.
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat 21

chen Kolorit. Im Gründungsprogramm wird der prospektive mathematische Schwerpunkt


verheißungsvoll vertreten durch Johannes Thomaes Abriss einer Theorie der comple-
xen Functionen und der Thetafunctionen einer Veränderlichen122 , ein Lehrbuch, das vor
allem für das Begleitstudium zu universitären Vorlesungen über elliptische Funktionen
konzipiert wurde. Ausgehend von der Aufbereitung grundlegender Sätze aus der allge-
meinen Funktionentheorie werden die fundamentalen Eigenschaften der Thetafunktionen
einer Veränderlichen entfaltet, wobei der von Thomae gewählte Zugang zum algebrai-
schen Funktionenbereich und seinen Integralen über Riemannsche Flächen erfolgt. 1870
ein hoch modernes Lehrbuch und auch heute noch ein akademischer Lektüregenuss.
Den ersten Programmrepräsentanten für die transdisziplinären Studien liefert Wilhelm
Bette. Mit seinen Unterhaltungen über einige Capitel der Mécanique céleste und der Kos-
mogonie123 setzt er sich mit der Leistungsfähigkeit der Astronomie bei der Lösung chro-
nologischer Schwierigkeiten in historischen Dokumenten auseinander. Im Mittelpunkt
steht hierbei vor allem die Zuverlässigkeit bei Datierungsfragen zur griechischen My-
thologie. Es geht also nicht um das prognostische Potenzial von astronomischen Be-
rechnungen, sondern um deren retrodiktive Aussagekraft. Bettes Erörterung ist inspiriert
durch Descartes, Newton und vor allem Laplace. Die regionalhistorische Note im 1870er
Urprogramm setzt schließlich Wie mir’s erging. Autobiographische Skizzen.124 Der Au-
tor August Wiegand war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung technischer Direktor der
Lebensversicherungs-Gesellschaft „Iduna“ zu Halle a/S. Doch als ehemaliger Lehrer der
Mathematik und Naturwissenschaften an der lateinischen Hauptschule zu Halle, am Dom-
gymnasium zu Naumburg a/S., an der höheren Bürgerschule zu Halberstadt sowie an
der Realschule zu Halle umfasst die Lebensgeschichte 40 Jahre, deren Mittelpunkt die
umfangreichen Erfahrungen im Lehrerdienst darstellen. Nicht nur als eine Individual-,
sondern als eine Standesgeschichte verfasst, machte der vormalige Abdruck einzelner Epi-
soden in Journalen vor allem auf ehemalige Kollegen einen derart starken Eindruck, dass
Wiegand nach eigener Auskunft zur monographischen Niederschrift der gesamten Ge-
schichte bewogen wurde.125
Es hat fast den Anschein, als ob diese im Klein-Oktav-Format gedruckte Schrift die
erste Publikation des Verlages überhaupt gewesen ist. Zumindest wird auf dem Rückde-
ckel von Bettes Unterhaltungen Wiegands Autobiographie als einziger Titel beworben,
der „in demselben Verlage erschien“. Thematisch hätte sich an dieser Stelle eine Anzeige
zu Thomaes Abriss sogar eher angeboten, wenn es das Lehrbuch zu diesem Zeitpunkt be-
reits im Buchhandel gegeben hätte. Das scheint nicht der Fall gewesen zu sein, immerhin
wird der gesamte Platz des abschließenden Buchdeckels von Bette überaus umfänglich
auf Wie mir’s erging verwendet, unter großzügiger Zitation aus den Rezensionen. Der

122
Thomae (1870).
123
Bette (1870).
124
Wiegand (1870).
125
Wiegand (1870), IIIf.
22 Eine erste Annäherung

Verlagserstling war also offensichtlich die bewegende Lebensgeschichte eines Mathema-


tiklehrers. Ein Beginn mit rührender Note.
Diese sowie alle weiteren unter Neberts Ägide verlegten Schriften wurden entweder bei
Erhardt Karras oder H. W. Schmidt hergestellt, beides ortsansässige Buchdruckereien. Die
räumliche Nähe mag nicht der einzige Grund für die Zusammenarbeit zwischen dem Ver-
lag und den beiden Druckereien gewesen sein. Karras und Schmidt konnten offenkundig
den hohen Anforderungen gerecht werden, die Nebert an den Produktionsprozess stell-
te. Nimmt man die hergestellten Bücher zur Hand, so vermögen sie selbst den heutigen
Betrachter durch ihre anhaltend bestechende Qualität in Druck und Papier zu faszinieren.
Fast erhält man den Eindruck, als ob dem überaus fein gearbeiteten Papier die Zeit über-
haupt nichts anhaben könnte. Selbst nach 120 oder gar mehr Jahren wirken die meisten
Bücher frisch, wie gerade erst gedruckt, und begeistern durch die Präzision ihres Drucks.
In den Genuss einer derart hochwertigen bibliophysischen Realisierung kam selbstver-
ständlich auch die Begriffsschrift und so verwundert es nicht, wenn Alonzo Church in der
Betrachtung eines gut 70 Jahre alten Exemplars wertschätzend festhält: „the type is very
clear in the books as originally printed“.126
Beim Setzen der Formelbestände unterliefen der Druckerei indes einige Versehen, die
den Begriffsschriftsatz – retrospektiv betrachtet – etwas unausgereift erscheinen lassen.
Da treffen wir etwa im II. und III. Teil der Schrift des Öfteren auf Formeln, bei denen die
Höhlung nicht hinreichend durch die beidseits erforderlichen waagerechten Inhaltsstriche
flankiert wird, sondern umgehend in Bedingungsstriche übergeht wie etwa in den Fällen
von

Besonders auffällig ist zudem eine Abweichung im Bestand der Urzeichen, die sich durch
das gesamte Werk zieht. Für die logische Operation der Verneinung sah Frege einen
„kleinen senkrechten Strich“ (§ 7) vor. Doch er kommentierte damit nicht den von ihm
eingeführten vertikalen Verneinungsstrich , sondern die von der Druckerei verwendete
syntaktische Variation einer auf dem Kopf stehenden Eins. Diese Satzinterpretati-
on war freilich nicht sinnentstellend, unerkannt blieb sie dank des bestechend scharfen
Druckbildes dennoch nicht. „Das beim Druck der Schrift eine umgekehrte Eins verwen-
det ist, scheint nicht in der Absicht des Verfassers gelegen zu haben; dem Auge ist die
umgekehrte Zahl jedenfalls unangenehm“.127
Die Verlagsauslieferung dieser hochwertigen Druckerzeugnisse erfolgte über die Leip-
ziger Buchhandlung von Friedrich Volckmar, die als buchhändlerischer Kommissionär im
Auftrag, im Namen und für Rechnung Neberts tätig war.128 Bereits in den ersten Jahren

126
Church (1948).
127
Michaëlis (1880), 236.
128
Louis Nebert, Geschäftsrundschreiben vom 1. Januar 1870. Deutsche Nationalbibliothek (Leip-
zig), Signatur Bö-GR/N/103. Datensatz-Link: http://d-nb.info/110737829X.
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat 23

seines Bestehens besticht der Verlag durch die Publikation mathematischer Schriften mit
einer hohen satztechnischen Qualität. Sukzessiv gewinnt er immer mehr Mathematiker als
Autoren. Das mathematische Programmspektrum gestaltet sich mit der Zeit immer diffe-
renzierter und umfasst schließlich nicht nur Forschungspublikationen und akademische
Curricularwerke, sondern auch Lehrschriften für den Schulunterricht sowie Veröffentli-
chungen mathematikhistorischen Zuschnitts. Spätestens in den 1890er Jahren darf der
Verlag von Louis Nebert zu den führenden mathematischen Fachverlagen im Kaiserreich –
freilich hinter B. G. Teubner in Leipzig – gezählt werden.
In der Autorenliste treffen wir auf klangvolle Namen, die zum Teil während der Zeit
ihres literarischen Schaffens für den Hallenser Verlag zu Ansehen gelangten oder bereits
als renommierte Forscher den Weg zu Nebert fanden. So etwa der Gauß-Schüler und Göt-
tinger Professor Alfred Enneper, der vor allem mit Beiträgen zur Differentialgeometrie,
im Besonderen zur Flächentheorie, sowie zur Funktionentheorie hervorgetreten war, und
der 1876 eine Anthologie eigener akademischer Vorträge zur Theorie und Geschichte der
elliptischen Funktionen bei Nebert verlegte129 , die ebendort posthum zudem in zweiter
Auflage erschien. Spätestens ab 1877 gehörte auch der junge Erlanger Privatdozent und
spätere Münchener Professor Siegmund Günther zum Autorenkreis. Der Ansbacher Gym-
nasialprofessor ist uns heute noch durch seine Beiträge zur Methodik des Mathematik- und
Geographieunterrichts bekannt, zu denen unter anderem seine in Halle verlegten Studien
zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie130 gehören. Von der
Vielzahl seiner weithin beachteten Lehrbücher erschien bei Nebert immerhin Die Lehre
von den gewöhnlichen und verallgemeinerten Hyperbelfunktionen131 , mit der eine umfas-
sende Aufbereitung der zur damaligen Zeit vor allem in Frankreich und Italien geschätzten
Theorie der Hyperbelfunktionen geleistet werden sollte, um die Vorzüge ihrer Anwendung
endlich auch im deutschsprachigen Raum zur Verbreitung zu bringen.
Schließlich gehört zum erlesenen Kreis der namhaften Nebert-Autoren der bereits
erwähnte Freiburger und spätere Jenaer Professor Carl Johannes Thomae, dessen pro-
duktivste Schaffensphase aufs Engste mit dem Hallenser Verlagshaus verknüpft ist. Der
Riemann-Schüler im Geiste, dessen Vielseitigkeit sich auch und gerade in seinen bei
Nebert verlegten Monographien widerspiegelt, hat vor allem mit den Publikationen auf
seinen Hauptarbeitsgebieten, der komplexen Funktionentheorie, Analysis und Geometrie,
erheblich zum Erfolg des mathematischen Verlagsprogramms von Louis Nebert beigetra-
gen. In der mathematischen Grundlagenforschung ist er nicht zuletzt durch ein kleines
literarisches Denkmal in Erinnerung geblieben, auf das er gerne verzichtet hätte. Wie so
manch anderer auch, wurde ebenfalls Thomae ein prominentes Opfer Fregescher Kri-
tik, die sich in der Sache zwar meistens trefflich gestaltete, stilistisch indes häufig mit
schonungsloser Ironie und bissiger Polemik einherging. Die Anfänge dieser Auseinander-
setzung über Thomaes formale Arithmetik stammen aus dem Jahr 1884, nachdem beide

129
Enneper (1876).
130
Günther (1877a), (1877b), (1878a), (1878b), (1878c), (1879).
131
Günther (1881).
24 Eine erste Annäherung

immerhin gut fünf Jahre einvernehmlich in Jena zusammengearbeitet hatten. Doch mit
seiner „Antwort auf die Ferienplauderei des Herrn Thomae“132 gibt Frege nun auch „urbi
et orbi“133 zu erkennen, dass er den „schwächlichen Denker“134 Thomae „für unfähig
hält, seine tieferen Deduktionen zu begreifen“.135 Nur gut, dass es hier für Louis Nebert
nichts mehr zu schlichten gab.
Unter den Autoren des Verlages genießt Thomae noch einmal eine Sonderstellung.
Er gehört nicht nur zu den Gründungsautoren der Firma, jener kleinen Gruppe von Per-
sonen, die mit publizistischen Kontributionen das Urprogramm des Verlages konstituiert
haben. Thomae dürfte darüber hinaus auch der produktivste Autor des Verlages während
der Nebert-Ära gewesen sein. Neun monographische Werke im Gesamtumfang von 12
Ausgaben erschienen im Zeitraum von 1870 bis 1898 in seinem Hallenser Stammverlag.
Wie gravierend die Veränderungen im Verlag durch den Wechsel in der Geschäftsführung
1900 gewesen sein müssen, wird ebenfalls am Beispiel Thomaes deutlich. Der Jenaer
Mathematikprofessor, der Louis Nebert 28 Jahre die Treue hielt, länger als jeder ande-
re Autor des Verlages, verlässt nach dem Wechsel an der Firmenspitze den Verlag und
publiziert seine neuen Bücher ab jetzt beim großen Konkurrenten aus Leipzig. Thomaes
Expertise sowie sein schriftstellerisches Geschick als Mathematiker waren in Halle offen-
kundig nicht länger gefragt. Auch mag es zutreffen, dass ihn nach der Ära Nebert mit dem
Verlag unter seinem neuen Eigentümer nicht mehr viel verband. Thomaes Abwanderung
nach Leipzig ist gleichermaßen symptomatisch wie symbolträchtig für den Niedergang
des einst vielversprechenden Fachverlages für Mathematik.
Im Zeitraum zwischen 1900 und 1928 befand sich der Verlag von Louis Nebert im
Besitz von Albert Neubert. Neubert, ein entfernter Verwandter Neberts, gehörte mit der
Übernahme der Pfefferschen Buchhandlung zum 1. Januar 1908 das, was wir heute eine
kleine Unternehmensgruppe nennen würden. Den Anfang seiner Selbstständigkeit mar-
kiert die Übernahme der ortsansässigen Buchhandlung von Ludwig Stock am 15. Sep-
tember 1890.136 Die von Max Köstler am 25. November 1875 gegründete Buchhandlung,
die in der Poststraße 9/10 angesiedelt war137 , stand 1890 kurz vor dem Konkurs, bevor
sie durch den gerade einmal 28jährigen Jungunternehmer gerettet wurde. In den ersten 15
Jahren ihres Bestehens hatte die Buchhandlung bereits mehrere Eigentümer gesehen. Am
1. März 1883 ging das Buchsortiment und die Musikalienhandlung, nicht aber die Kunst-
handlung, deren Eigentümer Köstler blieb, in den Besitz von Meyer & Stock über, die das
Geschäft unter dem neuen Namen weiterführten.138 1885 trat Meyer als Teilhaber aus, an
seine Stelle trat der Kaufmann Sturz. Bereits 1887 war der neue Name der Buchhandlung
Stock & Sturz schon nicht mehr aktuell. Sturz schied aus und in den nachfolgenden gut

132
Frege (1906a).
133
Thomae (1906), 590.
134
Thomae (1906), 590.
135
Thomae (1906), 590.
136
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 276 vom 25. November 1925.
137
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 215 vom 12. September 1940.
138
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 215 vom 12. September 1940.
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat 25

drei Jahren war Stock der alleinige Inhaber des Geschäfts, bis er es, in einem wirtschaftlich
schlechten Zustand, an Neubert verkaufte. Dieser nahm eine „zeitgemäße Umgestaltung“
vor und führte die Firma, „nachdem er ihr eine Kunsthandlung angegliedert hatte, nach
Jahren schwerer Arbeit bis zur heutigen Blüte“.139
Mit Wirkung zum 6. Februar 1900140 erwirbt er schließlich den Verlag von Louis
Nebert und damit auch die bei ihm verlegten „wissenschaftlichen in der Hauptsache ma-
thematischen Werke“.141 Warum der Verlag überhaupt zum Verkauf stand, ist auf der
Grundlage der verfügbaren Quellen nicht zu entscheiden. Wirtschaftliche Gründe können
eine Rolle gespielt haben, eventuell verstarb Nebert und die Erben hatten kein Interes-
se an der Weiterführung des Geschäfts. Ebenfalls ist ungeklärt, warum der Hallenser
Buch- und Kunsthändler Neubert, der nunmehr auch zum Verleger wurde, gerade die-
ses Unternehmen erwarb. Einen genuinen Bezug zum Profil von Neberts Verlag hatte
er jedenfalls nicht. Die Entwicklung der Firma in den nachfolgenden Jahren belegt un-
missverständlich, dass Neubert kein Interesse an der Pflege oder gar dem Ausbau des
wissenschaftlichen Verlagsprogramms hatte. Der von Nebert über einen Zeitraum von
drei Jahrzehnten aufgebaute Bestand erfuhr keine weitere Diversifizierung. Das mathema-
tische Verlagsprogramm wurde nicht weitergeführt, sondern ausverkauft oder makuliert,
und die von Nebert zum Teil bereits vor Jahrzehnten als Autoren gewonnenen Mathemati-
ker wanderten mit ihren neuen Werken ab, Johannes Thomae und Siegmund Günther etwa
zu B. G. Teubner nach Leipzig.
Prominente Wissenschaftler suchten sich eine neue publizistische Heimat – ein erheb-
licher Verlust an intellektuellem Kapital, der den neuen Eigentümer offenkundig nicht
sonderlich zu stören schien. Es entsteht daher nicht ganz unbegründet der Eindruck, als
ob Neubert einzig an der Infrastruktur des Verlages, seinen etablierten Distributionswe-
gen sowie seinem technischen Equipment, nicht aber an seiner thematischen Ausrichtung
interessiert gewesen sei. Eventuell ist es darüber hinaus der etablierte Verlagsname, die
Marke „Louis Nebert“, die Neubert für seine unternehmerischen Zwecke nutzbar machen
möchte. Akademische Kleinstspuren finden sich gleichwohl. So werden unter Neberts Na-
men ab 1912 die Abhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Halle a. d. S. (Neue
Folge) zwar nicht verlegt, immerhin aber in Kommission vertrieben. Mit Theophil Silber-
manns Rätsel der Natur trifft man 1917 sogar noch auf eine vereinzelte transdisziplinäre
Untersuchung142 , die vollkommen zu Recht an den früheren Schwerpunkt erinnert, an das
durch Bette, Sebastian Carl Cornelius143 , Paul Kramer144 oder auch Paul Viktor Langer145

139
50 Jahre Albert Neubert Buch- u. Kunsthandlung Halle/S. Poststraße 7. Weihnachts-Katalog
1925. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 12 Albert Neu-
bert, Halle, Buch- und Kunsthandlung, 1909–1947.
140
Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; Datensatz-Link: http://d-nb.info/gnd/1072998203.
141
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 215 vom 12. September 1940.
142
Silbermann (1917).
143
Cornelius (1875).
144
Kramer (1877).
145
Langer (1878).
26 Eine erste Annäherung

mitgestaltete wissenschaftsphilosophische Programm. Dennoch wird der Verlag in den


gut 28 Jahren seiner Zugehörigkeit zur Unternehmensgruppe von Neubert vor allem im
Dienst des Kunsthändlers und der Kunsthandlung stehen.
Neubert festigt seine regionale Stellung, als er zum 1. Januar 1908 zudem die im 18.
Jahrhundert als Schwetschkesche Sortimentsbuchhandlung gegründete Pfeffersche Buch-
handlung hinzu erwirbt.146 Die verzweigte Geschichte dieses alteingesessenen Unterneh-
mens reicht bis zum 24. Oktober 1733 zurück, als der aus Thüringen stammende Buchdru-
cker Johann Justinus Gebauer die Stephan Orbansche Druckerei am Großer Berlin in Halle
erwirbt. 1738 richtet er im Haus „Zu den drei Schwänen“ (Rannische Straße 15) einen
Buchladen zum Vertrieb seiner Verlagswerke ein, doch das Buchhändlerprivileg wird
ihm auf Jahrzehnte verwehrt.147 Zu den großen Leistungen Gebauers zählt zweifelsoh-
ne die Herausgabe der Luther-Ausgabe von Johann Georg Walch sowie die Initiierung
der erst 1813 abgeschlossenen monumentalen Allgemeinen Welthistorie. Im Verlaufe des
18. Jahrhunderts übernimmt Carl August Schwetschke nicht nur diese Druckerei und
Buchhandlung, die unter dem Namen „Gebauer Schwetschke AG.“ weitergeführt wer-
den, sondern auch die Buchhandlung des Klopstock-Verlegers Carl Hermann Hemmerde,
nun „Hemmerde und Schwetschke“. Beide Unternehmen werden schließlich vereinigt
und gehen am 1. Januar 1848 in das Eigentum von Carl Ernst Moritz Pfeffer über, ei-
nem ehemaligen Handlungsgehilfen von „C. A. Schwetschke & Sohn“. Mit Wirkung zum
1. Januar 1854 wird die Schwetschkesche Sortimentsbuchhandlung schließlich in „Pfef-
fersche Buchhandlung“ umbenannt.148
Mit der Übernahme dieses Unternehmens 1908 verfügt Neubert nunmehr über zu-
sätzliche Verlagsstrukturen sowie eine weitere Buchhandlung, deren Geschäft er zum
2. Januar 1909 in sein Haus, Poststraße 7, verlegt.149 In den nachfolgenden Jahren baut
Neubert seine Buch- und Kunsthandlung sowie den in ihrem Dienst stehenden Verlag
von Louis Nebert zu einem prosperierenden Unternehmen aus.150 1925 verfügt allein die
Kunstabteilung der Buchhandlung über ein „Lager von ca. 1200 Original-Radierungen,

146
Ankündigung der Pfefferschen Buchhandlung vom 31. Dezember 1908. Landesarchiv Sachsen-
Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 19 Albert Neubert, Halle, Buch- und
Kunsthandlung, 1909–1947.
147
Zeitungsartikel aus „M. N. Z. Nr. 68“ vom 10. März 1938. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Stand-
ort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 5 Albert Neubert, Halle, Buch- und Kunsthandlung,
1909–1947.
148
„Kulturarbeit einer Buchhandlung. 200jähriges Jubiläum des Hauses Albert Neubert – Eine
Buchhandlung illustriert Stadtgeschichte – Gemäldeausstellungen und Dichterabende“, in Hallische
Nachrichten Nr. 57 vom 9. März 1938.
149
Ankündigung der Pfefferschen Buchhandlung vom 31. Dezember 1908. Landesarchiv Sachsen-
Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 19 Albert Neubert, Halle, Buch- und
Kunsthandlung, 1909–1947.
150
„Kulturarbeit einer Buchhandlung. 200jähriges Jubiläum des Hauses Albert Neubert – Eine
Buchhandlung illustriert Stadtgeschichte – Gemäldeausstellungen und Dichterabende“, in Halli-
sche Nachrichten Nr. 57 vom 9. März 1938. Siehe zudem „1738 Albert Neubert Buchhandlung
Adolf-Hitler-Ring 7“, in Hallische Nachrichten Nr. 215 vom 12. September 1940.
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat 27

ca. 1500 Reproduktionen aller Art und etwa 150 Original-Gemälden erster zeitgenössi-
scher Künstler“.151 Ende 1928 kommt schließlich noch ein Kunstsalon dazu152 , in dessen
Räumlichkeiten Bilderausstellungen sowie Dichterabende stattfinden. Die vier, als Gale-
rie angelegten Säle im ersten Obergeschoss seines Geschäftshauses in der Poststraße 7
füllen damit eine Lücke, die durch die Schließung des Hallenser Kunstsalons von Tausch
& Große nach dem Tode des letzten Inhabers, Walter Tausch, entstanden war.153
In den fast drei Jahrzehnten seiner Geschäftsführung hält Neubert am Gründungsnamen
der Firma fest. Das zeugt davon, dass der Name „Verlag von Louis Nebert“ vom neuen Ei-
gentümer als Qualitätsmarke verstanden und konserviert wurde. Um jedoch den veränder-
ten unternehmensspezifischen Bedingungen Rechnung zu tragen, wurde aus „Verlag von
Louis Nebert“ schließlich „Louis Nebert’s Verlag“ bzw. „Louis Nebert’s Verlag (Albert
Neubert)“. Für diesen sanft transformierten Verlagsnamen wurde in den nachfolgenden
Jahren noch ein Logo eingeführt, das in einem besonderen Maße von den neuen verle-
gerischen Zeiten kündet. Hatte Nebert auf Derartiges gänzlich verzichtet, so ist die neue
Firmengrafik mit den ineinander verschachtelten Buchstaben LNV nicht zu übersehen.

Der Name bleibt, doch das Verlagsprofil ändert sich, zum Teil erheblich. Zunehmend
mehr steht die Verlegertätigkeit im Dienste des Kunsthändlers, unter anderem durch den
Kartendruck. Während des Ersten Weltkrieges vertreibt der Verlag wirtschaftlich über-
aus erfolgreich und in Millionenstückzahlen Karten, die den Frontverlauf dokumentieren.
Neberts Verlag wird in dieser Zeit einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch die
fortlaufende Folge der regelmäßig aktualisierten „Neberts Kriegs-Frontenkarte von allen
Kriegsschauplätzen“ (auch bezeichnet als „Neubertsche Frontkarten“) bekannt, allerdings

151
50 Jahre Albert Neubert Buch- u. Kunsthandlung Halle/S. Poststraße 7. Weihnachts-Katalog
1925. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 12 Albert Neu-
bert, Halle, Buch- und Kunsthandlung, 1909–1947.
152
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 208 vom 4. September 1928.
153
Vgl. Hallische Nachrichten Nr. 208 vom 4. September 1928.
28 Eine erste Annäherung

eben nicht mehr als wissenschaftlicher Verlag. Diese Zeiten sind vorbei und gehören En-
de des Ersten Weltkrieges seit bereits fast zwei Jahrzehnten der Vergangenheit an. 1925,
anlässlich des 50jährigen Bestehens der Buch- und Kunsthandlung, vermerkt die Familie
Neubert stolz, „daß das Geschäft heute als eines der ersten Sortimente Mitteldeutschlands
dasteht“.154 Das mag für das Gesamtportfolio der Unternehmensgruppe gelten, eventuell
auch für die unter Neberts Namen publizierte Literatur zur Regionalgeschichte und Indus-
triekultur, nicht jedoch für die Restbestände der verlegten wissenschaftlichen Werke.
1928 geht die Firma in das Eigentum des Hermann Schroedel Verlages über, der unter
dem Namen Neberts in den nachfolgenden zehn Jahren jedoch einzig das noch verfügbare
Sortiment weiter vertreibt. Neue Titel werden nun überhaupt nicht mehr aufgelegt, alte
nicht nachgedruckt.
Am 27. September 1938 wandte sich die Industrie- und Handelskammer Halle in der
Angelegenheit der Firmenauflösung erstmals an den Verlag mit Sitz in der Reichardtstraße
21. Da nach den vorliegenden Unterlagen der Gewerbebetrieb der Firma vollständig ein-
gestellt sei, beabsichtigt die IHK gemäß ihrer gesetzlichen Aufgaben die Beantragung der
Löschung aus dem Handelsregister beim zuständigen Amtsgericht.155 Mit dem Schreiben
wird dem Verlag die Möglichkeit eingeräumt, gegebenenfalls Gründe darzulegen, die ge-
gen eine Löschung sprechen. Der Hermann Schroedel Verlag antwortet umgehend. Bereits
am nachfolgenden Tag ersucht der Verlagseigner, von diesem Schritt abzusehen. Zwar
wird eingeräumt, dass seit der Firmenübernahme 1928 keine neuen Werke unter dem Na-
men Neberts erschienen sind, doch die bereits gedruckten Bestände würden nach wie vor
vertrieben werden, wenngleich „seit dieser Zeit natürlicherweise durch uns“156 , über die
Infrastruktur sowie die Distributionswege des Schroedel Verlages. Darüber hinaus möchte
der Eigentümer die Option wahren, den Namen „Verlag von Louis Nebert“ eventuell spä-
terhin noch einmal für geschäftliche Zwecke zu verwenden. Eine Woche später fragt die
IHK nach, in welcher Weise genau durch den Verlag von Louis Nebert noch ein Gewer-
bebetrieb ausgeübt wird. „Die Tatsache, dass noch im Buchhandel Werke Ihres Verlages
vertrieben werden, rechtfertigt nicht das weitere Bestehen der Firma. Es wäre hierzu er-
forderlich, dass die Firma selbst noch von ihr verlegte Werke vertreibt“.157

154
50 Jahre Albert Neubert Buch- u. Kunsthandlung Halle/S. Poststraße 7. Weihnachts-Katalog
1925. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 907, Bl. 12 Albert Neu-
bert, Halle, Buch- und Kunsthandlung, 1909–1947.
155
Schreiben der IHK Halle/S. an Firma Louis Neberts Verlag vom 27. September 1938. Landes-
archiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 460 Louis Nebert Verlag,
Halle.
156
Schreiben des Hermann Schroedel Verlages an die IHK Halle/S. vom 28. September 1938. Lan-
desarchiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 461 Louis Nebert Verlag,
Halle.
157
Schreiben der IHK Halle/S. an den Hermann Schroedel Verlag vom 5. Oktober 1938. Landes-
archiv Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 462 Louis Nebert Verlag,
Halle.
§ 4 „die in Kürze bei mir erscheinenden Novitäten“: die verlegerische Heimat 29

Das war freilich nicht mehr der Fall. Gleichwohl fragt die IHK nach, ob der Schroe-
del Verlag mit einer späteren Wiederaufnahme des Gewerbebetriebes für den Nebert-
Verlag rechnet und wann diese gegebenenfalls erfolgen soll. Von dieser Option möchte
der Schroedel Verlag offensichtlich keinen Gebrauch machen, denn auf dem beim Ver-
lag eingegangenen Exemplar des Schreibens wird durch einen autorisierten Vertreter des
Unternehmens handschriftlich vermerkt, dass der Verlag von Louis Nebert bis zum 1. Ja-
nuar 1939 (aus dem Handelsregister) gelöscht werden soll. Man lenkt gegenüber der IHK
ein. Am 24. Oktober fordert indes die Abteilung 19 des Amtsgerichtes Halle/S. zur Klä-
rung der „Handelsregistersache Louis Neberts Verlag“ formal unter der Geschäftsnummer
„19 HRA 61“ Akten bei der IHK an.158 In ihrem Antwortschreiben wenige Tage später
unterrichtet die IHK das Amtsgericht darüber, dass der Schroedel Verlag selbst eine Lö-
schung bis zum 1. Januar 1939 verfolgt, da auch der Eigentümer die Auffassung teilt,
dass ein Gewerbebetrieb nicht mehr ausgeübt wird. „Wir bitten deshalb abzuwarten, ob
der Löschungsantrag bis dahin gestellt wird. Sollte die[s] nicht geschehen sein, so bitten
wir, die Firma Schroedel-Verlag zur Anmeldung der Löschung zu veranlassen“.159 Of-
fenkundig hat der Schroedel Verlag fristgerecht die Löschung beantragt, denn bereits am
1. Dezember 1938 informiert das Amtsgericht die IHK darüber, dass in der Abteilung A
des Handelsregisters „bei der Firma Louis Nebert’s Verlag, Halle a. Saale“ (Nr. 61 des
Registers) in Spalte 6 eingetragen wurde:

Die Gesellschaft ist aufgelöst. Die Firma ist erloschen.160

Damit war der Verlag von Louis Nebert 68 Jahre und 334 Tage nach seiner Gründung
endgültig Geschichte. Das Unternehmen, das als vielversprechender Fachverlag für Ma-
thematik begann und welches im Alter von 30 Jahren abrupt in den Firmendienst eines
ehrgeizigen Kunsthändlers gestellt wurde, persistierte in den letzten zehn Jahren seines
Bestehens nur noch als juristische Person, nicht aber als lebendiger Verlag. Was zu dieser
Zeit in Halle keiner ahnt, bahnt sich jenseits des Atlantiks an.161 Der Name von Louis
Nebert wird unter Logikern und Philosophen weltberühmt werden. Dank jener kleinen
Schrift Freges, die ehemals für den Gründungsverleger alles andere als ein wirtschaftlicher
Erfolg war, wird der Verlagsname in ihrem bibliographischen Gefolge in die Wissen-
schaftsgeschichte eingehen. Louis Nebert hatte bis zur Jahrhundertwende diverse Werke
namhafter Mathematiker verlegt, doch sein größter Erfolg sollte sich erst als solcher zu er-
kennen geben, als es den Verlag gar nicht mehr gab. Unwissentlich, aber in guter Absicht

158
Schreiben des Amtsgerichtes Halle/S. an die IHK Halle/S. vom 24. Oktober 1938. Landesarchiv
Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 463 Louis Nebert Verlag, Halle.
159
Schreiben der IHK Halle/S. an das Amtsgericht Halle/S. vom 29. Oktober 1938. Landesarchiv
Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 464 Louis Nebert Verlag, Halle.
160
Schreiben des Amtsgerichtes Halle/S. an die IHK Halle/S. vom 1. Dezember 1938. Landesarchiv
Sachsen-Anhalt, Standort Merseburg, C 110 Halle, Nr. 906, Bl. 465 Louis Nebert Verlag, Halle.
161
Ausführlich hierzu Wille (2016b), 151–215.
30 Eine erste Annäherung

veröffentlichte er ein epochales Werk, durch dessen Gehalte eine logikhistorische Singula-
rität erster Ordnung entstehen sollte. Die Publikation der Begriffsschrift zählt zweifelsohne
zu den akademischen Großtaten von

§ 5 „gr. 8 geh. 3 Mark“: Louis Nebert und die Begriffsschrift

Um die Jahreswende 1878/79162 erscheint mit dem offiziellen Publikationsjahr „1879“


versehen im Verlag von Louis Nebert in Halle A /S., hergestellt in der ortsansässigen
Buchdruckerei von Erhardt Karras, im Groß-Oktav-Format (gr. 8) sowie im Umfang von
X+88 Seiten und zu einem Verkaufspreis von 3 Mark die Begriffsschrift.
Ob sie dabei gleich David Humes Treatise sogar als Totgeburt aus der Presse fiel,
ohne auch nur ein leises Murren unter den Eiferern hervorzurufen163, lässt sich nicht
mit letzter Gewissheit sagen. Das wenige leise Murren ist zumindest 1881 schon wie-
der verstummt. Auch Louis Nebert dürfte darüber wenig erfreut gewesen sein. Wie es
zur Zusammenarbeit zwischen Autor und Verleger kam, ist bis heute ungeklärt. Ein un-
vermitteltes Initiativanschreiben Freges bleibt möglich, wahrscheinlich ist aber eher eine
Kontaktanbahnung durch eine dritte Person. Ob Johannes Thomae die Rolle des Ver-
mittlers übernommen hat, scheint fraglich, obwohl er ab 1864 und bis zum Ende des
Jahrhunderts eine Vielzahl von Schriften in Halle verlegte, während der Zeit zwischen
1870 und 1900 zweifelsohne einer der produktivsten Autoren des Verlages war und zudem
für mehr als zwei Jahrzehnte zusammen mit Frege die Geschicke der Jenaer Mathematik
lenkte. Vor allem mit seinen Lehrbuchdarstellungen für das akademische Studium dürf-
te er zum wirtschaftlichen Erfolg des Hauses Nebert beigetragen haben. In Halle besaß
er fraglos einen vorzüglichen Ruf, eine Empfehlung seinerseits hätte die Tür weit auf-
gestoßen. Da Thomae allerdings erst zum 1. Oktober 1879 nach Jena berufen wurde
und ein vormaliger Kontakt mit Frege für den bis dato in Freiburg i. Br. Wirkenden für
den Augenblick nicht dokumentiert werden kann, fällt der persönliche Kontakt mit Frege
wahrscheinlich erst in die Zeit nach der Publikation der Begriffsschrift.

162
Vgl. Kienzler (2009a), 49/112f.
163
Mates (1967), 241.
§ 5 „gr. 8 geh. 3 Mark“: Louis Nebert und die Begriffsschrift 31

Vor Ort in Jena gab es jedoch mindestens einen weiteren Nebert-Autor, mit dem Fre-
ge bereits vor 1879 in Kontakt stand und der sich aufgrund seines Profils als möglicher
Vermittler geradezu anbietet. Der 1851 in Oppeln geborene Paul Viktor Langer habili-
tierte sich ein Jahr nach Frege an der Philosophischen Fakultät und war bis zu seinem
Ausscheiden aus dem akademischen Dienst, an den sich eine Karriere als Gymnasial-
lehrer in Gotha und schließlich als Gymnasialdirektor in Ohrdruf anschloss, ebendort
Privatdozent für Mathematik und Physik. Während die Habilitationsschrift entsprechend
der erteilten Lehrbefugnis einen mathematisch-physikalischen Zuschnitt besaß164 , trat der
vielseitig interessierte Langer zudem mit Untersuchungen zur Psychophysik hervor165 ,

164
Langer (1875).
165
Langer (1876), (1893).
32 Eine erste Annäherung

für die nicht nur Wilhelm Wundt eine anerkennende, wenngleich kritische Besprechung
verfasste166 , sondern durch die er im Kaiserreich auch als Philosoph wahrgenommen wur-
de.167 Langer, der Mathematiker, Physiker und Philosoph. Von besonderem Interesse ist
daher die 1878 bei Louis Nebert verlegte Schrift Die Grundprobleme der Mechanik, eine
kosmologische Skizze, die weder als eine rein physikalische noch als eine ausschließlich
philosophische Untersuchung verstanden werden darf. Als wissenschaftstheoretische Stu-
die zu den Grundlagen der Mechanik, mit der im Besonderen der Unterschied zwischen
den empirischen und hypothetischen Komponenten des Kraftbegriffes sowie des Begriffes
des Trägheitswiderstands klar aufgezeigt werden sollte, nahm sie eine ähnliche methodi-
sche Stellung ein wie vormals Riemanns Habilitationsvortrag zur Geometrie.168
Die Anfang Dezember 1877 fertiggestellte Schrift hatte sich damit einem Problem zu
stellen, mit dem sich schließlich auch die Begriffsschrift ziemlich genau ein Jahr später
auseinanderzusetzen hatte. Als weder rein fachwissenschaftliche Studie noch philoso-
phische Abhandlung klassischen Zuschnitts ergab sich die Frage, welchen disziplinären
Status sie genießt und welches Verlagsspektrum für sie überhaupt maßgeschneidert wäre.
Louis Nebert trug offensichtlich keine Bedenken. Die unkomplizierte Veröffentlichung
einer zwischen Physik und Philosophie anzusiedelnden Schrift dokumentiert die unvor-
eingenommene Haltung eines intellektuell offenen Verlegers und dürfte eventuell auch
Frege hoffnungsvoll gestimmt haben, für seine, zwischen Mathematik und Philosophie
operierende Begriffsschrift ebenfalls in Halle ein Zuhause zu finden. Mit dem Programm-
zweig der transdisziplinären Studien verfügte Nebert jedenfalls über den passenden Ort
schlechthin. Für diese Überlegung spricht ein weiteres bemerkenswertes Detail, zu finden
auf dem Rückdeckel einer Ausgabe jener Zeitschrift, in der Frege 1892 schließlich „Ueber
Begriff und Gegenstand“ publizieren sollte.
Für den dritten Band der noch jungen, aber bereits weithin rezipierten Vierteljahrs-
schrift für wissenschaftliche Philosophie schaltete Louis Nebert 1879 eine kleine Werbe-
anzeige mit drei jüngst in seinem Haus erschienenen Titeln. Neben Langers Studie wurde
für die ebenfalls 1878 erschienene zweite unveränderte Auflage von Sebastian Carl Corne-
lius’ Untersuchung Ueber die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele169 geworben. Mit
dieser Arbeit leistete der Physiker Cornelius, der bis dato nicht nur mit fachwissenschaft-
lichen, sondern auch mit diversen Abhandlungen philosophischer Prägung in Erscheinung
getreten war, einen wissenschaftstheoretisch inspirierten Beitrag zur fachwissenschaft-
lichen Fundierung der Psychologie, die in eben dieser Zeit ihre Emanzipation von der
Philosophie anstrebte. Ebenso wie Langers Buch besitzt auch die Monographie von Cor-
nelius keinen eindeutigen disziplinären Charakter, sondern operiert im Schnittbereich zwi-
schen Philosophie und einer sich gerade erst erfindenden neuen Fachwissenschaft, der
naturwissenschaftlich orientierten empirischen Psychologie. Dass diese Studie ebenfalls

166
Wundt (1877).
167
Eisler (1912), 384.
168
Vgl. Langer (1878), IIIf.
169
Cornelius (1875).
§ 5 „gr. 8 geh. 3 Mark“: Louis Nebert und die Begriffsschrift 33

im Verlagsprogramm wiederzufinden ist, unterstreicht nachdrücklich die aufgeklärte und


umsichtige Haltung des Verlegers. Doch das eigentlich Beachtliche dieser Werbeanzeige
kommt erst zum Vorschein, wenn der dritte beworbene Titel erfasst ist:

Frege, Dr. G., Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des
reinen Denkens. gr. 8. br. 3 Mark.170

Louis Nebert bewirbt die Begriffsschrift noch in ihrem Erscheinungsjahr, aber er bewirbt
sie nicht an einem beliebigen Ort oder unter beliebigen Bedingungen. Er bewirbt Freges
Abhandlung in einer aufstrebenden philosophischen Fachzeitschrift und er entscheidet
sich beim dargebotenen, hochselektiven Programmausschnitt unter anderem für Frege,
obwohl sich das Hallenser Unternehmen die überaus knappe Werbefläche mit solch re-
nommierten Einrichtungen wie der Weidmannschen Buchhandlung (Berlin) sowie der
Cottaschen Buchhandlung (Stuttgart) zu teilen hat und mithin für die eigene Verlagsan-
zeige nicht mehr als ein kleiner Streifen des hinteren Einbanddeckels zur Verfügung steht.
Für das gesamte Jahr 1879 hatte Nebert in Richard Avenarius’ Zeitschrift lediglich diese
sieben Zeilen zur Verfügung, zwei von ihnen werden für die Begriffsschrift reserviert. Da
Verleger üblicherweise mit besonders exponierten Titeln ihres Programms Werbung für
das eigene Unternehmen betreiben, eröffnet diese kleine Anzeige bemerkenswerte Ein-
sichten.
Nebert war also nicht nur von der Qualität der Begriffsschrift überzeugt, sondern er ver-
band mit ihrer Publikation offenkundig auch so manche kleine Hoffnung, zumindest auf
einen bescheidenen akademischen Achtungserfolg. Andernfalls hätte er sie nicht für die
exklusiven Verlagsrepräsentanten im Avenarius-Periodikum vorgesehen. Darüber hinaus
erkannte und schätzte er ihre disziplinäre Sonderstellung, denn mit der Vierteljahrsschrift
bewarb er sie nicht in einem mathematischen, sondern in einem philosophischen Journal.
In den Augen des Verlegers war die Begriffsschrift also nicht nur ein Werk mathemati-
schen Inhalts, sondern ebenso eines der Philosophie, wenngleich sich lediglich für wenige
weitere Zeitgenossen die Einsicht erschloss, dass die Schrift „in Form und Namen ihre
doppelte Herkunft verrät“.171 Beworben wurde sie dennoch nicht nur bei den Philoso-
phen, sondern unter anderem auch am besten Ort für Mathematiker, den Mathematischen
Annalen. In den Jahren zwischen 1873 und 1879 zeigte der Unternehmer in dieser renom-
mierten Fachzeitschrift regelmäßig Neuveröffentlichungen aus seinem Verlagsprogramm
an, wenngleich in den Jahren danach die Werbeseiten fast ausschließlich für den führen-
den mathematischen Verlag B. G. Teubner aus Leipzig reserviert schienen. Den Hallenser
Verlag sucht man in dieser Zeit jedenfalls vergebens in den Mathematischen Annalen. Im
4. Heft des XXVI. Bandes 1886 inseriert Nebert schließlich erneut und die eindrucksvol-
le, 21 Titel umfassende Werbung beinhaltet auch die Begriffsschrift. Die Anzeige rundet
damit ab, was bereits 1880 auf dem Rückdeckel von Thomaes Elementarer Theorie der

170
Man beachte die dezente Abwandlung des Titels infolge der veränderten Interpunktion.
171
Michaëlis (1880), 232.
34 Eine erste Annäherung

analytischen Functionen einer complexen Veränderlichen172 begonnen hatte: das passge-


naue Hinweisen auf Frege beim mathematischen Fachpublikum.
Der Unternehmer versucht sein Möglichstes, um beide Interessengruppen gezielt auf
das Werk aufmerksam zu machen. Doch es ist vor allem die von ihm vorgenommene
distinguierte Platzierung neben Langers und Cornelius’ Abhandlungen in der Viertel-
jahrsschrift, die deutlich werden lässt, dass auch Freges Untersuchung in einem neu zu
definierenden wissenschaftlichen Schnittbereich, hier zwischen zeitgenössischer Mathe-
matik und Philosophie, anzusiedeln ist, der modernen formalen Logik. Buchbeschreibung
und Verlagsprogramm führen diese Bezeichnung freilich noch nicht mit, aber der Sache
nach verortet Louis Nebert die Schrift vollkommen korrekt. Damit ist er im Umgang mit
dem Werk ungleich weiter als ausnahmslos alle Mathematiker und Philosophen der Zeit.
Nicht einmal Freges prominenter Unterstützer Ernst Abbe erreicht die Beurteilungssen-
sibilität, die Nebert durch sein verlegerisches Handeln zum Ausdruck bringt. Zweifellos
war er ein Bewunderer der Begriffsschrift, vielleicht sogar der erste überhaupt.
Dieser verständnisvolle Umgang mit der Schrift durch den Hallenser Verleger lässt
deutlich werden, dass Freges Werk im Verlag von Louis Nebert von Anfang an bestens
aufgehoben war. Die Verlagswahl mag damit erklärt sein, nicht aber, wie der Kontakt
zwischen Autor und Unternehmen zustande kam. Eine Kontaktvermittlung durch Freges
Jenaer Kollegen Paul Langer bewegt sich uneingeschränkt im Bereich des Möglichen,
beide kannten einander seit dem Wintersemester 1874/75 und bestritten schließlich ge-
meinsam den akademischen Alltag im kleinen Fach bis zu Langers Laufbahnwechsel mit
Wirkung zum 1. Oktober 1878. Aus Anlass seines eigenen Habilitationsgesuchs vom 14.
Juli 1875 hält er in seinem Lebenslauf explizit fest, dass er vielfach durch die Vorlesun-
gen der Herren Snell, Schaeffer, Geuther, Eucken, Abbe und eben auch Frege angeregt
wurde.173 Im fraglichen Zeitraum kündigte Frege drei jeweils vierstündige Vorlesungen
an, von denen zwei, „Analytische Geometrie nach neueren Methoden“ (Wintersemester
1874/75) sowie „Algebraische Analysis“ (Sommersemester 1875), auch stattfanden.174 Da
Langer als Student aus Leipzig gewechselt kam und erst am 23. März 1875 in Jena cum
laude promoviert wurde175 , spricht wissenschaftsbiographisch vieles dafür, dass er sich
in seiner Vita vor allem auf die Geometrievorlesung aus dem fraglichen Wintersemester
bezogen hat, von der wir dank Richard Schröpfer sogar über eine partielle Nachschrift ver-
fügen.176 Gut möglich also, dass der in Göttingen geometrisch bestens unterwiesene Frege
vor allem mit dieser Vorlesung Langer für dessen eigene Forschung zu inspirieren wuss-
te, vielleicht sogar mit der einen oder anderen methodologischen Überlegung zu Riemann.
Zwischen 1875 und 1878 waren beide die einzigen Privatdozenten für Mathematik in Jena,
drei Jahre eines räumlich eng geteilten gemeinsamen akademischen Schicksals, in deren

172
Thomae (1880).
173
Vgl. Dörfel (2011), 211; Dathe (1997c), 152.
174
Siehe Kreiser (2001), 280.
175
Vgl. Dörfel (2011), 211.
176
Kreiser (ed.), 347–364.
§ 5 „gr. 8 geh. 3 Mark“: Louis Nebert und die Begriffsschrift 35

Verlauf das Begriffsschrift-Projekt nicht nur irgendwann aufkam, sondern in akademischer


Nachbarschaft zu Langer auch definitiv reifte. Frege dürfte seinerseits die Publikation der
Grundprobleme der Mechanik nicht entgangen sein und sicherlich hat sich der mündli-
che Kontakt zwischen beiden im Verlaufe dieser Jahre nicht nur auf die Abstimmung des
akademischen Veranstaltungsplans beschränkt. Sollte es zutreffen, dass Langer bei einer
dieser ungezählt vielen Gelegenheiten im Fürstengraben Frege mündlich dazu ermutigt
hat, sich beherzt an Louis Nebert in Halle zu wenden, dann wäre diese Begebenheit glei-
chermaßen naheliegend wie kaum prüfbar.
Was indes die vertraglichen Details zwischen Nebert und Frege vorsahen, wie groß
die Auflage der Begriffsschrift war, wie es um die Verkaufszahlen bestellt war und wann
genau die Restbestände makuliert wurden, darüber gibt es ebenfalls keinerlei gesicher-
te Informationen, bestenfalls plausible Vermutungen. Weder in Freges Nachlass noch in
einem der hierfür potentiell in Frage kommenden Archive177 finden sich relevante Doku-
mente. Eine bemerkenswerte Kleinigkeit aus dem Prozess der Drucklegung mag hiervon
ausgenommen sein. Sie wurde gleichsam konserviert durch den unscheinbaren satztech-
nischen Code „Frege, Formelsprache.“ im Randbereich der Druckbögen178 , der in der
Herstellung unter anderem der eindeutigen Zuordnung zwischen den Druckbögen und
dem Bucheinband dient. Üblicherweise wird für die Angaben in der Bogenzählung neben
dem Autorennamen ein charakteristisches Schlagwort des Haupttitels gewählt, was im
vorliegenden Fall zweifelsohne der Ausdruck „Begriffsschrift“ selbst hätte gewesen sein
müssen, wenn er denn zum Zeitpunkt der Herstellung des Manuskriptes für den Haupttext
bereits festgestanden hätte. Offenkundig war dies nicht der Fall. Dies befördert die Vermu-
tung, dass Frege seinerzeit erst einmal mit dem Haupttext, aber noch ohne „Vorwort“ an
Nebert herangetreten ist, denn Letzteres umfasst schließlich nicht nur Erläuterungen zur
erfolgten Wahl des Haupttitels, sondern an anderer Stelle und in einem anderen Kontext
auch den einzigen Literaturverweis innerhalb der gesamten Schrift. Dieser betrifft Adolf
Trendelenburgs Über Leibnizens Entwurf einer allgemeinen Charakteristik – ein Text, der
Frege wahrscheinlich maßgeblich zur Wahl seines Haupttitels inspirierte.179 Während also
das „Vorwort“ ganz im Zeichen der Namensentscheidung steht und damit nicht verfügbar
gewesen sein kann, als Autor und Verleger das durchaus satzaufwendige Manuskript „Ei-
ne der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens“ in die Obhut des
Setzers gaben, erfolgten Wahl des Haupttitels sowie Niederschrift des „Vorwortes“ frühe-
stens parallel zum Setzen des Haupttextes.
Gut möglich, dass Nebert als erfahrener Verleger Frege auf die Verbesserungsbedürf-
tigkeit des wahrscheinlich noch ungelenken Buchtitels hingewiesen hat und ihm den gut
gemeinten Rat mit auf den Weg gab, bis zur Fertigstellung des Buches einen „griffigen“

177
Landesarchiv Sachsen-Anhalt (Abteilung Merseburg), Stadtarchiv Halle, Schroedel Produktions-
archiv des Georg Westermann Verlages (Braunschweig).
178
Gottfried Gabriel war der Erste, der auf dieses bedeutsame Detail aufmerksam machte. Vgl.
Gabriel (2006), 126; zudem Kienzler (2009a), 71.
179
So schon Gabriel (2006), vor allem 123–126.
36 Eine erste Annäherung

Haupttitel zu kreieren. Vielleicht wollte Frege aber auch mit der endgültigen Wahl des
Haupttitels von vornherein bis zur Niederschrift des „Vorwortes“ warten, so dass ein Hin-
weis durch Dritte gar nicht erforderlich war. Eine Wortneuschöpfung musste jedenfalls
nicht unternommen werden, schließlich fand der Autor den aussichtsreichen Kandidaten –
aller Wahrscheinlichkeit nach – bei Trendelenburg, der Leibniz’ Projekt einer allgemeinen
Charakteristik konzise als „Begriffsschrift“ bezeichnete.180 Die substantielle Verwendung
exakt dieses Textes mag kein rezeptionsgeschichtlicher Zufall gewesen sein, der sich der
Lektüre der erstbesten für Frege zugänglichen Schrift zu Leibniz’ Logik in der Bibliothek
der Universität Jena verdankte. Naheliegend ist indes die von Gottfried Gabriel ausge-
sprochene Vermutung181 , dass dem ein gezielter Lektürehinweis durch Rudolf Eucken
vorausging, der nicht nur Schüler Trendelenburgs sowie mit der fraglichen Schrift be-
kannt war, sondern auch von Beginn an zu den engeren akademischen Kontakten Freges
zählte. Der erfahrene Ordinarius für Philosophie gibt dem ratsuchenden jungen und phi-
losophisch noch nicht sonderlich erfahrenen Mathematiker eine Lektüreempfehlung, die
diesem auch eine problemgeschichtliche Orientierung für die Anfertigung des „Vorwor-
tes“ liefern soll. Eine akademische Begebenheit, wie sie alltäglicher kaum sein könnte.
Während also in Halle spät im Jahr 1878 der Haupttext von Freges „Formelsprache des
reinen Denkens“ gesetzt wird, sinniert der Autor in Jena über einen prägnanten Haupttitel
und findet dank des Hinweises von Eucken in Trendelenburgs Text nicht nur eine inspi-
rierende Quelle für so manch anderes Thema des „Vorwortes“, sondern vor allem den
prägnanten namengebenden Ausdruck. Ob Nebert die Wahl glücklich stimmte, wissen
wir nicht. Besser als der vormalige Arbeitstitel war er allemal. Kurz vor der Publikation
war aus dem Buchprojekt der Formelsprache jenes der Begriffsschrift geworden. Gesichert
scheint darüber hinaus, dass das Werk unter der Verantwortung des Verlagsgründers nicht
aus dem Programm genommen oder die verbliebenen Exemplare gar eingestampft wur-
den. Dafür spricht unter anderem der Umstand, dass sich auf dem hinteren Bucheinband
zur zweiten Auflage von Johannes Thomaes Elementarer Theorie der analytischen Func-
tionen einer complexen Veränderlichen aus dem Jahr 1898 eine Selbstanzeige des Verlages
findet, auf der 22 bei Nebert verlegte Werke mathematischen Inhaltes beworben werden.
Diese Programmauswahl wird beschlossen durch die Anzeige von Freges Werk.182

Frege, Dr. G., Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des rei-
nen Denkens. gr. 8 geh. 3 Mark.

Da auszuschließen ist, dass der Verleger eine nicht mehr lieferbare Schrift bewirbt, war
die Begriffsschrift also mindestens bis zu diesem Zeitpunkt im Buchhandel noch erhältlich
und kostete in etwa den durchschnittlichen Tageslohn eines Arbeiters. Die Anzeige belegt
darüber hinaus, dass der Verlag auch gut 20 Jahre nach Erscheinen des Büchleins für die-
ses unermüdlich geworben hat. Es scheint fast so, als ob Louis Nebert persönlich seine

180
Trendelenburg (1856), 39.
181
Vgl. Gabriel (2006), 124f.
182
Ich danke Herrn Prof. Dr. Christian Thiel (Erlangen) für diesen überaus aufmerksamen Hinweis.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 37

schützende Hand über diese wenig erfolgreiche Schrift gehalten hat, so lange er im Verlag
zu entscheiden hatte.183 Dies änderte sich erst mit der Firmenübernahme durch Neubert.
Irgendwann nach 1900 wurde aus dem verlagsneu lieferbaren Buch ein bestenfalls anti-
quarisch gehandeltes. Das Werk verliert den Schutz seiner verlegerischen Heimat, weil
der Wissenschaftsverlag selbst in der Auflösung begriffen ist. Mitte der 1930er Jahre ist
sie „praktisch fast unzugänglich“.184

§ 6 „Sie wird neu herauskommen“:


Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017)185

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Thema „Begriffsschrift“ im Verlagswesen
und Buchhandel überhaupt keine Rolle mehr spielen, obgleich der im höchsten Maße
engagierte Fregeforscher Heinrich Scholz 1936 in zuversichtlicher Erwartung auf ein na-
hendes, durch ihn selbst zu induzierendes Ereignis nachdrücklich betonte:

„Sie wird neu herauskommen“.186

Finanziell gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und tatkräftig unter-


stützt durch seinen Mitarbeiter Friedrich Bachmann sollte das Werk zusammen mit an-
deren, gleichermaßen schwer erreichbaren Arbeiten sowie einer Auswahl an Nachlass-
dokumenten zeitnah publiziert werden. „Wir rechnen damit, dass bis zum Frühjahr 1937
zwei grössere Bände gedruckt vorliegen“.187 Doch weder zu diesem Zeitpunkt noch zu
einem späteren erfüllte sich die Ankündigung. Aus heute nicht mehr bekannten Gründen
blieb diese in Aussicht gestellte zweite Ausgabe der Begriffsschrift unveröffentlicht. Doch
zu eben dieser Zeit sollten mehrere tausend Kilometer von Münster entfernt die entschei-
denden, vor allem institutionellen Weichen für die Entdeckung von Freges Werk gestellt
werden.
Auch wenn es noch einmal gut eineinhalb Jahrzehnte brauchte, bis sich der weltweite
Durchbruch im publizistischen Alltagsbewusstsein manifestieren konnte188 , so ändert sich
für die Begriffsschrift nun alles. Während die ersten 70 Jahre ihres Daseins durch Stagna-
tion gekennzeichnet waren, entwickelt sich in den nachfolgenden sechs Jahrzehnten eine
rege verlegerische Tätigkeit. Allein nach Kenntnisstand der vorliegenden Untersuchung

183
Eine weitere entsprechende Werbeanzeige findet sich unter anderem auf der Beschlussseite von
Thomae (1894).
184
Scholz (1936a), 256.
185
Der vorliegende Paragraph repräsentiert eine leicht überarbeitete Fassung von Wille (2018d).
Die vollständigen bibliographischen Angaben zu allen in diesem Paragraphen behandelten Aus-
gaben findet der Leser im Abschnitt „(Teil)Ausgaben und Übersetzungen“ der „Bibliographie zur
Begriffsschrift (1879–2016)“.
186
Scholz (1936a), 256.
187
Scholz/Bachmann (1936), 30.
188
Umfassend hierzu Wille (2016b), passim.
38 Eine erste Annäherung

erschienen in dieser Zeit mindestens 24 (Teil)Editionen im Gesamtumfang von 46 oder


mehr Ausgaben (inkl. neuer Auflagen und Nachdrucke) in nicht weniger als zwölf Spra-
chen, begleitet durch insgesamt 20 Übersetzungsprojekte. Während (wahrscheinlich) in
den ersten fünf Dekaden des 20. Jahrhunderts überhaupt keine Ausgabe verfügbar war,
erschien statistisch betrachtet ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts alle anderthalb Jahre
eine weitere, neue (Teil)Ausgabe.

Mit den frühen 1970er Jahren sowie der Zeit um die Jahrtausendwende lassen sich sogar
zwei Häufungspunkte auszeichnen, bei denen innerhalb von jeweils gut drei Jahren acht
bzw. sechs (Teil)Ausgaben publiziert wurden. Beachtlich ist zudem, dass in den zurück-
liegenden 20 Jahren insgesamt 20 (Teil)Ausgaben erschienen sind, d. h. seit 1997 wurde
durchschnittlich eine (Teil)Ausgabe pro Jahr publiziert. Erstaunlicherweise gab es we-
der zum 100jährigen Jubiläum 1979 noch hierfür verspätet eine kritische Ausgabe, wie
dies etwa für den Fall der Grundlagen der Arithmetik Mitte der 1980er Jahre durch die
hervorragende Editionsarbeit von Christian Thiel sichergestellt wurde.189 Zwar gab es un-
mittelbar auf das Centenarjahr folgend mit der Veröffentlichung von drei (Teil)Ausgaben
eine Singularität. Allerdings war weder die ungarische Übersetzung von Ándrás Máté190
noch der von Ion Costescu besorgte Wiederabdruck191 oder gar die dritte Auflage des
Translations-Bandes192 für die Funktion einer kritischen Jubiläumsausgabe vorgesehen.
Doch während die Möglichkeit für einen Centenar-Band irgendwann verstrichen war, gibt
es bis heute keine kritische Edition, es gibt für das deutschsprachige Original nicht einmal

189
Vgl. Frege (1986).
190
Frege (1980a).
191
Frege (1980b).
192
Frege (1952).
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 39

einen vollständigen tadellosen neuen Satz, woran leider auch die vorliegende Ausgabe
zum größten Bedauern des Verfassers nichts zu ändern vermag.
Auch wenn der 100. Geburtstag der Schrift nicht mit einer Jubiläumsausgabe bedacht
wurde, so wurde des Ereignisses doch immerhin akademisch gedacht. Schließlich fand
vom 7. bis zum 11. Mai 1979 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die zugleich der
offizielle Gastgeber der Veranstaltung war, eine internationale Frege-Konferenz mit gut
40 Referenten statt, „aus Anlaß des hundertsten Jahrestages des Erscheinens von Gottlob
Freges fundamentalem Werk“.193 Folgerichtig zierte der Name der Begriffsschrift nicht
nur den Konferenztitel, sondern auch den Haupttitel des resultierenden Tagungsbandes.194
Bedauerlich nur, dass Anlass und Titel der Tagung für kaum einen der Referenten einen
thematisch handlungsleitenden Charakter besaß. Es findet sich unter den Konferenzbei-
trägen kein einziger Vortrag, der in seiner inhaltlichen Ausrichtung dem Jubilar auch
nur annähernd gerecht werden würde. Dabei erfolgte die Tagungsankündigung mit der
dezidierten Schwerpunktausrichtung bereits mehr als eineinhalb Jahre zuvor.195 An Vor-
bereitungszeit für die Referenten mangelte es also nicht.
Eine Besonderheit für die Begriffsschrifthistorie gab es gleichwohl196 , die aus den
umfangreichen, teilweise durch Helmut Metzler inspirierten197 und bis auf den 18. Ok-
tober 1977 zurückreichenden198 Planungen resultierte. Auf Anregung von Rolf Lindner
wurde durch die „Vorbereitungsgruppe der 1. Internationalen Jenaer Frege-Konferenz“
bei dem Berliner Künstler Fritz Schulz eine Frege-Medaille in Auftrag gegeben, die vor
Ort an Vortragsredner, Mitglieder des Programmkomitees sowie verdiente Mitarbeiter im
Organisationskomitee ausgehändigt wurde.199 Bereits am 6. Mai 1978 ist in einer hand-
schriftlichen Mitteilung über eine Beratung des nationalen Programmkomitees zur Tagung
„100 Jahre Begriffsschrift“ in Berlin unter Punkt 2 die Rede von einer „Gedenkmedail-
le für Ehrengäste u. a.“.200 Die 220,7 Gramm schwere Bronze-Medaille wurde in der
Bildgießerei Seiler in Schöneiche bei Berlin in einer Auflage von 200 Stück hergestellt.
Während 50 Exemplare für den Staatlichen Kunsthandel der DDR vorgesehen waren, ist

193
Wegner (1979), 1.
194
Vgl. Bolck (ed.).
195
Lindner (1977).
196
Die nachfolgenden Informationen stammen von Frau Rita Seifert, M. A., vom Universitätsarchiv
der FSU Jena sowie von Herrn Dr. Gerhard Lischke. Für ihre zum Teil überaus arbeitsintensiven
Recherchen sei ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt!
197
Vgl. Dahms (2007), 1611–1613.
198
Rita Seifert an Christian Thiel in einer Mail vom 21. März 2017.
199
Gerhard Lischke an Christian Thiel in einer Mail vom 8. Februar 2017.
200
Rita Seifert an Christian Thiel in einer Mail vom 20. März 2017, mit einem Nachtrag vom
21. März 2017. Da die im Universitätsarchiv Jena befindlichen und für die Benutzung noch
nicht erschlossenen Unterlagen zur Frege-Konferenz teilweise in Ordnern, teilweise in Mappen als
Loseblatt-Ablagen vorliegen, könnte nur im Rahmen einer überaus intensiven, blattweisen Durch-
sicht der Mappen und mit ungewissem Ausgang geprüft werden, ob sich unter den Dokumenten
überhaupt noch nähere Auskünfte darüber befinden, wer im Einzelnen eine Frege-Medaille erhalten
hat.
40 Eine erste Annäherung

auf einem Lieferschein des Staatlichen Kunsthandels vom 31. Mai 1979 vermerkt, dass
120 Bronzeplaketten am Tag der Konferenzeröffnung an die Friedrich-Schiller-Universität
Jena geliefert wurden und weitere 30 zur Abholung bereitstünden.201 150 Exemplare wa-
ren also für die Tagung oder mit ihr im Zusammenhang stehende akademische Belange
vorgesehen. Aus Anlass des Centenar-Ereignisses wurde ein echtes numismatisches Lieb-
haberstück mit Sammlerwert geschaffen, das „zu den seltensten Jenaer Medaillen und
gewiß auch zu den schönsten“202 gehört.

Die Gottlob-Frege-Gedenkmedaille aus Anlass von 100 Jahren Begriffsschrift (Der Abdruck erfolgt
mit freundlicher Genehmigung von Herrn Christian Thiel.)

