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2019 | Heft 36

2019 | Heft 36 münchen Mittel Punkt Europa Deutsche Filme 2018 Woodfall Film Productions Film und
2019 | Heft 36 münchen Mittel Punkt Europa Deutsche Filme 2018 Woodfall Film Productions Film und

münchen

Mittel Punkt Europa Deutsche Filme 2018 Woodfall Film Productions Film und Psychoanalyse Architekturfilmtage Konrad Wolf Bavaria Film Eckhart Schmidt Paul Newman Ingemo Engström Hirokazu Kore-eda Michael Pfleghar Herbert Achternbusch Heddy Honigmann Enno Patalas

Eintrittspreise 4 € (3 € für MFZ-Mitglieder). Ab 120 Minuten Film- länge oder mit Gästen: 1 € Aufschlag. Ab 180 Minuten, mit Live-Musik oder bei 3D: 2 € Aufschlag. Die Kasse öffnet jeweils 60 Minuten vor und schließt 30 Minu- ten nach Beginn der Vorstellung. Bei allen öffentlichen Veranstaltungen verbleibt ein Kartenkontingent für den freien Verkauf an der Abendkasse. Die Vorstellungen beginnen pünktlich ohne Vorprogramm.

Kartenreservierung Kartenreservierungen sind bis zu vier Wochen im Vor- aus möglich und können unter der Telefonnummer 089/23396450 auf Band gesprochen werden. Vorbe- stellte Karten müssen bis 20 Minuten vor Vorstellungs- beginn an der Kasse abgeholt worden sein, ansonsten verfällt die Reservierung.

Kartenvorverkauf Karten können bis zu vier Wochen im Voraus gekauft werden. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass un- mittelbar vor Vorstellungsbeginn bei starkem Besu- cherandrang kein Kartenvorverkauf erfolgt. Karten behalten ihre Gültigkeit nur bis Vorstellungsbeginn. An der Abendkasse können vorverkaufte Karten bis 20 Mi- nuten vor Vorstellungsbeginn gegen Kostenerstattung wieder zurückgegeben werden.

Programmabonnement Das Kinoprogrammheft und unseren Newsletter kön- nen Sie unter www.muenchner-stadtmuseum.de/film kostenlos abonnieren. Das Programmheft wird an Mitglieder des MFZ auf Wunsch kostenlos versandt. Ansonsten bitten wir um die Zusendung eines adres-

sierten und mit 1,45 € frankierten DIN A5-Briefum- schlages an die Adresse des Filmmuseums. WebCalen- dar: tinyurl.com/fmm-cal, Twitter: @filmmuseummuc.

Mitgliedschaft Wer sich für die Arbeit des Filmmuseums interessiert, kann Mitglied im Verein der Freunde des Filmmuseums München, dem Münchner Filmzentrum e.V. (MFZ) wer- den. Mitgliedsanträge sind an der Kinokasse erhältlich. Der Jahresbeitrag beträgt 20 € und berechtigt zum ermäßigten Eintritt ins Filmmuseum sowie zur Teil- nahme an den Mitgliederversammlungen des MFZ, in denen die Programmplanungen des Filmmuseums diskutiert und Projekte entwickelt werden. Weitere Informationen erhalten Sie unter Tel. 089 / 2713354 und www.muenchner-filmzentrum.de.

Rollstuhlfahrer / Hörgeschädigte Der Kinosaal und die Behindertentoilette im Unterge- schoss sind über einen Aufzug barrierefrei zugänglich. Das Kino ist mit einer Induktionsschleife für Hörgeräte- besitzer ausgestattet. Der Empfang ist auf den Plätzen am Anfang und Ende der Sitzreihen am besten.

Mobiltelefone Die Benutzung von Mobiltelefonen während der Veran- staltungen ist nicht gestattet. Dies schließt auch das Lesen von E-Mails etc. ein.

Verkehrsanbindung Sie erreichen das Filmmuseum in 5 Gehminuten vom U/S-Bahnhof Marienplatz oder in 7 Gehminuten vom U-Bahnhof und der Trambahnhaltestelle Sendlinger Tor. Die Buslinien 52 und 62 halten am St.-Jakobs-Platz.

Mitgliederversammlungen des Münchner Filmzentrums e. V. (MFZ) Die für alle Interessierten öffentlichen Mitgliederversammlungen des Fördervereins des Filmmuseums finden einmal im Monat montags um 19.00 Uhr im Gotischen Zimmer des Ignaz-Günther-Hauses (St.-Jakobs-Platz 20, 80331 München, 1. Stock) statt. Termine: 11. März 2019, 8. April 2019, 6. Mai 2019, 3. Juni 2019 und 8. Juli 2019. Informationen: kontakt@muenchner-filmzentrum.de.

Open Scene am Donnerstag Die Termine am Donnerstag sind teilweise für aktuelle Veranstaltungen reserviert. Das Programm wird etwa acht Tage vorher festgelegt und in den Schaukästen an der Kinokasse, im E-Mail-Newsletter, unter www.muenchner-stadtmuseum.de/film/open-scene.html, auf Facebook, auf Twitter und durch Ankündigungen in der Tagespresse bekannt gegeben.

Impressum Landeshauptstadt München. Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München, 089/23320538, E-Mail: filmmuseum@muenchen.de · Redaktion: Stefan Drößler, Claudia Engelhardt, Christoph Michel, Klaus Volkmer · Gestaltung: KOSCH Werbeagentur, München · Druck: Weber Offset GmbH, München

Woodfall, Bavaria, Achternbusch, Kore-eda, Enno Patalas

Schon seit langem überlegten wir, ein Filmprogramm mit Klassikern des briti- schen Kinos zu zeigen. Gerade in Zeiten, in denen über den Brexit gestritten wird, gerät der unaufgeregte und genaue Blick auf das Alltagsleben, Rebellen- tum und die britischen Eigenarten etwas aus den Augen. Die Fokussierung auf die Klassiker der Woodfall Film Productions ermöglicht nun die (Wieder-)Be- gegnung mit legendären Filmen, die in neu restaurierten Fassungen vorliegen und aus heutiger Sicht auch deshalb interessant sind, weil sie für viele Schau- spielerinnen und Schauspieler das Sprungbrett zu großen Karrieren bildeten.

Weiterverfolgt wird die Geschichte einer anderen Produktionsfirma, die – anders als Woodfall – immer noch sehr aktiv ist: Die Bavaria Film GmbH. Nach- dem wir die Vorläufer-Firma Emelka, aus der sie hervorgegangen ist, zum Jahresanfang 2019 ausführlicher gewürdigt haben, konzentrieren wir uns nun auf die Phase zwischen Ende der 1960er und Mitte der 1980er Jahre, als bei der Bavaria – durchaus in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender WDR – innovative Autorenfilme entstanden sind, die den Neuen Deutschen Film geprägt haben. Fünf Filme von Franz Peter Wirth, Reinhard Hauff, Volker Vogeler, Rainer Werner Fassbinder und Tankred Dorst zeigen Aus- einandersetzungen mit deutscher Heimat und deutscher Geschichte, die sich deutlich abheben vom Klischee des konventionellen Heimatfilms. Nachdem das Filmprogramm zum 80. Geburtstag von Herbert Achternbusch viel Anklang gefunden hat, setzen wir auch diese Reihe fort mit weiteren Werken, die nur selten zu sehen sind und im Filmmuseum archiviert wurden.

Einer der schönsten Filme des letzten Jahres war SHOPLIFTERS von Hiro- kazu Kore-eda, der mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde. Bereits 2004 hat das Filmmuseum diesem Filmemacher eine Retrospektive gewidmet und vor allem die Dokumentarfilme aus seiner Anfangszeit präsen- tiert. Damals hatte er erst vier Spielfilme gedreht, die schon sein außerordent- liches Talent erkennen ließen. Inzwischen sind viele großartige Filme hinzuge- kommen, die auf Festivals stets zu den Höhepunkten zählten, aber oft nicht den Weg ins deutsche Kino fanden. Grund genug für uns, nun einmal alle Spielfilme von Kore-eda zusammenzubringen und zudem seinen außerhalb Japans noch kaum gezeigten Film über das Gedenken an den Atombomben- abwurf auf Hiroshima aufzuführen.

Unser Juli-Programm widmen wir ganz dem Wirken von Enno Patalas, der das Filmmuseum von 1973 bis 1994 geleitet hat und am 7. August 2018 verstorben ist. Gezeigt werden Beispiele von Restaurierungen, an denen er viele Jahre lang gearbeitet hat, Filme, die ihm besonders wichtig waren und über die er geschrieben hat, Filmkopien aus der Sammlung des Filmmuseums, die er erworben hat und auf die er besonders stolz war, und neben Werken, in denen er als Darsteller mitwirkte, vor allem seine wunderbaren Essayfilme, die meist in Zusammenarbeit mit seiner Frau Frieda Grafe entstanden sind. Wir sind froh, dass die unnachahmliche Art von Patalas, über Film zu sprechen und Geschichten dazu zu erzählen, auf diese Weise erhalten geblieben ist und nun zumindest auf der Leinwand des Filmmuseums erlebt werden kann.

Wir wünschen Ihnen spannende, vergnügliche, aufschlussreiche und nachdenkliche Kinoerlebnisse mit Filmen für ein anspruchsvolles Publikum.

Ihr Filmmuseum

2 Rückblick

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Mittel Punkt Europa

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Deutsche Filme 2018

13 Woodfall Film Productions

18

Film und Psychoanalyse

20 Architekturfilmtage

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Konrad Wolf

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Bavaria Film

35 Eckhart Schmidt

 

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Paul Newman

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Ingemo Engström

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Hirokazu Kore-eda

60 Michael Pfleghar

64 Herbert Achternbusch

67

Heddy Honigmann

69 Zuschauerkino

70

Aufbruch ins Jetzt

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Enno Patalas

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Kalenderübersicht

R = Regie · B = Drehbuch · K = Ka- mera · M = Musik · S = Schnitt · T = Ton · D = Darsteller · P = Produktion OF = Originalfassung · OmU = Origi- nalfassung mit Untertiteln · OmeU = Originalfassung mit englischen Unter- titeln · OmfU = Originalfassung mit französischen Untertiteln · OmÜ = Originalfassung mit deutscher Über- setzung · dtF = deutsche Synchron- fassung · \ = Live-Musikbegleitung 2 = Einführung · = Zu Gast

Über- setzung · dtF = deutsche Synchron- fassung · \ = Live-Musikbegleitung 2 = Einführung ·
2 Rückblick
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Rückblick

11. September 2018: Pianistin Masako Ohta und Filmwissenschaftlerin

Valentine Robert präsentieren im Filmmuseum ein Programm mit »Lebenden Bildern« in der Frühgeschichte des Kinos.

mit »Lebenden Bildern« in der Frühgeschichte des Kinos. 25. Oktober 2018: Der Geräuschemacher Max Bauer erläutert

25. Oktober 2018: Der Geräuschemacher Max Bauer erläutert auf Ein-

ladung des Münchner Filmzentrums und des Figurentheaterfestivals seine Arbeit am Beispiel der Live-Vertonung eines Films.

seine Arbeit am Beispiel der Live-Vertonung eines Films. 20. Dezember 2018: Elena Alvarez Lutz und Klaus

20. Dezember 2018: Elena Alvarez Lutz und Klaus Volkmer, der zu sei-

ner Verabschiedung nach 36 Jahren Mitarbeit ins Filmmuseum einge-

laden hatte und zwei Wunschfilme vorstellte.

Rückblick

laden hatte und zwei Wunschfilme vorstellte. Rückblick 3. Oktober 2018: Thomas Fraps führt mit Hilfe aus

3. Oktober 2018: Thomas Fraps führt mit Hilfe aus dem Publikum in die Zauberkunst ein und stellt im Rahmen der Reihe »Zauberkunst und Film« das Werk des Filmpioniers Georges Méliès vor.

und Film« das Werk des Filmpioniers Georges Méliès vor. 2. November 2018: Werner Herzog überreicht seinen

2. November 2018: Werner Herzog überreicht seinen Filmpreis an Lilia- na Díaz Castillo und Estephania Bonnett Alonso für ihr kreatives Engage- ment, Workshops für junge Filmemacher zu organisieren.

ment, Workshops für junge Filmemacher zu organisieren. 10. Januar 2019: Die »Living Sculptures« Gilbert &

10. Januar 2019: Die »Living Sculptures« Gilbert & George und Regis- seur Philip Haas eröffnen mit ihren Filmen die Reihe »Künstlerkino«, die in Zusammenarbeit mit »Kino der Kunst« präsentiert wurde.

Mittel Punkt Europa

Mittel Punkt Europa Filmfest

Was verbirgt sich hinter dem Kürzel »V4« – eine Rakete, eine Vitaminkombination? Keineswegs. Es steht für die Visegrád-Staaten Tschechien, Slowakei, Polen und Un- garn. Aus ihnen stammen die Filme des »Mittel Punkt Europa Festivals«. Im Jahr 1335 trafen sich in der un- garischen Stadt Visegrád am Donauknie die Könige von Böhmen, Ungarn und Polen. Dieser Tradition folgend unterzeichneten Polen, Ungarn und die damalige Tschechoslowakei am 15. Februar 1991 ein Freihan- delsabkommen – »V4« war geboren, die sogenannte Visegrád-Gruppe, die sich nicht nur wirtschaftlich, son- dern auch politisch untereinander abstimmt. Welche Position aber vertreten die Kulturschaffen- den dieser vier mittelosteuropäischen Länder? Es drängt sich der Eindruck permanenter Überforderung auf, wenn man den Protagonistinnen und Protagonisten der dritten Ausgabe des »Mittel Punkt Europa Film- fests« bei der Bewältigung ihres Alltags zusieht. Das gilt auch für das diesjährige Festival-Gastland, den EU-As- piranten Ukraine: In STRIMHOLOV (FALLING) kommt der hoffnungsvolle Jungkomponist Anton gerade aus der Entzugsklinik. Schon als Junge mit »Du Mozart!« angesprochen, setzte er sich selbst ständig beim Kom- ponieren unter Druck, obwohl er wusste, dass »Musik nicht geschrieben, sondern entdeckt wird«. Gegen das besessene Weiterschreiben habe ihm nur die »systemi- sche Vergiftung« durch Alkohol und Drogen geholfen, erklärt er seiner Freundin Katja – nun ist er wieder cle- an. Mit der desillusionierten Maidan-Aktivistin erhofft sich Anton einen Tag vor seiner Einberufung eine bes- sere Zukunft – vielleicht in Polen? Noch könnten sie sich Bustickets besorgen und dem nicht erklärten Krieg in der Ukraine Richtung Westen entfliehen. Marina Ste- panskas Debütfilm zeichnet sich durch das intensive

Spiel der Laiendarsteller vor der Kulisse des postrevolu- tionären Kiew aus, ins Bild gesetzt von Sebastian Tha- lers ruhiger, präziser Kamera. Er ist der Sohn von Wolf- gang Thaler, dem Stamm-Kameramann des begnadeten Österreich-Sezierers Ulrich Seidl. Europa in der Krise: ŠPINA (SCHMUTZIG) spielt überwiegend hinter den abschreckend düsteren Mau- ern der psychiatrischen Klinik von Bratislava. Hier findet sich die 17-jährige Lena nach einem Selbstmordver- such wieder. Die Lebensfreude des jungen Mädchens wurde jäh durch eine Vergewaltigung erstickt. Sie woll- te die ungeheuerliche Tat verschweigen, bis sie dem Trauma nicht länger standhielt. Neben diesem Spielfilm ist die slowakische Regisseurin Tereza Nvotová auch mit einer reizvoll subjektiven Dokumentation vertreten:

In MEČIAR rekonstruiert die 30-Jährige ihre Kindheit und Jugend unter dem scheinbar ewigen Regierungs- chef und Parteivorsitzenden, Juristen und Amateurbo- xer Vladimír Mečiar. Eine baldige Einlieferung ins Sanatorium fast wün- schen möchte man der angespannten, finanziell klam- men berufstätigen Mutter und betrogenen Ehefrau Anna in EGY NAP (EIN TAG). Zsófia Szilágyis Etüde eines typisch weiblichen Überforderungsmusters zieht das Publikum unerbittlich in eine Spirale der Aggression hinein. Nicht nur in Budapest, auch in Warschau liegen die Nerven blank: Paweł Maślonas Episodenfilm ATAK PANIKI (PANIKATTACKE) zeigt bei aller haarsträubenden Situationskomik die menschenfeindliche Kehrseite der sich amerikanisch-dynamisch gerierenden Hauptstadt. Ähnlich, nur sehr viel ernster, taten dies bereits die Warschau-Porträts 11 MINUT von Jerzy Skolimowski oder OBCE CIAŁO (FREMDKÖRPER) von Krzysztof Za- nussi.

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ATAK PANIKI (PANIKATTACKE)
ATAK PANIKI (PANIKATTACKE)
4 Mittel Punkt Europa LAJKÓ (EIN ROM IM WELTALL)
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Mittel Punkt Europa
LAJKÓ (EIN ROM IM WELTALL)

Waren es in den vergangenen Jahren vor allem un- garische Filme, die im Ausland reüssierten, wie László Nemes' SAUL FIA (SON OF SAUL) oder Ildikó Enyedis TESTRÖL ÉS LÉLEKRÖL (KÖRPER UND SEELE), konnte zuletzt das polnische Kino bedeutende internationale Erfolge verzeichnen: 2018 erhielten Małgorzata Szu- mowska den Silbernen Bären für TWARZ (FRATZE) und Oscar-Preisträger Paweł Pawlikowski unter anderem den Europäischen Filmpreis sowie den Preis für die beste Regie in Cannes für ZIMNA WOJNA (COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE). Und Wojciech Smar- zowskis kirchenkritisches Drama KLER lockte mehr als fünf Millionen Zuschauer in die heimischen Kinos. Doch der polnische Kulturminister Piotr Glinski hat noch Grö- ßeres vor, er möchte die seit 1955 existierenden sechs staatlichen Produktionsfirmen zu einem einzigen Unter- nehmen zusammenführen. Offenbar erhofft sich die Regierung unter anderem eine stärkere Hinwendung zu massentauglichen Sujets. Im Mai letzten Jahres sagte der 80-jährige Regie-Doyen Jerzy Skolimowski bei der Retrospektive seines Gesamtwerks im Filmmuseum München: »Unter meinen Kollegen gibt es ein gewisses Zögern, wie man mit der neuen Situation umgehen soll. Wir spüren von der Regierung aus Druck, die sich soge- nannte patriotische Epen über nicht unbedingt helden- hafte Figuren der polnischen Geschichte wünscht.« Keinesfalls heldenhafte Figuren stehen im Zentrum des tschechisch-slowakisch-bulgarisch-ungarisch-pol- nischen Filmexperiments OKUPÁCIA 1968 (OKKUPATI- ON 1968): In fünf gänzlich subjektiven und ästhetisch eigenwilligen Beiträgen reflektieren Filmemacher die Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Pers- pektive der ehemaligen Okkupantenstaaten. Von »Er- kundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand« sprach 1971 der Dichter und Essayist Rolf

Dieter Brinkmann in anderem Zusammenhang. Das Filmexperiment unternimmt genau eine solche quellen- gestützte Erkundung: Es zeichnet nach, wie dieses epochale Ereignis in den fünf Ländern wahrgenommen und – je nach herrschender Ideologie – interpretiert wurde. Ergänzt wird die Vorführung durch eine Diskus- sion mit Historikern und Angehörigen des studenti- schen Projektkurses »Sprung ins Ungewisse – Der Prager Frühling im Spiegel internationaler Medien«. Sprünge ins reizvoll Unbekannte unserer östlichen Nachbarschaft sind das Beste, was das »Mittel Punkt Europa Filmfest« seinem Publikum verheißen kann – beginnend mit Balázs Lengyels unorthodoxer Komödie LAJKÓ (EIN ROM IM WELTALL). Darin wird 1957 nach dem Vorbild der Sputnik-Hündin Laika, des ersten Le- bewesens im Orbit, ein ahnungsloser Ungar auf sowje- tisches Geheiß in den Weltraum geschossen. So steil, wie Lajkó in die Hemisphäre aufsteigt, so rasant zerfal- len alle ideologischen Konstrukte. Katrin Hillgruber

Lajkó – Cigány az űrben (Ein Rom im Weltraum) | Ungarn 2018 | R: Balázs Lengyel | B: Balázs Lengyel, Balázs Lovas | K: György Réder | M: Ádám Balázs | D:

Tamás Keresztes, József Gyabronka, Tibor Pálffy, Nora Trokán, Sergej Onopko | 90 min | OmeU | 1957 läuft auf dem Weltraumbahnhof in Baikonur das Sputnikpro- gramm auf Hochtouren. Die Sowjetunion beschließt, dass dem kurz zuvor invadierten Bruderstaat Ungarn die große Ehre zuteil werden soll, einen Kandidaten für den ersten Kosmonauten der Welt ins Rennen zu schi- cken. Der Präsident einer Produktionsgenossenschaft weiß auch schon genau, wer sich dafür bestens eignet:

Lajos Serbán, seines Zeichens »Zigeuner« und bekannt als Lajkó. Seit seiner Kindheit träumt er davon, ins Welt- all zu fliegen, und arbeitet an entsprechenden Raketen-

Mittel Punkt Europa

experimenten, die stets fehlschlagen. Politisch korrekt ist in dieser schwarzen Komödie nichts. Lajkó schießt versehentlich seine Mutter ins Weltall, und ein schwuler Brežnev erzwingt den Bruderkuss. Kein Gag ist zu schräg, kein Lacher zu abseitig, um Hass, Nationalis- mus und politische Ideologien ad absurdum zu führen.

Donnerstag, 28. Februar 2019, 19.00 Uhr

Špina (Schmutzig) | Slowakei 2017 | R: Tereza Nvoto- vá | B: Barbora Námerová, Tereza Nvotová | K: Marek Dvořák | M: Jonatán Pastirčák | D: Dominika Morávko- vá-Zeleníková, Anna Rakovská, Anna Šišková, Róbert Jakab, Lubos Veselý | 87 min | OmeU | Schmutziggrau wie die Mauern der psychiatrischen Klinik in Bratislava, so schmutziggrau sieht es auch in Lena selbst aus, die hier nach einem Suizidversuch behandelt wird. Elektro- schocks und Medikamente treiben die Siebzehnjährige immer tiefer in die innere Abschottung. Dabei versprach ihr das Leben noch kurz zuvor Freiheit und Abenteuer – bis sie von ihrem Nachhilfelehrer vergewaltigt wurde. Dieses Stigma haftet an ihr, wie Schmutz, der sich nicht abwaschen lässt. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Die Gren- zen in Lenas Innerem verwischen, sie bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Hoff- nung. Tereza Nvotovás Spielfilmdebüt schildert nicht nur die Facetten eines Missbrauchs, sondern ist zu- gleich eine erschütternde Kritik am Umgang mit psy- chisch Kranken in der Slowakei.

Freitag, 1. März 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast: Tereza

Nvotová

Atak paniki (Panikattacke) | Polen 2017 | R: Paweł Maślona | B: Paweł Maślona, Aleksandra Pisula, Bartło- miej Kotschedoff, Anna Gronowska| K: Cezary Stolecki | M: Radzimir Dębski | D: Artur Żmijewski, Dorota Segda, Nicolas Bro, Magdalena Popłaska, Grzegorz Damiecki | 100 min | OmeU | Warschau am Rande des Nervenzu- sammenbruchs: In dem vielbeachteten, tragikomischen Debütfilm zeigt Paweł Maślona in sieben scheinbar un- zusammenhängenden Episoden, wie seine Zeitgenos- sen durchdrehen. Ob der Computernerd mit seiner allzu hundefreundlichen Mutter am Frühstückstisch sitzen muss, eine Urlauberin zwischen viel zu dicken Nach- barn im Flugzeug eingequetscht wird oder eine attrak- tive Rothaarige keine Mühe scheut, um einem Verehrer gegenüber ihren Beruf geheim zu halten: Maślonas Protagonisten werden durch die absurden Zumutungen des Großstadtalltags an jenen Siedepunkt getrieben, an dem Panik auszubrechen droht. Das temporeiche Sit- tengemälde einer Gesellschaft im Ausnahmezustand.

Freitag, 1. März 2019, 21.00 Uhr

Nagyi projekt (Granny Project) | Ungarn 2017 | R:

Bálint Révész | B: Meredith Colchester, Bálint Révész, Ruben Woodin-Dechamps | K: Ruben Woodin-Dechamps | M: Albert Márkos | Mit: Meredith Colchester, Rosanne Colchester, Bálint Révész, Gudrun Dechamps, Ruben Woodin-Dechamps, Lívia Révész | 89 min | OmeU | Drei junge Männer machen sich mit ihren Großmüttern auf den Weg in die Vergangenheit: die britische Ex-Spionin Zan, die in ihren Jugendtagebüchern von Hitler und Mussolini schwärmte, die verschmitzte Lívia, eine un- garische Holocaust-Überlebende, und Gudrun, die mit der deutschen Vergangenheit und ihrem eigenen Agie- ren hadert. In den Lebensgeschichten aller drei Frauen spielt der Zweite Weltkrieg eine besondere Rolle. Doch GRANNY PROJECT serviert nicht wie andere dokumen- tarische Zeitzeugenprojekte die eine historische Wahr- heit. Vielmehr konkurrieren die Erzählungen der Groß- mütter bisweilen miteinander. Was geschieht, wenn die drei Frauen aufeinandertreffen? Wie beeinflussen ihre Erinnerungen die Gegenwart und so auch die Freund- schaft ihrer Enkel? GRANNY PROJECT ist ein dokumen- tarisches Roadmovie und ein verspielter Dialog zwi- schen den Generationen, der angstfrei Tabus begegnet.

Samstag, 2. März 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast:

Produzent László Kántor

Strimholov (Falling) | Ukraine 2017 | R+B: Marina Stepanska | K: Sebastian Thaler | M: Mykyta Moiseev | D: Larysa Rusnak, Christian Boris, Darja Plachtiy, Andriy Seleckyj, Oleg Mosijčuk | 105 min | OmeU | Der Mitt- zwanziger Anton kann endlich die triste, halbverfallene Entzugsklinik verlassen. In Begleitung seines fürsorg- lich-strengen Großvaters kehrt er in dessen Haus auf dem Land und schließlich nach Kiew zurück, um seine Arbeit als Komponist wiederaufzunehmen. Eines Abends lernt er Katja kennen. Die einst so hoffnungsvolle Mai- dan-Aktivistin sieht für sich in der Ukraine keine Zu- kunft mehr. Kann die erwachende Liebe zu Anton sie umstimmen? In ihrem Spielfilmdebüt reflektiert Marina Stepanska die Erfahrungen mit der jüngsten politischen Entwicklung in ihrem Heimatland. Die Regisseurin drehte mit Laiendarstellern, »um auf deren Gesichtern die Geschichte hervortreten zu lassen«, wie sie in einem Interview sagte. Dadurch erlangt das ruhige, hervorra- gend gefilmte Drama aus dem postrevolutionären Kiew eine ganz besondere Authentizität.

Samstag, 2. März 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast: Marina

Stepanska

Best of FAMU | Die 1947 gegründete berühmte Prager Filmhochschule FAMU (tschechisch: Filmová a televizní

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Mittel Punkt Europa

fakulta Akademie múzických umění) präsentiert eine Auswahl ihrer besten Kurzfilme verschiedener Genres aus den letzten zwei Jahren. Vier der jungen Filmschaf- fenden stellen ihre Filme selbst vor: Plody mraků (Früchte der Wolken) | 2017 | R+B+K: Kateřina Kar- hánková | 11 min | ohne Dialog – Praha očima cizinců (Prag, mit den Augen der Fremden gesehen) | 2017

| R+B+K: Daria Kashcheeva | 5 min | OmeU – Krvavé

pohádky (Blutige Märchen) | 2018 | R+K: Tereza Ko- vandová | B: Lukáš Hrdý,Tereza Kovandová | 8 min |

ohne Dialog – Food | 2017 | R+B+K: Michaela Mihalyi

| 2 min | ohne Dialog – Prázdniny (Ferien) | 2018 |

R+B+K: Filip Blažek | 11 min | ohne Dialog – Kamion

(Der Lastwagen) | 2017 | R+B: Michał Blaško, Adam

6 Mach | K: Adam Mach | D: Peter Havasi | 9 min | OmeU – Bo Hai | 2017 | R+B: Dužan Duong | K: Adam Mach

| D: Viet Anh Duong, Van Hai Duong, Tomáš Lipský, Hana Houbová | 25 min | OmeU

Sonntag, 3. März 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast:

Alexandra Hroncová und Filmstudierende der FAMU

Mečiar (The Lust for Power) | Slowakei 2017 | R: Te- reza Nvotová | B: Jozef Krajbich, Tereza Nvotová | K:

Martin Žiaran | M: Jonatán Pastirčák | Mit: Vladimír Mečiar, Tereza Nvotová, Milan Žitný, Fedor Flašík, Fedor Gál, Petr Pithart | 89 min | OmeU | Mečiar war überall. Als Kind sei ihr daher nicht klargewesen, dass es sich um einen echten Menschen handelt: So beginnt Tereza Nvotová ihren Dokumentarfilm über die 1990er Jahre in der Slowakei. Trotz anfänglicher Euphorie geriet das Land nach der Wende in eine schwere Krise. Unter der autokratischen Regierung des Populisten Vladimír Mečiar breiteten sich Korruption und mafiöse Struktu- ren aus. Während die Nachbarländer Polen, Tschechien und Ungarn zu den EU-Beitrittsverhandlungen eingela- den wurden, blieb die Slowakei wegen zahlreicher Ver- stöße gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus- geschlossen. Nvotová rekonstruiert die politische Ent- wicklung und verwebt sie mit ihrer eigenen Familienge- schichte. Eindringlich zeigt sie, wie leicht und schnell eine Demokratie auf Abwege geraten kann – ange- sichts der europaweiten Erfolge der Populisten gewinnt der Film an Relevanz über die Grenzen der Slowakei hinaus.

Sonntag, 3. März 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast: Tereza

Nvotová

Hastrman | Tschechien 2018 l R: Ondřej Havelka l B:

Ondřej Havelka, Petr Hudský, nach dem Roman von Miloš Urban | K: Diviš Marek l M: Petr Wajsar l D: Karel Dobrý, Jiří Lábus, Vladimír Polívka, David Novotný, Si-

Jiří Lábus, Vladimír Polívka, David Novotný, Si- mona Zmrzlá | 100 min l OmeU | Anfang

mona Zmrzlá | 100 min l OmeU | Anfang der 1830er Jahre kehrt Baron de Caus nach Jahren im Ausland auf sein Gut in Böhmen zurück. Über alle Maßen ist der geheimnisvolle Edelmann dem Element Wasser ver- bunden, denn er gleicht nur äußerlich einem Men- schen: Er ist in Wahrheit ein »Hastrman«, ein Wasser- geist. Das nasse Element erhält ihn am Leben und verleiht ihm übermenschliche Kräfte. Als er sich in die schöne und rebellische Katynka verliebt, offenbart sich ihm ein quälendes Dilemma: Wird er ein Wassergeist bleiben oder kann er die eigenen Grenzen überschrei- ten, um ein Mensch zu werden? Leidenschaft, Rebelli- on, lebendige Folklore und Naturverehrung, eingebettet in wunderbare Landschaftsbilder vom böhmischen Pa- radies – Havelkas Verfilmung des Romans von Miloš Urban ist romantischer Thriller und geheimnisvoll-ironi- sche Liebesgeschichte zugleich.

Mittwoch, 6. März 2019, 18.30 Uhr

Gotowi na wszystko. Exterminator (Exterminator:

Zu allem bereit) | Polen 2018 | R: Michał Rogalski | B:

Przemysław Jurek, Michał Rogalski, Leszek Bodzak | K:

Kacper Fertacz | M: Jakub Galinski | D: Paweł Doma- gała, Krzysztof Czeczot, Piotr Żurawski, Piotr Rogucki, Agnieszka Wiedlocha | 117 min | OmeU | Eine Klein- stadt in der polnischen Provinz: Marcyś ist in seinen Dreißigern, aber immer noch nicht recht erwachsen. Zum Verdruss seiner Frau begeistert er sich hauptsäch- lich für Retro-Computerspiele und Heavy-Metal-Musik. Dann aber überzeugt ihn die junge Bürgermeisterin, die auf EU Zuschüsse hofft, seine Jugend-Metalband »Ex- terminator« wieder aufleben zu lassen. Doch die drei ehemaligen Bandkollegen sind zerstritten und keines- wegs »zu allem bereit«, wie es der Filmtitel verheißt: Sie wollen erst einmal zum Revival überredet werden. Und dann wäre da noch die Bedingung, dass die einge- fleischten Hardrocker vor ihrem Comeback zunächst die Besucher des regionalen Kartoffelfests mit seichten

Mittel Punkt Europa

Pop-Schlagern unterhalten sollen. Eine schwarze polni- sche Komödie mit einem Hauch von TRAINSPOTTING und gehörig bissigem Humor.

Mittwoch, 6. März 2019, 21.00 Uhr

Okupácia 1968 (Okkupation 1968) | Slowakei/Tsche- chien/Bulgarien/Ungarn/Polen 2018 | R+B: Linda Dom- brovszky, Magdalena Szymków, Stephan Komandarev, Jevdokia Moskvina, Marie Elisa Scheidt | K: Jakub Ha- lousek, Ákos Nyoszoli, Zuzanna Kernbach, Vesselin Hristov | M: Tibor Szemző | 130 (5x26) min | OmU | Fünf Kurzfilme aus fünf Ländern, fünf Regisseurinnen und Regisseure und ein Ereignis, das sie alle verbindet: die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968. Diese wird zumeist aus der Sicht der »Opfer« – der Tschechen und Slowaken – erzählt. OK- KUPATION 1968 nimmt jedoch die »Täter« in den Blick. Neben den sowjetischen Soldaten beteiligten sich auch ungarische, polnische, deutsche und bulgarische Ein- heiten an der Invasion. Fünfzig Jahre nach dem Ein- marsch reflektieren Filmemacher aus diesen Ländern deren Besatzerrolle: Wie verhält sich der Einzelne ange- sichts der großen geschichtlichen Ereignisse? Lässt sich der militärische Eid mit moralischen Grundsätzen und individueller Verantwortung in Einklang bringen? Die Kurzfilme erzählen ebenso von persönlichen Schicksalen wie von nationalen Perspektiven auf die Ereignisse von damals.

Donnerstag, 7. März 2019, 19.00 Uhr | Anschließend

Diskussion mit Martin Schulze Wessel, Christiane Brenner und Studierenden

Egy Nap (Ein Tag) | Ungarn 2018 | R: Zsófia Szilágyi | B: Réka Mán-Várhegyi, Zsófia Szilágyi | K: Balázs Do- mokos | M: Máté Balogh | D: Zsófia Szamosi, Leó Füre- di, Ambrus Barcza, Zorka Varga-Blaskó, Márk Gárdos | 99 min | OmeU | Anna ist verheiratet, Teilzeitlehrerin für Italienisch und Vollzeitmutter von drei Kindern. Doch statt ihr Familienglück genießen zu können, ist die Vier- zigjährige im Hamsterrad des Alltags gefangen: Sie muss den Nachwuchs versorgen und ihn zum Kinder- garten, in die Schule, ins Ballett, zum Fecht- und zum Cellounterricht verfrachten. Dazwischen reibt sie sich zwischen Arbeit, Haushalt und Geldsorgen auf. Anna bewegt sich ständig im Laufschritt, schimpft, flucht und hadert. Jedes Hindernis scheint die Familie näher an den Zusammenbruch zu bringen, der sich vor allem wegen der Untreue von Ehemann Szabolcs abzeichnet. Zsófia Szilágyi ist es in diesem so intimen wie realisti- schen Drama gelungen, am Ablauf eines Tages das Multitasking im Leben einer Frau und Mutter minutiös

wiederzugeben. Vor allem dank der Hauptdarstellerin Zsófia Szamosi entfaltet der Debütfilm einen Sog, der vielen bekannt vorkommen dürfte.

Freitag, 8. März 2019, 21.00 Uhr

Všechno bude (Winterfliegen) | Tschechien 2018 | R:

Olmo Omerzu | B: Petr Pýcha | K: Lukáš Milota | M: Ši- mon Holý, Monika Midriaková, Paweł Szamburski | D:

Tomáš Mrvík, Jan František Uher, Eliška Křenková, Len- ka Vlasáková, Martin Pechlát | 85 min | OmeU | Im ge- stohlenen Auto begeben sich die minderjährigen Schul- freunde Mára und Heduš auf eine Reise ohne Ziel quer durch die Republik. Karg und winterlich ist die Land- schaft, die sie durchfahren, aber groß die Hoffnung der beiden, die so verloren wirken wie übriggebliebene Fliegen im Winter. Sehnen sie sich nach Freiheit, su- chen sie einen Ausweg aus der täglichen Langeweile? Jedenfalls fühlt sich das Leben auf freier Strecke ganz anders an. Mit viel Witz bringt Regisseur Olmo Omerzu frischen Wind in das klassische Coming-of-age-Drama. Der schelmische Draufgänger Mára und der naive Toll- patsch Heduš geben ein seltsames Paar ab, mit ein- nehmendem Charme gespielt von den Newcomern Tomáš Mrvík und Jan František Uher.

Samstag, 9. März 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast: Tomáš

Mrvík, Jan František Uher

Wieża. Jasny dzień (Tower. A Bright Day) | Polen 2017 | R+B: Jagoda Szelc | K: Przemysław Brynkiewicz | M: Teoniki Rożynek | D: Anna Krotoska, Małgorzata Szczerbowska, Anna Zrbrzycki, Dorota Lukasiewicz, Rafal Kwietniewsku, Rafal Cieluch | 106 min | OmU | Einen sanft irritierenden Psychothriller in strahlendem Sonnenschein präsentiert Jagoda Szelc als ihr Erst- lingswerk. Irgendwo in der sommerlichen Bergland- schaft der Beskiden erwartet Mula ihre Verwandtschaft, um die Erstkommunion ihrer Tochter Nina zu feiern. Unter den Gästen ist auch Mulas Schwester Kaja, das schwarze Schaf der Familie. Seit sechs Jahren hat sie sich nicht mehr blicken lassen, obwohl sie Ninas biolo- gische Mutter ist. Das beunruhigt Mula, da sie befürch- tet, das Mädchen zu verlieren. Oder führt Kaja etwas ganz anderes im Schilde? Szelc lässt das Ensemble in ähnlich klaustrophobisch anmutenden Szenerien zum Nahkampf antreten wie ihr Regie-Vorbild Roman Po- lański. Elemente der Science Fiction und der christli- chen Metaphysik verbinden sich zu einem atmosphäri- schen Plein-air-Kammerspiel mit überraschendem Ausgang.

Sonntag, 10. März 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast:

Małgorzata Szczerbowska

7

Deutsche Filme 2018

8

Deutsche Filme 2018

Wie in den vergangenen Jahren haben wir drei Filmkri-

DER LOKOMOTIVFÜHRER (1,8 Millionen verkaufte Ki-

Bert Rebhandl

tiker – in diesem Jahr wieder Margret Köhler aus Mün- chen sowie Bert Rebhandl und Ralf Schenk aus Berlin – gebeten, ihre persönlichen Bestenlisten der deut-

1. Transit Christian Petzold

schen Filme des Jahres 2018 zu erstellen. Wie 2017 gab es nur zwei Filme, die drei Nennun-

2. Hagazussa – Der Hexenwahn Lukas Feigelfeld

gen erhielten: TRANSIT von Christian Petzold und DER HAUPTMANN von Robert Schwentke. Beide gehörten

3. Aggregat Marie Wilke

auf Festivals zu den Publikums- und Kritikerfavoriten. Fünf weitere Filme wurden zwei Mal genannt. Keiner

4. SPK Komplex Gerd Kroske

der genannten Filme findet sich in der letztjährigen Hit- liste der Filmindustrie, die starke Umsatzrückgänge verzeichnete und von Titeln wie JIM KNOPF UND LUKAS

5. Familie Brasch Annekatrin Hendel

6. Seestück Volker Koepp

notickets), DIE KLEINE HEXE (1,5 Millionen), DIESES BESCHEUERTE HERZ (1,1 Millionen), KLASSENTREF-

7.

In My Room Ulrich Köhler

FEN 1.0 (1,1 Millionen), DER VORNAME (1 Million), SAUERKRAUTKOMA (1 Million) und 100 DINGE (1 Milli-

8.

Kolyma Stanislaw Mucha

on) angeführt wird. Die Aufführung im Filmmuseum ist oft die letzte Ge-

9.

Freiheit Jan Speckenbach

legenheit, die ausgewählten Filme (noch einmal) auf der großen Kinoleinwand zu sehen. Damit sie auch dem

10.

Der Hauptmann Robert Schwentke

des Deutschen nicht mächtigen Publikum zugänglich sind, laufen die meisten von ihnen mit englischen Un- tertiteln.

Ralf Schenk

Margret Köhler

1.

Transit Christian Petzold

1. Das schweigende Klassenzimmer

2.

In My Room Ulrich Köhler

Lars Kraume

3.

Gundermann

Der Hauptmann

In den Gängen

Styx

Seestück

Lomo – The Language of Many Others

Der Prinz und der Dybbuk

The Cleaners

2. In den Gängen Thomas Stuber

4.

Andreas Dresen

3. Der Hauptmann Robert Schwentke

5.

Robert Schwentke

4. 3 Tage in Quiberon Emily Atef

6.

Thomas Stuber

5. Styx Wolfgang Fischer

7.

Wolfgang Fischer

6. Transit Christian Petzold

8.

Volker Koepp

7. Wackersdorf Oliver Haffner

9.

Julia Langzoff

8. Grüner wird's nicht Florian Gallenberger

10.

Elwira Niewiera, Piotr Rosolows

9. Gundermann

Hans Block, Moritz Riesewieck

Andreas Dresen 10. Das schönste Mädchen der Welt Aaron Lehmann

Die Titel in roter Schrift werden im Filmprogramm be- rücksichtigt.

Transit | Deutschland 2018 | R+B: Christian Petzold, nach dem Roman von Anna Seghers | K: Hans Fromm | M: Stefan Will | D: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt | 102 min | OmeU | Georg, ein von den Deutschen gejagter Emigrant, entgeht in Paris seiner Verhaftung. Mit den Auswei- spapieren eines bekannten Schriftstellers, der sich in seinem Hotelzim- mer umgebracht hat, flieht er nach Marseille. Dort begegnet er der Frau des Autors, die auf merkwürdige Weise spürt, ihrem Mann nahe zu sein. Wird es ihnen gelingen, das Land in Richtung Amerika zu verlassen? Christian Petzold verlegt Anna Seghers‘ 1944 erschienenen Roman ins Frankreich der Gegenwart und schafft so eine zeitlose Literaturadaption von bedrückender Nähe. Wie schon in früheren Filmen bewegen sich seine Hauptfiguren traumwandlerisch wie Gespenster durch ihr Leben. Petzold interessiert die Wurzellosigkeit, der Identitätswechsel, das Ver- steckspiel angesichts existentieller Bedrohungen. (Ralf Schenk)

Freitag, 8. März 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 12. März 2019, 21.00 Uhr

Der Hauptmann | Deutschland 2017 | R+B: Robert Schwentke | K:

Florian Ballhaus | M: Martin Todsharow | D: Max Hubacher, Milan Pe- schel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus | 119 min | OmeU | Zwei Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges schlüpft der Gefreite und Deserteur Willi Herold in die zufällig gefundene Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Von anderen Soldaten und der Bevöl- kerung umliegender Dörfer wird er tatsächlich für einen Offizier gehalten und steigert sich in den Wahn der Macht: Er organisiert standrechtliche Erschießungen und zieht als »Kampfgruppe Herold« mordend durchs Land. Im Chaos der letzten Kriegstage feiert er seine ganz eigenen Or- gien. Frei nach authentischen Ereignissen erzählt Robert Schwentke eine Köpenickiade der Gewalt und des Entsetzens. Konsequent aus der Täterperspektive, in überhöhendem Schwarzweiß, mit einer klug kom- ponierten Tonspur gelang ein radikales Kammerspiel über die mentale Beschaffenheit deutscher Soldaten in Zeiten des vermeintlich kommen- den Endsiegs. (Ralf Schenk)

Samstag, 9. März 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 13. März 2019, 21.00 Uhr

Aggregat | Deutschland 2018 | R+B: Marie Wilke | K: Alexander Gheo- rghiu | 92 min | OmeU | In den 1990er Jahren gab es einmal eine kleine Kontroverse um ein Kunstwerk von Joseph Beuys, das ein paar Abge- ordnete für den Bundestag kaufen wollten. »Tisch mit Aggregat« wurde als »Sperrmüll« verunglimpft, die Ausgaben für den Ankauf als Ver- schwendung diskreditiert. Heute steht der Tisch vor dem Plenarsaal, und niemand macht mehr großes Aufhebens darum. Für Marie Wilke ergab sich aus dem Werk eine Assoziation, die ihr zum Titel für ihren neuen Film verhalf: AGGREGAT handelt von der Demokratie in Deutschland in Zeiten, in denen es dem Land sehr gut geht, in denen aber doch viele Menschen das Gefühl einer Krise haben. Marie Wilke beobachtet Ver- ständigungsprozesse und macht auf diese Weise Andeutungen über den Aggregatzustand des Gemeinwesens. (Bert Rebhandl)

Sonntag, 10. März 2019, 18.30 Uhr

9 Deutsche Filme 2018
9
Deutsche Filme 2018
über den Aggregatzustand des Gemeinwesens. (Bert Rebhandl)  Sonntag, 10. März 2019, 18.30 Uhr 9 Deutsche
über den Aggregatzustand des Gemeinwesens. (Bert Rebhandl)  Sonntag, 10. März 2019, 18.30 Uhr 9 Deutsche

Deutsche Filme 2018

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Deutsche Filme 2018 10 Styx | Deutschland 2018 | R: Wolfgang Fischer | B: Ika Künzel,
Deutsche Filme 2018 10 Styx | Deutschland 2018 | R: Wolfgang Fischer | B: Ika Künzel,
Deutsche Filme 2018 10 Styx | Deutschland 2018 | R: Wolfgang Fischer | B: Ika Künzel,

Styx | Deutschland 2018 | R: Wolfgang Fischer | B: Ika Künzel, Wolfgang Fischer | K: Benedict Neuenfels | M: Dirk von Lowtzow | D: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Alexander Beyer, Kelvin Mutuku Ndinda | 94 min | Ein eindringliches Kammerspiel auf hoher See um das Thema Migration und Flüchtlinge. Auf ihrem Segeltörn im Südatlantik entdeckt eine deutsche Ärztin ein mit Menschen überladenes havariertes Fi- scherboot. Hunderte von Afrikanern auf dem Weg ins gelobte Land. Sie setzt einen Funkspruch nach dem anderen an die Küstenwache ab, Frachtschiffe ziehen vorbei, aber Hilfe lässt trotz Versprechungen auf sich warten. Wolfgang Fischer schockiert durch dokumentarische Reali- tät und eine Allegorie auf die Widersprüchlichkeit eines verunsicherten und in der Flüchtlingskrise nach Positionen suchenden Europas. Susan- ne Wolff trägt den Film, der zu 80% ohne Dialoge auskommt, mit unge- heurer Präsenz. Keine strahlende Heldin, sondern Zeugin einer Ka- tastrophe, konfrontiert mit unbequemen Wahrheiten. (Margret Köhler)

Freitag, 15. März 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 19. März 2019, 21.00 Uhr

Gundermann | Deutschland 2018 | R: Andreas Dresen | B: Laila Stieler | K: Andreas Höfer | M: Jens Quandt | D: Alexander Scheer, Anna Unter- berger, Eva Weißenborn, Benjamin Felix Kramme, Kathrin Angerer, Axel Prahl | 127 min | OmeU | Gerhard Gundermann (1955–1998) war Bag- gerfahrer, kritischer Liedermacher – und Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Mit seinen Berichten, die er dem jovialen und trinkfreu- digen Führungsoffizier kredenzt, will er die Arbeitsbedingungen verbes- sern helfen und den Arbeitsschutz erhöhen. Aber er schwärzt auch Freunde und Wegbegleiter an – und hat nach der »Wende« vergessen, was ihm so alles aus der Feder floss. Das Porträt eines schillernden Zeitgenossen, von Andreas Dresen mit bestem Gespür für die Wider- sprüchlichkeiten und Eigenheiten des DDR-Alltags in Szene gesetzt. Al- exander Scheer singt Gundermanns Lieder selbst und nimmt sich auch sonst der Figur mit Haut und Haaren an. Die Aufnahmen aus den Tage- bauen im Lausitzer Braunkohlenrevier überzeugen durch ihre atmo- sphärische Dichte: Arbeit und Arbeiter im deutschen Kino – seit langem nicht mehr so gelungen inszeniert wie hier. (Ralf Schenk)

Samstag, 16. März 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 20. März 2019, 21.00 Uhr

Das schweigende Klassenzimmer | Deutschland 2018 | R+B: Lars Kraume, nach der Erzählung von Dietrich Garstka | K: Jens Harant, Heinz Wehsling | M: Julian Maas, Christoph M. Kaiser | D: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalsk | 111 min | OmeU | Nach DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER gelingt Lars Kraume erneut das Kunststück, Herz und Hirn zusammenzubringen. Basierend auf der gleichnamigen Buchvorlage von Dietrich Garstka, einem von 19 Schülern, die während des Ungarn-Aufstandes mit einer Schweigemi- nute für die Opfer den rigiden Staatsapparat zum überdrehten Gegen- schlag provozierten, erzählt er vom Mut junger Menschen in der DDR des Jahres 1956. Da keiner die »Rädelsführer« denunzierte, durfte nie- mand das Abitur ablegen. In seiner wuchtigen Intensität erinnert das Drama manchmal an Peter Weirs DER CLUB DER TOTEN DICHTER und

die unbändige Kraft der Jugend. Psychologisch spannende und emotio- nal mitreißende Fiktionalisierung der wahren Geschichte von Solidarität und kleinem Widerstand, Freundschaft und Familie. (Margret Köhler)

Freitag, 22. März 2019, 18.30 Uhr

In My Room | Deutschland 2018 | R+B: Ulrich Köhler | K: Patrick Orth | D: Hans Löw, Elena Radonicich, Kathrin Resetarits, Felix Knopp, Michael Wittenborn, Ruth Bickelhaupt | 120 min | OmeU | Armin lebt allein, alle Optionen auf Partnerschaft sind so gut wie verspielt. Als er am Morgen nach dem Tod seines Vaters aufwacht, ist um ihn herum plötzlich Ruhe. Die Menschen sind verschwunden. Nur er ist geblieben in einem Univer- sum der Dinge. Die Natur, die ihn umgibt, kann eine Bürde sein. Oder ein Geschenk. Und dann kommt doch noch eine Frau ins Spiel. Ulrich Köh- lers bildgewaltiger Film entwirft eine Dystopie der Möglichkeiten. Span- nend, beängstigend und komisch zugleich, fragt IN MY ROOM nach dem Sinn des Lebens, dem Wert der Freiheit, der Verteidigung von Liebe und Würde. Kann in einer Welt, in der jeder Mensch sein eigener Planet ist, der Wunsch nach Geborgenheit erfüllt werden? Sind wir noch fähig, uns einem anderen mit Herz und Sinnen zu öffnen? (Ralf Schenk)

Samstag, 23. März 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 27. März 2019, 21.00 Uhr

Seestück | Deutschland 2018 | R: Volker Koepp | B: Volker Koepp, Bar- bara Frankenstein | K: Uwe Mann | M: Ulrike Haage | 135 min | Volker Koepps dokumentarisches Lebenswerk besteht in der Erkundung der östlichen Landschaften Europas. Zuletzt hat er mit IN SARMATIEN eine Summe über den Raum zwischen Deutschland und Russland vorgelegt. Nun vermisst er mit SEESTÜCK noch einmal die Küsten der Ostsee, auch hier war er früher schon des Öfteren, er kennt die Gegend noch aus der Zeit des Kalten Kriegs, und nun stellt er fest, dass zwischen Greifswald und Kurischer Nehrung wieder die Angst vor einem denkba- ren Krieg wächst. Dieser politischen Stimmung steht in SEESTÜCK aber vielfach der lange Atem der Naturgeschichte entgegen: Das Meer und das Klima setzen ihren eigenen Rhythmus. (Bert Rebhandl)

Sonntag, 24. März 2019, 18.30 Uhr

Hagazussa – Der Hexenwahn | Deutschland 2018 | R+B: Lukas Fei- gelfeld | K: Mariel Baqueiro | M: MMMD | D: Aleksandra Cwen, Claudia Martini, Tanja Petrovsky, Haymon Maria Buttinger, Celina Peter | 102 min | OmeU | In einer einsamen Berggegend im späten Mittelalter lebt eine Frau namens Albrun mit ihrem Kind in einer Hütte. Sie steht im Ruf, vielleicht eine Hexe zu sein. Die Menschen munkeln, der Vater des Kin- des könnte der Teufel sein. Sexuelle Spannungen überlagern sich mit religiösen Vorstellungen und dem Rhythmus der Tage und der Jahres- zeiten. Lukas Feigelfeld beeindruckt mit einer atmosphärisch dichten Schauergeschichte in toller Landschaft. HAGAZUSSA (der Titel ist ein altes Wort für »Hexen«) ist ein herausragendes Beispiel für einen neuen, jungen deutschen Genrefilm. Eigens erwähnenswert ist der Soundtrack der griechischen Avantgarde-Formation MMMD: HAGAZUSSA geht durch Mark und Bein. (Bert Rebhandl)

Dienstag, 26. März 2019, 21.00 Uhr

11 Deutsche Filme 2018
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Deutsche Filme 2018
MMMD: HAGAZUSSA geht durch Mark und Bein. (Bert Rebhandl)  Dienstag, 26. März 2019, 21.00 Uhr
MMMD: HAGAZUSSA geht durch Mark und Bein. (Bert Rebhandl)  Dienstag, 26. März 2019, 21.00 Uhr
12 Deutsche Filme 2018
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Deutsche Filme 2018
12 Deutsche Filme 2018 3 Tage in Quiberon | Deutschland 2018 | R+B: Emily Atef |
12 Deutsche Filme 2018 3 Tage in Quiberon | Deutschland 2018 | R+B: Emily Atef |

3 Tage in Quiberon | Deutschland 2018 | R+B: Emily Atef | K: Thomas Kiennast | M: Christoph M. Kaiser, Julian Maas | D: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Robert Gwisdek, Charly Hübner, Denis Lavant, Christopher Buchholz | 115 min | Inspiration für Emily Atefs in elegantem schwarz- weiß komponiertes Vier-Personen-Kammerspiel war ein legendäres Ex- klusiv-Interview, das Weltstar Romy Schneider im März 1981 dem »Stern«-Reporter Michael Jürgs und dem Fotografen Robert Lebeck gab. Die in der Bretagne auf Alkoholentzug und Diät gesetzte und von ihrer Freundin begleitete Schauspielerin tanzt drei Tage und Nächte auf einer emotionalen Rasierklinge, sie öffnet sich vertrauensvoll, zieht kei- ne Grenzen, lässt sich manipulieren. Marie Bäumer spielt diese in sich Zerrissene mit großer Zärtlichkeit und Leichtigkeit, gleichzeitig mit Schwermut, Schutzlosigkeit und Schmerz. Ein berührendes Stimmungs- bild der Gefühle, die Momentaufnahme eines in der Seele beschädigten Menschen, der nach Leben und Liebe hungert. (Margret Köhler)

Freitag, 29. März 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 2. April 2019, 21.00 Uhr

In den Gängen | Deutschland 2018 | R: Thomas Stuber | B: Clemens Meyer, Thomas Stuber, nach der Kurzgeschichte von Clemens Meyer | D: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Andreas Leupold, Micha- el Specht, Ramona Kunze-Libnow | 125 min | OmeU | Liebe kann über- all passieren, auch in der nüchternen Atmosphäre eines Großmarkts in Sachsen, wo sich zwei verlorene Seelen unter flackernden Neonleuch- ten und zwischen hohen Regalen finden. Thomas Stubers nie larmoyan- te, sondern zwischen verhaltenem Humor und leiser Melancholie lavie- rende Adaption von Clemens Meyers Kurzgeschichte aus dem 2008 erschienenen Erzählband »Die Nacht, die Lichter« ist die zärtliche Be- trachtung dreier Menschen im Strudel des Alltags und ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben. Jeder trägt sein Päckchen aus der Vergan- genheit. Aus ihrer Existenz herauskatapultierte Wendeverlierer, die sich neu orientieren müssen. Exzellente Darsteller wie Franz Rogowski und Sandra Hüller sowie Peter Kurth als tragische Vaterfigur, pointierte Dia- loge und eine erfrischende Portion Poesie verzaubern. (Margret Köhler)

Samstag, 30. März 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 3. April 2019, 21.00 Uhr

SPK Komplex | Deutschland 2018 | R+B: Gerd Kroske | K: Susanne Schüle, Anne Misselwitz | M: Sounding Situations | 116 min | OmeU | Das »Sozialistische Patientenkollektiv« wurde 1970 in Heidelberg ge- gründet. Der Arzt Wolfgang Huber zog damit eine Konsequenz aus 1968: Damals wurde alles politisch, also auch die (psychische) Gesund- heit. Inspiriert durch italienische Vorbilder, suchten die Mitglieder des SPKs nach Behandlungsmethoden zwischen Therapie und Gesell- schaftsveränderung. Querverbindungen zur außerparlamentarischen Opposition und schließlich zum Linksterrorismus lagen nahe. Gerd Kro- ske rekonstruiert mit Interviews und mit dem spärlichen Archivmaterial von damals ein bedeutendes Kapitel aus der Geschichte der revolutio- nären deutschen Linken nach 1968, und öffnet Reflexionshorizonte bis in die Gegenwart. (Bert Rebhandl)

Sonntag, 31. März 2019, 18.30 Uhr

Look Back on Woodfall

13 Dreharbeiten zu A TASTE OF HONEY Woodfall Film Productions
13
Dreharbeiten zu A TASTE OF HONEY
Woodfall Film Productions

Hätte es Woodfall Film Productions nicht gegeben, so hätte man diese unabhängige Produktionsfirma erfin- den müssen. Denn ohne sie wäre in England eine gan- zen Schicht, die Arbeiterklasse, und eine ganze Region, der industrialisierte Norden, nicht in das allgemeine Bewusstsein gerückt worden. Die Ende der 1950er Jahre bis in die 1960er Jahre hinein entstandenen Fil- me der Woodfall Film Productions blicken auf die Schattenseite Englands. Zugegebenermaßen muss man sich etwas mehr bemühen als sonst und auf Um- gangssprache, Dialekte und anderen Wortbedeutungen einlassen (z.B. sagt man dort zum »dinner« »tea«), wenn man Protagonisten folgen will, die bis auf wenige Ausnahmen Laiendarsteller aus der Region waren. Auch muss man bereit sein, sich mit Themen auseinan- derzusetzen, die im England der Nachkriegszeit von Tabus geprägt waren: Teenagerschwangerschaften, Abtreibung, Homosexualität, ein äußerst rüder Umgang zwischen Männern und Frauen (häusliche Gewalt inklu- sive), der unvermeidliche Alkoholkonsum, harte und stupide Arbeit in den Fabriken und Bergwerken, Armut und beengtes Wohnen, die Sehnsucht nach dem Auf-

stieg in die Mittelschicht und das Aufbegehren der Ju- gend gegen Autoritäten. Diese Lebenswirklichkeiten boten keinen erfolgversprechenden Unterhaltungsstoff für angenehme Kinoabende, und dennoch zählen Filme wie SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING (1960) von Karel Reisz, THE LONELINESS OF THE LONG DIS- TANCE RUNNER (1962) von Tony Richardson und KES (1969) von Ken Loach heute zu den großen Klassikern des britischen Kinos. Die Gründer von Woodfall Film Productions waren

1958 der Londoner Bühnenautor John Osborne, der in

Yorkshire geborene Regisseur Tony Richardson sowie der Kanadier Harry Saltzman, der die Firma jedoch nach drei gemeinsamen Produktionen verließ und ab

1962 James-Bond-Filme produzierte. Osborne wollte

sein Bühnenstück »Look Back in Anger« mit der Haupt- figur Jimmy Porter als zornigem jungen Mann, der in desolaten Verhältnissen nicht nur verbal um sich schlägt, für die Leinwand adaptieren. Der schon be- kannte Schauspieler Richard Burton spielte darin die Hauptrolle, auch die restliche Besetzung bestand nicht aus Laien. Dem Film merkt man die Herkunft von der

Woodfall Film Productions

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Bühne zwar noch an – er ist wortlastig, von Burton noch in leichter Theatermanier gesprochen und spielt zu gro- ßen Teilen in sehr überschaubaren Räumen –, aber dem Film wohnt eine enorme Kraft inne, die lange nachwirkt. LOOK BACK IN ANGER markierte den Beginn des Genres kitchen sink drama, benannt nach dem Spülstein in der Küche, die meist den Lebensmittel- punkt und wichtigsten Ort der Wohnung darstellt. Os- borne und andere junge Dramatiker, die der Arbeiter- klasse entstammten und die zur selben Zeit soziale Entfremdung und Klassenkonflikte thematisierten, wur- den die angry young men genannt. Neben dem Theater floss eine weitere Entwicklung in die Produktionen der Woodfall Film Productions ein:

Der Versuch im britischen Dokumentarfilm, mit mobilen Kameras und Direktton Alltagsrealität, insbesondere die der Working-Class-Jugend, ganz unvermittelt und un- geschönt abzubilden. Free Cinema nannte sich die Be- wegung, nachdem dieser Name zunächst nur als Titel von sechs Programmen mit überwiegend kurzen Doku- mentarfilmen gedient hatte, die zwischen 1956 und 1958 im National Film Theatre in London gezeigt wur- den. Initiatoren waren damals Tony Richardson und der Tscheche Karel Reisz, die mit eigenen Filmen vertreten

waren. Der erste Spielfilm von Reisz, der von Woodfall produzierte Film SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MOR- NING (1960) steht in dieser dokumentarischen Tradition und entstand ausschließlich an Originalschauplätzen. Auch der Kameramann Walter Lassally kam vom Free Cinema. Er war experimentierfreudig, besaß ein gutes Gespür für die Lichtstimmungen, konnte flexibel mit improvisierenden Darstellerinnen und Darstellern arbei- ten und drehte am liebsten im Freien. Er fotografierte für Woodfall A TASTE OF HONEY (1961), THE LONE- LINESS OF THE LONG DISTANCE RUNNER (1962) und TOM JONES (1963). Eine der wenigen Frauen, die sich im Umfeld der angry young men behaupten konnte, war die aus Sal- ford stammende Dramatikerin Shelagh Delaney. Sie schrieb bereits mit 19 Jahren ihr Theaterstück »A Taste of Honey«, das 1961 von Tony Richardson verfilmt wur- de. Nach zwei Studioproduktionen wollte Richardson zurück zu seinen filmischen Wurzeln und endlich ganz on location drehen. Für die Hauptrolle der Jo, eines ein- fachen Mädchens aus der Gegend um Salford bei Man- chester, suchte er keine Schauspielerin, sondern ein unbekanntes Gesicht und fand angeblich unter 2.000 Bewerberinnen die junge Rita Tushingham. Sie debü-

SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING
SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING

Woodfall Film Productions

tierte in A TASTE OF HONEY und trug entscheidend zum Erfolg des Films bei: Vor allem ihre ausdrucksstarken »funny eyes« machen sie auf der Leinwand unverwech- selbar. Rita Tushingham steht für viele andere, heute

bekannte Darstellerinnen und Darsteller, die in Filmen der Woodfall Film Productions ihren ersten Auftritt ab- solvierten. Tom Courtenay spielte den jugendlichen Straftäter Colin in THE LONELINESS OF THE LONG DIS- TANCE RUNNER, Alan Bates war in Richardsons THE ENTERTAINER (1960) zu sehen, Jacqueline Bisset, Jane Birkin und Charlotte Rampling hatten kleine Ne-

benrollen in THE KNACK

von Richard Lester, Michael York trat in dem Episoden- film RED, WHITE AND ZERO (1967) auf. Für sie alle waren die Woodfall-Filme ein Sprungbrett für ihre wei- tere Karriere. Tony Richardsons satirischer Historienfilm TOM JO- NES (1963) und Richard Lesters verspieltes Pop-Mär- chen THE KNACK … AND HOW TO GET IT erweiterten das Spektrum der Woodfall-Filme um eine komödianti- sche Note, die über den Kitchen-Sink-Realismus der bisherigen Filme hinausging: Die Protagonisten ver- zweifeln hier nicht mehr an den widrigen Lebensbedin- gungen ihrer Umwelt, im Mittelpunkt steht nicht mehr »die Welt der Erwachsenen, der Angehörigen der bür- gerlichen Klasse, um die sich alles dreht und gegen die gezürnt und protestiert wurde« (Dietrich Kuhlbrodt). Es geht nun um Jugendliche, die ihr Anderssein ausleben und der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken. Neue popartige Elemente werden eingeführt und brechen die Filmwirklichkeit auf: So unterbricht Tom Jones sein ei- genes Handeln und spricht direkt in die Kamera, Richard Lester setzt die Phantasien seiner Protagonis- ten in surreale Traumbilder um. Sie bereiten den My- thos des »Swinging London« vor, der auch durch die nun verwandten Popmusik-Soundtracks die Jugend- kultur der 1960er Jahre prägte. Mit TOM JONES, der auch in amerikanischen Kinos erfolgreich war, zog auch erstmals Farbe in die bisher in Schwarzweiß gedrehte Welt der Woodfall-Produktionen ein. Ebenfalls in Farbe drehen musste der vom Fernse- hen kommende Ken Loach seinen einzigen Film für Woodfall, KES. Loach wollte die Geschichte um den unverstandenen Jungen Billy Casper, der durch die Auf- zucht eines Falken erstmals einen Sinn im Leben er- fährt, in Schwarzweiß drehen, doch der Verleiher United Artists bestand auf Farbe – die Kameramann Chris Menges dann wieder entsprechend entsättigte. KES offenbart durch seine schonungslose Direktheit eine selten so berührend und wahrhaftig dargestellte Ein- samkeit und Verzweiflung eines sensiblen jungen Men-

AND HOW TO GET IT (1965)

schen, der an seiner rauen und gewaltvollen Umgebung zu zerbrechen droht. Der bekennende Trotzkist Loach entwickelte mit KES die sozialkritischen Anfänge der Woodfall-Produktionen konsequent weiter und wurde zu einem der bedeutendsten Vertreter des politisch en- gagierten europäischen Autorenkinos der Gegenwart. Mit KES endet 1969 die Zeit der sozialkritischen Filme der Woodfall Film Productions, die ab 1970 ausschließ- lich Filme von Tony Richardson produzierte, der sich nach dem mit vier Oscars ausgezeichneten TOM JO- NES zunehmend dem Unterhaltungskino zuwandte. Seine letzte Arbeit war die hochkarätig besetzte John-Irving-Verfilmung THE HOTEL NEW HAMPSHIRE

(1984).

Claudia Engelhardt

Look Back in Anger (Blick zurück im Zorn) | GB 1959 | R: Tony Richardson | B: Nigel Kneale, nach dem Stück von John Osborne | K: Oswald Morris | M: Chris Barber | D: Richard Burton, Mary Ure, Claire Bloom, Edith Evans, Gary Raymond | 98 min | OF | Richard Burton verkörpert den als Akademiker aus der Arbeiter- klasse gescheiterten Jimmy Porter, der in einer Jazz- band Trompete spielt und mit seinem Freund Cliff auf dem Markt einen Süßigkeitenstand betreibt. Er verwei- gert sich den Konventionen der Mittelklasse, die seine Frau Alison jedoch einfordert. Ihre quälenden Auseinan- dersetzungen, die häusliche Gewalt und die sporadi- schen Ausbruchsversuche aus gegenseitiger Abhän- gigkeit enden jeweils in zynischer Resignation. Der Film erweitert den klaustrophobischen Schauplatz des Büh- nenstücks, die enge Mansardenwohnung, um Außen- szenen und bindet das Geschehen in die beklemmend realistische Milieustudie der Arbeiterstadt Derby in den Midlands ein.

Dienstag, 12. März 2019, 18.30 Uhr  Freitag, 15. März 2019, 21.00 Uhr

Saturday Night and Sunday Morning (Samstag- nacht bis Sonntagmorgen) | GB 1960 | R: Karel Reisz

| B: Alan Sillitoe, nach seinem Roman | K: Freddie Fran-

cis | M: John Dankworth | D: Albert Finney, Shirley Anne Field, Rachel Roberts, Hylda Baker, Norman Rossington

| 90 min | OF | Der von der Presse als »britischer Marlon

Brando« gehandelte Albert Finney spielt Arthur Seaton, der sich gegen die Werte seiner Elterngeneration auf- lehnt und sich nicht mit dem tristen Alltag abfinden will. Angesiedelt in Nottingham, ist der Film einer der ersten britischen Produktionen, die sich ernsthaft mit dem Le- ben der Arbeiterklasse auseinandersetzen und Themen wie Sex und Abtreibung aufgreifen. In der Eröffnungs-

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Woodfall Film Productions

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sequenz in der Fahrradfabrik spricht Arthur einen Off-Kommentar, der bereits die Stimmung des Films vorgibt. Am Wochenende wird gefeiert und getrunken und werden Frauen aufgerissen, um überhaupt das Le- ben zu spüren. Arthur wurde zur Symbolfigur der unzu- friedenen britischen Nachkriegsgeneration: »Don’t let the bastards grind you down. What I want is a good time. All the rest is propaganda.«

Mittwoch, 13. März 2019, 18.30 Uhr

 Samstag, 16. März 2019, 21.00 Uhr

The Entertainer (Der Komödiant) | GB 1960 | R: Tony Richardson | B: John Osborne, Nigel Kneale, nach dem Stück von John Osborne | K: Oswald Morris | M: John Addison | D: Laurence Olivier, Brenda de Banzie, Joan Plowright, Roger Livesey, Alan Bates, Shirley Anne Field | 97 min | OF | »Archie Rice – The One and Only«: Die Zeiten als erfolgreicher Comedian in den Music Halls der englischen Badeorte ist endgültig vorbei. Diese Rol- le des alternden Entertainers, der nicht wahrhaben will, dass es mit seiner Kunst zu Ende geht, schrieb John Osborne extra für den Schauspielstar Laurence Olivier. Mit seiner Vaudeville-Familie lebt Archie in beengten Verhältnissen, jeder Penny muss umgedreht werden. Die Ehe mit seiner zweiten Frau Phoebe wird durch Al- kohol und seine notorische Untreue nicht besser. Ar- chies antibürgerliche Rebellion hat sich inzwischen in Resignation verwandelt, zynisch und ungläubig muss er die Auflösung seiner zerrütteten Familie beobachten. »Look at these eyes. I'm dead – behind these eyes. I'm dead.« Die Außenaufnahmen wurden in Morecambe bei Blackpool gedreht.

Sonntag, 17. März 2019, 21.00 Uhr

 Dienstag, 19. März 2019, 18.30 Uhr

A Taste of Honey (Bitterer Honig) | GB 1961 | R: Tony Richardson | B: Tony Richardson, Shelagh Delaney, nach dem Stück von Shelagh Delaney | K: Walter Las- sally | M: John Addison | D: Rita Tushingham, Murray Melvin, Dora Bryan, Robert Stephens, Paul Danquah | 100 min | OF | Tony Richardsons dritter Film wurde aus- schließlich on location gedreht, die Kamera des vom Dokumentarfilm geschulten Walter Lassally spielt mit den Kontrasten zwischen der meist verregneten Indus- trielandschaft Salfords und den Menschen, die dem Leben klein und ohnmächtig gegenüberstehen. Rita Tushingham hat darin ihr erstaunliches Filmdebüt als Minderjährige Jo, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie von einem schwarzen Seemann ungewollt schwanger wird. Schutz und Trost findet sie nur bei Geoffrey, einem schwulen Textildesigner, mit dem sie

ihre Wohnung teilt: »You need somebody who loves you until you find somebody to love.« Doch Jos alkoholab- hängige Mutter Helen lässt ihre Tochter durch ihren selbstmitleidigen Egoismus nicht aus den Fängen.

Mittwoch, 20. März 2019, 18.30 Uhr

 Freitag, 22. März 2019, 21.00 Uhr

The Loneliness of the Long Distance Runner (Die Einsamkeit des Langstreckenläufers) | GB 1962 | R:

Tony Richardson | B: Alan Sillitoe, nach seiner Erzäh- lung | K: Walter Lassally | M: John Addison | D: Tom Courtenay, Michael Redgrave, James Bolam, Avis Bun- nage, Alec McCowen, Topsey Jane | 103 min | OF | Ein Rehabilitationsprogramm in einer Haftanstalt für ju- gendliche Straftäter ermöglicht dem Kleinkriminellen Colin an einem Leichtathletikprogramm teilzunehmen. Als talentierter Langstreckenläufer soll er bei einem Wettbewerb gegen eine Public School antreten. Colin genießt darauf seine Privilegien in der Anstalt, ist aber auch der Missgunst seiner Mithäftlinge ausgesetzt. Während des täglichen Trainings erinnert er sich an verschiedene Episoden seiner Vergangenheit. Tom Co- urtenay ist ein weiteres neues ausdrucksstarkes Ge- sicht im Kino, das nach diesem Debüt als Entdeckung gefeiert wurde. Wenn Colin durch die Landschaft läuft, Sonne und Wind als Begleiter, drehen sich die Bäume, die Kamera vermittelt Freiheit. Gedreht wurde in Cam- ber Sands, East Sussex.

Samstag, 23. März 2019, 21.00 Uhr

 Dienstag, 26. März 2019, 18.30 Uhr

Tom Jones (Zwischen Bett und Galgen) | GB 1963 | R: Tony Richardson | B: John Osborne, nach dem Ro- man »The History of Tom Jones, a Foundling« von Hen- ry Fielding | K: Walter Lassally | M: John Addison | D:

Albert Finney, Susannah York, Hugh Griffith, Edith Evans, Joan Greenwood, Diane Cilento, George Devine, David Tomlinson | 129 min | OF | Historischer Abenteu- erfilm in Eastmancolor, der im England des 18. Jahr- hunderts angesiedelt ist. Der äußerst attraktive Drauf- gänger Tom Jones ist als elternloses Findelkind aufgewachsen, geht zunächst auf Wanderschaft in So- merset, dann weiter nach London und muss manche Licht- und Schattenseiten seiner Epoche erleben, bis er das Herz seiner wahren Liebe Sophie erobern kann. Mit Anklängen an die Stummfilmästhetik in der Anfangsse- quenz und der wiederholten Kommentierung des Ge- schehens durch den Protagonisten, der sich direkt an den Zuschauer wendet, besitzt die Komödie viele paro- distische Elemente. Finanziell war diese gewagte Adap- tion für Woodfall ein Glücksfall: Sie verzeichnete einen

Woodfall Film Productions

Woodfall Film Productions großen Publikumserfolg und erhielt zahlreiche Preise, darunter vier Oscars.  Sonntag, 24.

großen Publikumserfolg und erhielt zahlreiche Preise, darunter vier Oscars.

Sonntag, 24. März 2019, 21.00 Uhr  Mittwoch, 27. März 2019, 18.30 Uhr

and How to Get It (Der gewisse Kniff)

| GB 1965 | R: Richard Lester | B: Charles Wood, nach dem Bühnenstück »The Knack: A Comedy in Three

Acts« von Ann Jellicoe | K: David Watkin | M: John Barry

| D: Rita Tushingham, Ray Brooks, Michael Crawford,

Donal Donelly, William Dexter, Charles Dyer, Margot Thomas, John Bluthal | 84 min | OF | Schauplatz ist hier das hippe, modische London und nicht mehr eine triste nordenglische Industriestadt. Lesters temporeiche Pa- rodie auf Rollenklischees und eine nur auf Effizienz ausgerichtete Gesellschaft versprüht den Geist rebellie- render, verrückter Jugend, die mit Freude die prüde englische Gesellschaft provoziert. Berühmt ist die Se- quenz, in der ein großes Bett auf Rollen durch die Stadt getragen, gerollt, gezogen und schwimmen gelassen wird, mit Rita Tushingham darauf als Objekt der Begier- de. Stilistisch experimentiert Lester mit der Popkultur, Elementen der französischen Nouvelle Vague und ame- rikanischem Slapstick. Die Geschichte kreist um eine junge Frau vom Land, die den »Gefahren der Groß-

The Knack

stadt« ausgesetzt ist und sowohl einem schüchternen Lehrer als auch einem großmäuligen Frauenheld be- gegnet.

Freitag, 29. März 2019, 21.00 Uhr

 Dienstag, 2. April 2019, 18.30 Uhr

Red, White and Zero | GB 1967 | R: Lindsay Anderson, Tony Richardson, Peter Brook | B: Tony Richardson, Ju- lian More, Shelagh Delaney, Peter Brook | K: Miroslav Ondricek, Billy Williams | M: Misha Donat, Antoine Du- hamel, Howard Blake | D: Patricia Healey, Arthur Lowe, Vanessa Redgrave, Douglas Fairbanks Jr., Zero Mostel | 98 min | OF | Ein Episodenfilm in Schwarzweiß und Farbe von drei bekannten Regisseuren: Lindsay Ander- son zeigt in THE WHITE BUS eine junge Frau, die in London seelisch verloren geht und sich in einem wei- ßen Bus auf eine surrealistische Heimreise nach Nor- dengland begibt. Peter Brooks Episode THE RIDE OF THE VALKYRIES handelt von einem Opernsänger, der sich in vollem Kostüm und Maske durch die wuseligen Straßen manövrieren muss, um noch rechtzeitig zu sei- nem Auftritt ins Theater zu gelangen. Vanessa Redgra- ve spielt in Tony Richardsons melancholischer Musi- cal-Episode RED AND BLUE die Cabaretsängerin Jacky, die für ein Engagement nach Paris geht und dort reali- siert, dass die romantische Welt in ihren Liedern so gar nicht ihrem eigenen Leben entspricht.

Samstag, 30. März 2019, 21.00 Uhr

Kes | GB 1969 | R: Ken Loach | B: Ken Loach, Barry Hines, Tony Garnett, nach dem Roman »A Kestrel for a Knave« von Barry Hines | K: Chris Menges | M: John Cameron | D: David Bradley, Lynne Perrie, Freddie Flet- cher, Colin Welland, Brian Glover | 110 min | OmU | Der 15-jährige Billy Casper hasst die Schule, ist ein Versa- ger beim Fußball, hat Ärger mit der Polizei und wird von seinem älteren Bruder gedemütigt, ohne von seiner al- leinerziehenden Mutter Hilfe zu bekommen. Er findet einen Falken, Kes, den er aufzieht und trainiert. Kes wird für ihn zu einem Freund, was sein Leben verändert und ihm Respekt verschafft. Der Film zeichnet im doku- mentarischen Stil ein düsteres Bild der sozialen Verhält- nisse in Nordengland, den Arbeitervierteln, die von Ar- beits- und Hoffnungslosigkeit geprägt sind. Der starke Yorkshire-Akzent war selbst für Engländer schwer zu verstehen, weshalb der Film für den Export ins Standard- englische synchronisiert wurde, was ihm allerdings die Ausdrucksstärke nahm. Wir zeigen die Yorkshire-Origi- nalfassung mit deutschen Untertiteln.

Sonntag, 31. März 2019, 21.00 Uhr

 Mittwoch, 3. April 2019, 18.30 Uhr

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Film und Psychoanalyse

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Film und Psychoanalyse

Film im Film Filme über das Filmen sind Filme über das Leben. Denn nicht umsonst teilen die Psychoanalyse als Wissen- schaft vom Innenleben und die Welt des Films einen zentralen Begriff, den der Projektion. Was allerdings im Kinosaal in voller Absicht und nach harter Arbeit ge- schieht, dass nämlich durch die Projektion eine Schein- welt Gestalt annimmt, die gerade so realistisch ist, dass sie zumindest zeitweise zu überzeugen vermag, das passiert im Leben meist unbewusst und gerade des- halb oft mit Wucht: Wir alle projizieren unsere szeni- schen Vorstellungen und Lebensentwürfe auf Personen und Situationen, versuchen also Skripte umzusetzen und Anderen implizite Regieanweisungen zu geben, die sich nur allzu oft sträuben, weil sie eben gerade einem ganz anderen Drehbuch folgen. Während man in der frühen Psychoanalyse davon ausging, dass die Motivation zu einer solchen inszenie- renden Projektion weitgehend einer naturwüchsig ver- standenen Triebhaftigkeit des Menschen entspringt, rückt schon seit Jahrzehnten immer mehr das in Sozia- lisationsprozessen geschaffene Begehren in den Vor- dergrund. Sexualität, Männer- und Frauenrollen, narziss- tisch Erstrebenswertes: das entspringt nicht der »Na- tur«, es wird täglich produziert und in Diskursen korri- giert, ist aber eben auch Quelle triebhaft verfolgter Rollenentwürfe. Inneres Begehren ist also nicht nur pri- vat, sondern sozial. Eine Vorlage dafür aber bilden – unter anderem – die Figuren der Filmindustrie, die an- dererseits in einer Kreisbewegung das Begehren der Zuschauer aufgreifen und ausdrücken muss, um kom- merziellen Erfolg zu sichern. Die in dieser Staffel der Reihe »Film und Psycho- analyse« gezeigten Filme bilden diese Verhältnisse auf vielfältigen Ebenen ab, indem sie Filmschaffende und Filmschaffen direkt thematisieren: Da wird um Drehbü- cher und Lebensentwürfe gerungen (ADAPTATION.), da verlieren sich Menschen in veröffentlichten Imaginatio- nen ihrer selbst (SUNSET BOULEVARD), da wird schöp- ferischer Allmachtsanspruch durch soziale Unordnung zurechtgestutzt (LA NUIT AMÉRICAINE), da entdecken wir historische und moderne Schichten der Geschlech- terverhältnisse (THE FRENCH LIEUTENANT´S WOMAN), und erleben, wie Begehren – und Filmemachen – an der Anpassung an die »Wirklichkeit« scheitern kann (LE MÉPRIS). Schließlich gilt ja auch für Filmschaffende, was Freud über uns alle sagte: »Das Leben ist nicht leicht«.

Matthias Baumgart

Adaptation. (Der Orchideen-Dieb) | USA 2002 | R:

Spike Jonze | B: Charlie Kaufman, nach dem Roman »The Orchid Thief« von Susan Orlean | K: Lance Acord | M: Carter Burwell | D: Nicolas Cage, Meryl Streep, Chris Cooper, Tilda Swinton, Jay Tavare | 115 min | OmU | Der Kultfilm von Jonze und Kaufman, dem Dreamteam von BEING JOHN MALKOVICH, parodiert sich selbst und die Filmindustrie. Zugleich verhandelt er den medialen Pa- radigmenwechsel von der Lesekultur zur Bilderwelt. Der Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) soll die poetische Dokumentation »The Orchid Thief« der Topjournalistin Susan Orlean (Meryl Streep) verfilmen – und zwar möglichst packend. Sein hoher Anspruch und die unmögliche Aufgabe versetzen ihn in eine aus- weglose Schreibblockade. Sein (fiktiver) Zwillingsbru- der Donald (Nicolas Cage) geizt nicht mit banalen Rat- schlägen. In diesem von zunehmenden Turbulenzen gezeichneten Handlungsfeld ergeben sich inhärente Rollenkonflikte für Filmschaffende ebenso wie für das Publikum – gerade letzteres wird in diesem Film durch seine »metaleptische«, die eigene Form sprengende Erzählstruktur intensiv einbezogen. Ein Film, den man gehasst haben muss, um ihn lieben zu können.

Sonntag, 17. März 2019, 17.30 Uhr | Einführung:

Andreas Hamburger

17. März 2019, 17.30 Uhr | Einführung: Andreas Hamburger Sunset Boulevard (Boulevard der Dämmerung) | USA

Sunset Boulevard (Boulevard der Dämmerung) | USA 1950 | R: Billy Wilder | B: Charles Brackett, Billy Wilder, D.M. Marshman jr. | K: John F. Seitz | M: Franz Waxman | D: Gloria Swanson, William Holden, Erich von Stroheim, Nancy Olson, Cecil B. DeMille, Buster Keaton | 110 min | OmU | Jungautor Joe Gillis hat Probleme – keiner kauft seine Drehbücher. Zufällig gerät er, vor Schuldeneintreibern fliehend, auf das Anwesen der al- ternden Stummfilmdiva Norma Desmond, die dort al- lein, nur mit ihrem Diener Max lebt, umgeben von De-

Film und Psychoanalyse

votionalien ihres früheren Ruhms. Auch der Film selbst lässt mit bildsprachlichen Anspielungen, Altstars in Nebenrollen und düsterem Schwarz-Weiß die Stumm- filmzeit wiederaufleben. Widerstrebend erklärt sich Joe bereit, Normas Drehbuchentwurf über das Leben der Salome zu bearbeiten. Aber Norma ist unbelehrbar, auch was Joe betrifft: Er soll sie als Liebhaber zurück ins Leben begleiten und ihr gleichzeitig als finanziell abhängiger Unterstützer zu neuem Starruhm verhelfen, zur einzigen für sie akzeptablen Lebensform. Joe kann sich aus der verstrickten Verbindung nicht lösen, Norma keine ihrer Illusionen aufgeben. So taumelt die Ge- schichte einem katastrophalen Ende entgegen.

Sonntag, 14. April 2019, 17.30 Uhr | Einführung:

Matthias Baumgart

Le mépris (Die Verachtung) | Frankreich 1963 | R+B:

Jean-Luc Godard, frei nach dem Roman »Il Disprezzo« von Alberto Moravia | K: Raoul Coutard | M: Georges Delerue | D: Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palan- ce, Giorgia Moll, Fritz Lang, Raoul Coutard, Jean-Luc Godard | 102 min | OmU | Der Film zeigt auf der Ober- fläche der Bedeutung die Auseinandersetzung zwi- schen den Beteiligten eines Filmprojektes mit allen emotionalen Krisen vor der wunderbar gefilmten Kulis- se Capris. Auf einer nächsten, gar nicht verborgenen Ebene, geht es um Godards Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Filmemachens, der drohenden Kommerzialisierung des Films und der Identität des Autorenfilms. Drittens geht es bei dem Film um ein Metakunstwerk, wie wir es von Godard kennen: Inwie- fern gelingt es einem Autor, Regisseur, Künstler im All- gemeinen, gleichzeitig eine packende Geschichte zu erzählen und uns für die Bedingungen der Produktion von Kunst ernsthaft zu interessieren? Diese Gleichzei- tigkeit von Erleben und Reflektieren markiert den Unter- schied zwischen philologischem Seminar und Filmer- lebnis.

Sonntag, 26. Mai 2019, 17.30 Uhr | Einführung:

Katharina Leube-Sonnleitner, Corinna Wernz

La nuit américaine (Die amerikanische Nacht) | Frankreich 1973 | R: François Truffaut | B: Jean-Louis Richard, Suzanne Schiffmann, François Truffaut | K:

Pierre-William Glenn | M: Georges Delerue | D:

Jean-Pierre Léaud, Jacqueline Bisset, François Truf- faut, Valentina Cortese, Jean-Pierre Aumont | 116 min | OmU | Ein Film über das Filmemachen, ein Film im Film, ein Film wie ein Traum – und manchmal auch ein Alb- traum: Truffaut spielt Truffaut, also den Regisseur, der als ruhender Pol Ordnung und Orientierung in einen

der als ruhender Pol Ordnung und Orientierung in einen Reigen von Aufgeregtheit, Chaos und Katastrophen bringt,

Reigen von Aufgeregtheit, Chaos und Katastrophen bringt, aber dabei immer auch auf die anderen hinter und vor der Kamera angewiesen ist. Für Truffaut war die »Gleichheit des Blicks« wesentlich: Die Perspektiven von acht wichtigen Charakteren werden gleichzeitig und gleichgewichtig gezeigt. Der Titel des Films bezieht sich auf ein Verfahren, bei dem mithilfe eines Blaufilters Nachtszenen am Tag gedreht werden können – ein Ver- weis auf die Täuschungen, die dem Kino als Verfahren notwendig zugrunde liegen. So wie der Film von einer Gruppe von Menschen handelt, die für eine bestimmte Zeit intensiv an derselben Sache arbeiten, sind auch wir Zuschauer im Kino als Gruppe vereint im Sehen des gleichen Films.

Sonntag, 23. Juni 2019, 17.30 Uhr | Einführung: Eva

Friedrich, Mathias Lohmer

The French Lieutenant's Woman (Die Geliebte des französischen Leutnants) | GB 1981 | R: Karel Reisz | B: Harold Pinter, nach dem Roman von John Fowles | K:

Freddie Francis | M: Carl Davis | D: Meryl Streep, Je- remy Irons, Hilton McRae, Emily Morgan, Charlotte Mit- chell, Peter Vaughan | 124 min | OmU | Der Film erzählt die Geschichte von Sarah Woodruff (Meryl Streep) im viktorianischen England, die in Verruf gekommen ist, weil sie angeblich vorehelich eine sexuelle Beziehung mit einem französischen Leutnant gehabt habe. Der junge Charles Smithson (Jeremy Irons) verliebt sich in die geheimnisvolle Sarah und verlässt seine Verlobte, was ihn gesellschaftlich entehrt. Der Film setzt diese Liebesgeschichte in eine Rahmenhandlung: Während der Verfilmung des Romans führen die Hauptdarsteller Anna (Meryl Streep) und Mike (Jeremy Irons) eine heiße Affäre. Weiblichkeits- und Männlichkeitsentwürfe von früher und heute werden mit Eleganz und Witz vergli- chen, und das Finale lässt alle Fragen offen.

Sonntag, 7. Juli 2019, 17.30 Uhr | Einführung: Vivian

Pramataroff-Hamburger

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19. Architekturfilmtage

Das Herz der Häuser Ein Haus in Buenos Aires. Ein Haus in Berlin. In Buka-
Das Herz der Häuser
Ein Haus in Buenos Aires. Ein Haus in Berlin. In Buka-
Desorientierung, Verlust der Perspektive. Man meint, es
endet nie, merkt eine der Stimmen im Off an, man weiß
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rest. In Wien. In Palästina
Wie sind die Geschichten
nie wirklich, wo man ist
1955 bis 1973 war Jorge
Architekturfilmtage
RENZO PIANO – UN ARQUITECTO PARA SANTANDER (ARCHITEKT DES LICHTS)

von Häusern zu erzählen? Durch die Räume, aus denen sie zusammengesetzt sind, die Objekte, mit denen sie ausgestattet sind, als Passagen-Werk? Haben Häuser eine Identität? Welche Rolle spielen die Menschen dar- in? Welchen Teil haben sie an dieser Geschichte? Braucht es sie wirklich? Die Häuser haben ihre festen Orte, in den Land- schaften und den Städten, aber sie bewegen sich auch in der Geschichte. Sie entwickeln neue produktive Kräf- te, indem sie behaust werden, durch Veränderungen, aber auch durch Abnutzung und Zerfall. Die Filme die- ses Programms bringen Bewegung in die Architektur, setzen Architektur in Bewegung. Aber – ist da nicht immer schon Bewegung in der Architektur? Ist die Ar- chitektur am Ende immer schon Kino?

Das Glyptodon Ein perverser kleiner Architekturfilm ist TESTA von Karl- Heinz Klopf, über die Biblioteca Nacional in Buenos Ai- res. Ein Durchgang durch das ganze Gebäude, in einer langen unermüdlichen filmischen Bewegung, ohne in- nezuhalten – aber der Blick bleibt strikt nach oben ge- richtet, an die Decke. Keine Bücher, Regale, Kataloge. Eine Bibliothek als Labyrinth, ein Haus, in dem keiner auf Ordnung schaut. Architektur der Zerstreuung, der

Luis Borges der Direktor, der Erzähler der Labyrinthe. Die Bibliothek ist von außen ein kompaktes Gebäude, das Geschlossenheit suggeriert. Im Innern dann ein Ge- wirr von Beton, Grau in Grau, die Decken, Vorsprünge, Treppen, Galerien. Kommentare erklingen – von Besu- chern, Nutzern, Mitarbeitern? –, in denen Verwunde- rung und Unsicherheit sich reflektieren, sie verlieren sich im Raum. »Das ist anscheinend so gebaut, dass man das Zeitgefühl verliert.« Die Nationalbibliothek wurde 1962 konzipiert, von Clorindo Testa. Bei der Eröffnung 1995 war sie schon nicht mehr zeitgemäß, die Digitalisierung hatte das Bi- bliothekswesen völlig verändert. Bei den Ausschach- tungen zum Bau legte man ein Glyptodon frei, ein vor- zeitliches Schuppentier, Bauch, Organe, Herz. Vielleicht, heißt es im Film, wird man den Körper der Bibliothek in späteren Zeiten auch mal als ein Glyptodon ansehen.