Die große Jenaer Tagung konnte der Schrift inhaltlich kein Denkmal setzen. Eine Eh-
renrettung gelang schließlich durch Lothar Kreiser und Helmut Metzler, die wesentlich
zeitgleich zur Konferenz, aber unabhängig von dieser in der Deutschen Zeitschrift für
Philosophie einen kleinen Aufsatz veröffentlicht bekamen, der geschichtsträchtig mit den
Worten anhob „Hundert Jahre sind vergangen“203 und dessen volle Aufmerksamkeit ein-
zig und allein dem 100jährigen galt. Obgleich Kreiser auch an anderer Stelle an das
Ereignis erinnerte204 , hierbei jedoch eine größere Perspektive wählte, blieb es bei der
singulären publizistischen Reminiszenz, die im Jubiläumsjahr lediglich ein Promille des
Gesamtumfangs des benannten Periodikums ausmachte. Wismar, Jena und Bad Kleinen
gehörten 1979 zwar zum Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik, doch
das ideologieunbelastete Werk der gesamtdeutschen Figur Frege erfuhr selbstverständ-
lich systemübergreifend größte Wertschätzung. Auch im zweiten deutschen Staat gab es
Centenaraktivitäten, hier im Rahmen der Sektion „History of logic, methodology and

201
Rita Seifert an Christian Thiel in einer Mail vom 20. März 2017.
202
Steiger (1978), 196.
203
Kreiser/Metzler (1979), 571.
204
Kreiser (1979).
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 41

philosophy of science“ des riesenhaften Sixth International Congress of Logic, Metho-


dology and Philosophy of Science in Hannover (22. bis 29. August). In einem eigens
Frege dedizierten Symposium205 war es im Besonderen Christian Thiel, der einen logik-
geschichtlichen Bogen spannte „From Leibniz to Frege“ und mit der Einsicht eröffnete,
„Celebrating the centenary of a book is not unusual at all“.206 Es sollte für Thiel, der be-
reits auf der Jenaer Konferenz referierte, bei Weitem nicht der letzte Centenarvortrag 1979
werden.
Gleichermaßen angemessen gelang die akademische Würdigung an anderer Stelle,
denn nicht nur in Freges Mutterland wurde das geschichtsträchtige Jubiläum zum Anlass
wissenschaftlicher Reflexionen genommen. Auch in der ersten Wahlheimat des Werkes,
den Vereinigten Staaten, erinnerte man sich festlich des Ereignisses der Ersterscheinung.
Im Rahmen des 53. jährlichen Treffens der American Philosophical Association (Pacific
Division) in San Diego wurde immerhin der Eröffnungsvortrag der dreitägigen Veranstal-
tung dafür vorgesehen. Zwar handelte es sich hierbei nicht um eine ganzwöchige Fest-
veranstaltung, doch diese Invited Address in Commemoration of the One-Hundredth An-
niversary of Frege’s Begriffsschrift wurde vom Dienstältesten unter den Frege-Gelehrten
der Welt gehalten, der darüber hinaus durch sein beispielloses Wirken der Begriffsschrift
Jahrzehnte zuvor den internationalen Durchbruch allererst ermöglicht hatte. Unter der Dis-
kussionsleitung von Wilfrid Sellars hielt niemand anderer als Alonzo Church am 23. März
den Centenarvortrag mit dem Titel „How Far Can Frege’s Intensional Logic Be Reprodu-
ced within Russell’s Theory of Description?“.207 Hier stand Frege nicht nur drauf, hier
war Frege auch drin.
Churchs Invited Address mag vielleicht der erste Frege dedizierte Festvortrag im Jubi-
läumsjahr gewesen sein, es handelte sich hierbei aber keineswegs um die einzige akade-
mische Würdigung im Ausland. Keinen Monat später fand vom 17. bis zum 21. April
im italienischen Orbetello das Kolloquium „Un siècle dans la philosophie des mathe-
matiques“ statt, das veranstaltet wurde von der Académie Internationale de Philosophie
des Sciences. Die Wahl des Themas war motiviert durch die hundertjährige Wiederkehr
der Publikation von Freges „fameux livre“208 und spiegelte sich neben fünf weiteren,
„L’œuvre de Frege“ gewidmeten Beiträgen vor allem im zentralen Vortrag von Corrado
Mangione wieder, der über diese „Acte de naissance de la philosophie des mathémati-
ques moderne“ referierte.209 Eine wertschätzende Berücksichtigung sollte das Anniversar
auch bei der Österreichischen Ludwig-Wittgenstein-Gesellschaft finden, die im Rahmen
des „4. Internationalen Wittgenstein Symposiums“ in Kirchberg am Wechsel (28. August -
2. September 1979) eine Untersektion „der hundertjährigen Wiederkehr des Erscheinens

205
Vgl. Cohen et al. (1982), X.
206
Thiel (1982), 755.
207
Vgl. APA (1979), 446.
208
Agazzi (1981), 3.
209
Vgl. Mangione (1981).
42 Eine erste Annäherung

von Freges Begriffsschrift“210 zu widmen gedachte. Ob diese dann tatsächlich auch statt-
fand, muss hier offengelassen werden, da zumindest der resultierende Tagungsband keine
eindeutigen Spuren von Centenaraktivitäten aufweist. Vor allem durch spanische sowie
mittelamerikanische Referenten getragen fand vom 27. bis zum 29. November in Peñísco-
la, in der spanischen Provinz Castellón das „Simposio sobre Lógica y Filosofía en Gottlob
Frege: Primer Centenario de la publicación de Begriffsschrift 1879–1979“ statt.211 Für die
ebenfalls auf diesem Symposium Referierenden Michael Dummett, Peter Geach sowie
Christian Thiel sollte es nicht das letzte Wiedersehen in diesem Jahr und aus diesem An-
lass sein. Keine drei Wochen später sah man sich wieder, dieses Mal auf der (wahrschein-
lich) letzten Centenarveranstaltung im Jubiläumsjahr. Das Seminar for Austro-German
Philosophy veranstaltete am 15. und 16. Dezember das mit sieben 90-Minuten-Vorträgen
bestückte Kolloquium „Grammar and the Begriffsschrift: A Centenary Celebration“, das
am Bedford College in London stattfand.212 Belassen wir vorerst ein Fragezeichen hinter
der Untersektion in Kirchberg, so gab es 1979 also mindestens sechs international besetzte
Veranstaltungen zu Ehren der 100. Wiederkehr der Erstpublikation. Das steht immerhin
im Einklang mit einer Auskunft von Michael Dummett, der sich erinnert: „In this year
(1979), many universities have had the idea of holding conferences in celebration of the
centenary of the publication of Frege’s Begriffsschrift; I know of six, and have participated
in three, such conferences. The number of individual works of philosophy, or, indeed, of
science, of whose publication it would be appropriate to celebrate the centenary is very
small indeed. It might be an amusing parlour game to propose membership of this ex-
clusive category; but it is certainly a mark of Frege’s greatness that the Begriffsschrift is
unquestionably one of them“.213
Die Vielfalt der Tagungsadressen fand in den Publikationen zum Jubiläum immerhin
partiell eine Entsprechung. Neben Mangiones bereits erwähnter Abhandlung „Le “Be-
griffsschrift” de Frege (1879)“ verdienen zumindest einige weitere publizistische Bemü-
hungen der Würdigung. Da treffen wir zum einen auf den 1979 erschienenen Sonderband
33(130) der Revue Internationale de Philosophie, der dem Thema „Frege (1879–1979)“
gewidmet war und der vor allem durch Claude Imberts „Le projet idéographique“214 sowie
Francis Jacques’ „L’idéographie frégéenne“215 bestach. Den vielleicht würdevollsten Bei-
trag zum Jubiläum verfasste Eladio Chávarri, der mit seiner umfangreichen Untersuchung
„En el primer centenario de Begriffsschrift“216 eben nicht nur auf das Centenarereignis
aufmerksam machen wollte, sondern der mit seiner Hommage an die Begriffsschrift de-
ren überragende geistige Größe unterstreichen und ein Plädoyer für die selbstständige

210
ZphF (1979), 147.
211
Vgl. Anzeige (1979).
212
Vgl. SFAGP (1979).
213
Dummett (1981), ix.
214
Imbert (1979).
215
Jacques (1979).
216
Chávarri (1979).
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 43

Lektüre Fregescher Schriften formulieren wollte. Erwähnt sei schließlich noch die ganz
individuelle Wertschätzung, die durch Ion Costescu zum Ausdruck gebracht wurde. Sein
umfangreiches Werk Die kosmische Erkenntnis und der menschliche Computer erinnert
nicht nur durch den Untertitel 100 Jahre seit Freges „Begriffsschrift“ an das Jubiläum,
sondern die Veröffentlichung der fast 400 Seiten starken Untersuchung in der deutschen
Sprache „hat als Begründungen: – die Würdigung die wir Freges “Begriffsschrift” schul-
den, seit dessen Erscheinen hundert Jahre vergangen sind“.217 Diesen huldvollen Worten
ließ Costescu literarische Taten folgen, denn neben einem mit Kommentaren versehe-
nen Neudruck der Teile I und II (bis Formel 64)218 erfuhr auch Freges Begriffsschrift im
Licht des eigenen, unkonventionellen Theorieansatzes eine Untersuchung, nachdem im
umfangreichen ersten Teil der Arbeit „die Eingangsgrössen und die Ausgangsgrössen der
Syllogismen in der kosmischen Erkenntnis und dem menschlichen Computer“219 festge-
stellt wurden. Damit „wird der wirkliche Wert der Ideographie Freges erfassbar in ihrem
Mechanismus“220 , belegt unter anderem durch eine begriffsschriftliche Analyse von Syl-
logismen.221
Damit konnten die publizistischen Centenaraktivitäten auch quantitativ ein kleines
Ausrufezeichen setzen, denn in der Gesamtstatistik zu den Begriffsschrift-Veröffentli-
chungen222 lag in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (1979/1980) die Anzahl erstmals
bei insgesamt 15 Beiträgen. Dieser Wert sollte erst wieder ab der Mitte der 1990er Jahre
erreicht werden, doch ab dieser Zeit beginnt für die Rezeption des Werkes sowieso ein
neues Kapitel, denn die zurückliegenden 20 Jahre beeindrucken nochmals deutlich ge-
genüber der bereits beachtlichen Rezeption ab den 1960er Jahren. Die Gesamtverteilung
der Begriffsschrift-Publikationen in den vergangenen fast 140 Jahren spricht eine deut-
liche Sprache, denn gut neun von zehn Beiträgen wurden erst in den letzten 55 Jahren
veröffentlicht, immerhin noch über 70 Prozent nach dem Centenarjahr. Die regen akade-
mischen Jubiläumsveranstaltungen erwiesen sich rückblickend als ein vielversprechender
Auftakt für umfassendere Forschungsaktivitäten. Etwas Besseres konnte den Bemühun-
gen um einen solchen Anlass nicht widerfahren. Es fügt sich daher harmonisch in das
Bild der kontinuierlichen Editionstätigkeiten der vergangenen zwei Jahrzehnte, dass im
selben Zeitraum die Hälfte der bis heute publizierten Untersuchungen zur Schrift anzu-
treffen sind. Seit 20 Jahren und damit gut 120 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist
die Forschung zur Begriffsschrift auch numerisch endlich auf einem respektablen Niveau
angekommen.

217
Costescu (1980a).
218
Frege (1980b).
219
Costescu (1980a).
220
Costescu (1980b), 178.
221
Costescu (1980c).
222
Dem zugrunde liegen die Einträge des zweiten und dritten Abschnitts aus der „Bibliographie zur
Begriffsschrift (1879–2016)“, im Ganzen ca. 260 Datensätze.
44 Eine erste Annäherung

Das wiedererstarkte publizistische Leben der Begriffsschrift setzt 1952 ein mit dem Neu-
druck des von Peter Geach übersetzten ersten Teiles der Schrift, ohne „Vorwort“ und
ohne abschließendes Logisches Quadrat. Die Übersetzung erscheint an erster Stelle des
weltweit viel beachteten und hoch gelobten Bandes Translations from the Philosophical
Writings of Gottlob Frege, mit dem Geach und Max Black einen entscheidenden Bei-
trag zur internationalen Rezeption des gesamten Werkes liefern.223 Der Band erscheint
im Oxforder Verlag Basil Blackwell, bei dem bereits zwei Jahre zuvor die ebenfalls welt-
weit gefeierte bilinguale Ausgabe The Foundations of Arithmetic. A logico-mathematical
enquiry into the concept of number in der Erstübersetzung von John Langshaw Austin
erschienen war.224 Der große Erfolg der Austin-Edition sowie der in der Zwischenzeit an
verschiedenen Stellen vorgetragene Wunsch „we may at least look forward to a volume
of selections which will include some of the articles he contributed to obscure periodi-
cals“225 , ließen das Projekt des Translations-Bandes zu einer akademischen Notwendig-
keit werden.
Für einen Großteil der inzwischen beachtlich gewachsenen Gemeinschaft der Logiker
bot sich hier erstmals die Gelegenheit für eine selbstständige Lektüre eines ganzen Haupt-
teiles der Begriffsschrift. Im Umfang von immerhin knapp 20 Druckseiten konnte nun
ein Werk studiert werden, das bis dato für die meisten sprachlich und für so gut wie alle
physisch unzugänglich gewesen war. Obwohl das Werk damit nach fast einem Dreivier-
teljahrhundert überhaupt erstmalig eine auszugsweise editorische Berücksichtigung fand,
wurde sogleich mit großem Bedauern festgestellt, dass es nicht im Ganzen aufgenommen

223
Ausführlich hierzu Wille (2016b), 45–54.
224
Ausführlich hierzu Wille (2016b), 33–45.
225
Kneale (1950), 397.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 45

werden konnte. „The reviewer regrets especially that the whole of the Begriffsschrift could
not have been included (ninety-four pages). But the translators were no doubt influenced
against this, not only by the semi-popular aim, but also by the typographical difficulty
of setting Frege’s two-dimensional formulas“.226 Mit der Bereitstellung des ersten Teils
der Begriffsschrift sollte in Teilen der Mangel ihrer vormaligen Unverfügbarkeit behoben
werden, doch verstärkt wurde vor allem der Wunsch nach einer vollständigen Ausgabe.
Es sollte noch mehr als ein ganzes Jahrzehnt vergehen, bis dieses intellektuelle Bedürfnis
befriedigt werden konnte. Bis dahin musste man sich mit dem Angebot des Translations-
Bandes begnügen. 1960 erschien die zweite und 1980 die dritte Auflage.
Freges Mutterland hängt in dieser Entwicklung hinterher. Während die Neuerungen der
symbolischen Logik an den führenden US-amerikanischen Universitäten bereits in den
späten 1930er Jahre zum akademischen Standard gehören, kämpft sie hierzulande selbst
ein Jahrzehnt später immer noch um die elementare Anerkennung. Damit verzögert sich
nicht nur die deutschsprachige Rezeption von Freges gesamtem Werk, sondern auch die
damit einhergehenden Editionsbemühungen. Noch in der Mitte der 1950er Jahre bedau-
ert der große Logikhistoriker William Kneale an der exponierten Stelle eines Gesprächs
im Dritten Programm der British Broadcasting Corporation: „Unfortunately, this little
book has never been reprinted, so far as I know, and it is very scarce“.227 Doch mehr als
die 20 Seiten im Translations-Band wollte man sich für den Augenblick nicht zutrauen,
die Kosten für einen Neusatz der gesamten Schrift wären erheblich gewesen. Dabei hatte
Alonzo Church bereits 1948 in seiner Besprechung der Geymonat-Edition Aritmetica e
logica nicht nur die fehlende Verfügbarkeit der Begriffsschrift sowie der Grundgesetze I
& II bemängelt, sondern auch zugleich darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund der
bestechenden Satzqualität der Originalschriften ein erneutes Setzen gar nicht zwingend
erforderlich ist. „Their reproduction by a photographic process would be not difficult, and
very valuable“.228
1964 ist es schließlich soweit, das Werk ist erstmals seit mehr als einem halben Jahr-
hundert wieder regulär im Buchhandel erhältlich. Alles begann 1960/61229 , als im Schwei-
zer Fribourg der junge Nachwuchswissenschaftler Ignacio Angelelli gerade über den An-
fängen seiner Dissertation sitzt, mit der Zusammenhänge zwischen Freges Werk und der
Geschichte der klassischen Philosophie aufgezeigt werden sollen.230 Sein Doktorvater,
der namhafte Logikhistoriker Joseph Maria Bocheński, der bereits Jahre zuvor zu dem
unmissverständlichen Urteil kam, dass „Frege von allen Denkern der mathematischen
Logik zweifellos der bedeutendste“231 ist, tritt an ihn mit dem Anliegen einer Edition
der Begriffsschrift heran. Angelelli, damals noch ohne jede Editionserfahrung, zögert in

226
Church (1953), 92.
227
Kneale (1956), 32.
228
Church (1948).
229
Einen Teil der nachfolgenden Informationen verdanke ich Herrn Prof. Ignacio Angelelli (Aus-
tin/Texas), der sie mir in einer Mail vom 5. August 2016 mitgeteilt hat.
230
Vgl. Angelelli (1967b).
231
Bocheński (1956), 314.
46 Eine erste Annäherung

Anbetracht der gleichermaßen anspruchs- wie verantwortungsvollen Aufgabe, doch als


Bocheńskis Doktorand kann er ihm diese Bitte nicht abschlagen. Er nimmt an und ar-
beitet anhand eines Mikrofilms, für dessen Erstellung das private Exemplar von Heinrich
Scholz, mit all seinen persönlichen Anmerkungen und handschriftlichen Korrekturen zu-
grunde gelegt wurde. Parallel zur Arbeit an seiner Promotion über Frege bereitet Angelelli
nunmehr einen kleinen Themenband mit weiteren Texten Freges zur Begriffsschrift vor,
wobei die zentrale Schrift im reprographischen Nachdruck der abgefilmten Originalaus-
gabe (allerdings und erstaunlicherweise mit neuen Zeichenfehlern, s. u.) publiziert wird.

„In diesem Band erscheint Freges „Begriffsschrift“ (1. Aufl. Halle 1879) erstmalig zusam-
men mit vier kleineren Aufsätzen, die systematisch oder chronologisch eng damit verbunden
sind“.232

Neben einem Besuch bei Hans Hermes in Münster ca. 1961, um im Nachlass von Scholz
die bereits erfassten Anmerkungen verifizieren und gegebenenfalls weiteres Material sich-
ten zu können, konsultierte Angelelli zudem den Nachlass von Edmund Husserl im Lö-
wener Archiv, damit dessen persönliche Anmerkungen zur Begriffsschrift ebenfalls eine
editorische Berücksichtigung im neuen Themenband finden. Der junge Doktorand ist
sichtlich beeindruckt davon, wie gründlich Husserl dieses Werk bereits vor Jahrzehn-
ten studiert hat. Aufbereitet als „Anhang I“233 bzw. „Anhang II“234 finden Scholz’ und
Husserls Anmerkungen Eingang in den kritischen Apparat der Edition. Vervollständigt
wird dieser Teil des Bandes durch „Textkritische Bemerkungen“235, die im Besonderen
jene Stellen der Schrift kenntlich machen, welche durch den Herausgeber „in verbesser-
ter Form wiedergegeben“236 wurden. Als erste vollständige deutschsprachige Ausgabe
nach 1879 kommt Begriffsschrift und andere Aufsätze damit das offizielle Prädikat der
Zweiten Auflage zu. Es ist Angelellis erste Publikation. Verlegt von der Georg Olms
Verlagsbuchhandlung, erscheint zugleich eine Parallelausgabe bei der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft. Der photomechanische Nachdruck von Freges großen Monographien
fand damit einen Abschluss, denn bereits drei Jahre zuvor war ebendort Freges Die Grund-
lagen der Arithmetik sowie 1962 die Grundgesetze der Arithmetik publiziert worden.
Bis zum heutigen Tag wurde die Begriffsschrift-Ausgabe sieben Mal unverändert nach-
gedruckt: 1971, 1973, 1974, 1988, 1998, 2007 und 2014.
Diese ersten Erfahrungen Angelellis als Herausgeber der Begriffsschrift wurden so-
gleich in den weiteren Dienst der übergeordneten Editionsbestrebungen gestellt, denn
nachdem nun alle drei großen Monographien Freges innerhalb von gerade einmal drei
Jahren durch Nachdrucke wieder verfügbar gemacht wurden, wandte man sich umgehend
den kleineren Veröffentlichungen zu. Im Auftrag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft

232
Angelelli (1964a).
233
Scholz (1964).
234
Husserl (1964).
235
Angelelli (1964b).
236
Angelelli (1964b), 122.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 47

edierte Angelelli aufwendig die zu Freges Lebzeiten publizierten Aufsätze, inklusive der
mathematischen Qualifikationsarbeiten sowie den seinerzeit selbstständig erschienenen
Texten Function und Begriff und Ueber die Zahlen des Herrn H. Schubert. Mit der Ver-
öffentlichung der Kleinen Schriften 1967237 , die nicht zuletzt durch ihren professionellen
Neusatz besticht, gelang es innerhalb von nur fünf Jahren, „das Programm eines Neu-
drucks aller Werke Freges – mit Ausnahme des unveröffentlichten Nachlasses – [zu]
vervollständigen“.238 Der inzwischen promovierte Angelelli hatte damit innerhalb von
wenigen Jahren einen entscheidenden Anteil daran, Freges Publikationen in seinem Mut-
terland wieder vollständig und im Fall der Kleinen Schriften in einer vorzüglichen Qualität
zugänglich zu machen. Letzteres galt leider nicht für die Edition der Begriffsschrift.
Wie die zum Teil sinnentstellenden Zeichenfehler durch ein reprographisches Nach-
druckverfahren zustande kommen konnten, ist bis heute nicht geklärt. Angelelli, der in
der Herstellung einer geeigneten Druckvorlage dem erfahrenen Verlag schlicht vertraut
hatte und keine nochmalige Prüfung vorsah, wurde in diesem Punkt vom Resultat er-
heblich enttäuscht. Noch Jahre danach bewegte und belastete ihn dieser Makel. Terrell
Ward Bynum, der später selbst eine maßgebliche Ausgabe veröffentlichen sollte (s. u.)
und der 1964 zu den wenigen Experten weltweit zählte, die über eine umfassende und
philologisch präzise Textkenntnis verfügten, erstellte umgehend eine Errata-Liste, die in
Zusammenarbeit mit Angelelli am exponierten Ort des Notre Dame Journal of Formal Lo-
gic veröffentlicht wurde. „Unfortunately, in the “reprographischer Nachdruck” some signs
of the original edition (1879) have disappeared. The editor is grateful to Mr. T. W. Bynum
for having pointed out these and other misprints which will be listed here“.239 Freilich
bestand die Hoffnung darin, bis zu einer Überarbeitung der Ausgabe durch den Verlag
dem Leser ein Werkzeug an die Hand zu geben, damit die Corrigenda schnell, einfach
und selbstständig übertragen werden konnten. Die in „Note on Frege’s Begriffsschrift“
systematisch erfassten Fehler, die umgehend als wichtiger Hinweis zudem in den Kleinen
Schriften einen erneuten Abdruck fanden240 und die durch Benson Mates’ unabhängige
Errata-Liste im Journal of Symbolic Logic241 bestätigt wurden, „should be corrected in a
new edition“.242 Dazu kam es nicht. In Anbetracht der Vielzahl der bisherigen Nachdru-
cke ist es ein bescheidenes Zeugnis für den Verlag, das Faktum selbst verschuldeter und
durch Dritte umgehend kenntlich gemachter Fehler konsequent zu ignorieren.
Obwohl die weltweite Frege-Rezeption von Beginn an eine vornehmlich angelsächsi-
sche Angelegenheit war und die ersten literarisch manifesten Übersetzungsbemühungen
von Geach zu den frühesten Editionsbemühungen der Begriffsschrift überhaupt gehören,
überrascht es ein wenig, dass die erste vollständige nichtdeutsche Fassung des Werkes nun

237
Frege (1967).
238
Angelelli (1967a), VII.
239
Angelelli/Bynum (1966), 369.
240
Angelelli (1967a), VII.
241
Mates (1967), 241f.
242
Angelelli/Bynum (1966), 369.
48 Eine erste Annäherung

gerade nicht in englischer Sprache erschien. Bereits ein Jahr nach der Angelelli-Ausgabe
und damit zwei Jahre vor der ersten englischen wurde unter dem Titel Ideografia. Un lin-
guaggio in formule del pensiero puro, a imitazione di quello aritmetico eine italienische
Übersetzung publiziert, angefertigt und mit Anmerkungen versehen von Corrado Mangio-
ne. Diese erste vollständige Übersetzung erschien unselbstständig in den von Mangione
herausgegebenen und in ihrer Anlage von Ludovico Geymonat inspirierten Gesammelten
Schriften Freges Logica e aritmetica, die bei Paolo Boringhieri in Turin verlegt wurden.
Die Vorgeschichte dieser Ausgabe reicht mehr als zwei Jahrzehnte zurück, wenngleich
Geymonats erster Editionsversuch für eine Frege-Textsammlung 1942/43 noch nicht zum
Erfolg führte.243 1948 war ihm endlich Glück beschieden. In diesem Jahr verlegte er unter
dem Titel Aritmetica e logica bei Giulio Einaudi in Turin eine kleine Werkauswahl von
Frege in italienischer Übersetzung, wobei er bei der Auswahl der Texte und Textauszü-
ge strikt darauf geachtet hat, dass sie weitgehend frei von formalen Darstellungen sind.
Das erklärt, weshalb diese erste Frege-Edition überhaupt(!), die zeitlich deutlich vor den
englischen und deutschen Anthologien erschien, vor allem Die Grundlagen der Arithme-
tik, „Über Sinn und Bedeutung“, Abschnitte aus „Ueber Begriff und Gegenstand“, einen
Teil des „Vorwortes“ der Grundgesetze I sowie einen Auszug aus „Über das Trägheits-
gesetz“ enthält. Dominant in dieser Ausgabe sind selbstverständlich Freges Grundlagen,
weshalb Aritmetica e logica auch nicht als Frege-Anthologie im strengen Sinne verstan-
den werden sollte, sondern eher als eine italienische Ausgabe der Grundlagen, die im
Stile eines kleinen, aber durchaus erlesenen literarischen Streifzuges durch Auszüge aus
Aufsätzen editorisch abgerundet wurde. An der Bedeutsamkeit dieser kleinen Edition, die
zum Vorbild der späteren Scritti raccolti werden sollte, ändert das überhaupt nichts. Ob-
gleich international kaum beachtet, zählt Geymonats Ausgabe auch heute noch zu den
frühen Glanzlichtern der international einsetzenden Fregeforschung. „In reviving and ma-
king available these works of Frege, and in his explanatory notes on them, Geymonat has
performed an important service, which—in spite of language barriers—may by no means
be confined to Italy“.244 Besonderen Erfolg hatte der Band gleichwohl in Italien, wo er
zu einer Quelle der Inspiration für andere wurde, mit der die italienische Fregeforschung
ihren Anfang nahm.245
Warum Geymonat seinerzeit auf die Aufnahme von wesentlich formalen Schriften ver-
zichtet hatte, erfahren wir schließlich in seinem „Vorwort“ zum Mangione-Band 1965.246
Während in den späten 1940er Jahren der Logikunterricht an den italienischen Universitä-
ten noch nicht über den technischen Standard verfügte, um die zeitgenössischen Klassiker
der modernen formalen Logik auch im akademischen Studium problemlos behandeln zu
können, änderte sich dies grundlegend in den nachfolgenden eineinhalb Jahrzehnten. Die
umfangreichere Berücksichtigung technisch anspruchsvollerer Texte Freges war nunmehr

243
Vgl. Geymonat (1948), 12f.; ders. (1965), 9.
244
Church (1948).
245
Vgl. Vinassa de Regny (1985), 135.
246
Geymonat (1965), 9.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 49

möglich geworden, „because of the completely changed situation among Italian students
since 1948, who have become familiar with modern publications in logic and no longer
have difficulty (even the philosophers) with varied technical symbolisms“.247 Mangione
nutzte diese neuen Möglichkeiten umfassend und konnte damit auch Alonzo Churchs 17
Jahre zuvor geäußertem Wunsch entsprechen, die Begriffsschrift im Rahmen einer Turiner
Werkauswahl thematisch zu erfassen.248
Auf mehr als 600 Seiten vereint Logica e aritmetica nicht nur den gesamten (revi-
dierten) Bestand der Ausgabe von Mangiones Lehrer, sondern umfasst darüber hinaus
elf weitere Arbeiten Freges in italienischer Übersetzung, wobei zwei der veröffentlichten
Werke sogar aus dem bis dahin unveröffentlichten Nachlass stammen. Auch wenn der Le-
ser an anderer Stelle „must be on guard against typographical errors“249 , so repräsentiert
die editorische Berücksichtigung der Ideografia zweifelsohne die bedeutsamste Erweite-
rung dieses Bandes. Mit dem Abdruck der Übersetzung verfügt die Edition neben den
I fondamenti dell’aritmetica. Una ricerca logico-matematica sul concetto di numero nicht
nur über eine weitere große Monographie Freges, sondern über die weltweit erste voll-
ständige Übersetzung der Begriffsschrift. „The most valuable additions for Italian readers
are the complete translation of Frege’s Begriffsschrift and of the famous Nachwort to the
second volume of Grundgesetze“.250 Neben Aritmetica e logica sichert sich damit auch
Logica e aritmetica einen besonderen Platz unter den Editionen in der Fregeforschung.
1967 liegt die erste vollständige englische Fassung in der Übersetzung von Stefan
Bauer-Mengelberg vor, die vom Frege-Experten Alonzo Church als exzellent beurteilt
wird.251 Sie erscheint in Jean van Heijenoorts Anthologie From Frege to Gödel. A Source
Book in Mathematical Logic, 1879–1931, deren Potenzial als Klassiker umgehend er-
kannt wurde252 und die für die mathematische Grundlagenforschung zu dem Quellenbuch
schlechthin avancierte. „It is difficult to describe this book without praising it“.253 Die
Geschichte des Bandes254 reicht bis in die späten 1950er Jahre zurück, als die Harvard
University Press an Willard Van Orman Quine herantrat mit der Bitte, jemanden für die
Edition eines Quellenbandes zur Logik für die „History of Science Series“ zu empfeh-
len. Über die Vermittlung von Burton Dreben wurde van Heijenoort ins Spiel gebracht,
der seit 1957 mit leidenschaftlichem Eifer die Literatur zur modernen formalen Logik
systematisch erfasste und sichtete. Unmittelbar nachdem sich Quine und van Heijenoort
1959 am Harvard getroffen hatten, um über das Projekt zu sprechen, arrangierte Quine
ein Treffen mit dem Verlag und der Band wurde in Angriff genommen. Es sollten für
den Herausgeber arbeitsintensive sieben Jahre vergehen, bis das Manuskript allen edi-

247
Geymonat zit. n. Church (1973), 533.
248
Church (1948).
249
Church (1973), 534.
250
Church (1973), 533.
251
Church (1972). Ausgenommen hiervon ist die Übersetzung des Untertitels, s. u.
252
Resnik (1968).
253
H. P. K. (1967), 168.
254
Siehe hierzu Feferman (1993), 274–282.
50 Eine erste Annäherung

torischen Wünschen entsprach. Allein die, in ihrer Sorgfalt umgehend wertgeschätzte255


Übersetzung der in sieben verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Nie-
derländisch, Italienisch, Latein, Russisch) vorliegenden 46 Dokumente in ein einheitliches
Englisch, die zu einem großen Teil ebenfalls von Bauer-Mengelberg vollzogen wurde,
nahm einen unglaublich großen Raum ein. Die herausragende Stellung der Begriffsschrift
zeigt der Herausgeber sowohl über den Haupt- (Frege) wie auch den Untertitel (1879)
an. Ein Quellenbuch solchen Zuschnitts zur mathematischen Logik kann nur sinnvoll mit
eben diesem Werk eröffnet werden, denn „A great epoch in the history of logic did open
in 1879, when Gottlob Frege’s Begriffsschrift was published“.256 Zweifelsohne hatte das
19. Jahrhundert eine Vielzahl exzellenter moderner Logiker hervorgebracht, „aber keiner
von ihnen wußte so viele, oft bahnbrechende Neuheiten in so vollkommener Form auf
einmal hervorzubringen“.257 Im Fall der Begriffsschrift sprechen wir eben nicht über ein
singuläres bedeutsames Novum, sondern über eine brillante Komposition bestehend aus
vielen verschiedenen Neuerungen, von denen jede für sich „would suffice to secure the
book a permanent place in the logician’s library“.258 Unterstrichen wurde diese besondere
Form der Wertschätzung durch die editorische Entscheidung, trotz der Vielzahl der abge-
druckten Quellen sowie dem ungleich größeren Fundus potentieller Textkandidaten mit
der Begriffsschrift lediglich ein einziges Buch und dies auch noch vollständig aufzuneh-
men. Dass damit bereits 1 =8 des Gesamtumfangs des Bandes für Frege vorgesehen werden
musste, war für van Heijenoort kaum der Rede wert, denn für ihn ist die Begriffsschrift

„perhaps the most important single work ever written in logic“.259

Für die beiden Entscheidungen, den Band mit der Begriffsschrift zu eröffnen und diese in
Übersetzung vollständig abzudrucken, gab es nicht nur begeisterten Zuspruch. Einzelne
wenige kritisierten den Zuschnitt und die Gewichtung der Auswahl260 , fehlte ihnen doch
vor allem die englische Algebra der Logik. Diese Kritik verkannte jedoch den zugrun-
deliegenden Begriff von „mathematischer Logik“, dessen semantische Normierung von
der algebraischen Logik schlicht nicht erfüllt wurde. Durch die Architektonik von van
Heijenoorts Band wurde erstmals publizistisch zementiert, was problemgeschichtlich in-
zwischen sowieso anerkannt war: die moderne formale Logik beginnt mit Frege im Jahr
1879. Unter sukzessiver Berücksichtigung von Fehlerkorrekturen wurde From Frege to
Gödel mehrfach nachgedruckt, u. a. 1971, 1976, 2000 und 2002. Um die Bedeutsamkeit
nochmals zu unterstreichen, wird 1970 die Bauer-Mengelberg-Übersetzung in einer leicht
revidierten Fassung erneut von Jean van Heijenoort ediert, dieses Mal in einem, einzig

255
Etwa Bernays (1970), 109.
256
van Heijenoort (1967c), vi.
257
Bocheński (1956), 313f.
258
van Heijenoort (1967a), 1.
259
van Heijenoort (1967a), 1.
260
Z. B. Moore (1977), 469.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 51

zwei epochale Werke umfassenden Band mit dem Titel Frege and Gödel. Two Fundamen-
tal Texts in Mathematical Logic.
Während From Frege to Gödel von Beginn an den Standard für eine internationale An-
thologie repräsentierte, erschien 1971 erstmals ein deutschsprachiges Pendant, das sich
gleichermaßen als ein unverzichtbares Werkzeug erweisen sollte. Die von Karel Berka
und Lothar Kreiser ausgewählten sowie edierten Logik-Texte. Kommentierte Auswahl zur
Geschichte der modernen Logik wurden als kommentierter Quellenband nicht nur für die
Forschung, sondern auch für den akademischen Unterricht entworfen und bieten „eine
echte Möglichkeit der historischen Ergänzung und sachlichen Vertiefung des ein- oder
mehrjährigen Logikstudiums“.261 Der Band berücksichtigt selbstverständlich auch Frege.
Während die erste sowie die zweite Auflage von 1973 im Kapitel „III Klassische Lo-
gik“ einen lediglich um den Teil III gekürzten Neudruck der Begriffsschrift enthält (neben
einem Nachdruck von Function und Begriff sowie „Anwendungen der Begriffsschrift“),
wurde in der dritten sowie vierten Auflage der Logik-Texte aus dem Jahr 1983 bzw. 1986
zudem auf den Wiederabdruck des Teils II verzichtet. Dafür wurde für das Kapitel „XII
Syntax – Semantik“ zusätzlich Freges „Über Sinn und Bedeutung“ aufgenommen, womit
dem Anspruch einer differenzierteren Werkauswahl entsprochen werden sollte.
1972 erschien schließlich mit Conceptual Notation and Related Articles der bis heute
umfangreichste Themenband zur Begriffsschrift. Die Ursprünge dieses Bandes reichen bis
in das Jahr 1962 und damit in die Zeit vor der van Heijenoort-Ausgabe zurück, als By-
num an der Universität von Delaware über die Vermittlung von Bernard Baumrin erstmals
mit Freges Philosophie in Kontakt kam.262 Erstaunt über das Fehlen einer vollständigen
englischsprachigen Ausgabe in Anbetracht des revolutionären Charakters der Schrift263
arbeitete Terrell Ward Bynum bis zur Mitte der 1960er Jahre an einer ersten Fassung der
Übersetzung sowie der Begleittexte, nachdem er sich die Begriffsschrift auf Mikrofilm or-
ganisiert hatte.264 Da es ihm von Anfang an nicht nur um die Übersetzung der zentralen
Texte ging, sondern auch um deren angemessene Einbettung in Freges akademische Bio-
graphie, reiste er mit einem Forschungsstipendium im Sommer 1965 nach Europa, um im
Frege Archiv (Münster) bei Hans Hermes, bei Ignacio Angelelli in Fribourg (Schweiz),
bei Rudolf Carnap in London sowie bei Bertrand Russell eine Vielzahl von Informationen
zusammenzutragen, die zu dieser Zeit so gut wie unbekannt waren.265 Das war wahrhaft
„a labor of love“.266
Da Anspruch und Ausrichtung des Projektes auch nach Veröffentlichung der Überset-
zung von Stefan Bauer-Mengelberg nicht überholt waren, wenngleich sich Bynum darüber
enttäuscht zeigte, nicht die erste englischsprachige Übersetzung auf den Markt gebracht

261
Berka/Kreiser (1971), XI.
262
Vgl. Bynum (1972a), vii/viii.
263
Vgl. Bynum (1972a), vii.
264
Vgl. Bynum (1972a), vii.
265
Vgl. Bynum (1972a), vii.
266
Corcoran/Levin (1973), 455.
52 Eine erste Annäherung

zu haben267 , legte er schließlich Anfang der 1970er Jahre eine eigene Übersetzung des
gesamten Werkes vor, die vervollständigt wurde unter anderem durch die mit abgedruck-
ten Übersetzungen diverser kleiner Begleittexte Freges sowie einzelner Rezensionen zur
Begriffsschrift. Eine erlesene kleine Materialsammlung, die jedoch nicht durchweg wert-
geschätzt wurde. Manch vereinzelte Stimme zweifelte am Erfordernis des Bandes mit
Verweis auf die prinzipielle englischsprachige Verfügbarkeit aller abgedruckten Schrif-
ten an anderer Stelle. „Bynum’s editorial contributions are not really sufficient to justify
this costly enterprise“.268 Bei Beurteilungen dieser Form wurden indes diverse Qualitäts-
merkmale außer Acht gelassen, die dem Band einen distinguierten Charakter verliehen.
So besticht Bynums Übersetzungstätigkeit durch ihren dezidiert kritischen Charakter. Die
Publikationsfassung umfasst einen kritischen Fußnotenapparat, der die terminologisch
neuralgischen Stellen begleitet und unter Rückgriff auf die bereits vorliegenden Über-
setzungsvorschläge sowie zum Teil unter Anführung des deutschsprachigen Originals
Auskunft über die erfolgte Ausdruckswahl erteilt.
Aus zwei weiteren Gründen wird mit dem Erscheinen der Conceptual Notation ein
neuer Standard in der Fregeforschung gesetzt. Bynum eröffnet den Band mit einer bereits
mehr als 50 Seiten umfassenden intellektuellen Biographie zu Frege269 – der weltweit
ersten überhaupt. Diese erste umfassendere Spurensuche führte freilich noch nicht zur
feinsten biographischen Auslese, die erst in den nachfolgenden Jahrzehnten Stück für
Stück gewonnen werden sollte. Doch die Kritik, Frege würde in Bynums Darstellung
„not begin to come alive“270 , ist fehl am Platz, galt es doch überhaupt erst einmal, die
verstreut liegenden biographischen Informationen zusammenzutragen. Beschlossen wird
der Band indes mit einem weiteren Novum, der ersten umfassenden, bis in das Jahr 1966
reichenden Frege-Bibliographie271 , die Bynum zusammen mit seiner Frau Aline W. By-
num erstellt hat und die nicht zuletzt zum Begriffsschrift-Thema einen beeindruckenden
Detailreichtum birgt. „All this comprises an important, exciting and fresh contribution
to the field“.272 Ursprünglich als wertschätzende Bewertung zum Publikationszeitpunkt
gedacht, erwies sich im Besonderen ein Urteil als von besonderer Beständigkeit: „This
volume is the most comprehensive assemblage of material on Frege’s Begriffsschrift in
existence“.273 Daran hat sich nicht nur seit viereinhalb Jahrzehnten nichts geändert, son-
dern dies wird auch noch auf absehbare Zeit so bleiben. 2002 erschien das Buch in einem
unveränderten Nachdruck.
In den frühen 1970ern konnte also bereits auf eine beachtliche editorische Betriebsam-
keit im Umgang mit dem Werk zurückgeblickt werden, die innerhalb weniger Jahre nicht
nur beeindruckende Übersetzungen hervorgebracht hatte, sondern zudem eine umfassen-

267
Vgl. Bynum (1972a), viif.
268
Haack (1976), 63.
269
Bynum (1972b).
270
Dudman (1974).
271
Bynum/Bynum (1972).
272
Corcoran/Levin (1973), 454.
273
Corcoran/Levin (1973), 454.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 53

de, geradewegs exklusive Berücksichtigung in den beiden wegweisenden Anthologien


sicherstellte. Name und Programm der Begriffsschrift hatten sich als prominenter To-
pos der Logik international etabliert. In dem, zu eben dieser Zeit fertiggestellten Lexikon
Логический словарь, dem ab 1978 auch auf Deutsch verfügbaren Wörterbuch der Logik
des sowjetischen Logikers Nikolaj Ivanovič Kondakov, sucht man einen gleichnamigen
Eintrag dennoch vergeblich. Das mit ca. 1500 Artikeln überaus umfangreiche Lexikon
hat den Titel wahrscheinlich schlicht vergessen und nicht einfach aus Platzgründen aus-
gespart. So kam es, dass Joseph Maria Bocheński in einer Besprechung des Werks mit
der Verwunderung einer gleichermaßen selbstverständlichen wie unerfüllt gebliebenen Er-
wartung feststellen konnte, dass der Leser „may still wonder why there is no entry for the
Principia Mathematica or for the Begriffschrift [sic]“.274 Immerhin war die Gründungs-
schrift damit in guter Gesellschaft. Bocheńskis sanfter Tadel verfehlte seine Wirkung
dennoch nicht, zumindest bemühten sich die Übersetzer um eine behutsame Nachbes-
serung. Zwar war es ausgeschlossen, im Rahmen einer reinen Übersetzungstätigkeit das
Textkorpus substantiell zu erweitern, doch die kurze Erwähnung des Werkes im umfäng-
lichen Artikel „математическая логика“ eröffnete immerhin die Möglichkeit, einen
internen Verweis zu platzieren. So behalf man sich stillschweigend mit der konservati-
ven Erweiterung, die deutsche Ausgabe um das Stichwort „Begriffsschrift“ zu erweitern,
um sogleich und einzig auf die Ausführungen im Eintrag „Logik, mathematische“ zu ver-
weisen.275 Inhaltlich mehr stand nicht geschrieben, aber für einen Eintrag war nunmehr
gesorgt.
Michael Beaney legte schließlich für The Frege Reader 1997 eine weitere englisch-
sprachige Variation für das „Vorwort“ sowie den Teil I (mit dem abschließenden Logi-
schen Quadrat) auf. Damit erschienen innerhalb von viereinhalb Jahrzehnten vier nicht
deckungsgleiche englischsprachige Übersetzungen. Hierin drückt sich aus, was in der
Fregeforschung allgemein gilt. Einen gemeinhin geteilten englischsprachigen Kanon für
Freges Terminologie gibt es nicht. Das gilt zwar vor allem für die Kernbegriffe von Fre-
ges Semantik, doch auch im Falle der Begriffsschrift verzichten (bis auf Bynum) alle
anderen Übersetzer auf eine Wiedergabe des Haupttitels in der englischen Sprache. In
den Glossaren zu Freges Terminologie lautet es häufiger: „Begriffsschrift [left untransla-
ted throughout]“.276 Dies sollte nicht überraschen. Die Terminologiegeschichte des Aus-
drucks gleicht nicht gerade der Historie eines seit seinen Anfängen streng normierten
wissenschaftlichen Begriffes.277 Wahrscheinlich als unmittelbare Übersetzung von „Ideo-
graphie“ im Kontext der frühen Leibniz-Literatur wurde der Ausdruck wohl erstmals von
Wilhelm von Humboldt 1824 für eine Begriffe bezeichnende Figurenschrift gebraucht.

274
Bocheński (1974), 138.
275
Kondakov (1971), 87.
276
Hier: Beaney (1997), xiii.
277
Die nachfolgenden Punkte aus der Terminologiegeschichte stammen von Thiel (1995), 20;
(20052 ), 391.
54 Eine erste Annäherung

Schließlich ist es Adolf Trendelenburgs Verwendung des Ausdrucks für den Leibniz-
Terminus lingua characteristica (1856, 1867 resp.), die Frege zur Adaption inspiriert.
Von der kohärenten semantischen Biographie eines Begriffs sollte also besser nicht
gesprochen werden, was jedoch die mannigfaltigen Bestrebungen in den Übersetzungs-
versuchen verständlich werden lässt. Philip Jourdain traf jedenfalls eine umsichtige Ent-
scheidung, als er 1912 und damit als einer der ersten überhaupt den Eigennamen unüber-
setzt ließ und einzig den prädikativen Gebrauch mit „ideography“278 wiedergab. Seitdem
hat sich eine wahre Vielfalt von Vorschlägen eingestellt. Während John Langshaw Aus-
tin aus Anlass seiner Erstübersetzung der Grundlagen der Arithmetik die Bezeichnung
„concept writing“279 wählt, sieht Peter Geach zwei Jahre später im Rahmen der Über-
setzung des ersten Teils der Begriffsschrift „symbolic language“280 für den prädikativen
Gebrauch vor. Dieser Übersetzungsvorschlag scheint ihn selbst nicht dauerhaft zufrieden-
gestellt zu haben, denn ein reichliches Jahrzehnt später spricht er sich unmissverständ-
lich für „ideography“ aus, während er zugleich bedauert281 , dass sich David Pears und
Brian McGuinness in ihrer Neuübersetzung des Tractatus für „conceptual notation“282
entschieden haben. Im Cambridge Dictionary of Philosophy findet sich der Eigenname
frei übersetzt mit Concept-notation wieder283 und in der Übersetzung der Nachgelas-
senen Schriften treffen wir auf den Ausdruck „concept-script“.284 Der Übersetzer des
Wissenschaftlichen Briefwechsels entschied sich indes, Bynum folgend, für „conceptual
notation“.285 Während es vor allem die beiden letztgenannten Vorschläge zu einer respek-
tablen Verbreitung geschafft haben, sollte der Ausdruck „Begriffsschrift“ indes nicht mit
„Idea-Writing“286 wiedergegeben werden. Der philosophisch hoch kontaminierte latei-
nische Ausdruck „idea“ hatte vor allem in der englischen Philosophie der Neuzeit für
ordentlich Verwirrung gesorgt, weil sein angelsächsisches Pendant sprachlich ambigue
nicht sauber zwischen „Vorstellungen“ im Sinne mentaler Repräsentationen und „Ideen“
im Sinne semantisch normierter Begriffe zu unterscheiden gestattet. Es hatte Generatio-
nen gebraucht, bis für „Begriff“ nicht mehr „idea“, sondern „concept“ die standardisierte
Bezeichnung darstellte. Peter Nidditchs Übersetzungsvorschlag, der zudem für den Ei-
gennamen vorgesehen war, fällt hinter das Erreichte zurück. Die meisten Übersetzer des
Werkes waren also gut beraten, den Haupttitel in Anbetracht der nicht zuletzt durch Zu-
fälle geprägten Terminologiegeschichte im deutschen Original zu belassen.
Dafür beeindrucken die Variationen des Untertitels um so mehr. Während die Begriffs-
schrift bei Geach „a formalized Language of pure Thought modelled upon the Language

278
Jourdain (1912), 275 u. a.
279
Frege (1950), § 91.
280
Frege (1952), 3/4.
281
Geach (1963), 264.
282
Wittgenstein (1961), 3.325 u. a.
283
Ricketts (1995), 282.
284
Long/White (1979), VII.
285
Kaal (1980).
286
Nidditch (1962), 62.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 55

of Arithmetic“ ist, übersetzt dies Bauer-Mengelberg durch „a formula language, modeled


upon that of arithmetic, for pure thought“, während Bynum die Erläuterung des Hauptti-
tels mit „A Formula Language of Pure Thought Modelled upon the Formula Language of
Arithmetic“ wiedergibt. Beaney entscheidet sich schließlich für „A formula language of
pure thought modelled on that of arithmetic“. Um die üppige Vielfalt der Untertitelvaria-
tionen vollends unübersichtlich zu gestalten, sei zudem an Nidditchs Versuch erinnert, der
keineswegs trivialen grammatischen Konstruktion durch den wenig überzeugenden Vor-
schlag „a sign language, copying arithmetic, of thought as such“287 Herr zu werden. In der
Sache meldete sich schließlich auch Alonzo Church zu Wort, der sich bereits in den frü-
hen 1940er Jahren als einer der ersten überhaupt mit Fragen einer kritischen Übersetzung
Fregescher Termini befasst hat und der in der Auseinandersetzung mit Bauer-Mengelbergs
Version zu dem Ergebnis gelangt: „The translation of the subtitle of Frege’s Begriffsschrift
is obviously awkward. Indeed the German is not easy to translate into idiomatic English
if both ambiguity and prolixity are to be avoided. But the reviewer suggests ‘A formula
language for pure thought, modeled upon that for arithmetic.’“.288
Neben dem Englischen gibt es wahrscheinlich lediglich eine weitere Sprache, die mit
mehr als einer vollständigen Übersetzung aufwarten kann: das Russische.289 Obgleich
Freges Werk von jeglichem Ideologieverdacht freizusprechen ist, so war er doch we-
der Materialist noch ein dialektischer Logiker, dafür aber ein bürgerlicher Philosoph im
deutschen Kaiserreich, was ihn nicht gerade für einen curricularen Standard in der sowje-
tischen Philosophie qualifizierte. Es überrascht daher kaum, dass umfängliche Überset-
zungsbemühungen oder editorische Bestrebungen im russischen Sprachraum lange haben
auf sich warten lassen. Publizistisch wirksam setzen sie im Fall der Begriffsschrift erst
1987 ein und vielleicht ist es ein hoffnungsvoller akademischer Ausdruck von Glasnost
und Perestroika, dass die erste290 russische Übersetzung des Werkes noch zu Zeiten der
Sowjetunion erscheint. Allerdings entstand sie nicht im intellektuellen Zentrum des Rie-
senreiches, sondern gut 2.000 Kilometer von diesem entfernt in Tiflis, der Hauptstadt der
damaligen Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Der von Z. N. Mikeladze heraus-
gegebene Band Методы логических исследований (Metody logičeskich issledovanij)
ist eigentlich eine georgische Gemeinschaftsproduktion, denn neun der zehn abgedruckten
Texte stammen von georgischen Wissenschaftlern, die sich in ihren Beiträgen mit aktu-
ellen semantischen und algebraischen Problemen der zeitgenössischen formalen Logik
sowie ihrer Geschichte befassen.
Beschlossen wird die Textsammlung allerdings durch ein beeindruckendes Bekennt-
nis. Als zehnten Text findet der Leser die Шрифт понятий (Schrift ponjatij) vor, die
erste russische und sogleich vollständige Übersetzung der Begriffsschrift, angefertigt von

287
Nidditch (1962), 62.
288
Church (1972).
289
Die nachfolgenden Informationen zur Werkedition im kyrillischen Sprachraum verdanke ich
Frau Athena Panteos, M. A.
290
Mikeladze (ed.), [Titelei].
56 Eine erste Annäherung

G. K. Dzhaparidze und L. I. Mtschedlischwili, die mit dem ersten Nachdruck der zweiten
Auflage von 1971 in der Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gearbeitet ha-
ben.291 Obgleich die Formelbestände der Teile II und III sowohl handschriftlich als auch
(wahrscheinlich aus Umfangsgründen sowie der besseren Lesbarkeit) in moderner Nota-
tion eingetragen wurden und damit – nüchtern erwogen – mehr als nur eine editorische
Unzulänglichkeit vorliegt, weil darüber hinaus im Vollzug der Umschrift manche Fehler
im Original stillschweigend ausgebessert wurden, so besitzt doch gerade diese Ausgabe
eine überaus rührende Note. Die georgischen Wissenschaftler müssen erheblich impro-
visieren, aber sie setzen alles daran, um den Text im Russischen zugänglich zu machen,
denn es ist die überragende Bedeutsamkeit der Schrift, die für sie ein nicht verhandel-
bares Übersetzungs- und Publikationserfordernis darstellt. Dass das Resultat dabei nicht
die Krone der editorischen Schöpfung darstellt, ist zugestanden, aber in Anbetracht des
sozio-akademischen Kontextes geradewegs zu vernachlässigen. Bedenkt man zudem, dass
die Übersetzer auf keinen terminologischen Kanon zurückgreifen konnten, den es in Er-
mangelung einer publizistisch nachweisbaren Begriffsschrift-Rezeption schlicht nicht gab,
so muss die Achtung gegenüber ihrer Leistung nur wachsen. Ohne die Substanz einer
Übersetzungstradition, dafür aber konfrontiert mit den Übertragungsherausforderungen
ins Kyrillische gelang einer kleinen, semi-professionellen und keineswegs institutiona-
lisierten Fregeforschung mit der Шрифт понятий des Готтлоб Фреге etwas ganz
Besonderes. Dafür verdienen Mikeladze, Dzhaparidze und Mtschedlischwili auch heute
noch unsere große Anerkennung.
Es ist daher äußerst bedauerlich, dass Boris Birjukov in den, zusammen mit Zinai-
da Kuzitschewa verfassten Erläuterungen zu seiner 2000 erschienenen Neuübersetzung
Исчисление понятий (Istschislenie ponjatij) bei lediglich einer, zudem äußerst rand-
ständigen Gelegenheit auf die 13 Jahre ältere Arbeit der Georgier verweist. Die Erstüber-
setzung findet dabei sogar nur eine knappe, parasitäre Erwähnung, denn kritisiert wird
ein marginales Interpretationsdetail aus den von M. N. Bezhanischwili und Mtsched-
lischwili angefertigten Anmerkungen.292 Dzhaparidzes und Mtschedlischwilis Überset-
zung wird damit degradiert zu einem bloßen bibliographischen Anhängsel, das man nur
all zu leicht überliest. In dem wesentlichen Eröffnungsabschnitt des neuen Kommentars,
in dem die Wahl der favorisierten Übersetzungskonvention Исчисление понятий statt-
findet293 , sucht man kritische Anmerkungen zum bereits bestehenden Vorschlag Шрифт
понятий ebenso vergebens, wie auch der gesamte Band keine Silbe darüber verliert,
weshalb eine erneute Übersetzung – deren Zweckmäßigkeit hier gar nicht in Zweifel ge-
zogen wird – erforderlich wurde. Birjukov kannte also die Arbeit der Georgier, aber sie
fand dennoch keine gebührende Berücksichtigung. In einer ansonsten editionskritisch ta-
dellosen Arbeit der einzige Makel, der jedoch später leider nochmals unterstrichen wurde

291
Vgl. Bezhanischwili/Mtschedlischwili (1987a), 86.
292
Vgl. Birjukov/Kuzitschewa (2000), 387.
293
Birjukov/Kuzitschewa (2000), 379f.
§ 6 „Sie wird neu herauskommen“: Aus der Geschichte der Editionen (1952–2017) 57

durch seinen Artikel „Исчисление понятий“ für I. T. Kasavins Enzyklopädie der epis-
temologischen und philosophischen Begriffe. Dieser Eintrag zur Begriffsschrift weist im
Textverlauf zwar umgehend auf die eigene Übersetzung hin294 , die Arbeit der Georgier
findet indes nicht einmal im bibliographischen Anhang zum Enzyklopädieartikel Erwäh-
nung. Die Gründe hierfür bleiben auch in diesem Fall im Dunklen.
Birjukovs Ausgabe der Begriffsschrift, die zweite vollständige russische, ist Bestand-
teil der von ihm herausgegebenen voluminösen Anthologie Готтлоб Фреге. Логика и
логическая семантика (Gottlob Frege. Logika i logitscheskaja semantika), die Wer-
ke Freges zur Logik und Semantik enthält und die editorisch freilich auf einem ganz
anderen Niveau als ihr Vorgänger operiert. Nach Auskunft Birjukovs sollte diese Text-
sammlung den ersten Band einer umfangreicheren russischen Ausgabe von Freges Werken
darstellen. Dessen Beiträge zur mathematischen Grundlagenforschung und Mathematik-
philosophie, einzelne nachgelassene Schriften sowie ausgewählte Teile des Briefwechsels
sollten indes in weiteren, jedoch nie fertiggestellten Bänden publiziert werden.295 Birju-
kov erstellte seine Übersetzung auf der Grundlage des 1977 bei der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft erschienenen Nachdrucks der zweiten Auflage296 , einer Ausgabe, die
von der Übersetzungsgrundlage Dzhaparidzes und Mtschedlischwilis ununterscheidbar
ist.
In den 40 Jahren seit den frühen 1970er Jahren erschienen darüber hinaus mindestens
12 weitere (Teil)Übersetzungen. 1972 legt Hugo Padilla eine spanische Fassung vor. Im
selben Jahr erscheint zudem eine von Arata Ishimoto angefertigte japanische Übersetzung
der ersten Teile der Schrift. Es folgt Ándrás Máté 1980 mit einer um den Teil III ge-
kürzten und mit moderner Notation versehenen Übersetzung ins Ungarische. Im Rahmen
einer Anthologie zur Logik und den Grundlagen der Mathematik erschien 1992 immer-
hin das „Vorwort“ sowie der erste Teil des Werkes in französischer Übersetzung durch
Mohammed Allal Sinaceur. 1999 legt sowohl Tatsuo Fujimura eine vollständige japani-
sche wie auch Corine Besson eine vollständige französische Ausgabe vor. Vor allem die
Idéographie, die als Übersetzungsprojekt aus einem gleichnamigen, von Jonathan Barnes
veranstalteten Seminar an der Universität Genf im akademischen Jahr 1994/95 hervor-
ging297 , „is a fine piece of work“.298 Die angesprochene seminaristische Konstellation
mag auch verstehen helfen, weshalb in der französischen Edition ein fast 90seitiges Nach-
wort von Barnes zu finden ist, welches sich als Begleitlektüre bestens eignet.

294
Vgl. Birjukov (2009), 343.
295
Vgl. Birjukov (2000), 5.
296
Vgl. Birjukov/Kuzitschewa (2000), 379.
297
Vgl. Besson (1999a), VIII.
298
Engel (2002), 410.
58 Eine erste Annäherung

2004 erschien neben einer mazedonischen Fassung von Jiří Fiala zudem eine hebräische
Übersetzung von Gilead Bar-Elli. Schließlich folgte 2012 eine tschechische Version von
Iva Fidančeva. Für die große Gemeinde der brasilianischen Logiker und Philosophen er-
schien immerhin 1978 im Rahmen einer kleinen Werkauswahl eine von Paulo Alcoforado
angefertigte portugiesische Übersetzung des „Vorwortes“, die 30 Jahre später abgelöst
bzw. ergänzt wurde durch eine von Fernando Raul Neto bilingual edierte Neuübersetzung
desselben inklusive des Inhaltsverzeichnisses mit dem Ziel „to bring to the brazilians the
translation of the preface“.299 Mit L’alfabeto del pensiero erschien 2015 sogar noch ei-
ne von Nicla Vassallo edierte Kompilation von drei Begriffsschrift-Texten, die sich am
Vorbild der Olms-Ausgabe orientiert, um in einer durch Nicola Zippel angefertigten Neu-

299
Neto (2008), 123.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 59

übersetzung die in italienischer Sprache schwer zugänglichen Texte wieder verfügbar zu


machen.300 „Vorwort“ sowie der erste Teil der Begriffsschrift gehören dazu.
Das Ausmaß der dokumentierten Übersetzungs- und Editionsaktivitäten lässt im An-
satz erahnen, wie eminent bedeutsam jenes Werk sein muss, um dessen weltweite Verfüg-
barkeit man hier bemüht ist. Verkürzen wir also erneut den Abstand zur Schrift, um uns
in aller gebotenen Sorgfalt ihrem Anliegen und schließlich auch den in ihr enthaltenen
Neuerungen schrittweise zu nähern.

§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“

Freges Gedanken, die ihn zu den Inhalten der Begriffsschrift führten, mögen uns in Teilen
verschlossen bleiben. Gleichwohl lässt sich der wissenschaftliche Hintergrund erhellen,
vor dem das Projekt erst dringlich und schließlich wirklich wurde, denn es war das „Be-
dürfnis, stillschweigend gemachte Voraussetzungen bei der Grundlegung der Arithmetik
mit Sicherheit auszuschliessen, [das] mich zu der Begriffsschrift des Jahres 1879“301
führte.
Es ist also die Mathematik der Zeit, die Arithmetik und Analysis des 19. Jahrhunderts,
in deren Verlauf beachtlich viele terminologische und technische Grundlagen neu entwi-
ckelt sowie sukzessiv präzisiert wurden. So befindet sich denn Frege in den 1870er Jahren
bereits auf einer problemgeschichtlichen Stufe, auf der berechtigt von einer Klärung der
Analysis gesprochen werden darf. Das Infinitesimale scheint bezwungen, die zentralen
Begriffe wie Konvergenz, (gleichmäßige) Stetigkeit, Differenzierbarkeit u. a. haben end-
lich ihre kanonische Fassung erhalten. Die hierfür wegweisenden Arbeiten von Cauchy,
Dirichlet, Weierstraß, Riemann und anderen waren bereits vollbracht. Gleichwohl ist der
junge Jenaer Privatdozent mit dem Erreichten nicht zufrieden, denn in „den abstracteren
Theilen der Wissenschaft macht sich immer auf’s Neue der Mangel eines Mittels fühlbar,
Mißverständnisse bei Andern und zugleich Fehler im eignen Denken zu vermeiden. Beide
haben ihre Ursache in der Unvollkommenheit der Sprache“.302
Die dokumentierten Klärungserfolge werden nicht in Abrede gestellt, doch trotz aller
Fortschritte innerhalb der Mathematik konnte ein grundlegender Mangel seit Anbeginn ih-
res Daseins bis dato nicht behoben werden. Die beweisende Wissenschaft par excellence,
deren exponierte wissenschaftliche Ratio gerade in der distinguierten Begründungsform
des formalen Beweises besteht und die dafür nicht nur hochgeschätzt, sondern häufig
auch zum methodologischen Vorbild erklärt wurde, ist weder formal noch verfährt sie
zu einem Großteil beweisend im strengen Sinne. Die mathematische Beweispraxis wird
nach wie vor dominiert von der Prosa, informellen sprachlichen Bausteinen, die überall
dort zur Anwendung kommen, wo der Beweisführende meint, sich aufgrund der Klarheit

300
Vgl. Vassallo (2015), 5.
301
Frege an Jourdain in einem Brief vom 23. September 1902. In Frege (1976), 111.
302
Frege (1882a), 106.
60 Eine erste Annäherung

des Sachverhalts in keiner weiterführenden formalen Darstellung üben zu müssen oder


aus Verlegenheit fehlender Ausdrucksmöglichkeiten auf die Gemeinverständlichkeit der
gebrauchten Ausdrücke hofft. Dies betraf nicht nur die propositionale Aufbereitung der
mathematischen Definitionen, Hypothesen und Theoreme, sondern auch und vor allem
die sie aufs Engste miteinander verbindenden Regeln und Gesetze des Schlussfolgerns.
„Wörter wie ›also‹, ›folglich‹, ›weil‹ deuten zwar darauf hin, daß geschlossen wird, sagen
aber nichts über das Gesetz, nach dem geschlossen wird, und können ohne Sprachfehler
auch gebraucht werden, wo gar kein logisch gerechtfertigter Schluß vorliegt“.303
Die methodischen Defizite der faktischen mathematischen Beweispraxis sind damit
benannt, wenngleich im wissenschaftlichen Alltag kaum anerkannt. Fehlende Sorgfalt
im Schlussfolgern begleitet den mathematischen Beweis ebenso wie die Liberalität in
der Explikation der Beweisvoraussetzungen oder die gerne geduldete Möglichkeit einer
Infiltration durch Intuition und Anschauung. Vor allem das mangelhafte Streben nach voll-
ständiger Transparenz ausnahmslos aller investierten Beweismittel befördert die Gefahr
einer unerkannt gebliebenen petitio principii, der impliziten Inanspruchnahme dessen,
was durch den Beweis allererst zu zeigen gewesen wäre. Mit dem kumulativen Charakter
mathematischer Theoriebildung führt dies dann dazu, dass auch nachfolgende Beweisvoll-
züge, die sich auf ein in dieser Form „bewiesenes“ Theorem stützen, ebenfalls unerkannt
petitiös verfahren. Doch selbst wo diese Sorge nicht unmittelbar begründet ist, kann sie
häufig aufgrund der kursorisch geführten Ableitungsentwürfe ebenso nicht vollständig
entkräftet werden wie der Verdacht einer unerkannten Infiltration durch die Anschauung.

„Um diese Uebelstände zu vermindern, habe ich meine Begriffsschrift erdacht. Sie soll grös-
sere Kürze und Uebersichtlichkeit des Ausdrucks erzielen und sich in wenigen festen Formen
nach Art einer Rechnung bewegen, sodass kein Uebergang gestattet wird, der nicht den ein
für alle Mal aufgestellten Regeln gemäss ist. Es kann sich dann kein Beweisgrund unbemerkt
einschleichen“.304

Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdienen viele Beweise bestenfalls
das Prädikat einer Beweisskizze, einer tentativen Heuristik, durch welche die gründli-
che Arbeit noch keinesfalls geleistet ist, sondern mit besonderer Dringlichkeit erforderlich
gemacht wird. Klarheit, Vollständigkeit sowie Rigorosität im Beweisen scheinen kaum er-
füllbar, weil die hierfür erforderlichen Mittel schlicht und ergreifend nicht vorhanden sind.
Die verwendete Gebrauchssprache kann diesem Anspruch jedenfalls nicht gerecht wer-
den, denn die „logischen Verhältnisse werden durch die Sprache fast immer nur angedeu-
tet, dem Errathen überlassen, nicht eigentlich ausgedrückt“.305 Doch wo die logische Form
des Beweises fehlt, darf die Mathematik eigentlich nicht mit dem Anspruch einer exakten,
formal-beweisenden Wissenschaft auftreten. Sie tut es gleichwohl und nährt Erwartungen,
die sie nicht zu erfüllen vermag. Mit Freges Hinwendung zu den Grundlagen dieser Wis-

303
Frege (1896), 221.
304
Frege (GLA), § 91.
305
Frege (1882a), 109.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 61

senschaft geht nicht die Erwartung einher, genuin neue mathematische Wahrheiten zu be-
gründen. Seine Aufmerksamkeit gilt der Begründungsmethode, dem Legitimationsverfah-
ren, auf dessen Grundlage der besondere epistemische Anspruch mathematischer Geltung
allererst gerechtfertigt erhoben werden kann. „Bei einer Untersuchung, welche ich hier im
Auge habe, kommt es aber nicht nur darauf an, daß man sich von der Wahrheit des Schluß-
satzes überzeuge, womit man sich sonst in der Mathematik meistens begnügt; sondern
man muß sich auch zum Bewußtsein bringen, wodurch diese Überzeugung gerechtfertigt
ist, auf welchen Urgesetzen sie beruht. Dazu sind feste Gleise erforderlich, in denen sich
das Schließen bewegen muß, und solche sind in den Wortsprachen nicht ausgebildet“.306
Es ist also Frege, der ernsthaft und unbeirrt nach einem von ihm selbst ehrgeizig for-
mulierten „Ideal einer streng wissenschaftlichen Methode der Mathematik“307 strebt, der
Schaffung einer mathematischen Sprache, „die mit strengster Genauigkeit möglichste
Kürze verbindet“308 , deren formales Fundament „auf lückenlose Strenge der Beweis-
führung und größte logische Genauigkeit gerichtet“309 ist, durch dessen Erfüllung aus-
nahmslos alle Beweisvoraussetzungen explizit und jeder einzelne Beweisschritt auf seine
Korrektheit hin überprüft werden kann. Es ist Frege, der zu einer ungeschönten, ernüch-
ternden Diagnose über die gegenwärtige Verfasstheit des Mathematischen kommt, und
der sich daran macht, diese begründungstheoretischen Versäumnisse zu beheben. „Von der
Mathematik ging ich aus. In dieser Wissenschaft schien mir die dringlichste Aufgabe in ei-
ner besseren Grundlegung zu bestehen. [...] Bei solchen Untersuchungen war die logische
Unvollkommenheit der Sprache hinderlich. Ich suchte Abhilfe in meiner Begriffsschrift.
So kam ich von der Mathematik zur Logik“.310
Obwohl das explizierte Ideal „wohl nach Euklid benannt werden könnte“311 , so er-
füllt selbst dieser die formulierten Ansprüche nicht uneingeschränkt. Frege gibt uns ein
Beispiel hierfür, welches zudem veranschaulicht, was es mit der Lückenlosigkeit, Rigo-
rosität sowie bestmöglichen Transparenz eines Beweises auf sich hat. Im § 19 des Ersten
Buches der Elemente beweist Euklid den Satz, dass in jedem Dreieck dem größeren Win-
kel die größere Seite gegenüberliegt. Er geht wie folgt vor. Sei ABC ein Dreieck mit
† ABC > † BCA. Es soll nun gezeigt werden, dass dann für die Seiten AC und AB
gilt: AC > AB. Angenommen, dies wäre nicht der Fall, dann müsste AC D AB gelten
oder AC < AB. Der Fall AC D AB kann nicht eintreten, denn dann müsste aufgrund der
Gleichschenkligkeit (wie bereits an anderer Stelle gezeigt) † ABC D † BCA der Fall
sein. Dies widerspricht der Voraussetzung, womit der Fall AC D AB ausscheidet. Aber
auch der Fall AC < AB ist auszuschließen, weil sonst † ABC < † BCA gelten müsste,
was ebenfalls der Voraussetzung widerspricht. Es gilt somit AC > AB.

306
Frege (1896), 221.
307
Frege (GGA I), VI.
308
Frege (1904), 666.
309
Frege (1896), 223.
310
Frege (1919), 273.
311
Frege (GGA I), VI.
62 Eine erste Annäherung

Auf den ersten Blick und für die meisten wohl auch noch auf den zweiten scheint
dieser Beweis in aller wünschenswerten Klarheit und unter Berücksichtigung eines jeden
Details geführt worden zu sein. Einzig elementare Eigenschaften euklidischer Dreiecke
finden Verwendung und Euklid berücksichtigt jeden möglichen Fall. Was nicht kleiner
oder gleich sein kann, ist dann eben größer. Listet man die einzelnen benannten Beweis-
schritte zeilenweise auf, so ergibt sich die folgende Ableitungskette:

1: † ABC > † BCA j Voraussetzung


2: :.AC > AB/ j Annahme
3: .AC D AB/ _ .AC < AB/ j Schlussfolgerung aus 2
4: AC D AB j Annahme erster Fall
5: † ABC D † BCA j Schlussfolgerung aus 4 (+ § 5, Elemente)
6: f j Widerspruch zwischen 1 und 5
7: :.AC D AB/ j Widerlegung Annahme 4
8: AC < AB j Annahme zweiter Fall
9: † ABC < † BCA j Schlussfolgerung aus 8
10: f j Widerspruch zwischen 1 und 9
11: :.AC < AB/ j Widerlegung Annahme 8
12: AC > AB j Widerlegung Annahme 2

Lückenlos und vollständig ist dieser Beweis dennoch nicht, wie uns Frege vorführt.