Suizid durch Architektur Ein Katastrophenfilm aus Wien, in dem die ganze Stadt zum Labyrinth wird, SÜHNHAUS von Maya McKech- neay. Hauptschauplatz ist das ehemalige Wiener Ring- theater am Schottenring 7. Im Jahr 1881 brannte es ab, vierhundert Menschen starben. Schreie, Chaos, verkohlte Leichen, Trümmer. Wien, die traumatisierte

Architekturfilmtage

Stadt. Kaiser Franz Joseph ließ an der Stelle des zer- störten Theaters ein neues Gebäude errichten, das so- genannte »Sühnhaus«. Ein architektonischer Verdrän- gungsversuch. Nach dem Krieg erneut ein Neubau, das Landespolizeiamt. Der erste Mieter im kaiserlichen Sühnhaus war ein junger Nervenarzt gewesen, Sigmund Freud. Wurde er angelockt vom Katastrophischen? Was speichert sich ab von einer Katastrophe in dem Ort des Chaos. SÜHN- HAUS ist ein dokumentarischer Spukhausfilm, eine Psychopathologie der Architektur. »C. G. Jung hat die menschliche Psyche gern als Haus beschrieben, in dem das Über-Ich im Dachboden herrscht, das Ich im Erdge-

Je mehr

schoss, während das Es im Keller haust

man verdrängt, desto mehr rumort es im Keller, wo die ungeliebten Wahrheiten schlummern.« Zehn Jahre nach dem Theaterbrand gibt es eine weitere, eine eher intime Katastrophe. Eine junge Patientin von Freud steigt die Stufen hinauf und stürzt sich dann das Trep- penhaus hinunter. Selbstmord durch Architektur. Freuds berühmter Essay über das Unheimliche, die seltsame Dialektik von Heimeligkeit und Unheimlichkeit klingt der Filmemacherin – und nicht nur ihr – im Ohr.

Mäandern in der Vergangenheit Menschenleer ist das Haus in Bukarest im Film des ru- mänischen Filmemachers Mircea Săucan, CASA DE PE STRADA NOASTRĂ. Mit aufreizender Ruhelosigkeit streift die Kamera durch die Räume, die nur noch be- völkert sind von den Ahnenporträts an den Wänden und

üppig ausstaffierten Puppen. Der Film ist von 1957, als –

die europäischen Filmemacher – Resnais, Marker das Pathos der Erinnerung neu belebten. Zehn Jahre

später hat Săucan MEANDRE gedreht, ein schönes Stück Sechzigerjahre-Existentialismus (im Filmmuseum gezeigt im Jahr 2012). »Ein Haus ist ein Schiff, mit dem die Menschen in die Zeit reisen«, beginnt der Kommen- tar des Films. »Die Fenster der Häuser, sie sprechen wie die Augen von Menschen. Traurige Augen, Augen, die schmerzhafte Erinnerungen verbergen, strenge Augen,

Am

Ende bleibt ein Eindruck von Leere und Unbewohnbar- keit – ein Blick, für den sich kein Subjekt findet. Ein volles Haus in Palästina, in seiner jahrzehntelan- gen Geschichte auseinandergefaltet – das ROTE HAUS in dem Film von Tamar Tal Anati. Die Textilfabrik Lodzia, benannt nach der Stadt Łódź, woher ihre Gründer nach Israel kamen – eine Collage zeigt sie auf einem Schiff, zusammen mit dem Ziegelbau. Wie eine polnische Fata Morgana in der Wüste Sahara. Ein Puppenhaus, mit den Näherinnen, später wird es eine Synagoge, dann

wie Blitze, die wissen, wie man Distanz schafft

«

ein Künstlerhaus. Vor dem Abriss wird es von einer jun- gen Balletttruppe ein letztes Mal belebt. Wir versiegel- ten es, sagt der junge Choreograph, mit Tanz.

In seinen Betrachtun-

gen zum Labyrinth hat Alexander Kluge sich der Mithilfe zweier anderer labyrintherprobter Autoren versichert, Walter Benjamin und Arno Schmidt. Letzterer, erläutert Kluge, habe den Blick von oben aufs Labyrinth moniert – der es überschaubar macht, gleichsam ornamental.

»Wir blicken darauf wie Kontrolleure.« Tatsächlich, so Schmidt weiter, ist das Labyrinth kein horizontal sich erstreckender Bau. Er geht vielmehr in die Tiefe, Rich- tung Erdmittelpunkt. »Man könnte dies, wäre es über- sichtlich, mit einem Bergwerk oder einer Katakombe vergleichen. Es fehle aber an einer passenden Bezeich- nung für den Ort, weil man im Dunklen zuletzt gar nicht wisse, ob man gestiegen oder abwärts gegangen sei. Die Lage werde zusätzlich erschwert, weil die Möglich- keit, nach oben ans Licht zu fliehen, durch den Willen versperrt sei, das Geheimnis des Abgrunds endgültig zu erforschen. Man kann vom Labyrinth nicht lassen, dies ist sein Verhängnis.«

Labyrinth, Architektur, Kino

Stairway to Freedom Ein Gegenstück zum Sühnhaus, EIN HAUS IN BERLIN, von Cynthia Beatt. Erneut ist eine junge Frau die Gefan- gene fremder Erinnerungen. Stella aus Glasgow, Litera- turdozentin, hat ein Haus geerbt, abgewohnt, rissig, mit Graffiti überzogen – ein Objekt, um abgerissen zu wer- den und Platz zu schaffen für einen lukrativen Neubau. Anfangs sieht man Stella auf den heimatlichen Klippen, das ist die Freiheit, die sie gewohnt ist. An die neue, großstädtische Freiheit muss sie sich erst mühsam ge- wöhnen, an die Prenzlauer-Berg-Atmosphäre von Über- gang und Aufbruch. Stella ist unschlüssig, es leben noch ein paar Menschen in den Wohnungen, alte und junge, und die ganze deutsche Geschichte steckt drin, die Verfolgung der Juden, Auswanderungs- und Flucht- versuche, die schmähliche Reichsfluchtsteuer, gemeine Geschäfte mit der Arisierung, die Anstrengungen der

Restituierung

Am Ende sucht sie eine ganz andere

Freiheit, sie fährt nach Palästina. Ein anderes Haus, das für Deutschland steht, ein Deutschland, das sich sehen lassen will, 1929, am Ende der Weimarer Republik, auf der Weltausstellung in Barce- lona. Mies van der Rohe und Lilly Reich mussten hier den Deutschen Pavillon aus dem Boden stampfen. Deutsche Kultur und intellektuelle Standfestigkeit, aber inspiriert vom offenen Geist des Gastlands. Eine »Mies en scène«. In den Achtzigern wurde der Pavillon rekonstruiert, mit

den Marmormaterialien des ursprünglichen Baus.

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Architekturfilmtage

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Trümmerzeit Noch ein Versuch, eine Katastrophe wegzudrängen, einzubetonieren. Als er nach einem Beitrag zur Erinne- rungsarbeit für den von einem Erdbeben völlig zerstör- ten sizilianischen Ort Gibellina gefragt wurde, beschloss der Bildhauer Alberto Burri, die Erdbebentrümmer mit einer gewaltigen Betondecke zu überziehen. Was in der Vorstellung monströs klingt, ist in den Totalen des Films IL GRANDE CRETTO DI GIBELLINA von Petra Noord- kamp ein quadratkilometergroßes Ornament, und wenn man den Pfaden folgt, die durch die steinerne Masse führen, zeigt der Beton eine ruhige Harmonie und Schönheit, ist alles ganz und gar natürlich.

Loch in der Wand Ein Geisterhaus aus Japan, die Architektur baut dort traditionell nicht in die Höhe, daher sind die einzelnen Erzählteile in UNSER HAUS von Yui Kiyohara nicht nach- einander, sondern ineinander gelegt. Vier Frauen leben in einem kleinen Haus in einer Stadt am Meer, aber nicht gemeinsam, sondern in zwei Paaren, auf merk- würdige Weise parallel. Eine Mutter und ihre Tochter, die einige Teenager-Probleme hat, sie kann den Verlust des Vaters nicht verarbeiten und ist mit dem neuen Freund der Mutter nicht zufrieden. Und dann ist da Sana, die eines Nachts auf einer Fähre aufwacht und sich an ihre Existenz und ihre Vergangenheit nicht erin- nern kann, und die von der jungen Toko aufgenommen wird – in das Haus, in dem aber auch, in einer anderen Dimension, die Mutter und die Tochter wohnen. Der Film, komponiert wie eine Fuge von Bach, schlingt zwei verschiedene Ereignisfolgen ineinander mit stiller, auch ironischer Selbstverständlichkeit. Manchmal scheinen die Figuren aufzuhorchen, als würden sie die Präsenz des anderen Paares spüren. Wer hat das Loch in die Papierwand gestoßen!? Wann dürfen wir von einem Haus sagen, es sei unser Haus. Wann besitzen wir es. Oder ist es das Haus am Ende, das uns besitzt.

Am rechten Platz Japanisch mutet auch das vielfarbige Innere der be- rühmten Cité radieuse an, die Le Corbusier in den Fünf- zigern in Marseille errichtete. Eine Welt für sich, ver- schachtelt und hermetisch, synthetisch und natürlich, ab und zu sieht man den blauen Himmel im Hinter- grund, in den Fenstern spiegeln sich die Bäume. Die alte Großmutter ist glücklich in diesem wohlkonstruier- ten Wohnkubus, an den sie ihr Leben anpasste, im Film BONNE MAMAN ET LE CORBUSIER ihrer Enkelin Marjo- laine Normier, und will unbedingt, dass ihre Wohnung nach einem Brand genau so wieder hergestellt wird.

Für die anderen ist die Cité aus der Zeit gefallen, ein Museum, es gibt Führungen und viele der Läden, die für Autarkie sorgen sollten, sind verschwunden. Was geblieben ist – ein Eindruck von utopischer Freiheit, das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Wie die eigene Jugend sich zum Museum wandelt, davon erzählt der Film HOTEL JUGOSLAVIJA von Nico- las Wagnières. Das Hotel, ein mythisches Gebäude aus den Siebzigern in Novi Beograd: ein Zeuge verschiede- ner Momente, die die ehemalige Republik Jugoslawien geformt haben – von Tito bis Milošević, vom Sozialis- mus bis zum Nationalismus, den Bombardierungen der NATO bis zum korrupten Liberalismus. Für Kinder sind Hotels wie Spielplätze, aber dieses ist dem permanen- ten historischen Wandel unterworfen, den verschiede- nen politischen Systemen und Ideologien, sodass ein Gefühl von Zuhause sich nicht einstellen mag.

Ins Licht Vom Ballast der Erinnerungen hat die Architektur sich immer wieder freimachen wollen, von der Schwerkraft der Geschichte. Renzo Piano hat diese Kunst – der Ent- materialisierung, der Transparenz – besonders weit getrieben. (Weshalb es in einem charmanten Wider- spruch zu seinen Bauten steht, dass die Vorarbeiten, Konzepte, Modelle sorgsam registriert und archiviert werden, wie es der Film THE POWER OF THE ARCHIVE von Francesca Molteni zeigt.) Für die Stiftung des Prä- sidenten der Banco Santander hat er ein Kulturzentrum, das Centro Botín, am Meer errichtet, das vom Drang beseelt scheint, den Erdboden zu verlassen. Architektur im Flug. Ein langer Steg führt aufs Meer zu, die Kamera fährt ihn entlang, euphorisch, immer weiter, hinaus ins Freie, in die Leere, ins Licht. Der Filmemacher Carlos Saura hat das Projekt verfolgt mit seiner Kamera, er ist fasziniert, wie Renzo Piano – ebenso wie der Kamera- mann Vittorio Storaro, mit dem Saura einige Filme drehte – mit dem Material Licht seine Bauten errichtet. »Licht ist ein besonderer Stoff«, sagt Renzo Piano, »der lebt und schwingt. Es ähnelt dem Wasser. Ich liebe das Wasser, weißt du warum? Weil Wasser Bilder spiegelt und Schwingungen hinzufügt.« Renzo Piano liebt die Baustellen, mehr als die ferti- gen Gebäude, die Vorläufigkeit, die Skizzenhaftigkeit – und wohl auch jenes Moment von Vergänglichkeit, das jedem Bauen innewohnt. »Das Wasser«, hat Gaston Bachelard, der Philosoph der Materien, geschrieben, als er über das Wasser und die Träume reflektierte, »empfindet man als einen Verlust an Geschwindigkeit, also einen Verlust an Leben; es wird eine Art plastischer Mittler zwischen dem Leben und dem Tod.«

Architekturfilmtage

Wellen formen Architektur als Medium der Auflösung, im Übergang, das praktizierte der japanische Architekt Toyo Ito, als er das Museo Internacional del Barocco in Puebla, Mexiko entwarf. Im Innern werden die Formen des Barock aus- gestellt, der in seiner Verspieltheit immer doch eine konzentrische Strenge hat, das Museum hüllt ihn in weißblendende flirrende Wellenarchitektur. Ein Wiegen und Wogen, dass es sogar Frank Gehry, dem Erbauer des Museo Guggenheim in Bilbao, schwindelig werden müsste. Im Zentrum der Museumslandschaft ein Whirlpool, blaues Wasser, strudelnd und kreiselnd, sein Kraftzen- trum, sein Herz. Er deformiert das Gebäude, bekräftigt die Formen, indem er sie auseinanderzieht. Der Film SIN MANUAL von Francisco González Piña zeigt die Ar- beit am Bau – dies ist einer der wenigen Architekturfil- me, in denen wirklich gebaut wird, mit überwältigender Geschwindigkeit und lustvoller Präzision. Die Arbeiter sind Genies, heißt es, und ihre Zusammenarbeit ist so schön wie die der Tierfänger in Howard Hawks’ Film HATARI!. Sin manual … Es gab kein Handbuch, das sie bei dieser Arbeit leiten konnte. Das Kino lässt uns die volle Freiheit der Architektur erleben. In diesem Sinne ist Architektur immer schon Kino.

Fritz Göttler

Ein Programm der Bayerischen Architektenkammer in Zusammen- arbeit mit dem Filmmuseum München. Konzeption: Stephanie Hausmann, Klaus Volkmer

Renzo Piano – Un arquitecto para Santander (Ar- chitekt des Lichts) | Spanien 2018 | R+B: Carlos Sau- ra | K: Raúl Bartolomé | 64 min | OmU – Il potere dell'archivio – Renzo Piano Building Workshop (The Power of the Archive) | Italien 2018 | R+B: Francesca Molteni | K: Alvise Tedesco, Gabriele Sossella | M: Fa- brizio Campanella | 35 min | OmeU

Donnerstag, 4. April 2019, 19.00 Uhr

Testa | Österreich 2018 | R+B: Karl-Heinz Klopf | K:

Roman Kasseroller | 18 min | OmU – Sin manual (No Further Instructions) | Mexiko 2017 | R: Francisco González Piña | B: Francisco González Piña, Oswaldo Flores | K: Oswaldo Flores, Orlando González | M: Juan Morales | 68 min | OmeU

Freitag, 5. April 2019, 18.30 Uhr

Bonne maman et Le Corbusier (Großmutter und Le Corbusier) | Frankreich 2018 | R+B+K: Marjolaine Normier | M: Harry Breuer Quintet | 60 min | OmeU –

Mies on Scene – Barcelona in Two Acts | Spanien 2018 | R+B+K: Pep Martín, Xavi Campreciós | M: Marc Mas | 58 min | OmeU

Freitag, 5. April 2019, 21.00 Uhr

Mas | 58 min | OmeU  Freitag, 5. April 2019, 21.00 Uhr Habai't ha adom

Habai't ha adom (Das rote Haus) | Israel 2016 | R+B:

Tamar Tal Anati | K: Avi Levi, Guy Mador | M: Alberto Shwartz | 20 min | OmeU – Ein Haus in Berlin | Deutschland 2014 | R: Cynthia Beatt | B: Charlie Gorm- ley, Cynthia Beatt | K: Ute Freund, Cornelius Plache, Armin Dierolf, Cynthia Beatt | M: Marlon Beatt | D: Su- san Vidler, Isi Metzstein, Clemens Schick, Peter Knaack, Angela Schanelec | 96 min

Samstag, 6. April 2019, 18.30 Uhr

Casa de pe strada noastră (Das Haus in unserer Straße) | Rumänien 1957 | R: Mircea Săucan | B: Paul Anghel | K: Tiberiu Olasz, Gheorghe Zimmermann | M:

Theodor Hitache | 25 min | OmeU – Watashitachi no ie (Unser Haus) | Japan 2018 | R: Yui Kiyohara | B:

Noriko Kāto, Yui Kiyohara | K: Ryōta Chida | M: Keiichi Sugimoto | D: Nodoka Kawanishi, Yukiko Yasuno, Mari- wo Osawa, Mei Fujiwara, Masanori Kikuzawa | 80 min | OmeU

Samstag, 6. April 2019, 21.00 Uhr

Sühnhaus | Österreich 2016 | R: Maya McKechneay |

B: Maya McKechneay, Oliver Neumann | K: Martin Putz

| 95 min

Sonntag, 7. April 2019, 18.30 Uhr

Il Grande Cretto di Gibellina (Der Große Riss von

Gibellina) | Niederlande 2017 | R+B: Petra Noordkamp

| K: Petra Noordkamp, Stefano Bertacchini | 14 min |

engl.F. – Hotel Jugoslavija | Schweiz 2017 | R+B: Ni- colas Wagnières | K: Denis Jutzeler, Benoît Peverelli | M:

Filippo Gonteri | 78 min | frz. OmU

Sonntag, 7. April 2019, 21.00 Uhr

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Film und Politik: Porträt Konrad Wolf

24 Konrad Wolf Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu SOLO SUNNY ©
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Konrad Wolf
Wolfgang Kohlhaase und Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu SOLO SUNNY
© Defa-Stiftung / Dieter Lück

Den ersten intensiven Kontakt mit Konrad Wolf hatte ich, nachdem er gestorben war. Damals, im Frühjahr 1982, war ich Redakteur der Ost-Berliner Zeitschrift Film und Fernsehen, und es war uns ein Bedürfnis, zur Erinnerung an ihn ein Sonderheft über ihn und seine Filme herauszubringen. Wir baten Freunde, Verwandte und Kollegen, über Wolfs Arbeit, seine Wurzeln, seine Biografie zu reflektieren. Wir holten Stimmen von Re- gisseuren aus Ost und West ein. Uns gelang es sogar, ein Gespräch mit seinem Bruder zu bekommen, dem geheimnisumwitterten Markus Wolf, der seit Jahrzehn- ten als Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes fun- gierte und nun über die Jugendjahre in Moskau sprach. Wolfgang Kohlhaase schrieb damals über Konrad Wolf: »Er war groß, dunkel, schweigsam, viele hielten ihn für schwer zugänglich, aber fast alle nannten ihn Koni, selbst die, die ihn nicht näher kannten.« Die Re- gieassistentin Doris Borkmann erinnerte sich an »seine Gründlichkeit, seine Sensibilität gegen Unwahres, sei- nen Anspruch, seine Unzufriedenheit, wenn andere schon zufrieden waren.« Der Schauspieler Herwart Grosse, den er in PROFESSOR MAMLOCK besetzt hat-

te, notierte: »Ich habe diesen Mann bewundert wegen seiner Ruhe, die er ausstrahlte, wegen seiner Beson- nenheit und Beherrschtheit in allen Lagen, die immer von einem leisen, selbstironischen Humor umspielt war. Überhaupt herrschte Ruhe, wie ich sie weder vorher noch nachher bei Dreharbeiten erlebt habe.« Der Schriftsteller Stephan Hermlin sagte über Wolfs viel- leicht wichtigsten Film ICH WAR NEUNZEHN, mit dem sich der Regisseur der Zeit am Ende des Zweiten Welt- krieges genähert hatte: »Dieses merkwürdige, ergrei- fende Werk war unter allen Kriegsfilmen der am meis- ten beredte und der verschwiegenste.« Und Wolfs West-Berliner Regiekollege Peter Lilienthal ergänzte:

»Es gibt Filme, die von der Macht angesteckt werden, von den Visionen der Herrschenden, infiziert von Ruhm, Sieg und Größe. Nicht die von Konrad Wolf. Überall Staunen über Widersprüchliches und Sinnloses, und über den plötzlichen Verrat der Hoffnung. Ein unzerstör- bares Netz von Bedenken, die dem Leben selbst gelten, nicht den Mythen der Macht.« Konrad Wolf, geboren am 20. Oktober 1925 in He- chingen (Württemberg), war Sohn des jüdisch-kommu-

Konrad Wolf

nistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf. Nach einer behüteten frühen Kindheit folgte er dem Vater gemeinsam mit seiner Mutter Else und Bruder Markus ins Moskauer Exil. 1936 erhielt die Familie die sowjetische Staatsbürgerschaft; im selben Jahr wirkte »Koni« in einer kleinen Rolle in Gustav von Wangen- heims Exilfilm KÄMPFER mit. 1942 meldete sich der Siebzehnjährige freiwillig zur Roten Armee. Vielleicht ist es ein Brief seines Vaters gewesen, der ihm eine Art Richtschnur für sein Leben gab. Im Oktober 1944, als Konrad Wolf mit den sowjetischen Truppen schon in Richtung Berlin unterwegs war, hieß es dort: »Wenn es schwere Situationen gibt, wo einem keiner raten und helfen kann, da muss man selbst nach seinem Gewis- sen die Entscheidung mutig fällen und den Weg unbe- irrt zu Ende gehen. Der größte Mut ist die Zivilcourage, das heißt in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen. Das kann einen gewiss manchmal bei kleinen Geistern missliebig machen; aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut.« Im April und Mai 1945 nahm Konrad Wolf im Range eines Leutnants der Roten Armee am Sturm auf Berlin teil. Nach der Befreiung wurde er kurzzeitig Mitarbeiter der Berliner Zeitung, dann Referent der Sowjetischen Militäradministration für Presse, Theater und Film in Sachsen-Anhalt und Mitarbeiter des Hauses der Kultur der Sowjetunion in Berlin. Zu jener Zeit entschied er sich, Regisseur zu werden. Für eine entsprechende Ausbildung, die in Deutschland nicht zu haben war, kehrte er noch einmal in die Sowjetunion zurück: Von 1949 bis 1955 studierte er an der legendären Moskau- er Filmhochschule VGIK, an der auch Pudovkin, Kulešov und andere Meister unterrichteten. 1954/55 wurde Wolf Regisseur der DEFA, wo er als ersten Film ein mu- sikalisches Lustspiel inszenierte: EINMAL IST KEINMAL, in dem ein junger westdeutscher Klavierspieler und Komponist Bekanntschaft mit dem schönen Erzgebirge

Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu GENESUNG
Konrad Wolf bei den Dreharbeiten zu GENESUNG

macht. Der farbige DDR-Heimatfilm mag als Hommage an einen der Lehrmeister Wolfs am VGIK, den sowjeti- schen Filmmusical-Veteranen Grigorij Aleksandrov, be- griffen werden, vielleicht auch als Annäherung an eine ihm fremde Landschaft und Mentalität, durch die der Hauptdarsteller, eine Art deutscher Harold Lloyd, toll- patschig und naiv stolpert. Aber an ein Lustspiel wagte sich Wolf niemals wieder, das war nicht sein Ding; schon seine nächste Arbeit GENESUNG entsprach viel mehr dem ernsthaften, grüblerischen, nach historischer Wahrheit forschenden Künstler. Ein Jahr vor seinem Tod, im März 1981, sprach Konrad Wolf auf einer Tagung der Akademie der Künste über seine Auffassung von Wahrhaftigkeit. »Wir leben immer mit der ganzen Geschichte«, sagte er, »sie ist unteilbar. Und doch haben wir zu oft Geschichte nur befragt nach dem, was unsere Wünsche über ihren Lauf zu bestätigen scheint. Unsere eigene Geschichte verklärt sich zuweilen in eine Folge von ausschließlich richtigen Entscheidungen und ununterbrochenen Erfol- gen. Aber gerade Jüngere fragen uns nach den Feh- lern, die wir oder unsere Väter gemacht haben. (…) Die Wahrheit der Geschichte und die Wahrheit der Kunst müssen deshalb der Raum sein, in dem die Ju- gend groß wird. Sie muss ihnen das Selbstverständli- che sein.« Wahrhaftigkeit der Kunst: Für Konrad Wolf war das keine Phrase. Schon in seinem dritten Film LISSY ver- suchte er sich an der besonders für ihn sehr schwieri- gen Aufgabe, die Psyche deutscher Kleinbürger, die zu Mitläufern und Handlangern Hitlers wurden, zu erkun- den. Mit der Gestalt des arbeitslosen Angestellten und späteren SA-Sturmführers Fromeyer porträtierte der Regisseur einen Vertreter jener Millionen von Deut- schen, die sich 1932/33 von der NSDAP einen Auf- schwung der Wirtschaft und privaten Wohlstand erhoff- ten. Ein für die DEFA eher ungewöhnliches Sujet, das bislang nur in Filmen wie Wolfgang Staudtes ROTATION (1949) oder Falk Harnacks DAS BEIL VON WANDSBEK (1951) gestaltet worden und längst zugunsten kommu- nistischer Widerstands- und Heldenverehrung à la ERNST THÄLMANN – FÜHRER SEINER KLASSE aufge- geben worden war. Auch STERNE, Wolfs fünfter Film, ästhetisch deutlich vom sowjetischen Tauwetter-Kino beeinflusst, macht einen deutschen Mitläufer zur zent- ralen Figur: den Unteroffizier Walter, der sich im Krieg vom Nihilisten zum kritisch Denkenden entwickelt. Mit solch subtilen Einblicken in das Innenleben der NS-Dik- tatur setzte Wolf nicht nur den DEFA-eigenen plakativen Propagandafilmen eine nachdenkliche Haltung entge- gen, sondern auch jenen westdeutschen Kriegsfilmen,

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Konrad Wolf

DER GETEILTE HIMMEL
DER GETEILTE HIMMEL

die zu jener Zeit in der Bundesrepublik Furore machten und die Wehrmacht zu entschulden suchten. STERNE, eine deutsch-bulgarische Koproduktion, durfte in Can- nes aufgrund westdeutscher Einsprüche nur als bulga- rischer Film gezeigt werden und erhielt den Sonder- preis der Jury: ein internationales Achtungszeichen für das Werk des jungen DDR-Regisseurs. Zugleich blieben für Konrad Wolf in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre Erfahrungen mit der politischen Zensur nicht aus: Sein realistischer Gegenwartsfilm

26 SONNENSUCHER über die schwierige deutsch-sow- jetische Zusammenarbeit im Uranbergbau in der Wis- mut wurde zunächst von DDR-Behörden beargwöhnt, dann vom sowjetischen Außenministerium verboten. Der Film mit seinem nüchternen, harten und differen- zierten Blick kam erst 1972 in die Kinos: viel zu spät, um dem DEFA-Gegenwartsschaffen die künstlerischen Impulse geben zu können, die durch ihn unbedingt möglich gewesen wären. Konrad Wolf fügte sich aus politischer Räson in solche Entscheidungen, unterlief sie aber zugleich mit einigen seiner nächsten Filme. Beispielsweise wurde die Adaption des Chris- ta-Wolf-Romans DER GETEILTE HIMMEL zu einem so- wohl politischen wie auch künstlerischen Pauken- schlag. In Anlehnung an Filme von Alain Resnais (LETZTES JAHR IN MARIENBAD) griff Wolf auf moderne filmische Erzählweisen zurück, um Entfremdungser- scheinungen innerhalb der DDR zu beschreiben: Er nutzte die Geschichte einer Liebe, um über Opportunis- mus und Bürokratismus, Heuchelei und Niedertracht auch in der »sozialistischen Menschengemeinschaft« zu reflektieren. So wie er diesen Film gegen alle Einwände durchzu- setzen verstand, wandte er sich – nunmehr bereits zum Präsidenten der Akademie der Künste der DDR gewählt

– im Sommer 1966 vehement gegen das Verbot des Frank-Beyer-Films SPUR DER STEINE. Seine Stimme wurde von der politischen Obrigkeit zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht erhört. Konrad Wolf war bei dem Treffen einiger Freunde in der Wohnung Beyers dabei,

als sein Autor Angel Wagenstein (STERNE) äußerte:

»Jetzt hilft es nur noch, auf den Alexanderplatz zu ge-

hen und sich selbst zu verbrennen

lären öffentlichen Manifestationen waren freilich nicht Wolfs Art – er bereitete, gemeinsam mit Wagenstein, stattdessen den Film GOYA vor, mit einer Sequenz, in der Künstler und Philosophen von der spanischen In- quisition gedemütigt werden: ein Sinnbild auch für die DDR-Politik des 11. Plenums. Auch dass er 1965 aus- gerechnet Antoine de Saint-Exupérys modernes Mär- chen DER KLEINE PRINZ fürs DDR-Fernsehen adaptier- te, spricht für seine moralisch-ethische Verfasstheit in jener Zeit: Der Kernsatz des Buches, »Man sieht nur mit dem Herzen gut«, war schließlich das genaue Gegenteil jeder vordergründigen staatstragenden Agitation. Konrad Wolf, der, wie Verwandte und Freunde er- zählten, »auf Russisch träumte«, untersuchte in seinen Filmen immer wieder das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen. Nach den verbotenen SONNENSU- CHERN und vor dem eher kammerspielhaften MAMA, ICH LEBE gelang ihm das wohl am eindringlichsten in ICH WAR NEUNZEHN, einer Arbeit, in der er seine eige- nen Erlebnisse und Erfahrungen vom Ende des Zweiten Weltkrieges verdichtete. Wie einst er selbst, redete nun auch Gregor Hecker, sein filmisches Alter Ego, von ei- nem klapprigen Lautsprecherwagen zu den deutschen Soldaten, forderte sie zum Niederlegen der Waffen auf. Wolf und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, mit dem er hier zum ersten Mal zusammenarbeitete, bau- ten den Film episodisch auf. Diese offene Fabelstruktur

« Solche spektaku-

Konrad Wolf

erlaubte sowohl ein Nebeneinander von tragischen, ly- rischen, sentimentalen und komischen Elementen als auch eine Vielzahl von Figuren, in denen sich ebenso viele Geisteshaltungen manifestierten. So läuft der Film nicht auf einen einzigen Höhepunkt zu, sondern besteht aus kleinen, in sich abgeschlossenen dramaturgischen Einheiten, die zusammengenommen ein authentisches Bild der Zeit geben. Dabei wurde das in der DDR ge- pflegte Klischee vom strahlenden russischen Sieger ebenso wenig bedient wie das vom glücklichen deut- schen Befreiten, der sofort zum Antifaschisten wird und damit unversehens zum »Sieger der Geschichte« mutiert. Konrad Wolf verstand sich niemals nur als Künstler, als Filmemacher. Mit seinen Filmen, aber auch weit da- rüber hinaus machte er Politik. Schon ab 1959 fungier- te er für sechs Jahre als 1. Vorsitzender der Gewerk- schaft Kunst in der DDR, 1965 wählte ihn die Akademie der Künste zu ihrem Präsidenten, ein Amt, das er bis zu seinem Tode innehatte. 1967 war er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Film- und Fernsehverbandes; 1981 wurde er gar Mitglied des Zentralkomitees der Staatspartei SED. In diesen Funktionen sah er sich stets zwischen vielen Fronten. Was bedeutete es, zugleich Künstler und Funktionär zu sein? Welchen Spagat musste er machen, um die eigenen, oft dogmatischen Genossen von der Notwendigkeit kritischer, analyti- scher Kunst zu überzeugen? Freunde Wolfs wissen von seiner zunehmenden Ermüdung zu berichten: Er sah sich, wie viele Künstler der DDR, einer ständigen Berg- und Talfahrt zwischen Perioden des politischen Tauwet- ters, des vagen Liberalismus und Phasen der Eiszeit ausgesetzt, in denen Vernunft oft nur eine bescheidene Rolle spielte. Zwar blieb Wolf der sozialistischen Idee treu; aber wie sie praktisch ausgeführt wurde, sah er – man merkte es einem Film wie SOLO SUNNY an – zunehmend mit Verzweiflung. Dieser als Funktionär verbal Ausdruck zu verleihen, war für ihn schwierig:

Jedes seiner Worte wurde von allen Seiten auf die Goldwaage gelegt. Seine Reden als Präsident der Aka- demie der Künste zeugen von diesem ständigen Kampf mit sich selbst und der Gesellschaft, der er dienen woll- te: Immer noch wagte er auf eine Besserung der Ver- hältnisse zu hoffen, aber immer mehr mischte sich in diese Hoffnung Mahnendes, Warnendes. Er starb auch deshalb so jung, mit nicht einmal siebenundfünfzig Jahren, weil er zwischen alle Mühlsteine geraten war und sich darin aufrieb. Die Regisseurin Evelyn Schmidt, in den späten 1970er Jahren Meisterschülerin Wolfs, schrieb in dem schon erwähnten Heft von Film und Fernsehen, er habe sie wie manchen anderen der jüngeren Generation »zur

Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit erzogen. Er hat es mir damit schwergemacht und ich war ihm dankbar dafür. Seine Ratschläge waren immer Vor- schläge, nie bevormundend und meist in Frageform

Wenn es mal Probleme gab, hieß es oft:

gekleidet. (

Geh’ doch zum Wolf! Aber das war wie am Anfang un- serer Bekanntschaft: Zum Konrad Wolf geh’ ich erst zum Schluss, wenn ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß. Ja, wohin geh’ ich nun?«

Ralf Schenk

)

Genesung | DDR 1956 | R: Konrad Wolf | B: Karl Georg Egel, Paul Wiens, nach ihrem gleichnamigen Hörspiel | K: Werner Bergmann | M: Joachim Werzlau | D: Karla Runkehl, Wolfgang Kieling, Wilhelm Koch-Hooge, Wolf- gang Langhoff, Eduard von Winterstein | 106 min | Nach einem Hörspiel des Arztes, Schriftstellers (und damaligen DEFA-Chefdramaturgen) Karl Georg Egel inszeniert Wolf die Geschichte des »falschen Medizi- ners« Friedel Walter. Eine schillernde Figur, die sich von einem unpolitischen Träumer zu einem über sich und sein Leben reflektierenden Charakter emanzipiert. Im »Dritten Reich« bricht der junge Mann sein Medizinstu- dium ab, weil er nicht in den NS-Studentenbund eintre- ten will. Dennoch rettet er einem Antifaschisten das Leben. Als im Krieg ein Arzt getötet wird, zieht er des- sen Kittel an und behält seine falsche Identität bei. Der Film ist als große Rückblende inszeniert – gleichsam als Plädoyer des einst schwer verletzten Kommunisten (Wolfgang Langhoff) gegenüber dem Staatsanwalt, der die Lüge Friedels zur Anklage bringen will. Verhandelt wird »das Problem der faktischen und moralischen Schuld des einzelnen, die Frage seiner Verantwortung und Verantwortungsfähigkeit« (Klaus Wischnewski). Dass Friedel am Ende freigesprochen wird, bedeutete auch eine Absage Wolfs an die Praktiken stalinistischer Justiz mit ihren aktuellpolitisch motivierten Strafurtei- len. Wolfgang Kieling in der Hauptrolle zieht alle Regis- ter einer differenzierten Charakterisierungskunst.

Dienstag, 9. April 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast: Ralf Schenk

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Die Zeit, die bleibt | DDR 1985 | R: Lew Hohmann | B:

Wolfgang Kohlhaase, Lew Hohmann, Christiane Mü- ckenberger, Regine Sylvester | K: Christian Lehmann | M: Günther Fischer | 107 min | Drei Jahre nach dem frühen Tod Konrad Wolfs erinnern enge Wegbegleiter an den Regisseur und Präsidenten der Ost-Berliner Akade- mie der Künste. Mit ausführlichen Filmzitaten aus sei- nen DEFA-Filmen und spannendem dokumentarischen Material aus seiner Jugend im sowjetischen Exil, der

Konrad Wolf

Stalin-Ära und dem Zweiten Weltkrieg. Großen Raum nimmt die Erinnerung an ein Filmprojekt Konrad Wolfs ein, mit dem er sich am Ende seines Lebens beschäf- tigte: DIE TROIKA, ein großer Spielfilm über Freund- schaften aus der Zeit der Kindheit, die bis in die Gegen- wart und rund um den Erdball nachverfolgt werden. Markus Wolf, der Bruder des Filmemachers und lang- jähriger Chef der DDR-Auslandsspionage, ließ sich von den Aufzeichnungen Konrad Wolfs zu dem Buch »Die Troika« inspirieren, mit dem er an seinen Bruder erin- nert und dessen Wunsch nach Frieden und Völkerver- ständigung noch einmal untermauert. Kritische Text- stellen zu Stalins Politik mussten 1985 aus dem Film herausgenommen werden.

Mittwoch, 10. April 2019, 18.30 Uhr | Zu Gast: Ralf

Schenk

Lissy | DDR 1957 | R: Konrad Wolf | B: Alex Wedding, Konrad Wolf nach dem Roman »Die Versuchung« von F.C. Weiskopf | K: Werner Bergmann | M: Joachim Werzlau | D: Sonja Sutter, Horst Drinda, Hans-Peter Mi- netti, Gerhard Bienert, Raimund Schelcher | 89 min | Wieder fragt Wolf nach der Verantwortung des Einzel- nen in historischen Umbruchzeiten: Waren die Deut- schen, die Hitler zujubelten, alle Verbrecher? Wie viele Andere verspricht sich der arbeitslose Angestellte Fro-

28 meyer von Hitler und der NSDAP eine Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation. Als Gegenfigur baut Wolf die Frau Fromeyers, Lissy, auf. Sie ist Tochter ei- nes sozialdemokratischen Arbeiters aus dem Wedding, möchte heraus aus dem ärmlichen Milieu und arbeitet als Verkäuferin in einem Tabakladen am Kurfürsten- damm. Auch sie erweist sich zunächst als politisch blind, trennt sich am Schluss aber von ihrem Mann und geht eigene Wege. LISSY entsteht nach dem 1937 erst- mals publizierten Roman »Die Versuchung« von F.C. Weiskopf (1900-1955). Während das Arbeitermädchen im Buch zum kommunistischen Widerstand findet, ent- lässt sie der Film eher ins Vage, Ungewisse. Ihr Gang in den Nebel ist kein Fanal, sondern ein Verweis auf die nun folgende Zeit der Einsamkeit, Angst und Bedro- hung.

Dienstag, 16. April 2019, 18.30 Uhr

Sonnensucher | DDR 1958 (1972) | R: Konrad Wolf | B:

Karl Georg Egel, Paul Wiens | K: Werner Bergmann | M:

Joachim Werzlau, Hans-Dieter Hosalla | D: Ulrike Ger- mer, Günther Simon, Erwin Geschonneck, Manja Beh- rens, Erich Franz | 116 min | Herbst 1950. Zwei Frauen, das elternlose Mädchen Lutz und die Prostituierte Emmi, werden bei einer Razzia verhaftet und von den

DDR-Behörden zur Zwangsarbeit im Uran-Bergbau ver- urteilt. Ihr neues Zuhause, die Wismut, ist ein Sammel- becken ungewöhnlicher Schicksale: Hier arbeiten eins- tige Anarchisten neben ehemaligen SS-Männern, und russische Offiziere halten Wacht über den Betrieb, der den Grundstoff für ihre Atomrüstung liefert. Die Emotio- nen prallen aufeinander. Konrad Wolf beginnt die Dreh- arbeiten im April 1957, kurz nach Chruščëvs Anti-Sta- lin-Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU und mitten in einer Phase des »Tauwetters«. Doch noch während des Drehs wird der Regisseur mit Einwänden von maßgeb- lichen Politikern der DDR und der UdSSR konfrontiert. Das Uran-Bergwerk im Süden der DDR sähe, so heißt es, ähnlich verwahrlost aus wie eine Goldgräberstadt im Wilden Westen. Zugleich wird kritisiert, dass Wolf die führende Rolle der Kommunistischen Partei nicht aus- reichend würdige. Wolf macht Nachaufnahmen, schnei- det um, beharrt aber auf seinen Prinzipien des kriti- schen Realismus. Nachdem die Ost-Berliner Behörden die staatliche Freigabe erteilt haben, kommt ein Veto aus Moskau: Der Film darf nicht aufgeführt werden. Angesichts der internationalen Lage sei es inopportun zu zeigen, wie in der DDR das Uran für sowjetische Atombomben gefördert werde. Erst nach dem Macht- antritt Honeckers 1971 kommt SONNENSUCHER ins Kino.

Mittwoch, 17. April 2019, 18.30 Uhr

Sterne | DDR 1959 | R: Konrad Wolf | B: Angel Wagen- stein | K: Werner Bergmann | M: Simeon Pironkow | D:

Sascha Kruscharska, Jürgen Frohriep, Erik S. Klein, Stefan Pejchev, Georgi Naumov | 92 min | Unteroffizier Walter, in Leningrad verwundet und nun in Bulgarien stationiert, beaufsichtigt bulgarische Zivilarbeiter. Als ein Transport griechischer Juden eintrifft, verweigert er ärztliche Hilfe für eine schwangere Frau. Wegen dieser Haltung wird er von Ruth, einer jüdischen Lehrerin, zur Rede gestellt. Walter, den der Krieg zum Nihilisten ge- macht hat (»Jetzt ist das Zeitalter des allgemeinen Idio- tismus hereingebrochen«) beginnt, sein Gewissen zu befragen. Noch während der Auseinandersetzung um SONNENSUCHER realisiert Wolf diesen Stoff als deutsch-bulgarische Koproduktion. Angel Wagenstein, der während des Krieges bei den Partisanen gekämpft und später mit Wolf an der Moskauer Filmhochschule WGIK studiert hatte, schrieb das Szenarium. Zwei jüdi- sche Volkslieder begleiten die Tragödie musikalisch; Wolf und sein Kameramann Werner Bergmann entwer- fen zum ersten Mal ein optisches Drehbuch, in dem jedes Motiv genau vorgezeichnet ist. Viele Bilder wer- den zu emotionalen, expressiven Symbolen. STERNE darf in Bulgarien zunächst nicht vorgeführt werden. Die

STERNE Konrad Wolf
STERNE
Konrad Wolf

Sofioter Kulturfunktionäre unterstellen dem Film einen »abstrakten Humanismus« und reagieren allergisch auf die Tatsache, dass er die einheimische Kollaboration mit deutschen Faschisten zeigt.

Dienstag, 30. April 2019, 18.30 Uhr

Der geteilte Himmel | DDR 1964 | R: Konrad Wolf | B:

Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurt Barthel nach dem Roman von Christa Wolf | K:

Werner Bergmann | M: Hans-Dieter Hosalla | D: Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger | 116 min | Rita bricht zusam- men: Ihr Freund Manfred hat die DDR gen Westen ver- lassen und will nicht mehr zurück. Was ist geschehen? Dieser Frage spürt Christa Wolf in ihrer Erzählung »Der geteilte Himmel« nach. Konrad Wolf entscheidet sich bereits für eine Adaption, als das Buch erst im Manu- skript vorliegt. Ihn interessieren nicht so sehr die Fakten der »Republikflucht«, sondern »die tieferen Ursachen, die nur auf einen äußeren Anlass warten, der die Kurz- schlusshandlung auslöst«. So gerät der Film zur kriti- schen Bestandsaufnahme von Heuchelei, Misstrauen, Intoleranz, Selbstisolation. Der DDR-Gesellschaft und ihren Dogmen wird ein Spiegel vorgehalten – immer in

der Hoffnung, die Verhältnisse verbessern zu können. »Tauwetter«-Kino aus Babelsberg, mit dem moralisti- schen Anspruch, »die Realität überzeugend zu zeigen, um dadurch den Menschen klarzumachen, wie die Pro- bleme zu lösen sind, damit sie Vertrauen zur Kunst und zur Gesellschaft bekommen« (Wolf). Zugleich betritt Wolf ästhetisches Neuland. Gegenwärtiges und Ver- gangenes fließen ineinander über; Personen treten in reale und fiktive Dialoge; Gegenstände erhalten meta- phorische Bedeutung. Rezensenten betonen die Ver- wandtschaft zur Nouvelle Vague, zu den Assoziations- techniken und surrealistischen Brechungen etwa bei Alain Resnais.

Dienstag, 7. Mai 2019, 18.30 Uhr

Professor Mamlock | DDR 1961 | R: Konrad Wolf | B:

Karl Georg Egel, Konrad Wolf nach dem Stück von Friedrich Wolf | K: Werner Bergmann | M: Hans-Dieter Hosalla | D: Wolfgang Heinz, Ursula Burg, Hilmar Thate, Lissy Tempelhof, Doris Abeßer, Ulrich Thein | 99 min | 1933 verfasst der Arzt und Dichter Friedrich Wolf (1888-1953) das Stück »Professor Mamlock«, eine un- mittelbare Antwort auf Reichstagsbrand und NS-Terror. Mit seiner Filminszenierung erfüllt Konrad Wolf ein Ver-

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Konrad Wolf

mächtnis seines Vaters. Tragischer Held ist Hans Mam- lock, Chirurg und Chefarzt einer angesehenen Klinik. Ein nationalliberaler deutscher Großbürger, der sich nicht vorstellen kann, von den Faschisten in die Enge getrieben zu werden. Doch er ist Jude, und als Hitler die Macht ergreift, rücken seine Kollegen fast über Nacht von ihm ab. Seine Tochter wird gedemütigt, er selbst aus der Klinik verjagt. Einziger Ausweg bleibt der Selbstmord. »Wir wollen keine Bühneninszenierung verfilmen«, schreibt Wolf, »sondern das Geschehen so auflösen, daß wir zu einer intensiven Bildsprache kom- men.« Gemeinsam mit Werner Bergmann klügelt er je- des Bild aus, bestimmt ungewöhnliche Kameraper- spektiven. In dem österreichischen Schauspieler Wolf- gang Heinz findet er einen kongenialen Darsteller der Titelfigur, der seine Lebenserfahrung in die Rolle ein- bringt: Wie Wolf ist auch er jüdischer Abstammung und musste 1933 fliehen.

Dienstag, 21. Mai 2019, 18.30 Uhr

Der kleine Prinz | DDR 1966 (1972) | R: Konrad Wolf | B: Angel Wagenstein, nach dem Roman von Antoine de Saint-Exupéry | K: Günter Marczinkowsky | M: Kirill Ci- bulka | D: Christel Bodenstein, Eberhard Esche, Inge Keller, Wolfgang Heinz, Fred Düren, Jürgen Holtz, Man- fred Krug (Gesang) | 77 min | Wolfs einziger Fernsehfilm

30 entsteht ausschließlich in den Babelsberger Ateliers.

30 entsteht ausschließlich in den Babelsberger Ateliers. Eine künstliche Märchenwelt, in der sich Saint-Exu- pérys

Eine künstliche Märchenwelt, in der sich Saint-Exu- pérys faszinierender Existentialismus auf magische Weise entfaltet. Als Darsteller engagiert Wolf die Crème der Ost-Berliner Theaterkünstler. – Konrad Wolf | DDR 1977 | R: Gitta Nickel | B: Gitta Nickel, Wolfgang Schwarze | K: Nico Pawloff | 61 min | Gitta Nickel und Wolfgang Schwarze beobachten den Regisseur Konrad Wolf bei der Arbeit an MAMA, ICH LEBE. Gitta Nickel:

»Das war unsere einzige Chance, an ihn heranzukom- men. Aus den Beobachtungen würde die Persönlichkeit Wolfs hervortreten, würde der Regisseur durch seine

Haltungen, Handlungen, durch Aussagen von Freunden und Kollegen und eigene Reflexionen dem Zuschauer vertraut werden.« Zu sehen ist Wolf am Drehort und am Schreibtisch; seine Gesten und Blicke spiegeln, wie die behutsamen Worte, seine Visionen und Zweifel, das Ringen um künstlerische Lösungen und um das Publi- kum, die Hoffnung auf menschliche Vernunft. Sein Cre- do: »Wir sind mitten drin in einem Prozess, der in sich viele Widersprüche hat, eine Bewegung in ein wirkli- ches Neuland. Ich vertraue sehr dieser Entwicklung, diesem Prozeß, auch mit allen Rückschlägen und Nie- derlagen.«

Dienstag, 28. Mai 2019, 18.30 Uhr

Ich war 19 | DDR 1968 | R: Konrad Wolf | B: Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf | K: Werner Bergmann | D:

Jaecki Schwarz, Alexej Ejboshenko, Jenny Gröllmann, Rolf Hoppe, Dieter Mann, Wolfgang Greese | 115 min | Die Handlung beginnt Mitte April 1945 an der Oder und endet am 3. Mai bei einem Bauerngehöft westlich Ber- lins. Es ist die Phase der letzten russischen Offensive; eine Zeit, die Konrad Wolf als 19-jähriger Leutnant der Roten Armee erlebte. Auch Gregor Hecker, Zentralfigur des Films und Wolfs Alter Ego, ist Leutnant einer sowje- tischen Aufklärungseinheit. ICH WAR 19 ist ein Film gegen glatte Geschichtsbilder. Er zeigt, dass die we- nigsten Deutschen sich 1945 wirklich »befreit« fühlten; dass die meisten statt dessen von Angst, Hass auf die Sieger und abgrundtiefem Pessimismus erfüllt waren. Die Kraft des Films beruht auf seinem Bemühen um ein Höchstmaß an Authentizität. Ohne Larmoyanz macht Wolf die Schrecken des Krieges, die Schuld der Deut- schen, nicht zuletzt den Verlust und das Verderben ei- ner ganzen jungen Generation deutlich. Dabei werden die Russen nicht zu Heroen stilisiert, sondern sind Men- schen mit Eigenheiten, Fehlern und Schwächen. Die grobkörnigen Schwarzweiß-Bilder Werner Bergmanns unterstreichen den reportagehaften Charakter des Films.

Dienstag, 4. Juni 2019, 18.30 Uhr

Der nackte Mann auf dem Sportplatz | DDR 1974 | R: Konrad Wolf | B: Wolfgang Kohlhaase | K: Werner Bergmann | D: Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Martin Tret- tau, Elsa Grube-Deister, Katharina Thalbach, Matti Ge- schonneck | 101 min | Ausgangspunkt sind Erlebnisse des Bildhauers Werner Stötzer. Unspektakulär, dabei eindringlich und mit hintergründigem Witz beleuchtet Wolf das Wechselspiel von Beruflichem und Privatem, Existentiellem und Beiläufigem. Fernab von erzähleri- schen Konventionen traditioneller Künstlerfilme, setzt

Konrad Wolf

Konrad Wolf sich der Film aus vielen Episoden zusammen, die oft nur angerissen werden – eine

sich der Film aus vielen Episoden zusammen, die oft nur angerissen werden – eine Form, die Freiräume für Assoziationen ermöglicht, den »mündigen Zuschauer« verlangt, der »je nach seiner Beziehung zu dem, was hier Hauptgegenstand ist, nach seiner Bildung, seinem Erfahrungswert mehr oder weniger Schichten abtra- gen« kann (Wolf). Kurt Böwe spielt einen Künstler, der sich an der Umwelt reibt. Unter anderem beginnt sein Kemmel die Porträtplastik eines Arbeiters – und schei- tert daran. Doch Wolf und Kohlhaase belassen es nicht bei der Niederlage: Sie zeigen, dass die Begegnung ih- res Helden mit dem Arbeiter ein jeweils besseres Ver- ständnis für die Leistung des anderen bewirkt. Andere Episoden tendieren mehr ins Ironische: Ein Chauffeur wünscht sich von Kemmel einen wasserspeienden Frosch für seinen Garten. Ein Relief über die Bodenre- form verschwindet in einem Abstellraum, weil es den Auftraggebern zu wenig optimistisch ist. Und Kemmels Heimatgemeinde gerät in Streit über das Denkmal, das er für ihren Sportplatz schuf: eben jenen nackten Mann, der schließlich mit dem Segen eines Kunstprofessors eingeweiht wird.

Dienstag, 11. Juni 2019, 18.30 Uhr

Mama, ich lebe | DDR 1977 | R: Konrad Wolf | B: Wolf- gang Kohlhaase, nach seinem Hörspiel »Fragen an ein Foto« | K: Werner Bergmann | M: Rainer Böhm | D: Peter Prager, Uwe Zerbe, Eberhard Kirchberg, Detlef Gieß, Donatas Banionis | 103 min | Vier junge deutsche Män- ner in Uniformen der Roten Armee, bis vor kurzem Sol- daten der Wehrmacht, die sich in der Gefangenschaft dazu entschlossen, in ein Antifa-Lager des Nationalko- mitees Freies Deutschland zu gehen. Von dort aus wird ihr weiterer Weg an die Front führen: Als Agitatoren sollen sie ihre Landsleute auffordern, den Krieg zu be- enden. Wolfgang Kohlhaase: »Konrad Wolf hat sich an die Situation erinnert, in der er im Krieg selber war. Er musste zuweilen deutsche Gefangene verhören. Er be-

fragte sie nach allem möglichen, nach militärischen Dingen, aber auch nach ihrem inneren Zustand, nach ihrer psychischen und politischen Verfassung.« Mit die- sem Wissen entsteht ein Psychogramm junger Deut- scher, die von der Frage belastet werden, ob sie als Verräter oder als Patrioten handeln. Ihnen allen begeg- net Wolf mit verhaltenen Tönen, die seinem Credo ent- sprechen, keine »exemplarischen Helden zu zeigen, die von einer historischen Mission getrieben sind, von the- oretischen Erkenntnissen, revolutionären Zielen in Marsch gesetzt« werden. Es geht stattdessen um das Hervorkehren der Individualität: Die Spannbreite der Gründe für die Jungen reichen vom Wunsch, besser verpflegt zu werden, bis zur Hoffnung, »wiedergutma- chen« zu können.

Dienstag, 18. Juni 2019, 18.30 Uhr

Solo Sunny | DDR 1980 | R: Konrad Wolf | B: Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase | K: Eberhard Geick | M: Gün- ther Fischer | D: Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag, Fred Düren, Klaus Brasch | 104 min | Ein für Wolf überraschendes Sujet: die Höhen und Tiefen in der Karriere und im Privatleben einer eher mit- telmäßigen Schlagersängerin. Wolf geht es um eine Geschichte, »die Mut zum Leben macht, gerade am Rand der Verzweiflung und gerade am Beispiel des All- täglichen. Wir müssen Mut machen auf solche Men- schen; wir müssen sie ermutigen – und uns.« Hauptfi- gur ist Ingrid Sommer, genannt Sunny, die in einem Ost-Berliner Großbetrieb gearbeitet hat und nun als Schlagersängerin über Land tingelt. Der Film setzt, mit einer episodischen, undramatischen Erzählstruktur, drei Männer in Beziehung zu ihr: Norbert, Saxophonist ihrer Band, hinter dessen Alkoholexzessen und Sexprotzerei- en sich tiefe Unsicherheit verbirgt; den Taxibesitzer Harry mit seinem aufs Materielle orientierten Lebensin- halt; und Ralph, einen gebildeten Egozentriker und Aus- steiger. Zur Entdeckung des Films wird Renate Krößner in der Titelrolle: zärtlich und aggressiv, verletzbar und verletzend, naiv, spontan und sehr erotisch skizziert sie alle Schattierungen der Figur und erhält dafür den Silbernen Bären der Berlinale 1980. Der Film wird als Plädoyer für eine weit gefasste Toleranz und das Ausle- ben der Individualität empfunden. SOLO SUNNY er- reicht in den ersten drei Monaten nach der Premiere in der DDR 700.000 Zuschauer.

Dienstag, 25. Juni 2019, 18.30 Uhr

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100 Jahre Bavaria Film

Bavaria Film JAIDER, DER EINSAME JÄGER
Bavaria Film
JAIDER, DER EINSAME JÄGER

Nachdem die 1919 gegründete Emelka (Münchner

32 LichtspielKunst), der das Filmmuseum im Januar 2019 eine Retrospektive gewidmet hat, 1932 von der Auf- fanggesellschaft Bavaria Film AG übernommen worden war, wurde sie 1938 in die Bavaria Filmkunst GmbH überführt. Diese besaß im staatseigenen Monopolkon- zern Ufa-Film ab 1942 nur noch formale Selbstständig- keit und wurde von Goebbels' Propagandaministerium gesteuert. Da die außerhalb des zerstörten München in Geiselgasteig liegenden Studios den Krieg unversehrt überstanden hatten, entstand unter Führung eines eng- lisch-amerikanischen Redaktionsstabes die größte westdeutsche Filmproduktionsstätte, die ihre Ateliers allerdings hauptsächlich an andere Produktionsfirmen vermietete. Erst nach der von der Alliierten Hohen Kom- mission veranlassten Reprivatisierung wurde mit der Gründung der Bavaria Atelier GmbH am 1. August 1959 die Eigenproduktion verstärkt wiederaufgenommen. Die größten Anteile der Bavaria Atelier GmbH übernahmen die öffentlich-rechtlichen Sender WDR und SDR. Neben Kinofilmen entstanden nun auch Fernsehfilme, -serien und -shows, die bis heute einen Fokus der Bavaria Film

bilden, in welche die Bavaria Atelier 1987 umbenannt wurde. Heute gehört die Bavaria Film zu den führenden Produktions- und Dienstleistungsunternehmen im deutschsprachigen Raum. Die Selbstdarstellung des »Medienstandorts Geiselgasteig« liest sich selbstbe- wusst: »Zwölf moderne Film- und TV-Studios mit Flä- chen von 50 bis mehr als 3.000 Quadratmetern befin- den sich auf dem 30 Hektar großen Areal im Süden Münchens, dem Stammsitz der Bavaria Film. Das Un- ternehmen hat Tochtergesellschaften an den wichtigs- ten deutschen Medienstandorten wie München, Berlin, Köln, Stuttgart, Leipzig und Hamburg. Die Bavaria Film GmbH ist als Management-Holding organisiert und in vier Geschäftsbereichen aktiv: Die im Geschäftsbereich ›Content‹ zusammengefassten Produktionsunterneh- men realisieren Fiction-, Entertainment- sowie Corpo- rate Video-Formate. Im Geschäftsbereich ›Rights & Distribution‹ sind das Merchandising-Geschäft, der Musikverlag sowie der Rechtevertrieb gebündelt. Im Geschäftsbereich ›Studios & Services‹ sind der Studio- betrieb, der Dekobau, die Postproduktion, das Media

Bavaria Film

Asset Management, der Fundus sowie das Wetterfern- sehen zusammengefasst. Der Geschäftsbereich ›Im- mobilien‹ umfasst insbesondere die Geschäftsfelder Vermietung & Verpachtung und Bauen sowie die Touristenat- traktion Bavaria Filmstadt. Die Geschichte der Bavaria Film wird ab dem 2. März 2019 erlebbar gemacht in der Ausstellung ›Bavaria Film – eine interaktive Zeitreise durch 100 bewegte Jahre‹ auf dem Bavaria-Gelände in Geiselgasteig.« Für das Filmprogramm wurden fünf beispielhafte Filme ausgewählt, die Ende der 1960er Jahre bis An- fang der 1980er entstanden sind. Sie verbindet eine neue Sichtweise auf »Heimat«, die sich deutlich von den Mustern des Genres abhebt. Alle fünf Titel sind im Kino und Fernsehen sehr selten zu sehen und nicht auf DVD oder Blu-ray erschienen. Sie stehen für eine bisher zu wenig beachtete Phase in der Geschichte der Bava- ria, in der insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem WDR Filme entstanden, die auch im Kino reüssier- ten, mit Preisen ausgezeichnet wurden und die Ent- wicklung des Neuen Deutschen Films voranbrachten. Stefan Drößler

des Neuen Deutschen Films voranbrachten. Stefan Drößler Al Capone im deutschen Wald | BRD 1969 |

Al Capone im deutschen Wald | BRD 1969 | R: Franz Peter Wirth | B: Peter Adler | K: Karl Steinberger | D: Will Danin, Angelika Bender, Rainer Werner Fassbinder, Hol- ger Ungerer, Christof Wackernagel, Karl-Josef Cramer | 104 min | Tagsüber führen Kalle Hamm und seine Kum- pel in der Provinz brave bürgerliche Existenzen, nach Feierabend sprengen sie Mülltonnen und üben Schie- ßen. Als Vorbilder dienen ihnen dabei Al Capone und Adolf Hitler. Raubend und brandschatzend zieht die Bande durch die Dörfer. »AL CAPONE IM DEUTSCHEN WALD wäre zweifellos eine der handwerklich besten und dichtesten Arbeiten von Franz Peter Wirth gewor- den, wenn sich sein Autor Peter Adler nicht in verquere und naive Ambitionen verrannt hätte. Die Kombination Hitlerwahn und Tresorknacken, Nazi-Ideologie und Al-Capone-Abenteuer ist ein völlig irreführendes Phan- tasieprodukt, von dem sich der Betrachter (denn span- nend gemacht, exzellent gespielt und fotografiert war’s) unterhalten, aber nicht getroffen fühlen konnte. Der Schuss Adlers ging voll daneben. So sehen die, vor de- nen man Grund hätte, sich zu fürchten, nicht aus: Die echten und militanten Neonazis werden sich nach die- ser Moritat zweifellos gefreut haben.« (Eckhart Schmidt) Als »Heini« ist Rainer Werner Fassbinder in seiner ers- ten größeren Filmrolle zu sehen.

Dienstag, 9. April 2019, 21.00 Uhr

Mathias Kneißl | BRD 1971 | R: Reinhard Hauff | B:

Martin Sperr, Reinhard Hauff | K: Wolfgang Peter Has- senstein | M: Peer Raben | D: Hans Brenner, Ruth Drexel, Frank Frey, Eva Mattes, Hanna Schygulla, Gustl Bayrhammer, Rainer Werner Fassbinder, Kurt Raab, Martin Sperr, Volker Schlöndorff, Franz Peter Wirth, | 94 min | »Held des Films ist eine authentische Figur, eben Mathias Kneißl, der 27-jährig anno 1902 in München hingerichtet wurde. Hauff schildert das Schicksal sei- nes Protagonisten chronikartig, aufgefächert in Statio- nen wie eine Moritat. Zwar erscheint Kneißl, der Wild- dieb und Räuber, den die Polizei sehr lange jagt, weil ihn verarmte Bauern und Knechte unterstützen, von Anfang an in einer für die Lage der Landbevölkerung um die Jahrhundertwende nicht unbedingt repräsenta- tiven Extremsituation (die Familie stammt von einem Räuber italienischer Herkunft ab, der Vater wird er- schlagen, die Mutter eingesperrt), doch die Drehbuch- autoren Hauff und Sperr haben es geschickt verstan- den, ihren Helden mit den allgemeinen sozialen Missständen zu konfrontieren, man sieht zwar kaum deren Ursachen, aber doch ihre Wirkung auf Lebensbe- dingungen und Bewusstsein der Bevölkerung.« (Hans Günther Pflaum)

Mittwoch, 10. April 2019, 21.00 Uhr

Jaider, der einsame Jäger | BRD 1971 | R: Volker Vogeler | B: Ulf Miehe, Volker Vogeler | K: Gérard Van- denberg | M: Eugen Illin | D: Gottfried John, Rolf Zacher, Sigi Graue, Louis Waldon, Johannes Schaaf, Arthur Brauss, Claus Theo Gärtner | 94 min | »›Das ist die Son- ne des Grafen. Das sind die Wege des Grafen. Das sind die Wälder des Grafen. Das sind die Menschen des Grafen.‹ Nur einer passt nicht mehr hierher, ins bayeri- sche Heimatfilmidyll aus Wäldern, Bergen und Seen, das der Film gleich zu Beginn mittels Voiceover zunich- te macht: Jaider, der 1871 aus dem Krieg gegen Frank- reich heimkehrt, keine Arbeit mehr findet, aus Not zum Wilderer wird und – unter dem Beifall des einfachen Volks – einen Privatkrieg gegen den sadistischen Jagd- aufseher des Grafen beginnt. Gottfried John, hier in sei- ner ersten Hauptrolle, spielt den Desperado so wortkarg wie Franco Nero den Django, und auch sonst steht Vol- ker Vogelers archaisches Wildererdrama den Ita- lo-Western eines Sergio Corbucci kaum in etwas nach – weder als Actionfilm noch als politisches Lehrstück. (Michael Omasta) »JAIDER ist ein brillantes Stück Kino. Vogeler hat den Heimatfilm nicht auf den Kopf gestellt, wie er sagt, sondern ihn erst richtig auf die Beine ge- bracht.« (Wolfgang Limmer)

Freitag, 12. April 2019, 21.00 Uhr

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Bolwieser | BRD 1977 | R+B: Rainer Werner Fassbin- der, nach dem Roman von Oskar Maria Graf | K: Michael Ballhaus | M: Peer Raben | D: Kurt Raab, Elisabeth Tris- senaar, Bernd Helfrich, Volker Spengler, Udo Kier | 115 min | »Ein Bahnhofsvorstand, gescheitelt, brav und blitzdumm, ist seiner Frau hörig bis zu den Hörnern. Selbst die trägt er, um sein Annerl nicht zu verlieren, aufrecht in den Meineid hinein, mit dem er sie und ihren Liebhaber vor Klatsch und bürgerlichem Ruin zu bewah- ren sucht. Es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer wieder neu. Neu vor allem in der brillanten szenischen Übersetzung Fassbinders. Er hat dem stilistisch keines- wegs bemerkenswerten Buch durch seinen cineasti- schen Stil eine eigene Dimension gleichsam abgelistet:

das Züngelnde, Witternde, Reichenhafte des Kleinbür- gertums, das immer auf dem Grat zur Brutalität lebt. Die hündische Unterwürfigkeit des Herrn Vorstand Bolwieser kippt ebenso rasch um in Kommandoton, Ferkelhaftig- keit und Puffseligkeit. Sehr konsequent, dass Fassbin- der – darin über die Vorlage hinausgehend, an die er sich sonst ungewöhnlich folgsam hält – zitathaft gele- gentlich Nazisymbole hineincollagiert, eine Hakenkreuz- binde hier, einen deutschen Gruß da.« (Fritz J. Raddatz)

Samstag, 13. April 2019, 21.00 Uhr

Eisenhans | BRD 1983 | R: Tankred Dorst | B: Tankred Dorst, Ursula Ehlers | K: Jürgen Jürges | M: Bert Grund | D: Gerhard Olschewski, Susanne Lothar, Hannelore Ho- ger, Michael Habeck, Hans-Michael Rehberg, Angelika Milster, Irm Hermann | 110 min | »Ein dunkler Titel, eine kümmerliche Landschaft, nasskalt und verhangen; helle Händel-Musik zu den ersten Bildern und ein Engel, der mit feuchten Flügeln über die Äcker davonläuft, können da keine guten Zeichen sein. ›Zonenrandgebiet‹ heißt so eine Trübsals-Gegend. EISENHANS erzählt eine traurig alltägliche Vater-Tochter-Inzestgeschichte: Gerhard Ol- schewski und Susanne Lothar spielen sie mit einer lei- sen, bewegenden Innigkeit. Die Tochter gilt als schwach- sinnig; der Vater, ein unbeholfener Kraftkerl, der ihr von seinen Berlin-Touren als Lkw-Fahrer kindische Geschen- ke mitbringt, liebt in ihr sein eigenes Unglück. Eine sozi- alkritische Milieu- und Fallstudie ist dieser erste Kinofilm des Theater- und Fernsehautors Tankred Dorst nicht. Er lässt sich tief in die Engelsträume und Todesphantasien seines Eisenhans hineinziehen, in die Schönheit des Chaos; so gewinnt dieser seltsame Film selbst mehr und mehr den Sog der Liebe, von der er erzählt: das Märchen vom Glück, das ein Unglück ist.« (Urs Jenny)

Sonntag, 14. April 2019, 21.00 Uhr

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Bavaria Film
BOLWIESER

Eckhart Schmidt

Ein neuer Film von Eckhart Schmidt

Eckhart Schmidt Ein neuer Film von Eckhart Schmidt Erster Kuss und so … | Deutschland 2019

Erster Kuss und so … | Deutschland 2019 | R+B:

Eckhart Schmidt | K: Raoul Sternberg | D: Leandra Grgic, Robert Sigl, Lorena Grgic | 93 min | Eine tragi- sche Teenager-Geschichte, gedreht im September und Oktober 2018 auf dem Königsplatz, dem Marienplatz, dem Hofgarten, dem Viktualienmarkt und dem St.-Ja- kobs-Platz in München sowie auf der »Liebesbrücke« in Salzburg. »Es war für mich eine besondere Erfahrung, nach so langer Zeit wieder in München zu drehen. Nachdem ich lange in Los Angeles und die letzten zwei Jahre in Rom und Palermo gedreht habe, sah ich die Münchner Motive mit einem frischen Blick. Ich ent- deckte die Schönheit dieser Stadt neu und ich war glücklich über die Motive, für die wir uns entschieden hatten. Alles lief perfekt ab. Und ich denke, es ist gelun- gen, diese traurige Geschichte schön zu erzählen. Ohne Leandra Grgic hätte es diesen Film gar nicht gegeben. Sie hat mich zu dieser Geschichte inspiriert. Ihre Ener- gie bestimmt den Film. Sie verfügt über eine faszinie- rende Ausdrucks-Skala, kann Glück, Verzweiflung, Hoffnung, Neugier und Todessehnsucht problemlos abrufen. Sie zu treffen und mit ihr zu arbeiten war ein Ereignis. Robert Sigl als Schwarzer Mann war ein per- fekter Gegenpol als Todesbote, der der Phantasie des Mädchens entsprungen ist. Ich hab zwei Jahre lang monologische Filme gedreht und auch das hat sehr gut funktioniert. Der Stummfilm ist ein Schritt weiter, einer- seits zur Vereinfachung, andererseits zu mehr Komple- xität. Im Monolog kann man, siehe Shakespeare, viele

Dinge sagen, die im Dialog zu umständlich wären. Im Stummfilm kann man noch mehr sagen, kann die Per- spektiven wechseln, kann in die Tiefe gehen, kann ganz schnell auf den Punkt kommen. Und die Kids sehen auf ihren Handys sowieso viele Filme nur stumm. Stummfil- me können zum Beispiel in Clubs auch nebenher lau- fen. Ich denke, der Stummfilm hat eine Zukunft.« (Eck- hart Schmidt)

Donnerstag, 11. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: Eck- hart Schmidt, Leandra Grgic, Robert Sigl, Lorena Grgic

 Donnerstag, 11. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: Eck- hart Schmidt, Leandra Grgic, Robert

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Paul Newman

Der Unbeugsame: Paul Newman

Paul Newman bei den Dreharbeiten zu THE EFFECT OF GAMMA RAYS ON MAN-IN-THE-MOON MARIGOLDS
Paul Newman bei den Dreharbeiten zu THE EFFECT OF GAMMA RAYS ON MAN-IN-THE-MOON MARIGOLDS

Gern wies Paul Newman darauf hin, wie oft er im Leben unverschämtes Glück hatte – typisch für seinen selbst- ironischen Charme nannte er sich »the luckiest son-of- a-bitch«. Das Glück bestand nicht nur darin, dass er zur rechten Zeit am rechten Ort war, es begann schon weit-

36 aus früher, als »gute Samenreise mit günstigem An- schluss im Mutterleib für glückliche Gene« (»For me, being lucky starts when you have a good sperm ride that makes a good womb connection that produces lu- cky genes.«) Die genetische Grundausstattung war schon vom Äußeren her beachtlich: ein griechischer Gott aus dem Mittleren Westen, mit den blauesten Au- gen seit Frank Sinatra. Er kam am 26. Januar 1925 in Ohio zur Welt, dien- te im Zweiten Weltkrieg im Pazifik und ging dann nach New York. Bald fand er Engagements am Broadway, aber wer so gut aussieht, steht nicht lang auf den Bret- tern, den ereilt bald der Ruf aus Hollywood. Das Starda- sein war nicht nur Verheißung, denn er wollte nicht auf sein Aussehen reduziert werden; schließlich hatte New- man seine Ausbildung am New Yorker Actors Studio absolviert, als seine Kollegen Marlon Brando und Mont-

gomery Clift das Spiel auf der Bühne und das Spielen für den Film neu definierten. Zu Beginn von Newmans Karriere war viel die Rede davon, dass er Brando zu ähnlich sehe. Elia Kazan schlug seinem Produzenten Budd Schulberg schon 1953 vor, ihn statt Brando für ON THE WATERFRONT (DIE FAUST IM NACKEN, 1954) zu nehmen: »Der Junge wird garan- tiert ein Filmstar. Nicht der geringste Zweifel. Er sieht genauso gut aus wie Brando, und seine starke männli- che Ausstrahlung ist unmittelbarer. Als Schauspieler ist er noch nicht so gut wie Brando, womöglich wird er es nie. Aber er ist ein verflucht guter Schauspieler mit reich- lich Energie, reichlich Innenleben, reichlich Sex.« Da er stets sein Glück betonte, erscheint es nur passend, dass sein Durchbruch mit dem Film SOME- BODY UP THERE LIKES ME (DIE HÖLLE IST IN MIR, 1956) kam. Der Originaltitel könnte als Überschrift über Paul Newmans Leben stehen. Er gewinnt bitter ironi- sche Bedeutung, wenn man ihn auf den Schauspieler anwendet, der ursprünglich für die Rolle besetzt war:

James Dean, Newmans Freund aus dem Actors Studio, starb kurz vor Drehbeginn in einem Autounfall, abruptes

Paul Newman

Ende einer Karriere, die gerade erst so verheißungsvoll begonnen hatte. Hollywood schien in Newman einen vorgefertigten Ersatz für Dean zu sehen und gab ihm Rollen in ganz anderen Fächern als denen, die er später selber aussuchte – häufig Figuren, deren Motivation schwer nachzuvollziehen ist, wie Brick in Richard Brooks’ Verfilmung von CAT ON A HOT TIN ROOF (DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH, 1958). Eine frühe wegweisende Partnerschaft verband ihn mit dem Regisseur Martin Ritt. Sie lernten sich im Ac- tors Studio kennen, wo Ritt unterrichtete, ehe er nach Hollywood ging. THE LONG, HOT SUMMER (DER LANGE HEISSE SOMMER, 1958) war die erste von sechs ge- meinsamen Arbeiten in zehn Jahren, die einige unver- zichtbare, zentrale Leistungen Newmans brachten: der Jazzmusiker in PARIS BLUES (1961), der von Indianern aufgezogene Cowboy in HOMBRE (MAN NANNTE IHN HOMBRE, 1967), ganz besonders HUD (DER WILDESTE UNTER TAUSEND, 1963), in dem Newmans natürlicher Charme subversiv eingesetzt ist; Hud ist ein nichtsnut- ziger Mistkerl, gesegnet mit des Teufels Charisma. Schlüsselwerk dieser frühen Jahre ist THE HUSTLER (HAIE DER GROSSSTADT, 1961). Newmans kleiner Bil- lard-Hai Eddie Felson auf der Suche nach der großen Chance hatte seine Fehler, doch er war weitaus sympa- thischer als Newman das seinen vorherigen Figuren zugestanden hatte; beileibe kein sauberer Held – den gab er nie so ganz – aber eine klarere und entspannte- re Definition der Art Figur, die er von nun an auf der Leinwand verkörpern sollte. Mit diesen Filmen fand sich Newman als Schau- spieler. »Das Potenzial zur plötzlichen Entladung lauert immer in massentauglichen Helden«, stellte er einmal fest, »und ich strahle eher Elite-Uni aus«. Dabei spielte er nie den klassischen Teenagerschwarm; er arbeitete durchaus gerne für namhafte Regisseure in Filmen mit großem Budget – für Otto Preminger in EXODUS (1960), für Alfred Hitchcock in TORN CURTAIN (DER ZERRISSENE VORHANG, 1966) – doch die Rollen, die ihm am meisten lagen, verbanden Charme und Aufsäs- sigkeit mit Gelassenheit, wie HARPER (EIN FALL FÜR HARPER, 1966), der den Archetyp des klassischen ver- knitterten Privatschnüfflers modernisierte und für die 1960er Jahre tauglich machte. Ganz besonders prä- gend aber war COOL HAND LUKE (DER UNBEUGSAME, 1967). Die mutwillige Zerstörung von Parkuhren bringt Newmans Luke ins Zuchthaus, er stellt sich gegen das Gesetz, und das Gesetz siegt. Doch den moralischen Sieg erringt Luke. BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID (1969) ist aus dem gleichen Holz geschnitzt: Butch war mo-

dern, cool und unbekümmert – perfekt für Newman. Zum Westerngenre kehrte er noch zweimal zurück, für zwei noch modernere (sprich: zynischere) Filme: THE LIFE AND TIMES OF JUDGE ROY BEAN (DAS WAR ROY BEAN) und BUFFALO BILL AND THE INDIANS, OR SIT- TING BULL'S HISTORY LESSON (BUFFALO UND DIE IN- DIANER, 1976) waren revisionistische Western der Ära von Vietnam und Watergate. Obwohl der Superstar Newman kein angeberisches Stargehabe an den Tag legte – kaum ein Artikel über ihn kam umhin, seine glückliche Ehe hervorzuheben – schöpfte er manche der mit seinem Status verbunde- nen Möglichkeiten aus: Wie so viele erfolgreichen Kol- legen beschloss er, eigentlich Regie führen zu wollen. Doch statt eines befürchteten selbstgefälligen Starvehi- kels drehte er als ersten Film RACHEL, RACHEL (DIE LIEBE EINES SOMMERS, 1968), der seine Frau Joanne Woodward ins Zentrum stellte. Sie hatten sich bei der Theaterarbeit in New York kennengelernt, und zunächst schien ihre Karriere der seinen davonzulaufen. Sie er- hielt für THE THREE FACES OF EVE (EVA MIT 3 GESICH- TERN, 1957) den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Dann aber steckte sie zurück und opferte ihre Karriere, um die gemeinsamen Kinder in der relativen Abge- schiedenheit Connecticuts großzuziehen. Als Regisseur versuchte er eine gewisse Wiedergutmachung dafür zu leisten. Mag er hinter der Kamera weniger eifrig als davor agiert haben, so weisen seine Regiearbeiten doch star- ke thematische Gemeinsamkeiten auf. RACHEL, RA-

Joanne Woodward und Paul Newman
Joanne Woodward und Paul Newman

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CHEL erzählt von einer Frau (Woodward), die von ihrer Mutter dominiert wird. THE EFFECT OF GAMMA RAYS ON MAN-IN-THE-MOON MARIGOLDS (DIE WIRKUNG VON GAMMASTRAHLEN AUF RINGELBLUMEN, 1972) ist ein ebenso klaustrophobisches Drama, in dem Woodward erneut eine durch familiäre Probleme belas- tete Frau spielt. In beiden Filmen ist der Familienvater bezeichnenderweise abwesend. Selbst SOMETIMES A GREAT NOTION (SIE MÖCHTEN GIGANTEN SEIN, 1972), bei dem Newman die Regie einer laufenden Produktion übernahm, ist letztlich eine Familiengeschichte, was unterstreicht, wie stark diese Thematik den Regisseur beschäftigt. Die größten kommerziellen Erfolge Newmans fallen in die frühen 1970er Jahre; sowohl THE STING (DER CLOU, 1973) als auch THE TOWERING INFERNO (FLAMMENDES INFERNO, 1974) waren gewaltige Hits. Dabei war er nicht unablässig aufs große Geld aus: Die derbe Sportkomödie SLAP SHOT (SCHLAPPSCHUSS, 1977) spielte zunächst nicht allzu viel ein, doch für Newman blieb der Spieler/Trainer Reggie eine Lieb- lingsrolle in seiner langen Karriere. Der Film hat sich auch deutlich besser gehalten als THE TOWERING IN- FERNO. Kurz nach SLAP SHOT gab es einen Einschnitt in Newmans Leben. Scott Newman, sein Sohn aus erster Ehe, starb 1978 an einer Überdosis Drogen. Paul New- man trat weiter auf, doch in kleineren, konzentrierteren Filmen: Als alkoholabhängiger Anwalt in THE VERDICT (DIE WAHRHEIT UND NICHTS ALS DIE WAHRHEIT, 1982) erbrachte er eine seiner größten Leistungen, bei HARRY & SON (1984) war er zugleich nicht nur Hauptdarsteller und Regisseur, sondern auch Co-Autor und Co-Produ- zent. Der Film trat mehr und mehr hinter seine anderen Interessen zurück, die Leidenschaft für das Rennenfah- ren (er behielt seine Rennlizenz bis zuletzt) und vor al- lem Wohltätigkeit – die Einnahmen aus seiner Lebens- mittelmarke Newman’s Own gingen an wohltätige Zwecke. Er stellte fest: »Peinlicherweise bringen die Salatsaucen mehr ein als meine Filme.« Er arbeitete seltener, doch warf sich immer ganz in seine Rollen, wie die als übler Plutokrat in THE HUDSUCKER PROXY (HUDSUCKER – DER GROSSE SPRUNG, 1994), die lau- teste Komödienrolle seines Lebens. Mit ROAD TO PER- DITION (2002) nahm er seinen Abschied von der Lein- wand – in der Rolle als ein alter Gangsterboss, der nicht recht bereit ist, die Zügel an die jüngere Generation abzugeben. Selbst danach konnte er es nicht ganz las- sen und lieh seine Stimme einem Wagen in dem Ani- mationsfilm CARS (2005).

Paul Newman starb 26. September 2008. Es war ein erfülltes Leben und eine erfüllte Karriere. Sein Glück mag dabei mitgespielt haben, aber vor allem sein Talent und sein Geschick bei der Auswahl seiner Rollen. James Oliver

The Long, Hot Summer (Der lange heiße Sommer) | USA 1958 | R: Martin Ritt | B: Harriet Frank Jr, Irving Ravetch, nach den Erzählungen »Spotted Horses«, »The Hamlet« und »Barn Burnings« von William Faulkner | K:

Joseph La Shelle | M: Alex North | D: Paul Newman, Orson Welles, Joanne Woodward, Lee Remick, Angela Lansbury | 117 min | OF | Der schwerreiche Plantagen- besitzer Will Varner (Orson Welles), der seine Umwelt tyrannisiert, meint in dem cleveren jungen Wanderar- beiter Ben Quick (Paul Newman) einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, dem er seine Tochter und sein Land übergeben kann. »Von seinem ersten Erscheinen an bietet Newman, den Hut tief in die Stirn gezogen, das Sinnbild rücksichtslosen Selbstvertrauens, gepaart mit einer ebenso umfassenden Selbstzufriedenheit und über allem einer geradezu elektrisierenden Männlich- keit. Hinter Quicks kalten blauen Augen, den abschätzig nach unten gezogenen Mundwinkeln und dem satani- schen Grinsen verbergen sich genügend Intelligenz, Humor, Charme und geradlinige Attraktivität, dass der Zuschauer sich zwangsläufig mit ihm und seinem Stre- ben nach Macht identifizieren muss.« (Michael Kerbel)

Freitag, 12. April 2019, 18.30 Uhr  Dienstag, 16. April 2019, 21.00 Uhr

The Left Handed Gun (Einer muss dran glauben) | USA 1958 | R: Arthur Penn | B: Leslie Stevens, nach dem Fernsehspiel »The Death of Billy the Kid« von Gore Vidal | K: J. Peverell Marley | M: Alexander Courage | D:

Vidal | K: J. Peverell Marley | M: Alexander Courage | D: Paul Newman, Lita Mila,

Paul Newman, Lita Mila, John Dehner, Hurd Hatfield,

John

nimmt Arthur Penn vom Fernsehen eine Vorlage von

OF | »Für sein Kinodebüt

Dierkes |

102 min

|

Paul Newman

CAT ON A HOT TIN ROOF
CAT ON A HOT TIN ROOF

Gore Vidal mit, formt sie zum intensiven Erstentwurf des typischen, von Unsicherheiten geplagten Penn-Hel- den und läutet so die Ära psychologischer, psychosozi- aler, psychosexueller Interpretationen von Western-Le- genden ein. Paul Newman spielt den jungen Analpha- beten und Herumtreiber William Bonney alias Billy the Kid, der bei einem väterlichen Rancher Aufnahme fin- det. Nach dessen Ermordung beginnt Billy einen Ra- chefeldzug gegen die Killer, schließt dabei Freundschaft mit Sheriff Pat Garrett und verliebt sich in eine Frau. Der Neuanfang als gesetzestreuer Bürger scheitert am Kreislauf eskalierender Gewalt.« (Christoph Huber) Der Film stellt einen Bezug zwischen Billy und der unzufrie- denen Jugend der 1950er Jahre her und thematisiert zugleich den Prozess der Mythenbildung im Westen.

Samstag, 13. April 2019, 18.30 Uhr  Mittwoch, 17. April 2019, 21.00 Uhr

Bang the Drum Slowly (Das letzte Spiel) | USA 1956 | R: Daniel Petrie | B: Arnold Schulman, nach dem Ro- man von Mark Harris | D: Paul Newman, Albert Salmi, George Peppard, Barbara Babcock, Rudy Bond | 52 min | OF | Ein klassisches Live-Fernsehspiel, das vom Live-Monitor abgefilmt erhalten geblieben ist. Ein Base- ballspieler stellt fest, dass sein Mannschaftskamerad etwas zu verbergen versucht. – Cat on a Hot Tin Roof (Die Katze auf dem heißen Blechdach) | USA 1958 | R: Richard Brooks | B: Richard Brooks, James Poe, nach dem Theaterstück von Tennessee Williams | K: William Daniels | M: Charles Wolcott | D: Elizabeth Taylor, Paul Newman, Burl Ives, Judith Anderson, Jack Carson | 108

min | OF | Brick, der Spross einer wohlhabenden Grundbesitzerfamilie im Mississippi-Delta, ist mit einer leidenschaftlichen Frau verheiratet, der er sexuell nicht gewachsen ist. »So treffend Newman Brick als ge- hemmt und von Schuldgefühlen geplagt darzustellen vermag, so überzeugend ist er, wenn sein Tempera- ment mit ihm durchgeht und er Maggie oder Big Daddy anschreit, um sie daran zu hindern, noch weiter in sei- ner Persönlichkeit herumzustochern und seine gehüte- ten Geheimnisse zu entschleiern.« (Michael Kerbel)

Freitag, 19. April 2019, 18.30 Uhr

Exodus | USA 1960 | R: Otto Preminger | B: Dalton Trumbo, nach dem Roman von Leon Uris | K: Sam Lea- vitt | M: Ernest Gold | D: Paul Newman, Eva Marie Saint, Ralph Richardson, Sal Mineo, Jill Haworth, Peter Law- ford, Lee J. Cobb, John Derek, Esther Ofarim | 208 min | OmU | »Ein komplexes Geschichtsbild als All-Star- Blockbuster mit kontroversem Sujet. Zur Gründung Is- raels in zwei Erzählwellen: erst die bewegte Reise des titelgebenden Flüchtlingsschiffs von Europa Richtung Palästina trotz britischer Seeblockade, an Bord ein isra- elischer Untergrundkämpfer (Paul Newman), eine idea- listische US-Krankenschwester (Eva Marie Saint) und der Überlebende eines Auschwitz-Sonderkommandos (unvergesslich: Sal Mineo). Dann deren innere wie äu- ßere Kämpfe nach der Ankunft. ›Zionistische Propagan- da‹ war ein häufiger Vorwurf, doch Premingers virtuos verzahnte Perspektivwechsel sorgen für einen Monu- mentalfilm von ungewöhnlicher Intelligenz und Ambiva- lenz.« (Christoph Huber) Preminger lag viel an der Über-

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Paul Newman

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windung von stereotypen Juden-Darstellungen, und in einer Schlüsselszene darf Newman ganz wunderbar mit Schein und Wirklichkeit, Erwartung und Vorurteil spielen.

Samstag, 20. April 2019, 18.30 Uhr

The Hustler (Haie der Großstadt) | USA 1961 | R: Ro- bert Rossen | B: Sidney Carroll, nach dem Roman von Walter Tevis | K: Eugen Schüfftan | M: Kenyon Hopkins | D: Paul Newman, Piper Laurie, Jackie Gleason, George C. Scott, Myron McCormick | 134 min | OmU | »A mo- dern morality tale ohne Moralisieren, ein metaphysi- sches Melodram. Anstelle von Schwarzweißkontrasten liefert Kameramann Eugen Schüfftan eine meisterhafte Studie der Grautöne am Breitwand-Billardtisch. Paul Newman als existenzialistischer Held, ein Pool-Hustler, der sein Handwerk perfektioniert und schmerzhaft ler- nen muss, dass die Entwicklung seines Talents nicht genügt, solange er nicht auch Charakterstärke entwi- ckelt. Einer der besten Schauspielerfilme der 1960er Jahre, von Rossen mit großem Gespür für herunterge- kommene Schauplätze und bemerkenswerten Ideen zu Atmosphäre und Tempo inszeniert. Newmans Pool-Du- elle mit Jackie Gleason als ›Minnesota Fats‹ sind uner- reicht.« (Christoph Huber) Dem für eine damalige Stu- dioproduktion ungewöhnlichen Dreh an realen Schau- plätzen verdankt THE HUSTLER seine ungeheure Di- rektheit und Authentizität.

Sonntag, 21. April 2019, 18.30 Uhr

The Color of Money (Die Farbe des Geldes) | USA 1986 | R: Martin Scorsese | B: Richard Price, nach dem Roman von Walter Tevis | K: Michael Ballhaus | M: Rob- bie Robertson | D: Paul Newman, Tom Cruise, Mary Elizabeth Mastrantonio, Helen Shaver, John Turturro | 120 min | OmU | THE COLOR OF MONEY ist die 25-Jah- re-später-Fortsetzung zu THE HUSTLER. »Die nämli- chen 25 Jahre, die zwischen beiden Filmen liegen, die Paul Newman älter und das Hollywoodkino anders ge- worden ist. Umkehrung: Pool-Professional Eddie Felson führt jene arrivierte Existenz, die er 1961 an seinem Widersacher verachtete. Er ist gerissener Geldhai, Ma- nager, zynischer Zuhälter junger Billardtalente. Scorse- se schenkt ihm einen zweiten Atem und eine schrittwei- se Wiedergeburt – wie aus der Anbetung der Farbe des Geldes wieder das Andere, der alte Rausch, die Passion des Spielens erwacht. Das impliziert das Umwenden des Lehrer-Schüler-Motivs, das unzählige Western und Samurai-Filme prägt. Der Lehrling, wild und genialisch spielender Stenz und dummer Junge, fordert den Meis- ter heraus.« (Harry Tomicek)

Sonntag, 21. April 2019, 21.00 Uhr

Paris Blues | USA 1961 | R: Martin Ritt | B: Walter

Bernstein, Irene Kamp, Jack Sher, Lulla Rosenfeld, nach einem Roman von Harold Flender | K: Christian Matras

| M: Duke Ellington | D: Paul Newman, Sidney Poitier,

Joanne Woodward, Diahann Carroll, Louis Armstrong | 98 min | OF | Paris als die Stadt der Liebe und des Jazz. Filmklassiker über zwei amerikanische Jazzmusiker im Exil, die in Kellern und Clubs auftreten. Sie bandeln mit zwei Amerikanerinnen an, die sie in die Staaten zurück- holen wollen. Newman spielt den Jazzposaunisten, Sid- ney Poitier den Saxophonisten und Pianisten. Der Film zeigt die relative Freiheit, die Schwarze in Europa ge- nossen, und die für Amerikaner fremdartig wirken musste. Doch unterlag der Film strengen Beschränkun- gen: »Ritt ist weit davon entfernt, eine Schwarze mit einem Weißen im Bett zu zeigen. Das Bett ist da, aber er paart fein säuberlich Schwarz mit Schwarz und Weiß mit Weiß. Das Rassenproblem wird diskutiert, aber in theatralischen Reden wohlfeil kaputtgeschwatzt.« (Theodor Kotulla) Dennoch ist PARIS BLUES einer der schönsten Jazz-Filme der 1960er Jahre.