„Selbst ein so gewissenhafter und strenger Schriftsteller wie Euklid macht vielfach still-
schweigend von Voraussetzungen Gebrauch, die er weder unter seinen Grundsätzen noch
unter den Voraussetzungen des besondern Satzes aufführt. So benutzt er im Beweise des 19.
Satzes des ersten Buches der Elemente (in jedem Dreiecke liegt dem größern Winkel die
größere Seite gegenüber) stillschweigend die Sätze:
1. Wenn eine Strecke nicht größer als eine andere ist, so ist sie gleich dieser oder kleiner als
diese.
2. Wenn ein Winkel gleich einem andern ist, so ist er nicht größer als dieser.
3. Wenn ein Winkel kleiner als ein anderer ist, so ist er nicht größer als dieser“.312

Frege benennt drei begriffliche Voraussetzungen, die im Vollzug des Beweises zwar in
Anspruch genommen, jedoch nicht eigens expliziert wurden. Dies spiegelt sich auch in
der Erfassung der Beweisschrittfolge wider, denn um die Kette der rein logischen Ab-
leitungsschritte schließen zu können, bedarf es der Verwendung der von Frege benann-
ten semantischen Einsichten. Mittels der logischen Interventionen wird also kein neuer
geometrischer Satz bewiesen, sondern das in Frage stehende Theorem erfährt durch die
formalen Ergänzungen allererst einen ordentlichen Beweis. „Hier ist das Neue nicht der

312
Frege (1882a), 108f.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 63

Inhalt des Satzes, sondern wie der Beweis geführt wird, auf welche Grundlagen er sich
stützt“.313
1: † ABC > † BCA j Voraussetzung
2: :.AC > AB/ j Annahme
3: :.AC > AB/ ! ..AC D AB/_.AC < AB// j semantische Voraussetzung 1)
4: .AC D AB/ _ .AC < AB/ j Schlussfolgerung aus 2 und 3
5: AC D AB j Annahme erster Fall
6: † ABC D † BCA j Schlussfolgerung aus 5 (+ § 5, Elemente)
7: .† ABC D † BCA/ ! :.† ABC > † BCA/ j semantische Voraussetzung 2)
8: :.† ABC > † BCA/ j Schlussfolgerung aus 6 und 7
9: f j Widerspruch zwischen 1 und 8
10: :.AC D AB/ j Widerlegung Annahme 5
11: AC < AB j Annahme zweiter Fall
12: † ABC < † BCA j Schlussfolgerung aus 11
13: .† ABC < † BCA/ ! :.† ABC > † BCA/ j semantische Voraussetzung 3)
14: :.† ABC > † BCA/ j Schlussfolgerung aus 12 und 13
15: f j Widerspruch zwischen 1 und 14
16: :.AC < AB/ j Widerlegung Annahme 11
17: AC > AB j Widerlegung Annahme 2

Zwar fehlen auch in dieser Darstellung, zwischen den Zeilen 16 und 17, noch einige we-
nige Ableitungsschritte, doch Freges Anliegen ist klar. Dort, wo zum Schließen die fast
allgegenwärtige Abtrennungsregel, der Modus Ponens, zur Anwendung kommt, müssen
selbst die trivialsten Voraussetzungen zur Regelanwendung gegeben sein. Wer auf die
Explikation der unverzichtbaren Subjunktion verzichtet, der darf nicht einmal die verfüg-
bare Aussage, von der ausgehend geschlossen werden soll, als ein Wenn-Teil behandeln.
Einzig relativ zur Feststellung von A!B darf A als Antezedens geführt werden. Ein
Schluss von A auf B, der keine weiteren Voraussetzungen benutzt, ist unzulässig. Es ist
die formal-logische Analyse, durch welche die vermeintlich selbstverständlichen, aber
dennoch implizit verbliebenen Begründungsmittel entlarvt und schließlich explizit ge-
macht werden können. Es ist die „Begriffsschrift, die nichts von dem durchlässt, was nicht
ausdrücklich vorausgesetzt war, wenn es auch so selbstverständlich scheint, dass man im
gewöhnlichen Denken garnicht einmal merkt, dass man sich darauf stützt“.314
Selbstverständlich soll in der mathematischen Beweispraxis nicht in jedem einzelnen
Fall die logische Schlusskette um ihrer selbst willen vollständig sein. Doch aus dem
Verzicht auf eine omnipräsente Verwirklichung des logisch lückenlosen Beweisens folgt
keineswegs, dass dieser Anspruch überhaupt nicht verfolgt werden muss. Das Vermögen
zur logischen Disziplinierung, die Befähigung zur logischen Rigorosität, wirkt auch für
den Mathematiker therapeutisch. Die Möglichkeit und das Wissen, geführte Beweise prin-

313
Frege (GGA I), VIII.
314
Frege an Stumpf in einem Brief vom 29. August 1882. In Frege (1976), 163.
64 Eine erste Annäherung

zipiell jederzeit ihrer logischen Vervollständigung zuzuführen, sollte jedenfalls schwerer


wiegen als der Anspruch, ausnahmslos möglichst knapp zu begründen. Immerhin soll man
die „Länge eines Beweises [...] nicht mit der Elle messen“.315 Neben diesem Punkt der
Kritik finden sich jedoch noch weitere Mängel in der zeitgenössischen Mathematik. Be-
trifft die soeben ausgeführte Beanstandung die nur unzureichend wertgeschätzte logische
Form des mathematischen Beweises, also die logischen Gesetze, die zwischen mathema-
tischen Urteilen zur Anwendung kommen, so konzentriert sich ein weiterer Kritikpunkt
auf die Beherrschung der logischen Form einzelner mathematischer Aussagen.

„Ich habe nun versucht die mathematische Formelsprache durch Zeichen für die logischen
Verhältnisse zu ergänzen, sodaß daraus zunächst für das Gebiet der Mathematik eine Be-
griffsschrift hervorgehe, wie ich sie als wünschenswerth dargestellt habe“.316

Wer die logische Struktur mathematischer Urteile nicht zu benennen, nicht zu durchdrin-
gen vermag, der versteht sich weder auf eine zufriedenstellende Begründung derselben
noch vermag er gerechtfertigt zu beurteilen, was aus den fraglichen Sätzen folgt. Ein
wenig ruhmreiches Beispiel bietet etwa das 1874 für den Schulunterricht bearbeitete Lehr-
buch Die Elemente der Arithmetik von H. Seeger, seinerzeit Direktor der Realschule zu
Güstrow, das von Frege noch im selben Jahr rezensiert wird. Nicht nur finden die (di-
daktisch wenig überzeugend) eingeführten Begriffe eine großzügige Verwendung, auch
Beweisvoraussetzungen werden in ihrem Bestehen liberal behandelt. Vor allem in den
ersten Kapiteln, in denen einige fundamentale zahlentheoretische Einsichten festgehalten
werden, dominieren seitenweise die Folgerungen, die aus einzelnen Theoremen gezogen
werden. Wie die anspruchsvollen Urteile mit zum Teil Fundamentalsatzcharakter indes
abgeleitet werden können, darüber verliert der Autor in der Regel kein einziges Wort. „So
vermißt man also überall dort Beweise und Begründungen, wo sie am nötigsten sind“.317
Die Beweise fehlen, weil bereits die Sätze nicht verstanden werden.
Fälle wie diese, bei denen zu allem Überfluss aufgrund der curricularen Ausrichtung
auch der Anspruch einer kanonischen Fassung mitschwingt, haben wohl auf besonde-
re Weise bei Frege ihre Spuren hinterlassen.318 Bereits bei der ersten Gelegenheit, die
Begriffsschrift mündlich zu bewerben, kommt er auf das Problem zu sprechen. Auf der
Sitzung der Jenaischen Gesellschaft für Medicin und Naturwissenschaft am 24. Januar
1879 referiert Frege über „Anwendungen der Begriffsschrift“, in deren Mittelpunkt eine
ausführliche logische Analyse des Satzes steht, dass jede positive ganze Zahl als Summe
von vier Quadratzahlen darstellbar ist. Hier geht es also nicht um einen Beweis des Theo-
rems, sondern um eine vollständige Explikation seiner logischen Struktur. Nachdem Frege
dargelegt hat, wie man begriffsschriftlich den Sachverhalt eindeutig ausdrückt, dass eine

315
Frege (GGA I), VIII.
316
Frege (1882a), 113f.
317
Frege (1874b), 85.
318
So auch Bynum (1972b), 9.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 65

Zahl a der durch beständige Vermehrung um 1 entstehenden mit 0 anfangenden Reihe


angehört

und mithin als positive ganze Zahl zu bezeichnen ist, geht er dazu über, den allgemeinen
Satz ausgehend von der Betrachtung einer Instanz zu entfalten. Nach Explikation des voll-
ständigen Bedingungsgefüges und unter Berücksichtigung wichtiger Zwischenschritte in
der Erschließung der logischen Form kommt Frege zu dem Ergebnis:319

Die Formel schreckt auf den ersten Blick ab, doch sie bringt unmissverständlich und ohne
Mehrdeutigkeit zum Ausdruck, dass der fragliche mathematische Sachverhalt mehrfach
verschachtelte Bedingtheiten, Negationen sowie gebundene Variablen (und eine freie) in
Anspruch nimmt. Eine tadellose Formalisierung, für die sich die Begriffsschrift nicht ein-
mal mühen muss. Ihre expressive Reichhaltigkeit wird dadurch nur im Ansatz gefordert,
denn die Stärke von Freges logischer Syntax „würde erst bei verwickelteren Sätzen deut-
lich hervortreten“ (§ 23).320 Eine klare Aussage, auch adressiert an die algebraischen
Logiker, bei denen bereits in solchen Fällen „eine einzige oft überlange Zeile“321 ent-
stünde. Bei dem gewählten Beispiel handelt es sich um ein mustergültiges Lehrstück in
logischer Analyse, denn die erreichte vollständige Offenlegung der logischen Form in-
formiert nicht nur über die logischen Verflechtungen der involvierten Teilaussagen sowie
subsententialen Bestandteile, sondern sie erteilt zudem unmittelbar Auskunft über not-
wendige Elemente für mögliche Beweisheuristiken. Der begriffsschriftlichen Darstellung

319
Frege (1879), 93.
320
Zitatnachweise im Textverlauf der Form „§ X“ bzw. „Vorw.“ ohne Namenangabe und Si-
gle/Jahreszahl verweisen ausnahmslos auf Freges Begriffsschrift.
321
Frege (1882/83), 104.
66 Eine erste Annäherung

entspricht heute nichts anderes als:


V V V V
.a©N/ ! : a d e g ..g©N/ ! ..e©N/ ! ..d©N/ ! ..a©N/ ! :.a D a2 C d2 C e2 C g2 /////

Diese Formel drückt in einer nicht mehr verbesserungsbedürftigen Weise den fraglichen
Sachverhalt aus. Sie ist klassisch logisch äquivalent mit:
W
.a©N/ ! a;d;e;g©N .a D a2 C d2 C e2 C g2 /

Wenn a eine beliebige ganze positive Zahl ist, dann gibt es vier ganze positive Zahlen
a; d; e und g, so dass die Summe ihrer Quadrate gleich a ist. Dies lässt sich unter Wahrung
des Aussagengehalts wiederum verkürzen zu:
V W
x©N a;d;e;g©N .x D a2 C d2 C e2 C g2 /

Für alle ganzen positiven Zahlen gibt es jeweils vier ganze positive Zahlen a; d; e und g,
so dass die Summe ihrer Quadrate gleich der ganzen positiven Zahl ist. Es handelt sich so-
mit um eine allquantifizierte Existenzaussage, deren quantifizierter Teil die logische Form
einer Identitätsaussage besitzt. Eine besonders bedeutsame Einsicht betrifft den Punkt,
dass wir zwar – wie geschehen – auf den Allquantor verzichten, ihn also tilgen, können,
dass uns jedoch etwas Vergleichbares nicht für das verbleibende Quantorenpräfix ge-
lingt. Gerade an Freges Darstellung wird in aller wünschenswerten Klarheit deutlich, dass
der Verneinungsstrich (der kleine senkrechte Strich direkt links neben dem ersten Vor-
kommnis von a) die gesamte rechtsstehende Formel bindet. Da es sich bei der fraglichen
Aussage nicht um eine zu widerlegende Annahme handelt, kann dieser Verneinungsstrich
auch nicht über eine logische Operation getilgt werden. Dieser Einsicht entspricht in zeit-
genössischen Kalkülisierungen die Bedingung, dass Existenzquantoren nicht in derselben
einfachen Weise eliminiert werden können, wie dies für Allquantoren möglich ist. Dies al-
les ausdrücken und daraus beweisheuristische Schlussfolgerungen ziehen zu können, setzt
die Verfügbarkeit einer Theorie der gebundenen und freien Variablen sowie die Bereitstel-
lung der erforderlichen logischen Partikel voraus. Frege ist der Erste in der Geschichte der
Logik, der über diese Werkzeuge verfügt und er bringt sie – im Unterschied zur gesamten
restlichen mathematischen Welt – bereits ab 1879 souverän zur Anwendung. Für ihn ist
dies „zu einem grossen Teil ein Kampf mit den logischen Mängeln der Sprache“322 und er
bestreitet diesen bravourös.
Die Leistungsstärke der begriffsschriftlichen Darstellung mathematischer Sachverhalte
ist selbst dort beeindruckend groß, wo die terminologisch besten Definitionen der Zeit zum
Gegenstand der Analyse gemacht werden. Frege erklärt sich keineswegs einverstanden mit
der Auffassung, dass die avancierte Mathematik der Zeit bereits einen zufriedenstellenden
Grad an wissenschaftlicher Reife erreicht hätte. „Die Mathematik befindet sich zur Zeit in

322
Frege (1915), 272.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 67

einem wenig befriedigenden Zustande, wenn man nicht auf den äusseren Umfang, sondern
auf die innere Vollkommenheit und Klarheit achtet. In dieser Hinsicht lässt sie vielmehr
fast alles zu wünschen übrig, wenn man sie mit dem Ideale vergleicht, das man sich von
dieser Wissenschaft nicht mit Unrecht machen kann, und wenn man erwägt, dass sie ih-
rem Wesen nach geeigneter als alle anderen Wissenschaften sein müsste, ihrem Ideale
nahezukommen“.323
Exemplarisch lässt Frege mit den begriffsschriftlichen Darstellungsmöglichkeiten an-
klingen, dass die vermeintlich präzisen und methodisch vorbildlichen Begriffsbestimmun-
gen in der Analysis problemlos einer kategorialen Verbesserung fähig sind, wenngleich
dies zeitgenössisch durch niemanden erkannt oder gar wertgeschätzt wurde. Es ist sogar
durchaus plausibel, dass die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Analysis und der
damit einhergehenden Analyse mehrfach quantifiziert verschachtelter Bedingungsgefüge
für Frege einen Ausgangspunkt in der Erfindung der Begriffsschrift darstellte.324 Davon
zeugen nicht nur spätere, souveräne Behandlungen der Materie in den Grundgesetzen der
Arithmetik sowie Vorlesungen zur Begriffsschrift, sondern bereits in der Begriffsschrift
selbst wird der unmissverständliche Hinweis gegeben, dass die bereitgestellten formalen
Werkzeuge für die Analysis gleichermaßen ertragreich gebraucht werden können. „Ich
verspreche mir überall da eine erfolgreiche Anwendung meiner Begriffsschrift, wo ein
besonderer Werth auf die Bündigkeit der Beweisführung gelegt werden muss, wie etwa
bei der Grundlegung der Differential- und Integralrechnung“ (Vorw.).
Bereits zu Freges Zeiten galten die Grundlagen der Analysis in den 1870er Jahren als
weitgehend geklärt. Die Theorie der Funktionen avancierte zur Vorzeigedisziplin, weil
im Besonderen die Rede über das unendlich Kleine zugunsten kontrollierbarer Operatio-
nen im Endlichen ersetzt werden konnte. Eine besonders exponierte Rolle erfuhr hierbei
die ©-•-Definition der Stetigkeit, die in Reinform zum Ausdruck bringt, wie die ehemals
schwer handhabbare Phrase des beliebigen Annäherns mittels unendlich kleiner Abstände
nunmehr semantisch zu normieren ist. Eine repräsentative zeitgenössische Fassung finden
wir etwa bei Eduard Heine, einem der führenden Mathematiker seiner Generation, dem
wir bedeutsame Einsichten über stetige Funktionen verdanken:

„Eine Function f .x/ heisst bei einem bestimmten einzelnen Werthe x D X continuirlich,
wenn, für jede noch so klein gegebene Grösse ", eine andere positive Zahl 0 von solcher
Beschaffenheit existirt, dass für keine positive Grösse , die kleiner als 0 ist, der Zahlwerth
von f .X ˙/f .X / das " überschreitet“.325

Eventuell in dieser, sicherlich jedoch in einer typgleichen Fassung wird Frege in seinem
Studium den modernen Begriff der Stetigkeit in einem Punkt kennengerlernt haben. Her-
ausgestellt und wertgeschätzt sollte werden, dass die Abstandsbedingung jederzeit mit
Größen ", 0 ,  > 0 operiert. Dieser Stetigkeitsbegriff setzt nicht die Betrachtung infi-

323
Frege (1898/99), 171.
324
Vgl. Thiel (2006), (2007).
325
Heine (1872), 182.
68 Eine erste Annäherung

nitesimaler Größen voraus, sondern operiert mit echt positiven Werten – ein immenser
Fortschritt. Der Nachteil dieser Definition – und dies dürfte Frege bereits früh bean-
standet haben – besteht in ihrem unbeirrbaren Bekenntnis zur Prosa. Mit Ausnahme des
Gebrauchs von Funktionsausdrücken sowie den Abstandsvariablen besteht die Definition
ausnahmslos aus Ausdrücken der Gebrauchssprache, keinerlei normierte Syntax. Die lo-
gische Struktur des Satzes bleibt damit verborgen und bedarf wiederum der Paraphrase,
um näher hin erläutert zu werden. „Was noch fehlt, das ist der logische Mörtel, durch den
diese Bausteine fest mit einander verbunden werden können“.326
Die Leistungsnachteile dieser prosageleiteten und in den 1870er Jahren nach wie vor
den Stand der mathematischen Technik repräsentierenden Definition ersieht man, wenn
man sie ins Zusammenspiel bringt mit weiteren Funktionseigenschaften. Heine selbst
vermochte dies virtuos, immerhin verdanken wir ihm unter anderem den nach ihm benann-
ten Satz, dass jede stetige Funktion auf einer kompakten Menge auch gleichmäßig stetig
ist. Eine notwendige Voraussetzung, diesen mathematischen Sachverhalt formulieren und
schließlich mit einer Beweisheuristik versehen zu können, besteht selbstverständlich dar-
in, dass die zudem involvierten Begriffe terminologisch exakt gefasst werden können. Wir
fokussieren einzig den Begriff der gleichmäßigen Stetigkeit, den Heine wie folgt fixiert:

„Eine Function f .x/ heisst continuirlich von x D a bis x D b, wenn sie bei jedem einzelnen
Werthe x D X zwischen x D a und x D b, mit Einschluss der Werthe a und b, continuirlich
ist [...]; sie heisst gleichmässig continuirlich von x D a bis x D b, wenn für jede noch
so kleine gegebene Grösse " eine solche positive Grösse 0 existirt, dass für alle positiven
Werthe , die kleiner als 0 sind, f .x˙/f .x/ unter " bleibt. Welchen Werth man auch x
geben möge, nur vorausgesetzt, dass x und x˙ dem Gebiete von a bis b angehören, muss
dasselbe 0 das Geforderte leisten“.327

Diese Definition operiert mit denselben technischen Voraussetzungen wie jene für die
Stetigkeit. Allerdings betrachten wir die Stetigkeitsbedingung nicht mehr nur in einem
einzelnen Punkt, sondern für alle Punkte eines Intervalls Œa; b. Neben dieser Verallgemei-
nerung gibt es auch noch eine Verschärfung. Die Größe 0 darf nur noch von " abhängen
und nicht, wie im Falle der punktweisen Stetigkeit, vom fraglichen Punkt. Damit reicht es
nicht aus, dass es für jeden einzelnen Punkt im Intervall eine entsprechende Größe 0 gibt,
sondern es muss ein 0 geben, das für alle Punkte im Intervall die geforderte Bedingung
erfüllt. Die hier gebrauchten Wörter „alle“, „jeden“ und „es gibt“ scheinen zum Zweck der
Bedingungsvariation zu permutieren. Eine Verminderung der Rede- bzw. Lesegeschwin-
digkeit ist geboten, um nicht gänzlich durcheinander zu geraten.
Selbstverständlich reicht Sprachkompetenz allein bereits aus, um einen ersten Eindruck
davon zu erhalten, dass die gleichmäßige Stetigkeit die anspruchsvollere der beiden Be-
dingungen ist und im Falle ihres Bestehens die Bedingungen für die punktweise Stetigkeit
unmittelbar erfüllt sein müssen. Warum das indes der Fall ist und wie dies gegebenen-

326
Frege (1880/81), 14.
327
Heine (1872), 184.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 69

falls gezeigt werden kann, sind Fragen, für deren Beantwortung Sprachkompetenz allein
bei Weitem nicht mehr ausreicht. „Hätten wir eine logisch vollkommenere Sprache, so
brauchten wir vielleicht weiter keine Logik oder wir könnten sie aus der Sprache ab-
lesen. Aber davon sind wir weit entfernt“.328 Gleichwohl erfolgten entsprechende ma-
thematische Beweisführungen der Zeit prosageleitet und beschrieben vornehmlich mit
gebrauchssprachlichen Ausdrücken das abzuprüfende Bedingungsgefüge. Doch gerade
Definitionen wie die beiden benannten lassen das Erfordernis formal-logischer Darstel-
lungsmittel besonders offensichtlich werden, weil sie auf knappem Raum mit mehreren
gebundenen, in ihrem Geltungsbereich jeweils präzise bestimmten Variablen operieren,
zwischen denen zum Teil überaus bedeutsame Bedingungsgefüge festgestellt werden.
Die faktische mathematische Beweispraxis, selbst in den besonders elaborierten Teil-
disziplinen, erfüllte keineswegs das mathematische Ideal, von dem Frege sprach. Die
mathematische Formelsprache verdient „den Namen einer Begriffsschrift nicht im vol-
len Sinne“, weil ihr „Ausdrücke für logische Verknüpfungen“329 fehlen. Sind diese erst
einmal bereitgestellt und haben ihren Ort in einer echten Begriffsschrift erhalten, so gibt
es kaum noch einen Grund für das Festhalten an der Prosa, denn sprachliche Redundanz
gilt es ebenso zu vermeiden wie fehlende Eindeutigkeit. Frege suchte daher „möglichst
alles, was sich auch in Worten als Rechnungsregel hätte aussprechen lassen, in Formeln
darzustellen, damit ich nicht von Demselben in zweifacher Form Gebrauch machte“.330
Stetigkeit zählt zwar nicht zu den anspruchsvollsten mathematischen Eigenschaften,
doch wer sie nicht mit Sorgfalt, in jedem einzelnen Detail punktgenau abzuprüfen weiß,
der versagt schlicht. Noch die Mathematik des frühen 19. Jahrhunderts ist üppig bestückt
mit wenig ruhmreichen Fällen, in denen ein terminologisch vager Umgang mit der Ste-
tigkeit zu unzulässigen Schlussfolgerungen führte. Vor allem die Infiltration durch die
geometrische Anschauung hat so manches Mal die Sphäre der stetigen Funktion im Lich-
te unerfüllbarer Hoffnungen erscheinen lassen, was vor allem im Zusammenspiel mit der
Frage der Differenzierbarkeit zu fragwürdigen Resultaten führte. Definitionen der oben
gegebenen Form repräsentierten fraglos einen wichtigen Fortschritt, doch Frege erkannte
sogleich einen erheblichen Verbesserungsbedarf, womit er selbst den führenden Mathema-
tikern der Zeit um Jahrzehnte voraus sein sollte. Damit Missverständnisse im Umgang mit
den filigran gesponnenen Bedingungsgefügen minimiert werden, muss die logische Form
dieser Sätze maximal klar herausgestellt werden. Erst für denjenigen, der die Geltungs-
bereiche der gebundenen Variablen präzise erfasst, der die Komposition der Teilaussagen
mittels der involvierten logischen Partikel klar erkennt, werden die Definitionen zu restlos
transparenten Aussagen. Quantorenpermutationen verlieren den Charakter eines riskan-
ten Sprachjonglierens und erweisen sich im Falle ihrer Zulässigkeit als harmlose logische
Operationen elementaren Zuschnitts. „Es ergibt sich hieraus die Aufgabe, Zeichen für die
logischen Beziehungen aufzustellen, die geeignet sind, mit der mathematischen Formel-

328
Frege (1915), 272.
329
Frege (1882a), 112.
330
Frege (1880/81), 42.
70 Eine erste Annäherung

sprache zu verschmelzen und so eine für ein gewisses Gebiet wenigstens vollständige
Begriffsschrift zu bilden. Das ist die Stelle, wo meine kleine Schrift einsetzt“.331
Die Begriffsschrift selbst liefert für die Analysis noch keine Beispiele, weil auf dem be-
schränkten Raum der knapp gefassten Monographie erst einmal Sprache und Kalkül der
Begriffsschrift bereitgestellt sowie erste behutsame Schritte in Richtung einer Reihenlehre
vollzogen werden sollten. Gleichwohl liegen damit bereits 1879 ausnahmslos alle erfor-
derlichen Werkzeuge vor, die für die Abfassung einer formal-exakten Stetigkeitsdefinition
erforderlich sind. Berücksichtigt man dies vor dem skizzierten Hintergrund der Analysis
der Zeit, so spricht nichts gegen die Auffassung, „daß Frege seine Quantorenlogik und
das darin geregelte Zusammenspiel von geschachtelten Quantoren und den verschiedenen
Wirkungsbereichen anhand der Herausforderung entwickelt haben muß, die die logische
Analyse der damals neuen, epsilontisch gefaßten Grundbegriffe der Analysis für ihn dar-
stellte“.332 Fündig werden wir freilich später, unter anderem im Rahmen der Vorlesung
„Begriffsschrift II“ aus dem Sommersemester 1913. Dort lautet es:333

Es handelt sich hierbei um eine logisch einwandfreie Fassung des modernen Stetigkeitsbe-
griffs. Übertragen wir die begriffsschriftliche Notation in eine heute übliche, so resultiert
die Formel:
V V V
e>0: d>0: a .:..a < xCd/ ! :.a > xd// ! :..˚.a/˚.x/ < e/ ! :.˚.a/˚.x/ > e///

Die Gunst des Augenblicks gebietet es, im Vorgriff auf einen späteren Paragraphen334 die
komparative Betrachtung zwischen den beiden Darstellungsweisen wirken zu lassen. Der
häufig formulierte Einwand, Freges zweidimensionale Ausdrucksweise würde zur Un-
übersichtlichkeit neigen, verliert an Nachdruck, wenn man sich die Alternative vor Augen
führt. Erst wenn wir die Definitionen für weitere logische Partikel zur Anwendung brin-
gen, erfährt die lineare Darstellung einen mustergültigen Grad an Klarheit:
V W V
e>0 d>0 a ...a < xCd/ ^ .a > xd// ! ..˚.a/˚.x/ < e/ ^ .˚.a/˚.x/ > e///

Fassen wir nun noch die von Frege formulierte Abstandsbedingung mittels der heute üb-
lichen Betragsstriche, so resultiert die technisch einwandfreie kanonische Fassung für

331
Frege (1880/81), 14f.
332
Thiel (2007), 932.
333
Frege (1996), 21.
334
Siehe § 10.
§ 7 „Von der Mathematik ging ich aus“ 71

Stetigkeit (im Punkt x):


V W V
e>0 d>0 a ..jaxj < d/ ! .j˚.a/˚.x/j < e//

Eine Funktion ˚ heißt stetig im Punkt x, genau dann wenn es für alle e > 0 ein d > 0
gibt, so dass für alle Punkte a gilt, wenn a in der d-Umgebung von x liegt, dann liegt ˚.a/
in der e-Umgebung von ˚.x/.
Mit dieser Darstellung wird schließlich auch die Ableitung der Stetigkeit in einem
Punkt aus der gleichmäßigen zu einer fast algorithmischen Angelegenheit. Der Beweis,
ehemals prosadominiert und in seinen einzelnen Ableitungsschritten nicht vollständig
transparent, wird nunmehr zu einer elementaren logischen Fingerübung, die heute zum
curricularen Standard einer jeden Einführungsveranstaltung zählt:
V W V
1: e>0 d>0 a; b ..jabj < d/ ! .j˚.a/˚.b/j < e// jgleichmäßige Stetigkeit
W V
2: d>0 a; b ..jabj < d/ ! .j˚.a/˚.b/j < e// jAllbeseitigung auf 1
V
3: a; b ..jabj < d / ! .j˚.a/˚.b/j < e// jAnnahme
4: .jabj < d / ! .j˚.a/˚.b/j < e/ jAllbeseitigung auf 3
V
5: a ..jabj < d / ! .j˚.a/˚.b/j < e// jAlleinführung auf 4
W V
6: d>0 a ..jabj < d/ ! .j˚.a/˚.b/j < e// jExistenzeinführung auf 5
W V
7: d>0 a ..jabj < d/ ! .j˚.a/˚.b/j < e// jTilgung Annahme 3
V W V
8: e>0 d>0 a ..jabj < d/ ! .j˚.a/˚.b/j < e// jAlleinführung auf 7

Der Beweis, dass die einfache Stetigkeit aus der gleichmäßigen folgt, bedarf keinerlei
genuin mathematischer Mittel. Die Ableitung benutzt ausnahmslos logische Regeln. Ihr
liegt nichts anderes als die logisch gültige Implikation
V W V V V W V
x y z w A.x;y;z;w/  x y z A.x;y;z;b/

zugrunde. Die Beweisheuristik sieht entsprechend nicht mehr vor, als dass das gesamte
Quantorenpräfix schrittweise abgebaut und schließlich unter Verzicht auf die Wiederein-
führung der letzten allquantifizierten (gebundenen) Variablen wieder vollständig aufge-
baut wird.
Sofern Frege vom euklidischen Ideal spricht, von der Vollkommenheit und Klarheit
der mathematischen Sprache, der Transparenz und Rigorosität mathematischer Beweise,
dann bezieht er sich exakt auf diesen Explikationsgrad. Für ausnahmslos jeden einzelnen
Schritt ist unmittelbar nachvollziehbar, aufgrund welcher logischen Erlaubnis er vollzogen
wurde. Nichts verbleibt intuitiv oder in der Geltung gebunden an die Anschauung. Da-
mit sind mathematische Beweise, die begriffsschriftlich geführt werden, vollständig und
damit vollkommen kontrollierbar. Mit der Sprache und dem Kalkül der Begriffsschrift
vermochte Frege die Mathematik seiner Zeit in eine Form zu bringen, die dem gelten-
den Rationalitätsstandard weit voraus war. Mitte der 1870er Jahre lag die Begriffsschrift
noch nicht vor, wohl aber war Frege zu diesem Zeitpunkt bereits zu der Überzeugung
gelangt, dass die Mathematik trotz der großen Erfolge in ihrer jüngeren Vergangenheit
72 Eine erste Annäherung

noch keineswegs den Anspruch einer formal-exakten Wissenschaft erfüllte. Hierfür fehl-
ten schlicht die logischen Mittel, womit deren Erfordernis nur um so dringlicher wurde.

§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“

Der Schritt von den diagnostizierten Mängeln in der Mathematik, der fehlenden logischen
Fundierung dieses Inbegriffs einer beweisenden Wissenschaft, hin zum Erfordernis der
von Frege neu erfundenen Logik, benutzt eine wesentliche Einsicht, die vom Autor selbst
in der Begriffsschrift nur unzureichend herausgestellt wurde: einem fehlenden logischen
Angebot an anderer Stelle. Freges Bemühungen setzen freilich voraus, dass die eingefor-
derten formalen Werkzeuge nicht bereits durch andere, an einem anderen Ort, zu einer
früheren Zeit bereitgestellt wurden. Die Auskunftspflicht in diesem Punkt scheint um
so gebotener, weil die Logikgeschichte vor Frege nicht einzig aus dem Kapitel der Ari-
stotelischen Logik, ihrer scholastischen Formvollendung oder deren neuzeitlicher Pflege
besteht. Hätte Immanuel Kants Diagnose, dass die Logik „allem Ansehen nach geschlos-
sen und vollendet zu sein scheint“335 1879 noch Bestand gehabt, so hätte sich Frege
freilich nicht ausführlicher erklären müssen. Doch Kants Beurteilung war nicht nur be-
reits 1787 überholt, sondern manch einer erkannte gerade in der Publikation der Kritik der
reinen Vernunft einen Impuls für die nachfolgenden zaghaften Reformversuche der Logik
im 19. Jahrhundert336 , die schließlich in und durch Frege ihren Höhepunkt erreichen soll-
ten. Gleichwohl wurde erst 1860 durch Augustus De Morgan vorsichtig erwogen, diese
Prognose „may possibly be false“.337
Das Kapitel der modernen Logik – also der nach-aristotelischen Phase in der Logik –
beginnt nicht nur nicht erst mit Frege, sondern besitzt zum Zeitpunkt der Niederschrift sei-
ner neuen Logik bereits eine mehr als 200jährige Geschichte, die durch Gottfried Wilhelm
Leibniz’ Dissertatio de arte combinatoria (1666) inauguriert wurde. Eine herausragen-
de Stellung nehmen hierbei die Entwicklungen der formalen Logik in England bis in
die 1860er Jahre hinein ein, die mit Richard Whatelys einflussreichen Elements of Lo-
gic (1826) einsetzen. Dieses Buch inspirierte unmittelbar George Bentham und hinterließ
seine Spuren in dessen bereits im Nachfolgejahr erschienener Studie An Outline of a New
System of Logic. Benthams Untersuchungen wiederum hatten Einfluss auf William Ha-
miltons Auseinandersetzung mit Fragen der formalen Logik, der seinerseits zusammen
mit Augustus De Morgan und in kritischer Auseinandersetzung mit diesem die Logikfor-
schung Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte. Es war jedoch George Boole, der in diesem
für die moderne Logik besonders fruchtbaren Klima die bereits bestehende Logikdebatte
mit neueren Forschungen aus der symbolischen Algebra zusammenführte. Innerhalb we-
niger Jahre und flankiert durch seine beiden bahnbrechenden Werke, The Mathematical

335
Kant (KrV), B VIII.
336
Vgl. Vilkko (2002b), passim.
337
De Morgan (1860), 247.
§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“ 73

Analysis of Logic (1847) und An Investigation of the Laws of Thought (1854), entwickelt
Boole seine überaus einflussreiche und schließlich auch nach ihm benannte Algebra der
Logik, um im Besonderen nachzuweisen, dass die Logik der neuen Zeit nicht länger der
traditionellen philosophischen Methodologie verpflichtet ist, sondern in ihrem Selbstver-
ständnis und ihrer Ausrichtung ungezählt viele Gemeinsamkeiten mit der Mathematik, vor
allem der Algebra teilt, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts einen beachtlichen Innovati-
onsschub erfahren hat.
Frege war zweifelsohne über sekundärtextliche Aufbereitungen mit Grundgedanken
der Leibnizschen Programmatik bekannt. Ob er indes zum Zeitpunkt der Niederschrift
der Begriffsschrift auch Kenntnis von der Existenz der algebraischen Logiker besaß, kann
anhand des Textbefundes weder bejaht noch verbindlich ausgeschlossen werden. In der
Fregeforschung gehen die Meinungen hierüber auseinander. Während die Reminiszenzen
an Leibniz deutlich und vor allem eindeutig hervortreten, verliert Frege über Boole und
die algebraische Logik in der Begriffsschrift keinen einzigen namentlichen Gedanken. Es
gibt lediglich eine einzige Passage, bei der man auf den ersten Blick den Eindruck erhalten
könnte, die jüngere englische Tradition sei angesprochen.

„Jene Bestrebungen, durch Auffassung des Begriffs als Summe seiner Merkmale eine künst-
liche Aehnlichkeit [zur arithmetischen Formelsprache, MW] herzustellen, haben mir dabei
durchaus fern gelegen“ (Vorw.).

Weder Protagonisten noch zentrale Werke „jener Bestrebungen“ werden namentlich ge-
nannt. Der Kontext der Äußerung bleibt zudem hochgradig deutungsvariant und man muss
sich in einer hermeneutisch großzügigen Auslegung sogar erheblich mühen, Boole als
einen der nicht namentlich Angesprochenen ansatzweise erkannt haben zu wollen. Derart
vage gehalten, ist der Hinweis schwierig zu bewerten – zu viele Logiker könnten gemeint
gewesen sein. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Frege mit dieser Bemerkung die engli-
schen Logiker überhaupt nicht im Sinn hatte, sondern wiederum Leibniz’ Entwurf einer
rechnenden Vernunft.338 Das für das gesamte „Vorwort“ inspirierende Element eines cal-
culus ratiocinator wird hier ein weiteres Mal aufgegriffen und Frege bezieht sich mit der
Absage wahrscheinlich auf die ihm bekannte Trendelenburgsche Kritik an den von Leibniz
gegebenen Beispielen zur Illustration des in Aussicht gestellten rechnenden Verfahrens.339
Frege scheint Trendelenburg darin zuzustimmen, dass „die Rechnung die zweifelhaftere
Seite“340 des gesamten Entwurfs einer allgemeinen Charakteristik ist, weil sich die logi-
sche Analyse von Begriffen nicht im Rechnen mit ihren Merkmalen nach dem Vorbild der
Summen- oder Produktbildung erschöpft. „Aber in der That ist ihr Verhältniss zur Einheit
eigenthümlicher“.341 Die Gründe der Ablehnung mögen bei beiden vielleicht nicht diesel-
ben gewesen sein, doch mit der Zurückweisung der „Auffassung des Begriffs als Summe

338
So bereits präzise Gabriel (2006), 129.
339
Vgl. Trendelenburg (1856), 53f.
340
Trendelenburg (1856), 54.
341
Trendelenburg (1856), 54.
74 Eine erste Annäherung

seiner Merkmale“ wird auch bei Frege eine intensionale Bestimmung des Begriffs zurück-
gewiesen. Das trifft Leibniz, aber nicht die algebraischen Logiker, denn für diese ist die
logische Summe die Vereinigung von Begriffsumfängen, während die logische Produkt-
bildung die Schnittmenge von Begriffsumfängen kennzeichnet. Die englischen Logiker
verwenden fraglos eine extensionale Auffassung des Begriffs, womit es so gut wie aus-
geschlossen sein dürfte, dass Frege sie mit obiger Passage nicht namentlich anspricht.
Sofern diese Stelle aus dem genannten Grund ausscheidet, dann verliert die Begriffsschrift
nicht einmal einen vage gehaltenen Gedanken über die Algebra der Logik. Ob dies nun
aus Unkenntnis oder aus Gründen der Platzersparnis erfolgte, ändert nichts an den Rezep-
tionsfolgen. Für den Leser blieb das Verhältnis zur algebraischen Tradition vollkommen
ungeklärt und zumindest in diesem Punkt muss sich Frege den Vorwurf gefallen lassen,
dass seine Erläuterungen unzureichend sind.342

„Zu bedauern ist es auch, dass Frege gar nicht auf die Vorarbeiten, die für seinen Zweck
existirten, Rücksicht genommen hat. [...] Vielleicht wäre dem Verfasser die Benutzung dieser
teilweise recht einfachen und geschickten Vorarbeiten nicht ohne Vorteil gewesen“.343

Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass mit der kryptischen Passage missverständ-
lich auf Boole Bezug genommen werden sollte, so wäre die Auskunft über jene nicht
näher hin bestimmte Angebotslage überaus knapp ausgefallen, die für Frege aus substan-
tiellen Gründen keine echte Alternative darstellt. Der Leser erfährt von diesen durchaus
bedeutsamen Überlegungen überhaupt nichts und Frege hätte in diesem Fall vollständig
die Gefahr einer fehlerhaften Kontextualisierung in Folge ausbleibender Begleiterläute-
rungen durch den Autor verkannt. Auch der benevolent rezensierende und in der Sache
unparteiische Kurd Laßwitz stellt mit Bedauern fest, dass „es erwünscht gewesen [wäre],
wenn der Verf. auf seine Stellung zu diesen (oben erwähnten) Bestrebungen etwas näher
eingegangen wäre“.344
Gut möglich, dass es schlicht ganz profane äußere Zwänge waren, die zur fehlenden
Berücksichtigung führten.345 1878 stand es nicht gut um die Existenz der Universität, die
Finanzmisere war groß und die Erhalterstaaten zeigten sich unentschlossen. Die drohende
Gefahr einer Schließung befeuert geradezu den Wechselgedanken an einen neuen aka-
demischen Ort, der jedoch begleitet wird durch die aussichtsreiche Überlegung an eine
Ruferteilung. Vielleicht verband Frege mit seinem jüngsten Werk, seinem ersten richtigen
Buch, tatsächlich die Hoffnung auf verbesserte Anstellungschancen andernorts, was in
Anbetracht der ungewissen Entwicklungen in Jena eine zügige Fertigstellung der Schrift
voraussetzte. Unter dieser Perspektive ist es durchaus nachvollziehbar, sofern er sich aus
Zeitgründen auf die Vollendung des technischen Kerns beschränkte, während er auf einen
eventuell vormals geplanten philosophischen Vergleich mit den fraglichen Bestrebungen

342
Tannery (1879), 108.
343
Michaëlis (1880), 240.
344
Laßwitz (1879), 248.
345
Siehe Kreiser (1984), 22f.; ders., (2001), 173.
§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“ 75

verzichtete. „Das hätte das Studium entsprechender Werke verlangt, mithin Zeit, und die
hielt Frege für zu knapp bemessen“.346 Gleichermaßen gut ist aber auch denkbar, dass
diese externen Entwicklungen überhaupt keinen Einfluss auf das Projekt hatten. Ein Frege
lässt sich nicht zur Eile drängen, seine intellektuelle Entwicklung kennt kaum Zugeständ-
nisse an den sozio-akademischen Rahmen. Es erscheint daher auch wenig plausibel, dass
ihn die Hoffnung auf eine künftige Berufung strategisch davon hat Abstand nehmen las-
sen, kritische Bezüge herzustellen.347 Freges instantane Rezensionserwiderungen besitzen
nicht die Handschrift eines umsichtig Taktierenden. Hier repliziert niemand, der an mögli-
che berufungspolitische Folgen denkt, sondern dem es einzig und unmissverständlich um
die Sache geht. Dass er vor allem in den späteren Monographien die kritische Auseinan-
dersetzung mit anderen Ansätzen sogleich vorsieht, belegt nicht, dass inzwischen seine
Hoffnung auf einen Ruf geschwunden war, sondern zeigt, dass er aus dem Versäumnis der
Begriffsschrift und der sich daran anschließenden Verwechslungsgeschichte schmerzlich
gelernt hatte.
Klar wird Frege dies jedoch erst bei der Lektüre von Ernst Schröders 1880 erschiene-
ner Besprechung der Begriffsschrift. Schröder, ein etablierter und namhafter Mathematiker
sowie Logiker, der mit seiner Untersuchung Der Operationskreis des Logikkalkuls (1877)
bereits auf dem Gebiet der algebraischen Logik in Erscheinung getreten war und des-
sen in Arbeit befindliche Vorlesungen über die Algebra der Logik zum systematischen
Höhepunkt dieses Forschungsbereichs werden sollten, besprach Freges Werk in einer be-
eindruckend ausführlichen Rezension, die am prominenten und weithin rezipierten Ort der
Zeitschrift für Mathematik und Physik erschien. Von den acht Autoren, die sich 1879/1880
mit der Begriffsschrift auseinandersetzen, erfolgt seine Analyse mit einer besonderen Ver-
bindlichkeit und liefert unmittelbar einen (freilich aus Schröders Sicht vollzogenen) Ver-
gleich zur algebraischen Logik. Das Versäumnis der fehlenden Kontextualisierung wurde
vollkommen zu Recht umgehend beanstandet:

„In erster Linie finde ich an der Schrift auszusetzen, dass dieselbe sich zu isolirt hinstellt
und an Leistungen, welche in sachlich ganz verwandten Richtungen – namentlich von Boo-
le – gemacht sind, nicht nur keinen ernstlichen Anschluss sucht, sondern dieselben gänzlich
unberücksichtigt lässt“.348

Freges ominöse Passage entgeht selbstverständlich auch Schröder nicht, für den sie jedoch
den Beleg dafür liefert, dass der Autor von „jenen Bestrebungen“ lediglich eine unzurei-
chende und fehlerhafte Auffassung besitzt. In der Darstellung von Boole gerät Frege zu
einem Literaturunkundigen, der sich in Folge einer unzureichenden Sichtung bereits er-
brachter Resultate auf Forschungsfelder begibt, die durch andere bereits besser bestellt
worden sind. „Diese ganz eigenartige Schrift“349 , die in manch einem Punkt durchaus

346
Kreiser (1984), 23.
347
So Kreiser (ed.), 331.
348
Schröder (1880), 83.
349
Schröder (1880), 81.
76 Eine erste Annäherung

verdienstvoll und originell verfährt, erweist sich in ihrem Kernprojekt als idiosynkratri-
scher Lösungsversuch von Herausforderungen, die an anderer Stelle souverän gemeistert
wurden. An dieser Auffassung sollte Schröder dauerhaft festhalten und damit zu einem
entscheidenden Faktor in der ausbleibenden Rezeption der Begriffsschrift werden. Selbst
gut 20 Jahre später, als ein Großteil seines gewaltigen Hauptwerkes über die Algebra der
Logik vorliegt und er zum unumstrittenen Repräsentanten dieses Forschungsbereichs auf-
gestiegen ist, urteilt er auf internationaler Bühne, dass er in Isolation stehende Ansätze
in seiner Darstellung unberücksichtigt lässt, „as for instance that of Herr F REGE, who
heedless of anything accomplished in the same direction by others, took immense pains to
perform what had already been much better done and was therefore superseded from the
outset, thus delivering a still-born child“.350
Ein katastrophales Urteil, gegen das Frege öffentlichkeitswirksam kaum ankommen
kann. Dabei unterstellt Schröder nicht nur das Verfolgen derselben Ziele, sondern er
verkennt eine Vielzahl der von Frege als so dringlich eingestuften Gelingensbedin-
gungen. Über die Forderung der vollständigen Explizitheit sämtlicher Gehalte und die
formal-syntaktisch rigorose Entfaltung jedes einzelnen Bedingungsdetails weiß Schröder
lediglich festzustellen, dass dieses Bestreben „keinen so grossen Werth“ hat. „Man kann
sich füglich begnügen, ein- für allemal die Möglichkeit davon theoretisch erkannt zu
haben“.351 Der Rezensent gibt damit zu erkennen, dass es in der Beweisführung weder
erforderlich noch geboten ist, jeden einzelnen Beweisschritt eigens auszuführen. Wäh-
rend die logische Tugend detaillierter, lückenlos geführter Beweise wenig Wertschätzung
erfährt, wird das bereitgestellte Axiomensystem sowie die Auswahl der bewiesenen Theo-
reme gar beanstandet. „Zu rügen ist auch der denn doch übergrosse Mangel an Systematik
in Hinsicht auf Anordnung und Auswahl der Sätze“.352
Diese Einschätzung sagt jedoch mehr über den Rezensenten aus, dem zur Gänze ent-
gangen ist, welchen Status im Besonderen die ersten sechs geführten Axiome besitzen.
Dass es Frege gelingt, eine überschaubar kleine Anzahl von konsistenten Sätzen zu benen-
nen, mit denen sich ausnahmslos jede junktorenlogische Wahrheit beweisen lässt, ist nicht
nur nicht Ausdruck eines „übergrossen Mangels an Systematik“, sondern die Vollendung
eines Systematizitätsanspruchs. Anhand dieser kategorialen Fehleinschätzung lässt sich
ablesen, dass für Schröder sowohl die Sprache wie auch der Kalkül der Begriffsschrift in
ihrem Anliegen unverständlich geblieben sind. Frege ist vollkommen gerechtfertigt etwa
in Erwiderung auf die missverstandene Theorie der Quantifikation festzustellen, „dass er
den Kern der Sache, nämlich die Abgrenzung des Gebietes, auf das sich die Allgemeinheit
erstrecken soll, nicht erfasst hat“.353
Schröders Rezension bildete für Frege, der in eigener Sache bis dato lediglich durch
einen Vortrag mit lokaler Ausstrahlungskraft und einer daraus resultierenden, wenig be-

350
Schröder (1898), 60f.
351
Schröder (1880), 90.
352
Schröder (1880), 91.
353
Frege (1882/83), 105.
§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“ 77

achteten Publikation354 hervorgetreten war, den Anlass für die Niederschrift einer Vielzahl
von überaus erhellenden Begleitschriften355 , durch die in unterschiedlicher Ausführlich-
keit jene Kontextualisierung nachgereicht werden sollte, die man in der Begriffsschrift
so schmerzlich vermisst. Doch gerade die beiden wichtigsten dieser Klärungsschriften356
verfehlten ihr Ziel. Sie blieben zu Lebzeiten unveröffentlicht und damit unbekannt. Schrö-
ders Urteil ließ sich also kaum revidieren, wenngleich Frege in einer argumentativen
Gegenoffensive zu der unmissverständlichen Einschätzung gelangte, „dass die boolesche
Formelsprache in den mehr als 20 Jahren, die seit ihrer Erfindung verflossen sind, kei-
neswegs so durchschlagende Erfolge erzielt hat, dass ein Verlassen der durch sie gelegten
Grundlage von vornherein als thöricht erscheinen müsste, und dass nur eine Weiterent-
wicklung in Frage kommen könnte“.357
Freges Entscheidung für einen eigenen Weg war alles andere als töricht und für die von
ihm verfolgten Ziele war die am algebraischen Vorbild orientierte Logik von Boole, Schrö-
der u. a. auch keine tragfähige Alternative. Zu viele fundamentale Gelingensbedingungen,
die Frege für das erforderliche logische Instrumentarium eingefordert hatte, konnten durch
die algebraische Logik überhaupt nicht erfüllt werden. Um die logischen Mängel in der
Mathematik benennen, analysieren und beheben zu können, benötigen wir Darstellungs-
mittel, die vom Untersuchungsbereich eindeutig unterschieden werden können. Zum einen
darf man „nicht in derselben Sache dieselben Zeichen in doppelter Bedeutung gebrau-
chen“358 , zum anderen mag der mathematische Symbolismus zu einem gewissen Teil
mitverantwortlich sein für die beanstandete propositionale Unschärfe sowie für die man-
gelhafte Beweisrigorosität. Um ein logisches Instrumentarium bereitstellen zu können,
welches eben diese Erfordernisse für das Ideal einer beweisenden Wissenschaft muster-
gültig erfüllt, dürfen wir uns nicht den methodologischen Standard jener Wissenschaft
zum Vorbild nehmen, die diesen Anspruch nun gerade eklatant verfehlt. Wir dürfen uns
in diesem Anliegen die Mathematik jedoch nicht nur nicht zum Vorbild nehmen, sondern
wir dürfen uns auch nicht einfach aus dem großen Fundus ihrer Syntax bedienen, denn „es
geht nicht an, dass in derselben Formel beispielsweise das + Zeichen theils im logischen
theils im arithmetischen Sinne vorkommt“.359
Genau dies ist jedoch ein Merkmal der algebraischen Logik, die im Besonderen die
prominenten Verknüpfungszeichen „C“ und „“ sowohl zur Darstellung und Untersuchung
der primary propositions wie auch zur Analyse der secondary propositions einsetzt. Die-
se Wahl erfolgt nicht einfach willkürlich und kann entsprechend nicht durch beliebige
andere Zeichen ersetzt werden, weil durch den gezielten Gebrauch eben dieser Verknüp-
fungszeichen kenntlich gemacht werden soll, dass die bereits aus der Algebra bekannten

354
Frege (1879).
355
Frege (1880/81); (1882a); (1882b); (1882/83).
356
Frege (1880/81); (1882b).
357
Frege (1882/83), 97.
358
Frege (1882/83), 100.
359
Frege (1882/83), 100.
78 Eine erste Annäherung

Kommutativ-, Assoziativ- und Distributivgesetze für die Multiplikation wie auch Addition
ebenso im Fall ihres algebraisch-logischen Gebrauchs in Geltung bleiben. „Ueberblicken
wir die boolesche Formelsprache im Ganzen, so erkennen wir, dass sie eine Einkleidung
der abstracten Logik in das Gewand algebraischer Zeichen ist“.360
So werden etwa im Fall der primary propositions mittels der Verknüpfungszeichen Be-
griffe A; B; : : : ihrem Umfang nach verglichen, d. h. „C“ und „“ fungieren ebenso wie in
der Arithmetik als termbildende Operatoren. Mittels der logischen Produktbildung A  B
bringen wir den aus den Merkmalen A-und-B bestehenden Begriff (A  B) zum Aus-
druck, während die logische Summe A C B den Begriff ausdrückt, A-oder-B zu sein.
Selbstverständlich kann auch für diese mit den Umfängen von Begriffen operierende Ge-
brauchsweise gezeigt werden, dass dann die Formeln

ACB DB CA
AB DB A
A C .B C C / D .A C B/ C C
A  .B  C / D .A  B/  C
A  .B C C / D .A  B/ C .A  C /

allgemein gelten. Die algebraisch-logische Summen- und Produktbildung von Begriffs-


umfängen ist kommutativ, assoziativ sowie distributiv. Neben diesen Gemeinsamkeiten
gibt es jedoch darüber hinaus auch bemerkenswerte Unterschiede zum mathematischen
Gebrauch. Während etwa die Gleichungen

ADAADAAA
und
A D ACAD ACACA

in der algebraischen Logik ebenfalls allgemein gelten, trifft dies in der Arithmetik jeweils
nur für den speziellen Fall des neutralen Elements der betroffenen Operation zu.
Bei den secondary propositions handelt es sich indes um komplexe Aussagen, die aus-
gehend von weniger komplexen mittels logisch-algebraischer Verknüpfungen (das sind
letztlich aussagenlogische Junktoren) gebildet werden. Im Fall der secondary propositions
bezeichnen „A“, „B“, . . . keine Umfänge von Begriffen, sondern wahrheitswertfähige
Aussagen. Mittels der algebraisch-logischen Verknüpfungsoperationen werden entspre-
chend aus weniger komplexen Aussagen A; B; : : : die logisch komplexeren A C B, A  B
gebildet. Die logische Produktbildung A  B bei den secondary propositions erfasst die
logische Konjunktion (A und B sind zugleich wahr), während die logische Summe A C B
bei Schröder die logische Adjunktion (A oder B ist wahr oder beide sind wahr) bezeich-
net und bei Boole die logische Kontravalenz (entweder A oder B ist wahr). Das in diesem

360
Frege (1882/83), 100.
§ 8 „Jene Bestrebungen [...] haben mir dabei durchaus fern gelegen“ 79

Zusammenhang anzutreffende Gleichheitszeichen benennt in dieser logisch-algebraischen


Verwendungsweise den Bisubjunktor, d. h. mit A D B wird die Wahrheitswertgleichheit
der Teilaussagen A; B; : : : zum Ausdruck gebracht (A genau dann wenn B). Dieser Ge-
brauch ist strikt zu unterscheiden von der Feststellung einer Umfangsgleichheit A D B
bei den primary propositions.
Ein syntaktisch wesentlicher Unterschied zwischen den beiden algebraisch-logischen
Gebrauchsweisen von „C“ und „“ besteht darin, dass die Verknüpfungsoperationen im
Fall der secondary propositions auf vollständige Aussagen angewandt werden und wie-
derum vollständige Aussagen liefern, ihr termbildender Charakter bei den primary pro-
positions indes ausgehend von der Verwendung unvollständiger Ausdrücke stets zur Er-
zeugung neuer unvollständiger Ausdrücke führt. Dieser bedeutsame syntaktische Unter-
schied müsste eigentlich in aller Deutlichkeit durch die Wahl verschiedener Zeichen zum
Ausdruck gebracht werden, doch dies ist keineswegs die einzige Mehrdeutigkeit in der
algebraischen Logik. Um die bereits bestehende Verwirrung nachdrücklich zu unterstrei-
chen, sei zudem an die Gebrauchsweisen des Zeichens „D“ erinnert. Zwar gelten – wie
soeben festgestellt – für „C“ und „“ je nach Kontext verschiedene syntaktische Regelun-
gen. Dieser Unterschied besteht indes nicht bei der Gleichheit, obwohl sie in dem einen
Kontext ebenso auf Umfänge von Begriffen und damit auf propositional unvollständige
Gebilde angewandt wird und im anderen gleichermaßen auf vollständige wahrheitswert-
fähige Sätze. Doch das Gleichheitszeichen liefert in beiden Fällen wahrheitswertfähige
Aussagen, wenngleich – um die Verwirrung perfekt zu machen – wiederum aus unter-
schiedlichen Gründen. Während die Gleichheit im Fall der primary propositions eine
zweistellige Relation ist, eine Aussagefunktion, die durch entsprechende Terme gesättigt,
wahrheitswertfähige Aussagen liefert, repräsentiert die Gleichheit im Fall der seconda-
ry propositions einen aussagenlogischen Junktor, durch dessen Anwendung aus weniger
komplexen Aussagen komplexere erzeugt werden können. In der algebraischen Logik
werden also arithmetische Zeichen verwendet, die zuweilen Terme bilden, zuweilen Aus-
sagen, zuweilen aber auch Aussageformen darstellen.
Diese Betrachtung, die vor allem vom Standpunkt der logischen Analyse aus ein heillo-
ses Durcheinander erkennen lässt, ist übrigens möglich geworden, weil Frege in den alles-
entscheidenden eineinhalb Jahrzehnten seines intellektuellen Schaffens nicht nur die mo-
derne, formale Logik bereitgestellt hat, sondern geradezu im Alleingang auch die Grund-
lagen der modernen Semantik und Sprachphilosophie begründete. Ganz davon abgesehen,
dass mit den Mitteln der Algebra der Logik mathematische Zusammenhänge wie etwa die
im vorangegangenen Paragraphen benannten überhaupt nicht ausgedrückt werden kön-
nen, weil dieser Zugang über keine veritable Theorie der Quantifikation verfügt, versagen
ihre Darstellungsmöglichkeiten bereits auf elementarer Ebene. Wer etwa arithmetische
Sachverhalte ausdrücken möchte, in denen sowohl aussagen- wie auch prädikatenlogi-
sche Strukturen erfasst werden müssen, der sieht sich in der algebraischen Logik mit der
Herausforderung konfrontiert, dass mehrere Zeichen in jeweils mehrerlei Bedeutung in
ein und demselben Satz auftreten können. Freilich ist es nur ein konstruiertes Beispiel,
welches die Defizite eklatant hervortreten lässt, doch unser künstlicher Fall zeigt unmiss-
80 Eine erste Annäherung

verständlich an, dass Frege in der Verfolgung seiner Ziele durch die algebraische Logik
überhaupt keine Hilfestellung erfahren hat:

..A  .B C C / D .A  B/ C .A  C // C .N D N  Z//
D ..N C Z D Z/  .1  .1 C 0/ D .1  1/ C .1  0///

Anhand des Beispiels ist noch nicht einmal offensichtlich, ob es sich bei der Distributions-
aussage A  .B C C / D .A  B/ C .A  C / um eine Aussage über mathematische Gebilde,
Begriffsumfänge oder wahrheitswertfähige Aussagen handelt. Aufgrund der Darstellung
könnte jeder der Fälle zutreffen. Doch selbst wenn wir für den Augenblick von dieser
Mehrdeutigkeit absehen, so finden das Additions-, das Multiplikations- wie auch das
Gleichheitszeichen sowohl eine arithmetische wie auch eine jeweils doppelt algebraisch-
logische Verwendung. Das darf jedoch unter keinen Umständen auftreten. Ein Zeichen,
eine Bedeutung – mehrere Bedeutungen, verschiedene Zeichen. Unter diesen Vorausset-
zungen ist die boolesche Algebra der Logik überhaupt nicht als eine selbstständige Logik
intelligibel zu machen, „Booles Zeichensprache ist nur denkbar in gänzlicher Trennung
von der Arithmetik“.361
In Kenntnis dieser, nicht einmal abschließend erörterten Makel wird offensichtlich,
weshalb Frege trotz der verfügbaren umfangreichen Forschungsarbeiten zur Algebra der
Logik einen vollständig neuen Weg einschlagen musste. Die algebraische Logik war in
keinster Weise für die Verfolgung seiner Ziele geeignet, denn wir „bedürfen eines Ganzen
von Zeichen, aus dem jede Vieldeutigkeit verbannt ist, dessen strenger logischer Form
der Inhalt nicht entschlüpfen kann“.362 Frege war dies zum Zeitpunkt der Abfassung der
Begriffsschrift umfassend klar, den Rezipienten des Werks indes überhaupt nicht. Statt-
dessen wurde ihm vorgeworfen, mit seiner Notation das bestehende reichhaltige Angebot
logischer Symbolismen unnötig zu erweitern, wo doch die Logik mit formalen Zeichen
üppig genug bestückt ist, um die Gültigkeitsfrage von Schlüssen zu untersuchen. So hat-
te etwa Leonhard Rabus keinen wirklichen Zweifel daran, dass „die Logik, sowie sie
ein Bedürfniss hat „die Bündigkeit einer Schlusskette auf die sicherste Weise zu prü-
fen“, Formeln mehr als genug seit lange besitzt“.363 Hier wurde aus dem deskriptiven
Faktum der Diversität symbolischer Notationen sogleich die normative Erfüllbarkeit der
logischen Aufgaben erschlossen. Die Möglichkeit einer fehlenden Eignung des überkom-
menen Angebots für diese Aufgabe wurde nicht einmal erwogen. Hier konnte das Projekt
der Begriffsschrift wenig auf Einsicht hoffen. Obgleich technisch tadellos verfahrend, trifft
Frege doch eine erhebliche Mitschuld an den schwerwiegenden Missverständnissen. Der
Anspruch des Mathematikers, auf knappem Raum alles Wesentliche auszudrücken, ge-
paart mit der Vielfalt der ohnehin unterzubringenden bahnbrechenden Neuerungen machte
es geradewegs aussichtslos, daneben und darüber hinaus noch den philosophischen Hin-

361
Frege (1882/83), 100.
362
Frege (1882a), 108.
363
Rabus (1880), 131.
§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“ 81

tergrund des Autors en détail zu erhellen. Manch namhaften Fregeforscher überraschte


dies keineswegs. „Frege achieved so much in Begriffsschrift that it is unsurprising that the
accompanying prose exposition does not present a satisfactory philosophical logic“.364

§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“

Sieht man von dem Umstand ab, dass Freges Logik aufgrund ihrer vollkommen unzeit-
gemäßen Publikation sowieso die gelehrte Fachwelt überforderte, so gibt es wesentlich
zwei Gründe, warum die Schrift erst einmal erfolglos und der Großteil des Inhaltes oh-
ne jede Wirkung bleiben mussten. Da treffen wir zum einen auf den zeitgenössischen
Vorwurf, dass Frege von der englischen Algebra der Logik „eine irrige, lediglich we-
gen mangelnder Kenntniss derselben geringe Meinung“365 hat, so dass ein Großteil des
Begriffsschrift-Projektes bereits durch die algebraischen Logiker in einer „unzweifelhaft
angemesseneren Weise geleistet“366 worden ist. Dieser Vorwurf, „Frege ist um 20 Jah-
re zu spät gekommen“367 , wirkte nach und er wirkte schwer, denn unverhohlen wurde
behauptet, dass der Verfasser aufgrund fahrlässiger Unkenntnis das Rad ein zweites Mal
erfunden hat, nur weitaus schlechter. Eine gravierende Fehleinschätzung, wie wir heute
wissen. Erfunden wurde etwas Anderes und dies für seinen Zweck ungleich besser. Dass
Frege seinerseits den Anliegen der Algebra der Logik in der eigenen Darstellung kaum
gerecht wurde, sollte nicht verschwiegen werden, wenngleich es nichts an der Diagnose
ändert, dass das algebraisch-logische Angebot für seine Ziele ungeeignet gewesen ist.
Obgleich sich der Betroffene umgehend um eine Richtigstellung bemühte, so stand
das offizielle Urteil doch bereits fest. Mit Ausnahme des kleinen Vortrags „Ueber den
Zweck der Begriffsschrift“, den Frege am 27. Januar 1882 vor der Jenaischen Gesell-
schaft für Medicin und Naturwissenschaft hielt und der ebendort ein Jahr später wenig
beachtet im Verlag von Gustav Fischer erschien sowie dem 1882 veröffentlichten, in der
Causa Boole jedoch nur bedingt aufschlussreichen Aufsatz „Ueber die wissenschaftli-
che Berechtigung einer Begriffsschrift“, scheiterten die beiden besonders bedeutsamen
Klärungsschriften beim Publikationsversuch. So wurde bereits 1881 der umfangreiche
Aufsatz „Booles rechnende Logik und die Begriffsschrift“, durch den sämtliche, aus der
Feder von Ernst Schröder stammende Missverständnisse hätten behoben werden können,
von nicht weniger als drei Zeitschriften abgelehnt: den Mathematischen Annalen, der Zeit-
schrift für Mathematik und Physik und der Zeitschrift für Philosophie und philosophische
Kritik. Bei Letztgenannter fand dieser „brilliant anti-Boole treatise“368 keine Aufnahme
„vornehmlich, weil er für einen Journalartikel zu lang“369 ist.

364
Dummett (1981), 20.
365
Schröder (1880), 83.
366
Schröder (1880), 82.
367
Schlötel (1880), 378.
368
Bartlett (1964).
369
Ulrici an Frege in einem Brief vom 18. September 1881. In Frege (1976), 259.
82 Eine erste Annäherung

Die Absage durch die Zeitschrift für Mathematik und Physik wog besonders schwer,
denn in diesem Periodikum erschien im Jahr zuvor immerhin mit Schröders Rezensi-
on jener Text, durch den sich Frege in einem besonderen Maße zu einer Richtigstellung
genötigt sah. Die durchaus gängige, wenngleich ungeschriebene Regel, einem legitimen
Erwiderungsanliegen die Möglichkeit zur Gegendarstellung am selben Ort einzuräumen,
fand also keine Anwendung. 1882 wurde Frege ebenfalls von der Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche Philosophie abgewiesen, bei der er (wahrscheinlich) die weitaus kür-
zere, aber gleichermaßen erhellende Vergleichsstudie „Booles logische Formelsprache
und meine Begriffsschrift“ eingereicht hatte. „Es wird mir schwer in philosophischen
Zeitschriften Eingang zu finden“.370 Frege hatte es aufgrund der gebotenen Kürze in
der Begriffsschrift schlicht versäumt, seine hinreichende Bekanntschaft mit der Algebra
der Logik kenntlich zu machen und dabei herauszustellen, dass er in weiten Teilen an-
dere Ziele verfolgt hat. Die Gefahren einer unzureichenden Kontextualisierung hatte er
vollkommen verkannt. Nun stand im Besonderen Schröders Urteil fest und da es also
nach offizieller Verlautbarung des führenden deutschen algebraischen Logikers keinen
nennenswerten Grund gab, die Begriffsschrift zu lesen, gab es erst recht keinen Grund,
Begleitaufsätze zu rezipieren oder gar zu publizieren.