Montag, 22. April 2019, 18.30 Uhr

Hud (Der Wildeste unter Tausend) | USA 1963 | R:

Martin Ritt | B: Irving Ravetch, Harriet Frank Jr, nach dem Roman »Horseman, Pass By« von Larry McMurtry

| K: James Wong Howe | M: Elmer Bernstein | B: Paul

Newman, Patricia Neal, Melvyn Douglas, Brandon de- Wilde, Whit Bissell | 112 min | OF | HUD ist ein nach- denklicher Post-Western, er spielt in der Gegenwart und behandelt das Ende der Cowboy-Ära. Newman spielt den charmanten aber amoralischen Sohn eines Ranchers alter Schule, der von seinem kleinen Neffen vergöttert wird. Tobias Kniebe über Paul Newman:

»Heute staunt man, was für ein genuin herzloser Bas- tard sein moderner Cowboy Hud ist, clever, zynisch, vollkommen selbstbezogen – aber ausgerechnet mit dieser Rolle wurde er 1963 zum Superstar, nahm den großen Bruch mit dem Establishment, die Jugendbe- wegung der Sixties vorweg. Achtunddreißig war er da- mals und wirkte doch wie zwanzig, und dieses Gefühl des großen Leichtsinns, der scheinbar ewigen Jugend, sollte sein Image bis tief in die siebziger Jahre prägen.«

Freitag, 26. April 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 30. April 2019, 21.00 Uhr

Harper (Ein Fall für Harper) | USA 1966 | R: Jack Smight | B: William Goldman, nach dem Roman »The Moving Target« von Ross Macdonald | K: Conrad Hall | M: Johnny Mandel | D: Paul Newman, Lauren Bacall, Julie Harris, Janet Leigh, Robert Wagner | 121 min | OF

Paul Newman

TORN CURTAIN
TORN CURTAIN

| Ross Macdonalds Vorlage war schon 1949 erschienen

– der erste von 18 Romanen um den Privatdetektiv Lew Archer, dessen Name für die Verfilmung verändert wur- de, da man nur die Rechte am ersten Buch hatte, nicht an der ganzen Reihe. »Harper ist unzeitgemäß der alte Typ des Privatdetektivs, er hat mit der hohen und niede- ren Gesellschaft seines Landes zu tun und für seine Kollegen vom Ost-West-Genre nur den Sarkasmus üb- rig. Unzeitgemäß ist auch der Film in seiner Rückwen- dung zur Melancholie chandlerscher Provenienz. Har- pers Pessimismus ist konsequent bis zum Letzten, er wirkt fast wie ein Fremdkörper in diesen Sechzigerjah- ren unter all den modischen Snobs, die zwischen Jet und Champagner noch schnell nebenbei die Welt vor dem sicheren Untergang retten. Wie der Auftakt zu ei- ner neuen schwarzen Serie mutet der Film an.« (Peter M. Ladiges) Trotz des Erfolges ließ eine Fortsetzung neun Jahre auf sich warten (THE DROWNING POOL,

1975).

Sonntag, 28. April 2019, 18.30 Uhr

Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang) | USA 1966 |

R: Alfred Hitchcock | B: Brian Moore | K: John F. Warren

| M: John Addison | D: Paul Newman, Julie Andrews,

Lila Kedrova, Wolfgang Kieling, Hansjörg Felmy | 128 min | OmU | Alfred Hitchcock beklagte sich später wie- derholt, Paul Newman sei ihm als Hauptdarsteller auf- gezwungen worden, um für seinen Spionagethriller eine gewisse Kassengarantie zu haben, und sie seien ein- fach nicht zusammengekommen. Hitchcock zog schon unter günstigeren Umständen gerne über seine Dar-

steller her; wer aber vom method acting her kam und ihn mit Fragen zur Rolle überschüttete – wozu Newman neigte – der brachte Hitchcock gegen sich auf. »Wer über die scheinbare Naivität der Geschichte stolpert und sich zum Beispiel darüber wundert, dass da ein Ostberliner Taxifahrer über einen BMW 1800 verfügt, saust bei Hitchcock durch die offene Tür, bei dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht, und in des- sen Filmen die Requisiten nichts verbürgen wollen, sondern nur ein Teil des Scheines sind, der trügt. Der Film hat die Dimension eines Alptraums, aber nicht, weil er einen Alptraum erzählt, sondern weil er wie ein Alptraum erzählt ist.« (Enno Patalas)

Freitag, 3. Mai 2019, 18.30 Uhr  Dienstag, 7. Mai 2019, 21.00 Uhr

Hombre (Man nannte ihn Hombre) | USA 1967 | R:

Martin Ritt | B: Harriet Frank Jr, Irving Ravetch, nach dem Roman von Elmore Leonard | K: James Wong Howe | M: David Rose | D: Paul Newman, Diane Cilento, Fredric March, Richard Boone, Cameron Mitchell | 111 min | OF | Newman spielt hier – fast so wortkarg wie Clint Eastwood bei Sergio Leone war – einen Weißen, der bei den verhassten Apachen aufwuchs und dafür (wie auch die Apachen) von den vermeintlich zivilisier- ten Amerikanern verachtet und ausgegrenzt wird. »Ein weißer Apache gerät in die Auseinandersetzung um eine Satteltasche voller Dollars, die der Leiter eines In- dianerreservats unterschlagen hat. Seine Chance ge- gen die Bande, die es auf das Geld abgesehen hat, ist minimal, aber er wahrt sie, indem er sich nicht an die

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Paul Newman

Spielregeln des Genres hält. Erst zum Showdown tritt der Apache wie ein Westerner an – das kostet ihn das Leben. So wenig geschwätzig wie die kargen Dialoge sind die Bilder dieses Films, und jede seiner Einstellun- gen führt vor, warum der Western trotz der zahlreichen Europäischen Imitationen eine Domäne Hollywoods ge- blieben ist und bleiben wird.« (Enno Patalas)

Samstag, 4. Mai 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 8. Mai 2019, 21.00 Uhr

Cool Hand Luke (Der Unbeugsame) | USA 1967 | R:

Stuart Rosenberg | B: Donn Pearce, Frank R. Pierson, nach dem Roman von Donn Pearce | K: Conrad Hall | M:

Lalo Schifrin | D: Paul Newman, George Kennedy, Stro- ther Martin, Jo Van Fleet, Lou Antonio, Dennis Hopper | 126 min | OF | »Der Held ist Sträfling eines Arbeitsla- gers, der nach drei Fluchtversuchen schließlich sterben muss. Paul Newman spielt diesen Luke mit einer ent- waffnenden Coolness. Meist das um die Endlichkeit seines Besitzers Bescheid wissende Lächeln im Mund- winkel, seine wenigen Sätze knurrt er mehr, als dass er wirklich spricht.« (Christoph Hartung) »Nicht ohne Grund gehört Newmans Luke zu den einprägsamsten Charakteren der amerikanischen Filmgeschichte. Ein Mensch, für den die Welt immer zu klein und zu eng sein wird, ein widerspenstiger Geist, in dem Regeln tiefstes Unbehagen auslösen. Und selten hat jemand derart aufs Maul bekommen und doch im gleichen Atemzug diese Abreibungen so herausgefordert. Ein fast schon masochistischer Freiheitsdrang. Sein Rebel- lentum braucht keine soziale Bettung, seine Auflehnung gilt weder der Elterngeneration noch einem System, sondern dem Leben und Sein.« (Alex Todorov)

Sonntag, 5. Mai 2019, 18.30 Uhr

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Rachel, Rachel (Die Liebe eines Sommers) | USA 1968 | R: Paul Newman | B: Margaret Laurence, nach ihrem Roman »A Jest of God« | K: Gayne Rescher | M:

Jerome Moross | D: Joanne Woodward, James Olson, Kate Harrington, Estelle Parsons, Donald Moffat | 101 min | OF | Die Charakterstudie einer Frau, die sich zag- haft aus den Klauen ihrer tyrannischen, besitzergreifen- den Mutter zu befreien versucht. Newman tritt nicht auf:

Der Film ist ganz auf seine Frau Joanne Woodward zu- geschnitten. »Newman hat in diesem seinem Regie- Debüt tatsächlich etwas von den Talenten eines unbe- fangenen Neulings: eine Art naiver Genialität, die ihn Kompliziertes anpacken lässt, wo ein Routinier vielleicht zurückschrecken würde. Jedenfalls gelingt das Unter- nehmen geradezu verblüffend gut: Diese erste Liebe einer 35-Jährigen vermag Anteilnahme zu wecken. Das Kino wird zu einem Raum, in dem das Drama scharfe Konturen erhält, auch optisch mit sehr aparten Mitteln realisiert, nämlich in einer kunstvollen Verschachtelung von Kindheitserinnerungen, gedanklichen Bruchstü- cken und gegenwärtigen Ereignissen, die bisweilen in einen Zustand von Irrealität hineinstilisiert sind.« (Film- beobachter)

Freitag, 24. Mai 2019, 18.30 Uhr  Dienstag, 28. Mai 2019, 21.00 Uhr

Butch Cassidy and the Sundance Kid (Zwei Bandi- ten) | USA 1969 | R: George Roy Hill | B: William Gold- man | K: Conrad Hall | M: Burt Bacharach | D: Paul Ne- wman, Robert Redford, Katharine Ross, Strother Martin, Jeff Corey | 110 min | OmU | »Mit kaum zu übertreffen- der Spielfreude verkörpern Paul Newman und Robert Redford die beiden Banditen, die um 1900 Banken und Züge ausraubten und schließlich vor der Polizei nach Bolivien geflohen sein sollen. Perfektes Unterhaltungs-

BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID
BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID

Paul Newman

kino mit hohem Nostalgiewert bietet dieses von Conrad Hall brillant fotografierte und mit vier Oscars ausge- zeichnete Werk. Der Humor kommt nicht zu kurz und in der wohl berühmtesten Szene des Films darf Paul New- man zu Burt Bacharachs ›Raindrops Keep Falling On My Head‹ auf dem Fahrrad fahren und Kunststücke vorführen.« (Walter Gasperi) Newman hatte sein Ego genügend im Zaum, sich die Leinwand mit dem relati- ven Neuling Robert Redford zu teilen. Es ist gerade der Eindruck einer echten Partnerschaft, die den Film leichtfüßig schweben lässt – ein Gefühl, das sich auch heute noch ganz unmittelbar einstellt und den Film so unwiderstehlich macht.

Samstag, 25. Mai 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 29. Mai 2019, 21.00 Uhr

WUSA (Machenschaften) | USA 1970 | R: Stuart Ro- senberg | B: Robert Stone, nach dem Roman »A Hall of Mirrors« von Robert Stone | K: Richard Moore | M: Lalo Schifrin | D: Paul Newman, Joanne Woodward, Anthony Perkins, Laurence Harvey, Pat Hingle | 115 min | OF | Paul Newman war bekannt dafür, politisch klar linke Überzeugungen zu vertreten, er stand als einziger aus Hollywood auf Richard Nixons berüchtigter »Feindes- liste«. Doch er ließ sich bei der Wahl seiner Projekte nur selten von seinen politischen Ansichten beeinflussen. Eine Ausnahme bildete der Film WUSA, bei dem er nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent war. Seine Einschätzung, WUSA sei »der wichtigste und aussage- kräftigste Film, den ich je gemacht habe, und der bes- te«, teilten damals nur wenige, doch die Geschichte ei- nes eigentlich liberal gesonnenen Radio-Unterhalters, der bei dem rechten Rundfunksender WUSA anheuert und Teil einer Verschwörung wird, hat sich mittlerweile als äußerst weitblickend erwiesen. Manche Gegen- wartsbezüge sind geradezu unheimlich, und ausge- rechnet die satirischen Elemente, die 1970 übertrieben wirkten, kommen uns heute besonders normal vor.

Freitag, 31. Mai 2019, 18.30 Uhr

Sometimes a Great Notion (Sie möchten Giganten sein) | USA 1971 | R: Paul Newman | B: John Gay, nach dem Roman von Ken Kesey | K: Richard Moore | M:

Henry Mancini | D: Paul Newman, Henry Fonda, Lee Remick, Richard Jaeckel, Michael Sarrazin | 114 min | OF | Koproduzent und Hauptdarsteller Paul Newman hatte sich nicht vorgenommen, Ken Keseys ausladende Geschichte einer starrköpfigen Holzfällersippe in Ore- gon selber zu inszenieren, doch kurz nach Drehbeginn übernahm er auch noch die Regie von Richard A. Colla. Gedreht wurde on location, Newman nutzt die raue

Landschaft und die rauen Sitten der Holzfäller, man spürt den Regen, die Kälte, die Nässe, die Wucht der fallenden Baumstämme. »Eine spannend erzählte Ge- schichte, die nicht nur Action und Drama bietet, son- dern zumindest ansatzweise auch die tiefer liegenden Konflikte andeutet, die den Roman so groß machen. Als Drama um eine Familie, die sich nicht unterkriegen lässt und gegen die Unbilden der Witterung ebenso wie gegen die der Gesellschaft ihr ›Ding‹ durchzieht, funk- tioniert SOMETIMES A GREAT NOTION durchaus gut.« (Gavin Armour)

Samstag, 1. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 4. Juni 2019, 21.00 Uhr

The Life and Times of Judge Roy Bean (Das war Roy Bean) | USA 1972 | R: John Huston | B: John Milius | K: Richard Moore | M: Maurice Jarre | D: Paul New- man, Victoria Principal, Anthony Perkins, Jacqueline Bisset, Tab Hunter, Stacy Keach, Roddy McDowall | 123 min | OF | Das Drehbuch von John Milius orientiert sich lose an Roy Beans Lebensgeschichte. Bean kommt aus Kentucky und hat schon zwei Männer im Duell erschossen, bevor er in Texas eintrifft. Dort lässt er sich in einem Ort nieder, dem er den Namen der von ihm bewunderten Sängerin Lily Langtry (Ava Gardner) gibt. Als Friedensrichter lässt er so manchen Ganoven auf- knüpfen und eignet sich dessen Barschaft an, so dass er im Laufe der Jahre ein stattliches Vermögen anhäuft. Neben Newman, der wieder einmal gegen sein Image anspielt, enthält die Besetzungsliste viele bekannte Namen. Anthony Perkins ist ein Geistlicher auf der Durchreise, Stacy Keach der Killer ›Bad Bob‹, Ned Beatty ein Ganove, der lieber ein Kellner wäre, Roddy McDowall ein Rechtsanwalt, Jacqueline Bisset Beans Tochter, und Regisseur Huston, der den Film als lose Abfolge von Episoden mit sardonischem Humor anlegt, hat einen Auftritt als ›Grizzly Adams‹.

Sonntag, 2. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 5. Juni 2019, 21.00 Uhr

The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon Marigolds (Die Wirkung von Gammastrahlen auf Ringelblumen) | USA 1972 | R: Paul Newman | B: Alvin Sargent, nach dem Stück von Paul Zindel | K: Adam Holdener | M: Maurice Jarre | D: Joanne Woodward, Nell Potts, Roberta Wallach, Judith Lowry, David Spiel- berg | 100 min | OmU | Newmans dritte und beeindru- ckendste Regiearbeit ist wieder ein Familiendrama mit seiner Frau Joanne Woodward in der Hauptrolle. Sie spielt eine exzentrische alkoholabhängige Frau mittle- ren Alters, verwitwet, die sich der Realität verweigert, in

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Paul Newman

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haltlose Karrierefantasien flüchtet und mit ihren beiden heranwachsenden Töchtern Probleme hat. Der Titel bezieht sich auf einen Versuch, den die jüngere Tochter als Schulprojekt durchführt. Der Film war ein Projekt unter Freunden: Newman drehte den Film in Connecti- cut, wo er mit seiner Familie wohnte, also quasi »um die Ecke«, die eine Tochter spielt Roberta Wallach (Tochter Eli Wallachs), die andere Nell Potts (Tochter der New- mans). »Wenn ich ein gutes Drehbuch entdecke, und es gibt darin keine Rolle für mich als Schauspieler, bin ich froh, wenn ich mich in anderer Weise beteiligen kann.« (Paul Newman)

Freitag, 7. Juni 2019, 18.30 Uhr

The Sting (Der Clou) | USA 1973 | R: George Roy Hill | B: David S. Ward | K: Robert Surtees | M: Marvin Ham- lisch | D: Paul Newman, Robert Redford, Robert Shaw, Robert Earl Jones, Charles Durning | 129 min | OmU | »Der Film erzählt mit einem Minimum an Sentimentali- tät und Brutalität und mit einem Maximum an Präzision und Artistik eine märchenhafte Ganovengeschichte, die in einem von Wirtschaftskrise und Korruption charmant zerrütteten Chicago der dreißiger Jahre spielt. Die de- tailreich und minuziös ausgearbeitete Betrugsge- schichte legt aber auch permanent den Zuschauer he- rein. Dass man diesem Film alles sofort glauben und verzeihen, ihm wie den Lügengarnen orientalischer Märchen süchtig verfallen kann, rührt von den altmodi- schen handwerklichen Qualitäten, die er wie zum letz- ten Mal in aller Herrlichkeit und Professionalität zur Schau stellt. Nicht nur Paul Newman und Robert Red-

ford, sondern auch der unbedeutendste Nebendarstel- ler bieten schauspielerische Glanzleistungen. Die phy- sische und emotionale Dichte, die jeden Moment interessant machen, verdankt der Film vor allem einer faszinierenden Dekor- und Kamerakunst.« (Siegfried Schober)

Samstag, 8. Juni 2019, 18.30 Uhr  Dienstag, 11. Juni 2019, 21.00 Uhr

Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History Lesson (Buffalo Bill und die Indianer) | USA 1976 | R:

Robert Altman | B: Alan Rudolph, Robert Altman, nach dem Theaterstück »Indians« von Arthur Kopit | K: Paul Lohmann | M: Richard Baskin | D: Paul Newman, Geral- dine Chaplin, Burt Lancaster, Kevin McCarthy, Joel Grey | 123 min | OF | »Einziger Schauplatz ist das Haupt- quartier eines historischen Zirkusunternehmens, jener ›Buffalo Bill's Wild West Show‹ eines gewissen William Frederick Cody und seiner Manager, die auszogen, Amerika eine Legende zu verkaufen. ›Buffalo Bill Cody‹, sagte Altman, ›war gewissermaßen der erste Filmstar, der erste total künstlich hergestellte amerikanische Held.‹ Mit bewundernswerter Selbstironie trägt Paul Newman sein Superstar-Image zu Markte; Joel Grey, der Conferencier aus CABARET, trifft als Manager über- zeugend einen Tonfall auftrumpfender Unverbindlich- keit, während der alte Burt Lancaster als abgehalfterter Mythenmacher rührend verwitterte Ehrlichkeit aus bes- seren Tagen verkörpert. Außer ihm wirken nur die Indi- aner in diesem grellen Spektakel normal. Mit wortkar- ger List sorgen sie ständig für Irritationen, lassen die

THE STING
THE STING

Paul Newman

BUFFALO BILL AND THE INDIANS
BUFFALO BILL AND THE INDIANS

Stars und Manager vollends als überdrehte Hampel- männer erscheinen.« (Hans-Christoph Blumenberg)

Sonntag, 9. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 18. Juni 2019, 21.00 Uhr

Slap Shot (Schlappschuss) | USA 1977 | R: George Roy Hill | B: Nancy Dowd | K: Victor J Kemper | M: Elmer Bernstein | D: Paul Newman, Michael Ontkean, Strother Martin, Jennifer Warren, Lindsay Crouse | 123 min | OmU | Ein slap shot ist im Eishockey ein Schlagschuss:

nicht präzise, aber dafür schnell, hart, spektakulär. SLAP SHOT war ein persönlicher Lieblingsfilm New- mans, er führte seine Lieblingsfigur, den Unangepass- ten, in neue Höhen – oder Tiefen. Um die Auflösung ihres Vereins wegen Erfolglosigkeit zu verhindern, in- szeniert eine Eishockeymannschaft publikumswirksa- me Schlägereien mitten im Spiel, und neue Spieler werden nach ihrer Gewaltbereitschaft ausgewählt. Das deftige Drehbuch von Nancy Dowd hat den Erfahrungen ihres Bruders als Eishockeyspieler viel zu verdanken. Das größte Vergnügen bereiten die unflätigen Dialoge und der Genuss, mit dem sie zelebriert werden. New- man behauptete, vor diesem Film praktisch nie geflucht zu haben, doch seither sei seine Ausdrucksweise völlig verroht: »my language is right out of the locker room.«

Montag, 10. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 19. Juni 2019, 21.00 Uhr

The Verdict (Die Wahrheit und nichts als die Wahr- heit) | USA 1982 | R: Sidney Lumet | B: David Mamet, nach dem Roman von Barry Read | K: Andrzej Bartkowi- ak | M: Johnny Mandel | D: Paul Newman, James Ma- son, Charlotte Rampling, Milo O'Shea, Jack Warden, Lindsay Crouse | 129 min | OmU | »Der sieht ziemlich erledigt aus, dieser Frank Galvin, zittert schon so, dass

er am Flipper in seiner Stammkneipe kein Freispiel mehr schafft – aber es handelt sich doch um Paul Ne- wman, und dass der keinen Verlierer spielt, ist so klar wie das Blau seiner Augen: Der ist nur unten durch, um noch mal ganz groß rauszukommen. So genüsslich wie der Film zu Beginn Galvins Verkommenheit aufgeblät- tert hat, zeigt er in der Mitte, wie ein Spitzenprofi der Zunft (James Mason) vorgeht, um einen medizinischen Kunstfehler durch ein juristisches Kunststück auszubü- geln: Wie er einen Zeugen drillt, wie er die Presse füt- tert, wie er den Gegner bespitzeln und wie er dessen Hauptzeugen kaufen lässt. THE VERDICT hat alles an Intelligenz, Qualität und Bravour, was das amerikani- sche Hochglanz-Kino leisten kann.« (Urs Jenny)

Freitag, 14. Juni 2019, 18.30 Uhr

Harry & Son (Harry & Sohn) | USA 1984 | R: Paul Newman | B: Ronald L. Buck, Paul Newman, nach dem Roman »A Lost King« von Raymond DeCapite | K: Do- nald McAlpine | M: Henry Mancini | D: Paul Newman, Robby Benson, Ellen Barkin, Wilford Brimley, Ossie Da- vis, Morgan Freeman, Joanne Woodward | 117 min | OF | Newman als verwitweter Vater Harry, ein solider Arbei- ter für eine Abbruchfirma, dessen Verhältnis zu seinem aufsässigen Sohn Howard angespannt ist. Der ist ein empfindsamer Möchtegern-Hemingway und verachtet die Art ehrlicher Arbeit, die sein Vater für so wichtig hält. Als Harry gesundheitliche Probleme bekommt und nicht mehr der Versorger sein kann, als der er sich immer verstanden hat, müssen beide ihr Verhältnis neu ord- nen. »Ähnlich wie in SOMETIMES A GREAT NOTION wendet Paul Newman sich einer äußerlich starken, in Wahrheit jedoch empfindsamen, verletzlichen Männer- gestalt zu. Da enthält der Wutausbruch die zärtliche Umarmung und die trotzige Ablehnung die verzweifelte

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Bitte um Zuwendung. HARRY & SON ist sicherlich ein ernst gemeinter und aufrechter Film, aber es mangelt der Geschichte an der Konzentration auf das Wesentli- che.« (Josef Schnelle)

Samstag, 15. Juni 2019, 18.30 Uhr

The Glass Menagerie (Die Glasmenagerie) | USA 1987 | R+B: Paul Newman, nach dem Stück von Ten- nessee Williams | K: Michael Ballhaus | M: Henry Man- cini | D: Joanne Woodward, John Malkovich, Karen Al- len, James Naughton | 134 min | OmU | Die filmische Umsetzung einer Bühneninszenierung des Williams- town Theatre Festivals in – mit Ausnahme von John Malkovich – derselben Besetzung. »Die schäbige Mietswohnung der Wingfields im St. Louis der 1930er Jahre erstrahlt in den goldbraunen Tönen eines El Gre- co, Henry Mancini steuert melancholische Blues mit viel Klarinette bei, und die Kamera von Michael Ballhaus umkreist andachtsvoll vier perfekte Illusionisten: Joanne Woodward zieht mit öligen Koloraturen die Register einer von ihrem Mann verlassenen einstigen Südstaa- ten-Beauty; John Malkovich leiht dem Sohn, der den verhassten Job im Lagerhaus zugunsten der Schrift- stellerei hinschmeißen will, seinen ungelenken masku- linen Charme; Karen Allen als die gehbehinderte, ganz in der Welt ihrer Glasfiguren lebenden Tochter, schafft das Kunststück, ihren kräftigen Körper durchsichtig und zerbrechlich wirken zu lassen.« (Andres Müry)

Sonntag, 16. Juni 2019, 18.30 Uhr

The Hudsucker Proxy (Hudsucker – Der große Sprung) | USA 1994 | R: Joel Coen | B: Joel Coen, Et- han Coen, Sam Raimi | K: Roger Deakins | M: Carter Burwell | D: Tim Robbins, Jennifer Jason Leigh, Paul Newman, Jim True-Frost, Bill Cobb | 111 min | OmU |

Paul Newman, Jim True-Frost, Bill Cobb | 111 min | OmU | Die Capraeske Fantasiehandlung spielt

Die Capraeske Fantasiehandlung spielt 1958, doch das Dekor wirkt eher wie 1935. Norville Barnes (Tim Rob- bins) hat eine geniale, aber rätselhafte Idee – »You

know, for kids!« – und wird vom Raubtierkapitalisten Sidney Mussburger (Paul Newman) weidlich ausgebeu- tet. Newman spielt den Blutsauger mit großer Geste und Haifischgrinsen in dieser Kunstwelt, in der jedes Bild ganz buchstäblich ist: Aufstieg ist ein emporschie- ßender Lift, Fall ein Höllensturz in die Straßenschlucht. THE HUDSUCKER PROXY entstand an der Schwelle zu digitalen Effekten, mit wunderschönen Miniatursets und meisterlich integrierten Matte Paintings. »Ungezü- gelt und mit viel Lust am Diebstahl haben die Coen-Brü- der eine überschäumende Mischung aus Zitaten und liebevollen Genreparodien inszeniert. Eine aberwitzige, übermütige, technisch brillante Komödie, die vor keiner Extravaganz zurückschreckt.« (Volker Gunske)

Freitag, 21. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Dienstag, 25. Juni 2019, 21.00 Uhr

Road to Perdition | USA 2002 | R: Sam Mendes | B:

David Self, nach der Graphic Novel von Max Allan Collins und Richard Piers Rayner | K: Conrad Hall | M:

Thomas Newman | D: Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law, Daniel Craig, Tyler Hoechlin | 115 min | OmU | Wie so viele von Newmans späten Filmen erzählt auch die- ser von Vätern und Söhnen. Es geht um einen Gangster- patriarchen, der einem adoptierten Nachkommen (Tom Hanks) den Vorzug gegenüber dem blutsverwandten (Daniel Craig) gibt. »Mendes enthält sich jeglicher mo- ralischen Wertung des Tuns von Sullivan und seinen Kumpanen, die in einer aus den Fugen geratenen Welt versuchen, ihre Schäflein ins Trockene zu bringen. Sie glauben an das Paradies auf Erden und wissen, dass sie die Hölle erwartet, auch wenn sie jeden Tag zur Kir- che gehen. Nur die Unschuld der Kinder kann zu einem Ausweg aus dem Teufelskreis führen. Dass diese Di- mensionen der vielschichtigen Story den Zuschauer auch fesseln, ist Tom Hanks zu verdanken, der inmitten eines bis in kleinste Nebenrollen grandios besetzten Ensembles gegen sein Image als Normalbürger einge- setzt wurde und dem Antihelden eine Tiefe gibt, wie man sie selten in einem Gangsterfilm erlebt hat.« (Ka- tharina Dockhorn)

Samstag, 22. Juni 2019, 18.30 Uhr

 Mittwoch, 26. Juni 2019, 21.00 Uhr

Ingemo Engström

Retrospektive Ingemo Engström

Jahre der wirksamen Träume Die Retrospektive meiner Filme bedeutet für mich so etwas wie ein Zurückgehen in die Jahrzehnte eines wishful thinking. Waren dies doch Jahre, wo sich wirk- same, auch gefährliche Träume im Kino erfüllten. Und dabei war ich nicht allein. In dieser zuerst rein fiktiven Filmwelt, die ich seit meiner Kindheit und frühester Ju- gend nur illusionär bewohnt hatte, waren Menschen, die mich dann in meinen Unternehmungen in der realen Filmwelt begleiteten. Manche sind inzwischen nicht mehr unter uns oder gingen mir anders verloren. Das blitzte in mir auf wie ein Schock des Trauerns, als DARK SPRING (1970) vor zwei Jahren wieder aufgeführt wur- de und man mich bat, möglichst mit der einen oder anderen Darstellerin zu erscheinen. Aber die beiden gewichtigsten, die meiner eigenen Generation ange- hörten, Katrin Seybold und Edda Köchl, waren da be- reits tot. Und mit DARK SPRING war dies besonders schmerzhaft, weil dort gewissermaßen das Leben selbst sich abgebildet hatte. Ein Leben, in dem aus Ar- beitsbeziehungen Liebesbeziehungen wurden, oder umgekehrt, oder beides gleichzeitig. Und diese Bezie- hungen griffen in das wirkliche Leben ein, waren das Leben selbst. Das gilt für die lebenslange Kooperation mit Gerhard Theuring, auch für die temporäre Zusam- menarbeit mit Harun Farocki, der mit seinen Innovatio- nen bis zu seinem Tod auf mich eingewirkt hat. Filme, die ich mit beiden machte, FLUCHTWEG NACH MAR- SEILLE (1977) mit Gerhard Theuring und ERZÄHLEN (1975) mit Harun Farocki, sind ebenso Teil der Retro- spektive wie Filme, in denen ich als Darstellerin zu se- hen bin: LEAVE ME ALONE (1970) von Gerhard Theu- ring und ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN (1978) von Harun Farocki. Dazu der Film von Gerhard Theuring, den ich mit gigantischer Mühe in den 1980er Jahren produziert habe: NEUER ENGEL. WESTWÄRTS (1990). Für mich war es so, dass ich nach den Anfangszei- ten filmischer Radikalität und abenteuerlicher Forde- rungen mit meinen Spielfilmen eigenständige Wege gegangen bin, 1979 mit dem fiktiven Spiel um den Liebestod LETZTE LIEBE oder mit der Verfilmung des Exilromans von Klaus Mann, FLUCHT IN DEN NORDEN (1985) oder mit der obsessiven Autofiktion einer Schauspielerin in GINEVRA (1992). Aber Spuren ästhe- tischer oder politischer Überlegungen aus den früheren Co-Autoren-Filmen blieben in den Spielfilmen immer erhalten. Zum Beispiel tauchen Motive aus Anna Seghers' Roman »Transit« sowohl in dem FLUCHT- WEG-Film auf als auch in LETZTE LIEBE. Und GINEVRA

FLUCHT- WEG-Film auf als auch in LETZTE LIEBE. Und GINEVRA ist für mich auf vielerlei Weise

ist für mich auf vielerlei Weise eine Art Anschluss gewe- sen an das, was ich mit NEUER ENGEL. WESTWÄRTS thematisch verband. GINEVRA zentriert sich gewisser- maßen um einen abwesend-anwesenden Mann, von dem die Hauptdarstellerin irgendwo sagt: »Er hat getan, was niemand sonst je tat. Und dafür liebe ich ihn.« Hier wird, wie schon in FLUCHTWEG NACH MARSEILLE, der benjaminsche neue Engel evoziert: Ein »Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.« (Walter Benjamin) Auf den Spuren des Benjamin-Engels war ich mit GINEVRA auf meine Weise unterwegs, in denselben südfranzösischen Landschaften wie in der NEUE EN- GEL. WESTWÄRTS, zum Teil mit denselben Darstellerin- nen. Nach den »Blendungen« von GINEVRA kam MRS. KLEIN: ein Eintauchen in die Psychoanalyse. Die Theo- rien von Melanie Klein und D. W. Winnicott waren ir- gendwie schon in einem der früheren Filme enthalten, in KAMPF UM EIN KIND. In allen Filmen gibt es eine sichtbare Kontinuität. Das Wagnis der »Verbindung von Kinoschönheit und der neuen Politik«, was Harun Faro- cki an DARK SPRING so sehr gefiel (in »Fragmente einer Autobiographie«), ist tatsächlich immer mein innerstes Ziel gewesen. Auf andere Weise auch in FLUCHT IN

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Ingemo Engström

Dreharbeiten zu FLUCHT IN DEN NORDEN. Rechts: Ingemo Engström und Axel Block
Dreharbeiten zu FLUCHT IN DEN NORDEN. Rechts: Ingemo Engström und Axel Block

DEN NORDEN. Der politische Auftrag einer flüchtenden Widerständlerin ist gefangen in der schönen Welt des Nordens. Erst am Ende kommt die Befreiung. Das hat mich an dem Roman von Klaus Mann am meisten be- eindruckt, und es hätte mir eigentlich genügt, nur die letzte Seite des Romans zu verfilmen. Der therapeuti- sche Auftrag der Ärztinnen auf der Geburtsstation in KAMPF UM EIN KIND und in der Psychiatrie in LETZTE LIEBE hat auch sozialpolitische Aspekte, die auf Re- cherchen und eigener Erfahrung basieren. Der Ansatz einer Heilfunktion spielt auch in GINEVRA eine Rolle, wenn man da genauer hinsieht. Dann ist da auch die verhaltene Schönheit im Spiel der Schauspielerinnen. Das Spröde-Zarte von Lisa Kreuzer in KAMPF UM EIN KIND. Die dunkle Romantik

48 von Angela Winkler, die ihre natürliche Wildfangart mit der depressiven Gestik ihrer Rolle in LETZTE LIEBE so gut zu verbinden wusste. Die wunderbare Klarheit und Präzision im Spiel von Katharina Thalbach in FLUCHT IN DEN NORDEN, die Präsenz der gefühlsamen Schwedin Lena Olin mit ihrer da schon hollywoodreifen Attraktivi- tät. Und die Tränen des Engels in dem sich selbst auf- gebenden Spiel von Amanda Ooms in GINEVRA, die Hanns Zischler in einem Brief an mich evozierte als »die ungewöhnliche Schauspielerin, die für Augenblicke die Zuschauer in den Bann eines Stummfilms zurückzuver- setzen vermochte«. Bei GINEVRA denke ich ganz be- sonders an den überaus kooperativen und kommunika- tiven Gérard Vandenberg an der Kamera, der leider

lange schon nicht mehr unter uns ist. GINEVRA ist gleichsam eine Art Zeitenwende: Die beiden für Licht und Materialassistenz Zuständigen wurden danach zu sehr bekannten Kameraleuten. Und Axel Block, Wegge- fährte seit den 1970er Jahren, Kameramann bei vier meiner Filme, hat sich gerade dankenswerterweise bei der Lichtbestimmung für die digitale Filmkopie von FLUCHTWEG NACH MARSEILLE eingebracht. Über die Filme lasse ich weiter andere sprechen. In dem von mir besorgten und mit »die bilder der frauen & die herrschaft der männer« betitelten Filmkritik-Heft vom März 1976 habe ich unter dem Titel »Etwas über Schlußbilder und meine Liebe zum Kontinent« über die Entstehung meiner frühen Filme geschrieben. In dem Filmkritik-Heft vom Februar 1978 die Entstehungsge- schichte von FLUCHTWEG NACH MARSEILLE zusam- men mit Gerhard Theuring. Über die anderen Filme gibt es verstreut lange Texte und Gespräche mit mir. Über den etwas verwitterten Begriff der Autorenpro- duzentin möchte ich sagen, dass mir diese Organisati- onsform - mit der ihr innewohnenden Möglichkeit einer mir inhärenten Freiheitssucht und Selbstbestimmung - immer sehr gefallen hat. Es war damals so, dass uns die Türen z.B. des WDR und ZDF offenstanden, und dass auch sonst die Geldvergabe transparenter war als jetzt. Es gab gewissermaßen noch Feuerseelen, die die neue Filmpolitik vorantrieben. Konzentriert habe ich mich stets auf das einzelne Projekt und so lange ge- kämpft, bis ich die Finanzierung hatte. Das bedeutete

Ingemo Engström

lange Wartezeiten und zeitweise Verarmung. Aber die Euphorie war immer da, sobald die Dreharbeiten begin- nen konnten, auch wenn die Erschöpfung manchmal groß war bei gleichzeitiger Regieführung und Produkti- on, dies besonders bei FLUCHT IN DEN NORDEN, einer deutsch-finnischen Koproduktion. In einem langen Ge-

spräch mit frauen und film (Nr. 22/1980) habe ich die existenzielle Situation bei Dreharbeiten so beschrieben:

»dieses gefühl von ohnmacht und allmacht beim dre- hen, diese kindliche allmacht, die da entsteht. das ge- fühl der allmacht, daß es meine bilder sind, die da ent- stehen. ich habe die macht, die fiktion in bewegung zu setzen, und gleichzeitig weiß ich, daß ich ohnmächtig bin ohne die hilfe der anderen, also eine allmacht ohne

bei gewissen sachen kann man in

der reduktion seine handlungsfähigkeit und freie bewe- gung behalten. wenn man mit film ohne aufwand for- schungsreisen unternimmt, ist es möglich. aber bei ei- ner produktion wie LETZTE LIEBE ist es nicht möglich. da entstehen abhängigkeiten. wo du dich nur retten kannst durch vollkommene beharrlichkeit, durch kon- zentration auf das, was du dir vorgestellt hast.« Es gibt also durchaus einen Widerspruch zwischen Phantasie- tätigkeit und sozialem Handeln, oft an der Grenze zum Unversöhnlichen. Es ist sicher so, dass ich in meinem Film-Leben vie- le männliche Vorbilder habe, von Bresson über Godard bis Mizoguchi und Cassavetes und viele, viele mehr, und dass es auch überwiegend Männer waren, die über meine Filme geschrieben haben. Thematisch und auf der reinen Arbeitsebene war ich aber immer eng mit Frauen verbunden, hätte auch gerne einige von ihnen, die für mich eine Bedeutung hatten und die in der letz- ten Zeit fortgegangen sind, durch eine carte blanche geehrt. Zum Beispiel die unermüdlich experimentieren- de Chantal Akerman oder auch Anne Wiazemsky als Darstellerin bei Bresson, Godard und Pasolini, oder die unvergleichliche Alexandra Kluge mit GELEGENHEITS- ARBEIT EINER SKLAVIN. Mit dieser Retrospektive ist für mich die Erinnerung an mir lieb gewonnene Landschaf- ten verwoben, die meine Filme prägen. Wie etwa die Rheinlandschaften in LETZTE LIEBE oder die südlichen Landschaften der Résistance in der Drôme bis hinunter an die südfranzösische Küste, von FLUCHTWEG NACH MARSEILLE bis GINEVRA, die ich bis heute bewohne. Unversöhnt blicke ich in die Zukunft mit neuen Projek- ten. Das gefährliche Träumen geht weiter. Ingemo Engström

wirkliche

Am Morgen des folgenden Tages | BRD 1969 | R+B+K: Gerhard Theuring | M: Roger Roger | D: Ingemo

Engström, Werner Schroeter | 23 min | Anfang und Ende. Ein Stück für zwei Personen. Innenräume und Außenräume. Kinomusik. Der Tod. Ein Citroën und ein Opel Olympia. Straßen, Bäume, Häuser. Das Telefon. Anfang und Ende. – Dark Spring | BRD 1970 | R+B:

Ingemo Engström | K: Bernd Fiedler | D: Gerhard Theu- ring, Edda Köchl, Ilona Schult, Irene Wittek, Ingemo Engström, Katrin Seybold | 92 min | »Ein Film über Liebesutopien von Frauen. Gezeigt wird das Déjà-vu- Erlebnis einer Frau, die am Ende einer fixierten und am Anfang einer utopischen Liebesbeziehung steht. Es werden Begegnungen mit anderen Frauen gezeigt, die in großen Passagen des Films über ihre Liebesverhält- nisse und über mögliche Formen des Zusammenlebens reflektieren. Ihre Aussagen sind authentisch auch dann, wenn sie in einem Inszenierungszusammenhang ste- hen. Der Widerspruch zwischen den arrangierten Table- aus und der Spontanität der Texte ist beabsichtigt. So entstand ein Film mit fiktiven und dokumentarischen Passagen, ein Film, in dem man sehen kann, was ge- schieht, wenn man jemanden aussprechen lässt (bis die Filmrolle ausläuft und noch länger). Da die Darstel- lerinnen jene Sequenzen, in denen sie mitwirkten, zum Teil selbst mitgestaltet haben, sind die Teile so ver- schieden geworden, wie es zum Beispiel verschiedene Genres sein können.« (Ingemo Engström)

Dienstag, 23. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast: Ingemo Engström, Gerhard Theuring

Candy Man | BRD 1968 | R+B: Ingemo Engström | K:

Urs Aebersold | D: Edda Köchl, Wim Wenders, Gerhard Theuring, Matthias Weiss, Jimmy Vogler | 15 min | Eine Wohngemeinschaft. Einer kommt nach Hause und bricht wortlos zusammen. Es ist Candy Man. (Nach Do- novans Musikstück) »Ein Übungsfilm.« (Ingemo Eng- ström) – Leave me alone – Why did you leave Ame- rica | BRD 1970 | R+B+K: Gerhard Theuring | D:

Michael Unger, Ingemo Engström | 128 min | »Hundert- achtundzwanzig Minuten Film aus Musik und stummen Bildern, was zusammen das Dokument eines Traums ergibt, doch anders als bei Fellini, Aufnahmen von Van Morrison, Rod Stewart, Jimi Hendrix, The Rolling Sto- nes, MC 5, Neil Diamond und Aufnahmen von Schau- plätzen aus München, doch solchen, die schon abseits liegen und nur zufällig noch belebt sind, bevölkert von den Schatten der Tagträumer, Gestalten, die sanft ges- tikulierend in die Bilder hineinzuwachsen scheinen, unbekannten Schauplätzen, die den Musikstücken so- wohl nah sind als auch fernbleiben, Innenräumen mit Fensterausblicken, Straßenkreuzungen, Vorstadt, Land- schaft, Abendhimmel, with every footstep a tale is told,

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hundertachtundzwanzig Minuten Film ohne Kunst und Sprache, was zusammen ein Gedicht ergibt aus Raum und Zeit oder auch den Traum eines Traums, kurz, der unbeschreibliche ›Versuch, mit dokumentarischen Mit- teln Fiktives zu erreichen oder durch Fiktion neue Doku- mente‹ (Theuring).« (Jürgen Ebert)

Mittwoch, 24. April 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast:

Ingemo Engström, Gerhard Theuring

Erzählen | BRD 1975 | R+B: Ingemo Engström, Harun Farocki | K: Axel Block | D: Ingemo Engström, Harun Farocki, Hanns Zischler, Otto Sander, Lilli Schoenborn | 60 min | »Zwei Autoren begegnen sich in Berlin und denken nach über die Erzählformen ihrer Projekte, er (Harun Farocki) über eine Geschichte, die eine Vorform zu ZWISCHEN ZWEI KRIEGEN darstellt, sie (Ingemo Engström) recherchiert über das Leben der russischen Schriftstellerin Larissa Reissner, die über den ›Hambur- ger Aufstand‹ berichtete.« (Frauenfilmhandbuch) »Spiel- szenen, didaktische Darlegungen, Bilder, die einfach arglos da sind, Erinnerungsarbeit: Alles durchdringt sich, um die Stofflichkeit und die Mechaniken allen Er- zählens gegenständlich werden zu lassen.« (Österrei- chisches Filmmuseum) – Zwischen zwei Kriegen | BRD 1978 | R+B: Harun Farocki | K: Axel Block, Ingo Kratisch | D: Jürgen Ebert, Michael Klier, Ingemo Eng- ström, Hartmut Bitomsky, Ingo Lampe, Geoffrey Layton | 83 min | »Die Gedankenbilder kreisen um die Analyse des Zusammenhangs von Technik, Arbeit, Wirtschaft und Politik, die der marxistische Ökonom Sohn-Rethel kurz vor der Machtergreifung Hitlers entwarf. Diese Analyse erklärt den Angriffskrieg des deutschen Fa- schismus als Konsequenz aus Verwertungsproblemen der seit Mitte der zwanziger Jahre im Verbund arbeiten- den Stahlindustrie. Der Film hält auf Brecht'sche Weise Distanz zum Einzelschicksal und erzählt keine histori- sche Intrigenhandlung.« (Christa Blümlinger)

Mittwoch, 1. Mai 2019, 19.00 Uhr

Kampf um ein Kind | BRD 1975 | R+B: Ingemo Eng- ström | K: Axel Block | D: Lisa Kreuzer, Hartmut Bitoms- ky, Muriel Theuring, Monique Armand, Despina Papaio- annu, Inge Flimm | 135 min | »Die Geschichte: Eine Berliner Ärztin, verheiratet, ein zweijähriges Kind, ver- lässt ihren Mann und geht nach München, um dort im Krankenhaus Rechts der Isar zu arbeiten. Ihr Mann weiß nicht, dass sie schwanger ist. Sie möchte ihr zwei- tes Kind ungeschützter bekommen, vielleicht mit dem Hintergedanken, dass aus einem Kind in einer Frauen- gemeinschaft, mit einer Frau als zweite Bezugsperson nächst der Mutter eine neue Art von Mensch werden

könnte. Elisabeth Kreuzer spielt diese Rolle schatten- haft. Sie markiert sie. Sie bedeutet, dass weder die Rolle noch sie primär als Schauspielerin wichtig ist. Vor der Geschichte ist die Realität: Die Regisseurin mit ih- rem eigenen Kind im Arm leitet den Film ein. Der Film schwankt unentschieden zwischen der Verwendung fiktiver und dokumentarischer Elemente. Die eine Frau

fiktiver und dokumentarischer Elemente. Die eine Frau hat einen echten Bauch und die andere nur ein

hat einen echten Bauch und die andere nur ein Kissen darunter. Vieles im Film ist wie bei Godard. Er hat als erster ausprobiert, wie durch ein fiktives Arrangement der Realität zum gesteigerten Ausdruck verholfen wer- den kann. In VLADIMIR ET ROSA inszeniert er ein ideo- logisches Wortgefecht als Tennismatch, bei Engström führt Harun Farocki ein Ferngespräch mit dem Zu- schauer, ein druckreifes.« (Frieda Grafe)