„Ich befinde mich in einem unglücklichen Cirkel: bevor man der Begriffsschrift Beachtung
schenkt, verlangt man deren Leistungen zu sehen und diese kann ich wieder nicht zeigen,
ohne die Bekanntschaft mit ihr vorauszusetzen“.371

Die Chance für eine öffentlichkeitswirksame Richtigstellung hatte sich für Frege also nie
wirklich ergeben und es sollte bis in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dauern,
bis in der Person Philip Jourdains erste zaghafte Korrekturversuche dieses bestehenden
Vorurteils unternommen wurden. Als sich in den 1940er Jahren Freges internationaler
Durchbruch endlich abzeichnet, ist dieses Missverständnis schnell behoben. Doch es ist
ein weiterer, ebenfalls bereits von Schröder benannter Punkt, der dauerhaft dazu führen
wird, dass der Begriffsschrift vergleichsweise wenige Leser und so gut wie überhaupt kei-
ne Anwender beschieden sein werden. „Verfassers Formelsprache huldigt in der That nicht
allein der japanischen Sitte einer Verticalschrift, sondern bedingt auch, dass die Seite bei
ihm nur eine Zeile hat oder allenfalls, wenn wir die zur Erläuterung beigegebene Columne
mitrechnen, zwei Zeilen! Diese ungeheure Raumverschwendung“.372
Gepaart mit Freges Anspruch, eine logische Syntax „muß, um die eigenthümlichen
Vorzüge sichtbarer Zeichen auszunutzen, von allen Wortsprachen gänzlich verschieden
seyn“373 , setzt bei den meisten Betrachtern Befremden ein, denn mit der resultierenden
Notationswahl wird ein prima facie unverständlich radikaler, für den Autor jedoch er-
wünscht deutlicher Bruch mit den konventionellen Zeichensystemen vollzogen. „Es ist

370
Frege an Stumpf in einem Brief vom 29. August 1882. In Frege (1976), 165.
371
Frege an Stumpf in einem Brief vom 29. August 1882. In Frege (1976), 165.
372
Schröder (1880), 90f.
373
Frege (1882a), 111.
§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“ 83

zwar nicht wahr, daß sie besonders schwer zu lesen sei [...]; aber sie ist gewiß zu originell,
verstößt allzusehr gegen die jahrtausendealten Gewohnheiten der Menschheit, um ange-
nommen werden zu können“.374 Fremdartig eben. Was für Frege gerade die Bedingung
der Eindeutigkeit und Unmissverständlichkeit gewährleistet, ist für die zeitgenössischen,
aber auch für die meisten späteren Leser ein gewichtiger Grund, sich ihm nicht anzuschlie-
ßen. Da zudem von ihm die Forderung nach der vollständigen Entfaltung jedes einzelnen
Beweisschrittes erhoben wird, der explizit als eigenständige begriffsschriftliche Bedingt-
heit oder aber als Bestandteil einer solchen zu erfassen ist, „streift [es] an Pedanterie,
die vorkommenden Sätze jeweils wirklich in einer einzigen Formel auszusprechen“.375
Die Sprache der Begriffsschrift drückt zweidimensional ausnahmslos alle logischen Be-
dingungsgefüge einer beliebig komplexen (mathematischen) Aussage aus, während die
(mathematischen) Inhalte in der Reihenfolge ihrer logischen Stellung innerhalb der Ge-
samtaussage rechtsstehend und zeilenweise untereinander aufgeführt werden. Lückenlos
geführte begriffsschriftliche Beweise operieren ausnahmslos mit Formeln dieser Struk-
tur. Es entsteht ein formvollendetes, geradezu erhabenes Erscheinungsbild, weil die Prosa
schweigt. An dieser Repräsentationsform sollte Frege zeitlebens festhalten. „Die Beweise
selbst enthalten keine Worte, sondern sind allein mit meinen Zeichen geführt. Sie stellen
sich dem Auge dar als eine Reihe von Formeln“.376
Es überrascht nicht, dass selbst Bewunderer von Freges Errungenschaften ihm in die-
sem Punkt nicht folgen wollten. Sprache und Kalkül seien schwerfällig, umständlich,
starr – kurz, gänzlich ungeeignet, um als logisches Instrumentarium Anwendung finden
zu können. Dabei hatte Frege durchaus nachvollziehbare Gründe, warum er für die Kal-
külisierung von Beweisen nicht nur eine zeilenweise Ableitung vorsieht, sondern beide
verfügbaren Dimensionen einer Seite zu nutzen gedachte. In Replik auf die oben zitierte
Kritik Schröders stellt er fest:

„Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift verwandelt sich in den Vor-
theil der Uebersichtlichkeit, der Vortheil der Gedrängtheit bei Boole in den Nachtheil der
Unübersichtlichkeit. Die Begriffsschrift nutzt die zweifache Ausdehnung der Schreibfläche
aus, indem sie die beurtheilbaren Inhalte von oben nach unten auf einander folgen lässt,
während jeder von diesen sich von links nach rechts ausdehnt. So werden die einzelnen
Inhalte von einander deutlich getrennt und doch in ihren logischen Beziehungen leicht über-
sehbar“.377

„Gedrängtheit“ und „Übersichtlichkeit“ sind also Ziele in der formalen Darstellung, die
sich eventuell nicht zugleich umfassend verwirklichen lassen. Letztlich hat der Autor zu
entscheiden, welchem Anliegen er den Vorzug einräumen möchte. Da Frege in der fehlen-
den Übersichtlichkeit von knapp gefassten Sätzen stets eine Quelle für Missverständnisse
sieht, die es nach Möglichkeit zu vermeiden gilt, repräsentiert für ihn das Streben nach

374
Bocheński (1956), 314.
375
Schröder (1880), 90.
376
Frege (GGA I), V.
377
Frege (1882/83), 103f.
84 Eine erste Annäherung

einer gedrängten Darstellung keine Tugend des Logikers. Für ihn ist es unstrittig, dass wir
dem Anspruch der Übersichtlichkeit den Vorrang einräumen sollten. Dass hierbei – und
von Frege umgehend eingeräumt – eine „Raumverschwendung“ stattfindet, ist jedoch kein
Makel, mit dem sich ein Leser herumzuschlagen hätte, sondern eine Herausforderung, die
sich für Autor und Verleger stellt.
In der Bewertung der Begriffsschrift möge man also nicht so tun, als ob hier dem Rezi-
pienten Unglaubliches zugemutet würde. Vielmehr wäre es als Zumutung zu betrachten,
wenn sich der Leser aufgrund überzogener Ansprüche des Autors mit einer gedrängten
Darstellung der Inhalte konfrontiert sähe. Über eine Verständlichkeit fördernde Übersicht-
lichkeit in der Darstellung lässt sich indes nicht vernünftig klagen. Frege lässt seinem
Anliegen Taten folgen, denn den unglaublich satzaufwendigen ersten Band der Grundge-
setze lässt er 1893 unter großen persönlichen und finanziellen Entbehrungen auf eigene
Kosten drucken sowie verlegen. Er erwartet also keinesfalls, dass sein Bekenntnis zur be-
griffsschriftlichen Ausführlichkeit in den Folgen von der Preispolitik des Verlages sowie
von der Geldbörse des Lesers zu verantworten sind. Allerdings lässt er auch erkennen,
dass professionelle Setzer die wissenschaftlich begründeten Entscheidungen des Autors
umzusetzen haben, sofern die satztechnischen Möglichkeiten hierfür gegeben sind. „Die
Bequemlichkeit des Setzers ist denn doch der Güter höchstes nicht“.378
Bei dieser, weil passenden Gelegenheit darf auch der selten zur Sprache gebrach-
te Vorzug einmal Erwähnung finden, dass die begriffsschriftliche Darstellung logischer
Zusammenhänge gänzlich ohne Klammern auskommt – ein Leistungsmerkmal, das erst
wieder gut ein halbes Jahrhundert später in der – metalogisch übrigens überaus bedeutsa-
men – polnischen Notation verwirklicht werden sollte. Der Schöpfer dieser Notation, der
sich auch ansonsten an Freges Rigorositäts- und Präzisionsstandards ein Vorbild nahm,
lässt denn auch erkennen, dass trotz des inzwischen reichhaltigen logischen Angebots
Freges Syntax immer noch ihre Vorzüge besitzt: „Diese Fregesche Symbolik hat aber den
Vorteil, daß alle Interpunktionszeichen, wie Klammern, Punkte und dgl., vermieden wer-
den“.379 Jan Łukasiewicz zählte zu den Wenigen seiner Generation, die sich zum Aufbau
ihrer eigenen logischen Kalküle mehr von Frege, als von Peano und dem Whitehead-
Russell-Standard der Principia inspirieren ließen.
Wir sind damit an einem Punkt angelangt, an dem ein selbst heutzutage noch be-
stehendes Vorurteil benannt werden sollte und das in seinen wirkungsgeschichtlichen
Ursprüngen auf Russells Entscheidung zurückgeht, Peanos Vorbild zu folgen, denn „Fre-
ge’s notation [...] is exceedingly cumbrous and difficult to use“.380 Hier urteilte kein
algebraischer Logiker des 19. Jahrhunderts, sondern ein junger, wenngleich noch tech-
nisch unentschlossener symbolischer Logiker der neuen Zeit. Russell sollte nicht nur zu
einer prägenden Figur in der Frühphase der modernen formalen Logik werden, sondern
viele der Logiker, die der Disziplin schließlich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ihre ent-

378
Frege (1896), 222.
379
Łukasiewicz (1935), 125.
380
Russell (1903), 519.
§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“ 85

scheidenden Züge verleihen sollten, wurden wesentlich beeinflusst durch Russells Stil und
seine Art, Logik zu betreiben. Russell selbst wiederum ließ sich in vielerlei Hinsicht von
Peanos Vorbild inspirieren und verfeinerte nach anfänglichen Alleingängen zusammen mit
Alfred North Whitehead die logische Notation sowie das syntaktische Erscheinungsbild
bis hin zum Erreichen des schließlich allgegenwärtigen Principia-Standards.
Russells Urteil über die schwierige Handhabung von Freges Kalkül sowie der über alle
Maßen umständlichen Darstellung in den Zeichen der Begriffsschrift pflanzte sich fort und
wurde vor allem überall dort implizit geteilt, wo man dem Vorbild der Principia Mathe-
matica folgte. So verfestigte sich schließlich die Auffassung, dass die Begriffsschrift eine
ungelenke Sprache in einem unausgereiften Kalkül sei. Das fremdartige, gewöhnungsbe-
dürftige und vor allem durch niemanden kopierte Erscheinungsbild der Begriffsschrift trug
seinen Teil dazu bei, das gefällte Urteil weder zu hinterfragen noch gar in Frage zu stel-
len. Dabei gab es durchaus kritische Hinweise darauf, dass die komparativ festgestellten
Leistungsschwächen nur durch einen einseitig verkürzten Blick auf die Gesamtsituation
festgestellt werden konnten. Weder bei Peano oder Russell noch bei denjenigen, die ih-
nen nachfolgen sollten, findet sich die Einsicht, dass ein Teil von Freges umfänglichen
Darstellungen darauf zurückzuführen ist, dass er sich im Unterschied zu allen anderen
strikt auf die logischen Partikel der Bedingtheit, der Verneinung sowie der Allgemeinheit
beschränkt. Beweispraktische Ausführlichkeit aufgrund von kalkülsyntaktischer Sparsam-
keit.
Selbstverständlich war sich Frege – noch vor allen anderen – im Klaren darüber, dass
sich der Umfang der Darstellung zum Teil ganz erheblich verkürzen lässt, wenn weitere
logische Partikel über die bereits gegebenen definiert und damit als abkürzende Bezeich-
nungen eingeführt werden. Doch dies hätte die Normierung und Verwendung weiterer
Urzeichen erforderlich gemacht, deren Anzahl Frege minimal halten wollte. Schließlich
gilt es zu beachten, „dass bei der Grundlegung einer solchen Begriffsschrift die Urbe-
standtheile so einfach wie möglich genommen werden müssen, wenn Uebersichtlichkeit
und Ordnung geschaffen werden sollen“ (Vorw.). Im Unterschied zum Principia-Standard
verzichtet er mehr als drei Jahrzehnte früher im Besonderen auf eine eigenständige Be-
handlung von Konjunktor, Adjunktor sowie Existenzquantor. Für die Axiomatisierung der
Aussagen- und Prädikatenlogik benötigt er gerade einmal halb so viele Urzeichen wie der
spätere Kanon.
Selbstverständlich geht dieser Verzicht auf definitorische Abkürzungen einher mit einer
umfangreicheren formalen Darstellung, denn es muss dasselbe mit weniger Zeichen aus-
gedrückt werden. Doch zum einen ist dies nicht nur prinzipiell möglich und wird in seiner
faktischen Ausführbarkeit eindrucksvoll von Frege unter Beweis gestellt. Zum anderen ist
der erforderliche größere Darstellungsumfang nicht mit notorischer Weitschweifigkeit zu
verwechseln, die sich in Folge einer umständlichen Syntax einstellen würde. In diesem
Punkt gibt es zwischen dem System der Principia und jenem der Begriffsschrift keinen
kategorialen Unterschied, da der angesprochene Unterschied im Darstellungsumfang um-
gehend schwinden würde, wenn die Begriffsschrift mehr Urzeichen aufnehmen oder die
Principia auf die Hälfte ihrer logischen Partikel verzichten würde. Letztlich ist es eine
86 Eine erste Annäherung

Ermessensfrage, für wie viele Urzeichen und Gesetze man sich entscheidet. Je liberaler
man hier verfährt, um so kürzer werden freilich die formalen Darstellungen und Bewei-
se. Im Gegenzug führt dies jedoch zu einer zunehmend unübersichtlicheren Syntax sowie
zu einer Vielzahl von Beweismitteln, die andernfalls in Teilen beweisbar wäre. Ein ver-
nünftiges Maß muss durch jeden selbst gefunden werden und Frege hat dieses Maß eben
besonders scharf gefasst.
In einem weiteren Punkt der Kritik müssen indes die Kritiker getadelt werden. Dies
betrifft die Beanstandung der umständlichen, aufwendigen und starren Ableitungen im
Kalkül der Begriffsschrift. Zwar trifft es uneingeschränkt zu, dass die in logisch elementa-
ren Schritten zu vollziehenden Beweise, in denen einzig Substitution und Abtrennung die
erlaubten Mittel sind, eine unglaubliche, fast ohne jede Beweisheuristik zu erratende Weit-
läufigkeit zur Folge haben. Doch die Kritiker Freges waren gar nicht in der Position, diese
Kritik mit dem Anspruch zu erheben, es selbst besser zu machen. Ableitungen in Peanos
Formulaire de Mathématiques, der Principia oder Nachfolgewerken können deshalb zügi-
ger und vermeintlich eleganter vollzogen werden, weil im Unterschied zu Frege gar nicht
verbindlich in einem streng geregelten Operationsschema bewiesen wird. Kalkülisierte
Ableitungen werden angedeutet und im Ansatz nachgeahmt, aber kaum irgendwo wird
mit derselben Rigorosität bewiesen wie bei Frege.381 Dieser wird also für die Folgen eines
umfassend verwirklichten Präzisionsanspruchs getadelt, der bei den Nachfolgern ledig-
lich vorgetäuscht wird. Verfechter des Principia-Kanons tadeln Frege für die Realisierung
beweistheoretischer Standards, die sie selbst überhaupt nicht einzulösen vermögen. Es ist
daher durchaus plausibel, „that the widespread misunderstanding and underestimation of
Frege during his lifetime was partly due to unwillingness of philosophers and mathemati-
cians alike to master a new and difficult system of notation“.382
Das moralisch Fragwürdige an der Ebene dieser Kritikführung besteht in der fehlenden
Einsicht, dass die gegen Frege vorgetragene Kritik die Verfechter der Principia gleicher-
maßen ereilen würde, wenn sie aus dem bloß logischen Schein ein strikt beweisendes Sein
machen würden. Die in der Kritik vollkommen zu Recht formulierten Beanstandungen
gegenüber der Begriffsschrift sind jedoch keine besonderen Eigenschaften genau dieses
Kalküls, sondern ein Merkmal sämtlicher satzlogischer Kalküle. Im Umfang weitläufig
und heuristisch überaus schwerfällig sind satzlogische Kalküle im Besonderen deshalb,
weil einzig mit logischen Wahrheiten operiert werden darf, die sich über die Möglich-
keiten der Substitutionsregel zwar sehr einfach erzeugen lassen, die jedoch nur in den
wenigsten Fällen dazu geeignet sind, mittels Modus Ponens den Schluss auf eine geeig-
nete neue logische Wahrheit zu ermöglichen. Am Beispiel des von Łukasiewicz geführten
Abhängigkeitsnachweises, der Ableitung des dritten Fregeschen Axioms aus den beiden
ersten, werden wir noch sehen383 , wie schwierig es ist, satzlogische Beweise zu führen
oder heuristisch zu planen. Hätten sich Peano, Russell und ihre Nachfolger auf die strikte

381
Vgl. Łukasiewicz (1929), 6f.; Gödel (1944), 126; Kneale (1950), 396.
382
Church (1948).
383
Siehe § 23.
§ 9 „Der Nachtheil der Raumverschwendung bei der Begriffsschrift“ 87

Einhaltung einer derart kalkülisierten logischen Beweispraxis verpflichtet, so wäre es um


die Eleganz ihrer Begründungsvollzüge keineswegs besser bestellt gewesen als bei Frege.
Dieses grundständige Manko satzlogischer Kalküle wurde erst in den 1930er Jah-
ren durch Gerhard Gentzen behoben, der exakt mit dieser Diagnose einsetzend, nach
einem eleganteren logischen Werkzeug für die metamathematische Praxis suchte. Ge-
schaffen wurde durch ihn ein neuer Kalkültyp, der die Restriktionen der rein tautologi-
schen Transformationsschritte hinter sich ließ. Gültige logische Ableitungen blieben nicht
länger beschränkt auf allgemeingültige Aussagen, weil die Wahrheitskonservativität lo-
gischer Ableitungen bereits dann gewährleistet bleibt, wenn wir sicherstellen, dass bei
Wahrheit aller Prämissen auch die Konklusion wahr sein muss. Regellogische Kalküle
benutzen für die Gültigkeit von Implikationen †; A  B die Bedingung, dass auf B ge-
schlossen werden darf, wenn sichergestellt ist, dass, wann immer alle †-Formeln und A
zugleich wahr sind, auch B wahr sein muss. Wenn es also aufgrund der logischen Form
aller involvierten Aussagen ausgeschlossen ist, dass es einen Fall gibt, in dem zwar alle
†-Formeln und A zugleich wahr sind, B allerdings falsch ist, dann ist die Implikation
†; A  B gültig. Anleihen bei der Allgemeingültigkeit der einzelnen Formeln müssen
also überhaupt nicht gemacht werden. Dies illustriert einen großen Vorzug regellogischer
Kalküle. Ihr Operationsradius beschränkt sich nicht nur auf allgemeingültige Formeln,
sondern erstreckt sich ebenso auf die Verwendung der bloß erfüllbaren Aussagen und
selbst die logischen Falschheiten können zum Gegenstand der Untersuchung gemacht
werden. Maßgebliches Kriterium in den regellogischen Kalkülen ist der Nachweis der
Gültigkeit von Implikationen, deren Prämissen nicht nur eine beliebige (wohlgeformte)
logische Form aufweisen können, sondern für deren Beweis auch problemlos Annahmen
gesetzt werden dürfen, sofern der Kalkül über entsprechende Regeln für ihre Tilgung ver-
fügt.
Dass sich satzlogische Kalküle nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, hängt we-
sentlich damit zusammen, dass sie als „verkappte“ regellogische Systeme auftreten. De
facto arbeitet heute kaum noch jemand mit einem satzlogischen Kalkül im strengen Sin-
ne, beschränkt also seine logischen Beweise wie ehemals Frege auf die Verwendung
der Substitutions- und Abtrennungsregel, um einzig logische Wahrheiten aus bereits ver-
fügbaren logischen Wahrheiten durch ausschließlich logische Transformationsschritte zu
gewinnen. Üblicherweise wird für satzlogische Kalküle die Gültigkeit des Ableitbarkeits-
theorems gezeigt, einer metalogischen Eigenschaft eines Kalküls K, die besagt, dass die
Ableitbarkeit einer Formel A!B aus der Formelmenge † die Ableitbarkeit der Formel B
aus der Formelmenge † und A impliziert:

† K A!B ) †; A K B

In satzlogischen Kalkülen besitzen Beweise für Subjunktionen die Form †  A!B,


wobei die Formelmenge † ausnahmslos aus logischen Wahrheiten (den Axiomen sowie
bereits bewiesenen Theoremen) besteht. A!B ist dann selbstverständlich gleichermaßen
eine Tautologie, während dasselbe für die Teilformeln A; B nicht gelten muss. Wird nun
88 Eine erste Annäherung

für einen satzlogischen Kalkül die Gültigkeit des Ableitbarkeitstheorems gezeigt, dann gilt
für beliebige logische Wahrheiten der Form A!B bereits die Implikation †; A  B, d. h.
die Formel B, die selbst keine logische Wahrheit sein muss, wird im Rückgriff auf A, die
ebenfalls keine logische Wahrheit sein muss, und † bewiesen. Da das Theorem für jede
Ableitung im Kalkül gilt, so muss auch † nicht länger einzig aus logischen Wahrheiten
bestehen. Mit dem Nachweis des Ableitbarkeitstheorems und der damit einhergehenden
Zulässigkeitserklärung im Gebrauch nicht-allgemeingültiger Formeln hat man aus dem
satzlogischen Kalkül jedoch de facto bereits einen regellogischen gemacht.
Blicken wir mit dem heutigen technischen Erkenntnisstand sowie der Vielzahl der
gemachten logischen Erfahrungen kritisch auf Frege zurück, so bedarf es stets der Ver-
gewisserung, dass der überragende Großteil unserer heutigen formalen Souveränität einer
Entwicklung geschuldet ist, die durch Frege allererst ihren Anfang nahm und von der
er selbst gar nicht mehr profitieren konnte. Eine kritische Betrachtung der Begriffsschrift
soll auch künftig möglich bleiben, doch sie sollte unter einer logikhistorischen Epoché
erfolgen.

§ 10 „eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung


der Schreibfläche“

Freges Notation hat sich in der modernen formalen Logik nicht durchgesetzt. Von Anfang
an vermittelte sie „einen fremdartigen, frappirenden Eindruck“384 , bei der für so man-
chen Betrachter ungeklärt blieb, „warum die Begriffsschrift gerade so, wie sie von ihrem
Urheber zunächst für sein eigenes Bedürfnis zusammengesetzt wurde, auch für andere ge-
staltet sein müsse“.385 Dennoch ist die ihr entgegengebrachte Skepsis häufig nur Ausdruck
eines unzureichenden Verständnisses derselben. Dabei waren Freges Überlegungen zur
Beschaffenheit seiner syntaktischen Urzeichen sowie zum kompositorischen Aufbau lo-
gischer Strukturen überaus originell und im Detail wohldurchdacht, keineswegs erfolgten
sie „aufs Gerathewohl und aus Neuerungssucht“.386 Dies erschloss sich jedoch nur jenem
Betrachter, der sich mit Geduld und einem hinreichenden Maß an Unvoreingenommen-
heit der Schrift zuwandte – Voraussetzungen, die zugestandenermaßen nur wenige Leser
mitgebracht haben dürften. Zu diesen zählte immerhin Carl Theodor Michaëlis, einer der
ersten Rezensenten. „Das aber können wir nach einem mehrmaligen Studium der Schrift
Freges von vornherein aussprechen, dass der Fleiß, der Scharfsinn und die Consequenz
mit der derselbe sein System ausgearbeitet hat, Bewunderung verdienen“.387
Die Begriffsschrift folgt selbst konsequent einem logischen Aufbau. Spuren desselben
finden sich in der Begriffsschrift nur noch in der Form der Resultate, der Leser müsste

384
Michaëlis (1880), 233.
385
Rabus (1880), 131.
386
Frege (GGA I), XI.
387
Michaëlis (1880), 233.
§ 10 „eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung der Schreibfläche“ 89

also zum abduktiven Spekulieren ansetzen, um Beweggründe für Detailentscheidungen


herausdestillieren zu können. Über den logischen Aufbau der Notation soll daher an die-
ser Stelle berichtet werden. Es wurde bereits herausgestellt, dass der Schritt in die zweite
Dimension der maximalen Transparenz und Ausführlichkeit dient. Wenn der Fokus des
Logikers auf Beweisrigorosität und Genauigkeit gerichtet ist sowie „auf Übersichtlichkeit
und Kürze“388 , dann reichen die linearen, eindimensionalen Darstellungsmöglichkeiten
spätestens dann nicht mehr aus, wenn die darzustellenden Inhalte nicht mehr nur durch
simplifizierende Aussagenterme stellvertreten, sondern vollständig ausgeschrieben wer-
den sollen. Die horizontale, zeilenweise Darstellung der Inhalte liefert damit nun gerade
nicht die Norm, an der sich zudem die logische Repräsentation zu orientieren hat, sondern
vielmehr den Grund, weshalb der Schritt in die Vertikale zu gehen ist. Die Begriffsschrift
verfährt zweidimensional nicht trotz unserer konventionellen linearen Schreibpraxis, son-
dern wegen dieser.

„Jener Schein des Ungewöhnlichen entsteht dann, wenn man die einfachen beurteilbaren In-
halte nur durch einzelne Buchstaben andeutet. Sobald sie ausführlich hingeschrieben werden,
was in den Anwendungen fast immer geschehen wird, dehnt sich ein jeder von links nach
rechts in einer Zeile aus, und die einzelnen folgen von oben nach unten auf einander. Hier-
durch wird der Vorteil ausgenutzt, den eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung
der Schreibfläche vor der in der einfach ausgedehnten Zeit erscheinenden Wortsprache vor-
aus hat“.389

Mit der Entscheidung, Inhalte vollständig auszuführen, geht der wesentliche Formalisie-
rungsanspruch einher, dass als „einfacher beurteilbarer Inhalt“ nur das anzusehen ist, was
selbst – relativ zur verwendeten logischen Sprache – keine logischen Partikel mehr ent-
hält, also logisch elementar bzw. atomar ist. Etwa im Fall einer aussagenlogischen Sprache
gilt eine Aussage genau dann als „elementar“, wenn sie selbst nicht mittels aussagenlo-
gischer Partikel aus Elementaraussagen aufgebaut ist. Entsprechend gilt eine Aussage der
Prädikatenlogik als Atomaraussage, wenn sie weder aussagen- noch prädikatenlogische
Partikel enthält. Mit der Nutzung der zweiten Dimension können die logisch elementaren
Aussagen inhaltlich vollständig im rechten Bereich der Seite zeilenweise in der Reihenfol-
ge ihrer Stellung innerhalb des komplexen Satzgebildes aufgelistet werden, „die einzelnen
[einfachen beurteilbaren Inhalten] folgen von oben nach unten auf einander“. Mit dieser
Formalisierungsforderung nach der ausführlichen Darstellung einfacher beurteilbarer In-
halte erfährt die „zweifache Ausdehnung der Schreibfläche“ die folgende Unterteilung:

Vollständige Entfaltung der zwischen den A1


einfachen beurteilbaren Aussagen A1 ; A2 ; : : : ; An A2
bestehenden logischen Struktur mittels der :
zweidimensionalen Notation der Begriffsschrift An

388
Frege (1896), 223.
389
Frege (1880/81), 51.
90 Eine erste Annäherung

In einer virtuellen rechten Spalte der Seite werden die Elementaraussagen A1 ; A2 ; : : : ; An


vollständig ausgeschrieben und jeweils untereinander erfasst. Damit diese Aussagen je-
doch als Teilaussagen einer logisch komplexen Aussage verstanden werden können, muss
durch eine sowohl horizontal wie auch vertikal operierende Notation, die zwischen den
Aussagen A1 ; A2 ; : : : ; An bestehende logische Form ausgedrückt werden. Wir benötigen
also eine zweidimensionale Symbolik. Für die Darstellung dieses logischen Baumes ist
der linke Teil der Seite (die virtuelle linke Spalte) vorgesehen. Damit diese Darstellung
für ein beliebig komplexes (aussagen)logisches Bedingungsgefüge stets vollständig und
eindeutig ist, besteht jeder begriffsschriftliche Ausdruck aus einer streng geregelten Kom-
bination von endlich vielen Vorkommnissen der folgenden drei Urzeichen:

1. der waagerechte Inhaltsstrich,


2. der vertikale Verneinungsstrich,
3. der vertikale Verbindungsstrich von zwei Inhaltsstrichen (Bedingungsstrich).390

Der Aufbau einer beliebig komplexen begriffsschriftlichen Formel folgt hierbei dem
folgenden, überaus originellen Baukastenprinzip.391 Zur Kennzeichnung, dass es in der
logisch-propositionalen Aufbereitung stets um den beurteilbaren Inhalt von Aussagen und
um nichts sonst geht, tritt jede Elementaraussage A mit einem Inhaltsstrich versehen auf:

Da „der Inhalt von A“ im Einzelfall verneint werden können muss, A selbst als Platz-
halter für die Elementaraussage die Verneinung jedoch nicht enthalten darf, drücken wir
dies durch die Hinzufügung eines kleinen am linken Ende des Inhaltsstriches vertikal nach
unten verlaufenden Striches aus:

Diese Zeichenfolge besagt, dass der Inhalt von A verneint wird. Da die Verneinung
eines Inhaltes wiederum ein Inhalt ist, muss ihr gemäß der oben festgehaltenen Forderung
gleichermaßen ein Inhaltsstrich vorangestellt werden:

Obgleich aufgrund des verwendeten Verneinungsstrichs logisch komplexer als „der


Inhalt von A“, besitzt diese Formel dieselben syntaktischen Anschlussmöglichkeiten im
wörtlichen Sinne für weitere logische Verknüpfungen. Von ausgezeichneter Bedeutsam-
keit ist hierbei die logische Konstellation, dass der Inhalt einer Aussage B den Inhalt
einer anderen Aussage A bedingt, „B bedingt, dass A“ bzw. „wenn B, dann A“. Für

390
Vgl. Frege (1882b), 59.
391
Die nachfolgende Darstellung geht auf Thiel (2001), 114f. zurück.
§ 10 „eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung der Schreibfläche“ 91

Frege steht „die hervorragende Wichtigkeit dieser Urteile“392 außer Frage. Sie sind im
wissenschaftlichen Argumentieren allgegenwärtig, weshalb nicht zuletzt auch der Proto-
typ der logischen Ableitung der formale Repräsentant konditionalen Schlussfolgerns ist.
Neben der Verneinung bedarf es vor allen anderen logischen Verhältnissen eines begriffs-
schriftlichen Ausdrucks für konditionale Geltung, denn dies „lässt die Wichtigkeit der
Beziehung erkennen, die in unserm Zeichen liegt. Ist doch das hypothetische Urtheil die
Form für alle Naturgesetze“.393 Um die Subjunktion, das logische Verhältnis zwischen
einer hinreichenden und einer notwendigen Bedingung ausdrücken zu können, benötigt
Frege lediglich noch einen einzigen weiteren Strich, den Bedingungsstrich. Seien also

beliebige beurteilbare Inhalte. Um nun auszudrücken, dass der Inhalt von B den Inhalt
von A bedingt, werden beide Formeln untereinander erfasst, wobei es aufgrund der „Rich-
tung“ des Bedingungsgefüges wesentlich ist, dass B (per Konvention) unter A erfasst
wird. Die linken Enden beider Inhaltsstriche werden nunmehr durch einen vertikalen Ver-
bindungsstrich, den Bedingungsstrich, miteinander verbunden:

Da „der Inhalt von B bedingt den Inhalt von A“ bzw. „B bedingt, dass A“ wiederum
ein beurteilbarer Inhalt ist, muss dem Ganzen ebenfalls gemäß der oben festgehaltenen
Forderung ein Inhaltsstrich vorangestellt werden:

Wie wir noch zeigen werden394 , lässt sich der Begriff der aussagenlogisch-begriffs-
schriftlichen Formel ausgehend von den hier genetisch rekonstruierten Grundkonfigu-
rationen mit Hilfe eines Erzeugungskalküls streng induktiv definieren. Die Offenheit in
den Kombinationsmöglichkeiten sei an dieser Stelle lediglich noch durch die Überlegung
illustriert, dass wir selbstverständlich auch wieder den Inhalt von „B bedingt, dass A“
verneinen können durch:

392
Frege (1882b), 58.
393
Frege (1882/83), 102.
394
Siehe § 20.
92 Eine erste Annäherung

Da diese Verneinung wiederum einen Inhalt zum Ausdruck bringt, sind wir ebenfalls
gemäß der oben festgehaltenen Forderung dazu verpflichtet, dem Ganzen einen Inhalts-
strich voranzustellen:

Usw., usw. Wir können also Elementaraussagen verneinen, wir können mit ihnen Be-
dingtheiten bilden, wir können Bedingtheiten verneinen und wir können mit Verneinungen
Bedingtheiten bilden. Mehr braucht es nicht, um beliebig komplexe aussagenlogische
Formeln vollständig und eindeutig bilden zu können. Freges „Formelsprache in der zwei-
fachen Ausdehnung der Schreibfläche“ entspricht damit dem folgenden Schema, wobei
sich die hier nicht aufgeführten Verneinungsstriche in beliebigen endlichen kombinatori-
schen Konstellationen an den verfügbaren Inhaltsstrichen hinzudenken lassen.

Während ausnahmslos alle Inhalte – gleich welcher Herkunft – untereinander geordnet


im rechten Bereich der Seite erfasst werden, wird die gesamte logische Struktur voll-
ständig und eindeutig auf der vorgelagerten Fläche entfaltet, eine wahrhaft „revolutionäre
Neuerung“.395 Diese logische Baumstruktur gibt uneingeschränkt Auskunft darüber, in
welchen Bedingungsgefügen die einzelnen Elementaraussagen sowie die aus ihnen ge-
bildeten einzelnen Teilaussagen zueinander stehen. „Indem ich die einzelnen Teilsätze –
z. B. Folgesatz und Bedingungssätze – untereinander schreibe und links davon durch ei-
ne Verbindung von Strichen die logischen Beziehungen bezeichne, durch die das Ganze
zusammengehalten wird, erreiche ich eine durchsichtige Gliederung des Satzes“.396 Die
Durchsichtigkeit der logischen Form ist geradezu wörtlich zu nehmen, denn die begriffs-
schriftliche Struktur eines Satzes erschließt sich spielend durch die vorzügliche visuelle
Unterstützung. Im Unterschied zu allen linear verfahrenden Notationen zu Freges Zeit, bei
denen es mit steigender Komplexität einer Formel zunehmend mühsamer wird, die Haupt-
partikel schnell und sicher zu erkennen, sieht man im Besonderen die zentrale Bedingtheit
in einer beliebig komplexen begriffsschriftlichen Formel stets auf den ersten Blick. Arthur
Thomas Shearman zählte zu den wenigen Zeitgenossen Freges, die diese Leistungsstärke

395
Bocheński (1956), 369.
396
Frege (1896), 222.
§ 10 „eine Formelsprache in der zweifachen Ausdehnung der Schreibfläche“ 93

erkannten. Wertschätzend stellte er heraus, dass es möglich ist „with such a symbolism to
observe the precise implications that are indicated: the horizontal and perpendicular lines
carry one’s attention immediately from the antecedent to the respective consequent“.397
Gerade weil wir in den meisten Einzelsprachen den einzelnen Ausdruck in horizonta-
ler Ausdehnung schreiben, sollten deren mehrere im Falle ihrer logischen Verknüpfung
entsprechend vertikal angeordnet werden, um den Limitationen der einzelnen Zeilenlänge
zu entkommen und dafür die große Zeilenanzahl zu nutzen. Dieses entscheidende Leis-
tungsmerkmal in der formalen Repräsentation wurde lange Zeit verkannt. Freges System
galt bestenfalls als „ein Mittelding zwischen graphischer Darstellung und Analytik“398 ,
während die durchdringende logische Form der begriffsschriftlichen Notation selbst dann
nicht ernsthaft erwogen wurde, als mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Bereitstellung eine
erste unabhängige Stellungnahme dezent darauf hinwies, dass „in the case of the more
complicated arguments, [...] the process of proof is more evident than it would be if they
were less diagrammatic in character, and appeared in long lines with the elaborate system
of brackets that would then be necessary. This advantage of Frege’s method in the case of
complicated problems will, however, be more apparent when we have considered one of
the linear methods of symbolic representation“.399
Je
(länger-der-einzelne-nicht-logische-Ausdruck-in-einer-einzelnen-Zeile-wird),
umso
(weniger-Raum-verbleibt-in-derselben-Zeile-für-weitere-nicht-logische-Inhalte),
während
(der-Gebrauch-der-zweidimensionalen-Zeilenanordnung-dieses-Problem-relativiert).

Es ist die logische Pfadstruktur, die neben ihrer systematischen Kohärenz auch auf der
Ebene der figuralen Beschaffenheit ihren Beitrag zur Durchsichtigkeit der Gliederung
leistet. Der begriffsschriftliche Baum und seine Verzweigungen verschaffen einen visu-
ellen Eindruck von den logischen Über- und Unterordnungen ausnahmslos aller Satzbe-
standteile. Das unkonventionelle Erscheinungsbild ist nicht Ausdruck idiosynkratrischer
Ignoranz, sondern Resultat des selbstbewussten Aktes, jegliches Konfundieren mit der
Symbolik anderer Sprachen, insbesondere jener der Mathematik, aufs Schärfste zu ver-
meiden. Der Grundgedanke der Begriffsschrift ist damit expliziert. Trotz des für die meis-
ten Betrachter renitenten Befremdens erfüllt Frege die selbst gesetzten Ansprüche an eine
moderne formale Sprache der Logik, „einer wahren Begriffsschrift“400 , denn:

„Von einer solchen möchte ich Folgendes verlangen. Sie muß für die logischen Beziehungen
einfache Ausdrucksweisen haben, die, an Zahl auf das Nothwendige beschränkt, leicht und
sicher zu beherrschen sind. Diese Formen müssen geeignet seyn, sich mit einem Inhalte auf

397
Shearman (1911b), 34.
398
Markič (1898/99), XXXIII.
399
Shearman (1911b), 40.
400
Frege (1882a), 112.
94 Eine erste Annäherung

das Innigste zu verbinden. Dabei muß solche Kürze erstrebt werden, daß die zweifache Aus-
dehnung der Schreibfläche für die Uebersichtlichkeit der Darstellung gut ausgenutzt werden
kann. Die Zeichen von inhaltlicher Bedeutung sind weniger wesentlich. Wenn die allgemei-
nen Formen einmal vorhanden sind, können jene leicht nach Bedürfniß geschaffen werden.
Wenn es nicht gelingt oder nicht nöthig erscheint, einen Begriff in seine letzten Bestandtheile
zu zerlegen, kann man sich mit vorläufigen Zeichen begnügen“.401

Zu Freges Lebzeiten gab es nur eine Handvoll an Logikern, die diesen Forderungskatalog
wertzuschätzen wussten. Arthur Thomas Shearman gehörte zu ihnen. Es besaß ein ange-
messenes Verständnis für die begriffsschriftliche Darstellungsweise und wusste um die
Vorzüge dieses Notationssystems. Er war davon überzeugt, dass der Symbolismus bestens
dafür geeignet sei, um die logischen Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Mathematik
offenzulegen. Allerdings hegte er trotz seiner Sympathien für Freges System Zweifel, ob
die Begriffsschrift als Standard für die symbolische Logik geeignet sei. „I think that for
the special purpose that Frege has in mind in the Begriffsschrift, [...] the symbolism that
is given in that work is excellent, but that for the general purpose of Symbolic Logic it is
better to have a less diagrammatic system of symbolism“.402 In diesem Punkt musste er
den Kritikern beipflichten.
Einen inspirierenden Einfluss sollte die Begriffsschrift dennoch ausüben, wenngleich
auf einem theoretischen Feld, an das Frege selbst noch mit keiner Silbe denken konnte.
Wem bei der Betrachtung des obigen Pfadschemas ein Reminiszenzgedanke an Schalt-
pläne für elektrische Anlagen widerfuhr, der hat eine durchaus belastbare Ähnlichkeit
hergestellt. Freges Notation besitzt alle Merkmale eines Prinzipschaltbildes. Werden die
begriffsschriftlichen Strichverbindungen als elektrische Leitungen interpretiert, wobei den
Segmenten mit Verneinungs- und Bedingungsstrichen Schaltelemente implementiert wer-
den, mit denen Spannung/Nichtspannung durch Nichtspannung/Spannung ersetzt wird,
so resultiert ein elektrischer Schaltkreis, der eine informationstechnische Manifestation
der begriffsschriftlichen Formel repräsentiert. Dass die Frage nach der Allgemeingültig-
keit dieser logischen Formel nunmehr sogar elektronisch getestet werden kann, ist „ein
Beweis dafür, wie überraschend aktuell Frege selbst dort sein kann, wo er zunächst nur
umständlich zu sein scheint“.403

401
Frege (1882a), 112f.
402
Shearman (1911b), 35.
403
Hoering (1957), 126.
EINE ZWEITE ANNÄHERUNG

§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“

Mit der Begriffsschrift tritt Frege erstmals als Philosoph in Erscheinung. Sie steht am
Beginn eines Schaffens, das wir rückblickend als eines der ertrag- und einflussreichsten
der jüngeren Philosophiegeschichte kennzeichnen dürfen. Frege, der bis 1878 gemäß sei-
ner akademischen Provenienz ausschließlich als Mathematiker aufgetreten war, wird in
den nachfolgenden vier Jahrzehnten auf immer mehr philosophischen Feldern seine un-
verwechselbaren Spuren hinterlassen. Aus dem Fachwissenschaftler, dem sicherlich auch
eine respektable mathematische Karriere offen gestanden hätte, wird ein Logiker, mathe-
matischer Grundlagenforscher, Bedeutungs- und Definitionstheoretiker, Sprachphilosoph,
Wissenschafts- und Erkenntnistheoretiker, kurz ein Philosoph im vollumfänglichen Sinne
des Begriffs. An den Mathematiker erinnert heute einzig die historische Fregeforschung,
in der mathematischen Praxis hat er keine unmittelbaren Spuren hinterlassen. Für den
Philosophen Frege gilt indes das genaue Gegenteil. Das philosophische Oeuvre besticht
bei aller Genialität nicht zuletzt durch thematische Souveränität, argumentative Präzision,
analytische Schärfe, diagnostische Härte und einen unverwechselbaren Witz.
Dieses Bild haben wir heute und es entspricht in Teilen nicht dem Frege aus dem Jahr
1879. Die Begriffsschrift ist das philosophische Debüt, sie steht mithin am Beginn seines
philosophischen Wirkens und sollte als exakt dies behandelt werden, als ein Anfang, ein
„first draft“.1 Das zeigt sich weniger in Syntax und Kalkül, obgleich auch diese bis 1893
Verfeinerungen durchlaufen werden, sondern vor allem im philosophischen Fundament
des Werkes. Die Begriffsschrift kennt noch keine Sinn-Bedeutung-Unterscheidung, sie ist
noch nicht dem ehrgeizigen Projekt eines Logizismus verpflichtet und ihr mangelt es dar-
über hinaus trotz mancher Bezüge auf Kants Terminologie eines systematischen Verständ-
nisses für den Gebrauch der Ausdrücke „analytisch“ und „synthetisch“. Die Philosophie
der Schrift wird bestimmt durch zwei Unterscheidungen, beide auf Leibniz zurückgehend.

1
Dummett (1981), 20.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 95


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6_2
96 Eine zweite Annäherung

Die eine sollte für Freges gesamtes Werk zu einer konstitutiven Sinnbedingung werden,
für die er leidenschaftlich argumentierte. Die mit ihr einhergehende Einsicht besitzt bis in
das Spätwerk und den Nachlass hinein fundamentale Bedeutsamkeit. Ohne sie ist weder
Freges Logik noch seine Philosophie denkbar. Die andere Unterscheidung wurde bereits
im nachfolgenden Werk zugunsten einer feineren Differenzierung wieder aufgegeben, wo-
durch sich vor allem ein problemgeschichtlicher Entwicklungsschritt im Denken Freges
zu erkennen gibt, denn der Wechsel in der Terminologie präsupponiert eine Revision im
philosophischen Theorieansatz. Sie war also nur prägend für den Anfang. Während die
erste Säule der Begriffsschriftphilosophie die besondere Rolle der Logik herauszustellen
erlaubt, wird mit der zweiten ganz dezent die Möglichkeit des späterhin verfolgten Logi-
zismus lanciert.
Es ist die Rede von der Unterscheidung von Geltung und Genese sowie von der Unter-
scheidung zwischen Vernunft- und Tatsachenwahrheiten. Der philosophische Einfluss von
Leibniz ist damit offensichtlich. Berücksichtigt man zudem, dass Freges Entwurf einer
beweisenden Begriffsschrift dem Ideal einer rechnenden Vernunft, eines calculus ratio-
cinator, verpflichtet ist und dass die Sprache der Begriffsschrift darüber hinaus der Idee
einer lingua universalis, einer Sprache für alle Wissenschaften, folgt2 , dann wird aus dem
philosophischen Einfluss die unbestreitbare Quelle der Inspiration. Der Urheber der mo-
dernen Logik, der „in seinen Schriften eine solche Fülle von Gedankenkeimen ausgestreut
[hat], dass kaum ein Anderer sich hierin mit ihm messen kann“3 , hinterlässt mehr als jeder
andere seine Handschrift in der Begriffsschrift. In dieser „kleinen Schrift habe ich nun eine
Wiederannäherung an den leibnizischen Gedanken einer lingua characterica versucht“.4
Leibniz steht Pate bei der Erfindung der modernen formalen Logik.
Bereits im frühen 18. Jahrhundert hatte Gottfried Wilhelm Leibniz im Ringen um das
Ursprungsproblem der Erkenntnis explizit darauf hingewiesen, dass eine Erkenntnis „vor“
aller Erfahrung nicht im zeitlichen, sondern im methodischen Sinne zu verstehen ist. John
Lockes vormalige Kritik am diffusen Begriff der angeborenen Ideen René Descartes’
war vollkommen zutreffend, nur zog er aus der Unmöglichkeit angeborener Erkenntnis-
se falsche Schlussfolgerungen. Leibniz erkannte das zugrundeliegende Missverständnis.
Die Rede vom „Apriori“ zielt nicht auf die Möglichkeit angeborenen Wissens ab, sondern
kennzeichnet die Beweisgrundsemantik. Im genetischen Sinne gibt es selbstverständlich
keine Erkenntnisse vor aller Erfahrung, wohl aber im methodischen Sinne, denn wir ver-
fügen über Wissensbestände, deren Geltung von der Erfahrung unabhängig ist. Leibniz’
Geltung-Genese-Unterscheidung bringt dies auf den Punkt und Frege pflichtet ihr unein-
geschränkt bei. „Es kann daher einerseits nach dem Wege gefragt werden, auf dem ein Satz
allmählich errungen wurde, andrerseits nach der Weise, wie er nun schliesslich am fes-
testen zu begründen ist“ (Vorw.). Entstehungs- und Begründungskontext gilt es aber nicht
nur terminologisch zu unterscheiden, sondern kategorial zu trennen. Die Unterscheidungs-

2
Vgl. Frege (BS), XIf. Hier: § 20.
3
Frege (1880/81), 9.
4
Frege (1880/81), 11.
§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“ 97

möglichkeit ist zugleich eine Unterscheidungspflicht. Die Frage über die Entstehung von
Erkenntnis darf nicht als die Frage nach ihrer Begründung missverstanden werden, denn
Erklärungen darüber, wie Erkenntnisse zustande kommen, begründen nicht, warum diese
Erkenntnisse gegebenenfalls wahr sind.
So manchem Philosophen überkommt selbst heute eine problemgeschichtliche Amne-
sie, wenn eine in ihrer Anlage vielversprechende neue Disziplin auftritt, die sich mit den
naturwissenschaftlichen Grundlagen des Erkenntnisprozesses befasst. Zu Freges Zeit war
dies die gerade frisch aus der Taufe gehobene Experimentalpsychologie, in deren Zu-
ständigkeitsbereich nunmehr auch die Erforschung der Naturgesetze des Denkens fiel.
Begünstigt durch die Faszination für den empirischen Erkenntnisfortschritt wurde diese le-
gitime Kompetenz durch einzelne Forscher illegitim erweitert, indem die Naturgesetze des
Denkens zugleich als die Gesetze des richtigen Denkens verstanden werden sollten. Die
Fragen nach den Gesetzen des gültigen Schließens sollten also nicht länger in den Zustän-
digkeitsbereich der philosophischen Logik fallen, sondern wurden in ihrer Beantwortung
der empirisch verfahrenden Psychologie überantwortet. Es galt die Maxime, vernünftig
ist, was empirisch ist. Aus den apriorischen Regeln korrekten Schlussfolgerns wurden
aposteriorische Hypothesen über die Kausalzusammenhänge im Denken. Die Faktizität
sollte die Normativität ersetzen, die Beschreibung des Tatsächlichen wurde zugleich als
Beschreibung des Richtigen verstanden. Dieser Psychologismus in der Logik verkannte
dabei in Gänze, dass die „Gesetze des wirklichen Schliessens [...] nicht durchweg Gesetze
des richtigen Schliessens [sind]; denn dann wären Fehlschlüsse unmöglich“.5 Gegen Na-
turgesetze kann man unter keinen Umständen verstoßen, Fehlschlüsse sind indes nicht nur
möglich, sondern sie widerfahren uns auch zuweilen. Wären die Naturgesetze des fakti-
schen Schließens zugleich die Gesetze des richtigen Schließens, dann könnten wir unter
keinen Umständen falsch urteilen. Irren wäre unmöglich. Doch exakt damit macht sich
die These selbst unmöglich.
Bis zum ersten Band der Grundgesetze sollte Frege beeindruckende Argumentatio-
nen gegen die Möglichkeit eines Naturalismus in der Philosophie vorlegen. Obgleich er
den Psychologismus in der Logik im akademischen Leben, diese „weitverbreitete phi-
losophische Krankheit“6 , nicht unterbinden konnte, so hatte er doch für seine eigenen
Schriften umfassend begründet, weshalb die logischen Gesetze „nicht psychologische
Gesetze des Fürwahrhaltens, sondern Gesetze des Wahrseins“7 sind und ungesehen des
künftigen einzelwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts bleiben müssen. Dies gilt glei-
chermaßen sowie uneingeschränkt für die Denkgesetze, die dem Kalkül der Begriffsschrift
zugrunde liegen. Vielleicht mag dies erklären, warum es für den Autor ein vordringliches
Anliegen war, auf die kategoriale Verschiedenheit zwischen den Gründen des Wahrseins
und den Ursachen des Fürwahrhaltens hinzuweisen. Die Begriffsschrift beginnt schließlich
mit diesem Topos und mit keinem anderen. Erst die Autonomie der Geltungsfrage, dann

5
Frege (1879), 4.
6
Frege (1894), 192.
7
Frege (GGA I), XVI.
98 Eine zweite Annäherung

die Begründung der Logik. Der Zuständigkeitsbereich einer so verstandenen normativen


Logik beschränkt sich hierbei auf die „Aufstellung der Gesetze, nach denen ein Urtheil
durch andere gerechtfertigt wird, einerlei, ob jene selbst wahr sind“.8 Die Logik ist die
Lehre von den logisch gültigen Schlüssen und logische Gültigkeit hat einzig die Wahrheit
des Geschlussfolgerten bei Annahme der Wahrheit aller Prämissen zu gewährleisten. „Die
Befolgung der logischen Gesetze kann die Wahrheit eines Urtheils nur insoweit verbür-
gen, als die Urtheile wahr sind, auf die man zur Rechtfertigung zurückgeht“.9 Die Geltung
einzelner Aussagen kann indes nur in dem besonderen Fall rein formal erwiesen werden,
wo Wahrheit bereits aufgrund der logischen Form allein gegeben ist. Gehaltvoll sind diese
Wahrheiten freilich nicht, denn ihre Geltung unter allen Umständen verdanken sie ihrer
tautologischen Struktur. Das logisch Wahre ist das formal Allgemeingültige.
Dieses normative Wissen über das logische Fundament der Sprache speist sich aus
den fundamentalen Untersuchungen über die logische Form von Aussagen und die no-
mothetische Natur logischer Schlussfolgerungen. In der Begriffsschrift selbst findet dies
nur in Teilen explizite Berücksichtigung, wenngleich es ebendort bei jeder noch so klei-
nen formalen Weichenstellung und jedem noch so belanglos erscheinenden syntaktischen
Detail ausnahmslos omnipräsent ist. Freges Philosophie der Logik findet sich hier in Tei-
len nicht expressis verbis, aber sie bleibt damit nicht unbestimmt, sondern gibt uns ihren
unmissverständlichen Charakter durch jeden begriffsschriftlichen Baustein zu erkennen.
Wir erschließen die Philosophie, indem wir die Logik verstehen. Vor allem verbleibt
kein Zweifel am formalen Analysepotenzial der Begriffsschrift. Sie soll eine „Richterin
sein über die Sprachen“10 , die keine linguistischen Praxen beschreibt, sondern jedwedem
sprachlichen Handeln Minimalbedingungen gelingender Rede vorschreibt. Gutes Argu-
mentieren erschöpft sich selbstverständlich nicht im Genügen formaler Korrektheit, aber
logische Fehlschlüsse schließen gutes Argumentieren zwangsläufig aus. Keine Rationa-
lität ohne Wahrung dieser „negativen Bedingung aller Wahrheit“.11 Die Begriffsschrift
vermag damit im Besonderen ein wertvolles Werkzeug der Philosophie zu werden, um
„die Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist zu brechen, indem sie die Täu-
schungen aufdeckt, die durch den Sprachgebrauch über die Beziehungen der Begriffe oft
fast unvermeidlich entstehen“ (Vorw.). Philosophische Wahrheit dank logischer Klarheit.
Freges Logik ist ein Organon, das auch durch „eine Weiterbildung der Methode die Wis-
senschaft fördert“ (Vorw.). Die Möglichkeiten der Begriffsschrift reichen damit weit über
die nachträgliche Rechtfertigung gelingenden Argumentierens hinaus, vor allem erfas-
sen sie das üppig bestückte Feld der leeren Vernünfteleien und der zuweilen unerkannt
bleibenden unheilvollen Verstrickungen in philosophische Scheinprobleme. Dort, wo die
Sprache die Philosophie auf Abwege führt, soll die Logik zum zuverlässigen, wenngleich
nicht einzigen Wegweiser werden. Ob indes die „Begriffsschrift, für diese Zwecke weiter

8
Frege (~1880/81), 190.
9
Frege (~1880/81), 190.
10
Frege in einem Brief an Husserl vom 30. Oktober bis 1. November 1906. In Frege (1976), 102f.
11
Kant (KrV), B 84.
§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“ 99

ausgebildet, den Philosophen ein brauchbares Werkzeug“ (Vorw.) sein wird, darauf konnte
Frege freilich nur hoffen.
Die Empfehlung war ausgesprochen und sie wurde begleitet durch eine Gebrauchs-
anweisung zum richtigen Verstehen des Angebotenen. Vornehmlich gegen zwei Lesarten
galt es sich bereits vorab zu verteidigen. Da war zum einen die Möglichkeit einer hy-
perkritischen Wertung durch Fortschrittsskeptiker, die sogleich das Heraufziehen eines
logischen Imperialismus, die Knechtschaft der Philosophie durch einen logischen Me-
thodenmonismus fürchteten, und da war zum anderen die Gefahr einer unkritischen Ak-
klamation durch Fortschrittsoptimisten, die in dem neuen logischen Mittel sogleich ein
philosophisches Universalwerkzeug erkennen wollten. Die einen tadeln das Erheben ei-
nes Anspruchs, die anderen dessen fehlende Einlösung. Gegen beide Extreme galt es sich
zu schützen und beides gelang mit einer simplen Analogie. Als Untersuchungsmittel ist
die Logik einem technischen Spezialwerkzeug – etwa einem Mikroskop – vergleichbar.
Ebenso wie dieses ist sie bestens dafür geeignet, bestimmte Präzisionsaufgaben perfekt zu
erfüllen, für die alltägliche oder andere wissenschaftliche Mittel gar nicht bzw. nicht hin-
reichend qualifiziert sind. Doch damit beschränkt sich der Anspruch ihrer Funktionalität
erst einmal auf die vorgesehenen Verwendungskontexte und reicht nicht darüber hinaus.
Gerade dadurch, dass ein Mittel für einen ganz bestimmten wissenschaftlichen Zweck als
perfektes Werkzeug ersonnen wurde, widerfährt ihm eine effektive Unbrauchbarkeit bei
einer Vielzahl anderer Herausforderungen. Letzteres gilt es weder zu beanstanden noch zu
vermeiden, sondern schlicht zu akzeptieren, weil es Ausdruck der Rationalität der Zweck-
Mittel-Relation ist.

„So ist diese Begriffsschrift ein für bestimmte wissenschaftliche Zwecke ersonnenes Hilfs-
mittel, das man nicht deshalb verurtheilen darf, weil es für andere nichts taugt“ (Vorw.).

In der Statusfrage der Logik war sich Frege nicht nur mit Leibniz, sondern auch mit Kant
einig. Obgleich dieser noch auf ganz anderem logischen Grund stand, so fielen auch für
ihn Untersuchungen über das logische Schließen in den Zuständigkeitsbereich von Fragen
„quid juris“, nicht „quid facti“, denn die allgemeine reine Logik besitzt „keine empirische
Principien, mithin schöpft sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der Psy-
chologie, die also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß hat“.12 Die Gründe
hierfür waren wesentlich dieselben wie bei Frege, wenngleich argumentativ nicht glei-
chermaßen pointiert herausgearbeitet. Damit enden aber auch schon die offensichtlichen
Gemeinsamkeiten im philosophischen Fundament der Begriffsschrift mit dem Königsber-
ger. Zwar trifft es zu, dass Frege später wiederholt auf die engen systematischen Bezüge
zwischen der Begriffsschrift und den Grundlagen der Arithmetik zu sprechen kommt13
und dass vor allem das letztgenannte Werk beachtlich mit kantischen Errungenschaf-
ten arbeitet, die bis hinein in die gemeinsam geteilte Anerkennung der geometrischen

12
Kant (KrV), B 78.
13
Frege (GLA), § 91; (GGA I), VIII.
100 Eine zweite Annäherung

Theoreme als synthetischer Wahrheiten a priori reicht14 , doch weder induziert dies ex
post deren Gebrauch im früheren Werk noch wird dergleichen dadurch irgendwie belegt.
Zweifelsohne ist im Besonderen die „analytisch“/„synthetisch“-Unterscheidung in den
Grundlagen allgegenwärtig15 , sie gehört inzwischen zum philosophischen Handwerks-
zeug des Autors. Schließlich steht im Mittelpunkt der Schrift kein geringeres Anliegen
als die Statusklärung der Arithmetik, denn die „Fragen nach der apriorischen oder apos-
teriorischen, der synthetischen oder analytischen Natur der arithmetischen Wahrheiten
harren hier ihrer Beantwortung“.16 Mit der Funktionalisierung des Ausdruckspaars für die
logisch-semantische Analyse wollte Frege „natürlich nicht einen neuen Sinn hineinlegen,
sondern nur das treffen, was frühere Schriftsteller, insbesondere Kant gemeint haben“.17
Das Projekt der Grundlagen ist in seinem methodischen Fundament kantischen Errungen-
schaften dezidiert verpflichtet.
Allerdings erlauben selbst derart souveräne Adaptionen der kantischen Termini – wie
mancher Interpret gleichwohl annimmt – keinerlei Rückschlüsse auf deren Verfügbarkeit
1879, wenngleich bereits der Begriffsschrift bekannt ist, dass „Kant alle Urtheile der Ma-
thematik für synthetische hält“ (§ 24) oder dass ein nicht triviales Identitätsurteil „im
kantischen Sinne ein synthetisches“ (§ 8) ist. Das ist auch schon zu Freges Zeiten popu-
lärphilosophisches Gemeingut, für dessen Gebrauch es keiner tieferen Einsichten in das
Erfordernis der Begriffe bedarf. Für unstrittige Randbemerkungen dieses Typs muss man
Kant nicht einmal gelesen haben. Wenn daher Frege 1884 feststellt, mit den Grundlagen
der Arithmetik „wahrscheinlich gemacht zu haben, dass die arithmetischen Gesetze ana-
lytische Urtheile und folglich a priori sind“18 , dann sind dies Aussichten, für die sich fünf
Jahre früher keine terminologischen Entsprechungen finden lassen. Dies hat einen guten
Grund und diesen finden wir in einer weiteren leibnizschen Anleihe, denn das philoso-
phische Fundament der Begriffsschrift wird zudem bestimmt durch die Klassifikation der
Gesamtheit der wahren Aussagen in Vernunft- und Tatsachenwahrheiten. Neben der logi-
schen Beweisführung sind es einzig empirische Prüfverfahren, die als Geltungsgründe für
Wahrheit in Frage kommen.

„Wir theilen danach alle Wahrheiten, die einer Begründung bedürfen, in zwei Arten, indem
der Beweis bei den einen rein logisch vorgehen kann, bei den andern sich auf Erfahrungs-
thatsachen stützen muss. [...] Indem ich mir nun die Frage vorlegte, zu welcher dieser beiden
Arten die arithmetischen Urtheile gehörten, musste ich zunächst versuchen, wie weit man
in der Arithmetik durch Schlüsse allein gelangen könnte, nur gestützt auf die Gesetze des
Denkens, die über allen Besonderheiten erhaben sind“ (Vorw.).

Im Beschluss dieser Passage erscheint ein erstes Mal ganz dezent am Horizont jene Pro-
grammatik, die publizistisch erst fünf Jahre darauf verbindlich als Logizismus gefasst

14
Vgl. Frege (GLA), § 14, § 89.
15
Frege (GLA), vor allem §§ 3f., § 12, §§ 14f., § 17, §§ 87–90.
16
Frege (GLA), § 3.
17
Frege (GLA), § 3.
18
Frege (GLA), § 87.
§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“ 101

werden wird. Das Projekt einer grundlagentheoretischen Zurückführung der Arithmetik


auf eine geeignete Logik wird hier lediglich „im Auge gehabt“.19 Es wird weder expli-
zit benannt noch gar in seiner Verwirklichung in Aussicht gestellt, wenngleich es keine
anderslautenden Hoffnungen auf Seiten des Autors gegeben haben dürfte. Gleichwohl
soll in der Begriffsschrift erst einmal unparteiisch und ergebnisoffen untersucht werden,
wie weit man allein mit formal-logischen Mitteln beim Aufbau der elementaren Theo-
rie der Zahlen gelangt. Dieses Ansinnen lässt sich noch mit jedem denkbaren Resultat,
„gar nicht“, „ein wenig“, „sehr weit“, „umfassend“, vereinbaren, während der Logizismus
bezüglich der Arithmetik indes nur mit einem durchweg positiven Ergebnis die arithme-
tischen Theoreme betreffend kompatibel ist. Die Begriffsschrift soll die Vorarbeit leisten,
die Voraussetzungen für das Großprojekt bereitstellen, denn kein Logizismus ohne eine
klar definierte Logik und kein Logizismus ohne einen logisierten Begriff der Anordnung
in einer Reihe.20 Das sind Aufgaben genug für den Moment. „Die weitere Verfolgung
des angedeuteten Weges, die Beleuchtung der Begriffe der Zahl, der Grösse u. s. w. sollen
den Gegenstand fernerer Untersuchungen bilden, mit denen ich unmittelbar nach dieser
Schrift hervortreten werde“ (Vorw.). Vielleicht nicht „unmittelbar“, so wurde mit dieser
Schlusspassage des „Vorwortes“ doch immerhin die enge systematische Verflechtung mit
einem Schaffen in Aussicht gestellt, aus dessen Programmatik schließlich die Grundla-
gen der Arithmetik hervorgehen sollten, deren in klarer und prägnanter Prosa geführte
Argumentationen ihren formalen Beweisvollzug 1893 im Band I und 1903 im Band II der
Grundgesetze der Arithmetik erfuhren.
Die Grundgesetze sollen vollenden, was die Grundlagen heuristisch entworfen ha-
ben. Dafür war methodisch primär das Projekt der Begriffsschrift unabdingbar. Damit
der Versuch eines logischen Vorstoßes in die Mathematik aussagekräftig vorgenommen
werden konnte und die Rekonstruktion nicht aufgrund defekter oder unangemessener Re-
konstruktionsmittel kollabierte, bedurfte es vorgelagert der expliziten Bereitstellung des
erforderlichen formalen Werkzeuges sowie der Logisierung erster arithmetischer Termini.
„Der Gang war hierbei dieser, dass ich zuerst den Begriff der Anordnung in einer Reihe
auf die logische Folge zurückzuführen suchte, um von hier aus zum Zahlbegriff fort-
zuschreiten“ (Vorw.). Den mustergültigen Vollzug dieser Rekonstruktion vorausgesetzt,
erteilt das Resultat dieser Untersuchung schließlich Auskunft auf die Frage nach dem
Geltungstyp arithmetischer Urteile. Geklärt werden soll also der Status der zahlentheore-
tischen Wahrheiten und uns stehen hierfür laut Begriffsschrift prinzipiell zwei Optionen
zur Verfügung. Zum einen gibt es die wahrheitswertfähigen Aussagen, deren Geltung al-
lein auf der Grundlage logischer Begründungsmittel zu erweisen ist und schließlich gibt
es die Behauptungen, deren Wahrheit erst anhand der Empirie zu erweisen ist. Die Wahr-
heiten des ersten Typs sind die Vernunftwahrheiten, sie gelten a priori, die Wahrheiten des
zweiten Typs sind die Tatsachenwahrheiten, sie gelten a posteriori.

19
Frege (GGA I), VIII.
20
Wir kommen hierauf in § 21 zurück.
102 Eine zweite Annäherung

Eine wahre Aussage gilt entweder aufgrund der logischen Beweisführung oder auf-
grund der Erfahrung, ein Drittes gibt es nicht. Im Besonderen geht mit der Verwendung
dieser Differenzierung die Einsicht einher, dass ausnahmslos alle apriorischen Wahrhei-
ten logische sein müssen und dass jede nicht-logische Wahrheit a posteriori gelten muss.
Das Apriorische ist identisch mit dem Logischen und das Nicht-Logische mit dem Apos-
teriorischen. Die Unterscheidung zwischen Vernunft- und Tatsachenwahrheiten erfasst
damit nichts anderes als die Unterscheidung zwischen Apriori und Aposteriori. Für nicht-
logische Wahrheiten a priori, die synthetischen Urteile a priori, belässt diese Unterschei-
dung keinerlei Raum. Die Möglichkeit dieser Urteile wird durch die leibnizsche Unter-
scheidung mehr als nur nicht erfasst. Sie verbietet sich aus terminologischen Gründen.
Sofern die Möglichkeit nicht-logischer Wahrheiten a priori jedoch terminologisch nicht
erwogen werden kann, weil sie begrifflich ausgeschlossen ist, so bewegt man sich not-
wendigerweise auf einem problemgeschichtlich vorkantischen Standpunkt. Indem sich
Frege also die Frage vorlegt, „zu welcher dieser beiden Arten die arithmetischen Ur-
theile gehörten“, und hierbei bereits unausgesprochen mit der Auffassung sympathisiert,
dass sie vernünftigerweise nicht empirischen Ursprungs sein können, erwächst die Mög-
lichkeit des ab 1884 publice verfolgten Logizismus aus einem fehlenden Verständnis
nicht-logischer Wahrheiten a priori:

1. Alle Wahrheiten gelten entweder aufgrund der Logik oder aufgrund der Erfahrung.
2. Arithmetische Wahrheiten gelten (aller Wahrscheinlichkeit nach) nicht aufgrund der
Erfahrung.
3. Arithmetische Wahrheiten gelten also (aller Wahrscheinlichkeit nach) aufgrund der
Logik.