Mittwoch, 8. Mai 2019, 18.30 Uhr

Fluchtweg nach Marseille | BRD 1977 | R+B: Ingemo Engström & Gerhard Theuring, frei nach dem Roman »Transit« von Anna Seghers | K: Axel Block | D: Kathari- na Thalbach, Rüdiger Vogler, François Mouren-Pro- vensal, Ruth Fabian | 210 min | »Ingemo Engström und Gerhard Theuring drehten unter dem Titel FLUCHTWEG NACH MARSEILLE einen sehr ungewöhnlichen Film über oder nach Anna Seghers’ Roman ›Transit‹. Eigent- lich ist dies mehr eine persönliche Reflexion, ein Essay über Themen des Romans, wobei der Film in weiten Teilen dokumentarisch Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert sowie deutsche Emigranten wie Alfred Kan- torowicz zu Wort kommen lässt, die sich auf der Flucht vor den Nazis in Frankreich aufhielten. So ist dieser Film zugleich die Analyse eines Kapitels deutscher Vergan- genheit. In seiner Klarheit und Ruhe, in seinem Be- wusstsein für die Möglichkeiten filmischer Sprache, ist FLUCHTWEG NACH MARSEILLE geradezu ein Modell für die Verbindung einer literarischen und historischen Recherche und ihre Umschmelzung in kinematographi- sche Form.« (Ulrich Gregor) »Der Schritt nach vorne, der

hier in der Nachfolge Godards getan worden ist: Zur Wirklichkeit, die zu dokumentieren ist, gehören nicht nur die offiziellen Bilder und die Erinnerungen, sondern auch alles Gedachte, Erdachte und dessen Reflexe im Bewusstsein des einzelnen heute.« (Peter W. Jansen)

Mittwoch, 22. Mai 2019, 19.00 Uhr

Letzte Liebe | BRD 1979 | R+B: Ingemo Engström | K:

Ingo Kratisch | D: Angela Winkler, Rüdiger Vogler, The- rese Affolter, Rüdiger Hacker, Hildegard Schmahl, Muri- el Theuring | 129 min | »Ein Film über einen Zusam- menhang von Liebe und Tod, der anders ist als ›Bis dass der Tod uns scheidet‹: Wenn die Liebe zueinander wichtiger als das Leben ist, dann ist der gemeinsame, freiwillige Tod eine Möglichkeit, diese Liebe zu bewah- ren. Und wenn das Leben unaufhaltsam abstirbt, dann ist der Tod ein Versuch, sich das Leben zu bewahren. Ein Film also über eine amour fou – zwischen einer jungen Ärztin und einem ehemaligen Lehrer. Sie, Toch- ter deutscher Juden, die nach Frankreich emigriert wa- ren, kehrt eines Tages nach Deutschland zurück: Ihrer äußeren Realität (dem Leben in Frankreich) entflieht sie in eine innere Vergangenheit (die Erinnerung an ihre Kindheit). Die Schauplätze dieses ›Liebes- und Todes- films‹: der Rhein, da, wo er nicht romantisch ist, son- dern produktiv: schmutzige Ufer, chemische Fabriken, Atomkraftwerke und hoffnungslose Traurigkeit. Schä- bige Hotelzimmer in miesen Absteigen; der Blick auf Industrievororte, in denen man nur sterben, aber nicht

leben kann. Ein Film von einer trostlosen Schönheit.« (Norbert Jochum)

Mittwoch, 29. Mai 2019, 18.30 Uhr

Flucht in den Norden | BRD 1986 | R+B: Ingemo Engström, nach dem Roman von Klaus Mann | K: Axel Block | D: Katharina Thalbach, Jukka-Pekka Palo, Lena Olin, Britta Pohland | 122 min | »Klaus Manns Roman als filmische Lektüre einer vergangenen Gegenwart. Nicht das Drama steht im Mittelpunkt, das theatralische Ereignis, sondern der forschende Blick des Kinemato- graphen, die sichtbare Rede der Körper, der Bewegung. Statt die Geschichte spannungs- und actionreich zu il- lustrieren, modelliert Engström eher Tableaus, die nach- haltige Stimmungen formulieren: die Atmosphäre einer zerrissenen Zeit. Das Buch von 1934 reflektierte sehr radikal den Beginn der Naziherrschaft (und sah deren Folgen sehr genau voraus). Engströms Film betont demgegenüber die persönlichen Probleme dieser prob- lematischen Zeit als allgemeinen Konflikt – als ewigen Streit zwischen dem privaten Glück einer leidenschaft- lichen Liebe und der gesellschaftlichen Verantwortung eines politischen (hier: antifaschistischen) Engage- ments. Die Geschichte funktioniert dabei wie ein Leitfa- den, der zu entdecken hilft, was sonst vergessen bliebe. Eine junge Frau flieht aus Deutschland. Ihre Freunde leben bereits im Pariser Exil. Sie selbst besucht zu- nächst eine Freundin in Finnland.« (Norbert Grob)

Mittwoch, 5. Juni 2019, 18.30 Uhr

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FLUCHT IN DEN NORDEN
Ingemo Engström

Ingemo Engström

Neuer Engel. Westwärts | Deutschland 1990 | R+B:

Gerhard Theuring | K: Jörg Schmidt-Reitwein | P: Inge- mo Engström | D: Gerhard Theuring, Michèle Addala, Catherine Lecoq, Florence Pazzottu, Michelle Roussel, Muriel Theuring | 231 min | »Das Prinzip der Engel ist, dass sie in ein und demselben Augenblick entstehen und vergehen … jetzt … hier … augenblicklich … Rettung … Dies ist, was ich die Wahrheit dieses Films nenne, oder anders gesagt, seine Struktur. Dass es in ihm nichts gibt, was nicht im Augenblick selbst entstan- den wäre. Ja, ein augenblickliches Herausschleudern von Stimme, Geste und Aktion, und dies im Angesicht einer im selben Augenblick sich konstituierenden Be- drohung. Deren Obsiegen gleichbedeutend wäre mit unendlichem und unwiderruflichem Verlust. Ich sehe folglich in dieser Struktur so etwas wie einen Schlüssel. Für den, der das Paradies daraus entziffern wird, das heißt das an der Ekstase teilhabende Moment der Wahrheit.« (Gerhard Theuring) »NEUER ENGEL. WEST- WÄRTS schwebt als Meta-Werk über allem und jedem, das Streben nach dem Gral, der in seinem kinemato- graphischen Geist sogar den eigenen Meta-Märkten ausweicht.« (Olaf Möller)

Mittwoch, 12. Juni 2019, 19.00 Uhr

Ginevra | Deutschland 1992 | R+B: Ingemo Engström | K: Gérard Vandenberg | D: Amanda Ooms, Serge Mag- giani, Michèle Addala, Eliane Tondut, Gerhard Theuring, Muriel Theuring | 142 min | Die Filmschauspielerin Ce- cilia Linné steht zwischen zwei Welten, zwei Männern, zwei Ideen. Sie kündigt den ›Gesellschaftsvertrag‹ mit seiner Verstrickung von Liebe, Arbeit und Geld; aber auch in dieser Befreiung ist sie konfrontiert mit den bei- den wichtigen Männergestalten ihres Lebens. »Von der Suche nach Identität handelt dieser Film; vom Kampf, das Bild der Frau mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. In GINEVRA macht sich eine junge Filmschau-

52 spielerin von Skandinavien aus auf den Weg nach Sü- den. Die Männer, die ihr begegnen, entsprechen den Figuren der Artus-Sage. Es wimmelt von Zitaten in In- gemo Engströms Film, die von Godard bis Dante rei- chen. Ingemo Engström lässt kein Klischee des Kunst- films aus, ihr Film ist prätentiös, unklar und ausufernd. Und doch oder gerade deswegen gelingen ihr großarti- ge Momente cineastischer Theatralik.« (Hans Schifferle)

Mittwoch, 19. Juni 2019, 18.30 Uhr

Mrs. Klein | Deutschland 1995 | R+B: Ingemo Eng- ström, nach dem Stück von Nicholas Wright | K: Klaus Günther | D: Erika Pluhar, Sibylle Canonica, Friederike Kammer | 129 min | Melanie Klein, Psychoanalytikerin

aus Wien, wurde berühmt auf dem Gebiet der Kin- deranalyse. Eine der schärfsten Kritikerinnen ihrer The- sen war die eigene Tochter Melitta Schmideberg. Wrights Theaterstück spielt 1934 in London und zeigt den Konflikt zwischen Mutter und Tochter. Was zu- nächst wie ein fachlicher Schlagabtausch aussieht, entpuppt sich bald als witzig zugespitztes Ringen um Autonomie (der Tochter) und Dominanz (der Mutter). Katalysator dieser Auseinandersetzung ist die junge Emigrantin Paula. Geschickt weiß sie den Kampf der beiden Frauen für sich zu nutzen. »Das Theaterstück von Nicholas Wright, das sehr konzis und mit einer wunderbaren Ironie eine entscheidende Phase im Le- ben von Mrs. Klein zusammenfasst, inspirierte mich zu einer Inszenierung für das Fernsehen. Gerade weil das

zu einer Inszenierung für das Fernsehen. Gerade weil das Stück, bei all seiner Distanz, auch sehr

Stück, bei all seiner Distanz, auch sehr exzessive und poetische Momente hat, wollte ich nah an den Gesich- tern und Dingen bleiben, in einer ständigen inneren Vermittlung zwischen Nähe und Distanz.« (Ingemo Engström)

Mittwoch, 26. Juni 2019, 18.30 Uhr

Hirokazu Kore-eda

Hirokazu Kore-eda: Die gefühlte Realität

Dreharbeiten zu SOSHITE CHICHI NI NARU (WIE DER VATER, SO DER SOHN)
Dreharbeiten zu SOSHITE CHICHI NI NARU (WIE DER VATER, SO DER SOHN)

Es ist eine merkwürdige Idylle, in die SHOPLIFTERS – FAMILIENBANDE (MANBIKI KAZOKU, 2018) seine Zu- schauer einführt. Die Familie Shibata lebt in heiterer Verwahrlosung. Offiziell gemeldet ist an ihrem Wohnort nur Hatsue, deren Rente die schmale ökonomische Grundlage der Gemeinschaft bildet, die sie zuweilen aber auch gern in einer Pachinko-Halle verjubelt. Die Mutter Nobuyo hat einen schlecht bezahlten Job in ei- ner Wäscherei, der Vater Osamu verdingt sich als Tage- löhner und Aki verdient ein Zubrot in einer Peepshow. Die Haupteinnahmequelle dieses kleinen Clans aber sind Ladendiebstähle, an denen bald auch der Neuan- kömmling Juri mitwirkt, ein Mädchen aus der Nachbar- schaft, das von seiner Mutter in die Winterkälte ausge- setzt wurde. Trotz der prekären Verhältnisse wird man den Verdacht nicht los, dass die kriminelle Energie der Shibata noch weitere Ursachen hat: Der Diebstahl schafft Komplizenschaft. Hirokazu Kore-eda schaut vorurteilslos auf das Trei- ben seiner Charaktere, aber sein Blick auf die sozialen Verhältnisse ist zornig: Er erkundet die Ränder, an de- nen die Menschlichkeit verloren zu gehen droht. Seine Helden sind blinde Passagiere in einem Sozialstaat, der erst hinschaut, wenn es zu spät ist. Im Verlauf dramati- scher Enthüllungen, die Kore-eda mit lichter Gelassen- heit inszeniert, kommt heraus, dass die Familienver- hältnisse nicht so sind, wie sie erscheinen. In der

Nestwärme dieses Refugiums nistet durchaus eine Bedrohung des Kindeswohls. Nobuyo und Osamu ver- bindet ein düsteres Geheimnis, dessen Aufklärung sie erlösen könnte. Ihr Sohn Shota, der nun reif genug ist, sich aus der Amoral zu befreien, muss den Verlust der Geborgenheit verwinden. Der unbestechliche Humanist Kore-eda fällt keine Urteile, sondern hält die Verhältnis- se bis zum Ende in der Schwebe. Seine Figuren gehen ihm dabei nicht verloren. Ihre Beweggründe mögen vieldeutig sein, seine Sympathie ist es nicht. Mensch- lichkeit offenbart sich bei diesem Regisseur in den un- erwarteten Situationen und stets ist sie komplexer, als man auf Anhieb denkt. In SHOPLIFTERS, für den er in Cannes wohlverdient die Goldene Palme erhielt, zieht der Regisseur eine Zwischenbilanz seines bisherigen Schaffens. Sein Werk steckt zwar voller Wendepunkte und beschreibt unter- schiedliche Suchbewegungen (der nächste Film des Japaners, THE TRUTH, ist ein Science-Fiction-Drama, in dem Catherine Deneuve und Juliette Binoche die Hauptrollen spielen). Aber die Filme antworten aufein- ander. In SHOPLIFTERS verweist das Motiv des sich selbst überlassenen Kindes auf NOBODY KNOWS (DARE MO SHIRANAI, 2004); die Verbindung zweier Fa- milien aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten beschäftigt Kore-eda bereits in WIE DER VATER, SO DER SOHN (SOSHITE CHICHI NI NARU, 2013), dessen

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Originaltitel sich mit »Endlich Vater sein« übersetzen lässt – was wiederum die große Sehnsucht von Osamu benennt, der in SHOPLIFTERS eine Wahlfamilie um sich schart. Die Erkenntnis der erlösenden Kraft der Wahr- heit schließt an seinen vorangegangenen Film DER DRITTE MORD (SANDOME NO SATSUJIN, 2017) an, in dem ein Anwalt zunächst nur zynische Verteidigungs- strategien entwickelt, dann aber der Wahrheit auf den Grund kommen will. Angefangen hat Kore-eda als Dokumentarfilmregis- seur beim Fernsehen. Die dokumentarische Arbeit setz- te er lange Zeit parallel zu seinen Spielfilmen fort. Er nennt dies »zwei Äste, die in verschiedene Richtungen weisen, aber dieselbe Wurzel haben«. Sein Spielfilmde- büt DAS LICHT DER ILLUSION (MABOROSHI NO HIKARI, 1995) wurde von den Erzählungen einer Witwe inspi- riert, die ihm während der Arbeit an einer Fernsehdoku- mentation vom Selbstmord ihres Mannes erzählte, dessen Beweggründe ihr ein Rätsel aufgaben, an dem sie verzweifelte. Für Yumiko, die Heldin des Films, ist bereits der Tod ihrer Großmutter ein Verlust, den sie nicht verwinden konnte. Nun erblickt sie in ihrem Mann deren Reinkarnation, von der sie nicht Abschied neh- men will. In seinem nächsten Film, AFTER LIFE (WANDAFURU RAIFU, 1998), spielt die Transzendenz eine ganz ande- re, fast komödienhafte Rolle. Eine Gruppe von Beratern hilft auf einer Zwischenstation zur Ewigkeit den Verstor- benen, ihre glücklichste Erinnerung für die Ewigkeit auszuwählen, die dann für sie gefilmt wird. Dieses Fe- gefeuer findet in altertümlichen, staubig möblierten

Büros statt. Kore-eda umfängt alle Metaphysik in einer wunderbaren, bestrickend konkreten Diesseitigkeit. Die naturalistische Lichtführung, die die Nuancen der er- blassenden Spätherbstsonne einfängt, die körnigen Bilder und die sprunghafte Montage verleihen dem Film einen nachgerade dokumentarischen Gestus. Nachdem Kore-eda 2001 mit DISTANCE (DI- SUTANSU) einen Zyklus abschließt, in dem er sich mit Verlust und dem Wesen der Erinnerungen auseinander- setzt, findet er drei Jahre später mit NOBODY KNOWS sein großes Thema: die Familie. Er nimmt die Ambiva- lenz verwandtschaftlicher Beziehungen in den Blick, die Bestimmung oder Wahl sein können. Allerdings hat er zwischendrin auch einen wunderbar zögerlichen Sa- muraifilm gedreht, HANA (HANA YORI MO NAHO, 2006), und mit DER DRITTE MORD einen Thriller, der sich – was im japanischen Kino höchst selten ist – mit dem Justizsystem auseinandersetzt. Aber auch hier sind die Familienbeziehungen ein dichtes Gewebe, das die Handlung trägt. Die Familie ist ein Mikrokosmos, der ihm stets auch Rückschlüsse auf die Verfasstheit der japanischen Ge- sellschaft gestattet. Er ist fasziniert von den Ritualen des Zusammenhalts, der Auflösung traditioneller Struk- turen und dem Widerspruch der Generationen. Dabei rückt er nicht allein Blutsverwandtschaften in den Fo- kus; sein Erzählimpuls ist die Öffnung der Verhältnisse. Wie er in WIE DER VATER, SO DER SOHN beispielsweise das beliebte Filmsujet der Verwechslung von Neugebo- renen aufgreift, zeigt, welchen ungekannten Spielraum er dem Kino damit eröffnet. Seinem Film gebricht es an

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Hirokazu Kore-eda
KŪKI NINGYŌ (AIR DOLL)

Hirokazu Kore-eda

der Mechanik, zu der dieser Konflikt andere Regisseure gewiss verführt hätte. Natürlich schlägt er sich auf die Seite der Kinder – schließlich kann kein anderer Regis- seur diese heutzutage so gut filmen wie er: mit dem richtigen Abstand, ohne die Behauptung der gleichen Augenhöhe und ohne ihnen erwachsene Worte in den Mund zu legen, dafür aber kluge Fragen –, aber er tut es nicht um der Lösung eines dramaturgischen Prob- lems willen, sondern voller Bewunderung für ihre Gabe, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern. Sie prägt bereits NOBODY KNOWS. Natürlich ist das Schicksal der Geschwister, die von ihrer Mutter verlas- sen werden, erschütternd und tragisch. Aber für einen Moment erleben sie auch ein Gefühl der Befreiung: Auf sich allein gestellt zu sein, ist ein Abenteuer. Kore-eda verschweigt die Härten und die Unerträglichkeit dieser Situation nicht. Vielmehr bettet er sie in den Fluss des Alltäglichen ein. Für seinen Erzählstil ist bestimmend, was man im Japanischen »gefühlte Realität« nennt: Er ist eminent haptisch und konkret. Kinder erfahren die Welt durch ihre körperliche Sensorik. Ihre Gesten ge- winnen psychologische Resonanz. Ihre Weisheit zeigt sich in seinen Filmen schon allein darin, wie fasziniert sie von der Mobilität sind, von Flugzeugen, Zügen, Luft- ballons und Drachen. Das Vorgehen des Erzählers Kore-eda lässt sich mit dem des Anwalts Shigemori in DER DRITTE MORD ver- gleichen. Zwar fehlt dem Regisseur dessen Argwohn, aber auch ihm scheint kein Detail zu nebensächlich, um nicht genau betrachtet und untersucht zu werden. Jede Geste, jedes Wort könnte aufschlussreich und bezeich- nend sein. In seinen Filmen ist das Beiläufige essentiell. Den Bruch, der plötzlich durch das Leben seiner Figu- ren geht, fängt er mit einer atmosphärischen Montage der Beobachtungen auf. Sein überlegter, teilnehmender Blick bedarf selten des Nachdrucks der Großaufnahme, vielmehr bettet er seine Figuren visuell in ihr Umfeld ein. Die sanfte Konzentration seines Blicks verleiht, nicht nur in seinen ersten drei Filmen, auch dem Abwe- senden eine bestrickende Präsenz. Von den Rissen in der menschlichen Existenz erzählt er vorzugsweise im Rahmen eines Zyklus', der sich vollzieht. In SHOPLIF- TERS und anderen Filmen gibt der Wechsel der Jahres- zeiten die Struktur vor, in AFTER LIFE erfüllt der Wo- chenrhythmus diese Funktion. Die Entwicklungspro- zesse, die er schildert, sind schwierig und langandau- ernd. Aber in STILL WALKING (ARUITEMO ARUITEMO, 2008) gelingt es ihm, die wichtigen Fragen des Lebens in einem Tag zu verdichten. Der Kreis ist für ihn die geometrische und narrative Form, die seiner Weltsicht am ehesten angemessen ist. Aber er ist nicht geschlos-

sen, so dass – wie in einem Brennglas verdichtet – das Davor und das Danach betrachtet werden kann. In Kore-edas Kino herrscht ein ebenso melancholi- sches wie unsentimentales Einverständnis mit dem Lauf des Lebens, wie es die großen Familienmelodra- men von Mikio Naruse und Yasujirō Ozu oder auch die Mangas von Jirō Taniguchi auszeichnet. Diese Haltung ist weder Resignation, noch beschwört sie eine Idylle. In jeder Einstellung dieses Regisseurs sind Schmerz und Harmonie geborgen. Warum nur besitzen japanische Künstler diese besondere Gabe für eine tröstliche, trotz allem zuversichtliche Wehmut?

Gerhard Midding

Maboroshi no hikari (Das Licht der Illusion) | Japan 1995 | R: Hirokazu Kore-eda | B: Yoshihisa Ogita, nach der Erzählung von Teru Miyamoto | K: Masao Nakabori | M: Chen Ming-Chang | D: Makiko Esumi, Takashi Naitō, Tadanobu Asano, Gōki Kashiyama, Naomi Watanabe, Midori Kiuchi | 108 min | OmU | »Yumiko, eine 25-jäh- rige Frau aus Osaka, heiratet mit Ikuo jenen Mann, den sie als Reinkarnation ihrer Großmutter wahrnimmt. Zu- sammen mit Ikuo hat sie einen Sohn, der gerade drei Monate alt ist, als gemeldet wird, dass der Vater sich unter einen Vorortzug gestürzt hätte. Zurück bleibt ein Schuh und das Glöcklein, das die Frau ihrem Geliebten als Schlüsselanhänger geschenkt hatte. Über die Ver- mittlung einer Nachbarin findet Yumiko fünf Jahre spä- ter einen anderen Mann, der seinerseits die Frau verlo- ren hat und mit seiner kleinen Tochter in jenem Fischerdorf am Meer lebt. Kore-eda setzt diesen spärli- chen Handlungsfaden in meditativ wirkende Bilder um. Einem Subplot gleich setzt er den Ton ein, schafft so- wohl mit der Musik seines taiwanesischen Komponis- ten als auch mit ganz alltäglichen Geräuschen Raum. Wie das Licht im Bild scheint der Glocken-Klang im Ton eine Konstante zu schaffen und die Betrachtenden zu führen.« (Walter Ruggle)

Freitag, 26. April 2019, 21.00 Uhr

Wandafuru raifu (After Life) | Japan 1998 | R+B:

Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Yasuhiro Kasamatsu | D: Arata, Erika Oda, Susumu Terajima, Ta- kashi Naitō, Kyōko Kagawa, Yūsuke Iseya | 119 min | OmU | »Etwas staubig, einfach und freundlich sieht er aus, dieser letzte Ort vor der Ewigkeit in dem Film AF- TER LIFE. Wie das Zollhäuschen eines gut gelaunten Existenzialismus, der sich längst mit metaphysischen Sehnsüchten und den Widersprüchen des Tatsächli- chen ausgesöhnt hat. Hier werden frisch Verstorbene von einem Beraterteam in Empfang genommen, um

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den wichtigsten Augenblick ihres Lebens zu ermitteln, ihn nachzudrehen und den Durchreisenden dann als ewige Erinnerung mit ins Jenseits zu geben. Der Zug an einer Zigarette irgendwo zwischen den Fronten im Zweiten Weltkrieg, das Wiedersehen mit einem Totge- glaubten, ein Pfannkuchen in Disneyland. Je nach Be- trachter, zum Sterben schöne Augenblicke. Hirokazu Kore-edas Film ist eine konzentrierte Betrachtung der letzten Dinge und allerletzten Fragen. Keine Kamerabe- wegung, keine Perspektive überhöht oder relativiert die Erinnerungsprotokolle. Effektorientierte Bilder gibt es erst bei den Studioinszenierungen der ausgewählten Momente.« (Birgit Glombitza)

Sonntag, 28. April 2019, 21.00 Uhr

Disutansu (Distance) | Japan 2001 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | D: Arata, Yūsuke Iseya, Susumu Terajima, Yui Natsukawa, Tadanobu Asano, Ryō | 132 min | OmU | Eine fiktive Sekte hat die Wasserver- sorgung Tokyos mit einem Virus verseucht. Hunderte starben, Tausende wurden vergiftet. Drei Jahre später treffen sich vier Angehörige der Täter, die nach dem Anschlag Selbstmord begingen, an dem Waldsee, über dem die Asche der Toten verstreut wurde, um ihrer zu gedenken. »Die Leute bleiben für die Nacht im Wald. Sie rauchen. Reden ein wenig. Sie erinnern sich an die Toten, an ihre Beziehungen zu ihnen. DISTANCE ist kei- ne jener Lehrplattitüden, die auf dem Gerüst der Hol- lywood-Dramaturgie aufgezogen werden, und in denen

jedes Leiden am Ende einen Sinn hat, nur weil es zu Läuterung und zu einem Happy End führt. Man liebte sie, aber kannte sie kaum. DISTANCE ist eine Meditati- on über die Ruhe und kommt so nah an diesen Zustand selbst, wie es im Erzählkino gerade noch möglich ist. Nach den Maßen des Mainstreamkinos wird hier alles falsch gemacht, und doch fühlt sich der Zuschauer nach diesem Film frisch und wiederbelebt. Es geht ihm wie den vier Leuten im Wald: Die Ruhe aktiviert den Geist.« (Gunter Göckenjan)

Freitag, 3. Mai 2019, 21.00 Uhr

Dare mo shiranai (Nobody Knows) | Japan 2004 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Gon- chichi | D: Yūya Yagira, You, Ayu Kitaura, Hiei Kimura, Momoko Shimizu, Hanae Kan | 141 min | OmU | »Vier Geschwister, abgeschlossen von der Außenwelt. Zur Schule gehen sie nicht. Etwas Rätselhaftes umgibt ihr Leben. Eines Tages ist auch die Mutter fort. Und die vier beginnen, auf sich gestellt, inmitten der modernen Welt zu verwildern. Zögerlich verlassen sie ihre Wohnung, und eine magische Odyssee der Weltentdeckung be- ginnt, voller Nüchternheit und Poesie. Vier Jahreszeiten ziehen vorüber und eine Kindergeschichte, wie man sie selten zu sehen bekommen hat im Kino. NOBODY KNOWS ist das, was man als Meisterwerk bezeichnet, ein schlicht großartiger Film. Hirokazu Kore-eda ist ein Stiller, dessen Geschichten sich auf den ersten Blick stark voneinander unterscheiden und beim zweiten

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Hirokazu Kore-eda
DARE MO SHIRANAI (NOBODY KNOWS)

Hirokazu Kore-eda

Hinschauen wiederkehrende Themen und Motive offen- baren und eine Stringenz in der Erzählung, die ihres- gleichen sucht. Kore-eda ist ein visueller Autor, der den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos kennt und weiß, dass dieser ganz besonders im Stillen ruht. Sein Kino ist denn auch ein geradezu meditatives, das einen mitträgt.« (Walter Ruggle)

Samstag, 4. Mai 2019, 21.00 Uhr

Hana yori mo naho (Hana) | Japan 2006 | R+B: Hiro- kazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Tablatura | D:

Jun'ichi Okada, Rie Miyazawa, Tadanobu Asano, Arata Furuta, Jun Kunimura, Katsuo Nakamura | 128 min | OmU | »Wer meint, ein Samuraifilm sei zwangsläufig ein Kampffilm, irrt. Hirokazu Kore-eda macht sich im Ge- genteil lustig über die Epoche, in der der ehrenvolle Tod mehr bedeutet hat als das Leben. Er setzt seine Ge- schichte in einem Kirschblütenfrühling zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Szene, mitten in einer verhältnis- mäßig friedfertigen Zeit. Das gibt ihm Gelegenheit, hin- ter die Kulissen der japanischen Gesellschaft im alten Edo zu blicken und mit einem wunderbaren Sinn für sanfte Komik das Treiben zu beobachten. Gekämpft wird nicht und wenn, dann mal mit Schlagstöcken zum Spiel. Es gibt wenige Filme, in denen wir so viel über die japanische Gesellschaft jener Epoche erfahren können in einer mehrfachen Liebesgeschichte: Das ist diese Liebe zwischen den Samurai, der eigentlich losziehen musste, den Tod seines Vaters zu rächen, und der traumhaft schönen Witwe Osae, da ist die Liebe zwi- schen ihm und ihrem Sohn, eine Vater-Sohn-Bezie- hung, von der manches Kind träumen kann, und da ist ganz einfach auch so etwas wie die Liebe zum Leben.« (Walter Ruggle)

Freitag, 24. Mai 2019, 21.00 Uhr

Aruitemo aruitemo (Still Walking) | Japan 2008 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Gon- chichi | D: Hiroshi Abe, Yui Natsukawa, You, Kazuya Ta- kahashi, Shōhei Tanaka, Kirin Kiki | 114 min | OmU | »Eine sehr normale, weil gestörte Familienaufstellung, und eine höchst spannende obendrein. Dabei passiert, abseits mitunter messerscharf böser Sätze, die vor al- lem die Alten fallen lassen, nur wenig sichtbar Dramati- sches. Es ist Sommer im hügeligen Städtchen an der Küste, das Wetter ist schön, man isst gut. Doch dane- ben: Verwundungen, nie heilende. Neue Schläge, aus- geteilte, weggesteckte. Trotzdem versucht man, eine Art Liebe zu zeigen, irgendwie. Und den Blick für den Schmerz der Eltern wach zu halten. Oder wenigstens den geforderten Respekt vor ihnen nicht zu verlieren.

Der Regisseur denkt das Leben von seiner Vergänglich- keit her – und ergründet es sorgfältig im Alltäglichen, wobei sein klarer Blick am ehesten an Yasujirō Ozu er- innert. ›Still Walking‹ ist ein Zitat aus einem japanischen Schlager, der 1970 en vogue war. Die damals junge Toshiko hat sich die Platte gekauft. Noch so ein Ge- heimnis, das der grandiose Film in aller Beiläufigkeit dahinsagt. Ein Film, der die Zuschauer still umspinnt, verzaubert, verhext, erlöst.« (Jan Schulz-Ojala)

Samstag, 25. Mai 2019, 21.00 Uhr

Kūki ningyō (Air Doll) | Japan 2009 | R+B: Hirokazu Kore-eda, nach dem Manga von Yoshiie Gōda | K: Pin Bing Lee | M: World's End Girlfriend | D: Doona Bae, Arata, Itsuji Itao, Joe Odagiri, Sumiko Fuji, Masaya Ta- kahashi | 116 min | OmU | Ein Mann um die vierzig kehrt in einer regnerischen Nacht von seiner Arbeit als Kellner heim in seine kleine Vorortswohnung in Tokyo. Er freut sich darauf, den Abend mit Nozomi zu verbrin- gen, einer aufblasbaren Puppe, die er sich für wenig Geld gekauft hat. Mit ihr spielt er Eheleben, plaudert mit ihr am Tisch über den Arbeitstag. Im Bett knistert das Plastik. Eines Morgens, kaum ist der Herr aus dem Haus, beginnt die Puppe sich zu bewegen, kleidet sich und stakst hinaus auf die Straße. Sie will das Leben entdecken und nimmt wissbegierig auf, was sie unter- wegs zu sehen und hören bekommt. »Da ist einmal mehr die Magie, das Feingefühl, die liebevolle Ironie von Kore-eda am Werk, sein Gespür für die menschli- che Unsicherheit und die richtigen Fragen im falschen Moment. AIR DOLL ist ein Film über die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und was es allenfalls be- deutet, für andere ein Mensch zu sein. Noch lebens- werter aber machen das Leben ganz unzweifelhaft die Filme von Hirokazu Kore-eda.« (Michael Sennhauser)

Freitag, 31. Mai 2019, 21.00 Uhr

Kiseki (I Wish) | Japan 2011 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | M: Quruli | D: Kōki Maeda, Oh- shirō Maeda, Joe Odagiri, Yui Natsukawa, Hiroshi Abe, Masami Nagasawa, Kirin Kiki | 128 min | OmeU | »Ganz aus der Sicht der beiden Brüder Koichi und Ryunosuke erzählt Kore-eda, wie sich eine Familie nach der Tren- nung neu zusammenraufen muss: Der Vater lebt mit dem jüngeren Sohn im Norden der japanischen Insel Kyushu, die Mutter ist mit dem älteren Sohn in den Sü- den gezogen, nach Kagoshima, wo der aktive Vulkan Sakurajima wie ein schlafender Drache Rauchwolken ausstößt. Koichis größter Wunsch ist es, dass die Fami- lie wieder zusammenkommt; seine größte Angst, dass der Vulkan ausbricht. Als er erfährt, dass sich die bei-

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Hirokazu Kore-eda

den neuen Hochgeschwindigkeitszüge – einer von Nord nach Süd, der andere von Süd nach Nord – zum ersten Mal kreuzen, weiß er, was er tun muss, damit alles gut wird. Kore-eda nimmt sich Zeit. Wunder geschehen bei ihm keine, doch der Aufbruch der beiden Brüder in Richtung Kreuzungspunkt der Züge lässt den Film ab- heben. Die Kinder bestimmen den Rhythmus, ihre Inte- ressen steuern den Blick der Kamera, und plötzlich zeigt sich die Welt der Erwachsenen als eine Möglich- keit von vielen.« (Christine Lötscher)

Samstag, 1. Juni 2019, 21.00 Uhr

Soshite chichi ni naru (Wie der Vater, so der Sohn) | Japan 2013 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Mikiya Taki- moto | M: Jun’ichi Matsumoto | D: Masaharu Fukuya- ma, Machiko Ono, Yōko Maki, Lily Franky, Jun Fubuki, Kirin Kiki | 121 min | OmU | »Kore-edas neuer Film er- zählt die Geschichte zweier nach der Geburt im Kran- kenhaus vertauschter Kinder und wirft dabei die Frage auf, was eine Familie wirklich ausmacht. Die Verbun- denheit und Vertrautheit durch das gemeinsame Zu- sammenleben oder doch die Blutsbande? Stets tritt die Kamera einen Schritt zurück, um die Reaktionen aller Beteiligten zu registrieren: Die Verunsicherung der bei- den kleinen Jungen, die plötzlich ihre richtigen Eltern kennenlernen und die gar nicht wissen, wie ihnen ge- schieht. Das Fremdheitsgefühl der Eltern gegenüber einem Jungen, der ihr biologischer Sohn ist, den sie aber gar nicht kennen. Auch wenn die Totale eine Ein- stellung ist, die auf Distanz geht, erzeugt sie hier gera- de Nähe zu ihren Figuren. Der Film entscheidet sich nicht für eine Perspektive, sondern entwickelt mit prä- zisem Blick Verständnis für alle Beteiligten. So viel Ver- ständnis, dass auch der Zuschauer in das Geschehen involviert wird und sich ebenso ohnmächtig und von den Gefühlen zerrissen fühlt, wie die Menschen auf der Leinwand« (Anke Leweke)

Freitag, 7. Juni 2019, 21.00 Uhr

58 Umimachi Diary (Unsere kleine Schwester) | Japan 2013 | R+B: Hirokazu Kore-eda, nach dem Manga von Akimi Yoshida | K: Mikiya Takimoto | M: Yōko Kanno | D:

Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Kirin Kiki, Lily Franky | 128 min | OmU | »Kore-edas Film übernimmt die episodische Form der Vorlage. Mit leichtfüßigen Sprüngen kann er so die verschiedensten Ebenen verbinden: Den Schul- und Berufsalltag, die Liebesgeschichten und Flirts von vier jungen Frauen im modernen Japan. Und ihre kleinen und großen Rituale. Immer wieder kann man nur staunen darüber, wie we- nig es hier braucht, um alles zu erzählen. Etwa wenn in

der Küche, beim Sprechen über ein Gericht und die damit verbundene Erinnerung, das so unterschiedliche Verhältnis der jüngsten und der ältesten Schwester zum Vater aufscheint: die Nähe der einen und die leise Trauer und Enttäuschung der anderen. In diskret ge- rahmten Einstellungen folgt Kore-eda diesen feinfühli- gen Wesen, die auf eine völlig unpathetische Art auch zu unseren Schwestern im Geiste werden. Man fühlt sich fast ein bisschen verlassen, als der Film plötzlich vorbei ist.« (Katja Nicodemus)

Samstag, 8. Juni 2019, 21.00 Uhr

Ishibumi (In Stein gemeißelt) | Japan 2015 | R+B:

Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yamazaki | Mit: Haruka Ayase, Akira Ikegami | 85 min | OmeU | »Neufassung« einer berühmten japanischen Fernsehsendung von 1969, zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 6. August 1945. 322 Schüler und vier Lehrer arbeiteten damals ganz nahe der Explosion. Vie- le starben sofort. Die kurzzeitig Überlebenden sammel- ten Zeugnisse der letzten Worte und Taten ihrer toten Mitschüler, die Angehörigen schrieben diese Texte spä- ter weiter, und daraus entstand ein Buch, das in Japan Schullektüre wurde. Die Schauspielerin Haruka Ayase liest Auszüge aus diesen Texten, der Journalist Akira Ikegami interviewt Familienangehörige der Opfer und andere Überlebende. »Kore-edas Herangehensweise – gleichermaßen elegisch und unsentimental – erhöht dieses Material zu einer universalen Tragödie. Ayases Lesung ist nicht nur voller Sympathie, sondern lässt auch einen Zorn anklingen, der ohne übertriebene Dra- matisierung einen besonderen Fokus auf die Texte wirft. Das ist nicht so sehr Lektüre als vielmehr Miterleben und Zeugenschaft.« (Mark Schilling)

Freitag, 14. Juni 2019, 21.00 Uhr

Umi yori mo mada fukaku (Nach dem Sturm) | Ja- pan 2016 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Yutaka Yama- zaki | M: Hanaregumi | D: Hiroshi Abe, Yōko Maki, Taiyō Yoshizawa, Kirin Kiki, Lily Franky, Satomi Kobayashi | 118 min | OmeU | »Längst vergangen ist der Ruhm des preisgekrönten Schriftstellers Ryota, der, permanent knapp bei Kasse, seinen elfjährigen Sohn öfter sehen möchte und dafür das Vertrauen seiner Ex-Frau wieder- zugewinnen sucht. Hirokazu Kore-eda zelebriert in die- sem jüngsten Familienstück zweistündigen Ereignis- Minimalismus: Damit holt er die Erzählung gleichsam auf das Maß des Alltäglichen herunter. Denn was pas- siert schon vieles in einem gewöhnlichen Leben. Selbst der Kulminationspunkt des Films, als ein Sturm die ge- trennte Familie dazu zwingt, bei Ryotas Mutter eine

Nacht zusammen unter einem Dach zu verbringen, ist eigentlich kein Ereignis, sondern scheint zumindest in Japan vielmehr ins Möglichkeitsrepertoire des Alltags zu gehören. Es ist denn auch der zwischenmenschliche Austausch im mikroskopisch Kleinen der Gesten, Blicke und Worte: von Vater und Sohn, von Sohn und Mutter, von Enkel und Großmutter, von Ex-Mann und Ex-Frau, der diesen Film ausmacht – und uns die Qualität des Ereignislosen entdecken lässt: gerade auch fürs eigene Leben.« (Philipp Meier)

Samstag, 15. Juni 2019, 21.00 Uhr

Sandome no satsujin (Der dritte Mord) | Japan 2017 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Mikiya Takimoto | M: Lu- dovico Einaudi | D: Masaharu Fukuyama, Kōji Yakusho, Suzu Hirose, Yuki Saitō, Kōtarō Yoshida, Shinnosuke Mitsushima | 124 min | OmeU | »Welch wunderbar kon- sequenter Film für Menschen, die sich im Kino gerne auf so subtile wie packende Art verwirren lassen. Alles scheint erschreckend klar zu Beginn. In der ersten Mi- nute sehen wir, wie ein Mann einen andern erschlägt und dessen Leiche verbrennt. Wir hören sein nüchter- nes Geständnis gegenüber dem Anwalt, der ihn vertei- digen soll. Vor dreißig Jahren hatte er schon einmal ei- nen Doppelmord verübt an zwei Kredithaien und ist nur knapp der Todesstrafe entgangen. Hirokazu Kore-eda erzählt diese dunklen Bewegungen der Suche nach der Wahrheit in immer neuen raffinierten Twists und Dre- hungen. Am Schluss ist alles höchst erhellend unklar. War es Rache? Oder Raubmord? Oder ist der Täter gar zum Mord angestiftet worden? Nicht zuletzt wird dieser

stille Thriller über die Unausschöpflichkeit der Wahrheit zu einer tiefen Verbeugung vor dem japanischen Alt- meister Akiro Kurosawa und seinem thematisch ver- wandten, nicht minder komplexen Meisterwerk RASHO- MON.« (Alfred Schlienger)

Freitag, 21. Juni 2019, 21.00 Uhr

Manbiki kazoku (Shoplifters – Familienbande) | Ja- pan 2018 | R+B: Hirokazu Kore-eda | K: Ryūto Kondō | M: Haruomi Hosono | D: Lily Franky, Sakura Andō, Mayu Matsuoka, Kirin Kiki, Kairi Jō, Miyu Sasaki | 121 min | OmU | »Im Zentrum stehen die Shibatas, die im Häus- chen der Großmutter wohnen. Gemeinsam leben Oma, Vater, Mutter, Schwägerin und Enkel in einem Raum, vollgestopft mit Nahrungsmitteln, Geschirr, Kleidern. Das Essen stammt von Diebeszügen, die der Vater mit dem zwölfjährigen Sohn unternimmt. Es sind Ausflüge von stiller Eleganz, choreografiert nach den Achsen von Supermarktgängen und den Blickrichtungen der Kas- sierer. Eines Tages gesellt sich ein vierjähriges miss- handeltes Mädchen aus der Nachbarschaft zu den Shibatas. Die Kleine hat Hunger, und sie bleibt. Mit flie- ßenden, behutsamen Kamerabewegungen zeigt Ko- re-eda, wie das Kind in das pragmatische, aber eben auch liebevolle Zusammenleben der Familie eingefügt wird: mit genervten Blicken, nachsichtigen Gesten, klei- nen Schimpfereien, zunehmender Zärtlichkeit. Aber warum nur scheint sich niemand Gedanken darüber zu machen, dass die rein emotionale Adoption auch Schwierigkeiten bringen könnte?« (Katja Nicodemus)

Samstag, 22. Juni 2019, 21.00 Uhr

59 MANBIKI KAZOKU (SHOPLIFTERS – FAMILIENBANDE) Hirokazu Kore-eda
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MANBIKI KAZOKU (SHOPLIFTERS – FAMILIENBANDE)
Hirokazu Kore-eda

Michael Pfleghar

Michael Pfleghar und das Kino

Dreharbeiten zu DIE TOTE VON BEVERLY HILLS
Dreharbeiten zu DIE TOTE VON BEVERLY HILLS

Cool, crazy, sexy, groovy Einen Pfleghar-Film sehen, das heißt, eine Reise zu un- ternehmen in die Vergangenheit der Zukunft. Seine genuinen Cine-Spektakel der Swinging Sixties, die ei- gentlich unvorstellbar sind im deutschen Kino jener Zeit, gleichen irrwitzigen Trips durch eine Jetset-Pop- Welt, in der ein Supersonic Feeling herrscht, das den Zuschauer verwirrt, verzückt, verändert. Pfleghar versucht in seinen ausgeflippten Filmen, die Komödien, Satiren, Grotesken, Farcen, Possen, Mu- sicals, Comics, Pop Art, Trash und noch viel mehr sind,

60 nichts Geringeres als die Welt aus den Angeln zu he- ben. Er ist ein Revolutionär des Stils, der Narration, des Rhythmus. Seine attraktiven Scope-Bilder scheinen zu tanzen in Ekstase. Und er macht den deutschen Film international: nicht nur weil er für die damalige Zeit an richtig fernen Orten wie Los Angeles und Tokio dreht, sondern vor allem auch weil er geradezu durchdrungen ist vom Weltkino. In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS gibt es eine Szene, die auf einem villenartigen Anwesen in der kalifornischen Wüste spielt. Eine mondäne Party findet dort statt, und die bizarren Gäste stehen wie in

einem Marienbad des Pop DeLuxe herum, als wären sie arrangiert worden von Alain Resnais und Jerry Lewis. In SERENADE FÜR ZWEI SPIONE reist ein Agent von Euro- pa nach Amerika: auf Wasserski, von einem Motorboot gezogen – der reine dadaistische Nonsens. In San Francisco angekommen, versucht er zu telefonieren. Weil ihn der Verkehrslärm stört, bittet er aus der Tele- fonzelle heraus um Ruhe. Und der Alltag verstummt sogleich in dieser die Kinofiktion aufhebenden Szene, die natürlich an Frank Tashlin erinnert, auch an Beatles- Regisseur Richard Lester und Nouvelle-Vague-Mann Philippe de Broca.

Wunderkind und Showman Pfleghars Kino-Œuvre ist recht schmal geblieben. 3 ½ Spielfilme hat er gedreht zwischen 1963 und 1967. Bereits vor seiner irgendwie unvollendeten Kino-Karrie- re war er freilich ein Regie-Star beim Fernsehen, das gefeierte, hyperaktive Wunderkind der TV-Shows. Der 1933 geborene Pfleghar begann seine Laufbahn beim SDR in Stuttgart als Schnittmeister. Eine erste Kostpro- be seines Regie-Könnens lieferte er dort ab mit dem

Michael Pfleghar

kleinen, feinen TV-Musical DER SCHALLPLATTENDIEB, das er zusammen mit dem jungen Martin Walser reali- siert hat. Bald wechselte Pfleghar zur Bavaria nach München, wo er von 1959 bis 1963 als Oberspielleiter

fungierte. In seinen TV-Shows aus dieser Zeit mit Cate- rina Valente (BON SOIR, KATHRIN!), Vico Torriani (HOTEL VICTORIA) oder Hazy Osterwald verknüpft er das Träu- merische mit dem Wirklichen durch eine innere Logik und nutzt dazu alle Möglichkeiten des Mediums Fern-

sehen. The medium is the message

ein wenig skeptisch damals und schrieb über Pfleghars beinahe experimentelle Revue LIEBEN SIE SHOW?:

»Der junge Regie-Star hatte ein Spiel mit der Aufnah- metechnik betrieben, das Zuschauer wie Kritiker ver- störte. Er häufte Schnitte und Blenden, Tricks und Mon- tagen. Er ließ Motorroller durchs Wasser und Boote auf der Landstraße fahren.« Das relativ neue Medium Fern- sehen hat damals gewissermaßen die seit der frühes- ten Stummfilm-Ära bekannten Kinotricks reanimiert und mit neuer Bedeutung versehen. Pfleghars gesam- tes Werk ist gleichsam geboren aus dem Geist des Slapstick. Von jungen, innovativen TV-Regisseuren, die den Weg zum Film fanden, ging weltweit eine gewisse Er- neuerung des Kinos aus. In Deutschland jedoch hatten erfolgreiche Fernsehregisseure wie Franz Peter Wirth, Michael Kehlmann, Fritz Umgelter, Peter Beauvais, Franz Josef Wild oder Kurt Wilhelm mit ihren wenigen Kinofilmen kaum Erfolg. Selbst Pfleghar gelang ja der große Durchbruch beim Film nicht, er konnte nur Ak- zente setzen mit einem Kino, das die Subversion des frühen Kintopp mit dem Drive des Pop kombinierte. Pfleghar, der Macher von Shows, war auch selbst ein Showman, ein Glamour Boy, charmant, ungemein gutaussehend; er war verheiratet mit den Schlagersän- gerinnen Bibi Johns, Inge Brück und Wencke Myhre, er hatte Liaisons mit Corinne Pulver, Tina Sinatra und In- grid Steeger. Pfleghar war ein öffentlicher Mann, er wusste nur allzugut, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf wunderbare, aber auch schmerzliche Weise durchlässig sind. So geht es in seinen Spielfil- men um die Dekonstruktion des schicken Personals der Swinging Sixties. Pfleghar durchleuchtet ironisch und selbstreflexiv bis ins letzte Atom die Mysterien der Su- pergirls, Agenten und Playboys.