Der zugrundeliegende Schluss, basierend auf dem disjunktiven Syllogismus, ist aussagen-
logisch gültig und die zweite stützende Aussage sollte in Freges weiterem Werk einen
nachdrücklichen Zuspruch erfahren. Doch die bivalente Fallunterscheidung der ersten
stützenden Aussage, die in der vorliegenden Argumentation nun einmal gleichermaßen
für die Stützung der Logizismus-affinen Hypothese erforderlich ist, operiert mit einer
philosophischen Auffassung, die zwar mit Leibniz, nicht aber mit Kant vereinbar ist.
Zwischen beiden lag ein bedeutsamer problemgeschichtlicher Erkenntnisfortschritt, den
Frege nach dem Textbefund der Begriffsschrift noch nicht vollzogen hatte. Die bereits
angesprochene spärliche Adaption der kantischen Termini21 , die jederzeit marginal und
systematisch verzichtbar bleibt, speist sich aus philosophischen Gemeinplätzen der po-
pularisierten zeitgenössischen Kantforschung und nicht aus einem eingehenden Wissen
um ihre exponierte Rolle in der Lösung eines schwerwiegenden Begründungsproblems.
Andernfalls hätte Frege die leibnizsche Unterscheidung, die in der Architektonik der
Begriffsschrift unmittelbar auf die „Geltung“/„Genese“-Unterscheidung folgt und damit
an exponierter Stelle des Werkes auftritt, nicht verwenden dürfen. Kants prominentes

21
Vgl. Frege (BS), § 8, § 24.
§ 11 „Indem ich mir nun die Frage vorlegte“ 103

Begriffspaar war nicht einfach die schlichte Folge eines semantischen Klassifikations-
bedürfnisses, das bloß zur Erleichterung der begrifflichen Analyse ersonnen wurde. Die
Unterteilung der Aussagen nach ihrem analytischen oder synthetischen Gehalt eröffnete
die lang ersehnte Möglichkeit zur Behebung einer tiefliegenden epistemologischen Sor-
ge. Diese bestand seit einigen Jahrzehnten, nachdem David Hume in einer mustergültigen
Argumentation gezeigt hatte, dass unter Verwendung der leibnizschen Unterscheidung
das Begründungsproblem für Tatsachenwahrheiten unlösbar ist. Wenn die Unterscheidung
von Vernunft- und Tatsachenwahrheiten vollständig sowie disjunkt ist, dann ist das cha-
rakteristische Begründungsprinzip für Tatsachenwahrheiten unbegründbar, weil es weder
eine Vernunft- noch eine Tatsachenwahrheit repräsentiert. Ist jedoch das charakteristische
Begründungsprinzip für Tatsachenwahrheiten unbegründbar, dann ist Erfahrungswissen
unmöglich. Ein geradewegs absurdes Resultat, das zugleich ein katastrophales Bild für
die philosophische Theoriebildung zeichnet und das gleichwohl durch Hume in aller wün-
schenswerten argumentativen Stringenz abgeleitet wurde.
Kant war es schließlich, der unbeirrt an der Lösbarkeit dieses Begründungsproblems
festhielt, weil alles andere einer philosophischen Bankrotterklärung gleichgekommen wä-
re. Bei Leibniz und Hume versagt an dieser Stelle die Philosophie, nicht das Leben, das
am Selbstverständnis erfolgreicher Erfahrungsvollzüge festhält. Das Problem muss lösbar
sein, weil das Machen von Erfahrung unstrittig ist. Am Ende des 18. Jahrhunderts war
nunmehr die Einsicht gewonnen, dass Leibniz’ Unterscheidung noch nicht hinreichend
fein differenziert, weil einzig die Geltungsgründe Berücksichtigung finden, nicht indes
die Frage, ob es sich bei den Aussagen um Erläuterungs- oder Erweiterungsurteile handelt.
Kant suspendiert die leibnizsche Klassifikation, indem er neben der bereits aus der Antike
stammenden Differenzierung zwischen „a priori“ und „a posteriori“ die Unterscheidung
von „analytisch“ und „synthetisch“ einführt. Die neuen Unterscheidungsmöglichkeiten
bilden keine konservative Erweiterung jener von Leibniz, sondern sie repräsentieren eine
Revision derselben. Die traditionelle Zweiteilung wird vollständig verworfen. Gewähr-
leistet bleibt einzig, dass die ehemals als Vernunft-/Tatsachenwahrheiten klassifizierten
Wissensbestände auch in der modernen Differenzierung einen Ort der Eingruppierung
erhalten. Urteile werden nunmehr unterteilt sowohl nach ihrem Gehalt als auch nach ih-
rem Geltungsgrund. Unter Verwendung dieser differenzierten Terminologie lassen sich
im Besonderen die Tatsachenwahrheiten als synthetische Urteile a posteriori und die Ver-
nunftwahrheiten als analytische Urteile a priori charakterisieren. Alle vormals erfassten
Wahrheiten bleiben also uneingeschränkt klassifizierbar, doch der kantische Leistungska-
talog reicht weiter.
Im Unterschied zur vormaligen Differenzierung von Leibniz ist es jedoch ausgeschlos-
sen, dass bereits aus begrifflichen Gründen jede apriorische Wahrheit eine analytische
und jede synthetische eine aposteriorische sein muss. Für das charakteristische Begrün-
dungsprinzip für Tatsachenwahrheiten eröffnete sich damit eine ganz neue Perspektive
auf seine vormalige Unbegründbarkeit. Als gehaltvolle Aussage konnte das Kausalprin-
zip selbstverständlich keine logische Wahrheit sein und aufgrund seines Charakters als
erfahrungsermöglichendes Begründungsprinzip keine aposteriorische Geltung genießen.
104 Eine zweite Annäherung

Mit Kant erschloss sich eine gänzlich neue Deutung. Das Kausalprinzip ist ein weder ana-
lytisch noch empirisch wahres Urteil, es ist ein synthetisches Urteil a priori. Semantisch
ausgeschlossen ist einzig die Möglichkeit analytischer Urteile a posteriori, „weil ich aus
meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf“22 , um die Wahrheitsfrage einer Bedeutungs-
aussage zu klären. Bleibt bei Kant also eine trivalente Konstellation für die Gesamtheit
aller wahrheitswertfähigen Aussagen: Entweder eine Aussage gilt aufgrund der Erfah-
rung oder sie gilt unabhängig von dieser. Gilt eine Aussage unabhängig von Erfahrung,
dann gilt sie entweder aufgrund der Bedeutung der verwendeten Ausdrücke allein oder sie
gilt nicht aufgrund der Bedeutung der verwendeten Ausdrücke allein.
Irgendwann zwischen 1879 und 1884 hat Frege diese Problemgeschichte kennenge-
lernt und die aus ihr zu ziehenden Lehren verinnerlicht. Er nimmt stillschweigend, ohne
ein Wort der Revision Abschied von der bivalenten Unterscheidung Leibniz’ und verwen-
det von nun an neben der „a priori“/„a posteriori“-Unterscheidung die hierzu „orthogonal“
angelegte kantische Differenzierung, womit „sich vier Combinationen [ergeben], von de-
nen jedoch eine, nämlich analytisch aposteriori ausfällt. Wenn man sich mit Mill für
aposteriori entschieden hat, bleibt also keine Wahl, sodass für uns nur noch die Mög-
lichkeiten synthetisch apriori und analytisch zu erwägen bleiben“.23 Während sich der
noch nicht namentlich genannte Gedanke des Logizismus in der Begriffsschrift fast mit
Unausweichlichkeit aufdrängt, weil eine empiristische Grundlegung der Mathematik be-
reits dort ausgeschlossen scheint und daneben keine weitere Wahlmöglichkeit verbleibt,
kommt das in den Grundlagen inzwischen verbindlich benannte Projekt keineswegs mehr
so zwangsläufig daher. Durch Suspendierung der nicht länger haltbaren bivalenten Un-
terscheidung und Anerkennung der ungleich feiner differenzierten Konstellation hat sich
der gereifte Gedanke des Logizismus mit einer weiteren Alternative auseinanderzusetzen.
Der von Mill eingeschlagene Weg bleibt für Frege weiterhin – nun argumentativ explizit –
ungangbar, doch die Befürwortung des Logizismus erfolgt jetzt durch ein umfang- und
detailreiches Plädoyer für den analytisch-apriorischen Charakter der Arithmetik. Diese,
gut 20 Paragraphen umfassende Rekonstruktion ist zugleich eine Argumentation gegen
das synthetische Apriori in der Arithmetik. Gleichwohl benötigt Frege Kants Sprache, um
sein Projekt auf den Punkt zu bringen. Erst dadurch resultiert ein selbstbewusstes, ter-
minologisch präzise konturiertes Programm. Das Erkenntnisziel ist klar gefasst, weil im
Besonderen die Gegner exakt benannt werden können.
Das alles fehlte noch fünf Jahre zuvor, weil der philosophische Zugang nicht über die
erforderliche Beschreibungssensitivität verfügte. Die vorsichtige, eigentlich noch gänz-
lich unbestimmte Erwägung des Logizismus in der Begriffsschrift speist sich mithin aus
der Inanspruchnahme einer geltungstheoretischen Unterscheidung, die in der Philosophie
bereits seit fast 100 Jahren obsolet war. Ob Frege im Rahmen seiner Vorlesungen über
Begriffsschrift, die „sich in Inhalt und Gliederung eng an seine »Begriffsschrift« gehal-

22
Kant (KrV), B 11.
23
Frege (GLA), § 12.
§ 12 „was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist“ 105

ten haben“, von Beginn an „Kants Unterscheidung von analytischen und synthetischen
Urteilen und ihre Bedeutung für die Mathematik“ im Abschnitt über „ihre geschichtli-
chen Quellen“ aufbereitet hat24 , kann freilich nicht ausgeschlossen werden. Allerdings
erschließt sich dies in Ermangelung verfügbarer Vorlesungsmitschriften nun gerade nicht
anhand der Begriffsschrift, die in dieser Hinsicht vorkantisch bleibt. „Analytisch oder
synthetisch“25 ist hier noch keine Entscheidungsfrage. Zumindest in diesem Punkt unter-
scheidet sich die 1879er Schrift markant vom späteren Werk Freges ab den Grundlagen.
Es verbietet sich jedenfalls, in der Entwicklung seines philosophischen Denkens „in the
period up to the Begriffsschrift“26 von „Frege’s consistently Kantian outlook“27 zu spre-
chen oder jenseits populärphilosophisch aufbereiteter, aber systematisch eben (noch) nicht
durchdrungener Theorienteile von einem „Kantian background of his thought“28 auszu-
gehen.

§ 12 „was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist“

Freges Formelsprache des reinen Denkens ist zwar in der deutschen Sprache abgefasst,
doch ihre Anwendung erfolgt einzelspracheninvariant. Die Einzelsprache ihrer Darstel-
lung mag eine zufällige sein, die durch sie untersuchten normativen Gesetzmäßigkeiten
des gültigen Schließens sind es jedenfalls nicht. Wenn es Aufgabe der Begriffsschrift ist,
eine kleine Anzahl von Grundgesetzen aufzuweisen, um prinzipiell alle Gesetze des reinen
Denkens ableiten zu können, dann darf auf einzelsprachliche Besonderheiten keine Rück-
sicht genommen werden. Es ist bei Strafe des Scheiterns untersagt, sich von grammatika-
lischen Befindlichkeiten leiten zu lassen. Entsprechend findet eine „Unterscheidung von
Subject und Prädicat [...] bei meiner Darstellung eines Urtheils nicht statt“ (§ 3). Doch da-
mit die Begriffsschrift auf einer allen Sprachen gemeinsamen Ebene zu operieren vermag,
bedarf es der Normierung ihres universellen Gegenstandsbereichs. Freges Theorie des
gültigen Schließens kommt nicht auf dem Flickenteppich mannigfaltiger grammatischer
Strukturen daher, sondern auf dem sie einenden Fundament von Sachverhaltsgleichheit
und logischer Form. Wenn die Grundfigur begriffsschriftlicher Ableitungen die Beschaf-
fenheit

haben soll, dann gilt es nicht nur die Bedeutung des (komponierten) Zeichens „ “ zu
erklären, sondern auch gleichermaßen klar festzulegen, was genau an einer Aussage zu

24
So vermutet dies etwa Kreiser (2001), 287.
25
Kienzler (2009a), 63.
26
Sluga (1984), 330.
27
Sluga (1984), 332.
28
Sluga (1984), 338.
106 Eine zweite Annäherung

berücksichtigen bleibt, damit sie gegebenenfalls als begriffsschriftlich wahres Urteil A


behandelt werden darf. Was berechtigt zu der Operation, um von A ausgehend bil-
den zu dürfen, und welche A’s kommen hierfür überhaupt in Frage? Immerhin dürfte nicht
jede wahre Aussage zugleich eine wahre Aussage in der Formelsprache des reinen Den-
kens sein. Viele Aussagen sind „von der besonderen Beschaffenheit der Dinge“ (Vorw.)
schon deshalb nicht unabhängig, weil sie von diesen handeln. In der Sphäre des reinen
Denkens müssen Aussagen indes vollkommen entleert sein von den Besonderheiten be-
liebiger Gegenstandsbereiche, denn das reine Denken ist „das von jedem durch die Sinne
oder selbst durch eine Anschauung a priori gegebenen Inhalte absehende“ (§ 23) Denken.
Auch wenn in diesen Urteilen von all den Besonderheiten abgesehen wird, so sind sie da-
mit doch nicht gänzlich inhaltsleer, denn das reine Denken bringt „allein aus dem Inhalte,
welcher seiner eigenen Beschaffenheit entspringt“ (§ 23), Urteile hervor.
Die Aussagen des reinen Denkens drücken die nomothetische Beschaffenheit des rei-
nen Denkens aus, sie handeln von der logischen Form des Denkens. Allerdings finden wir
diese Sphäre nicht einfach in unseren Einzelsprachen neben anderen Aussagentypen vor.
Die Aussagen in der Formelsprache des reinen Denkens haben wir nicht gleichermaßen
verfügbar wie die Aussagen über eine Vielzahl lebensweltlicher oder wissenschaftlicher
Gegenstandsbereiche. Wir benötigen eine Methode, um ausgehend von beliebigen Aussa-
gen über die besondere Beschaffenheit der Dinge zu den Aussagen des reinen Denkens zu
gelangen. Wir brauchen ein Verfahren, mit dem Aussagen von all dem entkleidet werden,
was ihrer Verwendung in einer Formelsprache des reinen Denkens hinderlich ist. Es be-
darf eines semantischen Mittels, mit dem an Aussagen alles kontrolliert getilgt wird, was
für die Untersuchung der logischen Gültigkeit irrelevant ist. Es ist die Abstraktion, die uns
hier einen begriffsbildenden Weg eröffnet, um vor allem von den inhaltlichen Besonder-
heiten der Aussagen abzusehen.
Der hiermit in Aussicht gestellte Abstraktionsschritt macht es möglich, die Bezug-
nahme auf die besondere Beschaffenheit der Dinge ebenso hinter uns zu lassen wie die
grammatikalischen Besonderheiten des sprachlichen Alltags sowie ausnahmslos alle an-
deren möglichen Eigenschaften von Aussagen, die für die Schlussfolge irrelevant sind.
Verbleiben soll einzig die begriffsschriftliche Beschaffenheit der Aussage. Obgleich Fre-
ge das zugrundeliegende Verfahren erst 1884 definitionstheoretisch mustergültig erörtern
wird, so enthält der Paragraph 3 doch alles „worauf allein es mir ankam“ (Vorw.), um zum
hier entscheidenden Begriff des begrifflichen bzw. beurteilbaren Inhalts zu gelangen. Wir
gehen hierbei von den Inhalten von zwei beliebigen Urteilen aus, die „in doppelter Weise
verschieden sein können: erstens so, dass die Folgerungen, die aus dem einen in Verbin-
dung mit bestimmten andern gezogen werden können, immer auch aus dem zweiten in
Verbindung mit denselben andern Urtheilen folgen; zweitens so, dass dies nicht der Fall
ist“ (§ 3). Seien also A und B zwei beliebige Aussagen sowie † eine Menge, bestehend
aus weiteren, nicht näher hin bestimmten Aussagen. In Bezug auf die möglichen Schluss-
folgerungen lässt sich nun der besagte Unterschied wie folgt feststellen. Entweder gilt,
dass aus A und † exakt dieselben Schlussfolgerungen gezogen werden können wie aus B
§ 12 „was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist“ 107

und † oder dies ist nicht der Fall:


†; A  C genau dann, wenn †; B  C .für alle Urteile C/
oder
†; A  C und †; B ² C .für mindestens ein Urteil C/:
Diese Unterscheidung ist vollständig und disjunkt, d. h. für ein beliebiges Urteilspaar A, B
gilt genau einer der beiden Fälle. Entweder besitzen A und B dieselbe Schlussfolgerungs-
menge oder sie besitzen verschiedene Schlussfolgerungsmengen. In der Formelsprache
des reinen Denkens spielt einzig der erste der beiden Fälle eine Rolle. „Ich nenne nun
denjenigen Theil des Inhaltes, der in beiden derselbe ist, den begrifflichen Inhalt“ (§ 3).
Schlussfolgerungsäquivalente Aussagen besitzen also denselben begrifflichen bzw. beur-
teilbaren Inhalt:
V
(DefbI ) jAjbI D† jBjbI ˛ C .†; A  C $ †; B  C/
(Genau dann, wenn zwei Urteile A und B unter Verwendung desselben Mittelbe-
standes † schlussfolgerungsäquivalent sind, sind sie – relativ zu † – begrifflich
inhaltsgleich bzw. dann besitzen sie denselben beurteilbaren Inhalt.)

Für diese semantische Normierung greift eine definitionstheoretische Einsicht, die Frege
zwar erst im dritten Teil zur Reihenlehre festhalten wird, die sich jedoch hier vorzüglich
anbietet. Obgleich (DefbI ) „ursprünglich kein Urtheil ist, so verwandelt es sich doch sofort
in ein solches; denn nachdem die Bedeutung der neuen Zeichen einmal festgesetzt ist“, so
V
gilt .jAjbI D† jBjbI / $ C .†; A  C $ †; B  C/ nunmehr aus analytischen Grün-
den, „weil es, was in die neuen Zeichen hineingelegt war, nur wieder hervortreten lässt“
V
(§ 24). „jAjbI D† jBjbI “ und „ C .†; A  C $ †; B  C/“ besagen gemäß (DefbI )
dasselbe. Genau dann, wenn eine der beiden Aussagen wahr/falsch ist, ist auch die andere
wahr/falsch. Sie können in beliebigen Kontexten salva veritate wechselseitig durch einan-
der ersetzt werden. Es macht also keinen Unterschied, welche der beiden Aussagen anstatt
der jeweils anderen in einem beliebigen Kontext verwendet wird. Sie besagen exakt das-
V
selbe. Sofern jedoch die allquantifizierte Bisubjunktion „ C .†; A  C $ †; B  C/“
durch die allgemeinere Identitätsaussage „jAjbI D† jBjbI “ ersetzt wird, kann die zuvor
festgestellte Bedeutungsgleichheit nur gelten, wenn der Gehalt der Schlussfolgerungs-
äquivalenz auf A und B „verteilt“ wird. Für die Neuverteilung des besonderen Inhalts,
so Frege schließlich fünf Jahre später in den Grundlagen, „zerspalten [wir] den Inhalt in
anderer als der ursprünglichen Weise und gewinnen dadurch einen neuen Begriff“29 : hier
den Begriff des begrifflichen Inhalts.
In der „ursprünglichen Weise“ sprechen wir über die Schlussfolgerungsäquivalenz von
Aussagen, d. h. wir stellen fest, dass aus A (zusammen mit †) dieselben Schlussfolgerun-
gen gezogen werden können wie aus B (zusammen mit †). Die erforderliche Zerspaltung

29
Frege (GLA), § 64.
108 Eine zweite Annäherung

des Inhalts kann nun nicht in der Weise erfolgen, dass mit dem Übergang zur Gleich-
heitsaussage schlicht die Identität schlussfolgerungsäquivalenter Sätze behauptet werden
würde. Das wäre falsch, wenn nicht gar sinnlos, denn die fraglichen Aussagen können in
vielerlei Hinsicht nicht identisch sein. So können sie aus unterschiedlich vielen Wörtern
gebildet worden sein, sie können verschiedene oberflächengrammatische Formen besit-
zen, Auswahl und Anzahl der in ihnen verwendeten logischen Partikel mag variieren oder
sie können gar in verschiedenen Einzelsprachen abgefasst worden sein. Dennoch sind et-
wa die beiden Aussagen „Gottlob Frege ist der Erfinder der Begriffsschrift“ und „Gottlob
Frege is the inventor of the conceptual notation“ schlussfolgerungsäquivalent, obwohl die
beiden Sätze keinesfalls identisch sind.
Die Neuverteilung des Inhalts sieht vielmehr vor, dass wir etwas Bestimmtes von
den Sätzen aussagen, das gerade aufgrund der Schlussfolgerungsäquivalenz der Aussagen
gewährleistet bleibt. Einzelsprache, Satzgrammatik, Ausdrucksfärbung und dergleichen
spielen hierbei keine Rolle. Die Aussage „jAjbI D† jBjbI “ drückt die Identität dessen mit
sich selbst aus, was beide Aussagen aufgrund ihrer Schlussfolgerungsäquivalenz (relativ
zu †) gemeinsam repräsentieren: denselben Sachverhalt, denselben Gedanken. Zwar mag
die Bedeutungstheorie der Begriffsschrift noch nicht über die Reife verfügt haben, den
Begriff des Gedankens als den ausgedrückten Sinn eines Satzes zu behandeln, weil die
Unterscheidung von Sinn und Bedeutung erst ein reichliches Jahrzehnt später verfügbar
war. Doch dies betrifft vornehmlich das ab 1892 gewährleistete Leistungsmerkmal, das
Beurteilen der Wahrheit von Inhalten nicht länger separat zu fassen, sondern den Wahr-
heitswert als ein weiteres semantisch eigenständiges Merkmal an einem Behauptungssatz
auszuzeichnen, als die Bedeutung desselben. Obwohl Sachverhalts- und Wahrheitswert-
feststellung 1879 also noch nicht auf die Weise miteinander verknüpft sind, dass ein
Behauptungssatz seinen Gedanken ausdrückt und seinen Wahrheitswert bedeutet, so darf
die Rede vom beurteilbaren Inhalt aufgrund der definierten Anwendungsbedingungen als
Begriff des ausgedrückten Sachverhalts verstanden werden.
Formulieren wir also Aussagen über Aussagen, die invariant bezüglich schlussfolge-
rungsäquivalenter Aussagen gelten, dann sprechen wir vom „selben beurteilbaren Inhalt“
bzw. vom „selben Sachverhalt“. Mit der Rede vom begrifflichen Inhalt beschränken wir
unsere Betrachtung auf den durch die Aussage repräsentierten Sachverhalt, weil nur dieser
relevant ist für die Analyse und Gültigkeitsprüfung formal-logischer Schlüsse. Alles ande-
re, im Besonderen grammatische Merkmale, stilistische Eigenarten, rhetorische Färbun-
gen usw., wird konsequent ausgeblendet, weil es für eine Theorie des gültigen Schließens
irrelevant ist. „Alles, was für eine richtige Schlussfolge nöthig ist, wird voll ausgedrückt;
was aber nicht nöthig ist, wird meistens auch nicht angedeutet; nichts wird dem Errathen
überlassen“ (§ 3). Am nominal definierten Terminus des begrifflichen Inhalts verbleibt
jedenfalls nichts Ominöses.
Dass Frege bei (DefbI ) vom selben „begrifflichen“ Inhalt spricht, ist wohlüberlegt und
wird am gewählten Beispiel unmittelbar deutlich. Die beiden Aussagen „bei Plataeae sieg-
ten die Griechen über die Perser“ und „bei Plataeae wurden die Perser von den Griechen
besiegt“ besitzen denselben begrifflichen Inhalt, weil trotz Prädikatverschiedenheit der-
§ 12 „was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist“ 109

selbe Begriff, genauer dieselbe zweistellige Relation, Verwendung findet. Unter gramma-
tischen Gesichtspunkten erweisen sich die beiden Aussagen freilich als verschieden, weil
sie sowohl über verschiedene Satzsubjekte („die Griechen“ resp. „die Perser“) verfügen
wie auch die grundverschiedenen Prädikate „bei-Plataeae-die-Perser-besiegen“ (D P ) und
„bei-Plataeae-von-den-Griechen-besiegt-werden“ (D P 0 ) zur Anwendung bringen. Zwi-
schen den beiden Prädikaten P und P 0 gibt es schlichtweg keinen analytischen Zusam-
menhang, die beiden resultierenden Aussagen P .g/ und P 0 .p/ stehen in keinerlei Ab-
leitungsverhältnis zueinander. In logisch-semantischer Hinsicht bedeutet indes die zwei-
stellige Relation „x siegt-bei-Plataeae-über y“ .D R.x;y// exakt dasselbe wie „y wird-
bei-Plataeae-besiegt-von x“ .D R0 .y;x//, weil für beliebige Argumentpaare a; b R.a;b/
genau dann wahr ist, wenn R0 .b;a/ wahr ist. Beide Aussagen drücken denselben Sach-
verhalt aus, weil sie denselben Begriff/dieselbe Relation zur Anwendung bringen. Die
geltungstheoretischen Verflechtungen zwischen beiden Aussagen treten umgehend her-
vor.
Logische Form/begrifflicher Inhalt Grammatische Form
Aufgrund der logischen Form allein gilt Aufgrund der grammatischen Form gilt
sowohl V weder
R.g;p/; x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x//  R0 .p;g/ P .g/  P 0 .p/
als auch V noch
R0 .p;g/; x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x//  R.g;p/. P 0 .p/  P .g/.

Die beiden Aussagen „bei Plataeae siegten die Griechen über die Perser“ und „bei
Plataeae wurden die Perser von den Griechen besiegt“ erweisen sich in Bezug auf den be-
urteilbaren Inhalt als ununterscheidbar, weil dem Gebrauch der R- bzw. R0 -Relation
und damit dem Verstehen der Urteile R.g;p/ und R0 .p;g/ das begriffliche Wissen
V
x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x// zugrunde liegt. Wenn ich weiß, was es heißt, dass je-
mand über jemand anderen siegt, dann weiß ich auch, dass der jemand andere von dem
jemand besiegt wurde und vice versa. Ein Wissen um denselben begrifflichen Inhalt von
Urteilen resultiert also aus einem Wissen um die den Inhalt konstituierenden Begriffe.
Um Sachverhaltsgleichheit feststellen zu können, benötigen wir ein Wissen um die ver-
wendeten Begriffe und damit auch ein Wissen um Begriffsgleichheit resp. begriffliche
Identität. Dasselbe auszudrücken setzt nicht nur die Vergleichbarkeit der Ausdrucksmittel
voraus, sondern auch die Feststellbarkeit semantischer Identität zwischen Prädikaten. Auf
der für Frege entscheidenden Ebene beurteilbarer Inhalte geht es einzig um die Frage,
ob trotz sonstiger sprachlicher Verschiedenheiten gegebenenfalls mit denselben Begriffen
dasselbe ausgedrückt wird.
Das mag auch in Teilen die Wahl des Namens der Begriffsschrift verständlich machen,
denn um Schlussfolgerungsäquivalenz auf der Ebene der Aussagen feststellen zu können,
benötigen wir gegebenenfalls ein Wissen um die Bedeutungsgleichheit von Ausdrücken,
wir benötigen also ein Wissen um Begriffe. In aller Deutlichkeit zeigt sich dies im for-
malen Nachweis der Schlussfolgerungsäquivalenz zwischen den beiden Beispielaussagen.
Schließlich lässt sich durch rein elementare logisch-semantische Transformationen zeigen,
110 Eine zweite Annäherung

dass unter Berücksichtigung der logischen Form des involvierten semantischen Postu-
lats jR.g;p/jbI D† jR0 .p;g/jbI gilt. Hierfür ist gemäß (DefbI ) zu zeigen, dass †; A 
C $ †; B  C (für beliebiges C) der Fall ist. Bestimmen wir also das erforderliche
†, wobei ein erstes Element dieser Aussagenmenge wesentlich durch den semantischen
V
R=R0 -Konnex bereits gegeben ist: x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x//. Damit gilt nun bereits auf-
V
grund der logischen Form der involvierten Aussagen sowohl R.g;p/, x;y .R.x;y/ $
V
R0 .y;x//  R0 .p;g/ als auch R0 .p;g/, x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x//  R.g;p/. D. h. jede
der beiden Aussagen impliziert sich nicht nur selbst, sondern unter Inanspruchnahme eines
formalen Pendants des semantischen Postulats auch die jeweils andere Aussage. Damit ist
V
unser † vollständig durch fR.g;p/; R0 .p;g/; x;y .R.x;y/ $ R0 .y;x//g bestimmt.
Was auch immer nun aus R.g;p/ und † folgt, folgt gleichermaßen aus R0 .p;g/ plus †
und umgekehrt, d. h. R.g;p/ und R0 .p;g/ sind schlussfolgerungsäquivalent und besitzen
damit denselben begrifflichen Inhalt.
Ausschließlich auf dieser logisch-semantischen Ebene des begrifflichen Inhalts operiert
das Formalisieren in der Formelsprache des reinen Denkens wie auch das Beweisen im
Begriffsschriftkalkül. „Da nur dieser für die Begriffsschrift von Bedeutung ist, so braucht
sie keinen Unterschied zwischen Sätzen zu machen, die denselben begrifflichen Inhalt
haben“ (§ 3). Kann für den begrifflichen Inhalt einer Aussage A begriffsschriftlich

gezeigt werden, dann gilt dieses Urteil umgehend auch für alle begrifflich inhaltsglei-
chen Aussagen, denn sie repräsentieren per definitionem denselben Sachverhalt. Es ist
dieses verbindliche Schema apriorischen Begründens, das logisches Ableiten nicht nur
zur „festesten Beweisführung“ (Vorw.) werden lässt, sondern ebenso zur allgemeinsten
Begründungsform erhebt, weil es „von der besondern Beschaffenheit der Dinge absehend,
sich allein auf die Gesetze gründet, auf denen alle Erkenntnis beruht“ (Vorw.). Exakt dies
zeichnet die Ebene des reinen Denkens aus und die Begriffsschrift vermag die Formel-
sprache des reinen Denkens zu sein, da sie

„auf den Ausdruck alles dessen verzichtet [...], was für die Schlussfolge ohne Bedeutung ist.
[...] Diese Erklärung muss daher immer im Sinne behalten werden, wenn man das Wesen
meiner Formelsprache richtig auffassen will. Hieraus ergab sich auch der Name „Begriffs-
schrift“. Da ich mich fürs erste auf den Ausdruck solcher Beziehungen beschränkt habe, die
von der besonderen Beschaffenheit der Dinge unabhängig sind, so konnte ich auch den Aus-
druck „Formelsprache des reinen Denkens“ gebrauchen“ (Vorw.).

Die Rede von der „Formelsprache des reinen Denkens“ mag damit in ihren allgemeinen
Zügen umrissen sein, wenngleich es der hier noch ausstehenden Anwendung der Begriffs-
schrift bedarf, um ein operatives und damit umfängliches Verständnis dieser Wendung zu
erhalten. Klärungsbedürftig bleibt gleichwohl, weshalb diese Formelsprache des reinen
Denkens „eine der arithmetischen nachgebildete“ ist. Jene Passage des Untertitels, die
zum Zweck der näheren Bestimmung des Formelsprachentyps grammatisch ungelenk er-
scheint, soll dem Leser eigentlich eine Orientierungshilfe liefern, doch dürfte sie vor allem
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ 111

Verwirrung stiften. Schließlich soll Freges Formelsprache des reinen Denkens „von allen
Wortsprachen gänzlich verschieden seyn“30 , mithin auch von der Sprache der Arithmetik,
während an keinem anderen Ort der Schrift als dem Buchtitel selbst beansprucht wird,
dass sie der arithmetischen Formelsprache nachgebildet ist. Trifft es zu, dass sie dieser
nachgebildet ist, dann kann sie von dieser doch wohl kaum gänzlich verschieden sein.
Ist sie indes von dieser gänzlich verschieden, so kann sie dieser schwerlich nachgebildet
sein. Vollständige Eigenständigkeit trotz Nachbildung erscheint ungereimt, die Schöpfung
eines Urbildes nach einem Vorbild abwegig.
Tatsächlich scheint es eine Lesart zu geben, beide Ansprüche miteinander in Ein-
klang zu bringen. So bezieht sich die fragliche Passage des Untertitels „mehr auf die
Grundgedanken als die Einzelgestaltung. [...] Am unmittelbarsten berührt sich meine For-
melsprache mit der arithmetischen in der Verwendungsweise der Buchstaben“ (Vorw.). Es
ist die Rede von einer syntaktischen Unterscheidung, die sich heuristisch vorzüglich für
die Begründung der Begriffsschrift eignet. Ebenso wie die Mathematik benötigt auch die
Logik zwei Arten von Zeichen, um neben bestimmten Inhalten auch Unbestimmtheit zur
Darstellung von Allgemeinheit ausdrücken zu können. In der Arithmetik gebrauchen wir
p
neben Zeichen mit einer festgelegten Bedeutung (C, , , 0, 1) auch Buchstaben, un-
ter deren Verwendung allgemeine Regeln und Gesetze gefasst werden (a C b D b C a).
Für eine Formelsprache sind beide Zeichentypen unverzichtbar, denn ohne Konstanten
könnten keine Sachverhalte und ohne Variablen keine semantischen Regeln ausgedrückt
werden. „Diesen Grundgedanken der Unterscheidung zweier Arten von Zeichen [...] neh-
me ich auf, um ihn für das umfassendere Gebiet des reinen Denkens überhaupt nutzbar
zu machen. Alle Zeichen, die ich anwende, theile ich daher ein in solche, unter denen
man sich Verschiedenes vorstellen kann, und in solche die einen ganz bestimmten Sinn
haben. Die erstern sind die Buchstaben, und diese sollen hauptsächlich zum Ausdrucke
der Allgemeinheit dienen“ (§ 1). Neben den Zeichen mit einer klar festgelegten Bedeu-
tung, etwa für die logischen Verknüpfungen, bedarf es der Verwendung gebundener sowie
freier Variablen, damit die Grundgesetze des reinen Denkens ebenso ausgedrückt werden
können wie die durch sie beweisbaren Einsichten in die logische Allgemeingültigkeit. Die
Begriffsschrift ist der arithmetischen Formelsprache in dem Sinne nachgebildet, dass sie
ebenso wie diese explizit zwischen Variablen und Konstanten unterscheidet. Hierin und in
nichts anderem besteht die im Untertitel angesprochene Gemeinsamkeit.

§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“

Mit dem gleichermaßen eleganten wie sparsam verfahrenden Baukastenprinzip zur Er-
zeugung begriffsschriftlicher Figuren haben wir uns bereits auseinandergesetzt.31 Wir
wissen also, wie beliebig komplexe Bedingtheiten und Verneinungen syntaktisch aufzu-

30
Frege (1882a), 111.
31
Vgl. § 10.
112 Eine zweite Annäherung

bauen sind. Nun ist es an der Zeit, neben der Syntax auch die Semantik dieser Zeichen
zu erklären. Im Besonderen gilt es nachzuzeichnen, wie sich die Wahrheitsbedingungen
komplexer Formeln rein begriffsschriftlich aus den Elementaraussagen und der Bedeutung
der logischen Partikel algorithmisch eindeutig erschließen lassen.
Der von Frege eingeschlagene Weg ist genial einfach und deshalb einfach genial. Da die
Komposition von begriffsschriftlich komplexen Formeln stets den Weg über die Verknüp-
fung von zwei logisch weniger komplexen Formeln bzw. die Verneinung einer weniger
komplexen Formel zu beschreiten hat, ist die Ausgangssituation denkbar einfach. Wir be-
trachten zwei beurteilbare Inhalte A und B, die beide jeweils bejaht oder verneint werden
können. „Wenn A und B beurtheilbare Inhalte bedeuten, so giebt es folgende vier Mög-
lichkeiten:

1) A wird bejaht und B wird bejaht;


2) A wird bejaht und B wird verneint;
3) A wird verneint und B wird bejaht;
4) A wird verneint und B wird verneint“ (§ 5).

Frege beginnt also vollkommen voraussetzungsarm mit nicht mehr als den 2  2 kombina-
torischen Möglichkeiten. Es sind dies die vier Elementarbelegungen. Werden die beiden
Aussagen A und B nun mittels einer aussagenlogischen Partikel verknüpft, so gibt es ins-
gesamt 16 Fälle zu unterscheiden, denn je nach (geordneter) Wahrheitswertpaarung bei
den Argumenten A und B kann die aus ihnen gebildete Aussage A B wiederum bejaht
oder verneint werden. Freilich sollten noch ganze vier Jahrzehnte vergehen, bis Ludwig
Wittgenstein erstmals die kanonische Fassung der Wahrheitstafeln im Satz 5.101 seines
Tractatus präsentierte, doch Freges Vorgehen und seine begleitenden Erläuterungen, im
Besonderen die Ausführungen über die wechselseitige Definierbarkeit der Junktoren im
Paragraphen 7, belassen keinen Zweifel daran, dass er in umfassender Kenntnis der wahr-
heitsfunktionalen Vielfalt operierte. Von den 16 kombinatorischen Möglichkeiten

–A –B 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16
w w w w w w f w w w f f f w f f f f
w f w w w f w w f f w w f f w f f f
f w w w f w w f w f w f w f f w f f
f f w f w w w f f w f w w f f f w f

sind selbstverständlich nicht alle gleichermaßen interessant. Gleichwohl bieten sich als
Ausgangspunkt für eine logische Urpartikel prima facie mehrere Wahrheitsfunktionen an.
Frege zieht vor allem die Wahrheitsfunktionen 2, 3, 4 und 5 näher in Betracht, weil man
bei diesen mit der Verneinung jeweils eines Falles auskommt. „Um nun eine möglichst
einfache Bedeutung für ein Zeichen zu erhalten, das zwei beurteilbare Inhalte verbinden
soll, konnte ich unter vieren in dieser Hinsicht gleichberechtigten Möglichkeiten wählen:
ich konnte jede Verneinung eines der vier oben aufgeführten Fälle als solche Bedeutung
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ 113

annehmen. Eine aber genügte, weil man durch Verneinung von A und B jeden der vier
Fälle in jeden andern verwandeln kann“.32 Für ihn gibt es unter diesen potentiellen Kan-
didaten jedoch nur einen einzigen, der wahrhaft den Charakter einer schlussfolgernden
Logik verkörpert. Es ist die logische Verknüpfung der Bedingtheit, die durch die dritte
Kombination (= dritte Spalte) erfasst und für die explizit definiert wird:

„bedeutet nun das Urtheil, dass die dritte dieser Möglichkeiten nicht stattfinde, sondern
eine der drei andern“ (§ 5). Das Fällen des Urteils „B bedingt, dass A“ bzw. „B be-
dingt A“ setzt das Wissen voraus, dass auszuschließen ist, dass B zu bejahen, aber A
zu verneinen ist. Diese Bedingung muss daher zum Bestandteil der Definition gemacht
werden. Lediglich in der dritten Interpretation (= dritte Zeile der w/f-Belegungen) wird
dieses Urteil also verneint. Wird nun – wie in der Definition der Bedingtheit geschehen –
gefordert, dass diese Möglichkeit nicht stattfindet, sondern eine der drei anderen Inter-
pretationen der Fall ist, dann ist das Urteil „wenn B, dann A“ in jedem Fall wahr. In der
Architektonik der Begriffsschrift repräsentiert die Aussage „B bedingt, dass A“ das lo-
gische Ur-Urteil, den Prototypen konditionaler Geltung, den Archetypen einer logischen
Verknüpfung: die Subjunktion. Formales Schlussfolgern benötigt zwingend die Möglich-
keit des Ableitens von Formeln aus vorgegebenen Formeln aufgrund der logischen Form
allein. Freges semantische Basiseinheit der Bedingtheit erweist sich als ein unverzichtba-
rer Bestandteil für jedes minimale Beweissystem, denn die Aussage „B bedingt, dass A“
besitzt mehrere wesentliche Bedingungen für konditionale Geltung im Sinne einer „wenn-
dann“-Aussage.

1. „A muss bejaht werden“ (§ 5). Wahres folgt aus Beliebigem, verum sequitur ex quod-
libet. Ist der bedingte Teil A (unter allen Umständen) zu bejahen, dann ist die Bedingt-
heit wahr, welchen Wahrheitswert auch immer der Bedingungsteil B besitzt.
2. „B ist zu verneinen“ (§ 5). Aus Falschem folgt Beliebiges, ex falso sequitur quodlibet.
Ist der Bedingungsteil B (unter allen Umständen) zu verneinen, dann ist die Bedingt-
heit wahr, welchen Wahrheitswert auch immer der Folgesatz A besitzt.
3. Wenn „B bedingt, dass A“ bejaht wird und auch B bejaht wird, dann muss aufgrund
der Semantik der Bedingtheit auch A bejaht werden. „B bedingt, dass A“ besagt da-
mit, dass B eine hinreichende Bedingung für A ist. Aus dem Bestehen von B folgt
unmittelbar das Bestehen von A.
4. Wenn „B bedingt, dass A“ bejaht wird, A indes verneint wird, dann muss aufgrund
der Semantik der Bedingtheit B ebenfalls verneint werden. „B bedingt, dass A“ besagt
damit, dass A eine notwendige Bedingung für B ist. Aus dem Nicht-Bestehen von A
folgt unmittelbar das Nicht-Bestehen von B.

32
Frege (1880/81), 42.
114 Eine zweite Annäherung

5. Mit 3 und 4 folgt, dass das Urteil „B bedingt, dass A“ gefällt werden kann, „ohne zu
wissen, ob A und B zu bejahen oder zu verneinen sind“ (§ 5), denn es gilt einzig die
hypothetische Geltung zu begründen, dass etwas Bestimmtes (nicht) der Fall ist, wenn
etwas anderes Bestimmtes (nicht) der Fall ist. Gerade in diesem Fall kann man die
Bedingtheit „mit Hilfe des Fügeworts „wenn“ übersetzen“ (§ 5).

Die benannten Bedingungen zeigen nicht nur, weshalb unter den 16 möglichen Wahrheits-
funktionen sich gerade die dritte zur Definition der Bedingtheit/der Subjunktion anbietet.
Sie dokumentieren darüber hinaus, wie eng die Verflechtung zwischen der Semantik der
Bedingtheit, der durch sie zum Ausdruck gebrachten konditionalen Geltung und dem
logischen Schlussfolgern ist.

„Ich wählte die Verneinung des dritten Falles wegen des leichten Überganges zum Schliessen
und wegen der nahen Verwandtschaft dieses Inhaltes zu dem wichtigen Verhältnis von Grund
und Folge“.33

Damit ist nicht nur die Bedeutung der begriffsschriftlichen Basispartikel erfasst, sondern
auch motiviert, weshalb diese logische Verknüpfung einen zwar nicht alternativlosen,
wohl aber besonders vielversprechenden Ausgangspunkt zum Aufbau der logischen
Sprache darstellt. Von den oben zudem erfassten 15 Wahrheitsfunktionen muss in-
des keine weitere für die Definition einer zweiten grundlegenden logischen Partikel
herangezogen werden. Alle weiteren Junktoren lassen sich ableiten, weil sich ihre
Wahrheitsfunktionen bestimmen lassen, sofern wir neben der Bedingtheit noch auf die
logische Operation der Verneinung zurückgreifen können. Bei der Negation handelt es
sich um die einzige aussagenlogische Partikel, die kein Junktor ist, weil sie lediglich
auf einen singulären beurteilbaren Inhalt zur Anwendung gebracht wird. Sie ist „als
ein Merkmal eines beurtheilbaren Inhalts anzusehen“ (§ 4). Entsprechend besagt das
Urteil

„A findet nicht statt“ (§ 7). Da im Falle einer einzelnen Aussage auch lediglich die
beiden Elementarbelegungen der Bejahung und der Verneinung als kombinatorische
Möglichkeiten zu erfassen sind, besteht die charakteristische Wahrheitsfunktion des Ver-
neinungsstrichs/des Negators aus lediglich zwei Interpretationen. Die w/f-Belegung wird
entsprechend auf f/w abgebildet. Da wir nun schon gesehen haben, wie beliebig komplexe
begriffsschriftliche Formeln der Aussagenlogik syntaktisch zu komponieren sind und wir
nunmehr zudem über die Semantik der beiden hierfür zentralen Zeichen verfügen, lassen
sich beide Wissensbestände aussagekräftig zusammenführen. Mit dem einen Verfahren
wissen wir, wie wohlgeformte Formeln der Begriffsschrift aufzubauen sind und mit dem
soeben angewandten wahrheitsfunktionalen Zugang wissen wir, was solche Ausdrücke

33
Frege (1880/81), 42.
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ 115

bedeuten. Es ist also naheliegend, sogleich ein Verfahren einzuführen, das für beliebig
komplexe begriffsschriftliche Formeln der Aussagenlogik effektiv zu berechnen gestattet,
unter welchen Bedingungen sie gegebenenfalls wahr sind.
Freges Bewertungsmethode, der unsere heutige Wahrheitstafelmethode entspricht, ist
ein Algorithmus zur Bestimmung der Erfüllbarkeit/Unerfüllbarkeit/Allgemeingültigkeit
aussagenlogischer Formeln. Mit dem Verfahren kann im Besonderen für eine beliebig
komplexe begriffsschriftliche Formel der Aussagenlogik (BS-FormelAL) genau be-
stimmt werden, in welchen Fällen (möglichen Welten) sie bejaht oder verneint wird.
Beschränkt auf die aussagenlogischen Begriffsschriftformeln ist die Bewertungsmethode
ein effektives Entscheidungsverfahren. Unsere Darstellung von Freges Verfahren ver-
fährt konservativ gegenüber der begriffsschriftlichen Ausdrucksweise, ersetzt jedoch
die Rede vom „Bejahen“ und „Verneinen“ von Formeln durch die elementare Bele-
gung mit Wahrheitswerten. Systematisch läuft dies auf dasselbe hinaus und wir erhalten
eine Proto-Wahrheitstafelmethode, die in ihrer Leistungsfähigkeit der heute etablier-
ten in nichts nachsteht. Da Frege in der Darstellung seiner aussagenlogischen Axiome
vom Gebrauch griechischer Großbuchstaben zum Gebrauch lateinischer Kleinbuchsta-
ben wechselt, verbleiben wir einheitlich im Gebrauch lateinischer Großbuchstaben für
elementare beurteilbare Inhalte und Frakturgroßbuchstaben für beliebig komplexe beur-
teilbare Inhalte – auch im Hinblick auf noch vorzunehmende syntaktische Erweiterungen.
In der Sache macht es jedoch keinen Unterschied, ob wir a; b; c; d; : : : anstatt von
A; B; ; ; : : : oder A; B; C; D; : : : verwenden.
Da jede BS-FormelAL aus n-vielen (n > 0) verschiedenen Elementaraussagen besteht,
beginnen wir stets mit der Erfassung sämtlicher Elementarbelegungen, d. h. jedem ein-
zelnen der n-vielen verschiedenen beurteilbaren Inhalte (Elementaraussagen) der Form
A werden die Werte „w“ und „f“ jeweils n-fach und spaltenweise zugewiesen, so dass
sämtliche, der zwischen den n-vielen verschiedenen Elementaraussagen kombinatorisch
möglichen w-f-Belegungen (das sind stets 2n Möglichkeiten) erfasst werden. Exempla-
risch für die Fälle n D 1; 2; 3 sieht das wie folgt aus:

w w w w w w
f w f w w f
f w w f w
f f w f f
f w w
f w f
f f w
f f f
116 Eine zweite Annäherung

Für eine beliebig komplexe BS-FormelAL

gilt nunmehr rekursiv, dass ihre resultierenden Werte berechnet werden können, wenn die
Werte für A und B bereits berechnet wurden. Es gibt nun exakt zwei Rechenregeln
(Wahrheitsfunktionen):

(V) Verneinungsentwicklung (Wahrheitsfunktion für den Negator)


Gilt es die Bewertungen für einen beurteilbaren Inhalt der Form

zu bestimmen, so wird ausgehend der bereits berechneten Werte für A jeder w-Wert
in einen f-Wert gewandelt und jeder f-Wert in einen w-Wert. Tabellarisch erfassen wir
dies wie folgt:

w f
f w

1 2
.V/ 1

Um Eindeutigkeit in der Regelanwendung gewährleisten zu können, ist es vor allem


für die Berechnung komplexer Formeln von Vorteil, wenn stets offensichtlich ist, auf
welche Bewertungsvorkommnisse eine der Regeln angewandt wurde. Wir numme-
rieren daher sämtliche Bewertungen in der Reihenfolge ihres Auftretens durch (dies
erfolgt in der vorletzten Zeile) und führen die jeweils betroffene(n) Spalte(n) unter zu-
sätzlicher Angabe der verwendeten Rechenregel in der letzten Zeile jener Spalte auf,
die das Resultat der Berechnung enthält.

(B) Bedingtheitsentwicklung (Wahrheitsfunktion für den Subjunktor)


Gilt es die Bewertungen für einen beurteilbaren Inhalt der Form

zu bestimmen, so resultiert ausgehend der bereits berechneten Werte für A und B


einzig in denjenigen Belegungen der f-Wert, in denen B den w-Wert besitzt, aber
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ 117

A den f-Wert. In allen anderen Fällen resultiert der w-Wert. Tabellarisch erfassen
wir dies wie folgt:

w w w
w f w
f w f
f f w

1 2 3
.B/ 1;2

Eine Interpretation, in welcher als resultierender Wahrheitswert „wahr“ berechnet wurde,


liefert ein Modell der Formel. Besitzt die Formel mindestens ein Modell, so bezeich-
nen wir sie als „erfüllbar“, liefern alle Interpretationen Modelle, so bezeichnen wir sie
als „allgemeingültig“, als eine „Tautologie“, als „logische Wahrheit“. Liefert indes kei-
ne Interpretation ein Modell, so ist die Formel „unerfüllbar“, eine „Kontradiktion“, eine
„logische Falschheit“. Das Bewertungsverfahren für BS-FormelnAL ist damit vollständig
gegeben. Um einen Eindruck vom operativen Charakter der Bewertungsmethode zu erhal-
ten, betrachten wir die beiden von Frege zum Beschluss des Paragraphen 5 diskutierten
Beispiele. Beginnen wir mit dem ersten, das mit der Ergebnisfeststellung einsetzt:

„Hiernach ist leicht zu erkennen, dass

den Fall leugnet, wo A verneint, B und  bejaht würden“ (§ 5).

Die Formel soll also in allen Belegungen (möglichen Welten) gelten/den Wahrheitswert
wahr/ein Modell besitzen, die verschieden sind von der Belegung jAj D f, jBj D w,
j j D w. Einzig in diesem Fall resultiert als abschließende Bewertung der f-Wert. Um zu
diesem Rechnungsergebnis zu gelangen, ist wie folgt vorzugehen. „Man muss dies aus

ebenso zusammengesetzt denken, wie


118 Eine zweite Annäherung

aus A und B. Zunächst haben wir daher die Verneinung des Falles, wo

verneint, und  bejaht wird. Die Verneinung von

bedeutet aber, dass A verneint und B bejaht wird. Hieraus ergiebt sich, was oben angege-
ben ist“ (§ 5). Freges Argumentation, mit der unter Verwendung der Bedingtheitsentwick-
lung (Wahrheitsfunktion für den Subjunktor) alle Fälle durchgespielt werden, bringt exakt
dasselbe zum Ausdruck wie unsere durch Frege inspirierte tabellarische Darstellung.

A
B
Γ
w w w w w
w w f w w
w f w w w
w f f w w
f w w f f
f w f f w
f f w w w
f f f w w

1 2 3 4 5
.B/ 1;2 .B/ 3;4

Die betroffene Interpretation, in welcher der Wahrheitswert „falsch“ resultiert, haben wir
entsprechend hervorgehoben und es handelt sich bei dieser möglichen Welt tatsächlich
um den Fall, in dem die Teilaussage A falsch ist, während B und  wahr sind. Wer
entsprechend das Urteil
§ 13 „Ich wählte die Verneinung des dritten Falles“ 119

fällt, also die Wahrheit des beurteilbaren Inhaltes behauptet, der beansprucht das Vorliegen
eines der sieben Modelle, während er „den Fall leugnet, wo A verneint, B und  bejaht
würden“.
Über das unmittelbar im Anschluss hieran gegebene zweite Beispiel wird Frege später
festhalten: „Den mit „Nicht minder erkennt man“ angefangenen Absatz auf S. 7 meiner
Begriffsschrift bitte ich zu streichen, da er fehlerhaft ist, was übrigens ohne nachtheilige
Folgen für den übrigen Inhalt des Büchleins geblieben ist“.34 Der angesprochene Bert-
rand Russell antwortete umgehend. „Den Fehler auf S. 7 Ihrer Begriffsschrift hatte ich
schon corrigirt: er ist aber, wie Sie sagen, gänzlich ohne schädliche Folgen geblieben“.35
In seinem persönlichen Exemplar notiert er an der entsprechenden Stelle: „There is an
inconsistency here. The proposition should mean B  A:  :  , but not B [ A [  “.36
Publizistisch hatte Ernst Schröder in seiner Besprechung der Begriffsschrift erstmals auf
den Fehler hingewiesen37 , „übrigens der einzige, der mir im ganzen Buche aufgefallen“38
ist. Ihm folgte Wilhelm Schlötel, der hierin gar herablassend den Beweis erbracht sah,
„daß er in seinem eigenen Calcul nicht ganz zu Hause ist“.39 Nach Auskunft Freges an
der betroffenen Stelle wird durch das Urteil

der Fall geleugnet, „wo B bejaht wird, A und  aber verneint werden“. Frege ist hier
tatsächlich selbst einmal in der schrittweisen Bewertung der Bedingtheitsgefüge durch-
einandergeraten. Der Fehler selbst ist – wie einhellig durch Frege, Russell und Schröder
festgestellt – unerheblich, weil nachfolgend keinerlei argumentative Anleihen bei diesem
Fall gemacht werden und das Versehen durch Tilgung des Beispiels bzw. nachträgliche
Korrektur (wie im Fall unseres Kommentars) vollständig behoben werden kann. Frege
selbst dürfte sich geärgert haben, doch uns lehrt dieses Beispiel vor allem eines. Selbst
einem Frege unterlaufen logische Fehler. Das macht ihn nahbar. Dem verzweifelten Stu-
denten in einer Logikeinführung mag dies vielleicht ein schwacher Trost sein. Unter

34
Frege an Russell in einem Brief vom 22. Juni 1902. In Frege (1976), 213.
35
Russell an Frege in einem Brief vom 24. Juni 1902. In Frege (1976), 215.
36
Russell zit. n. Linsky (2004), 29.
37
Vgl. auch Frege (1880/81), 20.
38
Schröder (1880), 88.
39
Schlötel (1880), 375.
120 Eine zweite Annäherung

Anwendung von Freges Bewertungsmethode stellt sich nun folgendes Ergebnis ein:

w w w w w
w w f w f
w f w w w
w f f w f
f w w f w
f w f f w
f f w w w
f f f w f

1 2 3 4 5
.B/ 1;2 .B/ 3;4

Damit das fragliche Urteil zurecht gefällt werden kann, müssen alle Fälle geleugnet wer-
den, in denen die Formel kein Modell besitzt. Da eine Bedingtheit einzig dann falsch
ist, wenn aus etwas Wahrem etwas Falsches folgen soll, müssen also die Fälle geleugnet
werden, in denen

bejaht,  indes verneint wird. Wenn jedoch alle Interpretationen ausgeschlossen werden
sollen, in denen eine Bedingtheit den Wahrheitswert „wahr“ besitzt, so muss das Bestehen
der durch die drei Bewertungen

jAj D w; jBj D w; j j D f
jAj D w; jBj D f; j j D f
jAj D f; jBj D f; j j D f

bestimmten Interpretationen geleugnet werden. Die Sachlage ist also etwas komplizierter
als in der Begriffsschrift dargestellt. Gleichwohl handelt es sich nach wie vor um eine zwar
erfüllbare, aber nicht allgemeingültige Formel. Da die Allgemeingültigkeit kein „mehr“
oder „weniger“ kennt, ist es unter logischen Gesichtspunkten unerheblich, ob die Formel
nun fünf oder sieben Modelle besitzt.
§ 14 „ich bediene mich nur dieser einen“ 121

§ 14 „ich bediene mich nur dieser einen“

Mit der Einführung der Bedingtheit verfügt Frege bereits über alle semantischen wie auch
weitgehend alle syntaktischen Voraussetzungen, um sich jener Ableitungsregel zuzuwen-
den, die auch in reinrassigen satzlogischen Kalkülen zur Anwendung zu kommen hat, um
den durch Substitution stets nur wachstumsfähigen Komplexitätsgrad logischer Formeln
wieder reduzieren zu können. Selbst in formalen Systemen, die fast ausnahmslos durch
Axiome konstituiert werden, kann auf diese Regel kaum verzichtet werden. Auch gut ein-
einhalb Jahrzehnte nach Bereitstellung seines Logikkalküls der ersten Generation stellt
Frege rückblickend und nach wie vor zustimmend fest, dass dies „die einzige Schlusswei-
se [ist], die ich in meiner Begriffsschrift angewendet habe, und man kann mit ihr auch
auskommen“.40 Es überrascht also nicht, dass der Modus Ponens/die Abtrennungsregel
auch im Logikkalkül der zweiten Generation – das System der Grundgesetze – seinen un-
verzichtbaren Platz wieder einnimmt. Ihre erste kanonische Formulierung 14 Jahre zuvor
wird indes sogleich begleitet durch den Nachweis ihrer Zulässigkeit.

„Aus der in § 5 gegebenen Erklärung geht hervor, dass aus den beiden Urtheilen

das neue Urtheil

folgt. Von den vier oben aufgezählten Fällen ist der dritte durch

der zweite und vierte aber durch

ausgeschlossen, sodass nur der erste übrig bleibt“ (§ 6).

Es ist beeindruckend, wie souverän und knapp Frege den Nachweis der Zulässigkeit führt.
Konziser kann in dieser Frage auch heutzutage nicht argumentiert werden. Die bereitge-

40
Frege (GGA I), § 14.
122 Eine zweite Annäherung

stellte wahrheitsfunktionale Semantik erlaubt umgehend die Feststellung, dass es keinen


Fall gibt, in dem zwar die beiden Prämissen

zugleich wahr sind, die Konklusion indes falsch ist. Lediglich ein solcher Fall würde
die Gültigkeit der Regel unterlaufen, weil dann die Wahrheitskonservativität nicht mehr
gegeben wäre. Die von Frege angeführten Fälle Zwei, Drei und Vier fallen als mögli-
che Kandidaten für ein Gegenbeispiel bereits deshalb aus, weil in diesen Interpretationen
jeweils eine der beiden Prämissen falsch ist. Da gültige Schlüsse die Wahrheit der Kon-
klusion einzig bei Wahrheit aller Prämissen gewährleisten müssen, widersprechen diese
Instanzen keineswegs der Gültigkeitsdefinition. Einzig der erste Fall liefert eine Deutung,
in der beide Prämissen zugleich wahr sind. Hier muss also sichergestellt sein, dass die
Konklusion nicht falsch ist. Da in dieser Interpretation jedoch auch A notwendigerweise
wahr sein muss, weil andernfalls die Wahrheit sowohl von B wie auch von „B bedingt,
dass A“ unmöglich wäre, liefert dieser Fall ebenfalls kein Gegenbeispiel.

w w w
w f w
f w f
w f f

Nach Klärung der Zulässigkeit wendet sich Frege umgehend der Darstellungsfrage zu.
Der Schluss auf wird kenntlich gemacht durch einen horizontalen Trennstrich, der
die Prämissen von der Konklusion abtrennt:

Selbstverständlich kann es vorkommen, dass eine der beiden Prämissen bereits an me-
thodisch früherer Stelle in komplexen Beweisketten bzw. anderen Kontexten aufgetreten
ist, weshalb es redundant und sicherlich auch nicht platzsparend wäre, sie erneut zu erfas-
sen. Es wäre, wie Frege es ebenda selbst feststellt, schlicht „umständlich“. Deshalb führt
er sogleich eine Kalkülrahmenregel ein, die spätere Zugriffe auf frühere Formeln effizient
und stets eindeutig ermöglicht:

„Jedes Urtheil, welches im Zusammenhange einer Beweisführung vorkommt, wird durch eine
Nummer bezeichnet, die da, wo dies Urtheil zum ersten Male vorkommt, rechts daneben
gesetzt wird“ (§ 6).
§ 14 „ich bediene mich nur dieser einen“ 123

Im Begriffsschriftkalkül besitzt also jedes Axiom, jede bewiesene Formel und jede De-
finition eine eigene Nummer, die gemäß der üblichen Zählung nach dem jeweils ersten
Auftreten der Formel vergeben wird. Die Nummer ist als Name zu verstehen, sie vertritt
lediglich die Formel abkürzend und kann jederzeit durch dieselbe wieder ersetzt werden.
Haben wir etwa

bereits an einer früheren Stelle mit der Nummer X erfasst, dann können wir den Schluss
auch darstellen, indem links auf Höhe des horizontalen Trennstrichs die Formelnummer
aufgeführt und mit einem Doppelpunkt versehen wird:

Unter Verwendung der Formel mit der Nummer X und dem Modus Ponens wird ausge-
hend von auf geschlossen. Es ist bemerkenswert, dass Frege bei der Betrach-
tung dieses verkürzten Schlusses darauf hinweist, sich aus und das Urteil

„zusammenzusetzen und zuzusehen, ob es mit dem angeführten Urtheile X stimmt“ (§ 6).


De facto spricht er damit nichts anderes an als die metalogische Bedingung, dass der
Schluss von auf genau dann gültig ist, wenn die Aussage „B bedingt, dass A“
allgemeingültig ist. Genau dann, wenn B!A eine logische Wahrheit ist, ist die Implika-
tion B  A gültig. Das regelhafte Vorkommnis

ist hierbei nichts anderes als das metasprachliche Pendant der objektsprachlichen Begriffs-
schriftformel

Ein beeindruckendes Vorkommnis von Freges Unterscheidung zwischen Objekt- und


Metasprache, wenngleich diese Differenzierung noch keine explizite terminologische
Berücksichtigung findet.
Klärungsbedürftig ist nun indes der vermeintlich gespiegelte Fall, bei dem statt auf
die Bedingtheit auf das Urteil mittels der Nummer XX zurückgegriffen wird. Da
die Reihenfolge der Prämissenaufzählung für die Anwendung von Regeln keine Rol-
le spielt, sondern es einzig darum geht, dass ausnahmslos alle Voraussetzungen für die
124 Eine zweite Annäherung

Regelanwendung geschaffen wurden, überrascht es auf den ersten Blick, dass sich diese
Darstellung nicht nur in der erfassten Nummer sowie der explizit geführten Prämisse vom
vormaligen Fall unterscheidet:

Statt des oben geführten einfachen Doppelpunktes findet in dieser Darstellung des
Schlusses ein doppelter Doppelpunkt – ein Doppelkolon – Verwendung, dessen Erforder-
nis von Frege umgehend, wenngleich erläuterungsbedürftig kommentiert wird. „Hierbei
zeigt das doppelte Kolon an, dass hier auf andere Weise als oben aus den beiden hinge-
schriebenen Urtheilen das durch XX nur angeführte gebildet werden müsse“ (§ 6).
Mit dem doppelten Kolon wird also darauf hingewiesen, dass ausgehend von den beiden
explizit geführten Formeln die Rekonstruktion der nicht explizit angeführten Prämisse die-
ses Mal „auf andere Weise als oben“ zu erfolgen hat. Bei diesem leicht vage verbleibenden
Hinweis kann es nicht bloß um den schlichten Punkt gehen, dass statt der ersten nun eben
die zweite Prämisse durch ihre Nummer vertreten wird, denn auch auf diese Formel wird
gleichermaßen eindeutig Bezug genommen, weshalb sich die beiden verkürzt dargestell-
ten Schlüsse in dieser Hinsicht nicht unterscheiden.
Indes sollte im zweiten Fall zur Erschließung der nicht explizit geführten Prämisse
nicht jenes metalogische Wissen benutzt werden, das uns bei der ersten Betrachtung die
Rekonstruktion ermöglichte, weil im aktuellen Fall nicht auf den systematischen Zusam-
menhang zwischen allgemeingültiger Subjunktion und gültiger Implikation zurückgegrif-
fen werden sollte. Blendet man für den Moment das Wissen um die Formeln aus, die sich
hinter den Nummerierungen verbergen, so ermöglicht zwar der erste Fall einen eindeuti-
gen Rückschluss darauf, welche Formel sich hinter X verbergen muss, jedoch nicht der
zweite Schluss. Im ersten Fall ist klar, dass im Fall der Gültigkeit des Schlusses von
auf die korrespondierende Bedingtheit die fragliche Formel sein muss, die sich hin-
ter der Nummerierung X verbirgt. Zur Anwendung des Modus Ponens ist zwingend eine
Bedingtheit/eine Subjunktion erforderlich und da die gegebene Prämisse dieses Struktur-
merkmal nicht besitzt, muss es folglich jene Formel aufweisen, auf die per Nummerierung
verwiesen wird. Über ein vergleichbares Wissen verfügen wir im zweiten Fall keineswegs,
denn der Schluss von

auf wäre auch dann ein gültiger, wenn sich hinter der Nummer XX die Formel
§ 14 „ich bediene mich nur dieser einen“ 125

verborgen hätte. Die Besonderheit des zweiten Falles besteht darin, dass auch in der ver-
kürzten Darstellung eine Bedingtheit/eine Subjunktion als Prämisse auftritt und somit
prima facie zwei Optionen verbleiben: Entweder die aufgeführte Bedingtheit ist jene For-
mel, auf die die Abtrennung zur Anwendung kommt, oder die aufgeführte Bedingtheit
ist jene Formel, mit der die Abtrennung (in Anwendung auf eine noch komplexere Be-
dingtheit) vollzogen wird. Würden wir also im zweiten Fall wiederum auf das Wissen
um den Zusammenhang zwischen allgemeingültiger Subjunktion und gültiger Implikati-
on zurückgreifen und damit nun gerade in derselben Weise verfahren wie im ersten Fall,
so würden wir schließlich zu dem Schluss gelangen:

Wir würden also fehlerhaft rekonstruieren, womit das Erfordernis einer differenzierten
Erfassung motiviert wäre. Um auch in dieser Hinsicht Eindeutigkeit gewährleisten zu kön-
nen, führt Frege also neben dem einfachen den doppelten Doppelpunkt ein. Das doppelte
Kolon zeigt an, dass in der zweiten verkürzten Darstellung mittels Nummerierung XX
nicht auf die fragliche Bedingtheit, sondern auf den Bedingungsteil Bezug genommen
wird. Lassen wir das ausgeblendete Wissen um die nummerierten Formeln wieder zu,
dann entfällt freilich das Erfordernis einer differenzierten Kennzeichnung. Da wir in der
Betrachtung jedes einzelnen Beweisvollzuges stets prüfen können, was sich hinter den
Nummern X bzw. XX verbirgt, muss durch den Schluss nicht zwingend noch einmal an-
gezeigt werden, ob es sich bei der betroffenen Prämisse um die Bedingtheit oder den
Bedingungsteil handelt. Frege sollte gleichwohl an dieser Unterscheidung auch im Be-
griffsschriftkalkül der zweiten Generation festhalten.41
Nachdem der logische Charakter des Modus Ponens durchdrungen ist, stellt sich die
Frage, ob nicht sogleich weitere Schlussregeln als relativ zulässig erwiesen werden soll-
ten. Immerhin dürfte es nicht nur unstrittig sein, dass eine größere Auswahl an formalen
Begründungsmitteln die Beweisvollzüge umgehend vereinfacht, sondern die Logikge-
schichte hält darüber hinaus namhafte Gelehrte bereit, die mit einer Vielfalt von Regeln
zu operieren wussten. So „zählt man nach Aristoteles eine ganze Reihe von Schlussarten
auf“, doch Frege betont nachdrücklich, „ich bediene mich nur dieser einen“ (§ 6). Sollte
es nämlich geboten sein, mehr Schlussregeln zuzulassen als jene, die beweistheoretisch
erforderlich sind, so würde sich umgehend ein Abgrenzungsproblem einstellen, welches
letztlich auf die wenig attraktive Möglichkeit hinausläuft, „dass man ins Unbestimmte
hinein immer noch neue hinzufügen könnte“ (§ 6). Am Ende bestünde der Formelbe-

41
Vgl. Frege (GGA I), § 14, § 48(6).
126 Eine zweite Annäherung

stand des Kalküls vorwiegend aus Beweismitteln und nur noch in einem marginalen Teil
aus Theoremen. Das würde die Funktion eines solchen Beweissystems fraglos karikieren,
sie geradezu überflüssig machen, und so stellt denn Frege auch lediglich die theoretische
Möglichkeit fest, dass „aus jedem in einer Formel ausgedrückten Urtheile in den §§ 13 bis
22 [...] eine besondere Schlussart gemacht werden [könnte]“ (§ 6). Gemeint sind damit
sämtliche ebendort bewiesene Formeln der Prädikatenlogik erster Stufe mit Identität. Die-
se Theoreme könnten umgehend in die Form von Schlussregeln gebracht werden, deren
relative Zulässigkeit deshalb unproblematisch wäre, weil es sich bei den korrespondieren-
den Sätzen eben um beweisbare Formeln handelt. So würde sich etwa die bei Frege mit
der Nummer 5 (§ 15) geführte Formel

anbieten, um die Regel für den Kettenschluss A!B, B!C ) A!C einzuführen –
eine, vor allem in regellogischen Kalkülen immer wieder gerne verwendete Ableitungs-
regel. Doch für Frege gilt nicht nur der Grundsatz, dass nicht als Regel zu setzen ist, was
auch bewiesen werden kann. Zudem führen die sparsam gehaltenen Beweismittel der Be-
griffsschrift umgehend auf die Einsicht, dass „ein Schluss nach irgend einer Schlussart auf
unsern Fall zurückgeführt werden [kann]“ (§ 6). Im Falle des Kettenschlusses besagt dies
etwa, dass der Ableitung von A!C aus A!B und B!C lediglich zwei Anwendungen
des Modus Ponens entsprechen:
§ 15 „Ich habe die andere Weise gewählt“ 127

Da ausnahmslos alle Beweisführungen mit konditionaler Geltung operieren, ist zur


Separation der bewiesenen Formeln die Abtrennungsregel unabkömmlich. Das gilt selbst-
verständlich auch für die Beweise jener Formeln, die als Regeln gefasst den Mittelbestand
prinzipiell zu erweitern gestatten. Freges Logikkalkül hält gleichwohl an dieser Minimal-
lösung fest, auch wenn „mit dieser Beschränkung [...] nur eine Formfrage im Sinne der
grössten Zweckmässigkeit entschieden werden [soll]“ (§ 6). Freges Prinzip der Sparsam-
keit greift einmal mehr.
Neben diesem beweistheoretischen Motiv gibt es für Frege jedoch noch einen weiteren
Grund, die Anzahl der Kalkülregeln auf das erforderliche Minimum zu beschränken. Es ist
das Ideal der euklidischen Strenge, das den Architekten der Begriffsschrift immer wieder
abwägen lässt, unter welchen Bedingungen Erläuterungen unverzichtbar sind. Selbstver-
ständlich bedarf jedes syntaktische Detail in der vollständigen Bereitstellung des Kalküls
oder jede semantische Feinheit in der Begründung der Logik jener Kommentierung, die
für ein umfassendes Verständnis zwingend erforderlich ist. Nichts darf vage oder miss-
verständlich verbleiben. Es ist die Gewährleistung von Eindeutigkeit und Exaktheit, die
den Erläuterungen das hierfür erforderliche Mindestmaß abverlangen. Doch dieses „so
viel wie nötig“ wird stets begleitet durch das Korrektiv des „so wenig wie möglich“. Wo
immer auch sich die Möglichkeit bietet, auf Prosa zu verzichten, soll aus dieser Mög-
lichkeit Wirklichkeit werden. Die Frage nach der Anzahl der Kalkülregeln repräsentiert
exakt einen solchen Punkt. Regeln müssen kommentiert, die Bedingungen ihrer zulässi-
gen Anwendung erläutert werden. Regeln müssen im Kontext ihrer Bereitstellung stets
in eine gewisse Prosa eingebettet werden, damit ihre operative Semantik angezeigt so-
wie ihre Korrektheit erwiesen werden kann. Jede neue Regel führt damit a fortiori zu
einem neuen Bestand an Prosa und um diesen Bestand möglichst knapp zu halten, soll-
ten in der Verfolgung des euklidischen Ideals einzig diejenigen Kalkülregeln bereitgestellt
werden, deren Erfordernis für eine gelingende Beweispraxis unverzichtbar ist. Das erklärt
aufs Neue, weshalb Frege strikt an der Bereitstellung einer einzigen Schlussregel fest-
hält. „Weil Schlussweisen in Worten erklärt werden müssen, wendete ich nur eine einzige
an“.42

§ 15 „Ich habe die andere Weise gewählt“

Mit Bereitstellung der Verneinung hat Frege zur Mitte des gleichnamigen Paragraphen 7
alle für die Aussagenlogik erforderlichen logischen Partikel eingeführt. Ausnahmslos al-
le 15 weiteren möglichen Junktoren innerhalb der zweiwertigen wahrheitsfunktionalen
Semantik, im Besonderen die besonders gebräuchlichen, lassen sich über die Bedingt-
heit und die Verneinung problemlos definieren. Genau dies wird durch den zweiten Teil
des Paragraphen 7 eindrucksvoll gezeigt. Dass sich Frege mit den zwei benannten aus-

42
Frege (1880/81), 42.
128 Eine zweite Annäherung

sagenlogischen Partikeln begnügt und auf eine eigenständige Bereitstellung zumindest


der prominenten Verknüpfungen des logischen Und, des Konjunktors, bzw. des logischen
Oder, des Adjunktors, verzichtet, ist eine Folge seines Sparsamkeitsprinzips:

„Je mehr Urzeichen eingeführt werden, desto mehr Urgesetze werden auch gefordert. Es ist
aber ein allgemeiner Grundsatz der Wissenschaft, deren Zahl möglichst zu verringern“.43

Frege möchte nicht nur mit einer möglichst geringen Anzahl von Axiomen auskommen,
sondern es gilt bereits, die zugrundeliegende Sprache auf das Erforderliche zu beschrän-
ken. Für ihn ist es kein erstrebenswertes Ziel, durch die Einführung neuer Zeichen einzig
die Darstellung zu verkürzen, sofern dasselbe auch mit weniger Zeichen zum Ausdruck
gebracht werden kann. Andere mögen anders verfahren, aber es ist ein wesentliches Merk-
mal des Fregeschen Zugangs, dass bei ihm die „logische Vollkommenheit mit möglichster
Kürze vereinigt ist. Man wird dabei die Anzahl der Schlußweisen möglichst beschränken
und diese als Regeln dieser neuen Sprache aufstellen. Dies ist der Grundgedanke meiner
Begriffsschrift“.44
Je umfangreicher die elementare Syntax ist, umso mehr Regeln benötigt man für den
Aufbau der Sprache bzw. umso umfangreicher fällt die Liste an Gesetzen für die Axioma-
tisierung aus, denn für jedes neu eingeführte Zeichen muss präzise erklärt werden, wie es
zu gebrauchen ist, was es bedeutet. Doch mit der Zunahme des Alphabets und der damit
einhergehenden Komplexitätszunahme im nachgeordneten Sprachaufbau wächst auch die
Gefahr fehlender Übersichtlichkeit. Transparenz und maximale Explizitheit sind für Frege
gegenüber der Bequemlichkeit in der Darstellung vorgeordnete Ziele. Erst gut dreiein-
halb Jahrzehnte später sollte dieses Minimierungsbestreben durch Henry Maurice Sheffer
abgeschlossen werden. Sheffer zeigte45 , dass ein minimales Erzeugendensystem für die
klassischen aussagenlogischen Partikel bereits durch den Junktor der Unverträglichkeit,
der schließlich aufgrund der Zeichenwahl Sheffers den Namen „Sheffer Strich“ erhalten
sollte, gegeben ist. Über die Unverträglichkeit einer Aussage mit sich selbst lässt sich in
einem ersten Schritt der Negator definieren (:A ˛ AjA) und nachfolgend schließlich
auch alle weiteren.
Ob sich Frege mit der Verwendung einer einzelnen grundlegenden Partikel begnügt hät-
te, sofern die Möglichkeit dieses Zugangs in den 1870er Jahren bereits bekannt gewesen
wäre, darf jedoch bezweifelt werden. Zu bedeutsam, zu zentral war für Frege die logische
Durchdringung des Schlussfolgerns, die formal-exakte Darstellung hypothetischen Räso-
nierens, kurz die begriffsschriftlich fundamentale Erfassung konditionaler Geltung. Dies
souverän ohne definitorische Pirouetten, ganz elementar mit einer nicht weiter zerlegbaren
logischen Verknüpfung ausdrücken zu können, setzt die Verfügbarkeit der Bedingtheit,
des logischen „wenn dann“ voraus. Eine Unhintergehbarkeit der Subjunktion in diesem

43
Frege (1880/81), 40.
44
Frege (1896), 222.
45
Sheffer (1913), 482.
§ 15 „Ich habe die andere Weise gewählt“ 129

Sinne macht dann darüber hinaus auch die Verfügbarkeit der Negation erforderlich. Frege
kommt auf die theoretische Möglichkeit zu sprechen, dass „man auch umgekehrt die Be-
dingtheit durch ein Zeichen für „und“ und das Zeichen der Verneinung darstellen“ (§ 7)
könnte. Sei

der Ausdruck dafür, dass  und  zugleich gelten, dann ließe sich die Bedingtheit defi-
nieren über:

Wenn es falsch ist, dass B zugleich mit nicht-A der Fall ist, dann folgt im Besonderen aus
der Wahrheit von B die Wahrheit von A. Mehr als die Möglichkeit dieses definitorischen
Zugangs sollte mit dieser Überlegung nicht zum Ausdruck gebracht werden. „Ich habe
die andere Weise gewählt, weil der Schluss mir bei dieser einfacher ausgedrückt zu wer-
den schien“ (§ 7). Die Bedingtheit bleibt unbestritten die grundlegende logische Partikel.
Nur mit ihr kann die für das Schlussfolgern fundamentale Regel des Modus Ponens auf
kanonische Weise ausgedrückt werden.
Die Entscheidung zugunsten der Bedingtheit erübrigt jedoch nicht den Nachweis, dass
die Ausdrucksmöglichkeiten der anderen Junktoren zugleich miterfasst sind. Nur wenn
gewährleistet ist, dass wir mit der Bedingtheit und der Verneinung auch Adjunktionen,
Konjunktionen, Kontravalenzen, Rejektionen und Bisubjunktionen (um nur die wichtigs-
ten Verknüpfungen zu erwähnen) auszudrücken vermögen, ist die erforderliche Reichhal-
tigkeit einer aussagenlogischen formalen Sprache gewährleistet. Frege nimmt sich dieser
Belegpflicht ebenfalls im Paragraphen 7 an. Damit die Rekonstruktionsvorgaben klar und
die Rekonstruktionsergebnisse hinsichtlich der Gelingensbedingungen eindeutig bewert-
bar sind, erfassen wir vorgelagert tabellarisch die identitätsstiftenden Wahrheitsfunktionen
für die benannten zentralen aussagenlogischen Junktoren und berechnen nachfolgend mit
Freges Bewertungsmethode die Wahrheitswertbelegungen jener begriffsschriftlichen For-
meln, die für die jeweiligen Definitionen vorgesehen sind. Genau dann, wenn sich die
Wahrheitswertbelegungen als identisch erweisen, sind die Definitionen korrekt.

A B A_B A^B A_PB AB A$B


w w w w f f w
w f w f w f f
f w w f w f f
f f f f f w w
Adjunktion Konjunktion Kontravalenz Rejektion Bisubjunktion
„oder“ „und“ „entweder oder“ „weder noch“ „genau dann wenn“
130 Eine zweite Annäherung

Freges Definition von „A oder B“

w w f w
w f w w
f w f w
f f w f

1 2 3 4
(V) 2 (B) 1,3

Vorgegebene und resultierende Wahrheitsfunktion sind identisch. Die begriffsschriftliche


Definition der Adjunktion ist korrekt.

Freges Definition von „A und B“

w w f f w
w f f w f
f w w w f
f f w w f

1 2 3 4 5
(V) 1 (B) 2,3 (V) 4

Vorgegebene und resultierende Wahrheitsfunktion sind identisch. Die begriffsschriftliche


Definition der Konjunktion ist korrekt.

Freges Definition von „entweder A oder B“

w w f f w f w w f
w f f w f w w f w
f w w w f f w f w
f f w w f w f w f

1 2 3 4 5 6 7 8 9
(V) 1 (B) 2,3 (V) 4 (V) 2 (B) 1,6 (B) 5,7 (V) 8
§ 15 „Ich habe die andere Weise gewählt“ 131

Vorgegebene und resultierende Wahrheitsfunktion sind identisch. Die begriffsschriftliche


Definition der Kontravalenz ist korrekt. Der Umfang dieses Falles ist dem Anliegen ge-
schuldet, A _ P B „mit der Nebenbedeutung des sich Ausschliessens in Zeichen“ (§ 7)
darzustellen, also unter Verwendung der beiden Bedingtheiten

und

auszudrücken. Verzichtet man auf diesen Anspruch, der definitionstheoretisch auch gar
nichts austrägt, so fällt die begriffsschriftliche Erfassung der Kontravalenz deutlich über-
sichtlicher aus. Der Leser sei daher auf das letzte Beispiel in diesem Paragraphen verwiesen.

Freges Definition von „weder A noch B“

w w f w f
w f w w f
f w f w f
f f w f w

1 2 3 4 5
.V/ 2 .B/ 1;3 .V/ 4

Vorgegebene und resultierende Wahrheitsfunktion sind identisch. Die begriffsschriftliche


Definition der Rejektion ist korrekt. Der Fall der Bisubjunktion wird von Frege in diesem
Kontext nicht eigens behandelt. An seiner statt zeigen wir die unproblematische Definier-
barkeit derselben.

ergänzende Definition von „A genau dann wenn B“

w w w f w f w
w f w f f w f
f w f w w w f
f f w f w f w

1 2 3 4 5 6 7
.B/ 1;2 .V/ 3 .B/ 1;2 .B/ 4;5 .V/ 6
132 Eine zweite Annäherung

Vorgegebene und resultierende Wahrheitsfunktion sind identisch. Die begriffsschriftliche


Definition der Bisubjunktion ist damit ebenfalls korrekt. Dabei treffen wir in der sechsten
Spalte auf die charakteristische Wahrheitswertbelegung für die Kontravalenz. Die Tabelle
ausschließlich Spalte Sieben kann daher gleichermaßen als eine begriffsschriftliche Defi-
nition für das ausschließende logische „oder“ betrachtet werden. Im Unterschied zur oben
gegebenen Definition benötigt diese hier statt vier Negationen nur noch eine.

§ 16 „Diese Unterscheidung [...] ist allein Sache der Auffassung“

Die Verfügbarkeit geeigneter Axiome vorausgesetzt, lassen sich unter Verwendung der
Bedingtheit sowie der Verneinung sämtliche Wahrheiten der (klassischen) Aussagenlo-
gik ausdrücken und beweisen. Alles, was bereits aufgrund seiner aussagenlogischen Form
allein allgemeingültig ist, lässt sich als solches erweisen. Die formalen Ausdrucksmög-
lichkeiten reichen damit soweit, ausnahmslos alle aussagenlogischen Junktoren begriffs-
schriftlich den elementaren beurteilbaren Inhalten A voranzustellen. In diesem Verständ-
nis „elementar“ ist unter anderem auch Freges Beispielsatz „bei Plataeae wurden die
Perser von den Griechen besiegt“, denn es handelt sich hierbei nicht um eine Aussage,
die mittels junktorenlogischer Verknüpfungen aus weniger komplexen Aussagen zusam-
mengesetzt wurde. Dasselbe gilt zudem für die daraus abgeleitete Einsicht, dass es dann
jemanden gibt, der bei Plataeae die Perser besiegte, die wahr sein muss, wenn der Bei-
spielsatz wahr ist. Obgleich diese Schlussfolgerung allein aufgrund der logischen Form
der Aussagen Wahrheitskonservativität gewährleisten sollte, so lässt sich dies doch nicht
mit den bereits etablierten Darstellungsmöglichkeiten der Paragraphen 5 bis 7 angemes-
sen erfassen. Aufgrund ihrer Sachverhaltsverschiedenheit müssten die beiden Sätze aus-
sagenlogisch schlicht durch verschiedene Buchstaben formalisiert werden, womit jede
Möglichkeit vertan wäre, eine zwischen ihnen bestehende formal-gültige Abhängigkeit
aufzuweisen.
Ein Formalisieren nach den aussagenlogischen Möglichkeiten reicht oftmals also gar
nicht aus, um die Anwendung logisch gültiger Regeln in Begründungszusammenhän-
gen erkennen, analysieren sowie rechtfertigen zu können. Hierfür muss in die logische
Form von aussagenlogischen Elementaraussagen hineingegangen werden, d. h. die Ele-
mentarstruktur muss aufgebrochen und selbst zum Gegenstand einer differenzierteren
Formalisierung gemacht werden. Das aussagenlogisch Elementare muss als das prädika-
tenlogisch Komplexe, das junktorenlogisch Atomare als das quantorenlogisch Molekulare
erkannt werden. Dass dies in jedem einzelnen Fall möglich ist, ja möglich sein muss, daran
lässt Frege selbst keinen Zweifel.

„In dem Ausdrucke eines Urtheils kann man die rechts von stehende Verbindung von
Zeichen immer als Function eines der darin vorkommenden Zeichen ansehen“ (§ 11).

Jede junktorenlogische Elementaraussage kann mit geeigneten Mitteln in ihre prädika-


tenlogischen Bestandteile zerfällt werden. Diese fundamentale Einsicht ist ein Nachtrag
§ 16 „Diese Unterscheidung [...] ist allein Sache der Auffassung“ 133

zum Paragraphen 9, einem „Important §“46 , wie Russell handschriftlich zu kommen-


tieren wusste, an dessen Inhalten Frege stetig weiterarbeiten sollte. Doch erst mehr als
ein Jahrzehnt später, wird er „einige Ergänzungen und neue Fassungen mittheilen, deren
Nothwendigkeit sich mir seitdem ergeben hat“.47 Betrachten wir also obigen Beispielsatz,
der für die bis dato bereitgestellten begriffsschriftlichen Mittel keiner weiteren Zerfällung
zugänglich ist. Gleichwohl können wir uns etwa fragen, ob die Perser von den Griechen
einzig bei Plataeae besiegt wurden. Mit Bezug auf die Perserkriege im Allgemeinen sowie
einem Wissen um bedeutsame Schlachten im Einzelnen können wir unter anderem darauf
hinweisen, dass im Besonderen die Schlachten bei Marathon sowie Salamis ebenfalls die
Besonderheit besitzen, dass hier die Perser von den Griechen besiegt wurden. Ausgehend
der Aussage „bei Plataeae wurden die Perser von den Griechen besiegt“ haben wir an
einem Satzbestandteil „bei (____) wurden die Perser von den Griechen besiegt“ festge-
halten, während wir einen anderen – „Plataeae“ – ersetzt haben durch die Wahl anderer
Ortsnamen. Verändert wurde damit selbstverständlich stets die gesamte Aussage, denn in
den genannten Fällen resultierte durch die Ortsveränderung stets ein neuer Sachverhalt.
„Indem man einen Ausdruck in dieser Weise veränderlich denkt, zerfällt derselbe in
einen bleibenden Bestandtheil, der die Gesammtheit der Beziehungen darstellt, und in
das Zeichen, welches durch andere ersetzbar gedacht wird, und welches den Gegenstand
bedeutet, der in diesen Beziehungen sich befindet. Den ersteren Bestandtheil nenne ich
Function, den letzteren ihr Argument. Diese Unterscheidung hat mit dem begrifflichen
Inhalte nichts zu thun, sondern ist allein Sache der Auffassung“ (§ 9). Die benannte Dif-
ferenzierung folgt hierbei keinen grammatikalischen Besonderheiten einzelner Sprachen,
sondern orientiert sich einzig an den erfahrungsermöglichenden Sprachfunktionen des Be-
nennens und Bezeichnens. Unterschieden wird hinsichtlich der beiden Bestandteiltypen,
worüber gesprochen wird und was darüber zum Ausdruck gebracht wird, wobei bereits
das Beispiel deutlich werden lässt, dass benennende Ausdrücke problemlos Bestandteile
komplexer bezeichnender Ausdrücke sein können. Diese operative Differenzierung wird
in Freges späterem Werk in der epistemologischen Unterscheidung zwischen gesättigten
logischen Subjekten und ungesättigten logischen Prädikaten aufgehen. Es handelt sich
hierbei um das Logischeinfache, welches schließlich nur noch durch das Geben von Win-
ken verstanden werden kann.48
Die Aussage „bei Plataeae wurden die Perser von den Griechen besiegt“ können wir
also hinsichtlich der (Aussage)Funktion/Aussageform „bei (____) wurden die Perser von
den Griechen besiegt“ und dem Argument/dem Gegenstand „Plataeae“ unterscheiden. Da
im Falle dieser Analyse der Ortsname der Schlacht „durch andere ersetzbar gedacht wird“,
können in dieselbe Funktion auch andere Argumente eingesetzt werden, etwa „Salamis“,
„Marathon“ oder „Lade“. Doch während im Fall von „bei Salamis wurden die Perser von
den Griechen besiegt“ oder „bei Marathon wurden die Perser von den Griechen besiegt“

46
Russell zit. n. Linsky (2004), 29.
47
Frege (1891), 1.
48
Vgl. etwa Frege (1892b), 193.
134 Eine zweite Annäherung

wiederum wahre Aussagen resultieren, resultiert im Fall von „bei Lade wurden die Per-
ser von den Griechen besiegt“ eine falsche, denn diese frühe Schlacht ging zugunsten
der Perser aus. Nun sind wir freilich nicht darauf festgelegt, unsere Beispielaussage exakt
in dieser Weise hinsichtlich Funktion und Argument zu differenzieren. Schließlich folgte
dies erst einmal dem Erkenntnisanliegen, nach weiteren Schlachten Ausschau zu halten,
bei denen die Perser durch die Griechen besiegt wurden. Andere Satzbestandteile können
ebenso als veränderlich erwogen werden. So können wir nicht nur danach fragen, wer bei
Plataeae von den Griechen besiegt wurde („bei Plataeae wurde (____) von den Griechen
besiegt“) bzw. wer bei Plataeae die Perser besiegt hat („bei Plataeae wurden die Perser von
(____) besiegt“). Wir können auch die Funktion betrachten, wer überhaupt bei Plataeae
gegeneinander kämpfte („bei Plataeae wurde (____) von (____) besiegt“), wen die Grie-
chen auch andernorts besiegten („bei (____) wurde (____) von den Griechen besiegt“)
bzw. durch wen die Perser auch bei anderen Gelegenheiten besiegt wurden („bei (____)
wurden die Perser von (____) besiegt“). Schließlich kann man noch die Funktion betrach-
ten, wer überhaupt jemals durch jemand anderen besiegt wurde („bei (____) wurde (____)
von (____) besiegt“). Die letzten vier Beispiele machen bereits von der Möglichkeit Ge-
brauch, dass mehr als nur ein Satzbestandteil variabel gehalten werden kann. Solange es
überhaupt eine (unveränderliche) Aussageform gibt, können Funktionen auch mehrstellig
entworfen werden. „Wenn man in einer Function ein bis dahin als unersetzbar angesehe-
nes Zeichen an einigen oder allen Stellen, wo es vorkommt, ersetzbar denkt, so erhält man
durch diese Auffassungsweise eine Function, die ausser den bisherigen noch ein Argument
hat. Auf diese Weise entstehen Functionen von zwei und mehr Argumenten“ (§ 9).
Die Funktion-Argument-Unterscheidung ist also keine absolute, sondern eine relati-
ve, sie „ist allein Sache der Auffassung“. Was immer jedoch als Auffassung erwogen
wird, es muss dem Funktionalanliegen genügen und darf sich mithin nicht der Beliebig-
keit hingeben. Aus dem Relativcharakter der Unterscheidung folgt weder, dass sie selbst
beliebig ist, noch, dass etwas Vergleichbares für das durch sie Unterschiedene gilt. Je
nach dem, was als unveränderlich/veränderlich gedacht wird, liegt fest, was entsprechend
als veränderlich/unveränderlich zu behandeln ist. Ein und dieselbe Aussage kann also in
der Regel durch verschiedene Funktion-Argument-Darstellungen wiedergegeben werden.
Durch diese Relativbetrachtung der Funktion-Argument-Rede klingt bereits an, dass beide
Begriffe nur im Rückgriff auf den jeweils anderen semantisch erläutert sowie operativ im-
plementiert werden können. Keine Funktion ohne Wissen um die Art des Argumentseins
und keine Argumente ohne Wissen um die Funktionszugehörigkeit. Die Bestimmung einer
der beiden Seiten geht notwendigerweise mit der Charakterisierung der jeweils anderen
einher. Funktion und Argument operieren komplementär zu einander. „Wir drücken jetzt
die Sache allgemein aus: Wenn in einem Ausdrucke, dessen Inhalt nicht beurtheilbar zu
sein braucht, ein einfaches oder zusammengesetztes Zeichen an einer oder an mehren
Stellen vorkommt, und wir denken es an allen oder einigen dieser Stellen durch Ande-
res, überall aber durch Dasselbe ersetzbar, so nennen wir den hierbei unveränderlich
erscheinenden Theil des Ausdruckes Function, den ersetzbaren ihr Argument“ (§ 9). Ein
vollständiges Ganzes zerfällt also in einen unveränderlichen und einen ersetzbaren Teil –
§ 16 „Diese Unterscheidung [...] ist allein Sache der Auffassung“ 135

eine Einsicht, die Frege später unter Gebrauch geeigneter Metaphern als „logische Urer-
scheinung“ bezeichnen wird, „die einfach anerkannt werden muß“.49
Es bedarf durchaus der wertschätzenden Betonung, dass die Einführung dieser logisch-
funktionalen Unterscheidung an keiner einzigen Stelle infiltriert wurde durch grammati-
kalische Differenzierungsabsichten oder derartige Belange inspirierend Pate standen für
die Grundlegung der prädikatenlogischen Syntax. Frege operiert mit der wertungsfreien
Funktionsunterscheidung zwischen einem unveränderlichen Bestandteil und (mindestens)
einem ersetzbaren. Die Art der Zerfällung legt operativ fest, was Funktion und was Argu-
ment ist. Nirgendwo spielt die Betonung oder die vorgelagerte Akzentuierung eines Aus-
drucks innerhalb eines Satzes eine Rolle für die Frage, ob er als Argument zu verstehen
ist. Hierin unterscheidet sich die logische Terminologie grundlegend von der Grammatik
einer Einzelsprache, denn in dieser ist das „Subject [...] in dem Sinne des Sprechenden
gewöhnlich das hauptsächliche Argument; das nächst wichtige erscheint oft als Object.
Die Sprache hat durch die Wahl zwischen Formen und Wörtern, wie
Activum – Passivum,
schwerer – leichter,
geben – empfangen
die Freiheit, nach Belieben diesen oder jenen Bestandtheil des Satzes als hauptsächliches
Argument erscheinen zu lassen, eine Freiheit, die jedoch durch den Mangel an Wörtern
beschränkt ist“ (§ 9). Während in der Einzelsprache also gegebenenfalls der gesamte Satz
grammatisch umzustellen ist, um einen anderen Bestandteil als Subjekt erscheinen zu las-
sen, wird in der Logik ein und derselbe Satz lediglich anders zerfällt. Die logische Form
hält alles zusammen – sie bildet das identitätsstiftende Element in den verschiedenen Zer-
fällungen desselben.
Damit in der formalen Darstellung Eindeutigkeit gewährleistet bleibt, muss innerhalb
eines zusammengesetzten Ausdrucks syntaktisch klar zwischen der Funktion und ihrem
Argument bzw. ihren Argumenten unterschieden werden. Eine unbestimmte Funktion ˚
eines Arguments A wird dadurch ausgedrückt, dass das Argument in Klammern einge-
schlossen auf den Funktionsausdruck folgt: ˚.A/. Entsprechendes gilt für mehrstellige
Funktionen: ˚.A1 ; : : : ; An /. Vor allem in dieser Darstellungskonvention erinnert Freges
Funktionsbegriff an die mathematische Tradition, wenngleich er weitaus umfangreicher
gefasst ist. Unter Freges Funktion-Argument-Unterscheidung lassen sich eben nicht nur
mathematische Funktionen subsumieren, sondern eine überragende Vielfalt sprachlicher
Ausdrucksmöglichkeiten, allen voran die gesamte assertorische Rede. Jede Behauptung
lässt sich als Aussagefunktion eines oder mehrerer Argumente erfassen. Freges Funkti-
onsbegriff besitzt hierbei eine expressive Stärke, die nicht nur das als Argument zu be-
handeln gestattet, was üblicherweise die Rolle des logischen Subjektes einnimmt. Selbst-
verständlich ermöglicht ein Urteil der Form P .c/ die Lesart, dass c das Argument und
P ._/ die Aussagefunktion ist, die zusammen das fragliche Urteil „dem durch ‚c‘ be-
nannten Gegenstand kommt die Eigenschaft zu, P zu sein“ bilden. P kommt einzel-

49
Frege (1903), 371.
136 Eine zweite Annäherung

nen Gegenständen zu, anderen indes nicht. Doch mit Freges Funktionsbegriff spricht
überhaupt nichts dagegen, statt dem Prädikat P das ehemalige Argument c konstant
zu halten und mithin zum Funktionsbestandteil der Aussage zu erklären: „(_) ist eine
Eigenschaft, die dem durch ‚c‘ benannten Gegenstand zukommt“. Wir sprechen nun-
mehr also nicht länger über die Gegenstände, denen P zukommt, sondern über die Ei-
genschaften, die c zugesprochen werden können. Eine-Eigenschaft-von-c-zu-sein(_) ist
mithin eine Funktion, an deren Argumentstelle Namen für Begriffe zu setzen sind, wie
etwa Eine-Eigenschaft-von-c-zu-sein(P ) („P besitzt die Eigenschaft, eine Eigenschaft
von c zu sein“). Wir drücken zwar im Wesentlichen dasselbe aus wie im Fall von P (c),
doch die vorgenommene Funktion-Argument-Unterscheidung erfolgte geradewegs inver-
tiert zur vormaligen. „Man sieht, dass im gewöhnlichen Sinne von Subject und Prädicat
hier keine Rede sein kann“ (§ 3). Diese sprachlichen Variationsmöglichkeiten machen
deutlich, dass es einzig der vorgelagerten Klärung dessen bedarf, was als „unveränderlich
erscheinender Theil des Ausdruckes“ anzusehen ist. „Da in dem Ausdrucke

˚.A/

das Zeichen ˚ an einer Stelle vorkommt, und da wir es durch andere Zeichen  , X
ersetzt denken können — wodurch dann andere Functionen des Argumentes A ausge-
drückt würden —, so kann man ˚.A/ als eine Function des Argumentes ˚ auffassen.
Man sieht hieran besonders klar, dass der Functionsbegriff der Analysis, dem ich mich im
Allgemeinen angeschlossen habe, weit beschränkter ist als der hier entwickelte“ (§ 10).
Dessen Ausdrucksstärke eröffnet darüber hinaus das beeindruckende Anwendungsfeld,
ganzen Sätzen die Rolle des logischen Subjektes in höherstufigen Aussagen zuzuerken-
nen. Schließlich sollte die metasprachliche Möglichkeit gewahrt werden, über Proposi-
tionen zu urteilen – etwa festzustellen, dass es sich bei einem dargestellten Sachverhalt
um eine Tatsache handelt. „Hier kann man zwar auch, wenn man will, Subject und Prä-
dicat unterscheiden, aber das Subject enthält den ganzen Inhalt, und das Prädicat hat nur
den Zweck, diesen als Urtheil hinzustellen. Eine solche Sprache würde nur ein einziges
Prädicat für alle Urtheile haben, nämlich „ist eine Thatsache““ (§ 3). Freges Funktions-
begriff erfasst damit nicht nur die konventionellen subsententialen logischen Bausteine,
sondern auch beliebig komplexe Aussagen, wenn sie, vertreten durch ihre Namen, et-
wa als Argumente der Urteilsfunktion behandelt werden. „Eine solche Sprache ist un-
sere Begriffsschrift und das Zeichen ist ihr gemeinsames Prädicat für alle Urtheile“
(§ 3).
In geradezu vollendeter Form entfaltet Frege mit diesen Überlegungen den kanoni-
schen Begriff der logischen Aussageform. Dieser Begriff, der sich ab dem 20. Jahrhundert
für so viele Disziplinen als ein unverzichtbarer Baustein erweisen sollte, fand unter den
Zeitgenossen kaum eine gebührende Wertschätzung. Die Essenz seiner Einführung wurde
verkannt, dafür umso öfter erwogen, Freges Funktion-Argument-Unterscheidung erweise
sich als wenig zielführend. So wollte etwa Paul Tannery gar nicht erst leugnen, dass die-
§ 16 „Diese Unterscheidung [...] ist allein Sache der Auffassung“ 137

ser Zugang nicht sehr vielversprechend erscheint.50 Ob durch die dreifache Negation die
enthaltene Kritik stilistisch relativiert oder dann doch eher bekräftigt werden sollte, mag
jeder für sich beurteilen. Unstrittig ist indes, dass Tannery mit dieser Feststellung eine gra-
vierende Fehleinschätzung vornimmt, denn dieses nicht sehr Vielversprechende sollte sich
als bahnbrechend erweisen. Ein klarer Indikator dafür, dass Tannery seiner Rolle als Re-
zensent der Begriffsschrift nicht gewachsen war. Aber das galt bekanntlich gleichermaßen
für die Urheber so manch anderer Besprechung.
Eine exponierte zweistellige Funktion bedarf an dieser Stelle der besonderen Er-
wähnung. Nicht nur erfährt sie mit dem vorangegangenen Paragraphen 8 eine eigen-
ständige Behandlung, sondern an keiner Stelle der Schrift sollte sich später die weitere
philosophisch-logische Entwicklung des Autors derart deutlich zu erkennen geben, wie
in der Auseinandersetzung mit dieser Relation. Die fragliche Passage betrifft die Aus-
führungen zur Inhaltsgleichheit und der problematische Topos die damit einhergehende
semantische Analyse von nicht trivialen Identitätsurteilen der Form a D b, die 1879 noch
in der Darstellung der zweistelligen Funktion (_) (_) erörtert wurde. Die drei parallelen
Striche wurden später wieder zugunsten des gebräuchlichen Gleichheitszeichens ersetzt,
„da ich mich überzeugt habe, dass es in der Arithmetik grade die Bedeutung hat, die auch
ich bezeichnen will“.51 Mit dem gewählten Funktionszeichen hatte das Problem jedoch
wenig zu tun, es betraf vielmehr die Frage, zwischen wem oder was hier eine Identität
besteht oder beansprucht wird. Wahrscheinlich für große Teile des gesamten nachfolgen-
den Jahrzehnts traf die erst 1892 explizit formulierte Diagnose zu, die „Gleichheit fordert
das Nachdenken heraus durch Fragen, die sich daran knüpfen und nicht ganz leicht zu
beantworten sind“.52 Frege spricht hier über sich selbst und vor allem über das, was „ich
in meiner Begriffsschrift angenommen [hatte]“.53
Die logisch exponierte Identität, so Frege in seinem ersten Klärungsversuch, unter-
scheidet sich von den logischen Partikeln vor allem dadurch, „dass sie sich auf Namen,
nicht auf Inhalte bezieht“ (§ 8). Behauptet wird also nicht die Identität eines Gegenstan-
des mit sich selbst, sondern es wird die Inhaltsgleichheit von Namen für Gegenstände
ausgedrückt. Die Zeichen kehren „plötzlich ihr eignes Selbst hervor, sobald sie durch das
Zeichen der Inhaltsgleichheit verbunden werden“ (§ 8). Gegenstand der Rede in einem
Urteil des Typs a D b sind mithin die Namen für Gegenstände und nicht die durch a und
b benannten Gegenstände. Identitätsurteile der Form a D b stellen fest, dass der durch
„a“ benannte Gegenstand derselbe ist wie der durch „b“ benannte. Die Namen a und b
benennen denselben Gegenstand/besitzen denselben Inhalt. Einsichten dieser Form kön-
nen durchaus hilfreich sein, schließlich besitzen viele Gegenstände mehr als nur einen
Namen und „derselbe Inhalt kann auf verschiedene Weisen völlig bestimmt werden; dass

50
Tannery (1879), 108.
51
Frege (GGA I), IX.
52
Frege (1892a), 25.
53
Frege (1892a), 25.
138 Eine zweite Annäherung

aber in einem besondern Falle durch zwei Bestimmungsweisen wirklich Dasselbe gegeben
werde, ist der Inhalt eines Urtheils“ (§ 8).
Für einen kurzen Moment scheint mit der Rede von den „zwei Bestimmungsweisen“
die fundamentale Einsicht fassbar, dass einem Unterschied zwischen Namen ein Unter-
schied in der Art des Gegebenenseins des Bezeichneten entsprechen könnte. Doch dieses
dezente Anklingen terminologischer Finesse erfährt keine Fortführung. Es sind nicht die
verschiedenen Namen, die verschiedene Arten des Gegebenseins ausdrücken, vielmehr
„müssen den beiden Bestimmungsweisen entsprechend zwei verschiedene Namen dem
dadurch Bestimmten verliehen werden“ (§ 8). Die Namen werden also per Festsetzung
„verliehen“. Die bedeutungstheoretische Ebene des Sinns eines Zeichens bleibt unerkannt
und so behandelt Frege Identitätsurteile als Benennungskonventionen, auch wenn er um-
gehend dafür plädiert, „dass die verschiedenen Namen für denselben Inhalt nicht immer
blos eine gleichgiltige Formsache sind, sondern dass sie das Wesen der Sache selbst be-
treffen, wenn sie mit verschiedenen Bestimmungsweisen zusammenhängen“ (§ 8). Das
mag bei der Namengebung zuweilen eine Rolle spielen, doch berührt dies einzig die Frage
der Angemessenheit, nicht die der Wahrheit. Mit Freges Identitätsurteilen wird nun zwar
etwas über die Gebrauchsbedingungen von Namen ausgesagt, nichts aber mehr über die
benannten Gegenstände. Die Verknüpfung zwischen Name und Gegenstand folgt hierbei
einer Festsetzung. „Diese aber ist willkürlich. Man kann keinem verbieten, irgendeinen
willkürlich hervorzubringenden Vorgang oder Gegenstand zum Zeichen für irgend etwas
anzunehmen. Damit würde dann ein Satz a D b nicht mehr die Sache selbst sondern nur
noch unsere Bezeichnungsweise betreffen; wir würden keine eigentliche Erkenntnis darin
ausdrücken“.54 Damit war klar, dass die semantische Analyse von Identitätsurteilen aus
der Begriffsschrift nicht länger haltbar ist. Was folgte, war Freges grandioser Lösungs-
vorschlag, der schließlich ab dem 20. Jahrhundert so unglaublich viele Philosophen und
Logiker inspirieren sollte. Doch das ist ein anderes Kapitel.

§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“

Freges Einsichten in die Funktion-Argument-Struktur einer jeden Aussage sind wegwei-


send. Durch sie wird das Tor für eine moderne Quantorenlogik – auch höherer Stufe –
weit aufgestoßen. Doch die Funktion-Argument-Unterscheidung allein vermag weder zu
erfassen noch zu erklären, warum dem Übergang von „bei Plataeae wurden die Perser von
den Griechen besiegt“ auf „es gibt jemanden, der bei Plataeae die Perser besiegte“ ein
logisch gültiger Schluss zugrunde liegt. Hierzu bedarf es im Besonderen einer Theorie
der Quantifikation, die das logische Operieren mit Argumenten sowie den Umgang mit
Quantoren und Variablen erklärt. Nachdem wir nun bereits die aussagenlogische Grund-
form einer Elementaraussage A um die in ihr enthaltene prädikatenlogische Grundform

54
Frege (1892a), 26.
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 139

einer Atomaraussage ˚.c/ erweitert haben, bedarf es darüber hinaus einer entsprechenden
syntaktischen Erweiterung der begriffsschriftlichen Darstellungsmöglichkeiten. Schließ-
lich sollen im Kalkül die nunmehr ausdrückbaren prädikatenlogischen Aussagen nicht nur
aussagenlogisch in der Form ˚.c/ behandelt werden, sondern auch mit quantorenlo-
gischen Mitteln. Dies besagt, dass die logische Syntax einer prädikatenlogischen Aussage
im wörtlichen Sinne über das hinausreichen muss, was bereits durch die aussagenlogi-
sche Darstellung erfasst ist. Neben der begriffsschriftlichen Grundform A bedarf es
also einer weiteren, die dadurch entsteht, dass man an die Stelle des Argumentes einen
deutschen Buchstaben setzt und den Inhaltsstrich mit einer Höhlung versieht, in der exakt
dieser Buchstabe steht:

Dieses begriffsschriftliche Urteil besagt, „dass jene Function eine Thatsache sei, was man
auch als ihr Argument ansehen möge“ (§ 11). Im Unterschied zur begriffsschriftlichen
Grundform von aussagenlogischen Wahrheiten besteht die Formel für eine allgemeine prä-
dikatenlogische Wahrheit nicht nur aus einem, sondern aus zwei Inhaltsstrichen, die durch
die Höhlung miteinander verbunden werden. Während im Falle aussagenlogischer Forma-
lisierungen Inhaltsstriche stets vor beurteilbaren Inhalten zur Kennzeichnung derselben
zu platzieren sind, bilden einzelne Inhaltsstriche im Falle von Quantifikationen einen
Bestandteil von beurteilbaren Inhalten. Der syntaktische Aufbau einer allquantifizierten
prädikatenlogischen Formel nimmt hierbei ihren Ausgangspunkt bei einem beurteilbaren
Inhalt der Form ˚.c/. Soll nun erwogen werden, dass ˚.c/ für beliebige c der Fall ist,
so ist der Inhalt entsprechend zu erweitern zu:

D. h. das Argument wird ersetzt durch einen durch eine Höhlung gebundenen deutschen
Buchstaben, dessen Geltungsbereich sich auf die gesamte ˚-Formel erstreckt. Frege ver-
wendet zwar nicht den heute üblichen Ausdruck einer gebundenen Variablen, „since it is
hardly possible to explain it properly“55 , doch exakt dies liegt hier vor. Der gesamte Aus-
druck besagt, „dass ˚.a) gelte, was man auch an die Stelle von a setzen möge“ (§ 11). Da
dies jedoch wiederum einen beurteilbaren Inhalt darstellt, muss dem gesamten Ausdruck
abermals ein Inhaltsstrich vorangestellt werden:

In Anwendung auf die Bedeutung des Buchstabens besagt dies, sie ist „den selbstverständ-
lichen Beschränkungen unterworfen, dass dabei die Beurtheilbarkeit (§ 2) einer auf einen
Inhaltsstrich folgenden Zeichenverbindung unberührt bleiben muss“ (§ 11). Was immer

55
Frege zit. n. Jourdain (1912), 276.
140 Eine zweite Annäherung

mit einem durch eine Höhlung gebundenen Buchstaben gebildet wird, es muss ein beur-
teilbarer Inhalt bleiben. Das zeigt die Erweiterung um den zweiten Inhaltsstrich unmiss-
verständlich an. Mit dem resultierenden Urteilsstrich folgt nunmehr die Anerkennung,
dass für alle a ˚.a/ gilt. Freges prädikatenlogische Grundform ist also eine allquantifizier-
V
te Aussage des Typs x˚.x/, wobei ˚ eine beliebig komplexe Aussageform/Funktion
sein kann und x eine durch einen Allquantor gebundene Gegenstandsvariable ist.
Gehen wir indes noch einmal diesen einen Schritt zurück zum beurteilbaren Inhalt
„dass ˚.a/ gelte, was man auch an die Stelle von a setzen möge“, so steht es uns selbst-
verständlich frei, diesen – aus welchen Gründen auch immer – zu verneinen. Mit dem
Baukastenprinzip der Begriffsschrift lässt sich problemlos ausdrücken, dass ˚.a/ nicht
für beliebige a gilt:

Um also die Verneinung einer Allgemeinheit auszudrücken, gehen wir gleichermaßen von
einem beurteilbaren Inhalt der Form ˚.c/ aus, um nachfolgend die Allgemeinheit auszu-
drücken, die es schließlich zu verneinen gilt. All diese semantischen Kompositionsschritte
erfolgen erst einmal, wie schon im Fall des Aufbaus begriffsschriftlicher Formeln für die
Aussagenlogik, ohne behauptende Kraft. Solange wir mit dem geordneten Aufbau kom-
plexer beurteilbarer Inhalte befasst sind, erfährt die Geltung eine Einklammerung. Der
resultierende Inhaltsstrich macht dies verbindlich.
Darüber hinaus ist bei der Auswahl einer bestimmten Variablen darauf zu achten, „dass,
wenn der deutsche Buchstabe als Functionszeichen auftritt, diesem Umstande Rechnung
getragen werde. Alle übrigen Bedingungen, denen das unterworfen sein muss, was an die
Stelle eines deutschen Buchstaben gesetzt werden darf, sind in das Urtheil aufzunehmen“
(§ 11). Auf den ersten Blick vermittelt diese Bedingung den Eindruck einer unzulässigen
Vermengung zwischen formalen und inhaltlichen Aspekten. Doch Frege zielt mit diesem
Hinweis (wahrscheinlich) darauf ab, dass die geeignete Wahl von Gegenstandsnamen auch
von den semantischen Besonderheiten der gesamten Aussagefunktion abhängt. Immerhin
sollte in einer Formel, in der etwas quantifiziert etwa über Sterblichkeit ausgesagt wird,
nicht problemlos ein Name für ein Artefakt substituiert werden dürfen. Dies berücksichti-
gen wir im Fall einer Allaussage üblicherweise durch eine konditionale Struktur, die den
Geltungsbereich des Quantors vorsorglich beschränkt auf die Gesamtheit jener Gegen-
stände, für welche die Aussageform überhaupt wohldefiniert ist. Derartige Bedingungen
werden also „in das Urteil aufgenommen“.
Mit der Definition der Allgemeinheit können umgehend auch existenzquantifizierte Ur-
teile ausgedrückt werden, die in der begriffsschriftlichen Darstellung jedoch kein eigenes
Zeichen für Partikularität/Besonderheit erhalten. Wenn wir verneinen, dass für alle a ˚.a/
nicht gilt, dann gibt es mindestens ein a, für das ˚.a/ der Fall ist. Begriffsschriftlich be-
darf es hierfür einzig der Ergänzung durch zwei Verneinungsstriche:
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 141

V
Diesem Ausdruck entspricht heutzutage die Formel : x:˚.x/, womit nichts anderes
W
benannt ist als das kanonische Definiens für das Definiendum x˚.x/. Freges begriffs-
schriftliche Erweiterungen sind also reichhaltig genug, um umgehend die zweite quanto-
renlogische Partikel – den Existenzquantor – ausdrücken zu können. Jedoch gilt auch hier
wieder, dass Frege aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die Einführung weiterer Zei-
chen verzichtet, damit nachfolgend die Angabe der erforderlichen Grundgesetze ebenfalls
sparsam erfolgen kann.
Die unkomplizierte Möglichkeit, (verneinte) existenz- und allquantifizierte Aussagen
(erster Stufe) formalisieren zu können, ist eine bedeutsame Gelingensbedingung in der
Bereitstellung prädikatenlogischer Mittel. Doch sie setzt voraus, dass hinreichend ge-
klärt ist, wie ein durch Höhlung gebundener Buchstabe satzsyntaktisch operiert, wann ein
durch Höhlung gebundener Buchstabe eingeführt/getilgt werden kann und welcher durch
Höhlung gebundene Buchstabe gegebenenfalls (nicht) genommen werden darf. Erste Er-
läuterungen wurden bereits gegeben und Antworten auf diese sowie damit verbundene
Fragen bilden das Herzstück von Freges Theorie der Quantifikation, denn der große Fort-
schritt der begriffsschriftlichen Prädikatenlogik besteht weniger in der figuralen Kreierung
eines Quantors, als vielmehr in der Bestimmung seiner operativen Semantik. Es geht also
um die zentrale Frage, wie diese logische Partikel im Kalkül funktioniert. Die einfachste
der angesprochenen Bedingungen betrifft die Tilgung des durch die Höhlung gebundenen
Buchstabens a in Urteilen der Form

der jederzeit durch ein beliebiges, aber bestimmtes Argument c ersetzt werden kann hin
zum Einzelurteil ˚.c/. Da es aufgrund der logischen Form ausgeschlossen ist, dass
˚.c/ für kein einziges c falsch sein kann, wenn das allgemeine Urteil wahr ist, gewähr-
leistet der Schluss von der Allaussage auf das Einzelurteil Wahrheitskonservativität. „Aus
einem solchen [allgemeinen, MW] Urtheile kann man daher immer eine beliebige Men-
ge von Urtheilen mit weniger allgemeinem Inhalte herleiten, indem man jedes Mal an
die Stelle des deutschen Buchstaben etwas Anderes einsetzt, wobei dann die Höhlung
im Inhaltsstriche wieder verschwindet“ (§ 11). Dies gilt jedoch nur für den Fall, dass
die Allgemeinheit/der Allquantor/die Höhlung die Hauptpartikel der gesamten begriffs-
schriftlichen Formel repräsentiert. Sofern der durch eine Höhlung gebundene Buchstabe
sich lediglich auf einen Teil der gesamten Formel bezieht, wie etwa in den Fällen

so ist eine Ableitung von weniger allgemeinen Urteilen ausgeschlossen, weil die vorlie-
genden komplexen Urteile keine Allaussagen sind, keine Allgemeinheiten ausdrücken.
142 Eine zweite Annäherung

V V
Im Fall von : aX.a/ liegt eine negierte Allaussage vor und im Fall von aX.a/!A
eine inhomogene Subjunktion, deren Antezedens eine Allaussage ist. Während im Fall
V
von : aX.a/ gerade geleugnet wird, dass die X-Funktion sämtlichen Gegenständen
zukommt und es mithin unzulässig ist, an die Stelle der gebundenen Variablen a ein belie-
V
biges Argument zu setzen, wird im Fall von aX.a/!A überhaupt nicht behauptet, dass
V
aX.a/ der Fall ist, sondern einzig die konditionale Geltung beansprucht, dass A der
V
Fall ist, sofern aX.a/ gilt. Damit ist der Fall einer unerfüllbaren X-Funktion nicht ein-
mal ausgeschlossen. In beiden Fällen darf jedenfalls a nicht einfach durch irgendwelche
Argumente ersetzt werden.

„Dies erklärt, weshalb die Höhlung mit dem hineingeschriebenen deutschen Buchstaben nö-
thig ist: sie grenzt das Gebiet ab, auf welches sich die durch den Buchstaben bezeichnete
Allgemeinheit bezieht. Nur innerhalb seines Gebietes hält der deutsche Buchstabe seine Be-
deutung fest; in einem Urtheile kann derselbe deutsche Buchstabe in verschiedenen Gebieten
vorkommen, ohne dass die Bedeutung, die man ihm etwa in dem einen beilegt, sich auf die
übrigen miterstreckt“ (§ 11).

Die Reichweite eines durch Höhlung gebundenen Buchstabens erstreckt sich damit exakt
auf den beurteilbaren Inhalt jener Teilformel, die der Höhlung nachfolgt. Die Höhlung
grenzt damit eindeutig „das Gebiet ab, auf welches sich die durch den Buchstaben be-
zeichnete Allgemeinheit bezieht“. Für beliebige begriffsschriftliche Formeln B gilt daher,
dass im Falle eines jeden Vorkommnisses von

in B der Geltungsbereich von a ausnahmslos beschränkt bleibt auf die Teilformel A,


die exakt diesem Vorkommnis der Höhlung nachfolgt. Alle anderen Teilformeln von B,
die gegebenenfalls weitere durch Höhlung gebundene Buchstaben umfassen, sind hier-
von nicht betroffen, denn einzig „innerhalb seines Gebietes hält der deutsche Buchstabe
seine Bedeutung fest“. Es kommt also wesentlich darauf an, an welcher Stelle der begriffs-
schriftlichen Baumstruktur sich die Höhlung befindet. Während im Fall von

die beliebig komplexe Teilformel A in den Geltungsbereich der gebundenen Variablen


fällt, befindet sich exakt dieselbe Teilformel vollständig außerhalb dieses Geltungsbe-
reichs, wenn wie im Fall von

die Konditionalstruktur anders gefasst ist. Freges Notation visualisiert auf vorzügliche
Weise diese Geltungsbedingung seiner Quantifikationstheorie. Letztlich geht es darum,
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 143

ob ein vertikaler Verbindungsstrich räumlich vor oder nach der Höhlung platziert wur-
de, um weitere Inhalte zu komponieren. Wird also mittels Bedingungsstrich eine beliebig
komplexe Teilformel A vor einer Höhlung angebracht – und dies gilt für

gleichermaßen –, dann fällt diese Teilformel A nicht in den Geltungsbereich der durch
die Höhlung gebundenen Variablen, so dass deren Bedeutung für diese Teilformel neu
festgesetzt werden kann. Damit ist im Besonderen der Fall zugelassen, dass ein und der-
selbe Buchstabe als gebundene Variable an verschiedenen Stellen einer komplexen Formel
auftreten kann, sofern die hierdurch abgegrenzten Gebiete voneinander getrennt sind wie
etwa im Fall:

Da sich der Geltungsbereich des Buchstabens a in dem einen Fall beschränkt auf die
˚-Formel und ein anderes Mal auf die davon vollständig unabhängige X-Funktion, sind
V V
beide Gebiete voneinander komplett abgegrenzt. aX.a/! a˚.a/ ist entsprechend ei-
ne Subjunktion, durch die festgestellt wird, dass ˚ allen Gegenständen zukommt, wenn
bereits gilt, dass X allen Gegenständen zukommt. Im vorliegenden Fall darf derselbe
Buchstabe Verwendung finden, weil die Geltungsbereiche der gebundenen Variablen ein-
ander nicht einschließen. Damit ist gewährleistet, dass „derselbe deutsche Buchstabe in
verschiedenen Gebieten vorkommen [kann], ohne dass die Bedeutung, die man ihm et-
wa in dem einen beilegt, sich auf die übrigen miterstreckt“. Doch selbstverständlich muss
auch die Möglichkeit in einander verschränkter Geltungsbereiche darstellbar sein, wie et-
wa das Beispiel

zeigt. „In diesem Falle müssen sie verschieden gewählt werden; man dürfte nicht statt e
a setzen“ (§ 11). Im betrachteten Beispiel liegt eine allquantifizierte Subjunktion vor, de-
ren gesamtes Formelgebiet durch die Variable a gebunden wird. Der Geltungsbereich des
durch die Höhlung gebundenen Buchstabens a erstreckt sich auf die gesamte Formel, im
Besonderen auf das allquantifizierte Antezedens
144 Eine zweite Annäherung

der Subjunktion. Um die Allgemeinheit dieser Teilformel auszudrücken darf mithin nicht
mehr der Buchstabe a verwendet werden, weil andernfalls eine durch Höhlung bereits er-
folgte Abgrenzung erneut und anders als bereits geschehen erfolgen würde. Im Fall einer
Doppelbelegung würde derselbe durch Höhlung gebundene Buchstabe innerhalb ein und
derselben Formel verschiedene Gebiete abgrenzen. Dies ist nicht zuletzt aufgrund der da-
mit nicht mehr sichergestellten Eindeutigkeit in der Sachverhaltsfeststellung unzulässig.
Um die Allgemeinheit des Antezedens auszudrücken, muss mithin ein von a verschiede-
V V
ner Buchstabe, etwa e, gewählt werden: a. eB.a;e/!A.a//. Würde gleichwohl statt
eines neu zu wählenden Buchstabens wiederum nur der bereits gebundene wiederholt ge-
braucht werden, so resultierte mit der syntaktischen Konstruktion

eine in mehrerlei Hinsicht fehlerhafte Formel. Zum einen würde mit B.x; x/ eine Funk-
tion dargestellt werden, die nicht – wie vorgesehen – Reflexivität im Einzelfall zulässt,
sondern als einzigen Fall behandelt. Lediglich Aussagen der Form B.c; c/ für ein beliebi-
ges Argument c könnten ausgedrückt werden, jedoch nicht die ursprünglich intendierten
Instanzen B.c; d /. Dies ist ein inhaltlicher Fehler. Damit würde zwar die B-Relation
falsch formalisiert werden, aber es bliebe im Ganzen doch ein beurteilbarer Inhalt, wenn
die Höhlung und der durch sie gebundene Buchstabe lediglich ein einziges Mal auftreten
würden. Durch ihr wiederholtes Auftreten und das damit unausweichliche Konfundieren
der Geltungsbereiche von a und a ist selbst das nicht mehr gegeben. Es liegt ein Syntax-
fehler vor, der die begriffsschriftliche Wohlbestimmtheit der Formel unterläuft, denn es
ist nicht klar, welche der beiden Höhlungen die für B.a; a/ maßgebliche ist. Würde die
innere Höhlung die maßgebliche sein, dann läge mit

ein vollständiger beurteilbarer Inhalt vor, in dem weder Argumentkonstanten noch freie
Variablen für die Bindung durch eine weitere Höhlung verfügbar wären. Die äußere Höh-
lung beträfe dann nur noch die Teilformel A._/ und die problematische Formel müsste
entsprechend durch

interpretiert werden. Sollte indes die äußere Höhlung die für B.a; a/ maßgebliche sein,
dann würden sämtliche Argumentstellen der B-Funktion durch diesen gebundenen Buch-
staben bereits erfasst sein. Es gäbe darüber hinaus keine weiteren Argumentkonstanten
oder freie Variablen, die für die Bindung durch eine weitere Höhlung zugänglich wären.
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 145

Die innere Höhlung wäre mithin vollkommen irritierend und überflüssig, weshalb sie in
einer Reformulierung der problematischen Aussage schlicht zu überlesen wäre.

Aufgrund der syntaktischen Verfasstheit der problematischen Formel ist also überhaupt
nicht klar, wie diese zu lesen ist. Zwei naheliegende Versuche, Ordnung in die Formel
V V
zu bringen, führen auf die sachverhaltsverschiedenen Aussagen e. aB.a;a/!A.e//
V
und a.B.a;a/!A.a//, die beide wiederum von der ursprünglichen Formel logisch
grundverschieden sind. Doch was bei Textinterpretationen zulässig sein muss, ist in der
logischen Formalisierung ein unmissverständliches Indiz für einen eklatanten Regelver-
stoß. Hier darf es keine Deutungsspielräume geben und so machen die exemplifizierten
Rekonstruktionsprobleme einzig deutlich, dass es sich bei der problematischen Formel
überhaupt nicht um einen beurteilbaren Inhalt handelt, weil durch sie kein wohlbestimmter
Sachverhalt zum Ausdruck gebracht wird. Die problematische Formel besäße also einzig
die Form:

Da jedoch die auf einen Inhaltsstrich folgende Formel ausnahmslos einen beurteilbaren
Inhalt besitzen muss, ist vor allem darauf zu achten, dass im Fall von in einander ver-
schränkten Geltungsbereichen nicht derselbe Buchstabe für die Bindung durch Höhlungen
Verwendung findet. „Diese Regel ist in der ersten eigentlich schon enthalten“.56 Das Erfor-
dernis dieser Quantifikationsregel kann also umgehend mit Bezug auf die fundamentalen
Einsichten des zweiten Paragraphen aufgewiesen werden.
Fälle dieser Form illustrieren eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen eine neue Va-
riable gewählt werden muss. Frege geht in dieser Betrachtung sogar noch ein gutes Stück
weiter und erklärt – eventuell schon in der methodisch sorgsamen Voraussicht auf die Sub-
stitutionsbedingungen –, unter welchen Bedingungen eine neue Variable gewählt werden
darf. Dabei handelt es sich also nicht um Verbote oder Vorschriften, sondern um Erlaub-
nisregeln, die darlegen, unter welchen Voraussetzungen (und für welchen Zweck auch
immer) andere Variablen als die bereits verwendeten gebraucht werden dürfen.

„Es ist natürlich gestattet, einen deutschen Buchstaben überall in seinem Gebiete durch einen
bestimmten andern zu ersetzen, wenn nur an Stellen, wo vorher verschiedene Buchstaben
standen, auch nachher verschiedene stehen“ (§ 11).

56
Frege (1880/81), 44.
146 Eine zweite Annäherung

Wir dürfen also eine Variable durch eine andere substituieren, wenn sichergestellt ist, dass
der neu gewählte Buchstabe im fraglichen Geltungsbereich noch nicht vorkommt und
dass er bei jedem Vorkommnis der alten Variablen diese und ausschließlich diese ersetzt.
Betrachten wir also eine Formel der Form

dann besagt die Regel, dass wir die gebundene Variable a in A durch eine andere – etwa e –
ersetzen dürfen, wenn e in A noch nicht auftritt und einzig jedes Vorkommnis von a in A
substituiert wird durch e in A:

„Dies ist ohne Einfluss auf den Inhalt“ (§ 11) und hat auch ansonsten keinerlei Verände-
rung an der logischen Form der Aussage bewirkt. Gleichwohl kann es für den weiteren
Verlauf von Beweisführungen überaus wertvoll sein, verwendete Variablen gezielt ab-
zuändern. Schließlich ist es für den Erfolg in der begriffsschriftlichen Beweisführung
entscheidend, dass etwa die Abtrennungsregel einzig dann zur Anwendung kommen darf,
wenn figurale Identität zwischen einer bereits bewiesenen Formel und ihrem Vorkommnis
als Antezedens in einer Bedingtheit gewährleistet ist. Angenommen wir verfügten bereits
über die Urteile

um zu einem Beweis von zu gelangen. Obgleich alles Erforderliche bereitgestellt


scheint, so lässt sich der Modus Ponens nicht ohne Weiteres zur Anwendung bringen,
weil die beiden Formeln

figural nicht identisch sind. Wir müssen also erst unter Anwendung der erläuterten Er-
laubnisregel jedes Vorkommnis von e in ˚(e) durch a ersetzen, um zur inhaltsgleichen
und logisch ununterscheidbaren Aussage

zu gelangen. Nach Anwendung der Erlaubnisregel und dem Vollzug der geeigneten Sub-
stitution sind nun also die rein syntaktischen Voraussetzungen geschaffen, um mittels
Abtrennungsregel auf zu schließen.
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 147

Bündeln wir die dargelegten Bedingungen des korrekten Variablengebrauchs und brin-
gen sie mit dem Kompositionsgedanken des begriffsschriftlichen Baukastens zusammen,
so resultiert unmittelbar eine beeindruckende prädikatenlogische Ausdrucksstärke. Freges
quantorenlogische Mittel stellen es uns vollkommen frei, beliebig komplexe beurteilbare
Inhalte mit n-fach verschränkten Quantifikationen der Form

zu bilden, wenn wir nur strikt auf die Einhaltung der explizierten Regeln achten. Mühelos
lassen sich Allgemeinheiten als Teilinhalte anderer Allgemeinheiten darstellen. Nicht nur
kann an die Stelle von A wiederum eine beliebig komplexe begriffsschriftliche Formel
treten, sondern der gesamte Ausdruck

ist seinerseits befähigt, Bestanteil einer ungleich komplexeren Formel zu sein. So lassen
sich in konservativer Erweiterung zu den bereits bekannten Erzeugungsprinzipien endlich
viele Höhlungen in beliebig verschachtelten Formeln zum Ausdruck bringen. Wahrschein-
lich erstmals in der Geschichte der Logik überhaupt werden die Ausdrucksmöglichkeiten
der später so genannten Prädikatenlogik erster Stufe vollständig erfasst. Selbst für die
exzeptionellen Maßstäbe der Begriffsschrift repräsentiert der Abschnitt über „Die All-
gemeinheit“ ein wahrhaftes Meisterstück. Welch große Lücke seinerzeit zwischen dem
nominellen Gehalt und dem faktischen (Un)Verständnis der Schrift klaffte, wird beispiel-
haft an den nunmehr explizit gemachten Ausdrucksmöglichkeiten von Freges Notation
deutlich. Das Beste, was der Begriffsschrift widerfuhr, bestand in einer moderaten Sym-
pathiebekundung, die sogleich mit einer kapitalen Fehleinschätzung einherging: Freges
Untersuchungen zur logischen Form sind nett, wenngleich wenig fruchtbar. „Die ver-
schiedenen möglichen Beziehungen zwischen Bedingungsverbindungen auszudrücken, ist
gewiss nicht wertlos; ob aber gerade die Logik erheblich gewinnt, wenn sie in dieser Rich-
tung erweitert und ihr Rüstzeug verbessert wird, möchte recht zweifelhaft sein“.57 Zum
Glück sollte die Logikforschung im 20. Jahrhundert zu einem gänzlich anderen Urteil
gelangen.
Beschlossen werden Freges Überlegungen zur Theorie der Quantifikation mit der An-
gabe einer Regel zur Verallgemeinerung sowie dem Nachweis ihrer Zulässigkeit. Hierfür
führt Frege eine Abkürzung ein, die den besonderen Fall betrifft, dass die Höhlung un-
mittelbar auf den Urteilsstrich folgt und sich somit der Geltungsbereich des durch die
Höhlung gebundenen Buchstabens auf die gesamte Formel erstreckt. Statt eines deutschen
Buchstabens mit Höhlung wie im Fall von

57
Michaëlis (1880), 239.
148 Eine zweite Annäherung

ist dann ein lateinischer Buchstabe ohne Höhlung zu setzen ˚.a/. Es ist hierbei we-
sentlich, dass die Höhlung unmittelbar auf den Urteilsstrich folgt und nicht nur einfach
allen anderen Bestandteilen der Formel vorangestellt ist, denn diese Form der Darstellung
gilt einzig für Urteile und nicht für beliebige beurteilbare Inhalte, deren Hauptpartikel
die Allgemeinheit ist. „Wenn ein lateinischer Buchstabe in einem Ausdrucke vorkommt,
dem kein Urtheilsstrich vorhergeht, so ist dieser Ausdruck sinnlos“ (§ 11). Der wesent-
liche Grund hierfür ist die Geltung. Damit a in ˚.a/ als allquantifizierbares Argument
behandelt werden darf, muss gewährleistet sein, dass die Geltung von ˚.a/ nicht von
der besonderen Wahl von a abhängt. Dies besagt, der Beweis von ˚.a/ hätte auch un-
ter Verwendung eines beliebigen anderen Argumentstellvertreters erwiesen werden kön-
nen. Im Unterschied zu ˚.a/ zeigt dies die Formel ˚.a/ an. Wenn es uns also
gelingt, unter gegebenen Voraussetzungen A einen universellen Beweis für das Beste-
hen der ˚-Bedingung zu führen, dann ist uns damit der Nachweis gelungen, dass unter
V
den gegebenen Voraussetzungen A die Allaussage a˚.a/ gilt. Genau dies bringt Freges
Verallgemeinerungsregel zum Ausdruck: „wenn A ein Ausdruck ist, in welchem a nicht
vorkommt, und wenn a in ˚.a/ nur an den Argumentsstellen steht“ (§ 11), dann lässt sich
jederzeit aus der Formel

ableiten. Diese Regel zur Verallgemeinerung ist zulässig, weil es ausgeschlossen ist, dass
V
es einen Fall gibt, in dem zwar A!˚.a/ wahr, A! a˚.a/ indes falsch ist. Gäbe es eine
V
solche Interpretation, dann müssten A und ˚.a/ zugleich wahr, a˚.a/ aber falsch sein.
V
Wenn a˚.a/ jedoch falsch ist, dann müsste es mindestens einen Fall ˚.c/ geben, der
nicht zutrifft. Dies ist jedoch aufgrund der Wahrheit von A und A!˚.a/ und somit auch
der Wahrheit von ˚.a/ ausgeschlossen. Wann immer also A!˚.a/ der Fall ist, gilt auch
V
A! a˚.a/:
V  V
R A!˚.a/ ) A! a˚.a/ .a nicht in A und a frei in ˚/:
V 
R ist nicht Bestandteil von Freges Axiomatisierung der Prädikatenlogik, wenngleich
es eine wertvolle strukturelle Einsicht ist, um die relative Zulässigkeit der Regel zu wis-
sen. Damit ist der systematische Kern der Quantifikationstheorie vollständig erfasst. In
der Metasprache ist dargelegt, wie mit quantifizierten sowie quantifizierbaren Formeln der
Objektsprache verfahren werden darf. Durch die benannten Regeln wird klar festgelegt,
was innerhalb des begriffsschriftlichen Kalküls im Umgang mit freien und gebundenen
Variablen sowie Konstanten erlaubt bzw. verboten ist. Dies gewährleistet, dass auch das
begriffsschriftliche Operieren mit den prädikatenlogischen Erweiterungen den Forderun-
gen nach der Wohlgeformtheit der Formeln sowie der Gültigkeit im Schließen genügt. Der
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 149

Paragraph 11, dieser „sehr bedeutende Text“58 , wird damit zu einer kleinen, aber unver-
zichtbaren Beweistheorie der Höhlung, weil ohne eine Theorie der Quantifikation gänzlich
ungeklärt bliebe, wie in einem Beweiskalkül im Besonderen mit Variablen zu verfahren
wäre.
Es überrascht daher gar sehr, dass Giuseppe Peano – allerdings ohne Freges Werk bis
dato gekannt zu haben – allgemeine Theorien der Quantifikation als „abstruse“59 erachtet,
obgleich seine eigenen Notations de logique mathématique ein beachtliches Maß an einer
prädikatenlogischen Sprache aufzubieten wissen. Bei Peano gibt es keine Metaregeln im
Umgang mit Variablen, hier wird freihändig operiert und Frege ist sich bei der Lektüre
eines früheren Werkes schon nicht sicher, „ob man in allen Fällen das Gebiet der All-
gemeinheit sicher wird abgrenzen können“.60 Vorsichtig setzt er Peanos Kritik entgegen,
seine eigenen „Gesetze sind gering an Zahl, und ich wüßte auch nicht, warum sie abstrus
zu nennen wären“.61 In der Nachfolge widmet sich Peano eingehender dem ersten Band
der Grundgesetze, wenngleich seine Ausführungen zu Freges prädikatenlogischer Syn-
tax62 keineswegs die systematische Pointen treffen. „Es wäre noch Vieles zu sagen, z. B.
über meine Verwendung der lateinischen, deutschen und griechischen Buchstaben, worin
Sie mich missverstanden haben“.63 Erfordernis und Tragweite der Quantifikationstheorie
bleiben Peano verschlossen. Einmal mehr wird Frege von prominenter Seite aus missver-
standen. Doch in diesem Fall sollte bereits gut eineinhalb Jahrzehnte später durch Arthur
Thomas Shearman, wenngleich wenig beachtet, festgehalten werden: „The conception of
a variable is realized by Frege“.64
Freges Theorie der Quantifikation findet ihren Abschluss in einer metalogischen Be-
trachtung, die logikhistorisch motiviert gewesen sein dürfte. Mit dem Paragraphen 12
befinden wir uns am Ende des ersten Hauptteils, der „Erklärung der Bezeichnungen“. Er
repräsentiert gleichsam den Abschluss der grundlegenden Ausführungen zu Freges Logik
und damit den Übergang zum zweiten Hauptteil, der „Darstellung und Ableitung einiger
Urtheile des reinen Denkens“. Wir befinden uns also unmittelbar davor, in die Beweisvoll-
züge des Begriffsschriftkalküls einzutauchen. Für den Autor ist es eine gute Gelegenheit,
um zu demonstrieren, dass sich mit seinen Mitteln die paradigmatische Logik von gut
2000 Jahren, die aristotelische Syllogistik, problemlos ausdrücken lässt.65 Da es zu Freges
Zeit noch unbekannt war, dass zudem die Stoiker über eine erste Aussagenlogik verfügten,
stellte sich für ihn einzig die Frage, ob die begriffsschriftlichen Ausdrucksmöglichkeiten
reichhaltig genug sind, um im Besonderen die aristotelischen Modi auszudrücken.