Der Spiegel war

The Girl Can't Help It Ein It-Girl der besonderen Art verkörpert bei Pfleghar Heidelinde Weis, die weit mehr ist als eine deutsch- österreichische Anna Karina. Ihre wunderbare Stimme hat Joe Hembus als »ein kostbares Instrument wie die

Gitarre von Segovia« bezeichnet, Der Kult des Girls ge- hört zur Sixties-Mythologie. Pfleghar und Heidelinde Weis kreierten ein faszinierend kapriziöses Girl, das den Begriff »Mädchen« vergessen lässt und auch die »Kind- frau« und den »Vamp« überwindet. Heidelinde Weis spielt ein fremdes, andersartiges Geschöpf, beinahe eine Girl-Collage; die für eine neue Weiblichkeit stehen könnte, vielleicht sogar für ein anderes Menschenbild. In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS sucht sie in der Rolle der Lu vergeblich einen Mann, der ihr treusorgender Ehemann und ausgelassener Spielgefährte ist, gnaden- loser Tyrann und unterwürfiger Sklave zugleich. Und:

Sie will den Blick des Mannes brechen, jenen Blick des Begehrens, der nach der Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey bestimmend ist für das klassische Kino. In SE- RENADE FÜR ZWEI SPIONE spielt die Weis ein eroti- sches Dienstmädchen, das freilich eine Agentin ist, eine verspielte Agentin für eine neue Ordnung der Ge- schlechter: sie zwingt Hellmut Lange, den Agenten 006, während einer Schießerei gar zu einem entwaffnend komischen Striptease.

Pop-Nolr DIE TOTE VON BEVERLY HILLS, nach dem reflexiven Erotikroman von Curt Goetz entstanden, ist ein schwin- delerregender Film. Vertigo a gogo … Ein Spiel mit Realitäten, mit der Dialektik von Verfremdung und Illusi- on. Selbst Brecht wäre verwirrt gewesen. Pfleghar sig- nalisiert gleich zu Anfang, dass alles Kino ist, ein Spiel der Figuren aus Licht und Schatten, ein Auftritt von Geistern – aufgenommen on location in der Stadt der Engel. In der Rahmenhandlung, die in Schwarzweiß ge- halten ist, geht es um den Mord an einer geheimnisvol- len Schönen. Ein Schriftsteller (Klaus Jürgen Wussow auf der Suche nach der Wahrheit) und ein ominöser Detektiv (Wolfgang Neuss, bei Pfleghar ein Kabarettist des Schicksals) versuchen den Kriminalfall aufzuklären. Sie agieren, indem sie in großartigen Cabrios durch L.A. gleiten. Oder sie operieren vom Büro des Detektivs aus, das sich im Stahlgerippe eines halbfertigen Wol- kenkratzers befindet. Ein fantastischer Schauplatz: real und zugleich sinnbildhaft für die Anatomie eines Mord- falls, einer Gesellschaft, einer Moral. In den Ermittlungen spielen die Memoiren der Er- mordeten eine wichtige Rolle. Und diese Erinnerungen werden Realität als Film im Film, diesmal in Farbe ge- dreht. Ein Trip ins Unterbewusstsein, in großen set pieces inszeniert. Heidelinde Weis als Tote erinnert sich, wie sie als ehemaliges Groupie eines Wagner-Sängers aus einem träumerisch-spießigen Europa nach Amerika kam, in die brennende, fast sexuell spürbare Langewei-

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Michael Pfleghar

DIE TOTE VON BEVERLY HILLS
DIE TOTE VON BEVERLY HILLS

le Kaliforniens. Bonjour Tristesse! Als Fata Morgana er- scheint sie in der Wüste, unsterblich, mit unendlich langen Handschuhen und unendlich hohen Stiefeln bekleidet. Sie ist Lulu und Holly Golightly in einer Per- son, von Mode und Verzweiflung umhüllt. Am Ende die- ses seltsamen Films über ein weibliches Phantom gibt es noch einen tollen Auftritt der grandiosen Kess- ler-Zwillinge als wahre 1960er-Jahre-Ikonen: Doppel- gängerinnen aus Germany mit Vegas-Erfahrung, als hätte sie Warhol, der Meister der Vervielfältigung, höchstpersönlich erschaffen.

modern art film DIE TOTE VON BEVERLY HILLS und SERENADE FÜR ZWEI SPIONE wurden von Hans-Jürgen Pohland produ- ziert, seine Firma hieß modern art film. Man fragt sich, wie es Pohland und Pfleghar geschafft haben, für beide Filme on location in den USA zu drehen. Gewiss war hilfreich, dass Pfleghar bereits Revuen in Las Vegas inszeniert hatte. Aber auch Pohland (1934-2014) Ist nicht zu unterschätzen als umtriebiger Hansdampf in allen Filmgassen. Pohlands Werk als Produzent und Regisseur ist ein eigener Kosmos. Er gehörte 1962 zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests. Von

62 seinen Regie-Arbeiten Ist KATZ UND MAUS hervorzuhe- ben, eine recht fetzige Grass-Verfilmung mit Wolfgang Neuss und zwei Söhnen von Willy Brandt. Pohlands größter Erfolg als Produzent dürfte die Böll-Verfilmung DAS BROT DER FRÜHEN JAHRE von Herbert Vesely sein; ein wichtiges Werk des Jungen Deutschen Films, das wie später auch DIE TOTE VON BEVERLY HILLS in Cannes im Wettbewerb lief. An Pohland ist durchaus interessant, dass er als »Oberhausener« die oft unpro- duktive Trennung von Papas Kino und Neuem Deut- schen Film nicht gar so ernst genommen hat. Pfleghar,

der etablierte TV-Mann, der noch dazu auch von Alt- meistern wie Kurt Hoffmann oder Rolf Thiele beeinflusst war, hat sowieso ausgespielt, was damals noch mög- lich war: die Verquickung von Mainstream und Avant- garde.

Happening in der Geisterstadt Während DIE TOTE VON BEVERLY HILLS trotz aller schrägen Elemente eine beinahe melodiöse Eleganz aufweist, ist SERENADE FÜR ZWEI SPIONE, ebenfalls in Scope gedreht, eine rhythmische tour de force aus Gags, Tricks, Farben und Action, direkt auf den Straßen gedreht, ohne Absperrung, wie in der frühen Nouvelle Vague. Ein kleiner, schmutziger Film mit dem Make-up einer Extravaganza der Kinetik. Er ist mehr als eine der damals üblichen Bond-Persiflagen: ein Spiel mit der Essenz des B-Pictures. Hellmut Lange, der später be- kannt wurde als TV-Lederstrumpf und beliebter Mode- rator der Quiz-Show KENNEN SIE KINO? gibt den Eu- ro-Agenten 006, der natürlich von Wolfgang Neuss in die USA geschickt wird, um eine Superwaffe dem Zu- griff der Pepita-Bande zu entreißen. Die Pepitas sind eine Gang von Tänzern in bunten Pullovern, die sich durch die Straßen bewegen, als seien sie der WEST SIDE STORY entsprungen. Im Verlauf des Films wird geboten: Drogen-Halluzi- nation am Strand, ein Autoverfolgungs-Ballett, eine wüste Schießerei unter Wasser mit Mimmo Palmara, einer Kultfigur des italienischen Sandalenfilms, ein Happening in einer Ghost Town mitten in der Wüste, die Pfleghar als Schauplatz für den Anfang und das Ende aller Geschichten liebt. Zudem werden einmal tatsäch- lich das Bild und die Welt auf den Kopf gestellt. Der sympathische, aber nicht allzu aufregende 006 wird zum Spielball der zwei Girls Barbara Lass und Hei-

Michael Pfleghar

delinde Weis, die das eigentliche Thema des Films ver- körpern: das permanente Oszillieren zwischen Un- schuld und Täuschung.

Ein Hauch von Melancholie In seinem dritten Spielfilm BEL AMI 2000, den der Ös- terreicher Karl Spiehs produziert hat, gab Pfleghar schließlich Peter Alexander seine wahrscheinlich schönste Rolle, die eines schüchternen Buchhalters, der in einer sexbesessenen Zeit zum Playboy wider Wil- len wird, sich aber nach einer Weltreise als wahrer, neuer Bel Ami entpuppt: ein formidabler Underdog Im chaotischen Medienzirkus. Danach hat Pfleghar noch einen Beitrag für den Omnibusfilm LE PLUS VIEUX MÉ- TIER DU MONDE (DAS ÄLTESTE GEWERBE DER WELT, 1967) gedreht, mit Raquel Welch in der Hauptrolle (an- dere Episoden von Godard und de Broca). Seine verspielt-dokumentarische Episode für den Kino- film zu den Olympischen Spielen in München 1972 (natürlich über die Frauen bei Olympia) gehört aber be- reits in die Zeit, als er sein Kino-Intermezzo längst be- endet hatte. Als Fernsehmacher und Medien-Magier war er erfolgreicher denn je: Seine Shows und Serien der 1970er und frühen 1980er Jahre wie WÜNSCH DIR WAS, KLIMBIM oder ZWEI HIMMLISCHE TÖCHTER ha- ben TV-Geschichte geschrieben, während im deut- schen Kino dieser Zelt das Fach Komödie unbesetzt blieb. Vielleicht war die TV-Arbeit, in der er stets die Grenzen des Entertainments auslotete, auch eine Fort- setzung der Kinofilme mit anderen Mitteln: sogar den verehrten Jerry Lewis hat er ins deutsche Fernsehen geholt. In einer Kritik in der Zeitschrift Twen zu DIE TOTE VON BEVERLY HILLS, einem Film, der ja auch vom Tod des Kinos handelt, hat Joe Hembus in den 1960ern

noch spekuliert, »dass Pfleghar auch ein großartiger Regisseur für einen ganz realistischen Film wäre«. Wenn man Pfleghars Filme genau anschaut, dann ent- deckt man in ihrer unbändigen Lebenslust auch einen Hauch von Melancholie, in der überbordenden Kreativi- tät auch eine Ahnung von Verzweiflung. In DIE TOTE VON BEVERLY HILLS gibt es zwei Selbstmorde, SE- RENADE FÜR ZWEI SPIONE ist quasi ein Tanz in Death Valley. Alle großen Komödien basieren auf einer tod- ernsten Grundlage. Im Jahre 1991 hat sich Michael Pfleghar das Leben genommen. Es ist an der Zeit, seine wilden und poetischen Filme neu zu entdecken. Hans Schifferle

Die Tote von Beverly Hills | BRD 1964 | R: Michael Pfleghar | B: Michael Pfleghar, Hansjürgen Pohland, Pe- ter Laregh, nach der Novelle von Curt Goetz | K: Ernst Wild | M: Heinz Kiessling | D: Heidelinde Weis, Klausjür- gen Wussow, Wolfgang Neuss, Horst Frank, Alice und Ellen Kessler, Ernst Fritz Fürbringer, Peter Schütte, Bru- no Dietrich | 110 min

Samstag, 27. April 2019, 18.00 Uhr | Zu Gast: Heide-

linde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.

Serenade für zwei Spione | BRD 1965 | R: Michael Pfleghar | B: Klaus Munro, Michael Pfleghar, nach ei- nem Roman von K. H. Günther | K: Ernst Wild | M: Fran- cesco De Masi | D: Hellmut Lange, Barbara Lass, Hei- delinde Weis, Dick Palmer, Tony Kendall, Mimmo Palmaro, Wolfgang Neuss, Annie Giss | 95 min

Samstag, 27. April 2019, 21.00 Uhr | Zu Gast: Heide-

linde Weis, Alice und Ellen Kessler, Michael Pfleghar jr.

SERENADE FÜR ZWEI SPIONE
SERENADE FÜR ZWEI SPIONE

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Filme von Herbert Achternbusch

Die ersten Filme von Achternbusch berührten, weil sie so wenig Kinotechnik brauchten, um das zu fassen, was er in seinen Bildern drin haben wollte. Die bessere Beherrschung der Konventionen hat ihn bisher noch nicht dazu gebracht, die Formen für sich sprechen zu lassen. Filmend verteidigt er wütend seine Ideen. Er zeigt sie her. Sie betreffen alle. Achternbuschs Bilder anzuschauen braucht's keine Bildung. Und wer behauptet, sie seien unverständlich, der hat ganz recht. Traumbilder zu rationalisieren bringt nichts. Aber die Debilität unserer Phantasmen und Traumvorstellungen, aber die unendlichen Mühen beim Großwerden unter Verhältnissen, die andauernd dage- gen sprechen, die kann sehen, wer will. Wer's nicht sieht, sollte sich ganz ernsthaft fragen, ob er nicht von all den anderen verdauten, verordneten Bildern längst blind geworden ist.

Frieda Grafe

64 Herbert Achternbusch
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Herbert Achternbusch

Bierkampf | BRD 1977 | R+B: Herbert Achternbusch | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achternbusch, Annamirl Bierbichler, Josef Bierbichler, Heinz Braun, Alois Hitzenbichler, Margarethe von Trotta, Gerda Ach- ternbuch, Barbara Gass | 88 min | »Der (bier-)kämpferi-

sche Herbert begibt sich in ein gleichermaßen bedrü- ckend wirklichkeitsgesättigtes wie hermetisches Bay- ern-Setting: das Bierzelt des Oktoberfests. Mit einer entwendeten Polizistenuniform ausgestattet – das Ein- nehmen von Rollen, in denen sich Herbert oder ein an- deres Alter Ego immer wieder zu bewähren haben, er- innert an die waghalsigen und dabei mit ordentlich Negativität ausgestatteten Szenerien Buster Keatons – stiftet er Chaos, also das, was ein Staatsdiener eigent- lich zu verhindern hat. Die Bierseligen sind vom Spiel- filmgeschehen überrumpelt, ja zetteln sogar vor laufender Kamera mit dem Polizisten eine Schlägerei an. Hier ragt die Wirklichkeit direkt in die Fiktion hinein und umgekehrt, die Kamera gibt sich ganz dem Ge- schehen hin. Doch dann gibt es wiederum Szenen, die so unumwunden gebaut und stilisiert wirken, dass sie geradezu beklemmen. Spontanität und präzise For- mung gehen eine unentwirrbare Verbindung ein, sagen der stilistisch schlüssigen Wirklichkeitsentsprechung den Kampf an.« (Tilman Schumacher)

Sonntag, 5. Mai 2019, 21.00 Uhr

Der Neger Erwin | BRD 1981 | R+B: Herbert Achtern- busch | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achtern- busch, Annamirl Bierbichler, Helga Loder, Alois Hitzen- bichler, Franz Baumgartner, Dietmar Schneider, Gabi Geist, Josef Bierbichler, Lisa Fitz, Andreas Achtern- busch | 92 min | »Der weiße Neger Erwin war vor seiner Haft Hund in einer Kneipe, die ›Zum Neger Erwin‹ heißt. Als Erwin dort noch Hund war, gab es einen kleinen Zoo bei der Kneipe, aber die Kneipe war eigentlich ein Wirtshaus, denn das Ganze spielt in Bayern. Der aus der Haft entlassene Erwin steckt sich rohe Eier in die Taschen, denn rohe Eier in den Taschen sind gut für die Selbstkontrolle. Aber als Erwin (Herbert Achternbusch), der aussieht wie der Regisseur Herbert Achternbusch, was dann auch zu Verwechslungen führt, seine frühere Chefin Susn (Annamirl Bierbichler) umarmt, da gehen die Eier kaputt. Dann gibt es noch ein Nilpferd, das in der letzten Einstellung des Films in der Isar plantscht. Herbert fragt sich, ob das Nilpferd ein Isarpferd sei oder die Isar der Nil und dann liegt München am Nil. Ach- ternbusch ist ein deutscher Autorenfilmer, der auch ästhetisch das eingeht, was andere scheuen wie die Pest: ein Risiko. Mal mehr, mal – wie in diesem Film – etwas weniger. Aber das ist immer noch mehr als die meisten anderen zusammen sich subventionieren las- sen.« (Norbert Jochum)

Sonntag, 26. Mai 2019, 21.00 Uhr

Herbert Achternbusch

Der Depp | BRD 1982 | R+B: Herbert Achternbusch | K:

Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achternbusch, An- namirl Bierbichler, Franz Baumgartner, Gabi Geist, Alois Hitzenbichler, Karl-Heinz Tittelbach | 82 min | »›Was einen kaputt macht, das hat man im Hirn‹ – beim Dep- pen ist es ein Maßkrug, den ihm sein Freund und Schwager nicht nur auf, sondern in den Kopf geschla- gen hat. Da ist er nun, von einem Zylinder bedeckt, immer noch drin. Der Schläger selbst leidet seitdem an Fischvergiftung, von der er schlagartig geheilt wird, als der Depp als erstes Wort nach seinem Unfall ›Atemnot‹ bildet. Atemnot – man geht wohl nicht fehl, wenn man darin den Ausdruck seines ganzen Lebensgefühls und Weltempfindens sieht. Atemnot gegenüber einer Welt, in der es ständig Kriegsgeräusche gibt, bis dann lako- nisch mitgeteilt wird, der nächste Weltkrieg sei bereits wieder vorbei. Atemnot gegenüber der Frau, die den Deppen jeden Tag mit den gleichen Ritualen in seinen Schuppen einsperrt. Reden lernt er erst wieder bei de- ren Gegenbild, einer (erträumten?) Idealfrau, die den- noch nur das positive Spiegelbild der eigenen Frau ist und konsequenterweise auch von derselben Schau- spielerin gespielt wird. In dem Maß, wo er wieder zu reden lernt, verschwinden die Bilder, die, auf einem Fernsehschirm, sein ganzes Dasein bestimmt haben:

ausweglose Bilder, Eisberge, Affen hinter Gittern, Bilder aus früheren Filmen Achternbuschs, die er hier zitiert.« (Hartmut Weber)

Sonntag, 2. Juni 2019, 21.00 Uhr

Wanderkrebs | BRD 1984 | R+B: Herbert Achtern- busch | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Herbert Achtern- busch, Franz Baumgartner, Annamirl Bierbichler, Josef Bierbichler, Waltraud Galler, Dietmar Schneider, Lau- rens Straub | 95 min | »Die Hauptpersonen sind ein ›Ministerpräsident‹ (eine Mischung aus Ludwig dem Zweiten, Franz Josef Strauß und Franz Baumgartner, der ihn spielt) und ein offenbar an Kehlkopfkrebs er- krankter, mit einer Reibeisenstimme sprechender ›Waldler‹ (Herbert Achternbusch), der ein Gegner des Präsidenten ist. Mit dem Wald stirbt also nicht nur der Waldler, sondern auch die Opposition – und alle, die nach dem Tod der Bäume wie eine Wanderausstellung einen Plastikwald durchs Land tragen, der so giftig ist, dass er als Wanderkrebs bezeichnet wird. Menschen, Natur, Demokratie: Alles hat der Wanderkrebs zerfres- sen. Der Schreibtisch des Ministerpräsidenten ist eine alte Nähmaschine, sein Stuhl eine Kloschüssel, sein Telefon ein Rasierapparat. Wenn er nach seinen Unter- tanen klingelt oder zur Ordnung ruft, haut er mit einem hölzernen Kochlöffel auf den Rest eines Weckers. Wie

eine Klamotte soll uns danach auch die Politik erschei- nen. Das ist ein alter und ein gefährlicher Trick. Schon Dürrenmatt zeigte Romulus den Großen in einem Hüh- nerstall. Wie Romulus wird jetzt der Präsident fahrlässig unterschätzt.« (Helmut Schödel)

Sonntag, 9. Juni 2019, 21.00 Uhr

Punch Drunk | BRD 1987 | R+B: Herbert Achternbusch

| K: Gunter Freyse, Herbert Achternbusch | D: Herbert

Achternbusch, Annamirl Bierbichler, Gabi Geist, Esther Donatz, Gunter Freyse, Franz Baumgartner, Peter Lupa

| 91 min | »Statt sich wie früher von fernen Horizonten

langsam zu nähern, stürzt der Dichter als Schauspieler in seinem neuen Film in texanischer Cowboymontur vor der Kamera her durch München. Wie ein Fremdenfüh- rer, eine von den vielen Masken des fiktiven Staatsse- kretärs Dr. Herbert Riesenhuber, zieht uns der Cowboy gleich einem Haufen Touristen durch den Münchner Stadtteil Sendling. ›All about is Sendling‹, sagt er. Und:

›To be a Sendlinger means to be punch drunk‹, was in der Sprache der Boxer soviel heißt wie ›von vielen Schlägen benommen‹. Stellvertretend für Achternbusch sagt der Cowboy: ›Das ist meine Situation.‹ Dr. Herbert Riesenhuber, der Staatssekretär im bayerischen Kultus- ministerium, scheint ständig auf der Flucht vor seiner eigenen Behörde. Alles treibt auf ein Katastrophensze- narium zu, von dem man nicht weiß, ob es nicht zu- gleich das Paradies ist. Durch die Atomstrahlung sind im Wald die Heidelbeeren so groß wie Tomaten. Wie Adam und Eva spazieren die Riesenhubers samt Freun- den durch das untergehende Land. War früher das Vul- gäre in Achternbuschs Filmen immer auch human, hier hat es sich samt allem anderen ins Monströse ver- kehrt.« (Helmut Schödel)

Sonntag, 16. Juni 2019, 21.00 Uhr

Mix Wix | BRD 1989 | R+B: Herbert Achternbusch | K:

Adam Olech, Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach- ternbusch, Judit Achternbusch, Alfred Edel, Annamirl Bierbichler, Gabi Geist, Dietmar Schneider, Franz Baum- gartner | 88 min | »Herbert Achternbusch ist ruhig, klar, melancholisch geworden in diesem Film. Und fast stumm: Mixwix, der Kaufhausdirektor am Münchner Rathaus-Eck, zieht sich schweigend zurück. Vom Ge- schäft. Auf sich selbst. Er setzt sich aufs Dach und steigt aus. Achternbusch in der Titelrolle – ein bajuwa- rischer Asiate. Am Anfang macht er sich noch Gedan- ken über Socken- und Badehosen-Geschäfte und hat den wachen, listigen Unternehmerblick. Dann aber wenden sich die Gedanken nichtkapitalistischen Wer- ten zu, der Blick kommt von weit innen. Nachdenken

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hat Konsequenzen: Mixwix übergibt sein Kaufhaus sei- nen Angestellten. Ein Film wie eine surrealistische Ele-

hat Konsequenzen: Mixwix übergibt sein Kaufhaus sei- nen Angestellten. Ein Film wie eine surrealistische Ele- gie mit dem großen Atem fernöstlicher Gelassenheit. Oder: die Hektik einer bayerischen Brotzeit ist nichts gegen die Ruhe von Reis, Soja, Dim Sum. Ein Film wie ein Haiku.« (Frauke Hanck)

Sonntag, 23. Juni 2019, 21.00 Uhr

Hick's Last Stand | Deutschland 1990 | R+B: Herbert Achternbusch | K: Cordula Smolka, Herbert
Hick's Last Stand | Deutschland 1990 | R+B: Herbert
Achternbusch | K: Cordula Smolka, Herbert Achtern-
busch | D: Herbert Achternbusch | 79 min | »Achtern-
busch trägt weiße Cowboystiefel, und unter seinem
schwarzen Hut hängen weiße Papierservietten heraus
wie die Locken eines orthodoxen Juden. Hier, wo sich
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Herbert Achternbusch

Hick mit seinen zwei Plastiktüten anschleicht, ist Au- ßenseitergebiet. Er sieht aus wie Karl May als Penner, wie der allerletzte Old Shatterhand. Auf keinen Fall wol- le er ein Bleichgesicht sein, sagt Hick: ›Ja, ich bin Ras- sist, ich hasse die Weißen und bin nicht länger ihr Tanz- bär.‹ Das schreibt er an die ferne Geliebte, die in diesem Film nicht mehr Susn, sondern Mary heißt. Eine schöne Szene: Hick, abseits der befahrenen Highways, zwi- schen baumhohen Kakteen. Schüsse peitschen die Luft. Das road movie ist der motorisierte Western. Auf den Trucks reiten die Trucker-Cowboys. Hick führt uns wie durch den Wilden Westen durch die Filmgeschich- te. Die Kamera dreht sich um sich selbst, der Kreis schließt sich: Wolken, weißblauer Himmel, Berge wie in Bayern und Bisons statt Milchkühe. Ein Raubvogel schwebt über Hicks Kopf, Erinnerung an tote Indianer, an die Zeit, bevor die Reservate kamen und die Welt eng wurde. ›To make a last stand‹ heißt ›sich ein letztes Mal aufbäumen‹. Achternbuschs neuer Film ist eine Meditation. Es gibt keine Dialoge mehr, nur noch letzte Bilder und letzte Briefe an Mary, gelesen von Herbert Achternbusch.« (Helmut Schödel)

Sonntag, 7. Juli 2019, 21.00 Uhr

I know the way to the Hofbrauhaus | Deutschland 1991 | R+B+K: Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach- ternbusch, Bettina Hauenschild, Barbara de Koy, Vero- nika von Quast, Uschi Burkhard, Johannes Silber- schneider | 85 min | »Eine aus dem Sarg auferstandene weibliche Mumie arbeitet in München als kenntnisrei- che Fremdenführerin. Hick ist ihr Fremdenführer-Gehil- fe. Die beiden haben es hauptsächlich mit amerikani- schen und australischen Touristinnen zu tun, die sie durch die Stadt begleiten und letztlich zum Hofbrau- haus, ihrem Lieblingslokal, bringen. I KNOW THE WAY TO THE HOFBRAUHAUS ist ein absurder, aber bis ins letzte Detail logischer und plausibler Film, schwerelos heiter, aber wie alle großen Komödien erfüllt von einer tiefen unterschwelligen Trauer und Irritation, weil die Suche nach dem Glück eigentlich nicht mehr im Diesseits, sondern in einem Zwischenreich stattfindet. Achternbusch hat in Super 8 gedreht, als Stummfilm mit Zwischentiteln und einer wunderbaren Musik, dann wurde der Film auf 35mm aufgeblasen. Ein Drehbuch hat es nie gegeben. Achternbusch ist ein Meisterwerk gelungen, eine hinreißend spontane, im Vergleich zu einigen seiner vorangegangenen Filme auch ungleich leichter zugängliche Komödie.« (Hans Günther Pflaum)

Sonntag, 21. Juli 2019, 18.30 Uhr

Heddy Honigmann

DOK.fest München: Heddy Honigmann

Helden des Alltags Der Fahrer sitzt am Ende des Films in seinem Taxi, einer schäbigen, klapprigen Blechkiste. Er steckt eine Kas- sette in den Rekorder, eine für ihn unschätzbar wertvol- le Kassette, und singt ein wenig mit. Das Liebeslied, das wir hören, Folklore aus seiner Heimat, hallt noch lange nach. »Das Leben ist hart, aber schön«, sagt ei- ner der Taxichauffeure, die Heddy Honigmann in ME- TAAL EN MELANCHOLIE von 1993 porträtiert. Scheinbar schon immer hat Heddy Honigmann die Schnelllebigkeit der Zeitläufe kommen sehen: Ihr setzt sie die Magie des Moments entgegen, die Intimität des Augenblicks. Die in Lima geborene Filmemacherin hat stets ihren sehr persönlichen Blick auf die Gegenwart und auf Menschen gerichtet, die vordergründig keine große Geschichte mitbringen, aber große innere Kon- flikte. Hartnäckig schenkt sie ihnen ihre Aufmerksam- keit, bis sie beginnen zu erzählen: Von ihren Erinnerun- gen und ihrem Leben. Fast ausnahmslos sind es Menschen am Rande der Gesellschaft, denen sie eine Stimme verleiht. Das können die Musiker in der Pariser Metro in THE UNDERGROUND ORCHESTRA von 1997 sein, die als Geflüchtete in der Stadt ein Auskommen

1997 sein, die als Geflüchtete in der Stadt ein Auskommen suchen oder die Veteranen der Blauhelm-Einsätze

suchen oder die Veteranen der Blauhelm-Einsätze in CRAZY von 1999, deren Mut Geschichte schrieb, deren Geschichten aber ungehört geblieben sind.

Mit Anfang zwanzig verlässt Heddy Honigmann ihre Heimat Peru; eine Filmhochschule gibt es dort nicht. Nach Stationen in Mexiko, Spanien und Israel geht sie nach Rom, um am renommierten Centro Sperimentale

di Cinematografia Film zu studieren. Als Sie schließlich

1978 nach Amsterdam zieht, findet sie dort eine neue Heimat, von der aus sie über 40 Jahre lang fast jedes Jahr einen Film dreht. Ihre Werke sind vielfach preisge-

krönt, sie wurde als zweite Filmemacherin vom wich- tigsten europäischen Dokumentarfilmfestival IDFA in

Amsterdam mit dem »Living Legend Award« ausge- zeichnet und das MoMA in New York widmete ihr eine Werkschau. »Ich würde sie niemals verraten«, sagt sie über ihre Protagonisten. Voyeurismus ist ihr fremd, wir schauen

in ihren Filmen nicht auf die Menschen, sondern durch

sie und mit ihnen auf uns. Heddy Honigmanns Blick ist

ein zutiefst humanistischer: Sie feiert das harte Leben

in all seiner Schönheit.

Julia Teichmann / Jan Sebening

Das DOK.fest München findet vom 8. bis 19. Mai 2019 statt. Aus- führliche Informationen zum Festivalprogramm finden Sie ab April unter www.dokfest-muenchen.de

Buddy I Niederlande 2018 I R+B: Heddy Honigmann I K:

Adri Schrover I 86 min I OmeU | »Ich denke, das Wort ›Liebe‹ ist angebracht.« Sie sind Führer, Wegbegleiter und noch viel mehr. In BUDDY begegnen wir sechs Blin- denhunden und ihren Besitzern. Bei einer 86-jährigen Frau hängen Bilder aller Vierbeiner an der Wand, die seit ihrer Jugend an ihrer Seite waren – auch wenn sie diese nicht sehen kann. Ein autistischer Junge beschreibt, wo- ran sein Hund erkennt, ob es ihm schlecht geht. Die Frau eines traumatisierten Kriegsveteranen vermutet, dass sie sich ohne Hilfe des Blindenhunds Mister längst ge- trennt hätten. Das Porträt einer einzigartigen Beziehung.

Donnerstag, 9. Mai 2019, 19.00 Uhr

Metaal en melancholie (Metall und Melancholie) I Niederlande 1993 I R: Heddy Honigmann | B: Peter Del- peut, Heddy Honigmann I K: Stef Tijdink I 80 min I OmeU | Wie lässt sich eine Stadt erfahren? In der Milli- onen-Metropole Lima steigt die Regisseurin in eines der vielen Taxis, die hier an jeder Straßenecke auf Kundschaft warten. Wer ein Auto hat – und sei es noch

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Heddy Honigmann

so verbeult –, bietet seine Dienste an in der Hoffnung, so der Armut zu entkommen. In METAAL EN MELAN- CHOLIE kehrt die gebürtige Peruanerin Heddy Honig- mann nach langer Abwesenheit in ihre Heimat zurück und nimmt das Publikum mit auf ein bewegendes Road- movie durch ein von der Wirtschaftskrise gezeichnetes Land. Der Traum von der Freiheit – diese Helden des As- phalts haben ihn sich bewahrt, allen Realitäten zum Trotz.

Freitag 10. Mai 2019, 19.00 Uhr

Het ondergronds orkest (The Underground Orche- stra) I Niederlande 1997 I R: Heddy Honigmann | B:

Heddy Honigmann, Nosh van der Lely I K: Eric Guichard I 108 min I OmeU | Ein Sänger aus Mali, ein Pianist aus Argentinien, zwei Violinisten aus Rumänien: Vater und Sohn. Sie alle sind aus menschenverachtenden Verhält- nissen nach Paris geflohen und versuchen, sich hier mit ihrer Musik eine karge Existenz zu sichern. Heddy Ho- nigmann folgt ihnen durch die Gänge der Pariser Metro, in ihre kargen Mansardenwohnungen oder horrend überteuerten Absteigen. Die Musik ist für die Protago- nisten nicht nur eine Erinnerung an die verlorene Hei- mat, sondern auch ein schillernder Funke der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine Hymne an die menschli- che Widerstandskraft.

Samstag, 11. Mai 2019, 18.00 Uhr

Forever I Niederlande 2006 I R: Heddy Honigmann | B:

Ester Gould, Heddy Honigmann, Judith Vreriks I K: Ro- bert Alazraki I 97 min I OmeU | Zwischen Toten und Lebenden besteht ein unzerreißbares Band: Die Erinne- rung. Der Friedhof Père-Lachaise in Paris ist ein Ort, an dem Menschen Trost und Ruhe finden, an ihre Angehö- rigen, Freunde und Geliebten zurückdenken oder be- wunderten Künstlern Tribut zollen. FOREVER macht sich den Blick seiner Besucher und Angestellten auf die stille Magie dieses Friedhofs zu eigen. Sie erzählen uns über die Bedeutung der Toten und der Kunst in ihrem Leben, teilen ihre Trauer und ihre Bewunderung mit uns. »Es ist erstaunlich, wie ein Film über einen Fried- hof zu einer Feier des Lebens wird – doch es ist genau das, worum es bei einem klugen Film geht: den Glau- ben daran, dass Kultur und Kunst der Antriebsmotor

68 menschlichen Daseins sind.« (Ramiro Cristóbal)

Sonntag, 12. Mai 2019, 11.00 Uhr

Crazy I Niederlande 1999 I R: Heddy Honigmann I B:

Ester Gould, Heddy Honigmann | K: Gregor Meerman I 97 min I OmeU | Wie soll man weiterleben, wenn man einen Blick in die Hölle geworfen hat? Die niederländi- schen UN-Soldaten, die in verschiedenen Konfliktgebie-

ten auf der ganzen Welt im Einsatz waren, kämpfen bis heute mit ihren Erinnerungen. Schlüssel zur Vergangen- heit ist für viele die Musik, die sie an der Front gehört haben. Ob Giovanni Battista Pergolesis »Stabat Mater« oder Songs von der Band Guns N’ Roses – die vertrauten Klänge helfen dabei, dem Erlebten ins Auge zu sehen und die Angst zu überwinden. Ein Film über den Wahn- sinn des Krieges und die Musik als Überlebensmittel.

Sonntag, 12. Mai 2019, 18.00 Uhr

El olvido (Oblivion) I Niederlande 2008 I R: Heddy Ho- nigmann | B: Sonia Goldenberg, Heddy Honigmann, Judith Vreriks | K: Adri Schrover I 92 min I OmeU | Die Einwohner von Lima haben Jahrzehnte der Wirtschafts- krise, des Terrorismus und der Regierungsgewalt über- lebt: Peru ist ein zerrissenes Land. OBLIVION begleitet Menschen aus dem Heer von Straßenmusikern, Sän- gern, Verkäufern und Schuhputzern, die verzweifelt versuchen, über die Runden zu kommen. Manche die- ser Überlebenskünstler gehen den ungewöhnlichsten Tätigkeiten nach: Hersteller von Präsidentenschärpen sind unter ihnen, Lederwarenreparaturarbeiter und

sind unter ihnen, Lederwarenreparaturarbeiter und Froschsaftverkäufer. Wir treffen Barkeeper und Kellner,

Froschsaftverkäufer. Wir treffen Barkeeper und Kellner, Angestellte in den besten Restaurants und Hotels der Stadt, die jeden Morgen aus den Slums ins Zentrum strömen. OBLIVION zeigt den täglichen Kampf der »klei- nen Leute« ums Überleben – und ihren Widerstand gegen das Vergessenwerden.

Montag, 13. Mai 2019, 19.00 Uhr

Zuschauerkino

15 Jahre Zuschauerkino

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Es geht weiter! Über 25 Veranstaltungen, über 350 Filme, über 45 Stunden reine Filmzeit, weit über 1.000 Zuschauer und zahllose Geschichten zu den Filmen: Wir können auf 15 Jahre Kurzfilmabende im Rahmen des Zuschauerkinos zurückblicken, seitdem diese Veranstaltung in Zusam- menarbeit zwischen dem Münchner Filmzentrum e.V. (MFZ) und dem Filmmuseum wiederauflebte, die es in ähnlicher Form als Schmalfilmtag in den 1970ern ge- geben hatte. Auch für den 6. Juni können alle, die Kurzfilme un- ter 12 Minuten gedreht haben, wieder ihre eigenen Filme einreichen; unabhängig von Inhalt, Format oder Genre; Spielfilm oder Dokumentation, Real-, Kunst- oder Animationsfilm. Das MFZ wählt unter den Filmen aus und stellt ein etwa anderthalbstündiges Programm zusammen. Im Anschluss an die Vorführung bietet das MFZ eine Begegnungsmöglichkeit, damit alle Anwesenden mitei- nander ins Gespräch kommen und sich austauschen können (für Erfrischungen ist gesorgt).

Die Einreichungen müssen bis Donnerstag, den 23. Mai 2019, im Filmmuseum vorliegen (keine Sichtungs- dateien, Vorabversionen oder Streaming-Links). Mög- lich sind die Vorführ-Formate 35mm, 16mm, DigiBeta, BetaSP, Videofiles, DVD-Video, Blu-ray und DCP. Für Pressetexte und die Vorankündigung im Aushang im Filmmuseum sind Screenshots als jpg-Dateien will- kommen. Alle, deren Filme im Programm gezeigt werden, können an der Kasse bis zu fünf Freikarten für den Zu- schauerkino-Filmabend erhalten. Darüber hinaus be- stehen keine weiteren Verpflichtungen des Filmmu- seums. Es wird vorausgesetzt, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über die Rechte an ihren Filmen ver- fügen und diese am Abend vor der Projektion kurz vor- stellen. Kontakt: Filmmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München, zuschauerkino@yahoo.de, Telefon:

089/23327718.

Donnerstag, 6. Juni 2019, 19.00 Uhr | Die Filme- macher und Filmemacherinnen sind anwesend.

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Aufbruch ins Jetzt

Zur Ausstellung »Aufbruch ins Jetzt«

Aufbruch ins Jetzt Zur Ausstellung »Aufbruch ins Jetzt« Eine Veranstaltung anlässlich der Ausstellung »Aufbruch ins

Eine Veranstaltung anlässlich der Ausstellung »Aufbruch ins Jetzt – Der Neue Deutsche Film« mit Fotos von Beat Presser, die vom 6. Juni 2019 bis 28. Juli 2019 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gezeigt wird.