58
Bocheński (1956), 408.
59
Peano (1894), 21.
60
Frege an Peano in einem undatierten, aber nicht vor 1891 verfassten Brief. In Frege (1976), 176.
61
Frege (1896), 232.
62
Vgl. Peano (1895), 30f.
63
Frege an Peano in einem Brief vom 29. September 1896. In Frege (1976), 186.
64
Shearman (1911a), 9.
65
Anderslautend Wolff (2007).
150 Eine zweite Annäherung

Es ist das harmonische Zusammenspiel von Bedingtheit, Verneinung und Allgemein-


heit, welches einen systematisch eleganten und syntaktisch sparsamen Weg beschreitet,
um jene vier Grundformen – die aristotelischen Modi – auszudrücken, aus denen sämtli-
che Prämissen sowie Konklusionen der aristotelischen Syllogismen aufgebaut sind. Einen
metalogischen Charakter trägt dieses Verfahren, weil Frege den Anspruch verfolgt, mit der
Übersetzung der grundlegenden Urteilstypen der Syllogistik in die Sprache der Begriffs-
schrift den Nachweis zu erbringen, dass alles, was mit Mitteln der Syllogistik ausgedrückt
werden kann, auch begriffsschriftlich erfasst wird.

der universell bejahende Modus: XaP


V
„alle X sind P “; a.X.a/!P .a//

der universell verneinende Modus:  eP


V
„alle  sind nicht P “; a. .a/!:P .a//

der partikulär verneinende Modus: oP


W
„einige  sind nicht P “; a..a/^:P .a//

der partikulär bejahende Modus: M iP


W
„einige M sind P “; a.M.a/^P .a//

Die Sprache der aristotelischen Syllogistik kann (zumindest in ihren logisch interessan-
ten Bestanteilen) vollständig eingebettet werden in die ungleich reichhaltigere Sprache
der Begriffsschrift. Freges Behandlungsmöglichkeiten der traditionellen Logik sind da-
mit selbstverständlich noch nicht erschöpft. Sie reichen weiter und umfassen vor allem
die Klärung der Gültigkeitsfrage der aristotelischen Schlüsse. So behalten im Besonde-
ren alle 15 Syllogismen, die schon vormals mit informellen Mitteln als logisch gültig
erkannt wurden, diesen Status auch unter den Vorzeichen der modernen formalen Logik.
Die Nachweisverfahren unterliegen nunmehr allerdings einem zeitlichen Wandel, denn
im Unterschied zu seinen Vorläufern verfügt Frege mit der Bewertungsmethode über ein
streng geregeltes Entscheidungsverfahren, um die Gültigkeitsfrage für alle kombinatorisch
möglichen aristotelischen Syllogismen effektiv abprüfen zu können. Darüber hinaus ver-
fügt er mit der Begriffsschrift über einen Kalkül, mit dem sich sämtliche logisch gültigen
Syllogismen auch rein formal beweisen lassen. Für die neun eingeschränkt gültigen Syllo-
gismen kann indes souverän gezeigt werden, dass sie in ihrer klassischen Form bestehend
aus zwei Prämissen logisch ungültig sind, jedoch durch eine geeignete Prämissenergän-
zung der Form
§ 17 „die Höhlung [...] grenzt das Gebiet ab“ 151

mit einem jeweils geeigneten Prädikat für A in einen logisch gültigen Schluss (mit dann
jedoch drei Prämissen) überführt werden können. Alle drei benannten Punkte sind Nova
in der Logikgeschichte und repräsentieren eine bemerkenswerte systematische Neufas-
sung aristotelischen sowie scholastischen Gedankenguts. Die erste Prädikatenlogik der
Geschichte wird damit durch die moderne formale Logik keineswegs verworfen, son-
dern sie erhält im begriffsschriftlichen Theoriengewand einen neuen, dauerhaften Platz,
der zwar nicht alles zu konservieren gestattet, allerdings das Bewahrte in einer ungleich
strengeren Form zukunftsfähig macht. Es überrascht daher keineswegs, dass nach Ein-
führung des Grundgesetzes der Allgemeinheit im Schlussparagraphen des zweiten Teils
umgehend dieser Anspruch wieder aufgegriffen wird, um an ausgewählten Syllogismen zu
zeigen, wie sie begriffsschriftlich zu reformulieren und herzuleiten sind. Frege exemplifi-
ziert, was seinem Anspruch nach für sämtliche aristotelische Schlussweisen reproduziert
werden kann. „Der Leser, der sich in die Ableitungsart der Begriffsschrift hineingedacht
hat, wird im Stande sein, auch die Urtheile herzuleiten, welche den andern Schlussweisen
entsprechen“ (§ 22).
Den Beschluss des ersten Teils der Begriffsschrift rundet er indes ab durch eine Dar-
stellung mit Symbolcharakter, denn mit der Wahl des logischen Quadrats greift er den
Inbegriff des traditionellen Logikcurriculums auf. An dieser Stelle gilt es jedoch zu veran-
schaulichen, dass sich die durch die Tafel erfassten logischen Gegensätze zwanglos unter
Verwendung der Sprache der Begriffsschrift ausdrücken lassen.

V V
a.X.a/!P .a// konträr a.X.a/!:P .a//
n =
subaltern kontradiktorisch subaltern
= n
W W
a.X.a/^P .a// subkonträr a.X.a/^:P .a//
152 Eine zweite Annäherung

Konträre Aussagen können nicht beide zugleich wahr, wohl aber beide zugleich falsch
sein. Kontradiktorische Aussagen können nicht beide zugleich wahr und auch nicht beide
zugleich falsch sein. Subkonträre Aussagen können nicht beide zugleich falsch, wohl aber
beide zugleich wahr sein. Es ist das Verhältnis subalterner Aussagen, das die Vorausset-
zung erforderlich werden lässt, dass die betrachteten Prädikate nicht leer sind. Während
alle anderen relationalen Beurteilungsprädikate symmetrisch sind, liegt bei subalternen
Aussagen stets eine Asymmetrie vor. Aus der Wahrheit der jeweils allgemeinen Aussage
folgt – unter Maßgabe nicht-leerer Begriffe – die Wahrheit der jeweils partikulären Aus-
sage, während entsprechend aus der Falschheit der jeweils partikulären Aussage – unter
derselben Voraussetzung – die Falschheit der jeweils allgemeinen Aussage folgt.

§ 18 „Die Zahl der Sätze [...] ist neun“

Die Sprache der Begriffsschrift steht. Die Syntax ist definiert, die Semantik bestimmt,
Vergleichbares gilt für den Rahmen des gleichnamigen Kalküls. Was noch fehlt sind die
unhintergehbaren Grundfiguren der Beweispraxis, die Axiome. Neben der ebenfalls noch
ausstehenden Substitutionsregel, die Frege im ersten Beweisvollzug – gleichsam in situ –
einführt, dienen die Paragraphen 14 bis 22 der gestaffelten Einführung der vier Axiomen-
gruppen für die Bedingtheit, Verneinung, Inhaltsgleichheit und Allgemeinheit sowie der
begriffsschriftlichen Herleitung von Gesetzen des reinen Denkens, die mit den jeweils
verfügbaren Axiomen bereits bewiesen werden können.
Freges Grundgesetze der Begriffsschrift, die er einzig im Inhaltsverzeichnis, aber nir-
gendwo im Textverlauf so bezeichnet, bilden zusammen mit den beiden Beweisregeln den
identitätsstiftenden Kern von Kalkül und Logik. Sie „können in der Begriffsschrift deshalb
nicht ausgedrückt werden, weil sie ihr zu Grunde liegen“ (§ 13). Als Ermöglichungsbedin-
gungen des begriffsschriftlichen Beweisens sind sie selbst einem solchen nicht zugänglich.
Die Grundgesetze der Begriffsschrift können durch die Begriffsschrift zwar nicht bewie-
sen werden, aber mit Freges Bewertungsmethode ist ein Verfahren verfügbar, mit dem die
Allgemeingültigkeit eines jeden verwendeten Axioms überprüft und sichergestellt werden
kann.66 Die Axiome der Begriffsschrift sind damit zwar unbewiesen, aber sie verbleiben
in ihrer Geltung nicht ungeprüft. Die logische Wahrheit der Axiome kann also gleich-
wohl erwiesen werden. Sofern die tautologische Struktur nicht sowieso offensichtlich ist,
vollzieht Frege diesen Nachweis der Allgemeingültigkeit stets im Kontext der Einführung
eines Axioms.
Es ist nun die Aufgabe der kompletten verbleibenden Schrift, „den Nachweis zu füh-
ren, dass ich mit meinen Urgesetzen überall auskomme. Hier konnte freilich nur eine
Wahrscheinlichkeit dadurch erreicht werden, dass ich in vielen Fällen damit auskam“.67
Da die Existenz der Metalogik als eigenständiger und systematisch reifer Disziplin einen

66
Vgl. § 22.
67
Frege (1880/81), 42.
§ 18 „Die Zahl der Sätze [...] ist neun“ 153

substantiellen problemgeschichtlichen Vorlauf an Theorien der Logik präsupponiert, der


durch Frege allererst mitinitiiert wurde, überrascht es nicht, dass 1879 noch nicht die
erforderlichen beweistheoretischen Mittel verfügbar waren, um die Frage der Vollstän-
digkeit des Axiomensystems verbindlich beantworten zu können. Dass das System der
Grundgesetze der Begriffsschrift tatsächlich ausreicht, um ausnahmslos alle Wahrheiten
der Prädikatenlogik erster Stufe als Theoreme zu umfassen, konnte zu diesem Zeitpunkt
noch nicht verbindlich gezeigt werden. Geprüft werden konnte indes in Fallstudien, dass
eine beliebig vorgelegte logische Wahrheit, die sich mit den sprachlichen Mitteln aus-
drücken lässt, auch bewiesen werden kann. Von vorgelagertem Interesse war hierbei die
Berücksichtigung von Formeln, durch die argumentativ häufig verwendete logische Be-
dingungsgefüge zum Ausdruck gebracht wurden. Selbstverständlich war sich Frege im
Klaren darüber, dass nicht alle Gesetze des reinen Denkens ausgehend von den Grundge-
setzen einzeln bewiesen werden können. Jede begriffsschriftliche Formel, die unter allen
Umständen wahr ist, drückt ein Gesetz des reinen Denkens aus und da „man bei der
unübersehbaren Menge der aufstellbaren Gesetze nicht alle aufzählen kann, so ist Voll-
ständigkeit nicht anders als durch Aufsuchung derer zu erreichen, die der Kraft nach alle
in sich schliessen“ (§ 13).
Bei der Auffindung der Gesetze des reinen Denkens ging es Frege also keineswegs
bloß um die Erfassung einer repräsentativen Liste derselben. Für Letzteres hätte bereits
die Bewertungsmethode vollkommen genügt, die zumindest für jede monadische begriffs-
schriftliche Formel zu entscheiden gestattet hätte, ob es sich um eine logische Wahrheit
handelt. Angestrebt wurde jedoch nicht nur eine begründete Auflistung repräsentativer
Gesetze des reinen Denkens, sondern vor allem der Aufweis eines systematischen Kern-
bestandes von Urgesetzen, mit deren Hilfe sich alle anderen auch herleiten ließen, denn es
„ist offenbar nicht dasselbe, ob man bloss die Gesetze kennt, oder ob man auch weiss, wie
die einen durch die andern schon mitgegeben sind“ (§ 13). Während die Bewertungs-
methode einzig zu zeigen gestattet, dass – im Gelingensfall – eine vorgelegte Formel
allgemeingültig ist, vermag die begriffsschriftliche Beweisführung darüber hinaus zu zei-
gen, wie die fragliche Formel aus den Axiomen sowie bereits bewiesenen Theoremen
abzuleiten ist. Durch die Herleitung lernen wir das vollständige Bedingungsgeflecht des
bewiesenen Gesetzes des reinen Denkens kennen, während das Entscheidungsverfahren
lediglich zu begründen gestattet, dass es sich um ein solches Gesetz handelt. Umge-
kehrt lernen wir auf diese Weise aber auch das Axiomensystem inklusive seiner Regeln
besser zu verstehen, denn in den wenigen Grundgesetzen und Regeln ist in höchst ver-
dichteter Form alles angelegt, was durch die Beweisführung sowie die Diversifizierung
des Theorembestandes nachfolgend allererst zur Entfaltung gebracht wird. „Und auch
dies ist ein Nutzen der ableitenden Darstellungsweise, dass sie jenen Kern kennen lehrt“
(§ 13).
Bei der Auswahl der einzelnen Grundgesetze der Begriffsschrift sowie ihrer Komposi-
tion zu einem umfassenden Axiomensystem muss also nicht nur darauf geachtet werden,
dass die Liste an Urgesetzen möglichst überschaubar gehalten wird und einzelne logi-
sche Wahrheiten nicht unnötig den Status eines Axioms zuerkannt bekommen. Zudem
154 Eine zweite Annäherung

bedarf es der Fürsorge, dass der potentiell größtmögliche Umfang des Theorembestan-
des kein Opfer der ehrgeizigen Verwirklichung dieses Minimalitätsstrebens wird. Wird
das Axiomensystem zu restriktiv gefasst, dann gibt es mit den Mitteln der Sprache aus-
drückbare logische Wahrheiten, die sich nicht beweisen lassen. Allerdings ist es durchaus
eine beweistheoretische Kunst, einen solchen Kandidaten aufzuweisen sowie begründet
zu der Einsicht zu gelangen, dass er im System nicht ableitbar ist und es eben nicht
bloß am eigenen Unvermögen liegt, welches lediglich die unternommenen Beweisver-
suche hat scheitern lassen. Die Komposition eines minimalen Erzeugendensystems muss
also gleichermaßen „minimal“ wie auch „erzeugend“ sein. „Dem Grundsatze, die Zahl
der Urgesetze möglichst zu beschränken, wäre nicht völlig genügt ohne Nachweis, dass
die wenigen auch ausreichen. Diese Rücksicht hat die Form des zweiten und dritten Ab-
schnittes meiner Schrift bestimmt“.68 Wie Frege nun zu seinem System der Grundgesetze
der Begriffsschrift gekommen ist, ist eine empirische Frage aus dem Kontext der Gene-
se, die aufgrund fehlender Dokumentation nicht beantwortet werden kann. Die Antwort
wäre selbsterklärend aus den seinerzeit beschriebenen Schmierzetteln zu erschließen ge-
wesen, doch das Schicksal solcher Notizzettel deutet auf ein überschaubar kurzes Dasein
hin. Sobald sie ihren Zweck der logischen Exerzitien erfüllt hatten, wurden sie verzichtbar
und damit wohl umgehend entsorgt. Was bleibt, ist das bereinigte Ergebnis, über dessen
Entstehung wir ein weiteres Mal im Unklaren verbleiben. An der Qualität des Resultats
dieser Suche ändert das freilich überhaupt nichts. „Die Zahl der Sätze, die in der folgen-
den Darstellung den Kern bilden, ist neun“ (§ 13) und sie ist vollkommen ausreichend, um
den gesamten monadischen Teil der klassischen Prädikatenlogik erster Stufe zu umfassen.
Freges erste Axiomatisierung ist sogleich vollständig.
Ob es indes alternative Axiomatisierungen geben kann und wie eine solche gegebe-
nenfalls aussieht, wird als Frage lediglich erwogen, denn die große Herausforderung in
der Begriffsschrift besteht im Nachweis, dass es überhaupt eine gibt. „Es giebt vielleicht
noch eine andere Reihe von Urtheilen, aus denen ebenfalls, mit Hinzunahme der in den
Regeln enthaltenen, alle Denkgesetze abgeleitet werden können. Immerhin ist mit der hier
gegebenen Zurückführungsweise eine solche Menge von Beziehungen dargelegt, dass je-
de andere Ableitung sehr dadurch erleichtert wird“ (§ 13). Dies birgt den wohlgemeinten
Hinweis, dass es Nachfolgende in der Sache ungleich einfacher haben werden. Die Suche
nach alternativen Axiomatisierungen kann sich bereits am Axiomensystem der Begriffs-
schrift orientieren und verwendet hierfür das unbezahlbare Wissen, dass die Konstruktion
eines (vollständigen) Axiomensystems für die monadische Prädikatenlogik erster Stufe
gelingen können muss. Wer nach einer alternativen Lösung sucht, der weiß bereits um
die Lösbarkeit des fraglichen Problems. Ein entscheidender Vorteil. Frege konnte auf
nichts Vergleichbares zurückgreifen, was das resultierende Axiomensystem, auch in seiner
systematischen Eleganz, nur umso beeindruckender erscheinen lässt. Es zeugt von einer
beachtlichen Souveränität sowohl im Umgang mit den Struktureigenschaften des begrün-

68
Frege (1880/81), 42.
§ 18 „Die Zahl der Sätze [...] ist neun“ 155

deten Kalküls wie auch im Verständnis der Menge der prädikatenlogischen Wahrheiten
erster Stufe, dass Frege bereits mit seinem ersten publizistischen Wurf präzise ins me-
talogisch Schwarze trifft. In der Feinjustierung seines Erzeugendensystems für logische
Wahrheiten muss er durch eine mannigfache Variation an potentiell herzuleitenden For-
meln durch steten Beweiserfolg in der Tat zu der untrüglichen Überzeugung gekommen
sein, „dass die wenigen auch ausreichen“.
Die Organisation der neun Axiome in vier Gruppen folgt hierbei nicht nur dem An-
spruch eines kumulativen Aufbaus der Form „Bedingtheit ) Verneinung ) Identität )
Allgemeinheit“, sondern dient darüber hinaus der Abgrenzung. Es sind jeweils nur die
Axiome der einzelnen Gruppe, die festlegen, was mit der fraglichen Partikel gemacht
werden darf.

Die Grundgesetze der Begriffsschrift


die drei Grundgesetze der Bedingtheit
Die Formel mit der Nummer 1 besagt: „wenn ein Satz a gilt, so gilt er
auch, falls ein beliebiger Satz b gilt“ (§ 14).
A!.B!A/
Die Formel mit der Nummer 2 besagt: „wenn ein Satz (a) die nothwen-
dige Folge von zwei Sätzen (b und c) ist [...], und wenn der eine von
ihnen (b) wieder die nothwendige Folge des andern (c) ist, so ist der
Satz (a) die nothwendige Folge dieses letzten (c) allein“ (§ 14).
.A!.B!C //!..A!B/!.A!C //

Die Formel mit der Nummer 8 besagt: „wenn ein Satz die Folge von
zwei Bedingungen ist, so ist deren Reihenfolge gleichgiltig“ (§ 16).
.A!.B!C //!.B!.A!C //

die drei Grundgesetze der Verneinung


Die Formel mit der Nummer 28 besagt: „Dieses Urtheil begründet den
Uebergang vom modus ponens zum modus tollens“ (§ 17).
.B!A/!.:A!:B/

Die Formel mit der Nummer 31 besagt: „Duplex negatio affirmat. Die
Verneinung der Verneinung ist Bejahung“ (§ 18).
::A!A
Die Formel mit der Nummer 41 besagt: „Die Bejahung von a verneint
die Verneinung von a“ (§ 19).
A!::A
156 Eine zweite Annäherung

die zwei Grundgesetze der Inhaltsgleichheit


Die Formel mit der Nummer 52 besagt, „dass man überall statt c d
setzen könne, wenn c d ist“ (§ 20).
cDd ! .˚.c/!˚.d //
Die Formel mit der Nummer 54 besagt: „Der Inhalt von c ist gleich
dem Inhalte von c“ (§ 21).
cDc

das Grundgesetz der Allgemeinheit


V
Die Formel mit der Nummer 58 besagt: Wenn x˚.x/ bejaht wird,
dann kann ˚.c/ nicht verneint werden (vgl. § 22).
V
x˚.x/!˚.c/

Der Bereitstellung dieses Axiomensystems folgte chronologisch eine Einsicht, die in der
Architektur der Schrift den Grundgesetzen des reinen Denkens vorausgeschickt werden
musste, denn nachdem sich die Bögen für den Haupttext bereits im Produktionsprozess
befanden, verblieb einzig der Ort des „Vorworts“, um anzumerken:

„Nachträglich habe ich bemerkt, dass die Formeln (31) und (41) in die einzige

zusammengezogen werden können, wodurch noch einige Vereinfachungen möglich werden“


(Vorw.).

Frege stellt fest, dass das zweite und dritte Grundgesetz der Verneinung, ::A!A und
A!::A, relativ zur bereitgestellten Semantik äquivalent sind und folglich durch die
entsprechende Äquivalenzaussage zusammengefasst werden können. Ihm wird dies an-
hand seiner eigenen Bewertungsmethode klargeworden sein, denn die Fallentwicklung
der komplexen Formeln vollzieht sich bei beiden Axiomen exakt auf dieselbe Weise:
„ bedeutet die Verneinung der Verneinung, mithin die Bejahung von a. Es kann also
nicht a verneint und (zugleich) bejaht werden“ (§ 18).

w f w w w f w w
f w f w und f w f w

1 2 3 4 1 2 3 4
.V/ 1 .V/ 2 .B/ 1;3 .V/ 1 .V/ 2 .B/ 1;3

Sowohl im Fall von ::A!A wie auch von A!::A besitzen die beiden Teilformeln
aus den Spalten 1 und 3 dieselbe Wahrheitsfunktion bzw. dieselbe (nicht) stattfindende
§ 18 „Die Zahl der Sätze [...] ist neun“ 157

Möglichkeit. Beide Teilformeln sind mithin äquivalent, was im Besonderen die beiden
asymmetrischen Bedingtheiten zu implizieren gestattet. Es spielt also keine Rolle, welche
der beiden Teilformeln die jeweils andere bedingt. Obwohl der Nachtrag im „Vorwort“
den Hinweis darauf gibt, dass hier das Axiomensystem weiterführend minimiert werden
kann, bis auf zwei Grundgesetze der Verneinung, so dürfen wird doch dem Zufall dankbar
sein, dass dies Frege erst relativ spät aufgefallen ist und mithin keine Möglichkeit mehr
bestand, die drei Grundgesetze der Verneinung in zweien zusammenzufassen. Die in den
Paragraphen 17 bis 19 bereitgestellte Axiomengruppe der Verneinung ist aus wesentlich
zwei Gründen gegenüber der nachträglich offerierten Option zu bevorzugen.
Zum einen verwendet Frege für die Bisubjunktion ::A$A das Identitätszeichen, das
er an methodisch späterer Stelle (§ 24) zudem als Definitionszeichen gebraucht.69 Sei-
nen eigenen Ansprüchen folgend hätte indes ein neues Zeichen für eine weitere logische
Partikel eingeführt werden müssen, weil hier keine Relation zwischen subsententialen Be-
standteilen vorliegt, sondern bereits vollständige beurteilbare Inhalte komponiert werden
hin zu einem komplexeren beurteilbaren Inhalt. Das syntaktische Operieren mit Prädika-
ten und Eigennamen ist schließlich zu unterscheiden vom logischen Umgang mit vollstän-
digen Aussagen. Vollständige Aussagesätze zählen zu den beurteilbaren Inhalten, weil sie
einen Sachverhalt zum Ausdruck bringen, Namen für Gegenstände indes zu den unbeur-
teilbaren, weil sie dies nicht tun. Obgleich Frege selbst auf diesen bedeutsamen Punkt
nachdrücklich hinweist, wenn er in der Bereitstellung erster Grundlagen der begriffs-
schriftlichen Grammatik den Unterschied zwischen „beurtheilbaren und unbeurtheilbaren
Inhalten“ (§ 2) explizit herausstellt, so weiß er ihn hier im Fall dieser exponierten Relation
nicht sicher anzuwenden.
Es mag ein Ausdruck der 1879 noch nicht bestehenden restlosen Überzeugung im
richtigen Umgang mit der Inhaltsgleichheit gewesen sein, sowohl beurteilbare als auch
unbeurteilbare begriffliche Inhalte als Argumente zuzulassen. Syntaktisch verwischt wird
diese wichtige formale Differenzierung durch die semantische Normierung, ein Urteil der
Form besagt nichts anderes als: „das Zeichen A und das Zeichen B haben den-
selben begrifflichen Inhalt, sodass man überall an die Stelle von A B setzen kann und
umgekehrt“ (§ 8). In Schräglage gerät diese begriffliche Festsetzung, wenn die imple-
mentierte Doppelfunktion mit sich selbst gekreuzt wird und die Inhaltsgleichheit eines
beurteilbaren Inhalts A mit einem unbeurteilbaren c behauptet wird (A c). Hier wird
vollends unklar, über welchen gleichen Inhalt wir noch sprechen. Es wird mithin ein Zei-
chen in doppelter Syntaxfunktion gebraucht und Frege begeht einen Fehler, den er in den
Begleitschriften den logischen Algebraikern vorhalten wird.70 Entsprechend hätte sich das
formulierte Äquivalenzurteil

69
Siehe hier § 21.
70
Siehe hier § 8.
158 Eine zweite Annäherung

in der Syntax durch die Einführung eines gänzlich neuen logischen Partikelzeichens ab-
sichern müssen, was jedoch dem zudem erhobenen Anspruch zuwidergelaufen wäre, mit
möglichst wenigen Grundzeichen auszukommen. Die Ersparnis eines Axioms wäre mit
der Einführung eines eigens hierfür erforderlichen Zeichens unverhältnismäßig gewesen.
Während sich dieser erste Grund bereits durch eine rein immanente Betrachtung ein-
stellt, die bestimmt auch den Autor zum Nachbessern bewogen hätte, eröffnet sich das
zweite Motiv erst in einer problemgeschichtlichen Retrospektive und dies auch erst ein-
mal nur für spätere potentielle Verwender von Freges Axiomensystem. Während die bei-
den fraglichen Axiome relativ zur wahrheitsfunktionalen zweiwertigen Semantik äqui-
valent sind, ergeben sich begründungstheoretisch beachtliche Unterschiede, wenn eben
dieser investierte bedeutungstheoretische Zugang philosophisch hinterfragt wird. Es reicht
hier darauf hinzuweisen, dass nach der Jahrhundertwende und noch zu Freges Lebzeiten
ernstzunehmende Argumente gegen Duplex negatio affirmat vorgetragen wurden, die Be-
denken an der uneingeschränkten Geltung dieses Satzes zum Ausdruck bringen. Hätte
Frege in der Architektonik der Grundgesetze des reinen Denkens noch die Bisubjunktion
::A$A als Axiom wählen können, so wäre mit der späteren Kritik an Duplex negatio af-
firmat sogleich auch die harmlose logische Wahrheit A!::A betroffen gewesen, da sie
via Axiomatisierung im Problemaxiom mit ausgedrückt worden wäre. Doch mit der im
Textverlauf bestehenden Trennung zwischen dem zweiten und dem dritten Grundgesetz
der Verneinung hat Frege – ohne es zu wissen – Vorsorge dafür getragen, um im Zweifels-
fall dieses unproblematische Urteil aus dem Fokus der Kritik zu nehmen. In der de facto
vollzogenen Axiomatisierung würde sich eine Kritik an der klassischen Logik (sieht man
von der investierten Semantik einmal ab) also tatsächlich auf die Formel mit der Num-
mer 31 beschränken. Die Formel mit der Nummer 41 bleibt indes von intuitionistischen
Bedenken unberührt. Dies relativiert den Nachtrag aus dem „Vorwort“.

§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“

Nun kann bewiesen werden. Bereits mit der Einführung der ersten beiden Axiome der
Bedingtheit zeigt Frege eindrucksvoll, wozu die Begriffsschrift in der Lage ist. Bewei-
se, frei von Prosa, vollständig transparent und in jedem einzelnen Beweisschritt einzig
durch explizit legitimierte Mittel vollzogen, demonstrieren die Begründungsrigorosität
der kalkülisierten Vernunft. Hier wird tatsächlich die Forderung nach der „Lückenlosig-
keit der Schlusskette [...] auf das strengste“ erfüllt, womit es geradewegs ausgeschlossen
ist, dass sich „unbemerkt etwas Anschauliches eindrängen könnte“ (Vorw.). Die figürli-
che Beschaffenheit begriffsschriftlicher Beweisführungen ist durch die bereits im sechsten
Paragraphen erfolgte Darstellung der zentralen Abtrennungsregel festgelegt.71 In ihrer all-
gemeinsten Form besitzen begriffsschriftliche Beweise die Form:

71
Siehe § 14.
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ 159

In die Formel mit der Nummer m ist – sofern überhaupt erforderlich – für jedes Vor-
kommnis der Elementarformel A1 die beliebig komplexe Formel A1 zu setzen. Sollten
weitere Substitutionen in der Formel mit der Nummer m geboten oder erforderlich sein, so
werden weitere Ersetzungen vorgenommen bis zur letzten zu substituierenden Elementar-
formel Aq , für welche die beliebig komplexe Formel Aq an jede Stelle ihrer Vorkommnisse
zu setzen ist. Es resultiert eine Formel der Form

für die gilt, dass die Formeln A1 ; : : :; Aq als Teilformeln jeweils mindestens ein Mal in
mindestens einer der beiden Teilformeln C; D auftreten. Jede der beiden Teilformeln
C; D muss über die entsprechende logische Komplexität verfügen, um die in ihnen auf-
tretenden Formeln aus der Menge fA1 ; : : :; Aq g umfassen zu können. Im Besonderen
gilt:

kann keine geringere logische Komplexität besitzen als die Formel mit der Nummer m.
Einzig im Falle von Substitutionen einer Elementarformel durch eine andere Elementar-
formel reproduziert sich der bereits bestehende logische Komplexitätsgrad. Im Falle aller
anderen zulässigen Substitutionsmöglichkeiten nimmt der Grad an logischer Komplexität
zu. Entsprechendes gilt gleichermaßen für die Formel mit der Nummer n, in die – so-
fern überhaupt erforderlich – für jedes Vorkommnis der Elementarformel B1 die beliebig
komplexe Formel B1 zu setzen ist. Sollten weitere Substitutionen in der Formel mit der
Nummer n geboten oder erforderlich sein, so werden weitere Ersetzungen vorgenommen
bis zur letzten zu substituierenden Elementarformel Br , für welche die beliebig komplexe
Formel Br an jede Stelle ihrer Vorkommnisse zu setzen ist. Es resultiert eine Formel der
Form
160 Eine zweite Annäherung

für die gilt, dass die Formeln B1 ; : : :; Br mindestens ein Mal in D auftreten. Auch in
diesem Fall gilt, dass D über die entsprechende logische Komplexität verfügen muss,
sämtliche Formelvorkommnisse aus der Menge fB1 ; : : :; Br g umfassen zu können. Die
Formel D besitzt dieselbe oder eine höhere logische Komplexität als die Formel mit der
Nummer n. Mit den beiden resultierenden Formeln wird nun mittels Abtrennungsregel
auf die Formel

geschlossen, die aufgrund ihrer Stellung als pte Formel in der Reihe der Axiome, De-
finitionen und bereits bewiesenen Formeln die Nummer p erhält. Da Frege es gestattet
hat, dass Beweise unter Verwendung entsprechender normierter Konventionen verkürzt
dargestellt werden dürfen, besitzt ein begriffsschriftlicher Beweis die Form

wenn die für die Abtrennung als Bedingtheit/Subjunktion verwendete Formel nicht noch
einmal explizit aufgeführt wird, sondern zu erschließen ist als Substitutionsresultat aus-
gehend von der Formel mit der Nummer m sowie der Kennzeichnung durch das einfache
Kolon. Ein begriffsschriftlicher Beweis besitzt indes die Form

wenn die für die Abtrennung als Bedingung/Antezedens verwendete Formel nicht noch
einmal explizit aufgeführt wird, sondern zu erschließen ist als Substitutionsresultat aus-
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ 161

gehend von der Formel mit der Nummer n sowie der Kennzeichnung durch das doppelte
Kolon. Mit der Erfassung dieser allgemeinen Form begriffsschriftlicher Ableitungen ist
dann auch die letzte verbliebene Regel erklärt: die Substitutionsregel.

Verfügt eine Formel m über q-viele verschiedene Elementarformeln


A1 ; : : :; Aq , dann darf jede dieser Elementarformeln Ai.1
i
q/ durch eine
beliebig komplexe Formel Aj.1
j
q/ ersetzt werden, wenn sichergestellt
ist, dass dann jedes Vorkommnis von Ai durch Aj substituiert wird.

Aus der Inanspruchnahme der Substitutionserlaubnis ergibt sich also umgehend die Befol-
gung einer Substitutionspflicht. Die Ersetzungsregel muss selbstverständlich nicht ange-
wandt werden, niemand ist dazu verpflichtet. Findet sie jedoch Gebrauch, so müssen ihre
Anwendungsbedingungen eingehalten werden. Ihre Verwendung erfolgt freiwillig, doch
die Nutzung verpflichtet – wie bei jeder anderen Regel auch. Hierbei ist selbstverständlich
Sorgfalt geboten, doch die ungleich größere Herausforderung in der Anwendung dieser
Regel besteht in der Beantwortung der keineswegs trivialen Frage, was gegebenenfalls in
welche Formel zu substituieren ist.
Woran kann der Beweisführende erkennen, welche Formel wie substituierend zu mo-
difizieren ist, um eine erwünschte Ableitung vollziehen zu können? Rein algorithmisch
können wir erst verfahren, wenn die individuellen Ersetzungszuweisungen festgelegt sind.
Doch wie zweckmäßige Substitutionen zustande kommen, erschließt sich keineswegs al-
gorithmisch, denn hier hat der Beweisführende eine schier unüberschaubar große Auswahl
an potentiellen Möglichkeiten. Hilfreich wären hier fraglos methodische Hinweise, wel-
che begleitend die erfolgten Ersetzungen in allgemeiner Diktion erläutern. Doch Frege
gibt keine Heuristiken an – und dies auch aus einem guten Grund. Es gibt keine. In Erman-
gelung aussagekräftiger Substitutionsheuristiken wird das begriffsschriftliche Beweisen,
selbst elementarer logischer Wahrheiten, zu einer überaus anspruchsvollen Angelegenheit,
weil in der Regel mühsam über eine Vielzahl probeweiser Substitutionen durch Versuch
und Irrtum das resultierende Ersetzungserfordernis langsam eingegrenzt werden muss.
Bevor nun jedoch Kritik an Frege laut wird, sei wiederholt daran erinnert72 , dass dies
keine Besonderheit der Begriffsschrift ist, sondern Merkmal eines jeden satzlogischen
Kalküls. Fehlende Beweisheuristiken dürfen selbstverständlich als Manko bewertet wer-
den, doch ist dies ein Makel im Kontext der Lehr- und Lernbarkeit der satzlogischen
Beweispraxis und keiner im Kontext der beweistheoretischen Geltung. Die Begriffsschrift
ist sicherlich nicht das Musterbeispiel für eine einfach erlernbare Beweispraxis, doch da-
für repräsentiert sie den Inbegriff eines logischen Kalküls.73 Letzteres gilt es mithin hier
zu illustrieren, nicht zuletzt deshalb, weil es über Ersteres hier kaum etwas zu sagen gibt.

72
Vgl. § 9.
73
Vgl. § 20.
162 Eine zweite Annäherung

Mit Frege beweisen wir exemplarisch das begriffsschriftliche Urteil, dass sich jede Aus-
sage selbst bedingt:

Vergegenwärtigen wir uns Freges Semantik, so gibt sich „A bedingt, dass A“ sogleich als
Spielweise des Satzes vom ausgeschlossenen Widerspruch zu erkennen, denn die Formel
bedeutet die Verneinung des dritten Falles, in dem A verneint und A bejaht wird. Durch
das Urteil wird mithin ausgedrückt, dass eine beliebige Aussage A nicht zugleich wahr und
falsch sein kann. Vom Identitätsurteil c D c einmal abgesehen dürfte es in der Sprache
der Begriffsschrift kaum eine allgemeingültige Formel geben, deren logische Komplexität
gleichermaßen elementar wie in diesem Fall ist. Auch wenn wir hier einzig unter Verwen-
dung der beiden Axiome I und III beweisen, die entsprechend ihrer Vorkommnisse als
Formeln mit den Nummern 1 und 2 geführt werden, so ist die Herleitung des fraglichen
Urteils eigentlich ungleich aufwendiger, da es sich im Fall des dritten Axioms bereits um
ein Theorem aus den beiden ersten Axiomen handelt.74 Dies soll hier jedoch nicht das
Problem sein.

74
Vgl. § 23.
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ 163

Auch wenn die Formel 3 noch nicht das gewünschte Resultat darstellt, so gibt sie doch
bereits zu erkennen, dass A!A eine logische Wahrheit sein muss, da die Formel 3 besagt,
dass A!A durch eine beliebige Aussage B und damit letztlich durch überhaupt keine
bedingt wird. Sie gilt mithin unbedingt. Es handelt sich also um eine Instanz von verum
sequitur ex quodlibet.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und leiten wir eine Formel her, für deren Darstellung
wir nicht nur die Subjunktion, sondern auch die Negation sowie die Identität benöti-
gen. Betrachten wir exemplarisch die Aussage cDd ! .:˚.d /!:˚.c//, d. h.: Wenn
c und d identisch sind, dann kommt c eine Eigenschaft ˚ nicht zu, wenn ˚ bereits d
nicht zukommt. Aufgrund der logischen Form der Aussage ist klar, dass wir in den erfor-
derlichen Beweisschritten mindestens ein Grundgesetz der Verneinung sowie mindestens
ein Grundgesetz der Inhaltsgleichheit jeweils mindestens einmal zur Anwendung zu brin-
gen haben. Wir beweisen unter Verwendung des ersten Grundgesetzes der Verneinung
(Axiom IV) sowie des ersten Grundgesetzes für die Inhaltsgleichheit (Axiom VII). Zu-
dem verwenden wir die von Frege bereits im Paragraphen 15 bewiesene Formel 5, die
den Kettenschluss zum Ausdruck bringt. Auf einen Beweis dieser Formel verzichten wir
an dieser Stelle, weil mit ihm einzig der Inhalt des Paragraphen 15 reproduziert werden
würde.
164 Eine zweite Annäherung

Die im II. Teil der Begriffsschrift bewiesenen Formeln der Aussagen- und Prädikaten-
logik erster Stufe besitzen nicht alle eine gleichermaßen systematisch ausgezeichnete
Stellung. Selbstverständlich handelt es sich bei allen 59 Theoremen um Gesetze des rei-
nen Denkens, doch einzelner dieser Formeln bedarf es vornehmlich als Zwischenschritt
auf dem Weg zu bedeutsamen Gesetzen, andere wiederum illustrieren erst einmal nur
die Beweismöglichkeiten eines neu eingeführten Grundgesetzes. So behandeln etwa um-
fängliche Teile des gesamten Paragraphen 16 variierende Bedingungsgefüge im Umgang
mit zum Teil mehrfach verschachtelten Bedingtheiten, die unter Verwendung der drei
Grundgesetze der Bedingtheit beweisbar sind. Gleichwohl finden sich unter den fast 60
Beweisen auch besonders bedeutsame Einsichten, die exemplarisch die Stärke von Freges
Axiomensystem illustrieren. Es handelt sich hierbei um logische Gesetze, die in der Lo-
gikgeschichte zumeist den Charakter von unbewiesenen Wahrheiten zuerkannt bekamen
und die nunmehr zu beweisbaren Formeln werden.
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ 165

Den Kettenschluss sowie den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch hatten wir be-
reits erwähnt. Daneben treffen wir unter anderem mit der Formel 36 (§ 18)

auf die Einsicht, dass eine beliebige Aussage B wahr ist, wenn A zugleich wahr wie
auch falsch sein soll: A!.:A!B/ bzw. A^:A!B. „Man kann dies so aussprechen:
„wenn a eintritt, so findet eins von beiden, a oder b, statt.““ (§ 18). Frege interpretiert
dies also sogleich im Geiste der logisch äquivalenten Adjunktionseinführung: A!A_B.
Im nachfolgenden Paragraphen treffen wir darüber hinaus mit der Formel 43

auf die Einsicht, dass aus A oder A eben A folgt: A_A!A. „Wenn nur die Wahl zwi-
schen a und a ist, so findet a statt. Man hat z. B. zwei Fälle zu unterscheiden, welche
die ganze Möglichkeit erschöpfen. Indem man den ersten verfolgt, gelangt man zu dem
Ergebnisse, dass a stattfindet; desgleichen, wenn man den zweiten verfolgt. Dann gilt
der Satz a“ (§ 19). Mit dieser Beschreibung findet die logische Operation der Fallunter-
scheidung eine mustergültige Anwendung. Den allgemeinen Fall beweist Freges noch im
selben Paragraphen, repräsentiert durch die Formel 47:

Wenn C oder B der Fall ist und A sowohl aus B wie auch aus C folgt, dann ist auch A
der Fall: .:C !B/!..C !A/!..B!A/!A//. „Man kann diesen Satz so aussprechen:
„wenn sowohl c als auch b eine hinreichende Bedingung für a ist, und wenn b oder c
stattfindet, so gilt der Satz a.“ Dieses Urtheil wird angewendet, wo bei einem Beweise
zwei Fälle zu unterscheiden sind“ (§ 19). In einzelnen regellogischen Kalkülen trifft man
die Beweisheuristik der Fallunterscheidung in der Form einer Beseitigungsregel an, die
uns darüber Auskunft gibt, unter welchen Bedingungen wir etwas aus einer Adjunkti-
on schlussfolgern dürfen. Obgleich das Gesetz der Fallunterscheidung lediglich mit zwei
Fällen operiert, so erfasst es doch umgehend jede beliebige n-fache Fallunterscheidung,
166 Eine zweite Annäherung

denn Frege weist sogleich darauf hin, dass Formeln mit n vielen Adjunktionsgliedern
A1 _A2 _: : :_An in der logischen Analyse pro Beweisschritt stets als Adjunktionen mit
exakt zwei Adjungaten A1 _.A2 _: : :_An / zu behandeln sind. „Wo mehre Fälle vorkom-
men, kann man immer auf zwei zurückgehen, indem man einen von den Fällen als den
ersten, die Gesammtheit der übrigen als den zweiten Fall ansieht. Den letzteren kann man
wieder in zwei Fälle zerlegen und hiermit so lange fortfahren, als noch Zerlegungen mög-
lich sind“ (§ 19).
Schließlich sei noch auf zwei Theoreme der Inhaltsgleichheit hingewiesen, die zusam-
men mit dem zweiten Grundgesetz der Identität (c D c) gewährleisten, dass es sich bei
der D-Relation um eine Äquivalenzrelation handelt. Bereits mit dem ersten Beweis im
Paragraphen 21 leitet Frege die Formel 55

ab und beweist damit die Symmetrie der Inhaltsgleichheit: Wenn c mit d identisch ist,
dann ist auch d mit c identisch. Es fehlt also nur noch die Transitivität. Wenn b mit c iden-
tisch ist und c mit d , dann ist auch b mit d identisch: .b D c/!..c D d /!.b D d //. Das
Bestehen dieser Eigenschaft wird von Frege nicht eigens nachgewiesen, was in Anbetracht
der allgemeinen Kürze zum Thema nicht überrascht – werden die beiden Grundgesetze
der Inhaltsgleichheit sowie erste Theoreme doch auf nicht einmal einer Druckseite behan-
delt. Allerdings beweist er noch im Paragraphen 20 allein unter Verwendung des ersten
Grundgesetzes der Inhaltsgleichheit sowie des dritten Grundgesetzes der Bedingtheit die
Formel 53:

Wenn c die ˚-Eigenschaft besitzt und zudem mit d identisch ist, dann kommt auch d
die ˚-Eigenschaft zu. Dieses Theorem birgt alles, was es zum Nachweis der Transitivität
bedarf, denn letztere ist nichts anderes als eine Instanz eben dieser Formel. Die allgemeine
Aussageform ˚._/ muss lediglich ersetzt werden durch die einstellige Funktion „mit b
identisch sein“ .b D ._//:

Geführte begriffsschriftliche Beweise nachzuverfolgen, zu verstehen und auf ihre Kor-


rektheit hin zu prüfen, ist das Eine. Es ist jedoch etwas ganz Anderes, sie zur Gewinnung
neuer Theoreme selbstständig zu führen, denn über begriffsschriftliche Beweisheuristiken
lässt sich so gut wie gar nichts sagen. Während in regellogischen Kalkülen üblicherwei-
§ 19 „die Lückenlosigkeit der Schlusskette“ 167

se mehrere Hinweise auf eine aussichtsreiche Beweisstrategie bereits über die logische
Form der in der zu beweisenden Implikation auftretenden Formeln erschlossen werden
können, gilt etwas Vergleichbares für satzlogische Kalküle nicht. Im Fall einer Implika-
tion A1 ; : : :; An  B kann durch Erörterung sowohl der Prämissen A1 ; : : :; An wie auch
des Implikats B Auskunft darüber gegeben werden, wie ein vielversprechender Beweis-
versuch in den ersten und/oder letzten Schritten aussehen könnte. Häufig genug erkennt
man dann bereits anhand des Gesamtarrangements sämtlicher involvierter Formeln, ob
die übergeordnete Beweisstrategie auf eine Fallunterscheidung, eine Existenzbeseitigung,
einen Widerspruchsbeweis usw. hinausläuft. Die Kette der erforderlichen Beweisschritte
wird auf diese Weise gleichermaßen von den Beweisanfängen wie vom Beweisresultat
herkommend aufgezogen, so dass im Idealfall einzig eine überschaubar kleine Lücke in
der Mitte des Beweises zu schließen verbleibt, wenn überhaupt. Ein gewisses Maß an
Kreativität bleibt also gefragt, allerdings muss man kein logischer Virtuose sein. Das Be-
weisen in regellogischen Kalkülen ist eine lehr- und lernbare Begründungspraxis.
Im Fall des Herleitungserfordernisses einer begriffsschriftlichen Formel müssen
wir indes nicht nur um eine geeignete Bedingtheit

wissen, über die zu gewinnen ist, sondern wir müssen eben auch über das Wissen
verfügen, wie wir vorgelagert gewinnen können. Dies wiederum setzt nicht nur ein
Wissen um die Geeignetheit des bereits verfügbaren Theorembestandes voraus, sondern
auch, wie durch gezielte Substitutionen und Abtrennungen ausgehend von einer bereits
verfügbaren Formel in kontrollierbar wenigen Schritten das Theorem

und wiederum durch gezielte Substitutionen und Abtrennungen ausgehend von einer be-
reits verfügbaren Formel in kontrollierbar wenigen Schritten das Theorem
gewonnen werden kann. Dieses Wissen um die erforderlichen Substitutionsschritte darf
kein ungefähres sein, sondern muss von Beginn an in jedem noch so kleinen Detail präzi-
se funktionieren. Wer hier auch nur an einer einzigen Stelle das erforderliche Vorkommnis
einer einzelnen Elementarformel oder das überzählige Auftreten einer solchen übersieht,
scheitert ebenso wie jener, der die Substitutionsbedingungen gänzlich missachtet. Der
kleinste Fehler beim Substituieren lässt nicht nur den Beweisversuch misslingen, sondern
in der Regel auch die gesamte Beweisausrichtung, weil überzählige oder fehlende Teil-
formelvorkommnisse innerhalb der Beweisschrittfolge normalerweise irreparabel sind.
Scheitert eine Substitutionsabfolge auch nur in einem winzigen Detail, dann scheitert sie
üblicherweise auch im Ganzen und man hat von vorne zu beginnen. Versuch und Irrtum
eben.
168 Eine zweite Annäherung

Diese Herausforderung zu meistern wird erschwert durch eine weitere Hürde, denn
die Wahl geeigneter Substitutionen nimmt stets ihren Anfang bei der Bereitstellung einer
gewünschten Teilformel. Sofern wir etwa ausgehend von die Formel

herleiten wollen, so ersetzen wir in C gezielt Elementarformeln durch andere bzw. kom-
plexere Formeln, um im Besonderen die logische Struktur der bedingten Formel A be-
reitzustellen. In überragend vielen Fälle wird dies jedoch nicht automatisch die logische
Struktur der bedingenden Formel B generieren, sondern die einer anderen E, so dass nach
Substitution die Formel

resultiert. Wiederum in einer Vielzahl von Fällen wird es sich bei E nicht einmal um
eine beweisbare Formel handeln, weil eine allgemeingültige Formel A durch beliebige
und mithin eben auch falsche Formeln bedingt werden kann. In all diesen Instanzen ist
mit der resultierenden Bedingtheit nichts mehr anzufangen, weil ihr Antezedens nicht
beweisbar ist. Beginnen wir indes ausgehend von mit gezielten Substitutionen für
die Bereitstellung des Bedingungsteils B, so wird wiederum in überragend vielen Fällen
eine Formel der Form

resultieren, wobei F zwar eine allgemeingültige, in ihrer logischen Struktur aber von A
verschiedene Formel ist. Dreht man an einem Substitutionsrädchen, so verstellt sich häu-
fig ein anderes unvorteilhaft. Aus der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten hier exakt den
richtigen Weg zu wählen, ist kaum auf ein Regelwissen abzubilden.
Hier liegen dann auch die didaktischen Grenzen im Umgang mit der Begriffsschrift
im Besonderen und satzlogischen Kalkülen im Allgemeinen, denn welche Substitutionen
in welchen Beweisschritten für welche Zwecke nicht nur geboten, sondern zwingend er-
forderlich sind, um zum Ziel zu gelangen, erschließt sich häufig erst nachträglich durch
den mühsamen Umweg über hinreichend viele gescheiterte Beweisversuche. Zuweilen
gewinnt man als Beweisführender zwar eine gewisse Intuition im Umgang mit den me-
talogischen Struktureigenschaften von betroffenen Formeln, über die informell einzelne
Substitutionswege ausgeschlossen oder näher in Augenschein genommen werden kön-
nen. Allerdings handelt es sich hierbei eben nicht um eine lehr- und lernbare Fertigkeit.
So etwas stellt sich beim Einzelnen ein in der Praxis von Versuch und Irrtum oder es bleibt
aus. Viel mehr gibt es da bedauerlicherweise nicht zu sagen.
§ 20 „nichts geschieht, was nicht diesen Regeln gemäß wäre“ 169

§ 20 „nichts geschieht, was nicht diesen Regeln gemäß wäre“

Auf Leibniz geht die Vision einer rechnenden Vernunft zurück, das Streben nach einem
calculus ratiocinator, durch dessen streng geregelte Anwendung Fehler und Ungenauig-
keiten der Sprache entdeckt wie auch behoben werden können. Der Ehrgeiz dieser Vision
reichte weit, denn die kalkülisierte Vernunft sollte im Idealfall auf Sprache überhaupt
zur Anwendung gebracht werden können, ihrerseits verkörpert durch das Ideal einer lin-
gua universalis, einer Sprache für alle Wissenschaften, einer Sprache, deren kategoriale
Formen für alle Einzelsprachen anwendbar sind. Diese universal einsetzbare rechnende
Vernunft blieb unverwirklicht, wenngleich sich in einzelnen wissenschaftlichen Gebieten,
wie etwa der Arithmetik, Geometrie oder auch Chemie, Ansätze für eine strengere Syn-
tax sowie Tendenzen für regelbasierte Begründungsabläufe heraus entwickelten. „Die hier
vorgeschlagene Begriffsschrift fügt diesen [Gebieten, MW] ein neues hinzu und zwar das
in der Mitte gelegene, welches allen andern benachbart ist“ (Vorw.).
Frege beansprucht damit keine Verwirklichung des „riesenhaften“ (Vorw.) Leibniz-
schen Gedankens eines calculus ratiocinator, wohl aber die Verfügbarkeit eines logischen
Operationsschemas basierend auf einer derart ausdrucksstarken Syntax, dass deren Reich-
haltigkeit – zumindest im Prinzip – die Behandlung jeder einzelwissenschaftlichen Ratio
erlaubt. Mit der formal-logischen Sprache seiner rechnenden Vernunft will Frege in der
Tat „eine „lingua characterica“ im leibnizischen Sinne schaffen“.75 Sprache und Kalkül
der Begriffsschrift sind entsprechend als „in der Mitte gelegen“, als in „Nachbarschaft“
zu einzeldisziplinären Terminologien zu sehen, weil sie die Implementierung fachwis-
senschaftlicher Begründungszusammenhänge zum Zweck von deren Gültigkeitsprüfung
mittels Logik erlauben. Dass Frege diesen fundamentalen Anspruch überhaupt erwägen
kann, gründet sich in keiner geringeren Einsicht als der idealtypischen Instanziierung
des Kalkülbegriffs durch die Begriffsschrift. Funktion und Bereitstellung derselben sollen
zwar nicht auf den Entwurf einer algorithmisch verfahrenden Vernunft reduziert werden,
allerdings erkennt Frege „jene schlussfolgernde Rechnung immerhin als einen nothwen-
digen Bestandtheil einer Begriffsschrift“76 an, d. h. ohne die Gewährleistung eines streng
geregelten Operationsschemas ist das Streben nach einer kalkülisierten universalen Syntax
von vornherein vergebens.
Erstmals in der Geschichte der Wissenschaften gelingt 1879 die Realisierung des Kal-
külbegriffs für eine expressiv reichhaltige Sprache. Gegenstand des erzeugten Kalküls
sind mithin keine simplen Figuren, die keiner semantischen Deutung fähig wären. Freges
Kalkül operiert mit einer ausgeklügelten Syntax, die ausnahmslos alle Behauptungssätze
einer beliebigen Einzelsprache auszudrücken vermag, sofern deren angemessene Forma-
lisierung mit Mitteln der Aussagen- und Prädikatenlogik (vornehmlich erster Stufe) aus-

75
Frege (1882/83), 98.
76
Frege (1882/83), 98.
170 Eine zweite Annäherung

kommt. In der Geschichte der Logik ist dies ein Quantensprung und es sollte fast noch ein
weiteres halbes Jahrhundert vergehen, bis man in der Logikforschung an Freges Kalkü-
lisierungsstandards wieder heranreichen sollte. Selbst jene, wie Peano oder Russell, mit
deren Schriften die symbolische Logik ihren Durchbruch schaffte, reichten in dieser Hin-
sicht nicht an das begriffsschriftliche Vorbild heran.
Frege war sich im Klaren darüber, dass seine, a fortiori für die Mathematik eingefor-
derten, Begründungsstandards überhaupt nur dann gewährleistet werden können, wenn
das logische Werkzeug die Verwirklichung sowie Überprüfung sämtlicher investierten
Rigorositäts-, Vollständigkeits- und Transparenzkriterien ermöglicht. Die Bedingung der
Lückenlosigkeit einer Beweisführung etwa wäre hinfällig, wenn die verfügbaren formalen
Analysemittel nicht sensitiv gegenüber jedem einzelnen kleinen Beweisschritt verfah-
ren würden. Werkzeuge für das Grobe wären nun einmal nicht sonderlich gut geeignet,
um Präzisionsansprüchen zu genügen. Dort, wo mit dem Mikrometer gemessen werden
muss, kann man nicht die Elle anlegen. Entsprechend war es eine Mindestbedingung,
dass Freges Logik eine mustergültige Kalkülisierung erfährt. Unter einem Kalkül verste-
hen wir hierbei ein streng geregeltes Operationsschema, bei dem bestimmte Figuren aus
bereits vorhandenen Figuren nach vorgegebenen Regeln hergestellt werden. Eine kalkül-
immanente Handlungsanweisung für die Erzeugung von Figuren ausgehend von einem
exakt vordefinierten Bedingungsgefüge bezeichnen wir als Kalkülregel. Kalkülimmanen-
te Handlungsanweisungen, die die Erzeugung bestimmter Figuren ohne ein vordefiniertes
Bedingungsgefüge ermöglichen, bezeichnen wir als Axiome. Axiome bestimmen damit
die Grundfiguren des Kalküls, d. h. die durch die Axiome dargestellten Figuren gelten
als erzeugt. Der nahezu algorithmische Charakter eines Kalküls zeigt sich vor allem bei
Entscheidungsfragen, ob eine beliebig vorgelegte Figur relativ zu einem vorgegebenen
Kalkül ableitbar ist. Da ausnahmslos jeder Ableitungsschritt durch exakt eine der endlich
vielen Kalkülregeln abgesichert sein muss, muss für jede ableitbare Figur jeder einzelne
Ableitungsschritt effektiv nachvollziehbar sein.

„Das Schließen geht nun in meiner Begriffsschrift nach Art einer Rechnung vor sich. Ich
meine dies nicht in dem engen Sinne, als ob dabei ein Algorithmus herrschte, gleich oder
ähnlich dem des gewöhnlichen Addierens und Multiplizierens, sondern in dem Sinne, daß
überhaupt ein Algorithmus da ist, d. h. ein Ganzes von Regeln, die den Übergang von einem
Satze oder von zweien zu einem neuen beherrschen, so daß nichts geschieht, was nicht diesen
Regeln gemäß wäre“.77

Nichts geschieht in einem Kalkül, was nicht durch die konstitutiven Kalkülmittel erlaubt
wird. Damit wird kalkülimmanentes Handeln uneingeschränkt kontrollierbar, es wird voll-
ständig transparent. In Freges Beweispraxis gibt es keine Argumentationsschritte, die mit
„wie man sieht“ oder „trivialerweise gilt“ eröffnet werden. Lückenlosigkeit präsupponiert
im Besonderen Prosaverzicht. Jeder Beweisschritt, ob vermeintlich banal oder heuristisch
originell, unterliegt denselben Gelingensbedingungen: Er ist unter expliziter Angabe des
zu gebrauchenden Kalkülmittels sowie der Sicherstellung der Vorbedingungen für des-

77
Frege (1896), 222f.
§ 20 „nichts geschieht, was nicht diesen Regeln gemäß wäre“ 171

sen Anwendung zu vollziehen. Dies sei nun repräsentativ illustriert am aussagenlogischen


Kalkül der Begriffsschrift. Mittels eines kleinen Hilfskalküls definieren wir vorgelagert
den Formelbegriff für Freges Aussagenlogik, um in einem zweiten Schritt das Erzeu-
gungssystem, den aussagenlogischen Kalkül selbst, zu bestimmen. D. h. wir führen den
kalkülisierten Nachweis, dass Freges Kalkül die Merkmale des soeben rekapitulierten Kal-
külbegriffs als Eigenschaften besitzt.
Sei A nun also ein beurteilbarer Inhalt, eine wahrheitswertfähige Aussage, dann sind

Formeln des BS-KalkülsAL . Sind A, B Formeln des BS-KalkülsAL , dann sind auch

Formeln des BS-KalkülsAL . Dieser Erzeugungskalkül für Formeln verwendet als zugrunde
liegendes Alphabet also Variablen A, B,. . . für beurteilbare Inhalte, den Inhaltsstrich

sowie den in Verbindung mit dem Inhaltsstrich auftretenden Verneinungsstrich

zur Erzeugung erster, elementarer BS-Formeln. Des Weiteren umfasst das Alphabet die
logischen Verknüpfungsoperatoren der Bedingtheit

sowie der verneinten Bedingtheit

zum Aufbau beliebig komplexer (aussagenlogischer) BS-Formeln. Wir werden somit auf
die folgenden Erzeugungsvorschriften geführt:
A © beurteilbarer Inhalt ) © BS-FormelnAL
A © beurteilbarer Inhalt ) © BS-FormelnAL
A; B © BS-FormelnAL ) © BS-FormelnAL

A; B © BS-FormelnAL ) © BS-FormelnAL
172 Eine zweite Annäherung

Die Menge der BS-FormelnAL ist unter diesen vier Erzeugungsvorschriften abgeschlos-
sen. Im Besonderen ist gewährleistet, dass mit geeigneter einmaliger Anwendung der
dritten bzw. vierten Regel die folgenden BS-FormelnAL erzeugt werden können:

Die damit sichergestellte Reichhaltigkeit auf dieser noch wenig komplexen Ebene erlaubt
nunmehr auch die Erzeugung beliebig komplexer Bedingtheitsgefüge, in denen eine be-
liebig große endliche Anzahl an BS-FormelnAL auftreten kann.
Da es sich bei den BS-FormelnAL nicht einfach nur um Figuren einer bestimmten
figuralen Beschaffenheit handeln soll, bedarf es nun vorab für die Bereitstellung des BS-
KalkülsAL einer Bewertung. Schließlich haben wir bisher lediglich den Begriff der (wohl-
geformten) BS-FormelAL definiert, d. h. alle im BS-KalkülAL ableitbaren Formeln müssen
durch den Hilfskalkül erzeugbar sein, sie müssen also der Menge der BS-FormelnAL
angehören. Dies besagt allerdings nicht, dass jede BS-FormelAL auch im BS-KalkülAL
ableitbar wäre. Dies darf bereits deshalb nicht der Fall sein, weil wir BS-FormelnAL als
wahrheitswertfähige Aussagen interpretieren wollen, wobei im BS-KalkülAL einzig die
aussagenlogischen Wahrheiten erzeugbar sein sollen. Ableitbarkeit soll Wahrheit impli-
zieren. Deshalb soll es ausgeschlossen sein, dass für eine beliebige BS-FormelAL A die
beiden BS-FormelnAL

im BS-KalkülAL erzeugbar sind. Bewiesene Formeln müssen von unbewiesenen (vor allem
von den unbeweisbaren) unterscheidbar sein und Frege hat hierfür syntaktische Vorkehrun-
gen getroffen. Um die im BS-KalkülAL ableitbaren Formeln von den nicht ableitbaren zu
unterscheiden, werden die abgeleiteten Formeln A mit dem Urteilsstrich beschlossen:

Da die Ausgangsformeln des BS-KalkülsAL bereits als erzeugt gelten und die zudem ver-
fügbaren Kalkülregeln in ihrer Anwendung umgehend neue BS-FormelnAL erzeugen, wird
ausnahmslos jede BS-FormelAL des BS-KalkülsAL mit dem Urteilsstrich beschlossen.
Freges aussagenlogischer Begriffsschriftkalkül beginnt nun mit den folgenden Formeln,
durch deren Setzung als Axiome sie per definitionem als erzeugt gelten:
§ 20 „nichts geschieht, was nicht diesen Regeln gemäß wäre“ 173

Diese sechs Figuren bilden die Urformeln des aussagenlogischen Begriffsschriftkalküls.


Damit aus diesen Axiomen nunmehr weitere Formeln erzeugt werden können, bedarf
es einer Substitutions- sowie mindestens einer Ableitungsregel. Da, wie noch zu zeigen
sein wird78 , die Axiome allgemein gelten, d. h. an die Stellen für die Aussagenvariablen
A; B; C; D beliebig komplexe wohlgeformte Formeln gesetzt werden dürfen, bedarf es ei-
ner Regel, die darüber Auskunft gibt, welche Bedingungen hierbei einzuhalten sind. Dies
stellt die bereits behandelte Substitutionsregel sicher:

(Rsub ) Ist A eine erzeugte Figur, A eine in A auftretende atomare Figur und B eine
beliebig komplexe wohlgeformte Formel, so darf B an der Stelle eines jeden Vor-
kommnisses von A für dieses eingesetzt werden.

Die Substitutionsregel ist eine Erlaubnis, da niemand zur Substitution verpflichtet ist. Aus
der Erlaubnis ergibt sich jedoch die Pflicht, dass dann alle Vorkommnisse von A durch B
zu substituieren sind, sofern die Substitution auch nur an einer einzigen Stelle vorgenom-
men wurde.
Mit Anwendung der Substitutionsregel können umgehend beliebig viele neue Formeln
erzeugt werden, deren Komplexitätsgrad durch Anwendung der Regel zwar zunehmen,
aber keinesfalls reduziert werden kann. Da die Ableitung vor allem der aussagenlogisch
interessanten Formeln nicht nur mittels Substitution und sukzessiver Zunahme ihrer logi-
schen Komplexität zustande kommt, benötigen wir zudem eine Regel, die unter geeigneten
Bedingungen auch die Reduktion des Komplexitätsgrades ermöglicht. Dies vermag die
Abtrennungsregel, der Modus Ponens bzw. die Subjunktionsbeseitigungsregel, die von
Frege im Paragraphen 6 eingeführt wird. Der zugrundeliegende Gedanke operiert wesent-
lich mit der Semantik der Bedingtheit:

(RMP ) Für beliebige BS-Formeln A; B gilt:

Sind und erzeugt, dann gilt auch als erzeugt.

Freges Axiomatisierung der Aussagenlogik ist vollständig, d. h. ausnahmslos alle klas-


sisch aussagenlogischen Wahrheiten sind durch den BS-KalkülAL erzeugbar. Aber wie
sich noch zeigen wird79 , ist das Erzeugendensystem nicht minimal. Dieser randständi-
ge Makel lässt sich durch den Nachweis der fraglichen Abhängigkeit und die sich daran
anschließende Tilgung des betroffenen Axioms leicht beheben. Weitaus bedeutsamer ist
indes die Einsicht, dass Frege durch begleitende metalogische Überlegungen im Besonde-
ren sicherstellen kann, dass es sich bei seinen Axiomen um Aussagen handelt, die unter
allen Umständen wahr sind und aufgrund des somit festgestellten allgemeingültigen Cha-
rakters gerechtfertigt als Axiome der klassischen Aussagenlogik geführt werden dürfen.

78
§ 22.
79
§ 23.
174 Eine zweite Annäherung

Wesentlich dieselben Zulässigkeitsüberlegungen stellt Frege im Kontext der Abtren-


nungsregel an. In einer – selbst nach heutigen Maßstäben – kanonischen Weise wird die
Gültigkeit der Regel demonstriert. Es ist ausgeschlossen, dass die Abtrennungsregel auf
logische Wahrheiten angewandt, zu einer falschen Aussage führt. Damit ist gewährleistet,
dass beim Ableiten von BS-FormelnAL einzig wahre Aussagen erzeugt werden.

§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung


dieser Begriffsschrift“

Die im II. Teil hergeleiteten Formeln sind Gesetze des reinen Denkens, weil sie bereits auf-
grund ihrer logischen Form allgemeingültig sind. Sie sind wahr allein aufgrund der Bedeu-
tung der in ihnen auftretenden logischen Partikel, andernfalls wären sie nicht beweisbar
gewesen. Definitionen, die über die Bedeutungsfestlegung von Bedingtheit, Verneinung,
Inhaltsgleichheit sowie Allgemeinheit hinausgehen, fanden indes noch keine Anwendung.
Das Analytische beschränkte sich auf das Logische, während nicht-formale semantische
Mittel noch ungenutzt blieben. Von dieser zulässigen systematischen Erweiterungsmög-
lichkeit macht Frege im III. Teil der Begriffsschrift Gebrauch.
Die Leistungsstärke seiner Logik übertrifft das bereits Gezeigte erheblich, weil nun-
mehr auch semantische Folgerungen aus einzelnen vorab definierten Begriffen formal
gezogen und logisch untersucht werden können. Die logische Komplexität der Formeln
nimmt merklich zu, doch für die Begriffsschrift bleibt ihre Behandlung vergleichswei-
se einfach. Hier zeigt sich erstmals „ihre eigentliche Kraft, die in der Bezeichnung der
Allgemeinheit, dem Functionsbegriffe, der Möglichkeit beruht, verwickeltere Ausdrücke
an die Stelle zu setzen, wo hier einfache Buchstaben stehen“.80 Dieser gezielte Erwei-
terungsschritt gleicht einer Demonstration, denn die „folgenden Ableitungen sollen eine
allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift geben, wenn sie auch
vielleicht nicht hinreichen, deren Nutzen ganz erkennen zu lassen. Dieser würde erst bei
verwickelteren Sätzen deutlich hervortreten“ (§ 23). Es wird also kein Zweifel daran ge-
lassen, dass die Möglichkeiten durch das Dokumentierte nicht nur nicht erschöpft sind,
sondern noch nicht einmal richtig gefordert wurden. So beeindruckend die nachfolgenden
Resultate auch sein mögen, der Begriffsschrift hat ihre Herleitung nicht sonderlich viel
abverlangt. Freges Logik kann mehr, viel mehr. Retrospektiv wird sich diese Passage als
gleichermaßen noch unbestimmtes wie visionäres Versprechen für die Begriffsschrift der
zweiten Generation und die monumentalen Herausforderungen der Grundgesetze deuten
lassen.
Statt durchweg unbestimmter beurteilbarer Inhalte finden nun Definitionen Berück-
sichtigung, durch die das Feld der potentiellen Schlussfolgerungen erheblich erweitert
wird. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um irgendwelche Definitionen, sondern um
die semantische Normierung von Ausdrücken wie „Erblichkeit einer Eigenschaft“, „Vor-

80
Frege (1880/81), 51.
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ 175

gänger in einer Reihe“ und „Eindeutigkeit eines Verfahrens“. Ihre Bedeutungsfestlegung


zielt auf die definitorische Bestimmung von Grundbegriffen einer allgemeinen Reihenleh-
re, die etwa in der elementaren Zahlenlehre einen spezifizierten Anwendungsfall besitzt.
Hier geht es Frege jedoch erst einmal um den exemplarischen Nachweis, dass zentrale
mathematische Begriffe – wie sie etwa in der Arithmetik zur Anwendung kommen – be-
reits mit rein logischen Mitteln bereitgestellt werden können. Dies hat zur Folge, dass
die mit ihnen rein logisch abgeleiteten Formeln noch keine spezifizierten mathematischen
Sachverhalte darstellen, weil ihre Geltung nicht vom Bezug auf bestimmte mathematische
Gegenstandsbereiche – wie etwa Zahlreihen – abhängt.

„Die im Folgenden entwickelten Sätze über Reihen übertreffen an Allgemeinheit beiweitem


alle ähnlichen, welche aus irgendeiner Anschauung von Reihen abgeleitet werden können“
(§ 23).

Als potentielles Rekonstruktionsziel steht in weiter Ferne gleichwohl die Arithmetik, denn
Freges Untersuchungen zu einer allgemeinen Reihenlehre erfolgen nicht beliebig. Deshalb
werden auch gezielt Termini wie die Erblichkeit oder die Vorgängerrelation analysiert,
die durch weiterführende Spezifizierung im Anwendungsbereich zudem als Grundbegrif-
fe der elementaren Zahlenlehre erwiesen werden können. Sofern nunmehr deren logisches
Fundament aufgewiesen sowie der darauf ruhende Theorembestand exemplarisch entfaltet
werden soll, so dient dies auch einer späteren wissenschaftstheoretischen Betrachtung der
Arithmetik. Für einen Logizismus ist das freilich noch viel zu wenig, denn weder geht es
um die logische Herleitung einzelner mathematischer Axiome noch gar um die Bereitstel-
lung ganzer mathematischer Axiomensysteme. Da gleichwohl gezeigt wird, wie einzelne
prominente mathematische Begriffe mit rein logischen Mitteln gefasst werden können,
dürfen diese partiellen Logisierungen als vorbereitende Fallstudien für die Möglichkeit ei-
nes Logizismus betrachtet werden. Für diese protologizistischen Untersuchungen prägte
George Boolos in seiner gleichermaßen inspirierenden wie wegweisenden Arbeit „Rea-
ding the Begriffsschrift“ die durchaus zutreffende Bezeichnung „sublogicism“.81
Die expressive Reichhaltigkeit des III. Teils ruht auf Formeln der Form  A B,
durch die per definitorischer Konvention neue Zeichen mit einer Bedeutung versehen wer-
den zu dem „Zweck, durch Festsetzung einer Abkürzung eine äusserliche Erleichterung
herbeizuführen. Ausserdem dienen sie dazu eine besondere Verbindung von Zeichen aus
der Fülle der möglichen hervorzuheben, um daran einen festern Anhalt für die Vorstellung
zu gewinnen“ (§ 24). Ganz bestimmte logische Konstellationen werden also herausge-
stellt, um sie semantisch prägnant zu taufen. Hier wird also nicht behauptet, dass A und B
denselben Inhalt besitzen, sondern festgesetzt, dass A „denselben Inhalt haben [soll]“
(§ 24) wie B. Da es sich entsprechend nicht um ein Urteil handelt, findet auch der Ur-
teilsstrich keine Verwendung. Allerdings kann in Kenntnis der Definition sogleich das
semantische Wissen vorgetragen werden, dass dann A und B denselben Inhalt besitzen.
Hier wird nun nichts festgesetzt, sondern urteilend festgestellt, d. h. aus der Definition

81
Boolos (1985), 332.
176 Eine zweite Annäherung

kann umgehend eine Behauptung gemacht werden, deren Wahrheit wiederum unter Be-
zug auf die Definition festgestellt werden kann. „Diese Doppelseitigkeit der Formel ist
durch die Verdoppelung des Urtheilsstrichs angedeutet“ (§ 24). Die figürliche Nähe des
Zeichens „“ zum Urteilsstrich erklärt sich exakt aus dieser Konstellation. Die erste der
zentralen Definitionen einer allgemeinen Reihenlehre betrifft nun die Erblichkeit einer
Eigenschaft:

Die linke Seite ist die bekannte – das Definiens – und die rechte, die zu definierende – das
Definiendum. Die Bedeutung des unbekannten rechten Ausdrucks wird vollständig be-
V V
stimmt durch x.F .x/! y.f .x;y/!F .y/// und damit durch die Bedingung: Wenn
einem beliebigen Gegenstand x die Eigenschaft F zukommt und x sich zudem in der
f -Relation zu einem beliebigen Gegenstand y befindet, dann besitzt auch y die Eigen-
schaft F . Ist dies der Fall, dann sagen wir per semantischer Konvention „die Eigen-
schaft F vererbt sich in der f -Reihe“ (§ 24) und erfassen dies begriffsschriftlich kurz
durch:

Diese semantische Abkürzung ist mehr als geboten, weil „die Wiedergabe in Wor-
ten schwierig und selbst unmöglich werden kann, wenn an die Stellen von F und f
sehr verwickelte Functionen treten“ (§ 24). Die Erblichkeit einer Eigenschaft illus-
triert Frege umgehend durch das für jedermann verständliche Beispiel, dass sich die
Eigenschaft, ein Mensch zu sein, unter Menschen eben vererbt. Die Kinder, Kindes-
kinder usw. von Menschen sind wiederum Menschen. Vertrete .c;d / die Aussage,
dass d ein Kind von c ist, und ˙.c/ die Aussage, dass c ein Mensch ist, dann drückt
V V
x.˙.x/! y..x;y/!˙.y/// den Sachverhalt aus, „dass jedes Kind eines Men-
schen wieder ein Mensch ist, oder dass die Eigenschaft, Mensch zu sein, sich vererbt“
(§ 24). Da die Bedingungen des Definiens für die Erblichkeit damit erfüllt sind, dürfen
wir dies per Konvention entsprechend ausdrücken durch:

Neben der Herleitung erster Theoreme, die grundlegende logische Einsichten über die
Erblichkeit von Eigenschaften in der f -Reihe zum Ausdruck bringen (das betrifft die
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ 177

Formeln mit den Nummern 70 bis 75), wird diese Definition – die Formel mit der
Nummer 76 – vor allem benötigt, um den (starken) Vorgängerbegriff einführen zu kön-
nen:

Obgleich auch diese Definition die vereinbarte Form  A B besitzt, so weist sie
doch eine Neuerung auf: Erstmals wird über Prädikate quantifiziert. Bei dem durch
die Höhlung gebundenen Buchstaben handelt es sich nicht um eine Gegenstandsvaria-
ble, sondern um eine Prädikatvariable. Quantifiziert wird also nicht über Gegenstände,
sondern über Eigenschaften. Das Definiens drückt mithin die Bedingung aus: Für al-
le sich in der f -Reihe vererbenden Eigenschaften F gilt, wenn aus dem Bestehen der
f -Relation zwischen x und einem beliebigen Gegenstand a folgt, dass dann a die Eigen-
schaft F besitzt, dann kommt auch y die Eigenschaft F zu. Ist diese Bedingung erfüllt,
dann sagen wir per semantischer Konvention „„y folgt in der f -Reihe auf x“; oder:
„x geht in der f -Reihe dem y vorher““ (§ 26) und drücken dies begriffsschriftlich aus
durch:

Es ist beachtlich, dass es Frege mit nur zwei Definitionen gelingt, bis zum anspruchsvol-
len Begriff des Vorgängers in einer Reihe vorzustoßen. Vor allem beeindruckt, dass Frege
ohne jeglichen Bezug auf eine Ordnungsrelation auskommt, um Vorgänger/Nachfolger
zu definieren. Hier zeigt sich die Stärke des Verzichts auf die Anschauung ein weiteres
Mal, denn das Bilden einer geordneten Reihe in der Anschauung operiert üblicherweise
mit dem Rückgriff auf eine Ordnungsrelation. Frege gelingt die Sicherstellung des erfor-
derlichen Strukturmerkmals allein unter Verwendung der Erblichkeit in einer Reihe. In
einer logisch maximal expliziten Form liegt nunmehr also die Definition des Vorgängers
in einer Reihe vor, womit dieser komplexe Begriff „zum ersten Male durch Frege exakt
definiert wurde“.82
Wie bereits im II. Teil so gilt auch hier, dass die Resultate in der Reihenfolge ihrer
Etablierung durchnummeriert werden. Darüber hinaus wird auch im III. Teil keines der
Theoreme in einer besonderen Weise hervorgehoben. Gleichwohl scheint es zumindest
drei Resultate zu geben – die Formeln mit den Nummer 81, 98 und 133 –, die systematisch

82
Bocheński (1956), 445.
178 Eine zweite Annäherung

eine besondere Bedeutsamkeit besitzen. Im Fall von #133 ist das nicht ganz überraschend,
denn mit der Herleitung für diese Formel endet die Begriffsschrift, d. h. ihr folgt kein wei-
terer Beweis nach. Der Beweis für diese Formel markiert gleichsam den Endpunkt der
gesamten Untersuchung. Frege wird hierfür sicherlich keine belanglose oder nur als Zwi-
schenschritt gedachte Formel ausgesucht haben. Allerdings markiert auch die Formel #98
offensichtlich den Endpunkt eines Beweisstranges, denn nachdem diese Formel hergelei-
tet ist, richtet Frege die Herleitungen neu aus und für keinen der nachfolgenden Beweise
wird #98 herangezogen. Auf beide Theoreme kommen wir noch kurz zu sprechen. Doch
an dieser Stelle bedarf erst einmal die Formel #81 der Erwähnung, denn dieses Theorem
lässt sich mit den bereits bereitgestellten Definitionen ausdrücken und mit den verfügba-
ren Formeln beweisen:

Wenn einem Gegenstand x eine sich in der f -Reihe vererbende Eigenschaft F zukommt
und y in der f -Reihe auf x folgt, dann kommt auch y die Eigenschaft F zu. Vollkommen
zu Recht und durchaus erwünscht erinnert diese Aussage an zahlentheoretische Induk-
tionsschritte, denn hierauf „beruht die Bernoullische Induction“ (§ 27), die vollständige
Induktion. Bei der ersten Betrachtung mag man kaum glauben, dass hier ein induktives
Schlussmoment allein aufgrund der Logik sowie zweier präzise bestimmter Begriffe ab-
gesichert wird. Ein Übergang zu genuin neuen Wahrheiten ist dies freilich nicht, denn das
Wissen um F .y/ speist sich vollständig aus einem begrifflichen Wissen um die Erblichkeit
einer Eigenschaft in der f -Reihe, dem Nachfolger in der f -Reihe sowie dem Wissen um
F .x/. Ausgedrückt und bewiesen wird also „nur“, was als semantische Bedingung bereits
angelegt ist. Sollte es sich um einen angemessenen rekonstruktiven Zugang handeln, so
liegt hiermit die logische Entzauberung einer prominenten mathematischen Schlussregel
vor. „Aus den §§ 24 und 26 meiner Begriffsschrift geht hervor, dass diese Schlussweise
nicht, wie man denken könnte, eine besonders mathematische ist, sondern auf den allge-
meinen logischen Gesetzen beruht“.83
Die begriffsschriftlichen Untersuchungen über den (starken) Vorgängerbegriff, welche
die Herleitung der Formeln mit den Nummern 77 bis 97 betreffen, werden beschlossen
mit dem zweiten zentralen Resultat. Durch die Formel #98 wird die Transitivität der Vor-
gängerrelation in der f -Reihe begründet festgestellt:

83
Frege (1880/81), 35.
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ 179

„Wenn y in der f -Reihe auf x und wenn z in der f -Reihe auf y folgt, so folgt z in der
f -Reihe auf x“ (§ 28). Nach der Etablierung dieses wichtigen Theorems nimmt Frege
erneut eine semantische Erweiterung vor und führt den Begriff der schwachen Vorgänger-/
Nachfolgerrelation ein:

„Wenn z dasselbe wie x ist, oder auf x in der f -Reihe folgt, so sage ich: „z gehört der mit
x anfangenden f -Reihe an“; oder: „x gehört der mit z endenden f -Reihe an““ (§ 29).
Begriffsschriftlich drücken wir dies aus durch:

Diese Relation lässt also neben der Möglichkeit, dass z auf x in der f -Reihe folgt, auch
die Möglichkeit zu, dass z mit x identisch ist. Sofern man über die Gegenstände einer
f -Reihe sprechen möchte, die mit einem bestimmten Gegenstand beginnt bzw. endet,
dann kann man nicht ausschließlich mittels einer irreflexiven Relation wie dem starken
Nachfolger operieren, weil kein Gegenstand zu sich selbst in dieser Relation stehen kann.
Die Bedingung muss also „abgeschwächt“ werden, um den Fall z D x mit zu erfassen.
Zwei Gegenstände stehen also in der schwachen Nachfolgerrelation, wenn sie entweder
in der starken Nachfolgerrelation zu einander stehen oder miteinander identisch sind. Da-
mit kann der neue begriffsschriftliche Ausdruck wiedergegeben werden mit „z gehört der
mit x anfangenden f -Reihe an“.
Frege verweist zwar auch im Falle dieser Definition „auf das bei den Formeln (69) und
(76) über die Einführung neuer Zeichen Gesagte“ (§ 29), allerdings gibt es eine bemer-
kenswerte Besonderheit. Innerhalb einer einzelnen Formel tritt ein und dasselbe Zeichen
in doppelter Bedeutung auf. Damit besitzt das Zeichen für die Identität neben der ambigen
Gebrauchsweise für beurteilbare wie unbeurteilbare Inhalte eine dritte operative Funkti-
on. Was hierbei erstmals in aller Deutlichkeit zutage tritt, zieht seine gesamte Anlage
ebenfalls aus dem Paragraphen 8. Im Hinblick auf die Definitionserfordernisse gerade des
III. Teils wurde dort bereits vorsorglich erklärt, „ein mehr äusserer Grund zur Einführung
eines Zeichens der Inhaltsgleichheit liegt darin, dass es zuweilen zweckmässig ist, an der
180 Eine zweite Annäherung

Stelle eines weitläufigen Ausdrucks eine Abkürzung einzuführen“ (§ 8). Das Zeichen für
die Inhaltsgleichheit wird also nicht nur für das deskriptive Feststellen von Behauptungen
vorgesehen, sondern auch für das normative Festsetzen von Bedeutungen. Die Definition
der schwachen Nachfolger-/Vorgängerrelation repräsentiert zwar bereits das dritte dieser
Vorkommnisse, doch zum ersten Mal findet ‚ ‘ dabei nicht nur Verwendung als Defini-
tionszeichen. Entsprechend kommt die fragliche Mehrdeutigkeit nun in aller Deutlichkeit
zum Vorschein, denn die Formel #99 ist von der Form

Die Definition für den schwachen Vorgänger/Nachfolger bestimmt via -Festsetzung den
semantischen Konnex zwischen dem zu definierenden Teil B und dem definierenden Teil
A.z x/, der als Definitionsbestandteil die Bedingung z x umfasst. Neben dem festset-
zenden ‚ ‘ findet also noch ein feststellendes ‚ ‘ Verwendung – hier in Anwendung auf
unbeurteilbare begriffliche Inhalte. Da nun auch – wie allgemein bereits dargelegt – die
Formel #99 darüber hinaus „als gewöhnliches Urtheil behandelt werden“ (§ 24) kann,
besitzt die korrespondierende wahre Behauptung die Form

womit die dritte Bedeutung des Zeichens ins Spiel gebracht wäre: ein feststellendes ‚ ‘
in Anwendung auf die beurteilbaren begrifflichen Inhalte A.z x/ und B. Sofern wir
schließlich noch die definitionstheoretische Möglichkeit in Betracht ziehen, im Definiens
einer weiteren, wie auch immer gearteten semantischen Normierung etwa die Bedingtheit

als Bedingungsteil auftreten zu lassen, dann läge gar der Fall vor, dass innerhalb von nur
einer Formel alle drei Gebrauchsweisen zugleich auftreten:

Diese konfundierte logische Grammatik sollte erst durch Nachfolgende syntaktisch hin-
reichend separiert und semantisch eindeutig diversifiziert werden. Doch wollen wir uns
mit diesem §8-induzierten Problem nicht länger aufhalten.
Nachdem Frege mit der Herleitung der Formeln mit den Nummern 100 bis 114 Aussa-
gen über die schwache Nachfolgerrelation, vor allem in ihrem logischen Zusammenspiel
mit der starken Nachfolgerrelation, begründet hat, führt er eine letzte zentrale Definition
ein, die für den Beweis des dritten bedeutsamen Theorems erforderlich ist.
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ 181

Wir sagen „das Verfahren f ist eindeutig“ (§ 31), wenn für beliebige a; b; c folgt,
dass aus dem Bestehen von f .a;b/ und f .a;c/ das Bestehen von bDc folgt:
V V V
x y z.f .x;y/!.f .x;z/!.yDz///. Die Eindeutigkeit der f -Relation drücken
wir begriffsschriftlich durch

aus. Mit der Etablierung der nachfolgenden 18 Resultate werden die logischen Verbindun-
gen im Zusammenspiel mit dieser semantischen Erweiterung untersucht, doch es sei an
dieser Stelle einzig auf das letzte Theorem – die Formel #133 – hingewiesen:

„Wenn das Verfahren f eindeutig ist, und wenn m und y in der f -Reihe auf x folgen,
so gehört y der mit m anfangenden f -Reihe an, oder geht in der f -Reihe dem m vor-
her“ (§ 31). Dieses Resultat ist eine logische Variation des arithmetischen Gesetzes der
V V
Trichotomie: x y..x<y/_.xDy/_.x>y//. Wenn f eindeutig ist, dann gilt für zwei
beliebige Gegenstände x, y aus der f -Reihe entweder x<y oder xDy oder x>y. D. h.
von zwei beliebigen Gegenständen ist entweder einer der beiden Nachfolger des anderen
oder sie sind identisch. Nimmt man nun die Gehalte der Formeln #98 und #133 zusammen,
so zeichnet sich ab, in welche Richtung die weiteren, in der Begriffsschrift aber nicht mehr
verfolgten Untersuchungen laufen werden. Wir befinden uns bereits auf dem Weg zur Be-
reitstellung der natürlichen Zahlen, denn mit der Verfügbarkeit der Nachfolgerrelation,
der Transitivität sowie der Trichotomie verfügen wir über grundlegende Strukturmerk-
male, um uns vielversprechend angeordneten Mengen zuwenden zu können. Aber diese
Perspektive wird von Frege hier nicht einmal mit einer Silbe angesprochen.
Von den spärlich gesäten zeitgenössischen Lesern dürften es wiederum nur die wenigs-
ten überhaupt geschafft haben, in ihrer Lektüre bis zur Reihenlehre vorzustoßen. Ob sich
182 Eine zweite Annäherung

unter diesen Wenigen indes jemand fand, der die Tragweite dieses dritten Teils der Schrift
auch nur im Ansatz zu erfassen vermochte, muss de jure offengelassen, darf de facto aber
bezweifelt werden. Von den wenigen dokumentierten Äußerungen ist vor allem das Ur-
teil von Carl Theodor Michaëlis bezeichnend, der den Inhalten zwar unvoreingenommen
gegenübertritt, jedoch aus Ungläubigkeit über das von Frege Erreichte, sich strikt wei-
gert, die systematischen Konsequenzen der geführten Beweise anzuerkennen. „Ich kann
nicht zugeben, dass der Begriff der Reihenfolge auf die logische Folge zurückzuführen
ist, noch weniger, dass der Zahlbegriff durch Untersuchungen über Reihenfolge gefördert
wird“.84 Das spricht Bände – Michaëlis bekommt es lückenlos, in der bestmöglichen Be-
gründungsrigorosität vorgeführt und glaubt es dennoch nicht, weil nicht sein kann, was
nicht sein darf. Doch aus diesen prälogizistischen Übungen sollte sich bereits wenige Jah-
re später Freges Avantgarde der mathematischen Grundlagenforschung entwickeln.
Die Skepsis des Rezensenten speist sich in Teilen sicherlich auch aus einer konventio-
nellen Haltung gegenüber dem Definieren, der gemäß als zu normierender Bedingungs-
katalog nur benannt werden kann, was als Merkmal explizit investiert wurde. Definierte
Termini besitzen demnach einzig begriffliche Ränder, die durch die semantischen Merk-
male im Definiens bereits mitgegeben sind und die im Normierungsvollzug vorab bekannt
waren. Definitionen liefern damit zwar sprachliche Abkürzungen, jedoch können sie kei-
ne propositionalen Akzente setzen. Für Frege leisten innovative Definitionen jedoch genau
dies, denn mittels prägnanter sprachlicher Variationen eröffnen sie neue, impulsgebende
Ausdrucksmöglichkeiten, die vormals in der Betrachtung der Terminologie nicht präsent
waren. Sie vermögen unsere Aufmerksamkeit auf bis dato unausgesprochene, aber wis-
senschaftlich vielversprechende semantische Konstellationen zu richten. Betrachtet man
etwa die Definition „des Folgens in einer Reihe, die ich in § 26 meiner Begriffsschrift
gegeben habe, so erkennt man, dass hier von einer Benutzung der Grenzlinien vorhande-
ner Begriffe zur Begrenzung der neuen nicht die Rede ist. Vielmehr werden durch solche
Begriffsbestimmungen – und das sind die wissenschaftlich fruchtbaren – ganz neue Grenz-
linien gezogen. Auch hier werden alte Begriffe zum Aufbau der neuen verwendet; aber sie
werden dabei in mannigfacher Weise durch die Zeichen der Allgemeinheit, Verneinung
und Bedingtheit untereinander verbunden“.85 Diese logisch komplexen Bedingungsgefü-
ge – so Frege an späterer Stelle – repräsentieren keine „Reihe beigeordneter Merkmale,
sondern eine innigere, ich möchte sagen organischere Verbindung der Bestimmungen“86 ,
deren semantische Folgen sich vorab gar nicht vollständig überblicken lassen. Neben rei-
nen begriffserläuternden Definitionen gibt es damit auch terminologische Wahrheiten, die
in gewisser Weise erkenntniserweiternd wirken. Für Frege wird dies in den Grundlagen
zum entscheidenden Werkzeug87 , um die Kluft zwischen logischer Form und arithmeti-
schem Inhalt überbrücken zu können.88

84
Michaëlis (1880), 239.
85
Frege (1880/81), 38f.
86
Frege (GLA), § 88.
87
Vgl. Frege (GLA), § 88.
88
Hierzu kritisch: Wille (2013c), 118–128.
§ 21 „eine allgemeine Vorstellung von der Handhabung dieser Begriffsschrift“ 183

Ein Punkt bedarf indes noch der Erwähnung. Er betrifft Freges exponierten Schritt in
die Logik höherer Stufe, den er mit der Definition für den (starken) Vorgänger vollzieht.
Wir hatten bereits erwähnt, dass in der Formel #76 durch die Höhlung ein Buchstabe für
Eigenschaften gebunden wurde. Dies schien erforderlich, weil ein Gegenstand y einem
anderen x in der f -Reihe nur dann nachfolgen kann, wenn für alle in der f -Reihe erbli-
V
chen Eigenschaften F gilt: z.f .x;z/!F.z//!F.y/. Es darf also keine in der f -Reihe
erbliche Eigenschaft F0 geben, die y nicht zukommt, weil andernfalls y der f -Reihe nicht
angehören könnte. Ob und unter welchen Voraussetzungen wir überhaupt berechtigt sind,
über sämtliche erbliche Eigenschaften zu quantifizieren bzw. was gegebenenfalls die An-
wendung der Definition und damit das Feststellen des Bestehens der Allquantifikation
legitimiert, ist für sich ein heikles Thema. Doch das Problem indefiniter Quantoren wol-
len wir hier nur insoweit weiterverfolgen, weil mit ihm die Möglichkeit imprädikativer
Begriffsbildungen einhergeht. Es ist Frege selbst, der von dieser Option Gebrauch macht,
weil er eine bemerkenswerte Beobachtung vornimmt, die ihm den Beweis für die Formel
mit der Nummer 97 ermöglicht. Er zeigt, dass die Eigenschaft von y „in der f -Reihe
auf x zu folgen“

eine sich in der f -Reihe vererbende Eigenschaft ist. D. h. an die Stelle des Prädikataus-
drucks F ._/ in

wird die Funktion des Definiendums aus der Formel #76 mittels der entsprechenden Sub-
stitution

gesetzt und eine Ableitung vollzogen, die uns auf die Formel #97 führt:

„Die Eigenschaft, in der f -Reihe auf x zu folgen, vererbt sich in der f -Reihe“ (§ 28).
Ein bemerkenswertes Theorem. Es war Benno Kerry, der als Erster, gut acht Jahre nach
Veröffentlichung der Begriffsschrift auf die damit explizit gemachte Imprädikativität in der
Definition des Nachfolgers hingewiesen hat. „Hienach hängt die Entscheidung darüber,
ob y auf x in der f -Reihe folge, laut der für diesen Begriff gegebenen Definition davon ab,
dass man, nebst sehr vielem Anderen über vererbende Eigenschaften überhaupt, speciell
184 Eine zweite Annäherung

von der vererbenden Eigenschaft: auf x zu folgen, Das wisse, ob y sie besitze oder nicht.
Es ist klar, dass der hier vorliegende Cirkel es durchweg verhindern muss, dass im Sinne
F.s von irgend einem y gesagt werde, es folge auf x in einer f -Reihe“.89
Um also festzustellen, ob y in der f -Reihe auf x folgt, muss geprüft werden, ob die
in der Definition ausgesprochene Bedingung erfüllt ist. Diese besagt, dass für alle in der
V
f -Reihe erblichen Eigenschaften F gilt: z.f .x;z/!F.z//!F.y/. Unabhängig von
V
der Frage, wie wir die Bedingung z.f .x; z/!F.z//!F.y/ für unüberschaubar viele
F’s prüfen wollen, so gilt es im Besonderen die erbliche Eigenschaft F zu prüfen, in der
f -Reihe auf x zu folgen. Wenn wir also wissen wollen, ob y in der f -Reihe auf x folgt,
dann müssen wir bereits wissen, dass F .y/ der Fall ist. Doch um zu wissen, dass F .y/
der Fall ist, müssen wir wissen, dass y in der f -Reihe auf x folgt. Wir drehen uns im Kreis,
wir befinden uns in einem Zirkel. Auch wenn nicht jede imprädikative Begriffsbildung
sogleich zu fundamentalen Problemen führen muss (in der mathematischen Beweispraxis
sind sie allgegenwärtig), so besteht hier dennoch ein Klärungsproblem und es wird nach
wie vor diskutiert.90

§ 22 Die Allgemeingültigkeit der Grundgesetze des reinen Denkens

Mit Einführung der ersten Axiome im Paragraphen 14 bringt Frege seine Bewertungsme-
thode zur Anwendung und weist deren Allgemeingültigkeit nach, d. h. es wird gezeigt,
dass die jeweils resultierende Formel in allen Belegungen den w-Wert besitzt. Anhand un-
serer tabellarischen Darstellung lässt sich Freges Vorgehen einfach illustrieren. Wir führen
den Nachweis für die drei Grundgesetze der Bedingtheit, für die drei Grundgesetze der
Verneinung, für die beiden Grundgesetze der Inhaltsgleichheit sowie für das Grundgesetz
der Allgemeinheit.

Allgemeingültigkeit der Formel 1 (§ 14 BS): A!.B!A/

w w w w
w f w w
f w f w
f f w w

1 2 3 4
.B/ 1;2 .B/ 1;3

89
Kerry (1887), 295.
90
Vgl. Angelelli (2012), Heck (2015).
§ 22 Die Allgemeingültigkeit der Grundgesetze des reinen Denkens 185

Allgemeingültigkeit der Formel 2 (§ 14 BS): .A!.B!C //!..A!B/!.A!C //

w w w w w w w w w
w w f f w f f f w
w f w w f w w w w
w f f f f w w w w
f w w w w w w w w
f w f w w w f w w
f f w w w w w w w
f f f w w w w w w

1 2 3 4 5 6 7 8 9
.B/ 1;3 .B/ 1;2 .B/ 4;5 .B/ 2;3 .B/ 1;7 .B/ 6;8

Allgemeingültigkeit der Formel 8 (§ 16 BS): .A!.B!C //!.B!.A!C //

w w w w w w w w
w w f f f f f w
w f w w w w w w
w f f f w w w w
f w w w w w w w
f w f w w f w w
f f w w w w w w
f f f w w w w w

1 2 3 4 5 6 7 8
.B/ 1;3 .B/ 2;4 .B/ 2;3 .B/ 1;6 .B/ 5;7
186 Eine zweite Annäherung

Allgemeingültigkeit der Formel 28 (§ 17 BS): .B!A/!.:A!:B/

w w f f w w w
w f f w w w w
f w w f f f w
f f w w w w w

1 2 3 4 5 6 7
.V/ 1 .V/ 2 .B/ 3;4 .B/ 1;2 .B/ 5;6

Allgemeingültigkeit der Formel 31 (§ 18 BS): ::A!A

w f w w
f w f w

1 2 3 4
.V/ 1 .V/ 2 .B/ 1;3

Allgemeingültigkeit der Formel 41 (§ 19 BS): A!::A

w f w w
f w f w

1 2 3 4
.V/ 1 .V/ 2 .B/ 1;3
§ 22 Die Allgemeingültigkeit der Grundgesetze des reinen Denkens 187

Allgemeingültigkeit der Formel 52 (§ 20 BS): cDd !.˚.c/!˚.d //

w w w w w
.w/ .w/ .f/
.w/ .f/ .w/
w f f w w
f w w w w
f w f f w
f f w w w
f f f w w

1 2 3 4 5
.B/ 2;3 .B/ 1;4

Kombinatorisch ausgeschlossen sind sowohl der zweite wie auch der dritte Fall. In einer
Interpretation, in der jcDd jDw der Fall ist, muss j˚.c/jDj˚.d /j gelten.

Die Allgemeingültigkeit der Formel 54 (§ 21 BS) bedarf keiner Prüfung. Die Identi-
tät eines Gegenstandes mit sich selbst cDc ist eine nicht weiter zurückführbare logische
Wahrheit.
V
Allgemeingültigkeit der Formel 58 (§ 22 BS): x˚.x/!˚.c/

w w w
f w w
.w/ .f/
f f w

1 2 3
.B/ 1;2

Kombinatorisch möglich sind in diesem Fall nur drei Interpretationen. Der Fall
V
j x˚.x/jDw und j˚.c/jDf ist ausgeschlossen.
188 Eine zweite Annäherung

§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““

Freges Axiomensystem für die Aussagenlogik ist vollständig, d. h. es ist reichhaltig genug,
um ausnahmslos alle aussagenlogischen Wahrheiten als Theoreme ableiten zu können.
Eine wichtige beweistheoretische Eigenschaft, die viele andere zentrale Axiomensyste-
me bereits gar nicht mehr besitzen (können). Dennoch hat das Axiomensystem „einen
„Schönheitsfehler“: Das System ist nicht unabhängig, denn das dritte Axiom kann aus
den zwei ersten erschlossen werden“.91
Ein Axiomensystem † bezeichnen wir hierbei genau dann als unabhängig, wenn für je-
des †-Axiom A gilt: Das Axiomensystem †-ohne-A erlaubt nicht die Herleitung von A,
d. h. A ist im Axiomensystem †-ohne-A nicht beweisbar (†nA ² A). Die Axiome un-
abhängiger Axiomensysteme erfüllen damit eine bedeutsame geltungstheoretische Bedin-
gung für ihren axiomatischen Status: Relativ zum Referenzsystem sind sie unbeweisbar.
Üblicherweise erfolgen solche Unabhängigkeitsbeweise – sofern aussagekräftig durchführ-
bar – über Entscheidungsverfahren, mittels denen die Konsistenz der Annahme ihrer Ab-
leitbarkeit geprüft wird. Vice versa ist ein Axiomensystem † genau dann nicht unabhängig,
wenn für mindestens ein †-Axiom A gezeigt werden kann, dass A aus dem Axiomensystem
†-ohne-A herleitbar ist. Während Unabhängigkeitsnachweise beweistheoretisch zu führen
sind, sollte der Nachweis der Abhängigkeit eines Axiomensystems idealerweise auch über
die effektive Herleitung des betroffenen Axioms aus dem verbliebenen System erfolgen.
Im Falle der Abhängigkeit von Freges Axiomensystem für die klassische Aussagenlo-
gik handelt es sich um eine metalogische Einsicht, die in der Fregerezeption vergleichbar
ist mit dem Nachweis der Inkonsistenz des Axiomensystems der Grundgesetze der Arith-
metik durch Bertrand Russell. In beiden Fällen bedurfte es einer gleichermaßen unvorein-
genommenen wie unbedingten Lektürehaltung, ohne die ein derart tiefes Verständnis der
formalen Zusammenhänge nicht möglich gewesen wäre. Während Russell die nach ihm
benannte Antinomie 1902 unter Bezug auf den ersten Band der Grundgesetze aus dem
Jahr 1893 ableitete, blieb die Verzichtbarkeit des dritten Axioms aus dem 15 Jahre älteren
Werk fast ein halbes Jahrhundert unerkannt. Es war Jan Łukasiewicz, der Ende der 1920er
Jahre in der ihm eigenen Genialität fast spielerisch zu der Einsicht gelangte, dass die von
Frege formulierten drei Axiome der Bedingtheit

Axiom I: A!.B!A/
Axiom II: .A!.B!C //!..A!B/!.A!C //
Axiom III: .A!.B!C //!.B!.A!C //

exakt dasselbe leisten wie bereits die Axiome I und II zusammen. Für die Struktureigen-
schaften der Bedingtheit besagt dies, dass die Bedingung der Permutation der Bedingungs-
teile eine notwendige Folge aus den beiden zuvor axiomatisch fixierten Bedingungen ist:
Wahres folgt aus Beliebigem und wenn eine Bedingtheit sowie ihr Bedingungsteil not-
wendige Folgen einer weiteren Bedingung sind, dann ist auch das durch sie Bedingte eine

91
Łukasiewicz (1935), 126.
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ 189

notwendige Folge dieser weiteren Bedingung. Frege war offensichtlich noch der Auffas-
sung, dass die Vertauschung der Bedingungsteile als eigenständige Bedingung zu fordern
ist. Łukasiewicz erkannte indes die strukturelle Redundanz dieses weiteren Postulats. Die
akademische Öffentlichkeit erfuhr möglicherweise erstmals von dieser Einsicht im Rah-
men seiner Logikvorlesung im Herbsttrimester des akademischen Jahres 1928/29 an der
Universität Warschau:

„Theses 18, 21, 35, 39, 40, 46 occur as axioms in the first axiom system of the sentential
calculus, given by Frege in his Begriffsschrift. Yet Thesis 21 is superfluous as an axiom, for
it can be proved by Theses 18 and 35“.92

Für eine Zeit, in der die Fregerezeption ansonsten einen historischen Tiefststand erreicht
hatte, war dies eine mehr als bemerkenswerte Form der inhaltlichen Auseinandersetzung,
die schließlich den Frege-Forscher Heinrich Scholz zu den gleichermaßen anerkennen-
den wie mahnenden Worten veranlassen sollte: „So ernsthaft hat man sich in der Welt
schon vor Jahren um unsern Frege bemüht!“93 Für den Abhängigkeitsnachweis war ent-
sprechend zu zeigen, dass allein unter Verwendung von Substitution und Modus Ponens
das Axiom III aus den beiden anderen abgeleitet werden kann. Łukasiewicz vollzog die
Ableitung (wie nicht anders zu erwarten) in der von ihm begründeten, allerdings auch
heute nicht umfassend gebräuchlichen polnischen Notation:94

92
Vgl. Łukasiewicz (1929), 51.
93
Scholz (1936a), 261.
94
Łukasiewicz (1935), 127.
190 Eine zweite Annäherung

Wir vollziehen den Beweis hier erst einmal mit den Mitteln einer Standardnotation.95

E RSTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in Axiom I A durch die gesamte Formel Axiom II und B durch (B!C ). Es
resultiert die Formel

F3 W ..A!.B!C //!..A!B/!.A!C ///!


..B!C /!..A!.B!C //!..A!B/!.A!C ////

Modus Ponens angewendet auf Axiom II und F3 erlaubt die Ableitung der Formel

F4 W .B!C /!..A!.B!C //!..A!B/!.A!C ///

Z WEITER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in Axiom II A durch (B!C ), B durch (A!.B!C /) und C durch
(.A!B/!.A!C /). Es resultiert die Formel

F5 W ..B!C /!..A!.B!C //!..A!B/!.A!C ////!


...B!C /!.A!.B!C ///!..B!C /!..A!B/!.A!C ////

Modus Ponens angewendet auf F4 und F5 erlaubt die Ableitung der Formel

F6 W ..B!C /!.A!.B!C ///!..B!C /!..A!B/!.A!C ///

D RITTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in Axiom I A durch (B!C ) und B durch A. Es resultiert die Formel

F7 W .B!C /!.A!.B!C //

Modus Ponens angewendet auf F6 und F7 erlaubt die Ableitung der Formel

F8 W .B!C /!..A!B/!.A!C //

V IERTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in Axiom II A durch (B!C ), B durch (A!B) und C durch (A!C ). Es resultiert
die Formel

F9 W ..B!C /!..A!B/!.A!C ///!


...B!C /!.A!B//!..B!C /!.A!C ///

95
Eine erste ausführliche Fassung findet sich bei Hermes/Scholz (1936), 3–5.
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ 191

Modus Ponens angewendet auf F8 und F9 erlaubt die Ableitung der Formel

F10 W ..B!C /!.A!B//!..B!C /!.A!C //

F ÜNFTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in Axiom I A durch die gesamte Formel Axiom I und B durch C . Es resultiert die
Formel

F11 W .A!.B!A//!.C !.A!.B!A///

Modus Ponens angewendet auf Axiom I und F11 erlaubt die Ableitung der Formel

F12 W C !.A!.B!A//

S ECHSTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in F10 A durch B und B durch (A!B). Es resultiert die Formel

F13 W ...A!B/!C /!.B!.A!B///!...A!B/!C /!.B!C //

Ersetze in F12 A durch B, B durch A und C durch (.A!B/!C ). Es resultiert die Formel

F14 W ..A!B/!C /!.B!.A!B//

Modus Ponens angewendet auf F13 und F14 erlaubt die Ableitung der Formel

F15 W ..A!B/!C /!.B!C /

S IEBENTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in F8 A durch D, B durch (.A!B/!C ) und C durch (B!C ). Es resultiert die
Formel

F16 W ...A!B/!C /!.B!C //!..D!..A!B/!C //!.D!.B!C ///

Modus Ponens angewendet auf F15 und F16 erlaubt die Ableitung der Formel

F17 W .D!..A!B/!C //!.D!.B!C //

ACHTER A BLEITUNGSSCHRITT
Ersetze in F17 D durch .A!.B!C // und C durch (A!C ). Es resultiert die Formel

F18 W ..A!.B!C //!..A!B/!.A!C ///!..A!.B!C //!.B!.A!C ///


192 Eine zweite Annäherung

Modus Ponens angewendet auf Axiom II und F18 erlaubt die Ableitung der Formel

F19 W .A!.B!C //!.B!.A!C //

F19 ist identisch mit Axiom III. Letztgenanntes folgt also rein aussagenlogisch aus den
Axiomen I und II, womit es als Axiom überflüssig ist. Damit ist zwar gezeigt, dass Fre-
ges Axiomatisierung der Aussagenlogik eine erstrebenswerte metalogische Eigenschaft
nicht besitzt. Allerdings ist Łukasiewicz uneingeschränkt in seiner Beurteilung zu fol-
gen, dass es sich hierbei um einen „Schönheitsfehler“ handelt, schließlich ist mit der
Tilgung des dritten Axioms das Problem auch schon wieder behoben. Die beweistheoreti-
sche Eigenschaft der Unabhängigkeit kann also durch einen minimalen Eingriff umgehend
sichergestellt werden. Darüber hinaus ist dieser Fehler problemgeschichtlich überhaupt
nicht der Rede wert, schließlich stellt sich diese erste Axiomatisierung der Aussagen-
logik überhaupt sogleich in einer fast vollendeten kanonischen Fassung dar, die in der
Geschichte der beweisenden Wissenschaften ihresgleichen sucht. Selbst in der jüngeren
Mathematikgeschichte erwiesen sich die formalen Axiomatisierungsentwürfe zu einzel-
nen Bereichen zwar als eminent substantielle und wegweisende Vorschläge, die jedoch
ebenso unvollkommen wie unvollständig waren. So brauchte es etwa gut zwei Jahrzehn-
te, bis die von Ernst Zermelo vollzogene erste Axiomatisierung der Mengentheorie jene
kanonische Standardform erreicht hatte, die heute unter seinem Namen firmiert. David
Hilbert arbeitete gar drei Jahrzehnte an einer vollständigen Axiomatisierung der Euklidi-
schen Geometrie. Relativ zu diesen Üblichkeiten erweist sich Freges erster Versuch als
nahezu perfekt.
Gottlob Frege wäre übrigens mit unserer Beweisführung nicht glücklich gewesen. Zu
viel Prosa, zu wenig Kalkül. Nach den Standards der Begriffsschrift handelt es sich um
nicht mehr als eine dichte Beweisskizze. Die auf größtmöglicher Strenge und umfassen-
der Transparenz basierende Beweisrigorosität bleibt unerfüllt, weil der Abhängigkeits-
nachweis eine vollständige Kalkülisierung vermissen lässt. Deshalb genug der Worte.
Beschließen wir den Gedanken sowie den Kommentar und lassen die Begriffsschrift spre-
chen. Verbeugen wir uns ein letztes Mal vor Freges epochaler Leistung, indem wir seinem
Vorbild nacheifern und die Ableitung des dritten Axioms aus den beiden ersten rein be-
griffsschriftlich führen. Endlich ein echter Beweis, geführt in einer vollendeten Logik.
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ 193
194 Eine zweite Annäherung
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ 195
196 Eine zweite Annäherung
§ 23 „Es hat nur einen „Schönheitsfehler““ 197
DIE BEGRIFFSSCHRIFT

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 199


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6_3
200 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 201
202 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 203
204 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 205
206 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 207
208 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 209
210 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 211
212 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 213
214 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 215
216 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 217
218 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 219
220 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 221
222 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 223
224 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 225
226 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 227
228 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 229
230 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 231
232 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 233
234 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 235
236 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 237
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3 Die Begriffsschrift 239
240 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 241
242 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 243
244 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 245
246 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 247
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3 Die Begriffsschrift 249
250 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 251
252 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 253
254 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 255
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3 Die Begriffsschrift 257
258 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 259
260 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 261
262 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 263
264 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 265
266 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 267
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3 Die Begriffsschrift 269
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3 Die Begriffsschrift 271
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3 Die Begriffsschrift 273
274 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 275
276 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 277
278 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 279
280 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 281
282 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 283
284 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 285
286 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 287
288 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 289
290 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 291
292 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 293
294 Die Begriffsschrift
3 Die Begriffsschrift 295
296 Die Begriffsschrift
TEXTKRITISCHE ANMERKUNGEN

Dieser Ausgabe zugrunde liegt das Exemplar der Thüringer Universitäts- und Landesbi-
bliothek Jena, das ebendort unter der Signatur 8 Ph.IV,179 geführt wird und welches die
ThULB auf Anfrage des Springer Verlages für die hier verfolgten Zwecke digitalisiert
hat. Ich danke der ThULB für ihre vorzügliche Unterstützung, einen derart hochwertigen
Scan der Erstausgabe auf diesem Wege einer weiteren Leserschaft zugänglich zu machen!
In dieser Qualität war die Nebert-Ausgabe bis dato publik nicht verfügbar. Dabei wur-
de davon Abstand genommen, das Digitalisat nachzubearbeiten, den gescannten Befund
in irgendeiner Weise eigenmächtig abzuändern, um dem Leser einen möglichst authenti-
schen Eindruck dieses seltenen Originals zu ermöglichen. Daher wurden weder die dort
anzutreffenden handschriftlichen Notizen eines vormaligen Besitzers oder eifrigen, aber
unachtsamen Bibliotheksnutzers retuschiert noch wurden die Seiten aufgehellt. Das Buch-
exemplar sollte in seiner individualbiographischen Verfasstheit unverfälscht dargestellt
werden. Daher mag auch nicht mehr jedes Notationsdetail in bestechend klarer Form er-
kennbar sein, wenngleich der geduldige Leser selbst dort noch kleinste Linienführungen
im ehemaligen Druck erkennt, wo sie in der zweiten Auflage gänzlich verlorengegangen
sind. Trotz der unten aufgeführten Verbesserungsvorschläge weist die Erstauflage nach
wie vor weniger Syntaxfehler auf als der seit 1964 verfügbare reprographische Nach-
druck.
Die im Nachfolgenden erfassten Korrekturhinweise wurden abgeglichen mit den be-
reits durch Ignacio Angelelli, Corine Besson, Terrell Ward Bynum, Benson Mates, Hein-
rich Scholz sowie Christian Thiel dokumentierten Errata et Corrigenda.1 Neben der Ori-
ginalpaginierung wird zur eindeutigen Lokalisation der betroffenen Stellen die jeweilige
Zeile von oben (#) bzw. unten (") zählend angegeben oder aber die Nummer der be-
troffenen Formel (F), einschließlich der zu ihr führenden Substitutionsbedingungen. Ent-

1
Angelelli (1964b), (1967a); Angelelli/Bynum (1966); Besson (1999b); Mates (1967); Scholz in
Angelelli (1964b). Die Anmerkungen von Christian Thiel wurden dem Autor brieflich mitgeteilt.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 297


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6_4
298 Textkritische Anmerkungen

sprechend wird durch „X ) Y“ angezeigt, dass der Textbefund X korrekt durch Y zu


ersetzen ist: „statt X lies Y“. Wir verzichten darauf, die Vorkommnisse von lediglich ver-
kürzt dargestellten Inhaltsstrichen zu erfassen. Die in der Regel durch ein Zusammenspiel
von Höhlung und entsprechend knapp platziertem Bedingungsstrich entstehenden Ver-
kürzungen treten vor allem im III. Teil der Schrift auf. Sie repräsentieren indes keine
syntaktischen Fehler im engeren Sinne, weil die logische Funktion des jeweils erforder-
lichen Inhaltsstriches an der betroffenen Stelle durch das Inhaltsstrichrudiment erkennbar
und damit gewahrt bleibt. Erfasst werden dagegen jene Formelbestandteile, bei denen der
Inhaltsstrich gänzlich fehlt, weil in diesen Fällen gegen eine von Frege formulierte Bedin-
gung für wohlgeformte Formeln verstoßen wird. Auf diesen Punkt hatten wir bereits kurz
in § 4 aufmerksam gemacht.

2 #1 Vorstellungsver ) Vorstellungsver-
4 "16 gleich.“ ) gleich“.
7 "11 stattfindet.“ ) stattfindet“.
9 #5 )
9 #10 mau ) man
13 #3 besser wiedergeben durch

23 #3 haben.“ ) haben“.
28 "1 allein. ) allein“.
33 #12 wird.“ ) wird“.
33 #17 a.“ ) a“.
36 "3 a.“ ) a“.
40 #1 (7.) ) (7)
43 "4 werden.“ ) werden“.
46 #3 statt.“ ) statt“.
46 "8 werden.“ ) werden“.
47 "4 (44 ) (44.
48 #5 statt.“ ) statt“.
48 "9 a.“ ) a“.
51 F59 )

51 "7 können.“ ) können“.


52 F60 )

52 F62 )

52 F63 )
4 Textkritische Anmerkungen 299

53 F64 )

53 F65 )

54 F66 )
2x
57 #8 )

57 #12 )

58 #3 vererbt.“ ) vererbt“.
58 #7 )

58 #7 )

58 "5 f -Reihe.“ “ ) f -Reihe“ “.


58 "4 )

59 F71 )

60 #7 )

60 F75 )

60 F75 )
300 Textkritische Anmerkungen

60 F76 )

61 #8 anznsehen ) anzusehen
62 #3 )

62 F77 )

62 F77 )

63 F78 )

63 F79 )

63 F79 )

64 #1 (74.) ) (74)
67 "6 F -Reihe ) f -Reihe
68 F89 )

68 F90 )
4 Textkritische Anmerkungen 301

69 "2 )

69 "2 )

70 F93 )

70 F93 )

70 #3 )

70 F94 )

70 F94 )

71 "4 )

72 #5 99. ) 99
72 #5 )

72 "6 Wenn z dasselbe wie x ist, ) Wenn z dasselbe wie x ist,


73 #4 )
302 Textkritische Anmerkungen

73 F105 )

74 #1 )

74 "5 )

74 "3 109. ) (109.


75 F110 )

77 F115 )

77 "5 )

77 "3 )

77 "3 )

78 Bei sämtlichen Höhlungen auf dieser Seite fehlt mindestens ein Inhaltsstrich.
79 F122 )

79 F123 )

79 F123 )

80 "12 (Formel 122.) ) (Formel 122).


81 F125 )

84 #1 )
4 Textkritische Anmerkungen 303

84 F130 )

84 F130 )

87 "16- 52j89 ) 52j75


19 52j105 52j89
53j55 52j105
52j75 53j55
"7 )
1
87 1 7 117
QUELLENVERZEICHNIS

Bibliographie zur Begriffsschrift (1879–2016)

in Zusammenarbeit mit
C HRISTIAN T HIEL

Die hier erstellte „Bibliographie zur Begriffsschrift“ besteht aus drei Teilen und berück-
sichtigt Publikationen aus dem Zeitraum von 1879 bis 2016, in sechs Fällen aus 2018.
Während der erste Teil die hier bekannten 25 Teil(Editionen) im Umfang von 47 Ausga-
ben erfasst, führt der zweite Abschnitt die neun zeitgenössischen Rezensionen auf. Der
dritte Teil listet ca. 250 Titel, die sich vornehmlich bis ausschließlich mit dem Werk be-
fassen oder die – wie etwa Church [491] – für den Verlauf seiner Rezeptionsgeschichte
bzw. für die Historiographie der Begriffsschrift von überragender Bedeutsamkeit sind.
Um die Bibliographie aussagekräftig und handhabbar zu halten, finden im dritten Teil
einzig Schriften Berücksichtigung, die entweder umfassend dem Werk gewidmet sind oder
deren thematische Befassung in einem Publikationsbestandteil inhaltlich geschlossen und
zugleich in einem quantitativ respektablen Maße erfolgt. D. h. neben einschlägigen Mo-
nographien, Aufsätzen sowie Enzyklopädieartikeln werden auch Buchkapitel eigenständig
aufgeführt, sofern sie systematisch oder historiographisch dezidiert der Begriffsschrift ge-
widmet sind. Unberücksichtigt bleiben indes entsprechende Abschnitte aus Aufsätzen,
weil diese in der Regel aus Umfangsgründen das hier erforderliche quantitative Kriteri-
um nicht erfüllen. Ebenfalls nicht erfasst werden Arbeiten, die sich mit der Interpretation
Dritter befassen und deren unmittelbarer Gegenstand mithin nicht Freges Schrift ist.
Mit Ausnahme einer möglichst vollständigen Erfassung sämtlicher Teil(Editionen) so-
wie (Teil)Übersetzungen der Begriffsschrift im ersten Teil werden die Schriften des dritten
Teils einzig mit ihren bibliographischen Urkoordinaten aufgeführt, d. h. gegebenenfalls
bestehende Übersetzungen oder Wiederabdrucke derselben finden keine Berücksichti-
gung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen werden vornehmlich Publikationen in Spra-
chen erfasst, die sich des lateinischen Alphabets bedienen. Trotz dieser vorrangigen Fo-
kussierung auf den europäischen Raum bzw. den amerikanischen Kontinent dürfte es
sich um den Großteil des Schrifttums zum Werk handeln. Zum Zweck der weiteren Ver-

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 305


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6_4
306 Quellenverzeichnis

vollständigung sind alle Verwender der „Bibliographie zur Begriffsschrift“ herzlich dazu
eingeladen, den Autoren Ergänzungs- und Korrekturvorschläge mitzuteilen!

(Teil)Ausgaben und Übersetzungen

Frege, Gottlob (BS): Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelspra-


che des reinen Denkens, Louis Nebert, Halle A /S. 1879.
— (1952): BEGRIFFSSCHRIFT, a formalized Language of pure Thought modelled upon
the Language of Arithmetic (Engl. Übers. v. P. T. Geach), Neudruck von Teil I oh-
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— (1877b): Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie
2. Heft. Die Lehre von der Erdrundung und Erdbewegung im Mittelalter bei den Ara-
bern und Hebräern, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
332 Quellenverzeichnis

— (1878a): Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie


3. Heft. Aeltere und neuere Hypothesen über die chronische Versetzung des Erdschwer-
punktes durch Wassermassen, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (1878b): Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie
4. Heft. Analyse einiger kosmographischer Codices der Münchener Hof- und Staatsbi-
bliothek, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (1878c): Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie
5. Heft. Johann Werner aus Nürnberg und seine Beziehungen zur Geschichte der ma-
thematischen und physischen Erdkunde, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (1879): Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie 6.
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— (18732 ): Abriss einer Theorie der complexen Functionen und der Thetafunctionen ei-
ner Veränderlichen, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S. Zweite vermehrte Auflage von
Thomae (1870).
— (1875a): Einleitung in die Theorie der bestimmten Integrale, Verlag von Louis Nebert,
Halle a /S.
— (1875b): Ueber eine Function welche einer linearen Differential- und Differenzenglei-
chung vierter Ordnung Genüge leistet, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (1876): Sammlung von Formeln welche bei Anwendung der elliptischen und Rosen-
hain’schen Functionen gebraucht werden, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (1877): Ueber eine specielle Klasse Abel’scher Functionen, Verlag von Louis Nebert,
Halle a /S.
— (1879): Ueber eine specielle Klasse Abel’scher Functionen vom Geschlecht 3, Verlag
von Louis Nebert, Halle a /S.
Zudem verwendete Schriften 337

— (1880): Elementare Theorie der analytischen Functionen einer complexen Veränderli-


chen, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S.
— (18903 ): Abriss einer Theorie der Functionen einer complexen Veränderlichen und
der Thetafunctionen, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S. Dritte, erheblich vermehrte
Auflage von Thomae (1870).
— (1894): Die Kegelschnitte in rein projectiver Behandlung, Verlag von Louis Nebert,
Halle a /S.
— (18982 ): Elementare Theorie der analytischen Functionen einer complexen Veränderli-
chen, Verlag von Louis Nebert, Halle a /S. Zweite erweiterte und umgearbeitete Auflage
von Thomae (1880).
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NAMENSVERZEICHNIS

A Boole, George, 72f., 77f., 81


Abbe, Ernst, 2, 10f., 17, 34 Boolos, George, 175
Agazzi, Evandro, 41 Buchdruckerei Erhardt Karras, 22, 30
Alcoforado, Paulo, 58 Buchdruckerei H. W. Schmidt, 22
Amtsgericht Halle/Saale, 29 Buchhandlung Friedrich Volckmar, 22
Angelelli, Ignacio, 45–48, 51, 184, 297 Buchhandlung Hemmerde und Schwetschke, 26
Anscombe, Elizabeth, 12 Buchhandlung Ludwig Stock, 24
Aristoteles, 2f. Buchhandlung Meyer & Stock, 24
Auerbach, Felix, 15 Buchhandlung Stock & Sturz, 24
Austin, John Langshaw, 44, 54 Buchhandlung und Druckerei Gebauer
Avenarius, Richard, 33 Schwetschke AG. 26
Buchhandlung, Cottasche, 33
B Buchhandlung, Pfeffersche, 24, 26
Bachmann, Friedrich, 37 Buchhandlung, Weidmannsche, 33
Bar-Elli, Gilead, 58 Bynum, Aline W. 52
Barnes, Jonathan, 57 Bynum, Terrell Ward, 47, 51f., 55, 64, 297
Bartlett, James M. 81
Basil Blackwell (Verlag) 44 C
Bauch, Bruno, 16 Carnap, Rudolf, 13, 51
Bauer-Mengelberg, Stefan, 49ff., 55 C. A. Schwetschke & Sohn, 26
Baumrin, Bernard, 51 Cauchy, Augustin-Louis, 59
Beaney, Michael, 53, 55 Chávarri, Eladio, 42
Bentham, George, 72 Church, Alonzo, 3, 19, 22, 41, 45, 48f., 55, 86,
Berka, Karel, 51 305
Bernays, Paul, 50 Cohen, L. Jonathan, 41
Besson, Corine, 57, 297 Cohen, Paul J. 3
Bette, Wilhelm, 21, 25 Corcoran, John, 51f.
Bezhanischwili, M. N. 56 Cornelius, Sebastian Carl, 25, 32, 34
B. G. Teubner (Verlag) 23ff., 33 Costescu, Ion, 38, 43
Bibliography of Symbolic Logic, A, 19 Couturat, Louis, 14
Bildgießerei Seiler, 39 Curry, Haskell B. 9
Birjukov, Boris V. 56f.
Black, Max, 44 D
Bocheński, Joseph Maria, 3, 5, 45f., 50, 53, 83, Dahms, Hans-Joachim, 39
92, 149, 177 Dathe, Uwe, 2, 4, 16, 34
Bolck, Franz, 39 De Morgan, Augustus, 72

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 339


M. Wille, Gottlob Frege, Klassische Texte der Wissenschaft,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-45011-6
340 Namensverzeichnis

Descartes, René, 3, 21, 96 Heck, Richard G. 184


Dingler, Hugo, 4 Heine, Eduard, 67f.
Dirichlet, Peter Gustav Lejeune, 59 Hemmerde, Carl Hermann, 26
Dörfel, Günter, 34 Herbart, Johann Friedrich, 16
Dreben, Burton, 49 Hermann Schroedel Verlag, 28f.
Dudman, Victor H. 52 Hermes, Hans, 46, 51, 190
Dummett, Michael, 3, 9, 42, 81, 95 Heyting, Arend, 3
Dzhaparidze, G. K. 56f. Hilbert, David, 192
Hirzel, Rudolf, 16f.
E
Hoering, Walter, 94
Eisler, Rudolf, 32
H. P. K. 49
Engel, Pascal, 57
Hume, David, 30, 103
Enneper, Alfred, 23
Huntington, Edward Vermilye, 8
Eucken, Rudolf, 10, 16, 34, 36
Husserl, Edmund, 19, 46, 98
Euklid, 61f.

F I
Feferman, Anita Burdman, 49 Imbert, Claude, 42
Fiala, Jiří, 58 Industrie- und Handelskammer Halle/Saale,
Fidančeva, Iva, 58 28f.
Fischer, Kuno, 16 Ishimoto, Arata, 57
Frege, Auguste, 9, 11
Frege, Carl Alexander, 9
Frege, Margarete (geb. Lieseberg) 11 J
Fuchs, Elsa Ella Toni, 11 Jacques, Francis, 42
Fuchs, Paul Otto Alfred, 11f. Jenaische Gesellschaft für Medicin und
Fujimura, Tatsuo, 57 Naturwissenschaft, 64, 81
Johann , V
G Jourdain, Philip E. B. 4ff., 19, 54, 59, 82, 139
Gabriel, Gottfried, 15f., 35f., 73 Journal of Symbolic Logic, The, 19f., 47
Gauß, Carl Friedrich, 23
Geach, Peter, 12, 42, 44, 47, 54 K
Gebauer, Johann Justinus, 26 Kaal, Hans, 54
Gentzen, Gerhard, 87
Kant, Immanuel, 2, 5, 15f., 72, 95, 98ff., 102ff.
Georg Olms Verlagsbuchhandlung, 46f., 58
Kasavin, I. T. 57
Georg Westermann Verlag, 35
Kerry, Benno, 183f.
Geuther, Anton, 34
Kienzler, Wolfgang, 30, 35, 105
Geymonat, Ludovico, 45, 48f.
Klette, Anton, 12
Giulio Einaudi (Verlag) 48
Gödel, Kurt, 86 Klopstock, Friedrich Gottlieb, 26
Gronau, Detlef, 10 Kneale, Martha, 3
Günther, Siegmund, 23, 25 Kneale, William, 3, 44f., 86
Kondakov, Nikolaj Ivanovič, 53
H Köstler, Max, 24
Haack, Susan, 52 Kramer, Paul, 25
Haeckel, Ernst, 10 Kratzsch, Irmgard, 13
Hamilton, William, 72 Kreiser, Lothar, 4f., 9–14, 17, 34, 40, 51, 74f.,
Harley, David, 3 105
Harvard University Press, 49 Kunstsalon Tausch & Große, 27
Heblack, Torsten, 16 Kuzitschewa, Zinaida A. 56f.
Namensverzeichnis 341

L Pfeffer, Carl Ernst Moritz, 26


Landesarchiv Sachsen-Anhalt (Standort
Merseburg) 35 Q
Langer, Paul Viktor, 25, 31f., 34f. Quine, Willard Van Orman, 3, 49
Laplace, Pierre-Simon, 21
Laßwitz, Kurd, 1f., 74 R
Leibniz, Gottfried Wilhelm, 15f., 36, 53f., Rabus, Leonhard, 80, 88
72ff., 95f., 99f., 102f., 169 Resnik, Michael David, 49
Levin, David, 51f. Ricketts, Thomas, 54
Lewis, Clarence Irving, 1 Riemann, Bernhard, 23, 32, 34, 59
Liebmann, Otto, 15f. Rieske, Günter, 11
Lindner, Rolf, 39 Russell, Bertrand, 4, 11, 15, 19, 51, 84ff., 119,
Linsky, Bernard, 119, 133 133, 170, 188
Lischke, Gerhard, 39
Locke, John, 96 S
Long, Peter, 54 Sachse, Leo, 10, 16
Lotze, Hermann, 15 Schaeffer, Hermann, 34
Łukasiewicz, Jan, 3, 6, 84, 86, 188f., 192 Schenk, Günter, 11
Schlotter, Sven, 16
M Schlötel, Wilhelm, 2, 81, 119
Mangione, Corrado, 3, 41f., 48f. Scholem, Gershom, 15
Markič, Michael, 93 Scholz, Heinrich, 2f., 5ff., 14, 19, 37, 46, 189f.,
Máté, Ándrás, 38, 57 297
Mates, Benson, 30, 47, 297 Schroedel Produktionsarchiv, 35
Mathematische Annalen, 33, 81 Schröder, Ernst, 1, 75–78, 81ff., 119
McGuinness, Brian, 2, 54 Schröpfer, Richard, 34
Metzler, Helmut, 39f. Schulz, Fritz, 39
Michaëlis, Carl Theodor, 1, 22, 33, 74, 88, 147, Schwetschke, Carl August, 26
182 Schwetschkesche Sortimentsbuchhandlung, 26
Mikeladze, Z. N. 55f. Seeger, H. 64
Mill, John Stuart, 104 Seifert, Rita, 39f.
Molendijk, Arie L. 6 Sellars, Wilfrid, 41
Moore, Gregory H. 50 Sethe, Anna, 10
Mtschedlischwili, L. I. 56f. Shearman, Arthur Thomas, 92ff., 149
Sheffer, Henry Maurice, 128
N Silbermann, Theophil, 25
Nebert, Louis, 20, 22–25, 27, 29f., 32–37, 297 Sinaceur, Mohammed Allal, 57
Nelson, Leonard, 16 Sluga, Hans, 105
Neto, Fernando Raul, 58 Snell, Carl, 10, 34
Neubert, Albert, 24–27, 37 Spadoni, Carl, 3
Newton, Isaac, 21 Stadtarchiv Halle/Saale, 35
Nidditch, Peter Harold, 15, 54f. Steiger, Günter, 40
Stelzner, Werner, 10
P Stephan Orbansche Druckerei, 26
Padilla, Hugo, 58 Stumpf, Carl, 4, 63, 82
Panteos, Athena, 55
Paolo Boringhieri (Verlag) 48 T
Peano, Giuseppe, 8, 14f., 84ff., 149, 170 Tannery, Paul, 1, 74, 136f.
Pears, David, 54 Tausch, Walter, 27
Peckhaus, Volker, 15f. Thiel, Christian, 36, 38–42, 53, 67, 70, 90, 297
342 Namensverzeichnis

Thomae, Carl Johannes, 2, 4, 21, 23ff., 30, 33f., W


36f. Walch, Johann Georg, 26
Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Wegner, Michael, 39
Jena, 2, 5, 297 Weierstraß, Karl, 59
Trendelenburg, Friedrich Adolf, 16, 35f., 54, 73 Whately, Richard, 72
White, Roger, 54
U
Whitehead, Alfred North, 84f.
Ulrici, Hermann, 81
Wiegand, August, 21
V Wilhelm Fink Verlag, 9
van Heijenoort, Jean, 3, 49ff. Wille, Matthias, 9, 17, 19f., 29, 37, 44, 182
Vassallo, Nicla, 58f. Windelband, Wilhelm, 15
Venn, John, 1 Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 46f., 56f.
Veraart, Albert, 5 Wittgenstein, Ludwig, 2, 12, 14, 54, 112
Verlag von Gustav Fischer, 81 Wolff, Michael, 9, 149
Verlag von Louis Nebert, 20f., 23–30, 33f., 36f. Wrinch, Dorothy Maud, 3
Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Wundt, Wilhelm, 32
Philosophie, 32ff., 82
Vilkko, Risto, 72
Vinassa de Regny, Emanuele, 48 Z
Vollert, Max, 11 Zeitschrift für Mathematik und Physik, 75, 81f.
von Eggeling, Heinrich, 11 Zeitschrift für Philosophie und philosophische
von Humboldt, Wilhelm, 53 Kritik, 81
von Lüpke, Johannes Eberhard Burghard, 11 Zermelo, Ernst, 192
von Siebold, Carl Theodor, 10 Zippel, Nicola, 58
SACHVERZEICHNIS

A H
Ableitbarkeitstheorem, 87f. Höhlung; siehe Allgemeinheit
Abtrennungsregel, 121–125, 173
Algebra der Logik, 8, 65, 72–82 I
Allgemeinheit, 8f., 22, 138–152, 156, 187 Identität; siehe Inhaltsgleichheit
Aristotelische Logik, 8f., 72, 149ff. Imprädikativität, 183f.
Aussageform; siehe Form, logische Induktion, 178
Inhalt, begrifflicher; siehe Inhalt, beurteilbarer
Inhalt, beurteilbarer, 90ff., 106–110, 139f., 157,
B
298
Bedingtheit, 90ff., 113f., 116f., 128f., 155,
Inhaltsgleichheit, 137f., 156f., 166, 179f., 187
184f., 188f.
Inhaltsstrich; siehe Inhalt, beurteilbarer
Bedingungsstrich; siehe Bedingtheit
Beweisbegriff, 59–64, 69, 71, 86ff., 158–162 J
Bewertungsmethode, 7, 115–120, 130f., 150, Jenaer Mikrokosmos, 16f.
156, 184–187
K
C Kalkül, regellogischer, 87f., 166f.
calculus ratiocinator, 73, 96, 169 Kalkül, satzlogischer, 7, 86ff., 121, 161, 167f.
Kalkülbegriff, 7, 86ff., 169–174
D Kalkülrahmen, 122–125, 158–161
Duplex negatio affirmat, 155–158 Kolon, doppeltes, 124f., 160f.
Kolon, einfaches, 123ff., 160
E L
Erblichkeit einer Eigenschaft, 176 lingua characteristica, 54, 169
lingua universalis, 96, 169
F Logikbegriff, 7, 93f., 97ff., 105–111
Form, logische, 6–9, 64–71, 108ff. Logizismus, 4, 18, 95f., 100ff., 104, 175
Formelsprache des reinen Denkens, 105–111
M
G Modus Ponens; siehe Abtrennungsregel
Gedenkmedaille, 39f. N
Grundgesetze des reinen Denkens, 152–158, Notation, zweidimensionale, 70, 82ff., 88–94
184–187
Unabhängigkeit der, 86, 173, 188–197 P
Vollständigkeit der, 7, 76, 152ff., 173, 188 Prinzip der Sparsamkeit, 84ff., 125–128, 141
Widerspruchsfreiheit der, 4, 76, 173f. Psychologismus in der Logik, 97

343
344 Sachverzeichnis

Q Funktion und Argument, 8, 18, 132–136


Quadrat, logisches, 151 Geltung und Genese, 16, 96f., 102
Quantifikation; siehe Allgemeinheit Sinn und Bedeutung, 18, 95, 108, 138
Vernunft- und Tatsachenwahrheiten, 96,
S 100–104
Stetigkeit, 67–71 Urteilsstrich, 105f., 110, 172
Substitutionsregel, 145f., 161, 167f., 173 Urteilsstrich, doppelter, 175f.

T V
Terminus der Begriffsschrift, 35f., 93f., 109f. Verneinung, 22, 90ff., 114, 116, 155–158, 186
Theorie der Quantifikation, siehe Allgemeinheit Verneinungsstrich; siehe Verneinung
Vorgänger in einer Reihe (schwache Relation)
U 179
Unterscheidung von Vorgänger in einer Reihe (starke Relation)
analytisch und synthetisch, 95, 100, 177ff.
102–105 Vorgängerrelation, Eindeutigkeit der, 181
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