Rainer Werner Fassbinders »Lola« | Harry Baer spricht über die Entstehung von Fassbinders LOLA, an- schließend liest er zusammen mit Isolde Barth Szenen aus dem Drehbuch. – Lola | BRD 1981 | R: Rainer Wer- ner Fassbinder | B: Pea Fröhlich, Peter Märthesheimer, Rainer Werner Fassbinder | K: Xaver Schwarzenberger | M: Peer Raben | D: Barbara Sukowa, Armin Muel- ler-Stahl, Mario Adorf, Matthias Fuchs, Helga Fedder- sen, Karin Baal, Ivan Desny, Elisabeth Volkmann, Hark Bohm, Rosel Zech, Christine Kaufmann, Harry Baer, Isolde Barth | 115 min | »Ein neuer, hochmoralischer Baudezernent wird ins nordbayerische Städtchen Co- burg versetzt und gefährdet das Zusammenspiel von Macht, Lüge und Profit, in dem der Ort sich eingerichtet hat. Zentrum seines ehrlichen Begehrens ist Ma- rie-Louise alias Lola, Besitzerin des örtlichen Puffs, das als heimlicher Treffpunkt der Oberschicht dient. Rainer Werner Fassbinder verschränkt den Kitsch mit der

70 Kunst: LOLA, in Bonbonfarben leuchtende Schreckens- komödie über den Geist der Adenauerzeit, ist der höchste Gipfel seiner kunstfertigen Analysen deutscher Geschichte. Eine Vivisektion der kapitalistischen Bana- lität, inszeniert mit scharfer Brillanz und weitem Aus-

drucksspektrum: echte Gier, halbechte Zartheit, unech- te Schönheit. Überschäumendes Kino über die Zeit der Repression.« (Christoph Huber) »Ich glaube nicht, dass der Märthesheimer und die Fröhlich an eine Komödie gedacht hatten. Mir ist aber sehr schnell klar gewor- den, es muss eine Komödie sein, auch wenn es eine böse Geschichte, eine schwarze Komödie ist. Es gibt da also einen Bauunternehmer, der will verdienen – das ist sein gutes Recht. Es gibt da ein Mädchen, das möchte nicht nur bezahlt werden, sondern auch zu den Kapi- talisten gehören. Und es gibt dazu einen Baudezernen- ten, der von seiner moralischen Haltung her das simple kapitalistische Prinzip ablehnt, dem aber klar wird, dass der Aufbau dieses Landes ohne dieses Prinzip nicht möglich ist. Er hat gleichsam eine liberal-sozialdemo- kratische Haltung. Er denkt, sie würde sich letztlich wieder auffangen lassen, diese Form von Politik. Am Schluss – wie immer das mit seiner privaten Katastro- phe gelaufen ist – weiß er, dass er diese Art von Gesell- schaftspolitik, die er zunächst nur zeitweilig unterstüt- zen will, nicht wird aufhalten können. So, wie es dann ja auch geschehen ist. Die Sozialdemokraten haben sich mit ihrer Entscheidung, eine bürgerliche Partei zu werden, diesem kapitalistischen Prinzip ergeben.« (Rai- ner Werner Fassbinder)

Donnerstag, 13. Juni 2019, 19.00 Uhr | Zu Gast:

Harry Baer, Isolde Barth

In memoriam Enno Patalas

Zu meiner Person: Ich bin Gründer der Filmkunstzeit- schrift »Filmkritik« – der derzeit einzigen in der Bundes- republik Deutschland – und war über zwölf Jahre ihr Chefredakteur; ich habe eine »Geschichte des Films« geschrieben, zusammen mit Ulrich Gregor, und ver- schiedene andere Bücher zur Filmgeschichte; und ich bin Filmkritiker der »Süddeutsche Zeitung« und des Bayerischen Rundfunks. Und mit Wirkung vom 1. April bin ich vom Münchner Stadtrat zum Direktor des Münchner Filmmuseums berufen worden. Das Münch- ner Filmmuseum ist ein noch bescheidenes Institut, das aber entwicklungsfähig ist. München hat ein sehr inte- ressiertes Filmpublikum. Es ist die Stadt mit den meis- ten Studenten in der Bundesrepublik Deutschland – ungefähr 50.000 –, und es hat die einzige Filmakademie Westdeutschlands. Da sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass die Filmkunst ebenso öffentlicher Unter- stützung wert ist wie die traditionellen Künste, besteht Hoffnung, dass auch das Münchner Filmmuseum in der Zukunft über größere Mittel verfügen wird. Mit diesen Worten stellte sich Enno Patalas am 10. Februar 1973, sieben Wochen vor seinem Dienstantritt, in einem Brief dem Leiter von Gosfilmofond, dem größ- ten Filmarchiv der Welt, vor. Vermittelt hatte ihm diesen Kontakt der Leiter des Österreichischen Filmmuseums Peter Konlechner, der eine gute Beziehung über den

»eisernen Vorhang« hinweg pflegte. Der am 15. Oktober 1929 in Quakenbrück geborene Patalas hatte schon in seiner Studienzeit zusammen u.a. mit Theodor Kotulla einen Studentischen Filmclub an der Universität Müns- ter gegründet, sich als in der Tradition von Siegfried Kracauer und der Frankfurter Schule stehender Filmkri- tiker und Filmbuchautor einen Namen gemacht, als er das Filmmuseum von seinem Gründungsdirektor Rudolf Joseph übernahm. In seinem Brief an Gosfilmofond be- kundete Patalas seine Absicht, »die Geschichte des Sowjetfilms zu einem festen Bestandteil des Pro- gramms des Münchner Filmmuseums zu machen.« Und er schlug einen Austausch »neuerer deutscher Filme« gegen »ältere sowjetische Filme« vor, da »in den letzten Jahren in der Bundesrepublik von jungen Regis- seuren eine Reihe interessanter Filme« gedreht worden sei und er mit vielen Filmemachern »befreundet« sei. Sieben Tage später erhielt er eine Antwort aus Moskau (oder genauer: Belye Stolby, dem Sitz von Gosfilmofond nahe Moskau), in der auf seinen Vorschlag eingegan- gen wurde. Die Verbindung in die Sowjetunion wurde für Patalas in den nächsten Jahren zur wichtigsten Quelle für den Aufbau einer Sammlung mit über 100 sowjetischen Filmen und für die Entdeckung vollständi- gerer Kopien vor allem deutscher Stummfilmklassiker, die von der Roten Armee bei der Befreiung Berlins

71 © Süddeutsche Zeitung / Andreas Heddergott Enno Patalas
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© Süddeutsche Zeitung / Andreas Heddergott
Enno Patalas

Enno Patalas

1945 als Beutegut vom Reichsfilmarchiv nach Moskau gebracht worden waren. Zu den Lieblingsanekdoten von Patalas gehörte die Geschichte, dass Gosfilmofond als Gegenleistung für deutsche Filmklassiker dann kei- ne neuen deutschen, sondern amerikanische Filme haben wollte. Er erwarb daraufhin auf dem Schwarz- markt gebrauchte deutsch synchronisierte James- Bond-Filme und tauschte diese gegen Stummfilme von Fritz Lang und F. W. Murnau: GOLDFINGER gegen DER MÜDE TOD. Einen weiteren Brief schickte Enno Patalas eben- falls noch vor seinem Dienstantritt am 11. März 1973 an eine in Deutschland heftig umstrittene Filmemache- rin: Verehrte Frau Riefenstahl! Die Stadt München hat mich – mit Wirkung vom 1. April – mit der Leitung des kleinen Filmmuseums im Stadtmuseum betraut, das vor allem aus einem Filmsaal besteht, in dem regelmä- ßig Retrospektiven veranstaltet werden. Ich würde mich freuen, an dieser Stelle auch einmal eine Gesamtschau

aller Ihrer Filme zeigen zu können. (

ich nur nach einem Film fragen. Ich setze im April noch eine Reihe fort, die mein Vorgänger, Herr Joseph, Ende dieses Monats noch beginnt: Frühe deutsche Tonfilme (1930-33). In dieser Reihe würde ich natürlich gern das BLAUE LICHT zeigen. Deshalb meine Frage: Ob Sie uns dazu Kopie und Aufführungserlaubnis für zwei Vorstel- lungen freundlicherweise geben würden? Das Filmmu- seum ist natürlich ein nichtgewerbliches Unternehmen, das über seine (bei 140 Plätzen und Preisen von DM 1,- und 2,-) ohnehin minimalen Einnahmen nicht ein- mal selbst verfügt, sondern von einem geringen festen Etat leben muss. Weshalb ich Ihnen natürlich dankbar wäre, wenn Sie auf die Zahlung einer Leihmiete ver- zichten könnten. Die 70-jährige Leni Riefenstahl schickte umgehend aus den Dolomiten einen Brief mit einem aktuellen Starfoto, das sie mit umgehängter Fotokamera zeigte und auf dessen Rückseite sie handschriftlich mitteilte, dass sie »gern« ihre Kopie vom BLAUEN LICHT »für 2 nichtgewerbliche Vorführungen des Filmmuseums kos- tenlos zur Verfügung stelle«. Tatsächlich kaufte das Filmmuseum später ihre Filme an, und Riefenstahl überwachte persönlich die Lichtbestimmung, damit das Filmmuseum die schönsten Filmkopien bekam. Direkt

) Vorerst möchte

72 von Anfang an waren Patalas die sehr beschränkten Mittel des Filmmuseums bewusst, weshalb er auf groß- zügiges Entgegenkommen von Filmemachern und Li- zenzinhabern angewiesen war. In einem Brief vom 12. Juli 1973 wendet sich Enno Patalas an Filmemacher und Filmproduzenten: Viel- leicht haben Sie gelesen, dass ich seit dem 1. April die

Filmabteilung im Münchner Stadtmuseum leite. Meiner Meinung nach hat diese Institution die Aufgabe – und die Chance –, die Kinemathek des Neuen Films in der Bundesrepublik zu werden. Dies in mehrfacher Hin- sicht: 1. als Archiv neuer deutscher Produktionen (»Junger deutscher Film«, »Anderes Kino«); 2. als Schaukasten und Diskussionsforum; 3. als Vermittler zu ausländischen Kinematheken; 4. als Sammlung und Spielstelle für die Werke der Filmgeschichte und der internationalen Filmgegenwart, deren Kenntnis der Markt nicht zulässt. Weitere Funktionen sind vorstellbar. Patalas lud Vertreter des Verbandes Junger Deutscher Filmproduzenten zu einem Gespräch ein und begann in der Folgezeit, systematisch alle Filme von Werner Her- zog, Wim Wenders, Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder anzukaufen. Der erste deutsche Film, den er mit Gosfilmofond tauschte, war ALABAMA – 2000 LIGHT YEARS von Wim Wenders. Bei der Auswahl der Filme für die Sammlung des Filmmuseums war Patalas so unbestechlich und kom- promisslos wie zuvor bei seinen Kritiken: Niemals ließ er sich von persönlichen Freundschaften und Wert- schätzungen beirren, wenn es um die Qualität von Fil- men ging. So kaufte er nur vereinzelt Filme von Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Ula Stöckl und Klaus Lemke an, und keine von Haro Senft, Hans Rolf Strobel, Roland Klick, Norbert Kückelmann, Micha- el Verhoeven oder Helma Sanders. Selbst wenn er, wie im Falle von Theodor Kotullas BIS ZUM HAPPY END, jahrelang mit dem Regisseur und den Drehbuchautoren zusammengearbeitet und im Film sogar eine kleine Ne- benrolle übernommen hatte, hielt dies ihn nicht davon ab, den Film ausgiebig zu verreißen. Seine Vorliebe für Filme, die aneckten und die es gegenüber Gremien, Zensur und Politik zu verteidigen galt, spiegelte sich im Ankauf der Gesamtwerke von Vlado Kristl, Hellmuth Costard, Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, Werner Schroeter und Herbert Achternbusch wider. Schon die frühen Filmkritiken von Patalas fallen mit ihren stets auf ideologiekritischer Argumentation basie- renden apodiktischen Urteilen auf. Das konnte sowohl amerikanische Studioproduktionen von Regisseuren wie Alfred Hitchcock treffen (NORTH BY NORTHWEST:

»In seinem obligaten persönlichen Auftritt sieht man diesmal den Regisseur, wie er einen Bus verpasst. Man ist versucht, das als Symbol der Selbsterkenntnis zu werten.«) als auch Autorenfilme der Nouvelle Vague (LES PARAPLUIES DE CHERBOURG: »Die simulierte Na- ivität des Singspiels kann wohl nur goutieren, wem kein Bluff zu primitiv ist.«). Als Patalas – unter Einfluss der Cahiers du cinéma und seiner Frau Frieda Grafe – seine

Enno Patalas

Frieda Grafe und Enno Patalas, 1965
Frieda Grafe und Enno Patalas, 1965

Haltung änderte (über Hitchcock publizierte er dann 1999 eine lesenswerte Monografie) und sich später der »ästhetischen Linken« zuwandte, rechtfertigte er dies in einem Aufsatz in der »Filmkritik«: Wer stets seines Ur- teils sicher ist und nie einen Grund sieht, es zu revidie- ren, oder wer sich für oder gegen Filme nicht zu erei- fern vermag, soll sich dessen glücklich schätzen. Mir machen neue Einsichten mehr Freude als mich meine überwundenen Irrtümer verdrießen, dann wenigstens, wenn mit den neuen Einsichten auch neues, bisher ver- stelltes Vergnügen verbunden ist – wie es in besonde- rem Maße etwa der Fall ist bei Straub oder Hawks und vor allem bei Sternberg. 1977 konnte Enno Patalas einen neuen Kinosaal im Keller des Marstallgebäudes am St.-Jakobs-Platz in Betrieb nehmen, der nach seinen Vorstellungen einge- richtet war. Peter Buchka nannte das »neue, schwarz- ausgeschlagene Kino, das jede Reflektion von Licht und Ton vollkommen dämmt«, »ausgerichtet auf nüchterne Funktionalität, die ihre Perfektion in der totalen Reduk- tion auf das Wesentliche sieht«, anerkennend ein »Münchner Wunder an puristischer Praxistauglichkeit«. Leni Riefenstahl überließ dem Filmmuseum ihren Schneidetisch, an dem Enno Patalas mit seinem Tech- niker Peter Syr erste Filmrekonstruktionsversuche un- ternehmen konnte. Zusammen mit einem erhöhten Ankaufsetat und zusätzlichen Personalstellen begann die »goldene Zeit« des Filmmuseums, die Zuschauer- zahlen stiegen auf 65.000 Besucher im Jahr bei 750 Vorstellungen im Jahr. Enno Patalas reiste durch die Welt und stellte die Arbeitskopien seiner rekonstruier- ten Fassungen deutscher Stummfilme vor. Wer die voll- ständigsten Versionen von NOSFERATU, DIE FREUDLO- SE GASSE, METROPOLIS oder M sehen wollte, musste dafür nach München reisen oder Enno Patalas einla- den, die Kopie in einem ihm genehmen Archivkino mit entsprechender Vorführtechnik vorzustellen.

Das internationale Renommee stieg zusehends,

1979 wurde das Filmmuseum in den erlauchten Kreis

der FIAF (Internationaler Verband der Filmarchive) auf- genommen – zunächst noch für viele Jahre nur als »assoziiertes Mitglied«. Von der Münchner Stadtverwal- tung fühlte sich Patalas allerdings nicht entsprechend gewürdigt, da ihm seine Zuschüsse nicht weiter erhöht, sondern im Rahmen von Sparmaßnahmen sogar deut- lich gekürzt wurden. Seine Vision, das Filmmuseum zu einer zentralen Stätte für den deutschen Film auszu- bauen und in einem zweiten Kinosaal aktuelle Filme zu spielen, die im kommerziellen Kinoangebot fehlten, wurde von der Politik kategorisch abgelehnt. Frustriert musste er zusehen, wie in Frankfurt und Düsseldorf Filmmuseen eröffneten, die mit viel höheren Etats aus- gestattet wurden, während er vergeblich um die zeitna- he Nachbesetzung von frei gewordenen Stellen in sei- nem Haus kämpfte und über lange Zeit ohne Stellvertreter und ohne Sekretärin arbeiten musste. Parallel dazu konnte sich ab 1983 das Filmfest Mün-

chen etablieren, das durch die geschickte Lobbyarbeit seines Leiters Eberhard Hauff für »die Ausrichtung einer fröhlichen Woche« (Peter Buchka) erhebliche Mittel von Stadt und Land akquirierte, von denen Patalas für seine ganzjährige Arbeit nur träumen konnte. Das Filmfest bot Politik und Filmbranche die öffentlichkeitswirksame Bühne und den Glamour, dem sich Patalas stets ver- weigerte. Peter Buchka konstatierte in seinem Artikel »Der Kino-Purist« zur Verabschiedung von Enno Patalas dessen »abgrundtiefe Abneigung gegen jeden luxusori- entierten Firlefanz, streng genommen gegen die Freude und den Genuss, die zum Kino ja auch gehören«. Statt- dessen provozierte Enno Patalas die Stadtverwaltung noch kurz vor seinem Ruhestand, den er im Herbst

1994 antreten musste, noch mit der Programmierung

von umstrittenen Filmen wie HENRY, PORTRAIT OF A SERIAL KILLER oder BERUF NEONAZI, die zu heftigen Diskussionen und in letzterem Falle sogar zu einem Verbot durch den Oberbürgermeister führte. Seine kompromisslose Haltung gegen jede Form von Zensur machte für Politiker den Umgang mit ihm nicht leicht:

»Diplomatie war ihm eher fremd« überschrieb Hans Helmut Prinzler den letzten Absatz seines Nachrufs auf Patalas, der am 7. August 2018 nach langer Krankheit verstarb. Mit den nachfolgenden Leitern des Filmmuseums konnte und wollte Patalas kein gutes Verhältnis aufbau- en. Er empfand sie als Eindringlinge in »seinem Film- museum«, beklagte, dass Jan-Christopher Horak mit seinen Ankäufen die Qualität der Sammlung »verwäs- sere«, und verbat sich jegliche Begrüßung durch den

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Enno Patalas

Leiter des Filmmuseums, wenn er zu Vorträgen einge- laden war, weil »sein Publikum« ihn doch kenne. Er ließ sich von anderen Institutionen, die er zuvor noch als Konkurrenten des Filmmuseums betrachtet hatte, für Restaurierungsprojekte engagieren und gab wieder Bü- cher heraus, für die er seine im Filmmuseum verbliebe- nen Mitarbeiter hinter dem Rücken der neuen Leitung zuarbeiten ließ. Als seine Frau Frieda Grafe schwer er- krankte, widmete er sich ganz ihrer Pflege. Nach ihrem Tod 2002 kümmerte er sich um die Herausgabe ihrer Schriften in zehn sorgfältig edierten Bänden. Nicht zuletzt wegen seines nachlassenden Augen- lichts besuchte Patalas das Filmmuseum als Zuschauer immer seltener. Anlässlich seines 80. Geburtstags im Oktober 2009 lehnte er die Einladung zur Vorführung seines Films STALIN. EINE MOSFILMPRODUKTION zu- nächst ab, sagte dann aber doch zu, weil von all seinen Filmen ihm dieser am wichtigsten war. Allerdings durfte seine Anwesenheit nicht publik gemacht werden, er wollte anonym bleiben. Dies klappte natürlich nicht, das Publikum erkannte ihn sofort, als er an seinem Stamm- platz halb links im vorderen Block der Kinosessel Platz nahm. Bei der Einführung zum Film ergriff Patalas dann doch das Wort und erzählte die Geschichten um die Entstehung des Projekts aus erster Hand – besser als es jeder andere konnte und je können wird. Es war sein letzter Auftritt im Filmmuseum. Das von Antje Ehmann verfasste Protokoll der Duis- burger Filmwoche nach der Vorführung von STALIN. EINE MOSFILMPRODUKTION beschreibt sehr anschau- lich einen typischen Auftritt von Enno Patalas, so wie er allen, die ihn erlebt haben, in Erinnerung bleiben wird:

Die Frage, warum Enno Patalas, Filmkritiker, -historiker und Redakteur, sich dazu entschlossen habe, sein Me- tier zu wechseln und selbst einen Film zu drehen, nutz- te dieser in erster Linie dazu, gegen das Fernsehen zu polemisieren. Er gab zu verstehen, dass STALIN gar kein Film, sondern eine Fernsehsendung sei. Einen Ki- no-Dokumentarfilm hätte er vollkommen anders gestal- tet, die Filmaufzeichnung seiner Videobilder sei doch grauenhaft, die Interviewer säßen da »ja selbst wie vorm Fernseher«. Da Duisburg diese Differenz zu be- denken gewohnt ist, versuchte Klaus Kreimeier das Gespräch wieder auf die Person Patalas zurückzubie-

74 gen. Ob die archivarische Leidenschaft des Such- und Sammelfreundes Patalas, der ja auch Direktor eines Filmmuseums sei, das Hauptinteresse zum Film gebil- det habe? Der redefreudige Filmemacher perlte darauf- hin ein Anekdötchen ans andere, womit er der stilfacet- tenreichen Diskussionspalette des Festivals an diesem letzten Tag und dessen letzter Debatte noch eine weite-

re Färbung beigemischt hat: Hinzugefügt wurde das Prinzip des informativen monologischen Entertain- ments. Dem interessierten Zuhörer flockte einiges ent- gegen: Moskauer Frühstücksszenen, biographische Daten des Patalas' Lebens, kokette lnvektiven gegen verstaubte Archivierungsprozesse und Plädoyers für gelebte, bewegte Bilder, Filmmaterialbeschaffungs-Ge- schichten etc. lrgendwann war es dem Zuhörer auch möglich, die Antwort auf Kreimeiers Frage herauszu- destillieren: Ein persönliches und nicht etwa archivari- sches Interesse war Hauptmotor für die Entstehung des Films (Patalas befand sich zu Zeiten Stalins gerade auf dem Höhepunkt seiner Pubertät, nun gereift, wollte er das Ganze noch einmal mit erwachsenen Augen be- trachten). Die Reihe »In memoriam Enno Patalas« versammelt Filme, die Enno Patalas in seinen Schriften wichtig wa- ren, die erinnerungswürdige Veranstaltungen im Film- museum markieren, die beispielhaft für seine Restauri- erungsarbeiten stehen oder die zu den Prunkstücken seiner Sammlung gehören. Außerdem sind erstmals alle seine Fernsehsendungen zu sehen, die er meist in Zusammenarbeit mit Frieda Grafe gestaltet hat, und die seinen Zugang zu Filmen sowie den Ansatz seiner »Ver- mittlungsarbeit« am besten dokumentieren. Abgerun- det wird das Programm durch Spiel- und Dokumentar- filme, in denen Enno Patalas als Darsteller mitwirkte. Stefan Drößler

Der breite Strom der Nebensachen. Zu einigen Fil- men von Jean Renoir | Deutschland 1979 | R+B:

Enno Patalas, Frieda Grafe | 43 min – »Was Renoir in seinen flexiblen Formen einfängt, ist das Nicht-Kodizi- fierte, das Vagabundierende, die Dinge vor der Routine, vor der Organisation. Aus der Beweglichkeit in seinen Filmen kommt die Fülle, die Großzügigkeit, die macht, dass man sich wohlfühlt, auch da, wo man Leiden spürt.« (Frieda Grafe) – La règle du jeu (Die Spielre- gel) | Frankreich 1939 | R: Jean Renoir | B: Carl Koch, Jean Renoir | K: Jean-Paul Alphen, Jean Bachelet | M:

Joseph Kosma | D: Nora Gregor, Paulette Dubost, Mar- cel Dalio, Roland Toutain, Jean Renoir, Gaston Modot | 106 min | OmU | »Ein scheinbar heiteres Divertisse- ment mit Marivauxschen Verwicklungen und Musik von Mozart entwickelt sich zu einer bitteren Gesellschafts- satire. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zeigt Renoir in seinem komplexesten Film den Niedergang der Bourgeoisie. Jagdszenen aus der französischen Provinz denunzieren den europäischen Faschismus, doch in die Untergangsvision mischen sich Zärtlichkeit und Trauer über das Ende einer Epoche. Stilistisch wie

Enno Patalas

thematisch zeichnet Renoir in LA RÈGLE DU JEU fast alle Entwicklungen des modernen Films vor.« (Hans- Christoph Blumenberg)

Dienstag, 9. Juli 2019, 19.00 Uhr

Phantombilder. Zum 100. Geburtstag des Filmre- gisseurs Friedrich Wilhelm Murnau | BRD 1988 | R+B: Enno Patalas, Frieda Grafe | 44 min – Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens | Deutschland 1922 | R: Friedrich Wilhelm Murnau | B: Henrik Galeen, frei nach dem Roman »Dracula« von Bram Stoker | K: Fritz Arno Wagner | D: Max Schreck, Gustav von Wangen- heim, Greta Schröder, Alexander Granach, Ruth Lands- hoff, John Gottowt | 94 min | »Murnaus NOSFERATU hat nie zu den ›verlorenen Filmen‹ gehört. Er war immer präsent, zuerst dank Henri Langlois und der Cinéma- thèque française, die eine Kopie der französischen Fas- sung von 1927 aufbewahrte. Zu den 525 Einstellungen der französischen Fassung sind in der Rekonstruktion des Münchner Filmmuseums 27 aus anderen Fassun- gen hinzugekommen, meistens einzelne Einstellungen, nur an einer Stelle eine kleine Sequenz. Andere Einstel- lungen sind jetzt länger, haben Auf- und Abblenden, wo früher Schnitte waren, oder sind von besserer Bildqua- lität. Dass NOSFERATU bei seinem Erscheinen 1922 farbig gewesen sein musste – ›gefärbt‹ und/oder ›ge- tont‹ –, war nicht nur deshalb anzunehmen, weil dies in Deutschland seinerzeit üblich war, sondern auch, weil der Film die Farben braucht, vor allem das Blau, das damals Nachtszenen signalisierte. Ein Vampir wandelt nicht bei hellem Tageslicht, wie er es in den Schwarz- weißkopien des Films tut.« (Enno Patalas)

Mittwoch, 10. Juli 2019, 19.00 Uhr | Live-Musik:

Sabrina Zimmermann, Mark Pogolski

Besonders Wertvoll | BRD 1968 | R+B+K: Hellmuth Costard | D: Hellmuth Costard, Hans Toussaint, Edda Costard | 10 min | »Der Kopf eines männlichen Gliedes, in Großaufnahme, hält eine Rede. Der Text der Rede: die Begründung des Filmförderungsgesetzes vor dem Bun- destag durch den CDU-Abgeordneten Dr. Dr. h. c. Tous- saint. Da der Film kaum Aussicht auf die Anerkennung durch die Filmbewertungsstelle hat, nennt er sich selbst BESONDERS WERTVOLL. Dass Costard in so flagranter Weise der Filmpolitik des Bundes und der Länder, dem Filmgesetz wie der Bewertungsstelle, sei- ne Verachtung bekundet, ist ein Signal.« (Enno Patalas) – Flocons d'or (Goldflocken) | Frankreich/BRD 1976 | R+B+K: Werner Schroeter | D: Magdalena Montezuma, Ila von Hasperg, Ellen Umlauf, Andréa Ferréol, Bulle Ogier, Isolde Barth, Udo Kier, Christine Kaufmann, Ingrid

Caven | 163 min | OmU | »Schroeters Filme sind kurze Opern ohne Musik. Sie verbreiten Unsicherheit, zerset- zen vertraute Identitäten und Polaritäten. Merkwürdige Rituale werden vorgeführt von Männern und Frauen, die ihr Geschlecht entweder hypertrophieren oder irri- tierend im Ungewissen lassen.« (Enno Patalas, Frieda Grafe) Die einzige vollständige Kopie des Episodenfilms FLOCONS D'OR, der Schroeters Frühwerk abschließt, wurde von Patalas für die Sammlung des Filmmuseums München erworben.

Donnerstag, 11. Juli 2019, 19.00 Uhr

Menschen im Espresso | BRD 1958 | R: Herbert Ves- ely | B: Herbert Vesely, Wilfried Berghahn | K: Wolf Wirth | 17 min | Porträt der Schwabinger Straßencafés an der Leopoldstraße, in denen sich auch Enno Patalas her- umtreibt. – Abschied von gestern | BRD 1966 | R+B:

Alexander Kluge, nach seiner Erzählung »Anita G.« | K:

Thomas Mauch, Edgar Reitz | D: Alexandra Kluge, Hans Korte, Edith Kuntze-Peloggi, Palma Falck, Josef Kreindl, Eva Maria Meineke, Alfred Edel, Fritz Bauer | 87 min |

Eva Maria Meineke, Alfred Edel, Fritz Bauer | 87 min | »Der Film von Kluge ist

»Der Film von Kluge ist so deutsch wie die von Godard französisch sind, die von Pasolini italienisch und die von Skolimowski polnisch und kann eben deshalb auf inter- nationales Interesse rechnen. Er ist deutsch nicht nur in seiner Thematik – seine Bedeutung besteht gerade darin, dass er diese erst in seiner Form ganz herstellt, deutsch ist er auch in seiner Gestalt. Er macht ernst mit der Einsicht, dass der Junge Deutsche Film am Punkt Null zu beginnen hat. Kluges Film ist die Darstellung dessen, wie in Deutschland die Trümmer einer verfehl- ten, verkommenen, unbegriffenen Vergangenheit in eine Gegenwart hineinragen, die erst entsteht; und was seine künstlerische Authentizität ausmacht, ist, dass er sich selbst davon nicht ausnimmt. Der Film breitet vor dem Zuschauer keine Landkarte aus, er schickt ihn auf eine Entdeckungsreise.« (Enno Patalas)

Freitag, 12. Juli 2019, 18.30 Uhr

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Lola Montez | BRD/Frankreich 1955 | R: Max Ophüls | B: Max Ophüls, Annette Wademant, Franz Geiger | K:

Christian Matras | M: Georges Auric | D: Martine Carol, Peter Ustinov, Adolf Wohlbrück, Will Quadflieg, Oskar Werner, Ivan Desny, Paulette Dubost, Werner Finck | 117 min | OmU | »Sprachliche Anachronismen wie die Wörter ›Star‹ und ›Reklame‹ setzen die Zeitvorstellung des Zuschauers in Bewegung, wie die Travellings seine Raumvorstellung aktivieren. Angeregt wurde Ophüls zu dem Film durch Berichte über das Schicksal des Film- stars Judy Garland. Die junge Lola erscheint bei ihm als eine impulsive Natur, der jeder Temperamentsausbruch zur gelungenen Eigenwerbung gerät. Die Figur des Zir- kusmannes, den Peter Ustinov in LOLA MONTEZ spielt, ist zugleich die schönste Huldigung an die Pioniere des Show Business und die präziseste Abrechnung mit ih- nen – von einem, der sich selbst als Zirkusnatur sah. Ophüls hält den Zuschauer an, Gegenwärtiges in Ver- gangenem zu erkennen, Bestehendes als Gewordenes zu begreifen. Seine Kritik an der Gegenwart ist Kritik an einer Vergangenheit, die es dazu hat kommen lassen.« (Enno Patalas) Enno Patalas hatte schon in den 1960- er Jahren ein Protokoll des Films veröffentlicht und er- öffnete 1977 mit der letzten erhaltenen deutschen Magnettonkopie des Films den heutigen Kinosaal.

Freitag, 12. Juli 2019, 21.00 Uhr

Madeleine, Madeleine | BRD 1963 | R+B: Vlado Kristl | K: Wolf Wirth | M: Erich Ferstl | D: Madeleine Sommer,

Rolf Huber, Elisabeth Holzner, Marika Silbernagl, Theo Rauch | 10 min | OmeU | »Der Anblick einer Tennisspie- lerin im Sommer, in Münchens Englischem Garten; mehr braucht es nicht, um einen jungen Mann in Verzü- ckung geraten und den Tennistrainer in Eifersucht ver- fallen zu lassen. Anfangs lässt sich alles über Aufschlä- ge und Schmetterbälle regeln, aber dann bricht, wie immer bei Kristl, Anarchie aus.« (Fritz Göttler) – Chro- nik der Anna Magdalena Bach | BRD 1967 | R+B:

Jean-Marie Straub & Danièle Huillet | K: Ugo Piccone | D: Gustav Leonhardt, Christiane Lang-Drewanz, Paolo Carlini, Hans-Peter Boye, Ernst Castelli, Joachim Wolff | 93 min | »Musik in Straubs Filmen vollzieht sich stets zwischen dem Spieler und dem Zuschauer, nie gegen- über einer filmischen Situation, von der sie aufgesogen und relativiert würde. Die Kamera verharrt in unbeweg- ten Bildern und vermittelt so den Prozess, in dem ein Musiker, nachvollzogen vom Zuschauer, die im Noten- blatt dokumentierte Musik verwirklicht.« (Jörg Peter Feurich) Zur Finanzierung des Films gründeten Enno Patalas und andere den Filmfonds e.V., der Spenden und Darlehen einsammelte und Anteilsscheine verkauf- te.

Samstag, 13. Juli 2019, 18.30 Uhr

Deutschland im Herbst | BRD 1978 | R: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Alf Brustellin, Bernhard Sin- kel, Rainer Werner Fassbinder, Katja Rupé, Hans Peter Cloos, Edgar Reitz, Maximiliane Mainka, Peter Schubert

76 Enno Patalas DEUTSCHLAND IM HERBST: Joachim Bißmeier, Enno Patalas
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Enno Patalas
DEUTSCHLAND IM HERBST: Joachim Bißmeier, Enno Patalas

Enno Patalas

| B: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Heinrich Böll, Alf Brustellin, Bernhard Sinkel, Rainer Werner Fassbin- der, Katja Rupé, Hans Peter Cloos, Peter Steinbach, Edgar Reitz, Maximiliane Mainka, Peter Schubert | K:

Jürgen Jürges, Werner Lüring, Michael Ballhaus, Die- trich Lohmann, Colin Mounier, Bodo Kessler, Jörg Schmidt-Reitwein, Günther Hörmann | D: Katja Rupé, Hans Peter Cloos, Vadim Glowna, Hannelore Hoger, Heinz Bennent, Helmut Griem, Enno Patalas, Dieter La- ser, Mario Adorf | 123 min | »Die spontane Reaktion einiger Regisseure auf jene Ereignisse, die Deutschland erschütterten, nicht gefiltert durch die Kompromisse des Gremien-Kinos, schnell und billig hergestellt, eine gerade in ihrer Unausgewogenheit wichtige Mischung aus Zorn und Satire, Selbstmitleid und Reflektion, doku- mentarischer Direktheit und Spielfilm-Versuch.« (Hans- Christoph Blumenberg) Enno Patalas spielt in einer von Heinrich Böll geschrieben und von Volker Schlöndorff inszenierten Episode DIE VERSCHOBENE ANTIGONE einen Fernsehredakteur des Bayerischen Rundfunks.

Samstag, 13. Juli 2019, 21.00 Uhr

Geist und ein wenig Glück | BRD 1965 | R+B: Ulrich Schamoni | K: Petrus Schloemp | Mit: Peter Schamoni, Vlado Kristl, Ferdinand Khittl, Haro Senft, Alexander Klu- ge, Enno Patalas, Ulrich Gregor | 30 min | Eine ironische Bestandsaufnahme des Jungen Deutschen Films, drei Jahre nach der Verkündigung des Oberhausener Mani- fests. Auch Enno Patalas kommt kurz zu Wort. – Rote Sonne | BRD 1970 | R: Rudolf Thome | B: Max Zihl- mann | K: Bernd Fiedler | M: Tommaso Albinoni | D:

Uschi Obermaier, Marquard Bohm, Sylvia Kekulé, Gaby Go, Diana Körner, Peter Moland, Hark Bohm | 89 min | »Zuerst haben die vier Mädchen spontan reagiert auf männliche Überheblichkeit. Ihr erster Toter ergab sich, als Sylvie ihren treulosen Verlobten vom Balkon stieß. Dann begannen sie, die systematische Zerstörung jeder Bindung an einen Mann, die sie eingehen würden, zu planen. Länger als fünf Tage sollte keine Beziehung zu einem Mann dauern. Ein Film gegen die Erzählung, das Wort, die Regel, das Gesetz, die alle den Tod bedeuten. Tödlich ist das Gesetz, nach dem zwei Liebende zusam- menbleiben wollen, aber auch das Gesetz, das die vier Mädchen dagegen gemacht haben. Auch der Verstoß, die Wertlosigkeit, die erkannte Unmöglichkeit zu erzäh- len, bedeuten den Tod.« (Enno Patalas, Frieda Grafe)

Sonntag, 14. Juli 2019, 18.30 Uhr

Henry: Portrait of a Serial Killer | USA 1989 | R: John McNaughton | B: Richard Fire, John McNaughton | K:

Charlie Lieberman | D: Michael Rooker, Mary Demas,

Anne Bartoletti, Elizabeth Kaden, Ted Kaden | 83 min | OF | »HENRY präsentiert, ohne zu erklären oder zu ent- schuldigen, Szenen eines schwarzen Alltags: Ein Mann lebt und arbeitet – und tötet, nebenbei. Eines Tages ist er, eher durch Zufall, eingebunden in eine familienähn- liche Situation; das macht ihn nicht ruhiger. Im Gegen- teil, er fühlt sich, als er gefordert wird, noch stärker in die Enge getrieben. So löst er das Problem am Ende auf seine Weise. Eine Lektion in Mord und Totschlag mutet einem der Film zu, eine Einübung in den Terror des Hochgefühls. Selbstverständlich ist der Film nicht je- dem zu empfehlen. Lässt man sich aber ein auf dieses unverschämte Killer-Dokudrama, ist man danach viel- leicht nicht mehr derselbe.« (Norbert Grob) Enno Pa- talas zeigte den umstrittenen Film im Juli 1993 in zwölf Vorstellungen im Filmmuseum und kaufte eine 35mm-Kopie für die hauseigene Sammlung an. Damit reagierte er auf die Beschlagnahmung von Filmen im Werkstattkino und die Verurteilung der Betreiber wegen »Gewaltverherrlichung«.

Sonntag, 14. Juli 2019, 21.00 Uhr

Meister der Szene. Zu vier Filmen von Josef von Sternberg | Deutschland 1994 | R: Enno Patalas | B:

Enno Patalas, Frieda Grafe | 43 min | Den von Frieda Grafe geschriebenen Kommentar spricht Angela Scha- nelec. – The Saga of Anatahan (Die Sage von Ana- tahan) | Japan 1953 | R+B+K: Josef von Sternberg, nach dem Roman von Michiro Maruyama | M: Akira Ifukube | D: Akemi Negishi, Tadashi Suganuma, Kisabu- ro Sawamura, Shōji Nakayama, Jun Fujikawa, Hiroshi Kondō | 91 min | engl. OF | »Sternbergs Kampf galt dem Übergewicht der Dialoge im Tonfilm. Er konzipierte sei- ne Filme als ›visuelle Gedichte‹. In ANATAHAN hat Sternberg die Verachtung der Sprache bis zum äußers- ten getrieben. Den wirklichen Vorfall, dass ein Trupp japanischer Soldaten das Ende des Zweiten Weltkriegs verpasste und sieben Jahre lang im Glauben an den Krieg weiterlebte, drehte Sternberg mit Kabukischau- spielern auf japanisch. Nur ein verbindender Text, von Sternberg selbst gesprochen, kommentiert auf englisch die Vorgänge auf der Leinwand. Die Artifizialität und Stilisierung des sternbergschen Kinos ist gleichzeitig Ausdruck für die Achtung vor dem Leben und das Ein- geständnis der Indezenz, die der Versuch, es zu imitie- ren, bedeutet.« (Frieda Grafe)

Dienstag, 16. Juli 2019, 19.00 Uhr

Lubitsch aus Berlin | Deutschland 1992 | R: Enno Pa- talas | B: Enno Patalas, Frieda Grafe | M: Aljoscha Zim- mermann | 43 min | »Patalas bot Ungewöhnliches;

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Enno Patalas

ohne eine Spur von Koketterie charakterisierte er, leicht, unterhaltsam und witzig, Lubitsch in lubitschscher Wei- se.« (Walter Jens) – Trouble in Paradise (Ärger im Paradies) | USA 1932 | R: Ernst Lubitsch | B: Samson Raphaelson, nach dem Stück »The Honest Finder« von Laszlo Aladar | K: Victor Milner | M: W. Franke Harling | D: Miriam Hopkins, Kay Francis, Herbert Marshall, Charles Ruggles, Edward Everett Horton, C. Aubrey Smith | 83 min | OF | »Wie Hitchcock spielt Lubitsch mit den Vorstellungen des Zuschauers. Der Augenschein dient ihm nur dazu, Vorstellungen zu wecken, um sie sogleich zu düpieren. TROUBLE IN PARADISE ist ein Gaunerstück – und dies nicht nur in dem Sinne, dass es von Gaunern handelt. Es enthüllt die Hochstapelei als das Wesen des Kinos. Der Film ist die Kunst der Ellipse

– was sind Diebstahl, Betrug und Hochstapelei ande-

res? Das Überspringen von Zwischengliedern, die Her- stellung äußerlich schlüssiger Verbindungen zwischen ursprünglich unzusammenhängenden Elementen: das ist die Kunst des Cineasten und des Betrügers, ja das Wesen ihrer jeweiligen Ausdrucksmedien.« (Enno Pa- talas)

Mittwoch, 17. Juli 2019, 19.00 Uhr

The Gentleman in Room 6 | USA 1951 | R: Alexander Hammid | B: Sidney Carroll | K: Boris Kaufman | D: Hans Heinrich von Twardowski, Norma Winters | 11 min | OF

Topaz (Topas) | USA 1969 | R: Alfred Hitchcock | B:

Samuel Taylor, nach dem Roman von Leon Uris | K: Jack Hildyard | M: Maurice Jarre | D: Frederick Stafford, Dany Robin, John Vernon, Karin Dor, Michel Piccoli, Philippe Noiret, Claude Jade | 142 min | OF | »Eine banale Agen- tenstory – aber die Banalität hat bei Hitchcock ihre ei- genen Tücken, und der Agent erscheint hier als zeitge- nössischer Prototyp. Es ist ein Film über Verrat und Untreue, nicht als moralische, sondern als existentielle oder, besser, ökonomische Kategorie. Agenten von Sys- temen sind sie alle, die Geheimdienstler und Frauen, Diplomaten und Revolutionäre dieses Films. Der Russe, der zu Beginn ›aus Gewissensgründen‹ mit dem Sow- jetsystem bricht, erscheint am Ende erst recht als Ma- rionette, nun des CIA und des American Way of Life. Kapitalismus und Kommunismus, Politik und Erotik sind rivalisierende Systeme, der Übertritt aus einem System

78 ins andere, der Verrat, die Untreue sind Teil des Plans.« (Enno Patalas) Der Film läuft in der in Deutschland nicht gezeigten ungekürzten Originalfassung mit dem ur- sprünglichen Ende, das Wim Wenders seinerzeit für eine Ausgabe der Zeitschrift Filmkritik aus einer auslän- dischen Filmkopie abfotografierte.

Donnerstag, 18. Juli 2019, 19.00 Uhr

Nuit et brouillard (Nacht und Nebel) | Frankreich

1956 | R: Alain Resnais | B: Alain Resnais, Jean Cayrol

| K: Ghislain Cloquet | M: Hanns Eisler | 32 min | dtF | »Der Film beginnt mit farbigen Aufnahmen. Die Kamera gleitet durch die heutigen Ruinen des Lagers Ausch- witz. Frühlingsblumen und Gräser. Dann, nach einem Schwenk, verfallene Stacheldrahtzäune, Wachtürme, Baracken, SS-Quartiere, der Appellplatz, Gasöfen, Kre- matorien. Harter Schnitt, eine schwarzweiße Aufnahme von damals: die ›Häftlinge‹ und ihre Henker. Werden diese Ruinen eines Diktators der Menschenverachtung endgültig Ruinen bleiben?« (Filmkritik) Der deutsche Kommentar stammt von Paul Celan. – Beruf Neonazi | Deutschland 1993 | R+B: Winfried Bonengel | K: Jo-

hann Feindt | Mit: Ewald Althans, Ernst Zundel | 83 min

| »Die Frage ist, worüber man sich mehr empören soll:

über die freche Selbstinszenierung des Nazis – oder über den Film, der dieses Treiben geduldig und kom- mentarlos dokumentiert? Wer genau hinsieht, kann in Bonengels Film mehr über den alltäglichen Faschismus im neuen Deutschland erfahren als in vielen Fernseh- dokumentationen.« (Andreas Kilb) Die von Enno Patalas angesetzte Vorpremiere des seinerzeit umstrittenen Films wurde auf Veranlassung des Oberbürgermeisters Christian Ude verboten.

Freitag, 19. Juli 2019, 18.30 Uhr

The Outlaw Josey Wales (Der Texaner) | USA 1976 | R: Clint Eastwood | B: Philip Kaufman, Sonia Cherbus, nach dem Roman »Gone to Texas« von Forrest Carter | K: Bruce Surtees | M: Jerry Fielding | D: Clint Eastwood, Chief Dan George, Geraldine Keams, Sondra Locke, Bill McKinney | 135 min | OF | »Ein Schlüsselfilm im Werk Eastwoods: in der souveränen inszenatorischen Balan- ce der Einflüsse seiner Mentoren Sergio Leone und Don Siegel, aber vor allem als Quantensprung in der Erwei- terung seiner (Star-)Persona. Sein wortloser, mythi- scher Rächer lernt, sich (wieder) in der Gemeinschaft zu integrieren, und zeigt eine bis dahin ungeahnte Ver- letzlichkeit. Eines der schönsten amerikanischen Epen der Siebzigerjahre.« (Christoph Huber) Als Clint East- wood im Januar 1985 das Filmmuseum besuchte (Frauke Hanck: »Ein Action-Star im Kunsttempel: DIRTY HARRY-Darsteller Clint Eastwood stellte sich im Münch- ner Filmmuseum dem begeisterten Cineasten-Publi- kum vor. Filmmuseums-Leiter Enno Patalas, sichtbar lampenfiebrig aufgeregt durch so strahlenden Hol- lywood-Glamour live, begrüßte den langen Graublon- den mit bewundernder Fan-Ehrfurcht.«), schenkte er dem Filmmuseum eine 35mm-Kopie seines Films.

Freitag, 19. Juli 2019, 21.00 Uhr

Tag der Freiheit | Deutschland 1935 | R+B: Leni Rie- fenstahl | K: Hans Ertl, Walter Frentz, Arthur Anwander, Guzzi Lantschner, Kurt Neubert, Willy Zielke | M: Peter Kreuder | 27 min – Allemagne 90 neuf zéro (Deutsch- land Neu(n) Null) | BRD 1991 | R+B: Jean-Luc Godard

| K: Stepan Benda, Andreas Erben, Christophe Pollock |

D: Eddie Constantine, Hanns Zischler, Claudia Michel- sen, Nathalie Kadem, Andrè S. Labarthe | 62 min | OmU

| »Lemmy Caution ist ein Gespenst, und DEUTSCHLAND

NEU(N) NULL ist seine Gespensterstunde. In Buchen- wald begegnet er einer Frau, die Dora heißt, wie die Freundin Kafkas. In Bitterfeld trifft er Don Quichotte und Sancho Pansa, bei einem Autoverkäufer in Westberlin die Geschwister Scholl. Und alles, was er sieht, wird Zeichen, Sinnbild, Allegorie. Verklarung statt Verklärung ist das Ziel der Reise, Verstand statt Mythos, französi- sches Licht statt deutscher Dunkelheit. Lemmy Caution erreicht es nie. Immer tiefer verstrickt er sich in das, was er zerlegen und verstehen will, die Märchen, die Mythen, die Poesie und die Musik. Deutschland ereilt ihn, Deutschland holt ihn ein.« (Andreas Kilb) Die deut- sche Erstaufführung von Godards Film fand im Filmmu- seum München statt und weihte die neu installierte Dolby-Stereo-SR-Tonanlage ein.

Samstag, 20. Juli 2019, 18.30 Uhr

Jeder für sich und Gott gegen alle | BRD 1974 | R+B:

Werner Herzog | K: Jörg Schmidt-Reitwein | D: Bruno S., Walter Ladengast, Brigitte Mira, Willy Semmelrogge,

Enno Patalas, Henry van Lyck, Volker Prechtel, Alfred Edel | 110 min | »Die Geschichte des Kaspar Hauser als die Passion eines Misshandelten, dessen eigene Logik und spontane Menschlichkeit die affige Biedermeierge-

sellschaft als roh, inhuman, deformiert bloßstellt. Was an dem Film besticht: die sorgfältige Ausstattung, die von Klaus Wyborny gefilmten irisierenden Traumse- quenzen, Herzogs subtile Regie, poetische Einfälle, visi- onäre Landschaften. Ein Film, der sich nur in seinen Bildern erschließt.« (Wolf Donner) Enno Patalas ist in einer prägnanten Nebenrolle als Pastor Fuhrmann zu sehen. »Patalas mochte ich immer. Ich habe ihm immer

gesagt: ›Enno, hören Sie

– wir waren per Sie – ›Hö-

ren Sie, Sie müssen unbedingt Darsteller sein! Sie ha- ben so ein außergewöhnliches Gesicht, und so eine

außergewöhnliche

Der hatte ja so eine große innere

Lebendigkeit. Auch wenn er still nur dasaß, dachte man: In dem arbeitet ein Uhrwerk an Möglichkeiten und Ideen, an Neugier und an sonst was. Der war jemand, dem man es auf drei Kilometer Entfernung angesehen hat: Der ist auch gut auf einer Leinwand.« (Werner Her- zog)

Samstag, 20. Juli 2019, 21.00 Uhr

Die Erbschaft | Deutschland 1936 | R+B: Jacob Geis | K: Josef Illig | D: Karl Valentin, Liesl Karlstadt, Justus Paris, Hans Kradt, Georg Holl | 21 min | 1976 konnte Enno Patalas erstmals diesen bis dahin verschollenen Kurzfilm mit Karl Valentin zeigen. »Die NS-Zensur ver-

79 JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE: Bruno S., Enno Patalas, Volker Elis Pilgrim
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JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE: Bruno S., Enno Patalas, Volker Elis Pilgrim
Enno Patalas

Enno Patalas

bot den abgründig traurigen Film wegen seiner ›Elends- tendenzen‹, nach dem Motto: Im Dritten Reich ist jeder glücklich, und wer es nicht ist, kommt ins KZ.« (Enno Patalas) – I know the way to the Hofbrauhaus | BRD 1991 | R+B+K: Herbert Achternbusch | D: Herbert Ach- ternbusch, Bettina Hauenschild, Barbara de Koy, Vero- nika von Quast, Uschi Burkhard, Johannes Silber- schneider | 85 min | »Weil im Hofgarten gerade die Kastanien blühten, filmte Bürgerschreck Achternbusch ganz schnell ohne Drehbuch hinterher und mitten in seine surreal blühende Phantasie hinein. Er weist als Skurril-Zombie Schönweibern und Monstertypen den Hofbrauhaus-Weg und lässt als heiterer Graukopf alle seine kreativen Triebe los: Die Einfachheit und Klarheit dieses musikalisch genussvoll (trivial und klassisch) garnierten Stummfilms strahlt eine fröhliche Leichtig- keit aus wie schon lange nicht mehr.« (Ponkie) Der im Filmmuseum uraufgeführte und innerhalb von drei Mo- naten in 45 Vorstellungen gezeigte Film wurde vom Filmmuseum auch an andere Kinos verliehen.

Sonntag, 21. Juli 2019, 18.30 Uhr

La peau douce (Die süße Haut) | Frankreich 1964 | R:

François Truffaut | B: François Truffaut, Jean-Louis Richard | K: Raoul Coutard | M: Georges Delerue | D:

Jean Desailly, Françoise Dorléac, Nelly Benedetti, Dani- el Ceccaldi, Laurence Badie, Philippe Dumat | 118 min | OmeU | »Bei LA PEAU DOUCE habe ich mir gesagt:

Das ist eine Ehebruchsgeschichte, und davon hat man schon zweitausend im Kino gesehen, aber normaler- weise wird darin die Ehefrau zur Nebenfigur degradiert, die Geliebte steht im Vordergrund, die Geliebte strahlt Sinnlichkeit aus und die Ehefrau nicht, also werde ich es genau anders herum machen und zeigen, dass die Beziehung zu der Jüngeren eher intellektueller Natur ist, und dass in Wirklichkeit die Beziehung zur Ehefrau, die der Protagonist im Begriff ist zu verlassen, eine sehr sinnliche ist.« (François Truffaut) »Was irgend sich be- gibt, kristallisiert ganz und gar zur ›Geschichte‹. Jede Regung der Personen schlägt unmittelbar ins Bild um, jedes Bild wird Ausdruck von Gefühl. Da kann eine Fahrt im Lift zum Inbegriff für Anspannung, ein Gang durch mehrere Türen zum Ausdruck der Freude wer- den. Ganz wie die anderen Truffaut-Filme ist dieser eine

80 optische Meditation über Gefühle, ihre Entstehung, ihre Wandlungen und Konflikte, ihr Absterben.« (Enno Pa- talas)

Sonntag, 21. Juli 2019, 21.00 Uhr

Dem Panzerkreuzer Potemkin auf der Spur | Deutschland 2007 | R+B: Artem Demenok | K: Oleg